Mit Mose durch die Wüste

3. September 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Theater: In Dresden wurde Marlene Röders »Zebraland« als Theaterstück uraufgeführt


In Dresden wird gezeigt, wie die großen Themen von Schuld und Vergebung auch für Jugendliche höchst ­ansprechend auf die Bühne ­gebracht werden können.

In der Sackgasse ihrer Verstrickungen: Das junge Ensemble des Dresdner tjg nimmt die Zuschauer überzeugend in die Welt gegensätzlicher Empfindungen mit. (Foto: Klaus Gigga/tjg)

In der Sackgasse ihrer Verstrickungen: Das junge Ensemble des Dresdner tjg nimmt die Zuschauer überzeugend in die Welt gegensätzlicher Empfindungen mit. (Foto: Klaus Gigga/tjg)


»Wir sind Spieler«, so das Motto der neuen Saison des Dresdner theaters junge generation, kurz tjg. »Wir sind Spieler«, das heißt auch, wir sind Menschen auf der Suche nach den Regeln für unsere Spiele, bei ­denen es Verlierer gibt, unfaires Verhalten, Regelverletzungen und schlimmstenfalls irreparables, schuld­haftes Versagen.

Von Letzterem handelt das mit dem Evangelischen Buchpreis in diesem Jahr ausgezeichnete Jugendbuch der jungen Gießener Autorin Marlene ­Röder. Ihr gelinge es »hervorragend«, »die Themen Schuld, Verantwortung, Freundschaft und Befreiung mit biblischen Themen in Verbindung zu bringen«, sodass die »Geschichte des Exodus, der Zehn Gebote und Babylons in der Erlebniswelt von Jugendlichen zur Sprache gebracht« wird und dabei »ein Buch über die befreiende Kraft der Freundschaft und der Musik entstanden« sei, so die Begründung.

Was hier ein wenig theoretisch klingt wird in der gut einstündigen Aufführung der Mitglieder des Theaterjugendclubs am tjg höchst sensibel, fantasievoll, vor allem glaubhaft in ein Theatererlebnis verwandelt, das am Ende stürmisch gefeiert wird. Spannend wie in einem Krimi verstricken sich vier junge Leute immer stärker in lähmende und zermürbende Situationen aus Misstrauen, Verrat, Eifersucht und Aggression, die sie selbst durch schuldhaftes Verhalten herbeigeführt haben. Nicht irgendeine Schuld, einen Mord haben die vier jungen ­Menschen zu verantworten. Auf der Heimfahrt von einem Konzert haben sie eine Mitschülerin überfahren und sind abgehauen.

Und wie in einem Krimi gibt es einen Mitwisser. Er nennt sich Mose und schickt Erpresserbriefe, die von den Jugendlichen existenzielle Opfer fordern, was letztlich aber aus der tödlichen Sackgasse ihrer Verstrickungen führt und auf jenen Weg bringt, auf dem sie finden könnten, wonach sie sich sehnen: »die friedliche Lichtung«, auf der es wieder hell wird. Es bleibt der Fantasie der Zuschauer überlassen, ob sie zusammen mit den wunderbaren Dresdner jungen Lebensspielern ihr »Zebraland« finden – nicht schwarz oder weiß, sondern schwarz und weiß.

Katja Heiser hat die Theaterfassung geschaffen und führt auch Regie. Sie führt die acht Spielerinnen und Spieler auf kleinstem Raum in die Weite gegensätzlicher Empfindungen oder in beklemmende, angstvolle Situationen am Rande von Abgründen. Durch geschickte Stilisierung und choreografische Ansätze, Musikalisierungen und den Verzicht auf so gut wie jede Art von Naturalismen gibt sie dem Spiel Begrenzungen, innerhalb derer sie den Darstellerinnen und Darstellern die Freiheiten ermöglicht, sich dem eigenen Empfinden für fremde Zuschauer nachvollziehbar zu stellen.

So wird auch der Wechsel der Schauplätze und Perspektiven nicht zum Problem. Die Verbindung unterschiedlicher Handlungsstränge wirkt am Ende wie jenes Netz, in dem sich die Protagonisten zum einen verhängnisvoll verfangen haben, das sie zum anderen aber auch vor dem völligen Absturz bewahrt und dessen Knotenpunkte zu Wendepunkten werden können. Der entscheidende Wendepunkt in diesem Stück um Schuld und Vergebung ist jener, an dem die Schuldigen aufhören sich als Opfer zu sehen.

Am Ende ist ein Theaterabend gelungen, der höchst moralische Fragen stellt und dennoch an keiner Stelle moralisiert. Es geht ums Ganze, es geht wahrhaft ernst zur Sache, aber weder der Humor noch die Details ­jugendlicher Spielfreude kommen zu kurz. Und so hat ganz nebenbei das Theater mal wieder die Nase ganz weit vorn, wenn es darum geht, zu zeigen wie ernsthaft Jugendliche spielend bei der Sache sein können, wenn man sie nur ernst nimmt, was für die Bühne und den Zuschauerraum gilt.

Theaterland ist Zebraland. Ein Besuch lohnt, ganz bestimmt auch für die Konfirmandengruppe.

Boris Michael Gruhl

Von der Sehnsucht nach dem Paradies

27. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Der erzgebirgische Holzgestalter Dieter Groh wurde 80

Vor wenigen Tagen, am 20. August, ist er bei guter Gesundheit 80 Jahre alt geworden: der Holzgestalter Dieter Groh. Geboren 1930 im westerzgebirgischen Burkersdorf, hat er sich als gelernter Möbeltischler seit 1965 auf dem väterlichen Grundstück seinen Kindheitstraum erfüllen dürfen, den Traum von den eigenen Weihnachtsfiguren.

Aufgewachsen in einer über Generationen von tiefer Frömmigkeit geprägten Familie, war es die farbenfrohe Welt der traditionellen Leuchterfiguren, die ihn frühzeitig gefangen nahm und nie mehr loslassen sollte. Obwohl er bald schon als gefragter Holzrestaurator galt, wurde für Dieter Groh erst das eigene Nachempfinden von Althergebrachtem in Verantwortung gegenüber den historisch gewachsenen Formen zum eigentlichen beruflichen Erlebnis. So widmet er sich seitdem ganz bewusst den aus dem 19. Jahrhundert überkommenen Techniken und drechselt, schnitzt, modelliert mit Brotteig und bemalt ­alles nach wie vor von Hand.

Dieter Groh, Holzgestalter aus Burkersdorf im Westerzgebirge, in seiner geliebten Werkstatt. (Foto: Gottwald Klinger)

Dieter Groh, Holzgestalter aus Burkersdorf im Westerzgebirge, in seiner geliebten Werkstatt. (Foto: Gottwald Klinger)

Wer sein Haus betritt, ist überrascht von der Fülle dessen, was in all den Jahren in seiner Werkstatt entstanden ist: traditionelle Leuchter­figuren, sparsam mit Ornamenten verziert, in ihrer Farbigkeit an barocke Dorfkirchen erinnernd, Bergleute, ­Engel, deren Vorbilder im Freiberger und Schneeberger Raum zu finden sind, Spielzeug, Fröbelscher Gedankenwelt entlehnt, Leuchterspinnen, Bevensen-Leuchter, einer norddeutschen Heiligabendsitte nachempfunden und Schwebeengel, denen Dieter Grohs besondere Liebe gilt.

Mehr als zwei Jahrzehnte wirkte Dieter Groh an der Schneeberger »Fachschule für Angewandte Kunst«. War es doch sein Wunsch, all den Generationen von Studenten etwas vom Geheimnis der »Formen aus der Tradition des Erzgebirges«, wie es im Vorlesungskatalog hieß, nahezubringen.

Längst schon haben seine Arbeiten Erwähnung gefunden in den Bibliografien zur sächsischen Volkskunst oder lassen sich in deren Museen ­betrachten. Ausstellungen im In- und Ausland haben seinen Namen bekannt gemacht. Sein Wahlspruch »Lege Deine Hände an die Arbeit und Dein Herz in Gott«, von der Shakergemeinde, einer aus dem Quäkertum entstandenen amerikanischen Freikirche überliefert, begleitet ihn bis heute.

Von all seinen Miniaturen sei ihm die Geschichte von Adam und Eva und vom Apfel, einem in Seiffener Manier geschaffenen Paradiesgarten, besonders ans Herz gewachsen. Von seiner »Sehnsucht nach dem Paradies« ist in der Figurenwelt des Dieter Groh manches zu entdecken. Man muss nur mit dem Herzen hinschauen.

Gottwald Klinger

Luther, Zwerge und jede Menge Streit

20. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Luther zum »Begreifen«: Seit vergangenem Sonnabend bevölkern rund 800 verkleinerte Nachbildungen des Lutherdenkmals den Wittenberger Marktplatz.  Bis zum 12. September sollen dazu jeweils werktags ab 17.45 Uhr und sonntags ab 12 Uhr Texte des Reformators gelesen werden. (Foto: Achim Kuhn)

Luther zum »Begreifen«: Seit vergangenem Sonnabend bevölkern rund 800 verkleinerte Nachbildungen des Lutherdenkmals den Wittenberger Marktplatz. Bis zum 12. September sollen dazu jeweils werktags ab 17.45 Uhr und sonntags ab 12 Uhr Texte des Reformators gelesen werden. (Foto: Achim Kuhn)



In Wittenberg regt bis September eine spektakuläre Kunstaktion zur Auseinandersetzung mit dem Reformator an

Martin Luther ist etwa einen Meter groß und ganz aus Plastik. Rund 800 rot, grün oder blau gefärbte Luther-Zwerge des Nürnberger Aktionskünstlers Ottmar Hörl stehen derzeit auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg, ganz ordentlich in Reih und Glied. Alle sind sie dem normalerweise auf dem Marktplatz stehenden, im 19. Jahrhundert von ­Johann Gottfried Schadow errichteten Lutherdenkmal nachempfunden, das noch bis zum 12. September restauriert wird.

»Martin Luther hat sich selbst nie auf einen Sockel gestellt«, sagte Hörl bei der Übergabe des Kunstwerks am vergangenen Sonntag. »Luther hat sich immer ganz kleingemacht.« Aus Sicht der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), deren Bevollmächtigter in Wittenberg, Prälat Stephan Dorgerloh, die Initiative zu der Kunstaktion ergriffen hatte, sollen die Lutherfiguren zur Auseinandersetzung mit dem Reformator anregen. »Ist Luther ein Heiliger, gehört er auf einen Sockel oder mitten ins Leben?«, fragte Dorgerloh bei der Eröffnung der Kunstaktion. »Ich glaube, Luther stünde heute mittendrin, und würde versuchen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.«

Friedrich Schorlemmer sieht das anders. Der ehemalige Direktor der Evangelischen Akademie Wittenberg und frühere DDR-Bürgerrechtler bezeichnete das Kunstwerk als »theologisches und ästhetisches Schindluder«, das mit Luther getrieben werde. »Martin Luther ist doch nicht serienmäßig zu haben«, wetterte der Theologe, der schon Monate vor Beginn der Kunstaktion scharfe Kritik daran äußerte. Mehr noch, es sei ein »geschmackloser Ablasshandel mit Plastefiguren«, wenn die Lutherzwerge nach Ende der Aktion an Interessierte in der ganzen Welt verkauft werden.

Stephan Dorgerloh allerdings hält dagegen: »Von Feuerland bis Lappland entsteht dann ein Netz aus Botschaftern für Wittenberg«, beschreibt der Prälat die Vision. Schon heute fände sich eine Lutherfigur in Thailand, und eine weitere im Arbeitszimmer des finnischen Erzbischofs.

Und der Oberbürgermeister Wittenbergs, Eckhard Naumann (SPD), erinnerte daran, dass Martin Luther eine »universelle Persönlichkeit« gewesen sei. Luther zufolge sei jeder Mensch für sich selbst verantwortlich. »Deswegen kann auch jeder, der sich eine kleine Lutherfigur kauft, selbst entscheiden, was er damit macht.«

Benjamin Lassiwe

Spott und Satire

13. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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spott

Satirische Flugschriften aus der ­Reformationszeit sind auf der ­Wartburg bei Eisenach zu sehen. Die Sonderausstellung mit Spott und Satire vereint unter dem Motto »Beyssig sein ist nutz und not« mehr als 50 besonders eindrückliche Druckgrafiken.

Die zweite Ausstellung der Wartburg in der Lutherdekade zum 500-­jährigen Reformationsjubiläum 2017 gelte »dem höchst erfolgreichen propagandistischen Wirken Luthers und dem Widerhall seiner Gegner«, hieß es. Die neue Technologie des Buchdrucks verhalf den Flugschriften der Reformation zu schneller und weiter Verbreitung. Dabei sparte keine der beteiligten Seiten in den damaligen Auseinandersetzungen mit Spott und Satire. Das Foto zeigt eine Flugschrift mit dem Titel »Der Teufel mit der Sackpfeife«, entstanden um 1535. Andere Darstellungen bezeichnen Martin Luther als »wildes Eberschwein«, das den Weingarten der Kirche zerstört habe.

Die Kabinettausstellung kann innerhalb des Museumsrundgangs bis 31. Oktober täglich von 8.30 Uhr bis 17 Uhr besichtigt werden.
Foto: epd-bild

Das geht unter die Haut

30. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Tattoostudio sind auch spirituelle und christliche Motive gefragt

Albrecht Dürers »Betende Hände« sind ein beliebtes Tattoo-Motiv. Foto: epd-bild

Albrecht Dürers »Betende Hände« sind ein beliebtes Tattoo-Motiv. Foto: epd-bild

In den Glasvitrinen sind Totenkopf-Modelle ausgestellt, die Wände mit Flammenmustern bemalt, aus Lautsprechern tönt harte Rockmusik. »Palatine Tattoo« im pfälzischen Pirmasens ist ein Tätowierstudio. Betrieben wird es von Jens Neumann und seiner Frau Ute. Der gebürtige Dortmunder passt ins Bild: lange Haare, Kinnbart und Tätowierungen auf den Armen. Längst sind Tätowierungen – neudeutsch: Tattoos – kein exklusiver Körperschmuck mehr für Seeleute, Rockmusiker oder ehemalige Häftlinge. Knapp zehn Prozent aller Deutschen haben Schätzungen zufolge ein oder mehrere Tattoos, darunter auch viele Prominente: Bettina Wulff, Lena Meyer-Landrut oder Fußballer wie ­Jerome Boateng und Marcell Jansen. Spirituelle Motive sind beliebt.

Bei »Palatine Tattoo« sprechen Neumann und seine Kolleginnen zunächst ausführlich mit den Kunden über Motivauswahl und -gestaltung sowie die Körperstelle, auf die das Tattoo gestochen werden soll. »Aber ab einem gewissen Punkt bin ich als ­Tätowierer natürlich Dienstleister und steche dem Kunden fast alles, was er will«, sagt Neumann. Ausnahmen sind verbotene Symbole und Texte.

Gefragte Motive seien Engel, Dämonen oder auch Totenköpfe, erzählt Neumann. Er schätzt, dass ungefähr 80 Prozent aller Tätowierungen spirituell motiviert sind. »Die Totenköpfe symbolisieren für mich die Vergänglichkeit allen Seins, also auch meine eigene«, sagt der Wahl-Pfälzer, der neun davon als Tattoo auf dem linken Arm trägt. Er ist Protestant, doch das schließt für ihn nicht aus, sich auch der Symbolik heidnischer Religionen zu bedienen. Die Zahl Neun habe er aufgrund der keltischen Mythologie gewählt, wo sie als Potenz der göttlichen Zahl drei einen Absolutheits­charakter habe, sagt er.

Die Praxis des Tätowierens ist aber viel älter als die Mythologie der Kelten. Auch an der etwa 5000 Jahre alten Mumie des Mannes vom Hauslabjoch in den Ötztaler Alpen, besser bekannt als Ötzi, wurden Tätowierungen festgestellt. Die frühesten schriftlichen Belege für Tätowierungen finden sich in der Bibel. Dort wurde diese Art von Körperkult verboten. »Ihr sollt um eines Toten willen an eurem Leibe keine Einschnitte machen noch euch Zeichen einätzen«, heißt es etwa im Buch Levitikus (Levitikus 19,28).

Ursprünglich waren Tätowierungen bei den Israeliten in Anlehnung an den kanaanäischen Baalkult und seine Trauerrituale üblich, berichtet der Münsteraner Alttestamentler Rainer Albertz. Über Jahrhunderte hätten die Israeliten die Tradition des Tätowierens unreflektiert ausgeübt. Ein Wandel habe erst durch die prophetische Sozial- und Kultkritik des achten vorchristlichen Jahrhunderts eingesetzt. Papst Hadrian I. habe schließlich um 700 nach Christus jegliche Art von Tätowierungen verboten.

Jens Neumann kennt die einschlägigen Bibelstellen zum Tätowier-Verbot. »Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?« (1. Korinther 6,19), schreibt Paulus im ersten Korintherbrief. Doch gerade mit diesem Vers lasse sich das Tätowieren auch befürworten, sagt Neumann. Denn die Frage sei, ob man den Tempel des Heiligen Geistes nicht zum Beispiel mit einer Tätowierung auch schmücken dürfe.

Das Kreuz ist, seinen Erfahrungen nach, das beliebteste christliche Tattoo-Motiv – noch vor Engeln, Albrecht Dürers »Betenden Händen« und Bibelzitaten. Das Symbol steht für Schmerz, Qual, Tod, aber auch für neues Leben. Viele Menschen ließen sich ein Kreuz stechen, um damit einen Schicksalsschlag zu verarbeiten, weiß Neumann. »Als Tätowierer bin ich auch eine Art Seelsorger«, sagt er und erinnert sich an einen Fall von plötzlichem Kindstod. Die Kundin habe als Motiv ein Kreuz mit dem ­Gesicht des Kindes im Schnittpunkt gewählt. Während des Vorgesprächs und beim Tätowieren habe die Mutter ihm von diesem Schicksalsschlag erzählt.

Neumann kennt seine Grenzen. Wenn er den Eindruck hat, dass ein Kunde ein pathologisches Trauerverhalten zeigt, empfiehlt er, therapeutische Hilfe zu suchen. »Eine Tätowierung ist sicherlich nicht geeignet, ernsthafte psychische Probleme zu ­lösen.« Nur indem man die Bedeutung einer Tätowierung relativiere, bleibe sie, was sie ist: Ein einzigartiges Kunstwerk voller Symbolik. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Dejan Vilov (epd)

»Alles Gute zum Alltag«

23. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Musiker Samuel Harfst hat Erfolg mit seinen Texten über Gott und die Welt

Der Musiker Samuel Harfst bei einem Auftritt mit seiner Band. 	Foto: epd-bild

Der Musiker Samuel Harfst bei einem Auftritt mit seiner Band. Foto: epd-bild

Entspannt sitzt Samuel Harfst in ­einem Gießener Café. Die beiden Mädchen hinter der Theke fragen nach seinem neuen Album. Harfst lächelt. »Hier in Gießen werde ich auf der Straße erkannt«, sagt der Musiker. Doch sonst kennen viele nur seinen Song Stefanie Walter aus der iPhone-Werbung. Trotzdem: Es läuft sehr gut für den 24-Jährigen aus dem mittelhessischen Hüttenberg. Gerade war seine Band als Vorgruppe mit Whitney Houston auf Deutschland-Tour, er bekam einen Plattenvertrag beim Musikkonzern EMI und das neue Album »Alles Gute zum Alltag« ist herausgekommen. Sein Theologiestudium hat Samuel Harfst abgebrochen und lebt ganz von der Musik.

In seinen Texten schreibt der Musiker auch über Gott: »Auch wenn du nicht mehr glaubst, Erwartungen zurückschraubst und sagst, an Gott glaub ich nicht, sag ich dir, Gott glaubt an dich, und er tut auch heute noch Wunder«, heißt es im Song »Das Privileg zu sein«. Harfst stammt aus einem christlichen Elternhaus. Er ist in einer freikirchlichen Gemeinde groß geworden und nutzte das vor allem als »Background«, wie er sagt, etwa für Proben in den Räumen der Gemeinde.

Samuel Harfst steht zu seinem Glauben, doch möchte er seine Band nicht als »christlich« bezeichnet sehen. Er mag keine Schubladen. Man nenne sie schließlich auch nicht »männliche Band«, obwohl sie ja nur aus Männern bestehe. Er will sich auch keiner Musikrichtung zuordnen lassen, beschreibt seinen Stil jedoch als »Singer Songwriter«. »Aber wir ­haben auch Klassik-Fans, die unsere Musik wegen des Cellos hören.«

Er tritt mit seinem Bruder David und dem Cellisten Dirk Menger auf. Samuel singt, spielt Gitarre und verfasst die Texte. »Ich schreibe über ­alles, was mich bewegt, bewusst und unbewusst.« In »Alles Gute zum Alltag« beispielsweise: »Nimm das Leben in die Hand, grab die Träume aus dem Sand, träume hellwach, träume groß, lass die Hoffnung niemals los.«

Dieses »groß träumen, aber hellwach sein« bedeutet für Harfst eine Art Leitmotiv, wie er sagt. Seit seiner Kindheit gehört Musik zu seinem ­Leben. Als ihm 2005, während eines Studiums in Australien, das Geld ausging, machte Harfst auf der Straße Musik. 2009 schaffte es die Band ins Finale des MTV-unplugged-Nachwuchswettbewerbs.

Dennoch stellte sich der Erfolg nicht von allein ein: »Wir haben uns schon immer gefragt: Was ist, wenn es richtig losgeht? Darauf waren wir vorbereitet.« Ohne ihr Wissen tauchte der Musikmanager Ralf Schroeter bei einem Konzert in Bremen auf. »Wir hatten vorher stundenlang an unseren Songs gefeilt.« Die Jungs arbeiten diszipliniert, aber nicht »angstgetrieben«. Harfst: »Bei uns steht die Freude am Erschaffen im Vordergrund.« Obwohl die Band auf großen Bühnen spielt, tritt sie hin und wieder auf der Straße auf, wie gerade erst in München und in Berlin.
Mit dem Erfolg geht Harfst gelassen um. »Haupt-Schwerpunkt ist nicht die Musik, sondern mein Leben. Wichtig ist, dass das Leben gelingt«, sagt er. »Im Moment machen wir mal weiter und gucken, wo es hingeht.«

Stefanie Walter (epd)

Fiktion trifft auf Realität

Der Schauspieler Ottfried Fischer (li.) als Pfarrer Braun mit Lutz Reichert als Gärtner Erich Swoboda bei Dreharbeiten zu einer Verfilmung des Kriminalklassikers mit Pfarrer Braun.  Foto: epd-bild

Der Schauspieler Ottfried Fischer (li.) als Pfarrer Braun mit Lutz Reichert als Gärtner Erich Swoboda bei Dreharbeiten zu einer Verfilmung des Kriminalklassikers mit Pfarrer Braun. Foto: epd-bild


Drehbuchautoren holen sich bei Pfarrern Tipps für Filmstoffe

Wenn sich Schwester Hanna vom Kloster Kaltenthal aufs Fahrrad schwingt, um entlaufene Kinder oder Ehemänner einzufangen, dann beginnt für viele Fernsehzuschauer ein vergnüglicher Fernsehabend. Die ARD-Serie »Um Himmels Willen« zeigt einen unterhaltsamen Ausschnitt aus der Welt des Glaubens und der Kirche. Klischeehaft und unrealistisch oder sympathischer »Türöffner« für die Wahrnehmung des zentralen kirchlichen Arbeitsfeldes Seelsorge? Eine Begegnung von Seelsorge-Profis mit Drehbuchautoren und Medienexperten ermöglichte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) auf einer Tagung in Köln.

