Eine böse Tat, ein Fluch und seine Folgen

11. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

In einem Dorf in Anhalt passierte vor 1 000 Jahren Seltsames. Als »Tanzwunder von Cölbigk« ist es überliefert. Was man darüber weiß, und was nicht.

An der Kirche St. Severin von Ilberstedt nahe Güsten steht eine seltsame Gestalt aus Blech. Trotz gebeugter Haltung scheint sie kräftig auszuschreiten. Auf dem Rücken trägt sie einen Sack, aus dem ein Spielzeug und ein Rutenbündel hervorlugen. Die Gestalt befand sich am Kirchturm des Klosters im benachbarten Cölbigk. Mit dem Ort ist die Legende vom »Tanzwunder« verbunden, das sich vor fast tausend Jahren hier ereignet haben soll. Damals soll ein Rutpertus oder Ruprecht in Cölbigk Priester gewesen sein. Im Lauf der Jahrhunderte wurde er wohl zur Vorlage für den Nikolaus-Gehilfen Knecht Ruprecht und der im Raum Bernburg angesiedelten Gestalt des »Heele Christ«.

Gedenkstein: An dieser Stelle befand sich das Kloster Cölbigk, das bis 1024 gegründet wurde. Das »Tanzwunder« soll sich in den Jahren 1020 oder 1021 abgespielt haben. Foto: Engelbert Pülicher

Gedenkstein: An dieser Stelle befand sich das Kloster Cölbigk, das bis 1024 gegründet wurde. Das »Tanzwunder« soll sich in den Jahren 1020 oder 1021 abgespielt haben. Foto: Engelbert Pülicher

Die Legende vom Cölbigker »Tanzwunder« ist unter anderem in der Historie des Fürstentums Anhalt (1710) überliefert: Im Jahr 1021, als Kaiser Heinrich II. regierte, sollen auf dem Friedhof an der Kirche St. Magnus in Cölbigk 15 Bauern und drei Frauen in der Christnacht getanzt, gelärmt und damit die Messe gestört haben. Der Priester ermahnte sie. Als das nichts half, verfluchte er sie: Alle sollten ein Jahr weitertanzen müssen. So geschah es. Unter den Tanzenden befand sich auch die Schwester des Kirchners. Als dieser sie am Arm wegziehen wollte, riss der Arm ab. Die Schwester musste weitermachen wie alle anderen, bis sie »unter ihre Gürtel Kulen in die Erde getanzt« hatten. Nach einem Jahr kamen Bischöfe aus Köln und Hildesheim nach Cölbigk und konnten nach Gebeten den Fluch lösen.

Vier Tänzer, darunter die junge Frau, starben, die anderen verließen wohl den Ort. Als Beispiel für einen frevlerischen Tanz nahmen die Gebrüder Grimm die Geschichte in ihre Sagensammlung auf.

Die bislang spärlich erforschte Siedlungsgeschichte Cölbigks stellte der Diplom-Geograf Karsten Falke kürzlich bei einer Tagung des Landesheimatbundes von Sachsen-Anhalt vor. In der Chronik Thietmars von Merseburg wurde Cölbigk 1015 zum ersten Mal erwähnt. 1036 ist es als Marktort genannt und hatte damit regionale Bedeutung. Aber eine Entwicklung zur Stadt blieb aus. »Um 1500 war Cölbigk eine Wüstung mit einem heruntergekommen Kloster«, so Falke. Die »Tanzwunder«-Legende knüpfe an die frühe Bedeutung des Ortes an: einen Kult um den Märtyrer und Heiligen Magnus, der im 7. oder 8. Jahrhundert als Missionar in die Gegend gekommen sein soll, eine frühe Kirche und die Klostergründung etwa 1024. Dafür, dass Cölbigk Wallfahrtsort gewesen sein soll, finde sich keine Quelle. Nur die archäologische Forschung könne Fragen zur frühen Ortsgeschichte beantworten helfen.

Der Mittelalterhistoriker und Sprachwissenschaftler Ernst Erich Metzner (Rüsselsheim) betonte, dass die ältesten Überlieferungen des Tanzes von Cölbigk keine Sagen seien, sondern drei gleichwertige lateinische Berichte vom Ende des 11. Jahrhunderts. Zwei davon beruhten auf so genannten Bettelausweisen aus klerikalem Umfeld, wie sie damals ausgestellt wurden, um echte Bedürftige von Simulanten unterscheiden zu können. Das »Tanzen« könne die Folge einer Vergiftung gewesen sein, die mehrere Tage anhielt und bei den Überlebenden dauerhaftes Zittern zur Folge gehabt hatte.

»Wir können nicht sagen, was in Cölbigk wirklich passiert ist«, so der Mittelalterhistoriker Gregor Rohmann (Frankfurt am Main). »Aber wir können etwas über die Hintergründe sagen.« Die drei oben genannten Quellen seien zwar im Raum Köln geschrieben worden, würden sich aber auf ein Ereignis bei Bernburg beziehen. Zudem würden sie Anspielungen auf zeitgenössische kirchliche Probleme enthalten. Einer der Schreiber, Goscelin von Saint-Bertin, erwähnt sogar, einen der Überlebenden noch selber getroffen zu haben. Goscelin stelle in seinem Text Gottes Güte in den Mittelpunkt, der die meisten Tänzer habe überleben lassen. Er zeige aber auch, dass die Abkehr von der Kirche ins Verderben führe. So wird bei Goscelin die oben erwähnte Schwester des Kirchners zur Tochter des Priesters, die nach dem Tanz stirbt. Der Priester steht als Sünder da, weil er nicht im Zölibat lebt: eine im 11. Jahrhundert besonders heftig diskutierte Frage.

Zur Warnlegende sei die Geschichte vom »Tanzwunder« im 13. Jahrhundert geworden und durch den Dominikaner Vinzenz von Beauvais in die Exempel-Sammlung des Dominikanerordens gelangt. Mittels Predigten sei sie unters Volk gekommen und weit verbreitet worden. »Wir wissen nicht, was in Cölbigk passierte«, so Rohmann. »Das ist unbefriedigend – auch für das Marketing.«

Die Volkskundlerin Annette Schneider-Reinhardt verwies darauf, dass die Nikolaus-Verehrung im 11. und 12. Jahrhundert in Deutschland ihren Höhenpunkt erreicht habe. Knecht Ruprecht als Diener des Heiligen und Kinderschreck taucht erst ab dem 13. Jahrhundert auf. Auch in Mitteldeutschland habe es verschiedene Bräuche rund um Nikolaus und Knecht Ruprecht gegeben. Für Cölbigk sei der »Umgang eines finsteren Gesellen, der strafte oder belohnte«, belegt. Nach 1945 verlor Knecht Ruprecht an Bekanntheit. Die Weihnachtsmann-Tradition überwiege. »Dazu«, so Annette Schneider-Reinhardt, »trugen wohl auch die veränderten Auffassungen in der Kindererziehung bei.«

Angela Stoye

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Jesus kommt

5. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Soll man diese Aussage »Jesus kommt« mit einem Ausrufezeichen oder einem Fragezeichen versehen? Der Advent, der mit dem heutigen Sonntag beginnt, weist uns auf die Ankunft Jesu hin.

Mit der Krippe und dem neugeborenen Jesuskind können viele Menschen noch etwas anfangen. Kleine Kinder sind süß. Man kann sie in den Arm nehmen, an die Brust drücken und sie liebkosen. Aber Advent hat nicht nur mit der Vorbereitung auf die Ankunft Jesu im Stall von Bethlehem zu tun. Advent weist weit darüber hinaus auf die Wiederkunft Christi am Ende der Zeit und am Ende der Welt. Hier wird es schon viel schwieriger, an solch ein Kommen Jesu Christi am Ende der Zeiten zu glauben.

In den Abschiedsreden des Johannesevangeliums sagt Jesus zwar zu seinen Jüngern: »In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf dass auch ihr seid, wo ich bin.« (Johannes 14,2f.).

Das Altarfenster in der Himmelfahrtskirche in Berlin-Gesundbrunnen thematisiert die Himmelfahrt Christi. In der Theologie wird der Himmel als der Ort verstanden, an dem der auferstandene Christus bei Gott ist. Christen hoffen, dass er von dort wiederkommt, um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen. Foto: epd-bild

Das Altarfenster in der Himmelfahrtskirche in Berlin-Gesundbrunnen thematisiert die Himmelfahrt Christi. In der Theologie wird der Himmel als der Ort verstanden, an dem der auferstandene Christus bei Gott ist. Christen hoffen, dass er von dort wiederkommt, um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen. Foto: epd-bild

Inzwischen sind allerdings fast 2 000 Jahre vergangen und Jesus Christus ist immer noch nicht wiedergekommen. Wir bekennen zwar im Apostolischen Glaubensbekenntnis, dass Jesus Christus zur Rechten Gottes sitzt, also dort ist wo die Entscheidungen Gottes fallen, und »von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten«. Ist das nur ein Lippenbekenntnis oder glauben wir wirklich, dass Christus einst wiederkommen wird? Sollen wir uns damit bescheiden, dass sowohl er als auch die frühe Christenheit sich geirrt haben, wie sich schon viele Menschen geirrt haben, wenn sie Aussagen über die Zukunft trafen. Der Volksmund weiß ja, »irren ist menschlich.«

Nun war allerdings Jesus nicht nur ein Mensch wie wir, sondern er war gottgleich, sozusagen das menschliche Antlitz Gottes. So konnte Jesus von sich sagen: »Wer mich sieht, der sieht den Vater« (Johannes 14,9). In Jesus begegnen wir also jemandem, der stellvertretend für Gott spricht. Aber das könnte auch eine Anmaßung gewesen sein. Wir brauchen hier nur an Adolf Hitler denken, der sich mit »Heil Hitler« begrüßen ließ, also mit der Aussage, dass in ihm das Heil sei. Als dann nach zwölf Jahren das sogenannte Tausendjährige Reich in Schutt und Asche versank, war es klar, dass man einem Verführer und keinem Führer aufgesessen war. Die bloße Behauptung an Gottes Stelle zu stehen, genügt auch bei Jesus nicht. Deswegen war das Weihnachtsfest, also das Fest, an dem wir an das Kommen Jesu auf Erden gedenken, für die Christen nicht zentral.

Von Anfang an war für die Christenheit das Osterfest mit Karfreitag und Ostersonntag das zentrale Fest und der Anker für den christlichen Glauben. Denn Christus erlitt zwar wie alle Menschen den Tod. Aber das war für ihn nicht das Ende. Gott erweckte ihn zu neuem Leben. Ohne das Ereignis der Auferstehung, dass selbst für die engsten Nachfolger Jesu zunächst unglaubwürdig erschien, weil es so ganz unserer menschlichen Erfahrung widerspricht, hätte es nie einen christlichen Glauben gegeben und schon gar nicht ein Christfest. Es wäre nichts zu feiern gewesen, denn Jesu Ankündigung des Reiches Gottes hätte sich als Wunschdenken herausgestellt. Nun ist aber Christus auferstanden, wie selbst ein Paulus, der als Saulus zunächst die Christen verfolgte, sich eingestehen musste.

Auferstehung heißt allerdings nicht, dass Jesus sozusagen in sein früheres Leben auf Erden zurückkehrte, sondern dass sich in seinem neuen Leben als der Auferstandene schon etwas von dem abzeichnete, was er seinen Nachfolgern versprochen hatte: ein neues unvergängliches Leben in der unmittelbaren Gegenwart Gottes. So konnte ihn Paulus dann »den Erstgeborenen von den Toten« und »das Ebenbild des unsichtbaren Gottes« nennen (Kolosser 1,18.15). Unsere Hoffnung über den Tod hinaus ist also in Christus begründet, dass uns eine Auferstehung wie die seine zuteil wird. Was heißt das aber für die Wiederkunft Christi? Kommt Christus noch einmal oder werden wir gleichsam zu ihm in sein himmlisches Reich heimgeholt?

Eine Heimholung könnte bedeuten, dass zwar unser sterblicher Körper bei unserem Tod dem Verfall und der Verwesung anheimfällt, dass aber doch etwas Unsterbliches wie unsere Seele, dann von Christus in die Ewigkeit Gottes geleitet wird. Damit würden die Geschicke auf unserer Erde weiterlaufen, während wir der Zeitlichkeit und ihren Problemen enthoben sein würden. Von der Erwartung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, von der der Seher der Johannes-Offenbarung spricht (Offenbarung 21,1), müssten wir uns dann verabschieden. Die Weltgeschichte, in irdischer oder kosmischer Dimension würde weiterlaufen, als wäre nichts geschehen. Eine sogenannte Erlösung oder ein Reich Gottes würde sich also abseits dieser Welt verwirklichen. Solche Vorstellungen widersprechen aber sowohl dem Selbstverständnis Jesu als auch dem, was Christen durch die Jahrhunderte als Erlösung verstanden.

Für Christen war es selbstverständlich, dass Christus wiederkommen wird als die sichtbare Verkörperung Gottes, um das Ende unserer Weltgeschichte und damit die Erlösung von aller Widerwärtigkeit und Ungerechtigkeit in dieser Welt einzuläuten. Die Hoffnung der Christen war niemals auf eine Entrückung von dieser Welt fixiert, sondern auf die Veränderung dieser Welt zur neuen Welt Gottes, eine Veränderung, die durch die Wiederkunft Christi als des Auferstandenen bewirkt wird. Wieweit sich diese neue Welt Gottes ausdehnen wird, ob in kosmischen Dimensionen oder auf unsere planetarische Heimat beschränkt, sollten wir zu Recht Gott überlassen. Wenn wir allerdings im Advent nur an das erste Weihnachten denken und uns darauf mit Geschenken und dem üblichen Weihnachtstrubel beschränken, dann haben wir das Wesentliche vergessen: Jesus als der Christus ist keine Gestalt der Vergangenheit, an dessen Geburt vor über 2 000 Jahren wir zu Weihnachten denken, sondern er ist auch der Grund der Hoffnung, durch dessen Wiederkunft wir auf eine neue Erde und einen neuen Himmel hoffen dürfen. Erinnerung und Hoffnung gilt es in dieser Adventszeit neu zu
bedenken.

Hans Schwarz

Der Autor ist emeritierter Professor für Evangelische Theologie an der Universität Regensburg.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Gemeinde vor Ort nach Luther

27. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Die aktuellen Reformbestrebungen der Kirche drängen weg von einer Gewichtung der Kirchengemeinden vor Ort. Im Sinne des Reformators?

Wie gestaltet sich evangelische Kirche künftig? Die aktuellen Reformbestrebungen in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) haben meist eine auffällige Tendenz: Sie drängen weg von der gewohnten Gewichtung der Kirchengemeinden vor Ort.

Schon vor über einem halben Jahrhundert hat der Lutheraner Hugo Schnell an den biblisch begründeten Sachverhalt erinnert: »Die Kirche darf in keinem Augenblick vergessen, dass sie sich aus den Gemeinden aufbaut, dass sie in ihnen und aus ihnen lebt.« Dieses Votum entspricht im Wesentlichen der Sicht Martin Luthers.

Der Reformator hatte »Kirche« definiert als die »geistliche Versammlung der Seelen in einem Glauben«, also als das Volk der Gläubigen, als Versammlung jener Menschen, die das Evangelium hören und Christus folgen wollen. Dabei hat Luther immer wieder unterstrichen, dass Christus selbst das Haupt der Kirche sei. Den Leib der Kirche bildet für ihn konkret die christliche Versammlung, der »Haufen« im Sinne des Beisammenseins und Zusammengehörens. Es ist Gottes Liebe, die uns »in seine heilige Gemeinde führt und in den Schoß der Kirche legt, durch welche er uns predigt und zu Christus bringt.«

Kritisch stand Luther dem amtskirchlich ausgeprägten Selbstverständnis seiner römisch-katholischen Mutterkirche gegenüber. Sie definiert sich bis heute vor allem vom Kultus her und insofern im Ganzen als Organisation, die als Leib Christi, ja in ihrer Sichtbarkeit als heiliger Teil Christi selbst verstanden werden will. Für Luther hingegen ist Christus als Haupt der Kirche auch Haupt jeder Einzelgemeinde, ja durch den Heiligen Geist mit jedem Glaubenden in mystischer Liebesverbindung zu einem »Kuchen« zusammengebacken – wobei derselbe Geist wiederum den Getauften in den Leib Christi als Ganzen integriert.

Erleuchtet: Anlässlich des Reformationsjubiläums hatte der Künstler Ingo Bracke das Lutherdenkmal in Wittenberg mit einer Lichtperformance zum Leuchten gebracht. Erhellend ist auch, wie der Reformator die Kirchengemeinde vor Ort definiert hat. Foto: epd-bild

Erleuchtet: Anlässlich des Reformationsjubiläums hatte der Künstler Ingo Bracke das Lutherdenkmal in Wittenberg mit einer Lichtperformance zum Leuchten gebracht. Erhellend ist auch, wie der Reformator die Kirchengemeinde vor Ort definiert hat. Foto: epd-bild

Selbstverständlich kannte der Reformator auch die überregionale Ebene von Kirche. Doch er wusste um die notwendige Dimension des Konkreten, des Überschaubaren für die Vollzüge von praktischer Liebe in der Gemeinschaft vor Ort. In dieser Hinsicht rang er lebenslang mit zweierlei Konzepten von Gemeinde. Das eine, eher ideale war das einer »Bekenntnisgemeinde«; das andere, mehr an den realen Verhältnissen orientierte war das volkskirchliche Modell.

Zur »Bekenntnisgemeinde« gehö­ren nach Ansicht des Reformators Menschen, die ernsthaft Christen sein wollen. Diese Art Kerngemeinde sollte sich über den wöchentlichen Sonntagsgottesdienst hinaus in Häusern zu Gebet, Bibellektüre, Taufe und Abendmahl versammeln. Diakonische Liebestätigkeit wäre in diesem Zusammenhang vor Ort zu realisieren. Treffen könnte sich diese Sonder- oder Kerngemeinde in Privathäusern oder einem kirchlichen Haus unter Leitung des Pfarrers.

Gleichwohl ist es nach Luther nicht möglich, ganze volkskirchliche Gemeinden als lebendige Gemeinden darzustellen. Er weiß um das Risiko, dass Christen in den skizzierten »Sondergemeinden« eine ambivalente Wirkung zu entfalten drohen: Sie könnten der Botschaft von der geschenkten Rechtfertigung der Gottlosen entgegenstehen.

Deshalb sah er von der Entwicklung besonderer Gemeinden oder Gemeindezirkel ab, auch um der Gefahr des Sektierertums zu wehren.

Mit Blick auf Jesu Warnung vor falschen Propheten in Schafskleidern mahnt der Reformator, zwischen rechter und falscher Kirche zu unterscheiden – wobei er solche Unterscheidung der Geister durchaus auch für innerhalb ein und derselben Kirche angebracht hält.

Sollte das nicht auch heute gelten – im Zeitalter neuer Kirchenreformen? Wo entwickeln sich Verbesserungen im Sinne Luthers, und wo laufen die Dinge in eine Richtung, die von der Betonung des Miteinanders in der Gemeinde wegführen? Gisela Kittel und ihre Mitautoren riefen 2016 in dem Buch »Kirche der Reformation? Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr« in Erinnerung: »Nach etwa zwanzig Jahren Strukturumbau der Evangelischen Kirche zeigen sich die angerichteten Schäden unübersehbar. Sie sind vor allem in jenen Landeskirchen und Kirchenkreisen zu spüren, die im sogenannten ›Reformprozess‹ kühn voranschritten.« Eine bedenkliche Verschiebung im evangelischen Kirchenverständnis habe sich ereignet. Weil die christliche Kirche weithin nicht mehr als die Versammlung der Glaubenden gesehen werde, die auf das Wort ihres Herrn hört, sondern eher als soziale Organisation, sei die Selbsterhaltung des Apparates an die erste Stelle der Vorsorge gerückt: »So schreitet die Institution ›Kirche‹ über engagierte und bisher ihren Gemeinden treu verbundene Gemeindeglieder hinweg.«

Namentlich Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, kritisiert die neueren Entwicklungen, die quer durch Deutschland das Schwergewicht der Ressourcen auf die mittleren Kirchenebenen legen und damit riskieren, dass den Gemeinden selbst immer weniger Bedeutung zukommt. Die neueste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD habe erkennbar die Bedeutung der Kirchengemeinden wiederentdeckt: »So fühlen sich 45 Prozent der Kirchenmitglieder ihrer Ortsgemeinde sehr und ziemlich verbunden und ebenso etwa 44 Prozent der evangelischen Kirche insgesamt.« Damit erweise sich die Kirchengemeinde nach wie vor als »die mit Abstand wichtigste Drehscheibe von Kirchenmitgliedschaft. Die seit vielen Jahrzehnten gepflegte Vorstellung von der Existenz einer großen Gruppe von Evangelischen, die sich der evangelischen Kirche als solcher verbunden fühlen, aber zu den Kirchengemeinden aufgrund ihrer randständiger Existenz Abstand halten würden, ist mit diesen Zahlen widerlegt.« Durch die Präsenz der Kirche als Ortsgemeinde gewinne die evangelische Kirche einen Großteil ihrer Sichtbarkeit in der Fläche.

Es gilt also neu auf die der Kirche stärker Verbundenen zu achten: Sie zeigen in allen religiösen und kirchlichen Dimensionen höhere Werte auf. Sie erweisen sich laut Wegner sogar als die insgesamt gegenüber Neuerungen in der Kirche eher Aufgeschlossenen. Eine besonders große Bedeutung hätten Kirchengemeinden zudem hinsichtlich der Gewinnung und Aktivierung von Ehrenamtlichen; auf deren Kosten gehe es, sobald man Kirchengemeinden fusioniere. Es gibt also gute Argumente zu Gunsten einer Kirchenreform in genau anderer Richtung, als das derzeit oft der Fall ist. Eine konsequente Neugewichtung von Gemeinden vor Ort ist angesagt – ganz im Sinne der Reformatoren.

Werner Thiede

Buchtipp: Thiede, Werner: Evangelische Kirche – Schiff ohne Kompass? WBG Verlag, 280 S., ISBN 978-3-534-26893-1, 29,95 Euro


Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

»Martini« auf dem Erfurter Domplatz

19. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Foto: Jens-Ulrich Koch

Foto: Jens-Ulrich Koch

Das Recht auf eine fröhliche und unbeschwerte Kindheit hat Margot Käßmann, Reformationsbotschaf­terin der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Abschluss des 500. Reformationsjubiläums in Thüringen betont. »Wenn jetzt Koalitionsverhandlungen laufen, sollte die Lage der Kinder in unserem Land und auf unserer Welt auf die Tagesordnung gesetzt werden und zwar ganz oben«, sagte die Theologin bei einer Predigt am 10. November auf dem Erfurter Domplatz. Dort feierte sie mit Tausenden Kindern und deren Angehörigen im Schein vieler Laternen zu Ehren des Heiligen und katholischen Bischofs Martin von Tours (um 316–397; Beisetzung am 11. November) sowie des Reforma­tors Martin Luther (1483–1546; Geburtstag am 10. November) das Fest der zwei Namensvetter – »Martini«. Das in der Thüringer Landeshauptstadt traditionell ökumenisch begangene Fest markierte in diesem Jahr auch das Ende des 500. Reformationsjubiläums in Thüringen.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Zu weise, um verliebt zu sein

14. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Beide glauben, eine Ehe hält mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aus. Fernseh­moderatorin Petra Gerster und Publizist Christian Nürnberger sind seit vielen Jahren verheiratet. Über ihre Ehe sprachen sie mit Mirjam Petermann.

Frau Gerster, Herr Nürnberger, sind Sie noch verliebt?
Nürnberger:
Nein. Dafür sind wir längst zu weise, denn dass das Verliebtsein nur eine List der Natur ist, um die beiden Geschlechter irgendwie zur Fortpflanzung zu bringen, haben wir schon seit mindestens vier Jahrzehnten durchschaut. Und auch, dass Verliebtsein ein Zustand ist, der bald wieder vergeht. Daher kann man darauf keine Ehe bauen.
Gerster: Das ist nicht die Antwort, die man als Frau hören will. Aber es stimmt natürlich, nach 35 Jahren ist man normalerweise nicht mehr verliebt, und das scheint mir auch nicht erstrebenswert. Erstrebenswert ist vielmehr, dass man sich tatsächlich liebt, wertschätzt, nie miteinander langweilt und vor allem: noch was zu lachen hat. Insofern kann ich mich glücklich schätzen.

Wie bringt man noch aufrichtiges Interesse am anderen auf, wenn man sich bereits seit 35 Jahren kennt?
Nürnberger:
Man entwickelt sich weiter während dieser Jahre, und es ist spannend zu erleben, wie der andere sich entwickelt, wie man sich selbst entwickelt, und ob es gelingt, sich gemeinsam weiterzuentwickeln. Man erlebt sich auch in verschiedenen Rollen, anfangs als Single, dann als Ehepartner, später als Mutter oder Vater, noch später – so hoffen wir – als Oma und Opa. Man erlebt den anderen beruflich, privat, bei gesellschaftlichen Anlässen, in Krisen, bei traurigen Anlässen und bei freudigen. Ist doch immer wieder interessant zu erleben, wie viel verschiedene Seiten, Stärken, Schwächen, Talente im jeweils anderen stecken.
Gerster: Es hilft auch, wenn man sich für dieselben Dinge interessiert und in den wichtigen Fragen des Lebens übereinstimmt, politisch und weltanschaulich. Aber auch mit Lust und Ausdauer streiten kann – auch das gehört für mich dazu.

Haben Sie bei aller Arbeit, bei allen Interessen und Aufgaben einen »normalen« Ehealltag? Wie gestalten Sie den?
Nürnberger:
Ja, wir haben einen ganz normalen Ehealltag und sind gerade deshalb des Zwangs enthoben, ihn gestalten zu müssen, denn das erledigen schon die Zwänge dieses Alltags für uns: also tagsüber arbeiten, nachts schlafen, Rechnungen schreiben und Rechnungen bezahlen, Vorträge schreiben und halten, auf Lesereise gehen, die Umsatzsteuervoranmeldung machen, einkaufen, kochen, spülen und so weiter und so fort. Wir hoffen, irgendwann im Alter mal vor dem Luxusproblem zu stehen, sich überlegen zu müssen, was man als Nächstes macht und wie man den Tag gestaltet.
Gerster: Das Wichtigste hast du vergessen: Mit den Kindern telefonieren, die in einem Alter sind, wo sie dauernd lebenswichtige Entscheidungen zu treffen haben, oder sie treffen, und der Austausch mit unseren Geschwistern und Freunden, der mir sehr wichtig ist und eine Menge Zeit in Anspruch nimmt.

Sie schreiben auch gemeinsam Bücher. Wie viele Gemeinsamkeiten hält eine Ehe aus?
Gerster:
Wir glauben: Eine Ehe hält mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aus.

Und wie viele Unterschiede?
Nürnberger:
Eher weniger, es sei denn, es handelt sich um Unterschiede, die sich ergänzen. Wenn jedoch zwei Partner völlig verschiedene Interessen und vielleicht auch noch konträre Berufe haben – er Kaufmann, sie Philosophin, er Golfspieler und Fußballfan, sie eine Leseratte und Museumsbesucherin, er ein Vielfraß, sie eine, die von Wasser und Salat lebt – dann könnte es schwierig werden.
Gerster: Unterschiede im Temperament sind hingegen gar nicht schlecht: Zwei von der ruhigen Sorte meines Mannes wären ein bisschen langweilig, zwei von meiner extrovertierten Art extrem anstrengend. Aber so gleichen wir einander ganz gut aus.

Welche gemeinsamen Projekte haben Sie für die Zukunft geplant?
Nürnberger:
In ein paar Tagen (20. November) kommt unser neues Buch über die Medien »Die Meinungsmaschine. Wie Informationen gemacht werden – und wem wir noch glauben können«. Daher gibt es derzeit kein neues Projekt. Vom Bücherschreiben müssen wir uns jetzt erst einmal erholen.
Gerster: Und wieder hat er das Wichtigste vergessen: Unser nächstes gemeinsames Projekt ist ein neuer Hund im nächsten Jahr!

Sind Sie eigentlich auch kirchlich verheiratet?
Nürnberger:
Nein. Darauf haben wir bewusst verzichtet, weil eine kirchliche Trauung den Willen voraussetzt, als Paar in der Gemeinde aktiv zu werden. Wir waren aber, als wir uns kennenlernten, Großstadtnomaden, die heute hier und morgen dort lebten und keine Gemeinde hatten, in die sie sich aktiv, verbindlich und auf Dauer hätten einbringen können.

Frau Gerster, Sie sagten in einem Interview 2015: »Solange die Kinder einen brauchen, beantwortet sich die Sinnfrage von selbst.« Ihre Kinder sind jetzt 27 und 24 Jahre alt und sicherlich anders auf Sie angewiesen als früher. Stellte sich Ihnen dann doch irgendwann die Sinnfrage?
Gerster:
Ja, sie könnte jetzt darin bestehen, das Alter gemeinsam zu meistern und gute Großeltern zu sein. Aber noch ist es nicht so weit. Noch freuen wir uns einfach daran, dass unsere Kinder gut geraten sind, wir eine ziemlich glückliche Familie sind, und wenn’s gut läuft, ist es nicht sehr intelligent, sich das Leben schwer zu machen mit Grübeleien über den Sinn des Lebens, zumal wir dafür gegenwärtig auch gar keine Zeit haben.

