Der Erzbischof auf Sendung

16. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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In Rumänien hat sich eine lebendige orthodoxe Medienlandschaft etabliert: Laienchristen gestalten höchst erfolgreiche Zeitschriften, die Kirche hat einen eigenen TV-Sender.

Der ehrwürdige orthodoxe Erzbischof und Metropolit Andrei von Klausenburg – rumänisch Cluj-Napoca – nimmt Platz. Aber nicht auf dem Bischofsthron in seiner gewaltigen Kathedrale, sondern auf einem schmalen Stapelstuhl in einem engen Aufnahmestudio von nur wenigen Quadratmetern Fläche. Ihm gegenüber sitzt die Redakteurin Simona Vlasa und stellt Fragen zu Glauben und Spiritualität. Vor sich hat der 68-jährige Bischof ein Mikrofon. Das Aufnahmegerät läuft und registriert seine Aussagen so aufmerksam wie sonst die Gläubigen in Kirchen und Klöstern seine Predigten.

Was auf den ersten Blick nach einem Interview zu einem besonderen Anlass aussieht, ist in Klausenburg seit Gründung des Bistumssenders »Renasterea« (Wiedergeburt) 1999 längst etwas Alltägliches. Und nicht nur dort: Im siebenbürgischen Erzbistum Vad, Feleac und Cluj gibt es wie in vier weiteren Bistümern der rumänischen Orthodoxen Kirche kircheneigene Radiosender.

Erzbischöfe wie Metropolit Andrei von Klausenburg gehen regelmäßig auf Sendung, um den Hörern den orthodoxen Glauben zu vermitteln und christliche Lebenshilfe zu bieten. »Für uns ist das auch eine missionarische Gelegenheit in einer Zeit, in der das Christentum sich neu behaupten muss«, sagt Metropolit Andrei dazu.

»Die orthodoxen Radiosender sind sehr beliebt. Es gibt hier keinen Skandal- und Sensationsjournalismus, sondern ernsthafte Informationen zu wichtigen religiösen und kulturellen Themen, dazu auch Gesundheits- und Glaubensratgeber. Unsere Hörerschaft ist sehr unterschiedlich, alle Altersstufen und viele Intellektuelle hören die kirchlichen Sender als echte Alternative vor allem zu den sonstigen privaten Programmen«, hält die Radiojournalistin Vlasa fest und kritisiert damit gleichzeitig die weit verbreitete Boulevardisierung der rumänischen Medien.

Kirchliche Radiomacher: Metropolit und Erzbischof Andrei  von Klausenburg im Interview mit der Redakteurin Simona Vlasa beim Kirchensender »Renasterea«. 87 Prozent der Rumänen gehören der Orthodoxen Kirche an, Kloster- wie Gemeindegottesdienste sind in der Regel überfüllt. Foto: Jürgen Henkel

Kirchliche Radiomacher: Metropolit und Erzbischof Andrei von Klausenburg im Interview mit der Redakteurin Simona Vlasa beim Kirchensender »Renasterea«. 87 Prozent der Rumänen gehören der Orthodoxen Kirche an, Kloster- wie Gemeindegottesdienste sind in der Regel überfüllt. Foto: Jürgen Henkel

Zehn Redakteure und weitere Korrespondenten kümmern sich um das Programm. Es wird 24 Stunden gesendet, nachts laufen Wiederholungen. Religiöse Themen und Informationen über kirchliche Aktivitäten von der Pfarrei bis zum Patriarchat spielen beim orthodoxen Kirchenfunk naturgemäß eine große Rolle. Aber auch Nachrichten- und Folkloresendungen laufen regelmäßig über den Äther. An Sonn- und Feiertagen wie an Werktagen wird stets die mindestens zwei Stunden dauernde Messe sowie die Abendandacht live übertragen. Besonders wichtig ist Simona Vlasa das »ABC des Glaubens«, eine Sendung, die Verkündigung und Glaubensbildung verbindet.

Eigener TV-Sender des Patriarchats

In Rumänien hat sich in den knapp 30 Jahren seit der Wende eine lebendige und äußerst bunte orthodoxe Medienlandschaft etabliert. »Die rumänische Orthodoxe Kirche ist die einzige Orthodoxe Kirche mit einem eigenen TV-Sender«, sagt Vasile Banescu. Er ist Pressesprecher des Patriarchats und gestaltet auch selbst TV-Sendungen.

