Chemnitz feiert Erich Heckel

2. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: 120 Werke im Museum Gunzenhauser – Begleitvortrag zu Kunst und Religion


»Schmidt-Rottluff war der erste Streich, doch Erich Heckel folgt sogleich.« So könnte man in Anlehnung an Wilhelm Busch ausrufen.

Parallel zur fulminanten Schau mit Bildern von Karl Schmidt-Rottluff feiern die Kunstsammlungen Chemnitz nun im Museum Gunzenhauser mit Erich Heckel einen weiteren Sohn der Stadt und bedeutenden deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts. Mit »Erich Heckel. 120 Werke« machen die Sammlungen unter der Leitung von Frau Ingrid Mössinger zugleich erneut deutlich, dass das besonders in DDR-Zeiten genüsslich gepflegte Image des »Ruß-Chemnitz«, in dem es nur ausgebeutete, kämpferische Arbeiterklasse und dekadente Bourgeoisie gab, so nicht stimmt.

Chemnitz war Anfang des 20. Jahrhunderts nicht nur ein industrielles Schwergewicht. Es verfügte auch über eine ungemein lebendige Kunst- und Kulturszene. Dieser Atmosphäre ist es nicht zuletzt zu danken, dass der 1883 als Sohn eines Eisenbahningenieurs geborene Erich Heckel schon während seiner Zeit am Realgymnasium in seinen künstlerischen Ambitionen Förderung und Unterstützung erhielt. Beispielsweise durch den Kunstverein Kunsthütte Chemnitz.

Ölgemälde von Erich Heckel: Vorstadt, 1910 – Foto: Kunstsammlungen Chemnitz/Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen

Ölgemälde von Erich Heckel: Vorstadt, 1910 – Foto: Kunstsammlungen Chemnitz/Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen

In der Stadt fand er 1902 auch Anschluss an den von Pennälern gegründeten Debattierklub »Vulkan«. Dessen Name schon zeigt, wie sehr man Auf- und Ausbruch aus dem Korsett wilhelminischer Selbstgefälligkeit suchte. Hier begann auch die lebenslange Freundschaft zum späteren Malerkollegen Schmidt-Rottluff.

Dass das Museum Gunzenhauser 120 Werke aus allen Schaffensperioden Heckels zeigen kann, ist neben privaten Dauerleihgebern vor allem dem umfangreichen Fundus der Stiftung Gunzenhauser zu danken. Denn allein 77 Werke des selbstverständlich als »entartet« geltenden Brücke-Mitbegründers gingen den Chemnitzer Sammlungen infolge der nationalsozialistischen »Kultur«-Politik verloren.

Im Mittelpunkt der Präsentation steht das umfangreiche und technisch vielfältige druckgrafische Werk Heckels. Linolschnitte und Kaltnadelarbeiten, Radierungen und Lithografien stehen neben kraftvollen klaren Holzschnitten. Die Wahl unterschiedlicher Papiere und der Einsatz verschiedener Farben zeigen die Experimentierfreude des Künstlers. Ergänzt werden die Arbeiten durch Gemälde aus den verschiedenen Schaffensperioden sowie durch Originaldokumente aus der Schulzeit Heckels und aus dem Archiv der Kunstsammlungen, in denen bereits 1931 die erste Retrospektive von Heckels Werk zu sehen war. Ein gut gestalteter Katalog zeigt nicht nur die Werkübersicht aus den Chemnitzer Sammlungen, sondern vereint eine Vielzahl von Beiträgen zu Leben und Werk des Künstlers.

Begleitet wird die Schau zudem von einem Vortragsreigen. Zum nächsten Termin am 2. Februar ist der Münsteraner Theologe Reinhard Hoeps zu Gast. Unter dem Titel »Kunstreligion« befasst er sich mit dem schwierigen Verhältnis der nach Autonomie strebenden Kunst der Moderne und einem in Äußerlichkeiten erstarrten Christentum. »Was ist Religion an der Kunst der Moderne? Braucht Religion Kunst?«, heißt es dazu im Veranstaltungsflyer. Fragen, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

Harald Krille

Ausstellung: Erich Heckel. 120 Werke, 17. Januar bis 17. April, Kunstsammlungen Chemnitz – Museum Gunzenhauser, Falkeplatz, 09112 Chemnitz
Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags sowie feiertags 11 bis 18 Uhr

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

Kain und Abel

25. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Auf der Bühne ein grauer Felsblock, eingehüllt in Plastikfolie. Mit ihren langen Haaren bis zu den Knien muten Adam (Bastian Heidenreich) und Eva (Dascha Trautwein) an wie die Nachfahren der Urmenschen. Die Badesachen in grellgrün-orange jedoch wirken modern. Dass sie von Gott aus dem Paradies vertrieben wurden, erwähnen sie ihrem Sohn Kain gegenüber mit keinem Wort. Im Gegenteil, Adam glorifiziert ihr früheres Leben im Garten Eden als das von Herrschenden, die das Sagen hatten.

»Ich bin Kain«, das Theaterstück von Jens Raschke, uraufgeführt am 14. Januar in der Studiobühne des Deutschen Nationaltheaters Weimar – hat die biblische Geschichte von Kain und Abel zur Vorlage. Mit simplen Effekten verwandeln die Schauspieler die Bühne in eine biblische Szenerie. Die Plastikfolie, die anfangs den Fels umhüllt, wird zur Ziege und simuliert schließlich Evas Schwangerenbauch. Mit Mund und Händen werden Geräusche eines Sandsturmes, von Heuschrecken und anderen Tieren erzeugt. Das aus einer Gießkanne fließende Wasser ahmt das Plätschern eines Brunnens nach.

Szene mit Kain (Thomas Kramer, li.) und Abel (Julius Kuhn) – Foto: DNT Weimar/Candy Welz

Szene mit Kain (Thomas Kramer, li.) und Abel (Julius Kuhn) – Foto: DNT Weimar/Candy Welz

Das Stück erzählt die Geschichte einer Familie mit Vater, Mutter, Kind. Die Eltern sind überfordert. Kain ist wissbegierig, er nervt mit seinem unentwegten Fragen – nach dem Namen der Dinge und deren Bedeutung. Adam und Eva werden als Menschen dargestellt, die zwar Angst vor Gott haben, jedoch seine Existenz vor ihrem Sohn verschweigen. Schließlich besinnen sie sich ihres Auftrages, sich zu vermehren. Abel wird geboren und mit ihm findet die Gottvergessenheit ihr Ende.

Die beiden Brüder entwickeln eine unterschiedliche Weltanschauung. Kain ist derjenige, der auf die eigene Kraft vertraut, den Acker bebaut und die Welt gestaltet. Seine Haltung erinnert an den in der DDR proklamierten atheistischen Slogan »Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein«. Abel hingegen pflegt seine Beziehung zu Gott. Er betet, spricht mit Gott, stellt die Nähe zu ihm über alles. Im Gegensatz zu Kain fürchtet Abel auch nicht den Tod. Er will zurück nach Eden. An diesen Gegensätzen zerbricht die Beziehung. Das Stück endet mit der Eskalation, wie sie im 1. Buch Mose beschrieben ist. Die Inszenierung hält sich an die Vorlage der Bibel, für die Eifersucht, Neid und Hass zum ersten Brudermord führen. Darüberhinaus sieht das Stück in dem Aufeinanderprallen gegensätzlicher Positionen zu Gott Konfliktpotenzial. Eine bemerkenswerte Interpretation.

Sabine Kuschel

Weitere Vorstellungen: 28. 1., 10. 2., 24. 2., 19 Uhr; 11. 2., 10 Uhr

»Warum rülpset und furzet ihr nicht«

21. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Geflügelte Worte Martin Luthers

Wer würde heute wohl seine Gäste fragen »Warum rülpset und furzet Ihr nicht, hat es euch nicht geschmecket?« Obgleich nicht bei Luther nachzuweisen, würde die ihm in den Mund gelegte Frage gut zu ihm passen, hinterließ er uns doch Aussprüche wie »Wenn ich hier einen Furz lasse, dann riecht man das in Rom«, oder die treffende Bemerkung »Aus einem verzagten Arsch fährt kein fröhlicher Furz«. Dagegen klingt seine Feststellung »Wer es riecht, aus dem es kriecht« sehr gemäßigt. – Ungeachtet der Urheberschaft Luthers fügt sich die Frage »Warum rülpset …« problemlos in die seinerzeit üblichen Tischsitten ein. So empfahl Caspar Scheidt 1549 in seinem »Grobianus. Von groben Sitten und unhöflichen Gebärden«: »Was du im Mund gehabt hast, leg nicht zurück …, wenn du schneuzen musst, dann tue es nicht mit der Hand, die das Fleisch anfasst. Bei Tisch kratzt man sich nicht und spuckt nicht über den Tisch.« Solche Empfehlungen sind von Luther nicht überliefert, dagegen finden sich zahlreiche Sprüche über das Essen und Trinken. Beidem war er überaus zugetan, wie auch die überlieferten Porträts bezeugen. Schon Brathering und Erbspüree, dazu eine »Pfloschen« von Katharinas selbst gebrautem Bier, konnten sein Herz erfreuen. Luther stand zu seinen Vorlieben, u. a. mit dem unschlagbaren Argument: »Darf unser Herrgott gute, große Hechte, auch guten Rheinwein schaffen, so darf ich auch wohl essen und trinken.« Und seine Käthe ließ er wissen: »Ich fresse wie ein Böhme und saufe wie ein Deutscher«. Kritisch bemerkt er aber auch: »Wir sind allzu lang genug deutsche Bestien gewesen, die nicht mehr können, denn kriegen und fressen und saufen«. An anderer Stelle mahnt er: »Trinken ohne Durst, Studieren ohne Lust, Beten ohne Innigkeit – sind verlorne arebeyt (Mühe)«.

Wenn es viel zu essen gab, langten die Leute im Mittelalter tüchtig zu. »Die Bauernhochzeit«, Gemälde (ca. 1568) von Pieter Bruegel dem Älteren. – Repro: Archiv

Wenn es viel zu essen gab, langten die Leute im Mittelalter tüchtig zu. »Die Bauernhochzeit«, Gemälde (ca. 1568) von Pieter Bruegel dem Älteren. – Repro: Archiv

Sprichwörter flossen auch in Luthers Predigten ein. So unterstreicht er in der Predigt zum 1. Buch Mose seine Auslegung »Angst lehrt beten« mit dem bekannten Sprichwort »Hunger ist der beste Koch«. Zum 23. Psalm interpretiert er »Auf einen vollen Bauch gehört ein fröhliches Haupt« und ergänzt »Ein guter Trunk hält Leib und Seele zusammen«. Der »gute Trunk« konnte für Luther sowohl Wein als auch Bier sein, wobei er dem Wein den Vorzug gab. Ihm sprach er die Kraft zu »fröhlich zu machen« und stellte fest »Bier ist Menschenwerk, Wein aber ist von Gott!« Obgleich nicht bezeugt, gehört der viel zitierte Spruch »Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang« wohl ebenso zu Luther wie sein Einspruch »Für die Toten Wein, für die Lebenden Wasser: das ist eine Vorschrift für Fische«. Wein aber war nicht für jedermann erschwinglich, so blieb das oft selbst gebraute Bier das allgemein übliche Getränk. Das Ergebnis wird in beiden Fällen gleich gewesen sein; denn Luther wetterte häufig gegen die Trunkenheit. »Das Saufen ist in unseren Landen eine Art von Pest … Unser Herrgott muss uns Deutschen die Trunkenheit als eine tägliche Sünde anrechnen; denn wir können’s wohl nicht lassen.« Dennoch ist der Reformator überzeugt: »Ein Christ kann besser reden, wenn er voll ist, als ein Papist, wenn er nüchtern ist«. Luther wusste, wovon er sprach. Er selber litt wegen seiner ungesunden Lebensweise an Nierensteinen und Gicht, tröstete sich aber: »Ich esse, was mir schmeckt, und leide danach, was ich kann«, oder »Ich esse, was ich mag, und sterbe, wann Gott will.«

Luthers Feststellung »Wer das Bierbrauen erfunden hat, der ist ein Unheil für Deutschland gewesen« wird heute wohl keine Mehrheit finden. Doch seinem Tipp »Traurige Leute soll man mit Essen und Trinken erquicken«, kann man getrost zustimmen.

Sylvia Weigelt

Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen

7. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Auf der Suche nach spiritueller Heimat greifen zeitgenössische Künstler auf die christliche Ikonografie zurück


Am 10. Januar wird im Kunsthaus Apolda die Ausstellung »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen – Religiöse Motive in der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin« eröffnet. Anliegen und Schwerpunkt dieser Schau erläutert Kurator Tom Beege. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Beege, der Titel dieser Präsentation »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen« weckt viele Assoziationen. Was erwartet die Besucher?
Beege: In dieser Ausstellung geht es um religiöse Motive. Es sind Bilder aus der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin. Dr. Thomas Rusche ist ein Sammler, der im Münsterland lebt und über einen sehr großen Bestand an Gemälden, Bildern und Objekten verfügt. Seine Sammlung setzt sich zusammen aus Gemälden des niederländischen Barocks des 16., 17. und auch 18. Jahrhunderts und zeitgenössischen Werken. Sie umfasst bestimmt um die 4000 bis 5000 Werke.

Aus diesem Fundus haben Sie auf Vorschlag des Sammlers Werke ausgesucht, die wir in Apolda sehen können?
Beege: Ja, wir haben über 100 Werke ausgesucht, die religiöse Motive zeigen. Das Interessante ist die Zusammenstellung von niederländischem Barock und Zeitgenossen. Wir bringen zwei gegensätzliche Epochen zusammen. Nicht in einem Kontrast, sondern in einem Dialog, eher ergänzend. Wir zeigen zum Beispiel das Motiv der Heiligen Familie in einer Fassung als barockes Gemälde von Gerardus Wigmana und ein korrespondierendes Motiv des südafrikanischen Fotografen Pieter Hugo.

In der Manier der Alten Meister fotografierte Christopher Thomas Laienschauspieler bei den Bühnenproben zu den Passionsspielen in Oberammergau. – Repro: Kunsthaus Apolda/Michael Sauer

In der Manier der Alten Meister fotografierte Christopher Thomas Laienschauspieler bei den Bühnenproben zu den Passionsspielen in Oberammergau. – Repro: Kunsthaus Apolda/Michael Sauer

Es geht aber weniger darum, christliche Lehren zu verbreiten, als vielmehr darum, Motive zu untersuchen. Zum Beispiel: Wie wurden Kreuzigungen im Barock aufgefasst? Worauf beziehen sich zeitgenössische Maler? Wie greifen sie die tradierte Bildsprache der christlichen Kunst auf? Dabei hat sich herausgestellt, dass auch die Holländer nicht aus dem Nichts heraus religiöse Motive benutzt haben, sondern auf Traditionen zurückgegriffen haben. Diese Traditionen ziehen sich ungefähr seit dem Mittelalter bis heute durch. Das heißt, man erkennt bestimmte Motive. Also wenn ein Künstler nur den Ausschnitt eines Holzkreuzes mit einem Dornenzweig malt, suggeriert dieses Bild die Kreuzigung.

Sie untersuchen diese religiösen Motive nach ihrem Ursprung?
Beege: Wir fragen danach, woher diese Urbilder stammen, dieses Bild Christi? Denn es gibt bestimmte Vorbilder auch in der ägyptischen und griechischen Mythologie, die in dieses Bild Christi, wie es sich seit etwa 2000 Jahren geformt hat, mit eingeflossen sind. Diese Traditionen versuchen wir herauszukehren und in einen großen Zusammenhang zu stellen.

Grundsätzlich ist die Ausstellung in zwei Teile geteilt. In dem einen Teil geht es um die Suche nach diesen altmythischen Traditionen, im anderen um die innerchristlichen Traditionen. In der Ausstellung ist auch ein Entwurf des Porträts von Papst Benedikt XVI. von Michael Triegel zu sehen. Daneben ein sehr satirisches Papstbild eines alten holländischen Malers, auf dem ein Esel verspottet wird. Dieser Esel ist im protestantischen Holland die Figur des katholischen Papstes gewesen. Der holländische Barock war eine große Zeit des Umbruchs. Die Reformation trat ein. In Holland ist dieser Prozess gespalten verlaufen. Holland hat sich im Zuge der protestantischen Idee zunächst von der spanischen katholischen Herrschaft abgewandt. Es gab Bilderstürme. Aber es gab dann auch die Gegenreformation. Dieser Konflikt bestand zwischen den südlichen und den nördlichen Niederlanden. Die nördlichen Niederlande waren protestantisch am Ende des 17. Jahrhunderts, die südlichen Niederlande waren noch katholisch. Es herrschten ganz bestimmte Bedingungen. In den protestantischen Gebieten im Norden waren religiöse Darstellungen verpönt. Die Maler mussten irgendwie einen anderen Weg finden, um religiöse Motive auf die Leinwand zu bringen. Während im Süden immer noch sehr stark diese christlichen Allegorien präsent waren. Auch das wird man in der Ausstellung sehen können.

Für diese Ausstellung haben Sie sich wahrscheinlich viel mit Theologie und Kunstgeschichte beschäftigt?
Beege: Mit Theologie nicht unbedingt, aber kunst- und kulturhistorisches Wissen spielte eine Rolle. Es war sehr viel Recherche nötig. Wir haben uns auch mit Kirchengeschichte beschäftigt, vor allem mit christlicher Ikonografie. Wir haben untersucht, wie sehr sich das Bild Christi verändert hat? Es gibt große Veränderungen. Nur als Beispiel: Im 3. Jahrhundert nach Christus war Jesus Christus noch ein blond gelockter Jüngling mit kurzen Haaren oder er wurde überhaupt nur symbolisch dargestellt, klassischerweise in Fischform oder als Lamm. Dieses Bild Christi hat sich über die Jahrhunderte massiv verändert. Das, was uns heute so vertraut ist am Bild Christi und den religiösen Motiven, entstand vorrangig im Mittelalter. Vorher gab es eine große Spannweite an Darstellungen: Christus als Herrscher, als Majestät, bis dann im Mittelalter diese Leidensfigur im Vordergrund stand, mit Bärtchen, längeren gelockten Haaren, hagere Gestalt. Uns fiel auch auf, dass gerade dieses Christusbild mit dem Bärtchen und den längeren lockigen Haaren mittlerweile in die Popkultur eingegangen ist.

Oft taucht die Frage auf, ob ein Künstler, der religiöse Motive darstellt, religiös sein muss. Was ist Ihre Erfahrung? Entspringt ein religiöses Bild einem religiösen Impetus?
Beege: Das ist in vielen Fällen heutzutage nicht mehr so. Oft wird die christliche Ikonografie benutzt, um sich mit den Grundsätzlichkeiten des Lebens auseinanderzusetzen. Einerseits auch mit Kirche. Andererseits aber eben geht es auch um eine gewisse Suche nach Spiritualität. Das wird im Laufe der Ausstellung immer deutlicher. Das rein Rationale kann den Menschen nicht befriedigen. Unabhängig davon, ob jemand Katholik oder Protestant ist oder einer anderen Religion angehört, dieses Bedürfnis nach einem spirituellen Zuhause ist immer vorhanden. Wir haben festgestellt, dieses Bedürfnis bildet den Kern der religiösen Malerei.

Auf der anderen Seite entsteht diese christliche Ikonografie auf der Grundlage eines gewissen kulturellen Fundus’, auf den sich Künstler berufen können. Sie malen ein Kreuz oder eine Christusfigur. Sie nehmen die christliche Vorstellung eines Gottes und eines Erlösers zu Hilfe, um etwas auszudrücken. Eben diese seelische Suche nach einer mentalen Heimat.

Sehr interessant …
Beege: Oh ja sehr. Es war spannend, einerseits, weil wir uns als Kuratoren mit der Tradition dieser Bildlichkeiten auseinandergesetzt haben, dabei auf Erzählungen, auf historische Entwicklungen gestoßen sind, die uns vorher nicht so vertraut waren. Andererseits, weil wir bei der Betrachtung zeitgenössischer Maler festgestellt haben, wie flexibel dieses Thema geworden ist, wie vielseitig verwendbar es ist.

Es gibt auch Fälle, in denen die Benutzung von religiösen Motiven zur Kritik an der Kirche dient. Wobei uns aufgefallen ist, dass die Kritik an der Kirche nicht gleichzusetzen ist mit Unglauben. Insofern war das schon hochinteressant.

Die intensive Beschäftigung mit einem bestimmten Thema führt einen manchmal zu neuen Erkenntnissen. Gibt es solch ein Aha-Erlebnis?
Beege: Das Aha-Erlebnis bestand darin zu sehen, wie massiv sich auch die zeitgenössischen Künstler an dieser christlichen Ikonografie orientieren. Wie sehr diese noch lebt. Also dass die Geschichte Christi von der Geburt über die Passion bis hin zu Himmelfahrt, die Menschen immer noch sehr berührt und auch die Skeptiker immer noch sehr berührt. Und dass viele zeitgenössische Künstler zu Beginn des 21. Jahrhunderts diese tradierte christliche Ikonografie nutzen, um ihre eigenen Aussagen damit zu transportieren. Das finden wir sehr spannend. Das hat uns am meisten beeindruckt.

Die Ausstellung »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen«
im Kunsthaus Apolda Avantgarde
ist vom 10. Januar bis 28. März 2016
dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr geöffnet.

www.kunsthausapolda.de

Aus dem Hause Wettin

4. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Thüringer Landesausstellung 2016: »Die Ernestiner – Eine Dynastie prägt Europa«

Über 400 Jahre regierten Ernestiner in bis zu zwölf Linien und Residenzen weite Teile des heutigen Thüringen und darüber hinaus. Diese einzigartige Entwicklung nimmt der Freistaat zum Anlass für seine nächste Landesausstellung. »Glaube + Heimat« stimmt mit einer sechsteiligen Serie auf die Ausstellung ein.

Auf dem hochgelegenen thüringischen Schloss Altenburg ereignete sich in der Nacht vom 7. zum 8. Juli 1455 etwas Ungeheuerliches. Der »Sächsische Bruderkrieg«, in dem auch Ritter Kunz von Kaufungen treu an der Seite des Kurfürsten gekämpft hatte, war bereits einige Jahre vorbei. Der Ritter allerdings hatte aus dieser Zeit dem Landesherrn gegenüber noch eine Rechnung offen. Dieser jedoch zahlte nicht, sondern vertröstete den Vasallen ein ums andere Mal. Da griff der sich betrogen fühlende Mann in besagter Nacht zum letzten Mittel. Der Zeitpunkt war trefflich gewählt: Der Hausherr war in Leipzig und die meisten seiner da gebliebenen Hofleute waren beim Feiern. Von einem unzufriedenen Mann aus der Hofküche ins Schloss eingelassen, entführte der Ritter die schlafenden Söhne des Kurfürsten, die Prinzen Ernst und Albrecht. Doch das Kidnapping flog auf, schon eine Woche später starb der Ritter unter dem Schwert des Henkers. Drei Jahrzehnte später sind die entführten Knaben von einst Regenten im Haus Wettin. Die Wettiner sind wohl das älteste Adelsgeschlecht in Deutschland, aus dem bis in die Neuzeit hohe Monarchen stammen, wie Königin Elisabeth II. von Großbritannien und Nordirland und König Philippe von Belgien. Sein Territorium erstreckt sich, grob umrissen, über jene Landesteile, die heute als Mitteldeutschland bezeichnet werden. Der Kurfürst Ernst, der ältere der beiden Wettiner-Brüder, setzt alsbald auf eine »Gebietsreform«. Eine aus zwölf Blättern bestehende, in Pergament gebundene Urkunde besiegelt diese »Leipziger Teilung von 1485«. Der Vertrag hält fest, welcher der beiden Brüder welchen Landstrich bekommt. Seitdem sprechen die Geschichtsschreiber von den Ernestinern, die zunächst in Wittenberg und später in Weimar residieren und von der albertinischen Linie der Wettiner mit der Residenz Dresden. Weitere Landesteilungen folgen. So entstand über die Jahrhunderte jener »bunte Fleckenteppich« von Landkarte, der als »Kleinstaaterei« ins Gerede kam. Tatsächlich existierten auf dem Gebiet, das in etwa mit dem heutigen Thüringen gleichzusetzen ist, mehr oder weniger lang bis zu zwölf ernestinische Nebenlinien samt Residenzen. Dass diese Ländchen politisch bedeutungslos waren, ist wahr. Ebenso wahr ist, dass der Wettbewerb der Höfe untereinander eine Vielfalt und Fülle geistigen, künstlerischen und architektonischen Reichtums hervorbrachte. Zu den Folgen der »Kleinstaaterei« gehört, was Touristen aus aller Welt begeistert, aber dem Land auch manches finanzielle Problem beschert: Schlösser und Parks, Kunstsammlungen, eine einzigartige Musik-, Kunst-, Literatur- und Theaterlandschaft.

Kürzlich heiratete ein Nachfahre der Wettiner aus der ernestinischen Linie in Weimar: Prinz Georg-Constantin von Sachsen-Weimar-Eisenach und seine Frau Olivia Rachelle Page. Foto: Maik Schuck

Kürzlich heiratete ein Nachfahre der Wettiner aus der ernestinischen Linie in Weimar: Prinz Georg-Constantin von Sachsen-Weimar-Eisenach und seine Frau Olivia Rachelle Page. Foto: Maik Schuck

Diesen Fundus nimmt der Freistaat Thüringen zum Anlass für seine nächste Landesausstellung im Jahr 2016. Unter dem Titel »Die Ernestiner. Eine Dynastie prägt Europa« werden die Ernestiner als das protestantische Fürstenhaus, das Thüringen zwischen Reformation und Revolution über Jahrhunderte prägte, präsentiert. Ausstellungsorte sind die beiden einstigen Residenzstädte Gotha und Weimar, in denen die Häuser Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Gotha-Altenburg und Sachsen-Coburg und Gotha ihren Haupt- und Regierungssitz hatten – mehr Authentizität geht nicht.

Wer aber waren die Ernestiner? Wann und wo regierte das über 400 Jahre existierende Adelsgeschlecht? Was schufen deren Angehörige Bleibendes, wie lebten ihre Untertanen? Drei außergewöhnlich handelnde Persönlichkeiten der Dynastie mögen in den kommenden Beiträgen dieser Serie fürs Ganze stehen: der in Gotha residierende, für sein Engagement in der Bildung europaweit berühmt gewordene Herzog Ernst I.(1601-1675); der in Weimar residierende Großherzog Carl Alexander (1818-1901), zu dessen überragenden Leistungen der Wiederaufbau der Wartburg gehörte, und der in Meiningen residierende Herzog Georg II. (1826-1914), der europäische Theatergeschichte schrieb. Außerdem beleuchten wir die berühmte Hochzeitspolitik der Ernestiner und schauen schließlich den Machern der Ausstellung über die Schulter. Soviel lässt sich jetzt schon sicher sagen: Die Ernestiner sind Geschichte. Die Geschichte der Ernestiner verspricht eine spannende Landesausstellung.

Heinz Stade

Der stille Revolutionär

23. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Karl Schmidt-Rottluff – einer der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts

In einer fulminanten Werkschau feiern die Chemnitzer Kunstsammlungen mit Karl Schmidt-Rottluff einen der bedeutendsten Künstler der klassischen Moderne in Deutschland.

Pamphlete und programmatische Schriften waren nicht sein Metier. Ebenso wenig das Herumtollen mit nackten halbwüchsigen Modellen an den Moritzburger Teichen oder der so manchen seiner expressionistischen Künstlerkollegen eigene Hang zur selbstzerstörerischen Existenz. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – schuf Karl Schmidt-Rottluff in seinem fast 92 Jahre währenden Leben ein Werk, das ihn nicht nur zum bedeutendsten Maler des deutschen Expressionismus, sondern zu einem der wichtigsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts überhaupt macht.

Geboren wurde Karl Schmidt am 1. Dezember 1884 in Rottluff bei Chemnitz. Nach Besuch des heute nach ihm benannten Gymnasiums der Indus­triestadt und erster künstlerischer Beschäftigung begann er 1905 in Dresden ein Studium der Architektur. Doch die Freundschaft zu Erich Heckel, die Begegnung mit Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl führten zum Richtungswechsel: Zur künftigen Suche nach einer neuen und unverfälschten Ausdrucksweise in der Malerei.

Dynamische und farbwuchtige Landschaften begleiteten zeitlebens das Schaffen von Karl Schmidt-Rottluff. Das Gemälde »Seehofallee« entstand 1956.Repro: VG Bild-Kunst/Kunstsammlungen Chemnitz

Dynamische und farbwuchtige Landschaften begleiteten zeitlebens das Schaffen von Karl Schmidt-Rottluff. Das Gemälde »Seehofallee« entstand 1956. Repro: VG Bild-Kunst/Kunstsammlungen Chemnitz

»Und als Jugend, die die Zukunft trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen, älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt«, heißt es im Aufruf der 1905 gegründeten Künstlergruppe »Brücke«. Deren Name geht auf Karl Schmidt zurück, welcher nunmehr seinem eigenen Namen auch den seines Geburtsortes hinzufügt. Während der Name der Künstlergruppe oft als Reminiszenz an das brückenreiche Dresden gedeutet wird, sieht der Weimarer Kunstwissenschaftler Christoph Stölzl darin eher einen Ausdruck Schmidt-Rottluffscher Eigenart: Revolutionärer Aufbruch, ohne alle Brücken hinter sich abzubrechen.

Rund 500 Werke aller Schaffensepochen umfasst die Chemnitzer Schau. Von den ersten Werken des Schülers, bis zum Alterswerk des Künstlers, der aus Gesundheitsgründen zuletzt nur noch Aquarellmalerei betrieb. Neben den farbenfrohen großen Landschaften der Jahre zwischen den beiden Weltkriegen und den reifen Gemälden der Nachkriegszeit ist es vor allem das umfangreiche und ausdrucksstarke grafische Werk, mit dem die Chemnitzer Schau überrascht. Besonders eindrücklich die ungemein kraftvollen Holzschnitte, etwa aus der 1918 entstandenen Mappe mit dem Titel »Ist euch nicht Kristus erschienen?«.

Wie jede aufrichtige künstlerische Existenz geriet auch Schmidt-Rottluff zwischen die Mahlsteine der politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. Seinen 1933 erzwungenen Austritt aus der Preußischen Akademie der Künste nahm er mit Würde an. Ohne jeglichen Versuch, sich etwa wie sein Malerkollege Emil Nolde noch jahrelang den Nationalsozialisten anzudienen. Seine Werke wurden aus den Museen verbannt, in der Schandausstellung »Entartete Kunst« gezeigt, er selbst ab 1941 mit absolutem Malverbot belegt.

Und auch der erhoffte Neuanfang in seiner Heimatstadt Chemnitz endete 1946 schnell in der Erkenntnis, dass seine Kunst für die neuen Machthaber zwar nicht »entartet«, wohl aber »zu wenig volksverbunden« und »formalistisch« sei. So führte ihn sein Weg als Lehrer an die (West-)Berliner Hochschule für bildende Künste.

Christoph Stölzl sinnierte in seiner Eröffnungsrede der Chemnitzer Schau am vergangenen Sonnabend über die »armen Kunsthistoriker«, die immer beschreiben müssten, »was man eigentlich sehen kann«. In diesem Sinne bleibt nur eine Empfehlung: Auf nach Chemnitz! Bis 10. April kommenden Jahres ist die Ausstellung geöffnet, zu der ein opulenter Begleitkatalog erschienen ist.

Harald Krille

Ausstellung: Karl Schmidt-Rottluff. 490 Werke in den Kunstsammlungen Chemnitz
Öffnungszeiten: dienstags, donnerstags bis sonntags und feiertags 11 bis 18 Uhr, mittwochs 11 bis 20 Uhr

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

Halleluja auf der Leinwand

2. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Filmrezension: »Wie auf Erden« zeigt die transformierende Kraft der Musik

Der Film »Wie auf Erden« erzählt eine Geschichte, in der es auch um Leben und Tod geht, mit großer Leidenschaft und aus einer Perspektive der Zuversicht.

