Auferstehung in Rösa

15. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Rösa hat eine beeindruckende, doch bislang namenlose Dorfkirche. Zur Osternacht ändert sich das: Das Gotteshaus wird zur Auferstehungskirche. Im Reformationsjahr erhalten weitere Kirchengebäude einen Namen.

Christus kommt zu uns auf Wegen, die wir nicht immer nachvollziehen können. Keiner weiß, welche verschlungenen Pfade die geschnitzte Christus-Figur genommen hat, bis sie eines Tages im Pfarrhaus von Pouch bei Bitterfeld gefunden wurde, nach Rösa kam, restauriert wurde und nun an der Südseite der Apsis in der kleinen, aber mächtigen Dorfkirche hängt. Christus ist ein Torso, die Arme sind verloren gegangen. Ein Geschundener. Auf den ersten Blick. »Denn steht man vor ihm, merkt man: Ihm fehlt nichts«, sagt Pfarrer Albrecht Henning. »Er ist schon hindurch. Ostern ist erkennbar, spürbar.«

Die kleine Dorfkirche von Rösa im Frühlingslicht. Zur Osternacht wird dem bislang namenlosen Gotteshaus der Name »Auferstehungskirche« gegeben. Foto: Thomas Klitzsch

Die kleine Dorfkirche von Rösa im Frühlingslicht. Zur Osternacht wird dem bislang namenlosen Gotteshaus der Name »Auferstehungskirche« gegeben. Foto: Thomas Klitzsch

Besonders in Rösa. Die Gemeinde gehört zum Pfarrbereich Krina im Kirchenkreis Wittenberg. Von neun Kirchen hatte bis auf die Barockkirche Burgkemnitz keine einen Namen. Welchem Heiligen das Gebäude einst gewidmet wurde, lässt sich nicht belegen. Das Landeskirchenamt fand keine Zeugnisse, auch nicht aus vorreformatorischer Zeit. Während also im nahen Wittenberg das 500. Reformationsjubiläum mit viel Aufwand und Hunderten Veranstaltungen gefeiert wird, starten die Christen im Pfarrbereich Krina ihre eigene Erneuerungsbewegung: Sie geben ihren namenlosen Kirchen Namen.

Der Christus-Torso im Chorraum (re.) gab den Anstoß für Namenswahl und künstlerische Ausgestaltung. Fotos: Thomas Klitzsch, Katja Schmidtke

Der Christus-Torso im Chorraum (re.) gab den Anstoß für Namenswahl und künstlerische Ausgestaltung. Fotos: Thomas Klitzsch, Katja Schmidtke

Zu Ostern wird Rösa zur Auferstehungskirche. Der Gottesdienst am Karsamstag beginnt um 22.30 Uhr. Bereits zum dritten Mal wird die Auferstehung Jesu auf diese Weise so in Rösa gefeiert. In diesem Jahr werden zwei Kinder getauft – und die Kirche erhält ihren Namen. Eine Woche später bekommt dann die Kirche in Krina den Namen Trinitatiskirche. Die bisherige Barockkirche Burgkemnitz wird am 25. Mai wegen ihres Deckengemäldes umbenannt in Barockkirche Christi Himmelfahrt. Mit einem Wandelkonzert am 19. August feiert die Gemeinde die Benennung der Kirche Gröbern als Elisabethkirche.

Und zum Tag des offenen Denkmals wird die Dorfkirche Schwemsal zur Erlöserkirche – hier gibt es ein modernes Gemälde, das auf die Himmelsleiter anspielt. Zu Erntedank am 30. September erhält die Marienkirche Schlaitz ihren Namen. Noch offen sind Termine zur Namensgebung der Christuskirche in Schköna und der Dornbuschkirche in Hohenlubast. Bereits ihren Namen erhalten hat die Christophoruskirche in Gossa. Die beiden historischen Ritzzeichnungen ergänzte Jochem Poensgen mit einem Glasfenster.

»Auferstehungskirche« – damit verbindet Hans-Ulrich Eckardt auch die jüngste Geschichte des Gebäudes. Rösa liegt im Braunkohlengebiet; zu DDR-Zeiten gab es Pläne, das Dorf zu überbaggern, die Kirche war ruinös. Erst Ende der 1980er-Jahre genehmigte der Staat eine Sanierung. »Aber nur mit eigenen Mitteln«, erinnert sich Hans-Ulrich Eckardt. Von 1988 bis 1993 arbeiteten die Rösaer an ihrem Gotteshaus. Eine auferstandene Kirche.

Die Auferstehung Jesu greift im Kircheninneren nicht nur der Christus-Torso auf. Ausgehend von ihm hat der Künstler Sven Göttsche ein Apsisfenster sowie ein Altarkreuz und zwei Leuchter geschaffen. Sven Göttsche erinnert sich noch wie heute, wie er die Figur zum ersten Mal sah. Eigentlich hatte der Druckgrafiker, Bildhauer und Glaskünstler, der direkt gegenüber der Kirche wohnt, gerade den Entwurf für das Fenster vorgestellt, Pfarrer und Gemeinde waren zufrieden. Dann sah Göttsche den Christus. »Das war für mich als Künstler ein Schock, weil mein Fenster-Entwurf mit dieser Figur nicht zusammenging. Andererseits war dieser Christus beeindruckend. Das war kein Korpus am Kreuz. Seine Armlosigkeit hat etwas Raketenhaftes. Er hat mich zum Gespräch herausgefordert«, erinnert sich der Künstler.

Er verwarf seinen ersten Entwurf, begann die Arbeit neu – mit dem Christus-Torso als Leitmotiv. Die Umrisse der spätgotischen Schnitzerei sind im Fensterbild zu erkennen, ebenso wie im Altarkreuz. Auch hier ist Jesus nicht der Leidende, das Kreuz kein Marterwerkzeug, sondern Hoffnungszeichen. Die Kerzenleuchter hat Sven Göttsche als stilisierte Hände gestaltet, die das Licht bringen. Auch sie sind vom Kreuz gelöst.

Der Künstler lädt dazu ein, Kreuz und Leuchter zu erkunden, Anfassen ausdrücklich erwünscht. Das hilft, Ostern zu begreifen. Das große Geheimnis der Auferstehung, das, so sagt Pfarrer Albrecht Henning, so schwer in Worte zu fassen ist.

Katja Schmidtke

Kirchennamen – woher sie kommen

95 Prozent der Kirchen erhielten ihren Namen im Mittelalter, berichtet Dr. Bettina Seyderhelm, Kirchenkonservatorin im Referat Kunst- und Kulturgut bei der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Die Benennung ging meist mit Reliquienbesitz einher.

Auch regionale Besonderheiten spielen eine Rolle: So gibt es im Kirchenkreis Halberstadt viele Gotteshäuser, die dem Heiligen Stephanus geweiht sind. Eine detaillierte Statistik hat die EKM nicht, aber die »Hitliste« der Kirchennamen führen St. Nicolai, St. Johannis, St. Michaelis und Maria sowie Dreifaltigkeitskirche an.

»Nächstes Jahr in Jerusalem!«

15. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Hintergrund: Der jüdische Traum von der »Alija« wurde mit der Staatsgründung am 14. Mai 1948 Wirklichkeit

Seit der Zerstörung des salomonischen Tempels im 6. Jahrhundert vor Christus lebte die Mehrheit des jüdischen Volkes außerhalb des Landes Israel. Seither ist »Alija« – die Rückkehr in das Land Israel – das Sehnen, das Juden weltweit verbindet.

Das hebräische Wort »Alija« bedeutet wörtlich »Hinaufsteigen«. Ins Land Israel und insbesondere in sein Zentrum, Jerusalem, geht man immer hinauf. Im Gegenzug ist das Verlassen des Heiligen Landes immer ein Abstieg. So heißt es schon von Abram in 1. Mose 12, Vers 10: »Abram ging hinab nach Ägypten …« Seine Rückkehr wird zu Beginn des folgenden Kapitels beschrieben: »Und Abram zog herauf aus Ägypten« (1. Mose 13,1). Die hebräische Bibel ist, genau wie das moderne Hebräisch, konsequent in diesem Sprachgebrauch.

Sehnsuchtsort Jerusalem: Ein orthodoxes jüdisches Paar blickt in Richtung auf die Altstadt und den Ölberg. Foto: Harald Krille

Sehnsuchtsort Jerusalem: Ein orthodoxes jüdisches Paar blickt in Richtung auf die Altstadt und den Ölberg. Foto: Harald Krille

»An den Wasserströmen Babylons saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten«, klagte der Psalmist (Psalm 137,1). »Wenn ich dich, Jerusalem, vergesse, wird meine rechte Hand absterben. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich nicht gedenke, wenn ich Jerusalem nicht erhebe über den Gipfel meiner Freuden«, sagt bis heute jeder Bräutigam nach dem Treueversprechen an seine Braut und zertritt im Gedenken an das zerstörte Jerusalem ein Glas.

Rom wollte jede jüdische Verbindung beenden

Im Jahr 70 nach Christus wurde der Tempel, der von einigen Rückkehrern aus Babylon gebaut und von Herodes dem Großen prachtvoll renoviert worden war, dem Erdboden gleichgemacht. Nach dem zweiten jüdischen Krieg im Jahr 135 verbot der römische Kaiser Hadrian Juden den Zugang nach Jerusalem. Judäa wurde in Palästina, Sichem in Neapolis (heute Nablus) und Jerusalem in Aelia Capitolina umbenannt. Jede jüdische Verbindung zum verheißenen Land und seinen heiligen Städten sollte unmöglich gemacht werden.

Doch die Sehnsucht blieb. Nach jedem Essen haben Juden durch die Jahrtausende hindurch gebetet: »Erbarme dich doch Herr, unser Gott, über dein Volk Israel, über Jerusalem, deine Stadt, über Zion, den Wohnort deiner Herrlichkeit.« Das Passahfest beginnt mit dem Sederabend, zu dessen Abschluss man einander verspricht: »Nächstes Jahr in Jerusalem!«

An die Hoffnung auf »Alija« klammerten sich Juden, als Rabbi Mosche ben Nachman, kurz »Ramban« genannt, Mitte des 13. Jahrhunderts in Jerusalem nur noch zwei Juden, aber keine Synagoge und keine Thorarolle vorfand. Es gab keine Hoffnung mehr, die man als Jude hätte noch verlieren können, stellt Nachmanides in der Zeit zwischen dem 6. und 7. Kreuzzug fest.

