Muss ich beten?

25. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Der Sonntag Rogate stellt das Gebet in den Mittelpunkt – doch was ist Gebet und warum ist es wichtig?

»Muss ich beten?«, fragte ich als Zehnjährige die Katechetin. Ich wollte von Gott geliebt werden, aber ich hatte keine Lust, religiöse Pflichtübungen zu erfüllen. »Du musst überhaupt nichts«, antwortete sie gut evangelisch-lutherisch.

Doch ihre Antwort befriedigte mich nicht. Ich spürte: Es geht nicht um eine Pflichtübung. An Gott glauben heißt, eine Beziehung zu ihm zu haben, mit ihm zu leben, ihm zu vertrauen – trotz allen Misstrauens. Eine solche Beziehung aber braucht Pflege. Sie sucht das Gespräch. Das begriff ich je länger je mehr.

Gott selbst lockt uns zum Gespräch mit ihm
»Gott will uns damit locken«, schreibt Martin Luther im Kleinen Katechismus in der Einführung zum Vaterunser, »dass wir glauben sollen, er sei unser rechter Vater und wir seine rechten Kinder, damit wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.« Gott selbst sucht das Gespräch mit uns.

Die Ordensfrau Therese von Lisieux (1873–1897) vergleicht das Gebet mit einer Königin, »die immer freien Zutritt zum König hat und alles erlangt, worum sie bittet. Es ist durchaus nicht nötig, ein schönes, für den entsprechenden Fall formuliertes Gebet aus einem Buch zu lesen … Ich sage Gott ganz einfach, was ich ihm sagen will, ohne schöne Worte zu machen, und er versteht mich. Für mich ist das Gebet ein einfacher Blick zum Himmel, ein Ruf der Dankbarkeit und der Liebe, aus der Mitte der Mühsal wie aus der Mitte der Freude. Es ist etwas Großes, das mir die Seele weitet und mich mit Jesus vereint.«

Foto: epd-bild

Foto: epd-bild

Wer regelmäßig bestimmte Zeiten dem Gebet widmet, kann auch leichter spontan beten. Rituale geben unserem Beten Halt und Struktur. Was wir häufig wiederholen, prägt sich tief ein und wird zu einer kleinen persönlichen Liturgie. Also: Keine Scheu, immer wieder das Gleiche vor Gott zu bringen. Die gewohnte Liturgie hilft, wenn das Beten schwerfällt.

Gebet kann viele Formen haben
Für das Gespräch mit Gott gibt es viele Formen. Da ist nicht eine besser als die andere. Jede hilft auf ihre Weise, die Beziehung zu Gott zu gestalten. Ein Lied beispielsweise kann meine Liebe zu Gott oft besser ausdrücken als ein frei formuliertes Gebet. Die alltäglichen Freuden und Lasten dagegen bringe ich so zu Gott, wie es mir gerade in den Sinn kommt. So als würde ich mit einem vertrauten Menschen sprechen.

Für andere Menschen erbitte ich Gottes Hilfe, indem ich ihm ihre Namen nenne oder eine Kerze für sie anzünde. Er weiß selbst am besten, was gut für sie ist. Das hindert mich allerdings nicht, ihn auch um konkrete Dinge zu bitten.

Die Psalmen der Bibel wiederum schenken mir Worte des Staunens über Gottes Größe und führen zur Anbetung. Unentbehrlich sind sie, wenn mir eine Not die Sprache verschlägt, wenn ich vor Kummer nicht weiß, was ich sagen soll. Dann finde ich in den Psalmen Worte der Klage. Diese alten Gebete sind so gefüllt mit menschlichen Erfahrungen, dass ich mich selbst und andere darin bergen kann. Sie sind wie eine große Schale, in die ich mein Anliegen hineinlegen kann. Sie nehmen sogar die Anliegen der Menschen auf, die nicht beten können. Das Beten mit Psalmworten wird dadurch zu einem Dienst für die Welt.

Oft weiß ich nicht, was ich beten soll. Dann helfen mir traditionelle Gebete, die Menschen vor mir schon gebetet haben, allen voran das Vaterunser. Andere sind im Anhang des Gesangbuches abgedruckt. Ähnlich wie die Psalmen leihen sie mir ihre Sprache. Ohne sie würde mein Gebet vertrocknen.

Beten braucht nicht viele Worte. Es braucht vor allem das eine: dass ich innehalte und aufmerksam werde für Gottes Nähe. »Gott, ich danke dir, dass du da bist. Was hast du mir heute zu sagen?« Oder auch: »Gott, wo bist du? Wenn du überall bist, wie kommt es, dass ich sooft woanders bin?« Je mehr wir uns üben, auf Gott zu achten, desto leichter werden wir mit ihm ins Gespräch kommen.

Beten braucht nicht immer Worte
Solches Beten führt ins Schweigen. Einfach bei Gott sein und wissen: Es ist gut, mit ihm zusammen zu sein. Ich öffne mich für ihn, so gut ich kann. Um still zu werden, hilft es, auf den eigenen Atmen zu achten. Dann kann ich kurze Gebetsworte damit verbinden. »Du in mir«, denke ich etwa beim Einatmen, »ich in dir«, beim Ausatmen – immer wieder, zehn Minuten lang oder auch länger. Diese Form des Betens nennt man Herzensgebet. Häufig wird es verbunden mit den Worten »Herr Jesus Christus – erbarme dich meiner/unser«. So nehme ich seine Liebe in mich auf, so strömt sie durch mich zu den anderen Menschen. So wächst die Kraft seines Segens in unserer Welt.

