Der neue Stradivari

28. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Für Martin Schleske ist der Geigenbau ein Gleichnis für den Weg des Menschen zu Gott

Martin Schleske aus dem bayerischen Stockdorf gilt als einer der besten Geigenbauer der Gegenwart. Daneben begeistert er als Schriftsteller seine Leser.

Martin Schleske ist ein geschickter Handwerker und ein Mann der akribischen Wissenschaft zugleich. – Foto: privat

Einst, so lautet die Legende, suchten die alten Meister ihr Tonholz, indem sie am Ufer der Gebirgsflüsse standen und auf das Aneinanderschlagen der Baumstämme hörten, die talwärts geflößt wurden. Am Klang erkannten sie, welches die wahren »Sänger« des Waldes waren. So nennen die Geigenbauer jene raren Stämme, die für die Herstellung hochwertiger Musikinstrumente geeignet sind. Bergfichte muss es sein, gewachsen im kargen Alpenboden, mit gleichmäßigen Jahrringen.

Das Holz soll ein geringes Gewicht, aber dennoch hohe Festigkeit haben und wie ein kleines Glöckchen klingen, wenn man an den richtigen Stellen dagegen klopft.

Mit dieser Anekdote beginnt Martin Schleskes Buch »Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens«. Der Instrumentenmacher mit Weltruf erläutert darin die ganze Entstehungsgeschichte einer Geige, angefangen beim Holzschlag an der Waldgrenze und endend im Konzertsaal. Er gewährt einen seltenen Einblick in eine Handwerkskunst, die schon immer eine geheimnisvolle Aura umgab, nicht erst seit für antike Violinen von Stradivari & Co. Millionensummen bezahlt werden.

Doch nicht Schleskes Fachwissen ist es, welches das schriftstellerische Debüt zu einer herausragenden Lektüre macht. Denn wie der Untertitel schon ankündigt, geht es dem Autor um mehr. Für den tiefgläubigen Tontüftler stellt der Geigenbau ein Gleichnis für den Weg des Menschen zu Gott dar. Jeder Arbeitsschritt bekommt dabei eine symbolische Bedeutung.

Ähnlich wie aus dem rohen Holz in der Werkstatt ein kostbarer Klangkörper wird, ist für Schleske jeder Einzelne dazu berufen, ein Instrument Gottes zu sein. »Glück bedeutet dann, dass der Weisheit Gottes durch uns etwas Gutes geglückt ist«, heißt es in dem Buch.
Diesen Prozess der Verwandlung beschreibt der 46-Jährige auf berührende und poetische Weise anhand vieler persönlicher Erfahrungen und Einsichten. Außerdem hat der Verlag ein Kalenderbuch für sieben Jahre mit dem Titel »KlangBilder. Werkstattgedanken« herausgebracht. Es enthält teilweise veränderte, teilweise neue kurze Texte von Schleske neben kunstvollen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der international bekannten Berliner Fotografin Donata Wenders.

Heute wie damals wird in den Ateliers der Violinenbauer nicht nur mit frommem Berufsethos, sondern ebenso mit unermüdlichem Forschergeist nach dem vollkommenen Klang gesucht. Während die Großen der Barockzeit schon komplizierte geometrische Formen für die Wölbungen ihrer Geigendecken entwarfen, ist inzwischen vielerorts modernste Technik mit im Spiel.

Das gilt auch für Martin Schleskes Werkstatt. Direkt an seinen Arbeitsraum grenzt ein kleines Akustiklabor, in dem er die Resonanzen jeder entstehenden Geige präzise misst und analysiert. Der hochgewachsene Brillenträger mit der Mütze auf dem Kopf ist ein geschickter Handwerker und ein Mann der akribischen Wissenschaft zugleich, mit abgeschlossener Zweitausbildung als Diplomphysiker.

Zwar werden gute Streichinstrumente bis heute ausschließlich von Hand geschnitzt und gefertigt. Doch daneben hat jeder Meister seine individuellen Tricks, um die Klangqualität zu verbessern. So gelangen beispielsweise kurzwellige Lichtstrahlen, Sauerstoffgemische oder Ozon zum Einsatz, um die Holzstruktur zu beeinflussen. Die genauen Methoden sind stets geheim.

Nur ein Instrument bleibt trotz aller Tüftelei in vieler Hinsicht unschlagbar, wie Martin Schleske bei seiner Tätigkeit immer wieder erkennen musste, und das ist die menschliche Stimme.

Als er jüngst eine Arie von Maria Callas mit einem speziellen Computerprogramm untersuchte, stellte sich heraus, dass die Operndiva in einem Vibrato bis zu zehnmal pro Sekunde die Obertöne ihres Gesangs veränderte. Dazu ist kein herkömmlicher Klangkörper der Welt fähig. Deshalb zählt es zu den wichtigsten Vorhaben von Schleskes privater Forschung, den Klangcharakter seiner Streichinstrumente immer mehr demjenigen der Stimme anzupassen. Vollständig wird Martin Schleske sein Ziel allerdings kaum je erreichen. Denn der Mensch ist eben doch aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt. Und Gott ein außergewöhnlich guter Werkmeister.

Fabian Kramer

Buchtipps
Schleske, Martin: Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens, Kösel-Verlag, 352 S., ISBN 978-3-466-36883-9, 21,95 Euro
Schleske, Martin: KlangBilder. Werkstattgedanken – Ein Kalendertagebuch für 7 Jahre aus der Geigenbauwerkstatt von Martin Schleske mit 52 Fotografien von Donata Wender, Kösel-Verlag, 224 S., ISBN 978-3-466-37026-9, 19,99 Euro

Flöte spielender Kriegsherr

21. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Jubiläum: Vor 300 Jahren wurde Friedrich der Große, der König von Preußen geboren, er gilt als Repräsentant des aufgeklärten Absolutismus

Berlin und Brandenburg ­feiern 2012 den 300. Geburtstag Friedrich des Großen.
Der preußische König ging als Inbegriff eines aufgeklärten Monarchen in die Geschichte ein. Doch der ­Herrscher­alltag sah anders aus.

Seine Taufe war die letzte, die im Berliner Stadtschloss mit barockem Pomp gefeiert wurde. Als Friedrich II. vor 300 Jahren am 24. Januar 1712 geboren wurde, da wollte sich sein Großvater und erster preußischer König eine solche »Solennität« (Feierlichkeit) noch nicht nehmen lassen. Der Täufling wurde bei dem Zeremoniell nicht nur mit dem Segen Gottes versehen, sondern gleich auch mit dem Orden vom Schwarzen Adler dekoriert, dem höchsten preußischen Orden.

Mit Thomas Mann, Adolf Hitler und Erich Honecker könnte die Schar seiner späteren Verehrer unterschiedlicher nicht sein, von den Preußen-Enthusiasten heutiger Tage ganz zu schweigen. Hingegen verbannte Helmut Schmidt eine Friedrich-Büste aus seinem Büro, als er 1969 Verteidigungsminister wurde. Mit dem »Alexander dem Großen im Taschenformat« wollte der Sozialdemokrat nichts zu tun haben.

Schon Zeitgenosse Friedrich Schiller mochte »diesen Charakter nicht lieb gewinnen«. Nicht erst mit einem Zeitabstand von zwei Jahrhunderten konnten die Widersprüche zwischen Schein und Sein, zwischen politischem Anspruch und Wirklichkeit ins Auge stechen. Kein anderer Monarch hatte sich bis dato so zu den Ideen der Aufklärung bekannt, sich gar als Flöte spielender »Philosoph auf dem Thron« verstanden und Freundschaften zu Intellektuellen geknüpft – wie Friedrich zu Voltaire.

1781, acht Jahre vor der Französischen Revolution, schreibt der damals schon mehr als vier Jahrzehnte regierende preußische König, »dass alle Monarchien durch den Reichtum verderbt worden sind«. Die Gesetze seien dazu da, »die Schwachen vor der Bedrückung durch die Starken zu schützen«. Schon zuvor hatte Friedrich erklärt, der Fürst sei »nur der erste Diener des Staates«.

Bereits vier Tage nach seiner Thronbesteigung hatte er die Folter abgeschafft, nur nicht für Hochverrat. Weitere zwei Tage später hob Friedrich auch die Zensur auf. Ein halbes Jahr danach, als er ohne Kriegserklärung Schlesien überfiel, führte er sie jedoch wieder ein.
Durch die Annexion soll sein Land zur Großmacht aufsteigen, was Friedrich auf friedlichem Wege nicht erreichen kann. Das Preußen des Jahres 1740 ist dafür zu schwach, ein rückständiger Flickenteppich.

Im Keller des Berliner Schlosses liegt allerdings ein Staatsschatz von acht Millionen Goldtalern, und die Armee ist von seinem Vater Friedrich Wilhelm I. gut ausgebildet. In jungen Jahren hatte der »Soldatenkönig« selbst den Kronprinz zum Spiel mit Zinnsoldaten und Pistolen gezwungen. Wenn sich Friedrich beim Abfeuern von Kanonen als »hasenfüßiges Kind« zeigte, verachtete der Vater ihn. Dieser Drill führte dann auch zur ­Auflehnung gegen den Vater und zu der Tragödie um die Fluchtpläne mit Freund Hans Hermann von Katte, für die dieser hingerichtet wurde.

Im fünfjährigen Schlesien-Krieg zeigt der neue König dann keine Abneigung mehr gegenüber dem Militär. Beim Triumphzug durch Berlin rufen ihn Claqueure zu »Friedrich dem Großen« aus. Es folgen Reformen nach innen. Der König kümmert sich persönlich um die Bauern, macht den Oderbruch urbar. Es entsteht der Mythos vom fürsorglichen Landesherren. Die Leibeigenschaft schafft Friedrich aber nicht ab. Knechte wie auch Juden dürfen nicht »nach ihrer Façon« leben.

Nach den jüngst veröffentlichten »Schatullrechnungen« war es auch mit einer angeblichen Sparsamkeit nicht so weit her. Seine berühmten Windspiel-Hunde, neben denen er unbedingt begraben werden wollte, waren ihm pro Jahr 20 Taler wert – es war das Jahresgehalt seiner Klofrau. Und um auch im Januar sein Lieblingsobst verspeisen zu können, gab er für Kirschen 396 Taler aus.

Es sind nicht die einzigen Kosten, die dem Staat entstehen. Friedrichs »Siebenjähriger Krieg« (1756–1763) gegen Österreich, Russland und Frankreich wird nicht nur zum finanziellen Desaster.

Ganze Landstriche werden verwüstet, mit einer Million Toten verliert das Land proportional mehr Einwohner als Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Nur der frühe Tod der russischen Zarin rettet Friedrich. Um die zerrütteten Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen, reduziert er sogar heimlich den Edelmetallanteil. Der Monarch wird zum Falschmünzer.

Der Krieg bringt Friedrich an den Rand der Selbsttötung. Fast hätte er zu den 18 giftigen Opiumpillen gegriffen, die er ständig um den Hals trägt. Doch der Tod ereilt ihn erst mehr als zwei Jahrzehnte später. Friedrich, schwerkrank und unter wachsender Atemnot leidend, stirbt in einer Augustnacht 1786 in einem Sessel des von ihm erbauten Lieblingsschlosses Sanssouci in Potsdam. Seine Gemahlin, mit der er keine Kinder hatte und die er auch schon mal als »Kuh« angesprochen haben soll, hatte er ein halbes Jahr zuvor das letzte Mal gesehen.

Nicht nur in ihren Augen dürfte Friedrich »das alte Ekel« gewesen sein. Die Trauer nach seinem Tod hielt sich offenbar in engen Grenzen: »Alle Welt beglückwünschte sich«, ­notierte einer seiner letzten Besucher, der französische Marquis de Mirabeau. »Kein Bedauern wird laut.«

Jürgen Heilig, (epd)

86 Takte Friedensvision

12. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Einstudierung: Motette »Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen«

Wer sich in einen Selbstversuch begibt, ist Überzeugungstäter. Auf Ludger Vollmer trifft dies zu. Der Vollblutmusiker und Christ gehört zu jenen 20 Komponisten, deren Werke sich im druckfrischen Luther-Chorbuch finden.

Der renommierte Künstler Ludger Vollmer probt mit dem Weimarer Madrigalchor. Fotos: Maik Schuck

Zum Auftakt des Themenjahres »Reformation und Musik« erschien zu Jahresbeginn das »Luther-Chorbuch«, eine Initiative verschie­dener Thüringer Musikverbände und ­Institutionen. Zeitgenössische Komponisten lieferten Beiträge zu Luther-Texten. Da die Werke für Laienchöre gedacht sind, studiert Ludger Vollmer seine Komposition mit dem Madrigalchor Weimar selbst ein und wird auch die Uraufführung im Rahmen des Festaktes am 18. Januar, um 19.30 Uhr, in der Erfurter Thomaskirche leiten. Derzeit laufen die Proben.

Mittwochabend, in einem Seminarraum der Bauhausuniversität Weimar: Die Tische sind übereinandergestellt, die Stühle zusammengesucht, das alte Klavier zurechtgerückt. Es wird eng, wenn alle der gut 40 Sängerinnen und Sänger da sind. Sie kommen sozusagen in alter Verbundenheit hierher, auch wenn optimale Probenbedingungen anders aussehen.

Bis 1992 gehörte der Madrigalchor zur Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar. Und er ist der jetzigen Universität als Verein dankbar, in diesem Raum kostenlos proben zu können. Inzwischen ist die Dominanz der Bauberufe im Chor gewichen, die Altersspanne reicht vom Studenten bis zum Senioren – der Chor ist ein Stück Leben nach dem Arbeitsalltag.

»Lasst uns mal einen Durchlauf wagen, dann hören wir gleich, wo noch Arbeit ist.« Ludger Vollmer steht aufmunternd vorm Chor. – Schon nach den ersten Takten wird klar: Eine zusätzliche Wochenendprobe ist unabdingbar. »Ihr Tenöre, hört doch mal auf den Sopran. Ensemble-Singen heißt, ein inneres Bewusstsein zu entwickeln, Töne weiterzureichen. Singt euch gegenseitig an, wenn’s hilft!« Es hilft, diese Hürde ist genommen. Die nächste liegt beim Bass. »Der Registerwechsel ist für euch schwer, ich weiß das.

Aber beim Komponieren ist das nun mal so.« Es klingt fast wie eine Entschuldigung, aber die hat Ludger Vollmer hier nicht mehr nötig. Schon nach der ersten Probe im Dezember vergangenen Jahres war die anfängliche Skepsis und Befangenheit des Chores in Leistungsbereitschaft gewechselt. Da steht einer vorn, dessen Intensität mitzureißen vermag und der ohne jede Attitüde überzeugen will.

Ludger Vollmer lebt in Weimar. Seit 1993 arbeitet er als freischaffender Komponist und Musiker. International renommierte Künstler führen seine Werke auf, das Oeuvre reicht von Opern, Filmmusiken bis zu Streichquartetten, in Europa, Australien, den USA und Fernost wird er als Komponist gefeiert. »Es ist nur ein kleines Stück, was wir hier machen, aber es steht viel dahinter.« Und zur Demonstration eilt Vollmer im Weimarer Seminarraum zur Wand, umreißt mit großer Gebärde die riesigen Tempelsteine in Jerusalem. »Die lassen sich nicht verrücken, das muss man hören, wenn ihr vom Berg singt, ›da des Herren Haus fest steht‹. Das ist keine Kammermusik, da muss ein Klang sein, dass die Thomaskirche wackelt!«

Musik und besonders jene, die mit einem frei gewählten Text verbunden ist, wird zu einem persönlichen Bekenntnis ihres Schöpfers. Ludger Vollmer hat seiner Motette »Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen« das Bibelwort aus Jesaja 2, Verse 1 bis 4, in der Übersetzung von Martin Luther zugrunde gelegt. Der 1961 in Berlin-Köpenick Geborene studierte von 1984 bis 1990 Violine, Viola und Komposition in Leipzig.

Bei den friedlichen Demonstrationen war er dabei, sah die aufmarschierten Kampfgruppen im Herbst 1989. Das sei ein Grund, weshalb er diese Friedensprophezeiung gewählt habe. Der andere: die Eindrücke 2010 in Israel. Ein Arbeitsstipendium des Thüringer Kultusministeriums hatte ihm einen längeren Aufenthalt in Israel ermöglicht als Vorstudium für die Oper »Crusades«. Sie beschäftigt sich mit den Spätfolgen der Kreuzzüge. »Ich wollte wissen, warum es damals wie heute religiös motivierte Kriege gibt.«

Seine nächtlichen Erlebnisse in der Grabeskirche von Jerusalem, wo er den liturgischen Gesängen der armenischen Christen lauschte, fanden Eingang in die Motette, die eine Art musikalische Studie für sein Opernprojekt darstellt.

Der Komponist Ludger Vollmer.

Der Komponist Ludger Vollmer.

Ludger Vollmer ist Katholik. Für ihn ist Luther ein spirituelles Genie und ein Held, dessen emotionale ­Bindung an Gott ihn tief beeindruckt. »Ich möchte, dass Zuhörer wie Ausführende diese beiden Aspekte auch in meiner Komposition erspüren und emotional ergriffen werden. Für Luther war die Musik ein wichtiges Mittel, Gott zu preisen, und keines der Ablenkung. Das hat auch einen starken Widerhall in der katholischen Kirche gefunden.« Vollmer freut sich sehr, zum Luther-Chorbuch einen Beitrag leisten zu dürfen.

»Für uns ist das Projekt eine große Herausforderung und eine einzigartige Chance, ein zeitgenössisches Stück gemeinsam mit dem Komponisten zu erarbeiten. Die Kraft der Musik und des Textes und der Geschichten dahinter sind eine bereichernde Erfahrung und Motivation«, so Uta Tannhäuser vom Vorstand des Madrigalchores.

»Ich bedanke mich für die schweißtreibende Probe«, sagt Ludger Vollmer leicht erschöpft, aber mit fröhlichem Gesicht. Die Choristen räumen wieder ein, stellen Pappmodelle von Häusern und Städten zurück. Es geht auf halb elf zu. Sie haben fast eine Stunde länger als normal geprobt. Die Zeit verflog, die Begeisterung aber bleibt.

Uta Schäfer

Lang, Peter Helmut (Hg.): »…ich kann nicht anders«. 20 neue Kompositionen für gemischten Chor zum Themenjahr »Reformation und Musik« 2012, Strube Verlag, 127 S., ISBN 978-3-89912-158-2, Einzelpreis: 15 Euro, Staffelpreise möglich

Wenn Musik predigt

5. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Friedrich Hänssler, der im März 85 Jahre alt wird, leitete als Theologe und Musikwissenschaftler jahrzehntelang den vom Vater übernommenen Verlag und machte ihn zu einem der führenden christlichen Verlagshäuser in Deutschland. Foto: privat

Friedrich Hänssler, der im März 85 Jahre alt wird, leitete als Theologe und Musikwissenschaftler jahrzehntelang den vom Vater übernommenen Verlag und machte ihn zu einem der führenden christlichen Verlagshäuser in Deutschland. Foto: privat


 
Interview: Friedrich Hänssler und sein Verlag stehen bis heute vor allem für exquisite geistliche Musik

Unter den Verlegern christlicher Musik war er einer der bedeutendsten: Friedrich Hänssler, langjähriger Inhaber des gleichnamigen, heute zur Stiftung Christliche Medien gehörenden Verlags. Zusammen mit dem Dirigenten Helmuth Rilling brachte er eine Ausgabe sämtlicher Bachwerke auf CD auf den Markt. Zum Jahr der Kirchenmusik hat Benjamin Lassiwe mit ihm gesprochen.

Herr Hänssler, welche Musik hören Sie privat am Liebsten?
Hänssler: Im Laufe der Zeit hat sich natürlich mein recht breit angelegter Musikgeschmack immer wieder einmal gewandelt. Aber am Liebsten höre und beschäftige ich mich mit Johann Sebastian Bach. Das war dann auch der Grund für die Gesamtausgabe seiner Werke auf 172 CDs, die wir mit Helmuth Rilling aufgenommen haben. Meine erste selbst gekaufte Schallplatte war allerdings die »Psalmensymphonie« von Igor Strawinsky.

Was fasziniert Sie so an Johann Sebastian Bach?
Hänssler: Eigentlich alles: seine Kompositionsweise, die kunstvolle Durchführung der musikalischen Themen in seinen Instrumentalwerken, der wunderschöne Klang seiner Musikstücke. Aber vor allem erkenne ich in seinem geistlichen Werk eine ganz starke Bindung an die Bibel: Bach lebte mit seiner Lutherbibel, das sieht jeder, der das Glück hatte, sich einmal seine in den USA wieder aufgefundene Bibel ansehen zu dürfen. Sie ist voller Unterstreichungen und persönlicher Bemerkungen. Und nicht umsonst hat ja auch der schwedische Erzbischof Nathan Söderblom Bach als den fünften Evangelisten bezeichnet. Denn Bach hat mit seiner Musik gepredigt: Vor allem seine Kantaten legen durch Text, Wort und Musik das Sonntagsevangelium oder die Epistel nicht weniger aus als es der Prediger tut.

Warum war und ist Johann Sebastian Bach so erfolgreich?
Hänssler: Ehrlicherweise muss man sagen, dass Bach zu Lebzeiten nicht sonderlich erfolgreich war. Er war ein brillanter Orgelspieler und ein gefürchteter Prüfer neu errichteter Orgeln. Aber seine Genialität als Komponist wurde erst viel später erkannt. Von seinen rund 200 erhaltenen Kantaten wurde nur eine einzige zu seinen Lebzeiten gedruckt. Und von seinem »Musikalischen Opfer«, das er dem preußischen König Friedrich II. in Berlin gewidmet hatte, wurden bis 1756, also bis sechs Jahre nach seinem Tod, nur 30 Exemplare verkauft.

Heute gilt er als Genie. Was geschieht mit Ihnen, wenn Sie Bach hören?
Hänssler: Die Musik Bachs spricht mich ganz persönlich an. Sie strahlt eine unwahrscheinliche Ruhe aus, etwas wirklich friedvolles, und das auch in ihren schnellsten Passagen. Und umgekehrt ist es etwas so Konstruiertes, etwas so planvoll Komponiertes, dass selbst moderne Jazzmusiker heute am Beispiel von Bach studieren, wie man komponiert.

Umgekehrt sind viele geistliche Choräle aus alten Zeiten heute vergessen …
Hänssler: Es ist nichts so beständig, wie die Veränderung. Das gilt auch für geistliche Lieder. Bei der unerbittlichen Sichtung, die die Zeit über die Jahrhunderte hinweg vornimmt, bleibt eben nur beste Qualität übrig. Wahrscheinlich liegt es aber auch ­daran, dass die Choräle eines Paul Gerhardt und eines Philipp Nicolai und anderer durch schwere Lebenssituationen zu echten Glaubenszeugnissen geworden und bis heute auch geblieben sind.

Ihr Verlag hat stets auch moderne Kirchenlieder herausgebracht. Was ist denn nun besser? Ein Dieter Trautwein von heute oder ein Paul Gerhardt von damals?
Hänssler: Ich würde das nicht vergleichen wollen. Singen geistlicher Musik ist nicht nur Lob, Bekenntnis und Verkündigung, sondern auch Antwort auf das verkündigte Wort. Und diese Antwort wird von jeder neuen Generation neu formuliert. Das führt oft zu einer persönlicheren Identifikation mit den Texten.

Jahrhundertelang hat es in allen Kirchen ähnliche Lieder gegeben – warum geht es heute so stark auseinander? Warum singen die einen Kirchentagslieder von Fritz Baltruweit und die anderen Lobpreissongs?
Hänssler: Das ist eine Frage, die schwer zu beantworten ist. Ich will jetzt nicht den Begriff der Parallelgesellschaften verwenden, aber vielleicht liegt es daran, dass sich die Kirchen stärker auseinanderentwickelt haben. In den Landeskirchen waren die Kirchentage wichtige Ereignisse für die Kirchenmusik. Ihr Liedgut ist in die Gemeinden eingezogen. Die Freikirchen und ähnliche Gruppierungen hingegen waren eher kirchentagsabstinent. Sie waren mehr mit den USA verbunden, und haben von dort viele Impulse übernommen: im Musikstil wie in den Texten.

Was sind denn die Herausforderungen für die Kirchenmusik im Jahr der Kirchenmusik?
Hänssler: Die Aufgabe der Kirchenmusik ist schwerer geworden – denn überall ertönt der Ruf, dass die Gottesdienste verlebendigt werden sollen. Dabei steht so vieles im Angebot, vom ganz banalen, wohl nur gut gemeinten, manchmal mit großer Einbildung vorgetragenen, aber nicht guten, bis zur Exklusivität mancher Superspezialisten, die nur Kunstverständnis zelebrieren. Meiner Ansicht nach ist die Aufgabe der Kirchenmusik, die Kriterien, die das Neue Testament uns vorgegeben hat, wieder neu zu beachten: hin zur Gemeinde, hin zu Gott und hin zum Nächsten. Martin Luther gibt uns da eine Leitlinie, wie das zu geschehen hat: »Es muss beides, Text und Noten, Accent, Weise und Gebärde aus rechter Muttersprache und Stimme kommen.«

Und was wünscht sich der Musikverleger im Jahr der Kirchenmusik?
Hänssler: Wünschen würde ich mir zunächst einmal, dass generell wieder viel mehr gesungen wird. Im Gottesdienst, in der Familie, auch in der Schule. Die ständige Berieselung mit Musikkonserven ist für das Singen keinesfalls förderlich. Ich sehe einen gewissen Niedergang bei Jugendchören, einen steigenden Altersdurchschnitt bei Laienchören, auch bei Kirchenchören.

Nur bei der Gospelmusik gibt es ein großes Wachstum – sie entspricht den Lebensäußerungen mancher Menschen heute vielleicht mehr. Entscheidend scheint mir, dass zeitgenössische Dichter und Komponisten und Ausführende Formen finden, bei denen sie vom Bibelwort erfüllt sind, dass sie dessen Bote sein möchten – ein Bote, der nicht nur eine Order überbringt, sondern sich persönlich damit identifiziert.

Am Fuße des Vesuvs

2. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zeigt Kunst und Alltag in der antiken Stadt Pompeji

Ösen in Form von Sirenenköpfen, die zu einem Eimer römischer Herkunft gehörten. Sie wurden bei Grabungen in Quetzdölsdorf im Landkreis Anhalt-Bitterfeld gefunden. Foto: Klaus-Peter Voigt

Ösen in Form von Sirenenköpfen, die zu einem Eimer römischer Herkunft gehörten. Sie wurden bei Grabungen in Quetzdölsdorf im Landkreis Anhalt-Bitterfeld gefunden. Foto: Klaus-Peter Voigt


Die neue Landesausstellung Sachsen-Anhalts steht unter dem Titel »Pompeji – Nola – Herculaneum. Katastrophen am Vesuv«. Sie zeichnet das römische Leben am Hang des Vulkans nach.

Vesuv, das Wort allein weckt Assoziationen. Neapel und sein Feuer speiender Berg sind ein Begriff für Leid und Urgewalten. Gerade einmal 140 Meter höher als der Brocken hat der einzige auf dem europäischen Festland noch tätige Vulkan Geschichte geschrieben. Seit 1944 schlummert er in trügerischer Ruhe. Faszination ging von ihm zu allen Zeiten aus. Die Menschen an seinem Fuß blickten stets in Sorge auf den Krater.

Schon die Neandertaler erlebten vermutlich an den Hängen des Vesuvs Explosionen. Frühe Siedlungen aus der Bronzezeit wurden durch Asche und Lava verschüttet. Historiker und Archäologen sehen in solchen Funden nahezu einen Glücksfall, für die Menschen, die sich nicht retten konnten, waren die Ausbrüche eine Katastrophe. Das Hallesche Landesmuseum für Vorgeschichte greift das spannende Thema auf.

Die Ausstellung »Pompeji« widmet sich den zahlreichen Artefakten, die ein nahezu vollständiges Bild römischer Alltagskultur der Zeit 79 vor Christus widerspiegeln. Nur scheinbar ist zu diesem Thema alles gesagt. Die Wissenschaftler aus Sachsen-Anhalt blieben nicht bei der puren Rezeption der damaligen Ereignisse, sie wollten etwas Eigenständiges schaffen. So erlebt der Betrachter nicht eine der klassischen Wanderexpositionen zu diesem Thema, sondern eine Schau mit 600 originalen Exponaten vom kleinen Glasgefäß bis zu kompletten Räumen. Viele sind Leihgaben unter anderem aus dem Nationalmuseum in Neapel.