»Wir wollen kein kirchliches Themen-Placement im fiktionalen Programm durchsetzen, sondern den Austausch von Experten fördern«, betont Markus Bräuer, EKD-Medienbeauftragter. Wie wichtig es ist, dass Fiktion auf Wirklichkeit trifft, zeigt sich an dem großen Interesse von Krimi-Autoren und Produzenten an dem kirchlichen Berufsalltag. Die Drehbuchschreiber wollen wissen, wo sich zwischen Büro, Kirchenbank und Unfallort beim Gemeindepfarrer, der Krankenhausseelsorgerin oder dem Polizeiseelsorger der Glaube abspielt – und was sie von Psychologen und Therapeuten unterscheidet.

Die Kölner Kinderkrankenhausseelsorgerin Christa Schindler erzählt von Eltern, die monatelang im Patientenzimmer zwischen Plastikstuhl und Bettkante leben, um beim schwer kranken Kind zu sein. Sie erzählt von dem Vater, der vor Verzweiflung einen Arzt zusammenschlug, weil er dessen »Fachchinesisch« nicht mehr ertragen konnte. Von den Eltern, die nach einem Unglück ihr totes Kind nicht mehr berühren durften, weil die Polizei zur Spurensicherung das Zimmer versiegeln musste.

»Wir sind Freiräume im System«, sagt Polizeiseelsorger und Landespfarrer Werner Schiewek aus Münster. Anders als Polizeipsychologen stünden die kirchlichen Seelsorger bei den Beamten nicht im Verdacht, gleich ­einen pathologischen Befund zu erstellen. Zwar stünden die Seelsorger für die Beamten nach Familie und Kollegen an letzter Stelle als persön­liche Helfer. »Aber wir sind niedrig schwellig ansprechbar, wir kennen die Logik der Polizei, müssen uns aber nicht daran halten – und alle wissen um unsere Schweigepflicht.«

Seelsorge in Verbindung mit Berufsethik stelle ein wachsendes Arbeitsfeld dar, auch im Unterricht während der Ausbildung, schildert Schiewek. Die Diskussion etwa über die ­polizeiliche Folterandrohung bei der Vernehmung des Kindesentführers Magnus Gäfgen berühre die Arbeit des Polizeiseelsorgers immer wieder. Oder die Frage des Umgangs mit Waffengewalt. Und wie ein unter Schweigepflicht stehender Seelsorger mit ­Äußerungen von Eltern umgeht, die vermutlich ihr Kind selbst töteten.

Im beruflichen Alltag eines kirchlichen Seelsorgers reiben sich Glaubens-, Sinn- und Schuldfragen. Polizeiseelsorger Schiewek und auch der Düsseldorfer Polizeihauptkommissar Wolfgang Lorenz würdigen, dass in einer wachsenden Zahl von TV-Produktionen, vor allem Krimiserien, durchaus theologische und berufspraktische Fragen lebensnah behandelt werden und die Figuren an Tiefenschärfe gewinnen. Kirche und Glauben müssen im fiktionalen Programm nicht nur als dekorative Kulisse dienen.

»Viele mögen bemängeln, dass Religion und Glauben im Alltag eher Privatsache geworden sind, und damit umso seltener offenkundig als gelebte Gemeindekirche im Fernsehen erscheinen«, sagt Pfarrer Christian Engels, evangelischer Senderbeauftragter der EKD für das Privatfernsehen. »Aber das ist meiner Meinung nach gut so.« Denn sonst gewännen wie in den 50er Jahren wieder »engelsgleiche und edelgute Pfarrer« die Oberhand. Derartiger »Kitsch« bleibe zumindest mit Blick auf Kirche dem Fernsehpublikum weitgehend erspart, sagt er.

Soll mehr gelebter Glaube im TV gezeigt werden, etwa wie Menschen beten oder die Arbeit eines Pfarrers als Teil einer lebendigen Gemeinde, der nicht als Kriminalist ermittelt? Da sind sich auch die Medienschaffenden uneins. Polizeiseelsorger Schiewek jedenfalls vermisst sich und seine Rolle nicht im TV. »Zu viel Büroarbeit, zu viele Gesprächssituationen, das ist dramaturgisch nicht sexy genug«, räumt er ein. Aber der Theologe hat jede Menge Stoffideen aus dem wahren Leben im Kopf, etwa von dem verdeckten ­Ermittler und seiner gebrochenen Biografie. Drehbuchautoren auf der Suche nach Stoffen sollten sich an den Münsteraner wenden.

Gabriele Fritz (epd)

Die Zeit – unbegreiflich

9. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Sonderpräsentation im Besucherzentrum »Arche Nebra«

Damit Zeit erlebbar wird, sind die Besucher zum Mitmachen eingeladen. Arche Nebra, Foto: E. Becher

Damit Zeit erlebbar wird, sind die Besucher zum Mitmachen eingeladen. Arche Nebra, Foto: E. Becher

Am Eingang der Ausstellung steht die berühmte Antwort des bedeutenden Kirchenlehrers und Philosophen Augustinus auf die Frage »Was ist Zeit?«: »Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es; wenn ich es ­jemand auf seine Frage hin erklären will, weiß ich es nicht.«

Schon immer wurde Zeitmessung in den verschiedenen Kulturen betrieben, auf unterschiedliche Weise, aber meistens nach astronomischen Maßstäben, z. B. mit dem Sonnenobservatorium in Goseck in der Jungsteinzeit, der Himmelsscheibe von Nebra in der frühen Bronzezeit und später mit Sonnenuhren, Sanduhren, mechanischen Uhren bis hin zur Atomuhr.

Die aktuelle Sonderpräsentation »Von Zeit zu Zeit – Allgegenwärtig und unbegreifbar« im Besucherzentrum Arche Nebra zeigt solche unterschiedlichen Methoden mit historischen Originalobjekten, die von Museen und wissenschaftlichen Einrichtungen als Leihgaben zur Verfügung gestellt wurden.

Neben einem Astrolabium aus dem 13./14. Jahrhundert, einem Sextanten oder einer Kanzeluhr aus dem Jahr 1716 ist die »Mittagskanone« (1750) eine besondere Kuriosität: Schlag 12 Uhr löst sich hier, entzündet durch die Sonne, ein kleiner Schuss und lädt zum Mittag ein …

Die Präsentation regt an zum Nachdenken über Zeit: Was sie sein könnte und wie wir sie wahrnehmen. Dabei werden auch philosophische und physikalische Zusammenhänge beleuchtet, wie etwa Albert Einsteins Relativitätstheorie, die Theorie vom Urknall, die Entstehung der Zeitzonen der Erde sowie die Zeitrechnung unterschiedlicher Kulturen.

Das subjektive Zeitempfinden wird auf ganz andere Weise dargestellt, ein großformatiges Buch zeigt mit witzigen Karikaturen, was in einer bestimmten Zeitspanne so alles passieren kann: Wie lange braucht etwa das Herz, um das Blut durch den gesamten Kreislauf zu pumpen? Wie lange träumen wir nachts? Oder: Wie lautet der Weltrekord im statischen Apnoetauchen?

»Vielen Besuchern wird in der Präsentation bewusst: Obwohl wir alle ganz selbstverständlich jede Minute unseres Lebens in der Zeit verbringen, erscheint uns das Phänomen ›Zeit‹ bei näherer Betrachtung unbegreiflich. Darum freuen sich die Gäste vor allem darüber, dass es in der Präsentation so viele Stationen zum ›Begreifen‹ im wahrsten Sinne des Wortes gibt: nämlich Stationen zum Anfassen, an denen man mit dem eigenen Zeitempfinden, mit der Zeit auf dem Mond oder mit dem Zeitverständnis anderer Kulturen experimentieren kann«, so Bettina Pfaff, Geschäftsführerin des Erlebniszentrums.

Sibylle Kölmel

Das Besucherzentrum Arche Nebra ist von April bis Oktober täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Das betrifft auch den Aussichtsturm auf dem Mittelberg. Regelmäßig verkehrt ein Shuttlebus zwischen dem Bahnhaltepunkt Wangen, dem Parkplatz der Arche Nebra, dem Besucherzentrum und dem Mittelberg.


www.himmelsscheibe-erleben.de

Musikfestival von internationalem Rang

Flanders Recorder Quartet: Die vier Belgier gehören zur Weltspitze der Flötenmusik.	Foto: Flanders Recorder Quartet

Flanders Recorder Quartet: Die vier Belgier gehören zur Weltspitze der Flötenmusik. Foto: Flanders Recorder Quartet


Im September feiert das ­Musikfest Erzgebirge ­Premiere. Es ersetzt das ­frühere ­Festival für Alte ­Musik im Erzgebirge und soll künftig aller zwei Jahre stattfinden.

Vom 3. bis 12. September wird sich das Erzgebirge in eine internationale Musiklandschaft verwandeln. Das Musikfest Erzgebirge mit zehn Konzerten an zehn unterschiedlichen Veranstaltungsorten verspricht ein außergewöhnliches Highlight zu werden. Ein Festival »mit überregionaler Ausstrahlung, bei dem die reichen musikalischen Traditionen des Erzgebirges mit den Interpretationen renommierter internationaler Künstlerinnen und Künstler eine Verbindung eingehen«, so der Intendant Hans-Christoph Rademann. Dass die Idee, im ländlichen Raum ein Musikfestival von internationalem Rang zu kreieren, nicht aus der Luft gegriffen ist, beweist die große Resonanz. Für das Konzert des Leipziger Thomanerchores am 4. September sind die Karten seit langem ausverkauft. Zu 85 Prozent ausgebucht ist das Eröffnungskonzert am 3. September in Schwarzenberg, sagt Pressesprecher Oliver Geisler. Und auch für alle anderen Veranstaltungen seien mittlerweile die Plätze rar.

Die Musik hat im Erzgebirge historische Wurzeln, bedeutende Komponisten wie Johann Hermann Schein und der Thomaskantor Johann Kuhnau sind Söhne der Region, ihre Werke stehen daher auch auf dem Programm des Festivals.

Das Musikfest will an die reiche Musiktradition des Erzgebirges anknüpfen und darüber hinaus auf die schöne Landschaft der Region aufmerksam machen. Gäste des Festivals könnten Kunstgenuss im Zusammenhang von Landschaft, Architektur und Musik erleben, versichert Rademann.

So prägen zum Beispiel die St.-Georgen-Kirche und das Schloss das Bild der Stadt Schwarzenberg und ­ihrer Umgebung. Zu dem besonderen architektonischen Ensemble kommt beim Festival ein musikalisches Highlight. Im Eröffnungskonzert in der ­Kirche wird das Collegium Vocale Gent unter der Leitung von Philippe Herreweghe die h-Moll-Messe von ­Johann Sebastian Bach aufführen. Das Collegium Vocale Gent gehört zu den bedeutendsten heutigen Bach-Interpreten und tritt im Erzgebirge mit namhaften Solisten auf.

Am 5. September erklingt in der Marienberger St.-Marien-Kirche das Requiem in C-Dur von Johann Adolf Hasse (gest. 1783). Der Dresdner Hofkapellmeister habe die Dresdner Hofmusik und Oper zu europaweitem Ruhm geführt, betont Rademann. Obwohl ein Werk des Totengedenkens – verfasst anlässlich des Todes des Kurfürsten Friedrich August II. – sei das Requiem ein prächtiger Höhepunkt des italienisch-sächsischen Glanzes am Dresdner Hof.

Wegen des Ansturms auf Karten findet das Konzert des Flander Recorder Quartets am 6. September nicht wie ursprünglich geplant im Rittersaal des Schlosses Schlettau, sondern in der Stadtkirche St. Ulrich statt. Das belgische Ensemble für barocke Blockflötenmusik hat sich durch sein virtuoses Spiel und sein breites Repertoire einen Namen gemacht. »Die Konzerte der vier Musiker aus Belgien stehen für technische Perfektion, Klangschönheit und Überraschung«, wirbt das Musikfest Erzgebirge für das Ensemble. Es »zelebriert Flötenspiel in einer anderen Dimension«.

Zu den zu ihrer Zeit hoch geachteten, heute aber vergessenen Musikern gehört Daniel Bollius (ca. 1590 bis 1642). Er gelte als derjenige, der das erste deutsche Oratorium komponiert habe, erklärt Rademann. Das vor 1626 entstandene Werk bezeichnet der Intendant als »eine Rarität ersten Grades«. Beim Musikfest Erzgebirge wird es nach einigen Jahrhunderten eine Erstaufführung erleben. Das inter­national besetzte Ensemble Chelycus wird am 7. September in der St.-Nicolai-Kirche in Grünhain das Werk Bollius’ wieder zu Ehren bringen.

Bevor am 12. September die Marienvesper von Claudio Monteverdi in der großen spätgotischen Hallenkirche St. Annen in Annaberg-Buchholz einen glanzvollen Schlusspunkt des Festivals setzt, steht zuvor noch ein ganz besonderes Ereignis auf dem Programm: das Erzgebirgische Sängerfest am 11. September in der St.-Johannes-Kirche in Lößnitz. »Hier können die Kantoreien beweisen, was in ihnen steckt.« Der Intendant verweist auf die jahrhundertealte, lebendige Tradition der Kantoreien, von denen es im Erzgebirge zahlreiche gebe. Viele Kantoreien werden in Lößnitz zu einem riesigen Chor mit einigen ­Hundert Sängerinnen und Sängern zusammenwachsen und gemeinsam musizieren. Es erklingen Stücke aus Georg Friedrich Händels berühmtem »Messias«. Zudem wurde für dieses Konzert nach den Worten des Intendanten eine »Koryphäe« engagiert, der Chefdirigent des Berliner Rundfunkchors, Simon Halsey.

Mit diesem großen Auftritt solle das Engagement und die lebendige Tradition der zahlreichen Kantoreien im Erzgebirge gewürdigt werden, so Rademann.

Sabine Kuschel
www.musikfest-erzgebirge.de

Friedrich Nietzsche, ein Schmerzensmann der Philosophie

Einzelgänger auf dem Dornenweg des Denkens – Eine Ausstellung in Naumburg widmet sich dem Religionskritiker

Antichrist oder Gottsucher? Blick in die Austellung des Nietzsche-Hauses, Foto: Kai Aghte

Antichrist oder Gottsucher? Blick in die Austellung des Nietzsche-Hauses, Foto: Kai Aghte

Der Ausruf »Gott ist tot« zählt zu den bekanntesten und heftig diskutierten Zitaten Friedrich Nietzsches (1844–1900). Diesem Diktum sind in den letzten 100 Jahren zahllose Studien und universitäre Seminare gewidmet worden. Ist dieser abstrakte Ausspruch geeignet, in einer Ausstellung visualisiert zu werden? Den Versuch unternimmt eine von Jens-Fietje Dwars kuratierte Ausstellung im Nietzsche-Haus in Naumburg.

Die Kritik an der christlichen Religion ist bei Nietzsche nicht voraussetzungslos. In einem Pfarrhaus aufgewachsen, musste der Fünfjährige erleben, wie kurz hintereinander erst sein Vater – der hier gleichsam als »Gott­vater« auf der Kanzel der Röckener Kirche zu sehen ist – und dann sein jüngerer Bruder starben. Wie konnte ein liebender Gott das nur zulassen, sei eine erste kritische Frage des ­jungen Nietzsche gewesen, die sein kindliches Gottvertrauen erschütterte. Genährt wurde seine Religionskritik in der Landesschule Pforta, die, wie Reiner Bohley im Buch »Die Christlichkeit einer Schule – Schulpforte zur Schulzeit Nietzsches« darlegte, ihrem Selbstverständnis nach eine streng evangelische war. Doch die »demonstrative Wahrung der christlichen Tradition war zur äußeren Form verkommen«. Das blieb nicht ohne Folgen für Nietzsche, der in Pforta zum skeptischen Denker reifte. Der daselbst entstandene Aufsatz »Fatum und Geschichte« (1862) gab seinen Glaubenszweifeln konkreten Ausdruck.

Die Religionskritik Nietzsches, auf die im zweiten Raum eingegangen wird, ist exemplarisch formuliert im Aphorismus »Der tolle Mensch«, nachzulesen in »Die fröhliche Wissenschaft« (1882), manifest dann in »Der Antichrist« (1888).

Der tolle Mensch – hier als Silhouette mit Nietzsches Physiognomie – sucht am hellen Tag mit einer Laterne Gott, um zu dem Fazit zu gelangen: »Wir haben ihn getötet.« Ein großes Transparent, Protestschilder und verstreute Flugblätter mit Nietzsche-Zitaten wie »Ich verspreche: Ein tragisches Zeitalter« und »Wahrheit ist die Lüge aller«, werden mit süßlichen Jesus-Bildchen aus dem 19. Jahrhundert flankiert. Nietzsches Religionskritik als Demonstration zu inszenieren, ist begreiflich, widerspricht aber dem Wesen des Einzelgängers, der Nietzsche auch als Philosoph gewesen ist. Anders als sein ­»toller Mensch« war Nietzsche kein Denker, der seine Thesen zu Markte trug. Auch sein Jesus-Bild wird hier gedeutet. In »Der Antichrist« hat er sich über Christus geäußert und resümiert, dass es nur einen wahren Christ gegeben habe: den ­Gekreuzigten.

Im dritten und letzten Raum werden Stimmen zitiert, die sich über den Religionskritiker Nietzsche geäußert haben. Von Lou Andreas-Salomé bis hin zu Martin Heidegger. Gern hätte man mehr über die sogenannte »Gott-ist-tot-Theologie« erfahren, die in den 60er Jahren in den USA aufkam und Nietzsches apodiktisches Philosophem theologisch produktiv machte. Am Ende steht eine Fotomontage: Der Prophet mit dem gebrochenen Blick des geistig Umnachteten, umgeben von einer Dornenkrone. Dies als Illustration des letzten Satzes der Ausstellung: »War Nietzsche ein zweiter Christus, der am Scheinglauben seiner Zeit zugrunde ging: in die Abgründe des Glaubens hinab?« Ob er ein Antichrist oder Gottsucher war, das solle, so der Kurator, der Besucher entscheiden. Ein Schmerzensmann der Philosophie war Friedrich Nietzsche, der seinen Dornenweg des Denkens allein ging, aber ganz gewiss.

Kai Agthe

»Gott ist tot. Antichrist oder Gottsucher? Nietzsche zwischen Kritik und Prophetie«. Die Ausstellung im Nietzsche-Haus Naumburg, Weingarten 18, ist bis 31. Oktober dienstags bis freitags von 14 bis 17 Uhr, sonnabends und sonntags von 10 bis 16 Uhr zu sehen. Infos unter (03445) 703503

Rasender Roland an der Saale

18. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Miyoko Urayama (li.) und Patric Schott (re.) von der Berliner Theatergruppe »Nico and the Navigators«), in der Mitte: Owen Willetts (Orlando), Marie Friederike Schöder (Angelica), Foto: Gert Kiermeyer

Miyoko Urayama (li.) und Patric Schott (re.) von der Berliner Theatergruppe »Nico and the Navigators«), in der Mitte: Owen Willetts (Orlando), Marie Friederike Schöder (Angelica), Foto: Gert Kiermeyer


Händelfestspiele in Halle glänzten einmal mehr mit einem Aufgebot der Klassikstars

Dieser »Orlando« war ein Gesamtkunstwerk und zweifellos einer der Höhepunkte der diesjährigen Händelfestspiele. Das lag nicht allein an der Musik Georg Friedrich Händels (1685–1759) und der differenzierten Spielweise des Händelfestspielorchesters (erstmals unter der Leitung von Bernhard Forck). Nein, diese Aufführung bot ganz großes Theater. Und das hing zu einem nicht unerheblichen Teil mit der gelungenen Kooperation zwischen dem halleschen Opernhaus und der Berliner Off-Theater-Gruppe »Nico and the Navigators« zusammen, die das Stück als Neuproduktion für die Händelfestspiele in Szene gesetzt hatte.

Doch der Reihe nach: In seiner 1733 uraufgeführten »Zauberoper« griff Händel auf den Stoff des »Orlando furioso« von Ludovico Ariost aus dem Jahr 1516 zurück. Die Handlung des Beziehungsdramas ist schnell erzählt: Orlando liebt Angelica, die allerdings liebt den Prinzen Medoro. Angelica weiß, dass sie damit Orlando verletzt, aber sie kann nicht anders. Die Schäferin Dorinda wiederum merkt, dass sie bei jenem nicht landen kann.

Zusammengehalten und neu interpretiert wurde das Stück in der Inszenierung von Nicola Hümpel durch zwei Performancekünstler (Miyoko Urayama und Patric Schott), die das Geschehen auf der Bühne pantomimisch begleiteten. Am Ende erschien Orlando in diesem Beziehungsdrama nicht als der strahlende Held, sondern eher als Ritter von der traurigen Gestalt, der von seinem Liebeswahn geheilt wieder auf die Spur gebracht werden muss.

Dieser klassische Stoff von Rittern und Helden zog sich wie ein roter ­Faden durch die Festtage vom 3. bis 13. Juni, die erstmals auf ein Generalmotto verzichteten. Es gab Konzerte, eine Sonderausstellung und eine wissenschaftliche Konferenz, die das Ritterepos vom »rasenden Roland« thematisierten. »Viele Komponisten, darunter auch Händel, ließen sich davon inspirieren«, erklärte der Leiter des Händel-Hauses, Clemens Birnbaum.

Nicht nur nach Ansicht des neuen Festspielleiters, ging das Konzept auf. Mit einer Mischung aus bewährten Programmangeboten und neuen Aufführungsformen sei es gelungen, nach dem großen Händel-Jubiläum von 2009 den »Festjahresschwung« beizubehalten, bilanzierte Birnbaum. Gut 40000 Besucher bei den insgesamt 130 Veranstaltungen sprechen hier für sich.

Eine kleine Enttäuschung war allenfalls der mit Spannung erwartete Auftritt des Countertenors Andreas Scholl. Was als Festkonzert mit dem mehrfach ausgezeichneten Sänger angekündigt wurde, war zwar in sich stimmig und die Akademie für Alte Musik unter der Leitung von Marcus Creed ebenso gut aufgelegt wie der Chor »Vocalconsort Berlin«. Allein: Unter einem Festkonzert hatten sich viele Besucher etwas anderes vorgestellt. In dem gemischten Bach-Händel-Programm sang Scholl gerade einmal vier Arien und zwei Rezitative. Kein Wunder, dass die Akademie für Alte Musik und der Chor am Ende mehr Beifall bekamen als der groß angekündigte Star.

Ganz anders verhielt es sich bei der diesjährigen Händel-Preisträgerin, die wie Scholl ihre Premiere bei den Händelfestspielen erlebte. Die umjubelte italienische Mezzosopranistin Cecilia Bartoli glänzte auch in Halle in gewohnter Manier. »Cecilia, Sie sind ­einfach einzigartig. Sie sind ein Leuchtturm in Ihrem Fach«, lobte Klaus Froboese, Kuratoriumsmitglied der Stiftung Händel-Haus, die Sängerin in seiner Laudatio.

Ebenfalls gefeiert wurde »Il Giardino Armonico« beim Auftritt in der halleschen Marktkirche am Abschlusstag der Festspiele. Die Mailänder Alte-Musik-Spezialisten brachten nicht nur Werke Georg Friedrich Händels, Giuseppe Sammartinis sowie Wolfgang Amadeus Mozarts mit brillantem Klang und atemberaubendem Tempi zu Gehör. Zugleich verneigten sie sich bei ihrem Auftritt musikalisch vor Wilhelm Friedemann Bach (1710 bis 1784). Der älteste Sohn Johann Sebastians hatte in seiner Zeit als Musikdirektor an der Hallenser Marktkirche ein schmales, aber nicht ganz unbedeutendes Werk hinterlassen. Im November wird an seinen 300. Geburtstag erinnert.

