»Es soll mich nichts gefangen nehmen«
1. Juli 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Glaube und Alltag
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Günter Schmidt hat neben der Liebe zum Leben erkannt, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist. Foto: Maxie Thielemann
Günter Schmidt ist 80 Jahre alt, der Alkohol hat fast sein ganzes Leben bestimmt.
Es gab Zeiten, da hat sich Günter Schmidt nur an einem gefüllten Glas erfreut, aber es musste schon Weinbrand, Korn oder Wodka darin sein. »Bier habe ich nur gegen den Durst getrunken«, sagt der 80-Jährige, der heute das Malen wiederentdeckt hat, der sich über Blumen am Wiesenrand freut und darüber, dass er seine Familie noch erleben kann. Viele Jahre hat er diesen Lebensgenuss einfach weggetrunken.
Günter Schmidt sitzt ein bisschen ins Sofa eingesunken in seiner Dresdner Wohnung. Der gebürtige Freiberger hat schon oft Zeugnis über sein Leben gegeben. Demut schwingt mit in seiner Erzählung und ein bisschen Abgeklärtheit. Er sagt: »Mein ganzes Leben war eine Lüge«, und »Ich bin selber Schuld daran, dass ich Alkoholiker geworden bin.«
Mit 15 Jahren begann er, den Alkohol für sich zu entdecken: »Ich glaubte, dass gehörte in den Wirren nach dem Krieg einfach dazu.« Er sei ein Außenseiter gewesen, der mit seinem Leben nicht zurechtkam. Der Alkohol konnte gut verdrängen. So ging es weiter in der Ausbildung zum Chemielaborant und im Studium, wo er mit Kommilitonen aus Benzin trinkbaren Alkohol herstellte. Er vertrug davon bald mehr als andere.
Wann er abhängig wurde, kann Günter Schmidt nicht sagen. Er habe es lange genug ignoriert. Auf Arbeit konnte sich der Spiegeltrinker tarnen, d. h. er trank tagsüber so viel, dass sein Blutalkoholspiegel konstant blieb und wirkte dennoch nicht betrunken. Obwohl seine Frau viel auszuhalten hatte, liefen Beruf und Familie einigermaßen weiter, gab es keinen Grund aufzuhören. Oft sagte er sich: »Ich bin doch kein Alkoholiker, ich stehe doch nicht schon um sechs Uhr mit einem Bier auf der Straße.«
Als seine Frau nach schwerer Krankheit 1992 starb, reichten die paar Gläser Schnaps am Tag nicht mehr. Günter Schmidt geniert sich noch heute dafür, dass er zeitweise täglich zwei Flaschen brauchte, sich immer mehr gehen ließ, nur noch zum Trinken aufstand. »Ich bin auch spazieren gegangen, habe das Kruzifix einer Kirche hier in der Nähe regelrecht belästigt, mich bei Jesus beklagt, wie mies es mir geht, dass er dafür die Schuld trage«, erinnert er sich und fügt hinzu: »Wir Alkoholiker machen so viele Schuldanweisungen, nur nicht an uns selbst.« Und in so einer Situation kam die Wende. Schmidt nennt es den Impuls, die Ohrfeige, die ein Süchtiger brauche, um aufzuhören.
Bei ihm war es die Gemeindeschwester, die sich bis zum Tod um seine Frau gekümmert hatte und die ihn jetzt entsetzt anfuhr: »Herr Schmidt, merken Sie überhaupt, wie betrunken und wie schmuddelig Sie hier herumlaufen?
Wollen Sie so Ihre Frau ehren?« Nein, das wollte er nicht. Wenige Tage später begann er eine Entgiftung im Krankenhaus. Nach der ersten Nacht, unterstützt von Medikamenten, fühlte er sich befreit vom Saufdruck oder »Saufsog«, wie er es nennt. Denn das Trinken sei kein Druck von außen, sondern ein Bedürfnis von innen. Und auch heute viele Jahre nach seiner ambulanten Therapie, sagt er: »Ich bin frei!« und meint damit, dass er zwar immer noch alkoholkrank sei, aber eben durch Gottes Gnade trocken. Einer seiner Therapeuten hatte ihm eine Bibel in die Hand gedrückt.
Günter Schmidt sei früher eher formaler Christ gewesen: getauft, kirchlich getraut. Weil er mit dem Sozialismus sympathisierte, trat er aus der Kirche aus. »Ich komme von links und bin Alkoholiker, trotzdem hat mich Jesus Christus angenommen. Das ist für mich ganz wichtig.« Er ist bei der Suchtkrankenhilfe Blaues Kreuz e.V. aktiv und jeden Freitag beim Begegnungsabend der Dresdner Stadtmission für Suchtkranke und deren Angehörige dabei. Der regelmäßige Kontakt zu diesen Menschen sei ihm wichtig, weil er immer wieder zeige: Ein Rückfall ist möglich. Alkoholkrank ist man sein Leben lang.
Günter Schmidt hat neben der Liebe zum Leben erkannt, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist. »Die Ärzte und Therapeuten konnten mir nur Ratschläge geben, umsetzen musste ich sie selbst.« Ein Wort von Paulus steht ihm da am Nächsten: »Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen« (1. Korinther, 6,12).
Maxie Thielemann
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