Der Raub der Heiligen

21. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Kastagnetten und Kirchenglocken: Im Herzen Spaniens ist ein Heiligenfest Ende September besonders spektakulär.

Die Männer mit den zwei Heiligen auf den Schultern machen Tempo. Irgendwo in den Gassen nämlich lauern Diebe, trachten Nachbarn nach den Zwillingsbrüdern auf ihrer von Nelken geschmückten Trage. Kosmas und Damian wollen sie an den Kragen, den Bärtigen mit dem Heiligenschein. Jährlich am 27. September sind sie in Arnedo auf Tour, der kleinen Schuhstadt in La Rioja, Spaniens wichtigster Weinbauprovinz.

Wie immer zum Fest der beiden stehen die Bürger ihren Stadtpatronen Spalier und warten auf die Burschen aus der Nachbarschaft, die ihnen die Heiligen rauben wollen. »Robo de los Santos« heißt der Brauch, einer der ausgefallensten Spaniens. Es ist der religiöse Auftakt zu einem weltlichen Spektakel, zu einer Woche mit Jubel, Trubel und Heiterkeit, zu einer typischen Fiesta eben.

Punkt elf verlassen Kosmas und Damian ihr Domizil, die alte Pfarrkirche hoch über dem Städtchen. Kastagnetten und Glockenklang begleiten ihren Auszug. Im Feststaat sind viele Bürger gekommen, einige gar in Tracht. Richtung Rathaus geht es weiter, durch alte Gassen ins Zentrum Arnedos. Plötzlich aber geraten die Heiligen in Bedrängnis, attackiert ein gutes Dutzend meist junger Burschen die Männer mit der Trage. Doch schnell reagieren die Einheimischen, drängen die Heiligenräuber unsanft ab. »Autrono« rufen sie den Bösewichtern hinterher, den Fremden aus der Nachbarprovinz Navarra, die Kosmas und Damian für sich beanspruchen.

Schützend versammeln sich die Bewohner aus Arnedo in der spanischen Provinz La Rioja beim »Robo de los Santos« um ihre beiden Heiligen Kosmas und Damian. Foto: Günter Schenk

Schützend versammeln sich die Bewohner aus Arnedo in der spanischen Provinz La Rioja beim »Robo de los Santos« um ihre beiden Heiligen Kosmas und Damian. Foto: Günter Schenk

Mindestens seit dem 17. Jahrhundert geht das so, reklamieren die Menschen in Navarra die beiden Heiligen für sich. Denn früher, so erzählt eine Legende, seien Kosmas und Damian in Andosilla zuhause gewesen, wo sie die Bürger Arnedos irgendwann gestohlen hätten. Historisch gibt es dafür keine Belege. Aber bis heute kommen die Navarros Jahr für Jahr noch immer gern nach Arnedo, um lautstark und öffentlich die Rückgabe der Heiligen zu fordern. Schon früh morgens singen sie den beiden ihre Loblieder.

Das Volk Arnedos ist dann meist müde auf dem Heimweg, kehrt zurück von den vielen Festen, mit denen es am Vortag, dem Namenstag der beiden Heiligen, gefeiert hat. Heiße Schokolade und Fettgebackenes warten jetzt auf die Spätheimkehrer, ein Muntermacher nach durchzechter Nacht.

Immer wieder reklamiert das halbe Hundert Burschen aus Navarra die Heiligen für sich. In Liedern und Gedichten tragen sie den Bürgern Arnedos ihre Argumente vor, wie immer witzig und wortreich. Doch die geben Kosmas und Damian nicht frei. »Autrono!«, machen sie die Schönredner nieder, die wenig später die letzte Attacke starten. Es ist der dritte und letzte Raubversuch, mehr sind im Drehbuch des Brauches nicht vorgesehen.

Gegen Mittag kehren Kosmas und Damian stets in die Kirche zurück. Das ist das Startsignal für acht lange Feiertage; für eine spanische Festwoche, die jeden Morgen mit dem Lauf der Stiere startet. Dem traditionellen Encierro, bei dem die Wagemutigsten aus Arnedo kräftigen Bullen vorausrennen, in einem Holzgatter bis zur Arena quer durch die Neustadt.

