Fegefeuer und Paradies zugleich
21. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion
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200. Geburtstag: Richard Wagner – Für seine Musik vergöttert, für seine theoretischen Schriften verteufelt
An Richard Wagner scheiden sich die Geister wie an keinem anderen Künstler – und das seit mehr als anderthalb Jahrhunderten. Vor 200 Jahren, am 22. Mai 1813, wurde Wagner in Leipzig geboren.
Wer sich dem Phänomen Wagner nähern will, betritt gefährliches Gelände. Wagners Welten: Das ist emotionaler Treibsand, ideologischer Irrgarten, musikalische Hypnose, Fegefeuer und Paradies zugleich. Kein Wunder, dass Wagner bis heute so stark polarisiert wie keine zweite Figur der Kulturgeschichte: für seine Musik geradezu vergöttert, für seine theoretischen Schriften verteufelt. Ein Genie mit, vorsichtig formuliert, fragwürdigem Charakter und stets an der Schwelle zum Größenwahn. Sein Ausspruch »Die Welt ist mir schuldig, was ich brauche!«, überliefert von seiner Bekannten Eliza Wille, wurde zum geflügelten Wort.
Der ständig am finanziellen Abgrund balancierende Künstler fand in Bayerns schwärmerischem »Märchenkönig« Ludwig II. den einflussreichen Gönner, der ihm nicht nur einen luxuriösen Lebensstil finanzierte, sondern letztlich auch den Traum des Bayreuther Festspielhauses verwirklichen half, das ausschließlich für die Aufführung von Wagners Opern errichtet wurde. Und die Chronik des Wagner-Clans liest sich – nicht nur, aber in exemplarischer Weise – durch die einzigartige familiäre Beziehung zu Adolf Hitler geradezu wie ein Lehrstück deutscher Geschichte.
Sich im wagnerschen Spinnennetz, gewebt aus nordischer Mythologie, kompositorischen Grenzüberschreitungen, moralischen Wechselbädern und religiös-philosophischen Gedankenkonstruktionen, nicht zu verheddern, ist eine Kunst für sich. Allerdings lässt sich auch in diesem Netz so etwas wie ein roter Faden finden, der sich vor allem mit zwei Begriffen verknüpft: Erlösung und Mitleid.
In nahezu allen großen Opern Wagners geht es um »Erlösung«, um ein Opfer, das für ein höheres Ziel gebracht wird. 1882, ein Jahr vor seinem Tod, teilt Wagner mit dem »Bühnenweihfestspiel« Parsifal seine Heilsbotschaft für die Menschheit mit: Die aufrichtige Anteilnahme am Schicksal anderer Menschen (»durch Mitleid wissend«) ist Voraussetzung für eine »entsündigte« und vom Bösen befreite menschliche Gemeinschaft.
Diese Befreiung schien Wagner bitter nötig. Er war Zeitzeuge, wie sich Mitteleuropa durch die industrielle Revolution auf den Weg in den Kapitalismus begab, wie die schlesischen Weber 1844 einen blutig niedergeschlagenen Aufstand gegen die wachsenden Textilfabriken unternahmen, war 1849 in Dresden persönlich Beteiligter bei revolutionären Straßenkämpfen (weshalb er steckbrieflich gesucht wurde und in die Schweiz flüchtete). Und nach dem deutsch-französischen Krieg erlebte er die Gründung des Deutschen Reichs mit – Kaiser Wilhelm I. sollte 1876 einer der Ehrengäste bei der Eröffnung der ersten Bayreuther Festspiele sein.
Vor dem Hintergrund solcher unruhigen Zeiten, die alte Werte fundamental erschütterten, war es wohl kein Zufall, dass Wagner mit den Themen Erlösung und Mitleid zwei zentrale Begriffe der christlichen Lehre in den Mittelpunkt stellte – nicht nur in seinen Bühnenwerken, auch in vielen seiner philosophischen Aufsätze. Zeitlebens hatte er sich an der christlichen Religion, ihren Symbolen und ihren Ritualen buchstäblich abgearbeitet, sie infrage gestellt.
Mithilfe der Kunst – und damit meinte Wagner vorrangig die Oper und die von ihm geschaffene Form des »Gesamtkunstwerks« – könne so etwas wie eine Reformation des Christentums stattfinden, das er durch die in ihren Strukturen erstarrten Kirchen am Rand der Dekadenz sah. Und er war sogar bereit, die von ihm oft und übel beschimpften Juden auf diesem Weg mitzunehmen – wenn sie sich christlich taufen lassen würden.
Hartnäckig hält sich die These, Wagner habe mit seinem »Bühnenweihfestspiel« Parsifal den Grundstock für eine eigene, neue »Kunstreligion« legen wollen, und das Festspielhaus in Bayreuth als dessen Tempel errichtet. Nun erwartet sich eine bestimmte Spezies unter den Wagnerianern in einer Parsifal-Aufführung in Bayreuth tatsächlich ein seelisches Hochgefühl, das einem Pontifikalamt als spiritueller Höhepunkt einer Wallfahrt vergleichbar sein könnte. Und Szenen wie das »Liebesmahl« der Gralsritter mit seinen ausgiebigen Parallelen zur (evangelischen) Abendmahlsfeier bedienen diese Sehnsucht auf den ersten Blick nur allzu offensichtlich. Wagner hatte die katholische Praxis als »Verwandlung des Abendmahles zur Theater-Vorstellung der Messe« verabscheut, wie Gattin Cosima in ihren Tagebüchern protokollierte; die Tochter des Klaviervirtuosen und katholischen Abbés Franz Liszt konvertierte übrigens 1872 zum lutherischen Glauben.
Der Marburger Theologieprofessor Peter Steinacker, von 1993 bis 2008 Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, kommt in seinem Buch »Richard Wagner und die Religion« zu dem Schluss, dass der Schöpfer des Parsifal mit diesem Werk »wirklich eine neue Religion mit Ritus, Kultus und Mythos gründen wollte«. Ein Indiz: Die Titelfigur Parsifal zeige vorbildhaft den Weg in eine Nachfolge, »nämlich die moralische Verpflichtung zu Askese und Mitleid, analog zur Religion Jesu«. Jan Rohls, evangelischer Theologieprofessor in München, sieht das anders. Wagner habe den »Geist des Christentums« durchaus positiv gedeutet, jedoch als ein Christentum »jenseits der Konfessionen, Dogmen und Kirchen«. Dabei habe sich Wagner zwar mit einer gewissen Distanz, doch sehr bewusst als Protestant gefühlt, wie er auch laut Rohls den Parsifal »keineswegs als katholisierend, sondern als durch und durch protestantisch« empfunden habe.
Der Tod des Komponisten 1883 in Venedig war für die internationale Wagner-Gemeinde der Beginn einer kaum zu fassenden »Heiligenverehrung«. Während sich die Karikaturisten wenig pietätvoll den Einzug Wagners in den Musikhimmel ausmalten, arbeitete in Bayreuth ein eingeschworener Zirkel von Getreuen um die Witwe Cosima und Hans von Wolzogen, Herausgeber der »Bayreuther Blätter«, eifrig an einem Wagner-Denkmal, für das sie die Maßstäbe vorgaben.
Der »Bayreuther Kreis« sicherte sich derweil die Meinungshoheit darüber, wie die Öffentlichkeit Wagners Werk korrekt zu deuten habe. Dabei zementierten Wolzogen und seine Mitstreiter auch die völkischen Theorien und den Antisemitismus in Wagners Schriften als sakrosankte Wahrheiten und legten unter anderem damit einen Stein für das ideologische Fundament des aufkeimenden Nationalsozialismus.
Was dann kam, hatte mit Wagners Idee der Erlösung nichts mehr zu tun.
Wolfgang Lammel
Bonhoeffer auf der Opernbühne
13. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion
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Premiere: Eine vom Deutschen Evangelischen Kirchentag in Auftrag gegebene Oper wurde in Hamburg uraufgeführt
Die Oper »Vom Ende der Unschuld« ist ein Gleichnis mit Motiven aus dem Leben des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer.
Dass Kunst und Kirche noch immer und seit Langem ein spannungsvolles Verhältnis zueinander haben, mag im Alltag zutreffen. Beim Deutschen Evangelischen Kirchentag (DEKT) im Hamburg jedoch war davon nichts zu spüren. Im Gegenteil: Es gibt kaum einen Ort, wo Kunst und Kirche so versöhnt miteinander umgehen wie auf Kirchentagen. Nirgendwo tritt so klar zutage, dass Kunst und Kirche aufeinander angewiesen sind. Viele Konzerte verschiedener Gruppen führen ein Eigenleben auf dem Kirchentag, mit einem begeisterten Publikum. Was wären Andachten und Gottesdienste ohne musikalische Ausgestaltung durch Solisten und Bands. Rock, Pop und Klassik – auf dem Christentreffen sind auch die modernen Stilrichtungen herzlich willkommen. Die vielen Botschaften, die Kirchentag vermitteln will – er könnte es kaum, würde er sich nicht vieler Genres bedienen: Theaterstücke, Filme, Bilder, Videos.

Szene in der Kirchentagsoper »Vom Ende der Unschuld«. Ferdinand von Bothmer als Heman (Mitte) und Krzysztof Szumanski als Drako (re.). Foto: epd-bild
Überdies überraschte in Hamburg in punkto Kunst etwas, was es bisher noch nicht gab: eine eigens für den Kirchentag in Auftrag gegebene Oper. Der Deutsche Evangelische Kirchentag hat damit Neuland betreten, indem er – die Idee stammt von Kirchentagspräsident Gerhard Robbers – »Vom Ende der Unschuld« in Auftrag gab. Die Oper über Dietrich Bonhoeffer (1906 bis 1945) entstand unter der Regie von Kirsten Harms, ehemalige Intendantin der Deutschen Oper in Berlin. Komponist ist Stephan Pfeiffer, Jahrgang 1985, den Text verfassten Theresita Colloredo und David Gravenhurst.
Bonhoeffer – ein Opernheld? Wenn in der evangelischen Kirche Heilige verehrt würden, wäre er vielleicht ein Anwärter. Der Theologe leistete gegen die Nationalsozialisten Widerstand und wurde deshalb kurz vor Kriegsende am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg ermordet. Er gehört in der evangelischen Kirche zu den Vorzeigefiguren, ist in den verschiedenen christlichen »Fraktionen« unumstritten konsensfähig. Aber eine Figur für die Oper?
Wer sich am 2. Mai auf den Weg machte in die ehemalige Fabrikhalle Kampnagel – die 1865 gegründete Maschinenbaufabrik ist heute Aufführungsort für zeitgenössische darstellende Kunst –, war gespannt auf die Uraufführung.
Auf der Bühne sitzen verteilt zwischen dem Orchester Chormitglieder, auf ihrem Schoß Decken, die sie auseinanderfalten und über den Kopf ziehen. »Herr, wir rufen zu dir, komme und eile zu uns, wir warten auf dich!«, klingt es durch die große Halle.
Die Oper gestaltet das Leben Dietrich Bonhoeffers nicht nach, sondern verdichtet das Zeitgeschehen in Anlehnung an dessen Biografie zu einer Familiengeschichte.
Ein landwirtschaftliches Unternehmen ist infolge von Trockenheit in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Angathea, die verwitwete Gutsherrin, sorgt sich um den Hof und um ihre Tochter Germa, die Erbin des Betriebes. Germas Bruder ist Heman; die Figur bildet Bonhoeffer nach. Die Geschwister haben ein inniges Verhältnis. Das ändert sich, nachdem Drako, ein entfernter Verwandter, auf dem Hof erscheint und einen Ausweg aus der Not verspricht. Er schlägt vor, eine Staumauer zu bauen und den Nachbarn das Wasser abzuschneiden – ein Vorhaben, das Heman als verantwortungs- und rücksichtlos ablehnt. Seine Schwester Germa verliebt sich in Drako.
Der Staudamm wird gebaut, und tatsächlich erlebt der Betrieb einen wirtschaftlichen Aufschwung. Mit Drako ziehen technische Erneuerungen ein, mehr und mehr übernimmt der zukünftige Schwiegersohn die Verantwortung für das Familienunternehmen. Heman sieht den Untergang des Hofes voraus. Er will seiner Schwester die Augen öffnen, doch er steht allein inmitten einer Gesellschaft, die dem neuen Heilsbringer begeistert zujubelt. Nur Mete, die Köchin, tritt in Opposition zu den herrschenden Verhältnissen.
Bald wird Hochzeit gefeiert. Als einige Knechte Jagd auf einen Schäfer machen, der wegen eines belanglosen Delikts einer grotesk unangemessenen Strafe zugeführt werden soll, bezieht Heman öffentlich Position gegen seine Schwester. Er wird vom Hof gewiesen.
Unter Drako entsteht eine Schreckensherrschaft, geprägt von Tyrannei, Misstrauen und Willkür. In dieser Situation kehrt Heman unerwartet und in friedlicher Absicht zurück. Er will nicht tatenlos zusehen, wie das Familienunternehmen in den Abgrund stürzt. Die Nachbarn haben sich gegen Drako verschworen und wollen den Staudamm sprengen. Heman entschließt sich entgegen seiner christlichen Überzeugung zur Gewalt, um den Hof zu retten.
Als Drako erscheint, schießt er auf ihn. Aber die Kugeln töten Drako nicht. Höhnisch lachend lässt er Heman abführen. Gefesselt verbringt dieser die Nacht, sein Ende vor Augen, hoffend auf die Versöhnung mit Gott. Am frühen Morgen bricht die Katastrophe herein. Der Staudamm wird gesprengt, die Fluten reißen alles mit sich.
Die Handlung, die die Biografie Bonhoeffers verarbeitet, befremdet einerseits. Zugleich stellt die Oper überzeugend und anrührend dar, wie der Theologe aus seinem christlichen Glauben Kraft zum Widerstehen empfängt.
Das letzte Bild – Heman kurz vor seinem Tod, andächtig im Gebet und in Ergebenheit gegenüber Gott – erinnert an die Kreuzigung Jesu. Während die Transformation des Geschehens in eine Familiengeschichte nicht überzeugt, tut dies umso mehr die musikalische Umsetzung. Der Komponist Stefphan Pfeiffer, der sich als Anti-Avantgardist versteht, schöpft aus verschiedenen Musikepochen, verknüpft alte und neue Stilrichtungen miteinander. Zu hören sind Psalmenklänge, Gregorianik, Anklänge an Gustav Mahler und Dmitri Schostakowitsch, Kinderlieder und Marschmusik.
Die Darsteller und Musiker wurden für ihre brillanten Leistungen vom Publikum mit viel Applaus und stehenden Ovationen bedacht.
Sabine Kuschel
Der Musikant vom Kirchentag
2. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion
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Seit Jahrzehnten prägt Fritz Baltruweit die Musik der Christentreffen
Er ist der Mann mit der Gitarre. Wenn abends die Besucher des Deutschen Evangelischen Kirchentags zum Nachtgebet mit Kerzen vor einer Bühne stehen, stimmt der Hannoversche Pastor Fritz Baltruweit die Lieder an. »Gott gab uns Atem, damit wir leben« oder auch »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes« – einige der bekanntesten Kirchentagslieder stammen aus seiner Feder. Fritz Baltruweit ist Kirchentag, und das schon seit Jahrzehnten.
»Rechnet man alle Kirchentage zusammen, an denen ich teilgenommen habe, ist das jetzt der 25.«, sagt er, »die DDR-Kirchentage eingeschlossen.« 1977 in Berlin hat er erstmals als junger Liederdichter ein Christentreffen begleitet. »Damals hatten wir ein Konzert im Sommergarten unter dem Berliner Funkturm und einen Auftritt in der Deutschlandhalle«, erinnert sich der Mann mit der weißen Künstlerfrisur. Und eines seiner Lieder von damals, »Wo ein Mensch Vertrauen gibt«, hat es heute in unzählige kirchliche Gesangbücher geschafft. Denn bei Kirchentagen wird viel gesungen: Zu Beginn der morgendlichen Bibelarbeiten ebenso wie bei Gottesdiensten und Andachten, oder auch beim »Offenen Singen«, zu dem sich Kirchentagsbesucher mit ihren Gesangbüchern in der Mittagspause des Christentreffens versammeln.
Und die eingängigen, einfach zu singenden Lieder des Christentreffens nehmen Pfarrer und Ehrenamtliche dann gerne mit in ihre heimatlichen Gottesdienste. »Es braucht eben in der Kirche auch Lieder, die jeder singen kann«, sagt Baltruweit. Seine Lieder erinnern eher an deutschen Schlager oder an Liedermacher wie Reinhard May. »Viele engagierte Kirchenmitglieder hören privat keine Klassik, sie finden deutschen Schlager toll. Für diese Menschen wird in der oft auf Hochkultur, auf Johann Sebastian Bach und schwere Orgelkonzerte setzenden Kirchenmusik viel zu wenig gemacht.« Baltruweit ist da das personifizierte Gegenprogramm – und hat sich damit durchgesetzt.
Selbst bei den Vollversammlungen des Lutherischen Weltbundes, der weltweiten Dachorganisation lutherischer Christen, stand er für die liturgische Ausgestaltung der Gottesdienste. Und auch hinter dem Eisernen Vorhang trat er auf: Als in den 1980-er Jahren in der DDR die Kirchentage zum Sammelbecken der Bürgerrechtsbewegung wurden, waren Baltruweit und seine Studiogruppe zu Gast bei den Christentreffen. »Ich erinnere mich noch an Wittenberg, wo die Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet wurden«, sagt der Liedermacher. Doch damit dieser kirchenhistorische Moment zu Stande kommen konnte, brauchte es die Hilfe der Musiker aus dem Westen. »Wir waren damals kurzfristig für Gerhard Schöne eingesprungen, und hatten unsere Instrumente in einem VW-Bus dabei«, erzählt Baltruweit. »Mit dem haben wir dann den Amboß von einem befreundeten Schmied geholt – für einen Trabbi war der schlicht zu schwer.«
»Es fasziniert mich immer wieder, welche Klänge sich entwickeln, wenn tausend oder fünftausend Menschen gemeinsam singen«, sagt der Liedermacher. So etwas gebe es nur beim Kirchentag. »Und manchmal wird man von der Schönheit fast besoffen, wenn eine ganze Messehalle singt und akustisch fast schon abhebt.« Das Liedgut der Kirchentage habe sich dabei durchaus verändert: Auch in den 70er Jahren gab es Liederwerkstätten, und neue Lieder – heute aber wird bei Kirchentagen auch gerappt und im Liederbuch gibt es sogar einen Shanty. »Die Bandbreite ist größer geworden.« Nur der Pastor aus Hannover blieb eine Konstante im Programm des Kirchentags.
Benjamin Lassiwe
Fritz Baltruweit ist beim Kirchentag in Hamburg unter anderem beim »Kirchentags-Lieder-Bogen« am 2. Mai, beim Bonhoeffer-Forum und beim Feierabendmahl mit dem Grünen-Politiker Volker Beck am 3. Mai sowie bei einer »Feier für werdende Eltern und Familien« am 4. Mai zu hören. Zudem spielt er mit seiner Band vom 2. bis zum 4. Mai jeweils um 22 Uhr beim Nachtgebet auf der Bühne am Rathausplatz.
Schätze finden und heben
30. April 2013 von Gemeinsame Redaktion
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Porträt: Jascha Nemtsov, Lehrstuhlinhaber des ersten Lehrstuhls für Geschichte der jüdischen Musik in Europa
Mit dem neuen Lehrstuhl wird Weimar Teil des Zentrums für jüdische Studien Berlin-Brandenburg, wo Rabbiner und Kantoren ausgebildet werden. Jascha Nemtsov hielt in Weimar seine Antrittsvorlesung.
Jascha Nemtsov spricht mit einem verhaltenen Lächeln über seinen Geburtsort. Magadan in Sibirien entstand 1929 zunächst als Zwangsarbeitslager für Häftlinge, die von Wladiwostok per Schiff eintrafen. Hier war Jascha Nemtsovs Vater ein Gulag-Häftling und an diesem Ort wurde er 1963 geboren, wie er selbst sagt, in einem Gefängniskrankenhaus, weil es keine andere Klinik gab.

