»Gott ist Mensch geworden unter den Armen«
18. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Porträt: Die ökumenische Stiftung »Cristo Vive« engagiert sich in Chile für Gesundheit und Bildung
Die Nonne Karoline Mayer aus Deutschland unterstützt seit Jahren die Bewohner eines Elendsviertels in Santiago de Chile beim Kampf um Arbeit, Brot und Menschenwürde.

Schwester Karoline Mayer erhielt schon viele Auszeichnungen – darunter 2001 ehrenhalber die chilenische Staatsbürgerschaft. Foto: Christo vive
Schwester Karoline gründete sie 1990, kurz nach dem Ende der Militärdiktatur. Zu der Stiftung gehören Kindertagesstätten und Berufsbildungszentren, Polikliniken, ein Tageszentrum für Drogenkranke und – eine Seltenheit in Chile – eine Werkstatt für Behinderte. Über sich und ihre Mitarbeiter sagt Schwester Karoline: »Wir kommen nicht, um in Recoleta zu herrschen, um irgendetwas für uns aufzubauen, sondern um mit den Menschen Dinge zu tun, bei denen sie ihr Leben in die Hand nehmen und auf ihre eigenen Füße kommen.«
Elendshütten am Rande der modernen Großstadt
Schwester Karoline ist eine zierliche Frau mit weißen Haaren und lebhaften blauen Augen. Wenn sie ihre kräftige Stimme erhebt, ahnt man, welche Energie in ihr steckt. Die braucht sie, um immer aufs Neue in Recoleta zu bestehen. Vor der majestätischen Kulisse der Anden, die sich unweit der chilenischen Hauptstadt erheben, haben die Menschen mit einfachen Mitteln Hütten und Häuschen gebaut. Es gab Zeiten, da weigerten sich die Taxifahrer von Santiago, jemanden nach Recoleta zu fahren. Gewalt herrschte, Drogensüchtige begingen Überfälle, um die nächste Dosis zu bezahlen.
Inzwischen hat sich die Situation etwas entspannt – auch dank der Stiftung »Cristo Vive«. Doch noch immer leben bis zu 20 Personen in mancher Hütte, die kaum größer ist als 50 Quadratmeter. Jetzt kämpfen die Menschen in Recoleta mit den Folgen des Erdbebens. Ende Februar hatte es viele Häuser zerstört und die Stromleitungen beschädigt.
Menschen misstrauten der Institution Kirche
In Recoleta arbeitet in einer Großfamilie oft nur eine einzige Person: die Mama. Ihre Jüngsten kann sie in den Kindergarten »Naciente« bringen, der zur Stiftung »Cristo Vive« gehört. In dem gelb, rot und blau angestrichenen Gebäude spielen Zwei- bis Fünfjährige. »Naciente« bedeutet Geburt. »Wir nehmen die Ärmsten der Armen auf«, sagt die Chilenin Aurelia Arredondo, die den Kindergarten leitet.
Anfangs begegneten die Menschen in Recoleta der Nonne aus Deutschland und ihren Helfern mit Misstrauen. »Die Kirche war für sie damals eine mächtige Institution, die sie beherrschte und mit der sie nicht viel zu tun haben wollten«, erinnert sich Schwester Karoline an die frühen Siebziger. Auch ihr Orden, die Steyler Missionsschwestern, betrachtete ihren Einsatz im Elendsviertel mit Skepsis. Die Steyler Missionsschwestern sahen ihre Aufgabe in jener Zeit vor allem darin, die Oberschicht Chiles zu missionieren.
Karoline jedoch bat ihren Orden sogar um Erlaubnis, in eine kleine Holzhütte mitten in Recoleta zu ziehen. Die Holzpritsche, auf der sie nachts schlief, wurde tagsüber zum Behandlungstisch, auf dem die gelernte Krankenschwester ihre Patienten behandelte. Nach vielen Diskussionen verließ Schwester Karoline schließlich den Orden. Bei den Bewohnern von Recoleta erkämpfte sie sich Respekt, erst recht, als sie nach dem Militärputsch von 1973 im Land blieb, um den Armen (und manchem Regimegegner) aktiv beizustehen. »Es war der ganze Sinn meines Lebens, unter den Menschen dort zu sein«, sagt sie. »Ich wollte ihnen nahebringen, was unser Glaube ist, dass nämlich Gott Mensch geworden ist unter den Armen.«
Schwester Karoline lebt heute in der Arbeitersiedlung Quinta Bella, die zu Recoleta gehört. Ihr wichtigstes Projekt – neben der Beseitigung der Erdbebenschäden – ist die Berufsausbildung, die ihre Stiftung anbietet. Sie setzt sich dafür ein, dass das chilenische Erziehungsministerium Berufsabschlüsse grundsätzlich zertifiziert und Geld für die Ausbildung zahlt. »Beruf ist in Chile nur etwas für Akademiker«, sagt sie. Eine Lehre – wie in Deutschland – gebe es nicht. »Handwerkliche, körperliche Arbeit wird als etwas Minderwertiges angesehen.«
Berufsausbildung ist das wichtigste Anliegen
Unter dem Dach von »Cristo Vive« wurden seit 1992 mehr als 11000 junge Menschen ausgebildet – im Handwerk, zu Krankenpflegern, Servicekräften in der Gastronomie. Das staatliche Bildungssystem, das während der Diktatur zusammengekürzt wurde, hatte ihnen kaum eine Chance gewährt. Viele brachen die Schule ab, lebten auf der Straße. Das Berufsbildungszentrum nahm sie trotzdem auf. Seine Abschlüsse werden von den Arbeitgebern geschätzt. »Gut ausgebildete Handwerker werden in Chile gesucht«, sagt Schwester Karoline. »Der Verdienst ist enorm gestiegen. Manche bekommen sogar mehr als Akademiker.«
Von Josefine Janert
