Preußens Pracht

25. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Wittenberger Schlosskirche ist der Gedenkort der Reformation schlechthin. Nach vierjähriger Bauzeit wird sie am 2. Oktober mit Glanz und Gloria wiedereröffnet. Dänemarks Königin fertigt eigens ein Altartuch, und die EKD bekommt ein neues, drittes Kirchengebäude.

Welch katastrophaler Zustand!« Olaf Wrosch erinnert sich gut. Bröselnder Putz, verblasste Farben, Schmutz in mehreren Schichten, feuchtes, von Salzen zerfressenes Mauerwerk bis in einen Meter Tiefe. Die 2012 begonnene, umfassende Sanierung der Wittenberger Schlosskirche war mehr als nötig, bilanziert der leitende Küster. Vier Jahre und rund 8,1 Millionen Euro später erstrahlt die wohl berühmteste Kirche Mitteldeutschlands in neuem Glanz, in alter preußischer Pracht.

Himmelwärts strebt die Architektur: Hohe und schlanke Pfeiler, ein lichtes Gewölbe und der Hochaltar verstärken diesen Eindruck. Im neugotischen Stil ist die Kirche im Kaiserreich ausgestaltet worden. Fotos: Katja Schmidtke

Himmelwärts strebt die Architektur: Hohe und schlanke Pfeiler, ein lichtes Gewölbe und der Hochaltar verstärken diesen Eindruck. Im neugotischen Stil ist die Kirche im Kaiserreich ausgestaltet worden. Fotos: Katja Schmidtke

Unter Herrschaft der Preußen war die Schlosskirche zu einem Gedenkort der Reformation umgestaltet worden, der Kaiser hatte sie 1892 eingeweiht. »Nichts wurde dem Zufall überlassen«, sagt Küster Wrosch. Das ikonografische Programm ist ganz auf die Reformation zugeschnitten. So wachen Gestalter und Unterstützer der kirchlichen Erneuerungsbewegung als Skulpturen noch heute über den Gottesdienst: zum Beispiel Johannes Bugenhagen, Wittenbergs prägender evangelischer Pfarrer und Beichtvater Luthers. Von Rosetten blicken Unterstützer ins Kirchenschiff: Europäische Reformatoren wie Zwingli und Calvin. Aber auch die Medienmacher von damals: Maler und Buchdrucker, ohne deren Handwerk sich die neuen Ideen nicht so schnell hätten verbreiten können. Jene Fürstentümer und Städte, die die Reformation unterstützen, sind in den farbigen Fenstern verewigt – nun auch wieder die preußischen Gebiete, die im 19. Jahrhundert zu Deutschland gehörten und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus weltanschaulichen Gründen von der DDR-Regierung aus der Kirche entfernt worden waren. »Es sind teilweise die Originale, die noch in einer Quedlinburger Glasmacher-Werkstatt lagerten, wieder eingebaut worden«, weiß Oberkirchenrat Thomas Begrich, der für die EKD das Bauvorhaben am Schlosskirchenensemble begleitet.

Die DDR-Regierung hatte Einfluss auf die Kirche, weil sie sich in ihrem Eigentum befand. Das Konstrukt, dass einem Staat ein Gotteshaus gehört, geht zurück auf das Jahr 1817: Auf Geheiß König Friedrich Wilhelms III. war das Predigerseminar gegründet worden, dabei fiel die alte Universitätskirche an den Staat. Diese Rechtsverpflichtung in der Nachnachfolge der Preußen existiert noch immer, aber nicht mehr lange. »Bei der Schlosskirche handelt es sich um einen Hauptort der Reformation, hier liegen Luther und Melanchthon begraben. Es war der EKD wichtig, die Kirche vom Land Sachsen-Anhalt in ihr Eigentum zu übernehmen«, erklärt Thomas Begrich. Offiziell geschehen soll das, wenn alle Bauarbeiten am Schloss-Ensemble abgeschlossen sind, voraussichtlich Ende des Jahres.

Blick durch die Bankreihen zum Chor. Die Kirche ist hoch und lang, aber schmal. Sie hat 400 Sitzplätze.

Blick durch die Bankreihen zum Chor. Die Kirche ist hoch und lang, aber schmal. Sie hat 400 Sitzplätze.

Die EKD, betont der Oberkirchenrat, bekomme damit nichts geschenkt. Auch wenn ein Großteil der millionenschweren Sanierung von Land und Bund bezahlt wird. Die EKD gibt zum einen das Augusteum an das Land zurück und hat zum anderen rund eine Million Euro investiert, um die Kirche betriebsfähig zu machen: Licht, Mikrofon- und Videoanlage, Orgel. Jährlich werde die EKD zudem rund eine halbe Million Euro für den Unterhalt aufbringen. »Eigentlich braucht die EKD als Dachorganisation der Landeskirchen ja kein eigenes Gotteshaus«, sagt Thomas Begrich. Eigentlich. Doch mit ihrer kirchengeschichtlichen Bedeutung ist die Schlosskirche eine Ausnahme. Ebenso wie die Versöhnungskirche in Dachau oder die Christuskirche in Rom, die sich ebenfalls in EKD-Eigentum befinden. Letztere steht der dortigen evangelischen Gemeinde zur Verfügung. Übrigens: In Rom wie in Wittenberg hängt ein identisches Geläut im Glockenturm, jeden Sonntag erschallt in beiden Städten der gleiche Glockenton.

Mit der Änderung der Eigentumsverhältnisse ändert sich für die Nutzer der Schlosskirche nichts: Praktisch steht sie in Verantwortung des Predigerseminars, die Dozenten, wie etwa Direktorin Hanna Kasparick, haben einen Predigtauftrag. Ebenso stehen Kathrin Oxen, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, und Friedrich Kramer, Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, auf der Kanzel. Erst seit 1949 hat die Schlosskirche eine eigene Gemeinde, heute gehören ihr rund 110 Gläubige an.

Es sind vor allem Gäste aus aller Welt, die in die Kirche drängen: Bis zu 200 000 Menschen im Jahr. Für sie entsteht in Teilen des Schlosses ein Besucherzentrum mit Ausstellung. Es soll im Oktober eröffnen, kündigte Schlossensemble-Kustos Jörg Bielig an. Ins Schloss einziehen wird zudem die Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek und das Predigerseminar, das am 30. September ein Gästehaus für die Vikare auf dem Gelände eröffnet. Damit erhält das Ensemble seine Form mit vier Flügeln wieder.

Offiziell eingeweiht wird die Schlosskirche mit einem Festgottesdienst am 2. Oktober, 10 Uhr. Die dänische Königin Margarete II., Bundespräsident Joachim Gauck, EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff werden erwartet. Die dänische Königin wird eine selbst gewebte rote Altardecke als Geschenk überreichen.

Von den rund 400 Plätzen sind 200 für geladene Gäste vorgesehen. »Doch keiner soll vor der Türe stehen«, sagt Pfarrer Jan von Campenhausen. Aus diesem Grund organisiert die Evangelische Wittenbergstiftung, dessen Direktor von Campenhausen ist, am 2. Oktober, ab 9.30 Uhr, eine Übertragung in das Einkaufszentrum Arsenal. Dies sei mehr als ein Public Viewing. »Wir feiern einen Gottesdienst«, so von Campenhausen. Für bis zu 600 Menschen sei Platz. Es ist, so der Stiftungsdirektor, auch eine Übung für die Eröffnung des Reformationsjahres am 31. Oktober in Berlin.

Katja Schmidtke

Behutsam bewegt sich etwas

19. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Achava-Festspiele: Im Mittelpunkt stand das Gespräch zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen

Barmherzigkeit und Nächstenliebe: das sind die Aushängeschilder von Jesus von Nazareth und der ihm nachfolgenden Christenheit. Für den Islam nehmen Außenstehende meist das Gegenteil an. Laut einer Statistik halten 57 Prozent der Deutschen den Islam für bedrohlich. Gewalt, Terroranschläge, die Einschränkung persönlicher Freiheit und Meinungsäußerung: all das wird oft mit dem Islam gleichgesetzt.

Mouhanad Khorchide zeichnet ein ganz anderes Bild des Islam. Der Professor für islamische Religionspädagogik an der westfälischen Wilhelms-Universität Münster hat in seinem Buch »Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion« seine Vision von einem Islam des 21. Jahrhunderts skizziert. Im Rahmen der Erfurter Religionsgespräche beim Achava Festival in Erfurt stellte Khorchide seine Thesen vor.

»Eine Religion, die den Anspruch hat im 21. Jahrhundert zu gelten, auch wenn sie im 7. Jahrhundert entstanden ist, muss sich erneuern«, stellte Khorchide ganz klar fest. Der Islam, so der Professor, der im Libanon geboren wurde, habe die gleichen Probleme wie andere Religionen. Oft erreiche man mit den religiösen Inhalten die Jugend kaum noch. »Es gibt viele Kultur-Muslime, die den Islam als kulturelle Identität verstehen, aber wenig bis gar nicht gläubig sind«, so Khorchide. Er sieht hier ein ganz klares Versagen der Religion, das große und bedrohliche Auswirkungen hat.

Khorchide plädierte beim Gespräch in der Erfurter Peterskirche dafür, den Koran historisch-kritisch zu untersuchen, so, wie es auch christliche und jüdische Theologen mit ihren heiligen Schriften praktizieren. Man müsse ein heiliges Buch immer auch im historischen Kontext lesen und in die neue Zeit übersetzen. Kein Jude oder Christ würde Stellen im Alten Testament, die Gewalt zum Thema hätten, unreflektiert ins Heute übertragen.

Konzert mit der israelischen Sängerin Ester Rada. Foto: Achava-Festspiele

Konzert mit der israelischen Sängerin Ester Rada. Foto: Achava-Festspiele

Den Text kritisch anschauen und mancherorts entschärfen, dieser Anspruch hat Khorchide viel Kritik und sogar Morddrohungen eingebracht. Viele werfen ihm vor, beliebig Stellen aus dem Koran zu verwenden und damit ein völlig anderes, ja weichgespültes Bild des Buches zu zeichnen. Diesem Vorwurf trat Khorchide beim Religionsgespräch entschieden entgegen. »Ich versuche vehement, Schlüssel und Kriterien zu schaffen. Ich möchte Antworten finden auf die Fragen ›Was will Gott? Warum erschafft er die Menschen?‹ Vor diesem Hintergrund muss man den Koran lesen. Das ist Exegese.«

Das Gottesbild eines ungerechten strafenden Gottes lehnt Khorchide kategorisch ab. »Glaube ist keine Überschrift«, so der Wissenschaftler und gläubige Muslim. »Glaube ist etwas, das man durch sein Handeln bezeugt.«

Doch wie zukunftsfähig ist eine Religion, die sich schwertut in ihrer Erneuerung, die mit Kritik schlecht umgehen kann und aus den verschiedensten Strömungen besteht? Der Islam könne in der Zukunft nur bestehen, wenn er sich erneuere und eine klare Trennung von Politik, Gewalt und Glaubensinhalten vollziehe, erklärte Khorchide.

Vor dem Hintergrund der Anfeindungen und Bedrohungen, denen er selbst ausgesetzt ist, und angesichts der Ereignisse in der Welt, trat die Frage auf, wie reell so eine Reform des Islam sei. Mouhanad Khorchide weiß, dass sich nur ganz langsam ein Wandel einstellen kann. Er aber spüre, dass sich behutsam etwas bewege. Die Erneuerung werde, so glaubt er, von Europa und den hier lebenden Muslimen ausgehen, die in ihrer Religionsausübung und in ihrer Meinungsfreiheit nicht eingeschränkt seien. Der Bedrohung des IS kann er nur eine positive Seite abgewinnen: Sein Terror habe dazu geführt, dass sich viele Menschen vom politischen Islam ab- und einer Reform zuwenden. Khorchide weiß, wie schwer seine Bemühungen sind, doch er steht auch an diesem Abend in der Erfurter Peterskirche unermüdlich für sie ein: für interreligiösen Dialog, Erneuerung, Freiheit und Demokratie, auch für und mit Muslimen.

Diana Steinbauer

Flagge zeigen für das Miteinander

11. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnerungsort: »Topf & Söhne« symbolisch mit ACHAVA-Fahne markiert

Menschen zusammenführen und einladen zum Lernen und zur Begegnung, das ist das Ziel von »ACHAVA«, dem jüdischen Impuls für interreligiösen Dialog. Die Festspiele für Toleranz und Dialog fanden 2015 erstmals in Thüringen statt. In diesem Jahr hat das Festival zwei neue Veranstaltungsorte und -partner gefunden: den Thüringer Landtag und den Erinnerungsort »Topf & Söhne«.

Hissen der Flagge:  Vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma »Topf & Söhne« wurde ein acht Meter großes Banner mit dem Logo von ACHAVA aufgehängt. (v. li.): Martin Kranz, Intendant der ACHAVA Festspiele, Christian Carius, Thüringer Landtagspräsident, Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes »Topf & Söhne«, der Kulturdirektor der Landeshauptstadt Erfurt, Tobias J. Knoblich, Sophie Eckenstaler, Kuratorin der Ausstellung »Un-er-setz-bar« vom Erinnerungsort  Topf & Söhne. Foto: Diana Steinbauer

Hissen der Flagge: Vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma »Topf & Söhne« wurde ein acht Meter großes Banner mit dem Logo von ACHAVA aufgehängt. (v. li.): Martin Kranz, Intendant der ACHAVA Festspiele, Christian Carius, Thüringer Landtagspräsident, Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes »Topf & Söhne«, der Kulturdirektor der Landeshauptstadt Erfurt, Tobias J. Knoblich, Sophie Eckenstaler, Kuratorin der Ausstellung »Un-er-setz-bar« vom Erinnerungsort Topf & Söhne. Foto: Diana Steinbauer

Vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma »Topf und Söhne«, die Entlüftungsanlagen und gasdichte Türen für die Gaskammern zahlreicher Konzentrationslager baute, wurde deshalb am Tag vor der Eröffnung des Festivals ein acht Meter großes Banner mit dem Logo von ACHAVA gehisst.

Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes »Topf & Söhne« betonte die Bedeutung eines solchen Zeichens: »Es ist sehr wichtig, dass an einem solchen Ort wie diesem, an dem Techniker gedacht und produziert und dabei die Folgen ihres Tuns für die Menschen ignoriert haben, dass gerade hier nicht nur der Taten erinnert, sondern auch ein Zeichen für Toleranz und Verständigung gesetzt wird.«

Mit dem Banner wolle man nicht nur auf ACHAVA und die zahlreichen und vielfältigen Veranstaltungen bis zum
11. September in Erfurt aufmerksam machen. »Wir wollen auch zeigen, dass dieser Ort ein offenes Haus und nicht auf die Vergangenheit ausgerichtet ist. Hier bewegt sich etwas«, so die Kuratorin.

Der Kulturdirektor der Stadt Erfurt, Tobias Knoblich, erklärte, die Stadt wolle nicht nur Veranstaltungsort, sondern intensiver Partner des Festivals sein. Knoblich betonte die besonderen Herausforderungen, die die Globalisierung an die Gesellschaft stelle. »Es gibt viele Widerstände und Grenzen. Wir müssen uns aufmachen, Unbekanntes kennenzulernen und Differenzen akzeptieren zu können«, so Knoblich.

Martin Kranz, Intendant der ACHAVA Festspiele, freut sich über die Zusammenarbeit mit dem Landtag und dem Erinnerungsort. Er hofft, dass das Festival auch in diesem Jahr wieder viele Menschen anziehen und begeistern wird. Konzerte, Ausstellungen, Lesungen, Vorträge, Filmvorführungen, Meditation und vieles mehr wird dem Publikum in diesen Tagen in Erfurt geboten.

Kranz hofft, dass bis zu 10 000 Besucher zum Festival kommen werden. »Wir machen den Erfolg von ACHAVA jedoch nicht an einer Zahl fest«, so Kranz. »Für uns zählt die Qualität der Beiträge und jeder Einzelne, den wir erreichen.«

Diana Steinbauer

Hereinspaziert!

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Den Tag des offenen Denkmals am zweiten Septemberwochenende nutzt das Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und öffnet sonnabends 10. September seine Türen für interessierte Besucher. Sie können bei dieser Gelegenheit die Arbeit der Kirchenverwaltung »hautnah« erleben und ganz nebenbei ein architektonisches Kleinod in der Erfurter Altstadt entdecken.

Kirchenamtspräsidentin Brigitte Andrae bringt es auf den Punkt: »Das Landeskirchenamt möchte ein offenes Haus sein, keine in sich verschlossene Behörde. Es ist auch ein Stück Kirche mitten in der Erfurter Altstadt. Das wollen wir nutzen, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen – und laden deswegen immer wieder zu Veranstaltungen in unserem Haus ein. Am ›Tag der offenen Tür‹ wollen wir allen Interessenten unser Haus vorstellen, die Menschen, die dort arbeiten, die Themen, die uns hier bewegen.«

Zu diesem Anlass wird es nicht nur Besichtigungsmöglichkeiten geben, auch verschiedene aktuelle Projekte der EKM werden präsentiert (siehe Infokasten rechts). Außerdem warten ganztägig folgende Angebote auf die Besucher: die Ausstellungen »Vom Seemannspastor zum Propst« zum 50. Todestag von Propst Oskar Zuckschwerdt sowie zu »Kirchendecken«, Präsentationen zum »Bau des Landeskirchenamtes«, zu »Daten und Fakten zur Landeskirche« und zum Projekt »Querdenker (EKM und IBA)«. Zum Programm gehören auch Informationen rund um »Bildung und Schule«, »Archive«, »Die EKM im Ohr«, »Siegel- und Stiftungswesen«, »Personalregistratur« sowie »Halt Gehalt – die Zentrale Gehaltsabrechnungsstelle«.

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Und auch für Kinder gibt es an diesem Tag spezielle Angebote, unter anderem eine Buttondruckmaschine, Maltische, Kegeln oder ein Forstquiz.

Vor fünf Jahren bezog das Landeskirchenamt das »Collegium maius« im Herzen der Landeshauptstadt. Gegenüber der Michaeliskirche im ehemaligen »Lateinischen Viertel« Erfurts gelegen, war dieses Bauwerk einst das Hauptgebäude der Alten Universität Erfurt, deren Gründung auf das Gründungsprivileg aus dem Jahr 1379 zurückgeht. Damit repräsentiert das Collegium maius die wohl älteste Alma mater Deutschlands, deren bekanntester Student und Lehrer Martin Luther war.
Im 15. Jahrhundert galt sie als eine der angesehensten Hochschulen Mitteleuropas und war für die Stadt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor; die dort um das Jahr 1500 lehrenden Humanisten übten eine große Anziehungskraft aus.

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Ein Jahr nach dem als »Tolles Jahr« in die Stadtgeschichte eingegangenen Aufstand der Erfurter Bevölkerung gegen ihre Ratsherren wegen des Bankrotts des städtischen Finanzhaushaltes wurde 1510 damit begonnen, das Collegium maius zu erbauen. Das spätgotische Portal zierte seit 1513 die Front des Gebäudes. In diese Zeit fällt wohl auch die Anfertigung der filigranen Maßwerkfenster im gotischen Stil. Das Obergeschoss mit dem repräsentativen Auditorium wurde zwischen 1549 und 1550 fertiggestellt. Eine Besonderheit sind hier die Steinmetzarbeiten an der Fensterfront des Nordgiebels. Im 19. Jahrhundert kam es zum Niedergang der Universität; als sie 1816 nur noch 20 Studenten hatte, wurde sie geschlossen. Den prächtigen Festsaal nutzte die Stadt weiterhin für Veranstaltungen.

Am 9. Februar 1945 zerstörten amerikanische Sprengbomben das Collegium maius bis auf die Erdgeschossmauern. Sorgsam wurden seinerzeit wertvolle Bauteile aus den Trümmern geborgen. Erst 1983 erfolgte der erste Schritt zum Wiederaufbau: anlässlich der Feierlichkeiten zum 500. Geburtstag Martin Luthers erstand das imposante Portal neu. Im Herbst 1989 galt das Collegium maius als Symbol für den geistig-kulturellen Aufbruch. Angeregt durch die bereits 1987 ins Leben gerufene Universitätsgesellschaft Erfurt, wurde die Universität 1994 neu gegründet. Viele Bürger beteiligten sich am Wiederaufbau ab1998.

Zum historischen Gebäudekomplex gehört das Bibliotheksgebäude aus dem Jahr 1847, das beim Umbau als Verwaltungssitz der EKM in seiner Grundstruktur erhalten blieb. Blickfang dieses Gebäudeteils ist zweifellos das sanierte Boineburgsche Portal, durch das die Besucher heute das Landeskirchenamt betreten. Philipp Wilhelm Reichsgraf von Boineburg war kaiserlicher und kurmainzischer Geheimer Rath, Statthalter von Erfurt und Rektor der Universität. Er stiftete ihr die von ihm noch ergänzte Bibliothek seines Vaters sowie ein beträchtliches Kapital. So konnte die Bibliothek in der Mainzer Hofstraße 12 errichtet werden. Nach deren Abbruch infolge eines Brandes im Jahr 1899 wurde das prächtige Tor gesichert und kam zunächst ins Städtische Museum. Seinen heutigen Platz erhielt das Portal dann 1935 am damaligen Bibliotheksgebäude.

Dort, wo sich einst das Gebäude der philosophischen Fakultät befand, steht nun der U-förmige Neubau; der entstandene Innenhof bildet die Klammer zwischen alter und neuer Bau-
substanz. Innen wechseln sich geschlossene Flure mit natürlicher Belichtung ab und bieten Ausblicke in den Hof. Die rund 150 Menschen, die im Landeskirchenamt in rund 100 Büros arbeiten, erleben das Gebäudeensemble als gemeinsames Haus. Um einen großzügigen Raumeindruck zu erreichen, sind die Räume geschosshoch verglast. Der Neubau ist der Schöpfungsbewahrung verpflichtet: hoch wärmegedämmt und mit begrüntem Flachdach; für die elektrische Versorgung bezieht das Kirchenamt ausschließlich Ökostrom. Die Gesamtkosten für den Um- und Ausbau betrugen 11,7 Millionen Euro. Das Land Thüringen und der Bund stellten davon 7,2 Millionen Euro aus Städtebaufördermitteln zur Verfügung. 4,5 Millionen stammen aus Eigenmitteln der Kirche.

Großen Wert legt das Landeskirchenamt auf den offenen Charakter der Einrichtung; so gibt es die gemeinsam mit der Universitätsgesellschaft angebotene Vortragsreihe der »Collegium Maius Abende« zur Historie der Universität, aber auch zu Themen der Kultur- und Geistesgeschichte. Besonders am Herzen liegen Präsidentin Brigitte Andrae außerdem die wechselnden Ausstellungen im Landeskirchenamt, zum Beispiel »Fotografien demenzkranker Menschen«, »Frauen der Reformation« oder »Malerei von Menschen mit Beeinträchtigungen«.

Adrienne Uebbing

Interessante Einblicke:
Das Landeskirchenamt in Erfurt lädt am 10. September von 10 bis 14 Uhr zu einem Tag der offenen Tür in die Michaelisstraße 39


www.ekmd.de

Programm
10 Uhr          Eröffnung mit Begrüßung durch die Präsidentin, anschl. Kurzvorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

10.30 Uhr    Präsentation / Workshops »Finanzen in der EKM« (Raum »Magdeburg«) sowie »Erprobungsräume« (Raum »Eisenach«)

11 Uhr           Vorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

11 Uhr           Vernissage »Vom Seemannspastor zum Propst« (Foyer)

11 Uhr            Hausführung

11.30 Uhr      Präsentation/Workshops »Der Kirchenwald« (Raum »Magdeburg«) sowie »GKR-Wahlen 2019« (Raum »Eisenach«)

12 Uhr           Andacht (vor dem »Großen Saal«)

12.30 Uhr     Hausführung

12.30 Uhr     Präsentation / Workshops »Offene Kirchen« (Raum »Magdeburg«) sowie »Refomationsjubiläum 2017« (Raum »Eisenach«)

13 Uhr           Hausführung


Miteinander reden statt übereinander

29. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Achava heißt Brüderlichkeit: Nach einem beachtlichen Start im vergangenen Jahr gehen die Achava-Festspiele, deren Medienpartner die Kirchenzeitung ist, in diesem Jahr vom 1. bis 11. September in Erfurt in die zweite Runde. Harald Krille sprach mit Martin Kranz, dem Intendanten des Festivals, über Ziele und Schwerpunkte des Programms.

Herr Kranz, Sie haben vor einem Jahr in einer an kulturellen Glanzlichtern nicht gerade armen Region mit »Achava« ein neues Festival ins Leben gerufen, wie kam es zu dieser Idee?
Kranz:
Ich war elf Jahre lang Leiter und Intendant der »Jüdischen Kulturtage« in Berlin, die in dieser Zeit das wirklich mit Abstand größte jüdische Festival in Deutschland wurden. Ich lebe aber weiter in Thüringen, in Weimar, und da hat mich schon lange die jüdische Geschichte Erfurts beeindruckt. Immerhin gab es in Erfurt im Mittelalter zumindest zeitweise die größte jüdische Gemeinde Deutschlands. Ich habe immer gedacht, da müsste man doch was machen.

2013 habe ich mich dann mit dem jüdischen Musikprofessor Jascha Nemtsov aus Weimar und dem Präsidenten der Musikhochschule, Professor Christoph Stölzl, zusammengesetzt. Gemeinsam erarbeiteten wir den Vorschlag, ein Festival zu etablieren, dass einen starken jüdischen Kern hat, aber künstlerisch, kulturell und religiös über den Tellerrand hinausschaut und zum Dialog von Kulturen und Religionen einlädt.

Und Sie stießen auf Begeisterung?
Kranz:
Am Anfang stießen wir auf viel Skepsis. Viele erkannten wohl zunächst auch das Potenzial eines solchen Festivals nicht. Aber dann rückte 2014 das Thema islamischer Terror und »IS« in den Blickpunkt, die Welt stand auf einmal in Flammen. Da habe ich dann gedacht, jetzt müssen wir es machen. Ich bin Anfang Dezember 2014, am Tag nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten, zu Bodo Ramelow. Auch mit ihm hatte ich vorher schon gesprochen und an dem Tag sagte er spontan: »Wir machen es.«
Kultur-vor-Ort-33-2016Aber er hatte außer ein paar freien Lottomitteln kein Geld, das Land hatte für 2015 noch keinen Haushalt. Doch er hat die Schirmherrschaft übernommen, wir haben uns den Namen »Achava« ausgedacht, was auf hebräisch »Brüderlichkeit« bedeutet und die Zielrichtung des Festivals vorgibt. Und dann haben wir Sponsoren gesucht und letztlich auch gefunden, sodass es 2015 das erste Achava-Festival gab.

Wie war die Resonanz im vergangenen Jahr?
Kranz:
Wir hatten um die 6 000 Besucher. Das ist für ein völlig neues Festival schon nicht schlecht.

Religion wird von vielen heute als Privatsache gesehen, von etlichen sogar als Bedrohung empfunden. Bei Achava geht es dezidiert um die jüdische, christliche, muslimische und auch buddhistische Religion und Kultur.
Kranz:
Achava nimmt sich Religion und Kulturen zum Anlass, um darüber nachzudenken, wie es mit uns und unserer Welt weitergeht. Dazu muss man immer einen Blick zurückwerfen und fragen: Wo kommen wir her? Wo ist unser kultureller und religiöser Ursprung? Beides hängt ja zusammen. Deshalb die Einladung an die Menschen, sich wieder verstärkt mit der Identität zu beschäftigen. Und da spielt Religion natürlich eine ganz große Rolle. Zum anderen sehen wir natürlich, wie weltweit Religion für politische Zwecke missbraucht wurde und wird. Auch dem wollen und werden wir nachspüren.

Was unterscheidet Achava II von Achava I?
Kranz:
Achava II ist in seiner Ausprägung vor allem noch einmal breiter aufgestellt und geht stärker weg von dem israelischen Fokus. Wir nehmen die anderen Kulturen, die anderen Religionen stärker in den Blick.

Zu den neuen Programmpunkten und Formaten in diesem Jahr gehört am 3. September der »Shuk Achava« im Erfurter Landtag. Was erwartet die Besucher dort?
Kranz:
Hinter der Idee des Shuks, also des traditionellen arabischen Marktes, steht für mich mehreres. Zunächst ist es ein Format mit einer niedrigen Hemmschwelle für Besucher. Zugleich finde ich es wichtig, im Landtag, also einem Haus, wo sonst Politik gemacht wird, die Tür zu öffnen und etwas zu machen, was sonst dort so nicht stattfindet: Wir machen politisches Kabarett im Plenum, wir machen Puppentheater im ganzen Haus, wir werden orientalisch kochen mit dem ehemaligen Chefkoch des Landtags und einem israelischen Spitzenkoch. Dort werden sich Erfurter Religionsgemeinschaften ebenso präsentieren wie die Fraktionen des Landtags, es wird Ausstellungen und Podiumsdiskussionen geben. Kurz: Wir bringen Politik, Kultur und Religion in einen Gesprächskontext.