Jascha Nemtsov hat sich gleichermaßen als Solist und hervorragender Kammermusiker einen Namen gemacht. Foto: Victor Virtus
Der Pianist und Musikwissenschaftler hielt am 11. April seine Antrittsvorlesung an der Weimarer Musikhochschule. Er ist Lehrstuhlinhaber des ersten Lehrstuhls für Geschichte der jüdischen Musik in Europa. Die Instrumente, mit denen Joshua die Mauern von Jericho zum Einsturz brachte, so Nemtsov, seien keine Posaunen gewesen, sondern Widderhörner, deren Klang schwer erträglich sein könne. Er wolle vermitteln, dass jüdische Musik sich nicht reduzieren lässt auf gängige Klangbilder.
Jascha Nemtsov hat sich gleichermaßen als Solist und hervorragender Kammermusiker einen Namen gemacht. Von 1965 an lebte er in Leningrad. Er absolvierte dort die Spezialmusikschule und setzte danach seine musikalische Ausbildung am St. Petersburger Staatlichen Konservatorium fort. 1992 kam er als sogenannter Kontingentflüchling nach Deutschland.
Das Repertoire des Pianisten ist außerordentlich breit und vielseitig: neben den klassisch-romantischen Werken widmet er sich besonders der Musik des 20. Jahrhunderts bis hin zum 21. Jahrhundert. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf russischer Musik, unter anderem auf der von Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch, Vsevolod Zaderatsky und Mieczyslaw Weinberg. Außerdem gestaltete er mehrere Programme mit Werken von jüdischen Komponisten, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Bis jetzt nahm Jascha Nemtsov insgesamt 26 CDs mit zahlreichen Weltersteinspielungen auf.
Ein weiteres Spezialgebiet ist die jüdische Kunstmusik Anfang des 20. Jahrhunderts, die er gleichermaßen als Pianist und als Musikwissenschaftler wiederentdeckt hat. Der Musiker gibt Konzerte als Solist und in verschiedenen Kammermusikformationen in Europa, Nordamerika, Israel und Russland. Er ist nebenbei ein begnadeter Erzähler und begleitet seine Konzerte oft mit lebendigen Kommentaren.
Der Lehrstuhl für Geschichte der jüdischen Musik ist eine Besonderheit, denn er ist der erste seiner Art in Europa. Damit wird Weimar Teil eines Netzwerkes, des Zentrums für jüdische Studien Berlin-Brandenburg, wo Rabbiner und Kantoren ausgebildet werden. Während die theologische Ausbildung am Geiger-Kolleg Potsdam erfolgt, ist Nemtsov der Mann für die musiktheoretische Ausbildung. Er promovierte 2004 und wurde 2007 habilitiert.
Sein Lehrstuhl ist, anders als die theologische Ausbildung, nicht konfessionell gebunden. Das bedeutet, dass die Geschichte der jüdischen Musik, die weit über ihr eigentliches Fach hinausweist, ein Angebot ist, das allen Studierenden der Weimarer Hochschule zur Verfügung steht. Das Interesse dafür, so Christoph Stölzl, Präsident der Weimarer Hochschule, sei jetzt schon beträchtlich.
Ein einzigartiger Musikkosmos, so nennt der neue Lehrstuhlinhaber Jascha Nemtsov das reiche Programm in Weimar. Seine Professur sei in Europa einmalig und es gebe nur noch in Jerusalem eine vergleichbare Disziplin.
Ein großer Teil der jüdischen Musiktradition sei durch den Holocaust zerstört und verdrängt worden, sagte er bei seiner Antrittsvorlesung. Jetzt gelte es, diese Schätze zu finden, zu heben und erklingen zu lassen.
Victor Virtus
Ausgezeichneter Kirchenraum
23. April 2013 von Gemeinsame Redaktion
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Das Taufzentrum in der Lutherstadt Eisleben erhielt den Architekturpreis
Macht Luther innovativ? Es scheint so. Die Umgestaltung der St.-Petri-Pauli-Kirche in Eisleben zum Zentrum Taufe war ein Experiment. Und wie es scheint ein gelungenes. Längst sind fast alle kritischen Stimmen verstummt. Ein Jahr nach der Fertigstellung dominiert der Optimismus. Jetzt eine zusätzliche Aufwertung. Der Architekturpreis des Landes Sachsen-Anhalt 2013 ging nun an den Sakralbau. Das Projekt behauptete sich unter 60 Bewerbungen.
Am 12. April wurde der Preis in Magdeburg überreicht.
Zum zweiten Mal bei einer solchen Ehrung, die alle drei Jahre vergeben wird, ist der Reformator mit im Spiel. 2007 war es das Luthergeburtshausensemble, dass von der Jury ausgewählt wurde. Nun hat die Umgestaltung seiner Taufkirche nach dem Entwurf des Berliner Architekturbüros AFF überzeugt. »Es fällt nicht leicht, einen auratischen Raum wie die Hallenkirche St.-Petri-Pauli in seiner räumlichen Wirkung noch zu steigern«, heißt es in der Begründung der Jury. Den Architekten gelinge dies mit vergleichsweise einfachen, jedoch weitreichenden Eingriffen. So prägt das in seiner Dimension bescheidene Taufbecken den kompletten Kirchenraum. Konzentrische Kreise gehen von dort aus, setzen den Eindruck vom sich leicht bewegenden Wasser fort. Der symbolhafte Eindruck schafft Effekte. Selbst die fast experimentelle Ausstattung des Fußbodens der Kirche mit Beton ordnet sich diesen Gedanken unter. Eine opulente Beleuchtung, eine Bestuhlung mit modernen Kirchenbänken und das in sich geschlossene Gesamtkonzept schaffen einen eindrücklichen Sakralraum.
Für die Architekten ist dieser Fußboden ein zentrales Element. Die Fläche aus oberflächenbehandeltem Beton schlägt zeitlich eine Brücke in die Gegenwart und stellt räumlich eine Verbindung der wichtigsten Raumteile dar. Chor und Kirchenhalle werden stufenlos zusammengeführt.
Pfarrerin Simone Carstens-Kant weist besonders auf den einzigen Taufbrunnen in einer evangelischen Kirche in Deutschland hin. Er wurde während der Sanierungsarbeiten in den Boden eingelassen und bildet mit seiner modernen Form einen reizvollen Kontrast zur dreischiffigen Hallenkirche aus dem Mittelalter. 14 Taufen gab es im ersten Jahr im neuen Zentrum, davon zwei im Brunnen, berichtet sie. Das widerlege die beim Projektstart geäußerten Befürchtungen, es entstehe möglicherweise so etwas wie ein Tauftourismus. Wer sich für den Schritt entschließt, der soll das nicht losgelöst von seinem Lebensumfeld machen. »Wir wünschen uns, dass potenzielle Täuflinge Gläubige aus ihrer Gemeinde und natürlich ihre Familie mitbringen, um das Gemeinschaftsgefühl zu betonen«, sagt die Pfarrerin.
Zunehmend kommen »ganz normale« Besucher in die verlässlich geöffnete Kirche. Seit April 2012 waren es schätzungsweise 26000, im Jahr vor der Umgestaltung etwa 15000. Im Moment erleben sie noch eine Baustelle. Im Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 sollen bis zum kommenden Jahr das Dach und die Fassade grundlegend saniert werden.
Im Vorgängerbau der St.-Petri-Pauli-Kirche wurde Luther 1483 getauft. Der mächtige Turm blieb bei den späteren Veränderungen erhalten, das Schiff wurde deutlich vergrößert. Unter anderem findet sich heute wieder der Taufstein des Reformators in dem Gotteshaus. Viele Jahrzehnte stand er in einem Garten, war Wind und Wetter ausgesetzt. Die erhaltenen Rudimente bilden heute den Kern einer schlichten Rekonstruktion.
Klaus-Peter Voigt
Vorläufer der Klassik
16. April 2013 von Gemeinsame Redaktion
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Zum 325. Geburtstag von Johann Friedrich Fasch
Er war ein Zeitgenosse von Johann Sebastian Bach und gilt als Vorläufer der musikalischen Klassik: Johann Friedrich Fasch, der am 15. April 1688 in Buttelstedt (nördlich von Weimar) das Licht der Welt erblickte und am 5. Dezember 1758 in Zerbst verstarb, wo er 36 Jahre das Amt des Hofkapellmeisters ausübte. Anlässlich seines 325. Geburtstages wird dort vom 18. bis 21. April zu den 12. Internationalen Fasch-Festtagen eingeladen. Zu den Höhepunkten gehört dabei das Konzert des Dresdner Kreuzchors am 20. April (18 Uhr, Trinitatiskirche). Außerdem erfolgt am 21. April die Enthüllung eines Gedenksteines (11.30 Uhr, Neuen Brücke).
Die früheste biografische Nachricht über Fasch findet sich 1732 im »Musikalischen Lexicon« des Weimarer Stadtorganisten Johann Gottfried Walther, dem zu entnehmen ist, dass sein Vater Friedrich Georg Fasch als Schulrektor in Buttelstedt wirkte und danach in Schleusingen und Suhl tätig war. Nach dessen frühen Tod wurde Johann Friedrich Fasch 1700 Diskantist der Hofkapelle in Weißenfels. In diese Zeit fällt die musikalische Förderung durch den Komponisten Johann Philipp Krieger und eine mögliche Begegnung mit Erdmann Neumeister, dem Begründer der Kantatenform. 1701 wechselte er als Alumne an die Thomasschule in Leipzig, wo er ab 1707 die Universität besuchte und ein Collegium musicum gründete. Weitere Lebensstationen führten ihn nach Bayreuth, Gera, Greiz und ins böhmische Lukawitz (Lukavice), bis er 1722 seine Lebensstellung als Hofkapellmeister im Dienst des Fürsten Johann August von Anhalt-Zerbst antreten konnte. Seine Hauptaufgabe war hier die ständige Bereitstellung von Kirchenmusik für die höfischen Gottesdienste in der Schlosskirche.
Hier schrieb er wöchentlich eine Kantate zur Sonnabend-Vesper und eine doppelte Kantate für die sonntäglichen Gottesdienste am Vor- und am Nachmittag. Von den vermutlich 1000 Kantaten, die seiner Feder entflossen sind, blieben nur etwa 90 erhalten. Seine Partituren versah Fasch – ähnlich wie J. S. Bach – in der Kopfzeile mit den Initialen »J.N.J.« für »Jesus Nos Juva« (Jesus hilf uns) und am Schluss mit »S.D.G« für Soli Deo Gloria (Gott allein zur Ehre).
Johann Sebastian Bach schätzte den Zerbster Kollegen so sehr, dass er eigenhändig eine Abschrift von dessen fünf Orchestersuiten anfertigte. Obwohl Fasch zu den erfolgreichen deutschen Komponisten des 18. Jahrhunderts gehörte, gelangte sein Schaffen bald wieder in Vergessenheit. Das hing sicherlich damit zusammen, dass seine Werke nur in bescheidenem Umfang gedruckt vorlagen. Erst der Musikgelehrte Hugo Riemann machte an der Schwelle zum 20. Jahrhundert mit Vehemenz auf Fasch aufmerksam und wies ihm einen ebenbürtigen Platz neben Bach, Händel und Telemann zu.
Die 1991 gegründete Internationale Fasch-Gesellschaft Zerbst bemüht sich um die weitere Popularisierung seines Schaffens.
Michael von Hintzenstern
»Die entweihte Kirche«
9. April 2013 von Gemeinsame Redaktion
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Ausstellung in der Quedlinburger Stiftskirche erinnert an Vertreibung der Kirchengemeinde

Mit einem Gottesdienst wurde in der Quedlinburger Stiftskirche die Ausstellung eröffnet. Foto: Chris Wohlfeld
Die entweihte Kirche«, heißt eine Ausstellung in Quedlinburg, die am Ostermontag in der Stiftskirche St. Servatius eröffnet wurde. Sie erinnert an die Vertreibung der Kirchengemeinde St. Servatii aus ihrem Gotteshaus durch die SS. Ostermontag 1938 feierte die Gemeinde dort ihren letzten Gottesdienst. Dann übernahm die SS die Schlüsselgewalt. SS-Führer Heinrich Himmler wollte die Stiftskirche zu einer Kult- und Wallfahrtsstätte für das ganze deutsche Volk machen. Ohne Wissen und Mitwirkung der Gemeinde sei der Vertrag über die künftige Nutzung der Kirche geschlossen worden, erläutert Ekkehard Steinhäuser, der heutige Pfarrer. Die Kirchenführung sei der Gemeinde in den Rücken gefallen, die Denkmalpfleger hätten mit den braunen Machthabern paktiert. »Das Kreuz wurde abgehängt, die Bibeln verschwanden, vom Turm der Kirche wehten die Fahnen der SS«, umreißt er die Situation vor einem Dreivierteljahrhundert.
Nach acht schrecklichen Jahren feierte man erst am 3. Juni 1945 wieder einen Gottesdienst. Die Schau in der Kirche schlägt den Bogen von Heinrich I. über den Staatsakt der NS-Prominenz am 2. Juli 1936 zu dessen 1000. Todestag, über Entweihung und Vertreibung bis zum Aufbau eines Kulttempels brauner Ideologie. Neben Text- und Fotomaterial werden in Vitrinen die Rede Himmlers, das Programm zur 1000-Jahr-Feier und Briefe gezeigt. Dazu kommen die Originaltagebücher des damaligen Pfarrers der Stiftskirche, Rudolf Hein.
Pfarrer Steinhäuser, Theologischer Vorstand der Domschätze Halberstadt und Quedlinburg, publiziert zur Ausstellung ein gleichnamiges Buch, das anhand bisher unerschlossenen Archivgutes die gesamte Verstrickung bei der »feindlichen Übernahme des Gotteshauses« dokumentiert.
In den Archiven fand Steinhäuser die Schriftwechsel des damaligen Superintendenten Johannes Schmidt, des Konsistoriums in Magdeburg und des Oberkirchenrats in Berlin mit den Reichsbehörden, insbesondere der SS. In diesen Akten werde deutlich, was sich zwischen Juli 1936, der Heinrichsfeier der SS, und Ostern 1938, der Vertreibung der Kirchengemeinde aus der Stiftskirche in Quedlinburg, abspielte.
Die Ausstellung konzipierte der Historiker Steffen Jindra. Das Thema Heinrich I., das Treiben der SS und Heinrich Himmlers beschäftigten ihn seit 15 Jahren immer stärker. Kritisch merkt der Filmemacher an, dass »keine dunkle Macht plötzlich auf Quedlinburgs Stiftskirche hinunterstürzte, niemand wurde mit Peitschen getrieben. Es war kein Alleingang Himmlers. All das gelang nur, weil alle an einem Strang zogen.« Der Großteil der Quedlinburger standen den Tätern zur Seite oder »ließen es lethargisch geschehen«. Jindra fügt an: »Widerstand war in Quedlinburg die absolute Ausnahme.«
Was damals an der Stiftskirche geschah, sei »ein Drama ohne Helden« gewesen. »Hier mischten sich Täter, Opportunisten, Mitläufer und Gleichgültige.«
Uwe Kraus
Rückkehr der Cranachs
1. April 2013 von Gemeinsame Redaktion
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Kliekener Altar ist wieder komplett
Knapp 33 Jahre, nachdem zwei kostbare Altartafeln aus der Dorfkirche im anhaltischen Klieken geraubt wurden, sind sie zurückgekehrt. Am 24. März stellte die Kirchengemeinde in dem Dorf bei Coswig die knapp 500 Jahre alten Kunstwerke von Lucas Cranach dem Älteren wieder in ihren Dienst. Der Altar, der aus einem geschnitzten Mittelteil, den beiden Tafeln, einer Predella und einem aufgesetzten Kruzifix besteht, ist nun wieder vollständig. Auf diesen Anblick hatte sich die Gemeinde seit Jahren gefreut. Dabei sah es anfangs so aus, als wären die Kunstwerke für immer verschwunden.

Rückkehr der Geraubten: Die beiden Altartafeln von Lucas Cranach dem Älteren schmücken nun wieder den Altar der Kirche in Klieken bei Coswig. Foto: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie
Im Mai 1980 brach ein Dieb ein kleines Kirchenfenster auf, riss die zwei Tafeln aus den Scharnieren und verschwand damit. Auf dem Altartuch blieb der Abdruck eines Sportschuhs der Größe 42 zurück. Die Ermittlungen der Polizei blieben ergebnislos. 2007 entdeckte der Münchner Kunsthistoriker Professor Johannes Erichsen die verloren geglaubten Tafeln in einem Bamberger Auktionshaus. Sie waren 1990 auf dem Kunstmarkt angeboten worden und zwischenzeitlich für Jahre in Privatbesitz gelangt. Das Bayerische Landeskriminalamt bewahrte sie bis zur Lösung des Streites, wem die beiden Tafeln denn gehören, fachgerecht auf. Nach einem juristischen Vergleich ist die Hoffnungsgemeinde Zieko, zu der Klieken gehört, wieder rechtmäßige Eigentümerin der Kunstwerke. Die Landeskirche Anhalts half, ebenso das Land Sachsen-Anhalt und die Kulturstiftung der Länder mit großzügiger finanzieller Unterstützung. Am 26. März 2009 kehrten die Cranach-Tafeln für einen Tag nach Klieken zurück. Danach begann in drei Bauabschnitten die Sanierung der Kirche und die Restaurierung der Tafeln.
Die dendrochronologische Untersuchung des Holzes, das zum Bau der Kliekener Fachwerkkirche verwendet wurde, ergab, dass die Bäume 1544 gefällt wurden. Damit handelt es sich bei dem Gebäude um die älteste bekannte Fachwerkkirche in Sachsen-Anhalt. Bauherren waren die Herren von Lattorf, denen seit dem 15. Jahrhundert das Rittergut Klieken gehörte. Wann der Altar in die Kirche kam, ist nicht bekannt. Landeskonservatorin Friederike Wendland trug am Sonntag die Forschungsergebnisse von Matthias Prasse vor. Der Kulturhistoriker habe ermittelt, dass der Altar aus Aken an der Elbe stammen könnte, wo der deutsche Orden eine Kommende betrieb. Eine der Tafeln zeigt einen Beter im Ordensgewand und ein Wappen. Als 1540 Hans von Lattorf Komtur der desolaten Kommende Aken wurde, ließ er einige Jahre später den Altar nach Klieken bringen. Das Bildprogramm weist ihn als Annenaltar aus. Im Schrein stehen eine große Skulptur der Anna mit dem Jesuskind auf dem Arm, sowie Maria und Christophorus. Die linke Tafel zeigt auf ihrer Festtagsseite die Eltern Marias, Anna und Josef, ihnen zu Füßen den betenden Ritter, die rechte die Geburt der Maria. Friederike Wendland verweist auf die hohe Qualität der vorreformatorischen Malerei und Schnitzarbeit. »Der Altar wird alle Generationen angesprochen haben, sodass man ihn später nicht ersetzt hat«, sagt sie.
Angela Stoye
Ratgeber und Lebenshilfe
25. März 2013 von Gemeinsame Redaktion
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Christliche Verlage auf der Leipziger Buchmesse
Ratgeber und Lebenshilfe – mit diesen zwei Stichworten lassen sich die Schwerpunkte der christlichen Verlage beschreiben. Etwa 50, so Renate Nolte, Geschäftsführerin der Vereinigung Evangelischer Buchhändler und Verleger, stellten ihr Programm auf der Leipziger Buchmesse vor. Dass ihre Themen auf ein reges Publikumsinteresse treffen, dafür war auch die Leseinsel Religion, wo im Halbstunden- oder Stundentakt zu Lesungen, Gesprächen und Diskussionen eingeladen wurde, ein Gradmesser.
Neben der Lebenshilfe und Ratgeberliteratur macht Winfried Kuhn, Vertriebsleiter des SCM-Verlages einen weiteren großen Trend aus: Titel, die sich mit dem Übernatürlichen wie Himmel und Hölle auseinandersetzen. Ein entsprechendes Buch präsentierte Carsten »Storch« Schmelzer: »Hölle. Der Blick in den Abgrund«.
Organe spenden – ja oder nein? Der Wichern Verlag greift eine sehr aktuelle Frage auf, die in dem neuen Buch »Zweites Leben« differenziert erörtert wird. Die Autorinnen und Autoren legen ihre unterschiedlichen Standpunkte zu dem Thema dar. Eine Theologin erzählt, warum sie weder ein Organ gespendet bekommen noch selber spenden will. Ein Theologie-Professor denkt darüber nach, wie eine Organentnahme sich auf die Auferstehung auswirken könnte. Und eine Philosophin plädiert gegen ein Ja und ein Nein zur Organspende.
»Trends werden von den Medien, allen voran vom Fernsehen gesetzt«. Für religiöse Verlage hingegen sei es schwer, Entwicklungen auf dem Buchmarkt zu beeinflussen, meint Reiner Morbitzer, Vertriebsleiter der Verlagsgruppe Patmos. Gleichwohl gibt es christliche Titel, die es auf die Bestsellerlisten schaffen. »Sehnsucht nach Leben« von Margot Käßmann und »Samuel Koch – zwei Leben«, beide im adeo Verlag erschienen, gehören zu den Büchern, die reißenden Absatz finden.
Der adeo Verlag ist ein vor zweieinhalb Jahren gegründetes Imprint von Gerth Medien , erklärt Esther Becker, Assistentin des Vertriebsleiters bei Gerth Medien. Die Titel von adeo hätten vorrangig ein kirchenfernes Publikum im Blick, während Gerth Medien sich bewusst an einer christlichen Leserschaft orientiere. Gerth Medien lege den Schwerpunkt auf Romane mit religiösem Inhalt sowie auf Sachbücher, adeo konzentriere sich auf Biografien, in denen Menschen erzählen, wie sie mit schweren Schicksalsschlägen fertig werden – Themen, die beim Publikum gut ankommen, so Becker. Dank der Publikationen von adeo erhöhe sich auch der Bekanntheitsgrad von Gerth Medien, dessen Kundenkreis kleiner sei als der von adeo. Eines der neuesten Bücher heißt »Mirco. Verlieren. Verzweifeln. Verzeihen«. Mirco, zehnjährig, verschwindet im September 2010 auf dem Heimweg von der Skaterbahn. 145 Tagen hoffen, bangen und beten seine Eltern. Knapp fünf Monate nach seinem Verschwinden wird das ermordete Kind schließlich entdeckt. In diesem Buch erzählen Mircos Eltern, Sandra und Reinhard Schlitter, wie es ihnen gelingt, das fruchtbare Geschehen zu bewältigen. Sie beschreiben ihr Leben mit Mirco, sie sprechen von ihrer Verzweiflung und ihrem Glauben an Gott, von der Hilfe und Begleitung, die sie durch andere Menschen erfahren. Sie finden schließlich die Kraft, für den Täter um Vergebung zu bitten.
Über Lebenshilfe und Ratgeber hinaus beobachtet Reiner Morbitzer von der Patmos Verlagsgruppe noch einen weiteren Trend: das Geld. Nach der Erfahrung des Vertriebsleiter wird beim Bücherkauf mehr auf den Preis geachtet. Bücher, die mehr als 20 Euro kosten, hätten es schwer, meint er. Morbitzer weist auf die »KleineundGroßeLeuteBibel«, deren Preis anfangs mit 24,99 Euro festgelegt war und damit keine Chance auf Absatz hatte. Seitdem der Preis jedoch auf 14,99 Euro gesenkt sei, verkaufe sich die Kinderbibel gut, so Morbitzer.
Sabine Kuschel
Reise in die Welt der Musik
19. März 2013 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Kultur
Ausstellung: Kloster Michaelstein bei Blankenburg im Harz präsentiert auf moderne Weise Instrumente und ihr Umfeld
Nach zweijähriger Umgestaltung der ehemaligen Zisterzienserabtei lädt die Stiftung Kloster Michaelstein wieder zum Besuch ein. »KlangZeitRaum – Dem Geheimnis der Musik auf der Spur« heißt die Ausstellung.
Kater Michel hat deutliche Spuren hinterlassen. Die Tapsen führen Kinder zu drehbaren Holzscheiben, hinter denen sich in der neuen Musikausstellung im Kloster Michaelstein kleine Rätsel oder zusätzliche Informationen verbergen. Kater Michel macht es den lesekundigen entdeckungsfreudigen Steppkes leichter, der Versuchung zu widerstehen, Instrumente anzufassen, die nur zum Betrachten ausgestellt sind. Aber einige dürfen die Besucher ausprobieren.

Auf der unterhaltsamen Zeitreise erfahren die Museumsbesucher gleich zu Beginn des Rundgangs Details aus der Geschichte der Musikinstrumente, die nicht jedem geläufig sind. Foto: Kloster Michaelstein/Norbert Perner
Nach zweijähriger Bauzeit am Nord- und Westflügel der ehemaligen Zisterzienserabtei, während der die Sammlung historischer Instrumente nicht zugänglich war, lädt die Stiftung Kloster Michaelstein bei Blankenburg im Harz wieder zum Ausstellungsbesuch ein. Die Zwangspause und die rund 5,5 Millionen Euro teuren Bauarbeiten zur Umgestaltung des 900 Jahre alten Klosters haben sich gelohnt. Entstanden ist im alten Gemäuer ein freundlicher und großzügiger Eingangsbereich mit allen Annehmlichkeiten eines modernen Museums und eine unterhaltsame Musikausstellung, die historische Instrumente und heutige Präsentationsweise wunderbar verbinden. »KlangZeitRaum – Dem Geheimnis der Musik auf der Spur« heißt die Ausstellung.
Gleich zu Beginn lädt die Zeitmaschine ein zur Reise in die Vergangenheit. Der Besucher kann wählen, wohin er »reisen« möchte. Auf einer Leinwand zu seinen Füßen erscheinen zeitgenössische Illustrationen und an den Schallbechern ist ein angenehm kurzer Abriss aus der Musikgeschichte zu hören. Erfreulich, dass dabei weniger bekannte Themen wie die Wandlung der hölzernen zur metallenen Querflöte oder die Entwicklung des Saxofons erzählt werden. Die Hörmuscheln hängen für kleinere Leute noch zu hoch, doch das wird demnächst ebenso geändert wie die Höhe der Schalltrichter im Hörgang. Hier sind Anekdoten aus der Musikwelt mit Klangbeispielen zu erlauschen.
Überhaupt geht die neue Ausstellung weit über das bloße Präsentieren der Instrumente hinaus. Besonders augenfällig ist das im »Salon«. Er empfindet einen Berliner Salon des 19. Jahrhunderts nach, in dem Fanny Hensel, die Schwester Felix Mendelssohn Bartholdys, auftritt. Sie ist ebenso wie ihr Gast Franz Liszt als Figurenstele präsent, Bilder liefern die Inneneinrichtung und an einer Wand können Gespräche »belauscht« sowie Musik gehört werden.
Ursprung der Ausstellung ist die Musikinstrumentensammlung. Das Sammeln begann 1977 mit der Gründung der Kultur- und Forschungsstätte Michaelstein durch Eitelfriedrich Thom. 1988 erfolgte eine Zustiftung von 500 Instrumenten aus dem Nachlass des Potsdamer Restaurators Peter Liersch. Seitdem wurde im Westflügel eine ständige Ausstellung von historischen Musikinstrumenten aus einem Bestand von etwa 900 Stücken gezeigt; thematische Führungen, Konzerte und Musikinstrumentenbausymposien ergänzten das Programm.
Nach der Zustiftung wurde die Sammlung stetig erweitert, unter anderem durch gezielte Ankäufe für die Gestaltung der neuen Ausstellung. So ist zum Beispiel ein Serpent zu sehen, ein schlangenförmiges Blasinstrument. Musikautomat, Lochplatten-Spieldose oder Mundharmonika gehören zum Bestand.
Sie sind mit erläuternden Texten versehen, die der Besucher aber nicht alle lesen muss, um mit Vergnügen durch die Räume zu wandeln. Denn den Ausstellungsmachern ist das Kunststück gelungen, tatsächlich vor allem die Musik zu präsentieren. Reizvoll die Modelle der Mechanik, wie sie in den Tasteninstrumenten im Laufe der Jahrhunderte entwickelt wurden. An Cembalo und Clavichord dürfen die Besucher sie sogar selbst ausprobieren. Nicht minder anregend die selbst spielenden Instrumente, denen Walzen oder Lochstreifen den Takt geben. Eine kleine Spieldose an der Wand lädt zum Kurbeln ein. Kater Michel weist den Kindern den Weg. Aber nicht nur die freuen sich, dem Geheimnis der Spieluhr auf die Schliche zu kommen.
Und wer im Museum gern wissen möchte, wie die freundlich-hellen Räume genutzt wurden, als das Gemäuer noch Kloster war, der findet einen Grundriss mit Erläuterungen
an der Wand.
Kloster Michaelstein bietet auch nach dem Umbau Konzerte sowie Probenmöglichkeiten und Seminare an.
Renate Wähnelt
Öffnungszeiten: April bis Oktober: täglich 10 bis 18 Uhr; November bis März: Dienstag bis Sonnabend 14 bis 17 Uhr, Sonn- und Feiertag 10 bis 17 Uhr
Die Künstler und der Tod
11. März 2013 von Gemeinsame Redaktion
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Ausstellung: Die Schirn-Kunsthalle Frankfurt zeigt, wie unterschiedlich Künstler auf den kommenden Tod reagiert haben
Wie malt ein Künstler, wenn das Lebensende naht? Die Ausstellung »Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger« in Frankfurt gibt darüber Aufschluss.
Berühmt sind beide Impressionisten, beide wählten Blumen als Motive, aber wie unterschiedlich sind ihre letzten Bilder: Während Claude Monet (1840–1926) seine Seerosenbilder wandgroß werden ließ, in denen die Pflanzen in gelb-grün oder blau leuchtenden Farben ihre Formen verschwimmen lassen, malte Édouard Manet (1832–1883) die Blumensträuße, die er ans Krankenbett gebracht bekam, in kleinen Formaten ganz konkret und genau ab, rote Pfingstrosen, cremefarbene Rosen und gelbe Tulpen in ihren Vasen.