Mittags brutzeln Fisch und Fleisch in riesigen Pfannen und Töpfen, servieren die sogenannten Penas das Beste aus Küche und Keller. Es sind Gesellschaften, die das Heiligenfest organisieren. Für die Jüngsten gibt es Marionettenspiel, für die Älteren Volkstheater und Stierkampf. Bis tief in die Nacht spielen dann die Orchester, tanzt und singt man auf den Straßen.

Der Raub der Heiligen ist dann längst vergessen. Das kleine Spektakel zum Festbeginn, das Arnedos Kirchweih zum großen Fest hat werden lassen.

Günter Schenk

Die Bärtigen mit dem Heiligenschein

Kosmas und Damian waren der Überlieferung nach Zwillingsbrüder im heutigen Syrien. Als Ärzte hätten sie die Menschen kostenlos behandelt und so zum Christentum bekehrt. Im Gefolge der Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Diokletian seien sie gefoltert und schließlich enthauptet worden. Auch wenn sichere historische Nachrichten über ihr Wirken fehlen, gilt der bereits um das Jahr 500 belegte Kult um die beiden Heiligen als Beleg für den historischen Kern der vielen über sie verbreiteten Legenden.

Viele Kirchen wurden in ihrem Namen erbaut. Im Mittelalter fanden die Mediziner vor allem in den immer wieder von Epidemien bedrohten Großstädten Verehrung. Um 850 brachte ein Hildesheimer Bischof einen Teil ihrer Reliquien nach Deutschland. Heute finden sich Teile ihre Gebeine auch in Essen und München. Ammen, Ärzten, Apothekern, Drogisten, Friseuren, Krämern und Zuckerbäckern gelten sie als Schutzpatron. Der Gedenktag der beiden Heiligen ist in der römisch-katholischen Kirche der 26. September.


Bedroht, vertrieben, getötet

28. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Christenverfolgung: »Open Doors« legt neue Statistik vor – Kirchenamt der EKD ruft am 21. Februar zum Gebet


Langsam dringt es ins deutsche Bewusstsein: Christenverfolgung ist keine Episode aus dem Römischen Reich, sondern grausame Realität.

Die Christen sind weiterhin nicht nur die größte, sondern auch die am stärksten verfolgte Religion der Welt. Besonders radikale Islamisten sorgten im vergangenen Jahr dafür, dass es Christen in vielen Teilen der Welt zunehmend schlechter ging: Unter den 50 Ländern, die das christliche Hilfswerk »Open Doors« in seinem jüngst vorgestellten Weltverfolgungsindex auflistete, sind 35 Länder mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung. Auf Platz eins der Liste findet sich allerdings weiterhin das kommunistisch regierte Nordkorea, in dem bereits der Besitz einer Bibel strafbar ist, und wo derzeit mehrere ausländische Pastoren unter dem Verdacht der Missionstätigkeit inhaftiert sind.

Auf Platz zwei folgt dann aber der Irak, auf Platz drei Eritrea und auf den Plätzen vier und fünf Afghanistan und Syrien. Denn es sind vor allem islamistische Gruppen wie Boko Haram, Al Shabaab und nicht zuletzt der »Islamische Staat« (IS), die mit extremer Gewalt gegen Christen und andere Minderheiten vorgehen, berichtet Markus Rode, der Leiter von »Open Doors Deutschland«. Aber auch in hinduistischen und buddhistischen Ländern wie Indien und Myanmar führt nach Beobachtungen von »Open Doors« ein zunehmend religiös motivierter Nationalismus zur Radikalisierung von Bevölkerungsteilen und einer deutlichen Intensivierung der Christenverfolgung.

»Angesichts eines Exodus von Christen aus dem Nahen Osten und einer Verfolgung im Stil ethnischer Säuberung, die auch auf Afrika übergreift, müssen Politiker und Kirchen ihre Anstrengungen zum Schutz und zur Unterstützung verfolgter Christen deutlich verstärken«, so die klare Forderung von Rode.

