Das gelobte Land?

17. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Junge Israeli haben die Auswanderung nach Deutschland entdeckt, so scheint es.

Gut 70 Jahre nach dem Holocaust leben Schätzungen zufolge rund 20 000 zugewanderte Israeli im Land der Täter. »Israeli kommen wegen der Uni, dem Beruf oder der Liebe nach Deutschland«, sagt Adi Hagin. Bei der Wirtschaftsjournalistin war es Letzteres. Sie lernte einen Deutschen kennen und zog nach zwei Jahren Fernbeziehung vor drei Jahren aus Tel Aviv nach Frankfurt am Main.

Die junge Frau war schon als Kind mit der Familie nach Deutschland gereist und hatte beruflich in Berlin zu tun. »Ich fühle mich hier willkommen«, sagt sie. Kulturell fühlt sie sich nahe, da ihre Vorfahren als »Aschkenasim« aus Europa stammten. Mit der Familie ihres Mannes gebe es keinerlei Pro­bleme, da sie und ihr Mann säkular eingestellt seien. Ganz praktisch spreche für Deutschland: »In Israel wäre eine säkulare Heirat nicht möglich.«

»Ich bin nicht religiös, das Jüdischsein ist meine kulturelle Herkunft«, sagt Hagin. Kontakt zur jüdischen Gemeinde pflegt sie daher nicht: »Ich fühle mich einem israelischen Araber näher als einem in Deutschland aufgewachsenen Juden.« Allerdings fragt sie sich, wie sie später ihren Kindern erklären soll, dass die Vorfahren des Vaters Täter und die der Mutter deren Opfer waren.

»Morcolade«: Der Israeli Mordechai Barak (37) in seinem Café in Frankfurt am Main. Foto: epd-bild

»Morcolade«: Der Israeli Mordechai Barak (37) in seinem Café in Frankfurt am Main. Foto: epd-bild

In Israel hat Hagin nach eigenen Worten an gewaltfreien Protestaktionen gegen die Besetzung palästinensischer Gebiete teilgenommen. Mit ihrer Heimat geht sie hart ins Gericht: »Ich könnte wegen des Rassismus gegen Nichtjuden jetzt nicht in Israel leben.« Dennoch hält sie fest: »Tel Aviv wird immer meine Heimat sein.«

Hagin sei durchaus typisch für die Israeli, die in den vergangenen Jahren in die Bundesrepublik eingewandert sind, sagt die Wuppertaler Sozialwissenschaftlerin Dani Kranz. Sie hat anhand von 800 Befragungen und demografischen Daten eine Studie darüber erstellt. Die große Mehrheit sei jünger als 40, habe einen Hochschulabschluss, sei säkular eingestellt, politisch »moderat bis links« und habe europäische Vorfahren. Gut die Hälfte habe Vorfahren, die den Holocaust erlebt und überlebt hätten. 30 Prozent seien Nachkommen deutscher Juden.

Das am häufigsten in Kranz’ Studie genannte Motiv für eine Einwanderung nach Deutschland sind die Berufsmöglichkeiten, gefolgt von Entdeckerlust und Interesse an deutscher Kultur. An dritter Stelle nennen die Befragten die Bildungsmöglichkeiten. Entsprechend stehe bei den Gründen für die Auswanderung aus Israel die negative Einschätzung der beruflichen Entwicklung ganz oben. Ihr folgen die Unzufriedenheit über den Einfluss der Religion auf das Privatleben in Israel sowie über die politische Situation und Unsicherheit.

Der Zuzug aus Israel ist nach Kranz’ Untersuchungen vor allem seit 2009 steil nach oben gegangen. Bei den begehrten Städten lag Stand Ende 2015 Berlin mit 6 900 israelischen Einwanderern vorn, gefolgt von München mit 1 500 und Frankfurt mit 1 200. Mehr als 80 Prozent der Befragten gaben an, dass es für sie nicht schwer sei, in Deutschland zu leben, trotz des Wissens, dass während der NS-Diktatur sechs Millionen Juden ermordet wurden. Viele hätten deutsche Freunde, mehr als die Hälfte der verheirateten Israeli sei mit Deutschen verheiratet.

Allerdings berichtet auch ein Fünftel der Befragten von Erfahrungen mit Antisemitismus – häufig in Bezug auf israelfeindliche Einstellungen. Die israelischen Migranten säßen in Israel wie in Deutschland politisch zwischen den Stühlen, erläutert Kranz. In Israel fühlten sie sich als säkulare Linke heimatlos. In Deutschland unterstütze die Rechte die von den Migranten meist abgelehnte, rechtsnationalistische israelische Regierung, während die deutsche Linke die eingewanderten Israeli wegen der Politik der israelischen Regierung angreife.

Mordechai Barak kam als Kommunikationswissenschaftler vor neun Jahren nach Frankfurt, um eine Stelle bei einer Fluggesellschaft anzutreten. An Deutschland gefallen ihm Wetter und Mentalität: »In Israel ist es nicht nur heißer, auch schneller und hektischer – in Deutschland geht es ruhiger zu.« Vor eineinhalb Jahren stieg Barak beruflich um: »Ich machte meinen Traum wahr.« Er eröffnete in Frankfurt ein Café mit angeschlossener Bäckerei. Den Namen setzte er aus seinem Spitznamen und Schokolade zusammen: Café Morcolade. Ein Café trage zu seinem Wunsch nach Weltfrieden bei, ist Barak überzeugt: »Schokolade und Kuchen entspannen Körper und Geist.« In seinem Café gibt es deutschen Kuchen und israelische gefüllte Teigtaschen oder süße Hörnchen. Der Kundenzulauf belohnt seine Fusion der Kulturen, inzwischen bestellt auch ein anderes Café seine Leckereien. Mordechai Barak hat inzwischen einen deutschen und einen israelischen Pass – und feiert die deutschen und israelischen Feste gleichermaßen.

Jens Bayer-Gimm (epd)

Wahlergebnis alarmiert jüdische Gemeinden
Der sächsische Landesverband der Jüdischen Gemeinden warnt nach der Bundestagswahl vor einem »Ruck nach rechtsaußen«. Es sollte »Konsens aller Demokraten werden, dass scheinbar unbekümmerte Zugriffe auf das geistige Reservoir der verhängnisvollen Nazivergangenheit kein Teil einer Lösung für Probleme sein dürfen«, heißt es in einer Erklärung des Präsidiums des Landesverbandes. Es sei »höchste Zeit, gemeinsam aktiv zu werden«.

Die jüdischen Gemeinden hätten »in den vergangenen Jahren nicht nur einmal davor gewarnt, dass Fremdenhass, nationalistische und rassistische Parolen sowie Rückgriffe auf nationalsozialistische Sprachelemente« nicht überhört oder kleingeredet werden dürften, heißt es weiter. Dies seien »Anzeichen von gesellschaftlichen Veränderungen und Polarisierungen«, auf die Politiker, demokra­tische Parteien und die Zivilgesellschaft reagieren müssten.

Zugleich sieht das Präsidium die Notwendigkeit, »die Ursachen für die Unzufriedenheit so vieler Bürger zu ergründen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und nach Lösungen für deren Probleme zu suchen«. Dass in vielen Wahlkreisen in Sachsen die AfD die meisten Stimmen erhielt, sei für die jüdische Gemeinschaft »äußerst alarmierend«. (epd)

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Der Glaube führt zusammen

Elinor und Christian haben sich auf einem Kirchentag kennengelernt und ineinander verliebt

Was wäre ein Kirchentag ohne seine Helfer? Heutzutage wäre er kaum noch möglich. Die Helferkultur hat sich zu einem selbstständigen Teil des Geschehens samt Strukturen entwickelt. Die Ehrenamtlichen wirken von der Organisation über Bewachung, Bewirtung, Verkauf, Beratung bis zu Einweisungs- und Ordnerdiensten in allen Bereichen mit. Sie übernachten mit Isomatte und Schlafsack in Turnhallen und Gemeinschaftsunterkünften und haben bei Gesprächen und Konzerten selbst viel Spaß.

Seit dem Kirchentag 1981 in Hamburg gibt es die fleißigen Unterstützer in der heutigen Ordnung, meist jung und aus der ganzen Republik kommend. Etwa 8 000 sorgten in Berlin mit dafür, dass alles möglichst pannen- und sorgenfrei für Besucher und Akteure läuft. Unter ihnen sind auch Christian Fuß (23) aus Flensburg und Elinor Unger (27) aus Leipzig. Zum ersten Mal werden die beiden gemeinsam reisen, obwohl das bis vor wenigen Tagen aus beruflichen Gründen für Elinor Unger noch auf der Kippe stand. Nun hat die junge Frau erfolgreich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um sich nach der Meldefrist doch noch einzuschreiben und mit Christian zusammen zum Einsatz zu kommen.

Es ist bereits der dritte Evangelische Kirchentag, den die beiden als Helfer unterstützen, doch ein ganz besonderer für die zwei. Sie kommen als Paar, denn sie haben sich auf dem letzten Kirchentag 2015 in Stuttgart kennen- und lieben gelernt. Da waren beide in derselben Schule untergebracht, rollten ihre Schlafmatten zwischen den Freunden aus, mit denen sie gekommen waren. Elinor Unger arbeitete tagsüber im Kirchentagsshop, während Christian Fuß einer Kirche zugeteilt war und dort für Einlasskontrollen, Auf- und Umbauten für diverse Konzerte verantwortlich war.

Elinor Unger und Christian Fuß. Foto: privat

Elinor Unger und Christian Fuß. Foto: privat

Abends in den Unterkünften trafen die Helfer beim Essen und gemeinsamen Gesprächen aufeinander. Man redete über Gott und die Welt und die beiden fielen einander auf. Nach einem Konzert der »Wise Guys« hat es zwischen ihnen gefunkt. Sie stellten auch fest, dass sie sich beim vorhergehenden Kirchentag in Hamburg 2013 nur um Haaresbreite »verpasst« hatten: Beide waren bei der Instrumentenaufbewahrung in derselben Halle eingesetzt, jedoch nicht in der gleichen Schicht. Eine Episode, über die sie heute herzlich lachen müssen. Kann es sein, dass sie sich schon damals nähergekommen wären?

Nach dem Stuttgarter Kirchentag blieben die beiden in Kontakt, »mit Hindernissen«, wie Elinor Unger lachend nachschiebt: »Ich chattete gerade mit einer Freundin, als sich Christian dazwischendrängelte und um meine Telefonnummer bat. Da habe ich spontan ›Nein‹ geschrieben.« Das hat sie dann schnell zurückgenommen und es bis heute nicht bereut.

Zwei Wochen später fuhr Christian Fuß von Flensburg, wo der gebürtige Stader Schiffsmechaniker ein Ingenieurstudium macht, nach Leipzig. Dort lebt und arbeitet die aus Berlin stammende Elinor, die zurzeit in Chemnitz ein Meisterstudium für Konditoren absolviert. Seit zwei Jahren führen sie eine »Fernbeziehung«, kommunizieren möglichst oft, besuchen sich und verleben den Urlaub gemeinsam. Im Sommer, wenn er sein Studium beendet hat, will der junge Mann nach Leipzig ziehen. Die Wohnung sei groß genug, und seine Freundin hat zu dieser Zeit noch ein Dreivierteljahr bis zu ihrem Abschluss.

Christian wird dann zur See fahren, anderthalb bis zwei Monate unterwegs sein und danach genauso lange bei ihr in Leipzig. Ein Problem für Elinor Unger? »Lange Trennung haben wir jetzt, ich freue mich auf die langen gemeinsamen Zeiten«, sagt sie hoffnungsvoll. Das geht ihm nicht anders.

Der Kirchentag in Berlin hieß für das Paar: zusammenkommen, zusammen sein, zusammen abreisen – und dazwischen Wichtiges tun, Schönes er­leben, Spaß haben.

Andrea von Fournier

Du bist ein Gott, der mich sieht. (1. Mose 16, Vers 13 b)  Kirchentag auf dem Weg in Weimar: »Gnadenlos chic. Kostümerie und Mode« Foto: Sabine Kuschel

Du bist ein Gott, der mich sieht. (1. Mose 16, Vers 13 b) Kirchentag auf dem Weg in Weimar: »Gnadenlos chic. Kostümerie und Mode« Foto: Sabine Kuschel


Lebensgefährliche Ferien

8. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Internationaler Frauentag – ein Anlass, die lebensbedrohliche Praxis der Genitalverstümmelung ins Bewusstsein zu rücken, unter der weltweit rund 200 Millionen Mädchen und Frauen leiden; auch in Deutschland sind sie nicht sicher.

Shadia aus dem Sudan gehört zu der wachsenden Zahl von Frauen in der Bundesrepublik, die Opfer einer Genitalverstümmelung wurden. In ihrem Heimatland wurde die 52-Jährige als junge Frau so beschnitten, dass sie seither ständige Schmerzen beim Wasserlassen hatte, von der Menstruation oder Sex ganz zu schweigen. 2015 kam sie nach Deutschland und fand Hilfe bei »Dr. Conny«.

Cornelia Strunz ist Ärztin am Desert Flower Center in Berlin, das beschnittenen Frauen sowohl medizinische Hilfe als auch psychosoziale Unterstützung bietet. »Der Fokus liegt nicht auf der Operation, auch wenn diese dann vielleicht nötig ist«, sagt Strunz. »Neben Beratung und Therapie gibt es auch eine Selbsthilfegruppe, in der die Frauen Rückhalt und Mut gewinnen.«

Und Mut ist nötig. »Die Genitalverstümmelung ist oft ein Tabuthema«, sagt Strunz. »Die meisten Frauen reden nicht darüber, dass sie zu uns kommen. Sie wollen nicht, dass jemand davon erfährt.« Einfacher wird es, wenn die Opfer die Rückendeckung ihres Mannes haben, der ihr Leid einschätzen kann und den Gang zum Arzt mitträgt. Shadia hatte dieses Glück.

Nach Schätzungen der Menschenrechtsorganisation »Terre des Femmes« leben in Deutschland mehr als 48 000 Opfer weiblicher Genitalverstümmelung – Tendenz steigend. Im Vergleich zu 2014 gebe es eine Zunahme von 37 Prozent, erklärt Fachreferentin Charlotte Weil. Das sei vor allem auf verstärkte Migration aus Ländern wie Somalia und Eritrea zurückzuführen, wo diese Art der Beschneidung besonders häufig vorkommt.

Kinder einer Schulklasse in Linkiring im Süden des Senegal malen auf Kalebassen ihre Erlebnisse bei Genitalverstümmelungen. Die Mädchen zeichnen blutige Messer und Scheren, ein Junge malt ein weinendes Mädchen mit blutigem Unterleib. Die Genitalverstümmelung ist im Senegal seit 1999 verboten. Dennoch unterliegt immer noch schätzungsweise ein Viertel der Mädchen der grausamen Praxis. Foto: epd-bild/Alexander Gonschior

Kinder einer Schulklasse in Linkiring im Süden des Senegal malen auf Kalebassen ihre Erlebnisse bei Genitalverstümmelungen. Die Mädchen zeichnen blutige Messer und Scheren, ein Junge malt ein weinendes Mädchen mit blutigem Unterleib. Die Genitalverstümmelung ist im Senegal seit 1999 verboten. Dennoch unterliegt immer noch schätzungsweise ein Viertel der Mädchen der grausamen Praxis. Foto: epd-bild/Alexander Gonschior

Rund 200 Millionen Frauen und Mädchen weltweit sind an ihren Genitalien verstümmelt, die Praxis ist in etwa 30 afrikanischen Ländern verbreitet. Außerhalb Afrikas wird der Eingriff auch in arabischen Ländern wie Oman und dem Jemen sowie in einigen asiatischen Ländern wie Indonesien oder Malaysia vorgenommen.

Doch auch in Deutschland sind Mädchen aus den entsprechenden Gemeinschaften nicht sicher. Mehr als 9 300 Mädchen seien hierzulande in Gefahr, dem lebensgefährlichen Eingriff unterworfen zu werden, sagt Weil. Immer wieder gebe es sogenannte Ferienbeschneidungen: »Sie fliegen in den Sommerferien mit der Tochter oder Enkelin in die Heimat und kommen mit einem verstümmelten Kind zurück.« Auch Beschneiderinnen in Paris oder Amsterdam bieten ihre Dienste an.

Im Kampf gegen die Verstümmelung setzt »Terre des Femmes« vor allem auf Aufklärung über die dramatischen Folgen. Projekte, bei denen Schlüsselpersonen als Multiplikatorinnen gewonnen werden, zeigen durchaus Erfolge. »Wir bekommen Rückmeldung, dass es eine Öffnung bei diesem Tabuthema gibt«, sagt Weil. »Und wir hören von Frauen, die nun ganz klar sagen: Ich wusste das alles nicht. Meine Tochter wird auf keinen Fall beschnitten!«

Großer Bedarf besteht nach Angaben von »Terre des Femmes« nach wie vor bei der Ausbildung von Fachpersonal. Nicht nur medizinische Experten und Sozialarbeiter müssten besser geschult werden, sondern auch Päda­gogen »Damit Erzieher und Lehrer rechtzeitig eingreifen können, um die Mädchen zu schützen.«

Silvia Vogt  (epd)

Für wen sind die Kirchentage gedacht?

13. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Interview: Im Mai finden in acht Städten Mitteldeutschlands die Kirchentage auf dem Weg statt. Benjamin Lassiwe sprach dazu mit dem Marketingchef des Trägervereins
für das Reformationsjubiläum, Christof Vetter.

Herr Vetter, wann sind die Kirchentage auf dem Weg eigentlich ein Erfolg?
Vetter:
Ich glaube, da muss man unterscheiden – zwischen dem inhaltlichen Erfolg und dem Zahlenerfolg. Der inhaltliche Erfolg wird dann eintreten, wenn wir es schaffen – und die Programme sehen so aus, als könnten wir das schaffen –, für die Region Mitteldeutschland Impulse zu setzen. Für die Menschen, die dort leben und für die Menschen, die dort bleiben, wenn wir wieder weg sind.

Und was ist mit dem Erfolg in Zahlen?
Vetter:
Wir haben Planzahlen, die insgesamt, für alle Kirchentage auf dem Weg, bei 80 000, der Größenordnung eines Kirchentags, liegen. Ob wir diese Planzahlen erreichen, ist eine kritische Frage, die man im Endeffekt erst danach beantworten kann.

Es wird Menschen geben, die sagen, zum Berliner Kirchentag gehe ich nicht – der ist mir zu groß. Für diese Menschen sind die Kirchentage auf dem Weg genau das Richtige. Kleiner, überschaubarer, intimer. Dazu kommen die Besucher aus der Region: Bei den letzten Kirchentagen in Dresden und in Stuttgart kamen unglaublich viele Menschen aus der unmittelbaren Umgebung.

Wofür lohnt es sich, eine Eintrittskarte zu kaufen? Viele Veranstaltungen finden doch im Freien statt?
Vetter:
Die Eintrittskarte lohnt sich zunächst mal unter dem Aspekt der Ehrlichkeit. Auch ein Kirchentag kostet Geld. Mit der Eintrittskarte trägt man sein Scherflein zum Gelingen der Veranstaltung bei. In den geschlossenen Räumen wird es, wie bei jedem anderen Kirchentag auch, Einlasskontrollen geben – die Open-Air-Veranstaltungen werden aber, wie bei jedem Kirchentag üblich, kostenfrei besuchbar sein. Wir freuen uns ja auch über Menschen, die nur eine Stunde oder eine halbe Stunde dabei sein können.

Und: Es gilt die traditionelle Kirchentagsregel – wer sich eine Eintrittskarte wirklich nicht leisten kann, kann sich beim Teilnehmendenservice melden, und dann finden wir eine Lösung.

Die Programme sind bei den Kirchentagen auf dem Weg unterschiedlich umfangreich. In Leipzig findet fast ein eigener Kirchentag statt. In kleineren Orten, wie Halle oder Dessau, wird es da nicht schwierig mit der Resonanz?
Vetter:
Ich glaube nicht, dass es in Dessau schwierig wird. Dort ist die anhaltische Landeskirche zu Hause – und diese Kirche ist wieder einmal hoch motiviert.