Der Reformator hatte nur Spott für die Juden übrig

Am Ziel der Heimkehr hielt das Volk Israel fest, auch als Martin Luther im 16. Jahrhundert darüber spottete: »So lasst sie noch hinfaren jns land und gen Jerusalem, Tempel bawen, Priesterthum, Fuerstenthum und Mosen mit seinem gesetze auffrichten und also sie selbs widerumb Jueden werden und das Land besitzen.« Sarkastisch fügte der deutsche Reformator noch hinzu: »Wenn das geschehen ist, so sollen sie uns bald auff den ferssen nach sehen daher komen und auch Jueden werden« (WA 50.323,36-324,8).

Würden Lutheraner die Worte des Reformators ernst nehmen, müssten sie sich heute, 500 Jahre nach Anschlag der 95 Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg, beim nächsten Rabbiner zur Beschneidung melden. Im Jahr 2017 lebt die größte jüdische Gemeinde weltweit wieder im Land Israel. Seit zweieinhalb Jahrtausenden haben nicht so viele Juden im Land Israel gewohnt.

»Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir« (Psalm 130,1) – das ist die richtige Gebetshaltung, erklärt ein orthodoxer Jude und verweist darauf, dass viele Synagogen deshalb so gebaut sind, dass man einige Stufen hinabsteigen muss, um dann tatsächlich »aus der Tiefe« rufen zu können. Vor allem aber ist dieses »Lied des Hinaufgehens«, so die Überschrift von Psalm 130, ein Schrei nach Erlösung aus der Zerstreuung.

Der Gott Israels hat den Schrei seines Volkes gehört. Seit dem absoluten Tiefpunkt Jerusalems zur Zeit von Rabbi Mose Nachmanides und dem Bau der nach ihm benannten »Ramban-Synagoge« begann ein ständiger Strom von Juden in das Land Israel hinaufzuziehen. 1483 traf Rabbi Elia aus Ferrara in Jerusalem ein, 1579 120 Neueinwanderer aus Damaskus, 1700 Juda der Fromme mit 1 000 seiner Anhänger. 1721 kommt Rabbi Jesaja Horowitz. Im 18. Jahrhundert werden in Jerusalem 19 Talmudschulen von Juden aus Italien, Konstantinopel, Amsterdam und Aleppo gegründet. 1760 trifft Rabbi Schalom Scharabi aus dem Jemen in Jerusalem ein und 1771 gründet Rabbi Menachem Mendel aus Vitebsk mit 300 Anhängern eine chassidische Siedlung.

Im 19. Jahrhundert setzte sich dieser Trend fort. Antisemitische Ausbrüche verstärkten ihn. Als beispielsweise 1840 die Juden von Damaskus beschuldigt werden, den Priester Toma und seinen moslemischen Diener ermordet zu haben, um ihr Blut für die Mazzot (ungesäuerten Brote) am Passahfest zu verwenden, drängt der in Sarajevo geborene Rabbi Juda Alkalai sein Volk zur Alija. 1881 lösen Pogrome in Russland und Rumänien die so genannte »Erste Alija« aus. 40 000 Juden machen sich auf den Weg nach Palästina.

Während um Jerusalem herum erste jüdische Siedlungen entstehen – Mischkenot Schaananim (1860), Mea Schearim (1873), Machane Jehuda (1887) – setzen sich jüdische Bittsteller vor dem Berliner Kongress (1878) für die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina ein. Fürst Otto von Bismarck erklärt sie für wahnsinnig. Trotzdem formiert sich der Zionismus als säkulare politische Bewegung in Europa. Anfang September 1897 schreibt der österreichische Journalist Theodor Herzl unmittelbar nach dem ersten Zionistenkongress in sein Tagebuch: »Fasse ich den Baseler Kongress in ein Wort zusammen – das ich mich hüten werde, öffentlich auszusprechen – so ist es dieses: in Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig wird es jeder einsehen.«

Herzls Idee des Judenstaates gewinnt an Fahrt

Gegen immense Widerstände setzt sich die Bewegung fort. Unermüdlich bearbeitet Herzl die Mächtigen seiner Zeit, bittet den deutschen Kaiser um ein Protektorat über den jüdischen Staat und muss sich von Papst Pius X. im Januar 1904 in Rom sagen lassen: »Die Juden haben unseren Herrn nicht anerkannt, also können wir das jüdische Volk nicht anerkennen.«

1899 vertreibt der Pascha von Damaskus die Juden aus einer Siedlung auf den Golanhöhen. Im April 1909 wird die erste jüdische Stadt im Land Israel gegründet: Tel Aviv. Im Dezember desselben Jahres der erste Kibbuz: Degania am Südende des Sees Genezareth. Im März 1917 vertreiben die Türken alle Juden aus Haifa und Tel Aviv. Im November 1917 erklärt die britische Regierung in der so genannten »Balfour Declaration« ihre Unterstützung für eine jüdische Heimstätte in Palästina.

Am 24. Juli 1922 beauftragt der Völkerbund in San Remo die britische Regierung im Rahmen des Palästina-Mandats ausdrücklich damit, die Alija und die Besiedlung des Landes durch das jüdische Volk zu fördern. Zwischen 1919 und 1924 kommen 35 000 idealistische Pioniere mit »Zertifikaten« der britischen Regierung ins Mandatsgebiet Palästina. Von 1924 bis 1931 treiben polnische Wirtschaftssanktionen viele jüdische Angehörige aus kleinbürgerlichen Schichten »hinauf nach Zion«. Zwischen 1929 und 1939 fliehen eine Viertelmillion Juden vor den Nazis aus Deutschland nach Palästina.

Trotz gebrochener Zusagen: Eine Zuflucht für Juden

Diese großen jüdischen Einwanderungswellen erregten den Widerstand von Teilen der arabischen Bevölkerung. Extremistische Führer wie der Großmufti und Hitler-Freund Hadsch Amin el-Husseini gewannen die Oberhand und hetzten ihre Anhänger immer wieder zu blutigen Aufständen auf, etwa 1929 und 1936. Die britische Regierung reagierte auf die arabische Gewalt mit einer Einschränkung und teilweise massiven Behinderung der jüdischen Einwanderung, was einen klaren Verstoß gegen das Völkerbundmandat darstellte. Hunderte verzweifelter Holocaustüberlebende verlieren im Kampf gegen England ihr Leben, bevor am 14. Mai 1948 der Staat Israel proklamiert wird.

Die »raison d’être« des jüdischen Staates Israel ist, bedrängten Juden aus aller Welt Zuflucht zu bieten. Der junge Staat wurde von einer Welle der Immigration überschwemmt, sodass sich allein in den Jahren von 1948 bis 1951 die jüdische Bevölkerung in Israel verdoppelte. Die ersten Einwanderer kamen nicht nur als Holocaustüberlebende aus Europa: Ungefähr eine Million Juden mussten in diesem Zeitraum ihre Heimat in arabischen Ländern verlassen, weil ihnen das Leben dort unmöglich gemacht wurde. Die meisten flohen nach Israel.

In den fast sieben Jahrzehnten seines Bestehens bewältigte der Staat Israel mehrere große Einwanderungswellen, sodass heute mehr als sechs Millionen Juden im »Land ihrer Väter« leben. Erst in den vergangenen Jahren zogen Zigtausende von Juden aus Frankreich und der Ukraine nach Israel.

Johannes Gerloff

Martin Luther – ein Lehrer der Bibel

3. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Was ist das Kennzeichen des Protestanten? – Eine Einführung in den lutherischen Glauben

Was ist eigentlich lutherisch?« Als ich ein Kind war, wurde diese Frage sehr einfach beantwortet. Evangelisch-lutherisch ist auf keinen Fall etwas, was irgendwie als katholisch verstanden werden könnte. »Wir sind dagegen.« Das ist unser Kennzeichen. »Schließlich sind wir Protestanten!«

Später lernte ich, pro bedeutet, für etwas einzutreten und dass testis eigentlich Zeugnis heißt. Ich will mich nicht nur aus einem Gegensatz verstehen. Ich möchte für etwas einstehen, möchte für die Wahrheit Zeugnis ablegen.

Von Christus und seinen Heiligen

Ich erinnere mich an einen Pfarrer, der uns von der Kanzel herunter erklärte, dass jegliche Heiligenverehrung falsch sei, katholisch eben und orthodox – und damit nicht evangelisch-lutherisch. Er predigte mit Eifer: »Wir haben die richtige Lehre. Die anderen liegen falsch. Es gibt keine Brücke zu den anderen Christen!«

Georg Güntsch

Georg Güntsch

Wieder später las ich in der Confessio Augustana, einer Haupturkunde der Lutherischen Kirche, den 21. Artikel. Da begriff ich ein wenig mehr, wie ökumenische Gesinnung in Nähe und Distanz auszusehen hat. In dieser Bekenntnisschrift unserer Kirche heißt es: »Vom Heiligendienst wird von den Unseren so gelehrt, dass man der Heiligen gedenken soll, damit wir unseren Glauben stärken, wenn wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren und auch wie ihnen durch den Glauben geholfen worden ist. Außerdem soll man sich an ihren guten Werken ein Beispiel nehmen, ein jeder in seinem Beruf.«

So wurde die Kirche für mich schöner und vielgestaltiger. In der Gemeinschaft der Kirche bin ich nicht allein in meinem Suchen und Fragen, in meinem Bemühen und Versagen. Ich habe Begleiter, Vorbilder, Beispiele, Väter und Mütter des Glaubens. Heilige sind nicht unfehlbar. Aber selbst in ihren Schwächen lehren sie mich: Wir leben aus Gottes Gnade.

Das Wichtigste aber ist: Jedes Thema wird in unserem Bekenntnis von der Mitte des Glaubens her begründet. Und diese Mitte ist Jesus Christus. Denn so heißt es in dem zitierten Artikel unserer Bekenntnisschrift weiter: »Aus der Heiligen Schrift kann man aber nicht beweisen, dass man die Heiligen anrufen oder Hilfe bei ihnen suchen soll. (1. Timotheus 2,5; Römerbrief 8,34). Christus allein hat zugesagt, dass er unser Gebet erhören will. Nach der Heiligen Schrift ist das der höchste Gottesdienst, dass man diesen Jesus Christus in allen Nöten und Anliegen von Herzen sucht und anruft (1. Johannes 2,1).«

Gottes Wort – Glaubensgrundlage

Glaube und Bekenntnis meiner Kirche haben mich zu Christus geführt und in ihm verwurzelt. Christus ist der Mittelpunkt der Kirche. Die Heiligen leben in seiner Nähe. Sie sind meine Freunde.