Tatsächlich engagierten sich die großen christlichen Kirchen in Deutschland schon in den letzten Jahren deutlich intensiver für verfolgte Christen. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) beispielsweise hat im Jahr 2010 damit begonnen, den Sonntag »Reminiszere«, der in diesem Jahr auf den 21. Februar fällt, als Gebetstag für verfolgte Christen zu begehen. Im Mittelpunkt steht diesmal das Land Eritrea. In dem nordostafrikanischen Staat sind laut »Open Doors« Tausende Christen wegen ihres Glaubens unter menschenunwürdigen Bedingungen inhaftiert. Dazu wurde von der EKD eine Materialsammlung für die Gemeinden erarbeitet, die im Internet zur Verfügung steht. Die katholische Deutsche Bischofskonferenz ruft seit Jahren am 26. Dezember zum Gebet für verfolgte Christen auf, die Deutsche Evangelische Allianz ebenso an einem Sonntag im Herbst, dieses Jahr am 13. November.

In der Bundespolitik ist es indes vor allem die CDU, die das Thema in den Blick genommen hat. Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Volker Kauder, engagiert sich bereits seit vielen Jahren für die Religionsfreiheit. »Derzeit spüren wir in Deutschland hautnah die Folgen von religiös begründetem Terror«, so Kauder. »Viele Menschen aus Syrien oder dem Irak kommen in unser Land, um Zuflucht zu suchen.« Dazu gehörten Christen, aber auch Jesiden oder Muslime aus dem Irak. »Als Christen und als Fraktion, die sich auf das christliche Menschenbild beruft, müssen wir auch weiter dafür eintreten, Verfolgten Zuflucht zu gewähren«, so Kauder. Zudem müsse die deutsche Außenpolitik alles tun, um der Religionsfreiheit einen noch höheren Stellenwert zu geben.

Vor einer Fortsetzung der Christenverfolgung in Deutschland warnte dagegen der Vorsitzende des speziell mit diesem Thema befassten Stephanus-Kreises in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der Abgeordnete Heribert Hirte. »Die derzeitige Flüchtlingssituation in Deutschland zwingt uns zu einem prüfenden Blick in deutsche Asylheime«, so Hirte. »Schließlich müssen wir sicher gehen, dass die religiösen Minderheiten unter den Flüchtlingen ihren Glauben in den Unterkünften ebenso frei leben können wie ihre muslimischen Mitbewohner.«

Benjamin Lassiwe

www.opendoors.de

www.ekd.de/fuerbitte

Zum Beispiel: David

Welt-04-2016David lebt in einem für Christen gefährlichen Gebiet: Die Region Yobe im Norden Nigerias ist immer wieder Schauplatz gewaltsamer Übergriffe der islamistischen Boko Haram gegen Christen. Eines Abends wurde David von Boko-Haram-Kämpfern überfallen. Sie zerrten ihn vor die Tür. »Wir werden dich töten, weil du Christ bist!« Sie begannen, ihm von hinten den Hals aufzuschneiden. Als sie glaubten, er sei tot, ließen sie ihn liegen und verließen das Gelände. Zu Fuß schleppte sich David zu dem islamischen Oberhaupt des Dorfes. Der Mann war völlig schockiert und rief sofort Hilfe. Noch während sie darauf warteten, erklärte der Schwerverletzte, dass er seinen Angreifern vergeben wolle. Inzwischen ist David genesen und bezeugt: »Ich habe keine Angst vor dem Tod oder Boko Haram. Ich möchte, dass alle Muslime Jesus kennenlernen!«

(Quelle: Open Doors)

Religionsfreiheit braucht Differenzierung

21. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Politik: In Berlin stand das Thema Christenverfolgung auf der Tagesordnung des Menschenrechtsausschusses


Jahrzehntelang spielte das Thema kaum eine Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung. Doch die Sensibilität für Verstöße gegen die Glaubensfreiheit wächst. Pauschale Antworten helfen allerdings nicht.