Brigitte Seifert


Was mir am Beten wesentlich scheint

An der Bewegung der Liebe teilnehmen: Beten lebt davon, dass Gott zu uns kommt mit seiner Hilfe und Liebe. Diese Liebe öffnet unser Herz für Menschen, die uns brauchen. Das Beten bleibt dann nicht in eigenen Interessen gefangen. Beten und Liebe gehören zusammen.

Gute Gewohnheiten pflegen: Unser Beten braucht angemessene Formen und Rituale. Dazu kann auch ein besonderer Ort oder eine besondere Zeit am Tag gehören. Es lohnt sich, nach Formen für unser Beten zu suchen, die uns entsprechen und sich zwanglos in unseren Tages- und Wochenrhythmus einfügen lassen. Formen, die auch unseren Sinnen und unserem Gefühl Hilfestellung geben.

Mit der Gemeinschaft der Glaubenden verbunden bleiben: Das persönliche Gebet nährt sich aus der Lebensverbindung mit der Gemeinschaft anderer Christinnen und Christen. Wer beispielsweise das Evangelische Gesangbuch oder das katholische Gotteslob für das eigene Beten fruchtbar macht, stellt sich in die Weite der christlichen Gemeinde hinein. Das Gebet des Einzelnen wird getragen und befruchtet vom Gebet der Kirche und umgekehrt.

Dem Bösen widerstehen: Wer betet, nimmt teil an Gottes Kampf gegen die Leben zerstörenden Kräfte dieser Welt. Wir sind vielfach bedrängt durch Ereignisse und Mächte, die uns ängstigen und das Leben bedrohen. Die Bibel spricht hier von »Feinden«. Als Betende stellen wir uns an die Seite Jesu Christi, der diesen Feinden entgegentritt, bis sie endgültig überwunden sind.

Zum Kommen des Reiches Gottes beitragen: Der »Erfolg« unseres Betens lässt sich nicht einfach aufweisen. Denn Gott handelt überraschend. Sein Wirken bleibt für uns unverfügbar. Auch wenn manche Bitte nicht erfüllt wird, erfahren Beter dennoch immer wieder Gottes rettendes Eingreifen. Unser Beten trägt dazu bei, dass Gottes Heilskräfte in dieser Welt wachsen.

Brigitte Seifert

Dr. Brigitte Seifert gehört der Schwesternschaft des Missionshauses Malche in Bad Freienwalde/Oder an, wo sie zwischen 1991 und 2005 als Oberin, Dozentin und Seelsorgerin das gemeinsame geistliche Leben wesentlich mitgestaltete. Seit 2007 leitet sie das Haus der Stille der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland in Kloster Drübeck bei Wernigerode.

»Geht hin und verkündigt es …«

28. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Frauenpower: Leeres Grab, auferstandener Christus – wie Frauen heute mit der Osterbotschaft umgehen

»Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern …«, sagt ­Jesus nach dem Zeugnis der Bibel (Matthäus 28,10) den Frauen, die seinen Leichnam suchten. Sie wurden die ­ersten Zeugen der Auferstehung. Wir baten Frauen aus unterschiedlichen Bereichen um Antwort darauf, was sie heute beim Thema Auferstehung bewegt – und was ihnen Ostern im Alltag bedeutet.

Die Frauen am Grab Jesu: Ausschnitt aus einem Fresko des italienischen Malers Fra Angelico. Es entstand zwischen 1437 und 1445. Repro: akg-images/Electra

Die Frauen am Grab Jesu: Ausschnitt aus einem Fresko des italienischen Malers Fra Angelico. Es entstand zwischen 1437 und 1445. Repro: akg-images/Electra

Gabriele Phieler

Gabriele Phieler

Christus ist auferstanden?! Als junge Frau habe ich diesen Glaubenssatz wegschieben können, ja es hat mich aufgeregt, dass ausgerechnet diese unmögliche Botschaft der Dreh – und Angelpunkt von allem sein sollte. Ich hab mich eher an das gehalten, was mir sonst von Jesus wichtig war. Das war auch gut so. Allmählich bin ich dann wohl in die Auferstehung Jesu »hineingenommen« worden. Sie gehört einfach dazu: zu Jesus und seiner Botschaft der Vers öhnung, seinem Leben und Sterben. Sie ist wahr, denn nicht der tote, sondern der lebendige Christus begegnet uns.

Mich fasziniert immer wieder, wie dieser Christus auch heute Menschen beruft, erneuert, lebendig macht und in eine Gemeinschaft stellt, die Grenzen überschreitet. Mit meinem Glauben an diese Gegenwart Gottes – es gibt keine Beweise dafür – erlebe ich eine ungeheure Freiheit und erfahre eine Tiefe des Lebens, die Menschen auf einmalige Weise verbindet.