Vor uns auf der Bühne steht Lena, eine energievolle Country-Sängerin. Um sie herum eine Dorfkapelle in einem proppenvollen Tanzsaal. Lena gibt ihr Bestes. Gerade in diesem Moment setzen bei der hochschwangeren Frau die Wehen ein. Was nun folgt ist Dramatik pur: Eine Autofahrt zur Klinik durch nächtlichen Schneesturm, eine Alkoholleiche am Wegesrand und eine erfolgreiche Hausgeburt mithilfe des Dorfpfarrers Stig, der reanimierten »Alkoholleiche«. Lena (Frida Hallgren), Mitte dreißig, ist nicht nur die Hauptperson des neuen Filmes von Kay Pollak, sondern zugleich das Bindeglied zu dessen erfolgreichem Musikfilm »Wie im Himmel«. Lange hat man den Regisseur zu dieser Fortsetzung gedrängt; jetzt – elf Jahre später – hat er es fast mit dem gleichen Personal getan. Und so setzt sich die Geschichte fort:

Aus Dankbarkeit für die Hebammendienste von Stig (Niklas Falk), willigt Lena ein, die Leitung des herrenlosen Dorfchores von Ljusåker zu übernehmen und mit ihm nichts Geringeres als Händels »Messias« einzustudieren. Durch ein fantastisches Jubiläumskonzert – live vom Fernsehen übertragen – wäre die Kirche endlich wieder einmal voll, so glaubt der Pfarrer, der kurz vor seiner Absetzung steht, was Lena verhindern möchte.

Filmszene: Lena (Frida Hallgren) dirigiert das festliche Jubiläumskonzert. Foto: PROKINO Filmverleih GmbH

Filmszene: Lena (Frida Hallgren) dirigiert das festliche Jubiläumskonzert. Foto: PROKINO Filmverleih GmbH

Obwohl ihr einige Skepsis und offene Feindschaft durch Bruno, einen Rivalen für das Händel-Dirigat, entgegenschlagen, gelingt es Lena mit ihrer fröhlichen Art, nach und nach die Gemeindeglieder von ihrer Idee zu überzeugen; das Kirchenleben soll mehr Freude und Überzeugung ausstrahlen. Also: Kirchenbänke raus, Tanzboden rein und ein Benefizkonzert der besonderen Art, durch das der Kreis ihrer Unterstützer wächst – allerdings auch der Gegner aus dem Gemeindekirchenrat. Aber nicht nur ihre alten Wegbegleiter und jede Menge neue Singbegeisterte stärken ihr den Rücken, auch Axel (Jakob Ofterbo) tritt in Lenas Leben und lässt sich nicht so leicht wieder vertreiben.

Kay Pollak und seine wunderbaren Schauspieler erzählen diese Geschichte, in der es auch um Leben und Tod geht, mit großer Leidenschaft und aus einer Perspektive der Zuversicht. Sie sind überzeugt, dass »es keinen besseren Weg gibt, Menschen zusammenzubringen, als sie gemeinsam singen und tanzen zu lassen«. Und so endet der Film, wie er begann: mit Musik. In einer ungewöhnlichen Version für sehr gemischten Chor und Band kommt es in der überfüllten Kirche zu einer mitreißenden Aufführung von Händels »Messias«. Das berühmte »Halleluja, Halleluja« bringt die Gemeinde zum Jubeln und lässt Stig, der inzwischen dem Alkohol entsagt hat, still und stolz lächeln.

Leider begnügen sich die Filmemacher nicht mit diesem Ende, sondern versuchen außerdem, die sich anbahnende Liebe zwischen Lena und Arne zu problematisieren und den Tod eines geistig behinderten Chormitglieds zu dramatisieren. Das streckt diesen ansonsten vergnüglichen Film, der vor wunderschöner Naturkulisse gedreht wurde, auf 130 Minuten Spieldauer. Schade, weniger wäre mehr gewesen. Musikfreunde sollte das nicht davon abhalten, sich von »Wie auf Erden« begeistern zu lassen. Dazu muss man den ersten Teil nicht gesehen haben.

Matthias Caffier

Kinostart: 3. Dezember 2015

Der Tod im Alltäglichen

24. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Präsentation: In Kassel gibt es ein einzigartiges Museum für Sepulkralkultur – Eindrücke eines Besuches

Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Museum für  Sepulkralkultur nachdenklich, nach unten blickend, verlassen wird. Denn die letzten Worte, die dem Besucher mitgegeben werden, ganz unten auf die Glastür gedruckt lauten: »Leben Sie wohl«.

Sepulkralkultur, das umfasst alle kulturellen Erscheinungen im Zusammenhang mit Sterben, Tod, Bestatten, Trauern und Erinnern. Alldem widmet sich das Kasseler Museum seit 1992. Auf der unteren Ebene ist die Geschichte von Friedhöfen und Grabmälern dargestellt. Dabei konzentriert sich die Ausstellung auf den mitteleuropäischen Raum zwischen Mittelalter und Gegenwart.

Der aktuelle Trend der Bestattungskultur bewegt sich zwischen zwei Extremen: Zum einen dominieren standardisierte und anonymisierte Formen der Bestattung, der Särge und Gräber. Zum anderen gibt es individuelle Möglichkeiten, wie See- oder Waldbestattungen, Friedhöfe von Fußballvereinen oder anderen Gruppen. Hier sind die Grabstätten ein Zeichen für Gemeinschaft und Identität über den Tod hinaus. Unweigerlich ist auch der Besucher diesem Konflikt ausgesetzt: Wie und wo will ich einmal meine letzte Ruhe finden?

Motive des Todes haben in alle Bereiche der Mode Einzug gehalten: Ob schick und stilvoll oder knallig bunt – ganz selbstverständlich ist der Totenkopf dabei. Fotos: Mirjam Petermann

Motive des Todes haben in alle Bereiche der Mode Einzug gehalten: Ob schick und stilvoll oder knallig bunt – ganz selbstverständlich ist der Totenkopf dabei. Foto: Mirjam Petermann

Die Ausstellungsobjekte im Gewölbe haben unterschiedliche Bezüge zu Sterben, Tod und Bestattung. Hier werden Dinge gezeigt, die eine wichtige Rolle in der Sterbestunde spielen: Sterbekreuze und Reliquien oder Produkte für die Leichenpflege, Särge, Urnen und Leichenwagen. Historische Volks- und Handwerkskunst trifft auf Produktdesign und zeitgenössische Kunst. Eine sehr klassische Schautafelausstellung über andere Religionen und ihre Bestattungsriten ergänzt die Dauerausstellung im Obergeschoss.

Das Thema des Museums ist kein leichtes. Es ist keine Ausstellung, die man sich einfach so als Tourist anschaut, weil es zu einem Besuch in der documenta-Stadt dazugehört. Anders als in der Gesellschaft, wo Tod und Sterben zumeist ausgelagert und an den Rand verlegt werden, befindet sich das Museum für Sepulkralkultur mitten im Leben: auf einer Anhöhe in einem Wohngebiet, mit Blick über Kassel. Kahle Bäume und dunkle Wolken bieten in diesen Tagen die passende Kulisse zum Besuch. Wie hoch muss der Kontrast sein, wenn die Bäume um das Haus voller Blätter sind, der Garten blüht und auf den Straßen Kinder lachend spielen?
Bunt, laut und schrill kommt die derzeitige Sonderausstellung des Museums daher – das sogenannte Sepulkralkaufhaus. Das Motto: »Buy now, die later!« – kaufe jetzt, stirb später.

An den Wänden prangen auf pinkfarbener Tapete silberne Totenköpfe, die bei näherem Hinsehen aus vielen kleinen Schmetterlingen bestehen. Der Tod im Alltäglichen wird hier gezeigt. Nicht erst in der Gegenwart haben Symbole für Tod und Vergänglichkeit, allen voran der Totenkopf und das Skelett, Einzug in die Modewelt gehalten. Es gibt nichts, was es nicht gibt: Alltagskleidung und Sportartikel, Fahrradhelme und Schmuck, T-Shirts mit Piratenflaggen, Pumps mit Rosen und Totenköpfen. Die Artikel liegen in den Regalen und Vitrinen, hängen auf Kleiderständern. Die imposantesten Stücke werden von Schaufensterpuppen, auch auf einem Laufsteg, präsentiert. Umkleidekabinen mit Sitzgelegenheiten für die wartenden Begleiter und eine an die Wand projizierte Rolltreppe lassen den typischen Museumsstil vergessen und suggerieren das Totenkaufhaus. In den Umkleidekabinen erhält »der Kunde« Einblick in die Geschichte der Mode um die Todesmotive. Totenköpfe auf der Uniform des 2. Preußischen Leib-Husaren-Regiments oder den Kragenspiegeln der Panzertruppen der Wehrmacht zeugen von einem Symbol, das schon immer auch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe definierte.

Wissend um die Schwere des Themas des Sepulkralmuseums, sind die Räume offen und hell gestaltet. Viele Glasfronten ermöglichen den Blick nach draußen. So entsteht zum einen eine Trennung zur Realität, aber mit der Aussicht auf die Stadt ist man doch auch mittendrin. Das Sterben ist Teil unseres Lebens und hier erhalten wir viele verschiedene Blickwinkel auf das Unausweichliche.

Mirjam Petermann

Das Museum für Sepulkralkultur, Weinbergstraße 25–27, 34117 Kassel, ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, mittwochs von 10 bis 20 Uhr geöffnet, montags geschlossen. Jeden Mittwoch findet um 18 Uhr eine öffentliche Führung statt. Die Sonderausstellung »Das Sepulkralkaufhaus – Buy now, die later!« kann noch bis zum 3. Januar 2016 besucht werden.

Eine chinesische Parabel

17. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Erzählung: »Der kluge Kaiser« von Werner A. Wolf mit einer Illustration von Maria Landgraf

Vorzeiten herrschte im alten China ein mächtiger Kaiser, der wollte, als er alt geworden war und sein Ende nahen fühlte, wissen, was den Menschen nach seinem Tod im Jenseits erwarte.

Er rief deshalb alle Gelehrten und Weisen seines riesigen Reiches in seinen Palast und befahl ihnen, bei allem Volk, ob arm oder reich, hoch oder nieder, klug oder dumm, nachzuforschen, ob einer von ihnen aus eigener Erfahrung über das Leben nach dem Tode etwas berichten könne. Bei dem riesigen Volk müsse es doch den einen oder anderen geben, der von drüben zurückgekehrt sei. Meinte der Kaiser.

Nach einem Jahr sollten sich die Versammelten zur gleichen Zeit im Palast erneut einfinden und vom Ergebnis ihrer Nachforschung berichten. Wer aber keinen Erfolg gehabt hatte und nichts zu sagen habe, der solle des Todes sterben, denn dann könne er am eigenen Leibe erfahren, wie es dort drüben zugehe.

Da erschraken die Gelehrten und Weisen sehr. Sie machten sich aber auf den Weg und schwärmten aus. Pünktlich nach einem Jahr traten sie erneut vor den Kaiser. Keiner hatte Erfolg gehabt, keiner konnte etwas berichten – und keiner wollte sterben!

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

Aber ein Jeder hatte sich eine Geschichte ausgedacht und zurechtgelegt. Einige berichteten, ein Zurückgekehrter habe drüben erfahren, dass der Mensch nach dem Tode in eine wunderbare überirdische lichte Welt eingehe, wo es weder Streit noch Neid gebe und ewiger Friede herrsche. Andere wieder wollten gehört haben, jeder Mensch werde nach seinem Ableben von allen seinen Angehörigen und Freunden freudig empfangen und in diese Gemeinschaft wie im irdischen Leben wieder aufgenommen. Eine dritte Gruppe meinte, jeder Verstorbene kehre nach einer Zeit der Läuterung und Meditation auf die Erde zurück. So gab es noch viele Meinungen, und bald brach zwischen den Gelehrten und Weisen ein lautes Gezänk und Geschrei darüber aus, wer wohl die Wahrheit gefunden habe, sie nannten sich gegenseitig Lügner und Betrüger und bald herrschte im Kaiserpalast ein wildes Chaos. Der alte Kaiser aber war des schrillen Gezeters bald überdrüssig und befahl, die ganze Gesellschaft in den Kerker zu werfen.

Da trat ein alter weißhaariger Mann vor und bat um Gehör. Der Kaiser hob seine Rechte und alles verstummte. Es war ganz still. »Herr,« sagte der Alte, »ich lebe schon viele Jahre auf dieser Erde, ich bin ein alter Mann und der Tod schreckt mich nicht. Mir ist es gleich, ob ihr mich richten lasst, wenn ich euch die Wahrheit sage. Alles, was ihr bisher gehört habt, dient den Erzählern nur dazu, ihr Leben zu retten, denn kein Irdischer wird jemals wissen, was uns Menschen nach unserem Tod bevorsteht. Und wer darüber berichtet, lügt. Hört diese Fabel: Auf dem Grund eines Teiches leben hässliche und bösartige Larven. Wenn ihre Zeit gekommen ist, steigt jede einzelne Larve aus dem Wasser, um niemals zurückzukehren. Jede Larve verspricht aber den Zurückbleibenden darüber zu berichten, was nach dem Verlassen des Teiches geschehen ist. Denn die Frösche hatten das Gerücht verbreitet, dass sich jede Larve auf der anderen Seite der Welt nach einer Zeit der Verpuppung in eine wunderschöne Libelle mit grazilem Leib und bunt schillernden Flügeln verwandeln wird. Aber keiner Libelle wird es je möglich sein, wieder auf den Grund des Teiches zurückzukehren, um den Zurückgebliebenen Kunde zu bringen. Und so wissen die Libellenlarven bis zum heutigen Tag ebenso wenig wie wir Menschen, was nach dem Übertritt in die andere Welt geschehen wird, denn der Tod ist das größte Geheimnis des Lebens.

Nach der Rede des alten Mannes war der Kaiser sehr nachdenklich geworden, er saß in sich gekehrt auf seinem goldenen Thron und bewegte die Parabel in seinem Herzen. Und weil er nicht nur ein gestrenger, sondern auch ein kluger Kaiser war, ließ er den Greis nicht richten, vielmehr lobte er ihn und machte ihn wegen seiner Weisheit zu einem seiner Ratgeber. Die scheinheilige Gesellschaft der Gelehrten und Weisen aber jagte er mit Schimpf und Schande aus seinem Palast.

Viel Fingerspitzengefühl

11. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Stuhlflechterei: Sehen, mit welchem Geschick blinde Handwerker in den Erfurter Werkstätten arbeiten

Das Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands (CJD) versteht sich als Chancengeber und Mutmacher. In den Erfurter Werkstätten arbeiten zwei blinde Handwerker in der Stuhlflechterei.

Niels Grobb ist glücklich: »Das ist ein cooler Faden, ein echt cooler Faden!« Der junge Mann, der so erfreut über den Stuhlflechtfaden aus Rattan jubelt, den ihm Korbmachermeister Hans-Günther Altenfelder sorgfältig ausgesucht hat, setzt zufrieden seine Arbeit fort. Das komplizierte Wiener Geflecht fordert seine volle Konzentration, denn er ist blind. Von Geburt an. Weil er vor 35 Jahren im Brutkasten zu viel Sauerstoff bekommen habe, erzählt er. Auch sein Gehör sei nicht gut, deshalb trage er ein Hörgerät.

Direkt neben ihm sitzt Maik Benschig, ebenfalls blind. »Ich war ein Frühchen«, erklärt er kurz und knapp den Grund. Der 36-Jährige und sein Nebenmann kennen sich schon fast drei Jahrzehnte. Beide besuchten als Kinder die Blindenschule in Chemnitz. Danach trennten sich ihre Wege.

Niels Grobb (Mitte) und Maik Benschig (re.) machen aus ramponierten Sitzgelegenheiten wieder echte Schmuckstücke. Korbmachermeister Hans-Günther Altenfelder (li.) ist zur Stelle, wenn er gebraucht wird. Fotos: Adrienne Uebbing

Niels Grobb (Mitte) und Maik Benschig (re.) machen aus ramponierten Sitzgelegenheiten wieder echte Schmuckstücke. Korbmachermeister Hans-Günther Altenfelder (li.) ist zur Stelle, wenn er gebraucht wird. Fotos: Adrienne Uebbing

Niels Grobb wusste damals nicht, welchen Beruf er erlernen sollte. Wäre es nach dem Wunsch seiner Eltern gegangen, hätte er eine Ausbildung als Bürokraft machen sollen. Aber den ganzen Tag am Computer – das sei ihm einfach zu langweilig gewesen. Beim Probearbeiten in Erfurt hat er dann das Korbflechten für sich entdeckt und es bot sich die Möglichkeit, eine entsprechende Ausbildung in der Landesblindenschule Hannover zu absolvieren – weit weg von zuhause. »Da hat mir ganz schön das Herz gebubbert, als ich die ersten Male allein mit der Bahn dorthin musste«, erzählt er. Aber der Einsatz hat sich gelohnt, er habe neben der Praxis auch viel theoretisches Wissen mit auf den Weg bekommen, erklärt der gelernte Korb- und Rahmenflechter stolz.

Auch Maik Benschig fand bei einem Praktikum in den Erfurter Werkstätten Gefallen an der Flechtkunst. Begonnen hat er zunächst mit Übungsrahmen. Immer wieder hat er das probiert, bis die Spannung stimmte und er das richtige Gefühl für die Muster hatte.

Die Handwerkskunst aus den Erfur­ter Werkstätten wird hoch geschätzt. Auch ohne Werbung ist die Auslastung dank Empfehlungen zufriedener Kunden hoch, so Hans-Günther Altenfelder. Zudem nutzen Restauratoren gerne den Sachverstand und das hohe handwerkliche Niveau der Erfurter Stuhlflechter.

Es ist beeindruckend, mit welchem Geschick die beiden die Rattanfäden verflechten – wobei sie sich nur auf ihren Tastsinn verlassen können. Und natürlich auf Hans-Günther Altenfelder, der sofort zur Stelle ist, wenn Hilfe gebraucht wird. Wie beim Einarbeiten eines neuen Fadens oder beim Ausrichten des Schergeflechtes. »Als ich hier begonnen habe, mit blinden Kollegen zu arbeiten, habe ich das Flechten erst einmal selbst mit geschlossenen Augen versucht. Ich zolle ihnen größten Respekt für das, was sie leisten!« Mit sicherem Gespür greifen die zwei nach dem benötigten Werkzeug. Als gestandene Handwerker haben sie es ordentlich sortiert neben sich platziert.

Natürlich sei die Arbeit nicht immer einfach, gibt Altenfelder unumwunden zu. Aber er ist sehr zufrieden. »Meine christliche Lebenseinstellung ist der Motor«, bringt er seine persönliche Motivation auf den Punkt. Maik Benschig, größter Fan des Korbmachermeisters, strahlt: »Und wir sind mit Herrn Altenfelder sehr zufrieden!« Momente wie dieser tun gut und lassen Altenfelders Tätigkeit als »Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung« zur Berufung werden.

Dass der blinde Kollege auch ganz besondere Talente als Sänger habe, verrät Hans-Günther Altenfelder noch:

»Maik hat eine sehr sehr schöne Stimme!« Und das sei das Besondere in den Erfurter Werkstätten. Denn nicht nur Arbeit steht auf dem Tagesplan, hinzu kommen auch viele arbeitsbegleitende Angebote, wie eben der Musikkreis. Die ganzheitliche Förderung gehört zum Konzept. Maik Benschig freut sich sehr darüber und hat mit seiner Gruppe unter anderem einen dritten Platz bei einem Musikwettbewerb der Stiftung Finneck vorzuweisen. Im Moment probt er mit seinen Mitstreitern für ein großes Musiktheaterprojekt.

Und Niels Grobb war vor einigen Jahren Deutscher Vizemeister beim Blindenschießen – so etwas gibt es: Anders als im »normalen« Schießsport besitzen die Gewehre einen Lichtsensor, der auf Helligkeit reagiert. Wenn sich der Lauf im hellen Zentrum der Zielscheibe befindet, wird ein akustisches Signal an den Schützen weitergeleitet; entfernt sich der Lauf von der Mitte, wird durch die dunklere Farbe ein anderer Ton erzeugt, der Schütze kann also gewissermaßen mit den Ohren »zielen«. Er habe diesen Sport wieder aufgegeben, weil er ihm wegen seines eingeschränkten Gehörs zu anstrengend geworden sei. Aber Spaß habe es ihm schon gemacht.

Echte Multitalente also, die in den Erfurter Werkstätten aktiv sind – und ganz beeindruckende Handwerker.

Adrienne Uebbing

Kontakt zur Stuhlflechterei: Telefon (03 61) 78 34-428 (Herr Altenfelder)

www.cjd-erfurt.de
www.cjd-erfurt-leichte-sprache.de

Die Bibel wird groß

3. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Ein Rundgang durch die neue Dauerausstellung im wiedereröffneten Eisenacher Lutherhaus

Nach zweijähriger Sanierung und Erweiterung wurde im September das Eisenacher Lutherhaus wiedereröffnet. In dem historischen Gebäude ist ein modernes Museum entstanden. Die neue Dauerausstellung trägt den Titel »Luther und die Bibel«.

Das Museum ist durch einen Glasanbau erweitert worden. Dieser führt in das historische Gebäude, in dem Martin Luther der Überlieferung nach während seiner Schulzeit von 1498 bis 1501 gewohnt haben soll. Das moderne Museum lädt auf drei Etagen zu einem Rundgang durch die Jahrhunderte ein, angefangen von der Reformationsgeschichte im 15. und 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Gemälde, kostbare Bibeln und Schriftstücke, mittelalterliche Schnitzplastiken und andere Exponate sowie Videos und Mediastationen präsentieren exemplarisch das Leben des großen Reformators und seine Wirkungsgeschichte bis heute.

Drei Stapel Bibeln zeigen, wie sich die Zahl von 150 Exemplaren im Jahr 1456 bis 1713 auf 10 000 Exemplare vergrößerte. Fotos: Sabine Kuschel

Drei Stapel Bibeln zeigen, wie sich die Zahl von 150 Exemplaren im Jahr 1456 bis 1713 auf 10 000 Exemplare vergrößerte. Fotos: Sabine Kuschel

Das Leben im ausgehenden Mittelalter war von inniger Frömmigkeit geprägt, obwohl nur wenige Christen Zugang zur Bibel hatten. Auch Luther hatte im Alter von 20 Jahren noch keine Bibel gesehen. Ausgestellt werden Exemplare der lateinischen Bibel, die Vulgata, zu Luthers Schulzeit die am häufigsten benutzte Bibel.

Brot und Wein

Nachdem Luther die Bibel entdeckt hatte, gewann er daraus wesentliche Einsichten und Glaubensgewissheit. Ihm wurde deutlich: Jesus Christus ist nicht der zornige Richter, der im Jüngsten Gericht über das Leben der Menschen entscheidet. Fortan sollten Heilige nicht mehr als Vermittler zwischen Mensch und Gott angerufen werden. Als Vorbilder im Glauben galten sie den Reformatoren weiterhin. Diesen Aspekt thematisiert die Ausstellung ebenso wie den Bildersturm und andere Auswirkungen der Reformation. Was sich durch sie änderte, dokumentiert beispielsweise die Gegenüberstellung eines großen und kleinen Abendmahlskelches, denn die Reformatoren forderten die Austeilung des Abendmahls unter »beiderlei Gestalt«. Brot und Wein wurden an die Gemeinde gereicht, wozu ein größerer Kelch erforderlich war. Im Mittelalter erhielt die Gemeinde das Abendmahl unter »einer Gestalt«, also nur Brot. Der kleine Kelch war für den Priester bestimmt.

Ein Bild – Luther mit dem Kurfürsten Johann Friedrich dem Großzügigen und mit Melanchthon – ist Indiz dafür, dass die Reformation nicht stattgefunden hätte ohne Unterstützung durch die weltliche Obrigkeit und die Zusammenarbeit mit vielen Reformatoren.

An einer Station wird der Besucher aufgefordert, das Übersetzen auszuprobieren. Ihm werden verschiedene Worte angeboten, mit denen ein Bibelvers so oder so interpretiert werden kann. Luthers Sendbrief vom Dolmetschen vermittelt einen Eindruck, wie mühselig und zeitaufwendig das Übersetzen ist. Der Sprecher dieses Schreibens schildert, wie lange die Übersetzer nach einem einzigen Wort suchen, ohne es zu finden: 14 Tage, drei bis vier Wochen Arbeit ohne Erfolg. Nach drei Tagen seien mitunter keine drei Zeilen übersetzt worden.

Luthers Vermächtnis

Luther war ein Mann des Wortes. Und er liebte die Musik, er spielte Laute, schrieb und komponierte Kirchenlieder. Sein Anliegen, die frohe Botschaft der Bibel durch eingängige Texte und Melodien zu verbreiten, schlägt sich in einer reichen evangelischen Musiktradition nieder. »Hier gibts was auf die Ohren« heißt es im »Musikzimmer«, einem Raum, in dem sich die Besucher in Nischen niederlassen und ausgewählte Werke der Kirchenmusik hören können.

Als Martin Luther 1546 starb, war das ein Schock. Doch sein Werk hat sich als dauerhaft erwiesen. Seine Bibelübersetzung beeinflusste Sprache, Musik und Literatur. Sie inspirierte Komponisten, Dichter, Philosophen und Theologen, Gläubige und Nichtgläubige zu eigenen Werken.

Der Weg in die Welt

Dass nicht nur Christen, sondern auch Atheisten wie Friedrich Nietzsche von Luthers Sprache geprägt sind, beleuchtet die Schau. Sie stellt sogar einen Bezug zu Walter Ulbricht her. Seine zehn »Grundsätze der sozialistischen Moral« sollten die Zehn Gebote verdrängen. Und atheistische Bräuche wie die Jugendweihe imitierten christliche Traditionen wie die Konfirmation.

Bekanntlich verfasste Luther Schriften, in denen wüste Ausfälle gegen das Judentum vorkommen. Dieses beschämende Kapitel integriert die Ausstellung mit dem antisemitischen »Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben«. Das Institut sollte aus der Lutherbibel sowie den Gesangbüchern »alles Jüdische« tilgen.

Schließlich präsentiert die Ausstellung, wie Luthers Bibel den Weg in die Welt fand. 1456 gab es lediglich 150 Exemplare der Gutenberg-Bibel. Das änderte sich 1710 als Carl Hildebrandt von Canstein mit August Hermann Francke in Halle eine Bibelanstalt gründete. Zwei Stapel Bibeln zeigen: 1534 existierten nur 5 000 Exemplare der Lutherbibel, 1713 in der Cansteinschen Bibelanstalt hatte sich diese Zahl auf 10 000 verdoppelt.

An Multimedia-Stationen erzählen Menschen, wie sie zur Bibel stehen. Der ehemalige Thüringer Landesbischof Christoph Kähler stellt die von ihm geleitete Überarbeitung der Luther-Bibel vor. Der Text soll 2016 als Buch vorliegen und zum 500. Reformationsjubiläum für die evangelischen Kirchen verbindlich werden.

Viele Exponate stehen jeweils für bestimmten Abschnitte und Aspekte im Leben Luthers beziehungsweise der Reformationsgeschichte. Um den zeitgeschichtlichen Bezug zu sehen, ist es unerlässlich, die Begleittexte zu lesen. Wer sich dafür Zeit nimmt, erhält eine spannende Lektion in Reformationsgeschichte. Moderne museumspädagogische Elemente erleichtern die Beschäftigung mit zum Teil religionsgeschichtlich komplexen Zusammenhängen. Die Ausstellung vermittelt ein differenziertes Bild von den Geschehnissen zur Zeit Luthers und sie hinterlässt einen tiefgründigen Eindruck von der grandiosen Wirkung der Bibel über die Zeiten hinweg bis heute.

Sabine Kuschel

Das Lutherhaus ist von April bis Oktober Mo. bis So. 10 bis 17 Uhr, von November bis März Di. bis So. 10 bis 17 Uhr geöffnet, montags geschlossen

Weil wir alle dazu fähig sind

28. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Gut und Böse: Zwei Mächte, die eine erstrebenswert, die andere würden wir gern aus der Welt schaffen

Faszination geht von beidem aus. Das Gute ist faszinierend, aber auch vom Bösen geht eine Anziehungskraft aus. Und überwältigt werden kann der Mensch vom Bösen wie vom Guten. Wo kommt das Böse her und wie ist es zu besiegen? Um diese Fragen geht es auf der einen Seite. Auf der anderen um die Frage nach dem Guten, das getan werden will, und um die Sehnsucht, dem Guten so nahe wie möglich zu kommen, mit ihm eins zu werden.

Gut

Ulrike Greim, Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Ulrike Greim, Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Eigentlich ist es schnell gesagt, meint Siggi: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. So einfach. Siggi ist ein Mann der Tat. Von ihm kommt kein Gelaber, er packt an. Er baut die Betten auf für die Geflüchteten, besorgt an einem Abend Handtücher und Zahnbürsten, organisiert Sachen aus der Kleiderkammer, wenn er weiß, dass in wenigen Stunden 134 Syrer kommen. Auf dem Sofa sitzen und lamentieren ist seine Sache nicht. Das Böse ist das Gute, das wir unterlassen.

Aber ganz so schnell gesagt kann es dann doch nicht sein. Er holt tief Luft und lehnt sich zurück. »Das Gute ist weit mehr als das, was ich mit meiner Hände Arbeit herstellen kann. Was ich erfassen kann mit meinem Hirn. Deswegen gehe ich sonntags in die Kirche«, sagt er, »deswegen bin ich Lektor geworden«. Er schaut aus dem Fenster. Manchmal, in den auserwählten Momenten, kann er es fühlen: Das Gute ist eine überwältigende Macht. Und viel faszinierender als das Böse. Beim Singen fällt ihm das auf. Und zu Weihnachten, auch wenn er das nie zugeben würde. Und als er zum ersten Mal seinen Enkel im Arm hatte. Da schossen ihm die Tränen. Das Gute ist universell. Es ist allumfassend. Die Energie aus der alles kommt, was ist.

Und er will zu den Guten gehören. Und zu DEM Guten. Dem einen. Dem Wahren und Vollkommenen. Er will für ihn einstehen und notfalls lauthals streiten, er will dazugehören, wie der Fan in der Südkurve. Mit Leib und Leben. Will eins sein mit diesem Großen und Ganzen, wie das Kind im Bauch der Mutter. Das ist die tief in ihm sitzende Sehnsucht. Sein Ziel.

Der Gute erwartet ihn.

Böse

Felix Leibrock, Krimiautor, Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerks München

Felix Leibrock, Krimiautor, Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerks München

Es gibt nicht den bösen Menschen. Es gibt das Böse im Menschen. Das Böse fasziniert. Das Wort zum Sonntag: Eine Million Zuschauer! Der Mord am Sonntag (Tatort): Zehn Millionen!

Das Böse fasziniert, weil wir alle dazu fähig sind. Die Bibel kennt uns. Sie beginnt, wenn sie vom Menschen berichtet, mit lauter Bösem: Lüge (Paradies), Mord (Kain), Habgier (Babel).

Das Böse ist nicht angeboren. Freuds These vom Aggressionstrieb, geschuldet der Erfahrung des Ersten Weltkriegs, gilt wissenschaftlich als überholt. Wir sind keine Aggressionsbündel, die sich durch Gewalt entladen. Für jede Form von Gewalt, von Bösesein gibt es eine Ursache. Die Hexe im Häuschen hat etwas Böses. Ursache: Einsamkeit. Aber Hänsel und Gretel sind auch nicht besser: Die alte Frau in den Ofen schieben und beklauen. Ursache: Rache, Habgier. Gehts noch?

Die Kirche muss sich nicht mit dem Guten beschäftigen. Wo das geschieht, kann die Kirche ein Wittenbergisch Bier trinken. Das Reich Gottes geht weiter.

Die Kirche muss sich mit dem Bösen beschäftigen! Krimis lesen zum Beispiel. Und fragen: Woher kommt das Böse? Kann es sein, dass die Kirche das Böse oft verdrängt? Sich zu schnell in Utopien von heiler Welt flüchtet? Vom Reich Gottes spricht, und das Böse mit seinen schlimmen Folgen anderen überlässt? Der Politik? Sich selbst? Nur den Zeigefinger erhebt?

Der IS fördert das Böse im Menschen. Folter, Hinrichtungen, Vergewaltigungen. Kinder, Frauen erleben die Hölle. Und was sagt die Kirche?

Pazifismus als Hängematte, das geht gar nicht. Dem Rad in die Speichen fallen. Wie kann das heute aussehen? Ohne Gewalt?

