Behutsam bewegt sich etwas

19. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Achava-Festspiele: Im Mittelpunkt stand das Gespräch zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen

Barmherzigkeit und Nächstenliebe: das sind die Aushängeschilder von Jesus von Nazareth und der ihm nachfolgenden Christenheit. Für den Islam nehmen Außenstehende meist das Gegenteil an. Laut einer Statistik halten 57 Prozent der Deutschen den Islam für bedrohlich. Gewalt, Terroranschläge, die Einschränkung persönlicher Freiheit und Meinungsäußerung: all das wird oft mit dem Islam gleichgesetzt.

Mouhanad Khorchide zeichnet ein ganz anderes Bild des Islam. Der Professor für islamische Religionspädagogik an der westfälischen Wilhelms-Universität Münster hat in seinem Buch »Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion« seine Vision von einem Islam des 21. Jahrhunderts skizziert. Im Rahmen der Erfurter Religionsgespräche beim Achava Festival in Erfurt stellte Khorchide seine Thesen vor.

»Eine Religion, die den Anspruch hat im 21. Jahrhundert zu gelten, auch wenn sie im 7. Jahrhundert entstanden ist, muss sich erneuern«, stellte Khorchide ganz klar fest. Der Islam, so der Professor, der im Libanon geboren wurde, habe die gleichen Probleme wie andere Religionen. Oft erreiche man mit den religiösen Inhalten die Jugend kaum noch. »Es gibt viele Kultur-Muslime, die den Islam als kulturelle Identität verstehen, aber wenig bis gar nicht gläubig sind«, so Khorchide. Er sieht hier ein ganz klares Versagen der Religion, das große und bedrohliche Auswirkungen hat.

Khorchide plädierte beim Gespräch in der Erfurter Peterskirche dafür, den Koran historisch-kritisch zu untersuchen, so, wie es auch christliche und jüdische Theologen mit ihren heiligen Schriften praktizieren. Man müsse ein heiliges Buch immer auch im historischen Kontext lesen und in die neue Zeit übersetzen. Kein Jude oder Christ würde Stellen im Alten Testament, die Gewalt zum Thema hätten, unreflektiert ins Heute übertragen.

Konzert mit der israelischen Sängerin Ester Rada. Foto: Achava-Festspiele

Konzert mit der israelischen Sängerin Ester Rada. Foto: Achava-Festspiele

Den Text kritisch anschauen und mancherorts entschärfen, dieser Anspruch hat Khorchide viel Kritik und sogar Morddrohungen eingebracht. Viele werfen ihm vor, beliebig Stellen aus dem Koran zu verwenden und damit ein völlig anderes, ja weichgespültes Bild des Buches zu zeichnen. Diesem Vorwurf trat Khorchide beim Religionsgespräch entschieden entgegen. »Ich versuche vehement, Schlüssel und Kriterien zu schaffen. Ich möchte Antworten finden auf die Fragen ›Was will Gott? Warum erschafft er die Menschen?‹ Vor diesem Hintergrund muss man den Koran lesen. Das ist Exegese.«

Das Gottesbild eines ungerechten strafenden Gottes lehnt Khorchide kategorisch ab. »Glaube ist keine Überschrift«, so der Wissenschaftler und gläubige Muslim. »Glaube ist etwas, das man durch sein Handeln bezeugt.«

Doch wie zukunftsfähig ist eine Religion, die sich schwertut in ihrer Erneuerung, die mit Kritik schlecht umgehen kann und aus den verschiedensten Strömungen besteht? Der Islam könne in der Zukunft nur bestehen, wenn er sich erneuere und eine klare Trennung von Politik, Gewalt und Glaubensinhalten vollziehe, erklärte Khorchide.

Vor dem Hintergrund der Anfeindungen und Bedrohungen, denen er selbst ausgesetzt ist, und angesichts der Ereignisse in der Welt, trat die Frage auf, wie reell so eine Reform des Islam sei. Mouhanad Khorchide weiß, dass sich nur ganz langsam ein Wandel einstellen kann. Er aber spüre, dass sich behutsam etwas bewege. Die Erneuerung werde, so glaubt er, von Europa und den hier lebenden Muslimen ausgehen, die in ihrer Religionsausübung und in ihrer Meinungsfreiheit nicht eingeschränkt seien. Der Bedrohung des IS kann er nur eine positive Seite abgewinnen: Sein Terror habe dazu geführt, dass sich viele Menschen vom politischen Islam ab- und einer Reform zuwenden. Khorchide weiß, wie schwer seine Bemühungen sind, doch er steht auch an diesem Abend in der Erfurter Peterskirche unermüdlich für sie ein: für interreligiösen Dialog, Erneuerung, Freiheit und Demokratie, auch für und mit Muslimen.

