Wo Glauben ist, ist Hoffnung und Mut

24. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Ein Gespräch über neue Aspekte von Glauben, Krankheit und Heilung

Welche Bedeutung kann christliche Spiritualität im Heilen und Begleiten von Menschen spielen? Über diese und andere Fragen sprach Harald Mallas mit dem Psychologen Dr. Michael Utsch.

Herr Utsch, hat die Kirche das Thema Glauben und Gesundheit zu sehr vernachlässigt?
Utsch:
Eindeutig Ja. Wie ist Jesus in Erscheinung getreten? Als Geschichtenerzähler und als jemand, der Kranke gesund gemacht hat. Im Missionsbefehl trägt er seinen Jüngerinnen und Jüngern auf: Bringt das Evangelium und macht Kranke gesund. Die Kirche hat also einen klaren Heilungsauftrag. Das hat sich in der Geschichte niedergeschlagen: Die ersten Krankenhäuser sind innerhalb von Klostermauern entstanden. Die ersten Krankenschwestern waren religiös motivierte Frauen.

Michael Utsch. Foto: privat

Michael Utsch. Foto: privat

Aber irgendwann wurde das Thema Gesundheit der christlichen Gemeinde aus der Hand genommen …
Utsch:
Das hat sicher etwas mit der Aufklärung zu tun und dem wissenschaftlichen Fortschritt. Der kranke Mensch als ganzheitliche Person geriet aus dem Blick. Doch die Sehnsucht nach Ganzheitlichkeit ist geblieben. In der ganzen alternativen Medizin spielen Zuwendung, Aufmerksamkeit und das Soziale eine große Rolle. Die Alternativmedizin arbeitet viel mit Ritualen, Symbolen, mit Gemeinschaft. Das sind ureigenste Schätze christlichen Glaubens, die durch erfahrungsarme und kopflastige Gottesdienste verloren gegangen sind.

Entdeckt die Medizin den Zusammenhang von Körper und Seele neu?
Utsch:
Ja, denn es ist wissenschaftlich erwiesen: Wenn liebevolle Zuwendung, wenn seelische Bedürfnisse mit in einen Behandlungsprozess einbezogen werden, erzielt das bessere Gesundungs- und Heilungsergebnisse. Die geistlich-spirituellen Bedürfnisse von Kranken wurden lange in einer naturwissenschaftlich verengten Medizin vernachlässigt. Doch da ist ein Wandel zu beobachten.

Welche Auswirkungen kann der Glaube auf die Gesundheit eines Menschen haben?
Utsch:
Der Glaube kann Hoffnung stiften und Zuversicht und Mut. Er darf nicht verstanden werden als eine Wunderdroge, die alle bestehenden Medikamente toppen könnte. Der Glaube kann zu einer Einstellungsveränderung helfen, einer inneren Gelassenheit auch angesichts eines Schicksals, dass wir ja nicht beeinflussen können.

Ein Freund/eine Freundin ist schwer erkrankt. Soll ich für ihn/sie beten? Und was kann ich beten?
Utsch:
Ja, ich sollte auf jeden Fall für ihn/für sie beten und sein/ihr Schicksal in Gottes Hand legen. Und Gott auch darum bitten, dass er Heilung schenken möge oder Verbesserung. Wir sollen es wie der betende Jesus machen. Er lässt seinen Gefühlen freien Lauf und richtet seine Wünsche deutlich an Gott. Aber dann auch sagen: Herr, dein Wille geschehe. Also am Ende dem Schöpfer überlassen, die Zeit zu bestimmen, wann dieser Lebensabschnitt eines Menschen zu Ende ist und ein anderer Abschnitt beginnt.

Der christliche Gesundheitskongress ist wesentlich angeschoben von Christen aus dem charismatischen Raum. Warum tun sich die Kirchen mit der charismatischen Sicht von Krankheit und Heilung schwer?
Utsch:
Es gab und gibt immer noch theologische Irrtümer, die in der Szene grassieren. Etwa die Haltung, dass Heilung für alle der Wunsch Gottes ist, und deshalb jeder der krank ist, im Verdacht steht nicht richtig zu beten. Es wurden Heilsversprechen gemacht, mit der richtigen Gebetstechnik, mit der Intensität des Betens könne man Heilung erzwingen. Da ist die evangelikal-charismatische Szene aber deutlich selbstkritischer geworden, durchaus auch aus einer Anerkennung der medizinischen und wissenschaftlichen Leistungen heraus, aber auch einer durchdachteren Theologie.

Wo sehen Sie Entwicklungen in den Kirchen?
Utsch:
Segensangebote, Segnungsgottesdienste oder Angebote sich salben oder für sich beten zu lassen, nehmen zu. Auch das Angebot der Beichte wird wieder häufiger und selbstbewusster angeboten. Gerade in solchen Zeichenhandlungen und dem Beichtgespräch wird der Heilungszuspruch auch konkret. Man bekommt eine spürbare Erfahrung mit auf denWeg, durch die sich häufig im Erleben und Verhalten etwas verändert. Oder Kirchengemeinden überlegen: Was gibt es für Pflegeeinrichtungen in unserem Umfeld? Können wir den Menschen dort als Gemeinde etwas Gutes tun? Wir haben den Auftrag, uns um Kranke zu kümmern.