Die Kirche lässt sich das eigene Medienzentrum einiges kosten. Rund 80 Redakteure, Kameraleute und Techniker arbeiten nach seinen Worten allein bei dem orthodoxen Fernsehsender, der vom Patriarchat und allen Bistümern finanziert wird. Neben der Nachrichtenredaktion gibt es die Ressorts Religion, Kultur und Soziales sowie eine eigene Onlineredaktion.

Das naturgemäß kirchennahe Programm bietet viele Interviews mit bekannten Geistlichen oder Intellektuellen. Besonders interessant ist das »Jurnal Trinitas«, das täglich aus allen Bistümern der Kirche berichtet und das breite Spektrum des kirchlichen Lebens aufgreift.

Die Amtskirche und ihre Bischöfe wie auch Laien sind beim Aufbau der orthodoxen Medienlandschaft gleichermaßen initiativ geworden, was in der hierarchiebetonten orthodoxen Kirche keineswegs selbstverständlich ist. »Die Kirche hat uns geholfen, indem sie unsere Arbeit nicht behindert hat«, hält dazu schmunzelnd Razvan Bucuroiu aus Bukarest fest. Er ist Chefredakteur mehrerer Laienzeitschriften, die er selbst ins Leben gerufen hat und die sich heute erfolgreich als Nischenprodukte auf dem Markt behaupten.

Auf 80 professionell gestalteten Hochglanzseiten berichten die beiden Zeitschriften monatlich von christlichen Themen aus Rumänien und aller Welt. Fünf Redakteure sind hier tätig, allesamt Laienchristen. Es zählt kein Priester oder Theologe dazu.

Höhere verkaufte Auflage als der »Playboy«

Nicht ohne Stolz berichtet Bucuroiu, dass ausgerechnet sein monatlich erscheinendes Glaubensmagazin das »Playboy«-Magazin an verkaufter Auflage in Rumänien regelmäßig übertrifft. Das Heft hat eine Auflage von 10 000 Exemplaren und rund 1 000 Abonnenten, es wird im Zeitschriftenhandel, in Klöstern und christlichen Buchhandlungen und sogar an Tankstellen verkauft.

Der 1963 geborene Bucuroiu kam über Umwege zum Journalismus: »Bukarest ist keine Stadt, die eine religiös sehr attraktive Landschaft bietet. Christlicher Journalismus ist hier unbequem, aber nach über 40 Jahren Kommunismus war es wichtig, dass auch wieder eine lebendige christliche Laienpresse entsteht«, sagt der gebürtige Bukarester.

2008 gründete er die »Vereinigung der christlichen Journalisten und Publizisten Rumäniens« (AZEC), deren Vorsitzender er bis heute ist und die rund 100 Mitglieder hat. »Die offiziell-kirchliche Presse und die von engagierten Laien gemachten Zeitschriften ergänzen sich gut und sind wirklich komplementär«, hält Bucuroiu fest.

Vor allem Mönchtum und Spiritualität stehen im Mittelpunkt der Journale. Reportagen und Bilderserien über Klöster und charismatische Mönchsväter und Nonnen aus Rumänien, Griechenland, Georgien und Ägypten, aber auch Israel, und die Rubrik über die in der orthodoxen Frömmigkeit beliebten Kirchenväter sind echte Renner bei den Lesern.

Das Vertrauen in die Kirchen ist immer noch groß – trotz des bei Kritikern umstrittenen Baus der riesigen neuen Patriarchatskathedrale in Bukarest und mancher Skandale der letzten Jahre. Auf diese gehen die Kirchensender und -zeitungen nicht groß ein.

Jürgen Henke

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Die rätselhaften Wege des Herrn

3. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Rumänien: Ein nüchterner Außenseiter ohne Spaßfaktor wird Präsident – der überraschende Sieg des Klaus Johannis

Entgegen allen Erwartungen gewann ein Siebenbürger Sachse die Stichwahl zum Amt des Staatspräsidenten. Ein neuer Politikstil bahnt sich in Rumänien an.

