Die Predigten des Tafelaltars

7. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Das bilderreichste Werk der Reformationszeit ist nach seiner Restaurierung und Präsentation in den USA jetzt im Herzoglichen Museum in Gotha zu sehen.

Die Inszenierung »seines« Altars durch die Gothaer Ausstellungsmacher um Kurator Timo Trümper anlässlich der Reformationsdekade hätte vermutlich auch Herzog Ernst I., dem Frommen, gefallen. Vom 30. Juli bis 5. November steht »Der Gothaer Tafelaltar« in der Säulenhalle des Herzoglichen Museums Gotha im Blickpunkt der interessierten Öffentlichkeit. Die kann dann dem wohl monumentalsten und zugleich detailreichsten Bilderbuch der Reformationszeit sehr nahe kommen, denn die zwölf Seiten- und zwei Standflügel können erstmals seit der Vorkriegszeit wieder einzeln und aus nächster Nähe betrachtet werden. Möglich wurde dies 2015/16 durch eine umfangreiche, 17-monatige Restaurierung eines sechsköpfigen Teams um Beatrix Kästner und Johannes Schaefer. Dabei gelang es vor allem, den ursprünglichen Fassungsbestand freizulegen und die originale Rahmung des Mittelteils farblich anzupassen. Ohne die großzügige Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Oetker-Stiftung, der Kulturstiftung der Länder, des Auswärtigen Amtes und des Freistaates Thüringen wäre das rund 200 000 Euro teure Unterfangen nicht möglich gewesen.

Nach der Restaurierung: Farbenprächtig und deutlich aufgehellt können die einzelnen Motive aus nächster Nähe bewundert werden. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein

Nach der Restaurierung: Farbenprächtig und deutlich aufgehellt können die einzelnen Motive aus nächster Nähe bewundert werden. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein

Nichts ohne Anlass: Der Altar war im Vorjahr Teil dreier großer Ausstellungen deutscher Museen in den USA, die den Menschen in Minneapolis, New York und Atlanta die Ideenwelt der Reformation und besonders die Person Martin Luthers nahebrachten. Die Ausstellung schlug eine Brücke nach Europa, die beiderseits mit außerordentlichem Interesse wahrgenommen wurde. Einen anderen Brückenschlag verfolgten die Gothaer Kunsthistoriker um Martin Eberle, indem sie die Staatsgalerie Stuttgart als Kooperationspartner der jetzigen Schau gewannen. Dies kam nicht von ungefähr, denn der seit dem 17. Jahrhundert in Gotha nachweisbare Altar war um 1538 im württembergischen Herrenberg in der Werkstatt Heinrich Füllmaurers (um 1497–1548) entstanden.

Die Geschichte des Altars wurde erstmals 1939 in einer Dissertation behandelt und ab 1965 in mehreren Büchern des Thüringer Theologen und Kirchenhistorikers Herbert von Hintzenstern kunstgeschichtlich aufgearbeitet. Einer größeren Öffentlichkeit war sie jedoch unbekannt. Das soll sich nun ändern! Und so gelang es, für die Gothaer Ausstellung hochkarätige Werke aus Stuttgart zu gewinnen, die ihrerseits den Bogen von der vorreformatorischen Zeit bis in die Zeit Heinrich Füllmaurers spannen und dabei Objekte in den Blick nehmen, die noch ganz der katholischen Tradition verpflichtet sind. Neben einer Mondsichelmadonna von Hans Holbein d. Ä. ist es vor allem der Wildensteiner Altar des Meisters von Meßkirch von 1536, der die Gothaer Schau auch thematisch ergänzt. Während der Tafelaltar und der wenig später entstandene Mömpelgarder Altar (heute im Kunsthistorischen Museum Wien) als Aufträge der evangelischen Herzöge von Württemberg gelten können, entstand der Wildensteiner Altar in der Reformationszeit für die katholischen Grafen von Zimmern. – Es ist eine spannende Gegenüberstellung von Meisterwerken, die bis dato noch nie in Thüringen gezeigt wurden.

Der Tafelaltar selbst liest sich wie ein großes Bilderbuch mit drei Szenen der Schöpfungsgeschichte und 157 Tafeln zum Leben Jesu. Einziger Wermutstropfen: die Standflügel mit dem Stammbaum Christi befinden sich seit 1946 im Depot des Puschkin-Museums Moskau. In Gotha werden Repliken gezeigt.

Der übergroße Detailreichtum des Altars lädt zum Entdecken ein, denn die Szenen spielen im Württemberg des 16. Jahrhunderts und lesen sich wie eine übergroße Bilderbibel. Tatsächlich ist der Altar wohl zu Lehrzwecken und nicht für eine Kirche geschaffen worden. Zu einer Kuratoren-Führung mit Timo Trümper wird am 31. August, 18 Uhr, eingeladen.

Im November verlässt der Altar Gotha in Richtung Stuttgart und wird ab dem Frühjahr 2018 wieder im Altdeutschen Saal des Herzoglichen Museums zu sehen sein.
Geöffnet ist die Gothaer Ausstellung bis 5. November täglich von 10 bis 17 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Begleitband erschienen, der erstmals alle Bildtafeln einzeln zeigt und die Transkription der Inschriften umfasst.

Hartmut Ellrich

Trümper, Timo: Der Gothaer Tafelaltar. Ein monumentales Bilderbuch der Reformationszeit, Michael Imhof Verlag, Petersberg, 304 S., ISBN 978-3-7319-0595-0, 29,95 Euro

www.stiftung-friedenstein.de

Der Gesellschaftsreformer

8. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Mit Blick auf Europa können wir von Martin Luther noch eine Menge lernen, findet Klaus-Rüdiger Mai. Mit dem Schriftsteller sprach Sabine Kuschel.

Klaus-Rüdiger Mai bei einer Lesung in der Potsdamer Friedenskirche. Foto: Günter Krawutschke

Klaus-Rüdiger Mai bei einer Lesung in der Potsdamer Friedenskirche. Foto: Günter Krawutschke

Herr Mai, Sie beschäftigen sich in Ihren Büchern als Historiker und Philosoph mit Martin Luther. Was interessiert Sie an ihm?
Mai:
Wir machen einen Fehler, wenn wir Luther als Theologen im heutigen Sinne verstehen. Denn heute ist die Theologie eine Fachwissenschaft – wie Medizin, Geschichte, Philosophie und Physik. Im Mittelalter war sie Allgemeinwissenschaft. Alle Fächer gingen in Theologie über. Für alle alltäglichen und wissenschaftlichen Fragen galt immer die Autorität der Theologie. Ich würde Martin Luther aus heutiger Sicht als Gesellschaftsreformer, Gesellschaftsdenker sehen. Er hat über alles nachgedacht und geschrieben: über Bildung, über Wirtschaft, über Eheleben, Kriegswesen, um nur einige Beispiele zu nennen – Themen, die nicht unbedingt Kernthema von Theologie sind. Insofern hat mich, wenn ich mich mit dieser Zeit beschäftige, Luther interessiert.

Was ist in Ihren Augen die besondere Leistung Luthers?
Mai:
Luthers Ansatz von der Freiheit eines Christenmenschen ist für mich das Gründungsdokument des modernen Europas. Wer nicht genauer hinschaut, mag das übertrieben finden. Aber die Grundlage unserer modernen Gesellschaft beruht auf dem Individuum, auf dem Bürger. Genau das hat Luther definiert. Nämlich die Freiheit der Bürger. Das begeistert mich an dem Reformator. Er ging vom Individuum aus, vom Christen, der die Gnade des Glaubens hat.

Der Gerechte lebt aus Glauben allein. Das heißt auch, er ist nicht Masse, nicht Verfügbarkeit, sondern ein Einzelner, der sich dieses Geschenkes bewusst werden sollte. Luther definiert in seiner Schrift von der Freiheit eines Christenmenschen, was Freiheit ist. Er sagt: Der Christenmensch ist frei und keinem untertan. Und er sagt: Der Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und aller Dinge und jedem untertan. Damit meint er, dass der Christ eine Verantwortung für die Schöpfung hat. Und deswegen ist Luthers Freiheitsbegriff der modernste. Er balanciert Freiheit, Gewissen und Verantwortung aus. Ich habe in den nachfolgenden 500 Jahren nichts Klareres, Besseres als Luthers Definition gefunden.

Wir können also von Luther noch etwas lernen?
Mai:
Unbedingt! Die Vorstellung von einem Zentralstaat war Luther fremd. Dass es ein Zentrum in Rom gibt, dem alle zuzuarbeiten haben, hat Luther nicht akzeptiert. Er denkt, modern gesprochen, föderaler, regionaler. Seinen Widerstand gegen Rom, gegen eine über allem thronende Macht, wo der Christ, der Untertan als Einzelner nicht mehr vorkommt, finde ich nahezu modern. Wenn wir heute in Europa über zentrale oder regionale Strukturen, über ein EU-Brüssel oder ein Europa der Regionen reden, können wir von Luther eine ganze Menge lernen.

Die nationale Sonderausstellung beleuchtet Luthers Verhältnis zu den Deutschen. Dabei geht es in besonderer Weise um seine Bibelübersetzung …
Mai:
Es gab bereits Bibelübersetzungen ins Deutsche. Die fanden aber keinerlei Anwendung. Denn es war zu Zeiten des Reformators und davor verpönt, die Bibel zu lesen. Martin Luther hatte im Kloster Schwierigkeiten, weil man nicht verstanden hat, warum er so oft, so intensiv die Bibel studierte. Die Kirche fürchtete, dass die Bibel falsch verstanden werden konnte, sie sorgte sich um ihre Deutungshoheit. Deswegen sollten die Leute nicht in die Bibel schauen. Luther aber sagte: Alle Christen sind gleich, es gibt keinen Unterschied zwischen den Christen, zwischen dem Bauern, der ein Christ ist, und dem Papst, keine Über- und keine Unterchristen. Wenn sich alle mit der Bibel beschäftigen sollen, dann muss sie auch für alle verständlich sein.

Luther verbindet seine Bibelübersetzung mit der Forderung an jeden Christen, sie täglich zu lesen. Auch aus diesem Grund tritt er dafür ein, dass alle lesen und schreiben lernen. Die Bibelübersetzung wiederum wird notwendig, damit dieses Ziel erreicht werden kann.

Illustrationen: www.3xhammer.de

Illustrationen: www.3xhammer.de

Da er möchte, dass die Leute die Bibel auch verstehen, »schaut er dem Volk aufs Maul«. Luthers Sprachgenie gilt noch immer als unerreichbar und als Vorbild …
Mai:
Martin Luther hatte ein unglaubliches Gehör für Dialoge, für die Ausdrucksweise der Menschen. Das hat zu tun mit seiner Herkunft. Er ist in der sehr vitalen, sehr vielgestaltigen wirtschaftlichen Welt des Erzbergbaus in Mitteldeutschland groß geworden. Dort entwickelte er das Gespür für die deutsche Sprache, die damals noch keine Literatur- und Kultursprache war. Kultur- und Wissenschaftssprache war Latein.

Mit anderen Worten, Luther hat mit seiner Bibelübersetzung die Volkssprache auf ein literarisches Niveau gehoben, ohne dass dabei die Verständlichkeit verlorenging, ohne dass die Sprache dadurch abstrakt, blutleer wurde, ohne dass sie ihre Verhaftung im Alltagsleben der Menschen einbüßte.

Die Menschen des Mittelalters waren von Angst gepeinigt. Theologisch ist Luther zu der Erkenntnis gelangt, dass der Christ nichts leisten, keine Werke vollbringen muss. Er ist gerecht aus Glauben. Das war das Neue, das Befreiende …
Mai:
Luthers Erkenntnisse öffneten zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Tore und Türen zu einem neuen, sehr praktischen Lebensverständnis. Auch Luther hatte zunächst Angst vor Jesus Christus, der für ihn ein schrecklicher Richter war. Aber er kommt schließlich zu der Erkenntnis, dass Gottes Gerechtigkeit vollkommen anders funktioniert, als es bisher gelehrt wurde. Erstens entdeckt Luther in Christus den Liebenden und zweitens begreift er, dass der Gerechte aus Glauben allein lebt. Diese Vorstellung schiebt die ganze Ablasspraxis, die ganze Werkgerechtigkeit vollkommen beiseite. Das bringt eine ungeheure Befreiung. Albrecht Dürer, der ein großer Verehrer von Luther war, schreibt deshalb: »Martin Luther hat mich befreit.«

Luther wies den Menschen seiner Zeit, die in Glaubensbedrängnissen litten, einen neuen Weg. Deswegen diese plötzliche Begeisterung vieler Zeitgenossen für Luther und für das, was er sagte.

Die zehnjährige Beschäftigung mit der Reformation treibt gelegentlich sonderbare Blüten. Wie geht es Ihnen damit?
Mai:
Na ja, ich würde mir Luther nicht als Playmobil kaufen und hinstellen. Aber dem Reformator schadet das nicht. Solche Blüten dürfen jedoch nicht zum Gegenstand ernsthafter Kritik erhoben werden. Ich stimme nicht in die Kritik einiger Kirchenhistoriker ein, die eine zu große Oberflächlichkeit festzustellen meinen. Meine Kritik richtet sich gegen einen anderen Effekt, der eintritt, wenn zehn Jahre lang gefeiert wird. Man wird mäklig. Und dann fängt man an, die dunklen Seiten der Reformation und Luthers aufdecken zu wollen und kippt ahistorisch wohl eher selbst schwarze Farbe hin, als dass man tatsächlich dunkle Stellen ausfindig macht.

Überdies habe ich manchmal den Eindruck, dass die Funktionäre der EKD verführt zu sein scheinen, nicht Martin Luther, sondern sich selbst in der Reformationsdekade zu feiern.

Ich hingegen möchte Martin Luther feiern, indem ich die Aktualität seines Denkens und Handelns immer aufs Neue entdecke.

Klaus-Rüdiger Mai (Jahrgang 1963) ist Dramaturg, Regisseur und Schriftsteller. Er studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie. In seinen Sachbüchern beschäftigt er sich mit religiösen und gesellschaftspolitischen Fragen. Zwei Bücher über Martin Luther stammen aus seiner Feder.

• Mai, Klaus-Rüdiger: Martin Luther – Prophet der Freiheit. Romanbiografie, Kreuz Verlag, 448 S., ISBN 978-3-451-61226-8, 22 Euro (siehe Rezension Seite 13)
• Mai, Klaus-Rüdiger: Gehört Luther zu Deutschland? Herder Verlag, 208 S., ISBN 978-3-451-34846-4, 19,99 Euro

Luther würde andere Zeichen senden

8. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Sorgte für Furore: Erik Flügges Buch »Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt.« Katja Schmidtke sprach mit Erik Flügge über Luthers Bibelübersetzung und dass sein Deutsch heute nicht zum Vorbild taugt.


Herr Flügge, Martin Luther hat auf der Wartburg die Bibel übersetzt. Mögen Sie sein Deutsch?
Flügge:
Ich kann es nicht nicht mögen, weil ich es – wie wir alle in Deutschland – spreche. Die Kraft seiner Bibelübersetzung war so groß, dass sich die allgemeine deutsche Sprache daran anpasste. Wir sprechen heute alle Lutherisch.

Was wir von ihm lernen können: In seiner Zeit produziert er den dichtesten und kraftvollsten Text. Aber ich bin mir sicher, würde Luther heute leben, würde er nicht noch einmal die Bibel übersetzen. Es gibt ja bereits Dutzende Übersetzungen. Nein, er würde andere Zeichen in diese Welt senden.

Erik Flügge, geboren 1986, ist Kommunikationsberater und politischer Stratege. Zuvor war er in der katholischen Bildungsarbeit tätig. Foto: David Sievers Photography

Erik Flügge, geboren 1986, ist Kommunikationsberater und politischer Stratege. Zuvor war er in der katholischen Bildungsarbeit tätig. Foto: David Sievers Photography

Prediger von heute können sich also an Luthers Deutsch kein Beispiel nehmen?
Flügge:
Nein. Denn es ist ein Deutsch aus Luthers Zeit. Er hat etwas für die Menschen seiner Zeit formuliert. Und diese Menschen hatten Eigenschaften, die wir heute in Deutschland nicht mehr haben: Es handelte sich zum überwiegenden Teil um Analphabeten, um angstgetriebene Menschen, die in tiefer Furcht davor waren, in die Hölle zu kommen. Und für sie produziert Luther den passenden, den befreienden Text.

Das ist das Problem protestantischer Verkündigung: Pfarrer, die heute Luthers Sprache reproduzieren und sich fragen warum es nicht funktioniert. Wir leben in einer anderen Welt, mit anderen Fragen und Bildungsvoraussetzungen.

In Ihrem Buch kritisieren Sie die Sprache der Kirche als Gefühlsduselei und Aneinanderreihung von Worthülsen. Was erwarten Sie von einer guten Predigt?
Flügge:
Ich bin Katholik und habe ein Buch über den Katholizismus geschrieben, der tendiert zur Gefühlsduselei. Der Protestantismus hat eine andere Schwachstelle: Er tendiert zum ewigen Zitat. In Predigten finden sich pausenlos Zitate Luthers, Melanchthons, anderer Denker, wörtlich aus der Bibel. Dabei geht völlig verloren, eigene – auf der Bibel basierende – aber eben eigene Gedanken zu produzieren.

Eine Predigt, über die sich nicht mindestens eine Person aufregt, ist nichts wert. Sie enthält keine Position. Die durchaus umstrittene Margot Käßmann weiß das und sie bezieht in der Frage von Krieg und Frieden klar Position. Sie eckt damit an. Aber sie wird damit auch erkannt.

Also ist Ihre Kritik weniger eine Kritik an der Sprache als an Inhaltslosigkeit?
Flügge:
Sprache ist komplex – deswegen hat es für ein ganzes Buch gereicht. Aber ja. Einer meiner Kritikpunkte lautet: Ihr habt keine Position mehr. Ich finde es dramatisch, dass es das Reformationsjubiläum bis jetzt nicht geschafft hat, auch nur einen einzigen großen gesellschaftlichen Diskurs anzustoßen.

Das bisschen Gerede um die Ökumene interessiert in der Gesamtbevölkerung nicht. Bislang gibt es keine Knallerthese, über die ganz Deutschland zumindest mal eine Woche debattiert und meine Vermutung ist, das wird auch nicht noch passieren. Also bleibt es beim Reformationsgedenken.

Laut idea sind die Gottesdienstbesuche auf einem neuen Tiefstand. Aber bei Hauskreisen, Gesprächsabenden, wenn man anpacken kann, sind Leute da. Wie kommt das?
Flügge:
In solchen Hauskreisen geht es konkret um den Glauben, es wird überhaupt mal statuiert, was ich glaube und dass ich an Gott glaube. Das geht vielen Predigten ab. Da wird Universität gespielt anstatt Zeugnis über den Glauben abzulegen. Hinzu kommt: In kleinen Zirkeln fällt auch die Inszenierung, die Pseudoautorität weg. Und da sind wir bei dem, was frühe Christen gemacht haben: Sie stellten sich nicht mit Mikrofonen in Hallen, sondern sie gingen zu Menschen und aßen rituell gemeinsam und sprachen über ihren Glauben.

Berauscht von der Bibel

21. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum Reformationsjubiläum gibt es auf dem Büchermarkt eine Flut von Neuerscheinungen. Noch druckfrisch ist der Luther-Roman »Evangelio« von Feridun Zaimoglu. Wer eintauchen will in die Welt vor 500 Jahren, sollte ihn lesen.

Eine schnelle Nummer war das nicht«, sagt Feridun Zaimoglu (53), Autor und Maler aus Kiel. Seit 22 Jahren schreibt er Bücher und Zeitungsartikel, ist mit vielen Preisen bedacht worden. Der Luther-Roman hat nicht nur ein Jahr intensiver Recherche gekostet, er hat eine Vorgeschichte, die in die Kindheit reicht. Mit 10 Jahren hat der aus Anatolien stammende Schriftsteller Luthers »Biblia Teutsch« gelesen entgegen dem wohlmeinenden Rat der Bibliothekarin. Verstanden habe er erwartungsgemäß nichts, gibt er bei einem Interview im Weimarer Nationaltheater zu, aber er sei von den Worten berauscht gewesen. Seitdem habe er die Bibel ohne zu übertreiben mehr als drei Dutzend Mal gelesen. Wer von uns Christen kann das von sich behaupten?

Ein Andersgläubiger schreibt einen Luther-Roman? »Mit meinen türkischen Wurzeln hat das absolut nichts zu tun.« Zaimoglu sieht sich als gläubigen Muslim, allerdings möchte er »verschont bleiben vom Wahnsinn religiöser Exzentriker aller Abteilungen«. Luther ist für ihn ein großer Mann, er liebt dessen deftige Sprache, die bei Thomas Mann beispielsweise das Gegenteil bewirkt hat: »Das spezifisch Lutherische, Cholerisch-Grobianische, das Schimpfen, Speien und Wüten, das furchtbarlich Robuste erregt meine instinktive Abneigung. Ich hätte nicht Luthers Tischgast sein mögen.« Feridun Zaimoglu seinerseits wäre es liebend gern gewesen. Er ist so tief eingetaucht in die Sprache Luthers und seiner Zeit, dass er sie am Ende unbewusst auch im Gespräch mit kopfschüttelnden Freunden gebrauchte.

Feridun Zaimoglu. Foto: Melanie Grande/DNT Weimar

Feridun Zaimoglu. Foto: Melanie Grande/DNT Weimar

Der Roman beschränkt sich auf eine kurze, aber besonders wichtige Zeit in Luthers Leben. Vom 4. Mai 1521 bis zum 1. März 1522 lebt der vogelfreie Reformator als Junker Jörg auf der Wartburg in Eisenach. Der Burgvogt Hans von Berlepsch hat ihn im Auftrag des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen in Schutzhaft genommen. Der Autor stellt dem falschen Junker den fiktiven Landsknecht Burkhard an die Seite, aus dessen Perspektive die Geschichte geschildert wird. Luther selbst als Ich-Erzähler wäre vermessen gewesen, fand Zaimoglu. »Hüt ihn gut«, war dem Katholiken Burkhard aufgetragen worden, und er tut, was er kann, um dem von Selbstzweifeln und Albträumen verfolgten, von Depressionen, Darmkrämpfen und Schlaflosigkeit geplagten Ketzer den erzwungenen Aufenthalt erträglich zu machen. Luther fühlt sich vom Teufel verfolgt. »Oft plagte mich der Satan durch seine Erscheinungen, ganz besonders auf jener Burg, in der ich eine Zeit lang gefangen gehalten wurde.« Den Mitbewohnern sind seine Anfälle unheimlich.

Als gelernter Papist ist Burkhard hin und her gerissen. »Ich achte dich, Mönch, und ich hasse dich.« Sie reden miteinander über Gott und die Welt, über Hexen und Teufel, Zauberei und Höllenangst, Folter und Mord. Beide unterscheiden sich fundamental in Glaubensdingen, Mentalität und Bildung – und kommen doch gut miteinander aus. Der Landsknecht seinerseits hat viel Schreckliches gesehen in seinem Leben, während Luther in der Klosterzelle gebetet hat. Der Leser bekommt eine Ahnung von den Ängsten der Menschen im ausgehenden Spätmittelalter, lernt ihre Albträume kennen. Die Kirche hat nicht wenig Anteil daran mit ihren Bildern von Höllenqual und Sündenpfuhl.

Martin Luther fehlt der Gedankenaustausch mit den Weggenossen. Er schreibt über 100 Briefe und 14 Schriften, die mit reitendem Boten nach Wittenberg gebracht und dort gedruckt und beantwortet werden. Er schreibt an gegen Depressionen und Dämonen. In den Roman eingestreut sind fiktive Briefe. »Ihm raucht die Hand vom Schreiben«, beobachtet Burkhard. In den letzten Wochen auf der Wartburg übersetzt Martin Luther das Neue Testament aus dem griechischen Urtext. Das ist ein Meilenstein für die Entwicklung der deutschen Sprache. Sein Bewacher erkennt aber auch die theologische Bedeutung: »Der teutsche Gott säubert uns die Angst aus der Brust. Dafür schütze ich den Ketzer.«

Christine Lässig

Zaimoglu, Feridun: Evangelio, Ein Luther-Roman, Kiepenheuer & Witsch, 345 S., ISBN 978-3-462-05010-3, 22 Euro

Die Erde in der Hand eines Verbrechers?

15. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Hiob, der unschuldig Leidende

Die Erde ist in die Hand eines Verbrechers gegeben. Er verhüllt das Angesicht ihrer Richter. Wenn nicht er, wer ist’s dann?« (Hiob 9,24) So hatte noch keiner von Gott geredet. Aus der leidenschaftlichen Klage Hiobs, des unschuldig Leidenden, wird eine an Schärfe nicht zu überbietende Anklage Gottes. Wenn nicht er selber der »rascha«, der Frevler, der Verbrecher ist, wer sollte es sonst sein? Schon die Rabbinen haben darüber gestritten, ob Hiob das über Gott oder den Satan gesagt habe.

Wie auch immer die Antwort ausfällt, an den Leiderfahrungen Hiobs ändert sie nichts. Selbst wenn’s über den Satan gesagt wäre, wogegen der Textzusammenhang spricht, bleibt immer noch die Frage, warum der Gott Israels dem Satan freie Hand ließ, Hiob in solch ein Meer der Leiden zu stürzen. Begegnete ihm Gott in der Larve des Satans? Wer also, wenn nicht er? Bei dieser Frage stockt einem der Atem. Ist das nicht Gotteslästerung, Blasphemie? Darf Hiob, was selbst nach unserem Recht unter Androhung einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe verboten ist (§ 166 StGB)? Rechtfertigt erfahrenes Leid jede Form der Gotteslästerung? Darf der Mensch so von Gott reden? Der unschuldig leidende Mensch, Hiob, darf das! Denn am Ende des Buches stellt Gott Hiobs Freunden, den Verteidigern Gottes, gegenüber fest: »Ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob« (Hiob 42,7). Was war falsch am Reden der Freunde über Gott und was richtig am Reden Hiobs?

Die Freunde Hiobs waren gefangen in der »reinen Lehre«. Sie hatten sich ihr Bild gemacht von Gott und vom Menschen. Und das war unumstößlich: »Ja, nicht aus dem Staub geht Unheil hervor und aus dem Acker sprießt kein Übel« (Hiob 5,6). Vielmehr ist der Mensch selbst dafür verantwortlich. Sein Leiden muss eine Ursache haben. Und die kann nur in einer offensichtlichen oder auch verborgenen Schuld gegen Gott bestehen. Daher werden die beamteten Tröster nicht müde darin, Hiob zu mahnen, er möge sein Gewissen erforschen und Gott seine Schuld bekennen, zu ihm umkehren, damit sein Leben wieder in Ordnung käme. Doch wie kann er, wenn selbst Gott dem Satan gegenüber feststellt, dass sein Knecht Hiob in jeder Weise »fromm, rechtschaffen, gottesfürchtig und das Böse meidend« sei (Hiob 1,8)? Hiobs Freunde wollten davon nichts wissen. So wurden aus neunmalklugen Seelsorgern Quälgeister, die den Leidenden regelrecht kanibalisierten (Hiob 19,20-22). Uns jedoch steht es nicht zu, über ihnen den Stab zu brechen. Denn ein Verdienst bleibt den Freunden: Mit ihrem Insistieren auf dem Dogma trieben sie Hiob von sich weg und dem lebendigen Gott in die Arme.
Glaube-Alltag-38-2016

Aber was war nun richtig am klagenden, anklagenden Reden Hiobs? »Die einfachste, normalste Reaktion wäre, den Atheismus zu erkennen. Auch die gesündeste Reaktion für alle diejenigen, denen ein etwas einfältiger Gott bisher Preise verteilte, Sanktionen auferlegte oder Fehler verzieh und in seiner Güte die Menschen wie ewige Kinder behandelte« (Emanuel Levinas). Aber dieser einfältige Gott, das ist nicht der Gott Hiobs. Und daher kommt die normale Reaktion, Atheismus, die Absage an Gott, für ihn nicht in Frage. Das »Große an Hiob ist, dass die Leidenschaft der Freiheit bei ihm nicht erstickt und nicht zur Ruhe gebracht wird« (Sören Kierkegaard). Dieser Hiob sagt sich nicht von Gott los, sondern ist so frei, mit ihm leidenschaftlich in Klage und Anklage die Grenzstreitigkeiten des Glaubens auszufechten. Da ist einer, der nicht vor den Bildern Gottes kniet, die sich der Mensch von ihm macht, sondern vor dem lebendigen, unergründlichen Gott selbst. Da ist einer, der hält gegen Gott an Gott fest!

Und warum schließlich hat Gott den in jeder Weise untadeligen Hiob in die Hand des Satans fallen lassen? Wozu die Qualen, der Verlust des Besitzes, der Kinder, der Gesundheit? Ich weiß es nicht! Ich weiß nur eines, dass sich Gott nicht von seinem Knecht Hiob distanziert. Von Anfang an setzte er nicht auf die These des Satans, dass sich Hiob im Leiden von ihm lossagen, ihn verfluchen würde. Wenn ich eine Antwort auf die Frage wüsste, dann eigentlich nur die, dass der Gott Israels und der Kirche es Hiob, dem leidenden Menschen, zutraut, stärker zu sein als der Satan. Aber Vorsicht vor den Antworten! Vielleicht ist das ja auch schon wieder mein Bild von Gott und vom Menschen, vor dem ich knie.

