Neue Zukunft Eigenheim

5. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Serbien: Wie eine ökumenische Hilfsorganisation der Roma-Minderheit eine Perspektive gibt

Viele suchten anderswo Asyl, aber wurden zurück­­geschickt: Angehörige der Roma leben in Serbien am Rande der Gesellschaft.

Fast mannshoch sind die Wände schon. Ein Mann in blauem T-Shirt schichtet Ziegel auf. Zadik ist 36 Jahre alt und Roma. Dies, sagt er, solle einmal das neue Haus für seine Familie werden. 40 Quadratmeter Grundfläche für ihn, seine Frau und die sechs Kinder. Groß nicht gerade, gibt er zu. Aber sein Eigentum. Seine Mutter im Kosovo habe Grund und Boden verkauft. So hat er das Geld für das Grundstück zusammenbekommen. Das befindet sich zwischen zwei kleinen, schmucken Einfamilienhäusern in einer Siedlung am Stadtrand von Novi Sad, Hauptstadt der nordserbischen Provinz Vojvodina.

»Meine Privatinitiative«: Der 36-jährige Roma Zadik errichtet mit Unterstützung der kirchlichen Hilfsorganisation EHO am Stadtrand von Novi Sad ein kleines Häuschen. Foto: Annemarie Müller

»Meine Privatinitiative«: Der 36-jährige Roma Zadik errichtet mit Unterstützung der kirchlichen Hilfsorganisation EHO am Stadtrand von Novi Sad ein kleines Häuschen. Foto: Annemarie Müller

»Meine Privatinitiative«, sagt Zadik und tippt sich an die Brust. Unterstützt hat ihn die Ökumenische Hilfsorganisation (EHO), eine Initiative von Kirchen verschiedener Konfessionen in dieser multiethnischen Provinz. 2000 Euro für Baumaterial hat er bekommen. Geld aus Spenden von evangelischen Kirchen in Norwegen, der Schweiz und von der Diakonie in Württemberg. Hilfe für Rückkehrer wie Zadik. Zweimal hat er Asyl in der Schweiz beantragt. Jedes Mal ist er nach elf Monaten wieder abgeschoben worden. Zuletzt im November 2012.

Warum er weg wollte? An Stelle ­einer Antwort zeigt er seine jetzige Unterkunft, ein Stück entfernt. Eine niedrige Hütte, gedeckt mit Well­asbest. »Mein Geburtshaus«, sagt er. Ein kleiner Raum, in der Ecke ein ­Kohleherd. Die Decke hängt gefährlich durch. An einigen Stellen fehlt Putz. Er hofft, das neue Haus so weit fertigzubekommen, dass sie noch vor dem nächsten Winter wenigstens in einen Teil einziehen können. Geld wolle er sich als Taxifahrer verdienen, wie früher. Seine Zukunft, die sehe er jetzt hier.

Ortswechsel. Adice, eine von mehreren Roma-Siedlungen. Hier leben Osmani Sabri und seine Frau Vesira. Sie sind Muslime. Ihnen hat EHO geholfen, ein Bad in ihr kleines Haus einzubauen und eine Klärgrube im Hof auszuschachten. Eine von 54 Roma-Familien, die sie so unterstützt haben. »Das Prinzip dabei: Unsere Meister zeigen, wie es geht. Bauen müssen die Familien dann selbst«, erläutert Vladislav Iviciak. Der Pfarrer der slowakisch-lutherischen Kirche ist Direktor von EHO.

Inzwischen steuern vier Kommunen sogar etwas Geld zur Arbeit mit den Roma bei. »Geradezu unvorstellbar«, sagt Iviciak. Noch vor Jahren wäre das undenkbar gewesen. Freilich unterstütze die Stadt Novi Sad nur Projekte, die auf ein Jahr befristet sind. »Weil wir als privater sozialer Dienstleister gelten«, sagt Iviciak. Etwa 20 Prozent mache die staatliche Hilfe so inzwischen aus. »80 Prozent des Geldes kommt von unseren ausländischen Partnern.«

Stammgäste sind Roma-Familien auch in der Kleiderkammer von EHO. Stadtbewohner spenden die Second-Hand-Sachen. »Viele von denen, die von uns etwas bekommen, sind Flüchtlinge«, berichtet eine Mitarbeiterin. »Sie sind einigermaßen integriert in die Stadtbevölkerung, allerdings sehr arm.« Im Erdgeschoss eines Zwölfgeschossers hat EHO einen Zufluchtsort für Straßenkinder eingerichtet, die meisten davon stammen aus Roma-Familien. Hier können sie sich duschen, ihre Wäsche waschen, unter Anleitung von Sozialarbeitern in Workshops malen, basteln oder sich im Jonglieren üben. Betreut werden sie von Ehrenamtlichen, Psychologen, Lehrern, dazu zwei Frauen aus den Roma-Siedlungen, erläutert Leiterin Daliborka Batrnek Antonic. Regelmäßig kommt eine Krankenschwester.