Ihr seid Helden!«, waren die ersten Worte des sichtlich bewegten Kandidaten, nachdem um 21 Uhr am Abend des 16. Novembers die ersten Hochrechnungen im Fernsehen übertragen wurden. Fast niemand hatte damit gerechnet, niemand hatte es ihm zugetraut. Bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahl hatte er vor zwei Wochen nur 30 Prozent der Stimmen bekommen. Sein Gegner, der sozialdemokratische Premierminister Victor Ponta, galt mit 40 Prozent als klarer Favorit. Doch das Wunder ist geschehen: Der neue Staatspräsident Rumäniens heißt Klaus Johannis, ist Protestant und deutscher Abstammung.

Das Wahlergebnis ist eine historische Premiere

Mit fast 55 Prozent der Stimmen gewann der bisherige Bürgermeister von Sibiu (Hermannstadt) massiv, entgegen allen Erwartungen. Innerhalb von wenigen Minuten machte sich der sanfte Wirtschaftsliberale auf den Weg zum symbolgeladenen Universitätsplatz in Bukarest, wo mehr als 10 000 Menschen mit vielen Flaschen Sekt auf ihn warteten. Es war eine lange Nacht und eine große Feier in der rumänischen Hauptstadt. »Klaus! Klaus!«, riefen immer wieder vor allem junge Rumänen aus der urbanen Mittelschicht, die traditionell liberal wählen. Seinen unerwarteten Sieg hat Johannis in erster Linie der überraschenden Wahlbeteiligung zu verdanken, die mit 62 Prozent weit über der ersten Runde lag.

Lachender Sieger: Klaus Johannis ist neuer Präsident des Balkanlandes. Fotos: George »Poqe« Popescu

Lachender Sieger: Klaus Johannis ist neuer Präsident des Balkanlandes. Fotos: George »Poqe« Popescu

Das Wahlergebnis ist in vielerlei Hinsicht eine historische Premiere: Zum ersten Mal in seiner Geschichte hat Rumänien einen demokratisch gewählten Staatschef, der weder ethnisch rumänisch, noch christlich-orthodoxer Religion ist. Zudem trat Johannis in seinem Wahlkampf explizit für einen anderen, »deutschen« Politikstil ein. Immer wieder betonte er stereotyp deutsche Tugenden wie Effizienz, Sachlichkeit, Arbeit oder Ehrlichkeit, die ihn »als Deutschen« nicht nur von seinem Gegner Victor Ponta, sondern von der gesamten rumänischen politischen Klasse unterscheiden sollen. Mit diesem Diskurs konnte sich Johannis offenbar auch durchsetzen: Allen voran bei den zahlreichen enttäuschten Rumänen, die sich eine grundlegende Reform der politischen Kultur wünschen. So gesehen ist sein Sieg ein neuer Anfang im Bukarester Politbetrieb.

Johannis schlägt nicht so sehr eine grundsätzlich andere Politik vor. In der Wirtschaft spricht er sich für die Beibehaltung der 16-Prozent Flatrate-Einkommensteuer und für die baldige Einführung des Euro aus. Dies sollte vor allem Investoren aus Deutschland und Österreich nach Rumänien locken. In der Außenpolitik für die Vertiefung der EU-Integration.

Neuer Polit-Stil: Weniger reden und versprechen

Vielmehr versuchte er, durch einen ganz anderen Stil zu überzeugen. Im Gegensatz zu seinen Bukarester Kollegen redet der Siebenbürger Sachse weniger, leiser, langsamer. Er wirkt überlegt und eher unspektakulär, was einen starken Kontrast zu den langen, stürmischen, in jeder Hinsicht überspitzten Tiraden der walachischen Politiker bildet.

Beobachter und rumänische Journalisten sind sich uneinig. Die Reden von Johannis seien eben trocken, langweilig und kalt, sagen die einen. Seine Humorlosigkeit zerstöre permanent die gute Laune des Publikums, sein Rumänisch sei zwar stets korrekt, wirke aber oft ungeschickt und holprig.

Andere Kommentatoren glauben wiederum, dass sich der Vorsitzende der Liberalen Partei (PNL) gerade durch diesen Stilbruch profiliert hat. Denn dadurch treffe er einen neuralgischen Punkt bei jedem Rumänen: Die Wähler wüssten nur allzu gut, dass nicht nur ihre Politiker, sondern auch sie selber von einer balkanischen Kultur geprägt seien, die sie selber nicht immer toll fänden. Zu viel reden, zu viel versprechen, immer angeben, oberflächlich und leichtsinnig sein, immer gute Laune behalten, egal wie dramatisch die Situation – all das wird im Volksmund als historische Schwäche, manchmal sogar als Fluch der Rumänen betrachtet.

