Flagge zeigen für das Miteinander

11. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnerungsort: »Topf & Söhne« symbolisch mit ACHAVA-Fahne markiert

Menschen zusammenführen und einladen zum Lernen und zur Begegnung, das ist das Ziel von »ACHAVA«, dem jüdischen Impuls für interreligiösen Dialog. Die Festspiele für Toleranz und Dialog fanden 2015 erstmals in Thüringen statt. In diesem Jahr hat das Festival zwei neue Veranstaltungsorte und -partner gefunden: den Thüringer Landtag und den Erinnerungsort »Topf & Söhne«.

Hissen der Flagge:  Vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma »Topf & Söhne« wurde ein acht Meter großes Banner mit dem Logo von ACHAVA aufgehängt. (v. li.): Martin Kranz, Intendant der ACHAVA Festspiele, Christian Carius, Thüringer Landtagspräsident, Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes »Topf & Söhne«, der Kulturdirektor der Landeshauptstadt Erfurt, Tobias J. Knoblich, Sophie Eckenstaler, Kuratorin der Ausstellung »Un-er-setz-bar« vom Erinnerungsort  Topf & Söhne. Foto: Diana Steinbauer

Hissen der Flagge: Vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma »Topf & Söhne« wurde ein acht Meter großes Banner mit dem Logo von ACHAVA aufgehängt. (v. li.): Martin Kranz, Intendant der ACHAVA Festspiele, Christian Carius, Thüringer Landtagspräsident, Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes »Topf & Söhne«, der Kulturdirektor der Landeshauptstadt Erfurt, Tobias J. Knoblich, Sophie Eckenstaler, Kuratorin der Ausstellung »Un-er-setz-bar« vom Erinnerungsort Topf & Söhne. Foto: Diana Steinbauer

Vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma »Topf und Söhne«, die Entlüftungsanlagen und gasdichte Türen für die Gaskammern zahlreicher Konzentrationslager baute, wurde deshalb am Tag vor der Eröffnung des Festivals ein acht Meter großes Banner mit dem Logo von ACHAVA gehisst.

Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes »Topf & Söhne« betonte die Bedeutung eines solchen Zeichens: »Es ist sehr wichtig, dass an einem solchen Ort wie diesem, an dem Techniker gedacht und produziert und dabei die Folgen ihres Tuns für die Menschen ignoriert haben, dass gerade hier nicht nur der Taten erinnert, sondern auch ein Zeichen für Toleranz und Verständigung gesetzt wird.«

Mit dem Banner wolle man nicht nur auf ACHAVA und die zahlreichen und vielfältigen Veranstaltungen bis zum
11. September in Erfurt aufmerksam machen. »Wir wollen auch zeigen, dass dieser Ort ein offenes Haus und nicht auf die Vergangenheit ausgerichtet ist. Hier bewegt sich etwas«, so die Kuratorin.

Der Kulturdirektor der Stadt Erfurt, Tobias Knoblich, erklärte, die Stadt wolle nicht nur Veranstaltungsort, sondern intensiver Partner des Festivals sein. Knoblich betonte die besonderen Herausforderungen, die die Globalisierung an die Gesellschaft stelle. »Es gibt viele Widerstände und Grenzen. Wir müssen uns aufmachen, Unbekanntes kennenzulernen und Differenzen akzeptieren zu können«, so Knoblich.

Martin Kranz, Intendant der ACHAVA Festspiele, freut sich über die Zusammenarbeit mit dem Landtag und dem Erinnerungsort. Er hofft, dass das Festival auch in diesem Jahr wieder viele Menschen anziehen und begeistern wird. Konzerte, Ausstellungen, Lesungen, Vorträge, Filmvorführungen, Meditation und vieles mehr wird dem Publikum in diesen Tagen in Erfurt geboten.

