Der Mann hinter der Sage

20. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Geschichte: Bischof Thilo von Trotha ist eine Sonderausstellung in Merseburg gewidmet

Thilo von Trotha war 48 Jahre Bischof von Merseburg. Eine Ausstellung zu seinem 500. Todestag widmet sich seinem Werk. Ein Blick in Leben und Frömmigkeit im ausgehenden Mittelalter.

Seit Jahrhunderten bestimmt eine Sage das Bild des Thilo von Trotha (1443–1514): Er soll einen Kammerdiener, der des Diebstahls eines kostbaren Ringes verdächtigt wurde, hinrichten lassen haben. Dass der Mann seine Unschuld beteuerte, nützte ihm nichts. Später wurde der Ring in einem vom Merseburger Dom-Dach gefallenen Rabennest aufgefunden. Die Unschuld des Dieners war erwiesen. Der Bischof entschied, dass fortan ein Rabe mit einem Ring im Schnabel sein Wappen zieren sollte. Und es sollte als ständige Mahnung an seinen im Jähzorn gefassten, folgenschweren Entschluss ein Rabe in einem Käfig vor dem Schloss gehalten werden.

Die Rabensage kam zwar erst im 17. Jahrhundert auf. Dennoch ist sie Ausgangspunkt einer Sonderausstellung, die bis 2. November im Dom und Schloss in Merseburg zu sehen ist. Sie trägt den Titel »Thilo von Trotha. Merseburgs legendärer Kirchenfürst«. Auf rund 600 Quadratmetern haben die Kuratoren Markus Cottin und Claudia Kunde 150 Exponate zusammengetragen. Sie stammen aus den Beständen der Vereinigten Domstifter zu Merseburg, Naumburg und des Kollegiatstiftes Zeitz sowie zu mehr als einem Drittel aus Leihgaben. Mit dieser Schau wird das Leben eines mitteldeutschen Bischofs aus dem späten Mittelalter ins Zentrum gerückt, der mit 48-jähriger Amtszeit so lange wie kein zweiter regierte. »Spätmittelalterliche Bischöfe haben es im Kernland der Reformation bekanntlich nicht einfach«, so der Direktor der Domstifter, Holger Kunde. Dabei habe Bischof Thilo von Trotha seine Umgebung wie kaum ein anderer geprägt und auch über das Territorium des Bistums hinaus gewirkt.

Bis heute werden in einer Voliere am Schloss in Merseburg Raben gehalten. Foto: Vereinigte Domstifter

Bis heute werden in einer Voliere am Schloss in Merseburg Raben gehalten. Foto: Vereinigte Domstifter

Die Familie von Trotha stammt aus einem Dorf, das heute ein nördlicher Stadtteil von Halle ist. 1427 wurde es zerstört. Thilos Vater verließ den Stammsitz, schloss sich enger an den Magdeburger Erzbischof an und baute sich eine neue Besitzgrundlage auf. Einige seiner Söhne nahmen später wichtige Stellungen ein. »Tilemannus de Trota« studierte in Leipzig und Perugia und wurde danach Dompropst in Magdeburg. 1466 wurde er zum Bischof von Merseburg gewählt, seine Einsetzung und Weihe erfolgte am 8. März 1467. Sein Hochstift Merseburg baute er systematisch aus, wirtschaftete klug und schaffte es – im Gegensatz zu anderen geistlichen und weltlichen Herrschern seiner Zeit –, seinem Nachfolger gefüllte Kassen und ein deutlich vergrößertes Territorium zu hinterlassen. Thilo reiste in jüngeren Jahren öfter – zum Beispiel pilgerte er mit dem wettinischen Kurfürsten Ernst von Sachsen nach Rom und begleitete 1478 die Tochter eines sächsischen Kurfürstenpaares zu ihrer Hochzeit nach Kopenhagen. Ab den 1470er Jahren konzentrierte er sich auf den Bau seines Residenzschlosses und den Umbau des Domes, zu dem 1015 der Grundstein gelegt worden war. Schon ab 1476 ließ er im Nordquerhaus seine Grabkapelle einrichten, die mit der Tumba aus der Werkstatt des bekannten Nürnberger Gießers Peter Vischer und einem vergoldeten Epitaph zu den wichtigsten Exponaten der Ausstellung zählt.

Diese umfasst insgesamt elf Räume. Drei widmen sich der Biografie Thilos, die anderen setzen thematische Schwerpunkte wie seine Tätigkeit als Bauherr, sein Wirken als Kanzler der Universität Leipzig oder seiner Förderung des Buchdrucks. Ein Raum beschäftigt sich mit der Liturgie und Frömmigkeit im Bistum, die von der Verehrung der Gottesmutter Maria und anderer Heiliger sowie Prozessionen und Wallfahrten geprägt waren. Fast alle der 200 Kirchen im Bistum Merseburg wurden zu Thilos Zeit, finanziert vom Domkapitel, von Stadtgemeinden oder Adligen, baulich erweitert und kostbar ausgestattet. In der Ausstellung zeugen Werke eines unbekannten Malers (vermutlich) aus Leipzig, der als »Meister der byzantinischen Madonna« in die Kunstgeschichte eingegangen ist, von diesem Tun. Zu sehen sind auch kostbare liturgische Geräte und Gewänder. Was in der Schau fehlt, ist ein verbürgtes Bildnis Thilos. Denn es gibt keines. Auch die gezeigten Kleidungsstücke können nicht ihm direkt zugeordnet werden.

In Thilos Grabinschrift heißt es unter anderem: »… und er mehrte alle Dinge, wie die Erinnerungszeichen erweisen.« Besucher der Ausstellung können dort nicht nur ihr Wissen über das ausgehende Mittelalter mehren. Die Exponate ermöglichen ihnen einen genaueren Blick auf die Persönlichkeit, die hinter dem Bild vom jähzornigen Mann steht, das die Sage zeichnet.

Angela Stoye

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Thilo von Trotha. Merseburgs legendärer Kirchenfürst. Michael Imhof Verlag, 256 S., ISBN 978-3-7319-0070-2, 39,95 Euro

www.merseburg2014.de

Kunst im Schützengraben

12. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: »Krieg der Geister. Weimar als Symbolort deutscher Kultur vor und nach 1914«

Eine Ausstellung beleuchtet die Rolle der Stadt der Dichter vor und während des Ersten Weltkrieges. Ein Rundgang.

Was hat die geistige Elite in Weimar zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Ersten Weltkrieg zu tun? Wie in allen unmittelbar beteiligten Ländern auch engagierten sich die Intellektuellen in der Residenzstadt und ihrer Umgebung für die Begründung und die vermeintlich gerechte Sache des Krieges. Dies veranschaulicht die kulturhistorische Ausstellung »Krieg der Geister. Weimar als Symbolort deutscher Kultur vor und nach 1914« im Neuen Museum Weimar. Eröffnet wurde die Präsentation am 1. August anlässlich des Beginns des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren.

Gemälde »Im Schützengraben« von Gert H. Wollheim. Foto: Stefan Arendt, Stadtmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf

Gemälde »Im Schützengraben« von Gert H. Wollheim. Foto: Stefan Arendt, Stadtmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf

Die Schau beleuchtet einen bislang wenig beachteten Teil Weimarer Geschichte: die Rolle Weimars im Prozess der intellektuellen Aufrüstung, die sich im Zuge der Nationalisierung im wilhelminischen Kaiserreich vollzog. Wie Kuratorin Gerda Wendermann erläutert, hatte sich die Stadt nach dem Tode Johann Wolfgang Goethes und Friedrich Schillers im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem Symbolort der deutschen Kultur entwickelt. Das sogenannte klassische Erbe sei überhöht, die Stadt und Umgebung als gemütvolles »Herz Deutschlands« mythisiert worden.

Im Foyer des Museum sind acht Porträts ausgewählter Persönlichkeiten aus Weimar und Jena zu sehen, die für den Zeitgeist der damaligen Epoche stehen: Großherzog Wilhelm Ernst, Elisabeth Förster-Nietzsche, Schwester des Philosophen Friedrich Nietzsche, der Agitator Adolf Bartels, der Naturforscher Ernst Haeckel, der Philosoph Rudolf Eucken, der Verleger Eugen Diederichs, der Weltbürger Harry Graf Kessler und die Frauenrechtlerin Selma von Lengenfeld. Sie werden als Modernisierer, Bewahrer, Nationalisten, Pazifisten und Neuidealisten charakterisiert.

Am Beispiel dieser acht Protagonisten werde gezeigt, wie sich in Weimar am Vorabend des Krieges die kulturellen Gegensätze und weltanschaulichen Diskurse verdichteten, so Wolfgang Holler, Generaldirektor der Museen der Klassik Stiftung Weimar.

Der Rundgang beginnt mit dem Moment der Mobilmachung. Eine Videoinstallation zeigt den Heeresgottesdienst zur Verabschiedung des Bataillons am 7. August 1914 im Innenhof des Weimarer Schlosses. Die Kunst-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte verdeutlichen zahlreiche Zeugnisse der Zeit: Gemälde, Grafiken, Plakate, Fotografien, architektonische und plastische Arbeiten, literarische Propaganda, öffentliche Aufrufe und Feldpostsendungen.

Während es im ersten Teil der Schau um die strategische Ausrichtung der Residenzstadt als nationaler Erinnerungsort geht, sind Kriegseuphorie und die schreckliche Realität der Schlachten aus dem Blickwinkel beteiligter Künstler weitere Themen. Zu Beginn zogen viele in den Krieg, der die deutsche Kultur verteidigen sollte. Zu sehen sind Zeichnungen und Gemälde, die den Krieg heroisieren. Schließlich verfolgt die Präsentation den Wandel in der Kunst von der Überhöhung des Krieges hin zu einer eindeutigen Anklage, wie sie beispielsweise in den Bildern von Gert Wollheim zum Ausdruck kommt. Während Wollheim an der Front kämpfte, entstanden Zeichnungen und Skizzen, die er in eine Mappe einklebte. Im Spätsommer 1917 wurde er durch einen Bauchschuss schwer verletzt. Auf der Grundlage seiner im Feld entstandenen Zeichnungen begann der Künstler 1918 mit großformatigen Antikriegsbildern. Eines der Hauptwerke dieser Zeit heißt »Im Schützengraben«. Es zeigt zwei Soldaten, die gekrümmt im Schützengraben sitzen. Das Trauma seines eigenen Bauchschusses verarbeitet Wollheim in mehreren Arbeiten. In dem Gemälde »Der Verurteilte« verdichtet er das Motiv eines hingerichteten Menschen, indem er den Verurteilten auf einer Schädelstätte zeigt.
Ein Kapitel widmet sich dem 400. Jahrestag der Reformation 1917, zu dem deutschlandweit Feste geplant waren, die aber kriegsbedingt teilweise ausfallen mussten. Wie die Schau dokumentiert, dienten Jubiläumsfeierlichkeiten auch als Mittel gegen die im Kriegsverlauf zunehmende Demoralisierung der Bevölkerung.

Bereits während des Krieges begannen die Überlegungen für einen zentralen Ort zum Gedenken an die Millionen Opfer des Krieges. Eine breite Debatte entstand aber erst 1924, zehn Jahre nach Kriegsbeginn, nachdem Reichspräsident Friedrich Ebert die Deutschen dazu aufgerufen hatte, den im Krieg Gefallenen ein Denkmal zu setzen. Abschließend wirft die Ausstellung einen Blick auf die Revolution im November 1918, die Abdankung des Adels und die weitere Entwicklung nach der Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung »Krieg der Geister« ist bis 9. November mittwochs bis montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.


www.klassik-stiftung.de/2014

Im Wettstreit um die Macht

16. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Präsentation:  Brandenburgs erste Landesausstellung stellt 200 Jahre preußisch-sächsischer Geschichte vor

Die Schau in Doberlug-Kirchhain erzählt von der schwierigen Nachbarschaft zwischen Preußen und Sachsen. Sie soll Gelegenheit bieten, auf ein wichtiges Stück Geschichte zurückzublicken – mit teils überraschenden Erkenntnissen.

Wallende Lockenperücken, prächtige Rüstungen, rechts Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg, links Johann Georg II. von Sachsen – Hand in Hand malte Johann Fink in einem großen Ölbild die beiden Nachbarn um 1660. Auch die Hofkünstler beider Herrscher arbeiteten mitunter Hand in Hand. Das zeigt ein Prunkgefäß aus vergoldetem Silber und Perlmutt, ein Nautiluspokal, entworfen von dem Dresdner Balthasar Permoser, den der Berliner Goldschmied Bernhard Quippe 1707 ausführte.

