Verfolgte Christen weltweit

14. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Religionsfreiheit: Die Zahl der verfolgten Christen lässt sich nicht exakt erfassen. So sind die genannten 200 Millionen durchaus umstritten. Fakt ist aber: Christen werden in vielen Ländern ihres Glaubens wegen diskriminiert, verhaftet, manchmal sogar getötet. Der Weltgebetstag rückt diese Tatsache am 12. November ins Blickfeld.

Als das evangelikale Hilfswerk Open Doors im Januar seinen Weltverfolgungsindex veröffentlichte, stellten Kritiker die Verdoppelung der Zahl infrage und bemängelten die Nachprüfbarkeit. Er bezweifele, dass es sich bei den genannten Zahlen immer um eine »konkrete Christenverfolgung« handele, äußerte beispielsweise der Generalsekretär des Gustav-Adolf-Werks, Enno Haaks: Oft gehe es darum, dass Christen in ihrer Religionsausübung beschränkt sind oder keine Religionsfreiheit haben. Eine Definitionssache also? Positiv bewertete Haaks seinerzeit, »dass es Open Doors gelungen ist, auf die Situation von verfolgten Christen hinzuweisen, die in bestimmten Kontexten unter problematischen Bedingungen wirklich existieren«.

Karte: Open Doors/Foto: jameschipper/Gestaltung: Adrienne Uebbing

Im Fokus: die beiden Länder Eritrea und Jemen, die in diesem Jahr ins Zentrum des »Weltgebetstages für verfolgte Christen« rücken. Karte: Open Doors/Foto: jameschipper/Gestaltung: Adrienne Uebbing

Und das ist das erklärte Anliegen des Weltgebetstages, an dem laut Open Doors Christen und Gemeinden aus über 100 Ländern auf allen Kontinenten teilnehmen. In diesem Jahr hat die Hilfsorganisation zwei Länder, die sich am Horn von Afrika, getrennt durch das Rote Meer, quasi gegenüberliegen, ins Zentrum gerückt: Eritrea und den Jemen.

Eritrea

Auf den ersten Blick mag die prekäre Situation für Christen in Eritrea erstaunen. Denn hier machen Christen rund die Hälfte der rund 5,5 Millionen Einwohner aus. Jedoch: Lediglich den Mitgliedern der staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften – der eritre­isch-orthodoxen, der römisch-katholischen und der evangelisch-lutherischen Kirche sowie Anhängern des Islams – ist es gestattet, ihre Religion auszuüben. Alle anderen gelten als illegal.

Seit Eritrea 1993 unabhängig wurde, regiert das autoritäre Regime unter Präsident Isayas Afewerki. Jede Form von nicht-registrierten Organisationen, Widerspruch und Meinungsfreiheit sind verboten. Auch die »legalen Kirchen« werden staatlich kontrolliert, nicht genehme Leiter von der Regierung abgesetzt. Sie rekrutiert Spitzel, um alle christlichen Aktivitäten zu überwachen.

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten – sie werden als »Agenten des Westens« betrachtet – Christen aus traditionellen Kirchen oder mit muslimischem oder orthodoxem Hintergrund und Christen aus protestantischen Freikirchen sind laut Open Doors besonders stark von Verfolgung betroffen. Sie treffen sich in Untergrundgemeinden und riskieren, verhaftet und unter schlimmen Bedingungen inhaftiert zu werden. So wurden beispielsweise laut einem Bericht von Amnesty International (AI) Angehörige staatlich verbotener Minderheitenkirchen bei extremer Hitze unter Erstickungsgefahr in Frachtcontainern gefangen gehalten. Inhaftierte, die ihren Glauben praktizierten und deren Religionsgemeinschaft nicht anerkannt ist, haben laut AI weder Zugang zu einem Rechtsbeistand noch dürfen sie Besuch erhalten. Viele seien bereits seit weit über einem Jahrzehnt inhaftiert.

In besonderem Maß von Verfolgung betroffen seien Konvertiten, die die Eritreisch-Orthodoxe Kirche verlassen und sich protestantischen Freikirchen anschließen sowie christliche Konvertiten aus dem Islam, so Open Doors. Abgesehen von der Verfolgung durch den Staat erfährt die erste Gruppe Verfolgung durch die orthodoxe Kirche, die zweite durch ihre Familien und die muslimische Gesellschaft.

Eine weitere »Quelle der Verfolgung« ist laut Open Doors das Fehlen eines zivilen Wehrersatzdienstes für diejenigen, die aus Gewissensgründen keinen Dienst mit der Waffe leisten wollen. Der Militärdienst – für Frauen und Männer über 18 Jahren obligatorisch, aber de facto werden auch Minderjährige eingezogen – dauert 18 Monate, wird aber häufig auf unbestimmte Zeit verlängert.

Jemen

Anders stellt sich die grundsätzliche Situation im Jemen dar: Hier bilden Christen eine fast verschwindende Minderheit: 99,1 Prozent der Einwohner sind Muslime, Schätzungen zufolge leben im Jemen nur 3 000 bis 6 000 Christen. Das »Land der Königin von Saba« ist eigentlich landwirtschaftlich fruchtbar und reich an Bodenschätzen. Doch im Jemen herrscht ein verheerender Krieg, der zwischen islamisch-extremistischen Gruppen ausgetragen wird und sich auf verschiedene Stämme ausgebreitet hat. Al Kaida und der »Islamische Staat« (IS) nutzen das Chaos, um ihre Gebiete zu erweitern. Die gesamte Infrastruktur ist inzwischen zerstört. Der Jemen befindet sich in einer dramatischen Notlage, die Hungerkrise dort gilt als eine der schlimmsten weltweit.

Vor diesem Hintergrund mutet erstaunlich an, dass die Zahl der christlichen Untergrundgemeinden im Jemen wächst – wie Linus Pfister in einem Beitrag für das von der Deutschen Evangelischen Allianz herausgegebene Heft zum Weltgebetstag schreibt: »Der jüngste Krieg hat alle ausländischen Christen vertrieben, die Verfolgung der einheimischen Christen verstärkt und erste christliche Märtyrer verursacht. (…) Doch Leiter der jemenitischen Christen sagen: ›Wir Christen wissen, dass leiden für Jesus dazugehört; das haben uns die ausländischen und einheimischen Märtyrer in unserem Land gezeigt. Wir wollen von ihnen lernen und im Glauben stark werden.‹ Als einheimische Christen verbreiten sie Hoffnung, leisten humanitäre Hilfe und sind ein Zeugnis der Liebe Gottes.« Innerhalb der letzten zwei Kriegsjahre habe sich die Untergrundkirche verdreifacht und wachse weiter, so Pfister.

Adrienne Uebbing

www.weltverfolgungsindex.de

www.ead.de/gebet/gebetstag-fuer-verfolgte-christen

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Iran: Haft und Peitschenhiebe für christliche Konvertiten

25. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Jahr 2012 entging Pfarrer Youcef Nadarkhani im Iran nur knapp der Todesstrafe, die ein Gericht 2010 wegen Apostasie (»Abfall vom Islam«) gegen ihn verhängt hatte. Jetzt ist Nadarkhani wieder ins Visier der iranischen Justiz geraten und am 24. Juni zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Wie die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) erklärte, ist der Hintergrund der Verurteilung die erfolgreiche Mitarbeit des ehemaligen Muslims an der Gründung inoffizieller Hausgemeinden. Außerdem werde er beschuldigt, »Zionist« zu sein. Wie es im Urteil heißt, das seinem Anwalt am 6. Juli zugestellt wurde, muss Pfarrer Nadarkhani nach Verbüßung seiner Haft weitere zwei Jahre zur Verbannung in Nikshahr im äußersten Süden der Islamischen Republik – rund 2 000 Straßenkilometer entfernt von seiner Familie und seiner Gemeinde.

»Sein Anwalt hat zumindest auf dem Papier noch die Möglichkeit, innerhalb von 20 Tagen gegen das Urteil vom 6. Juli Berufung einzulegen«, erklärte IGFM-Vorstandssprecher Martin Lessenthin. Die Justiz der Islamischen Republik sei jedoch dafür bekannt, dass sie nicht nur internationales Recht missachte, sondern sogar das eigene, iranische Recht.

Zusammen mit Youcef Nadarkhani wurden laut IGFM weitere christliche Konvertiten zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. In drei Fällen beinhaltete das Strafmaß zudem jeweils 80 Peitschenhiebe wegen des Trinkens von Wein beim Abendmahl.

Der 40-jährige Youcef Nadarkhani lebt wie die anderen Verurteilten in Rasht, der Hauptstadt der Provinz Gilan im Norden des Irans am Kaspischen Meer. Er ist verheiratet und Vater zweier Söhne. Im Alter von 19 Jahren konvertierte er vom Islam zum Christentum. Seit 2001 ist er Pfarrer in einem Netzwerk von Hauskirchen, zu der auch die Freikirche »Church of Iran« gehört, eine der größten Hauskirchen im Iran. Zudem war er bis zu seiner Verhaftung Gemeindeleiter einer 400 Mitglieder großen Gemeinde.

Das erste Mal wurde Nadarkhani 2006 verhaftet. Die Vorwürfe schon damals: Apostasie (Abfall vom Islam – ein Straftatbestand, der nach dem islamischen Recht im Iran mit dem Tode bestraft werden kann) und Evangelisierung. Seinerzeit kam er ohne Verurteilung frei. Doch in den nächsten Jahren folgten weitere Verhaftungen, auch seine Frau Fatemeh Pasandideh wurde inhaftiert. Die Behörden drohten, den Eltern das Erziehungsrecht zu entziehen und ihre Kinder einer muslimischen Familie zuzuführen.

Weltweite Bekanntheit erlangte Nadarkhani 2010, als ihn ein islamisches Revolutionsgericht wegen Apos­tasie und Evangelisierung zum Tod durch den Strang verurteilte. »Der einzige Weg, dieses Urteil außer Kraft zu setzen, wäre die Lossagung von seinem Glauben gewesen«, heißt es dazu beim IGFM. Wäre die Todesstrafe vollstreckt worden, wäre Nadarkhani seit Jahren der erste Konvertit gewesen, der offiziell aufgrund seines christlichen Glaubens hingerichtet worden wäre.