Pfarrer Abraham

21. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Christoph Kuhn mit einer Illustration von Maria Landgraf

Kurz vor unserem Auftritt saß ich in der Kirchenbank, hatte die Perücke schon auf, schraubte das Mundstück ans Saxophon, als eine Frau auf mich zukam, mit ausgestrecktem Arm. Herr Pfarrer Abraham!«, rief sie laut. – Ich hatte das Saxophonblatt zwischen den Lippen, um es feucht zu halten, und konnte nur »Guten Tag« nuscheln. Eine Hand löste ich vom Instrument und reichte sie ihr. Sie drückte sie mit beiden Händen fest und lange. Lieber Herr Pfarrer Abraham, wie schön, Sie wiederzusehen nach so langer, langer Zeit!« – Die Frau strahlte mich an. Sie trug einen langen grünen Rock und einen langen grauen Zopf, und an ihrer olivfarbenen Strickjacke Sticker mit rot durchgestrichenen Hakenkreuzen und Atommailern.

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

Sie ist eine typische Kirchentagsbesucherin, dachte ich wohlwollend, eine, die – wie auch ich – schon auf zahlreichen Kirchentagen unterwegs gewesen ist, eine, für die Kirchentage Höhepunkte im Leben sind.

Neben ihr stand eine jüngere Frau mit knallroten raspelkurzen Haaren, die mich auch innig anblickte. Vom Altarplatz her rief mich Jan zum Soundcheck. Ich warf den Frauen noch über die Schulter einen entschuldigenden Blick zu und eilte nach vorn.

Wir hatten uns nur wenig vorbereiten können, waren aber in bester Spiel­laune und kriegten viel Beifall. Karl am Schlagzeug, Jan am Bass und ich mit Sax – wir sind keine Profis, und wir haben alle drei denselben Tick, nur in Verkleidung vor Publikum auftreten zu können: Jan in einer alten Armeeuniform, Karl genügt eine Clownsnase, ich trage eine Langhaarperücke.

In der ersten Reihe saßen die beiden Damen, die ältere klatschte besonders frenetisch.

Unser Repertoire ist bescheiden, aber wir sind unübertroffen im Arrangieren, Improvisieren und Variieren. So überlassen wir uns regelmäßig gegenseitig die Soli, singen abwechselnd und in allen möglichen Kombinationen mehrstimmig, auch a cappella.

Jan und Karl mussten nach dem Konzert eilig zur nächsten Mucke in einer anderen Band ans andere Ende der Stadt. Ich wollte noch etwas von der Nacht der Möglichkeiten erleben, setzte mich aber erst einmal vor ein Café ins Freie, gleich neben der Kirche. Ich bestellte einen Latte macchiato und beobachtete die Leute. Backstage hatte ich mich sofort der Perücke entledigt und genoss es nun, wie mir der frische Wind über die Glatze wehte.

Die beiden Damen traten aus der Kirche. – Dass der Pfarrer Abraham so toll Saxophon spielt, hätte ich nie im Leben gedacht!« sagte die ältere. »Litt er nicht ständig darunter, unmusikalisch zu sein?«

Sie nahmen am Nachbartisch Platz. »Ich kann mich auch nicht erinnern, dass sein Haar so voll ist«, fuhr die Frau fort. Und ihre Begleiterin antwortete: »Mich darfst du das alles nicht fragen, ich habe diesen Pfarrer Abraham nie gesehen, kenne ihn nur von deinen Erzählungen.« – »Ach so«, sagte die ältere etwas verdrießlich und fügte nachdenklich hinzu: »Vielleicht sollte er sie sich nicht zu lang wachsen lassen. Was meinst du? – Schade nur, dass er keine Zeit hatte und nach dem Konzert so schnell weg war …«

Sie blickten gelegentlich gleichmütig desinteressiert in meine Richtung, ohne stutzig zu werden, und ich sah keine Veranlassung, mich an sie zu wenden und die ältere Dame auf ihren Irrtum hinzuweisen.

»Vielleicht heilt Gott mich still und leise«

14. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Rezension: Samuel Koch vermittelt in seinem Buch »Rolle vorwärts« einen Blick in die Höhen und Tiefen seines Alltags

Ein Buch, das Mut zur Dankbarkeit macht und mit einer gewissen Portion Humor bedrückenden Momenten ihre Schwere nimmt. In »Rolle vorwärts« wagt Samuel Koch fast ohne jegliches Schamgefühl einen ehrlichen Blick auf sich selbst.

Ich glaube, dass ich der denkbar ungeeignetste Kandidat für eine Querschnittslähmung bin«, schreibt Samuel Koch in seinem neuen Buch »Rolle vorwärts«. Den Humor hat er sich trotz seines schweren Unfalls in der Fernsehshow »Wetten, dass …?« und der Lähmung bewahrt. Dieser Humor zieht sich durch das ganze Buch und verhilft dazu, dass trotz des ernsten Themas an der einen oder anderen Stelle auch mal herzlich gelacht werden darf. Zum Beispiel, wenn Koch beschreibt, wie Überfürsorge und unvorsichtige Umarmungen dazu führen, dass sein Rollstuhl sich selbständig macht und die rasante Fahrt nur von einem parkenden Auto aufgehalten werden kann. Auch, wenn er sich als »Wirtschaftsfaktor« beschreibt, weil er Jobs für mehrere Pfleger und Assistenten schafft, ist ein Schmunzeln des Lesers unvermeidlich. Unter anderem der Humor und die positive Lebenseinstellung scheinen dafür zu sorgen, dass Koch mit seiner Situation
fertig wird.

Samuel Koch: »Ich möchte nicht aufhören, daran zu glauben, dass ich eines Tages gesund sein kann«. Foto: picture-alliance/Jürgen Tap

Samuel Koch: »Ich möchte nicht aufhören, daran zu glauben, dass ich eines Tages gesund sein kann«. Foto: picture-alliance/Jürgen Tap

Die trockene Schilderung obskurer Details wiederum sorgt im ersten Moment noch für Erheiterung, im nächsten macht sich beim Leser aber Betroffenheit breit. Zum Beispiel als es heißt: »Wenn ich draußen in der Sonne sitze, kommt es vor, dass eine Spinne zwischen meinen Knöcheln ein Netz zu weben beginnt. Das ist schon demütigend.«

Thematisch befasst sich Koch mit Ähnlichem wie in seinem ersten Buch »Zwei Leben«. Mit dem Unterschied, dass »Rolle vorwärts« nur sein Leben nach dem Unfall bei »Wetten, dass …« behandelt. Der 27-Jährige schildert seinen Alltag, schreibt detailverliebt von Herausforderungen, die alltägliche Situationen mit sich bringen und berichtet von Momenten, in denen er überraschend Erfolge feiern konnte.

Einer davon ist wohl unbestritten der Abschluss seines Schauspielstudiums an der Hochschule Hannover, das er trotz seiner körperlichen Einschränkung mit unermüdlicher Hilfe von Freunden und Dozenten zu Ende bringen konnte. Improvisationstalent, Kreativität und der Mut, unkonventionelle Wege zu gehen, treten auf diesen Seiten besonders zu Tage. Koch gibt nicht einfach auf, wenn etwas nicht machbar scheint. Er versucht es auf anderem Weg. So meisterte er zum Beispiel auch eine Safari in Afrika – eigentlich unvorstellbar für einen vom Hals abwärts Gelähmten.

Dass er das alles aber nicht aus eigener Kraft schafft, wird ebenfalls deutlich. Neben seinen Freunden und seiner Familie, die ihm ein normales Leben zu ermöglichen versuchen, ist es vor allem sein Glaube, der ihn davon abhält, aufzugeben. Leider kommt dieser Aspekt, der Kochs ganzes Lebensgerüst zu tragen scheint, erst gegen Ende des Buches heraus. Auf den ersten Seiten steigt er mit dem Thema »Kraftquellen« ein, scheint sich aber davor zu drücken, deutlich auszusprechen, was ihm der Glaube wirklich bedeutet. Man ahnt, dass sich hinter Begriffen wie »Erfinder des Rückenmarks« Gott verbirgt und dass er das ewige Leben meint, wenn er sagt: »Das jetzige Leben ist nicht alles.«

Koch nennt Freunde und eine positive Grundeinstellung als »Kraftquelle« und sagt, es komme darauf an, »im Augenblick zu leben«. Die Art und Weise, in der er zu Beginn des Buches beschreibt wie er sein Leben zu meistern schafft, wirkt etwas belehrend. Zwar sagt er, er habe nicht alles im Griff, beim Leser entsteht jedoch der Eindruck, dass er eigentlich gern als Vorbild herangezogen wird. Dazu kommen Einschübe von Freunden und Schauspielkollegen, in deren Statements dieser Eindruck noch verstärkt wird. Die oftmals lobenden Worte scheinen eher in einen Nachruf zu passen, statt in eine Autobiografie.

Nach einer Aufwärmphase wandelt sich mit Kochs Schreibstil dann aber das Empfinden des Lesers. Zunehmend entsteht der Eindruck, einen Blick in seine Seele zu erhaschen. Je weiter man liest, desto aufrichtiger, ehrlicher und sympathischer wirkt der Autor. Die Details aus seinem Alltag und seine Gedanken, die er mit dem Leser teilt, lassen erahnen, wie es tatsächlich sein muss, Tag für Tag an einen Rollstuhl gefesselt zu sein und nicht einmal selbständig essen zu können. Koch nimmt kein Blatt vor den Mund und hat keine Scham, seine Grenzen, Momente des Versagens und die körperlich unangenehmen Dinge zu schildern.

Ernst wird es, wenn er sich Gedanken über das Thema Sterbehilfe und den Wert des Lebens macht. In diesen Momenten schildert er dann auch ganz offen seine persönliche Überzeugung, die auf den christlichen Glauben gegründet ist. Sein Leben nimmt Koch als »von Gott geschenkt« an, seinen Wert misst er nicht an seinen körperlichen Fähigkeiten. Bei der Vorstellung seines Buches in Darmstadt bezeichnete er seinen Glauben als »lebenserhaltende Maßnahme«. Schade, dass er sich im ersten Kapitel damit eher zurückhält.

Der tief in Koch verankerte Wunsch, trotz allem gesund zu sein oder zumindest ein oder zwei Muskeln mehr bewegen zu können, kommt immer wieder zum Ausdruck und treibt dem Leser an der einen oder anderen Stelle die Tränen in die Augen. »Ich möchte nicht aufhören, daran zu glauben, dass ich eines Tages gesund sein kann«, schreibt er. Und am Ende heißt es: »Vielleicht heilt Gott mich still und leise in der Nacht, wenn es keiner bemerkt. Und am nächsten Morgen rolle ich mich langsam zur Seite, richte meinen Oberkörper auf, schwenke die Beine über die Bettkante und stehe auf. Und Gott und ich lächeln uns verschmitzt an.« Es ist ein Buch, das »verstört, berührt und bewegt«, wie der Schauspieler Til Schweiger im Vorwort schreibt. Es öffnet die Augen für den Wert des Lebens und macht Mut zur Dankbarkeit.

Swanhild Zacharias

(Christliches Medienmagazin pro)

Koch, Samuel: »Rolle vorwärts«. Das Leben geht weiter als man denkt, adeo, ISBN 978-3-86334-071-1, 17,99 Euro,

Glaube braucht Heimat

1. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Thema: Glaube und Heimat – Reflexionen über eine denkwürdige und facettenreiche Beziehung


Die ARD widmet sich vom 4. bis 10. Oktober dem Thema »Heimat«. Unsere mitteldeutsche Kirchenzeitung trägt in ihrem Titel neben dem Begriff »Heimat« den des Glaubens. Über das Verhältnis von Glaube und Heimat geht es in diesem Beitrag.

Von Siegfried T. Kasparick

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder, ich gratuliere herzlich zum 90. Geburtstag von „Glaube + Heimat“. Aus vielen kleinen Zeitungen, mehrfach unter dem Namen „Heimatglocke“ war 1924 Glaube und Heimat, das Thüringer Monatsblatt für das evangelische Haus geworden. Und dann lebte diese Kirchenzeitung zwischen mehr oder weniger sorglosen Zeiten und Papier- und Geldmangel, zwischen kritischer Information und Huldigung der jeweiligen Heimat, zwischen großer Leserschaft und zeitweiliger Schließung. Inzwischen sind es nach einer wechselvollen Geschichte nun zwei Zeitungen unter einem Dach oder in einem Mante – “Die Kirche” und “Glaube + Heimat”.

Also noch einmal:

Herzliche Glückwünsche zum Neunzigsten!

Der Autor, Propst Siegfried T. Kasparick, Beauftragter der Landesbischöfin für Reformation und Ökumene hielt den Festvortrag anlässlich des 90. Jubiläums von »Glaube + Heimat« 2014. – Foto: Maik Schuck

Der Autor, Propst Siegfried T. Kasparick, Beauftragter der Landesbischöfin für Reformation und Ökumene hielt den Festvortrag anlässlich des 90. Jubiläums von »Glaube + Heimat« 2014. – Foto: Maik Schuck

Wer neunzig geworden ist, der hat viele Erfahrungen gemacht, sagt man, der kann viel erzählen. Dass 90-Jährige viel erzählen, das ist ja oft so, aber ob sie wirklich viele Erfahrungen gemacht haben, das ist damit noch nicht erwiesen. Denn Erfahrungen hängen ab von den Kategorien, unter denen ich die Wirklichkeit erfasse.

Kant hat gesagt: „Erfahrung als empirische Erkenntnis der Gegenstände ist nur möglich, wenn gegebene Vorstellungen durch Kategorien auf ein Objekt bezogen werden können. Allein durch die Kategorien ist Erfahrung möglich.“ Man kann auch sagen: Man sieht nur, was man weiß, und man weiß nur, was man glaubt.

Das heißt, ich brauche Instrumente, um die Wirklichkeit wahrzunehmen. Ich brauche Kategorien, um die Wirklichkeit zu verstehen. Das gilt für jeden Menschen.

Das gilt umso mehr für eine Zeitung, die ja zu Aufgabe hat, „Jüngstes Gegenwartsgeschehen in kürzester regelmäßiger Folge der breitesten Öffentlichkeit zu vermitteln“ – so heißt es in einer Zeitungslehre. Vermittlung aber braucht Deutung. Das galt schon zu Zeiten, als Zeitung einfach Nachricht bedeutete. Wenn Sie so wollen, war das Evangelium immer eine gute Zeitung.

Wie in so einer Zeitung Deutung und Situation aufeinander bezogen werden können, sehen wir in einem Text von Hans Sachs aus dem Jahr 1546. Die Evangelischen hatten den Schmalkaldischen Krieg gegen die Kaiserlichen verloren. Bayern, die Pfalz und ein Teil von Sachsen hatten sich mit dem Kaiser verbündet. Die Evangelischen sind bestürzt: Die Reformation ist in Gefahr. Christus ist verraten worden. Darüber schreibt Hans Sachs „Wünderlicher dialogus und neue Zeitung“ Und was war die neue Zeitung?

Der Herrgott hat vor, wegen der unhaltbaren Zustände in Deutschland nach Ägypten zu fliehen, wie damals die Heilige Familie. Information und Deutung, darum ging es schon damals. Wichtig sind die Kategorien, unter denen die Texte und Bilder der Zeitung entstehen, sind die Kategorien, mit denen das Geschehen gedeutet wird.

Nun hat die Zeitung, die wir heute feiern, sich einen programmatischen Namen gegeben, der gleich zwei Kategorien enthält: Glaube und Heimat. Diese beiden Kategorien oder Leitlinien für das Selbstverständnis der Jubilarin haben mich gereizt, an dem heutigen Festtag einmal dem Verhältnis von Glaube und Heimat nachzugehen.

Glaube und Heimat, eine denkwürdige Beziehung

Zunächst:

1. Glaube und Heimat – eine vielfältige Geschichte

Meine Damen und Herren, der 90. Geburtstag fällt in ein Jahr vielfältiger Erinnerungen. Vielfältige Erinnerungen gehören nun mal zu so einem Geburtstag. Und immer wieder klingen bei den Erinnerungen dieses

Jahres die Themen Glaube und Heimat auf:

Die Zeitung “Glaube und Heimat” wurde in einer Zeit der Kriegserinnerung gegründet. 10 Jahre vorher hatte der schreckliche erste Weltkrieg begonnen. Alle hatten damals ihre Heimat beschworen, Deutschland und Österreich–Ungarn, das Osmanische Reich und Bulgarien auf der einen Seite. Frankreich, Großbritannien, Serbien Russland, Japan, die USA auf der anderen Seite. Und keiner verstand sich als Angreifer, alle wollten nur die Heimat verteidigen, und dem wurde alles untergeordnet. Auch die Kunst – es waren nur wenige wie die Frauen Käthe Kollwitz und die erste Friedensnobelpreisträgerin Berta von Suttner, die sich von Anfang an gegen diesen Krieg wandten. Berta von Suttner sprach angesichts erster Militärflugzeuge vehement gegen die Einbeziehung des Himmels in den Krieg. Es lohnt sich, bei der Debatte um die Drohnen an sie zu erinnern. Selbst Ernst Barlach hatte noch sehr angriffslustige Zeichnungen angefertigt.

Und der Glaube wurde vereinnahmt – von allen Seiten. In Deutschland landete ein Ausschnitt aus der berühmten Rede Bismarcks vom Februar 1888 auf den Feldpostkarten: „Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt“. Vergessen war, dass Bismarck vorher gesagt hatte, dass das deutsche Reich es vermeiden müsse, in gefährliche Koalitionen und Konflikte verwickelt zu werden. Und im Anschluss sagte er: „Die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen lässt.“ Bismarck hatte offensichtlich noch ein wenig mehr von der Zuordnung von Glauben und Heimat verstanden als die, die nach ihm kamen. Im ersten Weltkrieg aber konnten oder wollten sich die Gegner dem inneren, propagandistischen und dann äußeren Kampf nicht entziehen. Geschützt sollte die Heimat sein und rein von Fremden und Fremdem. Und so starben nicht nur die Soldaten, sondern viele Zivilisten wurden zu Opfern. Im nächsten Jahr erinnern wir an den Musa Dagh und den Völkermord an den Armeniern. Über eine Million Armenier wurden im Aghet, in der Katastrophe, wie sie es nennen, vertrieben und getötet.

Und am Ende des furchtbaren Weltkrieges war niemand einfach Sieger. Für viele ging die Heimat verloren und der Glaube an die Zukunft. Über 17 Millionen Menschen hatten ihr Leben verloren.

Und dann kam der Zweite Weltkrieg. Wir erinnern an den Beginn vor 75 Jahren. Erst kam der Überfall auf Polen, später wurde die Sowjetunion angegriffen. In der Folge verloren die Wolgadeutschen ihre Heimat, weil sie als Kollaborateure galten. Genau wie die Kalmücken und die Krimtataren und viele mehr. Die Wolgadeutschen wurden nach Sibirien und Kasachstan verschleppt. Viele kamen auf den Wegen dahin und in den Arbeitslagern ums Leben. Als sie in Stalingrad auf die Wolga-Schiffe verladen wurden, sangen sie: „Jesu geh voran auf der Lebensbahn.“ Die Heimat war verloren, der Glaube war ihnen geblieben. Ich habe bewegende Berichte von Menschen gehört, die alles daran gesetzt haben, auf den Transporten, in den Lagern, unter schwierigsten Umständen die Familienbibel zu bewahren. Es war ihr größter Schatz. Der Glaube war zur Heimat geworden. Und diese Heimat nahmen sie mit.

Vor 80 Jahren dann, die Zeitung “Glaube und Heimat” war gerade 10 Jahre alt, sagte Dietrich Bonhoeffer bei einer Andacht während einer ökumenischen Konferenz im dänischen Fanö: „Wie wird Friede? Wer ruft zum Frieden, dass die Welt es hört, zu hören gezwungen ist? Nur das eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, dass die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muss.“ Bonhoeffer hatte die Hoffnung, dass der gemeinsame weltweite Glaube so stark sein könnte, dass eben nicht mehr Nation gegen Nation, Heimat gegen Heimat stehen müssen.

Diese Idee wurde 1983 bei der Vollversammlung des ökumenischen Rates in Vancouver wieder aufgenommen. Die DDR Delegation hatte zu einem Friedenskonzil aufgerufen. Der konziliare Prozess für Frieden Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung wurde geboren und gewann mit den ökumenischen Versammlungen in Dresden, Magdeburg und wieder Dresden eine große Dynamik und veränderte unsere Heimat. „Eine Hoffnung lernt gehen“ war das Motto des Aufrufes an die Gemeinden. So lernten die Menschen mit aufrechtem Gang gehen, mit Kerzen in den Händen, mit Hoffnung, dass es gut werde mit der Heimat. Dass dann für viele so viel Heimat verloren ging, war nicht abzusehen. Es sind lange Gespräche notwendig, nach wie vor: Was war Heimat in der DDR? Was war eher ungeliebtes zu Hause? Und welche Rolle spielte der Glaube?

Wo war er Heimat? Wo war er gerade kritisches Gegenüber zur erlebten Heimat.

Ich selbst bin mit zwei Sprüchen meiner Eltern aufgewachsen: „Wer glaubt, flieht nicht.“ Und: „Blühe, wo du gesät bist.“ Doch das war für viele nicht so einfach. Für die einen war der Glaube so wichtig, dass sie blieben. Heimat war ja auch Aufgabe und Verantwortung. Für andere war die Heimat, die Familie, das vertraute Leben so stark, dass sie sich, soweit es für sie nötig war, anpassten, um die Heimat nicht verlassen zu müssen. Andere wiederum fanden die Heimat unerträglich und gingen fort. Manche konnten sich gut vorstellen, mit ihrem Glauben woanders Heimat zu finden, ohne sich ständig verbiegen zu müssen, und andere wiederum wurden gar nicht gefragt, sondern inhaftiert und abgeschoben.

Vielen Christen, die blieben, half der Glaube, den überall geltenden Regeln der Anpassung, des Achsenzuckens, der Maulkörbe zu widerstehen. Der Glaube half, den begrenzten Horizont der kleinen DDR zu durchbrechen.

Erinnern sie sich noch? Wenn dieser weitere Horizont des Glaubens den Mächtigen zu weit ging, dann konnten sie schon mal ganze Zeitungen „verbieten”. Einmal entschied die Redaktion von “Die Kirche”, in einer Ausgabe die unerwünschten Absätze frei zu lassen. Zeichen eben eines weiteren Horizonts.

Mit der Wende dann veränderte sich die Heimat, die Infrastruktur, die Wirtschaft, die politische Landschaft. Es kamen Strukturveränderungen, neue Kirchen- und Landkreise, neue Bundesländer und neue Kirchen.

Vor 10 Jahren startete das gemeinsame Kirchenamt und konstituierte sich das Kollegium. Kurz danach kamen Föderationssynode und Föderationskirchenleitung zum ersten Mal zusammen. Was war aus der Heimat in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen und in der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen geworden? Und welche Rolle spielte der Glaube?

Über den Glauben einigte man sich verhältnismäßig schnell. Die Sache mit der Heimat war etwas schwieriger. Manche Beiträge aus dem Norden oder aus dem Süden klangen so, als ginge es darum, sich mit Menschen aus anderen Religionen und fernen Ländern zusammenzuschließen.

Das ist ja inzwischen etwas besser geworden.

Die Frage aber bleibt, wie wichtig ist uns unsere jeweilige Heimat, die jeweilige Tradition und Geschichte, das, was wir gewohnt sind und was uns geprägt hat und wie wichtig ist uns der verbindende Glaube.

Und wie steht es um Glaube und Heimat heute 2014?

In unserer Nachbarschaft, in dem Land “U Kraina”, also in dem Land am Rande, wie es übersetzt heißt, stehen wieder einmal Heimat gegen Heimat. Das Land ist geprägt durch die Regionen mit ihrer unterschiedlichen Geschichte, mit unterschiedlicher Heimat, wenn Sie so wollen: Als Teil des Zarenreiches, des Kaisertums Österreich, des polnisch litauischen Reiches, des Khanates Kasan und immer wieder auch unabhängig. Und wie im Zweiten Weltkrieg, Westukrainische Verbände auf Seiten der Deutschen Wehrmacht kämpften und ostukrainische Partisanen auf Seiten der roten Armee, alles im Namen der Heimat, so berufen sich heute wieder die verschiedenen Gruppen auf die Geschichte ihrer jeweiligen Heimat und beklagen die Dominanz der anderen Seite.

Und dazwischen der Glaube. Es ist eines der eindrücklichsten Bilder aus dem Konflikt: Eine junge Frau steht zwischen Schwerbewaffneten, mitten zwischen starken Barrikaden und sie hat eine weiße Fahne in der einen Hand und in der anderen eine Ikone.

Mitten in den Kämpfen um die Heimat der Glaube an den Frieden und an die Nähe Gottes. Und mitten drin die Kirchen. Auf Grund ihrer Geschichte gehören auch sie zu verschiedenen Seiten.

Vier verschiedene Kirchen mit orthodoxem Ritus, wobei die größte von ihnen zum Moskauer Patriarchat gehört und eine andere zur Römisch Katholischen Welt, eine Römisch-Katholische Kirche und verschiedene Kirchen aus der protestantischen Familie. Immer wieder stehen diese Kirchen auf Grund ihrer Geschichte gegeneinander, oft aber auch zusammen gegen Gewalt, für friedliche Lösungen, für eine vereinigte Ukraine, in der alle ihren Platz haben. Schon 1997 formulierten sie gemeinsam: „Nicht zulassen werden wir, besonders nicht in den Massenmedien, irgendwelche Äußerungen im Geist der Feindschaft nationaler und konfessioneller Unverträglichkeit. Wir werden uns aller Ausflüchte und ehrabschneidenden Erklärungen enthalten.

Noch im März diesen Jahres hieß es in einer gemeinsamen Erklärungen verschiedener Religionen und Konfessionen: In der jetzigen politischen und gesellschaftlichen Lage müssen wir Kirchen und Religionsgemeinschaften sowie alle Regierungsorgane alles in unserer Macht stehende tun, um den religiösen Frieden in der Ukraine zu bewahren. Wir dürfen auf keinen Fall Ausbrüche von Gewalt auf religiöser Basis zulassen. Unsere große ukrainische Familie muss einheitlich in der Vielfalt sein.

Der gemeinsame Glaube hatte sich als stärker als die jeweilige Heimat erwiesen. Daneben gibt es aber auch die andere Erfahrung, dass die Kirchen anfangen, die Feindbilder zu teilen. Es hat eben Opfer gegeben und Schmerz und Trauer auf allen Seiten. Augenblicklich sind einzelne Friedensgebete das, was für die Heilung der zerrissenen Heimat geschieht. Umso wichtiger ist es, dass wir mit unseren Gebeten nicht nachlassen und jeder Polarisierung widerstehen.

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn man sich allein diesen kleinen Ausschnitt aus den letzten 100 Jahren vor Augen führt, merkt man, es handelt sich bei Glaube und Heimat wirklich um ein denkwürdiges Verhältnis. Lassen Sie mich darum dieses Verhältnis noch ein wenig weiter differenzieren.

Glauben braucht Heimat

Zwei Überlegungen dazu:

A. Glaube braucht Heimat,

weil Gott Mensch geworden ist

B. Glaube braucht die Unterscheidung von Glaube und Heimat

A Glaube braucht Heimat, weil Gott Mensch geworden ist

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes voll Gnade und Wahrheit. Gott hat sich nach jüdisch-christlicher Überzeugung nicht allgemein mit der Menschheit verbunden, sondern ganz konkret mit dem Volk Israel. Gott ist nicht Mensch an sich geworden, sondern ein konkreter Mensch zu einer konkreten Zeit – Jesus von Nazareth, von dem die Leute, die seine Heimat kannten, sagten: Na, was kann aus Nazareth schon Gutes kommen? Abschätzige Beurteilungen einer fremden Heimat. Gott hat es am eigenen Leib erfahren. Er verbindet sich mit konkreten Menschen, mit ihrer Geschichte, mit ihren Erfahrungen, mit ihrer Sprache. Heino Falcke hat in der letzten Woche an das Pfingstfest erinnert, bei dem die Menschen die Botschaft in ihrer Sprache verstehen, das heißt: in ihrer jeweiligen Heimat, in ihrem Hause, auf ihrer Straße wird das Evangelium jeweils anders verständlich.

Doch der Glaube verbindet alle.

Dieser Gedanke brachte die Slawenapostel Kyrill und Method dazu, das kyrillische Alphabet zu entwickeln, um die biblische Botschaft in slawischer Schrift zu schreiben. Dieser Impuls aus dem 9., Jahrhundert hat dazu geführt, dass in der Orthodoxie immer wieder auf einheimische Sprachen gesetzt wurde. Die göttliche Liturgie, das Gotteslob erklingt in den jeweiligen Heimatsprachen, in Finnisch und Englisch, in Französisch und Polnisch, in Rumänisch und Griechisch und Kirchenslawisch. Dass das Altslawische wie übrigens auch das Lutherdeutsch auch zu einer Art heiliger Sprache wurde, ändert daran nichts.

Nicht umsonst werden Kyrill und Method als Vorläufer Luthers bezeichnet. Diese Parallele wird nicht ohne Grund immer wieder in der Evangelischen Kirche der Slowakei betont, gehören doch alle, Kyrill und Method und Luther, zu den prägenden Gestalten der Slowakei. Dass später der Lutherschüler und finnische Nationalheld Mikael Agricola dann die finnische Schriftsprache entwickelt, damit das Evangelium auf Finnisch erscheinen kann, ist nur folgerichtig. So sei noch einmal erinnert an Luthers Impuls an eine Sprache, die die Leute verstehen: „Man muß nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man deutsch reden soll, wie diese Esel tun; sondern man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den einfachen Mann auf dem Markt danach fragen, und denselben auf das Maul sehen, wie sie reden, und danach übersetzen, so verstehen sie es denn, und merken, dass man deutsch mit ihnen redet.”

So ist schon die Geschichte Jesu Christi nicht eine abstrakte Lehre, sondern eben Geschichte, verbunden mit konkreten Menschen, mit konkreten Landschaften. Da sind die Römer, Samaritaner und Juden, da sind die Reinen und die Unreinen, da sind die Reichen und die Armen, da sind die Vorurteile über die Fremden, da steht Heimat gegen Heimat und mittendrin die Botschaft von der Versöhnung. So ist der Glaube auch bei Luther immer theologisch sorgfältig durchdacht und entwickelt, aber immer auch mit konkreten Situationen verbunden, immer an der Heimat interessiert.

“Ich bin ein Landeskind in der Herrschaft zu Mansfeld, dem es gebühret, sein Vaterland und Landesherrn zu lieben und das Beste zu wünschen, dazu auch ein öffentlicher Prediger, der da schuldig ist zu vermahnen, wo jemand, durch den Teufel verführt, nicht sehen kann, was er für Unrecht tut, schreibt er.”

So kommen bei ihm Glaube und Heimat zusammen. Die alte Erfahrung, dass Gott nicht allgemein in der Welt zu Hause ist, sondern immer ganz konkret Heimat findet, hat Christen aller Zeiten dazu gebracht, sich auf die Länder, in denen sich der Glaube ausbreitete, einzulassen: auf die Kultur, auf die Geschichte vor Ort, auf die Sprache. Dass das nicht unkritisch geschehen darf, zeigt folgender Text Martin Luthers: “Ja, ich weiß leider wohl, dass wir Deutschen immer Bestien und tolle Tiere sein und bleiben müssen, wie uns denn die umliegenden Länder nennen. Mich wundert aber, warum wir nicht auch einmal sagen: Was sollen uns Seide, Wein, Gewürze und die fremde, ausländische Ware, so wir doch selbst Wein, Korn, Wolle, Flachs, Holz und Stein in deutschen Landen die Fülle zur Nahrung haben, dazu auch eine reiche Auswahl zur Ehre und Schmuck? Die Künste und Sprachen, die uns ohne Schaden, ja größerer Schmuck, Nutzen, Ehre und Frommen sind, sowohl die heilige Schrift zu verstehen wie weltlich Regiment zu führen, wollen wir verachten; und die ausländischen Waren, die uns weder von Nöten noch von Nutzen sind, die wollen wir nicht entbehren. Heißen das nicht billig deutsche Narren und Bestien?”

