»Schön, dass ihr wieder da seid«

7. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Zisterzienserkloster Neuzelle wurde 1817 säkularisiert. Nun sind wieder Mönche hierhergekommen, in eine Region, in der Christen in der Diaspora leben.

Ein altes Ruderboot versinkt langsam in dem mit Seerosen bewachsenen Teich. An seinem Rand führt eine kopfsteingepflasterte Allee mit sorgsam beschnittenen Bäumen hinauf zur Klosterpforte, die vom weithin sichtbaren, gelben Kirchturm überragt wird. Die barocke Klosteranlage von Neuzelle, im Osten Brandenburgs auf einer Anhöhe über dem Odertal gelegen, ist die perfekte Idylle. Kurz vor zwölf Uhr mittags biegen vier Mönche um die Ecke. Sie tragen das schwarz-weiße Habit des Zisterzienserordens, jener Mönchsgemeinschaft, die vor fast 750 Jahren das Kloster begründete.

Doch dass Pater Simeon, Pater Kilian, Pater Philemon und Bruder Aloysius Maria nun mehrfach am Tag wieder die lateinischen Stundengebete in der Brandenburger Klosterkirche anstimmen, ist nichts weniger als eine kirchenhistorische Sensation. Denn 1817 hatte der preußische Staat das Kloster Neuzelle säkularisiert.

Seine Gebäude gehören heute dem Land Brandenburg – die beiden großen Kirchen, die die Klosterkirche und die ebenfalls zum Gelände gehörende Pfarrkirche heute für ihre Ortsgemeinden nutzen, sind nur Untermieter. Was den katholischen Bischof des Bistums Görlitz, Wolfgang Ipolt, freilich nicht davon abhielt, Anfang des Jahres einen verwegenen Plan zu fassen: Zum 750-jährigen Jubiläum Neuzelles im kommenden Jahr sollen in Neuzelle wieder Mönche leben. Er bat das als durchaus konservativ geltende, österreichische Stift Heiligenkreuz um die Entsendung von Mönchen an die Oder.

Bier-Sonderedition: Wer sie kauft, unterstützt das Kloster. Dafür werben (v. li.) Pater Kilian, Pater Simeon, Brauereibesitzer Helmut Fritsche, Schwester Teresita vom Bonifatiuswerk, Junior-Chef Stefan Fritsche, Pater Philemon. Foto: Benjamin Lassiwe

Bier-Sonderedition: Wer sie kauft, unterstützt das Kloster. Dafür werben (v. li.) Pater Kilian, Pater Simeon, Brauereibesitzer Helmut Fritsche, Schwester Teresita vom Bonifatiuswerk, Junior-Chef Stefan Fritsche, Pater Philemon. Foto: Benjamin Lassiwe

Sie kamen – in eine Region, in der die Christen in der absoluten Diaspora sind: Das katholische Bistum Görlitz ist zwar mit einer Fläche von 9 700 Qua­dratkilometern fast 50 Prozent größer als das Erzbistum Köln, trotzdem gehören ihm nur ungefähr 30 000 Katholiken an. Im Bundesland Brandenburg sind rund 15 Prozent der Einwohner evangelisch, rund drei Prozent katholisch.

Wenn in dieser Gegend ein Mönch mit Ordenshabit seinen Einkaufswagen durch den Supermarkt schiebt, fällt das durchaus auf, sagt Frater Aloysius Maria. »Ich erlebe alles – vom Atheisten, der mich zwar freundlich grüßt, mir dann aber sagt, dass ihm Marx wichtiger sei, als unsere Kirche, bis zum älteren Mann, der fast heimlich seinen Wagen stoppt und mir zuraunt: Schön, dass ihr wieder da seid.«

Beim Einzug der Mönche in das Kloster kam sogar der Bürgermeister, Dietmar Baesler (FDP), und brachte Brot und Salz. Doch als die Zisterzienser im Frühjahr das allererste Mal nach Brandenburg kamen, wurden sie sogar gefragt, zu welchem Maskenball sie denn gerade unterwegs seien.

Der Görlitzer Bischof Ipolt wiederum hofft, dass es den Männern gelingt, das bislang vor allem als kulturellen Ort wahrgenommene Stift auch geistlich neu zu profilieren. »Ich denke, dass von den Mönchen eine Bereicherung des kirchlichen Lebens in unserem Bistum und der ganzen Region ausgehen kann.« Immerhin ist Neuzelle schon heute einer der wichtigsten Wallfahrtsorte der ostdeutschen Katholiken. Als es nach 1945 nicht mehr möglich war, die traditionellen schlesischen Ma­rienwallfahrtsorte aufzusuchen, begann man in Sachsen und Brandenburg, in den westlich der Neiße gelegenen Teilen Schlesiens und den Dörfern der katholischen Sorben und Wenden der Oberlausitz, nach Neuzelle zu pilgern. Sogar ein eigenes Neuzeller Wallfahrtslied wurde gedichtet, das in jeder Zeile den Geist der Nachkriegszeit verströmt: »Maria, Mutter Friedenshort, wir kommen zu dir in bedrängten Tagen …«

Begeistert von der Ankunft der Zisterzienser ist der Unternehmer Helmut Fritsche. Gleich nach der Wiedervereinigung hat er in Neuzelle eine alte Brauerei erworben, das »Neuzeller Kloster-Bräu« ist mittlerweile über die Brandenburger Landesgrenzen hinaus ein Begriff. »Für uns ist das wie ein Geschenk Gottes, dass wir hier wieder Mönche haben«, sagt Fritsche. Der Unternehmer will die Neugründung des Klosters unterstützen. Seit Anfang September gibt es eine Sonderedition seines Bieres. Wer sie kauft, spendet zugleich 20 Cent an das katholische Bonifatiuswerk. Dieses unterstützt damit die Neugründung des Neuzeller Zisterzienserklosters. Dabei gehört Fritsche selbst nicht der katholischen Kirche an. »Aber als Brauerei sind wir ein integraler Bestandteil des Klosterensembles«, sagt er. »Da fühlen auch wir uns den Mönchen und ihrer Tradition verpflichtet.«

Doch auch, wenn im November noch ein fünfter Mönch zur vierköpfigen Vorhut von Neuzelle stoßen soll: Noch ist die Wiederbesiedlung des Klosters nicht endgültig besiegelt. Denn im Moment wohnen die vier Mönche zusammen mit Ortspfarrer Ansgar Florian im katholischen Pfarrhaus. Alle übrigen Gebäude des Klosterstifts sind vermietet – an ein privates Gymnasium zum Beispiel. Oder sie werden von der staatlichen Stiftung für die Verwaltung der Forsten und Ländereien genutzt. Auf Dauer ist das Pfarrhaus schlicht zu klein. Ob es dem Bischof und den Ordensbrüdern gelingt, etwa das ehemalige Kanzleigebäude des Klosters für das Neugründungsprojekt zu nutzen, und was dann mit den übrigen Mietern passiert, ist noch unklar. Im November soll es dazu weitere Gespräche geben. »Natürlich ist das für alle Beteiligten erst einmal sehr herausfordernd, dass hier wieder Mönche leben«, sagt Pater Simeon.

Brandenburgs Kultusministerin Martina Münch (SPD), die auch Vorsitzende des Stiftungsrates der staatlichen Klosterstiftung und selbst praktizierende Katholikin ist, unterstützt das Vorhaben. Im Frühjahr war sie mit ihrem ganzen Büro nach Heiligenkreuz gereist, um das Mutterkloster der Zisterzienser selbst in Augenschein zu nehmen. » Wir haben zwei Tage lang das Klosterleben erlebt – von der ersten Andacht um 5.15 Uhr morgens über die Heilige Messe noch vor dem Frühstück bis zum Abendgebet«, sagte sie anschließend in einem Interview. »Wir waren alle gleichermaßen fasziniert: Wenn man morgens aufsteht, in die dunkle Kirche kommt, und das erste Morgenlicht durch die farbigen Fenster fällt, ist das ein wirklich erhebendes Erlebnis.« Man könne dann verstehen, warum sich Menschen heute dafür entscheiden, ins Kloster zu gehen.

Einstweilen jedenfalls sind alle Beteiligten hoffnungsvoll, dass es in absehbarer Zeit zu einer Lösung der Probleme kommt. Sowohl Ministerin Münch als auch der Görlitzer Bischof Ipolt betonen, mit Hochdruck an einer Lösung der Probleme zu arbeiten. Auch der Zisterzienserpater Simeon, der im nächsten Jahr erster Prior des Klosters werden soll, ist optimistisch. »Wir denken doch, dass Gott uns hierher gesandt hat«, sagt Pater Simeon. »Da kann ich mir nur schwer vorstellen, dass Gott jetzt nächstes Jahr sagt: Ätsch, das war jetzt nichts.«

Benjamin Lassiwe

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Estland: Gemeinde als geistliche Heimat

9. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte«, klingt es aus dem Kellergeschoss des modernen Eckhauses. »Hierher«, das ist in diesem Fall das estnische Tallinn. Und in dem Eckhaus nahe des Hafens versammelt sich die deutschsprachige Evangelisch-Lutherische Erlösergemeinde, die dort seit dem vergangenen Jahr beheimatet ist.

Das Zuhause der Evangelisch-Lutherischen Deutschen Erlöser­gemeinde in Tallinn. Foto: privat

Das Zuhause der Evangelisch-Lutherischen Deutschen Erlöser­gemeinde in Tallinn. Foto: privat

Normalerweise treffen sie sich in der schwedischen St. Michaelskirche, doch als mitten in der Urlaubszeit die Teilnehmer einer sächsischen Jugendfreizeit und einer Delegationsreise der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Estland zu Gast sind, haben sie Pech: Die schwedische Kirche ist geschlossen, der Gottesdienst muss in den etwas beengten Gemeinderäumen stattfinden.

Und manches ist für Augen und Ohren der Besucher fremd: Zu Beginn der Liturgie findet ein ausführliches Schuldbekenntniss statt, mehrfach kniet der Pastor vor dem Altar, und auch Kyrie und Gloria erklingen zu ungewohnten Melodien.

Doch die deutsche Gemeinde in Tallinn ist eben keine klassische Auslandsgemeinde der EKD, erklärt Pastor Matthias Burghardt nach dem Gottesdienst. Die deutschen Protestanten treffen sich unter dem Dach der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (EELK) – und feiern eine einheimische Liturgie.

Zur Gemeinde gehören rund 120 Mitglieder, die über das ganze Land verteilt leben. Gottesdienste werden auch in Tartu und Harpsalu gefeiert. Und etwa 40 Prozent der Gemeindeglieder seien in Estland geboren worden, berichtet der Pfarrer. »Zu uns gehören Deutschbalten, Russlanddeutsche, deutsche Fachkräfte, Esten und Russen.« Alle fänden in der Gemeinde eine geistliche Heimat.

Lutherische Gottesdienste gab es in Reval bereits 1523, ein Jahr später wurde die Stadt offiziell lutherisch. Bis zum Zweiten Weltkrieg fanden regelmäßig deutsche Gottesdienste statt, mit der Zwangsumsiedlung der Baltendeutschen infolge des Hitler-Stalin-Paktes fand diese Tradition ein Ende. 1991, nach dem Ende der sowjetischen Herrschaft, war die Gemeinde neu gegründet worden. »Für estnische Verhältnisse sind wir eine Dorfgemeinde, aber wir können sagen, dass alle deutschsprachigen Protestanten in Estland wenigstens von unserer Existenz wissen.« Burghardt freut sich besonders, zur EELK zu gehören. »Das gibt mir mehr Freiheiten, als sie in einer Auslandsgemeinde der EKD möglich wären.«

Die EELK selbst schätzt Burghardt als kleine, konfessionelle lutherische Kirche. Im Unterschied zu den benachbarten Letten werde in Estland die Frauenordination praktiziert, rund 30 Prozent der Pfarrerschaft sei weiblich. »In der Kirche werden seit rund 50 Jahren Frauen ordiniert«, sagt Burghardt. »Es wäre eine schlimme Selbstamputation am Leib Christi, würde man das, wie in Lettland, wieder rückgängig machen.« Auch Beziehungen zur konservativen Missouri-Synode gebe es in Estland nicht – im Gegensatz zu Lettland. Verzichtet wird allerdings auf die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. »Dafür hat unsere Kirche kein Mandat«, sagt Burghardt, »man muss mit dem Segen vorsichtig umgehen.«

Benjamin Lassiwe

www.stmikael.ee

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Für wen sind die Kirchentage gedacht?

13. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Im Mai finden in acht Städten Mitteldeutschlands die Kirchentage auf dem Weg statt. Benjamin Lassiwe sprach dazu mit dem Marketingchef des Trägervereins
für das Reformationsjubiläum, Christof Vetter.

Herr Vetter, wann sind die Kirchentage auf dem Weg eigentlich ein Erfolg?
Vetter:
Ich glaube, da muss man unterscheiden – zwischen dem inhaltlichen Erfolg und dem Zahlenerfolg. Der inhaltliche Erfolg wird dann eintreten, wenn wir es schaffen – und die Programme sehen so aus, als könnten wir das schaffen –, für die Region Mitteldeutschland Impulse zu setzen. Für die Menschen, die dort leben und für die Menschen, die dort bleiben, wenn wir wieder weg sind.

Und was ist mit dem Erfolg in Zahlen?
Vetter:
Wir haben Planzahlen, die insgesamt, für alle Kirchentage auf dem Weg, bei 80 000, der Größenordnung eines Kirchentags, liegen. Ob wir diese Planzahlen erreichen, ist eine kritische Frage, die man im Endeffekt erst danach beantworten kann.

Es wird Menschen geben, die sagen, zum Berliner Kirchentag gehe ich nicht – der ist mir zu groß. Für diese Menschen sind die Kirchentage auf dem Weg genau das Richtige. Kleiner, überschaubarer, intimer. Dazu kommen die Besucher aus der Region: Bei den letzten Kirchentagen in Dresden und in Stuttgart kamen unglaublich viele Menschen aus der unmittelbaren Umgebung.

Wofür lohnt es sich, eine Eintrittskarte zu kaufen? Viele Veranstaltungen finden doch im Freien statt?
Vetter:
Die Eintrittskarte lohnt sich zunächst mal unter dem Aspekt der Ehrlichkeit. Auch ein Kirchentag kostet Geld. Mit der Eintrittskarte trägt man sein Scherflein zum Gelingen der Veranstaltung bei. In den geschlossenen Räumen wird es, wie bei jedem anderen Kirchentag auch, Einlasskontrollen geben – die Open-Air-Veranstaltungen werden aber, wie bei jedem Kirchentag üblich, kostenfrei besuchbar sein. Wir freuen uns ja auch über Menschen, die nur eine Stunde oder eine halbe Stunde dabei sein können.

Und: Es gilt die traditionelle Kirchentagsregel – wer sich eine Eintrittskarte wirklich nicht leisten kann, kann sich beim Teilnehmendenservice melden, und dann finden wir eine Lösung.

Die Programme sind bei den Kirchentagen auf dem Weg unterschiedlich umfangreich. In Leipzig findet fast ein eigener Kirchentag statt. In kleineren Orten, wie Halle oder Dessau, wird es da nicht schwierig mit der Resonanz?
Vetter:
Ich glaube nicht, dass es in Dessau schwierig wird. Dort ist die anhaltische Landeskirche zu Hause – und diese Kirche ist wieder einmal hoch motiviert.

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Und Leipzig war ja schon Gastgeber für einen normalen Kirchentag und einen Katholikentag im letzten Jahr: Dort gibt es eine besondere Tradition – und in diesem Jahr noch einen besonderen Anreiz. Menschen, die miteinander Posaune, Trompete oder Tuba spielen, und im Festgottesdienst am 28. Mai in Wittenberg spielen, können sich dort schon einmal treffen und ein Konzert geben. Das ist natürlich ein Höhepunkt, den andere Städte nicht bieten können.Aber jeder Kirchentag hat ein eigenes, regional vorbereitetes Programm – und deswegen unterscheiden sich die Programme vor Ort auch.

Was ist aus Ihrer Sicht der Höhepunkt? Worauf freuen Sie sich am meisten?
Vetter:
Der Höhepunkt ist natürlich der große Festgottesdienst in Wittenberg, wo die Besucher aus Berlin, von den Kirchentagen auf dem Weg und aus ganz Ostdeutschland zusammenkommen werden. Denn Wittenberg liegt gar nicht so weit weg, wie man immer denkt.

Von Braunschweig oder Hannover ist das eine normale Tagesreise. Da kann man früh morgens losfahren und zum Gottesdienst in Wittenberg dabei sein.

Faszinierend finde ich die öffentliche Darstellung der »Lichtgeschichte der Reformation« in Leipzig, das Theater auf der Elbe in Magdeburg, es gibt da ganz vieles …

Wer steckt denn eigentlich hinter dem Verein für das Reformationsjubiläum?
Vetter:
Das ist ganz einfach zu erklären: Hinter dem Trägerverein stecken der Deutsche Evangelische Kirchentag und der Rat der EKD. Beide haben den Verein gegründet. Heute gibt es dort knapp 100 hauptamtliche Mitarbeiter.