Im Alter von 13 oder 14 Jahren werden die jungen Menschen in unserer lutherischen Kirche konfirmiert. Sie bestätigen damit ihre Taufe und werden zum heiligen Abendmahl zugelassen. Als Konfirmand lernte ich den Kleinen Katechismus von Martin Luther kennen. Hier erklärt Luther die Zehn Gebote, das Glaubensbekenntnis, die Sakramente der Taufe und des heiligen Abendmahls sowie das Vaterunser und die Beichte. Wir mussten den Katechismus Wort für Wort auswendig lernen. Das gelang oft nur mit Widerwillen. Denn dieses kleine Glaubensbuch stammte aus einer längst vergangenen Zeit. Ich konnte den Text wiederholen. Der Inhalt aber blieb mir zunächst fremd.

Erst als Erwachsener wurde Martin Luther mein Lehrer – und ich wurde einer seiner vielen Freunde. Martin Luther ist ein Lehrer der Bibel. Gottes Wort war für ihn der feste Grund seines Glaubens. So hat er jedes Hauptstück des Katechismus mit Bibelworten begründet. Damit macht er uns deutlich: Gottes Wort ist das erste und wichtigste Kennzeichen der Kirche. Alles, was in der Christenheit gelehrt und bekannt, gesagt und gelebt wird, hat in der Bibel seine Grundlage.

Georg Güntsch

Was ist lutherisch? Auf diese Frage gibt der Autor, Bischof emeritus der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche der Ukraine (DELKU), in einer dreiteiligen Reihe Antwort.

Eine Lanze aus Licht

2. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Die geistlichen Waffen gegen Tod und Teufel auf dem Cranachaltar

Wenn ich mit Konfirmanden vor dem Weimarer Cranachaltar stehe, behauptete ich immer: »Jesus hat ein Laserschwert!« Das Wort klingt im Altarraum einer Kirche fremd, aber ich benutze es bewusst. Denn der Laserstrahl ist gebündeltes Licht. Und das Laserschwert aus den »Star Wars«-Filmen ist die Lichtwaffe eines geistlichen Ordens, der Yedi-Ritter.
Wer gegen die Finsternis kämpft, dessen Waffe ist das Licht. Das war immer so in den Religionen. Auch auf unserem Cranachaltar ist dieses Prinzip deutlich zu erkennen. Der Auferstandene mit seinem wehenden roten Gewand hält einen durchsichtigen Stab in seinen Händen. An seiner Spitze steht eine transparente Fahne, die ein rotes Kreuz auf weißem Grund trägt. Die andere Seite der Lanze endet im Mund des Teufels, der seine Zunge herausstreckt, die wie eine Flamme züngelt. Mit beiden Händen umfasst er den Stab und wendet offenbar Kraft auf, um sich zu wehren.

Der Auferstandene mit seinem wehenden roten Gewand hält einen durchsichtigen Stab in seinen Händen. An seiner Spitze steht eine transparente Fahne, die ein rotes Kreuz auf weißem Grund trägt. Die andere Seite der Lanze endet im Mund des Teufels. Mit dieser Lanze aus Licht hält Christus das Böse nieder, sie ist seine Waffe im Kampf gegen das Böse. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Der Auferstandene mit seinem wehenden roten Gewand hält einen durchsichtigen Stab in seinen Händen. An seiner Spitze steht eine transparente Fahne, die ein rotes Kreuz auf weißem Grund trägt. Die andere Seite der Lanze endet im Mund des Teufels. Mit dieser Lanze aus Licht hält Christus das Böse nieder, sie ist seine Waffe im Kampf gegen das Böse. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Im Gegensatz zu ihm umfasst der Auferstandene die Waffe offenbar, ohne Mühe aufwenden zu müssen. Auf vielen anderen mittelalterlichen Bildern hält der Erzengel Michael eine ähnliche Waffe ebenso mühelos und dazu mit einer Körperbewegung, die oft etwas Tänzerisches hat. Ein Erzengel hat natürlich auf unserem erzprotestantischen Altar nichts zu suchen. Christus ist es selbst, der mit der gleichen Geste der Leichtigkeit das Böse beziehungsweise den Bösen niederhält.

Cranach war ein Meister darin, transparente Gegenstände zu malen. Oft halten die schönen nackten Damen, die er malt – zum Beispiel seine Lucretia –, ein transparentes Gewebe in der Hand. Die Unverhülltheit und die makellose Beschaffenheit der gemalten Haut werden durch den graziös gehaltenen durchsichtigen Schal noch hervorgehoben.

Christus und sein symbolisches Pendant, das Lamm, halten jeweils eine Art durchsichtigen Acrylstab mit einer ebenso durchsichtigen Fahne. Auf unserem Bild ist dies natürlich kein galantes Detail, sondern der Gegensatz zur grobstofflichen Materialität des Bösen.

Hinter dem Auferstandenen jagen Tod und Teufel einen kleinen Menschen, den alten Adam. Der Tod sticht nach ihm mit einer Lanze aus Holz, auf der eine Spitze aus Metall sitzt. Der Teufel holt neben ihm mit einem knorrigen Knüppel aus. Der Tod hält seine Lanze, wie man eben eine Lanze hält. Kraftübertragung ist wichtig, Schnelligkeit auch und die Verletzung der Haut des Opfers. Er hat es fast schon erreicht.

Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Tod und Teufel bedienen sich der Kräfte des Irdischen. Aber die Kräfte, die gegen Tod und Teufel angehen, brauchen andere Waffen. Solche aus Licht. Und sie liegen eher in der Hand wie eine Feder, mit der man schreibt. Der Sieg über das Böse beruht auf anderen Prinzipien als das Böse selbst.

Deswegen ist der Lichtstab des Auferstandenen am Ende doch kein Laserschwert. Es ist keine Waffe neben anderen Waffen, die gewinnt, weil sie die stärkere ist. Dieser Lichtstab zeigt vor allem, dass das Böse mit den gleichen Waffen bekämpft werden kann. Nicht die dickere Lanze gewinnt, sondern die Lanze, die ganz anders ist. Sie ist eine geistliche Waffe und ihr Sieg ist von der Art des Kreuzes, das neben ihr steht.

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht Dr. Frank Hiddemann den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Die Choreografie der Blicke

28. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Das Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren in der Weimarer Stadtkirche

1515 wurde Lucas Cranach der Jüngere geboren. Anlässlich seines 500. Geburtstages würdigt die Lutherdekade in diesem Jahr den Maler unter dem Motto »Bild und Bibel«. In einer zwölfteiligen Beitragsserie widmet sich Frank Hiddemann dem cranachschen Altarbild und seinen Glaubensaussagen.

Drei Männer stehen rechts unter dem Kreuz. Und meist geschieht es zufällig. Wir realisieren, dass eine der Personen uns direkt anblickt. Der Maler, auf dessen Haupt der Blutstrahl landet, fixiert uns mit seinem Blick: »Wo willst du hinschauen?«, scheint uns Lukas Cranach der Ältere zu fragen. Neben ihm steht Johannes der Täufer. Der blickt vom Kreuz weg zu seinen Zeitgenossen. Er weist mit Fingergesten auf den gehenkten Christus, mit der anderen Hand auf das Lamm. Auf diese Weise zeigt er: »Er ist das Lamm, von dem euch der Prophet Jesaja sagt!«

Das dreiflügelige Altarbild in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul, hier im Bild der Mittelteil, galt lange als Meisterwerk des alten Cranach. Doch nach neuesten Forschungen ist es das genuine Werk von Lucas Cranach dem Jüngeren, der zu Unrecht lange im Schatten seines Vaters stand. Das Werk wurde im vergangenen Jahr restauriert. Foto: Kirchengemeinde Weimar

Das dreiflügelige Altarbild in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul, hier im Bild der Mittelteil, galt lange als Meisterwerk des alten Cranach. Doch nach neuesten Forschungen ist es das genuine Werk von Lucas Cranach dem Jüngeren, der zu Unrecht lange im Schatten seines Vaters stand. Das Werk wurde im vergangenen Jahr restauriert. Foto: Kirchengemeinde Weimar

Links neben Cranach steht Martin Luther. Breitbeinig signalisiert er: »Hier stehe ich und kann nicht anders!« Ein offenes Buch hält er so, dass wir Betrachter es lesen können. Es sind biblische Verse, die er selbst aus dem Griechischen übersetzt hat. Sein Blick ist gedankenverloren. In der Art eines Visionärs schaut er unbestimmt in die Ferne. Dazwischen Cranach. Er schaut uns an, die Betrachter. Ein Blick über fast fünfhundert Jahre hinweg. Das ist einmalig in der mittelalterlichen Malerei. Wie kommt er dazu? Schauen wir genauer hin und sortieren wir die Füße der drei Herren rechts unter dem Kreuz. Luthers Füße stehen breit auseinander. So steht jemand, der nicht so leicht aus dem Lot zu bringen ist. Johannes der Täufer steht – frontal zu uns – fast ebenso selbstbewusst. Seine Füße sind nicht so leicht zu finden, weil er als der historisch Älteste am meisten im Hintergrund steht.

Aber sobald wir die Spitzen seiner Zehen gefunden haben – sie sind rechts neben Luthers linkem Fuß zu entdecken – sehen wir auch, wie Cranach steht. Seine Füße befinden sich in Schrittstellung. Er hat gerade noch mit dem Gesicht zum Kreuz gestanden. Vielleicht ist er einen Schritt auf das Kreuz zugegangen und hat hochgesehen.

So wie die Kinder Israels in der Wüste, die im Hintergrund zu sehen sind, schaut er in die Höhe. Und wie die Kinder Israels gesund wurden, als sie zur Schlange hinaufsahen, so wird Cranach erlöst. Der Blutstrahl der Gnade, der auf seinem Kopf endet, zeigt es augenfällig. Und nun verklärt sich Cranachs Blick eben nicht. Er blickt nicht nach innen, um seiner Erlösung nachzuspüren, so wie man etwas genießt, dass man lange begehrt hat. Er blickt nach außen. Er dreht sich in der Hüfte, wendet uns den Oberkörper zu und fragt stumm: »Wohin wollt ihr blicken?« Sein Körper ist noch zum Kreuz gerichtet, sein Gesicht wendet sich uns zu.

