Beten und denken mit Gymnastik

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum Abschluss unserer diesjährigen Sommerinterview-Serie traf Angela Stoye Landesbischöfin Ilse Junkermann in ihrem Magdeburger Büro. Dabei ging es um offene Kirchen, das Reformationsjubiläum und Mission.

Am Elbufer lässt Landesbischöfin Ilse Junkermann gerne die Gedanken schweifen. Foto: Viktoria Kühne

Am Elbufer lässt Landesbischöfin Ilse Junkermann gerne die Gedanken schweifen. Foto: Viktoria Kühne

Frau Junkermann, wie war Ihr Urlaub?
Junkermann:
Wunderschön. Wir waren auf Langeoog. Ich hab mich sehr gefreut, im ersten Gottesdienst am Sonntag einen unserer Pfarrer aus der Altmark zu treffen, der als Kurpastor wunderbar gepredigt hat. Mein Mann und ich waren jeden Tag am und im Meer. Ich habe viel gelesen und mit meinem Mann gespielt: Malefiz und Rummikub.

Und jetzt hat der Alltag Sie wieder – zum Beispiel mit dem Echo auf Ihren Aufruf, 2017 alle 4 000 Kirchen in der EKM zu öffnen. Was überwiegt da?
Junkermann:
Es überwiegt die Grundbereitschaft, darüber nachzudenken. Das ist mir viel wichtiger als Lob oder Kritik. Der Aufruf hat eine sehr breite Resonanz. Denn hinter der praktischen Frage der Kirchenöffnung steht die geistliche: Was verkünden unsere verschlossenen Kirchentüren? Ich finde: Zur Kirchenöffnung gehört auch das Vertrauen darauf, dass Kirchenbesucher keine Aufsicht benötigen, sondern Ruhe wollen.

Eine Kritik ist mir sehr nahegegangen. Eine Pfarrerin sagte mir: Sie sagen, wir sollen das Risiko eingehen. Gleichzeitig geht es im größten Teil der Handreichung zu offenen Kirchen aber um Sicherungsmaßnahmen.

Für mich zeigt das die Spannung zwischen Vertrauen und Befürchtungen, zwischen Sicherheitsbedürfnissen und Risiko. Aber: Welches Risiko ist Gott mit uns Menschen eingegangen?! Und wie nehmen wir das als Beispiel und sagen: Das Risiko, das wir eingehen, ist vergleichsweise gering. Es gehört zum Evangelium, im Glauben nicht Sicherheit zu finden, sondern Vertrauen.

Es gibt Gemeinden, die nach Diebstählen Probleme haben, oder?
Junkermann:
Ja. Aber unser Ziel erreicht man in kleinen Schritten. Wenn Gemeinden Aufsicht oder andere Absicherungen haben wollen, sind das solche Schritte. Ich bitte noch einmal alle Gemeinden, Vertrauen zu wagen.

Themenwechsel: Das 500. Reformationsjubiläum – was bedeutet es für Sie?
Junkermann:
Noch einmal zurück zu den offenen Kirchen, denn sie hängen mit 2017 zusammen – mit der Frage, wo wir heute zur Umkehr gerufen sind in unserem praktischen Verhalten. Das ist der Grundruf Jesu, den Luther in seinen Thesen neu zur Sprache gebracht hat: Der Ruf zu wahrer Buße und Umkehr. 2017 können wir als Riesen-Event feiern oder als Umkehr, zum Beispiel von geschlossenen zu offenen Kirchentüren. Reformation heißt auch, dass auch wir uns heute neu vom Evangelium formen lassen. Sie bedeutet nicht Reform oder Veränderung um jeden Preis.

Was unterscheidet 2017 von 1917 oder 1817?
Junkermann:
Dass es 2017 keine Heldenverehrung gibt, sondern die differenzierte Beschäftigung mit dem Menschen Martin Luther, der seiner Einsicht über das, was er in der Bibel gefunden hat, vertraut hat. Und sich nicht durch äußeren Druck hat beirren lassen. Das fasziniert viele bis heute an ihm, wie er seinem Gewissen mehr verpflichtet war als dem Kaiser oder Papst. Gleichzeitig wusste Luther, dass es das Gespräch braucht. Seine Thesen waren ja eine Aufforderung zur Disputation. Auch das brauchen wir heute sehr.

Deutlich wird 2017 auch, dass Luther ein Mensch mit Fehlern und Schwächen war: sein aufbrausendes Wesen, seine Schimpftiraden oder die Tatsache, dass er sich an eigene Einsichten nicht gehalten hat. So ist er im Blick auf das Verhältnis zu Juden oder zu den Bauern eben nicht beim Diskurs geblieben, sondern hat Gewalt befürwortet und gefördert.

Haben Sie eine Lieblingsschrift?
Junkermann:
Ja, »Von der Freiheit eines Christenmenschen«. Weil darin sehr deutlich wird, dass zur Freiheit auch Verantwortung und Bindungen gehören – im Gegensatz zu einer Vorstellung von Freiheit als Schrankenlosigkeit.

Oder ein Lieblingswort?
Junkermann:
Das habe ich als Vikarin in Horb am Neckar im Lutherjahr 1983 am Anfang des Gottesdienstes zitiert: »Die Heilige Schrift ist wie ein Kräutlein. Je länger du daran reibst, desto mehr duftet es.« Das hilft mir bis heute bei der Arbeit an meinen Predigten.

Was erhoffen Sie sich von 2017 für Impulse?
Junkermann:
Dass die Menschen hier merken, wie stolz sie sein können, in dieser Region mit ihrer reichen Geschichte zu leben. Was hier geschah, hat weltweit Bedeutung gewonnen.
Andererseits ist 2017 eine Herausforderung für uns als Kirche und die Gemeinden. Die Kirchenkreise müssen Stellen abbauen, wir Christen werden immer weniger. Dass passt schlecht mit den großen Events zusammen.

Was folgt daraus?
Junkermann:
Die EKM will 2017 ein guter Gastgeber sein. Für die Zeit danach wünsche ich mir, dass unsere Glaubenszuversicht gestärkt wird, auch wenn der Weg unserer Kirche und unserer Gemeinden schwierig ist. Wir können darauf vertrauen, dass Gott uns führt. Wir beschäftigen uns ganz viel mit Defiziten. Das ist berechtigt; das tut weh. Aber wir sollten einen Blick dafür bekommen, was uns geschenkt ist, worin wir (stein-)reich sind. Damit bin ich wieder bei den offenen Kirchen.

Ihrem Lieblingsthema?
Junkermann:
Ja, denn es ist fast unglaublich, in welchem Maß in den vergangenen 25 Jahren die Kirchen wieder aufgebaut worden sind. Diese Schätze sollten wir mit anderen teilen! Vor allem die Menschen, die sich einbringen, sind Schätze. Ich hoffe sehr, dass wir als Kirche offener werden und dass Gottes Geschichte mit uns eine lebendige Geschichte für uns ist. Dass wir nicht an festen Bildern hängen, wie Kirche und Gemeinde sein sollen, vielmehr schauen, was Gott uns jetzt an Menschen und Ressourcen schenkt.

In »Luthers Land« leben die wenigsten Christen. Missionarische Aktionen haben kaum etwas gebracht. Wie kann der Schrumpfungsprozess aufgehalten werden?
Junkermann:
Den Glauben können wir nicht machen. Es gibt dazu ein Wort von Carl Friedrich von Weizsäcker: »Rede nicht über deinen Glauben, wenn du nicht gefragt wirst. Aber lebe so, dass du gefragt wirst.« Das ist die Herausforderung: Wie lebe ich selber so, dass Menschen mich fragen. Ob der Samen auf fruchtbare Erde fällt oder unter Dornen oder auf Felsen, haben wir nicht in der Hand. Wir sind Säe-Leute. Manchmal dürfen wir ernten. Aber wir wissen nicht, wann die Ernte kommt.

Sommerlogo GuHWie gelingt es Ihnen, Privatleben und Beruf unter einen Hut zu bringen?
Junkermann:
Mit meinem grünen Filzstift. Damit kennzeichne ich im Kalender die Verabredungen mit meinem Mann. Ich bin froh, dass er als Selbstständiger flexibel sein kann. Mir persönlich hilft es sehr, wenn ich morgens eine Stunde für mich habe für das Gebet, für das Nachdenken – auch das Denken an Menschen, die es schwer haben. Das gelingt mir am besten bei Gymnastik.

Was tun Sie, wenn Sie in Magdeburg frei haben?
Junkermann:
Im Sommer sitze ich gerne auf dem Balkon. Brauche ich Bewegung, bin ich in wenigen Schritten an der Elbe. Mein Mann und ich lieben die Weite der Landschaft, sitzen aber auch gerne in einem Lokal an der Elbe.

Und wenn es regnet?
Junkermann:
Dann lese ich.

Viele Pfarrer sollen ja Krimis lieben …
Junkermann:
Die liebe ich auch. Sehr gerne lese ich zudem Gedichte und Romane. Im Urlaub zum Beispiel »Unterleuten« von Juli Zeh. Es ist unglaublich, wie sie Menschen und die Atmosphäre erfasst.

Auch amerikanische Autoren liebe ich sehr, tauche in ihren Büchern – zum Beispiel denen von Paul Auster oder T. C. Boyle – in eine andere Gesellschaft, Geschichte und Lebensart ein.