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Und Leipzig war ja schon Gastgeber für einen normalen Kirchentag und einen Katholikentag im letzten Jahr: Dort gibt es eine besondere Tradition – und in diesem Jahr noch einen besonderen Anreiz. Menschen, die miteinander Posaune, Trompete oder Tuba spielen, und im Festgottesdienst am 28. Mai in Wittenberg spielen, können sich dort schon einmal treffen und ein Konzert geben. Das ist natürlich ein Höhepunkt, den andere Städte nicht bieten können.Aber jeder Kirchentag hat ein eigenes, regional vorbereitetes Programm – und deswegen unterscheiden sich die Programme vor Ort auch.

Was ist aus Ihrer Sicht der Höhepunkt? Worauf freuen Sie sich am meisten?
Vetter:
Der Höhepunkt ist natürlich der große Festgottesdienst in Wittenberg, wo die Besucher aus Berlin, von den Kirchentagen auf dem Weg und aus ganz Ostdeutschland zusammenkommen werden. Denn Wittenberg liegt gar nicht so weit weg, wie man immer denkt.

Von Braunschweig oder Hannover ist das eine normale Tagesreise. Da kann man früh morgens losfahren und zum Gottesdienst in Wittenberg dabei sein.

Faszinierend finde ich die öffentliche Darstellung der »Lichtgeschichte der Reformation« in Leipzig, das Theater auf der Elbe in Magdeburg, es gibt da ganz vieles …

Wer steckt denn eigentlich hinter dem Verein für das Reformationsjubiläum?
Vetter:
Das ist ganz einfach zu erklären: Hinter dem Trägerverein stecken der Deutsche Evangelische Kirchentag und der Rat der EKD. Beide haben den Verein gegründet. Heute gibt es dort knapp 100 hauptamtliche Mitarbeiter.

Manche machen gern Großveranstaltungen, andere lieben den Kirchentag und wieder andere haben Lust, bei etwas ganz Großem dabei zu sein.Und dann sind da die 180 Volunteers – die jungen Freiwilligen, die mit uns leben und arbeiten. Und die sind ganz stark dabei, die bringen ganz viele kreative Ideen mit ins Spiel.

Sprechen wir über den Festgottesdienst. Da gab es immer wieder einmal die Frage nach dem Sicherheitskonzept – wie steht es darum?
Vetter:
Da sind wir derzeit wenige Wochen vor der Fertigstellung. Es gibt einen klar definierten und mit den Behörden des Landes Sachsen-Anhalt, des Landkreises Wittenberg, der Stadt und den Bundesbehörden abgesprochenen Zeitrahmen.

Es war klar, es muss bis Ende Februar ein Organisationskonzept vorliegen. Dann wird man es mit den Behörden, mit denen man das entwickelt hat, noch einmal genau anschauen. Und dann werden wir die entscheidenden Teile, die die Menschen wirklich betreffen, auch in angemessener Form bekanntgeben und kommunizieren, sodass jeder, der vom Kirchentag auf dem Weg zum Abschlussgottesdienst kommt, der einen Tagesausflug dorthin macht oder der in Wittenberg selbst lebt, rechtzeitig erfährt, wie es für ihn ganz persönlich funktioniert.

www.r2017.org

Das digitale Erbe von Verstorbenen

20. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Wenn ein Mensch stirbt, hinterlässt er viele Spuren im Netz: Vom Facebook-Profil über das iTunes-Abo bis zum Online-Konto. Die Hinterbliebenen müssen sich auch um den digitalen Nachlass kümmern. Immer mehr Unternehmen bieten dafür ihre Dienste an.

Nach der Beerdigung ihres Bruders fühlte sich Juliane Berger (Name geändert) wie ein Hacker. Ihr Bruder, 33 Jahre alt und Vater von zwei Kindern, kam im Februar 2015 bei einem Autounfall ums Leben. Sein Tod traf alle unvorbereitet. Schnell war klar: Juliane würde den digitalen Nachlass verwalten. Digitaler Nachlass, das bedeutet: Facebook-Profil, Abonnement beim Online-Dating oder offene Versteigerungen bei eBay. Alles eben, was ein Mensch auf seinem Computer oder im Internet hinterlässt, wenn er stirbt.

Mehrere Wochen saß Juliane vor dem Rechner ihres Bruders, probierte Passwörter aus, nahm Kontakt zu Facebook und Co. auf. »Ich habe das gemacht, weil es niemand anderes aus der Familie konnte«, sagt die 32-Jährige.

Inzwischen bieten auch Firmen ihre Dienste für Angehörige wie Berger an. Das Berliner IT-Unternehmen »Columba« etwa, das automatisiert Datenbanken abgleicht und nach Nutzerkonten im Internet sucht. Eine Pionierin auf dem Gebiet »digitaler Nachlass« ist die Theologin Birgit Janetzky, die in der Nähe von Freiburg das Unternehmen »Semno« (altgriechisch: würdevoll) betreibt. Als eine der ersten knackte sie Passwörter und löschte die Geisterprofile von Verstorbenen aus dem Netz.

Gesicht einer Frau als digitales Drahtmodell, Binärcode und ein Ablaufdiagramm. Foto: epd-bild

Gesicht einer Frau als digitales Drahtmodell, Binärcode und ein Ablaufdiagramm. Foto: epd-bild

Oftmals eine emotionale Aufgabe, erinnert sich die 53-Jährige. So sei einmal eine Mutter zu ihr gekommen, deren Tochter Suizid begangen hatte. »Plötzlich kam ich im Internet mit den Träumen eines jungen Mädchens in Berührung, das Model werden wollte.« Und mit einer Mutter, die online so gerne etwas gefunden hätte, um den Suizid ihrer Tochter zu verstehen.

Seit gut zwei Jahren sucht Janetzky nicht mehr selbst, sondern gibt ihre Erfahrungen von »der Schnittstelle von Mensch, Tod und Internet« an Firmen weiter, die sich auf das Berufsfeld spezialisiert haben. Ob Angehörige den digitalen Nachlass selbst verwalten oder eine Firma beauftragen, hänge vor allem davon ab, ob derjenige vorgesorgt habe, sagt die Beraterin.

Sie rät dringend dazu, früh genug an digitale Vorsorge zu denken und etwa eine Passwortliste anzulegen oder einen Nachlassverwalter zu bestimmen.

»Ansonsten ist das ein enormer Aufwand.«

Und nicht jeder möchte, dass nach seinem Tod jemand Drittes oder Firmen den kompletten Computer mit persönlichen Daten analysieren. Die Verbraucherzentralen warnen davor, einem Unternehmen Passworte anzuvertrauen, und empfehlen, rechtzeitig eine Person des Vertrauens zum digitalen Nachlassverwalter zu machen.

Juliane Berger hätte den technischen Aufwand gerne abgegeben. Doch Anfang 2015 habe sie schlichtweg keinen Dienstleister gefunden, sagt sie. Also musste sie selbst ran: Als Erstes bestellte sie alle Abos ihres Bruders ab, die sonst weiter Geld gekostet hätten. »Außerdem sollten die Fotos aus dem Netz entfernt werden, weil er die nicht selbst als Überbleibsel ausgesucht hat.«

Als besonders aufwühlend empfand sie die Rekonstruktion des Browserverlaufs: »Ich konnte mir genau ansehen, was er die vergangenen Wochen gemacht hat, von der Suche nach Bratenrezepten bis Weihnachtsgeschenken.« Es sei aber auch schön gewesen, zu sehen, dass ihr Bruder ein zufriedenes Leben geführt habe.

Mittlerweile ergibt die Google-Suche nach seinem Namen kaum noch Treffer. Ungeklärt ist bis heute der Umgang mit dem Facebook-Profil. Juliane Berger würde es gern in eine Gedenkseite umwandeln, auf der sich nichts mehr verändern lässt. Doch die Freundin des Verstorbenen möchte das Profil aktiv belassen. Das Problem in solchen Fällen: Es kann vorkommen, dass Facebook weiterhin an den Geburtstag des Verstorbenen erinnert oder ihn anderen Nutzern als neuen Freund vorschlägt. Berger hat festgestellt: »Ein Stück Kontrolle gibst du ab.«

Würde Berger heute noch mal nach Unterstützung im Netz suchen, hätte sie es leichter. Seit gut einem Jahr gibt es den Blog »digital-danach«, den die Münchnerin Sandra Landes zusammen mit einem Kollegen betreibt. Sie informieren zum Thema »digitaler Nachlass«, listen Dienstleister auf und veranstalten am 24. November in Hamburg die erste deutschsprachige Fachkonferenz. »Viele Branchen befassen sich bereits mit dem Thema, darunter Bestattungsunternehmen, Versicherungen oder Juristen, aber sie wissen nichts voneinander.«

Die Bloggerin sieht einen klaren Trend: Die Medien berichteten mehr über digitalen Nachlass, neue Start-Ups hätten sich gegründet. Es gebe aber noch viel zu tun. Die Gesellschaft befinde sich derzeit in einer Phase des Entdeckens und der Skepsis. »Wir sollten langsam einen Schritt weitergehen: Ausloten, diskutieren und nach Lösungen suchen.«

Leonore Kratz (epd)


www.semno.de

www.digital-danach.de

Tipps der Verbraucherzentralen zum digitalen Nachlass:

www.verbraucherzentrale.de/digitale-daten

»Welch wunderbare Mondlichtnacht«

11. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Aus einem Missverständnis wurde eine »Schicksalsfügung«, sagt Stephan Krawczyk und erzählt, wie er dazu gekommen ist, sich mit Martin Luther zu beschäftigen. Zum Reformationsjubiläum geht der Liedermacher mit anderen Künstlern auf »Luther Lieder Tour«.

Der Anfang beruhte auf einem Missverständnis. Das Auswärtige Amt fragte beim Management von Stephan Krawczyk an, ob er auf einem Kongress in Wittenberg einen 20-minütigen Vortrag über Martin Luther halten könne. Er habe gedacht, erzählt der in Berlin lebende Liedermacher, laut lachend: »Wie kommen die auf mich?« Aber der Mensch wachse mit seinen Aufgaben. Also fuhr Kraw­czyk mit dem ausgefeilten Text gen Wittenberg. Noch heute ist er, der aus einer bildungsfernen Schicht stammt, stolz darauf. In der Lutherstadt angekommen, stellte sich heraus, dass es sich um einen Irrtum handelte. Der Poet war für ein Lied, nicht für den Festvortrag gebucht worden.

Es sagt einiges über Krawczyks gut ausbalanciertes Selbstwertgefühl, dass er diese Anekdote preisgibt und sich selbst am meisten darüber amüsiert.

Stephan Krawczyk. Foto: Nadja Klier

Stephan Krawczyk. Foto: Nadja Klier

Im vergangenen Jahr feierte der zu Silvester in Weida in Thüringen geborene Liedermacher seinen 60. Geburtstag. 36 Jahre Berufserfahrung hätten ihn angstfrei gemacht, erzählt er beiläufig, als wir unsere Fahrräder zum nahen Café in Berlin schieben, in dem wir uns unterhalten wollen. Aus dem Missverständnis in Wittenberg wurde eine »Schicksalsfügung«. »Ich hätte mich sonst nie mit Luther befasst«, sagt Krawczyk. Das wäre bedauerlich, denn einige der überzeugendsten Lieder in seinem Repertoire und auf der 2012 erschienenen CD »Erdverbunden, luftvermählt« drehen sich um den Reformator. Was interessiert den Künstler an Martin Luther? »Wenn ich ein Konzert mache und ihn mit ins Boot hole, zeige ich den Kanon eines höheren Sinnzusammenhangs, der in unserer Zeit fortwirkt. Luther sagt Gott, bei mir heißt es die Allheit, das All. Und da ist Gott auch mit drin. Ich finde es bei den Auftritten schön, wenn ein Wir entsteht, das gemeinsam klingt. Es ist Ausdruck von Sympathie und Friedensliebe. Ich denke, das wollte Luther mit seinen Thesen. Er wollte sinnerfüllte, liebevolle Gemeinsamkeit.«

Zum Reformationsjubiläum im kommenden Jahr geht Krawczyk mit fünf weiteren Künstlern auf »Luther Lieder Tour«; Start war Mitte August auf Schloss Mansfeld nahe der gleichnamigen Stadt, wo Luther seine Kindheit verbrachte. Mit Kritik am offiziellen Jubiläum hält der Sänger trotzdem nicht hinterm Berg. Es werde Luther nicht gerecht. »Es wird wie immer vermasst. Er wird in Verniedlichungen hergestellt. Es gab einen kleinen Luther, da konnte man ein Bierglas draufstellen. Und jetzt gibt es diese Playmobil-Figur. Dieser Riese im Geist wird permanent kleingemacht.« Krawczyk setzt einen Kontrapunkt mit seinem Lied »Ich, Martin Luther«: »Es muss in jeder Zeit mindestens einen geben, sei’s eine Frau, die widersteht, oder ein Mann. Ich bin geboren für die Freude, in Gott zu leben, weswegen ich hier stehe und nicht anders kann.«

Widerstand gehört zu seiner Biografie. 1985 bekam der Sänger, der erfolgreich freiberuflich in der DDR tätig war, Berufsverbot. Fortan konnte er mit seinen kritischen Liedtexten ausschließlich unter dem Dach der Kirche auftreten – wenn den Pfarrern die Sache nicht zu heiß wurde. Im Januar 1988 verhaftete die Staatssicherheit ihn und seine damalige Ehefrau Freya Klier und schob das Paar zwei Wochen später in den Westen ab. Krawczyk hat darüber gesprochen und geschrieben, etwa in den Romanen »Der Narr« (2003) und »Der Himmel fiel aus allen Wolken« (2009). Wie lebt es sich heutzutage als »Symbolfigur der DDR-Bürgerbewegung«? Wieder lacht Krawczyk. »Das ist eine Außensicht auf die Dinge. Ich kann mich nicht damit identifizieren. Ich war nie eine Symbolfigur. Andere haben mich dazu gemacht, weil sie ein Symbol brauchten. Weil sie einen Erklärungsbedarf hatten, keine anderen Worte oder sich nicht die Mühe machten, das Ganze differenziert zu betrachten.« Er winkt ab. »Wenn ich mir Gedanken machte, dass ich als Symbolfigur gelte, würde ich mich verrückt machen.«

Zurück zu Martin Luther, zu dem Menschen, der wie er für seine Überzeugungen einstand. Sein eigenes Glaubensverständnis, sagt Krawczyk, habe sich über die Jahre verändert. »Durch die Erfahrungen, die manchmal so wunderbar waren, dass ich sie mit den Mitteln der Logik nicht erklären konnte. Ich habe versucht, Zusammenhänge wiederzuerkennen, die von der Wissenschaft nach Kräften zerlegt wurden. Sich innerhalb dieser Wurzeln aufgehoben zu fühlen, war eine neue Erfahrung für mich.« Seine Lieder spiegeln diese Verfasstheit mit der »Allheit, diesem Großen und Ganzen« wider, das er als »Unterfutter« seines Selbstverständnisses bezeichnet. Als Künstler sei er gefragt, dem voranzuhelfen. Bei einem Konzert steht man dann vielleicht gedanklich in einer lauschigen Sommernacht mit auf dem Balkon, über sich das All, und spürt einer Verszeile in ihrer Zartheit nach: »Was hat sich Gott da ausgedacht, welch wunderbare Mondlichtnacht.« Im formgewandten Ausdruck von Text und Lied, ist das am Ende eine punktgenaue Landung künstlerischer Unbekümmertheit. Und damit lassen sich viele Missverständnisse aus der Welt schaffen.

Ulrike Mattern

Preußens Pracht

25. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Die Wittenberger Schlosskirche ist der Gedenkort der Reformation schlechthin. Nach vierjähriger Bauzeit wird sie am 2. Oktober mit Glanz und Gloria wiedereröffnet. Dänemarks Königin fertigt eigens ein Altartuch, und die EKD bekommt ein neues, drittes Kirchengebäude.

Welch katastrophaler Zustand!« Olaf Wrosch erinnert sich gut. Bröselnder Putz, verblasste Farben, Schmutz in mehreren Schichten, feuchtes, von Salzen zerfressenes Mauerwerk bis in einen Meter Tiefe. Die 2012 begonnene, umfassende Sanierung der Wittenberger Schlosskirche war mehr als nötig, bilanziert der leitende Küster. Vier Jahre und rund 8,1 Millionen Euro später erstrahlt die wohl berühmteste Kirche Mitteldeutschlands in neuem Glanz, in alter preußischer Pracht.

Himmelwärts strebt die Architektur: Hohe und schlanke Pfeiler, ein lichtes Gewölbe und der Hochaltar verstärken diesen Eindruck. Im neugotischen Stil ist die Kirche im Kaiserreich ausgestaltet worden. Fotos: Katja Schmidtke

Himmelwärts strebt die Architektur: Hohe und schlanke Pfeiler, ein lichtes Gewölbe und der Hochaltar verstärken diesen Eindruck. Im neugotischen Stil ist die Kirche im Kaiserreich ausgestaltet worden. Fotos: Katja Schmidtke

Unter Herrschaft der Preußen war die Schlosskirche zu einem Gedenkort der Reformation umgestaltet worden, der Kaiser hatte sie 1892 eingeweiht. »Nichts wurde dem Zufall überlassen«, sagt Küster Wrosch. Das ikonografische Programm ist ganz auf die Reformation zugeschnitten. So wachen Gestalter und Unterstützer der kirchlichen Erneuerungsbewegung als Skulpturen noch heute über den Gottesdienst: zum Beispiel Johannes Bugenhagen, Wittenbergs prägender evangelischer Pfarrer und Beichtvater Luthers. Von Rosetten blicken Unterstützer ins Kirchenschiff: Europäische Reformatoren wie Zwingli und Calvin. Aber auch die Medienmacher von damals: Maler und Buchdrucker, ohne deren Handwerk sich die neuen Ideen nicht so schnell hätten verbreiten können. Jene Fürstentümer und Städte, die die Reformation unterstützen, sind in den farbigen Fenstern verewigt – nun auch wieder die preußischen Gebiete, die im 19. Jahrhundert zu Deutschland gehörten und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus weltanschaulichen Gründen von der DDR-Regierung aus der Kirche entfernt worden waren. »Es sind teilweise die Originale, die noch in einer Quedlinburger Glasmacher-Werkstatt lagerten, wieder eingebaut worden«, weiß Oberkirchenrat Thomas Begrich, der für die EKD das Bauvorhaben am Schlosskirchenensemble begleitet.

Die DDR-Regierung hatte Einfluss auf die Kirche, weil sie sich in ihrem Eigentum befand. Das Konstrukt, dass einem Staat ein Gotteshaus gehört, geht zurück auf das Jahr 1817: Auf Geheiß König Friedrich Wilhelms III. war das Predigerseminar gegründet worden, dabei fiel die alte Universitätskirche an den Staat. Diese Rechtsverpflichtung in der Nachnachfolge der Preußen existiert noch immer, aber nicht mehr lange. »Bei der Schlosskirche handelt es sich um einen Hauptort der Reformation, hier liegen Luther und Melanchthon begraben. Es war der EKD wichtig, die Kirche vom Land Sachsen-Anhalt in ihr Eigentum zu übernehmen«, erklärt Thomas Begrich. Offiziell geschehen soll das, wenn alle Bauarbeiten am Schloss-Ensemble abgeschlossen sind, voraussichtlich Ende des Jahres.

Blick durch die Bankreihen zum Chor. Die Kirche ist hoch und lang, aber schmal. Sie hat 400 Sitzplätze.

Blick durch die Bankreihen zum Chor. Die Kirche ist hoch und lang, aber schmal. Sie hat 400 Sitzplätze.