Rüdiger Lux

Literaturempfehlung:
Rüdiger, Lux: Hiob. Im Räderwerk des Bösen, Biblische Gestalten Bd. 25, Evangelische Verlagsanstalt, 320 S., ISBN 978-3-37402-878-8, 18,80 Euro

Lutherbibel: Der Hirsch schreit wieder

14. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die neue, alte Bibel: Der Thüringer Altbischof Professor Christoph Kähler leitete die Überarbeitung, an der 70 Experten beteiligt waren. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Professor Kähler, was ist neu an der revidierten Lutherbibel?
Kähler: Es ist wieder etwas mehr Luther drin. Wir haben schätzungsweise bei einem Drittel unserer 16000 Änderungen wieder den Text hergestellt wie ihn Luther konzipiert hat. Zweitens ist die revidierte Fassung eine genauere Übersetzung des griechischen und hebräischen Textes. Wenn Luthers ursprünglicher Text den Ausgangstext sorgfältiger wiedergegeben hatte, dann stellten wir seine Übersetzung wieder her. Wir sind näher bei Luther und näher bei dem Ausgangstext, also näher bei dem Urtext.

Können Sie einige Textbeispiele nennen, wie sie vor der Revision lauteten und wie Sie übersetzt haben?
Kähler: Ja, am einfachsten ist Psalm 42: “Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.” So lesen wir es jetzt in unseren Bibeln. Luther hatte sich aber genauer an das Hebräische gehalten und das gleiche Verb gleich wiedergegeben: “Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott zu dir.” In dieser Revision kehren wir zum alten Wortlaut zurück. Das hat den Vorzug, dass das Bild einer schreienden Seele unterstreicht, wie elementar die Not ist, die der Psalmbeter ausdrückt.

In der Matthäus-Fassung der Sturmstillung steht jetzt nicht mehr, dass sich ein Sturm erhebt (Mt 8,24). So steht es nicht im griechischen Text. Darum hatte Luther übersetzt: »Da erhob sich ein groß Ungestüm im Meer.« Diese Formulierung ist heute schwer verständlich.

Wir haben jetzt an diese Stelle gesetzt: “Da war ein großes Beben im Meer.” Das „große Beben im Meer“ ist genauer am Text dran: Es beschreibt die Katastrophen der Endzeit, wie Matthäus sie sieht, und beschreibt damit genauer das, was im griechischen Text steht.

Auf der Wartburg übergab Altbischof Christoph Kähler (li.) vor einem Jahr die neue Lutherbibel an den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm. Foto: epd-bild/Sascha Wilms

Auf der Wartburg übergab Altbischof Christoph Kähler (li.) vor einem Jahr die neue Lutherbibel an den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm. Foto: epd-bild/Sascha Wilms

An anderen Stellen haben wir Korrekturen zurückgenommen. In der Offenbarung, Kapitel 2, Vers 9, und Kapitel 3, Vers 9, ist 1956 übersetzt worden: »Synagoge des Satans«. Das kann zu schrecklichen Missverständnissen führen. Luther selbst sprach von einer »Schule des Satans«, was andere Missverständnisse nahelegt. Deshalb haben wir das griechische Wort Synagoge wörtlich übersetzt als »Versammlung« des Satans. Aber eben nicht Kirche oder Moschee oder Synagoge des Satans. Sondern es ging darum: Da gibt es eine Gruppe, die von dem Seher in der Offenbarung als eine Versammlung angesehen wird. Sie behaupten, sie seien Juden, sie sind es aber nicht, sie sind eine Versammlung des Satans.

Und bei den Paulus-Briefen ist aus der Anrede “Liebe Brüder” sogar “Liebe Brüder und Schwestern” geworden…
Kähler: Ja, im Griechischen ist das Wort für Brüder und für Schwestern fast dasselbe Wort. Es gibt nur verschiedene Endungen. Im deutschen Sprachgebrauch sind Brüder und Schwestern sehr verschiedene Worte. Deswegen haben wir gesagt: Wenn Paulus ganze Gemeinden anredet, die aus Frauen und Männern bestehen, dann muss das heute hörbar werden und vom Sinn her übersetzt werden. So hat Luther auch an vielen Stellen gearbeitet. Dann muss man die »Brüder und Schwestern« übersetzen. Das machen übrigens die beiden anderen großen deutschen Gebrauchsbibeln genauso: Die Zürcher Bibel 2007 und die kommende revidierte Einheitsübersetzung, die 2017 erscheinen wird. Die reden auch von Brüdern und Schwestern, weil wir wissen, dass Frauen dabei gewesen sind, zum Teil in leitenden Funktionen, was man gelegentlich übersehen hat.

Ich könnte mir aber vorstellen, dass das manche bibeltreue Christen empört…
Kähler: Wir haben in der Regel keine weiblichen Ausdrücke gewählt, wo sie nicht da sind. Aber wenn ganze Gemeinden angeredet werden, von denen wir wissen, dass Frauen führende Funktionen hatten, können wir nicht so tun, als ob es nur Männer gegeben hat. Natürlich steht im griechischen Text nur der Begriff für Brüder. Aber der ist dem Begriff für Schwestern so ähnlich, dass damals jedenfalls Frauen sich mit gemeint gefühlt haben. Das ist in Deutschland noch bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts der Fall gewesen. Aber wenn wir “Brüder” anreden, hören Frauen heute nicht mehr, dass sie da auch noch gemeint seien. Das ist die Wirklichkeit der Gemeinde, die ich als Pfarrer wahrnehmen muss. Ich muss den Frauen signalisieren, damals sind die Frauen mit angeredet worden, sie hatten wichtige Funktionen in den Gemeinden. Paulus hat eine Frau wie Phöbe, die in Kenchreä Gemeindeleiterin war, als seine Patronin bezeichnet. Das muss man irgendwie wiedergeben können.

Ja, ich denke, zur Bibeltreue gehört, dass man wie Luther den Sinn der Bibel wiedergibt und nicht nur den Wortlaut.

Das Dolmetschen war für Luther und seine Mitstreiter ein mühsamer Prozess. Sie haben um die Worte gerungen. Wie war das in dem Team von 70 Experten?
Kähler: Wir sind ähnlich wie Luther vorgegangen. Einer hat sich zu Hause an den Schreibtisch gesetzt und ist mühsam Wort für Wort durchgegangen: Ist das noch sinnvoll und korrekt oder müssen wir anders formulieren? Wir hatten ausführliche schriftliche Vorlagen, eine Tabelle mit dem griechischen oder hebräischen Text, der katholischen Einheitsübersetzung, der reformierten Zürcher Bibel, Luthers Fassung von 1545, also der letzten, die er noch gesehen hat, und der Revision von 1984, also der, die im Moment im gottesdienstlichen Gebrauch ist. Dann ist der Bearbeiter eines Bibelabschnittes mit seinem Übersetzungsvorschlag in seine sechs- bis zehnköpfige Gruppe gegangen. Diese hat entweder gesagt: Was der Bearbeiter gedacht hat, leuchtet uns ein. Das machen wir genau so, wie er es vorschlägt. Oder sie haben gesagt: Das Problem, das der Bearbeiter anzeigt, ist ein Problem, aber seine Lösung ist nicht gut, deswegen haben wir an der Stelle einen anderen Vorschlag. Oder: Der alte Text ist besser, darum bleiben wir dabei.

Die Gruppe hat dann ihrerseits ihre Entscheidung begründet und ihre Vorlage mit neuen Tabellenspalten in den Lenkungsausschuss gegeben. Der Lenkungsausschuss hat dasselbe wie die Gruppe gemacht. Er hat gesagt: Der Vorschlag der Gruppe leuchtet uns ein. Das machen wir. Oder er hat gesagt: Das Problem braucht eine andere Lösung. Entweder haben wir die eingesetzt oder gesagt, das hat Luther so gut übersetzt, das kann gar nicht verbessert werden, das bleibt so, wie es ist. Wir haben sehr viele Vorschläge abgelehnt. Wir haben im Lenkungsausschuss sehr darauf geachtet, dass wir möglichst nahe bei Luther bleiben.

Es gab auch Texte, die für Streit und Diskussion gesorgt haben?
Kähler: Problematisch war für uns die Frage, wie wir das Vaterunser übersetzen. Es ging vor allem um die Frage, ob wir übersetzen: “Erlass uns unsere Schulden” oder “Vergib uns unsere Schuld”. Der Lenkungsausschuss hat dann endgültig entschieden: Wir bleiben bei dem Vaterunser-Text. Weil das, was im Griechischen steht, zwar im Plural formuliert ist, aber im Deutschen sind Schuld und Schulden als Plural zwei ganz verschiedene Begriffe geworden. Schuld ist etwas Moralisches, Ethisches, eine Verfehlung. Und Schulden sind Finanzverbindlichkeiten. Es geht primär um die Schuld vor Gott, die man im Deutschen nur in der Einzahl bezeichnen kann. Deswegen sind wir dabei geblieben, auch wenn die Einheitsübersetzung und die Zürcher Bibel es anders machen. Damit man vergleichen kann, haben wir in der Lutherbibel eine Anmerkung gemacht, dass man wörtlich übersetzen kann: “Erlass uns unsere Schulden.”

An anderen Stellen war die Frage, ob wir bei “Heiland” bleiben oder eine andere Übersetzung wählen. Die andere Übersetzung wäre “Retter” gewesen. “Euch ist heute der Retter geboren.” Wir wollten das Wort “Heiland” im Deutschen nicht verlieren. Es ist eine altertümliche Vokabel. Die wird heute wenig gebraucht. Aber wir meinten, dass im “Heiland” mehr drinsteckt, das Heil, sodass wir den “Heiland” belassen und nicht durch “retten” und “Retter” ersetzt haben.

Eher am Rande gab es ein bisschen Streit zwischen den Nordlichtern und denen, die jetzt im Süden wohnen, ob wir wie Luther von dem Wassergefährt auf dem See Genezareth sagen, dass das ein Schiff ist. So hat Luther übersetzt. Oder ob wir bei Boot bleiben? So hat man das vor 50 Jahren konsequent geändert. Leute, die eher im Norden zu Hause sind, haben gesagt: Also das ist wirklich nur ein Boot, mit dem die über den See geschippert sind, aber doch kein Schiff. Ein Schiff ist etwas anderes als ein Boot. Wenn man sich heute die Boote anguckt, mit denen die auf dem See Genezareth gefischt habendann ist ganz klar nach unserem Sprachgebrauch ein Boot. Daher bleiben wir bei dieser Bezeichnung.

Was Sie schildern, sind Streitpunkte um einzelne Worte?
Kähler: Ja. In der Regel haben wir uns kaum noch darum streiten müssen, wie wir mit ganzen Sätzen umgehen? Den Streit gab es vor 50 Jahren. Damals ging es um die Frage, ob man sozusagen das moderne Deutsch spricht, in dem Verben ziemlich konsequent an einer bestimmten Stelle im Satz stehen? Wenn ich einen Nebensatz bilde, dann wird in der Regel das Verb an das Ende des Nebensatzes gestellt: “Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt”, so hat man vor 50 Jahren formulieren wollen. Die Umstellung an den Anfang des Satzes ist aber inzwischen von Germanisten sehr wohl als eine Stilmöglichkeit wieder anerkannt. Man darf auch sagen: “Was ihr getan habt einem von meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.” Und die Betonung, die dann eher auf den “geringsten Brüdern” liegt, diese deutsche Betonung, die wollten wir erreichen. Also haben wir die etwas größere Freiheit im Satzbau Luthers wieder aufgenommen. Weil wir inzwischen vorzügliche Germanisten und Linguisten kennen, die uns sagen: Das Idealmaß, die eine deutsche Sprache, nach der sich alle und immer richten müssen, auch in Luthers Bibel, dieses Ideal, das ist unrealistisch und engt die lebendige Sprache unnötig ein.

Was glauben Sie, wie wird diese revidierte Lutherbibel bei der jüngeren Generation ankommen?
Kähler: Es gibt, um ein Extrembeispiel zu nennen, die sogenannte “Volxbibel”, die versucht, den Rapper-Slang nachzumachen. Die hat den Anfang von Psalm 23 “Der Herr ist mein Hirte” so wiedergegeben: “Gott höchstpersönlich ist mein Dauergastgeber [whoa]« – ich kenne keinen Jugendlichen, der sich mit dieser Sprache völlig identifiziert. Wenn man das einmal vorträgt, dann finden das manche ganz lustig. Aber ist es wichtig? Und: Kann man sich den ganzen Psalm merken?

Viele Erfahrungen in den Gemeinden lauten: Wenn wir Konfirmanden und Schüler sorgfältig einführen und sie nicht allein lassen mit der “Lutherbibel”, dann hören sie daraus, dass es um etwas ganz Besonderes geht, was auch eine besondere Sprache hat. Das muss man miteinander besprechen. Ich weiß, dass manche Sätze von den Konfirmanden und von jüngeren Schülern nicht sofort aufgenommen werden können. Gut. Damit muss man umgehen. Für Leute, die nur mit einem moderneren Deutsch klarkommen, braucht man Einstiegsbibeln, die das Lesen erleichtern. Dafür gibt es inzwischen gute Beispiele.

Für mich hat die sprachlich beste Form die Basis-Bibel. Relativ gut ist die Gute-Nachricht-Bibel, die verbessert wurde. Sie war zum Teil problematisch, ist aber im Lauf der Zeit sehr viel zuverlässiger und sorgfältiger geworden. Aber die Grunderfahrung ist die, dass Leute die es ernsthaft meinen, irgendwann endgültig zu Luther zurückfinden.

Vielleicht kann man so viel sagen: Die Lutherbibel hat ein bestimmtes Profil. In den Buchhandlungen werden heute über 40 verschiedene Übersetzungen der Bibel angeboten. Es ging nicht mehr darum, die Lutherbibel zu der einen einzigen Gebrauchsbibel in der evangelischen Kirche zu machen. Das schaffen wir nicht. Wir haben drei große Gebrauchs-Bibeln in Deutschland: Die reformierte Zürcher Bibel, die katholische Einheitsübersetzung und die Lutherübersetzung. Wir wollten das Profil der Lutherbibel schärfen. Wo ernsthaft gelesen und nachgedacht wird, erweist sich die Lutherbibel als unverzichtbar. Die ist nach wie vor ein Wurf, den nicht wir, sondern Luther und seine Mitarbeiter geschaffen haben.

Sie blicken ganz zufrieden auf Ihr Werk?
Kähler: Also, man muss dazu das sagen, was auch andere zur revidierten Einheitsübersetzung gemeint haben und was auch die Zürcher zu ihrem Werk sagen: Es gibt nicht die perfekte Bibel-Übersetzung. Wir haben zum Teil schnelle Entscheidungen gefällt. Auch wenn wir sie gründlich vorbereitet haben, wird es immer mal ein Ungenügend geben. Jetzt, wenn ich einzelne Kapitel insgesamt durchgehe, gibt es Entscheidungen, von denen ich sage: Nun ja, die hätten wir vielleicht anders fällen können oder die hätten wir gar nicht fällen müssen oder wir hätten gut beim alten Text bleiben können. Insgesamt aber bin ich froh und zufrieden über das, was geleistet worden ist. Es ist ein besserer Text geworden nach diesen beiden Kriterien: Mehr Luther, und er ist genauer und an manchen Stellen auch deutlich lesbarer geworden.

Wann wird es die nächste Revision geben?
Kähler: Das weiß ich nicht. Eine Bibelübersetzung muss etwa alle zwei Generationen lang auf den Prüfstand gestellt werden, weil es neue Erkenntnisse der Wissenschaft gibt. Auch die Sprache kann sich so verändern, dass Ausdrücke so missverständlich geworden sind, dass man sie nicht weiter verwenden kann.

Einer bittet und einer hilft

11. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Heilung des Bartimäus

Bartimäus kann nicht sehen. Nur Dunkel um ihn herum. Was nah ist, das kann er ertasten. Rau fühlen sich die Steine an, auf denen er sitzt. Rau auch die Hände seines Vaters. Zart das Gesicht der Mutter. Das Wasser des Brunnens ist kalt und frisch.

Was fern ist, das kennt er vom Hören. Seine Eltern haben ihm alles genau beschrieben. Die Berge um Jericho. Bäume. Die Sonne. Und Jesus. Sie hatten von ihm erzählt. Und Bartimäus kann sich nicht satthören. Jedes Mal, wenn er von Jesus hört, versinkt alles andere in ihm und um ihn. Dann will er nur hören. Von diesem Einen. Worte. Geschichten. Ein Gebet: »Vater unser im Himmel«. Wenn Bartimäus von Jesus hört, wird es hell in ihm.

Dann: Lärm auf der Straße. Hunderte Menschen. Lachen, Diskutieren, Füße scharren auf dem Straßenpflaster. »Was ist los?«, fragt Bartimäus. Die anderen Bettler neben ihm sagen: »Eine große Menschenmenge kommt. Sie ziehen durch die Stadt. Sie begleiten Jesus. Jesus von Nazareth.«

Glaube-Alltag-38-2016

Da verwandelt sich Bartimäus. Er hatte immer zugehört. Ganz Ohr ist er gewesen. Nun wird der Hörer zum Rufer. Er wird eine einzige Stimme. Ein einziger Schrei: »Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!« Er ruft und ruft und hört nicht auf. Alles – jeder Wunsch, den er je hatte, alle seine Hoffnung –, alles liegt in diesem Schrei.

»Halt den Mund!« »Schweig!« »Schrei nicht so herum!« »Sorg doch endlich einer für Ruhe!« Schon gehen sie auf Bartimäus los und wollen ihn wegbringen. Aber er schreit nur noch lauter: »Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!« Seine Stimme hat große Macht. Da klingt ein Mensch selbst. Der blinde Mann: Ein einziger Schrei nach Jesus.

Und der hält an. Bleibt einfach stehen. Der ganze Zug muss anhalten. Für einen einzigen Menschen. Der ist jetzt wichtig. Die andern müssen warten. Jesus geht nicht vorüber. Er hört. Und er bleibt stehen. »Bringt ihn her! Und sie riefen den Blinden und sprachen zu ihm: Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!« Bartimäus springt auf, lässt den Mantel liegen – fast sein ganzes Hab und Gut. Jetzt ist alles andere unwichtig. Sie bringen ihn zu Jesus. »Was willst du, dass ich für dich tue?« »Rabbuni, dass ich sehend werde.« Eine kleine Frage. Und eine schlichte Antwort: »Rabbuni, mein lieber Meister, dass ich sehend werde.« Zwei Männer. Sie stehen einander gegenüber. Eine Frage. Eine Antwort. Eine Bitte. Ganz still. Einer fragt. Einer bittet. Einer hilft. Und da wird etwas heil. »Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen.«

Bartimäus kann sehen. Seine innigste Bitte ist erfüllt. Er sieht: Die Berge und die Bäume. Die Sonne. Und Jesus. »Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte Jesus nach auf dem Wege.« Aber Bartimäus geht nicht hin. Bartimäus geht mit. »Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!« Das hat Bartimäus wörtlich genommen. Von Stund an begleitet er Jesus. Der Zug setzt sich in Bewegung. Mit Jesus. Mit tausend anderen. Und mit Bartimäus.

Es ist übrigens der letzte Weg, den Jesus geht. In ein paar Tagen wird er am Kreuz sterben. Und Bartimäus wird dabei sein. Kaum kann er sehen, muss er mit anschauen, wie Jesus stirbt. Aber nach ein paar Tagen sieht er ihn wieder. Da sieht er dann alles. Und weiß und versteht. Jesus lebt. Und ich soll auch leben. So bleibt Bartimäus bei Jesus. Die ganze Zeit. Und eine ganze Ewigkeit. Im Leben, im Tod und im Auferstehn. »Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!«

Michael Greßler

Der Autor ist Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Die Brisanz der Bibel

3. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Leipziger Künstler setzen sich mit Religion auseinander

Schon der Titel hat es in sich. Nichts weniger als »Offenbarung« verspricht eine Ausstellung, die derzeit in der Lutherstadt Wittenberg im Alten Rathaus zu sehen ist. Dort, wo die Stiftung Christliche Kunst sonst ihre Dauerausstellung mit Werken der christlichen Moderne zeigt, werden derzeit »Leipziger Künstler und die Religion« präsentiert.

Steffen Junghans: Ein Leipziger Künstler mit seinem Werk ohne Titel (J. C.). aFoto: courtesy REITER; VG Bild-Kunst

Steffen Junghans: Ein Leipziger Künstler mit seinem Werk ohne Titel (J. C.). aFoto: courtesy REITER; VG Bild-Kunst

Figürliches in altmeisterlicher Technik steht neben Abstraktem, reduzierte Formen in Schwarz-Weiß neben farbenfroher Fülle, Ironie neben Pathos. Es ist eine beziehungsreiche Auseinandersetzung; biblische Motive bilden die Basis für eine Beschäftigung mit aktuellen Themen und ewigen Fragen, geben Impulse und Inspiration.

Es geht um Leben, Liebe, Tod, Krieg und Frieden, Flucht und Vertreibung, Verurteilung und Vergebung, Irdisches und Himmlisches, um Fußball und Finanzkrise. Ein durchlöchertes Schweißtuch etwa zeigt bei genauerem Hinsehen nicht das Antlitz Jesu, sondern verschlissene Prozentzeichen. Der Papierschnitt von Annette Schröter entstand 2009, kurz nachdem die Finanzkrise weltweit für Turbulenzen gesorgt hatte. Unter dem Eindruck von Faschismus und Krieg hingegen hat Bernhard Heisig seine »Probleme der Militärseelsorge« zu Papier gebracht: Sein Gekreuzigter steht im Fadenkreuz. Michael Triegels »Auferstehung« entzieht sich dagegen dem schnellen, eindeutigen Urteil. Die Strichätzung mit dem Jesus-Torso und dem kopfüber im Bild hängenden Engel gibt ihre Botschaft nicht so leicht preis. Die Arbeit wirkt mysteriös und verleiht dadurch dem Raum eine geheimnisvolle Offenbarung.

Unter dem Markenlabel »Leipziger Schule« vereint, besticht die Ausstellung durch Vielfalt. Kein Wunder, steht doch die Strömung der modernen Malerei nicht für eine einheitliche Lehrmethode, sondern weist im Gegenteil ein Nebeneinander unzähliger Stilformen auf. Es ist diese Vielfalt der Handschriften in Form und Inhalt, die der kleinen Exposition Gewicht verleiht und den Besucher einlädt, seine eigenen Entdeckungen zu machen.

Manche Exponate stammen aus dem Bestand der Stiftung Christliche Kunst, viele Leihgaben ergänzen die Schau. »Wir wollten auch und gerade jungen Künstlern die Chance bieten, sich mit Arbeiten zu diesem Thema zu präsentieren«, unterstreicht die Vorsitzende der Stiftung Jutta Brinkmann. Besonders fasziniert zeigt sie selbst sich vom fantasievollen Einsatz moderner Techniken, Materialien und zeitübergreifender Symboliken, wie etwa bei Tino Geiss. Aus Klebeband, Lack und Pappe hat der Künstler eine farbenfrohe Collage geschaffen, die den brasilianischen Fußballstar Neymar darstellt – als modernen Heilsbringer, der wie gekreuzigt im Tornetz hängt.

Der Katalog zur Ausstellung mit einem Text der Kunsthistorikerin Ulrike Brinkmann bietet zusätzliche Anregungen zur Auseinandersetzung mit der biblischen Bilderwelt und ihrer, in aktuellen Analogien immer wieder neu zu entdeckenden Brisanz. Der kleinen Broschüre ist ein Zitat jenes Künstlers vorangestellt, der als einer der Begründer der Leipziger Schule gilt. »Da in der Bibel eigentlich alles ist, was es im Leben gibt, waren diese Themen immer sehr naheliegend. Mehr gibt es nicht als das, was in den Testamenten steht«, lautet Werner Tübkes Credo.

Stefanie Hommers

Die Ausstellung »Offenbarung. Leipziger Künstler und die Religion« ist noch bis zum 13. November in der Ausstellungshalle im Erdgeschoss des Alten Rathauses, Markt, Lutherstadt Wittenberg zu sehen. Geöffnet ist sie von Montag bis Sonntag, jeweils von 10 bis 17 Uhr sowie zusätzlich am Reformationstag.

Das Wunder des Jona

19. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Der Prophet im Bauch eines großen Fisches

Über den historischen Jona Ben-Amittai wissen wir so gut wie nichts. Nur dies, dass er aus Gat-Hefer stammte und ein Heilsprophet im 8. Jahrhundert vor Christus war, der die Wiederherstellung des arg gerupften Nordreichs Israel weissagte (2. Könige 14,25). Der literarische Jona aber machte Karriere. Er fand Eingang in die erzählte Welt der Meeresstürme, der zerborstenen Schiffe und Seeungeheuer, in der der lange Faden des Seemannsgarns von Jahr zu Jahr weitergesponnen wird. Denn da war ja die Sache mit dem großen Fisch, von der Martin Luther sagte: »Das kann wohl eine seltsame Schifffahrt heißen. Wer wollt’s auch glauben und nicht für eine Lüge und Märlein halten, wenn es nicht in der Schrift stünde?«

Ja, am Wunder des Jona haben sich viele Generationen abgearbeitet. Da waren die Biblizisten, die auf dem Wortsinn des erzählten Geschehens bestanden. Schlunde von Walfischen und anderen Seeungeheuern wurden vermessen. Seemannsgeschichten wie die vom verschlungenen und doch geretteten Fischer James Barthy von den Falklandinseln machten die Runde und stellten sich als Fälschung heraus. Und da waren die Rationalisten, die ihrer vernunftbesessenen Fantasie freien Lauf ließen. Der große Fisch sei gar kein Fisch gewesen, sondern ein Schiff mit dem Namen »Großer Fisch« habe den renitenten Propheten aus dem Wasser gezogen.
Glaube-Alltag-38-2016

Noch besser, da kurioser, vermutet ein Ausleger des 19. Jahrhunderts, der wahrscheinlich gerne zu tief ins Weinglas schaute, der schiffbrüchige Jona sei an Land gespült worden und daraufhin in einer Seemannskneipe »Zum Walfisch« versackt. So sind sie eben, die Biblizisten und die Rationalisten, verblendet von ihrer Aufklärungswut. Die einen halten das in der Realität Unmögliche für möglich, die anderen das in der Literatur Mögliche für unmöglich. Beide lassen das Wunder nicht Wunder sein! Worin aber besteht das Wunder des Jona? Darin, dass er drei Tage und drei Nächte im Bauch des großen Fisches überlebte?

Erstens darin, dass der große Fisch zur »Kathedrale« wurde! Es sind die Psalmen Israels, die er im Bauch des Fisches betete, die ihm in aller Todesnot Trost und Hilfe brachten. Sie wurden dem, der vor Gott geflüchtet war, zum Rettungsanker.

Zweitens darin, dass es sie gibt, die verkehrte Welt. »Da muss der Fisch, der vorher des Todes Werkzeug war, des Lebens Werkzeug sein, und Jona muss durch denjenigen zum Leben kommen, durch welchen er zum Tode gefangen und geführt wurde« (M. Luther).

Dass die Umkehrung vom Tod zum Leben das eigentliche Wunder des Jona ist, das haben die Jesuserzähler scharfsichtig erkannt. Für sie war der dreitägige Aufenthalt Jonas im Fisch eine Analogie zu den drei Tagen, die der Menschensohn im Schoß der Erde ruhte (Matthäus 12,40), bevor er am Ostermorgen auferweckt wurde.

Drittens darin, dass Ninive, die böse Stadt, nicht böse bleiben muss. Aus dem ärgsten Feind Israels kann ein reuiger Sünder werden. Eine ganze Stadt kehrt um, mit Mann und Maus. Die Kurzpredigt des rebellischen Propheten? »Vierzig Tage noch, und Ninive wird untergehen!«, hat geholfen. Ninive, der Todeskandidat, darf leben. Jona aber, der verstockte, larmoyante Prophet, will sterben. Was für eine Ironie! Ist ihm noch zu helfen? Nur dadurch, dass ihn die göttliche Pädagogik unterm Rizinus einführt in die Schule der Barmherzigkeit, in der auch der zornige Gott umkehrt zum Menschen.

Nicht zuletzt aber ist das Wunder des Jona auch ein Wunder der Poesie. Es hat schon einen guten Grund, dass die alten Griechen das Wunder der Erschaffung des Lebens mitten in der Welt des Todes und das Wunder der Dichtkunst in ein und demselben Wort zusammenfallen ließen: Poiesis, Poesie, Schöpfung! Es ist diese vom biblischen Erzähler erschaffene narrative Welt selbst, die in ihrer Fabulierkunst für viele Dichter und ihre Leser durch Jahrhunderte hindurch zu einem Lebenselixier geworden ist. »Und jener Prophet? Vielleicht ist er noch immer unter uns. Vielleicht geht er wieder auf ein Schiff, zahlt gut, um vor Gott zu flüchten. Vielleicht schläft er sogar in einem entlegenen Winkel über seinem Gewissen, und der Sturm hat ihn noch nicht wachgerüttelt« (M. Strigler).

Rüdiger Lux

Der Autor ist emeritierter Theologieprofessor für Alttestamentliche Wissenschaft. Er lehrte bis 2012 an der Universität Leipzig.

Gott in den Alltag holen

26. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie können Eltern und Groß­eltern ihren Glauben an Kinder und Enkelkinder weitergeben? Dieser Frage widmet sich eine dreiteilige Serie.