Ein facettenreiches Mosaik mit Künstlern unterschiedlichster Herkunft und Genres bietet das Kulturprogramm der Festspiele. Fotos: Veranstalter

Ein facettenreiches Mosaik mit Künstlern unterschiedlichster Herkunft und Genres bietet das Kulturprogramm der Festspiele. Fotos: Veranstalter

Dazu gehört auch am Vormittag ein Israeltag, bei dem wir mit Schülern über das moderne Israel und die politische Lage im Nahen Osten diskutieren. Also niedrigschwellig viele Menschen ansprechen, eine Tür öffnen und sagen: Guckt einfach mal, seid neugierig, schaut euch das an. Das ist die Idee des Shuks.

Wir zeigen damit übrigens auch, dass Achava überparteilich ist: Schirmherr ist der Ministerpräsident Bodo Ramelow, ein Linker. In den Landtag aber wurden wir von Landtagspräsident Christian Carius, einem CDU-Politiker, eingeladen.

Als wohl größte Herausforderung empfinden die meisten Menschen die Auseinandersetzungen mit dem Islam und die Frage der Integration von Flüchtlingen. Greift Achava diese Fragen auf?
Kranz:
Aber natürlich spielen die Flüchtlingsfrage und die Herausforderung durch den Islam eine große Rolle. In der Reihe der Erfurter Religionsgespräche in der Peterskirche werden wir unter anderem der Frage nachgehen, ob und wie demokratie- und zukunftsfähig der Islam ist. Mit der türkischstämmigen Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek und dem Münsteraner Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide wird es dabei kompetente und auch kritische Gesprächspartner geben.

Werden Flüchtlinge auch selbst zu Wort kommen?
Kranz:
Selbstverständlich. Zum Beispiel in der Reihe »Hört die Zeugen«. Da wird uns in diesem Jahr unter anderem ein syrischer Flüchtling über seine drei Jahre andauernde Flucht erzählen, auf der er fünf Sprachen lernte, bevor er in Berlin ankam und jetzt Dolmetscher werden will. Das ist doch spannend, sich mit so einem Menschen zu unterhalten. Überhaupt ist es wichtiger, mit Flüchtlingen, mit Muslimen, zu reden, als immer nur über sie.

Und ich komme wieder auf den Shuk zurück: Dort wird die »Banda International« aus Dresden auftreten und auch mit den Besuchern ins Gespräch kommen. Das ist eine Formation, in der Flüchtlinge aus 20 Nationen mitspielen und die als künstlerische Antwort auf Pegida entstanden ist.

Viele Veranstaltungen bei Achava sind kostenlos, andere kosten einen eher symbolischen Eintritt von fünf Euro. Wie funktioniert das bei solch hochkarätigem Programm?
Kranz:
Das funktioniert vor allem durch die Unterstützung von Privatpersonen und -institutionen. Der Gesamtetat des Festivals beträgt 500 000 Euro. Knapp 250 000 Euro kommen von privaten Spendern, der Rest sind öffentliche Mittel. Ich stehe dafür, dass Achava kein Hochpreis-Eliten-Festival wird, sondern wir wollen alle erreichen. Und ich denke, für eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion sind fünf Euro ein zumutbarer Obolus. Für die teuersten Konzerte sind je nach Preiskategorie 15 bis 30 Euro fällig. Das kann sich wohl jeder leisten, wenn er es möchte. Und so soll es auch bleiben.

Was wünscht sich der Intendant von Achava für das Festival?
Kranz:
Der größte Wunsch ist natürlich, dass möglichst viele Besucher kommen. Das Zweite ist, dass alles glatt läuft, dass die Künstler gesund sind, dass wir alle Veranstaltungen durchführen können. Und das Dritte ist, dass die Menschen, die kommen, etwas mitnehmen. Dass wir in einer Zeit, in der viele Fragen im Raum stehen, wir vielfach verunsichert sind, ein paar Anregungen und vielleicht auch ein paar Antworten geben können und vor allem ehrlich miteinander ins Gespräch kommen, Probleme offen ansprechen. Das ist ja der Sinn von Achava.

www.achava-festspiele.de

Ein Festival für Toleranz und Dialog

Im Grußwort der Veranstalter heißt es: »Das Motto der Achava-Festspiele ist dem Buch des Propheten Micha entnommen: ›Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.‹ Diese Friedensvision erscheint einfach, ist aber anscheinend nicht selbstverständlich in einer Welt, in der ständig versucht wird, einander seinen Glauben, seine Meinung und Lebensweise als einzig richtige aufzuzwingen.«

»Egal welcher Religion wir angehören oder ob wir keiner Religion angehören, dürfen wir in den zahlreichen Veranstaltungen Gemeinsamkeiten entdecken, über unsere Unterschiede reflektieren und sehr viel lernen«, meint Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, als Schirmherr.

Und Ministerpräsident Bodo Ramelow, ebenfalls Schirmherr, schreibt: »Die Erfurter Achava Festspiele geben wichtige Impulse für unsere weltoffene Gesellschaft.« Das Festival sei eine Stimme der Humanität und die kulturvolle und kulturelle Antwort der Zivilgesellschaft auf Intoleranz und Ausgrenzung und Ausdruck für das moderne und weltoffene Thüringen.

Das Marburger Religionsgespräch

23. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Lutherstädte: 1529 kam der bekannteste Mann Europas an die Lahn: Martin Luther nahm auf dringenden Wunsch des hessischen Landgrafen Philipp am Marburger Religionsgespräch teil. Aber eine Einigung scheiterte. Dieser Beitrag ist Teil einer Porträt-Serie über Lutherstädte.

Es war der 30. September 1529. Ein wichtiger Termin stand an: Der Reformator sollte seinen Kontrahenten Ulrich (Huldrych) Zwingli treffen, auf dringenden Wunsch des hessischen Landgrafen Philipp. »Man weiß: Luther ist aus seiner Kutsche ausgestiegen«, erzählt Christoph Becker. »Die Marburger haben sich die Augen ausgeguckt. Denn Luther war der bekannteste Mann Europas.«

Christoph Becker, Pferdeschwanz und Hut, ist Historiker und Schriftsteller, er schreibt historische Krimis. Jetzt begleitet er zwei Jahre lang für die Stadt Marburg das Reformationsjubiläum 2017. Er hat ein Buch über die Stadt und die Reformation geschrieben, mit vielen Anekdoten aus dem Alltag. Marburg rechnet mit vielen Besuchern. Am 31. Oktober 1517, vor 500 Jahren, veröffentlichte Luther in Wittenberg seine 95 Thesen – der Tag symbolisiert den Beginn der Reformation, in der Marburg eine zentrale Rolle spielte.
Luther ging an diesem Septembertag 1529 den steilen Weg hinauf in die Stadt, über den Marktplatz, zu einem Eckhaus, an dem heute ein Schild hängt: »Hier wohnte Dr. Martin Luther 1529.« Becker lacht. »Man könnte drunter schreiben: für vier Stunden.« Denn der Reformator zog sich in dem Gasthaus nur um und eilte weiter, hoch ins Schloss, wo ihn der Landgraf erwartete. Und sein Kontrahent Zwingli.

Bis zum 4. Oktober blieben die Reformatoren auf dem Schloss. Versammelt war die theologische Elite der Zeit: Luther, der mit Philipp Melanchthon aus Wittenberg angereist war, Zwingli aus Zürich und Martin Bucer aus Straßburg, Justus Jonas aus Sachsen, weitere Theologen, weltliche Ratsherren und Militärs. Luther und Zwingli trennte ein heftiger Streit um die Auslegung des Abendmahls: Für Luther war Christus real gegenwärtig in Brot und Wein, für Zwingli bedeuteten Brot und Wein symbolisch den Leib und das Blut Christi. »Luther wollte gar nicht nach Marburg kommen«, sagt Historiker Becker. »Er fürchtete, dass er verlieren konnte.« Aber Landgraf Philipp, eine politische Kraft hinter der Reformation, bestand auf dem Treffen. »Philipp war durch und durch Machtmensch«, sagt Becker. »Er war der zweite Landesfürst, der in seinem Land die Reformation eingeführt hat.« Und er hatte 1527 die erste protestantische Universität der Welt gegründet.

Auf dem Schloss ging es sehr laut zu. Die Kontrahenten wohnten teilweise im selben Zimmer. Die Diskussionen in der Fürstenwohnung wurden auf Deutsch und auf Latein geführt, es gab eine Redeordnung, Treffen unter vier Augen, ein Abschlussgespräch.

Philipp zwang die Reformatoren, sich in so vielen Punkten wie möglich zu einigen. Doch eine Einigung scheiterte am Ego Luthers. »Er hat auf stur gestellt«, sagt Becker. Es gab zwar eine Abschlusserklärung mit 15 Artikeln, doch in der entscheidenden Abendmahlsfrage blieben die Differenzen.

Stiegen führen hoch zum Schloss, Fachwerkhäuschen schmiegen sich an den Berg. Auf dem Marktplatz sitzen Touristen beim Kaffee in der Sonne, sie sprechen deutsch, englisch, holländisch. 1529 lebten nur 3 500 Menschen in der Stadt. In den Hinterhöfen waren die Schweineställe, Fäkalien wurden über die Gosse entsorgt oder den Schweinen verfüttert. »Hier wollen wir eine ›Stinkstation‹ aufbauen«, sagt Becker und deutet auf eine dunkle Ecke hinter der lutherischen Pfarrkirche. Der Plan für das Marburger Jahr zum Reformationsjubiläum steht. »Wir wollen das 16. Jahrhundert lebendig werden lassen«, erklärt Kulturamtsleiter Richard Laufner.

Am Fronleichnams-Wochenende im Juni 2017 ist eine Zeitreise geplant. In der »Stinkstation« soll es so riechen wie damals. Ein Schauspieler trägt Tischreden Luthers vor, es gibt eine Armenspeisung, ein Pfarrer braut Bier. Das ganze Jahr über sind in Zusammenarbeit mit Universität und Kirchen Ausstellungen, Tagungen und ein Lutherstück im Landestheater vorgesehen.

Luther reiste am 5. Oktober aus Marburg ab. Das – im Grunde ergebnislose – Religionsgespräch ist noch heute bekannt. »Es hat was Folkloristisches«, findet Becker. Religionsgeschichtlich war es ein entscheidender Schritt zur Trennung zwischen lutherischen und reformierten Protestanten.

Stefanie Walter (epd)

Kloster auf Zeit

17. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Memleben war einst Kaiserpfalz und Kloster: Heute ist es Museum. Aber ein belebtes, denn seit sechs Jahren ziehen jeden Sommer für einige Tage bayrische Benediktinermönche ein, leben und arbeiten und legen vor den Gästen Zeugnis ihres Glaubens ab.

Da hinunter? Die steile Treppe führt ins Nichts. Ein großes schwarzes Loch tut sich auf. Doch wer sich traut und behutsam einen Fuß vor den anderen setzt, erkennt: So düster ist diese Dunkelheit gar nicht. Unten angekommen, erhellen sieben Kerzen die 900 Jahre alte Krypta. Aus kleinen bunten Fenstern fällt sanftes Mittagslicht. Psalmengesänge durchdringen die Stille. Drei Männer, in schwarze Gewänder gekleidet, singen: »Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir.«

Es sind für Memleben, gelegen an der Unstrut im Burgenland, ungewöhnliche Szenen, die sich in der vergangenen Woche abgespielt haben. Nicht nur gehört das Gebiet trotz reicher, auch reicher kirchenhistorischer, Geschichte, zu den entkirchlichsten Regionen der Welt; auch wurde das Kloster infolge des Niedergangs durch die Reformation im 16. Jahrhundert endgültig aufgehoben. Erstmals seit rund 500 Jahren kehrten im Jahr 2011 Benediktinermönche aus der bayrischen Abtei Münsterschwarzach in das ehemalige Kloster und die alte Kaiserpfalz zurück. Zumindest zeitweise. Jeden Sommer, für jeweils rund fünf Tage, leben und arbeiten die römisch-katholischen Ordensbrüder in der Anlage, die heute ein Museum ist. »Der Besuch der Benediktiner ist Teil unseres Projekts ›Lebendiges Kloster‹«, schildert Museumsleiterin Andrea Knopik. Der historische Ort, einst auch von Benediktinern bewohnt, soll neu mit Glauben gefüllt werden und Besuchern Einblicke gewähren in das moderne Mönchtum.

Pater Remigius, Pater Maximilian und Pater Samuel (v. l.) leben für fünf Tage im Museum Kloster und Kaiserpfalz Memleben. Ihr Tagesablauf hier unterscheidet sich kaum von dem in der Abtei Münsterschwarzach. – Foto: Katja Schmidtke

Pater Remigius, Pater Maximilian und Pater Samuel (v. l.) leben für fünf Tage im Museum Kloster und Kaiserpfalz Memleben. Ihr Tagesablauf hier unterscheidet sich kaum von dem in der Abtei Münsterschwarzach. – Foto: Katja Schmidtke

»Mit ›Der Name der Rose‹ hat unser Leben wahrlich nichts zu tun«, räumt Pater Maximilian Grond sogleich mit dem ersten Vorurteil auf. Die Abtei Münsterschwarzach, in der 80 Glaubensbrüder leben und arbeiten, ist einerseits ein Ort der Beständigkeit im Glauben und in der Gemeinschaft, andererseits verweigern sich die Mönche nicht der modernen Welt. Die Abtei hat vor 16 Jahren mit ihrer eigenen Energiewende begonnen und verzichtet – den Treibstoff für die Fahrzeuge ausgenommen – auf fossile Brennstoffe. Biogasanlage, Wasserkraftwerk und Solaranlagen erzeugen den Strom, die Heizung wird von einer Holzhackschnitzelanlage betrieben. Den Ölverbrauch habe man von rund 650 000 Litern pro Jahr auf nahezu Null gefahren. Das bringt finanzielle Vorteile, ist aber nicht nur monetär begründet, sondern fest im Glauben verankert. »Die Bewahrung der Schöpfung ist uns als Auftrag mitgegeben«, erzählt Pater Maximilian von der Benediktinerregel. Alle Dinge sollen wie heiliges Altargerät behandelt werden. Eine Trennung in Sakrales und Profanes kennen die Benediktiner nicht.

Wohl aber Stress und Hektik. Diese vermeintlichen Symptome unserer außerklösterlichen Welt sind auch innerhalb der Klostermauern bekannt, sagt der Pater und schmunzelt. Zur Benediktinerregel zählt Ora – Beten – Legere – Lesen –, aber auch Labora – Arbeiten. Denn laut Benedikt soll so viel wie möglich von dem, was zum Leben benötigt wird, im Kloster hergestellt werden. »Klöster sind auch Wirtschaftsunternehmen. Das wollen wir unseren Gästen in diesem Jahr schwerpunktmäßig zeigen«, sagt die Memlebener Museumsleiterin Andrea Knopik. 20 Betriebe gibt es auf dem Münsterschwarzacher Klostergelände, nicht überall arbeiten Mönche. »Wir haben auch Angestellte«, erzählt Pater Maximilian. Eine Goldschmiede, eine Druckerei und ein Verlag, Bäckerei und Metzgerei gehören etwa zur Vier Türme GmbH. Das Kloster muss sich finanziell selbst tragen.

Nach Memleben haben die Mönche eine kleine Auswahl ihrer Produkte mitgebracht und gewähren einen Einblick in eine klösterliche Holzwerkstatt: Gäste können Kreuze fertigen. Die Tage in Sachsen-Anhalt sind für Pater Maximilian und seine Mitbrüder Remigius und Samuel eigentlich kein großer Unterschied zum Tagwerk in Münsterschwarzach. Die festen Gebetszeiten werden auch in Memleben eingehalten: vier Mal am Tag sind dazu auch Gäste eingeladen. Davor gibt es Gesprächsrunden über das Leben im Kloster. Im Gegensatz zur heimischen Abtei begegnen die Benediktiner hier in Memleben mehr oder weniger zufällig Gästen, vermehrt auch Konfessionslosen. Gerade mit ihnen ergeben sich oft tiefe Gespräche. Es sind Momente, in denen vom historischen Ort Memleben aus eine Brücke geschlagen wird zu einem lebendigen Ort des Glaubens: »Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir«, klingt es aus der Krypta. In das Vaterunser stimmen viele Gäste mit ein.

Katja Schmidtke

Flamme der Reformation angefacht

9. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Heidelberg: In der Stadt am Neckar konnte Martin Luther 1518 erstmals seine um-strittenen Thesen diskutieren. Später gab es vor dem Altar der Heiliggeistkirche ein handfestes Gerangel zwischen Katholiken, Lutheranern und Reformierten.

Der 26. April 1518 war für Martin Luther eine Premiere: Ein halbes Jahr nach Veröffentlichung seiner 95 Thesen hatte er zum ersten Mal außerhalb Wittenbergs die Möglichkeit, mit Akademikern darüber zu diskutieren. Bei den Heidelberger Professoren biss er allerdings mit seinen Vorstellungen über die Rechtfertigung – was also einen Menschen »gut« macht vor Gott – auf Granit.

»Wie das Mönchlein Martin zu Heidelberg die Flamme der Reformation anfacht«: Unter diesem Motto bietet die Stadt am Neckar einen unterhaltsamen und informativen Rundgang zu Luthers Besuch in Heidelberg an. Foto: Heidelberg Marketing GmbH

»Wie das Mönchlein Martin zu Heidelberg die Flamme der Reformation anfacht«: Unter diesem Motto bietet die Stadt am Neckar einen unterhaltsamen und informativen Rundgang zu Luthers Besuch in Heidelberg an. Foto: Heidelberg Marketing GmbH

Viel nachhaltiger sollte der 34-jährige Theologie-Professor Luther bei den Studenten wirken, die ihm in diesen Stunden zu Füßen saßen. Die Rechtfertigungslehre war die Basis für die Kritik am Ablasshandel, die Luther in den am 31. Oktober 1517 veröffentlichten 95 Thesen formuliert hatte.

Heidelberg gilt historisch nicht als Zentrum des lutherischen, sondern des reformierten Glaubens. Die kurpfälzischen Herrscher entschieden sich für diesen Teil der Reformation. Hier wurde 1563 der Heidelberger Katechismus verabschiedet, der stärker den Ideen von Johannes Calvin folgte als denen Luthers. Da die Reformierten Bildern gegenüber noch kritischer

waren als die Lutheraner, sind manche Kirchen Heidelbergs bis heute im Inneren sehr schlicht.
Stadtführer Reinhard Störzner bietet spezielle Luther-Touren an. Der Heidelberg-Experte hat zur Kirchengeschichte der Stadt einen sehr persönlichen Zugang – er ist Vorsitzender des Ältestenkreises der Heiliggeistkirche im Herzen der Altstadt. Er berichtet lebendig von den heftigen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken, Lutheranern und Reformierten. So gab es wegen des Streits um das richtige Verständnis vom Abendmahl vor dem Altar der Heiliggeistkirche ein handfestes Gerangel unter den Geistlichen. Diese Kirche war zudem 230 Jahre lang, bis 1936, durch eine Mauer in zwei Teile getrennt, Katholiken und Protestanten hatten verschiedene Eingänge.

Auf dem heutigen Universitätsplatz, wo im 16. Jahrhundert das Augustinerkloster stand, wurde 1983 zum 500. Geburtstag Martin Luthers eine Gedenkplatte in den Boden gelassen. Luther hatte im Kloster übernachtet und vermutlich in der benachbarten Artistenfakultät disputiert, berichtet Störzner. Anlass war die Generalversammlung des Augustiner-Ordens, dessen Generalvikar Johann von Staupitz Luthers Beichtvater war. Der Augustiner-Mönch Luther war, teilweise zu Fuß, aus Wittenberg gekommen.

Luther lobte drei Wochen nach seinem nur einige Tage währenden Aufenthalt in einem Brief die Atmosphäre der Disputation. Die Dozenten hätten sich ihm »aufs Beste empfohlen«. Nur einer der Doktoren habe die ganze Zuhörerschaft zum Lachen gebracht mit dem Spruch: »Wenn das die Bauern hörten, würden sie Euch gewiss steinigen und totschlagen.« Gleichzeitig bedauerte Luther, dass er bei den altgedienten Professoren mit seiner Botschaft nicht landen konnte. Er äußerte die Hoffnung, dass die »wahre Theologie, von jenen eingebildeten Alten verstoßen, sich zur Jugend wende«.

Und genau das passierte: Unter den Zuhörern saßen mehrere junge Männer, die später die Reformation im Südwesten durchsetzten: Martin Bucer (Reformator in Straßburg), Johannes Brenz (Schwäbisch Hall/Stuttgart), Martin Frecht (Ulm) und Theobald Billican (Nördlingen). So hatte Luthers Auftritt am Neckar eine viel nachhaltigere Wirkung, als er wohl selbst nach seiner Disputation erwartet hätte.

Erinnerungen an den kurzen Besuch des 34-jährigen Reformators gibt es in der Stadt kaum. Neben der Peterskirche, die heute als Universitätskirche dient, steht seit 1883 eine Luther-Eiche. Ein Glasfenster weist Kirchenbesucher auf die großen Köpfe der Reformbewegung hin. Außerdem steht ebenfalls in der Altstadt die Providenzkirche, ein 1661 fertiggestellter lutherischer Kirchenbau, den Kurfürst Karl-Ludwig seiner Zweitfrau Louise von Degenfeld errichten ließ. Der Streit der Konfessionen ging manchem Heidelberger in den vergangenen Jahrhunderten auch mächtig auf die Nerven. Stadtführer Störzner zitiert dazu einen historischen Spottvers: »Die Katholiken sind voller List und Tücken. Die Calvinisten sind keine rechten Christen. Doch die größten aller Ochsen – sind die lutherischen Orthodoxen.«

Die eigentliche Renaissance erlebt der Reformator Martin Luther derzeit im Foyer der Heiliggeistkirche. Dort steht er als Playmobilfigur zum Verkauf. »Unser Bestseller«, schmunzelt Störzner.

Marcus Mockler

Beim Rundgang zu Luthers Besuch in Heidelberg wird besonderes Augenmerk auf die frühe Entwicklungsphase der Reformation gerichtet, um von da einen Bogen zu schlagen zu den Folgen und Wirkungen der Umwälzungen für Hof, Stadt und Land bis in die Gegenwart (Dauer: 2 Stunden), Anmeldung: E-Mail <guide@heidelberg.de> Telefon (0 62 21) 14 22-23/-24/-25/-26

www.heidelberg-tourismus.de

Auf der Alm, da gibts die Sünd

2. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Urlaubsvertretung – das mache ich gerne. Vier Wochen in einer bayerischen Gemeinde. Man feiert Gottesdienste auf Bergen, an Seen, auch in Kirchen. Denn die Gemeinden sind tourismusbedingt im Sommer größer.

Man entlastet das Team der Geistlichen vor Ort. Viele Touristen aus Ostdeutschland trifft man. Die sagen nicht selten: »Zuhause gehen wir in keinen Gottesdienst.« Ich frage: »Aber hier? Warum?« Sie antworten: »Weil’s in die Landschaft passt. Und weil uns hier keiner kennt.«

Predigt in den Bergen: Pfarrer Felix Leibrock beim Gottesdienst auf dem Wallberg am Tegernsee. Foto: privat

Predigt in den Bergen: Pfarrer Felix Leibrock beim Gottesdienst auf dem Wallberg am Tegernsee. Foto: privat

Auf der Alm, da gibts so manche Sünde, die man nicht voraussieht. Ich habe mal auf der Winklmoosalm (richtig: die von der Rosi Mittermaier!) über Auf- und Abstieg gepredigt. Man musste ja da rauf- und runterlaufen. Illustriert habe ich das am 1. FC Köln. Der war gerade aufgestiegen. »Die können auch wieder absteigen«, sage ich. Da stehen ein Dutzend Menschen auf und gehen. Einer ruft mir empört zu: »Unverschämt! Wir steigen nicht mehr ab. Nehmen Sie Düsseldorf, die sind dafür viel besser geeignet.« Immer wieder versuche ich mir einzureden, dass das Spaß war. War es aber nicht. Ganz ernste Gesichter. Der Fußballgott ist offenbar ein strenger. Obwohl es ihn nicht gibt.

Am Forggensee halte ich eine Abendandacht. Idyllische Kulisse. Selbst die Schwäne liegen am Ufer und scheinen zuzuhören. Dann spielt der Posaunenchor. Und jetzt passiert es: Die Schwäne schlagen wild mit den Flügeln und gehen schnappend los auf – nein, nicht auf den Posaunenchor, den Verursacher der Aggression, sondern auf den Mann mit dem schwarzen Leibrock! Bis heute hadere ich mit dem Unrecht, das mir da widerfuhr. Ich bin um den halben See gerannt, um den Bissen der Schwäne zu entfliehen. Immerhin haben nach der Attacke deutlich mehr Leute an der Andacht teilgenommen. Weil’s eine Action-Andacht war. Oder warum auch immer. Und der Posaunenchor weiß jetzt hoffentlich: Schwanengesang geht anders.

Einmal habe ich eine Silberhochzeit auf dem Wallberg am Tegernsee gehalten. Herrliches Wetter, die Berge prachtvoll, das Jubelpaar aufgeregt wie am Tag der Hochzeit. Wir bauen die Segnung in den Gottesdienst ein. »Wenn ihr euch noch liebt, könnt ihr das hier vor der Gemeinde auch noch mal öffentlich sagen. Liebt ihr euch?«, frage ich. Eine Antwort kommt sekundengenau und sehr laut. Erst mal noch nicht vom Ehepaar, sondern von ihrem Hund. Wau! Wow!

Gottesdienste auf dem Berg, am See, das ist immer eine ganz eigene Atmosphäre. Irgendwie gelöster, wenn die Kühe das Glockengeläut liefern. Wenn dem Pfarrer der Talar hochweht wie Marylin Monroe das Kleid. Wenn ein Alphorn so ergreifend spielt, dass selbst die Hunde im Tal aufjaulen. Gelöst und heiter bei Gott sein, vielleicht ist es das, was die Menschen auf dem Berg oder am See suchen. Nach so einem Gottesdienst bin ich mit einem Einheimischen im Lift nach unten gefahren. Ich hatte ja viel Gepäck: Wegweiser zum Gottesdienst, Liedhefte, Talar. Das trägt sich schlecht zu Fuß. Da sagt der Mann im Lift zu mir: »Sagen Sie mal, wird bei Ihnen in Thüringen im Gottesdienst in der Kirche öfters gelacht?« Ich: »Na ja, schon. Wir haben ja eine Frohe Botschaft. Da können wir nicht nur als Kopfhänger und Bodenkriecher Gott feiern. Und Jesus bei der Hochzeit in Kana, den kann ich mir auch nicht als Spaßverderber und Trauerkloß vorstellen.« Der Mann: »Hm. Wissen Sie was? Ich gehe hier seit 30 Jahren jeden Sonntag in den Gottesdienst. Wir haben noch nie gelacht.«

Noch eine Beichte: In der Zeit der Urlauberseelsorge schreibe ich meine Krimis. Dafür brauche ich Zeit. Um die zu gewinnen, wechsele ich die Urlaubsorte. Die Bergpredigt in Füssen kann ich nächstes Jahr in Berchtesgaden und übernächstes in Ruhpolding halten. Spart mir die Predigtvorbereitung. Dachte ich. Bis beim letzten Mal auf der Kührointalm ein freundliches Ehepaar kommt und sagt: »Herr Pfarrer, die Predigt von Ihnen kannten wir schon. Wir wechseln jedes Jahr den Urlaubsort.« Jetzt habe ich ein Problem.

Felix Leibrock

Der Autor ist Geschäftsführer und Pädagogischer Leiter des Evangelischen Bildungswerks München, nebenamtlicher Polizeiseelsorger und »Krimi-Pfarrer«. Lebt in Weimar und München.

Wenig Schlaf für den jungen Luther

26. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Lutherstädte: In Erfurt begann Martin Luther zu studieren, bis ein heftiges Gewitter ein Leben veränderte. Der wohlhabende Student wurde zum Bettelmönch. Dieser Beitrag ist Teil einer Porträt-Serie über Lutherstädte.

In Erfurt erzählt fast jeder Pflasterstein eine Geschichte. Auf einige von ihnen hat zu Beginn des 16. Jahrhunderts auch der junge Martin Luther (1483–1546) seine Füße gesetzt. Im Jahr 1501 kam der spätere Reformator nach seiner Schulzeit in Mansfeld, Magdeburg und Eisenach nach Erfurt. Rund zehn Jahre später verließ er sie als Mönch. Zunächst studierte er, wie damals oft üblich, an der »Hierana« die »Sieben Freien Künste«, wie Grammatik, Rhetorik und Astronomie.