Manche machen gern Großveranstaltungen, andere lieben den Kirchentag und wieder andere haben Lust, bei etwas ganz Großem dabei zu sein.Und dann sind da die 180 Volunteers – die jungen Freiwilligen, die mit uns leben und arbeiten. Und die sind ganz stark dabei, die bringen ganz viele kreative Ideen mit ins Spiel.

Sprechen wir über den Festgottesdienst. Da gab es immer wieder einmal die Frage nach dem Sicherheitskonzept – wie steht es darum?
Vetter:
Da sind wir derzeit wenige Wochen vor der Fertigstellung. Es gibt einen klar definierten und mit den Behörden des Landes Sachsen-Anhalt, des Landkreises Wittenberg, der Stadt und den Bundesbehörden abgesprochenen Zeitrahmen.

Es war klar, es muss bis Ende Februar ein Organisationskonzept vorliegen. Dann wird man es mit den Behörden, mit denen man das entwickelt hat, noch einmal genau anschauen. Und dann werden wir die entscheidenden Teile, die die Menschen wirklich betreffen, auch in angemessener Form bekanntgeben und kommunizieren, sodass jeder, der vom Kirchentag auf dem Weg zum Abschlussgottesdienst kommt, der einen Tagesausflug dorthin macht oder der in Wittenberg selbst lebt, rechtzeitig erfährt, wie es für ihn ganz persönlich funktioniert.

www.r2017.org

Wenn das Amt den Glauben prüft

9. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum Christentum konvertierte Flüchtlinge werden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auf die Ernsthaftigkeit ihres Religionswechsels getestet. Mit teilweise äußerst zweifelhaften Methoden.

Wie heißen die beiden Söhne im Gleichnis vom verlorenen Sohn?« Pfarrer Gottfried Martens aus Berlin-Steglitz kann diese Frage nicht beantworten. Sein iranischer Täufling noch weniger. Denn in der Bibel werden die Namen der beiden Söhne überhaupt nicht erwähnt. Der Iraner allerdings könnte deswegen nun in seine Heimat abgeschoben werden. Denn weil er in seiner Anhörung vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), die kürzlich in Berlin stattfand, diese Frage nicht beantworten konnte, glaubte ihm das Amt nicht, dass er wirklich und aus voller Überzeugung zum christlichen Glauben konvertiert ist.

Ein Einzelfall? Mitnichten. Bei dem zur Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) gehörenden Pfarrer Martens häufen sich die Fälle von Konvertiten, die einen negativen Asylbescheid erhalten haben. »Und fast immer finden sich in den Anhörungsprotokollen Belege dafür, dass Anhörer, Dolmetscher und Entscheider, also alle mit dem jeweiligen Fall betrauten Personen, selbst überhaupt keine Ahnung von dem haben, wonach sie fragen«, sagt Martens.

Vom »Schweinefleischfest« bis zu Luthers Geburtsdatum

So verwechselte eine Anhörende das Apostolische Glaubensbekenntnis mit dem Vaterunser. Ein Dolmetscher übersetzte das Osterfest mit dem Begriff »Schweinefleischfest«. Und ein Konvertit scheiterte an der Frage nach dem Geburtstag Martin Luthers – den vermutlich die wenigsten lutherischen Christen in Deutschland auf Anhieb nennen können.

Rund 1 000 iranische und afghanische Flüchtlinge hat Martens in den letzten Jahren getauft. Alle erhielten einen mehrmonatigen Taufunterricht. Alle mussten am Ende eine Prüfung bestehen. Fast alle halten sich auch nach Jahren noch zur Gemeinde, besuchen die Gottesdienste. Den immer wieder erhobenen Vorwurf, die Menschen kämen nur zu ihm, um als Konvertiten ein Bleiberecht zu erhalten, weist Martens entschieden zurück. »Ich habe aber den Eindruck, dass es im BAMF mittlerweile die Maßgabe gibt, Konvertiten besonders streng zu beurteilen«, sagt Martens.

Und die Erfahrungen des Berliner Pfarrers sind kein Einzelfall. Auch in Bayern erleben Kirchenvertreter Ähnliches. Auf der vor Kurzem in Nürnberg tagenden Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Bayerns berichtete Oberkirchenrat Michael Martin nicht nur davon, dass sich in Bayern ebenfalls viele Flüchtlinge in der Landeskirche taufen ließen. Vielmehr führe auch dort das Bundesamt »Glaubensprüfungen« bei Flüchtlingen durch.

»Unbestritten ist: Die Taufe gehört zum Kernbereich kirchlichen Handelns«, sagte Martin vor der Synode. »Als solche ist sie einer staatlichen Überprüfung entzogen.« Aus kirchlicher Sicht halte man fest, dass Glaube mehr sei als die Ansammlung von Faktenwissen. Deshalb könne er überhaupt nicht überprüft werden.

Vor der Synode berichtete Martin davon, dass einem Täufling aus Bayreuth dazu geraten wurde, seinen Glauben bei einer Abschiebung in den Iran doch einfach zu verleugnen. »Es braucht wohl keine große Begründung dafür mehr, dass es so nicht geht«, sagte Martin.

In der anschließenden Debatte äußerte sich auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Heinrich Bedford-Strohm: »Als ich davon gehört habe, war ich entsetzt. Es kann keine Glaubensprüfung durch Menschen geben, die dazu keine Kompetenz haben, und es kann auch nicht angezweifelt werden, dass die Menschen, die von der Kirche getauft werden, aus ernsthaften Motiven getauft werden.« Ähnlich sieht das der Berliner Pfarrer Martens. »Es geht nicht nur um dumme Fragen, es geht hier um einen massiven Eingriff des BAMF in Fragen der kirchlichen Lehre.«

Auf Nachfrage wollte sich das BAMF nicht zu den konkret angesprochenen Fällen äußern. Ein Sprecher betonte jedoch, dass im Rahmen der persönlichen Anhörung die näheren Umstände des Glaubenswechsels geprüft würden. »Die Taufbescheinigung bestätigt, dass ein Glaubensübertritt stattgefunden hat, sie sagt aber nichts darüber aus, wie der Antragsteller seinen neuen Glauben bei Rückkehr in sein Heimatland voraussichtlich leben wird und welche Gefahren sich hieraus ergeben«, sagte der Sprecher. »Die Klärung dieser Frage ist Bestandteil der persönlichen Anhörung.«

Der Entscheider müsse beurteilen, ob der Glaubenswechsel des Antragstellers aus asyltaktischen Gründen oder aus echter Überzeugung erfolgt sei. »Das Bundesamt zweifelt aber den durch Taufbescheinigung nachgewiesenen Glaubenswechsel an sich nicht an«, so der Sprecher. Es werde generell unterstellt, dass eine sorgfältige Taufbegleitung vonseiten der christlichen Gemeinden erfolgt sei. Allerdings werde von einem Konvertiten durchaus erwartet, dass er ausführlich schildern könne, welche Beweggründe er für die Konversion hatte und welche Bedeutung die neue Religion für ihn persönlich habe.

Gespräche zwischen EKD und Bundesamt

Inzwischen ist die EKD wegen der umstrittenen »Glaubensprüfungen« mit dem Bundesamt im Gespräch. Das bestätigte der Bevollmächtigte des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union, Prälat Martin Dutzmann, auf Nachfrage dieser Zeitung. »Es darf in so einem Verfahren kein ›Glaubensexamen‹ geben«, betont Dutzmann. Gefragt werden könne nur danach, wie der eigene Glaube praktiziert werde – also, ob ein Konvertit etwa regelmäßig den Gottesdienst besuche.

Bundesweit sei zudem eine entsprechende Qualifizierung der Anhörer und Dolmetscher erforderlich. Übersetzer müssten christliche Fachtermini kennen, und Anhörer, die sich mit Konvertiten beschäftigen, sollten über Grundkenntnisse des christlichen Glaubens verfügen. Ein erstes Gespräch darüber mit dem Präsidenten des Bundesamtes, Frank-Jürgen Weise, ist aus Sicht von Dutzmann positiv verlaufen.

Benjamin Lassiwe

Gemeinsam auf dem Weg

8. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein starkes Zeichen: Erstmals nach 499 Jahren der Trennung eröffnen Lutherischer Weltbund (LWB) und Vatikan gemeinsam das Jubiläumsjahr der Reformation.

Bewahre uns Gott, behüte uns Gott …«, singen die Menschen in der Domkirche der schwedischen Universitätsstadt Lund. Dort, wo 1947 der Lutherische Weltbund gegründet wurde, gibt es am Reformationstag erneut ein kirchenhistorisches Ereignis: 499 Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers feiern Papst Franziskus und der Präsident des Lutherischen Weltbunds, Bischof Munib Younan, einen Gottesdienst zur Eröffnung des Reformationsjubiläums. Gemeinsam beten sie, gemeinsam singen sie – und gemeinsam umarmen sie sich zum Friedensgruß.

»Wir Katholiken und Lutheraner haben begonnen, auf dem Weg der Versöhnung voranzugehen«, sagt Papst Franziskus. »Wir dürfen uns nicht mit der Spaltung und der Entfremdung abfinden, die durch die Teilung unter uns hervorgerufen wurden.« Dankbar erkenne man an, »dass die Reformation dazu beigetragen hat, die Heilige Schrift mehr ins Zentrum des Lebens der Kirche zu stellen«, sagt Franziskus. Martin Luther habe mit seiner Frage »Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?« die entscheidende Frage des menschlichen Lebens gestellt. »Als Lutheraner und Katholiken beten wir gemeinsam in dieser Kathedrale und sind uns bewusst, dass wir getrennt von Gott nichts vollbringen können.«

Brüderliche Umarmung in Lund: Munib Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land und Präsident des Lutherischen Weltbundes (l.), und Papst Franzikus am vergangenen Montag beim Friedensgruß. Foto: epd-bild/Svenska kyrkan/Mikael Ringlander

Brüderliche Umarmung in Lund: Munib Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land und Präsident des Lutherischen Weltbundes (l.), und Papst Franzikus am vergangenen Montag beim Friedensgruß. Foto: epd-bild/Svenska kyrkan/Mikael Ringlander

Einige Dutzend Kilometer entfernt, in der Arena von Malmö, hat Pastor Thomas Waack aus Eutin in Schleswig-Holstein Platz genommen. Er verfolgt den Gebetsgottesdienst in Lund zusammen mit mehr als Zehntausend Menschen über eine Großbildleinwand. »Ich hoffe, dass es weitere Signale des Aufeinanderzugehens gibt«, sagt Waack. Ähnlich sagt es die dänische Pfarrerin Helle Rosenquist, die für den Gottesdienst extra aus dem Norden Jütlands nach Lund kam: »Ich hoffe, dass die Kontakte zwischen den beiden Kirchen besser werden.«

Und das wurden sie in Lund tatsächlich. Zumindest, wenn man daran denkt, dass Martin Luther den Papst einst noch als »Antichrist« verurteilte. In Lund dagegen bekannten der Generalsekretär des Lutherischen Weltbunds, Martin Junge, und der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates, Kardinal Kurt Koch, die Schuld, die die Kirchen mit solchen Äußerungen ebenso wie mit den Glaubenskriegen der frühen Neuzeit auf sich geladen hatten.

Und in einer gemeinsamen Erklärung verpflichten sich Katholiken und Lutheraner zu intensiverer Zusammenarbeit: »Viele Mitglieder unserer Gemeinden sehnen sich danach, gemeinsam die Eucharistie zu empfangen, als konkretes Zeichen völliger Einheit.« In den Blick genommen werden in dem Text vor allem konfessionsverschiedene Ehepaare: Man spüre den Schmerz derer, die ihr ganzes Leben teilten, aber nicht gemeinsam am Tisch des Herrn sein könnten. »Wir sehnen uns danach, diese Wunde im Leib des Herren zu heilen«, heißt es in der Erklärung. »Das ist das Ziel unserer ökumenischen Bemühungen, die wir voranbringen wollen, auch durch eine Erneuerung unseres Versprechens zum theologischen Dialog.«

Doch über manche Brücken geht Papst Franziskus auch in Lund nicht. Immer noch ist von den Protestanten nur als »kirchliche Gemeinschaften«, nicht als »Kirchen«, die Rede. »Der Papst hat deutlich vermieden, von Kirchen zu sprechen«, sagt der Landesbischof der Nordkirche, Gerhard Ulrich, Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD).

Insgesamt sei der Gottesdienst aber ein »wichtiges ökumenisches Signal« gewesen. »Mir ist wichtig, dass auch die Gemeinden in Deutschland Gottesdienste nach dem Vorbild von Lund feiern«, sagt Ulrich. »Wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, als ob mit dem 1. November 2017 die Arbeit getan sei.« Er gehe davon aus, dass zwischen dem LWB und dem Vatikan nun Gespräche über die »Big Points« von Amtsverständnis, Kirchenverständnis und Eucharistie folgen werden.

Der Vizepräsident des Lutherischen Weltbunds, der Württemberger Landesbischof Frank-Otfried July, nannte die Erklärung von Lund ein »starkes Wegzeichen« zur Einheit. »Vielleicht kommt ja auch in der katholischen Kirche künftig der Gedanke stärker zum Tragen, dass die gemeinsame Eucharistie schon auf dem Weg zur Einheit und nicht erst am Ende des Weges gefeiert werden kann.«

Benjamin Lassiwe

Wo die Pflege etwas gilt

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Seit Jahren wird bei uns über die Probleme in der Pflege diskutiert. Andere Länder sind längst weiter, wovon sich Diakonie-Präsident Ulrich Lilie kürzlich bei der Diakonie in Norwegen überzeugen konnte.

Vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos hängen im kleinen Sprechzimmer der Haraldsplass Diakonale Stiftelse (Diakoniestiftung Haraldsplatz) im norwegischen Bergen. Sie zeigen norwegische Diakonissen: Junge Frauen, die sich am Anfang des 20. Jahrhunderts, in der Zwischenkriegszeit und auch noch in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg für eine Ausbildung als Krankenschwester entschieden und sich in der Diakoniestiftung einsegnen ließen. Doch mit den Jahren nimmt die Zahl der jungen Frauen auf den Fotos ab. Zum Schluss sind es nur noch drei, die ihre Hände in die Hand des Vorstehers der Einrichtung legen. Das Foto wirkt wie eine Trotzgeste.

Die diakonische Hochschule VID in Norwegen bietet eine Vielzahl akademischer Studiengänge an. Dazu gehört auch der Bachelor-Abschluss für Pflegeberufe. Foto: VID Specialized University

Die diakonische Hochschule VID in Norwegen bietet eine Vielzahl akademischer Studiengänge an. Dazu gehört auch der Bachelor-Abschluss für Pflegeberufe. Foto: VID Specialized University

Heute gibt es in der Bergener Stiftung so wie in den meisten Häusern des Kaiserswerther Verbands deutscher Diakonissenmutterhäuser, von dem die Einrichtung im norwegischen Bergen einst gegründet wurde, kaum noch Diakonissen. An Pflegekräften allerdings besteht in Norwegen kein Mangel. Im Gegenteil. »Bei uns ist die Pflege ein akademischer Beruf«, sagt Ingunn Moser, Rektorin der zur norwegischen Diakonie gehörenden Hochschule VID, die sich unter anderem mit der Pflegeausbildung beschäftigt. Wer sich zur Krankenschwester ausbilden lässt, absolviert einen Bachelorstudiengang. Und die Ausbildung ist beliebt: Für 118 Studienplätze gab es an der VID im vergangenen Jahr über 2 000 Bewerber. Bis zu 49 000 Euro im Jahr kann eine Krankenschwester mit allen Zuschlägen in Norwegen verdienen, sagt Ingunn Moser. Örtlichen Fachverbänden ist das noch zu wenig: Sie vergleichen das Gehalt einer Krankenschwester mit dem eines Ingenieurs, denn auch der hat ja schließlich ein Hochschulstudium absolviert.

Die Sozialverbände in Deutschland können von so viel Interesse am Pflegeberuf nur träumen. »Wir bemühen uns um eine generalisierte, akademische Pflegeausbildung«, sagt der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, bei seinem kürzlich erfolgten Besuch in der norwegischen Diakoniestiftung. Immer wieder verwiesen ihn die norwegischen Gastgeber auf Unterschiede: So gibt es im steuerfinanzierten norwegischen Gesundheitssystem keine Krankenkassen. Nur wenige Norweger werden von ihrem Arbeitgeber privat versichert. Ein Einzelzimmer in der geriatrischen Station erhält nicht derjenige, der dafür bezahlt, sondern der, der es am nötigsten braucht, sagt Chefarzt Jan Henrik Rossland. Für Patienten gibt es ein dreistufiges System – für kleinere Krankheiten den von der Kommune bezahlten örtlichen Arzt mit einem klar definierten Versorgungsbezirk, der im Notfall in ein fest definiertes, für den Wohnort des Patienten zuständiges Krankenhaus einweist. Und darüberhinaus dann Spezialversorgung auf der regionalen Ebene.

