Das Bild des »ersten neuen Mannes«

22. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Mehr als ein Statist an der Krippe von Bethlehem: Zum Fest des heiligen Josef am 19. März

Innerhalb der »Heiligen Familie« hält er die undankbarste Rolle besetzt, in der Bibel führt er ein Schattendasein und in der Kirche wurde er erst im neunten Jahrhundert einigermaßen populär: Josef. In künstlerischen wie bäuerlichen Krippendarstellungen wirkt er oft wie ein Statist. Lukas Cranach etwa malte ihn auf seinem 1509 entstandenen Fürstenaltar (Torgauer Altar) neben der heiligen Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Jesusknaben als Beiwerk im Hintergrund – schlafend.

Familienbild: Großmutter, Mutter und Kind – »Anna selbdritt« nennt man in der christlichen Kunst das Motiv, welches die heilige Anna (rechts im Bild) mit ihrer Tochter Maria und dem Jesusknaben zeigt. Im Hintergrund der ­schlafende Josef. Repro: Archiv

Familienbild: Großmutter, Mutter und Kind – »Anna selbdritt« nennt man in der christlichen Kunst das Motiv, welches die heilige Anna (rechts im Bild) mit ihrer Tochter Maria und dem Jesusknaben zeigt. Im Hintergrund der ­schlafende Josef. Repro: Archiv

Die Zurückhaltung vieler Künstler und Krippenbauer entspricht allerdings exakt der sparsamen biblischen Überlieferung. Josef ist keine interessante Gestalt für die Evangelien. Wir finden nichts über die Familienstrukturen im Haus zu Nazaret, kein Psychogramm seiner Beziehung zu Maria, zum Sohn. Nur die knappe – wiewohl tiefsinnige – Auskunft, er sei »fromm« gewesen (Matthaus 1,19). Kein Wort darüber, was er bei der gefährlichen Wanderung mit der hochschwangeren Maria nach Bethlehem empfand und bei der Geburt seines Sohnes im elenden Stall. Kein Wort über seine Gefühle, als die Familie im Schutz der Dunkelheit nach Ägypten fliehen musste.

Eine leise Andeutung allenfalls zwölf Jahre später, als der kleine Jesus im Jerusalemer Festtrubel verloren ging und im Tempel wieder auftauchte, altklug mit den Schriftgelehrten diskutierend. »Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht«, hielt ihm Maria vor (Lukas 2,48). Es ist das letzte Mal, dass Josef in den Evangelien erwähnt wird. Bei der Hochzeit zu Kana, als Jesus ins Licht der Öffentlichkeit tritt, ist er offenbar bereits Halbwaise.

Der schlafende Held im Hintergrund

Josef, der Mann im Hintergrund. Stets verfügbar, schweigend, klaglos seine Pflicht erfüllend. Josef, der typische gläubige Jude, der auf den Messias wartet und auf Gott horcht. Nie lesen wir davon, dass er seine Abstammung aus dem Geschlecht des Königs David hervorkehrte, aus dem einst der Messias kommen sollte. Dabei hätte ihn sein armseliges Handwerkerleben leicht verführen können, sich in die verflossene Herrlichkeit des Davidsreiches wegzuträumen und die triste Wirklichkeit hinter der Fassade eitler Selbstüberschätzung verschwinden zu lassen.

Josef war ja bestimmt kein ehrengeachteter Schreinermeister oder Kleinunternehmer, wie wir uns das gern vorstellen. Zum einen hatte das Zimmererhandwerk im Orient ein sehr schlechtes Prestige, zum andern konnte im kleinen Nazaret wohl kaum ein spezialisierter Schreiner existieren. Josef wird sich mit einer Reihe handwerklicher Arbeiten und ein paar Schafen oder Rindern mühsam fortgebracht haben. Vermutlich hat er Wiegen und Särge gezimmert, Hacken, Rechen und Milchkübel zurechtgehämmert, Türen eingehängt und wurmstichige Pflüge gerichtet.