Doch das Band zwischen Preußen und Sachsen war keine reine Liebesbeziehung, sondern bedeutete immer auch Rivalität. Unter dem Titel »Preußen und Sachsen – Szenen einer Nachbarschaft« erzählt die erste Brandenburgische Landesausstellung auf 800 Quadratmetern Fläche von Höhen und Tiefen dieser Nachbarschaft. »Uns ging es darum, eine Beziehungsgeschichte zu zeigen«, erklärt Ausstellungskuratorin Anne-Katrin Ziesak. In sieben Kapiteln, »Szenen« genannt, beleuchtet die Ausstellung das Verhältnis zueinander.

Nachbarn und Rivalen: Johann Georg II. von Sachsen und Friedrich Wilhelm von Brandenburg auf einem Gemälde von Johann Fink/Fincke. Foto: Elke Estel / Hans-Peter Klut

Nachbarn und Rivalen: Johann Georg II. von Sachsen und Friedrich Wilhelm von Brandenburg auf einem Gemälde von Johann Fink/Fincke. Foto: Elke Estel / Hans-Peter Klut

Den Auftakt macht ein Grenzstein aus dem 16. Jahrhundert im Prolog. Erst ab 1635, mit dem Zugewinn der Lausitz, kommt Sachsen über eine längere Grenze mit Brandenburg in Berührung. In dieser Zeit wird auch Doberlug sächsisch. Die erste Szene »Partner und Rivalen« thematisiert Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Nachbarn um diese Zeit. Die reiche Messe- und Handelsstadt Leipzig etwa belegt die Vormachtstellung Sachsens gegenüber dem armen Nachbarn im Norden. Beide Herrscher eint jedoch ihr Streben nach der Königskrone.

Zu sehen ist die prunkvolle Krone des sächsischen Kurfürsten, der König von Polen wird, die preußische Krone, die sich der Brandenburger Friedrich III. 1701 in Königsberg aufs Haupt setzte, ist nur als Replik des verlorenen Originals ausgestellt. Die konfessionellen Folgen und den Umgang mit Minderheiten in den Urländern der Reformation beleuchtet das Kapitel »Glaubenssache«: Während die Untertanen lutherisch blieben, gehörte der brandenburgische Herrscher ab 1613 den Reformierten an, der sächsische Kurfürst musste mit Erhalt der polnischen Krone zum katholischen Glauben konvertieren.

Unter dem Titel »Glanz und Gloria« räumt die Ausstellung zugleich mit gängigen Klischees auf: Beide Herrscher bauten zur Sicherung ihrer Macht starke Armeen auf und verfolgten parallele Repräsentationsstrategien, etwa indem sie wertvolle Kunstsammlungen anlegten. Dabei konnte Sachsen auch von Preußen profitieren, wie eine ostasiatische Deckelvase von 1700 zeigt: Friedrich Wilhelm I., der wertvolle ostasiatische Porzellane sammelte, hatte sie seinem Kollegen nach Sachsen geschickt im Austausch für Soldaten. Sie erhielten fortan den Spitznamen »Porzellandragoner«. Das Bild des von den Preußen eroberten brennenden Dresden im Siebenjährigen Krieg markiert den Tiefpunkt der Nachbarschaft, der Stamm einer Jägereiche mit eingeschnitztem Wappen und den Namen der Teilnehmer einer letzten Jagd 1763 den Untergang der augusteischen Epoche in Sachsen, an der sich Preußen lange orientiert hatte.

Zu den außergewöhnlichen Exponaten zählen restaurierte Bahnen einer im Rokokostil reichbemalten Wandtapete aus dem nahegelegenen Schloss Ahlsdorf, die erstmals ausgestellt sind. Sie verweisen auf den künstlerischen Reichtum der Grenzregion um 1770. Ein eigenes Kapitel widmet sich dem Austausch zwischen Gelehrten und Künstlern in der Zeit der Aufklärung. So verbündete sich der Berliner Verleger Friedrich Nicolai mit seinem Leipziger Kollegen Philipp Erasmus Reich im Kampf gegen die Konkurrenz durch Raubdrucke.

Der Ausstellungsrundgang endet mit dem Untergang Napoleons und dem Wiener Kongress. Sachsen als Bündnispartner der Franzosen gehörte zu den Verlierern und musste große Gebiete wie die Niederlausitz an Preußen abtreten. Ein Prunkstück im letzten Kapitel stammt aus dem Besitz des französischen Chefunterhändlers Tallyrand: der Verhandlungstisch, an dem die Schlussakte des Wiener Kongresses unterzeichnet wurde.

Brandenburgs erste Landesausstellung im restaurierten Schloss Doberlug zeigt abwechslungsreich und pointiert, wie Macht und Politik, aber auch Kunst und Wissenschaften die nachbarschaftlichen Verbindungen zwischen Sachsen und Preußen über 200 Jahre prägten.

Sigrid Hoff  (epd)

Die Ausstellung ist bis 2. November dienstags bis freitags von 9 bis 18 Uhr sowie an Wochenenden und Feiertagen von 10 bis 18 Uhr im Schloss Doberlug zu sehen.

www.brandenburgische-landesausstellung.de

www.hbpg.de

Moderne trifft auf Mittelalter

8. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Die »Glanzlichter« im Naumburger Dom vereinen Architektur und die Kunst der Glasmalerei

Die Architektur des Naumburger Doms bekommt Zerbrechliches und reichlich Farbe an ihre Seite. Die neue Sonderausstellung rückt eine besondere Kunstform in den Mittelpunkt: die Glasmalerei.

Nach der Landesausstellung »Der Naumburger Meister« 2011 bekommt die mächtige wie filigrane Architektur des Naumburger Doms Zerbrechliches und reichlich Farbe an ihre Seite. Die neue Sonderausstellung »Glanzlichter« rückt eine besondere Kunstform in den Mittelpunkt: die Glasmalerei. In Naumburg und an insgesamt vier weiteren Korrespondenzorten – dazu zählen die beiden Klosterkirchen in Schulpforte und Memleben, die Freyburger Stadtkirche St. Marien sowie der Merseburger Dom – werden 120 Stücke von 35 zeitgenössischen Künstlern gezeigt; darunter namhafte Vertreter wie Neo Rauch, Gerhard Richter, Markus Lüpertz oder Sigmar Polke.

Für Deutschland sei diese Ansammlung von Kunstwerken dieser Art bisher einmalig, meint Dr. Holger Kunde, Direktor der Vereinigten Domstifter und gemeinsam mit dem Franzosen Jean–Francois Lagier Kurator der Exposition. »Den Ursprung der Idee bildet eine Ausstellung in Chartres, wo 2012 ein Querschnitt der Glasmalerei der vergangenen 20 bis 30 Jahre gezeigt worden war«, erzählt Kunde. So unter anderem auch Werke des norddeutschen Künstlers Thomas Kuzio, der bereits Fenster für die Taufkapelle und die Krypta des Naumburger Doms angefertigt hatte. Und nicht nur Kuzio ist das Bindeglied zur zeitgenössischen Glasmalerei. Seit 2007 wird die Elisabeth-Kapelle mit Fenstern geschmückt, die nach Entwürfen des bekanntesten Vertreters der Neuen Leipziger Schule, Neo Rauch, gestaltet worden waren.

David Schnell, ohneTitel, freies Glasbild. Foto: Uwe Walter

David Schnell, ohneTitel, freies Glasbild. Foto: Uwe Walter

Im Gegensatz zu Chartres wolle man indes neue Wege gehen, meint der Stiftskustos. Während in Frankreich die Glasmalerei in einem einzigen großen Raum präsentiert worden war, werden nun die Fenster, Probefelder oder freien Glasbilder an zahlreichen exponierten Stellen im Dom-Areal, so auch im Kreuzgang und in der nahestehenden Marienkirche, in die Nähe zur Architektur gerückt. »Wir wollen den Stücken nicht nur mehr Platz geben, damit sie sich richtig entfalten können. Besonders spannend ist das Verhältnis zwischen der bereits bestehenden traditionellen Glasmalerei und den Werken der neueren Zeit. Es ist für uns ein interessantes Experiment«, bemerkt Kunde. Doch nicht nur dieser Gegensatz zwischen Alt und Neu macht jene Ausstellung unter der künstlerischen Leitung von Dr. Holger Brülls reizvoll. Schon zwischen den neuen Werken entstehen Kontraste – dank verschiedener Stile, Farben und Formen. Einige Glasmalereien erscheinen realistisch, andere wiederum abstrakt. Einige spielen bewusst mit Perspektive und Raum. Die Ausstellung sei mit großem Aufwand vorbereitet worden, so Kunde, nicht nur mit der Unterstützung der Glasateliers, sondern auch mit der finanziellen Förderung der Bundeskulturstiftung, der Kunststiftung Sachsen-Anhalts und Lotto-Toto.

Die Vereinigten Domstifter hoffen dabei nicht nur auf neue Besuchergruppen sowie angeregte Diskussionen – auch mit Blick auf die zeitgleich präsentierte Ausstellung »Welterbe? Welterbe!« im Naumburger Schlösschen zur Bewerbung der Region für den Unesco-Weltkulturerbe-Titel. Für die Kunstform Glasmalerei wünscht Kunde sich mehr Aufmerksamkeit: »Sie steht oft im Schatten der Architektur. Die Konzentration der Besucher liegt mehr auf den Stifterfiguren.« Perspektivisch gesehen sollen nach den Fenstern von Rauch und Kuzio künftig weitere moderne Glasmalereien unter anderem im Ostchor des Domes dauerhaft Einzug halten. Die Sonderausstellung wird von einem Veranstaltungsprogramm aus Vorträgen, Führungen und museumspädagogischen Angeboten umrahmt. Zudem ist ein Begleitband zur Schau erschienen.

Constanze Matthes

Die Ausstellung »Glanzlichter« im Naumburger Dom ist bis zum 2. November zu sehen. Der Dom hat täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. In der Klosterkirche Schulpforte beginnt die Ausstellung am 14. Juni und in der Klosterkirche Memleben am 21. Juni.

www.glanzlichter2014.de

Die andere Seite der Reformation

13. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Auf dem sächsischen Schloss Rochlitz werden die Frauen der Reformation geehrt

Eine Ausstellung auf Schloss Rochlitz stellt weibliche Persönlichkeiten des 16. Jahrhunderts vor. Im Fokus steht Elisabeth von Rochlitz.

Die Geschichte der Reformation in Deutschland wird bislang von Männern dominiert. Spätestens mit der aktuellen Sonderausstellung auf Schloss Rochlitz (Landkreis Mittelsachen) muss umgedacht werden. Unter dem Motto »eine STARKE FRAUENgeschichte« kann der Besucher auf dem für 18,5 Millionen Euro sanierten Schloss Lebenswege von Frauen des 16. Jahrhunderts verfolgen. Mit der am 1. Mai eröffneten Schau dürfte sich das Bild der Reformation als einem rein männlich geprägten Ereignis verändern. Bis Oktober werden rund 50 000 Besucher erwartet.

Insgesamt rund 300 Exponate zeigt die Reformationsausstellung, vor allem Gemälde und Dokumente. Foto: epd-bild

Insgesamt rund 300 Exponate zeigt die Reformationsausstellung, vor allem Gemälde und Dokumente. Foto: epd-bild

Im Fokus stehen unangepasste und lange Zeit vergessene Frauen der Reformation. Eine Ausnahme ist wohl Luthers Frau, die weithin bekannte Katharina von Bora (1499–1552). Die Ausstellung würdigt die ehemalige Nonne als Teil der reformatorischen Bewegung. Zu sehen sind etwa drei Kopien des Eherings der »Lutherin« aus Gold und Rubin von 1525 und ein Teil des Weihwasserbeckens aus dem Kloster Nimbschen bei Grimma, wo sie einst lebte.