Martin Hanusch

»Wir wollen das Leben, nicht den Tod zeigen«

11. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Anatom und Plastinator Gunther von Hagens mit seiner Ehefrau und Ausstellungskuratorin Angelina Whalley in der Leipziger Ausstellung. Foto: Harald Krille

Der Anatom und Plastinator Gunther von Hagens mit seiner Ehefrau und Ausstellungskuratorin Angelina Whalley in der Leipziger Ausstellung. Foto: Harald Krille

Ausstellung: Gunther von Hagens umstrittene Anatomieschau »Körperwelten« gastiert erstmals in Mitteldeutschland

Die Leipziger Ausstellung, in deren Mittelpunkt spektakuläre Ganzkörperpräparate stehen, ermöglicht ­detail­getreue Aufklärung über den menschlichen Körper.

Seit der vergangenen Woche ist die weltweit gefeierte, in Deutschland freilich immer wieder umstrittene Körperweltenausstellung des Anatomen Gunther von Hagens erstmals in Mitteldeutschland zu Gast. Dabei scheint schon der Name des Veranstaltungsortes Wasser auf die Mühlen der Kritiker zu sein, die von Hagens vorwerfen, die Anatomie von den ­Höhen der Wissenschaft in die Niederungen des Jahrmarktes gebracht zu haben: Die Ausstellung gastiert bis 12. September im Leipziger »Kohlrabizirkus«.

Doch mit Zirkus hat die Schau, in deren Mittelpunkt die spektakulären Ganzkörperpräparate stehen, in der Tat nichts zu tun. Von Hagens selbst wird nicht müde zu betonen, dass er mit seiner Schau in Messe- und ­Ausstellungshallen die Anatomie »de­mokratisiert« habe, dass er breiten Volksschichten Aufklärung über ihren ­eigenen Körper ermögliche. Mit 30 Millionen Besuchern sind die »Körperwelten« die weltweit erfolgreichste Anatomieschau. Von der deutschen Stiftung Gesundheit wurde die aktuelle Präsentation gerade mit dem ­»Health Media Award« in der Kategorie Wissenschaftskommunikation geadelt.

Eine große Anerkennung für den Anfang 1945 im heute polnischen Posen als Gunther Liebchen geborenen und im thüringischen Greiz aufgewachsenen Mann, den die Medien gelegentlich schon mal als »Dr. Tod« bezeichneten. Den Journalisten in Leipzig präsentierte von Hagens sich als feinfühliger, geradezu schüchterner Mensch. Mit tränenerstickter Stimme erwähnte er seine während des Medizinstudiums 1968 versuchte Republikflucht und die folgenden Knast- und Freikaufserfahrungen. Dennoch: Hier in Mitteldeutschland habe er seine Wurzeln, fühle sich emotional zu Hause. Weshalb er mit einer perfekten Ausstellung hierher kommen wollte. Die jetzige, unter dem Thema »Herzenssache«, sei es.

Seinem Hang zur Perfektion und Ästhetik ist letztlich auch seine Erfindung der Konservierung biologischer Präparate durch Kunststoff, die Plastination, zu danken. Die heute allgemein verbreitete Technik macht die Faszination seiner Ausstellungsobjekte aus: Alles ist »echt«, freilich ohne den Geruch nach Verwesung oder Formalin. Das ist allerdings auch ein weiterer wesentlicher Vorwurf: Hier würden in entwürdigender Weise »Leichen« zur Schau gestellt.

Für Harald Knauf läuft diese Kritik ins Leere. Der 53-jährige Leipziger gehört zu den derzeit weltweit mehr als 11000 Körperspendern, die ihren Leib nach dem Ableben freiwillig und kostenlos Gunther von Hagens vermacht haben. 708 davon kommen aus Sachsen. »Ich habe meinen Körper nicht gut behandelt, nun sollen andere wenigstens von meiner Krankheit lernen«, betont Knauf. Seine vor vier ­Jahren verstorbene Ehefrau sei schon im Heidelberger Plastinations-Institut. Und er fügt hinzu: »Alle, die hier ausgestellt sind, haben freiwillig ihr Einverständnis dazu gegeben. Was ist daran unwürdig?«

Für Angelina Whalley, mit der von Hagens in zweiter Ehe verheiratet ist, gehört diese Art der »Echtheit« zwingend dazu. »Wenn Sie einem Außer­irdischen die Vielschichtigkeit eines Baumes erklären wollen, dann müssen Sie ihm einen ›echten‹ Baum zeigen und nicht ein Modell«, so Whalley, die Ärztin und zugleich Kuratorin der Schau ist. Und warum müssen die Ganzkörperplastinate in spektakulären Posen agieren? Whalley ist um eine Antwort nicht verlegen: »Weil wir das Leben und nicht den Tod zeigen wollen.«

Professor Uwe Gerd Liebert, Direktor des Instituts für Virologie im Universitätsklinikum Leipzig, hält denn auch nichts vom Streit über die Ausstellung: »Ich warne vor einer philosophisch oder gar theologisch überhöhten Auseinandersetzung«, so der Synodale der sächsischen Landeskirche. Die Kirche habe oft genug »ein schwieriges Verhältnis« zur Naturwissenschaft gehabt. So mussten Mediziner Jahrhunderte darum kämpfen, Leichen sezieren zu dürfen. Sein Rat: Wer sich für Anatomie interessiert, solle in die Ausstellung gehen. Er selbst wolle lieber in ein Gewandhauskonzert. »Aber ich sehe das, was in der Ausstellung gezeigt wird, ja auch jeden Tag.«

Von Harald Krille

Die Ausstellung »Körperwelten. Eine Herzenssache« ist bis zum 12. September im Kohlrabizirkus ­Leipzig, An den Tierkliniken 42, zu ­sehen.

Geöffnet sonntags bis mittwochs 9–19.30 Uhr, donnerstags bis sonnabends 9–21 Uhr.
www.koerperwelten.com

Mit frommer Volksmusik zu Jesus schunkeln

4. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Volksmusik: Die Musikbranche bedient sich frommer Themen und hat ein Millionenpublikum

Florian Silbereisen, der charmante Shootingstar der volkstümlichen Musikbranche, gibt sich gern ein bisschen fromm. Foto: ddp images

Florian Silbereisen, der charmante Shootingstar der volkstümlichen Musikbranche, gibt sich gern ein bisschen fromm. Foto: ddp images


So viele Menschen die volkstümliche Musik und ihre Botschaft mögen, so viele rümpfen auch die Nase. Nichtsdestotrotz: der Markt der frommen Volksmusik boomt.

Ja, es gibt ihn – und er schaut uns zu!« Nein, als Florian Silbereisen diese Zeile sang, meinte er nicht einen seiner Millionen Fernsehzuschauer. Gott war im Spiel bei diesem Fernsehfest der Volksmusik. »Ich glaube an Gott, ich glaub daran! Ich bin ein Teil von seinem Plan!«, sang Florian Silbereisen mit treuherzigem Augenaufschlag. »Mal geht’s bergab, mal geht’s bergauf. Er passt schon auf mich auf!« Das bemerkenswert freimütige Glaubensbekenntnis passt zu Florian Silbereisen.

Der charmante Shootingstar der volkstümlichen Musikbranche gibt sich gern ein bisschen fromm. Bereitwillig lässt er sich auch hinter den Kulissen seiner Show ­filmen, wenn er inmitten des Studiotrubels vor seinem Auftritt ein Gebet spricht. Dann moderiert der Achtundzwanzigjährige seine Show, eine abwechslungsreiche Mischung aus Heile-Welt-Bergromantik und Herzschmerz-Schlagern, teils skurrilen Schauspieleinlagen sowie unzähligen kernigen Lederhosen und feschen Dirndln. Und natürlich, eingebettet ins alpine Ambiente, fromme Lieder zum Mitklatschen oder Schunkeln. »Ich glaube an Gott, ich bet’ zu ihm. Er hat mir schon so oft verziehn. Und wenn einer sagt, es gibt ihn nicht, so gibt’s ihn doch für mich.«

Nicht nur Florian Silbereisen bedient sich frommer Themen. Manchmal scheint es, als seien die »Feste der Volksmusik« oder auch der Musikantenstadl frömmer und tröstlicher als das »Wort zum Sonntag«. Da singen »Vincent und Fernando«: »Glaube an Gott, wenn Du mal Sorgen hast.« »Die Schäfer« bekennen: »Glaube ist, was die Seele nährt, Liebe, die uns von ­innen wärmt.« Und sogar die stets ­lächelnde Stefanie Hertel legt ein Glaubenszeugnis ab: »Mein kleines Gebet, es kommt immer an.«

So viele Menschen die volkstüm­liche Musik und ihre Botschaft mögen, so viele rümpfen auch die Nase. Je gebildeter, desto kritischer fallen ­offensichtlich die Urteile aus. Kitsch und Kommerz würden eine unselige Verbindung eingehen, klagen viele, andere bemängeln das Vorgaukeln ­einer heilen Welt, die es so gar nicht gebe.

Ein hessischer Pfarrer hält dagegen: »Mit wachsender Lebensweisheit frage ich mich, ob man etwas, das ­Millionen von Menschen so viel bedeutet, einfach in Bausch und Bogen aburteilen kann«, sinniert Rudolf Westerheide, Bundespfarrer des evangelischen Jugendbundes »Entschieden für Christus«. Der Theologe brach auf zu Streifzügen in die Welt des volkstümlichen Schlagers, landete ­sogar auf der Website www.schlagerhoelle.de, erzählt er mit Augenzwinkern. Eine seiner Erkenntnisse: »Schlager und Volksmusik haben vielleicht bessere Wege gefunden zu den Herzen der Menschen. Für die vielen Millionen Menschen, die über den Schlager zu erreichen wären, haben wir nichts anzubieten.« Seine Idee: Die Kirche könnte sich Bündnispartner auf dem Markt der frommen volkstümlichen Musik suchen. Florian Silbereisen zum Beispiel. Warum sollte der nicht bei großen Kirchenfesten auftreten – und mit seinem Bekenntnislied »Ich glaube an Gott« Menschen missionieren?

Mit seiner sonderbaren Idee steht Westerheide nicht alleine. »Wir müssen aufhören, über Volksmusik und Schlager nur die Nase zu rümpfen«, wünscht sich etwa der Greifswalder Praktische Theologe Prof. Michael Herbst und weist darauf hin: »Die Menschen, um die es uns um Jesu Willen gehen muss, hören nun einmal eher Florian Silbereisen und Howard Carpendale.«

Die bayerische Sängerin Angela Wiedl (43) hat sich bereits unaufgefordert auf den Weg in die Kirchen ­gemacht. Die erfolgreiche Profimusi­kerin, ausgezeichnet mit dem »Echo«, tritt nicht nur im Musikantenstadl auf, sondern auch in Kirchen. Ihr Programm ist eine gediegene Mischung seriöser Kirchenmusik und religiöser Schlager mit Volksmusik-Flair. »Die Leute gehen gestärkt aus meinen Konzerten heraus. Viele weinen auch«, erzählt Angela Wiedl und fragt: »Warum sollte ich den Leuten nicht erzählen, dass ich glaube und dass es mir damit gut geht?«

Was das Publikum nicht weiß: Die meisten ihrer frommen Lieder stammen vom Komponistenduo Ralph ­Siegel und Bernd Meinunger. In der Schlagerbranche gehören sie zu den erfolgreichsten. »Ein bisschen Frieden« und »Moskau« gehören zu ihren Hits. Die Songs, die sie für Angela Wiedl schreiben, treffen deren Publikum ins Herz: ein bisschen Glaube, viele Heilige von Santa Maria bis Mutter Theresa, dazu Heimat, Berge und Sehnsuchtsmelodien.

»Ich glaube nicht, dass die Kirche sich einen Gefallen damit tut, wenn sie auf bestimmtes musikalisches und textliches Niveau heruntergeht«, hält die Dortmunder Musikwissenschaftlerin Mechthild von Schoenebeck dagegen. »Diese Texte der volkstümlichen Schlager, und mag noch so viel ›Madonna‹ oder ›Herrgott‹ drin vorkommen, sind keine literarisch wertvollen Produkte. Das sind Tagesprodukte, die werden rausgehauen, mal mehr, mal weniger gut und sprachlich interessant. Aber sie bestehen keinen Vergleich zum Beispiel mit den einfachen, aber anspruchsvollen und mehrschichtigen Texten von Paul Gerhardt.«

Von Uwe Birnstein

Fernsehtipp:
Sonnabend, 5. Juni, 20.15, ARD: Das Sommerfest der Volksmusik aus der Bördelandhalle in Magdeburg, mit Florian Silbereisen und Gästen

Radiotipp:
Sonntag, 6. Juni, 8.35 Uhr, Bayern 2, »Evangelische Perspektiven«:
»Gottes Wort im Alpenglüh’n – Die fromme Botschaft zum Mitschunkeln«. Ein Feature von Uwe Birnstein. Mit vielen Hörbeispielen und Interviews mit den Sängerinnen Barbara Dorfer und Angela Wiedl sowie Pfarrer Rudolf Westerheide.
www.br-online.de

»Alles nur geklaut«

20. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Die »Prinzen« starten auf eine Kirchentournee – Interview mit Henri Schmidt

Sie sind die bekannteste Popgruppe im Osten Deutschlands: Die Prinzen. Ab dem 20. Mai gehen sie auf eine Kirchentournee, 35 Kirchen in ganz Deutschland stehen auf ihrem Programm. Benjamin Lassiwe sprach darüber mit Henri Schmidt, einem der fünf Sänger der Prinzen.

Henri Schmidt, einer der fünf Sänger der Prinzen. Foto: Armin Kühne

Henri Schmidt, einer der fünf Sänger der Prinzen. Foto: Armin Kühne

Herr Schmidt, die Prinzen machen eine Kirchentournee. Was unterscheidet diese Tournee von einer ganz normalen Tournee der Prinzen?
Schmidt: Bei dieser Tournee spielen wir in wirklich kleinen Orten, wo wir vorher noch nie waren: Wenn wir kommen, ist das ganze Dorf in Bewegung. Die Kirche ist ja in kleinen Dörfern der einzige Ort, wo überhaupt Kulturveranstaltungen stattfinden können. Manchmal sind dann Catering und Garderobe im Pfarrhaus, manchmal baut die Gemeinde auch noch einen Grill vor der Kirche auf. In jedem Fall sind wir in der Kirche viel, viel näher an unserem Publikum dran. Und für viele Gemeinden ist es wie ein zweites Weihnachtsfest, wenn wir Prinzen kommen: Denn ihre Kirche ist dann voll bis auf den letzten Platz. Aber man merkt auch, dass es für das Publikum ungewöhnlich ist, uns da mit dem Rücken zum Altar zu sehen: Die Menschen wissen nicht, ob sie in der Kirche klatschen dürfen. Erst, wenn das Konzert eine Weile läuft, werden die Menschen warm.

Was singen Sie denn da – Kirchenlieder?
Schmidt:
Wir werden jedes Konzert mit einem alten Choral beginnen, »Alta trinita beata«, fünfstimmig gesungen ohne Instrumentalbegleitung. Danach kommen dann die klassischen Prinzensongs, aber als reines Akustikprogramm. Unsere Begleitung wird ein Konzertflügel sein, dazu akustische Gitarren und Bässe. Aber keine E-Gitarre und kein Keyboard – das geht in vielen Kirchen schon wegen der Technik nicht. Aber wir machen kein Konzert mit Kirchenmusik oder frommen Schlagern, wir machen ein ganz normales Konzert der Prinzen, wie wir es auch schon in der Dresdener Semperoper gemacht haben. Denn wer eine Eintrittskarte für die Prinzen kauft, will natürlich auch die Lieder der Prinzen hören.

Gibt es auch Lieder, die Sie auf einer Kirchentour nicht singen würden?
Schmidt:
Oh ja. »Hasso (mein Hund ist schwul)« zum Beispiel. Das passt einfach nicht in eine Kirche. Wir treten dieses Jahr übrigens auch zum ersten Mal in einer katholischen Kirche auf, da hatten die Veranstalter inhaltlich besonders viele Vorbehalte gegen Lieder, die ihrer Meinung nach nicht gingen. Wir haben dann unser Programm entsprechend angepasst.

Einer Ihrer Kollegen, Jens Sembdner, hat im vergangenen Jahr ein Soloprojekt gestartet, und eine CD mit christlichen Popsongs herausgegeben. Wäre das auch etwas für die Prinzen?
Schmidt:
Ich spreche nur selten für die ganze Band. Aber da glaube ich schon, dass ich sagen kann, dass für so etwas die Meinungen über Kirche und Religion unter uns zu unterschiedlich sind.

Wie ist es denn bei Ihnen persönlich – gehen Sie auch selbst mal in die Kirche?
Schmidt:
Seit ich in Leipzig umgezogen bin, wohne ich sogar Tür an Tür mit unserem Gemeindepfarrer. Wir unterhalten uns oft über den Gartenzaun. Wir Prinzen kommen alle von den Thomanern oder aus dem Kreuzchor und haben früher ­immer wieder die klassischen Chorwerke in Kirchen gesungen. Dadurch ist die Kirche ­zumindest nichts Fremdes für uns. Natürlich gehe ich auch immer mal wieder in den Gottesdienst – es ist nur manchmal schade, dass da so wenig junge Leute sind. Vielleicht trägt ja unsere Tournee dazu bei, dass sich manch junger Prinzen-Fan auch wieder für die Kirche interessiert.

Konzerttermine in Mitteldeutschland:

27. Mai, 20 Uhr: Trinitatiskirche Riesa
18. August, 20 Uhr: Marktkirche St. Jacobi Sangerhausen
19. August, 20 Uhr: Pantaleonkirche Unterwellenborn, Ortsteil Könitz
20. August, 19.30 Uhr: Hoffnungskirche Oberweißbach
22. August, 19 Uhr: Stadtkirche »Unser lieben Frauen« Mittweida
24. August, 20 Uhr: Evangelische Kirche Meiningen
27. August, 20 Uhr: Stadtkirche Waltershausen
9. September, 20 Uhr: St.-Jakobi-Kirche Schönebeck/Elbe

»Enge Landesgrenzen beachtete ich auf dieser Wanderung keinesweges«

13. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum 150. Todestag des Schriftstellers, Märchen- und Sagensammlers Ludwig Bechstein am 14. Mai

Quelle: Wikipedia, Standort: Literaturmuseum Baumbachhaus, Meiningen

Quelle: Wikipedia, Standort: Literaturmuseum Baumbachhaus, Meiningen


Der Dichter Ludwig Bechstein ist außerhalb Thüringens fast nur noch als Märchen- und Sagensammler bekannt; und auch da steht er im Schatten der Brüder Grimm, die den deutschen Märchenton weithin geprägt haben. Im Unterschied zu ihnen wollte er mit seinem »Deutschen Märchenbuch«, 1845, ein ausgesprochenes Kinderbuch schaffen. Mit den pädagogischen Zielen sind die Eingriffe in die überlieferten Geschichten zu ­erklären. Eine von Ludwig Richter illustrierte Ausgabe von 1853 fand weite Verbreitung.

Neben den Grimmschen Sammlungen hat Bechstein wesentlich dazu beigetragen, das Ansehen des Märchens als Kunstform überhaupt zu ­heben. 1853 erschien sein »Deutsches Sagenbuch«. Im Vorwort dazu erklärte er, die Sammlung stütze sich nicht nur auf bereits schriftlich vorliegende Texte, sondern er habe sich »auch durch Gebirg und Wald und Flachland selbst in etwas bemüht, irgend eigene Sagenblüten« zu finden. Dabei strebte er »Einfachheit im Ton der ­Erzählung« an. Das hielt er für »unerlässliche Bedingnis; keine novellis­tische, romanhafte Verwässerung, keine blümelnde Schreibweise steht der Behandlung der Sagen an«. Wie die Brüder Grimm und andere romantische Sammler von Volksdichtungen wollte auch Bechstein das Bewusstsein unterstützen, dass Deutschland zur nationalen Einheit finden solle. »Enge Landesgrenzen beachtete ich auf dieser Wanderung keinesweges.«

Aber regionale Besonderheiten lässt er durchaus bestehen. Geplant hatte er noch ein »Deutsches Mythenbuch«; damit wollte er die Sammlung volkstümlicher Dichtung vervollständigen. Sein früher Tod am 14. Mai 1860 machte diesen Plan zunichte.

Geboren wurde er 1801 als unehe­liches Kind in Weimar. Seinen Vater, einen französischen Emigranten, hat er vermutlich nie kennengelernt; die Mutter kümmerte sich wenig um ihn. 1810 adoptierte ihn ein Onkel. Er ließ ihn das Gymnasium in Meiningen ­besuchen und ermöglichte ihm eine Apothekerlehre in Arnstadt. Der Herzog von Sachsen-Meiningen gewährte ihm ein Stipendium, mit dem er in Leipzig und München Philosophie, Geschichte und Literatur studieren konnte. Nach Meiningen zurückgekehrt wurde er dort Bibliothekar an der herzoglichen Bibliothek und später auch Leiter des Hennebergischen Gesamtarchivs. 1842 hatte er den Hennebergischen altertumsforschenden Verein gegründet.

Verheiratet war Bechstein zweimal. Seine erste Frau Karoline starb bereits 1834, ihr Sohn wurde Germanist. Mit seiner zweiten Frau Johanne Therese hatte er fünf Kinder. Sie überlebte ihn 16 Jahre.

Der größte Teil seines Werkes, der Erzählungen und Romane, der Gedichte und der historischen Arbeiten, auch seiner volkskundlichen Forschungen, beschäftigten sich mit der thüringischen und fränkischen Heimat. Vermutlich liegt es auch an diesen eher heimatkundlichen Inhalten, dass er außer mit Märchen- und ­Sagenbuch kaum noch bekannt ist. Dabei hat er in der Verbindung von Geschichte und sagenhafter Überlieferung neben und nach den Romantikern für die Entwicklung des historischen Romans Wichtiges geleistet.

Jürgen Israel

Dichter, Theologe, Pädagoge

7. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Am 10. Mai vor 250 Jahren wurde Johann Peter Hebel geboren

Urheber: Archiv

Urheber: Archiv

Johann Peter Hebels literarisches Werk umfasst drei Bereiche: Gedichte in alemannischer Mundart, biblische Geschichten und Kalendergeschichten.

Mit den 1803 erschienenen »Alemannischen Gedichten« hat Hebel der oberdeutschen Mundart seiner engeren Heimat ein Denkmal gesetzt und sie überhaupt erst literaturfähig gemacht. Für ihn selbst überraschend wurde das Buch ein großer Erfolg, von Kritikern und Dichtern hoch gelobt (J. G. Jacobi, Goethe und Jean Paul), in mehreren Auflagen nachgedruckt und auch finanziell einträglich.

1818 wurde Hebel zum Prälaten, das heißt ins höchste Amt der neu entstandenen badischen Landeskirche berufen. Von Haus aus Lutheraner vereinigte er gemeinsam mit seinem Freund Nikolaus Sander die lutherische und die reformierte Kirche zur Evangelisch-protestantischen Landeskirche Badens. Für den Religionsunterricht der neuen Landeskirche wur­de ein biblisches Geschichtenbuch benötigt. So verfasste er 1821–1824 »Biblische Erzählungen für die Jugend«. Das Buch wurde nicht nur an den badischen Schulen eingeführt, sondern auch in der Schweiz, in Württemberg und Italien benutzt. 1825 erschien eine katholische Bearbeitung. Das Besondere dieser Erzählungen ist, dass Hebel das biblische Geschehen vergegenwärtigt. Er stellt die biblischen Gestalten als Menschen mit Schwächen und Eigenheiten dar. Die theologische Haltung ist fest in der Aufklärung verwurzelt.

