Ehrfurcht vor dem Leben

17. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Weihnachtsfilm 2009: Albert Schweitzers bewegtes Leben kommt Heiligabend in die Kinos

Dem Film »Albert Schweitzer – ein Leben für Afrika« ­gelingt es, Ehrfurcht zu wecken vor dem faszinierenden Menschen

Albert Schweitzer (Jeroen Krabbé) mit den Patienten und Bewohnern von Lambarene. Foto: NFP/Stefan Falke

Albert Schweitzer (Jeroen Krabbé) mit den Patienten und Bewohnern von Lambarene. Foto: NFP/Stefan Falke

Ehrfurcht vor dem Leben‹ bedeutet: Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das ­leben will.« Albert Schweitzer, der »Urwalddoktor« von Lambarene, der Theologe, Musiker, Philosoph und Friedensnobelpreisträger hat diesen Satz als zentrale Botschaft seines Denkens hinterlassen. Neben Gandhi, Einstein und Martin Luther King gehört er zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Zu Weihnachten kommt sein Leben ins Kino.

Albert Schweitzer und Albert Einstein – zwei Männer in ihren besten Jahren, das volle weiße Haar nach hinten gebürstet, blitzende Augen unter buschigen Augenbrauen und ein üppiger Seehund-Schnauzbart unter der Nase: Die beiden Ikonen des 20. Jahrhunderts sehen sich zum Verwechseln ähnlich, und genau das beklagt der eine Albert auch: »Ich werde immer mit dir verwechselt«, sagt der Film-Einstein in New York zum Film-Schweitzer, lacht und zieht die Schuhe aus bei seinem Besuch in der New Yorker Hotelsuite.

Mit dem fiktiven Treffen zwischen den beiden bringt der Film »Albert Schweitzer – ein Leben für Afrika« seine Geschichte in Gang. Zwar kannten und schätzten sich Einstein und Schweitzer tatsächlich sehr. Beide sprachen sich auch immer wieder deutlich gegen die atomare Rüstung aus. Doch zu einer persönlichen Begegnung ist es wohl nur vor dem Krieg gekommen.

Die Dramaturgie dieser Geschichte aus dem Haus der Produktionsfirma NFP ist weniger schlüssig als die von deren beiden anderen Spielfilmversuchen über große deutsche Protestanten: »Luther« (2003) und »Bonhoeffer – die letzte Stufe« (1999). Bemerkenswert ist aber, wie sich die NFP und die Brüder Thies für diese Art von eher sperrigen Stoffen engagieren und damit auch auf dem amerikanischen Markt Erfolg haben.

Albert Schweitzer wurde am 14. Januar 1875 in Kayersberg geboren. Theologie- und Philosophiestudium, Militärdienst, nebenher ein Orgelstudium. Mit 27 Jahren ist er zweifach promoviert, habilitiert und Interimsleiter des theologischen Thomasstifts in Straßburg. Intensiv beschäftigt er sich nun mit der Gestalt des historischen Jesus.

Der entscheidende Punkt für Schweitzer: »Zu einer bestimmten Zeit – ob dies Wochen oder Monate nach seinem Auftreten war, wissen wir nicht – hat Jesus die Gewissheit, dass die Stunde des Anbruchs des Reiches gekommen sei. (…) Seine Erwartung verwirklicht sich aber nicht.« Und auch nicht die Erwartung der frühen Christen nach dem Tod Jesu, ihr ­Meister werde bald in unmittelbarer Zukunft wiederkehren, um dann endgültig als Messias über die Welt zu richten.

Schweitzer bringt auf den Punkt, worüber bis heute viele stolpern: Wenn der Mensch Jesus irrte, welche Folgen hat das für die Christen? Seinen eigenen Standpunkt bezeichnet Schweitzer als »konsequente Eschatologie«, als »fortgeführte Endzeitlichkeit«. Gerade »in der Tatsache des Nichteintreffens« der Wiederkunft Jesu, die bis heute andauert und die die Theologen als »Parusieverzögerung« bezeichnen, sieht Schweitzer »das im Sinne Jesu ›historische Faktum‹«. Denn »die ganze ›Geschichte des Christentums‹ bis auf den heutigen Tag beruht auf dem Nichteintreffen der Parusie, dem Aufgeben der Eschatologie, der damit verbundenen fortschreitenden und sich ­auswirkenden Ent-Eschatologisierung der Religion«.

Das bedeutet für Schweitzer aber keineswegs, damit auch die eigene ­Jesus-Beziehung zu lösen oder dessen Ruf zum Reich Gottes preiszugeben: »Im letzten Grunde ist unser Verhältnis zu Jesus mystischer Art. Keine Persönlichkeit der Vergangenheit kann durch geschichtliche Betrachtung oder durch Erwägungen über ihre ­autoritative Bedeutung lebendig in die Gegenwart hineingestellt werden. Eine Beziehung zu ihr gewinnen wir erst, wenn »wir in der Erkenntnis ­eines gemeinsamen Wollens mit ihr zusammengeführt werden (…) und uns selbst in ihr wiederfinden.«

Das ist der Weg, der Schweitzer weg von der kirchlichen Theologie 1913 in sein Urwaldkrankenhaus nach Gabun, ans Ufer des Ogooué-Flusses, nach Lambarene führt. Diesen Weg muss man kennen, um Schweitzers Philosophie der »Ehrfurcht vor dem Leben«, in der sein Denken mündet, richtig zu verstehen.

»Als wir bei Sonnenuntergang gerade durch eine Herde Nilpferde hindurchfuhren, stand urplötzlich, von mir nicht geahnt und nicht gesucht, das Wort ›Ehrfurcht vor dem Leben‹ vor mir. Der Pfad im Dickicht war sichtbar geworden. Nun war ich zu der Idee vorgedrungen, in der Welt- und Lebensbejahung und Ethik miteinander enthalten sind.« So beginnt der Film »Albert Schweitzer« mit einer Andeutung.

Trotz seiner konstruierten Handlung gelingt es dem in diesem Sommer in Südafrika gedrehten Film aber neugierig zu machen: Ehrfurcht zu wecken vor diesem faszinierenden Christenmenschen, gläubigen Skeptiker und tätigen Beter, französischen Deutschen (oder deutschen Franzosen), Musikgenie, praktischem Philosoph und dienendem Patriarchen, dem wir in Gestalt des Niederländers Jeroen Krabbé gerne zusehen.

Von Markus Springer

Buchtipp:

Schorlemmer, Friedrich: Albert Schweitzer.
Genie der Menschlichkeit, Aufbau Verlag,
270 S., ISBN 978-3-351-02712-4, 22,95 Euro