Die EKD, betont der Oberkirchenrat, bekomme damit nichts geschenkt. Auch wenn ein Großteil der millionenschweren Sanierung von Land und Bund bezahlt wird. Die EKD gibt zum einen das Augusteum an das Land zurück und hat zum anderen rund eine Million Euro investiert, um die Kirche betriebsfähig zu machen: Licht, Mikrofon- und Videoanlage, Orgel. Jährlich werde die EKD zudem rund eine halbe Million Euro für den Unterhalt aufbringen. »Eigentlich braucht die EKD als Dachorganisation der Landeskirchen ja kein eigenes Gotteshaus«, sagt Thomas Begrich. Eigentlich. Doch mit ihrer kirchengeschichtlichen Bedeutung ist die Schlosskirche eine Ausnahme. Ebenso wie die Versöhnungskirche in Dachau oder die Christuskirche in Rom, die sich ebenfalls in EKD-Eigentum befinden. Letztere steht der dortigen evangelischen Gemeinde zur Verfügung. Übrigens: In Rom wie in Wittenberg hängt ein identisches Geläut im Glockenturm, jeden Sonntag erschallt in beiden Städten der gleiche Glockenton.

Mit der Änderung der Eigentumsverhältnisse ändert sich für die Nutzer der Schlosskirche nichts: Praktisch steht sie in Verantwortung des Predigerseminars, die Dozenten, wie etwa Direktorin Hanna Kasparick, haben einen Predigtauftrag. Ebenso stehen Kathrin Oxen, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, und Friedrich Kramer, Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, auf der Kanzel. Erst seit 1949 hat die Schlosskirche eine eigene Gemeinde, heute gehören ihr rund 110 Gläubige an.

Es sind vor allem Gäste aus aller Welt, die in die Kirche drängen: Bis zu 200 000 Menschen im Jahr. Für sie entsteht in Teilen des Schlosses ein Besucherzentrum mit Ausstellung. Es soll im Oktober eröffnen, kündigte Schlossensemble-Kustos Jörg Bielig an. Ins Schloss einziehen wird zudem die Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek und das Predigerseminar, das am 30. September ein Gästehaus für die Vikare auf dem Gelände eröffnet. Damit erhält das Ensemble seine Form mit vier Flügeln wieder.

Offiziell eingeweiht wird die Schlosskirche mit einem Festgottesdienst am 2. Oktober, 10 Uhr. Die dänische Königin Margarete II., Bundespräsident Joachim Gauck, EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff werden erwartet. Die dänische Königin wird eine selbst gewebte rote Altardecke als Geschenk überreichen.

Von den rund 400 Plätzen sind 200 für geladene Gäste vorgesehen. »Doch keiner soll vor der Türe stehen«, sagt Pfarrer Jan von Campenhausen. Aus diesem Grund organisiert die Evangelische Wittenbergstiftung, dessen Direktor von Campenhausen ist, am 2. Oktober, ab 9.30 Uhr, eine Übertragung in das Einkaufszentrum Arsenal. Dies sei mehr als ein Public Viewing. »Wir feiern einen Gottesdienst«, so von Campenhausen. Für bis zu 600 Menschen sei Platz. Es ist, so der Stiftungsdirektor, auch eine Übung für die Eröffnung des Reformationsjahres am 31. Oktober in Berlin.

Katja Schmidtke

Popmusik fürs Kirchenvolk

11. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

»Oh happy day«: Am Wochenende treffen sich Gospelchöre aus ganz Deutschland in Braunschweig zum 8. Internationalen Gospelkirchentag, initiiert von der Creativen Kirche in Witten. Die »Singende Gemeinde« aus dem Ruhrgebiet hat auch für das Reformationsjahr 2017 Großes geplant.

Stellen Sie sich das mal vor«, jubelt Christian Gerhardus geradezu am Telefon, »für das Luther-Pop-Oratorium Ende Oktober 2017 in Berlin haben sich schon 1 200 Sänger angemeldet, obwohl die Werbung dafür noch gar nicht gestartet ist.« Gerhardus gehört zur Stiftung Creative Kirche in Witten, die »das Projekt der tausend Stimmen« organisiert. Berlin soll der krönende Abschluss werden. Acht Städte, zehn Aufführungen in den größten Hallen und eine vor der Schlosskirche in Wittenberg sind für das kommende Jahr geplant.

Musik der guten Nachricht: Das Evangelium steht im Mittelpunkt von Gospel. Wer einmal ein Gospelkonzert oder einen Gospel- gottesdienst miterlebt hat, weiß, wie expressiv und mit welchem Enthusiasmus Hoffnung und Dankbarkeit ausgedrückt werden. So auch bei diesen jungen Frauen beim Gospelkirchentag vor vier Jahren. Foto: Stiftung Creative Kirche

Musik der guten Nachricht: Das Evangelium steht im Mittelpunkt von Gospel. Wer einmal ein Gospelkonzert oder einen Gospel- gottesdienst miterlebt hat, weiß, wie expressiv und mit welchem Enthusiasmus Hoffnung und Dankbarkeit ausgedrückt werden. So auch bei diesen jungen Frauen beim Gospelkirchentag vor vier Jahren. Foto: Stiftung Creative Kirche

Bei der Creativen Kirche hat man Erfahrung mit musikalischen Großereignissen. Seit über 20 Jahren exportieren die »Creas« die Vision der »singenden Gemeinde«. Musikprojekte, Kinderbibelmusicals, Workshops, Chortage, Gottesdienste in neuer Form, die mit Popmusik Kinder, Jugendliche und Erwachsene berühren sollen. Was 1993 mit einer Idee der Diakone Ralf Rathmann und Martin Bartelworth begann, ist heute ein kleines Musikunternehmen im Ruhrgebiet, zu dem 22 Angestellte und viele Ehrenamtliche gehören.

Seit 2002 veranstaltet die Creative Kirche regelmäßig alle zwei Jahre den Gospelkirchentag an wechselnden Orten. Der 8. Internationale Gospelkirchentag ist diesmal in Braunschweig zu Gast. »Wir wollten einen Begegnungsraum und ein Forum für die vielen Gospelchöre schaffen«, erklärt Martin Bartelworth, der heute zusammen mit Ralf Rathmann Vorstand der Stiftung Creative Kirche ist.

Dass die Gospelchöre Unterstützung brauchen, wurde spätestens nach einer Befragung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD deutlich: 40 Prozent der Chorleiter gaben an, ohne Ausbildung, also Autodidakten zu sein. »Das war die Geburtsstunde der Evangelischen Popakademie«, so Bartelworth.

Im Herbst beginnt in Witten ein Studiengang, der speziell populär-musikalisch geprägt ist. »Wir wollen Glaube und Kirche attraktiv machen mit der Lebenskultur, mit der wir groß geworden sind. Das ist für uns die Popularmusik«, beschreibt er die Intention. Deshalb soll jetzt in Qualifizierung und Bildung investiert werden. Die Popakademie versteht er dabei nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zur klassischen Kirchenmusik.

Ein »blühendes Kreuz« als Symbol für die Auferstehung (re.) schmückte die Bühne. Fotos: Stiftung Creative Kirche

Ein »blühendes Kreuz« als Symbol für die Auferstehung (re.) schmückte die Bühne. Foto: Stiftung Creative Kirche

Vor sechs Jahren startete mit dem Pop-Oratorium »Die 10 Gebote« von Dieter Falk und Michael Kunze ein weiteres Projekt. In Zeiten, in denen Kirchenchöre Nachwuchssorgen plagen, gelang es, allein für die Uraufführung in der Dortmunder Westfalenhalle 2 500 ehrenamtliche Sänger zu gewinnen. Die Mischung aus Musical und Gospelkonzert kam an. Das soll im kommenden Jahr mit »Luther« noch getoppt werden.

Dass Projektchöre entstehen und wieder in der Versenkung verschwinden, findet Bartelworth nicht schlimm. »Jeder kann mitmachen und etwas Einmaliges erleben. Komm wie du bist, du bist willkommen, sagt Jesus«, und so laute auch das Credo der Creativen Kirche. Das sei zutiefst lutherisch, meint Bartelworth. Luther komponierte damals keine Klassik, sondern »Volks-Pop«. Der Diakon unterstreicht: »Es ging und geht um die frohe Botschaft des Evangeliums und um ihren auch musikalischen Sitz im Leben.«

Da gehörten die Choräle der alten Meister in neuen Arrangements genauso dazu wie Gospels, Worship und andere Stile.

Mit bis zu 5 000 Beteiligten zählt der Gospelkirchentag zu den größten Sängerfesten im Lande. Aber die Masse sei nicht entscheidend, meint Bartelworth. Es gehe vielmehr darum, dass Menschen gemeinsam Gottesdienst feiern – nach dem Motto, mit dem Besucher in den Räumen der Creativen Kirche in Witten empfangen werden: »Glauben singen. Glauben leben«. Kirche so zu gestalten, dass man guten Gewissens auch andere dazu einladen kann, sei das Ziel – im Kleinen wie im Großen.

Willi Wild

www.gospelkirchentag.de


www.creative-kirche.de


www.luther-oratorium.de


www.gospel.de

Nicht Rückblick, sondern Aufbruch

15. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Für unsere Sommerinterview-Serie traf Sabine Kuschel Margot Käßmann in einem Berliner Restaurant. Sie sprachen über das Reformationsjubiläum, Mission, Karriere und Zukunftspläne.

Frau Käßmann, Sie sind Botschafterin für das Reformationsjubiläum – was sind die Herausforderungen dieses Jobs?
Käßmann:
Der Bundestag hat gesagt, das Reformationsjubiläum ist von kulturhistorischer Bedeutung für die Bundesrepublik Deutschland, für Europa, ja, die Welt. Meine Aufgabe ist, nach außen zu vermitteln, dass das Reformationsjubiläum alle angeht. Es ist kein binnenkirchliches Ereignis, sondern auch ein säkulares. Das macht mir besonders Spaß. Ich habe zudem viele Partnerkirchen im Ausland besucht.

Es wird kein deutsch-nationales Reformationsjubiläum wie 1817 oder 1917 werden, sondern ein internationales. Einerseits, weil Gäste aus dem Ausland zu uns kommen, andererseits, weil unsere Partnerkirchen in Asien, Afrika, Lateinamerika sagen: Das ist auch unser Jubiläum. Die Partnerkirchen in aller Welt entwickeln tolle Ideen, wie sie das Jubiläumsjahr vor Ort begehen wollen.

Sportlich: Mit dem Fahrrad kam Margot Käßmann zum Interview in eines ihrer Lieblingsrestaurants in der Hauptstadt. Foto: Sabine Kuschel

Sportlich: Mit dem Fahrrad kam Margot Käßmann zum Interview in eines ihrer Lieblingsrestaurants in der Hauptstadt. Foto: Sabine Kuschel

Eine Arbeit, die Freude macht?
Käßmann:
Weil ich meine Arbeit auch mit Leidenschaft mache. Ich finde diese Form berufstätig zu sein jetzt noch schöner, als Ratsvorsitzende zu sein. Sämtliche Dienstverpflichtungen wie Sitzungen, Akteneinsicht, Dokumente redigieren, habe ich nicht mehr. Ich kann schreiben, Vorträge halten, ich predige jede Woche woanders, quer durch die Republik. Das macht mir Spaß.

Was beschäftigt Sie zurzeit am meisten?
Käßmann:
Die Konzeption der Weltausstellung. Wir werden 16 Wochen vom 20. Mai bis 4. September 2017 Wittenberg sozusagen als Ausstellungsgelände erleben. Es wird 14 Themenwochen geben, die wir jetzt inhaltlich planen. Themen sind unter anderen Europa, Ökumene, Bildung, Gerechtigkeit, Dialog der Religionen, Frieden, Spiritualität.

Worauf freuen Sie sich besonders?
Käßmann:
Auf den Reformationssommer insgesamt. Jeden Tag, den ganzen Sommer, werden Menschen nach Wittenberg kommen, um am Ende sagen zu können: Das war nicht Rückblick, sondern das war Aufbruch.

Was könnte schiefgehen?
Käßmann:
Dass es Desinteresse gibt. Die Kirchen in Ostdeutschland haben es wirklich schwer. Sie sind in einer Minderheitssituation. Es ist da eine besondere Herausforderung, überzeugend von Gott zu reden. Ich wünsche mir, dass das Reformationsjubiläum für die Kirchen in Ostdeutschland ein ermutigendes Ereignis wird.

Das Wort »Mission« hat einen schlechten Klang, auch in Deutschland. Aber mittlerweile ist die Einsicht gewachsen, wenn Christen hier nicht missionarisch wirken, stirbt der Glauben. Wie stehen Sie zur Mission?
Käßmann:
Bei einer Tagung 1998 in Simbabwe hörte ich Nelson Mandela sagen: Die Missionare haben vielleicht viele Fehler gemacht, aber sie haben uns in Südafrika den Gedanken in den Kopf gesetzt, dass wir Schwarzen genausoviel wert sind wie die Weißen. Dieser Gedanke ist nicht mehr weggegangen. Das fand ich sehr interessant.

Ich denke, es ist richtig, diesen Gedanken von der Würde jedes Menschen weiterzugeben. Es gibt einen schönen Satz: »Missionarisch sein heißt, lebe so, dass andere dich fragen, warum du so lebst.« Ich finde, die Christen sollten sich nicht scheuen, auch zu sagen, wo der Grund ihrer Haltung liegt. Sie sollten offen über ihren Glauben reden.

Und die Türen der Kirchen sollten weit geöffnet werden für die Menschen. Bei der Weltausstellung in Wittenberg haben wir beispielsweise ein Panorama von Yadegar Asisi, das schlicht spannend ist für Menschen mit und ohne Glauben. Ich wünsche mir, dass das auch eine missionarische Chance hat 2017.

Was eine Theologin in Deutschland erreichen kann, haben Sie erreicht. Wie haben Sie das geschafft?
Käßmann:
Es hat sich eines aus dem anderen ergeben. Ich hatte zweimal im Leben einen großen Vorteil durch Glück. 1974 hatte ich ein Stipendium in den USA gewonnen. Ich hatte mich fast nebenbei in der Schule beworben und konnte ein Jahr in den USA verbringen. Das war eine enorme Horizonterweiterung. Dort habe ich fließend Englisch gelernt.
Sommerlogo GuHAls ich 1983 als Jugenddelegierte der Landeskirche Kurhessen-Waldeck in Vancouver teilnahm, wurde ich als jüngstes Mitglied in den Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen gewählt. Da war ich bis 2002 Mitglied. Das sind fast 20 Jahre, in denen ich internationale Erfahrungen sammeln konnte, Sitzungen zu leiten hatte. Das war eine intensive Erfahrung, die für mich später in Leitungssituationen von großem Vorteil war, etwa als Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, auch dann bei der Wahl zur Landesbischöfin. Ich wäre sicher nicht Bischöfin geworden ohne diese Vancouver-Vorgeschichte.

Und dann: Wenn ich gefragt wurde, hatte ich oft den Mut, »Ja« zu sagen. Das liegt vielleicht auch daran: meine Mutter hatte nie Zweifel, dass eine Frau alles erreichen kann.

Wittenberg ist eine kleine Stadt, in der Reformationsgeschichte geschrieben wurde. Wissen die Wittenberger um den Wert ihrer Stadt?
Käßmann:
Die Wittenberger wissen, was ihre Stadt wert ist. Wittenberg war ein Zentrum von Ideen und Gedanken, auch universitär. Die Stadt sollte nicht unterschätzt werden. Es wird jetzt viel renoviert. Es ist großartig, dass die historischen Stätten so aufgearbeitet werden. Es tut sich einiges.

Was kommt danach, nach dem großen Fest und Jubiläumsjahr?
Käßmann:
Meine Erfahrung mit Kirchentagen ist nun sehr, sehr lang. Menschen, die von Kirchentagen zurück nach Hause kommen, bringen Ideen mit; sie sind ermutigt, haben eine Tankstelle für die Seele erlebt und können dann in ihrer kleinen Gemeinde vielfach wieder Erfahrungen umsetzen.
Sonne-webEs werden viele neue Verbindungen entstehen, die dann auch Kreativität freisetzen. Wir geben das Reformationsjubiläum 2018 weiter in die Schweizer Kirchen. Sie werden ab 2019 ihren Zwingli ins Zentrum setzen. Und viele Orte werden weitermachen. Ich denke eher an Aufbruch, als an Abfeiern.

Und wie wird es für Sie persönlich weitergehen?
Käßmann:
Für das Jahr 2018 habe ich schon jetzt viele Einladungen. Bis Juni 2018 werde ich unterwegs sein. Am
3. Juni 2018 werde ich 60 und werde offiziell in Pension gehen. Von Juni bis Dezember nehme ich keine Einladungen an, um auch den Bruch zu markieren. Aber danach kann ich ja glücklicherweise weiterhin schreiben, Vorträge halten, predigen. Langweilen werde ich mich nicht.

Ich wünsche mir, mehr Zeit für die Enkelkinder zu haben. Drei habe ich schon.

Wie geht es Ihnen mit dem Älterwerden?
Käßmann:
Ich merke schon, dass ich älter werde. Neulich bin ich mit meiner jüngsten Tochter zum Joggen gegangen. Als sie 115 Stufentreppen rasant hochgelaufen ist, musste ich mich anstrengen, dass ich hinterherkomme. Ich merke das Alter auch an den Falten, aber ich fühle mich noch nicht so alt wie ich bin.

Allerdings beschäftige ich mich öfter mit der Frage, wie mein Leben im Alter aussehen soll. Willst du in deiner Wohnung bleiben? Willst du Teil einer Wohngemeinschaft sein? Ich bin sehr dankbar, dass es heute professionelle ambulante Pflege gibt. Niemand muss unbedingt in ein Pflegeheim gehen, sondern kann zu Hause bleiben. Das würde ich auch gerne.

Mein Jahrgang taucht häufiger in den Traueranzeigen auf. Ich hänge am Leben, ich will jetzt noch nicht sterben, aber wenn es so sein sollte, wäre das für mich okay. Ich habe ein volles Leben gelebt.

Ich hatte vor zehn Jahren Brustkrebs. Das hätte auch anders ausgehen können. Ich bin sehr, sehr dankbar, dass ich gesund geblieben bin.

Gibt es einen Lieblingsort, wo Sie Kraft tanken?
Käßmann:
Die Insel Usedom ist ein wunderschöner Flecken Erde. Ich habe dort ein Ferienhaus. Ich möchte dort beerdigt werden. Und hier in Berlin gibt es ein großes kulturelles Angebot, Theater, Museen, Kino. Heute Morgen, das Wetter war so schön, bin ich an den Schlachtensee gefahren, dort bin ich gern. Ich bin um den See gelaufen und dann eine halbe Stunde geschwommen. Das war großartig.

Ich mache gern Sport: Laufen, Schwimmen, Radfahren. Oder ich lege mich aufs Sofa und gucke im Fernsehen ein Fußballspiel oder den »Tatort«. Oder ich setze mich auf meinen kleinen Balkon und lese einen Krimi. Ich gehe auch gern ins Kabarett und ins Kino.

Professor Dr. Dr. h. c. Margot Käßmann wird am Donnerstag, 25. August, in Weimar als Festrednerin anlässlich des Empfangs von Kirche und Diakonie zum Herdergeburtstag erwartet. Ihr Thema: »Reformationsjubiläum 2017 – was gibt es da zu feiern?« Beginn der Veranstaltung, zu der auch die Verleihung des diesjährigen Herderförderpreises gehört, ist 17 Uhr in der Stadtkirche St. Peter und Paul.

Verheiratet nach ganz Europa

12. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Thüringer Landesausstellung 2016: »Die Ernestiner – Eine Dynastie prägt Europa«

Über 400 Jahre regierten Ernestiner in bis zu zwölf Linien und Residenzen weite Teile des heutigen Thüringen und darüber hinaus. Diese einzigartige Entwicklung nimmt der Freistaat zum Anlass für seine nächste Landesausstellung. »Glaube + Heimat« stimmt mit einer sechsteiligen Serie darauf ein. Diesmal geht es um die Hochzeitspolitik der Ernestiner.

