Wohin im Alter?

28. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Familie

Comments Off

In bestimmten Lebensabschnitten ist ein Richtungswechsel nötig. Foto: BilderBox.com

In bestimmten Lebensabschnitten ist ein Richtungswechsel nötig. Foto: BilderBox.com


Wohnen im Alter: Wer nach alternativen Wohnformen sucht, sollte sich rechtzeitig umsehen

Die meisten Menschen haben, wenn sie in den Ruhestand gehen, noch eine lange Lebensphase vor sich. Dabei ist die Frage wo, wie und mit wem sie leben wollen, von großer Bedeutung.

Wie die kommende Generation alter Menschen ihre letzte, oft lange Lebensphase im Ruhestand gestaltet, dafür gibt es kein historisches Vorbild. Nie sind so viele Menschen so alt geworden, und nie war es so wenig selbstverständlich wie heute, dass ­ältere Menschen bei der Frage, wo, wie und mit wem sie als Senioren ­leben wollen, einfach auf ihre Familie zurückgreifen können. Denn die Lebens- und Wohnformen, die in der Vergangenheit üblich waren, lassen sich auf die neue Situation nicht ohne Weiteres übertragen. Für viele ältere Menschen scheidet die Lösung: Im Alter zieh ich zu den Kindern – oder die Kinder ziehen zu mir ins Haus – gleich aus mehreren Gründen aus: Die Zahl der kinderlosen Senioren steigt – oder die Kinder wohnen längst irgendwo anders, haben keinen Platz in ihrer Wohnung und sind beruflich eingespannt. Dabei ist das Thema Wohnen für die Lebensqualität im Alter von großer Bedeutung. Denn mit steigendem Lebensalter werden die Grenzen des persönlichen Lebensraums enger.

Richtig angekommen scheint dieser soziale Wandel noch nicht zu sein. Denn viele alte Menschen verdrängen die Frage, wie, wo und mit wem sie im Alter leben wollen. In ländlichen Regionen leben viele Witwen allein in eigenen Häusern, die, ehemals für eine Familie gebaut, für den Bedarf im Alter längst viel zu groß sind. In städtischem Umfeld ­leben Senioren häufiger allein in ­Mietwohnungen in einem mehr oder weniger anonymen Umfeld.

Hanna Kisten (87) lebt allein, seit ihr Mann vor 20 Jahren starb. Ihr einziger Sohn ist selbst krank. Ihre Wohnung im 3. Stock kann sie seit letztem Herbst nicht mehr verlassen. Lebensmittel bekommt sie über den Lieferservice eines Supermarktes, einmal in der Woche kommt jemand zum Putzen. Und wenn sie noch mehr Hilfe braucht? »Ich will hier in meiner ­Wohnung bleiben, in der ich schon geboren bin«, wehrt sie jeden Gedanken an ein Altenheim ab. Altenheim, das ist für sie die allerletzte Notlösung.

Reiner Gerster (68) ist kinderlos ­geschieden. Der Gedanke an das ­Alleinleben macht ihm Angst, seit er unvermutet mit einer lebensgefährlichen Thrombose behandelt werden musste. Außer einem Hausnotruf hat er nichts Grundsätzliches geändert. 93 Prozent der Menschen über 65 Jahre leben in ihren Privatwohnungen. 1,5 bis 2 Prozent haben sich für eine Altenwohnanlage entschieden, 1,6 Prozent leben im betreuten Wohnen, etwa 3 Prozent sind in einem ­Altenpflegeheim untergebracht, so die Zahlen des Kuratoriums Deutsche ­Altenhilfe.

Brigitte Kämpfer (74) ist froh über ihre Entscheidung, in eine seniorengerechte Altenwohnanlage umgezogen zu sein. Hier hat sie nette Nachbarn in ähnlicher Lebenssituation gefunden und kann bei Bedarf die angegliederten Serviceleistungen in Anspruch nehmen.
Wolfgang Nieländer (69) aus Balingen gehört zu den gerade mal ein Prozent der Menschen über 65, die sich für eine alternative Wohnform entschieden haben. Er suchte für die Zeit nach dem Ende seiner beruflichen Arbeit als Entwicklungshelfer nach einer Möglichkeit, mit Menschen unterschiedlichen Alters gemeinsam zu wohnen und zu leben. Nach dem Motto: »Nicht allein und nicht ins Heim«. Gemeinsam mit drei Mitstreitern suchte, fand und kaufte er 2001 in Balingen ein Grundstück und gründete eine Bauherrengemeinschaft. Gebaut wurde barrierefrei und nach ökologischen Grundsätzen. Zur Finanzierung verkauften einige Bauherren ihre bisherigen Häuser. Die nötigen Kredite werden auch dadurch ­abgetragen, dass vier der acht unterschiedlich großen Wohnungen vermietet werden. Seit 2003 lebt Wolfgang Nieländer seinen Traum jetzt im alternativen Wohnprojekt. Jede Partei hat eine separate Wohnung, für Gäste gibt es ein Extra-Appartement.

Die Eingangshalle mit Klavier und großem Tisch ist Treffpunkt für Feiern, fürs Erzählen, Homekino und Ausgangspunkt für gemeinsame Unternehmungen. Der Altersdurchschnitt liegt bei knapp 50 Jahren. »Wir sind kein privates Altenheim – sogar ein Baby wurde hier geboren«, freut sich der Mitinitiator des Projekts, auf dass es in der Nachbarschaft viel ­positive Resonanz gibt.

»Die Kunst des Zusammenlebens hatten wir uns leichter vorgestellt. Ich bin nicht so Geräusche resistent, wenn die Jugendlichen mal loslegen«, gibt Nieländer freimütig zu. Schwerer wiegt allerdings für ihn, dass die Wohngemeinschaft sich mit der Betreuung eines an Demenz erkrankten Mitglieds auf Dauer überfordert sah. Der Mitbewohner zog in ein Pflegeheim und kommt jede Woche zu ­Besuch.
Wer nach Alternativen für das Wohnen im Alter sucht, soll nicht erst im Ruhestand mit den Überlegungen beginnen, rät Wolfgang Nieländer.

Auch wer sich entscheidet, so lange wie möglich in der eigenen Wohnung oder im eigenen Haus zu bleiben, sollte vorsorglich die Frage klären, welche Unterstützung im Notfall ­finanziert und in Anspruch genommen werden soll. Für den Fall, dass eine Pflege zu Hause nicht geleistet werden kann, sollten alte Menschen sich Pflegeheime oder Seniorenresidenzen ansehen und selbst auswählen. Auch für die Suche nach Initiativen und Gruppen, die Ideen und Kontakte, Konzepte und Fördermöglichkeiten für gemeinschaftliches, Generationen übergreifendes Wohnen und Leben vermitteln, gilt: Je eher desto besser.

Von Karin Vorländer

Buchtipp:
Scherf, Henning: Grau ist bunt. Was im ­Alter möglich ist
Herder Verlag, 191 Seiten
ISBN 978-3-451-05976-6
Preis: 9,95 Euro

Infos zu Alternativen Wohnprojekten unter: www.neue-wohnformen.de