Vom Glauben zu erzählen heißt immer, von Christus zu erzählen. Und von Christus zu erzählen, heißt immer, Geschichte zu erzählen. Sola fide und solus christus gehören zusammen. Oder anders gesagt: Allein der Glaube, als gäbe es die konkrete Heimat nicht, wird zur Ideologie oder zum reinen Machtinstrument, so wie es in der Missionsgeschichte viele Beispiele gab. Beispiele, in denen es eben weniger um Beheimatung von Glauben ging, sondern oft um Macht – und Kulturtransfer.

Glaube braucht Beheimatung: Dazu gehört das Interesse an den Menschen. Dazu gehört, sich auf regionale Unterschiede einzulassen. Dazu gehört aber auch, den Schmerz zu teilen, wenn Heimat verloren geht, wenn Vertrautes, Althergebrachtes nicht mehr da ist, wenn Häuser und Bäume und Menschen und Erinnerungen verletzt werden. Glaube hilft aber auch, das auszuhalten, Erinnerungen an die Heimat nicht abzuwerten, sondern zu bewahren. Das ist der tiefere Sinn, wenn wir in der Reformationsdekade dazu aufrufen, Regionalgeschichte zu erkunden, jeweilige Heimat ans Licht zu bringen, sich gegenseitig auszutauschen über vielfältige Geschichte.

Der Schritt in die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland war unverzichtbar, um Verwaltung zu konzentrieren und Kräfte zu bündeln. Die EKM ist aber keine Glaubensgröße. Der Glaube hat in ihr in den verschiedenen Regionen in unterschiedlichen Kulturen Heimat gefunden. Und er muss sowohl in der ganzen EKM und darüber hinaus, als auch vor Ort an unterschiedlichen Orten mit unterschiedlichen Menschen immer wieder neu beheimatet werden. Orientierung an der richtigen Botschaft reicht nicht, sondern die Frage heißt, wie kommen die Menschen vor, mit denen ich zu tun habe. Interessiere ich mich wirklich für die Leute, für ihre Heimat, für ihre Lebensumstände, für das, was sie bewegt? In der Sowjetunion, in der DDR und manchmal auch heute hörte und hört man: Die Kirche soll sich um ihre Sache kümmern, aber nicht um Gesellschaft und Politik. Die Reformation hat gezeigt, wo Kirche sich um ihre Sache kümmert, ist sie immer politisch und stößt gesellschaftliche Veränderungen an, weil es ihr um die Menschen geht, um ihre Fragen, um ihre Sprache, um ihre Fähigkeit mitzudenken, mitzureden, mitzugestalten, Heimat zu fördern. Es heißt nicht: Suchet eine gute Ideologie für das Land oder ein abgeschiedenes Inneres, sondern Suchet der Stadt Bestes. Dabei darf ein zweites nicht vergessen werden:

B Glaube braucht die Unterscheidung von Glaube und Heimat

Gott ist Mensch geworden. Er wohnte unter uns. Das ist das Argument für die Heimat. Aber er ist Gott geblieben, wahrer Gott.

Darum ist es notwendig, immer wieder Glaube und Heimat zu unterscheiden. Glaube ist eingebunden in die Heimat vor Ort. Es ist wichtig, regionale Kultur zu entwickeln und ihr dienstbar zu sein.

Aber wir sind im Hören auf Gottes Wort immer auch freie Herren über diese Kultur und nicht ihr unterworfen. Glaube braucht das Wissen um die Mechanismen von Heimat. Es ist nicht gut so zu tun, als gäbe es den reinen Glauben. Wer die Einflüsse von Kultur und Heimat und Tradition auf den Glauben nicht kritisch reflektiert, geht immer wieder in dieselben Fallen. Gerade die Zeit des Nationalsozialismus zeigt, was passiert, wenn Glaube und Ideologie, Glaube und Heimatgefühl, Glaube und Zeitgeist nicht unterschieden werden. So schreibt der Kirchengeschichtler Preuß über Luther und Hitler:

Beide seien deutsche Führer, beide zur Errettung des Volkes berufen, beiden geht der Schrei nach einem großen Manne der Rettung voraus, beide seien aus dem Bauernstand, sie treten in den 30er Jahren ihres Lebens als gänzlich unbekannte Leute auf, beide lieben ihr Vaterland, die Frauen treten für beide aus der Öffentlichkeit zurück in die Häuslichkeit. Und als leuchtende Schlussparallele: “Luther und Hitler fühlen sich vor ihrem Volke tief mit Gott verbunden.” – “Man hat gesagt, das deutsche Volk habe dreimal geliebt: Karl den Großen, Luther und Friedrich den Großen. Wir dürfen nun getrost unseren Volkskanzler hinzufügen. Und das ist wohl die lieblichste Parallele zwischen Luther und Hitler.”

Es ist gefährlich, sich mit der Heimat zu sehr zu identifizieren und die Distanz des Glaubens zu verlieren. Immer wieder höre ich augenblicklich auch von Kirchenvertretern aus der Ukraine: Wir müssen doch sagen, wer angefangen hat. Wir müssen doch benennen, wer Schuld hat. Die Kirche muss doch Position beziehen. Und dann wurden auf beiden Seiten Ostereier bemalt: auf der einen Seite in den Farben der ukrainischen Staatsflagge, auf der anderen Seite mit Zarenportraits. Gott mit uns auf beiden Seiten, wir damals auf den Koppelschlössern.

Ja, liebe Schwestern und Brüder, die Kirche muss Position beziehen: Aber nicht für die eine oder andere Seite im Konflikt, sondern für Frieden, gegen Gewalt, für die Opfer, gegen die Schläger, für die Politik, gegen das Militär. Nächstenliebe braucht Klarheit, haben wir in der EKM formuliert. Das ist ein Plädoyer des Glaubens gegen eine unreflektierte Heimatliebe. Glaube braucht Heimat, aber auch die Unterscheidung von Glaube und Heimat. Aber auch das Umgekehrte gilt. Darum

2. Heimat braucht Glauben

Zwei Überlegungen dazu

A Heimat braucht Glauben, um das Danken nicht zu verlernen

B Heimat braucht Glauben in hilfreicher Distanz

A Heimat braucht Glauben um das Danken nicht zu verlernen

O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat, singen wir an jedem Anfang eines neuen Kirchenjahres. Und im Hintergrund klingt der Psalm: Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.

Heimat braucht Glauben, damit nicht vergessen wird, dass sich Heimat nicht von allein versteht, sondern sich verdankt. Augenblicklich wird viel geschimpft und geklagt, doch was hält die Gesellschaft innerlich zusammen? Was verbindet die Menschen mit ihrer Heimat, wie sie nun mal ist?

Es lohnt sich, alte Bilder anzusehen, Bilder aus der Zeit vor 25 Jahren. Was ist nicht alles geworden! Wofür gilt es nicht alles zu danken! Das Land Sachsen-Anhalt hat die geringste Verbindung der Bevölkerung mit ihrem Land, hat eine der vielen Untersuchungen der letzten Zeit ergeben. Und mancher hat sich gefragt, ob es nicht einen Zusammenhang gibt zwischen dieser Distanz zur Heimat und der geringsten Zahl von Christen weit und breit. Ich bin nicht sicher, ob man das wirklich so sehen kann. Ich weiß aber, dass der Glaube hilft, das Dankenswerte zu entdecken und auch mit schmerzlichen Entwicklungen in der Heimat umzugehen. Der Glaube erinnert immer wieder daran: Leben wir, geht es uns gut; sind wir geborgen und voller innerer und äußerer Kraft, dann leben wir dem Herrn. Aber sterben wir, verändert sich die Heimat schmerzlich, geht Vertrautes verloren, lassen unsere Kräfte nach, auch dann sterben wir im Herrn. Wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Das stärkt Heimat.

Das hilft, vor Ort zu Hause zu sein.

B Heimat braucht Glauben in hilfreicher Distanz

Und zwar:

- Als Ruf zur Umkehr

- Als Weitung des Horizonts

- Als Hoffnung auf die Zukunft

Ja, Luther lässt sich auf die Heimat ein, auf die besonderen Orte mit ihrer Geschichte. Und so weiht er die Torgauer Schlosskapelle. Aber es geht nicht in erster Linie um diesen besonderen Ort, sondern er schreibt: “Ihr sollt auch zugleich mit angreifen, auf daß dieses neue Haus dahin gerichtet werde, daß nichts anderes darin geschehe, als daß unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir umgekehrt mit ihm reden durch unser Gebet und Lobgesang.”

Darum geht es und darum sind die Traditionen, die ja Heimat ausmachen, nicht das Wichtigste:

“Aber wir, die wir im Reich unseres Herrn Christus sind, sind nicht an feste Zeiten und Ort gebunden, sondern wir sind alle Priester, daß wir alle zu aller Zeit und an allen Orten Gottes Wort und Werk verkündigen sollen. Wir haben die Freiheit, wenn uns der Sabbat oder auch der Sonntag nicht gefällt, so können wir den Montag oder einen anderen Tag in der Woche nehmen und einen Sonntag daraus machen. Kann es nicht unter einem Dach oder in einer Kirche geschehen, so geschehe es auf einem freien Platz unter dem Himmel, oder wo Raum dazu ist, aber doch so, daß es eine ordentliche, allgemeine, öffentliche Versammlung sei, weil man nicht für jeden einen besonderen Ort bestellen kann und auch nicht in heimliche Winkel gehen soll, auf dass man sich dort verstecke.”

Zeiten und Orte, regionale und überregionale Traditionen sind wichtig, sind aber nicht die Mitte, die Mitte bleibt, dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir umgekehrt mit ihm reden durch unser Gebet und Lobgesang.

Heimat braucht Glauben, aber auch, damit die Schatten, die über der Heimat liegen, die Schatten der Vergangenheit und die Schatten der Gegenwart, nicht übersehen, nicht grell ausgeblendet werden. Heimat braucht Glauben, damit die Schatten der Heimat benannt werden können. Darum ist es ja so wichtig, dass wir uns in der Erinnerung an die Reformation immer wieder mit dem Schicksal der Juden, der Täufer und der Bauern und mit der oft allzu engen Verbindung zum Staat befassen. Darum ist es ja so wichtig, dass wir kritisch darauf sehen, welche Denkweisen zur Verfolgung und Tötung Andersglaubender geführt haben.

Heimat braucht Glauben als Ruf zur Umkehr.

Sie haben ja dankenswerter Weise in „Glaube + Heimat“ diese dunkle Seite nicht verschwiegen, sondern auch das Wort von Bischof Martin Sasse von 1935 abgedruckt, in dem es unreflektiert heißt: „Gott hat den Friedenswillen und das Friedenwerk unseres Führers gesegnet.“ Gut ist, dass sie daneben auch an die Friedensbotschaft der EKD Synode von 1950 erinnert haben. Die Zeitung ist eben auch selbst Spiegel des komplizierten Verhältnisses von Glaube und Heimat.

Heimat braucht Glauben in kritischer Distanz.

Heimat braucht Glauben als Ruf zur Umkehr.

Aber auch zur Weitung des Horizontes. Es ist die Erfahrung des alten jüdischen Volkes. Jerusalem und der Tempel als der Ort des Glaubens gehen verloren. Die Thora wird zum Tempel, den die Gläubigen mit sich tragen. So wie später viele Vertriebene Christen ihre Bibel bei sich hatten. Die Heimat ging verloren, der Glaube in hilfreicher Distanz zur alten Heimat half, neue Heimat zu entdecken. So haben Gläubige gegen die Fremdenfeindlichkeit in ihrer Heimat immer wieder dazu aufgerufen, Flüchtlinge aufzunehmen. Wir sind ja gerade wieder dabei, für unsere Schwestern und Brüder aus Syrien, deren Heimat im Chaos und im Tod versinkt, Heimat anzubieten. Glaube in hilfreicher Distanz zur alten Heimat half aber auch immer, neue Heimat zu finden: für die Hugenotten, für die christlichen Gemeinschaften, die nach Amerika ausgewandert sind; für die vielen Flüchtlinge, die nach dem 2. Weltkrieg zu uns kamen. „Wo du Wohnung hast genommen, da ist lauter Himmel hier“, singen wir.

Meine Großmutter, die meinen Glauben sehr geprägt hat, musste in ihrem Leben sehr oft umziehen: immer wieder neue Orte, neue Menschen, eine neue Gemeinde, immer wieder neue Heimat, bis sie 97 wurde. Ihr letzter Umzug war mit 90. Und wieder fand sie sich fröhlich in der neuen Heimat zurecht: „Wo das Evangelium gepredigt wird und Gemeinde sich versammelt, da bin ich zu Hause.“ Hat sie immer gesagt. Das kann man nicht verallgemeinern. Das zeigt aber, wir hilfreich es ist, wenn der Glaube nicht mit der altvertrauten Heimat, mit dem, wie es immer gewesen ist, identisch ist.

Heimat braucht Glauben als Weitung des Horizontes.

Immer wieder sind Christen für eine Erneuerung der Kirche, für die Weite des Glaubens, für Jesus Christus als Mitte des Lebens eingetreten. Das ist Thema der gesamten Geschichte des Christentums. So war die Erneuerung der Kirche schon 100 Jahre vor Luther das große Thema. Verschiedene reformatorische Bewegungen bestimmten Kirche und Gesellschaft. Dass am Ende eine Reihe von Konfessionen gegeneinander stand, zunächst in einem fürchterlichen Krieg, dann in herzlicher Verachtung, kann man in dieser Hinsicht auch als Scheitern der Reformation bezeichnen. Insofern ist es etwas Besonderes, dass wir 500 Jahre Reformation wieder in einem ökumenischen Klima, in einem Geist der Umkehr, der Erneuerung und der Verständigung begehen. Immer mehr wird akzeptiert, dass es vielfältigen Glauben in vielfältiger Heimat gibt. Aber eben auch Glauben, der eine zu starke Beheimatung in Traditionen und Konfessionen infrage stellt. So braucht Heimat den Glauben in horizontweitender Distanz, damit Männer und Frauen, Alte und Junge, Starke und Schwache, Fremde und Einheimische, verschiedene Konfessionen und Religionen einander achten und als Bereicherung erleben.

Mir liegt sehr daran, dass wir im nächsten Themenjahr „Reformation, Bild und Bibel“ eines nicht vergessen, nämlich: Du sollst dir kein Bild machen!! Nicht von denen im Süden der EKM noch von denen im Norden, nicht von denen in den Städten noch von denen auf dem Land, nicht von den Fremden noch von den Andersdenkenden. Es ist schön, dass bei der Eröffnung des Luthergartens in Wittenberg nicht nur die Lutheraner da waren, sondern die christlichen Weltbünde. Der Luthergarten war ein ökumenisches Projekt geworden. Der Glaube hatte den konfessionellen Horizont durchbrochen.

Und schließlich. Heimat braucht Glauben um der Zukunft willen.

Luther schreibt: “Warum die Kirche auf Erden keine Heimat findet. Erstens, damit wir daran erinnert werden, dass wir Elende, Heimatlose und wegen des Falles Adams aus dem Paradies Vertriebene sind. Zweitens, damit wir an den Sohn Gottes denken, der (unser Exil geteilt und) uns in unser Vaterland zurückgebracht hat, aus dem wir vertrieben waren. Drittens, damit uns dieses Exil lehre und daran erinnere, dass unsere Heimat nicht auf dieser Welt ist (Phil. 3, 20), sondern dass uns, die wir hier auf Erden wandeln, noch ein anderes Leben bevorsteht, nämlich das ewige.”

Heimat braucht Glauben, damit die Heimat unter der Zusage Gottes offen für die Zukunft ist und wir nicht in Resignation untergehen. Maria Magdalena starrt in das Grab und kann den Kopf nicht wenden. Mehrfach muss sie angesprochen werden. „Maria“, erst dann merkt sie, dass der verloren Geglaubte ja da ist und ihr vorangeht.

Wir haben hier keine bleibende Stadt, das war die Jahreslosung im vergangenen Jahr. Die Täufer hatten lange keine Kirchen, keine Häuser, keine Heimat für den Glauben. In die Natur sind sie gezogen und haben auf Bergen und im Wald Gottesdienst gefeiert. Oder wie am Anfang der Christen in den Häusern vermögender Glaubensgeschwister. Gerade die Unbehausten, die Bauern, Handwerker, Leibeigene fanden zu den Täufern. Wir dürfen nie vergessen: Heimat ist immer nur zeitweilige Heimat. Die Zukunft liegt, Gott sei Dank, nicht in unseren Händen. Die Zukunft hängt nicht davon ab, wie wir unsere Kirche zur Heimat machen, nicht davon, wie es uns gelingt, den Glauben vor Ort zu beheimaten.

… daß wir an ihm bleiben, dem treuen Heiland,

der uns bracht hat zum rechten Vaterland.

Solchen Glauben braucht jede Heimat um der Zukunft willen.

Schluss: Distanz und Nähe: Kirchenzeitung und Kirche

Liebe Schwestern und Brüder, was bedeutet das alles nun für das Verhältnis von Kirchenzeitung und Kirche und die Leserschaft darüber hinaus?

Warum lesen Sie die Zeitung? Weil Ihre Heimat, Ihre Region, darin vorkommt? Weil Themen des Glaubens und der Zeit diskutiert werden? Weil Sie Anregungen wollen von den Bibeltexten der Woche? Weil es manch interessanten und auch merkwürdigen Leserbrief gibt? Weil Ihnen die Horizonterweiterung der letzten Seite unverzichtbar ist?

Aus meinen Erfahrungen, die ich Ihnen ein wenig angedeutet habe, folgt für mich: Die Kirche braucht all diese Aspekte, und all das gehört zu einer Kirchenzeitung.

Und es geht darum, Glaube und Heimat immer wieder neu aufeinander zu beziehen. Da sind wir nie fertig.

Manchmal ist mehr Regionalinformation gefragt, gerade wenn eine neue Kirche zusammenwächst, manchmal gute Kommentare und Hilfen, die Zeit zu verstehen. Gerade die Ukrainekrise hat ja gezeigt, wie schwer es ist, sich einigermaßen solide zu informieren.

Die Zeitung hat sich auf die Heimat zu beziehen, darf aber nicht in ihr aufgehen. „Identitätsstiftend“ wurde “Glaube + Heimat” immer wieder genannt. Das ist richtig. Es ist aber auch ihre Aufgabe, Identitäten, schnelle Beheimatung und Althergebrachtes infrage zu stellen. Sie hat zu fragen, was denn außer der Identität oder der Heimat oder dem Vertrauten noch handlungsleitend ist und sein könnte.

Die Kirche aber braucht das Gegenüber einer Kirchenzeitung. In der letzten Ausgabe der Essener Kirchenzeitung „Ruhrwort“ war in „eigener Sache“ zu lesen: „Unsere Zeitung soll ein Spiegel der Wirklichkeit sein. Auch der Wirklichkeit unserer Kirche. Das verlangt auch von einer Kirchenzeitung, dass sie nicht herausgeberhöriges willfähriges Multiplikationswerkzeug ist, ein Verlautbarungsorgan höherer Kirchen- und Bischofsmeinungen, sondern dass sie als Kommunikationsfeld zwischen Bischof, Gemeinden und Gläubigen agiert.“ Die Kirchenzeitung hat also die kleine Heimat, die Region, auf die große Heimat zu beziehen. Sie muss Gegenüber bleiben zur Kirche und zum Zeitgeist und zu den vielfältigen Erwartungen-

Wenn sich niemand mehr an der Kirchenzeitung ärgert, dann brauchen wir sie auch nicht mehr.

Dazu braucht die Zeitung das Gegenüber der Leserschaft. Denn es geht um die genaue Sicht auf die Heimat. Wenn die Kirchenzeitung ihrer Aufgabe gerecht werden will, dann muss sie bei den Leuten vor Ort zu Hause sein. In ihren Themen, in ihrer Sprache, aber auch bei den Nichtchristen, der gesamten Bevölkerung.

Aber auch uns Leserinnen und Lesern sei gesagt: Die Kirchenzeitung ist nicht nur dazu da, dass wir vorkommen,dass unsere Propstei, unser Kirchenkreis, unser Ort sein besonderes Gewicht bekommt, sondern Heimat zu zeigen und den Horizont zu erweitern, das ist die Aufgabe!

Darum gehört die letzte Seite, die “Eine Welt”, unbedingt dazu.

Meine Damen und Herren,

man darf eine 90jährige nicht überfordern, auch nicht, wenn sie eine immer wieder junge Kirchenzeitung ist. Sie kann nicht alle Erwartungen erfüllen. Mit kleinem Haushalt schon gar nicht. Was sie aber kann:

Sie kann immer wieder auf die Bedeutung von Heimat hinweisen, nicht einer Heimat, sondern vielfältiger Heimat für sehr unterschiedliche Menschen.

Und auf die Bedeutung des Glaubens, der der Heimat Horizonte eröffnet und diese immer wieder über sich hinausführt.

Die entsprechenden Kategorien dazu hat sie ja.

In diesem Sinne:

Gottes Segen für die nächsten 90 Jahre von Glaube und Heimat.

ARD-Themenwoche zur Flüchtlingskrise
Die ARD will in ihrer Themenwoche »Heimat« die aktuelle Flüchtlingskrise berücksichtigen. In der Woche vom 4. bis zum 10. Oktober sollen die unterschiedlichen Aspekte des Begriffs auch vor dem Hintergrund des millionenfachen Verlusts von Heimat diskutiert werden. Den Auftakt der Woche bildet die zwölfstündige multimediale Echtzeitdokumentation »Deutschland.
Dein Tag« am 4. Oktober von 6 bis 18 Uhr im Ersten. Ein Jahr zuvor wurden 99 Menschen an mehr als 80 Orten mit der Kamera begleitet. Dabei wurden »Momentaufnahmen ihres ganz persönlichen Sonntags« eingefangen.
Drei neue Fernsehfilme nähern sich auf jeweils eigene Weise dem Thema. Am 5. Oktober erzählt »Leberkäseland« die Geschichte einer türkischen Akademikerin, die ihrem Mann in den 1960er Jahren von Istanbul ins Ruhrgebiet folgt und sich anfänglich schwer zurechtfindet. »Blütenträume« beleuchtet am 7. Oktober »die Idee von einem Zuhause in uns selbst, das wir am liebsten mit einem Partner teilen wollen«. Die Botschaft des Roadmovies »Heimat ist kein Ort« am 9. Oktober ist, dass ein Gefühl von Heimat durch eine gemeinsam erlebte Geschichte entsteht.

Ein Glücksfall in der deutschen Geschichte

25. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview:  Der Opernsänger und Entertainer Gunther Emmerlich blickt auf 25 Jahre deutsche Einheit

»Ich freue mich nach wie vor über die deutsche Einheit«, sagt der Sänger und Moderator Gunther Emmerlich. Mit ihm sprach Willi Wild

Herr Emmerlich, welche Erinnerung haben Sie an den 3. Oktober 1990?
Emmerlich:
Den haben wir gefeiert und zwar in meinem Garten mit Freunden aus Sachsen und Oberfranken. Das war ja ein verhältnismäßig warmer Herbsttag. Es sollten bei dieser Feier auch die dabei sein, mit denen wir uns wiedervereinigen. Gegen Mitternacht sind wir runter in die Stadt gefahren auf den Theaterplatz. Und da waren viele, viele Menschen. Die Blechbläser der Staatskapelle haben auf dem Balkon der Semperoper »Nun danket alle Gott« gespielt. Und wir haben uns an den Händen gehalten und Rotz und Wasser geheult.

Das ist ein Ereignis, das Sie auch nach 25 Jahren emotional berührt?
Emmerlich:
Ja, es gibt ein paar Ereignisse, die durchlebt man immer noch einmal, wenn man darüber spricht. Und dann ist man abermals gerührt.

Rückblickend auf 25 Jahre deutsche Einheit, was ist gelungen oder was haben Sie sich damals anders vorgestellt?
Emmerlich:
Es ist kein Bauplan nach dem man sich richten kann und alles geht gut. Das ist etwas komplizierter. Das hatte es auch nirgendwo auf der Welt bislang gegeben. Ich will hoffen, dass eines Tages vielleicht auch Südkorea und Nordkorea vereint sein werden. Und dann könnten die Koreaner von uns lernen, auch aus unseren Fehlern. Es war ein Kraftakt. Und es schien, als wären die Skeptiker fast in der Überzahl. Auch manchen Medien hat es damals große Freude bereitet, diesen Einheitstag durch den Kakao zu ziehen. Es schien gelegentlich so, als ob man von einer Geburtstagsfeier berichtet und die Kamera steht auf der Toilette. Solche Berichte gab es damals. Das entsprach keineswegs meinen Empfindungen. Dass nicht alles glatt laufen würde, war zu befürchten und so war es denn auch. Aber in der Summe aller Dinge war es ein Glückstag, und er hat sich auch in den darauffolgenden Jahren als solcher erwiesen. Wenn ich nur allein unsere alten, maroden Städte hernehme. Das war doch wirklich höchste Eisenbahn. Noch ein paar Jahre, dann wär das alles in sich zusammengebrochen. Viele sagen ja, dass nicht alles schlecht war in der DDR. Ich vollende den Satz gern mit den Worten, es hat nur bissel lange gedauert.

Gunther Emmerlich: Ich erfreue mich an der Unterschiedlichkeit der Menschen und Regionen. Foto: picture-alliance/dpa

Gunther Emmerlich: Ich erfreue mich an der Unterschiedlichkeit der Menschen und Regionen. Foto: picture-alliance/dpa

Wenn Sie jetzt auf Ihre Geburtsstadt Eisenberg blicken, 25 Jahre nach der Deutschen Einheit. Was hat sich verändert?
Emmerlich:
2004 bin ich zum Ehrenbürger von Eisenberg ernannt worden. Das hat mich natürlich sehr stolz gemacht. In meiner Dankesrede habe ich auch erwähnt, dass Eisenberg gute Voraussetzungen hat, um sich prosperierend zu entwickeln. Ob da manches hätte wegbrechen müssen, das kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall gab und gibt es eine ganze Menge Industriebrachen. Es ist aber auch viel Neues entstanden. Und der Aufschwung braucht Zeit, daran muss man arbeiten. Die Reformation ist auch nicht in 25 Jahren vollendet gewesen. Das einiges geschehen ist, kann man nicht übersehen. Ich sage manchmal, zu DDR-Zeiten fiel das eine Haus auf, das gerade mal renoviert war. Jetzt fällt das Haus auf, das noch nicht renoviert ist.

Sie sind im Showgeschäft zu Hause. Erleben Sie da heute noch die Unterschiede zwischen Ost und West?
Emmerlich:
Ich habe mich nicht in die Ostschmollecke zurück gezogen, sondern bin durch die nun offenen Türen gegangen. Mal mit größerem, mal mit weniger Erfolg. Man sagte damals, geh ins Offene und das habe ich getan. Gott sei Dank! Es sind neue Freundschaften entstanden, alte Freundschaften habe ich nicht in Frage gestellt. Es sei denn, die »Freunde« haben der Stasi regelmäßige Berichte über mich geschrieben. Beim Tournee-Theater zum Beispiel ist es weniger interessant, woher einer kommt, sondern ob er seine Sache gut macht. Das nehme ich für mich in Anspruch, sonst hätte ich nicht so viele Auftritte.

Für viele Christen ist die Wende und die friedliche Revolution ein Gottesgeschenk. Wie sehen Sie das?
Emmerlich:
Der liebe Gott hat sicherlich auch dafür gesorgt, um in dieser Richtung handeln zu können. Aber es musste auch gehandelt werden. Manche sagen: Das dauert seine Zeit, oder Gott wird es schon richten. Gottvertrauen ist gut. Ich denke, der liebe Gott baut auch auf uns, dass wir dann in solchen Situationen das Richtige tun.

Trotz anfänglicher Skepsis haben den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche viele Menschen hilfreich begleitet, im In- und Ausland. Und jetzt steht sie als Symbol für Frieden und Versöhnung.

»Es gibt Ereignisse, die durchlebt man noch einmal, wenn man darüber spricht. Und dann ist man abermals gerührt«

Eines Tages kam ein Arzt aus Lüdenscheid auf mich zu und erzählte mir von einer renovierungsbedürftigen Rokoko-Kirche in Berka vor dem Hainich. Das ist weit weg von Lüdenscheid. Seine Initiative, dort etwas zu machen, hat mich gerührt und aktiviert. Mittlerweile erglänzt diese Rokokokirche in alter Schönheit. Ich könnte noch viele solcher Initiativen hinzufügen. Eine meiner vornehmsten Pflichten, die ich gern übernommen habe, ist die Schirmherrschaft für die Generalsanierung der Stadtkirche in Wittenberg. Und auch da gibt es Hilfe aus allen Himmelsrichtungen. Das ist ja doch vielleicht die wichtigste Kirche für unseren Glauben überhaupt.

Zum Schluss noch eine Bitte. Können Sie den folgenden Satz weiterführen: Die Deutsche Einheit ist für mich …
Emmerlich:
… ein Glücksfall in der deutschen Geschichte. Die Konstellation war günstig und es haben viele das Richtige getan. Es gibt immer noch viele, die sich erfreuen an dem, was nicht klappt. Meine Freude über das, was klappt, ist größer. Ich weiß natürlich auch, dass noch nicht alles funktioniert. Aber das sehe ich gerade als die Herausforderung dieser Tage. Ich freue mich nach wie vor über die Einheit. Wobei ich keine Vereinheitlichung möchte. Ich sehe auch einen großen Unterschied zwischen Hamburgern und Leuten aus Garmisch-Partenkirchen. Und die waren immer in einem Teil Deutschlands. Und ich sehe auch den großen Unterschied zwischen Dresdnern und Rostockern. Und das stört mich nicht. Ich erfreue mich an der Unterschiedlichkeit der Menschen und Regionen.

Kreuze, Engel, Epitaphien

22. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt:  Der Metallkünstler Thomas Leu geht religiös unvoreingenommen an die Arbeit

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische bildende Künstler vor, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Ein Besuch im Atelier des Hallenser Metallbildhauers Thomas Leu.

Eine Christusfigur in der künstlerischen Sprache unserer Zeit. Sie soll »jubelnd, siegreich und triumphierend wirken, Hoffnung machen und Versöhnung ausstrahlen«. Und sie soll eine Verbindung zwischen dem gekreuzigten und auferstandenen Christus sichtbar machen. So konkret formulierte die Kirchengemeinde in Quedlinburg (Kirchenkreis Halberstadt) ihre Wünsche und Erwartungen an ein neues Kreuz für die Stiftskirche St. Servatius, erbaut zwischen 1070 und 1129. Der Entwurf des Metallbildhauers Thomas Leu überzeugte die Gemeinde. Ihre Ansprüche löste er ein, indem er ein Kreuz aus Aluminium gestaltete. Das Kreuz – ein Rahmen, der einen leeren Raum umfasst, ein Hohlraum in der Form des Gekreuzigten, der als Gekreuzigter jedoch nicht mehr da ist. Seit 2006 schwebt diese moderne Christusfigur in der alten ehrwürdigen Kirche.

Thomas Leu in seinem Atelier in Halle. Foto: Sabine Kuschel

Thomas Leu in seinem Atelier in Halle. Foto: Sabine Kuschel

Es war Leus erster kirchlicher Auftrag. Als Christ versteht sich der Hallenser nicht, er wurde zwar als Kind getauft, jedoch nicht religiös erzogen. Er geht religiös unvoreingenommen an seine Arbeit und hofft, dadurch auch für nichtgläubige Menschen einen Zugang zu kirchlichen Räumen eröffnen zu können. Das Gotteshaus in Quedlinburg beispielsweise ist eine vielbesuchte Touristenkirche, in die oft Menschen kommen, die nur kurze Zeit im Kirchenraum verweilen und möglicherweise wenig Bezug zum Christentum haben. Neben dem Anspruch der Gemeinde, eine Verbindung zwischen dem gekreuzigten und auferstandenen Christus zu zeigen, sei es ihm darum gegangen, eine Synthese von Plastik und Raum herzustellen, beschreibt Leu.