Im Zentrum der Schau aber steht Herzogin Elisabeth von Rochlitz (1502 bis 1557), die vor Ort zwischen 1537 und 1547 wirkte und eine der einflussreichsten Frauen der reformatorischen Aufbruchszeit war. Die Tochter eines hessischen Landgrafen wurde bereits mit drei Jahren dem damals fünfjährigen Sohn Johann des sächsischen Herzogs Georg, einem Gegner der Reformation, versprochen. Im original erhaltenen Ehevertrag von 1505 sind zahlreiche Einzelheiten festgehalten. Kaum zu glauben, dass dieses Papier ihr später die persönliche Freiheit brachte. Denn Elisabeth überlebte ihren Mann und laut Vertrag durfte sie nach seinem Tod auf Schloss Rochlitz residieren. Die sogenannte Eheberedung würde heute rund zehn A4-Seiten füllen, sagt der Dresdner Historiker André Thieme. Vor allem wegen seiner Ausführlichkeit sei das Pergament so wertvoll.

Im Prolog der Ausstellung wird aber auch der zeitgenössische Protest aufgegriffen, etwa der von Femen in Paris. Nicht zuletzt erklären bewegte Comics die Errungenschaften der Reformation kurzweilig und witzig, auf eine angenehm unkonventionelle Weise. Hier wird Geschichte mit Strichmännchen verständlich erzählt. Auch Elisabeths Leben ist mit einem Comic animiert.

Insgesamt rund 300 Exponate zeigt die Reformationsausstellung auf rund 1 300 Quadratmetern. 200 Originale sind zu sehen, darunter vor allem Gemälde und Dokumente. 83 Leihgeber haben sich beteiligt.

Inhaltliche Grundlage der Präsentation sind zahlreiche überlieferte Briefe der Herzogin. Dabei stehe die Erforschung ihrer Korrespondenz erst am Anfang, sagt Thieme. Schätzungsweise 10 000 Briefe der Reformatorin, die für brisante Botschaften sogar eine Geheimschrift entwickelte, seien erhalten. Empfänger ihrer Schreiben waren etwa die mächtigsten Fürsten der damaligen Zeit.

Die wissenschaftliche Aufbereitung ist Thieme zufolge eine »Herkulesaufgabe«. Bisher seien erst etwa 200 Briefe ediert. Sie seien jedoch eine »fantastische Quelle für den höfischen Alltag und die damalige Mentalität«. Zugleich ermöglichten die Briefe eine späte Rehabilitierung der Elisabeth von Rochlitz, die 1537 in ihrem Gebiet die Reformation einführte.

Ein Höhepunkt der Ausstellung ist der Raum, wo die Reformatorin vermutlich ihre Texte verfasst hat. Neben einigen Originalen werden auch ihre einflussreichen Adressaten vorgestellt. »Die Briefe werden eine steile Karriere machen«, ist Thieme überzeugt. »Es wird keine Geschichte der Reformation mehr geben ohne die Elisabeth und ihre Briefe.«

Die Schau widmet sich auch der neuen Kunst der Reformationszeit, eine Folge veränderter Rollenbilder der Geschlechter. Die Frau als Verführerin spiele eine Rolle oder etwa die Familie als ein Ergebnis der reformatorischen Bewegung, so Kurator Dirk Welich. Auffallend für diese Zeit seien zahlreiche Darstellungen der biblischen Heldin Judith, die durch verführerische List dem assyrischen Heerführer Holofernes den Kopf abschlug und so eine ganze Stadt vor der völligen Zerstörung bewahrte. Zu sehen sind mehrere Judith-Gemälde, darunter von Lucas Cranach d. Ä. (1472 bis 1553), aber auch Darstellungen der Heldin auf Alltagsgegenständen wie Ofenkacheln oder Bierkrügen.

Katharina Rögner (epd)

Die Ausstellung »eine STARKE FRAUENgeschichte – 500 Jahre Reformation« auf Schloss Rochlitz ist vom 2. Mai bis 31. Oktober, täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Außergewöhnlich für ihre Zeit

23. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Frauen der Reformation: Felicitas von Selmnitz (1488 bis 1558)

Felicitas von Selmnitz‹ Leben als Adlige verlief zunächst in geordneten Bahnen. Sie wurde 1488 in Liederstedt in der Nähe von Allstedt an der Un­strut geboren. Ihr Vater und später ihr Mann waren Verwalter des Kurfürsten von Sachsen auf Schloss Allstedt. Nach ihrer Hochzeit mit dem Witwer Wolf von Selmnitz 1507 lebte Felicitas von Selmnitz mit ihrer Familie auf der Vitzenburg.

Vier ihrer Kinder starben frühzeitig. Da ihr Mann aufgrund seiner finanziellen Verpflichtungen als Oheim seiner Neffen die Vitzenburg verpachten musste, zog die Familie 1516 in ihr Anwesen nach Glaucha bei Halle.

Als ihr Mann 1519 auf einer Hochzeit hinterrücks erstochen und sie mit 31 Jahren Witwe wurde, kamen die gewohnten Lebensstrukturen ins Wanken.

Noch im selben Jahr floh sie mit ihren Söhnen vor der Pest und musste erleben, dass zwei daran starben. Nun war sie mit ihrem zweitgeborenen Sohn Georg allein.

Glücklicherweise half ihr Schwager Bastian von Selmnitz beim Durchsetzen ihrer Witwenansprüche – die Neffen verweigerten ihre Oheimpflichten gegenüber ihrem Sohn Georg. 1520/21 zog sie mit ihrem Sohn endgültig in ihr Anwesen nach Glaucha und schickte ihn mit 13 Jahren auf die Schreib– und Rechenschule nach Halle. Von ihm lernte sie mit 35 Jahren das Lesen und Schreiben.

Elisabeth Opitz, die Autorin des Beitrages als Felicitas von Selmnitz bei der Eröffnung des Feicitas- von-Selmnitz- Hauses Ende Januar in Halle. Foto: Burkhard Dube

Elisabeth Opitz, die Autorin des Beitrages als Felicitas von Selmnitz bei der Eröffnung des Feicitas- von-Selmnitz- Hauses Ende Januar in Halle. Foto: Burkhard Dube

Es ist anzunehmen, dass Felicitas die politische Lage sehr bewegte, waren doch ihr Schwager Bastian von Selmnitz und ihre Stieftöchter bereits 1521 zum neuen reformatorischen Glauben übergetreten. Auch hatte sie durch Thomas Müntzer, der für ein Vierteljahr als Hilfsprediger am Zisterzienserkloster in Glaucha angestellt war, viele Glaubenseinsichten gewonnen. Zu Weihnachten 1522 ließ sie sich mit ihrem Sohn durch Thomas Müntzer das Abendmahl in beiderlei Gestalt geben. Damit bekannte sie sich offiziell zum reformatorischen Glauben.

Wie glücklich mag sie dann gewesen sein, in den Besitz von Luthers Übersetzung des Neuen Testamentes – dem sogenannten Septembertestament – zu kommen und es auch noch selber lesen zu können! So musste sie wohl aus tiefstem Herzen und mit Freude all die Lesespuren hinterlassen haben, die wir heute in einigen der verbliebenen 362 Bücher aus dem Besitz ihrer Familie in der Marienbibliothek zu Halle finden können.

Als sie ihrem Neffen 1528 auf dem Sterbebett das Abendmahl in beiderlei Gestalt reichen ließ, drang Kardinal Albrecht sie, ihrem Glauben abzuschwören oder die Stadt zu verlassen. Obwohl Martin Luther in einem Brief ihr riet auszuhalten, floh sie im Frühjahr 1528 nach Wittenberg, wo sie sich sicher fühlte. Ihr Sohn immatrikulierte sich 1529 an der Universität.

Durch die Studien der reformatorischen Schriften konnte Felicitas von Selmnitz Anteil an den Disputen der Reformatoren nehmen und war eine hoch angesehene Frau in deren Freundeskreis. Sie übernahm Patenämter in den Familien Luther, Jonas, Bugenhagen und Cruciger. Buchgeschenke und Widmungen von Justus Jonas und Martin Luther geben Zeugnis davon. So können wir in der Lutherbibel die eigenhändige Widmung Luthers nachlesen: »Der Erbarn tugendsamen frawen felicitas von Selmenitz meiner Lieben gevattern.«

Im Jahr 1547 kehrte Felicitas von Selmnitz nach Halle zurück, da ihr Sohn eine Anstellung in Merseburg fand. Mit 70 Jahren starb sie am 1. Mai 1558.

Ihr Sohn erwarb auf dem Stadtgottesacker in Halle eine Grabstelle und ließ dort ein Epitaph für sie, seinen Vater und seine schon früh verstorbenen Geschwister errichten, der noch heute zu sehen ist.

Elisabeth Opitz

Zwischen Idyll und Sündenfall

16. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Farbenmagier und Nazi-Emil – die Emil-Nolde-Retrospektive weicht auch den dunklen Seiten nicht aus

Das treffendste Wort für die Beschreibung von Leben und Werk des Malers Emil Nolde ist wohl in der Tat »Vielschichtigkeit«. Eine große Retrospektive in Frankfurt geht diesen Schichten nach und fördert durchaus auch Dunkles zutage.

Als Hans Emil Hansen wurde er am 7. August 1867 im Dorf Nolde im deutsch-dänischen Grenzgebiet geboren. Später nannte sich der Künstler nach seinem Geburtsort Emil Nolde. Sein Malstil, der Züge des Impressionismus mit dem expressiven Ausdruck der klassischen Moderne vereint, begeistert bis heute ein großes Publikum. »Der große Farbenmagier« wurde er genannt, der in kühnen Farbkompositionen Blumen und Gärten, die große Weite des Himmels und das Ungestüm des Meeres seiner schleswig-holsteinischen Heimat, aber auch Figuren und Porträts auf den Malgrund bannte.

Nolde selbst kokettierte damit, dass die Bibel das einzige Buch sei, welches er je ganz gelesen habe. Das Gemälde  »Verlorenes Paradies« entstand 1921. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

Nolde selbst kokettierte damit, dass die Bibel das einzige Buch sei, welches er je ganz gelesen habe. Das Gemälde »Verlorenes Paradies« entstand 1921. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

Schon zu Lebzeiten gehörte Nolde zu den ebenso umstrittenen wie erfolgreichen Künstlern. Seit 1915 huldigten jährliche Ausstellungen seinem Werk, in der Zeit der Weimarer Republik gehörte er zu den bekanntesten und bestverkauften Künstlern des Landes. Seine Bilder wurden nicht nur von Privatsammlern erworben, auch in Museen und öffentlichen Sammlungen hielten sie Einzug.

Facetten seines Werkes widmen sich bis heute nicht nur die jährlichen Ausstellungen in seinem letzten Wohnort Seebüll im äußersten Norden Schleswig-Holsteins. Mit der jetzt im Städel-Museum in Frankfurt am Main eröffneten Retrospektive allerdings wird erstmals seit mehreren Jahrzehnten ein Gesamtüberblick über das Lebenswerk gegeben. Mehr als 110 Gemälde, Aquarelle und Druckgrafiken, davon viele erstmals außerhalb Seebülls oder von Privatsammlungen ausgestellt, zeigen die Vielschichtigkeit des Lebenswerkes wie auch der inhaltlichen Thematik.

Einen wichtigen Platz nehmen dabei Noldes religiöse Bilder ein. Gleich drei Säle widmen sich den vom Neuen Testament inspirierten Bildern. Für Nolde selbst waren sie ein »Markstein« seiner Kunst. Entstanden nicht als Metaphern, sondern als Ausdruck »persönlicher Offenbarung« und »leibhaftigen Erlebens«. Auch wollte er damit bewusst einer Verengung seiner öffentlichen Wahrnehmung als »Blumen- und Landschaftsmaler« entgegenwirken.

»Großer roter Mohn«: In seinen letzten Lebensjahren bis 1956 entstanden vor allem wundervolle Aquarelle. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

»Großer roter Mohn«: In seinen letzten Lebensjahren bis 1956 entstanden vor allem wundervolle Aquarelle. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

Das besondere Verdienst der Frank­furter Ausstellungsmacher aber ist wohl, in den Begleittexten und -veranstaltungen auch die dunklen Schichten in Noldes Leben nicht auszublenden. Geprägt von einer stark deutsch-nationalistischen Haltung fand er ebenso wie seine dänische Ehefrau Ata erhebliche Schnittmengen mit der Ideologie des Nationalsozialismus. Nicht nur, dass Nolde wie mache anderen Intellektuellen und Künstler Deutschlands die Machtergreifung Hitlers voller Enthusiasmus begrüßten. Nein, gern wäre er mit seiner nach eigener Aussage »wahrhaft deutschen Kunst« zum künstlerischen Paladin der Diktatur geworden. Was zunächst gar nicht ausgeschlossen schien, gehörten doch auch Nazigrößen zu seinen Verehrern.