So ist es auch in der Hospizversorgung geregelt, die in Deutschland ebenfalls ein wichtiges Anliegen der Diakonie darstellt. Landesweit stehen den Norwegern nur knapp über 100 Betten in Palliativstationen zur Verfügung. Dafür gibt es aber die Möglichkeit, sich in Seniorenheimen palliativmedizinisch versorgen zu lassen. »Patienten, die ihre letzten Wochen gerne zu Hause verbringen möchten, erhalten einen Schnellhefter, in dem genau aufgeschrieben ist, wen sie anrufen müssen, wenn es ihnen schlechter geht – und was sie sich wünschen, falls ein Pflegedienst im Zweifel ist«, sagt Marit Huseklepp, die in der »Haralds­plass Diakonale Stiftelse« auf Palliativversorgung spezialisiert ist. »Es ist uns wichtig, dass sich der Patient und seine Angehörigen zu Hause auch sicher fühlen.« Zudem bekommen die Patienten ein Paket mit Schmerzmitteln mit nach Hause – sogar Morphium ist darin enthalten. »Wir wollen, dass die Krankenpfleger die Patienten unkompliziert versorgen können, wenn es darauf ankommt.«

Unkomplizierte Lösungen, wie sie sich die deutschen Sozialverbände wohl auch hierzulande wünschten.

Benjamin Lassiwe

»Wir können die Menschen ja nicht einfach ertrinken lassen«

23. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Dreiste Schlepper und ausgehungerte Flüchtlinge: Nach zwölf Seetagen haben die deutschen Marineschiffe das ganze Elend Afrikas an Bord. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche besuchte jetzt die Soldaten im Mittelmeereinsatz.

Viktor Onyeka erinnert sich: »Ich hatte Angst um mein nacktes Leben.« Der 34-jährige Nigerianer ist Christ – doch in seiner Heimat treiben die islamistischen Terrorbanden des Boko Haram ihr Unwesen. »Meine Mutter und meinen jüngeren Bruder haben sie ermordet, und auf mich wurde geschossen.« Viktor Onyeka entschloss sich zur Flucht, reiste durch den Niger, die Sahara und durch Libyen.

Viktor Onyeka floh vor dem Wüten der Terrorgruppe Boko Haram aus Nigeria und wurde halbtot von den deutschen Marinesoldaten aus dem Mittelmeer geborgen. Foto: Benjamin Lassiwe

Viktor Onyeka floh vor dem Wüten der Terrorgruppe Boko Haram aus Nigeria und wurde halbtot von den deutschen Marinesoldaten aus dem Mittelmeer geborgen. Foto: Benjamin Lassiwe

Heute sitzt Onyeka im Hof eines Flüchtlingsheimes der italienischen Caritas in der Nähe von Cagliari auf Sardinien. Dass er am Leben ist, verdankt er einem deutschen Schiff. »Es waren Deutsche, die mich im Herbst 2014 aus dem Mittelmeer gefischt haben«, sagt Onyeka. Mit unzähligen anderen Menschen hatte er sich auf einem Zodiac-Schlauchboot eingeschifft, 700 US-Dollar an den Schleuser bezahlt. »Viele Menschen waren schon tot, als sie uns endlich gefunden haben.«

Viktor Onyeka ist einer von vielen Zehntausenden, die in den letzten Jahren den gefährlichen Weg über das Mittelmeer zurückgelegt haben. Tausende andere haben es nicht geschafft, sie erstickten an Abgasen, verdursteten oder ertranken auf sinkenden Booten auf hoher See. Seit dem Herbst 2015 ist deswegen die Deutsche Marine im Mittelmeer im Einsatz. Mit zwei Schiffen, dem Flottentender »Werra« und dem Minenjagdboot »Datteln«, beteiligt sie sich an der Flüchtlingsrettung. »Bis zu 600 Menschen sind an Bord der Boote, die wir hier draußen treffen«, sagt der Kommandant der »Werra«, Korvettenkapitän Mirko Preuß.

Am vergangenen Sonnabend hatte die »Werra« hohen Besuch. Im Hafen von Cagliari war die Mannschaft auf der Back, dem erhöhten Vorschiff, angetreten, die Bootsmannsmatenpfeife ertönte. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, und der evangelische Militärbischof Sigurd Rink kamen an Bord des Schiffes.

»Ich bin gekommen, um Ihnen Danke zu sagen«, sagt Bedford-Strohm. »Danke für Ihren Dienst, danke für das, was Sie hier tun.« Der bayerische Bischof hat kleine Lebkuchenherzen im Gepäck, die er an die Marinesoldaten verteilt. Es sei eine wichtige polizeiliche Funktion, die die deutschen Schiffe im Mittelmeer ausüben. »Denn es ist ein Verbrechen, wenn sich Menschen auf seeuntaugliche Boote setzen müssen und ihren Tod riskieren.«

Lebkuchenherzen hatten der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und Militärbischof Sigurd Rink am vergangenen Sonnabend bei ihrem Besuch der deutschen Marineeinheiten auf Sizilien im Gepäck. Foto: epd-bild/Thomas Lohnes

Lebkuchenherzen hatten der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und Militärbischof Sigurd Rink am vergangenen Sonnabend bei ihrem Besuch der deutschen Marineeinheiten auf Sizilien im Gepäck. Foto: epd-bild/Thomas Lohnes

Als er am Nachmittag einen Gottesdienst auf der Back des Schiffes feiert, wird Bedford-Strohm noch deutlicher: Jenseits aller Diskussionen um die Rolle der Bundeswehr sei der Einsatz im Mittelmeer ein »eindrucksvoller Samariterdienst«. »Die Gefahr ist groß, dass wir im sicheren Deutschland einfach wegsehen«, sagte Bedford-Strohm. »Aber würde Europa hier wegsehen, würde es seine Seele verlieren.« Jeder Tote habe eine persönliche Geschichte, sagte Bedford-Strohm. Um jeden Toten trauerten ein Vater, eine Mutter oder dessen Geschwister. »Für jeden dieser Menschen gelte der erste Satz des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.«

Dass Flüchtlinge manchmal mehr als 1 000 Euro bezahlen, um auf diesem Wege nach Europa zu kommen, zeige, »dass wir auch legale und sichere Wege benötigen, über die die Menschen nach Europa kommen können«, betonte Bedford-Strohm gegenüber der Kirchenzeitung. »Und wir brauchen Maßnahmen vor Ort, die die Lage in den Herkunftsländern der Menschen stabilisieren.«

An Bord des Schiffes haben die Geistlichen viel Gelegenheit, sich mit den Soldaten zu unterhalten. Zum Beispiel mit Bootsmann Felix S. aus der Nähe von Kiel. Für ihn ist die Flüchtlingsrettung im Mittelmeer der erste Einsatz auf der »Werra«, erst seit Mai ist er an Bord. »Wenn man sieht, wie dankbar die Menschen sind, wenn wir sie hier an Bord nehmen, dann ist das schon ein gutes Gefühl«, sagt der Bootsmann. »Dass dieser Einsatz Sinn macht, steht für mich völlig außer Frage.«

Auch Fregattenkapitän Jan D. aus Husum, der als Rechtsberater auf dem Schiff mitfährt, sieht das so. Im heimatlichen Schleswig-Holstein höre er aber auch andere Meinungen: »Könnt ihr nicht einfach ein paar von denen übersehen?«, würden Freunde in der Heimat manchmal fragen. »Ich sage dann, dass wir die Verpflichtung haben, Menschen in Not zu helfen«, sagt Jan D. »Wir können die Menschen ja nicht einfach ertrinken lassen.«

Einen härteren Umgang pflegt die Besatzung der »Werra« indes, wenn sie Schlepper bei der Arbeit beobachtet. »Wir hatten da ein hochmotorisiertes schnelles Boot, dass zwei Schlauchboote im Schlepp hatte«, berichtet Kapitän Preuß. Der Vorgang wurde von einem Hubschrauber aus gefilmt. Das finnische Boarding-Team, das an Bord der »Werra« eingeschifft ist, enterte das Schlepperboot, die Besatzung wurde in Gewahrsam genommen und im nächsten Hafen den italienischen Behörden übergeben. Denn auch der Kampf gegen die Schleusernetzwerke gehört zum Aufgabenbereich der EU-Mission. Und er wird in dem Maß wichtiger, in dem sich auch private Organisationen der Flüchtlingsrettung im Mittelmeer widmen.

Mittlerweile hätten diese Vereine schon 3 000 Plätze auf ihren Booten zur Verfügung, berichtet der »Werra«-Kapitän. »Aber die Organisationen berichten uns auch von der Dreistigkeit der Schlepperbanden: Wenn die Flüchtlinge an Bord der Helferschiffe seien, kommen die Schakale genannten Schlepper mit ihren Booten und versuchen die benutzten Schlauchboote für den nächsten Einsatz zurück nach Libyen zu bringen.« Auch deswegen sei es wichtig, die leeren Flüchtlingsboote nach der Übernahme ihrer Insassen zu versenken.

Für die Mannschaft ist ein Einsatz wie der auf der »Werra« aber auch belastend. Zwölf Tage ist das Schiff ununterbrochen im Einsatzgebiet. Doch im Unterschied zu anderen Bundeswehreinsätzen im Ausland hat die Besatzung der »Werra« keine Möglichkeit, per Internet mit der Familie daheim zu kommunizieren. Und wenn das Schiff auf See ist, füllt es sich schnell mit dem kompletten Elend Afrikas. »Das sorgt an manchen Tagen auch für gemischte Gefühle«, sagt Jan D.

Die beiden großen Kirchen haben deswegen auch bei diesem Einsatz ihre Militärseelsorger an Bord. Jeweils im Wechsel kommen ein katholischer und ein evangelischer Geistlicher auf die »Werra«. »Es sind zwar nur wenige Soldaten konfessionell gebunden, aber wir spüren eine große Nachfrage bei unseren Pfarrern«, sagt der evangelische Militärbischof Sigurd Rink. Eine Nachfrage, die so groß ist, dass auch die Kirche an ihre Grenzen kommt. »Die Marine wird als Teilstreitkraft derzeit über Gebühr belastet«, sagt Rink. Viele Einheiten seien überall auf dem Globus im Einsatz. »Aber wir haben nur zwölf Marinepfarrer.«

Derzeit ist auf dem deutschen Tender der katholische Dekan Jochen Folz im Einsatz. Regelmäßig feiert er Andachten auf der »Werra«, bei Hafenaufenthalten nimmt er interessierte Soldaten mit in die Messe. An Bord ist er ein gefragter Gesprächspartner – ob ein Besatzungsmitglied familiäre Probleme hat oder auch bei den ganz normalen Alltagsthemen. Und einmal feierte er sogar schon eine Kindstaufe. »Da hat eine Flüchtlingsfrau aus Nigeria ein Kind bekommen«, sagt Folz. »Als sie erfuhr, dass ich katholischer Priester bin, bat sie um die Taufe.« Gesagt, getan: Aus der Kombüse des Schiffes besorgte sich der Priester eine Sauciere und eine Schüssel, »an Wasser haben wir hier ja keinen Mangel«. Das Kind wurde auf hoher See getauft – und Militärseelsorge und Deutsche Marine waren um eine Episode reicher, die man wohl so nur beim Flüchtlingseinsatz im Mittelmeer erleben kann.

Benjamin Lassiwe

Krakaus Lutheraner und der katholische Weltjugendtag

1. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Draußen, in der Krakauer Fußgängerzone, singen und tanzen die Jugendlichen aus ganz Europa. »Italia, Italia«, schreit eine Pilgergruppe, die hinter einer überdimensionierten italienischen Flagge vom Wawel zum Marktplatz zieht. Und als Pfarrer Roman Pracki die Türen der Martinskirche öffnet, strömt sofort eine Pilgergruppe aus Pforzheim in das Gebäude. Was bemerkenswert ist, denn die direkt am Fuß des Wawel gelegene Martinskirche ist eine evangelische Kirche. Und Pracki gehört zur Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen.
»Unsere Gemeinde hier in Krakau gibt es seit der Reformation«, berichtet der Theologe eine Etage weiter oben, in seinem Büro, in perfektem Deutsch. Heute lebten 600 Lutheraner in Krakau – ein Drittel stammten aus lutherischen Familien aus Krakau, ein Drittel sei aus dem traditionell lutherisch geprägten Teschener Land zugezogen, ein weiteres Drittel konvertiert. Welt-31-2016»Der Weltjugendtag erinnert mich an unsere Jugendevangelisationen, die wir in einem weit kleineren Maßstab jedes Jahr in Dziegielów anbieten.«

Im Vorfeld des Weltjugendtags hätten die im ökumenischen Rat von Krakau organisierten Minderheitenkirchen, zu denen neben Lutheranern auch Methodisten, Altkatholiken und Orthodoxe gehören, den Katholiken Räume für Veranstaltungen angeboten und gemeinsame Angebote vorgeschlagen. »Daran bestand seitens der Katholiken aber kein Interesse, auch wenn die Ökumene hier in Krakau sonst durchaus funktioniert«, sagt Pracki, der selbst an einer katholischen Hochschule evangelische Liturgik unterrichtet. »So wird der einzige ökumenische Akzent im Programm des Weltjugendtags das Treffen des Papstes mit den Bischöfen der Minderheitenkirchen bleiben – wie schon bei den vergangenen Papstbesuchen in Polen.«

Im persönlichen Kontakt seien die Katholiken in Krakau aber häufig sehr offen für Anliegen der Lutheraner – so gebe es gemeinsame Gottesdienste, speziell auch für Menschen, die in gemischt-konfessionellen Ehen lebten. »Wir sind ja auch eine konservative lutherische Kirche, so wie die Altlutheraner in Deutschland«, sagt Pracki. Und wenn im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Cracowia Sacra« alle Kirchen der Stadt die Türen öffnen, beteiligten sich natürlich auch die Protestanten daran.

Während der Woche des Papstbesuchs finden in der Kirche Orgelkonzerte und Kirchenführungen statt, und natürlich am Sonntag die drei Gottesdienste, die jeden Sonntag gefeiert werden. Was der Weltjugendtag mit Krakau macht? »Es ist auf jeden Fall eine Veranstaltung, die für eine positive Stimmung in der Stadt sorgt und allgemein für das Christentum wirbt«, sagt Pracki. »Und weil Polen ein mehrheitlich katholisches Land ist, haben auch viele Einwohner großes Verständnis für die Jugendlichen – das sieht man etwa in der Straßenbahn, wo die Pilger sofort gefragt werden, wo sie denn herkämen.« Wer mit dem Weltjugendtag nichts zu tun haben wolle, sei ohnehin in Urlaub gefahren.

Benjamin Lassiwe

Die lutherische Welt blickt 2017 nach Namibia

22. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Namibia: In Windhoek eröffneten die Lutheraner jetzt den Endspurt zur Vollversammlung in einem Jahr

Aus deutscher Perspektive dreht sich in Sachen Reformationsjubiläum alles um Wittenberg. Doch die weltweite Konfessionsgemeinschaft der Lutheraner feiert im Südwesten des afrikanischen Kontinents.

Creation is not for sale«, singt der Gospelchor, der auf einer kleinen Bühne in den Gärten vor dem Parlament in Windhoek, Namibia, Aufstellung genommen hat. »Die Schöpfung ist nicht verkäuflich. Menschen sind nicht verkäuflich. Erlösung ist nicht verkäuflich.« Unter den hohen Bäumen des Parks haben gut 500 Menschen Platz genommen. Prominenz ist darunter, wie der stellvertretende Präsident des Landes, Nickey Yambo. Oder der frühere Bischof und heutige Minister für Armutsbekämpfung, Zephania Kameeta. Er ist es, der wenige Minuten später in einer alten Öllampe ein Feuer entzündet. »Es ist mir eine große Freude und ein Privileg, die Vorbereitungsphase für die 12. Vollversammlung des Lutherischen Weltbunds zu eröffnen«, sagt Kameeta, der zugleich Mitglied im Rat des Lutherischen Weltbundes (LWB) ist.

Globale Erinnerung an die Reformation

Vom 10. bis 17. Mai 2017 wollen Delegierte aus allen 145 Mitgliedskirchen des LWB, die immerhin für 72 Millio­nen Lutheraner stehen, in Namibia zusammenkommen. Ihr Treffen soll im Jahr des Reformationsjubiläums unter dem Motto »Befreit durch Gottes Gnade« stehen. Und die damit verbundenen Unterthemen sind die Liedzeilen des Gospelchors: Die Unverkäuflichkeit von Schöpfung, Menschheit und Erlösung.

