Die Beziehung zu Gott pflegen

15. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Spiritualität im Alltag (3): Beten – Für das Gespräch mit Gott gibt es viele Formen

Eine dreiteilige Beitragsserie beschäftigt sich damit, wie wir Christen unseren Glauben im Alltag prakti­zieren können. Abschließend geht es ums Beten.

betende_haendeMuss ich beten, wenn ich Christ sein will?«, fragte ich als Zehnjährige die Katechetin. Ich wollte von Gott geliebt werden, aber ich hatte keine Lust, religiöse Pflichtübungen zu erfüllen. »Du musst überhaupt nichts«, antwortete die Katechetin gut evangelisch-lutherisch. Doch ihre Antwort befriedigte mich nicht. Ich spürte: Es geht nicht um eine Pflichtübung. An Gott glauben heißt, eine Beziehung zu ihm zu haben, mit ihm zu leben, ihm zu vertrauen – trotz ­allen Misstrauens. Eine solche Beziehung braucht Pflege. Sie sucht das Gespräch. Das begriff ich je länger je mehr.

»Gott will uns … locken«, schreibt Martin Luther im Kleinen Katechismus, »damit wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.« (Erklärung zum Vaterunser) Gott selbst sucht das Gespräch mit uns. Therese von Lisieux (1873–1897) vergleicht das Gebet mit einer Königin, »die immer freien Zutritt zum König hat und alles erlangt, worum sie bittet. Es ist durchaus nicht nötig, ein schönes, für den entsprechenden Fall formuliertes Gebet aus einem Buch zu lesen … Ich sage Gott ganz einfach, was ich ihm sagen will, ohne schöne Worte zu machen, und er versteht mich. Für mich ist das Gebet ein einfacher Blick zum Himmel, ein Ruf der Dankbarkeit und der Liebe, aus der Mitte der Mühsal wie aus der Mitte der Freude. Es ist ­etwas Großes, dass mir die Seele weitet und mich mit Jesus vereint.«

Doch was ist, wenn Gott unsere Bitten nicht erhört? Die Kommunikation zwischen ihm und uns gestaltet sich oft schwierig. Auf viele unserer Gebete reagiert er anders als erhofft.

Das ist gut so! Denn es gehört zu ­einer lebendigen Beziehung, dass der Partner eigene Vorstellungen hat. Da hilft nur eines: sich üben im Hören aufeinander. Das Hörproblem liegt nicht bei Gott, sondern bei uns. Deshalb beginnt das Beten damit, innezuhalten und aufmerksam zu werden für Gottes Gegenwart. Gott, ich danke dir, dass du da bist. Oder auch: Gott, wo bist du? Ohne Worte kann das geschehen. Es ist eine Lebenshaltung. Je mehr wir uns üben, achtsam zu werden für Gottes Nähe, desto leichter werden wir mit ihm ins Gespräch kommen.

Wer regelmäßig bestimmte Zeiten dem Gebet widmet, kann auch leichter spontan beten. Rituale geben unserem Beten Halt und Struktur. Was wir häufig wiederholen, prägt sich tief ein und wird zu einer kleinen persönlichen Liturgie. Die hilft, wenn das ­Beten schwerfällt.

Für das Gespräch mit Gott gibt es viele Formen. Die eine ist nicht besser als die andere. Jede hilft auf ihre Weise, die Beziehung zu Gott zu gestalten. Ein Lied beispielsweise kann meine Liebe zu Gott oft besser ausdrücken als ein frei formuliertes ­Gebet. Die alltäglichen Freuden und Lasten dagegen bringe ich so zu Gott, wie es mir gerade in den Sinn kommt. Für andere Menschen erbitte ich seine Hilfe, indem ich ihm ihre Namen nenne oder eine Kerze für sie anzünde. Er weiß am besten, was gut für sie ist. Das hindert mich allerdings nicht, ihn auch um konkrete Dinge zu bitten.

Psalmen wiederum schenken mir Worte des Staunens über Gottes Größe und führen zur Anbetung. Ohne sie würde mein Gebet vertrocknen. Wenn mir jedoch eine Not die Sprache verschlägt, wenn ich vor Kummer nicht weiß, was ich sagen soll, dann finde ich in den Psalmen Worte der Klage. Diese alten Gebete sind so gefüllt mit menschlichen Erfahrungen, dass ich mich selbst und andere darin bergen kann. Sie nehmen sogar die Anliegen der vielen Menschen auf, die nicht beten können. Das Beten mit Psalmworten wird zu einem Dienst für die Welt.

Oft weiß ich nicht, was ich beten soll. Dann helfen geformte Gebete, allen voran das Vaterunser. Es verbindet mich mit Jesus und zugleich mit der ganzen Christengemeinde. Inniges Vertrauen zu Gott dem Vater und die Weite seines Reiches, meine Sorgen um das Alltägliche und die Befreiung von der Macht des Bösen – das ganze Leben in Zeit und Ewigkeit kommt in diesen kurzen Worten vor. Alles ist gesagt, Gott sei Dank!

Es braucht nicht viele Worte. Es braucht vor allem liebende Aufmerksamkeit: Gott, wie willst du mir heute begegnen? Was willst du mir ­sagen?

Solches Beten führt ins Schweigen. Einfach bei Gott sein und wissen: Es ist gut, mit ihm zusammen zu sein. Ich öffne mich für ihn, so weit ich kann – im Rhythmus des Atmens: du in mir, ich in dir. So nehme ich seine Güte in mich auf, so strömt sie durch mich zu den anderen Menschen. So weitet sich der Raum seiner Gegenwart. So wächst die Kraft seines Segens in unserer Welt.


Brigitte Seifert

Die Autorin ist promovierte Theologin und Pfarrerin am Haus der Stille im Evangelischen Zentrum Kloster Drübeck.