Die Verurteilung löste internationale Proteste aus. Im September 2012 wurde der Pfarrer freigelassen, aber laut IGFM seither weiter drangsaliert, weil er seine Gemeindearbeit nicht aufgab. Nun also die Verurteilung zu zehn Jahren Haft und zwei Jahren Verbannung.

Adrienne Uebbing

www.igfm.de/iran/aktuelle-appelle/

Europa: Den Blick auf die Flüchtenden im Mittelmeer lenken

28. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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»Du siehst mich« (1. Mose 16,13) lautet die Losung für den 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag (DEKT). Sie wird auch den Festgottesdienst begleiten, dessen Kollekte für die Rettung von Flüchtenden im Mittelmeer bestimmt ist. Das Geld geht an SOS Méditerranée und Mediterranean Hope, beides Projekte, die Flüchtlingen, die über das Mittelmeer nach Europa kommen, helfen.

Schätzungen zufolge sind in den letzten drei Jahren mehr als 10 000 Menschen auf diesen Routen ums Leben gekommen: »Sie waren auf der Flucht vor Krieg, Not und Terror und stießen auf unüberwindliche Grenzen, auf Abschreckung und Abschottung«, heißt es dazu in einer Erklärung des DEKT, und weiter: »Unsere Trauer um diese Toten bringen wir mit einer Schweigeminute am Freitag um 12 Uhr zum Ausdruck – und unterbrechen dafür unsere Veranstaltungen auf dem Kirchentag.«

Rund 1 000 Flüchtlinge aus Afrika und Syrien sind über die dank »Mediterranean Hope« eingerichteten humanitären Korridore« bislang nach Italien eingereist. – Foto: Facebook/Mediterranean hope

Rund 1 000 Flüchtlinge aus Afrika und Syrien sind über die dank »Mediterranean Hope« eingerichteten humanitären Korridore« bislang nach Italien eingereist. – Foto: Facebook/Mediterranean hope

Die 2015 gegründete Hilfsorganisation »SOS Méditerranée« kooperiert unter anderem mit »Ärzte ohne Grenzen« und stellt zivile Rettungsschiffe für in Seenot geratene Flüchtende im Seegebiet zwischen Libyen und Italien zur Verfügung. Sie setzt sich dafür ein, im Mittelmeer ein Seenotrettungsprogramm für Flüchtlinge sowie sichere und legale Fluchtwege einzurichten.

»Mediterranean Hope« ist ein ökumenisches Projekt, finanziert von der italienischen Waldenserkirche, das die lebensgefährlichen Fluchtversuche über das Mittelmeer dauerhaft verhindern soll. Gemeinsam mit der katholischen Gemeinschaft Sant’Egidio hat der italienische evangelische Kirchenbund mit diesem Projekt sogenannte humanitäre Visa möglich gemacht: Flüchtlinge können in Marokko oder im Libanon nach Nachweis einer humanitären Notlage auf der italienischen Botschaft einen Antrag auf ein Visum stellen.

Im Gegenzug haben sich die beteiligten Kirchen gegenüber dem italienischen Staat verpflichtet, ein halbes Jahr für die Eingereisten zu sorgen. Das geschieht unter anderem in zwei Zentren auf den Inseln Lampedusa und Sizilien.

Adrienne Uebbing

Billig ist nicht der Maßstab

16. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Bilder rüttelten auf: Beim Einsturz des Rana-Plaza-Hochhauses in Bangladesch starben vor vier Jahren 1 129 Textilarbeiter, etwa doppelt so viele wurden verletzt. Mit dem Europaabgeordneten Arne Lietz (SPD), einem der Initiatoren für ein Gesetz, das Modeunternehmen zu einem verantwortlicheren Handeln zwingen soll, sprach Adrienne Uebbing.

Was hat sich an den Produktionsstandorten verändert? Gibt es Unterschiede in den Ländern?
Lietz:
In Bangladesch hat sich seit dem Unglück recht viel getan. Ein Beispiel von vielen ist der »Bangladesch Accord« zur Verbesserung des Brandschutzes und der Gebäudesicherheit in Bangladesch – ein rechtlich bindendes Abkommen zwischen den internationalen Gewerkschaften IndustriALL und UNI Global, Gewerkschaften in Bangladesch sowie internationalen Marken und Einzelhändlern.

Protestaktion zum Jahrestag der Tragödie: 2014 legten sich Demonstranten auf den Berliner Kurfürstendamm – bedeckt von Pappschildern mit den Namen der Unternehmen, die im Rana Plaza produzieren ließen. Der Welthandelsorganisation zufolge kommen mehr als 70 Prozent der EU-Textil- und Bekleidungsimporte aus Asien. Auftraggeber sind weltweit vertretene Markenhersteller auf der Suche nach niedrigen Preisen und kurzen Produktionszeiten. Foto: epd-bild

Protestaktion zum Jahrestag der Tragödie: 2014 legten sich Demonstranten auf den Berliner Kurfürstendamm – bedeckt von Pappschildern mit den Namen der Unternehmen, die im Rana Plaza produzieren ließen. Der Welthandelsorganisation zufolge kommen mehr als 70 Prozent der EU-Textil- und Bekleidungsimporte aus Asien. Auftraggeber sind weltweit vertretene Markenhersteller auf der Suche nach niedrigen Preisen und kurzen Produktionszeiten. Foto: epd-bild

Bisher ist Bangladesch das Land, in dem die meisten Initiativen stattgefunden haben, andere produzierende Länder wie Indien oder Pakistan hängen da noch weit hinterher. Aber auch in Bangladesch werden weiterhin Armutslöhne gezahlt oder Arbeitnehmerrechte verletzt. Deswegen brauchen wir eine europäische Gesetzgebung, denn Handelspolitik ist Europapolitik.

Das EU-Parlament hat vor wenigen Tagen mit 505 Ja-Stimmen bei 49 Gegenstimmen und 57 Enthaltungen die EU-Kommission aufgefordert, die Modeunternehmen per Gesetz zu einem verantwortlicheren Handeln in den Produktionsländern zu zwingen. Wie soll das konkret aussehen?
Lietz:
Wie schon bei dem Gesetzesvorschlag zu den Konfliktmineralien sollen die Unternehmen verpflichtet werden, ihre Lieferketten nachzuverfolgen. Dazu sind im Februar 2017 von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Leitsätze für verantwortungsvolle Lieferketten von Bekleidung und Schuhen veröffentlicht worden, also ein Verhaltenskodex für weltweit verantwortliches Handeln von Unternehmen.

In diesen Leitsätzen werden die Sorgfaltspflichten für die Lieferketten definiert und Empfehlungen für verantwortliches Unternehmerverhalten bezüglich Transparenz, Arbeitsbeziehungen oder Umwelt gegeben. Die europäische Gesetzgebung soll sich an diesen OECD-Leitsätzen orientieren.

Was kann die EU – abgesehen vom angestrebten Gesetz – tun, um solche Katastrophen in Zukunft zu vermeiden?
Lietz:
Die EU kann vor allem in ihren Handelsverträgen mit den einzelnen Staaten darauf beharren, dass international anerkannte Arbeitnehmerrechte in den Verträgen verankert und in der Praxis implementiert werden. Außerdem können die EU-Institutionen bei sich selbst ansetzen und ihre öffentliche Beschaffung von Textilien an nachhaltigen Kriterien ausrichten. Im Europäischen Parlament haben wir bereits Fair-Trade-Kaffee, warum dieses nicht auf die Textilien ausweiten?

Nicht nur die Institutionen sind gefragt. Wie können wir als Christen verantwortlich handeln bzw. einkaufen?
Lietz:
Wir sollten uns zunächst fragen: Brauchen wir dieses eine Kleidungsstück unbedingt? Brauchen wir quantitativ mehr Kleidung oder brauchen wir qualitativ bessere Kleidung? Dann sollten wir uns immer beim Kauf fragen: Wo kam dieses Kleidungsstück her, wer konkret hat es produziert? Dazu gibt es eine tolle Initiative von Fashion Revolution: »Who made my clothes?«

Wenn wir mehr hinterfragen, wo und unter welchen Bedingungen unsere Kleidung hergestellt wird, ist ein erster Schritt getan. Dann können wir uns über Labels und fair produzierende Unternehmen informieren und feststellen, dass ein Fair-Trade-T-Shirt nicht teurer sein muss als ein normales Marken-T-Shirt.

Bei Modemarken ist das Image entscheidend – doch die Marke ist kein Garant für gute Produktionsbedingungen. Wie können sich Verbraucher hierzulande informieren?
Lietz:
Es gibt zum Beispiel den vor Kurzem veröffentlichten Transparenz-Index von Fashion Revolution, in dem aufgestellt wird, welches Unternehmen wie weit seine Lieferketten offenlegt.

Können Sie ein Umdenken seitens der Bekleidungsindustrie feststellen?
Lietz:
Leider haben nur sehr wenige Unternehmen ihr Geschäftsmodell umgestellt. Viele Unternehmen produzieren weiter unter schlechten Bedingungen. Die freiwilligen Initiativen (die teilweise von den Unternehmen mitgetragen werden) greifen nicht tief genug, bzw. führen nicht zur Verbesserung der Arbeits- und Umweltstandards. Deswegen die Forderung nach einer Gesetzesinitiative auf europäischer Ebene.

Mit dem Herz bei den Menschen

15. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Tag der Pflege – für Steffi Schmaltz (51) und Hans-Jörg Vollbrecht (47) ist dieser Tag nicht nur einmal im Jahr. Mit der Pflegerin und dem Pfleger sprach Adrienne Uebbing.

Warum haben Sie sich für einen Pflegeberuf entschieden?
Schmaltz:
Ich hab, ganz ehrlich gesagt, keinen anderen gekannt (lacht). In meiner Familie sind sie alle Krankenschwester, und ich hab mit 16 Jahren Krankenschwester gelernt, also nach der 10. Klasse. Wahrscheinlich habe ich mich aus Familientradition dazu berufen gefühlt, zu helfen und in die Pflege zu gehen.
Vollbrecht: Ich hatte mich ursprünglich nicht für den Pflegeberuf entschieden. Das geschah eher aus der Not heraus. Ich bin gelernter Koch und war hier Küchenleiter. Als die Küche geschlossen wurde, ist die Geschäftsführerin auf mich zugekommen und hat gefragt, ob ich mir auch vorstellen könnte, in die Pflege zu gehen. Das habe ich dann getan, mich entsprechend weiterqualifiziert und für mich passt das jetzt sehr gut. Es war rückblickend ein Glücksfall. Wenn man mit Menschen umgehen kann und gerne hilft, dann ist das kein Problem.

Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?
Schmaltz:
Also, ich bin ja noch nie woanders gewesen als berufstätige Frau, ich hab immer diesen Beruf gemacht. Und er macht mir heute noch Spaß, sonst hätte ich das bestimmt schon eher mal aufgegeben. Aber ich bin mit Leib und Seele Krankenschwester. Ich kann nichts anderes und das ist für mich meine Berufung.

Was macht die Diakonie als Arbeitgeber aus?
Schmaltz:
Ich habe 1990 hier angefangen und bin auch in die Brüdergemeine eingetreten. Ich habe mich taufen lassen, zusammen mit meiner Tochter und meiner Mutter. Für mich ist der Glaube sehr wichtig. Und wir sind ja ein christliches Haus: Bei uns finden Gottesdienste statt und auch Andachten. Ganz ehrlich: Das macht für mich sehr, sehr viel aus. Das gibt mir viel Kraft. Meine Mitarbeiter sind nicht alle in der Kirchgemeinschaft, aber viele sind auch christlich, und das gibt mir Kraft.

Eine wichtige Stütze sind (v. li.) Hans-Jörg Vollbrecht und Steffi Schmaltz nicht nur für Walter Pavelec, dem sie hier im Seniorenzentrum Emmaus in Ebersdorf (Kirchenkreis Schleiz) helfen. Pflegekräfte wie sie werden händeringend gesucht.Foto: Sandra Smailes

Eine wichtige Stütze sind (v. li.) Hans-Jörg Vollbrecht und Steffi Schmaltz nicht nur für Walter Pavelec, dem sie hier im Seniorenzentrum Emmaus in Ebersdorf (Kirchenkreis Schleiz) helfen. Pflegekräfte wie sie werden händeringend gesucht. Foto: Sandra Smailes

Vollbrecht: Das macht wirklich einen Unterschied, ja. Ich bin Mitarbeitervertreter und wir haben etliche Kollegen, die wegen zwei-, dreihundert Euro mehr in andere Heime gehen. Von denen kommen ganz viele wieder zurück, weil sie sagen: Hier bei der Diakonie erleben wir Gemeinschaft und Teamgeist. Einer springt für den anderen ein, man lässt sich nicht hängen. Normalerweise, Ausnahmen gibt es immer, ist ja klar (lacht).

Wie empfinden Sie das Image des Pflegeberufes, was halten Ihre Familien und Freunde davon?
Vollbrecht:
Na ja, oft kommt ein ganz großes »Chapeau«, man zieht den Hut vor unserer Arbeit, aber: wirklich machen will sie keiner. Und wenn ich wieder einspringen muss, dann kommt schon von der Partnerin ein kritischer Blick. Aber das ist auch, denke ich, legitim.
Schmaltz: Was meinen Freundes- und Bekanntenkreis anbelangt – die schätzen meine Arbeit schon. Viele sagen aber: »Oh, das könnte ich nicht. Und immer feiertags arbeiten und am Wochenende …« Meine Familie hat Verständnis für die ungewöhnlichen Arbeitszeiten, für die Schichtarbeit. Wir kriegen das gut unter einen Hut. Da gibt es keine Fragen, es ist ganz normal, gehört eben dazu – wir kennen es nicht anders.

Frau Schmaltz, führt Ihre Tochter denn die Familientradition fort?
Schmaltz:
Nein. Stellen Sie sich das vor: Sie ist die Einzige, die das nicht kann. Bei uns sind ja alle in der Pflege gewesen: meine Oma, meine Mutter, meine Tante. Als meine Tochter es mal als Ferienarbeit versuchen sollte, hat sie gesagt: »Ich kann das nicht, Mutti.« Die ist aus der Art geschlagen (lacht).
Vollbrecht: Ja, manch einer kann z. B. mit Ausscheidungen von Menschen nicht so gut umgehen oder hat ein sehr starkes Geruchsempfinden. Damit muss man umgehen können.

Warum können Sie jungen Menschen empfehlen, einen Pflegeberuf zu ergreifen?
Vollbrecht:
Erstens, weil Pflegepersonal gebraucht wird. Denn die zu Pflegenden werden nicht weniger. Und außerdem kann man anderen helfen. Man bekommt Dankbarkeit zurück – auf alle Fälle.
Schmaltz: Ich empfehle den Beruf, weil der Dienst an den Menschen in meinen Augen mit das Wichtigste ist, was man machen kann. Und vor allem an den alten Menschen. Es ist nicht immer einfach, das wissen wir selbst. Auch wenn sie sterben – es ist schwierig, damit zurechtzukommen. Manchmal auch für mich, auch noch nach all den Jahren. Aber ich kann den Pflegeberuf nur empfehlen, weil unsere alten Leute bestimmt nicht weniger werden. Und hoffentlich gibt es dann noch Menschen, die das gerne machen.

Wenn Sie einen Wunsch in Bezug auf Ihren Arbeitsplatz frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Vollbrecht:
Mehr Zeit für die Patienten, für die zu Pflegenden, weniger Bürokratie, weniger Dokumentation. Ich glaube, diesen Wunsch haben alle.
Schmaltz: Auf meiner Arbeitsstelle ist es eigentlich wirklich schön und angenehm. Aber ich würde mir wünschen, dass wir vielleicht mehr Zeit hätten für unsere Bewohner. Ein bisschen mehr Zeit, um Gespräche führen zu können – das würde ich mir von von Herzen wünschen. Mal am Bett sitzen zu können, 20 Minuten oder eine halbe Stunde. Und den Menschen, den ich pflege, um den ich mich kümmere, noch besser kennenzulernen und nicht zum nächsten Bewohner zu rennen.

Aus drei wird eins
Die Reform der Pflegeberufe sieht vor, dass ab 2019 die bisher getrennten Bildungswege in der Pflege abgeschafft und in einer gemeinsamen Pflegeausbildung zusammengefasst werden. Wer diese dann drei Jahre lang durchläuft, kann anschließend sowohl als Kranken-, Alten- oder Kinderkrankenpfleger arbeiten. Wer sich aber auf Alten- oder Kinderkrankenpflege festlegen möchte, kann nach zwei Jahren auch in einen spezialisierten Zweig einschwenken. Die neuen Ausbildungsregeln sollen zunächst für sechs Jahre getestet werden.

(G+H)

Heilung der Erinnerung

9. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Vorfeld der 12. Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Namibia (11. bis 16. Mai) hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) die Nachfahren des Völkermords im früheren Deutsch-Südwestafrika um Vergebung gebeten.

Von 1884 bis 1915 war das heutige Namibia eine deutsche Kolonie. Die afrikanische Bevölkerung, besonders die Herero und die Nama, setzte sich gegen die zunehmende Entrechtung und Enteignung sowie rassistische Diskriminierung zur Wehr. Ihr Aufstand wurde mit Vernichtungsbefehlen beantwortet und blutig niedergeschlagen; bei Kämpfen, Massakern und später in Konzentrationslagern starben Schätzungen zufolge in den Jahren 1904 bis 1908 bis zu 100 000 Menschen – aus Sicht von Historikern der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts.

Unter Palmen: Die evangelisch-lutherische Christuskirche in Windhuk. In der namibischen Hauptstadt kommt in Kürze der Lutherische Weltbund zusammen. Vor wenigen Wochen hat die EKD die namibischen Volksgruppen der Herero und Nama um Verzeihung für den Völkermord in Deutsch-Südwestafrika zwischen 1904 und 1908 gebeten. Foto: epd-bild

Unter Palmen: Die evangelisch-lutherische Christuskirche in Windhuk. In der namibischen Hauptstadt kommt in Kürze der Lutherische Weltbund zusammen. Vor wenigen Wochen hat die EKD die namibischen Volksgruppen der Herero und Nama um Verzeihung für den Völkermord in Deutsch-Südwestafrika zwischen 1904 und 1908 gebeten. Foto: epd-bild

In einer vom Rat der EKD Ende März verabschiedeten Erklärung stellt sich die Evangelische Kirche in Deutschland ausdrücklich ihrer historischen Mitverantwortung für die im heutigen Namibia begangenen Gräueltaten. Auch wenn nach Quellenlage die nach Südwestafrika entsandten deutschen evangelischen Pfarrer nicht selbst direkt zu den Massentötungen aufgerufen hätten, traten sie doch bis auf wenige Ausnahmen dem Völkermord nicht entgegen. Vielmehr sei durch die theologische Rechtfertigung von imperialem Machtanspruch und kolonialer Herrschaft der Boden für den Tod vieler Tausender Angehöriger der namibischen Volksgruppen bereitet worden.

Ein »tiefsitzender Rassismus, gespeist aus einem kulturellen Überlegenheitsgefühl und einer tief gegründeten Angst um die eigene, möglicherweise gefährdete Identität« habe ihr Denken geprägt und ihr Reden und Handeln vergiftet, heißt es in der Erklärung. »Dies ist eine große Schuld und durch nichts zu rechtfertigen.«

Als Nachfolgeinstitution des einstigen Evangelischen Preußischen Oberkirchenrats, der seinerzeit im Auftrag aller deutschen evangelischen Landeskirchen handelte, bekenne sich die EKD »heute ausdrücklich gegenüber dem gesamten namibischen Volk und vor Gott zu dieser Schuld. Wir bitten die Nachfahren der Opfer und alle, deren Vorfahren unter der Ausübung der deutschen Kolonialherrschaft gelitten haben, wegen des verübten Unrechts und zugefügten Leids aus tiefstem Herzen um Vergebung.«

Dieses Schuldbekenntnis sei Ausdruck einer bleibenden historischen und ethischen Verpflichtung. Man wolle gemeinsam mit den Nachfahren der Ermordeten das Gedenken an die Opfer wachhalten und für die Anerkennung des Genozids öffentlich eintreten. Es gehe darum, »an der Überwindung des durch die deutsche Kolonialherrschaft begründeten und danach fortgesetzten Unrechts zu arbeiten«.

