Gebete, Kettenfett und Motorenklang
9. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Stilles Gedenken an den Gräbern des Ersten Weltkrieges und PS-Schau in der Sankt Petersburger Innenstadt – beides gehörte zum ersten christlichen Bikertreffen Russlands. Fotos: privat
Russlands erstes christliches Bikertreffen – deutsche und russische Zweiradfans besuchen Kriegsgräber
Die Ängste waren groß: Mehrere Hundert Motorradfahrer, in Russland nicht gerade als besonders zurückhaltende Verkehrsteilnehmer bekannt. Dann auch noch eine Invasion von Bikern aus Deutschland in die Newastadt. Und das ausgerechnet unmittelbar vor den Feierlichkeiten zum Jahrestag des faschistischen Überfalls auf die ehemalige Sowjetunion. Kein Wunder, dass die Behörden von Sankt Petersburg kritisch auf die Idee von Pfarrer Matthias Zierold von der lutherischen Petrikirche und Vater Wjatscheslaw von der orthodoxen Kirche reagierten. Eine Sternfahrt russischer und deutscher Motorradfahrer nach Sankt Peterburg mit einem großen gemeinsamen Gottesdienst hatten die beiden zweiradbegeisterten Geistlichen im Sinn.
Am Ende aber staunten die Sankt Petersburger nicht schlecht: Rund 100 russische und ebenso viele deutsche Liebhaber der »heißen Öfen« waren am 20. Juni mit ihren Maschinen angereist und trafen sich friedlich in
der Stadt. Schwierigkeiten gab es dennoch: mit einem gemeinsamen Gottesdienst nach Vorbild des berühmten Motorradfahrergottesdienstes (MoGo) in Hamburg – übrigens der Partnerstadt von Sankt Petersburg.
»Njet«, sagten die Verantwortlichen der russisch-orthodoxen Kirche, gemeinsame Gottesdienste mit Lutheranern sind nicht zugelassen. Doch Oberpriester Wjatscheslaw Charinow, der eine Gemeinde in Sankt Peterburg leitet, fand mit dem aus Thüringen in die Newastadt gekommenen Pfarrer Zierold eine andere Lösung: Einen Motorradkorso durch die Hauptstraßen und eine anschließende Fahrt der Versöhnung zu den Gräberstätten des vergangenen Weltkriegs.
Und so steuerte die röhrende Armada zuerst in Richtung Ladogasee, zum einstigen russischen Brückenkopf Newskaja Dubroka. Bei der Verteidigung dieser für die belagerte Stadt überlebensnotwendigen Stellung gaben mehrere Hunderttausend Sowjetsoldaten ihr Leben. Hier zelebrierte Vater Wjatscheslaw eine orthodoxe Andacht. Anschließend ging es gemeinsam zum deutschen Soldatenfriedhof in Sologubowka. Hier ruhen unter der Obhut des Volksbundes für Kriegsgräberfürsorge etwa 100000 deutsche Soldaten.
Besondere Überraschung: Die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen, die sich schon in ihrer Heimatstadt regelmäßig am MoGo beteiligt, spendete hier gemeinsam mit Matthias Zierold im Anschluss an eine gemeinsame Kranzniederlegung den Segen für die Biker.
Für Zierold ist klar, dass dieses erste nicht das letzte christliche Bikertreffen in Russland gewesen ist. Markiere die unkonventionelle Aktion, bei allen Schwierigkeiten im Vorfeld, doch zugleich einen Durchbruch im Miteinander von Protestanten und Orthodoxen im Land.
Harald Krille