Ausstellung in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt am Main: Frau sitzt vor dem Bild »Das letzte Abendmahl (Camel/57)« von Andy Warhol, 1986. Foto: epd-bild
»Es gibt keinen typischen Altersstil oder ein typisches Spätwerk«, sagt die Kuratorin der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt am Main, Esther Schlicht. »Künstler gehen ganz unterschiedlich mit ihrem nahenden Lebensende um.« Dies macht die Ausstellung »Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger« deutlich, die in der Schirn gezeigt wird. 100 Werke vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart werden bis 2. Juni präsentiert. Darunter befinden sich Arbeiten von Alexej von Jawlensky, Henri Matisse, Giorgio de Chirico, Willem de Kooning und Andy Warhol.
Für die Auswahl war für Schlicht ausschlaggebend, dass die Arbeiten herausragend sind und Antworten geben auf die Frage nach der Vollendung eines Lebenswerkes. Die Werke erhellen unterschiedliche Facetten eines Künstlers im Angesicht des Todes wie eine neu gewonnene Freiheit, Neuausrichtung, Rückbesinnung auf die eigenen Anfänge oder stoisches Beharren.
In der Schau sind die Arbeiten von jeweils zwei Künstlern in einem Raum gegenübergestellt und sollen sich gegenseitig interpretieren.
Experimentierfreudigkeit in ihrem Alterswerk zeigen sowohl Henri Matisse (1869–1954) als auch Willem de Kooning (1904–1997). Von Matisse zeigt die Schirn Bilder des Künstlerbuchs »Jazz«, deren Collagetechnik er krankheitsbedingt erfand und die eine heitere Lebensfreude ausstrahlen. Auch die wandgroßen Gemälde des an Alzheimer erkrankten de Kooning mit ihren abstrakten Formen in vornehmlich roten und gelben Farben markieren einen heiteren Neubeginn.
Ganz anders die letzte Werkphase von Alexej von Jawlensky (1864–1941): Die als »Meditationen« bekannten, ikonenhaften und jahrelang variierten kleinformatigen Bilder wurden zum Lebensende immer dunkler. Der Maler war nahezu gelähmt und von den Nationalsozialisten mit Arbeitsverbot belegt. Ihnen gegenüber ist der letzte Film des US-amerikanischen Experimentalfilmers Stan Brakhage (1933 bis 2003) »Chinese Series« zu sehen, der ähnlich schwer von Krankheit gezeichnet, im Liegen mit den Fingernägeln zeichenhafte Formen in einen schwarzen Filmstreifen kratzte.
Anders verhält es sich mit Werken, die unerwartet zu den letzten wurden: Nachdem Andy Warhol (1928–1987) den Bildzyklus »Das letzte Abendmahl« geschaffen hatte, starb er überraschend. So wurde das Bild des Abschied nehmenden Jesus Christus im Kreis seiner Jünger zum künstlerischen Vermächtnis Warhols. Variation und Wiederholung waren ebenso die Themen von Giorgio de Chirico (1888 bis 1978). Gegenüber Warhols Monumentalbild hängen Spätwerke von ihm, die mit ihren bunten, surrealistischen Motiven zeitgenössische Kunst mit Chiricos Frühwerk verbinden.
Das definitiv letzte Bild ist Gegenstand der Gegenüberstellung des US-amerikanischen Künstlers Ad Reinhardt (1913–1967) und des niederländischen Konzeptkünstlers Bas Jan Ader (1942–1975). Reinhardt fand das letztgültige Künstlermotiv im schwarzen Quadrat, das er in den letzten sechs Schaffensjahren in menschengroßen Bildern ausschließlich und immer wieder malte.
Tragisches Ende oder Absicht – Ader kehrte von seiner Arbeit unter dem Titel »Die Suche nach dem Wunderbaren« nie zurück. Sein erster Teil der Arbeit, kleine, schwarz-weiße Nachtaufnahmen aus Los Angeles und eine Installation aus 80 Dias und der Tonbandaufnahme einer Chorprobe, ist in der Schirn zu sehen. Als zweiten Teil nahm er sich eine Atlantiküberquerung in einem kleinen Einmann-Segelboot vor. Geborgen wurde Monate später nur das Wrack des Bootes, von dem Künstler fehlt jede Spur.
Jens Bayer-Gimm (epd)
Öffnungszeiten: Bis 2. Juni dienstags, freitags bis sonntags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs und donnerstags von 10 bis 22 Uhr. Ein Katalog ist erhältlich.
Das Kreuz tragen
5. März 2013 von Gemeinsame Redaktion
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Ein modernes Gemälde ist derzeit in Dresden ausgestellt
Düsternis ist eingezogen in die Dresdner Kreuzkirche. Ein überdimensionales modernes Kreuzgemälde des britischen Künstlers Terry Duffy hängt bis zum Karsamstag über dem Altar. Es stößt ab – und es zieht an. Ungeschönt zeigt es das Grauen der Leiden ungezählter Opfer von Gewaltherrschaft und Unmenschlichkeit. Dieses Kreuz hat nichts Romantisches, nichts Verklärendes. Es zeigt die furchtbare Wirklichkeit: Ein verstümmeltes, verbranntes Kriegsopfer könnte es sein, das an Duffys Kreuz hängt. Ein entstelltes, verkohltes Gesicht, das stumm ins Leere schreit. Eine entmenschlichte Leichenhand, die starr zum Nachbarkreuz ausgreift – und es doch nicht erreicht. Das Opfer ist einsam, ausgeliefert, hinabgestoßen in das Reich des Todes.
Aus dem Gekreuzigten windet sich eine gekreuzigte Frau, deren Brüste könnten die verstümmelten Beine eines behinderten Kindes sein. Schemenhaft zeichnen sich überall weitere Kreuze ab.
»Das Kreuz ist ein Fenster in die Welt, in die Wahrheit der Not der Menschen, die Opfer von Krieg, gewalttätigen Konflikten, Missbrauch von Macht und Autorität geworden sind«, erklärt Terry Duffy, der das Kreuz vor 30 Jahren unter dem Eindruck schwerer sozialer Unruhen in Großbritannien schuf.

Bis Karsamstag hängt das Kreuzgemälde des britischen Künstlers Terry Duffy über dem Altar in der Dresdner Kreuzkirche. Foto: Steffen Giersch
Sein Kreuz schreit auf im Namen all dieser Opfer. Das Kreuz ist die Wunde der Welt, für die Golgatha ein Name geworden ist. Im Kruzifix sind eingezeichnet die Entrechteten und Kaputtgemachten dieser Erde aller Zeiten. Nur manche kennen wir mit Namen: Die Geschwister Scholl und Dietrich Bonhoeffer, Gertrud Kolmar und Elisabeth Käsemann, Anne Frank und Martin Luther King, Matthias Domaschk und Oskar Romero.
»Opfer – keine Auferstehung?« – der Titel des Kreuzgemäldes Terry Duffys provoziert. Ist die tiefste Nacht der Menschheit ohne Morgen? Ist Golgatha ohne Emmaus? »Das Gemälde bietet keine leichte Lösung, keine Beruhigung«, sagt Duffy und ergänzt: »Das Kreuz war und ist ein realistisches Ereignis, kein bloßes Symbol.«
Der 64-jährige Künstler, der früher mit Joseph Beuys und John Cage zusammengearbeitet hat, will am Kreuz verharren, die nackte Brutalität aushalten. Die Auferstehung soll nicht einfach als automatische göttliche Antwort auf das Leiden erscheinen. Damit wir es uns nicht zu leicht machen. »Die Auferstehung ist kein gegebenes Recht, wir müssen für sie wirken«, sagt Duffy und fügt hinzu: »Wir müssen mehr für diejenigen tun, deren Leben viel schlimmer ist als unseres.«
Und so spricht aus seinem düsteren Kunstwerk doch der Glaube daran, befähigt und berufen zu sein, etwas vom Leid der Welt abzutragen. Die Dresdner Station seines Kreuzes soll zudem an Simon von Kyrene erinnern, der einst Jesus half, das Kreuz zu tragen. Nach Ostern wird Duffys Kreuz weiterreisen. Nachdem es schon in Coventry und London ausgestellt war, soll es auf seinem großen Kreuzweg durch die Welt weiterreisen zu Schauplätzen von Krieg und gewalttätiger Konflikte – nach Krakau, Kapstadt, Belfast, Südamerika, Bosnien, China und New York.
»Das Ziel soll Jerusalem sein, wo es an einem Ostermorgen ankommen soll«, kündigt der Künstler an. Damit solle die Erzählung und die Erlösung dieses Kreuzes symbolisch vollendet werden.
Stefan Seidel
Das Gemälde »Opfer – keine Auferstehung?« ist bis zum 29. März ausgestellt in der Kreuzkirche Dresden. Öffnungszeiten: Täglich 10 bis 17 Uhr. Freitags, 12 Uhr: Gebet unter dem Kreuz für Frieden und Versöhnung.
So viel Melanchthon wie nie
26. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion
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Das restaurierte und erweiterte Wohnhaus des Reformators wurde wiedereröffnet
Wittenberg bekam am 15. Februar eine Attraktion zurück. Die Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt eröffnete das restaurierte Wohnhaus des Humanisten und Reformators Philipp Melanchthon (1497 bis 1560), das zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Zudem erhielt der Renaissancebau von 1536, den die Universität dem Gelehrten schenkte, um ihn dauerhaft an die Stadt zu binden, einen Neubau. Dieser auf dem Nachbargrundstück errichtete Kubus mit der grauen Klinkerfassade hat sich zum Stein des Anstoßes entwickelt. Stiftungsdirektor Stefan Rhein sah sich mit dem Zorn der Bürger konfrontiert, den kurz vor der Eröffnung noch Friedrich Schorlemmer in Worte fasste. In einem Zeitungsartikel hatte er vollendete oder geplante Neubauten in der Lutherstadt kritisiert und im Zusammenhang mit dem Erweiterungsbau des Melanchthonhauses von »Hässlichkeit« gesprochen. Rhein hatte erwidert, dass die Stiftung über Neugestaltungen nicht allein entscheide. Sie wolle sich der Diskussion über Ästhetik stellen. Zugleich müsse aber immer unterstrichen werden, dass Wittenberg eine Stadt des 21. Jahrhunderts sei.

Den einen gefällt er, den anderen nicht: Der kubistische Neubau neben dem originalen Melanchthonhaus aus der Renaissance ist in Wittenberg Stadtgespräch. Foto: Alexander Baumbach
Der dreigeschossige Neubau nach einem Entwurf des Büros Dietzsch & Weber Architekten aus Halle grenzt auf einer Seite an die alte Wittenberger Universität Leucorea. Seine Formen beziehen sich auf das Melanchthon-Wohnhaus und greifen zum Beispiel mit den rauen Klinkern historisches Baumaterial auf. Die Ausstellungsfläche hat sich durch ihn auf 600 Quadratmeter nahezu verdoppelt. Zudem nimmt der Neubau einen Vortragsraum, Garderobe, Kasse, Sanitärräume, Haustechnik und einen Fahrstuhl auf. Die barrierefreie Erkundung nahezu des gesamten Hauses ist erstmals möglich. Die neue Dauerausstellung trägt den Titel »Philipp Melanchthon: Leben – Werk – Wirkung«. Das wichtigste Exponat ist das Wohnhaus selber, das über die Jahrhunderte nahezu unverändert erhalten blieb. Jetzt kann es bis unter das Dach erkundet werden. Dank der Bauforschung können einzelne Räume einer Nutzung zugeordnet werden: die Küche, das angrenzende Esszimmer mit Blick auf den Garten, das wappenverzierte Wohnzimmer der Studenten, die bei Familie Melanchthon Kost und Logis bekamen, ihre kalte Schlafkammer nebenan, und die gute Stube des Hauses. Weil vom originalen Haushalt der Gelehrtenfamilie bis auf die Steinplatte des Gartentisches nichts erhalten blieb, wurde dieser Raum im 19. Jahrhundert mit schweren Eichenmöbeln im altdeutschen Stil ausgestattet, die restauriert sind. Die weiteren Räume des Altbaus hat das Berliner Designerbüro Iglhaut+von Grote mit einigen Möbeln und Figuren so gestaltet, dass sie die Funktion andeuten. Kinder dürfen eigens für sie aufgestellte Truhen und Laden aufschließen, Spielzeug herausnehmen oder der Tochter Magdalena Melanchthon zuhören. Sie berichtet zum Beispiel vom Sprachgewirr mit den Worten ihres Vaters: »Heute sind an meinem Tisch elf Sprachen gesprochen worden.«
Über das geistige Erbe Melanchthons, des »Lehrers Deutschlands«, des »Vaters der Ökumene« oder des »Außenministers der Reformation«, informieren die Räume im Anbau. Die Kuratoren Martin Trau und Jutta Strehle haben aus Melanchthons Lebenswerk von rund 2000 Büchern und Schriften sowie rund 9500 Briefen einige ausgewählt. Im Raum »Melanchthons Schätze« etwa begegnet der Besucher im Dämmerlicht empfindlichen Originalen: frühe Drucke oder Handschriften, die von Wittenberg aus in die Welt strahlten. Zwar bleibt Melanchthon, was seine bildhafte Darstellung betrifft, weit hinter Martin Luther zurück. Doch zeugen die in Wittenberg ausgestellten Gemälde, Grafiken, Büsten und Medaillen von dem Respekt, der dem Gelehrten über Jahrhunderte entgegengebracht wurde.
Restaurierung und Neubau haben rund 4,8 Millionen Euro gekostet. Das Geld kam von der Europäischen Union, vom Bund, vom Land Sachsen-Anhalt und der Lutherstadt Wittenberg. Zudem flossen Eigenmittel der Stiftung Luthergedenkstätten und Geld aus dem Förderprogramm »Reformationsjubiläum 2017« des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien in das Projekt ein. »So viel Melanchthon war nie«, sagte Stiftungsdirektor Stefan Rhein vor der Eröffnung am 15. Februar. Davon können sich Besucher ab jetzt täglich, außer montags, und im Sommer an allen sieben Wochentagen, ein Bild machen.
Angela Stoye
Glaube macht glücklich
19. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion
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Glücksforschung: Die Ratschläge der Psychologen haben eine erstaunliche Nähe zur christlichen Tradition
Wie Menschen das Glück finden können, beschäftigt Psychologen seit Langem. Auch die Bibel hält Anleitungen zum Glücklichsein bereit, die mit den modernen psychologischen Forschungen übereinstimmen.

Glück ist auch ein biblisches Thema, denn das Buch der Bücher kennt den Weg zum Glück. Foto: cmfotoworks-Fotolia.com
Gegenwärtig gibt es kaum ein Thema der Sinnproduktion und Sinnvermarktung, das breitere Kreise zieht als das Glücksthema. Allein wegen dieser fast magischen Anziehungskraft des Glücksbegriffs tut die Theologie gut daran, sich damit zu beschäftigen. Glück ist ein urbiblisches Thema: die Seligpreisungen, eine der meistzitierten Textpassagen des Neuen Testaments, thematisieren das Thema »Glück«.
Welch kraftvolles Orientierungsangebot der christliche Glaube gerade in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Landschaft bedeutet, wird besonders dann deutlich, wenn wir uns anschauen, zu welchen Ergebnissen moderne Glücksforscher kommen. Religion – so ihr Befund, etwas plakativ auf den Punkt gebracht – macht glücklich. Was viele Christinnen und Christen persönlich erfahren, haben die Soziologen inzwischen auch empirisch-wissenschaftlich nachgewiesen. Ihre Ergebnisse sind zuweilen sehr konkret: Gottesdienstbesuch macht glücklich! So eine Studie, die amerikanische Forscher vor einigen Jahren im Journal of Economic Psychology veröffentlicht haben. Der Erlanger Glücksforscher Karl-Heinz Ruckriegel formuliert auf der Basis von Forschungen in der Psychologie Ratschläge zum Glück. Einige der Ratschläge haben eine große Nähe zu zentralen biblischen Inhalten und christlichen Traditionen:
Erstens: »Üben Sie Dankbarkeit«. Hier wird eine Haltung empfohlen, die zur christlichen Gebetspraxis gehört und die untrennbar verbunden ist mit dem Bekenntnis zu Gott als Schöpfer der Welt und als Geber unseres eigenen Lebens. Kirchliche Feste wie das Erntedankfest stehen für diese Grundorientierung ebenso wie Kirchenlieder, wie das altehrwürdige »Nun danket alle Gott« oder der Familiengottesdienstschlager »Danke für diesen guten Morgen«.
Zweitens: »Seien Sie optimistisch und vermeiden Sie negatives Denken.« Sosehr die Gefahr besteht, dass ein solcher Rat im Sinne eines billigen Optimismus verstanden wird, sosehr ist die Zuversicht ein Grundsignum christlicher Existenz. Schon Dietrich Bonhoeffer hat in seiner Ethik gegenüber solchem billigen Optimismus die bleibende Bedeutung des Optimismus als »Willen zur Zukunft« betont.
Drittens: »Vermeiden Sie Grübeleien … und soziale Vergleiche. Neid und Glück passen nicht zusammen.« Wer diesen Rat hört, denkt an das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, die den Wert ihres Lohns allein am Vergleich mit den anderen festmachen (Matthäus 20,1-16); dem kommt in den Sinn der Streit der Jünger um den Platz am Tisch neben Jesus (Matthäus 20,20-28); der oder die denkt an die Geschichte vom verlorenen Sohn und dessen Bruder, der sich im Blick auf die Liebe des Vaters zurückgesetzt fühlt (Lukas 15,11-32).
Viertens: »Stärken Sie Ihre sozialen Beziehungen. Wir sind soziale Wesen und daher auf andere Menschen angewiesen.« Dass es sich hier wiederum um den Hinweis auf eine zentrale Dimension christlicher Lebensorientierung handelt, ist nicht schwer zu erkennen. Es geht um eine Orientierung, die in der Kirche als Gemeinschaft der Heiligen ihren dichtesten Ausdruck findet, deren Horizont aber im Doppelgebot der Liebe und der goldenen Regel auf alle Menschen ausgeweitet wird.
Fünftens: »Lernen Sie zu vergeben, das schwächt negative Emotionen.« Ohne dabei das Ziel der »Schwächung negativer Emotionen« zu verfolgen, beten viele Hunderttausend Menschen in Deutschland und viele Hundert Millionen weltweit jeden Sonntag im Gottesdienst und weit darüber hinaus im Alltag jenen gewichtigen Satz im Vaterunser: »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.« Es gibt wohl keine kraftvollere Form, den Satz des Glücksforschers zu leben, als das regelmäßige ernsthafte Beten dieser Bitte. Wie würde sich unser Leben verändern, welch kraftvolle Erneuerung des gesellschaftlichen und auch des politischen Klimas würden wir erleben, wenn das ernsthafte Beten dieser Bitte der Normalfall wäre? Und so darf man mit dem Glücksforscher durchaus sagen: Wie glücklich würde uns das machen!
Sechstens: »Leben Sie im Hier und Jetzt. Genuss und Flow schaffen Wohlbefinden, genießen Sie die Freuden des Lebens. Ständig daran zu denken, was morgen anders sein könnte, fördert das Glücklichsein nicht, sondern vermiest uns das Heute.« Man kann auch hier kommentarlos die Bibel zitieren, um auf die Berührungspunkte aufmerksam zu machen: »Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. … Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? … Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.« (Matthäus 6,25f.).
Siebtens: »Kümmern Sie sich um Leib und Seele. Sport für den Körper, das bringt unmittelbar Wohlbefinden, und die Beschäftigung mit etwas Transzendentem, mit etwas, das über unser Ich hinausgeht, bringt Sinn und Tiefe in unser Leben.« Hier spricht der Glücksforscher wörtlich die Dimension der Transzendenz an.
Man kann bei diesen sieben Ratschlägen fast schon den falschen Eindruck bekommen, Glück sei machbar, so wie man bei einem Kochbuch nur die richtigen Zutaten nehmen und sie richtig verarbeiten muss, um zu einem wohlschmeckenden Essen zu kommen. Und man wird auch fragen müssen, ob bei diesen Ratschlägen eigentlich die Dimension des Scheiterns und des Leidens als Dimension des Lebens genügend vorkommt.
Sicher ist jedoch: Für die Suche nach Glück in unserer Zeit hat das Orientierungsangebot des christlichen Glaubens eine erstaunliche Bedeutung.
Heinrich Bedford-Strohm
Der Autor ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.
Zum Weiterlesen: Der Beitrag von Heinrich Bedford-Strohm sowie weitere Texte zum Glück finden sich in dem Thema-Heft »Glück. Wie das Leben gelingt«. Die 48-seitige Publikation wurde von der mitteldeutschen Kirchenzeitung »Glaube + Heimat« herausgegeben.
Damit sich das Herz zum Herzen findet
10. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion
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Interview mit Weihbischof Reinhard Hauke, dem Schirmherrn über eine Partnervermittlung
Reinhard Hauke, Weihbischof im Bistum Erfurt, hat die Schirmherrschaft über die Partnervermittlung »Ich und Du« übernommen. Die 1999 in Hamburg gegründete Partnervermittlung eröffnete am 1. Februar ein zweites Büro in Erfurt. Warum es dem Bischof am Herzen liegt, dass Mann und Frau zueinanderfinden, darüber sprach Sabine Kuschel mit ihm.
Herr Bischof Hauke, die Tatsache, dass Sie als katholischer Bischof, der dem Zölibat verpflichtet ist, die Schirmherrschaft über eine Partnervermittlung übernommen haben, bringt Ihnen eine gute Presse ein!
Hauke: Ja, überwiegend! Nicht nur, aber überwiegend.
Sie wollen dazu beitragen, dass Mann und Frau zueinanderfinden?
Hauke: Ehe und Partnerschaft sind für uns als katholische Christen und als Kirche, die Verantwortung trägt, wichtig. Auch für einen Bischof, der zölibatär lebt, ist das grundsätzlich eine wichtige Verantwortung. Denn eine Familie ist die kleinste Zelle der Kirche und der Gesellschaft. Deswegen sind wir sehr daran interessiert, dass das gelingt, was in der Partnerschaft gelingen soll. Das zeigt sich auch daran, dass ich schon seit dem Jahre 2000 den Valentinsgottesdienst am 14. Februar vorbereite.
In der katholischen Kirche gibt es das Sakrament der Ehe. Also sind Sie besonders interessiert, dass katholische Männer und Frauen miteinander in Beziehung kommen?
Hauke: Wir sind daran interessiert, dass die Christen einander finden. Hier in unserer Diasporasituation, wo wir acht Prozent Katholiken und etwa 25 Prozent evangelische Christen haben, ist es nicht ganz leicht, einen christlichen Partner zu finden. Ich gehe davon aus, wer eine lebenslange Gemeinschaft schließen möchte, hat Interesse daran, dass die Weltanschauung der Eheleute in gewisser Weise übereinstimmt. Deswegen suchen Christen meistens einen christlichen Partner. Wer in einem kleinen Ort wohnt, findet nicht so schnell jemanden. Wir wissen auch, dass das selbst im Eichsfeld, wo es viele Katholiken gibt, nicht so leicht ist.
Nun ist »Ich und Du« keine katholische Partnervermittlung, sondern offen für evangelische Christen und auch für nicht konfessionelle Menschen.
Hauke: Ja, das ist erst mal sinnvoll, denn ich bin natürlich daran interessiert, dass sich die Menschen grundsätzlich in der Partnerschaft finden.
In der Partnervermittlung wird nach den Ausschlusskriterien gefragt. Dabei kann ja gesagt werden: Also ich möchte auf jeden Fall einen Christen als Partner, ich möchte keinen Nichtchristen.
Vor einiger Zeit wurde eine Partnervermittlung geschlossen. Was ist Anlass, jetzt eine neue zu gründen?
Hauke: Vor zehn Jahren ist das »Institut Nazareth« geschlossen worden. Die Bistümer Fulda und Hildesheim haben die Einrichtung 1923 in Erfurt gegründet. Fulda und Hildesheim sind Diözesen, wo es die Diasporagebiete gab und die Notwendigkeit zu helfen bestand. Die Einrichtung in Erfurt hat über 80 Jahre funktioniert. Die Frau, die sich bis heute ehrenamtlich engagiert hat, hört jetzt altersbedingt auf. Wenn man die Einrichtung hätte weiterführen wollen, hätten wir eine neue Konzeption gebraucht. Also wir wollten das aufgeben und Ulrike Grave bot sich an. Sie hat einen Standort in Hamburg und nun einen zweiten in Erfurt.
Sie wird zwischen Hamburg und Erfurt pendeln?
Hauke: Ja. Sie sagt, sie vereinbart immer Gesprächstermine und kommt dann nach Erfurt.
Wie sind die Bedingungen für Interessenten, um aufgenommen zu werden?
Hauke: Die Aufnahme für ein Jahr kostet 680 Euro. Die Anzahlung 280 Euro. Eine Verlängerung des Vertrages kostet 480 Euro. Das klingt nach sehr viel. Aber im Vergleich zu anderen Partnervermittlungen ist das das untere Level. Das muss man auch wissen.
Und wenn kein Partner, keine Partnerin vermittelt werden kann?
Hauke: Frau Grave sagt, in dem Falle könne sie auch etwas zurückzahlen.
Und wie hoch ist die Erfolgsquote?
Hauke: Nach Frau Graves Aussagen fast 100 Prozent.
Fast 100 Prozent?
Hauke: Ja, Frau Grave sagt, dass fast alle Interessenten vermittelt werden könnten. Das zeugt von ihrer Empathie. Sie kann offenbar gut einschätzen, wer zu wem passt.
Für mich war interessant, dass nur nach der Ankündigung, dass hier eine Partnervermittlung eröffnet wird, schon sechs Anmeldungen da sind. Interessant ist auch, Frau Grave arbeitet nicht mit Fotos. Wer sich bewirbt, muss kein Foto abgeben, sie zeigt also Interessenten kein Foto. Anfangs habe sie das gemacht, dann aber aufgegeben. Sie sagt: Manchmal sind Äußerlichkeiten sehr wichtig. Aber eigentlich sucht man einen Menschen, der innere Werte hat.
Als Schirmherr der Partnervermittlung bürgen Sie für deren Seriosität?
Hauke: Die Schirmherrschaft dient dazu, Interessenten zu sagen, das ist alles ordentlich geprüft, keine Abzocke. Schirmherrschaft heißt, dass man mit seinem guten Namen dafür bürgt, dass die Einrichtung seriös ist.
Staunen auf der »Via Sacra«
4. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Kultur
Reise: Sakrale Bauwerke und Kunstschätze im deutsch-polnisch-tschechischen Dreiländereck
Jeder kennt Dresden, Prag und Breslau, viele haben diese Städte auch schon einmal besucht – doch die Region dazwischen ist unbekanntes Land. Ganz zu Unrecht, wie eine Reise auf der »Via Sacra« im deutsch-polnisch-tschechischen Dreiländereck zeigt.
Eine große Fachwerkscheune, würde ein ahnungsloser Passant denken. Irritierend nur dieser Turm, der seitlich angebaut ist. Scheune? Nichts da. Eine Kirche. Und was für eine.
Rückblende. Nach dem Dreißigjährigen Krieg leben in Jauer – polnisch: Jawor – 150 Menschen; davor waren es 1400. Im Westfälischen Frieden 1648 werden den Protestanten im nun katholischen Schlesien drei eigene Kirchen zugestanden, die sogenannten Friedenskirchen. Unter Auflagen freilich: Steine dürfen nicht verwendet werden, Türme und Glocken sind verboten, gebaut werden muss außerhalb der schützenden Stadtmauern.

