Es gibt keine Alternative!

21. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Katharina Luther – Am 22. Februar um 20.15 Uhr zeigt das Erste den Fernsehfilm. Karoline Schuch spielt die Hauptrolle der Katharina von Bora. Amet Bick sprach mit der Schauspielerin.

Frau Schuch, Katharina von Bora hatte als entflohene Nonne weder soziale Sicherheit noch Ansehen. Der einzige Ausweg, der ihr blieb, war, so schnell wie möglich zu heiraten. Im Film wirkt es so, als sei Martin Luther der einzig mögliche Kandidat für sie gewesen. War es eine Liebesheirat?
Schuch:
Das hat sich für mich jedenfalls nicht so angefühlt. Ich glaube auch, dass eine Liebesheirat, so wie wir sie uns heute vorstellen und wünschen, im Mittelalter noch äußerst selten war. In meiner Vorstellung hat sich aber nach der Hochzeit zwischen Katharina und Martin eine starke und vertrauensvolle Liebe entwickelt – was ein großes Glück war.

Katharina ist in dem Film eine zupackende, energische und kluge Frau, die wie eine Löwin für ihre Familie kämpft. Sie spielen sie aber auch als eitle und gelegentlich harte Frau. Meinen Sie, Katharina eignet sich zur Heldin?
Schuch:
Eine Frau muss nicht immer gefällig und freundlich sein, um Großes zu leisten, ganz im Gegenteil. Ich glaube, dass wir Frauen uns oft selbst im Weg stehen, weil wir uns zu sehr über die möglichen Befindlichkeiten anderer Gedanken machen. Katharina hat die vielen Dinge in ihrem Leben nur durch die ihr eigene Art erreichen können, und ich finde das toll.

Gibt es etwas, wofür Sie sie bewundern, etwas, das Sie an dieser Frau besonders beeindruckt?
Schuch:
Ein »ganzes« Leben zu wollen, so wie es Katharina und Martin im Film mehrmals als Lebensziel für sich formulieren, finde ich sehr beeindruckend. Dieses »ganze« Leben ist natürlich Auslegungssache und jeder kann für sich formulieren, was zu diesem Leben dazugehört. Für Katharina war es vor allem, eine Familie zu gründen und nach Gottes Geboten zu leben, immer verbunden mit der Bereitschaft, die Bedingungen zu ändern, wenn sich dieses Leben nicht mehr richtig angefühlt hat.

Katharina und Martin Luther erscheinen in dem Film als sehr emanzipiertes Paar. Für wie realistisch halten Sie das angesichts der Restriktionen jener Zeit?
Schuch:
Das ist doch gerade ihr Vermächtnis, in diesem wirklich düsteren Zeitalter der Angst und Restriktionen neue Wege zu gehen und Altes zu überwinden. Sie waren als Familie das Abbild der gelebten Reformation, die ja nicht nur die Kirche betraf, sondern gerade und besonders das zwischenmenschliche Zusammenleben. Mit allen Schwierigkeiten, die dieses neue Leben natürlich beinhaltete.

Wie ausführlich haben Sie sich für den Film mit der Biografie und den Lebensbedingungen von Katharina auseinandergesetzt?
Schuch:
Ich habe mich lange und viel mit allen möglichen Dingen beschäftigt, habe historische Romane gelesen, war an den Orten ihres Lebens, in Nimbschen, Wittenberg, Torgau. Ich habe eine Woche im Kloster gelebt und den Gebetszeiten der Zisterzienserinnen beigewohnt, das war wunderbar. Ich habe außerdem einen Schauspielcoach, mit dem ich seit vielen Jahren arbeite, mit dem ich mich viel und lange mit Katharinas Gefühlswelt beschäftigt habe.

Katharina und die anderen geflohenen Nonnen kommen in Wittenberg an. Martin Luther begrüßt Katharina von Bora. Foto: MDR/EIKON Süd/Junghans

Katharina und die anderen geflohenen Nonnen kommen in Wittenberg an. Martin Luther begrüßt Katharina von Bora. Foto: MDR/EIKON Süd/Junghans

Was hat Sie bei der Beschäftigung mit ihr besonders überrascht?
Schuch:
Ich wusste ja anfangs nicht mal, dass Martin Luther überhaupt eine Frau und so viele Kinder gehabt hat, das war mir völlig neu. Erstaunt war ich, dass keinerlei Dinge von ihr, also weder schriftliche Dokumente noch Briefe, aufgehoben wurden. Ich bin überzeugt, dass sie viele gute, auch verschriftlichte Gedanken hatte. Dass sie damals nicht aufbewahrenswert gewesen sind, entspricht natürlich der Zeit, ich finde es aber auch ärgerlich und vor allem sehr schade.

Die Angst vor der Hölle und dem Teufel, vor Strafe für begangene Sünden war damals sehr groß. Ist das ein Thema, das Sie beschäftigt? Oder sagen Sie, Luther sei Dank, das spielt heute keine Rolle mehr?
Schuch:
Wenn uns heute Schlechtes widerfährt, dann denken wir immer noch: Was habe ich getan, dass mir das passieren musste? Diesen Gedanken kenne ich. Das Unglück, das uns widerfährt, nennen wir vielleicht nicht mehr Teufel, sondern zum Beispiel »schlechtes Karma«. Dieser ganze Schuld-und-Sühne-Apparat ist nicht mehr so existent wie damals und der Ablasshandel ist zum Glück verboten. Aber die Menschen brauchen nach wie vor Dinge, an die sie glauben können und die ihnen Halt geben.

Katharina stand im Schatten ihres Mannes, war nach seinem Tod lange vergessen. Meinen Sie, sie hat auch unabhängig von ihrem Mann eine Botschaft für uns heute?
Schuch:
Was wir von ihr lernen können, ist, dass es wichtig ist zu wissen, wie man leben möchte. Wenn man sich darüber im Klaren ist und Zustände bemerkt, die dazu beitragen oder dies behindern, dann ist man auf einem guten Weg. Gleichzeitig ist es wichtig, dass man das, was man liebt und wofür man gekämpft hat, behütet und beschützt. Es gibt für Katharina keine Alternative zum »ganzen« Leben. Das mag ich sehr.

Mit der Regisseurin Julia von Heinz und dem Schauspieler Devid Striesow haben Sie 2015 den Film »Ich bin dann mal weg« gedreht, in dem es um eine Pilgerreise auf dem Jakobsweg geht – im weitesten Sinne also auch um ein religiöses Thema. Zufall oder Absicht?
Schuch:
Das ist natürlich Zufall und beide Filme könnten ja unterschiedlicher nicht sein. Mit Julia und Devid würde ich so gut wie jeden Film drehen, ich habe beide wirklich sehr gern.

Valentin kurbelt Blumenhandel an

13. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Valentinstag geht auf einen oder mehrere Märtyrer zurück

Der Valentinstag ist der Festtag der Verliebten und Brautleute, für Blumen- und Süßwarenhandel einer der umsatzstärksten Tage im Jahr. Und auch Hoteliers und Gastronomen rühren jährlich für romantische Abende auf ihren Zimmern oder in ihren Restaurants die Werbetrommel. Dabei berufen sich die Geschäftsleute bei ihren Offerten gern auf einen Heiligen namens Valentin, von dem allerdings niemand ganz genau weiß, ob es ihn überhaupt gegeben hat. Kein Wunder, dass die Kirche das Fest des heiligen Valentin Anfang der 1970er-Jahre vom Kirchenkalender strich. Nur in den Bistümern Mainz, Fulda und Limburg wird an seinem Gedenken noch festgehalten.

Dass Valentinus auch bei uns seine Anhänger hat, verdanken wir genau betrachtet der Mainzer Synode, die im Sommer 813 das Weihnachtsfest auf den 25. Dezember terminierte. Bis dahin feierte man Christi Geburt am 6. Januar – und 40 Tage später nach mosaischem Gesetz das Fest der Darstellung des Herrn (Mariä Lichtmess) am 14. Februar. Mit der Verlegung des Weihnachtsfestes entstand so eine kalendarische Lücke, die es schnell wieder zu füllen galt.

Noch heute gibt es in Worms am 14. Februar eine Valentinsprozession. Fotos: Günter Schenk

Noch heute gibt es in Worms am 14. Februar eine Valentinsprozession. Fotos: Günter Schenk

Da folgte man gern den Christen in Rom, die schon damals am 14. Februar eines Bischofs gedachten, der im 3. Jahrhundert im heutigen italienischen Städtchen Terni gelebt und als Märtyrer gestorben sein soll. Allerdings gab es in Rom einen weiteren Geistlichen namens Valentin, um den sich ebenfalls viele Legenden bildeten. So soll dieser frisch verheirateten Paaren gern Blumen aus seinem Garten geschenkt haben. Es ist eine von vielen erfundenen Geschichten, die manchem Blumenhändler am Valentinstag gern als Verkaufsargument dient.

Noch komplizierter wird die Geschichte, weil im Mittelalter ein weiterer Valentin aus Viterbo auftauchte, der im frühen vierten Jahrhundert ebenfalls als Märtyrer gestorben sein soll. Einige Historiker allerdings glauben, dass es sich bei allen Valentins wahrscheinlich um den gleichen handelt.

Schon im Hochmittelalter jedenfalls hatte Valentin vielerorts in Deutschland seine Verehrer. Vor allem am Rhein wie in Worms oder im Rheingau-Städtchen Kiedrich, wo der Heilige noch heute besondere Verehrung findet. So belegt schon anno 1311 ein Dokument in Worms das Gedenken an den Bischof von Terni, in der zum Andreasstift gehörenden Valentinuskapelle. Dort ausgestellte Valentinusreliquien sollen jährlich viele Tausend Wallfahrer gelockt haben.

Rudolf von Rüdesheim (1402–1482), Wormser Domdekan und späterer Bischof von Breslau, teilte die Wormser Reliquien schließlich weiter auf. 1454 schenkte er der Pfarrkirche Kiedrich, wo er zuvor als Pfarrherr tätig war, einen Teil der Wormser Valentinusknochen. Einen weiteren Teil nahm er mit nach Breslau, von wo sie schließlich ins heute polnische Kulm gelangten. Als die Wormser Reliquien im Gefolge des pfälzischen Erbfolgekrieges Ende des 17. Jahrhunderts verloren gingen, gaben die Kiedricher anno 1875 einen Teil der Reliquien wieder nach Worms zurück, wo man bereits Anfang des 19. Jahrhunderts die nach dem Verlust der Reliquien eingeschlafene Valentinuswallfahrt neu belebt hatte. Mit einem Hochamt und einer abendlichen Paarsegnung, die dem Patronat der Liebenden und Verlobten Rechnung trägt, wird der 14. Februar noch heute in der Nibelungenstadt groß gefeiert.

Gleich ein ganzes Valentinsskelett ruht in der Pfarrkirche St. Michael im schwäbischen Krumbach auf purpurroter Matratze in einem Glasschrein, eingehüllt in prächtig bestickte Gewänder. Und auch im Fuldaer Dom liegen angeblich Schenkelknochen des Heiligen, der gewöhnlich gegen die Fallsucht angerufen wird. Gegen epileptische Anfälle, die einst »Valentins-Krankheit« oder »Valentins-Plage« hießen.

Die bunten und duftenden Grüße der Männer an ihre Frauen aber, die den Blumenhändlern Jahr für Jahr gute Umsätze garantieren, fußen nicht in kirchlichem, sondern einem eher weltlichen Brauch, der sich im Mittelalter in England entwickelte. Dort führte man zum Valentinstag Paare zusammen, häufig wie beim Mailehen durch Losentscheid. Durch kleine Geschenke oder Gedichte versicherten sie sich ihrer Liebe: eine Art Partnerbörse war das, die erste Frühlingsgefühle kanalisierte. Vermutlich im späten 17. Jahrhundert wurde es schließlich mehr und mehr Sitte, im Rahmen dieser Kontakte Blumen zu verschenken. Ein Brauch, den Europas Auswanderer mit nach Amerika nahmen, von wo er Anfang der 1950er-Jahre wieder nach Deutschland zurückkehrte. Hier stationierte US-Soldaten gehörten zu seinen ersten Anhängern, die am Valentines Day ihre Frauen mit Geschenken überraschten.

Günter Schenk

Eindeutig und geradlinig

6. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Dr. Werner Leich, der frühere Thüringer Landesbischof, wird am 31. Januar 90 Jahre alt. Er lebt mit seiner Frau Trautel in Eisenach und stand den Redakteuren Michael von Hintzenstern und Willi Wild Rede und Antwort.

Das Ehepaar Trautel und Werner Leich. Die Kirchenzeitung gratuliert dem ehemaligen Thüringer Landesbischof herzlich zum 90. Geburtstag. Foto: Norman Meißner

Das Ehepaar Trautel und Werner Leich. Die Kirchenzeitung gratuliert dem ehemaligen Thüringer Landesbischof herzlich zum 90. Geburtstag. Foto: Norman Meißner

Herr Landesbischof Dr. Leich, wie geht es Ihnen?
Leich:
Man merkt das Alter, Schwäche und Vergesslichkeit nehmen zu. Aber solange wir als Ehepaar zusammen sind, geht’s mir gut. Das ist ein außergewöhnliches Geschenk Gottes. Wir sind 2017 65 Jahre verheiratet, eiserne Hochzeit, und die Liebe ist ungebrochen.

Sie haben Ihre Frau beim Tanzstundenball kennengelernt.
Leich:
Unsere Tanzstundenlehrerin hat jedes Jahr am 3. Weihnachtsfeiertag für die Ehemaligen einen Ball gegeben. Und dabei haben wir uns getroffen. Wir haben also nicht zusammen Tanzstunde gemacht, sondern wir waren beide Ehemalige.

Eine Tanzstunde hatte auch etwas mit Ihrer Berufsentscheidung zu tun.
Leich:
Bevor ich meine Frau kennengelernt habe, hatte ich mit einer Pfarrerstochter Tanzstunde gemacht. Bei ihr zu Hause, im Pfarrhaus, habe ich den Pfarrberuf kennengelernt. Und so entstand auf charmante Weise über die Tanzstunde der Wunsch, Pfarrer zu werden.

Ihr Studium in Marburg und Heidelberg war mit Hindernissen verbunden. Wie kamen Sie über die Grenze?
Leich:
Ich musste schwarz über die Grenze gehen. In Marburg habe ich dann unter anderem bei Professor Rudolf Bultmann studiert. In Heidelberg prägte mich Professor Edmund Schlink. Die Ökumene war sehr ausgeprägt. Nach zwei Semestern in Heidelberg habe ich bereits Examen gemacht. Viel früher als nötig, aber ich wollte zurück zu meiner Braut.

Während Ihrer Studentenzeit waren Sie auch mal Kohlekumpel in Gelsenkirchen. Wie kam es dazu?
Leich:
Nach der Währungsreform waren plötzlich alle Stipendien erloschen. Und um zu überleben, musste ich arbeiten. Es war nicht einfach, Arbeit zu bekommen. Da blieb nur das Bergwerk. Ich bin heute noch dankbar für die Erfahrung.

Rührt daher Ihr Interesse für den Fußballverein Schalke 04?
Leich:
Ja. Wissen Sie, damals gab es noch keine Fußballprofis. Ich kannte die Fußballer aus dem Bergwerk. Im Hauptberuf waren sie Kumpels und anschließend haben sie Fußball gespielt.

Mit all diesen Erfahrungen sind Sie wieder nach Thüringen zurückgegangen. Wie kamen Sie an Ihre erste Pfarrstelle?
Leich:
Zunächst war das in Angelroda (Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau). Dort waren wir nur drei Jahre. Damals bestand noch Pfarrermangel und so wurde ich auf eine größere Pfarrstelle nach Wurzbach (Kirchenkreis Schleiz) versetzt. Ich hatte gerade an meiner Doktorarbeit geschrieben. Aber Bischof Moritz Mitzenheim meinte: »Wir brauchen keine Doktoren, wir brauchen Pastoren.«

Bereits in Angelroda mussten Sie erfahren, dass der Staat Ihre Arbeit kritisch kontrollierte. Es gab Predigtkontrollen und Ihr Telefon wurde abgehört.
Leich:
Das ist dadurch aufgefallen, dass einmal ein Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes einen Zettel in der Kirche verloren hat, auf dem er alles notiert hatte, was seiner Meinung nach berichtenswert gewesen war.

Die Staatssicherheit war allgegenwärtig. Als junger Superintendent in Bad Lobenstein haben Sie Kriterien im Umgang mit der Stasi aufgestellt.
Leich:
Das waren drei Regeln: Keine Gespräche mit Mitarbeitern der Stasi unter vier Augen, keine Treffpunkte an neutralen Orten, kein Schweigeversprechen. Die drei Regeln standen sogar in meiner Stasi-Akte.

Ihre Wahl zum Landesbischof versuchte die Stasi zu verhindern. In Ihrer Amtszeit waren Sie dann von 17 Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) des Staatssicherheitsdienstes umringt. Hat sich eigentlich später einer bei Ihnen dafür entschuldigt?
Leich:
Bis auf eine Ausnahme ist keiner der IM auf mich zugegangen. Das schmerzt mich bis heute. Gerade weil ich dafür bekannt bin, nicht nachtragend zu sein.

Man hat Ihnen auch nach dem Leben getrachtet. Wie sind Sie damit umgegangen?
Leich:
Das wurde mir aber erst später klar. Kurz nach der Wahl zum Landesbischof stellte ich fest, dass die Radmuttern an meinem Auto gelockert waren. Außerdem versuchten mehrfach Lkws mich von der Straße zu drängen. Aber ich habe nie aus Angst vor dem Staatssicherheitsdienst heraus gehandelt.

Wie sehr hat es Ihre Arbeit belastet, von IM der Stasi umgeben zu sein?
Leich:
Es war mir bewusst. Ich hatte glücklicherweise in Oberkirchenrat Heinz Krannich einen Freund und Vertrauten.
Das Erstaunliche ist, dass auch die IM’s meine Anordnung mitgetragen haben. Wir hatten manchmal die Aufforderung, dass sich alle Superintendenten beim Rat des Kreises melden sollten. Ich habe diese Treffen untersagt und alle haben sich daran gehalten.

Reichten Ihre drei Regeln im Umgang mit der Stasi aus?
Leich:
Ja, damit wussten selbst die Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes genau, woran sie waren. Und, dass ihre Gespräche nicht geheim blieben. Damit sind wir gut gefahren. Gerade auch im Umgang mit der Kirchenzeitung. Die Chefredakteure von »Glaube + Heimat«, Herbert von Hintzenstern und Gottfried Müller, sind damals sehr genau von der Stasi beobachtet worden.

Hatte die Staatssicherheit den direkten Kontakt mit Ihnen gesucht?
Leich:
Ja natürlich. Ein gewisser Dr. Roßbach, alias Roßberg, hat sich regelmäßig in der Superintendentur in Bad Lobenstein zum Gespräch angemeldet. Ich habe dann immer einen Pfarrer als Zeugen dazu gebeten und das Gespräch dokumentiert. Erstaunlich war, dass die Sachpunkte in meinem Protokoll und in dem der Stasi identisch waren. Aber die Beurteilung war natürlich völlig unterschiedlich.

Wie war es für Sie, als Sie feststellen mussten, dass Mitglieder der Kirchenleitung IM der Stasi waren?
Leich:
Das war mir relativ schnell bekannt. Und ich wusste, worauf ich mich als Landesbischof einließ. Damit konnte man auch leben, wenn man seinen eigenen klaren Weg gegangen ist.

Mit Oberkirchenrat Martin Kirchner war immerhin Ihr Stellvertreter ein IM. Hat Sie das nicht erschüttert, als Sie erfahren haben, dass er bei der Stasi war?
Leich:
Kirchner ist ein Sonderfall. Ihn habe ich ja bevorzugt gegenüber dem Oberkirchenrat Wolfram Johannes, von dem wir wussten, dass er Staatssicherheitsmitarbeiter war. Kirchner ist mir nie in den Rücken gefallen. Da herrschten immer klare Fronten. Und was ich von ihm als Jurist verlangt habe, das hat er auch gemacht.

Hatten Sie nach der Wende noch Kontakt?
Leich:
Er hat in Eisenach als Rechtsanwalt gearbeitet. Und wir sind uns auch mal begegnet. Er wusste, dass ich nicht nachtragend war und dass ich ihn kannte. Was jetzt aus ihm geworden ist, weiß ich nicht.

Wie schätzen Sie die Aufarbeitung der DDR-Geschichte durch die evangelische Kirche ein?
Leich:
Ich bin der Überzeugung, dass man die Geschichte nach 25 Jahren ruhen lassen sollte. Es ist schon viel zu lange her. Erfahrungsgemäß wird durch spätere Aufarbeitung auch vieles hineingedeutet. Die Betroffenen sind alle schon sehr alt. Wir haben die offiziellen Stellen zur Aufarbeitung des DDR-Unrechts. Dort sind die Dokumente hinterlegt. Jeder kann einen Antrag auf Akteneinsicht stellen. Das ist meines Erachtens ausreichend. Im Übrigen halte ich die Sache für erledigt.

Plädieren Sie für vergeben und vergessen?
Leich:
Vergeben ja, vergessen nicht. Auch die heutige Generation sollte daraus lernen. Die drei Regeln, die ich aufgestellt habe, die stammen aus einem Buch aus der Nazi-Zeit über den Umgang mit der NS-Staatssicherheit. Ich glaube, die Nähe zur Politik ist auch heute eine Sache, bei der die Kirche ganz eindeutig und gerade gehen muss. Das tut sie leider nicht immer.

»Das hat mich all die Jahre getragen«

Werner Leich (Mitte) im Gespräch mit Willi Wild (re.) und Michael von Hintzenstern. Fotos: Norman Meißner

Werner Leich (Mitte) im Gespräch mit Willi Wild (re.) und Michael von Hintzenstern. Fotos: Norman Meißner

Der frühere Thüringer Landesbischof Werner Leich feierte am 31. Januar seinen 90. Geburtstag.
Lesen Sie hier den zweiten Teil des Gesprächs, das Michael von Hintzenstern und Willi Wild mit dem Jubilar geführt haben.

Herr Landesbischof Dr. Leich, wie erleben Sie heute die Landeskirche, die ja nicht mehr die ist, der Sie als Bischof vorstanden?
Leich:
In tiefer Trauer. Wir haben ein ausgezeichnetes Landeskirchenamt gehabt, das auch sehr gut organisiert war. Und die Auflösung des Landeskirchenamtes, ich hab’s ja dauernd vor Augen, ist eine schwierige Sache. Ich bedauere, dass die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen in dieser Form nicht mehr besteht. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Da kommen mir die Tränen.

Was waren die Höhepunkte Ihrer Amtszeit?
Leich:
Höhepunkt war auf jeden Fall das Lutherjahr. Wenn ich an den öffentlichen Gottesdienst auf der Wartburg denke. Die Mitarbeiter des Rundfunks meinten es sehr gut und haben ganz Eisenach beschallt. Das hat die Genossen natürlich furchtbar geärgert. Erstaunlich war, als ich mich hinterher bei den Fernsehleuten bedankt habe, sagten sie: Ach, Herr Bischof, wir hätten das gerne noch viel länger gemacht.

Wir stehen am Anfang eines weiteren Lutherjahres oder Reformationsjahres. Was erhoffen Sie sich von dem Reformationsgedenken?
Leich:
Ich hoffe, dass nicht der gedeutete Luther, sondern der originale Luther in den Mittelpunkt gerückt wird. Dass man ohne Scheu und ohne den Menschen gefallen zu wollen sagt, worum es geht. Das hat Luther in vielen Belangen getan. Er ist oft angeeckt, auch oft zu Recht kritisiert worden, beispielsweise im Umgang mit den Juden. Aber dieser ungeschminkte originale Ton, der muss erhalten bleiben.

Sie waren selbst geradlinig und mutig, obwohl Sie auch Ängste hatten. Wie sind Sie damit umgegangen?
Leich:
Die Umgebung des Staatssicherheitsdienstes hat mich oft in Unruhe versetzt. Aber ich habe Gott sei Dank gelernt, regelmäßig zu beten. Ich habe Gott alles, was mich bewegt und auch geängstigt hat, im Gebet vorgetragen. In meinem Arbeitszimmer stand ein altes gotisches Kruzifix. Darunter hab ich mir einen Betschemel bauen lassen. Jeden Tag habe ich mit Gebet begonnen und ihn auch beendet. Das hat mich all die Jahre getragen.

Wie haben Sie in all den Jahren Ihre Ehe und Familie zusammenhalten können?
Leich:
Das habe ich hauptsächlich meiner Frau zu verdanken, die von Anfang an auch mein Amt mitgetragen hat. Unsere Kinder haben gelitten. Sie wurden regelmäßig vom Staatssicherheitsdienst beobachtet. Die Stasi hoffte, über diese Quelle mehr über mich zu erfahren. Für unsere Kinder war es schwer.

Welchen Rat geben Sie Ihrer Kirche heute mit auf den Weg?
Leich:
Die große Gefahr für die Kirche ist, dass sie aus allem einen Event machen will. Dass sie sich nicht mehr verlässt auf Wort und Sakrament und auf eine treue Ausrichtung. Sondern alles in Spielszenen einkleidet. Die eigentlichen großen Gaben der Kirche treten zurück: Wort und Sakrament.

Sie schreiben in Ihrer Autobiografie, dass Sie sich in der Kirche weniger Strukturdebatten, sondern mehr Hinwendung und Einladung zum Glauben wünschen.
Leich:
Wenn ich das kirchliche Amtsblatt lese, habe ich den Eindruck, unsere Kirche verliert sich im Augenblick völlig darin, die Strukturen neu zu schaffen oder einander anzugleichen. Und stattdessen ist die Einladung zum Glauben von der offiziellen Kirchenseite sehr gering.

Es gibt Gott sei Dank eine ganze Reihe von Pfarrern, die einfach ihren Dienst tun und sich davon nicht beeindrucken lassen. Aber die offizielle Kirche verliert sich in Formalitäten.

Sie sprechen davon, dass Kirche wieder mehr vom Geist der Liebe und des Zeugnisses ergriffen sein sollte. Wie kann das geschehen?
Leich:
Der Geist der Liebe und des Zeugnisses entsteht nur durch regelmäßiges Lesen der Heiligen Schrift, durch Gebet und durch den Versuch, die Erkenntnisse im täglichen Leben umzusetzen.

Immer mehr Menschen kehren der Kirche den Rücken. Die Arbeitsbelastung für Pfarrer mit 15 Gemeinden und mehr wird immer größer. Haben Sie eine Idee, wie man diese Entwicklung verändern könnte?
Leich:
Wir haben schon zu meiner Dienstzeit begonnen, zusammen mit der Superintendentur Saalfeld und Oberkirchenrat Ludwig Große, kirchlich engagierte Mitarbeiter so auszubilden, dass sie selbst Gottesdienste halten können. Notfalls sogar Trauungen und Beerdigungen. Nach meiner Überzeugung ist ein gut ausgebildetes Laienchristentum die einzige Antwort.

Sie kommen aus der Bekennenden Kirche. Zu welchem Bekenntnis rufen Sie heute auf?
Leich:
Das Bekenntnis ist ja nichts anderes als der Hinweis auf die Heilige Schrift. Dass die Kirche aus der Heiligen Schrift lebt und aus dem Gebet, das ist unumgänglich. Sobald das vernachlässigt wird, schwindet auch die Kraft der Kirche.

Meine Botschaft ist: Verlasst euch auf das, was uns Gott mitgegeben hat: die Heilige Schrift, das Gebet, die Zuwendung zum Nächsten. Und wer sich darauf verlässt, der wird nicht im Stich gelassen.

Sie klammern die Endlichkeit des Lebens nicht aus. Wie möchten Sie sterben?
Leich:
Also am liebsten zusammen mit meiner Frau. Ich möchte so sterben, dass ich dabei die Hände falten und beten kann: Herr, nimm meinen Geist auf. Und ich glaube an die Auferstehung der Toten. Dies spielt für mich eine besondere Rolle, weil ich meine Mutter nie kennengelernt habe. Meine Mutter ist verstorben, als ich ein halbes Jahr alt war. Und ich habe die große Sehnsucht, dass ich im Reich Gottes erstens an der Seite meiner Frau sein darf und dass ich meine Mutter einmal kennenlerne.