Die Zusammenarbeit mit den Machern des Projektes sei »hervorragend und fruchtbar« gewesen, sagt dessen Direktorin Valeria Sampaola. Sie lobt die dreijährige Vorbereitung und freut sich, dass im Land von Johann Joachim Winckelmann, des in Stendal geborenen Begründers der wissenschaftlichen Archäologie, historische Bezüge in die Antike dargestellt werden.

Und in der Tat, Parallelen finden sich an vielen Stellen zum Mitteldeutschen Raum. Erstmals wird in solcher Deutlichkeit gezeigt, dass die ganze Region zur Zeit des Untergangs von Pompeji enge Kontakte mit Italien verbanden. Das Grab einer reichen Germanin, entdeckt 2008 in einem Urnengräberfeld bei Profen im Burgenlandkreis und nun erstmals öffentlich gezeigt, belegt solche Beziehungen.

In ihre Urne hatten unsere Altvorderen ihren prachtvollen Goldschmuck gelegt. Und eine Kette aus dieser Bestattung findet eine Entsprechung in Funden der Städte am Vesuv. Selbst ein kleines Achatgefäß aus Kleinjena belegt frühe Handelsbeziehungen, wenn es auf sein Gegenstück aus Italien trifft.

Die Inszenierung der gesamten Ausstellung ist gelungen. Konzentration auf das Wesentliche, im richtigen Licht präsentierte Objekte, die Darstellung ganzer Gebäudeteile mit großformatigen und qualitativ hochwertigen Fotos sowie originalen Stücken lässt Geschichte nachvollziehbar werden. Nichts setzt allein auf den Schaueffekt um seiner selbst willen.

Fußabdrücke, die flüchtende Menschen des Dorfes Nola um 1900 vor Christus bei einem Vulkanausbruch hinterließen, sind zu sehen. Aber auch die Abdrücke von Menschen, die Pompeji nicht mehr rechtzeitig verlassen konnten. Beeindruckend die Casa del Menandro (Haus des Menander), denn dieses Haus wurde komplett ausgegraben und nun in einer bislang außerhalb Italiens in solcher Vielfalt nie gezeigten Fülle vorgestellt. Eines der größten repräsentativen Häuser Pompejis lässt ein wenig vom Alltag erahnen.

Ein Korkmodell erleichtert die Orientierung. Möbelbeschläge, Amphoren, und fantastisch erhaltene Silbergefäße belegen den Reichtum der Bewohner. Im Zentrum finden sich gehobene Wohn- und Empfangsräume. Gladiatorenspiele waren Bestandteil des Lebens im antiken Rom. Verzierte Helme und Beinschienen aus einer Kaserne der untergegangenen Stadt dienen als Beleg für die unterschiedlichen Gattungen der Kämpfer.

Als Korrespondenzstandort der Ausstellung empfiehlt sich nahezu das Schloss Wörlitz. Vom 21. April bis zum 26. August werden dort »Fremde Welten ganz nah« zu sehen sein. Eine logische Folge, denn dieser Ort und das ganze Dessau-Wörlitzer-Gartenreich hat ein Stückweit das Interesse am Vesuv und der Antike nach Sachsen-Anhalt getragen. Fürst Franz bestieg 1766 selbst den Vesuv.

Seine Grandtour führte ihn durch Europa, er besuchte Pompeji und Herculaneum. Seine Eindrücke fanden später Eingang in seine Anlagen. Der künstliche Vulkan auf der Insel Stein – am 24. August soll er wieder einmal »ausbrechen« – gehört zu den Nachwirkungen der Entdeckerreise. Mit ihm begann die Antikenrezeption nördlich der ­Alpen. In seinen Schlössern geht ein Großteil der Ausstattung auf diese Zeit zurück. Die Nachahmung der Villa Hamilton gehört dazu. Das Gebäude mit dem angrenzenden Vulkan ruht auf neun Pfeilern.

Klaus-Peter Voigt

Die Ausstellung »Pompeji – Nola – Herculaneum. Katastrophen am Vesuv« ist bis zum 8. Juni 2012 im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zu sehen. Sie ist dienstags bis freitags von 9 bis 17 Uhr und am Wochenende von 10 bis 18 Uhr ­geöffnet.

Perlen der Filmkunst zu Weihnachten

26. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Gemütliche Flimmerstunde in Familie. Foto: ddpimages

Gemütliche Flimmerstunde in Familie. Foto: ddpimages


 

Fernsehen: Zum Weihnachtsprogramm gehören Spielfilme, die den Geist der Versöhnung und des Friedens aufnehmen.

 
Es lohnt sich, an den Weihnachtstagen einen Blick ins Fernsehprogramm zu werfen. Neben Thriller, Action- und Horrorfilmen gibt es auch spannende Filme mit weihnachtlichem Flair.
 
Alle Jahre wieder, kommt …« das Weihnachtsprogramm der Fernsehsender und damit spätestens ab 22 Uhr am Heiligabend Thriller, Action- und Horrorfilme mit Titeln wie »Tödliche Weihnachten«, »Scream 2« oder »Stirb langsam 2«.
 
Daneben gibt es aber auch Perlen der Filmkunst mit weihnachtlichem Flair, versteckt im vorweihnachtlichen Programm, im Nachmittagsprogramm oder spät in der Nacht. Filme wie »Ist das Leben nicht schön?«, »Der kleine Lord« oder eine der vielen Verfilmungen von Charles Dickens klassischer Weihnachtsgeschichte »A Christmas Carol in Prose«.
 
Jahr für Jahr appellieren die Kirchen an die Sender, das Weihnachtsprogramm weniger blutig zu gestalten. »Ich bin mit allen Sendern darüber im Gespräch. Und auch bei den Privatsendern ist der Heilige Abend, zum Teil auch der erste Feiertag, moderat, feiertagsgemäß und familienfreundlich programmiert«, sagt Oberkirchenrat Markus Bräuer, Medienbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ab 22 Uhr am zweiten Feiertag sehe es dann aber oft anders aus: Der Quotendruck, der Wettbewerb sei hart, und dann werde oft auf den bewährten Blockbuster gesetzt.
 
Thriller sind laut Bräuer aber auch am zweiten Weihnachtstag und zu später Stunde deplatziert. Das Angebot an spannenden Filmen sei so groß, dass nicht auf Actionthriller gesetzt werden müsse, um die Quoten zu erreichen.
 
Ein gutes Weihnachtsprogramm spiegelt nach Ansicht Bräuers die Botschaft des Christfestes in allen Fernsehformaten: Fernsehgottesdienste in ARD und ZDF, die auch die Menschen, die nicht selbst in die Christvesper gehen können, über die Weihnachtsbotschaft aufklärt. Reportagen, die historische Kenntnisse über die Zeit Jesu und das Heilige Land vermitteln. Dokumentationen, die zeigen, wie viele Ehrenamtliche es zu einem Teil ihres Lebens gemacht haben, die Menschenfreundlichkeit Gottes weiterzugeben und in der Kältehilfe oder der Obdachlosenarbeit tätig sind.
 
Das ist das Programm, das er sich wünscht. »Für mich gehören auch Spielfilme dazu, die den Geist der Versöhnung und des Friedens aufnehmen«, sagt der Medienbeauftragte. Versöhnung, Frieden, die Wandlung vom bösen zum guten Menschen, der Sieg der scheinbar Schwachen und Armen über die Reichen und Hochmütigen – das sind auch die klassischen Themen der großen ­Weihnachtsfilme. Dabei taucht immer wieder ein Archetypus, eine charakteristische Figur auf: der Menschenfeind. Oft reich und geizig, fast immer hartherzig und gefühlsarm, aber nicht unbedingt von Grund auf böse. Manchmal ist er derjenige, der im Mittelpunkt der Handlung steht und sich wandelt, manchmal muss der Protagonist ihn überwinden.
 
Eine der besten Darstellungen dieses Archetypus ist Charles Dickens in seiner Erzählung »A Christmas Carol in Prose« – zu Deutsch »Eine Weihnachtsgeschichte« – mit seiner Hauptfigur Ebenezer Scrooge gelungen. Die Geschichte spielt zu Weihnachten. Scrooge ist seit dem Tod seines Geschäftspartners Jacob Marley einziger Inhaber eines Warenhauses im England des 19. Jahrhunderts. Seinen einzigen Angestellten beutet er aus. Seinen einzigen Verwandten, seinen Neffen, der ihn zum Weihnachtsessen einladen will, weist er kalt zurück. Für zwei Männer, die für arme Menschen Geld sammeln, hat er nur Hohn und Spott.
 
Am Heiligen Abend erscheint Scrooge der Geist seines verstorbenen Geschäftspartners Marley und prophezeit ihm ein düsteres Ende für den Fall, dass er sein Leben nicht ­grund­legend ändere.
 
Den Geist des Miteinanders, das selbstlose Geben, die Armut des materiell Reichen und der Reichtum dessen, der Freunde hat – wohl kein Film vereint diese Themen besser als der Weihnachtsklassiker schlechthin: »Ist das Leben nicht schön?« von 1946. James Stewart ist George Bailey, der in der verschlafenen Kleinstadt Bedford Falls lebt. Als sein Vater stirbt, muss er seine hochfliegenden Pläne, die Welt zu bereisen und zu studieren, fallen lassen und die kleine Bausparkasse »Building and Loan« übernehmen. Privat findet er sein Glück mit seiner Jugendliebe Mary, doch beruflich gibt es immer wieder Rückschläge, und alle anderen scheinen an ihm vorbeizuziehen. Sein kleiner Bruder, dem er einst das Leben rettete, wird zum Baseball-Star und zum Flieger-Ass, sein bester Freund schwimmt in Geld und besitzt mehrere Fabriken. Seine Hochzeitsreise fällt aus, weil er das Geld in der Wirtschaftskrise braucht, um die Kunden seiner Bausparkasse zu bedienen.
 
Und dann ist da noch sein Gegenspieler: Mr. Potter, Besitzer von Mietskasernen, Banken und vielem mehr in Bedford Falls, hartherzig, gierig, nur auf Profit orientiert – unser Archetypus. George ist mit seiner Bausparkasse Potter ein Dorn im Auge. Denn George ermöglicht den ärmeren Menschen, sich ein Eigenheim zu bauen und aus Potters Mietskasernen auszuziehen. Doch dann passiert das Unglück: Die »Building and Loan« muss Potter 8000 Dollar zurückzahlen, und Georges Onkel verliert das Geld – und das zu Weihnachten. Die Pleite droht, George verzweifelt und will sich umbringen; wünscht sich gar, er hätte nie gelebt. Doch der Himmel schickt George einen Engel, um ihn zu retten.
 
Jochen Krümpelmann

Empfehlenswerte Weihnachtsfilme
Ist das Leben nicht schön? ZDF, 25. 12., 0.35 Uhr, auf DVD erhältlich.
Der kleine Lord ARD, 23. 12., 20.15 Uhr und 24. 12., 13.15 Uhr sowie in mehreren dritten Programmen.
Charles Dickens: Eine Weihnachtsgeschichte, mehrere Verfilmungen zum ­Beispiel: Die Geister, die ich rief, Kabel 1, 26. 12., 20.15 Uhr, auf DVD erhältlich, modernisierte Fassung der Geschichte Charles Dickens – Eine Weihnachtsgeschichte, Das Vierte, 24. 12., 20.15 Uhr, auf DVD erhältlich.
Schöne Bescherung, Vox, 24. 12., 20.15, auf DVD erhältlich.
Der Polarexpress, RTL, 25. 12., 16.15 Uhr, auf DVD erhältlich.
Noch ein Tipp: Ähnlich wie zu Silvester »Dinner for one« genießt bei vielen zu Weihnachten Loriots Sketchsammlung »Weihnachten bei Hoppenstedts« Kultcharakter, WDR, 26. 12., 17.40 Uhr.

»Mein Leben wird von unsichtbarer Hand geführt«

16. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Der Schauspieler Horst Krause alias Dorfpolizist Horst Krause über seine Arbeit, sein Leben und den Glauben

Der Brummbär in der Kirchenbank: (v. l.) Elsa Krause (Carmen-Maja Antoni), Horst Krause (Horst Krause), Meta Krause (Angelika Böttiger) und Rudi Weißglut (Tilo Prückner) im neuen Fernsehfilm »Krauses Braut«. Foto: rbb/Arnim Thomaß

Der Brummbär in der Kirchenbank: (v. l.) Elsa Krause (Carmen-Maja Antoni), Horst Krause (Horst Krause), Meta Krause (Angelika Böttiger) und Rudi Weißglut (Tilo Prückner) im neuen Fernsehfilm »Krauses Braut«. Foto: rbb/Arnim Thomaß


Horst Krause ist als liebenswert grummelnder Dorfpolizist im brandenburgischen »Polizeiruf« einem Millionenpublikum bekannt. Am 18. Dezember wird der Schauspieler 70. Am 20. Dezember ist er in der ARD in »Krauses Braut« zu sehen. Steffen Reichert sprach mit ihm.

Herr Krause, Sie werden in Ihren Interviews immer wieder auf die Kons­tellation angesprochen, Horst Krau­se vs. Horst Krause. Heute sollen Sie stattdessen sagen, ob Sie das nervt. Es ist ja für den Zuschauer tatsächlich schwer auseinanderzuhalten, was bei Horst Krause Fiktion und was Realität ist.
Krause: Das ist auch für den Zuschauer unwichtig. Wichtig ist, dass sich der Zuschauer mitgenommen fühlt. So, dass die Frage eigentlich gar nicht auftaucht. Wenn die Frage wirklich auftaucht – was ist Krause, was ist Figur –, dann stimmt vielleicht auch beim Zuschauer was nicht.

Sie sind in den letzten zehn, 15 Jahren ganz stark über die Rolle Krause identifiziert worden …
Krause: Also, wollen wir mal so sagen: Die Wende war für mich ein völlig neuer Abschnitt im Leben. Nach der Wende entdeckten auf einmal Leute Dinge bei mir, die vorher nicht gesehen wurden. Oder vielleicht vorher nicht gesehen werden wollten. Aus welchen Gründen, weiß man nicht. Aber auf jeden Fall – nach der Wende brach für mich eine Zeit an, für die ich dem Schöpfer danken kann.

Denken wir nur an die Geschichte mit der Frotteeunterwäsche. Sie beschwerten sich bis hin zum Parteisekretär eines Chemnitzer Kaufhauses, weil man Ihnen nicht fünf Garnituren verkaufen wollte. Sie waren also offensichtlich jemand, der auch schon vor 1989 deutlich gesagt hat, was er denkt.
Krause: Ja, aber so portioniert, dass man nicht sagen konnte: Der ist gesellschaftsfeindlich eingestellt. Sondern ich habe das so vorgetragen, dass man die Möglichkeit hatte, mich zu korrigieren.

War die Zeit in Chemnitz eigentlich Ihre schönste, Ihre prägendste Zeit?
Krause: Die längste Zeit. Ich war 15 Jahre in Chemnitz am Theater. Danach bin ich ja nach Dresden gegangen.

Sie haben mal gesagt, Sie hätten sich da unterfordert gefühlt …
Krause: Jaja, ich hätte dort vielleicht auch andere Rollen spielen können. Wenn ich mir überlege, was dort gemacht wurde – Don Quichotte und Sancho Pansa. Da hätte ich mich schon als Sancho Pansa gesehen. Aber die Konzeption hätte natürlich eine völlig andere sein müssen. Ich weiß nicht, woran es lag. Ob es an mir lag oder der damaligen Führung.

Ihr Repertoire ist sehr breit angelegt. Welche religiöse oder historische Rolle würden Sie gerne einmal spielen?
Krause: Mich hat immer sehr »Nathan der Weise« interessiert. Aber ich glaube nicht, dass ich ihn in meinem Leben noch spielen werde.

Verbinden Sie mit Kirche beziehungsweise mit Glaube ein besonderes Erlebnis, eine besondere Erfahrung?
Krause: Ja, ich glaube, dass mein ­Leben von einer unsichtbaren Hand geführt wird und habe den Eindruck, das auch zu spüren.

Haben Sie denn schon einmal in einer Kirche als einem Ort der Ruhe gedreht, die plötzlich zum hektischen Tatort wurde?
Krause: Diese Situation hatten wir einmal bei einem »Polizeiruf«. Aber in diesem Fall wird die Kirche zu einem Drehort wie jeder andere.

Nun steht ja in diesem Jahr ein großes Jubiläum an: Wohl wissend, dass Sie eher ungern über Ihr privates ­Leben reden …
Krause: Ja, das möchte ich nicht.

Wollen Sie dennoch sagen, wie Sie diesen 70. Geburtstag im Dezember feiern werden?
Krause: Ich werde nicht zu erreichen sein.

Mit diesem Jubiläum verbindet sich aber eine Frage …
Krause: Ich habe kein Jubiläum.

Okay. Dennoch: Ihr Kollege Peter Sodann ist als »Tatort«-Kommissar vom MDR mit 70 in den Ruhestand geschickt worden.
Krause: Wir sind beide nicht zu vergleichen!

Aber normalerweise wird man als Polizeibeamter spätestens mit 67 Jahren pensioniert. Denken Sie darüber nach?
Krause: Nein, denke ich nicht, weil ich glaube, dass das die Zeit entscheidet. Und da soll man nicht drüber nachdenken. Man soll sich auf das Heute freuen! Über das Gestern nachdenken und sich auf das Morgen auch freuen!

Das kommt ja wie in Stein gemeißelt. Was haben Sie denn sonst noch für Pläne – Theater zum Beispiel?
Krause: Ich mache manchmal unbewusst Theater.

Mal im Ernst…
Krause: So, wie ich im Moment zu tun habe, das genügt mir. Weil ich ja auch mit meiner Freizeit gerne etwas anzufangen weiß. Was kommt, wird gemacht, mit Freude gemacht. Wie war das bei Goethe? Ältestes bewahrt mit Treue, freundlich aufgefasstes Neue.

Advent und Weihnachten sollen im biblischen Sinne einladen zum Innehalten. Haben Sie Gelegenheit dazu?
Krause: Die innere Einkehr ist bei mir nicht an die Jahreszeit gebunden.

Fernsehtipp: »Krauses Braut« wird am
20. Dezember 2011 um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.

 
Zur Person
Horst Krause, geboren in Bönhof in Westpreußen, feiert am 18. Dezember seinen 70. Geburtstag. Im Zuge der Vertreibung als eines von fünf Kindern 1947 ins brandenburgische Ludwigsfelde gekommen, wuchs er in ärmlichen Verhältnissen auf. Er absolvierte eine Lehre als Traktorist, arbeitete als Laienschauspieler und wurde nach einem Schauspielstudium 1969 in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) engagiert. Seinen nationalen Durchbruch erreichte er erst nach 1990. Krause drehte u. a. mit Hape Kerkeling und Wolfgang Stumph, Joachim Król, Evelyn Hamann und Gerd Dudenhöfer – meist stellt er humorvoll-markante Typen dar. ­Inzwischen als grummelnder, liebenswerter Polizeihauptmeister beim ­»Polizeiruf« des RBB ermittelnd, ist er längst einem Millionenpublikum ­bekannt. Aus dieser Krimireihe heraus ­entwickelte sich die erfolgreiche Filmreihe »Krauses Fest«, die den Polizeibeamten privat mit seinen Sorgen und Nöten zeigt.

Ganz und gar Familienmensch

12. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Martin Luther und seine Familie

Gemälde von Gustav Adolph Spangenberg »Luther im Kreise seiner Familie«. Foto: akg-images

Gemälde von Gustav Adolph Spangenberg »Luther im Kreise seiner Familie«. Foto: akg-images


Mein Herr hat mich plötzlich, während ich ganz andere Gedanken hatte, wunderbar in die Ehe geworfen mit Katharina Bora, jener Nonne«, schrieb Martin Luther am 20. Juni 1525 voller Begeisterung an seinen Freund und Mitstreiter Wenzeslaus Linck. Und das, obgleich er da noch keine »hitzige Liebe oder Leidenschaft« für seine Frau empfand. Hatte er selber sich auch mit der Ehe schwergetan – noch drei Jahre zuvor schrieb er: »Mir graut und ich predige nicht gern vom ehelichen Leben, deshalb, weil ich befürchte: wo ichs einmal recht anrühre, wird’s mir und andern viel zu schaffen geben – so galt sie ihm doch als ein Geschenk Gottes.«

Als Geschenk Gottes erwies sich schließlich auch seine Käthe, »die beste Frau und d(as) geliebteste Weib«, die es ihm letztlich nicht schwer machte, der klaren Anweisung der Schrift »für die Ordnung in der Familie zu folgen: Liebet eure Frauen und erziehet eure Kinder«.

Martin und Käthe hatten sechs Kinder: Johannes (1526–1575), Elisabeth (1527 bis 1528, Magdalena (1529–1542), Luthers Liebling, Martin (1531–1565), Paul (1533 bis 1593) und Margarethe (1534–1570). Nach dem Tod der gerade acht Monate alten Elisabeth bekennt Luther: »Das hätte ich nie zuvor gedacht, dass ein väterliches Herz so weich werden könnte wegen der Kinder.

Der Tod der zwölfjährigen Margarethe trifft die Eltern tief: Und obwohl ich und meine Frau nur froh und dankbar sein sollten über ihren so glücklichen Heimgang … so ist doch die Macht der Liebe so groß, dass wir es ohne Schluchzen und Wehklagen des Herzens, ja ohne großes Absterben nicht vermögen.«

Luther hatte genaue Vorstellungen davon, was aus seinen Kindern werden sollte: Johannes Theologe, Martin Rechtsanwalt und der stämmige Paul ein Krieger. Das Schicksal entschied anders. Johannes studierte Rechtswissenschaft und war u. a. Ratgeber in der Weimarer Kanzlei, Martin studierte Theologie, war aber nie als Pfarrer tätig. Paul wurde ein angesehener Arzt. Margarethe schließlich wurde die Ahnherrin der heutigen Lutheriden.

»Liebet eure Frauen und erziehet eure Kinder«

 
Mit seinen Kindern, die er über alles liebte, war Luther zwar streng, aber aus gutem Grund nicht so streng, wie er ­selber erzogen worden war. Bei Tische ­erzählte er einmal: »Mein Vater stäupt’ mich einmal also sehr, dass ich ihm floh und dass ihm bang war, bis er mich wieder zu ihm gewöhnet. Ich wollt auch nicht gern mein’ Hansen sehr schlagen, sonst würd’ er blöde und mir feind; so wüßt ich kein größer Leide … Meine Eltern haben mich aufs peinlichste gezüchtigt, bis ich kleinmütig wurde … Und so haben sie mich mit ihrer strengen Zucht zuletzt ins Kloster getrieben, wiewohl sie es herzlich gut gemeint haben.« Luther also wollte es besser machen.

Luther war nicht nur ein kluger und konsequenter Streiter des Geistes, er war auch durch und durch Familienmensch. Gemälde und Reliefs – obgleich historisch nicht zwingend korrekt – zeigen ihn als Mittelpunkt seiner Familie, als Musik liebender Hausvater und stabiler Kern der Hausgemeinschaft. Zu dieser zählte aber nicht nur seine Familie im engeren Sinn, sondern auch alle, die ständig oder zeitweise in seinem Haus gastliche Aufnahme fanden, »Weib und Kind, Knechte und Magd, Vieh und Futter«.

Neben seinen eigenen Kindern wuchsen hier noch elf Waisenkinder auf, darunter Kinder von Luthers Schwestern und Verwandte von Katharina. »Im Haus der Lutherin«, sagten die Leute, »wohnt eine gar wunderlich gemischte Schar aus Studenten, verlaufene Nonnen, Witwen, alten Leuten und Kindern.« Doch das bunte Treiben störte den Hausvater nicht, im Gegenteil: Er selber zog immer wieder Gäste ins Haus und wollte Verwandte und Freunde um sich haben, wenn er aus seiner Studierstube kam. Das bewahre ihn vor schwarzen Gedanken, meinte er.

Das Leben im Schwarzen Kloster zu Wittenberg‚ Martins und Käthes Heimstatt, wurde für Generationen protestan­tischer Pfarrhäuser ein erstrebenswertes Modell. Ein gastfreundliches Haus, in dem Hilfe geleistet wurde, wo sie nötig war, in dem Bildung und Musik, Gebet, Andacht und Bibellektüre großgeschrieben wurden – das waren die Grundpfeiler dieser häuslichen Gemeinschaft.

Sylvia Weigelt

Die Autorin ist Historikerin mit Schwerpunkt europäisches Mittelalter.

Die Angst vor dem Volk

5. Dezember 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Furcht vor dem Wahlergebnis: Kardinal Melville (Michel Piccoli) in dem Konklave.  Er beginnt zu ahnen, wie die Wahl ausgehen wird. (Foto: Prokino Filmverleih GmbH)

Furcht vor dem Wahlergebnis: Kardinal Melville (Michel Piccoli) in dem Konklave. Er beginnt zu ahnen, wie die Wahl ausgehen wird. (Foto: Prokino Filmverleih GmbH)


Nanni Morettis Film »Habemus Papam« über einen Papst, der ausbüxt.
 

Vor dem Petersdom drängen sich die Menschen. Die Glocken läuten. Weißer Rauch steigt in den Himmel. Gleich soll der neue Papst auf dem Balkon erscheinen. Doch Kardinal Melville, soeben zum geistlichen Oberhaupt gewählt, überfällt die Panik: »Ich schaffe das nicht, helft mir«, ruft er verzweifelt. Und läuft davon.

Ein Papst, der sein Amt nicht ausüben will: Die Idee hat Regisseur Nanni Morretti zur Grundlage seines Filmes »Habemus Papam – Ein Papst büxt aus« genommen. Er ermöglicht es, einen unbefangenen Blick hinter die Kulissen der katholischen Kirche zu werfen. Die anfänglichen Befürchtungen des Vatikans, es könne ein kirchenkritischer Film entstehen, erwiesen sich als unbegründet, denn »Habemus Papam« zeigt tiefen Respekt vor dem katholischen Glauben.

Die Geschichte ist geschickt konstruiert. Es geht es um die Frage, was passiert, wenn ein Papst – schön gespielt von dem 85-jährigen französischen Darsteller Michel Piccoli – sein Amt nicht annimmt. Der gesamte Vatikan erstarrt im Schock: Die Kardinäle drängen ihn, einen Arzt zu konsultieren, sie lassen einen renommierten Psychoanalytiker kommen, doch auch er weiß keinen Rat.

Der Papst zieht sich in sein Zimmer zurück, schließlich soll es einen letzten Versuch geben: Er wird zu einer Psychologin in die Stadt ­geschickt und nutzt diese Gelegenheit, um zu fliehen. Mehrere Tage wandert der Papst nun durch die Großstadt. Die Begegnung mit fremden Menschen weckt längst vergessene Emotionen. Er erinnert sich an die Eltern, die Jugend und entdeckt seine alte Freude am Theater.

Bildet die Suche nach Freiheit den ­einen Pol des Films, so konzentriert sich ein zweiter Erzählstrang auf die Situation im Vatikan. Denn die Kardinäle dürfen die Gebäude so lange nicht verlassen, bis sich das gewählte Oberhaupt dem Volk gezeigt hat.

Um das Verschwinden des Papstes zu vertuschen, muss ein Schweizer Gardist das Zimmer hüten und gelegentlich am Vorhang rütteln. Selbst der Psychoanalytiker darf den Vatikan nicht verlassen.

Was aber tun gegen die Langeweile, die sich unter den wartenden Kardinälen ausbreitet? Erst wird gegessen, dann werden Spielkarten gezückt – und schließlich organisiert der Therapeut sogar ein Volleyball-Turnier.

Kardinäle und Päpste sind auch nur Menschen: Es ist diese schlichte Formel, die den Reiz und den Witz des Films ausmacht. Mit nachsichtigem Blick verfolgt die Kamera die Kardinäle: Der Eine mag nicht verlieren, der Nächste wird von ­Alpträumen verfolgt, die er mit starken Schlafmitteln bekämpft, ein Anderer raucht heimlich.

Und der Papst? Ist weder verwirrt noch altersschwach, sondern sehr klar in seinem Zweifel. Der Mann, der plötzlich Verantwortung über eine weltweite Religion bekommen soll, fühlt sich verloren und einsam. Das ist nachvollziehbar und verleiht der Figur ihre Stärke.

