Wenn Malen zum Gebet wird

23. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Signe Kogge studierte sakrale Kunst in Riga und ist heute Ikonenmalerin in Volkenroda

Behutsam wie ein Kleinkind trägt sie es, in eine schützende Decke eingeschlagen, hinüber in die alte Klosterkirche. Dort präsentiert Signe Kogge scheu lächelnd ihr wichtigstes Bild: eine Christusikone. Nach der Passionszeit hat sie wieder ihren Platz im ehrwürdigen Gemäuer, ergänzt gleichnishaft das durch Wurmfraß zerstörte Antlitz Christi auf dem mittelalterlichen Kruzifix.

Ihr bisher »wichtigstes Bild« nennt Signe Kogge ihre Christusikone. Sie hat ihren Platz in der Klosterkirche von Volkenroda gefunden. Foto: Harald Krille

Ihr bisher »wichtigstes Bild« nennt Signe Kogge ihre Christusikone. Sie hat ihren Platz in der Klosterkirche von Volkenroda gefunden. Foto: Harald Krille

Signe Kogge wurde 1983 in der lettischen Hauptstadt Riga geboren, besuchte ein deutsches Gymnasium. Danach eine nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Unabhängigkeit Lettlands errichtete christliche Akademie für soziale Berufe, Theologie und sakrale Kunst. Letzteres wurde ihr Hauptfach mit der besonderen Ausbildung zur Ikonenmalerin. Im Rahmen einer »Europäischen Sommerschule« kam die zur lutherischen Kirche gehörende junge Frau 2005 nach Volkenroda bei Mühlhausen, wo sie ihren Mann kennenlernte. Mit zwei Kindern lebt und arbeitet das Ehepaar heute in der Klostergemeinschaft mit.

Was für einen flüchtigen Betrachter zunächst wie ein starres Reproduzieren einmal vorgegebener Motive erscheint, ist für die Ikonenmalerin ein spiritueller Prozess. »Fenster zum Himmel« werden die Bilder mit den Porträtdarstellungen von Christus, den Aposteln, den Heiligen und vor allem auch von Szenen aus dem Leben Christi gern genannt. »Ikonen können das Evangelium erklären, Glauben anschaulich und verständlich machen«, erklärt Kogge. Jede Geste der Hände, jede Fußstellung der Dargestellten, jeder abgebildete Gegenstand hat eine symbolische Bedeutung, die der Maler kennen muss. Dazu kommen die sachgerechte Vorbereitung der Holztafeln als Malgrund und die richtigen

Farben: nur Eitempera mit natürlichen Pigmenten. Denn Künstliches, Synthetisches hat auf einem Bild des Heiligen nichts verloren.

Das Wichtigste aber ist die innere Haltung: »Bei einem normalen Bild denke ich mir aus, was ich darstellen will oder ich lasse meinen Emotionen freien Lauf«, sagt Signe Kogge. Doch bei einer Ikone steht die Meditation über einem Bibelwort, steht das Gebet am Anfang.

Einer der wichtigsten Sätze, den sie von ihrer Meisterin in Riga mit auf den Weg bekam: »Die Ikone, die du malen sollst, muss zu dir kommen.« Man kann nicht einfach eine Kopie machen. »Eine Ikone muss zuerst als inneres Bild entstehen. Und das Malen selbst ist ein Gebet«, sagt Kogge. »Meine Hand malt, aber eigentlich malt dann ein anderer das Bild«, beschreibt sie ihre Erfahrung.

Dabei erschrickt sie manchmal sogar über die eigene Linienführung, über eine Farbe, die sie aufträgt. Sie erinnert sich: Auf einem Christusgesicht entstand plötzlich der Eindruck von Tränen. Mehrfach versuchte sie, den »Fehler« zu überarbeiten, ohne Erfolg. Doch gerade diese Ikone hat später einen Gast im »Kloster auf Zeit« in Volkenroda besonders tief im Herzen angerührt. Wie eine Ikone zunächst zu ihr kommen muss, »so muss eine Ikone auch ihren Besitzer finden«, ist sie überzeugt.

Gern würde Signe Kogge irgendwann einmal einen Ikonenmalkurs organisieren. Noch allerdings weis sie nicht wie. Ein anderer Satz ihrer alten Lehrerin ist ihr aber fest in Kopf und Herz: »Die Ikonen zeigen dir, wie du das machen musst.«

Harald Krille

Persönliche Annäherung

17. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Klaus Metz gestaltete Martin Luther, Philipp Melanchthon und die heilige Elisabeth von Thüringen

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenös­sische Künstler vor, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Im Hause Metz in Langenleiten in der Rhön leben drei Bildhauer unter einem Dach. Ihre Arbeiten sind vor allem in Kirchen zu sehen.

Es hatte wohl so kommen müssen. Wer in der Werkstatt zwischen Hobelspänen groß wird, wer mit fünf Jahren das erste Mal eine Figur aus Holz schneidet, der muss später ein Holzbildhauer werden. So wie der Vater einer ist. Also wurde Klaus Metz Bildhauer. Mit achtzehn begibt er sich in die Lehre, natürlich bei seinem Vater, Günter, der noch heute 74-jährig in der Werkstatt steht. Er, der in der bayerischen Rhön weithin bekannt ist für seine Krippenfiguren, wird strenger Meister für den Sohn. Ein so strenger, dass der Sohn als frischer Geselle 1987 bei einer Leistungsprüfung Bundessieger in seinem Handwerk wird.

Vom Vater lernen, ja, das konnte Klaus Metz. Ihm nacheifern aber wollte er nicht. Das Vorbild war zu groß, »ich wäre nicht rangekommen«, sagt er. Also schafft er keine Krippenfiguren für die Kirchen der Rhön. 1990 beginnt er ein Studium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Im Unterschied zu den Kommilitonen beschränkt er sich ganz auf das kleine Maß. Zehn Zentimeter höchstens, darf eine Figur messen. Meist sind es Tiere, die er formt. Und die er bis heute häufig gestaltet, aus Holz, Bronze, Stein, wenn auch im größeren Maß. Was der Künstler Klaus Metz nachbildet, muss der Mensch Klaus Metz zunächst erblickt haben. Der Schöpfungswille, die Schönheit eines Lebewesens ist ihm Anregung. »Es passiert in bestimmten Momenten, dass ich beim Sehen eines Tieres oder Menschen für Bruchteile von Sekunden eine Figur spüre. Dieses Spüren ist so stark, dass es für mich zum Leitfaden wird«, beschreibt er den Prozess. Was er erspürt, bringt er als Handwerker zur Form. Schön soll die Figur sein und gut. Und wenn sie zu leben beginnt, dann wird Kunst daraus.

An das Studium schließen sich Jahre als Meisterschüler bei Professor Wilhelm Uhlig an. 1996 beginnt für Klaus Metz die freischaffende Arbeit als Bildhauer. Er geht zurück in die Rhön, nach Langenleiten, jenen Ort in der Nähe von Bad Neustadt, wo der Beruf des Holzbildhauers Tradition hat wie nirgendwo anders in der Region. Bitterarm war die Gegend einst gewesen, die Schnitzerei unverzichtbarer Nebenerwerb. Heute geht es um die Kunst.

Klaus und Heike Metz zwischen den historischen Figuren auf der Landesgartenschau in Schmalkalden. Foto: Susann Winkel

Klaus und Heike Metz zwischen den historischen Figuren auf der Landesgartenschau in Schmalkalden. Foto: Susann Winkel

Im Hause Metz sind gleich drei Werkstätten beieinander. Sie gehören Günter, Klaus und seiner Frau Heike. Auch bei ihr, der gelernten Erzieherin, hatte es so kommen müssen. Wer all die Jahre in der Werkstatt mithilft, wer selber Freude an Malerei, Grafik, Bildhauerei findet, der kann sich dem irgendwann nicht mehr nur nebenbei widmen. Zerrissen sei sie gewesen, erzählt Heike Metz, bis sie sich 2001 ganz für die Kunst entschied. Breit ist das Spektrum ihrer Arbeit, es reicht von Landschaften in Öl bis zu Stadtmodellen in Bronzeguss. Immer aber sind da auch sakrale Themen. Heiligenfiguren – Katharina, Thekla, Maria Magdalena – und Kreuze in Mischtechnik. Miniaturen von Kirchen im Zinnguss.

Es scheint, als sei es im Haus in der Lindenstraße in Langenleiten gar nicht anders möglich, als zur Kunst und mit ihr zur Kirche zu kommen. Auch Klaus Metz wendet sich, zurück in seinem Heimatort, wieder verstärkt jenen Themen zu, mit denen er groß geworden ist, schafft im Auftrag von Kirchen und Kommunen sakrale Figuren für den öffentlichen Raum vor allem in Thüringen. So viele Hobelspäne er als Kind um sich hatte, so oft war er mit seinem Vater in den Gotteshäusern. »Mich hat schon immer die Präsenz der Figuren dort gefangen genommen«, erzählt er. »Man kann immer wieder etwas Neues finden in ihnen.« Und im besten Falle komme man zur Ruhe, wenn man sie anblickt.

Das sollen auch die Bürger und Besucher von Schmalkalden, wenn sie in diesen Sommermonaten auf der Landesgartenschau oder später vor dem Hessenhof in der Stadt seine jüngste Figurengruppe sehen. Martin Luther, Philipp Melanchthon und die heilige Elisabeth von Thüringen als überlebensgroße Figuren in Bronze. Die Annäherung an die historischen Persönlichkeiten sei ihm wichtig gewesen, erklärt er. Zeitlos sollten die Drei werden, von einer klassischen Form und mit einer Ästhetik, die auch in hundert Jahren noch verständlich ist. Und er wollte ihnen keine modischen Zugaben beifügen, kein Smartphone und keinen Minirock.

Er, der einst das Maß von zehn Zentimetern nicht überstieg, ist für diese Figuren an seine Grenzen gegangen. Künstlerisch und körperlich. Viele hundert Kilogramm, die sich nur noch mit einem Kran bewegen ließen. Er ist froh, als am Ende alle an ihrem Platz in Schmalkalden sind. Erleichtert, dass es gut gegangen ist. Auch dieses Mal.

Susann Winkel

Cranach in Erfurt

9. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Gemälde aus der Cranach-Werkstatt im Dom und Angermuseum

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen.

Die thüringische Landeshauptstadt Erfurt unterschied sich, seit sie vor rund 1 275 Jahren belegbar die Bühne der Geschichte betrat, in vielerlei Hinsicht von vergleichbaren Orten. Blicke vom Aussichtsturm an der Krämerbrücke oder von der einstigen Festung Petersberg lassen nachvollziehen, warum die Stadt im Mittelalter als »Erfordia turrita« (türmereiches Erfurt), als »thüringisches Rom« gepriesen wurde. Wegen seiner vorteilhaften Lage an der Hohen Königsstraße (Via Regia), aber auch wegen des für

Eines von acht Pfeilerbildern im Erfurter Dom zeigt eine Szene mit Hostienmühle. Foto: Falko Behr/Bistum Erfurt

Eines von acht Pfeilerbildern im Erfurter Dom zeigt eine Szene mit Hostienmühle. Foto: Falko Behr/Bistum Erfurt

Landwirtschaft und erwerbsmäßigen Gartenbau günstigen Klimas, gelangte Erfurt zu wirtschaftlicher Blüte und Wohlstand.
Über sieben Generationen ist Erfurt mit dem Namen der musikalischen Familie Bach verbunden. Von Weimar kamen auch Goethe und Schiller regelmäßig in das beiden »liebe Erfurt«. Im Gebäude der heutigen Thüringer Staatskanzlei fand 1808 die Begegnung zwischen Napoleon I. und Goethe statt. Innerhalb Thüringens war Erfurt seit dem späten 13. Jahrhundert das bedeutendste Zentrum der Buchherstellung. In der Druckerei von Matthes Maler entstand beispielsweise das von Martin Luther redigierte erste evangelische Gesangbuch.

Doch welcher Platz gebührt in diesem kulturgeschichtlich so interessanten Umfeld der Malerfamilie Cranach? Es ist zum einen die enge Freundschaft, die Lucas Cranach den Älteren mit Martin Luther verband. Dieser hatte seit dem Jahr 1501 an der Universität Erfurt studiert und wurde im Juli 1505 Mönch im hiesigen Augustinerkloster. Auch als er schon lange in Wittenberg lebte, kam Luther immer wieder nach Erfurt. In der Stadt seiner Jugend, darin ist sich die Forschung einig, liegen wichtige Wurzeln von Martin Luthers Theologie und damit zugleich der Reformation. Doch neben dieser indirekten Verbindung gibt es in der Stadt auch zwei direkte Cranach-Anlaufpunkte: den Dom St. Marien und das Angermuseum. Im Dom ist es ein Altar, in den man – erst 1948 – das aus der Cranach-Werkstatt stammende Gemälde »Die Verlobung der heiligen Katharina« eingesetzt hat. Wie das Bild nach Erfurt kam, ist nicht nachzuvollziehen. In den Unterlagen des Doms taucht es erstmals im 19. Jahrhundert auf. Außerdem sind im Dom ab 1506 entstandene sogenannte »Pfeilerbilder« zu sehen. Sie zeigen überwiegend Themen, die in der katholischen Tradition Bedeutung haben.

Im Kunstmuseum am Anger haben zwölf aus der Cranach-Werkstatt stammende, beziehungsweise deren Umfeld zugeschriebene Gemälde ihren ständigen Platz gefunden. Highlights wie das signierte Cranach-Bild »Lasset die Kindlein zu mir kommen«, befinden sich in der Ständigen Ausstellung des Angermuseums. Hierhergekommen sind sie zumeist durch Ankauf oder Tausch im beginnenden 20. Jahrhundert.

Heinz Stade

Ausstellung »Kontroverse und Kompromiss – Der Pfeilerbildzyklus des Mariendoms und die Kultur der Bikonfessionalität im Erfurt des 16. Jahrhundert« vom 27. Juni bis 20. September im Angermuseum Erfurt und katholischen Dom St. Marien

Frühlingsliebe

2. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Georg Heim, Illustration von Maria Landgraf

Der Tag verlor seine Farben. Die Sonne verschwand, und das Abendrot verflatterte am feurigen Himmel. Es wurde dunkel. Und der Duft der Dämmerung schien sich fern hinter den Wäldern zu verlieren, wie ein Lied, das schweigt, wie ein Kuss, der stirbt. – Der See vor mir bewahrte, wie eine große Blume, noch für eine Weile die Blässe des rosafarbenen Lichtes, den Widerschein einer hohen Wolke, die einsam im Blauen dahinsegelte.

Illustration: Maria Landgraf

Illustration: Maria Landgraf

Ich lag oben auf einem Hügel des Parkes unter ein paar Büschen verborgen. Einige Meter darunter, mir zur Hälfte zugewandt, befand sich eine Ruhebank. Und nun wurde ich Zeuge einer seltsamen Szene.

Ein buckliger Mann kam am See entlang, ein entsetzlicher Zwerg. Die Hälfte seines Gesichtes schien ihm außerdem einmal von einem Geschwür zerfressen zu sein. Denn man sah noch überall große Narben, die weißen Häute, die sich über fressenden Wunden bilden. Er ging einige Male vor der Bank hin und her, stand einen Augenblick still, ging wieder einige Schritte, sah nach der Uhr. – Er hatte das Gebaren eines Verliebten, der auf seine Geliebte wartete. Er zog einen Brief aus seiner Tasche und las ihn. Dann drückte er auf den Namen am Schlusse einen langen Kuss. Kein Zweifel, das Wesen da unten liebte, es war ein Verliebter. Aber wer sollte ihn denn lieb haben, gab es denn jemand, der diese Liebe erwiderte? Ich war schon geneigt, an irgendeine Perversität zu glauben, als ich um die Ecke des Weges ein Weib biegen sah, das auf den Zwerg zuging. Er hatte sie schon erkannt, das Entzücken schoss in sein Gesicht, er lief ihr entgegen und begrüßte sie, strahlend vor Freude.

Ich konnte der Frau nun gerade ins Gesicht sehn. Sie war vielleicht fünfzig bis sechzig Jahre alt, eisgrau schon, verwelkt, aber eine dicke Schicht Schminke lag auf ihren unzähligen Runzeln. Es war eine jener schrecklichen Huren, die sich auf keine Straße mehr wagen können, weil sie befürchten müssen, mit Steinen verjagt zu werden. Nun sitzen sie nachts auf den Bänken eines Parks oder lauern in einem dunklen Gange, alten Spinnen gleich, die zwischen den Bäumen ihre Netze ausspannen. – Aber die Szene da unten auf der Bank hatte nichts von Gewerbsmäßigkeit an sich. Die beiden saßen nebeneinander, mit verschlungenen Händen. Sie versenkten die Augen ineinander, sie neigten sich zueinander und küssten sich.

Nun erzählten sie sich etwas mit flüsternder Stimme, sie lachten, sie küssten sich wieder. Und ich hörte, wie die alte Hure sagte: »Du bist ja das einzige auf der Welt, was ich noch liebe. Ach, du kleiner Lilly.« Und er erfasste ihre Hand, während ein Lächeln unsagbarer Zärtlichkeit über seine Narben lief, die in unzähligen kleinen Hautfalten zitterten.

Georg Heym (1887–1912 ) gilt als einer der wichtigsten Lyriker des frühen literarischen Expressionismus.

Luther und die Fürsten

26. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Pracht und Selbstverständnis der Fürsten in der Reformationszeit stehen im Mittelpunkt einer Schau in Torgau

Die 1. Nationale Sonderausstellung zum 500. Reformationsjubiläum nimmt in Torgau die politische Dimension der Reformation in den Blickpunkt.

Martin Luther, der Fürstenknecht? Thomas Müntzer prägte dieses Bild des Reformators. Und bis heute ist es wirkmächtig, eine Schlagwort gewordene Kritik, die komplexe historische Zusammenhänge in einem Begriff bündelt und sie so bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Fest steht: Martin Luther hatte – trotz aller kritischer Distanz – eine enge Beziehung zur weltlichen Macht. Und ohne sie wäre die Reformation nicht das geworden, was sie wurde: Ein kulturerschütterndes, umwälzendes, epochales Ereignis, das bis heute nachwirkt.

Ein sogenannter Quaternionenadler verbildlicht die Stände im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Er ist Bestandteil der Sonderschau »Luther und die Fürsten« auf Schloss Hartenfels in Torgau. Foto: picture alliance/Peter Endig

Ein sogenannter Quaternionenadler verbildlicht die Stände im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Er ist Bestandteil der Sonderschau »Luther und die Fürsten« auf Schloss Hartenfels in Torgau. Foto: picture alliance/Peter Endig

Wie diese Beziehung zwischen Reformation und Politik, zwischen reformatorischer Bewegung und Macht aussah, wie sie sich entwickelte und ausformte – das zeigt die 1. Nationale Sonderausstellung »Luther und die Fürsten« in Torgau, die am 15. Mai eröffnet wurde. Und sie zeigt es mit eindrucksvollen Exponaten.

Gleich zu Beginn der Ausstellung Zeichen der Macht. Eines wiegt gut zwei Kilogramm, ist aus Leinen, Seide, Gold, Silber und Perlen und wurde wohl um 1516 in Halle an der Saale gefertigt: Die Mitra des Erzbischofs Albrecht, dem ersten Gegenspieler Martin Luthers. Die Mitra symbolisiert den Luxus des Klerus und die perfide Gier, mit der der Ablasshandel vorangetrieben wurde, um den Macht- und Repräsentationswillen zu füttern. Gleich gegenüber der Mitra ein großer Zirkel Michelangelos aus der Bauhütte des Vatikans als Hinweis auf den Neubau des Petersdoms im 16. Jahrhundert. Gegen die Pervertierung des Ablasses protestierte Martin Luther mit seinen 95 Thesen und setzte so eine Bewegung in Gang, die wohl auch nur deshalb erfolgreich war, weil weltliche Herrscher immer wieder schützend ihre Hand über den Wittenberger Mönch hielten.

»In einer sehr erlesenen Zusammenstellung zeigt die Ausstellung eine Schatzkammer der Geschichte der Reformation, wie man sie nur in Torgau präsentieren kann. Schloss Hartenfels ist das gebaute Selbstverständnis der lutherischen sächsischen Kurfürsten«, erklärt Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden die Wahl des Ausstellungsortes, der lange Zeit Sitz der Landesherren Luthers war. Doch Torgau ist noch mehr. Hier starb Luthers Frau Katharina von Bora, hier entstand mit den Torgauer Artikeln eine wesentliche Vorarbeit zum Augsburger Bekenntnis und hier weihte Luther den ersten rein protestantischen Kirchenneubau der Geschichte ein.

Auf 1 500 Quadratmetern und mit mehr als 200 Exponaten an drei Ausstellungsorten – Schloss Hartenfels, Kurfürstliche Kanzlei und Superintendentur – zeigt die Schau den Prozess der Reformation von 1515, dem Jahr des Generalablasses, bis 1591, dem Jahr des Torgauer Bündnisses in chronologischer Reihenfolge. Schnell wird klar, wie sehr die Reformation auch eine politische Bewegung war, wie die Gedanken Luthers das Selbstverständnis der Fürsten prägten und wie umgekehrt die Fürsten die Wege der Reformation mitbestimmten.

Eine ganz eigene Perspektive auf Torgau nimmt der Kirchenkreis Torgau-Delitzsch und das Evangelische Jugendbildungsprojekt Wintergrüne e.V. ein. Unweit der Ausstellungsorte wird in der Wintergrüne 2 eine in Kooperation mit der Beuth Hochschule für Technik Berlin entstandene interaktive Multimediawand gezeigt, mit der in die regionale Reformationsgeschichte eingetaucht werden kann. Hier ist ein technisch und optisch hochwertiges und innovatives Medium zur spannenden Wissensvermittlung entstanden.

Auf die erste Nationale Sonderausstellung im Rahmen der Reformationsdekade werden noch weitere Ausstellungen in Wittenberg, Eisenach und Berlin folgen. Der Auftakt in Torgau, legt die Messlatte sehr hoch. Kaiser Karl V. sagte nach der Schlacht bei Mühlberg über Hartenfels: »Ein wahrhaft kaiserliches Schloss!« Hätte er die Ausstellung gekannt, er hätte hinzugefügt: »Und eine fürstliche Schau!«

Stefan Körner

Die Sonderausstellung »Luther und die Fürsten« in Torgau, Schloss Hartenfels, ist bis 31. Oktober 2015 täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, für Schulklassen bereits ab 9 Uhr. Eintrittspreise: normal 10 Euro, ermäßigt 7,50 Euro, Kinder und Jugendliche unter 17 Jahre frei, Gruppen ab 10 Personen: pro Person 9 Euro

www.luther.skd.museum

»Das Evangelium von Sergej«

19. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Der Jenaer Künstler Sergej Uchatsch beschäftigt sich mit alt- und neutestamentarischen Geschichten


Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische Künstler vor, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Ein Besuch im Atelier des Grafikers Sergej Uchatsch.

Um einen Tisch sitzen die Jünger – über dunkle Köpfe auf der einen Seite blickt der Betrachter auf helle menschliche Gestalten ohne individuelle Wesenszüge. Am linken Ende steht Sergej Uchatsch in andächtiger Haltung Jesus gegenüber, während Judas gerade den Raum verlässt. Der Künstler ist Zeuge des Verrates. Schwarz-Weiß-Kontraste dominieren das Bild, nur im Kelch ist rotes Blut. Auf einem anderen Blatt versucht Kain ungesehen aus dem Blickfeld Gottes zu verschwinden. Die Tat, der Brudermord, ist nicht dargestellt. Aber die rechte Hand verrät, was geschehen ist.

Sergej Uchatsch will »gute Nachrichten« als Bilder schaffen. – Foto: Doris Weilandt

Sergej Uchatsch will »gute Nachrichten« als Bilder schaffen. – Foto: Doris Weilandt

Die Bibel spielt schon seit Beginn der 1990er Jahre eine große Rolle im Leben von Sergej Uchatsch. Über zwei Jahrzehnte übersetzt er immer wieder Geschichten in Grafiken. Die Blätter bleiben bei ihm, er verkauft sie nicht. Aber er druckt davon Bücher: »Das Alte Test(amen)t«, »Meine Bibel« und »Das Evangelium von Sergej«. Der letzte Titel ist keine Anmaßung, vielmehr sind es »gute Nachrichten«, die er als Bilder in die Welt bringt. »Wenn jemand über meine Arbeiten zu Gott findet, ist das eine schöne Sache. Ich bin ein gläubiger Mensch«, sagt der Künstler.