In der Geschichte Gottes mit den Menschen kommt dem kleinen Sargtischler und Gerätereparateur freilich eine überragende Bedeutung zu. ­Gemeinsam mit Maria geht er den ­Menschen auf dem Pilgerweg des Glaubens voran. Weil er aber aus seiner Rolle kein Drama macht, darum spricht sein stilles Leben eine unüberhörbare Sprache. Er tut, was notwendig ist, ohne viel zu reden und sich selbst zu bespiegeln. Er ist stark im Glauben, weil er ein waches Ohr für Gott hat und zupackt, wenn von ihm verlangt wird, zu handeln.

Respekt vor dem schlichten Alltag lässt sich von Josef lernen und der Mut, einfach seine Pflicht zu erfüllen und sich nicht in fruchtlose Träume von jenem »eigentlichen« Leben zu flüchten, das erst richtig Sinn machen würde – und natürlich unerreichbar ist.

Und noch eine zeitlose Botschaft enthält dieses scheinbar spurlos vorübergegangene Leben: Worauf es in der Partnerschaft zwischen Frau und Mann wirklich ankommt, ist die »Einheit der Herzen« (Augustinus). Oberflächlichen Betrachtern mag die Beziehung zwischen Maria und Josef als unglückliche Konstruktion erschienen sein. Wie peinlich für den vom Schicksal nicht gerade verwöhnten Davidsspross, als publik wurde, dass seine Verlobte schwanger war, ohne dass er eine Ahnung davon hatte!

Aber Josef war ein »Gerechter«, und die sind immer auch barmherzig. Statt also groß empört zu tun, beschloss er sich in aller Stille von Maria zu trennen (zwei Zeugen mussten ­dabei sein, denn die Verlobung galt nach damaligem Recht schon als ­Eheschließung), um sie nicht bloßzustellen. Wenn die Bibel Recht hat, kam es dann anders. Der Engel Gottes veranlasste Josef, Maria als seine Frau zu sich zu nehmen und ihrem Kind Vater zu sein.

Bereits am Anfang also schonende, behutsame Liebe statt des gekränkten Stolzes, den man eigentlich erwartet hätte. Es ist ein anderes Verhältnis zur Frau, als es die Geschichte der patriarchalischen Welt bis heute bestimmt: partnerschaftlich, respektvoll, lernfähig. Josef will nicht besitzen, sondern beschützen (was unter heutigen Bedingungen freilich als Anmaßung und schlecht bemänteltes Beherrschenwollen verdächtigt würde). Er will sich nicht bedienen lassen, sondern ein Leben begleiten.

Vor diesem Hintergrund gab ein unangepasster Pionier wie der Breslauer katholische Theologieprofessor und Volksschriftsteller Joseph Wittig (1926 wurde er exkommuniziert) Josef den Ehrennamen des »ersten neuen Mannes«. Wittig über das »Ehe-Elend unserer Tage«: Nur der Geist Gottes habe das Recht auf einen Menschen, »kein Mensch kann einen anderen Menschen zu Eigen und Besitz machen«.

Breitenwirkung musste solchen Einsichten allerdings versagt bleiben. Zumindest solange das blasse Ideal einer »Josefsehe«, das ­Zusammenleben unter Verzicht auf jeden sexuellen Kontakt, wie es die ­katholische Lehre im Blick auf das Verhältnis von Maria und Josef festschreibt, als Voraussetzung dafür angesehen wurde.

Vom Tollpatsch zum Beschützer der Kirche

In der Ostkirche, vor allem in Ägypten, wurde Josef schon früh verehrt und besungen: »Freue dich, du gerechter Josef, und lobe den Herrn. Freue dich, denn das Leben liegt an deiner Brust!« Im Westen hingegen wird er anfangs an den Rand gedrängt; er erscheint als unbequeme Figur, als Bedrohung für den Gottessohnmythos. Erst um 850 wird er im Martyrologium des Inselklosters Reichenau erwähnt, und von da ab fördern die Franziskaner und charismatische Reformer wie Bernhard von Clairvaux oder Teresa von Avila kräftig seinen Kult.

Bezeichnend, wie sich das Image des heiligen Josef in der bildenden Kunst und in den mittelalterlichen Weihnachtsspielen wandelt. Dort tritt er anfangs als tollpatschiger, seniler Hahnrei auf, zum Gaudium des Publikums: Im Stall von Bethlehem niest er so ungeschickt, dass er das Licht auslöscht, er lässt den Brei für das ­Jesuskind anbrennen und will ihm aus ­seinen durchlöcherten Hosen eine Windel machen.