Aus dem Schatten des Vaters

7. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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In Wittenberg öffnete die weltweit erste Schau zu Lucas Cranach dem Jüngeren

Ernst schauen die braunen Augen des Knaben in die Ferne. Die dunklen Haare sind sorgfältig gekämmt, Wangen und Lippen rosig. Die Kleidung ist mit wenigen Strichen angedeutet. Das gezeichnete Porträt des etwa zehnjährigen Fürstensohnes ist eines von insgesamt 13. Aus dem Musée des Beaux-arts in Reims sind die Blätter nach Wittenberg gekommen und in der Ausstellung »Lucas Cranach der Jüngere – Entdeckung eines Meisters« im Augusteum zu sehen.

Die »Auferstehung Christi mit Stifterfamilie« ist auf dem Epitaph für Leonhard Badehorn abgebildet. Das Cranachgemälde gehört zum Bestand des Museums der bildenden Künste Leipzig. Fotos: Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Die »Auferstehung Christi mit Stifterfamilie« ist auf dem Epitaph für Leonhard Badehorn abgebildet. Das Cranachgemälde gehört zum Bestand des Museums der bildenden Künste Leipzig. Fotos: Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Die Dargestellten wirken so lebensecht, als würden sie gleich hinter dem Schutzglas, das sie umgibt, hervortreten. Die um 1540 beziehungsweise 1545/50 datierten Zeichnungen zeigen Angehörige fürstlicher Familien. Die Cranach-Werkstatt verfügte über das Bildnis-Monopol und konnte jederzeit auf Bestellung die gewünschten Porträts liefern. Einige Zeichnungen hat Cranach der Jüngere handschriftlich bezeichnet. Bei den anderen weist die technische Umsetzung darauf hin, dass sie von seiner Hand stammen. Und schließlich sind nach den Zeichnungen drei Gemälde entstanden, die allesamt als Arbeiten von Lucas Cranach dem Jüngeren anerkannt sind.

Eintritt in die Werkstatt des Vaters

In der Schau im Rang einer Landesausstellung (Kuratorin: Katja Schneider) stehen zum ersten Mal überhaupt Werk und Leben von Lucas Cranach dem Jüngeren im Mittelpunkt. Anlass ist der 500. Geburtstag des Künstlers, der über Jahrhunderte im Schatten seines Vaters, Lucas Cranach des Älteren (1472-1553), stand. Auf knapp 850 Quadratmetern Fläche präsentiert die Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt 120 Werke Cranachs des Jüngeren, die aus Museen und Sammlungen in Deutschland und dem Ausland zusammengetragen wurden. Sie lenkt den Blick auf eine Persönlichkeit, deren malerisches Können dem des älteren Cranach kaum nachstand. Als etwa Zwölfjähriger trat er in die Werkstatt des Vaters, die dieser zwischen 1504 und 1520 in Wittenberg zu einer erfolgreichen Bildmanufaktur aufgebaut hatte. Der Sohn führte diese ab 1550 in unverminderter Qualität fort. In der Folgezeit entwickelte er sie zu einer der größten und erfolgreichsten Kunstwerkstätten in Europa, aus der nicht nur Gemälde hervorgingen, sondern auch Raumdekorationen oder die Ausstattung höfischer Feste und Turniere. Der jüngere Cranach war zwar von Beginn seiner Laufbahn an in den Werkstattbetrieb eingebunden, doch gelang es ihm, sich in dem vorgegebenen Rahmen individuell zu entfalten. Zu sehen ist dies nicht nur an den (Fürsten-)Porträts, sondern an so eindrucksvollen Gemälden wie »Auferstehung Christi mit Stifterfamilie (Epitaph für Leonhard Badehorn)« von 1554 oder »Christus als Überwinder von Tod und Teufel« von 1542. Zeitgenossen schätzen den »jungen Herrn Cranach« als Künstler wie als Ratsherrn, Geschäftsmann und frommen Christen hoch.

Künstler, Ratsherr, frommer Christ

Doch nachdem die Cranach-Werkstatt nach seinem Tod 1586 gegen Ende des 16. Jahrhunderts aufgegeben wurde, gerieten beide Maler in Vergessenheit. Später wurden die Werke nur dem älteren Cranach zugeschrieben. Erst im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts gelang es der kunsthistorischen Forschung, die Bilder dem Vater oder dem Sohn oder beiden gemeinsam oder der Werkstatt zuzuordnen und negative Urteile zu revidieren.

Nicht nur die Kunstwerke, auch die Ausstellungsorte verdienen Aufmerksamkeit. Auf dem Gelände des Augustinerklosters wurde 1586 ein Gebäude für die Wittenberger Universität fertiggestellt. Nach seinem Bauherren, dem sächsischen Kurfürsten August, bekam es den Namen Augusteum. Als die Universitäten Halle und Wittenberg 1817 vereinigt wurden, nutzte das Evangelische Predigerseminar die frei gewordenen Räume bis zum Auszug wegen des Beginns der Gebäuderestaurierung. An der östlichen Hofmauer entstand ein neues Eingangsgebäude mit Kasse, Garderobe, Museumsshop und Toiletten, das zudem den barrierefreien Zugang zum Augusteum ermöglicht.

Einblick in das Leben der Familie

Das Motiv »Herkules bei Omphale« nach einer Geschichte aus Ovids Metamorphosen ist ein erfolgreiches Serienmotiv aus der Cranach-Werkstatt. Dieses Bild stammt aus dem Jahr 1535 und zeigt auch das Wappen Albrechts von Brandenburg, der es wohl in Auftrag gab. Aufbewahrt wird es im Statens Museum for Kunst in Kopenhagen. Ob es der ältere oder der jüngere Cranach malte, ist nicht eindeutig.

Das Motiv »Herkules bei Omphale« nach einer Geschichte aus Ovids Metamorphosen ist ein erfolgreiches Serienmotiv aus der Cranach-Werkstatt. Dieses Bild stammt aus dem Jahr 1535 und zeigt auch das Wappen Albrechts von Brandenburg, der es wohl in Auftrag gab. Aufbewahrt wird es im Statens Museum for Kunst in Kopenhagen. Ob es der ältere oder der jüngere Cranach malte, ist nicht eindeutig.

Ein weiterer Ausstellungsort ist die Stadtkirche Sankt Marien, die nicht nur zahlreiche Originalgemälde von Lucas Cranach dem Jüngeren beherbergt. Sie bezeugt zudem das Leben des Malers vom Anfang bis Ende: Hier wurde er getauft und getraut und hörte die Reformatoren predigen. Hier befinden sich sein Grab und das Grabmal. Am bekannten Reformationsaltar der Kirche arbeitete er zusammen mit seinem Vater. Im Geburtshaus Lucas Cranachs des Jüngeren am Markt zeigt die Cranach-Stiftung die Ausstellung »Cranachs Welt«. Sie gibt Einblick in das Leben der Familie und den künstlerischen Schaffensprozess.

Nach jahrelanger Vorarbeit hat sich die Lutherstadt Wittenberg für vier Monate in »CranachCity« verwandelt. Dieses Ereignis sollte sich keiner entgehen lassen!

Angela Stoye

Zur Ausstellung ist der Katalog »Cranach der Jüngere – Entdeckung eines Meisters« erschienen. Herausgeber: Roland Enke, Katja Schneider, Jutta Strehle. Hirmer-Verlag München 2015. 432 Seiten. ISBN: 978-3-7774-2349-4. Verkaufspreis im Museumsshop: 29,95 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro.

Die Ausstellung im Augusteum kann bis 1. November montags bis sonntags, 9 bis 18 Uhr, besichtigt werden. Die Stadtkirche St. Marien ist montags bis sonnabends, 10 bis 18 Uhr, sonntags, 12 bis 18 Uhr geöffnet; das Cranach-Haus am Markt montags bis sonntags 10 bis 18 Uhr.

www.cranach2015.de

Der lange Weg ins Pfarramt

1. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Theologinnen: Für die Pfarrerstochter Henriette Barthels war der Weg in den kirchlichen Dienst vorgezeichnet

Als Henriette Barthels, Jahrgang 1938, den Weg zum Pfarrdienst einschlug, war das für Frauen noch nicht selbstverständlich. Angela Stoye sprach mit der Pfarrerin, die heute als Ruheständlerin in Gommern (Kirchenkreis Elbe-Fläming) lebt.

Henriette Barthels lebt heute in Gommern, wo ihr Vater einst Pfarrer war. Foto: Stephen Zechendorf

Henriette Barthels lebt heute in Gommern, wo ihr Vater einst Pfarrer war. Foto: Stephen Zechendorf

Frau Barthels, wie war Ihr Weg in die Theologie?
Barthels:
Ich bin in einer Pfarrfamilie aufgewachsen. Mein Vater war Pfarrer in Gommern. In meiner Schulzeit gehörte ich nicht zu den Pionieren, war nicht in der FDJ, ging aber selbstverständlich und gern zur Jungen Gemeinde und trug das Kugelkreuz. Den Besuch der Erweiterten Oberschule (EOS) ab 1952 in Magdeburg hat meine Familie schwer erkämpft. Ein Jahr später wurde ich der Schule verwiesen.

Wie das?
Barthels:
Im Frühjahr 1953 wurden die Pfeifferschen Stiftungen enteignet, und es gab eine Hetzkampagne. Auch die Oberschüler sollten sich per Unterschrift an der Hetze beteiligen. Das habe ich abgelehnt. Schwerwiegender war sicher die Teilnahme an den morgendlichen Schülerandachten im Dom und die Zugehörigkeit zur Jungen Gemeinde. Nach dem 17. Juni 1953 wurde der Schulverweis für die meisten Relegierten rückgängig gemacht. Weil mein Vater Superintendent des Kirchenkreises Eckartsberga wurde, lernte ich in Schulpforta weiter. Dort bin ich nach Abschluss der zehnten Klasse wieder geflogen. Zwar wurde dieser Beschluss in den Ferien ebenfalls rückgängig gemacht, doch ich wollte nicht mehr dorthin zurück. Eine Begründung für das Vorgehen der beiden Schulen habe ich nie bekommen.

