Die Welt mit Gottes Augen sehen

14. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Auf der Suche nach dem Guten – Wichtige Anhaltspunkte dazu finden sich im biblischen Schöpfungsbericht

Wie geht es dir?« Schnell kommt die Antwort: »Gut geht es mir!« Gut, dann kann es weitergehen, das Gespräch, das Leben. Gut so. Man könnte aber auch einmal das Gespräch hier anhalten und nachfragen: Was heißt das für dich, dass es dir gut geht? Was muss erfüllt sein, damit es mir gut geht? Die Antworten werden so unterschiedlich ausfallen, wie die Menschen sind. Es geht mir gut, ich habe Arbeit, mein Gehalt wurde erhöht, am Wochenende kommt mein Enkelkind.

Gesundheit steht bei den meisten Menschen an erster Stelle. Arbeit in Zeiten von Arbeitslosengeld II ist wichtig. Immer wichtiger auch die Ruhephase für die Zuvielarbeiter. Freizeit ist zu einem hohen Lebenswert geworden. Die Frage nach dem guten Leben findet sich schon in der biblischen Erzählung von der Schöpfung. Mit einfacher Sprache wird berichtet, wie Gott die Welt erschafft, wie er ­Ordnung ins Chaos bringt. Wenn Gott etwas geschaffen hat, findet sich die Formulierung:

»Und Gott sah, dass es gut war.« Diese Formulierung ändert sich nach der Erschaffung des Menschen am Ende des sechsten Tages: »Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.« Gott schafft die Welt aus dem Nichts, gibt ihr Bestand und setzt den Menschen in diesen gottgewollten Kosmos.

Mir geht es gut. – Geht es mir gut?

Mir geht es gut. – Geht es mir gut?

Darüber kann man staunen: dass es überhaupt etwas gibt und nicht Nichts. Und Gott sah – und siehe, es war sehr gut. Das ist eine entscheidende Erkenntnis: Dass Gottes Werk gelungen und die Welt gut ist, das ist der tragende Grund der Wirklichkeit, aber man sieht es der Wirklichkeit ­selber nicht an. Das Gute steckt und wirkt in der Welt, aber es braucht den Blick Gottes, um das zu erkennen. Das Gute liegt im Auge des göttlichen Betrachters.

Damit sind zwei Zugänge zum Guten in der Welt ausgeschlossen. Der eine, der besagt: Das Gute ist in der Welt selbstverständlich vorhanden; jeder Mensch ist gut, jeder Sonnenaufgang, alles Gewimmel von Fauna und Flora ist an sich gut. Die biblische, ernüchternde Erkenntnis heißt, ob die Welt an sich gut ist, das lässt sich nicht an ihr ablesen.

Auch ein anderer Zugang ist verbaut. Dass das Gute gerade nicht in der Welt ist, sondern zu ihr hinzukommt, um etwas Gutes aus ihr zu machen. Damit wird die Wirklichkeit zur ethischen Zusatzaufgabe. Du sollst etwas Gutes aus dir machen, und alles kann gut werden, wenn du dich nur richtig anstrengst. Wo aber das Gute zur Aufgabe der Selbstperfektionierung wird, ist der Mensch überfordert, und Ethik wird zur Überforderung.

Befreiend dagegen ist es, sich darauf einzulassen, dass das Gute in der Welt schon wirkt und sich im Lichte Gottes eröffnet. Unsinn, möchte man gegen diese biblisch-frommen Sichtweisen einwenden, Unsinn, denn wir sehen, wenn wir die Welt sehen, gerade nicht das sehr Gute, nicht einmal das Gute, sondern viel Übles, Böses, Leid, Schmerz und Versagen.

Und steht nicht schon im biblischen Bericht, dass Adam und Eva sich Gott widersetzt haben, deswegen sie das Paradies verlassen mussten? Die Welt ist eine andere geworden als jene, die Gott am Anfang gesehen hat. Das Böse in der Welt kommt durch den Menschen, der seine Freiheit missbraucht.

Zurück zur Schöpfungsgeschichte, eine Geschichte vom Guten gegen die Kraft des Versagens. Sie ist der Versuch, die Welt mit Gottes Augen zu ­sehen: »Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.« Was Gott genau gesehen hat, weiß niemand.

Herausfinden lässt sich das Gute, das Gott sieht, nur, wenn der Mensch sich auf diese Blickrichtung einlässt, sich einlässt auf eine Welt, wie sie ist, und darin Gott am Werke sehen lernt.

Ethik beginnt nicht mit dem Tun des Guten. Ethik beginnt mit dem Sehen des Alten im neuen Licht. Sichtbar wird nicht die gute alte Welt, sondern eine neue Welt, in der sich das höchste Gut des Lebens selber nochmals verwandelt: Aus Gut wird Güte. Ob damit die Geschichte, die eigene Lebensgeschichte, die Geschichte der Menschen unserer Tage eine bessere wird, bleibt offen. Eine Erfolgsgarantie für die Suche nach dem Guten gibt es nicht. Wer sich auf das Gute einlässt, lässt sich auf Freiheit ein und geht damit ein Risiko ein, ein Abenteuer.

Entschieden wird dies nicht in einem großen apokalyptischen Showdown à la Hollywood, wo am Ende der Gute die Bösen besiegt. Entschieden wird das Abenteuer des Guten täglich neu. »Wie geht es dir?« »Mir geht’s gut.«

Hans Jürgen Luibl

Der Autor ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Erwachsenenbildung in Bayern und Lehrbeauftragter für Philosophie/Ethik an der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg.