Wir sind »intensiv evangelisch«

31. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Die 122. Allianzkonferenz in Bad Blankenburg ist die erste für Ekkehart Vetter als Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA). Willi Wild sprach mit ihm über Einheit, Konflikte, Reformation und Thüringer Bratwurst.

Herr Vetter, Sie stehen einem Verband vor, der als Mitbegründer der Pfingstbewegung in Deutschland gilt, und man bezeichnet den Mülheimer Verband auch als einen Zusammenschluss evangelikal-charismatischer Gemeinden, was bedeutet das?
Vetter:
Der Begriff »evangelikal« ist umstritten, je nachdem, was man damit verbindet. »Evangelikal« kommt von Evangelium. Die Bundeskanzlerin hat einmal gesagt, das seien Menschen, die intensiv evangelisch sind. Das ist zwar keine theologische Definition, aber durchaus zutreffend. Also Menschen, denen es um das Evangelium geht, um das Wort Gottes.

Charismatisch kommt vom griechischen Charisma und meint Gnadengabe. Da geht es um Menschen, die besonders nach dem Heiligen Geist fragen und um geistliche Erlebnisse mit dem Heiligen Geist bitten. Beides zusammen ergibt dann diese evangelikal-charismatische Mischung. Der Mülheimer Verband ist übrigens eine Freikirche, die anderen Freikirchen evangelischen Bekenntnisses sehr ähnlich ist.

Bislang war die Allianzkonferenz in Bad Blankenburg keine charismatisch geprägte Veranstaltung, sondern ein klassisches Glaubensfest. Wollen Sie das ändern?
Vetter:
Wir sind als Evangelische Allianz zusammen unterwegs und haben gemeinsame geistliche Ziele. Die unterschiedliche Prägung und Glaubensstile stehen nicht im Vordergrund. Als Konferenzgemeinde sollten wir nicht auf vielleicht unterschiedliche Prägungen schauen, sondern wo wir gemeinsam hinwollen.

Wer oder was ist die Evangelische Allianz überhaupt?
Vetter:
Sie ist 1846 in England gegründet worden, und die deutschen Teilnehmer an dieser Gründungskonferenz haben sich darauf verständigt, diese Bewegung auch nach Deutschland zu bringen. Heute handelt es sich um eine globale Bewegung. Früher nannte man das einen Bruder- oder Geschwisterbund von evangelischen Christen. Heute sprechen wir von einem Netzwerk evangelisch gesinnter, dem Evangelium verpflichteter Christen.

»Evangelisch« in unserem Namen ist eben keine konfessionelle, sondern eine inhaltliche Aussage. Darum sind wir natürlich auch ökumenisch. Auch katholische Christen fühlen sich hier und da der Allianz zugehörig. Wir haben eine gemeinsame Glaubensbasis.

Wozu braucht es diese Allianz, wenn im Prinzip unter Christen Glaubenskonsens herrscht?
Vetter:
Die Evangelische Allianz hat fünf Ziele: Wir wollen die Einheit unter Christen fördern. Wir wollen Bibelbewegung und Gebetsbewegung sein. Wir wollen Mission und Evangelisation in unserem Land fördern. Und wir wollen gesellschaftspolitische Verantwortung wahrnehmen und öffentlich für die biblische Ethik einstehen, von der wir überzeugt sind, dass sie nicht nur für Christen verbindlich ist, sondern auch für das Miteinander in einer Gesellschaft hervorragende Grundsätze liefert.

Um die Einheit innerhalb der Leitung der Evangelischen Allianz stand es in der jüngeren Vergangenheit nicht zum Besten. Bei den Themen Umgang mit Homosexualität oder Bibeltreue gab es deutlich Dissens und sogar eine Abspaltung. Wie wollen Sie hier wieder die Einheit herstellen?
Vetter:
Sie haben noch ein paar andere kontroverse Themen vergessen: Der Klassiker ist das Thema Taufe, überhaupt das Sakramentsverständnis, das Gemeindeverständnis.

Wir sind uns in der Allianz längst nicht in allen Fragen einig. Darum geht es aber auch gar nicht. Wir wollen gemeinsame Ziele fördern. Über strittige Fragen diskutieren wir miteinander und suchen nach gemeinsamen Positionen.

Die Evangelische Allianz ist keine Kirche. Wir wollen Gemeinsamkeiten betonen, ohne die unterschiedlichen Prägungen zu verleugnen. Abspaltungen von der Allianz gab es übrigens keine.