Wie ging es weiter?
Barthels:
Mein Glück war das in Naumburg eröffnete Kirchliche Proseminar. Das besuchte ich ab Ostern 1955 für zwei Jahre. Ich gehörte zum dritten Jahrgang, der dort das kirchliche Abitur ablegte. Das war eine wunderbare Zeit. Endlich konnte ich ohne Angst lernen. Damit war der Weg in eine weiterführende kirchliche Ausbildung vorgezeichnet. Alle, die das nicht wollten, gingen in die Bundesrepublik. Meinen Kindertraum, Ärztin zu werden, mochte ich mir nicht so teuer erkaufen. 1957 begann ich, in Berlin Theologie zu studieren. 1960 haben mein Mann Berndt, auch Theologiestudent, und ich geheiratet. Dann kamen die Kinder. Mein Erstes Theologisches Examen habe ich in Halle gemacht.

Das Gesetz über die Pfarrvikarinnen der altpreußischen Union von 1952 sah vor, dass Frauen mit der Heirat ihren Dienst beenden mussten. Erst ab 1968 wurden verheiratete Theologinnen ordiniert. Wie war das bei Ihnen?
Barthels:
Es war mein Vater, der mich ermutigte, mein Studium samt Vikariat und zweitem Examen durchzuhalten. Die Zeiten ändern sich, sagte er.

Uns wurden fünf Kinder geboren, mein Mann war Pfarrer. Ich unterstützte ihn bei der Kinder- und Frauenarbeit, dazu kamen Kindererziehung und Haushalt. Da war ich sehr ausgelastet. Zudem wurde damals eine Theologin mit Kind im Predigerseminar nicht aufgenommen. Das war einfach nicht vorgesehen. Aber mein Vater sollte recht behalten.

Und wann war das?
Barthels:
Für mich 1973. Damals wurde ich gefragt, ob ich nicht als Pastorin weiterarbeiten wolle, und ich habe Ja gesagt. Mein Mann verließ damals den Pfarrdienst und wurde Orgelbauer. Ich wurde Pastorin in Altbelgern (Kirchenkreis Bad Liebenwerda). Von 1984 bis zu meinem Eintritt in den Ruhestand 1998 war ich Pfarrerin in Roitzsch (Kirchenkreis Bitterfeld). Ich hatte gute Kolleginnen und Kollegen, bei denen »Frau auf der Kanzel« kein Thema war. Meiner Tante, der Pfarrvikarin Margarete Anz, Jahrgang 1910, ging das noch ganz anders.

Wie betrachten Sie heute die Jahrzehnte?
Barthels:
Ich finde es schlimm, wenn Kinder für den Beruf ihrer Eltern bestraft werden. Durch unsere Lebensentscheidung wurden leider unsere Kinder getroffen. Bis auf einen Sohn durften sie nicht zur EOS gehen. Ich habe der DDR die Sippenhaft sehr übel genommen. Unsere Kinder haben den zweiten Bildungsweg gewählt, sind ihren Weg gegangen und zufrieden. Ich sehe es inzwischen als Geschenk, dass mein Leben so verlaufen ist. Ich habe es mir zwar so nicht ausgesucht, aber habe Ja dazu sagen können.

Maria in Grisaille

3. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Maler Michael Triegel entwarf zum ersten Mal Fenster für eine katholische Kirche

Noch fällt das Licht ungefiltert durch die dreigeteilten Bogenfenster oben im Ost- und Westgiebel der katholischen Kirche in Köthen. Doch das wird die längste Zeit so gewesen sein. In knapp einem Jahr sollen die neuen Fenster eingeweiht werden, mit deren Entwürfen die Pfarrei den Maler Michael Triegel beauftragte. Große Beachtung fand er 2010 mit seinem Porträt von Papst Benedikt XVI. In den Jahren zuvor hatte der in Leipzig ausgebildete Künstler farbenprächtige Gemälde für Kirchen geschaffen, die sich überwiegend an der italienischen Renaissance und des Manierismus orientierten. Mit den Entwürfen für die Fenster betritt der »Papstmaler« nicht nur mit der künstlerischen Technik Neuland, sondern auch mit der Hinwendung zur Grisaille: Die in Grautönen gehaltenen Figuren agieren vor lichtblauem Hintergrund. Triegel geht damit auf den spätklassizistischen Kirchenbau ein, der 2009 restauriert und dabei auf die ursprüngliche Farbfassung zurückgeführt wurde.

Das große Mittelfenster auf der Ostseite zeigt eine Pietà von Michael Triegel. Foto: Heiko Rebsch

Das große Mittelfenster auf der Ostseite zeigt eine Pietà von Michael Triegel. Foto: Heiko Rebsch

Die Kirche ist ein Auftragswerk des herzoglichen Hofbaumeisters Christian Gottfried Heinrich Bandhauer (1790–1837) für das am 24. Oktober 1825 zum Katholizismus konvertierte Fürstenpaar Friedrich Ferdinand von Anhalt-Köthen und seine Frau Julie. Erbaut wurde die Pfarr- und Schlosskirche St. Maria von 1827 bis 1832. Die Schutzpatronin hat nicht nur Einfluss auf das Bildprogramm, sondern auch auf die Farbigkeit: Blau ist in der kirchlichen Überlieferung der Gottesmutter Maria zugeordnet und symbolisiert zudem den Himmel.

Das große Mittelfenster auf der Ostseite zeigt eine Pietà. Maria hält am Fuß des Kreuzes den Leichnam ihres Sohnes auf dem Schoß, mit ihrer linken Hand ergreift sie seinen linken Arm und hält ihn in einer zum Himmel weisenden Geste. Dornenkrone und Nägel liegen ihr zu Füßen. Die kleinen Seitenfenster stellen die Verkündigung – Maria mit dem Reinheitssymbol der Lilie – und die Empfängnis dar: Maria hält ein geschlossenes Buch in der Hand, Hinweis des Künstlers darauf, dass mit der Menschwerdung Christi ein neues Testament beginnt. Auf der Westseite, über der Orgel, ist die Aufnahme Marias in den Himmel dargestellt. Gottvater und Sohn, spiegelbildlich dargestellt und nur durch die Wundmale voneinander zu unterscheiden, krönen Maria mit zwölf Sternen zur Himmelskönigin, die als Symbol ihrer Herrschaft einen Granatapfel hält. Über allem schwebt der Heilige Geist in Gestalt einer Taube. In den Seitenfenstern sind, als Vertreter der der Erlösung bedürftigen Menschheit, Adam und Eva dargestellt. Adam dreht sich hoffend zum Licht. Eva hat den Apfel, das Symbol der menschlichen Schuld, abgelegt.

Die technische Umsetzung der Entwürfe übernimmt die renommierte Glasmalerei Peters aus Paderborn. Unter anderem stammt von ihr die Glasfassade des neuen Technologiezentrums in Halle und das Fensterprogramm in der Apostolischen Nuntiatur in Berlin. In Köthen wird die bisherige Fensterkonstruktion erhalten bleiben. Die Entwürfe Triegels werden auf je eine große, ungeteilte Scheibe übertragen und gebrannt. Kleine zusammengesetzte Glasscheiben wird es in St. Maria nicht geben.

Die Baubegleitung und Planung liegen in Händen des Köthener Ateliers für Architektur und Denkmalpflege (AADe), das unter anderem die Generalsanierung des Gymnasiums Philanthropinum in Dessau übertragen bekam. Den Hauptteil der Gesamtkosten in Höhe von 200 000 Euro tragen die Ostdeutsche Sparkassenstiftung und die Kreissparkasse Anhalt-Bitterfeld. Das Glaskunstprojekt hat die Pfarrei mit der Kunstkommission des Bistums Magdeburg abgestimmt. Eingeweiht werden die Fenster am 24. Oktober 2015.

Angela Stoye

Der Mann hinter der Sage

20. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Geschichte: Bischof Thilo von Trotha ist eine Sonderausstellung in Merseburg gewidmet

Thilo von Trotha war 48 Jahre Bischof von Merseburg. Eine Ausstellung zu seinem 500. Todestag widmet sich seinem Werk. Ein Blick in Leben und Frömmigkeit im ausgehenden Mittelalter.

Seit Jahrhunderten bestimmt eine Sage das Bild des Thilo von Trotha (1443–1514): Er soll einen Kammerdiener, der des Diebstahls eines kostbaren Ringes verdächtigt wurde, hinrichten lassen haben. Dass der Mann seine Unschuld beteuerte, nützte ihm nichts. Später wurde der Ring in einem vom Merseburger Dom-Dach gefallenen Rabennest aufgefunden. Die Unschuld des Dieners war erwiesen. Der Bischof entschied, dass fortan ein Rabe mit einem Ring im Schnabel sein Wappen zieren sollte. Und es sollte als ständige Mahnung an seinen im Jähzorn gefassten, folgenschweren Entschluss ein Rabe in einem Käfig vor dem Schloss gehalten werden.

