»Und vergib uns unsere Schuld«

1. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Wie wir befreit leben können – das Angebot der Beichte

Ein Katholik hat die Beichte, um sich von seinem Geheimnis zu erholen, eine großartige Einrichtung … Ich habe bloß meinen Hund, er schweigt wie ein Priester, und bei den ersten Menschenhäusern streichle ich ihn.« Max Frisch bringt die Verlegenheit evangelischer Christen mit der Beichte erzählerisch auf den Punkt. Eigentlich eine großartige Einrichtung der Katholiken, aber nicht bei uns Protestanten. Warum eigentlich nicht? Wir haben zwar eine schwache Ahnung, wie entlastend und erlösend das Aussprechen des Verborgenen sein kann. Aber faktisch bleiben wir doch mit unserer Last
allein.

»Ich muss dir was beichten, Schatz!« Die tiefe Sehnsucht, sich etwas von der Seele zu reden, nehme ich auch in Talkshows oder der Boulevardpresse wahr. Hier werden Intimitäten und Versäumnisse öffentlich »gebeichtet«, die besser im Verborgenen bleiben sollten. Warum fällt es uns so schwer, dem menschlichen Bedürfnis nach Entlastung geeignete geistliche Formen zu geben?

An überzeugenden Vorbildern der evangelischen Ahnengalerie kann es jedenfalls nicht liegen. Für Martin Luther liegt in der praktizierten Beichte sogar eines der entscheidenden Merkmale des Christseins: »Wenn ich daher zur Beichte ermahne, so tue ich nichts anderes, als dass ich ermahne, ein Christ zu sein.« Und immer wieder gab es in der Kirchengeschichte geistliche Aufbrüche, die mit der Wiederentdeckung der Beichte gekoppelt waren, sei es beim älteren Blumhardt oder bei Dietrich Bonhoeffer.

Foto: Harald Krille

Foto: Harald Krille

Möglicherweise sind unsere Schwierigkeiten mit der Beichte darin begründet, dass »Sünde« (ähnlich wie die eng damit zusammenhängende Beichte) im heutigen Sprachgebrauch missverständlich und dunkel geworden ist. Gemeint ist damit ursprünglich nicht die moralische Verfehlung, sondern die Entfremdung von Gott. Sünde bringt die gestörte Beziehung zwischen Gott und Menschen zum Ausdruck. Im Griechischen ist das Wort aus der Sprache der Bogenschützen entnommen: »Zielverfehlung«. Sünde meint damit, dass Menschen das von Gott gesetzte Ziel verfehlen. Folglich setzt die Beichte bei der Beziehung zwischen Gott und Menschen an.

Sehr plastisch wird dies im Gleichnis vom Vater und seinen beiden Söhnen (Lukas 15). Der jüngere Sohn landet bei seinem Weg schließlich ganz unten bei den Schweinen, beziehungslos und einsam. Aber dieser Tiefpunkt wird zum Wendepunkt: »Da ging er in sich.« Ihm wird deutlich, was in seinem Leben falsch gelaufen ist. In ihm reift ein Entschluss, der zum Neuanfang wird: »Ich will zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich bin vor Gott und vor dir schuldig geworden.« Zu Hause dann die große Überraschung: Hier wird nicht der zerknirschte Sünder empfangen. Nein, der Vater wartet längst auf seinen Sohn, läuft ihm entgegen und feiert ein Freudenfest.

Zugänge zur Beichte eröffnen sich, wenn wir neu den biblischen Zusammenhang von Schuld und Vergebung verstehen. Schließlich zielt das Angebot der Beichte auf einen neuen Anfang in unserer Lebensgeschichte, losgelöst aus den Verstrickungen zurückliegender Verfehlungen. »Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit« (1. Johannes 1,9). Weil Gott treu, gerecht und gütig ist, dürfen Christen beichten.

Damit sind die beiden Teile der evangelischen Beichte genannt: das Sündenbekenntnis und der Vergebungszuspruch. Zugleich ist damit markiert, wo das menschliche Bedürfnis nach Entlastung den besten Platz hat – da, wo mit dem Bekenntnis der eigenen Verfehlungen auch die Zusage des Freispruchs verbunden ist.

In der Bergpredigt macht Jesus deutlich, dass wir nicht beten oder spenden sollen, um von den anderen gesehen zu werden (Matthäus 6). Ähnlich ist es mit der Beichte, sie sollte normalerweise im Verborgenen ausgesprochen werden, also unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Besonders hilfreich kann dabei sein, nicht im stillen Kämmerlein mit möglichen Gewissensbissen oder Selbsttäuschungen allein zu bleiben, sondern sich im geschützten Rahmen aussprechen zu können und die Vergebung persönlich zugesprochen zu bekommen. Albrecht Schödl

Der Autor ist Pfarrer am Christuspavillon im Kloster Volkenroda bei Mühlhausen/Thüringen.

Die Beichte – Hygiene für die Seele

15. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Den evangelischen Christen ist mit dem Wegfall der Beichte etwas Wichtiges verloren gegangen

Mit diesem Beitrag eröffnen wir eine fünfteilige Serie über die Beichte. Zum Auftakt ein Interview mit dem Leipziger Theologieprofessor Peter Zimmerling.

Peter Zimmerling lehrt an der Leipziger Universität Praktische ­Theologie. Foto: privat

Peter Zimmerling lehrt an der Leipziger Universität Praktische ­Theologie. Foto: privat

Herr Prof. Zimmerling, worin liegt der Wert der Beichte? Was bringt es mir, wenn ich beichte?
Zimmerling:
Wenn ich etwas Schlimmes erlebt habe, verliert dies seine Macht über mich, wenn ich es vor einem anderen Menschen ausspreche. Diese Erfahrung kennt jeder von uns. Das ist die psychologische Dimension der Beichte, sie ist Seelenhygiene.

