Verkündigung in der Küche

7. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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In der Wörlitzer Petrikirche sind historische Bibelfliesen ausgestellt

Das Abbild eines Schiffes mit stolz geblähten Segeln zieht die Blicke der Besucher auf sich. Aus zwölf weiß-blauen Fliesen sind der Schiffsbauch, Masten, Segel, Meer und ein Spruch zusammengesetzt, der da lautet: »Aan Godes Seegen is al geleegen.« Rund um das Schiff sind weitere Fliesen angeordnet. Aber hier steht eine jede für sich und erzählt je eine andere Geschichte aus dem Neuen Testament. Das Original dieses als Fliesentableau bezeichneten Wandschmuckes stammt aus dem 18. Jahrhundert und hängt in einer Hafenkneipe in Neuharlingersiel in Ostfriesland.

Diese Bibelfliese stellt die Geschichte von den Emmaus-Jüngern dar. – Foto: Archiv

Diese Bibelfliese stellt die Geschichte von den Emmaus-Jüngern dar. – Foto: Archiv

Als Foto-Bibelfliesenposter begrüßt es seit 1. April die Besucher der Petrikirche im anhaltischen Wörlitz. Es lädt dazu ein, weiter in das Kirchenschiff hineinzugehen und die Sonderschau zu besichtigen, die bis Anfang Mai dort zu sehen ist. »Mit Bilderfliesen durch die Bibel« heißt die Wanderausstellung, die das ehrenamtliche Bibelfliesenteam aus dem Kirchenkreis Norden in Zusammenarbeit mit der Ostfriesischen Bibelgesellschaft erarbeitet hat. In eigens angefertigten Tischaufbauten zeigt sie insgesamt 96 historische Bibelfliesen, davon 38 zu Texten aus dem Alten und 58 aus dem Neuen Testament. Die älteste Fliese stammt aus dem Jahr 1670. Großflächige Foto-Aufbauten zeigen zudem täuschend echt nachgebildete historische Bibelfliesenwände, die bis heute in Ostfriesland erhalten sind. Weitere Poster sowie Fotos von der aufwendigen Herstellung der Bilderfliesen sind ebenfalls zu sehen.

Bebilderte Keramikwandfliesen sind in den Niederlanden seit über 400 Jahren bekannt. Anfangs konnten sich nur wenige wohlhabende Bürger und Bauern diese Art des Schmucks in ihren Räumen, vorwiegend den Wohnküchen, leisten. Mit zunehmendem Wohlstand der Menschen ab der Mitte des 17. Jahrhunderts änderte sich dies. Wurden Wandfliesen zuerst in den großen Städten der Provinz Holland – in Rotterdam, Delft, Harlem, Amsterdam und Utrecht – hergestellt, wurden sie nach 1650 auch in Friesland produziert. Den abgebildeten Motiven waren kaum Grenzen gesetzt: Früchte, Blumen, Menschen, Tiere, Schiffe, Landschaften sowie Darstellungen aus der Bibel oder der antiken Mythologie. Unter dem Einfluss der China-Begeisterung Anfang des 17. Jahrhunderts wurden die Fliesen meist blau bemalt (Delfter Blau), aber es gibt auch braunviolette (manganfarbene). Im 18. und 19. Jahrhundert wurden Bibel- und andere Bilderfliesen erschwingliche Massenware. Heute sind die etwa 13 mal 13 Zentimeter kleinen Kunstwerke begehrte Sammlerstücke.

Das besondere an den Bibelfliesen ist, dass sie die Geschichten des Alten und Neuen Testamentes in klaren Bildern mitten ins Leben in den Bürger- und Bauerhäusern stellten. Zumal im calvinistisch geprägten Norden Hollands das Bilderverbot aus dem 2. Buch Mose (20,4-5) in den Kirchengebäuden streng eingehalten wurde.

Fast 300 Jahre beeinflussten niederländische Fliesen die Wohnkultur in Nordeuropa und Deutschland. Im nahe Wörlitz gelegenen Oranienbaum findet sich ein Beispiel dafür. Als Prinzessin Henriette Catharina von Oranien-Nassau 1659 den anhaltischen Fürsten Johann Georg II. heiratete, ließ sie sich im damaligen Dorf Nischwitz ein Schloss bauen. Dessen Sommerspeisesaal ist über und über mit Fliesen aus ihrer Heimat ausgekleidet. An den Wänden wechseln schachbrettartig angeordnete weiße und blau bemalte Bibelfliesen einander ab, während große Fliesentableaus, die Planetengottheiten zeigen, Blickpunkte bilden. Besichtigt werden kann diese Pracht vom 26. April bis 30. September als Teil der Ausstellung »Dutch Design – Huis van Oranje«.

Angela Stoye

www.fliesenbibel.de, www.kirche-ostfriesland.de