Bizarr und verstörend

5. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Religiöse Themen motivieren zeitgenössische Künstler zu einer Neuinterpretation.
 
Blick in die Ausstellung »What Happened to God?«. (Foto: Maik Schuck)

Blick in die Ausstellung »What Happened to God?«. (Foto: Maik Schuck)

Dass unsere Welt auf vielfältige Weise von religiösen Symbolen, Vorstellungen und Ideen über Gott und das Göttliche beeinflusst ist, diesem Phänomen versucht die Ausstellung in der Weimarer ACC-Galerie ­unter dem Titel »What Happened to God?« nachzuspüren.

Wer sich dem Thema Religion ­nähern will und vielleicht Antworten auf die Frage nach Gott sucht, schaut hier allerdings auch in dunkle Abgründe. Auffällig ist, dass viele der an der Schau beteiligten zeitgenössischen Künstler Religion mit Gewalt, Exzessen und Blutvergießen verbinden.

In dem Video »Angels of Revenge« kommen dem Betrachter durch einen dunklen, schmalen Gang Teilnehmer eines Kostümwettbewerbs entgegen. Als Zombies, Monster und Werwölfe verkleidet sprechen sie grausame Flüche und Beschimpfungen aus, drohen Gewalt an. Die Idee des Künstlers Christian Jankowski: In einer Horrormesse sollten sich die Beteiligten ihrer Aggressionen auf erdachte oder tatsächliche üble Feinde entledigen.

Die Ausstellung strotzt von abstoßenden Szenen. Blutbesudelte, die den Vergleich mit Schlächtern nahelegen. Auch das zentrale Ereignis im Christentum, die Kreuzigung Jesu, deuten Künstler als ein Geschehen wie im Blutrausch. Zu sehen sind drastische Bilder von Orgien und Prozessionen.

Die Präsentation erkundet auf der einen Seite die dunkle Welt der gewalttätigen norwegischen Black-Metal-Szene. Black Metal ist eine Subkultur des Metal. Diese Musikrichtung entstand in den 1980er Jahren in Norwegen und Schweden und breitete sich dann in Europa aus. Der ameri­kanische Dokumentarfotograf Peter Beste porträtierte die Protagonisten dieser extremistischen Bewegung, ein düsterer Mix von Heavy-Metal-Musik, Horror, Satanismus, heidnischem Glauben, nordischer Mythologie und adoleszenter Lebensangst.

Was ist mit Gott passiert? Wo ist er angesichts von Fanatismus und Terror, Gewalt und Krieg? Die bizarren und verstörenden Bilder scheinen verzweifelt nach einer Antwort auf diese Fragen zu suchen. Andere Arbeiten spüren dem Faszinierenden in der ­Religion nach.

»Was veranlasst zeitgenössische Künstler, in ihren Werken religiöse Motive aufzunehmen?« Mit dieser Frage beschäftigt sich ein 60-minütiger Dokumentarfilm »Amen! Die Kunst und ihr Heimweh nach Gott«. Die Filmemacherin Julia Benkert, Jahrgang 1970, zeigt darin verschiedene religiöse Gegenstände, die zeitgenössische Künstler zu einer Neuinterpretation anregten: die Dornenkrone, das Kreuz, ein Weihrauchpendel. Eine mehr als zwei Meter hohe Installation von Radiorecordern in einer Kirche simuliert die Posaunen von Jericho, deren Schall die Stadtmauer nach dem alttestamentlichen Bericht in Josua 6, einfallen ließ.

Das österreichische Künstlerpaar Helmut und Johanna Kandl –, beide wurden katholisch erzogen, haben sich aber vom kirchlichen Leben ­entfernt –, beschäftigt sich mit Wallfahrten. Fotos und Videos entstanden bei ihren Besuchen in verschiedenen Wallfahrtsorten.

Diese und weitere Objekte können als Beispiele für das Positive von Religion und Glauben angesehen werden. Im Übrigen vermittelt die Schau einen eher düsteren Einblick und sie wirkt teilweise diffus und konzeptionslos. Den Besucher, der sich dem Phänomen Religion nähern will und auf Antworten hofft, lässt sie allzu oft ratlos.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung »What Happened to God?« in der ACC-Galerie Weimar, Burgplatz 1 und 2 ist bis 28. August, montags bis sonntags von 12 bis 18 Uhr, freitags und sonnabends von 12 bis 20 Uhr zu sehen.

Vom 17. September bis 24. Oktober wird sie in Halle 14, Zentrum für zeitgenös­sische Kunst in der Leipziger Baumwollspinnerei, Spinnereistr. 7, dienstags bis sonnabends von 11 bis 18 Uhr gezeigt.

Hauen, stechen, schießen – kämpfen unter Gottes Wort?

31. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Auf dem Trabharnisch des Herzogs August von Sachsen von 1547 ist ein kniender Ritter vor dem Kruzifix zu sehen. (Foto: ddp images/dapd/Norbert Millauer)

Auf dem Trabharnisch des Herzogs August von Sachsen von 1547 ist ein kniender Ritter vor dem Kruzifix zu sehen. (Foto: ddp images/dapd/Norbert Millauer)

Ausstellung im Dresdner Residenzschloss thematisiert das Verhältnis von Macht und Religion.

Ein bedeutendes Jubiläum wirft seine Schatten voraus. Im Jahre 2017 wird das 500-jährige Reformationsjubiläum begangen. Bereits 2008 wurde in Wittenberg die »Lutherdekade« eröffnet, u. a. mit der Absicht, die folgenden zehn Jahre zu ­nutzen, auch mittels der Kunst auf dieses Ereignis von Weltbedeutung hinzuweisen.

Im Dresdner Residenzschloss ist noch bis 15. August eine Ausstellung zu sehen, deren Exponate auch auf ungewöhnliche Weise die Zeit der Reformation und ihre Ereignisse auf sehr spezielle Art lebendig werden lässt. Den Staatlichen Kunstsammlungen, aus deren Beständen sich die Schau zusammensetzt, sei damit »ein kleines Kabinettstück gelungen«, so Kulturstaatsminister Bernd Neumann in seinem Grußwort des aufschlussreichen, ansehenswerten Kataloges.

In zwei Räumen gibt es insgesamt 30 Exponate zu sehen, worunter allerdings 19 Mal Waffen zu bestaunen sind. Es sind prunkvolle Stücke, Rapiere, Dolche, Schwerter und Pistolen, dazu zweimal ein schlachterprobter Harnisch.

Bei den Hieb-, Stich- und Schusswaffen lohnt es genauer hinzusehen. Einmal wegen der kunstvollen Ausführungen, wie z. B. dem Prunkdolch Johann Friedrich I., des Großmütigen, Kurfürst von Sachsen, aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Man ist geneigt das Ebenmaß der Waffe zu bewundern und staunt nicht schlecht, dass sie Abbilder des Besitzers und seiner Ehefrau zieren, dazu auf dem Mundblech der Scheide eine biblische Szene, Abigail und David.

Eine wahre »Bilderbibel« mit insgesamt 23 Darstellungen aus der Heiligen Schrift ziert Rapier und Dolch des Kurfürsten August von Sachsen. Auch auf seinen Pistolen können wir Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament bestaunen.

Auf einem Harnisch kniet ein Ritter unterm Kreuz, und das Kurschwert des Herzogs ­Moritz von Sachsen ziert nicht nur ein Silberkreuz, auch eine Inschrift, die Jesus zitiert, der im 26. Kapitel des Matthäusevangeliums vor dem Gebrauch des Schwertes warnt und dem Kämpfer den Tod durch eine solche Waffe ankündigt.

Zu sehen ist in der Ausstellung auch Martin Luthers »Hauswehr«, eine Blankwaffe, die er zum Zwecke der Selbstverteidigung und zum Schutz seines Hausfriedens hätte nutzen wollen.

Nicht dass diese gut aufgestellte und höchst informativ gestaltete Schau allein Waffen zeigt, da sind wunderbare andere Exponate zu sehen, etwa ein Trinkgefäß als Pelikan, einem Tier, das in der ikonografischen Tradition zum Christussymbol wurde, die reich verzierte Prachtmitra des Erzbischofs von Brandenburg oder golddurchwirkt gestrickte rote Pontifikalhandschuhe.

Es geht aber, so der Titel und die Unterzeile der Ausstellung, um die Verbindung von Macht und Glauben, um das Verhältnis von Macht und Religion: »Erhalt uns, Herr, pei deinem Wort – Glaubensbekenntnisse auf kurfürstlichen Prunkwaffen und Kunstgegenständen der Reformationszeit.«

Beschriftungen und vor allem der Katalog verhelfen zu historischen Einordnungen, klären auf über zeitbedingte Ansichten und daraus zu erklärendes Zusammenwirken von Religion und Politik.

Die Bekenntnisse auf den Waffen, darauf weist der sächsische Landesbischof Jochen Bohl hin, dokumen­tieren den inneren Standpunkt ihrer Träger in einer Zeit, als Religion alles andere als Privatsache war. Er schlägt mit seinen Gedanken eine Brücke in die Gegenwart, fordert das öffentliche Bekenntnis, das aber anders als in den Auseinandersetzungen der Reformationszeit nichts mit Gewalt zu tun habe.

Die Brisanz aber bleibt bestehen, die Frage nach dem Verhältnis des Gebotes vom grundsätzlichen ­Tötungsverbot und der Idee vom »rechtmäßigen« Krieg provoziert umstrittene Antworten. Vom Evangelium her, so der Bischof, gehe es darum, rechtmäßigen und gerechten Frieden anzustreben.

Historische Exponate schärfen den Blick auf gegenwärtige Zusammenhänge.

Boris Michael Gruhl

Die Ausstellung im Dresdner Residenzschloss ist noch bis zum 15. August täglich, außer dienstags, von 10 bis 18 Uhr, ­geöffnet.

Heimkehr einer Sammlung

26. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Projektleiterin: Sabine Maier, Professor für Konservierung und Restaurierung an der Fachhochschule Erfurt, zu Besuch in der Abteilung für Kopie in der Muchina-Akademie St. Petersburg.  Foto: privat

Die Projektleiterin: Sabine Maier, Professor für Konservierung und Restaurierung an der Fachhochschule Erfurt, zu Besuch in der Abteilung für Kopie in der Muchina-Akademie St. Petersburg. Foto: privat


Im Landgut Holzdorf sollen Meisterkopien impressionistischer Bilder gezeigt werden.

Dass sich die Wege von Kultur und Diakonie streifen können, zeigt ein außergewöhnliches Projekt, das im Landgut Holzdorf (bei Weimar) vorgestellt wurde. Es sieht vor, 20 impressionistische Gemälde aus der Sammlung des Unternehmers Otto Krebs (1873–1941) zu kopieren, die als sogenannte »Beutekunst« in der Eremitage in St. Petersburg gezeigt wird.

Der Mannheimer Fabrikant, der das stattliche Anwesen südlich von Weimar 1917 erworben hatte, liebte die Impressionisten. Seit Anfang der 20er Jahre erwarb er mit großem ­Sachverstand einen Bestand an 98 Gemälden und 19 Skulpturen, der als umfangreichste deutsche Impressionistensammlung gilt. Ihr Gesamtwert wird auf 800 Millionen Euro geschätzt! Zu ihnen gehören unter anderem »Das Weiße Haus bei Nacht« von Vincent van Gogh, »Mädchen mit Hut« von Pierre-Auguste Renoir oder »Zwei Schwestern« von Paul Gauguin.

Die Bilder hingen – in wechselnder Konstellation – nicht nur in den Gesellschaftsräumen der Sommerresidenz, sondern ebenso in den Privaträumen und Gästezimmern des oberen Stockwerks. Nach der Machtergreifung der Nazis und der 1938 gezeigten Ausstellung mit »Entarteter Kunst« bewahrte Otto Krebs die kostbaren Bilder im Tresor auf, wo sie auch nach seinem Tod verblieben.

Die Wände der Repräsentationsräume zierten seither belgische Gobelins und goldverzierte Ledertapeten. Die Sammlung überstand den Zweiten Weltkrieg unversehrt, wurde jedoch nach dem Sieg der Alliierten 1947 von den sowjetischen Besatzungstruppen nach Leningrad abtransportiert. Danach verging ein halbes Jahrhundert, bis sie in der Ausstellung »Verschollene Meisterwerke deutscher Privatsammlungen« wieder in der Eremitage auftauchte.

Als die Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein die Trägerschaft des Landgutes im Jahr 2000 antrat, ging sie neben ihrer Kernaufgabe gegenüber der Stadt Weimar auch die Verpflichtung ein, die kunsthistorische Bedeutung des Ortes lebendig zu halten. Daraus entwickelte sich die Idee, die herausragende Qualität der Gemäldesammlung Otto Krebs wieder erlebbar zu machen. Um dies zu ermöglichen, kam es zu der Idee, im Rahmen eines Studienprojektes Meisterkopien ausgewählter Exponate anzufertigen und im Landgut Holzdorf auszustellen.

Sabine Maier, Professorin für Konservierung und Restaurierung an der Fachhochschule Erfurt, betreut das ehrgeizige Vorhaben gemeinsam mit Professorin Tatjana Potzelujewa von der Muchina-Akademie in St. Petersburg.
Während im russischen Restauratorenstudium das Fach Kopie einen hohen praktischen Stellenwert einnehme, gehe es in Erfurt vor allem um die Ergründung maltechnischer Besonderheiten der Impressionisten, erläuterte Sabine Maier in Holzdorf die jeweiligen Arbeitsschwerpunkte. Dabei sei noch nicht klar, welche Untersuchungstechniken in St. Petersburg eingesetzt werden dürften, da das Thema »Beutekunst« auf beiden Seiten sehr viel Sensibilität erfordere.

Neben der wissenschaftlichen Dokumentation sollen noch in diesem Jahr die ersten Kopien entstehen. Die Gesamtkosten betragen 50000 Euro, wovon die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen sowie die Sparkasse Mittelthüringen und die Kreissparkasse Saale-Orla vier Fünftel finanzieren. Nach ihrer Fertigstellung sollen die Gemälde 2012 an ihrem ursprünglichen Standort ausgestellt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Dabei verfolgen die Verantwortlichen die Aufgabe, so Professorin Maier, die »Geschichte dieser Notlösung« darzustellen. »Unser Ziel ist ein Bild«, sagte augenzwinkernd Aufsichtsratsmitglied Heinz-Günter Maaßen von der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein. Auch wenn Boris Jelzin die Rückgabe der Sammlung per Gesetz ausgeschlossen habe, solle man die Hoffnung nicht aufgeben, dass vielleicht beim nächsten Besuch eines russischen Staatspräsidenten wieder eines der Bilder nach Holzdorf heimkehre.

Michael von Hintzenstern

Turbulent, burlesk, heiter

19. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Sommertheater erinnert an zwei Ereignisse in der Geschichte des Protestantismus.

Tina Rottensteiner und Frank Roder als Katharina von Bora und Martin Luther. Foto: David Ortmann

Tina Rottensteiner und Frank Roder als Katharina von Bora und Martin Luther. Foto: David Ortmann

Sommertheater soll leicht sein, aber nicht flach. Denn der Mensch will sich vergnügen und nicht unbedingt Probleme wälzen, zumal sich von der Zuschauerbank der Weltfrieden ohnehin nicht retten lässt. Dass es aber geht, Tiefgang, Ernst und Heiterkeit vereinbar sind, zeigt die ­aktuelle Sommertheater-Produktion des Vereins »WittenbergKultur«. Unter dem Titel »Gottes Narr und Teufels Weib. Ein bitter-süßer Schwanengesang« erinnert sie an zwei Ereignisse in der Geschichte des Protestantismus: Martin Luthers Eheschließung und die Bauernaufstände.

Am 10. Mai 1525 hatte Luther die Schrift »Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern« veröffentlicht, fünf Tage später kam es zur Schlacht bei Frankenhausen, am 27. Mai wurde ­deren Anführer Thomas Müntzer enthauptet. Acht Tage nach dem Tod von Kurfürst Friedrich dem Weisen, der am 5. Juni starb, heiratete Luther in Wittenberg die aus dem Kloster Nimbschen entflohene Nonne Katharina von Bora. Luther, so heißt es in der Beschreibung des Stücks, schloss seine Ehe im Schatten des Bauernkriegs.

Zu erleben ist »Gottes Narr und Teufels Weib« (Buch Frank Wallis) im Hof des Lutherhauses Wittenberg. Wie schon beim letzten Sommertheater »Jagd auf Junker Jörg« 2010 führt David Ortmann Regie, hat Suse Tobisch eine zauberhafte Kulisse geschaffen – die schlichte Bretterkonstruktion auf der Bühne steckt voller Geheimnisse. Gespielt wird auch mit Symbolen, etwa einem Schwan oder dem Engel der Geschichte, deren Bedeutung in einem Glossar nachgelesen werden kann. Mitgenommen wird man in die Küche des ehemaligen Schwarzen Klosters, wo Katharina (Tina Rottensteiner) mit den Vorbereitungen des Hochzeitsmahls beschäftigt ist. Im Verlauf kommt es dort zu Begegnungen mit Müntzers schwangerer Witwe Ottilie von Gersen (Silke Wallstein), ihrem Begleiter Hans Hut (Dirk Böhme), natürlich mit Luther (Frank Roder, der auch Lucas Cranach spielt) und mit dem Mönch Hieronymus (Haye Graf). Wechselseitig berichten sich diese Akteure ihren Weg.

Es geht um Selbstbefreiung, und im Zusammentreffen der Witwe mit der Braut wird stellvertretend die Verantwortung für den Bauernkrieg und zugleich das Schicksal der von der Reformation »befreiten« Nonnen diskutiert. So nähert man sich mal heiter, mal ernst in turbulenten, burlesk anmutenden Szenen, aber auch in zarten, leisen Momenten nicht zuletzt den großen Fragen, die das Themenjahr »Reformation und Freiheit« 2011 innerhalb der Luther­dekade nach dem Willen seiner Organisatoren verhandeln soll.

Die Lutherdekade und das damit verbundene Engagement des Bundes machen es auch möglich, dass »Gottes Narr und Teufels Weib« als Pilot­projekt für die Initiative »Kultur am Lutherweg« in diesem Sommer auf Tournee geht. Gezeigt werden soll es in Orten wie Mansfeld und Torgau, aber auch in Möhra und Mühlhausen. Maßgeblich initiiert wurde das Projekt »Kultur am Lutherweg« von der Lutherweg-Gesellschaft und der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Ziel ist es, den länderübergreifenden Lutherweg mit Aktionen und Projekten aus allen Bereichen der Kunst stärker in das Bewusstsein der Bewohner und Gäste zu bringen.

Von einer guten Möglichkeit, mit der Veranstaltungsreihe nach außen das touristische Image zu stärken, sprach vor einiger Zeit der Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten, Stefan Rhein. Und nach innen könnte das Vorhaben identitätsstiftend wirken. Anders als bei den großen Projekten könnten hier auch Initiativen vor Ort eingebunden werden. Corinna Nitz

Die Premiere von »Gottes Narr und Teufels Weib« war am 14. Juli. Weitere Termine in Wittenberg sind am 15. und 16. Juli sowie am 11., 12. und 13. August. Beginn ist jeweils um 20 Uhr. Am 17. Juli und 14. August beginnen die Vorstellungen um 18 Uhr. Infos und Ticketauskünfte gibt es unter Telefon (0700)20082017 und bei www.buehne-wittenberg.de im Netz.

Ein Ilmenauer in Wien

10. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung in der Jakobuskirche in Ilmenau. Foto: Michael Reichel

Ausstellung in der Jakobuskirche in Ilmenau. Foto: Michael Reichel

 
Ausstellung widmet sich dem bildnerischen Schaffen von Horst Aschermann.
 
Das Unglück kam an einem heißen Sommertag 1965. In der prallen Sonne mühte sich der 33-jährige Bildhauer Horst Aschermann am harten Stein eines drei Meter hohen Marmorkreuzes. Die Pestsäule sollte ein Mahnmal setzen in Purkersdorf, jenem kleinen Ort im Wienerwald, in dem der Schwarze Tod im Jahr 1713 die Hälfte der Bewohner dahinraffte. Dort, so idyllisch in der Natur und doch so nahe der Metropole Wien gelegen, hatte Aschermann nach seiner Flucht aus Thüringen seine neue ­Heimat gefunden.

Anfang der 1950er Jahre hatte er seiner Geburtsstadt Ilmenau den Rücken gekehrt, um in Mainz und später in Wien jene »Freiheit des Geistes« zu finden, die er so vermisst hatte in der DDR. Auf die Ausbildung als Kerammodelleur in der Ilmenauer Porzellanmanufaktur Müetzler & Ortloff folgten fünf Jahre Arbeit in seinem Lehrberuf in Mainz. Schließlich, 1957, begann er ein Studium an der Akademie für angewandte Kunst in Wien, wo er bereits 1964, zwei Jahre nach seinem Studienabschluss, einen Lehrauftrag für Bildhauerei annahm. Und dann die Plackerei an dem Mahnmal aus Marmor. Der 1932 geborene Künstler hatte sich bei der Bearbeitung des harten Gesteins in der prallen Sonne so überanstrengt, dass er schwer erkrankte.

Aus dem Ringen mit der Form wurde nun auch ein Ringen mit der Krankheit, einer seltenen Form von Parkinson, die ihn zwang, statt mit der rechten mit der linken Hand zu ­arbeiten.Der Steinbildhauer wandte sich dem Metallrelief zu, häufig in Verbindung mit religiösen Themen wie dem Kreuzgang und der Genesis. Aschermanns Reliefe gleichen Aufnahmen aus der Vogelperspektive. Sie komponieren Menschen, Säulen oder Kuppelformen zu rhythmischen Ordnungen in Metall, zeigen enge Besiedlungen, Tempel, üppige Pflanzenwelt. Die Widrigkeiten der Herstellung entblößen die Werke derweil nicht.

Die Kunst des gebürtigen Ilmenauers ist zum Beispiel an den Türen der Wirtschaftsuniversität Wien, an Hausfassaden, auf freien Plätzen und in Kirchen zu sehen. Vier Reliefserien, entstanden zwischen 1969 und 1986, widmen sich dem Kreuzweg. Sie zeigen die zusammengeschnürten Hän­de, das Haupt mit der Dornenkrone oder die Abnahme vom Kreuz. Details wechseln mit der Darstellung kleiner Szenen. Ein Gotteshaus, die evangelische »Kirche am Wege« in Hetzendorf, einem Wiener Gemeindebezirk, birgt eines der Hauptwerke Aschermanns, eine achtteilige Genesis aus großformatigen Aluminiumreliefen aus dem Jahr 1972. Die Reihe beginnt mit »Das Prinzip« – einer wüsten und leeren Erde, die doch Fruchtbarkeit in sich trägt. Es folgen Pflanzen, die Tiere zu Land, zu Wasser und in der Luft, schließlich das nackte erste Menschenpaar und der Turmbau zu Babel. Die letzten beiden Reliefs mit den ­Namen »Ecce homo« und »Ecce mundus« zeigen Kreuzigung und Apokalypse. Das gleiche Thema, jedoch nun farbenfroh und abstrahiert, gestaltet Aschermann 1980 noch einmal mit Glasfenstern in der St. Jakobskirche in Purkersdorf.

Marmor, Bronze, Glas, Aluminium, Kohle, Gips, Beton, Tusche, Holz, ­Eisen, Buntstift, Acryl-, Öl- und Aquarellfarben. Gegossen, behauen, gezeichnet, gemalt. Collagen, Materialbilder, Skulpturen, Reliefs, Gemälde. – Facettenreich präsentiert sich Aschermanns Werk in der Retrospektive im Goethe-Stadtmuseum und der Jakobuskirche Ilmenau. Sie erinnert an ­einen Künstler, der die eigenwillige Fügung seines Lebens annahm. Der
in die Fremde ging, um geistige Freiheit zu finden, dabei aber seine körperliche Freiheit einbüßte. 2005 starb Horst Aschermann im Alter von 72 Jahren.

Susann Winkel

Die Ausstellung »Horst Aschermann. Ein ­Ilmenauer in Wien« ist bis 6. November im Goethe-Stadtmuseum Ilmenau (geöffnet täglich von 10 bis 17 Uhr) sowie bis 9. Oktober in der Jakobuskirche Ilmenau (geöffnet zu den Zeiten der »Offenen Kirche« und sonntags vor und nach den Gottesdienstzeiten) zu sehen.

Visionärer Künstler und der erste »Superstar«

5. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Thüringer Landesausstellung widmet sich Leben und Werk des vor 200 Jahren geborenen Komponisten Franz Liszt

 

Porträtbilder von Franz Liszt und Zeitgenossen in der Ausstellung, Foto: Maik Schuck

Porträtbilder von Franz Liszt und Zeitgenossen in der Ausstellung, Foto: Maik Schuck

 

Heute, da der Altar erbebt und schwankt, heute, da Kanzel und religiöse Zeremonien Gegenstand des Zweifelns und des Spottes sind, muß die Kunst notwendigerweise aus dem Tempel heraustreten, sie muß sich verbreiten und ihre künstlerische Entwicklung außerhalb vollenden. Wie einst, und mehr noch, muß die Musik sich an VOLK und GOTT wenden, sie muß vom einen zum anderen gehen, den Menschen bessern, veredeln und trösten, Gott loben und preisen.«

Franz Liszt war 23 Jahre alt, als er seine Vision einer »musique humanitaire« (Menschheitsmusik) formulierte, in der »THEATER und KIRCHE in gewaltigen Ausmaßen« vereinigt werden sollten. Der seit seiner Kindheit zutiefst religiöse Knabe, der als »neuer Mozart« gepriesen wurde, neigte immer wieder dazu, seine Karriere aufzugeben und sich ganz seinen geistlichen Studien zu widmen. Bis ins hohe Alter durchziehen seine Bemühungen um eine Reform der Kirchenmusik sein Schaffen. Dies ist einer von vielen Aspekten, die in der Thüringer Landesausstellung »Franz Liszt – Ein Europäer in Weimar« anlässlich seines 200. Geburtstages behandelt werden. Die kenntnisreich gestaltete Exposition dürfte einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, hartnäckig tradierte Klischees über Bord zu werfen und ein ganzheitliches Bild des visionären Künstlers entstehen zu lassen.