Seit 2010 ist der deutsche Theologe, Philosoph und Historiker Heiner Bielefeld als Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit des UN-Menschenrechtsrates tätig. Der Professor für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg mahnt einen differenzierten Umgang mit dem Begriff der Religionsfreiheit an. Während eines Vortrags in Berlin kritisierte er in der vergangenen Woche beispielsweise den regelmäßig veröffentlichten »Weltverfolgungsindex« des evangelikalen Hilfswerks »Open Doors«: »Ich habe große Zweifel daran, dass diese Zahlen solide sind.« Bielefeldt warf dem Hilfswerk vor, über keine klaren Kriterien für den Begriff der Verfolgung zu verfügen und den Terminus »Christenverfolgung« deswegen sehr weitläufig anzuwenden.

Blick-21-2012

Unter Druck: Angehörige der koptischen Minderheit in Ägypten demonstrieren gegen die Verfolgung ihrer Familien. – Foto: privat

Aus der Sicht des Sonderberichterstatters gibt es beim Thema religiöser Verfolgung »keine natürlichen Täterreligionen und keine natürlichen Opferreligionen«. So seien die Kopten in Ägypten eine Religionsgruppe, die seit vielen Jahren unter einer starken Diskriminierung durch Muslime leide. Der verstorbene koptische Papst Shenouda III. habe sich jedoch mehrfach an den früheren ägyptischen Staatspräsidenten Husni Mubarak gewandt, um ihm seinerseits deutlich zu machen, dass die Zeugen Jehovas keine Christen seien und sich demzufolge auch nicht auf die den Christen zustehenden Rechte der ägyptischen Verfassung berufen könnten. Dies habe letztlich zu einer noch stärkeren Diskriminierung der Zeugen Jehovas geführt.

Auch der Menschenrechtsausschuss des Deutschen Bundestags ­beschäftigte sich in der vergangenen Woche in einer Anhörung mit der ­Situation der Christen im Orient und den arabischen Staaten Nordafrikas. Und auch dabei wurde deutlich, dass mit Begriffen wie »Christenverfolgung« oder »religiöser Diskriminierung« besser vorsichtig umzugehen ist.
So verwies der Leiter der Fachstelle Menschenrechte des katholischen Hilfswerks Missio, Otmar Oehring, darauf, dass es derzeit in keinem Land des Nahen Ostens »Christenverfolgung im Wortsinne« gebe. Allerdings, so schränkte der Experte ein, gelte diese Aussage nicht für Konvertiten, die vom Islam zum Christentum übertreten. »Hier müssen wir durchaus von Verfolgung sprechen.«
Ähnlich äußerte sich auch der ­frühere Leiter der Evangelischen Akademie Loccum, Fritz Erich Anhelm. Seiner Ansicht nach kann von einer »systematischen Verfolgung von Religionsgemeinschaften auch in Ägypten keine Rede sein.« Ein Problem sei aber der »mangelnde staatliche Schutz vor Übergriffen und einer ungenügenden Strafverfolgung durch Polizei und ­Justiz«.

Die Leiterin des Instituts für Islamfragen der Deutschen Evangelischen Allianz, Christine Schirrmacher, wies allerdings darauf hin, dass es in den arabischen Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens nirgends eine echte Religionsfreiheit gemäß der UN-Menschenrechtserklärung gibt: Religionswechsel seien vielfach nicht erlaubt, und nicht-islamischen Religionsgemeinschaften werde die gleichberechtigte Anerkennung durch den Staat verweigert. »Nicht-Muslime werden im Bildungssektor, beim Militär und in der Politik benachteiligt.«
Insgesamt bestach auch die Bundestags-Anhörung zur Situation der Christen im Nahen Osten durch ihre Sachlichkeit. Zusammen mit dem ­Vortrag von Bielefeldt zeigte sie, dass das Thema Religionsfreiheit nun endgültig die Agenda des politischen Berlins erreicht hat: Dass es im Plenum des Parlaments Debatten über das türkische Kloster Mor Gabriel gibt und Abgeordnete der CDU/CSU-Bundestagsfraktion einen »Stephanuskreis« gründen, um sich speziell dem Thema »Christenverfolgung« zu widmen, wäre noch vor zehn Jahren völlig undenkbar gewesen.

