Alles kann Gebet sein: Schweigen, singen, arbeiten

15. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Es gibt verschiedene Formen des Gebets: Kindergebete, Tischgebete, Friedensgebete, Fürbitten, stille Gebete. Keines bleibt ohne Wirkung.

Das Gebet ist ein höchst bemerkenswertes Phänomen. Für sehr viele Menschen – Christen, Juden, Muslime und Angehörige anderer Religionen – ist es fest in den Tagesablauf integriert. Ihnen gegenüber steht insbesondere in Deutschland eine hohe Zahl von Atheisten, Menschen, die nicht an Gott glauben. Doch sogar sie schicken gelegentlich, wenn sie verzweifelt sind und nicht ein noch aus wissen, ein Stoßgebet zum Himmel. Für manche Christen wiederum ist es nicht selbstverständlich, regelmäßig zu beten. Und schon Paulus merkte, »denn wir wissen nicht, was wir beten sollen« (Römer 8,26 b).

Beten will geübt sein

Selbst die vermeintlichen Profis in Sachen Gebet, die Theologen und Pfarrer, haben zuweilen ihre Schwierigkeiten damit. »Ich bin kein Gebetomat, ich lasse mich ablenken, treiben«, so Propst Christoph Hackbeil, Regionalbischof für den Propstsprengel Stendal-Magdeburg. Er hat sich für den Gebetskalender der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) starkgemacht.

Der Gebetskalender, der abonniert werden kann, lädt Einzelne und Gemeinden ein, die darin formulierten Anliegen aufzunehmen und vor Gott zu bringen. Der Gebetskalender wird jeweils für zwei Monate veröffentlicht. Gestaltet wird er reihum von den Propsteien Gera-Weimar, Stendal-Magdeburg, Eisenach-Erfurt, Meiningen-Suhl, dem Reformierten Kirchenkreis, Halle-Wittenberg und dem Landeskirchenamt.

Wie Hackbeil erklärt, sammeln die Kirchenkreise ihre Vorschläge für Gebetsanliegen, die Superintendenten beraten darüber und treffen eine Auswahl. Die Anliegen nehmen die gesellschaftliche Situation auf sowie das, was die Landeskirche und die Propsteien beschäftigt, so der Theologe. Die Resonanz sei bislang gleichbleibend, wünschenswert wäre eine größere Beteiligung.

»Gebet bleibt nie ohne Wirkung, auch wenn ich sie nicht sehe«, ist Ulrike Köhler, Seelsorgerin im Kloster Volkenroda, überzeugt.

Gebete werden erhört

Zwiesprache mit Gott: Beten in verschiedenen Religionen, an unterschiedlichen Orten, allein oder in Gemeinschaft. Fotos: epd-bild; Fotosasch – stock.adobe.com. Collage: Adrienne Uebbing

Zwiesprache mit Gott: Beten in verschiedenen Religionen, an unterschiedlichen Orten, allein oder in Gemeinschaft. Fotos: epd-bild; Fotosasch – stock.adobe.com. Collage: Adrienne Uebbing

»Das ist manchmal unheimlich«, so die Erfahrung von Kirchenrat Andreas Möller, verantwortlich für Gemeindeentwicklung in der EKM. Als ihm vor etlichen Jahren die Pfarrstelle am Lutherhaus Jena angeboten wurde, lehnten er und seine Frau zunächst ab. »Es sprach vieles dagegen«, erzählt er. »Dann haben wir alle Bedenken im Gebet ausgesprochen und Gott gebeten, wenn er will, dass wir nach Jena gehen, soll er irgendetwas tun. Wir waren bestürzt, als sich im Laufe von etwa acht Wochen alle Probleme in Luft auflösten.«

Ebenso gibt es die Erfahrung, dass Gebete nicht erhört werden. Gott ist kein Wunscherfüllungsautomat. Das wäre furchtbar, denn zuweilen wenden sich Menschen mit bösen, abwegigen, irrsinnigen Erwartungen an ihn. Manchmal könne das Gebet zu einer neuen Einsicht führen, ganz banal, wie es Ulrike Köhler beschreibt. Wenn sie eine Erkältung hat und darum bittet, gesund zu werden, dies aber nicht eintritt, frage sie sich, ob sie nur etwas mehr Geduld aufbringen und einfach nur stillhalten solle.