1964 in Halle geboren, weiß er beizeiten, dass er einen künstlerischen Beruf ausüben will. Bildhauer oder Metallgestalter? Bei der Eignungsprüfung an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle war er sich noch nicht sicher, wo er das Kreuz setzen sollte. Er entschied sich schließlich für Metall und bereut diese Entscheidung nicht, »denn Bildhauerei ist das trotzdem«. Zur damaligen Zeit legte die Kunsthochschule Wert darauf, dass die Bewerber ein Handwerk erlernten. Leu absolvierte eine Gürtlerei- und Emaillierausbildung, wurde Kunstschmied. 1990 schloss er in Burg Giebichenstein das Studium als Diplom-Metallbildhauer ab. Dass er auch schmieden und schweißen kann, ist von Vorteil, denn wenn es an künstlerischen Aufträgen mangelt, kann er handwerklich arbeiten. Eine Zeitlang hat er das getan, Treppengeländer und Zäune gebaut.

Im Spektrum seiner Projekte nehmen die kirchlichen Themen inzwischen viel Raum ein. Ebenfalls im Jahr 2006 entstand der Taufengel in der St. Nikolaikirche in Wettin (Kirchenkreis Halle-Saalkreis). Ein Metalldrahtgewebe aus Aluminium, »superleicht, keine zwei Kilo schwer«. Stets ist durch das transparente Gewebe der Raum dahinter sichtbar und sorgt auch hier für eine Verschmelzung von Raum und Skulptur. Diese werde noch verstärkt durch Interferenzen des Gewebes bei leichten Bewegungen der hängenden Figur. Sie sei manchmal in ihrer Konturierung nicht genau fassbar, was der Eigenart des »Erscheinens« von Engeln nahekommt, so der Künstler.

Das Christophorushaus in Tangermünde (Kirchenkreis Stendal) liegt wunderschön an der Elbe. Bei der Gestaltung des Gemeindehauses inspirierte ihn die Lage am Fluss zu einer Reliefwand mit Wasserstruktur.

Einen sehr außergewöhnlichen Auftrag bekam Leu 1997 aus Japan, eine Skulptur für einen buddhistischen Tempel. Da das Händereichen zum zentralen Ritus der Mönche in dem betreffenden Tempel gehört, formte der Künstler aus Aluminiumrohren Hände. Seit 2010 ist Thomas Leu an einem sehr interessanten Projekt beteiligt, dem Epitaph-Projekt im Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli in Leipzig. Die geretteten Epitaphien aus der 1968 gesprengten Paulinerkirche werden nach aufwendiger Restaurierung seit 2014 wieder eingebaut. Sie erinnern an Persönlichkeiten aus der Geschichte der Leipziger Universität.

Die Gedächtnismale aus Stein, Holz und Metall entstanden zwischen 1547 und 1770. Wenige Tage bevor das unter Denkmalschutz stehende Gotteshaus am 30. Mai 1968 gesprengt wurde, versuchte eine Gruppe von Handwerkern der städtischen Denkmalpflege die Epitaphien zu retten. Die jahrzehntelange Lagerung hat den wertvollen Kulturgütern nicht gutgetan. Thomas Leu versteht seine Arbeit nicht als Restaurierung. Am Computer erläutert er seinen Part als Metallbildhauer an diesem Epitaph-Projekt. Ein Foto dokumentiert den Zustand eines Epitaphs nach der Lagerung: Beschädigt. »Der große Engel fehlte«, so Leu. Was tun, wenn die historischen Objekte nur noch fragmentarisch vorhanden sind?

Seine Arbeit beginnt damit, dass er sich in die Sprache der Bildhauer, die die Kunstwerke geschaffen haben, hineindenkt. Ebenso in den Schadensstand der Epitaphien. Er schaut, wie viel vom Original erhalten ist und was davon fehlt. Die spannende Herausforderung des Metallkünstlers besteht darin, nicht das Fehlende nach dem historischen Vorbild des Originals nachzubilden, sondern durch moderne Konstruktionen zu ergänzen. Am Ende muss ein Zusammenhang entstehen, Altes und Neues sollen ein Ganzes bilden. Bis Ende 2015 wird der größte Teil der wertvollen Kunstwerke im Paulinum eingebaut sein.

Sabine Kuschel

»Es wird alles so sein, wie Gott es will«

14. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview:  »Prinzen«-Sänger Jens Sembdner hat auf dem Weg des Haderns Gott gefunden

»Die Prinzen« sind mit ihrer neuen CD »Familienalbum« auf Kirchentour. Jens Sembdner, Gründungsmitglied der Leipziger Popgruppe, erzählt, warum er auch negative Erfahrungen als Bereicherung ansieht und privat keine Musik hört. Mit ihm sprach Martina Schubert.

Herr Sembdner, als ich Sie anrief, waren Sie gerade mit dem Fahrrad unterwegs. In einem Lied der »Prinzen« heißt es: »Nur Genießer fahren Fahrrad.« Womit genießen Sie noch das Leben?
Jens Sembdner:
Ich versuche, es jeden Tag zu genießen, und zwar jede Sekunde. Ich treibe viel Sport, ich lese sehr viel, ich gehe viel in mich, ich bete viel. Das sind Sachen, die mich im Gleichgewicht halten. Ich habe in meinem Leben die Erfahrung gemacht, dass alles, was passiert oder alles, was da ist, eine Bereicherung sein kann. Auch, wenn wir das einmal als negativ empfinden. Aber wenn ich später zurückschaue, stelle ich fest, dass auch das eine Bereicherung war.

Wie sind Sie zu dieser Einstellung gekommen?
Sembdner:
Ich habe einen sehr großen Verlust gehabt vor 14 Jahren, als meine Frau starb. Dann wollte ich ein Buch schreiben und fing damit an, indem ich nur gegen Gott gewettert habe: Warum, wieso, weshalb? Ich habe alles nicht verstanden. Im Laufe der Zeit habe ich erkannt, dass ich alles, was passiert, als gegeben hinnehmen muss. Wenn ich das gelernt habe, sehe ich auch, dass neue Dinge, neue Orientierungen daraus entstehen. Ich war vorher nicht sonderlich mit Gott vertraut. Über diesen Weg des Beschimpfens bin ich zu ihm gekommen. Das ist kurios. Manchmal musst du nur abwarten. Es hat alles seinen Sinn, glaube ich. Es wird alles so sein, wie es sein soll oder wie Gott es will.

Jens Sembdner: Die Gebote, die Gott uns gegeben hat, sollten wir einhalten. Foto: picture-alliance/dpa

Jens Sembdner: Die Gebote, die Gott uns gegeben hat, sollten wir einhalten. Foto: picture-alliance/dpa

Wie haben Sie nach dem schweren Schicksalsschlag, dem Tod Ihrer Frau, wieder zurück ins Leben gefunden? Welche Rolle hat der Glaube da gespielt?
Sembdner:
Auf alle Fälle spielt der Glaube da eine Rolle. Ich habe mich mit Dingen beschäftigt, mit denen ich mich vorher nicht beschäftigt habe. Plötzlich wird das Leben völlig zerrissen. Ich wollte es nicht wahrhaben, ich wollte es nicht glauben. Ich fing dann an zu suchen, dass es etwas geben muss, dass der Mensch noch da ist. Ich habe meine Frau und nach Auswegen gesucht, habe mir alle möglichen Religionen angeschaut, Berichte über Nahtoderfahrungen gelesen. Ich habe mich sehr intensiv damit beschäftigt. Dabei habe ich mich ertappt, dass ich im Bett liege und zu Gott bete. Dann habe ich mir gedacht: Wo suchst du eigentlich? Tagsüber suchst du immer rechts und links und nachts betest du zu Gott. Ich habe gemerkt, dass mir das Ruhe gegeben hat. Ich konnte mit jemandem reden, und ich habe Ruhe empfunden, obwohl es eine sehr hektische Zeit für die Seele war, eine unruhige Zeit, in der ich am liebsten nicht mehr da sein wollte, weil es so bedrückend war. In dieser Phase habe ich Ruhe gefunden. Das fand ich sehr bedeutend und sensationell. Das schafft kein Medikament dieser Welt, aber ein Gebet schafft das nachts. Deswegen habe ich mir gedacht, warum nicht immer so. Es tut gut.

Inwieweit intensivierte sich Ihr Glaube?
Sembdner:
Ich wohnte damals noch auf dem Dorf und habe mich Sonntagmorgen auf mein Fahrrad geschwungen und mich dann das erste Mal seit Jahren wieder in die Kirche gesetzt. Das war eine Dorfkirche. Dort saß bloß noch eine Oma drin und der Pfarrer, der für uns beide predigte. Was er gesagt hat, empfand ich als sehr toll. Ich habe ihn gefragt: Was ist denn, wenn die Oma stirbt und ich wegziehe? Er antwortete: Dann habe ich nichts mehr zu tun. Ich sagte, das muss man doch ändern. Das ist eine so tolle Botschaft und es ist etwas, was viele Menschen hören müssen. Später fragte ich mich: Was könnte ich tun? Ich habe mich hingesetzt und die Psalmen und Choräle, die wir im Kreuzchor gesungen haben – mit Orchester und im klassischen Gewand –, vertont und einen Beat drunter gelegt und versucht, sie in die heutige Zeit rüberzuziehen. Daraus ist das Album »Da wo du bist« entstanden. Junge Gemeinden haben das auch nachgespielt. Damit ist schon etwas erreicht, wenn es auch nur kleine Dinge sind.

Sie sagen, damit die Kirche mehr Leute anlockt, muss sie sich öffnen, aber nicht um jeden Preis. Einige Werte müssen bewahrt werden. Welche?
Sembdner:
Die Gebote, die Gott uns gegeben hat – es sind nicht viele, aber es sind wichtige –, sollten wir einhalten. Wenn wir uns nur an die zehn Punkte halten würden, dann hätten wir gar kein Problem auf dieser Welt.

Welche Musik hören Sie privat?
Sembdner:
Ich höre gar nichts. Dadurch, dass ich selbst viel Musik mache, bin ich gerade auf Entzug – seit einem Jahr. Am Anfang habe ich mich gezwungen, mittlerweile finde ich es ganz toll, Radio und Fernsehen von mir fernzuhalten. 90 Prozent aller Nachrichten, die ich darin höre, sind negativ. Deshalb schalte ich das Radio aus und habe festgestellt, dass Stille eine immense Kraft gibt. Ab und zu unterstütze ich die Stille mit klassischer Musik, ich gebe es ehrlich zu. Auf der anderen Seite: Wir sind mit Cro und mit Xavier Naidoo unterwegs, wir haben ständig die aktuelle Musik um uns herum. In der kurzen Zeit, in der ich zu Hause bin, genieße ich Stille.

Cover der CD »Familienalbum«

Cover der CD »Familienalbum«

Was ist der Zweck, dass Sie die Nachrichten aussperren?
Sembdner:
Es sind für mich zu viele Informationen, die ich negieren kann, die ich für mich nicht brauche. Wichtige Informationen, dass es eine Hungersnot gibt, dass Völker unterdrückt werden, kommen durch, das weiß ich auch. Dass ich Spenden und Hilfsprojekte unterstützen sollte, das steht auch in den Zehn Geboten. Ich brauche dazu nicht noch etwas, was mich niederreißt. Das trifft auch auf die Kirche zu. Aus meiner Sicht sollten mehr positive Nachrichten verbreitet werden, damit die Menschen auch positiver und lächelnder durch das Leben gehen.

Seit 8. September sind Sie mit den »Prinzen« auf Kirchentour zur neuen CD »Familienalbum«. Bereits 2010 und 2012 waren Sie als Band in christlichen Gotteshäusern unterwegs. Warum zieht es die »Prinzen« wiederholt in die Kirche?
Sembdner:
Im Jahr 2008 haben wir mit Margot Käßmann einen live ausgestrahlten Fernsehgottesdienst gemacht – unter der Bedingung, dass wir unsere eigene Musik spielen durften. Danach gab es ein, zwei Konzertanfragen von verschiedenen Gemeinden. Als es dann noch mehr Interessenten gab, ist daraus eine Tour geworden. Mittlerweile ist das eine gute Tradition. Wir fahren im September los, im Oktober kommen wir wieder. Wir treten in den Kirchen nur mit akustischen Instrumenten auf und fangen das Konzert mit einem Choral an. Dann kommen die Lieder, die man kennt: »Mann im Mond«, »Deutschland«, »Alles nur geklaut«, Millionär«. Am Ende steht die Gemeinde, inklusive der Pfarrer, sie tanzen, klatschen und schreien. Bei manchen Gemeinden muss das erst der Gemeinderat entscheiden und es gibt Skeptiker. Umso schöner ist, wenn dann die ganze Gemeinde tanzt und klatscht, inklusive Pfarrer und Skeptiker. Das ist immer toll.

Inwieweit finden Sie sich mit Ihrem Glauben in den »Prinzen«-Texten wieder?
Sembdner:
Prinzipiell kann ich mich in fast allen Texten wiederfinden, weil wir Dinge ansprechen, die passieren, selbst wenn es manchmal hart klingt. »Die Prinzen« sind dafür bekannt, dass sie kein Blatt vor den Mund nehmen und dass sie alles aussprechen, so wie es ist. Nicht auf eine plumpe Art, sondern auf eine intelligente Art. Der Mensch versteht ein Thema meist nur, wenn du es direkt ansprichst. Wenn wir unsere Lieder sogar in Kirchen spielen dürfen, kann es so schlimm nicht sein, auch wenn das Wort F*cken einmal vorkommt. Es ist ja trotzdem eine Botschaft dahinter. Die ist – so kennt das Publikum die »Prinzen« – meist positiv.

Haben Sie sich schon mal wegen Ihres Glaubens gegen einen Text gestellt?
Sembdner:
Ich persönlich nicht, aber es gibt manchmal schon heftige Diskussionen. Mein Bandkollege Wolfgang Lenk ist auch in der Gemeinde und wir diskutieren manchmal darüber, ob wir gewisse Punkte so oder so sagen. Das betrifft eher die Phase des Liederschreibens. Aber meistens einigen wir uns darauf, dass im Prinzip alles machbar ist, solange wir das intelligent verpacken.

Wie viel von Ihrem Glauben steckt in dem Lied »Backstagepass ins Himmelreich«?
Sembdner:
Das hat mein Bandkollege Wolfgang Lenk mit reingebracht. Er geht regelmäßig in die Gemeinde. Bei den »Prinzen« singen meistens nur Tobias und Sebastian solo. Aber wir wollten, dass jeder mal die Leadstimme übernimmt, und da haben wir für Wolfgang ein Lied geschrieben, was er wirklich ist. So entstand »Backstagepass ins Himmelreich«. Wenn wir Kirchen-Konzerte geben, ist dieses Lied immer dabei, und Wolfgang singt es. Das ist wirklich er. Das Lied passt wunderbar zu den Prinzen, es passt sich ein. Es ist alles intelligent verpackt, sodass es auch ernst genommen und respektiert wird.
Christliches Medienmagazin pro

www.pro-medienmagazin.de

Die »Prinzen« auf Kirchentour: Termine in Mitteldeutschland

19. 9.: Arnstadt, Sebastian-Bach-Kirche;

22. 9., 20 Uhr: Nordhausen, St. Blasii Kirche;

30. 9., 20 Uhr: Zella-Mehlis, Pfarrkirche St. Magdalena;

3. 10.: Osterwieck, Stephaniekirche


Großzügig und zeitgemäß

2. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Sanierung: Das Eisenacher Lutherhaus wird sich bald als modernes Museum präsentieren

Vier Wochen bleiben noch, um die vielen leeren Vitrinen im umgebauten Lutherhaus in Eisenach zu füllen. Am 26. September öffnet dort die neue Dauerausstellung »Luther und die Bibel«.

Noch liegt eine dicke Schicht Staub in den blauen, roten, violetten Vitrinen. Kein Zustand, um darin jahrhundertealte Bibeln oder das Kirchenbuch mit dem Taufeintrag von Johann Sebastian Bach zu zeigen. Aber es bleiben auch noch gut vier Wochen bis zur Wiedereröffnung des alten, neuen Eisenacher Lutherhauses.

Im Dezember 2013 schloss das Museum für die erste Großsanierung in der 650-jährigen Geschichte des Fachwerkgebäudes. Zweiundzwanzig Monate später soll es sich als ein modernes Ausstellungshaus präsentieren, das dem erwarteten Besucheransturm zum Reformationsjubiläum gerecht werden kann. Und das jenen Eindruck der Enge und des Stickigen verloren hat, der nicht recht passen will zum Bild der evangelischen Kirche im Jahr 2017.

Noch gibt es viel zu rücken und zu räumen, bevor das Museum im September wiedereröffnet wird. Fotos: Michael Reichel (ari)

Noch gibt es viel zu rücken und zu räumen, bevor das Museum im September wiedereröffnet wird. Fotos: Michael Reichel (ari)

Etwa 100 000 Gäste, so die vorsichtige Schätzung, könnten dann auch die vielen Treppenstufen des Lutherhauses hinaufsteigen wollen. Wobei kein Besucher mehr Treppenstufen steigen muss. Durch eine Mitnutzung von Teilen des benachbarten Neubaus sind erstmals alle Räume des Museums weitgehend barrierefrei zu erreichen. Zuvor schafften es Rollstuhlfahrer nicht einmal über die Schwelle, beschreibt der wissenschaftliche Leiter und Kurator des Hauses, Jochen Birkenmeier. Museumskasse und -shop, Toiletten, Garderobe – letztere gab es im alten Bauzustand gar nicht – sowie erstmals ein Raum für Sonderausstellungen sind ebenfalls im Nachbarbau untergebracht.

Das Evangelische Pfarrhausarchiv, das sich bisher unter dem Dach des Lutherhauses befand, wurde in das Landeskirchenarchiv Eisenach ausgelagert; das museumseigene »Bibel-Café« wird nicht mehr betrieben. Durch diese Veränderungen und auch durch das Entfernen von Wänden wurde Platz gewonnen. Die ehemals arg verwinkelten Räume wirken großzügiger, die Museumspädagogik wurde auf zwei Zimmer erweitert. Auf rund 500 Quadratmetern – zuvor waren es nur etwa 300 – wird ab dem 26. September auch die neu gestaltete Dauerausstellung »Luther und die Bibel« zur Bibelübersetzung des Reformators gezeigt.

Ausgestellt werden rund 120 Exponate in den derzeit noch mit Staub bedeckten, rechteckigen Vitrinen, die das Berliner Design-Büro »neo.studio« entworfen hat. Sie geben dem alten Haus, in dem jede Wand schief, in dem nichts rechtwinklig ist, wieder Ecken und Kanten.

Für die zeitgemäße Ausstattung des Museums, zu der multimediale Zugaben wie Touchscreens, Hörstatio­nen und Bildschirme gehören, fielen 1,15 Millionen Euro an. Weitere 2,8 Millionen Euro waren für den Bau notwendig.

Die Hälfte des Geldes stammt aus öffentlicher Förderung, 1,4 Millionen Euro sind Eigenmittel der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, 0,56 Millionen Euro steuerten unter anderem Sponsoren und Bürger bei, die Patenschaften für Exponate übernommen haben.

Susann Winkel

Jeremias Kugelkopf

23. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Manfred Kyber

Jeremias Kugelkopf war ein Seehund. Er war ein friedfertiges Geschöpf. Er war innerlich, wie er äußerlich war: rund, kugelig und ohne Ecken. So war Jeremias Kugelkopf. Er lebte weit draußen im Weltmeer, und die Wellen des Weltmeeres trugen ihn wie in einer Wiege. Er wusste, dass das Weltmeer sehr wild sein konnte, und er wusste, dass es sehr still sein konnte. Er wusste auch, dass das Weltmeer sehr groß war und dass er sehr klein war. Darum war Jeremias Kugelkopf still und bescheiden. Mittags aß er Fische. Aber damit waren seine Interessen nicht erschöpft. Jeremias Kugelkopf hatte auch höhere Interessen. Wenn die Glocken läuteten an der Küste von Feuerland, hob er den Kopf aus dem Wasser, klappte die Ohren weit auf und hörte andächtig zu. Dann kamen Tränen aus seinen Augen, tatsächlich Tränen.

»Eigentlich wäre es doch sehr schön, ganz an der Küste von Feuerland zu leben«, dachte Jeremias Kugelkopf, »dann höre ich die Glocken ganz nah und brauche die Ohren nicht so weit aufzuklappen. Es kommt so leicht was hinein. Mit den Ohren muss man sehr vorsichtig sein.« Jeremias Kugelkopf klappte die Ohren sorgsam zu, bürstete den Schnurrbart mit der Flosse und schwamm an die Küste von Feuerland.

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

Das Abendrot legte sich über das Weltmeer. Es wurde kühl in den Wellen. Jeremias Kugelkopf störte das nicht. Er hatte eine Speckschicht. Seine Garderobe war so eingerichtet. Sie war seetüchtig in jeder Beziehung. Am Ufer tat Jeremias Kugelkopf einen gewaltigen Satz und schnellte sich hinauf. Dann rutschte er weiter und sah sich mit den großen Augen um, so wie jemand, der Wohnung sucht und gespannt ist, was er finden wird. Was Jeremias Kugelkopf fand, war sonderbar. Auf dem Ufer saßen Scharen von Pinguinen. Sie wedelten mit den Flügeln, die wie Talare auf weißen Vorhemden aussahen.

»Das sind sehr komische Vögel«, dachte Jeremias Kugelkopf, »solche Vögel habe ich noch nicht gesehn. Es sind auch so viele und sie sprechen alle durcheinander. Es ist so geräuschvoll. Ich glaube, es ist nichts für mich.« Die sonderbaren Vögel kakelten und verbeugten sich dabei unentwegt. Es sah sehr possierlich aus. »Es scheinen höfliche Leute zu sein«, dachte Jeremias Kugelkopf und rutschte näher. Ein Vogel watschelte auf ihn zu. Er war groß und dick, eine kegelförmige Figur.

»Sie wollen wohl unsere Eier besichtigen?«, fragte er verbindlich. »Wir legen sehr viele Eier. Viele Touristen aus dem Weltmeer kommen sie besichtigen. Es ist eine Sehenswürdigkeit. Aber Sie dürfen sie nicht näher untersuchen. Das erlauben wir nicht.«

»Nein«, sagte Jeremias Kugelkopf kleinlaut, »die Eier, die Sie legen, wollte ich eigentlich nicht sehen. Ich wollte die Glocken von Feuerland läuten hören. Die Glocken läuten hier oben doch jeden Abend? Oder habe ich mich geirrt?« Der dicke Vogel zuckte pikiert mit den verkümmerten Flügeln. »Natürlich läuten die Glocken«, sagte er ärgerlich, »aber die Hauptsache sind doch die Eier, die wir legen!« Jeremias Kugelkopf verstand nicht gleich. Er war ein bisschen tranig.

Da läuteten die Glocken von Feuerland, und Jeremias Kugelkopf freute sich. In demselben Augenblick aber fuhren die sonderbaren Vögel aufeinander los. Sie verneigten sich nicht mehr. Sie wedelten wütend mit den Talaren, kreischten entsetzlich und zankten sich um die Eier. Man hörte das tiefe Weltmeer nicht mehr ans Ufer branden, und die Glocken von Feuerland erstickten im Geschrei.

Jeremias Kugelkopf klappte voller Schrecken die Ohren zu und sprang mit einem Satz ins tiefe Weltmeer zurück. Er ruderte ganz verstört mit den Flossen und schwamm weit, weit von der Küste fort.

Auf einer kleinen einsamen Insel ruhte er sich aus. Bis hierher drang das Geschrei der sonderbaren Vögel nicht mehr um die Eier, die sie gelegt hatten. Aber durch die klare, reine Luft trug der Wind die Glockentöne von Feuerland über das tiefe Weltmeer. Da war Jeremias Kugelkopf dankbar und froh und blieb immer auf seiner einsamen Insel. Jeden Abend hörte er die Glocken läuten. Dann war Jeremias Kugelkopf gerührt und weinte. Die Tränen fielen ins Weltmeer.

Der Glanz der Vergangenheit

17. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Geschichte: Merseburg war einst die bedeutendste Königspfalz im Osten des Kaiserreiches

Eine Stadt mit großer Tradition feiert: Vor 1 000 Jahren legte Bischof Thietmar den Grundstein für den Kaiserdom in Merseburg. Am 9. August wurde die Ausstellung »1 000 Jahre Kaiserdom Merseburg« mit einem ökumenischen Gottesdienst im Dom eröffnet.

Wer heute nach Merseburg kommt, ahnt wenig von der einstigen Bedeutung der Stadt für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation im frühen 11. Jahrhundert. In der Chemieregion der DDR gelegen, fiel ein Großteil der Altstadt dem »sozialistischen Umbau« zum Opfer. Die Kirche spielte in der Bevölkerung kaum eine Rolle. Auch heute gehört der Kirchenkreis Merseburg zu denen mit sehr wenigen Christen, laut Statistik waren es 2013 gerade mal 11,5 Prozent evangelische Gemeindemitglieder.

Dabei gehört Merseburg zu den ältesten deutschen Städten, älter und einstmals bedeutender als das nahe gelegene Leipzig. Unter dem frommen König Heinrich II. aus dem Adelsgeschlecht der Ottonen und 1014 zum Kaiser gekrönt entwickelte sich die Stadt zur bedeutendsten Königspfalz im Osten des Reiches. Für vier Monate wollen die Vereinigten Domstifter, das Land Sachsen-Anhalt, die Stadt und die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland etwas vom einstigen Glanz zeigen. Die Sonderausstellung »1 000 Jahre Kaiserdom Merseburg«, die am 9. August von Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh eröffnet wurde, soll die Bedeutung Merseburgs in der Geschichte der Königspfalzen wieder ins Licht rücken, erläuterte Kurator Markus Cottin, Leiter des Merseburger Domstiftarchivs, das Konzept. Im Mittelpunkt der Präsentation stehe deshalb vor allem die politische Bedeutung der einstigen Königspfalz. So seien wichtige politische Entscheidungen in der Pfalz getroffen worden. Unter anderem reiste 979 der Kalif von Cordoba zu diplomatischen Verhandlungen in die Saalestadt, eine wichtige Begegnung zwischen christlicher und islamischer Kultur.

Das Ensemble Dom und Schloss in Merseburg beherbergt mit »1 000 Jahre Kaiserdom Merseburg« eine vor allem geschichtlich interessante Ausstellung. Fotos: Burkhard Dube

Das Ensemble Dom und Schloss in Merseburg beherbergt mit »1 000 Jahre Kaiserdom Merseburg« eine vor allem geschichtlich interessante Ausstellung. Fotos: Burkhard Dube

Heinrich II. betrieb 1004 die Neubildung des Bistums Merseburg, das 968 dem heiligen Laurentius geweiht und 981 wieder aufgelöst worden war. Mit der Neugründung waren umfangreiche Schenkungen verbunden. Am 18. Mai 1015 legte Bischof Thietmar von Merseburg schließlich den Grundstein zum Dom. Heinrich der II. soll insgesamt 29 Mal in Merseburg geweilt haben. Ein Grund war die gute Versorgung des Hofstaates. Die Bauern in der ländlichen Umgebung der Stadt mit ihren fruchtbaren Böden konnten eine Weile genügend Nahrung für das Herrschergefolge liefern.

Zu den wichtigsten Quellen dieser Zeit gehört die Chronik Thietmars von Merseburg, der dem hochverehrten Kaiser damit ein Denkmal setzte. Heute erinnert die König-Heinrich-Straße in Merseburg an den mittelalterlichen Herrscher. Heinrich wurde 1146 heiliggesprochen, seine Frau Kunigunde 1200. Die Gewänder des Paares, die Merseburg als Schenkung besaß, galten fortan als Reliquien. Thietmar machte sich auch Gedanken über die Herkunft des Städtenamens und führte ihn auf den römischen Gott Mars zurück. Thietmar gefiel der Gedanke, dass Cäsar zu Ehren des Gottes hier eine Burg gegründet hätte. Doch der Name Merseburg ist germanischen Ursprungs. Die Römer sind nie hier gewesen, aber germanische und slawische Stämme siedelten sich an.

Insgesamt erwarten die Besucher 130 Exponate, davon 90 Leihgaben, die mit interessanten Begebenheiten der Geschichte verbunden sind. Zu den besonderen Stücken gehören die Nachbildung der Krone Heinrichs – das Original ist in München – sowie das Adelheidkreuz. Es war das Reichskreuz Rudolfs von Rheinfelden (1025–1080), der sich im Zuge des Investiturstreits zwischen Papst Gregor VII. und König Heinrich IV. zum König wählen ließ. Sein Grab im Merseburger Dom war einst mit Gold und Edelsteinen verziert. Und seine mumifizierte Hand, im Kampf abgetrennt, ist in einer Vitrine ausgestellt.

Die Grablege Sigismunds von Lindenau befindet sich im Chorraum. Er war der letzte katholische Bischof Merseburgs und hatte den Heinrichsaltar bei Lucas Cranach bestellt, der bis heute den Dom schmückt und von Luther vor der Vernichtung im Zuge der Bilderstürmerei gerettet worden sein soll.

Interessant sind zudem die Eindrücke, die durch Illusionspanoramen erzeugt werden. In der Vorhalle des Domes wird der Betrachter in die Zeit der Romanik geführt. Eine andere Kulisse gibt den Blick frei ins Kirchenschiff, der sonst von der Rückwand der Ladegastorgel verdeckt ist. Auch den Lettner haben die Aussteller wieder sichtbar gemacht.

Elf Räume erzählen von vergangenen Zeiten, von Prunk und Frömmigkeit, von Krieg und Machtkampf. Merseburg ist eine Reise wert.

Dietlind Steinhöfel

Öffnungszeiten
Montag bis Sonntag, 9 bis 18 Uhr
Gottesdienst sonntags und an kirchlichen Feiertagen von 10 bis 12 Uhr
Bitte beachten Sie Einschränkungen des Ausstellungsrundganges im Dom aufgrund von Gottesdiensten, Konzerten und Trauungen.

www.merseburg2015.de

Der Cranach unter dem Cranach

12. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Im Sommer 1512 kam der bis heute am selben Platz stehende Cranach-Altar nach Neustadt/Orla

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach d. J. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen.

Am Montag, dem 14. Juni 1512, trafen von Wittenberg kommend, in Neustadt an der Orla drei Fuhrwerke mit einer kostbaren Fracht ein. Die Neustädter Bürger Nicolaus Clingenstein und Hans Dornberg hatten in Begleitung von zwei Knechten die »nawe taffeln« aus der Werkstatt von Lucas Cranach abgeholt. In einem weiteren Wagen saßen Matthes, der Bruder von Lucas Cranach d. Ä., ein Geselle und dessen Frau. Gut eine Woche später war das von den Neustädtern während einer Messe in Leipzig in Auftrag gegebene Werk vollbracht, der neue Altar wurde geweiht. In den Kirchenbüchern zu findende Rechnungen lassen nicht nur den Weg des Altars vom Auftrag bis zur Weihe durch den Bischof verfolgen, sondern auch die Kosten. So wurden zum Beispiel »105 alt Schock dem Maler Meister Lucas Bruder gegeben Als er die taffel gesatzt hat am Abend Johannis Baptiste.« Fünf Schock Fuhrlohn erhielt demnach Clingenstein, über neun Schock »hat vertzert Hans Dornberg mit 2 Knechten, mit 4 der stat pferden … mit den malern vff 6 person vnd 6 pferden«.

Darstellung des Jüngsten Gerichts auf der Predella des Cranach-Altars in der St.-Johannis-Kirche in Neustadt/Orla. Fotos: Torsten Kopp

Darstellung des Jüngsten Gerichts auf der Predella des Cranach-Altars in der St.-Johannis-Kirche in Neustadt/Orla. Fotos: Torsten Kopp

Von den Sehenswürdigkeiten der ostthüringischen Kleinstadt sind drei auch mit mehrmaligen Aufenthalten Martin Luthers als Visitator des Augustiner-Konvents und als Prediger im thüringischen Umfeld des »Schwärmers« Karlstadt verbunden: das nur in Resten erhaltene ehemalige Augustinerkloster, das direkt am Markt stehende viergeschossige »Lutherhaus« und die Stadtkirche St. Johannis. In der Hallenkirche predigte Martin Luther während seiner Reise in das Gebiet der thüringischen Aufständischen im August 1524.

Absoluter Höhepunkt der Ausstattung des Gotteshauses ist der seit 500 Jahren an ein und derselben Stelle stehende Cranach-Altar. Die sich aufeinander beziehenden Teile zeigen Szenen aus der Bibel und aus mittelalterlichen Legenden. Das Werk hat eine Spannweite von fünf und eine Höhe von sieben Metern. Dank dem Eingreifen Martin Luthers ist der Altar vor der Zerstörung durch die Bilderstürmer bewahrt worden, mehrfach beschädigt wurde er jedoch im Dreißigjährigen Krieg. Erstmals restauriert wurde er in den Jahren 1948–51 in Weimar.

