Der lange Schatten der Trauer

25. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In ihrem Buch beschreibt Ilona Krömer, wie sie nach der Selbsttötung ihrer Eltern innerlich heil wird

Schattenjahre« nennt Ilona Krömer ihr Buch, in dem sie ihr Leid über die Selbsttötung ihrer Eltern beschreibt. Ihre Mutter hatte sich am
14. Januar 1991, ihr Vater fünf Tage später, am 19. Januar, das Leben genommen. Diese Erfahrungen überschatten viele Jahre, Jahrzehnte von Ilona Krömers Leben und dem ihrer Familie. Während sie in dem Buch ihre Erinnerungen, ihre Schuldgefühle, ihre Trauer und ihren Schmerz buchstabiert, verarbeitet sie, wie sie selbst sagt, ihre Geschichte, und findet Trost. Sie widmet das Buch ihren beiden Töchtern. Sie wolle ihnen erklären, warum sie so oft traurig war und geweint habe.

Ilona Krömer. Foto: Sabine Kuschel

Ilona Krömer. Foto: Sabine Kuschel

Ilona Krömer, geboren 1958 in Zeitz, erinnert sich an eine schöne Kindheit. Sie wuchs als Einzelkind in einem behüteten Elternhaus auf. Ihre Eltern waren selbstständig. Sie hatten den Familienbetrieb – eine Buchbinder-Werkstatt – väterlicherseits übernommen und gemeinsam weitergeführt. Es ging ihnen finanziell gut. Die Tochter wird Krankenschwester. Wegen einer Hautunverträglichkeit von Desinfektionsmitteln kann sie jedoch den Beruf nicht ausüben. Sie erlernt das Buchbinderhandwerk. 1983 heiratet sie und gründet zusammen mit ihrem Mann Ulrich, der ebenfalls Buchbindermeister ist, in Zeitz eine kleine Buchbinderwerkstatt. 1986 und 1988 werden die Töchter Almut und Luise geboren.

»Es lief alles gut, bis die Wende kam«, schreibt die Autorin. Wann sich der Stimmungswandel ihrer Mutter bemerkbar machte, kann sie nicht genau sagen. Irgendwann wirkte sie trauriger. In ihrem Abschiedsbrief formuliert ihre Mutter: »Die Marktwirtschaft ist grausam und wir kommen ohne Arbeit nicht damit zurecht. Wir … wollen gehen, ehe unser letztes Geld alle ist.« Aus diesen Worten liest die Tochter, dass ihre Mutter unter Zukunftsangst und Verarmungswahn litt. Aber: Die in dem Brief angedeutete Geldnot bestand nicht, sagt Ilona Krömer. Dass ihr Vater sich kurze Zeit später ebenfalls selbst tötete, erklärt sich die Tochter mit der Liebe zu seiner Frau. Sein Abschiedsbrief »spiegelt mir all seine Not wider, die ich ja auch gespürt habe«, so die Autorin in ihrem Buch.

Schmerz und Trauer darüber, dass beide Elternteile Suizid begangen haben, sind groß. Schuldgefühle quälen die Tochter. Hätte sie nach dem Tod der Mutter nicht besser auf den Vater aufpassen und ihn an diesem Schritt hindern können? Sie kann ihren Eltern nicht verzeihen, dass sie ihr das angetan, sie allein gelassen haben.

Mit ihrem Buch möchte sie für das Thema Suizid in der Öffentlichkeit sensibilisieren. Sie habe nach der Selbsttötung ihrer Eltern selbst oft Isolation und Ausgrenzung erfahren.

In der schweren Trauerarbeit gibt ihr die Familie Trost und Halt. Ebenso die Kirchengemeinde und die Gemeinschaft in Taizé. »Taizé hat unser Leben geprägt und so ist es gekommen, dass wir fast jedes Jahr für eine Woche dorthin fuhren.« Die große Gemeinschaft, die Bibelarbeit, die Stille und die Gesänge tun ihr gut. Und nun ist ihr Buch fertig. Das Schreiben habe sie als einen heilsamen Prozess erlebt. Nachdem sie die Abschiedsbriefe ihrer Eltern zu Papier gebracht hatte, spürt sie »eine sehr große Liebe«. Ihr wird bewusst, dass es neben den belastenden Erfahrungen viel Glück in ihrem Leben gibt – »dass meine Familie gesund ist, dass ich so einen wunderbaren Mann …, zwei so bezaubernde Töchter habe.« Sie zählt auf, was sie alles glücklich macht. Am Ende dieser Liste steht: »dass ich meinen Eltern verzeihen konnte.«

Ihren Beruf als Buchbinderin hat sie aufgegeben. Seit dem Jahr 2000 findet sie Erfüllung als Altenpflegerin im St. Marienstift, einem katholischen Altenpflegeheim in Zeitz.