Der knappe Stil und die Klarheit des Ausdrucks, die menschenfreundliche Argumentation und die volkstümliche Erzählweise trugen zum Erfolg der Biblischen Geschichten und vor allem der Kalendergeschichten bei, die Hebel vermehrt seit 1803 schrieb. Ab 1807 war er verantwortlich für den Kalender »Der Rheinländische Hausfreund«, den er aus einem Schattendasein zu einem der wichtigsten deutschsprachigen Kalender entwickelte. In den besten Jahren wurden fast 50000 Exemplare davon verkauft. Hebel schrieb darin, der damaligen Kalenderpraxis entsprechend, über alle Bereiche des Lebens, über Wetterregeln und astronomische Erscheinungen, über historische Ereignisse und naturkundliche Themen, sogar über den richtigen Gebrauch bestimmter Wörter. Aber vor allem schrieb er Kurzgeschichten. Damit erreichte er über die ursprüngliche bäuerliche Leserschaft weite bürgerliche Schichten. Obwohl selbst Geistlicher, ist seine Moral nie kirchlich eingeengt, sondern zielt stets auf Gelassenheit, Vernunft und Toleranz.

Geschichten wie »Kannitverstan«, »Unverhofftes Wiedersehen« und »Das wohlfeile Mittagessen« gehören zum unaufgebbaren Schatz unserer Nationalliteratur. 1811 veröffentlichte Hebel die besten davon unter dem Titel »Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreunds«. Die Helden sind Handwerker und Bauern, Landstreicher und Diebe, Gastwirte und Soldaten. Der Humor ist niemals kränkend, niemand wird bloßgestellt. Bei aller thematischen Vielfalt steht die Absicht im Mittelpunkt, die Leser unterhaltsam zu einem Leben zu ermuntern, das sie vor sich selbst, vor ihren Mitmenschen und vor Gott verantworten ­können.

Das Bewusstsein der Vergänglichkeit hinter den alemannischen Gedichten und hinter den Kalendergeschichten erscheint nicht als ängstigende Drohung, sondern als Aufforderung, Herz, Gemüt und Verstand in dieser dreifachen Verantwortung zu gebrauchen. Jürgen Israel

Richard Müller-Schmitt hat soeben die ­bekanntesten und besten Kalendergeschichten in einem schön gestalteten Büchlein herausgegeben und mit einem kurzen, ganz im Hebel-Ton gehaltenen Nachwort versehen.

Hebel, Johann Peter: Schatzkästlein, Reclam Verlag, 79 S.,
ISBN 978-3-15-010746-1, 6,90 Euro

Martin geht’s an den Kragen

30. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Wittenberger Denkmäler für Luther und Melanchthon werden restauriert

Schwere Seile werden dem Monument um den Hals gelegt.  Foto: Achim Kuhn

Schwere Seile werden dem Monument um den Hals gelegt. Foto: Achim Kuhn

Über die Wittenberger Lutherzwerge ist viel geschrieben und noch mehr geredet worden, zumeist hinter vorgehaltener Hand. Von öffentlicher Finanzierung, von Differenzen in diversen Leitungsebenen der evangelischen Kirche spricht man da, und kaum hat sich die Lage beruhigt, werden alte Informationen an neue Aktionen gekuppelt und im Kirmeskostüm durchs Städtchen getrieben. Brot und Spiele: Sie hielten das Volk schon im alten Rom bei Laune. Erst zu den Spielen. Zum Brot später.

Ein kalter Apriltag in der Lutherstadt. Es gibt Kaffee aus Plastikbechern und Blasmusik aus Potsdam, Glocken läuten wie bestellt. »Seid ihr traurig? Martinus verlässt uns heute!«, schreit die Stadtwache, das allgegenwärtige Luther-Double Bernhard Naumann konferiert mit Oberbürgermeister Eckhard Naumann, und dann endlich geht es Luther an den Kragen. Am Rumpf und am Hals des tonnenschweren Monuments sind schwere Seile befestigt. Ein Kran hebt es vorsichtig vom Sockel und wiederholt die Prozedur anschließend bei der Melanchthon-Statue.

Für 1,2 Millionen Euro werden beide Denkmäler saniert, stark beschädigt waren vor allem die Baldachine. Der Zeitpunkt ihrer Rückkehr, zunächst für den Reformationstag dieses Jahres versprochen, sei ungewiss, räumt der Oberbürgermeister ein. Nicht so sehr wegen der Restaurierung an sich, sondern weil der Boden unter den ebenfalls abgebauten Sockeln fürs Erste an die Archäologen falle. Trösten dürfen sich die Wittenberger mit dem historisch einmaligen Abschiedsfoto: Bevor er auf die Ladefläche kommt, wird Luther zum Ablichten mit der Lokalprominenz aus Stadt und Kirche aufs Rathausportal herabgelassen. Melanchthon muss gleich auf den Wagen.
Wird also der Markt bis zur – zweifelsohne mit einem Volksfest zu zelebrierenden – Wiederkehr des Kirchenerneuerers aussehen, wie ihn die Bürger letztmalig am Reformationstag 1821 betrachteten? Nicht ganz. Luther geht, die Zwerge kommen: in Schwarz, Rot, Blau und Grün, 500 bis 800 an der Zahl, genau will man es noch nicht wissen. Vier Sommerwochen lang werden sie auf dem Markt stehen und anschließend als Lutherbotschafter – so die offizielle Sprachregelung – in die ganze Welt verkauft.

Wenn sie nicht vorher geklaut werden. Immerhin sind 70 von knapp 130 bisher registrierten Interessenten Wittenberger. Verluste, die der Sicherheitsdienst nicht verhindern könne, seien kalkuliert, erklärt Professor Ottmar Hörl aus Nürnberg, Schöpfer der metergroßen Plastikfiguren – ebenso wie die ganze Aktion ja ohnehin rein privatwirtschaftlich finanziert sei.

Mittlerweile nimmt die Konsequenz, mit der Stadt und Kirche ihre Rechtfertigungsstrategie forcieren, imposante Züge an. Man könnte das auch Sturheit nennen. Der Künstler, der Oberbürgermeister und der Prälat sprechen erneut über Kunst im öffentlichen Raum, die Reformationsdekade und die Geistesimpulse, welche sie in die Welt senden wird, über Glaube und Vernunft, Freiheit und Verantwortung, Staat und Kirche. Wie schön, so viel Einigkeit war selten.

»Ist ja gut, dass die beiden nun endlich repariert werden«, bemerkt am Rande des Spektakels völlig richtig ein Passant. Seine Mitbürger speist der Oberbürgermeister inzwischen mit Mini-Lutherzwergen ab, die er bei einem der besten Bäcker der Stadt bestellen ließ – ein kleiner Vorgeschmack darauf, dass am Ende alles genauso wird, wie es vorher war. Ob groß, klein oder ganz klein: Die Wittenberger haben ihren Luther eben einfach zum Fressen gern.

Ute van der Sanden

Im Himmel wird Gerechtigkeit hergestellt

23. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum 100. Todestag von Mark Twain am 21. April

Der nordamerikanische Schriftsteller Mark Twain um 1900. Foto: epd-bild

Der nordamerikanische Schriftsteller Mark Twain um 1900. Foto: epd-bild

Mark Twain« war ein Ausdruck der Flusslotsen auf dem Mississippi und bedeutete »zwei Faden Wassertiefe«, das heißt: sicheres Wasser. Samuel Langhorne Clemens, der seinen Lebensunterhalt eine Zeitlang als Flusslotse verdient hatte, nannte sich als Schriftsteller Mark Twain und wurde unter diesem Namen weltberühmt. Das Leben auf dem Mississippi und an seinen Ufern spielt in vielen seiner Bücher eine große Rolle (»Tom Sawyers Abenteuer«, 1876; »Die Abenteuer des Huckleberry Finn«, 1884; »Leben auf dem Mississippi«, 1888). Geboren 1835 in Florida (Bundesstaat Missouri) verlor er früh den Vater und kam als Setzerlehrling in die Druckerei seines Bruders. Er wurde Flusslotse und folgte 1861 dem Bruder, der Sekretär des Gouverneurs von Nevada geworden war, in den Westen.

Das prägende Erlebnis jener Zeit war der durch Gold- und Silberfunde ausgelöste Rausch, der unzählige Menschen nach Nevada lockte. Mark Twain selbst erlag ihm. Da er erfolglos blieb, versuchte er sein Glück fortan im Schreiben. Er begann mit journalistischen Arbeiten und mit grotesk-humoristischen Erzählungen (»Der berühmte Springfrosch von Calaveras«, 1865). Weltberühmt wurde er mit den humoristischen Romanen über Tom Sawyer und Huck Finn. Ist das Buch über Tom Sawyer eher eine Aneinanderreihung von Kinderstreichen und -abenteuern, so vertieft sich das Buch über Huck Finn zu einem Entwicklungsroman, in dem der Junge, bekehrt durch die Menschlichkeit des Negers Jim, sich von den rassistischen Vorurteilen der Südstaaten löst.

Mark Twains Spott ergoss sich über Heuchelei, Scheinheiligkeit und Geldgier (»Der Mann, durch den Hadleyburg verdorben wurde«, 1900), über Streben nach absoluter Sicherheit (»Familie Mc. Williams und der Einbrecheralarm«) sowie über soziale Vorurteile.

Wenige Jahre vor seinem Tod veröffentlichte er eine Fragment gebliebene Erzählung »Kapitän Stormfields Besuch im Himmel«: nach dem Tod kommt Kapitän Stormfield in den Himmel. Dort geht es anders zu, als es ihm vermittelt wurde. Neben Halleluja-Gesängen und Harfenspiel gibt es Arbeit (die freilich nicht anstrengt) und Entwicklung. Der Himmel ist keine demokratische Republik; er ist wie »das Zarenreich, bloß noch intensiver«. »Schuster und Rossärzte und Scherenschleifer« stehen höher als berühmte Feldherren. Diese haben »einen niederen Platz einzunehmen«. Im Himmel wird Gerechtigkeit hergestellt.

»Wer auf Erden nicht seine Belohnung bekommt, braucht sich nicht aufzuregen – hier bekommt er sie ­bestimmt.« Diese satirische Erzählung verspottet nicht Religion und Glauben, sondern ihren Missbrauch durch Scheinheiligkeit und mate­rielles Gewinnstreben. Obwohl Mark Twain nicht »an die Hölle oder an die Göttlichkeit des Heilands« glaubte, war für ihn »der Heiland eine heilige Persönlichkeit, und niemand sollte darauf ausgehen und sich erlauben, von ihm leichthin, profan, überhaupt anders als in tiefster Verehrung zu sprechen.«

Mark Twains letzte Lebensjahre waren von Trauer überschattet; zwei seiner drei Töchter und seine geliebte Frau Olivia starben vor ihm. Er selbst ist in seinem Landhaus »Stormfield« bei Redding im Bundesstaat Connec­ticut vor hundert Jahren, am 21. April 1910, gestorben.

Jürgen Israel

Possen und Passion

16. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Bibel auf der Bühne

Seit 2008 steht die das Stück Matthäuspassion auf dem Spielplan des Leipziger Schauspielhauses. Szenenfoto: R.Arnold/Centraltheater

Seit 2008 steht die das Stück Matthäuspassion auf dem Spielplan des Leipziger Schauspielhauses. Szenenfoto: R.Arnold/Centraltheater

Ein Vortrag am Erfurter Theater beleuchtete spannende Akte im ­Verhältnis zwischen Kunst und ­Kirche.
Der Trend ist eindeutig: Seit cirka zehn Jahren spielen auf den Theaterbühnen in deutschen Landen wieder deutlich mehr religiöse Themen eine Rolle: Der Leipziger Intendant Sebastian Hartmann ­eröffnete 2008 seine erste Spielzeit am Schauspielhaus mit der Matthäus-Passion. Das Theater Freiburg stellte jüngst eine ganze Spielzeit unter das Motto »Die Zehn ­Gebote«. Diverse weitere Beispiele benannte der Wiesbadener Dramaturg und derzeitige Verlagsgeschäftsführer Stephan Kopf am Montagabend in seinem Vortrag über das Verhältnis von Theater und Religion. Überzeugende Erklärungen für diese Tendenz allerdings blieb er seinem Publikum im Erfurter Theater schuldig. Sollten Auslöser dafür wirklich der ­Terror am 11. September oder die Wahl eines Deutschen als Papst sein?!

Und so war das viel versprechende Thema »In diesen heiligen Hallen …« doch eher ein Ausflug in die Geschichte. Die beispielsweise davon erzählt, dass es Christen waren, die nach den Hoch-­Zeiten des Theaters in der Antike etwa zu Beginn des 10. Jahrhunderts in Osterspielen die Kraft ­biblischer Worte visualisierten. Nirgendwo anders finden sich im Übrigen auch die Wurzeln unserer heutigen Krippenspiele. Dass Papst Innozenz III. im Jahre 1210 jegliches Theaterspiel in Kirchenräumen ­untersagte, lag daran, dass es sich zu immer derber werdenden Spektakeln – zu Possenspielen – entwickelt hatte.

Eine Annäherung, zugleich aber auch Rivalität begann erst wieder mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert: Schiller war es, der das Theater als »moralische Anstalt« mit ­erzieherischem Auftrag sah. Mit Nathan dem Weisen und Goethes Faust kamen gewissermaßen existenziell religiöse Fragen auf die Bühne. Da die zunehmend politischer werdenden Aufführungen (Brecht, Hauptmann) seitens der Kirche immer weniger mitgetragen wurden, setzte wiederum eine Polarisierung ein, die bis weit in die Zeit nach dem 2. Weltkrieg reicht: Heftige Diskussionen hatte noch 1963 Rolf Hochhuths Stück »Der Stellvertreter« ausgelöst, in dem er sich mit der zweifelhaften Rolle von Papst Pius XII. während der Nazizeit auseinandersetzt. Seither wuchs die gegenseitige Gleichgültigkeit.

Ein letzter Aufschrei ging im Jahr 2000 durch das Land, als das Theater Heilbronn Terence McNallys »Corpus Christi« aufführte. Judas´ Verrat an Christus wird darin auf dessen gescheiterte homosexuelle Beziehung zu ihm zurückgeführt. Inzwischen hat offenbar ein neuer Akt im Verhältnis von Kirche und Theater begonnen. Ist es die Suche nach Verinnerlichung in einer sich immer mehr veräußernden Welt? In Erfurt jedenfalls hebt sich demnächst der (Domstufen-)Vorhang zum »Messias«.

Kathrin Schanze

Die Mutter des Reformators

10. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Frauen im Mittelalter – ein Porträt von Margarethe Luder

In einer losen Reihe stellen wir Frauen der Reformation vor. Diesmal ein Porträt von Margarethe Luder, der Mutter Martin Luthers.

Margarethe Luder – ein Gemälde um 1527 von Lucas Cranach d. Ältere Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Margarethe Luder – ein Gemälde um 1527 von Lucas Cranach d. Ältere Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Ob es Margarethe Luder als Ehre empfand, Mutter ihres berühmten Sohnes zu sein? Das Cranachsche Bildnis aus dem Jahr 1527 jedenfalls zeigt davon – abgesehen von der Ehre, als solche gemalt zu werden – keine Spur. Es zeigt eine eher verhärmte, freudlos blickende Frau am Ende ihres Lebens. Dem Bekenntnis ihres Sohnes: Alles, was ich bin und habe, verdanke ich meinem Vater, folgt kein Wort der Anerkennung für die Mutter. Zu selbstverständlich war ihr Dasein für ihn und die Familie, hatte sie doch mit der Geburt ihrer Kinder und der Versorgung des Hauses einfach nur ihre Aufgabe als Frau erfüllt.

Um 1479/80 hatte die 20-jährige Margarethe Lindemann den gleichaltrigen Hans Luder aus Möhra gehei­ratet. Margarethe war eine gute Partie, ihre Mitgift nicht so bescheiden, wie die romantische Verklärung des Lutherbildes glauben macht. Sie kam aus einer angesehenen Eisenacher Familie, ihre Brüder waren gebildete Juristen. Auch ihr Mann Hans hatte als ­ältester Sohn einer gut situierten Großbauernfamilie ein gutes Startgeld vom Vater bekommen, als sich die beiden im Sommer 1483 aufmachten, ihr Glück im Mansfelder Land zu suchen. Hier war ein Onkel Margarethes oberster Berg- und Hüttenverwalter der Grafschaft und verhalf dem Neuankömmling, der sich bereits in der väterlichen Kupferschiefergrube Kenntnisse im Hüttenwesen angeeignet hatte, zu einem guten Start.

Nach einer Zwischenstation in Eisleben, wo am 10. November ihr Sohn Martin geboren wurde, kamen die ­Luders 1484 in Mansfeld an, wo sie bis zu ihrem Tode 1529 bzw. 1530 lebten. Dank guter Verbindungen, entsprechendem Startkapital, Zielstrebigkeit und Fleiß stieg Hans Luder als Hüttenmeister schnell in der Hierarchie der Stadt auf. 1491 gehörte er schon zu den »Vieren der Gemeinde«, seine Kinder heirateten in die einflussreichsten Familien Mansfelds ein. Die archäologischen Ausgrabungen im Luderschen Anwesen weisen auf einen gediegenen Wohlstand hin. Wohl schon 1484 hatte Hans Luder ein ­ansehnliches Haus an exponierter Stelle direkt gegenüber dem gräflichen Schloss erworben, dem nur ­wenige Jahre später ein zweites folgte. Der Wohlstand war hart erarbeitet, vor allem die schwere Arbeit seiner Mutter prägte sich dem Knaben Martin ein.

Er war wohl ihr zweites Kind, das erste Überlebende. Ungewiss ist, wie viele Kinder Margarethe gebar, die Zahlen schwanken zwischen sieben und zehn. Sicher nachweisbar sind neben Martin nur vier Töchter und Sohn Jakob. Wie reagierte die Mutter auf den Tod von vielleicht vier ihrer Kinder, in einer Zeit, in der 20–50 Prozent der Neugeborenen das Erwachsenenalter nicht erreichten? Kein Wort der Klage ist überliefert. Nur einmal bekannte sie, dass ihre Gesundheit unter den Geburten gelitten habe. Das Durchschnittsalter der Frauen ­betrug damals 29,8 Jahre. Viele Geburten, mangelnde Ernährung und Hygiene führten zu Krankheit und Tod. Dass ob des allgegenwärtigen Todes vor allem die Frauen fleißig in die ­Kirche gingen, ist da nur allzu verständlich.

Luthers Mutter soll etwas schwermütig gewesen sein, zeitgemäß fromm mit der üblichen Furcht vor Hexen und Dämonen, zurückhaltend gegenüber anderen Menschen. Der Humanist und Theologe Georg Spalatin beschreibt sie als »Frau von seltsamer Art«. Melanchthon spricht ihr alle ehrbaren Tugenden zu, ganz besonders aber zeichne sie sich durch Züchtigkeit, Gottesfurcht und fleißiges Beten aus. Luther spricht in seiner Rückschau davon, dass sich seine Eltern herzlich liebten, den Kindern ein ­gutes Vorbild waren, wenn auch sehr streng. So habe ihn die Mutter einmal um einer Nuss willen so gestäubt, dass das Blut floss. Die strenge Erziehung nennt er u. a. als Grund für seinen Klostereintritt. Auch wenn er den Eltern zugesteht, sie hätten es herzlich gut gemeint, vermisst man in seinen persönlichen Bekenntnissen ein inniges Verhältnis, das über die Sohnespflicht hinausgeht. Aber vielleicht fehlen dafür auch nur die entsprechenden Zeugnisse.

Sylvia Weigelt

Die Autorin ist Mediävistin, sie arbeitet als freie Autorin und Publizistin. (Mediävistik ist die Wissenschaft vom europäischen Mittelalter.)

Individuell und vielfältig

3. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung über Schönheit im Deutschen Hygienemuseum Dresden

Warum ist Schönheit so wichtig?« »Sind Glück, Erfolg und Lebensfreude daran gebunden?« »Was beeinflusst unser ästhetisches Empfinden?« Mit diesen Fragen beschäftigt sich die neue Sonderausstellung des Deutschen Hygienemuseums Dresden »Was ist schön?«

Urheber: Deutsches Hygienemuseum

Urheber: Deutsches Hygienemuseum

Der erste Raum, in dunklem Rot gehalten und von einem prunkvollen Kristalllüster erleuchtet, stellt unsere Vorstellungen von Schönheit infrage. Gezeigt werden Fotografien, die die Spannung zwischen der Sehnsucht nach Schönheit und der Erfüllung dieses Wunsches ebenso zum Ausdruck bringen wie die Gegensätze von Makellosigkeit und vermeintlicher Hässlichkeit. Auf der einen Seite Porträts berühmter Schauspieler, ihnen gegenüber Fotos von jungen Mädchen, die eine Modelkarriere anstreben. Lebensgroße weibliche Rückenakte zeigen makellose Haut, im Kontrast dazu Aufnahmen alternder, runzliger Haut.

Sowohl die Aufnahmen der Prominenten wie die der jungen Mädchen auf dem Weg zur ersehnten Berühmtheit wollen die Differenz zwischen den medial vermittelten Bildern und der Wirklichkeit deutlich machen.

Die Ausstellung thematisiert den Zusammenhang von Schönheit und Erfolg. Untersuchungen zeigen, dass überdies gutes Aussehen in der Regel mit positiven Eigenschaften und Fähigkeiten verbunden wird, was sich auf Beruf und Karriere auswirkt. Dazu werden Karrieremagazine präsentiert sowie Erläuterungen zum Umgang mit Bewerbungsfotos. Zu betrachten ist eine Galerie historischer Persönlichkeiten, deren gesellschaftlicher Aufstieg mit ihrem attraktiven Aussehen in Verbindung steht. Doch wie die Schau zeigt, ist nichts absolut. Die mögliche Bevorzugung aufgrund des Aussehens hat auch Gegenbewegungen ins Leben gerufen, zum Beispiel den »Club der Hässlichen«. Und der Film »Unansehnlich, aber stolz« stellt Menschen vor, die selbstbewusst ihre ungewöhnlichen Körpermerkmale akzeptieren und als schön empfinden.

Ausstaffiert mit Stapeln von Pappkartons erweckt der zweite Raum den Eindruck des Vorläufigen, Unvollkommenen. Hier soll der Blick hinter die Kulissen des Glamourösen simuliert werden, wo körperliche Mängel retuschiert und überschminkt, wo Menschen vor ihrem Auftritt im Scheinwerferlicht schön gemacht werden. Die Ausstellung hebt hervor, dass die von der Werbe- und Medienbranche produzierten Schönheitsideale und -vorbilder nicht »echt« sind.

In dieser Abteilung geht es auch um die Entwicklung einer Industrie im Dienste der Schönheit, geboren aus dem Wunsch, mangelnde Attrak­tivität mit Disziplin und Geld herzustellen. Ein langer Spiegelgang, auf der gegenüberliegenden Seite mit einem rotsamtenen Vorhang verkleidet, führt vom zweiten in den dritten Raum. Unter dem Titel »Norm und Differenz« beschäftigt sich die Ausstellung damit, woher unsere Vorstellungen und Ideale von menschlicher Schönheit kommen. Sie vermittelt die Erkenntnis, dass die Interpretationen von Schönheit individuell und vielfältig sind.

Außerdem geht es um die Frage, was Menschen bereit sind zu tun, um sich bestimmten Schönheitsnormen anzunähern. Ein Bereich widmet sich der Plastischen Chirurgie sowie Hormon- und Botoxbehandlungen. Welche Areale in unserem Gehirn aktiv sind, wenn wir Gesichter, grafische Muster und Musik hinsichtlich ihrer Attraktivität bewerten, veranschaulicht ein von innen leuchtendes Modell des menschlichen Gehirns im Zentrum des vierten Raumes. Die Exponate geben Auskunft über neurobiologische und wahrnehmungspsychologische Forschungserkenntnisse.