»Es ist die größte in Europa«, sagt Hauptkurator Prof. Dr. Detlef Altenburg über die mehr als 350 Exponate umfassende zweiteilige Ausstellung im Schiller- und Schlossmuseum, die er gemeinsam mit Evelyn Liepsch konzipiert hat. Dabei konnte man den Heimvorteil nutzen, dass in Weimar der weltweit größte Liszt-Bestand liegt. Dazu gehören 14000 Blatt Manuskripte von der Hand des Komponisten und seiner Sekretäre, die 3100 Titel umfassende Liszt-Bibliothek, mehr als 6000 Briefe sowie Notizbücher, Programmzettel, Urkunden, Diplome, persönliche Gebrauchsgegenstände wie sein Kruzifix, zeitgenössische Gemälde, Grafiken und Fotografien.

Aus dieser Fülle an Materialien im Zusammenspiel mit Leihgaben aus dem In- und Ausland eine schlüssige Präsentationsform mit klaren inhaltlichen Akzenten zu entwickeln, ist in beeindruckender Form gelungen.
Schon beim Betreten der Ausstellung im Schillermuseum ist auf einer Europa-Karte mit 400 gekennzeichneten Orten nachvollziehbar, wie weit der Aktionsradius des ersten »Superstars« reichte: von Lissabon bis Konstantinopel, von Glasgow bis Moskau, von Rom bis Kopenhagen.

Liszts »Pèlerinage« (Pilgerreise) durch Europa und die europäische Kultur sowie seine große Syntheseleistung als Künstler bilden die inhaltlichen Schwerpunkte des ersten Ausstellungsteiles im Schillermuseum, während im zweiten sein Wirken in Weimar beleuchtet wird.

Eine weitere Ausstellung im Schlossmuseum ist unter dem Motto »Kosmos Klavier« der Weiterentwicklung des Instrumentes im 19. Jahrhundert gewidmet.

Zu den Attraktionen gehört ein Flügel der Firma Boisselot (Marseille), an dem ein Großteil seiner Weimarer Werke entstanden ist, und ein minutiöser Nachbau, der bei Konzerten im Weißen Saal originalen »Liszt-Sound« bietet. Besonders für Kinder ist ab 2. Juli ein begehbarer Flügel im Schlosshof bestimmt, in dem leibhaftig zu spüren ist, wie sich die Schwingungen der Klaviersaiten auf den Körper übertragen und wie überhaupt Töne entstehen.

Michael von Hintzenstern

Die Landesausstellung »Franz Liszt – Ein Europäer in Weimar« ist bis 31. Oktober, dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, im Schillermuseum und Schlossmuseum Weimar zu sehen.
www.klassik-stiftung.de/liszt

In Stein gehauene Wunderwerke

3. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Sachsen-Anhalts Landesausstellung würdigt den mittelalterlichen »Naumburger Meister«.

 

Die Stifterfigur der Uta von Ballenstedt im Westchor des Naumburger Domes, Foto: S. Weiselowski

Die Stifterfigur der Uta von Ballenstedt im Westchor des Naumburger Domes, Foto: S. Weiselowski

Sie gilt als die schönste Frau des Mittelalters. Die Stifterfigur der Uta von Ballenstedt im Westchor des Naumburger Domes hat die Fantasie vieler Interpreten und Bewunderer nachhaltig beschäftigt. Jetzt steht sie zusammen mit ihrem Mann Ekkehard und den anderen zehn lebensgroßen Stiftern im Mittelpunkt einer Exposition, die sich ganz ihrem Schöpfer, dem namenlosen »Naumburger Meister« widmet. Mit der am 29. Juni eröffneten Landesausstellung Sachsen-Anhalts sollen nun erstmals umfassend Werk und Einfluss des ­gotischen Bildhauers und Architekten gewürdigt werden.

Die Exposition zeigt so ziemlich ­alles, was über den Künstler bekannt ist. Einen »Glücksfall« nennt Kurator Holger Kunde das Zustandekommen. Insgesamt 500 Exponate vereint die Schau, die wegen ihrer Fülle gleich auf mehrere Orte im und am Dom sowie in der Stadt verteilt werden muss. Doch der Aufwand hat sich gelohnt: In der Ausstellung wird eine ganze Epoche lebendig, die in ihrer künstlerischen Ausdrucksform eine unvergleichliche Wirklichkeitsnähe und individuelle Ausdruckskraft entfaltet. Als Pendant und Gegenstück zu Uta steht hier die Skulptur König Childeberts I. aus St. Germain de Pres, eine der bekanntesten französischen Plastiken aus dem 13. Jahrhundert.

Überhaupt spielen die Bezüge des Naumburger Meisters zu Frankreich eine herausragende Rolle. Wissenschaftler gehen davon aus, dass der namentlich nicht bekannte Bildhauer dort das Handwerk erlernt hat. Zugleich zeichnet die Exposition seinen Weg von den nordfranzösischen Bauhütten über Mainz bis nach Meißen nach, wo er nach 1250 wirkt und sich seine Spur verliert. Doch seine stärksten Zeugnisse hat der Bildhauer zweifellos im Naumburger Dom hinterlassen. Hier leitet er Mitte des 13. Jahrhunderts im Auftrag von Bischof Dietrich II. den Neubau des Westchores.

In der Ausstellung hat der Betrachter nun die Möglichkeit, nicht nur die angestammten Figuren im Chor und am Lettner mit Kreuzigungsgruppe und Passionsrelief in Augenschein zu nehmen. Vis-à-vis stehen Fragmente des Lettners aus Mainz mit dem Zug der Seligen und Verdammten, dazu der berühmte »Kopf mit der Binde«, die Mantelteilung des Heiligen Martin aus Bassenheim oder die Grabplatte des Rittes von Hagen aus dem Merseburger Dom. Ebenso eindrucksvoll wie diese Figuren erscheinen freilich die filigranen Blattkapitelle oder die farbigen Glasfenster. Dass diese Kunst in einen europäischen Kontext gehört, veranschaulichen vor allem die bedeutenden Leihgaben aus Frankreich (ein Drittel der Exponate kommen dorther).

Doch die Naumburger Ausstellung lässt es nicht bei der kunsthistorischen Bedeutung des Naumburger Meisters und der zeitgeschichtlichen Einordnung bewenden. In einem eigenen Ausstellungsteil geht es ebenso um die Rezeptionsgeschichte. Die reicht bis ins vergangene Jahrhundert, wo Walt Disney der ­»bösen Königin« im Zeichentrickfilm »Schneewittchen« von 1937 die Züge der Markgräfin verlieh. Im national­sozialistischen Deutschland wird Uta schließlich zur Ikone der unbeugsamen »deutschen Frau« missbraucht. Noch kurz vor Kriegsende lässt ein Plakat sie als Schutzgeist über Wehrmachtssoldaten erscheinen.

Diese Verirrungen werden ebenso wenig ausgeblendet wie die gezielte Zerstörung der Kathedrale von Reims, Krönungsort der französischen Könige. 1914 beschießen deutsche Truppen den Bau so stark, dass sich das Blei verflüssigt und durch die Wasserspeier rinnt, bevor es erstarrt. Von den kostbaren Steinskulpturen des Eingangsportals existieren heute nur noch Gipsabdrücke, die in einem aus Stahlwangen nachgestalteten Portal stehen. Sie sind zwar erst gut 100 Jahre alt, bleiben als letzte Zeugnisse der einstigen Pracht aber kaum weniger wertvoll als die Originale. »Dass wir sie für diese Ausstellung bekommen haben«, meint der Kustos, »zeigt auch die Bedeutung, die ihr beigemessen wird.«

Martin Hanusch

Die Landesausstellung »Der Naumburger Meister. Bildhauer und Architekt im Europa der Kathedralen« ist vom 29. Juni bis zum 2. November zu sehen.

Öffnungszeiten:
täglich von 10 bis 19 Uhr, freitags bis 22 Uhr
www.naumburgermeister.eu

Repräsentant einer »verlorenen« Generation

28. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Zum 50. Todestag des amerikanischen Schriftstellers Ernest Hemingway.

Ernest Hemingway wurde am 21. Juli 1899 in der Nähe von Chicago geboren. Er war einer der erfolgreichsten und bekanntesten US-amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Ernest Hemingway wurde am 21. Juli 1899 in der Nähe von Chicago geboren. Er war einer der erfolgreichsten und bekanntesten US-amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Dem Roman »The Sun Also Rises« (dt. »Fiesta«) von 1926 hatte der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway einen Satz von Gertrude Stein vorangestellt: »Ihr gehört alle einer verlorenen Generation an.« 1929 erschien sein Roman »In einem anderen Land«. Er machte ihn weltbekannt, und Hemingway galt von nun an als einer der erfolgreichsten literarischen Repräsentanten der durch den Ersten Weltkrieg desillusionierten, hoffnungslosen, »verlorenen« Generation.

1899 in Oak Park bei Chicago geboren meldete er sich 1917, als die USA in den Krieg eintraten, freiwillig zum Kriegsdienst und wurde in Italien als Sanitäter eingesetzt.

Schon am ersten Tag erlebte er dort die Explosion einer Munitionsfabrik und musste mithelfen, Leichenteile einzusammeln. Dieses schreckliche Erlebnis sowie eine eigene schwere Verwundung durch Granatsplitter prägten sein gesamtes späteres ­Leben und Schreiben.

Der traumatischen Erfahrungen wird er versuchen durch Coolness, um diesen modernen Ausdruck zu gebrauchen, Herr zu werden. Andererseits leistet er einer Helden-Stilisierung Vorschub und hat Anteil am Entstehen eines literarischen Männerbildes, dessen Ideale in körperlicher und seelischer Stärke, herablassender Hilfsbereitschaft Frauen gegenüber, treuer (Männer-)Freundschaft sowie in Rücksichtslosigkeit eigenem Schmerz gegenüber bestehen.

Dieser Haltung entspricht auch sein literarischer Stil: Die Sätze sind einfach. Er schreibt knapp und konzentriert. Er interpretiert kaum, sondern stellt lediglich fest, was geschieht. Das gilt auch für psychische Vorgänge. Konflikte werden nicht harmonisiert, aber auch nicht tragisch ausgeweitet.

Mit diesem Stil hat er zur Erneuerung der Kurzgeschichte, der Short Story, beigetragen. Vor allem die deutsche Schriftstellergeneration, die nach dem Zweiten Weltkrieg Bedeutung erlangte, ist ihm verpflichtet.

Seine wichtigsten Werke sind wohl die Kurzgeschichte »Der Schnee vom Kilimandscharo«, 1936, und der Kurzroman »Der alte Mann und das Meer«, 1952. In dem Roman erzählt Hemingway von einem alten Fischer, der mehr als 80 Tage nichts gefangen hat und nun allein aufs Meer hinausfährt, einen riesigen Fisch fängt, der ihm auf der Fahrt zurück von Haien aufgefressen wird. Am Ende bringt er nur ein Skelett nach Hause.

Das Buch ist von einem tiefen Glauben an die Kräfte des Menschen in seinem Lebenskampf durchdrungen und vom Bewusstsein einer unauflösbaren Zusammengehörigkeit von Mensch und Natur. Der Fischer nennt den gefangenen Fisch Bruder und Freund.

Das Meer sieht er nicht als ein Ding an, sondern als weibliches Wesen. Es erscheint als ein Bild des Lebens überhaupt. Quallen symbolisieren List und Betrug, die Haie das Chaos. Güte und Schönheit gehören ebenso zum Leben wie Grausamkeit.

Als sich am Ende herausstellt, dass die gewaltigen Anstrengungen des Fischfangs vergeblich gewesen sind, klagt und verzweifelt der Alte nicht, sondern legt sich in ruhiger Übereinstimmung mit sich und dem Leben schlafen.

Hemingway erhielt 1954 den Nobelpreis für Literatur. Vor 50 Jahren, am 2. Juli 1961, hat er sich in Ketchum/Idaho das Leben genommen.

Jürgen Israel

Energisch und tatkräftig

20. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Frauen der Reformationszeit: Zum 450. Todestag von Katharina von Mecklenburg.

Katharina von Mecklenburg, Porträt von Lucas Cranach dem Älteren (Foto: akg-images)

Katharina von Mecklenburg, Porträt von Lucas Cranach dem Älteren (Foto: akg-images)

Je mehr ich hoffe, sie sterbe, je länger lebt sie.« Die Klage Herzog Georgs von Sachsen galt Katharina von Mecklenburg, der Gemahlin seines Bruders Heinrich. Dabei hatte diese nichts anderes getan, als ihrem Gemahl die Lehre Luthers nahezubringen.

Georg, erbitterter Gegner Luthers und der Reformation, hatte dies zwar mit allen Mitteln zu verhindern gesucht, doch Katharinas Einfluss war stärker.

1537 führte Heinrich den neuen Glauben in seinem Gebiet Freiberg und nach Georgs Tod 1539 im gesamten albertinischen Sachsen ein.

Katharina (*1487) war energisch und tatkräftig wie ihr Vater Herzog Magnus II. von Mecklenburg. Und sie hatte ehrgeizige Pläne, nachdem sie 1512 mit Herzog Heinrich von Sachsen vermählt worden war. Sie galt nicht als schön, war aber wie ihr Gemahl eine durchaus attraktive Erscheinung.

Ihren Zeitgenossen jedoch erschien sie, obgleich klug und tugendsam, als »hochmütige, herrschsüchtige und geizige Frau von kühler und rücksichtsloser Berechnung«. Dagegen war ihr Gemahl lebenslustig und gesellig und seinen Untertanen ein milder und gerechter Herrscher. Vor der Ehe hatte er ein »gar lustig Leben« geführt.

Zwischen 1515 und 1526 bekam das Paar sechs Kinder. Die Hofhaltung auf Schloss Freudenstein in Freiberg war bescheiden; denn das Geld dafür kam von Heinrichs Bruder Georg und der war nicht großzügig. So geriet Katharinas Bemühen um eine fürstlichere Hofhaltung schnell an Grenzen. Besserung trat ein, nachdem Heinrich 1521 Marienberg gegründet hatte und am Abbau des hiesigen Silbers gut verdiente.

Seine Gemahlin war dennoch nicht zufrieden. Der leutselige Umgang Heinrichs mit dem gemeinen Volk und den Bediensteten mehrten ebenso ihren Unmut wie die Abhängigkeit von Georg. So erscheint die Hinwendung zu Luthers Lehre mehr von ihren Ambitionen zur Macht als von einem Glaubenswandel bestimmt.

Hatte sich Katharina noch im Sommer 1525 zu Luthers Gegnern gezählt, so stand sie Ende des Jahres ganz auf seiner Seite. Als Grund für diesen plötzlichen Wandel wird ihre Hoffnung auf Verbündete gegen Herzog Georg gesehen.

In der Tat nutzte Kursachsen jetzt die Möglichkeit, mit ­Katharinas Hilfe einen Keil in das ­katholische Sachsen zu brechen und ihren Gemahl für die Reformation zu gewinnen. Obgleich Georg den Druck auf seinen Bruder verstärkte, konnte er die Entwicklung nicht mehr aufhalten.

Katharina hatte inzwischen Verbindung mit Luther und Melanchthon aufgenommen, scheute sich aber noch vor einem öffentlichen Glaubensbekenntnis. Dafür zeigte ihr Bemühen um Heinrich Erfolg: Er duldete die Verbreitung lutherischer Schriften und verbot katholische Rituale.

Im Mai 1531 lernte er Luther persönlich kennen und war tief beeindruckt.

1533 bekannte sich Katharina öffentlich zum neuen Glauben und setzte die evangelische Vermählung ihrer Tochter Emilia durch. Mit Heinrichs Billigung holte sie einen evangelischen Hofprediger und 1535 den lutherischen Rat Anton von Schönberg an ihren Hof.

Unter dem Einfluss seiner Frau und Schönbergs erlaubte Heinrich 1536 die Ausübung der lutherischen Religion in seinem Gebiet. Im selben Jahr trat er dem Schmalkaldischen Bund bei.

Als Georg versuchte, seinen Bruder mit materiellen Zugeständnissen zur Umkehr zu bewegen, schrieb ihm Katharina: »Aller Welt Reichtum nehmen wir nicht für Christus und sein Heil.«

Mit einem lutherischen Gottesdienst im Freiberger Dom wurde Neujahr 1537 die Reformation im Freiberger Land eingeführt.

Katharina sorgte, trotz mancher Probleme mit Luther, für die weitere Festigung der Reformation in Sachsen, auch nach dem Tod Heinrichs 1541, als der älteste Sohn Moritz die Herrschaft übernahm und sie auf ihr Wittum Wolkenstein verwies.

Moritz – der aufseiten der Katholischen gegen die Protestanten kämpfte und zum Dank mit der Kurwürde bedacht wurde – fiel 1553. Katharinas Favorit, Sohn August, wurde Kurfürst von Sachsen. Er hatte 1548 Anna von Dänemark geheiratet und damit die ehrgeizigen Pläne seiner Mutter nach ­einer königlichen Verbindung realisiert.

Katharina wusste ihre Angelegenheiten nun in guten Händen. Sie reiste viel, war aber oft Gast am Hof Augusts in Dresden. An ihrem eigenen Hof, den sie 1550 nach Torgau verlegte, führte sie ein strenges Regiment.

Bei ihren Untertanen scheint sie nicht sehr beliebt gewesen zu sein.

Im Juni 1561 starb sie mit dem Bekenntnis, sie wolle nun »an dem Herrn Christo und dem Saum seines Kleides hangen bleiben, wie eine Klette am Rock, die sich eher zerreißen als davon abreißen lasse.«

Sylvia Weigelt

Herzenssache Heimat – Ein Mosaik an Erfahrungen

13. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Heimat - ein unscharfer Begriff, der verschiedene Assoziationen auslösen kann: romantische Heimattümelei mit röhrendem Hirsch im Morgenrot oder auch das Gefühl von Zugehörigkeit und Sicherheit. (Bild: Archiv)

Heimat - ein unscharfer Begriff, der verschiedene Assoziationen auslösen kann: romantische Heimattümelei mit röhrendem Hirsch im Morgenrot oder auch das Gefühl von Zugehörigkeit und Sicherheit. (Bild: Archiv)




Sie leben beide nicht mehr dort, wo sie geboren wurden, wo ihre Vorfahren begraben liegen und wo sie möglicherweise auch selbst ­beerdigt werden wollten. Was für sie Heimat bedeutet, darüber sprachen Otto Guse und Ingeburg Keller auf dem Podium »Herzenssache Heimat«.

Das Dorf, in dem Ingeburg Keller bis 2009 zu Hause war, gibt es nicht mehr. Heuersdorf, südlich von Leipzig, musste dem Braunkohlentagebau weichen. Wenn sie an dem Stück Land vorbeifahre, wo sich das Dorf befand, erzählt Keller, kämen heimatliche Gefühle in ihr auf.

»Man sieht nichts mehr, aber die Erinnerungen sind da«, sagte sie und ihre Stimme klang dabei traurig. Seit 1638 habe ihre Familie dort gelebt. Ihre Eltern waren da begraben, mussten umgebettet werden, als das Dorf weggebaggert wurde. Es falle ihr sehr schwer, sich in Hagennest, wo sie seit zwei Jahren wohnt, einzuleben.

Im Gegensatz zu Ingeburg Keller hat Otto Guse sich freiwillig einen neuen Wohnort gesucht. Der Präsident der sächsischen Landessynode war im Rheinland zu Hause, bevor er 1993 mit seiner Familie ins Vogtland zog, wo er eine Rechtsanwaltskanzlei hat. Im Osten Deutschlands habe er nach der Wende unglaubliche Möglichkeiten gesehen, etwas zu bewegen, ­etwas Neues zu schaffen, sagt er.

Heimat sei für ihn dort, wo er Vertrautes finde, die Straßen und die Menschen kenne und sich einer gewissen Solidarität sicher sein könne, so der Jurist.

»Wo ich beerdigt werde, ist mir egal.« Für die Bereitschaft seiner Frau, mit ihm nach Sachsen zu gehen, wolle er sich im Ruhestand revanchieren. »Dann komme ich mit dorthin, wohin du willst«, hat er ihr versprochen.

Heimat ist nicht nur dort, wo jemand geboren wurde und vielleicht beerdigt wird, auch die Kirche kann Heimat sein. Für manche eine ­widerborstige Heimat, für ihn sei sie ein geliebtes Zuhause, so der Theologieprofessor Klaus-Peter Hertzsch, Jahrgang 1930. Er zählt die Gottesdienstordnung, das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis und die Gesangbuchlieder auf. Wenn er die alten Texte höre, wisse er: »Hier bin ich zu Hause.«

Der Autor des Gesangbuchliedes »Vertraut den neuen Wegen« schätzt die Kirche als eine Institution, die in drei Regime durchgehalten habe. »Wenn es überhaupt etwas gab, was sich durchhielt, war es die ­Kirche«, sagt er.

»Heimat ist, was man vermisst« – das vor einem Jahr erschienene Buch von Sebastian Schnoy stand drei Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste. Auch der Titel »Smörrebröd in Napoli – Ein vergnüglicher Streifzug durch Europa« fand viele Käufer, stand 14 Wochen auf der Bestsellerliste von Spiegel online.

Der Part des Autors und Kabarettisten zum Thema Heimat – amüsant und pfiffig. »Man muss wissen, wo man herkommt«, stellte er zu Beginn klar, um danach mit viel Witz die Mentalität der Deutschen aufs Korn zu nehmen. Stichworte: Sauberkeit und Ordnung. Als Breschnew einst zu Besuch bei Schmidt gewesen sei, zeigte dieser ihm das Land, plauderte Schnoy.

Beim Anblick der herausgeputzten Dörfer soll Breschnew gefragt haben: »Woher wissen die, dass wir kommen?«

»Kirchentag – eine typisch deutsche Veranstaltung.« Die Anspielung des Kabarettisten ist positiv gemeint, ein Lob auf die vorbildliche Organisation der Megaveranstaltung.

Sabine Kuschel

ChurchNights oder Kirchennächte?

6. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Pro und Kontra: Zur Verwendung von aus dem Englischen stammenden Fremdwörtern in der Kirche.


vds-logo-kleinAnglizismen sind modern – auch in der Kirche. Diese ­Vermischung unserer Muttersprache mit Begriffen aus dem Englischen ist dem Verein Deutsche Sprache (VDS) ein Dorn im Auge und zur »Strafe« vergibt er den Negativpreis »Sprachpanscher des Jahres«. Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen ­Kirche in Deutschland (EKD), ist einer der diesjährigen Kandidaten, ­stellvertretend für die evangelischen Christen. Sollte er auf die unrühmliche Auszeichnung pfeifen?

proPro: Reinhard Süpke, Pfarrer in Oldisleben und Stellvertreter des Super­intendenten des Kirchenkreises Bad Frankenhausen-­Sondershausen


Ich sage es auf Deutsch: Ich finde viele Anglizismen peinlich. Sie sind oft genug keine Wellness für unsere Sprache, sondern ein Loch Ness – ein Sprachungeheuer.

Aber wir müssen uns fragen, wer hat in Sachen Sprache in der Kirche das Sagen? Der Herr der Kirche, Jesus Christus. Der hat nach seiner Auferstehung den Auftrag gegeben: »Geht in alle Welt und macht alle Völker zu meinen ­Jüngern.«

Seine Freunde zogen zu den Heiden und nahmen dabei auch die Heidenarbeit auf sich, fremde Sprachen zu lernen, um die Einladung des Evangeliums zu überbringen. So kamen sie schließlich auch zu einer Gruppe Menschen, die sich zum »Volk der Dichter und Denker« mausern sollten.

Dass wir Deutschen uns so nennen, hat ohne Zweifel mit dem Evangelium zu tun, das unseren Vorfahren gepredigt wurde.

Ein Mönch namens Luther schaute dem »Volk aufs Maul« und übersetzte die ­Bibel in ein verständliches Deutsch.

Ist uns klar, was für ein Skandal das damals für manchen ernsten Kirchenmann war?

Aber wo wären wir heute? Wo sind wir heute?

Im »Volk der Dichter und Denker« denken viele nicht mehr daran, ein Gedicht zu ­lesen, geschweige denn, eins zu schreiben. Sie denken zuerst daran, wie sie ihr Leben meistern, wie sie mit wenig Mühe viel Spaß haben, wie sie mit Hartz IV leben können oder mit einem schweren Schicksal klarkommen.

Die Jünger Jesu stehen in unserem Land vor einem Problem: Es gibt nicht nur eine deutsche Sprache, sondern die Sprachen ganz verschiedener Milieus. »Geht in alle Welt«, heißt heute: Schaut euch in eurem Land um, die Menschen ein und desselben Volkes leben in verschiedenen Welten und haben ihre eigenen Sprachen.

Sollen sie erst Lutherdeutsch lernen? Oder sollten wir nicht ihre Sprachen lernen, auch wenn sie noch so gepanscht sind?

Das Achtungszeichen des Vereins Deutsche Sprache (VDS) finde ich beachtenswert. Es sollte nicht peinlich werden, wenn wir Menschen gewinnen wollen. Aber der Auftrag Jesu verdient mehr Beachtung als der Preis »Sprachpanscher des Jahres«.

Dem VDS geht es nur um die Sprache unseres Volkes. Und nur um einen Teil dieses Volkes.

Jesus ruft ein Volk Gottes aus allen Völkern zusammen. Die wichtigste Sprache, die darin in dieser Zeit und Welt gesprochen wird, ist die Sprache der Liebe Gottes, die in die Herzen geschrieben wird.

Darum sage ich: »Sprachpanscher des Jahres« – na und? Lasst uns bemüht sein, zuerst dem Auftrag Jesu gerecht zu werden. Solange die Sprache des Herzens stimmt.

Kontra: kontraLutz Vogel, promovierter Germanist, war von 2001 bis 2008 Beigeordneter für Kultur und Erster Bürgermeister der Landeshauptstadt Dresden.


Ob Nikolaus Schneider die vom VDS erwogene Verleihung des Preises »Sprachpanscher des Jahres« persönlich verdient hätte, vermag ich nicht zu beurteilen, zu vermuten ist, dass er als Vorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) seinen Kopf für die um sich greifende Verwendung von Anglizismen in der Kirche herhalten muss.

