Aufgebrochen für mein wahres Wesen

18. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Ein Beitrag von Anselm Grün über den christlichen Umgang mit Leid

Wie gehen wir damit um, wenn das Leben uns einen Strich durch die Rechnung macht? Um Leid, Scheitern und zerplatzte Träume geht es in unserer dreiteiligen Beitragsserie mit dem Benediktinerpater Anselm Grün.

Oft fühlen wir uns im Leid allein ­gelassen. Foto: BilderBox.com

Oft fühlen wir uns im Leid allein ­gelassen. Foto: BilderBox.com

Ob wir wollen oder nicht, immer wieder trifft uns Leid. Wir sollen das Leid nicht masochistisch an uns ziehen. Aber wir müssen damit rechnen, dass es uns trifft. Der eine erhält vom Arzt die Diagnose einer schweren Krankheit, der andere verliert einen lieben Menschen durch den Tod. Wieder andere verlieren ihren Arbeitsplatz und haben Angst, ihr Leben nicht mehr zu schaffen. Die Frage, ­warum uns das Leid trifft, können wir nicht beantworten. Manche fragen: Warum hat Gott das zugelassen? Doch wir können die Gedanken Gottes nicht lesen. Manche fragen beim Leid sofort: Womit habe ich das verdient? Warum werde ich bestraft? Wir können nicht sagen, warum uns das Leid trifft. Aber eines dürfen wir sagen: Gott ist kein strafender Gott. Wenn wir Gott als strafenden Gott sehen, dann projizieren wir nur unsere eigene Selbstbestrafungstendenz auf Gott.

Jesus sagt uns nicht, warum uns das Leid trifft. Aber er zeigt uns einen Weg, wie wir mit dem Leid umgehen können. Jesus selbst ist den Weg des Leidens gegangen. Wenn uns das Leid trifft, so sind wir nicht allein gelassen. Jesus ist in unserem Leid bei uns. Das ist die erste Hilfe, die uns Jesus gibt, unser Leid zu bewältigen. Oft genug fühlen wir uns im Leid ja allein gelassen. Wer sich alleine fühlt, den erdrückt das Leid. Wenn das Leid uns öffnet für die Gemeinschaft mit Jesus, der bei uns ist und uns in seiner Passion seine Liebe bis zur Vollendung erwiesen hat, dann fühlen wir uns im Leiden geliebt. Das stärkt uns mitten im Leid.

Jesus zeigt uns einen Schlüssel, wie wir mit dem Leid umgehen sollen. Er sagt den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus: »Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?« (Lukas 24,26) In Bezug auf unseren Umgang mit dem Leid können wir dieses Wort so übersetzen: Warum das Leid mich getroffen hat, weiß ich nicht. Es ist einfach geschehen. Es hat meine Pläne durchkreuzt, es ist mir von außen her widerfahren. Das Leid will meine Vorstellungen von mir selbst, vom Leben und von Gott zerbrechen, damit ich immer mehr in die ursprüngliche Gestalt hineinwachse, die mir Gott zugedacht hat, damit die Herrlichkeit Gottes, der unverstellte Glanz Gottes in mir aufleuchtet. Das Leid zerbricht mir die Vorstellungen von mir selbst. Ich bin nicht der ­immer gesunde und erfolgreiche Mensch. Ich kann für mich nicht garantieren. Das Leid zerbricht meine Vorstellungen vom Leben.

Wenn ich schwer krank bin, muss ich mich ­verabschieden von manchen Wünschen an das Leben. Und das Leid ­zerbricht meine Vorstellung von Gott. Das Bild des barmherzigen Vaters, der immer für mich sorgt, wird im ­Augenblick des Leids zerbrochen. Wenn ich mir die Vorstellungen von mir, vom Leben und von Gott zerbrechen lasse, werde ich am Leid nicht zerbrechen. Vielmehr werde ich immer mehr aufgebrochen für mein wahres Wesen, aufgebrochen für neue Möglichkeiten des Lebens, aufgebrochen für meine Brüder und Schwestern. Und ich werde aufgebrochen für den unbegreiflichen Gott, der in seiner Unbegreiflichkeit aber dennoch Liebe ist.

Der Ritus des Brotbrechens in der Eucharistiefeier, beim Abendmahl führt uns genau diesen christlichen Umgang mit dem Leid vor Augen. Wir brechen den Leib Jesu Christi, der für uns am Kreuz zerbrochen wurde, damit all das, was uns im Leid widerfährt, uns nicht zerbricht, sondern immer mehr aufbricht für das Geheimnis der Liebe, die im Kreuz Jesu Christi in ihrer Vollendung aufstrahlt.

Der Autor ist wirtschaftlicher Leiter der Be­nediktiner-Abtei Münsterschwarzach und er schrieb rund 300 Bücher zu spirituellen Themen.