Gabriele Phieler, Pfarrerin, Oberin und Vorstand der Diakonissenhausstiftung Eisenach


Franziska Schwarzbach

Franziska Schwarzbach

Man sagt, es gäbe fünf Ursachen, warum Jesus zuerst einer Frau, Maria Magdalena, erschien und begründet es mit »ihrer brennenden Liebe« zu ihm. Das liest sich alles sehr spannend. Für mich ist Auferstehung Verwandlung – vielleicht nur Wandlung. Hier trifft das Ende auf den ­Anfang, die Nacht auf den Tag. Aus Krankheit entsteht Kraft.
Durch Sterblichkeit gibt es ewiges Leben. Ohne Tod gibt es kein Leben. Leben ist ­immer wieder Hoffnung. Stirbt ein Mensch, steht seine Seele auf. Unser gegenwärtiges Leben ist gelebtes Leben, ist Geschichte, ist Poesie, Kultur und Kunst und all das Böse, die Machenschaften um uns herum, der ständige Kampf.
Auferstehung heißt für mich: Immer wieder die Chance zu haben, neu Beginnen zu können und dann fällt mir der »Osterspaziergang« ein: … sie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selber auferstanden …«

Franziska Schwarzbach, aufgewachsen im Erzgebirge, lebt als freiberufliche Bildhauerin in Berlin

Brigitte Seifert

Brigitte Seifert

Christus ist auferstanden« – dieses Wunder sprengt meine Vorstellungskraft. Dennoch ist das für mich eine reale Wirklichkeit mit kosmischen Dimensionen. Es bedeutet: Auch wo etwas absolut hoffnungslos scheint und mit menschlichen Möglichkeiten nichts mehr zu retten ist, steht von Gottes Seite her das Tor zum Leben offen. Selbst wo durch menschliche Schuld unsagbares Leid entstanden ist, wird Gott zu seiner Zeit daraus etwas Neues machen. Das ermöglicht Versöhnung.
Oft fühle ich mich ohnmächtig. Dann weiß ich mich Christus in Gethsemane nahe. Ich hoffe dann auf den Ostermorgen, an dem alles verwandelt ist und in neuem Licht leuchtet. Es ist mir ein starker Trost zu wissen: Gottes Wege enden nicht im Leid und im Tod, sondern er will das Leben neu aufblühen lassen. Wie er das tut, bleibt sein Geheimnis und immer ein Wunder. Aber diese Hoffnung gibt mir die Kraft, zuversichtlich das Meine zu tun.

Brigitte Seifert, ­Pfarrerin und Leiterin des Hauses der Stille in Drübeck.


Martina Apitz

Martina Apitz

Jeden morgen erlebe ich eine Auferstehung, wenn mir frische Kräfte nach einer friedlichen Nacht zugewachsen sind, nachdem ich abends todmüde ins Bett gesunken bin. Aber das ist noch nicht die Auferstehung, die uns verheißen wird, denn die Kräfte nehmen im Laufe des Tages wieder ab. Einst werden wir zur ewigen Freude ohne Kräfteverschleiß und ganz ohne dunkle Schatten auferstehen. Darauf lebe ich zu, finde Kraft für alle Tage hier auf Erden aus dieser Hoffnung, die dadurch gestärkt wird, dass Christus der »Erstling derer, die da schlafen« erstanden ist vom Tod. Daran denke ich zu Ostern und nach diesem kräftezehrenden Winter ganz besonders!

Martina Apitz, Kirchenmusikdirektorin in Köthen


Diemut Bestehorn

Diemut Bestehorn

Ich glaube an die Auferstehung. Aber ich verstehe sie nicht. Jesus musste sterben und auferstehen, um unsere Schuld zu bezahlen und uns zu erlösen – das ist absurd. Gott musste diesen Weg nicht wählen, es gibt keine zwingende Logik dafür. Er hat ihn so gewählt, warum auch immer. Und wieso dieser Weg unsere Erlösung bewirkt, das ist ein Geheimnis. Und mir gefällt die Konsequenz nicht: Wenn Jesus auferstanden ist, gibt es auch für uns eine Auferstehung, ein Leben nach dem Tod. Ich will nicht ewig leben. Ich wäre zufrieden damit, alt und lebenssatt zu sterben. Aber da man sich ja nicht aus einer Religion nur die Dinge auswählen kann, die einem gefallen, vertraue ich einfach, dass Gott etwas vorbereitet hat, was mich dann irgendwann einmal umhauen wird.

Diemut Bestehorn, Mathematikerin und mitarbeitende Ehefrau in einem Maschinenbau-Familienunternehmen in Aschersleben


Katharina Bracht

Katharina Bracht

Ich verlasse mich darauf, dass die Frauen, die vom leeren Grab Jesu und seiner Auferstehung berichteten, Wahres gesagt haben. Sie haben von einem Ereignis erzählt, das ihr Leben grundlegend verändert und ihm eine Perspektive gegeben hat.
Die Auferstehung Jesu ist mir wichtig, weil mein alltägliches Leben mit all seinen Freuden, seiner Geschäftigkeit und seiner Mühsal mir vergebens und perspektivlos erschiene, wenn ich keine Hoffnung über den Tod hinaus hätte – und Grund dieser Hoffnung ist, dass Gott Jesus Christus als ersten von uns auferweckt hat. Dass Gott Jesus Christus auferweckt hat, zeigt mir, dass Gott noch immer, wie in der ersten Schöpfung, das Leben will. Ich bin sicher, dass Gott immer wieder tun kann, was er schon einmal, ganz am Anfang getan hat: Aus dem Nichts, aus dem Tod Leben zu schaffen. Und ich vertraue darauf, dass das auch für mich selbst gilt – dass Gott mich dabei wie jeden anderen Menschen ganz persönlich ansieht und bei der Hand nimmt, so wie Jesus das Töchterchen des Jairus.