Der Film entfaltet mit seinen stillen Bildern eine große Kraft. Und er ist ein Plädoyer für mehr Ehrlichkeit und Menschlichkeit beim kirchlichen Bodenpersonal.

Rieke C. Harmsen

Ab 8. Dezember im Kino.

Luthers Thesen in Zinn

25. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Bis zum Reformationstag 2012 sollen 30 Miniaturen entstehen

Eine ruhige Hand braucht Arnfried Müller beim Bemalen seiner filigranen Zinnfiguren. Foto: Uwe Kraus

Eine ruhige Hand braucht Arnfried Müller beim Bemalen seiner filigranen Zinnfiguren. Foto: Uwe Kraus


Der Betrachter glaubt, die Thesen, die Martin Luther an die Kirchentür schlägt, fast lesen zu können, so akribisch hat Arnfried Müller die Zinnfiguren für das Diorama gestaltet. Bis zum Reformationstag 2012 sollen rund 30 Luther-Dioramen die Offizin (Werkstatt mit angeschlossenem Verkaufsraum) Arnfried und Irmgard Müller am Waldrand von Güntersberge verlassen haben. Was kann es in der Luther-Dekade Besseres geben als solch eine besondere Ausstellung.

In Verantwortung des Städtischen Museums Halberstadt und mit Unterstützung einer Projektgruppe des Halberstädter Gymnasiums Martineum gestaltet Arnfried Müller die Miniaturen. Zu den ­Dioramen, an denen die Arbeiten bereits ­abgeschlossen sind, zählen »Luthers Hochzeit«, »Der Ablasshandel« und der bestaunte »Thesenanschlag«. Ab 2013 sollen die Miniatur-Kunstwerke durch die Lutherstädte wandern. Eine entsprechende Konstruktion der Dioramen und der dazu von einer Historikerin erarbeiteten Schrifttafeln soll es ermöglichen, die Lutherschau sowohl in Museen, auf der Wartburg, im Lutherhaus Eisleben und im Augustinerkloster Erfurt als auch in kleineren Kirchen zu zeigen, erklärt Müller.

Er schaut gerne, was die anderen Zinnfigurengießer so machen, welche Trends das Ausland setzt. Sein Spezialgebiet sind die Flachfiguren, die eigentlich nur im deutschsprachigen Raum verbreitet sind. »Die Vollfiguren sind sehr materialaufwendig, aber natürlich recht dekorativ.« Er schwärmt von den Meisterschaften, die die Zinngießer in Spanien oder Italien veranstalten. »Wenn da ein Reiter mit Pferd dargestellt wird und die Figur fünf Zentimeter hoch ist, malen die auf die Pferdedecke noch ein ganzes ­Gemälde.«

Vor dem Fenster seines kleinen Hauses in Güntersberge erstreckt sich ein wunderbares Harz-Panorama. Hier entstehen jedes Jahr eine neue Serie und ­einige Einzelfiguren. Das Teure daran sind die Gussformen, die sich der Gießer anschaffen muss. So fließen die Einnahmen zumeist in die Gestaltung einer neuen Zinnfiguren-Serie. Beliebt sind seine 30-Millimeter-Flachfiguren-Serien, die mit akribischem Historienverständnis gestaltet werden.

Für Thale schuf er ein Diorama zur Walpurgisnacht, 40 Figuren waren in durchaus auch deftigen Szenen zu betrachten. »Die Uniformen müssen farblich stimmen, die Helme und Perücken passen«, berichtet Arnfried Müller. »Vadder mit Rat« heißen die fünf Figuren, die eine historische Schachszene in Ströbeck nachempfinden. Für den »Tod Napoleons« gestaltet der Zinngießer vier Figuren, zwei Gruppen sowie den Kaiser auf dem Totenbett, »Der Tod von Marschall Kutusow 1813« umfasst immerhin 19 Figuren.

In Sammlerkreisen haben seine Figuren einen guten Namen. Zumeist werden diese Szenen als Blankserie verkauft, die von den Sammlern dann voller Ehrgeiz selbst bemalt werden.

Uwe Kraus

Dem Tod auf der Spur

21. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Filmbesprechung: Andreas Dresen erzählt in »Halt auf freier Strecke« die Geschichte eines sterbenskranken Familienvaters

»Noch kein Film hat so überzeugend gezeigt, dass Leben zum Sterben gehört« - Filmszene mit Mika Seidel (re.) und Milan Peschel. Foto: Pandora Filmverleih

»Noch kein Film hat so überzeugend gezeigt, dass Leben zum Sterben gehört« - Filmszene mit Mika Seidel (re.) und Milan Peschel. Foto: Pandora Filmverleih


 
Frank ist Schichtleiter und mit Simone verheiratet. Die beiden haben sich ein Reihenhaus gekauft. Völlig unvorbereitet trifft Frank die Diagnose des Arztes, die einem Todesurteil gleichkommt: Krebs. Ein schonungsloser und berührender Film über das Sterben.

Die Ratlosigkeit, ist dem Gespräch anzumerken. Als der Arzt die Diagnose verkündet, herrscht erst einmal Schweigen. Ein inoperabler Gehirntumor. Nur noch wenige Monate oder gar Wochen zu leben. Man sieht nur den Gesichtern von Frank und seiner Frau Simone an, was sie fühlen. Ein Großteil des Gesprächs besteht aus Schweigen und holprigen Sätzen.

Einmal klingelt das Telefon, der Operationssaal ist dran, etwas Wichtiges. Man spürt förmlich, wie unvorbereitet die Diagnose, die für Frank einem Todesurteil gleichkommt, einschlägt. Und man merkt, dass auch der Arzt, der sie wahrscheinlich mehrmals pro Woche ­verkünden muss, immer noch hilflos dabei ist. »Hm«, sagt er oft.

Mit »Halt auf freier Strecke« hat Andreas Dresen einen schonungslosen und berührenden Film über das Sterben gedreht. Es gibt im deutschen Kino keinen anderen Regisseur, der so authentisch und lebensnah Alltag beschreiben kann wie Dresen. Das fängt schon bei den Lebensumständen der beiden Hauptfiguren an. Frank ist Schichtleiter bei DHL, Simone lenkt eine Straßenbahn. Die beiden haben sich ein Reihenhaus gekauft, irgend­wo an der Peripherie von Berlin. Nicht unbedingt schön, aber mit Charme, mit Blick ins Grüne. Es kommt nur am Rande vor, aber man weiß: Nach Franks Tod wird sich Simone dieses Haus, Inbegriff ihres kleinen Glücks, nicht mehr leisten können.

»Halt auf freier Strecke« folgt Frank in den letzten Monaten seines Lebens, zeigt seinen Versuch, so etwas wie Normalität zu wahren, obwohl er immer vergesslicher wird und schon mal ins Zimmer seiner Tochter pinkelt. Einmal schaut er fern, die Harald-Schmidt-Show, und da ist zu Gast: sein Gehirntumor, der prahlt, wie er sich in Frank eingenistet hat. Auch auf dem iPhone, mit dem Frank seinen Alltag und seine Beobachtungen in kleinen Filmen festhält, erscheint der Tumor. Was beim ersten Mal wie ein entlastender Gag wirkt, bekommt im Verlauf der Handlung einen tieferen Sinn: Jemand anderes gewinnt die Kontrolle über Frank.

Denn je weiter die unheilbare Krankheit fortschreitet, desto mehr verändert sich auch Frank, wird gebrechlich und jähzornig, die Haare fallen ihm wegen der Chemotherapie aus. Bei all seinem Naturalismus verliert der Film aber nie seinen Humor. Einmal fragt Franks Sohn seinen Vater: »Wenn du stirbst, darf ich dann dein iPhone haben?« Und als die ganze Wohnung beschriftet wird, weil Frank alles sehr schnell vergisst, klebt auch auf seiner Stirn ein Zettel. Darauf steht: »Papa«. Als Frank immer unselbstständiger wird, entschließt sich Simone, ihren Mann selbst zu Hause zu pflegen, mit einer Palliativärztin, die sich auf unheilbare Krebsfälle spezialisiert hat.

»Halt auf freier Strecke« beschreibt das Sterben im Mikrokosmos einer Familie, zeigt, wie sich das Leben und seine Abläufe verändern, zeigt, welche immense Belastung ein solcher Krankheitsfall bedeutet, zeigt aber auch, wie das Leben trotzdem weitergeht, weitergehen muss. »Ich muss zum Training«, sagt Franks Tochter, als ihr Vater gestorben ist. Für solche Szenen liebt man diesen Film, weil sie beiläufig daherkommen und doch von der Meisterschaft einer präzisen Inszenierung zeugen.

Denn der Film bleibt immer nüchtern, er weidet sich nie am Leiden, er beutet auch nie unser Mitleid aus. Dresen hat die Szenen mit den hervorragenden Darstellern, allen voran Milan Peschel und Steffi Kühnert, weitgehend improvisiert gedreht, die Ärzte und das Pflegepersonal sind Laien. Das ist dem Film sehr gut bekommen und ist gleichzeitig auch eine große Leistung: Es gibt nicht viele Schauspieler, die normale Menschen glaubhaft verkörpern können.

Am Ende gibt es keine Erlösung, keine Transzendenz, nur den Tod. Aber noch kein anderer Film hat so überzeugend gezeigt, dass das Sterben zum Leben gehört wie »Halt auf freier Strecke«. Vielleicht mag man sich diesen Film nur einmal anschauen. Aber er ist ein Ereignis. (epd)

D/F 2011. Regie: Andreas Dresen. Buch: Cooky Ziesche, Andreas Dresen. Mit: Steffi Kühnert, Milan Peschel, Talisa Lilly Lemke, Mika Seidel, Ursula Werner, Marie Rosa Tietjen. Länge: 110 Minuten. FSK: ab 6, ff. FBW: besonders wertvoll.

Rudolf Worschech

Brille, Buchdruck, Globus

11. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Erfindungen und Entdeckungen zur Zeit Luthers

 
Wie hilfreich eine Brille sein kann, weiß jeder, der auf sie angewiesen ist. Auch der wohl weitsichtige Luther wusste diese Erfindung zu schätzen. Aus den arabischen Anfängen des Lesesteins hatten sich zu seiner Zeit verschiedene Formen der Lesehilfe entwickelt: Neben dem Monokel gab es die Nietbrille, deren Gläser in einem Rahmen aus Eisen, Holz oder Horn zusammengenietet und vor die Augen gehalten wurde.

Dazu kam die Bügelbrille, die man mittels eines geschlitzten Lederstückes auf die Nase setzte. Bei Damen war die Mützenbrille begehrt, deren Gläser mit einer metallenen Konstruktion an der Haube bzw. Mütze befestigt waren. Wir wissen nicht, welche Art Brille Luther bevorzugte. Nicht immer entsprach die ihm zur Verfügung stehende Brille jedoch seinen Anforderungen. So beschwerte er sich einmal bei seiner Frau: »Sage Meister Christianus, dass ich mein Tage schändlichere Brillen nicht gesehen habe, denn die mit seinem Briefe kommen. Ich kund nicht ein Stich dadurch sehen.«

Dass es für die Brille überhaupt einen so großen Bedarf gab, hatte mit einer anderen Erfindung zu tun, dem Buchdruck mit beweglichen Lettern, wie ihn Johann Gutenberg um 1445 in Mainz präsentierte. Das neue Verfahren ersetzte den aufwendigen Holzdruck, es leitete den Siegeszug des geschriebenen Wortes ein. Ohne diese Erfindung wäre eine Breitenwirkung, wie sie Luthers Schriften und das reformatorische Gedankengut entfalteten, kaum möglich gewesen.

In Wittenberg entstand eine ganze Druckindustrie, die Drucker-Verleger wurden reich, während Luther kein Honorar bekam. Doch die nun jedermann zugänglichen Schriften bahnten nicht nur neuen Denk- und Glaubensmodellen den Weg, manch einer sah damit auch die Moral gefährdet.

Stieß aber das Wort an seine Grenzen, bediente man sich anderer Mittel, um sein Ziel zu erreichen. Auch deshalb wurde das Schieß- oder Schwarzpulver, im Mittelalter »Donnerkraut« genannt, erfunden. Das war zwar hierzulande schon im 14. Jahrhundert, doch zur Lutherzeit wurde der gezogene Gewehrlauf entwickelt, in den das Pulver geladen wurde. Prompt wetterte der Reformator, die Fürsten seien Spitzbuben und Schalke, wo doch eigens für sie der gezogene Gewehrlauf erfunden worden wäre, dass sie anlegten auf ihre Untertanen.

Während Luther mit dem Gewehrlauf wohl kaum direkte Bekanntschaft machte, war ihm die Uhr ein unabding­barer Gebrauchsgegenstand geworden. Nutzte er eine mechanische Standuhr, die es seit dem 13. Jahrhundert gab oder besaß er schon eine der um 1510 von Peter Henlein in Nürnberg entwickelten Taschenuhren (nicht zu verwechseln mit dem »Nürnberger Ei«), die freilich ganz andere Ausmaße hatte als heute. Wir wissen es nicht genau.

Auf der Kanzel jedoch wusste er die Vorteile der altgedienten Sanduhr zu schätzen, die ihm stets 40 Minuten anzeigte. Denn so lange, und keine Minute länger, sollte nach Luthers Meinung ein Vortrag dauern, wollte er die Hörer erreichen.

Martin Luther wird vermutlich weder einen Globus noch eine Weltkarte gesehen haben. Für ihn war die Erde flach und eine Scheibe, ihr Zentrum war Rom oder Jerusalem - das hatte er gelernt, und davon wich er auch nicht ab. Foto: Wikipedia

Martin Luther wird vermutlich weder einen Globus noch eine Weltkarte gesehen haben. Für ihn war die Erde flach und eine Scheibe, ihr Zentrum war Rom oder Jerusalem - das hatte er gelernt, und davon wich er auch nicht ab. Foto: Wikipedia


 
Aus Nürnberg, dem »Auge und Ohr« Deutschlands, wie es Luther nannte, kam auch Martin Behaim, der 1491 den ersten Globus, den Erdapfel, baute, noch ehe Columbus Amerika entdeckte. Bereits 1507 erschien die Neue Welt, der deutsche Geographen versehentlich den Namen »America« gaben, auf der Weltkarte von Martin Waldseemüller. Luther wird vermutlich weder einen Globus noch eine Weltkarte gesehen haben. Für ihn war die Erde flach und eine Scheibe, ihr Zentrum war Rom oder Jerusalem – das hatte er gelernt, und davon wich er auch nicht ab. Ob die Kunde von den großen Entdeckungen, die das Weltbild so entschieden veränderten, überhaupt bis zu ihm gelangte, weiß man nicht.

Sylvia Weigelt

Eine Boygroup besonderer Art

7. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

In der Kirche ist Dieter Falk mit seinem Pop-Oratorium »10 Gebote« aufgefallen. Schon vorher hat der Erfolgsproduzent mit seinem Mix aus Klassik, Kirchenchoral und Popsong für Aufsehen gesorgt. Und Diskussionen. Sein neues Projekt: Bach.

Dieter Falk mit Söhnen Paul (links) und Max. Fotos: Gerd-Matthias Hoeffchen.

Dieter Falk mit Söhnen Paul (links) und Max. Fotos: Gerd-Matthias Hoeffchen.


Auf der Treppe in den Keller begegnet einem Daliah Lavi. Die Mädels von der TV-Popgruppe »Monrose«. Das Gesangs-Duo Marshall & Alexander. Und immer wieder: die Pop-Rock-Band »Pur«.

Wo bei anderen Leuten Trockenblumen oder Makramee-Knüpfereien an den Wänden hängen, ist die Tapete bei Familie Falk auf dem Weg ins Untergeschoss mit Goldenen Schallplatten gepflastert.

»Hier im Keller hat schon Karel Gott gesungen«, sagt Dieter Falk. Keller? Das klingt nach Waschmaschine und Wäschetrockner. Bei Falks sieht das so aus: ein Schlagzeug. Eine Orgel. Ein E-Piano. Eine Menge weiterer ­Tasteninstrumente. Trotzdem: Um ans Mikrofon zu kommen, musste wohl auch Karel Gott erst mal zwischen den Regalen mit Sportschuhen, Tennisschlägern und Koffern durch.

»Früher habe ich für Plattenproduktionen jedes Mal ein großes Studio angemietet«, erklärt Dieter Falk. Heute kann der mehrfach preisgekrönte Musiker dank modernster Computertechnik die Arbeit in seinem Keller daheim im schmucken Düsseldorfer Vorstadthäuschen erledigen.

Zwischen Instrumenten und Computern: Dutzende von Pappordnern. Gefüllt mit Noten, Arrangements und Verträgen. Handbeschriftet, schwarzer Filzstift: Howard Carpendale. Nino de Angelo. Katja Ebstein. Und eben Pur.

Pur: 20 Millionen Platten hat Dieter Falk in den 90er-Jahren als Produzent der damals erfolgreichsten deutschen Popgruppe verkauft. »Pur war für mich der Sprung in die Oberliga«, erinnert sich Falk. Schon zuvor hatte sich der junge Falk als Pianist und Keyboarder (Edwin Hawkins: »Oh happy Day«; Inge Brück: »Frag den Wind«; Arno & Andreas) sowie als Produzent (Pe Werner: »Dieses Kribbeln im Bauch«) einen Namen gemacht.

Mit Pur kam, kurz nachdem der bis dahin bei einer christlichen Plattenfirma Angestellte sich selbstständig gemacht hatte, dann der kommerzielle Erfolg. »400000 D-Mark hat eine Plattenproduktion mit Pur gekostet«, erinnert sich Dieter Falk, »und das war nicht mal besonders teuer.«

Was macht ein Produzent? Dieter: »Ich bin Regisseur der Lieder.« Beispiel Pe Werner: Die war »mit ihrer ­Gitarre und einer tollen Idee« bei ihm reingeschneit. Gemeinsam haben sie sich ans Klavier gesetzt, gesungen, probiert, verworfen. Weitere Musiker dazugeholt. Aufgenommen. Und am Ende all die Stimmen und Instrumente zu diesem wundervollen Lied zusammengefügt. »Der Produzent ist der Berater des Künstlers. Ein Song-Architekt.«

Rumms! Auftritt der beiden Falk-Söhne. Max am Schlagzeug. Paul an der Orgel. Max ist 17, Paul 14, beide ­legen los, als hätten sie nie etwas anderes als Musik gemacht. »Bei uns im Haus hat man keine Chance, der Musik zu entgehen«, meint Paul grinsend.

Trotz Schallisolierung hörte die Familie mit, was der Vater unten aufnahm. »Wir sind runtergelaufen, wenn uns was nicht gefallen hat«, ergänzt Max, »und haben gesagt, was Papa anders machen muss …«

»Die beiden sind mit Musik aufgewachsen«, erzählt Dieter. »Aber richtig geübt haben sie erst, als sie mit auf die Bühne durften.« Auf die Bühne mit dem großen Papa: Selbstverständlich war das nicht. Als Juror des ProSieben-Nachwuchswettbewerbs »Popstars« hatte Dieter Falk zwei Jahre lang Erfahrungen mit ehrgeizigen Eltern gemacht: »Was einige ihren Kindern da antun …« Den Falks ist die Balance wichtig.

Familie, Schule, Ausbildung dürfen nicht zu kurz kommen. Max denkt ans Medizinstudium. Paul ­sammelt Erfahrung als Schauspieler (»Kleine Morde«, mit Uwe Ochsenknecht, Kinostart 2012).

Was macht eigentlich Mutter Angelika, eine Grundschullehrerin? »Die holt uns auf den Boden zurück, wenn wir in die Wolken steigen wollen«, meint Paul. Wieder dieses Grinsen. Das hat er wohl vom Vater. Der wirkt mit 51 Jahren wie ein großer, unverschämt sympathischer Junge, der jeden gleich duzt: »Bei Musikern üblich.« Der andere Dieter (Bohlen) soll sich deshalb mal eine Anzeige eingefangen haben: Er hatte einen Polizisten geduzt.

Falk und Söhne – das ist eine Boygroup besonderer Art. Das Interesse an ihrem neuen Programm ist riesig. »Man kann uns buchen«, sagt Dieter. Das sei nicht billig, aber mit »nem Sponsor kann das auch eine Kirchengemeinde hinkriegen«. Spannend ist das allemal. Als Wandler zwischen den Welten – Klassik und Pop – hat Falk Grundlegendes geleistet.

Was aber nicht jedem gefällt: »Gerade von Kollegen aus der Kirchenmusik habe ich schon vor Jahren Schelte bekommen«, erinnert sich der studierte Jazzmusiker, dessen musikalische Wurzeln in der Kirche liegen – die Mutter war Leiterin eines Kirchenchors in Siegen.

Trotzdem: Seine CD »A Tribute to Paul Gerhardt« hat sich 30000 Mal verkauft; sein Pop-Oratorium »Die 10 Gebote« wurde begeistert gefeiert. Und die Evangelische ­Kirche in Deutschland denkt bereits über weitere Projekte mit ihm nach.

Die Falks und die Musik – da ist das ganze Haus beteiligt. Wenn Daliah Lavi oder Katja Ebstein sich in den Pausen oben in der Küche ein Butterbrot schmieren, sind die ohnehin »ein Teil der Familie«, meint Dieter. Oder Karel Gott. Der hatte, ganz Kavalier der alten Schule, der Dame des Hauses einen Kasten Pralinen mitgebracht, bevor er zum Singen in den Keller ging.

Gerd-Matthias Hoeffchen

Rau, frisch und direkt!

31. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Das romantische Bild vom musizierenden Luther im Kreise der Familie (mit dem biertrinkenden Melanchthon im Hintergrund) ist ein Produkt der Fantasie des 19. Jahrhunderts. Dass für Luther Lieder und Musik wichtig waren, ist allerdings unbestritten. Repro: Archiv.

Das romantische Bild vom musizierenden Luther im Kreise der Familie (mit dem biertrinkenden Melanchthon im Hintergrund) ist ein Produkt der Fantasie des 19. Jahrhunderts. Dass für Luther Lieder und Musik wichtig waren, ist allerdings unbestritten. Repro: Archiv.

 

Reformation und Musik: Luther und die Lieder des Gottesdienstes.

 
Die Evangelische Kirche in Deutschland eröffnet an diesem Wochenende das Themenjahr »Reformation und Musik«. Und folgt damit einem wichtigen Anliegen des Reformators, der sich selbst auch dem Lied widmete. Luther war ein Übersetzer. Das stimmt und ist doch zu wenig gesagt. Luther erwartete alles von Texten.
 
Er erwartete von ihnen Aufschluss über sein Leben, den Ausbruch aus seinen Ängsten, die Lösung seiner anfänglichen Orientierungslosigkeit. Über einem Stück Römerbrief öffnete sich ihm die Pforte des Himmels, schrieb er einmal. Und genau das machte ihn zum Übersetzer. Er übertrug nicht nur Worte aus der einen Sprache in die andere, sondern er versuchte einen ­lebendigen und sprechenden Text so ins Deutsche zu bringen, dass er lebendig und sprechend blieb.
 
Diese Art von Lebendigkeit versuchte er auch in Liedern hervorzubringen. Wenn er den Psalm 46 zu ­einem Lied macht, überträgt er nicht Zeile für Zeile in Reime und metrisch gefügte Sätze, sondern er studiert offenbar vor allem den Geist des Psalms. Das Toben und Wüten der Elemente, das Aufbranden des Krieges, das dem Erzittern der Berge gleicht. Und dann das Gerettetsein in Gott, wie mühelos in all dem Toben. Denn Gott ist eine Burg, in der sein Volk sicher ist.
 
Daraus entsteht das Lied »Ein feste Burg ist unser Gott« (EG 362). Das Hauptmotiv übernimmt Luther aus dem Psalm, spricht dann aber von ­seiner eigenen Zeit, dem Toben der reformatorischen Wirren, Jesus Christus als dem Herrn der Heere und dem einen Wörtlein, das den Teufel fällen kann, sogar »wenn die Welt voll Teufel wär«.
 
Luther hat sich sehr früh um die Lieder des evangelischen Gottesdienstes gekümmert. Schon Ende 1523 nahm er mit Spalatin Kontakt auf, um den gelehrten Übersetzer für eine Reihe von Psalmliedern zu gewinnen. In Wittenberg arbeitete Luther die römische Messe um und ließ erstaunlich viel stehen.
 
Denn aus Luthers Feder stammen mehrere Verdeutschungen altkirchlicher Gesänge. Auch das waren offenbar Texte, von denen er Aufschluss erwartete. Er übersetzte etwa das frühmittelalterliche Antiphon »Media in vita morte« ins Deutsche. Mit zwei hinzugedichteten Strophen justierte er allerdings die Theologie des Liedes nach (EG 518). Die Übersetzung gilt als so beispielhaft gelungen, dass die erste Strophe »Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen« inzwischen sogar im katholischen »Gotteslob« steht.
 
Luthers Geistliche Lieder gelten oft als rau gefügt. Oft müsse die Melodie geschickt über die Holprigkeiten des Versmaßes hinweghelfen. Dieses Urteil wird man nicht gänzlich zurückweisen können. Zum Teil liegt aber auch der Charme seiner Lieder an ­dieser fehlenden letzten Raffinesse. Sie wirken so, als seien sie schnell für den Gebrauch zusammenmontiert worden und vor allem, als sei der Überschwang der richtigen Gedanken manchmal nicht vollständig ins Wortmaß gebracht. Das gibt ihnen eine ­Frische und eine Direktheit, die wohl für die Langlebigkeit der meisten ­Lutherlieder mit verantwortlich sind.
 
Darüber hinaus teilen die Lieder Luthers natürlich seinen Hang zur ­Zuspitzung und seine Vorliebe fürs Paradox. Das führt zu beinahe atemberaubenden Formulierungen wie in seinem Osterlied »Christ lag in Todesbanden« (EG 101). Hier tanzt die Sprache geradezu einen Ostertanz: »Die Schrift hat verkündet das, / wie ein Tod den andern fraß, / ein Spott aus dem Tod ist worden.«
 
Frank Hiddemann

Armer Jesus und derber Humor

21. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Müssen sich Christen über Til Mettes Karikaturen ärgern oder dürfen sie auch lachen?

Mette_Hupen
Ist Gott nicht mehr allgegenwärtig, »weil er nicht auf Facebook ist?« Ein kleiner Junge auf einem Cartoon des renommierten Cartoonisten Til Mette sagt das dem Schöpfer keck ins Gesicht.

Auch viele andere Cartoons, die der seit 16 Jahren für den Stern zeichnende Mette unter dem Titel »Hupen Sie, wenn sie Jesus lieben« noch bis zum 6. November in der Caricatura im Kulturbahnhof ausstellt, haben einen grenzwertigen Humor.

Die Zeichnungen zeigen groteske Situationen: Der Herr am Kreuz als Pseudowerbung gegen Achselschweiß, die Drei Heiligen Könige, die von Maria zu hören bekommen: »Oh, das ist jetzt aber blöd. Mein unehelicher Sohn verbringt die Feiertage bei seinem Vater.«

Die Ausstellung des gebürtigen Bielefelders, der mal in Hamburg, mal in New York lebt, spaltet die Lager. Von Ironie bis Blasphemie, von Lausbubencharme bis köstlich pointiertem Humor reicht die Palette der Reaktionen. Und der Christ? Muss der sich ­ärgern oder darf er über die eine oder andere Zeichnung sogar lachen?

Vor der Be- oder Verurteilung sei der Versuch einer kleinen Analyse gestattet.

Ist der vielfach ausgezeichnete Cartoonist, der sich als Student mit Zeichnungen für die Süddeutsche Zeitung das Studium finanzierte, später Mitgründer der »taz« in Bremen wurde und vom Stern an Bord geholt wurde, ein bekennender Gegner des Christentums?

Ein beißwütiger Cartoonist, der mit seinem Zeichenstift Florettstiche setzen möchte?

Nein.

Der Preisträger des »Geflügelten Bleistifts« ist als Spaßvogel bekannt und als jemand, der sich in Glaubensfragen nicht zu positionieren weiß: »Ich bin kein Atheist«, sagt er, »ich kann nicht mal sagen, dass ich daran glaube, dass es keinen Gott gibt.«

Fazit: Mette hat überhaupt keinen geistlichen Standpunkt. Ergo auch keine Intention anzugreifen.

Der skurrile Humor ist sein einziger Standpunkt.