Die Rabensage kam zwar erst im 17. Jahrhundert auf. Dennoch ist sie Ausgangspunkt einer Sonderausstellung, die bis 2. November im Dom und Schloss in Merseburg zu sehen ist. Sie trägt den Titel »Thilo von Trotha. Merseburgs legendärer Kirchenfürst«. Auf rund 600 Quadratmetern haben die Kuratoren Markus Cottin und Claudia Kunde 150 Exponate zusammengetragen. Sie stammen aus den Beständen der Vereinigten Domstifter zu Merseburg, Naumburg und des Kollegiatstiftes Zeitz sowie zu mehr als einem Drittel aus Leihgaben. Mit dieser Schau wird das Leben eines mitteldeutschen Bischofs aus dem späten Mittelalter ins Zentrum gerückt, der mit 48-jähriger Amtszeit so lange wie kein zweiter regierte. »Spätmittelalterliche Bischöfe haben es im Kernland der Reformation bekanntlich nicht einfach«, so der Direktor der Domstifter, Holger Kunde. Dabei habe Bischof Thilo von Trotha seine Umgebung wie kaum ein anderer geprägt und auch über das Territorium des Bistums hinaus gewirkt.

Bis heute werden in einer Voliere am Schloss in Merseburg Raben gehalten. Foto: Vereinigte Domstifter

Bis heute werden in einer Voliere am Schloss in Merseburg Raben gehalten. Foto: Vereinigte Domstifter

Die Familie von Trotha stammt aus einem Dorf, das heute ein nördlicher Stadtteil von Halle ist. 1427 wurde es zerstört. Thilos Vater verließ den Stammsitz, schloss sich enger an den Magdeburger Erzbischof an und baute sich eine neue Besitzgrundlage auf. Einige seiner Söhne nahmen später wichtige Stellungen ein. »Tilemannus de Trota« studierte in Leipzig und Perugia und wurde danach Dompropst in Magdeburg. 1466 wurde er zum Bischof von Merseburg gewählt, seine Einsetzung und Weihe erfolgte am 8. März 1467. Sein Hochstift Merseburg baute er systematisch aus, wirtschaftete klug und schaffte es – im Gegensatz zu anderen geistlichen und weltlichen Herrschern seiner Zeit –, seinem Nachfolger gefüllte Kassen und ein deutlich vergrößertes Territorium zu hinterlassen. Thilo reiste in jüngeren Jahren öfter – zum Beispiel pilgerte er mit dem wettinischen Kurfürsten Ernst von Sachsen nach Rom und begleitete 1478 die Tochter eines sächsischen Kurfürstenpaares zu ihrer Hochzeit nach Kopenhagen. Ab den 1470er Jahren konzentrierte er sich auf den Bau seines Residenzschlosses und den Umbau des Domes, zu dem 1015 der Grundstein gelegt worden war. Schon ab 1476 ließ er im Nordquerhaus seine Grabkapelle einrichten, die mit der Tumba aus der Werkstatt des bekannten Nürnberger Gießers Peter Vischer und einem vergoldeten Epitaph zu den wichtigsten Exponaten der Ausstellung zählt.

Diese umfasst insgesamt elf Räume. Drei widmen sich der Biografie Thilos, die anderen setzen thematische Schwerpunkte wie seine Tätigkeit als Bauherr, sein Wirken als Kanzler der Universität Leipzig oder seiner Förderung des Buchdrucks. Ein Raum beschäftigt sich mit der Liturgie und Frömmigkeit im Bistum, die von der Verehrung der Gottesmutter Maria und anderer Heiliger sowie Prozessionen und Wallfahrten geprägt waren. Fast alle der 200 Kirchen im Bistum Merseburg wurden zu Thilos Zeit, finanziert vom Domkapitel, von Stadtgemeinden oder Adligen, baulich erweitert und kostbar ausgestattet. In der Ausstellung zeugen Werke eines unbekannten Malers (vermutlich) aus Leipzig, der als »Meister der byzantinischen Madonna« in die Kunstgeschichte eingegangen ist, von diesem Tun. Zu sehen sind auch kostbare liturgische Geräte und Gewänder. Was in der Schau fehlt, ist ein verbürgtes Bildnis Thilos. Denn es gibt keines. Auch die gezeigten Kleidungsstücke können nicht ihm direkt zugeordnet werden.

In Thilos Grabinschrift heißt es unter anderem: »… und er mehrte alle Dinge, wie die Erinnerungszeichen erweisen.« Besucher der Ausstellung können dort nicht nur ihr Wissen über das ausgehende Mittelalter mehren. Die Exponate ermöglichen ihnen einen genaueren Blick auf die Persönlichkeit, die hinter dem Bild vom jähzornigen Mann steht, das die Sage zeichnet.

Angela Stoye

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Thilo von Trotha. Merseburgs legendärer Kirchenfürst. Michael Imhof Verlag, 256 S., ISBN 978-3-7319-0070-2, 39,95 Euro

www.merseburg2014.de

Von Anhalt nach Indien

2. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Mission: Vor 200 Jahren wurde der Mitbegründer der neueren deutschen Missionswissenschaft, Karl Graul, geboren

Karl Graul gehört zu den prägenden Persönlichkeiten der deutschen Missionsgeschichte. Als Direktor stellte er die Weichen für die bis heute andauernde Arbeit des Leipziger Missionswerkes (LMW).

Nicht weit vom Wörlitzer See kam er als Kind einer Leineweberfamilie zur Welt: Karl Graul (6. Februar 1814 bis 10. November 1864) schaffte es, sich dank seines Verstandes und mit Hilfe von Förderern eine höhere Schulbildung zu erwerben, Theologie zu studieren, Sprachen zu lernen und sich als Übersetzer Dantes einen Namen zu machen. 1843 berief ihn die Evangelisch-Lutherische Missionsgesellschaft Dresden (später Leipzig) zu ihrem Direktor. Er bereiste von 1849 bis 1853 Südindien, wo er sich intensiv mit der Kultur und der tamilischen Sprache auseinandersetzte. Sein Wirken führte zum Wiedererwachen der lutherischen Mission rund um Tranquebar, die 1706 mit den halleschen Missionaren Bartholomäus Ziegenbalg und Heinrich Plütschau begonnen hatte. Aus ihrem Wirken ging die Evangelisch-Lutherische Tamilkirche (TELC) hervor. Ab 1861 lebte Graul in Erlangen, wo er sich 1864 für den ersten Lehrstuhl einer deutschen theologischen Fakultät in Missionswissenschaften habilitierte. Wenig später erlag er einer schweren Krankheit.

Treffen in einem Wittwenprojekt der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche: Die Überwindung des Kastensystems ist bis heute nicht wirklich gelungen. Foto: Leipziger Missionswerk

Treffen in einem Wittwenprojekt der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche: Die Überwindung des Kastensystems ist bis heute nicht wirklich gelungen. Foto: Leipziger Missionswerk

Der Erlanger Religions- und Missionswissenschaftler Andreas Nehring zeigte jetzt bei einer Tagung in Wörlitz die Besonderheiten des Wirkens von Karl Graul auf. Er habe von Indien-Missionaren gefordert, sich ein solides Wissen der indischen Literatur- und Religionsgeschichte anzueignen. Derjenige, der die Argumente der »Heiden« kenne, könne die christliche Wahrheit besser vermitteln. Für das LMW habe Graul Texte in Tamil-Literatur gesammelt, übersetzt und herausgegeben. Er sei der Ansicht gewesen, dass die lutherische Theologie das Verhältnis von Evangelium und Kultur beziehungsweise der zwei Reiche so bestimme, dass dazwischen für ein »mittleres natürliches Gebiet« Platz sei. Dort könnte sich die »nationale Eigenthümlichkeit« eines Volkes manifestieren. Aufgabe einer einheimischen Kirche und nicht der europäischen Mission sei es, dieses Gebiet im Sinne einer christlichen Ethik zu gestalten.

Mit dieser Meinung geriet er in Streit mit anderen Missionaren über die Kastenfrage. In seinem Vortrag widmete sich der Direktor des LMW, Volker Dally, Grauls unpopulärer Entscheidung: In Indien gibt es die Schicht der Dalits, Menschen, die so gering geachtet und rechtlos sind, dass sie im Kastensystem des Hinduismus keinen Platz haben. Etwa 220 Millionen Menschen gehören heute zu den »Broken People« (Gebrochene Menschen), wie sie sich selber nennen. Im 19. Jahrhundert forderten englische Missionare von indischen Christen, die Unterscheidung in Kasten aufzugeben. Die Leipziger Missionare waren sich in dieser Frage nicht einig. Einige wollten das Kastensystem abschaffen. Graul und andere, die Kasten nicht nur als religiöses System, sondern als Grundlage der indischen Zivilgesellschaft verstanden, sahen, dass diese schon in die christlichen Gemeinden in Tamil Nadu eingewandert waren. Sie hofften auf allmähliche Veränderungen durch eine neue christliche Ethik.

Zu der seit 1919 selbstständigen TELC gehören heute 110 000 Mitglieder. 60 Prozent davon sind kastenlose Dalits. »Aus heutiger Sicht können wir sagen«, so Volker Dally, »dass weder die Leipziger Mission noch eine andere Missionsgesellschaft erfolgreich war mit ihrer Hoffnung auf eine Überwindung des Kastendenkens und –handelns in der indischen Gesellschaft.«

Der anhaltischen Kirchenpräsident Joachim Liebig zog in seinem Vortrag Parallelen zur heutigen Situation: Mission könne in einer Region wie Anhalt mit sechs bis neun Prozent Kirchenmitgliedern nicht nur eine Frage an das Pfarramt sei. Missionarischer Anspruch erstrecke sich auf alle Gemeindeglieder; Gemeinden seien dabei zu erkennen, was das für ihre Arbeit bedeute. »Mission in unserer Zeit und unserer Region muss es leisten, einen der Kirche immer wieder streitig gemachten öffentlichen und privaten Raum zu besetzen, dabei menschenfreundlich und zugewandt zu bleiben.«

Angela Stoye

Hinweis:
Alle Referate der Wörlitzer Tagung sind in dem Tagungsband »Karl Graul (1814–164)« versammelt, den das Evangelisch-Lutherische Missionswerk Leipzig zusammen mit der Landeskirche Anhalts herausgegeben hat. Preis: 12 Euro. Zu bestellen beim Missionswerk Leipzig, Paul-List-Straße 19, 04103 Leipzig, Telefon (03 41)9 94 06 00 oder E-Mail <info@LMW-Mission.de>

www.lmw-mission.de

»Mansfeldisch Kind«

24. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Reformation:  Museum »Luthers Elternhaus« wurde in Mansfeld eröffnet

Mit »Luthers Elternhaus« ist am 14. Juni das fünfte reformationsgeschichtliche Museum in Sachsen-Anhalt eröffnet worden. Es gibt Einblicke in die Kindheit und Jugend Martin Luthers und die Lebenswelt einer Familie um 1500.