Kranz hofft, dass bis zu 10 000 Besucher zum Festival kommen werden. »Wir machen den Erfolg von ACHAVA jedoch nicht an einer Zahl fest«, so Kranz. »Für uns zählt die Qualität der Beiträge und jeder Einzelne, den wir erreichen.«

Diana Steinbauer

Die Ofenbauer von Auschwitz

24. Januar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Biederes Verwaltungsgebäude, solides Geschäftsgebaren: Hinter diesen Fenstern dachten Techniker darüber nach, wie der Massenmord in Auschwitz technisch vervollkommnet werden könnte. Das Zitat entstammt der Korrespondenz mit der SS. (Fotos: Rainer Borsdorf)

Biederes Verwaltungsgebäude, solides Geschäftsgebaren: Hinter diesen Fenstern dachten Techniker darüber nach, wie der Massenmord in Auschwitz technisch vervollkommnet werden könnte. Das Zitat entstammt der Korrespondenz mit der SS. (Fotos: Rainer Borsdorf)

 
Die Firma deckte Kommunisten und Juden unter ihren Mitarbeitern – und beteiligte sich zugleich aktiv an der technischen Vervollkommnung des Massenmordes: In der kommenden Woche wird in Erfurt der »Erinnerungsort Topf und Söhne« eingeweiht.
 

Die Öfen wurden im Beisein des Herrn Oberingenieur Prüfer angefeuert und funktionieren tadellos.« Diese Mitteilung vom 29.1.1943 dürfte Kurt Prüfer ebenso erfreut haben wie die 450 vReichsmark Prämie, die er von seiner Firmenleitung erhielt. Der Aussteller des Lobes: SS-Hauptsturmführer Karl Bischoff in Auschwitz.

Wie konnte es passieren, dass die Firma »J. A. Topf & Söhne, Erfurt« ihr firmeneigenes Motto »Topf in alle Welt« derartig pervertierte? In die Wiege war diese Entwicklung dem 1878 gegründeten »feuerungstech­nischen Baugeschäft« nicht gelegt ­worden. Der Erfurter Familienbetrieb ­produzierte zunächst Heizungsanlagen und stattete Brauereien und Mälzereien aus. Bis ins japanische Tokio reichte dabei sein Vertriebsnetz.

Doch schon 1914 belieferte er die ersten Krematorien mit Einäscherungsöfen. Peinlich genau achtete die Firma damals darauf, mit ihren Anlagen eine würde- und pietätvolle »Einäscherung nur mittels heißer atmosphärischer Luft« zu verwirklichen, wie es ein preußisches Gesetz vorgab.

Wie weggeblasen war die Pietät hingegen in einem Patentantrag, den Prüfers Vorgesetzter Fritz Sander 1942 einreichte: »Der starke Bedarf von Einäscherungs-Öfen für Konzentrationslager besonders in Auschwitz, veranlasste mich zu einer Prüfung der Frage, ob das bisherige Ofensystem das richtige ist«, schrieb er an seine Chefs, die Brüder Wolfgang Ernst und Ludwig Topf.

Trug seit 2002 intensiv die Details der Firmengeschichte zusammen: die Historikerin ­Annegret Schüle mit ihrem daraus entstanden Buch »Industrie und Holocaust«.

Trug seit 2002 intensiv die Details der Firmengeschichte zusammen: die Historikerin ­Annegret Schüle mit ihrem daraus entstanden Buch »Industrie und Holocaust«.

Statt der Öfen mit Verbrennungskammer schlug er einen riesigen Turm vor, der von oben ­kontinuierlich mit Leichen bestückt werden sollte. »Dabei bin ich mir vollkommen klar darüber, dass ein solcher Ofen als reine Vernichtungs-Vorrichtung anzusehen ist, dass also die Begriffe Pietät, Aschetrennung sowie jegliche Gefühlsmomente vollständig ausgeschaltet werden müssen«, schrieb der Ingenieur, der zugleich Prokurist bei Topf & Söhne war.

Doch damit nicht genug: Schon 1943 schickte Topf & Söhne seine Monteure wieder nach Auschwitz, um dort weitere Vernichtungsöfen zu bauen. Und ließ zugleich modernste Belüftungstechnik in den Gaskammern installieren. Die Firma trug so mit dazu bei, den Massenmord noch effizienter zu ­machen.

Und noch im Februar 1945, als Auschwitz bereits befreit war, schickten Sander und Prüfer Pläne für ein von ihnen konzipiertes neues Vernichtungszentrum nach Mauthausen (Österreich) mit dem Hinweis: »Wir setzen beim Entwurf der Anlage voraus, dass alle Teile vom KL Auschwitz wieder Verwendung finden sollen.«

Als dann aber im April 1945 amerikanische Truppen Buchenwald erreichten (auch hierhin hatte Topf & Söhne Öfen geliefert), wurde es der Firmenleitung etwas mulmig, und sie besprach mit dem aus KPD- und SPD-Mitgliedern bestehenden neuen Betriebsrat die »Krematorienfrage für die Konzentrationslager«.