Dass sich im Streit um die nationalsozialistische Kunstpolitik letztlich Hitlers spießiger Geschmack durchsetzte, verhinderte dies allerdings nachhaltig. Noldes Werk wurde als »entartet« klassifiziert, seine Werke in Museen beschlagnahmt. In der von Goebbels inszenierten Femeschau »Entartete Kunst« war Nolde prominent vertreten.

Was freilich dessen Begeisterung für Hitler keinen Abbruch tat, sondern das NSDAP-Mitglied Nolde immer wieder neu um seine Rehabilitierung kämpfen ließ. Kaum auszuhalten ist es, wenn er etwa seinen künstlerischen Konflikt mit Max Liebermann und der Berliner Sezession von 1910 zum »Kampf gegen die Vorherrschaft des Judentums in der deutschen Kunst« stilisierte. Selbst vor antisemitischer Denunzierung seines Malerkollegen Max Pechstein schreckte Nolde nicht zurück.

Was spricht angesichts solcher Verirrungen eigentlich noch für Nolde? Zum einen die Tatsache, dass der um Anerkennung Buhlende dennoch seinen den Nazis so verhassten Malstil nicht änderte. Und dann natürlich die Fülle seiner wunderbaren Bilder, die den Weg nach Frankfurt allemal lohnen.

Harald Krille

Die Ausstellung «Emil Nolde. Retrospektive» ist bis zum 15. Juni 2014 dienstags, mittwochs, sonnabends und sonntags von 10 bis 18 Uhr sowie donnerstags und freitags von 10 bis 21 Uhr im Städel-Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main, zu sehen. Zur Ausstellung sind ein Katalog und ein Begleitheft erschienen

Webfilm zur Ausstellung

www.staedelmuseum.de

Mutter der Collage

3. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Herzoglichen Museum wird an die vor 125 Jahren in Gotha geborene Hannah Höch erinnert

Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands«, lautet der Titel ihres vielleicht bekanntesten Werkes, das 1920 auf der Ersten Internationalen Dada-Messe in Berlin gezeigt, später zu einer Art »Ikone des Dadaismus« wurde und inzwischen in der Deutschen Nationalgalerie Berlin hängt: Hannah Höch (1889–1978). Sie war die erste Dadaistin und gilt als Wegbereiterin der Collage.

Hannah Höch: Vor der Kathedrale, 1950, Collage auf Karton. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Lutz Ebhardt

Hannah Höch: Vor der Kathedrale, 1950, Collage auf Karton. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Lutz Ebhardt

Der 125. Geburtstag der aus Gotha stammenden Künstlerin bietet den äußeren Anlass, ihr facettenreiches Werk stärker ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen und in umfangreichen Ausstellungen zu würdigen. Den Anfang machte im Januar die Londoner Whitechapel Gallery, in der bis 23. März mehr als 100 Arbeiten aus dem 60-jährigen Schaffen der Künstlerin gezeigt werden.

Unter dem Titel »Hannah Höch – Aufbruch in die Moderne« folgte Mitte Februar das Herzogliche Museum ihrer Geburtsstadt mit einer Auswahl, die von frühen Versuchen bis hin zu späten Kreationen reicht und bis 4. Mai zu sehen ist. Auch das dritte Themenjahr der »Dada-Dekade 2022« ist der Jubilarin gewidmet. Es steht unter dem Motto »Hoch – Höher – Höch! Dada mit Hannah aus Gotha« und gipfelt am 10. Mai in einem klingenden Umzug durch die Residenzstadt.

Hannah Höch verbrachte die ersten 22 Jahre ihres Lebens in Gotha. Danach ging sie nach Berlin, um sich ganz der Kunst zu widmen. Dort lernte sie 1915 den bereits verheirateten Raoul Hausmann kennen und ging mit ihm eine siebenjährige Liebesbeziehung ein. In dieser Liaison entwickelten sie stilistisch die Fotomontage. Diese erschien ihnen als geeignetes Mittel, den politischen Zeiterscheinungen mit Spott zu begegnen und bissig den Geist der Zeit zu attackieren.

Für Hannah Höch war die Collage ein Arbeitsmittel, das sie durchgängig bis in ihre späten Jahre nutzte. Zu den Glanzlichtern gehört dabei das 1950 entstandene Bild »Vor der Kathedrale«. Den besonderen Reiz der Gothaer Ausstellung macht aus, dass nicht nur die Avantgardistin Hannah Höch zu erleben ist, sondern auch die bodenständige Zeichnerin und Malerin, die es schon in jungen Jahren verstand, Motive aus der Natur und dem Alltag stimmungsvoll mit Farbstiften, Tusche oder Pastellkreide »einzufangen«.

Besonders eindrucksvoll ist das Aquarell »Fackelzug« (1906/08), das eine in Richtung Horizont wegziehende Menschenmenge zeigt.

Michael von Hintzenstern

Herzogliches Museum Gotha, Bis 4. Mai, täglich 10 bis 16 Uhr, ab 1. April: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr

Ausflug in die Belle Époque

18. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung in Jena widmet sich der Schönheit

Was ist schön? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Ausstellung »Frauenschönheit. Ideal und Wirklichkeit in der Belle Époque« im Stadtmuseum Jena. Als Belle Époque werden die 30 Jahre etwa zwischen 1884 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 bezeichnet. Eine Zeit des Umbruchs, der Erneuerung, der Suche nach dem Schönen. Schön ist, wer gesund, natürlich und schlank ist, so die Antwort in dieser Epoche auf die Frage nach Schönheit. Wie die Präsentation veranschaulicht, hat das aktuelle Schönheitsideal seine Grundlage in der Belle Époque. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erwacht das Interesse am menschlichen Körper, an seiner ästhetischen Vervollkommnung und Pflege. Lebensreformer, Künstler und Mediziner entdeckten den Körper in einem ganzheitlichen Sinn und sagten der körperfeindlichen Haltung, wie sie im Wilhelminischen Zeitalter bestimmend war, den Kampf an. Dieser galt beispielsweise einem Kleidungsstück, dem Korsett, in das sich Frauen zwängten, um dem damaligen Schönheitsideal zu entsprechen.

Hammelkeulenkleid auf einem Modeblatt, 1896. Foto: Stadtmuseum Jena

Hammelkeulenkleid auf einem Modeblatt, 1896. Foto: Stadtmuseum Jena

Die Lebensreformer und Künstler der Belle Époque orientierten sich an den griechischen Skulpturen der Antike, die sie als Vorbilder für Schönheit betrachteten.

Während bis Anfang des 20. Jahrhunderts Frauen hochgeschlossene Kleider trugen, unbedeckte Körperteile tabu waren, so änderte sich dies in der Belle Époque. Der natürliche nackte Körper sollte als schön betrachtet und enthüllt werden. Es etablierten sich Kulturveranstaltungen, in denen nackte Frauen als »lebender Marmor« auftraten. Sie trugen ein weißes Ganzkörper-Make-up und arrangierten sich in der Stellung antiker Statuen. Zu den Möglichkeiten der Abbildungen wie Malerei und Bildhauerei gesellte sich die Fotografie. Mit der Einführung der Postkarte wurden 1870 die Voraussetzungen geschaffen, Akte auf Fotografien auch einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Mit dem neuen Bewusstsein für den Körper entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Bewegung, für die rationelle Schönheitspflege sowie Leibesertüchtigung eine große Rolle spielten. Wie die Schau zeigt, eroberte eine umfangreiche Ratgeberliteratur über Körperpflege, Ernährung und Hygiene den Markt. Propagiert wurde eine Lebensweise, die viel Bewegung an der frischen Luft beinhaltete. Um gesund, schön und schlank zu sein, wurden den Frauen Sportarten wie Bergsteigen, Schwimmen und Tennis empfohlen.

In diesem Zusammenhang weist die Ausstellung auch auf rassistische Gesichtspunkte im Nationalsozialismus.

Zwei Räume laden zu einer amüsanten Modenschau ein. Zur Frauenmode der Belle Époque gehörte die Turnüre, ein halbkreisförmiges Gestell über dem Gesäß. Eine solche ist in der Ausstellung zu betrachten ebenso wie Blusen mit Ballonärmeln und Hammelkeulen.

Anlass für die Ausstellung in Jena ist eine große Sammlung an Kleidern und Textilien aus der Jahrhundertwende. Um diese zeigen zu können, begab sich das Stadtmuseum auf die Suche nach dem weiblichen Schönheitsideal dieser Zeit. Eingeladen wird zu einem aufschlussreichen und vergnüglichen Ausflug in die Belle Époque, die von einem Wandel der Werte und Normen gekennzeichnet war.

Sabine Kuschel

Blühende Alltagsfrömmigkeit des Mittelalters

8. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Faszinierende Einblicke in den Vorabend der Reformation: die Ausstellung »Umsonst ist der Tod« in Mühlhausen

Mit einem Hieb wurde die Hand vom Körper getrennt. Bleiche Knochen, stellenweise mumifiziert, fordern noch heute, Jahrhunderte später, die Bestrafung einer Untat, die sich wohl einst bei Wippra (Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda) ereignete.

»Das ist die Hand eines Getöteten, ein Leibzeichen.« Hartmut Kühne zeigt auf das ausgestellte Kästchen: »Vom Opfer abgenommen, war es vor einem mittelalterlichen Gericht der Beweis für den Rechtsanspruch. In ihm war der Tote sozusagen selbst vertreten.« Wurde ein Schuldspruch gefällt, habe der Mörder das Leibzeichen auch standesgemäß beerdigen müssen. Das geschah bei dieser Hand aber nicht. »Da hat man vor 500 Jahren den Täter wohl nicht gefunden«, stellt der Kirchenhistoriker fest.

Votivgabe nach Befreiung: Kurator Hartmut Kühne erläutert die Bedeutung der Ketten aus Bad Wilsnack. Foto: Matthias Hemmann

Votivgabe nach Befreiung: Kurator Hartmut Kühne erläutert die Bedeutung der Ketten aus Bad Wilsnack. Foto: Matthias Hemmann

Kühne hat als Kurator das Forschungsprojekt der drei mitteldeutschen Länder »Alltag und Frömmigkeit am Vorabend der Reformation« verantwortet. Bei Fahrten in die ländlichen Regionen Thüringens, Sachsens und Sachsen-Anhalts trug er viele Exponate zusammen, die über ein halbes Jahrtausend in den Archiven und Pfarrämtern, auch auf manchem Kirchenboden unbeachtet überdauerten. In Mühlhausen werden sie erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Sie geben der am 29. September eröffneten Ausstellung »Umsonst ist der Tod« ihren Charakter, will diese die Blicke doch nicht so sehr auf herausragende Funde lenken. Stattdessen präsentiert Hartmut Kühne eher Dinge des Alltags, wie etwa eiserne Ketten aus Bad Wilsnack. In Ketten gelegt, sah sich mancher einem ungewissen Schicksal entgegen – und erbat Hilfe an wundertätigen Orten. Wurde er befreit, suchte er den Wallfahrtsort wieder auf, um dort voller Dankbarkeit seine Ketten abzulegen.

Interessant ist auch ein sogenannter Auffahrts-Christus mit beweglichen Armen. Während der Messe am Himmelfahrtstag zur Kirchendecke hinaufgezogen, verschwand die Figur dort durch eine Öffnung, womit der versammelten Gemeinde die Himmelfahrt Jesu verdeutlich wurde.