Aber auch schwer kranke Menschen bitten vergeblich um Heilung. In solchen Fällen fordere sie die Betreffenden auf, so Köhler, näher hinzuschauen und akzeptieren zu lernen, dass unser Leben endlich ist. Aus Sicht der Seelsorgerin eine zumutbare Aufforderung, »wenn wir wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen«. Sie ist sich sicher: »Wir haben einen Gott, der Wunder tut. Aber wir können nicht darüber verfügen, dass er Wunder tut.«

Beten lernen

Wie lernt ein Mensch beten? »Ich bin noch klein, mein Herz ist rein, es soll niemand drin wohnen als Jesus allein. Amen« Unzählige Mütter haben ihren Kindern dieses Gebet beigebracht. Bestenfalls geht das Ritual so im Laufe der Zeit in Fleisch und Blut über.

»Ich erinnere mich, wie die Eltern den festgelegten Gebeten freie Worte hinzufügten«, berichtet Andreas Möller. Diese freien Worte seien für ihn sehr eindrücklich gewesen, ehrlich und authentisch. Im Ferienlager, wenn er sich nach Hause sehnte, habe er sich darauf besonnen, den erlernten Gebeten freie Worte hinzuzusetzen.

Es gibt verschiedene Formen des Gebets: Kindergebete, Tischgebete, Friedensgebete, Fürbitten, stille Gebete, um nur einige zu nennen.

In bestimmten Situationen sei es für Menschen, beispielsweise für Politiker, wichtig, wenn für sie gebetet wird, betont Hackbeil. »Es gehört zu unserem Auftrag, für die Obrigkeit zu beten statt Ratschläge zu geben.« Ebenso tröste es Kranke, wenn sie wissen, dass die Seelsorgerin sie in ihr Gebet einschließe. Persönlich schätze er das Gebet als große Hilfe im Leben. Es verbinde mit anderen Menschen, mit der Schöpfung. »Und es gibt mir Kraft, Dinge auszuhalten.«

Im Kloster Volkenroda wird täglich drei Mal zum Gebet eingeladen. 7.30 Uhr steht der Morgengottesdienst auf dem Programm, mittags das Gebet für Frieden und abends Fürbitten.

In einen inneren Dialog treten, ein Stoßgebet oder Schweigen, sich Gott nur hinhalten ohne Absichten – alles ist Gebet.

»Manche sagen, Gesang ist die höchste Form des Gebets«, ergänzt Andreas Möller. Mit dem Körper zu beten, etwa die Arme zu erheben, sei ebenfalls eine Möglichkeit, sich der Gegenwart Gottes zu öffnen.

Zur hohen Schule gehört das Herzensgebet, ein immerwährendes Gebet, bei dem im Atemrhythmus der Name Jesu Christi angerufen wird: Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.

Und selbst die Arbeit könne Gebet sein, so Ulrike Köhler. Wenn ich in allem, was ich tue, Gott suche, sei das Gebet. »Ich bin Mitschöpfer, darf an Gottes Schöpfung mitgestalten.« Mit dieser inneren Ausrichtung könne das Arbeiten zum Gebet werden.

Sabine Kuschel

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


Lebendigkeit statt Perfektion

14. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Impulse nach innen: Auch den Kirchengemeinden im Norden machen Mitgliederschwund und Einsparungen zu schaffen. Trotzdem soll kirchliches Leben aufrechterhalten werden. Mit dem Regionalbischof des Sprengels Stendal-Magdeburg, Propst Christoph Hackbeil, sprach Angela Stoye.

Herr Hackbeil, stellen Sie sich vor, Sie wären Tourismusmanager. Wo würden Sie die Menschen in Ihrem großen Sprengel hinschicken?
Hackbeil:
Auf die »Straße der Romanik«, denn die ist wirklich eine gute Idee – mit einer Einschränkung: Die großen Kirchen wurden jüngst noch mehr hervorgehoben. Ich würde dazu noch ein paar wunderbare kleine Kirchen empfehlen wie Melkow und Wust bei Jerichow. Nördlich des Huy liegt zum Beispiel Deersheim mit zwei romanischen Kirchen. Auch ein Abstecher nach Calbe an der Saale mit der Kirche in Gottesgnaden lohnt sich.