Der fünfte und letzte Raum – eine große Halle mit hohen Pfeilern – weitet den Blick für andere, fremde Vorstellungen von Schönheit. In Videos erzählen Menschen, was sie als schön empfinden. Die sich durch die Ausstellung ziehende Einsicht, dass Schönheit nicht absolut und feststehend, sondern individuell und vielfältig ist, wird in diesem Bereich bekräftigt.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung im Deutschen Hygienemuseum ist bis 2. Januar dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr zu sehen.
www.dhmd.de

Bei Bachs Nachbarn

26. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Museum zu Leben und Wirken Johann Sebastian Bachs in Leipzig wieder eröffnet

Tonröhre: Aus raumhohen Rohren ertönt bei Berührung Orgelklang - ein Teil der vielfältigen Klanginstallationen im neueröffneten Museum. Foto: Bachmuseum

Tonröhre: Aus raumhohen Rohren ertönt bei Berührung Orgelklang - ein Teil der vielfältigen Klanginstallationen im neueröffneten Museum. Foto: Bachmuseum

Der Besucher ist zwar nicht bei Johann Sebastian Bach zu Hause. Der große Komponist und Thomaskantor ist aber dennoch allgegenwärtig – im Haus seiner damaligen Nachbarn. Im Leipziger Bosehaus, benannt nach dem Eigentümer und Bach-Freund Georg Heinrich Bose, ist seit 1985 das Bach-Museum der Stadt beheimatet. Nach zweijähriger Bauzeit, in der bei den Nachbarn angebaut wurde, wurde es am Sonnabend, den 20. März wieder eröffnet.

Das Museum habe dort den richtigen Platz, sagt Museumsleiterin Kerstin Wiese. Bachs seien oft zu Gast bei den Boses gewesen. Anna Magdalena, die zweite Frau Bachs plauschte hier mit ihrer »Herzensfreundin«, die Männer mögen gemütlich im barocken Lustgarten gesessen haben.

Nun hat das Haus zwei klimatisierte Räume erhalten. Dort sollen originale Handschriften Bachs aus dem eigenen Archiv sowie Sonderausstellungen mit Leihgaben aus der Berliner Staatsbibliothek gezeigt werden, erklärt Wiese. Sie sind neben neu entdeckten Exponaten die Höhepunkte des neuen Museums.

Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750), dessen 325. Geburtstag am 21. März gefeiert wurde, wohnte selbst in der Thomasschule gegenüber dem Bosehaus. Das Gebäude an der Thomaskirche steht heute nicht mehr. Trotzdem bekommt der Besucher im neuen Bach-Museum eine Vorstellung von der Nachbarschaft im alten Leipzig. Der Raum, in dem es um das Privatleben des Musikers geht, schaut durch ein Fenster direkt dorthin, wo Bach wohnte. Das Bachsche Privat­leben war dabei durchaus turbulent mit gelegentlichen Dramen, erzählt Wiese. 20 Kinder brachten die beiden Frauen Bachs insgesamt zur Welt. Nur zehn davon überlebten allerdings das Kindesalter. Und nicht alle machten Bach nur Freude.

Johann Gottfried Bernhard – dritter Sohn Bachs und seiner ersten Frau Maria Barbara – zum Beispiel trat als Thomasschüler und begabter Musiker zunächst offenbar in die Fußstapfen der Familie Bach, in der seit jeher Musiker zu finden waren. Dann aber machte der Jugendliche Schulden und verließ Hals über Kopf die Stadt. Die Gläubiger klingelten beim Thomaskantor, dessen aufgebrachte Briefe nun im Museum zu sehen sind. Erst viel später erfuhr der Vater, dass sein Sohn inzwischen ein Jura-Studium in Jena begonnen hatte.

Das Leipziger Museum setzt sich vor allem aber mit dem musikalischen Schaffen Johann Sebastian Bachs auseinander, auf den ein Großteil geistlicher Kantaten, Oratorien oder der gerade jetzt vielfach aufgeführten Passionsmusiken zurückgeht. Dabei widmet sich je ein Raum einer Facette des vielseitigen Künstlers: dem Organisten Bach, dem Hofmusiker Bach, dem Komponisten und Kantor Bach.
Bachs Leipziger Zeit gilt als seine produktivste und nachhaltigste. Diesem Lebensabschnitt ist deswegen auch der größte Raum gewidmet. Auf einem auf den Boden gedruckten Stadtplan wandelt der Besucher in Gassen und auf Plätzen durch den Alltag des Komponisten und klickt sich an den entsprechenden Stationen auf kleinen Bildschirmen durch historische Ansichten und Informationen zur Bedeutung der Orte im Komponistenleben.

Neben dem als Dauerleihgabe ausgestellten Spieltisch der Orgel der alten Leipziger Johanniskirche, die Bach auf ihren Klang geprüft haben soll, und einer neu entdeckten Geldkassette der Familie Bach gehören mehrere Autographe zu den Höhepunkten der Ausstellung.

Augenfällig in allen Räumen des Museums sind die zahlreichen Kopfhörer. Die Hörstationen sollen dem Besucher an Bachs Karriere entlang einen Eindruck seiner musikalischen Entwicklung geben, erläutert Museumsleiterin Wiese. Der Besucher lauscht an raumhohen Metallrohren, die durch Berühren Orgelmusik von sich geben. Im abgegrenzten Hörkabinett kann sogar das gesamte Werk des Komponisten abgerufen werden, erklärt Wiese.

Corinna Buschow (epd)

Lesen ist »in«, aber die wenigsten tun es

18. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Vom 18. bis 21. März findet die Leipziger Buchmesse statt. Ihr besonderes Anliegen ist es, Jugendliche für Bücher zu begeistern. Wie junge Leute zum Lesen stehen, dazu ein Interview mit dem Religionspädagogen Prof. Michael Domsgen.

Michael Domsgen ist Professor für Evangelische Religionspädagogik und Direktor des Instituts für Systematische Theologie, Praktische Theologie und Religionswissenschaf an der Universität in Halle, Foto: privat.

Michael Domsgen ist Professor für Evangelische Religionspädagogik und Direktor des Instituts für Systematische Theologie, Praktische Theologie und Religionswissenschaf an der Universität in Halle, Foto: privat.

Herr Prof. Domsgen, die heutige Jugend, so heißt es immer wieder, liest keine Bücher mehr, sondern sitzt nur noch vorm Computer. Stimmt dieses Klischee?
Domsgen:
Das stimmt so nicht. Allerdings muss man sich die jeweiligen Altersgruppen genauer ansehen. 50 Prozent der 12-/13-Jährigen lesen täglich oder mehrmals in der Woche ein bis mehrere Bücher. Insofern kann man nicht sagen, sie lesen gar nicht mehr. Aber wenn die Kinder älter werden nimmt die Bedeutung von PC und Internet zu.

Doch auch dann lesen sie, zwar keine Bücher, aber die Beschäftigung mit dem Computer, das Surfen im Internet heißt auch Lesen …
Domsgen:
Junge Leute lesen im Internet sogar lange Texte im Gegensatz zu Älteren. Jugendliche haben weniger Ressentiments, einen Text am PC online zu lesen, während bei Älteren das klassische Buch einen Vertrauensvorschuss hat.
Der Computer hat eine große Erfolgsgeschichte geschrieben. Vor allem mit der Entwicklung des Internets. Die Zahl der Internetzugänge hat sich sehr erhöht. Hier sind es vor ­allem die Jungen, die besondere Affinitäten haben zum PC, mehr als Mädchen, vornehmlich auch zum Spiel. Spiele am PC haben für Jungen eine viel höhere ­Bedeutung als für Mädchen.

Mit solchen Fakten sehen allerdings die Chancen für das klassische Buch schlecht aus …
Domsgen:
Ja, wir haben auch das ­Problem, dass die Anzahl der Bücher pro Haushalt abgenommen hat.

Dabei steht Lesen hoch im Kurs. Das Angebot der Buchhandlungen ist unermesslich …
Domsgen:
Die »Stiftung Lesen« hat ­einen interessanten Befund erhoben. Sie sagt: Die Deutschen finden es sehr wichtig, Bücher zu lesen, sie tun es aber nicht. Der grundlegende Befund ist, ungefähr jeder Vierte in der Gesamtbevölkerung liest nicht.
Wenn wir nun über Kinder und Jugendliche reden, müssen wir fragen, wie sie sozialisiert sind? Also ist es zum Beispiel überhaupt noch »in«, ein Buch geschenkt zu bekommen? Die »Stiftung Lesen« ist zu dem Ergebnis gekommen, dass Kinder weniger Bücher geschenkt bekommen.

Dabei haben wir einen ganz interessanten geschlechtsspezifischen Befund: Mädchen bekommen häufiger Bücher geschenkt als Jungen. Damit deutet sich schon an, was dann später deutlich wird: Frauen lesen mehr als Männer.
Ein anderer wichtiger Punkt ist der Bildungsfaktor. Wir können ­relativ ­genau sagen, dass diejenigen, die die mittlere Reife oder das Abitur haben, mehr lesen als diejenigen, die den Hauptschulabschluss haben. Dasselbe gilt übrigens auch für die Sozialisation. Kinder, deren Eltern Hauptschulabschluss haben, lesen weniger und bekommen auch weniger Bücher geschenkt als Kinder, deren Eltern mittlere Reife oder Abitur haben.

Müssen die Fakten als ­gegeben hingenommen werden oder lässt sich das Medienverhalten verändern
Domsgen:
Wenn wir uns für die Kinder interessieren, müssen wir deren Familien in den Blick nehmen. Das heißt, wenn wir wollen, dass Kinder und Jugendliche mehr lesen, müssten wir versuchen, ihren Eltern das Lesen schmackhaft zu machen. Nur ist das schwierig, weil es keine Möglichkeit gibt, direkt in die Familien einzugreifen. So bleibt nur, ein anregendes Umfeld zu schaffen.
Ich denke, es wäre wichtig, dass in Kindergärten und Schulen mehr vorgelesen wird. Nicht nur unter dem Gesichtspunkt des verwertenden Lesens, weil bestimmte Aufgaben gelöst werden müssen, sondern weil Kinder Freude daran haben. Die meisten Kinder lassen sich gern etwas vorlesen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass jemand, der sich gern etwas vorlesen lässt, später dann auch selber gern mal zum Buch greift.

Wenn sich das Interesse an Büchern so in Grenzen hält, was heißt das für den christlichen Glauben, der eine Buchreligion ist?
Domsgen:
Die Frage, wie wir die Leute allgemein zum Lesen motivieren können, ist schon eine schwierige Frage. Eine noch schwierigere ist die nach dem Lesen der Bibel.

Es ist ernst zu nehmen, wenn die Urkunde des christlichen Glaubens, die Bibel, nicht gelesen wird. Auf der anderen Seite ist das historisch gesehen kein neuer Befund. Die längste Zeit hat sich das Christentum eben nicht über das Lesen der Bibel tradiert, sondern über bestimmte Rituale, über Erzählungen, über Bilder. Bis zur Reformation konnten die meisten Leute gar nicht lesen, es fehlte ihnen die Zugangsvoraussetzung für das Lesen der Heiligen Schrift. Dieser Befund kann uns dazu verhelfen, die Entwicklung etwas gelassener zu betrachten. Trotzdem bleibt die Herausforderung, Zugänge zur Bibel zu eröffnen. Dabei stellen sich neue Aufgaben. Heute steht die Bibel in einer ungeahnten Konkurrenz. Bibeldidaktisch ist das schwierig aufzufangen. Wir haben natürlich spannende Geschichten in der Bibel, die wir auch erzählen wollen, aber die bekommen Konkurrenz durch den großen Medienmarkt. In dieser Situation kommt es umso mehr auf Menschen an, die die Bibel so ­erschließen können, dass die darin verdichteten Erfahrungen zur Sprache kommen können.

Welche Rolle kann hier der Reli­gionsunterricht spielen?
Domsgen:
Das Fach Religion hat eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Die meisten Kinder kennen biblische Geschichten aus dem Religionsunterricht. Allerdings stellen Lehrerinnen und Lehrer immer wieder fest, dass das Arbeiten mit der Bibel nicht ­einfach ist. Das hat verschiedene ­Ursachen. Mitunter liegt es an der ­Methodik.
Andererseits erschließt sich die Bedeutung biblischer Geschichten nicht immer unmittelbar. Es sind Erläuterungen nötig und vor allem ­werden Menschen gebraucht, die die Relevanz biblischer Geschichten für sich entdeckt haben und sie dementsprechend deutlich machen können. Dabei ist wichtig, dass die Bibel nicht nur als Text behandelt wird, sondern die dahinter stehende Erfahrung zur Sprache kommt. Entscheidend ist es, den Kindern und Jugendlichen zu der Einsicht zu verhelfen, dass die biblischen Geschichten etwas mit ihnen selbst und mit ihrem Leben zu tun ­haben. Die biblische Botschaft und das Leben der Kinder sind also wechselseitig zu erschließen.

Das Gespräch führte Sabine Kuschel.

Prof. Michael Domsgen ist auf der Leipziger Buchmesse Gast bei einer Podiumsdiskussion zum Thema »Religiosität und Medienverhalten junger Menschen« Zeit: Freitag 19. März, 17 Uhr; Ort: Halle 3, Stand A 200, Leseinsel Religion

»Glauben heißt lieben«

14. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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In Martin Walsers neuer Novelle spiegelt sich die Lebens- in der Glaubensgeschichte

Walser-BuchWarum glauben wir? – Mit dieser Frage setzt sich Martin Walser (82) in seiner so eben erschienenen Novelle »Mein Jenseits« auseinander. Der streitbare und vielfach ausgezeichnete Autor geht diesem Thema mit erzählerischer Lust nach und beschäftigt sich dabei notabene mit dem Wesen des Glaubens.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht Augustin Feinlein, Chefarzt des Psychiatrischen Krankenhauses Scherblingen, der ab 63 aufgehört hat mit dem Zählen der Geburtstage und sein Lebenscredo in die Worte fasst: »Glauben heißt lieben«.

Tatsächlich liebt Professor Feinlein Eva Maria Ganzloser, seit er mit ihr zusammen ein Seminar besuchte, um sein Latein zu verbessern. Doch trotz Zuneigung heiratete sie später den Grafen Wigolfing und als der tödlich verunglückt, den 18 Jahre jüngeren Arzt Dr. Bruderhofer. Der wiederum ist Mitarbeiter im Krankenhaus von Professor Feinlein und drängt als dessen Nachfolger ins Amt.
Eva Maria Ganzloser tritt nicht in Erscheinung, lässt durch gelegentliche Postkartengrüße den Professor aber im Glauben, dass sie ihn immer noch liebt. Der möchte das gern glauben, obwohl er weiß, »wie kräftezehrend es ist, etwas zu glauben. Andererseits: Die Bedingung, die allein den Glauben produziert, heißt Aussichtslosigkeit«.

Um die Dreiecksgeschichte herum variiert Martin Walser geschickt die Glaubens- und Jenseitsfragen, mit ­denen sich sein alternder literarischer Held auseinandersetzt. Dass er das tut, hat auch etwas mit seinen Wurzeln zu tun. Scherblingen war bis 1803 ein Kloster, dessen letzter Abt Eusebius Feinlein ein Vorfahre Augustins. Von dem hat er gelernt: »Wir glauben mehr als wir wissen.«
Als nach einem bizarren Silvesterball sich die letzten Getreuen von Professor Feinlein abwenden, macht der alte Herr die Probe aufs Exempel, entwendet eine Reliquie aus der örtlichen Stiftskirche, »um die Scheinheiligkeit bemerkbar zu machen«. Die tradi­tionelle Reliquien-Prozession findet dennoch statt, das Original wird bald darauf gefunden und der Professor in seiner Klinik unter Hausarrest gestellt. Für ihn fast eine Befreiung, kommt es ihm doch vor, »als sei alles nur geschehen, dass es von ihr (Eva Maria) bemerkt werde. Mein Jenseits«.

Seiner gefeierten ersten Novelle »Ein fliehendes Pferd« (1978), welche die Problematik der Midlife-Crisis schildert, hat der altersweise Dichter mit »Mein Jenseits« eine folgen lassen, in der sich Lebensgeschichte in ­Glaubensgeschichte spiegelt. Augustin Feinleins Jenseits entsteht durch Glaubensleistung. Auf die Frage, wie er selbst sich sein Jenseits vorstelle, antwortete Martin Walser in einem Interview: »Das Jenseits muss sinnlich-gegenwärtig, jetzt erlebbar sein.« Seinem liebenden Helden legt er den Satz in den Mund: »Das Jenseits ist eine andauernde Leistung.«

In dem schmalen Buch stecken schöne Glaubens-Sätze, mit Gewinn zu lesen und nachdenkenswert. Dabei kommt die Novelle fröhlich daher. Bleibt zu hoffen, dass sich Martin ­Walser diese Leichtigkeit erhält, wenn er sie zum Roman ausformt.
Matthias Caffier

Walser, Martin: Mein Jenseits.
Novelle, Berlin University Press,
119 S., ISBN 978-3-940432-77-3,
19,90 Euro

Endloses Blau und ewiges Licht

5. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Jubiläum: Der Glaskünstler Johannes Schreiter wird am 8. März 80 Jahre alt

S.D.G. – so signiert der Glaskünstler seine Entwürfe. »Soli Deo Gloria« – zur Ehre Gottes will er arbeiten, solange er kann.

Ausschnitt eines Kirchenfensters des Künstlers Johannes Schreiter in der  evangelischen Kirche in Mainz-Gonsenheim, Fotos: epd-bild

Ausschnitt eines Kirchenfensters des Künstlers Johannes Schreiter in der evangelischen Kirche in Mainz-Gonsenheim, Fotos: epd-bild

Die beiden 9,2 Meter hohen Fenster der Sakramentskapelle des Mainzer Doms sind eine Einladung zum Gebet und zur Meditation. Mächtig bahnt sich auf ­ihnen das endlose Blau des Himmels den Weg zu den Menschen. Das ewige Licht erreicht sie aber nur durch das Leben und Sterben Christi, das mit einem glühenden Rubinrot angedeutet ist. Die beiden Kirchenfenster stammen von Johannes Schreiter, einem der bedeutendsten Glaskünstler der Gegenwart. Am 8. März feiert er im südhessischen Langen seinen 80. Geburtstag.
»Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch.« Die­se Zeile aus einem Gedicht Friedrich Hölderlins ist die geheime Melodie in Schreiters Leben, aber auch das bestimmende Thema seiner Kunst der vergangenen drei Jahrzehnte. Trotz aller Bedrohungen und aller Ängste ist der Mensch nicht verloren, sondern von Gottes Liebe getragen, lautet seine Botschaft. »Es gibt keinen Zufall, nur göttliche Fügung.«

Für Schreiter sind auch die beiden zentralen Ereignisse seines Lebens nichts anderes als »Fügung«, sagt er: 1983 seine »Rückkehr zu Gott, zum christlichen Glauben« und fünf Jahre später seine »wunderbare Heilung«. Nach einer Viruserkrankung, die er sich als Gastprofessor in Neuseeland zugezogen hatte, verlor er seine Stimme und musste in der Folge auch seine Professur an der Frankfurter Städelschule an den Nagel hängen. »Die Ärzte hatten mich bereits aufgegeben.«

Doch dann begegnete er am Rande eines Bibelabends im Odenwald einem Prediger aus der Schweiz. »Dieser 83 Jahre alte Mann sprach mit mir über meine Krankheit und segnete mich anschließend mit folgenden Worten: ›Der Geist Gottes ist über dir, du bist geheilt.‹« Schreiter erinnert sich: »Nach einem fürchterlichen Schmerz, der sich durch meinen Körper zog, konnte ich wieder sprechen und wenige Tage später wieder arbeiten. Härter und intensiver denn je.« Die Heilung verändert nicht nur sein Leben, sondern auch seine Kunst. Das Dunkle und Düstere verliert an Gewicht, helle, strahlende Farben gewinnen die Oberhand.

In diese Zeit fällt auch der sogenannte Heidelberger Fensterstreit. Nach harschen Bürgerprotesten verzichtet der zuständige Kirchengemeinderat darauf, die Entwürfe des Künstlers für die 22 Fenster der evangelischen gotischen Heiliggeistkirche in der Universitätsstadt realisieren zu lassen. Schreiter wurde insbesondere wegen seiner provokativen und wenig heimeligen Bearbeitung der Themen Medien, Medizin oder Physik angefeindet.

Doch Schreiter stand zu seinem Zyklus. Unterstützung erhielt er dabei unter anderem von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, die das sogenannte Medizinfenster für den Evangelischen Kirchentag in Frankfurt am Main 1987 ausführen ließ. 1996 fand es in der Kirche des Darmstädter Elisabethenstifts endgültig seinen Platz. Andere Entwürfe sind inzwischen in Karlsruhe, Linnich bei Aachen und im kanadischen Edmonton realisiert.

Johannes Schreiter wird 1930 in Annaberg-Buchholz im Erzgebirge ­geboren. Seine Liebe zum Malen entdeckt der Sohn eines Kaufmanns ­bereits als kleines Kind. Aber auch das Violinespielen bereitet ihm große Freude. »Ich wusste bis zum Abitur nicht, was das Richtige für mich war – die Malerei oder die Musik.« Die Entscheidung wird ihm abgenommen. 1949, während seiner Flucht nach ­Greven im Münsterland, verletzt er sich so stark am Arm, dass an eine berufliche Zukunft als Geiger nicht mehr zu denken ist.

Im selben Jahr nimmt Schreiter in Münster ein Kunststudium auf. 1960 erhält er vom Bistum Würzburg den Auftrag, die Kirchenfenster für St. Margareta in Bürgstadt bei Miltenberg am Main zu entwerfen. »Damit ging alles los«, erinnert sich Schreiter. Er wird Lehrbeauftragter an der Kunstschule Bremen, von 1963 bis 1987 wirkt er als Professor für Malerei und Grafik an der Frankfurter Städelschule.

Schon in den 1960er Jahren hatte Schreiter neben Otto Piene und Yves Klein mit seinen sogenannten Brandcollagen Kunstgeschichte geschrieben. Diese neue Technik des Sengens und Verbrennens von Papier beeinflusste auch sein glasbildnerisches Oeuvre sehr stark. Als ebenso revolutionär gilt seine Um-Interpretation der Bleiruten in Kirchenfenstern. Schreiter befreit die Metallstäbe, die die Glasstücke zusammenhalten, von ihrer rein technischen Funktion und nutzt sie als autonomes Mittel der Gestaltung.

In seinen Kirchenfenstern wendet er sich der Abstraktion zu, der Befreiung vom Überflüssigen. Er sucht die Stille, die Andacht. Seit den 1960er Jahren findet sich in nahezu jeder seiner Arbeiten die U-Form als Symbol für die geöffnete Hand wieder. Sorgfältig gestaltet er Linien, Ornamente, Rechtecke und Netze, die oft durch Quereinschüsse gebrochen sind, »so wie das kontemplative Betrachten ­eines Ozeans durch einen vorüberfliegenden Vogel«.

S.D.G. – so signiert der Glaskünstler seit 1995 seine Entwürfe. »Soli Deo Gloria« – zur Ehre Gottes will er arbeiten, so lange er kann. »Das hält mich lebendig.«

Von Dieter Schneberger (epd)

Vergessene Mitstreiterinnen

26. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Mit diesem Beitrag eröffnen wir eine Reihe über Frauen in der Reforma­tionszeit, die wir in einer losen Folge mit Porträts fortsetzen.