Die Erfurter Universität bestand schon mehr als 100 Jahre. Manch ortsansässiger Historiker nennt sie gar die älteste Universität Deutschlands, stammt doch das Privileg zu ihrer Einrichtung aus dem Jahr 1379. Erfurt hatte damals 20 000 Einwohner und zählte zu den fünf größten Städten im Reich. Heute hat die thüringische Landeshauptstadt gut 200 000 Einwohner und bietet einen großen mittelalterlich geprägten Altstadtkern.

Damals übte der Ruf von Stadt und Universität auf den jungen Mann aus wohlhabendem Hause eine magische Anziehungskraft aus. Zudem versprach sich sein strenger Vater vom späteren Studium der Jurisprudenz einen Grundstein für eine steile Karriere als Beamter an einem Fürstenhof.

Doch es kam anders. Die Legende berichtet, dass der junge Mann am 2. Juli 1505 auf der Rückreise von einem Besuch bei seinen Eltern im rund 90 Kilometer entfernten Mansfeld auf einem Feld bei Stotternheim, das heute zu Erfurt gehört, von Blitz und Donner überrascht wurde. In Todesangst rief er: »Ich will Mönch werden!« Das setze er um und trat zwei Wochen später in das strenge Augustinerkloster ein. Forscher vermuten, dass er schon vorher mit dem Gedanken gespielt hatte, aber Angst vor der Reaktion des Vaters hatte.

Augustinerkloster in Erfurt. Foto: privat

Augustinerkloster in Erfurt. Foto: privat

Im heutigen Augustinerkloster wird deutlich, wie die Mönche des Bettel­ordens vor 500 Jahren lebten. Und wie Luther sich mit der Frage quälte: »Wie kriege ich einen gnädigen Gott?« In der Dauerausstellung unter dem Dach sind Mönchszellen zu sehen. Allerdings dienten sie nicht privaten Bedürfnissen, erzählt Kurator Carsten Fromm. Geschlafen wurde in einem Raum, die Zellen dienten allein als Rückzugsorte für die Glaubensarbeit.

In einem der kleinen Räume werden hinter dicken Eisenstäben schwere Folianten aufbewahrt. Sie sind Teil der berühmten Bibliothek des Klosters. Durch eine Glasscheibe hindurch können die Besucher aus der Ausstellung in ihren Lesesaal blicken. Im Fenster der Kirche ist die Rose zu sehen, die den Reformator zu seinem Siegel inspiriert haben soll. Im Kapitelsaal bekommt der Gast eine kleine Vorstellung von der Strenge des klösterlichen Lebens. Mehr als vier Stunden Schlaf waren für die Mönche nicht drin, den Rest des Tages widmeten sie sich Gebet und Studium der Heiligen Schrift.

Heute ist das Kloster eine Bildungs- und Begegnungsstätte. Wer ohne Parkplatz und Telefon auskommen kann, ist hier richtig. »Wir versuchen eine Reduktion auf das Wesentliche«, beschreibt Kurator Fromm das Anliegen seines Hauses. Von hier aus lässt sich Luthers Erfurt erkunden.

Nur wenige Schritte sind es vom Kloster hinüber zum Dom, wo Luther 1507 zum Priester geweiht wurde. Der Weg führt durch das alte lateinische Viertel der Universität, über kurze Abstecher gelangt man zur Krämerbrücke, der einzigen bebauten Brücke nördlich der Alpen, und in die Waagegasse zur ältesten erhaltenen Synagoge Mitteleuropas. Dort ist seit einigen Jahren auch der Goldschatz zu sehen, den ein reicher Jude vor dem Pogrom von 1349 vergrub.

Vieles lässt sich in Erfurt entdecken, was an Luthers Aufenthalt bis 1511, seinem Wechsel nach Wittenberg, erinnert. Die Humanistenstätte Engelsburg zum Beispiel, die heute Studentenclub ist. Dort soll der kranke Martin Luther 1537 behandelt worden sein. Und die pittoresken Bursen, Fachwerkhäuser am Flussufer, die als Studentenwohnheime dienten. So gründete sich vor einigen Jahren der Verein »Georgenburse Erfurt«, der das Haus betreut, in das der Student Luther Ende April 1501 eingezogen sein soll. Es gibt eine kleine ökumenische Pilgerherberge und eine Ausstellung darüber, wie die Studenten im Mittelalter so lebten.

Von Dirk Löhr und Wiebke Rannenberg (epd)

Ein Poet im Pfarrhaus

18. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Bad Köstritz gedenkt des Dichterpfarrers Julius Sturm, der vor 200 Jahren geboren wurde

Die letzte Ruhestätte des Dichterpfarrers Julius Sturm auf dem Friedhof in Bad Köstritz. Foto: Wolfgang Hesse

Die letzte Ruhestätte des Dichterpfarrers Julius Sturm auf dem Friedhof in Bad Köstritz. Foto: Wolfgang Hesse

Julius Sturm (1816–1896) war zu seiner Zeit, der Spätromantik, ein bekannter Dichter und Märchenerzähler. In Fachkreisen geschätzt als Kleinmeister der Literatur und Schriftsteller der kleinen und leisen Dinge. Bis 1910 waren seine Werke in fast jeder Gedicht-Sammlung zu finden. Anfang des 20. Jahrhunderts ist er jedoch vergessen worden. In Bad Köstritz ist das Erbe des Pfarrers und Liederdichters seit jeher unvergessen. Geboren wurde Julius Karl Reinhold Sturm am 21. Juli 1816 in Köstritz. Er besuchte das Geraer Rutheneum, Theologie studierte er in Jena. Zunächst arbeitete Sturm als Erzieher in Heilbronn und danach im Hause der Fürstenfamilie Reuß in Schleiz. Die Heirat brachte ihn zurück nach Köstritz, wo er die Nachfolge seines Schwiegervaters im Pfarramt antrat. Bis zu seinem Tod am 2. Mai 1896 ist Julius Sturm seiner Geburtsstadt treu geblieben. Viele historische Stätten in Bad Köstritz erinnern an diesen Sohn und Förderer der Stadt. Ein Denkmal, eine Gedenktafel am Pfarrhaus, in dem er von 1860 bis 1885 wirkte, das Sturmzimmer im Palais und seine letzte Ruhestätte auf dem neuen Köstritzer Friedhof gehören dazu. Bad Köstritz gedenkt in diesem Jahr nicht nur Sturms 200. Geburtstages, sondern sein Todestag jährt sich ebenfalls zum 120. Mal. Das ganze Jahr 2016 steht daher im Zeichen der Erinnerung an den geheimen Kirchenrat, Doktor der Theologie und Ehrenbürger von Köstritz. Friederike Böcher, Direktorin im Heinrich-Schütz-Haus, berichtet allein von zwei Ausstellungen in ihrem Haus. Im Frühjahr zeugte eine Schau vom Einfluss Martin Luthers auf Sturms Leben und Schaffen mit Gedichten zur und über die Person des Reformators. Bis September beschäftigt sich die aktuelle Ausstellung »Dein Lied, o Luther, tönt wie Meeresrauschen« mit Sturms Liedern. »Etwa 35 Choräle, nach Worten von Julius Sturm, hatten oder haben den Weg in evangelische Gesangbücher gefunden, zum Beispiel: Nun geh’ uns auf, du Morgenstern«, weiß Friederike Böcher. Sturm nutzte das Schreiben vorrangig zur Alltagsbewältigung. Seine Gedichte, Fabeln und Märchen sind Ausdruck von Freude und Traurigkeit, handeln von den kleinen Dingen des Alltags, von der Schönheit der Natur und berichten Vers für Vers von seinem tiefen unerschütterlichen christlichen Glauben. »Josef Gabriel Rheinberger, Carl Reinecke, Franz Schreker, Hugo Wolf und viele andere mehr haben Lieder oder vierstimmige Sätze nach Worten von Julius Sturm verfasst«, ergänzt Friederike Böcher. »Mehrere davon werden zur 14. Köstritzer Museumsnacht am 26. August 2016 erklingen.«

Die Fest- und Gedenktage vom 21. bis 24. Juli 2016 in Bad Köstritz bilden den Höhepunkt der Feierlichkeiten. Die Gäste erwartet ein abwechslungsreiches Programm. Bürgermeister Dietrich Heiland wird in die Rolle von Julius Sturm schlüpfen und Geschichten und Gedichte vortragen. Alle Gedenkstätten in Bad Köstritz können erkundet werden. Ein Vortrag wird sich mit der Bedeutung des Dichters zu seiner Zeit beschäftigen. Zum Abschluss wird zu einem Gottesdienst 10 Uhr in die Köstritzer Kirche St. Leonhard, in Ablauf und Gestaltung angelehnt an die Zeit von Julius Sturm, eingeladen.

Wolfgang Hesse

Das unaufgeklärte Luthertum klingt nach

12. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Die Judenfeindlichkeit Luthers ist eine schwere Hypothek der Reformation. In Bachs Musik klingt sie bis heute nach, woran das Eisenacher Bachhaus mit seiner neuen Sonderausstellung erinnert.

Eisenach hält Kurs auf das Reformationsjubiläum. Mit »Luther, Bach – und die Juden« wurde Ende Juni im Bachhaus die aktuell dritte Sonderausstellung in der Stadt eröffnet, die Martin Luther in den Mittelpunkt rückt. Wobei der Ton ein auffällig anderer ist als auf der Wartburg (»Martin Luther und die deutsche Sprache«) und im Stadtschloss (»Face to Face – Martin Luther und Martin Luther King«). Kurator Dr. Jörg Hansen, der Direktor des Bachhauses, setzt der allseitigen Würdigung am Vorabend des Jubeljahres noch einmal eine unliebsame Wahrheit entgegen: den Judenfeind, welcher der Kirchenerneuerer eben auch war.

Die Ausstellung im Eisenacher Bachhaus »Luther, Bach – und die Juden«. Foto: André Nestler

Die Ausstellung im Eisenacher Bachhaus »Luther, Bach – und die Juden«. Foto: André Nestler

In mehreren Schriften hat Luther seine antijüdische Position polemisch niedergelegt. Das ist unbestritten, das brachte ihn als Leitfigur und Werbeträger für die Feierlichkeiten 2017 in die Kritik. Nun haben sich die evangelischen Kirchen zwar von diesem Teil des reformatorischen Erbes verabschiedet, aber das unaufgeklärte Luthertum des Barock klingt nach. Und das ausgerechnet in Gottes Häusern. Es klingt nach in den Passionen von Johann Sebastian Bach. Am wohl eindringlichsten ist dabei jene Passage der Matthäus-Passion, als Pilatus im Prozess gegen Jesus keine Schuld feststellen kann. Das Volk aber antwortet: »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder«. Verantwortlich für Jesu Tod sind die Juden.

Wie geht man mit so einer bewegend vertonten Botschaft um? Man begeistert sich unbeirrt von ihr für Bachs Musik. So hielt es das jüdische Bürgertum des 19. Jahrhunderts, wie die Eisenacher Ausstellung zeigt. Ausgerechnet die ursprünglich jüdische, zum Christentum konvertierte Familie Mendelssohn ist maßgeblich verantwortlich für die Bach-Renaissance. 1829 bringt der gerade 20-jährige Felix Mendelssohn-Bartholdy in der Berliner Sing-Akademie Bachs Matthäus-

Passion erstmals nach dem Tod des Komponisten wieder zur Aufführung. Über die alte Bach-Gesellschaft und die 1900 gegründete Neue Bachgesellschaft lassen sich die Linien von Berlin über Leipzig bis nach Eisenach führen. Hier wird nicht nur die Errichtung eines Bach-Denkmals, sondern auch des Bachhauses als Museum initiiert. Noch einmal ein Jahrhundert später und mit der Erfahrung des Holocaust tut sich mancher schwerer mit der lutherischen Botschaft in Bachs Musik. Um Kommentierung wird gerungen. So lässt 1989 der damalige Leipziger Superintendent zu einer Bach-Aufführung ein erklärendes Beiblatt verteilen. Einen Schritt weiter ging vor einigen Jahren das internationale Projekt »ha’atelier«, und schlug neue Texte für die Arien der Johannes-Passion vor. Wie das klingt, lässt sich im Bachhaus anhören. Als akustischer Denkanstoß, bevor das große Jubeljahr beginnt.

Susann Winkel

Sonderausstellung »Luther, Bach – und die Juden« bis zum 6. November im Bachhaus Eisenach; geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr.

www.bachhaus.de

Ächzen, stöhnen – bis zum Urknall

4. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Stelzenfestspiele bei Reuth: Landmaschinen und Kuhställe bekommen eine Seele

Kurioses kann man zu den Stelzenfestspielen bei Reuth nach 24 Jahren immer noch erleben. Dass Landmaschinen eine Seele haben, das sollten die Zuschauer und -hörer zur legendären Landmaschinensinfonie spüren. »Wir wollen es beweisen, dass sie ächzen, stöhnen und stauben«, sagte Henry Schneider, Landmaschinensinfoniker und Festivaldirektor. Und so kam es dann auch: Gareth Lubbe hämmerte auf die Egge, die Gülleorgel leuchtete und die Melkspinne, oben an der Scheunendecke hängend, sang auf ihre besondere Weise. Aber nicht nur das: Während der Argentinier Marcelo Nisinman am Bandoneon zu Gange war, ließ Gareth Lubbe Bier- und Weingläser mit dem Geigenbogen klingen. Genauso wie Henry Schneider es schaffte, eine gewöhnliche Säge zu einem Musikinstrument umzufunktionieren. Der Tenor Gerald Kaiser indes bekam schon Applaus, als er noch keinen einzigen Ton gesungen hatte. Auf sein »O sole mio« wartete das Publikum regelrecht. Die Stelzener Sternensinger wurden gefeiert. Für experimentelle Töne war die Leipziger Band »Atonor« zuständig. Als Überraschung marschierte die Saxofongesellschaft Cisholm in die Festspielscheune ein.

Gareth Lubbe mit Violine auf dem Traktor, Roland Färber lässt den Motor dazu klingen. Foto: Simone Zeh

Gareth Lubbe mit Violine auf dem Traktor, Roland Färber lässt den Motor dazu klingen. Foto: Simone Zeh

Eine Woche hatten die Musiker zusammengearbeitet und sich auf die Landmaschinensinfonie vorbereitet. »Es war Arbeit und stöhnen, streiten und wieder versöhnen«, schildert Henry Schneider. So lange hatte es gedauert, bis alles im Einklang war, bereit für den Urknall, auf dessen Suche man war. Bei der Landmaschinensinfonie standen alle 25 Musiker gemeinsam als großes Orchester auf der Bühne. Henry Schneider, versehen mit Schutzbrille, ließ die Funken sprühen. Stehende Ovationen des Publikums waren die Belohnung, bevor es zum mitternächtlichen Feuerwerk nach draußen ging. Sprengmeister Roland Keil aus Leipzig hatte einen Ufo-Aufstieg für 0.16 Uhr proklamiert. Der konnte sich sehen lassen. Staunende Blicke gingen immerzu zum sogenannten Ufo auf der Wiese und den leuchtenden Lichterstrahlen am nächtlichen Himmel.

Menschen statt Kühe, Musik statt Muh-Laute im Kuhstall, so was gibt es nur zu den Stelzenfestspielen bei Reuth. Mit dem großen Eröffnungskonzert wurde der neuen Stallanlage Seele eingehaucht. Sieht so ein Kuhstall aus? Bunte Kühe, zwei aus Kunststoff von der Decke hängend, viele von Kindern handgemalt, etwa 1 500 Menschen auf Bänken sitzend in Kuhboxen. Kinder turnen an den Gitterstäben herum. Nein, die Kühe sind noch nicht in ihrem neuen Stall in Rothenacker eingezogen. Gewandhausmusiker aus Leipzig machten ihn vorab zum Konzertsaal, welcher mit einem erwartungsvollen Publikum komplett gefüllt war. Damit wurden am Sonnabendmittag nicht nur die Stelzenfestspiele eingeläutet, sondern auch der neue Kuhkomplex offiziell eingeweiht. »Es ist ein Doppelkonzert«, erklärte Festivaldirektor Schneider. Eine Beseelung des Kuhstalles. Die Kooperation mit der Aktiengesellschaft in Rothenacker gäbe es zudem schon lange.

»Ich bin überwältigt«, sagte Stefan Kühne, Vorstandsvorsitzender des landwirtschaftlichen Betriebes. Dass so viele Leute kommen, hätte er nicht gedacht. »Und ich freue mich, dass ihr euch auf diese nicht alltägliche Einweihung der Milchviehanlage eingelassen habt.« Auf lange Grußworte von Gästen – Bauernverband, Bürgermeister und Landesregierung – wolle man verzichten, worauf es spontanen Applaus aus dem Publikum gab.

»Die Grußworte sind in die Musik eingewebt.« Da könne man hinhören und verstehen. 950 Kühe hat das Unternehmen insgesamt. Die beiden neuen Ställe bezeichnete Stefan Kühne als Fünf-Sterne-Stall mit neuem Melkzentrum. Denn hier gibt es ein vergrößertes Luftraum-Volumen, mehr Bewegungsfläche für die Tiere und die Liegeplätze mit Spezialmatten. Die Kühe indes ließen sich in ihren noch »alten« Ställen nicht beeindrucken von den vielen Menschen, geschweige denn aus der Ruhe bringen. Für sie wird es wohl erst aufregend, wenn sie in ihre neuen »Wohnungen« umziehen. Stefan Kühne: »Die meisten unserer Kühe sind schwarz-weiß – und nicht lila.«

Simone Zeh

Mit Rudi übers Stoppelfeld

30. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Lesestoff: Eine Erzählung von Babette Reineke mit einer Illustration von Maria Landgraf

Es war an einem herrlichen Sommertag des Jahres 1939. Ich verbrachte meine ersten großen Schulferien bei den Großeltern in Franken, der Heimat meines Vaters. Selbst zählte ich gerade sieben Jahre, als ich eines Tages das Gänseliesel vom Dienst war und mit Rudi, dem Nachbarsjungen, dreizehn graugesprenkelte Schnattergänse hütete. Der blonde Lockenkopf Rudi war knapp drei Jahre älter als ich und allzeit zu Späßen aufgelegt. Ich muss gestehen, ich fand ihn toll und ließ mich leicht von ihm auf den Arm nehmen. Der Schlingel wiederum tat das nur allzu gerne, denn ich war sehr ängstlich, und das nicht nur im Umgang mit angriffslustigen Gantern; schließlich hatte ein solcher schon einmal meinen Zopf erwischt. Ich habe ihn zwar wiederbekommen, ein beträchtliches Büschel Haare jedoch habe ich lassen müssen! Seither ließ »Rudirallala«, wie ich ihn nannte, keine Gelegenheit aus, mich zu nerven. »Olles noch dro, Bowedla?« Was auf Hochdeutsch heißt: »Alles noch dran, Babettchen?«

Na, dem wollte ich’s zeigen! Erstens, dass ich auch anders konnte und beileibe nicht das Angsthäschen aus der Stadt war; zweitens zwar Thüringerin war, aber nie und nimmer »a Schnapspreiß« (ein Schnapspreuße)!

Zeichnung: Maria Landgraf

Aus diesem Grunde machte ich mich mit Rudi auf die Socken, als er »sei Wiewelich« (seine Gänseschar) aus der Toreinfahrt trieb. »Muss heit Gäns hütn. Traust dersch un gest miet?«

Und ob ich mich traute! Wenn mir auch insgeheim schier die Haare zu Berge standen, da sie jedoch in Zöpfe geflochten waren, blieb das allein mein Geheimnis. So versuchte ich also tapfer, mit einer Weidenrute die laut schnatternde Gesellschaft in Schach zu halten. Zugegeben, das war nicht schwer, denn die Gänse wussten genau, wo’s langgeht und folgten »Rudirallala« auf dem Fuße, Barfuße genauer gesagt. Damit meine ich nicht nur das Federvieh.

Dies folgte fröhlich trompetend und flügelschlagend unbeirrt seinem unablässigen »Wieh, wieh, wiehelaha, wieh, wieh, wiehelaa!«, dem Schlacht-, pardon, Lockruf aller Gänsehirten, einem auf- und abschwingenden, sich ewig wiederholenden Singsang.

Endlich waren wir am »Lochranger« angekommen. Das Getreide war eingefahren und auf den Stoppeln lagen noch reichlich Ähren, die dem Rechen entgangen waren. Alles in allem so recht ein Ort zum Gänsehüten, die davon bis Sankt Martin schön dick und rund werden würden. Das Hüten aber war Sache der Jüngsten im Dorf, der Kinder also. Sie mussten schon recht früh mit zupacken, und das war noch eine der leichtesten Übungen damals. Warum sollte das ein Stadtkind nicht auch können? Vor den Erfolg aber hatte mein gestrenger »Herr und Meister« eine harte Probe gesetzt. Wie üblich, musste auch ich nun barfüßig über die Stoppeln »hoppeln«. Auweia, meine zarten Fußsohlen, wie sie brannten und der Schmerz mir die Tränen in die Augen trieb! Dennoch, ich trieb manch widerspenstiges Gänschen zurück auf den rechten Weg oder verscheuchte den lästigen Hühnergeier, der beutegierig und mit grässlichem Gekreische hoch über uns seine Kreise zog. Zu dumm, dass die ansonsten so schlauen zwei Viecher immer wieder aus dem Schutz der großen Eiche watschelten. Kein Wunder, dass der Räuber der Lüfte nicht aufgab und wir gleichfalls unsere Aufgabe hatten! Im Unterschied zu Rudiral­lala aber hatte ich am Ende ziemlich zerfetzte Fußsohlen und Blasen an den Zehen. Es war und blieb mir schleierhaft, wieso der Lausbub so flink und frei über die Stoppeln sprang und nicht ein bisschen von ihnen gepiekst wurde. Nie und nimmer konnte das mit rechten Dingen zugehen, meint ihr nicht auch?

Rudi aber lachte mir nur ins Gesicht.

»Herrschaftseiten, machst du a Gscheiß! A jed’s Kindla bei uns koo’s schoo!« Leicht verstört sah er sich die Bescherung an und murmelte etwas kleinlaut: »Dacht i mersch doch glei, für Stodtleit is fei nix. Am wengsten für kleena Mädlich!« Haste da noch Töne?

Ich jedenfalls hatte noch lange an der Sache zu knabbern, wenn ich auch in der Achtung unseres Nachbarjungen gestiegen – weil nicht abgesprungen – war! Gelernt hab ich allemal daraus, denn Übung macht den Meister und abhärten tut sie auch.

Inzwischen gehe auch ich – ganz ohne Schmerzen, mit frohem Herzen – barfuß übers Stoppelfeld!

Aus: Kleindienst, Jürgen (Hg.): Hoch auf dem Erntewagen. Unvergessene Dorfgeschichten, Band 5. 1918–1968, Zeitgut Verlag, 256 Seiten, ISBN 978-3-86614-251-0, 11,90 Euro

Zusammenführung zweier Rebellen

22. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Die Annäherung der beiden Martins in Eisenach ist ein reizvolles Kunstabenteuer

Von Angesicht zu Angesicht stehen sich der Kirchenerneuerer Martin Luther und der US-Bürgerrechtler Martin Luther King in einer neuen Ausstellung im Eisenacher Stadtschloss gegenüber.
Eisenach. Ein Abenteuer. So nennt Reinhard Lorenz die Arbeit an dieser Ausstellung. Und: eine Reise. Zweieinhalbtausend Kilometer waren er und sein Kollege Michael Kunze im ganzen Land unterwegs gewesen, um Bilder, Fotografien und Skulpturen zu Martin Luther und Martin Luther King zu suchen, zu sichten und in Auftrag zu geben. Hundert etwa haben sie mitgebracht nach Eisenach, seit Sonnabend sind sie im ehemaligen Marstall des Stadtschlosses unter dem Titel »Face to face« zu sehen.

Der Kurator der Ausstellung, Reinhard Lorenz, der zugleich das Kulturamt der Stadt Eisenach leitet, vor dem Ölgemälde »Via Dolorosa«, das Johannes Heisig auf Anfrage für diese Schau gemalt hat. Foto: Susann Winkel

Der Kurator der Ausstellung, Reinhard Lorenz, der zugleich das Kulturamt der Stadt Eisenach leitet, vor dem Ölgemälde »Via Dolorosa«, das Johannes Heisig auf Anfrage für diese Schau gemalt hat. Foto: Susann Winkel

Zwei Fragen drängen sich dem Betrachter sofort auf. Zum Ersten: Warum ist eigentlich noch keiner früher drauf gekommen, den Kirchenerneuerer und den US-Bürgerrechtler in einer Ausstellung zusammenzubringen? Immerhin eint beide mehr als der Name, für den der Ältere dem Jüngeren Pate stand. Zum Zweiten: Warum 2016? Auf die erste Frage weiß Kurator Reinhard Lorenz auch keine rechte Antwort. Beide seien ihrem Wesen nach Rebellen und Visionäre, deren Schriften und Lieder den Menschen bis heute und vielleicht ganz besonders heute viel zu sagen haben.

Auf die zweite Frage kann er gleich zwei Antworten geben. Vor zwanzig Jahren waren Martin Luther und Martin Luther King schon einmal Thema in Eisenach. In der Georgenkirche gab es 1996 die Performance »Play Luther«, die Wort, Musik und Tanz verwendete für die Konfrontation des widerspenstigen Theologen mit dem schwarzen Prediger. Kings Tochter Yolanda sang damals Spirituals, Hannelore Elsner las – ein großes Spektakel. Das nun 2016 eine Fortsetzung erfährt, diesmal nicht mit den Mitteln der Darstellenden, sondern mit jenen der Bildenden Kunst. Der zweite Grund für den Termin im Jahr vor dem großen Trubel heißt Aufmerksamkeit. Einer, der wie Reinhard Lorenz seit 1990 bereits Kulturamtsleiter ist, weiß, dass eine Ausstellung zum falschen Zeitpunkt verschenkt ist. 2017 buhlen zu viele mit dem Namen Luther um die Gunst der Besucher.

Auch diese Ausstellung wird es tun, allerdings nicht in Eisenach, sie wandert nach Eisenhüttenstadt und vielleicht auch weiter. Eisenhüttenstadt war eine der Reisestationen von Reinhard Lorenz und Michael Kunze auf dem langen Vorbereitungsweg. Dort, im Städtischen Museum, fanden sie das Ölgemälde »Merkwürdige Zusammenkunft oder Napoleon war nicht geladen« der aus Eisenach stammenden Künstlerin Susanne Kandt-Horn. 1982 hatte sie die beiden Martins bereits zusammengedacht und -gebracht.

Ihr Atelier hatte sie damals im Stadtschloss.

Mehrere solcher Verbindungslinien in die Wartburgstadt lassen sich ausmachen beim Rundgang durch den Marstall. Johannes Heisig etwa war im Jahr 2004 »Stadtgast«: Während seines Aufenthalts schuf er Malerei und Grafik zu Persönlichkeiten der Eisenacher Geschichte – von der heiligen Elisabeth über Johann Sebastian Bach bis Richard Wagner. Für »Face to face« hat er »Via Dolorosa« gemalt, den Leidensweg des Martin Luther King, der sich hilfesuchend in einer Demonstration umblickt, die an jene immer montags in Dresden erinnert.

Ergiebig waren aber nicht nur die seit Jahrzehnten aufgebauten Kontakte von Reinhard Lorenz, sondern auch die Reise zum Martin-Luther-King-Zentrum Werdau in der Nähe von Zwickau. Oder der Besuch im Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt, in dessen Depot sich viele Arbeiten fanden, die 1983 zum 500. Geburtstag Martin Luthers entstanden waren, aber von den DDR-Bürgern nicht gesehen werden sollten. Vieles, erzählt der Kurator, sei vor dieser Ausstellung überhaupt noch nie zu sehen gewesen. Auch das macht diese beinahe spielerische Annäherung an die beiden Martins, von denen der eine zunächst auf den Namen Michael getauft war, so reizvoll. Ein Kunst-Abenteuer – für die Macher wie für die Besucher.

Susann Winkel

Die Sonderausstellung »Face to face – Martin Luther und Martin Luther King« ist bis zum 25. September mittwochs bis sonntags von 11 bis 17 Uhr im Thüringer Museum im Stadtschloss Eisenach zu sehen.

Die starke Frau an seiner Seite

14. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Film: Dreharbeiten über »Katharina Luther« im Schloss Reinhardsbrunn

Zum 500. Reformationsjubiläum 2017 will das Fernsehen einen Film über Luthers Frau zeigen. Wir werfen einen Blick hinter die Kulissen im Schloss Reinhardsbrunn, wo derzeit gedreht wird.