Der Erklärung war ein zweiteiliger Studienprozess (2007–2015) zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Rolle der Kirche und Missionswerke während der Kolonialzeit vorangegangen. Die Aufarbeitung soll allen Beteiligten dabei helfen, »als Kirche Jesu Christi nicht nur Vergangenes besser zu verstehen, sondern auch die Wunden der Vergangenheit zu heilen und eine friedliche und gerechte Zukunft mitzugestalten«.

»Wir müssen uns an die Zeit des Kolonialismus erinnern, aber wir brauchen dazu den Geist der Versöhnung. Die Befreiung unserer Länder kann nur dann gelingen, wenn Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen zusammenkommen, sich den Schmerz und die Sorgen der anderen anhören und sich die Hand reichen«, wird der frühere Bischof der Evangelisch-lutherischen Kirche in Namibia, Zephania Kameeta, in der EKD-Erklärung zitiert.

Kameeta, heute Minister für Armutsbekämpfung und soziale Wohlfahrt, wird anlässlich der LWB-Vollversammlung bei der großen Reformations-Gedenkfeier am 14. Mai im Sam-Nujoma-Fußballstadion in Windhuk die Predigt halten.

Im Vorfeld der LWB-Vollversammlung in der namibischen Hauptstadt hat dessen Generalsekretär Martin Junge die Hoffnung geäußert, dass die EKD-Erklärung zu den Kolonialverbrechen sowie Gespräche zwischen den Kirchen in Namibia und Deutschland die Aussöhnung zwischen beiden Ländern beschleunigen könne. Er begrüßte zudem die Aufarbeitung der Verbrechen durch beide Regierungen: »Das ist ein Versöhnungsprozess zwischen Namibia und Deutschland«, sagte Martin Junge dem Evangelischen Pressedienst.

Sollte der LWB gebeten werden, dabei zu vermitteln, sei der Dachverband dazu bereit. Bisher habe sich der Weltbund aus gutem Grund nicht in diesen komplexen Prozess eingemischt. »Jeder Versöhnungsprozess ist einzigartig, es gibt keine Standardlösungen, vielmehr müssen die Akteure herausfinden, wie das Geschehene gemeinsam benannt werden soll und wie man sich einer gemeinsamen Zukunft zuwenden kann«, so Martin Junge. Aussöhnung sei das Fundament für zukünftige Zusammenarbeit.

Ende Februar hatten Nachfahren der Völkermord-Opfer die deutsch-namibischen Regierungsverhandlungen über die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte kritisiert. Vertreter der Volksgruppen der Herero und Nama seien an den Gesprächen nicht beteiligt, sagte die Vorsitzende der Ovaherero Genocide Foundation, Esther Muinjangue. Sie betonte, dass die Opfervertreter keine individuellen Entschädigungen forderten. Auch eine konkrete Summe wurde nicht genannt. Vorstellbar sei stattdessen etwa der Bau einer von Deutschland finanzierten Universität im südlichen Namibia, die Herero und Nama sowie anderen Bewohnern Namibias offenstehen solle, sagte Muin­jangue.

Auch sei eine offizielle Entschuldigung Deutschlands für den Genozid dringend erforderlich.

Adrienne Uebbing

www.ekd.de/EKD-Texte/weitere_texte.html

Blog zur LWB-Vollversammlung in Namibia:
felixkalbe.de/category/namibia/

Hereinspaziert!

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Den Tag des offenen Denkmals am zweiten Septemberwochenende nutzt das Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und öffnet sonnabends 10. September seine Türen für interessierte Besucher. Sie können bei dieser Gelegenheit die Arbeit der Kirchenverwaltung »hautnah« erleben und ganz nebenbei ein architektonisches Kleinod in der Erfurter Altstadt entdecken.

Kirchenamtspräsidentin Brigitte Andrae bringt es auf den Punkt: »Das Landeskirchenamt möchte ein offenes Haus sein, keine in sich verschlossene Behörde. Es ist auch ein Stück Kirche mitten in der Erfurter Altstadt. Das wollen wir nutzen, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen – und laden deswegen immer wieder zu Veranstaltungen in unserem Haus ein. Am ›Tag der offenen Tür‹ wollen wir allen Interessenten unser Haus vorstellen, die Menschen, die dort arbeiten, die Themen, die uns hier bewegen.«

Zu diesem Anlass wird es nicht nur Besichtigungsmöglichkeiten geben, auch verschiedene aktuelle Projekte der EKM werden präsentiert (siehe Infokasten rechts). Außerdem warten ganztägig folgende Angebote auf die Besucher: die Ausstellungen »Vom Seemannspastor zum Propst« zum 50. Todestag von Propst Oskar Zuckschwerdt sowie zu »Kirchendecken«, Präsentationen zum »Bau des Landeskirchenamtes«, zu »Daten und Fakten zur Landeskirche« und zum Projekt »Querdenker (EKM und IBA)«. Zum Programm gehören auch Informationen rund um »Bildung und Schule«, »Archive«, »Die EKM im Ohr«, »Siegel- und Stiftungswesen«, »Personalregistratur« sowie »Halt Gehalt – die Zentrale Gehaltsabrechnungsstelle«.

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Und auch für Kinder gibt es an diesem Tag spezielle Angebote, unter anderem eine Buttondruckmaschine, Maltische, Kegeln oder ein Forstquiz.

Vor fünf Jahren bezog das Landeskirchenamt das »Collegium maius« im Herzen der Landeshauptstadt. Gegenüber der Michaeliskirche im ehemaligen »Lateinischen Viertel« Erfurts gelegen, war dieses Bauwerk einst das Hauptgebäude der Alten Universität Erfurt, deren Gründung auf das Gründungsprivileg aus dem Jahr 1379 zurückgeht. Damit repräsentiert das Collegium maius die wohl älteste Alma mater Deutschlands, deren bekanntester Student und Lehrer Martin Luther war.
Im 15. Jahrhundert galt sie als eine der angesehensten Hochschulen Mitteleuropas und war für die Stadt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor; die dort um das Jahr 1500 lehrenden Humanisten übten eine große Anziehungskraft aus.

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Ein Jahr nach dem als »Tolles Jahr« in die Stadtgeschichte eingegangenen Aufstand der Erfurter Bevölkerung gegen ihre Ratsherren wegen des Bankrotts des städtischen Finanzhaushaltes wurde 1510 damit begonnen, das Collegium maius zu erbauen. Das spätgotische Portal zierte seit 1513 die Front des Gebäudes. In diese Zeit fällt wohl auch die Anfertigung der filigranen Maßwerkfenster im gotischen Stil. Das Obergeschoss mit dem repräsentativen Auditorium wurde zwischen 1549 und 1550 fertiggestellt. Eine Besonderheit sind hier die Steinmetzarbeiten an der Fensterfront des Nordgiebels. Im 19. Jahrhundert kam es zum Niedergang der Universität; als sie 1816 nur noch 20 Studenten hatte, wurde sie geschlossen. Den prächtigen Festsaal nutzte die Stadt weiterhin für Veranstaltungen.

Am 9. Februar 1945 zerstörten amerikanische Sprengbomben das Collegium maius bis auf die Erdgeschossmauern. Sorgsam wurden seinerzeit wertvolle Bauteile aus den Trümmern geborgen. Erst 1983 erfolgte der erste Schritt zum Wiederaufbau: anlässlich der Feierlichkeiten zum 500. Geburtstag Martin Luthers erstand das imposante Portal neu. Im Herbst 1989 galt das Collegium maius als Symbol für den geistig-kulturellen Aufbruch. Angeregt durch die bereits 1987 ins Leben gerufene Universitätsgesellschaft Erfurt, wurde die Universität 1994 neu gegründet. Viele Bürger beteiligten sich am Wiederaufbau ab1998.

Zum historischen Gebäudekomplex gehört das Bibliotheksgebäude aus dem Jahr 1847, das beim Umbau als Verwaltungssitz der EKM in seiner Grundstruktur erhalten blieb. Blickfang dieses Gebäudeteils ist zweifellos das sanierte Boineburgsche Portal, durch das die Besucher heute das Landeskirchenamt betreten. Philipp Wilhelm Reichsgraf von Boineburg war kaiserlicher und kurmainzischer Geheimer Rath, Statthalter von Erfurt und Rektor der Universität. Er stiftete ihr die von ihm noch ergänzte Bibliothek seines Vaters sowie ein beträchtliches Kapital. So konnte die Bibliothek in der Mainzer Hofstraße 12 errichtet werden. Nach deren Abbruch infolge eines Brandes im Jahr 1899 wurde das prächtige Tor gesichert und kam zunächst ins Städtische Museum. Seinen heutigen Platz erhielt das Portal dann 1935 am damaligen Bibliotheksgebäude.

Dort, wo sich einst das Gebäude der philosophischen Fakultät befand, steht nun der U-förmige Neubau; der entstandene Innenhof bildet die Klammer zwischen alter und neuer Bau-
substanz. Innen wechseln sich geschlossene Flure mit natürlicher Belichtung ab und bieten Ausblicke in den Hof. Die rund 150 Menschen, die im Landeskirchenamt in rund 100 Büros arbeiten, erleben das Gebäudeensemble als gemeinsames Haus. Um einen großzügigen Raumeindruck zu erreichen, sind die Räume geschosshoch verglast. Der Neubau ist der Schöpfungsbewahrung verpflichtet: hoch wärmegedämmt und mit begrüntem Flachdach; für die elektrische Versorgung bezieht das Kirchenamt ausschließlich Ökostrom. Die Gesamtkosten für den Um- und Ausbau betrugen 11,7 Millionen Euro. Das Land Thüringen und der Bund stellten davon 7,2 Millionen Euro aus Städtebaufördermitteln zur Verfügung. 4,5 Millionen stammen aus Eigenmitteln der Kirche.

Großen Wert legt das Landeskirchenamt auf den offenen Charakter der Einrichtung; so gibt es die gemeinsam mit der Universitätsgesellschaft angebotene Vortragsreihe der »Collegium Maius Abende« zur Historie der Universität, aber auch zu Themen der Kultur- und Geistesgeschichte. Besonders am Herzen liegen Präsidentin Brigitte Andrae außerdem die wechselnden Ausstellungen im Landeskirchenamt, zum Beispiel »Fotografien demenzkranker Menschen«, »Frauen der Reformation« oder »Malerei von Menschen mit Beeinträchtigungen«.