In seinem Jenaer Atelier hängen viele Grafiken an den Wänden. Neben einigen Bibelbildern umgeben ihn bei der täglichen Arbeit Stillleben und Selbstporträts. Sergej Uchatsch beginnt jedes Jahr mit einem analytischen Blick auf sich selbst, befragt sich nach der eigenen Befindlichkeit. Im jüngsten Porträt zeigt er sich als kritischen Beobachter, der eine Fellmütze auf dem Kopf trägt. Eine der beiden Ohrklappen ist hochgeschlagen. Das Ohr ist aber – im Gegensatz zu dem van Gogh-Selbstporträt – noch dran. Der Bezug auf das berühmte Vorbild lässt Rückschlüsse auf die Situation zu, in der sich der Maler verortet. Auf dem großen Tisch arbeitet er am liebsten in einer Technik, die heute fast vergessen ist: die Monotypie. Im 17. Jahrhundert erfand Giovanni Benedetto Castiglione dieses Druckverfahren, das – wie der Name sagt – nur einen Abzug zulässt. Das Bild wird auf eine Glas- oder Metallplatte gemalt und im feuchten Zustand auf Papier abgerieben oder gedruckt. Sergej Uchatsch hat damit seine ganz eigene Ausdrucksform gefunden, die ihm stimmungsvolle Bilder erlaubt. Seine Blätter sind beseelt und von großer emotionaler Tiefe.

Der Grafiker hat an der Hochschule für Kunst und Design in Charkow (Ukraine) studiert. 1992 kam er mit seiner Familie aus Lugansk nach Jena. Im Umkreis der Künstlerischen Abendschule, zu dem Axel Bertram, Frank Steenbeck und Einhard Hopfe gehören, fand er Kollegen und Freunde. Die erste Ausstellung für ihn organisierte die Bürgeler Keramikerin Christine Freigang im dortigen Gemeindezentrum. Seine Arbeiten, vor allem die Monotypien, begeisterten das Publikum. Damals hatte er bereits begonnen, sich künstlerisch mit der Bibel auseinanderzusetzen. »Die Arche Noah« und »Der Erbauer« – gemeint ist der Turmbau zu Babel – gehören zu den frühen Blättern. Dabei zeigt sich schon die Eigenwilligkeit, die Sergej Uchatsch bei der Gestaltung des Themas reizt. Er greift nicht auf ikonografisch tradierte Bildfindungen mit Erkennungseffekt zurück. Beim Turmbau sitzt ein schockstarrer verletzter Mensch auf der Erde, vor ihm der Turm im Moment des Zerfalls. Die Hybris, die ein ganzes Volk erfasste, konzentriert sich auf eine Person, die durch das Streben nach Ruhm auf die nackte Haut zurück verwiesen wird. Die Taufe im Jordan konzentriert er auf die beiden Häupter – Jesus voll Andacht, Johannes im Moment der Handlung. Darüber erscheint die Taube des Heiligen Geistes.

Für den Künstler ist die intensive Beschäftigung mit biblischen Themen auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Verfasstheit. »Es geht um das Leben – wie verhalte ich mich andern gegenüber«, befragt Sergej Uchatsch sich selbst. »Wenn jeder versucht, an sich selbst zu arbeiten, ist das der richtige Weg«, sagt er. Bescheidenheit ist für ihn Lebensmaxime.

In den Geschichten der Bibel werden die Grundfragen nach dem Menschsein gestellt. Das versucht er, in seinen Monotypien zu zeigen. Darunter zitiert er in Deutsch und Russisch aus dem Alten und Neuen Testament die Stellen, die für seine Darstellung entscheidend sind.

Doris Weilandt

www.uchatsch.de

Mit Glas und Geduld

12. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Er ist ein wenig Alchemist, ein wenig Handwerker: der Glaskünstler Wolfgang Nickel

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische bildende Künstler vor, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Wolfgang Nickel sorgt sich als Glaskünstler um geschundene Kirchen.

Jahre sind nicht wichtig. Tage schon gar nicht. Die Zeit misst sich anders hier in der kleinen Glaswerkstatt, einer umgebauten Garage, unter der wunderbaren Anschrift Unlust 10. Hier, im Örtchen Georgenzell nahe Schmalkalden, schafft der Glaskünstler Wolfgang Nickel, was noch in hundert und viel mehr Jahren in Kirchen zu sehen sein wird. Hier zählt kein Kalender, sondern nur Geduld, Beharrlichkeit und ein genaues Augenmerk.

Wolfgang Nickel in seiner Glaswerkstatt. Fotos: Susan Winkel

Wolfgang Nickel in seiner Glaswerkstatt. Fotos: Susan Winkel

Dass sein Bestreben einmal vor allem dem Glas gelten würde – gefärbt, geprägt oder verschmolzen, in schlichte Rahmen oder Bleiglas gefasst –, war nicht vorausbestimmt. Es fügte sich. Wolfgang Nickel, ausgebildet in den 1980er Jahren an der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein Halle, ist von der Profession her Kunstmaler. Als er, bereits drei Jahre freischaffend tätig, 1990 in seine alte Heimat in Thüringen zurückzieht, wartet dort aber andere Arbeit auf ihn. Kirchen auf dem Land, denen Wind und Steinwürfe übel mitgespielt hatten. Deren Glasschäden – die mutwilligen wie die altersbedingten – in den DDR-Jahrzehnten kaum zu beheben waren. Zu rar waren Bleiruten und Farbglas.

Einige Jahre lang sorgt sich Wolfgang Nickel um den Bestand. In Roßdorf, Tabarz und anderen Orten repariert er die Kirchenfenster, ergänzt ihre Bleiverglasung nach der alten Handwerkstechnik, die sich seit dem Mittelalter nicht mehr verändert hat. Dann plötzlich die Befreiung. Die Glasindustrie entwickelt in der Mitte der 1990er Jahre neue Verfahren, die es erlauben, Farbgläser selber herzustellen. Gleichzeitig verbessert sie die Qualität, die Brillanz der Glasmalfarben. Wolfgang Nickel beginnt, Farben in einem Glas zu mischen, statt wie bisher Farbfeld um Farbfeld gleich einem Mosaik zu einem Bild zusammenzufügen. Er wendet sich hin zu einer moderneren, malerischen Gestaltung.

Mit der Befreiung beginnt die Zeit der Wettbewerbe. Neuverglasungen für Kirchenfenster werden ausgeschrieben, die Künstler zeigen nun, was sich alles mit Glas machen lässt. Was entsteht, wenn sich Talent und Kunstverständnis mit der richtigen Technik und vor allem Erfahrung verbinden. 2002 erhält Wolfgang Nickel einen Auftrag für ein Fenster in der Erfurter Michaeliskirche, dem durch einen nachträglich ergänzten Treppenaufgang das Tageslicht genommen worden war. Er experimentiert, verlässt die glatte Fläche und geht erstmals ins Relief, um dem Glas trotz Lichtmangels eine größere Lebendigkeit zu verleihen.

Der künstlerische Aufbruch ist verbunden mit einer Schicksalsbegegnung. Die in Stuttgart lebende Stifterin des Fensters, Monika Wiegandt, findet Gefallen an den detailversessenen, nie um Beachtung gierenden Arbeiten Wolfgang Nickels. Sie gibt von ihrem Privatvermögen, er schafft davon Fenster für verschiedene Gotteshäuser. Ihr größtes Sorgenkind wird die Eisenacher Nikolaikirche. Eine Seltenheit aus romanischer Bauzeit, welche in jüngerer Vergangenheit unscheinbar verglast wurde. Ein kompletter Satz neue Fenster, 19 Stück an der Zahl, wird über die Jahre in der kleinen Glaswerkstatt in Georgenzell entstehen.

Es ist der größte Auftrag für Wolfgang Nickel, aber nur einer von vielen. In der Erfurter Severikirche ist seine Gestaltung erstmals für einen gesamten Kirchenraum gefordert: Drei Fenster, davon eines mit integriertem Tabernakel, Altar, Kerzenständer und ein Figurensockel, lautet die Aufgabe. Längst wird der Künstler nicht mehr nur für Glas gerufen, er übernimmt Farbausmalungen, zum Beispiel in der Elisabethkirche in Eisenach, für den Dom in Nordhausen fertigt er Andachtsbänke.

Etwa achtzig Prozent seiner Aufträge bekommt er mittlerweile von der Kirche. Ein Bereich, der unbeeindruckt bleibt von den schnellen Moden des Kunstbetriebs. Mit seiner Arbeit hat sich Wolfgang Nickel in Thüringen einen Namen gemacht, mit seiner Arbeitsweise hat er sich Vertrauen erworben. Er drängt nicht, er lässt sich und den Gemeinden Zeit, über Vorgespräche und Arbeitsproben zu einem gemeinsamen künstlerischen Thema zu finden. Zu einem Werk, das nicht konkurrieren will gegen die Ausstattung eines Gebäudes, sondern dem über die Jahrhunderte Entstandenen etwas Neues hinzufügt. Das zwar den Stil der heutigen Zeit auszudrücken vermag, dennoch eine gewisse Zeitlosigkeit besitzt.

Viele Jahre der Annäherung können bei diesem Prozess vergehen. Aber was ist das schon gegen die Jahrhunderte, in denen die Kunst von Wolfgang Nickel immer noch in den Kirchen zu sehen sein wird. In Rosa, Schmalkalden, Bad Salzungen und an vielen Orten mehr. Wo die Betrachter staunen werden über das Zusammenspiel von Licht und Glas. Wo sie vielleicht sogar ein wenig das Göttliche spüren.

Susann Winkel

Erlebnisort für Assoziationen

6. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung in den Franckeschen Stiftungen Halle zu wundersamen Welten

Überall in der Welt wartet das Wunderbare und Unerklärliche«, sagte Dieter Hofmann, Professor für Produkt- und Systemdesign und Rektor der Burg Giebichenstein. »Die Kunst kann bekannte Dinge in neue Zusammenhänge bringen und damit Wunderbares herstellen.« Die Ausstellung »Assoziationsraum Wunderkammer« in den Franckeschen Stiftungen zeigt Objekte und Installationen von Künstlern und Gestaltern der dortigen Kunsthochschule. Zu sehen sind Alltagsfundstücke mit individuellen Geschichten, aber auch vertraute Gegenstände in neuen Konstellationen. Dabei geht es darum, mithilfe dieser kuriosen Ungewöhnlichkeiten frei zu assoziieren.

Im Historischen Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen zu Halle zeigen 17 Absolventen der Kunsthochschule Burg Giebichenstein ihre heutigen Weltsichten, analog zur historischen Wunderkammer im Dachgeschoss des Gebäudes. Foto: Falk Wenzel

Im Historischen Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen zu Halle zeigen 17 Absolventen der Kunsthochschule Burg Giebichenstein ihre heutigen Weltsichten, analog zur historischen Wunderkammer im Dachgeschoss des Gebäudes. Foto: Falk Wenzel

»Wir leben in einer Zeit, in der uns die Wissenschaft viel in unserem Leben erklären kann, sodass wir uns nicht mehr wundern müssen«, erläutert Hofmann den Ansatzpunkt. »Doch die Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit bilden einen Schutzraum des Wunderns.« Als Menschen stünden wir so am Ende immer dem Unerklärlichen gegenüber.

Bereits August Hermann Francke gründete im Jahr 1698 eine historische Wunderkammer. Dort sammelte er Artefakte und Naturalien aus aller Welt: Muscheln, seltene Steine, ein Krokodil. Die Exponate brachten die Besucher damals zum Staunen, da ihnen diese Dinge im Europa der Frühaufklärung unbekannt waren. Mit dieser Sammlung von Wundersamkeiten wollte Francke ein Abbild der Schöpfung Gottes in ihrem ganzen Reichtum schaffen. Da in der Aufklärung ein Bedürfnis nach Ordnung aufkam, wurden die Gegenstände auch thematisch geordnet.

In der zeitgenössischen Ausstellung wird dieses Ordnungsprinzip aufgenommen und mit dem Konzept der Wunderkammer gespielt: Internationale Künstler bringen Ideen aus der ganzen Welt mit und zeigen ihre ungewöhnlichen Objekte in den Franckeschen Stiftungen. Diese versetzen auch heutige Besucher in Staunen: »Die Ausstellungsobjekte wirken fremd, sie werfen Fragen auf«, sagte Lutz Nitsche, Referent der Kulturstiftung des Bundes. Die Wunderkammer sei damit auch heute aktuell: »In der digitalen Welt haben wir eine Sehnsucht nach musealer Abgeschiedenheit.« Dabei gehe es nicht um das Feiern des Modernen, sondern um künstlerische Verknüpfungen. Denn die zeitgenössische Ausstellung ist in die historische Wunderkammer integriert, beide können parallel besichtigt werden.

Bemerkenswert unter den Exponaten ist unter anderem der ausgeklappte Holzkoffer »Place Drift« (»treibender Ort«). In dieser Schatzkiste liegen eine alte Fahrradpumpe, ein Gedichtbuch und ein religiöser Gegenstand. Die Künstlerin Ginan Seidl sammelt darin unterschiedliche Erinnerungsstücke von ihren Forschungsreisen in Deutschland, England und Mexiko. Dabei fragt sie Menschen nach ihren Träumen und den Orten, an denen ihre Träume vorkommen. Mit diesem »Souvenirdepot« hat sie einen »Erinnerungsspeicher« geschaffen, der die Besucher nach ihren eigenen Träumen fragen lässt. »Sich so unvoreingenommen auf das historische Erbe der Wunderkammer einzulassen, ist den Franckeschen Stiftungen als künftiges Welterbe würdig«, lobte Rektor Hofmann bei der Eröffnungsfeier. »Diese Ausstellung ist ein wundervolles Abenteuer des Assoziierens. Was sie alles Wunderbares hervorbringt, lässt mich immer wieder an Wunder glauben.«
Markus Kowalski

Bis 16. August, Di. bis So., 10 bis 17 Uhr,
Historisches Waisenhaus (Franckeplatz 1)

Das Schweinebad

30. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Margret Holthaus

Das Leben auf dem Bauernhof war früher wesentlich vielseitiger als heute. Die Unterschiede kenne ich noch aus meiner Kinderzeit. Spezielle Mastställe gab es damals noch nicht. Deshalb tummelten sich viele Tiere – Kühe, Schweine, Schafe oder auch Gänse und Enten – auf dem Hof. Wir hatten viele Hühner und eine Glucke, die ihre Küken noch selbst ausgebrütet hat. Menschen und Tiere lebten unter einem Dach. Nur ein langer Flur trennte Wohnbereich und Stallungen voneinander.

Bei den Tieren traten, genau wie bei den Menschen, auch Krankheiten auf, die von den Bauern meistens mit einfachen Hausmitteln auskuriert wurden. Einmal, so erinnere ich mich, hatte sich unter den Ferkeln eine Schuppenflechte ausgebreitet. Nun war guter Rat teuer. Den hatte der Tierarzt zwar parat, aber er hatte damals kaum Medikamente zur Verfügung. Also mussten wir mit dem Fahrrad viele Kilometer bis zur nächsten Stadt zurücklegen, um die verordnete Seife für die Tiere zu bekommen. Als wir sie besorgt hatten, erwies sich das Baden der Ferkel als eine schwierige Prozedur. Das Wasser wurde in unserem großen Wasserkessel erhitzt, auf Badetemperatur gebracht und in eine Zinkwanne gefüllt, worin mein Bruder die Ferkel badete. Das gefiel den Ferkeln überhaupt nicht. Sie wehrten sich so sehr, dass auch wir dabei pitschnass wurden.

Illustration: Maria Landgraf

Illustration: Maria Landgraf

Plötzlich standen zwei junge Mädchen in der Tür – und staunten! Sie kamen aus Berlin und waren zu Besuch bei ihrem Onkel, der in unserer Nachbarschaft ein Textilgeschäft führte. In Berlin hatten sie keine Gelegenheit, sich auf einem Bauernhof umzusehen. Natürlich hatten sie nicht damit gerechnet, dass sich auf unserem Hof sogar Schweine in der Wanne tummelten, wo doch damals selbst für Menschen selten eine Badegelegenheit bestand. Interessiert schauten sie deshalb dem Treiben bei uns zu und fanden den Anblick der eingeseiften Kerlchen spannend wie im Tierfilm.

Die Sau im Stall war wohl vom Quieken ihrer Ferkel beunruhigt. In ihrer Aufregung hatte sie hektisch den Mist mit der Schnauze aufgewühlt und sah entsprechend aus. Nun wollten die Mädchen wissen, ob denn auch die Mutter der Ferkel ein Bad bekäme. Es sähe ja ganz danach aus, dass sie es nötig hätte. Als wir mit dem Kopf nickten, wollten sie auch gleich wissen, wie man denn so eine dicke Sau in die Wanne befördere. Mein Bruder Matthias hatte gleich eine Erklärung parat. Nach dem Ferkelbaden brauche er nur die Wanne in den Stall zu stellen, die Sau würde sich dann von allein hineinsetzen. Sie müsse dann nur noch eingeseift werden. Die beiden Mädchen waren von der Sache so sehr angetan, dass sie gleich ihrem Onkel davon erzählten. Dem verschlug es fast die Sprache, als er sich davon überzeugen konnte, dass bei uns die Ferkel tatsächlich gebadet wurden!

Aus: Wir Kinder vom Lande. Unvergessene Dorfgeschichten. Band 6/1916–1976. Zeitzeugen-Erinnerungen, Zeitgut Verlag, 256 S., ISBN 978-3-86614-227-5, 11,90 Euro

Musik heilt manche Wunden

22. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Der Flötist Hans-Jürgen Hufeisen, sein Leben begann, verlassen von der Mutter, in einem Hotelbett

Auf Kirchentagen füllt der Flötist Hans-Jürgen Hufeisen die größten Hallen, seit drei Jahrzehnten gibt er in ganz Europa Konzerte. Doch hinter seiner musikalischen Leidenschaft steckt eine verstörende Geschichte.

Dunkel. Ganz viel Dunkel. Und dann Licht. Und eine Tür.« Fragt man Hans-Jürgen Hufeisen nach seinen frühesten Erinnerungen, fällt ihm das ein: Dunkel und Licht. Die menschliche Erinnerung reicht frühstens bis ins dritte Lebensjahr hinein, sagen Hirnforscher. Doch die Seele empfindet weiter zurück.

Die Empfindung aber reicht nicht, um die Ereignisse jenes 10. Februar 1954 verlässlich zu rekonstruieren. Da war die Frau aus dem Allgäu mit dem Glück versprechenden Namen Hufeisen, Eveline Hufeisen. Beruflich ständig unterwegs, war die 33-Jährige Hotelbetten in einfachen Gasthäusern gewöhnt. Das Bett in Anrath bei Krefeld wird wie all die anderen gewesen sein: einfach, durchgelegen, halbwegs sauber. Und doch wurde es ein besonderes Bett. Es wurde zur Geburtsstätte. Irgendwann nach Mitternacht brachte Eveline Hufeisen hier ihren Sohn zur Welt. Sie ruft um Hilfe. Der Gastwirt kommt und erkennt die Situation: die erschöpfte Mutter, das Bett voller Blut, mittendrin das Neugeborene. Er holt eine Hebamme, sie tut, was getan werden muss.

Das Dunkel der ersten Lebenstage

Und dann? So könnte es gewesen sein: Die Mutter will dieses Kind nicht, das so viel Unruhe in ihre Familie gebracht hat. Der Vater? An ihn mag sie gar nicht denken, sie weiß ja nicht mal genau, wer es war – drei Männer stehen zur Auswahl. Ein wildes Panoptikum verstörender Bilder und Gefühle. Angst schnürt ihr die Kehle zu. Erschreckende Gedanken, tausendmal im Kopf durchgespielt, doch jetzt, wo dieses hilflose Kind vor ihr liegt, schwer umzusetzen: Was, wenn sie nun einfach geht? Es gibt Zeiten, in denen Fragen sinnlos sind, weil die Situation keine vernünftige Antwort erlaubt. Diese beiden Tage nach dem 10. Februar 1954 gehören dazu.

Der Flötist Hans-Jürgen Hufeisen. Foto: privat

Der Flötist Hans-Jürgen Hufeisen. Foto: privat

Zwei Tage später betritt der Hotelwirt das geräumte Zimmer. Die fremde Frau war abgereist. Das Federbett fällt ihm auf, liegt da etwas drunter? Er lüftet das Bett und sieht das Neugeborene. »Dunkel, ganz viel Dunkel. Und dann Licht.« Dieser Moment ist es, der sich in Hans-Jürgen Hufeisens Seele eingebrannt hat.

Wenn das Leben so holprig beginnt – wie kann es gelingen? In Hans-Jürgen Hufeisens Geschichte spielen die Menschen, die sich um ihn gekümmert haben, eine große Rolle. Da sind erst die Erzieherinnen im Caritas-Heim. Dann eine Pflegemutter. Als er drei Jahre ist, wird er ins »Haus Sonneck« gebracht, ein Kinderheim des evangelischen Neukirchener Erziehungsvereins. Als »sensibles, zartes, hübsches Bürschchen« hat ihn seine damalige Erzieherin Olga in Erinnerung. Sie wurde Hufeisens Vertraute; ihr lauschte er, als sie sang und Blockflöte spielte.

An jedem Abend dasselbe Ritual: Die Kinder kommen zusammen, dürfen sich ihren Platz frei im Raum wählen. Liegend, hockend, stehend. Hans-Jürgen sitzt meist ganz nah bei Olga, beobachtet sie aufmerksam – und hört zu. Was für wunderschöne Töne Olga aus diesem einfachen hölzernen Instrument zaubert! »Der Mond ist aufgegangen«, »Weißt du, wieviel Sternlein stehen«. Das möchte Hans-Jürgen auch lernen.

Als er sechs Jahre alt ist, wünscht er sich eine Flöte vom Weihnachtsmann. Sein Wunsch wird erfüllt. Erzieherin Olga erkennt sein Talent. Die Flöte wächst ihm ans Herz. Hans-Jürgen entdeckt eine ganz neue Art, seine Gefühle auszudrücken. Leidenschaftlich zaubert er Töne, spielt die alten frommen Lieder aus »Haus Sonneck« nach.

Das Treffen mit der Mutter in einem Hotel

Bald hat er Unterricht an der Moerser Musikschule. Erste Preise bei »Jugend musiziert« folgen. Nach der Schulzeit bewirbt er sich zum Studium an der renommierten Essener Folkwang-Hochschule für Musik, Theater und Tanz. Er weitet seinen Horizont, legt das Examen ab. Die evangelische Kirche Württembergs wird auf den Ausnahmemusiker aufmerksam; als Referent für musisch-kulturelle Bildung bringt er frischen Wind in die etablierte Kirchenmusikszene. Gleichzeitig perfektioniert er sein eigenes Flötenspiel. Hufeisen wird zum Geheimtipp der neuen christlichen Musikszene. Studierter Musiker, geprüfter Konzertflötist, fromm, aber nicht im engen Sinne missionarisch, jung und gutaussehend, leichtfüßig und tiefsinnig – viele Menschen irritiert dieser Troubadour aus Württemberg. Seine Konzerte und Auftritte lassen die Grenzen zwischen ernster und unterhaltender Musik verblassen.

Als seine erste Langspielplatte erscheint, fasst sich der 25-Jährige ein Herz und schickt sie seiner Mutter. Zum ersten Mal nimmt er Kontakt mit ihr auf. Sieben Wochen wartet er auf Antwort. Am 26. April 1979 endlich der ersehnte Brief. Absender: »E. Schaper«. Abgestempelt in Iserlohn. Die Worte treffen ihn ins Herz. Dass niemand von ihm wisse, steht da. Dass er eine Halbschwester habe. Und dass seine Mutter sich über ein Treffen freuen würde. »Herzliche Grüße. Deine Mutter.«

Einige Wochen später treffen sie sich in einem Hotel – ausgerechnet. Als er in den Gastraum kommt, sieht er sie: Mitte vierzig, dunkle Haare, eine Zigarette in der Hand. Hans-Jürgen spürt sein Herz schlagen. Als er näherkommt, sieht er ihr Cognacglas. Sie blicken sich an. »Hallo Mutter«, sagt er, sie antwortet: »Hans-Jürgen.« Dann setzt er sich ihr gegenüber. Sie blicken sich an, lange. Das Wiedersehen macht sie sprachlos. Hans-Jürgen registriert alles an ihr, es ist, als sauge seine Seele alles auf: Die Haare sind dunkelbraun, rot changierend. Ihre Augen wirken abwesend. Die Lippen zittern. Ja, er findet sie sympathisch. »Sie hatte eine besondere Aura, eine Persönlichkeit. Ich merkte, dass sie ungeheuer nervös war«, erinnert er sich heute. Plötzlich brach sie das Schweigen: »Dein Hemd sieht aus wie Frühling.« Einige Male lädt er sie in Konzerte ein, manchmal kommt sie. Doch die Mutter bleibt reserviert. Einmal verlässt sie sogar den Saal – Hufeisen hatte die Geburtsszene Jesu mit Musik und roten Tüchern nachempfunden. Das versetzte ihre Mutterseele offensichtlich in Aufruhr. Als Hufeisen heiratet und zwei Kinder bekommt, wirkt sie irgendwie begeistert – doch der Kontakt bleibt kühl und selten.