Diana Steinbauer

Flagge zeigen für das Miteinander

11. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnerungsort: »Topf & Söhne« symbolisch mit ACHAVA-Fahne markiert

Menschen zusammenführen und einladen zum Lernen und zur Begegnung, das ist das Ziel von »ACHAVA«, dem jüdischen Impuls für interreligiösen Dialog. Die Festspiele für Toleranz und Dialog fanden 2015 erstmals in Thüringen statt. In diesem Jahr hat das Festival zwei neue Veranstaltungsorte und -partner gefunden: den Thüringer Landtag und den Erinnerungsort »Topf & Söhne«.

Hissen der Flagge:  Vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma »Topf & Söhne« wurde ein acht Meter großes Banner mit dem Logo von ACHAVA aufgehängt. (v. li.): Martin Kranz, Intendant der ACHAVA Festspiele, Christian Carius, Thüringer Landtagspräsident, Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes »Topf & Söhne«, der Kulturdirektor der Landeshauptstadt Erfurt, Tobias J. Knoblich, Sophie Eckenstaler, Kuratorin der Ausstellung »Un-er-setz-bar« vom Erinnerungsort  Topf & Söhne. Foto: Diana Steinbauer

Hissen der Flagge: Vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma »Topf & Söhne« wurde ein acht Meter großes Banner mit dem Logo von ACHAVA aufgehängt. (v. li.): Martin Kranz, Intendant der ACHAVA Festspiele, Christian Carius, Thüringer Landtagspräsident, Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes »Topf & Söhne«, der Kulturdirektor der Landeshauptstadt Erfurt, Tobias J. Knoblich, Sophie Eckenstaler, Kuratorin der Ausstellung »Un-er-setz-bar« vom Erinnerungsort Topf & Söhne. Foto: Diana Steinbauer

Vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma »Topf und Söhne«, die Entlüftungsanlagen und gasdichte Türen für die Gaskammern zahlreicher Konzentrationslager baute, wurde deshalb am Tag vor der Eröffnung des Festivals ein acht Meter großes Banner mit dem Logo von ACHAVA gehisst.

Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes »Topf & Söhne« betonte die Bedeutung eines solchen Zeichens: »Es ist sehr wichtig, dass an einem solchen Ort wie diesem, an dem Techniker gedacht und produziert und dabei die Folgen ihres Tuns für die Menschen ignoriert haben, dass gerade hier nicht nur der Taten erinnert, sondern auch ein Zeichen für Toleranz und Verständigung gesetzt wird.«

Mit dem Banner wolle man nicht nur auf ACHAVA und die zahlreichen und vielfältigen Veranstaltungen bis zum
11. September in Erfurt aufmerksam machen. »Wir wollen auch zeigen, dass dieser Ort ein offenes Haus und nicht auf die Vergangenheit ausgerichtet ist. Hier bewegt sich etwas«, so die Kuratorin.

Der Kulturdirektor der Stadt Erfurt, Tobias Knoblich, erklärte, die Stadt wolle nicht nur Veranstaltungsort, sondern intensiver Partner des Festivals sein. Knoblich betonte die besonderen Herausforderungen, die die Globalisierung an die Gesellschaft stelle. »Es gibt viele Widerstände und Grenzen. Wir müssen uns aufmachen, Unbekanntes kennenzulernen und Differenzen akzeptieren zu können«, so Knoblich.

Martin Kranz, Intendant der ACHAVA Festspiele, freut sich über die Zusammenarbeit mit dem Landtag und dem Erinnerungsort. Er hofft, dass das Festival auch in diesem Jahr wieder viele Menschen anziehen und begeistern wird. Konzerte, Ausstellungen, Lesungen, Vorträge, Filmvorführungen, Meditation und vieles mehr wird dem Publikum in diesen Tagen in Erfurt geboten.