Ekkehart Vetter auf der Terrasse des Allianzhauses in Bad Blankenburg. Foto: Willi Wild

Ekkehart Vetter auf der Terrasse des Allianzhauses in Bad Blankenburg. Foto: Willi Wild

Die Allianz-Gebetswoche ist die zentrale Veranstaltung, zu der unterschiedliche Gruppen, Gemeinden und Kirchen zusammenkommen. Welche Bedeutung hat das Gebet in unserer aufgeklärten Welt?
Vetter:
Ich weiß, dass ganz viele Menschen beten. Oft fehlt der Zugang zu den kirchlichen Formen. Hier brauchen wir größere Flexibilität. Es gibt in der Bevölkerung eine Sehnsucht nach Kontakt mit Gott. Ich habe mal eine Anhalterin mitgenommen. Als ich sie fragte, ob sie bete, sagte sie: Na klar, jeden Morgen und jeden Abend. Zu Kirche hatte sie praktisch keinen Bezug.

Wir sollten uns um Formen bemühen, die für Menschen zugänglich sind. Das Gebet ist eine Lebensäußerung von uns Christen. Auch Skeptiker und Zweifler wenden sich an Gott mit ihren Fragen.

Ist Meditation die attraktivere Alternative zum Gebet?
Vetter:
Es gibt sicher Schnittmengen. Man kann gut biblische Texte, Psalmen meditieren. Psalmen sind uralte Gebete. Gebete können auch gesungen werden. Ich denke an Taizé-Gesänge oder die Lieder der charismatischen Bewegung.

Gebete in den unterschiedlichen Formen sind eine Herzensangelegenheit. Nehmen Sie die Gospelmusik. Da wird zigmal die gleiche Liedzeile wiederholt. Aber viele freuen sich, wenn der Chor vorne steht. Wir brauchen mehr Emotionen im Glauben. In anderen Ländern scheint das den Menschen schon in die Wiege gelegt.

In Kirche und Medien werden die Evangelikalen oft in eine politisch rechte Ecke gesteckt. Wie gehen Sie damit um?
Vetter:
Ich denke, da muss man differenzieren. Rechtspopulistische oder gar rechtsradikale, fremdenfeindliche Äußerung passen nicht zu einer wertkonservativen, evangelikalen Lebenshaltung. Beispielsweise haben wir bereits vor der großen Flüchtlingswelle die Schrift »Fremde willkommen« verabschiedet. Wir orientieren uns an der Bibel und dort ist eindeutig die Rede von Fremdenliebe und nicht Fremdenhass. Das ist unser Maßstab.

Wie stehen Sie zur AfD?
Vetter:
Die Evangelische Allianz ist ein Netzwerk. Wir fragen keine politische Gesinnung ab und sind nicht dazu da, politische Parteien als Ganzes zu werten. Wer sich auf der Basis des Evangeliums bewegt, ist herzlich willkommen. Wer Werte außerhalb biblischer Normen vertritt, wird von uns Widerspruch, aber gern auch Dialog angeboten bekommen, unabhängig von Parteienzugehörigkeit.

Meine Stimme bekommt die AfD nicht. Es gibt aus dem AfD-Kontext viel zu viele hochproblematische Äußerungen zu unterschiedlichen Themen.

Welches Verhältnis haben Sie als Vertreter einer Freikirche zur Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)?
Vetter:
Die Evangelische Allianz ist seit jeher eine Gemeinschaft von Christen, die verschiedenen Kirchen und Werken angehören. Aber das ist für uns nicht entscheidend. Maßgeblich ist die Bereitschaft, gemeinsam geistliche Anliegen zu bewegen.

Ihr Vorgänger Michael Diener hatte es als Mitglied des Rates der EKD sicher leichter.
Vetter:
Er gehört ja nach wie vor zum Hauptvorstand der Evangelischen Allianz und hat nach wie vor viele Möglichkeiten, unsere Themen und Inhalte an verschiedenen Stellen einzubringen. Er war ja nicht Mitglied des Rates der EKD und hat dann die ehrenamtliche Leitungsaufgabe bei uns angenommen, sondern es war umgekehrt. Und wegen der damit verbundenen Fülle von Aufgaben hat er dann bei uns sein Leitungsamt niedergelegt.