Wenn wir uns bewusst machen, was sonst auf der Mitteltafel eines Triptychons geschieht, wird dieser Blick noch verblüffender. Der Blick auf die Mitte eines Flügelaltars sollte uns zeigen, worauf wir uns verlassen können. Das Heil, das durch Christus für uns erwirkt wurde. Es geschah ohne uns, aber für uns. Manchmal durften die Stifter des Altars bei der Kreuzigung zuschauen. Etwas abseits standen sie und freuten sich über ihren Platz in der ersten Reihe. Aber keiner von ihnen würde je aus dem Bild herausblicken, denn sie hatten für ihre privilegierte Position bezahlt.

Cranach nimmt sich nicht einmal die Zeit, sich zu uns umzuwenden. Die Bewegung in der Hüfte reicht. Die betenden Hände sind noch auf dem Weg, seine Augen haben uns bereits gefunden. Das ist der protestantische Blick der Erlösung. »Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über!«, sagte Jesus einmal.

Und wenn wir zurücksehen, animiert von diesem Blick, sehen wir noch eine weitere Figur, die uns ansieht, den auferstandenen Christus. Sein rotes Gewand weht, eine durchsichtige Lanze hält er beinahe spielerisch in den Händen. Seine Füße stehen auf den beiden Wesen, die im Hintergrund den alten Adam verfolgten: Tod und Teufel. Sie sind besiegt. Wir sind bewegt. Durch Blicke.

Pessach: Der Auszug aus dem Land des Todes

7. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ostern: Selten fallen das jüdische Passah- und das christliche Osterfest terminlich zusammen – so wie in diesem Jahr

Der Auszug aus Ägypten ist das Urgeschehen des Erlösungshandelns Gottes. In der Festwoche vom 15. bis 21. Nissan des jüdischen Kalenders gedenkt das Volk Israel dieses Ereignisses. In diesem Jahr fallen das Passah- und das Osterfest kalendarisch zusammen.

Das Passahfest fällt in diesem Jahr auf den 4. bis 10. April. Bis zur Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 nach Christus wurde am Vorabend des Festes ein Lamm für jede Familie geschlachtet, genau nach Vorschrift (2. Mose 12). Sein Blut war in Ägypten an den Türrahmen gestrichen worden und hatte den Würgeengel, der alle Erstgeborenen in Ägypten tötete, veranlasst, an den Häusern der Israeliten vorüberzugehen. Das hebräische Wort für »überspringen«, »übergehen«, »auslassen« ist »passach«. Daher kommt das Wort Pessach, Passah, – oder auch die griechische Bezeichnung Pas’cha für Ostern.

Der römisch-jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus berichtet, wie in den letzten Jahren des Tempels in Jerusalem an einem Fest noch mehr als eine viertel Million Passahlämmer geopfert wurden. Abgesehen von wenigen Ausnahmen – etwa bei der Volksgruppe der Samaritaner, die jedes Jahr auf dem Berg Garizim in Samaria ihr Passahopfer darbringt – wird das Tieropfer heute durch Symbole ersetzt, wenn das jüdische Volk am Abend des 14. Nissan den Sederabend feiert.

Die typischen Seder-Speisen. Foto: Johannes Gerloff

Die typischen Seder-Speisen. Foto: Johannes Gerloff

»Seder« ist die »Ordnung«, der zufolge dieser Abend begangen wird. Im Rahmen eines festlichen Mahls werden symbolische Speisen verzehrt. Auf dem Tisch liegen drei ungesäuerte Brote, »Mazzen« genannt. Im Mittelpunkt steht der Sederteller mit einem gekochten Ei, einem Knochen, dem sogenannten »Charoset«, Salat und Petersilie, bitteren Kräutern und Salzwasser.

Das »Charoset«, ein süßes Gemisch aus geriebenen Äpfeln, Nüssen, Wein und Zimt, soll an den Lehm erinnern, mit dem die hebräischen Sklaven in Ägypten Ziegel herstellen mussten. Die bitteren Kräuter, meist Meerrettich, symbolisieren die Härte der Sklaverei. Das Salzwasser erinnert an die Tränen, die bei alledem vergossen wurden. Das Ei steht nach jüdischer Vorstellung für die besonderen Opfer der Festzeit. Der Knochen erinnert an das Lamm, das geschlachtet wurde, dem dabei aber kein Knochen gebrochen werden durfte. Petersilie und Salat stellen die Verbindung zum Frühling her. Während des Mahls werden vier Becher Wein getrunken. Ein fünfter Kelch wartet auf den Propheten Elia, den Vorgänger des Messias.

Zu Beginn des Abends steht die Frage des Jüngsten in der Runde: »Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen?« Die Sederliturgie, die »Pessach-Hagaddah« (»«Pessach-Erzählung), beantwortet diese Frage mit Zitaten aus den Heiligen Schriften, spielerischen Gesängen und Texten aus der jüdischen Tradition. Der ganze Abend ist darauf ausgerichtet, allen Anwesenden die Einzelheiten des Heilshandelns Gottes so einzuprägen, als sei jeder selbst aus Ägypten ausgezogen.

Im Andenken an die Eile des Auszugs soll das jüdische Volk eine Woche lang nichts essen, das einen Gärungsprozess durchlaufen hat. Das Gebot, dass »keinerlei Gesäuertes in deinen Häusern zu finden sein« soll (2. Mose 12,19), wird sehr genau genommen und ist Anlass für einen gründlichen und stressreichen Frühjahrsputz. Sorgfältig wird alles Gesäuerte bis auf den letzten Krümel verbrannt.

Der Sabbat, der dem Passahfest vorausgeht, ist bekannt als »Schabbat HaGadol«, »der große Sabbat«. In diesem Jahr war das der 28. März. Im Gottesdienst am »Schabbat HaGadol« wird ein Abschnitt aus dem Propheten Maleachi (3,4-24) verlesen. Nachmittags erklären die Rabbiner die speziellen Gebote für Pessach. Am Sabbat während des Passahfests selbst wird das Hohelied Salomos verlesen.

Johannes Gerloff

Ein Geschenk des Himmels für jeden Tag

24. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Seit sechs Jahren erscheinen die Herrnhuter Losungen durch eine private Initiative auch auf Koreanisch

Zum dritten Mal kam Professor Ju-Min Hong jüngst nach Herrnhut. Diesmal brachte er allerdings etwas Besonderes mit: Ein Exemplar der Herrnhuter Losungen in seiner Muttersprache Koreanisch. Übersetzt hat er die Texte selbst. Da er in Heidelberg studierte, kann er hervorragend Deutsch. Das Schwierige an der Übersetzung sei besonders der alte Sprachstil, sagt der Theologe, der das Institut für Diakonie in Südkorea leitet. Wenn man das aber routinemäßig mache, werde das immer einfacher. Ansonsten besuchten er und eine Gruppe koreanischer Christen, die zum ersten Mal in Deutschland sind, auch die Herrnhuter Sehenswürdigkeiten.

Professor Ju-Min Hong mit der von ihm herausgegebenen koreanischen Ausgabe der Herrnhuter Losungen. Foto: Matthias Weber

Professor Ju-Min Hong mit der von ihm herausgegebenen koreanischen Ausgabe der Herrnhuter Losungen. Foto: Matthias Weber

Wie Hong berichtet, werden die seit 2009 in Koreanisch erscheinenden Losungen in seinem Land sehr gut aufgenommen. Die Startauflage von 1 000 Stück wurde komplett verkauft oder verschenkt. Über 100 christliche Gemeinschaften des Landes nutzen inzwischen das traditionelle Andachtsbuch. Über den Buchhandel selbst werden bisher allerdings nur wenige Exemplare verkauft. Die meisten vertreibt Hong im Eigenverlag persönlich. Nachdem er in Vorträgen und Seminaren auf die Losungen hinwies, betrug die Auflage 2010 bereits 2 000 Stück. Und die Nachfrage wächst.

Die Herrnhuter Losungen seien ganz anders, als die üblichen Andachtsbücher, die man in Südkorea kenne. »Ich glaube, gerade weil sie nur aus Bibelworten bestehen und keine menschliche Auslegung haben, gefallen sie den Leuten in Korea«, sagt er. Schließlich kenne man hier auch andere »Losungen« politischer Natur. »Wort und Tag«, wie das Büchlein in Korea heißt, sei »wie ein Geschenk des Himmels, ein Geschenk für jeden Tag«, so der Professor.

Die Begleittexte der Losungen, Liedverse oder Gebete mit Bezug auf die jeweiligen Bibelstellen, entsprechen in der koreanischen Ausgabe derzeit noch der deutschen Ausgabe. In Zukunft will Hong aber verstärkt solche von koreanischen Autoren aufnehmen. Denn den meisten Koreanern sind deutsche Liederdichter, wie zum Beispiel Paul Gerhardt, eher unbekannt. Eine Ausnahme bilde da allerdings Dietrich Bonhoeffer, der sich einiger Bekanntheit auch in dem asiatischen Land erfreut.

Die Struktur der christlichen Kirchen in Südkorea ist völlig unterschiedlich zum deutschen System. Was vor allem damit zusammenhängst, dass das Christentum vor etwa 130 Jahren aus den USA nach Korea kam. Damals waren es vor allem konservative und fundamentalistische Bewegungen, welche die jungen koreanischen Kirchen prägten. Ökumene gab es dabei nicht. Heute existieren entsprechend viele einzelne Denominationen und eigenständige Kirchenformen. Seit den 1960er Jahren aber wächst eine ökumenische Bewegung, in der vor allem die Presbyterianische Kirche (PCK) und Ju-Min Hong aktiv sind. Knapp 22 Prozent der reichlich 49 Millionen Südkoreaner sind Christen, in der Mehrzahl Protestanten.

Mit der Verbreitung der Losungen verfolgt Ju-Min Hong zwei ganz praktische Ziele. Einmal möchte er damit die diakonische Arbeit in Korea entwickeln. Das ist sein soziales Hauptanliegen. Gerade hier erlebe man einen Aufschwung und da könnten die Losungen einen wichtigen Beitrag zur täglichen geistlichen Verwurzelung der Mitarbeiter leisten. Gleichzeitig gibt es bekanntlich große politische Spannungen zwischen Nord- und Südkorea. Seine Kirche habe bisher leider kaum Kontakte zu den Christen in Nordkorea aufbauen können, die ihren Glauben illegal leben.