Das Programm des Kirchentages in Dresden jedenfalls zeichnet sich wohltuend durch eine verständliche Sprache aus. Zwar schleichen sich auch hier »Godly Play mit Kindern«, eine »Impro Performance« oder ein »Speed-Talking« ein, angesichts der großen Anzahl der Veranstaltungen bleiben dies Ausnahmen. Anders in vielen Gemeinden, in denen »ChurchNigths«, »Public-Viewing-Angebote«, »Eventgottesdiens­te« oder »Worships« grassieren. Was zeitgemäß klingen soll, erweist sich als Anbiederung an den Zeitgeist, als vermeintliche Modernität.

Die Sprache bringt alles an den Tag, unfreiwillig und entlarvend.

Wenn der in die Jahre gekommene Jugenddiakon seine »Activities for Kids« oder das Treffen der Mädchengruppe »Girls only« ankündigt, wirkt dies nicht nur albern, sondern zuallererst unglaubwürdig.

Ich höre schon das Argument: »Auch Jesus würde heute …« Solch unhistorische Hohlformeln werden stets bemüht, wenn etwas als unangreifbar begründet werden soll.

Natürlich hat jede Zeit ihre Sprache. Luther hätte heute die Bibel anders übersetzt. Eine Kirche, die auf Luther gegründet ist und der Schönheit und schöpferischen Bildhaftigkeit seiner Sprache nicht mehr traut, einer solchen Kirche kann ich nicht trauen.

Wie bei der Deutschen Bahn der lächerliche Meeting Point über die ­Unpünktlichkeit der Züge nicht hinwegzutrösten vermag, so kann eine gedankenlose, von überflüssigen ­Anglizismen durchsetzte Sprache in der Kirche das sich so zu erkennen ­gebende Renommiergehabe nicht kaschieren.

Nicht minder ärgerlich und geistliche wie geistige Dürftigkeit offenbarend, sind die häufig zu hörenden Phrasen von Betroffenheit, Wut und Trau­er oder der psychologisierende Jargon verschiedenster Selbstfindungsangebote. Dies ist freilich ein anderes Thema.

Gebraucht wird in unserer Kirche nicht stromlinienförmige Anpassung, sondern Glaubwürdigkeit. Diese aber erlangt man durch Aufrichtigkeit und Unangepasstheit.

Für die Kirche gilt, was mit Blick auf das Theater so formuliert wurde: »Wer dem Publikum hinterherläuft, sieht nur dessen Rückseite.«

Menschen unterwegs

28. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Ausstellung: Auf den Spuren von Kriegsherren, Kaufmännern, Glaubensflüchtlingen, Pilgern und Bettlern.

Am 21. Mai wurde in Görlitz die 3. Sächsische Landesausstellung »via regia – 800 Jahre Bewegung und Begegnung« eröffnet.

Nach der Eröffnung der 3. Sächsischen Landesausstellung drängten sich Hunderte Besucher um den Görlitzer Kaisertrutz. (Foto: Irmela Hennig)

Nach der Eröffnung der 3. Sächsischen Landesausstellung drängten sich Hunderte Besucher um den Görlitzer Kaisertrutz. (Foto: Irmela Hennig)

 
Es war kein Sonnabend wie jeder für die 740 Jahre alte ostsächsische Stadt Görlitz. Wer kurz vor zehn von einem Altstadt-Café aus die Straßen beobachtete, sah Menschen in Richtung Peter-Pauls-Kirche eilen. Evangelische wie katholische Pfarrer nahmen denselben Weg. Glocken ­riefen zum Gottesdienst. Und an allen Straßenecken patrouillierten Polizisten, die eher an Unheilvolles denken ließen als an die Eröffnung der 3. Sächsischen Landesausstellung.

Doch genau sie hatte die Menschen an diesem Morgen mobilisiert: Getreu ihrem Thema »via regia – 800 Jahre Bewegung und Begegnung«. Bis Ende Oktober widmet sich die große Schau in Görlitz’ alter Kanonenbastion, dem Kaisertrutz, dem Handel und Wandel, den Reisenden und Bleibenden auf der einstigen Handelsroute »Via Regia«, die von Frankfurt am Main über Erfurt, Leipzig und Görlitz bis nach Krakau führte.

An den Anfang dieses Großereignisses, das rund 300.000 Menschen in die Stadt locken könnte, hatten die Organisatoren einen ökumenischen Gottesdienst gestellt. Dieser ließ Hubertus Zomack, Diözesanadministrator des Bistums Görlitz, zur Begrüßung erfreut an einen alten frommen Spruch denken: »Mit Gott fang an, mit Gott hör auf, das ist der beste Lebenslauf.«

Zomack erinnerte zudem daran, dass vor wenigen Jahrzehnten eine »Sächsische Landesausstellung« gar nicht vorstellbar war. »Denn es gab ja kein Land Sachsen mehr.«

Sachsens Landesbischof Jochen Bohl blickte in seiner Predigt zurück bis zu Abraham, dem ersten Gläubigen, dem Wanderer, der aufbrach im Vertrauen auf Gott. Ins Unbekannte, und doch zu einer Reise, die an ein Ziel führen sollte. Bohl machte zudem deutlich, wie schwierig es ist, in einer modernen, mobilen Gesellschaft Heimat und Aufbruch, Beständigkeit und Fortschritt in Einklang zu bringen. Und er verwies auf die Abwanderung der Jugend, gerade aus dem äußersten Osten und auf die Zurückbleibenden, die sich die Frage stellen müssen: Wie geht es hier mit uns weiter?

Ungewissheit – sie war ständiger Begleiter für viele Menschen, die in den vergangenen 800 Jahren auf der »Via Regia« reisten. Da waren Händler, die nicht wussten, ob sie ihre Waren sicher ans Ziel bringen würden, Soldaten, deren Heimkehr zweifelhaft schien, Flüchtlinge, die keine Ahnung hatten, wohin mit ihnen.

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) als Ausrichter haben den Menschen darum auch einen ganzen Ausstellungsabschnitt gewidmet.

Nikolaus von Zinzendorf, der Weltreisende, Missionar und Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine spielt darin ebenso eine Rolle wie Sachsens Kurfürst August der Starke, den SKD-Leiter Martin Roth »den ersten Pendler« nannte und damit auf sein ständiges Hin und Her zwischen Sachsen und Polen (hier war er König) verwies. Die Händler aber, die Studenten, die Flüchtlinge und Pilger, die zu Tausenden auf der »Via Regia« wanderten, bleiben eine anonyme Masse in der Ausstellung – ausgenommen das Schicksal eines französischen Soldaten, der 1813 aus Napoleons Armee ­geflohen war.

Hier aber hilft eine Partnerschau der Landesausstellung im Schlesischen Museum weiter. »Lebenswege ins Ungewisse« erzählt die Geschichte von Menschen aus Görlitz und dem benachbarten Zgorzelec (Polen), die ihre Heimat verlassen ­haben – freiwillig oder gezwungenermaßen.

Dass die frühe Mobilität ihr ganz eigenes, viel langsameres Tempo hatte, zeigt eine zweite Partnerausstellung »via regia – Straße der Arten« im Senckenberg Museum für Naturkunde. In einer Übersicht stellt sie die drei bis fünf Stundenkilometer der Fußgänger oder auch die zwei bis drei Kilometer pro Stunde (km/h) der Postkutsche den rasanten 150 bis 300 km/h der Bahn oder die 450 bis 900 km/h eines Flugzeugs gegenüber.

Die Landesschau-Partner wagen den ganz konkreten Blick.

Im gerade sanierten Kaisertrutz gibt es auf fünf Ebenen hingegen das große Ganze, den Blick auf Kunst und Wissenschaft, auf Maße und Gewichte, auf Zünfte – und auf den Glauben, der viele Reisende begleitete. Ein großes Triptychon aus Breslau zeigt beispielsweise die heilige Hedwig, die Schutzpatronin Schlesiens. Zunftschilde sind mit (Schutz-)Engeln geschmückt. Und ein Bibel-Druckstock macht wunderbar bildhaft die Auseinandersetzung zwischen evangelischem und katholischem Glauben, aber auch das praktische Denken der Buchdrucker deutlich.

Ein protestantischer Druckstock mit einem papstfeindlichen Bild wurde von Druckern im katholischen Osten übernommen, schließlich war er einmal gemacht und das war kostengünstiger. Mit ein paar kleinen Schnitten wurde alles Kritische entfernt und zufriedenstellend gedruckt.

Seit dem 21. Mai steht dies alles nun den Besuchern offen. Spiralförmig können sie sich vom Keller der Trutzburg über fünf Etagen nach oben ­lesen, durchschauen, durchstaunen. Zum Auftakt war das kostenlos möglich – und der Kaisertrutz von Hunderten Wartenden dicht umdrängt.

Irmela Hennig

Die Sächsische Landesausstellung in Görlitz ist geöffnet bis 31. Oktober, täglich von 10 bis 18 Uhr, freitags bis 21 Uhr. Das Tagesticket kostet für Erwachsene 9 Euro, ermäßigt 7 Euro. Ein Zwei-Tages-Kombi-Ticket kostet 14 Euro für Erwachsene. Die Tickets gelten auch für die kooperierenden Görlitzer Museen (Schlesisches Museum, Senckenberg Museum für Naturkunde).

Als Nächstes wird die Thüringer Landesausstellung 2011 am 24. Juni in Weimar ­eröffnet. Sie steht unter dem Thema »Franz Liszt. Ein Europäer in Thüringen«.

Bob Dylan: Der »krächzende Rabe« wird 70

23. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Mehr als 500 eigene Songs, viele davon Hits, und immer wieder die Fragen nach Heil und Unheil, Sünde und Erlösung.
Die Anfänge: Gemeinsam mit Joan Baez singt Bob Dylan bei einem Auftritt im Rahmen des »March on Washington« am 28. August 1963 das Lied »We Shall Overcome«.	 (Foto: epd-bild/akg-images)

Die Anfänge: Gemeinsam mit Joan Baez singt Bob Dylan bei einem Auftritt im Rahmen des »March on Washington« am 28. August 1963 das Lied »We Shall Overcome«. (Foto: epd-bild/akg-images)


Als Folk- und Protestsänger wurde er bekannt, doch ließ er sich nie in Schubladen sperren. Bis heute gehört Bob Dylan zu den ganz ­Großen der Musikwelt.

Sein 33. Studioalbum war für viele Kritiker eine Überraschung: Nach drei eher illusionslos-melancholischen Meisterwerken in den zehn Jahren zuvor, die jedes Mal als sein Vermächtnis gefeiert wurden, hatte Bob Dylan im April 2009 ein ­Album herausgebracht, das von einer bisweilen geradezu heiteren und beschwingten Stimmung geprägt war. »Together Through Life«, hieß diese CD, die in zahlreichen Ländern die Nummer eins in den Verkaufslisten ­erreichte – in Großbritannien stand ­Dylan damit zum ersten Mal wieder seit 1970 an der Spitze.

»Gemeinsam durchs Leben« – der Titel des Albums ist wie eine Überschrift über den Weg Dylans mit seinen Fans. In nunmehr fünf Jahrzehnten hat er wie kein anderer die Geschichte der populären Musik geprägt, und auch heute noch gibt er rund 100 Konzerte pro Jahr; vor Kurzem zum ersten Mal in China und Vietnam.

Seine Anhänger haben ihm, über kurz oder lang, all seine Wandlungen und Häutungen verziehen oder sie mitvollzogen – zum Unverständnis der Umwelt, für die Dylan lediglich ein »krächzender Rabe« ist, »der seit 50 Jahren dasselbe Lied singt«.

Mich begleitet Dylan seit über 30 Jahren durchs Leben.

1979 habe ich mir, als 15-Jähriger, die erste Platte von ihm gekauft: »Slow Train Coming«. ­Eigentlich war in der streng pietistischen Gemeinde, in der ich groß geworden war, Rockmusik strengstens verboten: Sie war »vom Teufel«, und im Schlagzeug und in den E-Gitarren wirkten »die Dämonen«. Dennoch – oder vielleicht deswegen – waren christliche Rock- und Pop-Bands wie die legendären Damaris Joy Helden der EC- und CVJM-Jugend. Beeinflusst waren diese Bands von den Pionieren des christlichen Rocks aus den USA wie Keith Green und Larry Norman, die sich die Frage stellten: »Why should the devil have all the good music? – Warum sollte der Teufel all die gute Musik haben?«

Natürlich hatte ich Bob Dylan trotz Verbots gekannt: Ich hatte – mehr oder weniger heimlich – bei einem Klassenkameraden seine Platten gehört.

Umso größer war meine Freude, als ich im Herbst 1979 auf der Titelseite eines christlichen Musikblättchens ein Porträt Bob Dylans entdeckte.

Bob Dylan, die Ikone der Protestbewegung, war Christ geworden, er hatte sich bekehrt!

Er war nun einer von uns!

Es gab für mich kein Halten mehr: Ich begab mich umgehend in den nächsten Plattenladen und holte mir die empfohlene »Slow Train Coming.«

Welche Erschütterungen Dylan’s Bekehrung zum Christentum – nicht nur in der Musikwelt – hervorgerufen hatte, konnte ich damals nicht ahnen. Es war für die meisten unfassbar – und ist es für viele Wegbegleiter Dylans bis heute: Da wirft jemand ein Kreuz auf die Konzertbühne und Dylan beginnt, in der evange­likalen Vineyard-Gemeinde in Kalifornien Bibelkurse zu besuchen, er bekehrt sich und schließt sich den wiedergeborenen Christen an.

Dylan wurde fortan als »Bibel-Cowboy« verspottet oder – wie im Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« – als »seltsamer Prediger«, dessen »frömmelnd-reaktionäre« Texte von »schlichter ­Bibelstunden-Einfalt« seien.

Dylans fromme Zeit hielt allerdings nicht lange an.

Bereits vier Jahre später, 1983, veröffentlichte er ein Album, das den programmatischen Titel trug: »Infidels – Ungläubige«.

Auch Dylans schärfste Kritiker sehen ihm inzwischen die »Born-Again-Phase« nach: als Episode in seinem wahrlich nicht widerspruchsfreien Wirken. Dylan selbst hat sich in allen Phasen seiner Karriere jeglichen Vereinnahmungen rigoros entzogen und stattdessen einst vorgeschlagen, lieber einen Groschen in die Parkuhr zu stecken als irgendwelchen Führern zu folgen.

Gleichwohl sind Religion und Gott ein entscheidendes Thema im Werk des »Rock-Messias«.

Betrachtet man die über 500 Songs, die der Kandidat für den Literatur-Nobelpreis geschrieben hat, ist nicht zu übersehen: Von seinen Anfängen als junger Folk- und Protestsänger Anfang der 1960er Jahre bis zu seinem Spätwerk sind Gericht und Gnade, Sünde und Erlösung, Heil und Unheil, Himmel und Hölle Dylans zentrale Stoffe.

Abraham und der Erzengel Gabriel, David und Goliath, Jesus und der Teufel, Verführer und Verführte bevölkern seine Songwelt. Von der Sintflut zur Bergpredigt, vom Garten Eden bis zum Garten Gethsemane, von Armagedon bis Jerusalem – Dylan ist an allen Orten der biblischen Überlieferungen zu Hause.

Dylans Religion ist eine, die über das Leiden und die Sünde Bescheid weiß und in der ein bekennender Sünder der wahre Heilige ist.

Am 24. Mai feiert der rastlose Pilger und Prophet, der 1941 als Robert Allen Zimmerman oder – so sein jüdischer Name – Shabtai Zisel ben Avraham in Duluth/Minnesota geboren wurde, seinen 70. Geburtstag.

Uwe von Seltmann

Hinweis: Bob Dylan tritt am 25. Juni in Mainz und am 26. Juni in Hamburg auf.

Die Niederlage ist verschlungen in den Sieg

16. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Porträt: Ulrich Schacht verarbeitet in seinem neuen Buch die verhängnisvolle Geschichte seiner Eltern


Neben dem erschütternden Schicksal seiner Mutter ­beschreibt Ulrich Schacht in seinem Buch die Suche nach seinem russischen Vater.

Der Schriftsteller Ulrich Schacht lebt seit 1998 in Schweden. (Foto: privat)

Der Schriftsteller Ulrich Schacht lebt seit 1998 in Schweden. (Foto: privat)



 
Es ist ein warmer Sommertag im August 1950. Die 23-jährige Wendelgard Schacht lebt gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer zweijährigen Tochter in einer kleinen Wohnung in Wismar. Als am Nachmittag ein Kriminalpolizist vor ihrer Tür steht und sie freundlich bittet mitzukommen, folgt sie ihm arglos, denn sie ist sich keiner Schuld bewusst. Sie ahnt nicht, dass sie in die Fänge des stalinistischen Terrors geraten, ihr Kind und ihr Zuhause für lange Zeit nicht wiedersehen wird.

Der Polizist übergibt sie am Ende ihres gemeinsamen Weges wortlos einem Offizier des russischen Geheimdienstes. Dieser schiebt sie in eine ­bereitstehende Limousine, die mit der jungen Frau davonfährt.

Am 18. November 1950 wird sie von einem sowjetischen Militärtribunal wegen Verleitung zum Landeshochverrat zu zehn Jahren Arbeitslager ­verurteilt. Ihr Vergehen: die Liebe zu einem russischen Offizier. Beide hatten sich bei einem Tanzabend kennengelernt und ineinander verliebt. Als sie merkt, dass sie schwanger ist, schlägt sie ihm die Flucht nach Westdeutschland vor. Sie werden verraten und die kurze Liebe erlebt ein jähes, brutales Ende.

Die Schwangere kommt in das berüchtigte DDR-Frauengefängnis Hoheneck, wo am 9. März 1951 ihr Sohn Ulrich geboren wird. Ulrich Schacht, heute 60 Jahre alt, Journalist und Schriftsteller, Autor des kürzlich erschienenen Buches »Vereister Sommer«. Darin verarbeitet er die Geschichte seiner Familie. Die Grundlage bilden die Erinnerungen seiner Mutter. Daneben dokumentiert er die Geschehnisse mit Briefen und Protokollen – Textauszügen aus den Unter­lagen der Archive.

Nach der Geburt bleibt das Baby noch drei Monate bei seiner Mutter, dann wird es ihr weggenommen – im Buch eine dramatische, herzzerreißende Passage.

Wendelgard Schacht muss die über sie verhängte Haftstrafe von zehn Jahren nicht bis zum Ende absitzen. Sie wird nach knapp dreieinhalb Jahren am 22. Januar 1954 freigelassen. Bis dahin wächst ihr Sohn bei Pflege­eltern in Wismar auf, einem befreundeten kinderlosen Ehepaar.

Von seinem Vater fehlt jede Spur. Der Junge vermisst ihn nicht. In der Nähe starker Frauen – als solche charakterisiert Ulrich Schacht seine Mutter und Großmutter mütterlicherseits – nimmt er das Fehlen des Vaters nicht als Verlust wahr. Als er etwa acht Jahre alt ist, beginnt seine Mutter, ihm von ihrem Verhängnis und seiner Geburt im Gefängnis zu erzählen.

Für das Kind eher eine spannende, abenteuerliche Geschichte. »Ich fand das interessant, originell«, sagt Ulrich Schacht heute. Das, was seiner Mutter widerfahren ist, ihre Erfahrungen in der Haft, wirken ganz und gar nicht abschreckend oder einschüchternd auf ihn. Er zieht auch nicht die Konsequenz, sich an die politischen Verhältnisse in der DDR-Diktatur anzupassen.

Im Gegenteil, er lehnt sich gegen die kommunistische Propaganda auf, will dem System die Stirn bieten und ist bereit, für seine Überzeugung ins Gefängnis zu gehen. Seine geistige Heimat findet er in der Kirche, wo die kommunistische Ideologie vor der Tür bleibt.

Als Theologiestudent verfasst er provozierende Texte und wird 1973 wegen »staatsfeindlicher Hetze« zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, 1976 in die Bundesrepublik Deutschland entlassen. Seine Mutter folgt ihm 1979.

Mutter und Sohn, beide jeweils Anfang 20, als sie in die Mühlen der zweiten deutschen Diktatur des 20. Jahrhunderts geraten!

Die Festnahme seiner Mutter sei anders zu bewerten als seine eigene, betont Schacht. Auch die Bedingungen, unter denen sie inhaftiert war, seien schwieriger gewesen. Der Gedanke, sich nach dem Westen abzusetzen, war bei seiner Mutter keineswegs politisch motiviert, sondern aus dem Wunsch nach familiärem Glück erwachsen.

Seine Konfrontation mit dem Staat hingegen war gewollt. »Für mich gab es keine Legitimität des Systems. Die DDR war illegal, sie gehörte weg, einfach weg.«

In Westdeutschland angekommen, studierte Schacht Politikwissenschaften und Philosophie. Er arbeitete als Journalist und Redakteur für verschiedene Publikationen. Anerkennung wurde ihm mit mehreren Literatur- und Journalistenpreisen zuteil.

Die ­renommierteste Auszeichnung erhielt er 1990 mit dem Theodor-Wolff-Preis. Seit 1998 lebt der freischaffende Autor und Publizist in Schweden.

Für ihn als jungen Menschen, der sich aus seiner christlichen Orientierung heraus mit der kommunistischen Diktatur angelegt hatte, war die Ankunft in der westlichen Kirchenlandschaft eine Enttäuschung. »Man war Teil des Wohlstandes«, sagt Schacht rückblickend und legt dar, dass es Aufgabe der Kirche zu allen Zeiten war und ist, dem Zeitgeist zu widerstehen.

Der Säkularisierung Einhalt gebieten! Wie Martin Luther, der große Kämpfer gegen die Verweltlichung der Kirche, würde auch er gern den Selbstsäkularisierungsprozess im Protestantismus stoppen. Schacht ist ein kritischer Geist, ein Kämpfer geblieben.

Ein eigensinniger Kopf, eloquent, impulsiv, zuweilen scharfzüngig – kaum ein aktuelles politisches oder kirchliches Thema, zu dem er nicht eine dem Mainstream widersprechende profilierte Position vortragen könnte.

Er gehört der Evangelischen Bruderschaft St. Georgs-Orden an. In der 1987 im Westen von ehemaligen DDR-Christen gegründeten Gemeinschaft hofft er seinen Anspruch verwirklichen zu können: die Verbindung von Spiritualität und theologischer Reflexion auf einem intellektuell hohen Niveau, Christsein in der entchristianisierten Gesellschaft, der Zeitgeistverfallenheit entgegenwirkend.

Die Bruderschaft, die nach der Wende in der mecklenburgischen Landeskirche beheimatet war, ist seit 2000 auch in Thüringen tätig. Schacht leitet die Bruderschaft im Range eines Großkomturs.
Sein Buch »Vereister Sommer« ist Familiengeschichte, Zeugnis vom Widerstand in der kommunistischen Diktatur und – ein Beleg, welche Stärke Menschen aus ihrem Glauben schöpfen können.

Sowohl seine Mutter als auch er finden in den Texten des Christentums Lebenskraft und Mut. Seiner Mutter geben die Lieder des Gesangbuches Halt, die sie innerlich aus dem Gedächtnis gebetet hat. Ihr Sohn nahm in schweren Situationen die Bibel zur Hand, um sich aus ihr Kraft und Trost zu holen.

Neben der verhängnisvollen Geschichte seiner Mutter verfolgt der Autor in seinem Buch die komplizierte und über lange Zeit aussichtslos erscheinende Suche nach seinem russischen Vater. Das Vorhaben läuft einem großen Happy End entgegen.

Es ist ein Aufruhr der Gefühle, als Vater und Sohn einander wortlos in den Armen liegen.

Angesprochen auf die Begegnung mit seinem Vater, sagt Schacht: »Die Tatsache dieser Stunde, dieser zwei, drei Tage, hat die ganze Zeit des Nichtvorhandenseins aufgelöst in einem situativen Reichtum. Glück erfährt man, wenn es da ist. Und das hat Dauer, die unabhängig ist von allen Zeitbegriffen. Der ganze Vater war dann nach rückwärts wie für immer da.«

Der Schriftsteller ist ein grandioser Erzähler. Mit seiner brillanten Sprache vermag er den Leser zu packen. Dieser spannende autobiografische Text ist eine atemberaubende Lektüre.

Sabine Kuschel

Schacht, Ulrich: Vereister Sommer. Auf der Suche nach meinem russischen Vater, Aufbau Verlag, 221 S., ISBN 978-3-351-02729-2, 19,95 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643) 246161

Eine Gott gewidmete Oper

9. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Szene IV "Düfte - Zeichen": (von li.) Maike Raschke (Sopran), Michael Leibundgut (Bass), Csilla Csövári (Hoher Sopran), Alexander Mayr (Hoher Tenor) Foto: Klaus Lefebvre

Uraufführung: Karlheinz Stockhausens Opernzyklus der sieben Wochentage preist die Schönheit der Schöpfung


Es war eine Aufführung, ­welche die Dimensionen des bisher Vorstellbaren in jeder Hinsicht sprengte: die vollständige Präsentation von Karlheinz Stockhausens Oper »Sonntag« aus »Licht«.

Von Michael von Hintzenstern

Das Bühnenwerk erlebte am Ostersonntag von 12 bis 21 Uhr im Staatenhaus des Messegeländes in Köln-Deutz seine szenische Uraufführung. Ein Gesamtkunstwerk, das Gott gewidmet ist und mit allen Sinnen die Schönheit der Schöpfung preist. Seine reine Spieldauer beträgt sechs Stunden. Zwischen diesen lagen drei kurze und zwei anderthalbstündige Pausen, welche den Besuchern die Chance boten, bei strahlendem Sonnenschein an den Rheinauen wieder aufzutanken.