Sabine Kuschel

Krömer, Ilona: Schattenjahre. Die Selbsttötung meiner Eltern und warum ich trotzdem das Leben lieben kann, Brunnen Verlag, 144 S., ISBN 978-3-7655-4294-7, 9,99 Euro

Hoffnung, Hoffnung, Hoffnung

29. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Für Fernsehmoderator Peter Hahne heißt an die Auferstehung zu glauben, den Verstand einzuschalten

Der Fernsehjournalist Peter Hahne ist der bestplatzierte christliche Autor auf der Jahresbestsellerliste 2015 für religiöse Bücher. Sein Buch »Niemals aufgeben« rangiert auf Platz vier. Darüber und über Ostern sprach mit ihm Sabine Kuschel.

Herr Hahne, was würden Sie predigen, wenn Sie Ostern auf der Kanzel stünden?
Hahne:
Hoffnung, Hoffnung und nochmal: Hoffnung. Und keine politischen Ratschläge zu Flüchtlingen oder Parteien! Weil das Grab Jesu leer ist, sind seine Verheißungen keine leeren Versprechungen. Bei ihm gibt es Leben angesichts des Todes, denn er hat den Tod besiegt. Allein daraus resultiert sein Anspruch, die Hoffnung der Welt zu sein. Deshalb gibt es für Christen keine hoffnungslosen Fälle.

Was heißt es für Sie, an die Auferstehung Christi zu glauben?
Hahne:
Meinen Verstand einzuschalten – denn der Bericht von der Auferstehung ist die bestbezeugte Tatsache der Antike. Als Paulus das aufschrieb (1. Korintherbrief, Kapitel 15), lebten ja die Zeugen noch. Lüge wäre sofort entlarvt worden! Und für Lug und Trug hätte ein Bonhoeffer oder die heute (bis in die Flüchtlingslager!) verfolgten Christen ihr Leben wohl kaum geopfert. Glauben heißt: Wissen, was trägt.

Angesichts des Glaubensnotstandes ist Ihr Buch »Niemals aufgeben« ein Appell, sich der lebensnotwendigen christlichen Wurzeln zu besinnen. Woran kranken Gesellschaft und Kirche?
Hahne:
An Oberflächlichkeit und Beliebigkeit. Interessant ist nur, was uns konkurrenzlos wichtig ist und macht. Wir haben die freiheitlichste Verfassung der Welt, weil das Grundgesetz aus den Quellen der Bibel gewachsen ist: »In Verantwortung vor Gott und den Menschen.« Zurück zu den Wurzeln! Offensiv unseren Glauben bekennen und leben! Deshalb fürchte ich mich nicht vor der Stärke des Islams, sondern vor der Schwäche des Christentums.

Was hilft Christen in ausweglos erscheinenden Situationen, nicht aufzugeben?
Hahne:
Nicht der Appell: »Steh auf, reiß dich zusammen!«, sondern sich helfen lassen. Das schlüssele ich in dem Buch auf: Glaube, Gottes Wort, Gebet und vor allem Gemeinschaft schenken Motivation in Resignation. Allein geht man ein.

Peter Hahne. Foto: privat

Peter Hahne. Foto: privat

Das Leid in der Welt ist groß – wie lautet Ihrer Meinung nach die Antwort des Glaubens?
Hahne:
Niemand kann tiefer fallen als in die Hand Gottes, das ist unser Trost. Christen werden ja nicht aufs Jenseits vertröstet, sondern aus dem Jenseits getröstet. Glaube ist ein Vertrauen, das einen auch mit unbeantworteten Fragen leben lässt. Viele bezeugen: Erst das Leid brachte mich zu Gott und damit zu sinnvollem Leben.

Osterfreude – hat Sie Raum im Alltag eines Fernsehmoderators?
Hahne:
O ja! Ich bin ein Sonntagskind, am 9. November geboren. Dass ich mit Ihnen jetzt reden kann, ist dem schönsten Geburtstagsgeschenk vor 26 Jahren zu verdanken. Schon Luther sagte: »Die Freude ist der Doktorhut des Glaubens.« Deshalb verstehe ich nicht, dass viele Christen mit einem Gesicht herumlaufen, als wären sie dauernd auf dem Weg zum Zahnarzt …

Es ging das Gerücht, Sie wollten zur katholischen Kirche konvertieren?
Hahne:
Ich halte es mit Martin Luther, der ist auch nicht konvertiert, sondern hat reformiert. Bis er merkte, dass politische Predigt und volle Kassen seiner Kirche wichtiger waren als Jesus Christus und sein Wort von Gericht und Gnade, Gesetz und Evangelium, Himmel und Hölle. Eine Kirche, die sich nach dem Evangelium und nach Luther nennt, sollte radikal werden, das heißt (lateinisch: radix = Wurzel) zu ihren reformatorischen Wurzeln zurückkehren. Sonst ist alles Etikettenschwindel, den die Leute durchschauen.

