Die Bombardierung Dresdens – Tragödie und Rettung
18. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Holocaustgedenken: Ein neues Projekt ermöglicht Gespräche zwischen Zeitzeugen und Jugendlichen

Michal Salomonovic im Bethaus der Jüdischen Gemeinde Ostrava (Ostrau). In dem Buch auf der rechten Seite, links unten, ein Bild seines Vaters, der von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager Stutthof ermordet wurde. Foto: Steffen Neumann
Der tschechische Jude Michal Salomonovic überlebte vier Konzentrationslager und die Zerstörung Dresdens. Am 13. Februar war er wieder in der Stadt.
Michal Salomonovic hat begonnen, zu erzählen, als es immer weniger wurden, die das erlebt hatten. Er spricht vor tschechischen Schülern, und auch vor deutschen Jugendlichen aus Dresden. Möglich ist das durch ein neues deutsch-tschechisches Projekt der Dresdner Brücke/Most-Stiftung mit dem Collegium Bohemicum aus Usti nad Labem, das Gespräche zwischen Zeitzeugen und Jugendlichen vermittelt. Salomonovic kommt aber nicht nur deswegen nach Dresden. Mit der Stadt und ihrer Zerstörung verbin-
det ihn seine ganz persönliche Geschichte.
Es ist die Kindheit als jüdischer Häftling der Nationalsozialisten. Bereits im Oktober 1939, kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, wird sein Vater mit einem der ersten organisierten Transporte von Juden überhaupt aus dem heimatlichen Ostrava ins polnische Nisko geschafft. Der Versuch, hier ein jüdisches Lager aufzubauen, misslingt. Der Vater darf zurückkehren und die Familie übersiedelt nach Prag. Doch dieser Schritt bringt ihnen kein Glück. Als dann mit der Konzentration der Juden an einzelnen Orten begonnen wird, sind sie wieder die ersten. Am 3. November 1941 bringt sie ein Transport ins Ghetto nach Litzmannstadt (Lodz). »Wir waren 1000 Menschen, ganze Familien, nur 46 haben den Krieg überlebt«, sagt Salomonovic leise, freundlich und bestimmt.
Die Freundlichkeit in Salomonovics Stimme irritiert. Als ob er seine Zuhörer vor der Grausamkeit, die er erlebt hat, in Schutz nehmen möchte. Und doch sagt er es bestimmt. In Litzmannstadt entschied sich sein Schicksal. Als sie im Ghetto ankamen, war er acht Jahre alt, die Grundschule musste er nach einem Jahr abbrechen. Während sein Vater ihm einen Platz in der Metallfabrik besorgen konnte, musste sich sein dreijähriger Bruder Josef verstecken. »Kinder und Alte wurden zuerst aussortiert und in den Tod geschickt«, begründet Salomonovic die Vorsicht.
Die Arbeit in der Fabrik brachte ihm jeden Tag eine Suppe zusätzlich. »Der Hunger war allgegenwärtig, wir lebten immer bis zum nächsten Bissen.« Für die Suppe musste der Junge zwölf Stunden an sieben Tagen der Woche arbeiten. In der ganzen Zeit ging ein Transport nach dem anderen Richtung Auschwitz ab. Die Arbeiter im Werk wurden verschont, bis das Ghetto im August 1944 aufgelöst und die restlichen Insassen ebenfalls nach Auschwitz deportiert wurden.
Nach etwa einer Woche Aufenthalt im Todeslager geschah das Wunder, die Gruppe brach samt mobiler Munitionsfabrik wieder auf. Neues Ziel war das Konzentrationslager Stutthof. Das Wunder hatte eine einfache Erklärung. Die Führung solcher Werke lag in den Händen von hochrangigen Nationalsozialisten, die dafür Sorge trugen, dass sie über genügend »arbeitsfähiges« Personal verfügten. Dass diese Sorge zynischer Eigennutz war und keine Lebensgarantie bedeutete, musste Salomonovic kurz darauf schmerzlich feststellen. In Stutthof fragten die SS-Aufseher, wer Vitamine braucht. Wer krank war, wurde gnadenlos umgebracht. Sein Vater sagte ihm: »Ich melde mich und gebe sie dann dir.« Michal sah den Vater zum letzten Mal. »Er hatte den Deutschen immer geglaubt«, beschreibt Salomonovic heute das Verhängnis seines Vaters.