Karlheinz Stockhausen (1928 bis 2007), der als einer der wichtigsten Wegbereiter der Neuen Musik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt, war ein Mann der Superlative. Das gilt in besonderer Weise für seinen Opernzyklus der sieben Wochentage »Licht«, an dem er von 1977 bis 2003 gearbeitet hat und dessen Gesamtdauer 29 Stunden beträgt. Während »Donnerstag«, »Samstag« und »Montag« an der Mailänder Scala aus der Taufe gehoben wurden, erlebten »Dienstag« und »Freitag« an der Leipziger Oper ihre Premiere. Für die szenische Uraufführung des »Mittwoch« wird noch ein geeignetes Theater gesucht. In den Namen der Wochentage bündeln sich vielfältige mystisch-religiöse Traditionen des Abendlandes, die der Komponist in seinen Libretti aufgegriffen und neu gestaltet hat.

Das gigantische Werk basiert auf ­einer »Superformel«, deren musikalisches Material die drei Hauptprotagonisten verkörpern, die Stockhausen mit folgenden Worten beschreibt: »Michael, eine Christus- und gleichzeitig eine Engelsgestalt, die Mensch wird, um den Menschen zu Gott zu führen; Eva als Urmutter des Lebens (mit Anklängen an Maria); und Luzifer als der gefallene Engel des Lichtes.«

Der gesamte Zyklus läuft auf den »Sonntag« zu, in dem sich das Gotteslob in der mystischen Vereinigung von Michael und Eva vollzieht. »Für den Musiker heißt das: Vor Gott zu singen und zu spielen, ihn so zu loben und zu preisen, dass alles Menschenmögliche dabei zum Einsatz kommt«, schreibt im Programmheft der emeritierte evangelische Pfarrer Dr. Thomas Ullrich, in dessen Händen die Dramaturgie der Inszenierung lag. Davon zeugt die Besetzung der Partitur, die neben Vokal- und Instrumentalsolisten zwei Chöre und zwei Orchester ­sowie elektronische Klänge vorsieht. Zwei Bühnen sind erforderlich, die in der letzten Szene simultan bespielt werden. Halle A ist ein runder, weiß ausgestatteter Raum, in dem für das Publikum Liegestühle im Kreis ­auf­gestellt sind, wodurch es von allen ­Seiten bespielt werden kann und sich inmitten des Bühnengeschehens befindet. Halle B ist mit schwarzen ­Stoffen abgeteilt und bietet eine eher traditionelle Guckkastenbühne.

In »Lichter-Wasser« (Szene I) werden die zwölf Himmelskörper des Sonnensystems dargestellt, die sich
in räumlichen Bewegungen der Melodien spiegeln, die ein im Saal verteiltes Orchester spielt und zwei Solisten singen. In einer »Engels-Prozession« (Szene II) schreiten sieben Engelsgruppen durch den Raum und stimmen das Gotteslob in sieben Sprachen mit einer betörend schönen Vokalmusik an. Die Vielfalt der Schöpfung wird in Szene III (»Licht-Bilder«) in ihren unterschiedlichen Manifestationen vom Stein bis zum Geist besungen und in mitunter plakativen Projektionen dargestellt, welche die Zuschauer durch 3D-Brillen in kosmischer Weite erleben können. Szene IV (»Düfte-Zeichen«) verbindet den Rückblick auf die Tage des Zyklus jeweils mit ­einem Duft, der nach oben steigt. In »Hoch-Zeiten« (Szene V) wird die mystische Vereinigung von Michael und Eva simultan in zwei Sälen mit Chor und Orchester gefeiert, wobei an bestimmten Stellen die jeweils andere Darbietung eingeblendet wird. Damit das Publikum beide Versionen erleben kann, wechselt es die Säle. Die Chorfassung, die vom Tonband eingespielt wurde, erfährt dabei durch ­virtuos agierende Tänzer eine happeningartige Umsetzung, welche die Zuschauer mitten hinein in ein ausgelassenes Fest nimmt. Carlus Padrissa von der legendären katalanischen Performance-Gruppe »La Fura dels Baus« hat hier wie an vielen anderen Stellen alle Register eines spektakulären, effekt- und bilderreichen Theaters gezogen. Neben der mit höchster Präzision spielenden »musikFabrik« (Leitung: Peter Rundel), den beteiligten Chören (Leitung: James Wood) und den lupenrein intonierenden Solisten Anna Palimina (Sopran) und Hubert Mayer (Tenor) ist die musikalische Gesamtleitung durch Stockhausens langjährige Weggefährtin Kathinka Pasver zu loben, bei der alle Fäden zusammenliefen.

www.operkoeln.de

Der andere Fernsehsender

1. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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ARTE mit seinem Programm für anspruchsvolle Zuschauer.

arteWer am Ufer der Ill in Straßburg entlangschlendert, sieht sich plötzlich mit einer ungewöhnlichen Figur konfrontiert. Eine meterhohe Skulptur vor dem Eingang eines Gebäudes aus Glas und Stahl am Quai du Chanoine Winterer weckt das Interesse des Besuchers. Es ist der »Giraffenmann«, geschaffen von Stephan Balkenhol, einem Künstler aus Karlsruhe. Sie hat ihren Platz vor dem Haupteingang des Fernsehsenders »ARTE«.

Seit Oktober 2003 ist hier Sitz des europäischen Kulturkanals, in der Nähe und Umgebung europäischer Institutionen. Der Beginn des Kulturkanals ist eng mit den Namen des französischen Präsidenten Francoise Mitterand und dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl verbunden. »ARTE sollte der Schlussstein im deutsch-französischen Versöhnungswerk sein«, sagt Programmdirektor Dr. Christoph Hauser. Die Vision wurde Wirklichkeit. Der zwischenstaat­liche Vertrag wurde am 2. Oktober 1990 zwischen Frankreich und Deutschland unterzeichnet. Bald darauf wurde ARTE (Association Relative à la Télévision Européenne) ins Leben gerufen. »Ziel war es, ein Kulturprogramm zu bieten, das den Völkern in Europa dient«, so Hauser, »auch wenn nicht alle Fragen gleich gelöst werden können.«

Heute ist man längst weiter.

ARTE versteht sich als ein moderner, internationaler Kulturkanal, der sich bemüht, Fragen unterschiedlicher Kulturen, der Identi­täten von Völkern und ihrer Religionen sich zu Eigen zu machen. ARTE TV sendet hochwertige Dokumentationen, bereitet Themenabende auf, überträgt Opern aus den großen Häusern Europas, bietet ­Musik- und Tanzübertragungen auf internationalem Niveau, sendet aufwendige Spiel- und Fernsehfilme wie »The War« oder der »Vietnamkrieg« etc. Empfangen wird das Programm in vielen europä­ischen Ländern und über Europas Grenzen hinaus. Es gibt Assoziierungs- und Kooperationsabkommen mit vielen staatlichen TV-Sendern in Mittel- und Osteuropa.

Fast 200 Millionen Menschen können ARTE sehen.

Aber der Sender versteht sich dennoch nicht als Massenprogramm. Bei ARTE fehlen daher Shows und Sportübertragungen. »Es geht nicht um Quote, sondern um Qualität«, sagt Hauser. Etwa ein Prozent des Fernseh­publikums in Deutschland sieht ARTE, in Frankreich ist der Marktanteil höher.

ARTE als öffentlich-rechtlicher Kultur-Kanal finanziert sich über die in Deutschland und Frankreich erhobenen Rundfunkgebühren zu 95 Prozent. Werbung ist fehl am Platze. An ARTE beteiligen sich ARD und ZDF zu 50 Prozent.

Der abgeschlossene völkerrechtliche Vertrag steht über dem jeweiligen nationalen Recht. Verwaltungsdirektor Victor Rocaries: »In ARTE ist viel Vertrauen geflossen. Wir ­stehen aus nationaler Sicht immer irgendwo dazwischen. Unsere Struktur hebt sich aus den jeweiligen nationalen Strukturen heraus.« Kontrolle durch einen staatlichen nationalen Rechnungshof würde dem zwischenstaatlichen Vertrag widersprechen.

ARTE unterliegt auch ­keiner Jugendschutzregelung. »Wir leben eine Freiheit mit eigenen Regeln, die in beiden Ländern akzeptiert werden«, so Rocaries.

Ulrich Wickel

Wann ist eigentlich immer Ostern?

21. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Kaum jemand weiß, wie die Kirchenregeln für das wechselnde Osterdatum angewendet werden.

kalender»Ostern? Das steht doch im Kalender«, sagt Reinhard Mawick, Sprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Es sei ein »bewegliches Kirchenfest« und könne pendeln zwischen dem 22. März und dem 25. April.

Uralte Regeln legen den Termin fest: Der erste Sonntag nach dem ersten Vollmond am oder nach dem Frühlingsbeginn am 21. März – dann ist Ostern.

Diese Formulierung hält der Hamburger Astronom Bernd Loibl für falsch. Das Osterdatum folge nicht der Astronomie, sondern allein kirchlichen Festsetzungen.

Der kirchliche Frühlingsanfang sei »nicht der ­Moment der astronomischen Tag- und Nachtgleiche«, sondern immer der 21. März. Dies legte das Konzil von Nicäa im Jahr 325 fest. Und der »Kirchen-Vollmond« sei dem wirklichen Vollmond zwar außerordentlich gut angenähert, aber es könne auch Abweichungen geben, sagt Loibl.

So war im Jahr 1962 am Dienstag, 20. März, »Kirchen-Vollmond«, also nicht im Frühling. Am 21. März war um 7.55 Uhr Weltzeit »echter« Vollmond – Ostern hätte demnach am folgenden Sonntag stattfinden können (25. März) – tat es aber nicht. Denn der erste kirchliche Frühlingsvollmond war später, am Mittwoch, 18. April 1962 – Ostern demzufolge erst am nächsten Sonntag, 22. April.

Der Kirchen-Vollmond folgt einem 19-jährigen Zyklus, den schon der griechische Gelehrte Meton im 5. Jahrhundert vor Christus entdeckte, sagt Loibl. Mit der Gregorianischen Kalenderreform, die Ende des 16. Jahrhunderts den Julianischen Kalender ablöste, wurde dieser Zyklus übernommen, modifiziert und leicht korrigiert, etwa auch durch Schaltjahre.

Wer aber sorgt heute dafür, dass die ­alten Kirchenregeln korrekt angewendet werden?

Dafür gibt es komplizierte Formeln. Und die Ergebnisse können abweichen von den Vollmonddaten der Astronomen, die in den Kalendern stehen. Aber welches Kirchengremium weiß, auf welches Datum der erste kirchliche Frühlingsvollmond fällt?

Bei der EKD gibt es eine »Liturgische Konferenz«. Mitglied ist der Berliner Superintendent Bertold Höcker: »Niemand legt den Ostertermin konkret fest«, sagt er. Dafür gebe es »immerwährende Kalender«, etwa auch die Tabellen des Pfarrerkalenders. Mit den Formeln für den kirchlichen Frühlingsvollmond beschäftige sich die Konferenz nicht. Mittlerweile gebe es auch Osterrechner im Internet. Und ansonsten, sagt auch Höcker, gelte die alte Regel – erster Sonntag nach Frühlingsvollmond.

Der Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, in dem der Pfarrerkalender ­erscheint, gibt an, die Daten gegen Lizenzen von säku­laren Verlagen zu übernehmen. Für ­Aufhellung sorgt der Verlag »Brunnen, Schneider & Baier« in Heilbronn: »Wir beziehen unsere Kalenderangaben gegen Lizenz vom Astronomischen Rechen­institut der Universität Heidelberg«, sagt ein Unternehmenssprecher.

Bei den Heidelberger Astronomen arbeitet der promovierte Kalenderspezialist Reinhold Bien. »Ja«, bestätigt er, »wir rechnen für Ostern mit den alten Kirchenformeln – die astronomische Berechnung der wirklichen Stellung von Sonne, Mond und Erde wäre viel zu aufwendig und kompliziert.« Anfang des Jahres erschienen die »Astronomischen Kalendergrundlagen für 2013« – inklusive der Osterdaten von 2013 bis 2023.

Der wechselnde Termin des Festes beruht auf Kirchenregeln, die alt sind – aber kaum jemand in der Kirche weiß, wie man sie anwendet und wer das macht.

Das höchste Fest der Christenheit pendelt alljährlich durch den Kalender, ohne dass ein kirchliches Gremium damit beschäftigt wäre. Vielleicht, so könnte man munkeln, ist dies der Grund dafür, dass es störungsfrei funktioniert.

Klaus Merhof (epd)

Sein Wirken ist polyfon

17. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Zum 65. Geburtstag des Leipziger Prof. Martin Petzoldt.

Im Klang der Wirklichkeit – Musik und Theologie.« So lautet der Titel der Festschrift, die zu Ehren von Prof. Martin Petzoldt anlässlich seines 65. Geburtstages am 13. April 2011 erschienen ist. Martin Petzoldt ist Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Evangelisch-Theo­logischen Fakultät der Universität Leipzig.

Martin Petzoldt beschäftigt sich ­vorrangig mit der theologischen Bachforschung. Foto: privat

Martin Petzoldt beschäftigt sich ­vorrangig mit der theologischen Bachforschung. Foto: privat

Für die in verschiedene akademische Disziplinen aufgeteilte Welt der Universität, ist es eine Besonderheit, zwei so unterschiedliche und anspruchsvolle Gebiete wie Musik und Theologie miteinander zu vereinen. »Interdisziplinarität«, heißt das Zauberwort und ist der »neuste Schrei« im universitären Alltag. Umso bemerkenswerter ist, dass dieses scheinbare »Novum« schon lange Zeit als spezifische Kontur des akademischen Profils Martin Petzoldts vorhanden ist. Eines seiner vorrangigen Beschäftigungs­felder ist die theologische Bachforschung. Er lehrt seit 1986 an der Universität Leipzig. Seine musikalische Bildung begann als Schüler an der Kreuzschule Dresden und als Mitglied des Dresdner Kreuzchores.

Aktuell arbeitet Petzoldt an der Vollendung seines vielleicht ehrgeizigsten Projekts – der Kommentierung des gesamten geistlichen Vokalwerkes Johann Sebastian Bachs. Zwei umfangreiche Bände »Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten.« sind bereits erschienen – der dritte Band ist in Arbeit.

Petzoldt lehrt, forscht und publiziert außerdem zu Themen evangelischer Dogmatik und Ethik sowie zu Fragen kirchlicher Praxis. Flankiert und ergänzt werden diese Arbeiten durch zeittypische, lokal- und regionalspezifische Studien. Kürzlich ist ein kleines, wunderbar farbenfrohes Bändchen zu den Fenstern der Thomaskirche Leipzig, unter dem Titel »Leuchtende Erinnerung« erschienen. Martin Petzoldts Wirken ist im wahrsten Sinne des Wortes polyfon.

Er hat ein enges Verhältnis zu den praktischen Wirklichkeiten der Forschungsfelder, mit denen er sich beschäftigt. Als er von 1998 bis 2009 das Amt des Ersten Universitätspredigers innehatte, war er auf diese Weise auch mit dem praktischen Vollzug gottesdienstlichen Lebens in Form der Universitätsgottesdienste betraut – einer Institution, mit der die Universität Leipzig seit ihrer Gründung 1409 regelmäßig an jedem Sonntag und an Feiertagen Gottesdienst feiert. Selbst die Sprengung der alten Universitätskirche St. Pauli konnte dieser Institution nicht den Garaus machen. So ist es umso erfreulicher, dass gegenwärtig die Arbeiten am Neubau der Universitätskirche St. Pauli, die gleichzeitig die Aula des neuen Universitäts­campus sein wird, auf Hochtouren laufen. Als Vorsitzender des Verwaltungsrates des Diakonischen Werks der Inneren Mission Leipzig e.V., ein Amt, das er seit 1991 innehat, weiß er auch um die Herausforderungen kirchlich-diakonischer Arbeit, die sich in einer modernen und globalisierten Welt nicht zuletzt als ökonomische, das Management betreffende Aufgabe stellen.

Petzoldt ist Mitherausgeber der »Theologischen Literaturzeitung (ThLZ)«, der ältesten und umfangreichsten Rezensionszeitschrift für Theologie und Religionswissenschaft. Sie deckt das gesamte Spektrum theologisch-wissenschaftlicher Veröffentlichung ab.

Für die theologische Fakultät der Universität Leipzig und für die ­evangelisch-lutherische Landeskirche Sachsens bildet das Wirken Martin Petzoldts eine große Bereicherung. Der spezifische und in der Landschaft der deutschen theologischen Fakultäten einzigartige Forschungsbereich Martin Petzoldts bildet ein besonderes Herausstellungsmerkmal Leipzigs.

Markus Franz

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Systematische Theologie/Ethik an der Universität Leipzig.

»Im Schreiben konnte ich mir die Welt selber gestalten«

10. April 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Regelmäßig zieht es Michael Pohlmann an seine einstige Arbeits- und Wirkstätte, die Dresdner Neustadt. Foto: Steffen Giersch

Regelmäßig zieht es Michael Pohlmann an seine einstige Arbeits- und Wirkstätte, die Dresdner Neustadt. Foto: Steffen Giersch

Welt-Parkinson-Tag: Ein Betroffener hat die Krankheit in Literatur verarbeitetet – solange es ging

Am 11. April ist Welt-Parkinson-Tag. Michael Pohlmann leidet an der Krankheit und erzählt von seinem Kampf gegen das Verstummen.

Eigentlich möchte Michael Pohlmann nicht über seine Krankheit sprechen, er hat schon zu oft darüber berichtet und er will nicht allein auf dieses Zittern, dieses Ungelenke, Unberechenbare, kurz auf Parkinson reduziert werden. Aber reden möchte er schon. Zum Beispiel über das, was er mittlerweile nicht mehr vermag zu tun, wovon ihn genau diese Krankheit abhält: vom Schreiben. Michael Pohlmann, 54 Jahre, durchstreift seine kleine Dresdner Wohnung, deren Wände von alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen dominiert werden: Fotos von der Familie seines Großonkels
in Leipzig, die ihn sehr geprägt hat, Bilder von seinem Sohn, einer Reise durch die USA. Dazwischen hängen alte Fahrkarten, ein Schwerter-zu-Pflugscharen-Band und Boxhandschuhe. Und über der Tür klebt dieses Plakat mit dem Kopf von Reiner Kunze, daneben ein Zitat des Schriftstellers: »Das Gedicht ist zur Ruhe ­gekommene Unruhe.« Für Michael Pohlmann bringt es eine ganze Menge auf den Punkt.

»›Maschinenmenschentappern‹, sage ich zu meinen ersten Schritten am Morgen. Meine Beine sind steif, als wären es schlecht geschmierte Prothesen. Stolpernd, die Hände verkrampft in Pfötchenhaltung, setze ich einen Fuß vor den anderen.«

»Am Anfang hab ich gedacht: Gedichte, das ist etwas für pubertierende Mädchen«, sagt Pohlmann. Inzwischen hat er selber Dutzende geschrieben und sie in zwei kleinen Bänden veröffentlicht. Daneben schrieb er viele Erzählungen, kurze Geschichten, meist aus seinem eigenen Leben und Erleben. Pohlmann wurde in Leipzig geboren, lernte zu DDR-Zeiten Krankenpfleger und stöberte dann in anderen Berufsständen herum: als Rangierer, Grabmacher, Bibliothekshelfer oder Fensterputzer. Bevor er kirchliche Sozialarbeit studierte, gründete er mit Gleichgesinnten die erste Wohngemeinschaft von Menschen mit und ohne Behinderung der DDR in einem kleinen Dorf in Ostthüringen. Später leitete er die Dresdner Wohnungslosenhilfe und war bis zu seiner Berentung 2002 Kirchensozialarbeiter in Dresden-Mitte. Er hat viel zu erzählen, weil er viele Menschen kennengelernt hat.

Michael Pohlmann hat die Geschichten aufgeschrieben, seine Manuskripte ­einem kleinen Dresdner Verleger zu lesen gegeben und der hat sie gedruckt. Auf einem der Buchrücken steht: »Erste Schreibversuche 1996 im Krankenhaus.« In dem Jahr erfährt Pohlmann seine Diagnose Parkinson, er ist 40 Jahre alt.

»Mit einer ruckartigen Bewegung werfe ich mir die weißen Dinger in den Mund und komme mir dabei vor, wie ein wilhelminischer Unteroffizier, der einem Vorgesetzten zuprostet.«

In seinem ersten Band »Erzählungen über Hoffmann«, der 2004 erscheint, beschreibt Pohlmann in dem Text »Parkinson-Junkie«, wie bei langsam fortschreitenden Symptomen für ihn ein beliebiger Morgen beginnt. Auf den fünf bedruckten Seiten scheint die Zeit stehen zu bleiben. Mit Vergleichen, die beim Leser gleichzeitig ein Schmunzeln und Stöhnen erzeugen, versucht der Autor seinen Krankheitszustand zu beschreiben. »Ich habe früher gerne geschrieben«, sagt Pohlmann. Das leise monotone Sprechen ist eine Folge der Krankheit, die von Verlangsamung, Muskelverspannung und Zittern geprägt ist. »Im Schreiben konnte ich mir die Welt selber gestalten.« Pohlmann sagt »konnte« und meint: Heute ist dieses feinmotorische Handwerk für ihn nicht mehr möglich. »Ich habe dieses unbedingte Bedürfnis zu Schreiben, aber ich kann mich nicht mehr konzentrieren. Ich sehe es für mich einfach nicht mehr.«

»Starre und Zittern kämpfen um meinen Körper, für die nächsten zwei Stunden hat die Überbeweglichkeit das Sagen. Ich fühle mich aufgezogen wie ein altes Spielzeug.«

Dabei hat Michael Pohlmann lange versucht, seine Literatur über seine Krankheit zu halten. Er entwickelte Lesungen mit musikalischem Programm. Irgendwann konnte er seine Gedichte und Erzählungen nicht mehr selber vortragen. Für einen Moment lehnt er sich gelassen in seinem Sessel zurück, zieht an seiner Zigarette, guckt hinaus zwischen die Häuser des noblen Dresdner Viertels Weißer Hirsch und sagt: »Es ist schön ruhig hier.« Zurückgezogen hat er sich in den letzten Jahren. Nur eines kann ihm die Krankheit so schnell nicht nehmen: Fast täglich setzt er sich auf sein Fahrrad, rollt hinunter in die Dresdner Neustadt, dort wo er einst als Sozialarbeiter fast selbst zum Inventar gehörte.

Maxie Thielemann

Bücher und Audio-CD von Michael Pohlmann, erschienen im Verlag Christoph Hille:
Erzählungen über Hoffmann, 164 S., ISBN 978-3-932858-71-0, 10,50 Euro
Erzählungen über Hoffmann, Audio-CD, ISBN 978-3-932858-72-7, 12,50 Euro
Schneetaubenschlag, 40 S., ISBN 978-3-932858-56-7, 5,00 Euro
Stachelhaut, 176 S., ISBN 978-3-932858-24-6, 12,50 Euro

Die auf dieser Seite empfohlenen ­Bücher sind zu beziehen über den Buchhandel oder den Bestellservice ­Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643) 246161

Kirchen – Veranstaltungsorte für große Musikfeste

3. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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haendelfestspiele_web

Ein Überblick über die diesjährigen musikalischen Höhepunkte in Mitteldeutschland

Sakralbauten zwischen Magdeburg und dem Erzgebirge, zwischen Dresden und Erfurt werden zu den musikalischen Höhepunkten auch in diesem Jahr wieder ganz im Mittelpunkt stehen. Einen Schwerpunkt ­bildet dabei die Barockmusik, deren Großmeister sich alle irgendwann auch im Gebiet der heutigen Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen aufhielten.

Die halleschen Händel-Festspiele (2. bis 12. Juni) als größtes Musikfest Sachsen-Anhalts schlagen diesmal ­sogar eine Brücke zu einer anderen mitteldeutschen Metropole, denn ­thematisch im Mittelpunkt steht der Dresdner Barock. Händels Oper »Ottone« nach musikalischer Vorlage des Dresdner Kollegen Antonio Lotti wird zu den Festspielen freilich im halleschen Opernhaus aufgeführt, während in der zentralen Marktkirche zum Beispiel das interreligiöse Projekt »Israel in Egypt – von der Sklaverei zur Freiheit« (5. Juni, 18 Uhr) und die traditionelle Aufführung des »Messiah« zu erleben sind (3. Juni, 17 Uhr) – diesmal mit dem tschechischen Ensemble »Collegium 1704«. Letzteres präsentiert außerdem im Dom zu Halle (4. Juni, 19.30 Uhr) eine Gegenüberstellung von Werken Händels und Zelenkas.

Ein ähnliches Schwergewicht wie die halleschen Händel-Festspiele findet mit dem Leipziger Bachfest beinahe gleichzeitig, vom 10. bis 19. Juni, statt. Das Motto »nach italienischem Gusto« nimmt Bezug auf die starken italienischen Einflüsse in Bachs Musik, doch auch die Jubilare Franz Liszt und Gustav Mahler erhalten ihren Platz. Zahlreiche Konzerte mit hochrangigen Ensembles, aber auch musikalische Gottesdienste nicht nur in der Thomas- und der Nicolaikirche gehören dazu. Dem Thomaskantor sind auch die Thüringer Bachwochen gewidmet, die vom 15. April bis 8. Mai ein umfängliches Programm in zehn Städten bieten. Besondere Höhepunkte: ein Konzert mit dem Pianisten Martin Stadtfeld und dem Cellisten Jan Vogler in Ohrdruf (6. Mai, 19.30 Uhr, Trinitatiskirche) und die getanzte Uraufführung »Cantatatanz« mit »Nico and the navigators« in der Erfurter Predigerkirche (6./7. Mai, 21 Uhr).

Vom 7. bis 17. April finden in Zerbst die 11. Fasch-Festtage statt, die diesmal sowohl den Zerbster Hofkapellmeister Johann Friedrich Fasch, als auch ­seinen Sohn Carl Friedrich Christian in den Blick nehmen. Natürlich spielen dabei auch die örtlichen Kirchen St. Bartholomäi und St. Trinitatis eine wichtige Rolle – in letzterer findet am 17. April um 17 Uhr das Abschlusskonzert mit der Singakademie Berlin und der Lautten-Compagney statt.
Heinrich Schütz wird mit einem Festival wie immer länderübergreifend gefeiert, nämlich vom 7. bis
16. Oktober 2011 in Bad Köstritz, Dresden und Weißenfels. Und nicht zu ­vergessen sind auch die Gottfried-
Silbermann-Tage vom 7. bis 18. September, die sich naturgemäß fast ausschließlich in Kirchenräumen abspielen und ihren glanzvollen Abschluss am 18. September im Freiberger Dom (17 Uhr) mit dem Preisträgerkonzert des angeschlossenen Wettbewerbs finden. Auch ansonsten eher weltlich ausgerichtete Festivals verzichten nicht auf Kirchen als Veranstaltungsorte: das Kunstfest Weimar Ende August, das Sächsische Mozartfest, das A-cappella-Festival Leipzig und das Dessauer Kurt-Weill-Fest zählen dazu.