Die »heiße Phase« der Vorbereitungen habe begonnen, erklärte der frühere Bischof Zephania Kameeta, Mitglied im Rat des LWB, und entzündete bei den Feierlichkeiten im namibischen Windhoek eine Sturmlaterne.  Foto: DNK/LWB, Florian Hübner

Die »heiße Phase« der Vorbereitungen habe begonnen, erklärte der frühere Bischof Zephania Kameeta, Mitglied im Rat des LWB, und entzündete bei den Feierlichkeiten im namibischen Windhoek eine Sturmlaterne. Foto: DNK/LWB, Florian Hübner

»Namibia wird der Ort für die globale Erinnerung an die Reformation sein«, sagt Kameeta. Dass sich die weltweiten Lutheraner dazu nicht in Wittenberg, sondern ausgerechnet in Afrika treffen, hat mehrere Gründe. Zum einen ist da die heute durchaus kritisch gesehene, jahrelange Unterstützung der namibischen Befreiungsbewegung SWAPO durch den Lutherischen Weltbund. Dessen Stipendienprogramme erleichterten nach der Erlangung der Unabhängigkeit vielen Namibiern den Einstieg in Wirtschaft und Politik. »Wir wollen dem LWB ein Schaufenster in das Land bieten, das sie unterstützt haben«, sagt der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia (ELKIN), Shekutaamba Nambala.

Das lutherischste Land in ganz Afrika

Zum anderen ist das 2,3 Millionen Einwohner zählende Namibia schlicht das am meisten lutherisch geprägte Land auf dem schwarzen Kontinent – auf dem zudem bisher nur eine einzige Vollversammlung des LWB stattgefunden hat. Rund 1,1 Millionen Einwohner gehören einer der drei lutherischen Kirchen des Landes an: der auf die finnische Mission zurückgehenden Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia (ELKIN), die rund 700 000 Gemeindeglieder hat; der auf die rheinische Mission zurückgehenden Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Republik Namibia (ELKRN), die etwas mehr als 400 000 Gemeindeglieder zählt; und der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia (ELKIN-DELK), der rund 5 000 Gemeindeglieder angehören.

Alle drei Kirchen haben eine gemeinsame Kirchenleitung, sehen sich aber als selbstständige lutherische Kirchen an – und wollen an diesem Zustand trotz teils großem Druck aus Deutschland auch nichts ändern. »Wir reden hier nicht über eine gemeinsame Kirche«, sagt der Generalsekretär der ELKRN, Petrus Kaariseb. »Wir arbeiten aber eng zusammen.«
So kooperieren die drei Kirchen etwa bei einem gemeinsamen Programm zur Nothilfe in dem von einer Dürrewelle geplagten Land. Die beiden afrikaanssprachigen Kirchen unterhalten ein gemeinsames theologisches Seminar. In der Innenstadt von Windhoek wurde die »Inner City Congregation« gegründet, eine gemeinsame, englischsprachige Gemeinde, die allen drei Kirchen angehört. Und in der kleinen deutschsprachigen Kirche übernimmt der eigentlich zur ELKIN gehörende, frühere Generalsekretär des Namibischen Kirchenrates, Ngeno Nakamnela, seit einigen Wochen eine Vertretung in einer vakanten Gemeinde.

»Trotzdem nehme ich auch wahr, dass die Kirchen nicht wirklich der Einheit verpflichtet sind«, sagt der Diakoniepfarrer der ELKIN, Gerson Neliva. Und auch der Bischof der ELKIN-DELK, Burgert Brand, spricht davon, dass es zwischen den Kirchen zuweilen Kommunikationsprobleme gebe.

Im Hintergrund steht dabei noch immer die Zeit des Apartheidregimes. Dass der farbige Nakamnela als Vakanzvertreter an einem Pfarrkonvent der ELKIN-DELK teilnimmt, wäre vor 30 Jahren unmöglich gewesen. Und oft wird gerade der deutschsprachigen Kirche vorgeworfen, sich nicht entschieden genug gegen die Apartheid positioniert zu haben. 1984 wurde die ELKIN-DELK deswegen vom Lutherischen Weltbund suspendiert – eine Entscheidung, die der LWB als »Erziehungsmaßnahme« deklarierte.

Schweres Erbe: Kolonialzeit und Apartheidregime

»In Namibia wurde es als Rausschmiss empfunden«, sagt Brand. Auch das Verhältnis zur Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bezeichnet der Bischof als »ambivalent«. Zwar habe die Partnerschaft mit Deutschland selbst in der Zeit der LWB-Suspendierung gehalten. Doch dass manche EKD-Vertreter von der »weißen Kirche« Namibias sprechen, und die deutschsprachigen Namibier zumindest unterschwellig für alle Gräueltaten der Geschichte Namibias verantwortlich machen, stößt in der Kirche auf Unverständnis und Empörung. Brand spricht gar von einem »eurozentristischen, paternalistischen Blick« der EKD. »Wir sind Namibier, die deutsch sprechen«, sagt Brand.

Tatsächlich setzt sich auch die ELKIN-DELK kritisch mit der Kolonialgeschichte Namibias auseinander: Über einer Gedenktafel in der Windhoeker Christuskirche, in der der Toten der Kolonialkriege gedacht wird, soll nach dem Vorbild einer Kirche aus Wilhelmshaven eine Plexiglasplatte angebracht werden, die darauf aufmerksam machen soll, dass man heute aller Toten aller Kriege gedenkt.

Und natürlich unterstützt auch die ELKIN-DELK zahlreiche Projekte zur Bekämpfung der Armut im Land – etwa das Wohnheim »Hephata« in der größten Armensiedlung Windhoeks, in Kattutura, wo Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung aufopferungsvoll betreut werden. »Wenn wir von ›Liebe deinen Nächsten‹ predigen, ist doch völlig klar, dass damit die Menschen in den Armutsvierteln gemeint sind«, sagt der Pastor der Küstengemeinden rund um Swakopmund, Klaus-Peter Tietz.

Herausforderung bei Finanzen und Logistik

Eine enge Kooperation findet sich auch in der Vorbereitung der Vollversammlung des LWB. Das 15-köpfige Planungsteam besteht aus Mitgliedern aller drei Kirchen. Doch der schlechte Wechselkurs des namibischen Dollars stellt die Verantwortlichen vor immer größere Herausforderungen. »Wir müssen 64 000 Euro für die Vollversammlung selber aufbringen«, sagt Hartmut Diehl, der zum Planungskomitee gehört. Als die Vorbereitungen begannen, stand der Namibia-Dollar im Verhältnis zum Euro noch bei 1:12, mittlerweile ist der an den südafrikanischen Rand gekoppelte Wechselkurs bei 1:17 angekommen.

Für die Namibier wird die Vollversammlung damit immer teurer. Zudem ist eine Vollversammlung des LWB in einer Stadt wie Windhoek, die über kein öffentliches Nahverkehrssystem verfügt, auch eine logistische Herausforderung. Doch die Namibier haben sie angenommen. »Wir wollen der Versammlung den Geist Namibias mitgeben«, sagt Emma Nangolo vom örtlichen Planungskomitee. »Und wir wollen das Lutherische in Namibia sichtbar machen.«

Benjamin Lassiwe

www.lwfassembly.org

Askese mit Käse und Seife

1. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Norwegen: Im lutherisch geprägten skandinavischen Land entstehen katholische Klöster neu

In alter Zisterzienser-Tradition arbeiten und beten in Norwegen wieder Nonnen und Mönche in neu gegründeten Abteien.

Durch eine große Glaswand fällt der Blick frei auf den Fjord mit seinem dunkelblauen Wasser und den steilen Felswänden. Das kunstvoll gestaltete Holzdach bricht die Sonnenstrahlen in ein Spiel aus Licht und Schatten. Eine Glocke ertönt. Schweigend ziehen zwölf katholische Ordensfrauen in die Kirche ein. Sie singen das Stundengebet. Eine Schwester spielt die Harfe, eine andere an der Orgel. Die hellen Stimmen reißen den Besucher mit, zusammen mit der Landschaft vor dem Fenster entsteht eine ungewöhnlich spirituelle Atmosphäre.
Die Schwestern gehören zum Zisterzienserorden. Die Ordensgemeinschaft, die in Sachsen etwa die Klöster Marienstern und Marienthal betreibt und in Sachsen-Anhalt das Kloster Helfta bei Eisleben neu belebte, ist seit einigen Jahren auch wieder im lutherischen Norwegen ansässig. Auf der Insel Tautra, nahezu direkt gegenüber von Trondheim gelegen, hat sie mithilfe des deutschen katholischen Bonifatiuswerks das mit fünf Architekturpreisen ausgezeichnete Marienkloster errichtet. An einem Ort, wo schon im Mittelalter ein Zisterzienserkloster bestand.

Beten mit Blick auf die norwegische Fjordlandschaft bei Trondheim: das an altem Ort neu errichtete Marienkloster auf der Insel Tautra. Fotos: Benjamin Lassiwe

Beten mit Blick auf die norwegische Fjordlandschaft bei Trondheim: das an altem Ort neu errichtete Marienkloster auf der Insel Tautra. Fotos: Benjamin Lassiwe

»Als wir 1999 kamen und uns hier niederlassen wollten, haben die Nachbarn davon gesprochen, dass die Schwestern nach Hause zurückgekehrt seien«, sagt die Oberin des Klosters, Mutter Gilkrist Lavigne. Heute verdienen die Ordensschwestern ihren Lebensunterhalt mit der Herstellung von Cremes und Seifen. Ein kleiner Klosterladen ist für Touristen geöffnet, und wer bereit ist, sich auf den klösterlichen Lebensstil einzulassen, kann auch »Tage der Stille« im Kloster erleben. »Manche Besucher geben uns sogar ihr Handy, damit sie wirklich ungestört sind«, sagt Mutter Gilkrist. Wer als Novizin in den Orden eintritt, muss zwei Jahre ohne jeden Internetzugang aushalten.

»Die Leute sollen wieder ein Buch lesen können – und wieder in Berührung mit Gott kommen«, sagt die Oberin. »Wir leben hier einen völlig anderen Lebensstil.« Die alltäglichen Arbeiten im Kloster werden schweigend verrichtet. Die entstandene Stille nützten die Schwestern zum Gebet. »Unser Leben ist völlig auf Gott und Christus ausgerichtet«, sagt Mutter Gilkrist. »Denn das ist doch der Sinn unseres Lebens.«

»Das asketische Leben der Mönche und Nonnen ist in unserer heutigen Welt etwas völlig Fremdes«, sagt der katholische Bischof von Oslo und apostolische Administrator von Trondheim, Bent Eidsvig. Aber gerade die völlige Hingabe für den Glauben mache katholische Orden im lutherisch geprägten, aber immer säkularer werdenden Norwegen interessant. Denn die Zisterzienserinnen auf Tautra sind nicht die einzige Neugründung eines Klosters, die in den letzten Jahren entstanden ist.

Am Rande von Trondheim etwa haben sich die Birgittinnen niedergelassen. Sie betreiben in der Stadt ein Gästehaus, das auch Urlaubern offen steht. Oder Pilgern aller Konfessionen, die, wie auf dem berühmten Jakobsweg in Spanien, von Oslo aus zum Nidaros-Dom nach Trondheim wandern, wo der heilige Olav, der Patron Norwegens, begraben ist. Und etwas weiter außerhalb, in Munkeby, ganz in der Nähe der zum Nordkap führenden Europastraße 6, ist ein Kloster des Zisterzienser-Männerordens entstanden.

Mit den berühmten Klöstern in Citeaux, Cluny oder Marienthal ist der Neubau nicht vergleichbar – in Munkeby steht eine Art Einfamilienhaus mit angeschlossener Kapelle. Vier Mönche haben sich dort niedergelassen und produzieren Käse nach dem Vorbild im französischen Citeaux. Und zwar nicht nur zum Verkauf an durchreisende Urlauber in einer kleinen Hütte auf dem Parkplatz vor dem Kloster. »Unser Käse wird mittlerweile beim Staatsbankett im königlichen Palast serviert«, sagt Bruder Joel, der aus Frankreich nach Norwegen kam.

Die Milch beziehen die Mönche von ihren Nachbarn – dadurch sind sie schnell Teil der lokalen Gesellschaft geworden. »In Norwegen müssen Sie selbst den ersten Schritt gehen«, sagt Bruder Joel. »Wer hier herkommt und auf die Menschen wartet, wird erleben, dass sie nicht kommen.«

Benjamin Lassiwe

»Ich möchte mich einbringen«

3. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Mit Michael Diener sitzt erstmals ein Chef der konservativen Evangelikalen im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Präses Michael Diener, bekommt Gegenwind aus den eigenen Reihen, weil er von den Pietisten Selbstkritik einfordert. Harald Krille hat mit ihm gesprochen.

Herr Präses Diener, wenn man in die recht chaotische Welt schaut – kann da einem Christen nicht der Frage kommen, ob wir in der Endzeit leben?
Diener:
Wir leben definitiv in der Endzeit. Denn biblisch betrachtet ist die Endzeit die Zeit zwischen Jesu Himmelfahrt und seiner Wiederkunft. Aber: Es gab wohl keine Generation von Christen, die nicht gesagt hat, schlimmer kann es nicht mehr kommen, jetzt ist es so weit. Umgekehrt: Die Erwartung, dass unser Herr bald kommen möge, ist natürlich eine Essenz unseres christlichen Glaubens. Dem schließe ich mich auch gerne an. Aber vor zeitlichen Berechnungen warnt uns die Heilige Schrift sehr deutlich.

Christliche Menschenrechtsgruppen verweisen darauf, dass noch niemals so viele Christen um ihres Glaubens willen getötet und verfolgt wurden, wie in den vergangenen Jahren.
Diener:
Ich denke, dass diese Beobachtung richtig ist. Doch wird das ganze Ausmaß bisher von der Öffentlichkeit, auch unter uns Christen, nur bedingt wahrgenommen. Dabei kann ich die Bibel gar nicht lesen, ohne fast auf jeder Seite daran erinnert zu werden, dass wir als Christenmenschen für unsere Geschwister einstehen sollen. Das Thema müsste uns alle viel mehr beschäftigen und uns auch zu konkreten Schritten bewegen.

Auch zum militärischen Eingreifen gegen islamistische Gruppen wie den »IS«?
Diener:
Persönlich sehe ich bei dem jetzt beschlossenen Kriegseinsatz noch ganz, ganz viele ungeklärte Fragen. Umgekehrt glaube ich, dass dem, was der »IS« dort treibt, auch mit legitimierter Gewalt Einhalt geboten werden muss. Doch auch unter Christen gibt es sehr unterschiedliche Meinungen dazu. Ich bin froh, dass ich das im Bundestag nicht entscheiden musste. Aber: Wäre ich Abgeordneter des Bundestages, hätte ich wahrscheinlich für diesen Militäreinsatz gestimmt.

»IS« und die Christenverfolgung ist die eine Sache, die Flüchtlingsdiskussion bei uns eine andere. Wo ist in dieser Frage der Platz der »Frommen«: bei Pegida und Co. oder bei den Multikulti-Apologeten?
Diener:
Es kann überhaupt gar keine Frage geben, dass der vorrangige Platz der Christenmenschen bei den Verfolgten und bei den Flüchtlingen ist. Und da sind sie nach meiner Beobachtung auch über die Maßen aktiv, sowohl in der Gemeinschaftsbewegung, im Raum der Evangelischen Allianz und im Bereich der Landes- und Freikirchen.

Studien über die NS-Zeit zeigen, wie beschämend nahe Christen den Gedanken des Rassismus standen. Und es gibt zeitgenössische Umfragen, die konservativen Christen auch heute eine latente Nähe zu fremdenfeindlichen Gedanken bescheinigen.
Diener:
Wenn man sich die erwähnten Untersuchungen anschaut, dann fragt es sich, wie belastbar sie sind. Umgekehrt sage ich ganz klar: Ja, es gibt auch in unserem Bereich fremdenfeindliche Äußerungen. Es gibt Menschen, die sich passiv, abwartend, teilweise ablehnend und auch aggressiv feindlich gegenüber Flüchtlingen und Fremden verhalten. Da muss man genau hinschauen, kommt das aus diffusen Ängsten, ist das Widerstand gegen bestimmte Entscheidungen der Politik oder ist es vielleicht so etwas wie eine bräunliche Blut- und Boden-Ideologie. Wo Letzteres zutage tritt, müssen wir als Evangelische Allianz und auch als Gnadauer Verband entschieden widersprechen.

Viele Menschen haben Angst vor einer schleichenden Islamisierung Deutschlands, Sie nicht?
Diener:
Nein, ich habe keine Angst vor einer Islamisierung Deutschlands. Und wir diffamieren die Menschen, die zu uns kommen, wenn wir pauschal unterstellen, die,
die da geflohen sind, wollen das System, das sie vertrieben hat, bei uns installieren. Ich bin überzeugt, dass unser freiheitliches System Ausstrahlungskraft hat und dass es uns gelingen kann, eine friedliche Kultur des Miteinanders aufzubauen. Deshalb heiße ich von Herzen alle die willkommen, die sich daran beteiligen wollen. Natürlich ist klar, dass Integration von beiden Seiten geleistet werden muss. Und wer am Erhalt und am Ausbau unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht interessiert ist, der hat in unserem Gemeinwesen dann natürlich auch nichts zu suchen.

Und wie sehen sie die umstrittene Frage der Mission unter Muslimen?
Diener:
Für uns als Evangelische Allianz ist diese Frage nicht umstritten. Selbstverständlich gilt die Botschaft von dem Licht, dass mit Christus in die Welt gekommen ist, allen Menschen, auch Muslimen. Natürlich brauchen Menschen, die hier ankommen, erst mal das Notwendige für Leib und Leben. Und selbstverständlich sind entwurzelte Menschen sensibel zu behandeln. Aber daraus darf nicht abgeleitet werden, dass wir unserem Zeugnis gegenüber Muslimen nicht nachkommen sollen.