Mette gilt als bedeutendster Vertreter des US-amerikanischen Cartoonstils und hat sich dessen Codex auf die Fahne geschrieben: »Ameri­kaner wollen brisante Themen lustig rüberbringen, Deutsche wollen belehren.«

Ob es lustig ist, was er zeichnet, ­darüber darf man geteilter Meinung sein, weniger aber über die Aussage seiner Ausstellung.

Mette hat nicht die Absicht den Gottessohn zu veralbern. Er diskreditiert die, die sich neue ­Götter gesucht haben, sich von ihnen beherrschen lassen, ihnen die ganze Autorität und Aufmerksamkeit schenken.

Zeitgeist Internet: Die Kirchen bemühen sich um Besucher, Foren wie Facebook quellen davon über.

Nächstes Beispiel: Eine Zeichnung zeigt einen Jungen, der am Esstisch Nägel in eine Fußattrappe schlägt. Der Vater rügt ihn schroff: »Kannst du deine Hausaufgaben für die Konfer nicht woanders machen?«

Auch hier ist Mette nicht der Ankläger, sondern spiegelt, wie weit sich viele Konfirmanden und deren Eltern vom Sinn einer Konfirmation entfernt haben.

Fazit: Es ist nicht Til Mette, der ­Jesus oder den Glauben geißelt, sondern die Gesellschaft. Das darzustellen – so skurril, naiv und grotesk ­pointiert – gehört zum Herzblut eines Cartoonisten.

Achim Kuberczyk-Stein

Die Caricatura im Kulturbahnhof Kassel ist donnerstags und freitags von 14 bis 20 Uhr und sonnabends und sonntags von 12 bis 20 Uhr geöffnet.
www.caricatura.de

Eine Stadt ganz im Zeichen der Renaissance

16. Oktober 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Wittenberg-LogoDie Lutherstadt feiert vom 23. bis 31. Oktober die Musik der Renaissance. Und ­gedenkt dabei des Liederdichters und Reformators Paul Eber.

Als Multitalent bezeichnet der ­frühere Wittenberger Superintendent, Albrecht Steinwachs, Paul Eber, dem in diesem Jahr die »Nacht davor« im Rahmen des sechsten Witten­berger Renaissance-Musikfestivals gewidmet ist. Eber, vor 500 Jahren in Kitzingen geboren, war Gelehrter, Naturwissenschaftler, Prediger und wichtiger Vertreter der Reformation in Wittenberg. Darüber hinaus ging er als Liederdichter in die Geschichte ein. Etwa findet sich im Evangelischen Gesangbuch bis heute »Wenn wir in höchsten Nöten sein« (EG 366).

Es gilt als großes Trostlied, für Steinwachs spiegelt es wahrscheinlich auch Ebers eigene Situation wider. Der war infolge eines Sturzes vom Pferd in seiner Kindheit nicht nur selbst ein gesundheitlich angeschlagener Mann, sondern verlor auch fünf seiner 13 Kinder sehr früh. Ein Jahr vor dem eigenen Tod 1569 starb Ebers »innig geliebte« Frau Helene, der er ebenfalls ein Lied gewidmet hatte.

Begleitet von Musik und wissenschaftlichen Vorträgen soll also am 30. Oktober, dem Vorabend zu den Reformationsfeierlichkeiten in Wittenberg, im Lutherhaus das Leben Paul Ebers beleuchtet und ein Einblick in sein umfangreiches Schaffen gegeben werden.

Einblick in höfische Vergnügungskultur bietet am 29. Oktober der 1. Renaissancetanzball im prächtigen Festsaal des ­alten Wittenberger Rathauses. (Foto: epd-bild)

Einblick in höfische Vergnügungskultur bietet am 29. Oktober der 1. Renaissancetanzball im prächtigen Festsaal des ­alten Wittenberger Rathauses. (Foto: epd-bild)

Eröffnet wird das von dem Lautenisten und Chef der Wittenberger Hofkapelle, Thomas Höhne, im Jahr 2005 gegründete Festival bereits am 23. Oktober.

Zum Auftakt präsentieren die Klangspezialisten des Ensembles Oni Wytars in der Schlosskirche »The Praise of Folly«. In dieser Hommage an die Kompositionsform der Folia, die für ziemlich übermütige Ausgelassenheit steht, erklingen neben volkstümlichen Liedern auch Klassiker von Vivaldi und Corelli.

Mit zwei Echo-Klassik-Preisträgern, dem Ensemble Los Otros und der Lautten Compagney Berlin, präsentiert das Festival Meister ihrer Kunst. Während Los Otros, das Erfolgstrio um die Gambistin Hille Perl, im Lutherhaus unter anderen in die Musik des barocken Spaniens eintaucht, widmet sich die Lautten Compagney in der Schlosskirche den Liedern von Johannes Eccard. Ein weiterer Höhepunkt ist das Konzert des ­Ensembles La Moresca, das mit Tanzmusik des 17. Jahrhunderts auf eine Neuheit im Programm verweist.

Richtig feierlich soll es am Festivalwochenende im Alten Rathaus werden, wenn Liebhaber Alter Musik und schöner Gewänder beim ersten Renaissance-Tanzball Einblick in die ­höfische Vergnügungskultur zur Zeit Friedrichs des Weisen bekommen sollen. Es geht darum, »Mitmachtänze der Renaissance« zu erlernen, kulinarische Gaumenfreuden werden in Aussicht gestellt sowie Schaukampfeinlagen der italienischen Fechtkunst und Schauspielintermezzi nach der Commedia dell’Arte. Höhne ist die Nachfrage nach diesem Ball schon seit Wochen enorm.

Neben solchen Veranstaltungspunkten widmet sich das Festival erneut der Förderung von Kinder- und Jugendprojekten. In diesem Rahmen wird das aus Bad Schmiedeberg stammende Jugendorchester Praetorius Consort in der katholischen Kirche Wittenberg gastieren.

In Kooperation mit dem Theaterjugendclub und der Musikschule Wittenberg soll ein musikalisch-literarischer Abend gestaltet werden, der die Dichtkunst Shakes­peares mit den Kompositionen Dowlands vereint. Zudem gibt es Workshops und eine Ausstellung historischer Instrumente.

Das Abschlusskonzert soll am 31. Oktober um 17 Uhr in der St.-Andreas-Kirche von Eisleben stattfinden. Dann rückt noch einmal das »Multitalent« in den Mittelpunkt, wenn die Wittenberger Hofkapelle Lieder von Paul Eber zu Gehör bringt.

Schirmherr des Festivals, zu dessen Kooperationspartnern neben anderen die Stiftung Luthergedenkstätten und der Verein Wittenberg-Kultur gehören und das seit seiner Premiere immer weiter an Strahlkraft gewonnen hat und aus den Feierlichkeiten rund um den Reformationstag nicht mehr wegzudenken ist, ist in diesem Jahr Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD).

Für den Theologen ist Musik eine »wohltuende Unterbrechung des Alltags«.

Corinna Nitz

Karten können gebucht werden unter der Ticket-Hotline 0700/20082017, über E-Mail info@wittenberger-renaissancemusik.de oder direkt im Internet: www.wittenbergticket.com

Kreuzweg auf dem Todesstreifen

9. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine der Stationen auf dem Kreuzweg, der die biblische Geschichte von Jesu Verurteilung bis zu seinem Tod am Kreuz nachbildet. (Foto: epd-bild)

Eine der Stationen auf dem Kreuzweg, der die biblische Geschichte von Jesu Verurteilung bis zu seinem Tod am Kreuz nachbildet. (Foto: epd-bild)

Monumentale Figuren erinnern in Thüringen an die Opfer von Willkür und Unterdrückung.
 

Der »Weg der Hoffnung« liegt auf dem ehemaligen Todesstreifen. Ein Kreuzweg: Monumentale Metallskulpturen von Ulrich Barnickel zeichnen an 14 Stationen die biblische Geschichte von Jesu Verurteilung bis zu seinem Tod am Kreuz und der Grablegung nach.

An der ehemaligen Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland, zwischen Rasdorf in Hessen und Geisa in Thüringen, soll damit an die Opfer von Willkür und Unterdrückung erinnert werden. Der Kreuzweg gehört zur Gedenkstätte Point Alpha in der Rhön.

Einst verlief hier die Grenze zwischen Freiheit und Unfreiheit, Demokratie und Diktatur.

Point Alpha war bis 1989 Beobachtungsstützpunkt der US-Streitkräfte in Europa. DDR-Grenzer und US-Soldaten standen sich direkt gegenüber.

Schnurgerade verläuft der Weg eineinhalb Kilometer Richtung Westen. Am Anfang steht der Gerichtsplatz: Pontius Pilatus bricht den Stab über Jesus, das Volk fordert dessen Tod am Kreuz. Doch Jesus steht aufrecht. Unter der Wucht des Urteils bricht er nicht zusammen. Er nimmt das Kreuz auf und macht sich auf den Weg.

Ein »Weg der Hoffnung« auf dem einstigen Todesstreifen?

Die ehemalige Grenze sei Beleg dafür, dass sich der Einsatz für die Freiheit lohne, sagt Uta Thofern, Direktorin der Point-Alpha-Stiftung. Und darum sei der Ort auch ein Symbol der Hoffnung.

Sie sieht eine Analogie zwischen christlichem Kreuzweg und Widerstand gegen Unterdrückung: Es gehe um Menschen, die für ihren Glauben oder ihre Überzeugung einstünden, auch wenn dadurch ihr Leben bedroht sei. Das sei eine Frage von »Leid und Verfolgung, aber auch von Haltung und Mut«.

An Station zehn etwa wird Jesus seiner Kleider beraubt. Ein Soldat, gesichtslos mit einem Helm auf dem Kopf, zerrt an seinem Bein. Der Soldat steht in ­seinem entwürdigenden Tun in den Knien gebeugt. In dieser Haltung reicht er Jesus bis zum Bauch. Der hält sich aufrecht, die Schultern mit den kurzen Armen nach hinten gezogen: »Nimm, was du brauchst, ich wehre mich nicht«, scheint er zu sagen.

»Christus hat seine Würde behalten«, beschreibt Künstler Ulrich Barnickel. ­»Jesus wurde seiner Kleider beraubt, DDR-Bürger nach einem Fluchtversuch ihrer Freiheit, ihres Eigentums, sogar ihrer Kinder.« Der Soldat in Jerusalem sei ebenso Befehlsempfänger gewesen wie die DDR-Soldaten an der Grenze.

Barnickel, 1955 in Weimar geboren, hat die Unterdrückung durch das SED-Regime in der eigenen Familie erfahren. Nachdem sich sein Bruder »früh in den Westen abgesetzt« hatte, wie er sagt, galt die Familie als politisch nicht zuverlässig. Das Medizinstudium wurde dem späteren Künstler verboten, 1985 wurde er »quasi über Nacht« in die Bundesrepublik ausgewiesen.

Durch die Arbeit an den 20 Figuren, die bis zu vier Meter hoch sind, hat sich der 56-Jährige auch mit der eigenen Geschichte beschäftigt. »Ich habe nicht vergessen wie es war, mit dem christlichen Glauben in der DDR aufzuwachsen«, sagt Barnickel. Nachdem die Mauer gefallen war, habe er zunächst zurück in den ­Osten gewollt, um »denen gründlich die Meinung zu sagen«. Schließlich aber hat er sich darauf besonnen, mit den Mitteln der Kunst »zu mahnen, zu erinnern und zum Denken anzuregen«.

Behilflich war Barnickel die Sprache des Materials. Die Figuren des Kreuzwegs sind rostig, das Metall ist verbogen, verbeult, zum Teil gerissen. Eine Symbolik, die auf Leid und Kummer, auf Gewalt und Widerstand schließen lässt.

Die 14 Stationen des Kreuzwegs stehen für sich. Es gibt keine Informationstafeln, weder zu seiner christlichen, noch zu seiner symbolischen Bedeutung als Erinnerung an den Widerstand gegen die sozialistischen Diktaturen in Mittel- und Osteuropa.

»Wir wollten nicht an einzelne Stationen schreiben ›Zum Gedenken an den Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953‹ oder ›Zum Gedenken an den Prager Frühling 1968‹«, sagt Direktorin Thofern.

Das Kunstwerk lasse bewusst Raum. Als Ergänzung zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschehnisse an der Grenze solle es Emotionen wecken, sagt Thofern. Damit wird ein anderer Zugang zur Vergangenheit möglich, ist sie überzeugt. Jeder könne seine eigenen Erfahrungen reflektieren und überlegen, wo er Gewalt und Willkür erfahren habe: »So vollendet sich das Werk immer erst mit dem Blick und den Gedanken des Betrachters.«

Renate Haller (epd)

Politik im Spiegel der Kunst

30. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Besucherinnen der Ausstellung betrachten einen Flügel des Triptychons der Legende der heiligen Hedwig von Schlesien um 1440. (Foto: picture-alliance/dpa)

Besucherinnen der Ausstellung betrachten einen Flügel des Triptychons der Legende der heiligen Hedwig von Schlesien um 1440. (Foto: picture-alliance/dpa)

Ausstellung: In Berlin wird die Geschichte der 1000-jährigen Beziehungen zwischen Deutschland und Polen dokumentiert.
 

Die am 21. September im Berliner Martin-Gropius-Bau eröffnete Präsentation steht unter dem Motto »Tür an Tür«. Zu sehen sind Kunstwerke, die die Geschichte und die Politik reflektieren.

Auf rund 3200 Quadratmetern sind in 19 Sälen rund 800 Exponate zu sehen, darunter vor ­allem Gemälde, Fotos, Kunstgegenstände und Werke zeitgenössischer Künstler. Beide Länder teilen sich die Kosten in Höhe von mehreren Millionen Euro. Dabei wird die Ausstellung nur in der Bundeshauptstadt zu sehen sein. Anders als ursprünglich geplant wird sie gar nicht nach Polen wandern.

»Wir wollen Kunstwerke zeigen, die die Geschichte und die Politik reflektieren«, beschreibt die polnische ­Kuratorin Anda Rottenberg ihr Programm.

Da, wo dies gelingt, zeigt die Ausstellung mit ihren in Überfülle und mit nur wenigen Erläuterungen gezeigten Werken ihre Stärken.

Besonders eindrücklich ist etwa der surreale Bilderzyklus »Erschießung« von Andrzej Wrobléwski über die deutschen Massenexekutionen an der polnischen Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg. Fast die Hälfte der Ausstellung ist dem für die Beziehungen zwischen beiden Ländern so traumatischen 20. Jahrhundert gewidmet.

Für die Zeit nach dem politischen Wandel von 1989/90 bricht sie allerdings ziemlich abrupt ab.

Gleich nach den Solidaritätsbekundungen deutscher Künstler für die unterdrückte Gewerkschaft Solidarność in Form von Günther Ueckers »Splitter für Polen« oder dem Plakat von Klaus Staeck »Noch ist Polen nicht verloren« folgt am Ausgang bereits der binationale Adler. Ihn hat ein polnischer Künstler extra für die Ausstellung aus dem gemeinsamen Wappentier beider Nationen gestaltet.

Auf diese Weise bleiben die in beiden Ländern geführten aufgeregten Geschichtsdebatten etwa um die Vertreibung von Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg und die umstrittene CDU-Politikern Erika Steinbach ausgespart. Auch Rottenberg hätte gerne jüngere Werke ausgestellt. »Aber es fand sich nichts«, erläutert die Warschauer Kunsthistorikerin.

In den früheren Jahrhunderten sind solche künstlerischen Kommentare der jeweiligen Zeitgeschichte naturgemäß noch viel seltener gewesen. Entdeckungen in anderer Weise sind dennoch nicht ausgeschlossen: Die dynastischen Verquickungen etwa zwischen Polen und dem dort verhassten Deutschen Orden oder später zu den bayerischen Wittelsbachern und den sächsischen Wettinern, die zum Aufschwung der erzgebirgischen Bergbaustadt Annaberg führten.

Zu entdecken ist auch Berlins erste Stadtansicht von 1536. Dabei fragt sich der Betrachter unwillkürlich, ob denn damals die kleine turmbekrönte Stadt an der Spree tatsächlich von so hohen Hügeln umgeben war, wie sie der unbekannte Maler der Panoramaansicht hinzufügte. Der Künstler war in poli­tischer Mission mit dem Pfalzgrafen aus Bayern nach Krakau unterwegs. Der Fürst wollte dort noch die Mitgift seiner Großmutter einfordern. Erst solche Geschichten machen die Ausstellung lebendig.

Bemerkenswert ist daher auch die Idee der Veranstalter, mithilfe von Studenten der Europa-Universität Frankfurt/Oder deutsch-polnische Tandemführungen anzubieten. Dabei erklären die beiden Ausstellungsführer den unterschiedlichen Kontext, in dem ein Objekt in ihrer jeweiligen Gesellschaft verstanden wird.

Stoff dafür bietet die Ausstellung reichlich: So etwa das von einem westdeutschen Schulbuchverlag nach dem Krieg noch ganz im propagandistischen NS-Sprachgebrauch herausgegebene Plakat: »Deutscher Lebensraum unter fremder Verwaltung«.

Oder ein Gemälde aus Leba an der Ostseeküste. Als Hinterpommern 1945 polnisch wurde, war die dortige Marienkirche plötzlich katholisch – doch es fehlte ein Madonnenbild. Der Pfarrer bat den gerade in Leba weilenden Maler Max Pechstein darum, ein solches neu anzufertigen. Der Künstler behalf sich mangels anderer Materialien mit Bootslack und einem Betttuch als Leinwandersatz.

Ausgestellt ist ferner im Original der Hirtenbrief der polnischen Bischöfe von 1965, der den ersten Anstoß zur Aussöhnung mit Deutschland gab. Die Ausstellungsmacher hätten dazu gerne die drei Jahre später ergangene Antwort katholischer Intellektueller aus Deutschland danebengelegt. Sie trägt unter anderem die Unterschrift eines gewissen Professors Joseph Ratzinger. Der war vorige Woche als Papst Benedikt XVI. höchstpersönlich in seiner Heimat.

Jürgen Heilig (epd)

Die Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau ist bis zum 9. Januar mittwochs bis montags von 10 bis 20 Uhr zu be-
sichtigen.

Annäherung – Kunst trifft Kirche

23. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Kongress: Wie die Kunst wieder Raum in Kirchen und Gemeinden bekommen kann.

Kunst und Kirche – sie führen meist ein Leben nebeneinander, selten miteinander. Sie beide näher zueinander zu bringen, das war Anliegen des ersten evangelischen ­Kirchen-Kultur-Kongresses, der vom 15. bis 18. September in Berlin stattfand.

Jens Schäfer als Paulus in dem gleichnamigen Musiktheaterstück. (Foto: epd-bild)

Jens Schäfer als Paulus in dem gleichnamigen Musiktheaterstück. (Foto: epd-bild)

Was wäre das Christentum ohne die Musik, ohne die Bilder und anderen Werke der Kunst? Doch die große Zeit der Korrespondenz zwischen Kirche und Kunst scheint vorbei zu sein. Es gibt zwar auch heute Kunstwerke, die sich mit christlichen Themen auseinandersetzen, doch sie führen meistens ein Eigenleben außerhalb der Kirchenmauern.

Wie Kunst und Kirche wieder in ein Gespräch kommen können, war das Thema des ersten Kirchen-Kultur-Kongresses der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Rund 500 Teilnehmer beschäftigten sich in acht Foren mit Architektur, ­Bildender Kunst, Film, Gedenkkultur, Interkultur, Literatur, Musik und Theater.

Eröffnet wurde der Kongress mit dem Musiktheaterstück »Paulus. Das ängstliche Harren der Kreatur«. Der Apostel, gekleidet in helle Hosen und weißes Hemd ist in dem Stück eine Figur der Gegenwart, die sich auf Partys und in Talkshows wiederfindet. Die ersten beiden Szenen zeigen die Wandlung des Christenverfolgers Saulus zum glühenden Christusverehrer Paulus.

In der zweiten Hälfte des ­Stückes tritt der Apostel, knapp der Lynchjustiz entkommen, mit den sichtbaren Zeichen der Verfolgung und blutiger Angriffe, auf. Ein Mensch, der von seinen Zeitgenossen nicht verstanden wird, dessen Thesen als Brandstiftung gelten, einsam und dennoch leidenschaftlich bemüht, mit den Menschen in einen Dialog zu ­treten.

Christian Lehnert, Studienleiter für Theologie, Zeitgeschichte und Kultur an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt schrieb das Libretto zu dem Bühnenstück. Im Programmheft erläutert er: »Die Briefe des Paulus bezeugen ein hartnäckiges Ringen um Sprache. Unbeholfen, mal sprudelnd, mal stammelnd ist sein Griechisch. Wenig ist vorgeprägt. Der Autor muss sich selbst in die Geheimnisse seiner Glaubenserfahrung hineinsprechen. Hier sucht jemand nach Worten für ­etwas, das er um des Himmels willen nicht verschweigen kann.«

Seine Uraufführung erlebte das Stück in der Berliner St.-Elisabeth-Kirche. 1835 von Karl Friedrich Schinkel erbaut, wurde die Kirche im Zweiten Weltkrieg zerstört und stand fast fünf Jahrzehnte als Ruine da. Seit den 1990er Jahren ist sie wieder aufgebaut, wobei bewusst darauf verzichtet wird, die zerstörte Holzdecke, Emporen, Kirchenbänke und Altar zu rekonstruieren. In dem von den wieder errichteten Mauern umgebenen Raum sind die Zeichen der Zerstörung sichtbar.

Die Kombination von ehemaligen und modernen Elementen verleiht dem großen Kirchenraum eine eigene Atmosphäre, einen Hauch von Vorläufigkeit. Das Ensemble nutzte für das Stück den gesamten Raum, sodass Paulus, dargestellt von dem aus Fernseh-Produktionen bekannten Schauspieler Jens Schäfer, hautnah zu erleben war.

Das Musiktheaterstück wurde von der EKD eigens für den Kongress in Auftrag gegeben. Ein Umstand, der nach Ansicht von Petra Bahr, Kulturbeauftragte der EKD, leider eine Ausnahme darstelle. Sie wünsche sich, dass die Kirche wieder, wie es in vergangenen Zeiten häufiger der Fall war, als Auftraggeberin von Kunstwerken in Erscheinung tritt.

In den zurückliegenden Jahren war oft die Rede von der multifunktionalen Nutzung der Kirchenräume. So manche Gemeinde, die sich Sorgen macht um die Auslastung und Erhaltung ihrer Kirchengebäude, dachte über Möglichkeiten einer erweiterten Nutzung nach. Auf dem Kirche-Kultur-Kongress hingegen waren ganz andere Töne zu hören.

Gesine Weinmiller, Architektin und Ratsmitglied der EKD, warnte davor, Kirchen wie Mehrzweckhallen für kirchliche und kulturelle Anlässe zu öffnen. »Multifunktionalität kann alles, aber nichts richtig.« Für zukünftige Kirchengebäude entwarf sie ein sehr schlichtes Bild. »Ein Tisch, vier Wände, eine ­Decke und eine Kerze – das ist die ­Zukunft der Kirche.« Denn ihrer ­Meinung nach reichten diese vier ­Elemente aus, um Ruhe zu finden.

»Krippenspiel etc. Das meistgespielte Stück der Welt und andere biblische Geschichten als Bühnenstoff« – Das Motto der Veranstaltung im Rahmen des Forums »Theater« weckte ­Erwartungen auf pfiffige Ideen für Krippenspiele. Wer auf derartige Anregungen hoffte, war hier fehl am Platze. Dennoch erwies sich die Arbeit in Gruppen zwar anders als erwartet, aber nicht weniger gewinnbringend.

Die Schauspielerin Tanya Häringer zum Beispiel übte mit den Workshop-Teilnehmern das Sprechen von Texten und das Lesen der biblischen Weihnachtsgeschichte. Verblüffend die ­Erfahrung, wie anders der alte Text klingt, wenn er ohne ­Pathos schlicht erzählt wird, etwa so wie sich zwei ­einander nahestehende Menschen unterhalten.

2009 verlieh die EKD erstmals den evangelischen Kulturpreis »Grenzgänger« – ein Preis, der den Dialog von Kirchen und Gemeinden mit der Kultur fördern soll. Auf dem Kongress in Berlin wurden zum zweiten Mal »Grenzgänger« ausgezeichnet, die sich in Bereiche zwischen Kultur und Kirche vorgewagt hatten.

Der erste Preis ging an die »Community Dance Minden« für ihr Projekt »Verdi Requiem: Hommage an das Leben«. Das Chor-, Orchester- und Tanzprojekt gelang durch die jahrelange Zusammenarbeit der evangelischen St.-Marien-Gemeinde in Minden mit Schulen und dem städtischen Kulturbüro.

Mit dem zweiten Preis wurde der Kunstdienst der sächsischen Landeskirche für die Fotoausstellung »Nedomalzlenky – Zuneigungshunger« des tschechischen Künstlers Ondrej Stanek ausgezeichnet. Er fotografierte körperlich, mental oder sozial behinderte Mädchen einer katholischen Schule in Prag.

Den dritten Preis erhielt das Projekt »Passage 2011«, das in Kooperation von der St. Lukas-Gemeinde München und der evangelischen Gemeinde von Venedig entstanden ist. Als Beitrag zur 54. Biennale in Venedig wurde dabei ein rotes Boot über die Alpen gezogen.

Sabine Kuschel

Die Königsmacher

16. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Rundfunk: Evangelische Christen sind in den Aufsichtsgremien des MDR stark vertreten.

mdr

Bei der Wahl des neuen MDR-Intendanten prallen auch politische Interessen aufeinander – Vertreter der Kirchen streiten für einen unabhängigen Rundfunk.
 

Das Telefon auf dem Schreibtisch des Rochlitzer Superintendenten Johannes Jenichen klingelt unablässig, sein Handy auch. Der Theologe aus der mittelsächsischen Stadt findet sich dieser Tage unversehens im Epizentrum eines machtpolitischen Erdbebens wieder: der Wahl des MDR-Intendanten. Jenichen ist Vorsitzender des MDR-Rundfunkrats, der den neuen Senderchef am 26. September wählen soll.

Die Kirchen haben in den Gremien der Rundfunkanstalt keinen geringen Einfluss – theoretisch.

Von den sieben Mitgliedern des MDR-Verwaltungsrats, der am 5. September den Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung Bernd Hilder zum einzigen Kandidaten für den Intendantenposten wählte, sind vier evangelisch.

Erst nach vier Wahlgängen entschieden sich die notwendigen fünf Delegierten des wirtschaftlichen Aufsichtsgremiums für den Zeitungsmann Hilder. Hinter der zähen Entscheidung sieht der MDR-Verwaltungsrat Jürgen Weißbach den politischen Druck der sächsischen CDU. Fünf der sieben Verwaltungsräte stünden der CDU nahe oder seien in ihr Mitglied, sagt der evangelische Theologe aus Halle und langjährige Vorsitzende des DGB Sachsen-Anhalt.

Auch Beobachter und nicht wenige Mitarbeiter des MDR sehen das so. Der Bautzener Oberbürgermeister Christian Schramm – Vorsitzender des Rates der Diakonie Sachsen, Mitglied der sächsischen Landessynode sowie der CDU – möchte als MDR-Verwaltungsrat wegen der angespannten Debatte nichts zu der knappen Entscheidung sagen.

Der Rochlitzer Superintendent Johannes Jenichen vor der Leipziger MDR-Zentrale. Er ist Vorsitzender des Rundfunkrates. (Foto: Armin Kühne)

Der Rochlitzer Superintendent Johannes Jenichen vor der Leipziger MDR-Zentrale. Er ist Vorsitzender des Rundfunkrates. (Foto: Armin Kühne)


Abgestimmt haben die evangelischen Mitglieder der Aufsichtsgremien des Senders ihre Positionen bislang nicht. »Ich bedaure das«, sagt Verwaltungsrat Weißbach. »Die Katholiken sind da koordinierter.«

Um das zu ändern, haben im Vorfeld der Intendanten-Wahl die Medienverbände der sächsischen und der mitteldeutschen Kirche erstmals Empfehlungen an die evangelischen Mitglieder der Aufsichtsgremien ausgesprochen.

Ein neuer Intendant solle »den MDR unabhängig von der Einflussnahme Dritter« führen, heißt es in dem Papier – eine klare Absage an den Druck aus der Politik. Zudem wünsche man sich von der neuen MDR-Spitze, dass sich »der alltägliche Vollzug evangelischen Lebens angemessener als bisher in den Programmangeboten wiederfindet« und dass die Berichterstattung über die DDR-Vergangenheit nicht einer »unreflektierten Verklärung des Alltags in der Diktatur« Vorschub leiste. Beides kann auch als Kritik am Programm des Senders gelesen werden.