Der Titel der kommenden Landesausstellung »Eine Dynastie prägt Europa« ist beileibe nicht medientauglich übertrieben. Mit geschickt eingefädelten Vermählungen von ernestinischen Prinzen und Prinzessinnen an die großen Höfe Europas trugen die von progressiver Geisteshaltung geprägten Ernestiner wesentlich zur Entwicklung des heutigen Europas bei. Zwei von vielen Beispielen solcher Eheschließungen:

Ein im April 1894 entstandenes Foto auf dem Coburger Schloss Ehrenburg, das zum Herrschaftsbereich des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha gehörte, zeigt den gesamten europäischen Hochadel in festlicher Pose vereint. Das Bild, auf dem auch der deutsche Kaiser Wilhelm II. und der spätere Zar Nikolaus II. zu sehen sind, dokumentiert einen bedeutenden Anlass: die Hochzeit eines Enkels der englischen Königin Victoria. Franken, Thüringen, Deutschland, Großbritannien, Irland, Russland – lief da etwas aus dem familiären Ruder? Nein! Diese Fürstenhochzeit belegte einmal mehr die sehr bewusst gehandhabte Heirats­politik der Ernestiner, dank welcher Verbindungen zu Höfen in ganz Europa entstanden. Initiatorin der wohl bis heute ebenso populären wie spektakulären Verbandelungen war Herzogin Auguste Caroline Sophie. Sie verheiratete ihre Tochter Juliane nach Russland und Victoria nach England. Mehrfach gehörten Deutsche zu den Regenten des Königreiches England. Der Gothaer Prinz Albert – eine riesige Veranstaltungshalle in London ist nach ihm benannt – gehört dazu wie auch zahlreiche Nachkommen aus seiner Ehe mit Königin Victoria. Bis in unsere Zeit ist die prominenteste Repräsentantin der Monarchie, Elisabeth II., Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland, eine Ernestinerin. Zu den »Windsors« wurde der britisch-ernestinische Zweig erst nach der Umbenennung durch den Großvater der heutigen Königin Elisabeth II. im Weltkriegsjahr 1917. So nimmt es denn nicht Wunder, dass das schön anzuschauende Bildnis der aus Gotha stammenden englischen Königin Victoria (1819–1901) den werbenden Hintergrund für den Ausstellungsort Gotha der kommenden Landesausstellung bildet. Und mit eben diesen traditionsreichen Verbindungen zwischen Gotha und der Insel versteht man auch, warum Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch nicht müde wird, die Queen in seine Stadt zu bekommen – eine erste kurze Begegnung der beiden gab es im vorigen Jahr in Berlin …

Eine im europäischen Sinne durchaus spektakuläre Hochzeit wurde im November 1804 in Weimar 20 Tage lang gefeiert. Es war die Ehe zwischen Erbprinz Carl Friedrich und der russischen Zarentochter Maria Pawlowna. »Die Festivitäten sind nun zu Ende, und wir treten wieder allmählich in unser gewöhnliches Philisterleben zurück. Außer einem Katarrh, den ich mir geholt, bin ich ganz leidlich weggekommen, welches ich kaum erwarten konnte, da man sich bei solchen Gelegenheiten niemals schonen kann« , resümierte Schiller in einem Brief an Freund Körner, was am Nachmittag des 9. November 1804, einen Tag vor Friedrich Schillers Geburtstag, begonnen hatte und Weimar kopfstehen ließ: Nach vierwöchiger Reise mit einer ausgesprochen komfortablen Kutsche rollte von St. Petersburg her – vom Volk begeistert empfangen – die Enkelin Katharinas der Großen und Tochter des Zaren Paul und der aus dem Hause Württemberg stammenden Maria Fjodo­rowna, der Schwester der Zaren Ale­xander und Nikolaus, die Großfürstin von Russland, Maria Pawlowna, in das kleine Weimar ein. Neben der gerade Achtzehnjährigen saß der Erbprinz und spätere Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, Carl Friedrich, ihr frisch vermählter Ehemann. Im Fourierbuch des weimarischen Hofes steht unter diesem Tag u. a.: »Der Empfang geschahe von dem gesammten Hof und sämtl. Wirkl. Räthen u. Assessoren der Landes-Collegien an der untersten Treppe im Schloß.« Verteilt auf 80 Planwagen, war zuvor schon die Aussteuer der jungen Frau samt Ausstattung für ihren Mann eingetroffen. Auf den Einzug folgten zwanzig Tage lang Bälle, Feuerwerk, Illumination, Musik, Komödie und dergleichen mehr. Das Festlichste an allem aber war für Schiller »die aufrichtige, allgemeine Freude über unsre neue Prinzessin, an der wir in der Tat eine unschätzbare Akquisition gemacht haben«.

Schon bald nach dem prächtigen Einzug war allenthalben zu spüren, wie segensreich sich der vom Freiherrn Wilhelm von Wolzogen äußerst diplomatisch eingefädelte Coup auf das Herzogtum auswirkte. Finanziert auch mit stattlichen Summen aus der Privatschatulle, förderte Maria Pawlowna, so wie es vor ihr Anna Amalia getan hatte, die Künste, die Wissenschaft und die Bildung. Die von ihr nach Weimar geholten Musiker und Komponisten Hummel, Liszt und Wagner stehen stellvertretend für viele andere, die das so genannte »Silberne Zeitalter« der Stadt begründeten. Indem sie im Schloss Memorialräume für Goethe, Schiller und andere Dichter aus Weimars »Goldenem Zeitalter« einrichten ließ, legte sie das Fundament für den bis heute wirkenden »Mythos Weimar«. An Maria Pawlowna erinnert auf dem Historischen Friedhof von Weimar die von Zwiebeltürmen gekrönte russisch-orthodoxe Grabkapelle.

Heinz Stade

Die Malediven: Sonnenparadies mit Schattenseiten

9. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Die Fläche von 298 Quadratkilometern verteilt sich auf 20 Atolle mit 1 196 Inseln, von denen 220 bewohnt sind. Nur für Touristen sind weitere 87 Inseln mit Hotelanlagen ausgebaut. Diese oft nur winzigen Eilande gelten freilich als Traumziel bei allen Liebhabern kristallklaren Wassers, rauschender Palmenstrände und Tauchgängen zu bunten Korallenriffen.

Die Malediven, langgezogene Inselgruppe im indischen Ozean, sind Partnerland der Internationalen Tourismusbörse (ITB) vom 9. bis 13. März in Berlin. Denn der Tourismus ist wichtigste Einnahmequelle des kleinen Inselstaates. 2014 besuchten rund 1,2 Millionen Gäste das Land. 100 000 davon kamen aus Deutschland, das damit auf Platz zwei hinter China im Besucherranking landete.

Kontakte mit der einheimischen Bevölkerung sind bei Urlaubsreisen kaum zu erwarten. Der streng islamische Staat achtet darauf, dass sich die Gäste auf Touristeninseln wohlfühlen – und auch nur dort aufhalten. Bedient und verwöhnt werden sie dabei zumeist von Gastarbeitern aus dem asiatischen Raum. Wer abseits der Gästeanlagen hinter die Kulissen des Landes schauen und sich dem Alltag der rund 400 000 Einwohner nähern will, dem geht es schnell wie jüngst ARD-Korrespondent Markus Spieker: Trotz vorliegender Genehmigungen wurden er und sein Kamerateam festgenommen und des Landes verwiesen.

Menschenrechtler blicken seit Langem mit Sorgen auf die Schattenseiten des Urlaubsparadieses. Der 2013 als »Retter des Islam« angetretene Staats­präsident Abdulla Yameem führte im April 2014 die islamische Scharia-Gesetzgebung mit ihren drakonischen körperlichen Strafen ein. Damit wurde zugleich die seit 1953 ausgesetzte Todesstrafe wieder relevant.

Volle Strafmündigkeit besteht dabei schon für Zehnjährige. Bei Delikten wie Diebstahl, Unzucht, Alkoholkonsum oder Abfall vom Islam gilt die Strafmündigkeit sogar bereits für siebenjährige Kinder, denen damit im schlimmsten Fall die Todesstrafe droht, wie die katholische Nachrichtenagentur Asianews berichtete. Allerdings darf eine Exekution erst mit Erreichen des 18. Lebensjahres durchgeführt werden.

Auf dem Weltverfolgungsindex des christlichen Hilfswerkes Open Doors belegen die Malediven den Platz 11. Einheimischen ist ein Christensein praktisch nur in absoluter Geheimhaltung und bei völliger äußerer Anpassung an die Lebensgewohnheiten des streng sunnitisch orientierten Landes möglich. Offiziell kann kein Bürger einer anderen als der Staatsreligion angehören: Die »Republik Malediven«, so die amtliche Bezeichnung, ist der einzige Staat, der jedem bekennenden Nichtmuslim sofort die Staatsbürgerschaft entzieht.

Doch auch gegen innerislamische Kritik geht die Staatsmacht rigoros vor. Open Doors beschreibt die politische Situation im Lande deshalb als geprägt vom »islamischen Extremismus, vermischt mit diktatorischer Paranoia«.

Immer wieder riefen in den vergangenen Jahren maledivische Exilpolitiker und Menschenrechtsorganisationen zum Boykott des Reiselandes auf. Doch die Sehnsucht nach dem Paradies blieb stärker. Auch wenn es eines mit Schattenseiten ist.

Harald Krille

Cranach zum Mitmachen

28. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Pop Up Cranach – die junge Landesausstellung

Dunkle Räume, schummriges Licht, ein Lichtspot auf hunderte Jahre alten Gemälden. Die Präsentation der Landesausstellung über Lucas Cranach den Jüngeren ist so eindrucksvoll, dass man sich fast andächtig durch die ersten beiden Geschosse des Augusteums in der Lutherstadt Wittenberg bewegen möchte.

Ganz anders im Obergeschoss, wo die Besucher den alten Meistern ein Stockwerk tiefer sozusagen auf dem Kopf herum tanzen können. Pop-Up-Cranach, der Ausstellungsteil für Kinder und Jugendliche, ist Cranach zum Mitmachen. Der Name sei angelehnt an Pop-Up-Bücher (Aufklapp-Bilderbücher), erklärt Stephan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten: »Die Besucher sind mitten im Gemälde. Sie schauen es nicht nur an, sie erlaufen und erleben das Bild.«

In der Ausstellung »Pop up Cranach« kann jeder mit einer Schablone sein eigenes Luther-Porträt zeichnen. Foto: Alice – Museum für Kinder

In der Ausstellung »Pop up Cranach« kann jeder mit einer Schablone sein eigenes Luther-Porträt zeichnen. Foto: Alice – Museum für Kinder

Mitten in so einem Bild befinden sich die Besucher zum Beispiel im »Rätselzimmer des Hieronymus«, einer von insgesamt acht Stationen der Ausstellung »Pop Up Cranach«. Das Original-Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren zeigt Kardinal Albrecht von Brandenburg als Heiligen Hieronymus am Schreibtisch, umgeben von diversen Gegenstände und Tieren. Das Pop-Up-Rätselzimmer ist eine dreidimensionale und überlebensgroße Darstellung des Bildes. Die Besucher können sich wie auf einer Bühne bewegen und Gegenstände oder Tiere frei im Bild arrangieren oder nach Vorlage an die richtige Stelle positionieren. Kurze Texte erklären dabei die Symbolik der einzelnen Details.

Die junge Landesausstellung wurde entwickelt vom Berliner »Alice-Museum für Kinder« und war bis zum 12. April mit großem Erfolg in Berlin zu sehen. »Pop Up Cranach ist zwar eine Ausstellung für Kinder und Jugendliche«, sagt Claudia Lorenz, die Leiterin des Alice-Museums, »aber auch Erwachsene können in der Ausstellung Interessantes über die Cranachs entdecken.« Bei ihrer Entdeckungsreise in die Cranach-Welt schlüpfen die Besucher in die Rolle von Kunstdetektiven. Ein Stadtplan dient zur Orientierung durch die acht Stationen von Wittenberg-City zu Cranachs Zeiten. Groß und Klein erfahren eine Menge über das Leben der Cranachs, über Martin Luther und auch über ganz moderne Aspekte aus der Kunstforschung.

Die Station »Zum Palast« greift das Wirken der Cranachs als Hofmaler der Kurfürsten auf. Kinder können in farbenprächtige Kostüme schlüpfen, um dem Tanzmeister auf der Leinwand zu folgen und die Tänze des 16. Jahrhunderts mitzutanzen.

In Berlin waren sogar die Kleinsten für den alten Meister zu begeistern. So war der KiTa-Freitag für Kindertagesstätten über Monate ausgebucht. Das museumspädagogische Angebot zur jungen Landesausstellung »Pop Up Cranach« in Wittenberg ist gedacht für Schülerinnen und Schüler der 1. bis 12. Klasse, aber auch für jüngere Kinder gibt es besondere Mitmachangebote.

Thorsten Keßler

E-Mail: service@cranach2015.de

Pilsen: Eine stolze Stadt zeigt sich Europa

14. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Wenn am 17. Januar im tschechischen Plzen (Pilsen) die Glocken ertönen, ist es nicht nur 18 Uhr. Dieser Klang ist nämlich das erste Mal zu hören. Die letzten Glocken der St.-Bartholomäus-Kathedrale auf dem zentralen Republikplatz waren dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen. Nun, fast 70 Jahre später, freuen sich die Pilsener, dass ihre Hauptkirche endlich wieder Glocken hat. Viele von ihnen haben das mit ihrer Spende erst ermöglicht.

Steffen Neumann berichtet für unsere Zeitung aus Tschechien.

Steffen Neumann berichtet für unsere Zeitung aus Tschechien.

Der erste Glockenklang ist noch in anderer Hinsicht besonders. Er läutet das europäische Kulturhauptstadtjahr ein. Plzen darf sich in diesem Jahr mit dem Titel schmücken, der seit 2001 immer an zwei Städte in der Europäischen Union vergeben wird. Diesmal sind die belgische Revierstadt Mons und Plzen an der Reihe.

Nachdem in den Anfangsjahren vor allem Hauptstädte den Titel trugen, konnten ihn zunehmend Orte erringen die kleiner sind, wie zuletzt das schwedische Umeå und das slowakische Košice oder Orte, die auf den ersten Blick nur wenige mit Kultur verbinden, wie vor Jahren das deutsche Essen.

Plzen ist eher wie Essen, wenn auch nicht im Strukturwandel begriffen. Es ist die viertgrößte Stadt Tschechiens und hier brummt die Wirtschaft schon seit 150 Jahren. Von wo aus einst ganz Europa mit Waffen versorgt wurde, werden nun Straßenbahnen, O-Busse und Lokomotiven produziert. Und natürlich Bier.

Doch als Kulturstadt hat Plzen noch aufzuholen. Nicht bei seinen Einwohnern. Die nutzen schon rege die zwei Mehrspartentheater, unzählige Festivals, Galerien und Museen und eine feine Klubszene. Doch wer in Deutschland weiß schon, dass die tschechische Puppenspieltradition von hier stammt? Die beiden berühmtesten Marionetten des Landes, Spejbl und Hurvinek, sind gebürtige Pilsener. Das gilt auch für den Trickfilmregisseur Jiri Trnka, dem gleich zwei Ausstellungen gewidmet sind.

Ein weiterer Höhepunkt ist ebenfalls mit einem unbekannten Pilsener verbunden. Im Mai wird die neben Berlin einzige Ausstellung in Europa mit Bildern von Gottfried Lindauer eröffnet. Lindauer wanderte nach Neuseeland aus und wurde mit Porträts der dortigen Maori-Indianer berühmt. Auf dem Programm stehen außerdem Cirque Nouveau, Smetana-Tage, Tanzfestival, Folklorefestival oder ein Jazzfestival.

Dass die Kultur viele Tausend Besucher lockt, gilt für die Organisatoren als sicher. Ihnen liegt aber noch etwas auf dem Herzen: Die Stadt und ihre Einwohner sollen weltoffener werden. Pilsener gelten nämlich als konservativ, wenn auch stolz. Den Stolz auf ihre Stadt sollen sie nun auf die Besucher übertragen. Deshalb wurden die Nachbarschaftsspaziergänge ins Leben gerufen. Diese von Pilsenern geführten Stadtrundgänge ermöglichen einen ganz privaten Blick auf die Stadt. Und dass die von ihnen gespendeten Glocken ausgerechnet erstmals zur Eröffnung des Kulturhauptstadtjahrs läuten, macht die Pilsener besonders stolz.

Steffen Neumann

Maria in Grisaille

3. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Der Maler Michael Triegel entwarf zum ersten Mal Fenster für eine katholische Kirche

Noch fällt das Licht ungefiltert durch die dreigeteilten Bogenfenster oben im Ost- und Westgiebel der katholischen Kirche in Köthen. Doch das wird die längste Zeit so gewesen sein. In knapp einem Jahr sollen die neuen Fenster eingeweiht werden, mit deren Entwürfen die Pfarrei den Maler Michael Triegel beauftragte. Große Beachtung fand er 2010 mit seinem Porträt von Papst Benedikt XVI. In den Jahren zuvor hatte der in Leipzig ausgebildete Künstler farbenprächtige Gemälde für Kirchen geschaffen, die sich überwiegend an der italienischen Renaissance und des Manierismus orientierten. Mit den Entwürfen für die Fenster betritt der »Papstmaler« nicht nur mit der künstlerischen Technik Neuland, sondern auch mit der Hinwendung zur Grisaille: Die in Grautönen gehaltenen Figuren agieren vor lichtblauem Hintergrund. Triegel geht damit auf den spätklassizistischen Kirchenbau ein, der 2009 restauriert und dabei auf die ursprüngliche Farbfassung zurückgeführt wurde.

Das große Mittelfenster auf der Ostseite zeigt eine Pietà von Michael Triegel. Foto: Heiko Rebsch

Das große Mittelfenster auf der Ostseite zeigt eine Pietà von Michael Triegel. Foto: Heiko Rebsch

Die Kirche ist ein Auftragswerk des herzoglichen Hofbaumeisters Christian Gottfried Heinrich Bandhauer (1790–1837) für das am 24. Oktober 1825 zum Katholizismus konvertierte Fürstenpaar Friedrich Ferdinand von Anhalt-Köthen und seine Frau Julie. Erbaut wurde die Pfarr- und Schlosskirche St. Maria von 1827 bis 1832. Die Schutzpatronin hat nicht nur Einfluss auf das Bildprogramm, sondern auch auf die Farbigkeit: Blau ist in der kirchlichen Überlieferung der Gottesmutter Maria zugeordnet und symbolisiert zudem den Himmel.

Das große Mittelfenster auf der Ostseite zeigt eine Pietà. Maria hält am Fuß des Kreuzes den Leichnam ihres Sohnes auf dem Schoß, mit ihrer linken Hand ergreift sie seinen linken Arm und hält ihn in einer zum Himmel weisenden Geste. Dornenkrone und Nägel liegen ihr zu Füßen. Die kleinen Seitenfenster stellen die Verkündigung – Maria mit dem Reinheitssymbol der Lilie – und die Empfängnis dar: Maria hält ein geschlossenes Buch in der Hand, Hinweis des Künstlers darauf, dass mit der Menschwerdung Christi ein neues Testament beginnt. Auf der Westseite, über der Orgel, ist die Aufnahme Marias in den Himmel dargestellt. Gottvater und Sohn, spiegelbildlich dargestellt und nur durch die Wundmale voneinander zu unterscheiden, krönen Maria mit zwölf Sternen zur Himmelskönigin, die als Symbol ihrer Herrschaft einen Granatapfel hält. Über allem schwebt der Heilige Geist in Gestalt einer Taube. In den Seitenfenstern sind, als Vertreter der der Erlösung bedürftigen Menschheit, Adam und Eva dargestellt. Adam dreht sich hoffend zum Licht. Eva hat den Apfel, das Symbol der menschlichen Schuld, abgelegt.

Die technische Umsetzung der Entwürfe übernimmt die renommierte Glasmalerei Peters aus Paderborn. Unter anderem stammt von ihr die Glasfassade des neuen Technologiezentrums in Halle und das Fensterprogramm in der Apostolischen Nuntiatur in Berlin. In Köthen wird die bisherige Fensterkonstruktion erhalten bleiben. Die Entwürfe Triegels werden auf je eine große, ungeteilte Scheibe übertragen und gebrannt. Kleine zusammengesetzte Glasscheiben wird es in St. Maria nicht geben.