In den Jahren 2010 bis 2013 hat das in Erfurt lebende Wissenschaftler-Ehepaar Sabine und Rüdiger Maier den Altar mit dem sogenannten Bildwandlungsverfahren MIRR untersucht. Die Abkürzung MIRR steht für Macro-Infrarot-Reflektographie – ein seit den 1980er-Jahren bekanntes Verfahren der Bildwandlung. Eine spezielle Kameratechnik entdeckt dabei auf dem Bildträger eines Gemäldes Unterzeichnungen, die dem menschlichen Auge verborgen bleiben. Die Bildtafeln des Neustädter Cranach-Altars hat das Ehepaar Maier mittels Kamera in zirka 10 000 Fotos der Größe vier mal fünf Zentimeter »aufgelöst«, montiert und dann ausgewertet. Sichtbar wurde so – salopp gesagt – der Cranach unter dem Cranach. Die Untersuchung zeigte nicht nur die – vielfach vom Meister – mit graphischen Mitteln vorgegebene Bildkomposition auf dem Malgrund. Dank der sichtbar gewordenen Unterzeichnung wurden auch Abweichungen im weiteren Malprozess nachweisbar, die aus kunsthistorischer und restauratorischer Sicht von besonderem Interesse sind. Ablesbar wird, dass das Bild nicht »in einem Zug« entstand, sondern Resultat eines Arbeitsprozesses ist. Identifizierbar sind rezeptionsgeschichtliche Eingriffe, Bildveränderungen oder -korrekturen, die von der Anpassung an veränderte künstlerische Darstellungsformen der Renaissance zeugen.

Die Untersuchungsmethode ermöglichte zugleich neue Erkenntnisse zur Arbeitsweise in der frühen Cranach-Werkstatt. Der schon zu Lebzeiten als »Schnellmaler« bezeichnete Lucas Cranach d. Ä. hat also mit Schablonen gearbeitet. Sabine Meier nennt derlei Vorlagen etwa für die später in den Bildern fixierte Haltung von Armen oder Beinen gern »Detailkartons«, die Italiener nutzen dafür das klangvolle »Cartocino« (kleine Kartons).

Heinz Stade

Revolutionäre Botschaft

5. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Diözesanmuseum Paderborn präsentiert die Geschichte der Nächstenliebe

Im antiken Rom sorgte die selbstlose Hilfe für Arme und Kranke zunächst für Argwohn. Bis heute inspiriert die »Erfindung« der frühen Christen die Kunst. In einer ersten umfassenden Gesamtschau wird die Geschichte der Nächstenliebe spannend erzählt.

Das weiße Kleid ist am Boden versengt, der Blick der Frau ruht auf einem der beiden schwarzen Babys an ihrer Brust. In ihrer lebensgroßen Foto-Kunst inszeniert sich die New Yorker Künstlerin Vanessa Beecroft als weiße Madonna. Das angekohlte Kleid verweist auf die zahlreichen Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent. Für Museumsdirektor Christoph Stiegemann zeigt das Werk, wie prägend die Botschaft der tätigen Nächstenliebe bis heute ist. Unter dem Titel »Caritas – Nächstenliebe von den frühen Christen bis zur Gegenwart« bietet das Diözesanmuseum in Paderborn einen Streifzug durch die Geschichte der Nächstenliebe und ihrer künstlerischen Darstellung.

Am Anfang der bis zum 13. Dezember laufenden Ausstellung steht der berühmte Brief des Apostels Paulus über das allumfassende Gebot der Liebe (1. Korinther 13,13). »Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei«, heißt es in dem Schriftstück aus dem zweiten Jahrhundert, »aber die Liebe ist die größte unter ihnen«. Der Papyrus aus der Dubliner Chester Beatty Library sei wohl das spektakulärste Stück der Schau, erklärt Stiegemann. Er ist eines der frühesten Original-Dokumente der christlichen Nächstenliebe.

Mitleid galt im alten Rom als Schwäche

Die von Christen gelehrte Zuwendung zu armen und kranken Menschen sei in der Antike etwas revolutionär Neues gewesen, sagt Stiegemann. Bis dahin galt in der römischen und griechischen Welt der strahlende Held als Ideal, Mitleid war etwas für Schwächlinge. Für die Christen sind alle Menschen Kinder Gottes. Was man dem Geringsten tut, tut man gegenüber Gott, erklären sie. Dass sich das Christentum rasch weltweit ausbreitete, liegt nach Stiegemanns Überzeugung auch daran, dass das Christentum die Nächstenliebe praktisch umsetzte.

Die in Genua geborene, in New York lebende Künstlerin Vanessa Beecroft arrangiert Körper zu lebenden Kunstwerken. Während einer ihrer Sudan-Reisen hat sie sich in einer Kathedrale als weiße Madonna mit schwarzen Zwillingen selbst in Szene gesetzt. Fotos: Diözesanmuseum Paderborn

Die in Genua geborene, in New York lebende Künstlerin Vanessa Beecroft arrangiert Körper zu lebenden Kunstwerken. Während einer ihrer Sudan-Reisen hat sie sich in einer Kathedrale als weiße Madonna mit schwarzen Zwillingen selbst in Szene gesetzt. Fotos: Diözesanmuseum Paderborn

Nach den Ursprüngen der Caritas – der lateinische Begriff für Nächstenliebe bei den frühen Christen – folgt die Schau den Spuren ihrer Institutionalisierung in den Herrschaftsgebieten mittelalterlicher Könige und Bischöfe. Beleuchtet werden die Gründung der ersten Hospitäler, Armen- und Waisenhäuser in Zeiten von Pest, Krieg und Hungersnöten. Suppenschüsseln für Armenspeisungen illustrieren die städtische oder frühstaatliche Fürsorge, die an die Stelle von Almosenverteilung rückte. Zu den Exponaten gehören daneben unter anderem antike Sarkophage oder mittelalterliche Buchmalerei und Schatzkunst.

Wie die Idee der Nächstenliebe die Kunst beflügelt hat, zeigen frühe Darstellungen des Gleichnisses des barmherzigen Samariters in Altarbildern aus dem 11. Jahrhundert und Darstellungen der Caritas bei Lucas Cranach dem Älteren, Eugène Delacroix sowie Max Liebermann bis hin zu Videoarbeiten von Bill Viola. Der italienische Maler Raffael porträtiert im Jahr 1507 die Caritas als eine ihre Kinder umsorgende Mutter. Die Darstellung der Kardinaltugenden in dem Altarbild gehört zu den seltenen Originalexponaten. Leihgeber der rund 200 Ausstellungsstücke sind unter anderem der Vatikan, der Pariser Louvre oder das New Yorker Metropolitan Museum of Art.

Die Schau soll aber nicht nur eine Erfolgsgeschichte erzählen. Dargestellt werden auch die Schattenseiten: Der Erste Weltkrieg etwa, in dem Franziskanerinnen aus Salzkotten das Leiden an der Front durch Lazarettdienste zu mildern versuchten. Oder die sogenannte Euthanasie, als die Nationalsozialisten behinderte und kranke Menschen zur Tötung aussonderten. Dadurch wurden auch Heil- und Pflegeanstalten zu Tötungsanstalten, erklärt Stiegemann. Besucher können Briefe von Nonnen lesen, die das Grauen dieser Erfahrungen ihrem Bischof schildern.

Eine Ausstellung ohne erhobenen Zeigefinger

Am Ende der Ausstellung verweisen Infotafeln auf tätige Nächstenliebe, wie sie heute von den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden der Diakonie und der Caritas oder Organisationen wie Amnesty International oder der Welthungerhilfe geleistet werden.

Die Schau wolle nicht mit erhobenem Zeigefinger die richtige Moral verkünden, erklärt Stiegemann. Sie könne anregen, sensibel zu sein gegenüber Flüchtlingen, der Ausbeutung von Entwicklungsländern oder der steigenden Müllproduktion in der heutigen Wegwerfgesellschaft. »Wenn wir dazu motivieren, mit offenen Augen durch den Alltag zu gehen, dann haben wir unser Klassenziel erreicht.«

Holger Spierig (epd)

Das Diözesanmuseum Paderborn hat dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

www.dioezesanmuseum-paderborn.de

www.caritas-ausstellung.de

Cranach zum Mitmachen

28. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Pop Up Cranach – die junge Landesausstellung

Dunkle Räume, schummriges Licht, ein Lichtspot auf hunderte Jahre alten Gemälden. Die Präsentation der Landesausstellung über Lucas Cranach den Jüngeren ist so eindrucksvoll, dass man sich fast andächtig durch die ersten beiden Geschosse des Augusteums in der Lutherstadt Wittenberg bewegen möchte.

Ganz anders im Obergeschoss, wo die Besucher den alten Meistern ein Stockwerk tiefer sozusagen auf dem Kopf herum tanzen können. Pop-Up-Cranach, der Ausstellungsteil für Kinder und Jugendliche, ist Cranach zum Mitmachen. Der Name sei angelehnt an Pop-Up-Bücher (Aufklapp-Bilderbücher), erklärt Stephan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten: »Die Besucher sind mitten im Gemälde. Sie schauen es nicht nur an, sie erlaufen und erleben das Bild.«

In der Ausstellung »Pop up Cranach« kann jeder mit einer Schablone sein eigenes Luther-Porträt zeichnen. Foto: Alice – Museum für Kinder

In der Ausstellung »Pop up Cranach« kann jeder mit einer Schablone sein eigenes Luther-Porträt zeichnen. Foto: Alice – Museum für Kinder

Mitten in so einem Bild befinden sich die Besucher zum Beispiel im »Rätselzimmer des Hieronymus«, einer von insgesamt acht Stationen der Ausstellung »Pop Up Cranach«. Das Original-Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren zeigt Kardinal Albrecht von Brandenburg als Heiligen Hieronymus am Schreibtisch, umgeben von diversen Gegenstände und Tieren. Das Pop-Up-Rätselzimmer ist eine dreidimensionale und überlebensgroße Darstellung des Bildes. Die Besucher können sich wie auf einer Bühne bewegen und Gegenstände oder Tiere frei im Bild arrangieren oder nach Vorlage an die richtige Stelle positionieren. Kurze Texte erklären dabei die Symbolik der einzelnen Details.

Die junge Landesausstellung wurde entwickelt vom Berliner »Alice-Museum für Kinder« und war bis zum 12. April mit großem Erfolg in Berlin zu sehen. »Pop Up Cranach ist zwar eine Ausstellung für Kinder und Jugendliche«, sagt Claudia Lorenz, die Leiterin des Alice-Museums, »aber auch Erwachsene können in der Ausstellung Interessantes über die Cranachs entdecken.« Bei ihrer Entdeckungsreise in die Cranach-Welt schlüpfen die Besucher in die Rolle von Kunstdetektiven. Ein Stadtplan dient zur Orientierung durch die acht Stationen von Wittenberg-City zu Cranachs Zeiten. Groß und Klein erfahren eine Menge über das Leben der Cranachs, über Martin Luther und auch über ganz moderne Aspekte aus der Kunstforschung.

Die Station »Zum Palast« greift das Wirken der Cranachs als Hofmaler der Kurfürsten auf. Kinder können in farbenprächtige Kostüme schlüpfen, um dem Tanzmeister auf der Leinwand zu folgen und die Tänze des 16. Jahrhunderts mitzutanzen.

In Berlin waren sogar die Kleinsten für den alten Meister zu begeistern. So war der KiTa-Freitag für Kindertagesstätten über Monate ausgebucht. Das museumspädagogische Angebot zur jungen Landesausstellung »Pop Up Cranach« in Wittenberg ist gedacht für Schülerinnen und Schüler der 1. bis 12. Klasse, aber auch für jüngere Kinder gibt es besondere Mitmachangebote.

Thorsten Keßler

E-Mail: service@cranach2015.de

Porträts, Ikonen, Kirchen

22. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel:  Mariana Lepadus studierte in ihrer Heimat in Rumänien Kirchen- und Ikonenmalerei

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische Künstler vor, die sich mit christlichen Themen auseinandersetzen. Ein Besuch im Atelier der Eislebener Künstlerin Mariana Lepadus.

Die Kirche in Landgrafroda (Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen) ist ein Schmuckstück – außen und innen. Den Innenraum der Jugendstilkirche restaurierte Mariana Lepadus. Als die Kirchenmalerin das Gotteshaus vor der Restaurierung sah, fiel zwar der Renovierungsbedarf ins Auge, aber die einst schönen Farben, die geometrischen Formen, die reiche Symbolik waren noch zu erkennen. Zur 100-Jahr-Feier 2008 sollte die Kirche in altem neuen Glanz erscheinen. Doch das Geld war knapp. Die Kirche verdankt ihr Schicksal einer lapidaren – oder vielleicht doch cleveren (?) Bemerkung. Gerald Hermann, Kirchenältester und sehr engagiert für »seine« Kirche, erinnert sich. Als Mariana Lepadus zögerte, gab er ihr gegenüber zu verstehen, falls sie sich nicht dazu entschließen könnte, die Kirche zu restaurieren, würde er die Wände einfach weiß überstreichen. Frevel in den Augen der Künstlerin. Das wollte sie nicht zulassen. Auch wenn ihr die Gemeinde keine üppige Bezahlung anbieten konnte, nahm sie den Auftrag an. Jede Woche kam sie für zwei bis drei Tage aus der Lutherstadt Eisleben, wo sie wohnt, nach Landgrafroda, um der Kirche ihr ursprüngliches Aussehen wiederzugeben.

Mariana Lepadus in ihrem Atelier. Fotos: Sabine Kuschel

Mariana Lepadus in ihrem Atelier. Fotos: Sabine Kuschel

Mit Akribie und Perfektionismus ging sie ans Werk. Alle Linien und Formen habe sie ohne Lineal und Schablonen gemalt, bewundert Hermann ihr Können. Auch wie akkurat alles geworden sei. Lepadus betrachtet diese Kirche als ihr Lebenswerk. »Ich bin stolz.«
Ihr Kunsthandwerk, die Kirchen- und Ikonenmalerei, hat sie von Rumänien mit nach Deutschland gebracht. 1961 in Maglavit, einem Dorf im Donautal, geboren, besuchte sie während der Ceausescu-Ära eine Kunsthochschule für Kirchenmalerei. Unterstützt wurde das Studium von der Rumänisch-Orthodoxen Kirche. Es bot zwar die Chance einer ideologiefreien Auseinandersetzung mit Kunst, Glauben und kirchlicher Tradition. Aber als Frau musste sie sich in einer Männerdomäne bewähren. Schwere Arbeit auf der Baustelle, von früh bis spät restaurierte sie nach Vorlagen Fresken und Ikonen. Unterkunft und Essen waren frei, ansonsten erhielt sie für ihre Arbeit kein Geld. »Das war Ausbeutung«, sagt Mariana Lepadus heute zu ihrer Ausbildung in Rumänien. »Ich möchte ein Buch darüber schreiben.« Sechs Jahre dauerte das Studium.

1988 kam sie in die DDR, 1989 wurde ihr erstes, einige Jahre später ihr zweites Kind geboren. 15 Jahre arbeitete sie als Theatermalerin an der Landesbühne Sachsen-Anhalt. Seitdem ihre Stelle Sparmaßnahmen zum Opfer fiel, ist sie freischaffend.

Sie malt Bilder mit sakralen Themen, Ikonen, Porträts und Stadtansichten. Daneben leitet die Künstlerin Kurse und Workshops in verschiedenen Bildungseinrichtungen und unterrichtet an der Musikschule Querfurt. Sie wirkt mit an dem Projekt der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland »Frauen der Reformation in der Region«. In der künstlerischen Auseinandersetzung finde sie Antwort auf die Fragen nach dem Sinn des Lebens. Deshalb sagt sie zu ihrer und ihres Mannes Berufsentscheidung – er ist Musiker: »Wir leben unseren Traum.«

Ihr großes Vorbild ist Lucas Cranach. Derzeit beschäftigt sie sich mit der Rekonstruktion eines Altarbildes von Lucas Cranach dem Jüngeren aus der Marienkirche in Kemberg (Kirchenkreis Wittenberg). Ein Auftrag, der für die Künstlerin allerdings nicht nur helle Freude bereithält. Unglücklich ist sie über die Entscheidung der Kemberger Kirchengemeinde. In deren Marienkirche wurde 1994 bei einem Brand der 1565 von Lucas Cranach dem Jüngeren erschaffene Altar fast vollständig zerstört. »Die Kirchengemeinde hat sehr getrauert«, sagt Dr. Bettina Seyderhelm, Kunsthistorikerin in Magdeburg. Lange Zeit war unklar, wie der Altarraum künftig gestaltet werden sollte. Über verschiedene Modelle wurde nachgedacht und in vielen Veranstaltungen darüber beraten. Die Angebote von Künstlern, den Altar nachzumalen, überzeugten die Gemeinde nicht. Sie war der Auffassung, »ein kopierter Altar ist immer eine Kopie«, so Seyderhelm. Ein internationaler Künstlerwettbewerb wurde ausgeschrieben, sechs namhafte Künstler reichten ihre Entwürfe ein. Die Gemeinde entschied sich für ein Kreuz des Österreicher Künstlers Arnulf Ralf. Und damit gegen eine Rekonstruktion des Altars.

Daraufhin bildete sich eine private Initiative, die sich für eine Nachahmung des Cranachschen Altarbildes engagiert und Mariana Lepadus damit beauftragte. Mit der ihr eigenen Sorgfalt und Leidenschaft widmet sie sich dieser Aufgabe. Und bedauert, dass ihr Werk nicht in der Kirche, sondern an einem anderen Ort seinen Platz finden wird.

Überhaupt würde sie sich ein viel größeres Interesse an sakraler Kunst wünschen. Am liebsten würde sie noch weitere Kirchen wie die in Landgrafroda ausmalen, denn renovierungsbedürftige Gotteshäuser gebe es genug.

Sabine Kuschel

Nicht wiederzuerkennen

15. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Ein Porträt Cranachs zeigt, wie Luther als »Junker Jörg« aussah

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren.
Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen. Diesmal Eisenach.

Die über 1 000 Jahre alte Wartburg war Zentrum hoch mittelalterlichen Dichtens und Minnesangs, wurde zum Wohn- und Wirkungsort der heiligen Elisabeth, und sah mit dem Wartburgfest der deutschen Burschenschaften den Morgen einer freiheitlich-demokratischen Nation heraufdämmern. Vor allem aber wurde sie zur »Lutherburg«.

Holzschnitt von Lucas Cranach dem Älteren mit Luther als Junker Jörg.  Foto: Wartburg Stiftung Eisenach

Holzschnitt von Lucas Cranach dem Älteren mit Luther als Junker Jörg. Foto: Wartburg Stiftung Eisenach

Lucas Cranach der Ältere, der zur Zeit von Luthers »Gefangenschaft« auf der Burg schon mit diesem befreundet war, erfuhr als Einziger vorab von jenem Ereignis, das schließlich zu Luthers fast 300 Tage währenden Aufenthalt auf der Wartburg führen sollte. »Lieber Gevatter Lukas … ich laß mich eintun und verbergen, weiß selbst noch nicht wo…«, heißt es in einem Schreiben, das Luther an den Maler richtete. Wenige Tage später war auch das Versteck klar.

Nach einem vorgetäuschten Überfall im heutigen »Luthergrund« nahe Steinach am Rennsteig, war Luther, der sich auf der Rückreise vom Reichstag in Worms befand, in der Nacht des 4. Mai 1521 in Begleitung mehrerer Reiter auf die sichere Obhut gewährende kurfürstlich-sächsische Wartburg gekommen.

»Mit Mühe habe ich erreicht, diesen Brief zu schicken. So sehr fürchtet man, es könne auf irgendeinem Wege bekannt werden, wo ich bin. Deshalb sorgt auch Ihr dafür, falls Ihr glaubt, dass dies zur Ehre Gottes geschieht, dass zweifelhaft bleibt, ob Freunde oder Feinde mich verwahren und schweigt! Es ist auch nicht nötig, dass außer Dir und Amsdorf jemand weiß, wo ich bin, nur: dass ich noch lebe«, schreibt der »Gefangene« noch in der ersten Woche seiner Ankunft an Melanchthon nach Wittenberg. Und Freund Spalatin erfährt: »Ich lasse mir Haare und Bart wachsen. Du würdest mich schwerlich erkennen, da ich mich selber schon nicht mehr wiedererkenne.«

Es wurde ruhig um den Reformator. Mitten in seiner Hauptarbeit auf der Burg, der Übersetzung des Neuen Testaments, wagte er sich inkognito im Dezember 1521 für wenige Tage nach Wittenberg. Sich ausgebend als »Junker Jörg«, war der mit vollem Haupt- und Barthaar Reisende wohl kaum als Luther zu erkennen. So sah ihn in Wittenberg auch Cranach. Das nach der Begegnung entstandene Bildnis vom »Junker Jörg« erlangte Weltruhm. Zwischen 1520 und 1546 entstanden insgesamt sieben verschiedene grafische und gemalte Porträttypen Martin Luthers in der Cranach-Werkstatt. Alle diese Bildnisse dienten propagandistisch-dokumentarischen und somit werbend-lehrhaften Zwecken. Das Porträt Luthers machte so den Botschafter des reformatorischen Programms sichtbar und entwickelte sich quasi nebenher als lückenlose Illustration seines biografischen Werdegangs. In den Kunstsammlungen der Wartburg werden mehrere Cranach-Meisterwerke aufbewahrt, darunter auch beeindruckende Bildnisse der Eltern Martin Luthers. Dieser Schatz verdankt sich mit Hans Lucas von Cranach auch einem direkten Nachkommen der Malerfamilie. Dieser war von 1895 bis zu seinem Tod im Jahr 1929 Burghauptmann der Wartburg.

Heinz Stade

Die Ausstellung »Die Lutherporträts der Cranach-Werkstatt« auf der Wartburg in Eisenach ist noch bis 19. Juli zu sehen

Aus dem Schatten des Vaters

7. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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In Wittenberg öffnete die weltweit erste Schau zu Lucas Cranach dem Jüngeren

Ernst schauen die braunen Augen des Knaben in die Ferne. Die dunklen Haare sind sorgfältig gekämmt, Wangen und Lippen rosig. Die Kleidung ist mit wenigen Strichen angedeutet. Das gezeichnete Porträt des etwa zehnjährigen Fürstensohnes ist eines von insgesamt 13. Aus dem Musée des Beaux-arts in Reims sind die Blätter nach Wittenberg gekommen und in der Ausstellung »Lucas Cranach der Jüngere – Entdeckung eines Meisters« im Augusteum zu sehen.

Die »Auferstehung Christi mit Stifterfamilie« ist auf dem Epitaph für Leonhard Badehorn abgebildet. Das Cranachgemälde gehört zum Bestand des Museums der bildenden Künste Leipzig. Fotos: Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Die »Auferstehung Christi mit Stifterfamilie« ist auf dem Epitaph für Leonhard Badehorn abgebildet. Das Cranachgemälde gehört zum Bestand des Museums der bildenden Künste Leipzig. Fotos: Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Die Dargestellten wirken so lebensecht, als würden sie gleich hinter dem Schutzglas, das sie umgibt, hervortreten. Die um 1540 beziehungsweise 1545/50 datierten Zeichnungen zeigen Angehörige fürstlicher Familien. Die Cranach-Werkstatt verfügte über das Bildnis-Monopol und konnte jederzeit auf Bestellung die gewünschten Porträts liefern. Einige Zeichnungen hat Cranach der Jüngere handschriftlich bezeichnet. Bei den anderen weist die technische Umsetzung darauf hin, dass sie von seiner Hand stammen. Und schließlich sind nach den Zeichnungen drei Gemälde entstanden, die allesamt als Arbeiten von Lucas Cranach dem Jüngeren anerkannt sind.

Eintritt in die Werkstatt des Vaters

In der Schau im Rang einer Landesausstellung (Kuratorin: Katja Schneider) stehen zum ersten Mal überhaupt Werk und Leben von Lucas Cranach dem Jüngeren im Mittelpunkt. Anlass ist der 500. Geburtstag des Künstlers, der über Jahrhunderte im Schatten seines Vaters, Lucas Cranach des Älteren (1472-1553), stand. Auf knapp 850 Quadratmetern Fläche präsentiert die Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt 120 Werke Cranachs des Jüngeren, die aus Museen und Sammlungen in Deutschland und dem Ausland zusammengetragen wurden. Sie lenkt den Blick auf eine Persönlichkeit, deren malerisches Können dem des älteren Cranach kaum nachstand. Als etwa Zwölfjähriger trat er in die Werkstatt des Vaters, die dieser zwischen 1504 und 1520 in Wittenberg zu einer erfolgreichen Bildmanufaktur aufgebaut hatte. Der Sohn führte diese ab 1550 in unverminderter Qualität fort. In der Folgezeit entwickelte er sie zu einer der größten und erfolgreichsten Kunstwerkstätten in Europa, aus der nicht nur Gemälde hervorgingen, sondern auch Raumdekorationen oder die Ausstattung höfischer Feste und Turniere. Der jüngere Cranach war zwar von Beginn seiner Laufbahn an in den Werkstattbetrieb eingebunden, doch gelang es ihm, sich in dem vorgegebenen Rahmen individuell zu entfalten. Zu sehen ist dies nicht nur an den (Fürsten-)Porträts, sondern an so eindrucksvollen Gemälden wie »Auferstehung Christi mit Stifterfamilie (Epitaph für Leonhard Badehorn)« von 1554 oder »Christus als Überwinder von Tod und Teufel« von 1542. Zeitgenossen schätzen den »jungen Herrn Cranach« als Künstler wie als Ratsherrn, Geschäftsmann und frommen Christen hoch.

Künstler, Ratsherr, frommer Christ

Doch nachdem die Cranach-Werkstatt nach seinem Tod 1586 gegen Ende des 16. Jahrhunderts aufgegeben wurde, gerieten beide Maler in Vergessenheit. Später wurden die Werke nur dem älteren Cranach zugeschrieben. Erst im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts gelang es der kunsthistorischen Forschung, die Bilder dem Vater oder dem Sohn oder beiden gemeinsam oder der Werkstatt zuzuordnen und negative Urteile zu revidieren.

Nicht nur die Kunstwerke, auch die Ausstellungsorte verdienen Aufmerksamkeit. Auf dem Gelände des Augustinerklosters wurde 1586 ein Gebäude für die Wittenberger Universität fertiggestellt. Nach seinem Bauherren, dem sächsischen Kurfürsten August, bekam es den Namen Augusteum. Als die Universitäten Halle und Wittenberg 1817 vereinigt wurden, nutzte das Evangelische Predigerseminar die frei gewordenen Räume bis zum Auszug wegen des Beginns der Gebäuderestaurierung. An der östlichen Hofmauer entstand ein neues Eingangsgebäude mit Kasse, Garderobe, Museumsshop und Toiletten, das zudem den barrierefreien Zugang zum Augusteum ermöglicht.

Einblick in das Leben der Familie

Das Motiv »Herkules bei Omphale« nach einer Geschichte aus Ovids Metamorphosen ist ein erfolgreiches Serienmotiv aus der Cranach-Werkstatt. Dieses Bild stammt aus dem Jahr 1535 und zeigt auch das Wappen Albrechts von Brandenburg, der es wohl in Auftrag gab. Aufbewahrt wird es im Statens Museum for Kunst in Kopenhagen. Ob es der ältere oder der jüngere Cranach malte, ist nicht eindeutig.

Das Motiv »Herkules bei Omphale« nach einer Geschichte aus Ovids Metamorphosen ist ein erfolgreiches Serienmotiv aus der Cranach-Werkstatt. Dieses Bild stammt aus dem Jahr 1535 und zeigt auch das Wappen Albrechts von Brandenburg, der es wohl in Auftrag gab. Aufbewahrt wird es im Statens Museum for Kunst in Kopenhagen. Ob es der ältere oder der jüngere Cranach malte, ist nicht eindeutig.

Ein weiterer Ausstellungsort ist die Stadtkirche Sankt Marien, die nicht nur zahlreiche Originalgemälde von Lucas Cranach dem Jüngeren beherbergt. Sie bezeugt zudem das Leben des Malers vom Anfang bis Ende: Hier wurde er getauft und getraut und hörte die Reformatoren predigen. Hier befinden sich sein Grab und das Grabmal. Am bekannten Reformationsaltar der Kirche arbeitete er zusammen mit seinem Vater. Im Geburtshaus Lucas Cranachs des Jüngeren am Markt zeigt die Cranach-Stiftung die Ausstellung »Cranachs Welt«. Sie gibt Einblick in das Leben der Familie und den künstlerischen Schaffensprozess.

Nach jahrelanger Vorarbeit hat sich die Lutherstadt Wittenberg für vier Monate in »CranachCity« verwandelt. Dieses Ereignis sollte sich keiner entgehen lassen!

Angela Stoye

Zur Ausstellung ist der Katalog »Cranach der Jüngere – Entdeckung eines Meisters« erschienen. Herausgeber: Roland Enke, Katja Schneider, Jutta Strehle. Hirmer-Verlag München 2015. 432 Seiten. ISBN: 978-3-7774-2349-4. Verkaufspreis im Museumsshop: 29,95 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro.

Die Ausstellung im Augusteum kann bis 1. November montags bis sonntags, 9 bis 18 Uhr, besichtigt werden. Die Stadtkirche St. Marien ist montags bis sonnabends, 10 bis 18 Uhr, sonntags, 12 bis 18 Uhr geöffnet; das Cranach-Haus am Markt montags bis sonntags 10 bis 18 Uhr.

www.cranach2015.de

Pflanzenaufstand

1. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Erzählung von Christoph Kuhn mit einer Illustration von Maria Landgraf

Seit Jahren machen Get und Pap Gartenarbeit, als wüchsen die Gewächse nicht von allein, als täten Würmer, Bienen und Vögel nicht das Ihre. Get, der Gärtner, schneidet die Hecke. Pap, der Vater, mäht den Rasen. Dann jäten beide um die Wette. Mup, die Mutter, pflückt, was das Zeug hält, Blumen. Blumen, Kräuter, Unkräuter – Get, Pap und Mup unterscheiden genau. Die Pflanzen kennen keine Ränge. Sie sind untereinander solidarisch: die Distel neben der Rose, die Rose bei der Distel. Und die Blütenblätter vom Pflaumenbaum fallen gleichermaßen auf Tulpen und Klee. Der Flieder duftet für alle.

Rückzug der Flora in den Untergrund

Die Pflanzen aber machen Unterschiede zwischen den Menschen: Get und Pap sind für sie die größten Unmenschen, dann folgt Mup. Darin sind sie sich einig. Sie lieben nur Toti, die Tochter des Hauses. Toti grämt sich über die scharfen Begrenzungen zwischen Beeten und Wegen, auf denen kein Löwenzahn wachsen darf. Grämt sich über das Stutzen, Schneiden und Pflücken, über das Ordnung-muss-sein. Den Zirkel müsst ihr nehmen, das Lineal, damit’s noch genauer wird!, spottet sie. Wie soll denn das sonst aussehen, sagt Pap und balanciert über die Kacheln. Ja wie, flüstert Toti verträumt. Wie schön! Sie kann doch Unkraut nicht von Blumen unterscheiden, sagt Mup. Ich will es gar nicht können!, schreit Toti. Rennt über die rasierte, nie blühende Wiese, verschwindet im Haus, wirft sich aufs Bett, schluchzt in den geblümten Bezug.

Illustration: Maria Landgraf

Illustration: Maria Landgraf

Der Garten war Get, Pap und Mup noch nie grün gewesen, obwohl er so ausgesehen hatte. Nun sieht er nicht einmal mehr so aus, sondern grau und braun. Die Flora zieht sich in den Untergrund zurück. Den Blumen ist es zu bunt geworden. Zorn hat sich in den Stauden angestaut. Zurück zu den Wurzeln!, ist die Losung. Der Buschfunk verbreitet es. Die Pflanzen rotten sich unterirdisch zusammen, verbünden sich. Sie planen, ihre Kräfte aufzusparen, um in einem der nächsten Frühjahre wieder hervorzubrechen – so weit, bis sich die Geräteschuppen öffnen, Get und Pap angreifen –, um dann zu wuchern mit der geballten Kraft vieler Sommer.