Katharina Bracht, Professorin für ­Kirchengeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena


Brigitte Andrae

Brigitte Andrae

Aufgewachsen in einem nichtkirchlichen Elternhaus, habe ich den Zugang zu Ostern zuerst über die Kunst gefunden. Was für eindrückliche Darstellungen, was für eine wundervolle Musik gibt es, die das Ostergeschehen lebendig machen. Erst später habe ich in den Evangelien gelesen. Wie unterschiedlich wird da von der Auferstehung Jesu berichtet. Die Begegnung von Maria aus Magdala und Jesus, den sie zunächst für den Gärtner hält, ist die wohl schönste und anrührendste Schilderung (Johannes 20, 11-18). Gleichwohl ist mir das Ostererlebnis der Frauen im Matthäusevangelium (Matthäus 28, 1-10) näher. Den Schmerz, die Trauer und Verzagtheit der Frauen, die zum Grab gehen, kann ich gut nachempfinden. Auch, wie sich ihre Furcht allmählich in große Freude verwandelt.

Eine ganz ähnliche Erfahrung des lebendigen Gottes habe ich im Zusammenhang der Krebserkrankung unseres damals dreijährigen Sohnes selbst gemacht. Gott hat unsere Angst und unseren Schmerz in Freude verwandelt.

Brigitte Andrae, Juristin und Präsidentin des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland in Erfurt

»Diese Welt ist trotz allem in Gottes Hand«

1. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie der Glauben an Jesus Christus helfen kann – Interview mit Brigitte Seifert

Wenn Jesus Christus das Licht der Welt ist, kann dann auch mein Leben heller werden? »Ja«, sagt Brigitte Seifert, Pfarrerin am Haus der Stille im evangelischen Zentrum Kloster Drübeck. Mit ihr sprach Sabine Kuschel.

Frau Dr. Seifert, im Advent besinnen wir uns darauf, dass Christus das Licht der Welt ist. Was bedeutet Ihnen diese Botschaft?
Seifert: Viel! Das Erste, was mir einfällt, ist die Zeit meiner Krebserkrankung. Ich war 2007 krebskrank. Es war das Paul-Gerhardt-Jahr. Damals habe ich manche Paul-Gerhardt Lieder auswendig gelernt, u.?a. »Die güldne Sonne voll Freud und Wonne«, in dem es auch um Licht geht. Eine Strophe mochte ich nicht: »Willst du mich kränken, mit Galle tränken, und soll von Plagen ich auch was tragen, wohlan, so mach es, wie dir es beliebt.« Ich mochte diese Strophe nicht, aber ich habe sie trotzdem gesungen. Als die Diagnose akut wurde, begann die ungeliebte Liedstrophe zu mir zu sprechen. Einen Tag, bevor ich die Diagnose bekam, habe ich sie wieder gesungen und hatte plötzlich das Gefühl: Ja, okay, wenn es denn so sein soll, dann ist es so. Ein paar Tage später lag ich unter der Chemotherapie und fühlte mich krank. Von diesem Augenblick an wusste ich zugleich: Ich bin in der Hand des großen Arztes – Jesus. Diese Krankheit wird mir zu einer Heilung auf tieferer Ebene dienen. So war es dann auch.

Brigitte Seifert – Foto: privat

Brigitte Seifert – Foto: privat

Es waren Liedstrophen, die Ihnen während der Krankheit geholfen haben?
Seifert: Ja. Zum Beispiel dann in der Osterzeit, als ich noch Chemotherapie bekam. In einer Strophe des Liedes »Christ lag in Todesbanden« heißt es: »das Leben behielt den Sieg … Die Schrift hat verkündet das, wie ein Tod den andern fraß«. Für mich war die Chemotherapie der eine Tod, der meinen Körper an die Grenzen gebracht hat, aber der hat den anderen Tod gefressen. Das ist mir zum Gleichnis geworden, wie der Tod Jesu die Macht des Todes für uns Menschen überwindet.

Wenn wir die Nachrichten lesen, hören oder sehen, lehren sie uns mitunter das Fürchten. Wie bewahren Sie sich im Alltag den Glauben, dass Christus das Licht ist?
Seifert: Ich würde resignieren, wenn ich mich nicht immer wieder erinnern könnte. Und an die Botschaft, dass Gott Mensch wird. Das heißt, dass er mein Leben mit all seinen Beschwernissen, sogar bis in die tiefsten Tiefen und Dunkelheiten teilt. Das ist mir etwas so Großes, dass ich immer mehr zum Staunen komme.