Die Friedenskirche in Jauer sieht von außen wie eine große Scheune aus, der Raumeindruck innen ist überwältigend. Fotos:MGO/ René Tech
Die Friedenskirche in Jauer ist eine der beiden bis heute erhaltenen. Wäre der – später angefügte – Turm nicht, deutete von außen nichts auf das, was einen drinnen erwartet. Die Kassettendecke in 16 Metern Höhe schließt den Raum nach oben ab, an den Brüstungen der vier umlaufenden Emporen finden sich rund 200 Bildfelder, die meisten zeigen biblische Szenen. Sehenswert auch Kanzel, Hochaltar und Orgel – staunen aber macht vor allem der überwältigende Raumeindruck dieses Gotteshauses, das seit 2001 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt.
2500 Sitz- und 3500 Stehplätze bietet die Kirche, informiert die Tonbandführung in deutscher Sprache. Nicht genug – sonntags seien oft 15000 Gläubige gekommen. »Ich habe nachgelesen«, korrigiert Tomasz Stawiak, »es waren bis zu 18000.« Sie kamen von weither, fügt der Pastor der heute recht kleinen evangelischen Gemeinde von Jauer hinzu: »Manche brauchten sieben Stunden – für einen Weg!«
Ortswechsel. Farbenfrohe Gewölbegemälde, riesige Kronleuchter, eine reich verzierte Kanzel. Und dann diese gewaltige Orgel über dem grandiosen Hochaltar – das soll ein evangelisches Gotteshaus sein?
Nun, die Gnadenkirche zum Heiligen Kreuz im polnischen Jelenia Góra – deutsch: Hirschberg – ist zwar nach dem Zweiten Weltkrieg den Katholiken übertragen worden, doch sie wurde als protestantisches Gotteshaus erbaut. 1707 durften in Schlesien sechs weitere evangelische Kirchen gebaut werden – eine »Gnade« des Kaisers, weshalb sie Gnadenkirchen heißen.
Unten dunkel, oben hell und licht
Die Hirschberger Gnadenkirche bietet mit ihren zweigeschossigen Emporen über 4000 Gläubigen Platz. Verglichen mit den üblicherweise eher schmucklosen protestantischen Kirchen, erscheint die barocke Pracht in der Tat außergewöhnlich. Aber so hat es den Schlesiern gefallen, gelten sie doch als gefühlsbetonte Menschen, der Innerlichkeit und der Mystik zugeneigt.
Hirschbergs Gnaden- und Jauers Friedenskirche sind zwei der vier polnischen Stationen auf der »Via Sacra«, zu der außerdem vier Stätten in Tschechien und acht in Deutschland gehören. Die Kulturroute durch die Oberlausitz, Niederschlesien und Nordböhmen führt zu sakralen Bauten und Kunstwerken von europäischem Rang. Vier kirchliche Tagungs- und Bildungshäuser in Herrnhut, Markersdorf und Ostritz haben sich jetzt zusammengetan und bieten Reisenden das adäquate Quartier für Touren auf der »Via Sacra« an.
Das passt schon deshalb gut, weil die Route mit dem Slogan »Reisen ohne Grenzen. Durch die Jahrhunderte. Zur Besinnung« wirbt. Das Stichwort Besinnung ist ernst gemeint: »Wir wollen nicht, dass der Reiseleiter mit der Uhr am Bus steht und die Leute zur Eile antreibt«, sagt Volker Dudeck. Der ehemalige Direktor der Städtischen Museen Zittau ist der Initiator der »Via Sacra«.
Zur Besinnung kommen kann der Besucher zum Beispiel am Heiligen Grab in Görlitz. Die Andachtsstätte wurde vor gut 500 Jahren vor den Toren der Altstadt auf einer Anhöhe angelegt, wo Hingerichtete beerdigt worden waren. 33 Stufen – für die 33 Lebensjahre Jesu – führen hinauf zu den drei Linden, die für die drei Kreuze auf Golgatha stehen.
Dahinter erhebt sich die zweigeschossige Kreuzkapelle. Theologie in Stein: unten die Adamskapelle, ein dunkler, gedrückt wirkender Raum; ein Riss in der Mauer hinter dem Altar stellt die einzige Verbindung zur nur von außen zugänglichen Golgathakapelle darüber dar – in diesem hellen, lichten Raum finden sich drei Löcher für die Kreuzesstämme und eine Rinne seitlich des mittleren Lochs, die symbolisch das Blut Jesu auffängt und in den Spalt zur Adamskapelle mündet.
Ein Salbhaus und die Nachbildung des Jerusalemer Grabes Christi vervollständigen die Anlage, an die sich ein Hügelgelände anschließt: der Ölberg mit dem Garten Gethsemane. Dieses »Lausitzer Jerusalem« lädt tatsächlich zu Andacht und Meditation ein – durchaus im Unterschied zu den originalen Orten in Jerusalem.
Die Wallfahrtskirche Maria Heimsuchung im tschechischen Hejnice (Haindorf) mit dem Feldaltar Wallensteins, Deutschlands ältestes Zisterzienserinnenkloster St. Marienthal oder die Herrnhuter Brüdergemeine – viele der 16 Stationen der »Via Sacra« lohnen einen ausgiebigeren Besuch. Nicht zu vergessen die Zittauer Fastentücher.
Das kleine ist die größere Rarität. Von seiner Art gibt es weltweit nur sieben Exemplare. Zudem gilt es als das einzige, das je von einer evangelischen Gemeinde in Auftrag gegeben wurde, obwohl doch Martin Luther Fastentücher für »Gaukelwerk« hielt.
Das große, seit 1999 in der ehemaligen Kirche zum Heiligen Kreuz ausgestellt, zieht alljährlich um die 30000 Besucher an. 1472 entstanden, verhüllte es 200 Jahre lang in der Fastenzeit den Altarraum der Zittauer Hauptkirche St. Johannis, sodass die Gemeinde weder die Zelebranten noch den prächtigen Altar sehen konnte – damit, erklärt Volker Dudeck, »wurde das körperliche Fasten durch ein Fasten der Augen ergänzt«.
Was im Fall des 8,20 Meter hohen und 6,80 Meter breiten Tuchs keine Nulldiät bedeutet: Es zeigt 90 Szenen aus dem Alten und Neuen Testament. Mit bemerkenswerten Details: Statt Löwe und Lamm liegen hier Katze und Maus beieinander; Kain und Abel sind als Zwillinge dargestellt. Allerdings hat der Künstler auch gepatzt: Erst zeigt er die Geburt Jesu, danach den Besuch Marias bei Elisabeth. Als er den Fehler bemerkt, malt er einfach »b« und »a« an die Bildränder.
Die Passion des Zittauer Fastentuchs
Weniger heiter nimmt sich die Geschichte des Tuches aus. Ein halbes Jahrtausend hat es unbeschadet überstanden – bis zum Mai 1945. Da fällt es sowjetischen Soldaten in die Hände, die es zerschneiden und damit eine Dampfsauna abdichten, die sie sich zusammengebastelt haben. »Damals hat das Tuch seine Passion erlebt«, sagt Volker Dudeck. Glück im Unglück: Es konnte vollständig geborgen und 1995 restauriert werden. Dass es nun in seiner zwar teils verblichenen, dennoch Ehrfurcht gebietenden Pracht zu sehen ist, gilt vielen als »Wunder von Zittau«.
Hubertus Büker
Bewegende Menschenbilder
27. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion
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Am 21. Januar wurde im Erfurter Landeskirchenamt eine Ausstellung über Demenz eröffnet
Der Blick geht in die Ferne – ein Blick zwischen neugieriger Erwartung und Angst. Die Frau wirkt ruhig, in sich gekehrt. Ein Mann scheint zu fragen: Was will ich hier? Dann ein Schrei, geschlossene Augen, Verzweiflung … Die Bilder der Ausstellung »Das Vergessen vergessen«, die am Montag im Erfurter Landeskirchenamt eröffnet wurde, treten mit dem Betrachter in einen Dialog, erzählen von Menschen, die in einer anderen Welt leben. Der Mediengestalter und Fotograf Marco Warmuth hat im Rahmen seiner Masterarbeit Geschichten von Demenzkranken eingefangen.

In einer anderen Welt und mit einem Kopfpolster geschützt vor den Auswirkungen, die Demenz mit sich bringen kann – berührende Bilder zeigt die Ausstellung »Das Vergessen vergessen«. Foto: Marco Warmuth
Warum beschäftigt sich ein 32-Jähriger mit diesem Thema? »Der Auslöser war die Demenz meines Großvaters. Ich habe den ganzen Prozess miterlebt: Von der Phase, als noch gar nicht klar war, was mein Großvater hat, bis zur Suche nach einem Heimplatz und den Jahren danach.« Mit den Fotografien hat er selbst verarbeitet, was in seiner Familie geschieht und öffnet gleichzeitig anderen eine Tür, die selbst in ihrer Verwandtschaft mit Demenz konfrontiert sind oder mit solchen Menschen arbeiten. Er habe gelernt, mit der Erkrankung seines Großvaters umzugehen, sagt Marco Warmuth. Das sei wichtig gewesen, um alles verarbeiten zu können.
Ein Jahr lang hat er in drei Heimen – zwei in Halle, eins in seiner Heimatstadt Oschatz (Sachsen) – fotografiert, zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten. Die Diakonie Mitteldeutschland beauftragte ihn, daraus eine Ausstellung zu konzipieren. Im Collegium maius sind nun 17 großformatige Aufnahmen zu sehen, die berühren, auch erschrecken – aber, so die Präsidentin des Landeskirchenamtes der EKM bei der Eröffnung, die Würde habe der Fotograf gewahrt und die Schönheit der Menschen gezeigt.
Deutschlandweit gebe es 1,2 Millionen Menschen, die an Demenz erkrankt sind, informierte Kristin Schulze von der Diakonie Mitteldeutschland. Für sie als Referentin der Altenhilfe soll die Ausstellung bewirken, mit der Gesellschaft in einen Dialog zu kommen. Wie soll Altenhilfe heute und morgen aussehen? Man wolle Menschen zeigen, die auf Hilfe angewiesen sind, und gemeinsam überlegen, was kann ein ambulanter Dienst, was müssen Einrichtungen leisten und wo ist Nachbarschaftshilfe gefragt.
Friederike Spengler, die persönliche Referentin der Präsidentin, stellte zur Vernissage ein Kinderbuch vor: »Der Fuchs, der den Verstand verlor« von Martin Baltscheit, das 2012 den Jugend-Literaturpreis erhielt. Das Kinderbuch, so Warmuth, habe ihn sehr bewegt, weil es genau die Phasen beschreibt, die sein Großvater durchlebte: vom ersten Vergessen bis zum deutlichen Ausbruch der Krankheit.
Blicke und Schreie – und daneben eine Frau, die ihre Beine lässig über die Armlehne eines Stuhles baumeln lässt, so als wolle sie gleich aufspringen und davonlaufen. Eine schöne Frau – trotz ihrer Krankheit, die das Bild erst auf den zweiten Blick preisgibt.
Dietlind Steinhöfel
Die als Wanderausstellung konzipierte Exposition ist bis zum 28. März im Collegium maius, Erfurt, Michaelisstraße 39, montags bis freitags, von 8 bis 16 Uhr zu sehen.
Spirituelle Grenze
24. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion
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Košice in der Slowakei ist europäische Kulturhauptstadt 2013
Es ist ein östlicher Außenposten der Europäischen Union: Das slowakische Košice, neben Marseille europäische Kulturhauptstadt 2013. Und in der Ostslowakei verläuft auch die Grenze zwischen religiösen Kulturen.
Der Zauber der griechisch-katholischen Welt entfaltet sich pünktlich um die Mittagszeit: In die Kapelle mit ihrer goldglänzenden Ikonenwand strömen junge Männer, gekleidet mit bodenlangen schwarzen Gewändern. Die tiefen Stimmen mischen sich zu einem betörenden Gesang. Es ist das Priesterseminar in der ostslowakischen Stadt Presov, die angehenden Geistlichen halten ihre tägliche Andacht.

Moderne Kunstexponate in einer der alten Synagogen von Košice. Bis sie irgendwann renoviert wird, dient sie als Ausstellungsraum. Die verblassten Ornamente auf dem Putz und der Kies auf dem Boden kontrastieren mit den ausgestellten Kunstwerken. – Foto: epd-bild
Hier schlägt das Herz der griechisch-katholischen Kirche in der Slowakei. Die Gläubigen gehören zum Vatikan, zelebrieren aber ihre Gottesdienste nach den Traditionen des östlichen Ritus. Dass sie gerade im Osten der Slowakei so stark sind, hat historische Gründe. Die europäische Kulturhauptstadt Košice und Presov, die beiden prägenden Städte der Region, gehörten einst zur Habsburger Monarchie und gelangten wegen ihrer Lage zu wirtschaftlicher Blüte: Die Handelswege von Wien und Prag in Richtung der östlichen Provinzen führten hier vorbei.
Östlicher Außenposten der Europäischen Union
Heute bilden Košice und Presov einen östlichen Außenposten der Europäischen Union. Und hier verläuft noch eine andere Grenze – eine spirituelle. Wenn wir von Košice aus eine gedachte Linie ziehen nach Polen in die eine und nach Ungarn in die andere Richtung«, sagt der Theologe Simon Marincak, »dann stellen wir fest: Alles östlich von hier gehört zum byzantinischen Ritus, alles westlich von hier zum westlichen Ritus. Die Grenze zwischen den beiden Religionskulturen verläuft genau hier.« Marincak gehört zur griechisch-katholischen Kirche und leitet das Forschungsinstitut Zentrum für ost-westliche Spiritualität.
Gotische Kathedrale – östlichste der Welt
Auch die Kulturhauptstadt Košice selbst spiegelt religiöse Vielfalt wider. Rund um den prachtvollen Hauptplatz stehen alte Bürgerhäuser aus der Zeit der Gotik und der Renaissance. Der Charme der k.u.k.-Monarchie umweht das Ensemble noch heute. In der Mitte des langgestreckten Platzes, majestätisch erhaben, thront der römisch-katholische Dom der heiligen Elisabeth.
Rein statistisch gesehen stellen die römischen Katholiken hier im Osten der Slowakei die Mehrheit, noch weit vor den Anhängern der griechisch-katholischen Kirche. Der Dom ist dafür ein stolzes Symbol – ein Wahrzeichen der spirituellen Grenzlinie. »Unsere gotische Kathedrale ist die östlichste der Welt«, sagt Simon Marincak: »Hier bei uns sagen wir gern: Die nächste gotische Kathedrale in östlicher Richtung kommt in Lissabon – dafür müssen Sie einmal um die ganze Welt reisen!«
Die andere traditionsreiche Religionsgemeinschaft im Osten der Slowakei sind die Juden. Stolz und selbstbewusst waren sie einst, davon zeugen die Synagogen in Košice und in Presov. Genutzt werden aber nur noch zwei davon. »Früher waren einmal 20 Prozent der Bevölkerung Juden«, sagt Pavol Sitar, der Vorsitzende der Gemeinde in Košice. »Aber die Alten sterben, viele der Jungen gehen weg. Derzeit haben wir nur noch 251 Mitglieder.«
Immerhin gebe es noch eine ganze Reihe von Leuten in Košice, die jüdische Vorfahren hätten, sagt Pavol Sitar. Seine Hoffnung ist, dass sie eines Tages wieder den Weg zurück in die Gemeinde finden. Derzeit ziehen in der alten Synagoge von Košice vor allem die Kulturveranstaltungen das Publikum an, Vernissagen und Lesungen. Die größte und prächtigste Synagoge aber ist in kommunistischen Zeiten zur städtischen Philharmonie umgebaut worden.
Der Aufbruch, von dem Pavol Sitar träumt, ist der griechisch-katholischen Kirche gelungen. Sie hat eine schwierige Zeit hinter sich: Das kommunistische Regime wollte die Kirche zerschlagen. Sie wurde verboten, die Priester und die Gläubigen dazu gedrängt, zur orthodoxen Kirche zu konvertieren. Denn die war den Machthabern wegen ihrer Wurzeln in Russland genehmer.
Dieser politische Konflikt zwischen byzantinischen Katholiken und Orthodoxen prägt bis heute das kirchliche Leben im Osten der Slowakei. Die Verbitterung sitzt tief: Das kommunistische Regime enteignete die griechisch-katholische Kirche und übergab deren Gotteshäuser kurzerhand den Orthodoxen.
Als mit dem Prager Frühling zum Ende der 1960er Jahre in der Tschechoslowakei ein liberalerer Wind wehte, wurde der Bann gegen die griechisch-katholische Kirche zwar aufgehoben und sie bekam einige Kirchengebäude wieder zurück, das Gemeindeleben lag aber nach der langen Unterdrückung weitgehend brach.
Die Kirche erlebt ihre Renaissance
Das änderte sich erst mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems. »Nach der Wende brach bei uns eine regelrechte Euphorie aus«, sagt Miroslav Dancak, der Rektor des griechisch-katholischen Priesterseminars: Endlich durfte die Kirche wieder eigene Priester ausbilden; der Bedarf an Nachwuchs war riesig. Die Kirche mit ihrer langen Tradition im Osten der Slowakei erlebt gerade ihre Renaissance – und ihr Herz schlägt in der kleinen Kapelle des Priesterseminars von Presov vor der goldenen Ikonenwand.
Kilian Kirchgeßner (epd)
Geistige Anregung, beglückende Lektüre – Jahrbücher
13. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion
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»Glück« ist das Thema der neuestem Ausgabe von »Lektüre zwischen den Jahren«. Jeder Mensch will glücklich sein. Aber während sich nach Ansicht Erika Pluhars viele Zustände unseres Gemüts willentlich herbeiführen lassen, kann man glücklich »nicht sein, ohne wirklich glücklich zu sein«. Mit dieser kurzen Betrachtung beginnt das schön gestaltete Buch. Was Glück eigentlich sei, wird in zwei Beiträgen leicht verständlich umkreist (Wilhelm Schmid, H. Hesse). Vor allem wird es in meisterhaften Erzählungen und Romanausschnitten dargestellt: das Glück nächtlicher, heimlicher Ausflüge von Kindern (Eleanor Brown, Jean-Michel Guenassia), das Glück eines Urlaubs (in einer wunderbar leichten norwegischen Sommergeschichte Roy Jacobsens), das Glück beim Wein (Eva Demski) und vor allem natürlich das Glück in der Liebe (Karsten Flohr, Boccaccio). Der mongolische Dichter Galsan Tschinag bringt es auf den Punkt: Um glücklich zu werden, müssen wir die Panzer um unsere Herzen, auch die Panzer vor uns selbst, abstreifen. Eine beglückende Lektüre, nicht nur zwischen den Jahren.
Sie wird ergänzt durch Reclams Literaturkalender, der bereits zum 59. Mal erscheint. Der italienische Renaissancedichter Boccaccio ist hier ebenfalls mit einem Ausschnitt aus seiner weltbekannten Novellensammlung »Das Decamerone« vertreten. Anstelle des einleitenden Essays, der den anderen Texten vorangestellt ist, wird ein Gespräch mit Peter Brockmeier abgedruckt, der »Das Decamerone« anlässlich von Boccaccios 700. Geburtstag neu übersetzt hat. Wie jedes Jahr enthält Reclams Literaturkalender ein Kalendarium mit Geburts- und Sterbedaten wichtiger Dichter von Boccaccio, geboren 1313, bis zu Jón Kalman Stefánsson, Jahrgang 1963. Eine der stärksten Erzählungen in »Lektüre zwischen den Jahren« stammt von Katherine Mansfield. Reclams Kalender erinnert an ihren 125. Geburtstag. Wieder gelingt es den von Literatur begeisterten Herausgebern und Autoren des Reclam-Bändchens, die Leser für Literatur zu begeistern.
Ein außergewöhnliches Zeugnis für die Wirkung von Literatur erzählt Andrew Steinman im neuen Jüdischen Almanach: sein jüdischer Vater, mit der Familie aus Hitlerdeutschland geflohen, beschließt, aus dem amerikanischen Exil nach Frankfurt am Main zurückzukehren, nachdem er »Die Blechtrommel« von Günter Grass gelesen hat. »Deswegen können wir in Deutschland leben. Wenn es hier solche Literatur gibt, gibt es hier auch ein Leben für uns und damit überhaupt für alle.« Allerdings wird »ihm der Boden unter den Füßen entzogen«, fällt er »in ein bodenloses Loch«, als er erfährt, »dass Grass Mitglied der Waffen-SS gewesen war«. Das Thema des Jüdischen Almanachs ist diesmal »Proteste. Jüdische Rebellion in Jerusalem, New York und andernorts«. Es ist weit gefasst und behandelt nicht nur die jüdischen Wurzeln von Karl Marx, Ferdinand Lasalle und Rosa Luxemburg, sondern arbeitet in einem der eindrucksvollsten Aufsätze die Bedeutung von Emile Zolas Einsatz für den jüdischen Hauptmann Dreyfus heraus und zeigt auch einleuchtend, wie sich das Judentum René Goscinnys in der von ihm geschaffenen Comicfigur Asterix niederschlägt. Er verkörpere »über seine Komik hinaus den Widerstand gegen das Unabwendbare und gegen die Welt der Mächtigen«.
Alle drei hier vorgestellten Jahrbücher bieten Stoff zum Lesen, Nachdenken und geistige Anregung über das Jahr 2013 hinaus
• Lektüre zwischen den Jahren 2012: Glück. Insel Verlag, 158 S., ISBN 978-3-458-35866-4, 5 Euro
• Reclams Literaturkalender 2013. Reclam Verlag, 125 S., ISBN 978-3-15-018940-5, 3 Euro
• Dachs, Gisela (Hg.): Proteste. Jüdische Rebellion in Jerusalem, New York und andernorts. Jüdischer Almanach, Jüdischer Verlag, 238 S., ISBN 978-3-633-54261-1,
16,95 Euro
Figürlich, farbenprächtig, geheimnisvoll
8. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion
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Ausstellung: Die Kunstsammlungen Chemnitz zeigen Werke von Neo Rauch und seiner Ehefrau Rosa Loy
Die Ausstellung in Chemnitz ist eine Premiere, denn zum ersten Mal werden in Deutschland Bilder des Künstlerehepaares parallel präsentiert.
Er genießt weltweit Popularität. Seine Bilder hängen im Metropolitan Museum of Art in New York und im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Der Maler Neo Rauch, 1960 in Leipzig geboren, gilt international als bedeutender Maler seiner Generation und bekanntester Vertreter der »Neuen Leipziger Schule«. 2007 entwarf er unentgeltlich einen Bilderzyklus für drei Fenster in der Elisabethkapelle des Naumburger Doms. Rauchs Vorlagen wurden in rubinrotem Glas umgesetzt.
Seit Mitte Dezember präsentieren die Kunstsammlungen Chemnitz 13 großformatige Gemälde des renommierten Künstlers; entstanden sind sie in den Jahren 2002 bis 2012. Bei der Ausstellung handelt es sich um eine Premiere, denn gleichzeitig werden in gesonderten Räumen Bilder seiner Ehefrau Rosa Loy gezeigt. Es ist in Deutschland die erste Parallelausstellung des Künstlerpaares. Das erste Mal wurden Werke der beiden 2011 in der Sammlung Essl Klosterneuburg bei Wien gezeigt.
Die beiden Ausstellungen »Neo Rauch – Abwägung« und »Rosa Loy – Gravitation« in getrennten Räumen ermöglichen einen Einblick in das Schaffen beider Künstler.
Anlass für die Ausstellungen war das Vorhaben der Kunstsammlungen Chemnitz, ein Gemälde von Neo Rauch kaufen zu wollen. Das Bild »Abwägung«, das der Schau Neo Rauchs auch seinen Titel verleiht, ist eine Auftragsarbeit. Ab Frühjahr soll das Gemälde als Leihgabe im Ratssaal des Chemnitzer Neuen Rathauses hängen. An der Stirnwand des prunkvollen Saals ist in der eichenen Wandvertäfelung eine gerahmte Fläche ausgespart. Hier wird Rauchs Gemälde seinen Platz finden. Ursprünglich hingen an dieser Wand die Porträts von Kaiser Wilhelm II. und König Friedrich August von Sachsen.
Neo Rauchs Bild ist in leuchtenden Farben gestaltet. Er kombiniert Weinrot, Pink und Violett mit Grün und Gelb. Alle Figuren stehen in einem dunkelbraunen Raum, den gelbe, grüne und violette Lichter erhellen.