Die Dresdner Musikfestspiele schlagen vom 18. Mai bis 5. Juni diesmal unter dem Motto »Fünf Elemente« eine Brücke nach Fernost, ­wobei die Aufführung von Bruckners siebenter Sinfonie in der Frauenkirche mit Kurt Masur und der Dresdner Philharmonie (20. Mai, 20 Uhr) sich ebenso wenig in dieses Thema einzeichnet wie das Jubiläumskonzert des Dresdner Kammerchors in der Kreuzkirche (22. Mai, 17 Uhr).

Während der MDR-Musiksommer wie immer eine Reihe von Festivals im Festival und auch zahllose Kirchenkonzerte bietet, startet am 24. Juni in Wittenberg ein auf drei Jahre angelegtes klar fokussiertes ­Musikprojekt – das »Festival Sakrale Musik«. Zu erwarten sind zehn Konzerte mit namhaften Ensembles und spiritueller Musik aus aller Welt – von japanischen Priestergesängen über jüdische Chorwerke bis hin zu Musik der ­australischen Ureinwohner.

Johannes Killyen

Junges Publikum mit Interesse für spirituelle Themen

28. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Eindrücke vom Gemeinschaftsstand evangelischer und katholischer Verlage auf der Leipziger Buchmesse

aktuell-buchmesse-leipzig-logo_displayFreiheit. Was ist Freiheit, wie gehen wir mit ihr um, wie hilft uns Gott, die Freiheit zu begreifen und zu nutzen? Der gemeinsame Gottesdienst des Evangelischen Medienverbandes in Deutschland und der Vereinigung Evangelischer Buchhändler und Verlage am letzten Tag der Leipziger Buchmesse hatte ein großes Thema: »Von der Freiheit des Christenmenschen«. Zu diesem Thema gehörte der Blick auf den Bau der Mauer vor 50 Jahren und deren Fall durch die friedliche Revolution 1989. Aktuell drängten sich zwei andere Ereignisse in den Vordergrund. Thomas Hein, Vorsitzender der Vereinigung Evangelischer Verleger und Buchhändler, entzündete eine Kerze für die Opfer der Katastrophe in Japan. Gemeinsam legten die rund 50 Gottesdienstbesucher eine Schweigeminute ein.

An den denkwürdigen Tag des 9. November 1989 erinnerte Wolfgang Riewe, Vorsitzender des Evangelischen Medienverbandes und Chefredakteur der Wochenzeitung »Unsere Kirche« in Bielefeld. Er zog Parallelen zum 25. Januar 2011, der wohl als ein besonderer Tag für die Menschen in Ägypten und in Nordafrika gesehen werden könne.

»Zur Freiheit hat uns Christus befreit.« Die ­Aussage aus dem Galaterbrief nahm Riewe als Anstoß, über den christ-
lichen Sinn von Freiheit nachzudenken. Es sei nicht grenzenlose Freiheit, alles durchzusetzen ohne Rücksicht auf Verluste, es sei nicht die Freiheit, die Welt zu zerstören. Vielmehr sehe er die Freiheit in der Bescheidenheit, der Zufriedenheit und der Freude an kleinen Dingen des Alltags.

Den Gottesdienst begleitete Jörg Swoboda mit Kirchenliedern, neuen Texten sowie eigenen christlichen Songs.
Während der Leipziger Buchmesse konnten die Besucher am Gemeinschaftsstand der evangelischen und katholischen Verlage in den vielfältigen Veröffentlichungen stöbern. ­Besondere Beachtung hätten unter anderem die Regale mit den unterschiedlichsten Bibelausgaben gefunden, so Riewe. Er sei zufrieden mit dem Besucherstrom und der Resonanz. »Ich hab hier ein gemischtes Publikum beobachtet, das sehr interessiert nach den Büchern schaute, sich ja sogar mitunter festlas«, resümierte er. Das Interesse vor allem auch junger Leute an kirchlichen ­Büchern sei ihm besonders positiv aufgefallen. »Das ist anders als auf der Frankfurter Buchmesse, dort ist eher das Fachpublikum vertreten.«

Sehr gefragt waren am Gemeinschaftsstand der Kirchen, an dem sich rund 40 Verlage beteiligten, spirituelle Themen, Bücher, die Antworten auf Fragen geben nach der persönlichen Lebensgestaltung. »Ich habe erlebt, wie die Besucher sehr offen auf unseren Stand zugegangen sind, nachgefragt haben und mit den Ausstellern ins Gespräch kamen«, sagt Thomas Hein. Bewährt habe sich, dass der Gemeinschaftsstand auf der Buchmesse in diesem Jahr größer war. Zudem seien die Titel von Prominenten wie zum Beispiel Margot Käßmann, der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), vorgestellt worden.

Silvia Rost

Literarische Schätze

21. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Tom Pauls’ Auswahl

Viele Deutsche haben leider ­vergessen, dass die sächsische Kanzelsprache, auch Meißner Kanzleideutsch genannt, von Martin Luther maßgeblich für seine ­Bibelübersetzung herangezogen wurde.« Angesichts dieser bemerkenswerten Erkenntnis ist es verwunderlich, dass der sächsische Dialekt allzu oft der Lächerlichkeit preisgegeben ist und verachtet wird. Offensichtlich zu Unrecht und in Unkenntnis über die Be­deutung des Sächsischen, das seit 500 Jahren das Hochdeutsche geprägt habe, so schreibt es der Schauspieler und Kabarettist Tom Pauls im Vorwort seines Buches »Eiserne Ration für fichilante Sachsen«. Schade, dass er mit diesem Titel nur eine sächsische Leserschaft im Blick hat. Denn die meisten in dem Buch enthaltenen Lieder, Gedichte und Geschichten sollten nicht nur zum Bildungsgut der sächsischen Landsleute gehören.

Zum Beispiel wird der erzgebirgische Volksheld Carl Stülpner vorgestellt, dessen Bekanntschaft zu machen sich auch für Nichtsachsen lohnt. Ebenso sollte die Republik Schwarzenberg, ein Gebiet im Erzgebirge, das nach der Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 für 42 Tage unbesetzt blieb, zur Allgemeinbildung gehören.

BuchcoverIn der Publikation finden sich Texte unter anderem von Theodor Fontane, Paul Gerhardt, Gerhart Hauptmann, Erich Kästner, Martin Luther und Joachim Ringelnatz. Pauls Idee war, literarische Schätze, die frühere Generationen auswendig kannten, in ­einem Handbuch zusammenzufassen und vor dem Vergessen zu bewahren. Entstanden ist eine Sammlung von Perlen deutscher Poesie, lesenswerte Lektüre nicht nur für Sachsen. Es finden sich darin zwar etliche Beiträge mit explizit sächsischem Bezug, doch es gibt keinen Grund, diese ­literarischen Kostbarkeiten und historischen Einblicke einer nichtsächsischen Leserschaft vorenthalten zu wollen.

Sehr vergnüglich die Anekdoten über den letzten Sachsenkönig, Friedrich August II. sowie das Kapitel »Sächsisches Allerlei«. Zu Wort kommt auch die Schriftstellerin und sächsische Mundartdichterin Lene Voigt. Eine ihrer Figuren inspirierte Tom Pauls zu seiner Rolle als Ilse Bähnert, einer gewieften, liebenswerten alten Dame. Mit dem Soloprogramm feiert der Schauspieler auf der Bühne und im Fernsehen Erfolge.

Pauls hat mit seiner Auswahl Ernsthaftes und Humorvolles wunderbar gemischt. Ganz nebenbei bringt er mit seinem Handbuch auch den sächsischen Dialekt zu Ehren. Denn mit Verweis auf ­Luthers Bibelübersetzung betont Pauls: »Das Sächsische brachte endlich Ordnung und eine gefällige Norm in die bis dato wirre und gelegentlich unverständliche Welt des geschriebenen Wortes.«

Sabine Kuschel

Pauls, Tom: Eiserne Ration für fichilante Sachsen. Geschichten und Gedichte, die jeder kennen muss, Hohenheim Verlag, 175 S., ISBN 978-3-89850-207-8, 15 Euro

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Schicksalsmuster

15. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Szene aus dem Stück »Joseph und seine Brüder«. Vorn liegend: Sabrina Weidner, auf den Stühlen v. li.: Diana Nitschke, Thomas Deubel, Jenny Kühl. (Foto: Armin Kühne)

Szene aus dem Stück »Joseph und seine Brüder«. Vorn liegend: Sabrina Weidner, auf den Stühlen v. li.: Diana Nitschke, Thomas Deubel, Jenny Kühl. (Foto: Armin Kühne)

Amateurensemble der Cammerspiele Leipzig spielt »Joseph und seine Brüder«

Romanadaptionen haben seit einiger Zeit Konjunktur auf deutschen Bühnen; insbesondere die Werke Thomas Manns erfreuen sich dabei großer Beliebtheit. Reflektieren die Theater damit eine stärkere Teilhabe an der Werte-Diskussion, für die sich nicht die entsprechenden Stücke finden?

Nach den »Buddenbrooks« in Dresden und »Der Zauberberg« in Berlin und Leipzig wagte sich nun das Amateurensemble der Cammerspiele Leipzig an eine Dramatisierung der ersten beiden Bücher von »Joseph und seine Brüder«. Geschrieben wurden sie vom großen Romancier in den Jahren 1927 bis 1934, bevor er 1943 die Tetralogie mit zwei weiteren Teilen beendete.

Auch wenn Thomas Mann den ­alttestamentarischen Stoff vom Leben Josephs als heiter-orientalischen Menschheitsmythos konzipierte, stieg er dabei bis tief in die ­Urgeschichte von Abraham, Josephs Vater Jaakob und seinen elf Brüdern hinab und ­beschrieb deren dunkle Seiten.

Anders als John von Düffel, der alle vier Roman-Teile dramatisierte, konzentrierten sich der Leipziger Regisseur Christian Hanisch und die Dramaturgin Susann Schreiber auf die ersten beiden Bücher: »Die Geschichten Jaakobs« und »Der junge Joseph«. Dazu lieferte ihnen der Germanist und Theologe Hermann Kurzke einen ideellen Ansatz, der auf dem Programmzettel folgendermaßen zitiert wird: »Alles, was geschieht, ist Wiederholung. Verstehen bedeutet, das zu einer Situation passende Urgeschehen, das einer Figur zugehörige Vor-Bild zu finden.«

In einer zur Bühne umfunktionierten Werkhalle sitzen in Leipzig cirka 50 Zuschauer vier Schauspieler/innen gegenüber. Zwischen ihnen eine dunkle Fläche voller kleiner Spielzeug-Schafe.

Die Spieler Thomas Deubel, Jenny Kühl, Diana Nitschke und Sabrina Weidner betreten nach und nach den Raum, legen ihre private Kleidung ab und diverse Kostümteile an. Erst vereinzelt, dann immer häufiger, beginnen sie zu mähen und mit uns in »den Brunnen der Vergangenheit« hinabzusteigen.

In wechselnden Rollen erzählen die jungen Akteure mit sparsamen Mitteln die Geschichten von Jaakobs Leben bis hin zu Rahels Tod, vom Segensbetrug an Esau, Jaakobs Verbannungszeit bei Laban, seinem jahrelangen Dienen und Warten auf Rahel, von ihrer Vertauschung in der Brautnacht mit deren Schwester Lea, der späten Geburt Josephs und dessen Züchtigung durch seine Brüder.

Doch das geschieht nicht in linearer Abfolge, sondern in wechselnden Zeitsprüngen, sodass nur Roman­kenner dem biblischen Bilderbogen folgen können. Aber das scheint den Inszenatoren nicht wichtig.

Im Mittelpunkt des zweistündigen Abends ­stehen vielmehr die schicksalhaften Wiederholungen von Täuschung, Überlebenskampf, Gewalt, Geburt und Tod. Mit Hermann Kurzke sucht man »im Mythenschatzhaus nach dem Prototyp für eine Situation« sowie archetypischen Konstellationen.

Dass sich das Ensemble dabei der Mittel des Armen Theaters bedient, kommt dieser Absicht zugute: Ein ­Eimer Wasser, Blut, ein paar Hände voller Getreidekörner, sparsame Licht­wechsel konzentrieren das Spiel. Schön das Schlussbild der Inszenierung: Eine Spielerin legt ihr Kostüm ab und steigt aus dem wiederkehrenden Kreislauf von Täter-Opfer-Sein aus, spielt nicht mehr mit, verlässt geräuschlos die Bühne.

Die Auseinandersetzung des jungen Ensembles mit Thomas Manns Werk verdient Respekt. Mit viel Enthusiasmus haben die jungen Spieler ­versucht, sich der selbst gewählten Herausforderung zu stellen. Doch spätestens in den Momenten, in ­denen die Inszenierung ganz auf die Sprache Thomas Manns setzt, zeigen sich die schauspielerischen Grenzen der Amateure.

Die Cammerspiele Leipzig machen seit über zehn Jahren ambitioniertes Theater in der Stadt, wurden im letzten Jahr dafür sogar mit einem Preis geehrt. Den hat diese Inszenierung zwar nicht verdient, bekam vom Premierenpublikum aber ordentlichen Applaus.

Matthias Caffier

Nächste Vorstellungen: 24. bis 26. März, jeweils 19.30 Uhr und am 27. März um 18 Uhr

Bibelgeschichten sind rar

4. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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buch

Kirchliche Buchexperten vermissen religiöse Themen in der neueren Kinderliteratur.

In seinem auch als Kinderbuch erschienen Theaterstück »An der ­Arche um Acht« lässt Ulrich Hub drei Pinguine darüber streiten, ob der liebe Gott wirklich lieb ist, ob er alles sieht oder ob es ihn am Ende gar nicht gibt. Hub ist damit einer der wenigen Autoren, die kindgerecht die große Frage nach Gott stellen.

»Im erzählerischen Kinder- und ­Jugendbuch ist ein großer Verlust von Religion zu beobachten«, sagt Gabriele Kassenbrock, Geschäftsführerin des Vereins Evangelisches Literaturportal. Das Literaturportal vergibt jährlich den Evangelischen Buchpreis, der deutschsprachige Belletristik sowie Kinder- und Jugendliteratur auszeichnet.

Den Mangel an biblischen Geschichten führt Kassenbrock zum einen darauf zurück, dass die Nachfrage und das Interesse von Eltern sinke. Vor allem aber fehlten Schriftsteller, die sich an religiöse Geschichten ­wagten.

Diese Einschätzung teilt auch der Verfasser christlicher Kinderbücher und Direktor des katholischen Bücher- und Medienhauses Sankt Michaelsbund, Erich Jooß: »Ich wünsche mir mehr profilierte Kinderbuchautoren, die biblische Stoffe erzählen.«

Ihm ist in seinen Büchern vor allem eines wichtig: den Kindern Freiheiten lassen, um mitzudenken und eigene Schlüsse zu ziehen.

»Gute Geschichten haben offene Stellen, die die Kinder mit ihrer eigenen Fantasie füllen können«, sagt Jooß. Das Erzählte selbst müsse die Auslegung in sich ­tragen. »Wenn Sie den moralischen Zeigefinger heben, schalten die Kinder ab.«

Nicht jeder biblische Bericht sei für Kinder geeignet, sagt Jooß. Während biblische Begebenheiten Mangelware sind, beschäftigen sich immer mehr Kinderbücher mit Tod und Sterben.

»Es gibt viele Neuerscheinungen und eine wachsende Nachfrage von Erwachsenen, um Kinderfragen nach dem Tod beantworten zu können«, sagt Kassenbrock. Durch das Nachdenken über Leben und Tod könnten verstärkt wieder religiöse Fragen Eingang in die Kinder- und Jugendliteratur finden, hofft Kassenbrock.

Auch beim Thema Weltreligionen sieht das Evangelische Literaturportal ein wachsendes Angebot. Es gebe viele religiöse Sachbücher für Kinder: »Durch einen zunehmend sichtbaren Islam in Deutschland wollen viele ­Eltern und Kinder mehr darüber ­wissen.«

Mit der Förderung religiöser Kinderliteratur versuchen sich die evangelische und katholische Kirche gegen den Trend zu stellen. So gibt das Gemeinschaftswerk der Evange­lischen Publizistik in der edition chrismon auch Kinderbücher heraus. Die jüngste Veröffentlichung »Auf der Arche ist der Jaguar Vegetarier« von »Wetterfrau« Claudia Kleinert, der Journalistin Anne Buhrfeind und der Berliner Künstlerin Kitty Kahane ist von der Stiftung Buchkunst als eines der schönsten Bücher des Jahres ausgezeichnet worden.

Auf der Schöpfungsgeschichte basiert »Wie war das am Anfang« von Heinz Janisch und Linda Wolfsgruber. Das Bilderbuch erhielt den diesjäh­rigen katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis.

»Durch biblische Geschichten lernen Kinder, religiös zu denken«, sagt Erich Jooß. Kinder und Jugendliche könnten sich in den Erzählungen wiederfinden und erfahren, wie unterschiedlich Menschen ihr Leben gestalten. Wenn Eltern und Kinder gemeinsam über solche Geschichten nachdächten, sei dies für beide Seiten eine sehr bereichernde Erfahrung: »Religion als Teil unseres Lebens wird sich immer Wege in die Literatur suchen. Jede Zeit muss die Geschichten nur wieder neu erzählen.«

Ellen Großhans (epd)

Variationen der Liebe

26. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Filmszene mit der Musikstudentin Eva (Anna Maria Mühe) und dem Musiker Jo (Max von Thun). Foto: Filmverleih Movienet

Filmszene mit der Musikstudentin Eva (Anna Maria Mühe) und dem Musiker Jo (Max von Thun). Foto: Filmverleih Movienet


Kinostart für Hans W. Geißendörfers Spielfilm »In der Welt habt ihr Angst«

Hans W. Geißendörfer wollte sein treues Publikum anlässlich seines bevorstehenden 70. Geburtstages mit einem neuen Film beschenken und produzierte dafür nach einem selbst verfassten Drehbuch und in eigener Regie den Film »In der Welt habt ihr Angst« mit Starbesetzung.

Geißendörfer dürfte zumindest den Zuschauern der Fernsehserie »Lindenstraße« bekannt sein; er gilt als deren Vater, ist seit 1985 ihr Produzent und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet. Auch verschiedene seiner Spielfilme wurden mit diversen Preisen geehrt, sodass der Altmeister von Cineasten mittlerweile gar als »Lichtgestalt« verehrt wird.

Wird er diesem hohen Anspruch in seinem neuen Film gerecht? Das Drehbuch bietet dafür einige Voraussetzungen: In der Idylle der Kleinstadt Bamberg leben und lieben sich die Musikstudentin Eva (Anna Maria Mühe) und der Musiker Jo (Max von Thun). Beide sind heroinsüchtig und haben ihre Kontakte zu Familie und Bekannten abgebrochen.

Als Eva erfährt, dass sie schwanger ist, beschließen sie und Jo gemeinsam, ihr Leben radikal zu ändern. Das Paar plant einen kalten Entzug in Neuseeland und will sich das nötige Geld für den Flug durch einen dilettantisch durchgeführten Raubüberfall besorgen. Jo wird sofort gefasst. Eva gelingt die Flucht, nicht ohne zuvor ihrem Geliebten zu versprechen, ihn aus dem Knast zu befreien.

Spätestens ab da spielen erstaunlich viele Zufälle in dieser Geschichte mit: Mittels einer erbeuteten Pistole nistet sich Eva bei dem braven Altphilologen Paul (Axel Prahl) in der Wohnung ein, dessen Ehe mit Gisela (Kirsten Block) gerade in die Brüche geht, fesselt ihn und vermag es trotzdem, ihn für ihren Befreiungsplan zu gewinnen. Gemeinsam entführen sie Jo aus der psychiatrischen Abteilung der JVA Bamberg. Die jungen Leute können für kurze Zeit untertauchen und in einem abgelegenen Waldhaus für ein paar Tage ihren Traum vom neuen Leben leben, bevor sie dort gestellt werden …

In einem Interview erklärte der Regisseur, dass es Anliegen dieses Filmes sei, »drei Variationen der Liebe« vorzuführen. Da ist zum einen die kaputte Ehegeschichte zwischen dem Altphilologen Paul und seiner Frau Gisela, die Liebe zwischen dem gestrengen Kantor-Vater Johannes Baumann (Hanns Zischler) und seiner Tochter Eva, die er nicht verstehen kann und durch seine Strenge verliert und die große Liebe zwischen den Junkies Jo und Eva.

Was den Film sehenswert macht, ist die Schauspielkunst der Hauptdarsteller, denen es durch ihr nuancenreiches Spiel gelingt, eindringliche Charaktere zu zeichnen und damit auch manch dramaturgische Klippe des Drehbuchs abzumildern.

Da ist allen voran die junge Anna Maria Mühe, die mit vollem physischen und psychischen Einsatz das Bild einer jungen, energischen Frau zeichnet, die mit allen – auch gewaltsamen – Mitteln um ihre Liebe kämpft. Da ist zum anderen Max von Thun, der aus Verzweiflung heroinsüchtig wurde, Eva kennenlernt, von ihr aufgefangen wird und durch ihre Liebe wieder Halt findet. Von Thun spielt diesen Part beeindruckend stringent. Und da ist der wie immer grandiose Axel Prahl. Diesmal nicht als Kumpel oder Kommissar, sondern in der ungewohnten Rolle eines Intellektuellen.

Trotz Philologen-Brille und fossilem Haarschnitt bleibt Axel Prahl natürlich und vor allem eins: gewitzt. Das macht ihn auch in ­dieser Rolle so liebenswert, wenngleich seine Wandlung von der Geisel zum Helfer Evas eine der Schwachstellen des Filmes bleibt.

Und da ist nicht zuletzt die verbindende Rolle der Musik. Mit Bedacht wählte der Autor eine Bass-Arie Bachs als Titel für seinen Film: »In der Welt habt ihr Angst« (BWV 87!).

Musik spielt im Leben der Hauptfiguren dieses Filmes eine zentrale Rolle: Eva studiert Musik; ebenso ihr Exfreund Tom. Ihr Vater, Johannes Baumann, ist Kantor, Musik sein Lebensinhalt und auch Jo sucht mit einer Gitarre nach seiner eigenen musikalischen Ausdrucksform, während der Schöngeist Paul Krämer ein Klavier wohl eher aus dekorativen Gründen in der Wohnung stehen hat … So wird jede Figur zugleich über ­ihren Zugang zur Musik charakterisiert und das ist ein weiterer Pluspunkt dieses Filmes.

Am Ende bleibt – dank Johann Sebastian Bach – das Prinzip Hoffnung: Dessen Kantate 87 zitiert weiter aus dem Johannes-Evangelium: »aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.«

Matthias Caffier

Schreiben gegen das Vergessen

21. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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augen_loest

Der Leipziger Schriftsteller Erich Loest wird 85 Jahre alt.



Er nennt es sein »Letztbuch« und man muss befürchten, dass er Wort hält. »Man ist ja keine Achtzig mehr« sind Tagebuch-Aufzeichnungen des Leipziger Schriftstellers Erich Loest, die er zwischen August 2008 und September 2010 niederschrieb. Loest hielt fest, was ihn in dieser Zeit beschäftigte und bewegte – politisch und menschlich. Wenige Tage vor seinem 85. Geburtstag am 24. Februar, wird das Werk in Berlin der Öffentlichkeit präsentiert.

Nach mehr als 50 Büchern, ungezählten Essays und Artikeln hatte ­Loest bereits bei der Verleihung des »Kulturgroschens« in Berlin im vergangenen September seinen Abschied aus dem Literaturbetrieb verkündet. Damit meinte er die großen Würfe.

Für einen Roman habe er mit knapp 85 nicht mehr genug die Übersicht, sagt er. Öffentlich zu Wort melden, wie jetzt mit dem Tagebuch, wird er sich aber weiterhin – gerade auch gegen die Versuche, die jüngere deutsche Geschichte zu »verkleistern«, wie er sagt.

Wenige Tage vor Erich Loests ­Geburtstag kommt sein neues Werk »Letztbuch« heraus. (Foto: epd-bild)

Wenige Tage vor Erich Loests ­Geburtstag kommt sein neues Werk »Letztbuch« heraus. (Foto: epd-bild)

Siebeneinhalb Jahre Haft in dem berüchtigten DDR-Zuchthaus Bautzen haben bei ihm tiefe Spuren hinterlassen. Nach dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 tritt er mit anderen für eine Demokratisierung der DDR ein und wird 1957 wegen »konterrevolutionärer Zellenbildung« verurteilt.

»Ich bereue bis heute, dass ich damals nicht in den Westen abgehauen bin«, sagt er. Die Jahre im Knast hätten ihn fast fertiggemacht und verfolgten ihn bis heute. »Wir haben eigentlich alle lebenslänglich bekommen.«

Seine Gegner sieht Loest deshalb auch in den »Geschichtsvergessenen«. Denen, die das Bild von DDR und SED-Diktatur weichzeichnen, das Unrecht relativieren, das Land verklären. »Die Roten«, wie er sagt. Das fordert seinen Widerspruch. »Freude macht das nicht, aber man muss sich dem stellen.«

Geboren wurde Loest 1926 im sächsischen Mittweida. Nach Kriegsdienst und kurzer amerikanischer ­Gefangenschaft beginnt er 1947 ein Volontariat bei der »Leipziger Volkszeitung«. Er tritt der SED bei und schreibt den Roman »Jungen, die übrig bleiben«. Als die Erzählung über seine Kriegsgeneration 1950 veröffentlicht wird, wirft ihm die Partei »Standpunktlosigkeit« vor. Die Zeitung entlässt ihn.

Es folgen Jahre als freier Schriftsteller.