Die Orthodoxe Kirche, der 85 Prozent der rumänischen Staatsbürger angehören, hat während des Wahlkampfs oft explizit Ponta unterstützt. Viele Bischöfe und Priester forderten ihre Gemeinden auf, »einen der unseren« zu wählen, der »wie wir betet und sich wie wir bekreuzigt«.

Umso größer war die Überraschung, als Patriarch Daniel am späten Sonntagnachmittag, einige Stunden vor Urnenschluss, eine Predigt zur Parabel des barmherzigen Samariters hielt. Die Rettung eines Volkes komme oft unerwartet und sanft, durch Fremde, sagte das Oberhaupt der rumänischen Othodoxie. Man müsse mehr Bescheidenheit und Demut vor den rätselhaften Wegen des Herrn zeigen.

Silviu Mihai

Gläubigenschwund? Fehlanzeige!

29. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Orthodoxie in Rumänien: Der Mehrheitskirche geht es besser denn je – doch auch die Kritik wird lauter

Pilgerreisen, eine zunehmende Zahl an Sozialeinrichtungen und der Bau ­einer imposanten Kathedrale mitten in Bukarest: Die ­Popularität der Rumänisch-­Orthodoxen Kirche ist hoch.

Im Morgengrauen schon bilden die Pilger eine Schlange. Menschen aus allen Ecken des Landes sind in die Hauptstadt Bukarest gereist und warten ruhig in der frischen Herbstluft. »Der Heilige wird uns das ganze Jahr über segnen«, erhofft sich die 67-jährige Florica Badea, die über 400 Kilometer zurückgelegt hat, um wie immer an dem jährlichen Festtag von ­Dimitrie Basarabov (Demetrios aus Basarabov), dem Schutzheiligen Bukarests, teilnehmen zu können.

Die Techniker von Trinitas TV installieren ihre Kameras und Mikrofone. »Bald fängt der Morgengottesdienst an und dann, während der ­Liturgie, werden die Gebeine des Heiligen aus dem Altar herausgeholt«, freut sich Florica Badea. »Das geschieht nur einmal im Jahr und deshalb ist für uns dieser Tag, an dem wir die Reliquien verehren dürfen, ein ganz besonderer.«

Auch die Vertreter der orthodoxen Kirche freuen sich über diesen Tag – und über die Hunderttausende Gläubigen, die an jedem 27. Oktober den Heiligen Dimitrie und damit auch das Bukarester Patriarchat feiern. Gläubigenschwund? Fehlanzeige! »Nach 45 Jahren offiziellen Atheismus erlebte unsere Kirche nach der Wende eine wahre Auferstehung«, sagt Vater Constantin Stoica, Pressesprecher des Patriarchats.

Hunderttausende Pilger aus ganz Rumänien reisen jedes Jahr Ende Oktober nach Bukarest, um am Festtag des Schutzheiligen Dimitrie Basarabov teilzunehmen. Der Tag des Heiligen ist gleichzeitig der Tag der rumänischen Hauptstadt. Fotos: George Popescu

Hunderttausende Pilger aus ganz Rumänien reisen jedes Jahr Ende Oktober nach Bukarest, um am Festtag des Schutzheiligen Dimitrie Basarabov teilzunehmen. Der Tag des Heiligen ist gleichzeitig der Tag der rumänischen Hauptstadt. Fotos: George Popescu

Laut jüngsten Umfragen geben 95 Prozent der Rumänen zu Protokoll, dass sie an Gott glauben, und fast 85 Prozent bezeichnen sich als orthodox. Auch die Popularität und das Vertrauen in die orthodoxe Kirche bleiben mit über 60 Prozent hoch, obwohl diese Werte in den 1990er Jahren noch höher waren. »In der schmerzhaften Phase des Übergangs von einer sehr konservativen Form von Staatssozialismus zu einem System der deregulierten Marktwirtschaft hat die Kirche eine wichtige Rolle gespielt«, erklärt Kultur- und Kultusminister Daniel Barbu, der früher an der Bukarester Universität Politologie unterrichtete.