Adrienne Uebbing

Interessante Einblicke:
Das Landeskirchenamt in Erfurt lädt am 10. September von 10 bis 14 Uhr zu einem Tag der offenen Tür in die Michaelisstraße 39


www.ekmd.de

Programm
10 Uhr          Eröffnung mit Begrüßung durch die Präsidentin, anschl. Kurzvorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

10.30 Uhr    Präsentation / Workshops »Finanzen in der EKM« (Raum »Magdeburg«) sowie »Erprobungsräume« (Raum »Eisenach«)

11 Uhr           Vorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

11 Uhr           Vernissage »Vom Seemannspastor zum Propst« (Foyer)

11 Uhr            Hausführung

11.30 Uhr      Präsentation/Workshops »Der Kirchenwald« (Raum »Magdeburg«) sowie »GKR-Wahlen 2019« (Raum »Eisenach«)

12 Uhr           Andacht (vor dem »Großen Saal«)

12.30 Uhr     Hausführung

12.30 Uhr     Präsentation / Workshops »Offene Kirchen« (Raum »Magdeburg«) sowie »Refomationsjubiläum 2017« (Raum »Eisenach«)

13 Uhr           Hausführung


Demut gehört zum Handwerk

25. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Erfolgsgeschichte: »Klingende Maßanzüge« aus dem Hause Weimann geben in den großen Orchestern der Welt den Ton an

Wenn er redet, ist seine Stimme ruhig; er wählt seine Worte sehr bewusst, überlegt gut, bevor er sie ausspricht: Alexander Weimann ist eher ein Zuhörer. Und das kommt ihm zugute in seinem Beruf, der zugleich Berufung ist. Die Kirchenzeitung besuchte den Instrumentenbauer in seiner Manufaktur.

In diesem wunderbaren Refugium, einem alten Fachwerkhof in Kapellendorf nahe Weimar, fertigt der Metallblasinstrumentenbaumeister gemeinsam mit zwei Mitarbeitern Trompeten und Flügelhörner der Spitzenklasse – gespielt in namhaften nationalen und internationalen Orchestern. Sein Geheimnis: Neugier, sich Zeit nehmen für jeden einzelnen Kunden und dessen individuelle Klangvorlieben erspüren. »Ich höre, was die Musiker fühlen, wenn sie ein Instrument ausprobieren«, so Weimann. Er versteht sich als beratender Partner, nicht als Verkäufer. Sein Ziel: Jedem Musiker das Instrument in die Hand geben, mit dem dieser seine Klangvorstellung in idealer Weise verwirklichen kann.

Das dezente Marken- zeichen der Meisterstücke aus dem Hause Weimann ist die kleine rote Schraube.

Das dezente Markenzeichen der Meisterstücke aus dem Hause Weimann ist die kleine rote Schraube.

Die gemütlich anmutende Werkstatt mit Blick auf die Wasserburg ist akkurat. Jedes Ding hat seinen Platz. Und er habe nicht extra für meinen Besuch aufgeräumt, versichert Alexander Weimann auf Nachfrage belustigt. Da gibt es uralte Schränke mit vielen, vielen Schubladen; hier wird achtsam mit allem umgegangen, das spürt man gleich. Bis ins Detail reicht die gefällige Ordnung. Schlampigkeit kann sich ein guter Handwerker nicht leisten. Die Werkstatt ist ein Spiegel seines Wesens: Alexander Weimann ist bei aller Leidenschaft und Kreativität ein sorgfältiger, gewissenhafter und zuverlässiger Mensch. Und das schätzen seine Kunden. Ob nun der Posaunenchor aus dem Dorf nebenan oder der erste Trompeter der Met in New York. Wichtig ist ihm, nicht abzuheben, trotz aller Begeisterung bodenständig zu bleiben: »Ich habe für jeden Kunden die gleiche Zeit.«

Diese Empathie und Authentizität machen die Weimannschen Instrumente so besonders. Denn dank dieser Talente haucht der Meister den handwerklich äußerst präzise gearbeiteten Unikaten Charakter ein; er selbst nennt sie »klingende Maßanzüge«, andere zeichneten sie mit dem überaus schönen Etikett »Werke von Hand – Zeugnisse der Seele« aus.

Als der Metallblasinstrumentenbauer und Restaurator 1993 den Weg in die Selbstständigkeit wagte – »die bis heute schwerste Entscheidung meines Lebens« – konnte er nicht ahnen, dass er eineinhalb Jahrzehnte später die besten Orchester der Welt zu seinen Kunden zählen darf. Begonnen hat er seinerzeit mit dem Handel und einer Reparaturwerkstatt. Schmunzelnd erzählt er von den Anfängen: Einmal sei ein Pfarrer vorgefahren, um die Instrumente des Posaunenchores zur Überholung zu bringen. Nachdem er sie anschließend wieder ins Auto verfrachtet hatte, habe er sich an die Stirn gefasst und ausgerufen: »Ach, jetzt habe ich ja ganz vergessen, dass ich meine eigene Trompete auch dabei habe«, um sie geschwind aus dem Kofferraum zu holen. »Der wollte erst mal sehen, ob ich das auch gut mache, bevor er mir sein Instrument anvertraut – und das ist doch auch verständlich.«

Feuilleton-17-2016

Der Meister bei der Arbeit: Von Hand gefertigte Einzelstücke aus der Manufaktur von Alexander Weimann in Kapellendorf bei Weimar haben einen klangvollen Namen in der großen Musikwelt. Jedem einzelnen Stück gebührt höchste Aufmerksamkeit. Fotos: WEIMANN® Manufaktur

Alexander Weimann weiß, wie Musiker ticken. Bereits von Kindesbeinen an ist der passionierte Waldhornspieler eng mit der Musik verbunden. Der Vater, Gesangssolist am Leipziger Gewandhaus, starb früh. Nach seinem Tod kümmerte sich der große Kurt Masur um die Familie. Er war es auch, der seinem Schützling den Weg in die Lehre beim renommierten Instrumentenbauer Friedbert Syhre und später ins Restauratoren-Studium wies. Vor einigen Jahren schenkte der Schüler von einst dem weltbekannten Dirigenten eine Trompete aus eigener Herstellung – in Anerkennung für dessen großartige väterliche Unterstützung.

»Das Instrument ist ein Heiligtum, das Werkzeug, mit dem der Musiker sich ausdrückt«, so Weimann. Seine Tätigkeit hat viel mit Vertrauen zu tun. Ein Instrument sei ein sehr persönliches Handwerkszeug, eines, das man unter vielen auswähle. Wie zum Beispiel James Ross vom Metropolitan Opera Orchestra New York, der ihm schrieb: »Super Ansprache, perfekte Intonation, wunderbarer Klang und feinste Handwerkskunst. Bravo Herr Weimann!«

Für die wichtige »Logistik im Hintergrund« ist seit einigen Jahren Ehefrau Wiebke zuständig. Sie hält ihm den Rücken frei, kümmert sich um die vielen weltweiten Kontakte und die Buchhaltung; Alexander Weimann kann sich so ganz auf seiner Hände Arbeit und die Erfüllung der Wünsche seiner Kunden konzentrieren. Eine perfekte, sich ergänzende Arbeitsteilung, die maßgeblich zur positiven Entwicklung beigetragen hat.

Manchmal habe er das Gefühl, ihm werde ein Weg geebnet, sagt Weimann nachdenklich. Und dass er sich diesen Erfolg nie erträumt hat und sich im Stillen darüber freut: »Mit einem Funken Demut«, wie er lächelnd hinzufügt.

Adrienne Uebbing

www.weimann-brass.de


»Am Ende wird alles gut«

16. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Zur Leipziger Buchmesse präsentiert Felix Leibrock mit »Eisesgrün« seinen zweiten Band der Weimar-Krimireihe

Man kann das Böse auf verschiedene Art und Weise ergründen. Der gebürtige Saarländer, Wahlmünchner und inzwischen Wochenend-Weimarer Felix Leibrock tut es auf seine Weise: Er schreibt Krimis. Nicht nur, aber immer öfter.

Wir tun immer so ›heile Welt‹ in der Kirche – aber damit erreichst du nur noch fünf Prozent, 95 Prozent sagen, ›die sind von gestern‹«, ist Felix Leibrock überzeugt. »Die Kirche muss sich viel mehr dem Bösen als dem Guten zuwenden. Sie muss die Heimstatt der Emotionen sein.« Auch deswegen schreibe er Krimis, fügt er augenzwinkernd hinzu.

Vorpremiere: Krimi-Pfarrer Felix Leibrock mit einem druckfrischen Exemplar. Fotos: Maik Schuck

Vorpremiere: Krimi-Pfarrer Felix Leibrock mit einem druckfrischen Exemplar. Fotos: Maik Schuck

Leibrock hat schon vieles ausprobiert in seinem Leben. Als Spätberufener studierte er nach Germanistik und Geschichte sowie Stationen als Antiquariatsbuchhändler mit 30 noch einmal »ganz effizient« evangelische Theologie in Erlangen. Und weil nach der Wende im Osten die Sorge herrschte, dass alle Pfarrer in die Politik gehen oder sonst wie den Beruf wechseln und niemand mehr Theologie studieren will, ergriff er die Gelegenheit beim Schopf und siedelte nach Thüringen über. Eine Entscheidung, die er nie bereut hat. Es folgten Anstellungen als Pfarrer in Weimar und Apolda sowie als Stadtkulturdirektor in der Goethestadt. Inzwischen ist er Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerks in München, nebenher Seelsorger bei der bayerischen Bereitschaftspolizei und ehrenamtlicher Teeausfahrer bei einer katholischen Obdachloseninitiative in der weiß-blauen Landeshauptstadt. Außerdem gehört er zur evangelischen Redaktion bei Antenne Bayern.

Was reizt diesen Tausendsassa am Krimischreiben? »Selbst die schlimmsten Terroristen sind erst böse geworden, sie sind nicht böse geboren. Und das ist etwas, was mich fasziniert und das ich versuche, in meinen Krimis ein Stück weit zu ergründen.« Leibrock glaubt, die Menschen positiv beeinflussen zu können. »Das klingt jetzt ein bisschen überhöht, aber das ist schon ein Motiv, zu schreiben.« Er wolle nicht nur unterhalten – Spannung bescheren –, sondern habe auch einen Bildungsanspruch. »Der Krimi ist neben dem historischen Roman ein Genre, das sehr gut geeignet ist, um Bildungsinhalte unterhaltsam zu transportieren« – so seine Überzeugung.