Was allerdings schon die Vorstufe für eine erheblich sympathischere Rolle auf Altarbildern und Buchillustrationen des Spätmittelalters ist: Hier gibt Josef den fürsorglichen Familienvater, der Feuer macht, ein Süpplein kocht und das Badewasser für das Knäblein vorbereitet. Später, zur Zeit der Gegenreformation, sind es unter anderem die Habsburgerkaiser, die Josef zu ihrem Hausheiligen machen und zu einem himmlischen Vorbild für ihr leutselig-patriarchalisches Herrschaftsverständnis.

Der Tag des heiligen Josefs am 19. März wird in der katholischen Kirche als Hochfest »des Beschützers der ganzen Kirche« gefeiert. Auch in der evangelischen wie anglikanischen Kirche gilt der 19. März als Gedenktag an Josef.

Christian Feldmann

Wo alles begann

24. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Frau berührt den Stern in der Geburtsgrotte unter der Geburtskirche in Bethlehem. Er trägt die Inschrift »Hic de ­Virgine Maria Jesus Christus natus est« - »Hier wurde von der Jungfrau Maria Jesus Christus geboren«.	Foto: epd-bild/Kobi Wolf.

Eine Frau berührt den Stern in der Geburtsgrotte unter der Geburtskirche in Bethlehem. Er trägt die Inschrift »Hic de ­Virgine Maria Jesus Christus natus est« - »Hier wurde von der Jungfrau Maria Jesus Christus geboren«. Foto: epd-bild/Kobi Wolf.


 

Bethlehem: Hier soll nach der Tradition in einer als Stall genutzten Grotte Maria den Heiland geboren haben.


 
Wo sie steht, soll sich einst die Geburt des Friedefürsten ereignet haben. Doch bis heute geht es in und um die Geburtskirche in Bethlehem mitunter alles andere als friedlich zu.

 
Im vierten Jahrhundert nach Christus machte die byzantinische Königinmutter Helena eine Reise ins Heilige Land und lokalisierte dabei die meisten traditionellen Heiligen Stätten – so etwa den Berg Sinai, die Grabeskirche und die Geburtsgrotte Jesu. Zwischen 327 und 333 ließ Kaiser Konstantin eine erste Basilika bauen. Als im 7. Jahrhundert die Perser alle Kirchen des Landes dem Erdboden gleichmachten, blieb die Geburtskirche verschont. Der persische Kommandeur soll von einem Fresko der Drei Weisen aus dem Morgenland so beeindruckt gewesen sein, dass er das christliche Gotteshaus stehen ließ: Die drei Magier waren persisch gekleidet.
 
Bis in die jüngste Zeit hinein hat die Geburtskirche eine bewegte Geschichte und ist Gegenstand des Streites christlicher Konfessionen. Mitte des 19. Jahrhunderts war sie einer der Hauptgründe dafür, dass die Franzosen in den Krimkrieg gegen Russland einstiegen. Auch während der israelisch-palästinensischen Auseinandersetzungen wurde sie immer wieder Schauplatz von Kämpfen. Im Frühjahr 2002 verschanzte sich eine Gruppe militanter Palästinenser in dem Gebäude und wurde von der israelischen Armee belagert.
 
Die heutige, im fünften Jahrhundert errichtete Kirche, gehört zu den wenigen vollständig erhaltenen Bauten aus der frühen Christenheit und hat für viele Menschen eine geradezu mystische Ausstrahlung. Selbst muslimische Frauen kommen, stecken ihre Finger in kreuzförmige Löcher einer der uralten Säulen und bitten um Fruchtbarkeit. Palästinensische Christen bringen ihre Neugeborenen an den Geburtsort des Herrn. Sie versprechen sich davon einen besonderen Segen.
 