Kennen Sie »Kirchenbauchschmerzen«? Nein? Dieses rätselhafte Leiden befällt meine Kinder ab und zu am Sonntagmorgen kurz nach neun Uhr, wenn es Zeit wird, sich für den Sonntagsgottesdienst bereit zu machen. Er fühle sich gar nicht gut, sagt dann der Achtjährige, der Bauch tue weh und überhaupt, das gesamte Befinden sei nicht das Beste. Die kleine Schwester schließt sich dem an, greift noch schnell an die Stirn, die ihr selbst sehr, sehr heiß vorkommt. Das Zauberhafte an diesen Beschwerden ist: Um Punkt zehn Uhr sind sie verschwunden, ob wir nun gemeinsam den Gottesdienst besuchen oder nicht.

»Kirchenbauchschmerzen« zeigen, dass es gar nicht so einfach ist, Kinder im Glauben zu erziehen. »Religion lernt man von außen nach innen«, sagt der Religionspädagoge Fulbert Steffensky. Kinder sollen am Vorbild der Eltern christliches Leben erfahren, mit ihnen den Gottesdienst besuchen, das Geschehen dort in sich aufnehmen, erleben, um es dann zu verinnerlichen und verstandesmäßig zu erfassen.

Doch Kinder in den Kontakt mit dem Glauben zu bringen und sie auf ihrem eigenen Weg zu bestärken ist nicht leicht, vor allem, da man als Eltern erst einmal über den eigenen Glauben reflektieren muss. Was glaube ich? Wie erlebe ich Gott? Was weiß ich über ihn und Jesus Christus? Wie sag ich’s meinem Kinde? Und man muss sein Verhalten betrachten: Bete ich? Spreche ich von Gott? Gehe ich zum Gottesdienst? Sprechen wir gemeinsam das Tischgebet? Bin ich barmherzig und gebe dem Bettler in der Fußgängerzone etwas aus meinem Geldbeutel oder gehe ich achtlos an ihm vorbei?

Kinder betrachten ihre Umwelt sehr genau. Dazu gehört auch das Verhalten der Menschen, die sie umgeben. Und sie fragen ganz automatisch nach Gott. Ihre Fragen ernst zu nehmen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, das ist ganz wichtig, damit Kinder eine Beziehung zu Gott aufbauen können. Der katholische Religionspädagoge Albert Biesinger hat viele Bücher darüber geschrieben, wie man den christlichen Glauben an Kinder und Jugendliche weitergibt. Neben den Gesprächen über Gott hält er Rituale für unverzichtbar: das Segnen der Kinder vor dem Weg zur Schule oder zum Kindergarten, das Tischgebet und das Vorlesen aus der Bibel.

Solche Rituale haben auch wir. Und es stimmt: Sie helfen auch in unserer hektischen, digitalen Zeit, innezuhalten und Gott in unser Leben, an unseren Abendbrottisch zu holen. Aber ich gestehe, ich muss mich immer wieder ermahnen, Gott diesen Raum in unserem Leben zu geben, Platz an unserem Tisch zu machen. Wer Gott als täglichen Begleiter erfährt, weiß, dass er mit allen Sorgen, Nöten, Ängsten, aber auch Freuden in ihm einen Ansprechpartner hat. Ich hoffe, so wird der Glaube an Gott und Jesus Christus allmählich verinnerlicht. Ein Glaube, der bleibt, wenn der Kinderglaube längst schon vergangen ist.

Diana Steinbauer

Vom Guten im Bösen, vom Unglück im Glück

13. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Die Josefsgeschichte – ein Edelstein der biblischen Erzählkunst

Ohne Frage, in ihrer Zeit war die Josefsgeschichte eine moderne Erzählung und Josef war ein moderner Mensch. Was aber hat diesen Edelstein der biblischen Erzählkunst zu einer modernen Geschichte gemacht? Dies, dass sie sich durch eine »revolutionäre Weltlichkeit« auszeichnet (Gerhard von Rad). Dem Leser der Meisternovelle in 1. Mose 37-50 wird ein junger Mann vor Augen gestellt, der auf den ersten Blick ganz in der Welt aufgeht: Josef, der Träumer, das Lieblingskind, die Petze, der verhasste Todeskandidat, der nach Ägypten verkaufte Haussklave, der Glückspilz, der erfolgreiche Hausverwalter, der Standhafte und Verleumdete, der Häftling, der weise Traumdeuter, Vizepharao, Retter in der Not und große Versorger, der harte Prüfer und Versöhner … Nichts Menschlich-Allzumenschliches ist ihm fremd. Alles riecht nach Welt. Wie ein autonomes Geschehen läuft die Kette der Ereignisse vor den Blicken des Publikums ab, etsi deus non daretur – »als ob es Gott nicht gäbe« (Dietrich Bonhoeffer).

Rebecca Horner als Potifars Weib und Denys Cherevychko als Joseph in der Ballettkomposition »Josephs Legende« von John Neumeier. 2015 wurde das Ballett an der Wiener Staatsoper aufgeführt. Foto: Wiener Staatsballett/ Michael Pöhn

Rebecca Horner als Potifars Weib und Denys Cherevychko als Joseph in der Ballettkomposition »Josephs Legende« von John Neumeier. 2015 wurde das Ballett an der Wiener Staatsoper aufgeführt. Foto: Wiener Staatsballett/ Michael Pöhn

Vor uns steht ein junger Mann mit einer mehrfach gebrochenen Karriere. Das macht ihn interessant. Glatte Karrieren sind etwas für Langweiler! Und dass die Josefsnovelle ihr Publikum in mehr als 2 000 Jahren Literaturgeschichte gelangweilt hätte, das kann wahrlich niemand behaupten. Dieses Kapitel der Weltliteratur, immer neu und immer anders erzählt, hat im kulturellen Gedächtnis des Judentums, der Christenheit und des Islams breite Spuren hinterlassen, bis hin zur monumentalen Roman-Tetralogie »Joseph und seine Brüder« von Thomas Mann.

Ja, auch die Religionen lieben das Weltliche und sind – trotz gelegentlicher apokalyptischer Neurosen – nicht auf Weltflucht programmiert. In diesem ständigen Auf und Ab einer Familiengeschichte fällt es schwer, so etwas wie einen roten Faden zu erkennen. Da gibt es Glück im Unglück, aber auch Unglück im Glück, Gutes im Bösen, aber auch Böses im Guten. Vieles, was geschieht, trägt den Stempel der Kontingenz, des Zufälligen, Überraschenden. Und doch wird der Leser den Eindruck nicht los, dass hinter all diesen Irrungen und Wirrungen eine »unsichtbare Hand« steht, ein verborgener Sinn in einem Meer von scheinbaren Sinnlosigkeiten.

Doch dieser Sinn erschließt sich Josef und seinen Brüdern erst im Nachhinein, in den wenigen Augenblicken, in denen Göttliches im Weltlichen aufblitzt, der Gott Israels in der Geschichte seines Volkes, für das Jakob und seine Söhne stehen. Durch Vaterliebe und Bruderhass, Sklavenlos und Gefängnis, durch Niederlagen und Erfolge, den großen Hunger und kluge Landwirtschaftspolitik, durch Schuld und Versöhnung, durch dieses ganze unentwirrbare Geflecht menschlicher Leidenschaften und Schicksale, schimmert das verborgene Handeln Gottes hindurch, seine Vorsehung. Am Ende tröstet Josef seine Brüder mit den Worten: »Und nun bekümmert euch nicht und denkt nicht, dass ich darum zürne, dass ihr mich hierher verkauft habt; denn um eures Lebens willen hat mich Gott vor euch hergesandt« (1. Mose 45,5). Da ist einer, der es gelernt hat, einen Sinn im scheinbar Sinnlosen zu entdecken, in all den Irrwegen und Umwegen, die er gehen musste, Gottes Wege mit ihm und seinen Brüdern zu erkennen und anzunehmen; einer, dem eine Ahnung davon aufgegangen ist, dass Gottes Wege Lebenswege sind, Wege, die nicht auf Vernichtung, sondern auf Rettung, nicht auf Vergeltung, sondern auf Versöhnung, nicht auf den Hungertod, sondern auf Brot und die Fülle des Lebens »für alle Welt« (1. Mose 41,56 f.) aus sind. Da ist einer, der am Ende seines ganz und gar weltlichen Lebens und des Lebens seiner Brüder Bilanz zieht: »Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen« (1. Mose 50,20). Das nenne ich wirklich ein begnadetes Leben. Das Leben eines Menschen, der in dem Bösen, das ihm widerfuhr, die Güte Gottes fand.

Rüdiger Lux

Der Autor ist emeritierter Theologieprofessor für Alttestamentliche Wissenschaft. Er lehrte bis 2012 an der Universität Leipzig.

Lesetipp
Lux, Rüdiger: Josef. Der Auserwählte unter seinen Brüdern, Evangelische Verlagsanstalt, 312 S., ISBN 978-3-374-01848-2, 16,80 Euro

Bedroht Wissen den Glauben?

5. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaube und Wissenschaft: Wie ein Pfarrer auf die Vorbehalte gegen die historisch-kritische Bibelauslegung reagiert

Was passiert in der Bibelwissenschaft? In einer vierteiligen Serie erläutern Theologen, was sie machen und wie für sie Glaube und Wissenschaft zusammenpassen.

Vor etwa drei Monaten krempelte sich mein Leben um, denn seitdem bin ich Pfarrer. Es ist meine erste Pfarrstelle. Vorher habe ich an der Universität Leipzig Theologie studiert. Ich habe gern studiert, weil ich Wissen nie als Bedrohung, sondern als Bereicherung empfinde. Als frischgebackener Pfarrer bin ich freundlich in der Gemeinde aufgenommen worden. Leugnen lässt sich aber auch nicht, dass mir eine gewisse Skepsis gegen das im Studium angeeignete Wissen begegnet. Wissen wird manchmal als Bedrohung für den Glauben wahrgenommen. So äußerten einige Gemeindeglieder auf die Frage, ob sich angehende Pfarrer und Pfarrerinnen wissenschaftlich mit der Bibel beschäftigen sollten?: »Nein! Dies würde Gottes Wort und Wahrheit infrage stellen.« Oder: »Je tiefer die Theologie versucht, wissenschaftliche Erkenntnisse zu finden, umso weiter entfernen sich Theologen von der Wahrheit.« Wer die Bibel infrage stelle, müsse sich fragen, ob er Christ ist.

Für manchen Christen stellt Wissen und Wissenschaft eine ungeheure Bedrohung für den Glauben dar. »Wenn du Theologie studierst, so pass auf, dass du den Glauben nicht verlierst!« Ignoriert wird, dass Veränderung und Entwicklung zum Glauben faktisch dazugehören. Dabei haben die meisten in ihrer ganz persönlichen Geschichte die Erfahrung gemacht, dass sich Glaubensanschauungen ändern. Erfahrungen geben Fragen auf, die zum Antworten herausfordern. Dabei wird der Glaube nicht abgelegt, sondern er wächst und verändert sich. Trotz solcher Erfahrung stehen manche der Aneignung von Wissen in der theologischen Ausbildung skeptisch gegenüber. Besonders schwer hat es die sogenannte historisch-kritische Methode, das heißt die Suche nach dem Sinn der Bibelworte in ihrer geschichtlichen Verortung. Historische Betrachtung – muss das sein? In den Gesprächen kommt die Angst zum Ausdruck, dass die Bibel durch die Wissenschaft ihren Wert als Gotteswort verlieren und das Label »Lüge« bekommen könnte. Niemand möchte sein Leben und seinen Glauben auf einer Lüge aufbauen.

Aber gerade das ist ein wichtiger Grund, warum die Bibel historisch untersucht werden sollte. Denn die Worte der Bibel sind einem geschichtlichen Kontext zuzuordnen. Paulus schreibt als Autor des 1. Jahrhunderts an konkrete Gemeinden z. B. in Rom. Der Römerbrief ist ein historisches Dokument, welches mit geschichtswissenschaftlicher Methodik gelesen werden kann – und muss, sonst kann man seine Bedeutung nicht verstehen. Der wissenschaftliche Umgang fördert das Verstehen. Dies kann spannend, lustvoll und inspirierend sein. Noch wichtiger ist: Durch das Nachfragen werde ich vor allzu schnellen Schlüssen bewahrt. Der Respekt vor dem Wort Gottes nötigt geradezu, immer wieder den Glauben zu hinterfragen und auf der Suche zu bleiben. Sicher gibt es Situationen, in denen man sich einfach einhüllen darf in biblische Worte. Wenn die Bibel bestimmt ist von historischen Gegebenheiten, wie kann sie dann für mich Wort Gottes sein? Als Antwort auf diese Frage würde ich von Erfahrungen der Gottesbegegnung vor allem beim Lesen und Entdecken der Bibel erzählen. Manchmal packen mich biblische Worte und lassen mich nicht mehr los. Dabei merke ich: Hier ergeht Gottes Wort an mich. Mitunter geschieht dies, nachdem und gerade weil ich mich mit dem Bibelwort unter historischen Gesichtspunkten beschäftigt habe.

In der Gemeinde gibt es neben den kritischen auch die Wissenschaft bejahenden Stimmen: »Die ehrliche Beschäftigung mit den Hintergründen der Bibel öffnet auch historisch bewanderten Personen einen Weg zum Glauben.« Oder: »Man kann sich mit den Hintergründen der Bibel beschäftigen und trotzdem ihre Autorität anerkennen.« Zur historisch-kritischen Methode sagt jemand: »Ja, unbedingt!« Damit reibe man sich an den Texten und frage nach dem, »was Gottes Wille war und ist«.

Sebastian Ziera

Der Autor ist Pfarrer im sächsischen Oberlungwitz, zuvor war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Neues Testament der Theologischen Fakultät Leipzig.
Mit diesem Beitrag endet die Serie.

Kamele werden Autos, Jünger tragen Jeans

1. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Simeon Wetzel will mit seinen Comics einen Zugang zur Bibel schaffen

Die biblische Botschaft leicht verständlich und zeitgemäß zu vermitteln, das ist das Anliegen des Mediengestalters Simeon Wetzel. Zunächst zeichnete er die Geschichten des Neuen Testaments. Inzwischen umfasst seine Sammlung auch viele alttestamentliche Texte.

Der Glaube spielt für Simeon Wetzel eine bedeutende Rolle. Davon zeugt schon sein Vorname biblischen Ursprungs, den ihm seine Eltern ganz bewusst gaben. Neben der Musik und dem Lobpreis hat der 29-Jährige eine weitere Leidenschaft: Er zeichnet Bibelcomics. Was im Alter von 14 Jahren als spontane Idee entstand, hat sich zu einer umfassenden Sammlung entwickelt, die nach 15 Jahren vollendet ist.

Dass die Bibel keine leichte Kost ist, weiß der Dresdner aus eigener Erfahrung. Nach der Konfirmation schloss er sich zunächst der Jungen Gemeinde an. Als ihn sein Vater mit zu den »Jesusfreaks« nahm, sei dies ein einschneidendes Erlebnis in seinem Leben gewesen. »Zum ersten Mal sah ich die Leute beim Lobpreis und hatte daran viel Spaß. Moderne Musik zur Anbetung zu gebrauchen, mit etwas härteren, rockigeren Klängen, das war genau mein Ding und ich habe dort einen tiefen Zugang zum Evangelium und zur Bibel erhalten«,
schwärmt er.

15 Jahre lang hat Simeon Wetzel an seinen Bibelcomics gearbeitet. Foto: privat

15 Jahre lang hat Simeon Wetzel an seinen Bibelcomics gearbeitet. Foto: privat

Zu diesem Zeitpunkt entstand auch die Idee zu den »JesuComics«. Zunächst beschränkte sich Wetzel auf das Neue Testament und die Lebens- und Leidensgeschichte Jesu. Im Laufe der Jahre wurde das Projekt ständig erweitert und verbessert. Sein Hauptanliegen ist es, Kindern und Jugendlichen einen leichteren Zugang zur Bibel zu verschaffen: »Ich möchte die Frohe Botschaft auf leicht verständliche und zeitgemäße Weise vermitteln und habe mich bewusst für einen einfachen, kindgerechten Zeichenstil entschieden«, so der Mediengestalter, der 2011 den Schritt in die Selbstständigkeit wagte.

Mit dem Umfang entwickelte sich auch seine zeichnerische Handschrift weiter. Seine Comics aus der Anfangszeit überarbeitete er später digital. Inzwischen zeichnet er die Konturen mit einem schwarzen Fineliner vor und führt die Nachkolorierung am Computer durch.

Die komplette Sammlung umfasst 92 Kapitel aus dem Alten und 64 Kapitel aus dem Neuen Testament. Bei den ausgewählten Geschichten handelt es sich um vereinfachte Darstellungen biblischer Ereignisse. »Mir ist es wichtig, in einer zeitgemäßen, verständlichen Sprache zu schreiben und witzige Begebenheiten einzubauen, denn meiner Meinung nach sollte ein Comic auch hin und wieder mal lustig sein«, begründet Simeon Wetzel seine individuelle Interpretation der Bibel.

So werden Kamele zu Autos, die Menschen leben in modernen Häusern und bedienen sich der modernen Medien. Die Jünger tragen Jeans und die Wachmänner Tarnanzüge. Und Maria und Josef suchen keine Herberge, sondern eine Pension.

Um möglichst vielen Menschen seine Bibelcomics zugänglich zu machen, können diese kostenlos im Internet heruntergeladen werden. Neben den PDF-Dateien gibt es die einzelnen Kapitel als Power-Point-Präsentation und als Videohörbuch. Wer lieber ein richtiges Buch zur Hand nehmen möchte, kann den gesamten Comic in zwei Bänden erwerben.

Ilka Jost

www.jesuscomic.de

Die Bibel zum Sprechen bringen

24. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaube und Wissenschaft: Wie Theologiestudenten historisch-kritische Exege betreiben

Was passiert eigentlich in der Bibelwissenschaft? In einer vierteiligen Serie erläutern Lehrende und Studierende am Institut für Neues Testament der Theologischen Fakultät Leipzig, was sie machen, und wie für sie Glaube und Wissenschaft zusammenpassen.

Sie werden sich wundern, was alles in so einem Text steckt!« So beginnt das Seminar »Einführung in die neutestamentliche Exegese«. Große Erwartungen werden geweckt. Viele Wochen werden wir uns Gedanken zum »Reichen Jüngling« im Matthäusevangelium machen. Am Anfang steht eine Übersetzung dieser neutestamentlichen Passage. Es folgt die Textkritik, das heißt, wir nehmen eine Vielzahl der gefundenen Papyri und Pergamente mit neutestamentlichen Texten in den Blick – und staunen über die umfangreiche Arbeit der Kopisten, Philologen und Archäologen, die ihre Ergebnisse in Wörterbücher und wissenschaftliche Aufsätze einfließen ließen. Die sprachliche Analyse nimmt den Text als strukturiertes Ganzes oder auch als fragmentarisch zusammengesetzte Gestalt wahr. Der Text weist mehrere Brüche auf, was sich beispielsweise durch den Wechsel der beteiligten Personen ergibt. Es lässt sich auch nicht eindeutig feststellen, wo dieser Abschnitt endet. Wir untersuchen die Bedeutung der Worte »Himmelreich«, »Wiedergeburt« und »Reichtum«. Der Verkauf des Reichtums trifft nicht nur den Jüngling selbst, sondern da Reichtum im antiken Palästina in der Regel Landbesitz war, auch seine ganze Familie. Das verstärkt die Radikalität der Forderung Jesu.

Das Gleichnis vom reichen Jüngling ordnen wir der Gattung Chrie zu, eine beliebte Gattung der Antike, um Aussprüche und Begebenheiten berühmter Personen festzuhalten und auswendig zu lernen. Anschließend vergleichen wir unseren Text mit seinen Paralleltexten im Markus- und Lukasevangelium, um sein typisches Profil herauszuarbeiten. Matthäus weist sich in seinem reichen Jüngling als jüdischer Gesetzesgelehrter aus, indem er das Streben nach Vollkommenheit in den Text einbringt, die Reihenfolge der Gebote nach dem hebräischen Alten Testament, die Formulierung davon aber nach dem griechischen Alten Testament, der Septuaginta, zitiert, das Nächstenliebegebot und das Wort von den zwölf Thronen hinzufügt.

Durch die Literarkritik gilt es herausfinden, welche schriftlichen Vorlagen unser Text hatte. Nach der Zweiquellentheorie integrierte Matthäus das ältere Markusevangelium. Also gehen wir auf den Markustext zurück und lassen die bisherigen Ergebnisse einfließen. Der ursprüngliche Text bestand aus dem Gespräch mit dem Reichen. Er wurde um Szenen mit den Jüngern und Petrus erweitert. Scheinbar gab es bei der Entstehung der Texte bereits unterschiedliche Auslegungen hinsichtlich der Beurteilung von Reichtum, die im Kontext einer sesshaften Gemeinde anders ausfiel, als im unstetigen Leben der ersten Jünger. Entgegen gängiger Vorurteile ist die Literarkritik nicht mit einer Bewertung verschiedener Wachstumsstufen verbunden. Vielmehr sind die Brüche damit zu erklären, dass die Stoffe über Jesus aus verschiedenen Quellen stammten und von verschiedenen Personen zu Texten geformt wurden, die dann zu den Evangelien wurden. Die Wahrnehmung, dass die Texte gewachsen sind, hilft bei der Interpretation. Warum nicht einmal darüber predigen, dass die Radikalität der Jesusbotschaft schon bei den frühesten Christen für Probleme sorgte, weil sich die Lebensbedingungen veränderten?

Gibt es mündliche Vorstufen des Textes? Diese Frage beschäftigt die Überlieferungsgeschichte. Der Spruch »Die Letzten werden die Ersten und die Ersten die Letzten sein«, ist bei Matthäus an zwei Stellen überliefert, im Lukasevangelium in einem anderen Kontext. Das spricht für eine mündliche Überlieferung. Danach folgt die Traditionsgeschichte, bei der die Hintergründe und Entwicklungen zentraler Begriffe eines Textes durch den Vergleich mit anderen Texten erleuchtet werden sollen. Der Begriff »vollkommen« bei Matthäus hat eine Verbindung zur Forderung nach Vollkommenheit in der Bergpredigt. Parallelen finden wir im Alten Testament, zum Beispiel 5. Mose 18,13. Die Forderung nach Vollkommenheit für das Volk Israel ist also ein zentrales Motiv in der Tora, gleichzeitig scheint es für den einzelnen Menschen fast unerreichbar. Wenn Matthäus die Forderung nach dem Verkauf des Besitzes mit der Formulierung: »Wenn du vollkommen sein willst«, versieht, meint er: Jesu radikale Forderung ist nicht für jeden durchführbar, sondern für besondere Auserwählte, für die besseren Gerechten. Genau das sollen die Christen nach Matthäus anstreben.

Die Redaktionskritik schaut, warum der Autor den Stoff für seinen Text so auswählte und einordnete. Dabei stellen wir erneut die jüdische Prägung von Matthäus fest. Außerdem wurde das folgende Gleichnis von den »Arbeitern im Weinberg« von Matthäus als Erläuterung des »Reichen Jünglings« angefügt.

Die Ergebnisse der intensiven Beschäftigung mit dem Text fließen in eine kreative Interpretation, eine Andacht, eine Erzählung, ein Bild, eine Predigt.

Einige Arbeitsschritte waren sehr komplex und eher für Spezialisten und Kommentatoren, die man zu Rate ziehen musste. Die Erkenntnisse aus der Überlieferung des Textes halfen uns, in die Geschichte Israels und der Völker Vorderasiens tiefer einzutauchen, ein Verständnis für die Kulturen, das Weltbild und die Religionen zu entwickeln. Mein Glauben ist während der Exegese nicht stärker oder schwächer geworden. Er wurde mehr oder weniger verdeckt durch die vielen Informationen. Die Spannung zwischen Glauben und Verstehen waren gut auszuhalten. Ich konnte entscheiden, in welcher Form ich mich von dem biblischen Text ansprechen ließ. Tatsächlich sprach er am Ende des Semesters wirklich in seinem ganzen Facettenreichtum zu mir.

»Sie werden sich wundern, was alles in so einem Text steckt!« Das ist es, was ich als Dozentin vermitteln will: die Freude an der Arbeit mit biblischen Texten – an dem, was ich mit den Methoden historisch-kritischer Exegese an neuen Einsichten gewinnen kann, wenn ich die traditionellen westeuropäisch geprägten Interpretationsweisen zunächst zur Seite schiebe und mich der ursprünglichen Intention der Texte annähere. Dann beginnen die Texte tatsächlich neu zu sprechen durch ihre Fremdheit, ihre Struktur, ihre Vokabeln, die Personen und vieles mehr. Dazu gehört auch, die biblischen Texte nicht als einmalig niedergeschriebene Größe zu betrachten, sondern vielmehr als Diskussion der frühen Christen über das, was über Jesus als Gottes Sohn erzählt werden muss.

Pepe Milkau ist Theologiestudentin, Nicole Oesterreich Diplom-Theologin

Die Rückkehr des Heiligen Geistes

16. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaube und Wissenschaft:  Wie die Bibel zu lesen ist, damit sie zu uns spricht

Was passiert eigentlich in der Bibelwissenschaft? In einer vierteiligen Serie werden Lehrende am Institut für Neues Testament der Theologischen Fakultät Leipzig kurz vorstellen, was sie machen und wie für sie Glaube und Wissenschaft zusammenpassen.

Nach fünfzig Tagen: erinnerte Geschichte für die Gegenwart. Am Anfang der Apostelgeschichte (Kapitel 2) steht die Geschichte von Pfingsten, von der Ausgießung des Heiligen Geistes. Das ist sozusagen die Geburtsstunde der Kirche. Was interessiert einen Bibelwissenschaftler an diesem Text? Zuerst einmal, dass es ein Text ist, der im Rahmen eines literarischen Werkes gelesen werden will. Der Autor der Apostelgeschichte – die alte Kirche nennt ihn Lukas, er selbst sagt das nicht – beschreibt die Anfänge der Kirche als Missionsgeschichte. Er beginnt in Jerusalem, und er endet, als Paulus in Rom predigt. Einen solchen Text verstehen, heißt zuerst einmal sehr schlicht, ihn im Rahmen des Buches zu lesen, aus dem er stammt, und alle Fragen zu stellen, die wir an einen anderen antiken Text auch stellen würden. Lukas schreibt im Abstand von zwei, vielleicht drei Generationen, in denen seine Geschichte nur erzählt wurde. Es ist also nicht einfach Geschichte: es ist erinnerte Geschichte, mit der man der eigenen Gegenwart etwas sagen möchte.

Was haben antike Christen aus einem solchen Text herausgehört? Das fragt die Exegese, um die Bibel nicht zu karikieren, um sie nicht zu schnell zu vereinnahmen für unsere modernen Interessen. Die Apostelgeschichte ist für Menschen des späten ersten Jahrhunderts geschrieben worden, und wir müssen herausbekommen, was ihre Gedanken zu unserem Text gewesen sein können. Das ist durchaus möglich, wenn es auch Grenzen dessen gibt, was wir wissen können. Dann, in einem zweiten Schritt, kann der Text zu uns sprechen, wenn wir akzeptieren, dass wir nicht seine ersten Adressaten sind.

Pfingsten erfüllt sich eine uralte Hoffnung: die Rückkehr des Heiligen Geistes. Das ist keine harmlose Sache, darum das Erdbeben. Es war jüdische Hoffnung: Gott spricht wieder, wie in den Tagen der Propheten. Pfingsten erzählt, wie der Geist wie ein Sturmwind, wie ein Feuer die Jesusbewegung neu in Gang setzt und wie sich darin das Warten auf den Geist Gottes erfüllt. Um das genauer zu verstehen, muss man vor allem das reiche Schrifttum des antiken Judentums lesen. Meinen Studenten sage ich gerne: wir wissen heute vor allem deshalb mehr über die ersten Christen, weil wir mehr über das antike Judentum wissen. Pfingsten ist zudem eine Art Gegengeschichte zum Turmbau von Babel. Dort setzt Gott dem Bösen, dem wahnwitzigen Stolz eine Grenze, indem er die Sprachen der Menschen verwirrt: eine raffiniert-ironische uralte Sage. Aber er führt die Menschen auch wieder zusammen: darum »verstehen« Menschen aus aller Herren Länder, was die Apostel predigen. Nebenbei erfahren wir, was der geographische Horizont unseres Autors war. Germanien nennt er nicht, das war ein kaltes nasses Land im Norden, von dem man nicht viel wusste, und das vermutlich kaum jemanden interessierte. Pfingsten ist für den Autor eine Geschichte von Verheißung und Erfüllung. Im Buch des Propheten Sacharja heißt es: Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth. Bibelwissenschaft achtet dabei auf Unterschiede: Das Johannesevangelium bindet die Ausgießung des Heiligen Geistes unmittelbar an Ostern (Johannes 20,22). Lukas dagegen erzählt lieber eine lange, symbolträchtige Geschichte. Sicher weist sie auf eine Erfahrung früher Christen zurück. Aber sicher ist sie auch literarisch gestaltet, eben als Text. Wie sich beides zueinander verhält, ist ein Thema der Bibelwissenschaft. Exegese heißt dabei: genau hinsehen, genau lesen. Genau lesen: nicht »zwischen den Zeilen«, aber im Rahmen der ganzen Bibel, im Rahmen der Alten Welt; im Rahmen dessen, was wir über die alten Sprachen wissen usw. Viele in den letzten hundert Jahren neuentdeckte Quellen helfen uns dabei. Dann werden wir in gewisser Hinsicht Zeitgenossen der ersten Hörerinnen und Hörer: und die Bibel wird zu uns sprechen, ohne dass wir sie vor unseren eigenen Karren spannen.

Marco Frenschkowski

Der Autor ist Professor für Neues Testament mit einem Forschungsschwerpunkt auf antiker Religionsgeschichte.

