Die unverbrüchliche Kraft der Träume
4. März 2010 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Ein Beitrag von Anselm Grün über den christlichen Umgang mit Scheitern
Wie gehen wir damit um, wenn das Leben uns einen Strich durch die Rechnung macht? Um zerbrochene Lebensträume geht es im dritten und letzten Beitrag unserer Serie mit dem Benediktinerpater Anselm Grün.
Jeder Mensch hat Lebensträume. Der eine träumt vom beruflichen Erfolg. Die andere träumt von einer gläubigen Familie, in der alle sich im Glauben eins wissen. Andere träumen davon, Menschen zu helfen, die in Not sind. Andere haben den Traum, ein Schriftsteller, ein Künstler, ein Schauspieler oder ein berühmter Sänger zu werden. Der Lebenstraum gibt uns Energie, unsere Fähigkeiten zu entwickeln und auf ein Ziel hin zu konzentrieren. Oft scheinen die Lebensträume in Erfüllung zu gehen. Doch irgendwann zerbrechen diese Träume. Oder aber sie bleiben nur in der Vorstellung. Doch das Leben ist ganz anders.
Viele spüren keine Energie mehr in sich, wenn ihre Lebensträume zerbrechen. Oder aber sie werden krank, weil ihr Leib oder ihre Seele gegen ein Leben rebellieren, das den ursprünglichen Traum verleugnet oder verdrängt. Eine Frau hatte den Lebenstraum, eine gläubige Familie zu gründen. Sie fand auch einen gläubigen Mann, den sie heiratete. Der Lebenstraum schien in Erfüllung zu gehen. Doch nach 20 Jahren hat sie der Mann verlassen. Da spielte der Glaube auf einmal gar keine Rolle mehr, sondern nur die Faszination durch eine andere Frau. Die Kinder wollten nichts mehr vom Glauben wissen. So zerbrach ihr Lebenstraum.
Die erste Aufgabe ist, den zerbrochenen Lebenstraum zu betrauern. Das tut weh. Aber nur wenn ich im Betrauern durch den Schmerz hindurchgehe, gelange ich in den Grund meiner Seele. Dort werde ich neue Möglichkeiten meines Lebens entdecken. Und dort werde ich die Essenz des Lebenstraumes erkennen. Denn die Realisierung des Lebenstraumes kann zerbrechen. Die Essenz zerbricht nie. Die bleibt. Durch alles Zerbrechen hindurch sollte ich daher nach der Essenz meines Lebenstraumes fragen.
Die Frau, deren Lebenstraum einer gläubigen Familie zerbrochen war, erkannte, dass sie allzu sehr die Familie ihrer Eltern kopieren wollte. Jetzt, wo ihr Traum zerplatzte, erkannte sie, was Glauben wirklich bedeutet. Glauben war jetzt nicht mehr Verzierung eines schönen und heilen Miteinanders, sondern der Grund, auf dem sie stand mitten in der Brüchigkeit ihres Lebens. Dort, wo sie nichts mehr von ihren Idealen in Händen hielt, war sie herausgefordert, das Wesen des Glaubens zu entdecken. Sie verstand auf einmal, was der Hebräerbrief vom Glauben sagt: »Glauben ist Feststehen in dem, was man erhofft.« (Hebräer 11,1)
Wer das Betrauern verweigert, der erstarrt. Sein Leben wird nur noch Routine. Oder aber er reagiert damit, dass er im Selbstmitleid schwimmt. Er jammert sich und den andern ständig vor, dass sein Lebenstraum zerbrochen sei, dass er nichts mehr habe, was ihm Freude macht. Wenn ich im Selbstmitleid bade, komme ich nicht weiter. Ich kreise immer um den gleichen Schmerz. Aber ich gehe nicht durch den Schmerz hindurch. Ich bleibe an der Oberfläche. Außer Jammern gibt es noch die Möglichkeit, auf die Verweigerung des Betrauerns mit Anklagen zu reagieren. Ich klage die andern an, die am Zerbrechen meines Lebenstraumes schuld sind. Der Mann, der mich verlassen hat, wird zum Monster, das alles zerstört, was man mühsam aufgebaut hat.
Tod und Auferstehung Jesu bestätigen uns, dass zwar der Lebenstraum zerbrechen kann, aber nicht die Essenz dieses Traumes. Im Tod Jesu schien sein Traum von einer neuen Gemeinde Israels, die seiner Auslegung des Gesetzes folgt, zerbrochen zu sein. Doch durch das Zerbrechen hindurch wurde er auf neue Weise Wirklichkeit. Nach der Auferstehung bildeten die zerstreuten Jünger auf einmal eine feste Gemeinde. Durch den Pfingstgeist bestärkt, verkündeten sie die Frohe Botschaft Jesu und bildeten in ihren Gemeinden das neue Jerusalem, das neue Volk Israel. Der eigentliche Inhalt des Traumes Jesu ging in Erfüllung, aber durch das Zerbrechen hindurch.