Nach dem Vorschlag des MDR-Verwaltungsrates hat bei der Intendanten-Wahl der Rundfunkrat des Senders das letzte Wort.

Dessen Vorsitzender Johannes Jenichen appelliert an die 43 Mitglieder des Gremiums, den Sender nicht dem Staat oder den Parteien auszuliefern (siehe Interview unten). Als Kirchenmann gilt der Rochlitzer Superintendent als neutraler Moderator.

Der Rundfunkrat besteht als Vertreter der Allgemeinheit aus einem engmaschigen Netz von Quoten: Delegierte aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben in ihm feste Sitze, Vertreter der Wirtschaft, der Bauern, der Frauen, der Jugend, der Parteien, der Religionsgemeinschaften. »Bei den Abstimmungen kommt meist eher die persönliche Meinung durch als die des Verbandes oder der Partei«, sagt Rundfunkrat Carsten Meyer, Grünen-Abgeordneter im Thüringer Landtag und davor Geschäftsführer der Diakonie in Weimar. »Es gibt hier sehr differenzierte Debatten.«

Die drehen sich oft um die Qualität des Programms – nicht immer ändert sich danach etwas. Noch öfter aber drehen sich die Diskussionen in letzter Zeit um Enthüllungen zweifelhafter Geldschiebereien leitender MDR-Mitarbeiter. Rundfunk- und Verwaltungsräte des Senders erfuhren davon erst aus der Zeitung. Ihr Unmut darüber war deutlich vernehmbar.

Bei der Wahl des Intendanten aber sind die 43 Rundfunkräte am Zug. Ein bloßes Abnicken wird es diesmal wahrscheinlich nicht geben. Lehnen sie Hilder ab, müssten neue Kandidaten gesucht werden. Alles scheint offen.

Andreas Roth

 
 

Fragen an den Rundfunkrats-Vorsitzenden Superintendent Johannes Jenichen


Herr Jenichen, der Verwaltungsrat des MDR hat dem Rundfunkrat den Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung, Bernd Hilder, als neuen Intendanten vorgeschlagen – ist seine Wahl schon sicher?

Jenichen: Am 26. September wählt der Rundfunkrat diesen Kandidaten – oder nicht. Für einige Rundfunkräte ist die Entscheidung nicht mehr offen. Sie entscheiden sich so wie der Verwaltungsrat oder haben sich untereinander abgestimmt und stimmen zu. Andere sind noch am Überlegen und wollen die Präsentation des Kandidaten in den Landesgruppen abwarten. Der Ausgang dieser freien und geheimen Wahl scheint demnach offen.

Haben Sie sich schon entschieden?
Jenichen: Meine Entscheidung steht fest, aber die ist geheim.

Beobachter kritisieren, die sächsische CDU versuche, auf die Wahl zugun­sten Hilders Einfluss zu nehmen – haben Sie das gespürt?
Jenichen: Auf mich hat die sächsische CDU keinen Einfluss ausgeübt. Ich bin nicht ferngesteuert und es gab auch nicht den Versuch dazu. Aber ich kann nicht für andere sprechen. Ich habe bemerkt, dass sich verschiedene Gruppen im Rundfunkrat absprechen. Die Mehrheit des Gremiums scheint mir jedoch nicht an eine bestimmte Partei gebunden. Da gibt es viele verschiedene Interessen – auch innerhalb der Parteien.

Dürfen denn Parteien und Landesregierungen Einfluss auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausüben?

Jenichen: Eines der hohen Gebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist eine gewisse Staatsferne. Vor dem Hintergrund der DDR-Geschichte bin ich heilfroh, dass wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit dem Grundsatz zur Unabhängigkeit haben. Mit uneingeschränkter Wachsamkeit haben wir eine für die Demokratie konstituierende freie Meinungsbildung zu fördern.

Sehen Sie es als Vorsitzender des Rundfunkrates und Vertreter der Kirche als Aufgabe, dies zu verteidigen?
Jenichen: Dass die Parteien Zustimmung gewinnen wollen, finde ich in Ordnung. Persönlich entscheide ich als freier Christenmensch in der Anwendung des biblischen Mottos: Prüfet alles und das Beste behaltet.

Wollen Sie diese Haltung auch in die Rundfunkrats-Sitzung zur Wahl des Intendanten hineintragen?
Jenichen: Unbedingt. Ich bitte die Rundfunkräte, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden. Das heißt, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk weder dem Staat noch einer gesellschaftlichen Gruppe ausgeliefert wird.

Die Fragen stellte Andreas Roth

 

»Ächt christliche Kunst«

10. September 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Trinitatiskirche in Hainichen (Foto: Matthias Donath)

Trinitatiskirche in Hainichen (Foto: Matthias Donath)


Kirchenbau des 19. Jahrhunderts: Die Schöpfungen des Historismus sind großartige Kunstwerke.
 
Erstmals in diesem Jahr widmet sich der »Tag des offenen Denkmals« am Sonntag unter dem Motto »Romantik, Realismus, Revolution« einer ganzen Zeitepoche, dem 19. Jahrhundert.
 

Die kirchliche Baukunst des 19. Jahrhunderts hatte lange keinen guten Ruf. Noch vor drei oder vier Jahrzehnten hieß es einmütig: »Das hässliche Zeug muss weg!«

Bei Renovierungen wurden – oft unter Zustimmung der Denkmalpflege – ganze Kirchenausstattungen zerstört. Man kappte die Türmchen, übertünchte die dekorativen Ausmalungen, beseitigte den Zierrat an Kanzeln und Altären und entfernte die Glasbilder in den Fenstern.

Die Ablehnung des Historismus wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Kunstkritikern und Intellektuellen ­formuliert, die einen Bruch mit der »albernen Stilkunst« forderten und ­einen Aufbruch in die Moderne erträumten.

Ihr Einspruch, das Jahrhundert der Industrialisierung habe zum »allertiefsten Niedergang der Kunst« geführt und nur »billige und protzige Stilkopien« produziert, prägte auch das Urteil der nachfolgenden Generationen.

Heute wissen wir, dass diese Bewertung nicht richtig war. Die Schöpfungen des Historismus sind – in ihrer handwerklich aufwendigen Ausführung und schmuckfreudigen Gestaltung – großartige Kunstwerke, die sich vor den Zeugnissen anderer Epochen nicht zu verstecken brauchen.

Der evangelische Kirchenbau in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war noch stark von der barocken Bautradition geprägt.

Man errichtete weiträumige Emporenkirchen mit umlaufenden mehrgeschossigen Emporen. Altar und Kanzel waren zu einem Kanzelaltar vereint. Mit der Wiederentdeckung der Baukunst des Mittelalters begann man, nach neuen Gestaltungsmöglichkeiten zu suchen.

So wurde 1859 in Dresden der »Verein für kirchliche Kunst« gegründet. Er setzte sich zum Ziel, »die ächt christliche Kunst nach den Grundsätzen und Bedürfnissen der evangelisch-lutherischen Kirche zu fördern, namentlich bei beabsichtigten Neu- und Umbauten von Kirchen, Altären, Canzeln«.

Als »ächt christlich« verstanden Christian Friedrich Arnold (1823–1890) aus Dresden und seine Baumeisterkollegen in Preußen und Süddeutschland den romanischen und den gotischen Stil. Mit ihrer Zustimmung wurde auf einer Kirchenkonferenz 1861 in Eise­nach eine Norm für den evangelischen Kirchenbau in Deutschland ­beschlossen.

Das folgenreiche Eise­nacher Regulativ forderte, bei Neubauten ausschließlich den »christlichen Baustyl« anzuwenden: »neben der altchristlichen Basilika und der sogenannten romanischen (vorgotischen) Bauart vorzugsweise den sogenannten germanischen (gotischen) Styl«. Alle Kirchen sollten nach traditionellem Brauch nach Osten ausgerichtet sein.

Ein Bruch mit früheren Vorstellungen stellte die Forderung dar, Altarraum und Kirchenschiff strikt voneinander zu trennen. Kanzelaltäre waren nicht mehr erwünscht.

Nach dem Eisenacher Regulativ darf die Kanzel »weder vor noch hinter oder über dem ­Altar, noch überhaupt im Chore ­stehen«. Die Wiederbesinnung auf mittelalterliche, vorreformatorische Gewohnheiten lässt sich mit einem Wandel in der evangelischen Theologie erklären: Der kirchliche ­Rationalismus, der auf die Nützlichkeit des Glaubens zielte, wurde vom konservativen Neuluthertum abgelöst, das stärker auf romantische und idealistische Inhalte setzte.

Das Eisenacher Regulativ galt für die große Zahl evangelischer Gotteshäuser, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Stadt und Land errichtet wurden. Infolge des starken Bevölkerungswachstums kam es nach der Reichsgründung zu einer enormen Kirchenbauwelle. Zwischen 1870 und 1914 entstanden allein in Leipzig 24 evangelisch-lutherische Kirchen!

Auch außerhalb der Großstädte ersetzte man zu klein gewordene Gotteshäuser durch neogotische oder neoromanische Neubauten. Diese als bloße »Stilkopien« abzuwerten, wird ihrer Bedeutung nicht gerecht. Die ­Architekten benutzten das historische Formengut, setzten aber eigene Akzente.

So schufen der Baurat Conrad Wilhelm Hase (1818–1902) aus Hannover und seine Schüler beeindruckende Monumente aus rotem Backstein. Eine der größten Backsteinbauten im mitteldeutschen Raum ist die Johanniskirche in Gera, die 1881 bis 1885 nach Entwürfen von Constantin Lipsius (1832–1894) und August Hartel (1844–1890) errichtet wurde.

Dass sich hinter dem historisierenden Stilkleid ganz neuartige Raumlösungen verbergen können, beweist die 1899 geweihte Trinitatiskirche in Hainichen (Kreis Mittelsachsen). Um allen Gottesdienstbesuchern einen ungehinderten Blick auf Altar und Kanzel zu ermöglichen, legte Gotthilf Ludwig Möckel (1838–1915) einen stützenfreien Zentralraum an. Trotz der gewaltigen Spannweite ist die gesamte Kirche überwölbt. Die Last des kühnen Gewölbes leitete der in Zwickau geborene Architekt über weit gespannte Spitzbögen auf die abgeschrägten Ecken der kreuzförmigen Vierung ab.

Leider hat man bei den Kirchenrenovierungen der letzten Jahre meist darauf verzichtet, die Ausmalungen des 19. Jahrhunderts wieder hervorzuholen. Noch immer scheint eine ­gewisse Abneigung gegen die farbenfrohen Gestaltungen des Historismus zu bestehen. Wie wichtig das Dekor für die Raumwirkung ist, beweist der Blick in die Hainichener Kirche. Die übertünchte Ausmalung wurde 2009/10 vollständig rekonstruiert.

Matthias Donath

Der Autor ist promovierter Kunsthistoriker und Vorsitzender des Dombau-Vereins Meißen.

Eisenacher Regulativ

Unter Mitwirkung namhafter Kirchenbaumeister, darunter Friedrich August Stüler (1800–1865) und Conrad Wilhelm Hase (1818–1902), beschloss die Deutsche Evangelische Kirchenkonferenz, die vom 30. Mai bis 5. Juni 1861 in Eisenach tagte, ein »Regulativ für den evangelischen Kirchenbau«.

Die Vorschriften galten – mit einigen Veränderungen – bis 1908 für alle evangelischen Kirchenneubauten in Deutschland. Mit der Reformkunst des frühen 20. Jahrhunderts löste man sich von dem inzwischen überholten Regelwerk.

Förderin der Reformation

4. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Frauen des Mittelalters: Felicitas von Selmenitz.

Wappen der Familie von Selmenitz (Quelle: M. Hofmann)

Wappen der Familie von Selmenitz (Quelle: M. Hofmann)

»Der Erbarn, tugentsamen frawen Felicitas von Selmenitz, meiner Lieben Gevattern … Martinus Luther d. d.« Mit diesem Vermerk schenkte Martin Luther seine 1534 bei Hans Lufft in Wittenberg erschienene erste vollständige Bibelübersetzung der frommen Witwe Felicitas von Selmenitz.

Deren nachgelassene Bücher wurden nach dem Tod ihres Sohnes Georg zusammen mit dessen Büchersammlung der Marienbibliothek in Halle übergeben.

Die Familienbibliothek derer von Selmenitz ist die erste große Schenkung an die 1552 gegründete Marienbibliothek, eine der ältesten evangelischen Kirchenbibliotheken Deutschlands. Sie bildet eine wertvolle Ergänzung zu den schon vorhandenen Reformationsschriften.

Unterstreichungen, Wiederholungen von für sie bedeutungsvollen Worten und eine eigene Bildsprache an den Seitenrändern machen deutlich, dass Felicitas von Selmenitz die Heilige Schrift gründlich studiert hat.

Felicitas von Münch wurde 1488 geboren. Sie stammt aus einer am Hofe des Kurfürsten Friedrich von Sachsen hoch angesehenen Adelsfamilie. Ihr Vater, Hans von Münch, war Vogt zu Bürgel, Gleißberg, Windberg, Eisenberg und saß in Würschhausen. 1507 heiratete sie den verwitweten Schlosshauptmann Wolf von Selmenitz. Dem Ehepaar werden sieben Kinder geboren.

Das Jahr 1519 wird zum Schicksalsjahr der jungen Frau. Ihr Mann, Wolf von Selmenitz, wird nach einer Hochzeitsfeier auf den ­Stufen des »Goldenen Ringes«, eines Gasthauses mitten in Halle, hinterrücks von Moritz Knebel ermordet. Hintergrund für diese Mordtat waren alte ­Familienstreitigkeiten.

Felicitas ist 31 Jahre alt. Von ihren sieben Kindern sind bereits vier gestorben, zwei verliert sie kurz darauf an der Pest. Allein Georg, der Zweitgeborene, überlebt. Mit ihm verlässt sie ihren Witwensitz auf der Vitzenburg und siedelt in ihr Gut nach Glaucha bei Halle über.

Hier hat sie Kontakt zum Zisterzienserinnenkloster, der sog. Marienkammer, und trifft Thomas Müntzer. Aufmerksam verfolgt sie die Verbreitung der lutherischen Lehre, der ihr Schwager Sebastian von Selmenitz schon länger anhängt und nimmt schon 1523 das Abendmahl in beiderlei Gestalt entgegen.

Den Anfeindungen Kardinal Albrechts ausgesetzt, entflieht sie 1528 der Stadt Halle, nachdem sie bei Luther angefragt hat, wie sie sich in dieser Situation verhalten sollte. Felicitas von Selmenitz begleitet ihren Sohn Georg zum Studium der Rechtswissenschaft nach Wittenberg. Hier trifft sie auf die Familien der Reformatoren, auf Martin Luther, Philipp Melanch­thon, Justus Jonas, Johannes Bugenhagen und Caspar Cruciger. Sie alle schenken ihr mit persönlichen Widmungen ihre Schriften und achten sie als Schwester im Glauben.

Immer wieder auf der Flucht vor der Pest begleitet sie ihren Sohn nach Jena, Magdeburg und Zerbst, um sich endlich ab 1547 wieder in Halle niederzulassen. Hier hatte sich inzwischen die lutherische Lehre seit 1541 durchgesetzt. Justus Jonas war der erste evangelische Prediger und spätere Superintendent an der Hauptkirche »Unser lieben Frauen« in Halle.

Ihr Sohn Georg von Selmenitz heiratete 1551 die wohlhabende Witwe des Kanzlers Christoph Türck, Ursula Türck, geb. Keller, aus Leipzig und bezog das Passendorfer Gut bei Halle. Eine Anstellung fand er als Hofrat beim Bischof von Merseburg, Michael Helding, gen. Sidonius. Seiner Familie errichtete er 1557 auf dem neuen Gottesacker auf dem Martinsberg einen Schwibbogen als Erbbegräbnis.

Das eindrucksvolle Epitaph zeigt uns die Familie kniend vor der Kreuzigungsszene, rechts Felicitas mit ihren Töchtern Anna und Dorothea, links Wolf von Selmenitz mit den fünf gemeinsamen Söhnen, die jeweiligen Familienwappen beigegeben.

Am 1. Mai 1558 stirbt Felicitas von Selmenitz und wird auf dem Stadtgottesacker begraben. Der Kirche »Unser lieben Frauen« in Halle hinterlässt sie laut Testament einen erheblichen Geldbetrag von zwölf Schock.

Die Bibel der Felicitas von Selmenitz war bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts am Reformationstag auf dem Altar der Marktkirche in Halle in Gebrauch und wird heute als kostbares Zeugnis der Reformation für kommende Generationen in der Marienbibliothek aufbewahrt.

Seit 1998 trägt eine Straße im Süden von Halle, in unmittelbarer Nähe der Lutherkirche, den Namen dieser frommen tapferen Frau. Der Freundeskreis der Marienbibliothek stiftete 2009 ein Zusatzschild zum Straßenschild mit folgendem Hinweis: Felicitas von Selm(e)nitz, 1488–1558, erste Förderin der Reformation in Halle, Freundin der Familie Luthers.

Mechthild Hofmann

Die Autorin ist wissenschaftliche Bibliothekarin und Vorsitzende des Freundeskreises der Marienbibliothek Halle e.V.

»Wir haben durch Loriot lachen gelernt«

26. August 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Vicco von Bülow alias Loriot mit seinem berühmten »Knollennasen-Männchen«. (Foto: ddp images/dapd)

Vicco von Bülow alias Loriot mit seinem berühmten »Knollennasen-Männchen«. (Foto: ddp images/dapd)


Am 22. August starb Vicco von Bülow, Deutschlands berühmtester Karikaturist.

»Mit 70 muss man damit rechnen, aus biologischen Gründen vertragsbrüchig zu werden …«, witzelte Loriot vor Jahren. Da war Vicco von Bülow selbst schon über 80. Und er begegnete dem eigenen Altern mit ­einer gehörigen Portion schwarzen Humors.

Am 22. August, Montagnacht, ist Deutschlands berühmtester Karikaturist mit 87 Jahren in Ammerland am Starnberger See gestorben – an Alterschwäche. Als einer der ersten brachte Bundespräsident Christian Wulff seine Trauer zum Ausdruck: »Wir haben durch Loriot lachen gelernt.«

»Wach bleiben, nichts als selbstverständlich hinnehmen und sich über alles wundern« – hatte der einst sein Erfolgsrezept beschrieben.

Als Cartoonist, Autor, Schauspieler und Regisseur war Loriot vor allem für seine exakte Planung von Witz und Hintergründigkeit bekannt. »Ich zeige ja allzu menschliche Dinge, die wirklich jedem passieren und einen großen Wiedererkennungswert haben«, sagte er. Über bestimmte Themen wie etwa Kirche mache er jedoch keine Witze, erläuterte er einmal.

Den meisten Deutschen ist er wohl durch die gespielten Sketche seiner sechsteiligen Fernsehserie »Loriot« im Gedächtnis – oft an der Seite von Evelyn Hamann (1947–2007). Legendär ist etwa die »Liebeserklärung«, die an einer Nudel auf der Nase scheitert.

Aber auch die Trickfilme mit Dr. Klöbner, Herrn Müller-Lüdenscheidt und einer Gummi-Ente in der Hotelbadewanne zählen zu den unvergessenen Loriot-Klassikern. Später wurden seine Kinofilme »Ödipussi« (1988) oder »Pappa ante portas« (1990) zu großen Erfolgen.

Der am 12. November 1923 in Brandenburg an der Havel geborene Bernhard Victor Christoph-Carl von Bülow stammt aus einer alten preußischen Offiziersfamilie. Er wuchs bei seiner Großmutter in Berlin auf, wurde zum Kriegsdienst eingezogen, nahm am Russlandfeldzug teil.

Nach Kriegsende studierte er Malerei und Grafik und zeichnete ab 1950 unter dem Pseudonym »Loriot« Karikaturen. Der Name, der später sein Markenzeichen wurde, geht auf das Wappentier der Familie zurück: den starengroßen, gelbschwarzen Pirol, der auf Französisch Loriot heißt.

Vicco von Bülow war seit 1951 mit seiner Frau Romi verheiratet und ­Vater von zwei Töchtern. Er lebte bis ­zuletzt am Starnberger See.

In einem Interview äußerte er sich zu seinem Glauben: »Ich bin ein ganz normal erzogener norddeutscher Christ. Das spielt in meinem Leben schon eine Rolle. Ich versuche, nicht gereizt zu reagieren auf Dinge, die mir nicht gefallen.« Und seine Reaktion auf die Frage, was ihn trösten würde: »Schwer zu sagen. Die Bibel? Ja, sicher.«

Seit einigen Jahren war es stiller geworden um ihn. Loriot hatte sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Das Fernsehen sei heute »zu schnell geworden für meine Komik«, befand er. Die von ihm stets angestrebte und geleistete »komische Qualität« sei kaum mehr erreichbar im hektischen TV-Geschäft. Besonders zugeneigt blieb der Humorist zeitlebens dagegen der klassischen Musik und der Oper.

Anlässlich seines 85. Geburtstags zeigte das Berliner Museum für Film und Fernsehen 2008/2009 die bislang größte Ausstellung zu seinem Werk. Das ist hochdekoriert, unter anderem mit einem Adolf-Grimme-Preis (1974), der Goldenen Kamera (1978), dem Deutschen Kleinkunstpreis (1979), zwei »Bambis« (1988, 1993), dem Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache (2004) und dem Deutschen Comedypreis/Ehrenpreis (2007). Victor von Bülow ist zudem Träger des Großen Verdienstkreuzes mit Stern und Schulterband des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (1998).

Dem Publikum bleibt er wohl vor allem durch seine Filme und Fernsehsketche in Erinnerung. »Der deutsche Film ist angenehmer als eine Nase, denn bei durchschnittlicher Länge läuft er nur 90 Minuten.« Diesen Ausspruch über die Filmkunst legte Vicco von Bülow seinem berühmten Knollennasen-Männchen in den Mund.

Andreas Rehnolt und Renate Kortheuer-Schüring (epd)

Der weiße Strich

18. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Ausstellung in Bautzen erzählt über eine Kunst- und Protestaktion an der Berliner Mauer.

Eine Fotografin hatte die Männer, die alle maskiert waren, am ersten Tag ihrer Malaktion begleitet. (Foto: Pressefoto)

Eine Fotografin hatte die Männer, die alle maskiert waren, am ersten Tag ihrer Malaktion begleitet. (Foto: Pressefoto)


Im November 1986 war die Mauer auf Westberliner Seite längst übersät mit Graffiti. Prominente Künstler wie der französische Maler Thierry Noir oder der US-Amerikaner Keith Haring hatten ihre Spuren auf dem sogenannten »antifaschistischen Schutzwall« hinterlassen und lockten damit Touristen an.

Die Grenzschützer der DDR, die auch für die Mauer auf der Westseite verantwortlich waren, reagierten darauf, wie die Politführung, kaum. Wohl auch, weil die Mauer so viel weniger auffiel, weil sie nicht mehr als die bei Nacht und Nebel gebaute Barriere wahrgenommen wurde, vermuten Historiker.

Hingegen war es ein weißer Strich, der die Oberen auf die Palme brachte.

Über diesen Strich – eine Kunst- und Protestaktion von fünf jungen Männern – erzählt nun eine Ausstellung in der Gedenkstätte Bautzen II. Im ehemaligen Stasiknast wird so an den Mauerbau vor 50 Jahren erinnert.

Zur Eröffnung in der vergangenen Woche berichteten drei der fünf damals Beteiligten, von der »spontanen und schlecht vorbereiteten Aktion«, wie Frank Schuster, einer der Akteure, heute einschätzt.

Fünf ostdeutsche Jungs waren sie. Jahrgang 1962 bis 1966. Alle unter dem Dach der Kirche in Weimar engagiert. Gesprüht haben sie gegen den DDR-Staat. Sie wurden bespitzelt, verhaftet, eingesperrt, bedroht. Und schließlich gingen Frank Willmann, Frank Schuster, Wolfram Hansch sowie Thomas und Jürgen Onißeit nacheinander nach Westberlin.

Dort war erstmal ­»alles so schön bunt«, erinnert sich Frank Willmann, der heute als freier Autor in Berlin lebt und die Ausstellung in der Bautzener Gedenkstätte mitgestaltet hat.

Doch bald wuchs ­Ärger über die schöne bunte, schön verdrängte, schön zur Gewohnheit gewordene Mauer.

Und die Männer entschieden: Wir machen etwas. Ohne Kommentar.

Ein weißer Strich mit billiger Farbe aus dem Baumarkt auf 178 Kilometern, gezogen in zwei Wochen.

Weit kamen sie nicht in jenem November 1986.

Am zweiten Tag tauchten plötzlich DDR-Grenzsoldaten aus einer Tür in der Mauer auf, schnappten sich Wolfram Hansch und verschwanden mit ihm in den Osten.

Trotz aller Proteste, trotz großer Medienresonanz wurde der Krankenpfleger, damals 23 Jahre jung, zu einem Jahr und sechs Monaten Haft verurteilt. Acht Monate musste er absitzen – in Bautzen, in jener Stasihaftanstalt, die traurige Berühmtheit erlangt hat, wegen all der politisch Gefangenen, die hier aus teilweise nichtigen Gründen einsaßen.

Die Kunstaktion an der Mauer war mit der Festnahme beendet.

Die Ausstellung »Mauer Punks und Haft in Bautzen«, die in der Garage der Ex-Haftanstalt auf drei schlichten Holztischen aufgebaut ist, schlägt ­einen weiten Bogen.

Erzählt von den jungen Protestlern aus Weimar, von DDR-Repressionen, öffnet Gerichtsakten und Geheimreports. Sie macht in Tondokumenten Radioberichte von 1986 über den Fall nachhörbar. Und zeigt auf Fotos junge Männer mit strubbligem Haar, deren Leben durch den DDR-Repressions-Alltag und die Haft des Freundes grundlegend verändert wurde. Auch von der Malaktion selbst sind Bilder geblieben. Eine heute unbekannte Fotografin hatte die Männer, die alle maskiert waren, an ihrem ersten Tag begleitet.

Mehr als 20 Jahre später gab es für die Beteiligten dann noch einmal einen Schock.

Jürgen Onißeit, ältester der Fünfergruppe, Bruder von Thomas und Ideen-Geber der Malaktion, hatte vor der Ausreise in den Westen für die Stasi gespitzelt. Bei der Arbeit an der Ausstellung kam das ans Licht. »Wir haben versucht, mit ihm darüber zu reden. Aber er wollte nicht«, erzählen die Männer.

Nun gibt es keinen Kontakt mehr zu ihm. Doch die anderen habe das wieder neu und noch mehr zusammengeschweißt.

Irmela Hennig

Die Ausstellung ist bis 31. Oktober montags bis donnerstags von 10 bis 16 Uhr, freitags von 10 bis 20 Uhr, sonnabends und sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Zur Kunstaktion ist außerdem ein Buch mit dem Titel »Mauer, Punks und Haft in Bautzen« erschienen.

Mittelalter zwischen Sizilien und Skandinavien

14. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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In Halberstadt findet das erste internationale »Forum Kunst des Mittelalters« statt.

Kongressteilnehmer und -teilnehmerinnen haben die Chance, den weltweit bedeutenden Domschatz, der sich im ­Halberstädter Dom befindet, kennenzulernen. (Foto: Mahlke)

Kongressteilnehmer und -teilnehmerinnen haben die Chance, den weltweit bedeutenden Domschatz, der sich im ­Halberstädter Dom befindet, kennenzulernen. (Foto: Mahlke)


Nicht einmal die Wissenschaftler aus New York haben gefragt: »Warum in Halberstadt?« In der berühmten Domstadt wird vom 21. bis 24. September 2011 zum ersten Mal das »Forum Kunst des Mittelalters« ­organisiert. Die Resonanz auf die Einladung zu dem internationalen Kongress hat alle Erwartungen des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft und der Domschatzverwaltung Halberstadt übertroffen.

»Der internationale Kongress versammelt in der Harzstadt 90 Referenten aus ganz Europa, Russland und Amerika, die ihre Forschungsergebnisse im freien Gedankenaustausch zwischen Wissenschaftlern, Studenten und an mittelalterlicher Kunst ­interessierten Tagungsgästen vorstellen und diskutieren«, erläutert Dom-Kustos Dr. Thomas Labusiak, ­einer der Organisatoren vor Ort.