Da war es dann umso bedauerlicher, dass ausgerechnet der einzige arabische Christ unter den geladenen Experten, der palästinensische Pfarrer Mitri Raheb, in der Anhörung völlig aus der Rolle fiel: Er führte vor den überraschten Abgeordneten aus, dass es im Nahen Osten nur drei Staaten mit einem problematischen Verhältnis von Staat und Kirche gebe: Die islamische Republik Iran, das Königreich Saudi-Arabien – und Israel, den jüdischen Staat.
»Jeder, der nicht jüdisch ist, wird dort systematisch benachteiligt«, so Rahebs Begründung. Ein Vorwurf, der aus palästinensischer Perspektive vielleicht sogar verständlich sein kann. Doch angesichts der im Iran verhängten Todesstrafen für Konver­titen und des völligen Verbots der Ausübung aller nicht-islamischer Religionen in Saudi-Arabien wirkte der Vergleich des Pfarrers dann doch eher zweifelhaft.
Benjamin Lassiwe

Glaubensmut im Königreich

17. September 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Marokko: Zwischen Anerkennung und Gefängnis – einheimische Christen machen aus ihrem Glauben kein Geheimnis

Das nordafrikanische ­Marokko ist ein beliebtes ­Urlaubsland. Der Islam ist Staatsreligion. Doch im Untergrund gibt es eine kleine Gemeinde zum ­Christentum konvertierter Einheimischer.

Von Romy Schneider

Ob Frischfleisch, Obst oder Haushaltwaren – auf einem arabischen Souk, wie hier in der Altstadt im marokkanischen Fes, gibt es alles. (Fotos: Romy Schneider)

Ob Frischfleisch, Obst oder Haushaltwaren – auf einem arabischen Souk, wie hier in der Altstadt im marokkanischen Fes, gibt es alles. (Fotos: Romy Schneider)

Ziegenköpfe, Rinderhufe und Fliegen. Viele Fliegen. Der Metzger legt das Messer beiseite, greift zum Wedel und verscheucht die schwarzgrünen Plagegeister von den Fleischstücken auf der Ladentheke. Immer wieder aufs Neue. Das Leben in dem städtischen Souk ­irgendwo in Marokko ist geschäftig und doch nicht hektisch. Der Souk ist das Leben, heißt es.

In den traditionellen orientalischen Handwerks- und Geschäftsvierteln, die typisch sind für arabische Städte, scheint jeder jeden zu kennen. In dem Labyrinth aus verwinkelten Gassen, kleinen Läden und Werkstätten türmen Händler Waren auf: Oliven, Gewürze, Teppiche, Stoffe. Arbeiter klopfen in den Handwerkergassen Beulen aus dem Blech. Und mehrmals am Tag ruft der Muezzin in diese Welt hinein zum islamischen Gebet.

Auch Abdel hat hier sein kleines Geschäft. Es ist sicherer für ihn, wenn sein richtiger Name nicht in der Zeitung steht. In seinen Laden verirren sich kaum Kunden. Dennoch nimmt er Tag für Tag die Lederstücke und setzt sich an seine Nähmaschine. Für einen Marokkaner in dem islamischen Königreich betreibt Abdel ein außergewöhnliches Gewerbe. Er stellt Schutzhüllen für Bibeln her. In die Innenseiten der Einbände klemmt er ­einen Zettel, sein Markenzeichen: »Hergestellt in Marokko von einem Berber-Christen«.

Die Berber sind die Urbevölkerung Nordafrikas. Abdel gehört zu den schätzungsweise 1000 einheimischen Christen, die es in Marokko gibt. Über christliche Fernseh- und Radioprogramme, die via Satellit auch in Marokko empfangbar sind, kamen in den vergangenen Jahren viele Marokkaner zum Glauben an Jesus Christus. Wie andere versteckt auch Abdel seinen Glauben nicht. Am Fenster seines Ladens klebt das Fisch-Symbol, das urchristliche Erkennungszeichen.

Glaubensübertritte: ohne Strafe, aber unerwünscht

Moschee-Eingang in Fes: Offiziell sind 99 Prozent der Marokkaner Moslems.