Spielen christliche Werte und Glauben in Ihrem Leben eine Rolle?
Nürnberger:
Ja, schon, aber weniger die, die dafür gehalten werden, also so Dinge wie Kirchgang, Gebet, Glaube an die Auferstehung und so weiter. Wir sind eher Anhänger von Dietrich Bonhoeffers Vorstellung eines »religionslosen Christentums«. Darin geht’s nicht ums Jenseits und nicht um religiöse Riten, Gebote, Verbote, sondern um Gelassenheit, Hoffnung und ums gute Leben hier und jetzt, und zwar für alle, nicht nur für einige Privilegierte. Darüber machen wir uns Gedanken. Darum kreist indirekt auch unser Schreiben.

Gibt es einen Sinn, den Sie für Ihre Ehe definiert haben?
Gerster:
Wir mussten da nichts definieren, weil der Sinn der Sache schon definiert ist und wir ihn uns genauso zu eigen gemacht haben, was heißt: Wir haben geheiratet mit dem Vorsatz, zusammenzubleiben in guten, wie in schlechten Tagen, bis dass der Tod uns scheidet. Wir wussten, dass das ein Abenteuer ist, und dieses Abenteuer wollen wir bestehen.

Ist es Ihrer Meinung nach realistisch, eine Ehe zu führen, »bis dass der Tod euch scheidet«? Wenn ja, was braucht es dafür?
Nürnberger:
Ehen wurden früher von gesellschaftlichen Zwängen und Konventionen zusammengehalten, von der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Frau und der sozialen Kontrolle durch die Umwelt. Daher gab es früher zwar viele Ehen, die bis zum Tod hielten, aber viele von ihnen waren lange, bevor ein Partner starb, schon tot, existierten nur noch pro forma. Heute gibt es diese Zwänge kaum mehr, und darum ist es auch nicht mehr zwingend zu heiraten oder einander zu versprechen, zusammenzubleiben bis zum Tod. Aber gerade durch diesen Wegfall aller Zwänge gewinnt das Eheversprechen erst heute seinen eigentlichen Wert. Erst jetzt kann man einander wirklich aus freien Stücken so ein Versprechen geben und dafür kämpfen, dass es hält. Und wenn das gelingt, ist es großartig.
Gerster: Zur Frage, was es dafür braucht: Ein Bewusstsein dafür, dass man nicht mehr frei ist wie ein Single, sondern gebunden, und das muss man erst mal akzeptieren können; sodann den Willen, einander zu dienen statt sich selbst zu verwirklichen; außerdem die Bereitschaft, Konflikte auszuhalten, auszutragen und zu lösen; und schließlich die Fähigkeit, sich selbst ein bisschen zurückzunehmen. Und das alles braucht es von beiden, nicht nur von einem.

Der Moment in dem die Kinder das Elternhaus verlassen, wird oft als großer Bruch oder gravierende Veränderung eines Ehepaares beschrieben. Können Sie das bestätigen, empfanden Sie das ebenso?
Gerster:
Ja, es war ein Einschnitt, natürlich, aber ein Bruch? Nein. Das nicht. Einerseits hat uns das natürlich mit einer gewissen Melancholie erfüllt, nicht nur, weil die Kinder plötzlich weg sind und eigene Wege gehen, sondern auch, weil einem damit bedeutet wird: Nun werdet ihr alt. Es hat aber auch seine guten Seiten. Man hat wieder mehr Freiheiten. Mehr Zeit füreinander. Keine Schulprobleme mehr. Kein Zwang mehr, ausgerechnet während der Ferien, also der teuren Hauptsaison, Urlaub machen zu müssen. Außerdem kam diese Abnabelung nicht abrupt. Wir waren darauf vorbereitet, haben uns in den neuen Zustand »einüben« können dadurch, dass unsere Kinder schon während der Schulzeit mal ein halbes oder ganzes Jahr lang im Ausland gelebt hatten. Und schließlich: Man fährt in gewisser Weise die Ernte ein, wenn man sieht, dass die Kinder sich gut entwickelt haben, auf eigenen Füßen stehen können, bald auch wirtschaftlich von den Eltern unabhängig sein werden. Da merkt man plötzlich: Der ganze Aufwand, der für die Erziehung draufging, war nicht umsonst, hat sich gelohnt.

Wie kann man so große Veränderungen, zuerst die Geburt der Kinder und dann deren Auszug als Ehepaar gut überstehen?
Nürnberger:
Man muss da gar nichts »überstehen«, denn die Geburt von Kindern, das manchmal anstrengende Leben mit ihnen und deren Abnabelung – das ist nun mal der Lauf der Dinge, ja geradezu deren Sinn. Es ist schön, dass das Leben dadurch verschiedene Phasen durchläuft. Jede Phase ist anders, jede bringt ihre eigenen Herausforderungen mit sich, die es zu bestehen gilt, auf jede neue Phase freut man sich, über das Ende jeder Phase ist man ein wenig traurig, aber jedes Ende ist mit einem neuen Anfang verbunden. Und genauso soll es sein. Dieser natürliche Wechsel von Lebensabschnitt zu Lebensabschnitt macht das Leben doch erst rund.

Welchen Standpunkt hat die Ehe Ihrer Meinung nach in unserer Gesellschaft heute?
Nürnberger:
Sie ist kein Muss mehr, nur noch eine Möglichkeit unter anderen. Jeder kann darüber nachdenken, ob diese Möglichkeit für ihn infrage kommt, ob sie für ihn die optimale Lebensform darstellt oder nicht, und kann sich dann frei dafür oder dagegen entscheiden. Das ist doch wunderbar. Frühere Generationen hätten uns für diese Freiheit beneidet. Aber: Freiheit bedeutet auch Risiko. Wo einer von seiner Freiheit Gebrauch macht, kann er auch scheitern, und dieses Scheitern hat er dann zu verantworten, nicht die Gesellschaft, nicht irgendwelche Zwänge. Aber genau darin – in der freien Entscheidung mit der Möglichkeit des Scheiterns – liegt die Würde. Freiheit ist kein Glücksversprechen, sondern die Ermöglichung von Würde. Und die wiegt schwerer als Glück. Lieber unglücklich leben, aber frei, als glücklich, aber unfrei.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

»Schön, dass ihr wieder da seid«

7. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Das Zisterzienserkloster Neuzelle wurde 1817 säkularisiert. Nun sind wieder Mönche hierhergekommen, in eine Region, in der Christen in der Diaspora leben.

Ein altes Ruderboot versinkt langsam in dem mit Seerosen bewachsenen Teich. An seinem Rand führt eine kopfsteingepflasterte Allee mit sorgsam beschnittenen Bäumen hinauf zur Klosterpforte, die vom weithin sichtbaren, gelben Kirchturm überragt wird. Die barocke Klosteranlage von Neuzelle, im Osten Brandenburgs auf einer Anhöhe über dem Odertal gelegen, ist die perfekte Idylle. Kurz vor zwölf Uhr mittags biegen vier Mönche um die Ecke. Sie tragen das schwarz-weiße Habit des Zisterzienserordens, jener Mönchsgemeinschaft, die vor fast 750 Jahren das Kloster begründete.

Doch dass Pater Simeon, Pater Kilian, Pater Philemon und Bruder Aloysius Maria nun mehrfach am Tag wieder die lateinischen Stundengebete in der Brandenburger Klosterkirche anstimmen, ist nichts weniger als eine kirchenhistorische Sensation. Denn 1817 hatte der preußische Staat das Kloster Neuzelle säkularisiert.

Seine Gebäude gehören heute dem Land Brandenburg – die beiden großen Kirchen, die die Klosterkirche und die ebenfalls zum Gelände gehörende Pfarrkirche heute für ihre Ortsgemeinden nutzen, sind nur Untermieter. Was den katholischen Bischof des Bistums Görlitz, Wolfgang Ipolt, freilich nicht davon abhielt, Anfang des Jahres einen verwegenen Plan zu fassen: Zum 750-jährigen Jubiläum Neuzelles im kommenden Jahr sollen in Neuzelle wieder Mönche leben. Er bat das als durchaus konservativ geltende, österreichische Stift Heiligenkreuz um die Entsendung von Mönchen an die Oder.

Bier-Sonderedition: Wer sie kauft, unterstützt das Kloster. Dafür werben (v. li.) Pater Kilian, Pater Simeon, Brauereibesitzer Helmut Fritsche, Schwester Teresita vom Bonifatiuswerk, Junior-Chef Stefan Fritsche, Pater Philemon. Foto: Benjamin Lassiwe

Bier-Sonderedition: Wer sie kauft, unterstützt das Kloster. Dafür werben (v. li.) Pater Kilian, Pater Simeon, Brauereibesitzer Helmut Fritsche, Schwester Teresita vom Bonifatiuswerk, Junior-Chef Stefan Fritsche, Pater Philemon. Foto: Benjamin Lassiwe

Sie kamen – in eine Region, in der die Christen in der absoluten Diaspora sind: Das katholische Bistum Görlitz ist zwar mit einer Fläche von 9 700 Qua­dratkilometern fast 50 Prozent größer als das Erzbistum Köln, trotzdem gehören ihm nur ungefähr 30 000 Katholiken an. Im Bundesland Brandenburg sind rund 15 Prozent der Einwohner evangelisch, rund drei Prozent katholisch.

Wenn in dieser Gegend ein Mönch mit Ordenshabit seinen Einkaufswagen durch den Supermarkt schiebt, fällt das durchaus auf, sagt Frater Aloysius Maria. »Ich erlebe alles – vom Atheisten, der mich zwar freundlich grüßt, mir dann aber sagt, dass ihm Marx wichtiger sei, als unsere Kirche, bis zum älteren Mann, der fast heimlich seinen Wagen stoppt und mir zuraunt: Schön, dass ihr wieder da seid.«

Beim Einzug der Mönche in das Kloster kam sogar der Bürgermeister, Dietmar Baesler (FDP), und brachte Brot und Salz. Doch als die Zisterzienser im Frühjahr das allererste Mal nach Brandenburg kamen, wurden sie sogar gefragt, zu welchem Maskenball sie denn gerade unterwegs seien.

Der Görlitzer Bischof Ipolt wiederum hofft, dass es den Männern gelingt, das bislang vor allem als kulturellen Ort wahrgenommene Stift auch geistlich neu zu profilieren. »Ich denke, dass von den Mönchen eine Bereicherung des kirchlichen Lebens in unserem Bistum und der ganzen Region ausgehen kann.« Immerhin ist Neuzelle schon heute einer der wichtigsten Wallfahrtsorte der ostdeutschen Katholiken. Als es nach 1945 nicht mehr möglich war, die traditionellen schlesischen Ma­rienwallfahrtsorte aufzusuchen, begann man in Sachsen und Brandenburg, in den westlich der Neiße gelegenen Teilen Schlesiens und den Dörfern der katholischen Sorben und Wenden der Oberlausitz, nach Neuzelle zu pilgern. Sogar ein eigenes Neuzeller Wallfahrtslied wurde gedichtet, das in jeder Zeile den Geist der Nachkriegszeit verströmt: »Maria, Mutter Friedenshort, wir kommen zu dir in bedrängten Tagen …«

Begeistert von der Ankunft der Zisterzienser ist der Unternehmer Helmut Fritsche. Gleich nach der Wiedervereinigung hat er in Neuzelle eine alte Brauerei erworben, das »Neuzeller Kloster-Bräu« ist mittlerweile über die Brandenburger Landesgrenzen hinaus ein Begriff. »Für uns ist das wie ein Geschenk Gottes, dass wir hier wieder Mönche haben«, sagt Fritsche. Der Unternehmer will die Neugründung des Klosters unterstützen. Seit Anfang September gibt es eine Sonderedition seines Bieres. Wer sie kauft, spendet zugleich 20 Cent an das katholische Bonifatiuswerk. Dieses unterstützt damit die Neugründung des Neuzeller Zisterzienserklosters. Dabei gehört Fritsche selbst nicht der katholischen Kirche an. »Aber als Brauerei sind wir ein integraler Bestandteil des Klosterensembles«, sagt er. »Da fühlen auch wir uns den Mönchen und ihrer Tradition verpflichtet.«

Doch auch, wenn im November noch ein fünfter Mönch zur vierköpfigen Vorhut von Neuzelle stoßen soll: Noch ist die Wiederbesiedlung des Klosters nicht endgültig besiegelt. Denn im Moment wohnen die vier Mönche zusammen mit Ortspfarrer Ansgar Florian im katholischen Pfarrhaus. Alle übrigen Gebäude des Klosterstifts sind vermietet – an ein privates Gymnasium zum Beispiel. Oder sie werden von der staatlichen Stiftung für die Verwaltung der Forsten und Ländereien genutzt. Auf Dauer ist das Pfarrhaus schlicht zu klein. Ob es dem Bischof und den Ordensbrüdern gelingt, etwa das ehemalige Kanzleigebäude des Klosters für das Neugründungsprojekt zu nutzen, und was dann mit den übrigen Mietern passiert, ist noch unklar. Im November soll es dazu weitere Gespräche geben. »Natürlich ist das für alle Beteiligten erst einmal sehr herausfordernd, dass hier wieder Mönche leben«, sagt Pater Simeon.

Brandenburgs Kultusministerin Martina Münch (SPD), die auch Vorsitzende des Stiftungsrates der staatlichen Klosterstiftung und selbst praktizierende Katholikin ist, unterstützt das Vorhaben. Im Frühjahr war sie mit ihrem ganzen Büro nach Heiligenkreuz gereist, um das Mutterkloster der Zisterzienser selbst in Augenschein zu nehmen. » Wir haben zwei Tage lang das Klosterleben erlebt – von der ersten Andacht um 5.15 Uhr morgens über die Heilige Messe noch vor dem Frühstück bis zum Abendgebet«, sagte sie anschließend in einem Interview. »Wir waren alle gleichermaßen fasziniert: Wenn man morgens aufsteht, in die dunkle Kirche kommt, und das erste Morgenlicht durch die farbigen Fenster fällt, ist das ein wirklich erhebendes Erlebnis.« Man könne dann verstehen, warum sich Menschen heute dafür entscheiden, ins Kloster zu gehen.

Einstweilen jedenfalls sind alle Beteiligten hoffnungsvoll, dass es in absehbarer Zeit zu einer Lösung der Probleme kommt. Sowohl Ministerin Münch als auch der Görlitzer Bischof Ipolt betonen, mit Hochdruck an einer Lösung der Probleme zu arbeiten. Auch der Zisterzienserpater Simeon, der im nächsten Jahr erster Prior des Klosters werden soll, ist optimistisch. »Wir denken doch, dass Gott uns hierher gesandt hat«, sagt Pater Simeon. »Da kann ich mir nur schwer vorstellen, dass Gott jetzt nächstes Jahr sagt: Ätsch, das war jetzt nichts.«

Benjamin Lassiwe

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Lesen macht die Seele heil

1. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Der Buchmarkt nahm vor 500 Jahren seinen enormen Aufschwung – auch dank der Reformation. Noch immer steckt Luther in der deutschen Lesekultur.


Allen Krisen des Buches zum Trotz: Deutschland hat auch 2017 noch den zweitgrößten Buchmarkt der Welt, und im 500. Jahr des Reformationsjubiläums gibt es hier noch immer eine Lesekultur, die ihresgleichen sucht. Zwölf Bücher erwarb im Schnitt jeder Deutsche im vergangenen Jahr, laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Dabei ist es Theologen und Kulturforschern zufolge kein Zufall, dass das Leseland zugleich dasjenige der Reformation ist.

Als eine der »großen kulturellen Errungenschaften des Protestantismus« bezeichnet es der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Johann Hinrich Claussen, das »Lesen fast zu einer religiösen Tätigkeit« gemacht zu haben. Aus lutherischer Sicht gehört dies zum Glaubensleben dazu wie der Kirchengang: Dass ein Mensch sich selber bildet, indem er sich zurückzieht, ein Buch liest, den Text auf sich wirken lässt und ihn laut Claussen »in sich hineinbildet«. Dieses Bildungsverständnis hat die Deutschen seiner Meinung nach stark und letztlich konfessionsübergreifend geprägt.

Bildung: Dass Kinder lesen lernen, ist eine der großen Errungenschaften des Protestantismus. Foto: Konstantin Yuganov – fotolia.com

Bildung: Dass Kinder lesen lernen, ist eine der großen Errungenschaften des Protestantismus. Foto: Konstantin Yuganov – fotolia.com

Martin Luther (1483–1546) hatte die Alphabethisierung vorangetrieben, um den Gläubigen das Lesen der Bibel zu ermöglichen. Durch die Lektüre sollten sie sich – unabhängig von kirchlichen Autoritäten – selbst ein Bild vom gnädigen Gott machen. Das war das vornehmste Ziel. Die Bibel sei alles, was ein frommer Christ brauche, schrieb der Wittenberger Theologieprofessor. Der Reformator, der 1517 seine 95 Thesen zur Erneuerung der Kirche veröffentlicht und dadurch unbeabsichtigt deren Spaltung ausgelöst hatte, las selber begeistert im »Buch der Bücher«. Er las immer wieder, hatte geradezu ekstatische Leseerlebnisse. Ihm ging es vor allem darum, nicht möglichst viel, sondern das Richtige zu lesen. Das aber mit großer Intensität.

Eine Bücherflut beklagte er schon damals, als der Buchdruck – nicht zuletzt wegen der aufrüttelnden theologischen Dispute der Zeit – einen ungeheueren Aufschwung nahm. In seiner Schrift »An den christlichen Adel deutscher Nation« appellierte Luther 1520 an die Obrigkeit, die Schulbildung für das Volk voranzubringen, aber auch auf die Qualität die Bücher achten.

Zunächst erschienen Bibeln, Gebetsbücher und Erbauungsliteratur, die in Schulen und Hauskreisen gelesen wurden. Im 18. Jahrhundert rief die Entstehung des weltlichen Romans zugleich die Kritik auf den Plan: Theologen, für die Lesen und Glauben eng verbunden war, betrachteten die neue Unterhaltungsliteratur und die mit ihr verbundene »Lesesucht« mit Sorge.

Was dem Einzelnen als Tipp angesichts der Informations- und Bücherflut helfen mag, wird der Buchhandel nicht gerne hören. Heute hat die Branche, die ihren Aufschwung der Reformation vor 500 Jahren verdankt, tatsächlich zu kämpfen. In fünf Jahren (bis 2016) brach laut »Frankfurter Allgemeine Zeitung« der Umsatz gedruckter Bücher um 13 Prozent ein, E-Books konnten den Verlust nicht auffangen.

Die heutige von Digitalisierung, Smartphone und E-Mails bestimmte Kultur sei dem Lesen abträglich, sagt auch Claussen. Lesen bedeute, sich für eine längere Zeit zurückzuziehen aus dem »öffentlichen Dauergequassel«. Das werde heute immer schwieriger, weil man dauernd erreichbar sein müsse. Der Hamburger Theologe plädiert dafür, sich die Auszeit dennoch zu nehmen, gut lutherisch weniger und intensiver zu lesen. Dabei vor allem den eigenen »Lese­spuren« zu folgen statt algorithmisch vorgeschlagener Titel und Bestseller-Empfehlungen.

Dass das Lesen dem Seelenheil dient, sieht auch Claussen so. »Der Glaube kommt durch das Wort.« Und das könne man nicht nur hören, sondern auch lesen. Lesen heiße bei Luther immer auch deuten, es auf das eigene Leben beziehen, sagt Claussen. Und das sei die Grundbewegung des Glaubens, eine Botschaft nicht nur zu schlucken, sondern sie sich »kreativ anzueignen«.

Renate Kortheuer-Schüring (epd)

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


Tetzel – Ablass – Fegefeuer

24. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Die Ausstellung »Tetzel – Ablass – Fegefeuer« in Jüterbog nimmt die Frömmigkeit und Ablasspraxis am Vorabend der Reformation in den Blick. Der Ablassprediger Johann Tetzel wird dabei von einer verzerrenden Überlieferung befreit.

Ausstellungen zum Reformationsjubiläum gibt es an beinahe allen Stätten, die mit den konfessionellen Umwälzungen des 16. Jahrhunderts verbunden sind. Dabei scheint mancherorts der Andenkenvertrieb bis hin zum Lutherkitsch die Beschäftigung mit dem Ereignis vor 500 Jahren zu überlagern. Die Jüterboger Ausstellung hebt sich von derlei Rummel wohltuend ab. Im Mönchenkloster, ehemals Heimat des bedeutenden Franziskanerkonvents, und der Nikolaikirche, im April 1517 Predigtort Tetzels, wird die spätmittelalterliche Frömmigkeit sowie die Theologie und Praxis der Ablassverkündigungen dargestellt. Der historisch greifbare Johann Tetzel wird ebenso vermittelt wie die Entstehungsgeschichte der Legenden, die diesen Dominikaner bis heute entstellen.

Die Ausstellung wie auch der lohnende Begleitband setzen die Entwicklung der kirchlichen Bußpraxis von der öffentlichen zur privaten Beichte und die im Hochmittelalter entstandene Vorstellung vom Fegefeuer voraus. Anders als in der traditionellen Überlieferung der Reformationsgeschichte war nicht der Petersablass zum Bau des Petersdoms in Rom der Auslöser der Ablassbewegung, gegen die sich Luther auflehnte.

Ansteigende Rampe zum Kreuz: Die Ausstellung in Jüterbog macht auch durch ihre äußere Konzeption die Frömmigkeit im Vorfeld der Reformation erfahrbar. Foto: Thomas Marin

Ansteigende Rampe zum Kreuz: Die Ausstellung in Jüterbog macht auch durch ihre äußere Konzeption die Frömmigkeit im Vorfeld der Reformation erfahrbar. Foto: Thomas Marin

Nachdem in Rom bereits im Jahr 1300 das erste Heilige Jahr begangen wurde, propagierte zweihundert Jahre später Kardinal Raimund Peraudi als päpstlicher Ablasskommissar den Jubiläumsablass in Deutschland und Nordeuropa. Zuvor hatte es bereits Ablasskampagnen gegeben, deren Erlös vor allem der Abwehr der Türken im Mittelmeerraum diente.

Tetzel, der dem Leipziger Dominikanerkonvent angehörte und über eine gediegene theologische und juristische Bildung verfügte, war ab 1502 als Ablasskommissar tätig. Vor der Ablassverkündigung hatte ein solcher Kommissar die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Dazu gehörten Verhandlungen mit den jeweiligen Obrigkeiten über deren Anteil an den Einnahmen und die Abrechnung der Gelder. Kern derartiger Kampagnen war aber immer das religiöse Bedürfnis der Gläubigen nach Befreiung von den Folgen der eigenen Verfehlungen.

Bußpredigt und Beichte gehörten ebenso zum Gesamtkonzept eines solchen lokalen Jubiläumsablasses wie der Besuch festgelegter Pilgerkirchen nach dem Vorbild der römischen Hauptkirchen. Das finanzielle Opfer, quittiert durch die später berüchtigten Ablassbriefe, war nach dem Einkommen der Gläubigen in Tarife gestaffelt.

Übertreibungen in Predigt wie Organisation hat es dabei zweifellos gegeben, wobei der Hintergrund für Luthers Widerspruch weniger in der nur wenige Kilometer von Wittenberg entfernten Jüterboger Ablasskampagne von 1517, als in seinem theologischen Konzept von der Rechtfertigung allein aus Gnade und Glauben zu finden ist.

Der in Pirna geborene Johann Tetzel war Luthers Gegenspieler, nicht zuletzt durch Gegenthesen, die er 1518 mit dem Rektor der Universität Frankfurt an der Oder, Konrad Wimpina, verfasste. Das große Gegenbild zum Reformator entstand aber erst nach Tetzels Tod durch Legendenbildungen, die sich bis zur Dämonisierung Tetzels steigerten. Hatte der Reformator dem Dominikaner noch kurz vor seinem Tod einen Trostbrief geschrieben, wurde er in Luthers letzten Lebensjahren zunehmend negativ ausgeschmückt. Ein Jahrhundert nach der Reformation war aus Johann Tetzel ein dummer und gewissenloser Schreihals, Betrüger und Ehebrecher geworden.

Die Jüterboger Ausstellung gibt einen spannenden Einblick in die Mentalität und Frömmigkeit der Reformationszeit. Der Begleitband ordnet die Ablasspraxis und die Person Tetzels in die Kirchen- und Landesgeschichte ein, zeigt die Nutzung von Kunst und Drucktechnik für die seelsorglichen wie wirtschaftlichen Wirkungen der Ablasskampagnen auf und wirft mit diversen neuen Forschungsergebnissen ein spannendes Licht auf Leben und Legende Johann Tetzels.

Thomas Marin

Bis 26. November im Mönchenkloster und in der Nikolaikirche in Jüterbog, täglich 10 bis 18 Uhr (Fr. u. Sa. bis 19 Uhr), Eintritt 7 Euro

H. Kühne, E. Bünz, P. Wiegand: »Johann Tetzel und der Ablass«, Lukas-Verlag, 427 S., ISBN 978-3-86732-262-1, 29,80 Euro

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

»Ich habe nie Angst vor dem Tod gehabt«

14. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Bodenständig und eigenwillig: Die Schauspielerin Marianne Sägebrecht gilt vielen als bayerisches Unikum. Die 72-Jährige engagiert sich als Patin in der Hospizarbeit. Im Gespräch anlässlich des Welthospiztages am 14. Oktober beschreibt sie ihre Beweggründe.

Frau Sägebrecht, welche Begegnungen mit dem Sterben hatten Sie in Ihrem Leben?
Sägebrecht:
Schon als ich 13 Jahre alt war, hat mich unser Kaplan mit ins Krankenhaus zu Sterbenden genommen. Er hat zu mir gesagt: »Marianne, du hast so eine schöne Stimme und eine beruhigende Wirkung.« Also bin ich mit zur Letzten Ölung. Ich habe nie Angst vor dem Tod gehabt. Mich haben diese Begegnungen ganz erfüllt.

Bei uns auf dem Dorf waren auch die Rituale ganz anders, man hat seine Toten aufgebahrt, und dann durften wir alle kommen und die alte Bäuerin berühren und küssen. Das war ganz natürlich, ganz selbstverständlich!

»Bevor man aus dem Leben geht, hat man noch viel zu tun«: Mit ihrem Engagement in  der Hospizarbeit setzt sich Marianne Sägebrecht dafür ein, dass der Tod wieder einen Platz im Leben der Menschen bekommt. Foto: epd-bild

»Bevor man aus dem Leben geht, hat man noch viel zu tun«: Mit ihrem Engagement in der Hospizarbeit setzt sich Marianne Sägebrecht dafür ein, dass der Tod wieder einen Platz im Leben der Menschen bekommt. Foto: epd-bild

Heute sterben so viele Menschen allein im Krankenhaus – das ist für mich das Schlimmste! Die liegen dann so klein und fein in ihren Betten, wie alte Babys. Bei der Geburt gibt es die Hebammen – ich finde, es müsste auch beim Sterben jemand geben, der einen begleitet.

Das machen die Mitarbeiter in den Hospizen …
Sägebrecht:
Ja, deshalb bin ich seit einem Jahr Patin des Christophorus Hospiz Vereins. Allein in München hat der Verein 59 Ehrenamtliche. Viele Frauen, aber auch Männer und junge Leute, machen die schwierige Ausbildung zum Hospizhelfer. Dann gehen sie ins Hospiz oder in die Familien und reden mit den Menschen, lesen vor, sind einfach da. Sie begleiten die Familien seelisch, und sie wissen, wie man durch palliative Behandlung Schmerzen lindern kann. Das muss auf lange Sicht einfach mehr werden! Und das müssen die Menschen ehrenamtlich leisten, der Staat wird das nicht machen.

Warum ist es besser, im Hospiz zu sterben?
Sägebrecht:
Im Krankenhaus zu sterben ist Stress. Ich habe schon erlebt, dass Sterbende in den Abstellraum geschoben wurden, wo der Besen an der Wand hängt, weil die Pflegekräfte – und das ist kein Vorwurf –
einfach keine Zeit hatten. Das kann nicht angehen, da müssen wir entlasten!

Denn bevor man aus dem Leben geht, hat man noch viel zu tun. Man muss den anderen vergeben, sich selbst vergeben, sich versöhnen. Das ist die Vorbereitung auf die große Reise. Im Hospiz findet man dafür Ruhe und Frieden und Menschen, die einen seelisch begleiten.

Sie haben seit sechs Jahren eine eigene Lesungsreihe mit dem Titel »Lieder und Gedichte vom Sterben fürs Leben«. Taugt das Thema für den Konzertsaal?
Sägebrecht:
Aber ja. Das ist wie eine Messe. Ich muss das mit voller Seele vertreten, sonst ist es unglaubwürdig. Aber dann ist es eine besondere Stimmung. Das Publikum ist ganz zärtlich miteinander. Viele gehen aus der Lesung raus wie auf Wolken und kehren zurück zum Leben.