Der Weg ins Leben

7. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Die Emmausjünger

Ein schlimmer Tag. Der Tag kann mächtig sein. So mächtig, dass alles andere dahinter verschwindet. Du siehst nichts mehr. Nur noch diesen einen Tag. Den schlimmen. Den Tag, an dem die Diagnose kam. Als das Unglück geschah. Den Tag, an dem du das eine falsche Wort gesagt hast. Den Tag, als dein liebster Mensch gestorben ist. Ein Tag wie ein Gefängnis. Einzelzelle. Du bist allein mit diesem schlimmen Tag. Deine Augen sehen nur noch Wände. Wände aus lauter Traurigkeit.

Was da sonst noch ist – du kannst nichts mehr sehen. Stiefmütterchen und Lindenknospen. Die Sonnenflecken auf dem Waldboden. Wenn du Zeitung liest, siehst du die Buchstaben. Aber die Worte erreichen dich nicht. Der schlimme Tag ist mächtiger als alles. Alles verschwindet hinter seinen grauen Wänden. Die Menschen neben dir. Du selbst. Und du fragst dich, ob du dich je im Leben wieder freuen kannst.

»Am selben Tag waren zwei Jünger unterwegs zu dem Dorf Emmaus. … Sie unterhielten sich über alles, was sie in den letzten Tagen erlebt hatten. Und während sie noch miteinander redeten und hin und her überlegten, kam Jesus selbst dazu und schloss sich ihnen an. Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.«

Der Tag kann mächtig sein. Du siehst nur noch diesen einen schlimmen Tag. Für alles andere bist du blind. Sogar für Jesus. Und »… ihre Augen wurden gehalten.«

Der Tod kann mächtig sein. So mächtig, dass alles dahinter verschwindet. Du siehst nichts mehr. Nur noch den Tod.

Kleophas und sein Freund waren gegangen. Es hatte ja keinen Sinn mehr. Jesus war tot. Sie hatten ihn sterben sehen – von Weitem natürlich nur. Näher hatten sie sich nicht herangetraut. Nur ein paar Frauen waren so verrückt gewesen, sich zum Kreuz zu stellen. Und die hatten jetzt behauptet, alles wäre wieder gut. Jesus würde leben. Völlig verrückt. Träumereien.

Glaube-Alltag-14-2016

Nun gingen sie heim. »Aber ihre Augen wurden gehalten.« Augen im Gefängnis. Einzelzelle. Sie sehen nur diesen einen Tod. Jesu Tod. Gottes Tod. Der Tod ist so groß, dass sogar Gott dahinter verschwindet.

»Und während sie noch miteinander redeten, kam Jesus selbst dazu und schloss sich ihnen an. …

Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war.«

Dieser eine Tag. Dieser eine Tod. Mit Macht greift es nach dir. Und nimmt deinen Augen allen Glanz und alle Freude. Aber Jesus ist längst da. Und redet. Und tröstet.

»So kamen sie zu dem Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat so, als wollte er weiterziehen. Da drängten sie ihn: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn.«

Der Tag kann mächtig sein. Und der Tod. Aber dann spürst du die anderen Mächte. Die guten. Stiefmütterchen und die Lindenblüten. Sonnenaufgang und Mondlicht in milden Nächten. Einer, der sich zu dir setzt und zuhört. Und tröstet. Es kommt der Morgen, an dem du aufwachst, und die Seele tut nicht mehr so weh. Und der Tag, wo du am Grab stehst und die Tränen zum ersten Mal nach Dankbarkeit schmecken. Auferstehung. Worte, die lebendig machen. Brot und Wein auf dem Tisch. Jesus. Und Gott. Sie waren die ganze Zeit da. »Brannte nicht unser Herz, als er mit uns redete?« Jetzt kannst du sie wieder sehen. Endlich. Und du merkst: Sie sind mächtiger als dieser eine schlimme Tag. Und mächtiger als der Tod. »Der Herr ist wahrhaftig auferstanden.«

Michael Greßler

Der Autor ist Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Er wusch seine Hände in Unschuld

9. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Wer war Pilatus? Philosoph, Feigling, Judenhasser?

Jesus vor Pilatus. In etwa sechs Stunden wird er sterben. Pilatus will wissen, was das für ein Mensch ist: »So bist du dennoch ein König?« Und Jesus sagt: »Ja. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll.« – Wahrheit? »Was ist Wahrheit?«, fragt Pilatus. Damit endet das Gespräch. So der Evangelist Johannes. Bei ihm ist Pilatus ein Denker. Skeptiker. Fast ein Philosoph. Er will Jesus nicht verurteilen. Er verhört ihn. Aber es ist kaum ein Verhör. Fast ein Disput unter Denkern. Am Ende bleibt die Frage nach der Wahrheit offen. Und Jesus stirbt daran.

Das byzantinische Fresko aus dem 14. Jahrhundert zeigt Christus vor Pilatus, der sich die Hände wäscht. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Das byzantinische Fresko aus dem 14. Jahrhundert zeigt Christus vor Pilatus, der sich die Hände wäscht. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Was ist Wahrheit?

Matthäus, Markus und Lukas erzählen es anders. Da gibt es keinen Disput. Nur die Frage: »Bist du der König der Juden?« Und Jesus darauf: »Du sagst es.« Ansonsten schweigt er.

Was ist Wahrheit?

Matthäus erzählt noch eine besondere Geschichte: Die Frau des Pilatus setzt sich für Jesus ein: »Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten, ich habe heute seinetwegen im Traum viel erlitten«. Darauf wäscht Pilatus die Hände vor dem Volk: »Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten.« Ich war es nicht – es waren die anderen … die Umstände … die Sachzwänge. Lieber die Hände in Unschuld waschen als Verantwortung übernehmen?

Was ist Wahrheit?

In einem sind sich alle vier Evangelisten einig: Pilatus wollte den Tod Jesu nicht. Und so steht er in einem merkwürdig positiven Licht. War er wirklich so? Philosoph bei Johannes, Feigling bei Matthäus, eingeknickt vor dem Druck der Straße – in jedem Falle Jesus wohlgesonnen?

Es gibt andere Quellen. Flavius Josephus, der jüdische Historiker, beschreibt Pilatus als einen ausgesprochen skrupellosen Machtpolitiker. Und als Judenhasser. Er ließ keine Gelegenheit aus, das jüdische Volk zu demütigen und zu provozieren. Und er war grausam. Trotzdem – oder gerade deshalb – konnte er sich in der Unruheprovinz Judäa erstaunlich lange an der Macht halten: Von 26 bis 36 nach Christus. Erst ein Massaker an samaritischen Gläubigen wurde ihm zum Verhängnis. Der Legende nach wurde er dafür vom Kaiser nach Gallien verbannt.

Warum erzählen die Evangelisten so positiv? Wollten sie Pilatus entlasten und dafür den Juden eine größere Schuld am Tod Jesu geben? Oder wollten sie »römerfreundlich« schreiben, damit die christlichen Gemeinden weniger Probleme mit der Staatsmacht haben? Auch Evangelisten sind schließlich nur Menschen mit ihrenInteressen.

Was ist Wahrheit?

Jesus am Kreuz. Über seinem Kopf die Tafel: »Jesus von Nazareth, König der Juden«. Das hat Pilatus schreiben lassen. So war es üblich. Man gab dem Gekreuzigten ein Etikett: »Aufrührer. Räuber.« – Und eben: »König der Juden«. Pilatus wollte Jesus mit dieser Aufschrift ganz sicher nicht ehren. Er wollte das jüdische Volk verhöhnen – da, bitteschön, ich kreuzige euren König. Pilatus höhnt und spottet. Doch ohne es zu wollen, sagt er genau so die Wahrheit. Jesus ist König. Nicht nur der König der Juden. Der König, der die Wahrheit bezeugt. »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.«

Jeden Sonntag nennen Christinnen und Christen auf der ganzen Welt den Namen des Pilatus. Im Glaubensbekenntnis. Man sagt, das ist wichtig, denn damit wird deutlich: Jesus ist eine reale Person der Weltgeschichte. Das stimmt auch. Aber noch wichtiger ist: Ungewollt hat Pilatus die Wahrheit gesagt. Sie lässt sich nicht verhindern. Und jedes Mal, wenn Christen ihren Glauben bekennen, bekennen sie auch: Die Wahrheit setzt sich durch.

Michael Greßler

Der Autor ist Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Gott ins Herz geblickt

29. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie die Bibel über unser wichtigstes Organ denkt

Großes Herz! Sieben Wochen ohne Enge«, lautet das Motto der diesjährigen Fastenaktion der evangelischen Kirche. Das Herz kommt oft in der Bibel vor. Es ist Zentrum, Wesen und Charakter einer Person. Die Bibel ist weniger am Herz als Organ der Blutversorgung interessiert. Vielmehr am Herzen als Begriff für das Innere des Menschen. Da ist die Heilige Schrift ganz zu Hause in der antiken Kultur des Orients. Sie nimmt die Sprache seiner Poesie auf und tritt in Dialog mit seinen Weisheitstraditionen. Liebe und Hass, Angst und Freude, Zufriedenheit und Genuss, Egoismus, Bosheit und Mitmenschlichkeit – all das lässt sich knapp als jeweiliges »Herz« charakterisieren.

Foto: Cora Müller – Fotolia.com

Foto: Cora Müller – Fotolia.com

Das Herz freut sich oder wird erfreut, durch Gott, seine Gaben und Segnungen (Psalm 4,8; 19,9; 33,21; 104,15; 105,3). Wein steht nicht für Betäubung bei Problemen, sondern »der Wein erfreue des Menschen Herz«.

Ist man umgekehrt voller Angst, verzagt das Herz, weil in einem große Kräfte toben. Das Herz bebt und zittert, wie Bäume im Sturm beben. Solch ein Herz verliert seine Festigkeit, seine Form und jeden Halt, der Mensch fühlt sich verloren wie verschüttetes Wasser und wie zerschmolzenes Wachs (Psalm 22,15).

Alles aus seinem Innersten ehrlich, vertrauensvoll und ohne Hintergedanken mitteilen, wird zur plastisch anschaulichen Formulierung »sein Herz ausschütten«. Das ist als Redewendung ins Deutsche eingegangen. »Hoffet auf Gott allezeit, liebe Leute, schüttet euer Herz vor ihm aus; Gott ist unsre Zuversicht.« (Psalm 62,9). Als Ausdruck für Selbstgespräche fand die Bibel »in seinem Herzen sprechen«. Wenn man Worten nicht glauben kann, heißt es: »Aber sein Herz blieb kalt« (1. Mose 45,26).

Die Bibel benutzt das Wort »Herz« auch, um die Erfahrungen mit der Welt der Intrigen zu beschreiben: »Sie denken nur, wie sie ihn stürzen, haben Gefallen am Lügen; mit dem Munde segnen sie, aber im Herzen fluchen sie« (Psalm 62,5). Wo wir heutzutage sagen würden, »Ihr Kopf steckt voller böser Pläne«, heißt das in der Psalmensprache: »Errette mich, Herr, von den bösen Menschen; behüte mich vor den Gewalttätigen, die Böses planen in ihrem Herzen und täglich Streit erregen« (Psalm 140,2+3).

Die Bibel kennt ein aufrichtiges, ein reines Herz, ein weises, frommes, demütiges, ein feiges Herz, geängstet, zerschlagen. Das Herz sei unverzagt, getrost, fest und mutig. Ein »hartes Herz« aber steht für Starrsinn. Wer ohne jedes Mitgefühl ist, dessen Herz »ist verschlossen« (Psalm 17,10). Wo sind Solidarität, Großzügigkeit mit Empathie zu Hause? »Wenn einer deiner Brüder arm ist in irgendeiner Stadt in deinem Lande, das der Herr, dein Gott, dir geben wird, so sollst du dein Herz nicht verhärten und deine Hand nicht zuhalten gegenüber deinem armen Bruder, sondern sollst sie ihm auftun und ihm leihen, so viel er Mangel hat« (5. Mose 15,7+8).

Jesus rät, lieber Schätze bei Gott zu sammeln. Dort werden sie nicht von Motten und Rost zerfressen und können auch nicht von Einbrechern gestohlen werden, »denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz« (Matthäus 6,21). Martin Luther bringt es auf den Punkt und kann zur Auslegung des ersten Gebots im Großen Katechismus formulieren: »Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.«

Das Hohelied wurde auch gelesen als poetischer Ausdruck von Gottes Liebe zu seinem Volk Israel und kam deshalb in die Bibel. Kann man Liebe erklären? Beschreiben kann man die Auswirkungen ihrer Macht, die Verzauberung. Stellen wir uns einmal vor, Gott spricht verliebt über Israel: »Du hast mir das Herz genommen, meine Schwester, liebe Braut« (Hohe-
lied 4,9).

Damit sind wir gedanklich bei etwas Einzigartigem angekommen, was es in der Umwelt des Alten Testaments nicht gibt. Die Bibel wagt es, in Gottes Herz zu blicken. Sie erzählt, wie Gott sah, dass die Menschen auf der Erde völlig verdorben waren. Alles, was aus ihrem Herzen kam, ihr Denken und Planen, war durch und durch böse. Das tat ihm weh, und Gott bereute, dass er sie erschaffen hatte. Der Mensch – eine Fehlkonstruktion. Doch am Ende der Sintflutgeschichte lesen wir, wie Noah einen Opferaltar für den Herrn baut. Und auch wenn Diagnose und Urteil über den Menschen nicht besser ausfallen können, heißt es: Und der Herr roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: »Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe.«

Roland Spur

Das große Buch vom Glauben

23. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Die Theologin Annette Kurschus erzählt, wie sie die Bibel liest und versteht


Wie wichtig ist die Bibel, und wie kann man von ihr profitieren? Annette Kurschus, stellvertretende Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, erläutert, was ihr die Heilige Schrift bedeutet.
Mit ihr sprachen Anke von Legat und Gerd-Matthias Hoeffchen.

Frau Kurschus, muss ich Wort für Wort der Bibel ernst nehmen?
Kurschus: Unbedingt! Die Bibel soll ich Wort für Wort lesen. Fleißig, aufrichtig. Mit wachem Geist und offenem Herzen. Gerade weil ich sie ernst nehme, werde ich zu bestimmten Lesekriterien gelangen.

Nämlich zu welchen?
Kurschus: Die Bibel ist ein heiliges Buch. Sie erzählt von Gottes Geschichte mit den Menschen und von dem, was Gott mit uns vorhat. Aber sie ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist nicht aus einem Guss. Die Bibel ist eine Sammlung von sehr unterschiedlichen Glaubenszeugnissen.

Annette Kurschus: »Es ist wichtig, den ursprünglichen ›Sitz im Leben‹ der biblischen Texte aufzuspüren und ins Heute zu übertragen.« – Foto: tsew

Annette Kurschus: »Es ist wichtig, den ursprünglichen ›Sitz im Leben‹ der biblischen Texte aufzuspüren und ins Heute zu übertragen.« – Foto: tsew

Worin zeigen sich diese Unterschiede?
Kurschus: Wer die Bibel aufmerksam liest, wird sie unwillkürlich bemerken. Die Unterschiede fangen schon damit an, dass es verschiedene Schöpfungsberichte gibt. Wir lesen unterschiedliche Schilderungen der Geburt Jesu. Sehr vielfältig auch die Berichte von seiner Auferstehung. Es finden sich in der Bibel verschiedene Sichtweisen von Gott: Da begegnet uns der liebende, der zornige, der allmächtige, der leidende Gott. In der Bibel gibt es Spannungen, Widersprüche, Reibung. Und manches Geheimnisvolle.

Was in der Bibel steht, muss also nicht unbedingt wahr sein?
Kurschus: O doch, es ist wahr! Aber nicht im Sinne einer Reportage oder Dokumentation. Da hat niemand die Kamera draufgehalten oder ein Mikrofon. Die biblischen Erzählungen wollen die Wirklichkeit nicht exakt abbilden. Menschen erzählen davon, wie ihnen Gott begegnet ist. Oft tun sie das in Bildern oder Gleichnissen. Sie erzählen von dem, was ihnen Maßstäbe für ihr Leben gegeben hat; Kraft und Hoffnung auch über den Tod hinaus. Aus ihren Lebenszusammenhängen erzählen sie – zum Beispiel als Fischer, Zöllner, Mutter oder Witwe. Sie erzählen jeweils in einer bestimmten Zeit und in einer konkreten Situation.

Wenn die Erlebnisse und Schilderungen so unterschiedlich sind, wie kann die Bibel dann heute Orientierung und Wegweisung geben?
Kurschus: Es kommt darauf an, die ursprüngliche Absicht eines Textes zu erfassen: Was hat der Schreiber des Textes damals sagen wollen, und warum war es ihm wichtig? Wo war der »Sitz im Leben«? Wenn ich dem auf die Spur komme, kann der Text auch heute lebendig zu mir sprechen.

Ich kann die Bibel demnach nicht unmittelbar auf heute übertragen?
Kurschus: Doch, genau das muss ich tun: Die biblischen Aussagen auf die heutige Zeit, auf heutige Lebensumstände, auf mich persönlich übertragen. Aber wirklich übertragen. Hinübertransportieren. Und nicht eins zu eins übernehmen. In Wirklichkeit tut das auch niemand; nicht einmal diejenigen, die es von sich behaupten. Schauen Sie sich doch beispielsweise mal die Reinheitsgebote und Speisevorschriften an. Oder den Umstand, dass Sklavenhaltung oder Steinigung für selbstverständlich gehalten werden.

Man muss die Bibel also quasi mit jedem Lesen neu übersetzen ins eigene Leben – wird damit nicht der Beliebigkeit Tür und Tor geöffnet?
Kurschus: Das ist die Befürchtung, die viele haben. Es gibt eine tiefe Angst davor, auf den falschen Weg zu geraten. Und die Sehnsucht nach dem einen richtigen Weg ist groß. Aber der Glaube mutet uns die Erkenntnis zu: Die Wahrheit ist nicht einfach.

Klingt nach Arbeit.
Kurschus: Je nachdem. Manche biblischen Texte wirken aus sich heraus, ganz unmittelbar gehen sie ins Herz. Etwa die Geschichte vom verlorenen Sohn. Mit anderen Texten müssen wir regelrecht ringen und können sie auch dann kaum annehmen. Wer könnte etwa die Offenbarung des Johannes beim ersten Lesen verstehen? Es gibt Texte, die muss ich kauen, immer wieder kauen. Mit so mancher Bibelstelle werde ich wohl mein ganzes Leben lang nicht fertig werden: Ich komme in unterschiedlichen Lebensphasen zu ganz unterschiedlichen Auffassungen.

Muss man Theologie studiert haben, um die Bibel verstehen zu können?
Kurschus: Es ist wichtig, dass es theologische Fachleute gibt. Sie helfen dabei, den ursprünglichen »Sitz im Leben« der biblischen Texte aufzuspüren und ins Heute zu übertragen. Aber das tiefere Verstehen der Bibel hängt daran, dass ich mich mit anderen austausche. Diese anderen müssen nicht Theologen sein. Das Gespräch ist wichtig. Dabei höre ich Fragen, Erkenntnisse und Zweifel aus einem anderen Mund. Was mir hilft, kann ich mir nicht selber sagen. Trost und Verheißung wollen zugesagt sein.

Was kann mir bei all dem Ringen um das richtige Verständnis einer Bibelstelle Mut machen?
Kurschus: Die Gewissheit, dass Gott selbst es ist, der durch das menschliche Zeugnis zu mir spricht. Die Bibel gibt mir Orientierung und Halt für meinen Glauben, für mein Handeln, für mein Leben. Darauf hoffe ich auch für mein Sterben. Die Bibel ist so etwas wie eine Schatzkiste: Ich kann darin immer wieder Neues entdecken, mein Leben lang.

Gibt es so etwas wie einen Kompass für die Bibel?
Kurschus: Den gibt es tatsächlich. Martin Luther hat ihn genannt: Was Christum treibet. Mit anderen Worten: Was das Evangelium von Jesus Christus zum Leuchten bringt. Wir verstehen die Bibel von Christus her. Das soll für uns der Maßstab sein.

Was heißt das konkret?
Kurschus: Der Kern der biblischen Botschaft heißt: Gott hat sich selbst gegeben, um die Welt zu retten, damit allen Menschen geholfen werde. Daraus folgt: Ich soll ausnahmslos jedem Menschen mit Achtung, Respekt und Liebe begegnen. Das heißt nicht, dass ich alles gutheiße. Auseinandersetzungen darf ich gerade deshalb nicht aus dem Weg gehen. In der tiefen Überzeugung: Kein Mensch ist vor Gott grundsätzlich verloren. Und: Es gibt keine Situation, die vor Gott hoffnungslos ist.

»Jesus, der Hirsebrei des Lebens«

16. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Wie die Bibel in fremde Sprachen übertragen wird

Die christliche Organisation Wycliff setzt sich dafür ein, dass Menschen, deren Sprache noch nicht verschriftlicht ist, die Bibel kennenlernen. Silke Sauer, Pressereferentin bei Wycliff, war 13 Jahre im Tschad. Über ihre Erfahrungen, die Bibel in fremde Sprachen zu übersetzen, sprach mit ihr Sabine Kuschel.

Frau Sauer, seit dem gescheiterten Turmbau zu Babel gibt es keine einheitliche Sprache mehr. Wer Menschen in fremden Ländern Gottes Wort sagen will, muss es in der entsprechenden Sprache tun. Wie geht das in Regionen, in denen es keine Schriftsprache gibt?

Silke Sauer. Foto: privat

Silke Sauer. Foto: privat

Sauer: Wir arbeiten eng mit einheimischen Mitarbeitern zusammen, bilden sie zu Übersetzern aus und übersetzen dann gemeinsam mit ihnen. Die einheimischen Mitarbeiter bringen die Sprachkenntnis und die Kenntnis ihrer Kultur ein. Sie können beurteilen, wie die Bibelverse von ihren Landsleuten verstanden, vielleicht auch missverstanden werden. Wir bringen unser Wissen über Übersetzungswissenschaft, über Theologie, auch die Kenntnis der Ursprachen Griechisch und Hebräisch ein.

Oft stehen wir vor Herausforderungen, weil viele biblische Begriffe in bestimmten Regionen unbekannt sind.

Zum Beispiel?
Sauer:
Brot – ein zentraler Begriff in der Bibel. In manchen Gegenden essen die Menschen nicht täglich Brot. Die reichen Leute essen es manchmal in der Stadt. Wenn Brot ein Luxusartikel ist, wird die Aussage Jesu »Ich bin das Brot der Welt« von vornherein falsch verstanden.

Wie übersetzen Sie stattdessen?
Sauer:
Wir würden wahrscheinlich das Wort Brot durch das dortige Grundnahrungsmittel ersetzen, das ist Hirse. Also in dem Fall würde Jesus sagen: Ich bin der Hirsebrei des Lebens. Das entspricht der Grundaussage des biblischen Textes. Allerdings, wenn Jesus beim Abendmahl das Brot bricht, kann ich nicht sagen, Jesus hat den Hirsebrei auseinandergenommen. Bei diesem historischen Ereignis muss ich natürlich Brot schreiben. Bei Alltagsbegriffen, die in anderen Kulturen unbekannt sind, muss man überlegen, wie man sie übersetzt. Ein anderes noch schwierigeres Problem sind abstrakte Begriffe wie Barmherzigkeit, Opfer, für die es keine Begriffe gibt. Oder wenn es einen Begriff gibt, muss man schauen, wie er gefüllt ist. Was verstehen die Leute unter Barmherzigkeit, unter Liebe oder Gnade? Ist es das, was auch die Bibel darunter versteht? Manche dieser Worte werden nicht mit einem einzelnen Wort ausgedrückt, sondern mit einem ganzen Satz. Die einheimischen Übersetzer müssen überlegen, welche Situationen gibt es in unserem Alltag beispielsweise für Hoffnung, und wie sagen wir das. Denn ganz selten haben sie für bestimmte Begriffe eine Übersetzung parat. Das ist mühsam, bevor sie dafür Sätze, bildliche Umschreibungen gefunden haben. Sie müssen erst einmal dahinterkommen, wonach sie suchen müssen.

Wie kommt die Bibel in den Ländern, in denen Wycliff aktiv ist, an?
Sauer:
Bei den San Gula, wo wir gearbeitet haben, waren die Menschen nominell Muslime. Es waren keine streng gläubigen Muslime, aber manche biblischen Geschichten oder Personen kannten sie aus dem Koran, wie zum Beispiel den Josef, den David und den Abraham. Sie fanden es spannend, die biblischen Geschichten zu hören, weil diese im Koran nicht wirklich erzählt, sondern nur erwähnt werden.

Parallel zur Bibelübersetzung haben wir biblische Geschichtenerzähler ausgebildet und mit ihnen sehr gute Erfahrungen gemacht. Geschichten erzählen gehört zu deren Kultur. Zunächst haben wir Einheimischen verschiedener Sprachgruppen ausgewählte biblische Geschichten erzählt. Sie haben diese dann mündlich in ihre eigenen Sprachen übersetzt, auswendig gelernt und in ihren Dörfern wieder erzählt. Das war der absolute Renner. Dabei haben die Übersetzer zum ersten Mal erlebt, dass Menschen zum Glauben gekommen sind. Weil sie diesen erzählten Geschichten mehr Glauben geschenkt haben als den geschriebenen Texten. Bis dahin, dass Muslime zu uns gekommen sind und gesagt haben, sie wollten auch biblische Geschichtenerzähler werden.

Wycliff
Die christliche Organisation Wycliff ist international tätig. Sie setzt sich dafür ein, dass Menschen aus unbeachteten Volksgruppen eine geeignete Schrift für ihre Sprache entwickeln können, eine theologisch und sprachwissenschaftlich fundierte Bibelübersetzung bekommen und Schulunterricht in der Mutter-sprache erteilt wird. Viele der 150 Mitarbeiter sind in afrikanischen Ländern, vor allem im Tschad, in Tansania und Äthiopien, tätig. Daneben arbeitet die Organisation auch in Asien und im pazifischen Raum. Nach eigenen Angaben gibt es noch 1 778 Sprachen, in die die Bibel noch nicht übersetzt ist. Die Organisation ist auch in Ländern aktiv, in denen die Religionsfreiheit eingeschränkt ist.

Gottesdienst – der »Himmel auf Erden«

11. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Was ist das Kennzeichen der Protestanten? – Eine Einführung in den lutherischen Glauben

Martin Luther feierte Gottesdienst in Ehrfurcht und Dank. Er war kein Ritualist. Aber er war tief in der Tradition der einen, heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche verwurzelt. Und er war fasziniert von der wahrhaftigen Gegenwart Christi in den Schöpfungsgaben Brot und Wein, die in der Feier des heiligen Abendmahls zu Gnadengaben werden. In ihrer Grundstruktur entspricht die in der westlichen Kirche gefeierte Messe durchaus der »Göttlichen Liturgie«, wie sie die orthodoxe Kirche feiert. Gehen doch beide Gottesdienstformen auf die Eucharistiefeier aus der Zeit der Alten Kirche zurück.

Verkündigung als Übersetzung und Auslegung

In seiner Vorrede zur »Deutschen Messe und Ordnung des Gottesdienstes« von 1526 schlägt Luther vor, die bisherige Form der lateinischen Messe nicht abzuschaffen. Die deutsche Gottesdienstordnung ist ihm aber vor allem deshalb wichtig, weil das Evangelium von allen verstanden werden soll und alle Gottesdienstteilnehmer auch die Gebete verstehen sollen. So setzt er sich für den Gottesdienst in der Landessprache ein. Denn der Gottesdienst soll lebendige Christen zu einer Gebets- und Glaubensgemeinschaft versammeln, die in einer Lebensgemeinschaft auch nach dem Gottesdienst ihre Fortsetzung findet.

  Was ist lutherisch? Auf diese Frage gibt der Autor, Bischof emeritus der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche der Ukraine (DELKU), in einer dreiteiligen Reihe Antwort.

Was ist lutherisch? Auf diese Frage gibt der Autor, Bischof emeritus der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche der Ukraine (DELKU), in einer dreiteiligen Reihe Antwort.

So steht der Gottesdienst mit der Feier des heiligen Abendmahls bis heute im Mittelpunkt des geistlichen Lebens unserer lutherischen Kirche. Gewiss. In Deutschland vernachlässigen viele Christen den Gottesdienstbesuch. Aber bei meinen Besuchen in den lutherischen Gemeinden in der Ukraine war ich oft tief beeindruckt, wie wichtig den Gemeindemitgliedern der Sonntagsgottesdienst ist. Sie nehmen oft weite Wege auf sich, um ihn besuchen zu können. Sie bereiten sich in der Beichte mit großem Ernst auf den Empfang des heiligen Abendmahls vor. Sie stimmen kräftig in die Lieder unserer Kirche ein. Und sie haben gar nichts dagegen, dass der Sonntagsgottesdienst auch mal zwei Stunden dauert.

Wie der Katechismus nichts anderes als Auslegung des Gotteswortes ist, so ist auch unser Gottesdienst nichts anderes als die Vergegenwärtigung biblischer Geschichten. Wenn wir als Gemeinde zusammenkommen, befinden wir uns mitten in einem »heiligen Geschehen«. Es ist ähnlich wie bei unseren orthodoxen Schwestern und Brüdern, für die die »Göttliche Liturgie« der »Himmel auf Erden« ist. Wie der Zöllner im Tempel bitten wir: »Gott sei mir Sünder gnädig.« Wie die Jünger Jesu beten wir in Ehrfurcht und Vertrauen: »Vater unser im Himmel …«

Eines der größten Geschenke Martin Luthers an das deutsche Volk war seine Übersetzung der Bibel ins Deutsche. An einzelnen Stellen des Katechismus entdecke ich immer wieder, dass es Luther nicht nur um eine Wort-für-Wort-Übersetzung ging. Er wollte die christliche Botschaft in seine Zeit weitersagen. Auch darin ist er uns ein Vorbild. Denn auch wir sind heute herausgefordert, das Evangelium so zu verkündigen, dass es die Menschen verstehen und annehmen können. Verkündiger müssen immer zwei Seiten bedenken. Sie müssen gewissenhaft fragen: Was steht in der Bibel? Und sie müssen liebevoll und einfühlsam fragen: Was bedeutet das in unserer Gegenwart?