Michael Diener ist Pfarrer und Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes mit Sitz in Kassel. Die pietistische Dachorganisation hat 37 Mitgliedsverbände und 300 000 Mitglieder. Der Gnadauer Verband steht der Deutschen Evangelischen Allianz nahe, deren ehrenamtlicher Vorsitzender Diener ebenfalls ist. In Deutschland bekennen sich derzeit 1,3 Millionen Menschen zum evangelikalen Netzwerk aus Kirchen und christlichen Gemeinschaften. Zentrum ist das Allianzhaus in Bad Blankenburg (Thüringen). Der promovierte Theologe ist verheiratet und hat zwei Kinder. Foto: Benjamin Lassiwe

Michael Diener ist Pfarrer und Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes mit Sitz in Kassel. Die pietistische Dachorganisation hat 37 Mitgliedsverbände und 300 000 Mitglieder. Der Gnadauer Verband steht der Deutschen Evangelischen Allianz nahe, deren ehrenamtlicher Vorsitzender Diener ebenfalls ist. In Deutschland bekennen sich derzeit 1,3 Millionen Menschen zum evangelikalen Netzwerk aus Kirchen und christlichen Gemeinschaften. Zentrum ist das Allianzhaus in Bad Blankenburg (Thüringen). Der promovierte Theologe ist verheiratet und hat zwei Kinder. Foto: Benjamin Lassiwe

Vom 10. bis 17. Januar lädt die Deutsche Evangelische Allianz wieder zu ihrer traditionellen Gebetswoche. Was erhoffen sie sich angesichts der angesprochen Probleme davon?
Diener:
In diesen Umbruchszeiten, in denen wir stehen, ist es einfach eine unheimlich große Chance, dass wir am Anfang des Jahres aus unterschiedlichen Gemeinden zusammenkommen und unseren Dank und unsere Freude, aber auch unsere Sorgen und Bitten vor den Herrn dieser Welt bringen können. Die Zeit ist drängend und verlangt geradezu nach Gebet. Ich hoffe, dass wir eine auch zahlenmäßig gut besuchte Allianz-Gebetswoche in den über 1 000 Orten in Deutschland erleben werden.

Mit Ihnen ist erstmals ein profilierter Vertreter des innerkirchlichen Pietismus in den Rat der EKD gewählt worden. Wie fühlt man sich da – wie Daniel in der Löwengrube?
Diener:
(lacht) Definitiv nicht! Wer so denkt, hat noch nicht verstanden, wie ich evangelische Kirche wahrnehme. Ich bin genauso evangelischer Pfarrer wie ich Pietist bin. Beides lässt sich in meinem Leben nicht auseinanderdividieren. Deshalb verstehe ich den Rat der EKD als Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, die miteinander wollen, dass wir als Kirche in den kommenden Jahren auf einem verheißungsvollen Weg sind. Da möchte ich mich mit meinem eigenen Glaubensprofil einbringen.

Für welche Bereiche wollen Sie sich besonders stark machen wollen?
Diener:
Als erstes müssen wir uns den missionarischen Herausforderungen unserer Zeit stellen. Da ist noch mehr möglich und nötig. Dann sehe ich die große Notwendigkeit, noch stärker darauf zu achten, dass die Stimmung an der Basis gut ist, dass die Mitarbeiter in den Gemeinden, haupt- wie ehrenamtliche, sich ernst genommen und unterstützt wissen. Das Dritte: Diakonie und verfasste Kirche ergänzen einander und sollen eng zusammenstehen. Und als Viertes: Wir brauchen ein Reformationsjubiläum, das evangelische Ausstrahlungskraft in unsere Gesellschaft hinein hat, auch über das Jahr 2017 hinaus.

Kein Puppentheater ohne Krokodil

27. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Was der Schauspieler Ben Becker von Judas Ischariot, dem Bösen und dem Glauben hält

Judas Ischariot, der große Verräter der Bibel. Der Tübinger Literat Walter Jens schrieb 1975 einen Roman über einen fiktiven Seligsprechungsprozess für Judas. Der aus zahlreichen Filmen und Fernsehproduktionen bekannte Schauspieler Ben Becker liest daraus im Berliner Dom. Benjamin Lassiwe hat mit ihm gesprochen.

Schauspieler Ben Becker bezeichnet sich als gläubigen Menschen. Dazu öffentlich Stellung beziehen will er aber nicht. Foto: epd-bild/Friedrich Stark

Schauspieler Ben Becker bezeichnet sich als gläubigen Menschen. Dazu öffentlich Stellung beziehen will er aber nicht. Foto: epd-bild/Friedrich Stark

Herr Becker, was fasziniert Sie an der Figur des Judas?
Becker:
Wer ist Judas? Das weiß ich nicht. Ich habe eine Vorlage von dem genialen Literaten Walter Jens vor mir, der mir eine Figur vorstellt: Judas. Und diese Figur fragt: Wer bin ich? Was bin ich? Und warum? Und das fasziniert mich, diese Art von Infragestellung seiner selbst auf eine so existenzielle Art und Weise. Ich will fragen: Wen oder was habe ich verraten? Warum habe ich Recht getan oder nicht? Das in den Raum zu stellen, das interessiert mich. Die Antwort darauf kann ich Ihnen aber nicht geben.

Wer kann die Antwort geben?
Becker:
Ich glaube nicht, dass da irgendwer eine Antwort drauf hat. Außer Frau von der Leyen, die der Ansicht ist, dass das neue MG 5 von Heckler und Koch nicht funktioniert. Aber ich fände es nahezu blasphemisch und überheblich, wenn ich mich aus dem Fenster hängen und sagen würde, ich habe die Antwort. Für mich persönlich gibt es nur kleine Antworten: mein Garten, mein Hund, mein Pferd, meine Tochter.

Was reizt Sie so sehr an solchen Themen?
Becker:
Als Künstler, als theatralischer Mensch, finde ich, dass es das Schönste an unserem Beruf ist, die Art und Weise, wie wir Menschen leben, zu hinterfragen. Es geht darum, wie wir mit diesem uns gegebenen Planeten, unserem Stern, umgehen. Das ist die wichtigste Aufgabe der Kunst, wenn man sie ernst nimmt. Wenn man sie nicht so ernst nimmt, kann man sein Bild auch gerne in der Vorhalle der Commerzbank aufhängen, dann ist es Musik, die beim Bügeln nicht stört. Aber das interessiert mich nicht. Mich interessiert Till Eulenspiegel, der über das Drahtseil tanzt.

Sie treten in einer Kirche auf. Was bedeutet dieser Ort für Sie?
Becker:
Es ist eine ganz andere Aufgabe. Die Auseinandersetzung mit einer biblischen Figur im Haus Gottes – wobei für mich ein Theater durchaus auch etwas Kathedralisches hat – hat einen besonderen Reiz. Sich im Hause des Herrn mit biblischen Themen auseinanderzusetzen, mit biblischen Figuren macht alles vielleicht etwas provokant und größer. Hätte man mir eine Inszenierung im Deutschen Theater angeboten, wäre diese Inszenierung vielleicht anders ausgefallen.

Worauf nehmen Sie in einer Kirche Rücksicht?
Becker:
Man darf eine Kirche meiner Meinung nach nicht verlogen und nicht schlechten Herzens betreten. Man darf in einer Kirche alles machen. Man darf auch »Scheiße« sagen, solange man reinen Herzens ist. Ich habe mir in einer Kirche ein einziges Mal blasphemischerweise eine Zigarette angesteckt und mich hinterher dafür vielfach und oftmals entschuldigt, weil man das nicht macht. Wenn man eine Kirche betritt, hat man ehrlich und unverlogen zu sein – und dann darf man aber in diesem Haus jede Frage der Welt stellen.

Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Becker:
Ja. Ich bin ein gläubiger Mensch. Aber meine Definition von »Wer oder was ist Gott« bleibt bei mir. Über diese Definitionsfrage haben sich die Menschen über Jahrtausende den Schädel eingeschlagen. Da werde ich mich nicht aus dem Fenster lehnen und Stellung beziehen.

Was fasziniert Sie am Bösen?
Becker:
Uns alle fasziniert das Böse. Als kleine Kinder haben wir doch schon im Puppentheater auf das Krokodil gewartet. Ohne Krokodil kein Kasper und keine Oma. Dann wäre doch die ganze Show langweilig. Deswegen warten beim Jedermann alle auf den Tod.

Und Judas?
Becker:
Er ist eigentlich eine traurige Figur und wurde in Mitleidenschaft gezogen. Er wurde zum Täter, ohne eigentlich Täter sein zu wollen. Der Prophet Jona weigerte sich und sagte: Nein, ich verkünde nicht, weil er Angst hatte vor dem, was kommt, wenn er verkündet. Judas hingegen konnte sich nicht drücken. Er hatte ein Gebot – von oben.

Was heißt das?
Becker:
Ich habe einen Freund, den man mit 19 in den Kosovo geschickt hat, der hat ein Trauma. Der ist zum Mittäter gemacht worden. Dafür hat er meinen Respekt, meine Sympathie und mein Mitgefühl.

Und jetzt versuche ich, Judas in den Arm zu nehmen und das den Menschen zu vermitteln und darauf hinzuweisen, dass sie eigentlich davon die Finger lassen sollten, Menschen zu Mittätern zu machen.

»Einer unter euch wird mich verraten!«
18., 19., 22. November, jeweils 20 Uhr im Berliner Dom
Regie/Inszenierung: Ben Becker
Dramaturgie: John von Düffel
Sauerorgel: Domorganist Andreas Sieling
Das Hörbuch »Die Verteidigungsrede des Judas Ischariot«, gelesen von Ben Becker, erschienen im Herder Verlag, 19,99 Euro, ISBN 978-3451350962.

Wenn Kirchen aufblühen

17. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Nachgefragt: Zur Halbzeit der Bundesgartenschau ziehen die Kirchen eine positivere Bilanz als die Veranstalter

In der Brandenburger Johanniskirche blühen gerade die Fuchsien. Große Töpfe mit prämierten Züchtungen bestimmen das Bild des Gotteshauses in der Havelstadt. Wo einst die Brandenburger zum Gottesdienst gingen, prägen nun die Besucher der Bundesgartenschau das Bild: Das Selfie mit der Fuchsie ist in diesen Tagen ein gefragtes Souvenir.

Rund 750 000 Menschen haben die Bundesgartenschau in Brandenburg (Havel), Rathenow, Havelberg, Premnitz und Stölln bereits besucht. Zum ersten Mal wird die Blumenschau an fünf verschiedenen Orten entlang des gemächlich dahinströmenden Flusses ausgetragen – und zum ersten Mal werden zwei Kirchengebäude als Blumenhalle genutzt.

»Im Großen und Ganzen gefällt das den Besuchern«, sagt der Koordinator der Kirchenangebote auf der Gartenschau, Pfarrer Thomas Zastrow. Kritische Nachfragen, warum denn aus der Kirche eine Ausstellungshalle geworden sei, gebe es kaum. Nur im sachsen-anhaltischen Havelberg, wo die Stadtkirche St. Laurentius ebenfalls zur Blumenhalle wurde, habe es einmal Probleme gegeben, als im Rahmen einer japanischen Blumenschau ein Buddha in der Kirche aufgestellt wurde. Was auch aus Sicht der zuständigen Berlin-Brandenburgischen Landeskirche nicht möglich war. »Aber es wird immer einzelne Besucher geben, denen irgendetwas nicht gefällt«, sagt Zastrow.

Die St.-Laurentius-Kirche im sachsen-anhaltischen Havelberg beherbergt wie auch die Johanniskirche in Brandenburg an der Havel wechselnde Blumenschauen im Rahmen der Bundesgartenschau 2015. Foto: picture alliance/Kitty Kleist-Heinrich

Die St.-Laurentius-Kirche im sachsen-anhaltischen Havelberg beherbergt wie auch die Johanniskirche in Brandenburg an der Havel wechselnde Blumenschauen im Rahmen der Bundesgartenschau 2015. Foto: picture alliance/Kitty Kleist-Heinrich

Im Unterschied zu den Veranstaltern der Bundesgartenschau, die mit den 750 000 bisher im Havelland angekommenen Besuchern hinter den Erwartungen zurückliegen, sind die Organisatoren der kirchlichen Programme auf der Gartenschau froh über den Stand der Dinge. Genaue Teilnehmerzahlen allerdings habe man nicht erhoben, sagt Zastrow. »Das ist schon vom Aufwand her für uns nicht möglich.« Doch an allen fünf Standorten der Gartenschau fänden regelmäßige Mittagsandachten statt, für die etwa in Premnitz oder Rathenow sogar eigene Kirchenpavillons auf dem Gelände errichtet wurden.

»Wir freuen uns auch darüber, dass die Veranstalter der Gartenschau an den Eingängen auf unsere Angebote hinweisen«, sagt Zastrow. Und es gebe auch immer wieder Reisegruppen, die ihren Buga-Besuch speziell auf die Angebote der Kirchen abstimmen würden, sodass die Besucher am Mittag tatsächlich an der Andacht teilnehmen könnten.

Doch von Katastrophen blieb auch die Buga im Havelland nicht verschont: Bei einem Unwetter im Juni wurde auf dem Gelände in Rathenow ein Besucher der Gartenschau von einem Ast erschlagen. Eine gute Woche lang war der dortige Park daraufhin für Gäste gesperrt. »Da ruhte auch bei uns alles«, sagt Zastrow. Eigene Gedenkveranstaltungen der Kirche habe es auf der Gartenschau anschließend trotzdem nicht gegeben. »Die Besucher der Gartenschau kommen ja oft aus der Ferne«, sagt Zastrow. »Viele von ihnen haben gar nicht mitbekommen, dass das Unglück geschehen ist.« Allerdings sei in mancher Kurzandacht unmittelbar nach dem Zwischenfall des Toten gedacht worden.

»Insgesamt jedenfalls sind wir mit der Resonanz auf unsere Angebote sehr zufrieden«, so der Koordinator. So werde der Dom von Havelberg mit seinem weit über das Land sichtbaren romanischen Westwerk an manchen Tagen von bis zu 1 000 Menschen besucht. Und auch der Brandenburger Dom, der in diesem Jahr sein 850-jähriges Jubiläum feiert, freut sich über zahlreiche Gäste – zu denen auch schon Bundespräsident Joachim Gauck zählte. Er gratulierte dem Dom und der Domgemeinde im Juni bei einem Festgottesdienst zum Jubiläum.

Benjamin Lassiwe

Hinweise zum kirchlichen Buga-Programm finden sich im Internet. Zu den besonderen Höhepunkten der nächsten Wochen gehören etwa zwei Gottesdienste im Havelberger Dom mit Landesbischöfin Ilse Junkermann aus Magdeburg am 23. August sowie mit Margot Käßmann am 6. September. Beginn ist jeweils 10 Uhr.


www.kirche-buga-2015.de

Statements allein helfen nicht

17. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Als Kofi Annan seine Rede beendet, erhält er donnernden Applaus. Die größte Halle des Stuttgarter Kirchentags, die 10 000 Besucher fassende Hans-Martin-Schleyer-Halle, war restlos überfüllt beim Thema »Die Welt ist aus den Fugen«.

Es ist dringend nötig, dass wir als Kirche endlich wieder begreifen, dass die Sorge um den Frieden nicht eine unter vielen ist, sondern dass sie im Zentrum unseres Glaubens steht«, begrüßt der ARD-Journalist Arnd Henze die Teilnehmer der Veranstaltung. Denn genau darum soll es in den folgenden zwei Stunden gehen. Unter dem Motto »Die Welt ist aus den Fugen« diskutieren der ehemalige UN-Generalsekretär Annan mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und dem anglikanischen Bischof Nick Baines über die Weltlage.

Gemeinsame Verantwortung für die Welt: Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD, l.) und der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan trafen am vergangenen Sonnabend beim 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart zusammen. Foto: epd-bild/Friedrich Stark

Gemeinsame Verantwortung für die Welt: Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD, l.) und der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan trafen am vergangenen Sonnabend beim 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart zusammen. Foto: epd-bild/Friedrich Stark

Der Fall des Eisernen Vorhangs habe die alte, in Ost und West getrennte Weltordnung zerstört, sagt Steinmeier. Doch eine neue Weltordnung sei nicht an ihre Stelle getreten. »Wir leben in einer neuen Welt auf der Suche nach einer neuen Ordnung«, so der Außenminister. »Das Aufkommen neuer, nicht staatlicher Akteure, wie IS oder Boko Haram, die Verbindung von mittelalterlicher Barbarei und Internet, entlädt sich in einer Vielzahl von Krisen rund um den Erdball.«

Doch Steinmeier, dessen Vortrag immer wieder von Applaus unterbrochen wird, macht auch deutlich, dass Frieden nicht einfach so entstehe. »Frieden lässt sich nicht herbeiwünschen«, sagt Steinmeier. Und fügt hinzu: »Er entsteht nicht durch Unterschriftenlisten oder öffentliche Erklärungen.« Nötig sei vielmehr gewachsenes Vertrauen – so wie es nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen Israel und Deutschland entstanden sei. Steinmeier nannte das »ein Wunder«. »Und wer sagt, dass so ein Wunder nicht auch zwischen Israel und Palästina möglich sein könnte?« Aber: Auch die Deutschen müssten bereit sein, Verantwortung für den Frieden zu übernehmen.