Zu etwa 500 Straßenkindern haben sie Kontakt. »Sie betteln, klauen in ­Supermärkten, sammeln Pappe und Plastikflaschen, manche bieten sich für Sex-Dienste an.« Alle von der Straße zu holen, sei nicht zu schaffen, sagt Daliborka Batrnek Antonic. »Aber zumindest können wir Risiken minimieren.«

Mit einigen Nothilfeprojekten hat EHO die Arbeit vor 20 Jahren begonnen. Mittlerweile ist eine diakonische Organisation daraus geworden, die außer Roma auch Senioren, Behin­derten und anderen Menschen mit sozialen Problemen längerfristig hilft. »Die akute Not ist gelindert«, sagt ­Vladislav Iviciak. »Jetzt ist die Zeit, den Ärmsten zu helfen und so eine gerechtere Gesellschaft zu bauen.«

Tomas Gärtner

Auf der Flucht vor der US-Armee

11. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Kriegsdienstverweigerung: Der Deserteur André Shepherd hat in Deutschland Asyl beantragt.

Deserteuren eilt der Ruf des Kriegs- und Vaterlandsverrates voraus. Doch was ist, wenn weiterer Kriegsdienst Verrat am eigenen Gewissen ist?

War offiziell Teil der »Guten« und merkte, dass er doch dem Bösen dient: André Shepherd desertierte nach einem Einsatz in Irak von der US-Armee. (Foto: connection-ev.de)

War offiziell Teil der »Guten« und merkte, dass er doch dem Bösen dient: André Shepherd desertierte nach einem Einsatz in Irak von der US-Armee. (Foto: connection-ev.de)

Hätte man André Shepherd mit 19 Jahren nach seinen Zukunftsplänen gefragt, hätte er vermutlich erklärt, etwas mit Computern machen zu wollen. »Roboterentwicklung hat mich schon immer fasziniert.« Dass der US-Amerikaner heute Bewohner eines Asylbewerberheims in Süddeutschland ist, und von staatlicher Versorgung und 40 Euro Taschengeld im Monat lebt, hätte er dagegen wohl selbst in seinen übelsten Albträumen nicht vorhergesehen.

Doch in den USA platzte Ende der 1990er Jahre die »dot.com«-Blase. Mit der Computerindustrie ging es berg­ab, und der frisch ausgebildete Informatiker Shepherd fand keinen Job. 2004 meldete er sich freiwillig zur ­Armee. »Ich war zwei Mal obdachlos, nachdem ich die Universität beendet hatte«, sagt Shepherd. »Ich habe auf einen guten Start in ein besseres Leben gehofft.« Denn als Shepherd in die Armee eintrat, hatte man ihm versprochen, ein Teil des Guten zu sein. Shepherd würde gegen Diktatoren wie Saddam Hussein kämpfen, und überall auf der Welt Menschen die Freiheit bringen. »Im Rekrutierungsbüro bat man mich, die Welt zu retten«, sagt Shepherd. »Aber ich muss zugeben, dass ich damals auch sehr naiv war.«

Dass sich der Alltag in der US-Armee dann doch etwas anders darstellt, merkte Shepherd im Irak. Er war zum Mechaniker für den Kampfhubschrauber Apache AH-64 ausgebildet worden, der mit Raketen und Maschinengewehren feindliche Ziele beschießt. »Alles, was man mir damals erzählt hat, war eine komplette Lüge«, sagt Shepherd heute. »Der Irakkrieg dient doch nur dazu, die Amerikaner gegen den Iran in Stellung zu bringen – unsere Armee war lediglich ein Werkzeug des Imperialismus.« Die von George W. Bush als Kriegsgrund genannten Massenvernichtungswaffen habe es im Irak nie gegeben. Als seine Einheit nach ihrem Einsatz im Irak wieder an ihrem Stützpunkt in Katterbach (bei Ansbach) stationiert war, beschloss Shepherd, zu desertieren.