Im Wechsel der Zeiten

1. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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70 Jahre Wartburg Verlag

Ins Leben gerufen in der Nachkriegszeit, durchgehalten im real existierenden Sozialismus und behauptet in der Marktwirtschaft: So lässt sich die Geschichte des Wartburg Verlages auf den Punkt bringen, der vor 70 Jahren von Max Keßler in Jena gegründet wurde. Zunächst als kaufmännischer Leiter der Universitätsdruckerei Neuenhahn tätig, widmete sich Keßler mit seinem jungen Unternehmen der Veröffentlichung christlichen Schrifttums. Bei der Wahl des Verlagsnamens folgte er einem Wunsch des thüringischen Landesbischofs Moritz Mitzenheim.

Erstes Produkt war der »Christliche Hauskalender«, von dem 50000 Hefte verkauft wurden und für ein solides Startkapital sorgten. Der Verlag übernahm die Herausgabe der evangelischen Wochenzeitung »Glaube und Heimat«, deren Wiedergründung die sowjetische Militäradministration im Februar 1946 in einer Auflage von 80000 bis 100000 Exemplaren genehmigt hatte.

Zum Kirchentag 2017 erscheint der Sammelband der »Weimarer Kinderbibel« mit den schönsten Geschichten und Bildern, die Kinder in sechs Jahren zu Texten der Bibel gestaltet haben. – Cover: Catalina Giraldo Vélez

Zum Kirchentag 2017 erscheint der Sammelband der »Weimarer Kinderbibel« mit den schönsten Geschichten und Bildern, die Kinder in sechs Jahren zu Texten der Bibel gestaltet haben. – Cover: Catalina Giraldo Vélez

Dass es Max Keßler gelungen war, noch in der sowjetischen Besatzungszone einen Privatverlag zu gründen, erwies sich gerade in Zeiten des »real existierenden Sozialismus« als Geniestreich. Der Wartburg Verlag brachte Kleinschriften ebenso heraus wie kostbare Bildbände. Da Keßlers Tochter Hiltrud keine Gewerbegenehmigung erhielt, verwandelte die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen 1987 den Verlag in eine »Verlegerische Arbeitsstelle«, um weitere Publikationen zu ermöglichen. Nach der »Friedlichen Revolution« erfolgte im Oktober 1990 die Gründung einer Wartburg Verlag GmbH, in der die Landeskirche und der Quell Verlag Stuttgart Gesellschafter waren. Zu einem gravierenden Einschnitt kam es, als 1997 der Buchverlag einschließlich der von ihm herausgegebenen Evangelischen Gesangbücher für Thüringen an den Quell Verlag veräußert wurde. Als dieser 1999 in die Insolvenz ging, mussten die Gesangbücher mit einem landeskirchlichen Kredit zurückgekauft werden. Aus dem Weiterverkauf von Wartburg-Titeln aus der Insolvenzmasse gelang es Geschäftsführerin Barbara Harnisch, ein Startkapital von 50 000 DM für den wiedererstandenen Buchverlag zu erwirtschaften. Seither werden wieder jährlich 12 bis 15 Titel herausgebracht, wie z. B. »Brot und Rosen« (2006) über die heilige Elisabeth oder das Reisebuch »Unterwegs zu Luther« (2016). Die 2000 gestartete »Edition Muschelkalk« umfasst 45 Bände mit Autoren wie Lutz Rathenow, Wulf Kirsten und Hanns Cibulka. »Als Verlegerin darf ich kluge Ideen kreativer Köpfe in schöne Bücher gießen. Das macht jeden Tag wieder Spaß«, zieht Barbara Harnisch heute Bilanz.

Michael von Hintzenstern

»Ganz dünnes Eis!« – Ein Versuch, sich Luthers Glauben zu nähern

23. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Teufel muss mich geritten haben, als ich das Schreiben einer Rezension zu einem Lutherbuch zusagte. Nichts qualifiziert mich dafür, kein theologischer Hintergrund, kein literaturwissenschaftlicher, kein geschichtlicher. Ganz dünnes Eis! Ich betrachte mich Religionen gegenüber als aufgeschlossen-neugierig. Dabei habe ich – da bin ich ein »typisches DDR-Kind« – diese nicht mit der Muttermilch aufgesogen. Mir ist Glaube und Kirche oftmals fremd und ich merke, wie sehr ich dies bedaure. Ich möchte mehr verstehen!

Ich las das Neue Testament, ging in Gottesdienste, redete mit gläubigen Freunden, Pastoren, alles mit relativ wenig Erfolg. Es blieb eine fremde, für mich oft undurchdringliche Welt.

Natürlich habe ich mir alle Ausstellungen der letzten Zeit über Luther angeschaut, habe Filme gesehen, gelesen, was mir unter die Finger kam, er ist mir vertraut, unser Herr Luther. Und dennoch: gerade seine theologischen Hintergründe blieben oft im Nebel.

Katja Wolf (Die Linke), Oberbürgermeisterin in Eisenach, rezensierte ein Luther-Buch. – Foto: Willi Wild

Katja Wolf (Die Linke), Oberbürgermeisterin in Eisenach, rezensierte ein Luther-Buch. – Foto: Willi Wild

Also ein neuer Versuch, mich seinem Glauben zu nähern – über ein neu erschienenes Buch. Der Titel etwas sperrig: »Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten«. Ein Jugendbuch – so war es angekündigt. Die klassische Zielgruppe bin ich mit 40 also nicht.

Die erste Überraschung: ein Hardcover für verhältnismäßig wenig Geld, ein schickes Buch mit schönem Umschlag und gelungenen, großformatigen Illustrationen.

Die größte Kritik ist wahrscheinlich gleichzeitig die größte Stärke dieses Buches. Es hat die falsche Schublade erwischt – es ist partout kein klassisches Jugendbuch. Vielleicht war es hilfreich, ein Buch für Leser und Leserinnen zwischen 14 und 20 schreiben zu wollen. So mussten sich die Autoren auf den Punkt konzentrieren, konnten sich keine intellektuellen Ausschweifungen erlauben, fanden Bezüge zum Hier und Heute.

Ich fühlte mich beim Lesen zu keinem Zeitpunkt unterfordert oder gar gelangweilt, es las sich »einfach so weg«. Lange Rede: Dieses Buch ist für alle Menschen, die sich für Luther interessieren, spannend. Es sei jenen besonders empfohlen, die den christlichen Glauben und das Leben Luthers nicht in die Wiege gelegt bekamen. Das müssten – zumindest im Osten der Republik – circa 85 Prozent der Bevölkerung sein.

Ob ich meine pubertierenden Kinder zum Lesen dieses Buches bewegen kann, bezweifle ich. Zum Buch selbst. Die Sprache ist schön, nicht anbiedernd trivial, nur sehr selten krampfhaft jugendlich; es ist eine moderne, aber trotzdem sorgfältige Sprache, die Wörter sind mit Bedacht und gekonnt gewählt.

Wir werden geführt durch das Leben Martin Luthers. Er gelingt – der Spagat zwischen Sachbuch und romanhafter Erzählung. Man taucht ein in die Welt Luthers. Es bleibt aber nicht bei der bloßen Darstellung der biografischen Fakten. Was wäre das Leben ohne die damit verbundenen Ängste, Sorgen, Hoffnungen, Gedanken?! Und so wird jeweils gut belegt mit Quellen, Luthers Gedanken- und Glaubenswelt verständlich nachgezeichnet. Was dachte Martin Luther in Rom? Was bewegte ihn, als er vor dem Kaiser in Worms stand? Welche Zweifel hatte er an seiner Kirche und welche Schlüsse zog er?

Ebenso wird der Blick auch auf Luthers Frau Katharina von Bora geworfen, auf ihren Weg, ihr Tagewerk, ihre Kämpfe gegen das Patriarchat, ihr Leben.

Der Autor sagte selbst, dass es sich bei diesem Buch um den Versuch der doppelten Übersetzung handle. Zum einen solle das, was Fachleute in Expertensprache schreiben, in verständliches Deutsch übersetzt werden. Zum anderen unternimmt er den Versuch der Übersetzung der 500 Jahre alten Herausforderungen und Fragen ins Hier und Heute. Damit ist die Reformation im weitesten Sinne und das Buch darüber ein Thema, welches nicht nur für Protestanten reserviert ist, sondern ebenso Katholiken, Agnostiker oder Atheisten interessiert und beschäftigt.

Die Verbindungen und Parallelen, die mit größter Aktualität gezogen werden, sind schlüssig und spannend. Luther wird zu keinem Zeitpunkt als Held stilisiert, sondern immer in seiner Vielschichtigkeit und Ambivalenz gezeichnet; dies immer zutiefst menschlich und differenziert. Eine Stärke der Autoren.

Das Buch hat mir eine theologische Welt gezeigt, vor der ich allzu oft fragend stand. Natürlich bietet dieses Buch keine alles umfassende Antwort. Trotzdem: Ich kann dieses Buch uneingeschränkt ans Herz legen – zumindest Menschen wie mir.

Katja Wolf

Nürnberger, Christian, Gerster, Petra: Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten, Gabriel Verlag, 208 S., mit Illustrationen von Irmela Schautz, ISBN 978-3-522-30419-1, 14,99 Euro

Mit Gott ist der Mensch nicht allein auf der Welt

17. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Mouhanad Khorchide ist Professor für islamische Religionspädagogik am Centrum für Religiöse Studien (CRS) in Münster. Er traf sich mit Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, zu einem interreligiösen Gespräch über die Frage, ob Christen und Muslime zum selben Gott beten.

Khorchide: Ich habe eine kritische Frage. Warum dürfen wir beide nicht gemeinsam zum selben Gott beten?

Bedford-Strohm: Wir sprechen da oft vom »multireligiösen Gebet« und unterscheiden es in der Tat vom »interreligiösen Gebet«. Auf diese Weise lassen wir offen, ob es genau derselbe Gott ist, den wir anbeten. Das ist der Versuch, zu respektieren, dass es unterschiedliche Blicke auf Gott gibt.

Die Gewölbe der Schlosskirche zu Wittenberg. Foto: Katja Schmidtke

Die Gewölbe der Schlosskirche zu Wittenberg. Foto: Katja Schmidtke

Die Hoffnung ist natürlich, dass Gott sich uns als derjenige zeigt, der er ist. Nämlich Gott. Insofern würde ich, wenn Muslime zu Allah beten, auch nicht sagen, dass sie zu einem anderen Gott beten. Wenn ich aber sage, die Gläubigen aller Religionen beten zu demselben Gott, dann ist das eine Feststellung, die nicht gedeckt ist. Denn es gibt sehr unterschiedliche Vorstellungen von Gott in den Religionen.

Da muss man dann ehrlich sein und auch die Differenzen sehen. Als wir über die Trinität und den Monotheismus gesprochen haben, sind wir ja darauf gestoßen, dass wir Christen bestimmte Dinge von Gott sagen, die Muslime oder Juden nie mitsprechen könnten. Deshalb ist es vielleicht ehrlicher und angemessener, Zurückhaltung zu wahren, ohne aber damit zu sagen, es sind alles völlig unterschiedliche Götter. Ich würde mir beide Urteile nicht zutrauen. Weder das Urteil, dass es in allen Religionen derselbe Gott ist. Noch dass es ein anderer ist. Ich glaube, wir können nur wirklich mit Leidenschaft unseren Zugang zu Gott leben. Und die Frage, wie der Gott, von dem wir leidenschaftlich überzeugt sind, sich uns dann zeigt … Das werden wir am Ende der Zeiten sehen, wenn der Schleier weggezogen ist.

Khorchide: Aber könnte ich als Versuch der Annäherung nicht sagen: »Wir glauben an denselben Gott, der sich in unterschiedlicher Weise offenbart hat«? Deshalb sagen Muslime, er hat sich mir anders offenbart als den Christen. Und übrigens – weil Sie den Begriff »Allah« verwendet haben: Sie wissen ja, dass arabische Christen und arabische Juden ebenfalls das Wort Allah verwenden.

Bedford-Strohm: Ich weiß. In Malaysia gibt es das Problem, dass die Christen gerne »Allah« sagen möchten, der Staat es ihnen aber verbietet. Ich weiß, was Sie meinen. Wenn ich hier von »Allah« sprechen würde, würden die Leute alle fragen: »Wie kann der christliche Bischof von ›Allah‹ sprechen?« Aber die Christen in Malaysia wollen gerne von »Allah« sprechen, weil »Allah« schlicht und einfach das Wort für »Gott« ist.

Khorchide: Aber könnte man denn nicht als Annäherung sagen: Gott hat sich im Christentum in Jesus offenbart, im Islam im Koran, deshalb reden wir vom selben Gott, der sich in unterschiedlicher Weise offenbart hat? lm Dialog zwischen Katholiken und Muslimen ist die Annäherung einfacher. Man meint: »Ja, wir glauben an denselben Gott, wir können gemeinsam beten.« Protestanten dagegen lassen die Frage offen. Müssen wir sie wirklich offenlassen? Können wir nicht sagen, er offenbart sich nur in einer anderen Weise, aber er ist derselbe Gott?

Bedford-Strohm: Wir müssten genau darüber reden, was es bedeutet, wenn wir von Gott beispielsweise als von demjenigen sprechen, der sich im Gekreuzigten zeigt. Und darüber, ob wir wirklich die Feststellung treffen können, dass das derselbe Gott ist. Oder ob man die Unterschiede auch respektieren muss, die zwischen den unterschiedlichen Bekenntnissen der Religionen bestehen.

Ich sage es jetzt mal in Richtung Judentum: Ich bin nicht sicher, ob ich es so einfach übergehen kann, wenn Juden ganz ausdrücklich sagen: »Christus kann nicht Gottes Sohn sein.« Deswegen bin ich zurückhaltender und spreche von »multireligiösem Gebet«. Ich sehe das aber nicht als Distanzierung oder Abwertung von anderen Religionen, sondern ich trete gerade dafür ein, die eigene Identität nicht aus der Abgrenzung heraus zu definieren. Wir sollten die eigene Religion begeistert leben und das Urteil darüber, was am Ende mit diesem Unterschied der Religionen gemacht wird, wirklich Gott überlassen.

Khorchide: Die islamische Main­stream-Theologie sieht allein Muslime in der ewigen Glückseligkeit. Das widerspricht aber dem Wortlaut des Korans. Die zweite Sure 62 und die fünfte Sure 69 versprechen Juden, Christen und anderen, die an Gott glauben, die ewige Glückseligkeit.

Die Leute des IS sagen: »Ich glaube an einen Gott, der mir erlaubt, Unschuldige umzubringen.« Darauf sage ich: »Ich glaube nicht an diesen Gott.« In deren Augen bin ich dann sogar Atheist. Oder ein Atheist kann sagen: »Ich glaube nicht an Gott.« Wenn ich dann genauer nachfrage, hat er vielleicht ein total negatives Bild von einem Gott oder von Religion und distanziert sich deshalb. Sein Handeln und sein Lebensentwurf können trotzdem bezeugen, dass er ein Werkzeug Gottes ist, also jemand, der Ja zu Gott gesagt hat. Er verbalisiert das nur anders.

Aus: Käßmann, Margot/Bedford-Strohm, Heinrich: Die Welt verändern. Was uns der Glaube heute zu sagen hat, Aufbau Verlag und edition chrismon, 293 S., ISBN 978-3-96038-007-8, 22 Euro

Aus: Käßmann, Margot/Bedford-Strohm, Heinrich: Die Welt verändern. Was uns der Glaube heute zu sagen hat, Aufbau Verlag und edition chrismon, 293 S., ISBN 978-3-96038-007-8, 22 Euro

Ich glaube, Gott geht es nicht um das, was wir verbalisieren, sondern um das, was wir aus unserem Leben machen. Ist es letztlich nicht sogar egal, ob wir sagen, »ich glaube an Gott« oder »ich glaube nicht an Gott«? Kommt es nicht letztlich nur auf das Handeln und den Lebensentwurf an? Wenn man diese Frage stellt, kommen allerdings gleich wieder einige Anfragen: Sollte man Religion nur auf diese ethische Ebene reduzieren? Geht es wirklich nur darum, dass wir gut sind und dass unser Lebensentwurf bezeugt, dass wir brave Menschen sind? Wozu brauchen wir Gott dann? Ich weiß nicht, wie Menschen es ohne den Glauben an Gott schaffen, wenn ich sehe, wie oft er mir Trost und Kraft gibt. Allein das Zwiegespräch – auf dem Weg hierher mit Gott zu reden, weil man nicht weiß, was auf einen zukommt –, das gibt schon gewissen Halt. Man hat das Gefühl, es gibt jemanden, ich bin nicht allein in der Welt.

Ausdruck für das eigene Leiden

9. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Ausstellung »Jesus Reloaded. Das Christusbild im 20. Jahrhundert« im Kunsthaus Apolda Avantgarde präsentiert 130 Werke aus der Stiftung Christliche Kunst Wittenberg. Wie Kurator Tom Beege sagt, offenbaren die Arbeiten faszinierende Perspektiven auf die Figur Christi. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Beege, der Titel der Ausstellung »Jesus Reloaded« mutet ganz modern an …
Beege:
Das Christusbild besitzt für die Künstler immer noch große Wichtigkeit. Um das herauszustellen, haben wir diesen sehr modischen Titel gewählt. Der ist mit Absicht ein bisschen poppig gehalten. Wir wollten mit der Zeit gehen und sagen: Auch Jesus wurde »reloaded« im 20. Jahrhundert. Das bedeutet, er hat eine ganz neue, sehr moderne Deutungsweise bekommen.

Christus inspirierte viele Künstler des 20. Jahrhunderts. Was ist charakteristisch für das Christusbild dieser Epoche?
Beege:
Das ist sehr individuell, je nach persönlicher Situation des Malers und je nach politischer Situation. Bei Malern aus der DDR wie Fritz Cremer oder Bernhard Heisig besteht die Forderung: Christus möge sich von seinem Kreuz befreien. Trotzdem wird diese Forderung an der Christusfigur festgemacht. Das heißt, Christus ist und bleibt ein Symbol für das menschliche Leiden. Aber in manchen Fällen durchaus auch für die Hoffnung, dass dieses Leiden überwunden werden kann.

Kurator Tom Beege. Foto: Archiv

Kurator Tom Beege. Foto: Archiv

Das war für uns faszinierend. Obwohl viele der Künstler nicht gläubig sind, beinhaltet das Christusbild für sie etwas, was über Logik und Rationalität hinausgeht. Das Christusbild ist immer noch ein wichtiges, machtvolles Symbol, mit dem der Künstler einerseits seine eigene Stellung in der Welt ausdrückt, auf der anderen Seite aber auch für eine Form der christlichen Menschlichkeit eintritt. Die soll aber unabhängig von der Institution Kirche funktionieren. Es geht um die christlichen menschlichen Grundwerte der Liebe, des Verständnisses.

Wie hat sich das Sujet in der Kunst der Moderne verändert?
Beege:
Im 17. und 18. Jahrhundert gab es massive Auseinandersetzungen zwischen weltlicher Philosophie, zwischen Wissenschaft und Religion. Sie haben dazu geführt, dass Kunst, die zum Lob Christi entstanden ist, in dieser Zeit zurückgetreten ist. Der weltliche Charakter oder die weltliche Bedeutung des Christusbildes wurden wichtiger.

Das ist ein Prozess, der am Ende des 19. Jahrhunderts und im 20. Jahrhundert eingesetzt hat. Mit Künstlern wie z. B. Édouard Manet und Paul Gauguin, die in der Christusfigur weniger den Christus der Heilsgeschichte gesehen haben als eine Verkörperung für ihr eigenes Leiden und für ihre eigene Situation. Das ist vielleicht der entscheidendste Unterschied zur Darstellung Jesu als Erlöserfigur. Man kann erkennen, dass Christus individualisiert wird. Das heißt, er wird Ausdruck für das eigene Leiden.

Zum Teil spielen Propheten-Motive eine große Rolle, weil viele Künstler sich als unverstandene Propheten verstanden haben. Die starke Identifikation der Künstler mit Christus wird zum Beispiel deutlich am Werk James Ensors, eines belgischen Malers. Er hat sich selbst als Christus porträtiert, um ihn herumstehend seine Kritiker. Das heißt, er fühlte sich durch das Unverstandenwerden der Welt ans Kreuz genagelt.

Dann hatten die beiden Weltkriege Auswirkung auf das Christusbild …
Beege:
Wir finden nach dem Ersten Weltkrieg ein sehr kritisches Christusbild. Max Beckmann hat gesagt: »Meine Religion ist Hochmut vor Gott, Trotz gegen Gott. Trotz, dass er uns so geschaffen hat, dass wir uns nicht lieben können. Ich werfe Gott in meinen Bildern alles vor, was er falsch gemacht hat.« Diese Aussage beruht auf den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges.

Ernst Barlach hat eine Zeichnung geschaffen, die wir allerdings nicht in der Ausstellung haben, in der Jesus Christus vor den Toten des Ersten Weltkrieges steht, völlig hilflos, der nicht die Macht hat, jemanden zu erlösen. Sondern der angesichts der Grausamkeit der Kriege und der Menschen fassungslos vor den Ergebnissen dessen steht.

George Grosz klagt mit seinem Christusmotiv Kirche und Staat an, weil sie diesen Krieg zugelassen haben. Also wir finden eine starke Säkularisierung des Christusbildes, ausgehend von einer großen Identifizierung des Künstlers mit dem Christusbild, bis hin zu einer politischen Aussage. Insofern gibt die Ausstellung nicht den religiösen Gedanken des Christusbildes wieder, sondern eher den säkularen Gedanken.

Es gibt beeindruckende Christusbilder und Kreuzigungsszenen. Aber die Künstler, die diese Bilder geschaffen haben, waren keine Christen, sondern Kritiker der Institution Kirche.
Beege:
Das hat uns fasziniert: Es gibt diese kritische Haltung der Kirche gegenüber, aber es gibt auch diese Hinwendung zur Christusfigur. Die Christusbilder, die wir ausstellen, sind nicht im Auftrage der Kirche entstanden. Insofern haben wir ganz andere Konstellationen als in der im Auftrag der Kirchen entwickelten Kunst. Der Weltkrieg hat viel ausgelöst. Otto Dix zum Beispiel hat die Verspottung Christi gemalt und dabei Hitler als einen der Spötter dargestellt. Es ist sehr interessant zu sehen, wie die Künstler zur Kirche und zu Christus stehen.

Joseph Beuys war ein Kirchengegner, und trotzdem war der christliche Gedanke, die Kreuzigung, von Bedeutung für seine Philosophie. Er hat diese große Menschlichkeit hinter der christlichen Idee gesehen. Künstler wie Joseph Beuys oder der Österreicher Arnulf Rainer haben sich vom Christentum distanziert. Aber bei der Recherche haben wir festgestellt, dass ihnen das größte Interesse von theologisch geprägten Kulturhistorikern und Kunsthistorikern entgegengebracht wird. Joseph Beuys ist im theologischen Diskurs ein immens wichtiger Künstler, genau wie Arnulf Rainer. Das heißt, die Kirche befasst sich mit dieser kritischen Haltung der Künstler und setzt sich damit auseinander.

www.kunsthausapolda.de

Gottes Wort erweicht das Herz

31. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Meditation von Landesbischöfin Ilse Junkermann zur Jahreslosung 2017

So viel ist verhärtet in unserer Welt: Da bekämpfen sich Familienmitglieder »bis aufs Blut«. Da machen sich Nachbarn das Leben schwer. Da sind Gemeindekirchenräte über ihren Pfarrer frustriert – und die Pfarrerin über die müde Gemeinde. Da treten Gemeindeglieder frustriert aus der Kirche aus, weil sie den Weg der Kirche falsch finden, weil sie sich nicht mehr verstanden fühlen und sagen: »Jetzt reicht’s! Das ist nicht mehr meine Kirche!«

Aggression und Menschenverachtung

Und: Da tönen frustrierte Menschen – oder eher Menschen voller Ängste? – auf den Plätzen und Straßen unserer Städte und Dörfer Parolen voller Aggression und Menschenverachtung. Und schlagen auch zu, ja, jagen andere durch die Stadt oder überfallen sie gar in ihrer Wohnung, nur, weil sie anders sind und eine andere Hautfarbe haben.

Von Gott angesehen, sind wir nicht festgelegt auf unsere genetischen oder sozialen Prägungen. Grafik: Hildegard Corina Hug/ars liturgica Klosterverlag Maria Laach, Nr. 6167

Von Gott angesehen, sind wir nicht festgelegt auf unsere genetischen oder sozialen Prägungen. Grafik: Hildegard Corina Hug/ars liturgica Klosterverlag Maria Laach, Nr. 6167

Aber auch noch anderes macht das Herz hart: Wenn ein Mensch nicht vergeben kann; wenn einem Menschen all das weiter auf der Seele lastet und die Gedanken besetzt, was er an Verletzungen und Missachtung erfahren hat in seinem Leben, wenn es in ihm »schafft und schafft« und er es einfach nicht gut sein lassen kann.

Und besonders macht es das Herz starr, wenn ein Mensch Schlimmes erfahren hat. Wir nennen es »Trauma«. Wenn ein Mensch körperlicher oder psychischer Gewalt schutzlos ausgesetzt ist, gegenüber der ein Mann, eine Frau, ein Kind vollkommen ohnmächtig ist, sich nicht dagegen wehren oder vor ihr fliehen kann. Ein Trauma verschließt den Mund. Die Erfahrung ist so schrecklich, dass man gar nicht darüber sprechen kann. Alles Lebendige in einem erstarrt.

Mit hartem Herzen gegen alle himmelschreiende Not

Und wie hilflos haben mich, haben Sie die Nachrichten und Bilder von den erbarmungslosen Bombardements und Kämpfen »nur« um Aleppo gemacht. Was bis dahin völkerrechtlich eine unangefochtene Vereinbarung war – die Schonung von Zivilisten und zivilen Einrichtungen wie Krankenhäusern, die Möglichkeit eines »humanitären Korridors« –, wurde einfach so missachtet, mit hartem Herzen gegen alle himmelschreiende Not, gegen alle Hilferufenden aus dieser umkämpften Stadt.

Der Prophet Hesekiel und das ganze Volk haben eine solch schwer traumatisierende Erfahrung hinter sich. Im Krieg um das Land und die Stadt Jerusalem waren sie schlimmer Gewalt ausgesetzt, schließlich verschleppt, Tausende Kilometer ins Exil; auf dem mühsamen und anstrengenden Weg dorthin sind so viele Menschen gestorben, und so viele sterben weiter, nun unter der schweren Zwangsarbeit. Das Buch des Propheten Hesekiel ist voll von schreckli-
chen Bildern und Gewalterzählungen.

Und Hesekiel erfährt solche Ohnmacht und Gewalt am eigenen Leib. Er trägt – als prophetisches Zeichen – am eigenen Körper, wie es dem ganzen Volk ergeht. Und er erinnert an das Versagen des Volkes und seiner politisch Verantwortlichen. Eigensinnig haben sie ihre Politik gemacht, gegenüber den Großmächten taktiert, anstatt auf Gottes Wort, auf das warnende Wort der Propheten zu hören.

Diese Halsstarrigkeit, diese gegenüber Gottes Gebot und Weisung verstockten Herzen haben nun zu dieser Katastrophe geführt. Wird es jemals einen Weg heraus geben? Dafür gibt es keinerlei Anzeichen! Ja, Gottes Name selbst ist beschmutzt. Wie kann das jemals wieder gut werden?

Nach langer eigener Leidenszeit darf Hesekiel die Wende ankündigen: Gott selbst wird von Unrecht reinigen. Und nicht nur das Äußere, auch das Innere wird er heilen, ja, mit seiner Schöpferkraft erneuern: »Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch.«

Echter Neuanfang geht nur mit Gott

Eine so grundlegende Veränderung, wirklich Neues, einen echten Neuanfang, das kann nur Gott bewirken und schaffen: Ein lebendiges Herz, ein Herz aus Fleisch, ein Herz, das sich erweichen lässt, ein Herz, das offen ist für Gottes gutes Wort. Ein »hörendes Herz« hat sich einst König Salomo von Gott gewünscht (1. Könige 3,9), ein Herz, das auf Gottes Wort hört und ihm gehorcht. Genau darin lag Salomos sprichwörtliche Weisheit.

Egoismus, ganz auf sich selbst bezogen sein, nur das Eigene im Blick haben, eigensinnig sein, das macht das Herz hart – sei es im zwischenmenschlichen Bereich, sei es zwischen Staaten und Völkern. Gottes Wort erweicht das Herz. Sein Geist erfüllt mit Kraft und Leidenschaft für das Leben und alles Lebendige. Er bittet mit seinem Wort um Frieden und Versöhnung, um Gerechtigkeit und Ausgleich. In seinem Sohn Jesus Christus begegnet er uns als dieses »eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben«, wie es in der 1. These der Theologischen Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen aus dem Jahr 1934 heißt.