Das Modell eines Vierseitenhofes zieht die Blicke der Besucher auf sich. Ein stattliches Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude gruppieren sich um einen geräumigen Hof. Der Besitz der Familie Luder aus dem thüringischen Möhra, die nach einem Zwischenaufenthalt in Eisleben 1484 hierher umgesiedelt war, weist auf eine wohlhabende Familie. Die Aussage Martin Luthers (1483–1546), wie er sich ab 1517 nannte, dass sein Vater ein »armer Heuer gewest« sei, trifft am Ende des 15. Jahrhunderts nicht mehr zu. Der Bürger Hans Luder hatte es zu Wohlstand und Ansehen in Mansfeld gebracht. Davon zeugt nicht nur das Anwesen, von dessen Wohnhaus ein Drittel mit einem Renaissance-Portal erhalten blieb, die Wirtschaftsgebäude aber verschwunden sind. davon zeugen ebenso die Bodenfunde aus der Mansfelder Altstadt – wie prächtige Ofenkacheln und nicht zuletzt die von halleschen Archäologen ausgegrabene »Speisekarte« der Familie. Auf der standen nicht nur Fleisch und Fisch, sondern regelmäßig auch Singvögel. Die archäologischen Funde machen etwa die Hälfte der 227 Exponate aus, die im Museum »Luthers Elternhaus« in der heutigen Lutherstraße ausgestellt sind.

Das Modell im Museumsneubau zeigt Luthers Elternhaus vor 500 Jahren. In den Vitrinen darunter und an den Wänden ringsum sind die Funde ausgestellt, die während der Ausgrabungen 2003/04 und 2008 zutage traten. Foto: Jürgen Lukaschek

Das Modell im Museumsneubau zeigt Luthers Elternhaus vor 500 Jahren. In den Vitrinen darunter und an den Wänden ringsum sind die Funde ausgestellt, die während der Ausgrabungen 2003/04 und 2008 zutage traten. Foto: Jürgen Lukaschek

»Mansfeld steht wieder auf der Luther-Landkarte«, so Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Das Museum sei weltweit der einzige Ort, an dem Luthers Kindheit und Jugend thematisiert werden. Der spätere Reformator lebte über 13 Jahre hier – und damit nach seinen 35 Jahren in Wittenberg die zweitlängste Zeitspanne seines Lebens.

Das am 14. Juni eröffnete reformationsgeschichtliche Museum besteht aus zwei Teilen. Der kubische Neubau nach einem Entwurf des Berliner Architektenbüros Anderhalten schließt eine Baulücke in einer Altbau-Häuserzeile und liegt dem originalen elterlichen Wohnhaus Martin Luthers gegenüber. Er besteht aus Stahlbeton. In die Fassade eingearbeitete Schieferstückchen sollen an die Mansfelder Schlacke, den Rückstand bei der Kupferverhüttung, erinnern. Rund 3,5 Millionen Euro kosteten die Bauarbeiten; das Ausstellungsbudget liegt bei rund 686 000 Euro. »Für Mansfeld ist die Eröffnung des Museums ein Riesenschritt nach vorn«, ist sich Bürgermeister Gustav Vogt sicher. Die Stadt, die gemeinsam mit der Stiftung Luthergedenkstätten Bauherr war, erhoffe sich davon mehr Besucher.

»Luthers Heimat sowie Kindheit und Jugend kamen in der Forschung und in der populären Kultur bislang zu kurz«, sagt Christian Philipsen, der zusammen mit Gaby Kuper Kurator der Schau ist. Ihr Motto – »Ich bin ein Mansfeldisch Kind« – stamme aus einem Brief Martin Luthers vom 7. Oktober 1545 an die Grafen von Mansfeld. Diese Worte sowie andere schriftliche Quellen und vor allem sein Handeln zeigten, dass sich Luther auch am Ende seines Lebens noch als Kind dieser Region begriffen habe.

Die Ausstellung – 600 Quadratmeter im Neubau und 80 Quadratmeter im Altbau – ist in mehrere Themenkomplexe untergliedert. Im Abschnitt »Aus gutem Haus« wird die Hauswirtschaft der Familie dargestellt, während das Kapitel »Schwere Arbeit« auf den Kupferschieferbergbau eingeht, dem die Region über Jahrhunderte ihren Wohlstand verdankte. Dem Hüttenmeister Luder und dem zeitweilig angespannten Verhältnis Martins zu seinen Eltern Hans und Margarete ist der Abschnitt »Wen der Berg ruft« gewidmet. Unter dem Thema »Meine Gnädigen Herren« informiert die Schau auch über die Mansfelder Grafen und die Beziehungen der Luthers zu ihnen. Das Kapitel »Sankt Georgs Stadt« ist Mansfeld und dem Schutzpatron, dem heiligen Georg, gewidmet. Das Kapitel »Mit Pauken und Chorälen« schließlich geht auf Martin Luthers harte Schulzeit und die Bildungsinhalte ein, zu der nicht nur das Lateinlernen, sondern auch der Chorgesang in der Pfarrkirche gehörte. Hier entwickelte der junge Martin wohl seine Liebe zur Musik.

Das Foyer des Neubaus wird von einem Panoramabild des Schlosses Mansfeld geprägt, wie es Luther seine Kinderjahre über vor Augen hatte, sowie von den einzig bekannten Gipsbüsten von Luthers Eltern aus dem Jahr 1933. Auf einem Stadtplan, den der Prediger Cyriakus Spangenberg (1528–1604) überlieferte, sind die Lutherorte Mansfelds multimedial präsentiert. Im Elternhaus Luthers liegt der Schwerpunkt auf der Geschichte der Luthermemoria im Mansfelder Land, die am 11. November 1562 mit einem Gottesdienst begannen. Mit dem jetzt eröffneten Museum bekommt die Erinnerung an das »Mansfeldisch Kind« eine neue Güte.

Angela Stoye

www.martinluther.de

Kirche und Krieg

27. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ethik: Theologische Positionen zum Krieg im Laufe der Jahrhunderte standen im Mittelpunkt der Theologischen Tage in Halle

Der Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren war der Schwerpunkt der Theologischen Tage in Halle. Unter dem Thema »Kirche und Krieg« ging es dabei aber auch um Fragen der Gegenwart.

Selbst die Vertreter reformatorischer Bewegungen im 16. Jahrhundert waren sich in Fragen von Krieg und Frieden nicht einig. Das begann schon bei der Auslegung der Schrift. Während Erasmus von Rotterdam befand, dass sich das Schwerttragen für einen Christen nicht zieme, war Martin Luther für den standesgemäßen Gebrauch des Schwertes und den Gehorsam gegenüber legitimer Autorität. »Luther sah Zeichen des nahen Weltendes überall«, so der Theologe und Kirchenhistoriker Friedemann Stengel (Halle) in seinem Vortrag über »Reformation und Krieg«. »Er sah überall den Teufel mit seinen Dämonen am Werk.« Nach Ansicht von Erasmus und Nikolaus von Kues führe jedoch der Teufel nicht das Regiment. »Auch der Kriegsgegner ist Menschenkind, nicht Teufel.« Kriege seien nicht von Gott gemacht, sondern von Menschen. Die Protestanten hingegen hätten mit dem Artikel 16 der

Unerträgliche religiöse Überhöhung: Bildpostkartenserie zum Vaterunser aus dem Ersten Weltkrieg. Repro: picture alliance

Unerträgliche religiöse Überhöhung: Bildpostkartenserie zum Vaterunser aus dem Ersten Weltkrieg. Repro: picture alliance

Confessio Augustana – »Von der Polizei (Staatsordnung) und dem weltlichen Regiment« – Schuld auf sich geladen.
Ein Blick auf die deutsch-deutsche Friedensbewegung im Konflikt der Systeme warf die Theologin Angelika Dörfler-Dierken in ihrem Vortrag. Als Langzeitwirkung davon hat sie in Ost und West eine Delegitimation des militärischen Konfliktaustrags ausgemacht. Die Ablehnung von Kampfeinsätzen sei bis heute weit verbreitet; die Zustimmung zu ISAF sinke seit Jahren. In den Kirchen habe die Überzeugung geherrscht, dass die Abwesenheit von »heißem« Krieg nicht gleichbedeutend sei mit Frieden, so Dörfler-Dierken, die an der Universität der Bundeswehr lehrt. Sie entwickelte die These vom »Lustgewinn durch Partizipation an der Friedensbewegung«. Die Aktionen in Ost und West seien von »lebendiger Energie« getragen gewesen. Weil die Menschen Angst vor dem drohenden Atomkrieg hatten, beteiligten sie sich an symbolischen Aktionen zur Angstüberwindung. In der DDR seien alle, die die offizielle Politik nicht guthießen, in die randständige Gegenkultur verbannt gewesen. Mit der Einführung des Wehrkundeunterrichts habe sich der Widerstand intensiviert. Die Entspannungspolitik hatte der Veränderung der Mentalität der Menschen in Ost und West den Boden bereitet. In der DDR wurde der Graben zwischen offizieller Rhetorik und den eigenen Gefühlen der Menschen immer breiter. Insgesamt sei die deutsch-deutsche Friedensbewegung die »Geschichte ungleicher Brüder« gewesen, denen es gelungen sei, über die Systemgrenzen hinweg in Verbindung zu bleiben.