Wir müssen den Tod nicht immer so wegschieben, wir sollten ihn lieber mit an den Tisch nehmen. Jeder Tag, der vergeht, stirbt. Wenn der Winter kommt, stirbt scheinbar die Natur, bevor sie im Frühjahr wieder voll zum Leben erwacht. Manchmal stirbt auch die Liebe zu einem Menschen. Wir können das nicht trennen: Hier ist das Leben, da der Tod. Es gehört alles zusammen. Man erlebt bei diesen Abenden die Fülle des ganzen Kosmos und geht mit Kraft und Mut wieder raus ins Leben. Und das Wichtigste: All diese Menschen, deren Geschichten erzählt werden, waren nicht allein. Andere haben sie beschützt und begleitet. So konnten sie geborgen in die andere Dimension gehen.

Was ist das für Sie: die andere Dimension?
Sägebrecht:
Ich glaube, dass wir nach dem Tod ins Licht gehen. Es gibt so viele Berichte von Menschen, die man wieder zurückgeholt hat, die alle davon erzählen, dass da erst ein Tunnel kommt und dann das Licht.

Der Pfarrer meiner Kindheit hat gesagt: Nach dem Tod geht die Seele erst durch einen Tunnel, dort sieht sie nochmal ihr ganzes Leben. Sie muss es anschauen, kann aber nichts machen. Und danach kommt sie ins Licht, wo die verwandten Seelen warten, eine freie Dimension … Diese Vorstellung von Hölle und Himmel gefällt mir. Natürlich baut das alles auf Glaube auf. Ich respektiere, wenn jemand nicht an eine Seele oder an eine Dimension nach den Tod glaubt. Aber für die Menschen, die an nichts glauben, ist es besonders wichtig, dass sie nicht alleine sterben. Denn wenn sie an den Punkt des Übergangs kommen, ist die Seele ja trotzdem da. Dann wird es manchmal schwer, loszulassen und zu gehen.

Die Hospizbewegung hat immer mehr Akzeptanz in der Gesellschaft gefunden. Was ist noch zu tun?
Sägebrecht:
Wir gehen geheimnisvoll in eine bessere Zeit: Vom Goldenen Kalb zum goldenen Herz, wir sind mittendrin. Für diese Überzeugung werde ich immer verlacht, aber ich höre nicht mehr auf die, die immer nur negativ reden. Egal, ob es ums Klima geht, um Flüchtlinge oder ums Sterben: Wir können alle Anteil nehmen, wenn wir alle zusammen helfen. Die Menschen haben keine Angst vor dem Tod, sondern davor, dass sie alleine sterben müssen.

Fit bis zum letzten Tag – diesen Werbeslogan finde ich furchtbar! Natürlich wünsche ich mir körperliche Fitness und geistige Wachheit bis zum Schluss, aber es geht nicht immer nur um die Materie – wichtig ist die Versöhnung! Wir müssen mit Distanz, Vorsicht und Liebe die Versöhnung in Bewegung bringen, damit die Menschen in Frieden auf die letzte Reise gehen können.

Welche Rituale gefallen Ihnen beim Thema Sterben und Tod besonders?
Sägebrecht:
Eine schöne Beerdigung finde ich wichtig. Jeder Mensch hat eine Aussegnung verdient und zumindest ein Taferl, auf dem sein Name steht und wann er gekommen und gegangen ist. Ich finde es schön, wenn die Freunde und Familien nach der Beerdigung noch zusammensitzen und auf den Verstorbenen anstoßen. Dann erzählt jeder die Geschichten, an die er sich erinnert. In Mexiko oder im jüdischen Glauben geht es bei Beerdigungen viel lebendiger zu, da wird das Leben gefeiert! Wir sind mehr so Trauerklöße. Aber wer zurückbleibt, trauert mehr als der, der gegangen ist: Seine Seele ist ja schon im Licht.

Die Fragen stellte Susanne Schröder.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Schwere Erinnerungen

8. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Eichmann-Prozess: Holocaust-Überlebender und Eichmann-Vernehmer berichtet

An die erste Begegnung mit dem früheren SS-Obersturmbannführer und Organisator des Holocausts, Adolf Eichmann, kann sich Michael Goldmann-Gilead noch genau erinnern. Er habe es erst gar nicht glauben wollen, dass dieser Mann einer der Hauptverantwortlichen für die Ermordung von Millionen Juden gewesen sein soll, erinnert sich der ehemalige Polizeioffizier. »Aber als er den Mund geöffnet hat, hatte ich den Eindruck, dass sich die Tore zu den Gaskammern öffnen.«

Goldmann-Gilead erzählt von seinen Erfahrungen mit einer der Schlüsselfiguren des Holocausts im Vorfeld des Eichmann-Prozesses in Jerusalem. Der einstige Vernehmer gibt im Rahmen des Zeitzeugenprojektes »Fragt heute!« der Landeszentrale für politische Bildung des Landes Sachsen-Anhalt einen Einblick in die Vorgeschichte und den Verlauf des Prozesses. In seinen Ausführungen geht es um die Bedeutung des Verfahrens für die Aufarbeitung des Holocausts. Und Goldmann-Gilead weiß, wovon er spricht. Er wird 1925 in Kattowitz als Kind jüdischer Eltern geboren und wächst in Oberschlesien auf, bis die Familie 1939 vor den Nazis flieht. Mit 17 Jahren verliert er seine Eltern und seine damals zehnjährige Schwester, die ins Vernichtungslager Belzec gebracht werden. Er selbst überlebt Zwangsarbeit, Peitschenschläge und das KZ Auschwitz. Bei einem Todesmarsch gelingt ihm im Januar 1945 die Flucht. Zwei Jahre später setzt er sich nach Israel ab, wo er bis heute lebt. Dort wird er Polizist und meldet sich freiwillig für die Aufgabe als Vernehmer. »Als Ministerpräsident David Ben-Gurion in der Knesset erklärt hat, Eichmann sei in Israel, hat mich das elektrisiert«, erinnert er sich.

Für den Prozess sammelte Goldmann-Gilead Informationen. Zusammen mit seinen Kollegen der Spezialeinheit »Büro 06« ist er maßgeblich mit an der Anklage beteiligt. 1961 eröffnet das Bezirksgericht in Jerusalem das Verfahren gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer, der einer der führenden Köpfe der Wannsee-Konferenz war, auf der 1941 die »Endlösung der Judenfrage« beschlossen wurde. Am Ende des Prozesses steht das Todesurteil, das 1962 vollstreckt wird. Die Leiche des NS-Verbrechers wird verbrannt und die Asche im Mittelmeer ausgeschüttet.

Zeitzeuge: Michael Goldmann-Gilead. Foto: Martin Hanusch

Zeitzeuge: Michael Goldmann-Gilead. Foto: Martin Hanusch

Mitunter ringt Michael Goldmann-Gilead bei seinem Bericht um die richtigen Worte und unterstreicht seine Ausführungen mit Kopien von Dokumenten. Er will zeigen, dass Eichmann eben nicht »die kleine Schraube in der Vernichtungsmaschinerie« war, wie er selbst behauptete, sondern einer der Hauptverantwortlichen für die massenhafte Deportation und Ermordung der europäischen Juden. Hier widerspricht er auch der Darstellung der jüdischen deutsch-amerikanischen Publizistin Hannah Arendt, die mit ihrer Formulierung von der »Banalität des Bösen« weithin die Sicht auf den Prozess bestimmt. »Eichmann war nicht nur Befehlsempfänger, er war ein Judenhasser, der sich gezielt für die Liquidierung der Juden eingesetzt hat«, ist Goldmann-Gilead überzeugt. Im Prozess sei nachgewiesen worden, dass er auch selbst Befehle gegeben habe.

Die historische Bedeutung des Eichmann-Prozesses sieht Goldmann-Gilead aber vor allem darin, »dass die Menschen in Israel erfahren haben, was damals passiert ist«. Lange sei das kein Thema gewesen, hätten die Überlebenden geschwiegen. »Die Menschen konnten nicht glauben, was wir mitgemacht haben.« Der Prozess habe den Holocaust-Überlebenden die Möglichkeit gegeben, nicht nur den Mund zu öffnen, sondern auch ihr Herz.«

Noch heute beschäftigt den 92-Jährigen der Holocaust. »Es ist nicht leicht, sich zu erinnern, und schwer zu vergessen«, sagt er. Aber über das zu berichten, was damals geschehen ist, sei seine Pflicht. Seine eigene Person und Rolle will er dabei nicht in den Vordergrund stellen. Wichtiger ist es ihm, dass die nachfolgenden Generationen aus der Vergangenheit lernen. Die Kinder und Enkel seien nicht verantwortlich für die Taten ihrer Eltern und Großeltern, gibt er den Besuchern mit auf den Weg. »Aber es ist wichtig, die Lehren daraus zu ziehen und die Demokratie zu verteidigen.«

Zuletzt sprach er darüber, wieso er den Glauben an die Menschen trotz all des Grauens nicht endgültig verloren habe – den Glauben an Gott hat er ohnehin nie verloren. Es seien diejenigen gewesen, die sich unter Lebensgefahr für ihre jüdischen Mitbürger eingesetzt und sie versteckt hatten, die ihm den Glauben an die Menschheit wieder zurückgegeben hätten, so Goldmann-Gilead. »Diese Gerechten unter den Völkern waren die Sterne, die in der dunklen Nacht des Holocausts geleuchtet haben, das vergessen wir nicht.«

Martin Hanusch

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Das älteste Rezept der Welt

3. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Essen mit Migrationshintergrund

Seit Jahrhunderten wandern nicht nur Produkte wie Kartoffeln oder Tomaten von Amerika nach Europa. Auch Kräuter und Zubereitungen werden weltweit abgeschaut, nachgemacht und weiterentwickelt, zum Beispiel Sushi, Curry, Brote und Basmati-Reis. Oft lässt sich gar nicht mehr nachvollziehen, wer ein »Urheberrecht« für sich beanspruchen kann. Umso lächerlicher ist der seit Jahrzehnten »tobende« Kampf zwischen Israelis und Palästinensern, wer denn den Humus (Kichererbsenbrei) erfunden und für sich als »Nationalspeise« betrachten darf. Tatsache ist, dass in der heutigen Türkei Kichererbsen schon vor 13 000 Jahren angebaut wurden und dass die biblische Ruth nach einer Reise im Felde ihr Fladenbrot in Humus getunkt hat und nicht in Essig, wie das hebräische Wort »Hometz« fälschlich übersetzt worden ist. (Ruth 2,14)

In der Bibel verbietet Gott seinem Volk, den Israeliten: »Du sollst nicht das Zicklein in der Milch seiner Mutter kochen.« Diesen Spruch kann man als Rezept betrachten, auch wenn die Mengenangaben und mögliche Gewürze fehlen. Tatsächlich dachte Gott an eine Götterspeise, die »Heiden« im Libanon dem Gott Baal als Opfer darboten und danach verspeisten.

»Weiße Steine«: Getrocknete Ziegenmilch, die ohne Kühlung »ewig« hält. Foto: Ulrich W. Sahm

»Weiße Steine«: Getrocknete Ziegenmilch, die ohne Kühlung »ewig« hält. Foto: Ulrich W. Sahm

Bei den Juden entwickelte sich dieser Rezeptvers zu einem der teuersten und schwierigsten Speisegesetze überhaupt. Auf Schweinefleisch, Krabben, Aal oder Kamelfleisch kann man leicht verzichten, zumal derartige »unkoschere« Zutaten in Supermärkten in Israel gar nicht erst angeboten werden. Aber die strikte Trennung von »Fleischigem« und »Milchigem« ist äußerst mühselig, nicht nur in koscheren Res­taurants, wo man einen Milchkaffee nach einem Steak nicht bestellen kann. In den Heimen frommer Juden gibt es in der Küche zwei Waschbecken, zwei Kühlschränke und, schlimmer noch, zwei Sets von Geschirr, Kochtöpfen und Besteck. Diese Koschergesetze haben durch die Jahrhunderte dafür gesorgt, dass die Juden »unter sich« blieben und sich nicht mit der Nachbarschaft vermischten. Gleichwohl sieht und schmeckt man anhand »typisch jüdischer Gerichte« aus Polen, Indien, Jemen oder Marokko, wie die Juden dennoch in aller Welt gut integriert waren. Die lokalen Speisen, Gerüche, Gewürze und Zutaten haben sie aufgesogen und gemäß ihren »koscheren Bräuchen« umgewandelt. Dieser kulturell-kulinarischen Vielfalt begegnet man ausgerechnet im winzigen Israel, in das Juden aus über 170 Ländern eingewandert sind.

Die »palästinensische« Küche hat genauso Wandlungen durchgemacht. Die Araber – und mit ihnen auch Juden und Christen – lebten jahrhundertelang im osmanischen Reich, das von Algerien über Ägypten und Jemen bis Bagdad reichte. Die Küche des Sultans von Istanbul war tonangebend. Aber örtliche Traditionen wurden ausgetauscht und in die Ferne getragen. So auch das biblische Gericht »Zicklein in der Milch seiner Mutter«. Erstaunlicherweise hat sich das nicht nur im Libanon als Festspeise erhalten, die bei keiner Hochzeit und bei keinem Staatsempfang fehlen darf. Entsprechend abgewandelte Rezepte dazu findet man auch im Iran oder in Ägypten.

Heute muss es nicht Zicklein sein. Lamm, Rind oder Hühnerfleisch können genauso gut verwendet werden. Das Fleisch sollte separat in Wasser vorgekocht werden, gewürzt mit vielen im Mörser zerschlagenen Kardamomkapseln, Lorbeer und Zwiebel.

Entscheidend ist die »Milch«. Die ist etwas Ungewöhnliches. Man findet sie bei Gewürzhändlern in arabischen Basaren. In schäbigen Kartons werden da weiße »Steine« angeboten. Sie stinken wie »ungewaschene Füße« oder eben sehr streng nach Ziege. Bis heute wird dieses »Kischk« in einem dreiwöchigen Prozess nach uralter Methode per Hand hergestellt. So wird kostbare Milch für den Winter konserviert. Kühlschränke sind eine moderne Erfindung. Zunächst wird frisch gemolkene Milch in einer Ziegenhaut geschwenkt. Das »rayeb« teilt sich in »zebda« (eine reiche Creme wie saure Butter) und »shanina« (Joghurt mit wenig Fett).

Die Masse mit dem berauschenden Duft saurer Milch wird mit Burgul, zerkleinertem Weizen, vermengt und zehn Tage lang immer wieder kräftig mit den Händen geknetet. Die Milch fermentiert mit dem Weizen und viel Salz, bis aus der Masse kleine Kegel geformt werden können. Die werden an der Sonne, meist auf den Flachdächern, getrocknet. Das Ergebnis ist dieser weiße »Stein«, der ohne jede Kühlung »ewig« hält. Er kann gerieben und wie Parmesankäse über Gerichte gestreut werden. Für das klassische Gericht »Zicklein in der Milch« wird der Stein am Abend in kochendes Wasser gelegt. Am nächsten Tag ist er so weich, dass er mit Hand oder in einem Mixer zerschlagen und gesiebt werden kann. Dieser Prozess wird so oft wiederholt, bis keine »Krümel« mehr übrigbleiben. Das ist dann die Grundlage für eine stark nach Käse duftende Soße, in der am Ende das Fleisch unter ständigem Rühren noch einmal aufgekocht wird. Das Ergebnis ist »Mansaf«, wie die Jordanier ihr Nationalgericht nennen.

Die Araber wissen durchaus, dass sie hier eine uralte, biblische Tradition bewahren. Dieses ist vielleicht das beste Beispiel, wie einerseits kulinarische Traditionen gepflegt und weitergereicht werden. Andererseits vertieft es auch die kulturelle Kluft zwischen den Völkern, da für Juden dieses Gericht ein Tabu ist, ähnlich wie in Deutschland seit dem 8. Jahrhundert Pferdefleisch verpönt ist. Ulrich W. Sahm

Buchtipp
Köstliches Israel. Rezepte, Traditionen, Feiertage, SCM-Collection, 144 S., ISBN 978-3-7893-9807-0, 16,95 Euro

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Mogul und Gauner

25. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Eine alte indische Legende – nacherzählt von Katrin Martin mit einer Illustration von Maria Landgraf

Im fernen Indien geschah es einst, dass man einen Gauner aufgriff, der hartnäckig mein und dein verwechselte. Ihm drohte der Tod. Da bot er im Tausch um sein Leben den Häschern ein Geheimnis an: Nämlich wie Bäume gepflanzt werden, die goldene Früchte tragen!

Davon nun hörte der Mogul des Landes und der dachte bei sich, ein Versuch könne nicht schaden. Der Bösewicht wurde zu ihm gebracht und erklärte, er könne dieses Kunststück sofort vorführen. Er benötige nichts weiter als einen Klumpen Gold und eine Schaufel.

Illustration: Maria Landgraf

Illustration: Maria Landgraf

Der König überlegte einen Augenblick, dann sprach er: »Gut, ich will es mit dir versuchen. Falls alles so klappt, wie du sagst, lasse ich dich frei – im anderen Fall werde ich dich ohne Zögern hängen lassen.« Am nächsten Morgen erschien der König mit seinem gesamten Hofstaat im Garten. Der Gauner verneigte sich tief vor der prachtvoll gekleideten Versammlung und sagte: »Großmächtiger Mogul, du wirst sehen, es ist alles ganz einfach: Ich werde nun ein Loch in den Boden graben, lege den Goldklumpen hinein und werde ihn sodann drei Tage lang mit drei Eimern Wasser begießen. Und du wirst erleben, wie dann ein Baum wächst, der nach weiteren dreimal drei Tagen die ersten drei goldenen Früchte trägt, die täglich neu wachsen und genau das Gewicht des gepflanzten Goldes haben.«

»Nun denn«, sprach der König, »was redest du so lange, geh an die Arbeit. Und sind nach zwölf Tagen die ersten Früchte nicht zu sehen, dann marschierst du zum GaIgen.«
»Oh, großer Mogul«, erwiderte da der Dieb, »ich selber kann dies nicht bewirken. Denn merke: Die Hand, die das Gold pflanzt, darf nie unrechtes Gut berührt haben, sonst wirkt der Zauber nicht. Mir nützt also mein Wissen nichts. Du selber jedoch, großherziger Herrscher …«

Des Königs Hand zuckte nach dem Spaten. Doch dann fielen ihm seine Taten im letzten Krieg ein. »Ich weiß nicht recht«, sprach er nach einigem Nachdenken. »Das Land, das ich eroberte und meinem Reich einverleibte, nahm ich zwar mit dem Recht des Siegers, aber wer weiß, vielleicht kann auch eine solche Tat den Zauber ungünstig beeinflussen. Möge eine andere Hand die Schaufel ergreifen.«

Er winkte seinen Schatzmeister heran. Der aber wich zurück, anstatt näher zu treten. »Oh, großer Mogul«, wand er sich, »so unverbrüchlich ehrlich ich stets dir gegenüber ge-
wesen bin und auch dem Reich natürlich – so mag es doch sein, dass einmal – von mir unbemerkt – ein böser Zufall es zuließ, dass in deiner Schatzkammer ein Goldstück an meinen Schuhsohlen kleben blieb und auf diese Weise …«

»Schon gut«, wehrte der Mogul ab. »Mein unbestechlicher Oberrichter des Reiches soll den Spaten ergreifen!«

Der hohe Richter erhob sich mit einer Verbeugung. »Nur zu gerne würde ich meinen Teil dazu beitragen, den Reichtum des Landes zu nähren. Doch ach, es geht nicht – ausgerechnet in diesem Augenblick beginnt ein wichtiger Prozess, den ich keinesfalls versäumen darf. Sagst du selbst nicht stets, die Gerechtigkeit dürfe man keinen Augenblick warten lassen?«

Da lächelte der König und sprach: »Eile nur und lass deinen Prozess nicht aus! Dann soll …« Und als er sich umsah, fand er sich allein mit dem Dieb – und erblickte gerade noch die letzten seines Hofstaates um die Palast-Ecke hetzen. »So also ist das. Du hast uns eine gute Lehre gegeben, Dieb. Und da es mit dem Goldbaum nichts zu werden scheint, will ich mich mit der Moral begnügen. Nimm das Geld, Gauner, und gehe deiner Wege – aber lasse dich in meinem Reich nicht mehr sehen!«

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


Luther und der Hammer

18. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

In Gotha ist bei Erschließungsarbeiten am Nachlass des Theologen und Bibliotheksdirektors Ernst Salomon Cyprian eine Federzeichnung entdeckt worden, die einer der ersten Belege für die Visualisierung des Thesenanschlags Martin Luthers mit dem Hammer ist. Die Zeichnung wurde nach einem anlässlich des Reformationsjubiläums 1717 im dänischen Aalborg ausgestellten Schaubildes angefertigt. Das teilte die Universität Erfurt mit, zu der die Gothaer Forschungsbibliothek gehört.

Dass der Reformator am 31. Oktober 1517 mit einem Hammer seine 95. Ablassthesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg schlägt, ist ein Bild, dass 500 Jahre Reformationsgeschichte überdauerte. In der Forschung ist diese Zuspitzung auf den Hammer jedoch umstritten, da dieses Bild bisher als eine Prägung des 19. Jahrhunderts galt. Jedoch wurde nie untersucht, wann und wo das populäre Motiv »Luther mit dem Hammer« tatsächlich entstand.

Gemeinsam mit anderen Objekten lässt der Fund den Schluss zu, dass der historisch nicht verbürgte Thesenanschlag mit dem Hammer zwar mit deutlichem Abstand zur Reformationszeit, aber schon weit vor dem 19. Jahrhundert erstmals dargestellt wurde.

Mirjiam Petermann

Klingende Zukunft

7. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

30 Jahre Handglockenchor Gotha

Wieder einmal: Luther. Zu seinem 500. Geburtstag, den 1983 auch die DDR-Staatsführung groß feierte, rückten Augustinerkloster und -kirche Gotha in den Fokus. Mehrfach hatte hier der Reformator gepredigt. Das faszinierte bei seinem Besuch den amerikanischen Pastor Larry Hoffsis aus Ohio ebenso wie die Historie der Gebäude. Er wollte unbedingt mit seiner Gemeinde eine Partnerschaft mit der Augustinergemeinde begründen. Ein nicht zu erfüllender Wunsch in jenen Jahren. »Wenn was ging, dann auf kultureller oder sportlicher Ebene«, sagt Kirchenmusikerin Elke Eichhorn.

1985 reiste der Handglockenchor aus Dayton (Ohio) nach Thüringen und gastierte auch in Gotha. »Was wir da hörten, war so ungewöhnlich wie einmalig«, erinnert sich die Musikerin. Wenig später fragte der Landeskirchenmusikdirektor sie rundheraus, ob sie sich zutraue, einen Handglockenchor zu leiten. Warum nicht mal tun, was völlig unbekannt ist, entschied Elke Eichhorn. Dann dauerte es noch zwei Jahre, ehe alle Formalitäten erledigt waren und Larry Hoffsis mit seiner Frau Cindy einen Satz Handglocken als Geschenk der Epiphany Lutheran Church an die Augustinergemeinde übergeben konnte.

Foto: Tino Sieland

Foto: Tino Sieland

Ein Geschenk, das nachhaltig ist. Damit wurde eine dreißigjährige Geschichte begründet. Vom 8. bis 10. September feiert der Chor sein 30-jähriges Bestehen.

»Nach einem Schnellkurs konnten wir in langsamem Tempo drei, vier Lieder spielen«, so Elke Eichhorn. Aber der Anfang war gemacht. 1988 reiste sie zu einem Workshop für Handglockenspieler und -chorleiter in die USA.

Unter den jungen Handglockenspielern vor 30 Jahren war auch der achtjährige Sohn der Kirchenmusikdirektorin. Matthias Eichhorns Begeisterung für diese Musik ist seitdem ungebrochen. 2005 hat er von seiner Mutter die Leitung des Handglockenchors übernommen. »Als Jazzmusiker hat er weitere Klangfarben in unsere Musik gebracht«, freut sich die Mutter, die natürlich weiterhin im Ensemble aktiv ist.

Die Liste der Konzerte ist lang. Zu Hause in der Augustinerkirche erspielte er in Benefizkonzerten Geld für den Orgelneubau. Mit der Wiedervereinigung weitete sich auch der Radius der Aufführungsreisen. Eine erste CD bringt der Chor 1995 auf den Markt, die vierte erscheint pünktlich in diesen Tagen zum Jubiläum.

Nachwuchssorgen, sagt Elke Eichhorn, hat der Handglockenchor nicht. Und das zeigt, mit seinen 30 Jahren ist er erstaunlich jung. Und blickt in eine klingende Zukunft.

Klaus-Dieter Simmen

Programm zum Festwochenende:

8. September, 18 Uhr Auftaktabend,

9. September, 18 Uhr Festkonzert in der Augustinerkirche,

10. September, 10 Uhr Festgottesdienst in der Margarethenkirche

www.hgcg.de

Dem Hamsterrad entkommen

4. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Neue Wege: Die MDR-Moderatorin Katrin Huß verließ überraschend das Fernsehen – und entdeckt seither das Leben neu. Sie macht Mut, das loszulassen, was einen ausbremst.

Vor etwa einem Jahr hat die langjährige MDR-Moderatorin Katrin Huß (47) mitten im prallen Leben innegehalten – und eine überraschende Entscheidung getroffen: Sie hat ihren Vertrag beim MDR nicht verlängert und die erfolgreiche Kar­riere als Moderatorin und Reporterin an den Nagel gehängt. Nach fast 20 Jahren. Eigentlich – so sollte man meinen – hätte alles noch mindestens 20 Jahre so weitergehen können. Katrin Huß liebte ihren Beruf. Und strahlte das auch immer aus, zum Beispiel bei der Sendung »Hier ab vier«.

Friedenslauf von Rom nach Wittenberg: Katrin Huß und Laufpartner  Timo Hoffmann. Foto: Facebook.com/Friedenlauf

Friedenslauf von Rom nach Wittenberg: Katrin Huß und Laufpartner Timo Hoffmann. Foto: Facebook.com/Friedenlauf

Doch dann kam der 14. Juli 2016. Auf ihrer Facebook-Seite verkündete Huß mit wenigen Zeilen ihren Rückzug: »Irgendwann kam der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass ich vergessen hatte, meine eigene Lebensgeschichte zu schreiben. Ich habe keine Kinder, keine eigene Familie, wenig Zeit für Freunde und noch weniger Zeit für die Liebe. Ich bin erfolgreich mit dem was ich tue, aber bin ich erfüllt?« Und sie schreibt von ihrer einschneidenden Erkenntnis: »Auch ein Hamsterrad sieht von innen aus wie eine Karriereleiter und oft merkt man zu spät, dass man auf der Stelle tritt.«

Katrin Huß entflieht dem Hamsterrad. Sie bezeichnet den Schritt als eine »180-Grad-Wendung«. »Ich musste mich in den letzten Jahren manches Mal verbiegen, die Leichtigkeit und Fröhlichkeit war weg.« Und dann kamen auch noch Rückenbeschwerden. Für Huß lief es auf eine Entscheidung hinaus. Ein Motto, das sie beim Yoga gelernt hatte, ging ihr im Kopf herum: »Lass los, was dich ausbremst.« Und das habe sie dann einfach gemacht, sagt sie.

Freilich sprang sie nicht ganz ins Leere. Seit einem Jahr betreibt sie ein kleines Yoga-Studio in Markkleeberg bei Leipzig. Doch trotzdem gab es auch Befürchtungen. Wird das Leben mit weniger Einkommen und weniger Rampenlicht funktionieren? Heute kann Katrin Huß aus vollem Herzen sagen: Ja, es funktioniert. Und zwar sehr gut. »Ich fühle mich leicht und bin dankbar, intuitiv die richtige Entscheidung getroffen zu haben«, bekennt sie und ergänzt schmunzelnd: »Ich warte immer noch auf das Loch, in das ich falle, aber da kommt keines.«

Endlich habe sie nun mehr Zeit für ihre Eltern. Und für alles, was bisher zu kurz gekommen ist – das Gärtnern oder das Kaffeetrinken mit Freunden. »Ich mache das jetzt alles, ich warte nicht mehr«, sagt sie. Nebenbei bildet sie sich weiter zur Übungsleiterin im Reha-Sport. Und auch Veranstaltungen moderiert sie noch. Sie will Menschen Mut machen, ihr Leben in die Hand zu nehmen und zum Positiven zu verändern. »Dabei bin ich selbst das beste Beispiel, wenn ich den Leuten sage: Entschleunigt mal, fahrt mal runter, ihr müsst nicht perfekt sein.« Manchmal muss sie dann über ihre Lebenswende schmunzeln. »Früher habe ich die Menschen dazu ›verdonnert‹, nachmittags zwei Stunden vor dem Fernseher zu verbringen. Und heute animiere ich sie, hinauszugehen und selbst aktiv zu werden.«

Zu einem erfüllten Leben gehört für Huß immer auch der Blick auf diejenigen, denen es nicht so gut geht. Deshalb war sie im April mit dabei beim Friedenslauf von Rom nach Wittenberg – vom Papst zu Luther. »Damit wollten wir einfach ein Zeichen setzen für Frieden, Demokratie und Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit.« Einen schöneren Ausklang der Luther-Dekade kann sich Huß nicht vorstellen. Doch die vergangenen Monate von Katrin Huß zeigen: Der wichtigste Lauf ist der zu sich selbst – und zu dem, was wirklich zählt im Leben.