»Ich packte alle meine Sachen in mein Auto, und fuhr einfach davon«, sagt Shepherd. Freunde halfen ihm mehrere Monate lang. Dann stellte der Amerikaner den Antrag auf politisches Asyl in Deutschland. »In den USA bin ich zur Fahndung ausgeschrieben, weil ich in Kriegszeiten von der Truppe desertiert bin«, so der ehemalige Soldat. Dem Deserteur droht deswegen theoretisch sogar die Todesstrafe. »Ich kann kein amerikanisches Konsulat betreten, nicht nach Hause fahren – und auch nirgendwo hin, wo die Amerikaner Einfluss haben.«

Doch André Shepherd hat eine Mission: Auf Veranstaltungen christlicher Friedensorganisationen wirbt er für seine Sicht der Kriege im Irak und Afghanistan. »Ich denke, dass auch der deutsche Einsatz in Afghanistan verkehrt ist«, sagt André Shepherd, während in den Nachrichtensendungen des Fernsehens die Bilder vom Angriff auf die entführten Tanklastzüge in Kundus um die Welt gehen. »Auch dort geht es nicht mehr um die Suche nach Osama bin Laden, wie es George Bush einst verkündet hat«, sagt Shepherd. »In Afghanistan geht es um den politischen Einfluss am Hindukusch, um den Bau von Pipelines abzusichern.«

Dabei ist Shepherd nach wie vor durchaus davon überzeugt, dass ein Krieg in bestimmten Fällen auch gerechtfertigt sein kann. »Krieg darf aber immer nur das letzte Mittel sein, und im Irak wie in Afghanistan waren wir noch nicht in dieser Situation.«

In Deutschland wird Shepherd von christlichen Organisationen unterstützt, wie dem Verein »Connection e.V.«, der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerer und der Zentralstelle für Recht und Schutz von Kriegsdienstverweigerern aus Gewissensgründen. Halt und Rechtfertigung aber gibt ihm sein wiedergefundener Glaube: »Ich komme aus einer baptistischen Familie, und war nie besonders religiös«, sagt ­Shepherd. Aber: »Als ich Asylbewerber wurde, begann ich wieder nach dem Sinn des Lebens zu fragen«, sagt Shepherd. »Ich begann, wieder in der Bibel zu lesen – und merkte, dass ich alles, was dort über Krieg und Frieden stand, innerlich schon lange unterschrieben habe.«

Benjamin Lassiwe

Der Streit um die Deserteure

Mehr als 100 Friedensgruppen und Organisationen aus der gesamten Bundesrepublik haben sich in einem gemeinsamen Aufruf für die Anerkennung des Asylantrages des US-Deserteurs André Shepherd ausgesprochen. Darin heißt es: »Wir betonen: Kriegsdienstverweigerung und Desertion sind ­mutige individuelle Schritte, sich nicht an Krieg, Kriegsverbrechen und ­militärischer Gewalt zu beteiligen. Das Nein zum Krieg ist ein wichtiger Schritt zur Beendigung des jeweiligen Krieges.« Die Bundesregierung wird deshalb aufgefordert, Shepherd Asyl zu gewähren.

Wie umstritten der Umgang mit Deserteuren ist, zeigt der jahrzehntelange Kampf um die Rehabilitierung der Wehrmachtdeserteure. Während alle ­anderen Unrechtsurteile der NS-Militärjustiz 1989 pauschal aufgehoben wurden, galt für Deserteure nach dem sogenannten »Kriegsverrats«-Paragrafen eine Einzelfallprüfung – heute freilich in den meisten Fällen gar nicht mehr möglich. Erst an diesem Dienstag hat der Bundestag die entsprechenden NS-Urteile pauschal annulliert. Kein Wunder, dass gegen die Einweihung ­eines

Denkmals für Deserteure und Opfer der NS-Militärjustiz am 1. September in Köln ein rechtsextremes Netzwerk »Nationaler Sozialisten« mit dem Slogan »Eidbruch ist keine Heldentat« zu Felde zog … (GKZ)

Drei konkrete Möglichkeiten zur Unterstützung von André Shepherd finden sich unter
www.connection-ev.de/aktion-usa.php.