Gott setzt die Scherben neu zusammen

26. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Ein Beitrag von Anselm Grün über den christlichen Umgang mit dem Scheitern

Wie gehen wir damit um, wenn das Leben uns einen Strich durch die Rechnung macht? Um Scheitern geht es im zweiten Beitrag unserer dreiteiligen Serie mit dem Benediktinerpater Anselm Grün.

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Scheitern gehört zu unserem Menschsein. Der eine scheitert in seiner Ehe. Er hat vor dem Traualtar das Versprechen ewiger Treue gegeben. Doch nun vermag er das Jawort nicht durchzuhalten. Er fühlt sich ­gescheitert.

Der andere scheitert in seinem ­Beruf. Er gibt sich alle Mühe in seiner Arbeit. Aber er erfährt Mobbing. Wieder ein anderer scheitert, indem er seinen Arbeitsplatz verliert, weil es der Firma nicht gut geht. Viele, die an ihrem Leben scheitern, fühlen sich beschämt. Sie schämen sich, vor anderen zuzugeben, dass sie gescheitert sind. Andere verdrängen das Scheitern. Sie flüchten in viele Aktivitäten, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass sie gescheitert sind. Andere beschuldigen sich selbst. Sie suchen die Schuld beim Scheitern bei sich selbst und zerfleischen sich mit Schuldgefühlen.

Es kommt immer darauf an, wie ich das Scheitern interpretiere. Wenn ich es als Versagen deute, dann kann ich nicht gut damit umgehen. Dann zieht es mich nieder. Wenn ich es aber ­einfach akzeptiere als etwas, was mir widerfahren ist, dann vertraue ich ­darauf, dass aus dem Scheitern Neues entstehen kann. Wir Christen schauen in der Passionszeit auf das Kreuz Jesu Christi. Das Kreuz ist zunächst auch ein Scheitern. Jesus ist mit seinem Versuch, die Frohe Botschaft vom barmherzigen Vater und von der Nähe des Reiches Gottes den Menschen zu verkünden, gescheitert. Dieser wunderbare Rabbi, der die Kranken geheilt hat und den Menschen durch seine Botschaft Hoffnung und Zuversicht geschenkt hat, wird von der ­römischen Staatsmacht hingerichtet. Die Emmausjünger haben das als Scheitern erlebt und sind davongelaufen, weil sie das Scheitern ihres geliebten Rabbi nicht ausgehalten haben. Doch das Kreuz ist nicht das Ende. Kreuz und Auferstehung Jesu sind das Hoffnungszeichen schlechthin.

Wenn wir in jeder Eucharistie Tod und Auferstehung Jesu feiern, dann bekennen wir, dass es kein Scheitern gibt, das nicht zu einem Neuanfang werden kann. Es gibt keine Dunkelheit, die nicht erleuchtet wird, keine Erstarrung, die nicht aufgebrochen werden kann, kein Grab, in dem nicht das Leben aufblüht.

Der deutsche Mystiker Johannes Tauler hat uns noch eine andere Deutung des Scheiterns gegeben. Er interpretiert Jesu Gleichnis von der verlorenen Drachme in diesem Sinn. (Lukas 15,8-10) Wenn der Mensch sich in seinem Leben gut eingerichtet hat, hat er oft genug seine Drachme verloren, seine Mitte. Er hat die Beziehung zum Grund seiner Seele verloren. Oder wie der griechische Mystiker Gregor von Nyssa sagt: Er hat das Bild Christi in sich verloren. Dann macht es Gott wie eine Frau, die etwas Wertvolles sucht.

Er stellt alle Stühle auf den Tisch, verrückt die Schränke, um die verlorene Drachme zu finden. Gott selbst führt den Menschen also ins Gedränge, um ihn in den Grund seiner Seele zu führen. Das Scheitern, das mein äußeres Lebensgebäude zerbricht, ist also für Tauler der Weg in den Grund der Seele. Dort wartet Gott auf mich. Ich muss also nicht ständig die Schuld für das Scheitern bei mir selbst suchen und mich durch Schuldvorwürfe selber lähmen. Natürlich gibt es ein Scheitern, bei dem ich selbst schuld bin. Aber auch dann hilft es nicht weiter, sich nur zu beschuldigen. Gott hat meine Schuld vergeben. Ich soll Abschied nehmen von der Illusion, ich würde immer alles richtig machen. Und ich soll Abschied nehmen von der Illusion, dass mir alles gelingt, was ich in die Hand nehme. Das Scheitern zerbricht mein Lebensgebäude, um mich in den Grund meiner Seele zu führen und dort Gott zu finden.

Viele haben das ­Gefühl, sie würden vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens sitzen, wenn sie gescheitert sind. Doch – das ist die frohe Botschaft der Bibel – Gott wird die Scherben meines Lebens wieder neu zusammensetzen. Er wird ein neues Haus errichten, das meinem Wesen noch mehr entspricht.

Wie jemand mit dem Scheitern umgeht, das hängt von der Deutung ab, die er dem Scheitern gibt. Die Bibel zeigt uns in den Worten Jesu und in seinem Tod und Auferstehung ein Deutungsmuster, das uns hilft, uns mit dem Scheitern auszusöhnen und darin einen Weg zu entdecken, unser Leben von Gott neu formen zu lassen.


Der Autor ist wirtschaftlicher Leiter der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach und er schrieb rund 300 Bücher zu spiri­tuellen Themen.