Insgesamt basiert die Schau auf der Grundthese der neuesten Geschichtswissenschaft, dass es falsch sei, die Reformation als Folge eines Niedergangs von Kirche und Frömmigkeit anzusehen. »Den gab es nicht«, betont Thomas T. Müller, Direktor des Mühlhäuser Museums am Lindenbühl: »Leider ist bei uns im Mutterland der Reformation diese Meinung noch weit verbreitet.« Er verweist auf die Ergebnisse des Forschungsprojektes zur religiösen Praxis, zu Prozessionen, kirchlichem Alltag und Ablasswesen in den Jahren um 1500: »Man geht heute davon aus, dass es damals eine blühende Alltagsfrömmigkeit gab, aus der heraus sich die Reformation entwickeln konnte.«

Matthias Hemmann

Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft der evangelischen und katholischen Bischöfe der beteiligten Länder und ist bis zum 13. April 2014 im Mühlhäuser Museum am Lindenbühl zu sehen, danach in Leipzig und Magdeburg.
Öffnungszeiten: Di–So, 10–17 Uhr

www.umsonstistdertod.de

»Die entweihte Kirche«

9. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung in der Quedlinburger Stiftskirche erinnert an Vertreibung der Kirchengemeinde

Mit einem Gottesdienst wurde in der Quedlinburger Stiftskirche die Ausstellung eröffnet. Foto: Chris Wohlfeld

Mit einem Gottesdienst wurde in der Quedlinburger Stiftskirche die Ausstellung eröffnet. Foto: Chris Wohlfeld

Die entweihte Kirche«, heißt eine Ausstellung in Quedlinburg, die am Ostermontag in der Stiftskirche St. Servatius eröffnet wurde. Sie erinnert an die Vertreibung der Kirchengemeinde St. Servatii aus ihrem Gotteshaus durch die SS. Ostermontag 1938 feierte die Gemeinde dort ihren letzten Gottesdienst. Dann übernahm die SS die Schlüsselgewalt. SS-Führer Heinrich Himmler wollte die Stiftskirche zu einer Kult- und Wallfahrtsstätte für das ganze deutsche Volk machen. Ohne Wissen und Mitwirkung der Gemeinde sei der Vertrag über die künftige Nutzung der Kirche geschlossen worden, erläutert Ekkehard Steinhäuser, der heutige Pfarrer. Die Kirchenführung sei der Gemeinde in den ­Rücken gefallen, die Denkmalpfleger hätten mit den braunen Machthabern paktiert. »Das Kreuz wurde abgehängt, die Bibeln verschwanden, vom Turm der Kirche wehten die Fahnen der SS«, umreißt er die Situation vor einem Dreivierteljahrhundert.

Nach acht schrecklichen Jahren feierte man erst am 3. Juni 1945 wieder einen Gottesdienst. Die Schau in der Kirche schlägt den Bogen von Heinrich I. über den Staatsakt der NS-Prominenz am 2. Juli 1936 zu dessen 1000. Todestag, über Entweihung und Vertreibung bis zum Aufbau eines Kulttempels brauner Ideologie. Neben Text- und Fotomaterial werden in Vitrinen die Rede Himmlers, das Programm zur 1000-Jahr-Feier und Briefe gezeigt. Dazu kommen die Originaltagebücher des damaligen Pfarrers der Stiftskirche, Rudolf Hein.

Pfarrer Steinhäuser, Theologischer Vorstand der Domschätze Halberstadt und Quedlinburg, publiziert zur Ausstellung ein gleichnamiges Buch, das anhand bisher unerschlossenen Archivgutes die gesamte Verstrickung bei der »feindlichen Übernahme des Gotteshauses« dokumentiert.

In den Archiven fand Steinhäuser die Schriftwechsel des damaligen ­Superintendenten Johannes Schmidt, des Konsistoriums in Magdeburg und des Oberkirchenrats in Berlin mit den Reichsbehörden, insbesondere der SS. In diesen Akten werde deutlich, was sich zwischen Juli 1936, der Heinrichsfeier der SS, und Ostern 1938, der Vertreibung der Kirchengemeinde aus der Stiftskirche in Quedlinburg, abspielte.

Die Ausstellung konzipierte der Historiker Steffen Jindra. Das Thema Heinrich I., das Treiben der SS und Heinrich Himmlers beschäftigten ihn seit 15 Jahren immer stärker. Kritisch merkt der Filmemacher an, dass »keine dunkle Macht plötzlich auf Quedlinburgs Stiftskirche hinunterstürzte, niemand wurde mit Peitschen getrieben. Es war kein Alleingang Himmlers. All das gelang nur, weil alle an einem Strang zogen.« Der Großteil der Quedlinburger standen den Tätern zur Seite oder »ließen es lethargisch geschehen«. Jindra fügt an: »Widerstand war in Quedlinburg die absolute Ausnahme.«

Was damals an der Stiftskirche geschah, sei »ein Drama ohne Helden« gewesen. »Hier mischten sich Täter, Opportunisten, Mitläufer und Gleichgültige.«

Uwe Kraus

Reise in die Welt der Musik

19. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Kloster Michaelstein bei Blankenburg im Harz präsentiert auf moderne Weise Instrumente und ihr Umfeld

Nach zweijähriger Umgestaltung der ehemaligen Zisterzienserabtei lädt die Stiftung Kloster Michaelstein wieder zum Besuch ein. »KlangZeitRaum – Dem Geheimnis der Musik auf der Spur« heißt die Ausstellung.

Kater Michel hat deutliche Spuren hinterlassen. Die Tapsen führen Kinder zu drehbaren Holzscheiben, hinter denen sich in der neuen Musikausstellung im Kloster Michaelstein kleine Rätsel oder ­zusätzliche Informationen verbergen. Kater Michel macht es den lesekundigen entdeckungsfreudigen Steppkes leichter, der Versuchung zu widerstehen, Instrumente anzufassen, die nur zum Betrachten ausgestellt sind. Aber einige dürfen die Besucher auspro­bieren.

Auf der unterhaltsamen Zeitreise erfahren die Museumsbesucher gleich zu Beginn des Rundgangs Details aus der ­Geschichte der Musikinstrumente, die nicht jedem geläufig sind. Foto: Kloster Michaelstein/Norbert Perner

Auf der unterhaltsamen Zeitreise erfahren die Museumsbesucher gleich zu Beginn des Rundgangs Details aus der ­Geschichte der Musikinstrumente, die nicht jedem geläufig sind. Foto: Kloster Michaelstein/Norbert Perner

Nach zweijähriger Bauzeit am Nord- und Westflügel der ehemaligen Zisterzienserabtei, während der die Sammlung historischer Instrumente nicht zugänglich war, lädt die Stiftung Kloster Michaelstein bei Blankenburg im Harz wieder zum Ausstellungsbesuch ein. Die Zwangspause und die rund 5,5 Millionen Euro teuren Bauarbeiten zur Umgestaltung des 900 Jahre alten Klosters haben sich gelohnt. Entstanden ist im alten Gemäuer ein freundlicher und großzügiger Eingangsbereich mit allen Annehmlichkeiten eines modernen Museums und eine unterhaltsame Musikausstellung, die historische Instrumente und heutige Präsentationsweise wunderbar verbinden. »KlangZeitRaum – Dem Geheimnis der Musik auf der Spur« heißt die Ausstellung.

Gleich zu Beginn lädt die Zeitmaschine ein zur Reise in die Vergangenheit. Der Besucher kann wählen, wohin er »reisen« möchte. Auf einer Leinwand zu seinen Füßen erscheinen zeitgenössische Illustrationen und an den Schallbechern ist ein angenehm kurzer Abriss aus der Musikgeschichte zu hören. Erfreulich, dass dabei weniger bekannte Themen wie die Wandlung der hölzernen zur metallenen Querflöte oder die Entwicklung des Saxofons erzählt werden. Die Hörmuscheln hängen für kleinere Leute noch zu hoch, doch das wird demnächst ebenso geändert wie die Höhe der Schalltrichter im Hörgang. Hier sind Anekdoten aus der Musikwelt mit Klangbeispielen zu erlauschen.

Überhaupt geht die neue Ausstellung weit über das bloße Präsentieren der Instrumente hinaus. Besonders augenfällig ist das im »Salon«. Er ­empfindet einen Berliner Salon des 19. Jahrhunderts nach, in dem Fanny Hensel, die Schwester Felix Mendelssohn Bartholdys, auftritt. Sie ist ebenso wie ihr Gast Franz Liszt als ­Figurenstele präsent, Bilder liefern die Inneneinrichtung und an einer Wand können Gespräche »belauscht« sowie Musik gehört werden.

Ursprung der Ausstellung ist die Musikinstrumentensammlung. Das Sammeln begann 1977 mit der Gründung der Kultur- und Forschungsstätte Michaelstein durch Eitelfriedrich Thom. 1988 erfolgte eine Zustiftung von 500 Instrumenten aus dem Nachlass des Potsdamer Restaurators Peter Liersch. Seitdem wurde im Westflügel eine ständige Ausstellung von historischen Musikinstrumenten aus einem Bestand von etwa 900 Stücken gezeigt; thematische Führungen, Konzerte und Musikinstrumentenbausymposien ergänzten das Programm.

Nach der Zustiftung wurde die Sammlung stetig erweitert, unter anderem durch gezielte Ankäufe für die Gestaltung der neuen Ausstellung. So ist zum Beispiel ein Serpent zu sehen, ein schlangenförmiges Blasinstrument. Musikautomat, Lochplatten-Spieldose oder Mundharmonika gehören zum Bestand.

Sie sind mit erläuternden Texten versehen, die der Besucher aber nicht alle lesen muss, um mit Vergnügen durch die Räume zu wandeln. Denn den Ausstellungsmachern ist das Kunststück gelungen, tatsächlich vor allem die Musik zu präsentieren. Reizvoll die Modelle der Mechanik, wie sie in den Tasteninstrumenten im Laufe der Jahrhunderte entwickelt wurden. An Cembalo und Clavichord dürfen die Besucher sie sogar selbst ausprobieren. Nicht minder anregend die selbst spielenden Instrumente, denen Walzen oder Lochstreifen den Takt ­geben. Eine kleine Spieldose an der Wand lädt zum Kurbeln ein. Kater ­Michel weist den Kindern den Weg. Aber nicht nur die freuen sich, dem Geheimnis der Spieluhr auf die Schliche zu kommen.
Und wer im Museum gern wissen möchte, wie die freundlich-hellen Räume genutzt wurden, als das Gemäuer noch Kloster war, der findet ­einen Grundriss mit Erläuterungen
an der Wand.

Kloster Michaelstein bietet auch nach dem Umbau Konzerte sowie Probenmöglichkeiten und Seminare an.

Renate Wähnelt

Öffnungszeiten: April bis Oktober: täglich 10 bis 18 Uhr; November bis März: Dienstag bis Sonnabend 14 bis 17 Uhr, Sonn- und Feiertag 10 bis 17 Uhr

www.kloster-michaelstein.de

Die Künstler und der Tod

11. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Die Schirn-Kunsthalle Frankfurt zeigt, wie unterschiedlich Künstler auf den kommenden Tod reagiert haben

Wie malt ein Künstler, wenn das Lebensende naht? Die Ausstellung »Letzte ­Bilder. Von Manet bis ­Kippenberger« in Frankfurt gibt ­darüber Aufschluss.

Berühmt sind beide Impressionisten, beide wählten Blumen als Motive, aber wie unterschiedlich sind ihre letzten Bilder: Während Claude Monet (1840–1926) seine Seerosenbilder wandgroß werden ließ, in denen die Pflanzen in gelb-grün oder blau leuchtenden Farben ihre Formen verschwimmen lassen, malte Édouard Manet (1832–1883) die Blumensträuße, die er ans Krankenbett gebracht bekam, in kleinen Formaten ganz konkret und genau ab, rote Pfingstrosen, cremefarbene Rosen und gelbe Tulpen in ihren Vasen.

Ausstellung in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt am Main: Frau sitzt vor dem Bild »Das letzte Abendmahl (Camel/57)« von Andy Warhol, 1986. Foto: epd-bild

Ausstellung in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt am Main: Frau sitzt vor dem Bild »Das letzte Abendmahl (Camel/57)« von Andy Warhol, 1986. Foto: epd-bild

»Es gibt keinen typischen Altersstil oder ein typisches Spätwerk«, sagt die Kuratorin der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt am Main, Esther Schlicht. »Künstler gehen ganz unterschiedlich mit ihrem nahenden Lebensende um.« Dies macht die Ausstellung »Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger« deutlich, die in der Schirn ­gezeigt wird. 100 Werke vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart werden bis 2. Juni präsentiert. Darunter befinden sich Arbeiten von Alexej von Jawlensky, Henri Matisse, Giorgio de Chirico, Willem de Kooning und Andy Warhol.

Für die Auswahl war für Schlicht ausschlaggebend, dass die Arbeiten herausragend sind und Antworten geben auf die Frage nach der Vollendung eines Lebenswerkes. Die Werke erhellen unterschiedliche Facetten ­eines Künstlers im Angesicht des Todes wie eine neu gewonnene Freiheit, Neuausrichtung, Rückbesinnung auf die eigenen Anfänge oder stoisches Beharren.

In der Schau sind die Arbeiten von jeweils zwei Künstlern in ­einem Raum gegenübergestellt und sollen sich gegenseitig interpretieren.