Schlichte, ergreifende Lieder bei der Trauerfeier

Währenddessen feiert Hans-Jürgen Hufeisen mit seinem ganz eigenen Musikstil Erfolge. Er füllt die großen Hallen Deutschlands mit Musik und aufwendigen Inszenierungen. Hans-Jürgen Hufeisens Hingabe gehört der Musik – sie wird für ihn zum Mittel, das Dunkel der ersten beiden Tage seines Lebens zu ertragen. Als seine Mutter im Jahr 2007 stirbt, spielt er bei der Trauerfeier schlichte ergreifende Lieder. Denkt er an sie zurück, sagt er: »Dass niemand einen sucht, keiner nach einem fragt, dass da kein Erinnern bei einem anderen Menschen ist – das bleibt eine Wunde, die wohl nie verheilt.« Rückmeldungen seiner Hörer zeigen: Mit der Musik gelingt es ihm, viele Wunden zu heilen. Bei sich und anderen.

Uwe Birnstein

Lese-Tipp

Birnstein, Uwe: Das unglaubliche Leben des Flötenspielers Hans-Jürgen Hufeisen. Ein Porträt, Herder-Verlag, 223 S., ISBN 978-3-451311925, 22 Euro

Die Reformation im Bild

15. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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»Bild und Botschaft«: Ausstellung in Weimar beleuchtet das Wirken von Lucas Cranach dem Älteren und seinem Sohn

Mit der in Weimar eröffneten Schau sind die Ausstellungen im Thüringer Themenjahr »Bild und Botschaft« vollständig.

Gotha, Eisenach und Weimar. Die Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha bildete den Auftakt einer Reihe hochkarätiger Ausstellungen mit Werken des Malers Lucas Cranach des Älteren (1472–1553). Die Wartburg in Eisenach setzte fort. Mit der am 3. April im Weimarer Schillermuseum eröffneten Präsentation »Cranach in Weimar« sind die Ausstellungen im Thüringer Themenjahr »Bild und Botschaft« vollständig. Sie alle drei lenken den Blick auf den Zusammenhang zwischen der Cranach-Werkstatt und der Reformation. Die Schau in Weimar zeichnet Biografie, Werk und Wirkung von Lucas Cranach dem Älteren und dessen Sohn Lucas Cranach des Jüngeren (1515–1586) nach. In Weimar verbrachte Lukas Cranach der Ältere sein letztes Lebensjahr. Er starb 1553, sieben Jahre nach dem Tod Martin Luthers. Das bekannteste Meisterwerk aus der Cranach-Werkstatt ist der 1555 vollendete Flügelaltar in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul. Dieses Hauptwerk reformatorischer Bildkunst ist das wichtigste Exponat der Ausstellung. Es ist eigentlich außerhalb des Museums in der Stadtkirche zu besichtigen und – eine besondere Attraktion – digital in die Ausstellung einbezogen. Denn während der Flügelaltar in der Kirche eher aus der Ferne zu betrachten ist, bringt ihn eine Medieninstallation dem Auge ganz nah. Per Fingerdruck auf dem Computer kann jedes einzelne Bilddetail vergrößert und genauestens betrachtet werden. Ein museumspädagogisches Element, das eine Art der Begegnung mit dem Kunstwerk gestattet, wie sie vor dem Original in der Kirche nicht möglich ist.

Cranach der Ältere: Ausschnitt aus der Allegorie von Gesetz und Gnade. Foto: Klassik Stiftung Weimar

Cranach der Ältere: Ausschnitt aus der Allegorie von Gesetz und Gnade. Foto: Klassik Stiftung Weimar

Die Schau präsentiert 150 Werke der Cranachs sowie zahlreicher Zeitgenossen, darunter Gemälde, Zeichnungen, Grafiken, illustrierte Bücher, Archivalien und Medaillen. Die Exponate vermitteln einen Eindruck von dem umfangreichen Cranachschen Œuvre an der Zeitenwende zwischen Mittelalter und Neuzeit sowie von dessen Wirkungsgeschichte bis in die Moderne. Weltweit soll es etwa 5 000 Arbeiten des Hofmalers geben, eine Zahl, die auf die immense Produktivität der Cranach-Werkstatt schließen lässt. Neben den Beständen der Klassik Stiftung Weimar bereichern Leihgaben aus internationalen Museen die Ausstellung. Zu ihnen zählen die Bildnisse Tizians von Kurfürst Johann Friedrich dem Großmütigen aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien und dem Museo Nacional del Padro Madrid ebenso wie das Porträt, das Lucas Cranach der Jüngere von seinem Vater schuf und das heute in den Uffizien in Florenz hängt.

Der Rundgang im Schillermuseum beginnt mit dem Kapitel »Werk und Künstler«, es vereint Arbeiten von Vater und Sohn am letzten gemeinsamen Wirkungsort Weimar. Gezeigt wird beispielsweise ein Gemälde, das ein zentrales reformatorisches Thema aufgreift: »Gesetz und Gnade«. Die Darstellung verbildlicht die lutherische Rechtfertigungslehre, nach welcher der Mensch nur durch Gottes Gnade Erlösung findet. Im zweiten Kapitel »Glaube und Reformator« wird die Cranach-Werkstatt im Dienst der Reformation und ihrer Protagonisten beleuchtet. Bildmotive wie »Christus und die Ehebrecherin« oder die Segnung von Kindern weisen darauf hin, dass Bilder dazu dienten, theologische Inhalte anschaulich und einprägsam darzustellen.

Das große Thema »Botschaft und Auftraggeber«, welches sich dem Wirken der Cranachs am Hof Johann Friedrichs des Großmütigen widmet, korrespondiert mit der Ausstellung in Gotha zu Cranach im Dienst von Hof und Reformation. Dargestellt werden Hof und Hofhaltung Johann Friedrichs, dessen Kampf auf der Seite des Schmal­kaldischen Bundes 1547 mit einer Niederlage und mit der Gefangenschaft einherging und den Verlust der Kurwürde sowie großer Teile seiner Territorien zur Folge hatte.

Das letzte Kapitel »Rezeption und Betrachter« widmet sich der Wirkungsgeschichte der Cranach-Werkstatt. Erstmals werden die Wiederentdeckung Cranachs im Umfeld Goethes, die sich anschließende Rezeptionsgeschichte bis hin zum 1919 in Weimar gegründeten Bauhaus beleuchtet.

Kunst und Theologie, Bild und Wort – sie korrespondieren miteinander. Der Rundgang vermittelt, wie das Zusammenspiel im Zeitalter der Reformation geklappt hat und bis heute Wirkung zeigt. Eindrucksvoll.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung »Cranach in Weimar« im Schillermuseum ist bis 14. Juli dienstags bis sonntag 9.30 bis 18 Uhr geöffnet.

Der »Cranach-Altar« in der Stadtkirche St. Peter und Paul – offene Kirche: montags bis sonnabends 10 bis 18 Uhr und sonntags von 11 bis 18 Uhr.

Den Ostertag geschaut: Magdalene

6. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Karl Röttger (1877 bis 1942)

Das blinde Mädchen saß an dem sonnenhellen Ostertag vor der Haustür. Die Hyazinthen dufteten von den Fensterbänken. Sie lauschte den Stimmen im Haus. Sie hörte die Mutter, die Brüder, die Großmutter. Als sie nach draußen kamen, wendete sie den Kopf und sagte mit heller Stimme: »Seid ihr fertig?« – »Ja«, sagte die Mutter, »und du wirst dich nicht verlassen fühlen?« – »Nein«, antwortete sie mit leisem Lächeln, tastete nach der Mutter und schmiegte sich ein wenig an sie. »Wird Großmutter hier draußen bei mir sein?« – »Ja, sie wird neben dir im Liegestuhl sitzen.« Und dann ging sie, die Mutter mit ihren Kindern. Magdalene lauschte den Schritten und den Stimmen nach. Dann war es still. Die Turmglocke schlug; die Schläge verzitterten in der stillen Luft. Die Großmutter sagte: »Nun haben sie doch vergessen, mir das Buch herzulegen, das ich dir vorlese. Ich will aufstehen und es holen.« – »Lass nur«, sagte Magdalene. »Wir können ja ein wenig träumen.« So saßen sie denn, beide in den hellen Ostertag lauschend, die Alte mit einer leisen Müdigkeit in den Augen, das Kind mit einem feierlichen Warten in den Mienen.

Zeichnung: Maria Landgraf

Zeichnung: Maria Landgraf

Dann kam Magdalene aus ihrem tiefen Lauschen wieder herauf. Es war ihr gewesen, als hätte sie etwas gehört: das Atmen eines Mundes, einen leisen Schritt. »Großmutter«, sagte sie, »bist du noch da?« Aber sie blieb ohne Antwort. Da neigte sie sich ein wenig vor und hörte leise, regelmäßige Atemzüge. Die Großmutter war eingeschlafen. – Wieder lauschte sie in den festlichen Tag. Die ganze Welt ist doch jetzt lebendig, dachte sie. Jede Stunde brechen neue Knospen auf – und man hört nichts. Es müsste doch so feine Ohren geben, dass man es einmal hören könnte. Dann wendete sie sich halb zur Seite und fragte leise, doch bestimmt: »Ist jemand da?« Sie blieb ohne Antwort. Nur ein Atem hob sich leise und senkte sich wieder. Ein paar Schritte tasteten und hielten vor ihr an. Sie fühlte einen Schatten. »Es ist jemand da?«, sagte sie noch einmal. Wieder blieb es still. Da sagte sie eindringlich: »So sag doch: Wer ist es?«

Eine Stimme flüsterte ihr entgegen: »Ich bin’s. Darf ich ein wenig hier sein?« Das Mädchen besann sich eine kleine Weile und sagte dann: »Ja. Aber ich kenne deine Stimme nicht. Wer bist du?« – Der Schatten sprach: »Ich bin gekommen. Ich bin auch allein wie du. Ich habe dich manchmal hier sitzen sehen. Steh auf und geh ein wenig mit mir, hier die Wiese entlang bis an den Weiher mit den Birken darum. Ich werde dich führen und dich auch wieder zurückbringen.«

Sie stand auf und nahm seine Hand, und so gingen sie, den Pfad an der Wiese entlang bis unter die Birken. Er setzte sie auf einen Baumstumpf und sprach: »Ich will hinaussehen für dich in die Weite, bis auf den Wald da fern, in den blauen Himmel und manchmal auch auf dein Gesicht.« – »Gut, so erzähl mir davon. Aber dabei musst du mir deine Hand geben, dass ich sie halte.« Er schaute und sprach: »Eine Straße liegt weithin durchs Heideland. Sie ist weiß von der Sonne. Niemand geht auf ihr. Sie führt bis weit in den Horizont. Man denkt, warum auf ihr nicht eine Gestalt hergeschritten kommt, ein König oder ein Ritter, wie im Märchen.« – »Oder Er,« flüsterte das Mädchen. – »Wer? Wen meinst du?« – »Den Auferstandenen, der die Blinden sehend macht«, sagte sie.

»Sag, bist du, bist du der, der die Blinden sehend macht?«

Er aber fuhr fort: »Es stehen an der weißen Straße hin in endloser Reihe die Birken, weiß die Stämme, begrünt die Kronen. Die dünnen Zweige schwanken.« – »Sprich weiter; ich sehe es, sprich weiter …«, sagte das Mädchen. – »Hier, nahe bei dir: Die Birken haben Kätzchen, die hängen herunter.« – Der Knabe neigte seinen Kopf zu ihr hin und sprach mit leise bebender Stimme: »Tut es weh?« Sie hob den Kopf: »Was denn?« – Er errötete: »Weil du doch blind bist.« – »Das meinst du?«, sprach sie. »Oh, ich habe es schon lange. Die Welt verblasste mir in den Jahren allmählich, wie es den Sehenden jeden Abend geschieht, wenn die Nacht heraufkommt. Aber erzähle
weiter.«

»Eine Lerche steigt auf. Sie singt sich in den Himmel hinein. Hörst du sie singen?« – Sie schüttelte den Kopf. Plötzlich fasste sie seine Hand fester: »Du hast mir immer noch nicht gesagt, warum du gekommen bist. Sag es!« – Er errötete und sagte: »Ich weiß es nicht; wenn ich mein Ohr an die jungen Knospen lege und frage: Warum seid ihr gekommen? So werden sie antworten: Wir wissen es nicht, wir sind eben da.«

Sie saßen eine Weile still. Dann sprach sie leise, erregt: »Sag, bist du, bist du der, der die Blinden sehend macht?« – »Nein, Magdalene, das bin ich nicht. Lege deine Hand auf meinen Kopf und fühle, dass ich nur ein Knabe bin.« – »Ja«, sagte sie, und es war eine leise Traurigkeit in ihr. Dann schwieg sie lange. Aber auf einmal wurde ihr Gesicht ganz hell, und sie sagte: »Du könntest es ja doch sein!« – »Aber er ist ja längst wieder im Himmel«, sagte der Knabe. Sie schüttelte den Kopf: »Warum sollte er nicht wiedergekommen sein? Es sind noch immer genug Blinde auf der Welt.« – »Du liebst ihn sehr?«, fragte der Knabe. Und er wartete die Antwort nicht ab, sondern sagte: »Nun muss ich dich heimführen. Die Sonne wird groß und rot.«

Sie gingen heim. Er geleitete sie zu ihrem Stuhl. Die Großmutter schlief noch. Er ging still fort und sagte: »Ich komme wieder.«

Als die Großmutter erwachte, fragte sie: »War jemand hier?« – »Ja«, sagt das Mädchen, »aber ich weiß nicht, wer er war. Er hat mich den Ostertag schauen lassen. Ich fragte ihn, wer er sei, aber er sagte seinen Namen nicht. Dann fragte ich ihn, ob er der Auferstandene sei, aber er sagte kein Wort. Nun will ich nachdenken, wer er war.«

So saß sie weiter in der Dämmerung des Ostertages und lauschte und wartete auf die Wiederkehr des Unbekannten.

Cranach in Gotha

1. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Stadt bewahrt einen alten Bestand an Cranach-Werken auf


In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen. Diesmal Gotha.

Wie manches im Leben der Malerfamilie Cranach ist selbst ein so wichtiges Ereignis wie die Hochzeit von Lucas Cranach der Ältere nicht eindeutig belegt. Es muss um das Jahr 1512 gewesen sein, als der damals 40-jährige Mann die Gothaerin Barbara Brengebier geheiratet hat. Eine Urkunde aus dem Jahr 1541, dem Sterbejahr von Cranachs Frau, belegt, dass sie zu Weihnachten dem Gothaer Siechenhaus 50 niederländische Gulden für Leinenhemden vermacht hat. Darin wird die Spenderin als »des seligen Gothaischen Bürgers Jobst Brengebiers Tochter« bezeichnet.

Gotha: Blick von Schloss Friedenstein auf die Altstadt mit dem Hauptmarkt und dem Rathaus. Foto: ddp images

Gotha: Blick von Schloss Friedenstein auf die Altstadt mit dem Hauptmarkt und dem Rathaus. Foto: ddp images

Völlig im Dunkeln liegt, wo sich die Ratsherrentochter und der Maler erstmals kennengelernt haben. So kann man nur spekulieren: Es könnte in Wittenberg passiert sein, wo Verwandte der Brengebiers lebten. Denkbar ist ebenso, dass sich die beiden erstmals in Gotha begegneten. Für letztere Vermutung könnte sprechen, dass Cranach mehrfach den hier lebenden Humanisten Mutianus Rufus und den eng mit Luther befreundeten Reformator Friedrich Myconius besuchte. Hätte der erste Treff in Gotha stattgefunden, dann war vielleicht das Eltern- und Geburtshaus der Brengebiers (heute Hauptmarkt 17) der dafür ausgewählte Ort. Das auf dem schönen Weg zwischen Schloss und Rathaus stehende, heute gemeinhin als »Cranach-Haus« bezeichnete stattliche Bauwerk ist allerdings ein Nachfolgebau jenes Hauses, in welchem der Ratsherr Jobst Brengebier mit seiner Familie hier einst lebte. In dem damaligen Gebäude war später auch Cranachs Tochter Ursula, die 1544 Georg Dasch heiratete, zu Hause.

Hauptwerke der Maler Lucas Cranach der Ältere und seines Sohnes Lucas sind in dem nach aufwendiger Sanierung im Herbst 2013 wiedereröffneten Herzoglichen Museum Gotha hervorragend präsentiert. Die Cranach-Sammlung umfasst heute 23 Gemälde von dem älteren wie dem jüngeren Cranach; 1945 waren es noch 40 Bilder. Sie alle waren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in die damalige Sowjetunion verbracht worden. Nur ein Teil davon kehrte 1955/56 zurück. Bemerkenswert an den Gothaer Cranach-Gemälden ist für den Direktor der Gothaer Stiftung Schloss Friedenstein, Professor Martin Eberle, dass es sich um einen ausgesprochen alten Bestand handelt. Fast alle Gemälde lassen sich bereits im ersten Kunstkammer­inventar von 1646 nachweisen.

Die gegenwärtig für das Cranachjahr vorbereitete Ausstellung im Herzoglichen Museum wird den Fokus auf die öffentliche Wirksamkeit der Cranach-Werkstatt im Dienste der Kurfürsten von Sachsen und der Reformation richten. Als Hofmaler oblag es Cranach, repräsentative Werke zu schaffen, die der Ausstattung kurfürstlicher Residenzen dienten oder befreundeten Fürsten geschenkt wurden. Davon werden in der Ausstellung Porträts, mythologische und biblische Historien sowie Jagd- und Turnierdarstellungen zeugen.

Andere hervorragende Kunstwerke werden belegen, dass Cranach sein Können früh in den Dienst der neuen Lehre stellte. So zeigen etwa die Bilder der Kindersegnung oder »Gesetz und Gnade« dass der Mensch, nur durch Gottes Gnade Erlösung findet.

Heinz Stade

Die Ausstellung »Bild und Botschaft. Cranach im Dienst von Hof und Reformation« im Herzoglichen Museum vom 29. März bis 19. Juli ist Montag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

»Meine Passion ist der Mensch«

24. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Der Maler Gert Weber erlebte, zur Kirche kommt man über die Kunst

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische bildende Künstler dar, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Ein Besuch im Atelier des Gräfenhainer Malers und Grafikers Gert Weber

Zunächst wirkt die Kraft der brillanten Farben: Violett, Türkis, Rot, Gold. Auf den zweiten Blick ist ein Gesicht zu erkennen – mit einer Dornenkrone – goldfarben. Sie identifiziert die Gestalt als Christus. Dornen! Menschen bilden das Dornengeflecht. »Wir sind es, die den Christus gekreuzigt haben«, sagt der Schöpfer dieses Bildes, der Maler und Grafiker Gert Weber, 1951 in Gräfenhain am Fuße des Thüringer Waldes geboren, wo er heute lebt. Die vielschichtige Botschaft dieser Christusdarstellung, für die Paul Gerhardts Passionslied »O Haupt voll Blut und Wunden« Pate stand, offenbart sich erst beim intensiven Hinschauen. Ein solches Bild, hinter dem viele Gedanken zu lesen sind, entsteht zuerst im Kopf des Künstlers. »Das ist ein ganz langer Prozess.« Er dauert über Jahre. »Und dann kommt es geflossen.«

Eine Affinität zu religiösen Themen hat Weber schon immer. »Zur Kirche kommt man über die Kunst.« Als Kind sieht er eine Reproduktion des Isenheimer Altars und ist nachhaltig von dem Werk Matthias Grünewalds, einer seiner »Lehrmeister«, beeindruckt. Als 12-Jähriger fängt er an zu malen, sodass automatisch der Wunsch entsteht, Künstler zu werden, ein Beruf, von dem er sich verspricht, in Freiheit arbeiten zu können. Mit dem »verlogenen« DDR-System will er nichts zu tun haben. Wenn er nicht hätte Kunst studieren können, wäre Theologie für ihn eine Alternative gewesen. Als Maler findet er sein Wirkungsfeld in der Kirche. Hier erhält er Aufträge und Präsentationsmöglichkeiten.

Gert Weber, 1951 in Gräfenhain geboren, in seinem Atelier vor einem seiner Gemälde. Foto: Sabine Kuschel

Gert Weber, 1951 in Gräfenhain geboren, in seinem Atelier vor einem seiner Gemälde. Foto: Sabine Kuschel

Sein Werdegang verläuft nicht geradlinig. Die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden besteht er ad hoc. Als er 1974 – nach der Armee – das Studium in Dresden aufnimmt, hat er die Nase vom Militär voll. Doch an jeder sozialistischen Hochschule der DDR gehört zum Studium eine militärische Ausbildung, drei Monate Feldlager. Als ihm das klar wird, gehen bei ihm die Alarmglocken an. Bloß das nicht! Was tun? Hinzu kommt, das Konzept der Dresdner Einrichtung sagt ihm überhaupt nicht zu. »Rot verseucht«, die künstlerische Ausbildung nur an der alten Schule orientiert, europäische Moderne wurde nicht gelehrt. »Wenn du hier bleibst, wirst du verbogen«, denkt er. Eine Nacht sitzt der junge Mann am Dresdner Elbufer. Heute vergleicht Weber die Situation mit der biblischen Szene im Garten Gethsemane. Er schaut auf den Fluss und trifft eine Entscheidung. Die Elbe fließt. Diese Riesenchance, von 150 Bewerbern an der Kunsthochschule angenommen zu sein, er wirft sie ins Wasser, schmeißt das Studium und macht sich auf den Weg nach Friedrichroda, zu Werner Schubert-Deister, Maler, Grafiker, Bildhauer und Musiker, gefördert von Elisabeth Voigt, einer Meisterschülerin von Käthe Kollwitz. »Ein Außenseiter und universeller Geist, der mehr zu geben hatte als die meisten bestellten Lehrkräfte an den Kunsthochschulen«, so beschreibt Weber den Künstler, der in der DDR keine Chance hatte. Er schuf viel für die katholische Kirche. Zwei Jahre ist Weber bei ihm Schüler und Mitarbeiter. Danach empfiehlt ihm Schubert-Deister, er solle als freischaffender Maler dem Verband Bildender Künstler (VBK) beitreten. Ohne Studienabschluss aussichtslos. Also studiert Weber von 1976 bis 1980 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig.

Nach dem Studium gilt es, den eigenen Weg zu finden. Er schwankt zunächst, wie er sagt, zwischen der Leipziger Schule und der von Schubert-Deister, also zwischen der altmeisterlichen figürlichen Arbeit und der abstrakten Kunst. »Bis ich gemerkt habe, meine Passion ist der Mensch.«

»Kreuzabnahme« von Gert Weber, Tuschezeichnung über Holzschnitt. Fotos: Gert Weber

»Kreuzabnahme« von Gert Weber, Tuschezeichnung über Holzschnitt. Foto: Gert Weber

In seinem Werk finden sich Häftlinge, Menschen auf dem Todesmarsch, Köpfe, Gesichter, in denen Angst, Erschrecken und Leid erkennbar sind. Was zieht den Maler, der den Krieg nur aus Erzählungen kennt, zu diesen schweren Themen? Seine Sensibilität hierfür erklärt sich Weber mit der Geschichte seiner Familie. »Die hat mich geprägt.« Seine Mutter und deren Eltern sind aus Ostpreußen geflohen und in russische Gefangenschaft geraten. Die Mutter war drei Jahre in Sibirien. Nachdem sie freikommt, bleibt die Zeit unter einem dicken Mantel des Schweigens verborgen. Ein Tabuthema, gleichwohl immer präsent. Allerdings hält der Künstler in seinen Todesmärschen nicht nur Vergangenes fest, sondern auch das aktuelle Geschehen: Menschen, die vor Elend und Krieg in ihrer Heimat nach Deutschland fliehen.

Persönliche Erfahrungen eines Ausgestoßenen, Geächteten sind dem Maler nicht fremd. Er ist in der DDR zwar Mitglied im VBK, Aufträge bekommt er jedoch nicht. Er wird geschnitten. Dass das mit seiner Beziehung zu Schubert-Deister zusammenhängt, der gedemütigt und drangsaliert wurde und daher zu jener Zeit einen Ausreiseantrag gestellt hatte, wird ihm erst später deutlich. Auch Weber wird aus dem Verband Bildender Künstler ausgeschlossen. Bemerkenswerterweise, oder wie er kommentiert »kurioserweise« in der Phase, in der er sich als Künstler gefunden hatte. Die Bilder, die damals auf Ablehnung stießen, hängen heute nach seinen Worten in den großen Galerien, wie zum Beispiel im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Nach dem Rausschmiss aus dem Verband muss sich die Familie, er, Frau und Kind, zwei Jahre über Wasser halten. Eine harte Zeit. 1986 steigt er wieder ein. In seine Ausstellung in der Jenaer Michaeliskirche kommen mehr Besucher als in jede andere Schau. Unter den Einträgen ins Gästebuch findet sich sogar ein Besucher aus New York.