Musik vertreibt die Traurigkeit

So sind Übersetzung und Deutung eine große Aufgabe für die Verkündigung. Die sprachliche Brücke in andere Sprachen, andere Kulturen und andere Mentalitäten braucht Weisheit und Liebe. Übrigens: Auch Menschen, die die gleiche Sprache sprechen, müssen sich aufmerksam bemühen, einander zu verstehen.

Martin Luther war auch ein begnadeter Musiker und Poet. Er verehrte die »Frau Musica« und kennt keine schönere Freude auf dieser Erde als das Musizieren und Singen. Wir wissen, dass Luther mitunter zu Depressionen neigte. Aber die Musik – so hat er oft versichert – vertreibt die Traurigkeit. Sie holt heraus aus den dunklen Stunden. Sie zerstört die Werke
des Teufels.

Besonders wertvoll erscheinen ihm Musik und Melodie in Verbindung mit dem Wort. »Zum göttlichen Wort und zur Wahrheit macht sie das Herz still und bereit.« Luther hat darum eine ganze Reihe von Kirchenliedern gedichtet und zum Teil auch die Melodien dazu komponiert. Die meisten von ihnen befinden sich noch heute in den Gesangbüchern – einige auch im »Gotteslob« der römisch-katholischen Kirche.

Georg Güntsch

Martin Luther – ein Lehrer der Bibel

3. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Was ist das Kennzeichen des Protestanten? – Eine Einführung in den lutherischen Glauben

Was ist eigentlich lutherisch?« Als ich ein Kind war, wurde diese Frage sehr einfach beantwortet. Evangelisch-lutherisch ist auf keinen Fall etwas, was irgendwie als katholisch verstanden werden könnte. »Wir sind dagegen.« Das ist unser Kennzeichen. »Schließlich sind wir Protestanten!«

Später lernte ich, pro bedeutet, für etwas einzutreten und dass testis eigentlich Zeugnis heißt. Ich will mich nicht nur aus einem Gegensatz verstehen. Ich möchte für etwas einstehen, möchte für die Wahrheit Zeugnis ablegen.

Von Christus und seinen Heiligen

Ich erinnere mich an einen Pfarrer, der uns von der Kanzel herunter erklärte, dass jegliche Heiligenverehrung falsch sei, katholisch eben und orthodox – und damit nicht evangelisch-lutherisch. Er predigte mit Eifer: »Wir haben die richtige Lehre. Die anderen liegen falsch. Es gibt keine Brücke zu den anderen Christen!«

Georg Güntsch

Georg Güntsch

Wieder später las ich in der Confessio Augustana, einer Haupturkunde der Lutherischen Kirche, den 21. Artikel. Da begriff ich ein wenig mehr, wie ökumenische Gesinnung in Nähe und Distanz auszusehen hat. In dieser Bekenntnisschrift unserer Kirche heißt es: »Vom Heiligendienst wird von den Unseren so gelehrt, dass man der Heiligen gedenken soll, damit wir unseren Glauben stärken, wenn wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren und auch wie ihnen durch den Glauben geholfen worden ist. Außerdem soll man sich an ihren guten Werken ein Beispiel nehmen, ein jeder in seinem Beruf.«

So wurde die Kirche für mich schöner und vielgestaltiger. In der Gemeinschaft der Kirche bin ich nicht allein in meinem Suchen und Fragen, in meinem Bemühen und Versagen. Ich habe Begleiter, Vorbilder, Beispiele, Väter und Mütter des Glaubens. Heilige sind nicht unfehlbar. Aber selbst in ihren Schwächen lehren sie mich: Wir leben aus Gottes Gnade.

Das Wichtigste aber ist: Jedes Thema wird in unserem Bekenntnis von der Mitte des Glaubens her begründet. Und diese Mitte ist Jesus Christus. Denn so heißt es in dem zitierten Artikel unserer Bekenntnisschrift weiter: »Aus der Heiligen Schrift kann man aber nicht beweisen, dass man die Heiligen anrufen oder Hilfe bei ihnen suchen soll. (1. Timotheus 2,5; Römerbrief 8,34). Christus allein hat zugesagt, dass er unser Gebet erhören will. Nach der Heiligen Schrift ist das der höchste Gottesdienst, dass man diesen Jesus Christus in allen Nöten und Anliegen von Herzen sucht und anruft (1. Johannes 2,1).«

Gottes Wort – Glaubensgrundlage

Glaube und Bekenntnis meiner Kirche haben mich zu Christus geführt und in ihm verwurzelt. Christus ist der Mittelpunkt der Kirche. Die Heiligen leben in seiner Nähe. Sie sind meine Freunde.

Im Alter von 13 oder 14 Jahren werden die jungen Menschen in unserer lutherischen Kirche konfirmiert. Sie bestätigen damit ihre Taufe und werden zum heiligen Abendmahl zugelassen. Als Konfirmand lernte ich den Kleinen Katechismus von Martin Luther kennen. Hier erklärt Luther die Zehn Gebote, das Glaubensbekenntnis, die Sakramente der Taufe und des heiligen Abendmahls sowie das Vaterunser und die Beichte. Wir mussten den Katechismus Wort für Wort auswendig lernen. Das gelang oft nur mit Widerwillen. Denn dieses kleine Glaubensbuch stammte aus einer längst vergangenen Zeit. Ich konnte den Text wiederholen. Der Inhalt aber blieb mir zunächst fremd.

Erst als Erwachsener wurde Martin Luther mein Lehrer – und ich wurde einer seiner vielen Freunde. Martin Luther ist ein Lehrer der Bibel. Gottes Wort war für ihn der feste Grund seines Glaubens. So hat er jedes Hauptstück des Katechismus mit Bibelworten begründet. Damit macht er uns deutlich: Gottes Wort ist das erste und wichtigste Kennzeichen der Kirche. Alles, was in der Christenheit gelehrt und bekannt, gesagt und gelebt wird, hat in der Bibel seine Grundlage.

Georg Güntsch

Was ist lutherisch? Auf diese Frage gibt der Autor, Bischof emeritus der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche der Ukraine (DELKU), in einer dreiteiligen Reihe Antwort.

Der Teufel höchstpersönlich

27. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Theologie: Er ist klug, kennt die Bibel ganz genau und seine Versprechungen sind verführerisch schön …

Wer oder was ist der Teufel? Ist er eine Witzfigur mit Hörnern? Ist er wie im Kasperletheater mit der Bratpfanne zu besiegen? Oder ist er das Pendant zum Guten, das Böse schlechthin? Das Essay eines streitbaren Theologen.

Immerhin ist der Teufel ebenso zäh wie intelligent. Jesus braucht 40 Tage in der Wüste, um mit ihm fertigzuwerden. Denn der Teufel stapelt eine Bibelstelle auf die andere, jede Stelle kann zum Einwand gegen Jesus werden. Denn wenn er zum Beispiel vom Tempel springt, wird niemand ihn aufhalten, und damit ist aus der Sicht des Teufels Jesu Anspruch auf Gottessohnschaft widerlegt. Und nach Lukas 22 kann Jesus am Ende den Jüngern sogar sagen, sie hätten mit ihm ausgeharrt in allen seinen Versuchungen.

Theologe Klaus Berger

Zur Person Der Theologe Klaus Berger, geboren am 25. November 1940, war bis zu seiner Emeritierung Professor für Neutestamentliche Theologie an der Universität Heidelberg. Der streitbare Theologe ist für seine provokanten Thesen bekannt, mit denen er immer wieder einen »Dritten Weg« zwischen Liberalismus und Fundamentalismus sucht. Für einen Skandal sorgte 2006 seine Rückkehr in die katholische Kirche, nachdem er 1968 in die evangelische Kirche eingetreten war. Bekannt wurde er auch durch eine Fülle allgemeinverständlicher Veröffentlichungen zu theologischen Themen. Sein 2013 erschienenes Buch »Die Bibelfälscher« ist eine kritische Abrechnung mit der universitären Bibelforschung, die nach Bergers Erfahrungen vor Denkverboten, Ignoranz und philosophischen Moden, die ans Märchenerzählen grenzten, nur so strotzt.

Jesus fasst sein Leben als eine Kette von Fallen auf, die eine intelligente Gegenmacht ihm aufgestellt hat. Und Judas hat den Teufel in sein Herz gelassen, denn sicher hatte Judas kluge Argumente, Jesus an die Obrigkeit auszuliefern. Die Jünger, Paulus und die ältesten Christen erleben den Teufel immer wieder als den, der sagt: War die Zeit vor dem Christwerden nicht bequemer, gemütlicher, friedlicher? Überlegt noch einmal, ob ihr nicht doch lieber austreten sollt. Denn Christentum, so sagt der Teufel, ist anstrengend und zehrt an den Nerven. Christentum ist teuer, weil man zur Nächstenliebe auch Geld braucht, und Christentum ist lebensgefährlich. Der Teufel erinnert immer wieder daran, dass jeder Diktator, kaum dass er an der Macht ist, die Christen als seine persönlichen Feinde entdeckt. Wäre es nicht vorteilhafter, mit dem Diktator seine Geschäfte zu machen? Ein teuflischer Rat. Besonders die frischgebackenen Christen, so sagt Paulus, sind immer wieder in Gefahr, sich nach den alten Zeiten zu sehnen, als es sich noch bequemer lebte. Der Teufel schürt die Sehnsucht nach den alten Zeiten und macht besonders die erste Zeit des Glaubens zu einer heißen Probe. Und manch einer ist, wenn er denn kurz vor dem Martyrium stand, fahnenflüchtig geworden und hat der Versuchung nachgegeben, doch lieber zu leben als zu bekennen.

Von dem Verhältnis des Apostels Judas zum Teufel her wissen wir auch, dass Geld eine Rolle spielte. Dabei kommt es auf die Höhe nicht besonders an. Entscheidend ist der Schnäppchen-Charakter des Verrats an Jesus. Von 30 Silberlingen konnte man drei Tage lang schick essen gehen. Und dann sagen viele Leute, der Teufel sei keine Person. Es gäbe nur »das Böse« und nicht den Bösen. Und das Böse sei zu meiden, das Gute aber zu tun. Auch den Herrgott braucht man ja nicht für »das Gute«. Auch beim Herrgott besteht dieses Problem des Denkens und der Sprache: Geht es nur um »das Gute« und ist es nicht viel zu naiv, Gott sich als eine opahafte Person mit weißem Bart und blauen Augen zu denken? – Auch für den Teufel ist ganz klar: Er ist nicht rot angestrichen, hat nicht Hörner, Schwanz und Pferdefuß. Und dass Martin Luther über ihn spottet und morgens auf der Bettkante sitzend zu ihm sagt: Komm, nimm dir meinen Furz als Stecken und geh damit nach Rom. Auch diese Verspottung des Teufels hat dazu beigetragen, den Teufel lediglich für eine Witzfigur zu halten. Luther ist freilich missverstanden, wenn man seinen Spott über den Teufel so auslegt, als sei der Böse nur lächerlich und witzig. Was Luther wirklich meint ist nicht Abbau der Teufelsvorstellung, sondern dass Ostern der Sieg des Heilands über Sünde, Tod und Teufel ist. Diese Gewissheit des Glaubens gibt den Christen je und je Freiheit und gelassene Heiterkeit gegenüber allen Anfechtungen und Versuchungen des Versuchers.

Nein, der Teufel ist keine Witzfigur und wird auch nicht wie im Kasperletheater mit der Bratpfanne besiegt. Er ist aber auch nicht einfach eine Person wie Sie und ich, wie Tante Frieda und Onkel Fritz. Er ist Person in einem weiteren Sinne wie auch Engel Personen sind und der Heilige Geist und Gott Vater. Das ist ein weiterer Personbegriff, wie er auch aus dem antiken Drama bekannt ist. Denn »Person« ist in erster Linie eine Rolle, jemand, der eine Funktion im Ganzen einnimmt. Und bei dieser Figur im Drama kommt es nicht auf das Innenleben an, sondern in diesem Fall zum Beispiel auf die verlockende, trickreiche, uns nicht loslassende Gegenmacht, geheimnisvoll und uns Menschen gegen allen Anschein feindlich gesonnen. Und dieses trotz verführerisch schöner Versprechungen. Weil der Teufel dies nicht sein lässt, weil er hartnäckig an unseren Nerven zerrt, bis wir schwach werden und nachgeben. Weil er uns vorgaukelt, etwas ganz Falsches wäre doch gerade gesund und heilsam für uns (»Tu was Gutes für dich«), deshalb ist der Teufel so etwas wie eine Person. Nicht eine Person im Sinne der Juristen mit Personalausweis, wohl aber im Sinne geballter perverser und scheinbar kluger, doch tückischer sogenannter Intelligenz.

Klaus Berger

Buchtipp:
Berger, Klaus: Die Bibelfälscher.
Wie wir um die Wahrheit betrogen werden,
Pattloch Verlag 2013, 352 Seiten,
ISBN 978-3-62-902185-4, 22,99 Euro

Gebet allein sichert keine Arbeitsplätze

3. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow im Gespräch mit der Kirchenzeitung »Glaube+Heimat«

Es ist für viele noch immer schwer vorstellbar: Ein Vertreter der Linkspartei führt die Landesregierung. Er verzichtete bei seiner Einführung auf den Gottesbezug im Amtseid, bezeichnet sich dennoch als gläubiger Christ. Trotzdem ist er nicht immer im Gleichklang mit den Vorstellungen seiner Kirche. Dietlind Steinhöfel und Harald Krille sprachen mit Bodo Ramelow.

G+H: Herr Ministerpräsident, viele unserer Leser haben Probleme, Ihr christliches Bekenntnis und die Zugehörigkeit zu einer Partei mit atheistischer Tradition zu vereinbaren.
Ramelow:
Bevor ich dieser Partei beigetreten bin, habe ich sie einer Prüfung unterzogen, um zu klären, inwieweit Atheismus ein Grundsatz dieser Partei sei. Und die Partei Die Linke oder damals noch die PDS ist durchaus keine atheistische Partei, sondern eine grundsätzlich weltanschaulich neutrale Partei. Und ich erinnere daran: Schon im März 1990, also noch in der DDR-Zeit, hat der Parteivorstand der SED-PDS in einem seiner ersten Beschlüsse die Bitte um Entschuldigung gegenüber den Christinnen und Christen in der DDR ausgesprochen.

Keine Foto-Dekoration: Die Bibel und das Herrnhuter Losungsheft sind immer auf Bodo Ramelows Schreibtisch. Das verbindet ihn mit seiner Vorgängerin und politischen Konkurrentin Christine Lieberknecht. Fotos: Harald Krille

Keine Foto-Dekoration: Die Bibel und das Herrnhuter Losungsheft sind immer auf Bodo Ramelows Schreibtisch. Das verbindet ihn mit seiner Vorgängerin und politischen Konkurrentin Christine Lieberknecht. Fotos: Harald Krille

G+H: Aber es gibt durchaus religionsfeindliche Töne aus den Reihen der Linken.
Ramelow:
Also wenn man über religionsfeindliche Tendenzen reden möchte, dann gibt es die durchaus auch in anderen Parteien. Ich kann nur sagen, sicher ist die Linke eine durchaus muntere und diskussionsfreudige Partei in Sachen Religion. Aber es gab und gibt eine starke Arbeitsgemeinschaft der Christinnen und Christen bei der Partei Die Linke und bereits vorher bei der PDS. Die Arbeitsgemeinschaft ist auch seit Jahren auf dem Evangelischen Kirchentag mit einem Strand vertreten.

G+H: Nun hat aber gerade Ihr Verzicht auf die religiöse Bekräftigungsformel bei Ihrer Amtseinführung viele unserer Leser sehr verstört. Was hat Sie dazu bewogen?
Ramelow:
Das war eine tiefgehende, vor meinem Gewissen zu verantwortende Entscheidung, die ich nicht erst vor meiner Vereidigung als Ministerpräsident getroffen habe. Schon viele Jahre vorher habe ich mich dafür entschieden, den Staat und meinen Glauben voneinander zu trennen. Und das bedeutet für mich: Wenn ich ein staatliches Amt übernehme, werde ich die mir vorgeschriebene Eidesformel wählen und mich zu den Gesetzen unseres Staates und der Gleichrangigkeit und Akzeptanz jedes Menschen bekennen. Ich werde mich immer auch zu meinem persönlichen Glauben bekennen und ihn verteidigen, aber ich werde das nicht mit meinem staatlichen Amt verbinden.

Der zweite Grund: Ich bin mit sehr vielen Muslimen und Juden befreundet. Und sowohl Juden als auch die Muslime waren während meiner Vereidigung auf der Tribüne. Und dann steht doch die Frage, welcher Gott in der Bekräftigungsformel gemeint ist? In der abendländischen Tradierung meint es den christlichen Gott, was ich aber für eine Verkürzung halte. Ich sehe den Gottesbegriff durchaus universeller.

G+H: Die institutionelle Trennung von Staat und Kirche ist unbestritten. Doch besteht für Christen nicht gerade die Herausforderung, bewusst als glaubende Menschen das Leben, die Gesellschaft und auch die Politik zu gestalten?
Ramelow:
Das tue ich ja. Nebenbei: Es haben noch nie so viele Menschen auch mit mir über meinen Glauben geredet, wie nach dem Verzicht auf die religiöse Eidesformel. Und ich sage auch ausdrücklich: Es war meine persönliche Entscheidung und ich respektiere jeden Menschen, der die Eidesformel mit dem Gottesbezug wählt.

G+H: Manche sehen in Ihrem Verzicht ein Einknicken vor den religionskritischen Kräften Ihrer Partei.
Ramelow:
Das ist eine ehrabschneidende Behauptung! Weil es mir die Ehre nimmt, dass ich selber eine Gewissensentscheidung getroffen habe.

G+H: Welchen Einfluss hat ihr persönlicher Glaube auf ihr Handeln als Politiker und Ministerpräsident?
Ramelow:
Mein Glaube gibt mir zunächst mal meine innere Festigkeit, verbunden mit einem Grundvertrauen. Wenn es freilich darum geht, bei der Kali und Salz AG eine feindliche Übernahme zu verhindern und 2200 Arbeitsplätze in Thüringen zu sichern, dann bekomme ich das nicht mit Gebet geregelt. Das geht nur, indem ich gemeinsam mit den Betriebsräten und den Anteilseignern eine sehr klare politische Linie entwickle. Aber in all dem lässt mich der Wertekanon unseres Glaubens ein Stück weit gelassener sein. Zudem habe ich schon zu oft in meinem Leben an der Grenze zwischen Leben und Tod gestanden. Spätestens da steht ja die Frage, ob du ein Gottvertrauen hast oder ob du verzweifelst. Das Gutenberg-Massaker hier in Erfurt war so ein Punkt, wo ich sage, der Glaube und die offenen Kirchen in Erfurt haben uns in dieser Situation gestärkt in der städtischen Gemeinschaft, auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung atheistisch oder laizistisch oder wie wohl die meisten einfach nur glaubensfern ist.

G+H: Zu Beginn der Sitzungswochen gibt es im Landtag die ökumenischen Andachten. Nehmen Sie als Ministerpräsident daran teil?
Ramelow:
Schon seit 1999 nehme ich daran teil und das tue ich auch als Ministerpräsident weiter. Das war am Anfang etwas spannungsgeladen, weil mancher kurioserweise dachte, ein Linker kann doch mit Gott und Glauben und Christentum nichts am Hut haben.

G+H: Da sitzen Sie dann auch mit ihrer Vorgängerin und politischen Konkurrentin Christine Lieberknecht zusammen. Beeinflusst das Ihr Verhältnis?
Ramelow:
Ich denke, wer miteinander betet, geht miteinander vielleicht etwas nachdenklicher um. Nach dem Amtsantritt von Christine Lieberknecht 2009 gab es einen entscheidenden Punkt, der in Thüringen viel verändert hat. Unmittelbar danach hat sie mich eingeladen, dass wir nach Pößneck fahren und gemeinsam Gesicht zeigen gegenüber den Neonazis. Die wollten damals das dortige Schützenhaus zu einer neuen Wallfahrtsstätte machen. Da hat Christine Lieberknecht mich angerufen und hat gesagt, morgen ist eine Demo in Pößneck, lass uns da gemeinsam hinfahren. Am Ende waren alle Fraktionsvorsitzenden dort, aber von ihr ging die Initiative aus.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Und als 2011 das Atomkraftwerk von Fukushima explodierte, hat sie noch in der Nacht mit mir telefoniert. Und dann hat sie eine Regierungserklärung vorbereitet und die Linksfraktion hat sie bestärkt, darin bestimmte Aussagen öffentlich zu treffen. Das sind Dinge, die hat es außerhalb von Thüringen so nie gegeben. Und die werden außerhalb nie wahrgenommen. Deswegen ist es für mich selbstverständlich, mit Christine Lieberknecht auch im Gottesdienst zu sitzen. Manche finden das komisch, aber als Christ finde ich es eher komisch, dass man das komisch finden kann.

G+H: Wie sehen sie grundsätzlich das Verhältnis zwischen Staat und der Institution Kirche? Im Blick auf die Kritik der katholischen Kirche an der Besetzung einer Professorenstelle in Bayern haben sie kürzlich deutlich Ihren Protest formuliert.
Ramelow:
Da bleibe ich auch dabei. Was geht den katholischen Klerus ein Soziologieprofessor an einer staatlichen Hochschule an? Nach meinem Dafürhalten nichts. Etwas anderes wäre es bei einer katholischen Schule oder einer evangelischen Schule. Da entscheidet selbstverständlich der Schulträger, wer dort Lehrer ist und wer nicht. Mir geht es um die saubere Trennung. Auf der anderen Seite bereiten wir gerade im Blick auf das Reformationsjubiläum die “Kirchentage auf dem Weg” vor, die wir erheblich aus dem Etat des Landes unterstützen. Und mit Verlaub, das kann man Ihren Lesern auch mal sagen, schon seit zwei Landtagswahlen steht die Vorbereitung für das Lutherjubiläum im Wahlprogramm der Linkspartei in Thüringen.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

G+H: Im Blick auf das kirchliche Arbeitsrecht haben Sie aber dezidierten Dissens zur Haltung der Kirchen.
Ramelow:
Ich erzähle Ihnen mal ein konkretes Beispiel: Im Unstrut-Hainich-Kreis haben Diakonie und Caritas das Hainich-Klinikum übernommen. Dazu gehört auch eine Abteilung für den Maßregelvollzug, also eine hoheitliche Aufgabe. Und da wird dann das kirchliche Arbeitsrecht eingeführt, nach dem nur noch derjenige die Belange der Mitarbeiter vertreten darf, der zu einer christlichen Kirche gehört. Und wen trifft es? Den bisherigen Personalratsvorsitzenden, ein ehemaliges CDU-Mitglied, der heute zu meiner Partei gehört und Sprecher unserer Landesarbeitsgemeinschaft Laizismus ist. Der darf nicht mehr kandidieren, fliegt raus aus der Mitbestimmung. Da sage ich ganz entschieden: Ich halte das kirchliche Arbeitsrecht jenseits des Verkündigungsbereiches für nicht mehr zeitgemäß. Und das sage ich als Gläubiger, nicht als Ministerpräsident. Es wird immer dann schwierig, wenn unsere Kirche als Trägerin in staatliche Aufgaben hineingeht und das auf einmal überlagert wird mit den Regeln unserer Glaubensgemeinschaft. Darüber wünsche ich mir eine offene Debatte.

G+H: Wir hätten noch ein Reizwort in der Staat-Kirche-Debatte: die Staatsleistungen.
Ramelow:
Da bin ich ganz tiefenentspannt. Wer ins Grundgesetz schaut, findet darin die übernommenen Paragrafen aus der Reichsverfassung von 1919. Und da steht ganz klar, dass diese Staatsleistungen durch eine entsprechende gesetzliche Regelung final abgelöst werden sollen. Und die einzige Partei, die das bisher immer wieder thematisiert hat, ist meine Partei. Auch dies ist keine Ausdruck von Partei-Atheismus, sondern es geht um einen Verfassungsauftrag. Das vergessen die meisten. Vor jeder Initiative meiner Partei habe ich darüber auch mit unseren Bischöfen in Thüringen gesprochen. Dabei hatten wir immer Einigkeit darin, dass es eine Frage der Ablöseformel ist.

G+H: Zunehmend wird die Meinung propagiert, dass durch die seit Jahren andauernden Zahlungen die staatlichen Enteignungen im Zuge der Säkularisierung von 1803 mittlerweile abgezahlt seinen.
Ramelow:
Das höre ich immer wieder aus ganz verschiedenen Lagern. Da kann ich immer nur sagen, die Linke im Bundestag ist die einzige Fraktion, die dazu einen gesetzeskonformen Regelantrag vorgelegt hat. Denn es geht um eine Ewigkeitsgarantie, nicht um eine Schuld, die man irgendwann abgezinst hat. Wenn, dann kann man darüber diskutieren, ob der fünffache, der zehnfache oder der fünfzehnfache Jahresbetrag als dauerhafte Ablösung angemessen ist. Dazwischen ist irgendwo die Spannbreite, die man verfassungsgerecht ermitteln und belegen muss.

G+H: Ein weiteres Thema, das unsere Leser bewegt, ist die Frage des Betreuungsgeldes bzw. des in Thüringen nun wieder abgeschafften Landeselterngeldes.
Ramelow:
Ja, weil das Elterngeld nur bezahlt wurde für die Familien, die ihre Kinder nicht in die Kita bringen und das Geld dafür letztlich dem Ausbau der Kindertagesstätten vorenthalten wurde. Im Gegenzug stiegen dann die Kindergartengebühren. Da wollen wir gegensteuern und dafür sorgen, dass die Kitas ausreichend finanziert werden. Es geht auch nicht darum, einen Zwang zur staatlichen Betreuung von Kinder auszuüben. Jeder kann frei entscheiden, das Angebot anzunehmen oder nicht. Das Problem ist dabei allerdings, dass der Bund bedauerlicher Weise viele Dinge der Kindererziehung über Steuerfreibeträge so geregelt hat, dass Familien mit geringem Einkommen davon nicht profitieren können. Entschuldigung, aber da darf ich sagen, dass im Bund eine Partei regiert, die vorne mit “C” beginnt …

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

G+H: Ein Fragekomplex unserer Leser betrifft das Stichwort »Gerechtigkeit für Opfer der SED-Diktatur«. Beispielsweise für Schüler, denen wegen ihres Engagements in der Jungen Gemeinde bestimmte Berufsausbildungen oder ein Studium verwehrt wurden und die nunmehr geringere Renten erhalten.
Ramelow:
Ja, diese Fälle sind mir alle bekannt. Und Ja, wir werden in dieser Angelegenheit immer wieder beim Bund vorstellig. Unserer jetzige Finanzministerin Heike Taubert (SPD) hat sich beispielsweise ganz stark dafür eingesetzt, dass es den Entschädigungsfonds für Opfer von Jugendwerkhöfen gibt. Wenn sie da nicht schon in der letzten Legislatur als Sozialministerin dafür gekämpft hätte, wäre das alles in den Entschädigungstopf für Opfer der westdeutschen Jugendeinrichtungen der 1950er-Jahre gegangen. Genauso drücken und schieben wir immer wieder in der Frage des Rentensystems. Da wurde bei der Überleitung vieles nicht berücksichtigt. Zum einen ist die Ausgleichsrente für SED-Opfer viel zu niedrig, zum anderen gibt es weitere benachteiligte Gruppen – denken sie nur an die Absicherung für geschiedene DDR-Frauen oder mithelfende Ehefrauen in Familienbetrieben. Da ist bis heute nichts geregelt.

G+H: Zum Abschluss – was wünschen Sie sich als Ministerpräsident für Ihre Kirche und von Ihrer Kirche?
Ramelow:
Ich wünsche mir für die Kirche, dass sie nicht aus den ökonomischen Zwängen die Türen zu viel und zu oft zumacht. Wir brauchen mehr offene Türen, wie es einst unser leider schon verstorbener Bruder Christian Führer in Leipzig vorgemacht hat. Wer aus der DDR-Kirche mit der Kerze in der Hand auf die Straße rausgegangen ist, der musste mehr Mut aufbringen als alle Westdeutschen jemals in den letzten 50 Jahren. Doch das war nur möglich mit Kirchen, die trotz Stasi-Durchseuchung immer noch genügend Räume gefunden und geöffnet haben. Und das alte Signet »Schwerter zu Pflugscharen« hat bis heute nichts von seiner Aktualität verloren.

Und dann würde ich mir von meiner Kirche noch ein Stück weit mehr Ökumene wünschen. Das sind wir, glaube ich, in Vorbereitung des Reformationsjubiläums allen Christen schuldig. Weil klar ist, dass Luther keine neue Kirche wollte, sondern eine Reform der Kirche.

»Meine liebste alte Dame«

17. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Liebeserklärung von Fulbert Steffensky an die Bibel

Auf dem Kirchentag in Stuttgart sprach der Theologe, Professor Fulbert Steffensky, über seine Lebensbegleiterin, die Bibel, und was er an ihr besonders schätzt. Sein Vortrag in Auszügen.