Zankapfel der Politik und der Konfessionen

Zu Weihnachten geht es in Bethlehem hoch her. Am späten Vormittag des 24. Dezember wird der lateinische Patriarch, der seinen Sitz in Jerusalem hat, von Bevölkerung und Geistlichkeit Bethlehems pompös vor der Geburtskirche empfangen. Aus der katholischen Katharinenkirche, direkt neben der orthodoxen Basilika gelegen, wird am Heiligabend die Christvesper weltweit im Fernsehen übertragen.
 
Nachdem der Moslem Jasser Arafat zum Weihnachtsfest 1995 an diesen Festivitäten teilgenommen hatte, erlebten sie eine zunehmende Politisierung. Zu Ehren des PLO-Vorsitzenden wurde damals ein Modell des Felsendoms auf dem Dach der Geburtskirche platziert, was Beobachter als Demonstration der Herrschaft des Islam über die heiligste christliche Stätte ­interpretierten. Erstmals in der Geschichte der Geburtskirche hing eine Nationalflagge, die palästinensische, an der Kirchenmauer – was weder unter den Türken, noch unter Briten, Jordaniern oder Israelis jemals der Fall gewesen war.
 
Auch ohne Weltpolitik bietet das Areal genug Zündstoff für Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen christlichen Denominationen, die Anspruch auf die Geburtsgrotte Jesu erheben. Besonders zu Festzeiten wird jeder Tritt einer Prozession, die genaue Länge von Gottesdienstzeiten, jeder Besenstrich eines Mönchs beim Hausputz vor dem Fest, mit eisernem Ernst durchfochten. Deshalb haben die britischen Kolonialherren 1929 jede Einzelheit im sogenannten »Status quo« schriftlich dokumentiert, nachdem dieser 1856 in Paris festgelegt und auf dem Berliner Kongress 1878 und im Vertrag von Versailles 1919 noch einmal bestätigt worden war.
 
Zwar konnten die römischen Katholiken (Lateiner) mit Dokumenten aus dem 17. und 18. Jahrhundert
ihre uralten Ansprüche »beweisen«. Durchgesetzt haben sich aber die ­Orthodoxen, die heute das alleinige Recht besitzen, im Hauptschiff der kreuzförmigen Kirche Prozessionen abhalten zu dürfen. Die Armenier, die im nördlichen Querschiff sitzen, dürfen das Hauptschiff nur auf dem Weg in ihren Bereich durchqueren. Und die Lateiner, die den Krippenaltar in der Grotte besitzen, haben nur Durchgangsrechte vom Haupteingang zum Eingang ihres Konvents, und von ihrer Kirche in einer geraden Linie durch das nördliche Querschiff zur Nordtür der Grotte.
 
Sie dürfen keinerlei religiöse Zeremonien in der Basilika durchführen und dürfen dort auch nicht putzen. Die eifrigen Nachfolger des Friedefürsten kämpfen um jeden Quadratzentimeter, um jedes Quäntchen Staub, um jedes Jota Rechtsanspruch. Was zuweilen bis zu blutigen Schlägereien führt. Die Staatsmacht wird in solchen Fällen zur Schlichtung gerufen. Vor einigen Jahren war das noch die israelische Militärregierung, heute ist es die Palästinensische Autonomiebehörde.
 
Die westliche Christenheit kümmert der kleinliche Streit um den Geburtsort Jesu nur wenig. Sie feiert Weihnachten am 24. Dezember – und am Abend dieses Tages sind die Lateiner Alleindarsteller in der Geburtskirche. Die evangelischen Lutheraner haben ihre Weihnachtskirche Luftlinie ein paar Hundert Meter entfernt auf der anderen Seite der Altstadt von Bethlehem und erheben keinen Besitzanspruch auf den angeblich originalen Geburtsort Jesu. Und die orthodoxen Ostkirchen feiern das Christfest erst am 6. Januar.
 
Der wichtige Großputz, beim dem jeder Besenstrich ein Akt von weltpolitischer Bedeutung ist, weil es weniger um Sauberkeit als um Besitzansprüche geht, ist ein Streitpunkt ­zwischen Gläubigen der Ostkirchen. Auch er findet erst im Januar statt, wenn für die Westkirche das Weihnachtsfest schon längst im Rummel von Silvester und Jahreswechsel verklungen ist.
 
Johannes Gerloff