Das kommt für mich im Bild der Künstlerin Hildegard Corina Hug wunderbar zum Ausdruck: Ein Christusantlitz und ein Fingerabdruck. Christus schaut uns durch ihn hindurch an. Ein Fingerabdruck steht für das genetisch Festgelegte bei uns Menschen. Wir sind, wie wir sind. Einzigartig. Keiner und keine ist wie eine andere oder ein anderer.

Und kein Mensch kann »aus seiner Haut«. Wir hinterlassen Spuren – schöne und schlimme. Wir sind verstrickt in Unrechtszusammenhänge. So denke ich bei diesem Bild auch an unseren ökologischen Finger- beziehungsweise Fußabdruck. Durch unseren Lebensstil hinterlassen wir unschöne, ja hässliche Spuren.

Wir verbrauchen mehr Ressourcen als nachwachsen: Derzeit braucht es pro Einwohner Deutschlands 4,6 Hektar Land, um die Rohstoffe für diesen Verbrauch zu erzeugen und die entsprechenden Abfälle aufzunehmen. Für eine nachhaltige Entwicklung, die die Schöpfung bewahrt, dürften es nur 1,8 Hektar sein. Doch wie schwer gelingt Umkehr! Wer lässt sich von solchen Zahlen bewegen? Sind auch unsere Herzen hart wie Stein, wie es der Prophet sagt?

Neues ist greifbar, Umkehr ist möglich

Christus schaut uns durch den Fingerabdruck hindurch an. Sein Blick und das Wort des Propheten versprechen: Durch Gottes Geist ist Neues für uns greifbar nahe. Umkehr zum Leben, zu Frieden und zur Bewahrung der Schöpfung sind möglich. Von ihm angesehen, sind wir nicht festgelegt auf unsere genetischen oder sozialen Prägungen. Sein Blick hält uns nicht fest in einer Identität, die aus der Vergangenheit gespeist wird.

Meine Verletzungen oder meine Schuld müssen nicht Gegenwart und Zukunft belasten. Der Geist Jesu Christi wandelt mein steinernes Herz in ein fleischernes um. Er verwandelt das Herz in ein Herz, das empathisch ist gegenüber dem Leid anderer; in ein Herz, das sensibel darauf achtet, was für mich selbst und für andere dem Leben dient; in ein Herz, das ein zartes Gespür hat für Gott, die Quelle des Lebens; in ein Herz mit offenen Ohren für sein Wort, das unseres Fußes Leuchte ist.

Gottes Geist wendet Herzen zum Guten

In diesem Jahr erinnern wir in besonderer Weise an Martin Luther und alle, die mit ihm waren: Wie sie gegen alle Zukunftsangst und Widerstände auf Gott vertrauten. Wie sie sich ganz darauf verlassen haben: Gottes guter Geist kann die Herzen zum Guten wenden. Das wollen wir von ihnen lernen. Uns nicht irremachen lassen. Gott etwas zutrauen. Dass er uns verändern kann. Von Grund auf.

Ja: Menschen können sich verändern. Die eben noch übereinander hergefallen sind, können gute Nachbarn werden. Die sich eben noch angeschrien haben, können still werden. Die sich eben nicht das Schwarze unter dem Fingernagel gegönnt haben, können freigiebig werden. Das gilt für Menschen, das gilt für Gesellschaften und für Staaten.

Kostbar ist das Geschenk, das Gott uns mit diesem Wort vom neuen Herzen für 2017 macht. Und wir können darum bitten, bitten mit dem Wort aus Psalm 51,12: »Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist!« Ja, von Gott und seinem guten Geist werden wir gestärkt: mit einem Herzen, das hofft, mit einer Lebenseinstellung, die Vertrauen wagt.

Dieses neue Herz, diese neue Haltung wünsche ich uns allen für das vor uns liegende Jahr 2017!

Ihre Ilse Junkermann, Landesbischöfin

Weihnachten in aller Welt

18. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Botschaft von der Geburt Jesu unter den Menschen ist kultur- und grenzübergreifend

Jesus von Nazareth kam in Bethlehem in Judäa zur Welt. So weit die Fakten. Doch für die meisten von uns ist Jesus von Geburt her gefühlt wohl doch eher Bayer, Österreicher oder Schweizer. Denn für viele gehört zur perfekten Weihnacht nicht nur glitzernder weißer Schnee. Die Geburt des Herrn stellen und stellten sich Künstler, Spielzeugindustrielle und eben auch viele andere Menschen in einer alpenländischen Bergkulisse vor.

Slumkrippe aus Peru. Fotos: epd-bild/Andrea Enderlein

Slumkrippe aus Peru. Fotos: epd-bild/Andrea Enderlein

Doch Kälte, Dunkelheit, Frost und Schnee gehören anderenorts nicht automatisch zum Weihnachtsfest dazu. Und auch unter den Advents- und Weihnachtsliedern des evangelischen Gesangbuches findet sich nur eines, das in Lateinamerika, Australien oder Afrika nicht funktionieren würde, wo Weihnachten in sommerlicher Hitze gefeiert wird. Denn »Es ist ein Ros entsprungen« handelt laut Text »mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht«. Ansonsten spielt das Wetter keine Rolle in unseren Liedern der Weihnacht. »Es gibt Dinge, die müssen übertragen werden, damit sie in anderen Ländern und Kulturen verstanden werden. Anderes dagegen ist überall gleich, wird überall verstanden und verbindet so die Kulturen miteinander«, erklärte Augustinerpfarrerin Irene Mildenberger beim Augustinergespräch in Erfurt. Mildenberger zeigte anhand von Liedern, Texten und auch Videoaufnahmen, wie vielfältig, anders­artig und doch auch verbindend das Weihnachtsfest in der Welt begangen wird. Flirrende Hitze, heulende Dingos, Viehtreiber in der Prärie – davon handelt ein bekanntes australisches Weihnachtslied. In »The three Drovers« erscheint den Viehtreibern in der Ebene der Stern. Menschen und Tiere feiern in der ausgedörrten Prärie die Ankunft eines Königs. Ein Weihnachtslied der kanadischen Huronen-Indianer dagegen besingt die Geburt des Jesuskindes in den jahrhundertealten Bildern des Stammes. Geister vom Himmel bekunden die Geburt, Älteste kommen und huldigen dem Kind und salben ihm zur Verehrung den Skalp. »Diese Lieder zeigen, dieses Kind kommt direkt zu diesen Menschen. Es ist unter uns geboren, für uns da«, so Mildenberger. »Weihnachten hat eine kulturübergreifende Bedeutung, die überall auf der Welt funktioniert.« Das Lukas-Evangelium, das Motiv der Armut und Heimatlosigkeit, Hirten, Arme und Ausgestoßene als Zeugen und erste Gäste des erwarteten Jesuskindes, die Nacht, die Weisen, der Stern, aber auch die Erfahrung von Flucht und Verfolgung, all diese Elemente verstehen, kennen und tradieren die Völker der Welt, wenn es um das Weihnachtsfest geht. Jesus hat sich den Armen und Schwachen der Gesellschaft zugewandt, und dies schon im Augenblick seiner Geburt. Das versteht man überall auf der Erde. »Die zentrale Botschaft«, betonte Mildenberger, »ist überall gleich: Gott kommt auf die Erde, um uns zu erlösen.«

Trotz aller regionalen Unterschiede und Besonderheiten des Festes der Feste gibt es einige Weihnachtstraditionen, die der deutsche Sprachraum bis heute in alle Welt exportiert hat. Da ist zum einen der Tannenbaum, der es aus deutschen Landen, über die privaten Salons der königlichen Familie in England bis heute in fast jedes Wohnzimmer auf allen Kontinenten der Welt geschafft hat. Und »Stille Nacht, heilige Nacht« ist zu dem Weihnachtsklassiker überhaupt geworden. Ein Lied, das weltweit in 150 Sprachen und 200 verschiedenen Fassungen gesungen wird. Für Liebhaber des Außergewöhnlichen existieren sogar Fassungen im »Elbisch« der »Herr der Ringe«-Sage und in »Star Trek-Klingonisch«.

Diana Steinbauer

In vielen Branchen Staub gewischt

10. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Was Pfarrer so treiben: Oft waren Geistliche nicht nur Spezialisten fürs Religiöse

Als Prediger und Seelsorger sind sie zumeist vergessen – als Erfinder und Forscher, Landwirtschaftsexperten, Naturwissenschaftler, als Dichter oder Mathematiker kennt man ihre Namen bis heute. Thomas Bickelhaupt, Journalist und langjähriger Korrespondent des Evangelischen Pressedienstes, hat sich unter der Überschrift »Was Pfarrer so treiben« auf Spurensuche begeben. Er präsentiert eine lange Liste von Männern geistlichen Standes, die sich einst hervorgetan haben auf Gebieten, die mit ihrer eigentlichen Profession wenig oder gar nichts zu tun hatten. Fündig geworden ist er mit einer intensiven Recherche vor allem im Evangelischen Pfarrhausarchiv, das, 1925 in Wittenberg gegründet, nach dem Zweiten Weltkrieg nach Thüringen kam und jetzt durch eine Forschungsbibliothek ergänzt im Eisenacher Landeskirchenarchiv seinen Platz hat. Im deutschsprachigen Raum einzigartig, enthält die Sammlung u. a. zigtausend Biografien einzelner Pfarrer und deren Familien. Dort lässt sich im Detail nachlesen, welch kulturprägende Kraft das evangelische Pfarrhaus in den 500 Jahren seines Bestehens hatte.

Dass Pastoren als studierte Leute neben ihrem theologischen Wissen auch Allgemeinbildung besaßen, machte sie zu einflussreichen Gliedern der Gesellschaft. Eigentlich fürs Religiöse zuständig, galt ihr Interesse zuweilen aber auch ganz praktischen Dingen. Der Regensburger Superintendent Schäffer beispielsweise konstruierte eine Bottich-Waschmaschine. Oberkonsistorialrat Mosengeil aus Meiningen erfand die Stenografie, und Pfarrer Malling-Hansen die weltweit erste Schreibmaschine, der schwäbische Pfarrer Hahn ging als »Uhrmacher Gottes« in die Geschichte ein und Pfarrer Brehm aus Renthendorf als »Vogelpastor«. Einen optischen Betrieb gründete Pfarrer Duncker aus Rathenow, Pfarrer Macheleid die erste Porzellanmanufaktur Thüringens in Sitzendorf. Der Weidaer Superintendent Dörffel berechnete noch vor Newton die Kometenbahnen, und der Eislebener Pfarrer Albanus veröffentlichte ein Nachschlagewerk mit »Materialien für Elektriker«.

Die Dorfpfarrer interessierten sich aus naheliegenden Gründen besonders für Landwirtschaft und Gartenbau. Zur Pfründe gehörende Felder und der Pfarrgarten wurden zum Experimentierfeld und Vorbild für die Gemeindeglieder. Bekannte Pomologen waren der Thüringer Pfarrer Sickler aus Kleinfahner, Pfarrer Oberdieck aus Norddeutschland oder der »Obstpfarrer« Christ aus dem Taunus. »Bienenpfarrer« Ludwig und sein Kollege Gerstung hatten sich der Imkerei verschrieben. Das erste deutsche Gartenbuch stammt von Pfarrer Peschel, und die Hausväterliteratur des 17. Jahrhunderts mit Ratschlägen für Haus, Hof und Garten wurde vom Oberpfälzer Pfarrer Florin begründet und blieb eine Domäne der Geistlichkeit. Weniger überraschend ist auch die große Zahl der Pastoren, die sich, von Luther angefangen, mit Kirchenliedern einen Namen gemacht haben, die als Missionare und Völkerkundler in die Welt gingen, die sich um Bildung und Sozialarbeit kümmerten, Geschichte aufschrieben oder als Literaten und Sprachwissenschaftler auffielen. Pfarrer und Politik ist bis heute ein besonderes Kapitel und wird am Schluss des vorliegenden Buches thematisiert.

In der Regel scheinen die mehr oder minder umfangreichen Nebentätigkeiten den dienstlichen Aufgaben nicht abträglich gewesen zu sein, obwohl die Kirchenleitung das wohl zuweilen anders gesehen haben mag. Der Blick über den Kirchturm hinaus hatte ja auch sein Gutes für die Gemeindearbeit. Es soll allerdings auch vorgekommen sein, dass das Hobby zur Hauptaufgabe wurde und das Pfarramt zur Nebentätigkeit verkam, wie bei Mörike der Lyrik zuliebe, oder ganz aufgegeben wurde, weil der Danziger Pfarrer Forster zu den Naturwissenschaften überlief und mit James Cook um die Welt segelte.

Christine Lässig

Bickelhaupt, Thomas: Was Pfarrer so treiben, Eine Spurensuche, Wartburg Verlag, 215 S., ISBN 978-3-86160-274-3, 14,90 Euro

Adventskalender seit 100 Jahren

7. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung im Literaturmuseum Romantikerhaus in Jena

Die meisten Adventskalender sind heute mit Schokolade gefüllt. Vor Jahren hingegen kam beim Öffnen jedes der 24 Adventskalenderfensterchen ein Bildchen zum Vorschein. Gedruckte Adventskalender gibt es seit etwa 100 Jahren. Einen Blick auf die Geschichte des Adventskalenders wirft die Ausstellung »Advent, Advent, ein Lichtlein brennt …« im Literaturmuseum Romantikerhaus in Jena. Die Ausstellung ist in Kooperation mit dem Museum Europäischer Kulturen – Staatliche Museen zu Berlin entstanden. Sie zeigt eine Auswahl von Kalendern der umfangreichen Sammlung des Museums europäischer Kulturen.

Repro: Wartburg Verlag

Repro: Wartburg Verlag

Die Schau beginnt mit den »Blättern für den Adventsbaum«, einem historischen Vorläufer des Adventskalenders, und sie präsentiert die ersten gedruckten Kalender des Münchner Verlegers Gerhard Lang (1881–1974). Lang gilt als der »Vater« der Adventskalender. Er kreierte 1903 den ersten Weihnachtskalender »Im Lande des Christkinds«. Zwischen 1908 bis 1938 brachte er mit seinem Verlag Reichhold & Lang mehr als 30 Adventskalender heraus. Diese frühen Kalender hatten Abreißblätter zum Einkleben, Scheiben zum Drehen oder Figuren zum Herausschieben. Seit den 1920er-Jahren gibt es Kalender mit den heute bekannten Türchen zum Öffnen. Nachdem während des Zweiten Weltkrieges die Produktion eingestellt werden musste, wurden in Dresden und Halle ab 1945 wieder Kalender produziert.

Einige europäische Nachbarländer hatten in den 1930er-Jahren ebenfalls mit der Herstellung von Adventskalendern begonnen. Nach dem Krieg trugen amerikanische Besatzungssoldaten zum Siegeszug der Adventskalender in den USA bei. Die Produktion orientierte sich zunehmend am internationalen Markt. Die Ausstellung im Romantikerhaus beleuchtet auch einen weiteren Aspekt, die christlichen Adventskalender in der DDR. Dafür stehen unter anderen die Kalender des Wartburg Verlages, die seit 1951 zumeist von dem Freiberger Grafiker Helmut Rudolph gestaltet wurden. Einige Exem­plare werden in der Ausstellung präsentiert. Außer dem oben abgebildeten Kalender »Der Adventskranz« sind sechs weitere Motive auf der Homepage des Wartburg Verlages bestellbar.

Ergänzend zur Ausstellung »Adventskalender aus 100 Jahren« vermittelt das Romantikerhaus im frühromantischen Salon ein stimmungsvolles Bild der Weihnachtszeit um 1800. Zu der kleinen Ausstellung gehören ein gedeckter Gabentisch sowie ein Weihnachtsbaum, der ganz ohne Glaskugeln und Kerzen auskommt und dennoch festlich glänzt.

(G+H)

Die Ausstellung »Advent, Advent, ein Lichtlein brennt … Adventskalender aus 100 Jahren« im Literaturmuseum Romantikerhaus in Jena ist bis 12. Februar 2017 zu sehen. Öffnungszeiten dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr

www.romantikerhaus.jena.de

www.wartburgverlag.de

Religionskritiker gestaltet die Bibel

30. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Janosch, der Erfinder der Tigerente und Autor wundervoller Kinderbücher, hat für die Neuedition der Lutherbibel einen Schmuckkarton gestaltet. So gibt es den revidierten Luthertext auch in einem Buchschuber von dem bekannten Kinderbuchautor. Die Deutsche Bibelgesellschaft teilt dazu mit, man habe unterschiedliche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, so z. B. die Schauspielerin Uschi Glas und den Fußballtrainer Jürgen Klopp gebeten, ihre jeweils eigenen Bibelsonderausgaben zu gestalten. Janosch hat den Umschlag »seiner« Bibel mit einer munteren Zeichnung von Adam und Eva versehen. Diese »limitierte Sammleredition«, so erklärt die Deutsche Bibelgesellschaft weiter, sei »nur für kurze Zeit erhältlich und ein einzigartiges Geschenk«.

Janosch ist ein entschiedener Kritiker von Kirche und Religion. Er hat bitterböse Karikaturen über seine Taufe gezeichnet, über katholische Würdenträger und seine Erfahrungen mit der Kirche. Dass er katholisch geboren wurde, hat er als »den größten Unfall seines Lebens« bezeichnet. In einem Interview sagte er kürzlich: »Das Beste wäre, es gäbe Gott nicht.« In der Giordano-Bruno-Stiftung, einer kirchen- und religionskritischen Initiative, ist er seit Jahren engagiert. Janosch wird seine Gründe für diese heftige Ablehnung haben. Er hat vermutlich als Kind verheerende Erfahrungen gemacht. Die Kirchen müssen solche Kritik aushalten – auch, wenn sie bisweilen schmerzt.

Nur – warum bittet die Bibelgesellschaft jemanden wie Janosch um Zeichnungen zu unserer Heiligen Schrift? Zur Heiligen Schrift, die zur Taufe aufruft, also jenem Ereignis, das Janosch so tief verletzt hat? In einer seiner bekanntesten Karikaturen zeigt er, wie ein Priester dem Täufling das Kreuz gewaltsam in den Leib nagelt. Mag sein, dass das der Bibelgesellschaft unwichtig ist. Um jeden Preis will man sich flott und modern präsentieren. Ich finde das befremdlich. Luther hätte sicher noch ganz andere Worte gewählt.

Andreas Fincke

Das digitale Erbe von Verstorbenen

20. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wenn ein Mensch stirbt, hinterlässt er viele Spuren im Netz: Vom Facebook-Profil über das iTunes-Abo bis zum Online-Konto. Die Hinterbliebenen müssen sich auch um den digitalen Nachlass kümmern. Immer mehr Unternehmen bieten dafür ihre Dienste an.

Nach der Beerdigung ihres Bruders fühlte sich Juliane Berger (Name geändert) wie ein Hacker. Ihr Bruder, 33 Jahre alt und Vater von zwei Kindern, kam im Februar 2015 bei einem Autounfall ums Leben. Sein Tod traf alle unvorbereitet. Schnell war klar: Juliane würde den digitalen Nachlass verwalten. Digitaler Nachlass, das bedeutet: Facebook-Profil, Abonnement beim Online-Dating oder offene Versteigerungen bei eBay. Alles eben, was ein Mensch auf seinem Computer oder im Internet hinterlässt, wenn er stirbt.

Mehrere Wochen saß Juliane vor dem Rechner ihres Bruders, probierte Passwörter aus, nahm Kontakt zu Facebook und Co. auf. »Ich habe das gemacht, weil es niemand anderes aus der Familie konnte«, sagt die 32-Jährige.

Inzwischen bieten auch Firmen ihre Dienste für Angehörige wie Berger an. Das Berliner IT-Unternehmen »Columba« etwa, das automatisiert Datenbanken abgleicht und nach Nutzerkonten im Internet sucht. Eine Pionierin auf dem Gebiet »digitaler Nachlass« ist die Theologin Birgit Janetzky, die in der Nähe von Freiburg das Unternehmen »Semno« (altgriechisch: würdevoll) betreibt. Als eine der ersten knackte sie Passwörter und löschte die Geisterprofile von Verstorbenen aus dem Netz.

Gesicht einer Frau als digitales Drahtmodell, Binärcode und ein Ablaufdiagramm. Foto: epd-bild

Gesicht einer Frau als digitales Drahtmodell, Binärcode und ein Ablaufdiagramm. Foto: epd-bild

Oftmals eine emotionale Aufgabe, erinnert sich die 53-Jährige. So sei einmal eine Mutter zu ihr gekommen, deren Tochter Suizid begangen hatte. »Plötzlich kam ich im Internet mit den Träumen eines jungen Mädchens in Berührung, das Model werden wollte.« Und mit einer Mutter, die online so gerne etwas gefunden hätte, um den Suizid ihrer Tochter zu verstehen.

Seit gut zwei Jahren sucht Janetzky nicht mehr selbst, sondern gibt ihre Erfahrungen von »der Schnittstelle von Mensch, Tod und Internet« an Firmen weiter, die sich auf das Berufsfeld spezialisiert haben. Ob Angehörige den digitalen Nachlass selbst verwalten oder eine Firma beauftragen, hänge vor allem davon ab, ob derjenige vorgesorgt habe, sagt die Beraterin.

Sie rät dringend dazu, früh genug an digitale Vorsorge zu denken und etwa eine Passwortliste anzulegen oder einen Nachlassverwalter zu bestimmen.

»Ansonsten ist das ein enormer Aufwand.«

Und nicht jeder möchte, dass nach seinem Tod jemand Drittes oder Firmen den kompletten Computer mit persönlichen Daten analysieren. Die Verbraucherzentralen warnen davor, einem Unternehmen Passworte anzuvertrauen, und empfehlen, rechtzeitig eine Person des Vertrauens zum digitalen Nachlassverwalter zu machen.

Juliane Berger hätte den technischen Aufwand gerne abgegeben. Doch Anfang 2015 habe sie schlichtweg keinen Dienstleister gefunden, sagt sie. Also musste sie selbst ran: Als Erstes bestellte sie alle Abos ihres Bruders ab, die sonst weiter Geld gekostet hätten. »Außerdem sollten die Fotos aus dem Netz entfernt werden, weil er die nicht selbst als Überbleibsel ausgesucht hat.«

Als besonders aufwühlend empfand sie die Rekonstruktion des Browserverlaufs: »Ich konnte mir genau ansehen, was er die vergangenen Wochen gemacht hat, von der Suche nach Bratenrezepten bis Weihnachtsgeschenken.« Es sei aber auch schön gewesen, zu sehen, dass ihr Bruder ein zufriedenes Leben geführt habe.

Mittlerweile ergibt die Google-Suche nach seinem Namen kaum noch Treffer. Ungeklärt ist bis heute der Umgang mit dem Facebook-Profil. Juliane Berger würde es gern in eine Gedenkseite umwandeln, auf der sich nichts mehr verändern lässt. Doch die Freundin des Verstorbenen möchte das Profil aktiv belassen. Das Problem in solchen Fällen: Es kann vorkommen, dass Facebook weiterhin an den Geburtstag des Verstorbenen erinnert oder ihn anderen Nutzern als neuen Freund vorschlägt. Berger hat festgestellt: »Ein Stück Kontrolle gibst du ab.«

Würde Berger heute noch mal nach Unterstützung im Netz suchen, hätte sie es leichter. Seit gut einem Jahr gibt es den Blog »digital-danach«, den die Münchnerin Sandra Landes zusammen mit einem Kollegen betreibt. Sie informieren zum Thema »digitaler Nachlass«, listen Dienstleister auf und veranstalten am 24. November in Hamburg die erste deutschsprachige Fachkonferenz. »Viele Branchen befassen sich bereits mit dem Thema, darunter Bestattungsunternehmen, Versicherungen oder Juristen, aber sie wissen nichts voneinander.«

Die Bloggerin sieht einen klaren Trend: Die Medien berichteten mehr über digitalen Nachlass, neue Start-Ups hätten sich gegründet. Es gebe aber noch viel zu tun. Die Gesellschaft befinde sich derzeit in einer Phase des Entdeckens und der Skepsis. »Wir sollten langsam einen Schritt weitergehen: Ausloten, diskutieren und nach Lösungen suchen.«

Leonore Kratz (epd)


www.semno.de

www.digital-danach.de

Tipps der Verbraucherzentralen zum digitalen Nachlass:

www.verbraucherzentrale.de/digitale-daten

Der Reformator widersteht der Macht

14. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Lutherstädte: Martin Luthers Auftritt vor dem Wormser Reichstag wurde zum Wendepunkt der Kirchengeschichte. Denn hier misslang der Versuch, die Reformation im Keim zu ersticken. Wer sich in der Stadt auf Luthers Spuren begeben will, braucht heute etwas Fantasie.

Im Wormser Heylshofpark können Besucher vom kommenden Jahr an buchstäblich in die Fußstapfen des Reformators treten. Zwei große bronzene Schuhe sollen genau dort montiert werden, wo der Wittenberger Theologieprofessor Martin Luther (1483–1546) sich 1521 während des Wormser Reichstags weigerte, seiner Lehre abzuschwören. Doch so bedeutend sein gerade einmal zehntägiger Aufenthalt in Worms für die Geschichte der Reformation auch gewesen sein mag – authentische Lutherstätten kann die Stadt kaum bieten.

Das Lutherdenkmal in Worms ist das weltweit größte Denkmal des Reformators. Martin Luther steht in der Mitte einer Skulpturengruppe. Der Dresdner Bildhauer Ernst Rietschel schuf das Reformationsdenkmal, erlebte die feierliche Enthüllung seines Monuments am 25. Juni 1868 jedoch nicht mehr. Foto: epd-bild

Das Lutherdenkmal in Worms ist das weltweit größte Denkmal des Reformators. Martin Luther steht in der Mitte einer Skulpturengruppe. Der Dresdner Bildhauer Ernst Rietschel schuf das Reformationsdenkmal, erlebte die feierliche Enthüllung seines Monuments am 25. Juni 1868 jedoch nicht mehr. Foto: epd-bild

»Nach dem Zweiten Weltkrieg war Worms die Lutherstadt schlechthin im Westen, denn die anderen waren ja nicht zugänglich«, erzählt der städtische Kulturkoordinator Volker Gallé. Weil Eisenach und Wittenberg hinter dem Eisernen Vorhang lagen, wurde die 80 000-Einwohner-Stadt in Rheinland-Pfalz zum Schauplatz vieler zentraler westdeutscher Gedenkveranstaltungen und Kirchenkonferenzen.

»Wenn so viel Teufel zu Worms wären als Ziegel auf den Dächern, so wollt’ ich hinein«, soll Luther die Warnungen vor einer Reise nach Worms zerstreut haben. Seine Anhänger hatten in dem zugesicherten freien Geleit eine List gewittert. Angeblich soll der 37-Jährige vor der historischen Rede sogar in seiner Herberge, dem Johanniterhof, knapp einem Giftanschlag entgangen sein. Gästeführerin Gisela Neumeister erzählt Touristen auf den Reformationsführungen zumindest die Legende über das Weinglas, das gerade noch rechtzeitig zersprungen sein soll, als Luther daran nippen wollte.

Im Frühjahr 1521 war Luther wegen seiner Thesen bereits von der Kirche exkommuniziert. Allerdings hatte er die Unterstützung einer Reihe deutscher Fürsten, die ihm die Gelegenheit einer letzten Verteidigungsrede vor dem Wormser Reichstag und Kaiser Karl V. verschafften. Und auch auf seiner von heftigen Bauchkrämpfen begleiteten Reise wurde er begeistert von Anhängern begrüßt.

Der Auftritt des als »großer Ketzermeister« verschrienen Luthers in Mönchskutte verlief jedoch anders als von Kaiser und Kirche erwartet: Der Reformator erklärte, er könne seine Ansichten nicht gegen das eigene Gewissen widerrufen. Durch die Bibel fühle er sich bestätigt. Der Ausruf »Hier stehe ich und kann nicht anders« fiel dabei nicht, was die historische Bedeutung der Rede jedoch nicht schmälerte. Überliefert ist: »Gott helf mir! Amen.«

Das ließen sich Fürsten und Kaiser nicht gefallen. Mit dem Wormser Edikt verbot Karl V. nicht nur die Schriften Luthers, er untersagte auch dessen Unterstützung und erklärte ihn für vogelfrei. Als das Edikt jedoch im Mai veröffentlicht wurde, befand sich Luther schon in Sicherheit auf der Wartburg bei Eisenach.