So glauben zu können, ist ein großes Geschenk. Wie sind Sie zu diesem Glauben gekommen?
Seifert: Ich bin als Baby getauft worden. Das ist mir tatsächlich ein großes Geschenk. Ich bin dann in einer evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde aufgewachsen, die mir Halt gegeben hat. Es war immer eine Sehnsucht in mir. Am meisten gewachsen ist mein Glauben in den verschiedenen Auseinandersetzungen und Krisenzeiten. Es gab Zeiten, da wusste ich nicht mehr richtig, wo ich innerlich hingehöre, was richtig und was falsch ist. Ich habe diese Fragen immer auch in mein Gebet genommen. Ich wollte gern Medizin studieren, wurde aber abgelehnt. Erst mal war ich ganz stark im Glauben, dass Gott mir einen Weg zeigen würde. Aber dann plötzlich, ich war auf dem Weg zum Orgelüben in die Kirche, dachte ich: Ich verlass mich hier auf Gott, wenn es den nun gar nicht gibt? Ich war selber erschrocken über den Gedanken. Bevor ich zur Orgel hochstieg, habe ich auf dem Altarplatz zu Gott, von dem ich nicht mehr wusste, ob es ihn gibt, gesagt: Lieber Gott hilf mir, ich weiß nicht, ob es dich gibt. Amen. Das war ein ganz kurzes Gebet. Ich bin hoch zu meiner Orgelbank, dort lag eine Bibel und da bin ich auf Psalm 13 gestoßen: Wie lange willst du mich ganz vergessen? Wie lange soll mein Feind sich rühmen, er sei meiner mächtig geworden? Ich dachte: Den Menschen vor über 2000 Jahren ist es auch schon so gegangen. Meine Zweifel waren weggewischt. Ich habe auch später meine Zweifel und meine Enttäuschung im Gebet ausgesprochen. Das hat meine Beziehung zu Gott vertieft. Manchmal hat es sehr lange gedauert, bis ich seine Antwort gehört habe.

Zu Ihnen kommen Menschen, die Sehnsucht nach Religiosität haben oder Glaubensstärkung suchen. Was raten Sie ihnen?
Seifert: Zwei Wege, die sich aber nicht ausschließen. Das eine: So tun als ob. Wenn jemand mit Gott wieder in Verbindung kommen will, sollte er so tun, als ob Gott hören würde und beten: Ich hab Sehnsucht nach dir, aber du bist mir unendlich weit entfernt. Also nicht über Gott nachdenken und warten, bis im Kopf alles klar ist, das wird nie passieren, sondern versuchen in das Dunkel des Nicht-glauben-Könnens zu sagen: Gott, wo bist du? Um im Glauben wachsen zu können, brauchen wir Zeiten der Beschäftigung mit dem Glauben: sei es die Losung am Frühstückstisch, ein Bibelgesprächskreis, eine Zeit des Gebets beim Spazierengehen oder auf dem Nachhauseweg von der Arbeit. Den Tag noch mal Revue passieren lassen. Es gibt eine Gebetsform, die heißt »Das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit«. Ich stell mir vor, dass Gott liebevoll auf meinen Tag und auf mich schaut. Mit dieser liebevollen Aufmerksamkeit schaue ich auch auf meinen Tag und sage im Stillen danke für das, was schön war. Und leg Gott das hin, was schwierig war.

Der Weg führt durch Trauer zum Licht

21. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Mit Verlusten neu leben lernen – Eine Betrachtung zum Ewigkeitssonntag

Foto: Harald Krille

Foto: Harald Krille


Wenn alles ganz schlimm ist, darf man nicht glauben, dass es immer so schlimm bleibt«, sagt Erika (Name geändert). Für sie ist es jetzt ganz schlimm. Ihr Mann hat sich das Leben genommen. Lange schon war er schwer krank. Aber dass er so verzweifelt war, hatte sie nicht geahnt. In das Entsetzen über dieses Sterben mischt sich ein alter Schmerz. Vor Jahren kam ihr achtjähriges Kind, das einzige Mädchen, bei einem Unfall ums Leben. »Da hab’ ich mich gefühlt, als wäre ich nur noch halb«, sagt sie. Die Wunde ist wieder aufgerissen.

Ich weiß nichts zu sagen, was Erika trösten könnte. Sie selbst sagt das ­Entscheidende: »Wenn alles ganz schlimm ist, darf man nicht glauben, dass es immer so schlimm bleibt.« Ich staune über ihre Hoffnungskraft. Dieser Satz redet nichts schön. Trauer und Entsetzen sind in ihr Leben eingekehrt. Obwohl da keine Worte sind, die auch nur annähernd ausdrücken könnten, was mit ihr geschieht, ist es nötig, das auszudrücken. Im Moment genügt dieser schlichte Satz: Es ist ganz schlimm.

Doch da ist noch der zweite Teil: Man darf nicht glauben, dass es immer so schlimm bleibt. Damit begibt sich Erika auf einen Weg. Sie bleibt nicht im Finsteren stecken, sondern sie geht Schritt für Schritt – wie durch einen Tunnel. Das Licht am Ende kann sie nicht sehen. Noch nicht. Aber sie weiß und glaubt, dass ihr Weg wieder zum Licht führt.