Experimentierfreudigkeit in ihrem Alterswerk zeigen sowohl Henri Matisse (1869–1954) als auch Willem de Kooning (1904–1997). Von Matisse zeigt die Schirn Bilder des Künstlerbuchs »Jazz«, deren Collagetechnik er krankheitsbedingt erfand und die eine heitere Lebensfreude ausstrahlen. Auch die wandgroßen Gemälde des an Alzheimer erkrankten de Kooning mit ihren abstrakten Formen in vornehmlich roten und gelben ­Farben markieren einen heiteren Neubeginn.

Ganz anders die letzte Werkphase von Alexej von Jawlensky (1864–1941): Die als »Meditationen« bekannten, ikonenhaften und jahrelang variierten kleinformatigen Bilder wurden zum Lebensende immer dunkler. Der Maler war nahezu gelähmt und von den Nationalsozialisten mit Arbeitsverbot belegt. Ihnen gegenüber ist der letzte Film des US-amerikanischen Experimentalfilmers Stan Brakhage (1933 bis 2003) »Chinese Series« zu sehen, der ähnlich schwer von Krankheit gezeichnet, im Liegen mit den Finger­nägeln zeichenhafte Formen in einen schwarzen Filmstreifen kratzte.

Anders verhält es sich mit Werken, die unerwartet zu den letzten wurden: Nachdem Andy Warhol (1928–1987) den Bildzyklus »Das letzte Abendmahl« geschaffen hatte, starb er überraschend. So wurde das Bild des Abschied nehmenden Jesus Christus im Kreis seiner Jünger zum künstlerischen Vermächtnis Warhols. Variation und Wiederholung waren ebenso die Themen von Giorgio de Chirico (1888 bis 1978). Gegenüber Warhols Monumentalbild hängen Spätwerke von ihm, die mit ihren bunten, surrealistischen Motiven zeitgenössische Kunst mit Chiricos Frühwerk verbinden.

Das definitiv letzte Bild ist Gegenstand der Gegenüberstellung des US-amerikanischen Künstlers Ad Reinhardt (1913–1967) und des niederländischen Konzeptkünstlers Bas Jan Ader (1942–1975). Reinhardt fand das letztgültige Künstlermotiv im schwarzen Quadrat, das er in den letzten sechs Schaffensjahren in menschengroßen Bildern ausschließlich und immer wieder malte.

Tragisches Ende oder Absicht – Ader kehrte von seiner Arbeit unter dem Titel »Die Suche nach dem ­Wunderbaren« nie zurück. Sein erster Teil der Arbeit, kleine, schwarz-weiße Nachtaufnahmen aus Los Angeles und eine Installation aus 80 Dias und der Tonbandaufnahme einer Chorprobe, ist in der Schirn zu sehen. Als zweiten Teil nahm er sich eine Atlantiküberquerung in einem kleinen Einmann-Segelboot vor. Geborgen wurde Monate später nur das Wrack des Bootes, von dem Künstler fehlt jede Spur.

Jens Bayer-Gimm (epd)

Öffnungszeiten: Bis 2. Juni dienstags, freitags bis sonntags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs und donnerstags von 10 bis 22 Uhr. Ein Katalog ist erhältlich.

www.schirn.de

Figürlich, farbenprächtig, geheimnisvoll

8. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Die Kunstsammlungen Chemnitz zeigen Werke von Neo Rauch und seiner Ehefrau Rosa Loy

Die Ausstellung in Chemnitz ist eine Premiere, denn zum ersten Mal werden in Deutschland Bilder des Künstlerehepaares parallel präsentiert.

Er genießt weltweit Popularität. Seine Bilder hängen im Metropolitan Museum of Art in New York und im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Der Maler Neo Rauch, 1960 in Leipzig geboren, gilt international als bedeutender Maler seiner Generation und bekanntester Vertreter der »Neuen Leipziger Schu­le«. 2007 entwarf er unentgeltlich einen Bilderzyklus für drei Fenster in der Elisabethkapelle des Naumburger Doms. Rauchs Vorlagen wurden in ­rubinrotem Glas umgesetzt.

Seit Mitte Dezember präsentieren die Kunstsammlungen Chemnitz 13 großformatige Gemälde des renommierten Künstlers; entstanden sind sie in den Jahren 2002 bis 2012. Bei der Ausstellung handelt es sich um eine Premiere, denn gleichzeitig werden in gesonderten Räumen Bilder seiner Ehefrau Rosa Loy gezeigt. Es ist in Deutschland die erste Parallelausstellung des Künstlerpaares. Das erste Mal wurden Werke der beiden 2011 in der Sammlung Essl Klosterneuburg bei Wien gezeigt.

Die beiden Ausstellungen »Neo Rauch – Abwägung« und »Rosa Loy – Gravitation« in getrennten Räumen ermöglichen einen Einblick in das Schaffen beider Künstler.

Anlass für die Ausstellungen war das Vorhaben der Kunstsammlungen Chemnitz, ein Gemälde von Neo Rauch kaufen zu wollen. Das Bild »Abwägung«, das der Schau Neo Rauchs auch seinen Titel verleiht, ist eine Auftragsarbeit. Ab Frühjahr soll das Gemälde als Leihgabe im Ratssaal des Chemnitzer Neuen Rathauses hängen. An der Stirnwand des prunkvollen Saals ist in der eichenen Wandvertäfelung eine gerahmte Fläche ausgespart. Hier wird Rauchs Gemälde seinen Platz finden. Ursprünglich hingen an dieser Wand die Porträts von Kaiser Wilhelm II. und König Friedrich August von Sachsen.

Neo Rauchs Bild ist in leuchtenden Farben gestaltet. Er kombiniert Weinrot, Pink und Violett mit Grün und Gelb. Alle Figuren stehen in einem dunkelbraunen Raum, den gelbe, grü­ne und violette Lichter erhellen.

»Die Abwägung« – Das Ölgemälde im Großformat von Neo Rauch ist für das Chemnitzer Rathaus bestimmt. Fotos: Kunstsammlungen Chemnitz

»Die Abwägung« – Das Ölgemälde im Großformat von Neo Rauch ist für das Chemnitzer Rathaus bestimmt. Fotos: Kunstsammlungen Chemnitz

Justitia ist als eine selbstbewusste, stolze und starke Frau dargestellt. In der rechten Hand hält sie ein Hochhaus, in der linken Hand einen Baum. Auf der linken Bildseite nähert sich ihr eine Frau in Weinrot und grelles Gelb gekleidet. Sie bringt einen Vogel mit, offensichtlich in der Absicht, diesen auf eine ­altmodische Küchenwaage legen zu wollen. Symbolisiert der Vogel das ­Leben und die Unmöglichkeit, dieses gegen andere Dinge abzuwägen? Niemals kann es der Frau gelingen, das kleine und ­lebendige Vögelchen auf der Waage abzusetzen, es würde augenblicklich davonflattern. Drei Figuren auf der rechten Bildseite halten unterschiedliche Gegenstände, eine knospende Pflanze, einen verkohlten Ast, ein ­Designerstück, die sie ratsuchend und respektvoll Justitia entgegenhalten. Was will der Künstler andeuten? Dass es Aufgabe von Justitita ist, ein salomonisches Urteil zwischen moderner Zivilisation und Natur zu fällen? Rauchs Gemälde lässt offen, wie sich Justitia entscheiden wird.

»Der böse Kranke«, eines von drei Bildern, die 2012 entstanden sind, zeigt einen auf ein winziges Maß zusammengeschrumpften Mann auf einem Krankenbett. Mehrere Männer sind um ihn herum versammelt, einige mit Stöcken bewaffnet, machen sich am Bett, das auf einem Holzstapel steht, zu schaffen. Erste Flammen züngeln, der Holzstapel droht, zum Scheiterhaufen zu werden. Das Bild ist zweigeteilt in eine menschenleere und eine von Menschen dominierte Hälfte. Wie in den meisten Werken Rauchs ist auch in diesem eine untergründige Bedrohung auszumachen.

Von Rosa Loy, Rauchs Ehefrau, sind zehn Bilder ausgestellt. Auf ihnen sind vor allem Frauen in unterschiedlichen Rollen zu sehen, Männer sind in der Minderheit.

Rosa Loy wurde 1958 in Zwickau geboren. Sie absolvierte ein Studium zur Gartenbauingenieurin sowie ein Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Sie setzt sich in ihren Bildern häufig mit der Natur auseinander, malt gärtnerische Szenen: Das Bild »Schwester« zeigt im Vordergrund eine Frau, umgeben von üppiger Natur. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand weist die weibliche ­Figur auf diagonal hintereinander angeordnete Frauenköpfe. Die Gestalt im Vordergrund ist von einem Licht umgeben, das einem Heiligenschein gleicht. »Der Zeigegestus, welcher an Michelangelos Bilddetail ›Erschaffung Adams‹ in der Sixtinischen Kapelle erinnert, und die Anordnung der Köpfe, die einen Stammbaum erahnen lassen, deuten auf die Erschaffung einer weiblichen Ahnenlinie hin«, so die Erläuterung des Gemäldes im Katalog.

Die Künstlerin beschäftigt sich auch mit Mythen, Märchen und Mysterien. Sie bedient sich der Kaseinmalerei, einer seit dem 14. Jahrhundert bekannten Technik, die insbesondere in der Wand- und Fassadenmalerei eingesetzt wurde.

Religiöse Anklänge finden sich in dem Bild »Mondlicht«. Es weckt Assoziationen an Ikonen von der Madonna mit Kind. Die in einem dunklen, von einer Mauer umgebenen Terrain stehende Frau hält ein Kind in den ­Armen. Sein Körper zerrinnt nach ­beiden Seiten, löst sich in seinem Lichtschein auf. Im Hintergrund zwei kriegerische Gestalten mit blendenden Scheinwerfern. Mit dieser Darstellung hat die Malerin eine moderne Version des bethlehemitischen Kindermords gestaltet.

Rosa Loy und Neo Rauch malen figürlich, die Farben ihrer Bilder sind kräftig und leuchtend. Beide Künstler vermitteln ihre Botschaften verschlüsselt. Der Betrachter ist gut beraten, wenn er sich von den farbenprächtigen Werken in Bann ziehen lässt, sie als Bilder wahrnimmt und nicht dem Zwang verfällt, sie deuten zu müssen. Sie wecken Assoziationen und lassen Deutungen zu, behalten jedoch ihre Aussage geheim.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung ist bis 10. Februar in den Kunstsammlungen Chemnitz, Museum am Theaterplatz zu sehen. Geöffnet dienstags bis sonntags sowie an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr.

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

Vom Zarenreich bis zur Sowjetmacht

14. November 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung in Berlin zu 1000 Jahren deutsch-russischer Beziehungen

Lange Bärte mit geflochtener Doppelspitze, eindrucksvolle Mützen, Trachtenkittel – so setzt ein Stralsunder Schnitzkünstler nach den Erzählungen rückkehrender Kaufleute um 1360 die Fremden ins Bild. Das Chorgestühl der Riga- oder Russlandfahrer aus der Stralsunder Nikolaikirche zeigt, was die hanseatischen Kaufleute in Russland begehrten: Felle und Wachs waren Rohstoffe, mit denen man in Westeuropa hohe Preise erzielen konnte. Es ist ein zentrales Exponat im Eingangsraum der großen Ausstellung »Russen & Deutsche. 1000 Jahre Kunst, Geschichte und Kultur«. Sie ist bis 13. Januar 2013 im Berliner Neuen Museum zu sehen.

Alexej von Jawlensky (1865–1941) schuf 1912 diesen Frauenkopf. Der Maler lebte ab 1896 in Deutschland. – Foto: Neues Museum

Alexej von Jawlensky (1865–1941) schuf 1912 diesen Frauenkopf. Der Maler lebte ab 1896 in Deutschland. – Foto: Neues Museum

Über 600 kunst- und kulturgeschichtliche Zeugnisse erzählen von wechselvollen Beziehungen, von Krieg und Frieden, Freundschaft und Feindschaft. »Die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs ist der Tiefpunkt der deutsch-russischen Beziehungen«, betont Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. »Doch wir wollen deutlich machen, dass in der langen Geschichte unserer Länder das friedliche Miteinander überwiegt.«

Die Schau ist der zentrale Beitrag zum deutsch-russischen Kulturjahr 2012–2013 und steht unter der Schirmherrschaft beider Staatspräsidenten. Bereits im Sommer war sie in etwas anderer Form in Moskau zu sehen. Für die Station auf der Berliner Museumsinsel entschied sich das Kuratorenteam um Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, für eine chronologische Gliederung: »Unser Anliegen ist es gerade, vergessene Jahrhunderte ins Bewusstsein zurückzuführen.« Kaufleute und Missionare, aber auch Architekten machen den Anfang – Backsteinzierrat vom Bischofspalast in Nowgorod etwa zeigt den Einfluss deutscher Backsteingotik.

