Bizarr und verstörend

5. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Religiöse Themen motivieren zeitgenössische Künstler zu einer Neuinterpretation.
 
Blick in die Ausstellung »What Happened to God?«. (Foto: Maik Schuck)

Blick in die Ausstellung »What Happened to God?«. (Foto: Maik Schuck)

Dass unsere Welt auf vielfältige Weise von religiösen Symbolen, Vorstellungen und Ideen über Gott und das Göttliche beeinflusst ist, diesem Phänomen versucht die Ausstellung in der Weimarer ACC-Galerie ­unter dem Titel »What Happened to God?« nachzuspüren.

Wer sich dem Thema Religion ­nähern will und vielleicht Antworten auf die Frage nach Gott sucht, schaut hier allerdings auch in dunkle Abgründe. Auffällig ist, dass viele der an der Schau beteiligten zeitgenössischen Künstler Religion mit Gewalt, Exzessen und Blutvergießen verbinden.

In dem Video »Angels of Revenge« kommen dem Betrachter durch einen dunklen, schmalen Gang Teilnehmer eines Kostümwettbewerbs entgegen. Als Zombies, Monster und Werwölfe verkleidet sprechen sie grausame Flüche und Beschimpfungen aus, drohen Gewalt an. Die Idee des Künstlers Christian Jankowski: In einer Horrormesse sollten sich die Beteiligten ihrer Aggressionen auf erdachte oder tatsächliche üble Feinde entledigen.

Die Ausstellung strotzt von abstoßenden Szenen. Blutbesudelte, die den Vergleich mit Schlächtern nahelegen. Auch das zentrale Ereignis im Christentum, die Kreuzigung Jesu, deuten Künstler als ein Geschehen wie im Blutrausch. Zu sehen sind drastische Bilder von Orgien und Prozessionen.

Die Präsentation erkundet auf der einen Seite die dunkle Welt der gewalttätigen norwegischen Black-Metal-Szene. Black Metal ist eine Subkultur des Metal. Diese Musikrichtung entstand in den 1980er Jahren in Norwegen und Schweden und breitete sich dann in Europa aus. Der ameri­kanische Dokumentarfotograf Peter Beste porträtierte die Protagonisten dieser extremistischen Bewegung, ein düsterer Mix von Heavy-Metal-Musik, Horror, Satanismus, heidnischem Glauben, nordischer Mythologie und adoleszenter Lebensangst.

Was ist mit Gott passiert? Wo ist er angesichts von Fanatismus und Terror, Gewalt und Krieg? Die bizarren und verstörenden Bilder scheinen verzweifelt nach einer Antwort auf diese Fragen zu suchen. Andere Arbeiten spüren dem Faszinierenden in der ­Religion nach.

»Was veranlasst zeitgenössische Künstler, in ihren Werken religiöse Motive aufzunehmen?« Mit dieser Frage beschäftigt sich ein 60-minütiger Dokumentarfilm »Amen! Die Kunst und ihr Heimweh nach Gott«. Die Filmemacherin Julia Benkert, Jahrgang 1970, zeigt darin verschiedene religiöse Gegenstände, die zeitgenössische Künstler zu einer Neuinterpretation anregten: die Dornenkrone, das Kreuz, ein Weihrauchpendel. Eine mehr als zwei Meter hohe Installation von Radiorecordern in einer Kirche simuliert die Posaunen von Jericho, deren Schall die Stadtmauer nach dem alttestamentlichen Bericht in Josua 6, einfallen ließ.

Das österreichische Künstlerpaar Helmut und Johanna Kandl –, beide wurden katholisch erzogen, haben sich aber vom kirchlichen Leben ­entfernt –, beschäftigt sich mit Wallfahrten. Fotos und Videos entstanden bei ihren Besuchen in verschiedenen Wallfahrtsorten.

Diese und weitere Objekte können als Beispiele für das Positive von Religion und Glauben angesehen werden. Im Übrigen vermittelt die Schau einen eher düsteren Einblick und sie wirkt teilweise diffus und konzeptionslos. Den Besucher, der sich dem Phänomen Religion nähern will und auf Antworten hofft, lässt sie allzu oft ratlos.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung »What Happened to God?« in der ACC-Galerie Weimar, Burgplatz 1 und 2 ist bis 28. August, montags bis sonntags von 12 bis 18 Uhr, freitags und sonnabends von 12 bis 20 Uhr zu sehen.

Vom 17. September bis 24. Oktober wird sie in Halle 14, Zentrum für zeitgenös­sische Kunst in der Leipziger Baumwollspinnerei, Spinnereistr. 7, dienstags bis sonnabends von 11 bis 18 Uhr gezeigt.