Stefan Seidel

Das vergrämte Weiblein

27. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Erzählung von Alexander Roda Roda mit einer Illustration von Maria Landgraf

Zum kalvinistischen Pfarrer Doktor Kando kam ein vergrämtes Weiblein. Sie mochte vierzig zählen – in diesem Alter sind Bäuerinnen schon vergrämt. – Er musterte sie und kannte sie nicht. Sie war also nicht aus seinem Sprengel. Oder katholisch. Ja, bestätigte sie, katholisch ist sie; die Pottbäuerin von Batajnitza. Und was sie wünsche?

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

Sie kauderte lang herum – denn einem Weiblein aus dem Dorf fällt reden mit Städtischen so schwer wie dem Gymnasiasten das Aufsatzschreiben. Endlich würgt sie hervor: Ob Hochwürden … – Der Pfarrer lehnt den Titel ab. Ob also der Herr Pfarrer der Pottbäuerin ihren Mann nicht könnte machen lutheranisch?

»Kalvinistisch, meinen Sie?« – »Lutheranisch oder galvinisch –, versteh des nit aso.« – Gewiss, antwortet befremdet der Pfarrer – gewiss, der Pottbauer könne zum kalvinischen Glauben übertreten; falls er nämlich dazu die rechte Berufung in sich fühle.

Gut, sagte das Weiblein, dann möchte der Herr Pfarrer den Pottbauern kalvinisch machen, noch heute. Und wie viel es wohl kosten wird? »Nicht so, liebe Frau! Der Bauer muss erst herkommen; muss selber seinen Willen kundtuen; und nachweisen, dass er die Lehren des kalvinischen Bekenntnisses wohl innehat; muss den Austritt aus der katholischen Kirche anmelden und feierlich unser Bekenntnis ablegen. Wo ist denn der Bauer?« – Sie blickte zu Boden und sprach langsam: »Der ist net hier.« – »Dann lassen Sie ihn holen.« – »Des is ja: man kann net.« – »Warum nicht?« – »Er is dot; dot seit fuffzehn Jahren!«

Der Pfarrer war ganz verdutzt. – »Tot ist der Bauer? Seit fünfzehn Jahren? Und möchte kalvinisch werden? Was soll das Ganze überhaupt?« Das Weib­lein atmete tief auf und sprach mutig: »Hochwürden, i sag’s wie’s is – es is aso: Mein Seliger war a sehr frommer Grist …« – »Katholischer Christ, nicht wahr? Sagten Sie doch?« – »Ja. A sehr a guder Grist. Aber an eigener Mensch – alls hod müssen nach seinem Kopf gehn. Un so is er aa blieben – im Himmel. Bei sein Lebzeiten ham mir immer, wann im Haus etwas überzwerch gangen, beim Viech oder so … – da ham mir immer dem Heilingen Andonius a Kirzen anzunden und ham bet – un weil mei Seliger is aso a guder Grist gewesen, hod der Heilinge uns aa erhört. Dann is’r gsturben, der Bauer – no ja, – och – un fir sei Frömmigkeit sitzt ’r drüben gwiss zur Seiden von unserm lieben Heilingen Andonius. Ja – och.

Wie hab i können alleinich d’Wirtschaft weiderfihren? I hab müssen heiroden – ’n Gnecht, ’n Loisl. Un sehgen S’, Hochwürden: darüber gift sich der Selige; sitzt zur Seiden vom lieben Heilingen Andonius und gift sich. Und jetzt können mir, mein Loisl un i, die scheensten Kirzen anzünden un können beden, bis mir grien wern: der Heilinge Andonius erhört uns nit. Unsere Sau is verreckt – unsere Hühner saan grepiert – ’s Heu is sauer: weil sich mei Seliger dut giften über mi un mein Loisl – un dut unsern lieben Heilingen Andonius geng uns aufstacheln. Ja – och. Da hab i gmaant: ob Sö net könnten mein Seligen galvinisch machen – dass ’r halt von der Seiden des Heilingen Andonius wegkummt – in d’ Höll für sein Bosheit –, dass uns der liebe Heilinge Andonius wieder erhört.«

Der Testbild-Sammler

20. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Mit einem Knopfdruck startete vor 50 Jahren der damalige Bundeskanzler Willi Brandt bei der Funkausstellung in Berlin das Farbfernsehen in der Bundesrepublik Deutschland. Das war auch die Geburtsstunde des farbigen Testbilds. Heute ausgestorben? Von wegen!

Schon im Treppenhaus empfängt den Besucher ein Puzzle an der Wand mit dem Vollkreis, drei Kästchen Abstand links, drei Kästchen rechts, Farb- und Grauskala, das klassische Testbild aus einer Zeit, als Fernseher noch eine Bildröhre hatten. Uwe Alberti schmunzelt: »In Deutschland gibt es noch etwa 5 bis 7 Verrückte wie mich.« Was er damit meint, legt er auf den Küchentisch. Aufnahmen von über 4 000 Fernseh-Testbildern aus aller Welt. Berufsbedingt hat den Radio- und Fernsehtechniker vor 40 Jahren die Sammelleidenschaft gepackt. Mit dem genormten Fernseh-Testbild wurden damals die Bildschirme der Fernseher eingestellt. Sie dienten in erster Linie technischen Zwecken. In der Werkstatt wurden vorzugsweise Testbilder aus dem Westen eingesetzt, der geometrische Aufbau war besser als beim DDR-Fernsehen, meint der aus dem thüringischen Apolda stammende Alberti.

Leidenschaft: Den Radio- und Fernsehtechnicker Uwe Alberti fasziniert, wie unterschiedliche Testbilder überall auf der Welt gestaltet werden. Fotos: Willi Wild

Leidenschaft: Den Radio- und Fernsehtechnicker Uwe Alberti fasziniert, wie unterschiedliche Testbilder überall auf der Welt gestaltet werden. Fotos: Willi Wild

»Viele können mit meiner Leidenschaft nicht viel anfangen«, meint er. Was ihn daran fasziniere, seien die unterschiedliche Gestaltung und dass es nahezu überall auf der Welt Testbilder gegeben habe und bis heute noch gibt. Damals dienten die Testbilder den Fernsehanstalten dazu, das Bild vor dem eigentlichen Programmstart auszurichten. Bis in die 80er-Jahre starteten die öffentlich-rechtlichen Programme eine halbe Stunde vor Sendebeginn den Farbbalkengenerator mit dem Testbild. »Im Osten kam das Testbild schon um 7 Uhr, wegen des Schulfernsehens. Im Westen erschien es erst um 9 Uhr. Danach kam die ›Sesamstraße‹.«

Nach der Wende hat Alberti im Garten mit einer drehbaren Satellitenschüssel dann plötzlich ein Testbild aus Zypern eingefangen. Mittlerweile schicken ihm Freunde Bilder von Testbildern aus aller Herren Länder. Stolz ist der Sammler auch über seine Testbilder-Sammlung aus dem Weltall. Startet vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou im Norden Südamerikas eine Rakete, werden die Bilder davon via Satellit übertragen. Bei Störungen erscheint ein Testbild. Für Uwe Alberti der Zeitpunkt, um auf den Auslöser seiner Kamera zu drücken. Dafür steht er schon mal nachts um 3 Uhr auf.

Im digitalen Zeitalter ist das klassische Testbild nicht mehr notwendig. Und doch gibt es noch die individuellen Platzhalter auf der Mattscheibe. Wenn Fernsehsender ihre Übertragungswagen im Einsatz haben, wird vor Beginn der Übertragung ein Testbild gesendet. Manchmal lassen ihn die Fernsehleute direkt im Ü-Wagen seine Fotos vom Testbild auf den Sendemonitoren abfotografieren. Das 50-jährige Jubiläum des Farbfernsehens oder, wie es hierzulande hieß, des Buntfernsehens hat Alberti auf dem Schirm. »In der DDR hat man damals für die Einführung zwei Jahre länger gebraucht, dafür war man besser vorbereitet«, sagt der Fernsehtechniker-Meister und kann sich dabei ein verschmitztes Lächeln nicht verkneifen. Erstaunt war er allerdings, dass man in Staßfurt, der Stadt der DDR-Fernsehproduktion, das West-Testbild zur Einstellung der Bildröhre empfahl. Sein Elektronik-Fachgeschäft und die dazugehörende Werkstatt hat der 56-Jährige krankheitsbedingt mittlerweile aufgeben müssen, die Leidenschaft für die Testbilder ist geblieben.

Freunde schicken Uwe Alberti Testbilder aus aller Welt.

Freunde schicken Uwe Alberti Testbilder aus aller Welt.

Aber nicht nur dafür. Seit ihn die Oma in die Christenlehre geschickt hat, engagiert sich der evangelische Christ in der Kirchengemeinde. Zunächst in der Jungen Gemeinde, dann in der Spielschar und später im Gemeindekirchenrat sowie im Kirchbauverein. Mit der Laienspielgruppe haben sie 15 Jahre lang den »Jedermann« aufgeführt. Alberti spielte den Tod. Als vor sechs Jahren sein Leben an einem seidenen Faden hing, wurde aus dem Spiel bitterer Ernst. Seine Frau habe ihm zwei Drittel ihrer Leber gespendet, damit er überleben kann, erzählt Alberti bewegt. Das hätte für beide tödlich enden können. Aber das sei eine andere Geschichte, meint er.

Willi Wild

www.uwe-alberti.de

Seefahrt lehrt Beten

15. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Bordseelsorge: Auf den Weltmeeren die Quellen des Glaubens entdecken

Über Ho-Chi-Minh-Stadt (Vietnam) lag am Silvesterabend brütende Hitze, als ich an Bord des Kreuzfahrtschiffes »MS Europa« im klimatisierten »Club Belvedere« zur ökumenischen Andacht einlud. Vor der großen Silvestergala wollten die Passagiere des Luxus-Kreuzfahrtschiffes das Jahr besinnlich ausklingen lassen und das heilige Abendmahl feiern. Während ein katholischer Bordmusiker und ich als evangelischer Bordseelsorger die Patene mit Brot reichten, ging der Blick hinaus auf den Fluss Saigon. Draußen ein noch immer armes asiatisches Land, drinnen eine wohlsituierte christliche Gemeinde aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die sich zum Beten und Singen traf.

Seit 2010 bin ich zeitweise als ehrenamtlicher Bordseelsorger auf den Weltmeeren unterwegs, im Dienst der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland. Wer als Bordseelsorger in See stechen will, muss abenteuerlustig sein. Auf einem Kreuzfahrtschiff kann es schon mal vorkommen, dass bei Windstärke zehn der Konferenzraum total überfüllt ist. Die Passagiere strömen nicht nur deshalb dorthin in den Gottesdienst, weil die Landgänge ausfallen, sondern weil – wie ein altes spanisches Sprichwort sagt – Seefahrt Beten lehrt.

Zur Abenteuerlust gehört auch, bei einer geplanten Veranstaltung mit weniger Zuhörern zu rechnen, weil plötzlich etliche Gäste auf einer Eisscholle in der Antarktis festsitzen. Und im schlimmsten Fall ereilt Passagiere und Crew während der Reise die Nachricht, dass die Reederei insolvent ist, der Törn nur mit Mühe fortgesetzt werden kann und die Honorarzahlung für die Künstler ins Wasser fällt.

Auf hoher See für Gäste und Crew unterwegs: Edgar S. Hasse. Foto: TUI Cruises

Auf hoher See für Gäste und Crew unterwegs: Edgar S. Hasse. Foto: TUI Cruises

Seit der Auswanderungswelle von Deutschland nach Amerika im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist es üblich geworden, dass Bordseelsorger regelmäßig die Passagiere auf ausgewählten Ozeandampfern begleiten. Während auf der »MS Europa« (Hapag-Lloyd Cruises) bei jeder Reise von der EKD und der katholischen Kirche entsandte Geistliche mitfahren, gibt es religiöse Angebote bei den großen Kreuzfahrtschiffen mit 2 600 Passagieren wie bei TUI Cruises ausschließlich zu Weihnachten und Ostern.

Die meisten Passagiere wollen einfach nur unbeschwerte Tage auf See verbringen und ihren Urlaub genießen. Manchen aber fällt es schwer, den Alltag hinter sich zu lassen. Verdrängte Probleme gewinnen an Gewicht, Lebenskrisen reisen als blinde Passagiere mit. See-Tage werden zu Seelen-Tagen. Für all diese Gäste sind die Bordseelsorger als empathische Zuhörer da. Da ist jenes junge Paar, das vor Jahren sein Kind während der Geburt verloren hat und nun mit diesem Trauma ringt. Oder jene junge Frau, die irgendwo auf dem Atlantik zwischen Südamerika und Europa erzählt, dass ihre Familienstrukturen sie zermahlen. Und der Witwer, der bereits vor dem Start der Reise auf dem Flughafen danach fragt, ob es einen christlichen Gesprächskreis an Bord geben wird. 14 000 Kilometer von seinem Heimatort entfernt, wird er später vor der Antarktischen Halbinsel andere Gäste treffen, die ebenfalls ihren Partner oder ihre Partnerin verloren haben. Und schließlich gibt es noch die Crew, die zu den Festtagen einen englischsprachigen Gottesdienst erwartet.

Nicht zuletzt braucht man als Bordseelsorger einiges Improvisationsgeschick. Weil kein religiöser Raum vorhanden ist, müssen Theater, Konferenzsäle oder Lounges zu sakralen Orten gemacht werden. Im Idealfall befinden sich Gesangbücher und ein Kreuz im Fundus. Und die Weihnachtskrippe wird auf eine LED-Leinwand geworfen.

Trotz mancher Pannen bleibt am Ende die beglückende Erfahrung, auch weit entfernt von der Heimat auf Menschen zu treffen, die mitten auf dem Meer aus den Quellen des Glaubens schöpfen wollen.

Edgar S. Hasse

Der Autor ist promovierter Theologe, Lehrbeauftragter an der Evangelischen Hochschule in Hamburg und Redakteur.

Die Predigten des Tafelaltars

7. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Das bilderreichste Werk der Reformationszeit ist nach seiner Restaurierung und Präsentation in den USA jetzt im Herzoglichen Museum in Gotha zu sehen.

Die Inszenierung »seines« Altars durch die Gothaer Ausstellungsmacher um Kurator Timo Trümper anlässlich der Reformationsdekade hätte vermutlich auch Herzog Ernst I., dem Frommen, gefallen. Vom 30. Juli bis 5. November steht »Der Gothaer Tafelaltar« in der Säulenhalle des Herzoglichen Museums Gotha im Blickpunkt der interessierten Öffentlichkeit. Die kann dann dem wohl monumentalsten und zugleich detailreichsten Bilderbuch der Reformationszeit sehr nahe kommen, denn die zwölf Seiten- und zwei Standflügel können erstmals seit der Vorkriegszeit wieder einzeln und aus nächster Nähe betrachtet werden. Möglich wurde dies 2015/16 durch eine umfangreiche, 17-monatige Restaurierung eines sechsköpfigen Teams um Beatrix Kästner und Johannes Schaefer. Dabei gelang es vor allem, den ursprünglichen Fassungsbestand freizulegen und die originale Rahmung des Mittelteils farblich anzupassen. Ohne die großzügige Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Oetker-Stiftung, der Kulturstiftung der Länder, des Auswärtigen Amtes und des Freistaates Thüringen wäre das rund 200 000 Euro teure Unterfangen nicht möglich gewesen.

Nach der Restaurierung: Farbenprächtig und deutlich aufgehellt können die einzelnen Motive aus nächster Nähe bewundert werden. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein

Nach der Restaurierung: Farbenprächtig und deutlich aufgehellt können die einzelnen Motive aus nächster Nähe bewundert werden. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein

Nichts ohne Anlass: Der Altar war im Vorjahr Teil dreier großer Ausstellungen deutscher Museen in den USA, die den Menschen in Minneapolis, New York und Atlanta die Ideenwelt der Reformation und besonders die Person Martin Luthers nahebrachten. Die Ausstellung schlug eine Brücke nach Europa, die beiderseits mit außerordentlichem Interesse wahrgenommen wurde. Einen anderen Brückenschlag verfolgten die Gothaer Kunsthistoriker um Martin Eberle, indem sie die Staatsgalerie Stuttgart als Kooperationspartner der jetzigen Schau gewannen. Dies kam nicht von ungefähr, denn der seit dem 17. Jahrhundert in Gotha nachweisbare Altar war um 1538 im württembergischen Herrenberg in der Werkstatt Heinrich Füllmaurers (um 1497–1548) entstanden.

Die Geschichte des Altars wurde erstmals 1939 in einer Dissertation behandelt und ab 1965 in mehreren Büchern des Thüringer Theologen und Kirchenhistorikers Herbert von Hintzenstern kunstgeschichtlich aufgearbeitet. Einer größeren Öffentlichkeit war sie jedoch unbekannt. Das soll sich nun ändern! Und so gelang es, für die Gothaer Ausstellung hochkarätige Werke aus Stuttgart zu gewinnen, die ihrerseits den Bogen von der vorreformatorischen Zeit bis in die Zeit Heinrich Füllmaurers spannen und dabei Objekte in den Blick nehmen, die noch ganz der katholischen Tradition verpflichtet sind. Neben einer Mondsichelmadonna von Hans Holbein d. Ä. ist es vor allem der Wildensteiner Altar des Meisters von Meßkirch von 1536, der die Gothaer Schau auch thematisch ergänzt. Während der Tafelaltar und der wenig später entstandene Mömpelgarder Altar (heute im Kunsthistorischen Museum Wien) als Aufträge der evangelischen Herzöge von Württemberg gelten können, entstand der Wildensteiner Altar in der Reformationszeit für die katholischen Grafen von Zimmern. – Es ist eine spannende Gegenüberstellung von Meisterwerken, die bis dato noch nie in Thüringen gezeigt wurden.

Der Tafelaltar selbst liest sich wie ein großes Bilderbuch mit drei Szenen der Schöpfungsgeschichte und 157 Tafeln zum Leben Jesu. Einziger Wermutstropfen: die Standflügel mit dem Stammbaum Christi befinden sich seit 1946 im Depot des Puschkin-Museums Moskau. In Gotha werden Repliken gezeigt.

Der übergroße Detailreichtum des Altars lädt zum Entdecken ein, denn die Szenen spielen im Württemberg des 16. Jahrhunderts und lesen sich wie eine übergroße Bilderbibel. Tatsächlich ist der Altar wohl zu Lehrzwecken und nicht für eine Kirche geschaffen worden. Zu einer Kuratoren-Führung mit Timo Trümper wird am 31. August, 18 Uhr, eingeladen.

Im November verlässt der Altar Gotha in Richtung Stuttgart und wird ab dem Frühjahr 2018 wieder im Altdeutschen Saal des Herzoglichen Museums zu sehen sein.
Geöffnet ist die Gothaer Ausstellung bis 5. November täglich von 10 bis 17 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Begleitband erschienen, der erstmals alle Bildtafeln einzeln zeigt und die Transkription der Inschriften umfasst.

Hartmut Ellrich

Trümper, Timo: Der Gothaer Tafelaltar. Ein monumentales Bilderbuch der Reformationszeit, Michael Imhof Verlag, Petersberg, 304 S., ISBN 978-3-7319-0595-0, 29,95 Euro

www.stiftung-friedenstein.de

»Gott sei mit euch auf dem Wege«

30. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

117. Deutscher Wandertag: Interview mit der Präsidentin des Thüringer Wanderverbandes Christine Lieberknecht

Die Wartburgregion erwartet mehr als 30 000 Wanderer aus ganz Deutschland. Der 117. Deutsche Wandertag steht unter dem Motto: Wandern auf Luthers Spuren. Schirmherrin ist die ehemalige Thüringer Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht. Mirjam Petermann schilderte sie ihre Sicht auf das Großereignis.

Schirmherrin, ohne Schirm: Die Theologin und einstige Ministerpräsidentin Thüringens, Christine Lieberknecht, beim Wandern auf der Saalfelder Höhe. Foto: privat

Schirmherrin, ohne Schirm: Die Theologin und einstige Ministerpräsidentin Thüringens, Christine Lieberknecht, beim Wandern auf der Saalfelder Höhe. Foto: privat

Frau Lieberknecht, worauf freuen Sie sich beim 117. Deutschen Wandertag persönlich am meisten?
Lieberknecht:
Eisenach ist deutsche Wanderhauptstadt. Besonders freue ich mich auf die 12 000 aktiven Teilnehmer am großen Festumzug, die alle Wanderregionen von Nordelbien bis zum Schwäbischen Albverein in ihrer ganzen Vielfalt vertreten.

Wie kam es dazu, dass Eisenach und die Wartburgregion vom Deutschen Wanderverband in diesem Jahr als Gastgeber des Wandertages ausgewählt wurden?
Lieberknecht:
Der Deutsche Wanderverband möchte in wichtigen Fragen unserer Zeit Zeichen setzen; auch in diesem Reformationsjahr 2017. Wo könnte das für Wanderer unmittelbarer werden als am Fuße der Wartburg, da, wo Natur- und Kulturgeschichte eine wunderbare Einheit bilden? Dort, wo die UNESCO der Wartburg die weltweite Anerkennung als Weltkulturerbe verliehen und die umgebende Landschaft des Hainichs als Weltnaturerbe ausgezeichnet hat. Damit waren Eisenach und der ausrichtende Rennsteigverein für 2017 durch keine andere Wanderregion zu toppen.

Über 30 000 Wanderer werden in Eisenach erwartet, um auf Luthers Spuren zu wandern. Welche Spuren werden sie dort finden?
Lieberknecht:
Zunächst einmal: historische Spuren allenthalben. 95 verschiedene Wanderrouten wurden ins Programm aufgenommen: mit dem Lutherstammort Möhra, der Reformationsstadt Schmalkalden, dem Entführungsweg Luthers von 1521, dem Erlebnisweg Wartburg usw. Über 270 Wanderführer wurden durch die Thüringer Wanderakademie dafür ausgebildet, den Geschichten der landschaftlichen Besonderheiten, von Gedenk- oder Grenzsteinen am Wegesrand oder historischen Bauten nachzugehen und ihre Kenntnisse den Wanderern zu vermitteln.

Wie wir wissen, hatte der Reformator nicht nur löbliche Seiten. Der »alte« Luther wünschte so ziemlich alle in die Hölle, die nicht seiner Meinung waren. Auch das wird den Wanderern zum Beispiel anhand des großen Gemäldes von 1617 in der Eisenacher Georgenkirche erzählt werden. Und es gibt die großen Ausstellungen auf der Wartburg, der Brandenburg und der Wilhelmsburg.

Wo werden die Wanderer Spuren des Reformators hinsichtlich seines Glaubens und seiner Theologie finden?
Lieberknecht:
Die Botschaft vom Wort Gottes braucht es, dass man davon »singet und saget, klinget und prediget, schreibet und lieset, malet und zeichnet«, hat Martin Luther einmal gesagt. Ein hochmoderner multimedialer Ansatz! Und genau so wird es sein: musikalisch mit dem Bekenntnis von Bachs »Soli Deo Gloria«, die Bildpredigten in den offenen Kirchen, die ökumenischen Gottesdienste in Eisenach und Bad Liebenstein. Auch wird es darauf ankommen, was die Eisenacher und Thüringer für sich selbst mit der Reformation verbinden. Ich bin gespannt.

Obwohl Sie auch Pfarrerin sind, fehlen beispielsweise in Ihrem Grußwort im Programmheft christliche Bezüge. Warum?
Lieberknecht:
Für mich ist mein Glauben existenziell. Der Wanderverband allerdings ist religiös unabhängig. Viele Mitglieder haben keine kirchliche Bindung, außerdem gibt es auch jüdische, muslimische oder buddhistische Mitglieder. Unsere zentrale Resolution vom letzten Wandertag 2016 heißt »Flüchtlinge willkommen«. Dass wir Wanderer bei der großen Integrationsaufgabe unseren Beitrag leisten, ist für mich gelebter christlicher Glaube.

Sie grüßen mit »Frisch auf« im Programmheft. Gottes Segen wäre doch auch nicht schlecht gewesen?
Lieberknecht:
Als Wanderer sagen wir »Frisch auf!«. Das ist Tradition. Ganz sicher wird für den Wandertag auch gebetet. Mein Lieblingssegen für die Wanderer aus Tobit 5, Vers 23 hat es leider nicht in die aktuelle Lutherbibel geschafft: »Gott sei mit euch auf dem Wege, und sein Engel geleite euch!« Diesen Segen wünsche ich ausdrücklich allen Wanderern.

In einer Reaktion auf meinen Kommentar (Nr. 29, S. 1) schreiben Sie, dass man von Ihnen als weltlicher Schirmherrin eines weltlichen Ereignisses kein frömmeres Grußwort erwarten könne als von der geistlichen Landesbischöfin in den Programmen zum Kirchentag. Wie meinen Sie das?
Lieberknecht:
Landesbischöfin Junkermann schrieb zum Kirchentag: »Seien Sie uns herzlich willkommen!« Bei mir heißt es, ich »grüße Sie mit einem herzlichen ›Frisch auf!‹«. Und den Lesern von »Glaube + Heimat« rufe ich zu: Seien auch Sie in Eisenach dabei!

www.wandertag-2017.de

Angebote der Kirchen zum 117. Wandertag – 27. bis 30. Juli
•    Do. bis Sa., 11 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Eisenacher Marktkonzerte
•    Do. und Fr., 12 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Mittagsgebet
•    Do. und Fr., 19 Uhr, Annenkirche Eisenach: Abendandacht
•    Do., 19.30 Uhr, Nikolaikirche Eisenach: »Allein auf Gottes Wort« – Kurrende der Kirchlichen Hochschule Naumburg, Leitung: Michael Greßler
•    Fr., 18 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Sonderkonzert zum 267. Todestag von Johann Sebastian Bach
•    Sa., 10 bis 18 Uhr, Lutherhaus Eisenach: Werbestand von »Glaube + Heimat« mit Sonderpostkartenaktion
•    So., 9 Uhr, Elisabethplan unterhalb der Wartburg Eisenach: Ökumenischer Gottesdienst (regulärer Busverkehr ab Eisenach bis zum Elisabethplan; ab 10 Uhr Busshuttle zurück zur Werner-Assmann-Halle Eisenach)
•    So., 10 Uhr, Kurpark an der Wandelhalle Bad Liebenstein: Ökumenischer Open-Air-Gottesdienst
•    So., 10 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Kantaten-Gottesdienst »Kyrie« aus der Messe in h-Moll von J. S. Bach und »Da pacem, Domine« von Arvo Pärt; Ensemble Consart, Leitung: Andreas Reuter
•    So., 16 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Kammermusik an Bachs Taufstein – Mitteldeutsche Barock-Compagney


Vom Fremden und vom Fremdeln

24. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Die 14. Weltkunstausstellung in Kassel widmet sich in diesem Sommer vielfältig den Themen Religion, Glauben und Spiritualität. Eindrücke von der documenta14.

Der Mann steht immer noch im Turm. Er balanciert hoch oben auf einer Goldkugel über dem Dach der St.-Elisabeth-Kirche in Kassel. Schwarze Hose, weißes Hemd, die Arme ausgebreitet. Nicht zu übersehen. Er wurde für einen Selbstmörder gehalten – Feuerwehralarm inklusive. Er wurde als Jesus gedeutet. Er war das Ärgernis der documenta13 vor fünf Jahren.

Ein Hingucker an prominentester Stelle des Friedrichsplatzes, dem zentralen Ort der Weltkunstausstellung. Vor allem aber einer, der so gar nicht passen wollte in das Konzept der damaligen Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev. Was die Verantwortlichen der katholischen Kirchengemeinde, die Auftraggeber der Skulptur von Stephan Balkenhol, wiederum herzlich wenig beeindruckte. Der Mann blieb im Turm. Für die kundigen Schnappschuss-Jäger unter den Documenta-Besuchern ist er in diesem Sommer erneut ein Pflichtmotiv. Wie viele andere Kunst-Erinnerungen in der Innenstadt.

Spektakulär: »The Parthenon of Books«, die siebzig mal dreißig Meter große Installation aus 50 000 verbotenen Büchern. Foto: Susann Winkel

Spektakulär: »The Parthenon of Books«, die siebzig mal dreißig Meter große Installation aus 50 000 verbotenen Büchern. Foto: Susann Winkel

Einen Skandal wie 2012 gibt es bei der 14. Auflage der Documenta nicht. Wieder präsentieren die Kirchen der Stadt ein eigenes Kunstprogramm. Darin wird die Neunutzung von Kirchenräumen verhandelt, vor allem aber die Themen Toleranz und Flucht. Womit sich die Kirche unaufgeregt einfügt in den Kanon der offiziellen Kunstwerke.

So unübersehbar wie der Mann im Turm hoch über dem Friedrichsplatz ist der Obelisk auf dem Königsplatz, nur wenige Minuten zu Fuß entfernt. Die Arbeit des nigerianischen Künstlers Olu Oguibe mit dem etwas sperrigen Titel »Das Fremdlinge und Flüchtlinge Monument« ragt 16 Meter in die Höhe. Eine Wucht in Beton mit goldenem Schriftzug. In Deutsch, Türkisch, Englisch und Arabisch steht darauf ein Zitat aus dem Matthäusevangelium: »Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt.« Der Platz wird oft genutzt für politische Demonstrationen, zuletzt etwa gegen den »Lagerzwang« von Flüchtlingen. An diesem Sommermittag aber wird nicht demonstriert. Eine Gruppe Breakdancer schart eine Traube von Passanten um sich; Multikulti im Schatten des Obelisken. Zum Kunstwerk gehört das nicht – oder gerade deshalb. So genau weiß man das in Kassel nie.

