»Jesus wäre Schlagzeile gewesen«

18. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Interview: BILD-Journalist Daniel Böcking erzählt, warum er seinen Glauben öffentlich gemacht hat

Vor einem Jahr erregte er Aufsehen: Daniel Böcking, stellvertretender Chefredakteur von »Bild.de«, bekannte sich in einem Beitrag öffentlich zu seinem christlichen Glauben. Anlässlich seines Auftritts in der Reihe der »Weimarer Bibellesungen« sprach Harald Krille darüber mit dem Vollblutjournalisten.

Herr Böcking, Ihre Weimarer Bibel-Lesung stand unter dem Motto »Der beste Schritt meines Lebens«. Was war denn der beste Schritt in Ihrem bisherigen Leben?
Böcking:
Mein bester Schritt war, zu erkennen, dass es »ein bisschen« Glauben nicht geben kann. Und dass ich als jemand, der, solange er denken kann, schon an Gott glaubt, dann vor einiger Zeit gesagt habe, dass dieser Gott auch Zentrum meines Lebens sein soll. Und dass ich es zu meiner ersten Aufgabe machen möchte, Jesus nachzufolgen.

Daniel Böcking ist stellvertretender Chefredakteur bei »Bild.de«. Der 39-Jährige lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Berlin. Foto: Harald Krille

Daniel Böcking ist stellvertretender Chefredakteur bei »Bild.de«. Der 39-Jährige lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Berlin. Foto: Harald Krille

Viele sehen den Glauben als etwas Privates. Vor einem Jahr schlug Ihr öffentliches Bekenntnis in »Bild« hohe Wellen. Was hat Sie dazu gebracht?
Böcking:
Ich glaube, es war der liebe Gott, der mich dazu gebracht hat. Rein szenisch muss man es sich so vorstellen, dass wir, meine Frau und ich, auf dem Sofa saßen und Fernsehen schauten. Es war eine Nachrichtensendung, in der wieder von einer Hinrichtung durch ISIS berichtet wurde. Und dann ist mir tatsächlich der Kragen geplatzt und ich habe mir gesagt: Es kann doch nicht sein, dass wir als Christen stummer und stummer werden, je mehr dort gemordet wird – angeblich im Namen eines Gottes. Für mich steht das Christentum für Barmherzigkeit, für Nächstenliebe, für Hilfsbereitschaft und Unterstützung. Zudem rollte damals die Flüchtlingswelle gerade so richtig an. Das war für mich das Signal zu sagen: Ich darf nicht länger den Mund halten, mein Glaube verpflichtet mich, jetzt aktiv zu werden. Und das war genau der Punkt, wo ich sagte, jetzt fängst du mal an, darüber zu schreiben.

Wie waren die Reaktionen darauf?
Böcking:
Da gab es natürlich zuerst einmal Kollegen, die irritiert waren, und andere, von denen ich es auch nicht geahnt hatte, sagten mir, dass sie genauso denken. Aber besonders beeindruckend war, dass im Laufe der Tage und Wochen danach immer mehr Reaktionen von Lesern kamen. Ganz oft mit so netten Sätzen wie: »Das hat mir Mut gemacht« oder »Schön, dass das mal einer aufschreibt«. Also hätten Sie mich vorher gefragt, hätte ich gesagt, dass mir da wohl einiges um die Ohren fliegen wird, aber ich bereit sei, das auszuhalten. Doch im Nachhinein hat wirklich das Positive massiv überwogen.

Gab es auch negative Kritik?
Böcking:
Die gab es natürlich auch. Auch eine Menge ganz unsachlicher Kritik, die nicht nur gegen meine Person, sondern generell gegen »Bild« ging. Aber wie gesagt, unterm Strich haben die positiven Reaktionen deutlich überwogen.