Ich bin froh und dankbar über jeden Pfarrer, der sich der Theologie der leeren Kirchenbänke widersetzt! Es gibt lebendige Gemeinde, Gott sei Dank!

Am 15. April erscheint ein weiteres Buch von Peter Hahne:
Hahne, Peter: Finger weg von unserem Bargeld! Wie wir immer weiter entmündigt werden, Bastei Lübbe, 128 S., ISBN 978-3-8699-5085-3, 10 Euro

Einander ähnlich und doch verschieden

12. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Vorgestellt: Die Zwillingsbrüder Hans-Jörg und Roland Rosenstock haben gemeinsam ein Buch geschrieben

Sie sind Zwillingsbrüder, beide Theologen, ihre Biografien ähneln sich, die persönliche Entwicklung verläuft parallel – und doch unterscheiden sie sich.

Hans-Jörg und Roland Rosenstock, die Zwillinge sind 1966 in Bielefeld geboren. An ihre Mutter haben sie keine Erinnerung. Sie stirbt, als die Jungen drei Jahre alt sind. »Der frühe Tod unserer Mutter hat eine zentrale Bedeutung für uns«, sagt Roland. Durch diese Erfahrung werden die Kinder früh mit den existenziellen Fragen nach dem Tod und wie es danach weitergeht konfrontiert. Sie wachsen mit diesen Themen auf.

Der Vater, der von Beruf Schrift­setzermeister war, vermittelte seinen Söhnen einen christlichen Glauben, der auch durch Krisen hindurch trägt. Dieser Glaube habe ihn sehr berührt, schildert Hans-Jörg. Als Geschäftsmann »war der Vater es gewohnt, im Leben zu bestehen«. Daneben gab es für ihn die andere Dimension, die des Glaubens. Wann immer es ihm möglich war, ist er zum Gottesdienst gegangen. Es sei zu spüren gewesen, dass ihm Glaube und Kirche viel bedeuten. Durch den frühen Tod seiner Frau habe sein Leben einen Bruch erlitten, »mit dem er aber dann gelebt hat«. Er habe nicht gefragt, warum Gott das zulässt. »Er hat an seinem Glauben festgehalten. Das hat mich tief beeindruckt.«

»Prägend ist für beide die evangelische Jugendarbeit«

»Wir waren in einer Situation, dass wir als Kinder viel bearbeiten mussten«, ergänzt Roland im Blick auf den frühen Verlust der Mutter. »Wir waren beide keine guten Schüler.« Sie lernen auf der Realschule, an Gymnasium ist nicht zu denken. »Wenn Sie mit unserer damaligen Englisch- oder Französischlehrerin sprechen würden, sie hielten es für ausgeschlossen, dass wir mal Griechisch, Latein und Hebräisch lernen.«

Kindergottesdienst, Konfirmandenunterricht, Engagement in kirchlichen Kinder- und Jugendgruppen. Glauben. Es gibt nicht den Moment, an dem er beginnt, er entwickelt sich bei beiden in einem längeren Prozess. »Es war von Anfang an eine Auseinandersetzung mit den schwierigen Erfahrungen«, resümiert Roland. Im Leben des Vaters ist alles anders gekommen als gedacht, durch den frühen Tod seiner Frau ändern sich dessen Pläne. Doch die Kinder nehmen auch wahr, wie ihr Vater diesen Bruch akzeptiert, sie erleben, dass es möglich ist, diese schwierigen Erfahrungen zu bewältigen. »Ich glaube, dass Religion genau diese Kompetenz vermittelt«, sagt Roland. Das Erlebnis von Gemeinschaft sei in der Auseinandersetzung für sie sehr wichtig gewesen.

Roland Rosenstock. Foto: privat

Roland Rosenstock. Foto: privat

Ihr Vater legte Wert darauf, dass die Zwillinge immer gleich angezogen waren. Solange sie klein sind, verlaufen ihre Wege parallel. In der Pubertät ändert sich das. Nachdem die Jungen aufs Gymnasium gewechselt sind, wird der Drang, sich vom anderen zu unterscheiden, der Wunsch, den eigenen Weg zu gehen, stark. »Das ist dann in der Oberstufe auch geschehen.«

Prägend ist für beide die evangelische Jugendarbeit. Sie hilft den Heranwachsenden, mit den schwierigen Erfahrungen fertigzuwerden, ihre eigene Persönlichkeit zu finden, Stärke zu entwickeln. Die Begegnung mit glaubwürdigen Christen, unter dem Sternenhimmel am Lagerfeuer gemeinsam mit anderen Menschen zu beten und zu singen – das sind für die Jugendlichen unvergessliche Eindrücke. Ihre schulischen Leistungen verbessern sich. Dass die Brüder einen solchen Entwicklungssprung machen konnten, führen sie auf die kirchliche Jugendarbeit zurück. »Sie hat uns geholfen, zu uns zu finden, weil sie uns etwas zugetraut hat. Sie hat uns auch zugetraut, Fehler zu machen.«