Irritation ist wichtig auf jeder Documenta, so wichtig wie die Aufregung über Kunst – gewollte, ungewollte, infrage gestellte – und die völlige Überforderung des Publikums durch die schiere Masse des Gezeigten. Allein »The Parthenon of Books« der argentinischen Künstlerin Marta Minujin ist eine stundenverzehrende Aufgabe für Betrachter. Die siebzig mal dreißig Meter große Installation auf dem Friedrichsplatz aus 50 000 verbotenen Büchern ist der spektakulärste Beitrag dieser Weltkunstausstellung, weil er die Augen verführt und den Kopf ins Grübeln bringt. Unter den Werken, die einmal verboten waren oder es noch immer sind, irgendwo auf der Welt, nicht nur in Deutschland, lassen sich endlos Entdeckungen machen. »Die Leiden des jungen Werther« sind genauso zu finden wie »Alice im Wunderland«. Und natürlich die Bibel.

Wer seine Augen ein wenig ausruhen möchte nach dem Dauerglitzern des Büchertempels, für das die Sonne im Zusammenspiel mit der verarbeiteten Schutzfolie sorgt, dem sei ein Abstecher in die Karlsaue empfohlen. Dort, im Westpavillon der Orangerie, hält das Kunstspektakel für ein paar Minuten inne. Orthodoxe Kirchgesänge dringen durch die geöffneten Fenster, locken mehr als die Ankündigung im Faltplan, der auf Videoarbeiten von Romuald Karmakar aus Wiesbaden verweist: »Byzantion« und »Die Entstehung des Westens«. Die beiden Filme laufen im Wechsel, singende griechische Mönche in Großaufnahme lösen singende russische Mönche in Großaufnahme ab. Und die Kunsttouristen hören andächtig zu, freie Plätze in den Seitennischen sind begehrt. Es ist schwer, sich aus der meditativen Stimmung wieder zu lösen. Draußen fällt der Blick auf ein LED-Spruchband an der Fassade, das in Worten den Untergang des byzantinischen Reiches und den Fall von Konstantinopel dokumentiert.

Wer sich noch einmal irritieren lassen möchte, der muss nur ein kleines Stück zurück in die Documenta-Halle gehen: Hier fließen Meterbahnen aus verknotetem rotem Stoff von der Decke und verknäulen sich am Boden. Die Südamerikanerin Cecilia Vicuña nimmt mit ihrer Arbeit »Quipu Mapocho« Bezug auf eine präkolumbianische Tradition aus der Andenregion, bei der Fäden mit Knoten versehen wurden, um wichtige religiöse Ereignisse festzuhalten. Das Anbringen der Stoffbahnen war bereits eine Performance. Kunst für die Kunst also. Und damit so typisch für die Weltkunstausstellung wie ein Mann im Turm, den niemand haben wollte.

Susann Winkel

Die documenta14 in Kassel ist noch bis zum 17. September täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Die Tageskarte kostet 22 Euro, ermäßigt 15 Euro. Ein Zweitages-Besuch ist wegen der Größe der Ausstellung mit über dreißig Standorten in der Innenstadt von Kassel dringend empfohlen. Hierfür kostet die Karte 38 Euro bzw. ermäßigt 27 Euro.

www.documenta14.de

Der Vorsprung

18. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Eine Erzählung von Stefan Petermann mit einer Illustration von Maria Landgraf

Der Vorsprung war die einzige Unebenheit am Berg. Einen knappen Meter ragte er aus dem ansonsten glatten Fels heraus und war kaum zwei Meter lang. Bis zum Boden musste es einen guten Kilometer sein, zum Gipfel deutlich mehr.

Ich trug warme Kleidung, dazu eine wasserabweisende Outdoor-Jacke und hatte außer einem sauber gefalteten Zellstofftaschentuch nichts bei mir. Von meinem Leben besaß ich eine ungefähre Vorstellung, ahnte, wo ich gewesen war, wen und was ich geliebt, wie ich meine Tage verbracht hatte. Einzelheiten konnte ich nur wenige benennen, Jahre keine. Gestern war so unfassbar wie alle Zeiten. Es gab den Vorsprung, und das, was sich zuvor ereignet hatte, verbarg sich in einem Nebel.

Illustration: Maria Landgraf

Illustration: Maria Landgraf

Ich blickte vom Vorsprung hinab. Weit ins Land konnte ich schauen. Da lagen Felder brach und Wälder rot, herrlich grün ein See, schwarz die Dörfer, rauchgrau die Straßen. In der Ferne zeichnete sich eine Gebirgskette ab. Ohne es genau bestimmen zu können, schien mir die Gegend vertraut. Menschen waren nicht auszumachen. Es war auffällig still. Geräusche, die zu einer solchen Landschaft gehören sollten, fehlten.

Wie ich auf den Vorsprung gekommen war, wusste ich nicht, doch musste ich alles daransetzen, ihn zu verlassen. Sorgfältig untersuchte ich den Felsen, fuhr mit den Fingern die Oberfläche des Gesteins ab, hoffte so, Unregelmäßigkeiten zu entdecken, Kanten, Zacken oder Brüche, die meinen Füßen und Händen Halt fürs Klettern bieten konnten. Doch da war nichts. Nur eine glatte Fläche. Stein war Stein.

Auch wenn ich keine Höhenangst verspürte, hatte ich Respekt vor der Höhe. Ein falscher Schritt würde den sicheren Tod bringen. Ich hatte von Fallschirmspringern gehört, die viele tausend Meter in die Tiefe gefallen waren und überlebt hatten, weil ein Heuhaufen ihren Sturz gedämpft hatte. Auf einen solchen Zufall durfte ich nicht hoffen. Würde ich vom Vorsprung stürzen, würde, noch bevor ich den Boden erreicht hätte, mein Körper an der Felswand zerschmettert sein. Ein Sprung würde mich vom Vorsprung bringen und zugleich töten.

Besser, ich würde gerettet werden. Also schrie ich. Schall verbreitet sich schnell und wird weit getragen. Im günstigen Fall würde ein Echo entstehen. Zuerst versuchte ich, meine Situation mit vielen Worten zu beschreiben. Bald gab ich die vielen Worte zugunsten eines einzelnen auf. Nach Stunden versagte mir die Stimme. Als ich sie wiedererlangte, schrie ich erneut. Sie versagte, ich schrie, ich schrie, sie versagte, ich verstummte, ich schrie.

Niemand hörte mich.

Ich warf winzige Steinchen den Vorsprung hinab. Trotz ihrer geringen Größe erreichten die Steine eine enorme Geschwindigkeit. Sie konnten eine Gerölllawine auslösen und jemanden verletzen, möglicherweise sogar töten. Insgeheim hoffte ich darauf. Der Tod eines Fremden würde die Wahrscheinlichkeit meiner Entdeckung erhöhen.

Bald stellte ich fest, dass Hunger und Durst mir keine Sorgen bereiten würden. Wenn ich ein Ziehen im Bauch verspürte, kratzte ich Flechten vom Fels. Den Flechten haftete ein erdiger Geschmack an, was mich gut sättigte. Tau, der sich am Morgen gebildet hatte, leckte ich von den Steinen. Wenn ich auf dem Vorsprung bliebe, würde ich überleben können.

Ich verstand, dass ich auf dem Vorsprung nichts zu befürchten hatte. Wenn ich genügsam Flechten kratzen und Tau lecken und mich wenig bewegen würde, würde ich in Sicherheit sein. Niemand würde zu mir sprechen, niemand mich bedrohen, nichts mir etwas anhaben können.

Als ich das begriff, lernte ich, den Vorsprung zu schätzen. Wenn mir die Tage lang wurden und ich in den Nächten kaum zur Ruhe kam, weil ich fürchtete, im Dämmern das Gleichgewicht zu verlieren und zu fallen, machte ich mir bewusst, welchen Schutz solch ein Ort bot und wie dankbar ich sein musste, ihn genießen zu dürfen.

Das Wetter blieb beständig. Ein Wechsel der Jahreszeiten war nicht auszumachen. Das Land lag unheilvoll friedlich vor mir. Die Flechten wuchsen nach, der Morgen brachte beständig neuen Tau. Nichts änderte sich, ich war geschützt.

Auch wenn ich wusste, dass der glatte Felsen mich nicht halten würde, ging ich eines Tages in die Knie, schloss die Finger um den Rand und ließ mich hinab, dem Boden entgegen, um den Vorsprung zu verlassen.

Aus: Petermann, Stefan: Der weiße Globus. Geschichten, Edition Muschelkalk der Literarischen Gesellschaft Thüringen, Wartburg Verlag, 87 S., ISBN 978-3-86160-345-0, 14 Euro

Haushalten und Mund halten

10. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Gender: Die Reformation wurde wesentlich vom Engagement religiöser Laien getragen. Auch Frauen bekamen am Beginn des 16. Jahrhunderts neue Möglichkeiten. Leider nur für kurze Zeit.

Ein Zeitgenosse urteilte über Elisabeth von Sachsen (1502–1557): »Die hertzogin von Rochlitz treibt viel unnutz gewesch.« Der Satz kann exemplarisch dafür stehen, wie das Handeln der Frauen zu Beginn der Frühen Neuzeit gesehen wurde, die sich über das hinwegsetzten, was die Gesellschaft für sie vorsah: haushalten und Mund halten.

Die verwitwete Elisabeth erlaubte ab 1537 in ihrem Wittum Rochlitz Priesterehe und evangelisches Abendmahl, während im albertinischen Sachsen erst nach dem Tod des altgläubigen Herzogs Georg 1539 die Reformation eingeführt wurde. Lange Zeit sei Elisabeth fast vergessen worden, so der Dresdner Historiker und Theologe Jens Klinger. Zurzeit werde ihre über 2 000 Briefe zählende Korrespondenz ediert und ihr Leben weiter erforscht. In ihrem Wittum habe sie auf reformatorische Bestrebungen aufbauen können, die es dort ab 1523 gab, so Klinger. Zudem sei sie von ihrem Bruder, dem mächtigen Landgrafen Philipp von Hessen, unterstützt worden. Jedoch habe Elisabeth in Konfessionsfragen eine eigene Meinung besessen, die sie auch deutlich vertrat.

Das Frauenmuseum in Bonn widmet sich bis 31. Oktober der weiblichen Seite der Reformation. Die Ausstellung »Katharina von Bora – von der Pfarrfrau zur Bischöfin« zeichnet den Weg zur Gleichberechtigung in der evangelischen Kirche nach. – Foto: epd-bild

Das Frauenmuseum in Bonn widmet sich bis 31. Oktober der weiblichen Seite der Reformation. Die Ausstellung »Katharina von Bora – von der Pfarrfrau zur Bischöfin« zeichnet den Weg zur Gleichberechtigung in der evangelischen Kirche nach. – Foto: epd-bild

So wie Elisabeth ging es vielen Frauen. Sie wurden angefeindet und später vergessen. Trotz der starken gesellschaftlichen Veränderungen in der Frühen Neuzeit blieben die Möglichkeiten von Frauen begrenzt. Erst Jahrhunderte später sollte sich das ändern.

Je mehr aber die Reformation zur Institution wurde, desto mehr wurden Akteurinnen wieder an den Rand gedrängt, so die Historikerin und Geschlechterforscherin Eva Labouvie bei der Eröffnung einer Tagung unter dem Thema »Glaube und Geschlecht – Gender Reformation« an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Zudem sei die Aufwertung der Ehe durch Martin Luther mit der Abwertung anderer Lebensformen einhergegangen und mit einer Verhäuslichung des weiblichen Lebens mit ihren bis heute spürbaren Folgen. Auch die Auflösung der Klöster sei als ambivalent anzusehen.

Maria Jepsen, vor 25 Jahren zur ersten lutherischen Bischöfin der Welt gewählt, erinnerte daran, dass die Kirchenleitung und das Lehren über Jahrhunderte in Männerhand gelegen haben. »Frauen hatten zu schweigen und sich unterzuordnen«, so die Theologin. Nicht nur die Frauen der Reformationszeit, auch die der frühen Kirche seien vergessen worden. Aber man müsse »nur graben und dann wird man Schätze im Acker finden«. Die Reformation sei eben eine Reformation gewesen und keine Revolution. Veränderungen der patriarchalischen Ordnung habe es erst nach der Aufklärung gegeben. Die Frauenbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts habe dann auch die Kirchen verändert. Heute müsse man aufpassen, dass nicht wieder der Pragmatismus siegt, dass offene und versteckte Diskriminierung nicht fortgesetzt würde, so die Theologin Jepsen.

Heide Wunder ist eine der ersten Historikerinnen in Deutschland, die die Geschlechtergeschichte erforschte. »Die Folgen der Reformation für die Geschlechtergeschichte sind gravierend, aber umstritten«, sagte sie, denn die Reformation habe die Rechtsperson des Ehemannes gestärkt. Aus der behaupteten Inferiorität des weiblichen Geschlechts folgte die Unterordnung unter den Mann. Für Luther sei die Ehe zwar nicht mehr heilig, sondern ein »weltlich Ding« gewesen, zugleich habe er aber die Ehe als Lebensform aufgewertet. Zwar hatte die Frau als Hausmutter eines christlichen Haushaltes auch Teil an der Macht, war aber trotzdem dem Mann zum Gehorsam verpflichtet und sollte auch Züchtigungen klaglos hinnehmen. In evangelischen wie katholischen Ehen wollten die Frauen jedoch Bildung und ein »tätiges Leben in der Welt«, so die Hochschullehrerin im Ruhestand.

Dorothee Kommer, Pfarrerin aus Haigerloch in Württemberg, stellte Frauen als Verfasserinnen reformatorischer Flugschriften vor. 19 Schriften sind bekannt. Viele davon schrieb die bayrische adelige Argula von Grumbach (um 1492–1568). Sie und Ursula Weyda (1504–1565) aus Altenburg seien die ersten namentlich bekannten Autorinnen von Flugschriften gewesen. Dafür seien sie Anfeindungen ausgesetzt gewesen. Dennoch: »Frauen traten in die Öffentlichkeit und durchbrachen damit die Rollenbilder ihrer Zeit«, so Dorothee Kommer.

Lyndal Roper, Historikerin aus Oxford, verwies auf die in den Tischreden Martin Luthers überlieferten Scherze, die oft auf Kosten von Frauen gingen. Diese würden ihren Leistungen nicht gerecht – auch nicht denen seiner Frau Katharina. Es bestehe ein krasser Widerspruch von Luthers Theologie, in der die prinzipielle Gleichheit zwischen Frau und Mann herrsche, sowie schriftlichen Zeugnissen der Reformatoren über Frauen.

Anne Conrad, Historikerin und katholische Theologin aus Saarbrücken, nahm die Folgen der Klosteraustritte von Frauen und Männern in den Blick. »Der Austritt aus dem Kloster war eine existenzielle Gewissensentscheidung«, so Conrad. »Kritik und gesellschaftliche Ausgrenzung waren oft die Folgen.« Ein Gewinn sei der Austritt aus dem Kloster wohl für solche Frauen und Männer gewesen, die dorthin gezwungen worden waren. Die reformierte Theologin Marie Dentière (1495–1561) schrieb, dass sie erst durch den Austritt aus dem Kloster »zum hellen Licht der Wahrheit gelangt« sei. Ob andere ehemalige Nonnen und Mönche das auch so gesehen haben, lässt es zumindest für einige fraglich erscheinen.

Angela Stoye

Fräulein Rosa und Frau Blau

3. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Humor im Krankenhaus: Zwei Klinik-Clowns bringen Leichtigkeit in Patientenzimmer

»Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum.« – Gedämpft dringt die kleine Melodie durch die Wände. Als der Gesang verklingt, wird eine Tür geöffnet und »Fräulein Rosa« und »Frau Blau« treten in den Flur der Palliativstation des Universitätsklinikums Jena. An ihren Handgelenken baumeln große Taschen, die Petticoats rascheln unter ihren Kleidern. Das Lied habe der Patientin gefallen, sie sei immer gern gewandert, erzählen sie, und ihre glitzerbepuderten Augen umspielt ein Lächeln. Ein Ausdruck, der bleibt. Auch, nachdem der Glitzer verschwunden, die Kostüme in Tüten verstaut und »Fräulein Rosa« und »Frau Blau« wieder Dorothea Kromphardt und Karina Esche sind.

Auftritt: Dorothea Kromphardt (re.) und Karina Esche bringen als »Fräulein Rosa« und »Frau Blau« ein Lächeln in die Zimmer auf der Palliativstation im Jenaer Universitäts­klinikum. Foto: Beatrix Heinrichs

Auftritt: Dorothea Kromphardt (re.) und Karina Esche bringen als »Fräulein Rosa« und »Frau Blau« ein Lächeln in die Zimmer auf der Palliativstation im Jenaer Universitäts­klinikum. Foto: Beatrix Heinrichs

Seit März sind die Frauen auf der Palliativstation im Einsatz. In Jena kennt man sie schon länger: Als die Klinikclowns »Knuddel« und »Flotti Lotti« bringen sie »ein Stück Leichtigkeit in schwere Zimmer«, wie es Dorothea Kromphardt formuliert. Professionelle Clowns gibt es in Kliniken, Kinderkrankenhäusern, Alten- oder Pflegeheimen. Vielerorts können die Einrichtungen die Arbeit der Clowns nicht finanzieren, meist übernehmen das Vereine oder Stiftungen. Das Projekt von »Fräulein Rosa« und »Frau Blau« wird durch die Stiftung »Humor hilft heilen« gefördert, die das therapeutische Lachen an Kliniken etablieren möchte.

Eine rote Nase macht noch keinen Clown. Das nötige Handwerkszeug vermitteln bundesweit zahlreiche Trainer, eine fundierte Ausbildung bieten Tanz-, Schauspiel- oder spezielle Clowns-Schulen. Dorothea Kromphardt und Karina Esche kommt die Erfahrung aus ihrem früheren Berufsleben zugute. Als Schauspielerin hat Dorothea Kromphardt viele Rollen und Bühnen bespielt. Karina Esche verfügt dank ihrer Gesangsausbildung über ein großes Liedrepertoire. Die Frauen arbeiten seit Jahren zusammen und ergänzen sich.

Egal, ob sie tanzen, singen, übers Wandern, Autos oder Relegationsspiele reden, als »Fräulein Rosa« und »Frau Blau« sind sie in erster Linie gute Zuhörerinnen. »Eine Fähigkeit, die man mitbringen sollte«, weiß Karina Esche. »Genau wie Empathie und Fingerspitzengefühl für Menschen und Situationen – und ein Kostüm, das ist der Türöffner.«

Als Vorlage diente den Frauen die Protagonistin aus der Erzählung »Oskar und die Dame in Rosa« des französischen Schriftstellers Éric-Emmanuel Schmitt. So unkonventionell wie die Romanfigur sind auch »Fräulein Rosa« und »Frau Blau«, wenn sie sich aller zwei Wochen auf der Palliativstation ein Stelldichein geben. Es sind keine eingeübten Nummern, die sie spielen. Der Besuch in den Krankenzimmern ist reine Improvisation, die Impulse kommen dabei von den Patienten. »Wir arbeiten viel mit der Vorstellungskraft der Menschen, ihren Erinnerungen, auch mit dem, was das Zimmer uns anbietet – und nicht zu vergessen: mit Humor«, erklärt Dorothea Kromphardt.

Lachen ist gesund, das ist eine alte Volksweisheit. Als medizinisch erwiesen gilt, dass die Glückshormone, die dabei produziert werden, positiv auf Körper und Seele wirken. Das zeigt auch eine tiefenpsychologische Studie des Kölner Rheingold Instituts, die 2012 und 2013 in mehreren deutschen Kliniken durchgeführt wurde. Ein Ergebnis: Die Arbeit der Klinikclowns hilft Patienten, zuversichtlicher und gelöster mit ihrer Krankheit umzugehen.

Begründet liegt die positive Wirkung vielleicht in dem Hauch von Anarchie, der mit den lächelnden Gesichtern in den Krankenzimmern Einzug hält. »Fräulein Rosa« und »Frau Blau« brechen den von routinierten Abläufen bestimmten Klinikalltag spielerisch auf. »Das letzte Mal haben wir mit einer Patientin ausgelassen getanzt. Heute habe ich sie gehalten und wir haben zusammen geweint«, erzählt Karina Esche. »Leichtigkeit und Tiefe im Clownesken zu vereinen«, weiß Dorothea Kromphardt, »sei die eigentliche Kunst.«

Eine Kunst, die den Klinikclowns einiges abverlangt. Das Päckchen, das viele von ihnen mit sich tragen, ist groß und wird mit den Jahren und der Erfahrung oft nicht leichter. Wichtig sei es, die traurigen Augenblicke zuzulassen, da sind sich die Frauen einig. Auch, wenn der Beruf seine schweren Momente hat, tauschen möchten Dorothea Kromphardt und Karina Esche nicht. »Was wir tun, ist für uns eine Herzensarbeit, der schönste Beruf der Welt.«

Beatrix Heinrichs

Journalist: Evangelische Kirche biedert sich an

27. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Verriss: Ein kirchenkritisches Lutherbuch von Uwe Siemon-Netto

Die Lutheraner sind obrigkeitshörig und die Reformierten demokratisch gesinnt. Diese Ansicht wird in verschiedenen Varianten gerne gepflegt. Die »Deutschen Christen« hingegen hingen mit Luthers Zwei-Reiche-Lehre unterm Arm ihrem vermeintlich gottgesandten Führer an den Lippen und vergaßen vor lauter Obrigkeitshörigkeit, wie unchristlich und -menschlich dessen krude Ideologie war.

So war es wohl – wenn man denn verallgemeinern will oder muss. Dem in Leipzig geborenen Theologen und Publizisten Uwe Siemon-Netto gehen diese Verallgemeinerungen allerdings gegen den Strich. Er hält ihnen entgegen, der lutherische Protestantismus habe die Deutschen nicht zu »obrig­keitsduseligen Duckmäusern« gemacht – im Gegenteil. Luther sei ein »Lehrmeister des Widerstandes« gewesen. »Dieses Buch ist ein Plädoyer für den Freispruch Martin Luthers von dem stereotypen Vorwurf, der Wegbereiter Adolf Hitlers gewesen zu sein«, verspricht Siemon-Netto.

Feuilli-2017-25Das Vorhaben scheint ehrenwert, baut aber bei näherem Hindenken auf einer populistischen Verzerrung auf, schließlich wirft niemand Luther vor, bewusst Weichen in Richtung antisemitischer Ideologie des 20. Jahrhunderts gestellt zu haben. Dass er von den Nazis instrumentalisiert wurde, ist hingegen unbestreitbar. Sei’s drum: Die Argumente, mit denen Siemon-Netto Luther vor ideologischer Vereinnahmung schützen will, sind gar nicht schlecht. Penibel analysiert er Luthers Schriften und entmachtet das Vorurteil, Luther sei ein Fürstenknecht gewesen. Ja, es kann sich lohnen, Luther von Klischees zu befreien und noch einmal gründlich zu lesen. Und es ist erhellend zu sehen, wie fromme Männer im Geiste Luthers den Nazis die Stirn boten, zum Beispiel Carl Goerdeler oder Dietrich Bonhoeffer.

Siemon-Netto geht allerdings noch weiter. »In Wahrheit«, schreibt er, »war Luther der Lehrmeister der Résistance gegen jegliche Tyrannei.« Mit einem Augenzwinkern könnte man das behauten und Luther in ein Che-Guevara-Gewand kleiden. Bei Siemon-Netto klingt das jedoch wie undifferenzierte Lobhudelei. Ebenso seine Deutung, die friedliche Revolution sei ein »sehr lutherisches Ereignis« gewesen. Der christliche Glaube kann Menschen zweifellos darin bestärken, gegen Tyrannen vorzugehen. Aber, dass die Lutheraner da gegenüber den Reformierten oder Katholiken im Vorteil wären, ist eine bloße Behauptung.

Wie besessen schimpft Siemon-Netto auf »Kirchenführer« der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und behauptet, sie würden einen »Kotau vor dem extremen Feminismus und dem Massenmord an ungeborenem Leben« machen. Dann folgt ein Rundumschlag. Siemon-Netto prangert die Gleichstellung Homosexueller und das Gender Mainstreaming an, da die göttliche Schöpfungsordnung dadurch unterminiert werde.

Der EKD-Reformationsbotschafterin Margot Käßmann wirft er »klerikale Hypokrisie« vor, sie habe Luther nicht begriffen. »Kirchenfunktionäre« weigerten sich »gefühlsduselig«, Muslimen das Evangelium zu verkünden, und die »Tragik« der EKD bestehe darin, dass dort viele zu »bibelwidrigem Denken« zurückgekehrt seien.

Mit seinen Rundumschlägen stellt sich Siemon-Netto selbst ins Abseits und disqualifiziert sich als ernst zu nehmender Dialogpartner. Schade eigentlich.

Uwe Birnstein

Siemon-Netto, Uwe: Luther. Lehrmeister des Widerstands. Fontis-Verlag, 234 S., ISBN 978-3-03848-092-1, 15,99 Euro

Christenlehre für Iraner

20. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Flüchtlingsgeschichte: Sie wirkt bei vielen reformierten Gemeinden bis heute nach

Ausgerechnet im Dom zu Halle, dem Schmuckkästchen von Luthers Gegner Kardinal Albrecht, haben die Reformierten im 17. Jahrhundert ihre Heimat gefunden. Die Geschichte der evangelisch-reformierten Gemeinde ist eine Geschichte von Flucht und Vertreibung. Nachdem die Hugenotten von Frankreich auch nach Halle geflohen waren, überließ ihnen der »Große Kurfürst« Friedrich Wilhelm von Brandenburg 1688 den Dom »zur ewigen Nutzung«. Heute, fast 330 Jahre später, nimmt die Gemeinde selbst Flüchtlinge auf – aus dem Iran und Afghanistan.

»Die Ernsthaftigkeit, mit der diese jungen Menschen ihrer Taufe begegnen, berührt mich und viele andere in unserer Gemeinde«, sagt Jutta Noetzel, Pfarrerin der Domgemeinde und Senior des reformierten Kirchenkreises der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Viele Täuflinge empfinden die Aufnahme in die christliche Gemeinschaft als Start in ein neues Leben. Zum Teil hatten sie sich im Iran bereits einer christlichen Hauskirche angeschlossen. Manche sind auf der Flucht konvertiert. Andere haben sich in Deutschland dazu entschlossen. Auf die Konversion steht im Iran die Todesstrafe. Oft ist sie zudem mit Verwerfungen in den Familien verbunden.

Das Bekenntnis ist ein Ja zum Christentum, aber auch ein Nein zu einer religiös-fundierten Ideologie, eine Absage an das totalitäre und brutale Regime im Iran. Die Bergpredigt, besonders die Seligpreisungen, seien für viele der Iraner wichtige Texte.

Vor allem bei Geflüchteten, die sich in Deutschland taufen lassen, hinterfragt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die Motivation. In etlichen Fällen wird sie als »selbst verschuldeter Nachfluchtgrund« eingestuft. Zu den »Glaubensprüfungen« des Bamf sagt Jutta Noetzel: »Es ist eine pfarramtliche Aufgabe, die Taufe zu verantworten.«

Seit etwa zwei Jahren ist die Domgemeinde Anlaufstelle für christliche Flüchtlinge. Das war nicht forciert. Es ergab sich. Diakonische Aufgaben waren selten und sind bis heute zweitrangig, der Taufwunsch stand stets im Vordergrund. Mittlerweile bietet die Gemeinde »Christenlehre für Iraner« an. Jeden Donnerstag treffen sie sich mit Pfarrerin Noetzel, um mithilfe des Übersetzers Vahid Shahidifar über den christlichen Glauben zu sprechen und die Bibel zu lesen.

Flüchtlingsherberge: Jutta Noetzel vor dem Dom in Halle. Bereits 1688 überließ Friedrich Wilhelm von Brandenburg das Gotteshaus den reformierten Glaubensflüchtlingen aus Frankreich. Foto: Katja Schmidtke

Flüchtlingsherberge: Jutta Noetzel vor dem Dom in Halle. Bereits 1688 überließ Friedrich Wilhelm von Brandenburg das Gotteshaus den reformierten Glaubensflüchtlingen aus Frankreich. Foto: Katja Schmidtke

Dabei kommen bestimmte Themen immer wieder zur Sprache, etwa die Frage nach der Gottessohnschaft Jesu und der Zusammenhang von Altem und Neuem Testament. Der Iran lehnt Israel ab, es gibt dort einen scharfen Antisemitismus. »In dieser Kultur sind sie groß geworden. Wir machen deutlich, dass wir Antisemitismus radikal ablehnen. So steht es auch in unserer Kirchenverfassung.« Vor allem komme es auf eine persönliche Haltung zum Glauben an und darauf, Pluralität zu akzeptieren. Eine feste Gruppe von bis zu 20 Leuten komme regelmäßig – auch in die Gottesdienste. Um sie zu integrieren, wird eine der Lesungen auf Farsi gehalten. Auch ein Handzettel zum Gottesdienstablauf ist in Vorbereitung.