»Die Abwägung« – Das Ölgemälde im Großformat von Neo Rauch ist für das Chemnitzer Rathaus bestimmt. Fotos: Kunstsammlungen Chemnitz
Justitia ist als eine selbstbewusste, stolze und starke Frau dargestellt. In der rechten Hand hält sie ein Hochhaus, in der linken Hand einen Baum. Auf der linken Bildseite nähert sich ihr eine Frau in Weinrot und grelles Gelb gekleidet. Sie bringt einen Vogel mit, offensichtlich in der Absicht, diesen auf eine altmodische Küchenwaage legen zu wollen. Symbolisiert der Vogel das Leben und die Unmöglichkeit, dieses gegen andere Dinge abzuwägen? Niemals kann es der Frau gelingen, das kleine und lebendige Vögelchen auf der Waage abzusetzen, es würde augenblicklich davonflattern. Drei Figuren auf der rechten Bildseite halten unterschiedliche Gegenstände, eine knospende Pflanze, einen verkohlten Ast, ein Designerstück, die sie ratsuchend und respektvoll Justitia entgegenhalten. Was will der Künstler andeuten? Dass es Aufgabe von Justitita ist, ein salomonisches Urteil zwischen moderner Zivilisation und Natur zu fällen? Rauchs Gemälde lässt offen, wie sich Justitia entscheiden wird.
»Der böse Kranke«, eines von drei Bildern, die 2012 entstanden sind, zeigt einen auf ein winziges Maß zusammengeschrumpften Mann auf einem Krankenbett. Mehrere Männer sind um ihn herum versammelt, einige mit Stöcken bewaffnet, machen sich am Bett, das auf einem Holzstapel steht, zu schaffen. Erste Flammen züngeln, der Holzstapel droht, zum Scheiterhaufen zu werden. Das Bild ist zweigeteilt in eine menschenleere und eine von Menschen dominierte Hälfte. Wie in den meisten Werken Rauchs ist auch in diesem eine untergründige Bedrohung auszumachen.
Von Rosa Loy, Rauchs Ehefrau, sind zehn Bilder ausgestellt. Auf ihnen sind vor allem Frauen in unterschiedlichen Rollen zu sehen, Männer sind in der Minderheit.
Rosa Loy wurde 1958 in Zwickau geboren. Sie absolvierte ein Studium zur Gartenbauingenieurin sowie ein Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Sie setzt sich in ihren Bildern häufig mit der Natur auseinander, malt gärtnerische Szenen: Das Bild »Schwester« zeigt im Vordergrund eine Frau, umgeben von üppiger Natur. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand weist die weibliche Figur auf diagonal hintereinander angeordnete Frauenköpfe. Die Gestalt im Vordergrund ist von einem Licht umgeben, das einem Heiligenschein gleicht. »Der Zeigegestus, welcher an Michelangelos Bilddetail ›Erschaffung Adams‹ in der Sixtinischen Kapelle erinnert, und die Anordnung der Köpfe, die einen Stammbaum erahnen lassen, deuten auf die Erschaffung einer weiblichen Ahnenlinie hin«, so die Erläuterung des Gemäldes im Katalog.
Die Künstlerin beschäftigt sich auch mit Mythen, Märchen und Mysterien. Sie bedient sich der Kaseinmalerei, einer seit dem 14. Jahrhundert bekannten Technik, die insbesondere in der Wand- und Fassadenmalerei eingesetzt wurde.
Religiöse Anklänge finden sich in dem Bild »Mondlicht«. Es weckt Assoziationen an Ikonen von der Madonna mit Kind. Die in einem dunklen, von einer Mauer umgebenen Terrain stehende Frau hält ein Kind in den Armen. Sein Körper zerrinnt nach beiden Seiten, löst sich in seinem Lichtschein auf. Im Hintergrund zwei kriegerische Gestalten mit blendenden Scheinwerfern. Mit dieser Darstellung hat die Malerin eine moderne Version des bethlehemitischen Kindermords gestaltet.
Rosa Loy und Neo Rauch malen figürlich, die Farben ihrer Bilder sind kräftig und leuchtend. Beide Künstler vermitteln ihre Botschaften verschlüsselt. Der Betrachter ist gut beraten, wenn er sich von den farbenprächtigen Werken in Bann ziehen lässt, sie als Bilder wahrnimmt und nicht dem Zwang verfällt, sie deuten zu müssen. Sie wecken Assoziationen und lassen Deutungen zu, behalten jedoch ihre Aussage geheim.
Sabine Kuschel
Die Ausstellung ist bis 10. Februar in den Kunstsammlungen Chemnitz, Museum am Theaterplatz zu sehen. Geöffnet dienstags bis sonntags sowie an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr.
www.kunstsammlungen-chemnitz.de
Poet und Freund der Kinder
26. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion
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Geschichte: Ein Weimarer Dichter und Sozialpädagoge schuf eines der bekanntesten Weihnachtslieder Deutschlands
»O du fröhliche« war ein sizilianisches Schifferlied. Dass die Melodie von Palermo nach Deutschland kam und zum Weihnachtslied wurde, hängt mit dem Wirken von Johannes Daniel Falk zusammen.
Das Lied kennt jeder, und manche mögen es sogar lieber als das unsterbliche »Stille Nacht«: Anders als die innig-zarte Weise aus dem Alpenland steht »O du fröhliche« für die ausgelassene, strahlende Seite des Festes. Kein Wunder, entpuppt sich die ebenso muntere wie feierlich-getragene Melodie doch als sizilianisches Schiffer- oder Hochzeitslied. Aber wer hat es nach Deutschland gebracht und mit dem weihnachtlichen Text versehen? Es waren der Weimarer Dichter, Theologe und Kulturphilosoph Johann Gottfried Herder und ein Privatgelehrter der pädagogischen Wissenschaft namens Johannes Daniel Falk, der ebenfalls in Weimar lebte, etwas schwerfällige Verse verfasste – und als Begründer der Sozialarbeit mit Jugendlichen gilt.
Der Vater, ein Perückenmacher, brachte nicht viel Verständnis für die poetische Leidenschaft seines 1768 in Danzig geborenen Sprösslings auf. Zum Glück fand sich irgendein Lehrer, der die Danziger Ratsherren auf den begabten Jungen aufmerksam machte; sie bezahlten ihm den Besuch des Gymnasiums und schickten ihn sogar auf die Universität Halle. Als er dort sein Theologie- und Sprachenstudium begann, bekam der junge Mann bald massive Schwierigkeiten: In den literarischen Zirkeln, wo er verkehrte, schimpfte man kräftig auf die kommunale Kulturpolitik und den bezopften Geschmack der Ratsherren. Falk verärgerte die Honoratioren mit boshaften Spottversen. Der Herr Student solle erst einmal etwas lernen, statt Satiren zu verfassen, befand der großmächtige Rat und wies den jungen Falk aus Halle aus.
In Weimar, wo er freundliche Aufnahme bei Geistesgrößen wie Goethe, Wieland, Herder fand, äußerte sich Falk erheblich vorsichtiger. Pfarrer wollte er nicht mehr werden, die Theologie war ihm viel zu verkopft erschienen und der Gelehrtenstreit über Bibelauslegung und Philosophie hatte ihn abgestoßen. Falk schrieb viel, zahllose Gedichte, ein »Geheimes Tagebuch«, ein einfühlsames Porträt seines großen Gönners mit dem Titel »Goethe aus näherem persönlichen Umgang dargestellt«.
Alle diese Produkte seiner Feder sind heute vergessen, bis auf das international bekannte Weihnachtslied, und sie brachten ihm auch damals weder großen Ruhm noch viel Geld. Die Schriftstellerei sei doch eine »recht lumpige Sache«, stellte er fest und fristete sein Leben als Privatlehrer und –gelehrter. Bis 1806 die Kriegsfurie über das stille Weimar hereinbrach: Flüchtlingsfamilien in panischer Angst, zersprengte Haufen der preußischen Armee, schließlich die siegreichen napoleonischen Truppen, 50000 Mann stark, eine zerstörerische, raubgierige, gewalttätige Soldateska. Da wurde aus dem verträumten Privatgelehrten plötzlich ein Held, ein kaltblütiger Verteidiger von Bürgerrechten, dazu ein geschickter Organisator: Falk stellte sich den Marodeuren entgegen, trieb Lebensmittel und Quartiere auf, um sie vom Plündern abzuhalten. Für die Kriegskrüppel, Obdachlosen und Hungernden leitete er Hilfsmaßnahmen in die Wege. Als wieder Friede war, machte ihn der Weimarer Herzog voller Respekt zum Legationsrat mit festem Gehalt, das konnte der Vater von sieben Kindern gut gebrauchen.
1813 kamen die französischen Truppen ein zweites Mal – und mit ihnen eine Typhus-Epidemie. Die Falks verloren vier ihrer Kinder, Johannes selbst erkrankte auf den Tod. Als er wieder aufstehen konnte, war er nach eigener Aussage »vom Satiriker zum Christen« geworden und hatte gelernt, sein persönliches hartes Schicksal zu verwandeln: in praktisch geübte Barmherzigkeit. Falk öffnete sein Haus für die halb verhungerten, verwahrlosten Waisen, die mit Napoleons Soldaten durch die Lande zogen. Er mietete einen leer stehenden Hof, richtete ihn als Schule ein, suchte und fand Pflegefamilien, vermittelte den Halbwüchsigen Lehrstellen bei Weimarer Handwerksmeistern, die den tapferen Falk schätzten und seinen Schützlingen einen Vertrauensvorschuss einräumten.
Die »Gesellschaft der Freunde in der Not«, die Falk 1813 für seine kleinen Streuner gründete, war vermutlich die erste sozialpädagogisch orientierte Bürgerinitiative Deutschlands. Eine heruntergekommene Weimarer Grafenburg wurde gemeinsam mit den älteren, handwerklich geschulten Kindern restauriert. Weil Martin Luther einmal in dem Schlösschen übernachtet hatte, bekam das Kinderheim den Namen »Lutherhof«.
Die Erziehung hier folgte freiheitlichen, höchst modernen Prinzipien, und weil der Kinderfreund seine Ideen durch eine ausgedehnte Korrespondenz und viele Artikel verbreitete, konnte er die Gründung ähnlicher »Rettungshäuser« in anderen Städten erleben. Am bekanntesten wurde das von Pastor Johann Hinrich Wichern errichtete »Rauhe Haus« in Hamburg.

Die Inschrift des Grabsteins auf dem Weimarer Friedhof stammt von Johannes Daniel Falk selbst. – Foto: Harald Krille
Im »Lutherhof« ist angeblich auch das strahlend schöne Weihnachtslied »O du fröhliche« uraufgeführt worden, von den Knaben, die hier eine Heimat gefunden hatten. Die Melodie soll auf das sizilianische Schifferlied »O sanctissima, o piissima dulcis virgo Maria« (O du heiligste, überaus fromme, süße Mutter Maria) zurückgehen, das der Weimarer kosmopolitisch denkende Pädagoge und Superintendent Johann Gottfried Herder 1788 auf einer Reise nach Palermo von Fischern hörte. Herder sammelte Lieder aus allen Nationen und machte auch Shakespeare in Deutschland bekannt. Nach einer anderen Version war die Weise als Hochzeitslied in Süditalien gebräuchlich.
Den Liedtext hatte Johannes Daniel Falk ursprünglich 1816 als universal verwendbare Hymne für Weihnachten, Ostern und Pfingsten geschrieben, »Allerdreifeiertagslied« genannt: je eine Strophe für jedes Fest. Zum Ohrwurm wurde lediglich die erste, die Weihnachtsstrophe, von seinem Mitarbeiter Heinrich Holzschuher – an den unfairerweise niemand mehr denkt – 1819 um zwei weitere ergänzt. Die Menschen verliebten sich jedenfalls sofort in »O du fröhliche«: Der sonst eher spröde Geheimrat Goethe gestand, er sei vom »schlichten Glanz« des Liedes »hingerissen«.
Zu diesem Zeitpunkt war Johannes Daniel Falk, der bescheidene Poet und energische Kinderfreund, schon tot. Am 14. Februar 1826 war er an einer Blutvergiftung gestorben, erst 58 Jahre alt. Die volkstümliche, wenn auch barock lehrhafte Inschrift des Grabsteins auf dem Weimarer Historischen Friedhof klingt, als hätte er selbst sie geschrieben – und das hatte er tatsächlich getan, Jahre zuvor auf einem Ritt durch das Rheinland:
Als Falk auf dem Sterbebett sein Testament und darin auch seine Grabschrift diktierte, hatte die vierte Zeile noch anders gelautet: »Kinder, die aus fremden Städten«. Man darf darin das bewusste Zeugnis eines weiten Geistes sehen, der gegen den Willen der Obrigkeit in seinen »Lutherhof« auch Waisen aus anderen Regionen und Ländern aufgenommen hatte.
Christian Feldmann
Literaturempfehlungen
Dietsch, Ingrid: Da fühlst du einmal meine Last. Vom Alltag der Caroline Falk in Weimar 1797-1841, Wartburg Verlag, 268 S., ISBN 978-3-86160-154-0, 8,35 Euro
Stapff, Ilse-Sibylle: Historische Grabstätten in Weimar. Jakobskirche, Jakobsfriedhof und historischer Friedhof, Wartburg Verlag, 43 S., ISBN 978-3-86160-157-9, 1,50 Euro
Mit Charme und Gottvertrauen
17. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion
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Verkündigung ohne Predigt und Zeigefinger: die Schauspielerin Eva-Maria Admiral
Wer sie in ihrer ganzen Kraft und Vitalität auf der Bühne erlebt hat und ihr anschließend im Café gegenübersitzt, ist verwirrt: Verwirrt ob dieser zierlichen, geradezu zerbrechlichen Person. Ja, bestätigt Eva-Maria Admiral, schon oft habe man ihr eine ausgesprochen starke Bühnenpräsenz attestiert. Es müsse wohl stimmen, meint sie mit jenem unwiderstehlichen Wiener Charme, mit dem sie gleich darauf jede Auskunft über ihr Alter ablehnt.

Ein »interaktives Theaterkabarett« nennt Eva-Maria Admiral ihr aktuelles Programm »Das Stück vom Glück«. Im Rahmen der diesjährigen Allianzkonferenz begeisterte sie damit in der Bad Blankenburger Stadthalle. – Fotos (4): Harald Krille
Aber wie sie dazu kam, seit 25 Jahren als Schauspielerin auf der Bühne zu stehen, seit 15 Jahren mit eigenen Soloprogrammen, erzählt sie gern. Denn daran ist ihr Glaube »schuld«. Zwar träumte Eva-Maria Admiral schon immer von der Bühne, hielt sich selbst aber nicht für befähigt genug. Mit 18 ging sie deshalb nach Paris zum Literaturstudium. »Ich wollte wenigstens Theaterkritikerin werden«, sagt sie rückblickend. Dort begegnet sie einer Kommilitonin, die Christ ist. Nicht nur irgendwie, sondern richtig überzeugend. Eva-Maria Admiral entscheidet sich für ein bewusstes Christsein. Und »mit Gott«, sagt sie, habe sie dann den Mut gehabt, sich an einer Schauspielschule zu bewerben. Nicht irgendwo, sondern – wie Hunderte jedes Jahr – am renommierten Max Reinhardt Seminar in Wien. Und wird auf Anhieb genommen. Schon bald ist Eva-Maria Admiral Ensemblemitglied im Wiener Burgtheater, spielt bei den Salzburger Festspielen, den Wiener Festwochen. Es folgen ein Begabtenstipendium und bald auch Auszeichnungen, unter anderem als beste Nachwuchsschauspielerin oder der Theaterpreis der Ruhrtriennale.
Die Karriere hätte weitergehen können, hätte aber auch ihren Preis gehabt: »So ein Engagement fordert einen absolut, da bleibt keine Kraft und Zeit für anderes«, beschreibt sie die Realität. Doch gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schweizer Schauspieler Eric Wehrlin, mit dem sie seit 1989 verheiratet ist, wollte sie noch etwas anderes: »Ich wollte gern mit meinem Beruf etwas von dem vermitteln, das mir im Innersten wichtig ist.« Vor nunmehr 15 Jahren wagte sie deshalb den Sprung in die Freiberuflichkeit.
Inzwischen gehört Eva-Maria Admiral – gemeinsam mit ihrem Mann – zu den gefragten christlichen Künstlern. »Sicherlich könnten wir anders mehr Geld verdienen, aber wir können etwas von unserem Glauben vermitteln und davon leben. Das ist doch toll«, sagt sie fröhlich.
Dabei geht es ihr nicht um seichte oder vordergründige »Verkündigungsspiele«. Es geht ihr darum, Menschen auf eine ganz andere Art als in einem Gottesdienst oder einer Predigt zum Nachdenken über sich und die Fragen des Lebens anzuregen, mit Ernsthaftigkeit wie mit Humor die Höhen und Tiefen des Lebens auszuloten. Und das alles ohne erhobenen Zeigefinger. Eben Theater im besten Sinne.