Ein flüchtiger Rundgang auf Luthers Spuren durch die in vielen Kriegen zerstörte Stadt am Rhein ernüchtert: Wo einst der Johanniterhof stand, ragt seelenlose Nachkriegsarchitektur in die Höhe. Neben dem Woolworth-Kaufhaus erinnert lediglich eine Gedenkplakette an den berühmten Gast. Der Wormser Bischofspalast, Ort des Reichtags, wurde im 17. Jahrhundert zerstört. Eine private Stiftung hat einen Park angelegt. Insbesondere ausländische Besucher ziehe es dennoch magisch an den Originalschauplatz, sagt Gästeführerin Neumeister: »Das ist für viele Leute das Highlight.«

Unter dem Mangel an Luther-Sehenswürdigkeiten litten die Bürger der mehrheitlich protestantischen Stadt schon im 19. Jahrhundert. So entstand mit Spenden aus dem In- und Ausland 1868 das weltgrößte Lutherdenkmal. Der überlebensgroße Reformator steht auf einem Sockel im Zentrum einer Skulpturengruppe zwischen Weggefährten wie Philipp Melanchthon und Philipp dem Großmütigen sowie Vordenkern der Kirchenreform wie Jan Hus und Petrus Waldus. Der Rundgang führt auch zu der kleinen evangelischen Magnuskirche, in der früh im Sinne Luthers gepredigt wurde.

Obwohl sich Worms seit der Wiedervereinigung im Marketing stärker der Nibelungensage und dem bedeutenden jüdischen Erbe zuwandte, rechnet man für 2017 mit einem kleinen Besucherboom. Zum 500. Jahrestag des Thesenanschlags werde die Stadt die eigene Reformationsgeschichte inszenieren, kündigt Kulturkoordinator Gallé an. Neben den übergroßen Bronzeschuhen ist ein »Bildungs- und Erlebnisparcours« geplant. Und am Schauplatz des Reichstags werden Lautsprecher von Bäumen herab die Passanten mit Gewissensfragen beschallen.

Karsten Packeiser (epd)

Der Reformator war ein Luder

7. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Wer sich mit dem Reformator beschäftigt, weiß: Martin Luther wurde einst als Martin Luder geboren. Mit 35 Jahren änderte er seinen Namen. Warum, das wollte Willi Wild von dem Namenskundler Professor Jürgen Udolph wissen.

Herr Professor Udolph, was gab es für Gründe, zu Luthers Zeiten den Nachnamen zu ändern?
Udolph:
Am meisten hat man den Namen geändert, um etwas schicker zu klingen. Die normale Namensänderung war die, dass man seinen Namen ins Lateinische oder Griechische übertrug. Das konnten natürlich nur die Leute machen, die auch ein bisschen Ahnung hatten davon. Schulmann Neander, nach dem das Neandertal in Düsseldorf benannt ist, hieß Neumann. Er konnte etwas Griechisch: neos – neu, antros – Mann. Oder Melanchthon. Der hieß eigentlich Schwarzert. Aus schwarz und Erde hat er Melanchthon gemacht.

Bei Luther waren es aber offenbar andere Gründe?
Udolph:
Martin Luther wurde als Martin Luder geboren. Luder ist ein Name, der in Thüringen entstanden ist. Er ist eigentlich niederdeutscher Herkunft. Luther änderte seinen Namen in Wittenberg mit 35 Jahren. Das Volk in Wittenberg sprach niederdeutsch. Als Professor an der Universität gehörte er zur Oberschicht und die sprach hochdeutsch.

Warum hat er Luder zu Luther geändert?
Udolph:
Luder klang zu der Zeit absolut negativ. Ich habe ein früh-neuhochdeutsches Wörterbuch. Luder hat darin folgende Bedeutung: Verlockung, betrügerischer Anschlag, Fallstrick, Hinterhalt, liederliche Lebensführung, der Üppigkeit, dem Wohlleben, schwelgen, schlemmen, verfallenes Lotterleben. Im Luder liegen bedeutet: Sich dem Lotterleben, speziell dem Suff, der Trunkenheit ergeben.

In seinem Buch beschäftigt sich Jürgen Udolph mit der Frage, warum der Reformator seinen Namen änderte. Foto: Willi Wild

In seinem Buch beschäftigt sich Jürgen Udolph mit der Frage, warum der Reformator seinen Namen änderte. Foto: Willi Wild

Er schreibt Luder bis Herbst 1517. Und dann kommt der wichtige Brief an seinen kirchlichen Vorgesetzten von Brandenburg, in dem er am 31. Oktober seine 95 Thesen an ihn in einem langen Brief erläutert, und auch mit Luther unterschreibt. Die Theologen glauben, dass das der Auslöser für seinen Namen gewesen ist. Er habe sich theologisch neu orientiert.

Welche Bedeutung hat der Name Luder oder Luther?
Udolph:
Er besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil steckt das Wort Laut drin, im Sinne von bekannt, berühmt. Und im zweiten steckt Haria drin, das ist das Heer, die Kriegerschar. Das ist ein ganz typischer altgermanischer Vorname, aus zwei Teilen gebildet. Er hat zu tun mit Lothar. Das ist auch eine andere Form. Und Luder ist die niederdeutsche Form wegen des »d«.

Das ist wie bei dem fränkischen Fußballer Lothar »Lodda« Matthäus?
Udolph:
Durchaus. Mundartig Lodda, hochdeutsch Lothar. Das entspricht etwa niederdeutsch Dochter – hochdeutsch Tochter.

Warum Luther dann mit »th«?
Udolph:
Das haben wir ja auch in Matthäus oder Thor. Damit sollten die Wörter einen höheren Stellenwert bekommen. Es galt als schicker.

Was hat es nun mit Eleutherius auf sich?
Udolph:
Eleutherius ist eine theologisch begründete Namensänderung. Griechisch: Eleutherios, das heißt frei. In Eleutherius kommt die Freiheit des Christenmenschen zum Ausdruck. Freigeworden von Gottes Zorn.

In welchem Zusammenhang hat er diesen Namen verwendet?
Udolph:
Nur in einem ganz begrenzten Kreis. In Briefen an etwa sechs bis sieben engere Freunde und Bekannte hat er mit diesem Namen unterschrieben. Diesen Namen hat er nie unter ein offizielles Schriftstück gesetzt. Eleutherius spielte demnach nicht die Rolle, die von der Forschung bisher angenommen wurde.

Buchtipp:
Udolph, Jürgen: Martinus Luder – Eleutherius – Martin Luther. Warum änderte Martin Luther seinen Namen? Universitätsverlag Winter, 150 S., ISBN 978-3-8253-6640-7, 26 Euro

Reformation in der Blechbüchse

24. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Reformation rundum: Kurz vor Beginn des Jubiläumsjahres macht die Lutherstadt Wittenberg ihrem Namen alle Ehre. Am Sonnabend eröffnet das Panorama »Luther 1517« von Yadegar Asisi.

Wie war das damals? Martin Luther, der ob des kirchlichen Ablasshandels wütende Mönch und Bibelgelehrte, zieht einen Tag vor Allerheiligen mit Hammer und Nägeln los, um an der Wittenberger Schlosskirche sein Thesenpapier anzuschlagen.

Wissenschaftler und Theologen streiten, ob es diesen Thesenanschlag wirklich gegeben hat. Neue Forschungen deuten darauf hin, dass das Papier angeklebt wurde, berichtet Jörg Bielig, Kurator des Schlosskirchen-Ensembles. Und auch Mirko Gutjahr von der Stiftung Luthergedenkstäten raunt geheimnisvoll, dass sich an diesem 31. Oktober 1517 wirklich etwas zugetragen hat, vertröstet dann doch auf einen Pressetermin im Frühjahr. Es gibt in Bezug auf den Ausgangspunkt der Reformation – oft erzählt, verfilmt, zur Legende stilisiert – weiße Flecken. Und die nutzt die Kunst, um mit Farbe zu malen. Einer, der dieses Handwerk auf besondere Weise beherrscht, ist Yadegar Asisi.

Der in Wien geborene, in Sachsen aufgewachsene und seit 1979 in West-Berlin lebende Asisi hat Malerei an der Hochschule der Künste in Berlin studiert und kam mit der Kunstform des Panoramas erstmals 1983 in Kontakt, als er für die Bundeskunsthalle in Bonn arbeitete. Vor 13 Jahren machte er in Leipzig Furore, als er ein denkmalgeschütztes ehemaliges Gasometer in ein »Panometer« verwandelte: ein 360-Grad-Kunstwerk, das in seiner Art mit dem Tübke-Rundbild aus Bad Frankenhausen nur noch wenig gemein hat.

Rundherum: 15 mal 75 Meter misst das imposante Panorama »Luther 1517 – Glaube, Wissen, Selbstbestimmung«, das Yadegar Asisi für die Lutherstadt in der eigens gebauten Rotunde, die von Wittenbergern liebevoll »Blechbüchse« genannt wird, geschaffen hat. Ausschnitt aus Panorama LUTHER 1517 von Yadegar Asisi mit Besuchern, Visualisierung © asisi

Rundherum: 15 mal 75 Meter misst das imposante Panorama »Luther 1517 – Glaube, Wissen, Selbstbestimmung«, das Yadegar Asisi für die Lutherstadt in der eigens gebauten Rotunde, die von Wittenbergern liebevoll »Blechbüchse« genannt wird, geschaffen hat. Foto: Ausschnitt aus Panorama LUTHER 1517 von Yadegar Asisi mit Besuchern, Visualisierung © asisi

Immer wieder bringt Asisi Menschheitsgeschichte auf die Leinwand. Historische Darstellungen, etwa von der Völkerschlacht bei Leipzig, der Teilung Berlins durch die Mauer oder dem zerstörten Dresden, sind sein Repertoire. Nun zeigt er in Wittenberg ein Reformationspanorama: »Luther 1517 – Glaube, Wissen, Selbstbestimmung« heißt das rund 15 mal 75 Meter große Werk. Dabei geht es in der eigens geschaffenen Rotunde, von den Wittenbergern liebevoll »Blechbüchse« genannt, nicht ausschließlich um den Thesenanschlag. Vielmehr zeigt »Luther 1517« die dreißig Jahre währende Epoche um das Ereignis herum.
Das kurfürstliche Schloss ist in voller Pracht zu sehen, der Kurfürst reitet mit seinem Gefolge zur Jagd. An der Amtsmühle leisten die Wittenberger derweil ihre Abgaben in Naturalien. Und im Schatten der Schlosskirche – ausgerechnet! – floriert der Ablasshandel. Vor der Schlosskirche steht Martin Luther und streitet mit Gelehrten und Bürgern; in der Tür Priester, sich ratlos fragend, was hier gerade passiert.

Dann hebt sich der Schatten, das Licht bricht durch: Und im Lichte sieht der Betrachter Buchdruck, die Bibel lesende Menschen, die Gründung von Mädchenschulen, die Familie Luther einträchtig beim Apfelbaumpflanzen und Unterrichten, Melanchthon und andere Wissenschaftler beim Erforschen der Welt. Das ist sie – die Selbstbestimmung –, die den Atheisten Asisi an Luther und der von ihm angestoßenen Reformation fasziniert. In einem Interview sagte er: »Luther sagt, wenn ihr das Wort Gottes erkennen und spüren wollt, müsst ihr es lesen. Es gibt niemanden, der euch das erklären kann.« Diese Erkenntnis und die Tatsache, dass etwas Banales wie das Anschlagen eines Papieres an eine Tür, etwas Großes auslösen kann, sei allgemeingültig und komme auch heute immer wieder vor in der Welt.

Doch Asisis Panorama beschwört keine schöne neue Welt durch die rosarote Brille; da ziehen Kriege am Horizont auf, da lodern die Scheiterhaufen. Imposant und bildgewaltig wie gewohnt inszeniert der Künstler die Reformations-Ära, mit einem changierenden Tag-Nacht-Rhythmus und erstmals einem Blick hinter die Häuserfassaden. Besucher können die 15 Meter hohen Stoffbahnen aus drei Ebenen betrachten, ein Podest in der Mitte der Rotunde gewährt Ein- und Überblicke aus drei und sechs Metern Höhe. Ein dreijähriges Kind soll hier ebenso entdecken und staunen wie ein studierter Theologe, verspricht Asisis Pressesprecher Karsten Grebe.

Reformation auf 360 Grad, Reformation rundum. Die Erwartungen sind groß: Asisis Pergamon-Panorama in Berlin wurde innerhalb eines Jahres von einer Million Menschen besucht.

Katja Schmidtke

www.wittenberg360.de

Royaler Glanz in Lutherstadt

16. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Das schwedische Königspaar zeigt sich beeindruckt von den Kirchen der Stadt und wird freundlich von den Wittenbergern empfangen.

Die neunjährige Lena Herzer ist aufgeregt: Sie darf dem schwedischen Königspaar vor der Schlosskirche einen Blumenstrauß überreichen, gebunden aus Hortensien, Enzian und Rosen in den schwedischen Landesfarben. König Carl XVI. Gustaf und Silvia von Schweden kommen zum Abschluss ihres viertägigen Staatsbesuches in Deutschland auch in die Lutherstadt Wittenberg, zu der es bereits seit der Reformationszeit gute Beziehungen gibt. Zuletzt waren sie 1993 kurz hier.

Trotz kühler Herbsttemperaturen harren viele Schaulustige hinter den Absperrungen aus, um das Königspaar zu begrüßen. So auch die 65-jährige Rosel Emmer, die sich sehr gewünscht hat, Carl Gustaf und Silvia von Schweden einmal live zu erleben. Eigentlich ist sie Autogramm-Jägerin, für die Schauspieler Johnny Depp oder Tom Cruise wartet sie dafür schon mal bis zu acht Stunden. Das Königspaar sei aber auch ohne Aussicht auf ein Autogramm etwas ganz Besonderes, meint sie.

Als das Königspaar eintrifft, brandet Applaus auf, schwedische Fähnchen werden geschwenkt. Direkt am roten Teppich dürfen auch Schüler des Luther-Melanchthon-Gymnasiums, das eine Partnerschule in Schweden hat, mit ihrer Lehrerin Stefanie Kirbach die Delegation empfangen. Die Lehrerin für Englisch und Religion ist selbst ein großer Schweden-Fan, hat dort studiert, kann die Sprache fließend und würde Schwedisch auch gern selbst unterrichten an der Hundertwasserschule. Mit dem König darf sie nur reden, wenn sie angesprochen wird. Das Protokoll muss eingehalten werden.

Die Direktorin des Wittenberger Predigerseminars, Hanna Kasparick (l.), erklärte dem Königspaar die Schlosskirche, die als Ausgangspunkt der Reformation vor rund 500 Jahren gilt. Martin Luther soll dort am 31. Oktober 1517 seine kirchenkritischen 95 Thesen an die Tür geschlagen haben. Foto: epd-bild/Jens Schlüter

Die Direktorin des Wittenberger Predigerseminars, Hanna Kasparick (l.), erklärte dem Königspaar die Schlosskirche, die als Ausgangspunkt der Reformation vor rund 500 Jahren gilt. Martin Luther soll dort am 31. Oktober 1517 seine kirchenkritischen 95 Thesen an die Tür geschlagen haben. Foto: epd-bild/Jens Schlüter

Durch die berühmte Thesentür der Schlosskirche, an die der Reformator Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 kirchenkritischen Thesen angeschlagen haben soll, schreitet das Königspaar in die Schlosskirche. Gerade mal eine Woche ist vergangen, seitdem die dänische Königin Margrethe II. das Gotteshaus ebenfalls durch diese Tür betrat. Nach mehrjährigen Restaurierungsarbeiten war die Schlosskirche mit einem Festgottesdienst offiziell wiedereingeweiht worden. Das Geschenk der dänischen Königin, ein selbst gefertigtes, rotes Antependium, schmückt nun den Altar.

Die schwedischen Gäste sind beeindruckt und sehr interessiert an den Ausführungen der Direktorin des Predigerseminars, Hanna Kasparick, und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU). In der Atmosphäre der Kirche tragen sich die Gäste noch in das Goldene Buch der Stadt sowie in das Buch der Landesregierung ein. Der ledergebundene Band der Stadtverwaltung fasst mehr als 200 Seiten, das schwedische Königspaar schreibt den 55. Eintrag in das 1997 begonnene Buch.

Der Zeitplan sieht ein straffes Programm vor, aber für einzelne Punkte scheinen sich die Royals dennoch Zeit zu nehmen. Dann geht es, begleitet von einer historischen Stadtwache, zu Fuß durch die Stadt. Dabei gibt es für die Anwohner trotz hoher Sicherheitsvorkehrungen durchaus Gelegenheit, dem König und der Königin nahezukommen. So ist immer wieder am Rande auch die Freude über eine gute Fotogelegenheit zu hören. Aus einem Fenster ruft ein kleines Mädchen: »Hallo, Königin!« Die Monarchin blickt hinauf, lächelt und winkt zurück.

Im Luthergarten übernimmt der König mit einer symbolischen Baumpflanzung die Patenschaft für einen Trompetenbaum. König Carl XVI. Gustaf greift zum Spaten, Ministerpräsident Haseloff hilft mit der Gießkanne und verspricht noch, den Baum auch künftig nicht vertrocknen zu lassen. Der Trompetenbaum steht in unmittelbarer Nachbarschaft zur Blumen-Esche, dem Baum, für den die dänische Königin vor einer Woche die Patenschaft übernommen hatte.

In der Stadtkirche St. Marien, der Predigtkirche Martin Luthers, überreicht Pfarrer Johannes Block eine Luthermedaille, einen Kirchenführer und einen Brief der Stadtkirchengemeinde. »Es ist eine große Ehre, dass ein schwedischer Monarch unsere Kirche besucht«, sagt er. Das Königspaar bestaunt den Cranach-Altar und bleibt an der 1931 errichteten Gedenkplatte für Gustav II. Adolf stehen.

Als der Besuch weiterfährt in Richtung Leipzig, bleiben zufriedene Wittenberger zurück. Regierungschef Haseloff sagt: »Es war ein toller Tag.« Glücklich war an diesem Tag auch Lehrerin Kirbach. Die 47-Jährige wurde vom König angesprochen und konnte schwedisch sprechen, und das noch viel länger als gedacht. Mit ihrem Anliegen, Schwedisch als Schulfach anzubieten, traf sie an diesem Tag auf offene Ohren. Der Ministerpräsident selbst sicherte seine Unterstützung zu. Die royalen Besuche gehen im kommenden Jahr zum Reformationsjubiläum weiter. Dann hat sich das niederländische Königshaus in der Lutherstadt Wittenberg angekündigt.

Romy Richter

»Welch wunderbare Mondlichtnacht«

11. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Aus einem Missverständnis wurde eine »Schicksalsfügung«, sagt Stephan Krawczyk und erzählt, wie er dazu gekommen ist, sich mit Martin Luther zu beschäftigen. Zum Reformationsjubiläum geht der Liedermacher mit anderen Künstlern auf »Luther Lieder Tour«.

Der Anfang beruhte auf einem Missverständnis. Das Auswärtige Amt fragte beim Management von Stephan Krawczyk an, ob er auf einem Kongress in Wittenberg einen 20-minütigen Vortrag über Martin Luther halten könne. Er habe gedacht, erzählt der in Berlin lebende Liedermacher, laut lachend: »Wie kommen die auf mich?« Aber der Mensch wachse mit seinen Aufgaben. Also fuhr Kraw­czyk mit dem ausgefeilten Text gen Wittenberg. Noch heute ist er, der aus einer bildungsfernen Schicht stammt, stolz darauf. In der Lutherstadt angekommen, stellte sich heraus, dass es sich um einen Irrtum handelte. Der Poet war für ein Lied, nicht für den Festvortrag gebucht worden.

Es sagt einiges über Krawczyks gut ausbalanciertes Selbstwertgefühl, dass er diese Anekdote preisgibt und sich selbst am meisten darüber amüsiert.

Stephan Krawczyk. Foto: Nadja Klier

Stephan Krawczyk. Foto: Nadja Klier

Im vergangenen Jahr feierte der zu Silvester in Weida in Thüringen geborene Liedermacher seinen 60. Geburtstag. 36 Jahre Berufserfahrung hätten ihn angstfrei gemacht, erzählt er beiläufig, als wir unsere Fahrräder zum nahen Café in Berlin schieben, in dem wir uns unterhalten wollen. Aus dem Missverständnis in Wittenberg wurde eine »Schicksalsfügung«. »Ich hätte mich sonst nie mit Luther befasst«, sagt Krawczyk. Das wäre bedauerlich, denn einige der überzeugendsten Lieder in seinem Repertoire und auf der 2012 erschienenen CD »Erdverbunden, luftvermählt« drehen sich um den Reformator. Was interessiert den Künstler an Martin Luther? »Wenn ich ein Konzert mache und ihn mit ins Boot hole, zeige ich den Kanon eines höheren Sinnzusammenhangs, der in unserer Zeit fortwirkt. Luther sagt Gott, bei mir heißt es die Allheit, das All. Und da ist Gott auch mit drin. Ich finde es bei den Auftritten schön, wenn ein Wir entsteht, das gemeinsam klingt. Es ist Ausdruck von Sympathie und Friedensliebe. Ich denke, das wollte Luther mit seinen Thesen. Er wollte sinnerfüllte, liebevolle Gemeinsamkeit.«

Zum Reformationsjubiläum im kommenden Jahr geht Krawczyk mit fünf weiteren Künstlern auf »Luther Lieder Tour«; Start war Mitte August auf Schloss Mansfeld nahe der gleichnamigen Stadt, wo Luther seine Kindheit verbrachte. Mit Kritik am offiziellen Jubiläum hält der Sänger trotzdem nicht hinterm Berg. Es werde Luther nicht gerecht. »Es wird wie immer vermasst. Er wird in Verniedlichungen hergestellt. Es gab einen kleinen Luther, da konnte man ein Bierglas draufstellen. Und jetzt gibt es diese Playmobil-Figur. Dieser Riese im Geist wird permanent kleingemacht.« Krawczyk setzt einen Kontrapunkt mit seinem Lied »Ich, Martin Luther«: »Es muss in jeder Zeit mindestens einen geben, sei’s eine Frau, die widersteht, oder ein Mann. Ich bin geboren für die Freude, in Gott zu leben, weswegen ich hier stehe und nicht anders kann.«

Widerstand gehört zu seiner Biografie. 1985 bekam der Sänger, der erfolgreich freiberuflich in der DDR tätig war, Berufsverbot. Fortan konnte er mit seinen kritischen Liedtexten ausschließlich unter dem Dach der Kirche auftreten – wenn den Pfarrern die Sache nicht zu heiß wurde. Im Januar 1988 verhaftete die Staatssicherheit ihn und seine damalige Ehefrau Freya Klier und schob das Paar zwei Wochen später in den Westen ab. Krawczyk hat darüber gesprochen und geschrieben, etwa in den Romanen »Der Narr« (2003) und »Der Himmel fiel aus allen Wolken« (2009). Wie lebt es sich heutzutage als »Symbolfigur der DDR-Bürgerbewegung«? Wieder lacht Krawczyk. »Das ist eine Außensicht auf die Dinge. Ich kann mich nicht damit identifizieren. Ich war nie eine Symbolfigur. Andere haben mich dazu gemacht, weil sie ein Symbol brauchten. Weil sie einen Erklärungsbedarf hatten, keine anderen Worte oder sich nicht die Mühe machten, das Ganze differenziert zu betrachten.« Er winkt ab. »Wenn ich mir Gedanken machte, dass ich als Symbolfigur gelte, würde ich mich verrückt machen.«

Zurück zu Martin Luther, zu dem Menschen, der wie er für seine Überzeugungen einstand. Sein eigenes Glaubensverständnis, sagt Krawczyk, habe sich über die Jahre verändert. »Durch die Erfahrungen, die manchmal so wunderbar waren, dass ich sie mit den Mitteln der Logik nicht erklären konnte. Ich habe versucht, Zusammenhänge wiederzuerkennen, die von der Wissenschaft nach Kräften zerlegt wurden. Sich innerhalb dieser Wurzeln aufgehoben zu fühlen, war eine neue Erfahrung für mich.« Seine Lieder spiegeln diese Verfasstheit mit der »Allheit, diesem Großen und Ganzen« wider, das er als »Unterfutter« seines Selbstverständnisses bezeichnet. Als Künstler sei er gefragt, dem voranzuhelfen. Bei einem Konzert steht man dann vielleicht gedanklich in einer lauschigen Sommernacht mit auf dem Balkon, über sich das All, und spürt einer Verszeile in ihrer Zartheit nach: »Was hat sich Gott da ausgedacht, welch wunderbare Mondlichtnacht.« Im formgewandten Ausdruck von Text und Lied, ist das am Ende eine punktgenaue Landung künstlerischer Unbekümmertheit. Und damit lassen sich viele Missverständnisse aus der Welt schaffen.

Ulrike Mattern

Die Brisanz der Bibel

3. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Leipziger Künstler setzen sich mit Religion auseinander

Schon der Titel hat es in sich. Nichts weniger als »Offenbarung« verspricht eine Ausstellung, die derzeit in der Lutherstadt Wittenberg im Alten Rathaus zu sehen ist. Dort, wo die Stiftung Christliche Kunst sonst ihre Dauerausstellung mit Werken der christlichen Moderne zeigt, werden derzeit »Leipziger Künstler und die Religion« präsentiert.

Steffen Junghans: Ein Leipziger Künstler mit seinem Werk ohne Titel (J. C.). aFoto: courtesy REITER; VG Bild-Kunst

Steffen Junghans: Ein Leipziger Künstler mit seinem Werk ohne Titel (J. C.). aFoto: courtesy REITER; VG Bild-Kunst

Figürliches in altmeisterlicher Technik steht neben Abstraktem, reduzierte Formen in Schwarz-Weiß neben farbenfroher Fülle, Ironie neben Pathos. Es ist eine beziehungsreiche Auseinandersetzung; biblische Motive bilden die Basis für eine Beschäftigung mit aktuellen Themen und ewigen Fragen, geben Impulse und Inspiration.

Es geht um Leben, Liebe, Tod, Krieg und Frieden, Flucht und Vertreibung, Verurteilung und Vergebung, Irdisches und Himmlisches, um Fußball und Finanzkrise. Ein durchlöchertes Schweißtuch etwa zeigt bei genauerem Hinsehen nicht das Antlitz Jesu, sondern verschlissene Prozentzeichen. Der Papierschnitt von Annette Schröter entstand 2009, kurz nachdem die Finanzkrise weltweit für Turbulenzen gesorgt hatte. Unter dem Eindruck von Faschismus und Krieg hingegen hat Bernhard Heisig seine »Probleme der Militärseelsorge« zu Papier gebracht: Sein Gekreuzigter steht im Fadenkreuz. Michael Triegels »Auferstehung« entzieht sich dagegen dem schnellen, eindeutigen Urteil. Die Strichätzung mit dem Jesus-Torso und dem kopfüber im Bild hängenden Engel gibt ihre Botschaft nicht so leicht preis. Die Arbeit wirkt mysteriös und verleiht dadurch dem Raum eine geheimnisvolle Offenbarung.

Unter dem Markenlabel »Leipziger Schule« vereint, besticht die Ausstellung durch Vielfalt. Kein Wunder, steht doch die Strömung der modernen Malerei nicht für eine einheitliche Lehrmethode, sondern weist im Gegenteil ein Nebeneinander unzähliger Stilformen auf. Es ist diese Vielfalt der Handschriften in Form und Inhalt, die der kleinen Exposition Gewicht verleiht und den Besucher einlädt, seine eigenen Entdeckungen zu machen.

Manche Exponate stammen aus dem Bestand der Stiftung Christliche Kunst, viele Leihgaben ergänzen die Schau. »Wir wollten auch und gerade jungen Künstlern die Chance bieten, sich mit Arbeiten zu diesem Thema zu präsentieren«, unterstreicht die Vorsitzende der Stiftung Jutta Brinkmann. Besonders fasziniert zeigt sie selbst sich vom fantasievollen Einsatz moderner Techniken, Materialien und zeitübergreifender Symboliken, wie etwa bei Tino Geiss. Aus Klebeband, Lack und Pappe hat der Künstler eine farbenfrohe Collage geschaffen, die den brasilianischen Fußballstar Neymar darstellt – als modernen Heilsbringer, der wie gekreuzigt im Tornetz hängt.