Den Volksaufstand am 17. Juni 1953 bezeichnet er als einen der großen Wendepunkte in seinem Leben, ähnlich dem Kriegsende. Danach kann er mit der DDR keinen Frieden mehr schließen, diesem Mix aus kleinbürgerlicher Behaglichkeit und Stalinismus.

Das bringt ihn nach Bautzen, lässt ihn aber auch zu einem der wichtigsten Chronisten des Landes werden. Nach der Haftentlassung 1964 kehrt Loest nach Leipzig zurück.

Lange Zeit ist er krank. Unter einem Pseudonym schreibt er zunächst vorwiegend Kriminalromane.

Mit dem autobiografischen Roman »Es geht seinen Gang oder die Mühen der Ebene« meldet er sich 1978 auf der Bühne der zeitkritischen DDR-Literatur zurück. Darin zeichnet er ein ­illusionsloses Bild von der Realität der 60er und 70er Jahre in der DDR-Provinz. Die SED setzt das Buch zunächst auf den Index, nach Protesten wird eine limitierte Auflage zugelassen. ­Loest bezeichnet es heute mit als sein wichtigstes Buch, »weil es in der DDR geschrieben einen völlig neuen Blick auf dieses Land warf«.

In einem offenen Brief an SED-Parteichef Erich Honecker kritisiert Loest 1979 gemeinsam mit anderen Schriftstellern die Zensur in der DDR. Er wird aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und bekommt Publikationsverbot.

1981 verlässt er entnervt die DDR in Richtung Westen. Kurze Zeit später erscheint das autobiografische Werk »Durch die Erde ein Riss« über seine Haftzeit in Bautzen.

Auch in Osnabrück und später in Bad Godesberg bleibt für Loest das ferne Leipzig im geteilten Deutschland gegenwärtig. Mitte der 80er Jahre erscheint der Roman »Völkerschlachtdenkmal«, dessen Protagonist Fredi Linden auch im späteren »Löwenstadt« wieder eine Rolle spielen wird.

Als die Mauer fällt, kehrt er nach ­Sachsen zurück und verarbeitet das perfide Stasi-Überwachungssystem in der Dokumentation »Die Stasi war mein Eckermann oder mein Leben mit der Wanze«.

Mit dem 1995 veröffentlichten Roman »Nikolaikirche« um die Ereignisse der Leipziger Montagsdemonstrationen im Herbst 1989 hat sich ­Loest endgültig in das Bewusstsein der gesamtdeutschen Öffentlichkeit geschrieben und den Demonstranten ein literarisches Denkmal gesetzt. Günter Grass würdigte ihn einmal als »politisches Temperament« und genauen Erzähler, der die Größe habe, als ehemaliges Opfer trotzdem nicht als Richter aufzutreten.

Sein letzter großer Roman »Löwenstadt« von 2009 ist ein Ritt durch 200 Jahre Leipziger und deutscher Geschichte bis in die Gegenwart. Es ist auch ein Buch über die vielen Möglichkeiten in einem Menschenleben, Fehler zu machen.

Gerne hätte er noch einen Roman über die Hitler­jugend geschrieben, der er einst wie auch der NSDAP angehörte, sagt ­Loest. »Aber ich habe keinen richtigen Zugang gefunden.«

Markus Geiler (epd)

Als West-Journalist im Osten verwurzelt

15. Februar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Medien: Interview mit Hans-Jürgen Röder, scheidender Chefredakteur des Landesdienstes Ost des Evangelischen Pressedienstes (epd).

 

Hans-Jürgen Röder ist Chefredakteur des Landesdienstes Ost des Evangelischen  Pressedienstes (epd). Geboren wurde er am 16. Februar 1946 im thüringischen Suhl. 1954 flüchteten seine Eltern mit ihren Kindern nach Westdeutschland. Röder studierte Geschichte, Politik und Publizistik. 1975 wurde er in Westberlin Redakteur der Zeitschrift »Kirche im Sozialismus«. Zu dieser Aufgabe gehörte die ­Berichterstattung für den Evangelischen Pressedienst (epd) über kirchliches Leben in der DDR. Von 1979 bis zum Ende der DDR war er als DDR-Korrespondent für epd in Ost-Berlin akkreditiert. Nach der Wende baute er in Ostdeutschland den Landesdienst Ost auf und leitet ihn seit seiner Gründung im Jahr 1990. Ende Mai geht er in den Ruhestand. (Foto: epd)

Hans-Jürgen Röder ist Chefredakteur des Landesdienstes Ost des Evangelischen Pressedienstes (epd). Geboren wurde er am 16. Februar 1946 im thüringischen Suhl. 1954 flüchteten seine Eltern mit ihren Kindern nach Westdeutschland. Röder studierte Geschichte, Politik und Publizistik. 1975 wurde er in Westberlin Redakteur der Zeitschrift »Kirche im Sozialismus«. Zu dieser Aufgabe gehörte die ­Berichterstattung für den Evangelischen Pressedienst (epd) über kirchliches Leben in der DDR. Von 1979 bis zum Ende der DDR war er als DDR-Korrespondent für epd in Ost-Berlin akkreditiert. Nach der Wende baute er in Ostdeutschland den Landesdienst Ost auf und leitet ihn seit seiner Gründung im Jahr 1990. Ende Mai geht er in den Ruhestand. (Foto: epd)

Hans-Jürgen Röder gehört zu den wenigen Journalisten, die DDR-Korrespondenten waren. In einem Gespräch erinnert er sich an diese spannende Zeit.


Herr Röder, als Korrespondent aus dem Ausland zu berichten, ist für manche Journalisten ein erstrebenswertes Ziel. Sie waren DDR-Korrespondent. Ihr Traumjob?

Röder: Ja, es war mein Traumjob. Ich fühlte mich in der DDR verwurzelt, obwohl ich gar keine verwandtschaftlichen oder freundschaftlichen Beziehungen mehr in meine Heimatstadt Suhl hatte. Ich hatte eine Beziehung zu dieser eigenwilligen DDR mit ihren sympathischen Menschen und mit der mehr als unsympathischen politischen Führung.

Mit dem Grundlagenvertrag zwischen der BRD und der DDR von 1972 wird es für Journalisten aus dem Westen und Osten möglich, aus dem jeweils anderen Teil Deutschlands zu berichten. Wie ging das?
Röder: Ich fuhr zum Teil als Reisekorrespondent, meistens aber privat zu Veranstaltungen in die DDR. Das betraf die Zeit von 1975 bis 1979. Als West-Berliner konnte ich ja zu Privatbesuchen oder als Tourist Tagesreisen in die DDR unternehmen. Man konnte frühmorgens einreisen, war in zweieinhalb bis drei Stunden in Magdeburg, Dresden oder Rostock, blieb dort bis zum Abend und fuhr dann wieder zurück. Bis 24 Uhr musste man am Grenzübergang sein, sonst gab es Ärger.

Ab 1979 waren Sie dann als Ostkorrespondent akkreditiert und konnten ohne Kontrollen die Grenze passieren?

Röder: Das war der ganz, ganz große Vorteil. Vorher musste ich immer beim Ein- und Ausreisen überlegen: sind die Taschen frei von Dingen, die sie nicht sehen sollen. Für mein Auto bekam ich ein Sonderkennzeichen, an dem zu erkennen war, dass ich westdeutscher Journalist bin. Das hieß, dass ich beim Grenzverkehr an den normalen Besucherschlangen vorbei über die Grenze gelassen wurde.

Ostkorrespondent in der DDR – ein aufregendes, spannendes Geschäft!
Röder: Spannend war es. Mir lag sehr daran, möglichst viele Kontakte zu den Menschen in der DDR zu schaffen und zu halten. Telefonrecherche war ohnehin nicht möglich. Ich hätte die Leute nicht am Telefon fragen können: Sagt mal, stimmt das, war das
so? Könnt Ihr mir den Hintergrund erzählen?
Ich habe Leute angerufen und gefragt: Kann ich mal vorbeikommen? Das war möglich. Ich bin oft zu ganz banalen Veranstaltungen nach Erfurt, Dresden oder Greifswald gefahren, wenn ich wusste, dass ich dort bestimmte Leute treffe. Das waren meine Hauptrecherchemöglichkeiten neben den Synoden.

Ihre Berichterstattung war den DDR-Behörden ein Dorn im Auge. Synodale und andere Kirchenvertreter gerieten zuweilen auch unter Druck, wenn kritische Äußerungen über brisante politische Themen in den westlichen Medien zitiert wurden …

Röder: Es gab unterschiedliche Naturelle. Menschen, die immer große Sorgen hatten, wenn die Synode oder sie selbst in westlichen Medien zitiert wurden. Sie ahnten, dass sie von staatlichen Vertretern dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Ich habe ­unzählige Gespräche mit solchen Menschen geführt. Dabei habe ich versucht, sie davon zu überzeugen, dass sie sich für die Berichterstattung von westlichen Korrespondenten nicht zu verantworten hatten. Schon gar nicht gegenüber Funktionären des Staates, der die Korrespondenten ins Land gelassen hat. Das haben manche verstanden, aber nicht alle. Leider war die Verständnisbereitschaft umso geringer, je höher jemand in der kirchlichen Hierarchie stand.
Es gab Leute, die stabil genug waren und entsprechend gegenhalten konnten, wenn sie unter Druck gesetzt wurden. Aber das Grundproblem war, ob Kirchenleute und Synodale bereit waren, Verantwortung zu übernehmen für das, was sie in einer öffentlichen Veranstaltung gesagt hatten und ob sie zu ihren Aussagen auch standen.
Es gab Leute, bei denen hatte ich immer das Gefühl, es war ihnen unangenehm, wenn ich auftauchte. Sie hätten es offenbar lieber gesehen, wenn bestimmte politische Themen nicht in der Synode thematisiert werden.

Sie haben die deutsche Einheit vorweggenommen, sind aus dem Westen in den Osten gekommen, haben hier Ihre Frau kennengelernt, 1984 geheiratet.

Röder: Sehr zur Verwunderung der Leiterin des zuständigen Standesamtes. Sie konnte nicht begreifen, wieso wir heiraten wollten, meine Frau aber die DDR-Bürgerin bleiben wollte. Andernfalls aber hätte sie in West-Berlin gelebt und für zwei Jahre nicht in die DDR einreisen dürfen. Und ich hätte mir die Arbeit von West-Berlin aus nicht vorstellen können. Wir haben davon profitiert, dass wir hier lebten. Das hat auch dem epd eine Menge Vorteile gebracht, denn wir hatten am Abend ein reges Besuchsleben. Das war eine wunderbare Möglichkeit, sich über die Lebenssituation der Menschen in der DDR zu informieren.

Sicher mit reger Anteilnahme auch der Stasi?

Röder: Wir wurden ziemlich auffällig von der Stasi beobachtet und bewacht. Wenn ich aus dem Fenster sah, konnte ich meist mehrere Mitarbeiter der Staatssicherheit und der Volkspolizei bei der Arbeit beobachten. Gelegentlich wurden auch unsere Gäste kontrolliert, wenn sie zu Fuß oder mit dem Wagen um die Ecke gebogen waren. Ich bin, wenn das zu befürchten stand, hinterher gegangen oder gefahren, um die »Herrschaften« zu fragen, warum sie meine Gäste kontrollieren. Das erwies sich immer wieder als hilfreich.

Sie konnten nicht sicher sein, dass nicht auch Spitzel unter Ihren Gästen sind und Sie abgehört werden …

Röder: Wir hatten bestimmte Verhaltensvereinbarungen mit unseren Gästen getroffen. In der Wohnung wurden Namen, bestimmte Begriffe und Zusammenhänge nie laut genannt. Wir hatten auf dem Tisch immer einen Stapel Zettel, einen Stift, einen Aschenbecher und ein Feuerzeug. Das heißt, man schrieb dann die Namen mal kurz auf und verbrannte das Zettelchen im Aschenbecher.

Glücklicherweise ging diese Ära zu Ende. Die Wende kam.
Röder: Sie kam, ja. Das waren nun wirklich die verrücktesten Zeiten in meinem Beruf und im Leben überhaupt. Aber das geht, glaube ich, mehreren so. Das war so verrückt wie es nur verrückt sein konnte. Rund um die Uhr jeden Tag und jede Nacht unterwegs. Ich bekam fast gar nicht mit, dass sich alles veränderte.

Das Gespräch führte Sabine Kuschel.

Ein Hüter der Überlieferung

6. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Zum 80. Geburtstag des Germanisten Eberhard Haufe

 
»Das Prinzip Hoffnung im Giftschrank!«, erwiderte der Weimarer Germanist Eberhard Haufe geradezu fassungslos, als ihm in den 80er Jahren in der damaligen Zentralbibliothek der deutschen Klassik die Ausleihe von Ernst Blochs Hauptwerk verwehrt blieb. Bloch galt seit seiner Verbannung von der Leipziger Universität 1957 in der DDR als Unperson – zumindest im offiziellen Kulturbetrieb.

Eberhard Haufe genießt als Wissenschaftler und Schriftsteller deutschlandweit Ansehen. (Foto: Maik Schuck)

Eberhard Haufe genießt als Wissenschaftler und Schriftsteller deutschlandweit Ansehen. (Foto: Maik Schuck)

Und im gleichen Jahr, in dem der Philosoph emeritiert wurde, beendete die Hochschule in Leipzig aus politischen Gründen auch die wissenschaftliche Laufbahn des 27-jährigen Germanistik-Assistenten Haufe.

Er hatte bei einer Exkursion nach Ost-Berlin zusammen mit Studenten im Westteil der Stadt im Renaissancetheater die Hauptprobe zu Tennessee Williams’ »Katze auf dem heißen Blechdach« und die »Galerie des 20. Jahrhunderts« am Bahnhof Zoo besucht. Seine Kündigung erhielt er 1958 zum Tag nach seinem Geburtstag.

Am 7. Februar vollendet Eberhard Haufe in Weimar sein 80. Lebensjahr.

Dort betreute der in Dresden geborene und im sächsischen Großröhrsdorf aufgewachsene Literaturwissenschaftler bis zur Invalidisierung nach einem ersten Schlaganfall 1972 als Philologe im Goethe- und Schiller-Archiv die Schiller-Nationalausgabe. Daneben machte er sich einen Namen als Herausgeber so mancher Kostbarkeiten, die den Blick des Lesers auf weithin vergessene oder unbeachtete Autoren jenseits des vorgegebenen ­Literaturbetriebs lenkten.

Doch während in all diesen Jahren die Thüringer Kulturstadt sein »geliebtes Zuhause« geworden sei, bleibe das Wort »Heimat« für »noch immer mit Kindheit und Jugend« verbunden, bekannte er später: »mit Land der Väter über Generationen hinweg, mit Erde, in der man seine Toten ruhen hat«.

In diesem Sinne liege und bleibe seine ­Heimat im Osten Sachsens, am Westrand der Oberlausitz. In Weimar sei er »allenfalls sachsen-weimarischer Sachse« geworden.

Seine geistige Heimat indes lässt sich nicht geografisch bestimmen. Er fand und findet sie vielmehr, in Anlehnung an den von ihm maßgeblich geförderten Dichter Johannes Bobrowski, bei »Zeitgenossen in allen Jahrhunderten«. Verlässliche Orientierung ist ihm dabei ein unverkennbares protestantisches Ethos, das ihn einst zwangsläufig in Widerspruch zur DDR-Germanistik mit ihren wechselnden Sichten auf Literatur und deren Wertungen bringen musste.

Schon 1957, in einer Festschrift für seinen Hochschullehrer Hermann August Korff, beschrieb er Novalis jenseits des damals im Osten geltenden Generalverdikts gegen die Romantik.

Drei Jahre später zog er im Vorwort zu seiner Anthologie »Deutsche Mariendichtung aus neun Jahrhunderten« die Linie von spätantiken ­Texten bis zu Dichtungen aus den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg.

Mit der zweibändigen Barock-Anthologie »Wir vergehn wie Rauch von starken Winden« öffnete Haufe 1985 eine wahre Fundgrube mit Lyrik aus dem Zeitalter des großen Glaubenskrieges. Und zur Literatur des 20. Jahrhunderts kann das Verdienst des promovierten Germanisten um Johannes Bobrowski, den Haufe schon 1961 kühn »in die vorderste Reihe der deutschen Lyriker der Gegenwart« stellte, kaum überschätzt werden.

Schließlich gehört zur Bilanz an Haufes 80. Geburtstag neben zahlreichen weiteren Ausgaben und Aufsätzen – etwa zu Carl Gustav Jochmann, Paul Gerhardt, Paul Fleming, Johann Gottlieb Schummel und vielen anderen – auch ein Konvolut von über 150 Rezensionen zu aktuellen Neuerscheinungen in der DDR.

Sie ­erschienen zumeist in der CDU-­Tageszeitung »Thüringer Tageblatt«, dessen Kulturredaktion »kein angepasstes Schreiben verlangte«, wie sich Haufe einmal erinnerte: »Auch das hat es gegeben, auch das wollen wir nicht vergessen.«

Bei alledem habe für Haufe trotz mannigfacher Bedrängnisse in der DDR ein Verlassen des Landes niemals zur Diskussion gestanden, befand sein einstiger Schüler Manfred Riedel, der später in den Westen ging und dort als Philosoph lehrte. Haufe dagegen sei geblieben mit Rücksicht »auf die Anverwandten und Freunde, den gleich gesinnten Kreis der Stillen im Lande, die Christenmenschen und anderen Hüter der Überlieferung des geistigen Deutschland«.

Ein soeben erschienener Sammelband mit »Schriften zur deutschen Literatur« belegt diese Haltung Haufes auf überzeugende Weise.

Thomas Bickelhaupt

Literaturhinweis

Haufe, Eberhard: Schriften zur deutschen Literatur, Wallstein Verlag, 544 S., ISBN 978-3-8353-0827-5, 34,90 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­
Telefon (03643) 246161

Clownesker Wortspieler

31. Januar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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In seinen Büchern gibt Kurt Marti den Sehnsüchten und Ängsten der Menschen eine Sprache. Foto: epd-bild

In seinen Büchern gibt Kurt Marti den Sehnsüchten und Ängsten der Menschen eine Sprache. Foto: epd-bild


Der Pfarrer und Poet Kurt Marti wird 90

Der Durchbruch kam mit den »Leichenreden« 1969: Über 50000 Exemplare wurden in den nächsten
20 Jahren verkauft, für einen Gedichtband heutzutage ein phänomenaler Erfolg. Ausgerechnet ein Pfarrer, Kurt Marti, kämpfte mit dieser hintersinnigen, bisweilen boshaften Lyrik gegen die Verlogenheit der üblichen Grab-
reden und gegen das gedankenlose Wiederholen inhaltsleerer, frommer Floskeln.

Der Schweizer wollte in diesen ­Gedichten weniger über das Leben nach dem Tod nachdenken, sondern über die oft so erbärm­lichen Bedingungen des Lebens davor. Pfarrer hatte er übrigens niemals werden wollen, Dichter schon gar nicht. Vor 90 Jahren, am 31. Januar 1921, kam Kurt Marti in Bern zur Welt.

Nach dem Abitur leistete er seinen Wehrdienst bei der Infanterie, begann Jura in Bern zu studieren. Doch dann begegnete er Karl Barths widerborstiger, unorthodoxer Theologie: Marti wechselte das Studienfach, ging als Kriegsgefangenenseelsorger nach Paris, wo er als Jazztrompeter in einem Existenzialistenkeller spielte, später als reformierter Pfarrer in die kleine Industriegemeinde Niederlenz im Aargau. Er heiratete, baute ein respektvolles Verhältnis zu seiner Gemeinde auf, kehrte als Pfarrer in seine Heimatstadt zurück und bekam erst jetzt Lust zu schreiben.

Martis Gedichte und Kurzgeschichten erschienen in Schweizer Zeitungen und später gesammelt in Kleinverlagen, bald auch in der Bundes­republik. Man wurde aufmerksam auf den Pfarrerpoeten, der die sakrale Sprache so gekonnt zu verfremden wusste und sich jetzt auch zunehmend politisch engagierte. Kurt Marti verteidigte Wehrdienstverweigerer vor eidgenössischen Militärgerichten, beteiligte sich an Protesten gegen Atomkraftwerke und die Zerstörung der »Mitwelt« – den Begriff »Umwelt« mag er nicht –, er klärte über den Vietnamkrieg auf und stellte den Umgang der Schweiz mit der Dritten Welt infrage.

Beliebt bei den staatlichen und kirchlichen Obrigkeiten machte er sich damit nicht: 1972, als die evangelisch-theologische Fakultät der Universität Bern Marti auf den Lehrstuhl für Predigtkunde berufen wollte, verweigerte der kantonale Regierungsrat die nötige Zustimmung; Kurt Marti sei ein »pastoral verkappter Marxist«.

Marti nahm den Karriereknick gelassen. Er schrieb weiter Buch um Buch – vor allem seit 1983, als er sein Pfarramt 62-jährig niederlegte –, gab den Sehnsüchten und Ängsten der kleinen Leute eine Sprache, prangerte die Zerstörung der Schöpfung und die Beschädigung von Menschenseelen an, entlarvte bürgerliche Konventionen und amtskirchliche Heuchelei. Ein clownesker Wortspieler, wirft er unbekümmert Denkgewohnheiten und Redemuster durcheinander, wechselt von der hellsichtigen Zustandsbeschreibung in die melancholische Analyse.

Einen »christlichen Dichter« will er sich nicht nennen lassen, damit werde man nur vereinnahmt oder, schlimmer noch, abgehakt. Nichtsdestotrotz gibt er selbstbewusst zu bedenken: »Vielleicht hält Gott sich einige Dichter, damit das Reden von ihm jene ­heilige Unberechenbarkeit bewahre, die den Priestern und Theologen abhanden gekommen ist.«

Marti spricht von einem Gott, der die Emanzipation und das Glück seiner Menschen will, der zum Widerstand und zum Kampf anstachelt. Ein Gott, der nicht Allmacht ist, sondern Liebe – konkrete, zum Engagement verpflichtende Liebe, fügt er sogleich hinzu, damit das Wort nicht zur unverbindlichen Phrase gerät. Einen »Gott an sich« kennt er nicht, nur jenen, der im armen, gekreuzigten Jesus greifbar wird – was ihn gegen Gottes dogmatische Vergötzung ebenso immun macht wie gegen seine bürger­liche Verharmlosung.

Das ewige Leben, das die Kirchen tröstend verkünden, muss laut Marti hier und heute beginnen, das Leben im Diesseits verändernd. Das heißt, Auferstehung war einmal im Grab des Gekreuzigten in Jerusalem, Auferstehung wird sein, wenn er wiederkommt, die Toten zu sich zu rufen – Auferstehung darf, soll, muss sich aber auch jetzt und hier ereignen, jeden Tag.

Christian Feldmann

Flirt mit dem Tod

22. Januar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Die Porträts der Rockmusiker gehören zu einem von Jürgen D. Flohr geschaffenen zwölfteiligen Zyklus mit dem Titel »Rockstar Mythen III«. Auf den Bildern (v. li.): Jimi Hendrix, Keith Richards, Rod Steward, Freddie Mercury, Jim Morrison, Elton John, David Bowie sowie der Künstler Jürgen D. Flohr. Jimi Hendrix, Freddie Mercury und Jim Morrison gehören zu den vielen Rockstars, deren Leben früh endete. (Foto: picuture-alliance)

Die Porträts der Rockmusiker gehören zu einem von Jürgen D. Flohr geschaffenen zwölfteiligen Zyklus mit dem Titel »Rockstar Mythen III«. Auf den Bildern (v. li.): Jimi Hendrix, Keith Richards, Rod Steward, Freddie Mercury, Jim Morrison, Elton John, David Bowie sowie der Künstler Jürgen D. Flohr. Jimi Hendrix, Freddie Mercury und Jim Morrison gehören zu den vielen Rockstars, deren Leben früh endete. (Foto: picuture-alliance)


Die Begeisterung für Rockmusik ist ungebrochen. Erst am 13. Januar feierte das Musical »Hinterm Horizont« mit Liedern von Udo Lindenberg in Berlin Weltpremiere. Doch die Rock- und Popmusik hat auch eine dunkle Seite.

In der Rockmusik scheint nicht immer nur die Sonne. Und es geht nicht nur um das unendlich variierte Thema »Junge liebt Mädchen«. Auch die dunkle Seite des Seins wird in den Musikstilen und Texten der Rock- und Popmusik reflektiert.

Seit rund 50 Jahren haben Tod, Sterben und Trauer dort einen festen Platz.

Der Tod trat spätestens dann ins ­Leben der Popmusikfans, als der »Leader of the Pack«, der Chef einer Motorradgang, in dem ­gleich­namigen Song der Mädchengruppe »Shangri-Las« (1964) bei einem Unfall ums Leben kam. Tod und Sterben waren in den Anfangstagen des Rock, in den 50er und frühen 60er Jahren, noch ein Tabu. Musik sollte Spaß ­machen. Dies änderte sich in der politisch aufgeheizten und gesellschaftlich offeneren Atmosphäre der 60er Jahre, sagt der Soziologe Josef Spiegel aus Schöppingen im Münsterland, der ­einen Sammelband zum Thema Tod und Sterben in der Rockmusik veröffentlicht hat.

Die jugendliche Pop- und Rockkultur entdeckte die faszinierende Seite des Todes, trieb ihr Spiel mit dem Gegensatz von blühendem Leben und Vergänglichkeit. »The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore«, heißt der tieftraurige Song, mit dem die »Walker Brothers« 1966 Endzeitstimmung verbreiteten. Viele Musiker setzten fortan auch auf Schockeffekte, indem sie den Tod und das Sterben darstellten und oft auch verherrlichten.

»Jede Jugendszene hat ihren eigenen Umgang damit«, sagt Spiegel. Für Heranwachsende sei die Beschäftigung mit dem Tod oft existenziell. Häufig seien Fragen wie: »Wer bin ich?« oder »Wer mag mich?«, eine ­extreme psychische Belastung – und das Gefühl des Nichtverstandenseins durch die Erwachsenen könne sich in Lebensflucht und Sehnsucht nach dem Tod äußern.