Ludwig Topf bekam vom Betriebsrat den erhofften »Persilschein«, der ihn und die Firma aber nicht vor weiteren Nachforschungen der US-Army schützte, sodass er Ende Mai 1945 Selbstmord beging. Sein Bruder Ernst Wolfgang gründete später in Hessen eine neue Firma, die aber schon 1958 in Konkurs ging. Die Ingenieure Prüfer und Sander wurden hingegen mit zwei weiteren Kollegen schon 1946 von der SMAD verhaftet; zwei von ihnen starben in sowjetischer Haft oder Straflager.

Akribisch recherchiert hat dies alles Annegret Schüle. Mit weiteren ­Engagierten trug die promovierte Historikerin seit 2002 im Rahmen eines Forschungsprojektes an der Gedenkstätte Buchenwald Tausende von Fakten zur Firmengeschichte und der Verstrickung von Topf & Söhne in den Holocaust zusammen. Kürzlich erschien dazu ihr Buch »Industrie und Holocaust«. Erschüttert hat sie die Selbstverständlichkeit beim Umgang mit dem Massenmord: »Im Angesicht des Verbrechens suchten die ›Topfianer‹ nach technisch optimalen Lösungen für die Vernichtung.« Dies sei auch deshalb absurd, weil die Firmenleitung gleichzeitig in ihrem Betrieb Kommunisten und Juden duldete, ja schützte.

Schüle setzte sich gemeinsam mit dem Förderkreis »Topf & Söhne« in den letzten Jahren dafür ein, dass auf dem ehemaligen Betriebsgelände ­unweit des Erfurter Hauptbahnhofes Erinnern und Gedenken möglich wird. Das tat auf ihre Weise allerdings seit 2002 auch eine Gruppe Erfurter Jugendlicher, die einen Teil des Geländes besetzt hielt. Als ein Investor 2008 das baufällige Gelände erwarb, schlugen die Jugendlichen ein Alternativ-Angebot der Stadt Erfurt aus und wurden schließlich bei einem massiven Polizeieinsatz im April 2009 »zwangsgeräumt«.

Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein dazu: »Die Besetzer waren sehr inhomogen; letztlich setzten sich die Hardliner durch.« Ihm wäre eine friedliche Lösung wesentlich lieber gewesen.

Der neue Besitzer, die Domicil Hausbau GmbH Mühlhausen, ließ anschließend fast sämtliche Hausruinen abreißen und schuf Platz für ein Fachmarkt-Areal. Im demnächst fertig sanierten Verwaltungsgebäude richtet die Stadt Erfurt zwei Etagen für den Erinnerungsort Topf & Söhne ein, der auch einen kleinen Teil des Freigeländes umfasst. Am 27. Januar 2011, dem Tag der Befreiung des KZ Auschwitz, soll der Ort eröffnet werden.

Rainer Borsdorf

Buchtipp:
Schüle, Annegret: Industrie und Holocaust. Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz, Wallstein Verlag 2010, 464 Seiten (mit 241 z. T. farbigen Abbildungen), ISBN 978-3-8353-0622-6, 29,90 Euro
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Telefon (03643)246161

Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, oft auch kurz Holocaustgedenktag genannt, wurde in Deutschland 1996 durch Proklamation des ­damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog eingeführt. Er nimmt Bezug auf die am 27. Januar 1945 erfolgte Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau im heutigen Südpolen durch sowjetische Truppen. An diesem Tag werden in der ­Bundesrepublik alle öffentlichen Gebäude auf Halbmast beflaggt.

In Israel ist der 27. Januar bereits seit 1959 als Jom haScho’a offizieller Gedenktag. Vor Deutschland wurde der Gedenktag auch bereits in Großbritannien und Italien begangen. Im Herbst 2005 erklärte zudem die Vollversammlung der Vereinten Nationen den 27. Januar zum Internationalen Holocaustgedenktag. (GKZ)