Ich nenne zunächst, was ich von meiner liebsten alten Dame, der Bibel, nicht behaupten will. Meine alte Dame ist nicht einfach vom Himmel gefallen. Sie ist unter Menschen geboren und hat eine Menschengeschichte. Meine alte Dame irrt sich gelegentlich, aber sie ist so charmant, dass ich ihr fast alle Irrtümer verzeihe. Meine alte Dame ist nicht streitsüchtig und behauptet nicht, neben ihr gäbe es keine anderen schönen alten Damen.

Fulbert Steffensky. Foto: Archiv

Fulbert Steffensky. Foto: Archiv

Warum liebe ich die Bibel, warum brauche ich sie? Ich nenne zunächst einen Grund, den ich bei jedem Buch anführen könnte, das ich liebe: Es ist schön, Texte zu haben, denen man vorrangig seine Aufmerksamkeit widmet. Solche Texte zu haben, sie zu lesen und sich auf sie zu verlassen ist in sich ein Glaubensakt. Nun kann man nicht alles in gleicher Weise lieben. Die Bibel habe ich zu meinem vorrangigen Buch erklärt. Ich bin aufmerksamer, wenn ich dieses Buch lese. Ich erwarte von ihr mehr, als ich von anderen Büchern erwarte, und so finde ich in ihr mehr Wahrheit und Schönheit, als ich in anderen Büchern entdecke. Die Bibel ist meine Lehrerin. Einer Lehrerin gibt man einen Vorschuss an Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Nicht ich allein gebe ihr einen Vorschuss und vermute ihre Wahrheit. Ich tue es zusammen mit meinen Toten und lebenden Geschwistern. Wir, die Kirche aller Zeiten, lehren die Bibel uns zu weisen, indem wir auf sie hören, sie lesen und sie zur Lehrerin erwählen. So wird die Bibel zu einem kraftvollen Buch, weil es das Buch von vielen wird. Die Bibel ist das Kirchenbuch. Wenn ich sie lese, höre ich nicht nur auf sie, sondern auf alle, die sie mit mir lesen und vor mir gelesen haben. Die Auslegungen meiner Geschwister werden mir wichtig, nicht nur der Text des Buches. Trotzdem: Die ursprünglichen Worte der alten Lehrerin verliere ich nicht aus dem Ohr. Sie verhelfen mir dazu, dass wir uns nicht in der Wildnis der Auslegungen verlaufen.

Eine Anmerkung: Ich nenne die Menschen, die in einer langen Geschichte vor mir geglaubt und gehofft haben, in einer Kurzformel »Meine Toten«. Es ist für mich ein Ausdruck der Verbundenheit, der Zärtlichkeit und der Bewunderung für Menschen, die ihre Lebenssumme schon gezogen haben und die ich in der Hand Gottes glaube. Die Stimmen meiner Toten sage ich. Damit will ich sagen: in der Bibel finde ich nicht nur Texte, Lehren, Aufforderungen, losgelöst von Menschen. Es sind Stimmen, es sind Gesichter, die ich dort höre und sehe. Stimmen, die loben, wie meine Stimme loben kann. Es sind Gesichter, deren Augen Gott suchen, wie meine ihn suchen und meistens nicht finden. Ich habe es in der Bibel mit Gebeten, Hoffnungen und Liedern zu tun, die mir meine Toten vorgewärmt haben. Jeder Psalm ist der Rollator meines eigenen hinkenden Glaubens. Jede Freiheitsgeschichte facht meinen Freiheitsdurst an.

Und noch eins, es ist mir eigentlich das Wichtigste: Die Bibel ist schön. Schönheit meine ich nicht nur als einen formal-ästhetischen Begriff. Schön nenne ich auch die Würde und die moralische Verantwortung, die den Menschen etwa in der Bergpredigt zugemutet wird. Von den Armen und Leidenden ist die Rede, vom Hunger nach Gerechtigkeit in einer Welt von Unrecht; von Verfolgung und Schmähung. Bergpredigt! Schön ist der Aufruhr der Propheten. Schön ist der Jesus, der die eingeschliffenen Selbstverständlichkeiten durchbricht, der das Kastendenken zerbricht, das die Frauen von den Männern trennt, die Verlorenen von den Gefundenen, die Frommen von den Sündern und die Einheimischen von den Fremden.

Vielleicht verwundert es, dass ich mit lauter Stimme die Schönheit preise. Wir haben vergessen, dass der Glaube schön ist. Wir waren so versessen darauf, dass er wahr ist; dass seine Sätze korrekt sein sollen. Man kann auf Dauer nur an etwas glauben, dessen Charme man entdeckt hat; also was man schön gefunden hat. Etwas schön zu finden, ist wichtiger als etwas nur für wahr zu halten.

Meine schöne alte Dame will nicht aus der Ferne bewundert werden, sie will besucht werden und sie will mich besuchen, nach Möglichkeit täglich. Sie erträgt es auch, wenn sie nur einmal in der Woche kommen darf. Wenn es weniger als einmal im Monat ist, fängt sie an zu murren und sie verweigert mir ihren Trost und ihre Weisheit. Ein Buch, in dem ich nicht lese, ist nicht mehr mein Buch. So lasse ich sie denn kommen, täglich oder wöchentlich oder wenigstens monatlich. Ich räume ihr eine feste Zeit ein. Ihre Besuche werden Sitte. Nichts geht ohne Sitten. Die Stimme der Bibel wird leise. Sitten und Gepflogenheiten verlieren in unserer Gesellschaft immer mehr ihre Selbstverständlichkeit, weil sie nicht mehr von allen oder mindestens von vielen getragen werden. Außerdem vergöttlichen wir die Spontaneität und die sogenannte Authentizität. Sitten scheinen uns kühl und eher eine Lähmung der Spontaneität. Was man aber regelmäßig und langfristig tun will, braucht die Kühle der Gepflogenheit. Bibellesen ist auch Arbeit und nicht nur eine spirituelle Sauna.

Wer regelmäßig mit der Bibel umgeht, für den ergibt sich so etwas wie die Bibel in der Bibel. Das heißt, besondere Texte, Psalmen, Geschichten der Bibel werden einem besonders wichtig. Ich plädiere dafür, dass wir einige Psalmen oder wenigstens Verse auswendig können. Sie sind ein Mundvorrat für magere Zeiten.

Ich habe am Anfang meines Vortrags etwas dreist gesagt: Die Bibel ist nicht einfach vom Himmel gefallen. Sie ist unter Menschen geboren und hat eine Menschengeschichte. Über diesen Satz muss ich noch Rechenschaft geben. Wir sagen ja, die Bibel sei inspiriert. Wir sagen, sie enthielte das Wort Gottes. Manche sagen sogar, sie sei das Wort Gottes. In der katholischen Kirche hebt der Priester nach dem Evangelium die Bibel empor mit dem Satz: Wort des lebendigen Gottes. Also doch vom Himmel gefallen?
Es ist nicht so einfach. Das Wort Gottes ist entzifferbar in der Bibel. Das ist unser Trost. Aber zunächst ist die Sprache der Bibel durch menschliche Kehle gegangen. Das heißt sie hat Teil an der Wahrheit, aber sie ist Menschensprache; brüchig wie jede Sprache, die durch die Kehle der Menschen gegangen ist. Die Bibel ist nicht das Wort Gottes, sie ist wie alle Theologie eine Auslegung des Wortes Gottes, allerdings unsere vorrangige Auslegung. Sie ist nicht die Wahrheit, sondern die Auslegung der Wahrheit. Und noch eine Schwierigkeit: Uns trennen viele Jahrhunderte von jenen Auslegern. Wir müssen die Distanz akzeptieren, die uns von den Schreibern jener heiligen Worte trennt. Nie werden wir ihren Eigensinn ganz erfassen. Die Bibel zu zitieren, genügt nicht. Wir müssen sie übersetzen. Übersetzen heißt, eine Sache oder einen Menschen von einem Ufer zum anderen bringen. Wir haben eher gelernt, die alten Texte zu zitieren als sie zu übersetzen, d. h. an das Ufer unserer Zeit und der Horizonte unseres Denkens zu bringen. Wir kommen mit unserem Denken aus sehr alten Zeiten, in denen man geglaubt hat, die Wiederholung des Erbes sei schon die Aneignung des Erbes. Den Glauben aber haben wir an keiner Stelle anders als immer schon interpretierten Glauben, so auch in der Bibel.

Protestanten verstehen etwas vom Bilderverbot, vom Geheimnis und der Ungreifbarkeit Gottes. Ein Schimmer von Gottes Wahrheit ist in den Überlieferungen unserer Väter und Mütter, in der Bibel zu begreifen, aber nicht zu greifen. Nirgends gibt es das Wort Gottes pur. Seine Interpretationen im Lauf der Geschichte sind uns fremd und sie sind uns nah. Nirgends aber sind wir vom Schmerz und der Freiheit entbunden, den Glauben vom fremden Ufer an unser eigenes zu bringen. So muss jede Zeit neu lernen, den Namen Gottes zu entziffern.

Mit Glas und Geduld

12. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Er ist ein wenig Alchemist, ein wenig Handwerker: der Glaskünstler Wolfgang Nickel

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische bildende Künstler vor, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Wolfgang Nickel sorgt sich als Glaskünstler um geschundene Kirchen.

Jahre sind nicht wichtig. Tage schon gar nicht. Die Zeit misst sich anders hier in der kleinen Glaswerkstatt, einer umgebauten Garage, unter der wunderbaren Anschrift Unlust 10. Hier, im Örtchen Georgenzell nahe Schmalkalden, schafft der Glaskünstler Wolfgang Nickel, was noch in hundert und viel mehr Jahren in Kirchen zu sehen sein wird. Hier zählt kein Kalender, sondern nur Geduld, Beharrlichkeit und ein genaues Augenmerk.

Wolfgang Nickel in seiner Glaswerkstatt. Fotos: Susan Winkel

Wolfgang Nickel in seiner Glaswerkstatt. Fotos: Susan Winkel

Dass sein Bestreben einmal vor allem dem Glas gelten würde – gefärbt, geprägt oder verschmolzen, in schlichte Rahmen oder Bleiglas gefasst –, war nicht vorausbestimmt. Es fügte sich. Wolfgang Nickel, ausgebildet in den 1980er Jahren an der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein Halle, ist von der Profession her Kunstmaler. Als er, bereits drei Jahre freischaffend tätig, 1990 in seine alte Heimat in Thüringen zurückzieht, wartet dort aber andere Arbeit auf ihn. Kirchen auf dem Land, denen Wind und Steinwürfe übel mitgespielt hatten. Deren Glasschäden – die mutwilligen wie die altersbedingten – in den DDR-Jahrzehnten kaum zu beheben waren. Zu rar waren Bleiruten und Farbglas.

Einige Jahre lang sorgt sich Wolfgang Nickel um den Bestand. In Roßdorf, Tabarz und anderen Orten repariert er die Kirchenfenster, ergänzt ihre Bleiverglasung nach der alten Handwerkstechnik, die sich seit dem Mittelalter nicht mehr verändert hat. Dann plötzlich die Befreiung. Die Glasindustrie entwickelt in der Mitte der 1990er Jahre neue Verfahren, die es erlauben, Farbgläser selber herzustellen. Gleichzeitig verbessert sie die Qualität, die Brillanz der Glasmalfarben. Wolfgang Nickel beginnt, Farben in einem Glas zu mischen, statt wie bisher Farbfeld um Farbfeld gleich einem Mosaik zu einem Bild zusammenzufügen. Er wendet sich hin zu einer moderneren, malerischen Gestaltung.

Mit der Befreiung beginnt die Zeit der Wettbewerbe. Neuverglasungen für Kirchenfenster werden ausgeschrieben, die Künstler zeigen nun, was sich alles mit Glas machen lässt. Was entsteht, wenn sich Talent und Kunstverständnis mit der richtigen Technik und vor allem Erfahrung verbinden. 2002 erhält Wolfgang Nickel einen Auftrag für ein Fenster in der Erfurter Michaeliskirche, dem durch einen nachträglich ergänzten Treppenaufgang das Tageslicht genommen worden war. Er experimentiert, verlässt die glatte Fläche und geht erstmals ins Relief, um dem Glas trotz Lichtmangels eine größere Lebendigkeit zu verleihen.

Der künstlerische Aufbruch ist verbunden mit einer Schicksalsbegegnung. Die in Stuttgart lebende Stifterin des Fensters, Monika Wiegandt, findet Gefallen an den detailversessenen, nie um Beachtung gierenden Arbeiten Wolfgang Nickels. Sie gibt von ihrem Privatvermögen, er schafft davon Fenster für verschiedene Gotteshäuser. Ihr größtes Sorgenkind wird die Eisenacher Nikolaikirche. Eine Seltenheit aus romanischer Bauzeit, welche in jüngerer Vergangenheit unscheinbar verglast wurde. Ein kompletter Satz neue Fenster, 19 Stück an der Zahl, wird über die Jahre in der kleinen Glaswerkstatt in Georgenzell entstehen.

Es ist der größte Auftrag für Wolfgang Nickel, aber nur einer von vielen. In der Erfurter Severikirche ist seine Gestaltung erstmals für einen gesamten Kirchenraum gefordert: Drei Fenster, davon eines mit integriertem Tabernakel, Altar, Kerzenständer und ein Figurensockel, lautet die Aufgabe. Längst wird der Künstler nicht mehr nur für Glas gerufen, er übernimmt Farbausmalungen, zum Beispiel in der Elisabethkirche in Eisenach, für den Dom in Nordhausen fertigt er Andachtsbänke.

Etwa achtzig Prozent seiner Aufträge bekommt er mittlerweile von der Kirche. Ein Bereich, der unbeeindruckt bleibt von den schnellen Moden des Kunstbetriebs. Mit seiner Arbeit hat sich Wolfgang Nickel in Thüringen einen Namen gemacht, mit seiner Arbeitsweise hat er sich Vertrauen erworben. Er drängt nicht, er lässt sich und den Gemeinden Zeit, über Vorgespräche und Arbeitsproben zu einem gemeinsamen künstlerischen Thema zu finden. Zu einem Werk, das nicht konkurrieren will gegen die Ausstattung eines Gebäudes, sondern dem über die Jahrhunderte Entstandenen etwas Neues hinzufügt. Das zwar den Stil der heutigen Zeit auszudrücken vermag, dennoch eine gewisse Zeitlosigkeit besitzt.

Viele Jahre der Annäherung können bei diesem Prozess vergehen. Aber was ist das schon gegen die Jahrhunderte, in denen die Kunst von Wolfgang Nickel immer noch in den Kirchen zu sehen sein wird. In Rosa, Schmalkalden, Bad Salzungen und an vielen Orten mehr. Wo die Betrachter staunen werden über das Zusammenspiel von Licht und Glas. Wo sie vielleicht sogar ein wenig das Göttliche spüren.

Susann Winkel

Nicht nach vordergründiger Tröstung suchen

7. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie man nach Katastrophen angemessen mit Trauer und Betroffenheit umgeht

Wie geht Kirche angesichts von Großkatastrophen angemessen mit der Trauer um? Dazu forscht unter anderen die Katholisch-Theologische Fakultät der Uni Erfurt. Harald Krille sprach darüber mit der Doktorandin Brigitte Benz.

Brigitte Benz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Erfurt. Foto: Uni Erfurt

Brigitte Benz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Erfurt. Foto: Uni Erfurt

Frau Benz, es sterben bei Weitem mehr Menschen im Straßenverkehr als durch Flugzeugabstürze. Trotzdem ist die allgemeine Betroffenheit derzeit riesig. Wie erklärt sich das?
Benz:
Ich denke, in einem Fall wie diesem ist die Betroffenheit deswegen so groß, weil es ein plötzliches Geschehen ist, viele Menschen zugleich betrifft und deshalb natürlich auch die Medien ganz anders berichten. Ein Verkehrsunfall wird kaum noch registriert, außer es ist eine Massenkarambolage. Und als Zweites: Durch dieses plötzliche Ereignis werden wir daran erinnert, dass es jeden von uns betreffen kann. Mit Sachen wie einem Autounfall haben wir uns arrangiert. Da nimmt kaum jemand noch wahr, dass auch da immer eine Gefahr besteht.

Ist das echte Betroffenheit, Trauer oder vielleicht auch Voyeurismus?
Benz:
Ich denke, es ist zum überwiegenden Teil echte Betroffenheit und Trauer. Das kann man sehen, wenn man sich beispielsweise das Online-Kondolenzbuch von Haltern anschaut. Was da steht, schreibt niemand, der nicht wirklich Mitgefühl und Betroffenheit empfindet. Oder schauen Sie auch auf das anonyme Blumenniederlegen, das macht man nur, weil man wirklich eine Betroffenheit und ein Mitgefühl mit den Angehörigen und den Opfern hat.

Was kann man angesichts einer solchen, scheinbar mutwillig herbeigeführten Katastrophe sagen? Mir fällt da höchstens ein Rachepsalm ein …
Benz:
Das Sagen ist sehr schwierig. Die Psalmen sind ein wirklich wunderbarer Schatz, um für so ziemlich jede Situation und Gefühlslage ein Gebet zu finden. Aber nicht für jeden ist ein Gebet das Richtige. Nicht nur in einer säkularen Umwelt, auch in einer religiös geprägten Umgebung kann das Schweigen das wesentlich hilfreichere Moment sein: schweigen, dabeibleiben, die Trauer der Betroffenen aushalten. Die Schwierigkeit in einer öffentlichen Trauerfeier ist, dass man Worte finden muss. Und hier ist es ganz wichtig, keine vordergründige Tröstung zu suchen. Nach dem Motto, die sind jetzt alle bei Gott aufgehoben oder ähnliche Aussagen. Vielmehr sollte man die eigene Hilfslosigkeit zur Sprache bringen. Aber dann auch in vorsichtiger Weise die Hoffnung ansprechen, dass die Angehörigen, die Trauernden getragen, getröstet werden können. Auch die Hoffnung für die Opfer.

Die Bibel redet viel von Trost. Wünschen sich Menschen in einer solchen Situation nicht Trost, Zuspruch, Ermutigung?
Benz:
Ja, Zuspruch und Ermutigung. Aber es ist eben die Frage, wie man den Trost rüberbringt. Sie haben das sicher auch schon erlebt, wenn jemand sagt, das hat eben Gott so gewollt. Und das hat schon alles seinen Sinn. Aber das ist eine Beleidigung der Opfer und letztlich sogar eine Beleidigung Gottes. Trost ist in der momentanen Situation eher, dass man wirklich sagt: Ich bin bei dir, ich trage deine Trauer mit, du bist nicht allein, du bist nicht allein in der Welt! Vielleicht auch: Meine Hoffnung ist, dass du auch darüber hinaus nicht allein bist, also auch nicht allein, wenn kein Mensch bei dir ist. Aber das ist schon schwieriger. Bei einem gläubigen Menschen kann man sicherlich auch andere Bilder, andere Aussagen verwenden.

Beim aktuellen Flugzeugabsturz scheint es einen bewusst handelnden Täter gegeben zu haben. Wie geht man damit um?
Benz:
Genau die Frage hat man sich 2002 nach dem Amoklauf im Erfurter Gutenberg-Gymnasium auch gestellt. Was macht man mit dem Täter, was macht man mit den Hinterbliebenen des Täters, die ja auch einen Menschen verloren haben? In Erfurt hat man nach einer sehr intensiven Diskussion die Entscheidung getroffen, auch eine Kerze für den Täter zu entzünden, ohne diesen allerdings im Gottesdienst namentlich zu nennen. Aber seine Familie in die Fürbitten mit einzubeziehen. Letztlich muss diese Frage immer wieder neu bedacht und entschieden werden. Wichtig für jede Trauerfeier ist aber, die Betroffenen behutsam in alle Überlegungen mit einzubinden.

Ein Geschenk des Himmels für jeden Tag

24. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Seit sechs Jahren erscheinen die Herrnhuter Losungen durch eine private Initiative auch auf Koreanisch

Zum dritten Mal kam Professor Ju-Min Hong jüngst nach Herrnhut. Diesmal brachte er allerdings etwas Besonderes mit: Ein Exemplar der Herrnhuter Losungen in seiner Muttersprache Koreanisch. Übersetzt hat er die Texte selbst. Da er in Heidelberg studierte, kann er hervorragend Deutsch. Das Schwierige an der Übersetzung sei besonders der alte Sprachstil, sagt der Theologe, der das Institut für Diakonie in Südkorea leitet. Wenn man das aber routinemäßig mache, werde das immer einfacher. Ansonsten besuchten er und eine Gruppe koreanischer Christen, die zum ersten Mal in Deutschland sind, auch die Herrnhuter Sehenswürdigkeiten.

Professor Ju-Min Hong mit der von ihm herausgegebenen koreanischen Ausgabe der Herrnhuter Losungen. Foto: Matthias Weber

Professor Ju-Min Hong mit der von ihm herausgegebenen koreanischen Ausgabe der Herrnhuter Losungen. Foto: Matthias Weber

Wie Hong berichtet, werden die seit 2009 in Koreanisch erscheinenden Losungen in seinem Land sehr gut aufgenommen. Die Startauflage von 1 000 Stück wurde komplett verkauft oder verschenkt. Über 100 christliche Gemeinschaften des Landes nutzen inzwischen das traditionelle Andachtsbuch. Über den Buchhandel selbst werden bisher allerdings nur wenige Exemplare verkauft. Die meisten vertreibt Hong im Eigenverlag persönlich. Nachdem er in Vorträgen und Seminaren auf die Losungen hinwies, betrug die Auflage 2010 bereits 2 000 Stück. Und die Nachfrage wächst.

Die Herrnhuter Losungen seien ganz anders, als die üblichen Andachtsbücher, die man in Südkorea kenne. »Ich glaube, gerade weil sie nur aus Bibelworten bestehen und keine menschliche Auslegung haben, gefallen sie den Leuten in Korea«, sagt er. Schließlich kenne man hier auch andere »Losungen« politischer Natur. »Wort und Tag«, wie das Büchlein in Korea heißt, sei »wie ein Geschenk des Himmels, ein Geschenk für jeden Tag«, so der Professor.

Die Begleittexte der Losungen, Liedverse oder Gebete mit Bezug auf die jeweiligen Bibelstellen, entsprechen in der koreanischen Ausgabe derzeit noch der deutschen Ausgabe. In Zukunft will Hong aber verstärkt solche von koreanischen Autoren aufnehmen. Denn den meisten Koreanern sind deutsche Liederdichter, wie zum Beispiel Paul Gerhardt, eher unbekannt. Eine Ausnahme bilde da allerdings Dietrich Bonhoeffer, der sich einiger Bekanntheit auch in dem asiatischen Land erfreut.

Die Struktur der christlichen Kirchen in Südkorea ist völlig unterschiedlich zum deutschen System. Was vor allem damit zusammenhängst, dass das Christentum vor etwa 130 Jahren aus den USA nach Korea kam. Damals waren es vor allem konservative und fundamentalistische Bewegungen, welche die jungen koreanischen Kirchen prägten. Ökumene gab es dabei nicht. Heute existieren entsprechend viele einzelne Denominationen und eigenständige Kirchenformen. Seit den 1960er Jahren aber wächst eine ökumenische Bewegung, in der vor allem die Presbyterianische Kirche (PCK) und Ju-Min Hong aktiv sind. Knapp 22 Prozent der reichlich 49 Millionen Südkoreaner sind Christen, in der Mehrzahl Protestanten.

Mit der Verbreitung der Losungen verfolgt Ju-Min Hong zwei ganz praktische Ziele. Einmal möchte er damit die diakonische Arbeit in Korea entwickeln. Das ist sein soziales Hauptanliegen. Gerade hier erlebe man einen Aufschwung und da könnten die Losungen einen wichtigen Beitrag zur täglichen geistlichen Verwurzelung der Mitarbeiter leisten. Gleichzeitig gibt es bekanntlich große politische Spannungen zwischen Nord- und Südkorea. Seine Kirche habe bisher leider kaum Kontakte zu den Christen in Nordkorea aufbauen können, die ihren Glauben illegal leben.

Vielleicht aber, so die Hoffnung von Ju-Min Hong, können die Losungen dazu beitragen, diese Konflikte über das Evangelium von Jesus Christus irgendwann einmal zu versöhnen. Man wolle jedenfalls versuchen, einzelne Losungsexemplare irgendwie nach Nordkorea zu schaffen. Wie ist im Moment allerdings noch offen.

Andreas Herrmann

Nach Angaben der Abteilung Losungsspende der Evangelischen Brüder-Unität können für 18 Euro sechs koreanische Losungen produziert werden.

Spenden: Ev. Bank eG Kassel, IBAN DE605206 0410 0000 4159 28, BIC GENODEF1EK1, Kennwort: Losungsspende Korea

www.herrnhuter-projekte-weltweit.de

Auf fruchtbaren Boden gefallen

24. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Präsenz der Bibel im Alltagsdeutsch

Biblische Redewendungen sind das Salz in der Suppe der deutschen Sprache. Ohne die Bibel würde Deutsch keinen Spaß machen, beweist Gerhard Wagner in seiner Zitatesammlung »Von Pontius zu Pilatus«. Der Autor ist im Hauptberuf Geschäftsführer der Deutschen Burgenvereinigung. »Die Bibel hat Spuren in der Sprache hinterlassen, die man gar nicht überbewerten kann«, stellt er fest. Immerhin 251 entsprechende Redewendungen hat Wagner gefunden, ohne Gewähr auf Vollständigkeit.

Wagner, Gerhard: Von Pontius zu Pilatus. Redewendungen aus der Bibel. Theiss Verlag, ISBN 978-3-80622-906-6, 14,95 Euro

Wagner, Gerhard: Von Pontius zu Pilatus. Redewendungen aus der Bibel. Theiss Verlag, ISBN 978-3-80622-906-6, 14,95 Euro

Denn die Bibel war das einzige Buch, in dem sich, mehr oder weniger, das ganze Volk auskannte. Auch der unwilligste Zuhörer bekam ja irgendwann mit, dass alles mit Adam und Eva anfängt und mit dem Jüngsten Gericht aufhört, und sei es, weil er die dazugehörigen Bilder jede Woche beim Betreten der Kirche vor Augen hatte. Auf richtig fruchtbaren Boden fallen konnte die biblische Sprache aber erst, als sie auch in deutscher Sprache vorlag. An dieser Stelle kommt unvermeidlich wieder einmal Martin Luther ins Spiel, der als Erster die sprachlichen Zeichen der Zeit erkannt hatte. Seine Bibelübersetzung wurde zu einem der »wichtigsten Geburtshelfer der neuhochdeutschen Schriftsprache«, so Wagner. Zum einen, weil Luther das Talent zu bildhafter Sprache besaß und den Mut, »dem Volk aufs Maul zu sehen«. Zum anderen weil ihm, lange vor der Zeit der normierten deutschen Hochsprache, das Licht aufgegangen war, seine Texte so zu formulieren, dass sie von allen Deutsch sprechenden Menschen verstanden werden konnten – in der »Meißner Kanzleisprache«, in der nord- und süddeutsche Dialekte miteinander verschmolzen waren.

Manchmal hat Luther auch Wörter neu geschaffen oder unübersetzt übernommen (Beelzebub). Entscheidend für das Einsickern biblischer Bilder in die deutsche Sprache war neben Luthers Übersetzungsleistung die Tatsache, dass die Bibel bis ins 20. Jahrhundert in den meisten Haushalten eifrig gelesen wurde. Wer jemanden von Pontius zu Pilatus schickte, babylonische Sprachverwirrung beklagte oder ein Damaskus-Erlebnis hatte, konnte davon ausgehen, dass seinem Gegenüber die entsprechenden Bibelstellen präsent waren.

Die Mehrheit der von Wagner zusammengestellten Formulierungen hat allerdings keinen ganz unmittelbaren Bezug zu bestimmten Orten oder Personen der Bibel. Es bedarf einer gesunden Portion Bibelfestigkeit, um solche Redewendungen zu erkennen. Wenn Börsenmakler und Banker ob der Kapriolen Griechenlands Blut und Wasser schwitzen, geht dies auf eine Formulierung in der Passionsgeschichte des Lukas-Evangeliums zurück, die mit der Todesangst Jesu zu tun hat (»Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen«). Das himmelschreiende Unrecht wiederum, das ihrerseits die Griechen beklagen, hat seinen Ursprung im 1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 10, als Gott zu Kain spricht: »Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.«

Und wer hätte gedacht, dass sich sogar der Autobauer Toyota im Bibel-Baukasten bediente, als man in den 1990ern den Kunden versprach: Nichts ist unmöglich! Das Jesus-Wort stammt aus dem Markusevangelium 9, 23 und lautet genau: »Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt«, wird aber gern in der griffigeren Umkehrung zitiert: »Nichts ist unmöglich dem, der da glaubt.«

Thomas Greif

Wagner, Gerhard: Von Pontius zu Pilatus. Redewendungen aus der Bibel. Theiss Verlag, ISBN 978-3-80622-906-6, 14,95 Euro

Liebe macht in Wahrheit sehend

24. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Dem Motto der Fastenaktion in der Bibel auf der Spur

»Du bist schön! – Sieben Wochen ohne Runtermachen«, heißt das diesjährige Motto der Fastenaktion »7 Wochen Ohne«. Das Motto ist biblisch. Schönheit kommt öfter in der Bibel vor als man denkt.