Im 16. Jahrhundert kommt es zu einem ersten diplomatischen Austausch. Russen in langen Mänteln mit hohen Fellmützen reisen 1576 zum Reichstag nach Regensburg. In Stichen ist festgehalten, wie sie dort ihren orthodoxen Gottesdienst feiern. Eine Vitrine zeigt die prunkvollen Gastgeschenke deutscher Gesandter, die sie beim Gegenbesuch dem Zaren mitbringen. Der Gesandte Sigismund Herberstein schildert seine Eindrücke des fremdartigen Moskau und prägt damit das Russlandbild in Deutschland für Jahrhunderte.

Letztes Kapitel: Reizthema Beutekunst
Ein großes Schiffsmodell steht für den Aufbruch Russlands in die Moderne unter Zar Peter I. Er baute eine seetüchtige Flotte auf und errichtete 1703 Sankt Petersburg an der Newamündung, Russlands Fenster nach Westen. Der Zar orientiert sich an Europa, lässt sich in westlicher Kleidung porträtieren. Er modernisiert sein Land und lässt sich von Leibniz beraten. Umgekehrt tauscht Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. mit seiner Vorliebe für »lange Kerls« das Bernsteinzimmer gegen russische Soldaten ein.

Um 1900 sind es vor allem Künstler wie Kandinsky oder Jawlensky, die in Deutschland die moderne Kunst prägen. In der Zwischenkriegszeit wiederum werden deutsche Architekten zu Wettbewerben für Prestigebauten der jungen Sowjetmacht eingeladen, wie der erstmals ausgestellte Entwurf für den Moskauer Palast der Sowjets von Hans Poelzig dokumentiert.

Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts sind der Tiefpunkt der deutsch-russischen Beziehungen, doch wird dieses Kapitel nur knapp behandelt. Für die Darstellung des Zweiten Weltkriegs beschränkt sich die Schau auf großformatige aktuelle Aufnahmen von einstigen Schlachtfeldern. Das letzte Kapitel, das dem Reizthema Beutekunst gewidmet ist, bezieht politisch Stellung. Ein Originalmosaik des verschwundenen Bernsteinzimmers, Fresken aus der inzwischen wiederaufgebauten Maria Entschlafungskirche bei Nowgorod, sind Zeugnisse deutscher Gewalt gegen Kunstwerke. Deutlich verweist die Schau jedoch auf die Schätze vor allem aus dem Museum für Vor- und Frühgeschichte, die sich noch heute in Russland befinden.

Sigrid Hoff (epd)

Geöffnet montags bis mittwochs sowie sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis freitags von 10 bis 20 Uhr.

Christus im Sozialismus

27. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Erfurter Angermuseum widmet sich »Christlichen Bildern in einer atheistischen Welt«

Noch ist im Garten Eden alles in Ordnung: Adam hat sich unter dem prächtig blühenden Apfelbaum niedergelassen, um den Weiher haben sich allerhand Tiere versammelt und Eva ist in die Zwiesprache mit Flamingos versunken. Doch das Paradies ist in Gefahr, denn die Giraffe schiebt schon ihren schlangenartigen Hals in den Baum und, auf dem linken Flügel zu sehen, empfängt Eva von der Schlange den Apfel, reicht ihn weiter an Adam. So hat der hallesche Maler Albert Ebert seinen »Paradiesaltar« (1960–70) gestaltet: poetisch, schön, dabei keineswegs niedlich.

Am 21. Oktober wurde die Ausstellung »Tischgespräche mit Luther« im Erfurter Angermuseum eröffnet. Sie gehört zu ­einer von drei Ausstellungen von DDR-Künstlern. Die beiden anderen Ausstellungen sind in Weimar und Gera zu sehen. Das Foto zeigt die Skulptur »Judith und Holofernens« (1984) von Peter Makolies. – Foto: Jens-Ulrich Koch

Am 21. Oktober wurde die Ausstellung »Tischgespräche mit Luther« im Erfurter Angermuseum eröffnet. Sie gehört zu ­einer von drei Ausstellungen von DDR-Künstlern. Die beiden anderen Ausstellungen sind in Weimar und Gera zu sehen. Das Foto zeigt die Skulptur »Judith und Holofernens« (1984) von Peter Makolies. – Foto: Jens-Ulrich Koch

»Tischgespräch mit Luther. Christliche Bilder in einer atheistischen Welt« heißt die Ausstellung – das gleichnamige Triptychon von Uwe Pfeifer war hier titelgebend –, die das Erfurter Angermuseum bis zum 20. Januar 2013 zeigt. Sie widmet sich dem scheinbaren Paradoxon, dass während der DDR-Zeit religiöse und kirchliche Bindungen innerhalb der Bevölkerung schwanden und gleichzeitig biblische Stoffe und Motive in der bildenden Kunst eine Konjunktur erlebten. Eindrucksvoll veranschaulichen das die 100 Gemälde, Grafiken und Skulpturen, die die Kuratoren Kai Uwe Schierz und Paul Kaiser für diese, auf jegliche Stigmatisierungen verzichtende Schau ausgewählt haben.

Die in thematische Gruppen wie Kain und Abel, Christus am Kreuz, Adam und Eva, Antonius oder Pietà zusammengefassten Werke bestimmen die Ausstellung. Drei Gemälde verdeutlichen verschiedene Zugänge zum Turmbau von Babel: Bernhard Heisig benutzt »Neues vom Turmbau« (1977) dazu, um die von Fußball, Fernsehen und Unterhaltungsmusik geblendeten Zeitgenossen vorzuführen, Alexandra Müller-Jontschewa lässt den Betrachter in ihrem 1985 entstandenen Bild in einen monströsen Technikpalast schauen, in dem verwahrloste Menschen hausen. »Im Turm« (1983–86) betitelt Roland Borchers eine traumwandlerische Szenerie, aus der sich die Tänzer davonzuschleichen scheinen. Zu den beeindruckendsten Arbeiten dieser Ausstellung zählen die Umdeutungen des Pietà-Motivs von Theo Balden.

Erstaunlich ist auch die Vielfalt der Künstlernamen – es sind 58 an der Zahl –, die hier vertreten sind. Natürlich begegnet man Fritz Cremer, Werner Tübke, Willi Sitte, Arno Rink, Wolfgang Mattheuer und Núria Quevedo wieder. Darüber hinaus werden Arbeiten von Gerhard Altenbourg, Horst Sakulowski, Manfred Butzmann oder Heidrun Hegewald gezeigt. Die Ausstellung lässt auch Entdeckungen zu; eine ist Joachim Völkner, dessen Werke bis zu seinem Todesjahr 1986 in nur einer Ausstellung zu sehen waren.

»Tischgespräch mit Luther« gehört zu einer Ausstellungstrilogie – »Abschied von Ikarus« im Neuen Museum Weimar und »Schaffens(t)räume« in der Kunstsammlung Gera sind die beiden anderen betitelt –, die zur DDR-Kunst in Thüringen gezeigt werden und bis zum 3. Februar 2013 zu sehen sind. Entstanden sind sie in Kooperation mit dem Forschungsprojekt »Bildatlas: Kunst in der DDR«, das vom Bundesbildungsministerium gefördert wird. Ziel ist es, die Bestände in den Museen, privaten Sammlungen, Betrieben und Massenorganisationen zu erfassen. 20000 Werke sind bereits registriert; im kommenden Jahr soll der Bildatlas als Buch und in einer Online-Datenbank veröffentlicht werden.

Da sich nicht jedes in der Ausstellung gezeigte Werk in seinen Anspielungen unmittelbar ikonografisch entschlüsseln lässt, sei das wunderbare Begleitprogramm empfohlen.

Christina Onnasch

www.angermuseum.de

Das »System Gulag«

25. August 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Erste deutsche Ausstellung zeigt Spuren und Zeugnisse des stalinistischen Terrors

Die riesige Landkarte ist überzogen mit zahlreichen roten Punkten. Sie markieren die sowjetischen Zwangsarbeitslager, in denen rund 20 Millionen Menschen dem stalinistischen Terror ausgesetzt waren: Eine Ausstellung in Weimar erinnert an die Opfer.

Auf dem Kleiderbügel hängt zerschlissen und durchlöchert ein violettes Sommerkleid. Die 31-jährige Walentina Buchanewitsch-Antonowa hat es getragen, als sie 1938 plötzlich verhaftet wurde. Anschließend verbrachte sie in diesem Kleid zwölf Monate in drei Moskauer Gefängnissen. Die Frau war unvermittelt Opfer des Großen Terrors unter dem sowjetischen Diktator Stalin geworden.

Die Ausstellung dokumentiert die Geschichte des Gulag sowohl anhand von Relikten der Lagerhaft und Zwangsarbeit als auch anhand von Dokumenten, Bildern, Karten, Fotografien sowie Video- und Audiomaterial. – Foto: Claus Bach/Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Die Ausstellung dokumentiert die Geschichte des Gulag sowohl anhand von Relikten der Lagerhaft und Zwangsarbeit als auch anhand von Dokumenten, Bildern, Karten, Fotografien sowie Video- und Audiomaterial. – Foto: Claus Bach/Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Das Kleid ist mit seiner Geschichte eines der berührenden Exponate in der Ausstellung »Gulag«, die in Weimar Spuren und Zeugnisse aus sowjetischen Zwangsarbeitslagern zeigt. Das Projekt der Gedenkstätte Buchenwald und der russischen Menschenrechtsorganisation »Memorial« thematisiert erstmals in Deutschland das Lagersystem in der Sowjetunion. Weimar ist für die Wanderausstellung nach Neuhardenberg die zweite Station.

Das »System Gulag« wird nicht nur aus der Perspektive seiner rund 20 Millionen Opfer dargestellt, sondern auch in seinen gesellschaftlichen Bezügen. Damit gehe die Präsentation deutlich über die rund 300 russischen Gulag-Ausstellungen über das Leiden in den Lagern hinaus, erläutert Kurator Rikola-Gunnar Lüttgenau: Die Straflager sind eine der dunklen Seiten des »Modernitätsversprechens« einer humanen Gesellschaft, für dessen Verwirklichung inhumane Mittel eingesetzt wurden.

Deshalb beginnt der Rundgang mit einem zunächst irritierenden Exponat. Ein Modell zeigt den Entwurf des russischen Avantgardisten Wladimir Tatlin (1885–1953) für sein »Monument der III. Kommunistischen Internationale« von 1919. Der gigantische Turm für Petrograd mit rotierenden Gebäudeteilen sollte 400 Meter hoch werden und die Zukunftsgewissheit der Sowjetmacht demonstrieren. Das Projekt scheiterte wie die Gesellschaft, als deren Symbol es gedacht war.

Dem »Tatlin-Turm« sind als Kehrseite dieser Vision originale Hinterlassenschaften aus Straflagern gegenübergestellt – ein eiserner Schlitten für den Lastentransport, Teile von Arbeitsgeräten, Balken von früheren Häftlingsbaracken. Die umstehenden Boxen mit den teils sehr persönlichen Exponaten geben wie geöffnete Archivschränke ihre Geheimnisse preis.

Eine bunte Häftlingszeichnung mit dem Obelisken »Asia« erinnert an den Transport der Verbannten in die Ferne. Auf einer feinmaschigen Stickerei ist unschwer eine Heiligenfigur zu erkennen. Eine andere Textilarbeit zeigt Fensterkreuze mit Blumenvasen. Und auch der zerknautschen Zigarettenschachtel der Marke »Belomorkanal«, die es in Russland bis heute gibt, ist ihre lange Geschichte anzusehen. Sie verweist auf den Weißmeer-Kanal am Polarkreis, den Gulag-Häftlinge ab 1931 bauen mussten.

Das Lagersystem konnte jeden treffen, resümiert Kurator Lüttgenau. So spiegelte sich im Gulag das gesamte soziale Profil der Sowjetunion. Die Begründungen für die willkürliche Lagerhaft reichten von »Schädlingstätigkeit«, Verschwörung, Vaterlandsverräter und »Kollaborateur« bis zu »konterrevolutionärer Agitation und Propaganda«.