In der 250 Menschen zählenden Domgemeinde sei aufgrund der eigenen Flüchtlingsgeschichte die Akzeptanz groß, erzählt Pfarrerin Noetzel. Die jungen Flüchtlinge brechen radikal die Altersstruktur auf. Das Gemeindeleben sei offener und lebendiger geworden. Am Heiligabend gab es ein gemeinsames Essen: Gans, nach persischem Rezept.

Katja Schmidtke

Streiter für die Einheit der Kirchen

12. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Zeitz hat Julius Pflug wieder-entdeckt. Zum ersten Mal steht der Humanist und Kirchenmann im Zentrum einer großen Ausstellung.

Für fünf Monate ist er zurückgekehrt an den Ort seines einstigen Wirkens. Von der Berliner Figurenbauerin Lisa Büscher lebensecht nachgebildet, sitzt Julius Pflug in seinem Arbeitszimmer auf der Moritzburg in Zeitz: Butzenscheiben in den Fensterrahmen, ein Tisch mit Schieferplatte, ein Buch und davor ein ernster, hagerer Mann. Besucher können sich auch vorstellen, wie der letzte katholische Bischof des Bistums Naumburg auf sein Leben zurückschaut und alte Briefe noch einmal liest, darunter einen des Humanisten Erasmus von Rotterdam: »Wie sehr Dich diese ins Schlimme steigernden Spaltungen verdrießen, und mit wieviel Herzblut Du die von allen Frommen gewünschte Einheit der Kirche ersehnst, verehrter Julius, legen zur Genüge Deine so zahlreichen Briefe dar.«

Lebensechte Nachbildung: Julius Pflug in seinem wiedererstandenen Arbeitszimmer auf der Moritzburg. Aus über- lieferten Inventaren weiß man etwa, was sich einst darin befand. Foto: Vereinigte Domstifter/K. Prescher

Lebensechte Nachbildung: Julius Pflug in seinem wiedererstandenen Arbeitszimmer auf der Moritzburg. Aus über- lieferten Inventaren weiß man etwa, was sich einst darin befand. Foto: Vereinigte Domstifter/K. Prescher

Der Begriff Ökumene wurde in früheren Jahrhunderten nicht in der Bedeutung verwendet wie seit dem 20. Jahrhundert. Aber Pflug gehörte zu den wenigen in seiner Zeit, die die Spaltung der Kirche, die auf die Reformbemühungen Luthers folgte, aufzuhalten versuchten. Über Jahrhunderte war Julius (von) Pflug fast vergessen, tauchte sein Name allenfalls im Zusammenhang mit dem Naumburger Bischofsstreit 1541/42 auf. Jetzt würdigt ihn eine kulturhistorische Ausstellung, die Pfingsten in Zeitz eröffnet wurde und den Titel trägt »Dialog der Konfessionen. Bischof Julius Pflug und die Reformation«. Schirmherren sind Kurt Kardinal Koch und der Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes, Martin Junge. Denn Pflugs Wirken orientierte sich zeitlebens am Erhalt der Einheit der Christen. So gilt er heute als einer der wichtigsten katholischen Vordenker der Ökumene.

Julius Pflug wurde 1499 als Sohn einer kaisertreuen sächsischen Adelsfamilie geboren. Als Elfjähriger immatrikulierte er sich an der Universität Leipzig und setzte ab 1517 seine Studien in Bologna und Padua fort. Als Doktor beider Rechte machte er unter Herzog Georg dem Bärtigen schnell Karriere. 1539, nach dem Tod Georgs, wurde er Zeuge der erzwungenen Einführung der Reformation im Hochstift Meißen und zog sich nach Mainz zurück. Als der Naumburger Bischof Philipp starb, wählte ihn das Domkapitel 1541 zu seinem Nachfolger. Doch der evangelische Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen, der sich übergangen fühlte, ließ im Januar 1542 durch Luther

Nikolaus von Amsdorf als ersten evangelischen Naumburger Bischof einsetzen. Erst nach der Schlacht bei Mühlberg 1547, die mit der Niederlage des Schmalkaldischen Bundes endete, zog Julius Pflug in sein Bistum ein.

1530 hatte er beim Reichstag in Naumburg mit der Verlesung der Confessio Augustana die Geburtsstunde des Protestantismus miterlebt. In den Folgejahren wurde er nicht müde zu mahnen, dass die Kirche zwar zu reformieren, aber nicht zu spalten sei. Auch als Bischof blieb Julius Pflug dem Ausgleich treu. Mit seinem Tod 1564 endetedas katholische Bistum Naumburg-Zeitz.

Für die Ausstellung im Dom-Schloss-Ensemble und der Michaeliskirche haben die Vereinigten Domstifter als Träger rund 250 Exponate aus vier Ländern zusammengetragen.

Als zentrales Objekt sehen Besucher einen begehbaren Glaskristall – eine Installation, die die von Papst Franziskus geäußerte Vision von Ökumene als »versöhnter Vielfalt« verdeutlichen soll. In den Rundgang einbezogen sind sonst nicht zugängliche Räume wie die Christophoruskapelle des Domes und die Fürstenloge. Die heute aus knapp 900 Bänden und 1700 Drucken bestehende Bibliothek des Julius Pflug wird im Torhaus des Schlosses präsentiert. Sie ist eine der wenigen, nahezu vollständig erhaltenen Privatbibliotheken der Reformationszeit. Hinzu kommt eine umfassende Korrespondenz mit über 300 Persönlichkeiten des 16. Jahrhunderts, die zum Teil nicht erforscht ist, aber Interessantes erwarten lässt. Schon Zeitgenossen würdigten Julius Pflug auf einer Gedenktafel: »Wie groß seine Gelehrsamkeit war, werden seine Schriften noch nach langer Zeit bezeugen.«

Angela Stoye

Zu sehen bis 1. November, Montag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr.

www.vereinigtedomstifter.de

www.reformation-zeitz2017.de

Geschichte in neuem Licht

4. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Die Zeitzer Michaeliskirche ist umfassend saniert worden. Private Spender finanzierten die Restaurierung der Nonnenkapelle.

Draußen blendet die Sonne, drinnen strahlendes Weiß. Es riecht nach frischer Farbe – wenige Tage vor der Wiedereinweihung der Michaeliskirche. Handwerker wuseln, streichen Holzteile, befestigen Geländer, fegen den Boden aus Vogesensandstein. Hell, freundlich, lichtdurchflutet präsentiert sich das Gotteshaus. »Die offene Kirche ist nun wahrlich ein Anziehungspunkt, ein Tor zur Stadt«, sagt Dombaumeisterin Regine Hartkopf.

St. Michaelis ist die evangelische Hauptkirche von Zeitz, das Bauwerk gehört den Vereinigten Domstiftern zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz. Rund zwei Millionen Euro hat die Stiftung in die Generalsanierung investiert. An den Kosten beteiligten sich auch die Evangelische Kirche Mitteldeutschlands, die Stadt Zeitz, das Land Sachsen-Anhalt und die Bundesrepublik. Besonders freut sich Stiftsdirektor Holger Kunde über das Engagement privater Spender. Ein »sehr hoher Betrag« sei beispielsweise von der Hermann-Reemtsma-Stiftung gekommen. Auch die Messerschmitt Stiftung in München und Nachfahren der Familie Naether, die in Zeitz die Kinderwagen-Herstellung begründete, unterstützten die Arbeiten. Letztere ermöglichten mit ihrer Spende die Restaurierung der Nonnenkapelle.

Der zuletzt als Lager genutzte Raum diente ursprünglich der Verbindung zwischen Kirche und benachbartem Kloster. »So konnten die Nonnen am Gottesdienst teilnehmen«, erklärt Regine Hartkopf. An den Wänden fanden sich erstaunliche Malereien: eine Kreuzigungsszene von 1469 und eine Pieta, fast so fein wie ein Tafelgemälde. Ergänzt um einen Altar mit Beweinungsszene und ein Vortragekreuz, widmet sich dieser Raum ganz Christus und lädt zur Einkehr ein.

Eine weitere Überraschung fanden die Bauleute im Fußboden der 1154 erstmals erwähnten Kirche: Mauerreste aus dem 12. Jahrhundert und Grabplatten. Ein Teil der historischen Funde wird weiterhin zu sehen sein.

Blick von der Stadt auf St. Michaelis. Die Kirche mit der Gedenkstele zur  Erinnerung an Oskar Brüsewitz ist die evangelische Hauptkirche von Zeitz. Foto: Katja Schmidtke

Blick von der Stadt auf St. Michaelis. Die Kirche mit der Gedenkstele zur Erinnerung an Oskar Brüsewitz ist die evangelische Hauptkirche von Zeitz. Foto: Katja Schmidtke

»Wir freuen uns, die neue Kirche jetzt nutzen zu können«, sagt Friederike Hüfner vom Gemeindekirchenrat. Seit Beginn der Arbeiten im Kircheninneren im Frühling 2016 hatte die Gemeinde die Stephanskirche genutzt, für größere Veranstaltungen wie den Auftakt des Reformationsjahrs und des Festjahrs zu 1050 Jahre Zeitz auch das Franziskanerkloster. Besonders stolz ist die Gemeinde auf den Cranach, der in der sanierten Michaeliskirche einen zentralen Platz erhält.

Das Gemälde, das Christus als Salvator zeigt, war zuletzt auf der Empore zu sehen und wird nun im Chor aufgestellt. »Der Chorraum ist völlig neu gestaltet worden«, erklärt Dombaumeisterin Hartkopf. An einem modernen Holzgerüst wird das Bild befestigt. In gleicher Holzbauweise sind in der Werkstatt des Wernigeröder Künstlers Günter Grohs ein Altartisch, ein Lesepult und ein Kerzenleuchter entstanden. Grohs hat auch ein Chorfenster neu geschaffen. Es schützt zum einen das wertvolle Gemälde vor der UV-Strahlung des Sonnenlichts und nimmt zum anderen künstlerisch die Farbgestaltung des Kircheninneren auf. Dezente Farben prägen Raum und Fenster: Weiß, Grau, Gold.

»Die Bauarbeiten«, bilanziert Stiftsdirektor Kunde, »lassen die Geschichte des Ortes wieder zum Tragen kommen. Die Bedeutung der Kirche ist erkennbar.« Das werden nicht nur die Gemeindeglieder so erleben, sondern sicherlich auch zahlreiche Besucher. St. Michael ist eine offene Kirche und in diesem Jahr auch Ausstellungsort. Neben Museum Schloss Moritzburg, dem katholischen Dom St. Peter und Paul sowie der Stiftsbibliothek im Torhaus ist sie einer von vier Standorten der Zeitzer Sonderausstellung »Dialog der Konfessionen. Bischof Julius Pflug und die Reformation«, die vom 5. Juni bis 1. November zu sehen ist.

Katja Schmidtke

Festgottesdienst zur Wiederinbetriebnahme am Pfingstmontag, 9.30 Uhr

»Nass wirst du ja sowieso«

26. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Reformation kurios: Flusspilger schwimmt 95 Kilometer zum Festwochenende nach Wittenberg

»Ich brauche nur Bananen!« Bevor Claus-Rainer Wolter in den kalten Fluss steigt, isst er mindestens drei davon. In der Banane, erklärt der 70-Jährige, ist nämlich alles drin, was sein Körper benötigt, um über längere Distanzen schwimmen zu können. Nach 15 Kilometern ein weiterer Bananen-Stopp, Mineralwasser für die Flüssigkeit und noch mal eine Portion Melkfett auf Haut und Muskelpartien. Das soll Wolter vor dem Auskühlen bewahren. 30, 45, selbst 65 Kilometer an einem Tag sind für ihn kein Pro­blem, sagt der passionierte Fluss- und Ex­tremschwimmer. Er nennt es Fluss­pilgern. Aber warum das alles?

Wolter erklärt es so: Erzählt er jemandem, wie schädlich der Ausbau der Elbe für den Fluss und das Auenwaldgebiet entlang der Elbe ist, dann interessiert das keinen. Sagt er aber, dass er die Elbe zur »Bewahrung der Schöpfung« abschwimmt, setze bei den Zuhörern ein Denkprozess ein. Dann kann er mit ihnen über die Gefahr sprechen, dass der Grundwasserspiegel sinkt, je mehr sich der Fluss vertieft und infolgedessen Tiere und Pflanzen sterben.

Extremschwimmer Claus-Rainer Wolter will pünktlich zum Festwochenende in Wittenberg aus der Elbe steigen. – Foto: epd-bild

Extremschwimmer Claus-Rainer Wolter will pünktlich zum Festwochenende in Wittenberg aus der Elbe steigen. – Foto: epd-bild

Und Wolter kennt den Fluss sehr gut. Seit Jahren steigt er regelmäßig in die Elbe und wirbt mit seinen spektakulären Schwimmtouren für den Schutz des Flusses.

Manchmal dreht sich Wolter beim Schwimmen in der Elbe auf den Rücken, sieht in den Himmel und hält für einen Moment inne. »Es ist der Wahnsinn, welchen Tieren du da begegnest«, sagt er. Da sind der Fischadler und der Eisvogel und dort der Reiher. »Eine beeindruckende Natur!« Wenn Wolter früh am Morgen oder im Mondschein schwimmt, entdeckt er auch mal einen Biber auf den Buhnen, erzählt er. Angst brauche man vor dem Fluss keine haben, aber Respekt und Vorsicht bei Verwirbelungen an Brückenpfeilern oder Buhnen.

Zum 36. Kirchentag in diesem Jubiläumsjahr des 500. Reformationsgedenkens steigt er bei Flusskilometer 119,3 ins Wasser. »Größtenteils bin ich vom Wetter unabhängig«, sagt Wolter. »Nass wirst du ja sowieso.« Vor Beginn des Kirchentages liegt die Wassertemperatur der Elbe im Raum Wittenberg bei rund zwölf Grad. Wer will, darf Wolter die letzten Meter vor dem Ziel in der Wittenberger Marina schwimmend begleiten. Auf die Kommastelle genau 95 Kilometer – für jede These des Reformators einer.

Ursprünglich wollte Wolter genau am 28. Mai in Wittenberg anlanden, wenn auf den Elbwiesen vor der Stadt der große Abschlussgottesdienst des Kirchentags stattfindet. Aber die Sicherheitsbestimmungen sind so hoch, dass dann niemand mehr anschwimmen darf.

Christina Özlem Geisler (epd)

Ein Gefängnis wird zum Ort der Freiheit

22. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Internationale Gegenwartskunst trifft auf Martin Luther, den Avantgardisten seiner Zeit. Ein Rundgang durch die Ausstellung »Luther und die Avantgarde«.

Ein ehemaliges Gefängnis wird zu einem Ort der Freiheit, der künstlerischen Auseinandersetzung mit der geistigen Freiheit. Am 19. Mai öffnet das Alte Gefängnis in Lutherstadt Wittenberg seine Türen für die Besucher und präsentiert bis 17. September in der Ausstellung »Luther und die Avantgarde« zeitgenössische Kunst. Der Reformator steht nicht als historische Person im Vordergrund. Er dient als Denkmodell, als Ideengeber und wird als Avantgardist seiner Zeit verstanden. Luther habe die Religion und die Sprache revolutioniert und die Welt verändert, so Kuratorin Dan Xu. Die Ausstellung im Alten Gefängnis in Wittenberg frage nach der aktuellen Bedeutung der Reformation und
zeige dabei die Perspektive der Kunst.

Wandmalerei des chinesischen Künstlers Sun Xun: Ihn interessiert, wie geschichtliche Ereignisse reflektiert werden. Foto: Sun Xun

Wandmalerei des chinesischen Künstlers Sun Xun: Ihn interessiert, wie geschichtliche Ereignisse reflektiert werden. Foto: Sun Xun

70 Künstlerinnen und Künstler aus fünf Kontinenten setzen sich wie einst Martin Luther mit gesellschaftlichen Themen auseinander. Der Ausstellungsort, das Alte Gefängnis in Wittenberg mit seiner rustikalen Atmosphäre, ist außergewöhnlich. Die ehemalige Haftanstalt wurde eigens für die Ausstellung öffentlich zugänglich gemacht. Jeder Künstler gestaltete eine der auf drei Etagen befindlichen Zellen. Zu sehen sind Gemälde, Skulpturen, Installationen, Wandmalereien, Fotografien, Filme und Videos.

Mehrere Künstler nehmen Luthers Bibelübersetzung zum Anlass, sich der Sprache zuzuwenden. Die Wände im Treppenaufgang zieren chinesische Schriftzeichen. Es sind Schriftzeichen, die in China verboten wurden und deshalb verloren gingen. Etwa zwei Drittel der traditionellen Schriftzeichen seien aus dem Schrift- und Sprachgebrauch verschwunden. Die chinesische Künstlerin Jia wolle zeigen, wie mit dem Verlust der Schriftzeichen zugleich Kultur und Tradition in ihrem Land verloren gegangen sei. Der Text aus diesen Schriftzeichen, der sich den Treppenaufgang des Gefängnisses hinaufzieht, ist ästhetisch ansprechend, er sei jedoch bedeutungslos, so Kuratorin Xu.

Ein Roboter schreibt in handschriftlicher Kalligrafie die gesamte Bibel ab, eine Arbeit, die früher Mönche erledigten.

Xu Bing, ein chinesischer Künstler, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Sprache und Schrift. Er schuf eine Sammlung von Büchern mit Schriftzeichen, ähnlich den chinesischen, die jedoch keine lesbare Bedeutung haben. Im Gegensatz dazu enthält sein »Book from the ground« Bildschriftzeichen, Emojis, die jeder Mensch interpretieren kann. Das 2014 veröffentlichte Buch ist als erstes belletristische Werk nur mit Emojis als Schriftzeichen geschrieben. Für die Ausstellung in Wittenberg übersetzte Xu Bing die Bibel in eine Symbolsprache.

Sun Xun, ebenfalls ein chinesischer Künstler, wuchs in der Zeit unmittelbar nach der chinesischen Kulturrevolution auf. Wie Kuratorin Dan Xu sagt, beeinflussen diese Erfahrungen seine Arbeit. Ihn interessiere, wie geschichtliche Ereignisse von den Menschen wahrgenommen und von den Medien dargestellt werden. Mit Luther habe er sich aus der Distanz heraus beschäftigt und gehe der Frage nach, was die heutige Lutherbibel mit der von damals zu tun habe.

Thema der tschechischen Künstlerin Eva Kotátková ist die Anatomie des menschlichen Körpers. In ihren Arbeiten geht es darum, wie Regeln, Erziehung, Konventionen und Kon­trollmechanismen auf den Menschen wirken. In Wittenberg präsentiert sie Folterinstrumente, unter anderem eine zur Foltermaschine umgebaute Druckmaschine.

»Licht ins Dunkel bringen« ist das Thema der Arbeit von Monica Bonvicini, einer Lichtinstallation.

Neben den genannten präsentieren auch bekannte Künstler wie Ai Weiwei, Stephan Balkenhol und Günther Uecker ihre Werke. Zum Teil wurden die Arbeiten eigens für die Ausstellung angefertigt, einige entstanden vor Ort oder wurden gezielt ausgewählt. Die künstlerischen Reflexionen kreisen um Themen wie Freiheit und deren Gefährdung, Demagogie und Widerstand, Verantwortung und Toleranz.

Sabine Kuschel

»In vier Jahren bist du tot«

14. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Eine krasse Idee: Der württembergische Pfarrer Heiko Bräuning hat sich ein Sterbedatum gesetzt. Er wollte spüren, wie es sich im Angesicht des Todes lebt. Nun kündigt er seine Arbeitsstelle.

Die Traueranzeige hatte er im Jahr 2012 entworfen:

Feuilleton-3-19-2017Doch das Ganze nur als Experiment, als Gedankenspiel. Der evangelische Pfarrer setzte sich das fiktive Sterbedatum, um zu erfahren, wie es sich angesichts des bevorstehenden Todes lebt. Seine Erlebnisse und Gedanken aus diesen vier Jahren hat er in einem Buch zusammengefasst.

In Kirchen hört man das Gebet aus Psalm 90, Vers 12 häufiger: »Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden.« Doch wie soll man das bedenken, wenn es einen jeden Tag treffen kann, andererseits statistisch das Lebensende noch Jahrzehnte entfernt liegt? Genau deshalb ist Bräuning auf die Idee eines vier Jahre entfernten Todestages gekommen.

Kaum steht der Termin im Kalender, verändert sich vieles. Warum soll er noch so viele Überstunden im Büro machen, anstatt mit seinem Sohn auf den Fußballplatz zu gehen, fragt er sich. Warum soll er mit seiner Ehefrau im Clinch liegen, wenn demnächst ohnehin alles vorbei ist? Warum soll er in den letzten Monaten seines Lebens noch in Dinge investieren, die ihm weder Spaß machen noch sein Interesse finden? Zeit wird auf einmal sehr kostbar.

Ihm gehe es »nicht um eine perfekte Sterbevorbereitung, sondern um eine gute Lebenseinstellung«, schreibt Bräuning. Für den verheirateten Vater von vier Kindern hat das Experiment weitreichende Konsequenzen. Der 47-Jährige erkennt, dass er als Gemeindepfarrer – derzeit auf einer 50-Prozent-Stelle – nicht am richtigen Platz ist. Deshalb wird er zur Jahresmitte aus dem landeskirchlichen Dienst aussteigen.

Heiko Bräuning: Manche haben ihn vor einer »selbsterfüllenden Prophezeiung« gewarnt. Foto: epd-bild

Heiko Bräuning: Manche haben ihn vor einer »selbsterfüllenden Prophezeiung« gewarnt. Foto: epd-bild

Gewachsen ist seine Leidenschaft für den TV-Gottesdienst »Stunde des Höchsten«, den er vor acht Jahren ins Leben gerufen hat. Die Sendungen werden auf Bibel TV und im Internet ausgestrahlt. Das Diakoniewerk »Die Zieglerschen« in Wilhelmsdorf bei Ravensburg, bei dem Bräuning ebenfalls zu 50 Prozent angestellt ist, unterstützt diese Medienaktivitäten. Weiterhin wird der Fernsehpfarrer und Liedermacher Konzerte geben sowie in der Synode der Evangelischen Landeskirche in Württemberg mitarbeiten.

Die persönliche Deadline hat den Theologen dazu geführt, schneller Nägel mit Köpfen zu machen. »So viele Entscheidungen werden nicht getroffen, weil ich Angst davor habe, was andere über mich sagen«, schreibt er. Und deshalb gönnt er sich Dinge, die immer wieder aufgeschoben wurden: Der begeisterte Klavierspieler kauft sich einen Flügel, nimmt sich viel mehr Zeit fürs Texten und Komponieren, macht den Bootsführerschein, besucht die Passionsfestspiele in Oberammergau, geht mit seinen Kindern ins Stadion zu einem Spiel der Fußball-Nationalmannschaft.

Sein neues Motto: »Nichts mehr auf die lange Bank schieben. Nichts mehr aussitzen. Nichts mehr abwarten bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.«

Bräuning, Heiko: Mein Deadline-Experiment. Vom fiktiven Sterben zum glücklicheren Leben, cap-books, 160 S., ISBN 978-3-86773-283-3, 13,99 Euro

Bräuning, Heiko: Mein Deadline-Experiment. Vom fiktiven Sterben zum glücklicheren Leben, cap-books, 160 S., ISBN 978-3-86773-283-3, 13,99 Euro

Als das gesetzte Todesdatum näher rückt, bekommt es Bräuning allerdings mit der Angst zu tun. Manche haben ihn vor einer »selbsterfüllenden Prophezeiung« gewarnt. An dem Tag selbst rechnet er jeden Moment damit, einen tödlichen Unfall zu erleiden oder an einem Herzinfarkt zu sterben. Doch es passiert nichts – und das Leben geht für ihn weiter.

Heute lebt er nach eigenen Worten anders, bewusster. Wie das auch anderen Menschen gelingen kann, ohne gleich einen Todestermin in den Kalender zu setzen, beschreibt er im letzten Abschnitt seines Buchs. Er wirbt dafür, die eigene Mitte im Leben zu finden, Dankbarkeit zu entdecken, Belastendes loszulassen und den Genuss in den Alltag zurückzuholen – bevor der Tod tatsächlich kommt.

Marcus Mockler (epd)

Luther würde andere Zeichen senden

8. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Sorgte für Furore: Erik Flügges Buch »Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt.« Katja Schmidtke sprach mit Erik Flügge über Luthers Bibelübersetzung und dass sein Deutsch heute nicht zum Vorbild taugt.


Herr Flügge, Martin Luther hat auf der Wartburg die Bibel übersetzt. Mögen Sie sein Deutsch?
Flügge:
Ich kann es nicht nicht mögen, weil ich es – wie wir alle in Deutschland – spreche. Die Kraft seiner Bibelübersetzung war so groß, dass sich die allgemeine deutsche Sprache daran anpasste. Wir sprechen heute alle Lutherisch.

Was wir von ihm lernen können: In seiner Zeit produziert er den dichtesten und kraftvollsten Text. Aber ich bin mir sicher, würde Luther heute leben, würde er nicht noch einmal die Bibel übersetzen. Es gibt ja bereits Dutzende Übersetzungen. Nein, er würde andere Zeichen in diese Welt senden.

Erik Flügge, geboren 1986, ist Kommunikationsberater und politischer Stratege. Zuvor war er in der katholischen Bildungsarbeit tätig. Foto: David Sievers Photography

Erik Flügge, geboren 1986, ist Kommunikationsberater und politischer Stratege. Zuvor war er in der katholischen Bildungsarbeit tätig. Foto: David Sievers Photography

Prediger von heute können sich also an Luthers Deutsch kein Beispiel nehmen?
Flügge:
Nein. Denn es ist ein Deutsch aus Luthers Zeit. Er hat etwas für die Menschen seiner Zeit formuliert. Und diese Menschen hatten Eigenschaften, die wir heute in Deutschland nicht mehr haben: Es handelte sich zum überwiegenden Teil um Analphabeten, um angstgetriebene Menschen, die in tiefer Furcht davor waren, in die Hölle zu kommen. Und für sie produziert Luther den passenden, den befreienden Text.

Das ist das Problem protestantischer Verkündigung: Pfarrer, die heute Luthers Sprache reproduzieren und sich fragen warum es nicht funktioniert. Wir leben in einer anderen Welt, mit anderen Fragen und Bildungsvoraussetzungen.

In Ihrem Buch kritisieren Sie die Sprache der Kirche als Gefühlsduselei und Aneinanderreihung von Worthülsen. Was erwarten Sie von einer guten Predigt?
Flügge:
Ich bin Katholik und habe ein Buch über den Katholizismus geschrieben, der tendiert zur Gefühlsduselei. Der Protestantismus hat eine andere Schwachstelle: Er tendiert zum ewigen Zitat. In Predigten finden sich pausenlos Zitate Luthers, Melanchthons, anderer Denker, wörtlich aus der Bibel. Dabei geht völlig verloren, eigene – auf der Bibel basierende – aber eben eigene Gedanken zu produzieren.

Eine Predigt, über die sich nicht mindestens eine Person aufregt, ist nichts wert. Sie enthält keine Position. Die durchaus umstrittene Margot Käßmann weiß das und sie bezieht in der Frage von Krieg und Frieden klar Position. Sie eckt damit an. Aber sie wird damit auch erkannt.

Also ist Ihre Kritik weniger eine Kritik an der Sprache als an Inhaltslosigkeit?
Flügge:
Sprache ist komplex – deswegen hat es für ein ganzes Buch gereicht. Aber ja. Einer meiner Kritikpunkte lautet: Ihr habt keine Position mehr. Ich finde es dramatisch, dass es das Reformationsjubiläum bis jetzt nicht geschafft hat, auch nur einen einzigen großen gesellschaftlichen Diskurs anzustoßen.

Das bisschen Gerede um die Ökumene interessiert in der Gesamtbevölkerung nicht. Bislang gibt es keine Knallerthese, über die ganz Deutschland zumindest mal eine Woche debattiert und meine Vermutung ist, das wird auch nicht noch passieren. Also bleibt es beim Reformationsgedenken.

Laut idea sind die Gottesdienstbesuche auf einem neuen Tiefstand. Aber bei Hauskreisen, Gesprächsabenden, wenn man anpacken kann, sind Leute da. Wie kommt das?
Flügge:
In solchen Hauskreisen geht es konkret um den Glauben, es wird überhaupt mal statuiert, was ich glaube und dass ich an Gott glaube. Das geht vielen Predigten ab. Da wird Universität gespielt anstatt Zeugnis über den Glauben abzulegen. Hinzu kommt: In kleinen Zirkeln fällt auch die Inszenierung, die Pseudoautorität weg. Und da sind wir bei dem, was frühe Christen gemacht haben: Sie stellten sich nicht mit Mikrofonen in Hallen, sondern sie gingen zu Menschen und aßen rituell gemeinsam und sprachen über ihren Glauben.

Schmusetiere als Bettgenossen

1. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Erzählung von Theodor Weißenborn mit einer Illustration von Maria Landgraf

Steffi liebte Hunde und sprach auf unsern Spaziergängen jeden uns begegnenden Hundebesitzer an. Einmal, als wir am Grüngürtel auf einer Bank saßen, hielt ein Mann mit Fahrrad vor uns an, um an dem Rad etwas zu richten. Das Fahrrad hatte einen zweirädrigen gummibereiften Hänger mit einem Bänkchen, und darauf saß ein vielleicht dreijähriges Mädchen, das einen Mops auf dem Schoß hielt.