Hans-Jörg Rosenstock. Foto: privat

Hans-Jörg Rosenstock. Foto: privat

Roland ist der erste, der in Bethel mit dem Theologiestudium beginnt. Hans-Jörg will nach dem Zivildienst die Jugendarbeit zu seinem Beruf machen. Doch beim Einstellungsgespräch für die Diakonenausbildung werden die Weichen anders gestellt. Ihm wird geraten, Theologie zu studieren, weil aus der Unterhaltung zu schließen sei, dass der richtige Beruf für ihn Pfarrer sei. Hans-Jörg befolgt diesen Rat und sagt heute: »Ein wunderbarer Beruf, in dem ich sehr glücklich bin.«

Sie studieren beide Theologie, aber jeder geht seinen eigenen Weg, es gibt während der Studienzeit kaum Berührungspunkte.

An eine Karriere als Theologieprofessor habe er nicht gedacht, sagt Roland. »Ich wollte nicht Professor, also kein Wissenschaftler werden.« Stattdessen kann er sich vorstellen, als Krankenhausseelsorger zu arbeiten, weil ihn die Verbindung zwischen Psychologie und Theologie sehr interessiert. »Professor zu werden, das war nicht im Plan. Das ist erst viel, viel später gekommen – durch Professoren, die mich gefördert haben.«

Während Hans-Jörg sich am wohlsten in den heimatlichen Gefilden fühlt, zieht es Roland ins osteuropäische Ausland: Slowakei, Russland, Ostdeutschland. »Das hat mich mehr interessiert als Amerika oder Frankreich.« Ein Studentenaustausch führt ihn nach Greifswald. Hier erlebt er das Ende der DDR, die Wende bis zur Währungsunion. An diesem Punkt, so Roland, unterscheiden sich die Biografien der Zwillinge wesentlich. Die Erfahrungen als Theologiestudent in Greifswald sind für Roland ausschlaggebend, schließlich hier zu bleiben.

Hans-Jörg ist Gemeindepfarrer in Gütersloh. Roland ist Theologieprofessor. Beide sind verheiratet, Hans-Jörg hat zwei Kinder im Alter von 10 und 16 Jahren, Roland drei im Alter zwischen 11 und 15. Als Theologen haben sie unterschiedliche Schwerpunkte. Roland interessiert sich mehr für das Neue Testament, Hans-Jörg ist dem Alten Testament sehr zugetan. Versöhnung und Vergebung seien für ihn zentrale Gedanken, so Roland. Sein Bruder orientiert sich an der prophetischen Tradition, ihn beschäftigen Themen wie Gerechtigkeit, Kinder-und Jugendarmut. Nachdem sich die Zwillingsbrüder in den zurückliegenden Jahren – beruflich und familiär bedingt – nur selten begegneten, haben sie jetzt gemeinsam ein Buch geschrieben, einen Leitfaden zum Lesen der Bibel.

Sabine Kuschel

Dazu lesen Sie in unserer nächsten Ausgabe ein Interview mit den Zwillingsbrüdern.

»Handgepäck an Gebeten«

9. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie Margot Käßmann das Gespräch mit Gott sucht

Margot Käßmann ist Luther-Botschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland. Gerade hat sie ein Buch herausgebracht mit dem Titel »Beten mit Luther. Texte für den Alltag«. Andrea Seeger und Martin Vorländer haben mit ihr über das Thema Gebet gesprochen.

Frau Käßmann, wie beten Sie?
Käßmann:
Mir sind vor allem das Morgen- und das Abendgebet wichtig. Martin Luther hat das sehr schön mit dem Morgen- und Abendsegen in Worte gefasst. Mir tut es gut, den Tag zu beginnen mit einem kurzen Innehalten: Ich nehme diesen Tag aus Gottes Hand. Und abends den Tag zurückzugeben in Gottes Hand. Natürlich schaffe ich das nicht jeden Tag. Aber ich finde es einen schönen Rhythmus, und ich bemühe mich darum. Dann spreche ich gern ein Tischgebet, um vor dem Essen innezuhalten und Dankbarkeit Gott gegenüber zu zeigen dafür, dass wir essen können.