Darüber hinaus gibt es die theologische Dimension. In der Seelsorge kann ich einem Menschen helfen, ihn trösten, indem ich ihm etwas zuspreche, gute Worte sage. Wenn ich dann selber in eine solche Situation kom­me, in der ich Trost brauche, könnte ich diese Worte, die ich vorher einem anderen gesagt habe, auch mir selber sagen. Aber diese Worte, die ich mir selber sage, haben nicht die Kraft, die sie entwickelt haben, als ich sie dem anderen Menschen gesagt habe.

»Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen«, weiß ein Sprichwort …
Zimmerling:
Ja! Das Wort Gottes, das mir durch einen anderen Menschen zugesprochen wird, ist stärker als das Wort Gottes im eigenen Herzen. Dadurch wird deutlich, wieso die Beichte etwas ist, was über das Gebet oder das Gespräch beim Therapeuten hinausgeht. Die Therapie kommt an ihre Grenze, wo es um Vergebung von Schuld geht. Den evangelischen Christen ist durch den Wegfall der Beichte ein wesentliches Mittel der Seelenhygiene verloren gegangen!
Max Frisch hat den berühmten Satz geprägt: »Ein Katholik hat die Beichte. Ich habe bloß meinen Hund.« Er will damit zum Ausdruck bringen, dass in der Beichte ein großes Entlastungspotenzial steckt. Dass die Beichte einen wichtigen Beitrag zur psychischen Gesundheit eines Menschen zu leisten vermag. Es hat übrigens immer christliche Therapeuten gegeben, die das mit Recht betont haben.

Der Mensch ist gerettet allein aus Gnade. Diese reformatorische Erkenntnis ist nicht ganz schuldlos, dass uns die Beichte verloren gegangen ist?
Zimmerling:
Wir haben das Evangelium reduziert auf die Aussage, dass Gott den Menschen annimmt, so wie er ist. Diese Sicht ist nicht unsympathisch, aber sie ist eine Verkürzung des Evangeliums. Sie fördert nämlich die Auffassung, dass der Mensch von Natur gut ist. Paul Schütz, einer der vergessenen evangelischen Theologen des letzten Jahrhunderts, stellte fest: »Gott ist einsam geworden. Es gibt keine Sünder mehr.«

Die Beichte ist aber auch über viele Jahrhunderte hinweg als ein Instrument zur Erziehung benutzt worden und dadurch in Misskredit geraten …
Zimmerling:
Mit Beichte verbinden wir oft Fremdbestimmung. Und diese Vorstellung ist im kollektiven Gedächtnis unseres Volkes weitverbreitet. Martin Luther wollte die Beichte erneuern, aber indem er sie von ihrem Zwangscharakter befreite – zur damaligen Zeit war ein Christ verpflichtet zu beichten –, verhinderte er ungewollt einen dauerhaften Neuanfang. Als die Beichte freiwillig wurde, haben Menschen dieses Angebot Gottes, Vergebung zu erlangen, nicht mehr in Anspruch genommen. Im Großen ­Katechismus ist das nachzulesen, da sagt Luther, er wünsche den Evange­lischen, die nicht mehr zur Beichte ­gehen, dass sie wie eine Herde Säue wieder unter das papistische Joch ­getrieben würden. Daraufhin hat er ein Katechismusverhör anstelle der Beichte obligatorisch gemacht. Dieses ist sehr bald beim Protestanten an die Stelle der Beichte getreten.

Wie können wir die Beichte zurückgewinnen?
Zimmerling:
Sie muss wieder als ­Angebot Gottes bekannt gemacht ­werden. Es muss deutlich sein, dass die evangelische Beichte nichts mit Entmündigung zu tun hat. Das ist
ein Missverständnis, ein allerdings schwerwiegendes. Wir müssen den Menschen deutlich machen, dass die Beichte ein Zeichen ist für die Würde des Menschen. Zum Menschsein ­gehört das Schuldigwerden hinzu. Ich meine, dass jeder Mensch, auch ein Nichtchrist wird das sagen, immer wieder in Situationen kommt, wo er nicht so handelt wie er eigentlich gerne handeln würde. Er wird schuldig an seinem nächsten Mitmenschen. Die Möglichkeit, sich zu entschuldigen, um Verzeihung zu bitten, gehört zur Würde eines Menschen.

Ganz vergessen ist sie nicht. Es gibt ein Verlangen nach Beichte …
Zimmerling:
In Citykirchen wird das Angebot zur Beichte gemacht. Ein- bis zwei Mal pro Woche sitzt ein Pfarrer, eine Pfarrerin in der Sakristei. Die Menschen sind eher bereit, zu einem fremden Menschen zu gehen. In Taizé stehen nach dem Abendgottesdienst Jugendliche in langen Schlangen vor einzelnen Brüdern. Da geht es um Seelsorge, aber auch um Beichte.

Wann empfiehlt es sich zu beichten?
Zimmerling:
Ich würde sagen: Bei ­jeder echten Schuld, von der ich den Eindruck habe, nicht mit ihr fertig zu werden. Denn man kann ja auch für sich, still vor Gott seine Schuld aussprechen wie wir es im Vaterunser tun. Aber es gibt immer wieder Schuld im Leben, wo diese persön­liche, stille Beichte vor Gott das Gewissen nicht beruhigt. Da empfiehlt es sich, sie gegenüber einem anderen Menschen in der persönlichen Beichte auszusprechen.

Sabine Kuschel.