Die Drei in der Schule ist eine gute Zensur

22. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Familie

Spannend, der erste Tag in der Schule. (Foto: picture-alliance/dpa)

Spannend, der erste Tag in der Schule. (Foto: picture-alliance/dpa)


Schulanfang: Eltern sollten nicht zu hohe Erwartungen an die schulischen Leistungen ihrer Kinder stellen.


Die Note Drei honoriert eine im besten Sinne des Wortes befriedigende Leistung. Trotzdem hat die Zensur in den Augen vieler Eltern einen schweren Stand.

Wenn zum Schulanfang die Erstklässler mit ihren Zuckertüten zum ersten Mal den Weg zur Schule gehen, sind auch die Eltern voller Spannung. Was wird aus ihren Kindern einmal werden? Mit den Zensuren werden die Weichen dafür gestellt, welche beruflichen Chancen die Kinder später einmal ­haben werden. Eltern wünschen das Beste für ihr Kind und das ist in den Augen vieler Mütter und Väter das Gymnasium.

Also hoffen sie auf gute Zensuren, Einsen und Zweien.

»Das ist traurig«, sagt Heide Wendrich, Lehrerin an der 101. Mittelschule »Johannes Gutenberg« in Dresden, denn sie erlebt tagtäglich, dass der falsche Ehrgeiz der Eltern die Kinder überfordert.

Aber sie weiß auch aus eigener Erfahrung als Mutter, dass es für Eltern schwer zu akzeptieren ist, wenn die Kinder in der Schule nicht die erwarteten Leistungen bringen.

Alexander, ihr erster Sohn, hatte die ­erwünschten Einsen, Thomas, der zweite Sohn, Dreien.

»Wieso der das nicht schnallt«, sei für sie und ihren Mann Rolf schwer zu begreifen gewesen. »Thomas war in Rechtschreibung schlecht. Wir konnten nicht verlangen, dass er schreibt, was wir diktieren. Also haben wir das Abschreiben geübt. Erst wenn er eine Zeile aus dem Schulheft abgeschrieben hatte, durfte er spielen gehen«, erzählt Wendrich.

Nach ­ihrer Erfahrung ist es wichtig, dass die Kinder vom ersten Schultag an in ­kleinen Schritten an die neuen Anforderungen herangeführt werden. »Sie müssen das Lernen lernen«, betont die Lehrerin.

Eltern sollten sich jeden Tag eine halbe Stunde Zeit nehmen, nicht mehr, weil sonst das Kind die Lust verliere, und sich erzählen lassen, wie es in der Schule war. Sie rät Eltern, interessiert zuzuhören und sich zeigen zu lassen, was die ­Kinder in der Schule gemacht haben.

Eltern sollten den Kindern ­Erfolgserlebnisse organisieren.

Ein Erfolg für Kinder sei, wenn je nach Stundenplan Turnbeutel und Zeichenutensilien mit im Ranzen sind und nichts vergessen wird. Das sollten Eltern kontrollieren.

Leistungsdruck ist Wendrichs Meinung nach ungeeignet, um Kinder zum Lernen zu motivieren. »Unter Druck machen sie nichts mehr, sie ­rutschen ganz ab.« Stattdessen sollten Eltern mehr loben als tadeln. »Und sich über eine Drei freuen.«

»Wenn die Kinder höchstens Dreien schaffen, sage ich, das ist keine schlechte Note«, so Dr. Reinhold Goldmann, Schulleiter am Evangelischen Schulzentrum Mühlhausen. Seine Erfahrung ist, dass Eltern oft mehr erwarten als ihre Kinder zu ­leisten vermögen.

Zugleich beobachte er, dass die Leistungsbereitschaft der Kinder stark abgenommen habe. Das liege zum Teil an den Ablenkungen durch den Computer etc.

»Doch das Problem: Eltern unterstützen die Bequemlichkeit ihrer Kinder und wenn sie dann schlechte Noten bringen, machen sie die Schule verantwortlich. Das war früher anders. Wenn ein Kind einen Verweis bekommen hatte, bekam es Druck von seinen ­Eltern«, schildert Goldmann, der seit 30 Jahren Lehrer ist. Heute käme es immer häufiger vor, dass Eltern bei einem Verweis zweifelten, ob dieser seine Berechtigung habe.