Steffi war sofort hellauf begeistert und sagte zu dem Kind: »Das ist aber ein lieber Hund! Darf der denn auch mit ins Bett?« – »Jaaaaa!«, hauchte das Kind mit sich plötzlich verklärendem Gesicht und drückte den Mops fest an sich. Und das gedehnte und ein wenig zaghaft, mehr gehauchte als gesprochene Ja schien zugleich mehr zu sein als eine bloße Bestätigung, es schien vielmehr zu sagen: Eigentlich darf er ja nicht. Aber wenn’s keiner sieht, hole ich ihn zu mir ins Bett, und dann darf er bleiben. – »So muss das auch sein«, sagte Steffi, »Hunde gehören ins Bett und sind ja auch viel lieber als Stofftiere oder Puppen, weil sie lebendig sind.«

Da nickte das Kind lebhaft und plapperte etwas, was ich nicht verstand. Aber ich sah wohl, dass sein ganzes Wesen erstrahlte, und während der Mann (wahrscheinlich der Vater) sich auf sein Rad schwang und mitsamt dem Hänger mit Kind und Mops gemächlich davonfuhr, dachte ich fast neidvoll: Was für ein glückliches Kind!

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

In meinem Elternhaus hatte es keine Tiere gegeben, und was Hunde betraf, so sagte mein Vater (das hatte er in Russland gelernt): »Wer mit Hunden ins Bett geht, steht mit Flöhen wieder auf.« Daran dachte ich, als ich vor etlichen Jahren aus Griechenland den herrenlosen und kranken Phylax mitbrachte. Der wurde rasch geheilt und tierärztlich aufs Beste versorgt.

Und als ich meinen Schulfreund Horst, der Arzt war, fragte, ob ich den Hund mit ins Bett nehmen solle, sagte der Fachmann: »Das ist eine gute Idee! Vielleicht das Beste, wozu man einem Herzkranken raten kann. Ein Tier kann besser sein als ein teures Medikament. Dein Bluthochdruck würde sinken, dein Puls sich verlangsamen, und auch seelisch ginge es dir besser, denn das Glück, das der Hund empfände, würde sich auf dich übertragen.«

So wurde Phylax mein Bettgenosse, und wir wärmten und trösteten einander in wechselseitiger Zuneigung, bis er starb.

Danach nahm der Kater Rufus seine Stelle ein, der, um genau zu sein, nicht nur wie Phylax am Fußende meines Bettes lag, sondern so dicht an mich herankroch, wie es nur ging.

Lag ich auf dem Rücken und hatte ich dabei den rechten Arm ein wenig abgespreizt, so schien gerade die Mulde zwischen meiner Brust und meinem Oberarm ihn anzulocken. Er kroch dann neben mir herauf, schob die Vorderpfoten unter meine Achsel, legte sein Kinn auf meine Schulter, wobei sein rechtes Ohr meine Wange berührte, und wenn er mitunter mit den Ohren zwinzte und sein Schnurren mich beim Einschlafen in meine Träume hineinbegleitete, dann war mir, als würde ich selbst so leicht wie eine Feder und glitte zurück in ein heiteres Gefilde, in dem Mensch und Tier keine Sorge kennen.

Dann, wenn ich doch einmal des Nachts erwachte und den leichten Kitzel seiner Schnurrhaare an meinem Kinn verspürte, dann dachte ich wohl gelegentlich an Virginia Klemm, die an Tuberkulose dahinsiechende junge Frau meines Lieblingsautors Edgar Allan Poe, deren ganzes Glück eine weiß-gelblich getigerte Katze namens Catherine gewesen war. Diese Katze hatte auf Virginias Brust gelegen und sie getröstet mit ihrem Geschnurr und mit der Wärme ihres Körpers, wenn die Kranke fieberte und an Schüttelfrosten litt. Und wenn einmal ein Hustenanfall Virginias Catherine aufscheuchte und für Minuten vertrieb, so kehrte die Katze doch stets getreulich zu Virginia zurück, um sich erneut auf ihr zu betten. Sie hatte sich Virginia einmal als Schlafgenossin erkoren und blieb ihr bis zu deren letztem Atemzug innigst verbunden.

Mein Rufus verändert seine Lage nur dann, wenn ich mich einmal auf die andere Seite lege. Dann steigt er über mich hinweg und bettet sich in die Mulde, die sich nun zwischen meiner Brust und meinem linken Oberarm gebildet hat und die ihm womöglich noch mehr behagt als die auf meiner rechten Seite. Der Grund könnte sein, dass er hier meinem Herzen näher ist, dessen Pulsieren ihn, feinfühlig, wie er ist, vielleicht an seine Kindheit und Säuglingszeit, wohl gar an die Zeit vor seiner Geburt erinnert, da er geborgen im Mutterleib ruhte, an jenem Ort, von dem wir, er wie ich, ausgegangen sind und an den zurückzukehren wir vielleicht beide eine geheime Sehnsucht hüten.

Sonntagsreden zu Alltagsfragen: »Was ist uns heilig?«

23. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Sonntagsreden. Nachdenken über das Heilige sonntags um 11 Uhr – nicht in der Kirche, sondern im Deutschen Nationaltheater. Seit 1994 gibt es die Weimarer Reden jedes Jahr im März zu den unterschiedlichsten Themen. Eine Erfolgsgeschichte.

Diesmal also die Gretchenfrage: »Wie hältst du’s mit der Religion?« Oder eben allgemeiner gefragt: »Was ist uns heilig?« Ein weites Feld. Drei Prominente waren auf die Bühne gebeten worden: ein Muslim, ein Katholik und eine Jüdin. Martin Luther hätte wohl für alle drei Redner nicht viel übriggehabt, mutmaßte Feridun Zaimoglu (52), der als Erster auftrat und in einem Vorgespräch mit der Journalistin Liane von Billerbeck auf seinen Luther-Roman »Evangelio« angesprochen wurde. »Es war eine unversöhnliche Zeit.«

Das ist jetzt zum Glück anders, jedenfalls hier und heute. Wer den Sonntagsreden zugehört hat, kann sich lebhaft vorstellen, dass der muslimische Schriftsteller und Künstler mit dem Psychiater und katholischen Theologen Manfred Lütz (63) und der Journalistin und Rabbinerin Elisa Klapheck (54) sehr gut auskommen könnte. Der jeweilige Kontext ist verschieden, man weiß, wo man herkommt, aber allen ist eine große Offenheit gegenüber jedem eigen, für den anderes heilig ist.

Feridun Zaimoglu, Foto: Melanie Grande; Manfred Lütz, Foto: Amanda Berens; Elisa Klapheck, Foto: Rafael Herlich

Feridun Zaimoglu, Foto: Melanie Grande; Manfred Lütz, Foto: Amanda Berens; Elisa Klapheck, Foto: Rafael Herlich (von links)

Auf eine poetisch-literarische Spurensuche nach dem Heiligen im Alltag machte sich eigens für diesen Anlass Feridun Zaimoglu und ging – überraschenderweise – von der ersten Seligpreisung Jesu im Lukasevangelium aus. »Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer.« Und weil es für diesen Schriftsteller unverzichtbar ist, dass »Wort und Körper beieinander sind«, wie er sagt, ging er hin zu den Armen.

Was ist kostbar und unverzichtbar, fragte er den Rentner, den man den Krüppel nennt; der immer zwei Schnäpse zu viel trinkt und mit einem jungen Syrer befreundet ist. Heilig sind ihm die Kleider seiner verstorbenen Frau, mit der er jeden Abend spricht. – Und Zaimoglu ging zu der jungen Frau an der Kasse des Discounters, Vater tot, Mutter dement und der Bruder untauglich fürs Leben. Sie putzt nebenbei, hat Probleme mit der Liebe und hasst philosophierende Männer. »Meine Mutter ist mir heilig, mehr musst du nicht wissen.« – Und Zaimoglu ging zu dem verarmten Dichter, der wirre Geschichten erzählt, und zum Kommunisten, mit dem nicht wirklich zu reden ist vor lauter Dogmen. Er sieht die Armen der Bahnhöfe, die Kippengreifer und Pfandflaschensammler, die Obdachlosen und Trinker, Fremde und Einheimische. Aber er sieht auch Menschen, denen es etwas ausmacht, dass ihr Nächster hungert. Spurensuche ganz unten.

Die zweite Rede war ganz anderer Art. Obwohl von seinem Buchhändler gewarnt (Theologensprache ist unverkäuflich), hat Manfred Lütz ein Bestsellerbuch über »Gott. Eine kleine Geschichte des Größten« geschrieben, sehr unterhaltsam, sehr tiefgründig und in einer Sprache, die nachweislich auch sein Metzger versteht. Einen Teil davon hat er unter der Überschrift »Die Werte, die Wahrheit und das Glück« in Weimar zum Besten gegeben. »Geht’s nicht ein bisschen kleiner?«, wurde im vorausgehenden Interview gefragt. In aller Bescheidenheit, nein, findet er, denn Kirche, Beten, Glaube – das gehöre in die Öffentlichkeit. Man müsse den religiösen Bürger im säkularen Staat wieder ernst nehmen.

In einer Zeit, in der Menschen auf Glücksratgeber hören oder Drogen nehmen, als ob das Glück machbar sei, die vorbeugend leben, um dann gesund zu sterben oder die Ewigkeit leugnen und damit ihr Leben verkürzen, sei die Frage nach Gott wichtig. Für ihn als bekennenden katholischen Christen ist klar: »Gott allein ist mir heilig.« Und da Manfred Lütz nicht nur Theologie, sondern auch Humanmedizin, Psychiatrie und Philosophie studiert hat, Humor besitzt und mit offenen Augen durch die Welt geht, war es für Gläubige und Atheisten gleichermaßen ein anregendes Vergnügen, ihm zuzuhören.

Vom »Judentum als politische He­rausforderung« handelte die dritte Rede. Welche Werte sind uns heilig? Säkulares und Religiöses waren schon im Alten Testament zwei Seiten einer Medaille, das wurde im Talmud unter veränderten Bedingungen fortgeschrieben und ist bis heute in der Diskussion. Elisa Klapheck, von Hause aus Politologin und Journalistin, ist eine von insgesamt sieben Rabbinerinnen in Deutschland. Holocaust und Opferrolle sind ihr Thema nicht, sie will sich aktiv in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs einmischen – als Rabbinerin in ihrer Frankfurter Einheitsgemeinde, wo orthodoxe und liberale Juden aus vielen Ländern gut miteinander auskommen, als Professorin mit einem Lehrstuhl für jüdische Studien in Paderborn und als Autorin zahlreicher Bücher. Was kann das Judentum auf seinem Weg ins messianische Zeitalter beitragen zu einer gerechteren Gesellschaft? Wie war das doch mit dem Zehnten? Welche Rechte hat der Einzelne in einem Gemeinwesen und welche Pflichten? Wie sieht der Minimalkonsens aus, der Pluralismus möglich macht? Alte Fragen nach heiligen Werten ganz aktuell. Sonntags­reden zu Alltagsfragen.

Christine Lässig

Christus, Kreativität, Kunst

17. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Bevor Johannes Stüttgen an der Kunstakademie Düsseldorf studierte, war er Theologiestudent bei Joseph Ratzinger. Als ehemaliger Meisterschüler von Joseph Beuys engagiert er sich für dessen Ideen. Darüber sprach Sabine Kuschel mit ihm.

Herr Stüttgen, im Blick auf sein Christusbild begegnet Joseph Beuys uns als ein sehr interessanter Künstler. Allerdings nicht unbedingt sofort zu verstehen?
Stüttgen:
Aber er arbeitet mit dem Element der Zeit. Er weiß ganz genau, dass bestimmte Dinge ihre Zeit brauchen und sich einprägen. Und einem dann unter Umständen sehr viel später aufgehen. Darauf kommt es an, dass man sich Zeit nimmt, dass man den Dingen auf den Grund geht und nicht einfach immer nur die herrschenden Ideologien wiederkaut und sich in denen einrichtet.

Beuys-Schüler Johannes Stüttgen im Kunsthaus Apolda Avantgarde. Der Künstler und Autor hielt einen Vortrag über »Joseph Beuys und Jesus Christus«. Fotos: Adrienne Uebbing

Beuys-Schüler Johannes Stüttgen im Kunsthaus Apolda Avantgarde. Der Künstler und Autor hielt einen Vortrag über »Joseph Beuys und Jesus Christus«. Foto: Adrienne Uebbing

»Das ist der Erfinder der Dampfmaschine«, steht unter einer Christusdarstellung von Beuys. Er will damit offenbar ausdrücken, dass das Schöpferische im Menschen Christus ist?
Stüttgen:
Ganz genau das. Das Schöpferische im Menschen bedeutet, dass aus dem Nichts heraus etwas entstehen kann. Dieses Nichts ist eigentlich nur die Bezeichnung für das Ich. In der deutschen Sprache ist das schön zu sehen. Das Wort Nichts wird eingekleidet vorn durch das N und am Schluss durch das ts. Dazwischen ist das Ich. Das Ich ist der Ursprung des kreativen, schöpferischen Wesens des Menschen. Das man eben auch als die Substanz bezeichnet, die der Mensch gewordene Gott mitgebracht hat. Also praktisch eine Art Inkarnationsprozess, der auf der Erde sozusagen umgestaltet wird in einen Substanzbildungsprozess im Sinne einer Auferstehung.

Ein Prozess, der allgegenwärtig ist?
Stüttgen:
Allgegenwärtig. Also eine Allgegenwärtigkeit, die ununterbrochen wirksam ist, die gleichzeitig auch Aktion, Wille, Tat ist. Das zusammen ergibt, was Beuys den Kunstbegriff nennt. Also insofern ist dieser Christus, die Christuswirksamkeit, die als die Göttlichkeit in den Menschen hineingekommen ist, wirksam als die schöpferische, künstlerische Arbeit. Das mag vielleicht erst mal befremdlich klingen. Wenn man aber etwas länger drüber nachdenkt, wird man feststellen, dass es eine sehr präzise Beschreibung der menschlichen Seele ist.

Komplizierte, tiefgründige Gedankengänge, die Beuys da geführt hat?
Stüttgen:
Sind die wirklich so kompliziert? Na ja, man muss sich dran gewöhnen. Aber ich behaupte, sie sind eigentlich gar nicht so kompliziert. Viel schlimmer ist, dass wir in einer vollkommen verkomplizierten Vorstellungswelt leben. Deswegen haben wir Schwierigkeiten, an die einfachen, grundlegenden Fragestellungen he­ranzukommen. Wir stehen uns da selbst im Weg.

Wie definieren Sie Beuys’ Verhältnis zur Religion und zu Gott?
Stüttgen:
Dieses Verhältnis hatte zwei Seiten. Die eine Seite könnte man die Tradition nennen, in der wir alle großgeworden sind. Die aber jetzt interessanterweise bezüglich der religiösen Momente immer mehr nachlässt. Man kann sagen: Der Materialismus hat sich wirklich durchgesetzt. Das ist die eine Seite der Medaille, die Vergangenheit. Dann haben wir die Gegenwart, d. h. unsere jetzige Ich-Not an dieser Vergangenheit. Auch an den Zuständen, die wir durch diese Vergangenheit hervorgerufen haben. Die nächste Frage geht in die Zukunft. Wir müssen dieses Christusereignis in uns selber vollziehen. Christus ist auf die Erde gekommen als Gott. Er hat auf der Erde seine 30 Jahre gearbeitet und gelehrt. Dann ist er drei Jahre lang sozusagen vollkommen in die menschliche Substanz eingegangen. Denn der Christus ist durch die Johannis-Taufe überhaupt erst gegenwärtig geworden.

Foto: Adrienne Uebbing

Foto: Adrienne Uebbing

Dadurch bricht ein ganz neues Zeitalter an. Das kommt uns vielleicht erst jetzt allmählich zu Bewusstsein, nachdem wir diese ganzen Todesvorgänge in unserer Geschichte durchexerziert haben.

Beuys muss durch Krisen gegangen sein, um diese Gedanken hervorzubringen?
Stüttgen:
Ja, er ist durch etliche Krisen gegangen. Durch Krisen hat er diese Kraft entwickeln können. Aber er hatte mit Sicherheit von Anfang an einen sehr klaren Sinn für seine künstlerische Bestimmung. Wie alle großen Geister, die schon sehr früh wissen, wofür sie auf der Erde sind.

Er hat bewusst einige Eklats im Voraus einkalkuliert und konnte souverän damit umgehen?
Stüttgen:
Absolut. Er war einer, der dem System Paroli geboten hat. Er hat gesagt: Das System, egal ob im Westen oder Osten, ist für mich nicht zuständig. Ich bin als Mensch für mich zuständig. Ich habe den Auftrag, mit anderen Menschen eine Gemeinsamkeit in Freiheit zu entwickeln, um die Systeme zu überwinden. Weil die Systeme alle ihrem Wesen nach Todessysteme sind. Ziel ist die Entwicklung der sozialen Skulptur.

Sie haben 20 Jahre Ihres Lebens mit ihm verbringen dürfen. Das war ein großes Glück?
Stüttgen:
Ja, das war ein großes Glück, und von daher habe ich die Verpflichtung, daran weiterzuarbeiten. Ich habe immer wieder erlebt, dass Leute, die ihn kennenlernten, ganz erstaunt darüber waren, wie menschlich er war. Die meisten kannten ihn nur durch die Medien als Superstar. Beuys war ein Mensch, der genau zuhören konnte. Als Lehrer hat er regelrecht Hebammenhilfe geleistet. Was will der Schüler? Das herauszuarbeiten, hat er mitgeholfen. Er hatte einen sehr tiefen Einblick in die Seele. Das war eigentlich sein ganzes Kapital. Er war übrigens ein sehr bescheidener Mensch.

Jonny vom Dahl: Christ und coole Socke

10. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

»The Voice of Germany«: In der Castingshow von SAT 1 und ProSieben hat er es ganz weit gebracht, Jonny vom Dahl, BWL-Student in Jena und christlicher Musiker. Trotz des Erfolgs ist er auf dem Teppich geblieben.

Er ist da. Es ist doch kein Werbe-Gag. Der Gottesdienst hat schon angefangen und da schlängelt er sich durch die Reihen. Ganz unauffällig, im Holzfällerhemd. An Jonny vom Dahl erinnert wenig an einen Bühnenstar. In der Weimarer Baptisten-Gemeinde geht auch kein Raunen durch das Gemeindezentrum, wenn der Sänger den Raum betritt. Immerhin ein junger Musiker, vor dem sogar Weltstar Robbie Williams den Hut zog: »Deine Stimme und dein Klang sind großartig.«

Jonnys Kandidatenprofil auf www.the-voice-of-germany.de/talente/jonny-vom-dahl Fotos: Screenshots G+H

Jonnys Kandidatenprofil auf www.the-voice-of-germany.de/talente/jonny-vom-dahl Fotos: Screenshots G+H

Man kennt ihn hier, seit zwei Jahren besucht er, für einen Studenten relativ regelmäßig, am Sonntagmorgen den Gottesdienst. Die moderne Form gefällt dem 21-Jährigen. Vor allem der Lobpreis. Mit Lobpreisliedern und eigenen Songs ist er dann auch vor einem Jahr zum Casting gefahren. Eine Wette mit seinen Kumpels. Er scheint noch immer erstaunt darüber, dass es geklappt hat, wenn er heute davon erzählt. Unter vielen hundert Bewerbern hat man ihn zunächst für die Vorrunde der SAT 1-Castingshow »The Voice of Germany« (die Stimme Deutschlands) ausgewählt. Sein Vater, evangelischer Pfarrer im hessischen Hofheim und selbst Musiker, war zunächst überrascht von der verrückten Idee. Aber dann saß die ganze Familie am Fernseher und fieberte mit. Vom Vater hat er auch das Talent geerbt. Das Cello tauschte Jonathan, genannt Jonny, im Alter von 11 Jahren mit der Gitarre und gestaltete Jugendgottesdienste, sang im Jugendchor. Bald hat er seine erste Band. Dass er Musik mit christlichen Texten macht, ist für ihn selbstverständlich. »Ich bin mit einem sehr positiven Bild von Kirche aufgewachsen.«

Eigentlich kommt er aus einer evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde. Dass er bei den Baptisten gelandet ist, hat mit seinen Freunden und der Freundin zu tun. Er sieht das ganz locker. Unterschiede scheint es für ihn nicht zu geben. Jungschar, Konfi-Gruppe, Jugendgruppen, das habe ihn geprägt. »Dass ich Christ geworden bin, hängt aber nicht mit meiner Herkunft oder dem Elternhaus zusammen«, erklärt er. Vor anderthalb Jahren erst habe er sich tatsächlich dafür entschieden. »Es gibt keinen speziellen Zeitpunkt, aber in dieser Zeit hat sich mein Glaube gefestigt«, versucht er den Vorgang zu beschreiben.

Neben seinem Glauben spielt die Musik in seinem Leben eine wichtige Rolle. »Ich höre gern Musik, um abzuschalten. Wenn ich Musik höre oder selber mache, dann kann ich mich darin fallen lassen.« Gitarre, Bass, Klavier, Cajón oder Gesang, Jonny vom Dahl ist vielseitig.

Jonny vom Dahl bei seinem Auftritt bei »The Voice of Germany«

Jonny vom Dahl bei seinem Auftritt bei »The Voice of Germany«

Smudo von den »Fantastischen Vier«, einer seiner prominenten Begleiter beim Talente-Wettbewerb im Fernsehen, bescheinigt ihm eine starke Bühnenpräsenz und eine coole Stimme, trotzdem muss und will der sympathische Student nicht ständig im Rampenlicht stehen. Sein Betriebswirtschaftsstudium hat auch nach dem Fernseherfolg Priorität. »Das BWL-Studium gibt mir die Grundlage, als Mensch, der irgendwie auch erwachsen werden muss.« Sollte der Weg ihn später doch mal ins Musikgeschäft führen, sei es ja auch nicht schlecht, Ahnung von Wirtschaft, Recht und Finanzen zu haben, meint er vorausschauend.

Angebote von Produzenten habe er nach der Castingshow einige gehabt. Schneller Erfolg sei ihm aber nicht wichtig. Deshalb hat er sich auch für die Zusammenarbeit mit einem Musikproduzenten aus seiner Kirchengemeinde entschieden. In aller Ruhe will er darangehen, Lieder zu komponieren und aufzunehmen. Seine Fangemeinde ist durch die Medienpräsenz enorm gewachsen. Auf Facebook hat er mittlerweile fast 5 000 Follower. Sein Leben habe sich aber durch den Schnupperkurs im Showbusiness nicht verändert.

Im Gegensatz zu seinem Glauben: »Ich habe einen Sprung ins Ungewisse gewagt. In eine Welt, die ich nicht kannte. Und ich bin mit der Mission da reingegangen, ein Beispiel für einen normalen, jungen Menschen zu sein, der Christ ist.« Gott habe aus seinem Ausflug ins Showgeschäft ganz viel gemacht, glaubt vom Dahl. Jeder Zuschauer hätte mitbekommen, dass er als Christ dort auftrete und der Glaube seine Lebensgrundlage sei. Dass man ihn in seiner Kirchengemeinde aufgefangen hat und ganz normal mit ihm umgeht, dafür ist er dankbar. Das gebe ihm ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit. »Ich werde trotzdem noch zum Kaffeekochen eingeteilt«, bemerkt er schmunzelnd. »Ich war im Fernsehen nur der Jonny und niemand anders, und ich bin auch jetzt kein anderer Typ als vorher.« Mit den Mitgliedern der Band »Die Fantastischen Vier« und mit Yvonne Catterfeld steht er im persönlichen Kontakt. Mit Catterfeld hat er auch über seinen christlichen Glauben gesprochen. Sie hat ihn bei der Präsentation ihres neuen Studioalbums bei einem Konzert auf die Bühne geholt. »Du weißt, Jonny, ich bin ein Fan von dir«, sagte die Sängerin bei »The Voice of Germany«, und da ist sie wahrlich nicht die Einzige.

Willi Wild

https://de-de.facebook.com/JvDProductions/

Von Glaube, Liebe und Hoffnung

3. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Reformationsbotschafter Dr. Eckart von Hirschhausen nimmt sich in einem exklusiven Programm Martin Luther vor. Er will unter anderem der Frage nachgehen, ob der Reformator Komiker war. Maria Socolowsky (MDR) und Willi Wild haben den Entertainer getroffen.

»War Luther Komiker?« Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?
von Hirschhausen:
Das wäre ein schlechter Komiker, der die Pointe vorwegnimmt. Aber ich bin natürlich als Sprachkünstler sehr froh über Luthers Freude an der deutschen Sprache, über sein Geschick, Bilder, Metaphern, geflügelte Worte zu finden. Und die sind ja so geläufig geworden, dass wir oft gar nicht mehr wissen, dass sie von Luther sind, zum Beispiel: Unterhalten sich zwei Säue am Trog. Was gibt es denn heute? Ach, schon wieder Perlen. Wer nicht weiß, dass »Perlen vor die Säue werfen« eine lutherische Bezeichnung ist, kann darüber gar nicht lachen.

Foto: Willi Wild

Foto: Willi Wild

Ich bin selber von Kind auf Protestant und bin mit lutherischem Liedgut aufgezogen worden. Beim großartigen Pop-Oratorium »Luther« von Michael Kunze und dem Komponisten Dieter Falk habe ich kürzlich sogar mitgesungen. Moderne, mitreißende Musicalmelodien – da habe ich Gänsehaut bekommen, als da plötzlich 3 000 Chorsänger und 10 000 Leute im Publikum ergriffen sind, von der Geschichte, von den Konflikten und dem Kampf zwischen weltlicher und geistlicher Macht. Mir wurde plötzlich klar, wie aktuell das alles ist. Wir brauchen heute wie vor 500 Jahren Menschen, die sich hinstellen und sagen: Hier stehe ich und ich stehe zu etwas und ich kann auch nicht anders. Ich widerrufe nicht das, woran ich glaube.

»Humor hilft heilen«, so heißt Ihre Stiftung. An anderer Stelle schreiben Sie von der Wunderwirkung der Musik. Sind Humor und Musik die besseren Tabletten?
von Hirschhausen:
Die Musik wird als Heilkraft unterschätzt, genauso wie Humor und Gemeinschaft. Mein Buch »Wunder wirken Wunder« ist praktisch ein Wiederentdecken von dem, was man gerne unter Selbstheilungskräfte subsumiert. Ganz konkret und wissenschaftlich untermauerbar kann Musik Menschen erreichen, die demenziell erkrankt sind. Ich habe für die ARD eine Reportage gedreht, wo ich mich drei Tage in einem Altenheim einquartiert habe. Ich habe den Bewohnern Musik ihrer Jugendzeit vorgespielt. Es ist rührend, zu erleben, wie Menschen dann plötzlich auftauen – Menschen, die ganz weit weg sind, kaum zu erreichen mit Sprache.

Plötzlich fangen sie an, zu sprechen, zu lachen, mitzutanzen. Das ist die Heilkraft der Musik. Musik spielt im Alter zwischen 15 und 25 eine wichtige Rolle, es ist die Zeit intensiver Ersterfahrungen. Die werden offenbar im Gedächtnis viel stärker eingebrannt. Es gibt einen sehr schönen Satz: »Das Herz wird nicht dement, das Ohr auch nicht.«

Welche Rolle spielt die Musik im Luther-Programm?
von Hirschhausen:
Ich genieße es, wie Luther, auf der Bühne das freie Wort zu ergreifen. Im schönen Spiegelzelt in Weimar werde ich ein bisschen singen und das Publikum auch dazu animieren. Ich bin kein ausgebildeter Sänger und mein Gesang ist sicher nicht der reine Genuss. Da gibt es Leute, die das besser können. Aber ich kann mich mit Musik anders ausdrücken als mit Sprache allein.

Es ist auch kein Zufall, dass Luther Kirchenlieder geschrieben hat, die wir bis heute singen. Wenn es da Hits gibt, die seit mehreren hundert Jahren gesungen werden, von Luther, von Bach im Weihnachtsoratorium oder in Passionen, die uns heute noch bewegen, dann ist das doch auch ein kleines Wunder.

Wie Luther damals, mache auch ich deutsche Texte auf bekannte Melodien, beispielsweise auf die Melodie von »Tears in heaven«. Eric Clapton verarbeitet darin den Unfalltod seines vierjährigen Sohnes, der 1991 aus dem 53. Stock einer Wohnanlage gefallen ist. Was gibt uns Trost? »Man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand«, das sagt sich leichter als es ist, wenn einem schreckliche Dinge passieren.

Welche Rolle spielen Kirche und Reformation in dem Programm?
von Hirschhausen:
Ich beschäftige mich mit der Frage: Welche Rolle hat Glaube heute? Was ist uns noch heilig? Was ist der Ablasshandel von heute? Die Deutschen geben eine Milliarde Euro für Nahrungsergänzung und Vitaminpräparate aus. Wissenschaftlich ist das totaler Unsinn. Es ist längst nachgewiesen, dass eine Überdosierung davon schadet und niemandem etwas nützt. Man kriegt mehr Krebs und nicht weniger davon. Das ist alles klar. Trotzdem wird es gekauft. Für mich ist das so ein Beispiel von Ablasshandel. Du kaufst etwas Sinnloses, damit deine Seele gerettet wird – ohne dich selbst und dein Verhalten ändern zu müssen. Die Mechanik ist dieselbe wie vor 500 Jahren.