»Kreuzigung – immer wieder« – Pastell und Tuschezeichnung von Gert Weber.

»Kreuzigung – immer wieder« – Pastell und Tuschezeichnung von Gert Weber. Foto: Gert Weber

Einige Beispiele seines umfangreichen Werkes. 2002 gewinnt er den Wettbewerb um die Gestaltung des Raumes der Stille im Thüringer Landtag Erfurt. Ebenso konzipiert er nach der Wende den Raum der Stille in der Evangelischen Grundschule Gotha. Er schuf das Deckengemälde in der Kirche im hessischen Reichensachsen. Zu seinen Aufträgen gehörte die Gestaltung von Glocken für verschiedene Kirchen. Derzeit beschäftigt sich der Künstler mit den Fenstern der Kirche in Stotternheim. Pfingsten sollen sie fertig zu sein.

Auf der Suche nach der eigenen künstlerischen Form erhält er den Rat: »Lies die Bibel und Dostojewski. Daran habe ich mich gehalten.« Die Beschäftigung mit dieser Art Literatur hat offenbar seine künstlerische Entwicklung beflügelt – und sein Schaffen trägt Früchte. Wie Dostojewski in seinen Romanen ein Spiegelbild der menschlichen Seele darstellt, so geht es Weber darum, seine Bilder zu beseelen. Ihnen einen Funken einzuverleiben, der es vermag, die Menschen zu berühren.

Sabine Kuschel

www.webbs-online.de

Hofjagd vor Schloss Hartenfels

17. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

In Torgau stattete Cranach mit Gehilfen ein spektakuläres Hochzeitsfest aus


In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen. Diesmal Torgau.

Im November 1513 erlebte die Stadt an der Elbe ein Familien-Spektakel von einzigartigem Ausmaß: Die Hochzeit des späteren Kurfürsten Herzog Johann mit Margarete von Anhalt. Dass von den Gastgebern in jenen Tagen allein 3 265 fremde Pferde versorgt werden mussten, lässt die Dimension des Zeremoniells erkennen. Und natürlich wurde der Hauptort des Geschehens, das Torgauer Schloss Hartenfels, für diesen Anlass besonders ausstaffiert. Hauptauftragnehmer für diese Leistungen war Hofmaler Lucas Cranach mit seiner Wittenberger Werkstatt. Rechnungen und andere Belege gewähren Einblicke in das aufwendige, aber auch besonders einträgliche Geschäft. Um das »furstlich eheliche Beilager zu Torgaw« und dessen Rahmenprogramm, wie wir heute sagen würden, in punkto Zeit und Qualität realisieren zu können, hatte sich Werkstattchef Lucas sieben Gesellen und einige Lehrlinge zur Verstärkung geholt. In das im engeren Sinne Künstlerische reichten vermutlich die in Rechnungen als »tebicht« bezeichneten Werke.

»Hofjagd in Torgau zu Ehren Karls V.«, Gemälde von Lucas Cranach dem Jüngeren. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

»Hofjagd in Torgau zu Ehren Karls V.«, Gemälde von Lucas Cranach dem Jüngeren. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Anstelle von raumschmückenden gewirkten Teppichen waren dies auf Tuch gemalte Bilder für die Wände der »stuben do die fursten an der Hochzceyt gesessen«. In Rechnung stellte er auch »gemelde … in den gemachen und kirchen«, die nicht näher bezeichnet werden. Überkommen ist von alledem nichts. Auch nicht das von Cranach bemalte Brautbett, von dem in dem offiziellen Hochzeitslied zu hören war.

Aufstieg Torgaus zur bevorzugten Residenz

Mit der zwischen den Brüdern Ernst und Albrecht auf dem Landtag zu Leipzig am 17. Juni 1485 verabredeten Trennung des Hauses Wettin in die Linien der Ernestiner und der Albertiner waren auf der Landkarte des Deutschen Reiches zwei neue Territorialstaaten einzuzeichnen. Torgau, die kursächsische Hauptresidenz der ernestinischen Linie der Wettiner, erlebte eine politische, wirtschaftliche und kulturelle Hoch-Zeit. Die Stadt wurde zum wohl wichtigsten politischen Zentrum der evangelischen Bewegung.

Eine erneute grundlegende Änderung der Machtkonstellation im Reich brachte der mit der Schlacht von Mühlberg an der Elbe (bei Torgau) im April 1547 beendete Schmalkaldische Krieg. Einen Monat danach besiegelte die Wittenberger Kapitulation, dass der vom Kaiser gefangen genommene Johann Friedrich, Kurkreis und Kurwürde an seinen Vetter Moritz von Sachsen abgeben musste, der sich in der Schlacht mit den Kaiserlichen verbündet hatte.

Der Aufstieg Torgaus zu einer bevorzugten Residenz spiegelt sich in der großzügigen, bis in die Gegenwart fast vollständig erhaltenen Renaissancebebauung der Altstadt wider. Einen der interessantesten Blicke auf die Stadt gewährt ein Standort von Norden über die Elbe. Die von hier zu betrachtende Silhouette war so schon im 16. Jahrhundert erlebbar: Wie auf einer Perlenschnur reihen sich zwischen Marienkirche und Schloss zahlreiche repräsentative Bauwerke aneinander. Das hat offenbar auch den alten Lucas Cranach beeindruckt. Ganz im Sinne fürstlichen Repräsentationsbedürfnisses wird das von ihm 1544 geschaffene Gemälde »Hofjagd zu Ehren Kaiser Karls V. vor Schloss Hartenfels« im Bildhorizont vom Schloss Hartenfels gekrönt.

Heinz Stade

Einzigartiges Freilichtmuseum

12. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Lutherstadt Wittenberg – langjährige Wirkungsstätte der Malerfamilie Cranach

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen.

Heute: Lutherstadt Wittenberg

Keine andere Stadt ist so eng mit dem Leben und Wirken der Malerfamilie Cranach verbunden wie die Lutherstadt Wittenberg. Die hier 1502 gegründete erste landesfürstliche Universität Deutschlands durch Kurfürst Friedrich III., der Weise, war ein vorausschauender, angesichts der Konkurrenz ringsum (Leipzig, Frankfurt/Oder) auch mutiger Schritt. Dass die »Leucorea« 1517 mit der Reformation zum Ausgangspunkt eines Ereignisses von weltgeschichtlicher Bedeutung werden würde, war freilich nicht vorhersehbar. Friedrich investierte, um die bis dato eher unscheinbare Stadt an der Elbe dem Status einer Residenzstadt gemäß aufzupolieren. Ein Freund Bildender Kunst, erteilte er den Besten dieser Sparte reichlich Aufträge. 1505 berief er den damals in Wien lebenden Lucas Cranach der Ältere zum Kurfürstlichen Hofmaler. Mit Martin Luther, der 1511 für immer nach Wittenberg kam, verband den elf Jahre älteren Lucas Cranach alsbald eine immerwährende enge Freundschaft.

Für Lucas Cranach sollte Wittenberg 45 Jahre lang der Hauptort seines künstlerischen Wirkens werden. Als Hofmaler im Dienst von nacheinander drei Kurfürsten schuf er mit seinem Team ein außerordentlich umfangreiches Werk, das Routinearbeiten ebenso wie Hochleistungen der Bildenden Kunst umfasst. Das damit erworbene Geld legte er äußerst geschickt in Grundstücken und Häusern an. Vom fähigen Geschäftsmann in ihm sprechen weitere Unternehmungen. So erhielt er – obwohl selbst in dem Fach nicht zu Hause – das Apothekenprivileg der Stadt, betrieb eine der erfolgreichsten Weinschenken der Stadt, engagierte sich im Gewerbe der Bierbrauer und betrieb zeitweilig eine Buchdruckerei. Bald engagierte er sich auch in der Kommunalpolitik.

Unterwegs in der Wittenberger Altstadt, bewegt sich der Gast in einem einzigartigen Freilichtmuseum. Auf der »Kulturmeile« Collegienstraße, aber auch wenige Schritte abseits von dieser, begegnen dem Besucher auf Schritt und Tritt steinerne Zeugen der Zeit, da die Familien der Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon, als auch die des Hofmalers Cranach hier lebten und wirkten. An den Bürgermeister und zeitweilig obersten Gerichtsherrn Cranach erinnert das zwischen 1523 und 1535 erbaute Rathaus am Markt.

Cranach-Hof (l.) am Markt 4 in der Lutherstadt Wittenberg. Das Haus brachte Lucas Cranach der Ältere vor 1507 teilweise und bis 1527 vollständig in seinen Besitz. Foto: epd-bild

Cranach-Hof (l.) am Markt 4 in der Lutherstadt Wittenberg. Das Haus brachte Lucas Cranach der Ältere vor 1507 teilweise und bis 1527 vollständig in seinen Besitz. Foto: epd-bild

In seiner Werkstatt (Cranach-Hof) erfuhren auch die beiden Söhne Hans und Lucas der Jüngere ihre Ausbildung. Nach dem frühen Tod von Hans Cranach rückte dessen jüngerer Bruder in der Hierarchie der Werkstatt in eine Führungsposition auf. Um alle Aufträge erledigen zu können, zeichnete sich die Werkstatt durch eine bis dahin nicht gekannte Variantenpraxis der Kunstproduktion aus.

Unser Bild von Martin Luther und seiner Zeit verdankt sich vor allem künstlerischer Arbeiten der Cranach-Werkstatt. Luther mit Doktorhut, Luther als »Junker Jörg« auf der Wartburg, Luther auf der Kanzel, Luther beim Abendmahl oder als Familienvater – die Vorstellung von Luther wird hier plastisch wie sonst nicht.

Vermutlich gab es, abgesehen von den Repräsentanten der zentralen Gewalt, von keinem anderen Menschen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhundert mehr Bildnisse als von Martin Luther.

Heinz Stade

Landesausstellung Sachsen-Anhalt »Cranach der Jüngere 2015« in Lutherstadt Wittenberg vom 26. Juni bis 1. November. Ausstellungsorte sind die Stadtkirche St. Marien, das Augusteum und das Cranach-Haus.

www.cranach2015.de

Dieser Streifen am Tier

4. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Katrin Marie Merten

Den spärlich behaarten Streifen zwischen der immer feuchten Nase und der Stelle, an der die Kugelförmigkeit des Schädels ihren Anlauf nimmt, mag ich am liebsten. Sie ist immer kühl, diese Bahn, ich streiche mit dem Zeigefinger von der Nasenwurzel an aufwärts oder berühre das Tier kurz mit den Lippen zwischen den Augen wenn ich ihm begegne, wie man im Vorübergehen den Arm hinstreckt, seine Fingerspitzen gleiten lässt über die raue Oberfläche einer Mauer, an der man entlanggeht, um ihre Unebenheit zu spüren, sie auf Wahrhaftigkeit hin zu prüfen.

Natürlich habe ich meine Lieblingsstelle an diesem Tier, wie ich sie an jedem Menschen finde: Sei es eine besonders dunkle Sommersprosse oberhalb seines linken Mundwinkels, die wie ein Erkennungszeichen aus anderer Zeit Schönheit behauptet; ein Grübchen, das sich erst beim Lachen zu erkennen gibt oder die Art eine Augenbraue über Gebühr in die Höhe zu ziehen als Zeichen für Skepsis, und Skepsis gefällt mir immer.

Illustration: Maria Landgraf

Illustration: Maria Landgraf

Bei dem Tier aber ist es anders. Jeden Tag gehe ich meinen Weg und es folgt. Es folgt mir ungefragt zu jedem Ziel und wieder zurück nach Haus, zu einem zu Hause, das ich selbst nur durch die Begleitung des Tieres als mein zu Hause erkenne. Jeden Abend kurz vor Mitternacht trage ich es hinunter, all die Stufen, all die Etagen. Ich trage schwer daran, das Tier hat ein hohes Gewicht.

Jede Nacht schlafe ich halb nur, denn das Tier dreht sich in seinem Korb – rechtsherum, linksherum, wieder und wieder zurück und die Weidenäste rund um seinen Körper biegen sich quietschend. Jeden Morgen stehe ich auf, bin müde. Ich dusche und trockne mich ab, kleide mich an, schaue für Sekunden nur in den Spiegel, bestreiche mein Brot mit Butter, Pflaumenmus, nehme es auf die Hand und gehe hinunter, das Tier muss auf die Erde. Es hat keine Scheu vor Boden jeder Art, es braucht ihn, immer.

Das Tier schmiegt sich an Graswiesen, Asphalt, Beton, als wäre es weicher Stoff. Bleibe ich länger an einem Ort, etwa auf Arbeit, in Cafés und U-Bahnen, auch an Bahngleisen, in Warteschlangen, in Einkaufscentern oder in fremden Wohnzimmern, beginnt das Tier seinen Schlaf: Es überdehnt seinen Körper, sodass es von oben gesehen zum Halbmond sich fügt.

Häufig liegt das Tier bald rücklings und streckt seine Bauchkuhle der Welt entgegen. Es hat keine Scheu vor dem Abgleiten, nicht vor dem Übertreten in eine andere Welt, nicht vor der Schwelle dazwischen und auch nicht vor Verletzung.

Bleibe ich einem Menschen fern, sitzt das Tier unter meinem Stuhl und wartet auf Frieden. Grüße ich einen Freund, springt es ihm quer über die Straße oder durch jeden anderen Raum freudig entgegen. Manchmal im Traum bewegt das Tier seine Pfoten als würde es laufen. Ich wünsche es dann noch mehr als sonst auf eine Wiese mit Gänseblumen oder getreidehohem Gewächs. Ist aber niemand im Raum, wird es zum Halbmond. Dann sitze ich Stunden und schaue ihm zu, als würde es ein Kunststück vollführen.

Wenn das Tier dann ganz still bleibt, warte ich weiter. Ich warte auf einen, der kommt und mich und das Tier noch über das nächste Taglicht hinaus begleitet. Ich warte auf einen, der, wie von selbst, den spärlich behaarten Streifen zwischen der immer feuchten Nase und der Stelle, an der die Kugelförmigkeit des Schädels ihren Anlauf nimmt, nach oben streicht.

Aus: Merten, Katrin Marie: Rückwärtslaufen. Erzählungen, Wartburg Verlag, 72 S., ISBN 978-3-86160-335-1, 11 Euro

Kirchner macht den Auftakt

25. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Chemnitzer Kunstsammlungen wollen das kreative Potenzial der Stadt erlebbar machen

Das Chemnitzer Museum Gunzenhauser zeigt mit einer neuen Sonderausstellung einen repräsentativen Querschnitt durch alle Schaffensphasen des deutschen Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner. Und es muss dazu nicht einmal auf Exponate anderer Museen zurückgreifen. Denn Dank großzügiger Leihgaben und Schenkungen verfügen die Chemnitzer über einen Bestand von 73 Werken, darunter Ölgemälde, Aquarelle und Druckgrafiken des Künstlers.

1880 in Aschaffenburg geboren, kam Kirchner mit seinen Eltern 1890 in die sächsische Industriestadt. Hier wurde nicht zuletzt am Realgymnasium seine künstlerische Begabung erkannt und gezielt gefördert. Am gleichen Gymnasium, an dem auch seine späteren Malerfreunde Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff ihre Schulzeit verbrachten. Die drei Chemnitzer gründeten dann zusammen mit dem Zwickauer Fritz Bleyl 1905 in Dresden die heute weltbekannte Künstlergemeinschaft Brücke.

Das Doppelbildnis des Hamburger Landgerichtsrats Dr. Gustav Schiefler und seiner Frau Luise entstand 1923 in den Schweizer Bergen rund um Davos, in denen Ernst Ludwig Kirchner eine neue Heimat gefunden hatte. Das Ehepaar gehörte von Anfang an zu den Unterstützern der Künstlervereinigung Brücke. Foto: Museum Gunzenhausen

Das Doppelbildnis des Hamburger Landgerichtsrats Dr. Gustav Schiefler und seiner Frau Luise entstand 1923 in den Schweizer Bergen rund um Davos, in denen Ernst Ludwig Kirchner eine neue Heimat gefunden hatte. Das Ehepaar gehörte von Anfang an zu den Unterstützern der Künstlervereinigung Brücke. Foto: Museum Gunzenhausen

Es ärgere sie, dass im Zusammenhang mit der Brücke immer nur von Dresden die Rede sei, betont Ingrid Mössinger, Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz. Ziel der aktuellen Schau sei es deshalb nicht zuletzt, »das kreative Potenzial, das Chemnitz seit Jahrhunderten besessen hat«, zu verdeutlichen. Konsequenterweise sollen auf die aktuelle Kirchner-Ausstellung dann zwei weitere folgen, die ebenfalls Expressionisten mit Chemnitzer Wurzeln gewidmet sind: Von November 2015 bis April 2016 werden im Museum am Theaterplatz ca. 500 Werke von Karl Schmidt-Rottluff gezeigt und von Dezember 2015 bis April 2016 im Museum Gunzenhauser ca. 120 Werke von Erich Heckel.

Gemeinsam sind den drei Expressionisten nicht nur ihre prägenden Jahre in Chemnitz, sondern auch die Erfahrung von Diffamierung und Verfolgung im Nationalsozialismus. Ein großer Teil der einst umfangreichen Expressionisten-Sammlung des Städtischen Kunstmuseums Chemnitz fiel nach 1933 dem Zwangsverkauf und der Beschlagnahme zum Opfer.

Harald Krille

Ernst Ludwig Kirchner in den Kunstsammlungen Chemnitz, bis 10. Mai 2015, dienstags bis sonntags sowie an Feiertagen von 11 bis 19 Uhr geöffnet, Eintritt 7 Euro, ermäßigt 4,50 Euro

Coburger Jagdlager

10. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Auf der Veste Coburg arbeitete Lucas Cranach d. Ä.

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen.

Sooft die Fürsten Dich mit zur Jagd nehmen, führst Du eine Tafel mit Dir, auf der Du inmitten der Jagd darstellst, wie Friedrich einen Hirsch aufspürt oder Johann einen Eber verfolgt, was bekanntlich den Fürsten kein geringeres Vergnügen gewährt als die Jagd selbst.« Als Christoph Scheurl, der zeitweilige Rektor der Universität Wittenberg, dies 1509 in einem Brief an Lucas Cranach d. Ä. schrieb, da lag dessen nachweisbar längster Aufenthalt in Coburg drei Jahre zurück. Anfang August 1506 waren Kurfürst Friedrich und Herzog Johannes mit ihrem Hofstaat auf der Veste Coburg zu einem bis Februar des folgenden Jahres dauernden Jagdlager angekommen.

Blick auf die Veste Coburg. Foto: picture-alliance/dpa

Blick auf die Veste Coburg. Foto: picture-alliance/dpa

Im Tross der angereisten Hofbeamten, Räte, Kanzleimitarbeiter, Musiker und Sänger war auch Lucas Cranach d. Ä. Der damals noch keine 40 Jahre alte Hofmaler genoss im Gegensatz zu den meisten anderen Teilnehmern des Lagers das Privileg, nicht in der Stadt, sondern direkt auf der Veste eingemietet gewesen zu sein. Wenn es zur Jagd in die umliegenden Reviere von Neustadt, Sonneberg, Schalkau, Jüdenbach und Heldburg ging, war der Maler mit seiner »Tafel« zugegen. Von den in jener Zeit entstandenen »Bildreportagen« Cranachs sind nicht alle entschlüsselt und daher mit Blick auf Entstehungsort und -zeit schwer zuzuordnen. Später entstandene Holzschnitte, Gemälde und Altäre zeigen aber mehrfach die Veste Coburg als Hintergrund. Cranachs Hauptwerk im Coburger Jagdlager waren Wandmalereien auf der Veste. Überkommen ist von diesen keine. Eine Rechnung belegt, dass im Februar 1507 zwei Klostergespanne »die maler hinweg furen«, ohne dass ihr Ziel genannt wird. Weil Anfang Mai aber ein Bote Geräte und Briefe »an die maler gein Helpburg« brachte, könnte das nahe Heldburg mit seiner Veste der zeitweilige Arbeitsort Cranachs und seiner Gehilfen gewesen sein. Im sogenannten Jungfernbau der Veste war seinerzeit die Kapelle in Arbeit.

Schon von Weitem grüßt den Besucher der Stadt Coburg die gleichnamige Veste mit ihren gewaltigen Mauern und Türmen. Die an den bis heute wichtigen Handelsstraßen liegende Veste war der wichtigste Brückenkopf wettinischer Macht im Süden, oft besuchter fürstlicher Rastplatz und beliebtes Jagdschloss. Im 19. Jahrhundert richteten die Herzöge von Sachsen-Coburg und Gotha in der einstigen Festung Kunstsammlungen von Weltrang ein. Dazu gehören eine Sammlung mit venezianischen Gläsern und solchen des Barock sowie die historische Waffensammlung. Die Kunstsammlungen besitzen etwa 30 Werke von Cranach und der Cranach-Werkstatt, dazu eine vorzügliche kleine Sammlung weiterer altdeutscher Meister. In der neuen Dauerausstellung werden die besten Cranach-Bilder, darunter auch Porträts, die von einem ehemals für die Kapelle der Veste gemalten Altar stammen, zusammengeführt und im Umfeld von Cranachs Zeitgenossen neu präsentiert. Glanzstück der Kunstsammlungen ist das Kupferstichkabinett, in dem fast das vollständige druckgraphische Werk von Lucas Cranach d. Ä. aufbewahrt wird – darunter das in der hiesigen Fassung seltene Porträt von Martin Luther mit Doktorhut von 1521.

Heinz Stade

Ausstellungen: »Die dunkle Seite der Re­naissance«, Kupferstichkabinett 25. Juni bis 12. September 2015; »Cranachs Graphik.« Veste Coburg 27. März bis 31. Mai 2015; »Kunst – Religion – Politik. Neupräsentation der Coburger Cranach-Bilder im Kontext der Kunst vom späten 15. bis zum frühen 17. Jahrhundert«, ab 27. März 2015.

Wenn Gesichter sprechen

4. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Nader Setareh liebt die uralte erdgebundene Kunst des Keramikreliefs

Im Rahmen des Themenjahres »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische bildende Künstler vor, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Heute ein Besuch bei dem Eisenacher Keramikkünstler Nader Setareh.

Gesichter haben es ihm besonders angetan. Wenn Nader Setareh den feuchten Ton zwischen den Fingern spürt, schließt er die Augen. Nun beginnen seine Hände die Umrisse eines Antlitzes zu formen. Wenn er dann die Augen öffnet, sieht er in ein Gesicht. Ein Gesicht, dass zu ihm spricht, wie er sagt. »Ich nehme dann Verbindung mit ihm auf.« Und wenn zu den Lippen auch noch die Augen geformt sind und das neue Gegenüber ihn nicht nur anspricht, sondern auch anschaut, ist das der schönste Moment in der Arbeit des Keramikkünstlers: »Dann läuft mir oft eine Gänsehaut über den Rücken.«

In Kuwait geboren und im Iran aufgewachsen: Nader Setareh aus Eisenach vor seinem Keramikrelief »Käthe«, in dem er sich mit der »Lutherin« auseinandersetzt. Foto: Harald Krille

In Kuwait geboren und im Iran aufgewachsen: Nader Setareh aus Eisenach vor seinem Keramikrelief »Käthe«, in dem er sich mit der »Lutherin« auseinandersetzt. Foto: Harald Krille

So ging es dem seit 2010 in Eisenach lebenden Setareh etwa bei der Gestaltung des Wandreliefs zur heiligen Elisabeth, oder auch bei seiner Darstellung der »Käthe«, Luthers Frau. Die künstlerische Arbeit ist für ihn zugleich eine Art Therapie. Denn sein Leben verlief alles andere als glatt, so manche traumatische Erfahrung prägt den sensiblen Mann. Geboren 1957 in Kuwait wächst er anschließend in Teheran, der Hauptstadt des Iran, auf. Dort nimmt er ein Kunst- und Designstudium an der Universität auf. Bis nach der sogenannten »islamischen Revolution« die Herrschaft der Ayatollahs beginnt. Nater Setareh emigriert nach Deutschland, vollendet in Köln sein Studium, entwirft später Designermode und Seidenapplikationen für deutsche Versandhäuser, ist auf den großen Modemessen zu Hause.