Die Front rückte näher und bestimmte erneut den weiteren Weg. So landeten sie in Dresden, einer der wenigen deutschen Großstädte, die bis dahin vom Krieg verschont wurden. Hier befand sich ein wichtiges Eisenbahnkreuz, und konnte die Kriegswirtschaft ungestört auf Hochtouren produzieren. Die Arbeitskraft dafür stellten Zwangsarbeiter und jüdische Häftlinge wie Salomonovic, weshalb das Konzentrationslager Flossenbürg immer mehr Außenstellen in und um Dresden ansiedelte. »Wir wurden von Stutthof nach Dresden in offenen Waggons transportiert. Es war Winter, ungefähr so kalt wie jetzt«, fährt Salomonovic fort. Vom Bahnhof ging es zu Fuß in die Schandauer Straße. Eine Tabakfabrik wurde zum Munitionsbetrieb umfunktioniert.
Hier in den weitläufigen Kellergewölben überlebten sie den Bombenangriff im Februar 1945, der für die Familie Tragödie und Rettung zugleich war. Denn die herannahenden Flieger verhinderten, dass die SS Salomonovics Bruder Josef, den sie am Tag zuvor bei einer Kontrolle entdeckt hatten, umbrachte. »Dieser Angriff war schrecklich. Jedes Mal, wenn ich ein Flugzeug hörte, bekam ich vor Angst Durchfall«, erinnert sich Michal Salomonovic. Sie hatten Glück, in Dresden-Striesen fielen nur Brandbomben, die den Keller nicht erreichten.
Nachdem sie noch wochenlang zu Aufräumarbeiten eingesetzt wurden, gelang ihnen auf dem nachfolgenden Todesmarsch nach Bayern in Böhmen die Flucht. Nach dem Krieg kam Salomonovic immer wieder nach Dresden, das zu seiner Heimatstadt Ostrava eine Partnerschaft pflegt. Das Erinnern und Gedenken an Holocaust und Krieg ist ihm ein besonderes Anliegen. Deshalb kam er gerade zum Jahrestag des Luftangriffs, den Rechtsextreme seit Jahren zur Verharmlosung der Geschichte missbrauchen.
Steffen Neumann
Kampf um Straßen und Köpfe
21. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Seit Jahren mehren sich rechtsextreme Aufmärsche. Eine Tagung beschäftigte sich mit Gegenstrategien. Und in Dresden kommt es demnächst wieder zur Nagelprobe.

Seit 1999 nutzen Rechtsradikale das Gedenken an die Bombardierung Dresdens in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 zum Aufmarsch – ein Foto vom vergangenen Jahr. (Foto: ullstein bild/Karwasz)
Eine bessere Vernetzung der Versammlungsbehörden angesichts häufiger rechtsextremer Aufmärsche fordert Professor Uwe Berlit, Richter am Bundesverwaltungsgericht Leipzig. Auf einer Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen zum Thema »Rechtsextreme Demonstrationspolitik und Versammlungsrecht« in Weimar sagte er kürzlich: »Ein Know-how-Transfer wäre dringend nötig. Die Neonazis haben diesen Austausch bereits.«
Zugleich warnte er vor der Illusion, mit juristischen Mitteln dem Problem des Rechtsextremismus beizukommen: »Auch ›Rechte‹ haben Rechte. Was wollen wir noch alles verbieten?« Fünf bis acht Prozent der Bevölkerung seien rechtsextrem eingestellt, entsprechende Demonstrationen deshalb Normalität. »Das kann man bestenfalls begrenzt rechtlich regulieren«, stellte Berlit klar und betonte, der Rechtsextremismus sei weder ein Rand- noch ein ostdeutsches Phänomen. Zudem: »Eine notwendige Politik kann nicht durch rechtliche Verbote ersetzt werden«.
Außerdem machte er ein Dilemma deutlich: »Die Polizei, egal wie sie darüber denkt, ist verpflichtet, die Durchführung genehmigter Demonstrationen Rechtsextremer zu gewährleisten.« Sie dürfe allerdings zum Beispiel die Einhaltung erteilter Auflagen penibel kontrollieren. Ein Verbot derartiger Aufmärsche habe nur dann juristische Aussicht auf Erfolg, wenn die Versammlungsbehörde eine Gefahrenprognose abgebe, die mit konkreten Tatsachen belegt sei.
Dr. Fabian Virchow von der Uni Köln machte bei der gleichen Veranstaltung deutlich, dass sich die Zahl der Neonazi-Aufmärsche im Vergleich zu den 1980er Jahren verfünffacht habe und heute bei durchschnittlich 100 pro Jahr angekommen sei. Das liege auch mit an der gestiegenen Rechtssicherheit: »Angemeldete Demonstrationen finden zu 90 Prozent auch statt.« Die seien zudem inzwischen meist eingebunden in lokale Kampagnen und zumindest bei der NPD auch Teil einer langfristigen Strategie: »Die handeln nach dem Motto von SA und NSDAP: ›Macht auf der Straße bedeutet Macht im Staate‹.«
Dabei wolle man nach Ansicht Virchows nicht nur Präsenz zeigen, Grenzen überschreiten und Gegner einschüchtern, sondern auch in die rechtsextreme Szene hinein wirken: »Diese Aufmärsche eignen sich ideal, um Netzwerke aufzubauen, noch unsichere rechtsorientierte Jugendliche fester einzubinden sowie Disziplin und ›soldatische Haltung‹ zu schulen.« Demoralisieren ließe sich die rechtsextreme Szene nach Beobachtungen Virchows nur dann, wenn mehrere Aufmärsche in Folge im Desaster enden würden – sei es durch Verbot, polizeiliches Einschreiten oder durch Gegendemonstrationen.
Dass dieses Demoralisieren bisher nur in Einzelfällen glückt, zeigt das Beispiel Dresden: Hier organisiert der Landesverband der »Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland« seit 1999 jedes Jahr mit Unterstützung der NPD einen »Trauermarsch« anlässlich der Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg, die sich in diesem Jahr zum 65. Mal jährt. Der Marsch ist inzwischen das zentrale Ereignis der rechtsextremen Szene und zieht Neonazis aus ganz Europa an; 2009 waren es ca. 7000 Personen. Für dieses Jahr rechnet der sächsische Verfassungsschutz erneut mit mehreren Tausend, teils gewaltbereiten Rechtsextremisten, zumal der 13. Februar auf ein Wochenende fällt.
Doch nachdem sich in den vergangenen Jahren die Gegendemonstranten in ihrem ganzem Spektrum vom linken Antifa-Aktivisten bis zum konservativen CDU-Mitglied in der Öffentlichkeit als heillos zerstritten zeigten und auch Stadtverwaltung und Polizei teils ungeschickt agierten, scheint es dieses Jahr so, als ob man endlich zueinander finden könnte: Unter dem Slogan »Erinnern und Handeln. Für mein Dresden« rufen alle demokratischen Parteien, die Kirchen, die Jüdische Gemeinde und zahlreiche weitere Institutionen aus Wirtschaft und Gesellschaft zu einer Menschenkette auf, die die Dresdner Innenstadt »symbolisch wie einen Wall vor dem Eindringen Rechtsextremer schützen« soll.
Der »Aufruf zum Friedensgebet in Sicht- und Hörweite des Neonaziaufmarsches« trägt die Unterschrift von Sachsens evangelischen Landesbischof Jochen Bohl wie seines katholischen Amtskollegen Joachim Reinelt vom Bistum Dresden-Meißen, sowie des Landesrabbiners Salomon Almekias-Siegl. Am Vorabend des 13. Februar findet darüber hinaus in Dresden die Gründungsveranstaltung der »Bundesarbeitsgemeinschaft Kirchen für Demokratie – gegen Rechtsextremismus« statt.
Rainer Borsdorf