Filme über Martin Luther gibt es wie Sand am See Genezareth. Die meisten von uns können sogar Passagen mitsprechen. Man könnte meinen, es reicht. Was jedoch verwundert: Einen Film über die Frau an seiner Seite, Katharina von Bora, gibt es bisher nicht. Hin und wieder taucht sie als Nebencharakter auf, ist jedoch von der Handlungsmitte weit entfernt. Doch ihre Leistungen sind ebenso groß wie wichtig. Eine starke, selbstbewusste und emanzipierte Frau des späten Mittelalters, die auf alle theologischen Fragen Luthers eine Antwort hatte. Eine Frau, beispielhaft für unsere heutigen Debatten zur Gleichstellung. In genau dieser Aktualität bewegt sich der neue Film, der aktuell in Reinhardsbrunn gedreht wird. Er will ein anderes Licht auf den Reformator und seine Frau werfen, die Distanz von 500 Jahren verringern. Er stellt bewusst Katharina von Bora in den Mittelpunkt. Es geht um ihr Denken und Fühlen, um ihre Sicht auf Martin Luther. Eine Ehegeschichte mit allen Höhen und Tiefen. Katharina war Mitte 20, als sie den 40 Jahre alten Luther kennen und lieben lernte. In dieses Szenario soll der Zuschauer geführt werden. 1524 im »Schwarzen Kloster« zu Wittenberg. Katharina ist auf Augenhöhe mit ihrem Mann, wichtigste Beraterin in allen politisch-theologischen Fragen. So schrieb Luther mit seiner Frau über sein weiteres theologisches Vorgehen, während er seinen Freund Melanchthon kontaktierte, er solle ihm ein neues Paar Socken für seine Reise zusenden. Eines sei ihm kaputtgegangen.

Devid Striesow und Karoline Schuch als Martin und Katharina Luther im Arbeitszimmer des Reformators. Foto: Felix Kalbe

Devid Striesow und Karoline Schuch als Martin und Katharina Luther im Arbeitszimmer des Reformators. Foto: Felix Kalbe

Zwar existieren noch originale Kulissen, vor allem in Wittenberg, aber mittelalterlich sind sie schon lange nicht mehr. Deshalb wurde nach einem passenden Drehort gesucht. Nach langer Suche bekam der Produzent Mario Krebs den Hinweis vom Waltershäuser Pfarrer Christfried Boelter, sich Schloss Reinhardsbrunn anzuschauen. Nachdem zu DDR Zeiten dort ein Interhotel zu finden war, steht das Schloss seit vielen Jahren leer und verkommt. An vielen Stellen wurde der Stuck abgeschlagen, Dielen entfernt. Wertvoller Goldschmuck fehlt. Ein nicht tragbarer Zustand, den das Land jetzt zu ändern versucht. Seit Februar wird im Schloss gebaut. Viele Stunden hat die Baubühne um Daniel Lange, Pierre Winkler und Sebastian Braband benötigt, um Stück für Stück die Vergangenheit in die Gegenwart zu projizieren. Und plötzlich fühlt man sich zurückversetzt in das alte Wittenberg. Man wandelt durch die Kulisse, nicht ahnend, dass alles nur aus Holz und Styropor ist. In der Küche brennt Feuer im Ofen, die Bibel, natürlich noch in Latein, liegt aufgeschlagen auf dem Pult, der Tisch im Refektorium ist für das nächste Mahl gedeckt.

Dr. Martin Treu, Geschäftsführer der Luthergesellschaft, ist als Fachberater für die Details, die den Film authentisch machen, zuständig. Spezielle Schaf- und Hühnerarten wurden eingeflogen, die Bepflanzung historisch korrekt angepasst und die krummste Karotte hat ihren Platz in der Küche gefunden.

Katharina von Bora wird von Karoline Schuch gespielt, Martin Luther von Devid Striesow. Regie führt Julia von Heinz. Karoline Schuch, gebürtige Jenenserin, betont die Vorbildrolle Ka­tharinas für viele Frauen bis heute. Striesow bemerkt ergänzend, dass man als Schauspieler keinen Respekt vor der Person Luthers haben darf, um authentisch und ehrlich zu spielen.
Das Ehepaar Luther – hautnah und privat. Das ist der Anspruch des Films. Bis zum 19. Juli soll der 105 Minuten lange Film abgedreht sein. Weitere Dreh­orte sind unter anderem Mühlhausen und Arnstadt.

Der Film ist ein Projekt der Fernseh- und Filmproduktionsgesellschaft Eikon, deren größter Gesellschafter die Evangelische Kirche in Deutschland ist. Zu sehen ist der Fernsehfilm im Frühjahr 2017 im Ersten. Wir dürfen gespannt sein.

Julia Braband

Der stumme Prediger

3. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Der spanische Pantomime Carlos Martínez ist ein Meister im Erzeugen von Gefühlen


Schwarz. Weiß. Und ein paar gekonnte Bewegungen. Mehr ist nicht nötig, um Gott und die Welt darzustellen. Jedenfalls wenn man das Talent des Carlos Martínez hat.

Der Spanier ist Pantomime. Ohne Worte, nur mit Gesten seines Körpers und seines Gesichtes, erzählt der 61-Jährige Geschichten, inszeniert Gegenstände und schildert Gefühle. Am Wochenende ist er in der Lutherstadt Wittenberg zu Gast.

Betritt Carlos Martínez die Bühne, überträgt sich die Stille und Spannung sofort auf das Publikum. Sein schwarzgekleideter Körper hebt sich vom Hintergrund nur schemenhaft ab, die weißen Handschuhe umso deutlicher. Mit seinen Bewegungen setzt er das Kopfkino seiner Zuschauer in Gang. Sie deuten seine Mimik und verstehen mehr, als spräche er mit Worten zu ihnen. Martínez ist ein Meister im Erzeugen von Gefühlen, bringt sein Publikum wohldosiert zum Weinen und Lachen, treibt es in Melancholie und Freudentaumel.

Carlos Martínez

Carlos Martínez

Schon im Alter von zwölf Jahren entdeckte der in Spanien gebürtige Martínez sein Schauspieltalent und seine Liebe zum Theater. Er besuchte Schauspiel- und Pantomime-Schulen, entwickelt seitdem eigene Programme. Und feiert internationale Erfolge. Kein Wunder. Seine wortlose Darstellungskunst macht das Verstehen von der Sprache unabhängig. Freude, Ärger und Angst sind universal, das versteht jeder Mensch auf der ganzen Welt. Virtuos jongliert Martínez mit einem großen Repertoire an Emotionen. Was leicht aussieht, ist ein perfekt einstudiertes Schauspiel. Mit bemerkenswerten Folgen: Die Zuschauer hören die imaginäre Schreibmaschine, auf der er tippt. Sie erkennen die nicht vorhandene Wand, an die er lehnt. Sie sehen das Glas, das er leert. Jede Bewegung sitzt – und für jede hat er unzählige Male geübt, bevor sie ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist. Martínez beherrscht die Kunst der Reduktion. Seine stumme Sprache wirkt zart und verspielt wie Poesie. »Die Stille wartet geduldig ab, bis jemand ihr das Wort erteilt«, versucht Martínez die Faszination seiner Mimenkunst zu erklären.

Wer Wesentliches so darstellt, öffnet sich auch dem Glauben. »Meine Bibel«, heißt eines der bekanntesten Programme des Pantomimen. Darin wird er zum Prediger ohne Worte. Die Schöpfung der Welt? Kein Problem. Mit Händen formt Martínez als Gott die Erdkugel, knetet einen Menschen; ihm wird langweilig, also zupft er dem Geschöpf eine Rippe heraus und formt einen zweiten. Der 23. Psalm? Berückend. Da steht plötzlich der Tisch »im Angesicht meiner Feinde«, da folgen Gutes und Barmherzigkeit. Souverän und fantasievoll transportiert Martínez biblische Figuren und Geschichten ins Heute. Mit wenigen Kniffs zeigt er, wie aktuell die Schicksale und Verhaltensweisen früherer Menschen sind. Humorvoll, manchmal skurril, immer aber mit großer Tiefe taucht er in die Lebenswelten der Bibel, hält seinen Zuschauern einen Spiegel vor, in dem sie ihre Abgründe und Höhenflüge, ihre Stärken und Schwächen erkennen.

Mit seiner Mimik knipst er bei seinen Zuschauern das Kopfkino an. – Fotos: Bernd Eidenmüller

Mit seiner Mimik knipst er bei seinen Zuschauern das Kopfkino an. – Fotos: Bernd Eidenmüller

Auch den Menschenrechten widmet sich Martínez. Ohne ein einziges Wort bringt er den Inhalt der 30 Artikel auf den Punkt. Sein Spiel über Würde, Rechte und Freiheit jedes Menschen macht nachdenklich und hoffnungsvoll. Gnadenlos und ohne Umschweife steigt der Mime mit einer Triage am Babyfließband ein: Brauchbar – wegwerfen – brauchbar – wegwerfen – … Säuglinge mit Mängeln werden erschlagen. Wer bestimmt den Wert eines Menschen? Und wer ist da, ihn zu verteidigen? In »Human Rights« erlebt das Publikum ein Wechselbad der Gefühle. »Mein Dilemma war: Wie kann man das Publikum mit einem Thema wie den Menschenrechten unterhalten? Wir wollten den Menschen zeigen, dass es immer noch Hoffnung gibt. Und wenn ich sehe, dass mein Publikum lächelt, wenn es mit der Tragödie der Menschheit konfrontiert wird, dann weiß ich, dass Grund zur Hoffnung besteht.«

Mit atemberaubender Dramaturgie und bizarren Szenenwechseln führt Martínez die Diskrepanz zwischen der Menschenrechtserklärung und ihrer Umsetzung vor Augen. Nicht selten bleibt dabei ein aufkommender Lacher im Hals stecken. Etwa wenn der joviale Weltenbummler im eigenen Land um Asyl flehen muss oder wenn auf einer Messe die Weltreligionen um Aufmerksamkeit buhlen. Zum Schluss überwiegt jedoch der Glaube an die Möglichkeit einer besseren Welt. Die so bunt ist, dass sie das Schwarz-Weiß des Pantomimen-Abends vergessen macht.

Uwe Birnstein

Termine:
Sonnabend, 4. Juni, 20 Uhr: »Menschenrechte«. Sonntag, 5. Juni, 18 Uhr: »Meine Bibel«. Phönix-Theaterwelt Lutherstadt Wittenberg, Wichernstraße 11a. Kontakt: (0 34 91) 41 96 41.

Kamele werden Autos, Jünger tragen Jeans

1. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Simeon Wetzel will mit seinen Comics einen Zugang zur Bibel schaffen

Die biblische Botschaft leicht verständlich und zeitgemäß zu vermitteln, das ist das Anliegen des Mediengestalters Simeon Wetzel. Zunächst zeichnete er die Geschichten des Neuen Testaments. Inzwischen umfasst seine Sammlung auch viele alttestamentliche Texte.

Der Glaube spielt für Simeon Wetzel eine bedeutende Rolle. Davon zeugt schon sein Vorname biblischen Ursprungs, den ihm seine Eltern ganz bewusst gaben. Neben der Musik und dem Lobpreis hat der 29-Jährige eine weitere Leidenschaft: Er zeichnet Bibelcomics. Was im Alter von 14 Jahren als spontane Idee entstand, hat sich zu einer umfassenden Sammlung entwickelt, die nach 15 Jahren vollendet ist.

Dass die Bibel keine leichte Kost ist, weiß der Dresdner aus eigener Erfahrung. Nach der Konfirmation schloss er sich zunächst der Jungen Gemeinde an. Als ihn sein Vater mit zu den »Jesusfreaks« nahm, sei dies ein einschneidendes Erlebnis in seinem Leben gewesen. »Zum ersten Mal sah ich die Leute beim Lobpreis und hatte daran viel Spaß. Moderne Musik zur Anbetung zu gebrauchen, mit etwas härteren, rockigeren Klängen, das war genau mein Ding und ich habe dort einen tiefen Zugang zum Evangelium und zur Bibel erhalten«,
schwärmt er.

15 Jahre lang hat Simeon Wetzel an seinen Bibelcomics gearbeitet. Foto: privat

15 Jahre lang hat Simeon Wetzel an seinen Bibelcomics gearbeitet. Foto: privat

Zu diesem Zeitpunkt entstand auch die Idee zu den »JesuComics«. Zunächst beschränkte sich Wetzel auf das Neue Testament und die Lebens- und Leidensgeschichte Jesu. Im Laufe der Jahre wurde das Projekt ständig erweitert und verbessert. Sein Hauptanliegen ist es, Kindern und Jugendlichen einen leichteren Zugang zur Bibel zu verschaffen: »Ich möchte die Frohe Botschaft auf leicht verständliche und zeitgemäße Weise vermitteln und habe mich bewusst für einen einfachen, kindgerechten Zeichenstil entschieden«, so der Mediengestalter, der 2011 den Schritt in die Selbstständigkeit wagte.

Mit dem Umfang entwickelte sich auch seine zeichnerische Handschrift weiter. Seine Comics aus der Anfangszeit überarbeitete er später digital. Inzwischen zeichnet er die Konturen mit einem schwarzen Fineliner vor und führt die Nachkolorierung am Computer durch.

Die komplette Sammlung umfasst 92 Kapitel aus dem Alten und 64 Kapitel aus dem Neuen Testament. Bei den ausgewählten Geschichten handelt es sich um vereinfachte Darstellungen biblischer Ereignisse. »Mir ist es wichtig, in einer zeitgemäßen, verständlichen Sprache zu schreiben und witzige Begebenheiten einzubauen, denn meiner Meinung nach sollte ein Comic auch hin und wieder mal lustig sein«, begründet Simeon Wetzel seine individuelle Interpretation der Bibel.

So werden Kamele zu Autos, die Menschen leben in modernen Häusern und bedienen sich der modernen Medien. Die Jünger tragen Jeans und die Wachmänner Tarnanzüge. Und Maria und Josef suchen keine Herberge, sondern eine Pension.

Um möglichst vielen Menschen seine Bibelcomics zugänglich zu machen, können diese kostenlos im Internet heruntergeladen werden. Neben den PDF-Dateien gibt es die einzelnen Kapitel als Power-Point-Präsentation und als Videohörbuch. Wer lieber ein richtiges Buch zur Hand nehmen möchte, kann den gesamten Comic in zwei Bänden erwerben.

Ilka Jost

www.jesuscomic.de

Jude, Christ und Songpoet

22. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Bob Dylan, der amerikanische Folk- und Rockmusiker, feiert am 24. Mai seinen 75. Geburtstag

Bob Dylan ist jüdischer Abstammung und als Robert Allen Zimmerman in einem kleinbürgerlichen Nest namens Hibbing im US-Staat Minnesota aufgewachsen.

Kein Mensch ist frei. Selbst die Vögel sind an den Himmel gekettet.« Dieser Spruch des epochemachenden Musikers, Songschreibers und Protestlers Bob Dylan lässt sich als eine Einsicht für Grenzen deuten, die uns Menschen bei aller Kreativität und Schaffenskraft gesetzt sind. Es ist nur die Frage, was man aus dieser Erkenntnis macht.

Bob Dylan feiert am 24. Mai seinen 75. Geburtstag. Er ist jüdischer Abstammung und als Robert Allen Zimmerman in einem kleinbürgerlichen Nest namens Hibbing im US-Staat Minnesota aufgewachsen. Die Gegend ist alles andere als schön. Ein Eisenerzabbaugebiet. Dylan: »Eine große rote Wunde im Erdboden.« Die Eltern unmusikalisch, vermitteln ihm aber alttestamentliche Tradition. Er spielt aus eigenem Antrieb Gitarre und Mundharmonika. Gesang ist nicht seine Stärke.

Aber er ist kreativ und kann mit Worten umgehen. Da greift wohl ein Stück traditionelle Erziehung, auch wenn er sich gegen Kleinbürgertum und Provinz auflehnt. Der Baum rüttelt an seinen Wurzeln, nährt sich aber weiterhin durch sie. Als Jugendlicher spielt er auf einer billigen Versandhausgitarre alles Mögliche nach. Später flechtet er in eigene Texte viele alttestamentliche Bilder ein. Seine Lyrik und seine Interpretationsgabe machen ihn zum Star. Er füllt Stadien mit mehr als 100 000 Menschen, kifft, wirkt zeitweise arrogant und eigensinnig, provoziert. Er erfindet den Folkrock, indem er die Sünde begeht, seine Gitarre an einen Verstärker anzuschließen, kreiert unzählige Hits und singt seine bekannten Melodien zum Ärger seiner Konzertpilgerschar in ständig neuen Nuancen; ja entstellt sie zuweilen bis hin zur Unkenntlichkeit. Das ist Gegenkultur für die, die Gegenkultur zu ihrer Marke gemacht
und sich darin eingerichtet haben.

Matthias Gehler, der Autor des Beitrags, ist Chefredakteur von MDR Thüringen, war selbst freischaffender Liedermacher. Als Fan von Bob Dylan hat er alle dessen CDs und Platten. Foto: privat

Matthias Gehler, der Autor des Beitrags, ist Chefredakteur von MDR Thüringen, war selbst freischaffender Liedermacher. Als Fan von Bob Dylan hat er alle dessen CDs und Platten. Foto: privat

Privat erlebt er etliche Brüche in seinem Leben wie einen schweren Motorradunfall, Scheidung und Sinnkrisen. Er reagiert darauf – auch in seinen Liedern. All das trägt das Publikum irgendwie mit. Schließlich hat Bob Dylan Kredit. Sein »Blowin’ in the Wind« und »Like a Rolling Stone« haben ihn zum Idol der Protestler werden lassen mit einem festen Platz in den Geschichtsbüchern dieser Welt. Dann aber der Schock: Ende der 70’er konvertiert Bob Dylan zum Christentum. Der Wandel vom durchaus idealisierten Protestsänger zum bekehrten Christen war für seine Jünger schwer verkraftbar. Nach wie vor steht – nicht ganz unberechtigt – der Verdacht im Raum, dass der Künstler mit seinen Fans nur spielt und es sich um eine Maskerade, um einen PR-Gag handelt. Entsprechend sarkastisch fielen auch die Kommentare in der Presse und den Musikzeitschriften aus, als seine Sinnesänderung bekannt wird. »Sounds« schrieb 1979: »Also kommt doch noch ein Reicher ins Himmelreich.« Der »New Musical Express« verwies spottend auf seine angekündigten Konzerte mit der Bemerkung: »Also mach’s gut Bobby, wir sehen uns bei der Speisung der 5 000.«

Sein erstes durchweg christliches Album hieß »Slow Train Coming«. Zwei weitere ausgesprochen christliche Alben waren »Saved« (1980) und »Shot of Love« (1981). Ein viertes rundum christliches Album sollte Anfang der 80er Jahre noch folgen, wurde aber nicht produziert. So entstand das Gerücht, Dylan hätte nur eine kurze christliche Phase durchlebt. Al Kasha, ein Weggefährte, in dessen Wohnung »Slow Train Coming« geschrieben wurde, bleibt dabei, dass Dylan immer noch Christ ist und verweist insbesondere auf sein Album »Tempest«, welches voller christlicher Texte ist.

Dylan selbst trat 1997 auf Einladung von Johannes Paul II. bei einem kirchlichen Kongress in Bologna auf, redet zuweilen sogar über sein Christsein, schreibt weiterhin tiefgründige Songs, steht in diesem Frühjahr in Japan und bis zum Sommer in den USA auf der Bühne. Jetzt im Mai erscheint mit »Fallen Angels« sein zweites »Sinatra- Album«. Was er nach seinem 75. Geburtstag noch so auf Lager hat, bleibt abzuwarten. Hoffen wir, dass seine »Never Ending Tour« – auf der er seit 7. Juni 1988 ununterbrochen unterwegs ist – noch lange nicht an der »Himmelstür« endet. Der liebe Gott wird sein undeutliches »Knockin’ On Heaven’s Door« eh nicht verstehen.

Matthias Gehler

Der Sprung in der Schüssel

16. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine asiatische Anekdote mit einer Illustration von Maria Landgraf

Es war einmal eine alte chinesische Frau, die zwei große Schüsseln hatte, die von den Enden einer Stange hingen, die sie über ihren Schultern trug.

Eine der Schüsseln hatte einen Sprung, während die andere makellos war und stets eine volle Portion Wasser fasste. Am Ende des Weges vom Fluss zum Haus der alten Frau war die andere Schüssel jedoch immer nur noch halb voll.

Zwei Jahre lang geschah dies täglich: Die alte Frau brachte immer nur anderthalb Schüsseln Wasser mit nach Hause. Die makellose Schüssel war natürlich sehr stolz auf ihre Leistung, aber die arme Schüssel mit dem Sprung schämte sich wegen ihres Makels und war betrübt, dass sie nur die Hälfte dessen verrichten konnte, wofür sie gemacht worden war.

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

Nach zwei Jahren, die ihr wie ein endloses Versagen vorkamen, sprach die Schüssel zu der alten Frau: »Ich schäme mich so wegen meines Sprungs, aus dem den ganzen Weg zu deinem Haus immer Wasser läuft.« Die alte Frau lächelte. »Ist dir aufgefallen, dass auf deiner Seite des Weges Blumen blühen, aber auf der Seite der anderen Schüssel nicht?« »Ich habe auf deiner Seite des Pfades Blumensamen gesät, weil ich mir deines Fehlers bewusst war. Nun gießt du sie jeden Tag, wenn wir nach Hause laufen. Zwei Jahre lang konnte ich diese wunderschönen Blumen pflücken und den Tisch damit schmücken. Wenn du nicht genauso wärst, wie du bist, würde diese Schönheit nicht existieren und unser Haus schöner machen.«

Zur Lektüre empfohlen
Diese Anekdote ist dem Buch »Ich bin, weil wir sind. Geschichten zum Glücklichsein« entnommen. Die Publikation enthält berührende und weise Geschichten, Anekdoten und Zitate aus unterschiedlichen Kulturen und Traditionen.

Moesl, Franz Seraph (Hg.): Ich bin, weil wir sind. Geschichten zum Glücklichsein, Druckerei & Verlag Hille, 89 S., ISBN 978-3-939025-54-2, 12,90 Euro

»Glaube + Heimat« jetzt digital

10. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Jahrgänge 1924 bis 1941 wurden erschlossen

Die Mitteldeutsche Kirchenzeitung »Glaube und Heimat« steht jetzt von ihrer ersten Ausgabe im Jahr 1924 bis zu ihrer kriegsbedingten Einstellung im Jahr 1941 digitalisiert im Internet zur Verfügung. Möglich wurde dies durch ein Gemeinschaftsprojekt der Thüringer Landes- und Universitätsbibliothek (ThULB) und dem Lehrstuhl für Religionspädagogik der Universität Jena unter Leitung von Michael Wermke. Fast zehn Jahre beschäftigten sie sich mit dem großen Digitalisierungsprojekt »Kirchliches und schulisches Zeitschriftenwesen für den Bereich der Thüringer Landeskirchentümer vom Ende des 18. bis zum ersten Drittel des 20. Jahrhunderts«. Nutzer aus aller Welt haben nun Zugang zu den Ausgaben von »Glaube und Heimat« aus den Jahren 1924 bis 1941, zum »Magazin für Prediger«, der »Zeitschrift für den evangelischen Religionsunterricht« oder den umfangreichen Beständen an Gemeindeblättern. »Wir sind deutschlandweit das einzige Archiv, wo man sich die Gemeindeblätter anschauen kann. Thüringen ist dabei ein Spiegel für das gesamte Deutsche Reich, weil sich hier alle Strömungen finden«, erklärt Wermke. Diese Gemeindeblätter tragen oft den Titel »Heimatglocken«. Das lässt zahlreiche Rückschlüsse auf die Situation der Landeskirche in ihrer Gründungszeit zu. Was 1920 in den Gemeinden passierte, interessiert nicht nur die Wissenschaftler.

Die Wartburg im Titel von »Glaube und Heimat« (Ausgabe Januar 1927) – Foto: Doris Weilandt

Die Wartburg im Titel von »Glaube und Heimat« (Ausgabe Januar 1927) – Foto: Doris Weilandt

»Glaube und Heimat« ist auch eine Antwort auf diese Zentralisierung nach Auflösung der Fürstentümer. Schon der Titel macht deutlich, dass die Zeitung heimatstiftend wirken wollte. Für die Forschung ist es auch interessant, zu verfolgen, wie die enge Verwobenheit der Landeskirchenführung mit dem Dritten Reich ab 1933 ihren Niederschlag in der nationalsozialistischen Orientierung von »Glaube und Heimat« fand. Kriegsbedingt wird ihr Erscheinen dann 1941 eingestellt.

Die digitale Bibliothek, die eine ganze Reihe von regionalen Kirchenzeitungen enthält, lässt sich einfach handhaben. Das Portal ist benutzerfreundlich nach Ausgaben und Jahrgängen sortiert. Gesucht werden kann nach einzelnen Artikeln oder nach Autoren. Unter der Rubrik »Galerie« sind Bilder und einzelne Kopfzeilen eingestellt. Die technischen und personellen Voraussetzungen, um so ein umfangreiches Projekt zu stemmen, lieferte die ThULB. »Die Digitalisierung ist ein großes Glück. Wir können damit unsere Bestände der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen«, sagt Thomas Mutschler, Fachreferent in der Jenaer Bibliothek.

Sieben Millionen Digitalisate sind bereits veröffentlicht. Der Quellenerhalt ist die Voraussetzung für die wissenschaftliche Arbeit zu grundlegenden Fragen, die immer wieder gestellt werden. Zum Thema Heimat findet gerade ein überregionaler Diskurs statt, an dem sich ganz unterschiedliche Bereiche beteiligen. Das Zentrum für Religionspädagogische Bildungsforschung unter Leitung von Wermke hat zu dieser Begrifflichkeit »als bewusste mediale Strategie« bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft einen Projektantrag gestellt. Sowohl die digital aufbereiteten Ausgaben von »Glaube + Heimat« der ersten beiden Erscheinungsjahrzehnte als auch die Gemeindeblätter der gleichen Zeit bilden dafür eine wichtige Grundlage.

Doris Weilandt

Die digitalisierten Druckerzeugnisse sind jetzt unter dieser Internetadresse zu finden: http://projekte.thulb.uni-jena.de/zeitschriftenwesen/projekt.html
Für die weitere Digitalisierung werden in den Kirchengemeinden noch Bestände von Gemeindeblättern gesucht. Anfragen unter Telefon (03691) 6580470 oder <archiv.eisenach@ekmd.de> beim Landeskirchenarchiv Eisenach.

Der sprachgewaltige Reformator

3. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung:  Auf der Wartburg geht es vor dem Reformationsjubiläum um Martin Luther und die deutsche Sprache

Er war übler Grobian und einfühlsamer Poet in einer Person. Die deutsche Sprache war für Martin Luther stets Werkzeug und Waffe zugleich.

Vorsicht. Es geht nicht um »Luther und die Deutschen«. So lautet der ähnlich klingende Titel der Nationalen Sonderausstellung, zu sehen ab dem 4. Mai 2017 auf der Wartburg. Im Jahr vor dem großen Reformationsjubiläum geht es um »Luther und die deutsche Sprache«. Kuratorin Jutta Krauß benötigt für die Schau nicht die gesamte Burg, sondern nur einen Raum. Dabei bearbeitet sie ein weites Feld, ein immens weites sogar. Denn Luther hat mehr zu Papier gebracht als jene glückliche Übersetzung, für die der geächtete Reformator vom 4. Mai 1521 an auf der Wartburg einen sicheren Ort fand.

Er hat so viel Schrift hinterlassen – 127 Bände mit 80 000 Seiten umfasst die in Weimar erstellte Gesamtausgabe –, dass ihn Jutta Krauß gar nicht ganzlassen konnte. »Zerhackt« habe sie ihn, sagt sie, um die verschiedenen Facetten seiner Autorenschaft zu veranschaulichen. Der schreibende Luther wird dem Besucher als gelehrter Mönch, als übersetzender Theologe, als Lehrer, unermüdlicher Publizist, zorniger Streiter, Dichter und Privatmann vorgestellt. Die jeweiligen Zeugnisse dafür stammen aus der Lutherbibliothek der Wartburg. »Luther war ein gewaltiger Redner und ein gewaltiger Dolmetscher«, sagt Jutta Krauß. Der Schöpfer der deutschen Sprache, wie oft behauptet, sei er allerdings nicht gewesen.