Vielleicht aber, so die Hoffnung von Ju-Min Hong, können die Losungen dazu beitragen, diese Konflikte über das Evangelium von Jesus Christus irgendwann einmal zu versöhnen. Man wolle jedenfalls versuchen, einzelne Losungsexemplare irgendwie nach Nordkorea zu schaffen. Wie ist im Moment allerdings noch offen.

Andreas Herrmann

Nach Angaben der Abteilung Losungsspende der Evangelischen Brüder-Unität können für 18 Euro sechs koreanische Losungen produziert werden.

Spenden: Ev. Bank eG Kassel, IBAN DE605206 0410 0000 4159 28, BIC GENODEF1EK1, Kennwort: Losungsspende Korea

www.herrnhuter-projekte-weltweit.de

Das ist echt nicht von dieser Welt …

9. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein Sozialarbeiter lädt ein, das unsichtbare Reich Gottes unter uns zu entdecken

So was ist nicht von dieser Welt …«, singt Xavier Naidoo und meint die Liebe, die ihn – existenziell – am Leben hält. »Mein Reich ist nicht von dieser Welt«, bestätigt auch Jesus Christus in einem Dialog mit Pontius Pilatus, einem Vertreter der Weltmacht. Aber den Vertretern der Religionsmacht antwortet Jesus auf die Frage, wann denn Gottes Reich kommt, dass es nicht sichtbar berechnend und doch schon »mitten unter euch« sei. (Lukas 17, 20+21)

»Ich versuche zu verstehn, was andre in dir sehn, warum sie Kriege anfangen und in deinem Namen Morde begehn.« Diese Textzeile Xavier Naidoos klingt bei den »Söhnen Mannheims« sehr heutig: »2 000 Jahre nach dir liegt hier alles in Scherben.« Unsre Erfahrungen im Sommer 2014 mit mehreren Völkerkriegen und Morden an Christen und anderen nicht »Rechtgläubigen« lassen das Reich Gottes weit weg erscheinen und zunehmend gar in Verruf geraten!

Gerhard Schönherr ist Kirchen-Bezirks-Sozialarbeiter der Diakonie Stadtmission Chemnitz e. V. Foto: Stadtmission

Gerhard Schönherr ist Kirchen-Bezirks-Sozialarbeiter der Diakonie Stadtmission Chemnitz e. V. Foto: Stadtmission

Präzisieren wir doch ebenfalls: Es geht um das Reich des Gottes, der der Vater Jesu Christi ist! Gott ist die Liebe. (1. Johannes 4,16) Und Liebe ist, wie die Wirkmächtigkeit des Gottesreiches, nicht sichtbar berechnend. Daher auch fragen »die Gerechten« beim Weltgericht (Matthäus 25, 37-39), wann sie denn den Sohn Gottes hungrig und durstig gesehen und folglich gespeist und getränkt hätten, wann sie ihm als Fremden Asyl gewährt, ihn bekleidet oder auf dem Krankenlager und im Gefängnis besucht haben sollen.

Mitten in den Reaktionen auf soziale Notlagen in der uns umgebenden Welt gibt es mittelbare Interaktionen mit Christus selbst. So bricht sein Reich an – mitten unter uns. In der Welt und doch aus einer anderen, der zukünftigen Welt. Was noch Vision ist, wird gegenwärtig zur Motivation unseres Handelns. So ist dieses nie vergebens und wächst aufgrund seiner innewohnenden Christusbegegnung über moralisches »Gutmenschentum« hinaus. Es ist ein neu gedachter Humanismus: Die Würde des Menschen ist, dass Jesus Christus uns in diesem entgegentritt.

Und das ist eine – aus eigener Erfahrung – befreiende Erleichterung im oft widerwärtigen sozialen Handeln, weil unser Tun Gott unmittelbar berührt! Erleichterung, nicht Berechnung – geht es doch um den Menschen, den oft fernen Nächsten.

Vor 25 Jahren ging ein Reich zu Ende. Trotz anderslautender Losungen stand darin nie der Mensch im Mittelpunkt. Und er steht auch heute nicht dort, wenn theologisch ausgegrenzt wird. Der Mensch im Mittelpunkt? Gott bewahre! »Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt?« Mag ja sein, aber »ich habe euch noch nie gekannt«. (Matthäus 7, 22+23) Denn sie haben ihn nicht erkannt – nicht in einem von den alle vier Sekunden an Hunger und vermeidbaren Krankheiten sterbenden afrikanischen Kindern, nicht in einem der ostdeutschen Langzeitarbeitslosen, nicht in einem an Aids Erkrankten, nicht in einem Gesetzesbrecher – und sei es das Betäubungsmittelgesetz.

Daher nochmals Xavier Naidoo: »Alles, was zählt, ist die Verbindung zu dir und es wäre mein Ende, wenn ich diese Verbindung verlier.« Vielleicht lassen Sie sich in und mit Christus verbinden durch ein Patenkind in Afrika (z. B. über »World Vision«), durch Aktionen für weltweite Gerechtigkeit (z. B. Micha-Initiative) oder für Langzeitarbeitslose in Deutschland (z. B. Initiative PRO Arbeit). Oder Sie fragen die Diakoniebeauftragten in Ihren Kirchenvorständen einmal nach Besuchsdienstmöglichkeiten.

In Sachsen ist beispielsweise diesen Sonntag der »Tag der Diakonie«. Die Kollekte dient dem »Kirchlichen Hilfsfonds für Menschen in Not«. So können unterschiedliche Menschen mit ihren großen Nöten bald für sich in ihrer kleinen Welt die Erfüllung der zweiten Bitte des Vaterunsers erfahren: Gottes Reich kommt zu ihnen. Und zu Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, kommt dann Jesus

Christus.Gerhard Schönherr

»Hirte sein hat nichts mit Romantik zu tun«

5. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum »Hirtensonntag«: Gisela Roßmeier versorgt täglich 300 Schafe, 15 Ziegen und derzeit 140 Lämmer

Christus als der gute Hirte steht traditionell im Zentrum dieses Sonntags, der unter der Überschrift »Miserikordias Domini« die »Barmherzigkeit des Herrn« thematisiert. Wem stehen bei dem Gedanken an den guten Hirten nicht Bilder einer lieblichen Landschaft vor Augen? Abendsonnendurchflutet, rosa Wölkchen am Himmel und auf der Wiese vor dem Waldrand inmitten seiner munter grasenden Schafe steht der Hirte mit Stab und Hut. Ein Bild des Friedens und des Glücks. Geradezu paradiesisch.

»Ich bin der gute Hirte, der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.«

Johannes 10,11

»Großer Quatsch«, winkt Gisela Roßmeier energisch ab. »Schäfer sein hat nichts mit Romantik zu tun, es ist harte Arbeit, ein Knochenjob.« Die resolute Frau, Jahrgang 1955, weiß, wovon sie spricht. Auch wenn sie »zur Schafhaltung wie die Jungfrau zum Kinde« kam. Als Anfang der 1990er Jahre die in Agrargenossenschaften gewendeten LPGs die wirtschaftlich wenig effektive Schafhaltung aufgaben, machte sich ihr damaliger Mann als Schäfer mit eigener Herde selbstständig. 1992 wurde der neueerbaute Stall am Ortsrande von Liebenrode bei Nordhausen eingeweiht. Doch als ihr Mann 1995 plötzlich starb, stand die gelernte Wirtschaftskauffrau und spätere Verkaufsstellenleiterin vor der Gretchenfrage in Sachen Schafe. Gemeinsam mit der Familie entschloss sie sich, nun selbst Schäferin zu werden.

Heute versorgt Gisela Roßmeier gemeinsam mit ihrem neuen Lebenspartner ihre Herde mit rund 300 Schafen und derzeit 15 Ziegen. Für die romantischen Bilder vieler Menschen hat sie allerdings Verständnis. »Wann sehen normale Menschen denn überhaupt mal einen Schäfer? Wenn schönes Wetter ist und sie wandern gehen.« Aber dass der Schäfer oder die Schäferin 365 Tage im Jahr, auch bei Wind und Wetter, bei Regen und Sturm sich um die Schafe kümmern muss, »sieht doch niemand«. Ein Acht-Stunden-Tag ist dabei Illusion. »Wenn die Lammzeit kommt, bin ich auch nachts im Stall«, sagt Roßmeier. Schließlich brauchen die lammenden Schafe und natürlich die Lämmer besondere Fürsorge.

Gisela Roßmeier aus Hohenstein-Liebenrode bei Nordhausen mit je einem ihrer Lämmer und Zicklein auf dem Arm. Foto: Harald Krille

Gisela Roßmeier aus Hohenstein-Liebenrode bei Nordhausen mit je einem ihrer Lämmer und Zicklein auf dem Arm. Foto: Harald Krille

»Das Lamm muss vor allem von seiner Mutter angenommen werden und innerhalb von zwölf Stunden die lebensnotwendige Vormilch, die sogenannte Kolostralmilch, aufnehmen«, erklärt die Schäferin. Diese sei wie ein Lebenselixier und bewirkt eine Initialzündung für Verdauung und Immunsystem des Lammes. Erhält es sie nicht, stirbt es. Die Pflege der Zitzen der Mutter und die Nabelpflege gehören für die Schäferin natürlich auch zur Geburtsbegleitung. 140 Lämmer sind in diesem Jahr bisher geboren, weitere werden in den nächsten Wochen noch folgen. »Der letzte milde Winter kam den Lämmern sehr entgegen, der davor war allerdings hart«, erinnert sich Roßmeier.

Derzeit stehen Schafe und Lämmer auf den Wiesen rund um den Stall hinter einem Netzzaun. Doch bald geht es auf die Wanderschaft. Das »Grüne Band« entlang der ehemaligen DDR-Grenze ist Roßmeiers »Revier«. Als Maßnahme der Landschaftspflege beweidet sie den ehemaligen Grenzstreifen, um die Verbuschung der Landschaft zu verhindern. Keiner kann das so effektiv wie das Schaf.