Ich kann mir vorstellen, dass es auch für manche Christen verwunderlich war, wenn der stellvertretende Chefredakteur von »Bild.de« sich plötzlich als Christ outet.
Böcking:
Ich glaube, dass jeder, den es überrascht hat, dass das Christentum auch in und für »Bild« eine Rolle spielt, ganz offensichtlich kein »Bild«-Leser ist, sonst hätte er schon mal an irgendeiner Stelle mitbekommen, dass wir unter anderem die Volksbibel gemacht haben und dass immer wieder prominente Christen bei uns feste Kolumnen haben. Der christliche Glaube ist bei »Bild« in keiner Weise Tabu. Eine Frage wurde mir allerdings oft gestellt: »Wie kannst du als Christ bei ›Bild‹ arbeiten?« Meine erste Gegenfrage lautete meist: Wieso nicht? Ich habe nie ein Problem darin gesehen, im Gegenteil. Bei »Bild« habe ich die Möglichkeit, mit ganz vielen Menschen unmittelbar in Kontakt zu treten. Ich hab eine Stimme. Wie wunderschön ist es, dort zu arbeiten und einen Chef zu haben, der einfach sagt, okay, mach doch, wenn ich sage, ich möchte jetzt mal über das Christentum schreiben.

Die wohl unvermeidliche Frage: Hätte Jesus Christus auch »Bild« gelesen?
Böcking:
Ich weiß nicht, was Jesus Christus gelesen hätte oder was er gelesen hat. Damals war die Presselandschaft ja noch nicht so ausgeprägt … Aber ich bin sicher, »Bild« hätte über Jesus Christus geschrieben; er wäre Schlagzeile gewesen. Und ich glaube, Jesus Christus hätte sich darüber gefreut, dass sein Wort so viele Menschen erreicht. Dass es nicht nur in elitären Hinterstübchen zelebriert wird, sondern tatsächlich über den Boulevard viele Menschen erreicht.

Viele sehen Glaube und Religion kritisch, weil er zu Fanatismus und Ex­tremismus führe, siehe »ISIS«.
Böcking:
Ich glaube, dass Christentum nur etwas Positives sein kann: radikal warmherzig, radikal nächstenliebend, radikal hilfsbereit. Mit solcher Radikalität kann ich gut leben. Das war auch für mich tatsächlich eine Entdeckung, weil ich selber 35 Jahre lang das Gefühl hatte, die Bibel ist etwas Abschreckendes. Und wenn ich mit dem Alten Testament anfange, dann wird es tatsächlich auch schon mal schwierig. Insofern war ich sehr dankbar für den Tipp eines Freundes, der sagte, fang mal mit dem Neuen Testament an. Und da las ich dann Sachen, und ich dachte, Manometer, das sind doch wunderbare Botschaften, wunderbare Aufträge von Jesus. Das kann doch nicht schädlich für die Gesellschaft sein. Im Gegenteil.

Sie sprachen davon, dass Ihr öffentliches Bekenntnis auch durch den Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise ausgelöst wurde. Welche Herausforderungen sehen Sie heute in dieser Krise?
Böcking:
Für mich ganz privat und persönlich hat diese Krise banal die Botschaft: Da gibt es Leute, denen geht es sehr viel schlechter als mir. Und ich habe die Möglichkeit zu helfen, also helfe ich. Genau das ist es, was ich gerade als Auftrag, auch als eine Verpflichtung sehe. Dazu gehört auch ganz klar die Abgrenzung zu dieser Angstmacherei, die von einigen betrieben wird. Ich glaube, jetzt gerade ist eine wichtige Zeit, in der man sein Christsein aktiv leben kann, indem man es auch zeigt.

Verraten Sie uns zum Abschluss noch Ihre liebste Bibelstelle?
Böcking:
Matthäus 6, Vers 33: »Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.« Das setzt mir eine klare Priorität für mein Leben. Deshalb ist dieser Vers sehr präsent in meinem Alltag und spielt bei vielen Entscheidungen eine Rolle.

Die Sache mit Gott und dem Fußball

23. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Fußball bewegt Menschen, deshalb gehört Kirche ins Stadion – auch ohne »Fußballgott«

Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Emotion pur. Deutschland, bei den vergangenen drei Weltmeisterschaften immer unter den letzten Vier, greift erneut und womöglich abermals vergeblich nach dem Titel. Nach 24 Jahren wäre es zwar mal wieder an der Zeit. Doch Deutschland scheint in Ungnade gefallen zu sein beim »Fußballgott«.

»Fußballgott«? Gibt’s den denn? Ja, sagt Dirk Schuster, Trainer des SV Darmstadt 98: »Es gibt einen Fußballgott, der uns belohnt hat für den Aufwand, den wir betrieben haben«, erklärte er vor einigen Wochen nach dem kaum mehr für möglich gehaltenen Sieg bei Arminia Bielefeld.