Da haben Sie eine Vorlage geliefert: Kleine Dorfkirchen sind oft verschlossen. Das kommt bei Besuchern nicht gut an …
Hackbeil:
Auch ich wünsche mir, dass mehr Kirchen zuverlässig geöffnet werden. Und der Prozess hin zu mehr offenen Kirchentüren ist in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in Gang. Die Gemeinden werden informiert und geschult. Da sind die Kirchenkreise dran. Aber das Kirchenöffnen geht – wie vieles – nicht von heute auf morgen.

Das Ziel, im 500. Jubiläumsjahr der Reformation alle 4 000 Kirchen der EKM zu öffnen, wird nicht erreicht …
Hackbeil:
Das ist leider so. Ich sehe das Problem von zwei Seiten: erstens von Seiten der Touristen. Für sie ist eine offene Kirche ein Zeichen von Gastfreundschaft, eine verschlossene nicht.

Zweitens: Eine Kirche, die kaum noch benutzt wird, wird auch im eigenen Ort kaum noch wahrgenommen. Sehr wichtig ist deshalb, dass die Kirche für die Menschen ihres Ortes offen ist.

Zum Beispiel: Eine kleine Dorfkirche, die von einem Friedhof umgeben ist, kann sonnabends aufgeschlossen werden, wenn viele Menschen zur Grabpflege kommen. Auch Andachten können in dieser Zeit gehalten werden. Das regelmäßige Aufschließen ist deshalb auch ein wichtiger Impuls nach innen. Im Übrigen produzieren wir mit dem Starren auf Zahlen unnötigen Verdruss. Dem Landeskirchenrat liegt etwas daran, dass Bewegung in die Sache kommt.

Für mich hat es den Anschein, als ob man mehr auf »Leuchttürme« setzt denn auf Angebote in der Fläche.
Hackbeil:
Wir haben auch »Leuchttürme« auf dem Lande, wie ehemalige Klöster – Arendsee, Drübeck oder Neuendorf bei Gardelegen –, von denen die Menschen heute noch sagen, dass sie beim Betreten eine besondere Atmosphäre spüren. Kloster Jerichow beispielsweise ist offen und es gibt den Sommer über tägliche Andachten. Aber auch kleinere Orte bieten Besonderes, etwa die Schlosskirche in Erxleben, wo sich ein rühriger Verein nicht nur um den Gebäudeerhalt kümmert, sondern auch die Geschichte hebt. Oder der Ort Gnadau, eine Gründung der Herrnhuter Brüdergemeine, in dem der Glaube Gestalt angenommen hat.

Die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt, die Zahl der Mitarbeiter auch. Überall muss gespart werden. Wie sollen Haupt- und Ehrenamtliche alle Aufgaben in der Fläche bewältigen?
Hackbeil:
Die Pfarrer und die anderen kirchlichen Mitarbeiter stehen vor einer Riesenaufgabe. Dabei sind die Pfarrstellen in der Altmark mit teils 20 Dörfern und mehr noch einmal eine besondere Herausforderung. Wenn Pfarrer in einigen Jahren in den Ruhestand gehen, wissen sie, dass ihre Stelle nicht mehr besetzt wird. Auf diesen Abschied hin zu leben, ist nicht leicht.

Ich ziehe den Hut davor, wie viele Pfarrer, Gemeindepädagogen und Kirchenmusiker unverdrossen weiter ihren Dienst tun. Daher denke ich: Das kann nicht nur an den Zahlen liegen, sondern auch am Betriebsklima.

Woraus schließen Sie das?
Hackbeil:
Ich habe vor Kurzem die Ergebnisse einer Studie gelesen, die in zwei Landeskirchen zur gesundheitlichen Situation von Pfarrerinnen und Pfarrern gemacht wurden. Da zeigte sich: Die Sorge vor Burnout und Depressionen wurde auf dem Land weniger dort gesehen, wo alle Mitarbeiter gut zusammenarbeiteten. Ich sehe die Tendenz zu verbindlicher regionaler Zusammenarbeit als unumkehrbar an, sodass sich drei, vier, fünf Mitarbeiter als regionales Team verstehen und sich mit Mut den veränderten Verhältnissen stellen. Das schließt auch die Ehrenamtlichen mit ein.

