Frei werden für Gott und den Nächsten
27. März 2010 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Glaube und Alltag
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Über die Bedeutung und die Gefahren des Fastens
In den vergangenen Jahrzehnten ist das Fasten im Rahmen der evangelischen Spiritualität wiederentdeckt worden. Die Überernährung entwickelte sich in den Industriegesellschaften seit den 1960er Jahren mehr und mehr zu einem Problem. Diät- und Fastenkuren boten sich als Ausweg an. Dazu kam, dass trotz fortschreitender Entkirchlichung die Sehnsucht nach geistiger – »spiritueller« – Heilung zunahm. Die traditionelle Schulmedizin befriedigte viele Zeitgenossen nicht mehr. So war der Boden bereitet für das Fasten als ganzheitliche Übung, die eine gesundheitliche, eine spirituelle und eine sozial-politische Dimension umfasst. Tatsächlich gibt es Fasten nur im Dreierpack! Es ist hier nicht der Ort, um die positiven Auswirkungen des Fastens auf den menschlichen Organismus zu entfalten, die weit über das Moment der Entschlackung hinausgehen. Auch der sozial-politische Aspekt des Fastens soll nur kurz bedacht werden: Schon das Alte Testament warnt davor, das Fasten losgelöst vom Dienst am Nächsten zu betrachten (Jesaja 58,1-12).
Jesus verschärft diese Kritik am Fasten als selbstzentrierte religiöse Übung noch (Matthäus 6,16-18). Zum Fasten gehört vielmehr untrennbar die Ausrichtung auf den Nächsten. Von daher besitzt das Fasten, als politisches Mittel gebraucht, durchaus eine biblische Begründung. Allerdings verkommt es zum Druckmittel in der tagespolitischen Auseinandersetzung, wenn seine spirituelle Dimension ausgeblendet wird.
Biblische Aussagen weisen darauf hin, dass das Fasten die Ernsthaftigkeit des Gebets unterstützt und damit seine Wirksamkeit erhöht (Ester 4,16f.; Markus 9,29). Es fördert die Sensibilität für Gottes Wort und seinen Willen (5. Mose 9,9; Daniel 10,1ff.; Matthäus 4,1-17). Daneben beeinflusst es die Selbstsicht des Fastenden. Beim Fasten legt der Mensch Ersatzbefriedigungen aus der Hand, die ihn betäuben und blind machen gegenüber sich selbst. Dadurch lernt er, sich so zu sehen, wie er wirklich ist, und braucht nicht länger vor sich selbst davonzulaufen. Indem der Fastende seine Wünsche und Begierden aus der Hand gibt, macht er deutlich, dass letztlich allein Gott selbst seinen Hunger und seine Sehnsucht nach Leben zu stillen vermag. Im Fasten gewinnt der Mensch Raum für Neues. Er wird frei zur Buße, für Umdenken und Umkehr als Grundakte des Evangeliums.
In den vergangenen Jahren ist eine Reihe von Formen des spirituellen Fastens erprobt worden. Die traditionelle 40-tätige Fastenzeit vor Ostern hat im evangelischen Raum durch die Aktion »7 Wochen Ohne« neue Bedeutung gewonnen. Während dieser Zeit kann auf die unterschiedlichsten Gewohnheiten verzichtet werden: auf Alkohol, Fernsehen, Süßigkeiten, Fleischgenuss. Daneben bietet sich die Karwoche für den Verzicht auf Nahrungsaufnahme zur Vorbereitung auf die Osterzeit an. Auch Formen gemeinsamen Fastens von Kirchenvorständen sind möglich, z. B. wenn schwerwiegende Probleme in der Gemeinde auftreten.
Allerdings sollte nicht verschwiegen werden, dass dem Fasten eine Reihe von Gefahren drohen. Bisweilen lässt sich eine neue Gesetzlichkeit beobachten. Anstatt die Freiheit zu fördern, führt das Fasten zur Unfreiheit: Wer bei der Aktion »7 Wochen Ohne« nicht mitmacht, muss sich inzwischen fast dafür entschuldigen. Wer in der Fastenzeit mit Freunden ein Glas Wein trinkt, muss permanent neue Ausreden ersinnen. Eine weitere Gefahr des Fastens liegt darin, dass die Angst, etwas Gesundheitsschädliches zu essen, zum beherrschenden Motiv wird. Das ist angesichts permanenter Lebensmittelskandale zwar verständlich; dennoch darf dieses Motiv für ein spirituell verstandenes Fasten nicht ausschlaggebend sein. Problematisch ist das Fasten auch dort, wo mit ihm eine Verneinung des Leibes verbunden ist. Hier wird leicht die Grenze zur Bulimie überschritten.
Schließlich kann das Fasten durch Lebensverneinung motiviert sein. Weil so viele Menschen hungern müssen, gönnt man sich selbst nichts mehr. Auf diese Weise zerstört das Fasten die Dankbarkeit gegenüber Gott für die schönen Lebensmittel, die er uns täglich schenkt. Gegenüber all diesen Motiven darf beim spirituell verstandenen Fasten nicht vergessen werden, dass das Neue Testament im Gegensatz zur Abwertung des Körpers in der griechischen Philosophie eine bemerkenswerte Aufwertung des Leibes erkennen lässt (1. Korinther 6,12-20). Das spirituell verstandene Fasten sollte aus einer positiven Grundmotivation gespeist sein: wieder freier zu werden für Gott und den Nächsten.
Peter Zimmerling
Der Autor ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig.