Luther übersetzt die Bibel, Gemälde von Paul Thumann, 1872. Foto: Wartburg-Stiftung

Luther übersetzt die Bibel, Gemälde von Paul Thumann, 1872. Foto: Wartburg-Stiftung

Es hat ein paar Jahrhunderte gedauert, bis ausgehend vom Mittelhochdeutschen des Mittelalters über das Frühneuhochdeutsche die Sprachstufe des Neuhochdeutschen, also des heute gebräuchlichen Deutsch, erreicht war. Etwa in die Mitte dieses dreihundertjährigen Prozesses fällt Luthers Bibelübersetzung, das bekannteste Schriftwerk des Frühneuhochdeutschen. Ein »entscheidendes Etappenziel«, wie es Burghauptmann Günter Schuchardt treffend in der Begleitschrift zur Ausstellung formuliert. Und zugleich ein »reformatorisches Sprachereignis«, wie Kuratorin Jutta Krauß erklärt. Die Bibel wurde – in Luthers Deutsch übertragen – zu einem Volksbuch. Mit dem wiederum die wenigen der Schrift Mächtigen das Lesen lernten. Der Gleichklang von Bibel und Fibel ist kein Zufall.

Luthers Deutsch war dabei keineswegs ein Sonderfall, das kann die moderne Germanistik mittlerweile belegen. Es fügt sich vielmehr ein in den Sprach- und Schreibstil des Wittenberger Gelehrtenkreises und der Druckersprache jener Zeit. Was Luther darüber hinaus aber auszeichnet, das sind sein Sprachtalent und seine lebenslange Sprachneugier. Um seine Lehren zu verbreiten, musste er sich für das Volk verständlich ausdrücken. Also schaut er ihm aufs Maul. Auf seinen Reisen hörte er genau hin, erzählt Jutta Krauß. Er sammelte gebräuchliche Redewendungen und fragte auch nach, ließ sich etwa von einem Tischler die Fachbegriffe seiner Arbeit erklären.

So wuchs Luthers Wortschatz, den er zudem um einprägsame lautmalerische Neuschöpfungen erweiterte. Letztere werden in der Ausstellung in einer sich wiederholenden Abfolge an die Wand geworfen: Lückenbüßer, Lästermaul, Fallstrick, Sündenbock, Bluthund, Gottesacker, Freigeist … Die Projektion ist ein Präsentationsmittel, um das abstrakte Thema Sprache anschaulich zu machen. Daneben gibt es eine Medienstation, die gebräuchliche Wendungen der jeweiligen Herkunftsregion zuordnet. Ob sie richtig liegt, können die Besucher eingehend testen.

Den Glauben wecken, stärken, lebendig machen: Dafür eignet sich Sprache in vielfältiger Form. Als Text eines Kirchenliedes, von denen allein 37 auf Luther zurückgehen, darunter sein Bekenntnislied »Ein’ feste Burg ist unser Gott«. Aber auch als moralische Fabeldichtung. Luther übersetzte Fabeln des griechischen Dichters Äsop aus dem 6. Jahrhundert vor Christus ins Frühneuhochdeutsche. Stets mit einer Lehre am Ende. So heißt es in »Vom Wolf und Lämmlein«: »Wenn es nach dem Willen des Wolfes geht, so ist das Lamm im Unrecht.« Illustrationen zu den Fabeln sowie ein Animationsfilm aus den 1930er-Jahren zur Fabel »Vom Raben und Fuchs« richten sich vor allem an das jüngste Publikum.

Luther konnte aber auch noch ganz anders. Grob sein nämlich, zornig, cholerisch, was mit zunehmendem Alter mehr Raum einnimmt in seinen Schriften. Garstige Tiraden gegen seine Widersacher finden sich etwa auf den Flugschriften und -blättern der Reformationszeit. Beispielhaft dafür ist die Schmähschrift »Wider Hans Worst« auf Herzog Heinrich von Braunschweig-Wolfenbüttel.

Die deutsche Sprache – sie war Luther stets Werkzeug und Waffe zugleich.

Susann Winkel

Sonderausstellung »Luther und die deutsche Sprache« vom 4. Mai bis 8. Januar 2017 auf der Wartburg bei Eisenach. Vertieft wird das Thema in der 136-seitigen Begleitschrift, die im Verlag Schnell & Steiner erschienen ist. Mit der Ausstellung wird auch die neue Schaubibliothek in der Vogtei eröffnet, in der Schätze reformatorischen Schrifttums verwahrt werden.

Demut gehört zum Handwerk

25. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Erfolgsgeschichte: »Klingende Maßanzüge« aus dem Hause Weimann geben in den großen Orchestern der Welt den Ton an

Wenn er redet, ist seine Stimme ruhig; er wählt seine Worte sehr bewusst, überlegt gut, bevor er sie ausspricht: Alexander Weimann ist eher ein Zuhörer. Und das kommt ihm zugute in seinem Beruf, der zugleich Berufung ist. Die Kirchenzeitung besuchte den Instrumentenbauer in seiner Manufaktur.

In diesem wunderbaren Refugium, einem alten Fachwerkhof in Kapellendorf nahe Weimar, fertigt der Metallblasinstrumentenbaumeister gemeinsam mit zwei Mitarbeitern Trompeten und Flügelhörner der Spitzenklasse – gespielt in namhaften nationalen und internationalen Orchestern. Sein Geheimnis: Neugier, sich Zeit nehmen für jeden einzelnen Kunden und dessen individuelle Klangvorlieben erspüren. »Ich höre, was die Musiker fühlen, wenn sie ein Instrument ausprobieren«, so Weimann. Er versteht sich als beratender Partner, nicht als Verkäufer. Sein Ziel: Jedem Musiker das Instrument in die Hand geben, mit dem dieser seine Klangvorstellung in idealer Weise verwirklichen kann.

Das dezente Marken- zeichen der Meisterstücke aus dem Hause Weimann ist die kleine rote Schraube.

Das dezente Markenzeichen der Meisterstücke aus dem Hause Weimann ist die kleine rote Schraube.

Die gemütlich anmutende Werkstatt mit Blick auf die Wasserburg ist akkurat. Jedes Ding hat seinen Platz. Und er habe nicht extra für meinen Besuch aufgeräumt, versichert Alexander Weimann auf Nachfrage belustigt. Da gibt es uralte Schränke mit vielen, vielen Schubladen; hier wird achtsam mit allem umgegangen, das spürt man gleich. Bis ins Detail reicht die gefällige Ordnung. Schlampigkeit kann sich ein guter Handwerker nicht leisten. Die Werkstatt ist ein Spiegel seines Wesens: Alexander Weimann ist bei aller Leidenschaft und Kreativität ein sorgfältiger, gewissenhafter und zuverlässiger Mensch. Und das schätzen seine Kunden. Ob nun der Posaunenchor aus dem Dorf nebenan oder der erste Trompeter der Met in New York. Wichtig ist ihm, nicht abzuheben, trotz aller Begeisterung bodenständig zu bleiben: »Ich habe für jeden Kunden die gleiche Zeit.«

Diese Empathie und Authentizität machen die Weimannschen Instrumente so besonders. Denn dank dieser Talente haucht der Meister den handwerklich äußerst präzise gearbeiteten Unikaten Charakter ein; er selbst nennt sie »klingende Maßanzüge«, andere zeichneten sie mit dem überaus schönen Etikett »Werke von Hand – Zeugnisse der Seele« aus.

Als der Metallblasinstrumentenbauer und Restaurator 1993 den Weg in die Selbstständigkeit wagte – »die bis heute schwerste Entscheidung meines Lebens« – konnte er nicht ahnen, dass er eineinhalb Jahrzehnte später die besten Orchester der Welt zu seinen Kunden zählen darf. Begonnen hat er seinerzeit mit dem Handel und einer Reparaturwerkstatt. Schmunzelnd erzählt er von den Anfängen: Einmal sei ein Pfarrer vorgefahren, um die Instrumente des Posaunenchores zur Überholung zu bringen. Nachdem er sie anschließend wieder ins Auto verfrachtet hatte, habe er sich an die Stirn gefasst und ausgerufen: »Ach, jetzt habe ich ja ganz vergessen, dass ich meine eigene Trompete auch dabei habe«, um sie geschwind aus dem Kofferraum zu holen. »Der wollte erst mal sehen, ob ich das auch gut mache, bevor er mir sein Instrument anvertraut – und das ist doch auch verständlich.«

Feuilleton-17-2016

Der Meister bei der Arbeit: Von Hand gefertigte Einzelstücke aus der Manufaktur von Alexander Weimann in Kapellendorf bei Weimar haben einen klangvollen Namen in der großen Musikwelt. Jedem einzelnen Stück gebührt höchste Aufmerksamkeit. Fotos: WEIMANN® Manufaktur

Alexander Weimann weiß, wie Musiker ticken. Bereits von Kindesbeinen an ist der passionierte Waldhornspieler eng mit der Musik verbunden. Der Vater, Gesangssolist am Leipziger Gewandhaus, starb früh. Nach seinem Tod kümmerte sich der große Kurt Masur um die Familie. Er war es auch, der seinem Schützling den Weg in die Lehre beim renommierten Instrumentenbauer Friedbert Syhre und später ins Restauratoren-Studium wies. Vor einigen Jahren schenkte der Schüler von einst dem weltbekannten Dirigenten eine Trompete aus eigener Herstellung – in Anerkennung für dessen großartige väterliche Unterstützung.

»Das Instrument ist ein Heiligtum, das Werkzeug, mit dem der Musiker sich ausdrückt«, so Weimann. Seine Tätigkeit hat viel mit Vertrauen zu tun. Ein Instrument sei ein sehr persönliches Handwerkszeug, eines, das man unter vielen auswähle. Wie zum Beispiel James Ross vom Metropolitan Opera Orchestra New York, der ihm schrieb: »Super Ansprache, perfekte Intonation, wunderbarer Klang und feinste Handwerkskunst. Bravo Herr Weimann!«

Für die wichtige »Logistik im Hintergrund« ist seit einigen Jahren Ehefrau Wiebke zuständig. Sie hält ihm den Rücken frei, kümmert sich um die vielen weltweiten Kontakte und die Buchhaltung; Alexander Weimann kann sich so ganz auf seiner Hände Arbeit und die Erfüllung der Wünsche seiner Kunden konzentrieren. Eine perfekte, sich ergänzende Arbeitsteilung, die maßgeblich zur positiven Entwicklung beigetragen hat.

Manchmal habe er das Gefühl, ihm werde ein Weg geebnet, sagt Weimann nachdenklich. Und dass er sich diesen Erfolg nie erträumt hat und sich im Stillen darüber freut: »Mit einem Funken Demut«, wie er lächelnd hinzufügt.

Adrienne Uebbing

www.weimann-brass.de


Wenn wir dann noch leben …

17. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Großmutter denkt nach – Eine Erzählung von Kathrin van Booth mit einer Illustration von Maria Landgraf

Da sitz ich nun wieder, den kleinen Benjamin zu Füßen. Eben hat ihn meine Tochter vorbeigebracht, wie jeden Nachmittag zwischen zwei und sechs. Dazu die üblichen Ermahnungen: »Denk daran, keine Süßigkeiten, und wenn er noch so bettelt. Und verfall nicht in die Kindersprache, die wird er sonst niemals los. Und …« –

Das Übliche eben. Ich beklag mich ja nicht.

Bevor Benjamin in diesem Jahr eingeschult wurde, war er auch vormittags von neun bis zwölf Uhr regelmäßig bei mir. Es war etwas anstrengend, vor allem als er ins Fragealter kam: »Oma, sag mal …« Von meinen eigenen vier Kindern kannte ich das ja schon. Aber damals durfte ich – etwa bei der Mutter von Benjamin, die eine besonders hartnäckig Fragende war – schon mal sagen: »Still Kind, ich habe zu tun!« Entscheidende frühkindliche Schäden hat sie, glaube ich, davon nicht zurückbehalten – auch wenn sie mir bis heute vorwirft, dass ich früher nicht genügend Zeit für sie gehabt hätte. Diesen Vorwurf wird Benjamin seiner Mutter später einmal nicht machen müssen. Seine Großmutter hatte ja immer Zeit.

Hat sie das wirklich? Dank meiner Tochter, ja. Die hat nämlich damals bei meiner Pensionierung festgestellt, dass ich eine sinnvolle Beschäftigung brauche, damit ich mich weiterentwickeln kann, und nicht dem – wie sie es so liebenswürdig ausdrückte – »galoppierenden Altersschwachsinn« zum Opfer falle. Und sie half nicht nur mit Rat, sondern gleich mit Tat. Indem sie mir den kleinen Benjamin zweimal am Tag vorbeibrachte.

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

Ach, nun habe ich den Benjamin mit seinen großen treuen Augen und dem Lockenkopf, mit seinem unerschütterlichen Vertrauen und seiner gewinnenden Herzlichkeit wirklich lieb. Aber gerne hätte ich mich auch vor ein paar Jahren ausgeschlafen – anstatt mit ihm Bauklötze aufzutürmen. Und nachmittags würde ich gerne mit meiner Freundin Johanna einen Kaffee trinken. Aber da muss ich ja nun Lernübungen mit Benjamin machen.

Manchmal wäre mir da ein Gespräch mit Johanna lieber, als mit meinem Enkel seine Probleme zu wälzen: »Du magst den Frieder nicht, weil er dich kneift? Na, dann kneif doch zurück.« – »Aber Frieder ist größer als ich.« – »Na, dann ist es vielleicht wirklich besser, dich zurückzuhalten, bis du aufgeholt hast.«

Mit Johanna könnte ich mal andere Themen besprechen. Sie ist eine ehemalige Chemikerin, hat keine Kinder, keine Enkel – und 24 Stunden am Tag Zeit. Sie liest viel und kann interessant darüber erzählen. Und ich würde ihr gern zuhören. Aber den Morgen möchte ich jetzt endlich für mich allein haben, nachmittags kommt Benjamin – und danach bin ich müde. Viel zu müde, um noch bei Susanne vorbeizufahren, die in einer anderen Stadt wohnt. Und jeden Abend habe ich ja auch nicht frei. Manchmal wollen meine Tochter und ihr Mann ausgehen. Da laden sie mich dann zu sich ein: zu einem Wein und Käsegebäck vor den Fernseher. Falls Benjamin sich meldet, ist dann jemand da. Und beide sind sich ganz sicher, mir einen großen Gefallen zu tun: Was gibt es denn auch Schöneres für Großmütter, als gebraucht zu werden und sich Gedanken machen zu dürfen?

Ach, so eine Großmutter bin ich nicht! Ich führe meine Gedanken ganz gern spazieren. Und flöge auch mal ganz weit weg. Nach Israel beispielsweise. Stattdessen fahre ich wieder mit Benjamin nach St. Peter-Ording. Und statt neuer Welten sehe ich verendete Fische und lasse mich von Benjamin befragen: »Großmutter, warum liegen die Tiere so stille da?« Und am liebsten würde ich antworten: »Sei du still, Benjamin, ich brauche mal Zeit für meine Gedanken.« – Das darf ich nicht. Schließlich hat meine Tochter mir für alle erdenklichen Fälle genaue Erziehungsanweisungen gegeben. Etwa: »Das Kind braucht Wärme, Aufmerksamkeit und genaue Antworten auf seine Fragen.« Ja, Gott, hoffentlich gebe ich die richtigen.
Mag sein, dass ich meine Tochter als Kind nicht immer verstanden habe. Aber sicher ist das: Heute sieht sie mich als altes Kind, das sie lenken will und führen und das sie auch nicht versteht! Ach ja, jetzt irgendwo einen Kaffee mit Johanna trinken. Das wär schon was. Mag sein, dass unsere Zeit kommt, wenn Benjamin groß ist. Vielleicht habe ich dann endlich Zeit für Reisen und Gespräche mit Johanna. Wenn wir beide dann noch leben.

Verheiratet nach ganz Europa

12. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Thüringer Landesausstellung 2016: »Die Ernestiner – Eine Dynastie prägt Europa«

Über 400 Jahre regierten Ernestiner in bis zu zwölf Linien und Residenzen weite Teile des heutigen Thüringen und darüber hinaus. Diese einzigartige Entwicklung nimmt der Freistaat zum Anlass für seine nächste Landesausstellung. »Glaube + Heimat« stimmt mit einer sechsteiligen Serie darauf ein. Diesmal geht es um die Hochzeitspolitik der Ernestiner.

Der Titel der kommenden Landesausstellung »Eine Dynastie prägt Europa« ist beileibe nicht medientauglich übertrieben. Mit geschickt eingefädelten Vermählungen von ernestinischen Prinzen und Prinzessinnen an die großen Höfe Europas trugen die von progressiver Geisteshaltung geprägten Ernestiner wesentlich zur Entwicklung des heutigen Europas bei. Zwei von vielen Beispielen solcher Eheschließungen:

Ein im April 1894 entstandenes Foto auf dem Coburger Schloss Ehrenburg, das zum Herrschaftsbereich des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha gehörte, zeigt den gesamten europäischen Hochadel in festlicher Pose vereint. Das Bild, auf dem auch der deutsche Kaiser Wilhelm II. und der spätere Zar Nikolaus II. zu sehen sind, dokumentiert einen bedeutenden Anlass: die Hochzeit eines Enkels der englischen Königin Victoria. Franken, Thüringen, Deutschland, Großbritannien, Irland, Russland – lief da etwas aus dem familiären Ruder? Nein! Diese Fürstenhochzeit belegte einmal mehr die sehr bewusst gehandhabte Heirats­politik der Ernestiner, dank welcher Verbindungen zu Höfen in ganz Europa entstanden. Initiatorin der wohl bis heute ebenso populären wie spektakulären Verbandelungen war Herzogin Auguste Caroline Sophie. Sie verheiratete ihre Tochter Juliane nach Russland und Victoria nach England. Mehrfach gehörten Deutsche zu den Regenten des Königreiches England. Der Gothaer Prinz Albert – eine riesige Veranstaltungshalle in London ist nach ihm benannt – gehört dazu wie auch zahlreiche Nachkommen aus seiner Ehe mit Königin Victoria. Bis in unsere Zeit ist die prominenteste Repräsentantin der Monarchie, Elisabeth II., Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland, eine Ernestinerin. Zu den »Windsors« wurde der britisch-ernestinische Zweig erst nach der Umbenennung durch den Großvater der heutigen Königin Elisabeth II. im Weltkriegsjahr 1917. So nimmt es denn nicht Wunder, dass das schön anzuschauende Bildnis der aus Gotha stammenden englischen Königin Victoria (1819–1901) den werbenden Hintergrund für den Ausstellungsort Gotha der kommenden Landesausstellung bildet. Und mit eben diesen traditionsreichen Verbindungen zwischen Gotha und der Insel versteht man auch, warum Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch nicht müde wird, die Queen in seine Stadt zu bekommen – eine erste kurze Begegnung der beiden gab es im vorigen Jahr in Berlin …

Eine im europäischen Sinne durchaus spektakuläre Hochzeit wurde im November 1804 in Weimar 20 Tage lang gefeiert. Es war die Ehe zwischen Erbprinz Carl Friedrich und der russischen Zarentochter Maria Pawlowna. »Die Festivitäten sind nun zu Ende, und wir treten wieder allmählich in unser gewöhnliches Philisterleben zurück. Außer einem Katarrh, den ich mir geholt, bin ich ganz leidlich weggekommen, welches ich kaum erwarten konnte, da man sich bei solchen Gelegenheiten niemals schonen kann« , resümierte Schiller in einem Brief an Freund Körner, was am Nachmittag des 9. November 1804, einen Tag vor Friedrich Schillers Geburtstag, begonnen hatte und Weimar kopfstehen ließ: Nach vierwöchiger Reise mit einer ausgesprochen komfortablen Kutsche rollte von St. Petersburg her – vom Volk begeistert empfangen – die Enkelin Katharinas der Großen und Tochter des Zaren Paul und der aus dem Hause Württemberg stammenden Maria Fjodo­rowna, der Schwester der Zaren Ale­xander und Nikolaus, die Großfürstin von Russland, Maria Pawlowna, in das kleine Weimar ein. Neben der gerade Achtzehnjährigen saß der Erbprinz und spätere Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, Carl Friedrich, ihr frisch vermählter Ehemann. Im Fourierbuch des weimarischen Hofes steht unter diesem Tag u. a.: »Der Empfang geschahe von dem gesammten Hof und sämtl. Wirkl. Räthen u. Assessoren der Landes-Collegien an der untersten Treppe im Schloß.« Verteilt auf 80 Planwagen, war zuvor schon die Aussteuer der jungen Frau samt Ausstattung für ihren Mann eingetroffen. Auf den Einzug folgten zwanzig Tage lang Bälle, Feuerwerk, Illumination, Musik, Komödie und dergleichen mehr. Das Festlichste an allem aber war für Schiller »die aufrichtige, allgemeine Freude über unsre neue Prinzessin, an der wir in der Tat eine unschätzbare Akquisition gemacht haben«.

Schon bald nach dem prächtigen Einzug war allenthalben zu spüren, wie segensreich sich der vom Freiherrn Wilhelm von Wolzogen äußerst diplomatisch eingefädelte Coup auf das Herzogtum auswirkte. Finanziert auch mit stattlichen Summen aus der Privatschatulle, förderte Maria Pawlowna, so wie es vor ihr Anna Amalia getan hatte, die Künste, die Wissenschaft und die Bildung. Die von ihr nach Weimar geholten Musiker und Komponisten Hummel, Liszt und Wagner stehen stellvertretend für viele andere, die das so genannte »Silberne Zeitalter« der Stadt begründeten. Indem sie im Schloss Memorialräume für Goethe, Schiller und andere Dichter aus Weimars »Goldenem Zeitalter« einrichten ließ, legte sie das Fundament für den bis heute wirkenden »Mythos Weimar«. An Maria Pawlowna erinnert auf dem Historischen Friedhof von Weimar die von Zwiebeltürmen gekrönte russisch-orthodoxe Grabkapelle.

Heinz Stade

Glaskunst für den Glauben

7. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Kunsthistoriker Bertram Lucke über zerbrechliche Kostbarkeiten

Zu den wichtigsten, aber auch empfindlichsten Ausstattungselementen von Kirchen gehören Glasmalereien. Mit diesen Kunstwerken beschäftigt sich der promovierte Kunsthistoriker Bertram Lucke vom Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Erfurt. Mit dem Fachmann sprach Susann Winkel über Stifter, Motive und Gefahren.

Herr Dr. Lucke, Ende 2016 wurde in der Kirche Marisfeld im Landkreis Hildburghausen ein restauriertes Glasgemälde geweiht, das die Kreuzigung Christi zeigt. Dem voran ging ein glücklicher Fund.
Lucke:
Der Kopf und Oberkörper der Christusfigur waren im Original aus dem Jahr 1885 nicht mehr erhalten, eine ältere, qualitativ unbefriedigende Ergänzung sollte jetzt ersetzt werden. Im Archiv der Mayer’schen Hofkunstanstalt GmbH in München stieß ich im vergangenen Sommer auf einen umfangreichen Bestand historischer Fotografien. Diese zeigen Kartons – die Eins-zu-eins-Vorlagen – zu Glasgemälden von C. H. Burckhardt & Sohn, München. Aus deren Werkstatt stammt auch die Marisfelder Kreuzigungsdarstellung. Hiervon existiert ein Kartonfoto, das dankenswerterweise für die Ergänzung zur Verfügung gestellt wurde.

Welche Kirchen in der Region Süd­thüringen wurden noch von der Werkstatt Burckhardt ausgestattet, deren Begründer ursprünglich aus Eisfeld kommen?
Lucke:
Die evangelischen Kirchen in Eisfeld (kriegszerstört), Stepfershausen, Meiningen (kriegszerstört, Fragmente erhalten), Oberstadt, Veilsdorf, Sonneberg und Saalfeld erhielten in sehr unterschiedlichem Umfang Glasmalereien aus der Werkstatt Burckhardt.

Wer stiftete Glasmalereien und aus welchem Anlass?
Lucke:
Die Palette der Stifter ist breit: Landesherrn, Geistliche, Patronatsherrn, Fabrikanten, Bürger verschiedenster Professionen, Familien, Kinder zum Andenken ihrer Eltern und umgekehrt, Vereine und Vereinigungen etc. Die Meininger Stadtkirche beispielsweise erhielt im Zuge ihres 1884 bis 1889 erfolgten Umbaus zwei landesherrliche Stiftungen, weitere Fenster stifteten die »Künstler-Klause«, »Frauen und Jungfrauen der Stadt«, »Bürger der Stadt«, »Freunde der Kirche«, der Gewerbeverein und die »Gesellschaft ›Sängerkranz‹«. Zu den vielen Stiftungsanlässen zählen Neubauten, Umbauten und Renovierungen von Kirchen, Jubiläen von Personen und Ereignissen, das Gedächtnis an Gefallene oder der Dank für die Heimkehr aus dem Krieg.

Das restaurierte Glasfenster in der Marisfelder Kirche. Foto: Susann Winkel

Das restaurierte Glasfenster in der Marisfelder Kirche. Foto: Kathrin Rahfoth

Werden heute noch neue Glasgemälde in der Art des Marisfelder Fensters eingesetzt oder bleibt es bei der Bewahrung des Bestandes?
Lucke:
Der Begriff »Glasgemälde« ist eng gefasst, die Münchener Kunsthistorikerin und Glasmalereiexpertin Elgin Vaassen spricht hier von der »bildhaften Richtung der Glasmalerei« im Gegensatz zur mosaikartig gefügten. Auf der Grundlage dieser Definition geantwortet: Neue Glasgemälde entstehen heute nur noch wenige, neue, in den verschiedensten Techniken geschaffene Kirchenfenster sind hingegen keine Seltenheit.

Welche Rolle spielen Glasmalereien für die Ausstattung von Kirchen?
Lucke:
Die Glasmalerei zählt in den Epochen, in denen die Fenster der Sakralbauten quasi selbstverständlich damit versehen wurden, zu den wesentlichen Ausstattungselementen. Die Art ihrer »Durchlichtung« bestimmt das Maß der Abgrenzung von innen und außen, ihre jeweilige Farbgebung ist von erheblicher Wirkung auf die Raumstimmung, die durch den Wechsel von Art und Intensität des einfallenden Lichtes zudem ständig variiert. Eine weitere wichtige Rolle kommt der Glasmalerei als Bildträger im Rahmen des ikonografischen Programmes des jeweiligen Sakralraumes zu.

Gibt es Unterschiede hinsichtlich der Konfessionen?
Lucke:
Ja. Neben einer Reihe in Gotteshäusern beider Konfessionen anzutreffender Darstellungen, insbesondere sind dies die Hauptereignisse der christlichen Heilsgeschichte, gibt es auch viele bekenntnisbezogene Motive oder Bildprogramme.

Wie ist der Zustand der Glasmalereien in den Thüringer Kirchen?
Lucke:
Der trotz bedeutender Verluste noch sehr umfangreiche Bestand von Glasmalereien aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert in den Kirchen, Kapellen und Feierhallen ist im Auftrag des Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie von Falko Bornschein und Ulrich Gaßmann inventarisiert, zustandsseitig erfasst und 2006 in Buchform publiziert worden. Der Erhaltungszustand im Einzelnen variiert von bereits konservierten und restau­rierten Fensterbeständen bis zu solchen, für die dies bald geboten ist.

Was sind die großen Gefahren und Chancen für ihre Bewahrung?
Lucke:
Neben Zerstörungen durch Krieg, Vandalismus und Umwelteinflüsse zählt die Nicht-Wertschätzung der Werke der Glasmalerei des Historismus zu deren großen Gefahren. Allerdings kann man hierüber zunehmend in der Vergangenheitsform reden, auch gibt es inzwischen einige Beispiele, wo mit großem Engagement dafür Sorge getragen wird, dass einzelne Fenster oder schrittweise ganze Kirchenverglasungen besagter Entstehungszeit konserviert und restauriert werden. Die gebührende Wertschätzung dieser oft kostbaren Zeugnisse aus einer großen Epoche der Glasmalerei ist eine wesentliche Voraussetzung ihrer Bewahrung für die Gegenwart und Zukunft.

Der »Theaterherzog« und Architekt

29. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Thüringer Landesausstellung 2016: »Die Ernestiner – Eine Dynastie prägt Europa«

Über 400 Jahre regierten Ernestiner in bis zu zwölf Linien und Residenzen weite Teile des heutigen Thüringen und darüber hinaus. Diese einzigartige Entwicklung nimmt der Freistaat zum Anlass für seine nächste Landesausstellung. »Glaube + Heimat« stimmt mit einer sechsteiligen Serie darauf ein. Diesmal Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen (1866–1914).

Meiningen ist der Welt durch »die Meininger« bekanntgeworden, hat einst der Schriftsteller Wilhelm Raabe pointiert formuliert und damit auf den Punkt gebracht, was den für »die Meininger« zuständigen Regenten Georg II. zu einem der bedeutendsten unter den Ernestinern gemacht hat: Sein Mäzenaten- und Künstlertum. Der als »Theaterherzog« in die Geschichte eingegangene Monarch war – das belegen die Urteile seiner Lehrer und das bekräftigen die späteren künstlerischen wie politischen Verdienste – ein hochbegabtes Kind. Nach Jugenderziehung, Universität, obligater militärischer Ausbildung und Reisen u. a. nach Norwegen hätte der als charakterfest und prinzipientreu geltende junge, großgewachsene, kräftige Mann sein Geld mit Vielem im intellektuellen Bereich verdienen können.