So lädt uns die Passionszeit ein, die eigenen zerbrochenen Lebensträume anzuschauen, anstatt sie zu verdrängen, sie zu betrauern, anstatt zur Tagesordnung überzugehen. Und die Passionszeit lädt uns im Blick auf die Auferstehung Jesu ein, daran zu glauben, dass die Essenz unseres Lebenstraumes durch alle Brüche hindurch bestehen bleibt und unserem Leben die Gestalt zu geben vermag, die Gott uns zugedacht hat.
Der Autor ist wirtschaftlicher Leiter der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach und er schrieb rund 300 Bücher zu spirituellen Themen.
Gott setzt die Scherben neu zusammen
26. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Glaube und Alltag
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Ein Beitrag von Anselm Grün über den christlichen Umgang mit dem Scheitern
Wie gehen wir damit um, wenn das Leben uns einen Strich durch die Rechnung macht? Um Scheitern geht es im zweiten Beitrag unserer dreiteiligen Serie mit dem Benediktinerpater Anselm Grün.
Scheitern gehört zu unserem Menschsein. Der eine scheitert in seiner Ehe. Er hat vor dem Traualtar das Versprechen ewiger Treue gegeben. Doch nun vermag er das Jawort nicht durchzuhalten. Er fühlt sich gescheitert.
Der andere scheitert in seinem Beruf. Er gibt sich alle Mühe in seiner Arbeit. Aber er erfährt Mobbing. Wieder ein anderer scheitert, indem er seinen Arbeitsplatz verliert, weil es der Firma nicht gut geht. Viele, die an ihrem Leben scheitern, fühlen sich beschämt. Sie schämen sich, vor anderen zuzugeben, dass sie gescheitert sind. Andere verdrängen das Scheitern. Sie flüchten in viele Aktivitäten, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass sie gescheitert sind. Andere beschuldigen sich selbst. Sie suchen die Schuld beim Scheitern bei sich selbst und zerfleischen sich mit Schuldgefühlen.
Es kommt immer darauf an, wie ich das Scheitern interpretiere. Wenn ich es als Versagen deute, dann kann ich nicht gut damit umgehen. Dann zieht es mich nieder. Wenn ich es aber einfach akzeptiere als etwas, was mir widerfahren ist, dann vertraue ich darauf, dass aus dem Scheitern Neues entstehen kann. Wir Christen schauen in der Passionszeit auf das Kreuz Jesu Christi. Das Kreuz ist zunächst auch ein Scheitern. Jesus ist mit seinem Versuch, die Frohe Botschaft vom barmherzigen Vater und von der Nähe des Reiches Gottes den Menschen zu verkünden, gescheitert. Dieser wunderbare Rabbi, der die Kranken geheilt hat und den Menschen durch seine Botschaft Hoffnung und Zuversicht geschenkt hat, wird von der römischen Staatsmacht hingerichtet. Die Emmausjünger haben das als Scheitern erlebt und sind davongelaufen, weil sie das Scheitern ihres geliebten Rabbi nicht ausgehalten haben. Doch das Kreuz ist nicht das Ende. Kreuz und Auferstehung Jesu sind das Hoffnungszeichen schlechthin.
Wenn wir in jeder Eucharistie Tod und Auferstehung Jesu feiern, dann bekennen wir, dass es kein Scheitern gibt, das nicht zu einem Neuanfang werden kann. Es gibt keine Dunkelheit, die nicht erleuchtet wird, keine Erstarrung, die nicht aufgebrochen werden kann, kein Grab, in dem nicht das Leben aufblüht.
Der deutsche Mystiker Johannes Tauler hat uns noch eine andere Deutung des Scheiterns gegeben. Er interpretiert Jesu Gleichnis von der verlorenen Drachme in diesem Sinn. (Lukas 15,8-10) Wenn der Mensch sich in seinem Leben gut eingerichtet hat, hat er oft genug seine Drachme verloren, seine Mitte. Er hat die Beziehung zum Grund seiner Seele verloren. Oder wie der griechische Mystiker Gregor von Nyssa sagt: Er hat das Bild Christi in sich verloren. Dann macht es Gott wie eine Frau, die etwas Wertvolles sucht.
Er stellt alle Stühle auf den Tisch, verrückt die Schränke, um die verlorene Drachme zu finden. Gott selbst führt den Menschen also ins Gedränge, um ihn in den Grund seiner Seele zu führen. Das Scheitern, das mein äußeres Lebensgebäude zerbricht, ist also für Tauler der Weg in den Grund der Seele. Dort wartet Gott auf mich. Ich muss also nicht ständig die Schuld für das Scheitern bei mir selbst suchen und mich durch Schuldvorwürfe selber lähmen. Natürlich gibt es ein Scheitern, bei dem ich selbst schuld bin. Aber auch dann hilft es nicht weiter, sich nur zu beschuldigen. Gott hat meine Schuld vergeben. Ich soll Abschied nehmen von der Illusion, ich würde immer alles richtig machen. Und ich soll Abschied nehmen von der Illusion, dass mir alles gelingt, was ich in die Hand nehme. Das Scheitern zerbricht mein Lebensgebäude, um mich in den Grund meiner Seele zu führen und dort Gott zu finden.