Einer von Leibrocks Wahlsprüchen lautet: »Ich glaube, am Ende wird alles gut!« Spielt das für ihn auch eine Rolle beim Schreiben? Übt die Tatsache, dass er das Ende als Autor faktisch in der Hand hat, einen besonderen Reiz aus? »Wahrscheinlich ja, man erschafft eine eigene Welt, man ist Schöpfer. Es ist eine Welt, die sich zunächst nur im eigenen Kopf abspielt, aber man kre­iert Personen, man stellt Menschen her, gibt ihnen ein Profil – optisch, aber auch charakterlich – man bringt sie in Beziehung zueinander«, so der umtriebige Pfarrer.

Zwischen Tür und Angel schreiben kommt für ihn nicht infrage. Er macht das immer blockweise: »Ich nehme dann drei Wochen Urlaub und schreibe von morgens bis abends; dann bin ich komplett abgetaucht in diese Parallelwelt und nur schwer ansprechbar.« Ein Zustand, den die weltbekannte Geigerin Anne-Sophie Mutter in einem Interview mal als »Flow« bezeichnet habe: Man taucht ein in die eigene Welt, die man erschaffen hat, man redet mit seinen Figuren – das ist es, was er am Schreiben so wunderbar findet, begeistert er sich.
Felix Leibrock hat viele Vorbilder. Er liest sehr viel, macht halbjährlich Literaturabende mit jeweils zwölf Neuvorstellungen. Und er hat auch historische Vorbilder. Sein Lieblingsbuch ist »Moby Dick« von Herman Melville: »Ich kann mich kaputtlachen, wenn er den Pfarrer auf der Kanzel beschreibt, da gibt es so herrliche Szenen.«

Wichtig sei, dass »immer so ein bisserl« Humor mit dabei ist, denn ganz ernst kann laut Leibrock auch ein Krimi nicht sein. Und der Erfolg gibt ihm recht. Der erste Band des Weimar-Krimis »Todesblau«, erschienen im renommierten Droemer-Knaur Verlag, kommt jetzt in zweiter Auflage heraus. Und auch wenn die Krimireihe mit den beiden Ermittlern Sascha Woltmann und Mandy Hoppe in der Goethestadt angesiedelt ist – die Weimar-Krimireihe reiht sich nicht ein in die inflationär erscheinenden Regional-, Provinz- und Mundartkrimis.

Für die Erstvorstellung von »Eisesgrün« hat Leibrock einen besonderen Coup gelandet. Er wird eine »original Mandy Hoppe« als Gast aufbieten. »Laut Facebook gibt es 17 Frauen mit diesem Namen in Deutschland. Ich habe eine angeschrieben und gefragt, ob sie nicht bei meiner Buchpräsentation mit dabei sein möchte. Und kurioserweise kommt sie aus Apolda«, freut sich der Krimi-Pfarrer über ihre Zusage.

Dabei offenbart er auch seine Entertainer-Qualitäten. Wenn Felix Leibrock mit seinen Krimis auf Tour geht, bietet er dem Publikum nicht die klassische Autorenlesung – »weil ich das selber schon mehrfach als einschläfernd erlebt habe«: Er hat einen Musiker, der eigens für die Lesungen Lieder komponiert und spielt, und er selbst plaudert dazu aus dem Nähkästchen. Zum Beispiel über seine Recherchen zum Buch: »Ich musste jetzt eine Leiche tiefgefrieren. Da hab ich mir im Weimarer Land einen Techniker gesucht, der so was kann und es mir erklärt, damit es im Buch auch realistisch beschrieben ist – und das erzähl ich dann.« Und auch vom Marketing versteht er etwas: Zur Buchmesse gewährt ihm der Bayerische Rundfunk eine Stunde Sendezeit, und eine bekannte Illustrierte widmet ihm zwei Seiten.

Zu »Eisesgrün«: In Felix Leibrocks zweitem Weimar-Krimi entdecken zwei Landschaftspfleger merkwürdige Hügelgräber. Das erste, kaum größer als ein Maulwurfshügel, enthält eine Holzkiste mit einer Puppe. Das zweite einen Golden Retriever. Das dritte schließlich zwingt die beiden, die Polizei zu verständigen …

Adrienne Uebbing

Leibrock, Felix: Eisesgrün, Knaur Taschenbuch, 368 Seiten, ISBN 978-3-426-51617-1, 9,99 Euro

Viel Fingerspitzengefühl

11. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Stuhlflechterei: Sehen, mit welchem Geschick blinde Handwerker in den Erfurter Werkstätten arbeiten

Das Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands (CJD) versteht sich als Chancengeber und Mutmacher. In den Erfurter Werkstätten arbeiten zwei blinde Handwerker in der Stuhlflechterei.

Niels Grobb ist glücklich: »Das ist ein cooler Faden, ein echt cooler Faden!« Der junge Mann, der so erfreut über den Stuhlflechtfaden aus Rattan jubelt, den ihm Korbmachermeister Hans-Günther Altenfelder sorgfältig ausgesucht hat, setzt zufrieden seine Arbeit fort. Das komplizierte Wiener Geflecht fordert seine volle Konzentration, denn er ist blind. Von Geburt an. Weil er vor 35 Jahren im Brutkasten zu viel Sauerstoff bekommen habe, erzählt er. Auch sein Gehör sei nicht gut, deshalb trage er ein Hörgerät.

Direkt neben ihm sitzt Maik Benschig, ebenfalls blind. »Ich war ein Frühchen«, erklärt er kurz und knapp den Grund. Der 36-Jährige und sein Nebenmann kennen sich schon fast drei Jahrzehnte. Beide besuchten als Kinder die Blindenschule in Chemnitz. Danach trennten sich ihre Wege.

Niels Grobb (Mitte) und Maik Benschig (re.) machen aus ramponierten Sitzgelegenheiten wieder echte Schmuckstücke. Korbmachermeister Hans-Günther Altenfelder (li.) ist zur Stelle, wenn er gebraucht wird. Fotos: Adrienne Uebbing

Niels Grobb (Mitte) und Maik Benschig (re.) machen aus ramponierten Sitzgelegenheiten wieder echte Schmuckstücke. Korbmachermeister Hans-Günther Altenfelder (li.) ist zur Stelle, wenn er gebraucht wird. Fotos: Adrienne Uebbing

Niels Grobb wusste damals nicht, welchen Beruf er erlernen sollte. Wäre es nach dem Wunsch seiner Eltern gegangen, hätte er eine Ausbildung als Bürokraft machen sollen. Aber den ganzen Tag am Computer – das sei ihm einfach zu langweilig gewesen. Beim Probearbeiten in Erfurt hat er dann das Korbflechten für sich entdeckt und es bot sich die Möglichkeit, eine entsprechende Ausbildung in der Landesblindenschule Hannover zu absolvieren – weit weg von zuhause. »Da hat mir ganz schön das Herz gebubbert, als ich die ersten Male allein mit der Bahn dorthin musste«, erzählt er. Aber der Einsatz hat sich gelohnt, er habe neben der Praxis auch viel theoretisches Wissen mit auf den Weg bekommen, erklärt der gelernte Korb- und Rahmenflechter stolz.

Auch Maik Benschig fand bei einem Praktikum in den Erfurter Werkstätten Gefallen an der Flechtkunst. Begonnen hat er zunächst mit Übungsrahmen. Immer wieder hat er das probiert, bis die Spannung stimmte und er das richtige Gefühl für die Muster hatte.

Die Handwerkskunst aus den Erfur­ter Werkstätten wird hoch geschätzt. Auch ohne Werbung ist die Auslastung dank Empfehlungen zufriedener Kunden hoch, so Hans-Günther Altenfelder. Zudem nutzen Restauratoren gerne den Sachverstand und das hohe handwerkliche Niveau der Erfurter Stuhlflechter.

Es ist beeindruckend, mit welchem Geschick die beiden die Rattanfäden verflechten – wobei sie sich nur auf ihren Tastsinn verlassen können. Und natürlich auf Hans-Günther Altenfelder, der sofort zur Stelle ist, wenn Hilfe gebraucht wird. Wie beim Einarbeiten eines neuen Fadens oder beim Ausrichten des Schergeflechtes. »Als ich hier begonnen habe, mit blinden Kollegen zu arbeiten, habe ich das Flechten erst einmal selbst mit geschlossenen Augen versucht. Ich zolle ihnen größten Respekt für das, was sie leisten!« Mit sicherem Gespür greifen die zwei nach dem benötigten Werkzeug. Als gestandene Handwerker haben sie es ordentlich sortiert neben sich platziert.

Natürlich sei die Arbeit nicht immer einfach, gibt Altenfelder unumwunden zu. Aber er ist sehr zufrieden. »Meine christliche Lebenseinstellung ist der Motor«, bringt er seine persönliche Motivation auf den Punkt. Maik Benschig, größter Fan des Korbmachermeisters, strahlt: »Und wir sind mit Herrn Altenfelder sehr zufrieden!« Momente wie dieser tun gut und lassen Altenfelders Tätigkeit als »Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung« zur Berufung werden.

Dass der blinde Kollege auch ganz besondere Talente als Sänger habe, verrät Hans-Günther Altenfelder noch:

»Maik hat eine sehr sehr schöne Stimme!« Und das sei das Besondere in den Erfurter Werkstätten. Denn nicht nur Arbeit steht auf dem Tagesplan, hinzu kommen auch viele arbeitsbegleitende Angebote, wie eben der Musikkreis. Die ganzheitliche Förderung gehört zum Konzept. Maik Benschig freut sich sehr darüber und hat mit seiner Gruppe unter anderem einen dritten Platz bei einem Musikwettbewerb der Stiftung Finneck vorzuweisen. Im Moment probt er mit seinen Mitstreitern für ein großes Musiktheaterprojekt.