Ich glaube, dass das Miteinander der Christen unabhängig von den Funktionen klappen muss.

Das Thema der Allianzkonferenz ist »reform.aktion«, in Anlehnung an 500 Jahre Reformation. Was haben Sie als Freikirchler mit Luther am Hut?
Vetter:
Na, wir sind auf dem Boden der Reformation. Wir sind Kinder und Enkelkinder der Reformation. Dabei bitte ich auch zu bedenken: Bei aller Wertschätzung von Martin Luther – er war ja nicht der einzige Reformator. Reformatorisch ist nicht einfach gleich lutherisch. Da gab es und gibt es eine viel größere konfessionelle reformatorische Breite.

Freikirchler gestalten ihre Theologie und Praxis oft eher in einer reformierten Tradition. Aber die vier Soli der Reformation – solus Christus, sola scriptura, sola gratia, sola fide – sind in den Freikirchen ebenso bestimmend und prägend. Es geht uns an der Stelle weniger um Reformation, sondern um die geistlichen Inhalte.

Bei der Allianzkonferenz geht es inhaltlich um Texte aus dem Römerbrief. Was ist Ihnen dabei wichtig?
Vetter:
Das Motto »reform.aktion« klingt vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber es umschreibt den Schwerpunkt: Was wird denn konkret aus den in Römer 1–8 aufgezeigten theologischen Grundlagen in unserem persönlichen Leben, aber auch in der Haltung zu Israel, in der Einstellung zu unserem Staat oder im Blick auf das Miteinander der Christen?

Ist die Evangelische Allianz reformbedürftig?
Vetter:
Sicher. Wir sind alle immer reformationsbedürftig. Wir müssen uns mehr um junge Leute bemühen. Das gilt sicher für die Konferenz, aber auch weit darüber hinaus, nämlich für die circa 1000 Orte in Deutschland, wo sich Christen unter der Überschrift »Evangelische Allianz« treffen. Wir müssen uns auch über die Zukunft der Allianzkonferenz und ihre Ausrichtung Gedanken machen. Geistliches Leben lässt sich nicht einfach vererben.

Hundert Jahre lang ist das Konzept aufgegangen. Ist die Allianzkonferenz ein Auslaufmodell?
Vetter:
Das intensive Arbeiten an und mit der Bibel ist und bleibt ein wesentliches Markenzeichen der Allianz. Es kann nicht zur Debatte stehen. Aber das befreit uns natürlich nicht davon, immer wieder neu zu überlegen, wie und in welcher Form wir das in Zukunft tun wollen und können und Menschen damit angesteckt werden.

Inwieweit kennen Sie sich als gebürtiger Norddeutscher mit den Gepflogenheiten im Thüringer Wald in Bad Blankenburg aus?
Vetter:
Thüringer Bratwurst ist ein Muss. Ich habe familiäre Bindungen in den Osten, allerdings eher nach Sachsen. Bereits zu DDR-Zeiten war ich regelmäßig im Großraum Chemnitz, damals noch Karl-Marx-Stadt. Durch meine häufigen Aufenthalte im Evangelischen Allianzhaus bin ich mit den regionalen Besonderheiten im Thüringer Wald vertraut.

Gehört im Reformationsjahr dazu: Ihr Lieblings-Luther-Zitat?
Vetter:
»Das Wort Gottes ist wie ein Kräutlein, je mehr du es reibst, desto mehr duftet es.«

Was haben Sie sich für Ihre Amtszeit vorgenommen?
Vetter:
Ich will meinen Beitrag leisten, die Einheit der Christen voranzutreiben, aus mindestens zwei Gründen: Erstens hat Jesus dafür gebetet! Wenn es ihm ein so starkes Anliegen war, dann muss es für mich auch ein sehr wichtiges sein. Und zum Zweiten können wir Christen die Herausforderungen in unserer Zeit nur gemeinsam schultern.