2003 wird ihm eine Besuchsreise in den Iran zum Verhängnis. Weil er an einer kleinen Demonstration von Studenten teilnimmt, verhaftet ihn die Geheimpolizei. Wenig sagt er über seinen Weg durch die berüchtigten Gefängnisse des islamischen Regimes. Aber man ahnt die Dimension des Terrors, wenn er mit traurigem Blick sagt: »Ich habe so viele junge Menschen sterben gesehen.« Als er psychisch schwer angeschlagen endlich aus dem Gefängnis kommt, aber im Iran festsitzt, helfen ihm Freunde in Teheran zu einer neuen künstlerischen Betätigung – und zum Broterwerb. Setareh beginnt mit der Arbeit als Keramiker, gestaltet große farbige Wandreliefs. »Die Arbeit mit Lehm und Ton und die Gestaltung von Reliefs hat schließlich im Nahen Osten eine jahrtausendelange Tradition«, sagt er stolz.

»Die künstlerische Arbeit ist für ihn zugleich eine Art Therapie«

Gebrochen hat der als Muslim geborene und aufgewachsene Setareh allerdings mit seiner früheren Religion. »Ich habe erkannt, was Islam wirklich bedeutet: so viel Brutalität, so viele unschuldig Hingerichtete …« Für die so gern vertretene These, dass die Islamisten des Nahen Ostens nicht den »wahren Islam« verkörpern, hat er nur ein müdes Lächeln übrig. Jeder könne es selbst überprüfen: Die Terrorgruppe »Islamischer Staat« könne sich mit all ihrer Brutalität exakt auf den Koran berufen. »Jeder vernünftige Mensch soll einfach einmal das Leben Mohammeds und das Leben Jesu vergleichen.« »Bekenntnis oder Tod«, habe es von Anfang an bei Mohammed geheißen. »Wenn Islam ›Frieden‹ bedeutet, warum dann immer wieder das Schwert?«, fragt Setareh und fügt hinzu: »Es stimmt, auch Christen haben Gewalt angewendet, aber sie haben damit immer den Geboten Jesu entgegengehandelt.«

Was Nader Setareh, der neben seinen plastischen Werken auch lyrische Texte verfasst, heute beschwert, ist die relative Einsamkeit in Eisenach. Er wünschte sich mehr Kontakte zu anderen Künstlern. Und Ausstellungsmöglichkeiten, gern auch in Kirchen. Dort, in der Ruhe bei Gott, fühle er sich mit seinen Werken immer besonders wohl. Denn: »Die Kirche ist für mich die wahre Moschee.«

Harald Krille

Kontakt: Atelier Seta Ceramic, Schmelzer­straße 1, 99817 Eisenach, Telefon (0 36 91) 6 58 02 54

Auf Cranachs Spuren

21. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Kronach, die Geburtsstadt von Lucas Cranach dem Älteren

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen.

An einem Oktobertag des Jahres 1472 kommt in dem damals Crana oder Cranach genannten Ort ein Junge zur Welt. Er ist das Kind von einem ortsansässigen Maler mit Vornamen Hans und dessen Ehefrau Barbara – sechs weitere Brüder und Schwestern werden folgen. Der in Kronach tätige Maler Hans war offenbar selbstbewusst genug, seinem Sohn per Vornamen die berufliche Zukunft vorzugeben, galt Apostel Lukas doch in dieser Zeit schon als Patron der Maler.

Gemälde »Christus und die Ehebrecherin« von Lucas Cranach d. Ä. in der Ausstellung in Kronach. Foto: Artothek

Gemälde »Christus und die Ehebrecherin« von Lucas Cranach d. Ä. in der Ausstellung in Kronach. Foto: Artothek

Vom Weg des Kindes und Jugendlichen Lucas berichten die Quellen kaum etwas. Verbindlich ist wohl, dass er in der Werkstatt des Vaters eine Ausbildung zum Maler erhielt. Alsbald hatte sich der Junge statt nach dem damals üblicherweise vom Beruf her abgeleiteten Nachnamen Maler, den seiner Geburtsstadt gegeben. Kronach war eine fürstbischöfliche Stadt und Festung, die wichtigsten Auftraggeber für einen Maler jener Zeit dürften daher vor allem die Landesherren, die Bamberger Bischöfe gewesen sein. So ist es gut möglich, dass manches bis jetzt noch anonyme Altarbild oder Gemälde in dieser Region auch ein echter Cranach ist.
Künstlerisch wahrnehmbar wird der Maler Lucas aus Cranach, den wir heute als Lucas Cranach der Ältere kennen, erstmals 1502 in Wien. Im dortigen Milieu von Humanisten, Gelehrten und Künstlern fasst er offenbar rasch Fuß. Drei Jahre später beruft ihn Kursachsen als Hofmaler nach Wittenberg. Gemessen jedoch an den Zeitgenossen Dürer, Michelangelo oder Raffael, kann Cranach zu dieser Zeit nur ein schmales künstlerisches Oeuvre vorweisen.

Ein Besuch in der von der Festung Rosenberg überragten Drei-Flüsse-Stadt Kronach heute ist beeindruckend und lohnenswert – auch wenn die Suche nach unmittelbaren Spuren der Malerfamilie im Altstadtkern wenig Vorzeigbares ergibt. Lange Zeit nahm man an, dass Lucas Cranach in dem als Gasthaus »Zum scharfen Eck« firmierenden Gebäude zur Welt gekommen sei. Inzwischen weiß man es genauer, kann jedoch nicht das tatsächliche Geburtshaus zeigen. Es stand am Marktplatz und musste im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts einem neuen Rathaus weichen. Die Fassadenmalerei an einem Haus am Martinsplatz aber lässt die historische Situation lebendig werden. In der Fränkischen Galerie ist ein großer Ausschnitt aus dem künstlerischen Schaffen von Lucas Cranach zu betrachten, faszinierende Gemälde wie »Christus und die Ehebrecherin«, »Lot und seine Töchter«, »Schmerzensmann« sowie »Venus und Amor als Honigdieb«.

Heinz Stade

Die Ausstellung »Fränkische Meister von Spätgotik bis Renaissance und der Weg zu Cranachs Kunst – Ein neuer Weg durch die Sammlung in der Fränkischen Galerie« auf der Festung Rosenberg in Kronach ist vom 1. März bis 31. Oktober zu sehen.

Bestellt und nicht bezahlt

14. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Kultur und Geld: Warum die traditionsreiche Potsdamer Orgelbaufirma Schuke in wirtschaftliche Schieflage geraten ist

Ihre Meisterwerke erklingen auch in vielen Kirchen Mitteldeutschlands. Doch derzeit ist das bekannte Orgelbauunternehmen Schuke in akuten finanziellen Nöten.

Vor fast 200 Jahren wurde der Grundstein für den Orgelbauer Schuke gelegt: 1820 gründete Gottlieb Heise sein Unternehmen in Potsdam, damals Hochburg der Orgelfertigung. 1848 übernahm die Familie Gesell, 1898 Alexander Schuke die Firma. Wer will sagen, wie oft in dieser langen Zeit wirtschaftliche Probleme den Betrieb belasteten? In der DDR wurde er 1972 als »VEB Potsdamer Schuke-Orgelbau« verstaatlicht, bevor Matthias Schuke, seit 1974 dort tätig, das Traditionsunternehmen nach der Wende 1990 reprivatisierte.

Die Geschäfte liefen bald gut. Eine Expansion war auf dem alten Gelände im Potsdamer Holländischen Viertel nicht möglich und so wurden 2004 Fläche und Mitarbeiterstamm im Nachbarort Werder/Havel erweitert. Große Instrumente wie im Königsberger Dom entstanden, Schuke baute in Europa und von Mexiko bis Taiwan. In diese erfolgreiche Entwicklung will es so gar nicht passen, dass momentan der Insolvenzverwalter bei Schuke das Sagen hat. Seit Kurzem ist es Anwalt Christian Graf Brockdorffs Aufgabe, die wirtschaftliche Schieflage der Firma wirksam und schnell zu beseitigen.

Matthias Schuke hat das alte Familienunternehmen 1990 reprivatisiert und baute und sanierte seither weltweit Instrumente. Foto: Andrea von Fournier

Matthias Schuke hat das alte Familienunternehmen 1990 reprivatisiert und baute und sanierte seither weltweit Instrumente. Foto: Andrea von Fournier

»Wir hoffen, schon in wenigen Monaten wieder auf eigenen Füßen zu stehen«, sagt Firmeninhaber und Geschäftsführer Matthias Schuke. In die Situation ist sein Unternehmen gekommen, weil zwei ausländische Kunden ihre Ware nicht vollständig bezahlt haben. Die Außenstände sind nicht riesig – 400 000 Euro – doch bei einer Firma dieser Größe rütteln sie an den Grundfesten.

Dass so etwas passierte, war nicht absehbar, obwohl Matthias Schuke die Schuld auch bei sich sucht. Natürlich hat er vor der Vertragsschließung mehrfach mit beiden Kunden – den Vertretern der Philharmonie Charkiw/Charkow in der Ukraine sowie einem privaten Investor für ein Hotel in der Nähe von Moskau – gesprochen. Vertrauen sei die wichtigste Basis in diesem Geschäft, meint Schuke. Und das sei dagewesen, sonst hätte er die Aufträge nicht übernommen.

Wie üblich haben beide Kunden eine Vorauszahlung und später eine erste Anzahlung geleistet. Die 21 Mitarbeiter in Werder, unter ihnen eine Frau und ein Lehrling, haben daraufhin sorgfältig und fleißig gearbeitet. Vor zwei Jahren wurde die große viermanualige Konzertorgel für die Philharmonie in Charkiw fertig, eine knappe Million Euro waren bis dahin bezahlt. Sie wurde in die Ukraine transportiert und bis zur Restzahlung eingelagert.

Die Königin der Instrumente schläft seitdem ihren Dornröschenschlaf, ein dortiger Orgelsachverständiger kontrolliert regelmäßig vor Ort Temperatur und Luftfeuchte. Sowie die ausstehenden 100 000 Euro überwiesen werden, können die Experten von Schuke die Orgel aufbauen und intonieren. Doch Charkiw ist zurzeit Krisen- und Kriegsgebiet, niemand weiß, wann in der 1,4 Millionen-Einwohner-Stadt wieder Kunst und Kultur wichtig sind.

Bei Schukes zweitem Sorgenkind wurde dem russischen Investor eines großen Hotelneubaus laut dessen Aussage der Kredithahn gesperrt. So ruht nicht nur der Bau, sondern auch die Arbeit an der Orgel dafür. Die befindet sich jedoch noch in Werder. Matthias Schuke sagt, dass sie, lichtgeschützt gelagert, um dem wertvollen Furnier nicht zu schaden, auch demontiert und anderweitig verkauft werden kann, wenn die 300 000 Euro Restzahlung ausbleiben.

In der Orgelbaufirma wird derzeit normal gearbeitet, obwohl die Belegschaft natürlich nervös ist. Nun ist es an ihnen, so viele zusätzliche Aufträge für Neu- und Umbauten, Reinigungen oder Sanierungen von Orgeln zu bekommen, dass das nicht gezahlte Geld kompensiert wird. Der Insolvenzverwalter will den Betrieb 100-prozentig weiterführen. Doch auch er kann keine Schulden im Nicht-EU-Ausland eintreiben, und staatliche Hilfsprogramme greifen erst, wenn eine Firma pleite ist.

Doch dazu soll es nicht kommen. Vielmehr akquiriert er Banken und Leasingfirmen, die Zwischenfinanzierungen für mögliche Kunden übernehmen, seien es Kirchengemeinden oder andere Träger. Solidarität erfährt die Firma auch aus der eigenen Heimatregion. »Die Pfingstgemeinde in Potsdam und der Fürstenwalder Dom haben Bauabschnitte vorzeitig bei uns beauftragt«, sagt Matthias Schuke sichtlich bewegt.

Was ihn in diesen Tagen nachdenklich macht, ist die Sache mit der Menschenkenntnis. Auf seine hat er sich bei seinen Vertragspartnern immer verlassen und ist gut gefahren. »In Zukunft werden wir mehr Sicherheiten verlangen müssen«, sagt er fast bedauernd. Er ist ein Fachmann, Christ, Vater dreier Kinder, dessen Sohn Michael sich zurzeit beim Meisterstudium auf eine Betriebsübernahme vorbereitet. Aber er muss auch Geschäftsmann sein. Manchmal, so scheint es, mehr als ihm lieb ist. Er und seine Belegschaft jedenfalls wollen um jeden Auftrag kämpfen, um so schnell wie möglich die finanziellen Probleme zu überwinden.

Andrea von Fournier

Festhalten für die Ewigkeit

6. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Historische Chorbücher werden digitalisiert

Gegen diese Giganten wirken selbst dickleibige Romane wie Zwerge. Rund 40 Kilogramm sind sie schwer und rund 70 mal 50 Zentimeter groß – acht Chorbücher aus dem 15. Jahrhundert der Vereinigten Domstifter zu Naumburg und Merseburg und des Kollegiatstifts Zeitz. Selbst Christoph Mackert, Leiter des Handschriftenzentrums der Universitätsbibliothek Leipzig, flössen die Schwergewichte Respekt ein: »Solche liturgischen Handschriften gibt es nur noch an ganz wenigen Orten. Und es ist sehr selten, dass an einer Stelle so viele erhalten geblieben sind.« Im Handschriftenzentrum werden die Prachtbände derzeit digitalisiert.

Mit der Digitalisierung soll der Zauber der Buchkunst verewigt werden. – Foto: Torsten Biel

Mit der Digitalisierung soll der Zauber der Buchkunst verewigt werden. – Foto: Torsten Biel

Die Vorarbeit leisteten Experten der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena, die ein spezielles Verfahren und eine entsprechende Konstruktion entwickelt haben, um zu Beginn anderthalb Bände für die Ewigkeit festzuhalten. Die Technik wurde nachfolgend von Thüringen nach Sachsen gereicht. Mit Hilfe einer Kamera werden nun in Leipzig Zeile für Zeile und Seite um Seite die lateinischen Texte und prachtvollen Illustrationen der restlichen Bände aufgenommen. Die erreichte Auflösung betrage rund 350 dpi, eine Seite benötige rund 100 MB Speicherplatz, erläutert Mackert. Mit der Digitalisierung gehe der Zauber mittelalterlicher Buchkunst indes nicht verloren, meint der Leiter des Handschriftenzentrums: »Das virtuelle Objekt folgt ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten.« Neben der Digitalisierung steht in Leipzig zudem die Erschließung der monumentalen Werke im Mittelpunkt. Beides war Thema eines fächerübergreifenden Kolloquiums in Naumburg. Die Wissenschaftler gehen auf Spurensuche, ermitteln unter anderem, wie viele Schreiber und Maler einst an den Werken gearbeitet haben. »Wir betreiben Grundlagenforschung. Die Bände sind einzigartig und ein Zeitfenster in das Mittelalter«, so Mackert.

Das Projekt geht einher mit einer weiteren Initiative der Domstifter in Kooperation mit der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena. Derzeit wird der Bestand der Stiftung aus den Bibliotheken und Archiven der drei Standorte Naumburg, Merseburg und Zeitz in die Online-Datenbank Korax eingepflegt. Ein kleiner Teil des Bestandes ist dort bereits einsehbar. »In den kommenden Jahren werden wir weiter daran arbeiten«, sagt Matthias Ludwig, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Domstiftsarchivs in Naumburg.

Der Mammutbestand umfasst rund 100000 Bände und 100000 weitere Archivalien. Künftiges Ziel soll es sein, die vollständigen historischen sowie neuzeitlichen Buch- und Archivbestände sowie die Kunstsammlungen der Domstifter zugänglich zu machen. Das Online-Archiv geht dabei über die Angabe wichtiger Daten wie das Jahr der Entstehung, den Ort der Aufbewahrung oder die Signatur hinaus.

In einigen Bänden können Leser wie von Zauberhand blättern, so bereits in einem jener spätmittelalterlichen Chorbücher.

Constanze Matthes

Beschenkt

26. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Kultur-51-2014Eine Woche vor Weihnachten. Es regnete. Beinahe unentwegt schütteten dunkle Wolken ihre Nässe herunter. Sicher wollten sie Raum schaffen für »weiße Weihnacht«.

Heute hatte die 47-jährige Renate bis zum Abend Dienst. Die privaten kleinen Pflichten mussten also ausfallen. Sie sprintete zum Briefkasten auf die gegenüberliegende Straßenseite. Neben zwei üblichen Weihnachtskarten entnahm sie einen Schlüssel für die Paketanlage in der Querstraße. Fach Nr. 71. Irgendjemand hatte ihr einen dickeren Gruß zugedacht. Sicher unter der Beschriftung: »Geschenksendung. Keine Handelsware!« (So waren Westpakete im Allgemeinen gekennzeichnet.) Diesen wertvollen Schlüssel steckte sie in die Brieftasche mit den Adressen ihrer Schreibfreunde. Abends würde sie gleich auf das Paketfach zusteuern. Sie war gespannt.

Mit zwei Beuteltaschen am Arm eilte sie in ihre Dienststelle. Die Arbeitsstunden waren – wie fast immer – abwechslungsreich. Heute gab es noch eine zusätzliche Besonderheit. – Vor einigen Monaten hatte sie einer Kundin Geld geliehen – etwa in Höhe ihres damaligen Monatslohns (260 Mark). Es muss ja wohl ein dringender Grund vorgelegen haben. Als die Schuldnerin danach nicht wiederkam, hatte sie dieses Geld in den Wind geschrieben. Doch heute hatte diese Frau sie überrascht – trotz des unliebsamen Wetters. »Weihnachten steht vor der Tür«, hatte sie gesagt, »da werden Sie Ihr Geld brauchen.« Na, und ob – hatte Renate bei sich gedacht. Die Menschen sind doch besser, als man manchmal befürchtet, das hatte sie auch gedacht. Sie war dankbar.

Als sie ihren Nachhauseweg antrat, war es schon dunkel. Der Regen prasselte auf sie ein. Sie fingerte an ihrem Schirm. Der klemmte mal wieder. Beim Aufspannen hatte sie nicht wahrgenommen, dass ihr der blaue Beutel vom Arm gerutscht war, der mit dem teuren Inhalt und mit dem Westpaketschlüssel. Erst nach mehreren eiligen Schritten entdeckte sie dieses Malheur. Es durchfuhr sie an Leib und Seele. Sofort kehrte sie um. Meter um Meter suchte sie den Gehsteig ab. Nichts. Nichts zu sehen, noch zu finden. Wie war so etwas denn möglich? Sie war sehr erregt. Brieftasche, Ausweis, Portemonnaie, Geld … samt dem Schlüssel Nr. 71. … alles weg …

Dieser Mensch weiß jetzt eine Menge von mir, ging es ihr durch den Kopf; und ich von ihm? … rein gar nichts … Allerdings … an der Paketanlage müsste sie ihn ja abfangen können. Dass ein Dieb ihrem Laufschritt zuvorkommen könnte, konnte sie sich nicht vorstellen. Schon stand sie in der Querstraße vor dem Fach Nr. 71 … Es verschlug ihr die Sprache. Da steckte ihr Schlüssel. Das Fach war leer.

In der darauffolgenden Woche hatte sie viel zu bedenken, viele Wege: Nachforschungen über den Paketabsender, Postbehörden, Polizei. Ohne Ausweis konnte sie den Ort ja gar nicht verlassen … Wie eine ausgeplünderte Kirchenmaus kam sie sich vor. Hätte die Schuldnerin ihr wenigstens das Geld noch nicht zurückgebracht! … Wie sollte sie fertigwerden mit ihrer Aufgeregtheit? Schließlich gelang es ihr, indem sie am laufenden Band sich selbst predigte: »Jesus ist auch für Halunken geboren.«

24. Dezember 1979: Am frühen Nachmittag war ihr das berührende »Holzkistenerlebnis« beschert worden, von dem sie später manchmal erzählt hat. Mitten in der warm geheizten Stube hat ihr schönstes Weihnachtsgeschenk seinen Ehrenplatz gefunden.

Bis 1995 hatte sie noch Ofenheizung. Die Kohlen aber zur Glut zu bringen, das war täglich eine mühsame Aktion. Nun hatte für sie in den vorweihnachtlichen Tagen ein Konfirmand überraschenderweise Holz gehauen. Er hatte die Splitter für sie in eine Kiste geschichtet als Feueranmachhilfe. Da stand der stämmige große Junge in ihrem Türrahmen: »Ich spiele heute im Krippenspiel einen Weisen aus dem Morgenland«, hatte er gesagt. »Die Weisen bringen doch Geschenke mit. Meins kann ich nicht in die Kirche tragen. Darum bringe ich es Ihnen.« Ja, wirklich, das war ihr schönstes Weihnachtsgeschenk.

Am späten Nachmittag machte sie sich auf in die Kirche zu besagtem Krippenspiel. Die lästigen Regengüsse hatten inzwischen aufgehört. Echter Winter-Weihnachts-Schnee hatte sich auf Häuser und Straßen gelegt. »Weiße Weihnacht!« Renate freute sich auf den stillen Heiligen Abend in ihrer Eremitage. Aber … Es kam wieder einmal alles ganz anders. Auf dem Heimweg kam nämlich ein eifriger Kirchgänger auf sie zu. »Darf ich Sie nach Hause begleiten?«, fragte er. Das war ihr allerdings gar nicht recht. Doch einfach nur Nein sagen, das ging an so einem Abend wohl auch nicht. Darum antwortete sie: »Wenn Sie bis vor meine Haustür mitkommen wollen, können wir uns bis dorthin ja noch ein wenig unterhalten.« Zu zweit bogen sie gerade in die nächste Straße ein, als sich ihnen aus dem Dunkel ein fremder junger Mann näherte. Der fragte sie, ob sie wüssten, wo man hier Zigaretten kaufen könnte. »Die Geschäfte sind heute alle schon geschlossen«, gab sie Auskunft, als ihr einfiel, dass der Familienvater, vor dessen Haus sie sich befanden, vielleicht aushelfen könnte. Sie klingelte an der Haustür. Der Hausherr sah sie zwar recht befremdlich an, doch dann reichte er ihr eine angebrochene Schachtel mit »Westzigaretten«. »Es kostet nichts«, meinte er, »heute ist ja Weihnachten.« Der Weihnachtswunsch des Unbekannten war erfüllt worden.

Da standen sie nun zu dritt auf der Straße im Schnee. Was nun? »Meine Wirtin erlaubt es nicht, dass ich Gäste mitbringe«, sagte der Erste. Der Raucher erklärte: »Na ja, ich gehe in meine Bude, leg mich ins Bett und rauche.«

Alles Mögliche und Unmögliche wirbelte der alleinlebenden Frau durch Herz und Hirn … Die ganze aufregende Woche hindurch hatte sie gesagt: »Jesus ist auch für Halunken geboren.« Wenn sie nun vielleicht wirklich vor ihr stehen? … Sie gab sich einen inneren Ruck. »Wenn Sie mögen, lade ich Sie beide zu einem schlichten Abendessen zu mir ein.« Ja, sie mochten. Ihren Verstand aber hatte sie noch nicht ganz abgegeben. Als sie das Haus betraten, schickte Renate die beiden Geladenen voraus. Sie wolle die Familie im Parterre informieren. Der Vater schüttelte zweifelnd den Kopf. »Sie sind aber auch eine …« Eine was? Das hatte er verschluckt.

Ihre Wohnung lag unter dem Dach. Direkt vom Hausflur aus kam man in die Wohnstube. Der Jüngere stolperte beinahe gleich über die Holzkiste. »Was ist denn das?« So waren sie also bei den orientalischen Weisen und ihren Geschenken angekommen. »Ich bin bestohlen worden«, erzählte Renate, »und ich bin beschenkt worden.« Die Männer schienen etwas betreten zu sein, darum sagte sie jetzt: »Das Wenige, das ich im Kühlschrank habe, teilen wir. Beim ersten Weihnachten in Bethlehem haben sie sicher auch nur das Nötigste gehabt.«

Tee und Zucker kam auf den kleinen Tisch. Brot, Butter, Käse, etwas Wurst, einige Apfelscheiben, saure Gurkenstücke … Fehlt etwas? Ach ja, die Weihnachtskerze. Wie schön. Ihr Schein beleuchtete die Gesichter der drei Beschenkten. Am Hals des jungen Mannes mit den schwarzen Haaren flatterte ein Schmetterling – tätowiert – was damals noch selten so offen zu sehen war. Renate starrte auf dieses eingebrannte Zeichen. »Aus dem Knast … ein Jahr … missglückte DDR-Flucht«, gestand er. Hm, ja, sie wussten, wo sie lebten.

Im Laufe des Tri-Gespräches rückte der eifrige Kirchgänger damit heraus, dass er auch mal ein Jahr im Gefängnis war. Unterschlagung im Betrieb. Dass er sich nicht in seine Unschuld hineingelogen hat, brache ihm Renates Respekt ein. Sie schwiegen miteinander.