Get macht drei Schnitte an der Hecke, da verbiegt sich die Schere. Armstarke Äste umklammern ihn. Gehölz schließt ihn ein. Pap fährt mit dem elektrischen Mäher einmal vor und wieder zurück, da fahren ihm Schlinggewächse zwischen die Beine. Er stürzt zu Boden, gerät beinahe in die rotierenden Messer. Toti kappt im Haus das Kabel.

Über alles andere wächst Gras

Mup denkt vor Angst nicht an Farbenpracht und Blütenduft. Sie ist im Haus gefangen. Gesträuch verschließt die Tür. Nur vor Totis Schritten teilen sich die Kräuter, geben die Zweige nach, bieten die Äste Halt. Der Garten lässt sie ein und aus. Befreit nur sie. Über alles andre wächst Gras.

Aus: Kuhn, Christoph: Im Gegenlicht. Erzählungen mit Zeichnungen von Andreas Hegewald, Typostudio SchumacherGebler GmbH, 80 S., ISBN 978-3-941209-29-9, 12,90 Euro

Wenn Malen zum Gebet wird

23. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Signe Kogge studierte sakrale Kunst in Riga und ist heute Ikonenmalerin in Volkenroda

Behutsam wie ein Kleinkind trägt sie es, in eine schützende Decke eingeschlagen, hinüber in die alte Klosterkirche. Dort präsentiert Signe Kogge scheu lächelnd ihr wichtigstes Bild: eine Christusikone. Nach der Passionszeit hat sie wieder ihren Platz im ehrwürdigen Gemäuer, ergänzt gleichnishaft das durch Wurmfraß zerstörte Antlitz Christi auf dem mittelalterlichen Kruzifix.

Ihr bisher »wichtigstes Bild« nennt Signe Kogge ihre Christusikone. Sie hat ihren Platz in der Klosterkirche von Volkenroda gefunden. Foto: Harald Krille

Ihr bisher »wichtigstes Bild« nennt Signe Kogge ihre Christusikone. Sie hat ihren Platz in der Klosterkirche von Volkenroda gefunden. Foto: Harald Krille

Signe Kogge wurde 1983 in der lettischen Hauptstadt Riga geboren, besuchte ein deutsches Gymnasium. Danach eine nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Unabhängigkeit Lettlands errichtete christliche Akademie für soziale Berufe, Theologie und sakrale Kunst. Letzteres wurde ihr Hauptfach mit der besonderen Ausbildung zur Ikonenmalerin. Im Rahmen einer »Europäischen Sommerschule« kam die zur lutherischen Kirche gehörende junge Frau 2005 nach Volkenroda bei Mühlhausen, wo sie ihren Mann kennenlernte. Mit zwei Kindern lebt und arbeitet das Ehepaar heute in der Klostergemeinschaft mit.

Was für einen flüchtigen Betrachter zunächst wie ein starres Reproduzieren einmal vorgegebener Motive erscheint, ist für die Ikonenmalerin ein spiritueller Prozess. »Fenster zum Himmel« werden die Bilder mit den Porträtdarstellungen von Christus, den Aposteln, den Heiligen und vor allem auch von Szenen aus dem Leben Christi gern genannt. »Ikonen können das Evangelium erklären, Glauben anschaulich und verständlich machen«, erklärt Kogge. Jede Geste der Hände, jede Fußstellung der Dargestellten, jeder abgebildete Gegenstand hat eine symbolische Bedeutung, die der Maler kennen muss. Dazu kommen die sachgerechte Vorbereitung der Holztafeln als Malgrund und die richtigen

Farben: nur Eitempera mit natürlichen Pigmenten. Denn Künstliches, Synthetisches hat auf einem Bild des Heiligen nichts verloren.

Das Wichtigste aber ist die innere Haltung: »Bei einem normalen Bild denke ich mir aus, was ich darstellen will oder ich lasse meinen Emotionen freien Lauf«, sagt Signe Kogge. Doch bei einer Ikone steht die Meditation über einem Bibelwort, steht das Gebet am Anfang.

Einer der wichtigsten Sätze, den sie von ihrer Meisterin in Riga mit auf den Weg bekam: »Die Ikone, die du malen sollst, muss zu dir kommen.« Man kann nicht einfach eine Kopie machen. »Eine Ikone muss zuerst als inneres Bild entstehen. Und das Malen selbst ist ein Gebet«, sagt Kogge. »Meine Hand malt, aber eigentlich malt dann ein anderer das Bild«, beschreibt sie ihre Erfahrung.

Dabei erschrickt sie manchmal sogar über die eigene Linienführung, über eine Farbe, die sie aufträgt. Sie erinnert sich: Auf einem Christusgesicht entstand plötzlich der Eindruck von Tränen. Mehrfach versuchte sie, den »Fehler« zu überarbeiten, ohne Erfolg. Doch gerade diese Ikone hat später einen Gast im »Kloster auf Zeit« in Volkenroda besonders tief im Herzen angerührt. Wie eine Ikone zunächst zu ihr kommen muss, »so muss eine Ikone auch ihren Besitzer finden«, ist sie überzeugt.

Gern würde Signe Kogge irgendwann einmal einen Ikonenmalkurs organisieren. Noch allerdings weis sie nicht wie. Ein anderer Satz ihrer alten Lehrerin ist ihr aber fest in Kopf und Herz: »Die Ikonen zeigen dir, wie du das machen musst.«

Harald Krille

Persönliche Annäherung

17. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Klaus Metz gestaltete Martin Luther, Philipp Melanchthon und die heilige Elisabeth von Thüringen

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenös­sische Künstler vor, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Im Hause Metz in Langenleiten in der Rhön leben drei Bildhauer unter einem Dach. Ihre Arbeiten sind vor allem in Kirchen zu sehen.

Es hatte wohl so kommen müssen. Wer in der Werkstatt zwischen Hobelspänen groß wird, wer mit fünf Jahren das erste Mal eine Figur aus Holz schneidet, der muss später ein Holzbildhauer werden. So wie der Vater einer ist. Also wurde Klaus Metz Bildhauer. Mit achtzehn begibt er sich in die Lehre, natürlich bei seinem Vater, Günter, der noch heute 74-jährig in der Werkstatt steht. Er, der in der bayerischen Rhön weithin bekannt ist für seine Krippenfiguren, wird strenger Meister für den Sohn. Ein so strenger, dass der Sohn als frischer Geselle 1987 bei einer Leistungsprüfung Bundessieger in seinem Handwerk wird.

Vom Vater lernen, ja, das konnte Klaus Metz. Ihm nacheifern aber wollte er nicht. Das Vorbild war zu groß, »ich wäre nicht rangekommen«, sagt er. Also schafft er keine Krippenfiguren für die Kirchen der Rhön. 1990 beginnt er ein Studium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Im Unterschied zu den Kommilitonen beschränkt er sich ganz auf das kleine Maß. Zehn Zentimeter höchstens, darf eine Figur messen. Meist sind es Tiere, die er formt. Und die er bis heute häufig gestaltet, aus Holz, Bronze, Stein, wenn auch im größeren Maß. Was der Künstler Klaus Metz nachbildet, muss der Mensch Klaus Metz zunächst erblickt haben. Der Schöpfungswille, die Schönheit eines Lebewesens ist ihm Anregung. »Es passiert in bestimmten Momenten, dass ich beim Sehen eines Tieres oder Menschen für Bruchteile von Sekunden eine Figur spüre. Dieses Spüren ist so stark, dass es für mich zum Leitfaden wird«, beschreibt er den Prozess. Was er erspürt, bringt er als Handwerker zur Form. Schön soll die Figur sein und gut. Und wenn sie zu leben beginnt, dann wird Kunst daraus.

An das Studium schließen sich Jahre als Meisterschüler bei Professor Wilhelm Uhlig an. 1996 beginnt für Klaus Metz die freischaffende Arbeit als Bildhauer. Er geht zurück in die Rhön, nach Langenleiten, jenen Ort in der Nähe von Bad Neustadt, wo der Beruf des Holzbildhauers Tradition hat wie nirgendwo anders in der Region. Bitterarm war die Gegend einst gewesen, die Schnitzerei unverzichtbarer Nebenerwerb. Heute geht es um die Kunst.

Klaus und Heike Metz zwischen den historischen Figuren auf der Landesgartenschau in Schmalkalden. Foto: Susann Winkel

Klaus und Heike Metz zwischen den historischen Figuren auf der Landesgartenschau in Schmalkalden. Foto: Susann Winkel

Im Hause Metz sind gleich drei Werkstätten beieinander. Sie gehören Günter, Klaus und seiner Frau Heike. Auch bei ihr, der gelernten Erzieherin, hatte es so kommen müssen. Wer all die Jahre in der Werkstatt mithilft, wer selber Freude an Malerei, Grafik, Bildhauerei findet, der kann sich dem irgendwann nicht mehr nur nebenbei widmen. Zerrissen sei sie gewesen, erzählt Heike Metz, bis sie sich 2001 ganz für die Kunst entschied. Breit ist das Spektrum ihrer Arbeit, es reicht von Landschaften in Öl bis zu Stadtmodellen in Bronzeguss. Immer aber sind da auch sakrale Themen. Heiligenfiguren – Katharina, Thekla, Maria Magdalena – und Kreuze in Mischtechnik. Miniaturen von Kirchen im Zinnguss.

Es scheint, als sei es im Haus in der Lindenstraße in Langenleiten gar nicht anders möglich, als zur Kunst und mit ihr zur Kirche zu kommen. Auch Klaus Metz wendet sich, zurück in seinem Heimatort, wieder verstärkt jenen Themen zu, mit denen er groß geworden ist, schafft im Auftrag von Kirchen und Kommunen sakrale Figuren für den öffentlichen Raum vor allem in Thüringen. So viele Hobelspäne er als Kind um sich hatte, so oft war er mit seinem Vater in den Gotteshäusern. »Mich hat schon immer die Präsenz der Figuren dort gefangen genommen«, erzählt er. »Man kann immer wieder etwas Neues finden in ihnen.« Und im besten Falle komme man zur Ruhe, wenn man sie anblickt.

Das sollen auch die Bürger und Besucher von Schmalkalden, wenn sie in diesen Sommermonaten auf der Landesgartenschau oder später vor dem Hessenhof in der Stadt seine jüngste Figurengruppe sehen. Martin Luther, Philipp Melanchthon und die heilige Elisabeth von Thüringen als überlebensgroße Figuren in Bronze. Die Annäherung an die historischen Persönlichkeiten sei ihm wichtig gewesen, erklärt er. Zeitlos sollten die Drei werden, von einer klassischen Form und mit einer Ästhetik, die auch in hundert Jahren noch verständlich ist. Und er wollte ihnen keine modischen Zugaben beifügen, kein Smartphone und keinen Minirock.

Er, der einst das Maß von zehn Zentimetern nicht überstieg, ist für diese Figuren an seine Grenzen gegangen. Künstlerisch und körperlich. Viele hundert Kilogramm, die sich nur noch mit einem Kran bewegen ließen. Er ist froh, als am Ende alle an ihrem Platz in Schmalkalden sind. Erleichtert, dass es gut gegangen ist. Auch dieses Mal.

Susann Winkel

Cranach in Erfurt

9. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Gemälde aus der Cranach-Werkstatt im Dom und Angermuseum

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen.

Die thüringische Landeshauptstadt Erfurt unterschied sich, seit sie vor rund 1 275 Jahren belegbar die Bühne der Geschichte betrat, in vielerlei Hinsicht von vergleichbaren Orten. Blicke vom Aussichtsturm an der Krämerbrücke oder von der einstigen Festung Petersberg lassen nachvollziehen, warum die Stadt im Mittelalter als »Erfordia turrita« (türmereiches Erfurt), als »thüringisches Rom« gepriesen wurde. Wegen seiner vorteilhaften Lage an der Hohen Königsstraße (Via Regia), aber auch wegen des für

Eines von acht Pfeilerbildern im Erfurter Dom zeigt eine Szene mit Hostienmühle. Foto: Falko Behr/Bistum Erfurt

Eines von acht Pfeilerbildern im Erfurter Dom zeigt eine Szene mit Hostienmühle. Foto: Falko Behr/Bistum Erfurt

Landwirtschaft und erwerbsmäßigen Gartenbau günstigen Klimas, gelangte Erfurt zu wirtschaftlicher Blüte und Wohlstand.
Über sieben Generationen ist Erfurt mit dem Namen der musikalischen Familie Bach verbunden. Von Weimar kamen auch Goethe und Schiller regelmäßig in das beiden »liebe Erfurt«. Im Gebäude der heutigen Thüringer Staatskanzlei fand 1808 die Begegnung zwischen Napoleon I. und Goethe statt. Innerhalb Thüringens war Erfurt seit dem späten 13. Jahrhundert das bedeutendste Zentrum der Buchherstellung. In der Druckerei von Matthes Maler entstand beispielsweise das von Martin Luther redigierte erste evangelische Gesangbuch.

Doch welcher Platz gebührt in diesem kulturgeschichtlich so interessanten Umfeld der Malerfamilie Cranach? Es ist zum einen die enge Freundschaft, die Lucas Cranach den Älteren mit Martin Luther verband. Dieser hatte seit dem Jahr 1501 an der Universität Erfurt studiert und wurde im Juli 1505 Mönch im hiesigen Augustinerkloster. Auch als er schon lange in Wittenberg lebte, kam Luther immer wieder nach Erfurt. In der Stadt seiner Jugend, darin ist sich die Forschung einig, liegen wichtige Wurzeln von Martin Luthers Theologie und damit zugleich der Reformation. Doch neben dieser indirekten Verbindung gibt es in der Stadt auch zwei direkte Cranach-Anlaufpunkte: den Dom St. Marien und das Angermuseum. Im Dom ist es ein Altar, in den man – erst 1948 – das aus der Cranach-Werkstatt stammende Gemälde »Die Verlobung der heiligen Katharina« eingesetzt hat. Wie das Bild nach Erfurt kam, ist nicht nachzuvollziehen. In den Unterlagen des Doms taucht es erstmals im 19. Jahrhundert auf. Außerdem sind im Dom ab 1506 entstandene sogenannte »Pfeilerbilder« zu sehen. Sie zeigen überwiegend Themen, die in der katholischen Tradition Bedeutung haben.

Im Kunstmuseum am Anger haben zwölf aus der Cranach-Werkstatt stammende, beziehungsweise deren Umfeld zugeschriebene Gemälde ihren ständigen Platz gefunden. Highlights wie das signierte Cranach-Bild »Lasset die Kindlein zu mir kommen«, befinden sich in der Ständigen Ausstellung des Angermuseums. Hierhergekommen sind sie zumeist durch Ankauf oder Tausch im beginnenden 20. Jahrhundert.

Heinz Stade

Ausstellung »Kontroverse und Kompromiss – Der Pfeilerbildzyklus des Mariendoms und die Kultur der Bikonfessionalität im Erfurt des 16. Jahrhundert« vom 27. Juni bis 20. September im Angermuseum Erfurt und katholischen Dom St. Marien

Frühlingsliebe

2. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Georg Heim, Illustration von Maria Landgraf

Der Tag verlor seine Farben. Die Sonne verschwand, und das Abendrot verflatterte am feurigen Himmel. Es wurde dunkel. Und der Duft der Dämmerung schien sich fern hinter den Wäldern zu verlieren, wie ein Lied, das schweigt, wie ein Kuss, der stirbt. – Der See vor mir bewahrte, wie eine große Blume, noch für eine Weile die Blässe des rosafarbenen Lichtes, den Widerschein einer hohen Wolke, die einsam im Blauen dahinsegelte.

Illustration: Maria Landgraf

Illustration: Maria Landgraf

Ich lag oben auf einem Hügel des Parkes unter ein paar Büschen verborgen. Einige Meter darunter, mir zur Hälfte zugewandt, befand sich eine Ruhebank. Und nun wurde ich Zeuge einer seltsamen Szene.

Ein buckliger Mann kam am See entlang, ein entsetzlicher Zwerg. Die Hälfte seines Gesichtes schien ihm außerdem einmal von einem Geschwür zerfressen zu sein. Denn man sah noch überall große Narben, die weißen Häute, die sich über fressenden Wunden bilden. Er ging einige Male vor der Bank hin und her, stand einen Augenblick still, ging wieder einige Schritte, sah nach der Uhr. – Er hatte das Gebaren eines Verliebten, der auf seine Geliebte wartete. Er zog einen Brief aus seiner Tasche und las ihn. Dann drückte er auf den Namen am Schlusse einen langen Kuss. Kein Zweifel, das Wesen da unten liebte, es war ein Verliebter. Aber wer sollte ihn denn lieb haben, gab es denn jemand, der diese Liebe erwiderte? Ich war schon geneigt, an irgendeine Perversität zu glauben, als ich um die Ecke des Weges ein Weib biegen sah, das auf den Zwerg zuging. Er hatte sie schon erkannt, das Entzücken schoss in sein Gesicht, er lief ihr entgegen und begrüßte sie, strahlend vor Freude.

Ich konnte der Frau nun gerade ins Gesicht sehn. Sie war vielleicht fünfzig bis sechzig Jahre alt, eisgrau schon, verwelkt, aber eine dicke Schicht Schminke lag auf ihren unzähligen Runzeln. Es war eine jener schrecklichen Huren, die sich auf keine Straße mehr wagen können, weil sie befürchten müssen, mit Steinen verjagt zu werden. Nun sitzen sie nachts auf den Bänken eines Parks oder lauern in einem dunklen Gange, alten Spinnen gleich, die zwischen den Bäumen ihre Netze ausspannen. – Aber die Szene da unten auf der Bank hatte nichts von Gewerbsmäßigkeit an sich. Die beiden saßen nebeneinander, mit verschlungenen Händen. Sie versenkten die Augen ineinander, sie neigten sich zueinander und küssten sich.

Nun erzählten sie sich etwas mit flüsternder Stimme, sie lachten, sie küssten sich wieder. Und ich hörte, wie die alte Hure sagte: »Du bist ja das einzige auf der Welt, was ich noch liebe. Ach, du kleiner Lilly.« Und er erfasste ihre Hand, während ein Lächeln unsagbarer Zärtlichkeit über seine Narben lief, die in unzähligen kleinen Hautfalten zitterten.

Georg Heym (1887–1912 ) gilt als einer der wichtigsten Lyriker des frühen literarischen Expressionismus.

Luther und die Fürsten

26. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Pracht und Selbstverständnis der Fürsten in der Reformationszeit stehen im Mittelpunkt einer Schau in Torgau

Die 1. Nationale Sonderausstellung zum 500. Reformationsjubiläum nimmt in Torgau die politische Dimension der Reformation in den Blickpunkt.

Martin Luther, der Fürstenknecht? Thomas Müntzer prägte dieses Bild des Reformators. Und bis heute ist es wirkmächtig, eine Schlagwort gewordene Kritik, die komplexe historische Zusammenhänge in einem Begriff bündelt und sie so bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Fest steht: Martin Luther hatte – trotz aller kritischer Distanz – eine enge Beziehung zur weltlichen Macht. Und ohne sie wäre die Reformation nicht das geworden, was sie wurde: Ein kulturerschütterndes, umwälzendes, epochales Ereignis, das bis heute nachwirkt.

Ein sogenannter Quaternionenadler verbildlicht die Stände im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Er ist Bestandteil der Sonderschau »Luther und die Fürsten« auf Schloss Hartenfels in Torgau. Foto: picture alliance/Peter Endig

Ein sogenannter Quaternionenadler verbildlicht die Stände im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Er ist Bestandteil der Sonderschau »Luther und die Fürsten« auf Schloss Hartenfels in Torgau. Foto: picture alliance/Peter Endig

Wie diese Beziehung zwischen Reformation und Politik, zwischen reformatorischer Bewegung und Macht aussah, wie sie sich entwickelte und ausformte – das zeigt die 1. Nationale Sonderausstellung »Luther und die Fürsten« in Torgau, die am 15. Mai eröffnet wurde. Und sie zeigt es mit eindrucksvollen Exponaten.

Gleich zu Beginn der Ausstellung Zeichen der Macht. Eines wiegt gut zwei Kilogramm, ist aus Leinen, Seide, Gold, Silber und Perlen und wurde wohl um 1516 in Halle an der Saale gefertigt: Die Mitra des Erzbischofs Albrecht, dem ersten Gegenspieler Martin Luthers. Die Mitra symbolisiert den Luxus des Klerus und die perfide Gier, mit der der Ablasshandel vorangetrieben wurde, um den Macht- und Repräsentationswillen zu füttern. Gleich gegenüber der Mitra ein großer Zirkel Michelangelos aus der Bauhütte des Vatikans als Hinweis auf den Neubau des Petersdoms im 16. Jahrhundert. Gegen die Pervertierung des Ablasses protestierte Martin Luther mit seinen 95 Thesen und setzte so eine Bewegung in Gang, die wohl auch nur deshalb erfolgreich war, weil weltliche Herrscher immer wieder schützend ihre Hand über den Wittenberger Mönch hielten.

»In einer sehr erlesenen Zusammenstellung zeigt die Ausstellung eine Schatzkammer der Geschichte der Reformation, wie man sie nur in Torgau präsentieren kann. Schloss Hartenfels ist das gebaute Selbstverständnis der lutherischen sächsischen Kurfürsten«, erklärt Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden die Wahl des Ausstellungsortes, der lange Zeit Sitz der Landesherren Luthers war. Doch Torgau ist noch mehr. Hier starb Luthers Frau Katharina von Bora, hier entstand mit den Torgauer Artikeln eine wesentliche Vorarbeit zum Augsburger Bekenntnis und hier weihte Luther den ersten rein protestantischen Kirchenneubau der Geschichte ein.

Auf 1 500 Quadratmetern und mit mehr als 200 Exponaten an drei Ausstellungsorten – Schloss Hartenfels, Kurfürstliche Kanzlei und Superintendentur – zeigt die Schau den Prozess der Reformation von 1515, dem Jahr des Generalablasses, bis 1591, dem Jahr des Torgauer Bündnisses in chronologischer Reihenfolge. Schnell wird klar, wie sehr die Reformation auch eine politische Bewegung war, wie die Gedanken Luthers das Selbstverständnis der Fürsten prägten und wie umgekehrt die Fürsten die Wege der Reformation mitbestimmten.

Eine ganz eigene Perspektive auf Torgau nimmt der Kirchenkreis Torgau-Delitzsch und das Evangelische Jugendbildungsprojekt Wintergrüne e.V. ein. Unweit der Ausstellungsorte wird in der Wintergrüne 2 eine in Kooperation mit der Beuth Hochschule für Technik Berlin entstandene interaktive Multimediawand gezeigt, mit der in die regionale Reformationsgeschichte eingetaucht werden kann. Hier ist ein technisch und optisch hochwertiges und innovatives Medium zur spannenden Wissensvermittlung entstanden.

Auf die erste Nationale Sonderausstellung im Rahmen der Reformationsdekade werden noch weitere Ausstellungen in Wittenberg, Eisenach und Berlin folgen. Der Auftakt in Torgau, legt die Messlatte sehr hoch. Kaiser Karl V. sagte nach der Schlacht bei Mühlberg über Hartenfels: »Ein wahrhaft kaiserliches Schloss!« Hätte er die Ausstellung gekannt, er hätte hinzugefügt: »Und eine fürstliche Schau!«

Stefan Körner

Die Sonderausstellung »Luther und die Fürsten« in Torgau, Schloss Hartenfels, ist bis 31. Oktober 2015 täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, für Schulklassen bereits ab 9 Uhr. Eintrittspreise: normal 10 Euro, ermäßigt 7,50 Euro, Kinder und Jugendliche unter 17 Jahre frei, Gruppen ab 10 Personen: pro Person 9 Euro

www.luther.skd.museum

»Das Evangelium von Sergej«

19. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Der Jenaer Künstler Sergej Uchatsch beschäftigt sich mit alt- und neutestamentarischen Geschichten


Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische Künstler vor, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Ein Besuch im Atelier des Grafikers Sergej Uchatsch.

Um einen Tisch sitzen die Jünger – über dunkle Köpfe auf der einen Seite blickt der Betrachter auf helle menschliche Gestalten ohne individuelle Wesenszüge. Am linken Ende steht Sergej Uchatsch in andächtiger Haltung Jesus gegenüber, während Judas gerade den Raum verlässt. Der Künstler ist Zeuge des Verrates. Schwarz-Weiß-Kontraste dominieren das Bild, nur im Kelch ist rotes Blut. Auf einem anderen Blatt versucht Kain ungesehen aus dem Blickfeld Gottes zu verschwinden. Die Tat, der Brudermord, ist nicht dargestellt. Aber die rechte Hand verrät, was geschehen ist.

Sergej Uchatsch will »gute Nachrichten« als Bilder schaffen. – Foto: Doris Weilandt

Sergej Uchatsch will »gute Nachrichten« als Bilder schaffen. – Foto: Doris Weilandt

Die Bibel spielt schon seit Beginn der 1990er Jahre eine große Rolle im Leben von Sergej Uchatsch. Über zwei Jahrzehnte übersetzt er immer wieder Geschichten in Grafiken. Die Blätter bleiben bei ihm, er verkauft sie nicht. Aber er druckt davon Bücher: »Das Alte Test(amen)t«, »Meine Bibel« und »Das Evangelium von Sergej«. Der letzte Titel ist keine Anmaßung, vielmehr sind es »gute Nachrichten«, die er als Bilder in die Welt bringt. »Wenn jemand über meine Arbeiten zu Gott findet, ist das eine schöne Sache. Ich bin ein gläubiger Mensch«, sagt der Künstler.

In seinem Jenaer Atelier hängen viele Grafiken an den Wänden. Neben einigen Bibelbildern umgeben ihn bei der täglichen Arbeit Stillleben und Selbstporträts. Sergej Uchatsch beginnt jedes Jahr mit einem analytischen Blick auf sich selbst, befragt sich nach der eigenen Befindlichkeit. Im jüngsten Porträt zeigt er sich als kritischen Beobachter, der eine Fellmütze auf dem Kopf trägt. Eine der beiden Ohrklappen ist hochgeschlagen. Das Ohr ist aber – im Gegensatz zu dem van Gogh-Selbstporträt – noch dran. Der Bezug auf das berühmte Vorbild lässt Rückschlüsse auf die Situation zu, in der sich der Maler verortet. Auf dem großen Tisch arbeitet er am liebsten in einer Technik, die heute fast vergessen ist: die Monotypie. Im 17. Jahrhundert erfand Giovanni Benedetto Castiglione dieses Druckverfahren, das – wie der Name sagt – nur einen Abzug zulässt. Das Bild wird auf eine Glas- oder Metallplatte gemalt und im feuchten Zustand auf Papier abgerieben oder gedruckt. Sergej Uchatsch hat damit seine ganz eigene Ausdrucksform gefunden, die ihm stimmungsvolle Bilder erlaubt. Seine Blätter sind beseelt und von großer emotionaler Tiefe.

Der Grafiker hat an der Hochschule für Kunst und Design in Charkow (Ukraine) studiert. 1992 kam er mit seiner Familie aus Lugansk nach Jena. Im Umkreis der Künstlerischen Abendschule, zu dem Axel Bertram, Frank Steenbeck und Einhard Hopfe gehören, fand er Kollegen und Freunde. Die erste Ausstellung für ihn organisierte die Bürgeler Keramikerin Christine Freigang im dortigen Gemeindezentrum. Seine Arbeiten, vor allem die Monotypien, begeisterten das Publikum. Damals hatte er bereits begonnen, sich künstlerisch mit der Bibel auseinanderzusetzen. »Die Arche Noah« und »Der Erbauer« – gemeint ist der Turmbau zu Babel – gehören zu den frühen Blättern. Dabei zeigt sich schon die Eigenwilligkeit, die Sergej Uchatsch bei der Gestaltung des Themas reizt. Er greift nicht auf ikonografisch tradierte Bildfindungen mit Erkennungseffekt zurück. Beim Turmbau sitzt ein schockstarrer verletzter Mensch auf der Erde, vor ihm der Turm im Moment des Zerfalls. Die Hybris, die ein ganzes Volk erfasste, konzentriert sich auf eine Person, die durch das Streben nach Ruhm auf die nackte Haut zurück verwiesen wird. Die Taufe im Jordan konzentriert er auf die beiden Häupter – Jesus voll Andacht, Johannes im Moment der Handlung. Darüber erscheint die Taube des Heiligen Geistes.

Für den Künstler ist die intensive Beschäftigung mit biblischen Themen auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Verfasstheit. »Es geht um das Leben – wie verhalte ich mich andern gegenüber«, befragt Sergej Uchatsch sich selbst. »Wenn jeder versucht, an sich selbst zu arbeiten, ist das der richtige Weg«, sagt er. Bescheidenheit ist für ihn Lebensmaxime.

In den Geschichten der Bibel werden die Grundfragen nach dem Menschsein gestellt. Das versucht er, in seinen Monotypien zu zeigen. Darunter zitiert er in Deutsch und Russisch aus dem Alten und Neuen Testament die Stellen, die für seine Darstellung entscheidend sind.

Doris Weilandt

www.uchatsch.de

Mit Glas und Geduld

12. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Er ist ein wenig Alchemist, ein wenig Handwerker: der Glaskünstler Wolfgang Nickel

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische bildende Künstler vor, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Wolfgang Nickel sorgt sich als Glaskünstler um geschundene Kirchen.

Jahre sind nicht wichtig. Tage schon gar nicht. Die Zeit misst sich anders hier in der kleinen Glaswerkstatt, einer umgebauten Garage, unter der wunderbaren Anschrift Unlust 10. Hier, im Örtchen Georgenzell nahe Schmalkalden, schafft der Glaskünstler Wolfgang Nickel, was noch in hundert und viel mehr Jahren in Kirchen zu sehen sein wird. Hier zählt kein Kalender, sondern nur Geduld, Beharrlichkeit und ein genaues Augenmerk.

Wolfgang Nickel in seiner Glaswerkstatt. Fotos: Susan Winkel

Wolfgang Nickel in seiner Glaswerkstatt. Fotos: Susan Winkel

Dass sein Bestreben einmal vor allem dem Glas gelten würde – gefärbt, geprägt oder verschmolzen, in schlichte Rahmen oder Bleiglas gefasst –, war nicht vorausbestimmt. Es fügte sich. Wolfgang Nickel, ausgebildet in den 1980er Jahren an der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein Halle, ist von der Profession her Kunstmaler. Als er, bereits drei Jahre freischaffend tätig, 1990 in seine alte Heimat in Thüringen zurückzieht, wartet dort aber andere Arbeit auf ihn. Kirchen auf dem Land, denen Wind und Steinwürfe übel mitgespielt hatten. Deren Glasschäden – die mutwilligen wie die altersbedingten – in den DDR-Jahrzehnten kaum zu beheben waren. Zu rar waren Bleiruten und Farbglas.

Einige Jahre lang sorgt sich Wolfgang Nickel um den Bestand. In Roßdorf, Tabarz und anderen Orten repariert er die Kirchenfenster, ergänzt ihre Bleiverglasung nach der alten Handwerkstechnik, die sich seit dem Mittelalter nicht mehr verändert hat. Dann plötzlich die Befreiung. Die Glasindustrie entwickelt in der Mitte der 1990er Jahre neue Verfahren, die es erlauben, Farbgläser selber herzustellen. Gleichzeitig verbessert sie die Qualität, die Brillanz der Glasmalfarben. Wolfgang Nickel beginnt, Farben in einem Glas zu mischen, statt wie bisher Farbfeld um Farbfeld gleich einem Mosaik zu einem Bild zusammenzufügen. Er wendet sich hin zu einer moderneren, malerischen Gestaltung.

Mit der Befreiung beginnt die Zeit der Wettbewerbe. Neuverglasungen für Kirchenfenster werden ausgeschrieben, die Künstler zeigen nun, was sich alles mit Glas machen lässt. Was entsteht, wenn sich Talent und Kunstverständnis mit der richtigen Technik und vor allem Erfahrung verbinden. 2002 erhält Wolfgang Nickel einen Auftrag für ein Fenster in der Erfurter Michaeliskirche, dem durch einen nachträglich ergänzten Treppenaufgang das Tageslicht genommen worden war. Er experimentiert, verlässt die glatte Fläche und geht erstmals ins Relief, um dem Glas trotz Lichtmangels eine größere Lebendigkeit zu verleihen.