Und Niels Grobb war vor einigen Jahren Deutscher Vizemeister beim Blindenschießen – so etwas gibt es: Anders als im »normalen« Schießsport besitzen die Gewehre einen Lichtsensor, der auf Helligkeit reagiert. Wenn sich der Lauf im hellen Zentrum der Zielscheibe befindet, wird ein akustisches Signal an den Schützen weitergeleitet; entfernt sich der Lauf von der Mitte, wird durch die dunklere Farbe ein anderer Ton erzeugt, der Schütze kann also gewissermaßen mit den Ohren »zielen«. Er habe diesen Sport wieder aufgegeben, weil er ihm wegen seines eingeschränkten Gehörs zu anstrengend geworden sei. Aber Spaß habe es ihm schon gemacht.

Echte Multitalente also, die in den Erfurter Werkstätten aktiv sind – und ganz beeindruckende Handwerker.

Adrienne Uebbing

Kontakt zur Stuhlflechterei: Telefon (03 61) 78 34-428 (Herr Altenfelder)

www.cjd-erfurt.de
www.cjd-erfurt-leichte-sprache.de

Halloween und »HalloLuther«

31. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Reformationstag: Wie Gottesdienste attraktiver werden und was Kirchengemeinden von Halloween lernen können

Belebt die Konkurrenz das Geschäft? Gleich zwei Ereignisse stehen am 31. Oktober im Wettbewerb um Aufmerksamkeit.

Kaum sind die Sommerartikel aus den Schaufenstern verschwunden, ziehen dort die orangefarbenen Kürbisse und Schauerkostüme ein. Seit den 1990er Jahren wird der Brauch aus den USA hierzulande immer beliebter. Der Reformationstag scheint dagegen zu verblassen.

»Die zunehmende Konkurrenz durch Halloween ist natürlich für die Kirche eine Herausforderung, die ich aber nicht negativ bewerte. Sie hat uns wachgerüttelt und bringt die Gemeinden dazu, eigene Ideen zu finden, um diesen wichtigen Feiertag zu begehen«, erklärt Matthias Ansorg, Leiter des Gemeindedienstes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Er plädiert dafür, Halloween und seine Erscheinungsformen nicht zu bekämpfen, sondern die Bedürfnisse, die dahinter stecken, wahrzunehmen und darauf einzugehen.

Am 31. Oktober haben wir die Wahl: Süßes oder Saures! Grusel oder Gottesdienst! Wer hat das anziehendere Programm? Fotos: yellowj; Vladimir Jovanovic – fotolia.com; Montage: Adrienne Uebbing

Am 31. Oktober haben wir die Wahl: Süßes oder Saures! Grusel oder Gottesdienst! Wer hat das anziehendere Programm? Fotos: yellowj; Vladimir Jovanovic – fotolia.com; Montage: Adrienne Uebbing

»Wir leben in einer entzauberten Welt«, erklärt Matthias Ansorg das Sehnen der Menschen nach dem Geisterhaften wie bei »Harry Potter« oder »Herr der Ringe«. Auch der Glaube sei ein Geheimnis, das zu erforschen sich lohne. Oft komme Kirche zu nüchtern daher. Das müsse sich ändern, meint Ansorg. »Wir müssen wissen, was die Menschen attraktiv finden. Und eine gute Inszenierung ist einfach wichtig«, so der Theologe. Das sei bei den weihnachtlichen Krippenspielen ebenso wichtig wie beim Reformationsgottesdienst.

Eine gute Inszenierung erwartet vor allem die Besucher des Angebots »HalloLuther« im Erfurter Augustinerkloster. Seit mehr als fünf Jahren stellt Gemeindepädagogin Karin Eisbrenner mit ihren Mitstreitern ein Angebot für Familien auf die Beine, als Kontrastprogramm zum Halloween-Spektakel. »Unsere Veranstaltung hat zwei Aspekte. Zum einen wollen wir uns gemeinsam mit inhaltlichen Schwerpunkten von Luthers Lehre auseinandersetzen. Zum anderen soll es aber Spaß machen und vor allem die jüngeren Gäste begeistern«, erläutert Karin Eisbrenner.

Während sich im vergangenen Jahr alles um die Lutherrose drehte, steht an diesem Vorabend des Reformationstages Luthers Abendsegen im Zentrum. Was meinte Luther mit dem Abendsegen? Was sind heilige Engel und wovor beschützen sie uns? Bei der ersten Station im Augustinerkloster fertigen die Kinder mit Hilfe der Erwachsenen kleine Lichtengel, welche sie bei ihrem Zug durch die Stadt, vorbei an so vielen Lutherstätten, den Menschen schenken, denen sie begegnen. »Das bringt immer eine große Resonanz. Wenn die Kinder auf die Leute zugehen, ihnen ein Geschenk überreichen und ihnen freudig verkünden: morgen ist Reformationstag. Dann sind viele verblüfft, aber auch neugierig und wissbegierig«, berichtet Eisbrenner.

»Hallo Luther« hat in jedem Jahr etwa 150 Teilnehmer. »Es kommen viele Familien zu uns, die sich bewusst für dieses Angebot entscheiden und sagen, wir als Christen wollen den Reformationstag angemessen feiern und unseren Kindern etwas davon mitgeben, was das Ereignis bis heute für uns bedeutet«, erklärt die Gemeindepädagogin. Dabei gehe es nicht darum, Halloween zu verteufeln. »Halloween spielt mit Angst und Furcht. Aber gerade bei unserem diesjährigen Thema »Abendsegen« wird deutlich, Luther war gegen Angstmache. Er rechnet mit dem Bösen, aber er vertraut auf Gottes Zuspruch und Hilfe«, so Eisbrenner.

Die Botschaft des Reformationstages, die Gewissheit, von Gott geliebt und angenommen zu sein und zwar ohne jede Vorleistung, und die Veröffentlichung von Luthers Thesen vor fast 500 Jahren, solche Inhalte sind es, die die Kirche Halloween entgegenzusetzen vermag. »Wichtig ist es, diese Botschaft in Szene zu setzen. Da ist jede Gemeinde für sich gefordert. Der Gottesdienst ist ein Format, das dramaturgische Mittel bietet, um den Reformationstag angemessen und attraktiv zu gestalten«, so Matthias Ansorg.

Diana Steinbauer

Ich bin für Sie da!

12. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaube und Gesundheit: Wie kirchliche Mitarbeiter in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen Menschen begleiten

Klinikseelsorger begegnen Menschen meist in Krisen­situationen und begleiten sie aus ihrem Glauben und dem damit verbundenen Menschenbild heraus.

Es gebe mitunter die Situation, dass ein Patient erschrecke, wenn er zu ihm ins Zimmer kommt, erzählt Pfarrer Ulrich Paulsen, Krankenhausseelsorger am Johanniter-Krankenhaus Stendal: »Der Pfarrer kommt zu mir, steht es etwa so schlecht um mich?« Dann rücke er das zurecht und erkläre, dass er von einem Krankenzimmer zum nächsten gehe und zu Patienten komme – unabhängig davon, ob es einen konkreten Anlass gibt.

Bei seinem Gang über die Stationen bleibt er spätestens im dritten oder vierten Zimmer »hängen«, weil sein seelsorgerisches Angebot dort gern angenommen wird. Zum einen gibt es die Menschen, die sich durch seinen Besuch in ihrem Glauben und in ihrer Kirchenmitgliedschaft bestärkt sehen: »Gut, dass mich die Kirche auch hier begleitet«, hört er dann. Aber bei ungefähr 80 Prozent seiner Besuche erreicht er Menschen, die mit Kirche oder Glaube nicht vertraut sind: »Ihnen erkläre ich dann, dass ich in einem kirchlichen Krankenhaus ein Ohr für sie habe und für sie da bin.« Dadurch begegnet Ulrich Paulsen Menschen, die außerhalb der Klinik vielleicht nie Kontakt zur Kirche suchen würden, aber dankbar für dieses Angebot sind.

Auch konfessionell nicht gebundene Patienten schätzen die Krankenhausseelsorge. Foto: epd-bild/Werner Krüper

Auch konfessionell nicht gebundene Patienten schätzen die Krankenhausseelsorge. Foto: epd-bild/Werner Krüper

Krankenhausseelsorger tragen in ihrer Haltung etwas weiter von dem Gott, der mitgeht, mitleidet, der liebt und lebendig macht. Wer sich auf ein Gespräch mit einem Seelsorger einlasse, werde »bewusst oder unbewusst etwas von diesem mitgehenden Gott erahnen, vielleicht auch erhoffen und erwarten« – so fasst Kirchenrätin Ulrike Spengler, Referentin Seelsorge im Landeskirchenamt der EKM, die Chancen der Krankenhausseelsorge zusammen. Krankenhausseelsorge gehöre deshalb auch mit zum Kernauftrag der Kirche.

Das Angebot wird geschätzt: So hat die ablehnende Haltung von kirchenfernen Menschen auf das Seelsorgeangebot, laut Pfarrer Paulsen, deutlich abgenommen. Noch vor 15 Jahren habe er teilweise heftige Reaktionen zu spüren bekommen (»Kirche ist sowieso überholt, da will ich nichts von wissen, brauche ich nicht«). Das hat sich gewandelt. Kirche an sich werde in der Klinik von den Patienten mehr akzeptiert. Er führt das darauf zurück, dass es eine Reihe diakonischer Tätigkeiten gibt, die in der Bevölkerung wahrgenommen und gutgeheißen werden. Auch der Faktor Zeit spielt eine Rolle, denn immer seltener gibt es im Krankenhausalltag Zeit für Gespräche mit Patienten.

Kein Tag ist planbar. Zum einen gibt es für die Klinikseelsorger die »ad hoc«-Situationen, in denen sie sich zum Beispiel nach einem schweren Unfall in der Notfallaufnahme seelsorgerisch um den Verunglückten und die Angehörigen kümmern. Zum anderen sind sie echte Seelentröster, wenn als Kehrseite des »mündigen Patienten« dieser schonungslos mit einer schlimmen Diagnose konfrontiert wird; oft ohne Zeit, diese mit dem Arzt eingehend zu besprechen. In solchen Situationen, in denen einem Menschen der Boden unter den Füßen weggezogen wird, ist Ulrich Paulsen da: »Das ist auch die Chance der Klinikseelsorge, weil wir die Abläufe im Krankenhaus einschätzen und Brücken zwischen Ärzten, Pflegepersonal und Patienten bauen und ein weiteres Gespräch vermitteln können.«

Der Glaube stehe nicht immer im Vordergrund. »Da, wo ich es mit Menschen zu tun habe, die mir signalisieren, dass sie es nicht so mit Kirche und Glaube haben, da bin ich einfach der, der mit aushält, was im Moment gerade schwer ist. Ich biete aber auch an, dass wir am Ende des Gesprächs zusammen beten oder ich sie in meine Fürbitte aufnehme – das ist eine Variante, die auch Menschen dankbar annehmen, die es nicht gewohnt sind
zu beten.«

Adrienne Uebbing

Krankenhausseelsorge
In der EKM gibt es derzeit etwa 70 Pfarrerinnen und Pfarrer und ordinierte Gemeindepädagoginnen, die in der Krankenhausseelsorge tätig sind. Ein Drittel von ihnen sind Männer und zwei Drittel Frauen. Die meisten arbeiten in Teilzeitanstellungen, einige kombiniert mit ihrem Dienst im Gemeindepfarramt.