Kranz hofft, dass bis zu 10 000 Besucher zum Festival kommen werden. »Wir machen den Erfolg von ACHAVA jedoch nicht an einer Zahl fest«, so Kranz. »Für uns zählt die Qualität der Beiträge und jeder Einzelne, den wir erreichen.«

Diana Steinbauer

Am Ende ratlos

15. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Israel: Mancher hofft auf eine einfache Lösung für den Nahen Osten – eine Diskussion in Erfurt zeigte die Probleme

Siedler gelten als Hauptproblem im Nahostkonflikt. In Erfurt war erstmalig eine israelische Siedlerin auf einem Podium – und diskutierte mit einem Palästinenser und einem Nahostkorrespondenten.

Sie ist charmant, 24 Jahre alt, in Leningrad geboren und hat in Köln ihr Abitur abgelegt. Anschließend ging sie nach Israel, diente in der Armee und lebt jetzt in einer israelischen Siedlung südlich von Jerusalem. Bekannt wurde sie durch ihren Internet-Blog »Ich, die Siedlerin«. Für Chaya Tal ist klar, dass ganz Judäa und Samaria, die alten biblischen Gegenden, ursprüngliches jüdisches Siedlungsland sind, und deshalb auch zum Staat Israel gehören sollten. Unabhängig davon legt sie Wert auf die Feststellung, dass das Land, welches sie jetzt bebaut, rechtmäßig durch Kauf erworben wurde.

Der Journalist Ulrich Sahm, die Siedlerin Chaya Tal und der in Weimar lebende Palästinenser Ayman Qasarwa bei der Diskussion. Foto: Harald Krille

Der Journalist Ulrich Sahm, die Siedlerin Chaya Tal und der in Weimar lebende Palästinenser Ayman Qasarwa bei der Diskussion. Foto: Harald Krille

Ayman Qasarwa wurde im palästinensischen Dschenin in einer im Zuge der Staatsgründung Israels 1948 vertriebenen bzw. geflüchteten Familie geboren. Er studierte in der früheren DDR, lebt heute in Weimar und ist Vorsitzender des Ausländerbeirates der Stadt. Qasarwa macht sogleich klar, dass die angeblich Jahrtausende zurückliegende Besiedlung Palästinas durch die Juden nicht belegbar und lediglich eine Fantasievorstellung der Thora sei. Und Siedlungsland sei nicht gekauft, »nein, es ist weggenommen worden«. Für ihn sind alle Siedlungen illegal und Chaya Tal eine Frau, die durch ihre Einwanderung nach Israel »den Platz eines Palästinensers weggenommen hat, die dort schon immer leben«.

Der dritte in der Runde, die sich im Rahmen der Achava-Festspiele auf dem Podium im Barocksaal der Erfurter Staatskanzlei versammelte, war der auch den Kirchenzeitungslesern bekannte Journalist Ulrich Sahm. Seit 40 Jahren lebt er in Israel und beobachtet den Konflikt. Er beklagt vor allem den Missbrauch von Begriffen und Schlagworten in der öffentlichen Diskussion. Schon der Begriff Palästina sei fragwürdig, die Bezeichnung erst von den Römern nach der endgültigen Eroberung der Region als Name eingeführt. Und Palästinenser gibt es erst, seit das Wort 1967 in der zweiten Charta der PLO als Selbstbezeichnung eingeführt wurde. Bis dahin nannte sich die nichtjüdische Bevölkerung schlicht Araber.

Den Wunsch nach Frieden betonen beide Seiten. Aber wie kann ein friedliches Zusammenleben konkret aussehen? Die zahlreichen Zuhörer konnten manche Beobachtungen machen, die Aufschluss über die Schwierigkeiten des Nahost-Dialogs geben. Da gab es die auch von weiteren palästinensischen Gästen in der offenen Diskussion zu hörende These, dass Palästina immer schon und allein von Palästinensern besiedelt war. »Wer jüdische Geschichte in Israel nachweisen will, braucht nur einen Spaten nehmen und ein wenig zu graben«, so Chaya Tals Antwort auf diese Delegitimation Israels.

Da war kein Bekenntnis zum Existenzrecht Israels als jüdischer Staat aus palästinensischem Mund zu hören. Zwar wird als Voraussetzung der Zwei-Staaten-Lösung das Rückkehrrecht der Palästinenser auch in die israelischen Gebiete gefordert. Doch erklärte Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas erst jüngst, in einem künftigen Palästinenser-Staat sei kein Platz für Juden. Ob er sich vorstellen könne, dass in einem Staat Palästina die jüdische Siedlerin Tal mit israelischem und palästinensischem Pass leben könne, wurde Qasarwa konkret gefragt. Die Antwort: »Warum dann nicht gleich in einem gemeinsamen Staat mit gemeinsamer Regierung?« Was Sahm mit Hinweis auf die Zahlenverhältnisse als »demografischen Selbstmord« bezeichnete. Juden würden dann als Minderheit in einem arabischen Staat leben. Vor dem Hintergrund der jahrhundertelangen Erfahrung des Umgangs mit jüdischen Minderheiten in europäischen wie arabischen Staaten eine kaum erträgliche Vorstellung für Israelis.