Margot Käßmann – Lutherbotschafterin und Beterin. Foto: ekd

Margot Käßmann – Lutherbotschafterin und Beterin. Foto: ekd

Haben Sie ein Lieblingsgebet?
Käßmann:
Mein Lieblingsgebet ist und bleibt das Vaterunser. Ich bin immer wieder fasziniert, dass alles in so wenigen Worten zusammengefasst ist. Wir kennen ja Gebete, die lang sind und länger werden. Das Vaterunser sagt in sieben Bitten alles. Und es wird durch zwei Jahrtausende hindurch gebetet. Da fühle ich mich verbunden mit Menschen, die beten: mit denen, die zu anderen Zeiten gebetet haben, und denen, die heute an anderen Orten beten. Dieses Gebet geht um die Welt.

Luthers Morgen- und Abendsegen konnte die Generation unserer Großeltern oft noch auswendig …
Käßmann:
Ich wünsche mir, dass jeder Mensch ein paar Gebete auswendig kann. In Situationen, in denen es dir die Sprache verschlägt, brauchst du die Worte anderer. Worte, die manchmal größer sind als die Worte, die wir in so einer Situation finden. Als ich mit Eltern an der Bahre ihres toten Kindes stand, war ich froh, das Vaterunser sprechen zu können. Alles, was ich gesagt hätte, wäre völlig fehl am Platz gewesen. In das Vaterunser konnten die Eltern einstimmen. Ich finde, so ein kleines Handgepäck an drei, vier Gebeten, die der Mensch mit ins Leben nimmt, für Zeiten großer Dankbarkeit und Zeiten großer Not oder großer Angst – das hilft.

Und Ihr Handgepäck wäre das Vaterunser, das Morgen- und Abendgebet?
Käßmann:
Ja, das ist mein Handgepäck. Und der Psalm 23 wäre noch schön.

Schwungvolles Plädoyer für die vernetzte Generation

17. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Dieses Buch, von einem Großvater geschrieben, einem in den USA und in Frankreich lehrenden Professor, sollten alle Großeltern und Eltern lesen. Hier erfahren sie von einem der Ihren, der ihre Sprache spricht und ihre Erfahrungen teilt, in welcher Welt Kinder und Enkel leben: in einer vollständig vernetzten Welt, in der alles bisherige Wissen jederzeit für jeden Menschen verfügbar ist. Durch ihre Handys sind ihnen alle Menschen erreichbar, durch GPS alle Orte. Seit den 70er Jahren habe sich die Welt so verändert, dass die junge Generation tatsächlich in einer anderen Welt lebe.

Mit ihren flinken Fingern steuern sie ihre Smartphones, kommunizieren und informieren sich. Serres schreibt: »Nachdem ich voller Bewunderung gesehen habe, wie sie, schneller als ich mit meinen steifen Fingern es je vermöchte, mit ihren beiden Daumen SMS verschicken, habe ich sie mit der größten Zuneigung, die ein Großvater zum Ausdruck bringen kann, auf die Namen Däumelinchen und Kleiner Däumling getauft.«

Kultur-50-2013

Buch-Cover

Die alten Zugehörigkeiten wie Gewerkschaften, Kirchengemeinden oder Familienverbände seien weithin zerfallen. Die junge Generation suche sich ihre »Freunde« virtuell über Facebook. Der Autor sieht eine komplexe, freiheitliche Gesellschaft entstehen, in der das Individuum zu seinem Recht kommt, ohne dass sie dadurch weniger sozial oder weniger solidarisch würde.
Das ganze Buch ist ein schwungvolles Plädoyer für die Lebensweise und die Chancen der jungen Generation.

Freilich verklärt und beschönigt Serres einiges: die durch Facebook zusammengetrommelten Tausende sind durchaus nicht nur friedlich – wie die nordafrikanischen Revolutionen gezeigt haben. Und durch das schnell verfügbare Wissen erlangt kein Mensch höhere Entscheidungskompetenz. Wenigstens das Denken und der gründliche Austausch müssen gelernt werden. Und für die Lösung der großen Probleme wie Hunger, Umweltzerstörung und Ressourcenvernichtung genügt es nicht, unverbindlich mit der halben Welt vernetzt zu sein.

Trotz dieser einschränkenden Bemerkungen bleibe ich dabei: Alle vor 1970 geborenen sollten dieses Buch lesen.

Jürgen Israel

Serres, Michel: Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation. Suhrkamp Verlag, 76 S., ISBN 978-3-518-07117-5, 8,00 Euro

»Mir fehlt die Kraft«

24. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum Tod des Schriftstellers Erich Loest

Das Besondere an ihm sei, »dass er Wahrheiten aussprach«, würdigte Erich Loest den Sänger Wolf Biermann zu dessen 75. Geburtstag. Damit habe Biermann bei vielen dem Bewusstsein »auf die Sprünge geholfen«. Die gleichen Worte könnten jetzt auf Loest’s eigenem Grabstein stehen. Am 13. September starb der Schriftsteller im Alter von 87 Jahren in seiner Heimatstadt Leipzig. Laut Polizei nahm er sich vermutlich schwer krank selbst das Leben.