Katharina von Bora, die Ehefrau ­Martin Luthers. Ausschnitt aus einem Bild, das im Sterbehaus des Reformators in Eisleben hängt. Foto: epd-bild

Katharina von Bora, die Ehefrau ­Martin Luthers. Ausschnitt aus einem Bild, das im Sterbehaus des Reformators in Eisleben hängt. Foto: epd-bild

Sie schauen majestätisch-huldvoll, demütig-bescheiden, manche selbstbewusst: Frauen des 16. Jahrhunderts, die uns Maler wie Lukas Cranach d. Ä. in ihren Bildern bis heute lebendig erhalten. So vertraut uns auch ihre Bildnisse sind, über ihr Leben, ihre Wünsche und Träume wissen wir nur wenig. Wie sah ihre Realität aus, welche Gestaltungsmöglichkeiten hatten sie in jener Zeit, die wir heute Renaissance nennen?

Auch im 16. Jahrhundert noch realisierte sich Frausein offiziell und grundsätzlich zwischen der Sündhaftigkeit Evas und der Jungfräulichkeit Marias; die eine des Teufels Werk, die andere das erstrebenswerte Ideal der Kirche. An diesem Jahrhunderte lang propagierten Bild der Frau ­änderte auch die Reformation nicht allzu viel.

Die Reformation verdrängte zwar das Ideal der keuschen Jungfrau durch das der Ehefrau und Mutter und stärkte damit das Selbstbewusstsein der Frau, doch an ihrer sozialen Stellung änderte sich kaum etwas. Die Frau bedurfte weiter in nahezu allen Angelegenheiten des Lebens der Entscheidung des Mannes und war ihm rechtlich unterstellt, zuerst dem Vater, dann dem Ehemann. Als Witwe konn­te sie die Vormundschaft über minderjährige Kinder und Verfügungsgewalt über ihren Besitz nur dann erlangen, wenn der Ehemann oder der von ihm bestellte Vormund zustimmte. Auch Luthers Witwe musste sich das Recht, für ihre Kinder und ihren Besitz Sorge zu tragen erstreiten, weil ihr Mann es versäumt hatte, eindeutige Regelungen zu treffen.

Eine Ehe – die Braut war mitunter kaum älter als 14/15 Jahre – entsprang zu jener Zeit in erster Linie rationalem Kalkül. Waren es in adligen Kreisen politische Konstellationen und Besitz, so bestimmten im Bürgertum und Bauernstand adäquates Vermögen und Beruf, mitunter auch persönliche Eignung die Auswahl des Ehemannes. So bot beispielsweise der Goldschmiedemeister Hieronymus Holper seinem 40-jährigen Gesellen Albrecht Dürer d. Ä. seine 15-jährige Tochter Barbara als Braut an. Die Heirat sicherte Holper einen Nachfolger und Dürer den ansonsten wohl unerreichbaren Meistertitel, Voraussetzung seines Erfolgs. Auch wenn Liebe bei einer Heirat oft fehlte, konnte sie sich, wie bei Dürer und seiner Frau, Martin Luther und Käthe oder dem kursächsischen Paar Sibylle von Cleve
und Johann Friedrich I., durchaus einstellen.

Trotz aller Beschränkungen gab es aber immer wieder Frauen – insbesondere auf dem Land oder im Bürgertum der Städte – die sich ­ihren Platz in der Gesellschaft erobert hatten. Sie waren nicht nur als Hausfrau und Mutter anerkannt, sie leiteten darüber hinaus oft große Hauswirtschaften, führten selbstständig Geschäfte und betrieben Handwerke. Manche arbeiteten in städtischem Dienst als Hirtinnen oder Schreiberinnen, Hebammen und Heilkundige, manche als Dirnen. Es gab politisch autonome Herrscherinnen wie Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Lüneburg, die »Mutter der Reformation«. Es gab gebildete Nonnen, wie die Klarissin und Humanistin Caritas Pirckheimer, »ein unverschämt gelehrtes Weibsbild« (so Andreas Osiander, der Reformator Nürnbergs), die selbstbewusst mit Gelehrten wie Melanchthon disputierte.

Auch in Luthers unmittelbarem Umfeld treffen wir auf selbstständige Frauen, die sich neben den Männern behaupteten, wie Katharina von Bora, Magdalena von Staupitz, die Leiterin der ersten Mädchenschule Mitteldeutschlands in Grimma oder Argula von Grumbach (Stauff), die nicht nur Hausfrau und Mutter war, sondern auch die Reformation aktiv durch Wort und Schrift verbreitete. Obgleich Luther den Frauen grundsätzlich konservativ gegenüberstand – »Weiber­regiment hat nie etwas Gutes ausgericht« – musste er ihre Leistungen anerkennen: »Stellt euch vor, es gäbe das weibliche Geschlecht nicht. Das Haus und was zum Haushalt gehört, würde zusammenstürzen, die Staaten und die Gemeinden.« Doch selbst dieses Lob von höchster reformatorischer Autorität brachte den Frauen offiziell keine Besserung ihrer Lage. Nicht nur das Predigt- und Pfarramt blieb ihnen auch durch die Reformatoren verwehrt.   

Sylvia Weigelt

Die Autorin ist Mediävistin, sie arbeitet als freie Autorin und Publizistin. (Mediävistik ist die Wissenschaft vom europäischen Mittelalter.)

»Damit ihr Hoffnung habt«

11. Februar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Die »Wise Guys« haben den Song zum Ökumenischen Kirchentag komponiert

Die Wise Guys: »Wir fünf sind uns einig, dass wir eine Trennung zwischen evangelisch und katholisch nicht brauchen.« Foto: privat

Die Wise Guys: »Wir fünf sind uns einig, dass wir eine Trennung zwischen evangelisch und katholisch nicht brauchen.« Foto: privat

Vor Kurzem haben Dän Dickopf, Eddi Hüneke, Sari Sahr, Ferenc Husta und der Neue, Nils Olfert, in München den offiziellen Ökumenischen Kirchentags-Song »Damit ihr Hoffnung habt« vorgestellt. Peter Baier hat mit der Musikgruppe über Träume und Hoffnungen und über ihre Musik gesprochen.

Wie geht Ihr vor, wenn Ihr eine Auftragsarbeit bekommt, die zudem ein Motto beinhaltet – wie zum Beispiel das Lied zum 2. Ökumenischen Kirchentag im Mai 2010 in München.
Dän:
Als ich den Text geschrieben habe, habe ich darauf geachtet, dass die Losung des Kirchentags »Damit ihr Hoffnung habt« auch die sogenannte Hookline sein soll, also die erste Zeile, die im Song auftaucht. Denn das muss beim Publikum richtig zünden. Wir glauben, dass das Motto eine zentrale Botschaft des Kirchentags ist.

Als Ihr jüngst den Song in München vorgestellt habt, sagtet Ihr auf der Bühne, auch Ihr hättet eine Botschaft.
Dän:
Wir fünf sind uns einig, dass wir eine Trennung zwischen evangelisch und katholisch nicht brauchen. Wir haben in unseren Kirchengemeinden in Köln auch die Erfahrung gemacht, dass die breite Basis sich nicht für theologische Detailfragen der Ökumene interessiert. Es würde unglaublich viel Energie entstehen, fänden die Kirchen zusammen.

Auch privat praktiziert Ihr Fünf gelebte Ökumene.
Dän:
Ja, wir sind drei Protestanten und zwei Katholiken und kommen ­sowohl auf der Bühne, im Studio als auch privat sehr gut miteinander aus.

Ihr seid kirchentagserfahren. Was erwartet Ihr vom Ökumenischen Kirchentag in München?
Dän:
Das wird wahrscheinlich der größte Kirchentag, auf dem wir jemals gesungen haben. Wir konnten bisher bei evangelischen Kirchentagen vor 40000 Menschen in Köln und 65000 in Bremen auftreten. Jedes Mal war es eine supertolle Stimmung.

Ist die Stimmung bei Euren Kirchentagsauftritten anders als bei »weltlichen« Konzerten?
Ferenc:
Da entsteht ein ganz anderes Gemeinschaftsgefühl. Man spürt, wie die Leute stimmungsvoll ankommen, Spaß haben wollen und sich gut verstehen.
Dän: Ungewöhnlich ist auch, dass ­unter den Menschen eine derart positive Stimmung entsteht, die auch uns packt.

Wer kam auf Euch zu, um den offiziellen ÖKT-Song zu bestellen?
Sari:
Als wir auf dem Evangelischen Kirchentag in Hannover aufgetreten sind, war die Kirchentagsleitung offensichtlich völlig überrascht, dass da 35000 Leute auf dem Platz standen und ein richtiges Fest feierten. Zwei Jahre später kam dann erneut eine Anfrage, zunächst für Bremen, und dann für München, das offizielle Lied für den 2. Ökumenischen Kirchentag 2010 zu schreiben. Das haben wir gern gemacht, obwohl wir uns nicht als christliche Band definieren, sondern wir machen Popmusik für alle.

Was glaubt Ihr, was bewirkt solch ein Ökumenischer Kirchentag?
Dän:
Ich glaube, dass dies eine Frage ist, die nicht nur den Ökumenischen Kirchentag betrifft, sondern die sich ganz allgemein stellt. Wir glauben, dass auf den Kirchentagen Impulse gesetzt werden. Allerdings befürchten wir, wir werden nicht mehr erleben, dass sich die beiden Kirchen einig werden. Aber vielleicht kann man ein paar Schritte in diese Richtung machen.

Erwartet Ihr Euch gerade von München ein anderes Feedback als in ­anderen Städten?
Nils:
Ja. Bremen zum Beispiel ist ja wesentlich kleiner als München, da war die ganze Stadt ein einziger Kirchentag. Das wird in München anders sein: Es werden deutlich mehr Menschen da sein, und wir sind gespannt auf den Vergleich.

Den Kirchentagssong der »Wise Guys« gibt es zum Download unter www.sonntagsblatt-bayern.de.
Kostenlose CDs gibt es über: 2. Ökumenischer Kirchentag 2010, Rundfunkplatz 4, 80335 München, Telefon (089) 559997337, E-Mail

Achte auf deine Worte – Anmerkungen zur Sprache

21. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Das Goethe-Institut will 2010 zum »Jahr der deutschen Sprache« erklären. Wir haben deshalb den in Halle wohnenden Schriftsteller Christoph Kuhn gebeten, einmal im Monat unter der Rubrik »Angesagt« einige aktuelle Phänomene unserer Sprachgestaltung und -verunstaltung zu beleuchten.

Christoph Kuhn lebt als Schriftsteller in Halle.

Christoph Kuhn lebt als Schriftsteller in Halle.

Leserinnen und Leser dieser ­Zeitung werden sich womöglich fragen, warum auch noch an dieser Stelle Betrachtungen zur Sprache stehen sollen, gibt es doch über ­unser Deutsch schon so viele kluge und witzige Kolumnen und Bücher – eins zum Tod des Genitivs stand sogar lange auf der Bestseller-Liste.

Auch an Mahnungen fehlt es nicht: Der Wortschatz von Kindern würde immer kleiner, weil die Gesprächszeit in den Familien sich immer mehr verringere, wie auch die (Vor-)Lesezeit kürzer werde gegenüber der Verweildauer an Fernsehgeräten und Computern. Diese zunehmende äußere Bilderwelt ließe die innere verarmen, verhindere die Entwicklung der Fantasie. Fantasie jedoch sei die Voraussetzung für Empathie und Empathie wiederum unerlässlich für Solidarität, Zivilcourage. So droht Isolation im Gemeinwesen.

Gefahr ist im Verzug!

Der Wert der Muttersprache ist wohl unbestritten, nicht oft genug kann über sie nachgedacht und ­gesprochen werden.

Allerdings wandelt sie sich ständig; man hört es, schaut man wie Luther, dem Volk aufs Maul oder sieht es an ­ihrem schriftlichen Gebrauch (am Stil und an der Rechtschreibung von Briefen, Büchern, Printmedien). Und die Blickwinkel auf diesen Wandel sind unterschiedlich.

Zeitlos aber sind die von Konfuzius überlieferten Sätze: »Stimmen die Namen und Begriffe nicht, so ist die Sprache konfus. Ist die Sprache konfus, so entstehen Unordnung und Misserfolg. Gibt es Unordnung und Misserfolg, so geraten Anstand und gute Sitten in Verfall. Sind ­Anstand und gute Sitten infrage ­gestellt, so gibt es keine gerechten Strafen mehr. Gibt es keine gerechten Strafen mehr, so weiß das Volk nicht, was es tun und was es lassen soll. Darum muss der Edle die Begriffe und Namen korrekt benutzen und auch richtig danach handeln können. Er geht mit seinen Worten niemals leichtfertig um.«

Der Talmud sieht eine ähnlich zwingende Logik: »Achte auf deine Gefühle, denn sie werden Gedanken. Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden ­Taten. Achte auf deine Taten, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.«

Und laut Matthäus-Evangelium sagt Jesus in der Bergpredigt: »Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.« Vorher heißt es, man solle nicht schwören. Eine klare Frage verlangt eine klare ­Antwort, ein »Ja« oder »Nein«; eine wortreiche Begründung macht eine Aussage meistens nicht einleuchtender; Beschwörungen verstärken die Wahrheit nicht und ­entlarven eher eine Lüge.

Ihr Christoph Kuhn

Vom Kohlenpott zum Kulturrevier

Unter dem Motto »Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel« präsentiert sich das Ruhrgebiet mit seinen 53 Kommunen als ehemaliges Kohle- und Stahlrevier auf dem Weg zur europäischen Kulturmetropole.

Das Kulturhauptstadtjahr RUHR.2010 wurde am Sonnabend, den 9. Januar mit einer Freiluftveranstaltung auf dem Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen ­offiziell eröffnet. © epd-bild / Stefan Arend

Das Kulturhauptstadtjahr RUHR.2010 wurde am Sonnabend, den 9. Januar mit einer Freiluftveranstaltung auf dem Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen ­offiziell eröffnet. © epd-bild / Stefan Arend

Trotz Schnee und klirrender Kälte haben rund 100.000 Menschen am Wochenende die Eröffnung des europäischen Kulturhauptstadtjahres RUHR.2010 auf der Zeche Zollverein in Essen gefeiert. Mit dem Ruhrgebiet ist erstmals eine ganze Region Kulturhauptstadt Euro­pas. Bei anhaltendem Schneetreiben präsentierte der Sänger Herbert Grönemeyer seine neue Ruhrgebietshymne »Komm zur Ruhr«, Absolventen der Folkwang Universität zeigten die künstlerische Show »Wir sind das Feuer«. In vielen Hallen sowie auf dem Außengelände der ehemals ­größten Zeche der Welt gab ein musikalisch-künstlerisches Programm ­einen Ausblick auf die Veranstaltungen des Kulturhauptstadtjahres im Ruhrgebiet.

Der Werdegang der Stadt Essen
Unter dem Motto »Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel« will sich das Ruhrgebiet in diesem Jahr als ehemalige Kohle- und Stahlregion auf dem Weg zur europäischen Kulturmetropole präsentieren. Das offizielle Programm umfasst 300 Projekte mit insgesamt 2500 Einzelveranstaltungen. Mit 53 Kommunen und 5,3 Millionen Menschen aus 170 Nationen ist das Revier der drittgrößte Ballungsraum Europas. 19 Universitäten, 100 Konzerthäuser, 120 Theater und mehr als 200 Museen und Festivals zeigen das umfangreiche kulturelle Angebot der Region. Als einzigartig gelten die Industriedenkmäler im Ruhrgebiet.

Der Werdegang der Stadt Essen, Bannerträgerin für die Kulturhauptstadt Ruhrgebiet, steht exemplarisch für die Entwicklung der ganzen Region. Im Jahre 852 gründete Bischof Altfried von Hildesheim das Frauenstift Essen, doch erst mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert kam der Boom. Zechen und Stahlwerke breiteten sich aus und brauchten Arbeitskräfte. Die Bevölkerungszahl stieg vor allem durch Einwanderer aus Osteuropa. Hatte Essen 1820 gerade mal 5000 Einwohner, waren es 100 Jahre später knapp eine halbe Million.

Nach dem Zweiten Weltkrieg strömten erst Kriegsflüchtlinge, später Gastarbeiter aus Italien, Spanien, Jugoslawien und dann auch aus der Türkei an die Ruhr. Im Jahr 1970 näherte sich Essen der 700000-Einwohner-Marke. Kulturell gesehen herrschte im Revier der Fördertürme, Schlote und Hochöfen allerdings lange Zeit Ödnis. Erst 1892 wurde auf Privatinitiative von Bürgern mit dem Grillo-Theater in Essen das erste Stadttheater gegründet. 1902 eröffnete Karl Ernst Osthaus das erste Kunstmuseum der Region, das Folkwangmuseum in Hagen.

Die Industriekultur wird salonfähig
Die Krise der Montanindustrie traf das Ruhrgebiet hart. Von den ehemals 141 Zechen arbeiten heute nur noch sechs. Zwar setzten die Kommunen, vor allem Essen, auf einen Ausbau des Dienstleistungssektors – große Unternehmen wie ThyssenKrupp, RWE oder E.ON Ruhrgas haben hier ihren Konzernsitz – doch noch heute ist die Arbeitslosigkeit an Emscher und Ruhr deutlich höher als in anderen Landesteilen.

Die riesigen Brachflächen der ehemaligen Zechen und Hütten, die nach wie vor im Besitz der Montan­industrie waren und als Schandflecke galten, blockierten lange Zeit neue Entwicklungen. Etliches fiel den Abrissbaggern zum Opfer, bis in den ­vergangenen 20 Jahren ein Sinneswandel einsetzte und die Industriekultur salonfähig wurde. Vielfach ­waren es Bürgerinitiativen, die sich dafür einsetzten.

Heute finden in den »Kathedralen der Industriekultur« Theateraufführungen, Konzerte, Ausstellungen oder Kongresse statt. Der Gasometer Oberhausen ist Europas höchste Ausstellungshalle. Die Zeche Zollverein in Essen, seit 2001 UNESCO-Weltkulturerbe, beherbergt unter anderem das Design Zentrum NRW und ab Januar auch das Ruhr Museum.

Daneben existiert auch die übliche traditionelle und alternative Kulturszene: Zwischen Duisburg und Dortmund gibt es fünf Musiktheater, sieben Schauspielhäuser und sechs Symphonieorchester, knapp 250 Sammlungen und Museen, mehr als 175 ­zumeist private Galerien sowie rund 150 Spielstätten für freie Gruppen.

Allein Essen wartet mit überregional bekannten Kulturstätten wie dem Museum Folkwang, der Aalto-Oper, der ehemaligen Krupp-Residenz Villa Hügel oder dem größten Premieren-Kino Deutschlands, der »Lichtburg«, auf. Festivals wie die RuhrTriennale, die Ruhrfestspiele Recklinghausen, die Kurzfilmtage Oberhausen oder das Klavierfestival Ruhr genießen weit über die Region hinaus Reputation.

Anhaltender Strukturwandel im Ruhrgebiet
Die sogenannte »Kreativwirtschaft«, zu der neben den Kunstsparten Musik, Theater und Museen auch Medienunternehmen, die Werbebranche und Computerfirmen gehören, ist mit rund 50000 Mitarbeitern Teil des anhaltenden Strukturwandels im Ruhrgebiet. Bereits in den 1980er Jahren hat der Dienstleistungssektor das ­produzierende Gewerbe überholt. Heute stehen 700.000 Beschäftigten in der Industrie 1,4 Millionen Arbeitnehmer in Dienstleistungsberufen ­gegenüber. Beschäftigungsstärkste Branche ist das Gesundheitswesen mit rund 280.000 Arbeitsplätzen. Neue Jobs entstanden auch in High-Tech-Unternehmen und der Logistikbranche.

Trotz dieser positiven Entwicklungen und vieler finanzieller Fördermaßnahmen konnten die Ruhrgebietskommunen den Verlust von fast einer halben Million Arbeitsplätzen, die bei Kohle und Stahl in den vergangenen 30 Jahren verloren gingen, nicht in Gänze auffangen. Noch ­immer liegt die Arbeitslosigkeit im ­Revier mit 10,9 Prozent höher als im Landesdurchschnitt. Es bleibt viel zu tun, wenn das Ruhrgebiet als Modell für neue Entwürfe von Stadtkultur und Vorbild für die Entwicklung anderer altindustrieller Ballungsräume gelten will, wie es in der Bewerbung als Kulturhauptstadt hieß.

Esther Soth (epd)

Verlage sind auf den Ökumenischen Kirchentag eingestellt

7. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Womit sich die neuen Bücher über Religion im Frühjahr 2010 beschäftigen

Der Ökumenische Kirchentag im Mai in München dürfte den Diskussionen um das bald bessere, bald schlechtere Verhältnis zwischen den beiden großen Konfessionen neuen Schwung verleihen. Die Buchverlage haben sich auf das Großereignis jedenfalls eingestellt, wie ein Blick in die Ankündigungen für das Frühjahr 2010 verrät.

Foto: Sanja Gjenero, sxc.hu

Foto: Sanja Gjenero, sxc.hu

Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) gibt ein Gebetbuch für ökumenische Feiern heraus, unter dem Titel »Laudate omnes ­gentes« (Gütersloher Verlagshaus). Es enthält Gebete, Glaubensbekenntnisse, ökumenische Schlüsseltexte, Andachten, Segensworte, liturgische Gesänge – gleich in mehreren Sprachen. In ihrem Buch »Wie bei Nachbarn, die sich mögen« (Kösel) zeigen die evangelische Regionalbischöfin von München, Susanne Breit-Keßler, und Johannes Eckert, katholischer ­Benediktinerabt von St. Bonifaz und Andechs, wie gute ökumenische Nachbarschaft gelingen kann, ohne konfessionelle Profile einzuebnen. Mit einem Schmunzeln dürfen wir das »Wendebuch« von Uwe Birnstein und Georg Schwikart hin und her drehen – es hat zwei Vorderseiten. Auf der ­einen steht der Titel »Katholisch? Never!«, auf der anderen »Evangelisch? Never!« (Pattloch). Die Autoren blicken mit Ironie auf das geliebte Vorurteil und die eigene Selbsttäuschung jeder der beiden Konfessionen.

Unter den weiteren Themen in den Verlagsprogrammen fällt eines besonders auf: Tod und Sterben. In »Auf ­Leben und Tod« (Gütersloher Verlagshaus) etwa fragt Lutz van Dijk, wie Menschen in verschiedenen Epochen der Menschheitsgeschichte und verschiedenen Kulturkreisen starben, wie getrauert und begraben wurde. Ein Praxisbuch über »Rituale und Symbole in der Hospizarbeit« (Gütersloher Verlagshaus) liefern Ida Lamp und Karolin Küpper-Popp. Mit einer ganz neuen Bestattungsalternative ­beschäftigt sich Sylvia Frevert: mit dem »FriedWald«(Gütersloher Verlagshaus). Sie stellt Konzept und Entstehung dar. In ihren Gesprächen über den Tod verkündet Regine Schneider: »Ich möchte sterben, wie ich gelebt habe« (Patmos).

Zudem wird das Christentum auf ethische Grundlagen abgeklopft. Kapuzinerbruder Paulus Terwitte aus Dieburg etwa streitet in seinem Buch »Alltagsethik« (Gütersloher Verlagshaus) für eine Rückkehr zu ethischen Grundsätzen als Basis für ein verantwortliches und achtsames Miteinander. Ingrid Strobl möchte mit ihrem Buch »Respekt« (Pattloch) aufrütteln, nachdenklich machen und eine wichtige Debatte anstoßen: die über den achtsamen Umgang miteinander.

Der Wiener Theologe und Religionssoziologe Paul M. Zulehner macht in »Christenmut« (Gütersloher Verlagshaus) Fragen, die Menschen von heute wirklich bewegen, zum Dreh- und Angelpunkt: Woran leiden, worüber freuen sie sich? Was verstehen sie unter Glück? Mit seinen »geistlichen Übungen« will er Antworten ­darauf geben, die die christliche Religion bietet.