Die Baubegleitung und Planung liegen in Händen des Köthener Ateliers für Architektur und Denkmalpflege (AADe), das unter anderem die Generalsanierung des Gymnasiums Philanthropinum in Dessau übertragen bekam. Den Hauptteil der Gesamtkosten in Höhe von 200 000 Euro tragen die Ostdeutsche Sparkassenstiftung und die Kreissparkasse Anhalt-Bitterfeld. Das Glaskunstprojekt hat die Pfarrei mit der Kunstkommission des Bistums Magdeburg abgestimmt. Eingeweiht werden die Fenster am 24. Oktober 2015.

Angela Stoye

Ohne Pass nach Ost-Berlin

23. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Geschichte: Vor 50 Jahren predigte der US-Bürgerrechtler Martin Luther King in Ost-Berlin

Spontan und ohne Pass reiste US-Bürgerrechtler Martin Luther King 1964 nach Ost-Berlin. Ziel des späteren Friedensnobelpreisträgers waren zwei bekannte Kirchen. Das DDR-Regime war von dem Besuch offensichtlich überrascht.

Berlin, Checkpoint Charlie, 13. September 1964, kurz nach 19 Uhr: Ein Auto mit amerikanischem Kennzeichen nähert sich der Schranke. Die DDR-Grenzer staunen: Im Wagen sitzt ein dunkelhäutiger Mann; er will unangekündigt in die Hauptstadt der DDR reisen. Nicht mal seinen Pass hat der US-Amerikaner für seine Einreise ins sozialistische Ost-Berlin dabei. Diese Szene hat sich vor 50 Jahren an der Berliner Mauer zugetragen. Heute lässt sie sich in zahlreichen Dokumenten – von Stasi-Akten bis zu Zeitzeugenberichten – nachlesen.

Der Baptistenprediger Martin Luther King besichtigt während seines Besuchs in West-Berlin, am 12. September 1964, mit dem Direktor des Berliner Informations­zentrums, Werner Steltzer, die Berliner Mauer in der Bernauer Straße. Foto: epd-bild/akg-images

Der Baptistenprediger Martin Luther King besichtigt während seines Besuchs in West-Berlin, am 12. September 1964, mit dem Direktor des Berliner Informations­zentrums, Werner Steltzer, die Berliner Mauer in der Bernauer Straße. Foto: epd-bild/akg-images

Weiter ist bekannt, dass den DDR-Grenzern schnell klar wurde: Vor ihnen sitzt der US-Bürgerrechtler Martin Luther King, Ikone von Millionen von Afroamerikanern. Beim »Marsch auf Washington« gegen die Rassentrennung hatte sich der schwarze Baptistenprediger mit seiner berühmten Rede »I have a dream« (Ich habe einen Traum) im August 1963 ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Das US-Magazin »Time« kürte ihn danach zum »Mann des Jahres 1964«.

Auch das DDR-Regime sympathisierte mit dem Pfarrer, solange er sich als »Kämpfer gegen den Kapitalismus« vor den eigenen Karren spannen ließ. Mitten im Kalten Krieg – vom 12. bis 14. September 1964 – besuchte King auf Einladung des damaligen Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt (SPD) den Westteil der geteilten Stadt. Nach US-Präsident John F. Kennedy galt King seinerzeit als berühmtester Berlin-Besucher.

Doch trotz dieser Popularität erklärten die DDR-Grenzer King, dass er sich irgendwie ausweisen müsse. Der damals 35-Jährige reichte seine American-Express-Card hinüber. Den Soldaten genügte die Kreditkarte, sie ließen ihn passieren. Der US-Bürgerrechtler fuhr nach dem Grenzübertritt direkt zur Marienkirche am Alexanderplatz und später weiter in die Sophienkirche in Berlin-Mitte. In beiden komplett überfüllten evangelischen Gotteshäusern predigte er vor rund 3 000 Menschen über Freiheit und Menschenrechte. Danach traf er im kleinen Kreis DDR-Kirchenvertreter. In den Stunden zuvor hatte sich unter Ost-Berliner Christen lediglich über Mund-zu-Mund-Propaganda die Information verbreitet, dass King möglicherweise kommt.

Die SED-Führung dagegen wusste von der Stippvisite bis zuletzt offenbar nichts. Das zumindest legen Recherchen des Theologischen Referenten der Marienkirche, Roland Stolte, nahe. Stolte trägt noch immer neue Informationen über den Besuch Martin Luther Kings in Ost-Berlin zusammen, befragt Zeitzeugen in Deutschland und den USA und wertet Dokumente aus.

Auch über die Hintergründe des spektakulären Besuchs kennt er zahlreiche Details. Lange war etwa von Historikern gemutmaßt worden, Kings Ausflug in den Osten sei eine Reaktion auf einen Zwischenfall an der Berliner Mauer gewesen. Am Morgen des 13. September 1964 war ein 21-Jähriger bei einem Fluchtversuch durch fünf Schüsse von DDR-Grenzsoldaten schwer verletzt worden. Als King von dem Vorfall erfuhr, eilte er sofort an den Ort des Geschehens und bezeichnete die Schüsse als »unfassbar«.

Doch der vermeintliche Spontan-Ausflug hatte eine längere Vorgeschichte, sagt Stolte. Der frühere Propst der Marienkirche, Heinrich Grüber, hatte demnach King zur Predigt in Ost-Berlin eingeladen. Grüber und der US-Bürgerrechtler standen seit 1963 in Briefkontakt miteinander. Der Propst, der während der NS-Zeit in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau interniert war, nahm intensiv Anteil an den Aktivitäten der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

Nach dem Mauerbau 1961 lebte Grüber in West-Berlin, Besuche des Ostteils blieben ihm untersagt. Dennoch hat der Theologe die Drähte zwischen King und der Marienkirche geknüpft. »Informationen, er könnte wirklich kommen, wurden schon in den Tagen vor seinem Besuch unter der Hand verbreitet«, erinnert sich auch Irmtraud Streit. Die damals 21-Jährige war Tochter des Präsidenten der Baptisten in der DDR. Ihr Vater, Herbert Weist, saß an der direkten Quelle, denn auch King war Baptist.

In den beiden Ost-Berliner Gotteshäusern predigte der US-Bürgerrechtler jeweils eine knappe halbe Stunde. Er kritisierte unter anderem trennende Mauern zwischen den Menschen. Vor allem aber griff er auch hier die Rassentrennung an. Viele Zuhörer waren des Englischen nicht ausreichend mächtig, um der Predigt folgen zu können. »Aber dass Martin Luther King, der soviel durchgemacht hat, zu uns unbedeutenden Ost-Berlinern kam, das beflügelte uns, in unserer Kritik an den herrschenden Zuständen nicht nachzulassen«, erzählt Augenzeugin Streit.

Der Ost-Berlin-Ausflug blieb der einzige Besuch Martin Luther Kings hinter dem Eisernen Vorhang. Genau einen Monat später bekam er den Friedensnobelpreis zuerkannt. Am 4. April 1968 wurde Martin Luther King im Alter von 39 Jahren in Memphis, Tennessee, von einem weißen Rassisten erschossen.

Christine Xuân Müller (epd)

Die frühen Apostel des Kirchenschlagers

25. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Porträtiert:Drei Liedermacher, die Gottes Wort in moderne Rhythmen packten – als das vielen Christen in Ost und West noch als dämonisch galt

Egal ob vor Christen in der DDR oder vor Häftlingen in einem afrikanischen Gefängnis: Manfred Siebald will Gott loben mit Musik, wie sie die Menschen auch im Radio hören.

Auf die Frage nach einem herausragenden Konzert lacht Manfred Siebald sein herzliches, zurückhaltendes Lachen. Es waren fast 3000 bisher. Aber zwei nennt er dann doch. Zum Kirchentag 1983 in Dresden kamen 2000 Zuhörer. Immer, wenn Siebald ein Lied anstimmte, fingen die Menschen an zu singen. Sie kannten seine Texte, seine Melodien. »Ich hab mich nicht mehr eingekriegt. Woher sollte ich wissen, dass ich in der DDR so bekannt bin.«

Dann 2013, Harare in Simbabwe. Manfred Siebald sitzt inmitten von 2000 Gefangenen im Hauptgefängnis der Stadt. Mit ihnen singt er »Peace be with you« – Friede sei mit dir. »Das geht einem so an die Wäsche, das wird man nicht mehr los«, sagt er.

Manfred Siebald

Manfred Siebald

Siebald erinnert sich, wie er, der als Kind eine klassische Ausbildung auf der Bratsche und Geige erhielt, mit der Folkmusik in Berührung kam. Sie sollte ihn, den späteren Liedermacher, prägen. Es war ein amerikanischer Soldat, der im Haus seiner Eltern ein- und ausging. Eines Tages brachte dieser eine Stereotruhe mit. Und eine Plattensammlung. »Da waren Dingen dabei, die hab ich rauf und runter gehört.« Er wird, eher zufällig, christlicher Liedermacher. In der Jugendarbeit wurden neue Lieder gebraucht und Siebald lieferte. In der Frühzeit christlicher Popmusik war der Wind noch rauer, die Kritik an den neuen Liedern heftig. Auch wenn Manfred Siebald nie zwischen die Fronten geriet, weil er nur mit Gitarre seine Konzerte spielte, sprang er für seine Kollegen, die Beat und Rockmusik machten, in die Bresche. »Ich war und bin der Meinung, dass wir Menschen mit der guten Botschaft dort abholen sollen, wo sie gerade stehen. Und in Radio und TV hören sie nun einmal andere Sachen als die, die Kirchenmusiker abliefern.«

Wenn er komponiert und spielt, dann hat er eine Mission. »Ich mach’ Musik nicht wegen des Applauses, sondern weil ich eine Arbeitsanweisung Gottes in der Bibel lese: Ich will den Herrn loben mein Leben lang.«

Manfred Siebald

Sein Leben:

Geboren 26. Oktober 1948 in Alheim-Baumbach (Hessen)

Studium der Germanistik und Anglistik in Marburg

Dissertation über den Schriftsteller Herman Melleville

2002–2012 Professor für Amerikanistik in Mainz

2008 Bundesverdienstkreuz am Bande

Seine bekanntesten Lieder:

»Ins Wasser fällt ein Stein«

»Jesus, zu dir kann ich so kommen wie ich bin«

»Gut, dass wir einander haben«

»Es geht ohne Gott in die Dunkelheit«

»Geh unter der Gnade«. Foto: Buttgereit und Heidenreich



Siegfried Fietz verband den Glauben mit dem Beat, als das vielen Christen noch als dämonisch galt. Dann suchte er den Pakt mit der Plattenindustrie – doch berühmt wurde er mit Bonhoeffer.

Immer wieder sagt Siegfried Fietz einen Satz: »Ich bin dankbar.« Dankbar ist er vor allem für seinen größten Hit, die Vertonung des Bonhoeffer-Gedichts »Von guten Mächten wunderbar geborgen«.

Dessen weite Verbreitung ist für ihn ein Phänomen. »Das kann man nicht vorhersehen und sich auch nicht mit der besten Werbestrategie ausdenken.« Auch wenn die Kritik auf das Album damals heftig war. Eine katholische Kirchenzeitung schrieb: »Fietz – von guten Mächten verlassen.«

Siegfried Fietz

Siegfried Fietz

Heftig war auch die Kritik auf seine ersten Gehversuche als christlicher Popmusiker mit dem »Fietz-Team«, einer Beat-Combo. »Die Leute mochten zwar Blasmusik, die noch lauter war als das, was wir sonst machten. Aber ein Schlagzeug wurde abgelehnt. Das galt als dämonisch. Dabei wollten wir nur mit ehrlichem und heißem Herzen dem Herrn dienen«, erinnert er sich.

Irgendwann in den 1970er Jahren, Siegfried Fietz hatte sich als Produzent (unter anderem von Manfred Siebald) und Komponist längst einen Namen gemacht, wird aus ihm Manuel Thaler. Er wollte seine christlichen Lieder gerne in die große Öffentlichkeit bringen und ließ sich auf einen Handel mit der internationalen Plattenfirma CBS ein. Die Bosse aber sagten: »So können wir das nicht machen. Wir müssen erst einmal etwas Neutrales bringen.«

Aus Fietz wird Thaler und er singt Lieder wie »Jeder Sonnenstrahl ist ein Versprechen« oder »Ein Rucksack und ein Knotenstock«. Er ließ das Experiment schnell sein und gründete mit seiner Frau Barbara seinen eigenen Plattenverlag: Abakus. Vielleicht hätte es für den säkularen Popmarkt mehr Ellenbogen gebraucht. Aber Ellenbogen und christliche Botschaft passen für Fietz nicht so recht zusammen.

Siegfried Fietz, der schon mit allen Größen der christlichen Szene zusammenarbeitete, mit einem Astronauten der Apollo 15 Mission und dem Royal Philharmonic Orchestra London eine »Space Symphonie« einspielte und gut 3500 Lieder geschrieben hat, ist vor allem ein Ereignis im Gedächtnis geblieben. Ein Zahnarzt in Hormersdorf im Erzgebirge hatte in den 1970er Jahren sein »Paulus-Oratorium« gehört. Und nach und nach die Noten dazu aufgeschrieben: Chor, Sologesang und Orchester. Nach Gehör. Seitdem wurde das Stück mehr als 150 Mal aufgeführt.

Auch dafür ist er dankbar. »Hör mal«, sagt Siegfried Fietz: »Mir geht’s doch nur darum, mit heißem Herzen dabei zu sein.«

Siegfried Fietz

Sein Leben:

Geboren 25. Mai 1946 in Berleburg (Nordrhein-Westfalen)

Vorreiter christlicher Popmusik im deutschsprachigen Raum

Gründer des christlichen Musikverlages Abakus

1986–1996 Leiter der Sendung »Lieder zwischen Himmel und Erde« beim Hessischen Rundfunk

zuletzt auch aktiv als bildender Künstler

Seine bekanntesten Alben:

»Von guten Mächten wunderbar geborgen«

»Manchmal brauchst du einen Engel«

»Spuren im Sand«

»Paulus-Oratorium«. Foto: Abakus Musik



Jörg Swoboda will den Menschen eine geheiligte Respektlosigkeit gegenüber menschlichen Autoritäten ins Herz singen – das war in der DDR so, und der konservative Liedermacher tut es auch heute.

Ein Hotel am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin-Ost, 1987. Theo Lehmann, Jörg Swoboda, Ulrich Parzany und andere sitzen zusammen und sprechen über das Christival, einen Jugendkongress in der BRD, der im Folgejahr in Nürnberg stattfinden soll. Parzany ist konsterniert. Ihm fehlt noch eine Festivalhymne. »Ich hab da was«, sagt Jörg Swoboda. »Aber ihr müsst mit in mein Auto.« Die Mannschaft zwängt sich in Swobodas Wagen, eine Kassette wird eingeschoben. Aus den Lautsprechern klingt »Dass dein Wort in meinem Herzen starke Wurzeln schlägt«. Parzany ist begeistert. Das Lied eines Ostdeutschen wird der Schlager von Nürnberg.

Als Swoboda fast noch ein Kind war, fand er immer wieder Zettel mit Sprüchen auf dem Küchentisch – Sinnsprüche seiner Mutter, die ihr bei der Hausarbeit einfielen. Er vertonte sie. Langsam wächst er hinein in die Existenz eines Liedermachers: Ein künstlerischer Beitrag in der Schule hier, der Wunsch nach neuen Liedern in der Jugendarbeit dort. »Mensch Jörg, mach mal ein Lied.« Und Jörg machte.

Jörg Swoboda

Jörg Swoboda

Dreh- und Angelpunkt wurde die offene Jugendarbeit der Baptisten in Berlin-Köpenick. »Da gab es die Gammler, die Outlaws der DDR. Die haben wir eingeladen und sie kamen. Mit Kippen und Kofferradio. Bald hatten wir einen akustischen Machtkampf: Wer ist hier der Platzhirsch?«, erinnert sich Swoboda. Verstärker mussten her. Die erste große Bewährungsprobe für seine Lieder.

Andere Gemeinden werden auf ihn aufmerksam, seine Melodien landen in Büchern, wehen über die Mauer und werden – dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs – gesungen. Im Westen taucht sein Name unter den Liedern nicht auf. »Aus der DDR« steht dort.

Swoboda spricht Klartext. Damals, als ein klares Wort Repressionen bedeutete. Und heute, wo er, der viele Texte Theo Lehmanns vertonte, mit seiner konservativen Haltung wieder aneckt. »Das Bibelwort muss die Messlatte sein«, sagt er. »Sonst geben wir doch alle Maßstäbe preis.«

Er ist sich sicher, dass auch seine Lieder in der Vorwendezeit ihren Beitrag leisteten. »Eine geheiligte Respektlosigkeit gegenüber jeder menschlichen Autorität ins Herz der Menschen zu singen, ist eine wichtige Aufgabe. Früher wie heute.«

Jörg Swoboda

Sein Leben:

Geboren 5. Januar 1947 in Berlin

Pastor im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden

1967–1971 Theologische Ausbildung in Buckow

Vikariat in Lichtenstein (Sachsen)

1973–1981 Jugendpastor des Evangelisch-Freikirchlichen Gemeindebundes in der DDR

zusammen mit Theo Lehmann Autor zahlreicher Lieder

Seine bekanntesten Lieder:

»Herzen, die kalt sind wie Hartgeld«

»Dass dein Wort in meinem Herzen starke Wurzeln schlägt«

»Wer Gott folgt, riskiert seine Träume«. Foto: privat

Stefan Körner


Ermutigung zum Fliegen

13. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Würdigung: Mann des Wortes und Vordenker – der ostdeutsche Theologe Heino Falcke wird 85 Jahre

Falken nisten gerne auf Kirchtürmen. Sie haben schon aufgrund der Augenstellung einen extrem weiten Rundblick; ihre Anatomie ist auf den aktiven Flug hin ausgerichtet. Vielleicht gilt dies auch für Heino Falcke, der vielen Christen in der DDR zum Ermutiger wurde.

Heino Falcke erinnert sich: »Als uns 1980 Roger Schutz aus Taizé besuchte, kam es auf dem Domberg in Erfurt zu folgender Szene: Wir standen als Leiter des Gottesdienstes oben vor dem Dom, da löste sich aus der Gemeinde zu Füßen der Domstufen ein kleiner Junge und stieg ganz alleine vor allen die Treppen hinauf. Wir hielten den Atem an. Das war ein wunderbares Symbol für uns Christen in der DDR – sich zu wagen, alleine aus der Menge heraus seinen Weg zu gehen.«

Nicht zufällig ist dem ökumenisch weitblickenden Heino Falcke die Spiritualität von Taizé nahe. Und nicht zufällig ist das Kind auf der Treppe auch ein gutes Bild für Falckes Lebensleistung: die Ermutigung zu eigenen Schritten. Der Mann mit der prägnanten viereckigen Brille und dem weißen Haarkranz wird am 12. Mai 85 Jahre alt. »Ich bin ein Mann des Wortes«, meint Falcke von sich, »nicht so sehr begabt in Aktionen.« Seine Worte boten vielen jedoch Auftrieb für den aktiven Flug. »Prediger des Protestes« wurde der ostdeutsche Theologe genannt, »Mahner«, »Vordenker« der friedlichen Revolution.