Der Katalog zur Ausstellung mit einem Text der Kunsthistorikerin Ulrike Brinkmann bietet zusätzliche Anregungen zur Auseinandersetzung mit der biblischen Bilderwelt und ihrer, in aktuellen Analogien immer wieder neu zu entdeckenden Brisanz. Der kleinen Broschüre ist ein Zitat jenes Künstlers vorangestellt, der als einer der Begründer der Leipziger Schule gilt. »Da in der Bibel eigentlich alles ist, was es im Leben gibt, waren diese Themen immer sehr naheliegend. Mehr gibt es nicht als das, was in den Testamenten steht«, lautet Werner Tübkes Credo.

Stefanie Hommers

Die Ausstellung »Offenbarung. Leipziger Künstler und die Religion« ist noch bis zum 13. November in der Ausstellungshalle im Erdgeschoss des Alten Rathauses, Markt, Lutherstadt Wittenberg zu sehen. Geöffnet ist sie von Montag bis Sonntag, jeweils von 10 bis 17 Uhr sowie zusätzlich am Reformationstag.

Preußens Pracht

25. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Wittenberger Schlosskirche ist der Gedenkort der Reformation schlechthin. Nach vierjähriger Bauzeit wird sie am 2. Oktober mit Glanz und Gloria wiedereröffnet. Dänemarks Königin fertigt eigens ein Altartuch, und die EKD bekommt ein neues, drittes Kirchengebäude.

Welch katastrophaler Zustand!« Olaf Wrosch erinnert sich gut. Bröselnder Putz, verblasste Farben, Schmutz in mehreren Schichten, feuchtes, von Salzen zerfressenes Mauerwerk bis in einen Meter Tiefe. Die 2012 begonnene, umfassende Sanierung der Wittenberger Schlosskirche war mehr als nötig, bilanziert der leitende Küster. Vier Jahre und rund 8,1 Millionen Euro später erstrahlt die wohl berühmteste Kirche Mitteldeutschlands in neuem Glanz, in alter preußischer Pracht.

Himmelwärts strebt die Architektur: Hohe und schlanke Pfeiler, ein lichtes Gewölbe und der Hochaltar verstärken diesen Eindruck. Im neugotischen Stil ist die Kirche im Kaiserreich ausgestaltet worden. Fotos: Katja Schmidtke

Himmelwärts strebt die Architektur: Hohe und schlanke Pfeiler, ein lichtes Gewölbe und der Hochaltar verstärken diesen Eindruck. Im neugotischen Stil ist die Kirche im Kaiserreich ausgestaltet worden. Fotos: Katja Schmidtke

Unter Herrschaft der Preußen war die Schlosskirche zu einem Gedenkort der Reformation umgestaltet worden, der Kaiser hatte sie 1892 eingeweiht. »Nichts wurde dem Zufall überlassen«, sagt Küster Wrosch. Das ikonografische Programm ist ganz auf die Reformation zugeschnitten. So wachen Gestalter und Unterstützer der kirchlichen Erneuerungsbewegung als Skulpturen noch heute über den Gottesdienst: zum Beispiel Johannes Bugenhagen, Wittenbergs prägender evangelischer Pfarrer und Beichtvater Luthers. Von Rosetten blicken Unterstützer ins Kirchenschiff: Europäische Reformatoren wie Zwingli und Calvin. Aber auch die Medienmacher von damals: Maler und Buchdrucker, ohne deren Handwerk sich die neuen Ideen nicht so schnell hätten verbreiten können. Jene Fürstentümer und Städte, die die Reformation unterstützen, sind in den farbigen Fenstern verewigt – nun auch wieder die preußischen Gebiete, die im 19. Jahrhundert zu Deutschland gehörten und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus weltanschaulichen Gründen von der DDR-Regierung aus der Kirche entfernt worden waren. »Es sind teilweise die Originale, die noch in einer Quedlinburger Glasmacher-Werkstatt lagerten, wieder eingebaut worden«, weiß Oberkirchenrat Thomas Begrich, der für die EKD das Bauvorhaben am Schlosskirchenensemble begleitet.

Die DDR-Regierung hatte Einfluss auf die Kirche, weil sie sich in ihrem Eigentum befand. Das Konstrukt, dass einem Staat ein Gotteshaus gehört, geht zurück auf das Jahr 1817: Auf Geheiß König Friedrich Wilhelms III. war das Predigerseminar gegründet worden, dabei fiel die alte Universitätskirche an den Staat. Diese Rechtsverpflichtung in der Nachnachfolge der Preußen existiert noch immer, aber nicht mehr lange. »Bei der Schlosskirche handelt es sich um einen Hauptort der Reformation, hier liegen Luther und Melanchthon begraben. Es war der EKD wichtig, die Kirche vom Land Sachsen-Anhalt in ihr Eigentum zu übernehmen«, erklärt Thomas Begrich. Offiziell geschehen soll das, wenn alle Bauarbeiten am Schloss-Ensemble abgeschlossen sind, voraussichtlich Ende des Jahres.

Blick durch die Bankreihen zum Chor. Die Kirche ist hoch und lang, aber schmal. Sie hat 400 Sitzplätze.

Blick durch die Bankreihen zum Chor. Die Kirche ist hoch und lang, aber schmal. Sie hat 400 Sitzplätze.

Die EKD, betont der Oberkirchenrat, bekomme damit nichts geschenkt. Auch wenn ein Großteil der millionenschweren Sanierung von Land und Bund bezahlt wird. Die EKD gibt zum einen das Augusteum an das Land zurück und hat zum anderen rund eine Million Euro investiert, um die Kirche betriebsfähig zu machen: Licht, Mikrofon- und Videoanlage, Orgel. Jährlich werde die EKD zudem rund eine halbe Million Euro für den Unterhalt aufbringen. »Eigentlich braucht die EKD als Dachorganisation der Landeskirchen ja kein eigenes Gotteshaus«, sagt Thomas Begrich. Eigentlich. Doch mit ihrer kirchengeschichtlichen Bedeutung ist die Schlosskirche eine Ausnahme. Ebenso wie die Versöhnungskirche in Dachau oder die Christuskirche in Rom, die sich ebenfalls in EKD-Eigentum befinden. Letztere steht der dortigen evangelischen Gemeinde zur Verfügung. Übrigens: In Rom wie in Wittenberg hängt ein identisches Geläut im Glockenturm, jeden Sonntag erschallt in beiden Städten der gleiche Glockenton.

Mit der Änderung der Eigentumsverhältnisse ändert sich für die Nutzer der Schlosskirche nichts: Praktisch steht sie in Verantwortung des Predigerseminars, die Dozenten, wie etwa Direktorin Hanna Kasparick, haben einen Predigtauftrag. Ebenso stehen Kathrin Oxen, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, und Friedrich Kramer, Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, auf der Kanzel. Erst seit 1949 hat die Schlosskirche eine eigene Gemeinde, heute gehören ihr rund 110 Gläubige an.

Es sind vor allem Gäste aus aller Welt, die in die Kirche drängen: Bis zu 200 000 Menschen im Jahr. Für sie entsteht in Teilen des Schlosses ein Besucherzentrum mit Ausstellung. Es soll im Oktober eröffnen, kündigte Schlossensemble-Kustos Jörg Bielig an. Ins Schloss einziehen wird zudem die Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek und das Predigerseminar, das am 30. September ein Gästehaus für die Vikare auf dem Gelände eröffnet. Damit erhält das Ensemble seine Form mit vier Flügeln wieder.

Offiziell eingeweiht wird die Schlosskirche mit einem Festgottesdienst am 2. Oktober, 10 Uhr. Die dänische Königin Margarete II., Bundespräsident Joachim Gauck, EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff werden erwartet. Die dänische Königin wird eine selbst gewebte rote Altardecke als Geschenk überreichen.

Von den rund 400 Plätzen sind 200 für geladene Gäste vorgesehen. »Doch keiner soll vor der Türe stehen«, sagt Pfarrer Jan von Campenhausen. Aus diesem Grund organisiert die Evangelische Wittenbergstiftung, dessen Direktor von Campenhausen ist, am 2. Oktober, ab 9.30 Uhr, eine Übertragung in das Einkaufszentrum Arsenal. Dies sei mehr als ein Public Viewing. »Wir feiern einen Gottesdienst«, so von Campenhausen. Für bis zu 600 Menschen sei Platz. Es ist, so der Stiftungsdirektor, auch eine Übung für die Eröffnung des Reformationsjahres am 31. Oktober in Berlin.

Katja Schmidtke

Behutsam bewegt sich etwas

19. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Achava-Festspiele: Im Mittelpunkt stand das Gespräch zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen

Barmherzigkeit und Nächstenliebe: das sind die Aushängeschilder von Jesus von Nazareth und der ihm nachfolgenden Christenheit. Für den Islam nehmen Außenstehende meist das Gegenteil an. Laut einer Statistik halten 57 Prozent der Deutschen den Islam für bedrohlich. Gewalt, Terroranschläge, die Einschränkung persönlicher Freiheit und Meinungsäußerung: all das wird oft mit dem Islam gleichgesetzt.

Mouhanad Khorchide zeichnet ein ganz anderes Bild des Islam. Der Professor für islamische Religionspädagogik an der westfälischen Wilhelms-Universität Münster hat in seinem Buch »Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion« seine Vision von einem Islam des 21. Jahrhunderts skizziert. Im Rahmen der Erfurter Religionsgespräche beim Achava Festival in Erfurt stellte Khorchide seine Thesen vor.

»Eine Religion, die den Anspruch hat im 21. Jahrhundert zu gelten, auch wenn sie im 7. Jahrhundert entstanden ist, muss sich erneuern«, stellte Khorchide ganz klar fest. Der Islam, so der Professor, der im Libanon geboren wurde, habe die gleichen Probleme wie andere Religionen. Oft erreiche man mit den religiösen Inhalten die Jugend kaum noch. »Es gibt viele Kultur-Muslime, die den Islam als kulturelle Identität verstehen, aber wenig bis gar nicht gläubig sind«, so Khorchide. Er sieht hier ein ganz klares Versagen der Religion, das große und bedrohliche Auswirkungen hat.

Khorchide plädierte beim Gespräch in der Erfurter Peterskirche dafür, den Koran historisch-kritisch zu untersuchen, so, wie es auch christliche und jüdische Theologen mit ihren heiligen Schriften praktizieren. Man müsse ein heiliges Buch immer auch im historischen Kontext lesen und in die neue Zeit übersetzen. Kein Jude oder Christ würde Stellen im Alten Testament, die Gewalt zum Thema hätten, unreflektiert ins Heute übertragen.

Konzert mit der israelischen Sängerin Ester Rada. Foto: Achava-Festspiele

Konzert mit der israelischen Sängerin Ester Rada. Foto: Achava-Festspiele

Den Text kritisch anschauen und mancherorts entschärfen, dieser Anspruch hat Khorchide viel Kritik und sogar Morddrohungen eingebracht. Viele werfen ihm vor, beliebig Stellen aus dem Koran zu verwenden und damit ein völlig anderes, ja weichgespültes Bild des Buches zu zeichnen. Diesem Vorwurf trat Khorchide beim Religionsgespräch entschieden entgegen. »Ich versuche vehement, Schlüssel und Kriterien zu schaffen. Ich möchte Antworten finden auf die Fragen ›Was will Gott? Warum erschafft er die Menschen?‹ Vor diesem Hintergrund muss man den Koran lesen. Das ist Exegese.«

Das Gottesbild eines ungerechten strafenden Gottes lehnt Khorchide kategorisch ab. »Glaube ist keine Überschrift«, so der Wissenschaftler und gläubige Muslim. »Glaube ist etwas, das man durch sein Handeln bezeugt.«

Doch wie zukunftsfähig ist eine Religion, die sich schwertut in ihrer Erneuerung, die mit Kritik schlecht umgehen kann und aus den verschiedensten Strömungen besteht? Der Islam könne in der Zukunft nur bestehen, wenn er sich erneuere und eine klare Trennung von Politik, Gewalt und Glaubensinhalten vollziehe, erklärte Khorchide.

Vor dem Hintergrund der Anfeindungen und Bedrohungen, denen er selbst ausgesetzt ist, und angesichts der Ereignisse in der Welt, trat die Frage auf, wie reell so eine Reform des Islam sei. Mouhanad Khorchide weiß, dass sich nur ganz langsam ein Wandel einstellen kann. Er aber spüre, dass sich behutsam etwas bewege. Die Erneuerung werde, so glaubt er, von Europa und den hier lebenden Muslimen ausgehen, die in ihrer Religionsausübung und in ihrer Meinungsfreiheit nicht eingeschränkt seien. Der Bedrohung des IS kann er nur eine positive Seite abgewinnen: Sein Terror habe dazu geführt, dass sich viele Menschen vom politischen Islam ab- und einer Reform zuwenden. Khorchide weiß, wie schwer seine Bemühungen sind, doch er steht auch an diesem Abend in der Erfurter Peterskirche unermüdlich für sie ein: für interreligiösen Dialog, Erneuerung, Freiheit und Demokratie, auch für und mit Muslimen.

Diana Steinbauer

Flagge zeigen für das Miteinander

11. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnerungsort: »Topf & Söhne« symbolisch mit ACHAVA-Fahne markiert

Menschen zusammenführen und einladen zum Lernen und zur Begegnung, das ist das Ziel von »ACHAVA«, dem jüdischen Impuls für interreligiösen Dialog. Die Festspiele für Toleranz und Dialog fanden 2015 erstmals in Thüringen statt. In diesem Jahr hat das Festival zwei neue Veranstaltungsorte und -partner gefunden: den Thüringer Landtag und den Erinnerungsort »Topf & Söhne«.

Hissen der Flagge:  Vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma »Topf & Söhne« wurde ein acht Meter großes Banner mit dem Logo von ACHAVA aufgehängt. (v. li.): Martin Kranz, Intendant der ACHAVA Festspiele, Christian Carius, Thüringer Landtagspräsident, Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes »Topf & Söhne«, der Kulturdirektor der Landeshauptstadt Erfurt, Tobias J. Knoblich, Sophie Eckenstaler, Kuratorin der Ausstellung »Un-er-setz-bar« vom Erinnerungsort  Topf & Söhne. Foto: Diana Steinbauer

Hissen der Flagge: Vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma »Topf & Söhne« wurde ein acht Meter großes Banner mit dem Logo von ACHAVA aufgehängt. (v. li.): Martin Kranz, Intendant der ACHAVA Festspiele, Christian Carius, Thüringer Landtagspräsident, Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes »Topf & Söhne«, der Kulturdirektor der Landeshauptstadt Erfurt, Tobias J. Knoblich, Sophie Eckenstaler, Kuratorin der Ausstellung »Un-er-setz-bar« vom Erinnerungsort Topf & Söhne. Foto: Diana Steinbauer

Vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma »Topf und Söhne«, die Entlüftungsanlagen und gasdichte Türen für die Gaskammern zahlreicher Konzentrationslager baute, wurde deshalb am Tag vor der Eröffnung des Festivals ein acht Meter großes Banner mit dem Logo von ACHAVA gehisst.

Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes »Topf & Söhne« betonte die Bedeutung eines solchen Zeichens: »Es ist sehr wichtig, dass an einem solchen Ort wie diesem, an dem Techniker gedacht und produziert und dabei die Folgen ihres Tuns für die Menschen ignoriert haben, dass gerade hier nicht nur der Taten erinnert, sondern auch ein Zeichen für Toleranz und Verständigung gesetzt wird.«

Mit dem Banner wolle man nicht nur auf ACHAVA und die zahlreichen und vielfältigen Veranstaltungen bis zum
11. September in Erfurt aufmerksam machen. »Wir wollen auch zeigen, dass dieser Ort ein offenes Haus und nicht auf die Vergangenheit ausgerichtet ist. Hier bewegt sich etwas«, so die Kuratorin.

Der Kulturdirektor der Stadt Erfurt, Tobias Knoblich, erklärte, die Stadt wolle nicht nur Veranstaltungsort, sondern intensiver Partner des Festivals sein. Knoblich betonte die besonderen Herausforderungen, die die Globalisierung an die Gesellschaft stelle. »Es gibt viele Widerstände und Grenzen. Wir müssen uns aufmachen, Unbekanntes kennenzulernen und Differenzen akzeptieren zu können«, so Knoblich.

Martin Kranz, Intendant der ACHAVA Festspiele, freut sich über die Zusammenarbeit mit dem Landtag und dem Erinnerungsort. Er hofft, dass das Festival auch in diesem Jahr wieder viele Menschen anziehen und begeistern wird. Konzerte, Ausstellungen, Lesungen, Vorträge, Filmvorführungen, Meditation und vieles mehr wird dem Publikum in diesen Tagen in Erfurt geboten.

Kranz hofft, dass bis zu 10 000 Besucher zum Festival kommen werden. »Wir machen den Erfolg von ACHAVA jedoch nicht an einer Zahl fest«, so Kranz. »Für uns zählt die Qualität der Beiträge und jeder Einzelne, den wir erreichen.«

Diana Steinbauer

Hereinspaziert!

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Den Tag des offenen Denkmals am zweiten Septemberwochenende nutzt das Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und öffnet sonnabends 10. September seine Türen für interessierte Besucher. Sie können bei dieser Gelegenheit die Arbeit der Kirchenverwaltung »hautnah« erleben und ganz nebenbei ein architektonisches Kleinod in der Erfurter Altstadt entdecken.

Kirchenamtspräsidentin Brigitte Andrae bringt es auf den Punkt: »Das Landeskirchenamt möchte ein offenes Haus sein, keine in sich verschlossene Behörde. Es ist auch ein Stück Kirche mitten in der Erfurter Altstadt. Das wollen wir nutzen, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen – und laden deswegen immer wieder zu Veranstaltungen in unserem Haus ein. Am ›Tag der offenen Tür‹ wollen wir allen Interessenten unser Haus vorstellen, die Menschen, die dort arbeiten, die Themen, die uns hier bewegen.«

Zu diesem Anlass wird es nicht nur Besichtigungsmöglichkeiten geben, auch verschiedene aktuelle Projekte der EKM werden präsentiert (siehe Infokasten rechts). Außerdem warten ganztägig folgende Angebote auf die Besucher: die Ausstellungen »Vom Seemannspastor zum Propst« zum 50. Todestag von Propst Oskar Zuckschwerdt sowie zu »Kirchendecken«, Präsentationen zum »Bau des Landeskirchenamtes«, zu »Daten und Fakten zur Landeskirche« und zum Projekt »Querdenker (EKM und IBA)«. Zum Programm gehören auch Informationen rund um »Bildung und Schule«, »Archive«, »Die EKM im Ohr«, »Siegel- und Stiftungswesen«, »Personalregistratur« sowie »Halt Gehalt – die Zentrale Gehaltsabrechnungsstelle«.

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Und auch für Kinder gibt es an diesem Tag spezielle Angebote, unter anderem eine Buttondruckmaschine, Maltische, Kegeln oder ein Forstquiz.

Vor fünf Jahren bezog das Landeskirchenamt das »Collegium maius« im Herzen der Landeshauptstadt. Gegenüber der Michaeliskirche im ehemaligen »Lateinischen Viertel« Erfurts gelegen, war dieses Bauwerk einst das Hauptgebäude der Alten Universität Erfurt, deren Gründung auf das Gründungsprivileg aus dem Jahr 1379 zurückgeht. Damit repräsentiert das Collegium maius die wohl älteste Alma mater Deutschlands, deren bekanntester Student und Lehrer Martin Luther war.
Im 15. Jahrhundert galt sie als eine der angesehensten Hochschulen Mitteleuropas und war für die Stadt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor; die dort um das Jahr 1500 lehrenden Humanisten übten eine große Anziehungskraft aus.

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Ein Jahr nach dem als »Tolles Jahr« in die Stadtgeschichte eingegangenen Aufstand der Erfurter Bevölkerung gegen ihre Ratsherren wegen des Bankrotts des städtischen Finanzhaushaltes wurde 1510 damit begonnen, das Collegium maius zu erbauen. Das spätgotische Portal zierte seit 1513 die Front des Gebäudes. In diese Zeit fällt wohl auch die Anfertigung der filigranen Maßwerkfenster im gotischen Stil. Das Obergeschoss mit dem repräsentativen Auditorium wurde zwischen 1549 und 1550 fertiggestellt. Eine Besonderheit sind hier die Steinmetzarbeiten an der Fensterfront des Nordgiebels. Im 19. Jahrhundert kam es zum Niedergang der Universität; als sie 1816 nur noch 20 Studenten hatte, wurde sie geschlossen. Den prächtigen Festsaal nutzte die Stadt weiterhin für Veranstaltungen.

Am 9. Februar 1945 zerstörten amerikanische Sprengbomben das Collegium maius bis auf die Erdgeschossmauern. Sorgsam wurden seinerzeit wertvolle Bauteile aus den Trümmern geborgen. Erst 1983 erfolgte der erste Schritt zum Wiederaufbau: anlässlich der Feierlichkeiten zum 500. Geburtstag Martin Luthers erstand das imposante Portal neu. Im Herbst 1989 galt das Collegium maius als Symbol für den geistig-kulturellen Aufbruch. Angeregt durch die bereits 1987 ins Leben gerufene Universitätsgesellschaft Erfurt, wurde die Universität 1994 neu gegründet. Viele Bürger beteiligten sich am Wiederaufbau ab1998.

Zum historischen Gebäudekomplex gehört das Bibliotheksgebäude aus dem Jahr 1847, das beim Umbau als Verwaltungssitz der EKM in seiner Grundstruktur erhalten blieb. Blickfang dieses Gebäudeteils ist zweifellos das sanierte Boineburgsche Portal, durch das die Besucher heute das Landeskirchenamt betreten. Philipp Wilhelm Reichsgraf von Boineburg war kaiserlicher und kurmainzischer Geheimer Rath, Statthalter von Erfurt und Rektor der Universität. Er stiftete ihr die von ihm noch ergänzte Bibliothek seines Vaters sowie ein beträchtliches Kapital. So konnte die Bibliothek in der Mainzer Hofstraße 12 errichtet werden. Nach deren Abbruch infolge eines Brandes im Jahr 1899 wurde das prächtige Tor gesichert und kam zunächst ins Städtische Museum. Seinen heutigen Platz erhielt das Portal dann 1935 am damaligen Bibliotheksgebäude.

Dort, wo sich einst das Gebäude der philosophischen Fakultät befand, steht nun der U-förmige Neubau; der entstandene Innenhof bildet die Klammer zwischen alter und neuer Bau-
substanz. Innen wechseln sich geschlossene Flure mit natürlicher Belichtung ab und bieten Ausblicke in den Hof. Die rund 150 Menschen, die im Landeskirchenamt in rund 100 Büros arbeiten, erleben das Gebäudeensemble als gemeinsames Haus. Um einen großzügigen Raumeindruck zu erreichen, sind die Räume geschosshoch verglast. Der Neubau ist der Schöpfungsbewahrung verpflichtet: hoch wärmegedämmt und mit begrüntem Flachdach; für die elektrische Versorgung bezieht das Kirchenamt ausschließlich Ökostrom. Die Gesamtkosten für den Um- und Ausbau betrugen 11,7 Millionen Euro. Das Land Thüringen und der Bund stellten davon 7,2 Millionen Euro aus Städtebaufördermitteln zur Verfügung. 4,5 Millionen stammen aus Eigenmitteln der Kirche.

Großen Wert legt das Landeskirchenamt auf den offenen Charakter der Einrichtung; so gibt es die gemeinsam mit der Universitätsgesellschaft angebotene Vortragsreihe der »Collegium Maius Abende« zur Historie der Universität, aber auch zu Themen der Kultur- und Geistesgeschichte. Besonders am Herzen liegen Präsidentin Brigitte Andrae außerdem die wechselnden Ausstellungen im Landeskirchenamt, zum Beispiel »Fotografien demenzkranker Menschen«, »Frauen der Reformation« oder »Malerei von Menschen mit Beeinträchtigungen«.

Adrienne Uebbing

Interessante Einblicke:
Das Landeskirchenamt in Erfurt lädt am 10. September von 10 bis 14 Uhr zu einem Tag der offenen Tür in die Michaelisstraße 39


www.ekmd.de

Programm
10 Uhr          Eröffnung mit Begrüßung durch die Präsidentin, anschl. Kurzvorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

10.30 Uhr    Präsentation / Workshops »Finanzen in der EKM« (Raum »Magdeburg«) sowie »Erprobungsräume« (Raum »Eisenach«)

11 Uhr           Vorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

11 Uhr           Vernissage »Vom Seemannspastor zum Propst« (Foyer)

11 Uhr            Hausführung

11.30 Uhr      Präsentation/Workshops »Der Kirchenwald« (Raum »Magdeburg«) sowie »GKR-Wahlen 2019« (Raum »Eisenach«)

12 Uhr           Andacht (vor dem »Großen Saal«)

12.30 Uhr     Hausführung

12.30 Uhr     Präsentation / Workshops »Offene Kirchen« (Raum »Magdeburg«) sowie »Refomationsjubiläum 2017« (Raum »Eisenach«)

13 Uhr           Hausführung


Miteinander reden statt übereinander

29. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Achava heißt Brüderlichkeit: Nach einem beachtlichen Start im vergangenen Jahr gehen die Achava-Festspiele, deren Medienpartner die Kirchenzeitung ist, in diesem Jahr vom 1. bis 11. September in Erfurt in die zweite Runde. Harald Krille sprach mit Martin Kranz, dem Intendanten des Festivals, über Ziele und Schwerpunkte des Programms.

Herr Kranz, Sie haben vor einem Jahr in einer an kulturellen Glanzlichtern nicht gerade armen Region mit »Achava« ein neues Festival ins Leben gerufen, wie kam es zu dieser Idee?
Kranz:
Ich war elf Jahre lang Leiter und Intendant der »Jüdischen Kulturtage« in Berlin, die in dieser Zeit das wirklich mit Abstand größte jüdische Festival in Deutschland wurden. Ich lebe aber weiter in Thüringen, in Weimar, und da hat mich schon lange die jüdische Geschichte Erfurts beeindruckt. Immerhin gab es in Erfurt im Mittelalter zumindest zeitweise die größte jüdische Gemeinde Deutschlands. Ich habe immer gedacht, da müsste man doch was machen.

2013 habe ich mich dann mit dem jüdischen Musikprofessor Jascha Nemtsov aus Weimar und dem Präsidenten der Musikhochschule, Professor Christoph Stölzl, zusammengesetzt. Gemeinsam erarbeiteten wir den Vorschlag, ein Festival zu etablieren, dass einen starken jüdischen Kern hat, aber künstlerisch, kulturell und religiös über den Tellerrand hinausschaut und zum Dialog von Kulturen und Religionen einlädt.

Und Sie stießen auf Begeisterung?
Kranz:
Am Anfang stießen wir auf viel Skepsis. Viele erkannten wohl zunächst auch das Potenzial eines solchen Festivals nicht. Aber dann rückte 2014 das Thema islamischer Terror und »IS« in den Blickpunkt, die Welt stand auf einmal in Flammen. Da habe ich dann gedacht, jetzt müssen wir es machen. Ich bin Anfang Dezember 2014, am Tag nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten, zu Bodo Ramelow. Auch mit ihm hatte ich vorher schon gesprochen und an dem Tag sagte er spontan: »Wir machen es.«
Kultur-vor-Ort-33-2016Aber er hatte außer ein paar freien Lottomitteln kein Geld, das Land hatte für 2015 noch keinen Haushalt. Doch er hat die Schirmherrschaft übernommen, wir haben uns den Namen »Achava« ausgedacht, was auf hebräisch »Brüderlichkeit« bedeutet und die Zielrichtung des Festivals vorgibt. Und dann haben wir Sponsoren gesucht und letztlich auch gefunden, sodass es 2015 das erste Achava-Festival gab.

Wie war die Resonanz im vergangenen Jahr?
Kranz:
Wir hatten um die 6 000 Besucher. Das ist für ein völlig neues Festival schon nicht schlecht.

Religion wird von vielen heute als Privatsache gesehen, von etlichen sogar als Bedrohung empfunden. Bei Achava geht es dezidiert um die jüdische, christliche, muslimische und auch buddhistische Religion und Kultur.
Kranz:
Achava nimmt sich Religion und Kulturen zum Anlass, um darüber nachzudenken, wie es mit uns und unserer Welt weitergeht. Dazu muss man immer einen Blick zurückwerfen und fragen: Wo kommen wir her? Wo ist unser kultureller und religiöser Ursprung? Beides hängt ja zusammen. Deshalb die Einladung an die Menschen, sich wieder verstärkt mit der Identität zu beschäftigen. Und da spielt Religion natürlich eine ganz große Rolle. Zum anderen sehen wir natürlich, wie weltweit Religion für politische Zwecke missbraucht wurde und wird. Auch dem wollen und werden wir nachspüren.