Der Schmetterlingsträger fragte, ob er rauchen dürfe. In warmer Zufriedenheit schaute er in den Tabaknebelstreifen. »Wie kommt es nur, dass ich heute hier sitze?« – »Weil heute Weihnachten ist«, sagte Renate. Was sollte sie auch sonst sagen? »Und welchen Wunsch haben Sie für diesen Abend?«, fragte sie den anderen Gast. Er wünschte sich 15 Minuten Fernsehnachrichten. Damals hatte sie noch den Fernseher ihres Vaters, und mit der einfachen Zimmerantenne kriegte sie DDR-II herein. »Mauerblümchenwelt«. Aber immerhin … Schließlich äußerte sie als Dritte ihren Weihnachtswunsch. Der fast abgedankte Plattenspieler funktionierte noch mit einer Auswahl von Weihnachtsliedern. Kruzianer? Thomaner? »O Bethlehem, du kleine Stadt …«

Immer wenn sie dieses Lied hörte, stand ihr die kleine Stadt ihrer Kindheit vor Augen … im Schnee … unterm »Sternenzelt«. Auch das andere Lied, das böhmische – weckte Erinnerungen … »Uns zum Heil erkoren ward er heut geboren …«

Als der Uhrzeiger fast schon auf zehn Uhr vorrückte, stießen die beiden Unbekannten sich an. »Wir müssen wohl gehen …« Renate brachte ihre Gäste hinunter bis an die Haustür. Wie beschenkte Weihnachtskinder verabschiedeten sie sich mit guten Wünschen. »Alles okay«, antwortete sie dem Familienvater im Parterre.

Illustration: Steffi Kaiser

Das dreimal geöffnete Tor

17. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine auf den ersten Blick gar nicht adventliche Geschichte – von Ulrich Schacht

Adventskalender, offene Türen: Die Redaktion bat vor etlichen Wochen den Autor Ulrich Schacht um eine kleine Geschichte zum Thema »offene Türen«. Er sandte uns den folgenden Beitrag. Auf den ersten Blick wenig adventlich, oder doch?

Das Foto zeigt zwei Männer im Alter von ungefähr vierzig Jahren. Sie sind dunkel gekleidet und gehen, die Hände am Körper oder auf dem Rücken, fast im Gleichschritt durch ein großes Tor, eingelassen in eine mächtige, braunrote Wand. Das Tor hat keine Flügel. Wenn es geöffnet wird, auf Knopfdruck aus der Torwache, schieben sich dröhnend zwei schwarzgraue Metallwände zur Seite, auf denen rote Warnlampen leuchten. Fast schon eingerastet, sind sie auf dem Foto kaum noch zu sehen. Hinter den Männern aber erhebt sich die Frontseite eines mächtigen Ziegelbaus, dessen Fenster mit Gittern bestückt sind. Eine Inschrift auf hellem Grund sagt unübersehbar, wo sich der Ankömmling befindet. Die beiden Männer scheinen sich, während sie durch das offene Tor schreiten, zu unterhalten; sie lächeln sogar ein wenig, obwohl der Ort nichts ausstrahlt, was einen Menschen lächeln lassen könnte.

Ulrich Schacht (rechts) mit seinem Freund und früheren Mitgefangenen 1990 beim Verlassen der »Strafvollzugseinrichtung« (STVE) in Brandenburg. Foto: Jürgen Ritter

Ulrich Schacht (rechts) mit seinem Freund und früheren Mitgefangenen 1990 beim Verlassen der »Strafvollzugseinrichtung« (STVE) in Brandenburg. Foto: Jürgen Ritter

Das Foto liegt seit einem Vierteljahrhundert in meinem Archiv, manchmal sehe ich es mir an, und wenn es dann vor mir liegt, starre ich auf die beiden Männer, als wären es Fremde. Doch einer der Männer bin ich. Das Tor, das ein Freund und ich auf dem Bild durchschreiten, ist die Schleuse eines großen Gefängnisses, in dem wir beide einmal Gefangene waren, für Jahre, aus politischen Gründen. Als der Staat, der es betrieb, zusammenbrach, schon lange hatten wir ihn da verlassen, wurden wir im Sommer seines Verschwindens eingeladen, es wieder zu besuchen als Begleiter eines hohen Beamten, der es für das Justizministerium des zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz wieder vereinten Landes inspizieren sollte.

Empfangen wurde unsere kleine Delegation vom amtierenden Leiter des Gefängnisses, der schon zum Zeitpunkt unserer Gefangenschaft im Dienst gewesen war. Wir wussten, wer er war, wie wir auch wussten, dass er bald entlassen werden würde. Er wiederum ahnte nicht eine Sekunde, warum wir das eine so genau wussten wie das andere. Beflissen erklärte er nach der Begrüßung dem hohen Beamten und uns, seinen Begleitern, das Gefängnis anhand eines imposanten Modells der Anlage, als wäre es auch für uns etwas Neues. Irgendwann jedoch, wir hatten detailgenau gefragt, auch Namen fielen, begriff er, dass wir mitnichten Gäste waren, denen er etwas erklären musste: »Sie wissen aber gut Bescheid!«, sagte er plötzlich. Lächelnd und ohne ihm etwas abzuverlangen, klärten wir ihn auf.

Fortan übersah er den hohen Beamten fast, versuchte stattdessen, uns jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Einer unserer Wünsche war, noch einmal den Arrestblock halb unter der Erde zu sehen, in dem wir während unserer Zeit in seinem Gefängnis isoliert worden waren. Als wir in die düsteren Zellen starrten, starrte er tief bewegt mit uns in die düsteren Zellen, als sähe er sie zum ersten Mal. Ich glaube, er hat sie tatsächlich zum ersten Mal gesehen: so, mit unseren Augen.

Als wir das Gefängnis wieder verließen, bat ich ihn, das große Tor, hinter dem wir einst für Jahre verschwunden waren, für uns zu schließen und wieder zu öffnen, damit der uns begleitende Fotograf ein Erinnerungsfoto von uns machen könne, wie wir durch dieses Tor in die Freiheit gingen. Aber gerne, sagte der Leiter, das kann ich gut verstehen. Zuvor hatte ich dem Fotografen zugeflüstert, er solle dem Gefängnischef zweimal bedeuten, dass es nichts geworden sei, damit er das Tor dreimal für uns öffnen müsse.

So ist es geschehen, und deshalb sieht man auf dem Foto, das ich seit fünfundzwanzig Jahren in meinem Archiv weiß, die beiden dunkel gekleideten Männern im Alter von ungefähr vierzig Jahren versteckt lächelnd einen Ort verlassen, an dem ihnen einmal das Lächeln ausgetrieben werden sollte. Oder das, was man die Hoffnung nennen könnte.

Ulrich Schacht studierte in Rostock und Erfurt evangelische Theologie, wurde 1973 wegen »staatsfeindlicher Hetze« zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt und 1976 in die Bundesrepublik entlassen. Er lebt heute in Schweden.

Flüchtling, Freund und Fremder, Lichtliebe DU

10. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Gertrud Hanefeld nach Lukas 2 mit 1.Korinther. 13, Vers 13

Grafik von Matthias Klemm; Reproduktion: Christoph Sandig

Grafik von Matthias Klemm; Reproduktion: Christoph Sandig

»Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. so sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern«
Jochen Klepper

Es begab sich zur Zeit der vielen Bildschirme, dass eine Nachricht gesandt wurde, eine Wortschätzung zu organisieren.
Die Wortschätzung geschah zur Zeit der leeren Worte, vollen Straßen, der vergifteten Herzen und Meere, der Überflutungen und Selbstmordanschläge.
Kyrie eleison, Christe eleison, Kyrie eleison.

Und viele Worte machten sich auf: Spaßgesellschaft, Arbeitslosigkeit, Billigangebote, Abschiebehaft …
Auch das alte Wort GLAUBE machte sich auf mit seiner Schwester HOFFNUNG nach Bethlehem zu Palästinensern und Israelis. – Sie sahen Terroranschläge, kamen durch Minenfelder, zerstörte Dörfer, Flüchtlingslager, und verwüstetes Land.
Kyrie eleison, Christe eleison, Kyrie eleison

HOFFNUNG aber erwartete ihr erstes Kind.
Als sie in Bethlehem waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte, und sie gebar LIEBE.

»Dem alle Engel dienen, wird nun ein Kind und Knecht Gott selber ist erschienen zur Sühne für sein Recht«
Jochen Klepper

Und es waren Ausgegrenzte vor der Stadt. Sie hüten ihre Namen und Plätze. Viele fürchten um ihr Leben.
Plötzlich wird ihre Nacht zum Tag, denn ein Engel steht neben ihnen, und Klarheit umflutet sie alle.
Große Furcht befällt sie, doch der Engel spricht zu ihnen: »Fürchtet euch nicht! Ich verkünde Euch große Freude, die allen Menschen widerfahren wird. Denn euch ist heute die LIEBE geboren in Bethlehem.
Findet sie – bei HOFFNUNG und GLAUBE

»Sei mir willkommen edler Gast! Den Sünder nicht verschmähet hast und kommst ins Elend her zu mir; wie soll ich immer danken dir?«
Martin Luther

Du Kind bist geboren im Hungerzelt Angst, wohl zu der halben Nacht, ein Flüchtling, Freund und Fremder, ohne festen Wohnsitz Du.
Doch dein Licht leuchtet weit in alle Zeiten. Es durchströmt auch unsere Nacht.
Lichtliebe DU

»Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron, der uns schenkt seinen ein’gen Sohn. Des freuet sich der Engel Schar und singet uns solch neues Jahr.«

Martin Luther

Maria in Grisaille

3. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Maler Michael Triegel entwarf zum ersten Mal Fenster für eine katholische Kirche

Noch fällt das Licht ungefiltert durch die dreigeteilten Bogenfenster oben im Ost- und Westgiebel der katholischen Kirche in Köthen. Doch das wird die längste Zeit so gewesen sein. In knapp einem Jahr sollen die neuen Fenster eingeweiht werden, mit deren Entwürfen die Pfarrei den Maler Michael Triegel beauftragte. Große Beachtung fand er 2010 mit seinem Porträt von Papst Benedikt XVI. In den Jahren zuvor hatte der in Leipzig ausgebildete Künstler farbenprächtige Gemälde für Kirchen geschaffen, die sich überwiegend an der italienischen Renaissance und des Manierismus orientierten. Mit den Entwürfen für die Fenster betritt der »Papstmaler« nicht nur mit der künstlerischen Technik Neuland, sondern auch mit der Hinwendung zur Grisaille: Die in Grautönen gehaltenen Figuren agieren vor lichtblauem Hintergrund. Triegel geht damit auf den spätklassizistischen Kirchenbau ein, der 2009 restauriert und dabei auf die ursprüngliche Farbfassung zurückgeführt wurde.

Das große Mittelfenster auf der Ostseite zeigt eine Pietà von Michael Triegel. Foto: Heiko Rebsch

Das große Mittelfenster auf der Ostseite zeigt eine Pietà von Michael Triegel. Foto: Heiko Rebsch

Die Kirche ist ein Auftragswerk des herzoglichen Hofbaumeisters Christian Gottfried Heinrich Bandhauer (1790–1837) für das am 24. Oktober 1825 zum Katholizismus konvertierte Fürstenpaar Friedrich Ferdinand von Anhalt-Köthen und seine Frau Julie. Erbaut wurde die Pfarr- und Schlosskirche St. Maria von 1827 bis 1832. Die Schutzpatronin hat nicht nur Einfluss auf das Bildprogramm, sondern auch auf die Farbigkeit: Blau ist in der kirchlichen Überlieferung der Gottesmutter Maria zugeordnet und symbolisiert zudem den Himmel.

Das große Mittelfenster auf der Ostseite zeigt eine Pietà. Maria hält am Fuß des Kreuzes den Leichnam ihres Sohnes auf dem Schoß, mit ihrer linken Hand ergreift sie seinen linken Arm und hält ihn in einer zum Himmel weisenden Geste. Dornenkrone und Nägel liegen ihr zu Füßen. Die kleinen Seitenfenster stellen die Verkündigung – Maria mit dem Reinheitssymbol der Lilie – und die Empfängnis dar: Maria hält ein geschlossenes Buch in der Hand, Hinweis des Künstlers darauf, dass mit der Menschwerdung Christi ein neues Testament beginnt. Auf der Westseite, über der Orgel, ist die Aufnahme Marias in den Himmel dargestellt. Gottvater und Sohn, spiegelbildlich dargestellt und nur durch die Wundmale voneinander zu unterscheiden, krönen Maria mit zwölf Sternen zur Himmelskönigin, die als Symbol ihrer Herrschaft einen Granatapfel hält. Über allem schwebt der Heilige Geist in Gestalt einer Taube. In den Seitenfenstern sind, als Vertreter der der Erlösung bedürftigen Menschheit, Adam und Eva dargestellt. Adam dreht sich hoffend zum Licht. Eva hat den Apfel, das Symbol der menschlichen Schuld, abgelegt.

Die technische Umsetzung der Entwürfe übernimmt die renommierte Glasmalerei Peters aus Paderborn. Unter anderem stammt von ihr die Glasfassade des neuen Technologiezentrums in Halle und das Fensterprogramm in der Apostolischen Nuntiatur in Berlin. In Köthen wird die bisherige Fensterkonstruktion erhalten bleiben. Die Entwürfe Triegels werden auf je eine große, ungeteilte Scheibe übertragen und gebrannt. Kleine zusammengesetzte Glasscheiben wird es in St. Maria nicht geben.

Die Baubegleitung und Planung liegen in Händen des Köthener Ateliers für Architektur und Denkmalpflege (AADe), das unter anderem die Generalsanierung des Gymnasiums Philanthropinum in Dessau übertragen bekam. Den Hauptteil der Gesamtkosten in Höhe von 200 000 Euro tragen die Ostdeutsche Sparkassenstiftung und die Kreissparkasse Anhalt-Bitterfeld. Das Glaskunstprojekt hat die Pfarrei mit der Kunstkommission des Bistums Magdeburg abgestimmt. Eingeweiht werden die Fenster am 24. Oktober 2015.

Angela Stoye

Gottes Wort wird Gestalt

25. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Musik, Gottesdienste, Natur inspirieren die Bildhauerin Petra Arndt aus Volkenroda

Ihr Weg als Künstlerin ist eng mit der Geschichte des Klosters Volkenroda verbunden. Als das kulturelle und spirituelle Leben im Ort aufblühen, beginnt auch Petra Arndts neuer Weg.

Petra Arndts Galerie in Volkenroda in der Nähe des Klosters. Der Raum ist von Musik erfüllt. »Spiegel im Spiegel« des estnischen Komponisten Arvo Pärt. Die gleichmäßige Konstruktion der Töne im Tintinnabuli-Stil hat eine starke Wirkung. Groß, schwermütig, hell. Neben den Skulpturen – Figuren und Köpfe – laden gedeckte Tische zum Verweilen ein. Die Künstlerin führt durch die Galerie, vor der einen und anderen Figur bleibt sie stehen. »Teresa von Avila«, aufrecht sitzend, mit erhobenem Kopf, konzen­triert, ruhig, zuversichtlich, auf Empfang eingestellt. »Nur Gott allein genügt.« Diese Aussage inspirierte die Bildhauerin zu der Bronzeplastik. »Nur Gott allein genügt.« – Lange habe sie sich mit diesem Satz aufgehalten, sagt Petra Arndt. Sie steht vor ihrem Werk, streicht mit der Hand über die Figur, mustert sie eingehend. Ebenso eine Figur des Christus. »Mit dieser bin ich sehr zufrieden«, so das Urteil der Schöpferin. In vielen ihrer Arbeiten hat Gottes Wort Gestalt angenommen. »Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott.« Ein anderer Spruch, der die Künstlerin zu einer Figur anregte. Ein Mädchenkopf mit keck abstehenden Zöpfen, den Blick ebenfalls gen Himmel gerichtet.

Petra Arndt in ihrer Galerie. Foto: Sabine Kuschel

Petra Arndt in ihrer Galerie. Foto: Sabine Kuschel

Petra Arndt wurde 1958 im thüringischen Schlotheim geboren, wird als Kind getauft und konfirmiert. Sie interessiert sich für Kunst, hört viel Musik, fährt zu Konzerten nach Mühlhausen oder Erfurt. »Ich hatte das schon immer in mir«, sagt sie und meint damit das Verlangen nach künstlerischem Ausdruck, es musste jedoch noch die entsprechende Form gefunden werden. Nach der Schule Ausbildung als Wirtschaftskauffrau. Der Glauben liegt in der DDR ad acta.

Ihr Weg als Künstlerin, ihre Auseinandersetzung mit religiösen Themen ist eng verbunden mit der Geschichte des Klosters Volkenroda. Das 1131 gegründete Zisterzienserkloster in der Nähe ihres Geburtsortes führt in der DDR ein erbarmungswürdiges Dasein, die Kirche zerfällt. Volkenroda – ein kleiner langweiliger Ort. Das ändert sich nach der Wende. 1994 erwirbt die Jesus-Bruderschaft Gnadenthal das Kloster Volkenroda, baut es wieder auf und macht daraus ein geistliches Zentrum. Das spirituelle und das kulturelle Leben blühen auf. Gottesdienst, Gebetszeiten, Lesungen, Konzerte, Begegnungen. Petra Arndt ist offen und dankbar für diese Angebote. Viele Menschen kommen hierher. Kultur und Religion gehen zusammen. Bei keiner Veranstaltung fehlt der spirituelle Impuls. Gottes Wort ist immer dabei. Der Geist, der in Volkenroda weht, sie nennt ihn einen philosophischen, erfasst sie. Das intensive geistliche Leben, das Reden und Nachdenken über Gott und Glauben wirkt. Anfangs fällt es ihr schwer, sich darauf einzulassen. Aber sie fühlt sich in dieser Welt des Glaubens aufgehoben und nähert sich ihr immer mehr an. Ihr neuer Weg beginnt.

»Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott.«

Durch Probieren findet sie ihre Ausdrucksform, bevorzugt die Gestaltung mit Ton. Parallel zu den plastischen Arbeiten schreibt sie Gedichte. Schreiben und gestalten – die kreativen Ausdrucksformen wechseln.

Die Titel ihrer Ausstellungen sprechen für sich: »Seelenlust«, »Der Schöpfer hängt im Weidemond«, »Zwischen Zweifel und Gebet«. Bevor das Motto feststeht, unter dem sie ihre Werke präsentiert, bewegt sie ihre Ideen und Gedanken lange im Herzen. »Man weiß nie, wann das Thema kommt«, sagt sie. Ihre Inspirationsquellen sind Musik, Gespräch, Gottesdienst, Natur. Ein innerer Spannungsbogen will aufgebaut werden. Die Idee muss wachsen und reifen – bis zum Augenblick der Geburt.

»Die Kraft des Ursprungs« (Kontinuum der Zeitlosigkeit«) soll das Thema der nächsten Ausstellung 2015 im Kloster Wieprechtshausen sein, ein ehemaliges Zisterzienserkloster aus dem 13. Jahrhundert, in der Nähe von Northeim im südlichen Niedersachsen.

Sabine Kuschel

Wie aus der Zeit gefallen

18. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Christophorus Klimke malt in altmeisterlicher Manier

Christophorus Klimkes Bilder muten im ersten Augenblick ebenso fremd an wie manche seiner Worte. Und berühren doch in einzigartiger Weise die Seele des Betrachters.

Schon der erste Blick auf die Bilder lässt stutzen: Ist hier ein Maler der Renaissance wiedergekehrt, der mit feinstem Pinselstrich, weichen Farbübergängen und großer Detailverliebtheit Landschaften, Architekturen und Figuren in Szene setzt? Anderes in den Werken erinnert wiederum an Caspar David Friedrich und die deutschen Romantiker. Und dann ist da diese warme und aus der Tiefe strahlende Farbigkeit der Bilder …

Christophorus Klimke hat sich vor allem der Malerei mit Eigelbtemperafarbe verschrieben. Eine Technik, die sich besonders zum lasierenden Farbauftrag eignet. Fotos: Harald Krille

Christophorus Klimke hat sich vor allem der Malerei mit Eigelbtemperafarbe verschrieben. Eine Technik, die sich besonders zum lasierenden Farbauftrag eignet. Fotos: Harald Krille

In einer Zeit, in der Kunst oft vor allem auf Krawall und Provokation gebürstet und Gegenständlichkeit verpönt ist, scheinen die Werke des Weimarer Malers Christophorus Klimke geradezu wie aus der Zeit gefallen. Auch seine Worte klingen für einen zeitgenössischen Künstler zumindest ungewöhnlich: Kunst habe eine dienende Funktion. Sie soll »Hilfe für Menschen« sein, »nicht Ideologien vermitteln«. Er spricht von der »sittlichen Aufgabe« eines Künstlers und ermahnt sich und seine Berufsgenossen: »Achtet auf eure Schritte und Hände, was diese in der Kunst und diese in der Schöpfung hervorrufen.«

»Heilwerden von Mensch und Schöpfung«

Er selbst, der Maler wie Michelangelo, Rembrandt und Caspar David Friedrich als Vorbilder nennt, will »Schönheit zeigen« und zum »Heilwerden von Mensch und Schöpfung« beitragen. Und er nimmt kein Blatt vor den Mund, was zu diesem Heilwerden notwendig ist: »Es geht um Umkehr. Wir müssen zurück zu Gott.«

Klimke, 1970 als Sohn eines Kunstmalers in Weimar geboren, übersiedelt 1984 mit seinen Eltern nach Österreich, später nach Crailsheim in Baden-Württemberg. Dort besucht Christophorus Klimke das Gymnasium, will eigentlich Arzt werden und am liebsten später nach Lambaréné in das von Albert Schweitzer gegründete Hospital gehen. Doch eine schwere Krankheit wirft alle Pläne über den Haufen.

Ihre unwiderstehliche Strahlkraft erhalten viele von Christophorus Klimkes Bilder durch die Verwendung von Halbedelsteinen wie dem blauen Lapislazuli oder dem grünen Malachit als Farbpigmente. Zum Beispiel in dem Bild der »Madonna nach Raffael«.

Ihre unwiderstehliche Strahlkraft erhalten viele von Christophorus Klimkes Bilder durch die Verwendung von Halbedelsteinen wie dem blauen Lapislazuli oder dem grünen Malachit als Farbpigmente. Zum Beispiel in dem Bild der »Madonna nach Raffael«.

Trost findet der 19-Jährige in der Bibel, im Glauben an Gott – und in einer neuen Berufsorientierung, ja Berufung, wie er es nennt: Er macht bei seinem Vater eine Ausbildung zum Kunstmaler. Malen, so sagt er, ist für ihn zugleich eine Form der Therapie. Ende 2007 siedelt die Familie nach Ostsachsen, doch 2010 stirbt der Vater. Christophorus Klimke zieht zurück nach Weimar, wird Mitglied im »Kunstverein Hofatelier« im Ortsteil Niedergrunstedt.

Von seinem Vater hat Klimke die heute nur noch selten angewandte Technik des Malens mit Eigelbtemperafarben übernommen. Eine Technik »von innerer Schönheit«, wie er schwärmt. Dazu trägt nicht zuletzt die Verwendung natürlicher Farbpigmente bis hin zu Halbedelsteinen bei, wie sie schon die Meister des Mittelalters benutzen. Während chemisch hergestellt Pigmente immer genau identisch sind, erklärt Klimke, variieren diese natürlichen Mineralstoffe je nach Herkunft im Farbton. Was zugleich »zauberhafte Zwischentöne« ermögliche.

Klimkes derzeitiges Hauptprojekt ist ein dreiteiliges Altarbild. Erste Studien sind fertig, am Ende sollen drei »türgroße Bildtafeln« entstehen. Sein Wunsch ist es, seine religiösen Bilder auch in sakralen Räumen präsentieren zu können. In der Kirche von Oberweimar war kürzlich eine kleine Auswahl zu sehen – und schlug überraschend viele Betrachter in ihren Bann.

Harald Krille

Mit Farben verständigen

12. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Erfurt: »Brückenmaler« knüpfen Kontakte zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten

Fließend soll die Form werden, das gelbe Rund in roter Umgebung, sagt Lehrer Günter Steffenhagen. Er führt den Strich vor, dann übernimmt Beate Wiegand den Pinsel. Es ist gar nicht so einfach. Wo genau geht’s entlang? Noch sind ihre Pinselstriche unsicher. Unter der Anleitung des Lehrers kommt die junge behinderte Frau voran, lernt Schritt für Schritt, die kleine Leinwand zu bearbeiten.

