Trotz Abbruch und Umbruch: Kirche im Aufbruch

2. Oktober 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Christoph Klein, 35. evangelischer Bischof seit der Reformation in Siebenbürgen,  geht am 30. September in den Ruhestand. Die Auswanderung der Sieben- bürger Sachsen aus Rumänien hat die Kirche auf einen Bruchteil ihrer früheren Größe schrumpfen lassen. Foto: Jürgen Henkel

Christoph Klein, 35. evangelischer Bischof seit der Reformation in Siebenbürgen, geht am 30. September in den Ruhestand. Die Auswanderung der Sieben- bürger Sachsen aus Rumänien hat die Kirche auf einen Bruchteil ihrer früheren Größe schrumpfen lassen. Foto: Jürgen Henkel

Seit 1990 stand Christoph Klein (72) an der Spitze der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Rumänien. In diese Zeit fiel der größte Umbruch in der Geschichte der deutschen Minderheit. Jürgen Henkel sprach mit ihm.

Herr Bischof, hatten Sie 1990 noch die Hoffnung, dass die Volksgruppe der Siebenbürger Sachsen intakt erhalten bleibt?
Klein:
Als ich am 24. Juni 1990 in mein Amt eingeführt wurde, war schon die Hälfte unserer Glaubensgenossen ausgewandert. Es gab einen hektischen Aufbruch in Richtung Deutschland; da sind Leute teilweise in Panik weggeeilt und haben mitunter Haus und Hof und ihren Besitz liegen lassen oder verschleudert, in der Furcht, es könnten sich die Grenzen wieder schließen. Der Zusammenbruch der alten, volkskirchlichen Strukturen war bereits erkennbar. Ich habe damals schon gesagt, dass unsere Zahl in zehn Jahren wohl auf rund 15000 ­sinken wird. So ist es dann auch gekommen.

Es wurde immer wieder Kritik laut, dass Pfarrer als erste oder ziemlich früh ausgewandert sind. Warum sind so viele Pfarrer ausgewandert?
Klein:
Zur Zeit der Wende hatten wir noch 140 Pfarrer im Land. Deren Zahl ist im Jahr 1990 etwa auf die Hälfte gesunken. Manche sahen sich gezwungen auszuwandern, um ihre Familien zu retten. Ich erinnere mich an Szenen, wo unter Tränen gesagt wurde: Wenn ich nicht gehe, ist meine Ehe verloren. Der Anfang war ja schon 1978 durch das Ausreiseabkommen zwischen Ceau¸sescu und der Bundesregierung gemacht worden. Bei manchen war es vor der Wende aber auch der Druck von außen. Sie erlebten Verfolgung oder Anwerbungsversuche durch den Geheimdienst Securitate. 1990 haben sich dann die Schleusen ganz geöffnet.

Nun ist die Kirche kleiner geworden und zählt nur noch rund 14000 Seelen. Doch wird sie weniger beachtet als früher?
Klein:
Es ist interessant festzustellen, dass die Schwesterkirchen in Rumänien zwar unseren Schrumpfungsprozess genau beobachtet haben, dass sie uns aber mit demselben Respekt behandeln wie vorher. Sie anerkennen, dass wir dieselben Aufgaben wahrnehmen, ja in mancher Hinsicht eine Vorreiterrolle einnehmen. Zum Beispiel in der Diakonie, im Religionsunterricht, aber auch in der Jugend- und Frauenarbeit.

Es gibt in der Orthodoxen Kirche heute starke antiökumenische Tendenzen. Wie hat sich die Ökumene in Rumänien nach 1990 entwickelt?
Klein:
Die ökumenischen Beziehungen sind nach 1990 zurückgegangen. Alle Kirchen Rumäniens waren zu stark mit sich selbst beschäftigt. Sie mussten nach 45 Jahren Kommunismus und Diktatur vieles mühevoll wieder aufbauen. Aber die ökumenische Offenheit und auch die Bereitschaft zu Begegnungen sind geblieben. Sehr wichtig ist, dass der orthodoxe Patriarch Daniel jüngst in Aussicht gestellt hat, dass wir nun konkret an die Gründung eines Ökumenischen Rates der historischen Kirchen in Rumänien ­herangehen können. Wir wollten das 2007 schon in Gang bringen. Dann starb der damalige Patriarch Teoctist, der ein überzeugter Ökumeniker war. Sein Tod hat diesen Schritt damals verhindert.

Wie wollen Sie es schaffen, als so kleine Kirche Ihr immenses Kulturgut zu bewahren? Es gibt ja allein rund 300 Kirchenburgen.
Klein:
Wir haben zunächst einmal die größten und wichtigsten kirchlichen Baudenkmäler ins Auge gefasst, darunter die großen Stadtpfarrkirchen, und hatten das Glück, dass sich eine Reihe von Stiftungen aber auch deutsche Landeskirchen verschiedener Projekte angenommen haben. Jetzt kommen EU-Projekte hinzu. Wir haben eben ein EU-Projekt über 4,5 Millionen Euro für die Restaurierung von 18 Kirchenburgen bewilligt bekommen. Auch der rumänische Staat steigt jetzt stärker ein, nachdem er bisher diesbezüglich nicht sehr viel getan hat. Zunehmend sorgen auch die Heimatortgemeinschaften der Ausgewanderten sich um ihre ehemaligen Kirchen, Pfarrhöfe und Friedhöfe.

Was war der Höhepunkt in Ihrer Amtszeit?
Klein:
Ein Höhepunkt war das Jahr 2007 mit Hermannstadt als Europäischer Kulturhauptstadt und Austragungsort der Dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung. Es gab 1990 Berechnungen, dass die Seelenzahl unserer Kirche ab 2007 auf Null sinken wird. Und dann hat sich gerade in diesem Jahr so viel erfüllt, was wir nicht einmal zu hoffen wagten.

Sie haben in Ihrer Amtszeit den wohl größten Umbruch in der Geschichte Ihrer Kirche erlebt. Was ist Ihre Prognose für die Zukunft?
Klein:
Meine Prognose ist, dass sich unsere Kirche auch in den nächsten 20 Jahren als wichtiger Teil des geistlichen Lebens in Rumänien erweisen wird, dass sie weiterhin einen entscheidenden Beitrag leistet, besonders mit ihrem diakonischen Dienst, im theologischen Gespräch, den demokratischen Strukturen ihrer Kirchenordnung. Mein Wunsch ist, dass sich unsere Kirche öffnet, aber so, dass sie ihr Profil dabei nicht verliert. Dazu gehört auch die deutsche Sprache als allgemein anerkanntes und respektiertes Proprium unserer Kirche, und ebenso das abendländische Erbe, das sich durch Reformation und Aufklärung hindurch bewahrt hat.

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