Weltliches Engagement ist in der Kirche umstritten

Doch der Staat ist in Rumänien traditionell schwach. In den 1990er Jahren konnten mangels Gelds seine Kernfunktionen kaum erfüllt werden. Eine sich ausbreitende Korruption zerstörte das Vertrauen in die Justiz und Polizei. Perspektivlosigkeit und bittere Armut waren Konstanten der Lebenswelt vieler Rumänen bis kurz vor dem EU-Beitritt des Landes 2007. Und auch in den Jahren danach blieb die Situation vor allem in Dörfern und Kleinstädten trotz des raschen Anstiegs der Einkommen kompliziert.

Um die Armut einigermaßen zu lindern, gründete das Patriarchat soziale Einrichtungen und baute damit einen Bereich wieder aus, den die ­Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg zu Gunsten des Staats abtreten musste. Das weltliche Werk der Kirche floriert seitdem wie nie zuvor: Kinder- und Seniorenheime, Lebensmittelausgaben für die Bedürftigen, Kleidungssammelstellen für die Opfer von Hochwasser, die wegen der maroden Infrastruktur und der massiven Abholzung in jährlichem Takt gerettet werden müssen.

Allerdings gilt vielen Traditionalisten im Synod, dem Leitungsgremium der orthodoxen Kirche, ein systematisches weltliches Engagement, das eine gewisse Autonomie von den missionarischen Aufgaben und vom liturgischen Leben genießt, als fremd und umstritten. Patriarch Daniel gilt als guter Manager und Vertreter der »liberalen« oder »weltlichen« Strömung, die in den letzten Jahren eine Mehrheit unter den Bischöfen gewonnen hat. Doch vor allem im klösterlichen Milieu wird diese »Verweltlichung« der Kirche kritisch beobachtet und manchmal sogar laut als »Anpassung« und fauler Kompromiss mit der westlichen, katholisch und protestantisch geprägten Tradition denunziert.

Pressesprecher Stoica spricht ungerne über diesen strukturellen Konflikt: »Die Klöster sind das Rückgrat der Orthodoxie. Jeder Bischof ist letztendlich ein Mönch und muss es auch bleiben. Es kann keine Abteilung der Kirche geben, in der das liturgische Leben plötzlich aufhört. Trotzdem müssen wir im Gegensatz zu den Pharisäern Verantwortung für unsere Nächsten übernehmen und Antworten auf die Herausforderungen von heute finden.« Tatsächlich hat die Kirche versucht, auf ihre Art und Weise diesen Herausforderungen gerecht zu werden.

Den Vorwurf, dass sie zu Zeiten von Sparmaßnahmen üppige Projekte betreibe, weist die Kirche von sich ­zurück. »Wegen der Wirtschaftskrise kürzt die Regierung Löhne und Sozialleistungen, Krankenhäuser und Schulen werden geschlossen. Gelder für neue Kirchen aber gibt es immer: Insbesondere dann, wenn sich die Wahlen nähern«, mokiert sich der linke Publizist und Blogger Costi Rogozanu. »Und die Arbeiten an der neuen imposanten Kathedrale mitten in Bukarest laufen auf Hochtouren, während fast alle anderen Bauprojekte eingestellt wurden.«

Freiwillige Kirchensteuer mehrheitlich abgelehnt

Die Vertreter des Synods betonen hingegen, dass die neuen Kirchen immer voll sind. »Das zeigt, dass viele Rumänen dieses Bedürfnis haben, und es wäre undemokratisch, sich dem Willen der Mehrheit zu widersetzen«, so Stoica. Die Umfragen und Statistiken geben ihm recht, doch die direkte ­Finanzierung der Kirche aus Steuergeldern bleibt umstritten, auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung diese Lösung nach wie vor bevorzugt.

Linksliberale Kritiker dieses Systems prangern die »Geiselnahme der Politik und des Staats durch die orthodoxe Kirche« an. Doch die jüngste ­Initiative des grünen Abgeordneten Remus Cernea, ein freiwilliges kirchensteuerbasiertes Finanzierungssystem nach deutschem Vorbild einzuführen, fand im Bukarester Parlament keine Mehrheit.

Silviu Mihai