»Heilen und begleiten – Zukunft gestalten« lautet das Motto des 4. Christlichen Gesundheitskongresses vom 27. bis 29. März in Bielefeld. Michael Utsch, Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin, ist Referent auf dem Kongress.

www.christlicher-gesundheitskongress.de

Gegen Gesundheitswahn und Gesundbeterei

30. Dezember 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Dr. Manfred Lütz ist Mediziner, katholischer Theologe und Bestsellerautor. Er leitet als Chefarzt das Alexianer-Krankenhaus in Köln, eine Klinik für Psychiatrie, ­Psychotherapie und Neurologie. (Foto: epd-bild)

Dr. Manfred Lütz ist Mediziner, katholischer Theologe und Bestsellerautor. Er leitet als Chefarzt das Alexianer-Krankenhaus in Köln, eine Klinik für Psychiatrie, ­Psychotherapie und Neurologie. (Foto: epd-bild)

»Der Wunsch ›Hauptsache gesund!‹ ist eine Frechheit« – mit Manfred Lütz im Gespräch über Glaube und medizinische Wissenschaft.


Gesundheit ist ein hohes, aber nicht das höchste Gut. Der Psychiater und ­Bestsellerautor Martin Lütz findet, dass es Wichtigeres gibt als Gesundheit. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Dr. Lütz, zum neuen Jahr wünschen wir uns neben Glück und ­Segen vor allem Gesundheit. Ist Gesundheit das Wichtigste im Leben?
Lütz:
Der Ausruf »Hauptsache gesund!« ist eigentlich eine Frechheit gegenüber Menschen, die nicht gesund sind und sich trotzdem ihres ­Lebens freuen können. Auch in den Defiziten und Behinderungen eines Lebens können wir Quellen des Glücks finden und in Krankheit und Leiden Herausforderungen, die einem Leben seinen besonderen Geschmack geben.

Ist es nicht allzu verständlich, dass jemand, der krank ist, wieder gesund werden will?
Lütz:
Natürlich können wir Menschen Gesundheit wünschen. Die Frage ist nur, wie hoch wir den Wert der Gesundheit veranschlagen. Wenn jemand, der Krebs hat, Gesundheit ­tatsächlich für das Wichtigste halten würde, kann man ihn eigentlich nur bedauern.

Gesundheit ist nicht das höchste, aber doch ein sehr hohes Gut …
Lütz:
So ist es und natürlich müssen wir als Christen mit unserem Körper, dem Tempel des Heiligen Geistes, wie der Apostel Paulus sagt, verantwortlich umgehen. Aber wir dürfen die Gesundheit nicht zum Götzen machen und auch nicht zu einem unerreichbaren Ideal nach dem Motto »Gesund ist ein Mensch, der nicht ausreichend untersucht wurde«. Es gibt Menschen, die schwere Krankheitsphasen hinter sich haben und im Nachhinein sagen: Das hat mich reifer gemacht. Aber man darf das Leiden auch nicht verklären. Man muss verstehen, wenn andere Menschen nach schwerer Krankheit finden: Da hätte ich gut drauf verzichten können. Es war einfach nur schrecklich.

Glauben Sie, dass christlicher Glau­be zur Gesundung beitragen kann?
Lütz:
Ich finde es eher amüsant bis ärgerlich, wenn in der journalistischen »Saure-Gurken-Zeit« im Sommer in kirchlichen Zeitungen immer wieder Meldungen abgedruckt werden, man habe festgestellt, dass Menschen, die viel beten, älter werden als Menschen, die nicht viel beten. In Wirklichkeit ist das doch Etikettenschwindel. Die Botschaft soll da ja wohl lauten: Werdet Christen und betet viel, dann geht es euch besser in diesem Leben. Aber das ist nicht die Botschaft Jesu. Jesus selbst hat schwer gelitten und ist früh gestorben, obwohl er viel gebetet hat. Und so wie die Apostel als Märtyrer in den Tod gegangen sind, so ist das Christentum auch heute für die Christen in China und Vietnam nicht gerade lebensverlängernd. Wer den Glauben nur noch von seinen Gesundheitseffekten her sieht, der ist der allgemein herrschenden Gesundheitsreligion auf den Leim gegangen. Beten mag einen gesundheitlichen Nebeneffekt haben. Wer einen Sinn in seinem Leben sieht, der mag vielleicht ein bisschen ruhiger, ein bisschen weniger unstet leben. Das senkt möglicherweise etwas den Blutdruck. Aber was hat man von einer solchen Erkenntnis?