Stichwort Ehrenamt: Werden die Aufgaben, die nicht mehr bezahlt werden können, vermehrt auf sie abgewälzt, also Ehrenamtliche als Lückenbüßer?
Hackbeil:
Das höre ich manchmal. Aber ich erlebe auch anderes. Immer dort, wo Ehrenamtliche das Gemeindeleben selber gestalten, sind sie ganz anders motiviert und halten auch die Leute zusammen. Mit großer Hochachtung erlebe ich Menschen im Prädikantendienst.

Umso ärgerlicher finde ich es, dass die Verwaltung oft noch immer so gestaltet ist, dass sie – trotz gegenteiliger Aussagen – ehrenamtliches Engagement oft erschwert statt erleichtert: lange Wege, mehrfache Wege, Wartezeiten und so weiter. Das entmutigt. Da hat die EKM ein selbstgemachtes Problem, das nur durch besseren Service zu lösen ist.

Um dann was in Zukunft besser zu können?
Hackbeil:
Sich auf die geistlichen Aufgaben zu konzentrieren. Denn eine Kirchengemeinde ist etwas anderes als ein Verein. Ich sehe das Öffnen der Kirchen nicht als technischen Vorgang an, sondern als geistlichen.

Dazu gehört auch, dass zum Beispiel der Altar mit Blumen geschmückt wird oder dass Gesangbücher gleich am Eingang bereitliegen. Kurz: ein Wachsein dafür, wie große theologische Fragen in kleinen praktischen Bezügen gedacht werden können.
So ein Beispiel habe ich nach Pfingsten in Hagenau, einer kleinen Kirche bei Osterburg erlebt. Da habe ich gespürt: Hier wirken Älteste, die alles im Blick haben. Obwohl es dort nur selten Gottesdienste gibt: Wenn, dann ist es ein richtiges Fest, ein Höhepunkt im Dorfleben.

Stichwort Regionalisierung. Wann werden die Gemeindeglieder wirklich selbstverständlich zum Gottesdienst in das Nachbardorf fahren?
Hackbeil:
Wenn die erste Frau zur katholischen Priesterin geweiht wird … – will sagen: Unter dem Sparzwang dürfen wir nicht den Eindruck erwecken, alle Probleme müssen mit dem neuen Stellenplan bis 2019 gelöst sein. In manchen Kirchenkreisen war das schon vor Jahrzehnten dran, zum Beispiel ab den 1970er-Jahren im damaligen Kirchenkreis Merseburg. Woanders kommt die Regionalisierung erst jetzt an die Reihe. Prozesse sind dran, wann sie dran sind.

Von seiner kleinen Wohnung im Plattenbauviertel Stendal-Süd aus sieht Christoph Hackbeil die Kirchen der Altstadt. In diesem Jahr ist das Panorama leider oft vom Regen getrübt. Der Propst hat seine Wohnung in Stendal absichtlich nicht in einem Pfarrhaus, sondern in einem Stadtviertel gewählt, das von Leerstand und Rückbau geprägt ist. Foto: Angela Stoye

Von seiner kleinen Wohnung im Plattenbauviertel Stendal-Süd aus sieht Christoph Hackbeil die Kirchen der Altstadt. In diesem Jahr ist das Panorama leider oft vom Regen getrübt. Der Propst hat seine Wohnung in Stendal absichtlich nicht in einem Pfarrhaus, sondern in einem Stadtviertel gewählt, das von Leerstand und Rückbau geprägt ist. Foto: Angela Stoye

Wichtig ist, das Miteinander von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern zu fördern. Wichtig ist, den Menschen Mut zu machen, über den eigenen Tellerrand hinauszusehen. Geduld zu haben und sich nicht darüber zu beklagen, wo etwas nicht ist, sondern schauen, wo etwas wächst.

Bei den Menschen, die wollen, dass alles wieder so ist wie vor 50 Jahren, ist doch vor allem der Wunsch nach Gemeinschaft sehr groß. Wir sollten ihnen die Gelegenheit in neuen Formen der Gemeinschaft geben, verbunden mit einer spürbaren geistlichen Mitte.

Wie kann das geschehen?
Hackbeil:
Durch das Gebet – in traditioneller Form und in neuem Gewand. In der EKM gibt es seit Oktober 2015 den Gebetskalender. Etwa 80 Menschen bekommen – jede Woche aktualisiert – Mails mit Gebetsanliegen. Einzelpersonen machen hier genauso mit wie die Kommunitäten. Für diese gewachsene Gemeinschaft bin ich sehr dankbar. Aber an den Gebeten könnten sich noch mehr beteiligen.

