Die Bibel – reich an Lebensweisheiten

25. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Gottesbilder im Alten Testament (6/Schluss): Gott und die Weisheit

Mit diesem Beitrag beenden wir unsere sechsteilige Beitragsserie über die biblische Rede von Gott.

Die Weisheit mit dem Buch der Sprüche Salomos in der Hand in einer mittelalterlichen Darstellung. Bild: Archiv

Die Weisheit mit dem Buch der Sprüche Salomos in der Hand in einer mittelalterlichen Darstellung. Bild: Archiv

Der Humor ist der Regenschirm der Weisen«, schrieb Erich Kästner in einem Epigramm. Jüdischer Glaube ist ohne Humor gar nicht vorstellbar – für mich eines der schönsten Beispiele ist diese Geschichte: Ein Jude erzählt seinem Nachbarn, er kenne den frömmsten Rabbiner überhaupt.

»Jeden Donnerstag betet er, und dann frühstückt er mit Gott.« Der Nachbar ist skeptisch. »Woher weißt du das?«, fragt er. »Na, das hat mir der Rabbiner selbst erzählt.« »Und woher weißt du, dass es stimmt?« Darauf der erste ganz empört: »Glaubst du, Gott würde mit einem Lügner frühstücken?«

In dieser Geschichte wird humorvoll mit nur wenigen Sätzen aufgezeigt, wie die persönliche Überzeugung absolut gesetzt wird. Zweifel sind nicht erlaubt. Dabei ist es im ­Judentum, anders als in anderen Weltreligionen, genau andersherum: Es gibt niemals eine »einzig mögliche« Auslegung des Ersten Testaments und späterer Schriften.

Diese Toleranz gehört, so denke ich, zur Weisheit, die im Alten Testament eine besondere Position einnimmt und mehrere biblische Bücher bestimmt: das Buch Hiob, die Psalmen, den Prediger und das Buch der Sprüche.

Spannend ist die Frage, wie es uns geht, wenn wir etwa das Buch »Prediger« isoliert betrachten – keine Rede vom ewigen Leben, reine Diesseitigkeit! Halten wir es aus, dass auch dies ein Stück biblischer Botschaft ist? Es ist allgemein auffällig, dass die Vorstellung eines Weiter- oder Neu-­Lebens nach dem Tod sich in den Weisheitsbüchern nicht findet und im Ersten Testament erst ein spätes Stadium des Glaubens widerspiegelt. In diesen Schriften wird immer wieder betont, wie sehr jeder Tag ein Geschenk aus der Hand Gottes ist.

Vielleicht leuchten uns deshalb viele Worte aus ihnen trotz der Jahrtausende, die dazwischen liegen, so sehr ein. Auf das Buch der Sprüche möchte ich etwas genauer eingehen – schon deshalb, weil es nach meinem Eindruck nicht sehr häufig wahrgenommen wird, jedenfalls in unseren Gottesdiensten kaum eine Rolle spielt.

Im Buch der Sprüche finden sich, wie der Name schon sagt, Sprichwörter. »Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein« ist angelehnt an Sprüche 26, Vers 27. Dieses bekannte Sprichwort weist auf das Welt- und ­Lebensverständnis des Sprüchebuches hin: den »Tun-Ergehen-Zusam­menhang«.

Wer Gutes tut, dem wird es auch gut gehen, wer Böses tut, wird Böses an sich erfahren. Dies wird im Buch der Sprüche sehr unmittelbar und direkt formuliert: »Der Herr lässt den Gerechten nicht Hunger leiden; aber die Gier der Gottlosen stößt er zurück.« (10,3) Und: »Siehe, dem Gerechten wird vergolten auf Erden, wie viel mehr dem Gottlosen und Sünder!« (11,31) Allerdings wird in einem sehr bekannten Wort auch die Unverfügbarkeit des Handelns Gottes betont: »Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.« (16,9)

Es ist mit diesen Sprüchen ähnlich wie mit den Sprichwörtern überhaupt: Sie widersprechen sich teilweise, weil sich Erfahrungen in unserem Leben widersprechen. Aber gerade dadurch können sie zu einer Lebenshilfe ­werden.

Freilich: Auch hier finden sich Sätze, denen wir hoffentlich deutlich widersprechen, mögen sie auch über Jahrhunderte hinweg Erziehungsmaximen gewesen sein: »Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten.« (13,24)

Im Buch der Sprüche stehen viele Sätze, die in tiefem Sinne weise sind: »Wer seine Sünde leugnet, dem wird’s nicht gelingen; wer sie aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen.« (28, 13)

Das Buch der Sprüche betont die Gottesfurcht, so wie dies allgemein die Weisheitsschriften in vielfältigen Ausdrücken tun: »Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis.« (1,7) Dabei ist es interessant, wie sehr die Weisheit als Person gedacht wird und als Mittlerin zwischen Gott und den Menschen: Sie »ruft laut auf der Straße und lässt ihre Stimme hören auf den Plätzen.« (1,20) Hier wird sie als Prophetin dargestellt, im achten Kapitel des Buches dann als Schöpfungsmittlerin, als Stimme Gottes in menschlicher Gestalt. Sie ist sogar das erste Geschöpf, das Gott erschuf, wie in sehr poetischer und schöner Weise die Ver­se 22ff im achten Kapitel beschreiben.

Auch ihr Gegenpol, ihre Kontrahentin, wird als Person dargestellt und geschildert: Frau Torheit. Ohne die Darstellung des »Kontrastprogramms« geht es wohl nicht, sobald Menschen ihre Glaubensvorstellungen aufschreiben.

Ulrich Tietze