Es gibt lustige Zitate von Luther: »Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz.« Heute heißt das Lactoseintoleranz. Im Kern hat er natürlich recht. Viele beschäftigen sich mehr mit ihrer Verdauung als mit den großen Fragen: Wofür sind wir hier auf der Erde? Was gibt uns Freude? Was inspiriert uns? Was hat uns Jesus vorgelebt? Was ist davon heute noch wichtig?

Letzten Endes geht es um den Placebo-Effekt. Um die große Trias von Glaube und Liebe und Hoffnung. Wenn ich einem Patienten eine Tablette gebe, die keinen Wirkstoff enthält, und sein Zustand bessert sich, dann ist das doch eigentlich ein Wunder. Zuwendung hat einen unglaublichen Effekt. Und dass Menschen, die wieder an sich glauben können, Kräfte zuwachsen, ist doch längst belegt. Die Ärzteschaft hat diese Heilkräfte, die sich nicht in eine Tablette pressen lassen, in den letzten 20, 30 Jahren ziemlich vernachlässigt. Und es ist höchste Zeit, sie wiederzuentdecken.

Wie ernst ist es Ihnen mit den Wirkstoffen Glaube, Liebe, Hoffnung?
von Hirschhausen:
In den Vorlesungen, die ich für Medizinstudenten halte, sage ich: 40 Prozent der Wirkung von jedem Medikament seid ihr selber. Es ist der Kontext. Zu Luthers Zeiten gab es keine wirksamen Medikamente. Damals haben sie einen Bibelspruch oder ein kraftvolles Wort auf einen Zettel geschrieben und den Zettel gekaut und runtergeschluckt. Bis heute sagen wir, dass man lange auf etwas herumgekaut hat. Das kommt von diesen mittelalterlichen Ritualen. Stellen Sie sich mal vor, Patienten würden nicht die Tablette, sondern den Beipackzettel schlucken – sie würden wahrscheinlich alle Nebenwirkungen bekommen, die sie vorher gelesen haben.

Die beiden Veranstaltungen im Spiegelzelt sind zugunsten Ihrer Stiftung »Humor hilft heilen«. Welchen Zweck verfolgen Sie damit?
von Hirschhausen:
In ganz Deutschland gibt es durch die Stiftung ungefähr 500 Klinikclowns. Der Grundgedanke ist sehr einfach. Lachen hilft gegen Schmerzen. Das lässt sich schnell beweisen. Hauen Sie sich einfach mit einem Hammer auf den eigenen Daumen. Machen Sie das einmal allein und dann noch einmal in Gesellschaft. Sie werden feststellen, alleine tut es sehr lange sehr weh. In Gesellschaft müssen Sie über Ihr Missgeschick lachen und der Schmerz lässt nach. Deshalb sollten Menschen mit Schmerzen nicht alleine sein und etwas zu lachen haben. Das ist der Grundansatz von »Humor hilft heilen«.

In der Bibel wird Jesus mit den Worten zitiert: »Wo zwei oder drei versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.« Wir nutzen in der Medizin viel zu wenig die positiven Kräfte von Gemeinschaftserfahrung. Menschen können anderen Menschen guttun.

So wie Luther ein Priestertum aller Gläubigen ausgerufen hat, rufe ich ein »Heilertum aller Gläubigen« aus. Damit meine ich, dass man nicht zu einem Guru rennen, in Indien oder in Japan, oder bei einem ayurvedischen Wunderheiler in Sri Lanka das Heil suchen muss. Das »Heilertum aller Gläubigen« wirkt überall, wo Menschen sich füreinander engagieren und einsetzen. Es tut einfach gut, wenn man im Kreis sitzt, miteinander still wird und das Gefühl hat, die Menschen meinen es gut mit dir und wünschen dir Gutes.

Und du legst ihnen vielleicht die Hand auf oder auch die Hand auf die Schulter. Uralte kleine Rituale könnte man tun, ohne falsche Versprechung, und ohne falsche Hoffnung zu wecken. Dafür möchte ich mich in der evangelischen Kirche einsetzen: Menschen mit existenziellen Fragen und Krisen nicht alleine zu lassen. Ich will nach Formen suchen, die modern, zeitgemäß und verantwortlich sind.

Was bedeutet für Sie heute, evangelisch zu sein?
von Hirschhausen:
Evangelisch wird oft als etwas sehr Nüchternes abgetan. Damit tun wir, glaube ich, dem Luther unrecht. Ich habe mit dem Kirchenhistoriker Volker Leppin studiert. Er schreibt, dass Luther in Teilen auch ein großer Mystiker war. Er wusste sehr wohl um die Kraft von Ritualen. Ich kann jeden verstehen, der mit kirchlichen Formen nichts mehr anzufangen weiß. Aber als Mediziner kann man einfach mal anerkennen, wie viel sozialpsychologische Weisheit in der Bibel steckt. Wer gibt, der empfängt, das ist bis heute wichtig.

Wir leben in einer Zeit, wo es ums Haben geht, um Status, um Besitzen. Das macht die Menschen seelisch total arm. Wir kaufen uns Dinge, die wir nicht brauchen, von Geld, das wir nicht haben, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen. Das ist eigentlich ein total idiotisches Spiel.

Da hat Kirche bis heute eine ganz wichtige Aufgabe, nämlich zu sagen: Es gibt einen Raum innerhalb der Gesellschaft, wo Status keine oder zumindest eine geringere Rolle spielt. Ob du mit dem Porsche, dem Fahrrad oder dem Rollstuhl in die Kirche kommst, ist gar nicht wichtig. Und ob du 5 Jahre, 50 oder 95 bist, ist auch nicht entscheidend. Wo gibt es noch Institutionen, die so eine verbindende Kraft haben?

Was schätzen Sie an Luther?
von Hirschhausen:
Ich finde längst nicht alles gut an Luther. Seinen Antisemitismus beispielsweise. Aber mir machen viel mehr die Menschen in Deutschland Sorgen, die heute genauso antisemitisch denken wie vor 500 Jahren. Die haben nichts dazugelernt.

Von Luther kann man die Grundfreiheit lernen, nicht mit der Horde zu grölen, sondern zu sagen, was einem selber wichtig ist. Dafür einzustehen, auch wenn es wehtut und unangenehm wird. Das ist eine Haltung, vor der ich absolut Respekt habe.

Die Freiheit eines Christenmenschen

28. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Wulf Bennert ist renommierter Kirchenrestaurator und engagierter Christ. Er hat viele Gotteshäuser gerettet und fühlte sich der Kirche eng verbunden. Dennoch ist er ausgetreten.

Ringsherum ist nichts. Nichts als das weite Weimarer Land. Im Winter und weißverschneit wirkt es noch weiter. Fern am Horizont kann man Buchenwald sehen. Die alte Windmühle von Hopfgarten ist ein selbstgenügsamer Ort. Der Müller, der sie nur wenige Jahre nach Goethes Tod hatte bauen lassen, besaß seinen eigenen Brunnen, und auf den alten Fotografien gab es die Windräder noch. Dann ist die Mühle verfallen. Wulf Bennert hat sie wieder aufgebaut. Er war schon zu DDR-Zeiten mit seiner Familie dort hinausgezogen. Aus der Enge der Stadt. Weiter weg ging damals nicht. Bennert hat den Brunnen saniert, 15 Meter tief bis zum Schichtwasser; er hat einen riesigen Ofen gesetzt und mit einem alten Magnetbandmotor einen Savonius-Rotor für die Windkraft gebaut. Heute steht im Brunnenhaus ein nagelneues Notstromaggregat. Es wird penibel gewartet und springt sofort an. »Ich möchte unabhängig sein«, sagt Wulf Bennert lächelnd, und man versteht sein Lebensprinzip.

Hausbesuch: Wulf Bennert war schon zu DDR-Zeiten ins Weimarer Land gezogen, wo er die alte Windmühle in Hopfgarten wieder aufgebaut hat.  Foto: Maik Schuck

Hausbesuch: Wulf Bennert war schon zu DDR-Zeiten ins Weimarer Land gezogen, wo er die alte Windmühle in Hopfgarten wieder aufgebaut hat. Foto: Maik Schuck

Wulf Bennert ist ein freier Mann und das war er schon zu DDR-Zeiten. Er war kein Revolutionär. Er hat einfach nicht mitgemacht. Das ging viel leichter als man heute glauben möchte, sagt er in seiner bedächtigen Art. »Was sollte mir schon passieren? Wenn es Gehaltserhöhungen gab, wurde ich gelegentlich mal übergangen.« Oberassistent war er damals als Physiker an der Hochschule für Architektur und Bauwesen in Weimar. Oberassistent, das war die akademische Endstation für widerspenstige Geister. Zu jener Zeit hat er ein Buch über Windenergie geschrieben. Das einzige, was es zu DDR-Zeiten gab. Dass es nach der Wende eine Neuauflage erfuhr, erzählt er nicht ohne Stolz. Wulf Bennert weiß genau, was er tut. Er hat sein Leben immer präzise geplant. »Ich bin eben Physiker«, sagt Bennert, während er die steilen Stiegen hinauf in die Turmhaube klettert.

Ganz oben auf dem alten Drehkranz der Mühle hat er sich sein Schwalbennest eingerichtet. Die Kaffeekanne steht auf dem Stövchen, es gibt Kekse, und der Blick fällt wieder hinaus über das langsam wegdämmernde Weimarer Land. Es ist die Stunde der Erzählungen. Und Wulf Bennert erzählt aus seinem Leben. Wie sie sich aufgemacht haben als junge Studenten und auf eigene Faust durchs Pamir-Gebirge und den Altai gewandert sind, mehr als fünfzig Kilo Gepäck auf den Schultern. Ihre Reisegenehmigung hatten sie mit Hilfe einer alten russischen Schreibmaschine selber verfasst, aber irgendwann fing der sowjetische Geheimdienst sie doch wieder ein. Es gibt Bilder von ihnen inmitten einer kargen, menschenleeren Natur. Und diese Bilder zeigen die trotzigen jungen Gesichter der DDR-Opposition.

»Wir sind für unser Leben gerne geklettert«, erzählt Bennert. In Bergwände zu steigen, war seine Passion. Dass daraus einmal ein erfolgreicher Beruf werden würde, konnte er damals nicht ahnen. Aber die Hobbybergsteiger waren zu DDR-Zeiten gefragt, wenn es darum ging, alte Dächer zu retten. Er hat sie nicht gezählt, die vielen Dorfkirchen, denen er die Bekrönung wieder aufgesetzt hat. Aber aus den waghalsigen Einsätzen wurde ein methodisches Prinzip. »Wir haben einen anderen Zugang gewählt als die üblichen Baufirmen. Wir haben uns abgeseilt. Wir haben eigene Aufstiegstechniken entwickelt und auf Sitzbrettern in großer Höhe gearbeitet. Wir brauchten keine teuren Gerüste. Wir hatten uns selbst.«

Diese außergewöhnliche Methode war die Geschäftsidee, mit der Bennert sich gleich nach der Wende selbstständig machte. Er hatte Erfolg. Sein Unternehmen wurde bald das größte für Bauwerkssicherung und Restaurierung in Deutschland. 400 Mitarbeiter hat er damals beschäftigt und mehr als 3 000 Baudenkmale saniert. Spektakuläre Fälle waren darunter wie das Brandenburger Tor, der Turm der Schlosskirche zu Wittenberg oder Schloss Neuschwanstein. Sein Blick fällt aus dem Fenster in Richtung Buchenwald. »Auch den Glockenturm dort haben wir saniert und das nasse Mauerwerk trocken gekriegt.«

Doch es sind immer wieder Kirchen, die er gerettet hat. Für ihn das Sinnbild der Mitte. Wulf Bennert ist ein gläubiger Mensch und er hat seiner Kirche immer gedient. Zu DDR-Zeiten war er jahrelang Vorsitzender des Kirchenrats seiner Heimatgemeinde, weil er vermitteln und Streitfälle schlichten konnte. Er wurde stellvertretender Synodaler der Thüringer Landeskirche und empfand seine evangelisch-lutherische Kirche als einen »wesentlichen Inhalt« seines Lebens.

Das hat er auch seiner Bischöfin geschrieben. Doch nach sechzig Jahren der Mitgliedschaft, kurz vor Beginn des Lutherjahres, hat Wulf Bennert seiner Kirche den Laufpass gegeben. Es war keine abrupte Entscheidung, wie er sagt. Es war ein Prozess »schmerzhaften Ringens«.

Er hat kein großes Aufheben darum gemacht. Er hat Ende November letzten Jahres einen Brief nach Magdeburg geschickt und seine Motive dargelegt. Und er hat ein paar dürre Zeilen zurückbekommen, dass man seinen Schritt zwar bedaure, er aber mit seinem Austritt das Gespräch ja selbst abgebrochen habe. Im Übrigen würde der Superintendent sich um ihn kümmern. So jagt man keinen Hund vor die Tür.

Es ist draußen dunkel geworden und die beiden Schweizer Sennenhunde ziehen ums Haus. Wulf Bennert beschreibt, was ihn stört. Dass sein Glaube den Moden unterworfen werde. Aber vor allem, dass seine Kirche die Gemeinden inzwischen auf abweichende, auf »feindliche Einstellungen« überprüfen lasse. Der DDR-Gegner Bennert nimmt das persönlich. Er fühle sich, schreibt er der Kirchenleitung, »in fataler Weise an die Gesinnungsschnüffelei des DDR-Regimes erinnert«. Auch er stünde mit seiner Haltung zum politischen Islam wohl auf der Seite der »feindlichen Einstellungen«. Einer Glaubensgemeinschaft aber, »die mich als ihren Feind betrachtet«, könne er nicht mehr angehören. Man wolle mit Andersdenkenden ins Gespräch kommen, hat ihm seine Bischöfin geantwortet. Aber als Andersdenkender hat sich Bennert in seiner Kirche nie gefühlt.

Er blickt in das dunkle Weimarer Land hinaus und spricht von der versöhnenden Rolle von Kirche in der Gesellschaft, und dass sie heute mehr denn je gebraucht würde. Es sei nicht ihre Aufgabe, politische Positionen zu beziehen, auch nicht gegen »populistische Angstmache und rechte Hetze«. Sie müsse versuchen, den Graben zu schließen, der unser Land heute durchzöge, und nicht mithelfen, ihn noch zu vertiefen. Versöhnen statt spalten, hieß das in der alten Westrepublik einstmals, als es dort noch eine politische Mitte gab.

Er redet nicht um den heißen Brei herum und nennt auch die AfD beim Namen. Aber, und er schaut nachdenklich auf das Wälzlager der alten Mühle: Brauchen wir in der Kirche jetzt die politische Kante oder nicht eher das versöhnende Gespräch? Ob das auch für die unerträglichen Hetzreden Björn Höckes gelte? Als Antwort zieht Bennert den Brief eines Thüringer AfD-Mitglieds aus der Mappe, der mit seinem Fraktionsvorsitzenden rigoros abrechnet. Die Grenze nach rechts ist glasklar. »Wir ehemaligen DDR-Bürger, fügt Bennert erklärend hinzu, sind viel stärker als die Menschen im Westen an eine kritische Distanz zum politischen System gewöhnt. Wir mussten das Vertrauen erst lernen.«

Wulf Bennert ist kein politischer Eiferer; er sieht sich nicht am populistischen Rand; er ist ein gläubiger Mensch und das christliche Kreuz bedeutet ihm viel. Dass die beiden deutschen Kirchenoberhäupter bei ihrem Gang auf den Tempelberg und vor die Klagemauer in Jerusalem ihre Kreuze abgelegt haben, bringt ihn in Rage. Schäbig sei das gewesen und opportunistisch. Er wolle aber kein Mitglied einer Kirche sein, deren höchster Repräsentant ohne Not das zweitausendjährige, die gesamte Christenheit einigende Symbol des Kreuzes verleugne.

Bennert unterschreibt diese Begründung mit allen seinen akademischen Titeln und dem Hinweis, dass er Träger des Bundesverdienstkreuzes sei. Hier tritt nicht einer aus der Kirche aus, soll das heißen, der am Rande steht, sondern einer aus ihrer Mitte, aus dem Glaubenskern ihrer Konfession; einer zudem, der auch im Leben Erfolg hatte und eine der großen Erfolgsgeschichten der Wiedervereinigung schrieb.

Er hat seinen Schritt nicht publik gemacht und wollte kein öffentliches Aufsehen. Aber der Fall beunruhigt seine Kirche trotzdem. Sein Brief wird weitergereicht. Er gilt inzwischen als ein Fall seelsorgerischen Versagens. Er habe das Gespräch doch selbst abgebrochen, heißt es. Eine versöhnende Kirche könnte es wohl wiederaufnehmen. Inzwischen hat er Unterschlupf bei den Freikirchen gefunden. Ganz ohne Glaubensheimat geht es wohl nicht.

Vor Jahren hat Bennert seine Unternehmensgruppe an eine gemeinnützige Stiftung verkauft. Doch er hat schnell neue Betätigungsfelder gefunden. So beschäftigt ihn jetzt der demografische Wandel und die Auswirkung auf den ländlichen Raum. Als wissenschaftlicher Direktor der Stiftung Schloss Ettersburg hat er sich mit der Zukunftsfähigkeit von Siedlungsstrukturen befasst und dafür seine eigene Methodik entwickelt. Außerdem arbeitet er als Bausachverständiger und Hochschullehrer. Dass er auch mal einen Radiosender mitbegründet hat und viele Jahre in dem von ihm sanierten Schloss Nimritz bei Pößneck wohnte, erfährt man ganz nebenbei.

Wulf Bennert deckt den Abendbrottisch und steht selber am Herd.

Er sei eben ein wahrhaft ganzheitlicher Mensch, beschreibt ihn die frühere Pfarrerin aus der Nachbargemeinde. Christine Lieberknecht war lange in der Politik. Bennerts Austritt empfindet sie als Verlust.

Es ist fast Mitternacht geworden und der Rückweg führt durch das dunkle Weimarer Land. Noch von Weitem sieht man die hellerleuchtete Mühle. Wulf Bennert hat seine Kirche verlassen. Aber im Glauben ist er immer noch da.

Johann Michael Möller

Der Autor war bis Oktober 2016 Hörfunk­direktor des MDR.

Berauscht von der Bibel

21. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Zum Reformationsjubiläum gibt es auf dem Büchermarkt eine Flut von Neuerscheinungen. Noch druckfrisch ist der Luther-Roman »Evangelio« von Feridun Zaimoglu. Wer eintauchen will in die Welt vor 500 Jahren, sollte ihn lesen.

Eine schnelle Nummer war das nicht«, sagt Feridun Zaimoglu (53), Autor und Maler aus Kiel. Seit 22 Jahren schreibt er Bücher und Zeitungsartikel, ist mit vielen Preisen bedacht worden. Der Luther-Roman hat nicht nur ein Jahr intensiver Recherche gekostet, er hat eine Vorgeschichte, die in die Kindheit reicht. Mit 10 Jahren hat der aus Anatolien stammende Schriftsteller Luthers »Biblia Teutsch« gelesen entgegen dem wohlmeinenden Rat der Bibliothekarin. Verstanden habe er erwartungsgemäß nichts, gibt er bei einem Interview im Weimarer Nationaltheater zu, aber er sei von den Worten berauscht gewesen. Seitdem habe er die Bibel ohne zu übertreiben mehr als drei Dutzend Mal gelesen. Wer von uns Christen kann das von sich behaupten?

Ein Andersgläubiger schreibt einen Luther-Roman? »Mit meinen türkischen Wurzeln hat das absolut nichts zu tun.« Zaimoglu sieht sich als gläubigen Muslim, allerdings möchte er »verschont bleiben vom Wahnsinn religiöser Exzentriker aller Abteilungen«. Luther ist für ihn ein großer Mann, er liebt dessen deftige Sprache, die bei Thomas Mann beispielsweise das Gegenteil bewirkt hat: »Das spezifisch Lutherische, Cholerisch-Grobianische, das Schimpfen, Speien und Wüten, das furchtbarlich Robuste erregt meine instinktive Abneigung. Ich hätte nicht Luthers Tischgast sein mögen.« Feridun Zaimoglu seinerseits wäre es liebend gern gewesen. Er ist so tief eingetaucht in die Sprache Luthers und seiner Zeit, dass er sie am Ende unbewusst auch im Gespräch mit kopfschüttelnden Freunden gebrauchte.

Feridun Zaimoglu. Foto: Melanie Grande/DNT Weimar

Feridun Zaimoglu. Foto: Melanie Grande/DNT Weimar

Der Roman beschränkt sich auf eine kurze, aber besonders wichtige Zeit in Luthers Leben. Vom 4. Mai 1521 bis zum 1. März 1522 lebt der vogelfreie Reformator als Junker Jörg auf der Wartburg in Eisenach. Der Burgvogt Hans von Berlepsch hat ihn im Auftrag des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen in Schutzhaft genommen. Der Autor stellt dem falschen Junker den fiktiven Landsknecht Burkhard an die Seite, aus dessen Perspektive die Geschichte geschildert wird. Luther selbst als Ich-Erzähler wäre vermessen gewesen, fand Zaimoglu. »Hüt ihn gut«, war dem Katholiken Burkhard aufgetragen worden, und er tut, was er kann, um dem von Selbstzweifeln und Albträumen verfolgten, von Depressionen, Darmkrämpfen und Schlaflosigkeit geplagten Ketzer den erzwungenen Aufenthalt erträglich zu machen. Luther fühlt sich vom Teufel verfolgt. »Oft plagte mich der Satan durch seine Erscheinungen, ganz besonders auf jener Burg, in der ich eine Zeit lang gefangen gehalten wurde.« Den Mitbewohnern sind seine Anfälle unheimlich.

Als gelernter Papist ist Burkhard hin und her gerissen. »Ich achte dich, Mönch, und ich hasse dich.« Sie reden miteinander über Gott und die Welt, über Hexen und Teufel, Zauberei und Höllenangst, Folter und Mord. Beide unterscheiden sich fundamental in Glaubensdingen, Mentalität und Bildung – und kommen doch gut miteinander aus. Der Landsknecht seinerseits hat viel Schreckliches gesehen in seinem Leben, während Luther in der Klosterzelle gebetet hat. Der Leser bekommt eine Ahnung von den Ängsten der Menschen im ausgehenden Spätmittelalter, lernt ihre Albträume kennen. Die Kirche hat nicht wenig Anteil daran mit ihren Bildern von Höllenqual und Sündenpfuhl.

Martin Luther fehlt der Gedankenaustausch mit den Weggenossen. Er schreibt über 100 Briefe und 14 Schriften, die mit reitendem Boten nach Wittenberg gebracht und dort gedruckt und beantwortet werden. Er schreibt an gegen Depressionen und Dämonen. In den Roman eingestreut sind fiktive Briefe. »Ihm raucht die Hand vom Schreiben«, beobachtet Burkhard. In den letzten Wochen auf der Wartburg übersetzt Martin Luther das Neue Testament aus dem griechischen Urtext. Das ist ein Meilenstein für die Entwicklung der deutschen Sprache. Sein Bewacher erkennt aber auch die theologische Bedeutung: »Der teutsche Gott säubert uns die Angst aus der Brust. Dafür schütze ich den Ketzer.«

Christine Lässig

Zaimoglu, Feridun: Evangelio, Ein Luther-Roman, Kiepenheuer & Witsch, 345 S., ISBN 978-3-462-05010-3, 22 Euro

Pfarrerinnen und Pfarrern in den Kleiderschrank geschaut

13. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Liturgische Kleidung: Deutschland ist »eine schwarze Insel im farbigen Meer der Welt« – Geschichte und Bedeutung von Talaren, Alben, Chorhemden und Stolen

In einer Gruppe von Geistlichen verschiedener Konfessionen und Herkunftsländer wird ein evangelischer, deutscher Pfarrer in der Regel schnell erkannt: am schwarzen Talar mit weißem Beffchen. »Deutschland ist eine schwarze Insel im farbigen Meer der Welt«, konstatiert Frank Schmidt, Leiter des Kunstdienstes der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. »Für viele sind Geistliche in bunter Kleidung etwas Exotisches oder sie werden in erster Linie mit dem Katholizismus in Verbindung gebracht«, so der Kunsthistoriker und Theologe.

Weltweit betrachtet ist der schwarze Talar als gottesdienstliche Kleidung die Ausnahme. Er gilt auch nicht als liturgisches Gewand, sondern war im Ursprung ein Gelehrtengewand; seine Einführung geht auf den preußischen König Friedrich Wilhelm III. zurück. Er verfügte im November 1811, dass Rabbiner, Richter und die Pfarrer der lutherischen und reformierten Gemeinden den schwarzen Talar als Diensttracht zu tragen hatten. Als Beamte des preußischen Staates mussten sie dem Folge leisten. Ausschlaggebend für den Erlass waren fehlende Vorschriften seitens des lutherischen Christentums. Für Luther selbst zählte liturgische Kleidung zu den äußeren Dingen; nützliche, aber für das Heil nicht notwendige Dinge. Im Gegensatz zu Zwingli oder Calvin schaffte er Messgewänder im Gottesdienst nicht ab.

Infolge der Reformation wurde ein sehr individueller Umgang mit liturgischer Kleidung gepflegt, teilweise wurde sie gänzlich abgeschafft. »Fälschlicherweise dachten reformierte Gemeinden, sie müssten sich an gar keine Regeln mehr halten«, erklärt Frank Schmidt. Die Aufklärung und der Pietismus sowie die damit einhergehende Rationalisierung fundierten die Daseinsberechtigung des Talars.

Foto: Mirjam Petermann

Foto: Mirjam Petermann

Dazu gehörte primär das Grundgewand, die Albe. Sie entwickelte sich aus dem römischen Alltagsgewand, der Tunika. Nach der Verdrängung des römischen Stils und dem Einzug der germanischen Hosenmode wurde die alte Kleidungsform weiterhin für Gottesdienste genutzt. Eine symbolische oder gar theologische Bedeutung hatten die Gewänder ursprünglich nicht. Die Albe wird jedoch als Taufkleid mit Christus in Verbindung gebracht. Eine jahreszeitlich bedingte Form der Albe ist das Chorhemd. Es ist weiter geschnitten, um über der warmen Winterkleidung getragen werden zu können.

Weiterhin gehört zur gottesdienstlichen Kleidung die etwa 10 Zentimeter breite und 250 Zentimeter lange Stola, in ihrem Ursprung ein Schweißtuch. Sie symbolisiert das Joch, das Jesus allen, die mühselig und beladen sind, anbietet. Aufgrund seiner besonderen Deutung wird die Stola je nach theologischer Deutung und kirchlicher Zulassung auch als ökumenische Insignie der Ordination verstanden und kann folglich nur von ordinierten Personen getragen werden. Für Lektorinnen und Lektoren kann der Gemeindekirchenrat beschließen, einen Lektorentalar zu tragen.

Nach einer ersten Rückkehr zur liturgischen Kleidung nach dem Ersten Weltkrieg wird seit den 1980er-Jahren vor allem für die Verwendung der liturgischen Gewänder in den liturgischen Farben je nach Kirchenjahreszeit plädiert. Die Ordnung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sieht zwar den schwarzen Talar mit weißem Beffchen als Dienstkleidung für Pfarrer vor, kennt aber auch die Möglichkeit der weißen Mantelalbe, auch heller Talar genannt, und des Chorhemds über dem schwarzen Talar – jeweils mit einer Stola in den Farben des Kirchenjahres – als legitime gottesdienstliche Kleidung.

Kritiker sehen darin jedoch die Übernahme eines Priesteramtsverständnisses, was der evangelischen Ämterlehre widerspräche. Sicherlich auch aus diesem Konflikt heraus entwickelte sich ein aktueller Trend: eine Stola über dem schwarzen Talar. Laut Ordnung der EKM ist das zulässig, aber auch hier gibt es Widerspruch: Die Stola als liturgische Insignie und der Talar als Standesinsignie seien nicht miteinander kompatibel. Außerdem fehle dafür eine historische Grundlage, so Frank Schmidt. Denn: »Farbiges gehört auf Weißes.«

Mirjam Petermann

Der Farbkanon

Grün: Farbe des Wachstums, des Heils und der Hoffnung ist die am häufigsten verwendete liturgische Farbe des Kirchenjahres, vor allem in der Trinitatiszeit.
Farbe der Vollkommenheit, symbolisiert Reinheit und Klarheit und ist damit auch Farbe Christi; gehört z. B. zum Weihnachtsfestkreis wie zum Fest der Auferstehung.
Schwarz: Symbolisiert Trauer und ist Karfreitag und -samstag sowie Trauertagen vorbehalten.
Rot: Verweist auf das Leben und den menschlichen Leib, ist auch die Farbe des Leibes Christi, der Kirche für besondere Feste der Kirche, wie zum Reformationstag und Missionsfesten, Konfirmationen und Ordinationen, für die Gedächtnistage an die Zeugen des Glaubens.
Violett: Steht für den Himmel und das Reich Gottes, symbolisiert die Kommunikation zwischen Mensch und Gott in der Erwartung auf Gottes Heil; Verwendung für Fastenzeiten und -tage, als besondere Zeiten der Besinnung der Glaubenden auf ihrem Weg zu Gott.

nächste Seite »