Die wiedererfundene Gemeinde

4. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Moldau: In Chisinau ist die deutsche evangelische Kirche verschwunden, doch Einheimische haben sie wiederbelebt

Eigentlich gibt es seit dem Zweiten Weltkrieg keine Deutschen mehr im früheren Bessarabien. Doch in der moldauischen Hauptstadt ­ertönen seit einigen Jahren wieder deutsche Choräle.

Anna Dragan empfängt ihre Gäste im Tiefparterre des Plattenbaus. Der schlichte Saal wirkt aufgeräumt, auf den Plastiktischen stehen Kaffee und Kekse. Von der lauten, staubigen Straße aus sehen die Räume eher wie ein kleiner Laden oder wie ein Lokal aus. »Willkommen in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Sankt-Nikolai«, erklärt die energische Frau in feierlichem Ton. Sie stolpert manchmal über die deutschen Worte, aber hat Spaß an der Sprache. Anna Dragan kommt ursprünglich aus einem Bulgaren-Dorf im Süden der Republik Moldau, doch heute ist sie das Herz der Deutschen Gesellschaft »Einigkeit«.

Ältere Paare kommen und setzen sich auf Holzbänke und Klappstühle. Anna Dragan verteilt Gesangbücher für die kurze Andacht vor dem Gemeinschaftstreffen. Von den rund 50 Mitgliedern der Gemeinde sind an diesem Freitagnachmittag nur 15 gekommen. »Jeden Montag bieten wir aber auch Deutschunterricht, vor allem für die jüngere Generation«, ­berichtet die Anna. Gepredigt wird ­jedoch auf Russisch, denn das ist die Sprache, die alle hier verstehen.

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Gottesdienst im Tiefparterre des Plattenbaus: Pfarrer Valentin Dragan, der einzige evangelische Geistliche in der Moldau, zwischen den Ministranten Aleksei Kopper und Daniel Tertetschni, beim Dankgebet für die Spenden. – Foto: Dagmar Gester

Nach der Perestroika die eigenen Wurzeln entdeckt

Anna Dragans Mann, Valentin, ist seit acht Jahren der Pfarrer der Gemeinde – und der einzige evangelische Pfarrer in Chisinau, der Hauptstadt der Republik Moldau. Seine Muttersprache ist der rumänische Dialekt der Moldauer, im Alltag spricht er, wie die meisten seiner Landsleute, Russisch. Doch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Unabhängigkeitserklärung seines kleinen Landes erfuhr Dragan, der früher als Techniker in ­einer Fabrik arbeitete, Näheres über seine Familie. Dragans Großmutter hieß Sophie Jeworski und ihr Vater – Wilhelm. Sie waren Bessarabiendeutsche. »Kurz darauf habe ich angefangen, Deutsch zu lernen«, erinnert sich Dragan.

Die Provinz Bessarabien, ein Streifen zwischen den Flüssen Pruth und Dnjestr, gehörte im 19. Jahrhundert zum Russischen Reich, die Zaren ­freuten sich über die deutschen Siedler, die vor allem aus Württemberg ­kamen. Die erste evangelische Gemeinde in Chisinau wurde 1827 gegründet und die ursprüngliche Sankt-Nikolai-Kirche wurde elf Jahre später eingeweiht.

»Vor dem Zweiten Weltkrieg betrachteten viele Bevölkerungsgruppen Bessarabien als ihre Heimat. Das Gebiet glich einem Flickenteppich, wo sich Juden, Rumänen, Polen, Ukrainer, Deutsche und Roma begegneten«, beschreibt der Bukarester Historiker Lucian Boia die Ausgangslage. Doch nach dem Hitler-Stalin-Pakt wurde die Provinz, die seit 1918 ein Teil Rumäniens war, von der Roten Armee besetzt.

Deutsche wurden Opfer des Hitler-Stalin-Paktes

Fast alle 100000 Deutschstämmigen verließen 1940 ihre Häuser und Bauernhöfe und folgten dem offiziellen Aufruf »Heim ins Reich«. Dragans Großmutter gehörte zu den ganz ­wenigen, die damals der Bevölkerungspolitik der Nazis nicht folgte – weil ihr Mann, Feodor Sotirca, in seinem Heimatdorf Floresti bleiben wollte. »Er war Moldauer und es war ihm egal, in welchem Land sein Dorf lag«, erinnert sich Dragans Mutter Evghenia.

Nach dem Krieg wurde Bessarabien wieder zur Sowjetrepublik Moldau. Feodor Sotirca, seine Frau Sophie und ihre Tochter Evghenia wurden wegen »Verrats« nach Sibirien deportiert. Erst nach Stalins Tod konnte die Familie nach Floresti zurückkehren. Die alte Sankt-Nikolai-Kirche wurde geschlossen und später abgerissen, an ihrer Stelle steht heute der Präsidentenpalast.

Im Februar 2000 wurde die Gemeinde dann allerdings wieder gegründet und ist inzwischen offiziell anerkannt. »Damals waren wir vielleicht 20 Leute und nur die ältesten hatten je in ihrem Leben eine Evangelische Kirche gesehen oder überhaupt jemals einem Gottesdienst beigewohnt«, erinnert sich Pfarrer Dragan. »Mit dem Zusammenbruch des Staatssozialismus begannen viele ehemalige Sowjetbürger, nicht nur bei uns in der Moldau, nach einer neuen Identität zu suchen. Zugehörigkeiten wurden wiederentdeckt – oder wiedererfunden«, erklärt die Historikerin Diana Dumitru, die an der Staatsuniversität in Chisinau zeitgenössische Geschichte unterrichtet.

Valentin Dragan wollte immer mehr über seine Familie erfahren und interessierte sich für Theologie. Er wollte evangelisch werden. Heute ­feiert er jeden zweiten Sonntag um 10 Uhr den Gottesdienst. Zusammen mit seiner Frau fährt er bereits zwei Stunden vorher zu dem Tiefparterre, das in einem der anonymen Plattenbauviertel der moldauischen Hauptstadt liegt. Der Saal muss jedes Mal umfunktioniert werden:

Valentin und Anna Dragan räumen die Plastiktische weg, reihen die Holzbänke ordentlich hintereinander und bereiten sich für die Zeremonie vor. »Seit sieben Jahren stellen wir Anträge bei der Hauptstadtverwaltung, um ein kleines Grundstück zu bekommen. Dann könnten wir vielleicht mit unseren ­bescheidenen Mitteln eine kleine Kapelle bauen. Doch bis heute ist nichts passiert«, beschwert sich der Pfarrer.

Kleine und arme Gemeinde, aber mit Sozialprojekt

Unter der Woche wird das Tiefparterre zum Speisesaal. Gut zehn Bedürftige aus der Nachbarschaft, vor allem Rentner und Behinderte, bekommen montags bis freitags eine warme Mahlzeit. »Vor ein paar Jahren hatten wir genug Geld für 20 Leute, doch die Kosten von Energie und Lebensmitteln sind mittlerweile so gestiegen, dass wir es nicht mehr schaffen«, sagt Anna Dragan, die 2005 die Idee für dieses kleine Sozialprojekt hatte.

Gilt doch die Republik Moldau mit einem monatlichen Durchschnittslohn von 150 Euro nach wie vor als ärmstes Land Europas. »Viele unserer Mitglieder sind ältere Leute, die von einer Rente von 80 Euro im Monat ­leben müssen. »Wir haben es gerade nicht leicht, aber das ist nicht Sibirien. Unsere Eltern haben schon schwierigere Zeiten erlebt«, sagt Anna Dragan zuversichtlich.

Silviu Mihai