Viele haben das Gefühl, sie würden vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens sitzen, wenn sie gescheitert sind. Doch – das ist die frohe Botschaft der Bibel – Gott wird die Scherben meines Lebens wieder neu zusammensetzen. Er wird ein neues Haus errichten, das meinem Wesen noch mehr entspricht.
Wie jemand mit dem Scheitern umgeht, das hängt von der Deutung ab, die er dem Scheitern gibt. Die Bibel zeigt uns in den Worten Jesu und in seinem Tod und Auferstehung ein Deutungsmuster, das uns hilft, uns mit dem Scheitern auszusöhnen und darin einen Weg zu entdecken, unser Leben von Gott neu formen zu lassen.
Der Autor ist wirtschaftlicher Leiter der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach und er schrieb rund 300 Bücher zu spirituellen Themen.
Aufgebrochen für mein wahres Wesen
18. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Glaube und Alltag
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Ein Beitrag von Anselm Grün über den christlichen Umgang mit Leid
Wie gehen wir damit um, wenn das Leben uns einen Strich durch die Rechnung macht? Um Leid, Scheitern und zerplatzte Träume geht es in unserer dreiteiligen Beitragsserie mit dem Benediktinerpater Anselm Grün.
Jesus sagt uns nicht, warum uns das Leid trifft. Aber er zeigt uns einen Weg, wie wir mit dem Leid umgehen können. Jesus selbst ist den Weg des Leidens gegangen. Wenn uns das Leid trifft, so sind wir nicht allein gelassen. Jesus ist in unserem Leid bei uns. Das ist die erste Hilfe, die uns Jesus gibt, unser Leid zu bewältigen. Oft genug fühlen wir uns im Leid ja allein gelassen. Wer sich alleine fühlt, den erdrückt das Leid. Wenn das Leid uns öffnet für die Gemeinschaft mit Jesus, der bei uns ist und uns in seiner Passion seine Liebe bis zur Vollendung erwiesen hat, dann fühlen wir uns im Leiden geliebt. Das stärkt uns mitten im Leid.
Jesus zeigt uns einen Schlüssel, wie wir mit dem Leid umgehen sollen. Er sagt den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus: »Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?« (Lukas 24,26) In Bezug auf unseren Umgang mit dem Leid können wir dieses Wort so übersetzen: Warum das Leid mich getroffen hat, weiß ich nicht. Es ist einfach geschehen. Es hat meine Pläne durchkreuzt, es ist mir von außen her widerfahren. Das Leid will meine Vorstellungen von mir selbst, vom Leben und von Gott zerbrechen, damit ich immer mehr in die ursprüngliche Gestalt hineinwachse, die mir Gott zugedacht hat, damit die Herrlichkeit Gottes, der unverstellte Glanz Gottes in mir aufleuchtet. Das Leid zerbricht mir die Vorstellungen von mir selbst. Ich bin nicht der immer gesunde und erfolgreiche Mensch. Ich kann für mich nicht garantieren. Das Leid zerbricht meine Vorstellungen vom Leben.
Wenn ich schwer krank bin, muss ich mich verabschieden von manchen Wünschen an das Leben. Und das Leid zerbricht meine Vorstellung von Gott. Das Bild des barmherzigen Vaters, der immer für mich sorgt, wird im Augenblick des Leids zerbrochen. Wenn ich mir die Vorstellungen von mir, vom Leben und von Gott zerbrechen lasse, werde ich am Leid nicht zerbrechen. Vielmehr werde ich immer mehr aufgebrochen für mein wahres Wesen, aufgebrochen für neue Möglichkeiten des Lebens, aufgebrochen für meine Brüder und Schwestern. Und ich werde aufgebrochen für den unbegreiflichen Gott, der in seiner Unbegreiflichkeit aber dennoch Liebe ist.
Der Ritus des Brotbrechens in der Eucharistiefeier, beim Abendmahl führt uns genau diesen christlichen Umgang mit dem Leid vor Augen. Wir brechen den Leib Jesu Christi, der für uns am Kreuz zerbrochen wurde, damit all das, was uns im Leid widerfährt, uns nicht zerbricht, sondern immer mehr aufbricht für das Geheimnis der Liebe, die im Kreuz Jesu Christi in ihrer Vollendung aufstrahlt.
Der Autor ist wirtschaftlicher Leiter der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach und er schrieb rund 300 Bücher zu spirituellen Themen.