Ekkehart Vetter studierte Evangelische Theologie in Hamburg und war ab 1983 zunächst Vikar und dann Pfarrer in Stade. 1993 wurde er Hauptpfarrer der Christus-Gemeinde in Mülheim an der Ruhr, die zum Mülheimer Verband Freichristlich-Evangelischer Gemeinden gehört, dessen Präses er seit 2003 ist. Zwischen 2011 und 2014 war Vetter im Vorstand der Vereinigung Evangelischer Freikirchen. Vetter gehört seit 2004 dem Vorstand der DEA an, seit 2012 war er deren 2. Vorsitzender. 2017 trat er die Nachfolge von Michael Diener im Amt des Vorsitzenden an. Vetter ist der erste Allianzvorsitzende aus der pfingstkirchlich-charismatischen Bewegung. Er ist seit 1978 mit seiner Frau Sabine verheiratet. Das Paar hat sechs Kinder und elf Enkel. (G+H)

Gottesdienst verstehen mit Martin Luther

17. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Gottesdienst ist Ritual, die sonntägliche Wiederholung des Vertrauten und Beruhigenden, so kann man es oft hören und lesen. Für Luther aber waren Gebet und Gottesdienst zuerst Kampf.

In Eric Tills Lutherfilm aus dem Jahr 2003 wird gezeigt, wie dramatisch sich der junge Luther im Kloster den Glauben erkämpfen musste – gegen den eigenen Unglauben. Wenn ihn wieder alle teuflischen Mächte packen würden, so sagte ihm sein väterlicher Freund und Ordensvorgesetzter Johannes von Staupitz, dann solle er ein Kreuz in die Hand nehmen und sich daran festhalten. Im Film sieht man den jungen Luther in einer schweren Angstkrise, wie er das Kreuz packt, sich auf den Boden wirft, in der Form des Kreuzes die Arme von sich streckt und »Christus, hilf mir!« ruft.

Gottesdienst soll Begegnung mit Jesus sein, keine Routineveranstaltung. Im Bild: Teilnehmer eines Gottesdienstes während der diesjährigen Allianzkonferenz in Bad Blankenburg. Foto: Harald Krille

Gottesdienst soll Begegnung mit Jesus sein, keine Routineveranstaltung. Im Bild: Teilnehmer eines Gottesdienstes während der diesjährigen Allianzkonferenz in Bad Blankenburg. Foto: Harald Krille

Wenn es ganz schlimm kommt, dann heißt es einfach nur, sich festhalten, vielleicht an dem einen Satz: »Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben!« (Markus 9,24). Gebet ist Leben ohne Netz und doppelten Boden. Nur so ist es auch Aufscheinen des Glanzes, der den Dingen trotz allem eigen ist. Davon lebt der Gottesdienst, der nach Luther keine gemächliche Wiederholung des schon Bekannten ist, sondern Begegnung mit Jesus selbst. Wie könnte die Begegnung mit jemandem, den man liebt, Routine und Wiederholung sein?

Nicht wir dienen Gott, Gott dient uns

Der eigentliche Akteur im Gottesdienst ist nicht der Mensch, der Gott lobt und preist. Es geht in der Liturgie nicht um unseren Dienst an Gott, sondern um Gottes Dienst an uns. Der eigentliche Akteur ist Gott, der dem Menschen etwas Gutes tut, der ihn tröstet und aufrichtet. Gott macht den Menschen gewiss, dass er oder sie zwar vielleicht nicht in Ordnung, aber gerade so (und nicht »trotzdem«!) gut, schön und geliebt ist. So erweist Gott dem Menschen seinen Dienst.

Darum soll sich der Gottesdienstbesucher gar keine Gedanken machen, ob er Gott recht dient oder nicht. Alle Konzepte von Gottesdienst als einer Gott erwiesenen Ehre, alle Formen von Kult zu Gottes Lob sind damit zwar nicht hinfällig, aber zweitrangig.

Im Zentrum steht das Herz, nicht der Altar

Für Luther ist der wichtigste Ort des Gottesdienstes das Herz des glaubenden Menschen. Es kommt nicht darauf an, dass ein Priester das Heilsgeschehen in kultisch angemessener Form zelebriert – so schön das ist, und evangelische Liturgen legen oft viel zu wenig Wert darauf. Aber der eigentliche liturgische Ort ist der Altar nicht.

Denn es kommt vor allem darauf an, das, was dort geschieht, als etwas »für mich« zu begreifen. Darum ist die entscheidende menschliche Person in der Liturgie nicht der Priester, sondern der einzelne Gläubige. Die jahrhundertelange Herrschaft der Geistlichen über die Menschen ist aufgehoben, indem jeder Einzelne gefragt und selbst verantwortlich ist. Jeder ist sein eigener Priester mit dem eigenen Altar im Inneren.