Der künstlerische Aufbruch ist verbunden mit einer Schicksalsbegegnung. Die in Stuttgart lebende Stifterin des Fensters, Monika Wiegandt, findet Gefallen an den detailversessenen, nie um Beachtung gierenden Arbeiten Wolfgang Nickels. Sie gibt von ihrem Privatvermögen, er schafft davon Fenster für verschiedene Gotteshäuser. Ihr größtes Sorgenkind wird die Eisenacher Nikolaikirche. Eine Seltenheit aus romanischer Bauzeit, welche in jüngerer Vergangenheit unscheinbar verglast wurde. Ein kompletter Satz neue Fenster, 19 Stück an der Zahl, wird über die Jahre in der kleinen Glaswerkstatt in Georgenzell entstehen.

Es ist der größte Auftrag für Wolfgang Nickel, aber nur einer von vielen. In der Erfurter Severikirche ist seine Gestaltung erstmals für einen gesamten Kirchenraum gefordert: Drei Fenster, davon eines mit integriertem Tabernakel, Altar, Kerzenständer und ein Figurensockel, lautet die Aufgabe. Längst wird der Künstler nicht mehr nur für Glas gerufen, er übernimmt Farbausmalungen, zum Beispiel in der Elisabethkirche in Eisenach, für den Dom in Nordhausen fertigt er Andachtsbänke.

Etwa achtzig Prozent seiner Aufträge bekommt er mittlerweile von der Kirche. Ein Bereich, der unbeeindruckt bleibt von den schnellen Moden des Kunstbetriebs. Mit seiner Arbeit hat sich Wolfgang Nickel in Thüringen einen Namen gemacht, mit seiner Arbeitsweise hat er sich Vertrauen erworben. Er drängt nicht, er lässt sich und den Gemeinden Zeit, über Vorgespräche und Arbeitsproben zu einem gemeinsamen künstlerischen Thema zu finden. Zu einem Werk, das nicht konkurrieren will gegen die Ausstattung eines Gebäudes, sondern dem über die Jahrhunderte Entstandenen etwas Neues hinzufügt. Das zwar den Stil der heutigen Zeit auszudrücken vermag, dennoch eine gewisse Zeitlosigkeit besitzt.

Viele Jahre der Annäherung können bei diesem Prozess vergehen. Aber was ist das schon gegen die Jahrhunderte, in denen die Kunst von Wolfgang Nickel immer noch in den Kirchen zu sehen sein wird. In Rosa, Schmalkalden, Bad Salzungen und an vielen Orten mehr. Wo die Betrachter staunen werden über das Zusammenspiel von Licht und Glas. Wo sie vielleicht sogar ein wenig das Göttliche spüren.

Susann Winkel

Erlebnisort für Assoziationen

6. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung in den Franckeschen Stiftungen Halle zu wundersamen Welten

Überall in der Welt wartet das Wunderbare und Unerklärliche«, sagte Dieter Hofmann, Professor für Produkt- und Systemdesign und Rektor der Burg Giebichenstein. »Die Kunst kann bekannte Dinge in neue Zusammenhänge bringen und damit Wunderbares herstellen.« Die Ausstellung »Assoziationsraum Wunderkammer« in den Franckeschen Stiftungen zeigt Objekte und Installationen von Künstlern und Gestaltern der dortigen Kunsthochschule. Zu sehen sind Alltagsfundstücke mit individuellen Geschichten, aber auch vertraute Gegenstände in neuen Konstellationen. Dabei geht es darum, mithilfe dieser kuriosen Ungewöhnlichkeiten frei zu assoziieren.

Im Historischen Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen zu Halle zeigen 17 Absolventen der Kunsthochschule Burg Giebichenstein ihre heutigen Weltsichten, analog zur historischen Wunderkammer im Dachgeschoss des Gebäudes. Foto: Falk Wenzel

Im Historischen Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen zu Halle zeigen 17 Absolventen der Kunsthochschule Burg Giebichenstein ihre heutigen Weltsichten, analog zur historischen Wunderkammer im Dachgeschoss des Gebäudes. Foto: Falk Wenzel

»Wir leben in einer Zeit, in der uns die Wissenschaft viel in unserem Leben erklären kann, sodass wir uns nicht mehr wundern müssen«, erläutert Hofmann den Ansatzpunkt. »Doch die Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit bilden einen Schutzraum des Wunderns.« Als Menschen stünden wir so am Ende immer dem Unerklärlichen gegenüber.

Bereits August Hermann Francke gründete im Jahr 1698 eine historische Wunderkammer. Dort sammelte er Artefakte und Naturalien aus aller Welt: Muscheln, seltene Steine, ein Krokodil. Die Exponate brachten die Besucher damals zum Staunen, da ihnen diese Dinge im Europa der Frühaufklärung unbekannt waren. Mit dieser Sammlung von Wundersamkeiten wollte Francke ein Abbild der Schöpfung Gottes in ihrem ganzen Reichtum schaffen. Da in der Aufklärung ein Bedürfnis nach Ordnung aufkam, wurden die Gegenstände auch thematisch geordnet.

In der zeitgenössischen Ausstellung wird dieses Ordnungsprinzip aufgenommen und mit dem Konzept der Wunderkammer gespielt: Internationale Künstler bringen Ideen aus der ganzen Welt mit und zeigen ihre ungewöhnlichen Objekte in den Franckeschen Stiftungen. Diese versetzen auch heutige Besucher in Staunen: »Die Ausstellungsobjekte wirken fremd, sie werfen Fragen auf«, sagte Lutz Nitsche, Referent der Kulturstiftung des Bundes. Die Wunderkammer sei damit auch heute aktuell: »In der digitalen Welt haben wir eine Sehnsucht nach musealer Abgeschiedenheit.« Dabei gehe es nicht um das Feiern des Modernen, sondern um künstlerische Verknüpfungen. Denn die zeitgenössische Ausstellung ist in die historische Wunderkammer integriert, beide können parallel besichtigt werden.

Bemerkenswert unter den Exponaten ist unter anderem der ausgeklappte Holzkoffer »Place Drift« (»treibender Ort«). In dieser Schatzkiste liegen eine alte Fahrradpumpe, ein Gedichtbuch und ein religiöser Gegenstand. Die Künstlerin Ginan Seidl sammelt darin unterschiedliche Erinnerungsstücke von ihren Forschungsreisen in Deutschland, England und Mexiko. Dabei fragt sie Menschen nach ihren Träumen und den Orten, an denen ihre Träume vorkommen. Mit diesem »Souvenirdepot« hat sie einen »Erinnerungsspeicher« geschaffen, der die Besucher nach ihren eigenen Träumen fragen lässt. »Sich so unvoreingenommen auf das historische Erbe der Wunderkammer einzulassen, ist den Franckeschen Stiftungen als künftiges Welterbe würdig«, lobte Rektor Hofmann bei der Eröffnungsfeier. »Diese Ausstellung ist ein wundervolles Abenteuer des Assoziierens. Was sie alles Wunderbares hervorbringt, lässt mich immer wieder an Wunder glauben.«
Markus Kowalski

Bis 16. August, Di. bis So., 10 bis 17 Uhr,
Historisches Waisenhaus (Franckeplatz 1)

Das Schweinebad

30. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Margret Holthaus

Das Leben auf dem Bauernhof war früher wesentlich vielseitiger als heute. Die Unterschiede kenne ich noch aus meiner Kinderzeit. Spezielle Mastställe gab es damals noch nicht. Deshalb tummelten sich viele Tiere – Kühe, Schweine, Schafe oder auch Gänse und Enten – auf dem Hof. Wir hatten viele Hühner und eine Glucke, die ihre Küken noch selbst ausgebrütet hat. Menschen und Tiere lebten unter einem Dach. Nur ein langer Flur trennte Wohnbereich und Stallungen voneinander.

Bei den Tieren traten, genau wie bei den Menschen, auch Krankheiten auf, die von den Bauern meistens mit einfachen Hausmitteln auskuriert wurden. Einmal, so erinnere ich mich, hatte sich unter den Ferkeln eine Schuppenflechte ausgebreitet. Nun war guter Rat teuer. Den hatte der Tierarzt zwar parat, aber er hatte damals kaum Medikamente zur Verfügung. Also mussten wir mit dem Fahrrad viele Kilometer bis zur nächsten Stadt zurücklegen, um die verordnete Seife für die Tiere zu bekommen. Als wir sie besorgt hatten, erwies sich das Baden der Ferkel als eine schwierige Prozedur. Das Wasser wurde in unserem großen Wasserkessel erhitzt, auf Badetemperatur gebracht und in eine Zinkwanne gefüllt, worin mein Bruder die Ferkel badete. Das gefiel den Ferkeln überhaupt nicht. Sie wehrten sich so sehr, dass auch wir dabei pitschnass wurden.

Illustration: Maria Landgraf

Illustration: Maria Landgraf

Plötzlich standen zwei junge Mädchen in der Tür – und staunten! Sie kamen aus Berlin und waren zu Besuch bei ihrem Onkel, der in unserer Nachbarschaft ein Textilgeschäft führte. In Berlin hatten sie keine Gelegenheit, sich auf einem Bauernhof umzusehen. Natürlich hatten sie nicht damit gerechnet, dass sich auf unserem Hof sogar Schweine in der Wanne tummelten, wo doch damals selbst für Menschen selten eine Badegelegenheit bestand. Interessiert schauten sie deshalb dem Treiben bei uns zu und fanden den Anblick der eingeseiften Kerlchen spannend wie im Tierfilm.

Die Sau im Stall war wohl vom Quieken ihrer Ferkel beunruhigt. In ihrer Aufregung hatte sie hektisch den Mist mit der Schnauze aufgewühlt und sah entsprechend aus. Nun wollten die Mädchen wissen, ob denn auch die Mutter der Ferkel ein Bad bekäme. Es sähe ja ganz danach aus, dass sie es nötig hätte. Als wir mit dem Kopf nickten, wollten sie auch gleich wissen, wie man denn so eine dicke Sau in die Wanne befördere. Mein Bruder Matthias hatte gleich eine Erklärung parat. Nach dem Ferkelbaden brauche er nur die Wanne in den Stall zu stellen, die Sau würde sich dann von allein hineinsetzen. Sie müsse dann nur noch eingeseift werden. Die beiden Mädchen waren von der Sache so sehr angetan, dass sie gleich ihrem Onkel davon erzählten. Dem verschlug es fast die Sprache, als er sich davon überzeugen konnte, dass bei uns die Ferkel tatsächlich gebadet wurden!

Aus: Wir Kinder vom Lande. Unvergessene Dorfgeschichten. Band 6/1916–1976. Zeitzeugen-Erinnerungen, Zeitgut Verlag, 256 S., ISBN 978-3-86614-227-5, 11,90 Euro

Musik heilt manche Wunden

22. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Der Flötist Hans-Jürgen Hufeisen, sein Leben begann, verlassen von der Mutter, in einem Hotelbett

Auf Kirchentagen füllt der Flötist Hans-Jürgen Hufeisen die größten Hallen, seit drei Jahrzehnten gibt er in ganz Europa Konzerte. Doch hinter seiner musikalischen Leidenschaft steckt eine verstörende Geschichte.

Dunkel. Ganz viel Dunkel. Und dann Licht. Und eine Tür.« Fragt man Hans-Jürgen Hufeisen nach seinen frühesten Erinnerungen, fällt ihm das ein: Dunkel und Licht. Die menschliche Erinnerung reicht frühstens bis ins dritte Lebensjahr hinein, sagen Hirnforscher. Doch die Seele empfindet weiter zurück.

Die Empfindung aber reicht nicht, um die Ereignisse jenes 10. Februar 1954 verlässlich zu rekonstruieren. Da war die Frau aus dem Allgäu mit dem Glück versprechenden Namen Hufeisen, Eveline Hufeisen. Beruflich ständig unterwegs, war die 33-Jährige Hotelbetten in einfachen Gasthäusern gewöhnt. Das Bett in Anrath bei Krefeld wird wie all die anderen gewesen sein: einfach, durchgelegen, halbwegs sauber. Und doch wurde es ein besonderes Bett. Es wurde zur Geburtsstätte. Irgendwann nach Mitternacht brachte Eveline Hufeisen hier ihren Sohn zur Welt. Sie ruft um Hilfe. Der Gastwirt kommt und erkennt die Situation: die erschöpfte Mutter, das Bett voller Blut, mittendrin das Neugeborene. Er holt eine Hebamme, sie tut, was getan werden muss.

Das Dunkel der ersten Lebenstage

Und dann? So könnte es gewesen sein: Die Mutter will dieses Kind nicht, das so viel Unruhe in ihre Familie gebracht hat. Der Vater? An ihn mag sie gar nicht denken, sie weiß ja nicht mal genau, wer es war – drei Männer stehen zur Auswahl. Ein wildes Panoptikum verstörender Bilder und Gefühle. Angst schnürt ihr die Kehle zu. Erschreckende Gedanken, tausendmal im Kopf durchgespielt, doch jetzt, wo dieses hilflose Kind vor ihr liegt, schwer umzusetzen: Was, wenn sie nun einfach geht? Es gibt Zeiten, in denen Fragen sinnlos sind, weil die Situation keine vernünftige Antwort erlaubt. Diese beiden Tage nach dem 10. Februar 1954 gehören dazu.

Der Flötist Hans-Jürgen Hufeisen. Foto: privat

Der Flötist Hans-Jürgen Hufeisen. Foto: privat

Zwei Tage später betritt der Hotelwirt das geräumte Zimmer. Die fremde Frau war abgereist. Das Federbett fällt ihm auf, liegt da etwas drunter? Er lüftet das Bett und sieht das Neugeborene. »Dunkel, ganz viel Dunkel. Und dann Licht.« Dieser Moment ist es, der sich in Hans-Jürgen Hufeisens Seele eingebrannt hat.

Wenn das Leben so holprig beginnt – wie kann es gelingen? In Hans-Jürgen Hufeisens Geschichte spielen die Menschen, die sich um ihn gekümmert haben, eine große Rolle. Da sind erst die Erzieherinnen im Caritas-Heim. Dann eine Pflegemutter. Als er drei Jahre ist, wird er ins »Haus Sonneck« gebracht, ein Kinderheim des evangelischen Neukirchener Erziehungsvereins. Als »sensibles, zartes, hübsches Bürschchen« hat ihn seine damalige Erzieherin Olga in Erinnerung. Sie wurde Hufeisens Vertraute; ihr lauschte er, als sie sang und Blockflöte spielte.

An jedem Abend dasselbe Ritual: Die Kinder kommen zusammen, dürfen sich ihren Platz frei im Raum wählen. Liegend, hockend, stehend. Hans-Jürgen sitzt meist ganz nah bei Olga, beobachtet sie aufmerksam – und hört zu. Was für wunderschöne Töne Olga aus diesem einfachen hölzernen Instrument zaubert! »Der Mond ist aufgegangen«, »Weißt du, wieviel Sternlein stehen«. Das möchte Hans-Jürgen auch lernen.

Als er sechs Jahre alt ist, wünscht er sich eine Flöte vom Weihnachtsmann. Sein Wunsch wird erfüllt. Erzieherin Olga erkennt sein Talent. Die Flöte wächst ihm ans Herz. Hans-Jürgen entdeckt eine ganz neue Art, seine Gefühle auszudrücken. Leidenschaftlich zaubert er Töne, spielt die alten frommen Lieder aus »Haus Sonneck« nach.

Das Treffen mit der Mutter in einem Hotel

Bald hat er Unterricht an der Moerser Musikschule. Erste Preise bei »Jugend musiziert« folgen. Nach der Schulzeit bewirbt er sich zum Studium an der renommierten Essener Folkwang-Hochschule für Musik, Theater und Tanz. Er weitet seinen Horizont, legt das Examen ab. Die evangelische Kirche Württembergs wird auf den Ausnahmemusiker aufmerksam; als Referent für musisch-kulturelle Bildung bringt er frischen Wind in die etablierte Kirchenmusikszene. Gleichzeitig perfektioniert er sein eigenes Flötenspiel. Hufeisen wird zum Geheimtipp der neuen christlichen Musikszene. Studierter Musiker, geprüfter Konzertflötist, fromm, aber nicht im engen Sinne missionarisch, jung und gutaussehend, leichtfüßig und tiefsinnig – viele Menschen irritiert dieser Troubadour aus Württemberg. Seine Konzerte und Auftritte lassen die Grenzen zwischen ernster und unterhaltender Musik verblassen.

Als seine erste Langspielplatte erscheint, fasst sich der 25-Jährige ein Herz und schickt sie seiner Mutter. Zum ersten Mal nimmt er Kontakt mit ihr auf. Sieben Wochen wartet er auf Antwort. Am 26. April 1979 endlich der ersehnte Brief. Absender: »E. Schaper«. Abgestempelt in Iserlohn. Die Worte treffen ihn ins Herz. Dass niemand von ihm wisse, steht da. Dass er eine Halbschwester habe. Und dass seine Mutter sich über ein Treffen freuen würde. »Herzliche Grüße. Deine Mutter.«

Einige Wochen später treffen sie sich in einem Hotel – ausgerechnet. Als er in den Gastraum kommt, sieht er sie: Mitte vierzig, dunkle Haare, eine Zigarette in der Hand. Hans-Jürgen spürt sein Herz schlagen. Als er näherkommt, sieht er ihr Cognacglas. Sie blicken sich an. »Hallo Mutter«, sagt er, sie antwortet: »Hans-Jürgen.« Dann setzt er sich ihr gegenüber. Sie blicken sich an, lange. Das Wiedersehen macht sie sprachlos. Hans-Jürgen registriert alles an ihr, es ist, als sauge seine Seele alles auf: Die Haare sind dunkelbraun, rot changierend. Ihre Augen wirken abwesend. Die Lippen zittern. Ja, er findet sie sympathisch. »Sie hatte eine besondere Aura, eine Persönlichkeit. Ich merkte, dass sie ungeheuer nervös war«, erinnert er sich heute. Plötzlich brach sie das Schweigen: »Dein Hemd sieht aus wie Frühling.« Einige Male lädt er sie in Konzerte ein, manchmal kommt sie. Doch die Mutter bleibt reserviert. Einmal verlässt sie sogar den Saal – Hufeisen hatte die Geburtsszene Jesu mit Musik und roten Tüchern nachempfunden. Das versetzte ihre Mutterseele offensichtlich in Aufruhr. Als Hufeisen heiratet und zwei Kinder bekommt, wirkt sie irgendwie begeistert – doch der Kontakt bleibt kühl und selten.

Schlichte, ergreifende Lieder bei der Trauerfeier

Währenddessen feiert Hans-Jürgen Hufeisen mit seinem ganz eigenen Musikstil Erfolge. Er füllt die großen Hallen Deutschlands mit Musik und aufwendigen Inszenierungen. Hans-Jürgen Hufeisens Hingabe gehört der Musik – sie wird für ihn zum Mittel, das Dunkel der ersten beiden Tage seines Lebens zu ertragen. Als seine Mutter im Jahr 2007 stirbt, spielt er bei der Trauerfeier schlichte ergreifende Lieder. Denkt er an sie zurück, sagt er: »Dass niemand einen sucht, keiner nach einem fragt, dass da kein Erinnern bei einem anderen Menschen ist – das bleibt eine Wunde, die wohl nie verheilt.« Rückmeldungen seiner Hörer zeigen: Mit der Musik gelingt es ihm, viele Wunden zu heilen. Bei sich und anderen.

Uwe Birnstein

Lese-Tipp

Birnstein, Uwe: Das unglaubliche Leben des Flötenspielers Hans-Jürgen Hufeisen. Ein Porträt, Herder-Verlag, 223 S., ISBN 978-3-451311925, 22 Euro

Die Reformation im Bild

15. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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»Bild und Botschaft«: Ausstellung in Weimar beleuchtet das Wirken von Lucas Cranach dem Älteren und seinem Sohn

Mit der in Weimar eröffneten Schau sind die Ausstellungen im Thüringer Themenjahr »Bild und Botschaft« vollständig.

Gotha, Eisenach und Weimar. Die Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha bildete den Auftakt einer Reihe hochkarätiger Ausstellungen mit Werken des Malers Lucas Cranach des Älteren (1472–1553). Die Wartburg in Eisenach setzte fort. Mit der am 3. April im Weimarer Schillermuseum eröffneten Präsentation »Cranach in Weimar« sind die Ausstellungen im Thüringer Themenjahr »Bild und Botschaft« vollständig. Sie alle drei lenken den Blick auf den Zusammenhang zwischen der Cranach-Werkstatt und der Reformation. Die Schau in Weimar zeichnet Biografie, Werk und Wirkung von Lucas Cranach dem Älteren und dessen Sohn Lucas Cranach des Jüngeren (1515–1586) nach. In Weimar verbrachte Lukas Cranach der Ältere sein letztes Lebensjahr. Er starb 1553, sieben Jahre nach dem Tod Martin Luthers. Das bekannteste Meisterwerk aus der Cranach-Werkstatt ist der 1555 vollendete Flügelaltar in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul. Dieses Hauptwerk reformatorischer Bildkunst ist das wichtigste Exponat der Ausstellung. Es ist eigentlich außerhalb des Museums in der Stadtkirche zu besichtigen und – eine besondere Attraktion – digital in die Ausstellung einbezogen. Denn während der Flügelaltar in der Kirche eher aus der Ferne zu betrachten ist, bringt ihn eine Medieninstallation dem Auge ganz nah. Per Fingerdruck auf dem Computer kann jedes einzelne Bilddetail vergrößert und genauestens betrachtet werden. Ein museumspädagogisches Element, das eine Art der Begegnung mit dem Kunstwerk gestattet, wie sie vor dem Original in der Kirche nicht möglich ist.

Cranach der Ältere: Ausschnitt aus der Allegorie von Gesetz und Gnade. Foto: Klassik Stiftung Weimar

Cranach der Ältere: Ausschnitt aus der Allegorie von Gesetz und Gnade. Foto: Klassik Stiftung Weimar

Die Schau präsentiert 150 Werke der Cranachs sowie zahlreicher Zeitgenossen, darunter Gemälde, Zeichnungen, Grafiken, illustrierte Bücher, Archivalien und Medaillen. Die Exponate vermitteln einen Eindruck von dem umfangreichen Cranachschen Œuvre an der Zeitenwende zwischen Mittelalter und Neuzeit sowie von dessen Wirkungsgeschichte bis in die Moderne. Weltweit soll es etwa 5 000 Arbeiten des Hofmalers geben, eine Zahl, die auf die immense Produktivität der Cranach-Werkstatt schließen lässt. Neben den Beständen der Klassik Stiftung Weimar bereichern Leihgaben aus internationalen Museen die Ausstellung. Zu ihnen zählen die Bildnisse Tizians von Kurfürst Johann Friedrich dem Großmütigen aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien und dem Museo Nacional del Padro Madrid ebenso wie das Porträt, das Lucas Cranach der Jüngere von seinem Vater schuf und das heute in den Uffizien in Florenz hängt.

Der Rundgang im Schillermuseum beginnt mit dem Kapitel »Werk und Künstler«, es vereint Arbeiten von Vater und Sohn am letzten gemeinsamen Wirkungsort Weimar. Gezeigt wird beispielsweise ein Gemälde, das ein zentrales reformatorisches Thema aufgreift: »Gesetz und Gnade«. Die Darstellung verbildlicht die lutherische Rechtfertigungslehre, nach welcher der Mensch nur durch Gottes Gnade Erlösung findet. Im zweiten Kapitel »Glaube und Reformator« wird die Cranach-Werkstatt im Dienst der Reformation und ihrer Protagonisten beleuchtet. Bildmotive wie »Christus und die Ehebrecherin« oder die Segnung von Kindern weisen darauf hin, dass Bilder dazu dienten, theologische Inhalte anschaulich und einprägsam darzustellen.

Das große Thema »Botschaft und Auftraggeber«, welches sich dem Wirken der Cranachs am Hof Johann Friedrichs des Großmütigen widmet, korrespondiert mit der Ausstellung in Gotha zu Cranach im Dienst von Hof und Reformation. Dargestellt werden Hof und Hofhaltung Johann Friedrichs, dessen Kampf auf der Seite des Schmal­kaldischen Bundes 1547 mit einer Niederlage und mit der Gefangenschaft einherging und den Verlust der Kurwürde sowie großer Teile seiner Territorien zur Folge hatte.

Das letzte Kapitel »Rezeption und Betrachter« widmet sich der Wirkungsgeschichte der Cranach-Werkstatt. Erstmals werden die Wiederentdeckung Cranachs im Umfeld Goethes, die sich anschließende Rezeptionsgeschichte bis hin zum 1919 in Weimar gegründeten Bauhaus beleuchtet.

Kunst und Theologie, Bild und Wort – sie korrespondieren miteinander. Der Rundgang vermittelt, wie das Zusammenspiel im Zeitalter der Reformation geklappt hat und bis heute Wirkung zeigt. Eindrucksvoll.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung »Cranach in Weimar« im Schillermuseum ist bis 14. Juli dienstags bis sonntag 9.30 bis 18 Uhr geöffnet.

Der »Cranach-Altar« in der Stadtkirche St. Peter und Paul – offene Kirche: montags bis sonnabends 10 bis 18 Uhr und sonntags von 11 bis 18 Uhr.

Den Ostertag geschaut: Magdalene

6. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Karl Röttger (1877 bis 1942)

Das blinde Mädchen saß an dem sonnenhellen Ostertag vor der Haustür. Die Hyazinthen dufteten von den Fensterbänken. Sie lauschte den Stimmen im Haus. Sie hörte die Mutter, die Brüder, die Großmutter. Als sie nach draußen kamen, wendete sie den Kopf und sagte mit heller Stimme: »Seid ihr fertig?« – »Ja«, sagte die Mutter, »und du wirst dich nicht verlassen fühlen?« – »Nein«, antwortete sie mit leisem Lächeln, tastete nach der Mutter und schmiegte sich ein wenig an sie. »Wird Großmutter hier draußen bei mir sein?« – »Ja, sie wird neben dir im Liegestuhl sitzen.« Und dann ging sie, die Mutter mit ihren Kindern. Magdalene lauschte den Schritten und den Stimmen nach. Dann war es still. Die Turmglocke schlug; die Schläge verzitterten in der stillen Luft. Die Großmutter sagte: »Nun haben sie doch vergessen, mir das Buch herzulegen, das ich dir vorlese. Ich will aufstehen und es holen.« – »Lass nur«, sagte Magdalene. »Wir können ja ein wenig träumen.« So saßen sie denn, beide in den hellen Ostertag lauschend, die Alte mit einer leisen Müdigkeit in den Augen, das Kind mit einem feierlichen Warten in den Mienen.

Zeichnung: Maria Landgraf

Zeichnung: Maria Landgraf

Dann kam Magdalene aus ihrem tiefen Lauschen wieder herauf. Es war ihr gewesen, als hätte sie etwas gehört: das Atmen eines Mundes, einen leisen Schritt. »Großmutter«, sagte sie, »bist du noch da?« Aber sie blieb ohne Antwort. Da neigte sie sich ein wenig vor und hörte leise, regelmäßige Atemzüge. Die Großmutter war eingeschlafen. – Wieder lauschte sie in den festlichen Tag. Die ganze Welt ist doch jetzt lebendig, dachte sie. Jede Stunde brechen neue Knospen auf – und man hört nichts. Es müsste doch so feine Ohren geben, dass man es einmal hören könnte. Dann wendete sie sich halb zur Seite und fragte leise, doch bestimmt: »Ist jemand da?« Sie blieb ohne Antwort. Nur ein Atem hob sich leise und senkte sich wieder. Ein paar Schritte tasteten und hielten vor ihr an. Sie fühlte einen Schatten. »Es ist jemand da?«, sagte sie noch einmal. Wieder blieb es still. Da sagte sie eindringlich: »So sag doch: Wer ist es?«

Eine Stimme flüsterte ihr entgegen: »Ich bin’s. Darf ich ein wenig hier sein?« Das Mädchen besann sich eine kleine Weile und sagte dann: »Ja. Aber ich kenne deine Stimme nicht. Wer bist du?« – Der Schatten sprach: »Ich bin gekommen. Ich bin auch allein wie du. Ich habe dich manchmal hier sitzen sehen. Steh auf und geh ein wenig mit mir, hier die Wiese entlang bis an den Weiher mit den Birken darum. Ich werde dich führen und dich auch wieder zurückbringen.«

Sie stand auf und nahm seine Hand, und so gingen sie, den Pfad an der Wiese entlang bis unter die Birken. Er setzte sie auf einen Baumstumpf und sprach: »Ich will hinaussehen für dich in die Weite, bis auf den Wald da fern, in den blauen Himmel und manchmal auch auf dein Gesicht.« – »Gut, so erzähl mir davon. Aber dabei musst du mir deine Hand geben, dass ich sie halte.« Er schaute und sprach: »Eine Straße liegt weithin durchs Heideland. Sie ist weiß von der Sonne. Niemand geht auf ihr. Sie führt bis weit in den Horizont. Man denkt, warum auf ihr nicht eine Gestalt hergeschritten kommt, ein König oder ein Ritter, wie im Märchen.« – »Oder Er,« flüsterte das Mädchen. – »Wer? Wen meinst du?« – »Den Auferstandenen, der die Blinden sehend macht«, sagte sie.

»Sag, bist du, bist du der, der die Blinden sehend macht?«

Er aber fuhr fort: »Es stehen an der weißen Straße hin in endloser Reihe die Birken, weiß die Stämme, begrünt die Kronen. Die dünnen Zweige schwanken.« – »Sprich weiter; ich sehe es, sprich weiter …«, sagte das Mädchen. – »Hier, nahe bei dir: Die Birken haben Kätzchen, die hängen herunter.« – Der Knabe neigte seinen Kopf zu ihr hin und sprach mit leise bebender Stimme: »Tut es weh?« Sie hob den Kopf: »Was denn?« – Er errötete: »Weil du doch blind bist.« – »Das meinst du?«, sprach sie. »Oh, ich habe es schon lange. Die Welt verblasste mir in den Jahren allmählich, wie es den Sehenden jeden Abend geschieht, wenn die Nacht heraufkommt. Aber erzähle
weiter.«

»Eine Lerche steigt auf. Sie singt sich in den Himmel hinein. Hörst du sie singen?« – Sie schüttelte den Kopf. Plötzlich fasste sie seine Hand fester: »Du hast mir immer noch nicht gesagt, warum du gekommen bist. Sag es!« – Er errötete und sagte: »Ich weiß es nicht; wenn ich mein Ohr an die jungen Knospen lege und frage: Warum seid ihr gekommen? So werden sie antworten: Wir wissen es nicht, wir sind eben da.«

Sie saßen eine Weile still. Dann sprach sie leise, erregt: »Sag, bist du, bist du der, der die Blinden sehend macht?« – »Nein, Magdalene, das bin ich nicht. Lege deine Hand auf meinen Kopf und fühle, dass ich nur ein Knabe bin.« – »Ja«, sagte sie, und es war eine leise Traurigkeit in ihr. Dann schwieg sie lange. Aber auf einmal wurde ihr Gesicht ganz hell, und sie sagte: »Du könntest es ja doch sein!« – »Aber er ist ja längst wieder im Himmel«, sagte der Knabe. Sie schüttelte den Kopf: »Warum sollte er nicht wiedergekommen sein? Es sind noch immer genug Blinde auf der Welt.« – »Du liebst ihn sehr?«, fragte der Knabe. Und er wartete die Antwort nicht ab, sondern sagte: »Nun muss ich dich heimführen. Die Sonne wird groß und rot.«

Sie gingen heim. Er geleitete sie zu ihrem Stuhl. Die Großmutter schlief noch. Er ging still fort und sagte: »Ich komme wieder.«

Als die Großmutter erwachte, fragte sie: »War jemand hier?« – »Ja«, sagt das Mädchen, »aber ich weiß nicht, wer er war. Er hat mich den Ostertag schauen lassen. Ich fragte ihn, wer er sei, aber er sagte seinen Namen nicht. Dann fragte ich ihn, ob er der Auferstandene sei, aber er sagte kein Wort. Nun will ich nachdenken, wer er war.«

So saß sie weiter in der Dämmerung des Ostertages und lauschte und wartete auf die Wiederkehr des Unbekannten.

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