Ja, Heino Falcke besitzt die Gabe des messerscharfen Wortes, doch seine Stimme ist leise und reibt angenehm, wenn er berichtet, was ihn prägte. Im ehemaligen Westpreußen geboren und in Königsberg aufgewachsen, erlebte er in seinem bildungsbürgerlichen Elternhaus Nationalgefühl und preußisches Soldatenethos und als Flakhelfer die Luftangriffe der britischen Flieger auf die Stadt. Im Januar 1945 floh die Familie über die Ostsee. In einer »Jungen Gemeinde« wurde Falcke, der sich bis dahin als distanzierten Christen beschreibt, durch einen Jugendpfarrer für den Glauben begeistert: »Er war stark durch Bonhoeffer geprägt; seine Art Christ zu sein, das war authentisch, aus einem Guss.«

Aufruf zum Christsein im Hier und Jetzt

Darauf folgte das Theologiestudium in Berlin, Göttingen und in Basel bei Karl Barth, dem großen Theologen der Bekennenden Kirche, Promotion und Habilitation in Rostock, später eine Pfarrstelle in Wegeleben am Harz. Von 1973 bis 1994 war Falcke Propst der Kirchenprovinz Sachsen in Erfurt. Diese Stelle als »kirchenleitender Libero« sei ihm auf den Leib geschneidert, »Propst Falcke« wurde zur Instanz.

Grenzübergreifende Erfahrungen prädestinieren für Grenzen übergreifendes Denken. Falckes Rede »Christus befreit – darum Kirche für andere«, gehalten 1972 vor der Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, rief die Christen zum Engagement im Hier und Jetzt auf, für eine verbesserliche Kirche in einem »verbesserlichen Sozialismus«.

Die Rede wurde von Kirchenleuten kontrovers diskutiert, der Staat reagierte wie üblich gekränkt. Falcke aber wurde zum wichtigen Sprecher der Friedensbewegung in der DDR, zu einer der treibenden Kräfte des ökumenischen »Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung«. Der Erfurter Propst beflügelte die sich bildenden Friedens- und Umweltgruppen. Freiheit, Frieden, Umwelt, Ökumene und der Ruf nach christlich-authentischem Leben blieben Falckes Lebensthemen. Als 2011 Papst Benedikt XVI. in die Erfurter Lutherstätte Augustinerkloster einzog, da kamen dem evangelischen Theologen die Tränen. Der Akt selbst erfüllte für einen Moment die ökumenischen Hoffnungen; was der Papst dann zur Ökumene sagte, fand Falcke enttäuschend.

Wollte immer, dass Kirche sich als Kirche für andere versteht: der Erfurter Theologe Dr. Heino Falcke. Foto: Jens-Ulrich Koch

Wollte immer, dass Kirche sich als Kirche für andere versteht: der Erfurter Theologe Dr. Heino Falcke. Foto: Jens-Ulrich Koch

Die evangelische Kirche sieht er heute als eine unter vielen Stimmen der Zivilgesellschaft. Hier sollte sie ihre Positionen stärker profiliert ins Gespräch einbringen und sich nicht als Moderator oder Konsens-Sucher gebärden. »Wir stehen vor notwendigen, tiefgreifenden Korrekturen im Kapitalismus; das ist eine enorme Herausforderung für die Kirchen unterhalb des Politischen«, sagt Falcke. »Wir sollten gegen den Mainstream hoffen – und nicht auf die Weltrevolution. Das geht nur, indem wir als Gemeinde exemplarisch leben und die Korrekturen im Selbstverständnis und in der Lebensweise der Menschen ansetzen lassen und bewirken.«

Verbesserlicher Markt und unverbesserlicher Kapitalismus

»Ich möchte noch etwas präzisieren«, sagt Heino Falcke später am Telefon. »zur Frage nach dem verbesserlichen Kapitalismus. Ich möchte unterscheiden zwischen Kapitalismus und Markt. Der Kapitalismus, mit dem Ziel der Kapitalvermehrung, ist überhaupt nicht verbesserlich, aber der Markt mit freiem Wettbewerb ist verbesserlich. Er bedarf des politischen Rahmens, der ihn in den Dienst des Gemeinwohls zwingt.« Eigene Schritte sind gefragt.

Rechts neben Falckes Hauseingang steht ein relativ neues, rotes Graffiti auf dem Putz: »Wir bleiben alle!«. Jawohl. Heino Falcke lehrt uns Zähigkeit, Genauigkeit und Geduld, die zum Wandel nötig sind. Wir werden sie brauchen.

Jürgen Reifarth

Hinweis:
Am 14. Mai wird anlässlich des 85. Geburtstages von Dr. Heino Falcke zu einem Symposium in das Erfurter Collegium maius (Landeskirchenamt) eingeladen. Beginn der Veranstaltung unter dem Titel »Gemeinde neu denken« ist um 16 Uhr.

Seitenblick auf Land und Kirche in der DDR

8. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Porträt:  Der renommierte Kirchenhistoriker Peter Maser gehört dem wissenschaftlichen Beirat zur Lutherdekade an

Das Spezialgebiet des Wissenschaftlers Peter Maser ist neben der christlichen Archäologie die Kirche in der DDR. Nicht zuletzt aus eigener bitterer Erfahrung.

Sein Leben wäre einen Roman wert oder eine Autobiografie. Peter Maser hat viel zu erzählen. Seine Erlebnisse und Erfahrungen spiegeln auf besondere Weise die geschichtlichen und politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts wider. Der 70-jährige Wissenschaftler erforscht Geschichte und ist selbst Teil von ihr.

Peter Maser wünscht sich, dass das Reformationsjubiläum 2017 ein gesamtgesellschaftliches Ereignis wird und nicht in »Luther-Verdruss« endet. Foto: Torsten Biel

Peter Maser wünscht sich, dass das Reformationsjubiläum 2017 ein gesamtgesellschaftliches Ereignis wird und nicht in »Luther-Verdruss« endet. Foto: Torsten Biel

Im August 1943 in Berlin geboren, zählt Maser seit vielen Jahren zu den anerkannten Kirchenhistorikern des Landes. Sein Spezialgebiet ist neben der christlichen Archäologie die Kirche in der DDR. Obwohl seit 1977 in der BRD wohnend. »Ich warf immer einen Seitenblick auf das Land und seine Kirche«, sagt Maser. Vor wenigen Jahren kehrte er zurück an die Stätte seiner Kindheit, die sein weiteres Leben maßgeblich beeinflusst hatte.

Peter Maser wuchs im Kurort Bad Kösen nahe Naumburg auf. In den Wirren der letzten Kriegsmonate ging er als kleines Kind während der großen Flucht aus den Ostgebieten gen Westen verloren. Seine Mutter war mit ihm in den Osten geflohen, um sich vor den verheerenden Bombenangriffen auf Berlin zu schützen. Als Kriegsfindelkind nahm ihn die Pfarrersfamilie Bertheau auf. »Diese Zeit hat mich sehr geprägt. Ich hatte ein sehr enges Verhältnis zu meiner Pflegefamilie«, blickt der gebürtige Berliner zurück. An seine Geburtsstadt hat er indes kaum noch Erinnerungen.

Auf der Landesschule Pforta bekam er als Jugendlicher den Konflikt zwischen Staat und Kirche zum ersten Mal deutlich zu spüren. Schon nach zwei Jahren verließ er die Schule. Sein schwerwiegender Fehler: Als sogenannter Kulturbeauftragter hatte er den Besuch des Weihnachtsoratoriums im Naumburger Dom organisiert.

In der Domstadt besuchte er anschließend das kirchliche Proseminar, nachfolgend nahm er ein Theologiestudium an der Universität Halle auf. Seine wissenschaftliche Karriere in der DDR schien nahezu geebnet. Er wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter und promovierte. Als Doktorvater wusste Maser den bekannten Ikonenforscher Konrad Onasch an seiner Seite.

Doch die Staatssicherheit hatte schon früh ein Auge auf den Theologen geworfen. »Ich wurde gleichzeitig von sechs Stasi-Spitzeln überwacht«, erzählt Maser. Von politischer Seite wurden seine wissenschaftlichen Ambitionen blockiert. Er stellte einen Ausreiseantrag. Seine Arbeit verlor er daraufhin. Gemeinsam mit seiner

Frau Malwine, ebenfalls eine Theologin, und den beiden Kindern Jakob und Rebekka, übersiedelte Maser in den Westen. Dort wurde er Mitarbeiter des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche Deutschlands und lehrte bis zu seiner Emeritierung 2008 an der Universität Münster. In den 90er Jahren wirkte Maser in der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur Aufarbeitung der Folgen der SED-Diktatur. Mit diesem Amt erhielt er Einsicht in besondere Akten und Archive. Seine folgenden Recherchen bereiteten selbst ihm so manche Überraschungen – mit Blick auf das angespannte Verhältnis zwischen Staat, Partei und Kirche in der DDR.

»Ich war sehr überrascht, wie stark durchsetzt die Kirche von Mitarbeitern der Staatssicherheit war, wie viel die Stasi wirklich gewusst hat«, bemerkt der Wissenschaftler. Auch die besondere Rolle der Kirche bei politischen Geschäften zwischen DDR und BRD versetzte ihn in Erstaunen. Nicht minder, dass die Kirche in den 50er Jahren wegen des politischen Druckes der Partei nahezu vor ihrem Ende stand und erst auf einen Wink aus Moskau hin die SED-Staatsführung von ihrem Kurs abließ.

Seit dem vergangenen Jahr gehört Peter Maser dem 24-köpfigen wissenschaftlichen Beirat der Lutherdekade an, der neben dem Kuratorium und dem Lenkungsausschuss als weiteres Gremium die Vorbereitung von Veranstaltungen und Ausstellungen begleitet. Sein Wissen über das Luther-Gedenkjahr 1983 in der DDR ist in sein Buch »Mit Luther in Butter?« geflossen. Das erste Material dafür sammelte der Autor in den 80er Jahren.

Das mehr als 570-seitige Werk widmet sich der Struktur und Rolle der Kirche in der DDR und beleuchtet mit Hilfe zahlreicher Quellen die Geschehnisse rund um das Jubiläumsjahr 1983. Damals wurden weit vor der friedlichen Revolution schon erste Anzeichen einer Krise in der DDR deutlich. Vor allem aufgrund der aufkommenden Friedens-, Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen, die nicht zuletzt bei den Feierlichkeiten und Kirchentagen jenes Jahres wichtige Kontakte untereinander knüpfen konnten.

Beim Jubiläum 2017 sollte nicht Luther, sondern vielmehr die Reformation, ihre Auswirkungen auf Europa und die Geschichte der Nationalstaaten, vor allem auch jener Osteuropas, im Mittelpunkt stehen, meint Maser. »Ich hoffe, ich kann diese Perspektive einbauen und dazu beitragen, dass die Themen aufgearbeitet werden.« Sein Wunsch: 2017 sollte als gesamtgesellschaftliches Ereignis die ganze Bevölkerung einbeziehen und von ihr wahrgenommen werden, ohne dass die Feierlichkeiten einen Event-Charakter annehmen und einen Luther-Verdruss, wie es ihn nach dem 1983er-Gedenkjahr gegeben hatte, bescheren.

Constanze Matthes

Buchtipp:
Maser, Peter: »Mit Luther alles in Butter?« Das Lutherjahr 1983 im Spiegel ausgewählter Akten, Metropol-Verlag, 576 S., ISBN 978-3-86331-158-2, 29,90 Euro

»… das Herz rühren«

10. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Vor 300 Jahren wurde der Komponist Carl Philipp Emanuel Bach geboren

Wer heute »Bach« sagt, meint seinen Vater. Doch zu Lebzeiten war Carl Philipp Emanuel Bach sogar berühmter als Johann Sebastian. Der Sohn war Hofcembalist in Berlin und Musikdirektor in Hamburg. Vor 300 Jahren wurde er in Weimar geboren.

Carl Philipp Emanuel Bach, Büste im Schauspielhaus Berlin. Foto: Wikipedia

Carl Philipp Emanuel Bach, Büste im Schauspielhaus Berlin. Foto: Wikipedia

Die Musik war ihm in die Wiege gelegt. Am 8. März 1714 wurde Carl Philipp Emanuel Bach in Weimar geboren, als zweitältester Sohn Johann Sebastian Bachs. Bereits mit elf Jahren konnte er die Cembalo-Musik des Vaters fließend vom Blatt spielen. In dessen Fußstapfen stieg er aber zunächst nicht: Auf Wunsch des Vaters begann Carl Philipp Emanuel 1731 ein Jura-Studium, zunächst in Leipzig, dann in Frankfurt/Oder.

Doch schon sein Studium finanzierte der 20-Jährige mit Musik. Er gab Cembalo-Unterricht, dirigierte und komponierte. Und hatte wenig Lust auf ein Advokatenleben: Mit 24 wurde er vom damaligen preußischen Kronprinzen Friedrich als Cembalist ins mecklenburgische Ruppin berufen. Und als der Prinz 1740 König wurde, folgte ihm der junge Bach als fest angestellter Konzertcembalist an die Hofkapelle in Berlin.

In Berlin entstanden ab 1740 die sechs Preußischen Sonaten, ab 1742 die sechs Württembergischen Sonaten. Sie gelten als die wichtigsten Zeugnisse der neuen Stilrichtung »Empfindsamkeit«: »Mich deucht, die Musik müsse vornehmlich das Herz rühren, und dahin bringt es ein Clavierspieler nie durch blosses Poltern und Trommeln, wenigsten bey mir nicht«, schrieb Carl Philipp Emanuel Bach. Und: »Aus der Seele muss man spielen und nicht wie ein abgerichteter Vogel.«

In den 28 Jahren seines Hofdienstes in Berlin wurde »CPE Bach« zu einem der bekanntesten »Clavieristen« Europas. Er schrieb mehr als 100 Sonaten und Solowerke, darunter das »Magnificat« (1749), mehrere Sinfonien und Konzerte sowie etliche weltliche Kantaten und Liederbücher. 1753 erschien sein Buch »Versuch über die wahre Art das Klavier zu spielen, mit Exempeln und 18 Probestücken in sechs Sonaten erläutert«. Es avancierte zu einem der wichtigsten Dokumente über das musikalische Denken im 18. Jahrhundert.

Die Zeitgenossen rühmten ihn. »Er ist der Vater, wir die Bub’n«, urteilte Wolfgang Amadeus Mozart: »Wer von uns was Rechtes kann, hat von ihm gelernt.«

Trotz wachsender Berühmtheit vermisste Carl Philipp Emanuel in Berlin zunehmend die Wertschätzung des Königs. Nach dem Tod seines Vaters bewarb er sich 1750 vergeblich um dessen Nachfolge als Thomaskantor in Leipzig. Als mit dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) das höfische Leben in Berlin nahezu zum Erliegen kam, begann Bach, seinen Wirkungskreis zu vergrößern. Er unternahm Reisen zu Freunden in Hamburg, Bückeburg und Eisenach, gab Konzerte in Gotha und Kassel.

1767 starb in Hamburg sein Patenonkel Georg Philipp Telemann, von dem er den zweiten Vornamen hatte. Telemann hatte Bach die Nachfolge gesichert: Am Ostersonntag 1768 übernahm Carl Philipp Emanuel das Amt als Kantor der Gelehrtenschule Johanneum und städtischer Musikdirektor an den fünf Hauptkirchen. Hier gehörten 200 Konzerte zum jährlichen Pensum, vor allem an den vielen kirchlichen Feiertagen.

Doch in der bürgerlich geprägten Kaufmannsstadt wurden auch Festmusiken zu Jubiläen, Amtseinführungen und Feiern jeder Art erwartet – eine immense Arbeitsbelastung. An den Orgeln der Hauptkirchen wurde Carl Philipp Emanuel daher nicht so oft gesehen, und auch an der Lateinschule des Johanneums konnte er sich vertreten lassen. Den gewaltigen Rest bewältigte er dadurch, dass er nicht selten vorhandenes Material neu zusammensetzte, eigenes und fremdes. Auf diese Weise bot er dem Publikum ein breites Musik-Spektrum.

Viele seiner Stücke waren auch kommerziell erfolgreich und machten ihn weithin bekannt.

Doch Bach hatte das Pech, zwischen den Epochen zu stehen – er war das Musikgenie im Übergang vom Barock zur Klassik. Als man Mitte des 19. Jahrhunderts die große Musik seines Vaters wieder zu entdecken begann, geriet der Sohn zunehmend in Vergessenheit.

Carl Philipp Emanuel Bach starb am 14. Dezember 1788 in Hamburg, sein Grab befindet sich noch heute in der Krypta der Hauptkirche St. Michaelis (»Michel«). In dem Nachruf einer Tageszeitung stand damals, er sei »eine der größten Zierden der Tonkunst« gewesen, dessen Kompositionen »immer neu, unerschöpflich, groß und kraftvoll bleiben werden«.

Klaus Merhof (epd)

Mutter der Collage

3. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Im Herzoglichen Museum wird an die vor 125 Jahren in Gotha geborene Hannah Höch erinnert

Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands«, lautet der Titel ihres vielleicht bekanntesten Werkes, das 1920 auf der Ersten Internationalen Dada-Messe in Berlin gezeigt, später zu einer Art »Ikone des Dadaismus« wurde und inzwischen in der Deutschen Nationalgalerie Berlin hängt: Hannah Höch (1889–1978). Sie war die erste Dadaistin und gilt als Wegbereiterin der Collage.

Hannah Höch: Vor der Kathedrale, 1950, Collage auf Karton. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Lutz Ebhardt

Hannah Höch: Vor der Kathedrale, 1950, Collage auf Karton. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Lutz Ebhardt

Der 125. Geburtstag der aus Gotha stammenden Künstlerin bietet den äußeren Anlass, ihr facettenreiches Werk stärker ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen und in umfangreichen Ausstellungen zu würdigen. Den Anfang machte im Januar die Londoner Whitechapel Gallery, in der bis 23. März mehr als 100 Arbeiten aus dem 60-jährigen Schaffen der Künstlerin gezeigt werden.

Unter dem Titel »Hannah Höch – Aufbruch in die Moderne« folgte Mitte Februar das Herzogliche Museum ihrer Geburtsstadt mit einer Auswahl, die von frühen Versuchen bis hin zu späten Kreationen reicht und bis 4. Mai zu sehen ist. Auch das dritte Themenjahr der »Dada-Dekade 2022« ist der Jubilarin gewidmet. Es steht unter dem Motto »Hoch – Höher – Höch! Dada mit Hannah aus Gotha« und gipfelt am 10. Mai in einem klingenden Umzug durch die Residenzstadt.

Hannah Höch verbrachte die ersten 22 Jahre ihres Lebens in Gotha. Danach ging sie nach Berlin, um sich ganz der Kunst zu widmen. Dort lernte sie 1915 den bereits verheirateten Raoul Hausmann kennen und ging mit ihm eine siebenjährige Liebesbeziehung ein. In dieser Liaison entwickelten sie stilistisch die Fotomontage. Diese erschien ihnen als geeignetes Mittel, den politischen Zeiterscheinungen mit Spott zu begegnen und bissig den Geist der Zeit zu attackieren.

Für Hannah Höch war die Collage ein Arbeitsmittel, das sie durchgängig bis in ihre späten Jahre nutzte. Zu den Glanzlichtern gehört dabei das 1950 entstandene Bild »Vor der Kathedrale«. Den besonderen Reiz der Gothaer Ausstellung macht aus, dass nicht nur die Avantgardistin Hannah Höch zu erleben ist, sondern auch die bodenständige Zeichnerin und Malerin, die es schon in jungen Jahren verstand, Motive aus der Natur und dem Alltag stimmungsvoll mit Farbstiften, Tusche oder Pastellkreide »einzufangen«.

Besonders eindrucksvoll ist das Aquarell »Fackelzug« (1906/08), das eine in Richtung Horizont wegziehende Menschenmenge zeigt.

Michael von Hintzenstern

Herzogliches Museum Gotha, Bis 4. Mai, täglich 10 bis 16 Uhr, ab 1. April: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr

Die Granaten-Bibel

9. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Die digitale Bibliothek Europeana zeigt private Erinnerungsstücke an den Ersten Weltkrieg

Der Infanterist Kurt Geiler schlief fest, als die Granate in den Unterstand einschlug. Seit fast vier Jahren lag Geiler in den Schützengräben von Verdun im Nordosten Frankreichs, wo sich der deutsche Angriff in einem Stellungskrieg festgefahren hatte. Die Granate explodierte und verteilte ihre tödlichen Splitter.