Zum einen gibt es die verführerische Schönheit: »Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß« (1. Mose 3,6). Schönheit weckt Neid und Bosheit. Da sind die Geschichten von Waschti und Esther am Hofe des Perserkönigs. Abram gibt Sarai sicherheitshalber als Schwester aus. Das Muster wiederholt sich bei Abrahams Sohn Isaak. Auch er gibt Rebekka, die ebenfalls sehr schön ist, als seine Schwester aus. Isaak hat Angst, sie könnten ihn umbringen, weil seine Frau so schön ist. Josef ist ein ausnehmend schöner Mann. So kommt es, dass Potifars Frau ein Auge auf ihn wirft. Saul, später der erste König Israels, fällt als jung und stattlich auf, schöner und einen Kopf größer als alle anderen jungen Männer in Israel. David »ist des Saitenspiels kundig, ein tapferer Mann und tüchtig zum Kampf, verständig in seinen Reden und schön gestaltet, und der Herr ist mit ihm« (1. Samuel 16,18). Er ist musikalisch, tapfer, sportlich, kämpferisch und klug. Und David sieht nicht nur gut aus. Gott steht ihm bei.

Zufrieden? Foto: Siunuwelle – fotolia.com

Zufrieden? Foto: Siunuwelle – fotolia.com

Im Buch Judit (Kapitel 10) wird Judiths Schönheit beschrieben. Judith gegen Holofernes ist das weibliche Pendant zu David gegen Goliath: Schwach überwindet stark mit Gottes Hilfe! Was wäre äußerliche Schönheit ohne Charakter? Sie bedeutet nichts. Lieblich und schön sein ist nichts; eine Frau, die den Herrn fürchtet, soll man loben (Sprüche 31,30). Anmut und Schönheit sind vergänglich und kein Grund, eine Frau zu rühmen; aber wenn sie den Herrn ernst nimmt, dann verdient sie Lob. »Ein goldener Ring im Rüssel einer Wildsau? So ist eine schöne Frau ohne Benehmen!« (Sprüche 11,22)

»Du bist schön! – Sieben Wochen ohne Runtermachen«, so lautet das diesjährige Motto der Evangelischen Fastenaktion »7 Wochen Ohne«. »Du bist schön!« Was oberflächlich betrachtet wie der Werbeslogan einer Kosmetikserie aussehen mag, ist in Wirklichkeit ein fast unbekanntes Bibelzitat. Der Satz »Du bist schön!« kommt sechsmal im Hohelied vor. Das Hohelied, dem König Salomo gewidmet, beginnt mit dem Motiv des Kusses. Das Hohelied ist erotische Lyrik in der Bibel. Es gehört zu den schönsten Liebesgedichten der Weltliteratur. Wieso steht es in der Bibel? Es war vor allem Rabbi Akiba (um 100), der es zu den Heiligen Schriften rechnete. Zwei Liebende preisen gegenseitig die Schönheit des anderen. Um es biblisch zu sagen: Sie genießen, dass »Gott den Menschen zu seinem Bilde schuf, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und er schuf sie als Mann und Frau«. Wo Menschen sich lieben, bilden sie Gottes Wesen ab. Das Hohelied lässt sich auch in einem tieferen Sinn lesen: als Dokument der Liebe zwischen Gott und seinem Volk Israel. Der Bund, das Einswerden mit Gott, liebt Hochzeitsbilder. Rabbi Akibas Argumente überzeugten. Später haben Kirchenväter diese kollektive Interpretation des Hoheliedes individualisiert verstanden und übertragen auf das Liebesverhältnis zwischen dem Bräutigam Christus und der Anima, der Seele eines oder einer einzelnen Gläubigen. Und wieder eine gemeinschaftliche Interpretation: Kirche als Braut Christi. Seit dem Mittelalter beflügelte so das Hohelied Schmuck in Kirchen und Kathedralen, Malerei und Musik.

Liebe macht blind, wird immer wieder gesagt. Jeder weiß, dass man vor lauter Ego eine eingeschränkte Wahrnehmung bekommen kann. Solch ein Ego hat mit Liebe nichts zu tun. Liebe macht in Wahrheit sehend, für die Schönheit, die Gott in einen anderen Menschen gelegt hat. Liebe macht sehend und Schönheit entsteht im Auge des Betrachters. Wenn es überhaupt so etwas wie ein christliches Schönheitsideal gäbe, dann wäre es dieser Blick von Verliebten, von liebenden Menschen. Darum: »Du bist schön! – Sieben Wochen ohne Runtermachen.« Den anderen nicht. Und sich selbst genauso nicht.

Roland Spur

Wenn Gott aber nicht hört …

14. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Kommunikation zwischen Mensch und Gott ist manchmal gestört: Beide reden aneinander vorbei

Ein schönes Wort: »Der Herr spricht: Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören.« (Psalm 91,15) Aber zuweilen erfahre ich das ganz anders. Da habe ich den Eindruck: Gott ist taub. Ich bete und bete, aber er antwortet nicht. Dabei wird es höchste Zeit, dass er eingreift. Wir brauchen seine Hilfe. Dringend! Am liebsten würde ich meinen Schlüsselbund in den Himmel werfen, um ihn aufzuwecken.

Damit befinde ich mich in bester Gesellschaft mit Betern in der Bibel: »Wache auf, Herr! Warum schläfst du?« (Psalm 44,24)

Viele unserer Gebete scheinen ihn nicht zu erreichen. Er schweigt. Und ich verstehe ihn nicht. Mit Gott zu leben bedeutet auch, an ihm zu leiden.

Das gilt freilich umgekehrt ebenso: Auch Gott leidet darunter, dass wir ihn nicht verstehen. Er will uns ansprechen durch sein Wort – wir nehmen uns nicht die Zeit, darauf zu hören. Er überschüttet uns mit Gutem – und wir bemerken’s kaum, sind unzufrieden und missmutig. Er sieht, wie wir uns verrennen, versucht alles Mögliche, uns auf einen guten Weg zu leiten – aber wir sind blind und taub und rennen weiter mit Brett vorm Kopf und Scheuklappen. Jesus weint über Jerusalem, weil die Menschen nicht erkennen, was zum Frieden dient (Lukas 19,41-42). Viel Not auf dieser Erde entsteht daraus, dass Menschen nicht auf Gott hören wollen oder können.

Menschen leiden an Gott, Gott leidet an uns. Die Kommunikation gestaltet sich schwierig, wir reden aneinander vorbei. Da hilft nur eines: sich üben im Hören aufeinander.
Für uns beginnt das damit, innezuhalten und aufmerksam zu werden für Gottes Gegenwart. »Gott, ich danke dir, dass du da bist.« Oder auch: »Gott, wo bist du? Wenn du überall bist, wie kommt es, dass ich so oft woanders bin?« Ohne Worte kann das geschehen. Es ist eine Lebenshaltung. Je mehr wir uns üben, auf Gottes Nähe zu achten, desto leichter werden wir mit ihm ins Gespräch kommen. Dazu dient auch das Hören auf die Worte der Heiligen Schrift. So lernen wir ihn immer besser kennen.

»Menschen leiden an Gott, Gott leidet an uns. Da hilft nur eines: sich üben im Hören aufeinander«

Dann merken wir womöglich: Wie gut, dass Gott auf meine Gebete oft anders reagiert als erhofft! Denn es gehört zu einer lebendigen Beziehung, dass der Partner eigene Vorstellungen hat. Oder: Er hat ja doch geantwortet, nur anders als ich dachte. Wir beginnen etwas zu ahnen von dem, was ihm am Herzen liegt. Unsere Gebete gleichen dann nicht mehr dem Quengeln kleiner Kinder, die nur ihren Willen durchsetzen wollen. Nach und nach werden wir zu erwachsenen Söhnen und Töchtern Gottes.

Pfarrerin Dr. Brigitte Seifert leitet seit 2007 das Haus der Stille in Drübeck im Harz

Pfarrerin Dr. Brigitte Seifert leitet seit 2007 das Haus der Stille in Drübeck im Harz

Dazu gehört das Wissen um die Begrenztheit unseres Horizontes. Gottes Perspektive ist die Weite der himmlischen Welt. Was uns unerträglich lange erscheint, ist in seinen Augen nur eine winzige Zeitspanne. Trotzdem behält er jedes einzelne seiner Geschöpfe im Blick. Wir haben es ja alle schon erlebt: Manches ausweglos erscheinende Leid hat sich gewendet; in der Rückschau staunen wir über Gottes Güte.

Das hebt die Not der unerhörten Gebete nicht auf. Es kann sie aber einbetten in ein umfassenderes Vertrauen.

Sich üben im Hören aufeinander – das tut auch Gott! Er wurde Mensch wie wir. So weiß er, wie es sich anfühlt, im Stich gelassen zu werden, ohnmächtig zu sein, Schmerzen zu leiden. Nach Ostern hat er uns seinen Geist gesandt. Der wohnt in uns und versteht uns besser als wir uns selbst verstehen. Er weint mit uns, er kämpft mit uns, er freut sich mit uns. Alle unsere Anliegen trägt er in die himmlische Welt.

Paulus schreibt, der Geist vertritt uns bei Gott mit unaussprechlichem Seufzen (Römer 8,26). Unsere Probleme bringt er zum ewigen Gott – und von ihm bringt er uns himmlische Hilfe. Wir merken das vielleicht an einer Idee, die uns plötzlich kommt: »Ja, so könnte es gehen.« Unseren Kummer trägt er zum Herrn der Welt – und bringt himmlischen Trost in unser Herz. Wo wir vorher alles nur düster gesehen haben, ist auf einmal ein Lied oder ein stärkendes Wort in uns. Das schafft der Heilige Geist. Immer wieder. Selbst da, wo wir keine Worte finden. Ein Seufzer genügt. Seufzen ist ja Ausatmen. Ausatmen – zu Gott hin –, was uns beschwert.

Und dann einatmen: Hoffnung einatmen, die der Geist uns schenkt. Trost einatmen, der von Gott kommt. Gewissheit einatmen: Alles wird gut, weil Gott es gut machen wird. »Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.« (Römer 8,28) Auch wenn wir längst nicht alles verstehen und wenn es noch viel Grund zum Seufzen gibt.

Brigitte Seifert

»Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne«

3. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Das neue Jahr beginnt mit einem Feuerwerk, die Bibel mit der Schöpfung – Anfänge in der Heiligen Schrift

Was für ein grandioser Einstieg in das Buch der Bücher! Nicht ein märchenhaft eingeleiteter Rückblick à la »Es war einmal«, sondern ein fulminantes Bekenntnis dazu, dass niemand anderes als Gott Schöpfer der Welt ist. Am Anfang erschafft er »Himmel und Erde«, dann geht’s Tag auf Tag. Gott erschafft in den ersten sieben Tagen alles, was auf der Erde ist, und »sah, dass es gut war«. Mit der Zeit entpuppte sich die Schöpfung jedoch als ziemlich störanfällig, denn die Letztgeschaffenen – die Menschen – verhielten sich nicht wie gewünscht. Zur Strafe müssen sie einen neuen Anfang machen, außerhalb des Gartens Eden. Der weise Jesus Sirach erzählt die Schöpfungsgeschichte nach und behauptet, Gott habe seinen Geschöpfen von ihrem »Ursprung an ihre Bestimmung« gegeben und »für immer geordnet, was sie tun« (1. Mose 1, Sirach 16,25).

Der Anfang vor dem Anfang

Eigentlich gibt’s vor einem Anfang nichts, oder? Wer so fragt, unterschätzt die Spitzfindigkeit von Theologen. Sie fragen zu Recht: Wenn Gott die Welt erschaffen hat, gab es ihn vor dem Anfang der Welt. Aber wann war dann der Anfang Gottes? Wieso gibt es ihn, wie ist er entstanden? Er kann nicht entstanden sein, antworten die Gelehrten, denn er ist ja der Schöpfer, er war vor allen Zeiten und Anfängen da. Die christliche Theologie erweitert den Gedanken: Wenn Christus nicht nur Mensch, sondern auch wahrer Gott ist – dann muss er vor dem Anfang der Welt schon existiert haben. »Präexistenz« lautet das Fachwort für diese Unglaublichkeit. Am Beginn des Johannesevangeliums wird diese Theorie beschrieben: »Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort«, heißt es da. Wobei der Begriff »Wort« (griechisch: »logos«) ein Synonym für Christus ist (Johannes 1,1-18, Sirach 24,12-14).

Winterland – Ein Land, auf das der Herr, dein Gott, achthat und die Augen des Herrn, deines Gottes, immerdar sehen vom Anfang des Jahres bis an sein Ende. (5. Mose 11,12) – Foto: Petair/fotolia.com

Winterland – Ein Land, auf das der Herr, dein Gott, achthat und die Augen des Herrn, deines Gottes, immerdar sehen vom Anfang des Jahres bis an sein Ende. (5. Mose 11,12) – Foto: Petair/fotolia.com

Der Anfang von Multikulti

Warum gibt es verschiedene Völker und Sprachen? Im ersten Buch der Bibel findet sich auch dafür eine erklärende Geschichte. Die Menschen von Babel wollten eine neue Stadt bauen, dazu einen gigantischen Turm, dessen Spitze bis in den Himmel reicht. Gott schaute sich das Treiben auf der Baustelle an und dachte nach: Würde den Menschen dieses Vorhaben gelingen, wäre das der Anfang vom Ende: Die Menschen könnten übermütig, gar größenwahnsinnig werden. Was tun? Statt den Bau zu zerstören, »verwirrte« Gott die Sprache der Menschen, sodass sie sich nicht mehr verstanden, und zerstreute sie in viele Länder, »dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen«. Auf diese Weise entstanden die Kulturen dieser Welt (1. Mose 11,1-9, Sprüche 16,18).

Auch die Weisheit nimmt für sich in Anspruch, schon vor dem Anfang der Welt existiert zu haben. »Der Herr hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her«, sagt sie, »ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war«. Die Weisheit bezeichnet sich sogar als »Liebling« Gottes, »ich war seine Lust täglich«. Für Menschen gibt es eine unerlässliche Voraussetzung, um in den Genuss der Weisheit zu kommen: Sie müssen Gott fürchten (Psalm 111,?10, Sprüche 1,7).

Was steht am Anfang aller Laster? Müßiggang, sagt der Volksmund. Der »Sündenfall«, sagt die Bibel: jene Situation, in der eine Schlange Eva erfolgreich dazu aufforderte, gegen Gottes Gebot zu verstoßen. »Die Sünde nahm ihren Anfang bei einer Frau«, erklärt Sirach, »und um ihretwillen müssen wir alle sterben.« Aus diesen Gedanken hat sich eine Jahrtausende währende unselige Skepsis gegenüber der weiblichen Urteilsfähigkeit entwickelt, an deren Ende Eva zur »Mutter der Sünde« stilisiert wurde. In der restlichen Bibel spielt diese theologische Abwertung der Frau keine große Rolle. Da wird eher der Glaube an falsche Götter zur Wurzel des Verderbens: »Den namenlosen Götzen zu dienen, das ist Anfang, Ursache und Ende alles Bösen« (1. Mose 3, Sirach 25,32, Weisheit 14,12).

Einmal erklärt Jesus seinen Jüngern, welche Zeichen das Ende der Welt einläuten. »Es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere«, sagt er und prophezeit Erdbeben und Hungersnöte, Ungerechtigkeit und »falsche Propheten«. Genug Stoff für heutige Untergangsprediger, um Naturkatastrophen und Kriege als Zeichen der Endzeit zu deuten (Markus 13).

Der Anfang vom Ende der Welt

Das Neue Testament ist in griechischer Sprache verfasst – und in dieser beginnt das Alphabet mit A(lpha) und endet mit O(mega). Dem Seher Johannes nach bezeichnet Gott selbst sich so, um zu zeigen: Er umfasst Anfang bis zum Ende der Schöpfung, das Erste bis zum Letzten – einfach alles! Nicht nur das: Gott »sieht alles vom Anfang der Welt bis ans Ende der Welt« (Sirach 39,25, Offenbarung 21,6).

Uwe Birnstein

Kam Jesus als Frühchen zur Welt?

17. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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In Bethlehem nimmt Gott eine scheinbar unendliche Zahl an menschlichen Schicksalsschlägen an

Die Bibel verleiht gerne große Zahlen an Lebensjahren, wenn es darum geht, besondere Menschen zu würdigen: 930, 777, 600. (1. Mose 5) Die poetische Überzahl an Jahren will zum Ausdruck bringen: Hier war ein besonderer Mensch, der Großes bewirkt hat und dessen Leben immer noch weite Kreise zieht.

Nur all zu gerne würde ich des kleinen Jungen, der allzu früh zur Welt kam, mit einer solchen hohen Zahl an Jahren gedenken. Um sein Leben zu würdigen, um die weiten Kreise, die er im Kreise seiner Familie und des Krankenhauspersonals zog, zu markieren. Denn es war ein besonderes Leben, wenn auch nur ein sehr kurzes. Mit nur zehn Wochen hörte das winzige Herz auf zu schlagen.

Foto: Herjua/Fotolia

Foto: Herjua/Fotolia

Unsere Kinder – vor allem die, deren Zeit auf der Erde so schmerzhaft kurz ist – lehren uns, die Zeit anders wahrzunehmen. Wenn wir die Zeit von der Ewigkeit her betrachten könnten, dann würde sich die Länge eines Lebens auf Erden vielleicht etwas relativieren. Die Stunden, die Minuten, ja die Momente, würden wir anders betrachten und schätzen, und die Bedeutung und der Einfluss eines auch so kleinen menschlichen Lebens würden wir anders begreifen. Ganz anders. Freilich das längste Leben ist kurz, und das kürzeste Leben ist ein Wunder.

Und so diente die Nottaufe auf der Neonatal-Intensivstation als ein Glaubensbekenntnis in der Kürze der Zeit: Dass uns nichts trennen kann von der Liebe Gottes in Christus Jesus. Weder Leben noch Tod. Weder in Zeit noch in Ewigkeit. Der Brutkasten mit den allgegenwärtigen Schläuchen und Sonden machte die Taufe nicht einfacher. Eine Schulter statt eines Köpfchens musste herhalten. Doch dadurch kam das Wesentliche in den Blick. Kein elegantes Taufkleid oder ausgelassenes Familienfest, keine Blitzlichter oder anschließende Gartenparty. Nur ein Baby, das mutig um das Leben kämpfte, und die bedingungslose Liebe und das Vertrauen seiner Eltern.

Auch König David wusste aus erster Hand von der Trauer, ein Kind kurz nach der Geburt zu verlieren. Seine erste Reaktion nach dem Tod seines Sohnes – erst sieben Tage alt – war, Gott zu suchen und sein Vertrauen erneut auf ihn zu setzen. David versuchte, den Verlust zu akzeptieren: »Kann ich es wieder zurückholen? Ich werde wohl zu ihm fahren; es kommt aber nicht wieder zu mir zurück.« (2. Samuel 12,23) Mit der Zeit kehrt David dann selbst wieder ins Leben zurück. Er bekommt noch einen Sohn, Salomo, der eines Tages auch König werden soll. Freilich wird die Erinnerung an und die Liebe für seinen ersten Sohn das ganze Leben Davids unermesslich prägen.

Zu Weihnachten erinnert man sich daran, dass Gott sich in Bethlehem mit jeder menschlichen Situation und Lage, mit der tiefsten Freude und dem größten Schmerz verbindet. Und er ist da – gerade dann, wenn Kinder zu einem Zeitpunkt ankommen, wenn wir sie am wenigsten erwartet haben. Oder wenn sie sich so kurz nach ihrer Ankunft wieder verabschieden.

Wäre es vorstellbar, gar denkbar, dass der Gott, der durch seine Menschwerdung in Jesus Christus eine scheinbar unendliche Zahl menschlicher Schicksalsschläge annimmt, auch als Frühchen zur Welt kam? Als geschähe es zu jenem Zeitpunkt fast unerwartet, gebar Maria ihren ersten Sohn unterwegs, fern der Heimat, anscheinend überrascht und nach der Ankunft in Bethlehem wohl mit der Erledigung ganz anderer Dinge beschäftigt. Aber alles, was in Bethlehem und auf Erden geschah und geschieht, findet zu einer Zeit statt, die in Gott beschlossen ist. »Fürchtet euch nicht!«, heißt die Engelbotschaft. (Lukas 2,10)

Gott sorgt für die Seinen, auch in den schwierigsten Situationen. Die erste Tochter von Martin Luther und Katharina von Bora starb vor ihrem ersten Geburtstag. Nach dem Tod der gerade acht Monaten alten Elisabeth bekennt Luther: »Das hätte ich nie zuvor gedacht, dass ein väterliches Herz so weich werden könnte wegen der Kinder.« Wo aber ist Halt? Was hat Bestand? Ein feste Burg ist unser Gott.

Der englische Schriftsteller G. K. Chesterton beschreibt poetisch das anrührende Paradox des Wunders in Bethlehem, worauf sich unser Glaube gründet: »Die Hände, die die Sonne und die Sterne schufen, waren nun zu klein, um die Köpfe der Rinder zu umfassen.« Doch in den winzigen Händen des Kindes in der Krippe streckt Gott seine eigene Hand zu den Seinen aus: die Hand, die uns in jeder Lage im Leben halten und trösten, weiterbringen und segnen will. Nicht nur zu Weihnachten.

Jeffrey Myers

Dr. Jeffrey Myers leitet das Pfarramt für Stadtkirchenarbeit in Wiesbaden.

Wie aus der Zeit gefallen

18. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Christophorus Klimke malt in altmeisterlicher Manier

Christophorus Klimkes Bilder muten im ersten Augenblick ebenso fremd an wie manche seiner Worte. Und berühren doch in einzigartiger Weise die Seele des Betrachters.

Schon der erste Blick auf die Bilder lässt stutzen: Ist hier ein Maler der Renaissance wiedergekehrt, der mit feinstem Pinselstrich, weichen Farbübergängen und großer Detailverliebtheit Landschaften, Architekturen und Figuren in Szene setzt? Anderes in den Werken erinnert wiederum an Caspar David Friedrich und die deutschen Romantiker. Und dann ist da diese warme und aus der Tiefe strahlende Farbigkeit der Bilder …

Christophorus Klimke hat sich vor allem der Malerei mit Eigelbtemperafarbe verschrieben. Eine Technik, die sich besonders zum lasierenden Farbauftrag eignet. Fotos: Harald Krille

Christophorus Klimke hat sich vor allem der Malerei mit Eigelbtemperafarbe verschrieben. Eine Technik, die sich besonders zum lasierenden Farbauftrag eignet. Fotos: Harald Krille

In einer Zeit, in der Kunst oft vor allem auf Krawall und Provokation gebürstet und Gegenständlichkeit verpönt ist, scheinen die Werke des Weimarer Malers Christophorus Klimke geradezu wie aus der Zeit gefallen. Auch seine Worte klingen für einen zeitgenössischen Künstler zumindest ungewöhnlich: Kunst habe eine dienende Funktion. Sie soll »Hilfe für Menschen« sein, »nicht Ideologien vermitteln«. Er spricht von der »sittlichen Aufgabe« eines Künstlers und ermahnt sich und seine Berufsgenossen: »Achtet auf eure Schritte und Hände, was diese in der Kunst und diese in der Schöpfung hervorrufen.«

»Heilwerden von Mensch und Schöpfung«

Er selbst, der Maler wie Michelangelo, Rembrandt und Caspar David Friedrich als Vorbilder nennt, will »Schönheit zeigen« und zum »Heilwerden von Mensch und Schöpfung« beitragen. Und er nimmt kein Blatt vor den Mund, was zu diesem Heilwerden notwendig ist: »Es geht um Umkehr. Wir müssen zurück zu Gott.«

Klimke, 1970 als Sohn eines Kunstmalers in Weimar geboren, übersiedelt 1984 mit seinen Eltern nach Österreich, später nach Crailsheim in Baden-Württemberg. Dort besucht Christophorus Klimke das Gymnasium, will eigentlich Arzt werden und am liebsten später nach Lambaréné in das von Albert Schweitzer gegründete Hospital gehen. Doch eine schwere Krankheit wirft alle Pläne über den Haufen.

Ihre unwiderstehliche Strahlkraft erhalten viele von Christophorus Klimkes Bilder durch die Verwendung von Halbedelsteinen wie dem blauen Lapislazuli oder dem grünen Malachit als Farbpigmente. Zum Beispiel in dem Bild der »Madonna nach Raffael«.

Ihre unwiderstehliche Strahlkraft erhalten viele von Christophorus Klimkes Bilder durch die Verwendung von Halbedelsteinen wie dem blauen Lapislazuli oder dem grünen Malachit als Farbpigmente. Zum Beispiel in dem Bild der »Madonna nach Raffael«.

Trost findet der 19-Jährige in der Bibel, im Glauben an Gott – und in einer neuen Berufsorientierung, ja Berufung, wie er es nennt: Er macht bei seinem Vater eine Ausbildung zum Kunstmaler. Malen, so sagt er, ist für ihn zugleich eine Form der Therapie. Ende 2007 siedelt die Familie nach Ostsachsen, doch 2010 stirbt der Vater. Christophorus Klimke zieht zurück nach Weimar, wird Mitglied im »Kunstverein Hofatelier« im Ortsteil Niedergrunstedt.

Von seinem Vater hat Klimke die heute nur noch selten angewandte Technik des Malens mit Eigelbtemperafarben übernommen. Eine Technik »von innerer Schönheit«, wie er schwärmt. Dazu trägt nicht zuletzt die Verwendung natürlicher Farbpigmente bis hin zu Halbedelsteinen bei, wie sie schon die Meister des Mittelalters benutzen. Während chemisch hergestellt Pigmente immer genau identisch sind, erklärt Klimke, variieren diese natürlichen Mineralstoffe je nach Herkunft im Farbton. Was zugleich »zauberhafte Zwischentöne« ermögliche.

Klimkes derzeitiges Hauptprojekt ist ein dreiteiliges Altarbild. Erste Studien sind fertig, am Ende sollen drei »türgroße Bildtafeln« entstehen. Sein Wunsch ist es, seine religiösen Bilder auch in sakralen Räumen präsentieren zu können. In der Kirche von Oberweimar war kürzlich eine kleine Auswahl zu sehen – und schlug überraschend viele Betrachter in ihren Bann.

Harald Krille

Vertrauen auf Gott macht stark

23. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Kraft und Stärke – Was die Bibel zu diesen wünschenswerten Eigenschaften sagt

»Sei stark!« Muss ich wirklich? Das menschliche Leben heute wie zu biblischen Zeiten ist ein Hin und Her zwischen Erfahrungen der Stärke und der Schwäche.

Jahrelang hatte das Volk Israel in Ägypten Fronarbeit geleistet. Erst als Gott grausame Plagen schickte, ließ der Pharao die Israeliten ziehen. Schnell jedoch bereute er dies und versuchte, die billigen Arbeitskräfte zurückzuholen. Mit Ross und Wagen verfolgte er die Fliehenden, denen der Weg durch das Schilfmeer abgeschnitten zu sein schien. Doch Mose, der Anführer des Volkes Israel, konnte sich auf Gottes Hilfe verlassen. Vor den Verfolgten teilte sich das Wasser, und sie konnten »auf dem Trockenen mitten durch das Meer gehen«. Die ägyptischen Verfolger jedoch sollten bald merken, dass man sich mit Gott besser nicht anlegt. (2. Mose 14)

Simson war ein Mann Gottes. Seine besondere Verbindung zu Gott zeigte sich in seinen langen Haaren, die er nie schneiden ließ. Denn solange seine Haare unangetastet blieben, war ihm seine übermenschliche Stärke sicher. Die Feinde brannten darauf, hinter das Geheimnis seiner Stärke zu kommen. Also stifteten sie Simsons Geliebte Delila an, ihm das Geheimnis zu entlocken. »Sage mir doch, worin deine große Kraft liegt und womit man dich binden muss, um dich zu bezwingen«, bat sie ihn immer wieder. Schließlich wurde Simson schwach. Er verriet ihr das Geheimnis seines Haares und schlief in Delilas Schoß ein. Sie winkte die Feinde herbei, die ihm sein Haar abschnitten, den nun Wehrlosen blendeten und ihn ins Gefängnis warfen. »Da war seine Kraft von ihm gewichen.« (Richter 13-16)

Als Holofernes den Menschen in der Stadt Betulia schon so lange den Weg zu Wasser und Nahrung versperrt hatte, dass sie völlig ausgehungert und verzweifelt waren, fasste Judit einen Entschluss. Die schöne Frau bat ihre Leute, auf die Hilfe Gottes zu vertrauen. Sie kleidete sich besonders hübsch, ging zu Holofernes und verdrehte ihm den Kopf, bis er sie sogar an einem Festmahl teilnehmen ließ. In der Nacht ließ man sie mit Holofernes alleine. Doch der war so betrunken, dass er sofort einschlief. »Und Judit trat vor das Bett und betete im Stillen unter Tränen: Herr, Gott Israels, stärke mich; blick in dieser Stunde gnädig auf das Tun meiner Hände.« Dann hieb sie Holofernes mit seinem eigenen Schwert den Kopf ab. (Judit 13,1 ff.)

