Dem Tod auf der Spur

21. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Filmbesprechung: Andreas Dresen erzählt in »Halt auf freier Strecke« die Geschichte eines sterbenskranken Familienvaters

»Noch kein Film hat so überzeugend gezeigt, dass Leben zum Sterben gehört« - Filmszene mit Mika Seidel (re.) und Milan Peschel. Foto: Pandora Filmverleih

»Noch kein Film hat so überzeugend gezeigt, dass Leben zum Sterben gehört« - Filmszene mit Mika Seidel (re.) und Milan Peschel. Foto: Pandora Filmverleih


 
Frank ist Schichtleiter und mit Simone verheiratet. Die beiden haben sich ein Reihenhaus gekauft. Völlig unvorbereitet trifft Frank die Diagnose des Arztes, die einem Todesurteil gleichkommt: Krebs. Ein schonungsloser und berührender Film über das Sterben.

Die Ratlosigkeit, ist dem Gespräch anzumerken. Als der Arzt die Diagnose verkündet, herrscht erst einmal Schweigen. Ein inoperabler Gehirntumor. Nur noch wenige Monate oder gar Wochen zu leben. Man sieht nur den Gesichtern von Frank und seiner Frau Simone an, was sie fühlen. Ein Großteil des Gesprächs besteht aus Schweigen und holprigen Sätzen.

Einmal klingelt das Telefon, der Operationssaal ist dran, etwas Wichtiges. Man spürt förmlich, wie unvorbereitet die Diagnose, die für Frank einem Todesurteil gleichkommt, einschlägt. Und man merkt, dass auch der Arzt, der sie wahrscheinlich mehrmals pro Woche ­verkünden muss, immer noch hilflos dabei ist. »Hm«, sagt er oft.

Mit »Halt auf freier Strecke« hat Andreas Dresen einen schonungslosen und berührenden Film über das Sterben gedreht. Es gibt im deutschen Kino keinen anderen Regisseur, der so authentisch und lebensnah Alltag beschreiben kann wie Dresen. Das fängt schon bei den Lebensumständen der beiden Hauptfiguren an. Frank ist Schichtleiter bei DHL, Simone lenkt eine Straßenbahn. Die beiden haben sich ein Reihenhaus gekauft, irgend­wo an der Peripherie von Berlin. Nicht unbedingt schön, aber mit Charme, mit Blick ins Grüne. Es kommt nur am Rande vor, aber man weiß: Nach Franks Tod wird sich Simone dieses Haus, Inbegriff ihres kleinen Glücks, nicht mehr leisten können.

»Halt auf freier Strecke« folgt Frank in den letzten Monaten seines Lebens, zeigt seinen Versuch, so etwas wie Normalität zu wahren, obwohl er immer vergesslicher wird und schon mal ins Zimmer seiner Tochter pinkelt. Einmal schaut er fern, die Harald-Schmidt-Show, und da ist zu Gast: sein Gehirntumor, der prahlt, wie er sich in Frank eingenistet hat. Auch auf dem iPhone, mit dem Frank seinen Alltag und seine Beobachtungen in kleinen Filmen festhält, erscheint der Tumor. Was beim ersten Mal wie ein entlastender Gag wirkt, bekommt im Verlauf der Handlung einen tieferen Sinn: Jemand anderes gewinnt die Kontrolle über Frank.

Denn je weiter die unheilbare Krankheit fortschreitet, desto mehr verändert sich auch Frank, wird gebrechlich und jähzornig, die Haare fallen ihm wegen der Chemotherapie aus. Bei all seinem Naturalismus verliert der Film aber nie seinen Humor. Einmal fragt Franks Sohn seinen Vater: »Wenn du stirbst, darf ich dann dein iPhone haben?« Und als die ganze Wohnung beschriftet wird, weil Frank alles sehr schnell vergisst, klebt auch auf seiner Stirn ein Zettel. Darauf steht: »Papa«. Als Frank immer unselbstständiger wird, entschließt sich Simone, ihren Mann selbst zu Hause zu pflegen, mit einer Palliativärztin, die sich auf unheilbare Krebsfälle spezialisiert hat.

»Halt auf freier Strecke« beschreibt das Sterben im Mikrokosmos einer Familie, zeigt, wie sich das Leben und seine Abläufe verändern, zeigt, welche immense Belastung ein solcher Krankheitsfall bedeutet, zeigt aber auch, wie das Leben trotzdem weitergeht, weitergehen muss. »Ich muss zum Training«, sagt Franks Tochter, als ihr Vater gestorben ist. Für solche Szenen liebt man diesen Film, weil sie beiläufig daherkommen und doch von der Meisterschaft einer präzisen Inszenierung zeugen.

Denn der Film bleibt immer nüchtern, er weidet sich nie am Leiden, er beutet auch nie unser Mitleid aus. Dresen hat die Szenen mit den hervorragenden Darstellern, allen voran Milan Peschel und Steffi Kühnert, weitgehend improvisiert gedreht, die Ärzte und das Pflegepersonal sind Laien. Das ist dem Film sehr gut bekommen und ist gleichzeitig auch eine große Leistung: Es gibt nicht viele Schauspieler, die normale Menschen glaubhaft verkörpern können.

Am Ende gibt es keine Erlösung, keine Transzendenz, nur den Tod. Aber noch kein anderer Film hat so überzeugend gezeigt, dass das Sterben zum Leben gehört wie »Halt auf freier Strecke«. Vielleicht mag man sich diesen Film nur einmal anschauen. Aber er ist ein Ereignis. (epd)

D/F 2011. Regie: Andreas Dresen. Buch: Cooky Ziesche, Andreas Dresen. Mit: Steffi Kühnert, Milan Peschel, Talisa Lilly Lemke, Mika Seidel, Ursula Werner, Marie Rosa Tietjen. Länge: 110 Minuten. FSK: ab 6, ff. FBW: besonders wertvoll.

Rudolf Worschech