Erich Loest bei einer Lesung in Halle im Jahr 2003. Foto: Jens Schlüter.

Erich Loest bei einer Lesung in Halle im Jahr 2003. Foto: Jens Schlüter.

Das Nachlassen der eigenen Kräfte hatte ihm in den vergangenen Jahren erkennbar zugesetzt. Er fühlte sich kraftlos, erschöpft und ärgerte sich ­darüber. Dabei wollte er noch etwas erzählen. Mit Romanen wie »Völkerschlachtdenkmal«, »Nikolaikirche« oder »Gute Genossen« hatte Loest die DDR-Geschichte, die rote Diktatur, die so schmerzlich eng mit seiner eigenen Geschichte verknüpft war, umfassend verarbeitet und zurechtgerückt.

Nun wollte er gern noch seine Hitlerjugend literarisch aufarbeiten. Er selbst habe zwar den inhaltlichen Spannungsbogen für einen entsprechenden Roman im Kopf, sagte er vor zwei Jahren: »Aber schaffen tue ich das nicht mehr. Mir fehlt die Kraft.«

Vor wenigen Wochen erschien trotzdem noch ein Loest-Werk, welches das Thema aufgriff. »Lieber hundertmal irren« ist ein Buch über das Kriegsende in der Provinz und über die Anpassungsfähigkeit der Menschen an die Systeme. Mehr als 50 Bücher, ungezählte Essays und Artikel zählen zu Loest’s literarischem Werk. Immer wieder schrieb er gegen die Versuche an, die DDR-Geschichte zu »verkleistern«, wie er sagte. Man müsse wachsam bleiben und bei der Aufarbeitung der SED-Diktatur nicht nachlassen. Es sei zwar sehr viel getan worden seit der Wiedervereinigung, aber es werde immer noch aus den Ecken heraus gestichelt.

Geboren wird Loest 1926 im sächsischen Mittweida. Nach Kriegsdienst und kurzer US-amerikanischer Gefangenschaft tritt er der SED bei und veröffentlicht den Roman »Jungen, die übrigblieben« über die Kriegsgeneration. Die Partei wirft ihm »Standpunktlosigkeit« vor. Es folgen Jahre als freier Schriftsteller. Den Volksaufstand am 17. Juni 1953 bezeichnet er als ­einen der großen Wendepunkte in seinem Leben, ähnlich dem Kriegsende. Danach konnte er mit der DDR keinen Frieden mehr schließen, diesem Mix aus kleinbürgerlicher Behaglichkeit und Stalinismus.

Nach dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 tritt er mit anderen für eine ­Demokratisierung der DDR ein und wird 1957 wegen »konterrevolutionärer Zellenbildung« verurteilt. Siebeneinhalb Jahre Haft in dem berüchtigten DDR-Zuchthaus Bautzen haben bei ihm tiefe Spuren hinterlassen.

Nach der Haftentlassung 1964 kehrt Loest nach Leipzig zurück. Mit dem autobiografischen Roman »Es geht seinen Gang oder die Mühen der Ebene« meldet er sich 1978 auf der Bühne der zeitkritischen DDR-Literatur zurück. Darin zeichnet er ein illusionsloses Bild von der Realität der 60er und 70er Jahre in der DDR-Provinz. Die SED setzt das Buch erst auf den Index, nach Protesten wird eine limitierte Auflage zugelassen. Loest bezeichnet es heute mit als sein wichtigstes Buch, »weil es in der DDR geschrieben einen völlig neuen Blick auf dieses Land warf«.

Loest eckt an, wird aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und bekommt Publikationsverbot. 1981 verlässt er die DDR in Richtung Westen. Kurze Zeit später erscheint das autobiografische Werk »Durch die Erde ein Riss« über seine Haftzeit in Bautzen.

Als die Mauer fällt, kehrt er nach Leipzig zurück und verarbeitet seine Stasi-Akten in der Dokumentation »Die Stasi war mein Eckermann oder mein Leben mit der Wanze«.
Mit dem 1995 veröffentlichten Roman »Nikolaikirche« um die Ereignisse der Leipziger Montagsdemonstrationen im Herbst 1989 hat sich ­Loest endgültig in das Bewusstsein der gesamtdeutschen Öffentlichkeit geschrieben und den Demonstranten ein literarisches Denkmal gesetzt. Seine Haft in Bautzen verfolgte ihn bis ins hohe Alter. Er bereue bis heute, dass er damals nicht in den Westen abgehauen sei, sagt er noch Jahrzehnte später. Die Jahre im Knast hätten ihn fast fertiggemacht. »Wir haben eigentlich alle lebenslänglich bekommen.«

Markus Geiler (epd)

Selig sind die Lesenden

16. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Bücher: Vorschriften, Versiegelungen, Offenbarungen – Was die Bibel über das Lesen sagt

»Selig sind die Lesenden!« Das steht so in der Bibel und wäre ein schönes Motto für die Buchmesse gewesen, die am 14. Oktober in Frankfurt am Main ihre Tore schließt. Denn schon den Menschen der Bibel war das Lesen wichtig.