Der Herrscher ist erster Diener im Staat

Mit diesem Fundament eigener Leistung aber legitimierte er den Anspruch als Erbprinz auf zusätzliche Weise. Erzogen und groß geworden als Einzelkind, ruhten auf diesem Erbprinzen alle Hoffnungen der Familie für den Fortbestand des meiningischen Spe­zialhauses der ernestinischen Sachsen. Georg II. – in seinem langen Leben dreimal verheiratet – enttäuschte die Hoffnungen nicht. Im Folgenden sollen zwei Aspekte des verdienstvollen Wirkens des Regenten im Mittelpunkt stehen, die Arbeit als Chef des Hof-
theaters und als Architekt.

Die Fassade des Meininger Theaters erinnert an den im klassizistischen Stil errichteten Vorgängerbau, der 1908 abbrannte. Foto: picture-alliance/dpa

Die Fassade des Meininger Theaters erinnert an den im klassizistischen Stil errichteten Vorgängerbau, der 1908 abbrannte. Foto: picture-alliance/dpa

Die Fassade des Meininger Theaters erinnert als eines der wenigen Elemente an den Vorgänger-Theaterbau, der 1908 während eines Brandes weitgehend zerstört worden war. Nur zwei Tage nach dem Brand hatte der greise »Theaterherzog« Georg II. den Entschluss gefasst, eine neue Spielstätte zu bauen. Mit dem Hofarchitekten Karl Behlert war er sich einig geworden, dass das Gebäude – obwohl bereits vielerorts im Jugendstil gebaut wurde – im klassizistischen Stil errichtet werden sollte. So wurde die einstige Vorderfassade zur hinteren und jene heutige Hauptfassade möglich, die sechs Säulen, eine Freitreppe und eine doppelläufige Auffahrt prägen und im Giebel die Inschrift trägt »Dem Volke zur Freude und Erhebung«. Die Meininger Bühne – das Schauspiel ist gleichwertig mit der Hofkapelle zu nennen – ist der Geburtsort dessen, was man in der Theater- und Musikwelt des ausgehenden 19. Jahrhunderts über rund drei Jahrzehnte als »Meininger Prinzipien« rühmen sollte und dort erleben konnte, wo »die Meininger« mit Dramen von Shakespeare, Schiller, Goethe und Kleist auftraten oder der Klangkörper mit Werken von Beethoven, Brahms oder Bach brillierte. Getreu friderizianischer Prinzipien, wonach der Herrscher erster Diener im Staat zu sein habe, hatten in der Kunst unter dem Regisseur Georg II. – vom Statisten bis zum Star – alle einem hohen Kunstideal zu folgen, dem Wort des Dichters zu dienen, sich dem Ensemblegeist zu opfern. »Wenn das Stück kein Erfolg wird, ist es nicht Shakespeares oder Schillers Schuld, es ist Ihre oder meine«, hörten die Beteiligten nicht nur einmal. Der Erfolg – abzulesen auch an zahllosen gefeierten Gastspielen in europäischen Kunstmetropolen – gab dem Theaterreformer Georg II. recht. Die ständige Ausstellung im Museum in Schloss Elisabethenburg Meiningen ermöglicht es, dem sich in jener Zeit zwischen Weimar und Bayreuth etablierenden Musenhof Meiningen nachzuspüren.

Veste Heldburg wird Burgenmuseum

Dass der Regent auch im Bereich der Architektur mehr als dilettantische Spuren hinterlassen hat, ist an mehreren Bauwerken in Thüringen ablesbar. Erwähnt sei hier ausschließlich die Veste Heldburg, »wo es so wundervoll still und ruhig ist«, wie Freifrau von Heldburg ihrem Bruder Reinhard im Sommer 1891 mitteilte. Da lag der erste Aufenthalt auf dem märchenhaft wirkenden musenfreundlichen Bergschloss, das ihr Mann Herzog Georg II. zum Refugium und bevorzugten Wohnsitz ausgebaut und eingerichtet hatte, bereits 13 Jahre zurück. Mit den baulichen Maßnahmen begonnen wurde am sogenannten Französischen Bau.

Angeregt von der Burgenromantik des 19. Jahrhunderts, setzte Georg II. wenige, aber dominante Veränderungen am äußeren Erscheinungsbild durch: Der Jungfernbau verlor sein Fachwerkgeschoss und wurde damit wieder mittelalterlich, Türme wurden aufgestockt, und der zinnbewehrte Bergfried bekam sein weit in die Landschaft sichtbares Kegeldach. Mehr noch als um das Äußere kümmerte sich der Meininger Herzog um die Umgestaltung des Inneren.

Ein Großbrand im April 1982 verwüstete das Innere erheblich. Unmittelbar nach der Wende jedoch wurde mit dem Wiederaufbau und der Sanierung begonnen. Im Herbst dieses Jahres wird hier das Deutsche Burgenmuseum seine Pforten öffnen. Aufs Schönste erfüllt sich damit gewissermaßen der testamentarische Wunsch von Georg II., wonach »diese Feste in ihrem Zustand auch in der fernen Zukunft erhalten bleibe und zum Besten der Stadt Heldburg und der Umgebung einen Anziehungspunkt für fremde Besucher bilde …«.

Heinz Stade

Der rätselhafte Aufkleber auf der Toilette

21. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Jana Huster mit einer Illustration von Maria Landgraf

Literaturcafé Pegasus. Wann immer mir in den letzten Jahren nach auswärtigem Biergenuss war, kehrte ich dort ein. Es laufen Musikvideos auf einer Leinwand, die Gästeschar ist generationenübergreifend, die Stimmung entspannt. Manchmal gibt es Livemusik, wer mag, kann auch aus einem der Regale ein Buch nehmen und lesen.

In der Frauentoilette klebt seit ewiger Zeit ein Aufkleber. Er ist nicht mal so groß wie eine der Normfliesen und hat offenbar einigen Gästen so gut gefallen, dass es mehrere Versuche gab, ihn abzulösen. Die Folge ist, dass er teilweise unleserlich ist, denn die obere Aufkleberschicht ist schon abgepiepelt, wie man hierzulande sagt und hat Fehlstellen am Textanfang verursacht. Oft saß ich auf der Toilette und las das Übriggebliebene:

Zeichnung: Maria Landgraf

Zeichnung: Maria Landgraf

»… mit Engelzungen redete … wäre ich ein tönend Erz oder … wenn ich weissagen könnte … alle Erkenntnis und … also ich Berge versetzte, und … so wäre ich nichts. Und wenn ich Armen gäbe und ließe meinen Leib der Liebe nicht …, so wäre mir’s nichts nütze …ngmütig und freundlich, die Liebe … treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht …«

So sieht das erste Drittel eines Textaufklebers im Geraer Literaturcafé Pegasus aus. Der Rest ist gut erhalten, der nächste Abpiepelversuch hat dann links unten stattgefunden und ist nicht so ausgeprägt wie der obere.

Einmal hatte ich Liebeskummer und las im erhaltenen Teil:

»… Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht, sie stellet sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit …«

»Doch!«, dachte ich damals trotzig im Zorn der Liebeskranken und erwog, künftig heimlich die Herrentoilette zu benutzen, um dem Aufkleber zu entgehen, der genau in Augenhöhe klebt, den man während der Toilettennutzung praktisch lesen muss, wenn man nicht die Klobürste anschauen möchte.

Als ich wieder liebte, las ich: »…sie freut sich aber der Wahrheit; sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles. Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden und die Erkenntnis aufhören wird.«

»Genau«, dachte ich und verließ erfreut die Toilette in dem Vertrauen auf den Aufkleber und trank noch ein Bier mehr, um diese herrlichen Zeilen nochmals lesen zu können.

All die Jahre fragte ich mich bei den Pegasusbesuchen, von wem diese Zeilen sind. Sonst wird ja unter einem Text angegeben, von wem er stammt. Hier fand ich nichts. Kein Verfasser, kein Copyright, keine Überschrift. Heinrich Heine konnte es irgendwie nicht sein, dafür war es zu ernsthaft und aufwühlend. Das Ende fehlte mir auch, denn ab »… Nun aber bleibt Glaube …« ging das Abgepiepelte wieder los.

»Nun aber bleibt Glaube … Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die … unter ihnen.«

Glaube – Liebe – Hoffnung … das war mir vertraut, weil ich als Kind ein Armband mit drei Anhängern besessen hatte, Glaube war ein kleines silbernes Kreuz, Liebe war ein kleines Herz, und die Hoffnung wurde durch einen Anker dargestellt.

Aber was war nun die Liebe unter ihnen? »… Die Liebe ist die … unter ihnen …«

An manchen Kneipenabenden dachte ich, die schmerzlichste. An anderen Abenden die vertrauenswürdigste, verlässlichste. Die unberechenbarste. Was war die Liebe denn nun?

Eines Abends im Pegasus fragte ich meinen Kumpel, ob auf dem Herrenklo eigentlich auch ein Aufkleber klebt. Vielleicht war der ja vollständig und mit Verfasserangabe. Der Begleiter schaute mich verwirrt an: »Weeß ich doch nüsch, ich les doch nich beim Pinkeln.« War es vielleicht ein Zeichen, dass ein solch wundervoller Text auf den Fliesen der Damentoilette klebt? Ich beschloss an dem Abend, einfach einen Auszug aus dem erhaltenen Textteil bei Google einzugeben.

»… Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk …«

Da es auf dem Aufkleber größer und fetter als der Rest gedruckt war, hielt ich es für einen wichtigen Satz, den Google kennen muss. Zumal ›Wissen‹ drin vorkam.

1. Korinther 13, 9: Denn unser Wissen ist Stückwerk, und …
bibeltext.com/1_corinthians/13-9.htm

Bibeltext.com? Erstaunt las ich auf der Seite, dass es sich bei meinem geliebten Pegasus-Klo-Aufkleber um das Hohelied der Liebe handelt und offenbar in der Bibel steht. Ich druckte es sofort aus und las es wieder und wieder, jetzt endlich vollständig, es füllten sich alle Textlücken und Abpiepelstellen und ich freute mich.

Müsste als Verfasser eigentlich Gott angegeben werden? Fraglich, ob das nicht Lesende abgeschreckt hätte, wie wenn man als Nichtchrist eine christlich geprägte Weihnachtskarte bekommt und dann mit den frommen Sprüchen oft gar nichts anzufangen weiß, befangen ist von allem, was über »Frohes Fest« hinausgeht.

Wenn man nicht so gewandt in der Bibel unterwegs ist und hat dann doch einmal mit ihr zu tun, ist das Gelesene meist etwas befremdlich. Immer ist von Leuten die Rede, die man sowieso nicht kennt, immer wird auf alte Geschichten Bezug genommen, von denen man auch nichts weiß, und immer werden Lieder gesungen, die man in der 7. POS Juri Gagarin nicht gelernt hat.

Ich hoffe, dass nicht irgendwann jemand Reinliches der Ansicht ist, dass der schäbige Aufkleber im Literaturcafé Pegasus entfernt werden muss. Er klebt genau da genau so richtig.

»Am Ende wird alles gut«

16. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Zur Leipziger Buchmesse präsentiert Felix Leibrock mit »Eisesgrün« seinen zweiten Band der Weimar-Krimireihe

Man kann das Böse auf verschiedene Art und Weise ergründen. Der gebürtige Saarländer, Wahlmünchner und inzwischen Wochenend-Weimarer Felix Leibrock tut es auf seine Weise: Er schreibt Krimis. Nicht nur, aber immer öfter.

Wir tun immer so ›heile Welt‹ in der Kirche – aber damit erreichst du nur noch fünf Prozent, 95 Prozent sagen, ›die sind von gestern‹«, ist Felix Leibrock überzeugt. »Die Kirche muss sich viel mehr dem Bösen als dem Guten zuwenden. Sie muss die Heimstatt der Emotionen sein.« Auch deswegen schreibe er Krimis, fügt er augenzwinkernd hinzu.

Vorpremiere: Krimi-Pfarrer Felix Leibrock mit einem druckfrischen Exemplar. Fotos: Maik Schuck

Vorpremiere: Krimi-Pfarrer Felix Leibrock mit einem druckfrischen Exemplar. Fotos: Maik Schuck

Leibrock hat schon vieles ausprobiert in seinem Leben. Als Spätberufener studierte er nach Germanistik und Geschichte sowie Stationen als Antiquariatsbuchhändler mit 30 noch einmal »ganz effizient« evangelische Theologie in Erlangen. Und weil nach der Wende im Osten die Sorge herrschte, dass alle Pfarrer in die Politik gehen oder sonst wie den Beruf wechseln und niemand mehr Theologie studieren will, ergriff er die Gelegenheit beim Schopf und siedelte nach Thüringen über. Eine Entscheidung, die er nie bereut hat. Es folgten Anstellungen als Pfarrer in Weimar und Apolda sowie als Stadtkulturdirektor in der Goethestadt. Inzwischen ist er Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerks in München, nebenher Seelsorger bei der bayerischen Bereitschaftspolizei und ehrenamtlicher Teeausfahrer bei einer katholischen Obdachloseninitiative in der weiß-blauen Landeshauptstadt. Außerdem gehört er zur evangelischen Redaktion bei Antenne Bayern.

Was reizt diesen Tausendsassa am Krimischreiben? »Selbst die schlimmsten Terroristen sind erst böse geworden, sie sind nicht böse geboren. Und das ist etwas, was mich fasziniert und das ich versuche, in meinen Krimis ein Stück weit zu ergründen.« Leibrock glaubt, die Menschen positiv beeinflussen zu können. »Das klingt jetzt ein bisschen überhöht, aber das ist schon ein Motiv, zu schreiben.« Er wolle nicht nur unterhalten – Spannung bescheren –, sondern habe auch einen Bildungsanspruch. »Der Krimi ist neben dem historischen Roman ein Genre, das sehr gut geeignet ist, um Bildungsinhalte unterhaltsam zu transportieren« – so seine Überzeugung.

Einer von Leibrocks Wahlsprüchen lautet: »Ich glaube, am Ende wird alles gut!« Spielt das für ihn auch eine Rolle beim Schreiben? Übt die Tatsache, dass er das Ende als Autor faktisch in der Hand hat, einen besonderen Reiz aus? »Wahrscheinlich ja, man erschafft eine eigene Welt, man ist Schöpfer. Es ist eine Welt, die sich zunächst nur im eigenen Kopf abspielt, aber man kre­iert Personen, man stellt Menschen her, gibt ihnen ein Profil – optisch, aber auch charakterlich – man bringt sie in Beziehung zueinander«, so der umtriebige Pfarrer.

Zwischen Tür und Angel schreiben kommt für ihn nicht infrage. Er macht das immer blockweise: »Ich nehme dann drei Wochen Urlaub und schreibe von morgens bis abends; dann bin ich komplett abgetaucht in diese Parallelwelt und nur schwer ansprechbar.« Ein Zustand, den die weltbekannte Geigerin Anne-Sophie Mutter in einem Interview mal als »Flow« bezeichnet habe: Man taucht ein in die eigene Welt, die man erschaffen hat, man redet mit seinen Figuren – das ist es, was er am Schreiben so wunderbar findet, begeistert er sich.
Felix Leibrock hat viele Vorbilder. Er liest sehr viel, macht halbjährlich Literaturabende mit jeweils zwölf Neuvorstellungen. Und er hat auch historische Vorbilder. Sein Lieblingsbuch ist »Moby Dick« von Herman Melville: »Ich kann mich kaputtlachen, wenn er den Pfarrer auf der Kanzel beschreibt, da gibt es so herrliche Szenen.«

Wichtig sei, dass »immer so ein bisserl« Humor mit dabei ist, denn ganz ernst kann laut Leibrock auch ein Krimi nicht sein. Und der Erfolg gibt ihm recht. Der erste Band des Weimar-Krimis »Todesblau«, erschienen im renommierten Droemer-Knaur Verlag, kommt jetzt in zweiter Auflage heraus. Und auch wenn die Krimireihe mit den beiden Ermittlern Sascha Woltmann und Mandy Hoppe in der Goethestadt angesiedelt ist – die Weimar-Krimireihe reiht sich nicht ein in die inflationär erscheinenden Regional-, Provinz- und Mundartkrimis.

Für die Erstvorstellung von »Eisesgrün« hat Leibrock einen besonderen Coup gelandet. Er wird eine »original Mandy Hoppe« als Gast aufbieten. »Laut Facebook gibt es 17 Frauen mit diesem Namen in Deutschland. Ich habe eine angeschrieben und gefragt, ob sie nicht bei meiner Buchpräsentation mit dabei sein möchte. Und kurioserweise kommt sie aus Apolda«, freut sich der Krimi-Pfarrer über ihre Zusage.

Dabei offenbart er auch seine Entertainer-Qualitäten. Wenn Felix Leibrock mit seinen Krimis auf Tour geht, bietet er dem Publikum nicht die klassische Autorenlesung – »weil ich das selber schon mehrfach als einschläfernd erlebt habe«: Er hat einen Musiker, der eigens für die Lesungen Lieder komponiert und spielt, und er selbst plaudert dazu aus dem Nähkästchen. Zum Beispiel über seine Recherchen zum Buch: »Ich musste jetzt eine Leiche tiefgefrieren. Da hab ich mir im Weimarer Land einen Techniker gesucht, der so was kann und es mir erklärt, damit es im Buch auch realistisch beschrieben ist – und das erzähl ich dann.« Und auch vom Marketing versteht er etwas: Zur Buchmesse gewährt ihm der Bayerische Rundfunk eine Stunde Sendezeit, und eine bekannte Illustrierte widmet ihm zwei Seiten.

Zu »Eisesgrün«: In Felix Leibrocks zweitem Weimar-Krimi entdecken zwei Landschaftspfleger merkwürdige Hügelgräber. Das erste, kaum größer als ein Maulwurfshügel, enthält eine Holzkiste mit einer Puppe. Das zweite einen Golden Retriever. Das dritte schließlich zwingt die beiden, die Polizei zu verständigen …

Adrienne Uebbing

Leibrock, Felix: Eisesgrün, Knaur Taschenbuch, 368 Seiten, ISBN 978-3-426-51617-1, 9,99 Euro

Disneyland für Lutheraner?

9. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Spirituelles Reisen: Tourismusverbände werben bei der Internationalen Tourismusbörse in Berlin für das Reformationsjahr

Für die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) ist »Spirituelles Reisen« im Trend, nicht nur im Bezug auf das Reformationsjubiläum. Willi Wild sprach darüber mit der Geschäftsführerin der Thüringer Tourismus GmbH, Bärbel Grönegres.

Eine der bekanntesten Lutherstätten: Die Wartburg hoch über Eisenach. Foto: Harald Krille

Eine der bekanntesten Lutherstätten: Die Wartburg hoch über Eisenach. Foto: Harald Krille

Ist die Reformation erst seit der Lutherdekade ein Tourismus-Thema?
Grönegres:
Nein, nicht für uns in Thüringen. Bei uns gibt es sehenswerte und gut erhaltene Lutherstätten in vielen kleinen und großen Orten – und das ganz unabhängig von der Lutherdekade. Auf den Spuren Martin Luthers zu wandeln, wird auch nach 2017 ein Thema sein. Wir nennen das »spirituelles Reisen«. Es konzentriert sich auf Martin Luther und das Pilgern – denn Wandern gehört fest zur christlichen Tradition. Zum einen ist es gesund, zum anderen kommt man zur Ruhe und kann eigene spirituelle Erfahrungen machen. Verbunden mit der Geschichte Martin Luthers und der Reformation ist das eine interessante Kombination – auch touristisch.

Tourismus und Kirche haben es mitunter schwer miteinander. Man spricht unterschiedliche Sprachen, hat gegensätzliche Interessen. Wie bekommen Sie die unter einen Hut?
Grönegres:
Für uns ist der Markenkern sehr wichtig, das heißt: Die Aussage muss einfach sein – nachvollziehbar. Aus diesem Grund haben wir uns zu Beginn der Reformationsdekade auf ein gemeinsames Motto geeinigt: »Am Anfang war das Wort«. Denn unser zentrales Ereignis ist nun mal Luthers Thesenanschlag in Wittenberg. Natürlich kann man seitens der Kirche auch an andere Reformatoren denken. Für uns als Thüringer Tourismus GmbH aber geht es um die Reformation, die von Mitteldeutschland, von Thüringen als Wirkungsstätte Luthers ausging – und die verbreitete sich nun mal von Thüringen aus auf die ganze Welt. Darauf wollen wir uns konzentrieren!

Beinhaltet das auch die negativen Aspekte aus dem Leben Luthers?
Grönegres:
Touristische Vermarktung bedeutet nicht, plakativ zu werben. Wir stehen dafür ein, Martin Luther mit all den guten und auch schlechten Seiten kennenzulernen – wir wollen ihn nicht idealisieren. Ich finde, das ist in der neu gestalteten Ausstellung im Lutherhaus in Eisenach wunderbar gelungen. Dort geht man ganz bewusst auch auf die antisemitischen Äußerungen Luthers ein und spannt den Bogen bis ins Dritte Reich, in dem genau das instrumentalisiert wurde. Ich glaube, da sind wir auch mit den Kirchen in einem
Boot – denn auch Kirchenmitglieder, wie ich eines bin, streben nach einer umfassenden Darstellung der Reformation.

Wer heute für den Reformationstag 2017 ein Bett in und um Eisenach sucht, hat noch die freie Auswahl. Sind Sie bislang mit der Nachfrage zufrieden?
Grönegres:
Im Moment häufen sich die Anfragen von Reiseveranstaltern, die Gruppen einbuchen möchten. Aktuell werden die Pakete geschnürt und die Kataloge für 2017 aufgelegt. In diesem Rahmen stellen wir »500 Jahre Reformation« als großes Thema auf der Tourismusmesse ITB in Berlin vor.

Viele scheuen den Rummel 2017. Empfehlen Sie, bis 2018 mit dem Besuch der Lutherstätten zu warten?
Grönegres:
Wenn man an den »Kirchentagen auf dem Weg« teilnehmen möchte oder beim »Deutschen Wandertag« in Eisenach dabei sein will, dann muss man sich ins Getümmel stürzen. Möchte man eher in Ruhe die einzelnen Stätten anschauen, ist 2018 tatsächlich keine schlechte Idee.

Wittenberg und Eisenach sind die Hauptorte. Gibt es die Städte gemeinsam zu buchen?
Grönegres:
Daran wird gerade gearbeitet. Vor allem aus den USA ist die Nachfrage nach solchen Touren groß. Da wird auch kein Unterschied zwischen Thüringen und Sachsen-Anhalt gemacht: Wir alle sind Luther-Country.

Wie groß wird der Ansturm aus dem Ausland sein?
Grönegres:
Das ist schwer zu sagen. Ich denke, dass wir einen Zuwachs an Touristen in sechsstelliger Höhe erwarten können.

Kocht jeder sein eigenes Süppchen oder gibt es länderübergreifende Zusammenarbeit?
Grönegres:
Seit 2008 gibt es eine Kooperation mit Sachsen-Anhalt, vor allem für den amerikanischen Markt. Da haben wir eine gemeinsame Marketinglinie und vermarkten uns als eine Region. Ich bin mal so verwegen zu sagen: Das wird auch nach 2017 so bleiben.

Wie werben Sie in den USA für das Reformationsjahr? Disneyland für Lutheraner?
Grönegres:
(lacht) Ein Bischof der Lutherischen Kirche in Chicago hat mir mal gesagt: »Wir nennen uns zwar alle Lutheraner, aber viele wissen gar nicht mehr warum. Da ist es nur logisch, mal dorthin zu fahren, wo unsere Wurzeln sind.« In diesem Sinne kann man sagen, dass wir sehr eng mit den Kirchen in den USA zusammenarbeiten. Wenn wir uns allein auf die evangelisch-lutherischen Kirchen in den USA mit über sieben Millionen Mitgliedern konzentrieren und nur fünf Prozent davon erreichen, haben wir unsere Erwartungen schon übererfüllt.

Welche Zielgruppe wollen Sie in Deutschland für das Reformationsjubiläum begeistern?
Grönegres:
Zunächst evangelische Christen, aber auch Geschichtsinteressierte und Kulturtouristen. Die Ausstellung 2017 auf der Wartburg heißt »Luther und die Deutschen«. Was wäre Deutschland, ja sogar die deutsche Sprache ohne Luther? Das ist für viele ein Grund nach Thüringen und nach Sachsen-Anhalt zu reisen, auch wenn sie keinen Bezug zur Kirche haben. Interessanterweise sind auch viele Katholiken an Luther interessiert, das hätte ich vorher nicht gedacht.

Wie hoch sind die Ausgaben, die in den Luther-Tourismus fließen?
Grönegres:
Die sind sehr überschaubar und wir müssen sie vor allem mit den normalen Bordmitteln stemmen. Wenn wir zur ITB fahren, präsentieren wir auch nicht nur Luther, sondern ganz Thüringen. Jedes Jahr gibt es einen touristisch attraktiven Schwerpunkt für uns als Reiseland – diesmal eben Luther. Für die Bewerbung im Netz oder für die Produktion von Broschüren haben wir pro Jahr etwa Ausgaben in Höhe von 200 000 Euro.

Ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagiert: Bärbel Grönegres, Geschäftsführerin der TTG. Foto: Willi Wild

Ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagiert: Bärbel Grönegres, Geschäftsführerin der TTG. Foto: Willi Wild

Wird Luther die Massen anziehen?
Grönegres:
Ich bin zuversichtlich. Allein durch die mediale Resonanz, die das Reformationsjahr erfährt, werden viele Menschen davon hören, sehen und lesen. Für viele ist es die Gelegenheit, die – ich will mal sagen – »nicht mehr ganz neuen Länder« kennenzulernen und die Stätten zu besichtigen, von denen sie einmal im Konfirma­tionsunterricht gehört haben.

Wie wird das Reiseland Thüringen auf der ITB auftreten?
Grönegres:
Interaktiv! Wir haben eine Nachbildung der Luther-Stube bauen lassen – dort sucht man sich sein liebstes Luther-Zitat und kann sich damit fotografieren lassen. Über die Sozialen Netzwerke darf dann die ganze Welt daran teilhaben. Zudem stellen wir eine App vor, die den Luther-Weg digital illustriert und begleitet: sozusagen eine Wander-App fürs Smartphone, mit Geschichten über Luther, den Luther-Weg und einer Routenplanung.

Die Highlights 2017: Was empfehlen Sie, beziehungsweise wo gehen Sie hin?
Grönegres:
Bei drei Veranstaltungen bin ich auf jeden Fall dabei: einmal natürlich beim »Kirchentag auf dem Weg«. Zudem werde ich mir die Ausstellung »Luther und die Deutschen« ansehen und den 117. Deutschen Wandertag im August in Eisenach besuchen. Nicht zu vergessen der Reformationstag 2017 – ausnahmsweise ein Feiertag in ganz Deutschland!

Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu Kirche und zur Reformation?
Grönegres:
Ich bin evangelische Christin. In meiner Kirchengemeinde Nohra-Ulla gehöre ich dem Gemeindekirchenrat an. Das ist zunächst meine formale Verbindung. Die Gemeinschaft und die herzliche Anteilnahme, die ich regelmäßig in der Kirchengemeinde erfahre, bedeuten mir sehr viel. Die Familien, die schon seit DDR-Zeiten treu zur Kirche stehen, sind mir ein Vorbild. Sonntags freue ich mich schon immer auf den Gottesdienst.

Und zum Schluss: Ihr liebstes Luther-Zitat?
Grönegres:
Ein Baum der grüne Blätter hat, vor dem sollst du dich verneigen.

Man könnte, wenn man wollte …

28. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Trend: Warum Fasten heute in aller Munde ist – Reflexionen über Regeln, Sehnsüchte und Rituale

Ist Fasten ein Kontrastprogramm zum Wohlstand? Eine Suche nach neuen Körper-, Zeit- und Sinnerfahrungen in einem Alltag, der durchgeplant ist.

Fasten und Essen stehen nahe beieinander – im Alltag, im Traum, im Märchen, im Leben. Alle Kulturen und Zeiten kennen beides: die Völlerei, das üppige Essen und die Enthaltsamkeit. Mit beidem verbinden sich Sehnsüchte und Wünsche, aber auch Albträume, Krankheiten – und Erinnerungen: an die Kindheit, an Not, Krieg, Armut und Notbehelf. Speisevorschriften und Fastengebote, meist in Religion und Magie eingebunden, waren für die Menschen wichtige Regelwerke und Ordnungssysteme. Sie hatten und haben bis heute vielfältige Bedeutungen. Sie dienten der Askese, der Buße, Reinigung und Heilung. Und sie waren eine durchaus ernste ›fromme Leistung‹, sollte doch die Entsagung als ein ›Verdienst‹ höheren Ortes Anerkennung erbringen.