Jeder Verlust entreißt uns ein Stück unseres Lebens. Das kann auch der Verlust des Arbeitsplatzes sein, das Zerbrechen einer Partnerschaft oder eine Krankheit, die zu bleibenden Einschränkungen führt. Verluste hinterlassen Wunden in uns. Die heilen am besten, wenn wir sie betrauern. Tränen helfen dabei, dass der Schmerz sich in unserem Inneren löst und Ausdruck findet. Gefährlich wird die Trauer, wenn ein Mensch sie nicht als Weg versteht, sondern hocken bleibt. Oder wenn er sie gar nicht ­zulässt und versucht, so weiterzuleben, als wäre nichts geschehen. Dann wird sie sich in seinem Inneren verfestigen, und die Seele kann nicht gesunden.

»Wenn alles ganz schlimm ist, darf man nicht glauben, dass es immer so schlimm bleibt«

 
Trauer braucht Zeit, oft viel Zeit. Und sie kostet Kraft. Nicht umsonst sprechen Fachleute von Trauer-Arbeit. Sie verläuft in verschiedenen Phasen, die manchmal auch durcheinanderlaufen oder sich wiederholen. Am Anfang kann unsere Seele noch nicht fassen, was geschehen ist. Vielleicht fühlen wir gar nichts, funktionieren einfach weiter und tun, was getan werden muss. Die Gefühle sind wie abgeschnitten. Dann wundern sich andere zuweilen, dass wir so »gefasst« sind, und halten das womöglich für besondere Glaubensstärke. Nach und nach erst kommen die Gefühle an die Oberfläche. Ganz verschiedene Gefühle: Zorn kann dabei sein, Zorn auf Menschen, die eigentlich gar nichts dafür können. Auch Zorn auf Gott. Oder auf sich selbst.

Dazwischen, wenn es gut geht, empfinden wir Dankbarkeit für glückliche Tage, die wir mitein­ander hatten, für Momente ­inniger Verbundenheit selbst im Schmerz, für die Zeichen der Liebe, die uns andere in solchen ­Zeiten geben. Wir spüren Gottes bergende Nähe. Oder das Gegenteil: Von Gott und Menschen im Stich gelassen zu sein. Manchmal verdichtet sich das Durcheinander der Gefühle so sehr, dass wir wie in ein schwarzes Loch ­fallen.

Es ist wichtig, dass wir unserer Seele in all dem Wirrwarr der Gefühle Gehör schenken. Dann liegt es in unserer Macht zu entscheiden, welche Gefühle wir bewahren wollen und welche wir besser loslassen. Vorwürfe beispielsweise, wenn wir sie festhalten, werden unser Inneres vergiften. Zorn, wenn er festgehalten wird, macht uns hart. Selbstmitleid wird wie eine undurchdringliche Mauer, die unser Inneres im Dunkel einschließt. Dankbarkeit dagegen gibt uns Kraft.

Mitten im Trauerprozess haben wir die Möglichkeit, bewusst Schönes zu suchen und uns an kleinen Dingen zu freuen. Erika beispielsweise hat sich von Freundinnen einladen lassen. Sie sind miteinander verreist. Das hat den Trauerweg nicht verkürzt. Aber es waren Lichtpunkte, die ihr Mut gaben, weiterzugehen.

Als ich sie frage, ob ich ihre Geschichte erzählen darf, stimmt sie sofort zu. Und sie ergänzt: »Aber schreiben Sie doch auch, was einem in solchen Zeiten wirklich hilft. Es sind ganz praktische Dinge. Die Leute brauchen gar nicht so viel zu sagen. Nur da sein und fragen, was man braucht.«

Das Ziel des Trauerweges besteht darin, neu leben zu lernen. Wir treten heraus aus dem Tunnel, genießen das Licht und die Farben. Das Verlorene tragen wir wie einen Schatz in uns und sind zugleich frei für das, was heute dran ist.

Brigitte Seifert

Die Autorin ist promovierte Theologin und Pfarrerin im Haus der Stille im evangelischen Zentrum Kloster Drübeck

Die Beziehung zu Gott pflegen

15. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Spiritualität im Alltag (3): Beten – Für das Gespräch mit Gott gibt es viele Formen

Eine dreiteilige Beitragsserie beschäftigt sich damit, wie wir Christen unseren Glauben im Alltag prakti­zieren können. Abschließend geht es ums Beten.

betende_haendeMuss ich beten, wenn ich Christ sein will?«, fragte ich als Zehnjährige die Katechetin. Ich wollte von Gott geliebt werden, aber ich hatte keine Lust, religiöse Pflichtübungen zu erfüllen. »Du musst überhaupt nichts«, antwortete die Katechetin gut evangelisch-lutherisch. Doch ihre Antwort befriedigte mich nicht. Ich spürte: Es geht nicht um eine Pflichtübung. An Gott glauben heißt, eine Beziehung zu ihm zu haben, mit ihm zu leben, ihm zu vertrauen – trotz ­allen Misstrauens. Eine solche Beziehung braucht Pflege. Sie sucht das Gespräch. Das begriff ich je länger je mehr.