Was unterscheidet Achava II von Achava I?
Kranz:
Achava II ist in seiner Ausprägung vor allem noch einmal breiter aufgestellt und geht stärker weg von dem israelischen Fokus. Wir nehmen die anderen Kulturen, die anderen Religionen stärker in den Blick.

Zu den neuen Programmpunkten und Formaten in diesem Jahr gehört am 3. September der »Shuk Achava« im Erfurter Landtag. Was erwartet die Besucher dort?
Kranz:
Hinter der Idee des Shuks, also des traditionellen arabischen Marktes, steht für mich mehreres. Zunächst ist es ein Format mit einer niedrigen Hemmschwelle für Besucher. Zugleich finde ich es wichtig, im Landtag, also einem Haus, wo sonst Politik gemacht wird, die Tür zu öffnen und etwas zu machen, was sonst dort so nicht stattfindet: Wir machen politisches Kabarett im Plenum, wir machen Puppentheater im ganzen Haus, wir werden orientalisch kochen mit dem ehemaligen Chefkoch des Landtags und einem israelischen Spitzenkoch. Dort werden sich Erfurter Religionsgemeinschaften ebenso präsentieren wie die Fraktionen des Landtags, es wird Ausstellungen und Podiumsdiskussionen geben. Kurz: Wir bringen Politik, Kultur und Religion in einen Gesprächskontext.

Ein facettenreiches Mosaik mit Künstlern unterschiedlichster Herkunft und Genres bietet das Kulturprogramm der Festspiele. Fotos: Veranstalter

Ein facettenreiches Mosaik mit Künstlern unterschiedlichster Herkunft und Genres bietet das Kulturprogramm der Festspiele. Fotos: Veranstalter

Dazu gehört auch am Vormittag ein Israeltag, bei dem wir mit Schülern über das moderne Israel und die politische Lage im Nahen Osten diskutieren. Also niedrigschwellig viele Menschen ansprechen, eine Tür öffnen und sagen: Guckt einfach mal, seid neugierig, schaut euch das an. Das ist die Idee des Shuks.

Wir zeigen damit übrigens auch, dass Achava überparteilich ist: Schirmherr ist der Ministerpräsident Bodo Ramelow, ein Linker. In den Landtag aber wurden wir von Landtagspräsident Christian Carius, einem CDU-Politiker, eingeladen.

Als wohl größte Herausforderung empfinden die meisten Menschen die Auseinandersetzungen mit dem Islam und die Frage der Integration von Flüchtlingen. Greift Achava diese Fragen auf?
Kranz:
Aber natürlich spielen die Flüchtlingsfrage und die Herausforderung durch den Islam eine große Rolle. In der Reihe der Erfurter Religionsgespräche in der Peterskirche werden wir unter anderem der Frage nachgehen, ob und wie demokratie- und zukunftsfähig der Islam ist. Mit der türkischstämmigen Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek und dem Münsteraner Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide wird es dabei kompetente und auch kritische Gesprächspartner geben.

Werden Flüchtlinge auch selbst zu Wort kommen?
Kranz:
Selbstverständlich. Zum Beispiel in der Reihe »Hört die Zeugen«. Da wird uns in diesem Jahr unter anderem ein syrischer Flüchtling über seine drei Jahre andauernde Flucht erzählen, auf der er fünf Sprachen lernte, bevor er in Berlin ankam und jetzt Dolmetscher werden will. Das ist doch spannend, sich mit so einem Menschen zu unterhalten. Überhaupt ist es wichtiger, mit Flüchtlingen, mit Muslimen, zu reden, als immer nur über sie.

Und ich komme wieder auf den Shuk zurück: Dort wird die »Banda International« aus Dresden auftreten und auch mit den Besuchern ins Gespräch kommen. Das ist eine Formation, in der Flüchtlinge aus 20 Nationen mitspielen und die als künstlerische Antwort auf Pegida entstanden ist.

Viele Veranstaltungen bei Achava sind kostenlos, andere kosten einen eher symbolischen Eintritt von fünf Euro. Wie funktioniert das bei solch hochkarätigem Programm?
Kranz:
Das funktioniert vor allem durch die Unterstützung von Privatpersonen und -institutionen. Der Gesamtetat des Festivals beträgt 500 000 Euro. Knapp 250 000 Euro kommen von privaten Spendern, der Rest sind öffentliche Mittel. Ich stehe dafür, dass Achava kein Hochpreis-Eliten-Festival wird, sondern wir wollen alle erreichen. Und ich denke, für eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion sind fünf Euro ein zumutbarer Obolus. Für die teuersten Konzerte sind je nach Preiskategorie 15 bis 30 Euro fällig. Das kann sich wohl jeder leisten, wenn er es möchte. Und so soll es auch bleiben.

Was wünscht sich der Intendant von Achava für das Festival?
Kranz:
Der größte Wunsch ist natürlich, dass möglichst viele Besucher kommen. Das Zweite ist, dass alles glatt läuft, dass die Künstler gesund sind, dass wir alle Veranstaltungen durchführen können. Und das Dritte ist, dass die Menschen, die kommen, etwas mitnehmen. Dass wir in einer Zeit, in der viele Fragen im Raum stehen, wir vielfach verunsichert sind, ein paar Anregungen und vielleicht auch ein paar Antworten geben können und vor allem ehrlich miteinander ins Gespräch kommen, Probleme offen ansprechen. Das ist ja der Sinn von Achava.

www.achava-festspiele.de

Ein Festival für Toleranz und Dialog

Im Grußwort der Veranstalter heißt es: »Das Motto der Achava-Festspiele ist dem Buch des Propheten Micha entnommen: ›Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.‹ Diese Friedensvision erscheint einfach, ist aber anscheinend nicht selbstverständlich in einer Welt, in der ständig versucht wird, einander seinen Glauben, seine Meinung und Lebensweise als einzig richtige aufzuzwingen.«

»Egal welcher Religion wir angehören oder ob wir keiner Religion angehören, dürfen wir in den zahlreichen Veranstaltungen Gemeinsamkeiten entdecken, über unsere Unterschiede reflektieren und sehr viel lernen«, meint Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, als Schirmherr.

Und Ministerpräsident Bodo Ramelow, ebenfalls Schirmherr, schreibt: »Die Erfurter Achava Festspiele geben wichtige Impulse für unsere weltoffene Gesellschaft.« Das Festival sei eine Stimme der Humanität und die kulturvolle und kulturelle Antwort der Zivilgesellschaft auf Intoleranz und Ausgrenzung und Ausdruck für das moderne und weltoffene Thüringen.

Das Marburger Religionsgespräch

23. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Lutherstädte: 1529 kam der bekannteste Mann Europas an die Lahn: Martin Luther nahm auf dringenden Wunsch des hessischen Landgrafen Philipp am Marburger Religionsgespräch teil. Aber eine Einigung scheiterte. Dieser Beitrag ist Teil einer Porträt-Serie über Lutherstädte.

Es war der 30. September 1529. Ein wichtiger Termin stand an: Der Reformator sollte seinen Kontrahenten Ulrich (Huldrych) Zwingli treffen, auf dringenden Wunsch des hessischen Landgrafen Philipp. »Man weiß: Luther ist aus seiner Kutsche ausgestiegen«, erzählt Christoph Becker. »Die Marburger haben sich die Augen ausgeguckt. Denn Luther war der bekannteste Mann Europas.«

Christoph Becker, Pferdeschwanz und Hut, ist Historiker und Schriftsteller, er schreibt historische Krimis. Jetzt begleitet er zwei Jahre lang für die Stadt Marburg das Reformationsjubiläum 2017. Er hat ein Buch über die Stadt und die Reformation geschrieben, mit vielen Anekdoten aus dem Alltag. Marburg rechnet mit vielen Besuchern. Am 31. Oktober 1517, vor 500 Jahren, veröffentlichte Luther in Wittenberg seine 95 Thesen – der Tag symbolisiert den Beginn der Reformation, in der Marburg eine zentrale Rolle spielte.
Luther ging an diesem Septembertag 1529 den steilen Weg hinauf in die Stadt, über den Marktplatz, zu einem Eckhaus, an dem heute ein Schild hängt: »Hier wohnte Dr. Martin Luther 1529.« Becker lacht. »Man könnte drunter schreiben: für vier Stunden.« Denn der Reformator zog sich in dem Gasthaus nur um und eilte weiter, hoch ins Schloss, wo ihn der Landgraf erwartete. Und sein Kontrahent Zwingli.

Bis zum 4. Oktober blieben die Reformatoren auf dem Schloss. Versammelt war die theologische Elite der Zeit: Luther, der mit Philipp Melanchthon aus Wittenberg angereist war, Zwingli aus Zürich und Martin Bucer aus Straßburg, Justus Jonas aus Sachsen, weitere Theologen, weltliche Ratsherren und Militärs. Luther und Zwingli trennte ein heftiger Streit um die Auslegung des Abendmahls: Für Luther war Christus real gegenwärtig in Brot und Wein, für Zwingli bedeuteten Brot und Wein symbolisch den Leib und das Blut Christi. »Luther wollte gar nicht nach Marburg kommen«, sagt Historiker Becker. »Er fürchtete, dass er verlieren konnte.« Aber Landgraf Philipp, eine politische Kraft hinter der Reformation, bestand auf dem Treffen. »Philipp war durch und durch Machtmensch«, sagt Becker. »Er war der zweite Landesfürst, der in seinem Land die Reformation eingeführt hat.« Und er hatte 1527 die erste protestantische Universität der Welt gegründet.

Auf dem Schloss ging es sehr laut zu. Die Kontrahenten wohnten teilweise im selben Zimmer. Die Diskussionen in der Fürstenwohnung wurden auf Deutsch und auf Latein geführt, es gab eine Redeordnung, Treffen unter vier Augen, ein Abschlussgespräch.

Philipp zwang die Reformatoren, sich in so vielen Punkten wie möglich zu einigen. Doch eine Einigung scheiterte am Ego Luthers. »Er hat auf stur gestellt«, sagt Becker. Es gab zwar eine Abschlusserklärung mit 15 Artikeln, doch in der entscheidenden Abendmahlsfrage blieben die Differenzen.

Stiegen führen hoch zum Schloss, Fachwerkhäuschen schmiegen sich an den Berg. Auf dem Marktplatz sitzen Touristen beim Kaffee in der Sonne, sie sprechen deutsch, englisch, holländisch. 1529 lebten nur 3 500 Menschen in der Stadt. In den Hinterhöfen waren die Schweineställe, Fäkalien wurden über die Gosse entsorgt oder den Schweinen verfüttert. »Hier wollen wir eine ›Stinkstation‹ aufbauen«, sagt Becker und deutet auf eine dunkle Ecke hinter der lutherischen Pfarrkirche. Der Plan für das Marburger Jahr zum Reformationsjubiläum steht. »Wir wollen das 16. Jahrhundert lebendig werden lassen«, erklärt Kulturamtsleiter Richard Laufner.

Am Fronleichnams-Wochenende im Juni 2017 ist eine Zeitreise geplant. In der »Stinkstation« soll es so riechen wie damals. Ein Schauspieler trägt Tischreden Luthers vor, es gibt eine Armenspeisung, ein Pfarrer braut Bier. Das ganze Jahr über sind in Zusammenarbeit mit Universität und Kirchen Ausstellungen, Tagungen und ein Lutherstück im Landestheater vorgesehen.

Luther reiste am 5. Oktober aus Marburg ab. Das – im Grunde ergebnislose – Religionsgespräch ist noch heute bekannt. »Es hat was Folkloristisches«, findet Becker. Religionsgeschichtlich war es ein entscheidender Schritt zur Trennung zwischen lutherischen und reformierten Protestanten.

Stefanie Walter (epd)

Kloster auf Zeit

17. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Memleben war einst Kaiserpfalz und Kloster: Heute ist es Museum. Aber ein belebtes, denn seit sechs Jahren ziehen jeden Sommer für einige Tage bayrische Benediktinermönche ein, leben und arbeiten und legen vor den Gästen Zeugnis ihres Glaubens ab.

Da hinunter? Die steile Treppe führt ins Nichts. Ein großes schwarzes Loch tut sich auf. Doch wer sich traut und behutsam einen Fuß vor den anderen setzt, erkennt: So düster ist diese Dunkelheit gar nicht. Unten angekommen, erhellen sieben Kerzen die 900 Jahre alte Krypta. Aus kleinen bunten Fenstern fällt sanftes Mittagslicht. Psalmengesänge durchdringen die Stille. Drei Männer, in schwarze Gewänder gekleidet, singen: »Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir.«

Es sind für Memleben, gelegen an der Unstrut im Burgenland, ungewöhnliche Szenen, die sich in der vergangenen Woche abgespielt haben. Nicht nur gehört das Gebiet trotz reicher, auch reicher kirchenhistorischer, Geschichte, zu den entkirchlichsten Regionen der Welt; auch wurde das Kloster infolge des Niedergangs durch die Reformation im 16. Jahrhundert endgültig aufgehoben. Erstmals seit rund 500 Jahren kehrten im Jahr 2011 Benediktinermönche aus der bayrischen Abtei Münsterschwarzach in das ehemalige Kloster und die alte Kaiserpfalz zurück. Zumindest zeitweise. Jeden Sommer, für jeweils rund fünf Tage, leben und arbeiten die römisch-katholischen Ordensbrüder in der Anlage, die heute ein Museum ist. »Der Besuch der Benediktiner ist Teil unseres Projekts ›Lebendiges Kloster‹«, schildert Museumsleiterin Andrea Knopik. Der historische Ort, einst auch von Benediktinern bewohnt, soll neu mit Glauben gefüllt werden und Besuchern Einblicke gewähren in das moderne Mönchtum.

Pater Remigius, Pater Maximilian und Pater Samuel (v. l.) leben für fünf Tage im Museum Kloster und Kaiserpfalz Memleben. Ihr Tagesablauf hier unterscheidet sich kaum von dem in der Abtei Münsterschwarzach. – Foto: Katja Schmidtke

Pater Remigius, Pater Maximilian und Pater Samuel (v. l.) leben für fünf Tage im Museum Kloster und Kaiserpfalz Memleben. Ihr Tagesablauf hier unterscheidet sich kaum von dem in der Abtei Münsterschwarzach. – Foto: Katja Schmidtke

»Mit ›Der Name der Rose‹ hat unser Leben wahrlich nichts zu tun«, räumt Pater Maximilian Grond sogleich mit dem ersten Vorurteil auf. Die Abtei Münsterschwarzach, in der 80 Glaubensbrüder leben und arbeiten, ist einerseits ein Ort der Beständigkeit im Glauben und in der Gemeinschaft, andererseits verweigern sich die Mönche nicht der modernen Welt. Die Abtei hat vor 16 Jahren mit ihrer eigenen Energiewende begonnen und verzichtet – den Treibstoff für die Fahrzeuge ausgenommen – auf fossile Brennstoffe. Biogasanlage, Wasserkraftwerk und Solaranlagen erzeugen den Strom, die Heizung wird von einer Holzhackschnitzelanlage betrieben. Den Ölverbrauch habe man von rund 650 000 Litern pro Jahr auf nahezu Null gefahren. Das bringt finanzielle Vorteile, ist aber nicht nur monetär begründet, sondern fest im Glauben verankert. »Die Bewahrung der Schöpfung ist uns als Auftrag mitgegeben«, erzählt Pater Maximilian von der Benediktinerregel. Alle Dinge sollen wie heiliges Altargerät behandelt werden. Eine Trennung in Sakrales und Profanes kennen die Benediktiner nicht.

Wohl aber Stress und Hektik. Diese vermeintlichen Symptome unserer außerklösterlichen Welt sind auch innerhalb der Klostermauern bekannt, sagt der Pater und schmunzelt. Zur Benediktinerregel zählt Ora – Beten – Legere – Lesen –, aber auch Labora – Arbeiten. Denn laut Benedikt soll so viel wie möglich von dem, was zum Leben benötigt wird, im Kloster hergestellt werden. »Klöster sind auch Wirtschaftsunternehmen. Das wollen wir unseren Gästen in diesem Jahr schwerpunktmäßig zeigen«, sagt die Memlebener Museumsleiterin Andrea Knopik. 20 Betriebe gibt es auf dem Münsterschwarzacher Klostergelände, nicht überall arbeiten Mönche. »Wir haben auch Angestellte«, erzählt Pater Maximilian. Eine Goldschmiede, eine Druckerei und ein Verlag, Bäckerei und Metzgerei gehören etwa zur Vier Türme GmbH. Das Kloster muss sich finanziell selbst tragen.

Nach Memleben haben die Mönche eine kleine Auswahl ihrer Produkte mitgebracht und gewähren einen Einblick in eine klösterliche Holzwerkstatt: Gäste können Kreuze fertigen. Die Tage in Sachsen-Anhalt sind für Pater Maximilian und seine Mitbrüder Remigius und Samuel eigentlich kein großer Unterschied zum Tagwerk in Münsterschwarzach. Die festen Gebetszeiten werden auch in Memleben eingehalten: vier Mal am Tag sind dazu auch Gäste eingeladen. Davor gibt es Gesprächsrunden über das Leben im Kloster. Im Gegensatz zur heimischen Abtei begegnen die Benediktiner hier in Memleben mehr oder weniger zufällig Gästen, vermehrt auch Konfessionslosen. Gerade mit ihnen ergeben sich oft tiefe Gespräche. Es sind Momente, in denen vom historischen Ort Memleben aus eine Brücke geschlagen wird zu einem lebendigen Ort des Glaubens: »Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir«, klingt es aus der Krypta. In das Vaterunser stimmen viele Gäste mit ein.

Katja Schmidtke

Flamme der Reformation angefacht

9. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Heidelberg: In der Stadt am Neckar konnte Martin Luther 1518 erstmals seine um-strittenen Thesen diskutieren. Später gab es vor dem Altar der Heiliggeistkirche ein handfestes Gerangel zwischen Katholiken, Lutheranern und Reformierten.

Der 26. April 1518 war für Martin Luther eine Premiere: Ein halbes Jahr nach Veröffentlichung seiner 95 Thesen hatte er zum ersten Mal außerhalb Wittenbergs die Möglichkeit, mit Akademikern darüber zu diskutieren. Bei den Heidelberger Professoren biss er allerdings mit seinen Vorstellungen über die Rechtfertigung – was also einen Menschen »gut« macht vor Gott – auf Granit.

»Wie das Mönchlein Martin zu Heidelberg die Flamme der Reformation anfacht«: Unter diesem Motto bietet die Stadt am Neckar einen unterhaltsamen und informativen Rundgang zu Luthers Besuch in Heidelberg an. Foto: Heidelberg Marketing GmbH

»Wie das Mönchlein Martin zu Heidelberg die Flamme der Reformation anfacht«: Unter diesem Motto bietet die Stadt am Neckar einen unterhaltsamen und informativen Rundgang zu Luthers Besuch in Heidelberg an. Foto: Heidelberg Marketing GmbH

Viel nachhaltiger sollte der 34-jährige Theologie-Professor Luther bei den Studenten wirken, die ihm in diesen Stunden zu Füßen saßen. Die Rechtfertigungslehre war die Basis für die Kritik am Ablasshandel, die Luther in den am 31. Oktober 1517 veröffentlichten 95 Thesen formuliert hatte.

Heidelberg gilt historisch nicht als Zentrum des lutherischen, sondern des reformierten Glaubens. Die kurpfälzischen Herrscher entschieden sich für diesen Teil der Reformation. Hier wurde 1563 der Heidelberger Katechismus verabschiedet, der stärker den Ideen von Johannes Calvin folgte als denen Luthers. Da die Reformierten Bildern gegenüber noch kritischer

waren als die Lutheraner, sind manche Kirchen Heidelbergs bis heute im Inneren sehr schlicht.
Stadtführer Reinhard Störzner bietet spezielle Luther-Touren an. Der Heidelberg-Experte hat zur Kirchengeschichte der Stadt einen sehr persönlichen Zugang – er ist Vorsitzender des Ältestenkreises der Heiliggeistkirche im Herzen der Altstadt. Er berichtet lebendig von den heftigen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken, Lutheranern und Reformierten. So gab es wegen des Streits um das richtige Verständnis vom Abendmahl vor dem Altar der Heiliggeistkirche ein handfestes Gerangel unter den Geistlichen. Diese Kirche war zudem 230 Jahre lang, bis 1936, durch eine Mauer in zwei Teile getrennt, Katholiken und Protestanten hatten verschiedene Eingänge.

Auf dem heutigen Universitätsplatz, wo im 16. Jahrhundert das Augustinerkloster stand, wurde 1983 zum 500. Geburtstag Martin Luthers eine Gedenkplatte in den Boden gelassen. Luther hatte im Kloster übernachtet und vermutlich in der benachbarten Artistenfakultät disputiert, berichtet Störzner. Anlass war die Generalversammlung des Augustiner-Ordens, dessen Generalvikar Johann von Staupitz Luthers Beichtvater war. Der Augustiner-Mönch Luther war, teilweise zu Fuß, aus Wittenberg gekommen.

Luther lobte drei Wochen nach seinem nur einige Tage währenden Aufenthalt in einem Brief die Atmosphäre der Disputation. Die Dozenten hätten sich ihm »aufs Beste empfohlen«. Nur einer der Doktoren habe die ganze Zuhörerschaft zum Lachen gebracht mit dem Spruch: »Wenn das die Bauern hörten, würden sie Euch gewiss steinigen und totschlagen.« Gleichzeitig bedauerte Luther, dass er bei den altgedienten Professoren mit seiner Botschaft nicht landen konnte. Er äußerte die Hoffnung, dass die »wahre Theologie, von jenen eingebildeten Alten verstoßen, sich zur Jugend wende«.

Und genau das passierte: Unter den Zuhörern saßen mehrere junge Männer, die später die Reformation im Südwesten durchsetzten: Martin Bucer (Reformator in Straßburg), Johannes Brenz (Schwäbisch Hall/Stuttgart), Martin Frecht (Ulm) und Theobald Billican (Nördlingen). So hatte Luthers Auftritt am Neckar eine viel nachhaltigere Wirkung, als er wohl selbst nach seiner Disputation erwartet hätte.

Erinnerungen an den kurzen Besuch des 34-jährigen Reformators gibt es in der Stadt kaum. Neben der Peterskirche, die heute als Universitätskirche dient, steht seit 1883 eine Luther-Eiche. Ein Glasfenster weist Kirchenbesucher auf die großen Köpfe der Reformbewegung hin. Außerdem steht ebenfalls in der Altstadt die Providenzkirche, ein 1661 fertiggestellter lutherischer Kirchenbau, den Kurfürst Karl-Ludwig seiner Zweitfrau Louise von Degenfeld errichten ließ. Der Streit der Konfessionen ging manchem Heidelberger in den vergangenen Jahrhunderten auch mächtig auf die Nerven. Stadtführer Störzner zitiert dazu einen historischen Spottvers: »Die Katholiken sind voller List und Tücken. Die Calvinisten sind keine rechten Christen. Doch die größten aller Ochsen – sind die lutherischen Orthodoxen.«

Die eigentliche Renaissance erlebt der Reformator Martin Luther derzeit im Foyer der Heiliggeistkirche. Dort steht er als Playmobilfigur zum Verkauf. »Unser Bestseller«, schmunzelt Störzner.

Marcus Mockler

Beim Rundgang zu Luthers Besuch in Heidelberg wird besonderes Augenmerk auf die frühe Entwicklungsphase der Reformation gerichtet, um von da einen Bogen zu schlagen zu den Folgen und Wirkungen der Umwälzungen für Hof, Stadt und Land bis in die Gegenwart (Dauer: 2 Stunden), Anmeldung: E-Mail <guide@heidelberg.de> Telefon (0 62 21) 14 22-23/-24/-25/-26

www.heidelberg-tourismus.de

Auf der Alm, da gibts die Sünd

2. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Urlaubsvertretung – das mache ich gerne. Vier Wochen in einer bayerischen Gemeinde. Man feiert Gottesdienste auf Bergen, an Seen, auch in Kirchen. Denn die Gemeinden sind tourismusbedingt im Sommer größer.

Man entlastet das Team der Geistlichen vor Ort. Viele Touristen aus Ostdeutschland trifft man. Die sagen nicht selten: »Zuhause gehen wir in keinen Gottesdienst.« Ich frage: »Aber hier? Warum?« Sie antworten: »Weil’s in die Landschaft passt. Und weil uns hier keiner kennt.«

Predigt in den Bergen: Pfarrer Felix Leibrock beim Gottesdienst auf dem Wallberg am Tegernsee. Foto: privat

Predigt in den Bergen: Pfarrer Felix Leibrock beim Gottesdienst auf dem Wallberg am Tegernsee. Foto: privat

Auf der Alm, da gibts so manche Sünde, die man nicht voraussieht. Ich habe mal auf der Winklmoosalm (richtig: die von der Rosi Mittermaier!) über Auf- und Abstieg gepredigt. Man musste ja da rauf- und runterlaufen. Illustriert habe ich das am 1. FC Köln. Der war gerade aufgestiegen. »Die können auch wieder absteigen«, sage ich. Da stehen ein Dutzend Menschen auf und gehen. Einer ruft mir empört zu: »Unverschämt! Wir steigen nicht mehr ab. Nehmen Sie Düsseldorf, die sind dafür viel besser geeignet.« Immer wieder versuche ich mir einzureden, dass das Spaß war. War es aber nicht. Ganz ernste Gesichter. Der Fußballgott ist offenbar ein strenger. Obwohl es ihn nicht gibt.

Am Forggensee halte ich eine Abendandacht. Idyllische Kulisse. Selbst die Schwäne liegen am Ufer und scheinen zuzuhören. Dann spielt der Posaunenchor. Und jetzt passiert es: Die Schwäne schlagen wild mit den Flügeln und gehen schnappend los auf – nein, nicht auf den Posaunenchor, den Verursacher der Aggression, sondern auf den Mann mit dem schwarzen Leibrock! Bis heute hadere ich mit dem Unrecht, das mir da widerfuhr. Ich bin um den halben See gerannt, um den Bissen der Schwäne zu entfliehen. Immerhin haben nach der Attacke deutlich mehr Leute an der Andacht teilgenommen. Weil’s eine Action-Andacht war. Oder warum auch immer. Und der Posaunenchor weiß jetzt hoffentlich: Schwanengesang geht anders.

Einmal habe ich eine Silberhochzeit auf dem Wallberg am Tegernsee gehalten. Herrliches Wetter, die Berge prachtvoll, das Jubelpaar aufgeregt wie am Tag der Hochzeit. Wir bauen die Segnung in den Gottesdienst ein. »Wenn ihr euch noch liebt, könnt ihr das hier vor der Gemeinde auch noch mal öffentlich sagen. Liebt ihr euch?«, frage ich. Eine Antwort kommt sekundengenau und sehr laut. Erst mal noch nicht vom Ehepaar, sondern von ihrem Hund. Wau! Wow!

Gottesdienste auf dem Berg, am See, das ist immer eine ganz eigene Atmosphäre. Irgendwie gelöster, wenn die Kühe das Glockengeläut liefern. Wenn dem Pfarrer der Talar hochweht wie Marylin Monroe das Kleid. Wenn ein Alphorn so ergreifend spielt, dass selbst die Hunde im Tal aufjaulen. Gelöst und heiter bei Gott sein, vielleicht ist es das, was die Menschen auf dem Berg oder am See suchen. Nach so einem Gottesdienst bin ich mit einem Einheimischen im Lift nach unten gefahren. Ich hatte ja viel Gepäck: Wegweiser zum Gottesdienst, Liedhefte, Talar. Das trägt sich schlecht zu Fuß. Da sagt der Mann im Lift zu mir: »Sagen Sie mal, wird bei Ihnen in Thüringen im Gottesdienst in der Kirche öfters gelacht?« Ich: »Na ja, schon. Wir haben ja eine Frohe Botschaft. Da können wir nicht nur als Kopfhänger und Bodenkriecher Gott feiern. Und Jesus bei der Hochzeit in Kana, den kann ich mir auch nicht als Spaßverderber und Trauerkloß vorstellen.« Der Mann: »Hm. Wissen Sie was? Ich gehe hier seit 30 Jahren jeden Sonntag in den Gottesdienst. Wir haben noch nie gelacht.«

Noch eine Beichte: In der Zeit der Urlauberseelsorge schreibe ich meine Krimis. Dafür brauche ich Zeit. Um die zu gewinnen, wechsele ich die Urlaubsorte. Die Bergpredigt in Füssen kann ich nächstes Jahr in Berchtesgaden und übernächstes in Ruhpolding halten. Spart mir die Predigtvorbereitung. Dachte ich. Bis beim letzten Mal auf der Kührointalm ein freundliches Ehepaar kommt und sagt: »Herr Pfarrer, die Predigt von Ihnen kannten wir schon. Wir wechseln jedes Jahr den Urlaubsort.« Jetzt habe ich ein Problem.