Fastenzeiten waren einst fest im Kirchenjahr etabliert. Heute ist alles frei wählbar. Foto: tomer turjemann – Fotolia.com

Fastenzeiten waren einst fest im Kirchenjahr etabliert. Heute ist alles frei wählbar. Foto: tomer turjemann – Fotolia.com

Solche Traditionen, in unserer christlichen Kultur seit ihren Anfängen gültig, haben heute ihre Gestalt vollkommen gewandelt. Die kirchlichen Riten, verfestigt in Ritualen und Traditionen, sind nicht mehr bindende Pflicht. Aus dem Muss ist ein Kann, eine Wahl­freiheit geworden: man könnte, wenn man wollte … Dieser Wandel vollzog sich historisch schnell, in vergleichsweise kurzer Zeit. Fasten-Erinnerungen birgt meine evangelische Kindheit in den 50er Jahren kaum. Denn »Fastenzeit« war katholisch, begann mit dem unerlässlichen Fischessen am Aschermittwoch. »Karneval« war streng begrenzt auf ein bescheidenes Verkleiden am Faschingsdienstag – als Clown, Prinzessin oder Indianer gingen wir auf die Straße. Am Morgen danach mussten die Katholischen ihr »Aschekreuz« empfangen, für sie war nun Fasten-, für uns aber »Passionszeit«, ohne Erkenntnis und spürbare Folgen; nicht einmal den Merkvers für die lateinischen Sonntagsnamen bis Ostern musste man lernen: »In rechter Ordnung lerne Jesu Passion« – die Anfangsbuchstaben halfen die Reihenfolge von Invocavit bis Palmarum memorieren. Nur eine Erinnerung hat sich eingeprägt als einziges Fastengebot, es war weder begründet noch einsehbar für uns Kinder: Der Karfreitag musste »fleischlos« sein. Eier und Käse waren die einzigen Alternativen. Mehr Fasten gab es nicht, weder als Wort noch als Sache.

Heute scheint das Fasten in aller Munde: als Anfrage und Thema, Programm und Praxis in vielen Varianten – kirchlich, weltlich, biologisch, alternativ, spirituell, online, »auch als App«. Wie aber entstand dieses neue Interesse am Fasten, was fasziniert, lockt? Ist es ein Kontrastprogramm zu Sattheit, Wohlstand und Freiheit? Eine Suche nach neuen Körper-, Zeit- und Sinnerfahrungen in einem Alltag, der rationalisiert, hoch technisiert, durchgeplant und getaktet ist? Ist es die Sehnsucht nach festen Regeln und Ritualen in einer globalen Lebenswelt? Oder, wie Halloween und Valentinstag, wieder einmal ›eine neue Mode‹, die so rasch verschwinden wird, wie sie aufkam?

Auffallend ist, dass der neue Fasten-Trend zeitgleich mit einem anderen sich entwickelt hat. Essen und Kochen sind Themen wie nie zuvor, allgegenwärtig in den Medien, im
Fernsehen, in Büchern, in Gesprächen. »Essengehen« ist für viele heute das einzig denkbare Ritual, wenn es etwas zu feiern gibt. Essen genießen, es nach Rezept kunstvoll zubereiten, per Handy fotografieren und darüber reden ist heute so beliebt und verbreitet wie nie zuvor. Und zugleich nimmt die Zahl der Menschen zu, die nie kochen, nur Mikrowelle und Fast Food kennen. Vor diesem Hintergrund steht die neue Sehnsucht nach dem Fasten in einem anderen Licht. Denn Fasten heute hat seinen kulturellen Kontext, seinen Sinnzusammenhang verloren. Essen, auch Völlerei und Fasten waren und sind zwei Pole, die stets zusammengehörten wie der Wechsel von Tag und Nacht. So war das Festessen und Schlemmen zu Weihnachten der Kontrast zum vorweihnachtlichen Fasten, in der alten Kirche eine siebenwöchige Zeit der »fleischlichen« (auch der geschlechtlichen!) Enthaltsamkeit. Ähnlich die vorösterliche Fastenzeit: Ostereier, Osterbrot, Gebäck und andere Traditionen entsprangen dem Versuch, beim Fasten verbotene Speisen wie Milch, Butter und Eier, die im Frühjahr reichlich vorhanden waren, aufzubrauchen. Kirchliche Vorschriften und brauchmäßige Überlieferung gestalteten so als »Kultur«, was Natur und Kalender vorgaben. Auch das notwendige ›Maß‹ und die Mäßigkeit – sie stand im Mittelalter als oberste und wichtigste Tugend über allen anderen – waren so vorgegeben. Damit waren im Wechsel der Speisen und im kirchlich geregelten Fasten jahreszeitlich die Ordnung des Lebens und der Rhythmus der Zeit erfahrbar, im wörtlichen Sinne ›am eigenen Leibe‹ spürbar.

Fasten heute speist sich auch aus dieser Verlusterfahrung. Alles ist scheinbar frei und machbar – aber alles, Askese und Gesundheit, Sport und Fitness, Spiritualität und ›innere Einkehr‹ muss stets individuell gewählt und im Alltag platziert werden. Das sind Kraftakte und Entscheidungen, die dem Einzelnen heute ein enormes Maß an Gestaltung abverlangen, im Jahreslauf wie im Lebenslauf, an den Stufen und Übergängen des Lebens wie Taufe, Hochzeit, Tod. Deren Rituale sollen stets neu, kreativ, originell und ›authentisch‹ sein – und stehen damit doch dem Wesen und ursprünglichen Sinn von Ritualen entgegen: überzeitliche und verlässliche ›Hülsen‹ zu geben und so Menschen, Zeiten und Kulturen zu verbinden, sie damit zu entlasten und tragen – »ohne Enge«!

Christel Köhle-Hezinger

Die Autorin ist emeritierte Volkskundlerin an der Uni Jena.

Retter von Weltkultur

24. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Thüringer Landesausstellung 2016: »Die Ernestiner – Eine Dynastie prägt Europa«


Über 400 Jahre regierten Ernestiner in bis zu zwölf Linien und Residenzen weite Teile des heutigen Thüringen und darüber hinaus. Diese einzigartige Entwicklung nimmt der Freistaat zum Anlass für seine nächste Landesausstellung. »Glaube + Heimat« stimmt mit einer sechsteiligen Serie darauf ein. Diesmal Großherzog Carl Alexander

Gemälde von Großherzog Carl Alexander – Foto: Wikipedia

Gemälde von Großherzog Carl Alexander – Foto: Wikipedia

Weimars sogenanntes Silbernes Zeitalter, das mit Namen wie Franz Liszt, Richard Wagner, Friedrich Hebbel oder Theodor Hagen sowie der Gründung des Goethe-Schiller-Archivs verbunden ist, wäre ohne den vor 115 Jahren verstorbenen Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, Carl Alexander (1818–1901), Sohn des großherzoglichen Paares Carl Friedrich und Maria Pawlowna, ebenso wenig denkbar wie die Wartburg bei Eisenach in ihrer heutigen Erscheinung. Im Sommer 1907 wurde Carl Alexander zu Ehren auf dem heutigen Goetheplatz der Klassikerstadt ein vom Weimarer Bildhauer Adolf Brütt geschaffenes, zu keiner Zeit unumstrittenes Denkmal geweiht. Seine Unschuld hatte das Monument ab Mai 1937 verloren. Städtischer Umbauwille, Krieg und nicht nur einmal sich wandelnde Gesellschaftsordnung führten schließlich zum Desaster. Kopf- und Gedankenlosigkeit im Bunde mit vorauseilendem Gehorsam ließen erst das Denkmal als Ganzes vom Goetheplatz zum heutigen Buchenwaldplatz umziehen, dann das bronzene Reiterstandbild im Schmelzofen verglühen und den Sockel unterhalb des Hauptbahnhofes zwischen Bombenschutt und Muttererde verschwinden. Dort wurde der rund 14 Tonnen schwere Koloss aus Granit während Bauarbeiten im Jahre 1997 zufällig entdeckt und später auf dem Weimarer Goetheplatz wieder aufgestellt.

Der Leidensweg dieses Denkmals verdeutlicht es drastisch: Der Fürst, politischer Erbe des klassischen Weimars mit eigenen künstlerischen Ambitionen, hat – unverdientermaßen – bis in die Gegenwart keinen gesicherten Platz im öffentlichen Bewusstsein. Auch die wissenschaftliche Forschung ist sich über dieses Defizit seit Langem im Klaren.

Will man Carl Alexander quasi Auge in Auge gegenüberstehen, muss man nach Eisenach gehen. Kurz vor der Auffahrt zur Wartburg erhebt sich am Rand der Straße eine mannshohe Bronzestatue des Großherzogs, die der in Eisenach geborene Bildhauer Hermann Kurt Hosäus im Jahr 1909 geschaffen hat. Dass die Stadt Eisenach dem Politiker und Mäzen ein solches Denkmal widmete und am Fuße der Wartburg aufstellen ließ, hat seine Wurzeln in der sich über der Stadt erhebenden Wartburg.

Diese Burg, so überlieferte der Meininger Hofbibliothekar und Schriftsteller Ludwig Bechstein (1801 bis 1860), »ist der Zentralstern der thüringischen Geschichte, und schmückend klammerte sich grüner Sagenefeu ringsumher an Burgmauern, Felszacken und Höhlengeklüft, gleichsam den heiter bestätigenden oder erläuternden Bilderschmuck solch reichhaltigen Buches abgebend.« Im Dezember 1999 wurde das geschichtsträchtige Bauwerk als erste deutsche Burg überhaupt in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen. Sie sei, wie in der entsprechenden Urkunde zu lesen, »ein hervorragendes Denkmal der feudalen Epoche in Mitteleuropa.« Die von Ludwig dem Springer im Jahr 1067 gegründete Burg gilt heute als der bedeutendste Profanbau der Romanik. Die Burg war Zentrum hoch mittelalterlichen Dichtens und Minnesangs, wurde zum Wohn- und Wirkungsort der heiligen Elisabeth, bot dem von Papst und Kaiser verfolgten Reformator Martin Luther ein sicheres Exil, und sah mit dem Wartburgfest der deutschen Burschenschaften den Morgen einer freiheitlich-demokratischen Nation heraufdämmern.

Dank der authentischen Lutherstube trägt die Burg bereits seit dem 16. Jahrhundert denkmalhafte Züge und avancierte in der Zeit des nationalen Aufbruchs gänzlich zur romantischen Weihestätte der Deutschen. Diese Bedeutung aufgreifend, erhob Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach seinen bis dahin im Dornröschenschlaf liegenden Ahnensitz mit umfassender Erneuerung und künstlerischer Ausgestaltung in den Rang eines Nationaldenkmals. Mit dem Gießener Architekturprofessor Hugo von Ritgen hatte er das Projekt einem Kenner mittelalterlichen Burgenbaus anvertraut. Noch bevor Georg Dehio (1850–1932) sich um eine wissenschaftlich begründete moderne Denkmalpflege verdient machen sollte, stellte von Ritgen mit verlässlichem Gespür für den Erhalt überkommener Bausubstanz und für die schöpferische Nachahmung von Verlorengegangenem sein Können unter Beweis. Der Bergfried und das auf dessen Zinnenkranz sich erhebende drei Meter hohe und knapp zwei Meter breite vergoldete Kreuz prägen die Silhouette der Wartburg seit mehr als 150 Jahren. Zu den Schätzen im Inneren zählen u. a. die von dem Maler Moritz von Schwind Mitte des 19. Jahrhunderts geschaffenen 14 Fresken im Sängersaal, im Landgrafenzimmer und in der Elisabethgalerie. Anknüpfend an diese und weitere, der Burg innewohnenden humanistischen Traditionen, präsentiert sich die Wartburg in der Gegenwart als ein lebendiger Ort der Weltkultur.

Heinz Stade

Gott, Mode, Kunst

17. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Der Unternehmer und Kunstsammler Thomas Rusche

Im Kunsthaus Apolda ist eine Ausstellung »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen – Religiöse Motive in der SØR Rusche GmbH« zu sehen. Präsentiert werden Werke aus der Sammlung Thomas Rusches. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Rusche, zuerst eine Frage an den Herrenausstatter: Wie ist der moderne Mann gut angezogen?
Rusche:
Ob Mann oder Frau – zunächst sollte ein jeder seine Persönlichkeit kennen. Die Frage der guten Kleidung darf man nicht unterbewerten. Denn wir sprechen alle mit unserer Kleidung, noch bevor wir den Mund aufmachen. Der erste Eindruck zählt. Und den erzeugt die Kleidung. Wie bei allen wichtigen Fragen im Leben besteht der erste Schritt darin, uns selber kennenzulernen. Wissen wir, worin wir uns wohlfühlen, im Jackett oder im Pullover, welche Farben uns gefallen? Wenn wir uns in unserer Kleidung nicht wohlfühlen, dann spürt das der andere. Als Erstes gilt: Die Kleidung ist meine zweite Haut, ich sollte mich darin wohlfühlen. Als Nächstes folgt die Überlegung: Was mache ich heute? Wenn ich abends ins Theater gehe, ziehe ich mich anders an, als wenn ich im Wald einen Spaziergang mache. Für einen Waldspaziergang ziehe ich mich anders an, als wenn ich Freunde zum Bier besuche oder aber zu einem festlichen Abendessen. Drittens ist zu fragen: Was ist die Erwartungshaltung der anderen? Freunde in Apolda, die mich zu einem Abendessen einladen, erwarten vermutlich eine andere Kleidung, als bei einem festlichen Abendessen in London erwartet wird. Mein persönliches Gefühl, der objektive Anlass und die subjektiven Erwartungshaltungen der anderen – in diesem Dreieck entfaltet sich Kleidungskultur. Ich habe die Möglichkeit, durch meine Kleidung einen Beitrag zur Kultur zu leisten. Denn Kleidung ist, ebenso wie die Kunst, ein Kulturgut und nicht nur eine funktionelle Notwendigkeit.

Thomas Rusche: »Sobald ich bete, wird mir wieder bewusst, dass Gott mit mir durchs Leben geht.« Foto: privat

Thomas Rusche: »Sobald ich bete, wird mir wieder bewusst, dass Gott mit mir durchs Leben geht.« Foto: privat

Sprechen wir über Kunst. Sie sammeln seit Ihrer Kindheit Alte Meister, bevorzugt Alte niederländische Meister. Wie sind Sie dazu gekommen?
Rusche:
Weil meine Familie im Münsterland lebt. Und die niederländische Malerei des
17. Jahrhunderts auch das heutige Belgien und das Münsterland umfasst.

Im Kunsthaus Apolda sind religiöse Motive auf Bildern zeitgenössischer Kunst denen der alten Malerei gegenübergestellt. Die Ausstellung zeigt, dass Künstler heute auf christliche Ikonografie zurückgreifen. Das Interesse an religiösen Themen ist offensichtlich ungebrochen.
Rusche:
In der Kunst des 21. Jahrhunderts finden Sie die großen Sehnsuchtsfragen des Menschen. Das ist das Spannende an der Ausstellung. Ich glaube, dass große Kunst sich immer mit diesen großen Themen auseinandersetzt: Woher komme ich, wohin gehe ich, was soll mein Leben, gibt es einen Gott? Zeitgenössische Künstler drücken diese Themen in einer ähnlichen Vielfalt aus, wie ich das bei den niederländischen Alten Meistern erlebe. Es gibt Künstler in der Sammlung, auch Zeitgenossen, die das offensichtlich thematisieren in einer ungebrochenen christlichen Tradition. Und es gibt Künstler, die das Religiöse nur sehr zurückhaltend, andeutungsweise ausdrücken.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Gemälde für Ihre Sammlung aus?
Rusche:
Bilder, die ich erwerbe, wähle ich nicht primär nach Motiven aus, vielmehr geht es mir um mein inneres Angesprochensein. Ein Bild berührt mich oder es berührt mich nicht. Das hat relativ wenig mit Gefallen zu tun, vielmehr mit einer tieferen Schwingungsdimension als den ersten Eindruck. Kunst geht tiefer, wenn sie große Menschheits- und Gesellschaftsthemen anspricht. Und das geschieht oft bei religiös-provozierten Fragen.

Sie finden in der Kunst Antworten auf die tiefen Lebensfragen?
Rusche:
Zumindest finde ich sie dort auch gestellt. Ich glaube, dass es neben der Religion die Kunst ist, die große Lebens- und Menschheitsfragen benennt. Viele Künstler verzweifeln an der gesellschaftlichen Situation oder auch ganz persönlich an ihrem Leben. Große Kunst ist oftmals Ausdruck dieser Verzweiflung. Ein großer Unterschied zwischen Kunst und Religion, insbesondere der christlichen Religion besteht meines Erachtens darin, dass der christliche Glaube eine klare eindeutige Antwort auf die Menschheitsfragen gibt, zu der sich Künstler oftmals nicht durchringen können.

Ich persönlich bin Christ. Ich glaube, dass Jesus, diese große historisch bezeugte Persönlichkeit, der Christus, der Sohn Gottes, der Retter der Welt und auch meines ganz persönlichen Lebens ist.

Sie haben Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Philosophie und Theologie studiert. Sie sind Unternehmer, Sie sind Kunstsammler. Was hat der Philosoph mit dem Unternehmer zu tun?
Rusche:
Es gibt eine große Schnittmenge zwischen Philosophie und Ökonomie: die Wirtschaftsethik. Sie fragt: Wie kann man auf moralische Weise Geld verdienen? Oder schließt Geldverdienen, ökonomisch profitabel zu sein, die Frage des Moralischen von vornherein aus? Die Wirtschaftsethik sagt Nein. Je größer die Schnittmenge zwischen dem Moralischen und dem Ökonomischen ist, desto besser geht es dir in Person, desto besser geht es dem Unternehmen, in welchem du arbeitest oder das du besitzt. Und desto besser geht es der Gesellschaft.

Wenn es in einem Arbeitsteam menschlich gut läuft, kann sich das auf den Erfolg des Unternehmens auswirken.

Was bedeutet es für Sie, reich zu sein?
Rusche:
Ob reich oder nicht, für mich ist wichtig: Wenn ich einen Euro in der Hand habe, überlege ich, was kann ich verantwortungsvoll mit diesem Euro tun? Wenn Sie jetzt einen Politiker nicht nach Geld, sondern nach Macht fragen würden, sollte er ähnlich antworten: Geld und politische Macht sind immer Gestaltungsauftrag. Was kann ich wie damit tun? Wie kann ich meine persönlichen Talente einbringen, um einen Beitrag zu leisten für das Gemeinwohl unserer Gesellschaft.

Sie haben mal gesagt, wenn Sie zum heiligen Josef beten, rappelt es bei Ihnen in der Kasse, mehr, als wenn Sie nicht beten würden oder wenn Sie nicht beten.
Rusche:
Dieser Ausspruch stammt von dem Leiter meines Jesuitenkollegs. Er sagte mir: Thomas, darf ich dir ein Geheimnis verraten? Wenn ich persönliche Probleme habe, dann bete ich zur Mutter Gottes, die hilft mir. Wenn ich finanzielle Probleme habe, dann bete ich zum heiligen Josef, und der hilft mir. Das habe ich früh verinnerlicht. Und es hilft auch mir bis heute.

Ganz konkret erfahre ich in meinem Leben ständig, dass der liebe Gott sich für unser aller, für dein und für mein kleines Leben interessiert und ihm nichts zu gering ist. Es liegt nun an uns Menschen, dass wir auch im Kleinsten um seine Hilfe bitten. Gott wartet nur darauf, von uns um Hilfe gebeten zu werden. Oftmals verliere ich mich im täglichen Hamsterrad meines Lebens und denke gar nicht an Gott. Dabei geht er mit seiner unendlichen Güte und Liebe immer mit mir. Sobald ich bete, wird mir wieder bewusst, dass Gott mit mir durchs Leben geht. Beten heißt, mich der Kraft Gottes zu vergewissern.

Zur Person
Thomas Rusche wurde 1962 in Münster (Westfalen) geboren. Nach seinem Abitur an einem jesuitischen Gymnasium studierte er von 1982 bis 1990 Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Philosophie und Katholische Theologie.

Er leitet als Geschäftsführender Gesellschafter das Familienunternehmen, die SØR Rusche GmbH.

Als Kunstsammler fördert Rusche den Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und den Alten Meistern. Die Werke der Ausstellung »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen« im Apoldaer Kunsthaus stammen aus seiner Sammlung.

Es gibt sie doch – die Fastnacht in der evangelischen Kirche!

8. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Merkwürdige Ereignisse: Die Enthüllungsredaktion auf Spurensuche im Landeskirchenamt

Haben Sie, liebe Leserin, lieber Leser, schon einmal etwas von einem kirchlichen Aschermittwoch oder generell von Fastnacht in der Kirche gehört? Nein? Woran mag das wohl liegen?! Vielleicht an der Tatsache, dass das Feiern der Fastnacht unter Steinigung in der evangelischen Kirche verboten ist? Durch das Fröhnen der Sünde während der fünften Jahreszeit geht die protestantische Arbeitsethik den Bach herunter. Unsere Vorstellungen von Fastnacht sind jedoch geprägt von Unproduktivität in Verbindung mit Alkohol und exzessiven Feiern, die dadurch gekrönt werden, dass sich Pfarrer sogar als der Teufel persönlich maskieren. Dies war auch die Meinung des großen Reformators Martin Luther höchst persönlich. »Verlacht den Feind und sucht Euch jemand, mit dem Ihr plaudern könnt […] oder trinkt mehr, oder scherzt, treibt Kurzweil oder sonst etwas Heiteres. Man muss bisweilen mehr trinken, spielen, Kurzweil treiben und dabei sogar irgendeine Sünde riskieren […]«, teilte Martin Luther unserer Redaktion in einem früheren Exklusivinterview mit.

Doch warum widerspricht die Kirche heute so vehement ihrem einstigen Gründervater? Wie kam es zu dem plötzlichen Sinneswandel, der bereits kurz nach seinem Tod einsetzte? Und ist Martin Luther wirklich tot? Ihre Enthüllungsredaktion ist im Landeskirchenamt auf Spurensuche gegangen. Was uns dort begegnete, ließ unseren Glauben in seinen Grundfesten erschüttern: Während des Besuches unserer vertraulichen Quelle am 11. 11. 2015 wurden wir gegen 11.10 Uhr zum Aufbruch gedrängt. Vor der Glasfassade des Amtes stehend, schlug die Turmuhr 11.11 Uhr. Im Inneren des Gebäudes wurde es unruhig und Mitarbeiter eilten von Büro zu Büro. Bunte Girlanden wurden aufgehangen, Pfannkuchen verteilt und plötzlich traten kostümierte Gestalten auf die Flure. Das ganze Amt – ein Haufen voller Narren. Bis heute meinen wir, es wäre Landesbischöfin Junkermann selbst gewesen, die als Papst verkleidet einen gigantischen Umzug anführte.

»Glaube + Einfalt« inkognito mit dem Original. Foto: Anonymus

»Glaube + Einfalt« inkognito mit dem Original. Foto: Anonymus

Auf verstärkte Nachfragen unserer Redaktion zu diesen merkwürdigen Ereignissen, erfolgte bis heute bedauerlicherweise keine Antwort. So bleibt uns nur übrig, Vermutungen anzustellen. Unsere schlüssigste Theorie lautet daher wie folgt: Es liegt ein klarer Fall von Wasser predigen und Wein trinken vor. Denn die Amtskirche sah – und sieht bis heute – in der Fastnachtsfeier eine Gefahr für den Otto-Normal-Gläubigen, der sich dem Suff und der Völlerei hingibt und anschließend nicht angemessen fastet. Im Landeskirchenamt muss sich jedoch der Versuchung hingegeben werden, um der bevorstehenden Passionszeit einen angemessenen Respekt zu zollen und die Unfehlbarkeit des Amts zu wahren. Dies kann jedoch einzig unter der allmächtigen theologischen Anleitung der Bischöfin geschehen, um die Sünden der Kirchenbeamten nicht auf Fegefeuerjahre anzurechnen.

Doch, um noch einmal Luther zu zitieren: »Eine Fastnachtsfeier gilt erst als gelungen, wenn Bierkrüge durch die Wirtshäuser fliegen und auf den Köpfen der Gäste des Nebentisches zerspringen.«

Nach den Ereignissen, die wir im Landeskirchenamt verfolgt haben, stellten wir uns die Frage, ob wir diese Erkenntnisse veröffentlichen können. Schließlich sind dies intime Details aus der Amtskirche. Außerdem fragen wir uns, was dies für das Feiern der Fastnacht in der evangelischen Kirche bedeutet und überlegten so in unserer Redaktion, wie wir mit dem Brauch der Fastnachtsfeier umgehen sollen und was wir Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, mit auf den Weg geben können. Folgenden Entschluss haben wir gefasst: Was das Landeskirchenamt kann, das können wir schon lange! Also veranstalteten wir in unserer Redaktion eine Fastnachtsfeier, ganz im Sinne des Reformators und feierten ausgelassen und feuchtfröhlich. Denn warum veranstaltet die Evangelischen Kirche eine Aktion namens »7 Wochen ohne …«? Warum sollten wir überhaupt fasten, wenn wir nicht wenigstens ausgiebig vorher gefeiert haben? Gewiss nicht, weil mit dem Aschermittwoch die Passionszeit beginnt.

Denn Jesus hat vor seinem Tod nicht gefastet. Also feiern Sie ausgiebig, außerhalb des Gottesdienstes darf auch mal gelacht werden und viel Spaß beim Verkleiden! In diesem Sinne: Ein dreifach gedonnertes HELAU! Bleiben Sie fromm.

Ihre Fastnachtsredaktion in Zusammenarbeit mit Ihrer Enthüllungsredaktion.

Chemnitz feiert Erich Heckel

2. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: 120 Werke im Museum Gunzenhauser – Begleitvortrag zu Kunst und Religion


»Schmidt-Rottluff war der erste Streich, doch Erich Heckel folgt sogleich.« So könnte man in Anlehnung an Wilhelm Busch ausrufen.

Parallel zur fulminanten Schau mit Bildern von Karl Schmidt-Rottluff feiern die Kunstsammlungen Chemnitz nun im Museum Gunzenhauser mit Erich Heckel einen weiteren Sohn der Stadt und bedeutenden deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts. Mit »Erich Heckel. 120 Werke« machen die Sammlungen unter der Leitung von Frau Ingrid Mössinger zugleich erneut deutlich, dass das besonders in DDR-Zeiten genüsslich gepflegte Image des »Ruß-Chemnitz«, in dem es nur ausgebeutete, kämpferische Arbeiterklasse und dekadente Bourgeoisie gab, so nicht stimmt.

Chemnitz war Anfang des 20. Jahrhunderts nicht nur ein industrielles Schwergewicht. Es verfügte auch über eine ungemein lebendige Kunst- und Kulturszene. Dieser Atmosphäre ist es nicht zuletzt zu danken, dass der 1883 als Sohn eines Eisenbahningenieurs geborene Erich Heckel schon während seiner Zeit am Realgymnasium in seinen künstlerischen Ambitionen Förderung und Unterstützung erhielt. Beispielsweise durch den Kunstverein Kunsthütte Chemnitz.

Ölgemälde von Erich Heckel: Vorstadt, 1910 – Foto: Kunstsammlungen Chemnitz/Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen

Ölgemälde von Erich Heckel: Vorstadt, 1910 – Foto: Kunstsammlungen Chemnitz/Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen

In der Stadt fand er 1902 auch Anschluss an den von Pennälern gegründeten Debattierklub »Vulkan«. Dessen Name schon zeigt, wie sehr man Auf- und Ausbruch aus dem Korsett wilhelminischer Selbstgefälligkeit suchte. Hier begann auch die lebenslange Freundschaft zum späteren Malerkollegen Schmidt-Rottluff.

Dass das Museum Gunzenhauser 120 Werke aus allen Schaffensperioden Heckels zeigen kann, ist neben privaten Dauerleihgebern vor allem dem umfangreichen Fundus der Stiftung Gunzenhauser zu danken. Denn allein 77 Werke des selbstverständlich als »entartet« geltenden Brücke-Mitbegründers gingen den Chemnitzer Sammlungen infolge der nationalsozialistischen »Kultur«-Politik verloren.

Im Mittelpunkt der Präsentation steht das umfangreiche und technisch vielfältige druckgrafische Werk Heckels. Linolschnitte und Kaltnadelarbeiten, Radierungen und Lithografien stehen neben kraftvollen klaren Holzschnitten. Die Wahl unterschiedlicher Papiere und der Einsatz verschiedener Farben zeigen die Experimentierfreude des Künstlers. Ergänzt werden die Arbeiten durch Gemälde aus den verschiedenen Schaffensperioden sowie durch Originaldokumente aus der Schulzeit Heckels und aus dem Archiv der Kunstsammlungen, in denen bereits 1931 die erste Retrospektive von Heckels Werk zu sehen war. Ein gut gestalteter Katalog zeigt nicht nur die Werkübersicht aus den Chemnitzer Sammlungen, sondern vereint eine Vielzahl von Beiträgen zu Leben und Werk des Künstlers.