Das allgemeine Priestertum bezieht sich also auf den Kern des Glaubens, auf die eigene Gewissheit, ein guter, ein anerkannter, ein Mensch Gottes zu sein. Diese Gewissheit kann einem keiner abnehmen – und bisweilen muss sie erkämpft werden, so wie das bei Luther selbst der Fall war.

Es geht darum, in richtiger Weise nichts zu tun

Der erste Satz aus Luthers »Deutscher Messe« von 1526 warnt vor dem Überschätzen der liturgischen Form. Für den Gottesdienstbesucher kommt es nicht darauf an, etwas Bestimmtes und Richtiges zu tun. Vielmehr ist das Gegenteil gefragt: Es geht darum, liturgisch in bestimmter und richtiger Weise nichts zu tun. Der Mensch soll alle seine Aktivität darauf verwenden, passiv zu sein.

Diese paradoxe Regel wurde am Anfang der Neuzeit formuliert, und sie stellt für uns spätmoderne Menschen eine erhebliche Herausforderung dar. Aus dem aktiven Arbeiter, dem Homo Faber, wird der passive Mensch, das Kind vor Gott, das sich beschenken lässt. Darum ist die erste liturgische Aufgabe – nicht zuletzt für diejenigen, die predigen und die Liturgie leiten – das Hören und Empfangen.

Mehr als Predigt mit Umrahmung

Ein Missverständnis wäre es allerdings, den Gottesdienst als Predigt mit Umrahmung aufzufassen. Gute Predigten sind gewiss das wichtigste Markenzeichen der evangelischen Kirche. Aber nicht die Predigt ist das Eigentliche, sondern das Hören auf Gott, jene umfassende Form von aktivischer Passivität, die nicht unvernünftig ist, wohl aber höher denn alle Vernunft.
Darum ist auch die Musik für Luthers Gottesdienst- und Glaubensverständnis so wichtig. Wenn man mit schönen Tönen in Resonanz gerät, dann ist man in der Weise aktiv und passiv zugleich, wie das dem Menschen auch vor Gott guttut.

Michael Meyer-Blanck

Michael Meyer-Blanck lehrt als Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät der Universität Bonn.

Stacheldraht und Schmetterling

10. August 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Mit Stift und Kamera: Beobachtungen bei der Glaubenskonferenz der Deutschen Evangelischen Allianz in Bad Blankenburg


Viele Teilnehmer der Allianzkonferenz sind jährlich wiederkehrende Dauergäste. Doch wie erlebt jemand einen Konferenztag, der ohne frommen »Stallgeruch« erstmals in Bad Blankenburg ist?

Schon in den frühen Morgenstunden des Sonnabends brennt die Sonne heiß. Kühle erwartet mich erst in der alten Konferenzhalle, in die ich eintrete. Idyllisch gelegen über den Dächern der Bad Blankenburger Altstadt, mit Blick auf den Kirchturm von St. Nicolai und die Ausläufer des Schwarzatals. Mein Begleiter ist fast ein wenig stolz, als er mir erklärt, dass die Holzstuhlreihen Originale aus dem letzten Jahrhundert sind. Und er weist mich auf ein Detail hin: Hier und da seien unter den Klappsitzen noch immer Haltebügel für die früher üblichen Zylinder der Herren zu finden.

Zeichen gegen Menschenhandel: Tauben und 1500 weiße Luftballons ließen Konferenzteilnehmer und Einwohner in den Himmel über Bad Blankenburg ­steigen – als Zeichen gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel in Deutschland und Europa. – Foto: Thomas Kretschel

Zeichen gegen Menschenhandel: Tauben und 1500 weiße Luftballons ließen Konferenzteilnehmer und Einwohner in den Himmel über Bad Blankenburg ­steigen – als Zeichen gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel in Deutschland und Europa. – Foto: Thomas Kretschel

Nach und nach füllt sich die Halle. Bald schon tummelt sich eine bunte Menge vor und zwischen den Sitzplätzen: Junge, Ältere, Muntere, Verschlafene, Familien mit Nachwuchs an den Händen, selbst Babys in der Tragetasche. Treffen der Generationen. Die Menschen lächeln, grüßen einander, Blicke werden getauscht. Manche tragen Bibeln in der Hand und Schreibzeug. Man kennt sich. Der Diakonissenchor mit Schwestern aus verschiedenen Mutterhäusern quer durchs Land singt zwischen den einzelnen Bibelarbeiten. Fast alle erheben sich, Hunderte Menschen stehen beieinander, um gemeinsam in die Lieder einzustimmen. Da klingt aus allen Kehlen »Herr, dein Name sei erhöht«. Das macht Eindruck, auch bei mir. Ich kenne das Lied, kann den Text nach etwas Übung wieder mitsingen.