Dagegen erklärt Kofi Annan, er glaube nicht daran, dass die Welt außer Kontrolle geraten sei. »Wir haben in den letzten Jahrzehnten eine Menge erreicht«, so der aus Ghana stammende Diplomat. So sei die Zahl der Hungernden weltweit in den letzten 25 Jahren um mehr als 40 Prozent zurückgegangen. Doch die Welt habe noch kein Konzept, um den globalen Terrorismus zu bekämpfen. »Afghanistan, Libyen und Syrien zeigen die Grenzen militärischer Einsätze«, so Annan. Neben den Herausforderungen des Klimawandels und der Flüchtlingskrise, vor denen die Welt steht, macht der frühere UN-Generalsekretär auf die Vorteile der Globalisierung aufmerksam. »Globalisierung bedeutet, dass Nachrichten und Bilder aus Kriegen und Massakern schnell viral werden«, so Annan. Durch die sozialen Netzwerke werde jeder Smarthphone-Besitzer zu einem Journalisten. »Wir können nicht länger sagen, dass wir nicht wussten.«

Und die Kirchen? »Die Kirchen haben eine Verantwortung für die, die sonst keine Stimme haben – die Migranten, die Armen«, sagt der anglikanische Lordbischof von Leeds, Nick Baines. Man könne aber auch nicht die Welt verändern, »indem man State­ments macht«. Das in den 1980er Jahren noch vielfach geforderte Friedenskonzil sieht er kritisch. »Konferenzen stehen immer in der Gefahr, dass man glaubt, man hat etwas erreicht, weil man mal miteinander gesprochen hat«, so Baines. Kritisch äußert er sich zur Rolle der Kirchen im Ukraine-Konflikt. »Es ist immer ein Problem, wenn die Kirche zu dicht an den Mächtigen steht«, so Baines. Für die Ukraine gelte das ganz besonders.

Benjamin Lassiwe

Der Kirche stirbt die Mitte aus

17. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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EKD legt fünfte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung liegt vor

Der evangelischen Kirche schmilzt die Mitte weg: Immer mehr Kirchenmitglieder sind entweder hoch engagiert oder völlig desinteressiert. Das ist ein Ergebnis der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die deren Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider am Donnerstag der vergangenen Woche in Berlin vorstellte.

»Während Religion im Alltag der Befragten häufig keine oder zumindest keine profilierte Rolle spielt, verhalten sie sich an bestimmten, zum Beispiel biografisch bedeutsamen Punkten der Kirche gegenüber sehr engagiert«, heißt es in der Studie. Will heißen: Kirchliche Amtshandlungen an den Wendepunkten des Lebens stehen durchaus hoch im Kurs. Für die Studie wurden 2016 evangelische Kirchenmitglieder, 565 aus einer evangelischen Landeskirche ausgetretene Konfessionslose und 446 Konfessionslose, die noch nie einer Religion angehört haben, befragt.

Der Untersuchung zufolge fühlen sich 15 Prozent der Kirchenmitglieder ihrer Kirche »sehr verbunden«. 1992 waren das noch elf Prozent. »Überhaupt nicht verbunden« fühlten sich dagegen 14 Prozent der Kirchenmitglieder. 1992 waren das noch neun Prozent. »Wir müssen ganz nüchtern konstatieren, dass es eine zunehmende Indifferenz bei Kirchenmitgliedern gibt«, sagte Schneider.

Wer kommt wann und warum in die Kirche? Dieser und ähnlichen Fragen geht die zum fünften Mal vorgelegte  Mitgliederuntersuchung der Evangelische Kirche in Deutschland nach. Foto: epd-bild

Wer kommt wann und warum in die Kirche? Dieser und ähnlichen Fragen geht die zum fünften Mal vorgelegte Mitgliederuntersuchung der Evangelische Kirche in Deutschland nach. Foto: epd-bild

Zwar bewertete es Schneider als Erfolg, dass 75 Prozent der Kirchenmitglieder einen evangelischen Pfarrer wenigstens dem Namen nach kannten. Doch umgekehrt sagt die Untersuchung eben auch: 25 Prozent der Kirchensteuerzahler wissen nicht einmal, wie ihr Pfarrer heißt. Insgesamt macht die Studie Abschmelzungsprozesse deutlich, die den Verantwortlichen in den Landeskirchen massive Sorgenfalten in die Stirn treiben müssen. So wird ersichtlich, dass die Mitgliedschaft in der Kirche längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Konfessionslosigkeit ist im Westen wie im Osten mittlerweile »mindestens genauso normal wie Kirchenmitgliedschaft, wenn nicht normaler«.

Dazu passt ein weiterer Trend: Der Wechsel der Religion ins Private. Denn über Gott und den Glauben, das Sterben und den Sinn des Lebens reden die meisten Befragten nur mit wenigen Bezugspersonen aus ihrem engen Lebensumfeld: Auf die Frage, mit wem man über religiöse Themen spreche, antworteten 78 Prozent der befragten Kirchenmitglieder »mit dem Ehepartner«, 53 Prozent »mit der Familie« und nur 21 Prozent »mit kirchlichen Mitarbeitenden«. Der Ehepartner und die Familie gehören zur Religion also dazu. Der Pfarrer hingegen eher nicht.

Deutlich wird auch, wo die Stärke der evangelischen Kirche ist: Am meisten verbunden sind die Mitglieder mit ihrer Kirche über Gottesdienste und Kasualien, also Taufen, Trauungen, Bestattungen und ähnliches. Öffentliche Äußerungen der Kirchen werden wahrgenommen, wenn es sich dabei um Themen an der Grenze zwischen Leben und Tod, etwa bei Sterbehilfe oder Bioethik handelt.

Nur wenige Hochverbundene halten es dagegen für wichtig, dass sich die Kirche zu politischen Grundsatzfragen äußert. Menschen, die der Kirche nur wenig verbunden sind, lehnen dies sogar stark ab. Hier wird die Kirche überlegen müssen, ob bischöfliche und synodale Äußerungen zu jedem beliebigen Thema überhaupt dem Willen der Mitglieder entsprechen, in deren Namen man sich schließlich an die Öffentlichkeit wendet.

Ein offenkundiger Fehlschlag scheinen bislang auch alle Versuche gewesen zu sein, die eigenen Mitglieder über das Internet oder die sozialen Netzwerke zu erreichen. Mehrere Millionen Euro investierte die EKD in den letzten Jahren in Portale wie »evangelisch.de« – aber nur drei Prozent der Kirchenmitglieder informieren sich häufig auf diesem Weg über ihre Kirche oder kirchliche Themen; zwölf Prozent tun dies gelegentlich.

Dagegen lesen immerhin neun Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder im Westen des Landes und acht Prozent im Osten regelmäßig eine der wöchentlich erscheinenden Kirchengebietszeitung. 19 Prozent geben an, dies gelegentlich zu tun.

Benjamin Lassiwe

Der erste zusammenfassende Band über die V. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft »Engagement und Indifferenz – Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis« hat 132 Seiten inklusive zahlreicher Abbildungen. Die Broschüre kann unter <versand@ekd.de> bestellt werden.

Sie steht zudem kostenlos im Internet zum Herunterladen bereit:

www.ekd.de/kmu

Jubiläum einer alten Dame

20. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Fernsehen: Das »Wort zum Sonntag wird 60 und soll eine »kleine Schwester« erhalten

Seit 60 Jahren behauptet  das »Wort zum Sonntag« seinen wöchentlichen Sendeplatz. Für die einen eine willkommene Pause zum Toilettengang oder zum Zappen, für die anderen ein Moment des Innehaltens.

Es ist eine der ältesten Sendungen im deutschen Fernsehen. Jeden Sonnabend, zwischen 22 Uhr und Mitternacht, strahlt die ARD das »Wort zum Sonntag« aus. Ein Geistlicher, abwechselnd evangelisch-landeskirchlicher, freikirchlicher oder römisch-katholischer Konfession, steht vor einer blauen Wand im Studio und hält eine etwa fünfminütige Kurzansprache.

Und das seit 60 Jahren: Am 8. Mai 1954 sprach der Hamburger Pastor Walter Dittmann das allererste Wort zum Sonntag – nachdem die eigentlich geplante Sendung mit dem katholischen Prälaten Klaus Mund aus Aachen am 1. Mai 1954 aus technischen Gründen ausfallen musste.

An diesem Montag, 20. Januar, lädt die EKD aus diesem Anlass zu einem Festakt nach Hamburg ein. Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider und der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, wollen das »Wort zum Sonntag« würdigen.

»Das ›Wort zum Sonntag‹ ist eine Sendung, die gleichzeitig einfach und schwierig ist«, sagt der ARD-Beauftragte der EKD, Thomas Dörken-Kucharz. »Es ist kein Format, das die Möglichkeiten des Fernsehens ausnutzt.« Fernsehen werde hier auf eine Kamera, einen Hintergrund und einen Sprecher reduziert. »Die Wiedererkennbarkeit sind Studio, Gesicht und Botschaft.«

Prost, Herr Pfarrer: Seit 60 Jahren sorgt das »Wort zum Sonntag« für manchen Spott und manche Diskussion – doch die Zuschauerreaktionen zeigen auch, dass Menschen sich persönlich angesprochen fühlen. Foto: Ana Blazic Partovic-Fotolia.com/Montage: G+H

Prost, Herr Pfarrer: Seit 60 Jahren sorgt das »Wort zum Sonntag« für manchen Spott und manche Diskussion – doch die Zuschauerreaktionen zeigen auch, dass Menschen sich persönlich angesprochen fühlen. Foto: Ana Blazic Partovic-Fotolia.com/Montage: G+H

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister, der selbst einst Sprecher des »Worts zum Sonntag« war, wird noch deutlicher. Er spricht von einem »Anachronismus«, der aber auch »eine Perle im Programm der ARD« sei. »Wo sonst gibt es noch einen so langen – insgesamt über vier Minuten – durchgehenden Wortbeitrag im deutschen Fernsehen?«, fragt Meister. »Selbst ein Kommentar in den Tagesthemen dauert niemals mehr als drei Minuten.« Noch immer wird der frühere Propst von Lübeck bei Veranstaltungen als »früherer Wort-zum-Sonntag-Sprecher« vorgestellt. Doch über die Inhalte der Sendungen redet man in den Gemeinden nur wenig, hat Meister bei seinen zahlreichen Besuchen in ganz Niedersachsen beobachtet.

Stimmt es also, was böse Zungen behaupten: Dass die Wasserwerke während der Sendung einen deutlichen Druckabfall in den Leitungsnetzen der Städte feststellen können, weil dann alle Zuschauer auf die Toilette gehen? »Das ist bitterer Spott«, sagt Thomas Dörken-Kucharz. »Wer am Samstagabend die ARD schaut, guckt auch das Wort zum Sonntag.«

Die erfolgreichste Sendung war dabei das »Wort zum Sonntag« von Papst Johannes Paul II. am 1. Mai 1987. Zwar war das noch zu Zeiten des öffentlich-rechtlichen Rundfunkmonopols. »Aber so viele Zuschauer hatten wir nie wieder.« Auch wenn etwa Papst Benedikt XVI. bei seinem letzten Deutschlandbesuch ebenfalls ein »Wort zum Sonntag« gesprochen hat.

Kritik gibt es dagegen, wenn fromme Christen das »Wort« mal wieder für zu wenig christlich halten. Dass etwa die Hildesheimer Pfarrerin Nora Steen zum ersten Advent über den »Zauber« sprach, den Kinderherzen in der Vorweihnachtszeit erleben, dabei aber nicht darauf einging, was Christen die Adventszeit bedeute, erregte den damaligen Geschäftsführer des Christlichen Medienverbunds KEP, Wolfgang Baake. Der Leiter der einst als »Konferenz Evangelikaler Publizisten« bekannten Organisation sprach von einer »aus missionarischer und kultureller Sicht missglückten« Sendung.

Dörken-Kucharz indes geht mit solch einer Kritik gelassen um. »Für jemanden, der Fernsehen macht, ist es gut, wenn Zuschauer reagieren«, sagt der ARD-Beauftragte der EKD. Tatsächlich würden aber besonders geistliche Worte von den Zuschauern am meisten nachgefragt – neben den Sendungen zu Katastrophen. »Wenn wir aktuell und mit tröstenden Worten reagieren, haben wir den größten Rücklauf.«

Doch in der modernen Mediengesellschaft reicht das allein nicht aus. Auch das Wort zum Sonntag soll zum 60. Geburtstag ein Facelifting erhalten. »Wir werden das Wort zum Sonntag grafisch verändern«, kündigt der ARD-Beauftragte an. Es wird einen neuen Trailer und eine neue Melodie zu Beginn der Sendung geben.

Und Hannovers Bischof Ralf Meister kündigt im Gespräch mit dieser Zeitung an, dass im Rahmen des Festakts am Montag auch ein neuer Vollbildhintergrund für die Sendung präsentiert werde.

Dazu soll die »alte Dame« »Wort zum Sonntag« Familienzuwachs erhalten: »Nächste Woche wird auch die ›kleine Schwester‹ des ›Wortes zum Sonntag‹ präsentiert«, sagt Meister. »Eine Kurzverkündigungssendung unter dem Titel ›Freisprecher‹ für Eins-Plus: Modern, mit jugendlichen Protagonisten, schnell geschnitten.« Nicht nur der hannoversche Landesbischof ist »sehr gespannt, wie das bei den Zuschauern ankommt«.

Benjamin Lassiwe

Pluralität anstatt christlicher Prägung

15. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Bundestagswahl: Was die Wahlprogramme der Parteien zum Verhältnis von Staat und Kirche sagen

Nicht ganz einträchtig saßen sie auf dem Podium beieinander. Zwei Wochen vor der Bundestagswahl hatte die Evangelische Akademie ­Berlin Vertreter aller fünf
im Bundestag vertretenen ­Parteien eingeladen.

Dinge, die einst selbstverständlich waren, sind es heute nicht mehr. Die Christdemokraten müssen in eigenen Veranstaltungsreihen über das C in ihrem Parteinamen philosophieren; und in der einst von Gustav Heinemann, Johannes Rau und den Wende-Pfarrern in der DDR geprägten SPD bildet sich ein Arbeitskreis von Konfessionslosen und Atheisten. Ebenso wie bei den Grünen – auch wenn deren Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt Kirchentagspräsidentin in Dresden war und ihr Amt als Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland derzeit nur ruhen lässt. »Sich explizit auf Religion zu berufen ist in dieser Republik nicht mehr gang und gäbe«, sagte der Historiker Thomas Großbölting zu Beginn der Veranstaltung in Berlin.

Bild: VRD/Fotolia

Bild: VRD/Fotolia

Doch in den Programmen der Parteien zur Bundestagswahl tauchen die Kirchen durchaus an prominenter Stelle auf. Vor allem das kirchliche Arbeitsrecht zieht sich wie ein roter Faden durch. Es wird wohl in der nächsten Legislaturperiode noch für heiße Debatten sorgen. Denn einzig CDU und CSU bekennen sich in ihrem Wahlprogramm »zur christlichen Prägung unseres Landes« und wollen den Status der Kirchen uneingeschränkt erhalten. »Zahlreiche Leistungen kirchlicher Einrichtungen für unser Gemeinwesen sind nur möglich, weil die Kirchen in erheblichem Umfang eigene Mittel beisteuern und Kirchenmitglieder sich ehrenamtlich engagieren«, heißt es im Programm der CDU. Dennoch unterstütze auch der Staat die entsprechenden Aktivitäten der Kirchen umfangreich. »Dabei achtet er die kirchliche Prägung der entsprechenden Einrichtungen, die auch im kirchlichen Arbeitsrecht zum Ausdruck kommt.«

Dagegen setzt sich die SPD in ihrem »Regierungsprogramm 2013 – 2017« dafür ein, dass in kirchlichen Einrichtungen ein Streikrecht möglich wird. »Gleiche Arbeitnehmerrechte für Beschäftigte bei Kirchen sind vereinbar mit dem kirchlichen Selbstverwaltungsrecht«, heißt es. Die kirchenpolitische Sprecherin der SPD, Kerstin Griese, sprach sich in Berlin zudem für die Schaffung eines muslimischen Wohlfahrtsverbands aus. »Das wäre ein Zeichen von Pluralität, und es stände den Kirchen gut an, so ein Projekt partnerschaftlich zu unterstützen.« Die Kirchen und die in ihnen Engagierten sieht die SPD jedenfalls weiter als »wichtige Partner« auf dem Weg in eine bessere Zukunft.