Über Geiler brach das Inferno aus. Stützbalken zerbarsten, Erde und Dreck krachten herunter. Schlaftrunken rettete sich der 23-Jährige ins Freie. Überall lagen Tote und Verwundete, aus dem Inneren des Unterstandes ertönten die Schreie der Verschütteten. Nur Geiler blieb unverletzt.

Die Fotos von der Bibel sind in dem digitalen europäischen Archiv zu sehen. Foto: epd-bild

Die Fotos von der Bibel sind in dem digitalen europäischen Archiv zu sehen. Foto: epd-bild

Später sammelte er seine Habseligkeiten in den Trümmern zusammen und fand dabei auch seine Bibel wieder. Ein zwei Finger breiter, scharfkantiger Granatsplitter hatte sich in das Buch gebohrt. Wie immer hatte Geiler das Buch zum Schlafen unter seinen Kopf gelegt. Das hatte ihm das Leben gerettet. Das war 1917.

Die Fotos von der Bibel sind in dem digitalen europäischen Archiv »europeana1914–1918.eu« zu sehen. Mit dem im März 2011 gestarteten Projekt »Erster Weltkrieg in Alltagsdokumenten« will die europäische digitale Bibliothek Europeana die privaten Erinnerungen von Menschen verschiedener Nationen an diese »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« sichern und öffentlich zugänglich machen. Zum Jubiläumsjahr wurde das Portal in Berlin offiziell freigeschaltet.
Unter Federführung der Staatsbibliothek Berlin wurden seit 2011 europaweit Hunderttausende Zeitdokumente aus der Zeit des Ersten Weltkrieges digitalisiert und eingestellt. Allein 400 000 Dokumente kommen aus zehn europäischen Nationalbibliotheken und Archiven. Zudem sind 90 000 private Dokumente und Erinnerungsstücke aus zwölf europäischen Ländern sowie über 660 Stunden Filmmaterial aus 21 europäischen Filmarchiven zu sehen.

Für die Digitalisierung privater Erinnerungsstücke und Dokumente wurden bislang über 130 Aktionstage, sogenannte collecting days, veranstaltet, darunter in Deutschland, England, Luxemburg, Irland, Slowenien, Dänemark, Belgien, Zypern, Italien, Frankreich, Rumänien und der Slowakei. Koordiniert wird das Projekt in Deutschland von dem Historiker Frank Drauschke vom Historical Research Institute Facts & Files in Berlin.

Seit 2011 wirbt Drauschke unermüdlich in zwölf europäischen Ländern dafür, private Erinnerungsstücke aus dem Ersten Weltkrieg digitalisieren zu lassen oder sie eigenständig in der Datenbank online zu stellen. Gesucht und erfasst wird alles: Feldpostbriefe, Orden, Tagebücher, Fotos, Filme, Tonaufnahmen und die dazugehörigen persönlichen Geschichten. »Jeder, der persönliche Erinnerungsstücke an die Zeit zwischen 1914 und 1918 besitzt, ist weiterhin eingeladen, sich zu beteiligen«, sagt Drauschke.

Die Geschäftsführerin der Europeana Foundation, Jill Cousins, spricht von einer Ressource, die es in diesem Ausmaß in Europa bisher noch nicht gegeben habe. »Zudem hat es unsere Länder in bemerkenswerter Weise zusammengebracht«, betont Cousins. Die ursprüngliche Idee für die virtuelle Sammlung stammt von der Oxford University, die 2008 in Großbritannien dazu aufrief, das Great War Archive um private Exponate zu ergänzen. Finanziert wird die Europeana aus EU-Mitteln und Mitteln der jeweiligen Länder.

»Mein Vater war schon als frommer Mann in den Krieg gezogen«, erinnert sich der Sohn des Infanteristen Kurt Geiler, Gottfried Geiler, heute in Leipzig. Dass die Bibel ihn »im wörtlichen Sinne rettete«, habe ihn natürlich darin bestärkt, auch wenn er später noch zweimal verwundet werden sollte, davon einmal schwer. Aber Kurt Geiler überlebte den Krieg. Die Bibel mit dem Granatsplitter bewahrt sein Sohn sorgfältig in einer Kiste auf. Dass sie und diese Geschichte seines Vaters durch das Internetportal nun zum Teil eines europäischen Gedächtnisses geworden ist, findet der 86-Jährige großartig.

Christoph Roch (epd)

www.europeana1914-1918.eu

Leben und Alltag im evangelischen Pfarrhaus

10. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Kulturgeschichte: Ein Gang durch die Sonderausstellung »Leben nach Luther« im Deutschen Historischen Museum

»Leben nach Luther. Eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses« ist das Thema einer Sonderausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin.

Ein großes Gemälde gegenüber dem Eingang lenkt die Aufmerksamkeit auf sich. Im Vordergrund die Gestalt eines Pastors in ­Talar, im Hintergrund zwei weitere Pastoren. Das Bild, entstanden 1646, Leihgabe einer evangelisch-lutherischen Gemeinde in den Niederlanden, stellt den Pfarrer inmitten einer Herde von Schafen als Hirten dar und veranschaulicht so dessen Aufgabe. »Pastor« ist die lateinische Bezeichnung für Hirte. Das Deutsche Historische Museum in Berlin präsentiert im Rahmen der Lutherdekade die Ausstellung »Leben nach Luther. Eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses«. In sechs Abteilungen beleuchtet sie die Geschichte des Pfarramtes seit der Reformation. Zu sehen sind Porträts von Pfarrern und Pfarrfrauen, die auf den Ursprung von Pfarrfamilie und Pfarrhaus im theologischen Kontext der Reformation hinweisen.

 Gemälde (1646): Pastor Otto Clemens van ­Bijleveld als evangelischer Hirte.

Gemälde (1646): Pastor Otto Clemens van ­Bijleveld als evangelischer Hirte.

Um Amt und Habitus geht es im nächsten Raum. Gezeigt wird eine Kollektion an Amtstrachten und Talaren, unter ihnen ein Exemplar in knallrot, das Amtskleid eines Pfarrers, der mit der Studentenbewegung von 1968 sympathisierte. Die provokante Farbe des Talars habe eine Predigt im Geist der 68er Bewegung unterstrichen, erläutert der Begleittext. Zu sehen sind auch Entwürfe für die Amtstracht der Vikarinnen. In diesem Zusammenhang informiert die Schau über den weiten Weg der Frauen ins Pfarramt. Theologinnen arbeiteten zunächst als Religionslehrerinnen, Gemeindehelferinnen oder Vikarinnen, bevor sie erst Mitte des 20. Jahrhunderts als Pfarrerinnen ordiniert wurden.

Die protestantischen Rituale

Im Mittelpunkt stehen die protestantischen Rituale. Zu den wesentlichen Aufgaben des Pfarrers zählen die geistlichen Amtshandlungen, die Kasualien. Gemälde zeigen ihn bei Taufe und Abendmahl oder beim Besuch am Sterbebett. Ein weiteres Bild hält den Empfang des Pfarrers und seiner Familie in der neuen Gemeinde fest.

Zudem werden ein Eindruck vom Leben der Gemeinde und der einzelnen Christen sowie Kenntnisse über Regeln und Konventionen vergangener Zeiten vermittelt. So war es zum Beispiel üblich, dass die Gemeindemitglieder je nach ihrem sozialen Stand einen festen Sitzplatz in der ­Kirche besaßen, für den sie bezahlt hatten. Eine Konfitentenlade, in die der Beichtgroschen entrichtet wurde, erinnert daran, dass bis ins 18. Jahrhundert die Beichte am Sonntag vor dem Abendmahl auch in der evangelischen Kirche obligatorisch war.

Dass zum Pfarramt auch Verwaltungsaufgaben gehören, dokumentieren Kirchenbücher und –register. Und die vielen Bücher zeugen von der Bildung des Pfarrers.

Protestantismus in Schweden

Die Schau wirft auch einige Seitenblicke auf das protestantische Europa, auf hierzulande unbekannte Traditionen, die zuweilen kurios anmuten. In der schwedischen Kirche war es Aufgabe des Kirchenaufsehers, darüber zu wachen, dass während der Predigt im Gottesdienst niemand schlief. Dazu diente ihm ein zwei ­Meter langer Stock mit Glöckchen. Diese klingelten, sobald der Aufseher den Stock, den Kyrkstöt, auf den Boden stieß, um eingeschlafene Gottesdienstbesucher aufzuwecken. Ein Bild und ein Kyrkstöt illustrieren diese Geschichte. In Schweden gab es auch das Hausverhör, wie ein weiteres Gemälde erzählt. Beim Hausverhör besuchte der Pfarrer die Familien seiner Gemeinde, um zu prüfen, wie es um deren Kenntnisse des Katechismus, der Bibel, des Gesangbuches und um die Lesefähigkeit bestellt war. Zugleich sollten bei einer solchen Stippvisite Ehe und ­Familienleben überwacht werden.

Mit der Aufhebung des Priesterstandes im Zuge der Reformation musste die Stellung des Pfarrers in der Gesellschaft neu definiert, Statusfragen geklärt werden. Auf dem Dorf sollte er nicht Bauer unter Bauern sein, sondern ein Vorbild für bürgerliche Gesittung abgeben. In der Stadt hingegen lebte er als Bürger unter Bürgern. Deren allzu weltliche Zerstreuungen galt es zu meiden. Die Gefahr, dass der mondäne Lebensstil künftig auf den Pastor abfärben könnte, drohte, wenn dieser in adligen und großbürgerlichen Familien Dienst als Hauslehrer tat. Ein Bild deutet diese Problematik an.

Zur Geschichte der Kirche gehört die Mission, die sich im 19. Jahrhundert etablierte. Sie führte Pfarrers­familien oft unter extremen Bedingungen in weit entfernte Weltregionen. Auch dies wird in einer Nische beleuchtet.

Der Lebenswandel von Pfarrern kann Zündstoff für heftige Diskussionen bieten. Dass dies keine Erscheinung der Neuzeit ist, sondern an die Vorbildlichkeit des Pfarrers schon immer hohe Anforderungen gestellt wurden, wird in dem Raum deutlich, wo es um die Lebensführung im Pfarrhaus geht. Die Präsentation stellt dar, dass die Pfarrersfamilie über Jahrhunderte das Idealbild der bürgerlichen Familie blieb. Es begegnen Fragen nach Moral, angemessenem Verhalten und nach dem richtigen Maß an Bescheidenheit.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bewegte sich der Pfarrer in seiner Gemeinde mit eigenem Gespann oder Pferd, beziehungsweise wurde von den Bauern mit Pferd und Wagen ­kutschiert. Diese Spanndienste fielen mit der Erfindung des Fahrrads weg, wobei zunächst Bedenken bestanden, ob das Radfahren mit der Würde des geistlichen Amtes vereinbar sei. Die Zweifel lösten sich schließlich auf zugunsten der Mobilität der Pfarrer, die später gern auch das Auto nutzten, und sich in den 1920er Jahren dann die Pfarrer-Kraftfahrerversicherung gründete.

Wovon ernährte der Pfarrer seine Familie? Auch dieser Frage geht die Ausstellung nach. Bis ins 19. Jahrhundert hinein lebte er mit seiner Familie von Pfründen, die er selbst bewirtschaftete. Seine Haupteinkünfte erzielte er durch Gebühren für kirchliche Amtshandlungen und die Zehntabgaben der Gemeindemitglieder. Und der Pfarrgarten versorgte mit seinen Früchten die Pfarrhausbewohner.

Forscherdrang und Experimentierfreude

»Gelahrtheit« ist das Thema eines weiteren Raumes. Hier begegnet der Pfarrer als Gelehrter, der sich neben seinen pfarramtlichen Aufgaben der Forschung und Wissenschaft widmete. Theologen profilierten sich in Fragen der Haus- und Landwirtschaft, der Bienenkunde und Botanik. Sie ­betätigten sich auf den Gebieten der Physiognomie, Statistik, Medizin bis hin zur Astronomie. So gehört zu den Exponaten eine Waschmaschine, die Erfindung eines Superintendenten. Ein Pfarrer experimentierte mit toten Vögeln und entwickelte ein Pulver gegen Epilepsie. Mit diesen Voraussetzungen bot das Pfarrhaus einen weiten Bildungshorizont und vielfältige Anregungen auch für den Nachwuchs. Dass Pfarrerskinder sich in verschiedenen Disziplinen einen Namen machten, ist bekannt. Zahlreiche Künstler, Wissenschaftler und Politiker stammen aus einem Pfarrhaus. Dies trifft zum Beispiel auf Johannes Rau zu, ein Name aus der ersten Reihe der Politik in Deutschland.

Zwei Reiche: Kirche und Staat

Abschließend beleuchtet die Präsentation das Verhältnis des Protestantismus zu Staat und Politik. Wie das Pfarrhaus im 20. Jahrhundert auf totalitäre Herausforderungen reagierte, stellen Fotos, Ton- und Filmdokumente dar. Themen sind der »Kirchenkampf« in der Zeit des Nationalsozialismus sowie Repression, Anpassung und kirchliche Opposition in der DDR. Dabei wird die Rolle des Pfarrhauses während der Friedlichen Revolution 1989 ebenso beleuchtet wie das politische Engagement der westdeutschen Kirchen in der Friedens­bewegung der 1980er Jahre.

Dem Gedenken an Oskar Brüsewitz, dem evangelischen Pfarrer, der sich 1976 in Zeitz aus Protest an den politischen Verhältnissen verbrannte, widmet die Schau Aufmerksamkeit.

Ebenso erinnern Buttons der Friedensbewegung, unter anderem das mit dem Symbol der »Schwerter zu Pflugscharen«, an die Friedensbewegung der 1980 er Jahre in der DDR.

In kaum einem anderen Berufsstand ist die Verflechtung von Privat und Öffentlichkeit, von Arbeit und Familie so eng wie bei dem des Pfarrers. Es ist das Verdienst dieser Ausstellung, dass sie die reiche Geschichte des Pfarrhauses mit seinen vielen Facetten würdigt. Sie wendet fast ausschließlich den Blick zurück. Zu kurz kommt die Zeit seit der Wende vor fast 25 Jahren und die gegenwärtige Situation des Pfarramtes mit seinen vielfältigen Herausforderungen.

Fazit: eine lohnenswerte Ausstellung, insofern sie die Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses über fünf Jahrhunderte reflektiert und dabei einen komplexen Einblick in das Leben des Pfarrers und seiner Familie gewährt.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung ist ein gemeinsames Projekt des Deutschen Historischen Museums, der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Internationalen Martin Luther Stiftung.
Die Ausstellung »Leben nach Luther. eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses« im Deutschen Historischen Museum ist bis 2. März 2014 täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Pluralität anstatt christlicher Prägung

15. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Bundestagswahl: Was die Wahlprogramme der Parteien zum Verhältnis von Staat und Kirche sagen

Nicht ganz einträchtig saßen sie auf dem Podium beieinander. Zwei Wochen vor der Bundestagswahl hatte die Evangelische Akademie ­Berlin Vertreter aller fünf
im Bundestag vertretenen ­Parteien eingeladen.

Dinge, die einst selbstverständlich waren, sind es heute nicht mehr. Die Christdemokraten müssen in eigenen Veranstaltungsreihen über das C in ihrem Parteinamen philosophieren; und in der einst von Gustav Heinemann, Johannes Rau und den Wende-Pfarrern in der DDR geprägten SPD bildet sich ein Arbeitskreis von Konfessionslosen und Atheisten. Ebenso wie bei den Grünen – auch wenn deren Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt Kirchentagspräsidentin in Dresden war und ihr Amt als Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland derzeit nur ruhen lässt. »Sich explizit auf Religion zu berufen ist in dieser Republik nicht mehr gang und gäbe«, sagte der Historiker Thomas Großbölting zu Beginn der Veranstaltung in Berlin.

Bild: VRD/Fotolia

Bild: VRD/Fotolia

Doch in den Programmen der Parteien zur Bundestagswahl tauchen die Kirchen durchaus an prominenter Stelle auf. Vor allem das kirchliche Arbeitsrecht zieht sich wie ein roter Faden durch. Es wird wohl in der nächsten Legislaturperiode noch für heiße Debatten sorgen. Denn einzig CDU und CSU bekennen sich in ihrem Wahlprogramm »zur christlichen Prägung unseres Landes« und wollen den Status der Kirchen uneingeschränkt erhalten. »Zahlreiche Leistungen kirchlicher Einrichtungen für unser Gemeinwesen sind nur möglich, weil die Kirchen in erheblichem Umfang eigene Mittel beisteuern und Kirchenmitglieder sich ehrenamtlich engagieren«, heißt es im Programm der CDU. Dennoch unterstütze auch der Staat die entsprechenden Aktivitäten der Kirchen umfangreich. »Dabei achtet er die kirchliche Prägung der entsprechenden Einrichtungen, die auch im kirchlichen Arbeitsrecht zum Ausdruck kommt.«

Dagegen setzt sich die SPD in ihrem »Regierungsprogramm 2013 – 2017« dafür ein, dass in kirchlichen Einrichtungen ein Streikrecht möglich wird. »Gleiche Arbeitnehmerrechte für Beschäftigte bei Kirchen sind vereinbar mit dem kirchlichen Selbstverwaltungsrecht«, heißt es. Die kirchenpolitische Sprecherin der SPD, Kerstin Griese, sprach sich in Berlin zudem für die Schaffung eines muslimischen Wohlfahrtsverbands aus. »Das wäre ein Zeichen von Pluralität, und es stände den Kirchen gut an, so ein Projekt partnerschaftlich zu unterstützen.« Die Kirchen und die in ihnen Engagierten sieht die SPD jedenfalls weiter als »wichtige Partner« auf dem Weg in eine bessere Zukunft.

Bei den Liberalen wiederum steht die Gleichbehandlung von Kirchen, Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften durch einen neutralen Staat im Wahlprogramm. »Staat und Religionsgemeinschaften arbeiten nach dem Kooperationsprinzip zusammen«, wird betont. »Staat und Kirchen, Religionsgemeinschaften und Weltanschauungsgemeinschaften sind je eigenständig und zugleich im Sinne des Gemeinwohls aufeinander bezogen.«

Zum kirchlichen Arbeitsrecht trifft die FDP in ihrem »Bürgerprogramm« keine Aussage, wohl aber zu einer Erhöhung der staatlichen Mittel für kirchliche Entwicklungshilfsorganisationen, die man als einen politischen Erfolg bezeichnet. Und der kirchenpolitische Sprecher Pascal Kober betonte, dass man auch am Einzug der Kirchensteuer durch den Staat weiter festhalten wolle.

Im Wahlprogramm von Bündnis 90/Die Grünen wird explizit die Abschaffung des kirchlichen Arbeitsrechts »jenseits der Verkündigung« gefordert. »Wir wollen, dass die kirchlichen MitarbeiterInnen außerhalb der Verkündigungsbereiche die gleichen Rechte bekommen wie andere ArbeitnehmerInnen auch«, heißt es dort. »Dazu gehört das Recht zur Bildung von Betriebsräten und das Grundrecht auf Koalitionsfreiheit einschließlich der Streikfreiheit.« Und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das unter anderem ein Verbot der Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Sexualität enthält, »werden wir mit dem Ziel ändern, dass seine Bestimmungen wie in anderen Tendenzbetrieben auch auf Beschäftigungsverhältnisse in kirchlichen Einrichtungen Anwendung finden«. Was im Klartext bedeutet, dass eine Kirchengemeinde künftig gezwungen werden könnte, einen transsexuellen Organisten zu beschäftigen. Zudem wollen die Grünen einen Prozess zur Ablösung der altrechtlichen Staatsleistungen an die Kirchen anstoßen und mehr Religionsgemeinschaften den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts zugestehen. Denn eines der wichtigsten Ziele der ­Grünen ist eine Abschaffung von Diskriminierungen: Der Begriff »Religion« taucht im Wahlprogramm jedenfalls fast immer nur in einem Zusammenhang auf, der beschreibt, dass niemand wegen seiner Religion benachteiligt werden dürfe.