Stark geworben wird für die Unterzeichnung der europaweiten Petition »Einer von uns«. Mit ihr soll die EU aufgefordert werden, keine Gelder mehr für menschliche Klonversuche, für Embryonenforschung und zur Finanzierung von Abtreibungen im Gesundheitswesen und in der Entwicklungspolitik zu zahlen.

Doch kann man Klonen, Präimplantationsdiagnostik und Abtreibung über einen Kamm scheren? Hier wäre eine Differenzierung dringend nötig. So simpel ist die Welt nicht, wie sie manche Christen auf der Allianzkonferenz gern sehen würden.

Auf dem Gelände, zwischen Gästehäusern und Café, herrscht eine ruhige Stimmung unter dem flirrenden Sonnenlicht. Einige Teilnehmer finden sich zu Gesprächen zusammen. Kinder sitzen oder spielen auf den Treppenstufen. Jugendliche schlafen vor ihren Zelten, Menschen in Rollstühlen sind unterwegs, andere entspannen unter Schirmen vor Wohnwagen. Lena (11) steht an der hölzernen Druckerpresse vor dem Bibelmobil der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Der Bibelspruch, den sie sich ausgesucht hat und den man sich hier eigenhändig herstellen und mit nach Hause nehmen kann, ist der Psalm 23: »Der Herr ist meine Hirte.« »Den mag ich«, sagt sie, »der gibt mir immer Hoffnung, wenn ich mal traurig bin.«

Der Gemeinschaftsgedanke trägt nicht nur in den Konferenzveranstaltungen Früchte, man ist sich nah, auch darüber hinaus. So erfahre ich von Claudia Lutz, die aus dem Stuttgarter Raum angereist ist, dass sie während der vergangenen Allianzkonferenzen Kontakte geknüpft hat zu Menschen, die ebenso wie sie gern gemeinsam Musik machen. Heute ist sie Chormitglied und dankbar für die Impulse, die ihr dieses Hobby gibt.

Blick in die historische Konferenzhalle während des Vorprogramms – da waren die Gänge noch frei. – Foto: Harald Krille

Blick in die historische Konferenzhalle während des Vorprogramms – da waren die Gänge noch frei. – Foto: Harald Krille

Ich setze mich ins Zelt, das die Deutsche Zeltmission auf dem Allianzhausgelände aufgebaut hat. In ihm findet einer der Brennpunkt-Vorträge am Nachmittag statt. Eberhard Heiße, bekanntes Urgestein der kirchlichen Jugendarbeit in Sachsen, spricht von seinen Erlebnissen aus zwei Diktaturen. Vor allem erzählt er von dem beklemmenden Gefühl, das ihn zu DDR-Zeiten permanent umgab, von seinem Unmut über die eingeschränkte Religionsausübung. Er zeigt den Anwesenden die Kreuze aus Stacheldraht, die er immer wieder fertigt als Zeichen: »Vergiss nicht!«

Mir kommt dabei die groß angelegte Aktion kontra Menschenhandel wieder in den Sinn. Am Freitag auf dem Marktplatz. Bei der man weiße Tauben und Luftballons in den Himmel steigen ließ. Eine lobenswerte Sache. Das steht außer Frage. Doch geht man bei all der Symbolik auch den Schritt der konkreten Verwirklichung? Wie wird den unmittelbar von Unfreiheit Betroffenen geholfen? Das habe ich nicht erfahren.

Es ist gut zu beten, Solidarität zu üben im Geiste, aber eine stärkere Kraft entsteht aus einem aktiven Handeln. Die Substanz liegt in der Tat. Ein paar Minuten kreist ein Sommerfalter über die Köpfe der Zuhörer. Nicht lange und er findet den Weg zurück ins Freie. Unbemerkt von den Besuchern im Zelt. Das Tier rührt mich. Auf seine Weise.

Ulrike Unger

Die Autorin ist Germanistin und absolvierte in den vergangenen Wochen ein Praktikum bei »Glaube+Heimat«.