»Gott will uns … locken«, schreibt Martin Luther im Kleinen Katechismus, »damit wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.« (Erklärung zum Vaterunser) Gott selbst sucht das Gespräch mit uns. Therese von Lisieux (1873–1897) vergleicht das Gebet mit einer Königin, »die immer freien Zutritt zum König hat und alles erlangt, worum sie bittet. Es ist durchaus nicht nötig, ein schönes, für den entsprechenden Fall formuliertes Gebet aus einem Buch zu lesen … Ich sage Gott ganz einfach, was ich ihm sagen will, ohne schöne Worte zu machen, und er versteht mich. Für mich ist das Gebet ein einfacher Blick zum Himmel, ein Ruf der Dankbarkeit und der Liebe, aus der Mitte der Mühsal wie aus der Mitte der Freude. Es ist ­etwas Großes, dass mir die Seele weitet und mich mit Jesus vereint.«

Doch was ist, wenn Gott unsere Bitten nicht erhört? Die Kommunikation zwischen ihm und uns gestaltet sich oft schwierig. Auf viele unserer Gebete reagiert er anders als erhofft.

Das ist gut so! Denn es gehört zu ­einer lebendigen Beziehung, dass der Partner eigene Vorstellungen hat. Da hilft nur eines: sich üben im Hören aufeinander. Das Hörproblem liegt nicht bei Gott, sondern bei uns. Deshalb beginnt das Beten damit, innezuhalten und aufmerksam zu werden für Gottes Gegenwart. Gott, ich danke dir, dass du da bist. Oder auch: Gott, wo bist du? Ohne Worte kann das geschehen. Es ist eine Lebenshaltung. Je mehr wir uns üben, achtsam zu werden für Gottes Nähe, desto leichter werden wir mit ihm ins Gespräch kommen.

Wer regelmäßig bestimmte Zeiten dem Gebet widmet, kann auch leichter spontan beten. Rituale geben unserem Beten Halt und Struktur. Was wir häufig wiederholen, prägt sich tief ein und wird zu einer kleinen persönlichen Liturgie. Die hilft, wenn das ­Beten schwerfällt.

Für das Gespräch mit Gott gibt es viele Formen. Die eine ist nicht besser als die andere. Jede hilft auf ihre Weise, die Beziehung zu Gott zu gestalten. Ein Lied beispielsweise kann meine Liebe zu Gott oft besser ausdrücken als ein frei formuliertes ­Gebet. Die alltäglichen Freuden und Lasten dagegen bringe ich so zu Gott, wie es mir gerade in den Sinn kommt. Für andere Menschen erbitte ich seine Hilfe, indem ich ihm ihre Namen nenne oder eine Kerze für sie anzünde. Er weiß am besten, was gut für sie ist. Das hindert mich allerdings nicht, ihn auch um konkrete Dinge zu bitten.

Psalmen wiederum schenken mir Worte des Staunens über Gottes Größe und führen zur Anbetung. Ohne sie würde mein Gebet vertrocknen. Wenn mir jedoch eine Not die Sprache verschlägt, wenn ich vor Kummer nicht weiß, was ich sagen soll, dann finde ich in den Psalmen Worte der Klage. Diese alten Gebete sind so gefüllt mit menschlichen Erfahrungen, dass ich mich selbst und andere darin bergen kann. Sie nehmen sogar die Anliegen der vielen Menschen auf, die nicht beten können. Das Beten mit Psalmworten wird zu einem Dienst für die Welt.

Oft weiß ich nicht, was ich beten soll. Dann helfen geformte Gebete, allen voran das Vaterunser. Es verbindet mich mit Jesus und zugleich mit der ganzen Christengemeinde. Inniges Vertrauen zu Gott dem Vater und die Weite seines Reiches, meine Sorgen um das Alltägliche und die Befreiung von der Macht des Bösen – das ganze Leben in Zeit und Ewigkeit kommt in diesen kurzen Worten vor. Alles ist gesagt, Gott sei Dank!

Es braucht nicht viele Worte. Es braucht vor allem liebende Aufmerksamkeit: Gott, wie willst du mir heute begegnen? Was willst du mir ­sagen?

Solches Beten führt ins Schweigen. Einfach bei Gott sein und wissen: Es ist gut, mit ihm zusammen zu sein. Ich öffne mich für ihn, so weit ich kann – im Rhythmus des Atmens: du in mir, ich in dir. So nehme ich seine Güte in mich auf, so strömt sie durch mich zu den anderen Menschen. So weitet sich der Raum seiner Gegenwart. So wächst die Kraft seines Segens in unserer Welt.


Brigitte Seifert

Die Autorin ist promovierte Theologin und Pfarrerin am Haus der Stille im Evangelischen Zentrum Kloster Drübeck.


Gott in allen Dingen suchen und finden

SchneeChristliche Spiritualität will den Alltag im Geist Jesu Christi gestalten

Welchen Platz hat unser Glauben an Gott im Alltag? Wie wirkt er sich im täglichen Leben aus? Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich eine dreiteilige Serie über Spiritualität im Alltag.