Ausstellungen an mehreren Orten sind geplant

Die Malschule im Christlichen Jugenddorf Erfurt ist ein kleiner spitzwinkliger Raum an der Ecke eines der Gebäude. An den Wänden hängen farbenfrohe Bilder, Abstraktes, Menschengruppen, Häuser, Tiere – bis hinauf zur Decke. Licht strömt durch das hohe Fenster. Die Plätze sind begehrt. Rund 20 Schülerinnen und Schüler leitet Günter Steffenhagen einzeln an drei Tagen in der Woche an.

Günter Steffenhagen leitet seine Schülerin Beate Wiegand an. – Foto: Ines Rein-Brandenburg

Günter Steffenhagen leitet seine Schülerin Beate Wiegand an. – Foto: Ines Rein-Brandenburg

Die Maler sollen und wollen nicht unter sich bleiben. Unter dem Motto »Brückenmaler« werden sie nach draußen gehen, Kontakte knüpfen, ihre Fähigkeiten zeigen. Malen als Kommunikationsmittel. Das Projekt startete Ende September mit einer umfangreichen Bilderausstellung bei den Stadtwerken Arnstadt. Geplant ist weiter, bei und auf Brücken in und um Erfurt zu malen und dabei zu erkunden, welche Hindernisse diese Brücken überwinden, was sie verbinden, welche Orte sie sich erschließen: das Rathaus, eine Schule, einer Gärtnerei oder einen Handwerksbetrieb. Dann wird Gelegenheit sein, mit den Menschen dort Kontakt aufzunehmen, sie einzubeziehen, den Dialog zwischen Nicht-Behinderten und Behinderten anzuregen.

Schließlich haben die Künstlerinnen und Künstler der Malschule den absoluten Laien einige Kenntnisse voraus: Maltechniken, Einsatz von Farben und Materialien, Erfahrung mit Perspektiven und Darstellungsweisen.

Das Bild weckt Interesse, bietet einen Anlass zum Gespräch und lässt Nicht-Behinderte ihre Scheu überwinden, sich auf die andersartigen Menschen einzulassen.

»Sie sind anders, weder besser noch schlechter.« Steffenhagen wird auch Brücken ins Ausland schlagen, eine Zusammenarbeit mit einem niederländischen Künstler wird vorbereitet. Kirchengemeinden bieten Arbeits- und Ausstellungsorte.

Etwas Ähnliches hat die Malschule bereits in der Vergangenheit mit Erfolg erprobt. 2012 bezogen die Maler Besucher des Erfurter ega-Parks ein.

Aus dem vergangenen Jahr, als die Aktion unter dem Titel »Meine Stadt – mein Bild« stand, blieb einem der Beteiligten eine besondere Überraschung im Gedächtnis: Als sie einst vor der Staatskanzlei ihre Staffeleien aufgebaut hatten, spendierte ein Restaurantchef Pizza für alle. Und als das Rathaus in den Fokus der Stadtmaler kam, organisierte Günter Steffenhagen einen Besuch bei Erfurts Oberbürgermeister.

Freude und Optimismus in die Welt bringen

Steffenhagen hatte bis 2006 das CJD Erfurt geleitet, eine Einrichtung, die rund 350 Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen betreut und nach ihren Fähigkeiten eine berufliche Bildung vermittelt. Ergänzende Angebote im Sport, in der Bildung und Kreatives gehören auch laut gesetzlichem Rahmen zum Förderungsprogramm. In seinem Ruhestand will er »die verbleibenden Lebensjahre in die Malschule investieren«.

Einige Jahre Erfahrung als Berufsschullehrer im Kunsthandwerk hatten hierfür die Basis gelegt. Auf diese Weise bringt er Freude und Optimismus in die Welt – für Behinderte und Nicht-Behinderte.

Ines Rein-Brandenburg

Das biblische Wort wird Bild

5. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Der Künstler Moritz Götze gestaltet die Schlosskirche St. Aegidien in Bernburg um

Am Reformationstag wird das Themenjahr »Reformation – Bild und Bibel« eröffnet. Einer, der das biblische Wort in der Schlosskirche in Bernburg Bild werden lässt, ist der Hallenser Maler und Grafiker Moritz Götze.

Am Anfang steht das Wort. Und wenn es nach manchen Theologen ginge, wäre es dabei geblieben. Doch das Wort ist Fleisch geworden und wir konnten seine Herrlichkeit sehen und es sogar anfassen. Genau das legitimiert christliche Kunst.

Am Anfang der Kunst stehen die leere Leinwand, der leere Raum, die leere Kirchenwand und die Frage, womit diese Leere zu füllen ist. Mit Darstellungen des biblischen Wortes natürlich! Doch so selbstverständlich ist dies schon lange nicht mehr. Was ist wirklich wichtig? Heute! Was lenkt die Gedanken richtig? Was lenkt nur ab? Haben wir überhaupt noch Bilder für unseren Glauben oder flüchten wir lieber ins Abstrakte, inszenieren unsere Bildlosigkeit in Beton, Glas und Stahl – wie in den meisten neueren Gotteshäusern?

Moritz Götze. Foto: Sven Baier

Moritz Götze. Foto: Sven Baier

Was muss ein Künstler mitbringen, um einen Kirchenraum zu gestalten? Muss er gläubig sein? Soll er vor allem sein Handwerk verstehen?

Ich glaube, er braucht neben seinem Können vor allem einen ungeahnten Mut. Den Mut nämlich, unsere selbst auferlegte Bildlosigkeit zu überwinden. Denn es ist ein großer Unterschied, ein einzelnes Bild in einen bebilderten Raum einzufügen, ein einzelnes Bild in einen leeren Raum zu stellen oder einen ganzen Raum zu bebildern.

Moritz Götze (Jahrgang 1964) hat diesen Mut – nicht immer, aber im Grunde schon. Nicht um seiner selbst, sondern um der Kunst willen. Er spricht von seinem »Wankelmut« wie von einem gehasst-geliebten Gefährten, der ihn oft plagt und Entscheidungen belastet. Er attestiert sich »bescheidenen Größenwahn« und wer ihn kennt, weiß, dass dies keine bloße Attitude ist.

Moritz liebt Geschichten. Er lebt von Geschichten. Den Geschichten seiner Kindheit. Lebensgeschichten. Gelesenen Geschichten. Erlebten Geschichten. Unglaublichen Geschichten. Guten Geschichten. Moritz sucht Geschichten – und Geschichte. Die Geschichte seiner Stadt: Halle. Und die seiner Landschaft: Mitteldeutschland. Er gibt sogar eine eigene Schriftenreihe heraus, im eigenen Verlag.

Es gibt Geschichten, die sperren sich der Lektüre. Uwe Johnsons »Jahrestage« zum Beispiel – oder die Bibel. Moritz lässt sie sich erzählen. Die Wirkung ist offen. Immer wird man überrascht sein, egal, wie viele seiner Bilder man schon kennt. Alles übersetzt er in »seine Sprache«. Eine verstehbare Sprache. Eine Sprache, die – unerschöpflich – für alles einen Ausdruck findet, selbst für das Nicht-Sagbare.

Mose, gestaltet von Moritz Götze. Foto: Sven Baier

Mose, gestaltet von Moritz Götze. Foto: Sven Baier

Moritz ist ein Sammler, ein Dingsammler. Es gibt kaum ein Ding, das es nicht wert wäre, aufgehoben zu werden. Auch ein Ding hat eine Geschichte, eine Geschichte mit Menschen. Das Aufheben eines Dinges verleiht ihm Würde. Es wird vom Relikt zur Reliquie. Ein Museum wird so zur »Reliquiensammlung«, ist nichts Totes, sondern etwas sehr Lebendiges. Ganz ähnlich der Kirchenraum. Hier werden Dinge inszeniert, Geschichten erinnert, Vergangenes und Gegenwärtiges verbunden, Lebende und Tote. So verbindet der Kirchenraum und das, was hier geschieht, in einzigartiger Weise Sichtbares und Unsichtbares, ist »Bühne« für die Darstellung einer neuen Geschichte. Dies entspricht dem Aufbau seiner Bilder, die er selbst gern als »Bühnenbilder« bezeichnet – und der mitteldeutschen Landschaft: von einer Anhöhe auf einen nur mäßig bewegten Horizont blickend, darüber sehr viel Blau für das Mitgedachte …

Seit vielen Jahren arbeitet Moritz Götze mit Emaille. Er hat diese Technik ständig weiterentwickelt. Emaille ist ein sehr dauerhafter Werkstoff: Auf eine grundierte Stahlplatte wird in mehreren Schichten Farbe aufgetragen, die dann in einem Ofen schmilzt, sich mit dem Stahl verbindet. Sie ist absolut lichtecht und reicht von monochromer Schwere bis zu aquarellhafter Leichtigkeit. Emaille verleiht eine Aura des Kostbaren. Da die einzelnen Platten nur mit dem Untergrund verschraubt werden, bleibt der Baukörper relativ unberührt, die Kirchenwand kann »atmen«. Außerdem kann man es auch einfach wieder »abschrauben, wenn es nicht mehr zeitgemäß ist«, sagt der Künstler mit seinem unvergleichlich freundlichen Au­genaufschlag. Ja, er ist auch ein Menschensammler – beinahe hätte ich »Menschen­fischer« geschrieben.

Sven Baier

Bilder von Gewalt im Namen Gottes

29. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Sie steht verloren am Rand des Speicher B im Wissenschaftshafen Magdeburg: Die Installation der Künstlergruppe WUESTend, hinter der sich Gerrit Heber, Uli Wittstock und Henry Mertens verbergen und die im Rahmen des Kunstfestivals »Olo Bianco« ausstellt. Von der Decke hängen drei Objekte, die an Lampions erinnern. Darunter ein Fernseher und eine weiße Tafel, gebettet auf Holz. Unscheinbar und harmlos. Ein Blick auf den Fernseher aber, in dem in Endlosschleife kurze Videosequenzen abgespielt werden, offenbart Schreckliches: Terror, Krieg, Gewalt. Die Schlachtfelder gleichen sich – egal aus welcher Zeit und von welchem Ort die Bilder stammen.

»Fleischwerdung«. Foto: Stefan Körner

»Fleischwerdung«. Foto: Stefan Körner

Die weiße Tafel klärt auf: Es sind Akte der Gewalt, die im Namen der drei abrahamitischen Religionen verübt wurden. Gezeigt werden die brutalen Schattenseiten von Judentum, Christentum und Islam. Die Installation heißt »Fleischwerdung«. WUESTend wissen um die Zentralstellung des Gedankens der Fleischwerdung Gottes in Jesus Christus. Und sie wissen auch, dass es diese Vorstellung ist, die das Christentum von Islam und Judentum trennt. Sie gehen davon aus, dass alle drei Religionen sich auf einen Gott beziehen und im Namen dieses einen Gottes Waffen segnen und Gewalt verüben. Die Fernsehbilder führen es schmerzhaft und manchmal schwer erträglich vor Augen. Die Endlosschleife, in der sie gezeigt werden, kennt keinen Anfang und kein Ende: Der Kreislauf von Gewalt- und Gegengewalt. Das ist wahr, das tut weh und das wird zu oft verdrängt. Der Titel »Fleischwerdung« suggeriert dabei: So werden Religionen sichtbar, so wird aus religiösen Ideen Fleisch.

Durch die Videos wirken die weißen Objekte über dem Bildschirm plötzlich wie Körper, gehüllt in ein Leichentuch. Aber WUESTend machen es sich zu leicht. In ihrem Begleittext schreiben sie, die Antwort auf diese bedrohliche Lage sei der Atheismus, dem mit der Installation ein Altar erbaut werden soll. Damit bereitet sie einem Vulgäratheismus die Bühne, der alle Religionen auf ihre Schattenseiten reduziert und für alle Übel der Welt verantwortlich macht und dabei so tut, als hätte es nie Verbrechen im Namen des Atheismus gegeben. Die Antwort kann aber nur eine innertheologische sein: die Botschaft der Versöhnung, die alle drei Religionen kennen.

Bei aller Kritik lohnt der Blick auf die Installation, weil sie Fragen provoziert: Ist es die Aufgabe von Kunst, fertige Lösungen für komplexe Probleme anzubieten? Wie repräsentativ ist diese Sicht auf die Religionen, wie weit verbreitet ist sie in der Gesellschaft und wie kann man ihr als Christ begegnen? Und schließlich: Wie bereit sind die Religionen und ihre Anhänger, sich ihren eigenen Schattenseiten auszusetzen, sie auszuhalten. WUESTend machen das Verdrängte sichtbar, wecken damit hohe Erwartungen, an denen sie in der Konsequenz aber scheitern. Eines ist die Installation aber mit Sicherheit: Diskussionswürdig, streitbar und provokant.

Stefan Körner

Bis zum 4. November. Öffnungszeiten: Donnerstag 17.30 bis 23.30 Uhr, Freitag 17.30 bis 5.00 Uhr, Sonnabend 12.00 bis 5.00 Uhr, Sonntag: 12.00 bis 23.30 Uhr


www.kulturanker.de

Hip-Hop im Knast

21. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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»Auf der Welt gibt es keine Gerechtigkeit.« Im Rap, im harten, aggressivem Rhythmus kommt der Frust, die Wut, die Enttäuschung darüber zum Ausdruck. Maximilian »Magma« Debuch beherrscht die Stilelemente der Hip-Hop-Musik, den rhythmischen Sprechgesang und die sparsamen Gesten. Seit 2011 teilt er dieses Wissen mit den Insassen der Jugendstrafanstalt, die seit Juni von Ichtershausen nach Arnstadt-Rudisleben umgezogen ist. Bei einem Diskussionsabend in der Oberkirche in Arnstadt gab Debuch mit einem Video Clip und seinem eigenen Auftritt einen Einblick in die Welt der rhythmischen Text-Musik.

Maximilian Debuch rappt selbst unter dem Künstlernamen »Magma«. – Foto: Ines Rein-Brandenburg

Maximilian Debuch rappt selbst unter dem Künstlernamen »Magma«. – Foto: Ines Rein-Brandenburg

Im Berufsleben Lehrer für Englisch und Sport an der Evangelischen Gemeinschaftsschule in Erfurt, betreut Debuch in seiner Freizeit seit acht Jahren in der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung Thüringen Hip-Hop-Projekte. »Die Gefangenen schreiben ihre Gedanken auf, verarbeiten ihr Leben und auch ihre Taten, geben auch viel von sich selbst preis«, beschrieb er. »Letzte Woche hatten wir den 100. Workshop.« Er hat »einen guten Draht« zu den Jugendlichen. Natürlich nimmt er »eine Sonderrolle« ein: Einer, der von draußen kommt. Einer, dem die Jungs im Knast nicht egal sind. Gemeinsam bearbeiten sie die Texte, müssen sich mit ihrer Aggression auseinandersetzen und darüber diskutieren, welche verbalen Angriffe oder Schimpftiraden sie nicht öffentlich vortragen können.

Anstaltsseelsorger Hosea Heckert ist der Vermittler für solche Außenkontakte. Über ihn kam auch der Arnstädter Künstler Christoph Hodgson dazu: Mit einigen interessierten Insassen praktiziert er an vier Sonnabenden verschiedene künstlerische Methoden: malen, sprayen, Nagelbilder gestalten. Die Gefangenen seien froh über jede Abwechslung. Hodgson war »sehr erstaunt, wie viel Kreativität da rüberkam.

Ines Rein-Brandenburg

In Klein-Berlin steht die Mauer noch

14. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Geschichte: Die innerdeutsche Grenze zerschnitt ein Dorf in Ost und West und trennte Familien


Im Sommer musste die Autorin aus Berlin unfreiwillig wegen einer Autopanne in der Nähe von Mödlareuth Station machen. Dabei lernte sie die Geschichte des Ortes kennen.

»Fahren Sie nach Klein-Berlin«, sagt Klaus Pluskiewitz. Ihm gehört der Autohof Berg nahe der A9 unweit der »Brücke der Einheit« an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Klein-Berlin? Nie gehört! »Die Mauer hat ein ganzes Dorf geteilt. Die Kinder der thüringischen Seite gehen in Schleiz zur Schule, die der bayerischen Seite in Hof.« Ob das stimmt? Wir erfahren es auch später nicht. Aber hin müssen wir, schließlich feiern wir 2014 zum 25. Mal eine Mauer, die es nicht mehr gibt.

In wenigen Minuten sind wir in »Klein-Berlin«. In Oberfranken. Nicht ganz. Das Auto passiert das Ortsschild: »Mödlareuth«. Ein zweites Schild begrüßt uns im Saale-Orla-Kreis. Im Osten. Ein Ende der Straße verlief noch im Westen. Die andere Hälfte der 50-Seelen-Gemeinde auch. Dazwischen liegt der Tannbach, der einst drei Mühlen im Dorf mit Wasser versorgte. 1810 wurden entlang seiner Ufer Grenzmarkierungen gesetzt. Auch später, als das Königreich Bayern und das Fürstentum Reuß Grenzsteine einließen, plätscherte er als Grenzfluss dahin. Unüberwindlich war er nicht: Noch gingen die Familien gemeinsam zur Schule, aufs Feld, in die Kirche und zum Dorffest.

Die stehengebliebene Mauer im Freigelände des Museums. – Fotos: Sibylle Sterzik

Die stehengebliebene Mauer im Freigelände des Museums. – Fotos: Sibylle Sterzik

Bis sich die Alliierten Deutschland teilten. Durch das Londoner Protokoll von 1944 wurde der im Sommer harmlos wirkende Tannbach zur Demarkationslinie zwischen sowjetischer und amerikanischer Besatzungszone. Nachdem die Amerikaner Mödlareuth und den Tannenbach kampflos eingenommen hatten, zogen sie sich in die Grenzen des protokollarisch Verabredeten zurück. Im Juli 1945 marschierten die Sowjets ein und blieben ein Jahr, bis die Amerikaner sie westwärts des Tannbachs zum Abzug drängten. Als 1949 DDR und Bundesrepublik gegründet wurden, schwoll der Bach zur Staatsgrenze an. Noch konnten sich die Dorfbewohnerinnen Lena Zehl und Helga Seidel unbehelligt auf einen Plausch am Bach treffen, aber ab 1952 begann die totale Abriegelung der Dorfhälften.

Erst trennte ein Holzzaun das Dorf, ab 1966 hinderte die Mauer selbst Geschwister wie die Goller-Brüder Kurt (Ost) und Max (West) daran, sich zu sehen. In der DDR war es nicht erlaubt, nach drüben zu grüßen, winken verbot die Polizeiordnung. Gaststätten mussten schließen, Versammlungen genehmigt werden. Die Landwirtschaft wurde reglementiert. Eine Fünf-Kilometer-Sperrzone vor der Grünen Grenze riegelte das Grenzgebiet ab. 500 Meter vor der Mauer gab ein Grenzsignal- und Sperrzaun bei Berührung Alarm. Beobachtungstürme und Suchscheinwerfer spürten jeden auf, später auch Hunde an Laufleinen. Niemand kam mehr ohne Sondergenehmigung und Passierschein ins Grenzgebiet. In zwei Wellen siedelte die DDR »politisch unzuverlässige« Bürger aus – insgesamt 12 000. Oft standen ihre Häuser dem Grenzbau im Wege.

Jahre später: Wir reiben uns die Augen. Die Mauer steht noch. Wenigstens ein Teil. 3,30 Meter hohe Betonsegmente und Streckmetallzäune versperren den Weg. Zwei weiß gestrichene Wachtürme erheben sich drohend über der hügeligen Landidylle. Es scheint, als müsste man jederzeit damit rechnen, dass ein Grenzhund am Laufband auf- und abrennt, ein Scheinwerfer aufleuchtet, eine Lautsprecher-Stimme ertönt: »Halt! Stehen bleiben!« Eine Filmkulisse? Nein, ein originales Museum. Aber gedreht wird hier.

Arndt Schaffner setzt »Mödlareuth« in dem gleichnamigen Dokumentarfilm ein Denkmal, das wütend macht, auch nach 25 Jahren. Zwangsaussiedlung unter dem Decknamen »Ungeziefer« von vier Familien im Grenzgebiet. Einer von der Oberen Mühle gelingt in letzter Minute die Flucht. Mutter und Tochter springen aus dem unteren Stallfenster, Vater und Sohn vom Heuboden. Drüben auf westlicher Seite helfen die Bayern. Während sie fliehen, warten im Innenhof sechs Volkspolizisten, zwei Laster sollen Möbel und Koffer fortschaffen. Sie bemerken nichts. Acht Monate zuvor hat Arno Wurziger seine Mühle fertig saniert. Er lässt sie zurück und springt in die Freiheit.

Vielleicht verfilmen in Mödlareuth auch Filmemacher die DDR, ohne zu ahnen, wie es sich wirklich in dem eingezäunten, heute »Neufünfland« geschimpften Landstrich lebte, der nicht mal das Rentenalter schaffte. Warum es einem heute noch die Tränen in die Augen treibt, wie eine Besucherin ins Gästebuch des Museums schreibt, das im Herbst 1990 auf Initiative von Arndt Schaffner entstand. »Nur wer die Vergangenheit kennt, wird die Gegenwart verstehen«, steht auf dem Hinweisschild am Dorfteich. An einem Streckmetallzaunfeld mit Stacheldraht.

Im Freigelände des Museums darf man dicht an die stehen gebliebene Mauer heran. Kein Schuss fällt. Kein Kübelwagen verfolgt die Grenzverletzer auf dem Kolonnenweg, Fußstapfen im umgepflügten Kontrollstreifen vor der Mauer verraten keinen Republikflüchtigen mehr, der KFZ-Graben bleibt leer. Der Besucher darf auf den Wachturm steigen, durch die niedrige Eisentür in der Mauer schlüpfen, auf dem »vorgelagerten DDR-Hoheitsgebiet« Pa­trouille laufen – die Mauer stand einige Meter vor der Staatsgrenze – oder mit einem Sprung über den Tannengraben »nach Drüben machen«.

Im Museum, früher eine Scheune, läuft der Dokumentarfilm »Mödlareuth«, eine Ausstellung erzählt europäische und Mödlareuther Geschichte vom Kalten Krieg. Auch im Depot sind Ost und West getrennt: rechts die Fahrzeuge der Grenzer Ost, links West. Das Museumsarchiv enthält unzählige Objekte zum Ausleihen.

Am 9. November fiel die Mauer in Berlin. In Mödlareuth blieb sie geschlossen. Die Bewohner gelangten nur über Umwege in den Westen. Erst einen Monat später, am 9. Dezember schlugen DDR-Grenztruppen eine fünf Meter breite Öffnung in die Mauer. Ein provisorischer Grenzübergang entstand nach 37 Jahren Abriegelung. Geöffnet nur von 8 bis 22 Uhr. Bundesbürger kamen mit einem Reisepass durch, DDR-Bürger erhielten einen Visum-Stempel in den Ausweis.

Erst am 17. Juni 1990 fiel hier die Mauer. Bayerische Dorfbewohner zogen mit Fackeln und Kerzen zur Mauer, skandierten: »Die Mauer muss weg.« Die Thüringer schlossen sich ihnen nach einer Gedenkveranstaltung zum Volksaufstand an. Das Weitere ging sehr schnell. Ein Bagger riss die Mauer ein, eine Übergangsstelle wurde eingerichtet und ein Grenzer stempelte unter dem Jubel der Anwesenden Mauerteile. Ein ehemaliger DDR Grenzoffizier empörte sich: »Hier wird Volkseigentum der DDR zerstört.« Auch heute ist das Dorf in zwei Bundesländer geteilt, Ost-Mödlareuth gehört zu Thüringen und West-Mödlareuth zu Bayern. Aber alle leben wieder gemeinsam.

»Little Berlin«, wie die Amerikaner es nannten, das Dorf 300 Kilometer von Berlin und von München entfernt, ist ein Symbol der deutschen Teilung wie Berlin. Mitten im Ort stand eine 700 Meter lange Grenzmauer, nur eine Miniatur angesichts der 1 400 Kilometer »Antifaschistischer Schutzwall« an der innerdeutschen Grenze. Angeblich zum Schutz der DDR-Bürger gegen den vermeintlichen Angriff westlicher Feinde. Feinde, die Brüder oder Schwestern aus demselben Dorf waren und die die Geschichte in unversöhnliche Lager zerteilte.

Nur einem gelang die Flucht. Ein aus dem Dienst entlassener Helfer der Grenztruppen, dem der Passierschein noch nicht abgenommen worden war, fuhr 1973 ungehindert mit seinem Barkas an die Mauer, stellte eine selbst gebaute Metallleiter in die Regenrinne seines Autodaches und überwand den Wall. Ein Postenführer, der ihn vom Wachturm aus bemerkte, richtete zwar den Schweinwerfer auf den Flüchtling, schoss aber nicht. Der Name des Postens ist heute in den Unterlagen der ehemaligen DDR-Untersuchungskommission geschwärzt. Warum eigentlich? In großen Lettern sollte man seinen Namen lesen können.