Das Forum sei eine wunderbare Plattform des Austausches, weil viele Aspekte der Zeit von 500 bis 1500 kunstwissenschaftlich eher selten betrachtet ­würden. Labusiak nennt es »die Fruchtbarkeit der Randgebiete«, die eben von den Historikern noch sehr unvollständig beackert worden seien. »Unser Ansatz ist breit gefasst, sodass der Runen-Forscher sich ebenso ­einbringen wird wie der Mosaik-Experte.«

Die 16 thematisch vielfältigen Sektionen reichen von Architektur und Malerei über England, die Premysliden bis hin zu den Phänomenen Siegel, Textilien und Reliquienschreinen. Der thematische Schwerpunkt liegt dabei auf der Kunst des 13. Jahrhunderts. Linda Herbst aus dem Vorbereitungsteam findet dieses Treffen »ideal für den Domschatz und gut für die ganze Region«, denn es werde über mittelalterliche Kunstgeschichte in der gesamten Breite und an Orten zwischen Skandinavien und Sizilien diskutiert.

Nicht nur universitäre Dispute seien gefragt. Museen und zahlreiche Denkmalpfleger haben ihr Kommen ebenso angekündigt wie Studenten und an mittelalterlicher Kunst interessierte Tagungsgäste, sodass bereits seit Wochen selbst das letzte Halberstädter Hotelbett belegt sei und in den Harz ausgewichen werden muss. Dorthin führen auch einige der Exkursionen während der vier Kongresstage. Die Veranstalter nennen das Treffen »eine Tagung in Bewegung«.

Die Sektionen treffen sich an den Orten, über die sie reden. Dazu gehören der Domschatz und die romanische Liebfrauenkirche sowie die Moses Mendelssohn Akademie für jüdische Geschichte.

So hätten die Teilnehmer die einmalige Chance, den weltweit bedeutenden Domschatz nicht nur aus den Publikationen kennenzulernen.

»Wer von einem Treffpunkt der Sektionen zum anderen wandelt, der wird zum Schauen animiert und gezwungen, den facettenreichen Stadtorganismus kennenzulernen, wird ihn erlaufen und erfahren im Sinne von Erfahrungen machen. Es gibt schon genug Kongresse, auf denen nur zwischen Auditorium und Kaffeetassen im Foyer gependelt wird«, so Dom-Kustos Dr. Thomas Labusiak.

Er verweist auf den Messecharakter des ­Forums. »Namhafte Verlage und Forschungsinstitutionen bauen hier ihre Stände auf. Eine neue Erfahrung für uns hier.« Ihn freut, dass Sponsoren bis nach New York »dem Forum-Konzept vertrauen und Geld in Ideen investieren«.

Uwe Kraus

Bizarr und verstörend

5. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Religiöse Themen motivieren zeitgenössische Künstler zu einer Neuinterpretation.
 
Blick in die Ausstellung »What Happened to God?«. (Foto: Maik Schuck)

Blick in die Ausstellung »What Happened to God?«. (Foto: Maik Schuck)

Dass unsere Welt auf vielfältige Weise von religiösen Symbolen, Vorstellungen und Ideen über Gott und das Göttliche beeinflusst ist, diesem Phänomen versucht die Ausstellung in der Weimarer ACC-Galerie ­unter dem Titel »What Happened to God?« nachzuspüren.

Wer sich dem Thema Religion ­nähern will und vielleicht Antworten auf die Frage nach Gott sucht, schaut hier allerdings auch in dunkle Abgründe. Auffällig ist, dass viele der an der Schau beteiligten zeitgenössischen Künstler Religion mit Gewalt, Exzessen und Blutvergießen verbinden.

In dem Video »Angels of Revenge« kommen dem Betrachter durch einen dunklen, schmalen Gang Teilnehmer eines Kostümwettbewerbs entgegen. Als Zombies, Monster und Werwölfe verkleidet sprechen sie grausame Flüche und Beschimpfungen aus, drohen Gewalt an. Die Idee des Künstlers Christian Jankowski: In einer Horrormesse sollten sich die Beteiligten ihrer Aggressionen auf erdachte oder tatsächliche üble Feinde entledigen.

Die Ausstellung strotzt von abstoßenden Szenen. Blutbesudelte, die den Vergleich mit Schlächtern nahelegen. Auch das zentrale Ereignis im Christentum, die Kreuzigung Jesu, deuten Künstler als ein Geschehen wie im Blutrausch. Zu sehen sind drastische Bilder von Orgien und Prozessionen.

Die Präsentation erkundet auf der einen Seite die dunkle Welt der gewalttätigen norwegischen Black-Metal-Szene. Black Metal ist eine Subkultur des Metal. Diese Musikrichtung entstand in den 1980er Jahren in Norwegen und Schweden und breitete sich dann in Europa aus. Der ameri­kanische Dokumentarfotograf Peter Beste porträtierte die Protagonisten dieser extremistischen Bewegung, ein düsterer Mix von Heavy-Metal-Musik, Horror, Satanismus, heidnischem Glauben, nordischer Mythologie und adoleszenter Lebensangst.

Was ist mit Gott passiert? Wo ist er angesichts von Fanatismus und Terror, Gewalt und Krieg? Die bizarren und verstörenden Bilder scheinen verzweifelt nach einer Antwort auf diese Fragen zu suchen. Andere Arbeiten spüren dem Faszinierenden in der ­Religion nach.

»Was veranlasst zeitgenössische Künstler, in ihren Werken religiöse Motive aufzunehmen?« Mit dieser Frage beschäftigt sich ein 60-minütiger Dokumentarfilm »Amen! Die Kunst und ihr Heimweh nach Gott«. Die Filmemacherin Julia Benkert, Jahrgang 1970, zeigt darin verschiedene religiöse Gegenstände, die zeitgenössische Künstler zu einer Neuinterpretation anregten: die Dornenkrone, das Kreuz, ein Weihrauchpendel. Eine mehr als zwei Meter hohe Installation von Radiorecordern in einer Kirche simuliert die Posaunen von Jericho, deren Schall die Stadtmauer nach dem alttestamentlichen Bericht in Josua 6, einfallen ließ.

Das österreichische Künstlerpaar Helmut und Johanna Kandl –, beide wurden katholisch erzogen, haben sich aber vom kirchlichen Leben ­entfernt –, beschäftigt sich mit Wallfahrten. Fotos und Videos entstanden bei ihren Besuchen in verschiedenen Wallfahrtsorten.

Diese und weitere Objekte können als Beispiele für das Positive von Religion und Glauben angesehen werden. Im Übrigen vermittelt die Schau einen eher düsteren Einblick und sie wirkt teilweise diffus und konzeptionslos. Den Besucher, der sich dem Phänomen Religion nähern will und auf Antworten hofft, lässt sie allzu oft ratlos.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung »What Happened to God?« in der ACC-Galerie Weimar, Burgplatz 1 und 2 ist bis 28. August, montags bis sonntags von 12 bis 18 Uhr, freitags und sonnabends von 12 bis 20 Uhr zu sehen.

Vom 17. September bis 24. Oktober wird sie in Halle 14, Zentrum für zeitgenös­sische Kunst in der Leipziger Baumwollspinnerei, Spinnereistr. 7, dienstags bis sonnabends von 11 bis 18 Uhr gezeigt.

Hauen, stechen, schießen – kämpfen unter Gottes Wort?

31. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Auf dem Trabharnisch des Herzogs August von Sachsen von 1547 ist ein kniender Ritter vor dem Kruzifix zu sehen. (Foto: ddp images/dapd/Norbert Millauer)

Auf dem Trabharnisch des Herzogs August von Sachsen von 1547 ist ein kniender Ritter vor dem Kruzifix zu sehen. (Foto: ddp images/dapd/Norbert Millauer)

Ausstellung im Dresdner Residenzschloss thematisiert das Verhältnis von Macht und Religion.

Ein bedeutendes Jubiläum wirft seine Schatten voraus. Im Jahre 2017 wird das 500-jährige Reformationsjubiläum begangen. Bereits 2008 wurde in Wittenberg die »Lutherdekade« eröffnet, u. a. mit der Absicht, die folgenden zehn Jahre zu ­nutzen, auch mittels der Kunst auf dieses Ereignis von Weltbedeutung hinzuweisen.

Im Dresdner Residenzschloss ist noch bis 15. August eine Ausstellung zu sehen, deren Exponate auch auf ungewöhnliche Weise die Zeit der Reformation und ihre Ereignisse auf sehr spezielle Art lebendig werden lässt. Den Staatlichen Kunstsammlungen, aus deren Beständen sich die Schau zusammensetzt, sei damit »ein kleines Kabinettstück gelungen«, so Kulturstaatsminister Bernd Neumann in seinem Grußwort des aufschlussreichen, ansehenswerten Kataloges.

In zwei Räumen gibt es insgesamt 30 Exponate zu sehen, worunter allerdings 19 Mal Waffen zu bestaunen sind. Es sind prunkvolle Stücke, Rapiere, Dolche, Schwerter und Pistolen, dazu zweimal ein schlachterprobter Harnisch.

Bei den Hieb-, Stich- und Schusswaffen lohnt es genauer hinzusehen. Einmal wegen der kunstvollen Ausführungen, wie z. B. dem Prunkdolch Johann Friedrich I., des Großmütigen, Kurfürst von Sachsen, aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Man ist geneigt das Ebenmaß der Waffe zu bewundern und staunt nicht schlecht, dass sie Abbilder des Besitzers und seiner Ehefrau zieren, dazu auf dem Mundblech der Scheide eine biblische Szene, Abigail und David.

Eine wahre »Bilderbibel« mit insgesamt 23 Darstellungen aus der Heiligen Schrift ziert Rapier und Dolch des Kurfürsten August von Sachsen. Auch auf seinen Pistolen können wir Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament bestaunen.

Auf einem Harnisch kniet ein Ritter unterm Kreuz, und das Kurschwert des Herzogs ­Moritz von Sachsen ziert nicht nur ein Silberkreuz, auch eine Inschrift, die Jesus zitiert, der im 26. Kapitel des Matthäusevangeliums vor dem Gebrauch des Schwertes warnt und dem Kämpfer den Tod durch eine solche Waffe ankündigt.

Zu sehen ist in der Ausstellung auch Martin Luthers »Hauswehr«, eine Blankwaffe, die er zum Zwecke der Selbstverteidigung und zum Schutz seines Hausfriedens hätte nutzen wollen.

Nicht dass diese gut aufgestellte und höchst informativ gestaltete Schau allein Waffen zeigt, da sind wunderbare andere Exponate zu sehen, etwa ein Trinkgefäß als Pelikan, einem Tier, das in der ikonografischen Tradition zum Christussymbol wurde, die reich verzierte Prachtmitra des Erzbischofs von Brandenburg oder golddurchwirkt gestrickte rote Pontifikalhandschuhe.

Es geht aber, so der Titel und die Unterzeile der Ausstellung, um die Verbindung von Macht und Glauben, um das Verhältnis von Macht und Religion: »Erhalt uns, Herr, pei deinem Wort – Glaubensbekenntnisse auf kurfürstlichen Prunkwaffen und Kunstgegenständen der Reformationszeit.«

Beschriftungen und vor allem der Katalog verhelfen zu historischen Einordnungen, klären auf über zeitbedingte Ansichten und daraus zu erklärendes Zusammenwirken von Religion und Politik.

Die Bekenntnisse auf den Waffen, darauf weist der sächsische Landesbischof Jochen Bohl hin, dokumen­tieren den inneren Standpunkt ihrer Träger in einer Zeit, als Religion alles andere als Privatsache war. Er schlägt mit seinen Gedanken eine Brücke in die Gegenwart, fordert das öffentliche Bekenntnis, das aber anders als in den Auseinandersetzungen der Reformationszeit nichts mit Gewalt zu tun habe.

Die Brisanz aber bleibt bestehen, die Frage nach dem Verhältnis des Gebotes vom grundsätzlichen ­Tötungsverbot und der Idee vom »rechtmäßigen« Krieg provoziert umstrittene Antworten. Vom Evangelium her, so der Bischof, gehe es darum, rechtmäßigen und gerechten Frieden anzustreben.

Historische Exponate schärfen den Blick auf gegenwärtige Zusammenhänge.

Boris Michael Gruhl

Die Ausstellung im Dresdner Residenzschloss ist noch bis zum 15. August täglich, außer dienstags, von 10 bis 18 Uhr, ­geöffnet.

Heimkehr einer Sammlung

26. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Projektleiterin: Sabine Maier, Professor für Konservierung und Restaurierung an der Fachhochschule Erfurt, zu Besuch in der Abteilung für Kopie in der Muchina-Akademie St. Petersburg.  Foto: privat

Die Projektleiterin: Sabine Maier, Professor für Konservierung und Restaurierung an der Fachhochschule Erfurt, zu Besuch in der Abteilung für Kopie in der Muchina-Akademie St. Petersburg. Foto: privat


Im Landgut Holzdorf sollen Meisterkopien impressionistischer Bilder gezeigt werden.

Dass sich die Wege von Kultur und Diakonie streifen können, zeigt ein außergewöhnliches Projekt, das im Landgut Holzdorf (bei Weimar) vorgestellt wurde. Es sieht vor, 20 impressionistische Gemälde aus der Sammlung des Unternehmers Otto Krebs (1873–1941) zu kopieren, die als sogenannte »Beutekunst« in der Eremitage in St. Petersburg gezeigt wird.

Der Mannheimer Fabrikant, der das stattliche Anwesen südlich von Weimar 1917 erworben hatte, liebte die Impressionisten. Seit Anfang der 20er Jahre erwarb er mit großem ­Sachverstand einen Bestand an 98 Gemälden und 19 Skulpturen, der als umfangreichste deutsche Impressionistensammlung gilt. Ihr Gesamtwert wird auf 800 Millionen Euro geschätzt! Zu ihnen gehören unter anderem »Das Weiße Haus bei Nacht« von Vincent van Gogh, »Mädchen mit Hut« von Pierre-Auguste Renoir oder »Zwei Schwestern« von Paul Gauguin.

Die Bilder hingen – in wechselnder Konstellation – nicht nur in den Gesellschaftsräumen der Sommerresidenz, sondern ebenso in den Privaträumen und Gästezimmern des oberen Stockwerks. Nach der Machtergreifung der Nazis und der 1938 gezeigten Ausstellung mit »Entarteter Kunst« bewahrte Otto Krebs die kostbaren Bilder im Tresor auf, wo sie auch nach seinem Tod verblieben.

Die Wände der Repräsentationsräume zierten seither belgische Gobelins und goldverzierte Ledertapeten. Die Sammlung überstand den Zweiten Weltkrieg unversehrt, wurde jedoch nach dem Sieg der Alliierten 1947 von den sowjetischen Besatzungstruppen nach Leningrad abtransportiert. Danach verging ein halbes Jahrhundert, bis sie in der Ausstellung »Verschollene Meisterwerke deutscher Privatsammlungen« wieder in der Eremitage auftauchte.

Als die Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein die Trägerschaft des Landgutes im Jahr 2000 antrat, ging sie neben ihrer Kernaufgabe gegenüber der Stadt Weimar auch die Verpflichtung ein, die kunsthistorische Bedeutung des Ortes lebendig zu halten. Daraus entwickelte sich die Idee, die herausragende Qualität der Gemäldesammlung Otto Krebs wieder erlebbar zu machen. Um dies zu ermöglichen, kam es zu der Idee, im Rahmen eines Studienprojektes Meisterkopien ausgewählter Exponate anzufertigen und im Landgut Holzdorf auszustellen.

Sabine Maier, Professorin für Konservierung und Restaurierung an der Fachhochschule Erfurt, betreut das ehrgeizige Vorhaben gemeinsam mit Professorin Tatjana Potzelujewa von der Muchina-Akademie in St. Petersburg.
Während im russischen Restauratorenstudium das Fach Kopie einen hohen praktischen Stellenwert einnehme, gehe es in Erfurt vor allem um die Ergründung maltechnischer Besonderheiten der Impressionisten, erläuterte Sabine Maier in Holzdorf die jeweiligen Arbeitsschwerpunkte. Dabei sei noch nicht klar, welche Untersuchungstechniken in St. Petersburg eingesetzt werden dürften, da das Thema »Beutekunst« auf beiden Seiten sehr viel Sensibilität erfordere.

Neben der wissenschaftlichen Dokumentation sollen noch in diesem Jahr die ersten Kopien entstehen. Die Gesamtkosten betragen 50000 Euro, wovon die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen sowie die Sparkasse Mittelthüringen und die Kreissparkasse Saale-Orla vier Fünftel finanzieren. Nach ihrer Fertigstellung sollen die Gemälde 2012 an ihrem ursprünglichen Standort ausgestellt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Dabei verfolgen die Verantwortlichen die Aufgabe, so Professorin Maier, die »Geschichte dieser Notlösung« darzustellen. »Unser Ziel ist ein Bild«, sagte augenzwinkernd Aufsichtsratsmitglied Heinz-Günter Maaßen von der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein. Auch wenn Boris Jelzin die Rückgabe der Sammlung per Gesetz ausgeschlossen habe, solle man die Hoffnung nicht aufgeben, dass vielleicht beim nächsten Besuch eines russischen Staatspräsidenten wieder eines der Bilder nach Holzdorf heimkehre.

Michael von Hintzenstern

Turbulent, burlesk, heiter

19. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Sommertheater erinnert an zwei Ereignisse in der Geschichte des Protestantismus.

Tina Rottensteiner und Frank Roder als Katharina von Bora und Martin Luther. Foto: David Ortmann

Tina Rottensteiner und Frank Roder als Katharina von Bora und Martin Luther. Foto: David Ortmann

Sommertheater soll leicht sein, aber nicht flach. Denn der Mensch will sich vergnügen und nicht unbedingt Probleme wälzen, zumal sich von der Zuschauerbank der Weltfrieden ohnehin nicht retten lässt. Dass es aber geht, Tiefgang, Ernst und Heiterkeit vereinbar sind, zeigt die ­aktuelle Sommertheater-Produktion des Vereins »WittenbergKultur«. Unter dem Titel »Gottes Narr und Teufels Weib. Ein bitter-süßer Schwanengesang« erinnert sie an zwei Ereignisse in der Geschichte des Protestantismus: Martin Luthers Eheschließung und die Bauernaufstände.

Am 10. Mai 1525 hatte Luther die Schrift »Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern« veröffentlicht, fünf Tage später kam es zur Schlacht bei Frankenhausen, am 27. Mai wurde ­deren Anführer Thomas Müntzer enthauptet. Acht Tage nach dem Tod von Kurfürst Friedrich dem Weisen, der am 5. Juni starb, heiratete Luther in Wittenberg die aus dem Kloster Nimbschen entflohene Nonne Katharina von Bora. Luther, so heißt es in der Beschreibung des Stücks, schloss seine Ehe im Schatten des Bauernkriegs.

Zu erleben ist »Gottes Narr und Teufels Weib« (Buch Frank Wallis) im Hof des Lutherhauses Wittenberg. Wie schon beim letzten Sommertheater »Jagd auf Junker Jörg« 2010 führt David Ortmann Regie, hat Suse Tobisch eine zauberhafte Kulisse geschaffen – die schlichte Bretterkonstruktion auf der Bühne steckt voller Geheimnisse. Gespielt wird auch mit Symbolen, etwa einem Schwan oder dem Engel der Geschichte, deren Bedeutung in einem Glossar nachgelesen werden kann. Mitgenommen wird man in die Küche des ehemaligen Schwarzen Klosters, wo Katharina (Tina Rottensteiner) mit den Vorbereitungen des Hochzeitsmahls beschäftigt ist. Im Verlauf kommt es dort zu Begegnungen mit Müntzers schwangerer Witwe Ottilie von Gersen (Silke Wallstein), ihrem Begleiter Hans Hut (Dirk Böhme), natürlich mit Luther (Frank Roder, der auch Lucas Cranach spielt) und mit dem Mönch Hieronymus (Haye Graf). Wechselseitig berichten sich diese Akteure ihren Weg.

Es geht um Selbstbefreiung, und im Zusammentreffen der Witwe mit der Braut wird stellvertretend die Verantwortung für den Bauernkrieg und zugleich das Schicksal der von der Reformation »befreiten« Nonnen diskutiert. So nähert man sich mal heiter, mal ernst in turbulenten, burlesk anmutenden Szenen, aber auch in zarten, leisen Momenten nicht zuletzt den großen Fragen, die das Themenjahr »Reformation und Freiheit« 2011 innerhalb der Luther­dekade nach dem Willen seiner Organisatoren verhandeln soll.

Die Lutherdekade und das damit verbundene Engagement des Bundes machen es auch möglich, dass »Gottes Narr und Teufels Weib« als Pilot­projekt für die Initiative »Kultur am Lutherweg« in diesem Sommer auf Tournee geht. Gezeigt werden soll es in Orten wie Mansfeld und Torgau, aber auch in Möhra und Mühlhausen. Maßgeblich initiiert wurde das Projekt »Kultur am Lutherweg« von der Lutherweg-Gesellschaft und der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Ziel ist es, den länderübergreifenden Lutherweg mit Aktionen und Projekten aus allen Bereichen der Kunst stärker in das Bewusstsein der Bewohner und Gäste zu bringen.

Von einer guten Möglichkeit, mit der Veranstaltungsreihe nach außen das touristische Image zu stärken, sprach vor einiger Zeit der Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten, Stefan Rhein. Und nach innen könnte das Vorhaben identitätsstiftend wirken. Anders als bei den großen Projekten könnten hier auch Initiativen vor Ort eingebunden werden. Corinna Nitz

Die Premiere von »Gottes Narr und Teufels Weib« war am 14. Juli. Weitere Termine in Wittenberg sind am 15. und 16. Juli sowie am 11., 12. und 13. August. Beginn ist jeweils um 20 Uhr. Am 17. Juli und 14. August beginnen die Vorstellungen um 18 Uhr. Infos und Ticketauskünfte gibt es unter Telefon (0700)20082017 und bei www.buehne-wittenberg.de im Netz.

Ein Ilmenauer in Wien

10. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung in der Jakobuskirche in Ilmenau. Foto: Michael Reichel

Ausstellung in der Jakobuskirche in Ilmenau. Foto: Michael Reichel

 
Ausstellung widmet sich dem bildnerischen Schaffen von Horst Aschermann.
 
Das Unglück kam an einem heißen Sommertag 1965. In der prallen Sonne mühte sich der 33-jährige Bildhauer Horst Aschermann am harten Stein eines drei Meter hohen Marmorkreuzes. Die Pestsäule sollte ein Mahnmal setzen in Purkersdorf, jenem kleinen Ort im Wienerwald, in dem der Schwarze Tod im Jahr 1713 die Hälfte der Bewohner dahinraffte. Dort, so idyllisch in der Natur und doch so nahe der Metropole Wien gelegen, hatte Aschermann nach seiner Flucht aus Thüringen seine neue ­Heimat gefunden.

Anfang der 1950er Jahre hatte er seiner Geburtsstadt Ilmenau den Rücken gekehrt, um in Mainz und später in Wien jene »Freiheit des Geistes« zu finden, die er so vermisst hatte in der DDR. Auf die Ausbildung als Kerammodelleur in der Ilmenauer Porzellanmanufaktur Müetzler & Ortloff folgten fünf Jahre Arbeit in seinem Lehrberuf in Mainz. Schließlich, 1957, begann er ein Studium an der Akademie für angewandte Kunst in Wien, wo er bereits 1964, zwei Jahre nach seinem Studienabschluss, einen Lehrauftrag für Bildhauerei annahm. Und dann die Plackerei an dem Mahnmal aus Marmor. Der 1932 geborene Künstler hatte sich bei der Bearbeitung des harten Gesteins in der prallen Sonne so überanstrengt, dass er schwer erkrankte.

Aus dem Ringen mit der Form wurde nun auch ein Ringen mit der Krankheit, einer seltenen Form von Parkinson, die ihn zwang, statt mit der rechten mit der linken Hand zu ­arbeiten.Der Steinbildhauer wandte sich dem Metallrelief zu, häufig in Verbindung mit religiösen Themen wie dem Kreuzgang und der Genesis. Aschermanns Reliefe gleichen Aufnahmen aus der Vogelperspektive. Sie komponieren Menschen, Säulen oder Kuppelformen zu rhythmischen Ordnungen in Metall, zeigen enge Besiedlungen, Tempel, üppige Pflanzenwelt. Die Widrigkeiten der Herstellung entblößen die Werke derweil nicht.

Die Kunst des gebürtigen Ilmenauers ist zum Beispiel an den Türen der Wirtschaftsuniversität Wien, an Hausfassaden, auf freien Plätzen und in Kirchen zu sehen. Vier Reliefserien, entstanden zwischen 1969 und 1986, widmen sich dem Kreuzweg. Sie zeigen die zusammengeschnürten Hän­de, das Haupt mit der Dornenkrone oder die Abnahme vom Kreuz. Details wechseln mit der Darstellung kleiner Szenen. Ein Gotteshaus, die evangelische »Kirche am Wege« in Hetzendorf, einem Wiener Gemeindebezirk, birgt eines der Hauptwerke Aschermanns, eine achtteilige Genesis aus großformatigen Aluminiumreliefen aus dem Jahr 1972. Die Reihe beginnt mit »Das Prinzip« – einer wüsten und leeren Erde, die doch Fruchtbarkeit in sich trägt. Es folgen Pflanzen, die Tiere zu Land, zu Wasser und in der Luft, schließlich das nackte erste Menschenpaar und der Turmbau zu Babel. Die letzten beiden Reliefs mit den ­Namen »Ecce homo« und »Ecce mundus« zeigen Kreuzigung und Apokalypse. Das gleiche Thema, jedoch nun farbenfroh und abstrahiert, gestaltet Aschermann 1980 noch einmal mit Glasfenstern in der St. Jakobskirche in Purkersdorf.

Marmor, Bronze, Glas, Aluminium, Kohle, Gips, Beton, Tusche, Holz, ­Eisen, Buntstift, Acryl-, Öl- und Aquarellfarben. Gegossen, behauen, gezeichnet, gemalt. Collagen, Materialbilder, Skulpturen, Reliefs, Gemälde. – Facettenreich präsentiert sich Aschermanns Werk in der Retrospektive im Goethe-Stadtmuseum und der Jakobuskirche Ilmenau. Sie erinnert an ­einen Künstler, der die eigenwillige Fügung seines Lebens annahm. Der
in die Fremde ging, um geistige Freiheit zu finden, dabei aber seine körperliche Freiheit einbüßte. 2005 starb Horst Aschermann im Alter von 72 Jahren.

Susann Winkel

Die Ausstellung »Horst Aschermann. Ein ­Ilmenauer in Wien« ist bis 6. November im Goethe-Stadtmuseum Ilmenau (geöffnet täglich von 10 bis 17 Uhr) sowie bis 9. Oktober in der Jakobuskirche Ilmenau (geöffnet zu den Zeiten der »Offenen Kirche« und sonntags vor und nach den Gottesdienstzeiten) zu sehen.

Visionärer Künstler und der erste »Superstar«

5. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Thüringer Landesausstellung widmet sich Leben und Werk des vor 200 Jahren geborenen Komponisten Franz Liszt

 

Porträtbilder von Franz Liszt und Zeitgenossen in der Ausstellung, Foto: Maik Schuck

Porträtbilder von Franz Liszt und Zeitgenossen in der Ausstellung, Foto: Maik Schuck

 

Heute, da der Altar erbebt und schwankt, heute, da Kanzel und religiöse Zeremonien Gegenstand des Zweifelns und des Spottes sind, muß die Kunst notwendigerweise aus dem Tempel heraustreten, sie muß sich verbreiten und ihre künstlerische Entwicklung außerhalb vollenden. Wie einst, und mehr noch, muß die Musik sich an VOLK und GOTT wenden, sie muß vom einen zum anderen gehen, den Menschen bessern, veredeln und trösten, Gott loben und preisen.«

Franz Liszt war 23 Jahre alt, als er seine Vision einer »musique humanitaire« (Menschheitsmusik) formulierte, in der »THEATER und KIRCHE in gewaltigen Ausmaßen« vereinigt werden sollten. Der seit seiner Kindheit zutiefst religiöse Knabe, der als »neuer Mozart« gepriesen wurde, neigte immer wieder dazu, seine Karriere aufzugeben und sich ganz seinen geistlichen Studien zu widmen. Bis ins hohe Alter durchziehen seine Bemühungen um eine Reform der Kirchenmusik sein Schaffen. Dies ist einer von vielen Aspekten, die in der Thüringer Landesausstellung »Franz Liszt – Ein Europäer in Weimar« anlässlich seines 200. Geburtstages behandelt werden. Die kenntnisreich gestaltete Exposition dürfte einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, hartnäckig tradierte Klischees über Bord zu werfen und ein ganzheitliches Bild des visionären Künstlers entstehen zu lassen.