Für die Könige Israels hielt Gott einige Vorschriften bereit. Unter anderem gebot er jedem, der den Königsthron besteigen würde, er solle »eine Abschrift dieses Gesetzes, wie es den levitischen Priestern vorliegt, in ein Buch schreiben lassen. Das soll bei ihm sein und er soll darin lesen sein Leben lang, damit er den Herrn, seinen Gott, fürchten lernt, dass er halte alle Worte dieses Gesetzes und diese Rechte und danach tue.« Es kam noch besser: Die ersten Könige Israels ließen sich vom Lesen zum Schreiben inspirieren. David verfasste Psalmen, Salomo Weisheitsschriften. (5. Mose 17,18f.)

Von versiegelten Büchern ist in der Bibel mehrfach die Rede. So verkündet Gott durch den Propheten Jesaja: »Darum sind euch alle Offenbarungen wie die Worte eines versiegelten Buches, das man einem gibt, der lesen kann, und spricht: Lies doch das!, und er spricht: ‚Ich kann nicht, denn es ist versiegelt.‘» Im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung, schildert Johannes seine Visionen der Endzeit. Eine wichtige Rolle spielt darin ein Buch. Nach und nach werden dessen sieben Siegel geöffnet, jedes Mal geschehen furchterregende Dinge: Seltsame Pferde tauchen auf, Erdbeben durchschütteln die Erde. Als das Lamm das siebte Siegel öffnet, setzt sich eine wahrhaft apokalyptische Szenerie in Gang. (Jesaja 29,11ff; Offenbarung 5,1; 20,12)

Vorlesestunde. Foto: epd-bild

Vorlesestunde. Foto: epd-bild

Eine merkwürdige Schrift, die zunächst niemand lesen konnte, tauchte eines Tages im Palast des Königs Belsazar auf. Der ließ nach einer Party, betrunken wie er war, »die goldenen und silbernen Gefäße herbringen, die sein Vater aus dem Tempel gestohlen hatte«. Daraufhin »gingen hervor ­Finger wie von Menschenhand, die schrieben gegenüber dem Leuchter, auf die getünchte Wand«. »Mene mene tekel u-parsin«, steht da, doch niemand kann sagen, was das bedeutet. Der König »entfärbte sich« vor Angst und ließ Daniel kommen, der ihm den Spruch deutete. So erfuhr der König, dass sein Reich dem Untergang geweiht war. (Daniel 5)

»Verstehst du auch, was du liest?«

Schon in biblischen Zeiten gab es viele verschiedene Sprachen und auch Schriften. Sogar die Inschrift an Jesu Kreuz soll Johannes zufolge in »hebräischer, lateinischer und ­griechischer Sprache« geschrieben worden sein. Dort stand: »Jesus von Nazareth, der König der Juden.« Die schriftkundigen Menschen bildeten sich damals mithilfe von Büchern ­weiter. Jesus Sirach beschreibt das eindrücklich von seinem Großvater. Der habe »mit besonderem Fleiß das Gesetz, die Propheten und die andern Bücher unserer Väter gelesen, sich ­darin ein reiches Wissen erworben und es unternommen, auch etwas von rechtem und weisem Leben zu schreiben«. Sirach waren auch die Gefahren und möglichen Missverständnisse ­bewusst, die Übersetzungen mit sich bringen können: »Sogar das Gesetz selber und die Propheten und die übrigen Bücher lauten oft recht anders, wenn sie in ihrer eignen Sprache gelesen werden.« (Johannes 19,20; Sirach 0,3.7)

An dem namentlich unbekannten Verfasser des zweiten Makkabäerbuches sollten sich alle heutigen Schriftsteller ein Vorbild nehmen. Er möchte allen Lesern »Anregung« verschaffen und »denen die ihrem Gedächtnis ­etwas einprägen möchten, leichtere Übersicht zu geben«.