Begleitet wird die Schau zudem von einem Vortragsreigen. Zum nächsten Termin am 2. Februar ist der Münsteraner Theologe Reinhard Hoeps zu Gast. Unter dem Titel »Kunstreligion« befasst er sich mit dem schwierigen Verhältnis der nach Autonomie strebenden Kunst der Moderne und einem in Äußerlichkeiten erstarrten Christentum. »Was ist Religion an der Kunst der Moderne? Braucht Religion Kunst?«, heißt es dazu im Veranstaltungsflyer. Fragen, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

Harald Krille

Ausstellung: Erich Heckel. 120 Werke, 17. Januar bis 17. April, Kunstsammlungen Chemnitz – Museum Gunzenhauser, Falkeplatz, 09112 Chemnitz
Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags sowie feiertags 11 bis 18 Uhr

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

Kain und Abel

25. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Auf der Bühne ein grauer Felsblock, eingehüllt in Plastikfolie. Mit ihren langen Haaren bis zu den Knien muten Adam (Bastian Heidenreich) und Eva (Dascha Trautwein) an wie die Nachfahren der Urmenschen. Die Badesachen in grellgrün-orange jedoch wirken modern. Dass sie von Gott aus dem Paradies vertrieben wurden, erwähnen sie ihrem Sohn Kain gegenüber mit keinem Wort. Im Gegenteil, Adam glorifiziert ihr früheres Leben im Garten Eden als das von Herrschenden, die das Sagen hatten.

»Ich bin Kain«, das Theaterstück von Jens Raschke, uraufgeführt am 14. Januar in der Studiobühne des Deutschen Nationaltheaters Weimar – hat die biblische Geschichte von Kain und Abel zur Vorlage. Mit simplen Effekten verwandeln die Schauspieler die Bühne in eine biblische Szenerie. Die Plastikfolie, die anfangs den Fels umhüllt, wird zur Ziege und simuliert schließlich Evas Schwangerenbauch. Mit Mund und Händen werden Geräusche eines Sandsturmes, von Heuschrecken und anderen Tieren erzeugt. Das aus einer Gießkanne fließende Wasser ahmt das Plätschern eines Brunnens nach.

Szene mit Kain (Thomas Kramer, li.) und Abel (Julius Kuhn) – Foto: DNT Weimar/Candy Welz

Szene mit Kain (Thomas Kramer, li.) und Abel (Julius Kuhn) – Foto: DNT Weimar/Candy Welz

Das Stück erzählt die Geschichte einer Familie mit Vater, Mutter, Kind. Die Eltern sind überfordert. Kain ist wissbegierig, er nervt mit seinem unentwegten Fragen – nach dem Namen der Dinge und deren Bedeutung. Adam und Eva werden als Menschen dargestellt, die zwar Angst vor Gott haben, jedoch seine Existenz vor ihrem Sohn verschweigen. Schließlich besinnen sie sich ihres Auftrages, sich zu vermehren. Abel wird geboren und mit ihm findet die Gottvergessenheit ihr Ende.

Die beiden Brüder entwickeln eine unterschiedliche Weltanschauung. Kain ist derjenige, der auf die eigene Kraft vertraut, den Acker bebaut und die Welt gestaltet. Seine Haltung erinnert an den in der DDR proklamierten atheistischen Slogan »Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein«. Abel hingegen pflegt seine Beziehung zu Gott. Er betet, spricht mit Gott, stellt die Nähe zu ihm über alles. Im Gegensatz zu Kain fürchtet Abel auch nicht den Tod. Er will zurück nach Eden. An diesen Gegensätzen zerbricht die Beziehung. Das Stück endet mit der Eskalation, wie sie im 1. Buch Mose beschrieben ist. Die Inszenierung hält sich an die Vorlage der Bibel, für die Eifersucht, Neid und Hass zum ersten Brudermord führen. Darüberhinaus sieht das Stück in dem Aufeinanderprallen gegensätzlicher Positionen zu Gott Konfliktpotenzial. Eine bemerkenswerte Interpretation.

Sabine Kuschel

Weitere Vorstellungen: 28. 1., 10. 2., 24. 2., 19 Uhr; 11. 2., 10 Uhr

»Warum rülpset und furzet ihr nicht«

21. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Geflügelte Worte Martin Luthers

Wer würde heute wohl seine Gäste fragen »Warum rülpset und furzet Ihr nicht, hat es euch nicht geschmecket?« Obgleich nicht bei Luther nachzuweisen, würde die ihm in den Mund gelegte Frage gut zu ihm passen, hinterließ er uns doch Aussprüche wie »Wenn ich hier einen Furz lasse, dann riecht man das in Rom«, oder die treffende Bemerkung »Aus einem verzagten Arsch fährt kein fröhlicher Furz«. Dagegen klingt seine Feststellung »Wer es riecht, aus dem es kriecht« sehr gemäßigt. – Ungeachtet der Urheberschaft Luthers fügt sich die Frage »Warum rülpset …« problemlos in die seinerzeit üblichen Tischsitten ein. So empfahl Caspar Scheidt 1549 in seinem »Grobianus. Von groben Sitten und unhöflichen Gebärden«: »Was du im Mund gehabt hast, leg nicht zurück …, wenn du schneuzen musst, dann tue es nicht mit der Hand, die das Fleisch anfasst. Bei Tisch kratzt man sich nicht und spuckt nicht über den Tisch.« Solche Empfehlungen sind von Luther nicht überliefert, dagegen finden sich zahlreiche Sprüche über das Essen und Trinken. Beidem war er überaus zugetan, wie auch die überlieferten Porträts bezeugen. Schon Brathering und Erbspüree, dazu eine »Pfloschen« von Katharinas selbst gebrautem Bier, konnten sein Herz erfreuen. Luther stand zu seinen Vorlieben, u. a. mit dem unschlagbaren Argument: »Darf unser Herrgott gute, große Hechte, auch guten Rheinwein schaffen, so darf ich auch wohl essen und trinken.« Und seine Käthe ließ er wissen: »Ich fresse wie ein Böhme und saufe wie ein Deutscher«. Kritisch bemerkt er aber auch: »Wir sind allzu lang genug deutsche Bestien gewesen, die nicht mehr können, denn kriegen und fressen und saufen«. An anderer Stelle mahnt er: »Trinken ohne Durst, Studieren ohne Lust, Beten ohne Innigkeit – sind verlorne arebeyt (Mühe)«.

Wenn es viel zu essen gab, langten die Leute im Mittelalter tüchtig zu. »Die Bauernhochzeit«, Gemälde (ca. 1568) von Pieter Bruegel dem Älteren. – Repro: Archiv

Wenn es viel zu essen gab, langten die Leute im Mittelalter tüchtig zu. »Die Bauernhochzeit«, Gemälde (ca. 1568) von Pieter Bruegel dem Älteren. – Repro: Archiv

Sprichwörter flossen auch in Luthers Predigten ein. So unterstreicht er in der Predigt zum 1. Buch Mose seine Auslegung »Angst lehrt beten« mit dem bekannten Sprichwort »Hunger ist der beste Koch«. Zum 23. Psalm interpretiert er »Auf einen vollen Bauch gehört ein fröhliches Haupt« und ergänzt »Ein guter Trunk hält Leib und Seele zusammen«. Der »gute Trunk« konnte für Luther sowohl Wein als auch Bier sein, wobei er dem Wein den Vorzug gab. Ihm sprach er die Kraft zu »fröhlich zu machen« und stellte fest »Bier ist Menschenwerk, Wein aber ist von Gott!« Obgleich nicht bezeugt, gehört der viel zitierte Spruch »Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang« wohl ebenso zu Luther wie sein Einspruch »Für die Toten Wein, für die Lebenden Wasser: das ist eine Vorschrift für Fische«. Wein aber war nicht für jedermann erschwinglich, so blieb das oft selbst gebraute Bier das allgemein übliche Getränk. Das Ergebnis wird in beiden Fällen gleich gewesen sein; denn Luther wetterte häufig gegen die Trunkenheit. »Das Saufen ist in unseren Landen eine Art von Pest … Unser Herrgott muss uns Deutschen die Trunkenheit als eine tägliche Sünde anrechnen; denn wir können’s wohl nicht lassen.« Dennoch ist der Reformator überzeugt: »Ein Christ kann besser reden, wenn er voll ist, als ein Papist, wenn er nüchtern ist«. Luther wusste, wovon er sprach. Er selber litt wegen seiner ungesunden Lebensweise an Nierensteinen und Gicht, tröstete sich aber: »Ich esse, was mir schmeckt, und leide danach, was ich kann«, oder »Ich esse, was ich mag, und sterbe, wann Gott will.«

Luthers Feststellung »Wer das Bierbrauen erfunden hat, der ist ein Unheil für Deutschland gewesen« wird heute wohl keine Mehrheit finden. Doch seinem Tipp »Traurige Leute soll man mit Essen und Trinken erquicken«, kann man getrost zustimmen.

Sylvia Weigelt

Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen

7. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Auf der Suche nach spiritueller Heimat greifen zeitgenössische Künstler auf die christliche Ikonografie zurück


Am 10. Januar wird im Kunsthaus Apolda die Ausstellung »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen – Religiöse Motive in der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin« eröffnet. Anliegen und Schwerpunkt dieser Schau erläutert Kurator Tom Beege. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Beege, der Titel dieser Präsentation »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen« weckt viele Assoziationen. Was erwartet die Besucher?
Beege: In dieser Ausstellung geht es um religiöse Motive. Es sind Bilder aus der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin. Dr. Thomas Rusche ist ein Sammler, der im Münsterland lebt und über einen sehr großen Bestand an Gemälden, Bildern und Objekten verfügt. Seine Sammlung setzt sich zusammen aus Gemälden des niederländischen Barocks des 16., 17. und auch 18. Jahrhunderts und zeitgenössischen Werken. Sie umfasst bestimmt um die 4000 bis 5000 Werke.

Aus diesem Fundus haben Sie auf Vorschlag des Sammlers Werke ausgesucht, die wir in Apolda sehen können?
Beege: Ja, wir haben über 100 Werke ausgesucht, die religiöse Motive zeigen. Das Interessante ist die Zusammenstellung von niederländischem Barock und Zeitgenossen. Wir bringen zwei gegensätzliche Epochen zusammen. Nicht in einem Kontrast, sondern in einem Dialog, eher ergänzend. Wir zeigen zum Beispiel das Motiv der Heiligen Familie in einer Fassung als barockes Gemälde von Gerardus Wigmana und ein korrespondierendes Motiv des südafrikanischen Fotografen Pieter Hugo.

In der Manier der Alten Meister fotografierte Christopher Thomas Laienschauspieler bei den Bühnenproben zu den Passionsspielen in Oberammergau. – Repro: Kunsthaus Apolda/Michael Sauer

In der Manier der Alten Meister fotografierte Christopher Thomas Laienschauspieler bei den Bühnenproben zu den Passionsspielen in Oberammergau. – Repro: Kunsthaus Apolda/Michael Sauer

Es geht aber weniger darum, christliche Lehren zu verbreiten, als vielmehr darum, Motive zu untersuchen. Zum Beispiel: Wie wurden Kreuzigungen im Barock aufgefasst? Worauf beziehen sich zeitgenössische Maler? Wie greifen sie die tradierte Bildsprache der christlichen Kunst auf? Dabei hat sich herausgestellt, dass auch die Holländer nicht aus dem Nichts heraus religiöse Motive benutzt haben, sondern auf Traditionen zurückgegriffen haben. Diese Traditionen ziehen sich ungefähr seit dem Mittelalter bis heute durch. Das heißt, man erkennt bestimmte Motive. Also wenn ein Künstler nur den Ausschnitt eines Holzkreuzes mit einem Dornenzweig malt, suggeriert dieses Bild die Kreuzigung.

Sie untersuchen diese religiösen Motive nach ihrem Ursprung?
Beege: Wir fragen danach, woher diese Urbilder stammen, dieses Bild Christi? Denn es gibt bestimmte Vorbilder auch in der ägyptischen und griechischen Mythologie, die in dieses Bild Christi, wie es sich seit etwa 2000 Jahren geformt hat, mit eingeflossen sind. Diese Traditionen versuchen wir herauszukehren und in einen großen Zusammenhang zu stellen.

Grundsätzlich ist die Ausstellung in zwei Teile geteilt. In dem einen Teil geht es um die Suche nach diesen altmythischen Traditionen, im anderen um die innerchristlichen Traditionen. In der Ausstellung ist auch ein Entwurf des Porträts von Papst Benedikt XVI. von Michael Triegel zu sehen. Daneben ein sehr satirisches Papstbild eines alten holländischen Malers, auf dem ein Esel verspottet wird. Dieser Esel ist im protestantischen Holland die Figur des katholischen Papstes gewesen. Der holländische Barock war eine große Zeit des Umbruchs. Die Reformation trat ein. In Holland ist dieser Prozess gespalten verlaufen. Holland hat sich im Zuge der protestantischen Idee zunächst von der spanischen katholischen Herrschaft abgewandt. Es gab Bilderstürme. Aber es gab dann auch die Gegenreformation. Dieser Konflikt bestand zwischen den südlichen und den nördlichen Niederlanden. Die nördlichen Niederlande waren protestantisch am Ende des 17. Jahrhunderts, die südlichen Niederlande waren noch katholisch. Es herrschten ganz bestimmte Bedingungen. In den protestantischen Gebieten im Norden waren religiöse Darstellungen verpönt. Die Maler mussten irgendwie einen anderen Weg finden, um religiöse Motive auf die Leinwand zu bringen. Während im Süden immer noch sehr stark diese christlichen Allegorien präsent waren. Auch das wird man in der Ausstellung sehen können.

Für diese Ausstellung haben Sie sich wahrscheinlich viel mit Theologie und Kunstgeschichte beschäftigt?
Beege: Mit Theologie nicht unbedingt, aber kunst- und kulturhistorisches Wissen spielte eine Rolle. Es war sehr viel Recherche nötig. Wir haben uns auch mit Kirchengeschichte beschäftigt, vor allem mit christlicher Ikonografie. Wir haben untersucht, wie sehr sich das Bild Christi verändert hat? Es gibt große Veränderungen. Nur als Beispiel: Im 3. Jahrhundert nach Christus war Jesus Christus noch ein blond gelockter Jüngling mit kurzen Haaren oder er wurde überhaupt nur symbolisch dargestellt, klassischerweise in Fischform oder als Lamm. Dieses Bild Christi hat sich über die Jahrhunderte massiv verändert. Das, was uns heute so vertraut ist am Bild Christi und den religiösen Motiven, entstand vorrangig im Mittelalter. Vorher gab es eine große Spannweite an Darstellungen: Christus als Herrscher, als Majestät, bis dann im Mittelalter diese Leidensfigur im Vordergrund stand, mit Bärtchen, längeren gelockten Haaren, hagere Gestalt. Uns fiel auch auf, dass gerade dieses Christusbild mit dem Bärtchen und den längeren lockigen Haaren mittlerweile in die Popkultur eingegangen ist.

Oft taucht die Frage auf, ob ein Künstler, der religiöse Motive darstellt, religiös sein muss. Was ist Ihre Erfahrung? Entspringt ein religiöses Bild einem religiösen Impetus?
Beege: Das ist in vielen Fällen heutzutage nicht mehr so. Oft wird die christliche Ikonografie benutzt, um sich mit den Grundsätzlichkeiten des Lebens auseinanderzusetzen. Einerseits auch mit Kirche. Andererseits aber eben geht es auch um eine gewisse Suche nach Spiritualität. Das wird im Laufe der Ausstellung immer deutlicher. Das rein Rationale kann den Menschen nicht befriedigen. Unabhängig davon, ob jemand Katholik oder Protestant ist oder einer anderen Religion angehört, dieses Bedürfnis nach einem spirituellen Zuhause ist immer vorhanden. Wir haben festgestellt, dieses Bedürfnis bildet den Kern der religiösen Malerei.

Auf der anderen Seite entsteht diese christliche Ikonografie auf der Grundlage eines gewissen kulturellen Fundus’, auf den sich Künstler berufen können. Sie malen ein Kreuz oder eine Christusfigur. Sie nehmen die christliche Vorstellung eines Gottes und eines Erlösers zu Hilfe, um etwas auszudrücken. Eben diese seelische Suche nach einer mentalen Heimat.

Sehr interessant …
Beege: Oh ja sehr. Es war spannend, einerseits, weil wir uns als Kuratoren mit der Tradition dieser Bildlichkeiten auseinandergesetzt haben, dabei auf Erzählungen, auf historische Entwicklungen gestoßen sind, die uns vorher nicht so vertraut waren. Andererseits, weil wir bei der Betrachtung zeitgenössischer Maler festgestellt haben, wie flexibel dieses Thema geworden ist, wie vielseitig verwendbar es ist.

Es gibt auch Fälle, in denen die Benutzung von religiösen Motiven zur Kritik an der Kirche dient. Wobei uns aufgefallen ist, dass die Kritik an der Kirche nicht gleichzusetzen ist mit Unglauben. Insofern war das schon hochinteressant.

Die intensive Beschäftigung mit einem bestimmten Thema führt einen manchmal zu neuen Erkenntnissen. Gibt es solch ein Aha-Erlebnis?
Beege: Das Aha-Erlebnis bestand darin zu sehen, wie massiv sich auch die zeitgenössischen Künstler an dieser christlichen Ikonografie orientieren. Wie sehr diese noch lebt. Also dass die Geschichte Christi von der Geburt über die Passion bis hin zu Himmelfahrt, die Menschen immer noch sehr berührt und auch die Skeptiker immer noch sehr berührt. Und dass viele zeitgenössische Künstler zu Beginn des 21. Jahrhunderts diese tradierte christliche Ikonografie nutzen, um ihre eigenen Aussagen damit zu transportieren. Das finden wir sehr spannend. Das hat uns am meisten beeindruckt.

Die Ausstellung »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen«
im Kunsthaus Apolda Avantgarde
ist vom 10. Januar bis 28. März 2016
dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr geöffnet.

www.kunsthausapolda.de

Aus dem Hause Wettin

4. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Thüringer Landesausstellung 2016: »Die Ernestiner – Eine Dynastie prägt Europa«

Über 400 Jahre regierten Ernestiner in bis zu zwölf Linien und Residenzen weite Teile des heutigen Thüringen und darüber hinaus. Diese einzigartige Entwicklung nimmt der Freistaat zum Anlass für seine nächste Landesausstellung. »Glaube + Heimat« stimmt mit einer sechsteiligen Serie auf die Ausstellung ein.

Auf dem hochgelegenen thüringischen Schloss Altenburg ereignete sich in der Nacht vom 7. zum 8. Juli 1455 etwas Ungeheuerliches. Der »Sächsische Bruderkrieg«, in dem auch Ritter Kunz von Kaufungen treu an der Seite des Kurfürsten gekämpft hatte, war bereits einige Jahre vorbei. Der Ritter allerdings hatte aus dieser Zeit dem Landesherrn gegenüber noch eine Rechnung offen. Dieser jedoch zahlte nicht, sondern vertröstete den Vasallen ein ums andere Mal. Da griff der sich betrogen fühlende Mann in besagter Nacht zum letzten Mittel. Der Zeitpunkt war trefflich gewählt: Der Hausherr war in Leipzig und die meisten seiner da gebliebenen Hofleute waren beim Feiern. Von einem unzufriedenen Mann aus der Hofküche ins Schloss eingelassen, entführte der Ritter die schlafenden Söhne des Kurfürsten, die Prinzen Ernst und Albrecht. Doch das Kidnapping flog auf, schon eine Woche später starb der Ritter unter dem Schwert des Henkers. Drei Jahrzehnte später sind die entführten Knaben von einst Regenten im Haus Wettin. Die Wettiner sind wohl das älteste Adelsgeschlecht in Deutschland, aus dem bis in die Neuzeit hohe Monarchen stammen, wie Königin Elisabeth II. von Großbritannien und Nordirland und König Philippe von Belgien. Sein Territorium erstreckt sich, grob umrissen, über jene Landesteile, die heute als Mitteldeutschland bezeichnet werden. Der Kurfürst Ernst, der ältere der beiden Wettiner-Brüder, setzt alsbald auf eine »Gebietsreform«. Eine aus zwölf Blättern bestehende, in Pergament gebundene Urkunde besiegelt diese »Leipziger Teilung von 1485«. Der Vertrag hält fest, welcher der beiden Brüder welchen Landstrich bekommt. Seitdem sprechen die Geschichtsschreiber von den Ernestinern, die zunächst in Wittenberg und später in Weimar residieren und von der albertinischen Linie der Wettiner mit der Residenz Dresden. Weitere Landesteilungen folgen. So entstand über die Jahrhunderte jener »bunte Fleckenteppich« von Landkarte, der als »Kleinstaaterei« ins Gerede kam. Tatsächlich existierten auf dem Gebiet, das in etwa mit dem heutigen Thüringen gleichzusetzen ist, mehr oder weniger lang bis zu zwölf ernestinische Nebenlinien samt Residenzen. Dass diese Ländchen politisch bedeutungslos waren, ist wahr. Ebenso wahr ist, dass der Wettbewerb der Höfe untereinander eine Vielfalt und Fülle geistigen, künstlerischen und architektonischen Reichtums hervorbrachte. Zu den Folgen der »Kleinstaaterei« gehört, was Touristen aus aller Welt begeistert, aber dem Land auch manches finanzielle Problem beschert: Schlösser und Parks, Kunstsammlungen, eine einzigartige Musik-, Kunst-, Literatur- und Theaterlandschaft.

Kürzlich heiratete ein Nachfahre der Wettiner aus der ernestinischen Linie in Weimar: Prinz Georg-Constantin von Sachsen-Weimar-Eisenach und seine Frau Olivia Rachelle Page. Foto: Maik Schuck

Kürzlich heiratete ein Nachfahre der Wettiner aus der ernestinischen Linie in Weimar: Prinz Georg-Constantin von Sachsen-Weimar-Eisenach und seine Frau Olivia Rachelle Page. Foto: Maik Schuck

Diesen Fundus nimmt der Freistaat Thüringen zum Anlass für seine nächste Landesausstellung im Jahr 2016. Unter dem Titel »Die Ernestiner. Eine Dynastie prägt Europa« werden die Ernestiner als das protestantische Fürstenhaus, das Thüringen zwischen Reformation und Revolution über Jahrhunderte prägte, präsentiert. Ausstellungsorte sind die beiden einstigen Residenzstädte Gotha und Weimar, in denen die Häuser Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Gotha-Altenburg und Sachsen-Coburg und Gotha ihren Haupt- und Regierungssitz hatten – mehr Authentizität geht nicht.

Wer aber waren die Ernestiner? Wann und wo regierte das über 400 Jahre existierende Adelsgeschlecht? Was schufen deren Angehörige Bleibendes, wie lebten ihre Untertanen? Drei außergewöhnlich handelnde Persönlichkeiten der Dynastie mögen in den kommenden Beiträgen dieser Serie fürs Ganze stehen: der in Gotha residierende, für sein Engagement in der Bildung europaweit berühmt gewordene Herzog Ernst I.(1601-1675); der in Weimar residierende Großherzog Carl Alexander (1818-1901), zu dessen überragenden Leistungen der Wiederaufbau der Wartburg gehörte, und der in Meiningen residierende Herzog Georg II. (1826-1914), der europäische Theatergeschichte schrieb. Außerdem beleuchten wir die berühmte Hochzeitspolitik der Ernestiner und schauen schließlich den Machern der Ausstellung über die Schulter. Soviel lässt sich jetzt schon sicher sagen: Die Ernestiner sind Geschichte. Die Geschichte der Ernestiner verspricht eine spannende Landesausstellung.

Heinz Stade

Der stille Revolutionär

23. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Karl Schmidt-Rottluff – einer der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts

In einer fulminanten Werkschau feiern die Chemnitzer Kunstsammlungen mit Karl Schmidt-Rottluff einen der bedeutendsten Künstler der klassischen Moderne in Deutschland.

Pamphlete und programmatische Schriften waren nicht sein Metier. Ebenso wenig das Herumtollen mit nackten halbwüchsigen Modellen an den Moritzburger Teichen oder der so manchen seiner expressionistischen Künstlerkollegen eigene Hang zur selbstzerstörerischen Existenz. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – schuf Karl Schmidt-Rottluff in seinem fast 92 Jahre währenden Leben ein Werk, das ihn nicht nur zum bedeutendsten Maler des deutschen Expressionismus, sondern zu einem der wichtigsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts überhaupt macht.

Geboren wurde Karl Schmidt am 1. Dezember 1884 in Rottluff bei Chemnitz. Nach Besuch des heute nach ihm benannten Gymnasiums der Indus­triestadt und erster künstlerischer Beschäftigung begann er 1905 in Dresden ein Studium der Architektur. Doch die Freundschaft zu Erich Heckel, die Begegnung mit Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl führten zum Richtungswechsel: Zur künftigen Suche nach einer neuen und unverfälschten Ausdrucksweise in der Malerei.

Dynamische und farbwuchtige Landschaften begleiteten zeitlebens das Schaffen von Karl Schmidt-Rottluff. Das Gemälde »Seehofallee« entstand 1956.Repro: VG Bild-Kunst/Kunstsammlungen Chemnitz

Dynamische und farbwuchtige Landschaften begleiteten zeitlebens das Schaffen von Karl Schmidt-Rottluff. Das Gemälde »Seehofallee« entstand 1956. Repro: VG Bild-Kunst/Kunstsammlungen Chemnitz

»Und als Jugend, die die Zukunft trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen, älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt«, heißt es im Aufruf der 1905 gegründeten Künstlergruppe »Brücke«. Deren Name geht auf Karl Schmidt zurück, welcher nunmehr seinem eigenen Namen auch den seines Geburtsortes hinzufügt. Während der Name der Künstlergruppe oft als Reminiszenz an das brückenreiche Dresden gedeutet wird, sieht der Weimarer Kunstwissenschaftler Christoph Stölzl darin eher einen Ausdruck Schmidt-Rottluffscher Eigenart: Revolutionärer Aufbruch, ohne alle Brücken hinter sich abzubrechen.

Rund 500 Werke aller Schaffensepochen umfasst die Chemnitzer Schau. Von den ersten Werken des Schülers, bis zum Alterswerk des Künstlers, der aus Gesundheitsgründen zuletzt nur noch Aquarellmalerei betrieb. Neben den farbenfrohen großen Landschaften der Jahre zwischen den beiden Weltkriegen und den reifen Gemälden der Nachkriegszeit ist es vor allem das umfangreiche und ausdrucksstarke grafische Werk, mit dem die Chemnitzer Schau überrascht. Besonders eindrücklich die ungemein kraftvollen Holzschnitte, etwa aus der 1918 entstandenen Mappe mit dem Titel »Ist euch nicht Kristus erschienen?«.

Wie jede aufrichtige künstlerische Existenz geriet auch Schmidt-Rottluff zwischen die Mahlsteine der politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. Seinen 1933 erzwungenen Austritt aus der Preußischen Akademie der Künste nahm er mit Würde an. Ohne jeglichen Versuch, sich etwa wie sein Malerkollege Emil Nolde noch jahrelang den Nationalsozialisten anzudienen. Seine Werke wurden aus den Museen verbannt, in der Schandausstellung »Entartete Kunst« gezeigt, er selbst ab 1941 mit absolutem Malverbot belegt.

Und auch der erhoffte Neuanfang in seiner Heimatstadt Chemnitz endete 1946 schnell in der Erkenntnis, dass seine Kunst für die neuen Machthaber zwar nicht »entartet«, wohl aber »zu wenig volksverbunden« und »formalistisch« sei. So führte ihn sein Weg als Lehrer an die (West-)Berliner Hochschule für bildende Künste.

Christoph Stölzl sinnierte in seiner Eröffnungsrede der Chemnitzer Schau am vergangenen Sonnabend über die »armen Kunsthistoriker«, die immer beschreiben müssten, »was man eigentlich sehen kann«. In diesem Sinne bleibt nur eine Empfehlung: Auf nach Chemnitz! Bis 10. April kommenden Jahres ist die Ausstellung geöffnet, zu der ein opulenter Begleitkatalog erschienen ist.

Harald Krille

Ausstellung: Karl Schmidt-Rottluff. 490 Werke in den Kunstsammlungen Chemnitz
Öffnungszeiten: dienstags, donnerstags bis sonntags und feiertags 11 bis 18 Uhr, mittwochs 11 bis 20 Uhr

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

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