Thomas Bickelhaupt (epd)

Die Ausstellung »Gulag. Spuren und Zeugnisse. 1929–1956« im Weimarer Schiller-Museum ist bis 15. Oktober dienstags bis freitags und sonntags von 9 bis 18 Uhr sowie samstags von 9 bis 19 Uhr geöffnet. Vom 16. bis 21. Oktober ist die Ausstellung dienstags bis sonntags von 9 bis 16 Uhr zu sehen.

www.ausstellung-gulag.org

»Der Naumburger Meister«

6. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung im Naumburger Dom widmet sich dem Weg und Werk des Steinbildhauers

Ein Jahr nach der Eröffnung der sachsen-anhaltischen Landesausstellung setzen die Vereinigten Domstifter im Naumburger Dom dem unbekannten Naumburger Meister erneut ein Denkmal und schreiben ein weiteres Kapitel seiner Kulturgeschichte. Dechant Walter Christian Steinbach, Ehrendomherr Georg Graf von Zech-Burkersroda und Stiftskustos Holger Kunde eröffneten die neue Schau »Weg und Werke des Naumburger

Naumburger Dom

Naumburger Dom

Meisters«. »Ich wünsche ihr viele interessierte Besucher«, sagte Steinbach. Nahezu 200000 Gäste hatten im vergangenen Jahr die Landesausstellung gesehen. Nun werden rund 60 Exponate in der Klausur des Domes gezeigt, darunter ein original Wasserspeier vom Westchor, fünf Objekte vom Westlettner des Mainzer Domes, ein Abguss des Bamberger Reiters sowie Urkunden und Handschriften. Die Stücke weisen auf die Zeit vom zehnten bis 13. Jahrhundert. Schautafeln, Modelle und Filme erläutern den Weg des Naumburger Meisters, seine Entwicklung und Werke. »Wir haben die Möglichkeit genutzt, neben den Stifterfiguren, dem Hauptwerk im Dom, eine eigene Ausstellung zu präsentieren und sein Schaffen weiterhin zu thematisieren, um nachhaltig zu wirken«, erklärte Matthias Ludwig, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Domstiftsarchivs. Die Räume in der Klausur seien im Zuge der Landesausstellung restauriert und neu gestaltet worden, einige Stücke nach der Landesschau in den Besitz der Vereinigten Domstifter übergegangen, so Ludwig weiter. Zu den Exponaten zählen auch Leihgaben, unter anderem vom Diözesanmuseum Mainz sowie dem ­Kunst­historischen Institut der Universität Bonn.

Derzeit wird eine Erweiterung der Präsentation vorbereitet. Voraussichtlich im Herbst werden Stücke der Domstiftsbibliothek in einer ­Schau­bibliothek gezeigt, Sonderführungen dazu angeboten sowie ein Benutzerraum für Wissenschaftler und geschichtsinteressierte Laien eingerichtet.

Eine Gruppe Bildhauer und Steinmetze verbindet sich bis heute mit dem Namen »Naumburger Meister«, dem eine ganze Reihe Skulpturen von weltweitem Rang zugeschrieben werden. Mit den Stifterfiguren und dem Passionsrelief am Westlettner hat er im Naumburger Dom Spuren hinterlassen. Nach der Ausbildung in Frankreich im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts reiste er weiter über Mainz, Naumburg und Meißen.
Constanze Matthes

Öffnungszeiten: März bis Oktober: Montag bis Sonnabend 9 bis 18 Uhr, Sonntag und an kirchlichen Feiertagen 12 bis 18 Uhr; November bis Februar: Montag bis Sonnabend 10 bis 16 Uhr, Sonntag und an kirchlichen Feiertagen 12 bis 16 Uhr.

Bilder und Geschichten von der Kraft des Glaubens

8. Oktober 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Ausstellung: Vom Kopftuchverbot und Kruzifixstreit – spannende Auseinandersetzung mit religiösen Fragen

Welche Rolle können, sollen und dürfen Religion in Gesellschaften spielen? Diesen und vielen anderen Fragen widmet sich die Ausstellung des Deutschen Hygiene-Museums in Dresden.

Ausstellungsplakat»Kraftwerk Religion« – der Titel der Sonderausstellung des Deutschen Hygiene-Museums impliziert, dass von Religion im positiven wie im negativen Sinn Energie und Dynamik ausgehen können. Die am Sonnabend eröffnete Schau zeigt, welche positive Kraft Gläubige aus ihrer Religion beziehen und stellt diese als Garantin für Werte dar. Zugleich kann Religion Energien freisetzen, die eine Gefahr für die globale Sicherheit darstellen. Beispiele dafür sind religiös motivierte Terroranschläge und Suizid­attentate.

Für die Ausstellungsmacher steht fest: Religion ist längst kein Randphänomen mehr, sondern ragt in die Gesellschaft. Seit den Debatten um Kruzifixe an öffentlichen Schulen und um das Kopftuch muslimischer Frauen ist nicht zu übersehen, dass Religion zuweilen poli­tische Dimension erreicht. Dieser Tatsache trägt die Ausstellung Rechnung. Sie wendet sich dabei den Weltreligionen Judentum, Christentum, Islam und Bud­dhismus gleichermaßen zu und blendet auch Strömungen innerhalb der Religionsgemeinschaften nicht aus. Dabei wird deutlich, dass die religiösen Gemeinschaften keine einheitlichen Gebilde sind. In ihnen existieren unterschiedliche, gegensätzliche Meinungen und nicht selten prallen diese heftig aufeinander.

Bei uns vor allem als Dekoration auf Ladentischen bekannt, gelten die in China massenweise hergestellten winkenden Katzen in Japan als religiöse Glücksbringer fürs geschäftliche: die »Maneki Neko« sollen das Geld in die Ladenkassen winken ... (Foto: Hygiene-Museum)

Bei uns vor allem als Dekoration auf Ladentischen bekannt, gelten die in China massenweise hergestellten winkenden Katzen in Japan als religiöse Glücksbringer fürs geschäftliche: die »Maneki Neko« sollen das Geld in die Ladenkassen winken ... (Foto: Hygiene-Museum)

Macht Religion die Welt friedlicher? Dürfen Christen Verhütungsmittel benutzen? Müssen sie den Kriegsdienst verweigern?

Wer sich dem Phänomen Religion nähern will, sieht sich einer Fülle von Fragen gegenüber, die wiederum in sich komplex, vielschichtig und widersprüchlich sind. Die Bandbreite der Themen, die die Ausstellung aufnimmt, ist groß. Sie setzt dabei vorwiegend auf die modernen Medien. 4,5 minutenlange Videos erklären schlüssig Reformation, Säkularisierung und Kreuzzüge. Es ist die Stärke dieser Präsentation, dass Gläubige und Nichtgläubige selbst zu Wort kommen und ihre unterschiedlichen Positionen darstellen. Die zahlreichen Interviews vermitteln einen lebendigen Eindruck von dem, was die Religionsgemeinschaften intern beschäftigt und wie sie von außen wahrgenommen werden. Zu sehen sind bekannte Gesichter, Margot Käßmann, die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Politiker, zum Beispiel Andrea Nahles, Generalsekretärin der SPD, und Thomas de Maizière, Bundesminister des Innern im Kabinett Merkel.

Der erste Ausstellungsraum ist mit grau-braunen Filzelementen ausgestaltet, darüber bilden transparente Stoffe, auf die Zitate projiziert werden, einen Himmel. Die erste Abteilung stellt aktuelle Debatten und Konflikte zur Diskussion. Hier wird erörtert, welche Rolle Religionen in der Gesellschaft spielen können, sollen und dürfen. Es geht um Religionsunterricht und Schulpflicht, um Gotteslästerung und Abtreibung. Beim Schächten von Tieren etwa erhebt sich die Frage wieweit der Schutz von Freiheitsrechten gehen darf und wann Religionsfreiheit aufhört?

Widerstand und Verfolgung sowie Mission sind ebenfalls Themen, denen die Ausstellung Raum schenkt.

Ausstellungsplakat_grossDie zweite Abteilung widmet sich Fragen wie der Zugehörigkeit und dem Zusammenhalt der Religionsgemeinschaften. Hier ist ersichtlich, dass die Religionen teilweise gar nicht so unterschiedlich sind wie sie oft wahrgenommen werden. So besiegelt fast immer ein Initiationsritus die Zugehörigkeit zur jeweiligen Glaubensgemeinschaft. Im Christentum ist es die Taufe, im Judentum und Islam die Beschneidung. Zu den Exponaten gehören die Taufschale Friedrich Nietzsches und ein prächtiges weißes Gewand. Dieses trägt der Junge, der nach islamischem Brauch beschnitten wird.

Die biblische Geschichte von der Opferung Isaaks spielt nicht nur im Judentum und Christentum eine Rolle, sondern auch im Islam. Die Rätselhaftigkeit dieser Geschichte hat Reli­gionsgelehrte, Gläubige und Künstler zu allen Zeiten beschäftigt. Einige ­Varianten der Deutung stellt die Ausstellung vor.

»Sind Frauen in ihrer Religionsgemeinschaft gleichberechtigt?« »Welche aktuellen Fragen beschäftigen Ihre Gemeinde?« Der zweite Raum lenkt die Aufmerksamkeit auf Normen und Rituale, die die jeweilige Reli­gionsgemeinschaft prägen und die Frage, wie sie ihre Glaubensinhalte und Traditionen erlernen und weitergeben. Ordensschwestern und muslimische Frauen schildern, was ihnen ihr Ordenskleid beziehungsweise das Kopftuch bedeutet. Die Tradition des Pilgerns und die der Hilfsorganisationen wird dargestellt. Der Umgang mit Tod und Sterben und die Haltung der Religionen dazu ist ebenfalls Thema.

»Was ist der Sinn des Lebens?« »Wie sind Sie zum Glauben gekommen?« »Haben Sie schon mal ein Wunder erlebt?« »Woher wissen Sie, dass Gott existiert?« Um die existenziellen Fragen geht es im dritten und letzten Ausstellungsraum. Auch hier ist es spannend, die persönlichen Positionen von Menschen kennenzulernen. Sie sprechen über ihre Zweifel, Ängste und Hoffnungen, von Engeln und dem Bösen ist die Rede – und von dem Glück, das einigen Menschen aus ihrem Glauben erwächst.

Der letzte Ausstellungsraum ist geprägt von zwei großen medialen Elementen. Auf eine Wandfläche werden »letzte Fragen« nach dem Woher und Wohin des Menschen projiziert. Auf der Rückseite dieser Fläche und mit dieser korrespondierend ist eine Filmcollage zu sehen. Sie zeigt wie Menschen an verschiedenen Orten der Welt, in Israel, Indien, Deutschland beten. Die Bilder wecken Ehrfurcht und Respekt vor der geheimnisvollen Fähigkeit des Menschen, glauben zu können. Ein eindrücklicher Film, in dem etwas aufleuchtet vom Trost und der Kraft der Religionen.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung ist bis 5. Juni 2011 dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Spott und Satire

13. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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spott

Satirische Flugschriften aus der ­Reformationszeit sind auf der ­Wartburg bei Eisenach zu sehen. Die Sonderausstellung mit Spott und Satire vereint unter dem Motto »Beyssig sein ist nutz und not« mehr als 50 besonders eindrückliche Druckgrafiken.

Die zweite Ausstellung der Wartburg in der Lutherdekade zum 500-­jährigen Reformationsjubiläum 2017 gelte »dem höchst erfolgreichen propagandistischen Wirken Luthers und dem Widerhall seiner Gegner«, hieß es. Die neue Technologie des Buchdrucks verhalf den Flugschriften der Reformation zu schneller und weiter Verbreitung. Dabei sparte keine der beteiligten Seiten in den damaligen Auseinandersetzungen mit Spott und Satire. Das Foto zeigt eine Flugschrift mit dem Titel »Der Teufel mit der Sackpfeife«, entstanden um 1535. Andere Darstellungen bezeichnen Martin Luther als »wildes Eberschwein«, das den Weingarten der Kirche zerstört habe.

Die Kabinettausstellung kann innerhalb des Museumsrundgangs bis 31. Oktober täglich von 8.30 Uhr bis 17 Uhr besichtigt werden.
Foto: epd-bild