Eduard lernt schwimmen

31. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Im thüringischen Tabarz zeigt sich, wie eine lebendige Willkommenskultur für Asylbewerber aussehen kann

Neun Familien aus dem Balkanraum leben derzeit als Asylbewerber in Tabarz. Ein ehrenamtlicher Arbeitskreis kümmert sich um die Belange der häufig als »Wirtschaftsflüchtlinge« diskriminierten Menschen. Und macht die Erfahrung, dass der Einzelfall dann oft gar nicht so eindeutig ist.

Eduard lernt schwimmen. Er kommt aus dem Kosovo, ist acht Jahre alt und lebt mit seiner Familie seit November letzten Jahres in Tabarz. Unter seinen langen Wimpern schaut er ein wenig schüchtern, als er um acht Uhr morgens im Schwimmbad Friedrichroda ankommt. Er wirkt zaghaft, ganz anders als sein großer Bruder Shemai (11), der ihn an diesem Tag zum Schwimmkurs begleitet und mutig einen Kopfsprung wie aus dem Lehrbuch vom 3-Meter-Brett zum Besten gibt.

Doch heute traut sich auch Eduard: Nach einer Woche Schwimmkurs hüpft er erstmals beherzt vom Rand ins Becken, wo ihn Schwimmmeister Peter Liebau mit offenen Armen erwartet und für seinen Mut lobt: »Toll, Eduard!« Auch sein Bruder und Hanfried Victor vom Arbeitskreis »Asyl in Tabarz«, der ihn jeden Morgen zum Kurs bringt, jubeln. Dann geht es auf die Bahn. Geduldig korrigiert Peter Liebau die Beinarbeit seines Schützlings und ist zuversichtlich, dass Eduard schon bald ohne Hilfsmittel schwimmen wird.

Ein Arbeitskreis koordiniert die Hilfe für Flüchtlinge

Dass Eduard schwimmen lernen kann, noch dazu an diesem geschichtsträchtigen Ort – 1936 und 1940 trainierte in der heute denkmalgeschützten Anlage die deutsche Olympiamannschaft – hat er vielen Menschen zu verdanken: Dem Arbeitskreis »Asyl in Tabarz« mit Pfarrer i.R. Hanfried Victor und der engagierten Schulleiterin Sabine Geißler an der Spitze, der Gemeindeverwaltung und natürlich Schwimmmeister Liebau, der in seinen 37 Berufsjahren schon etlichen Menschen das nasse Element vertraut gemacht hat und der sich mit Eduard trotz sprachlicher Verständigungsschwierigkeiten bestens zu verstehen scheint.

Freunde geworden: Schwimmmeister Peter Liebau und der kleine Eduard aus dem Kosovo. Der Arbeitskreis Asyl in Tabarz zeigt, dass unvoreingenommenes Aufeinanderzugehen Vorurteile abbaut und Verständnis über Sprach- und Kulturbarrieren hinweg wachsen lässt. Fotos: Adrienne Uebbing

Freunde geworden: Schwimmmeister Peter Liebau und der kleine Eduard aus dem Kosovo. Der Arbeitskreis Asyl in Tabarz zeigt, dass unvoreingenommenes Aufeinanderzugehen Vorurteile abbaut und Verständnis über Sprach- und Kulturbarrieren hinweg wachsen lässt. Foto: Adrienne Uebbing

Im November 2014 kamen die ersten Familien aus den Balkanstaaten nach Tabarz. »Im Ort wusste keiner Bescheid und es existierte Hilflosigkeit auf allen Seiten«, so Hanfried Victor. Es gab spontane, oft noch unkoordinierte Hilfsaktionen, aber auch kritische Stimmen im Ort: Sowohl zu den Flüchtlingen als auch zur Situation und durchaus auch »über manchen, der sich engagiert«. Vor diesem Hintergrund kam es zur Gründung des Arbeitskreises »Asyl in Tabarz« mit dem erklärten Ziel, die diversen Hilfsaktionen zu bündeln, den Asylbewerbern bei der Bewältigung und Gestaltung des Alltags, bei der Beschaffung beispielsweise von Möbeln oder Kleidung zu helfen sowie Patenschaften für die Familien zu übernehmen, kurzum: Willkommenskultur zu üben und zu pflegen.

Eine Kleiderkammer, die allen Bürgern offensteht

Zurzeit leben neun Familien – 18 Erwachsene und 21 Kinder, bzw. Jugendliche – aus Serbien, Albanien und dem Kosovo in Tabarz. Je nach Familiengröße belegen sie eine Wohnung allein oder zwei Kleinfamilien teilen sich eine Bleibe. Die Tabarzer Wohnungsgesellschaft stellte dem Arbeitskreis im Wohnblock der Asylbewerber zwei Wohnungen kostenlos zur Verfügung, in denen unter anderen eine Kleiderkammer eingerichtet wurde, die übrigens allen bedürftigen Tabarzern offensteht.

Inzwischen gehören rund 25 Tabarzer Bürgerinnen und Bürger zum Arbeitskreis – die Kirchengemeinde ist durch den Pfarrer, einen Kirchenältesten und Gemeindeglieder vertreten, die Kommune durch den Bürgermeister und eine Mitarbeiterin des Rathauses. Auch der Sozialausschuss ist involviert. Die monatlichen Treffen dienen dem Erfahrungsaustausch, der Fortbildung und der Vorbereitung von Aktivitäten. Man stimmt sich mit vergleichbaren Arbeitskreisen der benachbarten Orte Friedrichroda und Waltershausen, mit dem Ausländerbeauftragten des Freistaates Thüringen sowie dem für alle Asylfragen zuständigen Zweiten Beigeordneten des Landkreises ab.

Zusätzlich gibt es noch einen Freundeskreis, der im Bedarfsfall für Einzelaktionen ansprechbar ist. In den monatlich erscheinenden Rathausinformationen und der Informationsbroschüre der Gemeinde berichtet der Arbeitskreis regelmäßig über aktuelle Entwicklungen.

Mit Transparenz gegen Gerüchte und Vorurteile

Solche Transparenz wirkt dem Entstehen von Gerüchten entgegen und baut Vorurteile ab. Das gemeinsame Engagement zeigt Wirkung und hat ganz wesentlich zum gegenseitigen Verständnis beigetragen. »Es gibt im Ort kaum mehr laute Stimmen gegen die Asylbewerber«, konstatiert Victor.

Auch zwischen den meisten Flüchtlingsfamilien hat sich ein gutes Miteinander etabliert: Ob beim Aufräumen rings um den Wohnblock, bei der – von drei Rentnern aus Tabarz unterstützten – Anlage eines »interkulturellen Blumenbeets« oder beim Straßenfest zum Ende des Ramadan.

Dank langfristiger ehrenamtlicher Unterstützung kann regelmäßiger Deutschunterricht für die Erwachsenen angeboten werden. Leider, so bemängelt Schulleiterin Sabine Geißler, gibt es derzeit und laut zuständigem Schulamt auch auf absehbare Zeit trotz der wachsenden Anzahl von ausländischen Kindern und Jugendlichen keine DaZ- (Deutsch als Zweitsprache) Lehrkraft für ihre Schule. Die Pädagogin hat kurzerhand die Unterrichtung der ausländischen Schüler selbst übernommen: »Man muss doch etwas tun!«

Über Eduard und seiner Familie hängt das Damoklesschwert der Abschiebung. Immer nur für einen Monat wird ihr Bleiberecht verlängert. Weil Vater Muhamet (42) im Kosovokrieg für die NATO als Dolmetscher für Englisch, Spanisch und Serbisch gearbeitet hat, galt er danach in seinem Heimatland als »Verräter«, wurde seines Hauses beraubt und bekam seit 1999 keine Arbeit. Die Familie fand seither nur Unterschlupf auf Zeit bei diversen Verwandten. 2014 kamen sie nach Deutschland und haben Asylantrag gestellt. Auch wenn Muhamet bisher nur wenig Deutsch spricht, ist er aufgrund seines sozialen Engagements und seiner Englisch-, Albanisch- und Serbischkenntnisse ein ganz wichtiger Ansprechpartner für die Belange der Flüchtlinge, und – unterstützt durch seinen schon fließend Deutsch sprechenden Sohn Shemai – für den Arbeitskreis eine enorme Hilfe.

»Sichere Herkunftsländer« sind nicht für jeden sicher

Die Chance, in Deutschland bleiben zu können, ist für Flüchtlinge vom Balkan sehr gering. In der aktuellen Diskussion werden sie zumeist als Wirtschaftsflüchtlinge abgestempelt. Solche pauschalen Urteile, die – so gestehen Hanfried Victor und Sabine Geißler freimütig ein, im ein oder anderen Fall tatsächlich zutreffen mögen – laufen an der Realität vorbei. Immer gibt es das Einzelschicksal, das es zu berücksichtigen gilt. Trotzdem, darin sind sich die beiden einig, müssen die Asylanträge deutlich schneller als bisher bearbeitet und die Entscheidung dann auch konsequent umgesetzt werden. Die Ungewissheit jedenfalls sei weder für die Betroffenen selbst noch für die Gesellschaft förderlich.

Wann endgültig über den Antrag von Eduards Familie entschieden wird, ist nicht absehbar. Der Kleine jedenfalls freut sich schon auf das neue Schuljahr. Mathe und Werken mag er besonders.

Adrienne Uebbing


Die Kindernachrichtensendung »logo!« des ZDF plant für diesen Sonnabend, 29. August, um 11 Uhr einen Beitrag zur Flüchtlingsarbeit in Tabarz.