Was halten Sie von Heilungsgottesdiensten und Berichten von Spontanheilungen?
Lütz:
Erstens gibt es natürlich Spontanheilungen. Die passieren auch bei nicht gläubigen Menschen. Andererseits glaube ich selbstverständlich, dass Gott Wunder wirken kann. Allerdings nehme ich nicht an, dass er das am laufenden Band tut. Heilungsgottesdienste sind dann ganz in Ordnung, wenn sie die geistliche Dimension, die bei jeder Krankheit eine Rolle spielt, ansprechen. Es sollte aber nicht der Eindruck erweckt werden, das sei die einzige wahre Dimension. Heilungsgottesdienste können das Heilsame des Christentums ganz konkret ansprechen, aber sie werden dann höchst problematisch, wenn suggeriert wird: Jetzt werden wir über den Krebskranken, der hier unter uns ist, beten und dann kann der schon mal alle Medikamente absetzen, denn ­allein das Gebet hilft. Wer das Gebet ausspielt gegen die Einsichten der Wissenschaft, die edle Früchte der uns von Gott geschenkten Vernunft sind, der versündigt sich aus meiner Sicht am Patienten und am Schöpfergott.

Sie sind Referent beim zweiten Christlichen Gesundheitskongress in Kassel. Sollen medizinische Wissenschaft und Spiritualität näher zusammenkommen?
Lütz:
Natürlich ist es gut, dass beide Sphären umeinander wissen. Dennoch glaube ich, dass man beide Bereiche sorgfältig trennen muss. Ich bin gegen diese gut klingenden Parolen, wir müssten alles möglichst ganzheitlich sehen, Körper, Seele und Geist und daher müsse jeder wahre Arzt quasi zugleich Seelsorger sein und jeder Seelsorger zugleich Arzt. Seelsorge ist viel mehr als Therapie. Sie ist existenzielle Begegnung mit einem Menschen. Wenn man diese beiden Dimensionen vermischt, dann können schnell Guru-Existenzen entstehen. Solche Leute laufen Gefahr, nicht Schüler oder Zuhörer zu haben, sondern Anhänger. Sie wirken dann selbst als Heilsbringer und sind nicht mehr durchsichtig auf Christus. So können gefährliche Abhängigkeiten entstehen. Verantwortungsvolle Psychotherapie aber soll der Freiheit des Patienten dienen. Und verantwortliche Seelsorge soll einladen zur Nachfolge Christi und nicht zur Anhängerschaft an irgendeinen Psychoguru. Gott hat uns den Verstand gegeben, damit wir auch wissenschaftlich mit der Welt umgehen können. Und die Wissenschaft hat einige gut wirksame Therapiemethoden gefunden. Die können Atheisten und Christen anwenden. Man darf nicht einerseits mangelnde wissenschaftliche Kompetenz durch Beten ersetzen und andererseits nicht mangelndes Gottvertrauen durch therapeutischen Aktivismus.

Sie sind nicht der Meinung, dass die einen von den anderen etwas lernen können oder sich bestimmte Methoden aneignen sollten?
Lütz:
Um Gottes Willen! Wenn sich Seelsorger Psychotherapie-Methoden aneignen und die dann anwenden, betreiben sie keine Seelsorge mehr, sondern machen Therapie. Das ist etwas ganz anderes. Psychotherapie ist eine asymmetrische Beziehung zwischen einem methodenkundigen Fachmann und einem Heilung suchenden Patienten, eine künstliche Beziehung auf Zeit für Geld. Man kann nicht auf Zeit für Geld den Sinn des Lebens produzieren. Daher sollten aus meiner Sicht Seelsorge und Psychotherapie streng getrennt sein, was nicht heißt, dass man nicht umeinander wissen sollte. Psychotherapie, die nicht um jene andere Dimension weiß, kann schnell totalitär werden und Seelsorge, die alles nur von sich selbst erwartet, fundamentalistisch. Nur als bewusst getrennte Bereiche können beide Zugänge zum Menschen sich gegenseitig respektieren und mit ihren besten Kräften wirken.

Was ist im Leben wichtiger als Gesundheit?
Lütz:
Dass wir uns geborgen in Gott fühlen können, dass wir mit einem geliebten Menschen zusammenleben und Sinn in diesem Leben erkennen. Wenn wir uns an der Natur, an der Musik wirklich freuen können, wenn wir die Unwiederholbarkeit jedes ­Moments erleben und vielleicht auch genießen können, dann ist die Frage, ob man jetzt schwer krank ist oder nicht, vielleicht zweitrangig.
Wichtiger ist, als Geschöpfe Gottes einen Lebensweg zu gehen, den wir vor unserem Herrn Jesus Christus verantworten können, dass wir ein rechtschaffenes Leben führen, auf Gottes Wort hören und versuchen seine Gebote zu halten.

Der Christliche Gesundheitskongress vom 21. bis 23 Januar in Kassel wird von einer Allianz von Personen, Einrichtungen und Verbänden aus Diakonie sowie Landes- und Freikirchen getragen. Er ist für Fachbesucher mit Fortbildungspunkten zertifiziert.
www.christlicher-gesundheitskongress.com

Buchtipp

  • Lütz, Manfred: Gott. Eine kleine ­Geschichte des Größten, Verlag Droemer Knaur, 320 Seiten, ISBN 978-3-426-78164-7, 9,95 Euro
  • Lütz, Manfred: Irre – Wir behandeln die Falschen, Gütersloher Verlagshaus, 208 Seiten, ISBN 978-3-579-06879-4, 17,95 Euro

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