»Glauben heißt lieben«

14. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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In Martin Walsers neuer Novelle spiegelt sich die Lebens- in der Glaubensgeschichte

Walser-BuchWarum glauben wir? – Mit dieser Frage setzt sich Martin Walser (82) in seiner so eben erschienenen Novelle »Mein Jenseits« auseinander. Der streitbare und vielfach ausgezeichnete Autor geht diesem Thema mit erzählerischer Lust nach und beschäftigt sich dabei notabene mit dem Wesen des Glaubens.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht Augustin Feinlein, Chefarzt des Psychiatrischen Krankenhauses Scherblingen, der ab 63 aufgehört hat mit dem Zählen der Geburtstage und sein Lebenscredo in die Worte fasst: »Glauben heißt lieben«.

Tatsächlich liebt Professor Feinlein Eva Maria Ganzloser, seit er mit ihr zusammen ein Seminar besuchte, um sein Latein zu verbessern. Doch trotz Zuneigung heiratete sie später den Grafen Wigolfing und als der tödlich verunglückt, den 18 Jahre jüngeren Arzt Dr. Bruderhofer. Der wiederum ist Mitarbeiter im Krankenhaus von Professor Feinlein und drängt als dessen Nachfolger ins Amt.
Eva Maria Ganzloser tritt nicht in Erscheinung, lässt durch gelegentliche Postkartengrüße den Professor aber im Glauben, dass sie ihn immer noch liebt. Der möchte das gern glauben, obwohl er weiß, »wie kräftezehrend es ist, etwas zu glauben. Andererseits: Die Bedingung, die allein den Glauben produziert, heißt Aussichtslosigkeit«.

Um die Dreiecksgeschichte herum variiert Martin Walser geschickt die Glaubens- und Jenseitsfragen, mit ­denen sich sein alternder literarischer Held auseinandersetzt. Dass er das tut, hat auch etwas mit seinen Wurzeln zu tun. Scherblingen war bis 1803 ein Kloster, dessen letzter Abt Eusebius Feinlein ein Vorfahre Augustins. Von dem hat er gelernt: »Wir glauben mehr als wir wissen.«
Als nach einem bizarren Silvesterball sich die letzten Getreuen von Professor Feinlein abwenden, macht der alte Herr die Probe aufs Exempel, entwendet eine Reliquie aus der örtlichen Stiftskirche, »um die Scheinheiligkeit bemerkbar zu machen«. Die tradi­tionelle Reliquien-Prozession findet dennoch statt, das Original wird bald darauf gefunden und der Professor in seiner Klinik unter Hausarrest gestellt. Für ihn fast eine Befreiung, kommt es ihm doch vor, »als sei alles nur geschehen, dass es von ihr (Eva Maria) bemerkt werde. Mein Jenseits«.

Seiner gefeierten ersten Novelle »Ein fliehendes Pferd« (1978), welche die Problematik der Midlife-Crisis schildert, hat der altersweise Dichter mit »Mein Jenseits« eine folgen lassen, in der sich Lebensgeschichte in ­Glaubensgeschichte spiegelt. Augustin Feinleins Jenseits entsteht durch Glaubensleistung. Auf die Frage, wie er selbst sich sein Jenseits vorstelle, antwortete Martin Walser in einem Interview: »Das Jenseits muss sinnlich-gegenwärtig, jetzt erlebbar sein.« Seinem liebenden Helden legt er den Satz in den Mund: »Das Jenseits ist eine andauernde Leistung.«

In dem schmalen Buch stecken schöne Glaubens-Sätze, mit Gewinn zu lesen und nachdenkenswert. Dabei kommt die Novelle fröhlich daher. Bleibt zu hoffen, dass sich Martin ­Walser diese Leichtigkeit erhält, wenn er sie zum Roman ausformt.
Matthias Caffier

Walser, Martin: Mein Jenseits.
Novelle, Berlin University Press,
119 S., ISBN 978-3-940432-77-3,
19,90 Euro