Am Ende blieb Ratlosigkeit. Die vielleicht sogar gut ist. Denn eine Beobachtung Sahms ist es auch, dass besonders die Deutschen gern für alles eine Lösung und entsprechende Ratschläge haben. Wobei die so ersehnte »endgültige« Lösung des Nahostkonfliktes nur allzuschnell nicht nur sprachlich in die Nähe einer »Endlösung« zu geraten drohe. »Wir sagten früher immer: ›Die beste Lösung ist Gummilösung‹«, so das Fazit eines Besuchers.

Harald Krille

Fest der Religionen und Kulturen

24. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Nachgefragt: Warum braucht Thüringen noch ein weiteres Festival?


Die thüringische Landeshauptstadt Erfurt bekommt ein neues Kunst- und Kulturfest. Bei den Achava-Festspielen (Achava, hebräisch: Brüderlichkeit) stehen der interkulturelle und interreligiöse Dialog im Vordergrund.
Künstlerischer Leiter ist Jascha Nemtsov (52), Professor an der Hochschule für Musik in Weimar. Mit ihm sprach Willi Wild.

Thüringen hat bereits viele Kulturfeste im Sommer. Gerade ist in Weimar das Festival Yiddisch Summer zu Ende gegangen. Warum noch ein weiteres jüdisches Kulturfestival?
Nemtsov: Das ist natürlich eine legitime Frage. Die Achava-Festspiele sind aber kein weiteres jüdisches Kulturfestival. Das ist eine ganz neue Form. Die gibt es so weder in Thüringen noch sonst in Deutschland. Das ist ein Festival, in dessen Mittelpunkt der Dialoggedanke steht; es ist also ein interreligiöses und interkulturelles Festival. Es war den Initiatoren außerdem ein ganz wichtiges Anliegen, dass wir dieses Festival zusammen mit möglichst vielen verschiedenen Akteuren aus der kulturellen, religiösen und politischen Szene machen. Da sind die katholische und evangelische Kirche dabei, die Jüdische Landesgemeinde, der Zentralrat der Muslime in Deutschland, der Reformationsbeauftragte der Landesregierung, die Evangelische Schulstiftung, politische Stiftungen, die Gedenkstätte Buchenwald, der Thüringer Literaturrat, die Weimarer Hochschule für Musik »Franz Liszt«, die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, der Verein »West Östlicher Divan« und andere.

Einen kritischen Dialog wünscht sich der Pianist und Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov. – Foto: Rut Sigurdardóttir

Einen kritischen Dialog wünscht sich der Pianist und Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov. – Foto: Rut Sigurdardóttir

Auch muslimische Verbände beteiligen sich?
Nemtsov: Uns ist es wichtig, dass möglichst viele Konfessionen vertreten sind. Dieses Jahr sind es die beiden großen christlichen Kirchen, die Jüdische Gemeinde und der Zentralrat der Muslime. Aber wir hoffen, dass im nächsten Jahr auch andere Religionsgemeinschaften vertreten sein werden.

Was unterscheidet Achava von anderen Festivals?
Nemtsov: Es ist diese Mischung aus rein kulturellen Veranstaltungen, Konzerten mit hochkarätigen Künstlern und Veranstaltungen, in deren Mittelpunkt der Dialog steht. Die Musik ist etwas, was alle zusammenbringt. Die diskursiven Veranstaltungen sind dagegen ein Ort, wo unterschiedliche Meinungen artikuliert werden können und sollen. Es ist nicht unser Ziel, dass nach so einem Gespräch die Leute rausgehen und sagen, jetzt weiß ich, was richtig ist. Für mich persönlich ist es auf alle Fälle wichtig, die Dialogkultur und Meinungsvielfalt zu fördern.

Wie ist der Untertitel »Ein jüdischer Impuls für den interreligiösen Dialog« zu verstehen?
Nemtsov: In der Hebräischen Bibel begegnet uns die Idee der Toleranz und des Friedens. Toleranz heißt ja nicht Liebe. Der Prophet Micha meint: »Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.« Das erscheint so einfach, ist aber anscheinend nicht selbstverständlich in einer Welt, in der ständig versucht wird, einander einen Glauben, eine Meinung oder eine Lebensweise als einzig richtige aufzuzwingen.