Auf ihrer psychedelischen Selbsterfahrungsreise pflegten ab Mitte der 60er Jahre viele Rockmusiker eine Todesromantik. Die britische Band »The Who« gab 1965 mit ihrer Teenager-Hymne »My Generation« ein Leitmotiv vor: »Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich alt werde« (I hope I die before I get old), heißt es in einer Zeile. Das Liebäugeln mit dem Tod war plötzlich für viele junge Leute »cool«.

Mit dem lauten Ruf, lieber zu sterben, als so wie die Elterngeneration zu werden, grenzten sich die Jugendlichen demonstrativ ab, analysiert Spiegel. Der Protest richtete sich fortan gegen die oft als verlogen empfundene Moral der Erwachsenen, gegen Töten im Krieg, atomare Bedrohung und Konsumwahn.

Was zunächst ein Spiel war, wurde Ende der 60er Jahre und Anfang der 70er Jahre zu harter Realität: Das schnelle Leben vieler Rockstars mit exzessivem Drogenkonsum forderte die ersten prominenten Opfer. Wendepunkt ist für viele Pop-Kritiker der »Sommer der Liebe« im Jahr 1969.

Auf das friedliche Festival in Woodstock folgte kurz darauf das »Rolling Stones«-Konzert im kalifornischen ­Altamont, bei dem ein ­Mitglied der Rockerbande »Hell’s Angels« einen Besucher ermordete.

Tod und Sterben galten nun nicht mehr allein als bewusstseinserweiterndes Erlebnis, wie es angloamerikanische Bands wie »Doors« oder »Velvet Underground« zelebrierten. Der in den 70er Jahren aufkommende Hardrock und Heavy Metal sowie der Punk zeigten vor allem die ungeschönte Seite des Todes. Besonders in Krisenzeiten, während des Vietnamkriegs und der Nachrüstungsdebatten der 80er Jahre, sei der Tod für Rockmusiker ein Thema gewesen, sagt Thomas Mania, Kurator des Rock’n Popmuseums in Gronau.

Den Todeskult auf die Spitze treiben seit den 80er Jahren verschiedene Schattierungen des Heavy Metal. Während Liebhaber des Gothic-Rocks die Allgegenwart des Todes zu einem Fest machen, rufen manche Vertreter des Hip-Hop ihre Hörerschaft zu Gewalt und Rassismus auf. Das brachte ihnen die Aufmerksamkeit der Zensur und des Jugendschutzes ein. »Verbote sind keine Lösung«, urteilt Spiegel, »aber es darf auch nicht alles frei auf den Markt kommen.«

Zwischen dem Musik- und Medienkonsum von Jugendlichen und ihrem gewalttätigen Verhalten einen unmittelbaren Zusammenhang herzustellen, sei gewagt, warnt der Schulpsychologe Michael Sylla aus dem nordrhein-westfälischen Borken. In der Rockmusik liege das »Restrisiko« darin, die emotionale Instabilität mancher Jugendlicher zu verstärken. Nachweislich hätten viele psychisch kranke Schulattentäter gewaltverherrlichende Musik und Texte konsumiert. Über die dunkle Seite der Musik sollten Eltern und Lehrer deshalb mit den Kindern sprechen.

Alexander Lang (epd)

Buchhinweis: Seim, Roland/Spiegel, Josef (Hrsg.): »The Sun Ain’t Gonna Shine ­Anymore« – Tod und Sterben in der Rockmusik, Telos-Verlag, 267 S., ISBN 978-3-933060-26-6, 16,80 Euro

Talentierter Entertainer vor dem Herrn

14. Januar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Andi Weiss: Auf dem Münchner Kirchentag 2010 war er der heimliche Star und in Dresden wird er auch dabei sein.  (Foto: Harald Krille)

Andi Weiss: Auf dem Münchner Kirchentag 2010 war er der heimliche Star und in Dresden wird er auch dabei sein. (Foto: Harald Krille)


Multimedialer Grenzgänger zwischen den Frömmigkeitsstilen – ein Porträt von dem Diakon und Musiker Andi Weiss.
 

Viele Talente, viele Projekte – das ist der junge Münchner Diakon Andi Weiss. Der Motor des missionarischen Energiepakets: die Begeisterung dafür, Menschen für Jesus zu begeistern. Nach seinem kombinierten Buch- und CD-Projekt »Ungewohnt leise« hat er sein zweites Solo-Album mit dem Titel »Liebenswürdig« veröffentlicht.

Die Münchner Paul-Gerhardt-Ge­meinde hat ein ganz eigenes Profil. Ihr Diakon Andi Weiss passt hervor­ragend dazu: Landeskirchlich verwurzelt und freikirchlich-charismatisch bewegt – das trifft auf die Gemeinde wie auf den 33-jährigen Diakon zu, der hier seit neun Jahren Gottesdienst- und Jugendarbeit macht. Mit einer halben Stelle soll er zudem die »missionarische Jugendarbeit« in der Region München befördern.

»Jesus House Party« und »Christival«, »Fetter Samstag« und Konzerte: Eher laut und plakativ, evangelikal begeistert und auf Begeisterung angelegt waren die vielen Projekte, die Weiss unter seinem Markenzeichen »Musik, Moderation, Message« angeschoben hat.

Ein echtes Multitalent für jede Form des Rampenlichts: Dass einer wie Andi Weiss zweimal binnen weniger Monate als Prediger auf die Bühne »ZDF-Fernsehgottesdienst« darf, als Diakon zudem, nicht als Pfarrer, das gab es zuvor noch nie. Hinter den ­Kulissen ist das durchaus auf verletzte Eitelkeiten und Kritik gestoßen.

Auch deshalb betont der Diakon bei seinen Musikprojekten: »Es geht nicht um Andi Weiss, sondern um die Geschichten, die mir die Menschen geschickt haben.«

Mehr und mehr interessieren ihn die leisen Töne, die Zwischen- und Grautöne. Die Geschichte, wie der Prophet Elia am Berg Horeb Gott ­begegnet, ist ihm wichtig geworden: Nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer ist Gott. Er zeigt sich als »stilles, sanftes Sausen«. Ungewohnt leise eben: Geschichten von »ganz normalen« Menschen und ­ihren ganz persönlichen Begegnungen mit Gott hat Weiss für sein erstes Projekt vor drei Jahren gesammelt.

Aber auch kirchliche Prominenz wie Landesbischof Johannes Friedrich oder Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler, die beeindruckend offen darüber schreibt, wie sie als junge Frau schwer an Krebs erkrankte, ist unter den Autoren.

Dazwischen stehen – wie behutsa­me Kommentare zu den Geschichten – die Texte der Lieder von Andi Weiss, die auf der CD zu hören sind. Buch und CD ergänzen sich, »funktionieren« aber auch für sich.

Am Klavier zeigt sich Andi Weiss als souveräner Entertainer. Ein wenig nach Herbert Grönemeyer klingt das alles. Ein Vergleich, den Weiss keineswegs ungern hört: »Vielleicht besteht die Gefahr, dass meine Jugendlichen sagen: ›Andi, das ist langweilig.‹ Selbst meine Frau sagt: ›Andi, du machst Musik für Hausfrauen ab 40.‹ Aber ich finde das geil, das ist meine Musik: Grönemeyer, STS.«

Der multimediale Grenzgänger zwischen den Frömmigkeitsstilen versucht trotz (oder gerade) wegen der vielen Bühnen, auf denen er steht, nicht den Kontakt zur Diakonen-Gemeinschaft zu verlieren. Regelmäßig besucht er den Münchner »Brüderkreis«. Als Diakon in einer »Lebens-, Dienst- und Sendungsgemeinschaft zu stehen, das ist mir ernst«, sagt er. Auf seiner Website prangt neben dem Schriftzug des Verlages auch das Logo der Rummelsberger.

Bei allen Entertainer-Qualitäten, die Andi Weiss hat: »Unterhalten« will er gerade nicht. »Ich will etwas machen, von dem die Leute sich ›gehalten‹ fühlen«, sagt er.

Markus Springer

Literatur- und CD- Empfehlungen

  • Weiss, Andi: Ungewohnt leise. 50 persönliche Erlebnisse, Gerth-Medien, 180 S., ISBN 978-3-86591-188-9, 9,95 Euro
  • Ungewohnt leise, Gerth-Medien, Audio-CD, 4029856393544, ca. 18,00 Euro
  • Liebenswürdig, Gerth-Medien, Audio-CD, 4029856396590, ca. 18,00 Euro
  • Heimat, Gerth-Medien, Audio-CD, 4029856396750, ca. 18,00 Euro

Die auf dieser Seite empfohlenen ­Bücher und CDs sind zu beziehen über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643)246161

»Die Hauptsache ist der Effekt«

8. Januar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Karikatur: NEL

Karikatur: NEL


 

Wie ­medien- und öffentlichkeitswirksam soll die Kirche sein? Braucht sie Events?

 
Dazu ein mit spitzer Feder geschriebener Beitrag von Friedrich Schorlemmer.

Der Kirche fehlt’s an Zulauf. Jetzt meint mancher, wir müssten mehr pressetaugliche Tabubrüche wagen, statt immer das blasse »mehr Vertrauen« zu wagen. Es muss etwas sein, woran die Presse einfach nicht vorbei kann. Also brauchen wir Bilder und Menge. Events eben, die die Massen erreichen. Wie sang zu meinen Kindertagen im Wirtshaus im Spessart das Duo Müller/Neuss: »Die Hauptsache, Hauptsache ist der Effekt.«

Nur der Erfolg gilt. Ergo wird in ­Luthers Taufkirche in Eisleben aufwendig eine Ganz-Körper-Taufgrube ausgehoben. Da muss der Pfarrer/die Pfarrerin mit ins Nass, wie sonst? Aber in welchem liturgischen Outlook? Ein treffliches Thema für ökumenischen Austausch mit den Baptisten. Ich frag aber: Warum nicht lieber in den Whirlpool gehen, wo das gemeine, so entchristlichte Volk sowieso ist. Also, endlich von der Komm- zur Gehkirche gelangen! Doch: Äußerste Vorsicht ist geboten bei ungeübter Ganz-Körper-Taufe: dass daraus kein Waterboarding mit lebenslangem Tauchtrauma wird!

Das Eventstadel Wittenberg mach­te es 2010 vor: 800 Leute standen am 2. September um 17.00 Uhr hinter einer kleinen, putzigen Luther-Kunststoff-Figur. Sie wussten und sagten ­indes nicht, wofür sie standen, außer für ein Foto. Und für Masse eben. ­Jedem sein klein Lutherlein. Und der Superintendent versprach als Strafe für seine verlorene Wette Würstchen für einen guten Zweck auszugeben. Da wird die Kirche doch endlich einmal volkswürstlich.

Und 800 Leute, das gibt es sonst doch nur zu Heiligabend. Ließe sich nicht der Heilige Abend noch aufpeppen? Also: süßer die Flocken nie klingeln, während Zuckerwattenschnee von den Emporen geschüttet wird. So süüüße Weihnacht. Vielleicht auch noch ein Leuchtfeuer, eine 20 Meter hohe Kerze mit einem Durchmesser von einem Meter.

Wenn man für Ostern keinen von den so populären Osterhasen zur Verfügung hat, so würden’s doch auch kuschlige Kaninchen tun, die man zum Ostergottesdienst mitbringen darf. Das zentrale Himmelfahrtsevent würde fortan von Cap Canaveral aus ökumenisch angeboten. Mit Public Viewing bis in jedes Nest. Also die Auffahrt in den blauen Himmel bei Bier und Brause. Wetten, dass die Leute kämen? Zumal Blau-Sein bei Himmelfahrt schon lange populär ist.

In den Kirchtürmen allüberall sollte man Taubenschläge einrichten und in der Nacht vor Pfingsten diese Kirchentauben einfangen und in das Kirchenschiff entlassen. Mal sehen, auf wessen Kopf sie sich setzen, jene Symbole für den Heiligen Geist. Zum Festgottesdienst wird zudem ein echter Pfingstochse durch den Mittelgang geführt. Der Pfarrer folgt, die Gemeinde steht auf. Es bleibt unentscheidbar, vor wem sie aufstehen.

Erotik-Shows haben sich ja bereits bewährt. Da kommen die Leute aller Generationen! Denn wir sind doch nicht mehr prüde. Und hatte es David nicht mit den Weibern gehabt? Und wie war es mit Jesus und dem Lieblingsjünger, ja mit der treuen Maria-Magdalena und ihren schönen langen Haaren? Der sexuell verklemmte Paulus hat uns wirkungsgeschichtlich den Weg in die griechische Liebesgöttinnen-Welt versperrt – samt allem Dionysischen. Also weg damit! Wir sind doch auch sexy als Kirche. Nicht nur Berlin.

Der Reformationstag fände künftig als Nacht-Licht-Show mit überall gruseliger Faszination statt, wenn die erleuchteten Kürbisköpfe aus den Grüften steigen und singen: »Alles vorbei, Tom Dooley, morgen da bist du tot. Trinke noch einen Whisky …« Das Schimpfen gegen Halloween bringt doch nichts. Wir müssen das assimilieren. (Die ganze Kirchengeschichte ist voll von Assimilationen des Heidnischen und der Volksbräuche!)

Eine Kunstaktion auf der Wartburg brächte sicheren Zulauf: Tintenfass-Wettwerfen auf den Teufel vor weißer Leinwand und Versteigerung der entstandenen Kunstprodukte für einen guten Zweck (diesmal ohne Würstchen). Und wer genauer wissen will, wie es in Luthers Bauch ausgesehen hat, der esse eine Woche lang lediglich (nicht ganz gare) Hülsenfrüchte und verstehe sodann besser, wieso Luther auf die Idee kommen konnte, dem Teufel, diesem Tausendkünstler-Tausendsassa, jenem Diabolus, dem geschickten Durcheinanderbringer des Glaubens, notfalls auch mit einem Furz abzuweisen. Das waren Zeiten, als diese noch so richtig rochen …

Also, an jedem Sonntag ließe sich ein (durchaus wiederholbarer, also traditionsbildender) massenanlockender Gag finden. Bevor sich das alles durchgesetzt hat: ab nach Eisleben zur Ganz-Körper-(Wieder)-Taufe. Zum Taufevent.
Nun aber mal ganz im Ernst: Das alles ist die Not-Taufe einer Kirche, die ihrer Sache nicht mehr traut. Wo die Kirche sich populistisch den Events unterwirft, kommt sie theologisch auf den Hund. Wo sie freilich weiterhin nur theologische Richtigkeiten verbreitet, aber das Emotionale, das Anschauliche, das Sinnliche, das Spielerische, das Symbolische versäumt, da erkaltet sie und erreicht den Menschen nicht – weder äußerlich, noch im Innersten. Sie wird lehrreich, aber leer. Doch das Medium muss der ­Sache dienen und ihr angemessen bleiben. Alles andere ist Verrat an der Sache, der durch den Erfolg nicht ­gerechtfertigt werden kann. Das Verfremdete, das Gestaltete, auch Aufrüttelnde hat seinen Platz in der Kirche, die vom kreativen Überschuss, von überzeugten und begeisterten Menschen lebt, die gerne ­anderen das Evangelium auf vielerlei Weise nahebringen wollen. Und wenn Gott keinen Humor hätte, würde selbst ER ­unglücklich.

Eine Kirche, die populistisch & eventig wird, treibt mit dem guten ­Geschmack auch das aus, »was uns unbedingt angeht«. Martin Luther war bekanntlich die Taufe unendlich wichtig. Immer wenn er in tiefe Selbstzweifel kam sagte er sich: »Ich bin getauft.« Ich bin in Christus eingetaucht, von ihm bestimmt und erlöst. Aber nun Luthers Taufkirche so hervorzuheben, dass man Taufe zu einem Eislebener Luthertaufkirchenevent macht, widerspräche ganz und gar seinen Anliegen, nicht zuletzt unserer seit Jahrzehnten mit guten Gründen geübten Praxis, die Taufe innerhalb des Gottesdienstes in der Ortsgemeinde zu vollziehen. In der Ortsgemeinde!

Geheimnisvolles Puzzle

17. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Gerade noch rechtzeitig entdeckt Simone (Alexandra Maria Lara) den halberfrorenen und völlig verwirrten Konrad  (Gérard Depardieu) im verschneiten Park der Villa Senn. (Foto: Magali Bragard/Majestic)

Gerade noch rechtzeitig entdeckt Simone (Alexandra Maria Lara) den halberfrorenen und völlig verwirrten Konrad (Gérard Depardieu) im verschneiten Park der Villa Senn. (Foto: Magali Bragard/Majestic)

Die Verfilmung des Romans »Small World« von Martin Suter

Im Jahr 1997 veröffentlichte der Schweizer Autor Martin Suter seinen Debütroman »Small World«. Die rätselhafte ­Geschichte über Kindheitserinnerungen, komplizierte Familienbeziehungen und den fortschreitenden Gedächtnisverlust der Hauptfigur Konrad wurde ein Bestseller.

13 Jahre später hat ihn der französische Schauspieler und Regisseur Bruno Chiche (44) verfilmt; er selbst schrieb das Drehbuch und reduzierte die Handlung auf 93 illustrative Filmminuten.

Er folgt dabei der Enthüllung des Familiengeheimnisses der Dynastie Koch/Senn und zeichnet das Porträt des verstoßenen Stiefsohnes Konrad, der mit den Folgen der Alzheimerkrankheit zu kämpfen hat: Aber je mehr er sein Gedächtnis verliert, desto besser erinnert er sich an bestimmte, fern zurückliegende Ereignisse. Dadurch wird er insbesondere für die Grand Old Lady des Hauses, Elvira Senn, gefährlich; sie möchte die wahre Herkunft des Kranken verbergen.

Regisseur Chiche definiert seinen Filmhelden aber weniger als kranken Menschen, sondern als einen »der einfach anders ist, weltfremd zeitlos«.

Zu ihm fühlt sich die andere Außenseiterin dieser Geschichte – die junge, frisch eingeheiratete Simone Senn – hingezogen. Mit zunehmendem Interesse beginnt sie das geheimnisvolle Puzzle um Konrads Herkunft zu entwirren. Den Plot dieser Enthüllung behält Chiche natürlich bei; doch den sollte man schon selbst erleben.

Seine Wirkung bezieht der Film vor ­allem aus einem Staraufgebot an Schauspielern; allen voran Gérard Depardieu als Konrad. Der Regisseur hat diesem wunderbaren Mimen einfach vertraut, ihn – wie er sagt – bei der Arbeit mit der Kamera »beobachtet«. Dabei entdeckt er neue, berührende Seiten des Kraftpaketes. Auch Martin Suter äußert sich über dessen Interpretation begeistert: »Man hat Lust, ihn in die Arme zu nehmen, obwohl er ein so großer Mann ist.«

Daneben Alexandra Maria Lara als Seelenverwandte Simone. Chiche sieht in ihr ein »Genie der Verinnerlichung«, zeigt sie und Konrad immer wieder in Nahaufnahmen, fokussiert ihre Augen, an ­deren Spiel sich viel ablesen lässt. Sie verkörpert die Eleganz des Filmes. Außerdem Francoise Fabian als Elvira Senn, Niels Arestrup als Thomas, der sich von seinem ehemaligen Spielfreund Konrad distanziert und Nathalie Baye als seine geschiedene Frau Elisabeth, die eigentlich Konrad liebt …

Der Film ist bis in die Nebenrollen mit großartigen Schauspielern besetzt. Die von Chiche angestrebten »großen Emotionen« kommen trotz schwelgender Kameraführung (Kamera: Thomas Hardmeier) nur bedingt auf.

Wer das Buch von Martin Suter nicht kennt, dem sei dieser Film empfohlen; er ist »elegantes, richtiges Kino«.

Matthias Caffier

Kinostart war am 16. Dezember 2010.

Glauben inmitten des Terrors

13. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Der preisgekrönte Film »Von Menschen und Göttern« kommt in die deutschen Kinos

Bruder Christophe (Olivier Rabourdin), der jüngste der Mönche, hadert angesichts der Situation vor Ort mit seinem Glauben.  (Foto: NFP)

Bruder Christophe (Olivier Rabourdin), der jüngste der Mönche, hadert angesichts der Situation vor Ort mit seinem Glauben. (Foto: NFP)

In einem Kloster in den Bergen Algeriens führen neun französische Mönche ein friedliches, asketisches Leben in Harmonie mit sich selbst und mit der muslimischen Bevölkerung in den umliegenden Dörfern.
Doch die militärische Wirklichkeit holt die Mönche ein, mehr und mehr gerät die Idylle des Klosterlebens in Gefahr.

Der Film »Von Menschen und Göttern« greift auf eine wahre Begebenheit zurück. 1996 wurden in der algerischen Stadt Tibhirine sieben Trappistenmönche (Trappisten sind ein römisch-katholischer Mönchsorden, entstanden im 17. Jahrhundert als Reformzweig innerhalb des Zisterzienserordens) entführt und grausam ermordet. Das Verbrechen ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt.

In seinem Film zeichnet Regisseur Xavier Beauvois das Schicksal der französischen Mönche nach.

Am 16. Dezember kommt der in Cannes mit dem Großen Preis der Jury und dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnete Film in die deutschen Kinos.

Der Film lebt von den Kontrasten zwischen dem Tagesablauf der Mönche im Kloster, der geprägt ist von Stille und Ritualen, und dem umtriebigen Alltag der muslimischen Bevölkerung. Die Gebete und Gesänge im Gottesdienst inszeniert der Regisseur als Höhepunkte im Leben der kleinen klösterlichen Gemeinschaft und im Widerspruch stehend zur politischen Wirklichkeit des Landes. Dazwischen Szenen, die das friedliche Miteinander zwischen den christlichen Ordensleuten und ihren muslimischen Nachbarn zeigen.

Die Mönche – ihre Charaktere zeichnet der Regisseur ­differenziert – nehmen Anteil an den Sorgen der Menschen. Sie stehen ­ihren islamischen Nachbarn mit Rat und Tat zur Seite, sind integriert in die Dorfgemeinschaft. Ein Paradebeispiel für das friedliche Miteinander von Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit. Doch in beklemmenden Szenen zeigt der Film, wie die Gefahr und der Terror immer näher kommen. Als Fundamentalisten das erste Mal am Weihnachtsabend das Gebäude stürmen, gibt Bruder Christian (Lambert Wilson) ihnen zu verstehen, dass das Kloster ein Haus des Friedens ist und keine Waffen duldet.

Standhaft verweigert er als Ordensvorsteher jegliche Forderungen der Terroristen. Doch der Schock sitzt tief und allen ist klar, dass die Rebellen wiederkommen werden.

Die Mönche, zwar beunruhigt und eingeschüchtert, zögern, das Kloster zu verlassen. Sie diskutieren, zweifeln, kämpfen mit sich – und entscheiden sich, trotz der großen Gefahr zu bleiben. Eine folgenschwere Entscheidung.

Der Grund für den Erfolg des Filmes in Frankreich und das positive Medienecho liegt in der meisterhaften Inszenierung und in seinem Sujet. In einer Zeit, in der das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher ­Religionszugehörigkeit ein aktuelles politisches Thema ist, setzt er einen Kontrapunkt. Die Mönche halten inmitten einer Welt von Gewalt und ­Terror an ihrem Glauben und ihren Idealen fest. Und sie geben ein eindrucksvolles Beispiel, wie sich kontemplativer Lebensstil und zupackende Nächstenliebe miteinander verbinden können.

Sabine Kuschel

Kunst in der Kirche

6. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Bild von Sabine Gumnitz: Licht der Weihnacht, Kreide, 2010. (Foto: Kunstdienst/Steffen Krüger)

Bild von Sabine Gumnitz: Licht der Weihnacht, Kreide, 2010. (Foto: Kunstdienst/Steffen Krüger)

 
Überlebt: Von mehreren Kunstdienst-Einrichtungen, die es in der DDR gab, besteht als einziger nur noch der sächsische
 
Der Kunstdienst der ­sächsischen Landeskirche feiert sein 60. Jubiläum. Ein Blick auf seine ­traditionsreiche Geschichte und Gegenwart.
 

In fast jeder Kirche gibt es Kunstwerke, wertvolle Altarbilder, Gemälde und Schnitzereien. Mitunter sind die Gebäude selbst Kunstwerke oder solche kommen in ihnen zur Aufführung wie zum Beispiel jetzt im Advent das Weihnachtsoratorium und andere Konzerte. Kunst gehöre zum Leben und deshalb auch zur Kirche, so Dr. Frank Schmidt, Leiter des Kunstdienstes der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens mit Sitz in Dresden. »Die Kunstdienste sind Teil des missionarischen Auftrages für das Evangelium.«

In dieser Absicht sei der sächsische Kunstdienst 1950 gegründet worden. Parallel dazu seien neben Dresden Einrichtungen in Berlin, Rostock und Erfurt entstanden. Im Westen Deutschlands existierte ein einziger christlicher Kunstdienst in Hamburg, so Schmidt. Wie der Kunsthistoriker konstatiert, ist von den genannten Einrichtungen der sächsische Kunstdienst als einziger übrig geblieben.

In diesem Jahr feiert er sein 60. Jubiläum. Er blickt auf eine traditionsreiche Geschichte zurück und freut sich aktuell über eine positive öffentliche Wahrnehmung.

In der DDR erfüllte der Kunstdienst die Aufgaben der damals noch nicht vorhandenen Erwachsenenbildung, lud etwa zu Vorträgen und Lichtbildervorführungen ein. Von Anfang an unterstützte er die Gemeinden bei ­ihrer Arbeit mit bildender Kunst.

Bildungsarbeit in den Gemeinden

Sehr beliebt seien Werkwochen gewesen, berichtet Schmidt, Rüstzeiten, bei denen sich die Teilnehmer gemeinsam mit Künstlern einem bestimmten Thema der christlichen Kunst gewidmet haben. Die große Nachfrage nach diesen Veranstaltungen sei nach der Wende abrupt abgebrochen, sagt Schmidt.

Der Kunstdienst war in der DDR für einige Künstler das einzige Podium für Ausstellungen oder Auftritte.

