Hauptsache es gibt eine »schöne Leich«

21. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Das »Wiener Blut« und der Tod – Kurioses und Nachdenkliches im Bestattungsmuseum der Donaustadt

Letzte Ruhestätte für Fußballfans: Die Urne in Form des runden Leders kam ­anlässlich der Fußball-EM 2008 auf den Markt.	Foto: Ulrich Traub

Letzte Ruhestätte für Fußballfans: Die Urne in Form des runden Leders kam ­anlässlich der Fußball-EM 2008 auf den Markt. Foto: Ulrich Traub


»Bei uns liegen Sie richtig!« So begrüßt Wittigo Keller seine Gäste im Wiener ­Bestattungsmuseum, das in seiner Art durchaus ­einzig­artig ist.

Das jährliche Probeliegen in ­einem Sarg stoße immer auf großes Interesse, erfährt der verblüffte Besucher. Es scheint noch etwas dran zu sein am besonderen Verhältnis der Wiener zum Tod. 1967 wurde das Museum als weltweit erstes seiner Art gegründet. Und es ist ein Unikum geblieben. Das garantiert Wittigo Keller, Ethnologe und Designer, der sich seit einem Vierteljahrhundert der Sammlung und ihrer ­Vermittlung verschrieben hat.

Rund Tausend Exponate zeigt das Museum – von einer Leichendroschke über Postkartenserien, die zu besonderen Begräbnissen gedruckt wurden, bis zu Galauniformen von Sargträgern und Kutschern. Es gibt historische Dokumente, dazu Bibeln, Kreuze und Madonnenstatuen, Sargverzierungen und Urnen, von denen das wie ein Fußball geformte Modell ins Auge fällt. »Sie wurde zur Europa-Meisterschaft 2008 auf den Markt gebracht«, erklärt der Museumschef.

Im Zentrum der Ausstellung steht das Phänomen der »schönen Leich«, womit kein gut aussehender Dahingeschiedener gemeint ist, sondern eine pompöse Bestattungszeremonie. »Dafür nahmen sich die Wiener gerne einen Tag frei«, schmunzelt Keller – wobei nicht von Angehörigen, sondern von Schaulustigen die Rede ist. Zeitungsannoncen belegen, dass Fensterplätze zu Höchstpreisen vermietet wurden: ein todsicheres Geschäft. Der Trauerzug wurde als gesellschaftliches Ereignis angesehen. Für weniger Betuchte gab es Fachgeschäfte, in denen man seine Trauerkleidung, in der man schließlich nicht zweimal gesehen werden wollte, leihen konnte.

Im Wien der Monarchie, erzählt Wittigo Keller, sei der Tod ­all­gegenwärtig gewesen. »Aufwendige Feierlichkeiten waren eine Spezialität der Habsburger.« Aber im späteren 19. Jahrhundert gehörte die »schöne Leich« dann auch zum Selbstverständnis des Bürgertums. Häufig wurde ein ganzes Leben für diese letzte Etappe gespart. Hinter der Inszenierung stand, laut Keller, ein ganz und gar weltlicher Wunsch: »Bitte behaltet mich in guter Erinnerung.«

Als Zeremonienmeister des Spektakels fungierten die »Pompfüneberer«. Diese Bezeichnung haben die Wiener dem Französischen entlehnt. Pompes Funèbres ist ein Bestattungsunternehmen. »Heute spricht man von Ritualbestattern«, so der Wissenschaftler. »Die Wiener setzten sich nicht mit dem Tod auseinander, sondern mit der Art ihrer Bestattung.« Das Begräbnis diente zur Unterstreichung des sozialen Status. »Das ist in anderen Kulturen nicht so«, resümiert er.

Da kann es nicht verwundern, dass der Klappsarg nur kurz zum Einsatz gekommen ist. Ende des 18. Jahrhunderts sorgte der reformerisch veranlagte Kaiser Josef II. mit diesem Modell für einen Aufschrei in der Bevölkerung. Eine schnöde Kiste als Durchgangsstation, die nur dazu diente, die Dahingeschiedenen in die Grube plumpsen zu lassen. Sind nicht vor dem Tod alle gleich? Mag sein, aber mit Ausnahme der Wiener. Der Kaiser musste sein Dekret zurücknehmen.

Auch andere Exponate sind kurios: Ein Wecker, dessen Schnur vom Handgelenk des Verstorbenen bis ins Zimmer des Totengräbers reichte, sollte im Fall der Fälle eine schnelle Rettung ermöglichen. »Die Scheintod-Hysterie grassierte seinerzeit«, erläutert Wittigo Keller. Und weil das so war, gab es für Persönlichkeiten, die lieber auf Nummer sicher gehen wollten, das doppelschneidige Herzstichmesser. Da ging selbst der stärkste Scheintod k. o.

Ein Modell der schwarzen Leichenstraßenbahn, die zeitweise in Wien durch die Gassen ratterte und Särge zum Zentralfriedhof transportierte, sorgt für ungläubiges Staunen. Und wer glaubt, dass auf den Fotos aus der Mitte des 19. Jahrhunderts Lebende zu sehen sind, täuscht sich. Zu dieser Zeit blühte die Totenfotografie. Leichen wurden ins Studio verfrachtet, wo sie in voller Montur ins rechte Licht gerückt wurden. Der Museumschef klärt auf: »Da hier niemand gewackelt hat, bereiteten die langen Belichtungszeiten auch kein Problem mehr.«

Sogar die Kleinsten wurden mit der »schönen Leich« vertraut gemacht – zum Beispiel mit einem Ausschneidebogen zum Bemalen, der einen stattlichen Trauerzug zeigt. Auch Wittigo Keller ist mit einem von ihm entworfenen Sitzsarg, der eine Gemäldevorlage des Surrealisten René Magritte aufgreift, im Museum vertreten. Bestattet wurde noch niemand darin – selbst in Wien nicht.

www.bestattungsmuseum.at

Ulrich Traub