Kabarett, Theaterabend oder ein Seminar über das Thema Glück? Am Ende hat mancher Zuschauer das Gefühl, alles in einem besucht zu haben: Eva-Maria Admiral in »Das Stück vom Glück«
So auch in ihrem aktuellen Soloprogramm »Das Stück vom Glück«. Als Mitarbeiterin eines Glücksforschungsinstituts nimmt Eva-Maria Admiral dabei die Zuschauer mit auf die Suche nach dem Glück: Woher es kommt, wer es hat, wie man es findet. Mal leise, nachdenklich und hintergründig, mal laut und slapstickhaft, immer wieder das Publikum zu Reaktionen und Interaktion herausfordernd. Und dazu immer fundiert: Alles, was sie in dem Programm über das Glück, über Selbstbetrug und Irrwege auf dem Weg dahin zum Besten gibt, stützt sich auf Ergebnisse wissenschaftlicher Glücksforschung, ist mit Umfragen und Statistiken belegt.
Als Kirchengemeinde einen solchen Theaterabend zu organisieren, sei eine wahnsinnig tolle Chance. »Da kommen Menschen und bleiben hinterher zur Diskussion, die nie in einen Gottesdienst kommen würden«, so ihre Erfahrung. Und auch im religiös scheinbar so verschlossenen Osten Deutschlands gibt es nach ihrer Erfahrung eine große Offenheit für spirituelle Fragen.
Zudem, so verrät sie mit Augenzwinkern, spielt sie gern vor ostdeutschem Publikum. Schließlich hätten die sprichwörtlichen »Ösis« und »Ossis« viel Gemeinsames: »Sie sind beide eher etwas zurückhaltend, mehr selbstkritisch und können vor allem über sich selbst lachen.«
Harald Krille
Aufruhr um Reichsadler
12. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion
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Diskussion um Jenaer Kunstwerk: Was kann und was darf Kunst im kirchlichen Raum?
Am Eingang steht ein Zitat des Philosophen Karl Popper: »Das Wichtigste ist, allen jenen großen Propheten zu misstrauen, die eine Patentlösung in der Tasche haben und euch sagen: Wenn ihr mir nur volle Gewalt gebt, dann werde ich euch in den Himmel führen. Die Antwort darauf ist: Wir geben niemandem volle Gewalt über uns! Wir wollen, dass die Gewalt auf ein Minimum reduziert wird! Gewalt ist selbst von Übel und wir können nicht ein Übel mit einem anderen Übel austreiben.« Das Zitat ist Teil eines im vorigen Jahr fertiggestellten Wandbildes im Eingang der Jungen Gemeinde Stadtmitte Jena. Und auf dem prangen unübersehbar rund zwei Dutzend NSDAP-Reichsadler, die in ihren Klauen Symbole wie Davidsstern und Kruzifix, Facebook- und Apple-Symbol halten – und eben auch das NS-Hakenkreuz.
Der Künstler Torsten Solin, Meisterschüler-Absolvent der Dresdener Kunstakademie, sieht die Verwendung der NS-Reichsadler als umlaufenden Wandfries so: »Das Karl-Popper-Zitat erklärt den Sinn des ganzen Bildes. Es gab nichts Dogmatischeres in der jüngeren Geschichte als die Nazis, die es auch mit ihrer Ästhetik geschafft haben, die Massen zu mobilisieren.« Der Adler tauche immer in Verbindung mit Macht auf – und heute stünden eben Marken oder die Bio-Welle in der Gefahr, Macht über die Menschen zu erlangen. Er nehme sich da selbst nicht aus.
»Was kann mich fesseln, ideologisieren, was kriegt Gewalt über mich?«, fragt sich Stadtjugendpfarrer Lothar König. Doch er erkläre keine Kunst, denn die »steht für sich selber und erregt Widerspruch, Zustimmung oder auch Unverständnis«. Auch unter den Jugendlichen seiner Jungen Gemeinde (JG) führe die Verwendung des NS-Reichsadlers »immer wieder neu zu Diskussionen« – ein Effekt, den der Künstler durchaus beabsichtigt hat, war er doch selbst einmal JG-Mitglied. Paradox dabei: 2011 erstattete die Thüringer NPD Anzeige wegen der »Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole«, erzählt König. Der Richter habe aber damals entschieden, dass die NS-Symbole Teil des Kunstwerkes seien und deshalb unter »künstlerische Freiheit« fielen.
Anstoß erregt das Wandbild auch außerhalb der JG: Als Wolfgang Eisenberg, engagiertes Mitglied der Jenaer Kirchengemeinde, kürzlich mit einer israelischen Jugendgruppe den Eingang der JG Stadtmitte betrat, waren die Jugendlichen entsetzt über die NS-Symbole: »Die haben gleich mit ihren Eltern telefoniert«, erinnert sich Eisenberg und fügt hinzu: »Kunst kann provozieren, aber nicht mit Hakenkreuzen.« Die NS-Symbole hätten ihn dermaßen geärgert, dass er dem restlichen Wandbild kaum noch Beachtung geschenkt habe.
Ricklef Münnich, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft »Kirche und Judentum in Thüringen«, nimmt die Reaktion der israelischen Besucher sehr ernst: »Das Spiel mit den NS-Symbolen ist geschmacklos und verletzt gerade Juden und andere NS-Opfer zutiefst.« Es gehe ihm nicht um Kunstzensur, aber eine Debatte über Kunst in und an kirchlichen Räumen wünsche er sich schon. Antisemitismus oder gar eine Verharmlosung des NS-Regimes sei aber bei der JG Stadtmitte, ihren Aktivitäten und ihrer Geschichte definitiv ausgeschlossen.
Für einen entspannten Umgang mit dem Werk plädiert hingegen Frank Hiddemann, Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland: »Kunst hat ihre eigenen Konventionen. Sie soll die ganze Wirklichkeit darstellen und sich nicht religiösen oder politischen Stoppregeln unterwerfen müssen.« Er verstehe zwar, dass eine israelische Gruppe bei den NS-Symbolen zunächst zusammenzucke, jedoch: »Wenn man nur noch Positives abbilden darf, sind wir schnell beim Kitsch oder in der Diktatur.«
Rainer Borsdorf
Die Kirche des Jahres 2012 wählen
25. November 2012 von Gemeinsame Redaktion
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Verlosung der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler
Romanisch oder gotisch, barock oder klassizistisch, Backstein, Fachwerk oder Jugendstil: Zwölf ganz unterschiedliche Kirchen aus vielen Teilen Deutschlands hat die Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland (Stiftung KiBa) in diesem Jahr »Kirche des Monats« erklärt. Jetzt soll die »Kirche des Jahres 2012« ermittelt werden – dazu können Sie mit Ihrer Stimme beitragen und dabei auch an der Verlosung der Stiftung KiBa teilnehmen. Zu gewinnen sind eine Mini-Kreuzfahrt von Kiel nach Oslo, mit Aufenthalt in Oslo, zwei Übernachtungen und Verpflegung an Bord, für zwei Personen; zwei Übernachtungen für zwei Personenin einem deutschen »Maritim«-Hotel nach freier Wahl; kostenlose Teilnahme am Kulturprogramm der Mitgliederversammlung des Fördervereins der Stiftung KiBa am 14./15. Juni 2013 in Schwerin, inklusive Übernachtung für zwei Personen; zahlreiche Buchpreise. Die Abstimmung endet am 11. Januar 2013.
Zu den Kirchen des Monats gehörte die St.-Bonifatius-Kirche in Großwirschleben. Aus dem MDR-Dorfwettbewerb »Mach dich ran« am Pfingstmontag ging Großwirschleben in Anhalt als Sieger hervor. Mit 300000 Euro können die Dorfbewohner nun ihre einsturzgefährdete spätromanische Kirche retten. St. Bonifatius ist, direkt über dem Ufer der Saale gelegen, eine weithin sichtbare Landmarke. Das Natursteinbauwerk wurde 1352 erstmals urkundlich erwähnt. Zwischen 1859 und 1863 kam der schlanke, schiefergedeckte Turm dazu. Die Innenausstattung ist barock – eine Besonderheit stellt die schlichte, derzeit allerdings beschädigte Stuckdekoration der Decke dar. Die Kirche ist eine Nebenstation des Lutherwegs.
(mkz)
Perlenkette aus Denkmälern
20. November 2012 von Gemeinsame Redaktion
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Saale-Unstrut-Region arbeitet an Bewerbung für UNESCO-Weltkulturerbe-Titel
Eine Tour entlang der Saale und der Unstrut gleicht dem Besuch einer Schatzkammer. Kulturdenkmäler bündeln sich auf engstem Raum. Nach einem Besuch des Naumburger Doms und der weltbekannten Stifterfiguren sind es nur wenige Fahrminuten, um die Freyburger Marienkirche oder die Burganlagen von Schönburg und Saaleck zu sehen. Gekrönt werden könnte die Kulturlandschaft im Süden Sachsen-Anhalts in einigen Jahren mit einem besonderen Titel. Die Region arbeitet derzeit an der Bewerbung um den Rang eines UNESCO-Weltkulturerbes. Dazu hat sich eine Arbeitsgruppe gebildet. Ihr gehören Vertreter von Behörden wie des Kultusministeriums, des Burgenlandkreises und des Landesverwaltungsamtes sowie der Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz an, außerdem Wissenschaftler, unter anderem vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. Zudem hat sich ein Förderverein gegründet.
Terrassenweinberge, Mühlen und Streuobstwiesen
Am 1. Juli 2013 soll Kultusminister Stephan Dorgerloh seine Unterschrift unter die Bewerbung setzen. Bis dahin bleibt noch viel zu tun, wie Vereinschef Roland Thrän erklärt: »Derzeit arbeiten wir an der Formulierung. Dazu zählen die Herausarbeitung des außergewöhnlich universellen Wertes des Antragsgegenstandes, eine internationale Vergleichsanalyse, der Managementplan, die Übersetzung aller Texte ins Englische sowie die Bebilderung der drei Antragsbände.« Kürzlich entstand per Laser-Scan ein digitales Geländemodell.

Die Landschaft an Saale und Unstrut hat nicht nur Naturschönheiten und Monumente wie den Naumburger Dom oder die Neuenburg zu bieten, sondern auch reizvolle kleine Kirchen – wie die in Zscheiplitz. Foto: Constanze Matthes
Die ersten Bemühungen für den Antrag reichen bis in die 1990er Jahre. 1998 wurde der Naumburger Dom in die sogenannte »Liste der Kultur- und Naturgüter, die von 2000 bis 2010 von der Bundesrepublik Deutschland zur Aufnahme in die UNESCO-Liste angemeldet werden« aufgenommen. 2005 bereisten Experten des Rates für Denkmalpflege (Iocomos) die Region. Das internationale Gremium berät die UNESCO.
Die Antragsfläche umfasst dabei insgesamt rund 16000 Hektar, wobei zwischen einer Kern- und einer Pufferzone unterschieden wird. Die Liste der herausragenden Denkmäler ist lang. Sie umfasst den Naumburger Dom mit der Altstadt, Burg Saaleck und die Rudelsburg, die Schönburg, Klosterkirche und Schlossanlage Goseck, das ehemalige Zisterzienserkloster Pforte mit der heutigen Landesschule sowie das Romanische Haus in Bad Kösen. Hinzu kommen nahe der Unstrut das Schloss Neuenburg, die Freyburger Stadtkirche St. Marien und die Kirche in Zscheiplitz. Gerade sakrale Bauten, im hohen Mittelalter entstanden, spielen eine bedeutende Rolle, wie Thrän bemerkt: »Sie sind im Sinne des Antrages wichtige Kulturlandschaftselemente und somit wichtige Stützen unserer Bewerbung.« Hinzu kommen die weiter entfernten Exklaven Schloss Moritzburg in Zeitz, die Eckartsburg sowie Kloster und Kaiserpfalz Memleben. Doch nicht nur historische Architektur prägt die Landschaft. Zu ihr gehören auch Terrassenweinberge, Mühlen und Streuobstwiesen sowie die spezielle Flusslandschaft an Saale und Unstrut.
»Touristen haben schon längst erkannt, welche Perlen sich hier finden lassen«, sagt Sven Hanson. Der Freyburger Pfarrer erhofft sich mit dem Titel nicht nur finanzielle Unterstützung für den Erhalt der Kirchenbauten in seiner Gemeinde. Viele Einheimische haben ihre Kirche noch nie von innen gesehen. Es müsse uns erst einmal gelingen, ein Bewusstsein zu wecken, welchen Schatz wir vor der eigenen Haustür haben, erklärt Hanson. »Ansonsten bleibt der Weltkulturerbe-Titel eine leblose Überschrift«, meint der Pfarrer weiter. Die »Offene Kirche«, wie sie eben in Freyburg praktiziert würde, wäre ein erster Schritt. Hanson plädiert deshalb für einen Mentalitätswechsel: »Die Kirche ist weniger Besitz der Gemeinde, sondern vielmehr ein anvertrautes Erbe.«
Öffentlichkeitsarbeit solle deshalb, so der Geschäftsführer des Fördervereins, stärker in den Vordergrund treten. Zwar sei die Resonanz in der Bevölkerung auf das Bestreben gut, allerdings gebe es bereits eine Vielzahl an Ideen, das Welterbe-Anliegen noch weiter in die Breite zu tragen, so Thrän abschließend.
Constanze Matthes
www.welterbeansaaleundunstrut.de
Vom Zarenreich bis zur Sowjetmacht
14. November 2012 von Gemeinsame Redaktion
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Ausstellung in Berlin zu 1000 Jahren deutsch-russischer Beziehungen
Lange Bärte mit geflochtener Doppelspitze, eindrucksvolle Mützen, Trachtenkittel – so setzt ein Stralsunder Schnitzkünstler nach den Erzählungen rückkehrender Kaufleute um 1360 die Fremden ins Bild. Das Chorgestühl der Riga- oder Russlandfahrer aus der Stralsunder Nikolaikirche zeigt, was die hanseatischen Kaufleute in Russland begehrten: Felle und Wachs waren Rohstoffe, mit denen man in Westeuropa hohe Preise erzielen konnte. Es ist ein zentrales Exponat im Eingangsraum der großen Ausstellung »Russen & Deutsche. 1000 Jahre Kunst, Geschichte und Kultur«. Sie ist bis 13. Januar 2013 im Berliner Neuen Museum zu sehen.

Alexej von Jawlensky (1865–1941) schuf 1912 diesen Frauenkopf. Der Maler lebte ab 1896 in Deutschland. – Foto: Neues Museum
Über 600 kunst- und kulturgeschichtliche Zeugnisse erzählen von wechselvollen Beziehungen, von Krieg und Frieden, Freundschaft und Feindschaft. »Die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs ist der Tiefpunkt der deutsch-russischen Beziehungen«, betont Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. »Doch wir wollen deutlich machen, dass in der langen Geschichte unserer Länder das friedliche Miteinander überwiegt.«
Die Schau ist der zentrale Beitrag zum deutsch-russischen Kulturjahr 2012–2013 und steht unter der Schirmherrschaft beider Staatspräsidenten. Bereits im Sommer war sie in etwas anderer Form in Moskau zu sehen. Für die Station auf der Berliner Museumsinsel entschied sich das Kuratorenteam um Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, für eine chronologische Gliederung: »Unser Anliegen ist es gerade, vergessene Jahrhunderte ins Bewusstsein zurückzuführen.« Kaufleute und Missionare, aber auch Architekten machen den Anfang – Backsteinzierrat vom Bischofspalast in Nowgorod etwa zeigt den Einfluss deutscher Backsteingotik.
Im 16. Jahrhundert kommt es zu einem ersten diplomatischen Austausch. Russen in langen Mänteln mit hohen Fellmützen reisen 1576 zum Reichstag nach Regensburg. In Stichen ist festgehalten, wie sie dort ihren orthodoxen Gottesdienst feiern. Eine Vitrine zeigt die prunkvollen Gastgeschenke deutscher Gesandter, die sie beim Gegenbesuch dem Zaren mitbringen. Der Gesandte Sigismund Herberstein schildert seine Eindrücke des fremdartigen Moskau und prägt damit das Russlandbild in Deutschland für Jahrhunderte.
Letztes Kapitel: Reizthema Beutekunst
Ein großes Schiffsmodell steht für den Aufbruch Russlands in die Moderne unter Zar Peter I. Er baute eine seetüchtige Flotte auf und errichtete 1703 Sankt Petersburg an der Newamündung, Russlands Fenster nach Westen. Der Zar orientiert sich an Europa, lässt sich in westlicher Kleidung porträtieren. Er modernisiert sein Land und lässt sich von Leibniz beraten. Umgekehrt tauscht Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. mit seiner Vorliebe für »lange Kerls« das Bernsteinzimmer gegen russische Soldaten ein.
Um 1900 sind es vor allem Künstler wie Kandinsky oder Jawlensky, die in Deutschland die moderne Kunst prägen. In der Zwischenkriegszeit wiederum werden deutsche Architekten zu Wettbewerben für Prestigebauten der jungen Sowjetmacht eingeladen, wie der erstmals ausgestellte Entwurf für den Moskauer Palast der Sowjets von Hans Poelzig dokumentiert.
Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts sind der Tiefpunkt der deutsch-russischen Beziehungen, doch wird dieses Kapitel nur knapp behandelt. Für die Darstellung des Zweiten Weltkriegs beschränkt sich die Schau auf großformatige aktuelle Aufnahmen von einstigen Schlachtfeldern. Das letzte Kapitel, das dem Reizthema Beutekunst gewidmet ist, bezieht politisch Stellung. Ein Originalmosaik des verschwundenen Bernsteinzimmers, Fresken aus der inzwischen wiederaufgebauten Maria Entschlafungskirche bei Nowgorod, sind Zeugnisse deutscher Gewalt gegen Kunstwerke. Deutlich verweist die Schau jedoch auf die Schätze vor allem aus dem Museum für Vor- und Frühgeschichte, die sich noch heute in Russland befinden.
Sigrid Hoff (epd)
Geöffnet montags bis mittwochs sowie sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis freitags von 10 bis 20 Uhr.
»Wer singt, der sorgt nicht viel«
7. November 2012 von Gemeinsame Redaktion
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Geschichte: Martin Luther, die Musik und sein Verhältnis zur bildenden Kunst
Martin Luther liebte die Musik. Er war ein begnadeter Sänger, textete und komponierte. Das kam der Kirchenmusik zugute.
Obgleich wir vorrangig durch den Maler Lukas Cranach d. Ä. wissen, wie Luther aussah – er malte über 30 Porträts von ihm – war für Luther die bildende Kunst nicht von Bedeutung. In Gemälden sah er nur dann einen Sinn, wenn sie eine didaktische Botschaft vermittelten. Die fulminanten Bauwerke vergangener und gegenwärtiger Zeiten nötigten ihm keine Bewunderung ab. Vermutlich nahm er während seines Romaufenthalts auch keine Notiz von Michelangelo oder Raffael, die zu jener Zeit gerade in Rom arbeiteten, der eine an den Deckenfresken in der Sixtina, der andere in den Privatgemächern des Papstes. Von allen Künsten stand ihm allein die Musik nahe: »Denn die Musik ist eine Gabe und ein Geschenk Gottes, nicht ein Menschengeschenk. So vertreibt sie auch den Teufel und macht die Leute fröhlich; man vergisst dabei allen Zorn, Unkeuschheit, Hoffart und andere Laster. Ich gebe nach der Theologie der Musik die nächste Stelle und die höchste Ehre.« Insbesondere die Sangeskunst war ihm ein Herzensbedürfnis. »Singen ist eine feine edle Kunst und Übung (…) Singen hat nichts mit der Welt zu tun (…) Wer singt, der sorgt nicht viel. Er schlägt alle Sorgen aus und ist guter Dinge.« Luther war ein begnadeter Sänger, was ihm in seinem Amte sehr zugute kam, denn ohne robuste Kehle, meinte er, tauge der beste Priester nichts. Doch auch jeder in der Kirche dürfe mitsingen und Gott so selber loben, anstatt ihn loben zu lassen.
Die Laute allezeit griffbereit
Zum musikalischen Begleiter Luthers avancierte die Laute. Sie war zu seiner Zeit das gebräuchlichste Hausinstrument mit eigener Griffschrift und Tabulatur. Mit ihr begleitete man Einzelgesang und Ensemblestücke, für sie wurden Instrumentalstücke geschrieben. Mit Vorliebe textete und komponierte Luther selbst; seine Maxime dabei war: »Es müssen beide, Text und Noten, Akzent, Weise und Gebärde aus rechter Muttersprache und Stimme kommen, sonst ist alles ein Nachahmen, wie die Affen tun« (Wider die himmlischen Propheten, 1525). 1523 verfasste er seine ersten deutschen Kirchengesänge, 1524 gab der Torgauer Kantor Johann Walter in Luthers Auftrag das »Geistliche Gesangbüchlein« heraus, das auch 24 Lieder Luthers enthielt. Zur »Marseillaisehymne der Reformation« (Heine) aber wurde »Ein feste Burg« (1529). Die Liebe zur Musik machte es Luther sogar leicht, die Grenzen der Konfession zu überschreiten. So war er Ludwig Senfl, dem Kammerkomponisten am Hofe Kaiser Maximilians I., durch die Liebe zur Musik verbunden, »mit der ich Dich von meinem Gott geschmückt und begabt sehe (…) Selbst Deine bayrischen Herzöge, die mir in höchstem Maße ungnädig sind, lobe ich durchaus und ehre sie dennoch vor andern, weil sie die Musik so fördern und ehren«.
Dass Luther bei einer solchen Begeisterung für die Musik auch auf die musikalische Ausbildung seiner Kinder achtete, versteht sich von selbst. So bat er darum, dass sich Johann Walther seines Sohnes Johannes in der Musik annehmen möge. »Denn ich bringe zwar Theologen hervor, würde aber ebenso gerne auch Grammatiker und Musiker hervorbringen.« Walther gründete in Torgau die erste Kantorei Deutschlands, später die kurfürstliche Hofkantorei in Dresden.

Diese kolorierte Radierung entstand um 1825. Der Künstler Peter Carl Geißler (1802–1872) stellte sich so die Familie Martin Luthers bei der Hausmusik vor. Fotos: Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt
Im Gegensatz zu seinem Schützling Luther war der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise nicht nur der Musik zugetan. Er förderte Albrecht Dürer und Lukas Cranach und holte ausländische Maler nach Wittenberg. So besaß die Wittenberger Stiftskirche neunzehn Altäre von Dürer, Cranach, von Niederländern, Italienern und Franzosen; alle fielen dem durch Karlstadt eingeleiteten Bildersturm zum Opfer. Für die Breitenwirkung der Reformation erwies sich Cranach als Glücksfall. Seiner »Bildpropaganda« wird eine fast ähnlich große Bedeutung zugeschrieben wie dem Buchdruck. Darin stand ihm allerdings Dürer, der »mathematischste Kopf« unter den Künstlern seiner Zeit, nicht nach. Er entwickelte den Holzschnitt von der reinen Buchillustration zum aussagefähigen Bildprogramm und erhob ihn damit zum Kunstwerk. Dürer war bekennender Anhänger Luthers und der Reformation. Anfang 1520 schrieb er an Spalatin, den Kaplan Friedrichs des Weisen, dass er »ihm den löblichen Doktor Martin Luther befohlen sein lasse, von christlicher Wahrheit wegen, daran uns mehr liegt, denn an allem Reichtum und Gewalt dieser Welt (…) Und helf mir Gott, dass ich zu Doktor Martin Luther komme, so will ich ihn mit Fleiß konterfeien und in Kupfer stechen zu einem langen Gedächtnis des christlichen Manns, der mir aus großen Ängsten geholfen hat«. Zu einem persönlichen Treffen kam es jedoch nicht. Den Auftrag für die Luther-Bilder erhielt Cranach. Aber in Dürers Reisetagebuch, das er von Juli 1520 bis Juli 1521 zwischen Nürnberg – Antwerpen – Köln führte, lesen wir zum Oktober 1520: »Ich hab kauft ein Traktat Luthers um 5 Weiß-Pfennig.« Als Luthers Schicksal nach dem Wormser Reichstag offen ist, finden sich in Dürers Notizen leidenschaftliche Gebete für ihn und für die Einheit der Christen. Zur Sicherheit kaufte Dürer aber auch noch einen Rosenkranz, man konnte ja nie wissen …
Sylvia Weigelt
Christus im Sozialismus
27. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion
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Erfurter Angermuseum widmet sich »Christlichen Bildern in einer atheistischen Welt«
Noch ist im Garten Eden alles in Ordnung: Adam hat sich unter dem prächtig blühenden Apfelbaum niedergelassen, um den Weiher haben sich allerhand Tiere versammelt und Eva ist in die Zwiesprache mit Flamingos versunken. Doch das Paradies ist in Gefahr, denn die Giraffe schiebt schon ihren schlangenartigen Hals in den Baum und, auf dem linken Flügel zu sehen, empfängt Eva von der Schlange den Apfel, reicht ihn weiter an Adam. So hat der hallesche Maler Albert Ebert seinen »Paradiesaltar« (1960–70) gestaltet: poetisch, schön, dabei keineswegs niedlich.