Hendrik Felber, Lehrer am Evangelischen Kreuzgymnasium in Dresden, kennt Eltern, die das Augenmerk mehr auf die musischen Fähigkeiten ihrer Kinder legen und den anderen schulischen Leistungen keine so große Bedeutung einräumen.

»Es gibt Eltern, die sagen, mein Kind ist besonders begabt, es muss in Mathe keine Eins haben«, so Felber. Die ­Situation an der Kreuzschule sei insofern etwas anders, denn »wir lesen die Schüler aus«. Sie müssen wie an anderen Schulen auch eine Bildungsempfehlung fürs Gymnasium haben. Ihre Chancen seien größer, wenn sie bereits ein Instrument spielen. Dann dürften sie sogar einen etwas schlechteren Durchschnitt haben, weil für die Bands und Orchester immer Nachwuchs gebraucht würde, erklärt Felber.

Die Schulen haben verschiedene pädagogische Ansätze. Demzufolge kommen die Schülerinnen und Schüler mit ­unterschiedlichen Voraussetzungen ans Gymnasium.

»Manche langweilen sich, wenn ich ihnen ­Subjekt und ­Prädikat erläutere«, sagt Felber, der Deutsch und Latein unterrichtet.

Andere wüssten nicht, was sie tun sollten, wenn sie aufgefordert würden, einen längeren Text in Schreibschrift zu Papier zu bringen. »Auf dem Gymnasium ist die 5. Klasse dazu da, die Kinder auf einheitliche Anforderungen zu bringen.«

Einsen und Zweien zu bekommen, sei an manchen Schulen leichter als an anderen, bemerkt Reinhold Goldmann, wodurch mitunter Leistungen vorgetäuscht würden. Manchmal sei auch die Entscheidung, das Kind aufs ­Gymnasium zu schicken, eine falsche, so Hendrik Felber.

Das Halbjahreszeugnis der 4. Klas­se ist ausschlaggebend, in welche Schule die Kinder ab der 5. Klasse ­gehen und wird demzufolge von den Eltern mit großer Spannung erwartet.

»Ganz schlimm ist, wenn die Eltern den Wechsel aufs Gymnasium einklagen«, meint Heide Wendrich. In diesem Falle müssen die Kinder beim Schulamt eine Aufnahmeprüfung machen, schaffen sie die, dürfen sie aufs Gymnasium.

Nach Wendrichs Erfahrung wäre es viel besser, sie blieben bei entsprechenden Leistungen auf der Mittelschule, wo sie besser aufgehoben wären. »Sie sind sonst ­un­glücklich, schlafen aufgrund des psychi­schen Druckes schlecht.« Außerdem könnten sie, wenn sich die Leistungen in der 6. Klasse verbessern, immer noch aufs Gymnasium wechseln.

Der Mensch ist mehr als seine ­Leistung.

Gut und schlecht, oben und unten – das schulische Zensurensystem birgt die Gefahr in sich, dass die Kinder klassifiziert, mit ihrer Leistung identifiziert werden. »Das ist der Kardinalfehler, den Lehrer vermeiden sollten«, sagt Felber.

Hinter manchem Ehrgeiz der Eltern steht die Sorge, ihr Kind könnte später nicht seinen Platz im Leben ­finden. Dass Schulabgänger mit einer Drei auf dem Abschlusszeugnis keine Chance auf dem Ausbildungsmarkt hätten, kann Goldmann nicht bestätigen.

Im Gegenteil: Seine Erfahrung ist, dass sie alle eine Lehrstelle bekommen. »Wir haben auch Schüler mit sehr schlechten Abschlüssen, die trotzdem eine Lehrstelle gefunden ­haben, weil Mangel herrscht.«

Der Wert der Kinder ist nicht von ihren schulischen Leistungen, nicht von ihren Zensuren und auch nicht davon abhängig, welchen Beruf sie wählen. Es ist auch nicht nötig, dass alle einen Hochschulabschluss haben, denn es würden auch Arbeiter gebraucht, meint Heide Wendrich.

Deshalb wäre es gut, dass die Note Drei, die im besten Sinne des Wortes eine befriedigende Leistung honoriert, wieder zu Ehren kommt.

Sabine Kuschel