»Es ist die größte in Europa«, sagt Hauptkurator Prof. Dr. Detlef Altenburg über die mehr als 350 Exponate umfassende zweiteilige Ausstellung im Schiller- und Schlossmuseum, die er gemeinsam mit Evelyn Liepsch konzipiert hat. Dabei konnte man den Heimvorteil nutzen, dass in Weimar der weltweit größte Liszt-Bestand liegt. Dazu gehören 14000 Blatt Manuskripte von der Hand des Komponisten und seiner Sekretäre, die 3100 Titel umfassende Liszt-Bibliothek, mehr als 6000 Briefe sowie Notizbücher, Programmzettel, Urkunden, Diplome, persönliche Gebrauchsgegenstände wie sein Kruzifix, zeitgenössische Gemälde, Grafiken und Fotografien.

Aus dieser Fülle an Materialien im Zusammenspiel mit Leihgaben aus dem In- und Ausland eine schlüssige Präsentationsform mit klaren inhaltlichen Akzenten zu entwickeln, ist in beeindruckender Form gelungen.
Schon beim Betreten der Ausstellung im Schillermuseum ist auf einer Europa-Karte mit 400 gekennzeichneten Orten nachvollziehbar, wie weit der Aktionsradius des ersten »Superstars« reichte: von Lissabon bis Konstantinopel, von Glasgow bis Moskau, von Rom bis Kopenhagen.

Liszts »Pèlerinage« (Pilgerreise) durch Europa und die europäische Kultur sowie seine große Syntheseleistung als Künstler bilden die inhaltlichen Schwerpunkte des ersten Ausstellungsteiles im Schillermuseum, während im zweiten sein Wirken in Weimar beleuchtet wird.

Eine weitere Ausstellung im Schlossmuseum ist unter dem Motto »Kosmos Klavier« der Weiterentwicklung des Instrumentes im 19. Jahrhundert gewidmet.

Zu den Attraktionen gehört ein Flügel der Firma Boisselot (Marseille), an dem ein Großteil seiner Weimarer Werke entstanden ist, und ein minutiöser Nachbau, der bei Konzerten im Weißen Saal originalen »Liszt-Sound« bietet. Besonders für Kinder ist ab 2. Juli ein begehbarer Flügel im Schlosshof bestimmt, in dem leibhaftig zu spüren ist, wie sich die Schwingungen der Klaviersaiten auf den Körper übertragen und wie überhaupt Töne entstehen.

Michael von Hintzenstern

Die Landesausstellung »Franz Liszt – Ein Europäer in Weimar« ist bis 31. Oktober, dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, im Schillermuseum und Schlossmuseum Weimar zu sehen.
www.klassik-stiftung.de/liszt

In Stein gehauene Wunderwerke

3. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Sachsen-Anhalts Landesausstellung würdigt den mittelalterlichen »Naumburger Meister«.

 

Die Stifterfigur der Uta von Ballenstedt im Westchor des Naumburger Domes, Foto: S. Weiselowski

Die Stifterfigur der Uta von Ballenstedt im Westchor des Naumburger Domes, Foto: S. Weiselowski

Sie gilt als die schönste Frau des Mittelalters. Die Stifterfigur der Uta von Ballenstedt im Westchor des Naumburger Domes hat die Fantasie vieler Interpreten und Bewunderer nachhaltig beschäftigt. Jetzt steht sie zusammen mit ihrem Mann Ekkehard und den anderen zehn lebensgroßen Stiftern im Mittelpunkt einer Exposition, die sich ganz ihrem Schöpfer, dem namenlosen »Naumburger Meister« widmet. Mit der am 29. Juni eröffneten Landesausstellung Sachsen-Anhalts sollen nun erstmals umfassend Werk und Einfluss des ­gotischen Bildhauers und Architekten gewürdigt werden.

Die Exposition zeigt so ziemlich ­alles, was über den Künstler bekannt ist. Einen »Glücksfall« nennt Kurator Holger Kunde das Zustandekommen. Insgesamt 500 Exponate vereint die Schau, die wegen ihrer Fülle gleich auf mehrere Orte im und am Dom sowie in der Stadt verteilt werden muss. Doch der Aufwand hat sich gelohnt: In der Ausstellung wird eine ganze Epoche lebendig, die in ihrer künstlerischen Ausdrucksform eine unvergleichliche Wirklichkeitsnähe und individuelle Ausdruckskraft entfaltet. Als Pendant und Gegenstück zu Uta steht hier die Skulptur König Childeberts I. aus St. Germain de Pres, eine der bekanntesten französischen Plastiken aus dem 13. Jahrhundert.

Überhaupt spielen die Bezüge des Naumburger Meisters zu Frankreich eine herausragende Rolle. Wissenschaftler gehen davon aus, dass der namentlich nicht bekannte Bildhauer dort das Handwerk erlernt hat. Zugleich zeichnet die Exposition seinen Weg von den nordfranzösischen Bauhütten über Mainz bis nach Meißen nach, wo er nach 1250 wirkt und sich seine Spur verliert. Doch seine stärksten Zeugnisse hat der Bildhauer zweifellos im Naumburger Dom hinterlassen. Hier leitet er Mitte des 13. Jahrhunderts im Auftrag von Bischof Dietrich II. den Neubau des Westchores.

In der Ausstellung hat der Betrachter nun die Möglichkeit, nicht nur die angestammten Figuren im Chor und am Lettner mit Kreuzigungsgruppe und Passionsrelief in Augenschein zu nehmen. Vis-à-vis stehen Fragmente des Lettners aus Mainz mit dem Zug der Seligen und Verdammten, dazu der berühmte »Kopf mit der Binde«, die Mantelteilung des Heiligen Martin aus Bassenheim oder die Grabplatte des Rittes von Hagen aus dem Merseburger Dom. Ebenso eindrucksvoll wie diese Figuren erscheinen freilich die filigranen Blattkapitelle oder die farbigen Glasfenster. Dass diese Kunst in einen europäischen Kontext gehört, veranschaulichen vor allem die bedeutenden Leihgaben aus Frankreich (ein Drittel der Exponate kommen dorther).

Doch die Naumburger Ausstellung lässt es nicht bei der kunsthistorischen Bedeutung des Naumburger Meisters und der zeitgeschichtlichen Einordnung bewenden. In einem eigenen Ausstellungsteil geht es ebenso um die Rezeptionsgeschichte. Die reicht bis ins vergangene Jahrhundert, wo Walt Disney der ­»bösen Königin« im Zeichentrickfilm »Schneewittchen« von 1937 die Züge der Markgräfin verlieh. Im national­sozialistischen Deutschland wird Uta schließlich zur Ikone der unbeugsamen »deutschen Frau« missbraucht. Noch kurz vor Kriegsende lässt ein Plakat sie als Schutzgeist über Wehrmachtssoldaten erscheinen.

Diese Verirrungen werden ebenso wenig ausgeblendet wie die gezielte Zerstörung der Kathedrale von Reims, Krönungsort der französischen Könige. 1914 beschießen deutsche Truppen den Bau so stark, dass sich das Blei verflüssigt und durch die Wasserspeier rinnt, bevor es erstarrt. Von den kostbaren Steinskulpturen des Eingangsportals existieren heute nur noch Gipsabdrücke, die in einem aus Stahlwangen nachgestalteten Portal stehen. Sie sind zwar erst gut 100 Jahre alt, bleiben als letzte Zeugnisse der einstigen Pracht aber kaum weniger wertvoll als die Originale. »Dass wir sie für diese Ausstellung bekommen haben«, meint der Kustos, »zeigt auch die Bedeutung, die ihr beigemessen wird.«

Martin Hanusch

Die Landesausstellung »Der Naumburger Meister. Bildhauer und Architekt im Europa der Kathedralen« ist vom 29. Juni bis zum 2. November zu sehen.

Öffnungszeiten:
täglich von 10 bis 19 Uhr, freitags bis 22 Uhr
www.naumburgermeister.eu

Repräsentant einer »verlorenen« Generation

28. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Zum 50. Todestag des amerikanischen Schriftstellers Ernest Hemingway.

Ernest Hemingway wurde am 21. Juli 1899 in der Nähe von Chicago geboren. Er war einer der erfolgreichsten und bekanntesten US-amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Ernest Hemingway wurde am 21. Juli 1899 in der Nähe von Chicago geboren. Er war einer der erfolgreichsten und bekanntesten US-amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Dem Roman »The Sun Also Rises« (dt. »Fiesta«) von 1926 hatte der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway einen Satz von Gertrude Stein vorangestellt: »Ihr gehört alle einer verlorenen Generation an.« 1929 erschien sein Roman »In einem anderen Land«. Er machte ihn weltbekannt, und Hemingway galt von nun an als einer der erfolgreichsten literarischen Repräsentanten der durch den Ersten Weltkrieg desillusionierten, hoffnungslosen, »verlorenen« Generation.

1899 in Oak Park bei Chicago geboren meldete er sich 1917, als die USA in den Krieg eintraten, freiwillig zum Kriegsdienst und wurde in Italien als Sanitäter eingesetzt.

Schon am ersten Tag erlebte er dort die Explosion einer Munitionsfabrik und musste mithelfen, Leichenteile einzusammeln. Dieses schreckliche Erlebnis sowie eine eigene schwere Verwundung durch Granatsplitter prägten sein gesamtes späteres ­Leben und Schreiben.

Der traumatischen Erfahrungen wird er versuchen durch Coolness, um diesen modernen Ausdruck zu gebrauchen, Herr zu werden. Andererseits leistet er einer Helden-Stilisierung Vorschub und hat Anteil am Entstehen eines literarischen Männerbildes, dessen Ideale in körperlicher und seelischer Stärke, herablassender Hilfsbereitschaft Frauen gegenüber, treuer (Männer-)Freundschaft sowie in Rücksichtslosigkeit eigenem Schmerz gegenüber bestehen.

Dieser Haltung entspricht auch sein literarischer Stil: Die Sätze sind einfach. Er schreibt knapp und konzentriert. Er interpretiert kaum, sondern stellt lediglich fest, was geschieht. Das gilt auch für psychische Vorgänge. Konflikte werden nicht harmonisiert, aber auch nicht tragisch ausgeweitet.

Mit diesem Stil hat er zur Erneuerung der Kurzgeschichte, der Short Story, beigetragen. Vor allem die deutsche Schriftstellergeneration, die nach dem Zweiten Weltkrieg Bedeutung erlangte, ist ihm verpflichtet.

Seine wichtigsten Werke sind wohl die Kurzgeschichte »Der Schnee vom Kilimandscharo«, 1936, und der Kurzroman »Der alte Mann und das Meer«, 1952. In dem Roman erzählt Hemingway von einem alten Fischer, der mehr als 80 Tage nichts gefangen hat und nun allein aufs Meer hinausfährt, einen riesigen Fisch fängt, der ihm auf der Fahrt zurück von Haien aufgefressen wird. Am Ende bringt er nur ein Skelett nach Hause.

Das Buch ist von einem tiefen Glauben an die Kräfte des Menschen in seinem Lebenskampf durchdrungen und vom Bewusstsein einer unauflösbaren Zusammengehörigkeit von Mensch und Natur. Der Fischer nennt den gefangenen Fisch Bruder und Freund.

Das Meer sieht er nicht als ein Ding an, sondern als weibliches Wesen. Es erscheint als ein Bild des Lebens überhaupt. Quallen symbolisieren List und Betrug, die Haie das Chaos. Güte und Schönheit gehören ebenso zum Leben wie Grausamkeit.

Als sich am Ende herausstellt, dass die gewaltigen Anstrengungen des Fischfangs vergeblich gewesen sind, klagt und verzweifelt der Alte nicht, sondern legt sich in ruhiger Übereinstimmung mit sich und dem Leben schlafen.

Hemingway erhielt 1954 den Nobelpreis für Literatur. Vor 50 Jahren, am 2. Juli 1961, hat er sich in Ketchum/Idaho das Leben genommen.

Jürgen Israel

Energisch und tatkräftig

20. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Frauen der Reformationszeit: Zum 450. Todestag von Katharina von Mecklenburg.

Katharina von Mecklenburg, Porträt von Lucas Cranach dem Älteren (Foto: akg-images)

Katharina von Mecklenburg, Porträt von Lucas Cranach dem Älteren (Foto: akg-images)

Je mehr ich hoffe, sie sterbe, je länger lebt sie.« Die Klage Herzog Georgs von Sachsen galt Katharina von Mecklenburg, der Gemahlin seines Bruders Heinrich. Dabei hatte diese nichts anderes getan, als ihrem Gemahl die Lehre Luthers nahezubringen.

Georg, erbitterter Gegner Luthers und der Reformation, hatte dies zwar mit allen Mitteln zu verhindern gesucht, doch Katharinas Einfluss war stärker.

1537 führte Heinrich den neuen Glauben in seinem Gebiet Freiberg und nach Georgs Tod 1539 im gesamten albertinischen Sachsen ein.

Katharina (*1487) war energisch und tatkräftig wie ihr Vater Herzog Magnus II. von Mecklenburg. Und sie hatte ehrgeizige Pläne, nachdem sie 1512 mit Herzog Heinrich von Sachsen vermählt worden war. Sie galt nicht als schön, war aber wie ihr Gemahl eine durchaus attraktive Erscheinung.

Ihren Zeitgenossen jedoch erschien sie, obgleich klug und tugendsam, als »hochmütige, herrschsüchtige und geizige Frau von kühler und rücksichtsloser Berechnung«. Dagegen war ihr Gemahl lebenslustig und gesellig und seinen Untertanen ein milder und gerechter Herrscher. Vor der Ehe hatte er ein »gar lustig Leben« geführt.

Zwischen 1515 und 1526 bekam das Paar sechs Kinder. Die Hofhaltung auf Schloss Freudenstein in Freiberg war bescheiden; denn das Geld dafür kam von Heinrichs Bruder Georg und der war nicht großzügig. So geriet Katharinas Bemühen um eine fürstlichere Hofhaltung schnell an Grenzen. Besserung trat ein, nachdem Heinrich 1521 Marienberg gegründet hatte und am Abbau des hiesigen Silbers gut verdiente.

Seine Gemahlin war dennoch nicht zufrieden. Der leutselige Umgang Heinrichs mit dem gemeinen Volk und den Bediensteten mehrten ebenso ihren Unmut wie die Abhängigkeit von Georg. So erscheint die Hinwendung zu Luthers Lehre mehr von ihren Ambitionen zur Macht als von einem Glaubenswandel bestimmt.

Hatte sich Katharina noch im Sommer 1525 zu Luthers Gegnern gezählt, so stand sie Ende des Jahres ganz auf seiner Seite. Als Grund für diesen plötzlichen Wandel wird ihre Hoffnung auf Verbündete gegen Herzog Georg gesehen.

In der Tat nutzte Kursachsen jetzt die Möglichkeit, mit ­Katharinas Hilfe einen Keil in das ­katholische Sachsen zu brechen und ihren Gemahl für die Reformation zu gewinnen. Obgleich Georg den Druck auf seinen Bruder verstärkte, konnte er die Entwicklung nicht mehr aufhalten.

Katharina hatte inzwischen Verbindung mit Luther und Melanchthon aufgenommen, scheute sich aber noch vor einem öffentlichen Glaubensbekenntnis. Dafür zeigte ihr Bemühen um Heinrich Erfolg: Er duldete die Verbreitung lutherischer Schriften und verbot katholische Rituale.

Im Mai 1531 lernte er Luther persönlich kennen und war tief beeindruckt.

1533 bekannte sich Katharina öffentlich zum neuen Glauben und setzte die evangelische Vermählung ihrer Tochter Emilia durch. Mit Heinrichs Billigung holte sie einen evangelischen Hofprediger und 1535 den lutherischen Rat Anton von Schönberg an ihren Hof.

Unter dem Einfluss seiner Frau und Schönbergs erlaubte Heinrich 1536 die Ausübung der lutherischen Religion in seinem Gebiet. Im selben Jahr trat er dem Schmalkaldischen Bund bei.

Als Georg versuchte, seinen Bruder mit materiellen Zugeständnissen zur Umkehr zu bewegen, schrieb ihm Katharina: »Aller Welt Reichtum nehmen wir nicht für Christus und sein Heil.«

Mit einem lutherischen Gottesdienst im Freiberger Dom wurde Neujahr 1537 die Reformation im Freiberger Land eingeführt.

Katharina sorgte, trotz mancher Probleme mit Luther, für die weitere Festigung der Reformation in Sachsen, auch nach dem Tod Heinrichs 1541, als der älteste Sohn Moritz die Herrschaft übernahm und sie auf ihr Wittum Wolkenstein verwies.

Moritz – der aufseiten der Katholischen gegen die Protestanten kämpfte und zum Dank mit der Kurwürde bedacht wurde – fiel 1553. Katharinas Favorit, Sohn August, wurde Kurfürst von Sachsen. Er hatte 1548 Anna von Dänemark geheiratet und damit die ehrgeizigen Pläne seiner Mutter nach ­einer königlichen Verbindung realisiert.

Katharina wusste ihre Angelegenheiten nun in guten Händen. Sie reiste viel, war aber oft Gast am Hof Augusts in Dresden. An ihrem eigenen Hof, den sie 1550 nach Torgau verlegte, führte sie ein strenges Regiment.

Bei ihren Untertanen scheint sie nicht sehr beliebt gewesen zu sein.

Im Juni 1561 starb sie mit dem Bekenntnis, sie wolle nun »an dem Herrn Christo und dem Saum seines Kleides hangen bleiben, wie eine Klette am Rock, die sich eher zerreißen als davon abreißen lasse.«

Sylvia Weigelt

Herzenssache Heimat – Ein Mosaik an Erfahrungen

13. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Heimat - ein unscharfer Begriff, der verschiedene Assoziationen auslösen kann: romantische Heimattümelei mit röhrendem Hirsch im Morgenrot oder auch das Gefühl von Zugehörigkeit und Sicherheit. (Bild: Archiv)

Heimat - ein unscharfer Begriff, der verschiedene Assoziationen auslösen kann: romantische Heimattümelei mit röhrendem Hirsch im Morgenrot oder auch das Gefühl von Zugehörigkeit und Sicherheit. (Bild: Archiv)




Sie leben beide nicht mehr dort, wo sie geboren wurden, wo ihre Vorfahren begraben liegen und wo sie möglicherweise auch selbst ­beerdigt werden wollten. Was für sie Heimat bedeutet, darüber sprachen Otto Guse und Ingeburg Keller auf dem Podium »Herzenssache Heimat«.

Das Dorf, in dem Ingeburg Keller bis 2009 zu Hause war, gibt es nicht mehr. Heuersdorf, südlich von Leipzig, musste dem Braunkohlentagebau weichen. Wenn sie an dem Stück Land vorbeifahre, wo sich das Dorf befand, erzählt Keller, kämen heimatliche Gefühle in ihr auf.

»Man sieht nichts mehr, aber die Erinnerungen sind da«, sagte sie und ihre Stimme klang dabei traurig. Seit 1638 habe ihre Familie dort gelebt. Ihre Eltern waren da begraben, mussten umgebettet werden, als das Dorf weggebaggert wurde. Es falle ihr sehr schwer, sich in Hagennest, wo sie seit zwei Jahren wohnt, einzuleben.

Im Gegensatz zu Ingeburg Keller hat Otto Guse sich freiwillig einen neuen Wohnort gesucht. Der Präsident der sächsischen Landessynode war im Rheinland zu Hause, bevor er 1993 mit seiner Familie ins Vogtland zog, wo er eine Rechtsanwaltskanzlei hat. Im Osten Deutschlands habe er nach der Wende unglaubliche Möglichkeiten gesehen, etwas zu bewegen, ­etwas Neues zu schaffen, sagt er.

Heimat sei für ihn dort, wo er Vertrautes finde, die Straßen und die Menschen kenne und sich einer gewissen Solidarität sicher sein könne, so der Jurist.

»Wo ich beerdigt werde, ist mir egal.« Für die Bereitschaft seiner Frau, mit ihm nach Sachsen zu gehen, wolle er sich im Ruhestand revanchieren. »Dann komme ich mit dorthin, wohin du willst«, hat er ihr versprochen.

Heimat ist nicht nur dort, wo jemand geboren wurde und vielleicht beerdigt wird, auch die Kirche kann Heimat sein. Für manche eine ­widerborstige Heimat, für ihn sei sie ein geliebtes Zuhause, so der Theologieprofessor Klaus-Peter Hertzsch, Jahrgang 1930. Er zählt die Gottesdienstordnung, das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis und die Gesangbuchlieder auf. Wenn er die alten Texte höre, wisse er: »Hier bin ich zu Hause.«

Der Autor des Gesangbuchliedes »Vertraut den neuen Wegen« schätzt die Kirche als eine Institution, die in drei Regime durchgehalten habe. »Wenn es überhaupt etwas gab, was sich durchhielt, war es die ­Kirche«, sagt er.

»Heimat ist, was man vermisst« – das vor einem Jahr erschienene Buch von Sebastian Schnoy stand drei Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste. Auch der Titel »Smörrebröd in Napoli – Ein vergnüglicher Streifzug durch Europa« fand viele Käufer, stand 14 Wochen auf der Bestsellerliste von Spiegel online.

Der Part des Autors und Kabarettisten zum Thema Heimat – amüsant und pfiffig. »Man muss wissen, wo man herkommt«, stellte er zu Beginn klar, um danach mit viel Witz die Mentalität der Deutschen aufs Korn zu nehmen. Stichworte: Sauberkeit und Ordnung. Als Breschnew einst zu Besuch bei Schmidt gewesen sei, zeigte dieser ihm das Land, plauderte Schnoy.

Beim Anblick der herausgeputzten Dörfer soll Breschnew gefragt haben: »Woher wissen die, dass wir kommen?«

»Kirchentag – eine typisch deutsche Veranstaltung.« Die Anspielung des Kabarettisten ist positiv gemeint, ein Lob auf die vorbildliche Organisation der Megaveranstaltung.

Sabine Kuschel

ChurchNights oder Kirchennächte?

6. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Pro und Kontra: Zur Verwendung von aus dem Englischen stammenden Fremdwörtern in der Kirche.


vds-logo-kleinAnglizismen sind modern – auch in der Kirche. Diese ­Vermischung unserer Muttersprache mit Begriffen aus dem Englischen ist dem Verein Deutsche Sprache (VDS) ein Dorn im Auge und zur »Strafe« vergibt er den Negativpreis »Sprachpanscher des Jahres«. Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen ­Kirche in Deutschland (EKD), ist einer der diesjährigen Kandidaten, ­stellvertretend für die evangelischen Christen. Sollte er auf die unrühmliche Auszeichnung pfeifen?

proPro: Reinhard Süpke, Pfarrer in Oldisleben und Stellvertreter des Super­intendenten des Kirchenkreises Bad Frankenhausen-­Sondershausen


Ich sage es auf Deutsch: Ich finde viele Anglizismen peinlich. Sie sind oft genug keine Wellness für unsere Sprache, sondern ein Loch Ness – ein Sprachungeheuer.

Aber wir müssen uns fragen, wer hat in Sachen Sprache in der Kirche das Sagen? Der Herr der Kirche, Jesus Christus. Der hat nach seiner Auferstehung den Auftrag gegeben: »Geht in alle Welt und macht alle Völker zu meinen ­Jüngern.«

Seine Freunde zogen zu den Heiden und nahmen dabei auch die Heidenarbeit auf sich, fremde Sprachen zu lernen, um die Einladung des Evangeliums zu überbringen. So kamen sie schließlich auch zu einer Gruppe Menschen, die sich zum »Volk der Dichter und Denker« mausern sollten.

Dass wir Deutschen uns so nennen, hat ohne Zweifel mit dem Evangelium zu tun, das unseren Vorfahren gepredigt wurde.

Ein Mönch namens Luther schaute dem »Volk aufs Maul« und übersetzte die ­Bibel in ein verständliches Deutsch.

Ist uns klar, was für ein Skandal das damals für manchen ernsten Kirchenmann war?

Aber wo wären wir heute? Wo sind wir heute?

Im »Volk der Dichter und Denker« denken viele nicht mehr daran, ein Gedicht zu ­lesen, geschweige denn, eins zu schreiben. Sie denken zuerst daran, wie sie ihr Leben meistern, wie sie mit wenig Mühe viel Spaß haben, wie sie mit Hartz IV leben können oder mit einem schweren Schicksal klarkommen.

Die Jünger Jesu stehen in unserem Land vor einem Problem: Es gibt nicht nur eine deutsche Sprache, sondern die Sprachen ganz verschiedener Milieus. »Geht in alle Welt«, heißt heute: Schaut euch in eurem Land um, die Menschen ein und desselben Volkes leben in verschiedenen Welten und haben ihre eigenen Sprachen.

Sollen sie erst Lutherdeutsch lernen? Oder sollten wir nicht ihre Sprachen lernen, auch wenn sie noch so gepanscht sind?

Das Achtungszeichen des Vereins Deutsche Sprache (VDS) finde ich beachtenswert. Es sollte nicht peinlich werden, wenn wir Menschen gewinnen wollen. Aber der Auftrag Jesu verdient mehr Beachtung als der Preis »Sprachpanscher des Jahres«.

Dem VDS geht es nur um die Sprache unseres Volkes. Und nur um einen Teil dieses Volkes.

Jesus ruft ein Volk Gottes aus allen Völkern zusammen. Die wichtigste Sprache, die darin in dieser Zeit und Welt gesprochen wird, ist die Sprache der Liebe Gottes, die in die Herzen geschrieben wird.

Darum sage ich: »Sprachpanscher des Jahres« – na und? Lasst uns bemüht sein, zuerst dem Auftrag Jesu gerecht zu werden. Solange die Sprache des Herzens stimmt.

Kontra: kontraLutz Vogel, promovierter Germanist, war von 2001 bis 2008 Beigeordneter für Kultur und Erster Bürgermeister der Landeshauptstadt Dresden.


Ob Nikolaus Schneider die vom VDS erwogene Verleihung des Preises »Sprachpanscher des Jahres« persönlich verdient hätte, vermag ich nicht zu beurteilen, zu vermuten ist, dass er als Vorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) seinen Kopf für die um sich greifende Verwendung von Anglizismen in der Kirche herhalten muss.

Das Programm des Kirchentages in Dresden jedenfalls zeichnet sich wohltuend durch eine verständliche Sprache aus. Zwar schleichen sich auch hier »Godly Play mit Kindern«, eine »Impro Performance« oder ein »Speed-Talking« ein, angesichts der großen Anzahl der Veranstaltungen bleiben dies Ausnahmen. Anders in vielen Gemeinden, in denen »ChurchNigths«, »Public-Viewing-Angebote«, »Eventgottesdiens­te« oder »Worships« grassieren. Was zeitgemäß klingen soll, erweist sich als Anbiederung an den Zeitgeist, als vermeintliche Modernität.

Die Sprache bringt alles an den Tag, unfreiwillig und entlarvend.

Wenn der in die Jahre gekommene Jugenddiakon seine »Activities for Kids« oder das Treffen der Mädchengruppe »Girls only« ankündigt, wirkt dies nicht nur albern, sondern zuallererst unglaubwürdig.

Ich höre schon das Argument: »Auch Jesus würde heute …« Solch unhistorische Hohlformeln werden stets bemüht, wenn etwas als unangreifbar begründet werden soll.

Natürlich hat jede Zeit ihre Sprache. Luther hätte heute die Bibel anders übersetzt. Eine Kirche, die auf Luther gegründet ist und der Schönheit und schöpferischen Bildhaftigkeit seiner Sprache nicht mehr traut, einer solchen Kirche kann ich nicht trauen.

Wie bei der Deutschen Bahn der lächerliche Meeting Point über die ­Unpünktlichkeit der Züge nicht hinwegzutrösten vermag, so kann eine gedankenlose, von überflüssigen ­Anglizismen durchsetzte Sprache in der Kirche das sich so zu erkennen ­gebende Renommiergehabe nicht kaschieren.