Moschee-Eingang in Fes: Offiziell sind 99 Prozent der Marokkaner Moslems.

»Die benachbarten Ladenbesitzer wissen, dass ich Christ bin«, erzählt er. Genauso wie die Behörden. Als Laienpastor kümmert er sich um 16 weitere Konvertiten. Regelmäßig besuchen ihn Polizisten und wollen wissen, warum er den Islam verlassen hat. Ob Ausländer ihm dafür Geld geboten haben. Und so weiter. »Für uns marokkanische Christen gehören Verhöre, Bespitzelungen und durchaus auch Gefängnis zum Alltag. Wir kennen es nicht anders«, sagt er.

Eine Kirche, wie die etwa 23.000 ausländischen, meist katholischen Christen in Marokko, darf Abdel nicht besuchen. Zwar steht Konversion für einen Muslim nicht unter Strafe, doch ehemalige Muslime erfahren in Marokko viel Druck. Offiziell anerkannt sind sie nicht. Denn ein Marokkaner ist traditionell ein Muslim. Und missionieren ist verboten. Daher könnte eine Predigt von einem missliebigen Zuhörer als Versuch gedeutet werden, seinen Glauben »zu erschüttern«. Die nicht sichtbare marokkanische Gemeinde Jesu feiert darum in privaten Wohnzimmern ihre Gottesdienste. Und das möglichst leise.

Seit etlichen Monaten geht die Regierung auch hart gegen ausländische Christen vor. 128 von ihnen wurden ausgewiesen. Beobachter der Vorgänge sprechen von einer regelrechten »Säuberungskampagne«. Der stereotype Vorwurf: Sie sollen Muslime mit falschen Versprechen oder Anreizen bestochen haben, Christen zu werden. Bewiesen haben die Behörden das bisher nicht. Viele vermuten hinter den Maßnahmen die Angst der Regierung vor islamischen Fundamentalisten. Denn würde der König Konvertiten offiziell als Christen anerkennen, liefen Islamisten Sturm gegen die Regierung.

König Mohammed VI. gilt als »Herrscher der Gläubigen«. Er muss daher den Platz des Beschützers des Islam einnehmen. Ein Glaubenswechsel ist im Koran für einen Muslim nicht vorgesehen. Was die marokkanische Gemeinde Jesu dringend braucht, ist Gebet. Denn der Druck könnte weiter zunehmen.

»Vor dem Gefängnis habe ich keine Angst«

Auch Karim, ein Mittvierziger, rechnet jeden Tag damit, verhaftet zu werden. Bei einem der üblichen Verhöre habe ihm ein Polizist gesagt: »Jetzt sind die Ausländer dran, danach machen wir mit euch weiter.« Doch das Gottvertrauen des ehemaligen Muslims ist unerschütterlich. Unermüdlich spricht Karim mit Landsleuten über das Evangelium. Was ihn dazu ermutigt? Er schlägt die Bibel auf: »Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.« (Philipper 1,21) Dies sei ein Spiegelbild seines Lebens.

Zwei Mal wurde Karim schon verhaftet. »Vor dem Gefängnis habe ich keine Angst. Auch dort gibt es Menschen, die vom Evangelium noch nichts gehört haben.«

Die Autorin ist Pressereferentin des Hilfswerkes für verfolgte Christen Open Doors Deutschland e.V. und besuchte vor kurzem Marokko.

Die Lage bleibt ernst

28. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Christenverfolgung: Ein Gespräch mit Markus Rode von »Open Doors«

Immer am Jahresanfang ­veröffentlicht das christliche Hilfswerk »Open Doors« ­seinen Weltverfolgungsindex.

Benjamin Lassiwe sprach ­darüber mit Markus Rode.