Doch da irrt er wohl. Wenn es denn, wovon wir Christen ausgehen, einen Gott gibt, dann gibt es nur den einen. Und der ist nicht für Fußball zuständig, ebenso wenig wie fürs Wetter. Und selbst wenn: Es wäre ihm vermutlich egal, dass nun in der nächsten Saison statt der Arminen die 98er in der Zweiten Liga spielen.

Nicht nur Trainer Schuster, auch viele Spieler und zahllose Fans beirrt das nicht. Da werden Kreuze geschlagen und Arme gen Himmel gereckt vor Spielbeginn, Tore mit Dankgebeten quittiert und die Hände gefaltet, wenn es Spitz auf Knopf steht. Auf dass der Herr im Himmel das Runde ins richtige Eckige lenke. Alles Quatsch?

Der Fußball und die Begeisterung für das Spiel tragen ganz sicher religiöse Züge. Aber schon die Behauptung, es handele sich dabei um eine Ersatzreligion, ist eine ziemlich steile These. Sie wird vielleicht von Religionssoziologen, aber gewiss von keinem echten Fußball-Fan geteilt.
Blick-25-2014Und ganz gewiss auch nicht von tiefgläubigen Kickern wie dem Stuttgarter Cacau. Der beschriftet zwar gern sein Unterhemd mit frommen Sprüchen und reckt es in die Kameras. Doch auf die Idee, das Gerenne um den Ball und das Gewese drumherum sei Religion, käme er wohl nicht. Fromme Fußballer wie der einstige Wolfsburger Star Grafite oder auch Dortmunds Trainer Jürgen Klopp wissen ganz genau, was sie auf dem Platz bewegt und was sie in die Kirche zieht. Wer also vor dem Spiel für den Sieg betet, ob Spieler, Trainer oder Fan, hat irgendetwas missverstanden.

Die Bitte um ein faires Spiel, dass man von Verletzungen verschont werde, der Wunsch nach einem aufmerksamen und korrekten Schiedsrichter – dafür hat der Herr im Himmel gewiss ein offenes Ohr. Aber dass der FC Bayern den Pokal holen möge oder bitte nicht schon wieder – das ist kein Gegenstand für ein Gebet, sondern nur Anmaßung.

Wenn die deutsche Elf den Kampf um den Titel mal wieder versemmeln sollte, dann nicht wegen göttlichen Liebesentzugs. Im Gastgeberland Brasilien hat Religion ohnehin einen deutlich höheren Stellenwert. Dort bekennen sich die Fußballer reihenweise zum Glauben, in Deutschland hat das religiöse Bekenntnis auf dem Platz hingegen eher exotischen Charakter. Somit wäre, wenn Gebete denn zum Sieg verhülfen, die Rolle des Favoriten schon aufgrund der Masse klar definiert.

Dennoch haben Fußball und Kirche allerhand miteinander zu tun. Denn im Fußball geht es um Momente, die Menschen auch sonst im Leben bewegen: Hoffnung, Niederlagen und Rückschläge und darum, wie man damit umgeht. Es geht um Wettstreit und um Respekt, um die Freude über den Erfolg.

Darum begleitet die Kirche die Leidenschaft vieler Menschen mit Gottesdiensten vor einem Spiel (wie zur Liveübertragung Ghana–Deutschland ins Frankfurter Stadion am 21. Juni), sie lädt zum gemeinsamen Schauen in Gemeindehäuser. Sie schafft gar eine halbe Pfarrstelle zur Betreuung einer Stadionkapelle, wie beispielsweise in der Frankfurter Commerzbank-Arena oder in der Arena Auf Schalke in Gelsenkirchen. Da ist weder Trittbrettfahrerei noch Notfallseelsorge am Platz, sondern ein klares Signal, dass Fußball und Religion einander weder ausschließen noch bedingen. Sie gehören einfach dazu. Für viele Menschen jedenfalls.Wolfgang Weissgerber

Der Autor ist fußballbegeisterter Chefredakteur der Evangelischen Sonntags-Zeitung aus Frankfurt/Main.