In den Mittelpunkt eines Workshops stellte der Theologe Jörg Ulrich (Halle) die Kriegspredigten in der evangelischen Kirche von 1914 bis 1918. Ein Thema, dem sich Wilhelm Pressel in seiner Dissertation von 1965 gewidmet hatte. Das Gros der Prediger habe Pressel zufolge dem Nationalprotestantismus angehangen. In den Predigten habe eine martiale, kriegslüsterne Sprache vorgeherrscht. Daneben gab es liberale Theologen und wenige, die, wie Christoph Friedrich Blumhardt, die klare Botschaft gepredigt hätten. Auch der hallesche Universitätsprediger Friedrich Loofs, dessen Predigten Ulrich untersucht hat, habe sich gegen Vereinnahmung gewahrt, die Schrecken des Krieges benannt und sich ein eigenständiges Urteil bewahrt.

Die fundamentale Kontroverse, die der Ersten Weltkrieg und seine Folgen unter Theologen ausgelöst hatte, beleuchtete Heinrich Assel (Greifswald) in seinem Vortrag über die »Lutherrenaissance im Krieg und Nachkrieg«. Während für Karl Barth der Krieg die »Offenbarung des Nicht-Göttlichen« gewesen sei, sah der Theologe Karl Holl das anders. »Man stellt überall mit Freude fest, dass der Krieg das beste aus uns herausgeholt hat«, schrieb er 1914. Und der Theologe Emanuel Hirsch (ein Wortführer der Deutschen Christen, Berater von Reichsbischof Ludwig Müller und Befürworter des Treueeides auf Hitler) habe 1934 dem Begriff »politische Theologie« einen souveränitätstheoretischen Sinn zu geben versucht: Politischer Theologe sei, »wer den politisch-völkischen Souverän auch als Souverän der Kirche anerkenne«.

Die ökumenische Friedensethik und die kirchliche Friedensarbeit im Spannungsfeld zwischen ziviler Konfliktbearbeitung, militärischen Interventionen und Kriegsgewöhnung nahm der katholische Theologe Joachim Garstecki (Magdeburg) in den Blick. Er beobachtet, dass die »Zurückhaltung gegenüber militärischen Lösungen« in den vergangenen 25 Jahren an Bedeutung verloren habe. Das Wort Friedenspolitik sei im öffentlichen Sprachgebrauch verschwunden, »sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit« sei vorrangiges Ziel und verwendetes Wort. Sicherheitslogik sei an die Stelle von Friedenslogik getreten, es gebe kein friedenspolitisches Gesamtkonzept. »Der Krieg erscheint heute wieder als Handlungsoption. Das ist eine gefährliche Entwicklung 100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges.«

Angela Stoye

Kein Ende, sondern Aufbruch

18. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Reformationsdekade: Das Jubiläum 2017 braucht einen ökumenischen Horizont

Die Reformationsdekade ist zur Hälfte vorbei. Das  500. Jubiläum von Luthers Thesenanschlag rückt näher. Wie soll es gefeiert werden?

Wir feiern kein deutsches Lutherjubiläum, sondern ein Reformationsjubiläum mit ökumenischem Horizont.« Für die Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017, Margot Käßmann, ist dies ein zentraler Punkt. Um den bevorstehenden 500. Jahrestag des Thesenanschlags und die Ehrung zu Martin Luthers 500. Geburtstag 1983 in der DDR ging es am 8. November in Vorträgen und einer Gesprächsrunde in der Thomaskirche in Berlin-Kreuzberg. Eingeladen hatten das Institut für vergleichende Staat-Kirche-Forschung, der Kirchenkreis Berlin-Mitte und die Berliner Thomasgemeinde. Außer Margot Käßmann sprachen Bischof a. D. Axel Noack, Honorarprofessor an der Universität Halle-Wittenberg im Fach Kirchengeschichte, und der Kirchenhistoriker Peter Maser, der seit diesem Jahr dem wissenschaftlichen Beirat zur Lutherdekade angehört.

Die Lutherbotschafterin Käßmann nannte in ihrem Vortrag zehn Gründe für die Feier des Jubiläums 2017. Reformationsjubiläen seien immer auch »heikle Zeitpunkte«, sagte sie. Wie wurde gefeiert? An erster Stelle steht deshalb für sie, dass auch die Schattenseiten gesehen werden müssten. »Das ist unsere Freiheit 2017«, so Käßmann. Gefragt sei der kritische Rückblick und keine Profilierung auf Kosten anderer. Mit Blick auf die über 100-jährige weltweite ökumenische Bewegung sprach sie sich weiter dafür aus, dass Christen ein einheitliches Zeugnis geben sollten. »Die Evangelischen sind nicht die Spalter«, stellte sie klar. Vor 500 Jahren sei eine Kirche zwei Wege gegangen. »Uns verbindet aber mit den Katholiken mehr, als uns trennt.« Sie befürwortete den Dialog der Religionen. Der Antijuadismus habe in die Irre geführt. Es sei eine bittere Lerngeschichte gewesen bis zu der Erkenntnis, dass Christen und Juden Geschwister im Glauben sind.

Lutherbotschafterin Margot Käßmann 2012 vor der »Thesentür« der Schlosskirche in Wittenberg. Foto: epd-bild

Lutherbotschafterin Margot Käßmann 2012 vor der »Thesentür« der Schlosskirche in Wittenberg. Foto: epd-bild

Das Reformationsjubiläum solle zudem Anlass sein, sich mit Luthers Sprachfähigkeit und Sprachkraft zu befassen (»Die fehlt uns heute manchmal.«) und mit der Rolle der Frauen in der Kirche. Ein weiterer wichtiger Punkt ist für Margot Käßmann die Überwindung der Spaltung unter reformatorischen Kirchen. Diese sei ein negatives Kennzeichen. So gebe es allein in den USA heute über 200 evangelische Denominationen. In Europa sei mit der Leuenberger Konkordie (1973) die Spaltung der reformatorischen Kirchen nach dem Marburger Religionsgespräch von 1529 überwunden worden. Beim Reformationsjubiläum sei auch die – hochaktuelle – reformatorische Forderung nach Bildung für alle zu feiern. Sie verwies darauf, dass Glaube gleich gebildeter Glaube sei, der Fragen und Debatten zuließe. Oder die Freiheit: Die Tatsache, dass ein Christ aus Gewissengründen widerstehen und widersprechen darf, wie Luther es auf dem Reichstag zu Worms tat, habe zum Beispiel in der DDR Menschen Räume der Sprach- und Gewissensfreiheit eröffnet. Zur Rechtfertigung sagte sie: »Heute ist der Erfolg die Kategorie für die Würde des Menschen geworden.« Vor Gott aber sei jeder Mensch anerkannt. Das sei in die Gesellschaft zu vermitteln. Von Wittenberg sei eine weltweite Bewegung ausgegangen. Schon das sei Grund zum Feiern.

Altbischof Axel Noack erinnerte an die Luther-Ehrung in der DDR im Jahr 1983, das zuerst zum Karl-Marx-Jahr (100. Todestag) erklärt worden war. Luther habe im letzten Jahrzehnt der DDR eine Aufwertung erfahren – wie zum Beispiel auch Friedrich der Große oder Karl May. Bis zu diesem Zeitpunkt sei Thomas Müntzer der Held, Luther aber Verräter an den Bauern gewesen. Noack verwies auf die regionalen Kirchentage 1983 in Eisleben, Erfurt, Frankfurt an der Oder, Magdeburg, Rostock und Wittenberg unter dem Motto »Vertrauen wagen«. Er erinnerte an das Umschmieden eines Schwertes zur Pflugschar in Wittenberg, an die Gründung der Gruppe »Frauen für den Frieden« 1983 und an die Diskussionen über gesellschaftliche Probleme in den kirchlichen Gruppen in den 1980er Jahren. »Bei den Kirchentagen«, so Noack, »merkte man den Unterschied zwischen offizieller Ehrung und der Basis.«

Professor Peter Maser verwies auf die internationale Dimension des Reformationsjubiläums 2017. Besonders die Kirchen des östlichen Europas sollten mit hineingenommen werden. »Sie waren die Hüter des Erbes unter schwierigen Bedingungen«, so der Kirchenhistoriker. »Mir ist es ein Herzensanliegen, sie und ihre Erfahrungen mit zu beteiligen.«

Margot Käßmann hofft, dass die Themenjahre der Reformationsdekade nicht nur binnenkirchliche Anknüpfungspunkte geben, sondern auch eine Chance sind, mit Menschen außerhalb der Kirche in Dialog zu treten. Zudem hofft sie, dass viele Christen die Reformationsdekade als Chance zur Erneuerung und Ermutigung begreifen und sagen: »Die Reformation muss weitergehen. 2017 soll kein Ende sein, sondern ein Aufbruch.«

Angela Stoye

»Mut zur Brache« haben

22. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Tagung: »Damit die Kirche im Dorf nicht alt aussieht« – in Halle diskutierten Fachleute über die Zukunft der Kirche auf dem Lande

Dörfer werden kleiner, ­Kirchen bleiben leer. Wie kann religiöses Leben und Lernen dennoch gelingen? Tagungsteilnehmer in Halle suchten Antworten.