Markus Rode ist Leiter des überkonfessionellen Hilfswerkes »Open Doors«-Deutschland. Foto: Open Doors

Markus Rode ist Leiter des überkonfessionellen Hilfswerkes »Open Doors«-Deutschland. Foto: Open Doors

Herr Rode, wie steht es zu Beginn des Jahres 2010 um die Religionsfreiheit?
Rode:
Besorgniserregend. Besonders Christen in Nordkorea und in streng islamischen Ländern spüren keine Veränderung. Im Gegenteil: Nordkorea ist zum achten Mal in Folge mit Platz 1 der schlimmste Christenverfolgerstaat weltweit. Cirka 70000 Christen sind aufgrund ihres Glaubens im Arbeitslager. Unter den ersten zehn Ländern im Index sind acht islamisch geprägte Länder. Wir erleben einerseits, dass viele Muslime etwa im Iran oder auch Algerien am christlichen Glauben interessiert sind und Christen werden. Doch andererseits sind gerade in diesen Ländern der Druck und die Verfolgung von ehemaligen Muslimen hoch. Denn die persönliche Entscheidung eines Muslims, seine Religion zu wechseln, wird von religiösen Eiferern und häufig der ­Familie des Konvertiten nicht respektiert.

Was hat sich beim Weltverfolgungsindex im Vergleich zum letzten Jahr verändert?
Rode:
In der islamischen Welt spüren wir massive Verschlechterungen. Der jetzige Drittplatzierte Saudi-Arabien ist von Platz zwei des Index abgelöst worden vom Iran. Dort gab es Verhaftungswellen, bei denen die Geheimpolizei Wohnhäuser gestürmt hat und 85 Christen wegen ihres Glaubens inhaftiert und misshandelt hat. Dramatisches hören wir auch aus Mauretanien, mit der größten Veränderung im Index. Zehn Positionen von 18 auf acht rückte das islamische nordafrikanische Land unter die ersten zehn schlimmsten Verfolgerstaaten. Voriges Jahr wurde dort ein ausländischer, christlicher Entwicklungshelfer von Islamisten ermordet.

Wie kommen Sie an solche Informationen – Länder wie Nordkorea sind ja gemeinhin abgeschottet?
Rode:
Als Hilfswerk berichten wir nicht nur über verfolgte Christen, wir unterstützen sie auch. Das sind unsere Arbeitsgebiete. Zu Christen in Nordkorea beispielsweise unterhalten wir enge Kontakte, die sich im Laufe der Jahre – wir sind seit Mitte der 1990er Jahre dort aktiv – verdichtet haben. Dadurch erfahren wir auch, welche Hilfe für die Gemeinden dringend benötigt wird. Die Informationen kommen aus erster Hand und ­zuverlässigen Quellen.

Sind Sie in allen Ländern ihres Indexes aktiv?
Rode:
Wir sind in über 50 Ländern ­aktiv, doch nicht aus allen können wir über die Projekte berichten, um die Christen vor Ort nicht zu gefährden.

Aber das ist ja genau die Frage: Nutzt es verfolgten Christen wirklich, wenn ein ausländisches Hilfswerk im eigenen Land eine Untergrundorganisation aufbaut?
Rode:
Kirchenleiter vor Ort kennen ihr Land und die Bedürfnisse der Gemeinden am besten. Daher arbeiten wir mit ihnen, aber auch mit einheimischen Organisationen und Kirchen zusammen. Unsere Mitarbeiter sind einheimische Christen, die selbst Verfolgung erlebt haben. Wir entsenden keine Missionare etwa nach Nordkorea, die dann da eine Organisation aufbauen. Das war nie unsere Arbeitsweise. Sondern wir sprechen mit verfolgten Christen und unterstützen sie bei ihrem Dienst.

Wo hat sich die Situation der Christen denn verbessert?
Rode:
Wenngleich sich die Situation in Algerien de facto nicht verändert hat, hat sie sich doch beruhigt. Das
ist auch dem internationalen Protest geschuldet. Die algerische Kirche wächst – was für Ärger unter den einheimischen Muslimen sorgt. Nachdem nach Erlass eines neuen Gesetzes viele Kirchen geschlossen wurden, haben Christen im Ausland und Politiker massiv protestiert. Oder Indien: 2008 hatte die Verfolgung von Christen im Bundesstaat Orissa einen Höhepunkt erreicht. Zwar kommt es in Indien weiterhin fast täglich zu Angriffen auf Christen, aber ein zweites Orissa gab es nicht.