»Und wenn er alle seine Schafe hinausgelassen hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm nach, denn sie kennen seine Stimme.«

Johannes 10,4

Doch stimmt es eigentlich, dass die Schafe die Stimme ihres Hirten kennen und ihm folgen? »Ich brauche nur zu pfeifen, dann sollten Sie mal sehen, wie sie angerannt kommen«, bestätigt die Schäferin. »Allerdings vor allem, wenn sie satt sind«, fügt sie leicht einschränkend hinzu. »Wenn sie Hunger haben und fressen wollen, lassen sie sich eher Zeit … »

»Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie …«

Johannes 10,12

Bis zu 20 Kilometer entfernt vom Stall zieht die Herde im Laufe des Jahres. Jeden Tag bauen Gisela Roßmeier und ihr Mitstreiter Netzzäune um jeweils einen halben bis einen Hektar Fläche und treiben die Schafherde anschließend auf das neue Geviert. Früher habe sie auch mit dem Hund die Herde frei geweidet, aber in den eingezäunten Bereichen fressen die Schafe das Gras und vor allem das aufkommende Buschwerk effektiver ab, erklärt sie. Selbstverständlich gehört auch die tägliche Wasserversorgung zum Hirtendienst – ein großes Wasserfass wird mit dem Trecker zur Herde gebracht.

Vom wiederkommenden Wolf ist derzeit auch in Mitteldeutschland viel die Rede, am Harzrand kommt noch der Luchs als Raubtier hinzu. Gisela Roßmeier hat mit beiden bisher noch keine Erfahrungen gemacht. Wohl aber mit anderen »Feinden« der Schafhaltung. So wurde sie vor einigen Jahren von einem Jagdpächter vor Gericht gezerrt. Der Vorwurf: Ihre Schafe verschmutzen die Flächen mit Kot und vergrämen so das Wild. »Zum Glück stellte das Gericht klar, dass Landwirtschaft vor Jagd geht«, berichtet Roßmeier. Doch an den Nerven zehren solche Erfahrungen. Ebenso wie manche aufgebrachte »Naturfreunde«, die sich aufregen, »nur weil« – Roßmeier nimmt kein Blatt vor den Mund – »Schafscheiße auf ihrem geliebten Wanderweg liegt«.

Überhaupt gebe es immer mehr Menschen, die zwar für das Landleben und die Natur schwärmen, denen aber jeder krähende Hahn zu viel Krach mache und jeder Misthaufen eine unerträgliche Geruchsbelästigung bedeute. Und auch offiziell werde es den Schäfern immer schwerer gemacht: ausufernde Bürokratie, immer mehr einschränkende Vorschriften, immer mehr Kontrollen und Nachweise, immer höhere Kosten für Futter und Kraftstoff oder für die Berufsgenossenschaft. Allein der Beitrag für die Letztgenannte habe sich in den vergangene Jahren verfünffacht. »Da reden wir über etliche Tausend Mark«, sagt die Schäferin.

»Ich bin gekommen, damit sie Leben und volle Genüge haben sollen.«

Johannes 10,10 b

Dennoch wird sie weitermachen. Mindestens bis zur Rente. Schließlich hat sie ja auch Verantwortung für ihre Herde, und ohne Liebe zu den Tieren könne man den Beruf sowieso nicht ausüben. Doch von Tierliebe allein kann ein Schäfer nicht leben – die Nachwuchssituation ist entsprechend schwierig. Denn Schafhaltung lohne sich letztlich kaum noch.

Fünf Monate muss ein Lamm gefüttert werden, bis es sein Schlachtgewicht von rund 40 Kilo hat. »Und dann bekommt man 2,30 Euro für das Kilo Lebendgewicht«, resümiert Gisela Roßmeier. Und fügt hinzu: »Gern würden wir ohne Subventionen und Staatshilfen arbeiten.« Aber dazu müsste wohl auch die Gesellschaft den Wert von gesunder Nahrung wieder schätzen lernen und zu honorieren bereit sein.

Harald Krille

Den lebendigen Christus erleben

20. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Biblische und systematische Aspekte zur Auferstehung – Sie war und ist Gegenstand des Zweifels

Die Auferstehung Jesu ist das Zentrum des christlichen Glaubens. Wer die Auferstehung Jesu leugnet, muss sich vom Christentum verabschieden. Dies gilt für die Leser des ersten Korintherbriefes genauso wie für uns heute: »Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich« (1. Korinther 15,14).

Auferstehung? Was ist damit gemeint?

Genau genommen ist die Rede von der Auferstehung Jesu der sprachlich kürzeste Ausdruck für die grundlegende Überzeugung des Christentums: Gott lässt Jesus von Nazareth nicht im Tod, sondern erweckt ihn zu einer neuen Existenz. Weil Tod und Auferstehung aber jenseits dessen sind, was der Mensch im irdischen Leben erfährt, muss sich der Glaube mit einer metaphorischen Redeweise behelfen.

Gemälde von Eugène Burnand (1850–1921): Die Jünger Petrus und Johannes am Auferstehungsmorgen auf dem Weg zum Grabe, um 1898. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Gemälde von Eugène Burnand (1850–1921): Die Jünger Petrus und Johannes am Auferstehungsmorgen auf dem Weg zum Grabe, um 1898. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Um die Texte zu verstehen, die von der Auferstehung Jesu erzählen, hat die Theologie viele Versuche unternommen: Rudolf Bultmann (1884 bis 1976) will die Auferstehung als Wirklichkeit verkündigen, die eine existenzielle Bedeutung hat. Der Osterglaube ist für ihn das Zeichen, dass die christliche Verkündigung von Kreuz und Auferstehung den Menschen zur Entscheidung für den Glauben ruft.

Karl Barth (1886 bis 1968) sieht in der Auferstehung Jesu Gott selbst am Werk. Die Auferstehung wird als wirkliche und neue, als einzigartige Tat Gottes verstanden. Sie muss als die exklusive Tat Gottes dem Menschen durch Christus im Heiligen Geist offenbart und vom Menschen im Glauben angenommen werden.

Verkürzt diskutiert Gerd Lüdemann (*1946) die Frage der Auferstehung. Er glaubt, dass sie nicht stattgefunden hat und Jesus demnach im Grab – so er denn eins hatte – einfach verwest ist. Die Jünger Jesu hätten lediglich den Schock des Kreuzes für sich selbst mit dem Glauben an die Auferstehung Jesu kompensiert. Das Christentum sei demnach auf Projektionen, Wünschen und Visionen aufgebaut.

Peter Lampe (*1954) widerspricht dieser Konstruktion und verweist darauf, dass die Wirklichkeit immer ein Konstrukt aus verschiedenen Komponenten ist. Diesem Hinweis gilt es in systematischer Perspektive nachzugehen, da dies ein entscheidendes Element zum Verstehen der Auferstehung ist. Denn das, was die Frage für uns heute so schwierig macht, ist unser oft verengtes Verständnis von Realität. Unser Weltbild ist von popularisierten Naturwissenschaften geprägt, unser Verständnis von Wirklichkeit damit aber unterbestimmt. Deshalb stellen wir uns unter Auferstehung in erster Linie die Wiederbelebung eines Leichnams vor. Dass die Auferstehung Jesu aber gerade einen solchen Vorgang nicht meint, wird durch die vielfältigen Bezeugungen im Neuen Testament deutlich.

Zuerst müssen wir erkennen, wie wir Wirklichkeit konstruieren. Wenn wir etwas verstehen, ist das ein produktives Zusammenspiel von Wahrnehmung und Sinngebung. Wenn wir etwas verstehen, dann legen wir ihm einen Sinn bei. Wir interpretieren das, was wir erleben. Und wir interpretieren es mit dem Wissen, das wir vorher erworben haben. Wir bauen das, was wir erleben, in das, was wir kennen ein, und kreieren so Wirklichkeit und Wissen. Verstehen ist also ein Dialog zwischen dem, was auf uns zukommt, was wir mit unseren Sinnen erfassen, und dem, was wir daraus machen. Wirklichkeit ist demnach immer das, was wir daraus machen. Aber wir konstruieren die Wirklichkeit auch nicht beliebig, sie ist keine Erfindung von uns. Sie regt uns zu den Deutungen an, weil wir sie erleben.

In Bezug auf die Auferstehung Jesu heißt das: »Auferstehung Jesu« ist eine sprachliche Interpretation derjenigen, die den gekreuzigten Jesus als Lebenden erlebt haben (Lukas 24,5).

Das Neue Testament beschreibt in vielen Texten, welche Erfahrungen hinter der Rede von der Auferstehung Jesu stehen. Der Apostel Paulus erklärt seinen Lesern, dass die Auferstehung Jesu etwas ganz Neues ist. Im Ersten Korintherbrief benennt Paulus eine ganze Reihe von Zeugen der Auferstehung Jesu, um sie glaubwürdig zu machen. Da dies dem antiken wie dem modernen Leser nicht genug ist, erklärt Paulus die Rede von der Leiblichkeit der Auferstehung näher (1. Korinther 15,35-49) und bricht so das schlichte Verständnis der Wiederbelebung des Körpers Jesu zugunsten einer neuen Existenzform des Auferstandenen auf. Paulus stellt klar, wie man sich Auferstehung denken muss: als neue Existenzform, als geistige Realität.

In Markus 16,1-8 finden die Frauen ein Grab vor, in dem ein junger Mann auf sie wartet. Er sagt ihnen, dass Jesus auferstanden ist. Die Frauen verstehen nicht und sind darüber entsetzt. Voller Angst fliehen sie. Auferstehung ist also etwas, das Angst macht, das man erst verarbeiten muss.

Der Evangelist Lukas zeigt, wie das geht. Zwei Jünger Jesu gehen nach Emmaus. Lukas nimmt den Leser in die Pädagogik der Erzählung hinein und erklärt, wie es überhaupt möglich ist, an die Auferstehung Jesu zu glauben. Am Anfang steht das brennende Herz (Lukas 24,32), also das Erleben der Gegenwart Christi. Dies muss aber gedeutet werden. Obwohl die Jünger vom leeren Grab Jesu gehört haben, obwohl sie wissen, dass den Frauen Engel erschienen sind, die von der Auferstehung berichtet haben – trotzdem halten sie Jesus für einen gescheiterten Propheten. Erst mit Hilfe des ihnen unbekannten Wanderers deuten sie dann ihre Erlebnisse in Jerusalem vor dem alttestamentlichen Horizont, in dem sie diese verstehen müssen. Erst im Vollzug der eucharistischen Gemeinschaft erkennen sie für sich, dass der Wanderer Christus selbst ist. Am Anfang steht also das Erleben der Gegenwart Christi, am Ende des Verstehensprozesses steht die Rede von der Auferstehung Jesu.

Die Auferstehung Jesu hängt deshalb nicht von einer historischen Hypothese ab. Selbst wenn das Grab Christi gefunden werden könnte, selbst wenn dort Knochen zu finden wären, die man eindeutig Jesus von Nazareth zuordnen könnte, selbst dann wäre damit die Auferstehung Jesu nicht widerlegt. Denn die Auferstehung Jesu ist eine sprachliche Deutung der Tatsache, dass die damaligen Jünger Jesu genau wie die heutigen Christen den lebendigen Christus erleben.