Wir haben einen Problemvorsprung gegenüber Westdeutschland.« Spätestens mit diesem Satz war Michael Domsgen die Aufmerksamkeit des Publikums ­sicher. Der Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg führte am 9. Oktober in Halle in eine Tagung ein, deren Thema großes Interesse gefunden hatte. Es lautete »Damit die Kirche im Dorf nicht alt aussieht. Religiöse Bildung in der Peripherie« und widmete sich dem Land als Lernort des Glaubens mit dem Schwerpunkt auf Mitteldeutschland. Eingeladen hatte die Forschungsstelle »Religiöse Kommunikations- und Lernprozesse« der Fakultät. Wie unter den Bedingungen von Bevölkerungsschwund und Säkularisierung Angebote für den geringen Anteil Jugendlicher auf dem Land aussehen können, kam beispielhaft zur Sprache.

Eine Dorfkirche zieht um – ausgerechnet in die Stadt: Die Emmaus-Kirche des ehemaligen Heuersdorf fand ihren neuen Platz in der Kreisstadt Borna bei Leipzig. Sie musste 2007 allerdings einem Braunkohlentagebau weichen. Foto: picture alliance

Eine Dorfkirche zieht um – ausgerechnet in die Stadt: Die Emmaus-Kirche des ehemaligen Heuersdorf fand ihren neuen Platz in der Kreisstadt Borna bei Leipzig. Sie musste 2007 allerdings einem Braunkohlentagebau weichen. Foto: picture alliance

Michael Domsgen verwies zunächst auf den Bevölkerungsschwund und die Änderung der Alters- und ­Sozialstruktur durch die Abwanderung junger Menschen. »Sachsen-­Anhalt ist nur ein Hotspot dieser Entwicklung«, so der Theologieprofessor. Das Land habe auch die niedrigste Quote an Kirchenmitgliedern in Deutschland. »Diese Minorisierung wirkt sich auf dem Land noch stärker aus als in der Stadt«, umriss er die ­Problematik. »Kirche kann schnell alt aussehen, wenn sie sich nicht umstellt.«

Der Leipziger Theologieprofessor Frank Lütze hat Beispiele dafür gesucht, wie die Kirche jung bleiben kann, wenn der Ort alt wird. Eines hat er in der Weinberggemeinde Garitz bei Zerbst in der Landeskirche Anhalts – 600 Einwohner, ein Drittel Evangelische, vier Kirchen, fünf Dörfer – gefunden. Hier sind die Kirchen in das Dorfleben eingebunden: Dorffeste werden wieder mit Gottes-
diensten eröffnet, an denen viele konfessionslose Menschen teilnehmen. Einwohner aus den jeweiligen Orten gestalten Andachten.

Für Kinder und die 18 Jugendlichen der Weinberggemeinde allerdings gibt es Angebote überwiegend in der Stadt Zerbst, wo sie Grund- und weiterführende Schulen besuchen. Zeitlich schließen sie an das Ende des Schulunterrichts an, manchmal werden sie in Zusammenarbeit mit Schulen angeboten. Die kirchenmusikalische Arbeit hat dort Tradition. »Allerdings«, so Frank Lütze, »sind die Fahrten vom Dorf in die Stadt und zurück ein Problem.« Zudem konkurrierten kirchliche und profane Anbieter. »Und eine Bedrohung ist immer da: Wie lange läuft ein Angebot bei drei bis fünf ­Teilnehmern?«
In Gerbstedt im Mansfelder Land, einer Region, die sich seit 1990 wirtschaftlich nicht erholt hat, ist kirchliche Jugendarbeit ein Alleinstellungsmerkmal neben Sport und Jugendfeuerwehr. Teilweise leben nur noch sieben Prozent evangelische Christen in den kleinen Dörfern. Gottesdienste gibt es auf ­Bestellung, die Mehrzahl der Kirchengebäude sind stumme Zeugen.

In der Christenlehre und bei den Pfadfindern sind zur Hälfte konfes­sionslose Teilnehmer. Die Konfirmandenarbeit ist regional organisiert. Kernstücke kirchlicher Jugendarbeit, wie Junge Gemeinde, Jugendkreuzweg, »Church Night« und der klassische Konfirmandenunterricht, finden sich im benachbarten Hettstedt, wo es auch weiterführende Schulen gibt. Frank Lütze würdigte die Breite des kirchlichen Engagements in der Gemeinde Gerbstedt, schätzte aber angesichts der Situation in von Abwanderung geprägten Gebieten ein: »Gefragt ist eine Kirche, die bereit ist zu säen, ohne die Ernte einfahren zu können.«

Der Geograf und Theologe Karl Martin Born (Vechta) forderte in seinem Vortrag dazu auf, Kirche und ­Gemeindehaus als Ankerpunkt zu erhalten. Auch Gebäude seien identitätsstiftend. Gemeindeleben mit Kinder- und Jugendarbeit, Seelsorge und Angeboten für alte Menschen sei ein weicher Standortfaktor. Zudem warnte er vor der überall anzutreffenden »Kenngrößengetriebenheit« – in der Kirche die Zahl der Gemeindemitglieder je Pfarrer, die immer weiter erhöht wird. »Die Folgen solcher Entscheidungen werden nicht bedacht.«

Dass das Land und kirchliches Leben dort oft aus einem defizitären Blickwinkel wahrgenommen werden, hat der Praktische Theologe Gerald Kretzschmar (Mainz) festgestellt. »Aber: Das Land ist ein Lebensraum, für den sich viele Menschen bewusst entscheiden«, sagte er. Die Dorfkirche verweist auf die Geschichte, in ihr kreuzen sich die Wege der Bewohner. Kommuniziert wird durch Kasualien, die Gottesdienstkultur, durch Aufbau von Nähe und Teilhabemöglichkeiten, durch Orientierung auf bestimmte Themen.

Kretzschmar verwies in seinem Vortrag auf den Marburger Theologen Henning Luther (1947–1991). Der habe Kirche als fortlaufenden Kommunikationsprozess gesehen. Kirche in ihrer pluralen Verfasstheit und der Vielzahl religiöser Überzeugungen sei nicht etwas, wohin Menschen integriert werden müssten. »Wo sich religiöse Kommunikation zwischen Menschen ereignet, da ist – nach Ansicht Hennig Luthers – Kirche.«

In der abschließenden Diskussion wünschten sich Zuhörer eine neue wissenschaftliche Aufmerksamkeit für die sogenannte Peripherie. Es wurde die Sorge laut, dass von der Stadt aus die Dorfgemeinden lediglich »mitversorgt« würden. Und Pfarrer Steffen Weusten aus Gerbstedt rief dazu auf, zu aktiven Gemeindegliedern Vertrauen zu haben, sie machen zu lassen und es auszuhalten, dass in einem Dorf nichts passiert. Auch Ulrich Hahn, Vorsitzender der Weinberggemeinde Garitz, äußerte sich ähnlich. Er forderte, den »Mut zur Brache« zu haben, »damit Felder sich erholen können, damit dort wieder etwas wächst«.

Angela Stoye

Rückkehr der Cranachs

1. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Kliekener Altar ist wieder komplett

Knapp 33 Jahre, nachdem zwei kostbare Altartafeln aus der Dorfkirche im anhaltischen Klieken geraubt wurden, sind sie zurückgekehrt. Am 24. März stellte die Kirchengemeinde in dem Dorf bei Coswig die knapp 500 Jahre alten Kunstwerke von Lucas Cranach dem Älteren wieder in ihren Dienst. Der Altar, der aus einem geschnitzten Mittelteil, den beiden Tafeln, einer Predella und einem aufgesetzten Kruzifix besteht, ist nun wieder vollständig. Auf diesen Anblick hatte sich die Gemeinde seit Jahren gefreut. Dabei sah es anfangs so aus, als wären die Kunstwerke für immer verschwunden.

Rückkehr der Geraubten: Die beiden Altartafeln von Lucas Cranach dem Älteren schmücken nun wieder den Altar der Kirche in Klieken bei Coswig. Foto: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie

Rückkehr der Geraubten: Die beiden Altartafeln von Lucas Cranach dem Älteren schmücken nun wieder den Altar der Kirche in Klieken bei Coswig. Foto: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie

Im Mai 1980 brach ein Dieb ein kleines Kirchenfenster auf, riss die zwei Tafeln aus den Scharnieren und verschwand damit. Auf dem Altartuch blieb der Abdruck eines Sportschuhs der Größe 42 zurück. Die Ermittlungen der Polizei blieben ergebnislos. 2007 entdeckte der Münchner Kunsthistoriker Professor Johannes Erichsen die verloren geglaubten Tafeln in einem Bamberger Auktionshaus. Sie waren 1990 auf dem Kunstmarkt angeboten worden und zwischenzeitlich für Jahre in Privatbesitz gelangt. Das Bayerische Landeskriminalamt bewahrte sie bis zur Lösung des Streites, wem die beiden Tafeln denn gehören, fachgerecht auf. Nach einem juristischen Vergleich ist die Hoffnungsgemeinde Zieko, zu der Klieken ­gehört, wieder rechtmäßige Eigentümerin der Kunstwerke. Die Landeskirche Anhalts half, ebenso das Land Sachsen-Anhalt und die ­Kulturstiftung der Länder mit großzügiger finanzieller Unterstützung. Am 26. März 2009 kehrten die Cranach-Tafeln für einen Tag nach Klieken zurück. Danach begann in drei Bauabschnitten die Sanierung der Kirche und die Restaurierung der Tafeln.