Bei den Liberalen wiederum steht die Gleichbehandlung von Kirchen, Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften durch einen neutralen Staat im Wahlprogramm. »Staat und Religionsgemeinschaften arbeiten nach dem Kooperationsprinzip zusammen«, wird betont. »Staat und Kirchen, Religionsgemeinschaften und Weltanschauungsgemeinschaften sind je eigenständig und zugleich im Sinne des Gemeinwohls aufeinander bezogen.«

Zum kirchlichen Arbeitsrecht trifft die FDP in ihrem »Bürgerprogramm« keine Aussage, wohl aber zu einer Erhöhung der staatlichen Mittel für kirchliche Entwicklungshilfsorganisationen, die man als einen politischen Erfolg bezeichnet. Und der kirchenpolitische Sprecher Pascal Kober betonte, dass man auch am Einzug der Kirchensteuer durch den Staat weiter festhalten wolle.

Im Wahlprogramm von Bündnis 90/Die Grünen wird explizit die Abschaffung des kirchlichen Arbeitsrechts »jenseits der Verkündigung« gefordert. »Wir wollen, dass die kirchlichen MitarbeiterInnen außerhalb der Verkündigungsbereiche die gleichen Rechte bekommen wie andere ArbeitnehmerInnen auch«, heißt es dort. »Dazu gehört das Recht zur Bildung von Betriebsräten und das Grundrecht auf Koalitionsfreiheit einschließlich der Streikfreiheit.« Und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das unter anderem ein Verbot der Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Sexualität enthält, »werden wir mit dem Ziel ändern, dass seine Bestimmungen wie in anderen Tendenzbetrieben auch auf Beschäftigungsverhältnisse in kirchlichen Einrichtungen Anwendung finden«. Was im Klartext bedeutet, dass eine Kirchengemeinde künftig gezwungen werden könnte, einen transsexuellen Organisten zu beschäftigen. Zudem wollen die Grünen einen Prozess zur Ablösung der altrechtlichen Staatsleistungen an die Kirchen anstoßen und mehr Religionsgemeinschaften den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts zugestehen. Denn eines der wichtigsten Ziele der ­Grünen ist eine Abschaffung von Diskriminierungen: Der Begriff »Religion« taucht im Wahlprogramm jedenfalls fast immer nur in einem Zusammenhang auf, der beschreibt, dass niemand wegen seiner Religion benachteiligt werden dürfe.

Deutlich kirchenkritischer präsentiert sich die Linkspartei. Wie Grüne und SPD ist man offen gegen das ­geltende kirchliche Arbeitsrecht – das Betriebsverfassungsgesetz müsse »uneingeschränkt für alle Kirchenbeschäftigten« gelten. Kirchliche Einrichtungen, die öffentliche Zuschüsse empfangen, müssen für alle als Beschäftigte sowie Nutzer zugänglich sein. Was bedeutet, dass auch Muslimen oder Atheisten alle Karrierewege offen­stehen müssen. Daneben setzt sich die Linkspartei für eine Abschaffung der Kirchensteuer und die Ablösung der Staatsleistungen an die Kirchen ein. Ihre Bundestagsabgeordnete Sabine Leidig sprach sich sogar für eine flächendeckende Ablösung des staatlichen Schulfachs Religion durch einen Philosophieunterricht aus – freilich ohne zu berücksichtigen, dass Bildungspolitik zunächst Ländersache ist.

Benjamin Lassiwe

Der Musikant vom Kirchentag

2. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Seit Jahrzehnten prägt Fritz Baltruweit die Musik der Christentreffen

Er ist der Mann mit der Gitarre. Wenn abends die Besucher des Deutschen Evangelischen Kirchentags zum Nachtgebet mit Kerzen vor einer Bühne stehen, stimmt der Hannoversche Pastor Fritz Baltruweit die Lieder an. »Gott gab uns Atem, damit wir leben« oder auch »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes« – einige der bekanntesten Kirchentagslieder stammen aus seiner Feder. Fritz Baltruweit ist Kirchentag, und das schon seit Jahrzehnten.

»Rechnet man alle Kirchentage zusammen, an denen ich teilgenommen habe, ist das jetzt der 25.«, sagt er, »die DDR-Kirchentage eingeschlossen.« 1977 in Berlin hat er erstmals als junger Liederdichter ein Christentreffen begleitet. »Damals hatten wir ein Konzert im Sommergarten unter dem Berliner Funkturm und einen Auftritt in der Deutschlandhalle«, erinnert sich der Mann mit der weißen Künstlerfrisur. Und eines seiner Lieder von damals, »Wo ein Mensch Vertrauen gibt«, hat es heute in unzählige kirchliche Gesangbücher geschafft. Denn bei Kirchentagen wird viel gesungen: Zu Beginn der morgendlichen Bibelarbeiten ebenso wie bei Gottesdiensten und Andachten, oder auch beim »Offenen Singen«, zu dem sich Kirchentagsbesucher mit ihren Gesangbüchern in der Mittagspause des Christentreffens versammeln.

Fritz Baltruweit. Foto: epd-bild

Fritz Baltruweit. Foto: epd-bild

Und die eingängigen, einfach zu singenden Lieder des Christentreffens nehmen Pfarrer und Ehrenamtliche dann gerne mit in ihre heimatlichen Gottesdienste. »Es braucht eben in der Kirche auch Lieder, die jeder singen kann«, sagt Baltruweit. Seine Lieder erinnern eher an deutschen Schlager oder an Liedermacher wie Reinhard May. »Viele engagierte Kirchenmitglieder hören privat keine Klassik, sie finden deutschen Schlager toll. Für diese Menschen wird in der oft auf Hochkultur, auf Johann Sebastian Bach und schwere Orgelkonzerte setzenden Kirchenmusik viel zu wenig gemacht.« Baltruweit ist da das personifizierte Gegenprogramm – und hat sich damit durchgesetzt.

Selbst bei den Vollversammlungen des Lutherischen Weltbundes, der weltweiten Dachorganisation lutherischer Christen, stand er für die ­liturgische Ausgestaltung der Gottesdienste. Und auch hinter dem Eisernen Vorhang trat er auf: Als in den 1980-er Jahren in der DDR die Kirchentage zum Sammelbecken der Bürgerrechtsbewegung wurden, waren Baltruweit und seine Studiogruppe zu Gast bei den Christentreffen. »Ich erinnere mich noch an Wittenberg, wo die Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet wurden«, sagt der Liedermacher. Doch damit dieser kirchenhistorische Moment zu Stande kommen konnte, brauchte es die Hilfe der Musiker aus dem Westen. »Wir waren damals kurzfristig für Gerhard Schöne eingesprungen, und hatten unsere ­Instrumente in einem VW-Bus dabei«, erzählt Baltruweit. »Mit dem haben wir dann den Amboß von einem befreundeten Schmied geholt – für einen Trabbi war der schlicht zu schwer.«

»Es fasziniert mich immer wieder, welche Klänge sich entwickeln, wenn tausend oder fünftausend Menschen gemeinsam singen«, sagt der Liedermacher. So etwas gebe es nur beim Kirchentag. »Und manchmal wird man von der Schönheit fast besoffen, wenn eine ganze Messehalle singt und akustisch fast schon abhebt.« Das Liedgut der Kirchentage habe sich dabei durchaus verändert: Auch in den 70er Jahren gab es Liederwerkstätten, und neue Lieder – heute aber wird bei Kirchentagen auch gerappt und im Liederbuch gibt es sogar einen Shanty. »Die Bandbreite ist größer ­geworden.« Nur der Pastor aus Hannover blieb eine Konstante im Programm des Kirchentags.

Benjamin Lassiwe

Fritz Baltruweit ist beim Kirchentag in Hamburg unter anderem beim »Kirchentags-Lieder-Bogen« am 2. Mai, beim Bonhoeffer-Forum und beim Feierabendmahl mit dem Grünen-Politiker Volker Beck am 3. Mai sowie bei einer »Feier für werdende Eltern und Familien« am 4. Mai zu hören. Zudem spielt er mit seiner Band vom 2. bis zum 4. Mai jeweils um 22 Uhr beim Nachtgebet auf der Bühne am Rathausplatz.

Die Armen bleiben die Betreuten

22. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ehrenamt: Immer mehr Menschen engagieren sich in der Kirche – allerdings vor allem aus der Mittelschicht

Beim Ehrenamt sind die ­Kirchen in Deutschland Spitze. Das ergibt eine neue Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD (SI), die dieser Zeitung vorab vorliegt. Über die ­Ergebnisse sprach Benjamin Lassiwe mit SI-Direktor ­Gerhard Wegner.

Foto: Photo-K/Fotolia.com

Foto: Photo-K/Fotolia.com

Herr Professor Wegner, wie geht es dem Ehrenamt in der evangelischen Kirche?
Wegner:
Im Ganzen ist die Situation gleichbleibend positiv: Immer mehr Menschen engagieren sich ehrenamtlich in der Kirche. Und wir ­erleben eine insgesamt große Zufriedenheit der Ehrenamtlichen mit ihrer Kirche. Es hat sich eine Menge Gutes getan in diesem Bereich. Als wir vor fünf, sechs Jahren die erste Studie zum Thema Ehrenamt gemacht hatten, gab es noch eine erhebliche Unzufriedenheit und Kritik – etwa zur Informationsweitergabe und dem Verhältnis von Haupt- und Ehrenamtlichen. Das hat sich alles gebessert.

Wo ist das Ehrenamt in der Kirche stark?
Wegner:
Vor allem in den Gemeinden: 70 Prozent der 2,2 Millionen ­Ehrenamtlichen in der evangelischen Kirche sind direkt in einer Gemeinde tätig. Das sind enorme Zahlen. Und gerade die älteren Menschen, wo wir die ­Zuwächse bei den Ehrenamtlichen haben, sind ganz überwiegend in den Gemeinden tätig.

Was bedeutet Ehrenamt für Kirche?
Wegner:
Das Ehrenamt ist die Basis der Kirche. Die Hauptamtlichen sind dazu da, die Ehrenamtlichen zu qualifizieren und zu fördern. Kirche ist im Sinne des Priestertums aller Gläubigen eigentlich eine Sache der Mitglieder – und viele Mitglieder engagieren sich ehrenamtlich. Und dass die Zahl der Ehrenamtlichen in den Gemeinden immer weiter steigt, führt dazu, dass die Situation in den Gemeinden immer lebendiger wird.

Früher fühlten sich Ehrenamtliche oft nicht genug wertgeschätzt. Wie ist das heute?
Wegner:
Das hat sich vielfach geändert. In den Gemeinden hat sich in den letzten Jahren eine Anerkennungskultur entwickelt: Man sagt den Ehrenamtlichen auf besonderen Veranstaltungen »Danke« oder vermittelt ihnen den Ehrenamtspass einer Kommune. Ohnehin lebt das kirchliche Ehrenamt ja nicht davon, dass Menschen dafür gedankt wird: Es lebt von der Angebundenheit der Menschen an die Kirche. Es lebt von der Nähe der Menschen zu christlichen Werten: Wer sich dem christlichen Glauben verbunden fühlt, engagiert sich auch mehr.

Gilt das nur für die Kirche?
Wegner:
Nein. Wir können deutlich zeigen, dass Menschen, die sich in der Kirche engagieren, auch stärker in anderen Bereichen der Gesellschaft engagiert sind. In politischen Parteien, in Gewerkschaften, in karitativen Organisationen sind Christen stärker engagiert als Konfessionslose. Das ist statistisch belegbar und ein großer Schatz für die Gesellschaft.

Professor Gerhard Wegner leitet das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD. Für die aktuelle ­Studie wurden 1878 Ehrenamtlichen aus 1353 ­Kirchengemeinden befragt. Foto: epd-bild

Professor Gerhard Wegner leitet das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD. Für die aktuelle ­Studie wurden 1878 Ehrenamtlichen aus 1353 ­Kirchengemeinden befragt. Foto: epd-bild

Überlasten sich die Menschen gerne auch für ­andere?
Wegner:
Wir haben in unseren Studien festgestellt, dass sich jeder Ehrenamtliche in der Kirche im Schnitt in vier Ehrenämtern engagiert. Der Trend geht dahin, dass Einzelne mehrere Ehrenämter ausfüllen. Wer eine Sache macht, hat Spaß dran, findet darin Bestätigung und macht noch mehr. Worauf man achten muss, ist, dass das nicht zu heftig wird – wenn einzelne Ehrenamtliche so viele Tätigkeiten anhäufen, dass sie zu kleinen Pastoren werden, dann ist das eine Fehlentwicklung.

Aus welchen gesellschaftlichen Gruppen kommen die Ehrenamtlichen?
Wegner:
Das Ehrenamt ist quer durch die Gesellschaft eine Domäne von Menschen, die eine höhere Bildung haben, und eher besser verdienen. Das ist ein Paradox und ein Problem: Wer ohnehin schon mehr Anerkennung bekommt als andere, kriegt das dann auch noch durchs Ehrenamt.

Hat nicht die Kirche den Anspruch, für die Armen da zu sein?
Wegner:
Das stimmt. Das Problem, wie man Arbeitslose, Arme und ­Menschen aus den unteren Schichten der Gesellschaft für das Ehrenamt ­gewinnt, ist vorhanden – und in der Kirche nicht gelöst. Frische Blumen auf den Altar stellen oder im Gottesdienst die Kollekte einsammeln kann eigentlich jeder. Dafür braucht es keine Ausbildung. Trotzdem erreichen wir auch im Bereich des Ehrenamts nur Menschen aus einer bestimmten sozialen Schicht.

Aber die Kirche steht doch über ihre Diakonie mit zahllosen Armen im Kontakt?
Wegner:
Arme Menschen werden von unseren Gemeinden und Einrichtungen betreut, sie werden aber nicht ­eingeladen, mitzumachen. Bisher ist nicht zu erkennen, dass sich die Kirche wirklich darum bemüht, solche Menschen im Sinne des »Priestertums aller Gläubigen« einzubinden. Es wäre eine wichtige diakonische Aufgabe der Kirche, hier für mehr Teilhabe
zu sorgen.

Die Ergebnisse der Studie sind unter Projekte/abgeschlossene Projekte auf der ­Internetseite des Sozialwissenschaftlichen Instituts:

www.si-ekd.de

Rente für Ehrenamtliche?

Der Wirtschaftsprofessor Stephan Thomsen schlägt vor, ehrenamtlichen Helfern eine steuerfinanzierte Rente für ihre freiwillige Arbeit zu zahlen. Damit könne das Ehrenamt attraktiver werden, sagte der Direktor des in Hannover ansässigen Niedersächsischen Instituts für Wirtschaftsforschung. Der demografische Wandel führe dazu, dass die Menschen immer weniger Zeit hätten, sich freiwillig zu engagieren. Ehrenamtliche Arbeit habe jedoch eine große gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung. Deshalb müsse sich die Gesellschaft in Form eines finanziellen Anreizes solidarisch zeigen, forderte der Forscher in dieser Woche am Rande des Frühjahrsempfangs der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Niedersachsen.

Ein Rentenanspruch auf ehrenamtliche Arbeit könnte auf die persönliche ­Altersrente angerechnet werden und sollte aus Steuern finanziert werden. Vorbild für die Höhe könnten die Minijobs sein. Bei einer 40 Jahre dauernden Freiwilligenarbeit könnten so bis zu 200 Euro Ehrenamtsrente gezahlt werden: »Das Ehrenamt bleibt somit Ehrenamt, weil die Arbeit nicht direkt in der ­Gegenwart vergütet wird.«

(epd)

Die Soldaten Christi

25. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Heilsarmee: Kirche ohne Taufe und Abendmahl, aber mit Uniform – im Gespräch mit Oberst Patrick Naud

Mit dem Pop-Song »You and me« vertritt eine Musikgruppe der Heilsarmee die Schweiz beim Europäischen Schlagerwettbewerb in Malmö. Doch wer ist die Heilsarmee? ­Benjamin ­Lassiwe sprach mit dem ­Nationalen ­Oberkomman­dierenden in Deutschland, ­Polen und Litauen, Oberst ­Patrick Naud.

Oberst Naud, in der Schweiz hat die Heilsarmee den Nationalen Vorentscheid für den Schlagerwettbewerb der Eurovision gewonnen. Was bedeutet das für die Heilsarmee in Deutschland?
Naud:
Für uns ist das natürlich ein Imagegewinn. Wir werden auf der Straße angesprochen, die Menschen schreiben uns Mails. Das gibt uns die Möglichkeit, über unsere Mission und unser Zeugnis zu sprechen. Dieses Lied ist nicht nur ein Erfolg für die Heilsarmee in der Schweiz, sondern für ganz Europa.

Ein Problem für die Teilnahme der Schweizer Musiker ist derzeit noch die Uniform, die beim Wettbewerb in Malmö verboten ist. Was bedeuten die Uniformen für die Heilsarmee?
Naud:
Die Uniform ist die Visitenkarte der Heilsarmee. Sie gibt es überall in der ganzen Welt: In Asien ist sie grau, in Indien weiß, in Europa dunkelblau.

Der 1958 in der Nähe von Toulouse in Frankreich geborene Patrick Naud ist Offizier (Geistlicher) im Rang eines Oberst. Seit 1. Juni 2011 dient er im ­Nationalen Hauptquartier in Köln als Leiter der Heilsarmee in Deutschland, ­Litauen und Polen.