Paul Metzger

Der Autor ist Referent beim Konfessionskundlichen Institut in Bensheim.

Leise nahm er Raum in meinem Herzen

24. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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So kam Gott in meine Welt

Gott war irgendwie schon immer da. Das Vaterunser lernte ich am schummrigen Abendbrottisch meiner Großeltern. Aber der Kindergottesdienst und diese Bilder bärtiger Männer auf blauen Wolken haben mich gelangweilt. Irgendwann weigerte ich mich, dort hinzugehen. Noch als Jugendliche schrieb ich im Gemeindebrief meiner Heimatgemeinde einen Artikel darüber, wie sehr mich Predigten anödeten, weil sie mit Gott und meinem Leben nichts zu tun hatten.

Gott war irgendwie schon immer da, aber er kam in seltsamen Verkleidungen daher. In Liedern wie »Wir sind die Kleinen in den Gemeinden« und »Laudato si«, lustig gemeinten Anspielen, in mir fremden Liturgien und Predigten ohne Gott.

Foto: Buriy-Fotolia.com

Foto: Buriy-Fotolia.com

Nach einem Jahr in Indien, einem Land voller Altäre, Tempel und Gottheiten, habe ich mich zum Theologiestudium eingeschrieben. Ich wollte diesem Gott auf die Spur kommen, der mir so unvertraut vertraut war und mich nicht losgelassen hat. Ich wollte die kirchlichen Verpackungen abkratzen und zum Kern vorstoßen. An der Uni stieß ich dann allerdings nicht auf Gott, sondern auf Dogmatik. Ich lernte, dass es nahezu unverantwortlich sei, einfach von ihm zu reden ohne jegliches biblisches und kirchengeschichtliches Wissen. Und ich verstummte verschämt. Ich lernte, dass ich nicht einfach nur evangelisch sei, sondern lutherisch. Und dass es eine Rechtfertigungslehre gäbe die zentral sei für meine lutherische Identität. Über das Wort musste ich lachen. Ich lernte es abends beim Theologenstammtisch in einer Kneipe, zum Glück lernte ich da auch Pfeife rauchen. Die Rechtfertigungslehre beschäftigte mich noch einige Jahre lang. Mein damaliger Freund studierte an der Musikhochschule Gesang und die tägliche Begegnung mit der Welt des Schönen und Schöngeistigen machte mir deutlich, dass wir Theologen auf der anderen Seite standen. Mit meinen Natur-Boots, lila Halstuch und beschränkten musikalischen Kenntnissen fühlte ich mich wie ein Fremdkörper, quasi die personifizierte Rechtfertigungslehre. Ein Gott, der so gütig ist, auch über das Mittelmaß seine Gnade auszuschütten, schien mir damals ziemlich unattraktiv.

Was ich schon lange gesucht hatte aber nicht wusste, dass ich es suche, fand ich im Kreuz. Es war in einer Systematik-Vorlesung und mir liefen die Tränen. Gott durchkreuzt die Welt und kommt mir näher als ich es für möglich halten kann. Endlich war Gott aus seinem fernen Wolkendasein, den Kindergottesdienstliedern und weltfernen Predigten befreit und ich hatte ein Gegenüber gefunden. Glückerfüllt rannte ich nach der Vorlesung durch den Park.

Gott war mir schon nähergekommen, aber ich konnte ihn noch nicht in mir fühlen. Dann gab es die Stunde Null in meinem Leben – ein ärztlicher Kunstfehler. Mehrere Wochen lag ich mit drei Frauen in einem Zimmer in der Medizinischen Hochschule. Und sie fragten mich, die kleine Theologiestudentin, wieso Gott so unbarmherzig das kleinste Glück zerstöre. Ich selbst, durch Schläuche ans Bett gefesselt, stritt mit diesem Gott, der mir so fern schien angesichts des Leids in mir und um mich herum. Wir vier Frauen haben über ihn geredet. Nächtelang. Und ich weiß nicht wieso, in mir wuchs ein großer Frieden mit dem, der keine Antwort gab. Im Nachtschrank lag das kleine Holzkreuz, das ich von meinem Großvater geerbt hatte, es war mit ihm während des Krieges in Russland und in Frankreich gewesen. Oft presste ich einfach meine Finger um das Kreuz, die scharfen Kanten schnitten mir in die Haut. Etwas war gut geworden. Gott war angekommen in mir und ich in ihm. Es musste nichts beschönigt werden.

Einige Zeit später stand eine Riege von Ärzten um mein Bett. Einer meinte, dass ich wohl einen guten Draht zu dem da oben haben würde. Ich schaute ihn an und wusste, dass er keine Ahnung hat. Den bärtigen Opa auf der Wolke hatte ich lange hinter mir gelassen.

Gott kam leise, es gab keine Explosion und kein Bekehrungserlebnis. Fast unbemerkt hatte er im Krankenzimmer und in meinem Herzen Raum genommen.

Nora Steen

Das neue THEMA-Heft


Diese Geschichte von Nora Steen ist in dem neuen THEMA-Heft »Jesus – Gott kommt in die Welt«, das »Glaube und Heimat« pünktlich zum Advent herausgibt, nachzulesen. Darin enthalten sind beeindruckende Lebensgeschichten und berührende Glaubenszeugnisse.

»Christus ist das klare Ja Gottes« meint Theologieprofessor Eberhard Jüngel in einem Interview, in dem er sich zur Weihnachtsbotschaft äußert. Der Archäologe Dieter Vieweger erklärt die Welt und die Zeit, in die Jesus Christus geboren wurde. Die Philosophin Katharina Ceming denkt über die Geburt Gottes in uns nach.

Das Themenheft ist auch als Geschenk oder als Weihnachtsgruß geeignet.

Thema »Jesus – Gott kommt in die Welt«, jeweils bis 9 Exemplare 3,50 Euro, 10 bis 49 Exemplare 3 Euro, ab 50 Exemplare 2,50 Euro
Zu bestellen bei: Wartburg Verlag GmbH, Lisztstraße 2a, 99423 Weimar, Telefon (0 36 43) 24 61-44; Fax (0 36 43) 24 61-18; E-Mail <buch@wartburgverlag.de>


»Geht hin und verkündigt es …«

28. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Frauenpower: Leeres Grab, auferstandener Christus – wie Frauen heute mit der Osterbotschaft umgehen

»Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern …«, sagt ­Jesus nach dem Zeugnis der Bibel (Matthäus 28,10) den Frauen, die seinen Leichnam suchten. Sie wurden die ­ersten Zeugen der Auferstehung. Wir baten Frauen aus unterschiedlichen Bereichen um Antwort darauf, was sie heute beim Thema Auferstehung bewegt – und was ihnen Ostern im Alltag bedeutet.

Die Frauen am Grab Jesu: Ausschnitt aus einem Fresko des italienischen Malers Fra Angelico. Es entstand zwischen 1437 und 1445. Repro: akg-images/Electra

Die Frauen am Grab Jesu: Ausschnitt aus einem Fresko des italienischen Malers Fra Angelico. Es entstand zwischen 1437 und 1445. Repro: akg-images/Electra

Gabriele Phieler

Gabriele Phieler

Christus ist auferstanden?! Als junge Frau habe ich diesen Glaubenssatz wegschieben können, ja es hat mich aufgeregt, dass ausgerechnet diese unmögliche Botschaft der Dreh – und Angelpunkt von allem sein sollte. Ich hab mich eher an das gehalten, was mir sonst von Jesus wichtig war. Das war auch gut so. Allmählich bin ich dann wohl in die Auferstehung Jesu »hineingenommen« worden. Sie gehört einfach dazu: zu Jesus und seiner Botschaft der Vers öhnung, seinem Leben und Sterben. Sie ist wahr, denn nicht der tote, sondern der lebendige Christus begegnet uns.

Mich fasziniert immer wieder, wie dieser Christus auch heute Menschen beruft, erneuert, lebendig macht und in eine Gemeinschaft stellt, die Grenzen überschreitet. Mit meinem Glauben an diese Gegenwart Gottes – es gibt keine Beweise dafür – erlebe ich eine ungeheure Freiheit und erfahre eine Tiefe des Lebens, die Menschen auf einmalige Weise verbindet.

Gabriele Phieler, Pfarrerin, Oberin und Vorstand der Diakonissenhausstiftung Eisenach


Franziska Schwarzbach

Franziska Schwarzbach

Man sagt, es gäbe fünf Ursachen, warum Jesus zuerst einer Frau, Maria Magdalena, erschien und begründet es mit »ihrer brennenden Liebe« zu ihm. Das liest sich alles sehr spannend. Für mich ist Auferstehung Verwandlung – vielleicht nur Wandlung. Hier trifft das Ende auf den ­Anfang, die Nacht auf den Tag. Aus Krankheit entsteht Kraft.
Durch Sterblichkeit gibt es ewiges Leben. Ohne Tod gibt es kein Leben. Leben ist ­immer wieder Hoffnung. Stirbt ein Mensch, steht seine Seele auf. Unser gegenwärtiges Leben ist gelebtes Leben, ist Geschichte, ist Poesie, Kultur und Kunst und all das Böse, die Machenschaften um uns herum, der ständige Kampf.
Auferstehung heißt für mich: Immer wieder die Chance zu haben, neu Beginnen zu können und dann fällt mir der »Osterspaziergang« ein: … sie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selber auferstanden …«

Franziska Schwarzbach, aufgewachsen im Erzgebirge, lebt als freiberufliche Bildhauerin in Berlin

Brigitte Seifert

Brigitte Seifert

Christus ist auferstanden« – dieses Wunder sprengt meine Vorstellungskraft. Dennoch ist das für mich eine reale Wirklichkeit mit kosmischen Dimensionen. Es bedeutet: Auch wo etwas absolut hoffnungslos scheint und mit menschlichen Möglichkeiten nichts mehr zu retten ist, steht von Gottes Seite her das Tor zum Leben offen. Selbst wo durch menschliche Schuld unsagbares Leid entstanden ist, wird Gott zu seiner Zeit daraus etwas Neues machen. Das ermöglicht Versöhnung.
Oft fühle ich mich ohnmächtig. Dann weiß ich mich Christus in Gethsemane nahe. Ich hoffe dann auf den Ostermorgen, an dem alles verwandelt ist und in neuem Licht leuchtet. Es ist mir ein starker Trost zu wissen: Gottes Wege enden nicht im Leid und im Tod, sondern er will das Leben neu aufblühen lassen. Wie er das tut, bleibt sein Geheimnis und immer ein Wunder. Aber diese Hoffnung gibt mir die Kraft, zuversichtlich das Meine zu tun.