Am 21. Oktober wurde die Ausstellung »Tischgespräche mit Luther« im Erfurter Angermuseum eröffnet. Sie gehört zu einer von drei Ausstellungen von DDR-Künstlern. Die beiden anderen Ausstellungen sind in Weimar und Gera zu sehen. Das Foto zeigt die Skulptur »Judith und Holofernens« (1984) von Peter Makolies. – Foto: Jens-Ulrich Koch
»Tischgespräch mit Luther. Christliche Bilder in einer atheistischen Welt« heißt die Ausstellung – das gleichnamige Triptychon von Uwe Pfeifer war hier titelgebend –, die das Erfurter Angermuseum bis zum 20. Januar 2013 zeigt. Sie widmet sich dem scheinbaren Paradoxon, dass während der DDR-Zeit religiöse und kirchliche Bindungen innerhalb der Bevölkerung schwanden und gleichzeitig biblische Stoffe und Motive in der bildenden Kunst eine Konjunktur erlebten. Eindrucksvoll veranschaulichen das die 100 Gemälde, Grafiken und Skulpturen, die die Kuratoren Kai Uwe Schierz und Paul Kaiser für diese, auf jegliche Stigmatisierungen verzichtende Schau ausgewählt haben.
Die in thematische Gruppen wie Kain und Abel, Christus am Kreuz, Adam und Eva, Antonius oder Pietà zusammengefassten Werke bestimmen die Ausstellung. Drei Gemälde verdeutlichen verschiedene Zugänge zum Turmbau von Babel: Bernhard Heisig benutzt »Neues vom Turmbau« (1977) dazu, um die von Fußball, Fernsehen und Unterhaltungsmusik geblendeten Zeitgenossen vorzuführen, Alexandra Müller-Jontschewa lässt den Betrachter in ihrem 1985 entstandenen Bild in einen monströsen Technikpalast schauen, in dem verwahrloste Menschen hausen. »Im Turm« (1983–86) betitelt Roland Borchers eine traumwandlerische Szenerie, aus der sich die Tänzer davonzuschleichen scheinen. Zu den beeindruckendsten Arbeiten dieser Ausstellung zählen die Umdeutungen des Pietà-Motivs von Theo Balden.
Erstaunlich ist auch die Vielfalt der Künstlernamen – es sind 58 an der Zahl –, die hier vertreten sind. Natürlich begegnet man Fritz Cremer, Werner Tübke, Willi Sitte, Arno Rink, Wolfgang Mattheuer und Núria Quevedo wieder. Darüber hinaus werden Arbeiten von Gerhard Altenbourg, Horst Sakulowski, Manfred Butzmann oder Heidrun Hegewald gezeigt. Die Ausstellung lässt auch Entdeckungen zu; eine ist Joachim Völkner, dessen Werke bis zu seinem Todesjahr 1986 in nur einer Ausstellung zu sehen waren.
»Tischgespräch mit Luther« gehört zu einer Ausstellungstrilogie – »Abschied von Ikarus« im Neuen Museum Weimar und »Schaffens(t)räume« in der Kunstsammlung Gera sind die beiden anderen betitelt –, die zur DDR-Kunst in Thüringen gezeigt werden und bis zum 3. Februar 2013 zu sehen sind. Entstanden sind sie in Kooperation mit dem Forschungsprojekt »Bildatlas: Kunst in der DDR«, das vom Bundesbildungsministerium gefördert wird. Ziel ist es, die Bestände in den Museen, privaten Sammlungen, Betrieben und Massenorganisationen zu erfassen. 20000 Werke sind bereits registriert; im kommenden Jahr soll der Bildatlas als Buch und in einer Online-Datenbank veröffentlicht werden.
Da sich nicht jedes in der Ausstellung gezeigte Werk in seinen Anspielungen unmittelbar ikonografisch entschlüsseln lässt, sei das wunderbare Begleitprogramm empfohlen.
Christina Onnasch
Gutes leicht machen
24. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion
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Kirchenkomponist Johannes Petzold
Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern« – dieses Adventslied (EG 16) gehört zu jenen Weisen, die im 20. Jahrhundert Einzug in die Gemeinden im deutschsprachigen Raum hielten. Die Melodie zum Text von Jochen Klepper komponierte Johannes Petzold (1912–1985) im Alter von 26 Jahren. Anlässlich seines 100. Geburtstages am 24. Oktober gibt es zahlreiche Aufführungen seiner ganz auf die kirchenmusikalische Praxis abzielenden Werke. Im Evangelischen Gesangbuch finden sich sechs weitere Lieder, die gern im Gottesdienst gesungen werden. Aber auch in katholischen und freikirchlichen Gesangbüchern in Deutschland, Japan, der Schweiz und Skandinavien sind seine Melodien zu finden.

Am 24. Oktober vor 100 Jahren wurde Johannes Petzold geboren. – Foto: Archiv
Das Zentrum für Kirchenmusik der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland hat in diesem Jahr seine Liedkantate »Wunderbarer König« für Sopran, Posaune, vierstimmigen gemischten Chor, vierstimmigen Bläserchor und Orgel nach dem Autograf im Wartburg Verlag neu herausgegeben. Die Komposition war 1963 unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Edgar Marquardt von der Nicolaikantorei Bad Blankenburg im Rahmen der dortigen Kirchenmusiktage aus der Taufe gehoben worden und soll an gleicher Stelle zum 50-jährigen Uraufführungsjubiläum wieder erklingen.
1912 in Plauen im Vogtland geboren, erhielt Johannes Petzold seine geistlich-musikalische Prägung durch die Singebewegung der evangelischen Jugend. Dazu gehörte die Teilnahme an Singwochen von Alfred Stier und Hugo Distler. Nach Abitur und Universitätsstudium in Leipzig legte er 1935 die staatliche Lehrerprüfung ab. Danach wirkte er als Volksschullehrer, Kantor und Organist im Vogtland und Erzgebirge. 1940 heiratete er die Gemeindehelferin und Organistin Hiltrud Schaale, die zur Bekennenden Kirche gehörte, selber auch komponierte und Gedichte schrieb. Im gleichen Jahr zum Wehrdienst einberufen, nahm er als Soldat am Krieg in Belgien und Frankreich teil. In Folge einer Tuberkuloseerkrankung als »Schütze der Reserve« entlassen, musste er 1942 auch seine Tätigkeit als Lehrer aufgeben.
Nach langen Aufenthalten in Krankenhäusern und Heilstätten hatte Johannes Petzold von 1952 an die Kirchenmusikerstelle in Bad Berka inne, bis er 1961 als Dozent für Tonsatz, Musikgeschichte, Gemeindesingen und Gehörbildung an die Thüringer Kirchenmusikschule in Eisenach berufen wurde. 1977 in den Ruhestand versetzt, widmete er sich weiterhin seinem kompositorischen Schaffen, stets in dem Bestreben »Leichtes gut und Gutes leicht zu machen«. Davon zeugen seine Chor- und Bläsersätze, Orgelvorspiele, Motetten und Kantaten, die auch heute gern gesungen und gespielt werden. Er verstarb 1985 nach schwerer Krankheit.
Michael von Hintzenstern
Ein klingendes Band zieht von Ort zu Ort
17. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion
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Der Konzertreigen »366+1« kommt nach Mitteldeutschland
Am 21. Oktober wird die Konzertreihe »366+1 – Kirche klingt« in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ankommen. Bis 3. November und dann nocheinmal vom 11. November bis 1. Dezember zieht sich das klingende Band durch Orte der EKM. Zwischendurch, vom 4. bis 10. November, ist die Konzertreihe in der Evangelischen Landeskirche Anhalts unterwegs.

Illustration: Logo 366+1
Mit 366 Konzerten begeht die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) 2012 ein »Jahr der Kirchenmusik«. An allen 366 Tagen des Schaltjahres 2012, vom 1. Januar bis 31. Dezember, zieht sich im Rahmen der Lutherdekade zum Jahresthema »Reformation und Musik« ein klingendes Band von Ort zu Ort durch die Kirchen Deutschlands. Ihren Auftakt hatte die Konzertreihe »366+1« in Augsburg in Bayern, beendet wird sie am 31. Dezember im sächsischen Zittau. Zusätzlich zu den 366 Konzerten stand eine Osternacht auf dem Programm.
Verbunden sind die Konzerte, die nacheinander in allen 20 Landeskirchen erklingen, durch ein so genanntes Leit-Lied. Dieses erklingt eine Woche lang von Sonntag bis Sonnabend in allen Konzerten und in unterschiedlichen Formen: als Chorwerk, Bläserstück, im Crossover und als Orgel-Improvisation. Ein weiteres Bindeglied ist die Chronik, in der die aufgeführten Sätze der jeweiligen Leit-Lieder 2012 gesammelt werden. Sie wird vom Veranstalter des heutigen Konzertes an den Veranstalter des morgigen Konzertes überreicht und wandert mit durch das Jahr und das Land. Am Ende dokumentiert eine umfangreiche Chronik das die Bundesrepublik durchwanderte Jahr. Die Strecke führt durch alle Landeskirchen und Bundesländer. Nachdem die Konzertreihe unter anderem zu Gast in Bayern, in Württemberg, in der Pfalz und in Hessen war, tourt sie ab 21. Oktober durch Mitteldeutschland.
»Glaube + Heimat« und die Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt (IMG) rufen gemeinsam zu einer Leseraktion auf. Besuchen Sie mit möglichst vielen Mitgliedern Ihrer Kirchengemeinde vom 21. Oktober bis 1. Dezember Veranstaltungen der Reihe »366+1 – Kirche klingt«.
So wird’s gemacht:
• Besuchen Sie mit möglichst vielen Mitgliedern Ihrer Kirchengemeinde vom 22. 10. bis 1. 12. Veranstaltungen der Reihe »366+1 – Kirche klingt«.
• Dokumentieren Sie Ihren Besuch mit einem Foto, das Ihre Gemeindegruppe vor oder in der Kirche zeigt, in der Sie die Veranstaltung besucht haben. Sie können Ihre Fotos sowohl per E-Mail als Jpg-Datei oder als Papierfoto auf dem Postweg zusenden. Kennzeichnen Sie die Bilder bitte mit der Anschrift Ihrer Kirchengemeinde und geben Sie an, welche Veranstaltung Sie mit wie vielen Gemeindegliedern besucht haben.
• Senden Sie Ihr Foto bitte bis zum 14. 12. 2012 an: Mitteldeutsche Kirchenzeitung »Glaube + Heimat«, Hegelstraße 1, 39104 Magdeburg, E-Mail <magdeburg@glaube-und-heimat.de>, Stichwort: Orte der Toleranz
Wer gewinnt?
• Unter allen Einsendungen werden 10 Kirchengemeinden im Losverfahren als Gewinner ermittelt.
• Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
• Das Ergebnis der Gewinnauslosung wird im Internet unter www.glaube-und-heimat.de veröffentlicht.
• Zudem werden die Gewinner persönlich benachrichtigt.
Was ist zu gewinnen?
Zweitägige Studienreise für jeweils 4 Mitglieder der Kirchengemeinde zu Orten der Toleranz in Sachsen-Anhalt (Start und Ziel: Halle/Saale oder Magdeburg)
• Reisetermin: Mai 2013
• Teilnahme an der Reise für jeweils 4 Personen pro Gewinnergemeinde
• Bustransfer, Reiseleitung, Besichtigungsprogramm mit Eintritten, Führungen und Expertengesprächen
• 1 Übernachtung, inkl. Frühstück
• alle anfallenden Mahlzeiten
• Nicht im Gewinn enthalten sind die Getränke zu den Mahlzeiten sowie die Anreise nach und die Heimreise von Halle/Saale oder Magdeburg.
(mkz)
Mit Kinderaugen gesehen
8. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion
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Präsentation der »Weimarer Kinderbibel«

Ludwig Lorenz, einer der 72 Schülerinnen und Schüler, trägt bei der Präsentation in Weimar seine Fassung einer biblischen Geschichte vor. Foto: Maik Schuck
Die »Weimarer Kinderbibel – geschrieben und gestaltet von Kindern« ist fertig. Am 27. September wurde sie in Weimar vorgestellt. »Ich bin sehr glücklich, sehr stolz, dass die Idee gelungen ist,« sagte Annette Seemann, Literaturwissenschaftlerin und Initiatorin des Projektes. Ihr Anliegen ist es, Kindern in der Reformationsdekade das Buch der Bücher näherzubringen sowie Wissen über kirchengeschichtliche Ereignisse wie die Reformation zu vermitteln. 72 Mädchen und Jungen aus drei Weimarer Schulen beteiligten sich. Nachdem sie sich – begleitet von Erwachsenen – mit der Bibel, mit Martin Luther und den Umwälzungen zu dessen Zeit beschäftigt hatten, gaben sie die Geschichten des Alten und Neuen Testamentes mit eigenen Worten wieder und illustrierten sie mittels Kalligrafie.
Entstanden ist ein beachtenswertes Buch – ansprechend und gestalterisch von hoher Qualität. Die Kinderbibel enthält 14 biblische Geschichten. Bei der Präsentation in Weimar lasen mehrere Mädchen und Jungen der 4. bis 7. Klasse ihre eigene Textversion. Die »Weimarer Kinderbibel« ist nach eigenen Angaben im Rahmen der Reformationsdekade ein interkonfessionelles und generationenverbindendes Projekt, das zur bundesweiten Nachahmung empfohlen wird. In diesem Herbst geht es in seine zweite Runde. Wie Annette Seeman sagt, beteiligen sich diesmal mehr als 100 Jungen und Mädchen und drei weitere Schulen. Bis zum 500. Reformationsjubiläum 2017 soll jedes Jahr eine Kinderbibel entstehen.
Trägerin des Projektes ist die Literarische Gesellschaft Thüringen. Gefördert wird es von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie dem Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur.
Sabine Kuschel
Weimarer Kinderbibel – geschrieben und gestaltet von Kindern, Band 1, Literarische Gesellschaft Thüringen e.V., 185 S., ISBN 978-3-936305-26-5, 32,00 Euro
Vom Leben erzählen
2. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion
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Felix Grützner tanzt auf Beerdigungen und in Gottesdiensten
Beerdigung und Tanz sind, zumindest für unseren Kulturkreis, zwei Dinge, die kaum zusammenpassen wollen. Oder doch? Felix Grützner tanzt auf Beerdigungen, in Gottesdiensten und zu kirchlichen Fest- und Gedenkfeiern. Er selbst bezeichnet sich seit 2008 als »Lebenstänzer«. Zum XXI. Greizer Theaterherbst hatte der Künstler ein Gastspiel in der Greizer Gottesackerkirche. »Für mich ist Tanz ein Weg, mit dem Körper etwas auszudrücken, Räume zu öffnen, und dadurch, dass ich mich bewege, auch bei anderen etwas zu bewegen«, erklärt der 47-Jährige.

Lebenstänzer Felix Grützner bei seiner Aufführung zum XXI. Greizer Theaterherbst in der Greizer Gottesackerkirche. Foto: Karsten Schaarschmidt
Mit neun Jahren erhielt der gläubige und praktizierende Katholik seinen ersten Ballettunterricht, später studierte er in Düsseldorf, Rom und Bonn Klassisches Ballett und Modernen Tanz. Zudem absolvierte er ein Studium der Kunstgeschichte. Neben seiner Tätigkeit als Tänzer arbeitet Grützner als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Palliativmedizin der Universität Bonn und ist im Hospizdienst aktiv. Und hier schließt sich der Kreis von künstlerischer und seelsorgerischer Arbeit. »Tanz ist sehr körperlich, lebt von Gesten, das lässt sich auch auf die Hospizarbeit übertragen, wenn wir Sterbenden die Hand halten, sie umarmen, und doch loslassen müssen«, so Grützner.
Er tanze nicht nach einer durchgearbeitete Choreografie, es gäbe einige Motive, die er je nach Situation variiere. Seine tänzerischen Bewegungen sind klar, ruhig, bildreich, ausdrucksstark und ästhetisch. Der Tanz nehme die Trauer der Hinterbliebenen auf, aber er versuche auch, im Laufe des Tanzes, eine Ahnung davon zu geben, wie das Leben danach oder mit dem Verlust aussehen kann. Bisweilen nehme er mit dem Tanz Dinge auf, die mit Worten in einer Trauerrede nicht gesagt werden könnten. In seinem Tanz habe sich das Leben des Verstorbenen widergespiegelt, sagte ihm einmal nach einer Beerdigung einer der Trauernden.
»Ich habe bewusst das Wort Tod nicht für meine künstlerische Arbeit gewählt«, sagt Grützner. Er zeige keinen Totentanz, sondern erzähle vom Leben. Er könne auch verstehen, dass Menschen wegschauen, wenn er bei einer Beerdigung tanzt, weil sie in ihrer Trauer vielleicht die Direktheit des Tanzes nicht ertragen. Die meisten jedoch seien positiv überrascht, richtige Ablehnung habe er noch nie erfahren. Genau genommen seien auch die Liturgie und die Gesten des Pfarrers sehr stark von Körpersprache geprägt. Für Grützner ist Tanz unmittelbarer Ausdruck. Sich in der Kirche zum Beispiel in Gottesdiensten zu bewegen, bezeichnet er als ein großartiges Erlebnis.
Grützner bietet auch Seminare für Hospizhelfer an. Sein Wunsch war es daher, bei dem gemeinsam vom Greizer Theaterherbst und der Evangelischen Kirchengemeinde Greiz organisierten Abend, auch den Hospizdienst der Greizer Diakonie mit vorzustellen. Es sei in der Hospizarbeit wichtig, sowohl für die Sterbenden als auch für die Angehörigen da zu sein. »Begleitung bedeutet Ohnmacht teilen«, so Grützner. Und Trauernde seien oft sehr dankbar, wenn sie eine Möglichkeit erhalten, über ihren Verlust, über ihren Schmerz sprechen zu können. Übrigens, musikalisch wurde Grützner bei seinen Tänzen von dem Greizer David Hummel an der Violine begleitet, der virtuos ein Stück von Johann Sebastian Bach sowie mehrere klangvolle Eigenkompositionen vortrug.
Karsten Schaarschmidt
www.lebenstaenzer.de
Kampf um den Vatikan
24. September 2012 von Gemeinsame Redaktion
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Fernsehdokumentation über das Zweite Vatikanische Konzil
Der Film beginnt mit bedrohlicher Musik. Der Blick durch ein barockes Schlüsselloch fällt auf den Petersdom, Gebäude und Statuen im Vatikan. Eine sonore Frauenstimme erklärt, dass es in den folgenden 52 Minuten um einen Kampf geht, der die Welt drei Jahre bewegte, und an dessen Folgen 50 Jahre später der heutige Papst Benedikt XVI. noch immer zu knabbern habe.
Fünf Jahre lang hat der heutige Chef der Katholischen Nachrichten Agentur (KNA) Ludwig Ring-Eifel in den Archiven geforscht und mit letzten Zeitzeugen des Zweiten Vatikanischen Konzils Interviews geführt. Der katholische Journalist gilt als einer der wenigen Vatikan-Kenner im deutschen Sprachraum. Er hat sich aufgemacht, um im 50. Jubiläumsjahr die Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1962–1965 neu zu erzählen. Damals stellte die Einberufung des Kirchenparlaments einen riesigen logistischen Aufwand dar, alle römisch-katholischen Bischöfe der Welt versammelten sich drei Jahre lang in Rom. Von Anfang an bildeten sich Fronten, die italienisch-barocke gegen die modenere deutsch-französische Allianz, mit der sich viele Bischöfe aus Afrika, Nord- und Lateinamerika solidarisierten. Es ging um die Reform der Liturgie, also die Abschaffung der lateinischen Sprache zugunsten der jeweiligen Heimatsprache. Auch die Beziehungen zu den orthodoxen Kirchen des Ostens wurden debattiert.

Blick auf den Petersdom. Foto: Harald Krille
Dass es in dem Konzil auch um die Neubestimmung der römisch-katholischen Kirche zum Judentum ging, lässt der Film, und das ist eine mediale Sünde, völlig unerwähnt. Im Zweiten Vatikanischen Konzil wurde nämlich das Judentum erstmals von den Katholiken als eigenständig zu respektierende Religion anerkannt. Die Juden sollten künftig nicht mehr als Gottesmörder diffamiert, geschweige denn zum Christentum bekehrt werden. Jegliche antijüdische Liturgie wurde aus der Kirche verbannt. Die historische Schuld der Kirche gegenüber den Juden wurde offen anerkannt und als sündhaft verworfen. Eine Revolution, die Ring-Eifel unerwähnt lässt. Stattdessen verliert sich die Dokumentation in zahlreichen Interviewschnippseln, wer vor 50 Jahren mit wem wo wann was hinter welchen Kulissen besprochen haben will. Erst nach detailreichen, manchmal quälenden 44 kirchenhistorischen Minuten kommt der Film im Jahr 2012 an. Ring-Eifels These ist, dass die Reformen von damals in der römisch-katholischen Kirche nie ausreichend diskutiert wurden und sich somit bis heute der Reformstau ergibt. Wenn Papst Benedikt XVI. jetzt wieder die lateinische Messe zulässt, so sei dies der mangelnden Diskussion von damals geschuldet und bedeute eine Harmonisierung mit den nie verstummten konservativen Kräften in der Kirche. Die Wiederaufnahme der Piusbruderschaft in die römische Weltkirche rühre eben daher, dass auf die Katholiken um den erzkonservativen Bischof Marcel Lefebvre vor 50 Jahren zu wenig Rücksicht genommen wurde. Die Abschaffung des Zölibats, die Eucharistie für Wiederverheiratete und den Pädophilenskandal lässt der Film unerwähnt. Es sprechen nur die Theologen und ein paar Vatikankorrespondenten. Das normale Kirchenvolk kommt nicht zu Wort, außer Andrea Nahles von der SPD, die hier wohl als Katholikin spricht. Ein Drittes Vatikanisches Konzil wird es wohl noch lange nicht geben, ist doch das Zweite innerhalb der Kirche längst nicht verdaut.
Thomas Klatt
Am 25. 9., 20.15 Uhr, strahlt arte die Dokumentation »Kampf um den Vatikan – Hinter den Kulissen des Konzils« aus.
Geschichte einer großen Liebe
14. September 2012 von Gemeinsame Redaktion
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Theaterstück »Editha my Love« in Magdeburg zu sehen
Sie wurde nur 36 Jahre alt und aus ihrem Leben ist wenig überliefert. Dennoch ist Editha, Tochter aus angelsächsischem Königshaus und erste Gemahlin Otto I., bis heute in Erinnerung geblieben: Als Frau von ausgesprochen gutem Ruf, die gewissenhaft ihre Pflichten als Erste Frau des ostfränkischen Königreiches erfüllte und ihrem Mann zwei Kinder gebar. Otto, vor die Wahl gestellt, sie oder ihre Schwester zu heiraten, entschied sich für Editha. Und er soll sehr getrauert haben, als sie am 26. Januar 946 unerwartet starb.

"Compagnie Magdeburg 09"
Wo es an gesicherten Überlieferungen fehlt, erhält die Phantasie Raum. Aus beidem webt die »Compagnie Magdeburg 09« ein Stück, welches unter dem Titel »Editha my Love« am 14. September in Magdeburg seine Uraufführung erlebt. Bernd Kurt Goetz (Regie gemeinsam mit Gisela Begrich) und Christoph Deckbar (Musik) entschieden sich, die Königin als eine selbstbewusste Frau darzustellen, »deren Mildtätigkeit Ausdruck einer Lebenshaltung ist«, die sie auch gegenüber ihrem Mann verteidigt. Mit dem Stück will »ich das überlieferte Bild von Editha bestätigen, nicht hinterfragen«, so Götz.
Edithas Geschichte erzählt die »Compagnie Magdeburg 09« mit einer Fülle von Szenen und eingebettet in die Geschichte der Zeit. Das Stück solle »auch die zwei Seiten Ottos« deutlich machen, so Gisela Begrich, den liebenden Mann und den König, der um Machterhalt und Machterweiterung kämpft.
Außer dem Königspaar treten auf: Ottos Parteigänger, Markgraf Gero, König Heinrich und Königin Mathilde, Ottos Halbbruder Thankmar und viele andere. Die Hauptrolle der Editha hat Franziska van der Heide (Berlin) übernommen, als junger Otto ist Thomas Streipert (Leipzig) zu sehen.
Die Compagnie will sich einklinken in die Geschichte der Ottonen und zugleich mit ihrem Stück unterhalten. Wie das gelingt, können Theaterfreunde ab 14. September in Magdeburg erleben.
Angela Stoye
Aufführungen am 14., 15., 28. und 29. September, 2., 3., 5., 6., 19., 20. 23. und 24. Oktober sowie am 16., 17., 20. und 21. November, immer um 19.30 Uhr im Kaiser-Otto-Saal des Kulturhistorischen Museums.
Die Gesichter unserer Heimat
8. September 2012 von Gemeinsame Redaktion
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Tag des offenen Denkmals: Interview über architektonische Besonderheiten an Fachwerkhäusern in Mitteldeutschland
Häuser und Städte in Mitteldeutschland können architektonisch unterschiedliche Prägungen haben. Was typisch für bestimmte Regionen ist, erörtert Bauforscher Frank Högg im Gespräch mit Sabine Kuschel.
Herr Högg, wenn wir etwa von Thüringen nach Sachsen-Anhalt fahren, begegnen uns charakteristische Baustile. Was sind die Besonderheiten beispielsweise von Schmalkalden und Quedlinburg?
Högg: Bei den beiden Orten denke ich vor allem an die prägenden Fachwerkbauten. Typisch für Thüringer Fachwerk ist z. B. die sogenannte »Thüringer Leiter«, eine Anordnung von kleinen senkrechten Stielen im Abstand von 30 bis 40 Zentimetern unter den Fensterbrüstungen. Das sieht tatsächlich aus wie eine waagerecht angeordnete Leiter – sie ist ein beliebtes Schmuckelement, typisch für Thüringen, tritt aber auch in anderen Hauslandschaften auf. Nördlich des Harzes zum Beispiel gibt es auch Fachwerkhäuser mit Leiterfachwerk.