Was sind für Sie die herausragenden Veranstaltungen bei diesen Festspielen?
Nemtsov: Das kann man so gar nicht sagen. Da sind ja etliche weltbekannte Musiker, die zu uns kommen. Beispielsweise haben wir ein Konzert am 30. August, bei dem der großartige israelische Mandolinist Avi Avital zusammen mit dem iranischen Cembalisten Mahan Esfahani musiziert. Auch eine Begegnung der besonderen Art. Sie werden zusammen klassische Werke spielen und auch Kompositionen aus ihrer Prägung und Tradition.

»Unter dem Feigenbaum«, heißt eine Reihe, bei der es auch um aktuelle Themen geht, zum Beispiel Syrien und Irak, Verfolgung, Flucht und Genozid.
Nemtsov: Wir haben bei dieser Diskussionsrunde Vertreter aus Politik und von Religionsgemeinschaften. Neben Heinz Buschkowski, dem ehemaligen Bürgermeister aus Berlin-Neukölln, sind es auch die jesidische Journalistin Düzen Tekkal und der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman A. Mazyek. Selbst die Moderatoren gehören verschiedenen Religionsgemeinschaften an: Martin Kranz ist evangelischer Christ, ich bin Jude.

Das klingt spannend, aber auch nicht ganz spannungsfrei.
Nemtsov: Auf alle Fälle. Ich glaube, wenn man Veranstaltungen organisiert, bei denen nur das gesprochen wird, was man ohnehin überall hört, hat es überhaupt keinen Sinn und Zweck. Wir wollen gerade Punkte ansprechen, die sonst ausgeklammert werden.

Mit der Evangelischen Schulstiftung in Mitteldeutschland werden zwei Veranstaltungen für Schülerinnen und Schüler angeboten.
Nemtsov: Es geht darum, dass sich die jungen Menschen ein Bild über verschiedene Religionen aus erster Hand machen können. Dass sie nicht nur in die Kirche gehen, sondern eben in die Synagoge und in eine Moschee. Und dass dort authentische Eindrücke vermittelt werden.

Mit Abraham geht es dabei auch um den Stammvater der Juden, Christen und Muslime. Das klingt nach der Botschaft: Alle monotheistischen Religionen sind eigentlich eins!
Nemtsov: Ich hoffe nicht. Man muss erklären, woher die Spannungen kommen, die es schon seit vielen Jahrhunderten gibt. Ich glaube, wir verstehen uns eher, wenn wir unsere Unterschiedlichkeit deutlich machen. Die Religionen sind wirklich sehr verschieden. Da sind ganz unterschiedliche Welten, Denkweisen und philosophische Systeme. Das soll deutlich werden, und darüber wollen wir reden.

Beim Eröffnungskonzert im Erfurter Dom sind der RIAS Kammerchor und drei der weltbesten jüdischen Kantoren zu hören.
Nemtsov: Das ist ein Programm mit Psalmvertonungen in synagogaler Musik. Die Psalmen verbinden Judentum und Christentum, weil sie in beiden Religionen einen hohen Stellenwert haben. Die Werke, die zur Eröffnung erklingen, kommen aus der jüdischen liturgischen Musik, allerdings mit teilweise deutlichen stilistischen Einflüssen der christlichen Musik.

Mit Azi Schwartz ist der bekannteste jüdische Kantor vertreten?
Nemtsov: Er kommt aus Israel und wirkt seit ein paar Jahren als Kantor der Park Avenue Synagoge in New York. Das ist die größte und wichtigste Synagoge des sogenannten konservativen Judentums.

Zu welchen Anlässen werden die Kompositionen gesungen?
Nemtsov: Zu unterschiedlichen liturgischen Anlässen. Neben den Sabbat-Psalmen gibt es auch Psalmen aus dem sogenannten Pessach-Hallel (Psalmen 113 bis 118).

Wer eine Bibel mitbringt, kann also den Inhalt nachlesen?
Nemtsov: Im Prinzip schon. Die Psalmen werden auf Hebräisch gesungen, und man kann die Texte nach der deutschen Übersetzung verfolgen.

www.achava-festspiele.de

Dieser Artikel erschien in Glaube+Heimat Nr. 34