Die dendrochronologische Untersuchung des Holzes, das zum Bau der Kliekener Fachwerkkirche verwendet wurde, ergab, dass die Bäume 1544 gefällt wurden. Damit handelt es sich bei dem Gebäude um die älteste bekannte Fachwerkkirche in Sachsen-Anhalt. Bauherren waren die Herren von Lattorf, denen seit dem 15. Jahrhundert das Rittergut Klieken gehörte. Wann der Altar in die Kirche kam, ist nicht bekannt. Landeskonservatorin Friederike Wendland trug am Sonntag die Forschungsergebnisse von Matthias Prasse vor. Der Kulturhistoriker habe ermittelt, dass der Altar aus Aken an der Elbe stammen könnte, wo der deutsche Orden eine Kommende betrieb. Eine der Tafeln zeigt einen Beter im Ordensgewand und ein Wappen. Als 1540 Hans von Lattorf Komtur der desolaten Kommende Aken wurde, ließ er einige Jahre später den Altar nach Klieken bringen. Das Bildprogramm weist ihn als Annenaltar aus. Im Schrein stehen eine große Skulptur der Anna mit dem Jesuskind auf dem Arm, sowie Maria und Christophorus. Die linke Tafel zeigt auf ihrer Festtagsseite die Eltern Marias, Anna und Josef, ihnen zu Füßen den betenden Ritter, die rechte die Geburt der Maria. Friederike Wendland verweist auf die hohe Qualität der vorreformatorischen Malerei und Schnitzarbeit. »Der Altar wird alle Generationen angesprochen haben, sodass man ihn später nicht ersetzt hat«, sagt sie.

Angela Stoye

So viel Melanchthon wie nie

26. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Das restaurierte und erweiterte Wohnhaus des Reformators wurde wiedereröffnet

Wittenberg bekam am 15. Februar eine Attraktion zurück. Die ­Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt eröffnete das restaurierte Wohnhaus des Humanisten und Reformators Philipp Melanchthon (1497 bis 1560), das zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Zudem erhielt der Renaissancebau von 1536, den die Universität dem Gelehrten schenkte, um ihn dauerhaft an die Stadt zu binden, einen Neubau. Dieser auf dem Nachbargrundstück errichtete Kubus mit der grauen Klinkerfassade hat sich zum Stein des Anstoßes entwickelt. Stiftungsdirektor Stefan Rhein sah sich mit dem Zorn der Bürger konfrontiert, den kurz vor der Eröffnung noch Friedrich Schorlemmer in Worte fasste. In einem Zeitungsartikel hatte er vollendete oder geplante Neubauten in der Lutherstadt kritisiert und im Zusammenhang mit dem Erweiterungsbau des Melanchthonhauses von »Hässlichkeit« gesprochen. Rhein hatte erwidert, dass die Stiftung über Neugestaltungen nicht allein entscheide. Sie wolle sich der Diskussion über Ästhetik stellen. Zugleich müsse aber immer unterstrichen werden, dass Wittenberg eine Stadt des 21. Jahrhunderts sei.

Den einen gefällt er, den anderen nicht: Der kubistische Neubau neben dem originalen Melanchthonhaus aus der ­Renaissance ist in Wittenberg Stadtgespräch. Foto: Alexander Baumbach

Den einen gefällt er, den anderen nicht: Der kubistische Neubau neben dem originalen Melanchthonhaus aus der ­Renaissance ist in Wittenberg Stadtgespräch. Foto: Alexander Baumbach

Der dreigeschossige Neubau nach einem Entwurf des Büros Dietzsch & Weber Architekten aus Halle grenzt auf einer Seite an die alte Wittenberger Universität Leucorea. Seine Formen beziehen sich auf das Melanchthon-Wohnhaus und greifen zum Beispiel mit den rauen Klinkern historisches Baumaterial auf. Die Ausstellungsfläche hat sich durch ihn auf 600 Quadratmeter nahezu verdoppelt. Zudem nimmt der Neubau einen Vortragsraum, Garderobe, Kasse, Sanitärräume, Haustechnik und einen Fahrstuhl auf. Die barrierefreie Erkundung nahezu des gesamten Hauses ist erstmals möglich. Die neue Dauerausstellung trägt den Titel »Philipp Melanchthon: Leben – Werk – Wirkung«. Das wichtigste Exponat ist das Wohnhaus selber, das über die Jahrhunderte nahezu unverändert erhalten blieb. Jetzt kann es bis unter das Dach erkundet werden. Dank der Bauforschung können einzelne Räume einer Nutzung zugeordnet werden: die Küche, das angrenzende Esszimmer mit Blick auf den Garten, das wappenverzierte Wohnzimmer der Studenten, die bei Familie Melanchthon Kost und Logis bekamen, ihre kalte Schlafkammer nebenan, und die gute Stube des Hauses. Weil vom originalen Haushalt der Gelehrtenfamilie bis auf die Steinplatte des Gartentisches nichts erhalten blieb, wurde dieser Raum im 19. Jahrhundert mit schweren Eichenmöbeln im altdeutschen Stil ausgestattet, die restauriert sind. Die weiteren Räume des Altbaus hat das Berliner Designerbüro Iglhaut+von Grote mit einigen Möbeln und Figuren so gestaltet, dass sie die Funktion andeuten. Kinder dürfen eigens für sie aufgestellte Truhen und Laden aufschließen, Spielzeug herausnehmen oder der Tochter Magdalena Melanchthon zuhören. Sie berichtet zum Beispiel vom Sprachgewirr mit den Worten ihres Vaters: »Heute sind an meinem Tisch elf Sprachen gesprochen worden.«

Über das geistige Erbe Melanch­thons, des »Lehrers Deutschlands«, des »Vaters der Ökumene« oder des »Außenministers der Reformation«, informieren die Räume im Anbau. Die Kuratoren Martin Trau und Jutta Strehle haben aus Melanchthons Lebenswerk von rund 2000 Büchern und Schriften sowie rund 9500 Briefen einige ausgewählt. Im Raum »Melanchthons Schätze« etwa begegnet der Besucher im Dämmerlicht empfindlichen Originalen: frühe Drucke oder Handschriften, die von Wittenberg aus in die Welt strahlten. Zwar bleibt Melanchthon, was seine bildhafte Darstellung betrifft, weit hinter Martin Luther zurück. Doch zeugen die in Wittenberg ausgestellten Gemälde, Grafiken, Büsten und Medaillen von dem Respekt, der dem Gelehrten über Jahrhunderte entgegengebracht wurde.

Restaurierung und Neubau haben rund 4,8 Millionen Euro gekostet. Das Geld kam von der Europäischen Union, vom Bund, vom Land Sachsen-Anhalt und der Lutherstadt Wittenberg. Zudem flossen Eigenmittel der Stiftung Luthergedenkstätten und Geld aus dem Förderprogramm »Reformationsjubiläum 2017« des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien in das Projekt ein. »So viel Melanchthon war nie«, sagte ­Stiftungsdirektor Stefan Rhein vor der Eröffnung am 15. Februar. Davon ­können sich Besucher ab jetzt täglich, außer montags, und im Sommer an allen sieben Wochentagen, ein Bild machen.

Angela Stoye

Geschichte einer großen Liebe

14. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Theaterstück »Editha my Love« in Magdeburg zu sehen

Sie wurde nur 36 Jahre alt und aus ihrem Leben ist wenig überliefert. Dennoch ist Editha, Tochter aus angelsächsischem Königshaus und erste Gemahlin Otto I., bis heute in Erinnerung geblieben: Als Frau von ausgesprochen gutem Ruf, die gewissenhaft ihre Pflichten als Erste Frau des ostfränkischen Königreiches erfüllte und ihrem Mann zwei Kinder gebar. Otto, vor die Wahl gestellt, sie oder ihre Schwester zu heiraten, entschied sich für Editha. Und er soll sehr getrauert haben, als sie am 26. Januar 946 unerwartet starb.

"Compagnie Magdeburg 09"

"Compagnie Magdeburg 09"

Wo es an gesicherten Überlieferungen fehlt, erhält die Phantasie Raum. Aus beidem webt die »Compagnie Magdeburg 09« ein Stück, welches ­unter dem Titel »Editha my Love« am 14. September in Magdeburg seine Uraufführung erlebt. Bernd Kurt Goetz (Regie gemeinsam mit Gisela Begrich) und Christoph Deckbar (Musik) entschieden sich, die Königin als eine selbstbewusste Frau darzustellen, »deren Mildtätigkeit Ausdruck einer Lebenshaltung ist«, die sie auch gegenüber ihrem Mann verteidigt. Mit dem Stück will »ich das überlieferte Bild von Editha bestätigen, nicht hinterfragen«, so Götz.
Edithas Geschichte erzählt die »Compagnie Magdeburg 09« mit einer Fülle von Szenen und eingebettet in die Geschichte der Zeit. Das Stück solle »auch die zwei Seiten Ottos« deutlich machen, so Gisela Begrich, den liebenden Mann und den König, der um Machterhalt und Machterweiterung kämpft.

Außer dem Königspaar treten auf: Ottos Parteigänger, Markgraf Gero, König Heinrich und Königin Mathilde, Ottos Halbbruder Thankmar und viele andere. Die Hauptrolle der Editha hat Franziska van der Heide (Berlin) übernommen, als junger Otto ist Thomas Streipert (Leipzig) zu sehen.
Die Compagnie will sich einklinken in die Geschichte der Ottonen und zugleich mit ihrem Stück unterhalten. Wie das gelingt, können Theaterfreunde ab 14. September in Magdeburg erleben.

Angela Stoye

Aufführungen am 14., 15., 28. und 29. September, 2., 3., 5., 6., 19., 20. 23. und 24. Oktober sowie am 16., 17., 20. und 21. November, immer um 19.30 Uhr im Kaiser-Otto-Saal des Kulturhistorischen Museums.

www.CMD-09.de