Um eine kurze, handliche Darstellung wiederum geht es Rüdiger Kaldewey und Franz Wendel Niehl in ihrem Leitfaden »Christentum kompakt« (Kösel). Darin zeigen sie auch, wie der christliche Glaube in einer pluralen Gesellschaft zur humanen Gestaltung des Lebens beitragen kann.

Eine aktuelle Diskussion – die ­darüber, wie es die Weltreligionen mit der Würde des Menschen halten – nimmt Katharina Ceming auf. In »Ernstfall Menschenrechte« (Kösel) befragt sie Judentum, Christentum, ­Islam, Hinduismus und Buddhismus danach.

Auffällig häufiges Thema in den Neuerscheinungen ist der Islam. Es beginnt beim Grundtext: Hartmut Bobzin legt eine Neuübersetzung des Koran vor. Es gibt historisch tiefgründige Untersuchungen. Etwa »Der Koran als Text der Spätantike« (Verlag der Weltreligionen) von Angelika Neuwirth. Lamya Kaddor wiederum will mit »Muslimisch – weiblich – deutsch!« (C. H. Beck) zeigen, dass es entgegen weit verbreiteter Klischeevorstellungen durchaus einen modernen Islam gibt. Ein ungewöhnliches Begegnungsbuch schließlich legen Luise Becker, Hans Grewel und Peter Schreiner vor mit »Quellen der Menschlichkeit« (Kösel).
Christliche und muslimische Autorinnen und Autoren deuten hier Bibel und Koran und stellen die darin enthaltene Humanität dar.

Tomas Gärtner

Etwas außergewöhnlich

30. Dezember 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Ein Kalender wirft einen neuen Blick auf Kinder mit Down-Syndrom

Juliana Wenk strahlt in die Kamera. Sie ist ein Kind mit Down-Syndrom, und ihr Foto ist Teil des Kalenders »A little extra 2010«. (Foto: epd-bild)

Juliana Wenk strahlt in die Kamera. Sie ist ein Kind mit Down-Syndrom, und ihr Foto ist Teil des Kalenders »A little extra 2010«. (Foto: epd-bild)

Samira breitet die Arme aus und »fliegt« auf den Händen ihres Vaters. Das blonde Mädchen verströmt auf dem Kalenderfoto für den Monat Juli eine heitere Lebensfreude, den sich der Betrachter kaum entziehen kann. Man muss schon ­genau auf ihre Augen sehen, um zu ­erkennen: Samira hat das Down-­Syndrom, sie ist geistig behindert.

Das fröhliche Mädchen ist, wie die anderen Kinder in diesem Kalender, für das Jahr 2010 von der Stuttgarter Fotografin Conny Wenk abgelichtet worden. Ästhetische Bilder von Menschen, die von vielen in der Gesellschaft bemitleidet werden.

Der Kalender heißt »A little extra 2010«. Das ist ein Wortspiel, denn übersetzt kann das »ein bisschen ­außergewöhnlich« heißen, aber auch »ein kleines Plus« – eine Anspielung auf ein zusätzliches Chromosom, das Auslöser für das Down-Syndrom ist. Bei der auch Trisomie 21 genannten Krankheit liegt das 21. Chromosom – oder Teile davon – dreifach vor.

Conny Wenk hat vor acht Jahren ihr erstes Kind bekommen, Juliana. Damals war sie 33. Als bei der Tochter das Down-Syndrom diagnostiziert wurde, sei sie in einen Schockzustand verfallen, erinnert sie sich. Völlig falsche Bilder habe sie über diese Menschen im Kopf gehabt, und als ihr eine Krankenhausseelsorgerin aus einem veralteten klinischen Wörterbuch etwas von »mongoloider Idiotie« vorlas, näherte sie sich einer Depression.

Erst der Kontakt zu anderen Frauen mit Down-Syndrom-Kindern hat sie wieder aufgerichtet. »Das waren ganz tolle Mütter, die wirkten gar nicht ­deprimiert – nach dieser Begegnung ging’s bei mir bergauf.« Conny Wenk machte sich an ihr erstes Buchprojekt, fotografierte 15 dieser Mütter mit ­ihren Kindern und brachte es unter dem Titel »Außergewöhnlich« auf den Markt. Rund 25000 Exemplare wurden davon verkauft, einige gingen auch an die Geburtsstationen von Krankenhäusern, um Eltern Neuge­borener mit dieser Behinderung Mut zu machen.

Heute hat Conny Wenk ein völlig anderes Bild von betroffenen Kindern. »Meine Tochter leidet nicht unter Down-Syndrom, sie führt ein absolut lebens- und liebenswertes Leben.« Wenk, die später noch einen Sohn – ohne Down-Syndrom – zur Welt brachte, wehrt sich auch dagegen, Menschen nur nach ihrem Gesundheitszustand zu beurteilen. »Keiner von uns hat die Gewähr, immer gesund zu sein – wir brauchen eine ­andere Einstellung gegenüber Einschränkungen, die jeder von uns hat«, sagt sie.

Tochter Juliana hat dem Leben ihrer Mutter eine ganz neue Richtung gegeben. Ihren Job als Personal-
chefin in einem Medienunternehmen hängte sie an den Nagel und konzentrierte sich aufs Fotografieren. Inzwischen ist sie gefragt, macht Porträts für Businessfrauen wie für Hochzeitspaare, hat 2007 sogar einen Prominentenkalender mit dem TV-Lästermaul Harald Schmidt auf dem Titel produziert. »Dass ich heute Fotografin bin, habe ich meiner Tochter zu verdanken«, resümiert sie.

Ihre Arbeit mit Bildern betrachtet Conny Wenk nicht nur unter künstlerischen, sondern auch unter aufklärerischen Gesichtspunkten. Die Gesellschaft wisse viel zu wenig über die rund 50000 in Deutschland lebenden Menschen mit Down-Syndrom, deshalb könne man Berührungsängste nicht verübeln. Entsetzt ist sie allerdings, dass teilweise nicht einmal Mediziner, die Schwangere beraten, eine Vorstellung von dieser Behinderung haben. »Einmal rief mich ein beratender Arzt an und fragte, ob es denn stimme, dass ein Kind mit Down-Syndrom ein 24-Stunden-Pflegefall sei«, erinnert sie sich.

Die Kinder in Conny Wenks Kalender vermitteln nichts von Pflegefall. Dennis, Giuliana, Jan und Marina und die anderen Mädchen und Jungen versprühen eine positive Einstellung zu ihrem Leben, das die Fotografin weniger als »behindert« und mehr als »außergewöhnlich« betrachtet.

Marcus Mockler (epd)

Wenk, Conny/Rapp, Commy: A little extra 2010, Kalender, Neufeld Verlag, 13 S. mit Farbfotografien, 34×34 cm, ISBN 978-3-937896-85-4, 14,90 Euro

Das Griechlein und der Wagenlenker

24. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausblick: Das kommende Jahr steht ganz im Zeichen Philipp Melanchthons

Galt schon zu Lebzeiten als "Lehrer Deutschland": Philipp Melanchthon, Urheberangabe: Archiv

Galt schon zu Lebzeiten als "Lehrer Deutschland": Philipp Melanchthon

Zum 450. Mal jährt sich am 19. April der Todestag Philipp Melanchthons. Im Rahmen der Reformationsdekade bis 2017 steht deshalb der theologische Lehrer an der Seite Luthers im Mittelpunkt.

Ach, dahingegangen ist der ­Wagenlenker und Wagen Israels …« Mit diesem poetischen Bild kommentierte Melanchthon den Tod Luthers. Doch war Luther der Wagenlenker, der ideelle Kopf der Reformation, so war Melanchthon ihr theologischer Lehrer. Der eine verkündete das Evangelium von der Kanzel herab, der andere in der Universität. Der eine entwickelte revolutionäre Ideen, der andere formulierte sie als Wissenschaft und sicherte sie auf diplomatischer Ebene. Wird heute der Name des einen genannt, so gesellt sich der des anderen von selber dazu.

Dabei war der »Graeculus«, das Griechlein, wie ihn Luther liebevoll nannte, rein äußerlich zunächst eine Enttäuschung für die Wittenberger: schmächtig, etwa 1,50 Meter groß, wirkte er mit seinen 21 Jahren noch wie ein Knabe. Erst mit seiner akademischen Antrittsrede konnte der neue Professor für Griechisch alle überzeugen. Luther war begeistert: »Melanch­thon hat eine so gelehrte und feine Rede gehalten und damit einen solchen Beifall und solche Bewunderung gefunden … Wir haben schnell die vorgefaßte Meinung aufgegeben und von seiner äußeren Erscheinung abgesehen.« Kurze Zeit später bekannte er: »Unser Philipp Melanchthon, ein wunderbarer Mensch, ja einer, an dem fast alles übermenschlich ist.«

Fruchtbare Zusammenarbeit trotz Unterschiedlichkeit

Die Begeisterung war beiderseits: »Ich würde lieber sterben als von diesem Manne getrennt werden«, schrieb ­Melanchthon, als Luther 1521 auf der Wartburg weilte. Für beide begann mit dem Jahr 1518 eine intensive, produktive und auch streitbare Zusammenarbeit, die erst mit Luthers Tod endete. Über Melanchthon erschloss sich Luther die griechische Sprache und die Philologie als Ganzes. Jener wiederum arbeitete sich in die Theologie und die Erkenntnisse Luthers so ein, dass der neidlos bekannte: Dieser kleine Grieche übertrifft mich auch in der Theologie.

Bei aller freundschaftlichen Kollegialität waren beide ganz unterschiedliche Charaktere. »Ich bin dazu geboren«, so Luther, »daß ich mit den Rotten und Teufeln muß kriegen und zu Felde liegen … Ich muß Klötze und Stämme ausrotten, Dornen und Hecken weghauen, die Pfützen ausfüllen und bin der grobe Waldrechter, der die Bahn brechen und zurichten muß. Aber Magister Philippus fähret säuberlich stille daher, bauet und pflanzet, säet und begießt mit Lust, nachdem Gott ihm hat gegeben seine Gaben reichlich.«

Völlig unterschiedlich ist auch ihre Einstellung gegenüber den Dingen des Lebens. Während Luther die kleinen und unwesentlichen Dinge bewegten und er bei den großen dachte »das ist dir zu hoch, du kannst es doch nicht halten, also laß es gehen«, war es bei Melanchthon umgekehrt: »Durch die Angelegenheiten seines eigenen Lebens … wird er nicht beunruhigt, dafür beunruhigen ihn jene gewaltigen Fragen des Staates und der Religion. Mich drücken immer nur meine kleinen Sorgen nieder: so verschieden sind unsere Anlagen« (Luther).

Melanchthon prägte das »sola scriptura«
Für ihre Zusammenarbeit war diese Verschiedenheit produktiv, glückliche Ergänzung und Bereicherung zugleich. Am deutlichsten wird das am Beispiel der Lutherischen Bibelübersetzung: Es war nämlich Melanch­thon, der aus dem genauen Studium des biblischen Urtextes und der Beschäftigung mit den theologischen Gedanken Luthers heraus – und das zunächst weit klarer noch als Luther – die alleinige Verbindlichkeit der Bibel postulierte. Auf diese Weise erteilte er nicht nur manchem Lehrsatz der ­Kirche und der kirchlichen Tradition eine Absage, sondern er vermittelte Luther damit auch die entscheidende Anregung für die Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche. Denn nur so war es jedermann möglich, die Schrift auch zu verstehen.

Zwar trug Luther den Löwenanteil der Übersetzung, doch standen ihm seine Kollegen stets zur Seite; allen voran Melanchthon mit seinen ausgezeichneten Sprachkenntnissen und seinem Spezialwissen. So gingen z. B. seine Kenntnisse in der Münzkunde, über die Geographie des Heiligen Landes und seine Übersetzung seltener Pflanzennamen in Luthers Text ein. Wenn auch die kraftvolle und bilderreiche Sprache des Bibeltextes zu Recht als Luthers Verdienst gilt, so kommt Melanchthon ein gewichtiger Anteil am richtigen sprachlichen Verständnis des griechischen Urtextes und an der sachlichen Genauigkeit der Übersetzung zu.

Was für die Übersetzung des NT gilt, trifft auch für die des AT zu. Es war vorrangig Luthers und Melanchthons Verdienst, dass im Herbst 1534 die erste deutschsprachige Wittenberger Gesamtausgabe erscheinen konnte, Zeugnis der produktiven Verbindung beider Reformatoren.

Von Silvia Weigelt

Ehrfurcht vor dem Leben

17. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Weihnachtsfilm 2009: Albert Schweitzers bewegtes Leben kommt Heiligabend in die Kinos

Dem Film »Albert Schweitzer – ein Leben für Afrika« ­gelingt es, Ehrfurcht zu wecken vor dem faszinierenden Menschen

Albert Schweitzer (Jeroen Krabbé) mit den Patienten und Bewohnern von Lambarene. Foto: NFP/Stefan Falke

Albert Schweitzer (Jeroen Krabbé) mit den Patienten und Bewohnern von Lambarene. Foto: NFP/Stefan Falke

Ehrfurcht vor dem Leben‹ bedeutet: Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das ­leben will.« Albert Schweitzer, der »Urwalddoktor« von Lambarene, der Theologe, Musiker, Philosoph und Friedensnobelpreisträger hat diesen Satz als zentrale Botschaft seines Denkens hinterlassen. Neben Gandhi, Einstein und Martin Luther King gehört er zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Zu Weihnachten kommt sein Leben ins Kino.

Albert Schweitzer und Albert Einstein – zwei Männer in ihren besten Jahren, das volle weiße Haar nach hinten gebürstet, blitzende Augen unter buschigen Augenbrauen und ein üppiger Seehund-Schnauzbart unter der Nase: Die beiden Ikonen des 20. Jahrhunderts sehen sich zum Verwechseln ähnlich, und genau das beklagt der eine Albert auch: »Ich werde immer mit dir verwechselt«, sagt der Film-Einstein in New York zum Film-Schweitzer, lacht und zieht die Schuhe aus bei seinem Besuch in der New Yorker Hotelsuite.

Mit dem fiktiven Treffen zwischen den beiden bringt der Film »Albert Schweitzer – ein Leben für Afrika« seine Geschichte in Gang. Zwar kannten und schätzten sich Einstein und Schweitzer tatsächlich sehr. Beide sprachen sich auch immer wieder deutlich gegen die atomare Rüstung aus. Doch zu einer persönlichen Begegnung ist es wohl nur vor dem Krieg gekommen.

Die Dramaturgie dieser Geschichte aus dem Haus der Produktionsfirma NFP ist weniger schlüssig als die von deren beiden anderen Spielfilmversuchen über große deutsche Protestanten: »Luther« (2003) und »Bonhoeffer – die letzte Stufe« (1999). Bemerkenswert ist aber, wie sich die NFP und die Brüder Thies für diese Art von eher sperrigen Stoffen engagieren und damit auch auf dem amerikanischen Markt Erfolg haben.

Albert Schweitzer wurde am 14. Januar 1875 in Kayersberg geboren. Theologie- und Philosophiestudium, Militärdienst, nebenher ein Orgelstudium. Mit 27 Jahren ist er zweifach promoviert, habilitiert und Interimsleiter des theologischen Thomasstifts in Straßburg. Intensiv beschäftigt er sich nun mit der Gestalt des historischen Jesus.

Der entscheidende Punkt für Schweitzer: »Zu einer bestimmten Zeit – ob dies Wochen oder Monate nach seinem Auftreten war, wissen wir nicht – hat Jesus die Gewissheit, dass die Stunde des Anbruchs des Reiches gekommen sei. (…) Seine Erwartung verwirklicht sich aber nicht.« Und auch nicht die Erwartung der frühen Christen nach dem Tod Jesu, ihr ­Meister werde bald in unmittelbarer Zukunft wiederkehren, um dann endgültig als Messias über die Welt zu richten.

Schweitzer bringt auf den Punkt, worüber bis heute viele stolpern: Wenn der Mensch Jesus irrte, welche Folgen hat das für die Christen? Seinen eigenen Standpunkt bezeichnet Schweitzer als »konsequente Eschatologie«, als »fortgeführte Endzeitlichkeit«. Gerade »in der Tatsache des Nichteintreffens« der Wiederkunft Jesu, die bis heute andauert und die die Theologen als »Parusieverzögerung« bezeichnen, sieht Schweitzer »das im Sinne Jesu ›historische Faktum‹«. Denn »die ganze ›Geschichte des Christentums‹ bis auf den heutigen Tag beruht auf dem Nichteintreffen der Parusie, dem Aufgeben der Eschatologie, der damit verbundenen fortschreitenden und sich ­auswirkenden Ent-Eschatologisierung der Religion«.

Das bedeutet für Schweitzer aber keineswegs, damit auch die eigene ­Jesus-Beziehung zu lösen oder dessen Ruf zum Reich Gottes preiszugeben: »Im letzten Grunde ist unser Verhältnis zu Jesus mystischer Art. Keine Persönlichkeit der Vergangenheit kann durch geschichtliche Betrachtung oder durch Erwägungen über ihre ­autoritative Bedeutung lebendig in die Gegenwart hineingestellt werden. Eine Beziehung zu ihr gewinnen wir erst, wenn »wir in der Erkenntnis ­eines gemeinsamen Wollens mit ihr zusammengeführt werden (…) und uns selbst in ihr wiederfinden.«

Das ist der Weg, der Schweitzer weg von der kirchlichen Theologie 1913 in sein Urwaldkrankenhaus nach Gabun, ans Ufer des Ogooué-Flusses, nach Lambarene führt. Diesen Weg muss man kennen, um Schweitzers Philosophie der »Ehrfurcht vor dem Leben«, in der sein Denken mündet, richtig zu verstehen.

»Als wir bei Sonnenuntergang gerade durch eine Herde Nilpferde hindurchfuhren, stand urplötzlich, von mir nicht geahnt und nicht gesucht, das Wort ›Ehrfurcht vor dem Leben‹ vor mir. Der Pfad im Dickicht war sichtbar geworden. Nun war ich zu der Idee vorgedrungen, in der Welt- und Lebensbejahung und Ethik miteinander enthalten sind.« So beginnt der Film »Albert Schweitzer« mit einer Andeutung.

Trotz seiner konstruierten Handlung gelingt es dem in diesem Sommer in Südafrika gedrehten Film aber neugierig zu machen: Ehrfurcht zu wecken vor diesem faszinierenden Christenmenschen, gläubigen Skeptiker und tätigen Beter, französischen Deutschen (oder deutschen Franzosen), Musikgenie, praktischem Philosoph und dienendem Patriarchen, dem wir in Gestalt des Niederländers Jeroen Krabbé gerne zusehen.

Von Markus Springer

Buchtipp:

Schorlemmer, Friedrich: Albert Schweitzer.
Genie der Menschlichkeit, Aufbau Verlag,
270 S., ISBN 978-3-351-02712-4, 22,95 Euro

Zeugnis barocker Frömmigkeit

10. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Neuerscheinung beschreibt das Phänomen »Taufengel in Mitteldeutschland«

Einer der beiden Taufengel aus der Bartholomäuskirche im Bördedorf Hötensleben in Sachsen-Anhalt. Foto: Muschke/Kirchliche Stiftung Kunst- und Kulturgut

Einer der beiden Taufengel aus der Bartholomäuskirche im Bördedorf Hötensleben in Sachsen-Anhalt. Foto: Muschke/Kirchliche Stiftung Kunst- und Kulturgut

Bis vor einem Jahr bot er einen traurigen Anblick: Nagekäfer hatten seine Finger zerfressen. Der Kranz, als Halterung für eine Schale bestimmt, war deswegen an den Handgelenken festgebunden. Am rechten Flügel hatte jemand die Spitze abgesägt. Seine Farbe blätterte ab. Erst 2008 erhielt der Taufengel in der Dorfkirche im altmärkischen Dambeck seine alte Schönheit zurück. Nun fallen wieder dicke, gelbe Haarsträhnen in ein freundliches Gesicht mit dunklen Augen, einer kräftigen Nase, rosigen Lippen und Wangen. In Weiß und Gold leuchten Gewand und Flügel, grün schimmert der Kranz.

Die Geschichte dieses Engels und Hunderter seiner Artgenossen wird in Worten und Bildern in dem kürzlich erschienenen Buch »Taufengel in Mitteldeutschland – Geflügelte Taufgeräte zwischen Salzwedel und Suhl« ­erzählt. Die aus Holz oder Stein geschaffenen Skulpturen, die als Helfer bei der Taufe dienten, kamen ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ausschließlich in lutherischen Kirchen vor. Verbreitet waren sie von Norddeutschland bis Oberfranken, auch in Skandinavien lassen sie sich nachweisen. Manche haben die Gestalt eines kleinen Kindes, andere sind fast lebensgroß. Manchmal treten sie in Paaren auf, wie in Emersleben oder Dedeleben, manche gehören zu einer Engelgruppe – zum Beispiel in der Dorfkirche von Altenklitsche. Nach dem derzeitigen Stand der Forschung lässt sich der früheste Taufengel 1614 in der Kirche von Kemberg bei Wittenberg nachweisen. Die steinerne Gestalt kniet auf dem Boden und trägt ein großes Becken im Nacken. Später kamen die schwebenden Taufengel auf, ab 1680 stehende.

Mit der Aufklärung und dem sich wandelnden künstlerischen Geschmack waren Taufengel ab dem Ende des 18. Jahrhunderts nicht mehr gewollt. Mancherorts wurden sie sogar verboten. Überliefert ist ein Schreiben aus dem 19. Jahrhundert, in dem es heißt: »… entstellend für das Innere des Kirchengebäudes sind die an der Decke desselben hängenden sogenannten Taufengel, … die durch ihre gewöhnlich geschmacklosen Gestalten einen unangenehmen Eindruck machen. Es ist daher von den Predigern zu veranlassen, dass … diese aus den Kirchen überall entfernt …« werden. Zwar wurden viele Engel weiterhin verwendet, andere verschwanden jedoch auf Dachböden. In den rund 2300 Kirchen im Gebiet der preußischen Provinz Sachsen sind bislang 270 Taufengel ermittelt. Von ihnen blieben 215 in ihren Kirchen erhalten, einige weitere gelangten in Museen.

In dem Buch sind sie nicht nur ausführlich beschrieben. Der Theologe Peter Poscharsky gibt einen grundlegenden Überblick über Taufengel als Zeugnisse lutherischer Frömmigkeit im Zeitalter des Barock. Mit dem Zustand, in dem sich viele heute befinden, beschäftigt sich der Beitrag von Reinhold Gonschior. Die Herausgeberin schließlich hat ihre Erkenntnisse über Bildhauer und Auftraggeber zusammengefasst.

Das inhaltlich sehr interessante sowie durch Papier- und Bildauswahl schöne Buch »Taufengel in Mitteldeutschland« leistet nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung dieses Phänomens. Es lädt dazu ein, die Engel in den Kirchen zu besichtigen. Dass ihre Geschichte nicht zu Ende geschrieben ist, zeigt das Beispiel des jüngsten Taufengels, den der Künstler Thomas Leu aus Drahtgeflecht schuf. Seit drei Jahren schwebt er in der Nikolaikirche in Wettin.