Stellen Sie sich vor, es ist Freitag, der 13. August 2010. Herr M. freut sich auf das Wochenende. Er will mit seiner Familie ins Grüne fahren. In der Natur sein, den Vogelstimmen lauschen, abends den Sternenhimmel betrachten, all das wird er genießen. Er gehört keiner Kirche oder Religion an, doch in solchen Momenten fühlt er sich eins mit Gott und dem Universum. Frau K. dagegen wird heute nichts Besonderes unternehmen. Es ist ja Freitag der 13. In ihrem Horoskop hat sie zwar gelesen, sie solle sich ruhig mehr zutrauen. Aber an so einem Tag will sie das Schicksal nicht herausfordern. Anders Herr G.: Gelassen kommt er ins Büro. Er hat am Morgen schon eine Stunde meditiert. Das hilft ihm, die Hektik des Alltags besser zu bestehen und achtsam mit sich selbst und anderen umzugehen.

Diese Menschen leben Spiritualität im Alltag auf ganz verschiedene Weise. Den christlichen Glauben brauchen sie dazu nicht. Doch sie ­ahnen oder wissen: Die Welt ist mehr als Materie und der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Wir brauchen etwas, das größer ist als wir selbst.

Viele fragen und suchen danach; das Interesse an »Spiritualität« ist groß in unseren Tagen. Spiritus, das lateinische Wort für »Geist«, steckt darin. Es geht also um die Frage: Welcher Geist bestimmt mein Leben? Und wie kommt das, was ich glaube, in meinem Tun und Lassen zum Ausdruck? »Frömmigkeit« hieß das früher oder auch »geistliches Leben«.

Christliche Spiritualität will den Alltag im Geist Jesu Christi gestalten. Sie erwächst aus dem Glauben an Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Im Unterschied zu vielen anderen Weisen spirituellen Lebens richtet sich unser Glaube auf ein göttliches DU, genauer gesagt: auf den Gott, der aus Liebe zu uns Mensch wurde, um uns und diese Welt zu erlösen.

Wie wirkt sich dieser Glaube nun aus auf das Leben an jenem Freitag, dem 13. August 2010, zum Beispiel?

Vielleicht so: »Geh aus, mein Herz, und suche Freud … an deines Gottes Gaben«, sagt sich Frau N. und bricht auf zu ­einem Spaziergang. Im Paul-Gerhardt-Jahr 2007 hat sie dieses Lied (EG 503) neu entdeckt. Mit offenen Sinnen geht sie durch Wald und Wiesen wie einst der Liederdichter. Von ihm lernt sie, die Schönheit der Schöpfung auch als einen Vorgeschmack auf die himmlische Welt zu sehen (Str. 9–11). Und der Gedanke, dass sie schon jetzt »ein guter Baum« und eine »schöne Blum« (Str. 14) im Garten Christi sei, gefällt ihr gut. Mit diesem Lied wird ihr Spaziergang zum Gottesdienst.

Herr L. dagegen sitzt mit schwerem Kopf über den Geschäftszahlen. Harte Monate liegen hinter ihm. Mehrere Mitarbeitende mussten entlassen werden. Manche gaben ihm die Schuld. Die Verantwortung bedrückt ihn. Auch die Vorwürfe, obwohl er weiß, dass sie nicht berechtigt sind. Seit dem letzten Sommer waren die Auswirkungen der Finanzkrise deutlich spürbar. Gott, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen. Wo hat er das nur gehört oder gelesen? Ach ja, vor einiger Zeit stand es im Schaukasten am Pfarrhaus. Er kann sich nicht vorstellen, wie das gehen soll: Last in Segen. Trotzdem ist dieser Gedanke plötzlich da. Er nimmt ihn auf, macht ihn zu seinem Gebet – für die Menschen, die ihre Arbeit verloren haben, für die Angestellten seiner Firma, für sich selbst. »Segen – das ist mehr als Erfolg«, denkt er, »manchmal wohl auch etwas anderes.«

Frau S. ist auf dem Weg ins Krankenhaus. Ihr Mann hatte einen Verkehrsunfall und erlitt einen komplizierten Beckenbruch. Gott sei Dank, sind die inneren Organe und die Wirbelsäule heil geblieben. Trotzdem ist sie sauer auf Gott. Warum hat er das zugelassen? Sie hatten sich so auf den Urlaub mit den Kindern gefreut! »Gott, ich verstehe dich nicht!«, seufzt sie. Vorgestern, am Tag des Unfalls, las sie morgens im Herrnhuter Losungsbuch: »Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.« (2. Korinther 12,10) So ein Quatsch, dachte sie. Dann kam die Nachricht von dem Unfall. Schwach sein – das erleben sie jetzt. Ob daraus eine neue Stärke werden kann? Wie hieß das doch noch mal? »Der HERR ist meine Stärke … und mein Heil.« Lieber Gott, das musst du mir erklären!

Auf unendlich vielfältige Weise wird uns Gott in unserem Alltag begegnen, wenn wir nur offen dafür sind. Das Zeugnis der Bibel ist dabei die Grundlage, um ihn zu erkennen. Damit beschäftigt sich der nächste Beitrag.

Brigitte Seifert

Die Autorin ist promovierte Theologien und Pfarrerin am Haus der Stille im evangelischen Zentrum Kloster Drübeck