Jedem, der sein Buch zur Hand nimmt, soll die Lektüre »Gewinn bringen«. Er weiß allerdings auch, dass es Autoren nicht immer leicht fällt, sich unterhaltsam und nicht zu langatmig auszudrücken: »Wir merken wohl, dass es uns nicht eben leicht werden wird, uns der Mühe dieser Kürzung zu unterziehen; denn es gehört viel Arbeit und großer Fleiß dazu.« (2. Makkabäer 2,26f)

»Wer das liest, der merke auf!«, heißt es in den Evangelien. Denn wer wichtige Informationen nicht mit Verstand aufnimmt, der bringt sich leicht in Gefahr. Das merkte auch ein äthiopischer Kämmerer, von dem in der Apostelgeschichte erzählt wird. Als er auf dem Heimweg war, las er im Buch des Propheten Jesaja. Der Missionar Philippus bemerkte das und fragte ihn: »Verstehst du auch, was du liest?« Der Kämmerer antwortete: »Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet?« Philippus erklärt ihm den Text und verkündigt ihm in dem Zusammenhang auch gleich das Evangelium. Daraufhin lässt sich der Kämmerer im nächsten Gewässer taufen. Offensichtlich hatte er durch das aufmerksame gemeinsame Lesen noch mehr als den Text verstanden. (Markus 13,14; Apostelgeschichte 8,26ff)

Die Seligpreisungen aus der Bergpredigt sind vielen noch bekannt. Doch nicht nur die Sanftmütigen, Barmherzigen und Friedfertigen können sich glücklich schätzen, sondern auch mancher Leser. Denn in der ­Offenbarung des Johannes heißt es: »Selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und behalten, was darin geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe.« (Offenbarung 1,3)

Uwe Birnstein

Geschichtliches
Texte las man zu biblischer Zeit noch nicht in der heutigen Buchform. Kurze Texte wurden häufig auf Stein geschrieben, aber auch auf Holz oder auf Tontafeln. Längere Texte standen auf Pergament oder Papyrus, das zu Schriftrollen aneinandergefügt wurde. Die Tinte bestand aus Ruß und Gummi und es wurde mit einem Schilfrohr oder einer Feder geschrieben. Auf Stein und Ton hämmerte man Schrift mit einem Meißel oder einem Griffel.


In gutem, verständlichem Deutsch geschrieben

21. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Buch »Martin im Sturm« erklärt auf kindgemäße Weise, was Reformation bedeutet

Müller, Andreas: Martin im Sturm. Wartburg Verlag

Müller, Andreas: Martin im Sturm. Wartburg Verlag

Nach der Erzählung »Martin sucht die Freiheit« von 2010 legt Andreas Müller nun erneut ein Kinderbuch über Martin Luther vor: »Martin im Sturm«. Die Erzählung spielt im Winter 1521/22. Der zwölfjährige Martin aus Luthers Geburtsort Möhra fährt als Gehilfe des alten Zunderkurt, der Feuerschwämme verkauft, nach Wittenberg und gerät dort in die Auseinandersetzungen zwischen Verfechtern der alten und der neuen christlichen Lehre sowie in die Streitigkeiten innerhalb von Luthers Anhängern. Luthers Predigten gegen die Bilderstürmer und der Empfang des Abendmahls unter beiderlei Gestalt sind die geistlichen Höhepunkte von Martins Aufenthalt in Wittenberg. Die Stadt erscheint ihm wie ein »aufgescheuchter Hühnerstall«, »lauter aufgeregte Menschen«. Auf kindgemäße Weise wird erklärt, was Reformation bedeutet. Der Student Lukas, dem Martin sich anschließt, geht von der Bedeutung des Wortes »Re-Formation« aus. »Wir sollen alles in der Kirche so zurückformen, wie es Jesus gewollt hat. Alles Gold und Geld muss den Armen gegeben werden, denn Jesus und seine Freunde waren arm. Und einen Papst in Rom muss es nicht geben, und Götzen brauchen wir auch nicht. ­Re­formation ist viel Arbeit und Streit und viel Neues, was aber längst in der ­Bibel geschrieben steht.«

Martin entgegnet: »Und ich dachte, Reformation heißt nur, dass man keine Angst mehr zu haben braucht, weil vor Gott alle gleich sind. Und dann dachte ich noch, dass man sich frei fühlt, wenn man keine Angst mehr hat. Ich dachte, Reformation heißt, mutig sein und fromm.«

Im Unterschied zu der früheren Erzählung liegt hier der Schwerpunkt auf dem geistigen und geistlichen Verstehen von Reformation. Die Handlung ist wieder farbig, in sich stimmig und interessant, wenngleich nicht ganz so spannend. Aber das liegt am Stoff, der sowohl dem zwölfjährigen Helden als auch den Lesern ab etwa zehn Jahren Reflexion und Interesse an Geschichte und existenziellen ­Problemen abverlangt. Aber gerade Kinder stellen ja die entscheidenden Fragen nach Tod und Leben.

Christian Badels teils farbige, teils schwarz-weiße Illustrationen werden die Kinder erfreuen. Empfehlenswert ist das Buch noch aus einem anderen Grund: Es ist in einem guten, verständlichen, dem Stoff und den Lesern angemessenen Deutsch geschrieben.

Jürgen Israel

Müller, Andreas: Martin im Sturm. Wartburg Verlag, 68 S., ISBN 978-3-86160-253-8, 14,80 Euro