Im Gasthaus »Zum Grenzgänger« unweit des Museums steht eine »Grenzgängerplatte« auf dem Speiseplan. »Für Leute, die sich nicht entscheiden können.« Etwa Bouletten in Form von Splitterminen? Dazu schenkt die Wirtin Original-Thüringer »Rosen-Bier« aus. Gespeist wird mit Blick auf den Wachturm, in aller Ruhe. Bis vor 25 Jahren durfte sich hier niemand entscheiden. Wenn doch, hatten DDR-Grenzer Befehl, auf ihn zu schießen. Nur wenige widersetzten sich.

Ein Panzer richtet auf dem Parkplatz seine Kanone auf parkende Reisebusse und PKW. Ein russischer T-34, mit dem die Sowjets Thüringen befreiten. Schulklassen verlassen das Drehkreuz am Ausgang. Heckenrosen blühen, der Dorfteich liegt still, der Tannbach plätschert friedlich, als habe es die Todeszone nie gegeben.

Sibylle Sterzik

Deutsch-Deutsches Museum Mödlareuth, Mödlareuth Nr. 13, 95183 Töpen, OT Mödlareuth, Telefon (09295) 1334, E-Mail: info@museum-moedlareuth.de
www.museum-moedlareuth.de

Die Geschichte einer jungen jüdischen Frau

8. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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1966 erhielt der israelische Schriftsteller Samuel Joseph Agnon gemeinsam mit Nelly Sachs den Literaturnobelpreis. Wenig bekannt ist, dass er von 1912 bis 1924 in Deutschland lebte, erst in Berlin, dann in Bad Homburg in der Nähe von Frankfurt/Main.

In Bad Homburg schrieb er die Erzählung »In der Mitte ihres Lebens«, die jetzt erstmalig auf Deutsch erscheint. Es ist die Geschichte einer jungen jüdischen Frau, die trotz aller Bildung, trotz aller selbstbewussten Entscheidungen letztlich doch in den Zwängen ihrer Gesellschaft eingebunden bleibt. Eindrücklich stellt Agnon die Widersprüche dar, zwischen denen das Leben von Tirzia und ihrem Mann Masal abläuft: die Enge und damit zugleich die Wärme des Schtetls, die religiöse Tradition des Judentums und die säkulare, aufgeklärte Welt der Moderne, der nach religiösen Vorschriften geordnete öffentliche Alltag neben dem durch die Aufklärung bis in dieses Schtetl gedrungenen Zweifel. Als Agnon die Erzählung schrieb, war es in der jüdischen Literatur ungewöhnlich, ein Buch konsequent aus der Sicht einer Frau erzählen zu lassen. Was uns heute noch beeindruckt, ist der klare, schnörkellose Stil, der voller Assoziationen vor allem zu biblischen Schriften steckt, ohne dass er damit überfrachtet wäre. Akribische Angaben des Übersetzers und Herausgebers Gerold Necker weisen alle diese Bezüge nach und machen damit die Besonderheit von Agnons Erzählstil deutlich.

Jürgen Israel

Agnon, Samuel Joseph: In der Mitte ihres Lebens, Jüdischer Verlag. 132 S., ISBN 978-3-633-54266-6, 19,95 Euro

Zwerge und Riesen

29. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Theodor Weißenborn

Zeichnung: Martin Max

Zeichnung: Martin Max

Mein Schlaf – wenn nicht gerade ein Düsenjäger übers Haus tobt – ist tief und erholsam. Ruhig schlägt mein Herz, ruhig und tief atmet die Seele. Sie lässt ins Vergessen sinken, was sie beschwert, und holt aus der Tiefe die Bilder hervor, die sie tagsüber begleiten und davon sie sich nährt. Sonne und Mond wenden sich mir zu und wenden sich von mir ab, sie kommen und gehen, wie meine Eltern kamen und gingen, und wenn ich sie gleich nicht sehe, so weiß ich doch: sie sind da.

Einmal war’s anders, wurde mein Vertrauen erschüttert, und wenn ich’s auch verwand – es blieb eine Narbe, die manchmal schmerzt.

Auf dem Kölner Hauptbahnhof war’s – ich war drei Jahre alt oder vier –, da, im Menschengetümmel in der Eingangshalle kam meinem Vater, mit dem ich reiste, in den Sinn, sich mir zu entziehn und sich vor mir zu verstecken, nein, hinter meinem Rücken geschah’s, ohne Ankündigung des Spiels, und was als Scherz gedacht war – mich schlug’s mit Entsetzen. Verloren stand ich urplötzlich im Irrgarten fremder Hosenbeine und Röcke, in einer sternlosen Nacht, war ins Chaos gestoßen, allein – dies war das Grauen: das Fehlen des Sterns, der Richtung, des Sinns. Und wenn auch mein Vater, selbst erschrocken ob der Wirkung seiner Untat, des Geschreis, das sie auslöste, sogleich hinter einer Säule hervortrat und mich in die Arme schloss, ich blieb doch lange verstört, und es bedurfte Tage und Wochen, bis die Wunde, die er geschlagen, sich schloss.

Seither weiß ich, was Ohnmacht und Ortlosigkeit sind, und wenn ich mit einem Kind spreche, sehe ich mich selbst mit seinen Augen und knie nieder, um in gleicher Höhe mit ihm zu sein, denn schon meine Körpergröße angesichts seiner Kleinheit verdrießt mich, und ich denke an einen meiner Lehrer in der Volksschule – er hieß Ernst Raabe, war von athletischer Gestalt, und ich habe ihn geliebt –, der immer dann, wenn er zürnte, den Übeltäter mit beiden Armen aus der Bank hob, vor sich hinhielt und ihm, Aug in Auge, seine Schandtat verwies.

So hatte er, darin erkenne ich heute sein pädagogisches Genie, keine Hand frei, um damit zu schlagen.

Faszination der Kathedralen

24. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Deutsch-französische Ausstellung: Die Geschichte der gotischen Bauwerke

Touristenmagnete und Weltkulturerbe: Gotische Kathedralen begeistern bis heute. Dabei galten sie lange Zeit als geschmacklos.

Die Kathedralen sind voll: Der Kölner Dom und die Pariser Kathedrale Notre Dame gelten jeweils als meistbesuchte Monumente ihres Landes. Etwa 20 000 Menschen kommen im Schnitt täglich in den Kölner Dom. Was ist heute noch so faszinierend an den alten Gemäuern, die längst keine Höhenrekorde mehr brechen? Eine deutsch-französische Ausstellung, die erst in Rouen gezeigt wurde und vom 26. September an in Köln zu sehen ist, geht dem Mythos der Kathedralen nach.

Es war keineswegs immer so, dass Menschen von den großen gotischen Bauwerken fasziniert waren, mit deren Bau ab dem 12. Jahrhundert begonnen worden war. Mehrere Jahrhunderte lang schenkte man ihnen erstaunlich wenig Beachtung. Manche der bedeutenden Kathedralen verfielen immer mehr, niemand kümmerte sich um ihre Restaurierung.

»Die beiden Weltkriege sind in der Geschichte der großen Kathedralen düstere Kapitel«

Erst im 18. Jahrhundert wurden sie von Intellektuellen und Künstlern wiederentdeckt. Johann Wolfgang Goethe (1749–1832) trug maßgeblich dazu bei: Als er nach Straßburg zog, um dort sein Jurastudium zu beenden, zog ihn das Straßburger Münster so sehr in den Bann, dass er die üblichen Vorbehalte gegen die angeblich überladene und barbarische Gotik fallen ließ. Mit seinem Aufsatz »Von Deutscher Baukunst« setzte er dem Baumeister Erwin von Steinbach (gestorben 1318) ein Denkmal.

Notre Dame in Paris, Innenansicht. Foto: epd-bild

Notre Dame in Paris, Innenansicht. Foto: epd-bild

In Goethes Gefolge widmeten sich auch die Maler der deutschen Romantik im 19. Jahrhundert dem Motiv: Caspar David Friedrich (1774–1840) und auch der preußische Baumeister Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) malten Kathedralen, die sie mit Vorliebe in imaginäre Landschaften stellten.

Auf französischer Seite war es der Schriftsteller Victor Hugo, der 1831 mit seinem Monumentalwerk »Der Glöckner von Notre Dame« – im Original schlicht: »Notre Dame de Paris« – einen wahren Vergangenheits-Boom auslöste. Der Erfolg des Romans gab letztlich den Anstoß, die überfällige Restaurierung des Pariser Gotteshauses in Angriff zu nehmen.

Der Auslöser für Victor Hugos Begeisterung für gotische Kathedralen war ein Erlebnis als junger Mann: Der Schriftsteller hatte 1825 an der Krönung von König Karl X. in der gotischen Kathedrale von Reims teilgenommen. Es war der letzte König, der in Reims gekrönt werden sollte. Künftig wurde Notre Dame von Paris zum Schauplatz bedeutender politischer Ereignisse.

Noch bevor Notre Dame restauriert worden war, ließ Napoleon Bonaparte sich dort 1804 zum Kaiser krönen. Die damals noch schäbigen Wände wurden eigens mit Teppichen verhängt. Nach der Befreiung der Stadt Paris von der Nazibesatzung besuchte Charles de Gaulle die Kathedrale und nahm an einer feierlichen Messe teil. Die Glocken von Notre Dame erklangen erstmals wieder seit Kriegsbeginn weit über die ganze Stadt.

Zu den Prachtstücken der Ausstellung zählen zweifellos die Darstellungen der Impressionisten, die sich vor allem für das Lichtspiel auf den Fassaden begeisterten. Claude Monet schuf Ende des 19. Jahrhunderts allein 33 Gemälde von der Kathedrale von Rouen, von denen die meisten die skulpturenreiche Westfassade zeigen. Monet interessierte jedoch nicht die Wiedergabe von Details, sondern vielmehr der faszinierende Wechsel der Farben je nach Tageszeit und Witterung.

Deutschland und Frankreich, die lange Zeit konkurrierenden Nachbarn, versuchten sich auch beim Kathedralenbau gegenseitig zu übertrumpfen: Als die Kathedrale von Rouen nach einem Brand im 19. Jahrhundert renoviert wurde, erhielt sie einen Dachreiter, der sie mit 151 Metern zum höchsten Gebäude der Welt machte. Doch der Status ließ sich nicht lange halten: Wenige Jahre später, 1880, überragte sie der Kölner Dom um sechs Meter – mehr als 600 Jahre nach Baubeginn. Heute hat das Ulmer Münster mit 161,53 Metern den höchsten Kirchturm der Welt.

Die beiden Weltkriege sind auch in der Geschichte der großen Kathedralen düstere Kapitel: Im Ersten Weltkrieg beschossen die Deutschen die Kathedrale von Reims und lösten damit ein Trauma aus, von dem Frankreich sich nur langsam wieder erholte. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs fielen Bomben auf die Kathedrale von Rouen, auch der Kölner Dom wurde durch Bombenangriffe beschädigt.

Die Ausstellung zeigt schließlich noch ein Kuriosum, einen steinernen Königskopf von der Fassade von Notre Dame. Während der Französischen Revolution hatten die Aufständischen die Königsfiguren an der Fassade enthauptet, weil sie davon ausgingen, dass sie die Könige Frankreichs darstellten. Tatsächlich waren es jedoch Bildnisse der biblischen Könige. Teile der abgeschlagenen Köpfe waren in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts überraschend bei Bauarbeiten wiedergefunden worden.

Ulrike Koltermann (epd)

Die Ausstellung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum ist bis 18. Januar 2015 zu sehen.

Wolken in Orange am blauen Himmel

17. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirche und Farbe:  Die künstlerische Umgestaltung der Schlosskirche St. Aegidien in Bernburg

Der diesjährige Tag des offenen Denkmals steht unter dem Motto »Farbe«. Ein Projekt, das Mut zur Farbe beweist, ist die Erneuerung der Schlosskirche in Bernburg.

So schnell wir uns darüber einig werden, dass evangelische Kirche eine »bunte Vielfalt« ist, so wenig selbstverständlich gehört Farbe zu unseren unabdingbaren Vorstellungen eines Kirchenraums. Das hat zweifellos etwas mit der kritischen Haltung einiger Reformatoren zu Bildern in der Kirche zu tun. Das hat sicher auch mit der Nüchternheit evangelischer Liturgie zu tun, die erst in jüngerer Zeit mehr sinnliche Elemente als die Musik akzeptiert. »Farbe« im wörtlichen Sinn, so könnte man zugespitzt sagen, steht eigentlich für »katholisch«.

Violett, weiß, grün und rot können die Behänge für Altar und Kanzel sein. Aber in vielen Gemeinden »geht es auch ohne …« Auf die Spitze getrieben wurde solche Art protestantischer Askese in der Schlosskirche St. Aegidien in Bernburg in den 1960er Jahren. Damals wurde der Ende des 19. Jahrhunderts neugotisch gestaltete Raum nicht nur sämtlicher Ausstattungsstücke und Ausmalung beraubt, sondern sogar die Ostapsis zugemauert. Die ehemalige Hofkirche des Fürstenhauses Anhalt-Bernburg, im 18. Jahrhundert mit Fürstenstuhl und Wappen barock gestaltet, hatte nun noch den Charme eines etwas groß geratenen Gemeindesaals. Die folgenden Jahrzehnte waren davon bestimmt, diese freiwillige »Selbstentblößung«, die bei Gästen Fassungslosigkeit bewirkte und von den damals Beteiligten als eine Art »Jugendsünde« gedeutet wurde, irgendwie zu verdecken.

Erste Szene aus dem Bilderzyklus von Moritz Götze. Fotos: Sven Baier

Erste Szene aus dem Bilderzyklus von Moritz Götze. Fotos: Sven Baier

Mit kleinen Eingriffen war dies nicht zu beheben. Ein Umbau zum Gemeindezentrum wurde erwogen, blieb aber eine interessante Idee. Kontakte zu Künstlern wurden gesucht. Der hallesche Maler, Grafiker und Email- und Objektkünstler Moritz Götze lehnte zunächst dankend ab. Etwa 2007 fuhren 20 Kirchenälteste und interessierte Bernburger in Moritz Götzes Atelier, um Emaille-Arbeiten, die gerade für eine große Ausstellung verpackt wurden, anzusehen. Der Künstler hatte eine erste Skizze vorbereitet: Sehr viel Grün, verteilt über den gesamten Kirchenraum, Vögel, Insekten, Schornsteine – und: einen blauen Sternenhimmel. Die fertigen Emailleplatten waren beeindruckend. Die ungewohnte Farbigkeit, Kunst, die man berühren durfte, die nicht unabänderlich mit der Wand verbunden sein würde und die doch unverwüstlich gegenüber allen klimatischen Unbilden ist.

Zeitgleich plante die Stadt Bernburg einen Schulneubau rings um das Kirchengelände: »Kirche auf dem Schulhof«. Mit der Skizze, einem Modell sowie einem biblischen »Bildprogramm« konnten Förderer gewonnen werden. Schnell zeigte sich, dass die Arbeit im realen Raum Fragen aufwarf, die das Ergebnis dramatisch beeinflussten. So war ursprünglich nur die Ausmalung der Gewölbetonne vorgesehen. Was sollte jedoch mit den waagerechten Flächen zwischen den beziehungslos im Raum stehenden Deckenstützen geschehen? Wenn der Raum eine neue Gestalt bekommen sollte, mussten sie einbezogen werden. Auf Grund alter Fotos entwickelte Moritz Götze die Idee mit den Wolkenflächen. Doch welche Farbe hat ein Sternenhimmel und welche die dazu passenden Wolken? Computersimulationen entstanden und wurden diskutiert. Wolken in Orange übten die stärkste Wirkung aus. Doch gab es so etwas? Tatsächlich, auf vielen barocken Deckenausmalungen waren sie zu finden.

So entsteht das Kunstwerk Schritt für Schritt. In den zurückliegenden Monaten entstand der vor allem alttestamentlich inspirierte Zyklus für die Südwand. Noch in diesem Jahr wird die Nordwand folgen. 2015, im Themenjahr »Bibel und Bild«, sollen beide durch die Altarwand miteinander verbunden werden. Zuletzt wird ein neuer Altartisch hergestellt werden.

Für manches Gemeindeglied scheiden sich an der Farbe noch immer die Geister. Doch in einer Kleinstadt mit vier evangelischen Kirchen sollte so viel »Buntheit« möglich sein.

Sven Baier

Der Autor ist Pfarrer in Bernburg

Das Undarstellbare sichtbar machen

9. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Unter dem Motto »Glaube und Erfahrung. Christlicher Glaube ist erfahrbar« ist in der Weimarer Stadtkirche zum vierten Mal ein Förderpreis für Studierende vergeben worden.

Für seine Arbeit »Undarstellbar – Visuelle Gedanken zu Gott« ist Johannes Schöps aus Zwickau am 25. August mit dem Herder-Förderpreis ausgezeichnet worden, den der Evangelisch-Lutherische Kirchenkreis Weimar, das Sophien- und Hufelandklinikum Weimar und die Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein am Geburtstag des einstigen Weimarer Generalsuper­intendenten Johann Gottfried Herder (1744 –1803) auf ihrem Jahresempfang vergeben. Er ist mit 2 000 Euro dotiert und würdigt Beiträge, die in den Bereichen Literatur, Pädagogik, Musik, Architektur, Kunst, Geschichte, Philosophie oder Theologie den Zusammenhang von menschlicher Erfahrung und christlichem Glauben erhellen und originell beleuchten. Der 24-jährige Preisträger belegt derzeit den Master-Studiengang »Visuelle Kommunikation« an der Bauhaus-Universität Weimar.

In seiner Laudatio ging Lorenz Engell, Professor für Medienphilosophie an der Bauhaus-Universität, darauf ein, dass sich der junge Künstler einem Thema zugewandt habe, das mit dem jüdisch-christlichen Bilderverbot im 2. Buch Mose in unmittelbarem Zusammenhang stehe. Um zugleich darauf zu verweisen, dass »ausgerechnet die Hüterin der Gebote, die Kirche, unendlich viele Bildwerke in Auftrag gegeben« habe und sie bis heute stolz in ihren Kathedralen und Museen zeige, »die dieses Gebot in klarer und krasser Weise zu verletzen scheinen«.

Für seine »Visuellen Gedanken zu Gott« erhielt Johannes Schöps den Herder-Förderpreis. Foto: Johannes Schöps

Für seine »Visuellen Gedanken zu Gott« erhielt Johannes Schöps den Herder-Förderpreis. Foto: Johannes Schöps

In einer der Arbeiten, aus denen der preisgekrönte Gesamtzyklus besteht, werden Vater, Sohn und Heiliger Geist dargestellt (Foto), »und zwar als Lampe – sie steht für den Vater: Es werde Licht, sagt der Schöpfergott; als Waffeleisen – es steht für den Sohn: Er nahm das Brot, dankte, gab ihnen das und sprach: das ist mein Leib; als Ventilator – er steht für den Geist: Ein großes Brausen erhob sich am Pfingsttag«, interpretiert der Hochschullehrer die drei gezeigten Objekte.

Im Gespräch erläuterte der junge Künstler: »Ich möchte niemandem ein bestimmtes Gottesbild vermitteln. Jedes meiner Bilder ist verschieden, weil jeder ein anderes Bild von Gott hat, je nachdem, was man erlebt hat, wie man glaubt und geprägt ist. Meine Motive bilden Gott nicht ab, aber sie erzählen etwas über ihn. Der Betrachter bekommt hier also ein ›Gottesbild‹ vorgesetzt und kann für sich entscheiden, ob das etwas mit dem Bild zu tun hat, das er von Gott hat. Ist Gott für mich wie eine Lampe, die Licht spendet? Gebe ich Jesu Liebe weiter, wenn ich mit anderen gemeinsam Brot aus dem Sandwichmaker esse? Spüre ich den Heiligen Geist wie Wind vom Ventilator?«

Johannes Schöps ist in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen. In seinen Teenagerjahren hätten ihn die Junge Gemeinde und der CVJM Zwickau geprägt. Dort begannen auch seine ersten Gestaltungsversuche, als er gefragt wurde, ob er die JG-Seite im Kirchenboten entwerfen könne. Das ist inzwischen 10 Jahre her.

Auf die Frage, ob der Glaube an oder die Nähe zu Gott ein zentrales Thema seines Schaffens bilde, antwortet er: »Nicht jedes Projekt muss etwas mit dem Glauben zu tun haben, aber ich möchte bei dem, was ich gestalte, schon meine Grundsätze behalten. So würde ich zum Beispiel nicht für einen Auftraggeber arbeiten wollen, der seine Angestellten ausbeutet. Oder Werbung für Genmais macht. Das ist sicherlich nicht immer einfach, aber prinzipiell möchte ich meine Fähigkeiten für ›gute‹ Dinge einsetzen, die Menschen helfen oder einfach schön sind. Nähe zu Gott finde ich beim Fotografieren von Natur und Landschaft. Da denke ich oft, wie ausgeklügelt die Schöpfung ist und dass dahinter ein Schöpfer stecken muss.«

Auf der Internetseite des Preisträgers sind weitere Motive zu sehen.

Michael von Hintzenstern

www.undarstellbar.de

Hofkultur August von Sachsens

2. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

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Halles Moritzburg als Schatzkammer des 17. Jahrhunderts

Es scheint so, als ob sich das Mädchen auf dem Ölgemälde schon seiner Herkunft bewusst war. Nahezu würdevoll blickt Sophia von Sachsen-Halle (1654–1724) auf den Betrachter. Das Porträt der dritten Tochter von Herzog August gehört zu den besonderen Stücken der Ausstellung »Im Land der Palme«, die bis zum 2. November dieses Jahres in der Moritzburg Halle gezeigt wird. »Durch unsere Recherchen im Internet für die Exposition haben wir das Bild entdeckt«, berichtet Kurator Ulf Dräger. Es gehöre heute zum Bestand der Fundación Yannick y Ben Jakober auf Mallorca.

Ein besonderes Ausstellungsstück: Prinzessin Sophia von Sachsen-Halle als Kleinkind. Das Bild entstand um 1655/1656. Foto: Lutherthemendienst Sachsen-Anhalt

Ein besonderes Ausstellungsstück: Prinzessin Sophia von Sachsen-Halle als Kleinkind. Das Bild entstand um 1655/1656. Foto: Lutherthemendienst Sachsen-Anhalt

Knapp 400 Exponate im Kunstmuseum des Landes Sachsen-Anhalt geben einen Einblick in eine bislang weitgehend kaum beachtete Epoche in der Geschichte der Saalestadt und des Landes Sachsen-Anhalt. Der 400. Geburtstag August von Sachsens (1614 bis 1680), des letzten Administrators des Erzstifts Magdeburg, ist Anlass, sie in den Blick der Öffentlichkeit zu rücken. Erzählt wird die Geschichte von Krieg und Frieden im Jahrhundert nach der Reformation. Es war eine Zeit der unerbittlichen konfessionellen Auseinandersetzungen zwischen Katholizismus und Protestantismus. Trotz der gewaltigen Schäden, die der Dreißigjährige Krieg hinterlassen hatte, gelang es Herzog August, in Halle eine blühende barocke Hofkultur zu etablieren. Die Auswirkungen der Reformation prägten diese Epoche, in der August von Sachsen seinen Platz suchte.

Fast symbolhaft für diese Entwicklung steht ein lebensgroßes Gemälde August von Sachsens vor seiner halleschen Residenz. Annähernd 200 Jahre stand es mehr oder weniger unbeachtet im Depot, nachdem die prächtige Darstellung aus dem Weißenfelser Schloss, dem Wohnsitz des Sohnes des Kurfürsten Johann Georg I., nach Potsdam gebracht worden war. Die Wiederentdeckung zahlt sich für Sachsen-Anhalt doppelt aus. Nach einer umfassenden Restaurierung, unter anderem mit Mitteln des Kunstmuseums und der Stadt Weißenfels, stellt es die Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten als Dauerleihgabe zur Verfügung. Nach der Ausstellung »Im Land der Palme« soll es in das Schloss Weißenfels zurückkehren.

Die Schau holt eine vergangene Epoche an einen authentischen Ort zurück, der sich einst durchaus mit dem höfischen Leben in Dresden vergleichen konnte. August, der die Künste liebte, ließ beispielsweise in der Oper und in einem speziell errichteten Komödienhaus in Halle mehr als 30 deutsche Opern aufführen. Er prägte letztlich eine eigene kulturelle Ära zwischen Frühbarock und Aufklärung.

Diese spannende Zeit im Umbruch lässt die Ausstellung lebendig werden. Sie will auch Verständnis für das Land Sachsen-Anhalt und dessen Identität wecken.

(mkz)

Öffnungszeiten »Im Land der Palme«: täglich 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr
Der Dom ist täglich von 12 bis 18 Uhr zugänglich.

www.kunstmuseum-moritzburg.de

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