Angela Stoye

Seyderhelm, Bettina (Hg.): »Taufengel in Mitteldeutschland – Geflügelte Taufgeräte zwischen Salzwedel und Suhl«, Schnell & Steiner, 394 S., ISBN 978-3-7954-2292-9, 24,90 Euro. Zu bestellen bei der Kirchlichen Stiftung Kunst- und Kulturgut in Magdeburg, Telefon (0391)5346560 oder (0391)5346563

www.kskk-online.de

Lebendiger Adventskalender …

3. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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… mit Fachwerkromantik in der UNESCO Welterbestadt Quedlinburg

Foto: epd

Foto: epd

Wenn die Dämmerung über den alten Häusern am Quedlinburger Schlossberg hereinbricht, machen sie sich auf den Weg durch die verwinkelten dunklen Gassen. Die Schar geht auf die Suche nach einem ganz besonderen Licht: Ein Stern, der über einem Hauseingang leuchtet und das Datum eines von 24 Dezembertagen trägt. Bei dem Adventskalender in der UNESCO-Welterbestadt im Harz finden die Kinder keine Tür aus Pappe, die sich öffnet, sondern eine aus massivem Holz. Haben sie ein Gedicht oder ein Lied ­vorgetragen, kommen Musiker oder Schauspieler heraus, die in Märchenfiguren geschlüpft sind.

Dieser »lebendige« Adventskalender erstreckt sich über ein ganzes Stadtgebiet. Es war schon ein kleines Jubiläum, als die Aktion am Dienstag zum fünften Mal startete. Die Fläche mit den einbezogenen Häusern misst etwa 1,5 mal 1,5 Kilometer. »Das ist unbestritten der größte Adventskalender in Deutschland, wenn nicht sogar europaweit«, sagt der 62-jährige Initiator Hans-Jürgen Furcht. Die Quedlinburger Altstadt ist mit ihren 1200 Fachwerkbauten seit 1996 UNESCO-Weltkulturerbestätte.

Die Hausbesitzer erhalten zuvor den Adventsstern mit der Nummer des ­Tages, die verkleideten Schauspieler bereiten sich drinnen auf ihren Auftritt vor. Nach dem Klopfen erscheinen etwa Frau Holle oder gar die »Sieben Schwaben«. Beim »Sterntaler« lässt eine Märchenerzählerin aus einem ­Fenster hoch oben glitzernde Fünkchen regnen. Und wie es sich bei einem Adventskalender gehört, werden die Kinder zum Abschluss beschenkt.
Die Nascherei spenden Süßwarenhersteller aus der weiteren Umgebung.

(epd)

Skandal: Jesus als »Judenbengel«

26. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Antisemitismus: Eine Berliner Ausstellung dokumentiert den Streit um ein Gemälde von Max Liebermann

Löste einen Kunstskandal aus: »Der zwölfjährige Jesus im Tempel« von Max Liebermann, 1879 gemalt. 	Repro: epd-bild/Liebermann-Villa

Löste einen Kunstskandal aus: »Der zwölfjährige Jesus im Tempel« von Max Liebermann, 1879 gemalt. Repro: epd-bild/Liebermann-Villa

Als Max Liebermann den 12-jährigen Jesus erkennbar als Juden darstellte, gab es einen Sturm der Entrüstung.

Max Liebermanns Bild »Der zwölfjährige Jesus im Tempel«: Im Vordergrund ist ein gestikulierender Knabe mit blonden Locken und pausbackigem Gesicht dargestellt, ihn umringen alte Männer, auf ihren Schultern liegt der Gebetsschal. Direkt neben dem Gemälde hängt das Schwarz-Weiß-Foto eines ganz ähnlichen Bildes: Es ist die gleiche Szene, der Knabe ist jedoch barfuß und trägt dunkle Schläfenlocken, sein Gesicht schmal mit langer Nase. So hatte Max Liebermann 1879 ursprünglich seinen Jesus im Tempel dargestellt und damit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst.

Der Wirbel um das Gemälde ist für die Berliner Liebermann-Villa Anlass für die Ausstellung mit dem Titel »Der Jesus-Skandal«. Neben dem zentralen Exponat versammelt sie erstmalig alle erhaltenen Vorstudien in Öl, Skizzen und Zeichnungen. Daneben präsentiert sie auch wichtige Vorbilder und sie präsentiert ausführlich in Zeitungsausschnitten und Dokumenten die Reaktion der Zeitgenossen.

Es ist das einzig bekannte Bild mit religiösem Motiv des späteren Berliner Secessionisten Max Liebermann. »Er war ein Maler, der sich mit seinem Realismus gegen die akademische Kunst seiner Zeit auflehnte«, urteilt Kurator Martin Fass, der Leiter der Liebermann-Villa.

Bilder wie »Die Gänserupferinnen« stießen in konservativen Kreisen auf Ablehnung. Bei dem »Jesus«-Gemälde wirkte das religiöse Thema als zusätzliche Provokation. Liebermann verlegte die Szene in einen Synagogenraum, die Schriftgelehrten sind Rabbiner in sephardischen Gewändern, der Knabe Jesus ist eindeutig ein jüdisches Kind. Martin Fass: »Das reichte, um die Leute auf die Barrikaden zu bringen.«

1879 wurde das Gemälde erstmals in einer Ausstellung im Glaspalast in München gezeigt. Die Kritik sah die christliche Religion durch die realistische Darstellung herabgewürdigt. Dass der Maler zudem selbst Jude war, erzürnte die Besucher umso mehr. Die Leserbriefe, die in der Ausstellung ­zitiert sind, sprechen eine deutliche Sprache: Liebermann zeige »schmierige Schacherjuden«, sein Bild sei »ekelerregend«, Gottes Sohn werde als »Judenbengel« diffamiert, sein Bild sei eine »Verhöhnung des Heilands«, eine »Gotteslästerung« gar. Für Kurator Martin Fass ist die heftige Reaktion auf das Bild Ausdruck eines sich offen äußernden Antisemitismus, der sich im späteren Kaiserreich noch verstärken sollte.

Max Liebermann sah sich schließlich gezwungen, die ursprüngliche Fassung zu übermalen und die Ge-
stalt des Jesus zu verändern. Liebermann seinerseits zog aus dem Wirbel um sein Bild die Konsequenz, dass
er fortan religiöse Themen mied.

Sigrid Hoff (epd)

Die Ausstellung »Der Jesus-Skandal – Ein Liebermann-Bild im Kreuzfeuer der Kritik«
ist bis 1. März in der Liebermann-Villa am Wannsee, Colomierstraße 3, 14109 Berlin,
täglich außer dienstags von 10 bis 17 Uhr zu sehen.

www.liebermann-villa.de

Wende-Hit und Gesangbuchlied

19. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Hochzeitsgeschenk des Klaus-Peter Hertzsch

Theologe mit lyrischer Ader: der Jenaer Professor Klaus-Peter Hertzsch

Theologe mit lyrischer Ader: der Jenaer Professor Klaus-Peter Hertzsch

Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit« schallte es am 4. August 1989 aus rund 100 Kehlen durch die Annenkirche in Eisenach. An welche Tore mögen die singenden Hochzeitsgäste damals gedacht haben? Vom Patenonkel für die junge Braut gedichtet, überwand der Lied »Vertraut den neuen Wegen« schon am Tag nach der Trauung die innerdeutsche Grenze. Es avancierte im Herbst ’89 zum protestantischen Wende-Hit und ist eines der meistgesungenen neuen Lieder in evangelischen Kirchen weltweit – die Nr. 395 im Evangelischen Gesangbuch (EG).

Mit großem Staunen hat Klaus-Peter Hertzsch verfolgt, auf welch weite Wanderschaft sich sein Liedtext begeben hat, dessen Geschichte an einem sonnigen Hochzeitstag vor 20 Jahren begann. Oder schon am Nachmittag zuvor. Denn da setzte sich der Theologieprofessor in einem Eisenacher Hotelzimmer hin und begann zu schreiben über die neuen Wege und das Aufbrechen, über die Hoffnung und das »gelobte Land«.

Des Abends holte der Brautvater das Werk ab, hektografierte es im Pfarrbüro und verteilte die Liedzettel am Morgen in den Kirchenbänken. »Sehr viele Freunde des Brautpaares waren damals zum Traugottesdienst gekommen«, erinnert sich der Jenaer Theologe, »aus Thüringen und aus Sachsen, aber auch aus der BRD, vor allem aus Hessen. Im Sommer des Jahres 1989 waren die Grenzregelungen ja schon ­etwas gelockert. Sie alle nahmen die Liedzettel mit in ihre Heimatgemeinden.«

»Seit leuchtend Gottes Bogen am hohen Himmel stand, sind Menschen ausgezogen in das gelobte Land.« So endet die erste Strophe und es kamen die Tage, in denen Hertzsch befürchtete, seine Verse können missverstanden werden. Als Hunderte von Menschen in der Jenaer Michaeliskirche den Abschlussgottesdienst der Friedensdekade feierten, es war der 22. November 1989, da sang man den letzten Vers etwas anders. Denn vorsichtshalber hatte der Theologe seinen Text, bevor er ihn zur Verfügung stellte, geringfügig geändert. Nicht »in das gelobte Land«, sondern »in sein gelobtes Land« stand nun auf den Liedzetteln. Er habe verhindern wollen, dass die Menschen »Gottes gelobtes Land« mit der Bundesrepublik verwechseln, so der inzwischen 79-jährige Liedautor.

Dass nunmehr der Originaltext in gedruckter und gebundener Form zu finden ist, verdankt sich der Tatsache, dass Klaus-Peter Hertzsch im Herbst ’89 sein Lied ein weiteres Mal verschenkte. »Mein Freund und Berliner Kollege Jürgen Henkys, er war wie ich Praktischer Theologe, wurde 60. Ich wollte ihm etwas schenken. Also schickte ich ihm den Text«, erinnert sich Hertzsch. Jürgen Henkys war damals Mitglied der Gesangbuch-Kommission, die eigentlich schon längst entschieden hatte, welche Lieder in die neue Sammlung aufgenommen werden. Aber spontan entschloss man sich, dem Vorschlag von Henkys folgend »Vertraut den neuen Wegen« als jüngstem Lied einen Platz einzuräumen.

Christine Kükenshöner

Na Laga’at – Bitte berühren

13. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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In der israelischen Hafenstadt Jaffa gibt es ein weltweit einzigartiges Theaterexperiment: Alle Schauspieler sind gehörlos, stumm und blind.

Kommunikation durch Berührung: Das Ensemble der behinderte Schauspieler in der Inszenierung »Nicht vom Brot allein«. Foto: Ulrich W. Sahm

Kommunikation durch Berührung: Das Ensemble der behinderte Schauspieler in der Inszenierung »Nicht vom Brot allein«. Foto: Ulrich W. Sahm

Elf Männer und Frauen sitzen hinter einem langen Tisch. Sie tragen weiße Masken ohne Augen- oder Mundlöcher. »Ich erkenne Menschen durch Berühren. Ohne Hände gibt es keine Kommunikation«, sagte einer. Zwei schwarzgekleidete junge Frauen schlagen auf eine große Trommel. Die Schauspieler nehmen ihre Masken vom Gesicht. Wieder ein Trommelschlag. Die Schauspieler wenden sich einander zu.

»Na Laga’at« (Bitte berühren) heißt das weltweit einzige Theater, bei dem alle Schauspieler nicht nur gehörlos und stumm, sondern noch dazu blind sind. »Nicht vom Brot allein« nennt sich das Stück, das zwei Jahre lang mühsam einstudiert wurde. Die Taubblinden mussten lernen, die Vibrationen der Trommeln zu erspüren. Diese geben das Zeichen für die nächste Szene.

Übersetzungen in hörbare Sprache und Gebärden

Anfangs kneten sie frischen Brotteig. Hefegeruch erfüllt den Theatersaal. Während der Teig in Backformen aufgeht, bieten die Schauspieler Einblicke in ihre stille Welt der Finsternis. Sie tanzen, erzählen ihre Träume, eine Hochzeit wird auf der Bühne gefeiert, ihre Tournee nach Italien wird mit buntem Getöse dargestellt. Wie beim berühmten Bild von Pieter Brueghel »Der Blindensturz« (1568) packen sich die Schauspieler an der Schulter, um von einem der schwarzgekleideten Helfer hinausgeführt zu werden. Die Helfer drücken sie in der nächsten Szene auf einen bereitstehenden Stuhl, den sie selber nicht sehen.

Was die Blinden in Gehörlosensprache zu sagen haben, wird von ­einem Helfer an der Seite der Bühne für das Publikum in hörbare Sprache übersetzt. Gleichzeitig gibt er das ­Gesagte in Gebärdensprache wieder, während oberhalb der Bühne der Text in Arabisch, Hebräisch und Englisch auf eine Leinwand geworfen wird. Nach anderthalb Stunden erfüllt den Saal der Duft frischen Brotes.

Kommunikation ist trotz Gebärden kompliziert

Adina Tal, die aus Zürich stammen­de Regisseurin, erklärt dem Publikum den Sinn und die Problematik dieses Theaterprojekts, ehe die Zuschauer eingeladen werden, auf der Bühne das frisch gebackene Brot zu kosten. »Es gibt Theater mit Blinden und mit Gehörlosen und mit Stummen, aber es gibt kein zweites Theater in der Welt, bei dem die Schauspieler alle drei Behinderungen haben.« Jede Probe und Aufführung sei sehr aufwendig. Die Schauspieler müssen aus allen Teilen des Landes abgeholt werden. Auf der Bühne müsse jeder Schritt, jede Bewegung, eingeübt werden.

Dem Theater im Hafen von Jaffa angeschlossen sind ein Café mit gehörloser Bedienung und ein Restaurant, in dem man in totaler Finsternis von blinden Kellnern bedient wird. Wie sich herausstellt, bietet sogar die Gebärdensprachen der Taubblinden keine Garantie für eine reibungslose Kommunikation unter den arabischen Kellnern und den jüdischen Schauspielern, von denen einige aus Russland eingewandert sind. Die ­hebräische Gebärdensprache ist der ­deutschen ähnlich. Doch Russen und Araber hätten eine eigene Gebärdensprache entwickelt, erzählt die Leiterin des im Jahr 2002 gegründeten Projekts. Itzik verwendet die »Handschuh-Sprache« (Lormen), bei der ­jedes Fingergelenk einen anderen Buchstaben repräsentiert. Und Juri »redet«, indem er mit den Fingern die Braille-Blindenschrift auf die Handfläche seines Partners drückt.

Die Regisseurin Tal war vor einiger Zeit in Berlin, um die Möglichkeit einer Tournee nach Deutschland auszuloten. »Der Transport ist sehr teuer. Jeder Schauspieler benötigt einen eigenen Übersetzer an seiner Seite. Hinzu kommen Bühnenbauten, darunter Backöfen«, erläutert sie. Das Theater finanziert sich zu 80 Prozent selbst. Der Rest wird aus Spenden bestritten. Deshalb müsse sich die Auslandstournee auch finanziell auszahlen. In Jaffa geht es relativ einfach: »Auch ohne Reklame ist unser Saal stets gefüllt. Die Zuschauer kommen dank Flüsterpropaganda, um an diesem einzigartigen ­Erlebnis teilzuhaben.«

Ulrich W. Sahm

www.nalagaat.org.il

Ein Hauptthema: Freiheit

6. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum 250. Geburtstag Friedrich Schillers am 10. November 2009

Am Ende ein Geschichtspessimist: Schillerbüste im Garten des Schillerhauses in Rudolstadt, Foto: epd-bild

Am Ende ein Geschichtspessimist: Schillerbüste im Garten des Schillerhauses in Rudolstadt, Foto: epd-bild

Hunderttausende arbeitsame Hände trugen die Steine zu den Pyramiden zusammen – aber nicht die Pyramide war ihr Lohn. Die Pyramide ergötzte das Auge der Könige, und die fleißigen Sklaven fand man mit dem Lebensunterhalt ab. Was ist man dem Arbeiter schuldig, wenn er nicht mehr arbeiten kann oder nichts mehr für ihn zu arbeiten sein wird? Was dem Menschen, wenn er nicht mehr zu brauchen ist?« Diese Sätze stehen in Schillers Roman »Der Geisterseher« von 1789. Das ist zwar nicht sein bestes Buch, aber bemerkenswert sind diese Überlegungen im Jahr seines 250. Geburtstages allemal. Der Dichter hielt nicht viel von seinen ­erzählenden Werken. Auch seinen Gedichten gegenüber war er kritisch eingestellt. In einem Brief schrieb er: »Das lyrische Fach sehe ich eher für ein Exilium als für eine eroberte Provinz an. Es ist das kleinlichste und undankbarste unter allen.«

Wenn auch seine größten Leistungen auf dem ­Gebiet der Dramatik liegen, so hat er doch auch in Lyrik und Prosa Werke geschaffen, die zum ­Bestand unserer Nationalliteratur gehören. Seine historischen Schriften, »Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der Spanischen Regierung« (1788) und vor allem »Die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges« (1791/93), hoben die Geschichtsschreibung in den Rang großer Literatur.

Als er am Vorabend der Französischen Revolution den »Abfall der ­Niederlande« schrieb, sah er den Geschichtsverlauf noch optimistisch. Er hoffte zuversichtlich, dass durch Freiheit eine allgemeine Menschenwürde erreicht werden könnte. Freiheit war seit seinem genialen ersten Theaterstück »Die Räuber« (1782) eines der Hauptthemen seines Werkes.

Nachdem er 1789 die Französische Revolution begrüßt hatte, schwand sein Optimismus, als nach seiner Meinung terroristische Banden in Frankreich die Macht an sich gerissen hatten. Dieser Geschichtspessimismus ist in seinem dramatischen Hauptwerk »Wallenstein« (1798–1800) am deutlichsten ausgeprägt. Schiller gab die Forderung nach Freiheit zwar nicht auf, aber er ließ sie tragisch an der Realität scheitern. Von nun an zeigen seine Tragödien (»Maria Stuart«, »Die Jungfrau von Orleans«, »Demetrius«; sein letztes vollendetes Schauspiel »Wilhelm Tell« ist die Ausnahme) eine Geschichte, die undurchschaubar und schicksalhaft zerstörend ist. Dafür machte Schiller nicht nur die Tradition und die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse verantwortlich, sondern auch die menschliche Natur insgesamt.

Als letzte Hoffnung blieb ihm die Kunst, die einen Vorschein des Idealen aufleuchten lasse. Dies wird vor ­allem in den reflektierenden Gedichten und seinen Essays zu Kunst und Literatur sichtbar. Wirklich volkstümlich sind diese Gedichte nicht geworden. Das sind seine großen Balladen (»Die Bürgschaft«, »Der Taucher«, »Der Handschuh«, »Die Kraniche des Ibykus«), die zu den Höhepunkten deutscher Balladendichtung gehören.

Früheren Generationen war auch das Gedicht »Die Glocke« (1800) vertraut. Darin wird eine Auffassung von Familie und von der Rollenverteilung der Geschlechter gelobt, die sich um 1800 bereits aufzulösen begann. Aber vielleicht sollte das dort dargestellte geordnete Familienleben ein Bild für den erwünschten allgemeinen Frieden sein, den die Glocke einläuten soll, »Friede sei ihr erst Geläute«.

Jürgen Israel

Einzigartige Zeugnisse

30. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Europas älteste Synagoge wurde als Museum eröffnet

Europas älteste Synagoge steht in Erfurt.

Europas älteste Synagoge steht in Erfurt.

Das Mittelalter hat in Erfurt eine neue Adresse. Mit der Alten Synagoge wurde am Montag in einem der ältesten Gebäude der Thüringer Landeshauptstadt ein neues Museum eröffnet. Doch nicht nur das Gebäude, das erst nach 1990 wiederentdeckt wurde, ist einzigartig. Ebenso beispiellos ist der »Erfurter Judenschatz«, der dort auf Dauer zu sehen sein soll.

Der sensationelle Fund von 1998 sorgte bereits bei Ausstellungen in ­Paris, New York und London für Aufsehen. Dabei war der fast 30 Kilogramm schwere Schatz mit über 3100 Silbermünzen, 14 Silberbarren, Silberbestecken und mehr als 600 Goldschmiedearbeiten ein Zufallsfund in letzter Minute. Entdeckt wurde er bei archäologischen Vorarbeiten für einen Neubau in der Altstadt. Fachleute datierten ihn auf das späte 13. und das frühe 14. Jahrhundert.

In der Umgebung des Fundortes lebten bis zum Pest-Pogrom von 1349 überwiegend Mitglieder der ersten ­jüdischen Gemeinde Erfurts. Deshalb liegt für Experten die Vermutung nahe, dass der Schatz einst aus Angst vor Vertreibung und Verfolgung vergraben wurde. Die gefundenen Schmuckstücke werden nun im Kellergewölbe der Alten Synagoge großzügig präsentiert. Dazu gehört auch ein kunstvoll gearbeiteter goldener Hochzeitsring, der mittlerweile zum Symbol für das Netzwerk »Jüdisches Leben Erfurt« wurde.

In diesem offenen Verbund von Institutionen und Initiativen sei die Alte Synagoge von zentraler Bedeutung, sagt die Leiterin der städtischen Einrichtung, Ines Beese. Das Schicksal des Gebäudes als Spiegelbild der wechselvollen jüdischen Stadtgeschichte dokumentiert das Museum im Erdgeschoss. Juden sind nach jüngsten Forschungen für Erfurt bereits im karolingischen 8. Jahrhundert nachgewiesen.

Ältester schriftlicher Beleg dafür ist der im Obergeschoss gezeigte »Judeneid« von 1183. Damit mussten Juden einst bei einem Rechtsstreit mit Nichtjuden ihre Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen. Zu den ausgestellten jüdischen Handschriften gehört ferner die größte bekannte hebräische Bibel, ein Zeugnis der herausragenden Stellung der damaligen jüdischen Gemeinde. Sie sei trotz wiederholter Pogrome im mittelalterlichen Erfurt bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts eine der bedeutendsten Gemeinden im damaligen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gewesen, erläutert Beese. Einzelheiten zu ihrer Geschichte rückten jedoch erst in den vergangenen Jahren wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein. Ein wichtiger Anstoß dafür war neben dem Schatzfund zweifellos die Wiederentdeckung des historischen Bethauses. Ein Foto aus der Zeit vor der Entdeckung zeigt am später nachgewiesenen Standort lediglich abenteuerliche Anbauten. Beese verweist auf das sichtlich brüchige Gebälk eines Spitzgiebels – das Dach der Synagoge: »Doch die hat damals niemand dort vermutet.«

Erst der Marburger Bauforscher Elmar Altwasser hat das Gebäude 1992 zweifelsfrei als Ort des jüdischen Glaubens und Lebens identifiziert. Zu diesem Zeitpunkt gab es die Synagoge, deren Anfänge bis in die Zeit um das Jahr 1100 zurückreichen, schon seit fast 650 Jahren nicht mehr. Nach dem Pogrom von 1349 machte ein Erfurter Kaufmann das beschädigte Gebäude zum Lagerhaus. In den zwölf Meter hohen Raum mit Tonnengewölbe wurden Toreinfahrten, eine Zwischendecke und im Keller ein Kreuzgewölbe eingezogen.

Seit dem 19. Jahrhundert gehörten die Räume zu Gaststätten in der Nachbarschaft. Im bunt ausgemalten Obergeschoss mit umlaufender Galerie spielten Musiker zum Tanz. So bewahrte jahrhundertelange Zweckentfremdung die Synagoge letztlich vor der Zerstörung. Anders als die am Stadtring gelegene Synagoge von 1884 überstand so das einstige Bethaus in der Altstadt das nationalsozialistische Pogrom von 1938. Es gilt heute als die älteste bis zum Dach erhaltene Synagoge in ganz Europa. Für 1,4 Millionen Euro ist sie in den vergangenen Jahren zu einem Museum und damit zu einem einzigartigen und sorgsam bewahrten Zeugnis jüdischen Lebens geworden.

Thomas Bickelhaupt (epd)

Die Alte Synagoge in der Erfurter Waagegasse ist täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.


www.alte-synagoge.erfurt.de

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