Für die Bildungsarbeit in den Gemeinden entstand in Sachsen eine umfangreiche Dia-Sammlung mit Motiven der christlichen Kunst, Bauwerken, biblischen Pflanzen und Tieren. Meditative Bilder gehören ebenso dazu wie Themen zur Mission und anderen Religionen. In Werkberichten wurden neu gebaute Kirchen, Grafiken, Bräuche und Künstler mit ihren Techniken vorgestellt. Material, das
in der Gemeindearbeit gern genutzt wurde.

Die Arbeit, die den sächsischen Kunstdienst jahrzehntelang prägte, hat sich mittlerweile verändert. Eine seiner großen Aufgaben sind Ausstellungen. Deren Tradition beginnt bereits 1957 als in der Dresdner Kreuzkirche zum ersten Mal Krippen ausgestellt wurden. Krippen gäbe es heute überall und in jeder Form auf Weihnachtsmärkten und in Kaufhäusern. Deshalb sei die Tradition der Krippenausstellungen inzwischen aufgebrochen worden, ­bemerkt Angelika Busse, Mitarbeiterin des Kunstdienstes, verantwortlich für die Ausstellungen. Statt Krippen zu zeigen, werde in der Weihnachtszeit der Fokus auf ein bestimmtes Thema gelegt.

In diesem Jahr zeigen Künstlerinnen und Künstler ihre Arbeiten zum Motto »Licht der Weihnacht«. Die Präsentationen in der Weihnachtszeit sollten zur Ruhe und Besinnung einladen, eventuell auch eine Entgegnung auf vorherrschenden Trubel und Kommerz darstellen.

Ständige Orte für Ausstellungen zeitgenössischer Kunst sind die Kreuzkirche und das Foyer der Dreikönigskirche in Dresden sowie der Dom in Meißen. Darüber hinaus gibt es wechselnde Ausstellungen in anderen sächsischen Kirchen oder landeskirchlichen Einrichtungen. Gemeinden, die gern eine Ausstellung organisieren wollen, werden vom Kunstdienst unterstützt und beraten.

Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen

Ausstellungen seien eine gute Möglichkeit, Kirchen über bestehende ­Öffnungszeiten hinaus zu öffnen, sagt Angelika Busse. Sie wünscht sich noch viel mehr offene Gotteshäuser. Präsentationen von Kunstwerken tragen ihrer Meinung nach dazu bei, Schwellenängste der Besucher abzubauen. Menschen, die eher selten einen Kirchenraum betreten, täten dies eher, wenn sie darin Bilder oder andere Kunstwerke betrachten könnten.

Welche Künstler und welche Art von Kunst haben eine Chance, präsentiert zu werden? Der Kunstdienst ist Anlaufstelle für Künstlerinnen und Künstler der Region. Die Auswahl sei oft eine Gratwanderung, weiß Busse aus Erfahrung. Illustrationen zur Bibel seien nicht zwingend. Wohl aber Fragen, die in der Kirche relevant seien, also Themen wie der Mensch, die Schöpfung, Krieg und Gewalt, Alter, Passion, Sterben und Tod.

Ausstellungen sollten, wenn sie nicht eine Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben, dann die mit existenziellen Fragen anregen, ­betont Schmidt.

Neben den Ausstellungen gibt es eine zweite Hauptsäule des Kunstdienstes: die Betreuung des kirchlichen Kunstgutes der sächsischen ­Landeskirche. Dazu gehöre die wissenschaftliche Erfassung des in sächsischen Kirchen befindlichen Kunstgutes, erklärt Schmidt. Zudem berät der Kunstdienst Gemeinden bei der Restaurierung und Neuanschaffung von Ausstattungsstücken für Kirchen und Gemeinderäume, wie zum Beispiel Abendmahlsgerät und Leuchter.

Seit 2002 ist dem Kunstdienst noch eine neue Aufgabe zugewachsen, die des Siegelsachverständigen. »Jede ­Gemeinde braucht ein eigenes individuelles Siegel«, erklärt Schmidt. Seit der Strukturreform, in deren Folge sich viele Gemeinden neu bilden, sei der Bedarf daran groß. »Jedes Siegel ist Kunstwerk.« Der Kunstdienst berät Gemeinden und vermittelt Grafiker. Ein Geschäft, das seit den strukturellen Veränderungen, blühe.

Sabine Kuschel

Moses im Gospelsturm

26. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Komponist Dieter Falk bei einer ersten Probe für das Pop-Oratorium »Die 10 Gebote« in Dresden. (Foto: Steffen Giersch)

Komponist Dieter Falk bei einer ersten Probe für das Pop-Oratorium »Die 10 Gebote« in Dresden. (Foto: Steffen Giersch)

 
Pop-Oratorium der Superlative: »Die 10 Gebote« auf dem Kirchentag 2011 in Dresden

Bombastische Streicherklänge, Rockgitarren, rhythmusbetonte, soulige Musik, dramatische Bühnenszenen in effektvollem Scheinwerferlicht und ein Riesenchor mit zweieinhalbtausend Sängern. Eine Uraufführung der Superlative. Anfang des Jahres erlebten an zwei Abenden rund 17500 Zuschauer »Die 10 Gebote« in der Dortmunder Westfalenhalle. Nun ist das gigantische Pop-Oratorium ein zweites Mal geplant: am 4. Juni 2011 zum Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Zur Konzert-Arena soll das Rudolf-Harbig-Stadion mit seinen rund 30000 Plätzen werden. Jetzt werden Chöre dafür gesucht.

Das Oratorium gestaltet den Stoff aus dem Alten Testament: Mose führt das Volk Israel aus Ägypten und bringt ihm am Berg Sinai die Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten. Das 19 Lieder umfassende Libretto aus dieser Vorlage hat Michael Kunze geschrieben. Aus seiner Feder stammen deutsche Versionen der bekanntesten Musicals von Andrew Lloyd Webber, auch von »Der König der Löwen« oder »Mam­ma Mia!«. Eigene Musicals schreibt er ebenfalls. Als erfolgreichstes gilt »Elisabeth«.

Die Musik hat Dieter Falk komponiert, Produzent von Bands und Künstlern wie PUR, Pe Werner, Monrose und Paul Young. Den musika­lischen Stil bezeichnet er als »monumentale Popmusik zwischen Rock und Gospel«. Falk ist studierter Schul- und Kirchenmusiker, »und ein Kind guter kirchlicher Jugendarbeit«, wie er sagt. Mit 16 hat er einen Gospel-Chor gegründet. Schon damals habe ihn die monumentale Verfilmung des Stoffes von 1956 mit Charlton Heston in der Hauptrolle des Moses beeindruckt, erzählt er. »Eine spannende historische Geschichte. Aber auch ziemlich heavy. Das Alte Testament ist nichts für zarte Gemüter.«

Um die Komposition gebeten hatten ihn Mitglieder der Creativen ­Kirche Witten, als Beitrag der evangelischen Kirche zur Kulturhauptstadt Ruhr 2010. Musicaldarsteller wie Michael Eisenburger, Popsänger wie ­Bahar Kizil von »Monrose« oder der Schauspieler Otto Sander traten als Solisten auf. Auch in Dresden sollen sie zu erleben sein.

»Singen gilt ja heute vielen als ­uncool«, meint Dieter Falk. »Aber als in Dortmund zum ersten Mal alle zusammen gesungen haben, da hat man echt ‘ne Gänsehaut gekriegt.« Diese Musik, »das ist Emotion pur«. Das sollen die Sänger auch rüberbringen. Deshalb schwört Falk die Chorleiter, die zur ersten Besprechung gekommen sind, gleich darauf ein, ­alles aus sich rauszuholen. Die Chorsänger in Dortmund, vom zehnjährigen Jungen bis zur 80-jährigen Dame hätten das geschafft. »Das hat echt ­gegroovt.«

Um solch ein akustisches Feuerwerk auch in Dresden zu zünden, bleibt den Organisatoren nur halb so viel Probenzeit wie für Dortmund. Deswegen haben sie einen straffen Stufenplan gebaut. Bis 4. Februar 2011 können sich die Chöre melden. Am Tag darauf gibt es die erste Probe mit den Chorleitern. Im April in den einzelnen Chören, im Mai gibt es Regionalproben in vier Städten. Erst ganz zum Schluss sehen sich alle bei der Generalprobe – in Dresden, wenige Stunden vor der Aufführung.

Tomas Gärtner

»Wir müssen mehr voneinander wissen«

21. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Avital Ben-Chorin erzählte in Thüringen aus ihrem Leben

Bei ihrem Besuch in Deutschland wurde Avital Ben-Chorin große Aufmerksamkeit zuteil. (Foto: Axel Heyder)

Bei ihrem Besuch in Deutschland wurde Avital Ben-Chorin große Aufmerksamkeit zuteil. (Foto: Axel Heyder)


Immer weniger Menschen können aus eigener ­Erfahrung über die ­Geschehnisse der Hitlerzeit berichten. Eine viel gefragte und beeindruckende Zeitzeugin ist Avital Ben-Chorin.
 

Dass Menschen mit ihrem Geburtsort in ganz besonderer Weise verbunden sind, wundert niemanden. Im Falle Erika Fackenheim schon. Vor 87 Jahren in ­Eisenach geboren, ist die Witwe des großen Religionsphilosophen und ­Begründers des christlich-jüdischen Dialogs, Schalom Ben-Chorin (1913 bis 1999), wiederholt in dieser Stadt gewesen, aus der sie als Dreizehnjährige fliehen musste, um ihr Leben zu retten. In Israel hat sie eine neue Heimat gefunden.

Der geliebte Großvater, ein renommierter Eisenacher Arzt, ist in Theresienstadt verhungert, Eltern und Freunde in Auschwitz ermordet worden. Nie wieder habe sie nach Deutschland zurückkommen wollen – und hat es doch viele Male getan zusammen mit ihrem Mann und nach seinem Tod mit der gemeinsamen Tochter.

Gerade hat die zierliche alte Dame eine Vortragsreihe in Thüringer Städten hinter sich. In Eisenach geht ihr das Pogrom-Gedenken besonders nah. Da ist der Bahnhof, von dem aus die Juden in den Tod fuhren, die Turnhalle, in der sie zusammengetrieben wurden, die Häuser, in denen sie wohnten. Oberbürgermeister Matthias Doht wischt das Herbstlaub von den »Stolpersteinen« auf dem Bürgersteig und liest die Namen der Deportierten vor. Mit dem umgekehrten Gang der Erinnerung kann nichts rückgängig gemacht werden. Aber das gedemütigte Mädchen von damals wertet es als tröstliches Zeichen.

Avital Ben-Chorin, wie sie jetzt heißt, hat ihren Mann 1942 in Jerusalem am Beginn einer Vorlesungsreihe Martin Bubers zum »Judentum und Christentum« kennengelernt. Als die­se zu Ende ging, waren sie verheiratet und hatten ihr Lebensthema gefunden: den jüdisch-christlichen Dialog. Das Gemeinsame herausstellen und das Trennende nicht verschweigen, war die Devise.

»Der Glaube Jesu ­einigt uns, der Glaube an Jesus trennt uns.« Beide aus assimilierten Elternhäusern stammend und später mit strenggläubigen Juden konfrontiert, suchte das Ehepaar zudem nach einem neuen Weg zwischen beiden Extremen und gründete 1958 die erste reformierte Gemeinde und Synagoge. Andere folgten, aber zu einem echten Durchbruch dieses Reformjudentums sei es in Israel selbst nicht gekommen, sagt Avital Ben-Chorin rückblickend. Obwohl: »Die meisten gehören zu uns, aber sie wissen es nicht.«

Im Jahre 1956 fahren die Ben-Chorins zum ersten Mal ins Nachkriegsdeutschland. Der erste Anlaufpunkt ist sein Elternhaus in München, das die Bombardierung überstanden hat. »Na, geht’s Ihnen jetzt besser in Jerusalem, Herr Rosenthal«, ruft eine alte Nachbarin durch das Treppenhaus. Schalom Ben-Chorin, der früher Fritz Rosenthal hieß und durch die Hölle ging, ist sprachlos ob so viel unschuldiger Harmlosigkeit. – Mit diesem ersten Besuch beginnt eine intensive Vortrags- und Publikationstätigkeit. »Wir müssen mehr voneinander wissen, um einander zu begegnen.«

Über 50 Bücher und ungezählte Artikel hat der Brückenbauer zwischen Israel und Deutschland verfasst, ungezählte Gastvorlesungen und Referate gehalten.

Die Frau des berühmten Schalom Ben-Chorin ist auch seine Sekretärin und immer an seiner Seite. »Ich habe mich ganz in den Dienst meines Mannes gestellt«, sagt die emanzipierte Lehrerin. »Und wenn ich zurückblicke, war das gut so.« In der gastlichen Jerusalemer Wohnung saßen Hunderte und Aberhunderte von namhaften und unbekannten Besuchern am Tisch. Wer es damals nicht in sein Zimmer geschafft hat, lächelt Avital Ben-Chorin, der kann es jetzt in München tun. Sie hat dem Stadtarchiv im Geburtsort ihres Mannes seine deutschsprachige Bibliothek mit etwa 5000 Büchern samt Einrichtung überlassen.


Christine Lässig

Literaturempfehlung

  • Ben-Chorin, Schalom: Von Angesicht zu Angesicht. Beiträge zum Gespräch zwischen Judentum und Christentum, Wartburg Verlag, 96 S., ISBN 978-3-86160-140-1, 5,00 Euro – zu beziehen über den Buchhandel oder Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643) 246161
  • Schalom Ben-Chorin liest ausgewählte Psalmen in Hebräisch und Deutsch. CD, 12,95 Euro. Zu bestellen bei: Terra Tech Förderprojekte e.V., Kirchgasse 13, 35041 Marburg

Der Wahrheit verpflichtet

14. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Zum 100. Todestag des großen deutschen Erzählers Wilhelm Raabe

Wilhelm Raabe (1831 bis 1910) auf einem Gemälde von Wilhelm Immenkamp. (Repro: Archiv)

Wilhelm Raabe (1831 bis 1910) auf einem Gemälde von Wilhelm Immenkamp. (Repro: Archiv)

Mit dem Satz »gib acht auf die Gassen, blick auf zu den Sternen« aus dem Roman »Die Leute aus dem Walde« (1863) lässt sich Wilhelm Raabes Werk charakterisieren: Raabe hat nie den Blick in die Gassen, ins alltägliche Leben verloren. Mit derselben Achtung und Genauigkeit erzählt er vom Leben im Armenhaus und auf dem Adelsschloss; der über die Dörfer ziehenden Händlerin gilt seine Aufmerksamkeit ebenso wie den alten, entlassenen Offizieren.
 
»Mit unbegrenztem Wohlwollen sowohl gegen Mitwelt und Nachwelt als auch gegen mich selber und alle mir im Lauf der Erzählung vorübergleitenden Schattenbilder des großen Entstehens, Seins und Vergehens«, habe er die Arbeit an einem seiner bekanntesten Romane, dem »Hungerpastor« (1864), begonnen. Durch dieses Wohlwollen aber ließ er sich den klaren Blick nicht trüben, blieb er der Wahrheit verpflichtet.

Über das Werk eines Kollegen äußerte er sich folgendermaßen: »Das ist unwahr – und deshalb keine Dichtung. Lügen darfst du in politischen Abhandlungen, statistischen Aufstellungen und dergleichen. Das hat nichts zu sagen. Da lacht nur die pragmatische Weltentwicklung. Lügst du aber in der Dichtkunst, so lacht die Natur, die Sterne schütteln sich vor Lachen und – Mitleid.«

Zum genauen Blick gehörte für Raabe zunehmend auch das Wahrnehmen der sozialen Probleme und der gesellschaftlichen Entwicklung, die ihn immer stärker bedrückten. So wurde seine letzte, unvollendet gebliebene Erzählung »Altershausen« (erst 1911 nach seinem Tod veröffentlicht) zu einem der verstörendsten deutschsprachigen Texte. Deren Fazit: Wir leben falsch, mehr noch: wir sind grundfalsch. Solang wir Kinder sind, ist alles noch einigermaßen in Ordnung. Wenn wir als Erwachsene nicht über das Kind-Sein hinauskommen, verblöden wir. Die Nuss des menschlichen Lebens ist nicht zu knacken. Es gibt keine Lösung des Dilemmas.

Der Blick zu den Sternen, das heißt: zu Gott, bewahrte den Dichter vor Bitterkeit und Hoffnungslosigkeit. Er war wohl auch der tiefe Grund für seinen Humor und für seine Menschenliebe.

Berühmt wurde Raabe 1856 durch seinen ersten Roman »Die Chronik der Sperlingsgasse«. Darin finden sich bereits alle Merkmale seiner Kunst: die Vorliebe für etwas kauzige, abseitige Charaktere, Beschaulichkeit und Einschübe von persönlichen Betrachtungen. Auch hier bereits der genaue Blick. Raabes Werk wurde später spröder, gesellschaftskritischer. Neben den großen Romanen, etwa »Abu Telfan« (1867), »Der Schüdderump« (1870) und »Die Akten des Vogelsangs« (1895) hat er meisterhafte Novellen und Erzählungen geschrieben, spannend »Die schwarze Galeere« (1861), liebenswürdig »Das Horn von Wanza«&#x00A0 (1880), die industrielle Gewässerverschmutzung darstellend »Pfisters Mühle« (1884).

Raabe gehört neben Keller, Storm und Fontane zu den großen realis­tischen deutschen Erzählern des 19. Jahrhunderts. Er ist 79-jährig vor 100 Jahren, am 15. November 1910, in Braunschweig gestorben.

Jürgen Israel

Auf zwei Neuerscheinungen sei, ausdrücklich auch um der ausgezeichneten Nachworte willen, hingewiesen:

Raabe, Wilhelm: Altershausen. Nachwort von Andreas Maier, Insel Verlag,
ISBN 978-3-458-19335-7, 140 S., 13,90 Euro

Raabe, Wilhelm: Die Akten des Vogelsangs. Nachwort von Katja Lange-Müller, Insel Verlag,
ISBN 978-3-458-35317-1, 228 S., 8,50 Euro

Die empfohlenen Bücher sind zu beziehen über den Buchhandel oder Bestellservice ­Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643) 246161

Angesagt: Die Deutungshoheit über Wörter

30. Oktober 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Anmerkungen zur Sprache


 

Christoph Kuhn lebt als Schriftsteller in Halle.

Christoph Kuhn lebt als Schriftsteller in Halle.

An den Herbst 1989 erinnernd wird oft gesagt, dass die DDR, das ganze kommunistische Imperium, auch an Lügen zugrunde ging. Gefälschte Daten, geschönte Statistik – wir waren Halb- und Unwahrheiten gewöhnt.

Erhellend ist auch das Blättern im Fremdwörterbuch und im Lexikon von A bis Z aus den Jahren 1980, 1982.

Als 1968 sowjetische Soldaten nach Prag marschierten, war das keine Okkupation, »(unrechtmäßige) Besetzung fremden Gebietes durch eine (imperialistische) Macht«, laut Fremdwörterbuch. Denn Imperialismus ist »höchstes Entwicklungsstadium des Kapitalismus«. Russen und Chinesen bezichtigten sich bei den Kämpfen am Ussuri Ende der 70er Jahre gegenseitig der Aggression, die es per Definition (»imperialistischer Eroberungskrieg«) gar nicht gab.

War unsere friedliche Oktoberrevo­lution ein Volksaufstand oder ein Umsturz? Beide Wörter fehlen im Lexikon; und Revolution wird so erklärt: »grund­legende qualitative Veränderung der ­Gesellschaft, tritt in der Ausbeutergesellschaft gesetzmäßig auf«. (Später geht es nur um »sozialistische Revolution«.) Das Wörterbuch spricht noch von der »Übernahme der Macht durch die progressive Klasse«. Das Wort »progressiv« war ideologisch umstritten: Die herrschenden Funktionäre hielten sich selber für progressiv und wurden von älteren Systemkritikern gern auch mit diesem ­Begriff ­geschmäht. Jedoch jüngere Nonkonformisten, die westlichen Ideen ­anhingen und progressive Rockmusik hörten, beanspruchten den wahren Progressismus.

»System« nennt das Fremdwörterbuch, »ein in sich gegliedertes, geordnetes Ganzes«. Demnach kommt »Systemkritik« in keinem der beiden Nachschlagewerke vor, und »Nonkonformismus« ist laut Lexikon die »selbst gewählte Bezeichnung für die Haltung bürgerlicher Intellektueller, die in kritischer Oppo­sition zu ihrer kapitalistischen Umwelt stehen«. Opposition gilt nur als Widerstand von »Parteien und Gruppen im bürgerlichen Parlament«. Auch das Gegenteil, der Opportunismus, hat natürlich in der DDR keine Grundlage, sondern ist »in der Arbeiterbewegung Verzicht auf das Endziel, die ­Errichtung des Sozialismus und Kommunismus«.

Wer waren also die Aufständischen vom 17. Juni ’53 und die demonstrierenden Revolutionäre im Herbst ’89? Dissidenten? Das Lexikon verzichtet sicherheitshalber auf den Begriff und das ­Wörterbuch übersetzt Dissident: »Andersgläubiger, Angehöriger einer nicht anerkannten Religionsgemeinschaft oder Konfessionsloser in Ländern mit Staatskirche.« Ein verstecktes Eingeständnis des Lektorats, der Sozialismus sei eine Art Religion, wenigstens eine ­Ersatzreligion gewesen.

Solche Bedeutungsverschleierungen gehörten zur allseitigen Indoktrination. Doch auch von diesem Wort wollen beide Bücher nichts wissen. Weil – so schließt man mit Christian Morgenstern messerscharf – »nicht sein kann, was nicht sein darf«.

Christoph Kuhn

Literaturempfehlungen
Kuhn, Christoph: Königsweihe. Erzählungen und Gedichte mit Zeichnungen von Andreas Hegewald, Typostudio Schumacher Gebler GmbH Dresden,
68 S., ISBN 978-3-941209-03-9, 10,90 Euro

Kuhn, Christoph: Am Leben. Roman, Wartburg Verlag,
151 S., ISBN 978-3-86160-402-0, 16,00 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den ­Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
­Telefon (03643) 246161

Das »Belvederer Modell«

23. Oktober 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Geschichte des Weimarer Musikgymnasiums.

Die Geschichte des heutigen Musikgymnasiums Schloss Belvedere beginnt im Gründungsjahr der DDR und in Eisleben. Das Land Sachsen-Anhalt etablierte im Mansfeldischen eine Musikfachschule. Eine Außenstelle wurde in Sangerhausen eingerichtet. Den Namen und den Sitz wird die Schule des Öfteren wechseln. 1952 erfolgte die Übersiedlung nach Weimar. Denn die staatlichen Stellen waren der Meinung, dass eine Musikschule im Umfeld einer Musikhochschule am besten aufgehoben sei. So kam Weimar zu jener Einrichtung, die heute Vorbildcharakter hat für die Ausbildung des musikalischen Nachwuchses. Doch bis es so weit war, war es ein sehr langer Weg.

Die Geschichte des Musikgymnasiums Schloss Belvedere beschreibt Reinhard Schau, der bis zur Emeritierung Leiter der Opernschule an der Weimarer Hochschule für Musik war, mit nicht zu überbietender Gründlichkeit auf 300 Seiten und in einem erzählerisch mitreißenden Ton.

Dass die Musikschule in den ersten Jahren ihres Bestehens trotz eklatanten Platz- und Lehrermangels qualitativ hochwertigen Unterricht bot, lag zweifelsohne an der Umsicht und den Leitungsqualitäten von Hans Della Guardia (1918–1996), einem aus Köln gebürtigen Künstler-Pädagogen alter Schule. 1954 wurde er als Direktor entlassen und in gleicher Funktion an eine Fachschule nach Bernburg versetzt, ging aber 1955 zurück in seine alte Heimat Köln. Die Nachfolger Della Guardias haben, wie Schau anschaulich zeigen kann, mehr Gewicht auf ideologische Linienführung, u. a. mit morgendlichen Appellen, denn auf eine gediegene musikalische Ausbildung gelegt, was hintere Platzierungen bei Wettbewerben bewiesen. Ein Parteisoldat wie Siegfried Möckel, der Direktor und Parteisekretär der Schule war, vergiftete die Atmosphäre nachhaltig. Seiner Machtanmaßung und seiner Initialen »S. M.« wegen wurde er hinter vorgehaltener Hand nur »Seine Majestät« genannt. So konnte das textlose Musizieren von Weihnachtsliedern bei ihm zu cholerischen Anfällen führen. Unter neuer Leitung wurden Anfang der 80er Jahre auch die musikalischen Leistungen besser, erreichten die »Belver« bei DDR-Leistungsvergleichen immer öfter vordere Plätze.

MusikNach der Wende und der deutschen Einheit mussten zwar keine ideologischen Querelen mehr ausgetragen, wohl aber Selbstbehauptungskämpfe geführt werden. Die Vernachlässigung zu DDR-Zeiten hatte zu unhaltbaren Zuständen in den Schul- und Internatsräumen geführt; eine Sanierung und Erweiterung des Belvederer Schulkomplexes war unaufschiebbar. Das vorhandene Häuser-Ensemble wurde modernisiert und ein neues, in seiner Formensprache zum Belvederer Barock kontrastreiches Unterrichtsgebäude errichtet. Das Musikgymnasium ist heute nicht nur architektonisch eine Vorzeige-Einrichtung, sondern auch eine vielfach prämierte pädagogische Insel, die, in ­enger Kooperation mit der Musikhochschule Franz Liszt, Nachwuchskünstler ausbildet, die weltweit überzeugen können.

Das Erfolgsrezept dieser Spezialschule gründet auf drei Säulen: der Allgemeinbildung am Gymnasium, der musika­lischen Spezialausbildung am Hochbegabtenzentrum und der sozialen Gemeinschaftsbildung im Internat. Und ­dieses »Belvederer Modell« macht Schule. Kurzum: Die Chronik des Musikgymnasiums Belvedere, die Reinhard Schau hier vorlegt, ist, auch und gerade für die Zeit nach 1990, pädagogisch und musikalisch eine singuläre Erfolgs­geschichte.

Kai Agthe

Schau, Reinhard: Das Musikgymnasium Schloss Belvedere in Weimar – Geschichte und Gegenwart, Böhlau Verlag, 317 S., ISBN 978-3-412-20556-0, 22,90 Euro

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