Deutlich kirchenkritischer präsentiert sich die Linkspartei. Wie Grüne und SPD ist man offen gegen das ­geltende kirchliche Arbeitsrecht – das Betriebsverfassungsgesetz müsse »uneingeschränkt für alle Kirchenbeschäftigten« gelten. Kirchliche Einrichtungen, die öffentliche Zuschüsse empfangen, müssen für alle als Beschäftigte sowie Nutzer zugänglich sein. Was bedeutet, dass auch Muslimen oder Atheisten alle Karrierewege offen­stehen müssen. Daneben setzt sich die Linkspartei für eine Abschaffung der Kirchensteuer und die Ablösung der Staatsleistungen an die Kirchen ein. Ihre Bundestagsabgeordnete Sabine Leidig sprach sich sogar für eine flächendeckende Ablösung des staatlichen Schulfachs Religion durch einen Philosophieunterricht aus – freilich ohne zu berücksichtigen, dass Bildungspolitik zunächst Ländersache ist.

Benjamin Lassiwe

Digitale Kommunikation

2. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Tagung: Über die Gefahren und Risiken von online-Beziehungen

Welche Auswirkungen hat die moderne Kommunikation und Erreichbarkeit rund um die Uhr? Wie geht es den Seelen im Netz? Um diese Fragen ging es bei einer ­Tagung der Evangelischen Akademie Berlin.

Schon lange wird nicht mehr nur über die phantastischen Möglichkeiten des world-wide-web geschwärmt, sondern vor allem in Deutschland auch über Gefahren und Risiken von online-Beziehungen und -Existenzen diskutiert. Kein Wunder also, dass sich auch die Kirchen darum kümmern, wie es den Seelen im Netz geht. Eine Tagung der Evangelischen Akademie Berlin hat sich jetzt die Frage gestellt: Wie wirkt das Netz?

Für Ralf Meister, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers, sind die neuen Medien ein zweifach Ding. Einerseits sind sie ein Segen. Gerade das aktuelle Hochwasser habe gezeigt, wie moderne Kommunikation dazu beitragen kann, Solidarität zu organisieren. Auf Facebook-Seiten wurden Hilfegesuche etwa nach Notquartieren gepostet, die kurze Zeit später schon positiv beantwortet wurden. Für Bischof Meister ein Beweis für die Existenz eines »Empathie-Netzwerkes«.

Damit trage das Internet beinahe schon religiöse Züge. Auch Jesus forderte Nachfolge, so wie heute Twitter, facebook und andere Social Media. Nur gebe es anders als zu Jesu Zeiten eine neue Dynamik. Kommunikation ist derzeit global und funktioniert fast in Echtzeit. Und anders als Jesus, der sich für seine Botschaft sogar kreuzigen ließ, stehe hinter dem geposteten Wort keine Person mehr, die sich zu verantworten habe. Jeder darf alles ­sagen und schreiben, ohne dafür in der Regel persönliche Konsequenzen ziehen zu müssen.

Sie kommunizieren, aber höchstwahrscheinlich nicht miteinander. Foto: Robert Kneschke – Fotolia.com

Sie kommunizieren, aber höchstwahrscheinlich nicht miteinander. Foto: Robert Kneschke – Fotolia.com

»Es entsteht eine Gegenöffentlichkeit ohne Bremsen und ohne Filter. Darin kann man einen ungeheuren Gewinn an Autonomie und ein Beispiel enthierarchisierter Kommunikation sehen. Aber Shitstorms generieren große Mengen extremer Haßkommentare. Darin ist das Netz eben auch eine Welt der großen Logorrhoe geworden. Es ist eine krankhafte Sprachausbreitung«, warnt der Bischof.
Meister selbst hat zumindest mit Antritt seines Bischofsamtes seinen facebook-account gelöscht. Er möchte lieber analog Aug in Aug kommunizieren statt via Social Media.

Aber die medial-technische Entwicklung lässt sich durch persönlichen Verzicht kaum aufhalten. Die Kirchen müssen der Tatsache ins Auge schauen, dass die modernen Medien nicht nur den Alltag, sondern auch den Feiertag beherrschen. Der heilige arbeitsfreie Sonntag etwa ist ein Relikt aus dem analogen Zeitalter.

»Der Sonntag ist der stärkste Tag im Online-Einkauf. Selbstverständlich kann sich heute kein Anbieter mehr leisten 24 Stunden zu warten. Natürlich wird die Auftragsbearbeitung sofort erfolgen und natürlich wird ein Logistik-Zentrum auch am Wochenende bedient und dort wird gearbeitet. Das ist heuchlerisch zu ­sagen, die Läden müssen am Sonntag zu bleiben, aber der Handel online geht munter weiter«, weiß Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer beim Handelsverband Berlin-Brandenburg.

Wer Sonntags in den Gottesdienst gehe und anschließend online shoppe, unterstütze diese Entwicklung. Gerade die Kirchen aber müssten auf diese radikalen Veränderungen auf dem Konsummarkt eine ­sinnvolle Antwort finden. Durch die modernen Rund-um-die-Uhr-Medien wandelt sich die Arbeitswelt radikal. Sabria David betreibt in Bonn das Slow Media Institut. Sie rät Firmen: weniger Kommunikation sei oft mehr.
»Das berufliche Feld ist über die ­digitalen Techniken auf 24 Stunden,

7 Tage die Woche ausgeweitet. Es gibt keine privaten Rückzugsmechanismen mehr. Es wird permanente Erreichbarkeit verlangt. Wenn Sie in so einem ständigen Grundzustand von Alarmbereitschaft sind, dann hat das nachweisbar gesundheitsschädliche Auswirkungen«, warnt David.

Verantwortungsvolle Chefs sollten von ihren Untergebenen nicht den ­totalen stand-by-Modus fordern. Und auch während der Arbeitswoche lassen sich Datenströme sinnvoll reduzieren. Es gibt bereits Unternehmen, die bei der internen Kommunikation komplett auf E-Mails verzichten, weil manche Mitarbeiter bis zu 25 Wochenarbeitsstunden nur mit der Be-
arbeitung der elektronischen Post ­beschäftigt waren.

»Die kommunizieren wieder wie früher ganz analog, face to face oder per Telefon«, weiß Unternehmens­beraterin Sabria David.

Der hannoversche Landesbischof Meister rät dringend dazu, die alte christliche Tradition des Fastens auch auf den Medienkonsum anzuwenden. Wer ein Mal in der Woche oder vielleicht sogar ganz biblisch 7 Wochen verzichtet und offline lebt, bekommt den Kopf frei für anderes. Denn der Mensch sei mehr als nur die Summe der Informationen über ihn. Hinter jedem Mensch stecke auch ein Geheimnis, und das könne man eben nur ­analog entdecken. Manche nennen das dann auch ganz einfach Liebe!

Thomas Klatt

»Die entweihte Kirche«

9. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Ausstellung in der Quedlinburger Stiftskirche erinnert an Vertreibung der Kirchengemeinde

Mit einem Gottesdienst wurde in der Quedlinburger Stiftskirche die Ausstellung eröffnet. Foto: Chris Wohlfeld

Mit einem Gottesdienst wurde in der Quedlinburger Stiftskirche die Ausstellung eröffnet. Foto: Chris Wohlfeld

Die entweihte Kirche«, heißt eine Ausstellung in Quedlinburg, die am Ostermontag in der Stiftskirche St. Servatius eröffnet wurde. Sie erinnert an die Vertreibung der Kirchengemeinde St. Servatii aus ihrem Gotteshaus durch die SS. Ostermontag 1938 feierte die Gemeinde dort ihren letzten Gottesdienst. Dann übernahm die SS die Schlüsselgewalt. SS-Führer Heinrich Himmler wollte die Stiftskirche zu einer Kult- und Wallfahrtsstätte für das ganze deutsche Volk machen. Ohne Wissen und Mitwirkung der Gemeinde sei der Vertrag über die künftige Nutzung der Kirche geschlossen worden, erläutert Ekkehard Steinhäuser, der heutige Pfarrer. Die Kirchenführung sei der Gemeinde in den ­Rücken gefallen, die Denkmalpfleger hätten mit den braunen Machthabern paktiert. »Das Kreuz wurde abgehängt, die Bibeln verschwanden, vom Turm der Kirche wehten die Fahnen der SS«, umreißt er die Situation vor einem Dreivierteljahrhundert.

Nach acht schrecklichen Jahren feierte man erst am 3. Juni 1945 wieder einen Gottesdienst. Die Schau in der Kirche schlägt den Bogen von Heinrich I. über den Staatsakt der NS-Prominenz am 2. Juli 1936 zu dessen 1000. Todestag, über Entweihung und Vertreibung bis zum Aufbau eines Kulttempels brauner Ideologie. Neben Text- und Fotomaterial werden in Vitrinen die Rede Himmlers, das Programm zur 1000-Jahr-Feier und Briefe gezeigt. Dazu kommen die Originaltagebücher des damaligen Pfarrers der Stiftskirche, Rudolf Hein.

Pfarrer Steinhäuser, Theologischer Vorstand der Domschätze Halberstadt und Quedlinburg, publiziert zur Ausstellung ein gleichnamiges Buch, das anhand bisher unerschlossenen Archivgutes die gesamte Verstrickung bei der »feindlichen Übernahme des Gotteshauses« dokumentiert.

In den Archiven fand Steinhäuser die Schriftwechsel des damaligen ­Superintendenten Johannes Schmidt, des Konsistoriums in Magdeburg und des Oberkirchenrats in Berlin mit den Reichsbehörden, insbesondere der SS. In diesen Akten werde deutlich, was sich zwischen Juli 1936, der Heinrichsfeier der SS, und Ostern 1938, der Vertreibung der Kirchengemeinde aus der Stiftskirche in Quedlinburg, abspielte.

Die Ausstellung konzipierte der Historiker Steffen Jindra. Das Thema Heinrich I., das Treiben der SS und Heinrich Himmlers beschäftigten ihn seit 15 Jahren immer stärker. Kritisch merkt der Filmemacher an, dass »keine dunkle Macht plötzlich auf Quedlinburgs Stiftskirche hinunterstürzte, niemand wurde mit Peitschen getrieben. Es war kein Alleingang Himmlers. All das gelang nur, weil alle an einem Strang zogen.« Der Großteil der Quedlinburger standen den Tätern zur Seite oder »ließen es lethargisch geschehen«. Jindra fügt an: »Widerstand war in Quedlinburg die absolute Ausnahme.«

Was damals an der Stiftskirche geschah, sei »ein Drama ohne Helden« gewesen. »Hier mischten sich Täter, Opportunisten, Mitläufer und Gleichgültige.«

Uwe Kraus

Wechsel zum christlichen Glauben

28. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

In der Landeskirchlichen Gemeinschaft »Haus Gotteshilfe« in Berlin sammeln sich Iraner

Sie ist für uns wie eine zweite Mutter.« Schwester Rosemarie Götz ­lächelt verlegen, als sie diesen Satz aus dem Mund von Ali Nouri Pour ­Dagazi hört. Die Diakonisse sitzt im großen Saal der Landeskirchlichen ­Gemeinschaft »Haus Gotteshilfe« in Berlin-Neukölln, umgeben von einer großen Gruppe von Iranern. Was Schwester Rosemarie »noch immer kaum fassen kann«: Seit gut einem Jahr kommen immer mehr Iraner in die Gottesdienste der kleinen Gemeinde im Rollbergviertel, einem sozialen Brennpunkt in Berlin-Neukölln. Ein Dutzend von ihnen hatte sich in der Osternacht vergangenen Jahres taufen lassen, andere nehmen in der Gemeinde an einem Glaubenskurs teil.

»Ich bin schon im Iran in den Bibelkreis einer christlichen Gemeinde gegangen«, sagt Ali Nouri Pour Dagazi. »Wir mussten uns da in Privatwohnungen treffen, denn öffentlich durften wir uns zu unserem Glauben nicht bekennen.« Nicht zuletzt der Fall des iranischen Pastors Youcef Nadar­khani zeigt, welche Gefahren Christen im Land der Mullahs drohen: Auf dem Abfall vom Islam steht die Todesstrafe, Nadarkhani wartet auf seine Hinrichtung. Dazu bekam Ali Nouri Pour ­Dagazi noch anderen Ärger: Der Fotodesigner hatte auf einer Hochzeit fotografiert. Und auf den Bildern waren Frauen zu sehen, die keinen Schleier trugen. Anschließend zeigten ihn Verwandte wegen eines angeblichen Diebstahls an. Sieben Tage verbrachte er im Gefängnis, wurde gefoltert, geschlagen, ohnmächtig. Schließlich emigrierte er nach Deutschland. »Ich habe Jesus als den Sohn Gottes kennengelernt, der für die Sünden aller Menschen gestorben ist«, sagt der ­Iraner. »Für mich bedeutet der christliche Glaube Freiheit.«

Schwester ­Rosemarie Götz taufte die Iraner im »Haus ­Gotteshilfe«. Foto: Michael Brunner/Davids

Schwester ­Rosemarie Götz taufte die Iraner im »Haus ­Gotteshilfe«. Foto: Michael Brunner/Davids

Praktisch hat der Ansturm der Iraner in der kleinen Landeskirchlichen Gemeinschaft in Berlin durchaus Spuren hinterlassen. Waren es bislang vor allem alteingesessene Neuköllner, die sich im Haus an der Werbellinstraße zum Gottesdienst trafen, mischen sich nun die Nationalitäten. Die Iraner, von denen einige bislang an den Gottesdiensten einer persischen Gemeinde teilnahmen, kommen in die Werbellinstraße. »Schwester Rosemarie predigt auf Deutsch«, sagt Ahmadian Amir Khalajanipour. »Der iranische Pastor tut das nicht.« Noch kann sich die Diakonisse nur radebrechend mit den neuen Gemeindegliedern verständigen. Eine ebenfalls aus dem Iran stammende Dolmetscherin übersetzt die Gottesdienste. Doch allmählich werden die Deutschkenntnisse der Iraner besser. Und immer mehr werden die neuen Gemeindeglieder in die Landeskirchliche Gemeinschaft integriert. Gemeinsam treffen sich Deutsche und Iraner zu Bibelstunden, und im Hof des Gemeindehauses wird zuweilen gemeinsam gegrillt. In der Gemeinde entstehen Freundschaften.

Und ein dicker Aktenordner mit Schriftstücken im Büro der Diakonisse zeugt davon, wie die Schwester ihre Iraner im Umgang mit Behörden ­unterstützt. »Ich habe zuerst gedacht, die kommen nur, weil der christliche Glaube verhindert, dass sie abgeschoben werden«, erinnert sich Schwester Rosemarie an den Tag, an dem sie ­einige Iraner plötzlich um die Taufe baten. »Deswegen habe ich mit allen zehn Wochen lang Glaubensunterricht gemacht.« Und fast alle sind ­dabeigeblieben. Dabei ist es auch für in Berlin lebende Iraner nicht ganz einfach, ihren Glauben zu wechseln: In Asylbewerberheimen stoßen sie auf Unverständnis, wenn Muslime mitbekommen, dass sie einen christlichen Gottesdienst besuchen. Einigen wurden auch schon Schläge angedroht. »Meinem eigenen Vater kann ich nicht sagen, dass ich Christ geworden bin«, sagt Ahmadian Amir Khalajanipour. »Er ist Moslem und würde mich nicht verstehen.«

Benjamin Lassiwe

Vom Zarenreich bis zur Sowjetmacht

14. November 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Ausstellung in Berlin zu 1000 Jahren deutsch-russischer Beziehungen

Lange Bärte mit geflochtener Doppelspitze, eindrucksvolle Mützen, Trachtenkittel – so setzt ein Stralsunder Schnitzkünstler nach den Erzählungen rückkehrender Kaufleute um 1360 die Fremden ins Bild. Das Chorgestühl der Riga- oder Russlandfahrer aus der Stralsunder Nikolaikirche zeigt, was die hanseatischen Kaufleute in Russland begehrten: Felle und Wachs waren Rohstoffe, mit denen man in Westeuropa hohe Preise erzielen konnte. Es ist ein zentrales Exponat im Eingangsraum der großen Ausstellung »Russen & Deutsche. 1000 Jahre Kunst, Geschichte und Kultur«. Sie ist bis 13. Januar 2013 im Berliner Neuen Museum zu sehen.

Alexej von Jawlensky (1865–1941) schuf 1912 diesen Frauenkopf. Der Maler lebte ab 1896 in Deutschland. – Foto: Neues Museum

Alexej von Jawlensky (1865–1941) schuf 1912 diesen Frauenkopf. Der Maler lebte ab 1896 in Deutschland. – Foto: Neues Museum

Über 600 kunst- und kulturgeschichtliche Zeugnisse erzählen von wechselvollen Beziehungen, von Krieg und Frieden, Freundschaft und Feindschaft. »Die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs ist der Tiefpunkt der deutsch-russischen Beziehungen«, betont Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. »Doch wir wollen deutlich machen, dass in der langen Geschichte unserer Länder das friedliche Miteinander überwiegt.«

Die Schau ist der zentrale Beitrag zum deutsch-russischen Kulturjahr 2012–2013 und steht unter der Schirmherrschaft beider Staatspräsidenten. Bereits im Sommer war sie in etwas anderer Form in Moskau zu sehen. Für die Station auf der Berliner Museumsinsel entschied sich das Kuratorenteam um Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, für eine chronologische Gliederung: »Unser Anliegen ist es gerade, vergessene Jahrhunderte ins Bewusstsein zurückzuführen.« Kaufleute und Missionare, aber auch Architekten machen den Anfang – Backsteinzierrat vom Bischofspalast in Nowgorod etwa zeigt den Einfluss deutscher Backsteingotik.

Im 16. Jahrhundert kommt es zu einem ersten diplomatischen Austausch. Russen in langen Mänteln mit hohen Fellmützen reisen 1576 zum Reichstag nach Regensburg. In Stichen ist festgehalten, wie sie dort ihren orthodoxen Gottesdienst feiern. Eine Vitrine zeigt die prunkvollen Gastgeschenke deutscher Gesandter, die sie beim Gegenbesuch dem Zaren mitbringen. Der Gesandte Sigismund Herberstein schildert seine Eindrücke des fremdartigen Moskau und prägt damit das Russlandbild in Deutschland für Jahrhunderte.

Letztes Kapitel: Reizthema Beutekunst
Ein großes Schiffsmodell steht für den Aufbruch Russlands in die Moderne unter Zar Peter I. Er baute eine seetüchtige Flotte auf und errichtete 1703 Sankt Petersburg an der Newamündung, Russlands Fenster nach Westen. Der Zar orientiert sich an Europa, lässt sich in westlicher Kleidung porträtieren. Er modernisiert sein Land und lässt sich von Leibniz beraten. Umgekehrt tauscht Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. mit seiner Vorliebe für »lange Kerls« das Bernsteinzimmer gegen russische Soldaten ein.

Um 1900 sind es vor allem Künstler wie Kandinsky oder Jawlensky, die in Deutschland die moderne Kunst prägen. In der Zwischenkriegszeit wiederum werden deutsche Architekten zu Wettbewerben für Prestigebauten der jungen Sowjetmacht eingeladen, wie der erstmals ausgestellte Entwurf für den Moskauer Palast der Sowjets von Hans Poelzig dokumentiert.

Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts sind der Tiefpunkt der deutsch-russischen Beziehungen, doch wird dieses Kapitel nur knapp behandelt. Für die Darstellung des Zweiten Weltkriegs beschränkt sich die Schau auf großformatige aktuelle Aufnahmen von einstigen Schlachtfeldern. Das letzte Kapitel, das dem Reizthema Beutekunst gewidmet ist, bezieht politisch Stellung. Ein Originalmosaik des verschwundenen Bernsteinzimmers, Fresken aus der inzwischen wiederaufgebauten Maria Entschlafungskirche bei Nowgorod, sind Zeugnisse deutscher Gewalt gegen Kunstwerke. Deutlich verweist die Schau jedoch auf die Schätze vor allem aus dem Museum für Vor- und Frühgeschichte, die sich noch heute in Russland befinden.

Sigrid Hoff (epd)

Geöffnet montags bis mittwochs sowie sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis freitags von 10 bis 20 Uhr.