Felix Leibrock

Der Autor ist Geschäftsführer und Pädagogischer Leiter des Evangelischen Bildungswerks München, nebenamtlicher Polizeiseelsorger und »Krimi-Pfarrer«. Lebt in Weimar und München.

Wenig Schlaf für den jungen Luther

26. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Lutherstädte: In Erfurt begann Martin Luther zu studieren, bis ein heftiges Gewitter ein Leben veränderte. Der wohlhabende Student wurde zum Bettelmönch. Dieser Beitrag ist Teil einer Porträt-Serie über Lutherstädte.

In Erfurt erzählt fast jeder Pflasterstein eine Geschichte. Auf einige von ihnen hat zu Beginn des 16. Jahrhunderts auch der junge Martin Luther (1483–1546) seine Füße gesetzt. Im Jahr 1501 kam der spätere Reformator nach seiner Schulzeit in Mansfeld, Magdeburg und Eisenach nach Erfurt. Rund zehn Jahre später verließ er sie als Mönch. Zunächst studierte er, wie damals oft üblich, an der »Hierana« die »Sieben Freien Künste«, wie Grammatik, Rhetorik und Astronomie.

Die Erfurter Universität bestand schon mehr als 100 Jahre. Manch ortsansässiger Historiker nennt sie gar die älteste Universität Deutschlands, stammt doch das Privileg zu ihrer Einrichtung aus dem Jahr 1379. Erfurt hatte damals 20 000 Einwohner und zählte zu den fünf größten Städten im Reich. Heute hat die thüringische Landeshauptstadt gut 200 000 Einwohner und bietet einen großen mittelalterlich geprägten Altstadtkern.

Damals übte der Ruf von Stadt und Universität auf den jungen Mann aus wohlhabendem Hause eine magische Anziehungskraft aus. Zudem versprach sich sein strenger Vater vom späteren Studium der Jurisprudenz einen Grundstein für eine steile Karriere als Beamter an einem Fürstenhof.

Doch es kam anders. Die Legende berichtet, dass der junge Mann am 2. Juli 1505 auf der Rückreise von einem Besuch bei seinen Eltern im rund 90 Kilometer entfernten Mansfeld auf einem Feld bei Stotternheim, das heute zu Erfurt gehört, von Blitz und Donner überrascht wurde. In Todesangst rief er: »Ich will Mönch werden!« Das setze er um und trat zwei Wochen später in das strenge Augustinerkloster ein. Forscher vermuten, dass er schon vorher mit dem Gedanken gespielt hatte, aber Angst vor der Reaktion des Vaters hatte.

Augustinerkloster in Erfurt. Foto: privat

Augustinerkloster in Erfurt. Foto: privat

Im heutigen Augustinerkloster wird deutlich, wie die Mönche des Bettel­ordens vor 500 Jahren lebten. Und wie Luther sich mit der Frage quälte: »Wie kriege ich einen gnädigen Gott?« In der Dauerausstellung unter dem Dach sind Mönchszellen zu sehen. Allerdings dienten sie nicht privaten Bedürfnissen, erzählt Kurator Carsten Fromm. Geschlafen wurde in einem Raum, die Zellen dienten allein als Rückzugsorte für die Glaubensarbeit.

In einem der kleinen Räume werden hinter dicken Eisenstäben schwere Folianten aufbewahrt. Sie sind Teil der berühmten Bibliothek des Klosters. Durch eine Glasscheibe hindurch können die Besucher aus der Ausstellung in ihren Lesesaal blicken. Im Fenster der Kirche ist die Rose zu sehen, die den Reformator zu seinem Siegel inspiriert haben soll. Im Kapitelsaal bekommt der Gast eine kleine Vorstellung von der Strenge des klösterlichen Lebens. Mehr als vier Stunden Schlaf waren für die Mönche nicht drin, den Rest des Tages widmeten sie sich Gebet und Studium der Heiligen Schrift.

Heute ist das Kloster eine Bildungs- und Begegnungsstätte. Wer ohne Parkplatz und Telefon auskommen kann, ist hier richtig. »Wir versuchen eine Reduktion auf das Wesentliche«, beschreibt Kurator Fromm das Anliegen seines Hauses. Von hier aus lässt sich Luthers Erfurt erkunden.

Nur wenige Schritte sind es vom Kloster hinüber zum Dom, wo Luther 1507 zum Priester geweiht wurde. Der Weg führt durch das alte lateinische Viertel der Universität, über kurze Abstecher gelangt man zur Krämerbrücke, der einzigen bebauten Brücke nördlich der Alpen, und in die Waagegasse zur ältesten erhaltenen Synagoge Mitteleuropas. Dort ist seit einigen Jahren auch der Goldschatz zu sehen, den ein reicher Jude vor dem Pogrom von 1349 vergrub.

Vieles lässt sich in Erfurt entdecken, was an Luthers Aufenthalt bis 1511, seinem Wechsel nach Wittenberg, erinnert. Die Humanistenstätte Engelsburg zum Beispiel, die heute Studentenclub ist. Dort soll der kranke Martin Luther 1537 behandelt worden sein. Und die pittoresken Bursen, Fachwerkhäuser am Flussufer, die als Studentenwohnheime dienten. So gründete sich vor einigen Jahren der Verein »Georgenburse Erfurt«, der das Haus betreut, in das der Student Luther Ende April 1501 eingezogen sein soll. Es gibt eine kleine ökumenische Pilgerherberge und eine Ausstellung darüber, wie die Studenten im Mittelalter so lebten.

Von Dirk Löhr und Wiebke Rannenberg (epd)

Ein Poet im Pfarrhaus

18. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Bad Köstritz gedenkt des Dichterpfarrers Julius Sturm, der vor 200 Jahren geboren wurde

Die letzte Ruhestätte des Dichterpfarrers Julius Sturm auf dem Friedhof in Bad Köstritz. Foto: Wolfgang Hesse

Die letzte Ruhestätte des Dichterpfarrers Julius Sturm auf dem Friedhof in Bad Köstritz. Foto: Wolfgang Hesse

Julius Sturm (1816–1896) war zu seiner Zeit, der Spätromantik, ein bekannter Dichter und Märchenerzähler. In Fachkreisen geschätzt als Kleinmeister der Literatur und Schriftsteller der kleinen und leisen Dinge. Bis 1910 waren seine Werke in fast jeder Gedicht-Sammlung zu finden. Anfang des 20. Jahrhunderts ist er jedoch vergessen worden. In Bad Köstritz ist das Erbe des Pfarrers und Liederdichters seit jeher unvergessen. Geboren wurde Julius Karl Reinhold Sturm am 21. Juli 1816 in Köstritz. Er besuchte das Geraer Rutheneum, Theologie studierte er in Jena. Zunächst arbeitete Sturm als Erzieher in Heilbronn und danach im Hause der Fürstenfamilie Reuß in Schleiz. Die Heirat brachte ihn zurück nach Köstritz, wo er die Nachfolge seines Schwiegervaters im Pfarramt antrat. Bis zu seinem Tod am 2. Mai 1896 ist Julius Sturm seiner Geburtsstadt treu geblieben. Viele historische Stätten in Bad Köstritz erinnern an diesen Sohn und Förderer der Stadt. Ein Denkmal, eine Gedenktafel am Pfarrhaus, in dem er von 1860 bis 1885 wirkte, das Sturmzimmer im Palais und seine letzte Ruhestätte auf dem neuen Köstritzer Friedhof gehören dazu. Bad Köstritz gedenkt in diesem Jahr nicht nur Sturms 200. Geburtstages, sondern sein Todestag jährt sich ebenfalls zum 120. Mal. Das ganze Jahr 2016 steht daher im Zeichen der Erinnerung an den geheimen Kirchenrat, Doktor der Theologie und Ehrenbürger von Köstritz. Friederike Böcher, Direktorin im Heinrich-Schütz-Haus, berichtet allein von zwei Ausstellungen in ihrem Haus. Im Frühjahr zeugte eine Schau vom Einfluss Martin Luthers auf Sturms Leben und Schaffen mit Gedichten zur und über die Person des Reformators. Bis September beschäftigt sich die aktuelle Ausstellung »Dein Lied, o Luther, tönt wie Meeresrauschen« mit Sturms Liedern. »Etwa 35 Choräle, nach Worten von Julius Sturm, hatten oder haben den Weg in evangelische Gesangbücher gefunden, zum Beispiel: Nun geh’ uns auf, du Morgenstern«, weiß Friederike Böcher. Sturm nutzte das Schreiben vorrangig zur Alltagsbewältigung. Seine Gedichte, Fabeln und Märchen sind Ausdruck von Freude und Traurigkeit, handeln von den kleinen Dingen des Alltags, von der Schönheit der Natur und berichten Vers für Vers von seinem tiefen unerschütterlichen christlichen Glauben. »Josef Gabriel Rheinberger, Carl Reinecke, Franz Schreker, Hugo Wolf und viele andere mehr haben Lieder oder vierstimmige Sätze nach Worten von Julius Sturm verfasst«, ergänzt Friederike Böcher. »Mehrere davon werden zur 14. Köstritzer Museumsnacht am 26. August 2016 erklingen.«

Die Fest- und Gedenktage vom 21. bis 24. Juli 2016 in Bad Köstritz bilden den Höhepunkt der Feierlichkeiten. Die Gäste erwartet ein abwechslungsreiches Programm. Bürgermeister Dietrich Heiland wird in die Rolle von Julius Sturm schlüpfen und Geschichten und Gedichte vortragen. Alle Gedenkstätten in Bad Köstritz können erkundet werden. Ein Vortrag wird sich mit der Bedeutung des Dichters zu seiner Zeit beschäftigen. Zum Abschluss wird zu einem Gottesdienst 10 Uhr in die Köstritzer Kirche St. Leonhard, in Ablauf und Gestaltung angelehnt an die Zeit von Julius Sturm, eingeladen.

Wolfgang Hesse

Das unaufgeklärte Luthertum klingt nach

12. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Die Judenfeindlichkeit Luthers ist eine schwere Hypothek der Reformation. In Bachs Musik klingt sie bis heute nach, woran das Eisenacher Bachhaus mit seiner neuen Sonderausstellung erinnert.

Eisenach hält Kurs auf das Reformationsjubiläum. Mit »Luther, Bach – und die Juden« wurde Ende Juni im Bachhaus die aktuell dritte Sonderausstellung in der Stadt eröffnet, die Martin Luther in den Mittelpunkt rückt. Wobei der Ton ein auffällig anderer ist als auf der Wartburg (»Martin Luther und die deutsche Sprache«) und im Stadtschloss (»Face to Face – Martin Luther und Martin Luther King«). Kurator Dr. Jörg Hansen, der Direktor des Bachhauses, setzt der allseitigen Würdigung am Vorabend des Jubeljahres noch einmal eine unliebsame Wahrheit entgegen: den Judenfeind, welcher der Kirchenerneuerer eben auch war.

Die Ausstellung im Eisenacher Bachhaus »Luther, Bach – und die Juden«. Foto: André Nestler

Die Ausstellung im Eisenacher Bachhaus »Luther, Bach – und die Juden«. Foto: André Nestler

In mehreren Schriften hat Luther seine antijüdische Position polemisch niedergelegt. Das ist unbestritten, das brachte ihn als Leitfigur und Werbeträger für die Feierlichkeiten 2017 in die Kritik. Nun haben sich die evangelischen Kirchen zwar von diesem Teil des reformatorischen Erbes verabschiedet, aber das unaufgeklärte Luthertum des Barock klingt nach. Und das ausgerechnet in Gottes Häusern. Es klingt nach in den Passionen von Johann Sebastian Bach. Am wohl eindringlichsten ist dabei jene Passage der Matthäus-Passion, als Pilatus im Prozess gegen Jesus keine Schuld feststellen kann. Das Volk aber antwortet: »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder«. Verantwortlich für Jesu Tod sind die Juden.

Wie geht man mit so einer bewegend vertonten Botschaft um? Man begeistert sich unbeirrt von ihr für Bachs Musik. So hielt es das jüdische Bürgertum des 19. Jahrhunderts, wie die Eisenacher Ausstellung zeigt. Ausgerechnet die ursprünglich jüdische, zum Christentum konvertierte Familie Mendelssohn ist maßgeblich verantwortlich für die Bach-Renaissance. 1829 bringt der gerade 20-jährige Felix Mendelssohn-Bartholdy in der Berliner Sing-Akademie Bachs Matthäus-

Passion erstmals nach dem Tod des Komponisten wieder zur Aufführung. Über die alte Bach-Gesellschaft und die 1900 gegründete Neue Bachgesellschaft lassen sich die Linien von Berlin über Leipzig bis nach Eisenach führen. Hier wird nicht nur die Errichtung eines Bach-Denkmals, sondern auch des Bachhauses als Museum initiiert. Noch einmal ein Jahrhundert später und mit der Erfahrung des Holocaust tut sich mancher schwerer mit der lutherischen Botschaft in Bachs Musik. Um Kommentierung wird gerungen. So lässt 1989 der damalige Leipziger Superintendent zu einer Bach-Aufführung ein erklärendes Beiblatt verteilen. Einen Schritt weiter ging vor einigen Jahren das internationale Projekt »ha’atelier«, und schlug neue Texte für die Arien der Johannes-Passion vor. Wie das klingt, lässt sich im Bachhaus anhören. Als akustischer Denkanstoß, bevor das große Jubeljahr beginnt.

Susann Winkel

Sonderausstellung »Luther, Bach – und die Juden« bis zum 6. November im Bachhaus Eisenach; geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr.

www.bachhaus.de

Ächzen, stöhnen – bis zum Urknall

4. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Stelzenfestspiele bei Reuth: Landmaschinen und Kuhställe bekommen eine Seele

Kurioses kann man zu den Stelzenfestspielen bei Reuth nach 24 Jahren immer noch erleben. Dass Landmaschinen eine Seele haben, das sollten die Zuschauer und -hörer zur legendären Landmaschinensinfonie spüren. »Wir wollen es beweisen, dass sie ächzen, stöhnen und stauben«, sagte Henry Schneider, Landmaschinensinfoniker und Festivaldirektor. Und so kam es dann auch: Gareth Lubbe hämmerte auf die Egge, die Gülleorgel leuchtete und die Melkspinne, oben an der Scheunendecke hängend, sang auf ihre besondere Weise. Aber nicht nur das: Während der Argentinier Marcelo Nisinman am Bandoneon zu Gange war, ließ Gareth Lubbe Bier- und Weingläser mit dem Geigenbogen klingen. Genauso wie Henry Schneider es schaffte, eine gewöhnliche Säge zu einem Musikinstrument umzufunktionieren. Der Tenor Gerald Kaiser indes bekam schon Applaus, als er noch keinen einzigen Ton gesungen hatte. Auf sein »O sole mio« wartete das Publikum regelrecht. Die Stelzener Sternensinger wurden gefeiert. Für experimentelle Töne war die Leipziger Band »Atonor« zuständig. Als Überraschung marschierte die Saxofongesellschaft Cisholm in die Festspielscheune ein.

Gareth Lubbe mit Violine auf dem Traktor, Roland Färber lässt den Motor dazu klingen. Foto: Simone Zeh

Gareth Lubbe mit Violine auf dem Traktor, Roland Färber lässt den Motor dazu klingen. Foto: Simone Zeh

Eine Woche hatten die Musiker zusammengearbeitet und sich auf die Landmaschinensinfonie vorbereitet. »Es war Arbeit und stöhnen, streiten und wieder versöhnen«, schildert Henry Schneider. So lange hatte es gedauert, bis alles im Einklang war, bereit für den Urknall, auf dessen Suche man war. Bei der Landmaschinensinfonie standen alle 25 Musiker gemeinsam als großes Orchester auf der Bühne. Henry Schneider, versehen mit Schutzbrille, ließ die Funken sprühen. Stehende Ovationen des Publikums waren die Belohnung, bevor es zum mitternächtlichen Feuerwerk nach draußen ging. Sprengmeister Roland Keil aus Leipzig hatte einen Ufo-Aufstieg für 0.16 Uhr proklamiert. Der konnte sich sehen lassen. Staunende Blicke gingen immerzu zum sogenannten Ufo auf der Wiese und den leuchtenden Lichterstrahlen am nächtlichen Himmel.

Menschen statt Kühe, Musik statt Muh-Laute im Kuhstall, so was gibt es nur zu den Stelzenfestspielen bei Reuth. Mit dem großen Eröffnungskonzert wurde der neuen Stallanlage Seele eingehaucht. Sieht so ein Kuhstall aus? Bunte Kühe, zwei aus Kunststoff von der Decke hängend, viele von Kindern handgemalt, etwa 1 500 Menschen auf Bänken sitzend in Kuhboxen. Kinder turnen an den Gitterstäben herum. Nein, die Kühe sind noch nicht in ihrem neuen Stall in Rothenacker eingezogen. Gewandhausmusiker aus Leipzig machten ihn vorab zum Konzertsaal, welcher mit einem erwartungsvollen Publikum komplett gefüllt war. Damit wurden am Sonnabendmittag nicht nur die Stelzenfestspiele eingeläutet, sondern auch der neue Kuhkomplex offiziell eingeweiht. »Es ist ein Doppelkonzert«, erklärte Festivaldirektor Schneider. Eine Beseelung des Kuhstalles. Die Kooperation mit der Aktiengesellschaft in Rothenacker gäbe es zudem schon lange.

»Ich bin überwältigt«, sagte Stefan Kühne, Vorstandsvorsitzender des landwirtschaftlichen Betriebes. Dass so viele Leute kommen, hätte er nicht gedacht. »Und ich freue mich, dass ihr euch auf diese nicht alltägliche Einweihung der Milchviehanlage eingelassen habt.« Auf lange Grußworte von Gästen – Bauernverband, Bürgermeister und Landesregierung – wolle man verzichten, worauf es spontanen Applaus aus dem Publikum gab.

»Die Grußworte sind in die Musik eingewebt.« Da könne man hinhören und verstehen. 950 Kühe hat das Unternehmen insgesamt. Die beiden neuen Ställe bezeichnete Stefan Kühne als Fünf-Sterne-Stall mit neuem Melkzentrum. Denn hier gibt es ein vergrößertes Luftraum-Volumen, mehr Bewegungsfläche für die Tiere und die Liegeplätze mit Spezialmatten. Die Kühe indes ließen sich in ihren noch »alten« Ställen nicht beeindrucken von den vielen Menschen, geschweige denn aus der Ruhe bringen. Für sie wird es wohl erst aufregend, wenn sie in ihre neuen »Wohnungen« umziehen. Stefan Kühne: »Die meisten unserer Kühe sind schwarz-weiß – und nicht lila.«

Simone Zeh

Mit Rudi übers Stoppelfeld

30. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Lesestoff: Eine Erzählung von Babette Reineke mit einer Illustration von Maria Landgraf

Es war an einem herrlichen Sommertag des Jahres 1939. Ich verbrachte meine ersten großen Schulferien bei den Großeltern in Franken, der Heimat meines Vaters. Selbst zählte ich gerade sieben Jahre, als ich eines Tages das Gänseliesel vom Dienst war und mit Rudi, dem Nachbarsjungen, dreizehn graugesprenkelte Schnattergänse hütete. Der blonde Lockenkopf Rudi war knapp drei Jahre älter als ich und allzeit zu Späßen aufgelegt. Ich muss gestehen, ich fand ihn toll und ließ mich leicht von ihm auf den Arm nehmen. Der Schlingel wiederum tat das nur allzu gerne, denn ich war sehr ängstlich, und das nicht nur im Umgang mit angriffslustigen Gantern; schließlich hatte ein solcher schon einmal meinen Zopf erwischt. Ich habe ihn zwar wiederbekommen, ein beträchtliches Büschel Haare jedoch habe ich lassen müssen! Seither ließ »Rudirallala«, wie ich ihn nannte, keine Gelegenheit aus, mich zu nerven. »Olles noch dro, Bowedla?« Was auf Hochdeutsch heißt: »Alles noch dran, Babettchen?«

Na, dem wollte ich’s zeigen! Erstens, dass ich auch anders konnte und beileibe nicht das Angsthäschen aus der Stadt war; zweitens zwar Thüringerin war, aber nie und nimmer »a Schnapspreiß« (ein Schnapspreuße)!

Zeichnung: Maria Landgraf

Aus diesem Grunde machte ich mich mit Rudi auf die Socken, als er »sei Wiewelich« (seine Gänseschar) aus der Toreinfahrt trieb. »Muss heit Gäns hütn. Traust dersch un gest miet?«

Und ob ich mich traute! Wenn mir auch insgeheim schier die Haare zu Berge standen, da sie jedoch in Zöpfe geflochten waren, blieb das allein mein Geheimnis. So versuchte ich also tapfer, mit einer Weidenrute die laut schnatternde Gesellschaft in Schach zu halten. Zugegeben, das war nicht schwer, denn die Gänse wussten genau, wo’s langgeht und folgten »Rudirallala« auf dem Fuße, Barfuße genauer gesagt. Damit meine ich nicht nur das Federvieh.

Dies folgte fröhlich trompetend und flügelschlagend unbeirrt seinem unablässigen »Wieh, wieh, wiehelaha, wieh, wieh, wiehelaa!«, dem Schlacht-, pardon, Lockruf aller Gänsehirten, einem auf- und abschwingenden, sich ewig wiederholenden Singsang.

Endlich waren wir am »Lochranger« angekommen. Das Getreide war eingefahren und auf den Stoppeln lagen noch reichlich Ähren, die dem Rechen entgangen waren. Alles in allem so recht ein Ort zum Gänsehüten, die davon bis Sankt Martin schön dick und rund werden würden. Das Hüten aber war Sache der Jüngsten im Dorf, der Kinder also. Sie mussten schon recht früh mit zupacken, und das war noch eine der leichtesten Übungen damals. Warum sollte das ein Stadtkind nicht auch können? Vor den Erfolg aber hatte mein gestrenger »Herr und Meister« eine harte Probe gesetzt. Wie üblich, musste auch ich nun barfüßig über die Stoppeln »hoppeln«. Auweia, meine zarten Fußsohlen, wie sie brannten und der Schmerz mir die Tränen in die Augen trieb! Dennoch, ich trieb manch widerspenstiges Gänschen zurück auf den rechten Weg oder verscheuchte den lästigen Hühnergeier, der beutegierig und mit grässlichem Gekreische hoch über uns seine Kreise zog. Zu dumm, dass die ansonsten so schlauen zwei Viecher immer wieder aus dem Schutz der großen Eiche watschelten. Kein Wunder, dass der Räuber der Lüfte nicht aufgab und wir gleichfalls unsere Aufgabe hatten! Im Unterschied zu Rudiral­lala aber hatte ich am Ende ziemlich zerfetzte Fußsohlen und Blasen an den Zehen. Es war und blieb mir schleierhaft, wieso der Lausbub so flink und frei über die Stoppeln sprang und nicht ein bisschen von ihnen gepiekst wurde. Nie und nimmer konnte das mit rechten Dingen zugehen, meint ihr nicht auch?

Rudi aber lachte mir nur ins Gesicht.

»Herrschaftseiten, machst du a Gscheiß! A jed’s Kindla bei uns koo’s schoo!« Leicht verstört sah er sich die Bescherung an und murmelte etwas kleinlaut: »Dacht i mersch doch glei, für Stodtleit is fei nix. Am wengsten für kleena Mädlich!« Haste da noch Töne?

Ich jedenfalls hatte noch lange an der Sache zu knabbern, wenn ich auch in der Achtung unseres Nachbarjungen gestiegen – weil nicht abgesprungen – war! Gelernt hab ich allemal daraus, denn Übung macht den Meister und abhärten tut sie auch.

Inzwischen gehe auch ich – ganz ohne Schmerzen, mit frohem Herzen – barfuß übers Stoppelfeld!

Aus: Kleindienst, Jürgen (Hg.): Hoch auf dem Erntewagen. Unvergessene Dorfgeschichten, Band 5. 1918–1968, Zeitgut Verlag, 256 Seiten, ISBN 978-3-86614-251-0, 11,90 Euro

Zusammenführung zweier Rebellen

22. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Die Annäherung der beiden Martins in Eisenach ist ein reizvolles Kunstabenteuer

Von Angesicht zu Angesicht stehen sich der Kirchenerneuerer Martin Luther und der US-Bürgerrechtler Martin Luther King in einer neuen Ausstellung im Eisenacher Stadtschloss gegenüber.
Eisenach. Ein Abenteuer. So nennt Reinhard Lorenz die Arbeit an dieser Ausstellung. Und: eine Reise. Zweieinhalbtausend Kilometer waren er und sein Kollege Michael Kunze im ganzen Land unterwegs gewesen, um Bilder, Fotografien und Skulpturen zu Martin Luther und Martin Luther King zu suchen, zu sichten und in Auftrag zu geben. Hundert etwa haben sie mitgebracht nach Eisenach, seit Sonnabend sind sie im ehemaligen Marstall des Stadtschlosses unter dem Titel »Face to face« zu sehen.

Der Kurator der Ausstellung, Reinhard Lorenz, der zugleich das Kulturamt der Stadt Eisenach leitet, vor dem Ölgemälde »Via Dolorosa«, das Johannes Heisig auf Anfrage für diese Schau gemalt hat. Foto: Susann Winkel

Der Kurator der Ausstellung, Reinhard Lorenz, der zugleich das Kulturamt der Stadt Eisenach leitet, vor dem Ölgemälde »Via Dolorosa«, das Johannes Heisig auf Anfrage für diese Schau gemalt hat. Foto: Susann Winkel

Zwei Fragen drängen sich dem Betrachter sofort auf. Zum Ersten: Warum ist eigentlich noch keiner früher drauf gekommen, den Kirchenerneuerer und den US-Bürgerrechtler in einer Ausstellung zusammenzubringen? Immerhin eint beide mehr als der Name, für den der Ältere dem Jüngeren Pate stand. Zum Zweiten: Warum 2016? Auf die erste Frage weiß Kurator Reinhard Lorenz auch keine rechte Antwort. Beide seien ihrem Wesen nach Rebellen und Visionäre, deren Schriften und Lieder den Menschen bis heute und vielleicht ganz besonders heute viel zu sagen haben.

Auf die zweite Frage kann er gleich zwei Antworten geben. Vor zwanzig Jahren waren Martin Luther und Martin Luther King schon einmal Thema in Eisenach. In der Georgenkirche gab es 1996 die Performance »Play Luther«, die Wort, Musik und Tanz verwendete für die Konfrontation des widerspenstigen Theologen mit dem schwarzen Prediger. Kings Tochter Yolanda sang damals Spirituals, Hannelore Elsner las – ein großes Spektakel. Das nun 2016 eine Fortsetzung erfährt, diesmal nicht mit den Mitteln der Darstellenden, sondern mit jenen der Bildenden Kunst. Der zweite Grund für den Termin im Jahr vor dem großen Trubel heißt Aufmerksamkeit. Einer, der wie Reinhard Lorenz seit 1990 bereits Kulturamtsleiter ist, weiß, dass eine Ausstellung zum falschen Zeitpunkt verschenkt ist. 2017 buhlen zu viele mit dem Namen Luther um die Gunst der Besucher.

Auch diese Ausstellung wird es tun, allerdings nicht in Eisenach, sie wandert nach Eisenhüttenstadt und vielleicht auch weiter. Eisenhüttenstadt war eine der Reisestationen von Reinhard Lorenz und Michael Kunze auf dem langen Vorbereitungsweg. Dort, im Städtischen Museum, fanden sie das Ölgemälde »Merkwürdige Zusammenkunft oder Napoleon war nicht geladen« der aus Eisenach stammenden Künstlerin Susanne Kandt-Horn. 1982 hatte sie die beiden Martins bereits zusammengedacht und -gebracht.

Ihr Atelier hatte sie damals im Stadtschloss.

