Eine Vision in Worte gefasst
26. August 2010 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Hoffnung für eine veränderbare Welt im Hier und Jetzt
– Margot Käßmann zu den Seligpreisungen (Teil 1) –
Es gibt Texte, die die Menschheit über Jahrhunderte begleiten und bewegen. Die Seligpreisungen aus Matthäus 5 (und Lukas 6) haben ein solches Potenzial erwiesen. Sie stellen die Welt, wie wir sie vorfinden, auf den Kopf, sie überschreiten Grenzen, sind also revolutionär im besten Sinne. Jesus zeichnet mit ihnen eine Kontrastgesellschaft. Eine Vision ist in Worte gefasst, die Menschen hat aufstehen lassen, wo immer ihre Rechte gebrochen, wo sie gefoltert, erniedrigt, vernachlässigt wurden.
Nein, eine Vertröstung auf das Jenseits, Opium des Volkes, sind die Seligpreisungen nicht. Sie sind Hoffnung für eine veränderbare, verbesserliche Welt im Hier und Jetzt, in dieser Welt. Sie speist sich dabei aus der Hoffnung auf Gottes Zukunft, die über unsere Zeit und Welt hinausgeht. O ja, belächelt wurden jene Worte immer wieder, wie alle Träumer und Weltverbesserer belächelt werden.
Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat einmal gesagt, mit den Seligpreisungen könne man keine Politik machen. Aber vielleicht wäre gerade das ein überzeugender Ansatz, weil es dann nicht um eine Politik des puren Pragmatismus, des ökonomischen Rechnens und des Machterhaltes ginge, sondern um eine Politik, die noch Visionen kennt, die sieht, was die Bibel sagt: Gerechtigkeit im Land misst sich immer daran, wie es den Schwächsten in der Gesellschaft geht.
Exegetisch gesehen sind die Seligpreisungen besonders interessant, weil sie offenbar auf originale Rede Jesu zurückgreifen. Trotz unterschiedlicher Akzente bei Matthäus und Lukas sind Bibelforschende überzeugt, dass beide Evangelisten aus derselben Quelle schöpften, in der mündlich überlieferte Worte Jesu sehr bald nach seinem Tod zusammengefügt wurden. Beide Evangelienschreiber haben diese einzeln überlieferten Worte dann auf je eigene Weise in ihr Evangelium eingefügt. So können wir sagen, dass wir heute mit den Seligpreisungen am Beginn der Bergpredigt Worte vorfinden, die den originalen Aussagen des Jesus von Nazareth sehr nah sind. Und bis heute übermitteln sie etwas von der Faszination, die von ihm ausging, wenn er redete. Er malt eine Welt, die anders sein könnte, die Welt, wie Gott sie sich erhoffte bei der Schöpfung, die »sehr gut war«. Aber seine Bilder sind für die vorfindliche Welt der Durchsetzungskraft und Stärke, der militärischen Mächte und Gewalten eine Provokation, damals wie heute. Er selbst starb am Ende für diese Provokation.
Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich: Du lieber Himmel, die geistlich Armen, die werden bei uns zur Therapie geschickt! Wir haben Förderschulen für sie oder Behinderteneinrichtungen. Wir sind eine Leistungsgesellschaft, wir brauchen Eliten. Da können wir nicht auf jeden warten, alle mit durchziehen. Als wir in Fulda wohnten, war nebenan eine Schule für geistig Behinderte. Jeden Morgen konnte ich von der Küche aus sehen, wie sie zur Schule gingen. Fröhliche Kinder. Anders, ja. Aber wer wollte sagen, ob sie weniger glücklich sind als die »Gesunden«? Wer definiert Behinderung?
Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden: Es ist schwer, Trauer und Leid zu ertragen. Viele Menschen zweifeln an Gott, wenn sie mit Leid konfrontiert sind. Aber Leiderfahrungen vertiefen auch das Leben. Gerade, wenn wir Leid erleben, sind wir näher an der eigenen Existenz, an den Fragen, die wirklich zählen. Getröstet werden – das ist eine wunderbare Erfahrung für alle, die Schmerz und Kummer tragen müssen. Und es ist eine Hoffnung auf Gottes Zukunft, in der alle Tränen abgetrocknet sein werden.
Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen: Sanftmütig ist keine sinnvolle Eigenschaft in der Leistungsgesellschaft. Durchsetzungskraft und Ehrgeiz, Ellenbogen und Cleverness zählen. Wer sanftmütig ist, wird kaum aufsteigen in einer Firma. Und politisch wäre er im Abseits. Aber wie wäre es, wenn wir auf die Sanftmütigkeit einiger zählen könnten in Konflikten und Krisen? Wenn einer nachgeben würde, und »Fünfe gerade sein« lässt? Liebenswerter, leichter, weniger angstbesetzt wären Beziehungen sicher.
An die Xukuru Indianer denke ich dabei. Ich habe sie im Norden Brasiliens einmal besucht auf Land, das sie besetzt hatten. Ihr größter Stolz war ein Säugling – das erste Xukurukind, das auf Xukuruland geboren wurde nach zwei Jahrhunderten Vertreibung. Aber sie durften das Erdreich nicht besitzen, die Waffengewalt des Großgrundbesitzers hat sie schnell wieder vertrieben …
Margot Käßmann ist Pfarrerin der hannoverschen Landeskirche und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Anmerkung: Die Seligpreisungen stehen im Zentrum der sogenannten Bergpredigt Jesu – im Text Ausschnitte einer Darstellung des dänischen Malers Carl Heinrich Bloch (1834 bis 1890). Repro: wikipedia