Als der Heerführer Joab sich von Feinden umzingelt sah, tat er sich mit seinem Bruder Abischai zusammen und vereinbarte mit ihm: »Wenn mir die Aramäer zu stark werden, so komm mir zu Hilfe; wenn aber die Ammoniter dir zu stark werden, will ich dir helfen.« Gemeinsam gegen die Stärke gegnerischer Heere anzukämpfen kann nützlich sein. Doch nur dann, wenn man auch Gott auf seiner Seite hat: »Die Israeliten taten wiederum, was dem Herrn missfiel«, heißt es an anderer Stelle. Das brachte Gott dazu, nicht das eigene Volk, sondern die feindlichen Moabiter zu stärken. (1. Chronik 19,12, Richter 3,12)

»Der ist nicht stark, der in der Not nicht fest ist«, wissen die Sprüche Salomos. Aber »ein weiser Mann ist stark und ein vernünftiger Mann voller Kraft«. Außerdem ist es nicht immer die äußere Erscheinung, die die Stärke von Menschen und Völkern ausmacht. Der Prophet Jesaja betont: »Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht.« Innere Stärke aus Christus und der Liebe heraus wünscht der Verfasser des Epheserbriefs den Gemeindegliedern: dass Gott »euch Kraft gebe, … stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.« (2. Mose 14, Sprüche 24,5; 10; Jesaja 30,15, Epheser 3,16 f.

Gott stärkt vor allem diejenigen, die sich an ihn halten. Ein Psalmbeter lobt ihn: »Mich machst du stark wie den Wildstier«, und ein anderer: »Du rüstest mich mit Stärke zum Streit; du wirfst unter mich, die sich gegen mich erheben.« Auch König David dankt Gott für die Kraft, die er verleiht: »Reichtum und Ehre kommt von dir, du herrschst über alles. In deiner Hand steht Kraft und Macht, in deiner Hand steht es, jedermann groß und stark zu machen.« (Psalm 18,40; 92,11,1. Chronik 29,12)

Die Bibel hält noch weitere Verse bereit, aus denen Menschen Kraft schöpfen. »Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit«, verspricht Gott den Gläubigen beispielsweise. Ein Psalmbeter ist überzeugt: »Der Herr ist mein Licht und mein Heil; … Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?« Und Paulus betont im Brief an die Philipper: »Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.« (Jesaja 41,10, Psalm 27,1, Philipper 4,13)

Uwe Birnstein

Mach dir bloß keine Sorgen

16. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Sorgen machen das Leben schwer – Wie damit umgehen? Die Bibel weiß Rat

»Sorge dich nicht, lebe!«, empfiehlt ein Bestseller. Die Formulierung ist gut – bessere Empfehlungen als das Buch gibt allerdings die Bibel.

Ganz existenzielle Sorgen waren zu biblischer Zeit noch verbreiteter als heute hierzulande. Man sorgte sich um Nahrung für den nächsten Tag, um die Sicherheit vor feindlichen Übergriffen, aber auch um ein sündenfreies Leben. Wer reich war, sorgte sich natürlich auch um seinen Besitz, was in der Bibel immer wieder kritisiert wird. Jesus fordert dazu auf, das Sorgen einfach einzustellen – Gott werde sich schon um alles kümmern.

Foto: John Gomez – Fotolia.com

Foto: John Gomez – Fotolia.com

Hungersnöte waren oft eine Bedrohung für das Volk Israel. Als einige überlegten, nach Ägypten zu ziehen, weil sie sich dort ein sorgenfreieres Leben erhofften, drohte Gott durch den Propheten Jeremia: Ich habe euch versprochen, dass ich in diesem Land hier für euch sorge, darauf sollt ihr vertrauen. »Werdet ihr euer Angesicht nach Ägyptenland richten, um dorthin zu ziehen und dort zu wohnen, … so soll der Hunger, vor dem ihr euch sorgt, stets hinter euch her sein in Ägypten, und ihr sollt dort sterben.« Auch feindliche Angriffe waren nicht selten. Ein Psalmbeter fragt: »Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele und mich ängsten in meinem Herzen täglich? Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?« (Jeremia 42,15 f., Psalm 13,3)

Sorgen können einen niederdrücken. Jesus Sirach meint sogar: »Sorge macht alt vor der Zeit.« Auch zu Schlafstörungen können Sorgen führen, betont er: »Wenn einer wach liegt und sich sorgt, so kann er nicht einschlafen.« Selbst wer im Leben sonst keinen Grund zur Sorge habe, weil ihm alles zufällt, könne von Sorgen übermannt werden, wenn er an den Tod denke: »Tod, wie bitter bist du, wenn an dich ein Mensch denkt, der gute Tage und genug hat und ohne Sorgen lebt«, seufzt Jesus Sirach. (Sirach 30,26; 41,1)

Sich ständig um alles Mögliche zu sorgen kann dazu führen, dass man den Blick für das Wesentliche verliert. Überflüssig, stellt ein Psalmbeter fest: »Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden« gibt Gott alles, was sie brauchen, »im Schlaf«. Und auch Jesus betont, man solle sich lieber auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist. Als er eines Tages bei Maria und Marta zu Besuch war, war Marta die ganze Zeit damit beschäftigt, den Gast zu bewirten und für sein Wohl zu sorgen, während Maria ihm einfach zuhörte. Da seufzte Jesus: »Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Maria hat das gute Teil erwählt.« (Psalm 127,2, Lukas 10,41 f.)

Reichtum ist vor allem deswegen eine Gefahr für die Menschen, weil auch er dazu führen kann, dass man vor lauter Sorge um den Schutz und die Vermehrung seines Besitzes Gott aus den Augen verliert. Jesus mahnt daher auch: »Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel.« (Sirach 31,1, Matthäus 6,19)

Der Prophet Jeremia beschreibt mit einem eindrücklichen Bild, wie glücklich und sorgenfrei sich der schätzen könne, »dessen Zuversicht der Herr ist«. Wer auf Gott vertraue, heißt es da, sei »wie ein Baum, am Wasser gepflanzt, der seine Wurzeln zum Bach hin streckt«. So jemand brauche sich vor nichts fürchten, denn auch wenn die Sonne vom Himmel brenne, verdorre er nicht, »und er sorgt sich nicht, wenn ein dürres Jahr kommt, sondern bringt ohne Aufhören Früchte.« (Jeremia 17,7 f.)

Auch Jesus fordert dazu auf, sich nicht ständig um morgen zu sorgen. Niemand könne sein Leben dadurch verlängern, dass er sich darum sorge, was er morgen anziehen oder was er essen werde. Man brauche sich nur die Blumen oder die Vögel ansehen, betont er. Sie sehen schön aus und finden auch ohne Sorgen genug Nahrung, schließlich sorge Gott ja für sie. Wer sich Gott zuwende, dem werde »alles zufallen«. (Matthäus 6,25 ff.)

Auch Paulus machte sich Gedanken um das Thema Sorgen. Immer wieder betont er, dass Familien- und Gemeindeglieder füreinander da sein und sich umeinander kümmern sollen. Allerdings dürfe auch diese Sorge für andere nicht den Blick für Gott verstellen. Aus diesem Grund hält er sogar das ehelose Leben für sinnvoll. Denn »wer verheiratet ist, der sorgt sich um die Dinge der Welt, wie er der Frau gefalle, und so ist er geteilten Herzens«. Wer unverheiratet ist, »sorgt sich um die Sache des Herrn, wie er dem Herrn gefalle«. (1. Korinther 7,32 f.)

Uwe Birnstein

Verlockend und gut zu essen

1. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Früchte in der Bibel: Sie sind Zeichen des Segens, Sinnbild für Schönheit aber auch Objekt der Versuchung

Der Spätsommer ist die Zeit vieler Früchte. Äpfel und Birnen, Himbeeren, Brombeeren und Holunder werden reif. Verlockende Früchte spielten aber auch schon in der Bibel eine wichtige Rolle.

Dem ersten Schöpfungsbericht zufolge schuf Gott die fruchttragenden Bäume am dritten Tag. Da nahm sich Gott vor, Gräser und Kräuter sprießen zu lassen, die sich über Samen vermehren. Auch Bäume lässt Gott entstehen; bei ihnen ist der Same in Früchten verborgen. Am Ende des Tages war Gott zufrieden mit seinem floralen Werk: »Und Gott sah, dass es gut war«.

(1. Mose 1, 12)

Die wohl bekannteste Frucht der Bibel ist die Frucht vom Baum der Erkenntnis: »Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, … und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.« (1. Mose 2,9) Den Menschen verbot er, von den Früchten dieses Baumes zu essen. Eines Tages sagte eine Schlange zu Eva: Ihr werdet nicht sterben, wenn ihr vom Baum der Erkenntnis esst, »sondern ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist«. Ein Apfel, wie vielfach angenommen, war die verhängnisvolle Frucht übrigens nicht. In der Erzählung ist lediglich von einer Frucht die Rede: »Und sie nahm von der Frucht und aß …«

(1. Mose 3,6)

Früchte wie Feigen, Datteln und Trauben waren wichtige Nahrungsmittel. Ohne sie würde die Erde zum unfruchtbaren Jammertal. Der Prophet Joel mahnte seine Mitmenschen daher, wachsam und gottesfürchtig zu bleiben. Denn sollte eines Tages eine Zeit kommen, in der »der Weinstock verdorrt ist und der Feigenbaum verwelkt, auch die Granatbäume, Palmbäume und Apfelbäume, ja, alle Bäume auf dem Felde … So ist die Freude der Menschen zum Jammer geworden.«

(Joel 1,12)

Im Hohelied werden Früchte zu poetischen Bildern, mit denen sich zwei Liebende gegenseitig beschreiben. Da sprüht es nur so von Vergleichen, die die erotischen Fantasien der Leser und Leserinnen anregen. »Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Jünglingen. Unter seinem Schatten zu sitzen begehre ich, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß«, dichtet die Frau. (Hoheslied 2,3) Und ihr Freund erwidert: »Dein Wuchs ist hoch wie ein Palmbaum, deine Brüste gleichen den Weintrauben. Ich will auf den Palmbaum steigen und seine Zweige ergreifen. Lass deine Brüste sein wie Trauben am Weinstock und den Duft deines Atems wie Äpfel …«

(Hoheslied 7,8-9)

Foto: mythja – Fotolia.com

Foto: mythja – Fotolia.com

Früchte bereiteten nicht nur den Verliebten Freude. Der Prophet Sacharja spricht von einer Zeit, in der Gott den Menschen die Sündenlast abnehmen werde, und betont: »Zu derselben Zeit … wird einer den andern einladen unter den Weinstock und unter den Feigenbaum.« (Sacharja 3,10) Jeder, der es sich leisten konnte, mit seinen Nachbarn gesellig unter Feigenbäumen zusammenzusitzen, konnte sich reich und glücklich schätzen. Denn diese Bäume liefern gleich zweimal im Jahr leckere Früchte.

Obwohl sich Jesus gegen das Fluchen aussprach, fluchte auch er gelegentlich. Eine merkwürdige Überlieferung berichtet davon, dass einer seiner Flüche einen Feigenbaum traf. Und das nur, weil er keine Früchte trug als Jesus welche essen wollte. Als ihn der Hunger plagte, sah er einen Feigenbaum, »ging hin und fand nichts daran als Blätter und sprach zu ihm: Nun wachse auf dir niemals mehr Frucht! Und der Feigenbaum verdorrte sogleich.«

(Matthäus 21,19)

Zusammen mit dem Baum der Erkenntnis stand der Baum des Lebens einst mitten im Paradies. Um zu verhindern, dass die Menschen auch von seinen Früchten aßen, versperrte Gott den Weg zurück in den Garten Eden. Im himmlischen Jerusalem aber werden sie von seinen Früchten essen können, dort wird es viele Lebensbäume voller Früchte geben, verspricht das letzte Buch der Bibel. Dort wird ein »Strom lebendigen Wassers« fließen, »klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes«. Die Bäume des Lebens, die dort wachsen, tragen in jedem Monat Früchte. Und wie eine Rücknahme der Verfluchung des Feigenbaums durch Jesus klingt der Zusatz: »Es wird nichts Verfluchtes mehr sein.«

(Offenbarung 22,ff.)

Uwe Birnstein

Bibelworte zu Herzen nehmen

27. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Schweizer Pfarrer und Informatikstudent entwickelt Bibel-App

Der Schweizer Pfarrer Peter Schafflützel hat eine App zum Auswendiglernen der Bibel entwickelt. Fast eine Million Mal wurde das Programm des Theologen, der Informatik an der FernUniversität Hagen studiert, schon heruntergeladen.

So richtig ernst wurde es im Ski-Urlaub: Tagsüber sauste der Schweizer Pfarrer Peter Schafflützel mit seinen beiden Jungen und seiner Frau die Pisten rund um Morschach im Kanton Schwyz herunter. Abends tüftelte der Informatikstudent der Fern-Universität Hagen an seinem großen Projekt: einer App zum Auswendiglernen von Bibeltexten. »Da habe ich mir im Bett den Kopf zerbrochen, meine Familie war schon lange eingeschlummert.« Den kombinierten Ski- und Erfinderurlaub verbrachte Schafflützel vor mehr als vier Jahren. »Fertig ist die App natürlich noch nicht«, sagt Schafflützel, sein Lachen ist ansteckend. »Da kann man immer etwas verbessern«, erläutert der 41-Jährige.

Großen Zuspruch findet die Bibel-App des Schweizer Theologen. Foto: epd-bild

Großen Zuspruch findet die Bibel-App des Schweizer Theologen. Foto: epd-bild

Doch ein großer Erfolg ist die App schon jetzt: Inzwischen wurde sie fast eine Million Mal heruntergeladen: in Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Russisch, Chinesisch, Schwedisch und sogar in Koreanisch. »Die App ist für Jung und Alt, für jeden, der die Bibel besser kennenlernen will«, sagt der reformierte Theologe, der sich in Fischenthal im Zürcher Oberland eine Pfarrerstelle mit seiner Frau teilt. »Doch habe ich mit diesem großen Interesse an der App nicht gerechnet.«
Wo liegt der Schlüssel zum Erfolg der Bibel-App? Es ist wohl die Benutzerfreundlichkeit.

Das Lernprogramm »Remember Me« basiert auf der Idee des Zettelkastensystems. Nutzer können auf virtuellen Lernkarten Bibelverse lesen und auswendig lernen. Dabei werden die Texte in die Kategorien »Neu«, »Fällig« und »Erinnert« unterteilt. »Eine Vorlesefunktion, Puzzles und andere Spiele sollen zusätzlich helfen, um mit dem Text vertraut zu werden«, sagt Schafflützel.

Wie aber entstand die Idee? »Ich wollte mir Bibelworte durch Auswendiglernen zu Herzen nehmen. Damit Gott auch durch diese Worte zu mir sprechen kann«, so der Pfarrer. Es sei ihm wichtiger, immer wieder mal einen gelernten Vers zu meditieren und dabei auf Gott zu hören. Zuerst lernte er die Bibeltexte mit Karteikarten, ganz altmodisch. Doch da die Informatik eine große irdische Leidenschaft des Geistlichen ist, war die Entwicklung der Bibel-App folgerichtig der nächste Schritt.

Schnell fand er ein Motto für sein Projekt – natürlich aus der Bibel: »Ich behalte dein Wort in meinem Herzen«, Psalm 119, Vers 11. Vor vier Jahren konnte der Pfarrer eine erste Version ins Netz stellen. »Die Reaktionen einiger User waren teilweise vernichtend«, räumt er ohne Umschweife ein. »Andere jedoch wollten helfen und schlugen sehr gute Weiterentwicklungen vor.« Profitiert hat Schafflützel auch von seinem Informatikstudium in Hagen. »Ich habe das Studium zunächst aufgenommen, um von meinem Alltag abzuschalten«, macht der Theologe klar. An einen Abschluss dachte er anfangs nicht. Jetzt aber peilt der Eidgenosse seinen Bachelor an – Anfang nächsten Jahres könnte es soweit sein.

Und wann kommt das nächste religiöse IT-Projekt? »Eigentlich habe ich noch kein neues Projekt in der Pipeline«, meint der Pfarrer. »Eine Idee wäre eine App für Gebete«, sagt er dann, nur um die Idee schnell wieder zu verwerfen. »Eine Gebete-App gibt es ja schon.« Doch der Schweizer kann sich mit seinem Lieblingsbuch selbst zu neuen Taten motivieren: der Bibel.
So heißt es im Matthäusevangelium, Kapitel 7: »Und wer da sucht, der findet.«

Jan Dirk Herbermann (epd)

www.remem.me

Die Bibel – einfach erzählt

18. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Die Zwillingsbrüder Hans-Jörg und Roland Rosenstock haben gemeinsam ein Buch geschrieben

Sie sind Zwillingsbrüder, beide Theologen, der eine Gemeindepfarrer, der andere Professor: Hans-Jörg und Roland Rosenstock. Gemeinsam haben Sie ein Buch geschrieben, eine Anleitung zum Lesen der Bibel. Das Gespräch mit den Brüdern führte Sabine Kuschel

Hans-Jörg und Roland Rosenstock, was war für Sie der Anlass, gemeinsam ein Buch zu schreiben?
Hans-Jörg Rosenstock:
Wenn ich als Pfarrer von einem Gemeindemitglied nach einer Einführung in die Bibel gefragt wurde, geriet ich in Verlegenheit. Die Bücher, die ich dazu kenne, sind fachtheologisch oder zu umfangreich geschrieben. Ich hatte darum schon länger die Idee zu einem leicht verständlichen kleinen Buch.

Roland Rosenstock: Ich gebe seit einigen Jahren Kurse für Lehrerinnen und Lehrer, die an evangelischen Schulen tätig sind. Dabei treffe ich auf viele, die den christlichen Glauben nicht mehr kennen. Für sie habe ich Module entwickelt, zu denen die Kerntexte der Bibel gehören. Aus dieser Erfahrung in der Weiterbildung sind die Texte erwachsen, die in unserem Buch von meiner Seite eingeflossen sind.

Was sind Ihre Lieblingsgeschichten in der Bibel?
Hans-Jörg: I
ch liebe das Buch Hiob sehr. Das ist ganz große Literatur. Ein Theaterstück von tiefer Weisheit und Auseinandersetzung mit dem Leben. Deswegen war mir auch wichtig, dass wir dem Buch Hiob ein ganzes Kapitel widmen.

Roland: Das Hohe Lied der Liebe im Alten Testament gehört zu meinen Lieblingstexten in der doppelten existenziellen Form, der Liebe zwischen Mann und Frau und der zwischen Gott und Mensch. Ich finde es schade, dass über das Hohe Lied der Liebe so wenig gepredigt wird. Die große Spannweite der alttestamentlichen Texte wird in den Gottesdiensten heute kaum noch berücksichtigt. Dabei haben die Geschichten des Alten Testaments eine große narrative Kraft. Darum legen wir einen Schwerpunkt auf das Alte Testament.

Es ist schwer, die Bibel wie ein Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen …
Hans-Jörg:
Auf jeden Fall. Ich habe dafür ein ganzes Jahr gebraucht und bin manchmal verzweifelt. Die Bibel ist kein Buch, das von vorne nach hinten geschrieben wurde, sondern eine Textsammlung entstanden über tausend Jahre. Es sind sehr wertvolle Texte, die Menschen für ihr Leben viel bedeutet haben, ihnen heilig gewesen sind, und darum weitergegeben wurden. Diese Texte wurden für die Bibel nach Formen geordnet. Da sind die Geschichtsbücher, die Psalmen, die Weisheiten, die Prophetenbücher, die Evangelien, die Briefe. Es ist wichtig, diese Formen zu verstehen.

Roland: Die Texte, die in Kinderbibeln vorkommen oder im Kindergottesdienst erzählt werden, stehen häufig so nicht in der Bibel. Das ist ein Problem, denn wer dann anfängt, die Bibel zu lesen, sieht auch die anderen Texte, in denen uns beispielsweise Gewalt begegnet. Gott wird als jemand dargestellt, der zerstören, der zornig sein kann. Es geht auch um ein spezifisches Mann-Frau-Verhältnis. Auf diese Texte bereiten wir in der christlichen Erziehung zu wenig vor.

Eine Herausforderung für Leserinnen und Leser ist es auch, zu verstehen, dass viele biblische Schriften ursprünglich mündlich erzählt wurden. Sie wurden zunächst nicht schriftlich verfasst, sie wurden dann erst aufgeschrieben als die Gefahr bestand, dass sie verloren gehen. Deshalb haben wir Übersetzungen ausgewählt, die diesen erzählenden Charakter betonen, wie die von Walter Jens. Wir müssen den Menschen wieder diese erzählende Sprache nahebringen.

Jede Zeit hat ihre eigenen Herausforderungen und so sprechen auch biblische Texte unterschiedlich in die Situation hinein. Bestimmte Texte werden in einer bestimmten Zeit besser verstanden als zu anderen Zeiten.
Hans-Jörg:
Wir leben in einer Zeit, die von Unsicherheiten und von großen sozialen Gegensätzen geprägt ist, sodass im Moment die prophetischen Texte und die Hoffnungstexte stärker zu den Menschen sprechen. Da ist das große Thema »soziale Gerechtigkeit« in der Bibel, von der wir gerade in Deutschland noch eine Menge lernen können.

Computerspiele und Spielfilme sind von apokalyptischen Motiven durchdrungen; es war eine spannende Herausforderung für uns, auf die Apokalypse in unserem Buch näher einzugehen.

Roland: Nehmen Sie die Aussage: »Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen« aus Psalm 18. Heute würde dieser Vers keinen Konfirmanden ansprechen, vor der Wende war das anders. Damals war das sozusagen ein sehr aktueller prophetischer Text. Viele Menschen bei uns in Ostdeutschland haben den Eindruck, Religion hat eine Relevanz für ihr Leben, sie wissen nur noch nicht genau welche. Diese Menschen möchten wir hineinnehmen in die Wirklichkeit der Bibel, ohne sie zu überfordern.

Es ist eine Kunst, biblische Geschichten leicht verständlich rüberzubringen. Ihrem Buch gelingt das. Es ist in einer einfachen Sprache geschrieben.
Roland:
Wir verzichten komplett auf Fremdwörter. Daher könnte der Eindruck entstehen, es bliebe weit hinter der Komplexität heutiger Exegese zurück. Aber hinter unserem Buch steht ein konkreter wissenschaftlicher Ansatz, den wir im kommentierten Buchregister erklären. Ich glaube, wir brauchen ein Gefühl dafür, wie Menschen ihre eigene Religiosität entwickeln können. Ich vergleiche das immer mit der Musik. Wenn ich selber kein Instrument spiele, kenne ich mich in dieser Welt nicht aus. Aber wenn mich jemand behutsam heranführt, mich mit in ein Konzert nimmt, mir einiges erklärt, dann komme ich in eine Wirklichkeit hinein, die mich existenziell betrifft und mir etwas eröffnet, was es vorher für mich nicht gab. So ist es auch mit dem Glauben. Dafür ist das Buch ein Erstzugang. Dann braucht es Menschen, die weiter mit den Betreffenden biblische Texte lesen. Dabei ist nicht die Anzahl der Texte oder die intellektuelle Durchdringung das Entscheidende, sondern die Frage, ob eine Geschichte für mein Leben eine Bedeutung hat, sich mein Leben in diesen Geschichten deutet.

Hans-Jörg: Wir wollten das Buch in einer einfachen und klaren Sprache schreiben. Um das zu erreichen haben wir in einem ganz eigenen Arbeitsschritt die Texte sprachlich überarbeitet. Es gab Korrekturleserinnen aus unterschiedlichen Bildungsgruppen. Ihre Vorschläge haben wir gerne aufgenommen.

Wie kommt es, dass Sie beide Theologie studiert haben?
Hans-Jörg:
Der frühe Tod unserer Mutter spielte bestimmt eine wichtige Rolle. Unser Vater, der von Beruf Schriftsetzermeister war, vermittelte uns einen christlichen Glauben, der auch durch Krisen hindurchträgt. In den Familien unserer Eltern gab es übrigens keine Theologen, wir sind die ersten, die einen akademischen Abschluss erwerben konnten.

Roland: Die evangelische Jugendarbeit hat uns beide lange geprägt. Hier gab es den Freiraum, selbst etwas auszuprobieren und wir trafen auf Menschen, die ihren christlichen Glauben überzeugend gelebt haben. Hier haben wir auch das erste Mal gelernt, biblische Geschichte lebendig zu erzählen.

Rosenstock, Jörg/Rosenstock, Roland: Wie lese ich die Bibel? Neugier genügt, Luther-Verlag, 136 S., ISBN 978-3-7858-0639-5, 10,90 Euro

Wenn Gott im Schlaf zu uns spricht

30. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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In der Bibel spielen Träume eine große Rolle, auch heute können sie Botschaften Gottes übermitteln

Gut geschlafen? Oder wieder einmal nur wirres Zeug geträumt? Träume können widerspiegeln, was uns beschäftigt, Lösungen für Probleme andeuten. Und sie sind eine Sprache Gottes.

Gut, dass Josef und auch die drei Weisen aus dem Morgenland ihren Träumen getraut haben. In der Bibel spielen Träume eine wichtige Rolle. Zum Beispiel bei Jakob und seinem Traum von der Himmelsleiter (1. Mose 28,10-22). Oder bei Josef. Seine eigenen Träume halfen ihm und noch mehr seine Gabe, die Träume anderer zu deuten (1. Mose 37; 40; 41). Petrus und Paulus erfahren durch Träume, dass sie ihre Mission auf die ganze Menschheit ausweiten sollen (Apostelgeschichte 10, 9 ff; 18, 9+10).

Lange Zeit, Jahrhunderte lang, haben Träume keine wichtige Rolle mehr gespielt. Das änderte sich, als die Psychologie vor über 100 Jahren die Träume wieder entdeckt hat. Allen voran der Psychoanalytiker Sigmund Freud. Er nennt Träume den »königlichen Weg« zum Unbewussten. Seitdem spielen Träume in den verschiedenen psychotherapeutischen Richtungen eine wichtige Rolle. Auch in der Seelsorge gewinnen sie wieder mehr Bedeutung.

Der Benediktinermönch Anselm Grün wie auch der Psychotherapeut Uwe Böschemeyer sehen in Träumen einen Weg, Gott zu hören. Im Mönchtum werden drei Bereiche genannt, auf die ein Mensch achten sollte, wenn er Gott begegnen will: Gedanken und Gefühle, Leib und Träume.

Nach jüdischem Verständnis ist die Nacht der Raum des Schweigens. Da kann Gott zu den Menschen sprechen, der eigene Wille ist ausgeschaltet. Die moderne Traumforschung bestätigt das. Träume entstehen im Unterbewussten, der Mensch hat keinen Einfluss darauf.

Anselm Grün betont, Träume seien ein Weg, wie Gott sprechen kann. Einer von vielen. Aber doch ein Weg Gottes. »Im Gebet sind wir oft zu aktiv«, so Grün. Im Traum ist diese Aktivität ausgeschaltet. Dann kann Gott auf diese Weise zeigen, was dran ist, welche Schritte weiterführen. Träume sind ein Ort der Orientierung und der Selbsterkenntnis.

»Träume sind Wahrheitsfinder«, drückt es Uwe Böschemeyer aus. Er unterscheidet zwei Gruppen von Traumbildern: Die erste Gruppe beinhaltet Erinnerungen an das gelebte Leben, reale Erinnerungen ebenso wie Empfindungen. Zur zweiten Gruppe gehören »Urbilder« der Seele, die zum Allgemeingut der Menschheit gehören. »Ein Mensch, der seine Träume versteht, versteht mehr von sich selbst«, so Böschemeyer. Träume können zeigen, was ihn an einem gelingenden Leben hindert. Sie können Lösungen für Probleme andeuten. Es gibt viele Argumente dafür, sich mit den eigenen Träumen auseinanderzusetzen und zu versuchen, sie zu verstehen.

Viele Bücher wollen die Traumsymbole deuten. Das Problem dabei: Sie berücksichtigen nie das eigene Erleben des Träumenden. Daher warnen sowohl Grün als auch Böschemeyer vor der Traumauslegung durch Traumsymbole. »Den Traum wirklich deuten kann nur der Träumende selbst«, sagt Anselm Grün. Übrigens: Längst nicht jeder Traum enthält eine Botschaft. Viele Träume dienen der Verarbeitung und sind morgens nur noch verschwommen in Erinnerung, wenn überhaupt. Wenn allerdings Träume immer wiederkommen oder jemanden lange beschäftigen, sollte man sich damit auseinandersetzen. Dabei gibt es die Grundregel, sich zuerst zu fragen: Was sagt der Traum über meinen Alltag aus? Über Menschen, über meine Situation, mein Berufsleben? Außerdem hat alles, was im Traum auftaucht, etwas mit der eigenen Person zu tun. Hilfreiche Fragen können sein: Welcher Eindruck ist mir noch besonders vor Augen? Kommt mir ein Ort darin bekannt vor? Welche Inhalte spiegelt er wider? Welches Grundgefühl hatte ich im Traum? Weist mich der Traum auf etwas hin, was ich schon geahnt habe? Wozu fordert mich der Traum heraus?

Manchmal ist es hilfreich, den Traum jemandem zu erzählen oder ihn sogar auslegen zu lassen. Aber: Es sei empfehlenswert, Träume nur von Menschen auslegen zu lassen, die Gott nahe sind, empfiehlt Anselm Grün. Als Beispiel in der Bibel nennt er Josef, der die Träume des Pharao auslegt. Grün weist außerdem darauf hin, dass es keine schlechten Träume gibt. »Jeder Traum fordert mich auf, genau hinzuschauen, was Gott mir damit sagen will.« Im Gebet können wir Gott darum bitten, dass wir verstehen, was der Traum uns sagen will.

Träume sollte man nicht überbewerten. Dennoch haben sie ihre Bedeutung. Sie sind einer von vielen Wegen, wie Gott spricht.

Karin Ilgenfritz

Grün, Anselm: Träume auf dem geistlichen Weg, Vier-Türme-Verlag, 84 S., ISBN 978-3-87868-383-4, 9,95 Euro
Böschemeyer, Uwe: Die Sprache der Träume, Ellert & Richter Verlag, 56 S., ISBN 978-3-8319-0034-3, 4,95 Euro.

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