Mehrere solcher Verbindungslinien in die Wartburgstadt lassen sich ausmachen beim Rundgang durch den Marstall. Johannes Heisig etwa war im Jahr 2004 »Stadtgast«: Während seines Aufenthalts schuf er Malerei und Grafik zu Persönlichkeiten der Eisenacher Geschichte – von der heiligen Elisabeth über Johann Sebastian Bach bis Richard Wagner. Für »Face to face« hat er »Via Dolorosa« gemalt, den Leidensweg des Martin Luther King, der sich hilfesuchend in einer Demonstration umblickt, die an jene immer montags in Dresden erinnert.

Ergiebig waren aber nicht nur die seit Jahrzehnten aufgebauten Kontakte von Reinhard Lorenz, sondern auch die Reise zum Martin-Luther-King-Zentrum Werdau in der Nähe von Zwickau. Oder der Besuch im Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt, in dessen Depot sich viele Arbeiten fanden, die 1983 zum 500. Geburtstag Martin Luthers entstanden waren, aber von den DDR-Bürgern nicht gesehen werden sollten. Vieles, erzählt der Kurator, sei vor dieser Ausstellung überhaupt noch nie zu sehen gewesen. Auch das macht diese beinahe spielerische Annäherung an die beiden Martins, von denen der eine zunächst auf den Namen Michael getauft war, so reizvoll. Ein Kunst-Abenteuer – für die Macher wie für die Besucher.

Susann Winkel

Die Sonderausstellung »Face to face – Martin Luther und Martin Luther King« ist bis zum 25. September mittwochs bis sonntags von 11 bis 17 Uhr im Thüringer Museum im Stadtschloss Eisenach zu sehen.

Die starke Frau an seiner Seite

14. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Film: Dreharbeiten über »Katharina Luther« im Schloss Reinhardsbrunn

Zum 500. Reformationsjubiläum 2017 will das Fernsehen einen Film über Luthers Frau zeigen. Wir werfen einen Blick hinter die Kulissen im Schloss Reinhardsbrunn, wo derzeit gedreht wird.

Filme über Martin Luther gibt es wie Sand am See Genezareth. Die meisten von uns können sogar Passagen mitsprechen. Man könnte meinen, es reicht. Was jedoch verwundert: Einen Film über die Frau an seiner Seite, Katharina von Bora, gibt es bisher nicht. Hin und wieder taucht sie als Nebencharakter auf, ist jedoch von der Handlungsmitte weit entfernt. Doch ihre Leistungen sind ebenso groß wie wichtig. Eine starke, selbstbewusste und emanzipierte Frau des späten Mittelalters, die auf alle theologischen Fragen Luthers eine Antwort hatte. Eine Frau, beispielhaft für unsere heutigen Debatten zur Gleichstellung. In genau dieser Aktualität bewegt sich der neue Film, der aktuell in Reinhardsbrunn gedreht wird. Er will ein anderes Licht auf den Reformator und seine Frau werfen, die Distanz von 500 Jahren verringern. Er stellt bewusst Katharina von Bora in den Mittelpunkt. Es geht um ihr Denken und Fühlen, um ihre Sicht auf Martin Luther. Eine Ehegeschichte mit allen Höhen und Tiefen. Katharina war Mitte 20, als sie den 40 Jahre alten Luther kennen und lieben lernte. In dieses Szenario soll der Zuschauer geführt werden. 1524 im »Schwarzen Kloster« zu Wittenberg. Katharina ist auf Augenhöhe mit ihrem Mann, wichtigste Beraterin in allen politisch-theologischen Fragen. So schrieb Luther mit seiner Frau über sein weiteres theologisches Vorgehen, während er seinen Freund Melanchthon kontaktierte, er solle ihm ein neues Paar Socken für seine Reise zusenden. Eines sei ihm kaputtgegangen.

Devid Striesow und Karoline Schuch als Martin und Katharina Luther im Arbeitszimmer des Reformators. Foto: Felix Kalbe

Devid Striesow und Karoline Schuch als Martin und Katharina Luther im Arbeitszimmer des Reformators. Foto: Felix Kalbe

Zwar existieren noch originale Kulissen, vor allem in Wittenberg, aber mittelalterlich sind sie schon lange nicht mehr. Deshalb wurde nach einem passenden Drehort gesucht. Nach langer Suche bekam der Produzent Mario Krebs den Hinweis vom Waltershäuser Pfarrer Christfried Boelter, sich Schloss Reinhardsbrunn anzuschauen. Nachdem zu DDR Zeiten dort ein Interhotel zu finden war, steht das Schloss seit vielen Jahren leer und verkommt. An vielen Stellen wurde der Stuck abgeschlagen, Dielen entfernt. Wertvoller Goldschmuck fehlt. Ein nicht tragbarer Zustand, den das Land jetzt zu ändern versucht. Seit Februar wird im Schloss gebaut. Viele Stunden hat die Baubühne um Daniel Lange, Pierre Winkler und Sebastian Braband benötigt, um Stück für Stück die Vergangenheit in die Gegenwart zu projizieren. Und plötzlich fühlt man sich zurückversetzt in das alte Wittenberg. Man wandelt durch die Kulisse, nicht ahnend, dass alles nur aus Holz und Styropor ist. In der Küche brennt Feuer im Ofen, die Bibel, natürlich noch in Latein, liegt aufgeschlagen auf dem Pult, der Tisch im Refektorium ist für das nächste Mahl gedeckt.

Dr. Martin Treu, Geschäftsführer der Luthergesellschaft, ist als Fachberater für die Details, die den Film authentisch machen, zuständig. Spezielle Schaf- und Hühnerarten wurden eingeflogen, die Bepflanzung historisch korrekt angepasst und die krummste Karotte hat ihren Platz in der Küche gefunden.

Katharina von Bora wird von Karoline Schuch gespielt, Martin Luther von Devid Striesow. Regie führt Julia von Heinz. Karoline Schuch, gebürtige Jenenserin, betont die Vorbildrolle Ka­tharinas für viele Frauen bis heute. Striesow bemerkt ergänzend, dass man als Schauspieler keinen Respekt vor der Person Luthers haben darf, um authentisch und ehrlich zu spielen.
Das Ehepaar Luther – hautnah und privat. Das ist der Anspruch des Films. Bis zum 19. Juli soll der 105 Minuten lange Film abgedreht sein. Weitere Dreh­orte sind unter anderem Mühlhausen und Arnstadt.

Der Film ist ein Projekt der Fernseh- und Filmproduktionsgesellschaft Eikon, deren größter Gesellschafter die Evangelische Kirche in Deutschland ist. Zu sehen ist der Fernsehfilm im Frühjahr 2017 im Ersten. Wir dürfen gespannt sein.

Julia Braband

Der stumme Prediger

3. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Der spanische Pantomime Carlos Martínez ist ein Meister im Erzeugen von Gefühlen


Schwarz. Weiß. Und ein paar gekonnte Bewegungen. Mehr ist nicht nötig, um Gott und die Welt darzustellen. Jedenfalls wenn man das Talent des Carlos Martínez hat.

Der Spanier ist Pantomime. Ohne Worte, nur mit Gesten seines Körpers und seines Gesichtes, erzählt der 61-Jährige Geschichten, inszeniert Gegenstände und schildert Gefühle. Am Wochenende ist er in der Lutherstadt Wittenberg zu Gast.

Betritt Carlos Martínez die Bühne, überträgt sich die Stille und Spannung sofort auf das Publikum. Sein schwarzgekleideter Körper hebt sich vom Hintergrund nur schemenhaft ab, die weißen Handschuhe umso deutlicher. Mit seinen Bewegungen setzt er das Kopfkino seiner Zuschauer in Gang. Sie deuten seine Mimik und verstehen mehr, als spräche er mit Worten zu ihnen. Martínez ist ein Meister im Erzeugen von Gefühlen, bringt sein Publikum wohldosiert zum Weinen und Lachen, treibt es in Melancholie und Freudentaumel.

Carlos Martínez

Carlos Martínez

Schon im Alter von zwölf Jahren entdeckte der in Spanien gebürtige Martínez sein Schauspieltalent und seine Liebe zum Theater. Er besuchte Schauspiel- und Pantomime-Schulen, entwickelt seitdem eigene Programme. Und feiert internationale Erfolge. Kein Wunder. Seine wortlose Darstellungskunst macht das Verstehen von der Sprache unabhängig. Freude, Ärger und Angst sind universal, das versteht jeder Mensch auf der ganzen Welt. Virtuos jongliert Martínez mit einem großen Repertoire an Emotionen. Was leicht aussieht, ist ein perfekt einstudiertes Schauspiel. Mit bemerkenswerten Folgen: Die Zuschauer hören die imaginäre Schreibmaschine, auf der er tippt. Sie erkennen die nicht vorhandene Wand, an die er lehnt. Sie sehen das Glas, das er leert. Jede Bewegung sitzt – und für jede hat er unzählige Male geübt, bevor sie ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist. Martínez beherrscht die Kunst der Reduktion. Seine stumme Sprache wirkt zart und verspielt wie Poesie. »Die Stille wartet geduldig ab, bis jemand ihr das Wort erteilt«, versucht Martínez die Faszination seiner Mimenkunst zu erklären.

Wer Wesentliches so darstellt, öffnet sich auch dem Glauben. »Meine Bibel«, heißt eines der bekanntesten Programme des Pantomimen. Darin wird er zum Prediger ohne Worte. Die Schöpfung der Welt? Kein Problem. Mit Händen formt Martínez als Gott die Erdkugel, knetet einen Menschen; ihm wird langweilig, also zupft er dem Geschöpf eine Rippe heraus und formt einen zweiten. Der 23. Psalm? Berückend. Da steht plötzlich der Tisch »im Angesicht meiner Feinde«, da folgen Gutes und Barmherzigkeit. Souverän und fantasievoll transportiert Martínez biblische Figuren und Geschichten ins Heute. Mit wenigen Kniffs zeigt er, wie aktuell die Schicksale und Verhaltensweisen früherer Menschen sind. Humorvoll, manchmal skurril, immer aber mit großer Tiefe taucht er in die Lebenswelten der Bibel, hält seinen Zuschauern einen Spiegel vor, in dem sie ihre Abgründe und Höhenflüge, ihre Stärken und Schwächen erkennen.

Mit seiner Mimik knipst er bei seinen Zuschauern das Kopfkino an. – Fotos: Bernd Eidenmüller

Mit seiner Mimik knipst er bei seinen Zuschauern das Kopfkino an. – Fotos: Bernd Eidenmüller

Auch den Menschenrechten widmet sich Martínez. Ohne ein einziges Wort bringt er den Inhalt der 30 Artikel auf den Punkt. Sein Spiel über Würde, Rechte und Freiheit jedes Menschen macht nachdenklich und hoffnungsvoll. Gnadenlos und ohne Umschweife steigt der Mime mit einer Triage am Babyfließband ein: Brauchbar – wegwerfen – brauchbar – wegwerfen – … Säuglinge mit Mängeln werden erschlagen. Wer bestimmt den Wert eines Menschen? Und wer ist da, ihn zu verteidigen? In »Human Rights« erlebt das Publikum ein Wechselbad der Gefühle. »Mein Dilemma war: Wie kann man das Publikum mit einem Thema wie den Menschenrechten unterhalten? Wir wollten den Menschen zeigen, dass es immer noch Hoffnung gibt. Und wenn ich sehe, dass mein Publikum lächelt, wenn es mit der Tragödie der Menschheit konfrontiert wird, dann weiß ich, dass Grund zur Hoffnung besteht.«

Mit atemberaubender Dramaturgie und bizarren Szenenwechseln führt Martínez die Diskrepanz zwischen der Menschenrechtserklärung und ihrer Umsetzung vor Augen. Nicht selten bleibt dabei ein aufkommender Lacher im Hals stecken. Etwa wenn der joviale Weltenbummler im eigenen Land um Asyl flehen muss oder wenn auf einer Messe die Weltreligionen um Aufmerksamkeit buhlen. Zum Schluss überwiegt jedoch der Glaube an die Möglichkeit einer besseren Welt. Die so bunt ist, dass sie das Schwarz-Weiß des Pantomimen-Abends vergessen macht.

Uwe Birnstein

Termine:
Sonnabend, 4. Juni, 20 Uhr: »Menschenrechte«. Sonntag, 5. Juni, 18 Uhr: »Meine Bibel«. Phönix-Theaterwelt Lutherstadt Wittenberg, Wichernstraße 11a. Kontakt: (0 34 91) 41 96 41.

Kamele werden Autos, Jünger tragen Jeans

1. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Simeon Wetzel will mit seinen Comics einen Zugang zur Bibel schaffen

Die biblische Botschaft leicht verständlich und zeitgemäß zu vermitteln, das ist das Anliegen des Mediengestalters Simeon Wetzel. Zunächst zeichnete er die Geschichten des Neuen Testaments. Inzwischen umfasst seine Sammlung auch viele alttestamentliche Texte.

Der Glaube spielt für Simeon Wetzel eine bedeutende Rolle. Davon zeugt schon sein Vorname biblischen Ursprungs, den ihm seine Eltern ganz bewusst gaben. Neben der Musik und dem Lobpreis hat der 29-Jährige eine weitere Leidenschaft: Er zeichnet Bibelcomics. Was im Alter von 14 Jahren als spontane Idee entstand, hat sich zu einer umfassenden Sammlung entwickelt, die nach 15 Jahren vollendet ist.

Dass die Bibel keine leichte Kost ist, weiß der Dresdner aus eigener Erfahrung. Nach der Konfirmation schloss er sich zunächst der Jungen Gemeinde an. Als ihn sein Vater mit zu den »Jesusfreaks« nahm, sei dies ein einschneidendes Erlebnis in seinem Leben gewesen. »Zum ersten Mal sah ich die Leute beim Lobpreis und hatte daran viel Spaß. Moderne Musik zur Anbetung zu gebrauchen, mit etwas härteren, rockigeren Klängen, das war genau mein Ding und ich habe dort einen tiefen Zugang zum Evangelium und zur Bibel erhalten«,
schwärmt er.

15 Jahre lang hat Simeon Wetzel an seinen Bibelcomics gearbeitet. Foto: privat

15 Jahre lang hat Simeon Wetzel an seinen Bibelcomics gearbeitet. Foto: privat

Zu diesem Zeitpunkt entstand auch die Idee zu den »JesuComics«. Zunächst beschränkte sich Wetzel auf das Neue Testament und die Lebens- und Leidensgeschichte Jesu. Im Laufe der Jahre wurde das Projekt ständig erweitert und verbessert. Sein Hauptanliegen ist es, Kindern und Jugendlichen einen leichteren Zugang zur Bibel zu verschaffen: »Ich möchte die Frohe Botschaft auf leicht verständliche und zeitgemäße Weise vermitteln und habe mich bewusst für einen einfachen, kindgerechten Zeichenstil entschieden«, so der Mediengestalter, der 2011 den Schritt in die Selbstständigkeit wagte.

Mit dem Umfang entwickelte sich auch seine zeichnerische Handschrift weiter. Seine Comics aus der Anfangszeit überarbeitete er später digital. Inzwischen zeichnet er die Konturen mit einem schwarzen Fineliner vor und führt die Nachkolorierung am Computer durch.

Die komplette Sammlung umfasst 92 Kapitel aus dem Alten und 64 Kapitel aus dem Neuen Testament. Bei den ausgewählten Geschichten handelt es sich um vereinfachte Darstellungen biblischer Ereignisse. »Mir ist es wichtig, in einer zeitgemäßen, verständlichen Sprache zu schreiben und witzige Begebenheiten einzubauen, denn meiner Meinung nach sollte ein Comic auch hin und wieder mal lustig sein«, begründet Simeon Wetzel seine individuelle Interpretation der Bibel.

So werden Kamele zu Autos, die Menschen leben in modernen Häusern und bedienen sich der modernen Medien. Die Jünger tragen Jeans und die Wachmänner Tarnanzüge. Und Maria und Josef suchen keine Herberge, sondern eine Pension.

Um möglichst vielen Menschen seine Bibelcomics zugänglich zu machen, können diese kostenlos im Internet heruntergeladen werden. Neben den PDF-Dateien gibt es die einzelnen Kapitel als Power-Point-Präsentation und als Videohörbuch. Wer lieber ein richtiges Buch zur Hand nehmen möchte, kann den gesamten Comic in zwei Bänden erwerben.

Ilka Jost

www.jesuscomic.de

Jude, Christ und Songpoet

22. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Bob Dylan, der amerikanische Folk- und Rockmusiker, feiert am 24. Mai seinen 75. Geburtstag

Bob Dylan ist jüdischer Abstammung und als Robert Allen Zimmerman in einem kleinbürgerlichen Nest namens Hibbing im US-Staat Minnesota aufgewachsen.

Kein Mensch ist frei. Selbst die Vögel sind an den Himmel gekettet.« Dieser Spruch des epochemachenden Musikers, Songschreibers und Protestlers Bob Dylan lässt sich als eine Einsicht für Grenzen deuten, die uns Menschen bei aller Kreativität und Schaffenskraft gesetzt sind. Es ist nur die Frage, was man aus dieser Erkenntnis macht.

Bob Dylan feiert am 24. Mai seinen 75. Geburtstag. Er ist jüdischer Abstammung und als Robert Allen Zimmerman in einem kleinbürgerlichen Nest namens Hibbing im US-Staat Minnesota aufgewachsen. Die Gegend ist alles andere als schön. Ein Eisenerzabbaugebiet. Dylan: »Eine große rote Wunde im Erdboden.« Die Eltern unmusikalisch, vermitteln ihm aber alttestamentliche Tradition. Er spielt aus eigenem Antrieb Gitarre und Mundharmonika. Gesang ist nicht seine Stärke.

Aber er ist kreativ und kann mit Worten umgehen. Da greift wohl ein Stück traditionelle Erziehung, auch wenn er sich gegen Kleinbürgertum und Provinz auflehnt. Der Baum rüttelt an seinen Wurzeln, nährt sich aber weiterhin durch sie. Als Jugendlicher spielt er auf einer billigen Versandhausgitarre alles Mögliche nach. Später flechtet er in eigene Texte viele alttestamentliche Bilder ein. Seine Lyrik und seine Interpretationsgabe machen ihn zum Star. Er füllt Stadien mit mehr als 100 000 Menschen, kifft, wirkt zeitweise arrogant und eigensinnig, provoziert. Er erfindet den Folkrock, indem er die Sünde begeht, seine Gitarre an einen Verstärker anzuschließen, kreiert unzählige Hits und singt seine bekannten Melodien zum Ärger seiner Konzertpilgerschar in ständig neuen Nuancen; ja entstellt sie zuweilen bis hin zur Unkenntlichkeit. Das ist Gegenkultur für die, die Gegenkultur zu ihrer Marke gemacht
und sich darin eingerichtet haben.

Matthias Gehler, der Autor des Beitrags, ist Chefredakteur von MDR Thüringen, war selbst freischaffender Liedermacher. Als Fan von Bob Dylan hat er alle dessen CDs und Platten. Foto: privat

Matthias Gehler, der Autor des Beitrags, ist Chefredakteur von MDR Thüringen, war selbst freischaffender Liedermacher. Als Fan von Bob Dylan hat er alle dessen CDs und Platten. Foto: privat

Privat erlebt er etliche Brüche in seinem Leben wie einen schweren Motorradunfall, Scheidung und Sinnkrisen. Er reagiert darauf – auch in seinen Liedern. All das trägt das Publikum irgendwie mit. Schließlich hat Bob Dylan Kredit. Sein »Blowin’ in the Wind« und »Like a Rolling Stone« haben ihn zum Idol der Protestler werden lassen mit einem festen Platz in den Geschichtsbüchern dieser Welt. Dann aber der Schock: Ende der 70’er konvertiert Bob Dylan zum Christentum. Der Wandel vom durchaus idealisierten Protestsänger zum bekehrten Christen war für seine Jünger schwer verkraftbar. Nach wie vor steht – nicht ganz unberechtigt – der Verdacht im Raum, dass der Künstler mit seinen Fans nur spielt und es sich um eine Maskerade, um einen PR-Gag handelt. Entsprechend sarkastisch fielen auch die Kommentare in der Presse und den Musikzeitschriften aus, als seine Sinnesänderung bekannt wird. »Sounds« schrieb 1979: »Also kommt doch noch ein Reicher ins Himmelreich.« Der »New Musical Express« verwies spottend auf seine angekündigten Konzerte mit der Bemerkung: »Also mach’s gut Bobby, wir sehen uns bei der Speisung der 5 000.«

Sein erstes durchweg christliches Album hieß »Slow Train Coming«. Zwei weitere ausgesprochen christliche Alben waren »Saved« (1980) und »Shot of Love« (1981). Ein viertes rundum christliches Album sollte Anfang der 80er Jahre noch folgen, wurde aber nicht produziert. So entstand das Gerücht, Dylan hätte nur eine kurze christliche Phase durchlebt. Al Kasha, ein Weggefährte, in dessen Wohnung »Slow Train Coming« geschrieben wurde, bleibt dabei, dass Dylan immer noch Christ ist und verweist insbesondere auf sein Album »Tempest«, welches voller christlicher Texte ist.

Dylan selbst trat 1997 auf Einladung von Johannes Paul II. bei einem kirchlichen Kongress in Bologna auf, redet zuweilen sogar über sein Christsein, schreibt weiterhin tiefgründige Songs, steht in diesem Frühjahr in Japan und bis zum Sommer in den USA auf der Bühne. Jetzt im Mai erscheint mit »Fallen Angels« sein zweites »Sinatra- Album«. Was er nach seinem 75. Geburtstag noch so auf Lager hat, bleibt abzuwarten. Hoffen wir, dass seine »Never Ending Tour« – auf der er seit 7. Juni 1988 ununterbrochen unterwegs ist – noch lange nicht an der »Himmelstür« endet. Der liebe Gott wird sein undeutliches »Knockin’ On Heaven’s Door« eh nicht verstehen.

Matthias Gehler

Der Sprung in der Schüssel

16. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine asiatische Anekdote mit einer Illustration von Maria Landgraf

Es war einmal eine alte chinesische Frau, die zwei große Schüsseln hatte, die von den Enden einer Stange hingen, die sie über ihren Schultern trug.

Eine der Schüsseln hatte einen Sprung, während die andere makellos war und stets eine volle Portion Wasser fasste. Am Ende des Weges vom Fluss zum Haus der alten Frau war die andere Schüssel jedoch immer nur noch halb voll.

Zwei Jahre lang geschah dies täglich: Die alte Frau brachte immer nur anderthalb Schüsseln Wasser mit nach Hause. Die makellose Schüssel war natürlich sehr stolz auf ihre Leistung, aber die arme Schüssel mit dem Sprung schämte sich wegen ihres Makels und war betrübt, dass sie nur die Hälfte dessen verrichten konnte, wofür sie gemacht worden war.

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

Nach zwei Jahren, die ihr wie ein endloses Versagen vorkamen, sprach die Schüssel zu der alten Frau: »Ich schäme mich so wegen meines Sprungs, aus dem den ganzen Weg zu deinem Haus immer Wasser läuft.« Die alte Frau lächelte. »Ist dir aufgefallen, dass auf deiner Seite des Weges Blumen blühen, aber auf der Seite der anderen Schüssel nicht?« »Ich habe auf deiner Seite des Pfades Blumensamen gesät, weil ich mir deines Fehlers bewusst war. Nun gießt du sie jeden Tag, wenn wir nach Hause laufen. Zwei Jahre lang konnte ich diese wunderschönen Blumen pflücken und den Tisch damit schmücken. Wenn du nicht genauso wärst, wie du bist, würde diese Schönheit nicht existieren und unser Haus schöner machen.«

Zur Lektüre empfohlen
Diese Anekdote ist dem Buch »Ich bin, weil wir sind. Geschichten zum Glücklichsein« entnommen. Die Publikation enthält berührende und weise Geschichten, Anekdoten und Zitate aus unterschiedlichen Kulturen und Traditionen.

Moesl, Franz Seraph (Hg.): Ich bin, weil wir sind. Geschichten zum Glücklichsein, Druckerei & Verlag Hille, 89 S., ISBN 978-3-939025-54-2, 12,90 Euro

»Glaube + Heimat« jetzt digital

10. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Jahrgänge 1924 bis 1941 wurden erschlossen

Die Mitteldeutsche Kirchenzeitung »Glaube und Heimat« steht jetzt von ihrer ersten Ausgabe im Jahr 1924 bis zu ihrer kriegsbedingten Einstellung im Jahr 1941 digitalisiert im Internet zur Verfügung. Möglich wurde dies durch ein Gemeinschaftsprojekt der Thüringer Landes- und Universitätsbibliothek (ThULB) und dem Lehrstuhl für Religionspädagogik der Universität Jena unter Leitung von Michael Wermke. Fast zehn Jahre beschäftigten sie sich mit dem großen Digitalisierungsprojekt »Kirchliches und schulisches Zeitschriftenwesen für den Bereich der Thüringer Landeskirchentümer vom Ende des 18. bis zum ersten Drittel des 20. Jahrhunderts«. Nutzer aus aller Welt haben nun Zugang zu den Ausgaben von »Glaube und Heimat« aus den Jahren 1924 bis 1941, zum »Magazin für Prediger«, der »Zeitschrift für den evangelischen Religionsunterricht« oder den umfangreichen Beständen an Gemeindeblättern. »Wir sind deutschlandweit das einzige Archiv, wo man sich die Gemeindeblätter anschauen kann. Thüringen ist dabei ein Spiegel für das gesamte Deutsche Reich, weil sich hier alle Strömungen finden«, erklärt Wermke. Diese Gemeindeblätter tragen oft den Titel »Heimatglocken«. Das lässt zahlreiche Rückschlüsse auf die Situation der Landeskirche in ihrer Gründungszeit zu. Was 1920 in den Gemeinden passierte, interessiert nicht nur die Wissenschaftler.

Die Wartburg im Titel von »Glaube und Heimat« (Ausgabe Januar 1927) – Foto: Doris Weilandt

Die Wartburg im Titel von »Glaube und Heimat« (Ausgabe Januar 1927) – Foto: Doris Weilandt

»Glaube und Heimat« ist auch eine Antwort auf diese Zentralisierung nach Auflösung der Fürstentümer. Schon der Titel macht deutlich, dass die Zeitung heimatstiftend wirken wollte. Für die Forschung ist es auch interessant, zu verfolgen, wie die enge Verwobenheit der Landeskirchenführung mit dem Dritten Reich ab 1933 ihren Niederschlag in der nationalsozialistischen Orientierung von »Glaube und Heimat« fand. Kriegsbedingt wird ihr Erscheinen dann 1941 eingestellt.

Die digitale Bibliothek, die eine ganze Reihe von regionalen Kirchenzeitungen enthält, lässt sich einfach handhaben. Das Portal ist benutzerfreundlich nach Ausgaben und Jahrgängen sortiert. Gesucht werden kann nach einzelnen Artikeln oder nach Autoren. Unter der Rubrik »Galerie« sind Bilder und einzelne Kopfzeilen eingestellt. Die technischen und personellen Voraussetzungen, um so ein umfangreiches Projekt zu stemmen, lieferte die ThULB. »Die Digitalisierung ist ein großes Glück. Wir können damit unsere Bestände der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen«, sagt Thomas Mutschler, Fachreferent in der Jenaer Bibliothek.

Sieben Millionen Digitalisate sind bereits veröffentlicht. Der Quellenerhalt ist die Voraussetzung für die wissenschaftliche Arbeit zu grundlegenden Fragen, die immer wieder gestellt werden. Zum Thema Heimat findet gerade ein überregionaler Diskurs statt, an dem sich ganz unterschiedliche Bereiche beteiligen. Das Zentrum für Religionspädagogische Bildungsforschung unter Leitung von Wermke hat zu dieser Begrifflichkeit »als bewusste mediale Strategie« bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft einen Projektantrag gestellt. Sowohl die digital aufbereiteten Ausgaben von »Glaube + Heimat« der ersten beiden Erscheinungsjahrzehnte als auch die Gemeindeblätter der gleichen Zeit bilden dafür eine wichtige Grundlage.

Doris Weilandt

Die digitalisierten Druckerzeugnisse sind jetzt unter dieser Internetadresse zu finden: http://projekte.thulb.uni-jena.de/zeitschriftenwesen/projekt.html
Für die weitere Digitalisierung werden in den Kirchengemeinden noch Bestände von Gemeindeblättern gesucht. Anfragen unter Telefon (03691) 6580470 oder <archiv.eisenach@ekmd.de> beim Landeskirchenarchiv Eisenach.

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