Zweitens das Abendmahl: Ich finde, wenn in kleinen Kirchen nur noch wenige Male im Jahr Gottesdienst gefeiert wird, sollte immer auch ein Abendmahl dazugehören. Leider ist dem nicht so. Aber unter dem Gemeinschaftsaspekt gesehen, könnten sich Pfarrer und Gemeinden bei weniger Gottesdiensten sogar darauf verständigen, diese immer mit Abendmahl zu feiern. Denn wir sind nicht nur unter das Wort Gottes gerufen, sondern auch an den Tisch Jesu geladen!

Und wir können nicht ein gemeinsames Abendmahl von evangelischen und katholischen Christen fordern, wenn wir das Sakrament in unseren Kirchen nicht mehr als tragende Praxis erleben!

Heißt das, dass die weniger werdenden Mitarbeiter noch mehr tun sollen?
Hackbeil:
Nein. Die hohe Belastung der Mitarbeiter macht mir Sorgen. Viele laden sich schon jetzt zu viel auf. Ich habe große Achtung vor dieser Einstellung, aber wir müssen alle darüber nachdenken, wie es anders gehen kann. Leider habe ich kein Rezept, das hat keiner. Aber dass Zeit zur gemeinsamen Suche bleibt, gehört zur geistlichen Klärung. Ich finde es gut, dass die Landeskirche für Pfarrerinnen und Pfarrer Möglichkeiten des Ausgleichs und zum Auftanken schafft, etwa durch Studiensemester, Sabbatzeiten, Aufenthalte im Kloster und anderes.

Geht der Trend nicht doch hin zum Gottesdienst vom Fließband?
Hackbeil:
Ich habe als Dorfpfarrer auch drei Mal am Sonntag Gottesdienste halten müssen und war von Mal zu Mal müder. In meiner Anfangszeit als Propst habe ich gemeint, in meinen Predigten besonders viel Staatstragendes unterbringen zu müssen. Alle Themen, die unsere Kirche jetzt bewegen, in zehn Minuten! Dabei habe ich mich ziemlich verspannt. Erst eine Fortbildung, ein Predigt-Coaching, hat mir geholfen. Da habe ich das Gegenteil gelernt. Weniger ist oft mehr.

Das klingt nach noch mehr Arbeit statt Entlastung.
Hackbeil:
Nein. Denn es muss nicht alles perfekt sein. Alle streben nach Perfektion, aber die Lebendigkeit ist der wesentliche Aspekt, den man nicht über Bord werfen darf. Vier Mal oder öfter eine Predigt vorzulesen ist für mich keine Lösung. Ein bisschen Sicherheit durch das Manuskript ist gut. Aber ein Pfarrer, eine Pfarrerin sollte – im lutherischen Sinne – sich dessen fröhlich gewiss sein, was zu tun ist. Zeigen, wo mich das Wort der Schrift berührt hat.

Propst Hackbeil, der Sommerurlaub an der Ostsee und im Harz liegt hinter Ihnen. Was bringt die nächste Zeit für Sie persönlich?
Hackbeil:
Nach Fortbildungen in »Führen und Leiten« und in klinischer Seelsorge befinde ich mich in einer Ausbildung zum geistlichen Begleiter. Denn der Austausch über den geistlichen Kern unseres Tuns ist doch das Wichtigste überhaupt.

Christoph Hackbeil, Jahrgang 1956, ist seit Januar 2009 Propst des Sprengels Stendal-Magdeburg und Inhaber der ersten Pfarrstelle am Stendaler Dom. Seine Wahl war die erste Propstwahl in der EKM.

Propst Hackbeil stammt aus Leipzig, wo er die Thomasschule besuchte und im Thomanerchor sang. Nach dem Theologiestudium in Leipzig war er drei Jahre Studieninspektor am Reformierten Konvikt in Halle. Danach wechselten er und seine Frau Ulrike, ebenfalls Pfarrerin, in die Altmark nach Mieste und Gardelegen. Von 2000 bis zu seinem Amtsantritt als Regionalbischof war Christoph Hackbeil Superintendent des Kirchenkreises Halberstadt.

Das Ehepaar Hackbeil hat drei erwachsene Söhne und vier Enkel. (G+H)