Der 1958 in der Nähe von Toulouse in Frankreich geborene Patrick Naud ist Offizier (Geistlicher) im Rang eines Oberst. Seit 1. Juni 2011 dient er im ­Nationalen Hauptquartier in Köln als Leiter der Heilsarmee in Deutschland, ­Litauen und Polen.

Die Heilsarmee wird durch ihre Uniform erkannt. Wenn ich keine Uniform mehr ­tragen würde, würde niemand erkennen, dass ich von der Heilsarmee bin.

Aber warum trägt die Heilsarmee die Uniform?
Naud:
Das ist eine lange Geschichte. Damit hat man schon kurz nach der Gründung im 19. Jahrhundert in England angefangen. Damals trugen viele Menschen Uniformen, auch die Kinder in der Schule. Der Gründer der Heilsarmee, William Booth, war sehr geprägt von dieser Kultur. Heute zwingt sie uns dazu, immer und überall Zeugnis von unserem Glauben abzulegen. Sie macht uns sichtbar und erkennbar.

Was sind denn die Schwerpunkte der Heilsarmee heute?
Naud:
Die Heilsarmee kämpft als Erstes gegen die Armut. Wir wollen zu Armen und Bedürftigen von Christus sprechen, aber wir wissen ganz genau, dass die Menschen zuallererst etwas zu Essen oder ein Dach über den Kopf brauchen, auch um sich ihrer Würde bewusst zu werden. Wenn jemand unter einer Brücke lebt, zwischen Kartons, dann wollen wir auch ihm das Evangelium bringen. Aber dazu müssen wir ihm auch ganz handfest eine neue Perspektive für sein Leben bieten. So, wie wir Gottes Liebe ­erfahren haben, helfen wir auch: Bedingungslos – auch dann, wenn Menschen nicht für den Glauben offen sind.

Wie entwickelt sich Ihre Kirche in Deutschland?
Naud:
Uns geht es wie fast allen Kirchen in Deutschland: Die Menschen rennen uns nicht gerade die Türen ein. Viele traditionelle Heilsarmeekorps werden älter, und manche sind klein. Aber wir sehen auch wachsende Gemeinden. Und jetzt haben wir ein Reformprogramm: Es heißt »Vision 2030«.

Was heißt das konkret für die ­Heils­armeegemeinden an der Basis? Was ist Ihr Plan bis 2030?
Naud:
Wir wollen allen unseren Gemeinden die Möglichkeit geben, zu überlegen, wie sie sich mehr öffnen können. Die Heilsarmeegemeinden müssen sich wieder mehr für Fremde öffnen, sie müssen transparenter werden, und sich weniger den eigenen Angelegenheiten als vielmehr den Sorgen und Nöten der Menschen auf der Straße widmen. Ich glaube, wir müssen verstehen, dass manche Gemeinden oder manche unserer sozialen Arbeiten nicht pragmatisch genug sind für die Menschen von heute. Wir sollten keine Angst haben, kleine Gemeinden, die sich selbst nicht mehr tragen können und kaum Perspektive haben, zu schließen und neue Gemeinden aufzumachen.

Wie ist das Verhältnis der Heilsarmee zu den anderen christlichen Kirchen?
Naud:
Für uns ist die Begegnung mit anderen christlichen Kirchen ein sehr wichtiges Thema. Wir haben viel voneinander zu lernen, und wir haben unsere eigene Stimme, die wir einbringen. Wir sind überzeugt davon, dass wir mehr erzählen müssen, was die Heilsarmee ist. Und wir freuen uns, dass viele andere Kirchen großen Respekt vor unserem Auftrag ­haben.

Im Unterschied zu eigentlich allen anderen christlichen Kirchen kennt die Heilsarmee weder die Taufe noch das Abendmahl. Woher kommt das?
Naud:
Das ist auch ein lange Geschichte. Vielleicht lassen Sie mich als Erstes sagen, dass wir nicht »antisakramental« sind. Wir sind »asakramental«. In einer ökumenischen Begegnung hat mich einmal ein evangelischer Pfarrer danach gefragt, warum wir keine Sakramente haben. Und als ich antworten wollte, sagte der katholische Pfarrer, der dabeistand: »Patrick, kann ich eine Antwort geben?« Und dann sagte er, dass er glaubt, dass die Heilsarmee keine Sakramente hat, weil ihr ganzes Leben ein Sakrament sei. Und genau das ist es. Wir haben keine Sakramente, so wie sie in anderen Kirchen verstanden werden. Wobei es in den unterschiedlichen Kirchen ja auch kein einheitliches Verständnis gibt. Wir verzichten lieber auf diese Sakramente, als darüber zu streiten. Aber in der Heilsarmee streben wir danach, das ganze Leben zu heiligen. Und das könnte man als unser »Sakrament« bezeichnen.

Unterwegs zu den Randsiedlern der Gesellschaft: Feldsergeant Gert Scharf gehört zur Heilsarmeegemeinde in Dresden und ist in den Wintermonaten ­gemeinsam mit weiteren Mitarbeitern mit dem Kältebus auf der Suche nach Obdachlosen. Fotos: Die Heilsarmee

Unterwegs zu den Randsiedlern der Gesellschaft: Feldsergeant Gert Scharf gehört zur Heilsarmeegemeinde in Dresden und ist in den Wintermonaten ­gemeinsam mit weiteren Mitarbeitern mit dem Kältebus auf der Suche nach Obdachlosen. Fotos: Die Heilsarmee

Nun ist die Taufe auch ein Aufnahmeritus. Weltweit wird man durch sie Teil der christlichen Gemein­de. Was machen Sie stattdessen?
Naud:
Bei uns werden die Menschen im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes in die Heilsarmee-Gemeinde aufgenommen. Es gibt zwei Formen der Mitgliedschaft: Zum einen die »Heilssoldaten«, die Salutisten, die Uniform tragen dürfen und ein Gelübde unterscheiben, in dem sie sich zum Beispiel auch verpflichten, auf Tabak, Alkohol und Glücksspiel zu verzichten. Zum anderen die »Angehörigen«, welche die Heilsarmee als ihre Gemeinde und geistliche Heimat betrachten, aber keine Uniform tragen. Anstelle des Gelübdes unterschreiben sie die Mitgliedsurkunde für Angehörige.

Und das Abendmahl feiern Sie auch nicht?
Naud:
William Booth hat damals darauf geachtet, dass wir keine Symbolhandlungen machen, die die besonders bedürftigen, süchtigen und abhängigen Menschen auf der Straße möglicherweise gar nicht mehr verstehen. Bei uns gibt es statt eines Abendmahls manchmal nach dem Gottesdienst eine gemeinsame Mahlzeit. Und im Tischgebet wird dann deutlich, dass es Jesus ist, der dazu einlädt, der alle daran teilhaben lässt und mit allen das Mahl teilt. So verstehen gerade Bedürftige viel mehr von der Liebe Jesu, als durch ein zeichenhaftes Mahl im Gottesdienst. Es sitzen Reiche und Arme beim Essen beieinander und teilen ­mit­einander – so wie es unser Gründer William Booth schon im 19. Jahrhundert wollte.

Stichwort Heilsarmee

Die Heilsarmee ist eine internationale christliche Freikirche mit ausgeprägtem Engagement an den sozialen Brennpunkten der Gesellschaft. Sie wurde im 19. Jahrhundert von dem englischen Methodistenprediger William Booth als Reaktion auf das erschütternde soziale Elend in London gegründet. Sein Motto ­lautete dabei: Die Kirche muss zu den Menschen gehen.
Booth war der Meinung, dass nur mit einer straff organisierten Bewegung angemessen auf die sozialen Herausforderungen reagiert werden kann. Deshalb nahm seine anfangs belachte und auch tätlich angefeindete Missionsbewegung nach und nach militärische Züge an. 1878 erhielt sie den Namen »Die ­Heils­armee«. Die Gemeindestationen nannte man nun »Korps«, die hauptamtlichen Mitarbeiter »Offiziere« und die Mitglieder »Soldaten«, Fahne und die Uniform wurden eingeführt. Von Anfang an setzte sich in der Heilsarmee die Gleichberechtigung der Frauen in allen Ämtern und Führungspositionen durch.
Zur Heilsarmee in Deutschland gehören derzeit 45 Korps ­(Gemeinden), davon je eins in ­Litauen (Klaipéda, Starachowice) und Polen (Warschau). Sie unterhält 42 Sozial-
einrichtungen und ist Arbeitgeber für 730 Angestellte. Sie ist (Stand ­Dezember 2011) geistliche Heimat für 4055 Menschen, darunter 1063 Heilssoldaten, 154 Offiziere (ordinierte Geistliche), 421 Angehörige. Weitere 2054 Menschen werden als Gemeindezugehörige (Gottesdienstgemeinde) gezählt.
Die Freikirche ist unter anderem ­Mitglied im Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK), der Ver-
einigung Evangelischer Freikirchen (VEF) und der Deutschen Bibelgesellschaft. Sie arbeitet darüber hinaus in der Deutschen Evangelische Allianz mit.
In Mitteldeutschland bestehen ­derzeit Heilsarmeegemeinden in Dresden, Meißen, Chemnitz, Leipzig und Naumburg.
(GKZ)

www.heilsarmee.de
www.heilsarmee.ch/eurovision

Wechsel zum christlichen Glauben

28. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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In der Landeskirchlichen Gemeinschaft »Haus Gotteshilfe« in Berlin sammeln sich Iraner

Sie ist für uns wie eine zweite Mutter.« Schwester Rosemarie Götz ­lächelt verlegen, als sie diesen Satz aus dem Mund von Ali Nouri Pour ­Dagazi hört. Die Diakonisse sitzt im großen Saal der Landeskirchlichen ­Gemeinschaft »Haus Gotteshilfe« in Berlin-Neukölln, umgeben von einer großen Gruppe von Iranern. Was Schwester Rosemarie »noch immer kaum fassen kann«: Seit gut einem Jahr kommen immer mehr Iraner in die Gottesdienste der kleinen Gemeinde im Rollbergviertel, einem sozialen Brennpunkt in Berlin-Neukölln. Ein Dutzend von ihnen hatte sich in der Osternacht vergangenen Jahres taufen lassen, andere nehmen in der Gemeinde an einem Glaubenskurs teil.

»Ich bin schon im Iran in den Bibelkreis einer christlichen Gemeinde gegangen«, sagt Ali Nouri Pour Dagazi. »Wir mussten uns da in Privatwohnungen treffen, denn öffentlich durften wir uns zu unserem Glauben nicht bekennen.« Nicht zuletzt der Fall des iranischen Pastors Youcef Nadar­khani zeigt, welche Gefahren Christen im Land der Mullahs drohen: Auf dem Abfall vom Islam steht die Todesstrafe, Nadarkhani wartet auf seine Hinrichtung. Dazu bekam Ali Nouri Pour ­Dagazi noch anderen Ärger: Der Fotodesigner hatte auf einer Hochzeit fotografiert. Und auf den Bildern waren Frauen zu sehen, die keinen Schleier trugen. Anschließend zeigten ihn Verwandte wegen eines angeblichen Diebstahls an. Sieben Tage verbrachte er im Gefängnis, wurde gefoltert, geschlagen, ohnmächtig. Schließlich emigrierte er nach Deutschland. »Ich habe Jesus als den Sohn Gottes kennengelernt, der für die Sünden aller Menschen gestorben ist«, sagt der ­Iraner. »Für mich bedeutet der christliche Glaube Freiheit.«

Schwester ­Rosemarie Götz taufte die Iraner im »Haus ­Gotteshilfe«. Foto: Michael Brunner/Davids

Schwester ­Rosemarie Götz taufte die Iraner im »Haus ­Gotteshilfe«. Foto: Michael Brunner/Davids

Praktisch hat der Ansturm der Iraner in der kleinen Landeskirchlichen Gemeinschaft in Berlin durchaus Spuren hinterlassen. Waren es bislang vor allem alteingesessene Neuköllner, die sich im Haus an der Werbellinstraße zum Gottesdienst trafen, mischen sich nun die Nationalitäten. Die Iraner, von denen einige bislang an den Gottesdiensten einer persischen Gemeinde teilnahmen, kommen in die Werbellinstraße. »Schwester Rosemarie predigt auf Deutsch«, sagt Ahmadian Amir Khalajanipour. »Der iranische Pastor tut das nicht.« Noch kann sich die Diakonisse nur radebrechend mit den neuen Gemeindegliedern verständigen. Eine ebenfalls aus dem Iran stammende Dolmetscherin übersetzt die Gottesdienste. Doch allmählich werden die Deutschkenntnisse der Iraner besser. Und immer mehr werden die neuen Gemeindeglieder in die Landeskirchliche Gemeinschaft integriert. Gemeinsam treffen sich Deutsche und Iraner zu Bibelstunden, und im Hof des Gemeindehauses wird zuweilen gemeinsam gegrillt. In der Gemeinde entstehen Freundschaften.

Und ein dicker Aktenordner mit Schriftstücken im Büro der Diakonisse zeugt davon, wie die Schwester ihre Iraner im Umgang mit Behörden ­unterstützt. »Ich habe zuerst gedacht, die kommen nur, weil der christliche Glaube verhindert, dass sie abgeschoben werden«, erinnert sich Schwester Rosemarie an den Tag, an dem sie ­einige Iraner plötzlich um die Taufe baten. »Deswegen habe ich mit allen zehn Wochen lang Glaubensunterricht gemacht.« Und fast alle sind ­dabeigeblieben. Dabei ist es auch für in Berlin lebende Iraner nicht ganz einfach, ihren Glauben zu wechseln: In Asylbewerberheimen stoßen sie auf Unverständnis, wenn Muslime mitbekommen, dass sie einen christlichen Gottesdienst besuchen. Einigen wurden auch schon Schläge angedroht. »Meinem eigenen Vater kann ich nicht sagen, dass ich Christ geworden bin«, sagt Ahmadian Amir Khalajanipour. »Er ist Moslem und würde mich nicht verstehen.«

Benjamin Lassiwe

Latenter Kulturkampf

7. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Gespräch mit Staats­kirchenrechtler


In der vergangenen Woche erklärte das Landgericht Köln, die von Juden und Muslimen praktizierte Beschneidung von Kindern sei als Körperverletzung einzustufen, und damit strafbar. Benjamin Lassiwe sprach dazu mit Prof. Hans Michael Heinig, dem Leiter des kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Herr Professor Heinig, wie bewerten Sie das Urteil des Kölner Landgerichts?
Heinig:
Ich halte das Urteil für schwierig, weil es dem Recht der Eltern auf religiöse Erziehung ihres Kindes nicht hinreichend Rechnung trägt. In der Logik der Entscheidung dient die Beheimatung eines Kindes in einer religiösen Tradition nicht dem Kindeswohl.

Hans Michael Heinig

Hans Michael Heinig

Doch es läuft auf ein Zerrbild von Religionsfreiheit hinaus, wenn man darunter versteht, Kinder so lange von Religionen fernzuhalten, bis sie selbst entscheiden können, ob sie dazugehören wollen.

Betrifft das auch die Kirchen?
Heinig:
Wir haben in Deutschland schon so etwas wie einen latenten Kulturkampf, mit immer stärker werdenden antikirchlichen Kräften. Da muss man sich dann fragen, ob es im nächsten Schritt nicht konsequent wäre, die Kindertaufe zu verbieten. Denn natürlich: Die Taufe ist keine Körperverletzung. Aber theologisch ist sie ein unauslöschliches Prägemal eines Kindes – wer das Recht der Eltern auf religiöse Erziehung nicht akzeptiert, wird auch damit Probleme bekommen.

Es gibt Forderungen, die Juden und Muslime sollten nun ihre Tradition ändern…
Heinig:
Wenn Christen solche Forderungen erheben, waren 60 Jahre christlich-jüdischer Dialog umsonst. Die Apostelgeschichte spricht vom »Bund der Beschneidung« und macht auch uns Christen deutlich, welche besondere Rolle die Beschneidung im Judentum spielt. Sie ist für die Juden und ihre Religion konstitutiv, und kann nicht weggelassen werden!

Wie geht es jetzt weiter?
Heinig:
Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder der Gesetzgeber regelt die Angelegenheit oder die Gerichte. Nun besteht allerdings die Besonderheit, dass der in Köln angeklagte Arzt mangels Schuld freigesprochen wurde. Eine Berufung ist also nicht möglich. Wer jetzt einen neuen Prozess, etwa vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, erreichen will, müsste bereit sein, sich potenziell strafbar zu machen.

Und was kann der Bundestag tun?
Heinig:
Der Gesetzgeber könnte etwa im Bürgerlichen Gesetzbuch eine Formulierung einfügen, wonach kunstgerecht durchgeführte Knabenbeschneidung aus religiösen Gründen zulässig ist. Oder er ergänzt das »Gesetz über religiöse Kindererziehung«, das den Eltern schon heute das Recht zuspricht, über die religiöse Erziehung ihres Kindes zu entscheiden.