Nicht minder ärgerlich und geistliche wie geistige Dürftigkeit offenbarend, sind die häufig zu hörenden Phrasen von Betroffenheit, Wut und Trau­er oder der psychologisierende Jargon verschiedenster Selbstfindungsangebote. Dies ist freilich ein anderes Thema.

Gebraucht wird in unserer Kirche nicht stromlinienförmige Anpassung, sondern Glaubwürdigkeit. Diese aber erlangt man durch Aufrichtigkeit und Unangepasstheit.

Für die Kirche gilt, was mit Blick auf das Theater so formuliert wurde: »Wer dem Publikum hinterherläuft, sieht nur dessen Rückseite.«

Menschen unterwegs

28. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Ausstellung: Auf den Spuren von Kriegsherren, Kaufmännern, Glaubensflüchtlingen, Pilgern und Bettlern.

Am 21. Mai wurde in Görlitz die 3. Sächsische Landesausstellung »via regia – 800 Jahre Bewegung und Begegnung« eröffnet.

Nach der Eröffnung der 3. Sächsischen Landesausstellung drängten sich Hunderte Besucher um den Görlitzer Kaisertrutz. (Foto: Irmela Hennig)

Nach der Eröffnung der 3. Sächsischen Landesausstellung drängten sich Hunderte Besucher um den Görlitzer Kaisertrutz. (Foto: Irmela Hennig)

 
Es war kein Sonnabend wie jeder für die 740 Jahre alte ostsächsische Stadt Görlitz. Wer kurz vor zehn von einem Altstadt-Café aus die Straßen beobachtete, sah Menschen in Richtung Peter-Pauls-Kirche eilen. Evangelische wie katholische Pfarrer nahmen denselben Weg. Glocken ­riefen zum Gottesdienst. Und an allen Straßenecken patrouillierten Polizisten, die eher an Unheilvolles denken ließen als an die Eröffnung der 3. Sächsischen Landesausstellung.

Doch genau sie hatte die Menschen an diesem Morgen mobilisiert: Getreu ihrem Thema »via regia – 800 Jahre Bewegung und Begegnung«. Bis Ende Oktober widmet sich die große Schau in Görlitz’ alter Kanonenbastion, dem Kaisertrutz, dem Handel und Wandel, den Reisenden und Bleibenden auf der einstigen Handelsroute »Via Regia«, die von Frankfurt am Main über Erfurt, Leipzig und Görlitz bis nach Krakau führte.

An den Anfang dieses Großereignisses, das rund 300.000 Menschen in die Stadt locken könnte, hatten die Organisatoren einen ökumenischen Gottesdienst gestellt. Dieser ließ Hubertus Zomack, Diözesanadministrator des Bistums Görlitz, zur Begrüßung erfreut an einen alten frommen Spruch denken: »Mit Gott fang an, mit Gott hör auf, das ist der beste Lebenslauf.«

Zomack erinnerte zudem daran, dass vor wenigen Jahrzehnten eine »Sächsische Landesausstellung« gar nicht vorstellbar war. »Denn es gab ja kein Land Sachsen mehr.«

Sachsens Landesbischof Jochen Bohl blickte in seiner Predigt zurück bis zu Abraham, dem ersten Gläubigen, dem Wanderer, der aufbrach im Vertrauen auf Gott. Ins Unbekannte, und doch zu einer Reise, die an ein Ziel führen sollte. Bohl machte zudem deutlich, wie schwierig es ist, in einer modernen, mobilen Gesellschaft Heimat und Aufbruch, Beständigkeit und Fortschritt in Einklang zu bringen. Und er verwies auf die Abwanderung der Jugend, gerade aus dem äußersten Osten und auf die Zurückbleibenden, die sich die Frage stellen müssen: Wie geht es hier mit uns weiter?

Ungewissheit – sie war ständiger Begleiter für viele Menschen, die in den vergangenen 800 Jahren auf der »Via Regia« reisten. Da waren Händler, die nicht wussten, ob sie ihre Waren sicher ans Ziel bringen würden, Soldaten, deren Heimkehr zweifelhaft schien, Flüchtlinge, die keine Ahnung hatten, wohin mit ihnen.

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) als Ausrichter haben den Menschen darum auch einen ganzen Ausstellungsabschnitt gewidmet.

Nikolaus von Zinzendorf, der Weltreisende, Missionar und Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine spielt darin ebenso eine Rolle wie Sachsens Kurfürst August der Starke, den SKD-Leiter Martin Roth »den ersten Pendler« nannte und damit auf sein ständiges Hin und Her zwischen Sachsen und Polen (hier war er König) verwies. Die Händler aber, die Studenten, die Flüchtlinge und Pilger, die zu Tausenden auf der »Via Regia« wanderten, bleiben eine anonyme Masse in der Ausstellung – ausgenommen das Schicksal eines französischen Soldaten, der 1813 aus Napoleons Armee ­geflohen war.

Hier aber hilft eine Partnerschau der Landesausstellung im Schlesischen Museum weiter. »Lebenswege ins Ungewisse« erzählt die Geschichte von Menschen aus Görlitz und dem benachbarten Zgorzelec (Polen), die ihre Heimat verlassen ­haben – freiwillig oder gezwungenermaßen.

Dass die frühe Mobilität ihr ganz eigenes, viel langsameres Tempo hatte, zeigt eine zweite Partnerausstellung »via regia – Straße der Arten« im Senckenberg Museum für Naturkunde. In einer Übersicht stellt sie die drei bis fünf Stundenkilometer der Fußgänger oder auch die zwei bis drei Kilometer pro Stunde (km/h) der Postkutsche den rasanten 150 bis 300 km/h der Bahn oder die 450 bis 900 km/h eines Flugzeugs gegenüber.

Die Landesschau-Partner wagen den ganz konkreten Blick.

Im gerade sanierten Kaisertrutz gibt es auf fünf Ebenen hingegen das große Ganze, den Blick auf Kunst und Wissenschaft, auf Maße und Gewichte, auf Zünfte – und auf den Glauben, der viele Reisende begleitete. Ein großes Triptychon aus Breslau zeigt beispielsweise die heilige Hedwig, die Schutzpatronin Schlesiens. Zunftschilde sind mit (Schutz-)Engeln geschmückt. Und ein Bibel-Druckstock macht wunderbar bildhaft die Auseinandersetzung zwischen evangelischem und katholischem Glauben, aber auch das praktische Denken der Buchdrucker deutlich.

Ein protestantischer Druckstock mit einem papstfeindlichen Bild wurde von Druckern im katholischen Osten übernommen, schließlich war er einmal gemacht und das war kostengünstiger. Mit ein paar kleinen Schnitten wurde alles Kritische entfernt und zufriedenstellend gedruckt.

Seit dem 21. Mai steht dies alles nun den Besuchern offen. Spiralförmig können sie sich vom Keller der Trutzburg über fünf Etagen nach oben ­lesen, durchschauen, durchstaunen. Zum Auftakt war das kostenlos möglich – und der Kaisertrutz von Hunderten Wartenden dicht umdrängt.

Irmela Hennig

Die Sächsische Landesausstellung in Görlitz ist geöffnet bis 31. Oktober, täglich von 10 bis 18 Uhr, freitags bis 21 Uhr. Das Tagesticket kostet für Erwachsene 9 Euro, ermäßigt 7 Euro. Ein Zwei-Tages-Kombi-Ticket kostet 14 Euro für Erwachsene. Die Tickets gelten auch für die kooperierenden Görlitzer Museen (Schlesisches Museum, Senckenberg Museum für Naturkunde).

Als Nächstes wird die Thüringer Landesausstellung 2011 am 24. Juni in Weimar ­eröffnet. Sie steht unter dem Thema »Franz Liszt. Ein Europäer in Thüringen«.

Bob Dylan: Der »krächzende Rabe« wird 70

23. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Mehr als 500 eigene Songs, viele davon Hits, und immer wieder die Fragen nach Heil und Unheil, Sünde und Erlösung.
Die Anfänge: Gemeinsam mit Joan Baez singt Bob Dylan bei einem Auftritt im Rahmen des »March on Washington« am 28. August 1963 das Lied »We Shall Overcome«.	 (Foto: epd-bild/akg-images)

Die Anfänge: Gemeinsam mit Joan Baez singt Bob Dylan bei einem Auftritt im Rahmen des »March on Washington« am 28. August 1963 das Lied »We Shall Overcome«. (Foto: epd-bild/akg-images)


Als Folk- und Protestsänger wurde er bekannt, doch ließ er sich nie in Schubladen sperren. Bis heute gehört Bob Dylan zu den ganz ­Großen der Musikwelt.

Sein 33. Studioalbum war für viele Kritiker eine Überraschung: Nach drei eher illusionslos-melancholischen Meisterwerken in den zehn Jahren zuvor, die jedes Mal als sein Vermächtnis gefeiert wurden, hatte Bob Dylan im April 2009 ein ­Album herausgebracht, das von einer bisweilen geradezu heiteren und beschwingten Stimmung geprägt war. »Together Through Life«, hieß diese CD, die in zahlreichen Ländern die Nummer eins in den Verkaufslisten ­erreichte – in Großbritannien stand ­Dylan damit zum ersten Mal wieder seit 1970 an der Spitze.

»Gemeinsam durchs Leben« – der Titel des Albums ist wie eine Überschrift über den Weg Dylans mit seinen Fans. In nunmehr fünf Jahrzehnten hat er wie kein anderer die Geschichte der populären Musik geprägt, und auch heute noch gibt er rund 100 Konzerte pro Jahr; vor Kurzem zum ersten Mal in China und Vietnam.

Seine Anhänger haben ihm, über kurz oder lang, all seine Wandlungen und Häutungen verziehen oder sie mitvollzogen – zum Unverständnis der Umwelt, für die Dylan lediglich ein »krächzender Rabe« ist, »der seit 50 Jahren dasselbe Lied singt«.

Mich begleitet Dylan seit über 30 Jahren durchs Leben.

1979 habe ich mir, als 15-Jähriger, die erste Platte von ihm gekauft: »Slow Train Coming«. ­Eigentlich war in der streng pietistischen Gemeinde, in der ich groß geworden war, Rockmusik strengstens verboten: Sie war »vom Teufel«, und im Schlagzeug und in den E-Gitarren wirkten »die Dämonen«. Dennoch – oder vielleicht deswegen – waren christliche Rock- und Pop-Bands wie die legendären Damaris Joy Helden der EC- und CVJM-Jugend. Beeinflusst waren diese Bands von den Pionieren des christlichen Rocks aus den USA wie Keith Green und Larry Norman, die sich die Frage stellten: »Why should the devil have all the good music? – Warum sollte der Teufel all die gute Musik haben?«

Natürlich hatte ich Bob Dylan trotz Verbots gekannt: Ich hatte – mehr oder weniger heimlich – bei einem Klassenkameraden seine Platten gehört.

Umso größer war meine Freude, als ich im Herbst 1979 auf der Titelseite eines christlichen Musikblättchens ein Porträt Bob Dylans entdeckte.

Bob Dylan, die Ikone der Protestbewegung, war Christ geworden, er hatte sich bekehrt!

Er war nun einer von uns!

Es gab für mich kein Halten mehr: Ich begab mich umgehend in den nächsten Plattenladen und holte mir die empfohlene »Slow Train Coming.«

Welche Erschütterungen Dylan’s Bekehrung zum Christentum – nicht nur in der Musikwelt – hervorgerufen hatte, konnte ich damals nicht ahnen. Es war für die meisten unfassbar – und ist es für viele Wegbegleiter Dylans bis heute: Da wirft jemand ein Kreuz auf die Konzertbühne und Dylan beginnt, in der evange­likalen Vineyard-Gemeinde in Kalifornien Bibelkurse zu besuchen, er bekehrt sich und schließt sich den wiedergeborenen Christen an.

Dylan wurde fortan als »Bibel-Cowboy« verspottet oder – wie im Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« – als »seltsamer Prediger«, dessen »frömmelnd-reaktionäre« Texte von »schlichter ­Bibelstunden-Einfalt« seien.

Dylans fromme Zeit hielt allerdings nicht lange an.

Bereits vier Jahre später, 1983, veröffentlichte er ein Album, das den programmatischen Titel trug: »Infidels – Ungläubige«.

Auch Dylans schärfste Kritiker sehen ihm inzwischen die »Born-Again-Phase« nach: als Episode in seinem wahrlich nicht widerspruchsfreien Wirken. Dylan selbst hat sich in allen Phasen seiner Karriere jeglichen Vereinnahmungen rigoros entzogen und stattdessen einst vorgeschlagen, lieber einen Groschen in die Parkuhr zu stecken als irgendwelchen Führern zu folgen.

Gleichwohl sind Religion und Gott ein entscheidendes Thema im Werk des »Rock-Messias«.

Betrachtet man die über 500 Songs, die der Kandidat für den Literatur-Nobelpreis geschrieben hat, ist nicht zu übersehen: Von seinen Anfängen als junger Folk- und Protestsänger Anfang der 1960er Jahre bis zu seinem Spätwerk sind Gericht und Gnade, Sünde und Erlösung, Heil und Unheil, Himmel und Hölle Dylans zentrale Stoffe.

Abraham und der Erzengel Gabriel, David und Goliath, Jesus und der Teufel, Verführer und Verführte bevölkern seine Songwelt. Von der Sintflut zur Bergpredigt, vom Garten Eden bis zum Garten Gethsemane, von Armagedon bis Jerusalem – Dylan ist an allen Orten der biblischen Überlieferungen zu Hause.

Dylans Religion ist eine, die über das Leiden und die Sünde Bescheid weiß und in der ein bekennender Sünder der wahre Heilige ist.

Am 24. Mai feiert der rastlose Pilger und Prophet, der 1941 als Robert Allen Zimmerman oder – so sein jüdischer Name – Shabtai Zisel ben Avraham in Duluth/Minnesota geboren wurde, seinen 70. Geburtstag.

Uwe von Seltmann

Hinweis: Bob Dylan tritt am 25. Juni in Mainz und am 26. Juni in Hamburg auf.

Die Niederlage ist verschlungen in den Sieg

16. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Porträt: Ulrich Schacht verarbeitet in seinem neuen Buch die verhängnisvolle Geschichte seiner Eltern


Neben dem erschütternden Schicksal seiner Mutter ­beschreibt Ulrich Schacht in seinem Buch die Suche nach seinem russischen Vater.

Der Schriftsteller Ulrich Schacht lebt seit 1998 in Schweden. (Foto: privat)

Der Schriftsteller Ulrich Schacht lebt seit 1998 in Schweden. (Foto: privat)



 
Es ist ein warmer Sommertag im August 1950. Die 23-jährige Wendelgard Schacht lebt gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer zweijährigen Tochter in einer kleinen Wohnung in Wismar. Als am Nachmittag ein Kriminalpolizist vor ihrer Tür steht und sie freundlich bittet mitzukommen, folgt sie ihm arglos, denn sie ist sich keiner Schuld bewusst. Sie ahnt nicht, dass sie in die Fänge des stalinistischen Terrors geraten, ihr Kind und ihr Zuhause für lange Zeit nicht wiedersehen wird.

Der Polizist übergibt sie am Ende ihres gemeinsamen Weges wortlos einem Offizier des russischen Geheimdienstes. Dieser schiebt sie in eine ­bereitstehende Limousine, die mit der jungen Frau davonfährt.

Am 18. November 1950 wird sie von einem sowjetischen Militärtribunal wegen Verleitung zum Landeshochverrat zu zehn Jahren Arbeitslager ­verurteilt. Ihr Vergehen: die Liebe zu einem russischen Offizier. Beide hatten sich bei einem Tanzabend kennengelernt und ineinander verliebt. Als sie merkt, dass sie schwanger ist, schlägt sie ihm die Flucht nach Westdeutschland vor. Sie werden verraten und die kurze Liebe erlebt ein jähes, brutales Ende.

Die Schwangere kommt in das berüchtigte DDR-Frauengefängnis Hoheneck, wo am 9. März 1951 ihr Sohn Ulrich geboren wird. Ulrich Schacht, heute 60 Jahre alt, Journalist und Schriftsteller, Autor des kürzlich erschienenen Buches »Vereister Sommer«. Darin verarbeitet er die Geschichte seiner Familie. Die Grundlage bilden die Erinnerungen seiner Mutter. Daneben dokumentiert er die Geschehnisse mit Briefen und Protokollen – Textauszügen aus den Unter­lagen der Archive.

Nach der Geburt bleibt das Baby noch drei Monate bei seiner Mutter, dann wird es ihr weggenommen – im Buch eine dramatische, herzzerreißende Passage.

Wendelgard Schacht muss die über sie verhängte Haftstrafe von zehn Jahren nicht bis zum Ende absitzen. Sie wird nach knapp dreieinhalb Jahren am 22. Januar 1954 freigelassen. Bis dahin wächst ihr Sohn bei Pflege­eltern in Wismar auf, einem befreundeten kinderlosen Ehepaar.

Von seinem Vater fehlt jede Spur. Der Junge vermisst ihn nicht. In der Nähe starker Frauen – als solche charakterisiert Ulrich Schacht seine Mutter und Großmutter mütterlicherseits – nimmt er das Fehlen des Vaters nicht als Verlust wahr. Als er etwa acht Jahre alt ist, beginnt seine Mutter, ihm von ihrem Verhängnis und seiner Geburt im Gefängnis zu erzählen.

Für das Kind eher eine spannende, abenteuerliche Geschichte. »Ich fand das interessant, originell«, sagt Ulrich Schacht heute. Das, was seiner Mutter widerfahren ist, ihre Erfahrungen in der Haft, wirken ganz und gar nicht abschreckend oder einschüchternd auf ihn. Er zieht auch nicht die Konsequenz, sich an die politischen Verhältnisse in der DDR-Diktatur anzupassen.

Im Gegenteil, er lehnt sich gegen die kommunistische Propaganda auf, will dem System die Stirn bieten und ist bereit, für seine Überzeugung ins Gefängnis zu gehen. Seine geistige Heimat findet er in der Kirche, wo die kommunistische Ideologie vor der Tür bleibt.

Als Theologiestudent verfasst er provozierende Texte und wird 1973 wegen »staatsfeindlicher Hetze« zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, 1976 in die Bundesrepublik Deutschland entlassen. Seine Mutter folgt ihm 1979.

Mutter und Sohn, beide jeweils Anfang 20, als sie in die Mühlen der zweiten deutschen Diktatur des 20. Jahrhunderts geraten!

Die Festnahme seiner Mutter sei anders zu bewerten als seine eigene, betont Schacht. Auch die Bedingungen, unter denen sie inhaftiert war, seien schwieriger gewesen. Der Gedanke, sich nach dem Westen abzusetzen, war bei seiner Mutter keineswegs politisch motiviert, sondern aus dem Wunsch nach familiärem Glück erwachsen.

Seine Konfrontation mit dem Staat hingegen war gewollt. »Für mich gab es keine Legitimität des Systems. Die DDR war illegal, sie gehörte weg, einfach weg.«

In Westdeutschland angekommen, studierte Schacht Politikwissenschaften und Philosophie. Er arbeitete als Journalist und Redakteur für verschiedene Publikationen. Anerkennung wurde ihm mit mehreren Literatur- und Journalistenpreisen zuteil.

Die ­renommierteste Auszeichnung erhielt er 1990 mit dem Theodor-Wolff-Preis. Seit 1998 lebt der freischaffende Autor und Publizist in Schweden.

Für ihn als jungen Menschen, der sich aus seiner christlichen Orientierung heraus mit der kommunistischen Diktatur angelegt hatte, war die Ankunft in der westlichen Kirchenlandschaft eine Enttäuschung. »Man war Teil des Wohlstandes«, sagt Schacht rückblickend und legt dar, dass es Aufgabe der Kirche zu allen Zeiten war und ist, dem Zeitgeist zu widerstehen.

Der Säkularisierung Einhalt gebieten! Wie Martin Luther, der große Kämpfer gegen die Verweltlichung der Kirche, würde auch er gern den Selbstsäkularisierungsprozess im Protestantismus stoppen. Schacht ist ein kritischer Geist, ein Kämpfer geblieben.

Ein eigensinniger Kopf, eloquent, impulsiv, zuweilen scharfzüngig – kaum ein aktuelles politisches oder kirchliches Thema, zu dem er nicht eine dem Mainstream widersprechende profilierte Position vortragen könnte.

Er gehört der Evangelischen Bruderschaft St. Georgs-Orden an. In der 1987 im Westen von ehemaligen DDR-Christen gegründeten Gemeinschaft hofft er seinen Anspruch verwirklichen zu können: die Verbindung von Spiritualität und theologischer Reflexion auf einem intellektuell hohen Niveau, Christsein in der entchristianisierten Gesellschaft, der Zeitgeistverfallenheit entgegenwirkend.

Die Bruderschaft, die nach der Wende in der mecklenburgischen Landeskirche beheimatet war, ist seit 2000 auch in Thüringen tätig. Schacht leitet die Bruderschaft im Range eines Großkomturs.
Sein Buch »Vereister Sommer« ist Familiengeschichte, Zeugnis vom Widerstand in der kommunistischen Diktatur und – ein Beleg, welche Stärke Menschen aus ihrem Glauben schöpfen können.

Sowohl seine Mutter als auch er finden in den Texten des Christentums Lebenskraft und Mut. Seiner Mutter geben die Lieder des Gesangbuches Halt, die sie innerlich aus dem Gedächtnis gebetet hat. Ihr Sohn nahm in schweren Situationen die Bibel zur Hand, um sich aus ihr Kraft und Trost zu holen.

Neben der verhängnisvollen Geschichte seiner Mutter verfolgt der Autor in seinem Buch die komplizierte und über lange Zeit aussichtslos erscheinende Suche nach seinem russischen Vater. Das Vorhaben läuft einem großen Happy End entgegen.

Es ist ein Aufruhr der Gefühle, als Vater und Sohn einander wortlos in den Armen liegen.

Angesprochen auf die Begegnung mit seinem Vater, sagt Schacht: »Die Tatsache dieser Stunde, dieser zwei, drei Tage, hat die ganze Zeit des Nichtvorhandenseins aufgelöst in einem situativen Reichtum. Glück erfährt man, wenn es da ist. Und das hat Dauer, die unabhängig ist von allen Zeitbegriffen. Der ganze Vater war dann nach rückwärts wie für immer da.«

Der Schriftsteller ist ein grandioser Erzähler. Mit seiner brillanten Sprache vermag er den Leser zu packen. Dieser spannende autobiografische Text ist eine atemberaubende Lektüre.

Sabine Kuschel

Schacht, Ulrich: Vereister Sommer. Auf der Suche nach meinem russischen Vater, Aufbau Verlag, 221 S., ISBN 978-3-351-02729-2, 19,95 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643) 246161

Eine Gott gewidmete Oper

9. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Szene IV "Düfte - Zeichen": (von li.) Maike Raschke (Sopran), Michael Leibundgut (Bass), Csilla Csövári (Hoher Sopran), Alexander Mayr (Hoher Tenor) Foto: Klaus Lefebvre

Uraufführung: Karlheinz Stockhausens Opernzyklus der sieben Wochentage preist die Schönheit der Schöpfung


Es war eine Aufführung, ­welche die Dimensionen des bisher Vorstellbaren in jeder Hinsicht sprengte: die vollständige Präsentation von Karlheinz Stockhausens Oper »Sonntag« aus »Licht«.

Von Michael von Hintzenstern

Das Bühnenwerk erlebte am Ostersonntag von 12 bis 21 Uhr im Staatenhaus des Messegeländes in Köln-Deutz seine szenische Uraufführung. Ein Gesamtkunstwerk, das Gott gewidmet ist und mit allen Sinnen die Schönheit der Schöpfung preist. Seine reine Spieldauer beträgt sechs Stunden. Zwischen diesen lagen drei kurze und zwei anderthalbstündige Pausen, welche den Besuchern die Chance boten, bei strahlendem Sonnenschein an den Rheinauen wieder aufzutanken.

Karlheinz Stockhausen (1928 bis 2007), der als einer der wichtigsten Wegbereiter der Neuen Musik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt, war ein Mann der Superlative. Das gilt in besonderer Weise für seinen Opernzyklus der sieben Wochentage »Licht«, an dem er von 1977 bis 2003 gearbeitet hat und dessen Gesamtdauer 29 Stunden beträgt. Während »Donnerstag«, »Samstag« und »Montag« an der Mailänder Scala aus der Taufe gehoben wurden, erlebten »Dienstag« und »Freitag« an der Leipziger Oper ihre Premiere. Für die szenische Uraufführung des »Mittwoch« wird noch ein geeignetes Theater gesucht. In den Namen der Wochentage bündeln sich vielfältige mystisch-religiöse Traditionen des Abendlandes, die der Komponist in seinen Libretti aufgegriffen und neu gestaltet hat.

Das gigantische Werk basiert auf ­einer »Superformel«, deren musikalisches Material die drei Hauptprotagonisten verkörpern, die Stockhausen mit folgenden Worten beschreibt: »Michael, eine Christus- und gleichzeitig eine Engelsgestalt, die Mensch wird, um den Menschen zu Gott zu führen; Eva als Urmutter des Lebens (mit Anklängen an Maria); und Luzifer als der gefallene Engel des Lichtes.«

Der gesamte Zyklus läuft auf den »Sonntag« zu, in dem sich das Gotteslob in der mystischen Vereinigung von Michael und Eva vollzieht. »Für den Musiker heißt das: Vor Gott zu singen und zu spielen, ihn so zu loben und zu preisen, dass alles Menschenmögliche dabei zum Einsatz kommt«, schreibt im Programmheft der emeritierte evangelische Pfarrer Dr. Thomas Ullrich, in dessen Händen die Dramaturgie der Inszenierung lag. Davon zeugt die Besetzung der Partitur, die neben Vokal- und Instrumentalsolisten zwei Chöre und zwei Orchester ­sowie elektronische Klänge vorsieht. Zwei Bühnen sind erforderlich, die in der letzten Szene simultan bespielt werden. Halle A ist ein runder, weiß ausgestatteter Raum, in dem für das Publikum Liegestühle im Kreis ­auf­gestellt sind, wodurch es von allen ­Seiten bespielt werden kann und sich inmitten des Bühnengeschehens befindet. Halle B ist mit schwarzen ­Stoffen abgeteilt und bietet eine eher traditionelle Guckkastenbühne.

In »Lichter-Wasser« (Szene I) werden die zwölf Himmelskörper des Sonnensystems dargestellt, die sich
in räumlichen Bewegungen der Melodien spiegeln, die ein im Saal verteiltes Orchester spielt und zwei Solisten singen. In einer »Engels-Prozession« (Szene II) schreiten sieben Engelsgruppen durch den Raum und stimmen das Gotteslob in sieben Sprachen mit einer betörend schönen Vokalmusik an. Die Vielfalt der Schöpfung wird in Szene III (»Licht-Bilder«) in ihren unterschiedlichen Manifestationen vom Stein bis zum Geist besungen und in mitunter plakativen Projektionen dargestellt, welche die Zuschauer durch 3D-Brillen in kosmischer Weite erleben können. Szene IV (»Düfte-Zeichen«) verbindet den Rückblick auf die Tage des Zyklus jeweils mit ­einem Duft, der nach oben steigt. In »Hoch-Zeiten« (Szene V) wird die mystische Vereinigung von Michael und Eva simultan in zwei Sälen mit Chor und Orchester gefeiert, wobei an bestimmten Stellen die jeweils andere Darbietung eingeblendet wird. Damit das Publikum beide Versionen erleben kann, wechselt es die Säle. Die Chorfassung, die vom Tonband eingespielt wurde, erfährt dabei durch ­virtuos agierende Tänzer eine happeningartige Umsetzung, welche die Zuschauer mitten hinein in ein ausgelassenes Fest nimmt. Carlus Padrissa von der legendären katalanischen Performance-Gruppe »La Fura dels Baus« hat hier wie an vielen anderen Stellen alle Register eines spektakulären, effekt- und bilderreichen Theaters gezogen. Neben der mit höchster Präzision spielenden »musikFabrik« (Leitung: Peter Rundel), den beteiligten Chören (Leitung: James Wood) und den lupenrein intonierenden Solisten Anna Palimina (Sopran) und Hubert Mayer (Tenor) ist die musikalische Gesamtleitung durch Stockhausens langjährige Weggefährtin Kathinka Pasver zu loben, bei der alle Fäden zusammenliefen.

www.operkoeln.de

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