Brigitte Seifert, ­Pfarrerin und Leiterin des Hauses der Stille in Drübeck.


Martina Apitz

Martina Apitz

Jeden morgen erlebe ich eine Auferstehung, wenn mir frische Kräfte nach einer friedlichen Nacht zugewachsen sind, nachdem ich abends todmüde ins Bett gesunken bin. Aber das ist noch nicht die Auferstehung, die uns verheißen wird, denn die Kräfte nehmen im Laufe des Tages wieder ab. Einst werden wir zur ewigen Freude ohne Kräfteverschleiß und ganz ohne dunkle Schatten auferstehen. Darauf lebe ich zu, finde Kraft für alle Tage hier auf Erden aus dieser Hoffnung, die dadurch gestärkt wird, dass Christus der »Erstling derer, die da schlafen« erstanden ist vom Tod. Daran denke ich zu Ostern und nach diesem kräftezehrenden Winter ganz besonders!

Martina Apitz, Kirchenmusikdirektorin in Köthen


Diemut Bestehorn

Diemut Bestehorn

Ich glaube an die Auferstehung. Aber ich verstehe sie nicht. Jesus musste sterben und auferstehen, um unsere Schuld zu bezahlen und uns zu erlösen – das ist absurd. Gott musste diesen Weg nicht wählen, es gibt keine zwingende Logik dafür. Er hat ihn so gewählt, warum auch immer. Und wieso dieser Weg unsere Erlösung bewirkt, das ist ein Geheimnis. Und mir gefällt die Konsequenz nicht: Wenn Jesus auferstanden ist, gibt es auch für uns eine Auferstehung, ein Leben nach dem Tod. Ich will nicht ewig leben. Ich wäre zufrieden damit, alt und lebenssatt zu sterben. Aber da man sich ja nicht aus einer Religion nur die Dinge auswählen kann, die einem gefallen, vertraue ich einfach, dass Gott etwas vorbereitet hat, was mich dann irgendwann einmal umhauen wird.

Diemut Bestehorn, Mathematikerin und mitarbeitende Ehefrau in einem Maschinenbau-Familienunternehmen in Aschersleben


Katharina Bracht

Katharina Bracht

Ich verlasse mich darauf, dass die Frauen, die vom leeren Grab Jesu und seiner Auferstehung berichteten, Wahres gesagt haben. Sie haben von einem Ereignis erzählt, das ihr Leben grundlegend verändert und ihm eine Perspektive gegeben hat.
Die Auferstehung Jesu ist mir wichtig, weil mein alltägliches Leben mit all seinen Freuden, seiner Geschäftigkeit und seiner Mühsal mir vergebens und perspektivlos erschiene, wenn ich keine Hoffnung über den Tod hinaus hätte – und Grund dieser Hoffnung ist, dass Gott Jesus Christus als ersten von uns auferweckt hat. Dass Gott Jesus Christus auferweckt hat, zeigt mir, dass Gott noch immer, wie in der ersten Schöpfung, das Leben will. Ich bin sicher, dass Gott immer wieder tun kann, was er schon einmal, ganz am Anfang getan hat: Aus dem Nichts, aus dem Tod Leben zu schaffen. Und ich vertraue darauf, dass das auch für mich selbst gilt – dass Gott mich dabei wie jeden anderen Menschen ganz persönlich ansieht und bei der Hand nimmt, so wie Jesus das Töchterchen des Jairus.

Katharina Bracht, Professorin für ­Kirchengeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena


Brigitte Andrae

Brigitte Andrae

Aufgewachsen in einem nichtkirchlichen Elternhaus, habe ich den Zugang zu Ostern zuerst über die Kunst gefunden. Was für eindrückliche Darstellungen, was für eine wundervolle Musik gibt es, die das Ostergeschehen lebendig machen. Erst später habe ich in den Evangelien gelesen. Wie unterschiedlich wird da von der Auferstehung Jesu berichtet. Die Begegnung von Maria aus Magdala und Jesus, den sie zunächst für den Gärtner hält, ist die wohl schönste und anrührendste Schilderung (Johannes 20, 11-18). Gleichwohl ist mir das Ostererlebnis der Frauen im Matthäusevangelium (Matthäus 28, 1-10) näher. Den Schmerz, die Trauer und Verzagtheit der Frauen, die zum Grab gehen, kann ich gut nachempfinden. Auch, wie sich ihre Furcht allmählich in große Freude verwandelt.

Eine ganz ähnliche Erfahrung des lebendigen Gottes habe ich im Zusammenhang der Krebserkrankung unseres damals dreijährigen Sohnes selbst gemacht. Gott hat unsere Angst und unseren Schmerz in Freude verwandelt.

Brigitte Andrae, Juristin und Präsidentin des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland in Erfurt

Einander zum Licht werden

10. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Interview mit Reinhard Höppner, Ministerpräsident a.D. über die Weihnachtsbotschaft

Im Advent besinnen wir uns darauf, dass Christus das Licht der Welt ist. Über seine Erfahrungen mit dieser Botschaft spricht der promovierte Mathematiker und ehemalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt Reinhard Höppner. Die Fragen stellte Sabine Kuschel.

Herr Dr. Höppner, in einem Lied heißt es: »Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht, Christus meine Zuversicht…«. Können Sie das auch für sich sagen: Christus mein Licht?
Höppner:
Bei Hoffnung, Freude und Stärke fällt mir das leichter. Bei »Christus, mein Licht« muss ich mir erst einmal klar machen, was für ein gewaltiges Bild das damals war. Licht, das waren einmal Sonne, Mond und Sterne. Himmlische Gaben. Nur das Feuer auf der Erde konnte der Mensch selbst entfachen. Das kann man sich heute im Lichtermeer der Städte kaum noch vorstellen.

In der Tat. Auf den Weihnachtsmärkten strahlen die Lichterbäume. Im grellen Licht der Einkaufsmärkte spürt man von Finsternis nichts.
Höppner:
So ist unsere Welt heute. Licht in der Finsternis? Kein Problem, sagt der Beleuchter und holt die Scheinwerfer. Es gibt Licht, das uns blendet. Reklamelicht, das uns verführen will. Der Scheinwerfer, der nur einen kleinen Ausschnitt ins Blickfeld rückt und alles andere ausblendet. Wenn das Flugzeug des Nachts seine Linien über den Himmel zieht, wird mir deutlich, wie schnell man ein kleines irdisches Licht mit den Himmelslichtern verwechseln kann. Wenn Jesus Christus das Licht der Welt ist, wie in der Bibel steht, dann fragt mein kirchenfremder Nachbar: Kann ja sein, aber welches bitte? In einer Welt der vielfach tanzenden Lichter hat das Symbol vom Licht in der Finsternis seine Strahlkraft verloren. Das muss ich mir klar machen, wenn ich gefragt werde, ob Jesus für mich das Licht der Welt ist. Fast bin ich geneigt, mit meinem Nachbarn zu fragen: Welches bitte?

»Das Licht scheint in der Finsternis«, heißt es im Johannesevangelium am Anfang. Haben Sie schon einmal das Gefühl gehabt, dass es ein Licht gab, das ihnen so geholfen hat?
Höppner:
Da fällt mir die Nacht vom 16. auf den 17. August 2005 ein. Wir waren mit einer Jugendgruppe in Taizé. Die Lichtergottesdienste dort sind etwas Wunderbares. Das warme Leuchten schafft Geborgenheit. Solch ein Licht könnte es sein, denke ich. Was dann im Abendgottesdienst wenige Meter vor unseren Augen passiert, können wir nur mit Mühe erfassen: Roger Schutz, der Prior von Taizé, wird mit einem Messer erstochen. Wir singen. Wir singen die ganze Nacht. Singen an gegen den Schrecken, gegen Verzweiflung, Trauer und Hilflosigkeit. Und immer wieder: »Christus, dein Licht verklärt unsre Schatten, lasse nicht zu, dass das Dunkel zu uns spricht. Christus, dein Licht erstrahlt auf der Erde und du sagst uns: Auch ihr seid das Licht.« Der Gesang soll zu denen gehören, die Roger Schutz besonders geliebt hat.

Reinhard Höppner. Foto: Wieland Fischer

Reinhard Höppner. Foto: Wieland Fischer

Wie die jungen Leute sich gegenseitig getröstet haben in dieser Nacht und in den Tagen danach, das war das Licht nach dunklem Schatten. Das Licht kam in die Finsternis. Eine Weihnachtsgeschichte mitten im August. Mir allerdings bleibt die Erinnerung, dass die Menschen sich in dieser Nacht gegenseitig zum Licht wurden. Sie haben gelebt, was sie gesungen haben: Auch ihr seid das Licht.

Christus, das Licht. Ist ihnen das schon begegnet?
Höppner:
Christus begegnet mir immer durch Menschen. Dass Menschen mir zum Licht geworden sind, das habe ich erlebt, zum Beispiel in Tagen der Krankheit, als ich an den Gesichtern der Ärzte lesen konnte: Die Prognosen sind nicht gut. Vielleicht muss man erst Finsternis erlebt haben, die Schatten des Lebens, die Versuchung des Dunkels, das zu uns spricht, um die Kraft dieses Lichtes zu erleben.

Wie haben Sie das in der Politik erlebt? Konnten Sie sich als Politiker den Glauben an Christus, das Licht bewahren?
Höppner:
In der Politik erlebt man eher Zwielichtiges. Licht in der Finsternis ist eher selten.
Aber wenn ich mir anschaue, wohin das Licht von Weihnachten zuerst kommt, dann ist das schon eine Orientierung. Es sind die Hirten, die Ausgestoßenen am Rande der Gesellschaft. Den Schwachen muss die Politik dienen. Daran habe ich mich versucht zu orientieren.
Die Weihnachtsgeschichte hat auch etwas mit Politik zu tun, denn die Veränderung der Welt fängt unten an. Bei den »kleinen Lichtern«, die eine Kerze anzünden statt die Dunkelheit zu verfluchen. Die Weihnachtsgeschichte stellt unsere Vorstellungen von Macht auf den Kopf. Es lohnt, bei einer Adventskerze einmal darüber nachzudenken.