Frank Högg beschäftigt sich als Bauforscher unter anderem mit Fachwerkgebäuden. – Foto: privat
In anderen Regionen sind unter den Fenstern Kreuzstreben vorherrschend, die Andreas-Kreuze. Das sind diagonal aufgestellte Kreuze, die unterschiedliche Formen haben können. Charakteristisch für die Gegend um Schmalkalden ist ein besonders reiches Fachwerk mit vielen krummen Hölzern, die verzierend angeordnet sind.
Wiederum in anderen Gegenden Thüringens fehlen am Außenbau durch Schnitzereien verzierte Hölzer fast gänzlich. Dafür ist das Haus im Inneren ganz besonders prächtig geschmückt. Dass Innenräume, insbesondere die »guten Stuben« in den Häusern ganz aus Holz konstruiert wurden, ist ein Phänomen, das in Thüringen sehr weit verbreitet war. Man spricht von sogenannten Holzstuben. Ihre Balkendecken und Wände sind ganz aus Holz gezimmert und manche ihrer Balken wurden prächtig verziert. Ihre Bauweise ist nebenbei gesagt unter modernen Aspekten außerordentlich energieeffizient durch den Verbund von Holz und Lehm.
Zum Quedlinburger Regionalstil gehört zum Beispiel der »Pyramidenbalkenkopf«, ein Ornament am Ende des Balkens in Form einer Pyramide. Diesen Diamantbalkenkopf gab es um 1600 in Quedlinburg das erste Mal. Er ist dann sehr beliebt geworden und wurde von vielen Zimmerern übernommen. Bis etwa 1750 war es das überwiegende Schmuckmotiv für Balkenköpfe, bis auf einige wenige benachbarte Orte nur in Quedlinburg.
Auch der Harz hat seine typische Prägung.
Högg: Stolberg zum Beispiel ist eine Stadt, mitten im Harz gelegen, die sowohl von Thüringen als auch von Südostniedersachsen beeinflusstes Fachwerk hat. In Stolberg gibt es eine große Anzahl von Fachwerkhäusern, die noch aus dem Mittelalter stammen. Sie haben ganz thüringische Konstruktionen, zum Beispiel die bereits genannten Bohlenstuben. Daneben sind in Stolberg Gebäude zu sehen wie sie im südlichen Niedersachsen, in Hildesheim und Braunschweig, üblich waren, das sogenannte »niedersächsische Fachwerk«. Es hat eine sehr reiche Ornamentik mit Kreuzstreben und verzierten Balkenköpfen. Zwischen 1530 und 1540 ist diese Bauweise eingedrungen in den Harz. In Stolberg kulminiert sie.
Wie und wann ist dieses differenzierte Bild entstanden, das wir heute kennen, mit unterschiedlichen Ausprägungen?
Högg: Im Mittelalter gab es noch nicht so viele verschiedene typische Hauslandschaften. Nach heutiger baugeschichtlicher Vorstellung war im 13. und 14. Jahrhundert noch in ganz Deutschland die Fachwerkbauweise ähnlich schmucklos und schlicht. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die Stadtbürger als Bauherren noch nicht so reich waren wie im 16. Jahrhundert. In der Zeit der Renaissance, die wegen ihrer vielen holzbautechnischen Innovationen auch das »hölzerne Jahrhundert« bezeichnet werden könnte, entstanden besonders viele der reich und malerisch verzierten Fachwerkhäuser.
Modische Entwicklungen wurden u. a. über den Holztransport weitergegeben. Es ist nachweisbar, dass in Magdeburg am mittleren Lauf der Elbe über den Floßhandel importiertes Holz aus dem Thüringer Wald verbaut worden ist. Ein Fichten- oder Tannenholzfloß war monatelang unterwegs vom Thüringer Wald bis nach Magdeburg. Mit ihm wurden neben dem unverzichtbaren Holz auch andere Handelsgüter und kulturelle Einflüsse transportiert.
Wahrscheinlich nahmen auch die Handwerker in der Zeit ihrer Wanderschaft fremde Einflüsse auf, die dann in ihre Arbeit einflossen und einer Region ein individuelles Gesicht gaben?
Högg: Jeder traditionell ausgebildete Zimmermann beherrschte sein Repertoire und seinen eigenen Stil perfekt. Anders als beim heutigen Hausbau, wo zunächst ein Architekt den Entwurf zeichnet, hat der Bauherr dem Zimmermann früher gesagt: »Bau mir bitte ein Haus, das soll zwölf Gebinde lang, ein bisschen größer als das vom Nachbarn und ansehnlich sein.« Der heute so bewunderte Zierrat der Gebäude ist höchstwahrscheinlich nicht gesondert bezahlt worden, sondern war das persönliche Aushängeschild jedes einzelnen Meisters. Dort sind sicherlich Einflüsse ästhetischer und konstruktiver Art zutage getreten, die der Meister einmal in seiner eigenen Lehrzeit aufgenommen hatte.
Herr Högg, Sie sind Bauforscher – womit beschäftigen Sie sich in diesem Beruf?
Högg: Ich beschäftige mich z. B. intensiv mit den Konstruktions- und Ornamentformen von Fachwerkgebäuden, das nennt sich Gefügekunde und hat auch viel mit Kunstgeschichte, meinem ursprünglichen Fachgebiet, zu tun. Ich werde oft dann beauftragt und hinzugezogen, wenn alte Gebäude saniert werden. Bei der Restaurierung von Fachwerkgebäuden kommt es vor allem auf eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit an. Der Statiker prüft die Stabilität und macht Vorgaben. Der Denkmalpfleger sagt, was als geschichtlich bedeutend erhalten werden muss, damit eine Baugenehmigung erteilt werden kann. Der Bauforscher versucht, eine Brücke zwischen den Konstrukteuren und den Behörden zu schlagen. Er kann den bauhistorisch wertvollsten Bestand erkennen aber auch, wie stark das Gebäude im Lauf seiner Geschichte umgebaut und überformt worden ist. Ich versuche den Architekten und Baufirmen die Augen zu öffnen darüber, wo sie ohne Gefahr für die historisch wertvolle Substanz in den Bau eingreifen, reparieren und modernisieren können. Den Sinn der modernen Denkmalpflege zu erklären und sie praktikabel zu gestalten, ist ein Hauptanliegen der historischen Bauforschung. Aber es geht auch um Fragen, wer hat wann in dem Haus gewohnt? Das ist sehr interessant, weil sich mitunter durch die Bewohner der Häuser ein ganz buntes Bild von der historischen sozialen Topografie in einer Stadt erschließt. Ich sitze mitunter im Archiv und recherchiere zu einem alten Gebäude alte Baurechnungen, Heiratsregister oder Steuerlisten.
Sehr interessant!
Högg: Ja, die historische Erforschung von alten Häusern und Holzbauten, Zimmermannskonstruktionen oder Gemäuern hat für mich in den 15 Jahren, seitdem ich mich damit beschäftige, nichts von seiner Faszination verloren.
Ein machtbewusster Herrscher
5. September 2012 von Gemeinsame Redaktion
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Ausstellung: »Otto der Große und das Römische Reich« zeigt 1000 Jahre Geschichte
Magdeburg lädt zum dritten Mal zu einer großen Ausstellung über den Sachsenkönig ein, der Grundlagen für das Europa von heute schuf.
Die Schatzkammer ist geöffnet. In der Landesausstellung »Otto der Große und das Römische Reich. Kaisertum von der Antike zum Mittelalter« im Kulturhistorischen Museum in Magdeburg dokumentieren 350 wertvolle Originale 1000 Jahre europäische Geschichte. Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt lädt damit zum dritten Mal zu einer großen Ausstellung über den Sachsenkönig ein, der sich in Rom vom Papst zum Kaiser krönen ließ. Er schuf Grundlagen für das Europa von heute. Magdeburg brachte er einst als Morgengabe seiner ersten Frau Editha dar; hier gründete er 968 ein Erzbistum. Und hier im Dom ist er, ebenso wie seine Gemahlin, begraben. Folgerichtig wurde die Ausstellung am 26. August mit einem Festakt im Dom eröffnet.

Landesbischöfin Ilse Junkermann begrüßte die Gäste und würdigte Otto den I. als Begründer des modernen Europa. Er habe große Macht errungen und diese vermehrt. Aber er sei sich auch der Grenzen seiner Macht bewusst gewesen und ruhe nun in Demut zu Füßen des Altars. Kaiser Otto solle uns dazu anhalten, »heute bewusst über die Grenzen unseres Handelns nachzudenken und Grenzen als Hilfen anzuerkennen«, mahnte sie. Und Gerhard Feige, Bischof des Bistums Magdeburg, blickte in seinem Grußwort zurück auf die Rolle der Kirche. Sie habe bereits im Römischen Reich zum Erhalt der Macht beigetragen und verlor so einen beträchtlichen Teil ihrer Freiheit. »Alle religiösen Streitigkeiten hatten zugleich politische Dimension«, stellte er fest.
Mit dem Kaisertum sei ein universeller Herrschaftsanspruch verbunden; die Ausstellung führe zu den historischen Wurzeln dieser Idee, stellte ihr Schirmherr, Bundestagspräsident Norbert Lammert, fest. Die Pflege historischer Zusammenhänge sei eine staatliche Aufgabe, begründete er, dass er gern die Schirmherrschaft übernommen habe.
Wer angesichts der Büsten, Reliefs, Schmuckstücke, Münzen von 138 Leihgebern aus 17 Ländern in ganz Europa die Zusammenhänge zwischen dem römischen Kaisertum und Ottos Herrschaftsanspruch erfassen möchte, muss vor allem eines mitbringen: Zeit.
Intensives Betrachten haben die Exponate verdient. Wertvolle Goldschmiedearbeiten, feine Elfenbeinschnitzereien, prächtige Bücher, kunstvolle Steinmetzarbeiten und beeindruckende Textilien sind versammelt. Die 2005 auf dem Palatin gefundenen Insignien des Kaisers Maxentius – die einzigen erhaltenen römischen Insignien – sind erstmals in Deutschland zu sehen und auch nicht während der gesamten Ausstellungszeit, da ein Teil im Oktober nach Mailand geht. Die bereits in der ersten Otto-Schau 2001 zu bewundernde Heiratsurkunde der byzantinischen Prinzessin Theophanu, die Ottos Schwiegertochter wurde, gehört erneut zu den Höhepunkten der Ausstellung. Die Eheschließung bescherte Otto I. die ersehnte Anerkennung durch Byzanz. Mit dem Chludow-Psalter aus dem Staatlichen Historischen Museum Moskau ist eine der ältesten byzantinischen Handschriften vertreten. Zu den Leihgebern gehören die Vatikanischen Museen und die Kapitolinischen Museen in Rom, die französische Nationalbibliothek in Paris und das Kunsthistorische Museum Wien.
In fünf Abschnitten zeichnet die Ausstellung chronologisch 1000 Jahre Kaisertum nach, von Augustus über Konstantin und das christliche Kaisertum zu Byzanz, wo das Kaisertum kontinuierlich bis ins 15. Jahrhundert fortbestand. Karl der Große knüpfte im 9. Jahrhundert bereits bewusst an die antiken Vorbilder an. Nach seinem Tod erlosch das Kaisertum nördlich der Alpen infolge der Reichsteilungen durch Erbschaft, bis es 962 mit der Krönung Ottos in Rom für 900 Jahre etabliert wurde. Wer all das anhand der Exponate nachverfolgen möchte, ist mit einem Audioguide am besten unterwegs.
Renate Wähnelt
Ausstellung bis 9. Dezember im Kulturhistorischen Museum Magdeburg, Otto-von-Guericke-Straße 68–73
Öffnungszeiten: täglich 10 bis 18 Uhr
Eintrittspreise: 12 Euro, ermäßigt 9 Euro; Gruppen ab 12 Personen 9 Euro pro Person
Rahmenprogramm mit Vorträgen, Langen Nächten, Führungen; Museumspädagogische Angebote; Kinderbetreuung
Domgemeinde: spezielle Führungen im Dom, Buchung unter Telefon (0391) 5432414 und am Kartentisch im Dom
Korrespondenzausstellungen zu Otto dem Großen in Wallhausen, Halberstadt, Merseburg, Memleben, Quedlinburg, Tilleda und Gernrode bis zum 9. Dezember
Kultur-Ticket-Spezial der Deutschen Bahn (www.bahn.de/kultur)
Das »System Gulag«
25. August 2012 von Gemeinsame Redaktion
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Erste deutsche Ausstellung zeigt Spuren und Zeugnisse des stalinistischen Terrors
Die riesige Landkarte ist überzogen mit zahlreichen roten Punkten. Sie markieren die sowjetischen Zwangsarbeitslager, in denen rund 20 Millionen Menschen dem stalinistischen Terror ausgesetzt waren: Eine Ausstellung in Weimar erinnert an die Opfer.
Auf dem Kleiderbügel hängt zerschlissen und durchlöchert ein violettes Sommerkleid. Die 31-jährige Walentina Buchanewitsch-Antonowa hat es getragen, als sie 1938 plötzlich verhaftet wurde. Anschließend verbrachte sie in diesem Kleid zwölf Monate in drei Moskauer Gefängnissen. Die Frau war unvermittelt Opfer des Großen Terrors unter dem sowjetischen Diktator Stalin geworden.

Die Ausstellung dokumentiert die Geschichte des Gulag sowohl anhand von Relikten der Lagerhaft und Zwangsarbeit als auch anhand von Dokumenten, Bildern, Karten, Fotografien sowie Video- und Audiomaterial. – Foto: Claus Bach/Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora
Das Kleid ist mit seiner Geschichte eines der berührenden Exponate in der Ausstellung »Gulag«, die in Weimar Spuren und Zeugnisse aus sowjetischen Zwangsarbeitslagern zeigt. Das Projekt der Gedenkstätte Buchenwald und der russischen Menschenrechtsorganisation »Memorial« thematisiert erstmals in Deutschland das Lagersystem in der Sowjetunion. Weimar ist für die Wanderausstellung nach Neuhardenberg die zweite Station.
Das »System Gulag« wird nicht nur aus der Perspektive seiner rund 20 Millionen Opfer dargestellt, sondern auch in seinen gesellschaftlichen Bezügen. Damit gehe die Präsentation deutlich über die rund 300 russischen Gulag-Ausstellungen über das Leiden in den Lagern hinaus, erläutert Kurator Rikola-Gunnar Lüttgenau: Die Straflager sind eine der dunklen Seiten des »Modernitätsversprechens« einer humanen Gesellschaft, für dessen Verwirklichung inhumane Mittel eingesetzt wurden.
Deshalb beginnt der Rundgang mit einem zunächst irritierenden Exponat. Ein Modell zeigt den Entwurf des russischen Avantgardisten Wladimir Tatlin (1885–1953) für sein »Monument der III. Kommunistischen Internationale« von 1919. Der gigantische Turm für Petrograd mit rotierenden Gebäudeteilen sollte 400 Meter hoch werden und die Zukunftsgewissheit der Sowjetmacht demonstrieren. Das Projekt scheiterte wie die Gesellschaft, als deren Symbol es gedacht war.
Dem »Tatlin-Turm« sind als Kehrseite dieser Vision originale Hinterlassenschaften aus Straflagern gegenübergestellt – ein eiserner Schlitten für den Lastentransport, Teile von Arbeitsgeräten, Balken von früheren Häftlingsbaracken. Die umstehenden Boxen mit den teils sehr persönlichen Exponaten geben wie geöffnete Archivschränke ihre Geheimnisse preis.
Eine bunte Häftlingszeichnung mit dem Obelisken »Asia« erinnert an den Transport der Verbannten in die Ferne. Auf einer feinmaschigen Stickerei ist unschwer eine Heiligenfigur zu erkennen. Eine andere Textilarbeit zeigt Fensterkreuze mit Blumenvasen. Und auch der zerknautschen Zigarettenschachtel der Marke »Belomorkanal«, die es in Russland bis heute gibt, ist ihre lange Geschichte anzusehen. Sie verweist auf den Weißmeer-Kanal am Polarkreis, den Gulag-Häftlinge ab 1931 bauen mussten.
Das Lagersystem konnte jeden treffen, resümiert Kurator Lüttgenau. So spiegelte sich im Gulag das gesamte soziale Profil der Sowjetunion. Die Begründungen für die willkürliche Lagerhaft reichten von »Schädlingstätigkeit«, Verschwörung, Vaterlandsverräter und »Kollaborateur« bis zu »konterrevolutionärer Agitation und Propaganda«.
Thomas Bickelhaupt (epd)
Die Ausstellung »Gulag. Spuren und Zeugnisse. 1929–1956« im Weimarer Schiller-Museum ist bis 15. Oktober dienstags bis freitags und sonntags von 9 bis 18 Uhr sowie samstags von 9 bis 19 Uhr geöffnet. Vom 16. bis 21. Oktober ist die Ausstellung dienstags bis sonntags von 9 bis 16 Uhr zu sehen.
Der Tod des Kaisers
21. August 2012 von Gemeinsame Redaktion
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Ausstellung in Memleben widmet sich den Todes- und Jenseitsvorstellungen im Mittelalter
Memleben im Süden Sachsen-Anhalts ist ein besonderer Ort. Dort starben mit Heinrich I. (876–936) und seinem Sohn Otto dem Großen (912–973) die ersten beiden Vertreter des ottonischen Geschlechts. Im Andenken an seine Vorfahren stiftete Otto II. gemeinsam mit seiner Frau, der Kaiserin Theophanu, ein Reichskloster. Die dort gelegene Krypta fasziniert bis heute. Sogar Hochzeitspaare geben sich in dem romanischen Gewölbe das Ja-Wort. Das geschichtsträchtige Areal übt seinen Reiz bis heute aus.
Bis zum 9. Dezember dieses Jahres beleuchtet eine Sonderausstellung »Wenn der Kaiser stirbt« den Umgang mit dem Tod des Herrschers im Mittelalter. Memleben ist dabei in ein landesweites Projekt eingebunden. Insgesamt acht Museen, Kirchgebäude und Schlösser Sachsen-Anhalts erinnern an den 1100. Geburtstag Ottos des Großen sowie seine Krönung zum römischen Kaiser vor 1050 Jahren, sagte Museumsleiterin Andrea Knopik. Dazu gehörten unter anderem die Stiftskirche in Gernrode, die Königspfalz in Tilleda und das Schloss Wallhausen.

In der Ausstellung wird der Fenstersturz »Tod des Gerechten« gezeigt. – Fotos: Klaus-Peter Voigt
Ab dem 27. August verwandelt sich Magdeburgs Kulturhistorisches Museum für drei Monate in eine Schatzkammer der Antike und des frühen Mittelalters. Mehr als 300 Goldschmiede- und Steinmetzarbeiten, Textilien und Schriftstücke werden dort zu sehen sein, erläuterte Direktor Matthias Puhle.
Am Sterbeort der beiden Herrscher hat die Stiftung Kloster und Kaiserpfalz Memleben eine eigene ansprechende Exposition gestaltet. Sie passt in das Konzept der historischen Stätte, die seit geraumer Zeit zunehmend an Attraktivität gewinnt ohne dass die Ehrfurcht vor der Vergangenheit auf der Strecke bleibt. Im Frühjahr wurde am Rande des Klostergeländes ein Besucherzentrum eröffnet, das nicht auf Massentourismus abzielt, sondern für Gäste einen Anlauf- und Ruhepunkt darstellt.
Im historischen Klosterteil wird nun über den Tod nachgedacht. Eine in ziegelrot gehaltene Schatzkammer bildet den Mittelpunkt der Präsentation. Eines der wertvollsten Stücke ist dort die Stiftungsurkunde Ottos II. für das Kloster von 976, die aus dem Hessischen Staatsarchiv stammt. Aus der Stiftskirche zu Gandersheim kam eine Reliquie vom Grab der Gottesmutter Maria in die Schau. Sie wurde in byzantinische Seide gehüllt und gelangte vermutlich um 1007 in das Gotteshaus. Blau und Schwarz geben dem Raum ansonsten das Gepräge. Der widmet sich den Vorstellungen vom Tod, will Eindrücke vom Umgang mit dem Thema im Mittelalter vermitteln, der sich bis in die Gegenwart verändert hat. Eingebunden sind moderne, mediale Mittel wie Computeranimationen und ein Zeichentrickfilm von Studenten der Halleschen Burg Giebichenstein, die die Ankunft des Leichnams Ottos des Großen in Magdeburg interpretiert.
Es gibt ein umfassendes Begleitprogramm. Dazu gehören öffentliche Führungen durch die Ausstellung und durch das gesamte Klostergelände sowie eine Reihe von Vorträgen zu den Ottonen und anderen Themen mittelalterlicher Geschichte an.
Klaus-Peter Voigt
Öffnungszeiten: 11. 8. bis 31. 10. – täglich 10 bis 18 Uhr; 1. 11. bis 9. 12. – Dienstag bis Sonntag 10 bis 16 Uhr
Musiktradition von internationalem Rang
13. August 2012 von Gemeinsame Redaktion
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Interview: Zu den Adjuvantentagen wird in Vergessenheit geratene Musik der Region zur Aufführung gebracht
Am 8. und 9. September finden in Hildburghausen und Eisfeld die 5. Thüringer Adjuvantentage statt. Seit 2008 veranstaltet die Academia Musicalis Thuringiae an wechselnden Orten dieses Musikfest. Es erinnert an die sogenannten Adjuvanten, die seit der Reformation bis ins 19. Jahrhundert als Helfer der Kantoren auf den Dörfern das protestantische Musikleben prägten. Mit dem Experten für Adjuvantentage, Claus Oefner, sprach Sabine Kuschel.
Herr Dr. Oefner, vor fünf Jahren fanden in Thüringen zum ersten Mal Adjuvantentage statt. Wie kam es dazu?
Oefner: Durch die Quellen, die wir gefunden haben. In Udestedt, nördlich von Weimar, gibt es ein wertvolles Archiv mit Musik aus Venedig und Amsterdam. Wir haben uns gefragt, wie solche wertvolle Musik aufs Dorf kommt? Es waren die Adjuvanten, die diese Musik auf den Dörfern einstudiert haben. Da es nicht nur dieses eine Archiv gibt, dessen Bestände jetzt im Thüringischen Landesmusikarchiv in Weimar erfasst sind, sondern noch weitere Archive, unter anderem in Ichtershausen, in Gräfenroda, in Großfahner und Eschenbergen, sind wir auf die Idee gekommen, einen Tag nur mit Adjuvanten-Musik zu machen.

Claus Oefner ist Musikwissenschaftler und im Vorstand der Academia Musicalis Thuringiae – Foto: Sabine Kuschel
Adjuvanten waren die nach der Reformation tätigen Laienmusiker, Helfer der Kantoren?
Oefner: Ja, die Kantoren auf dem Dorfe haben die Jungen und Mädchen im Singen und Musizieren ausgebildet und sie später immer wieder zum Dienst herangeholt. In den Städten musizierte der Kantor mit den Hofkapellen und Stadtmusikanten, die es auf dem Dorf nicht gab. Dort waren es die Adjuvanten. Ihre Tradition ist ähnlich der von Posaunenchören.
Die Adjuvantentage sind also eine Möglichkeit, die in den Archiven der Kirchengemeinden schlummernde und in Vergessenheit geratene Musikliteratur der Adjuvanten zur Aufführung zu bringen?
Oefner: Wir wollen die Musik der Adjuvanten wieder zum Erklingen bringen und sie eventuell zur Diskussion stellen für unsere Kirchenchöre. Wir sagen den Leuten auf den Dörfern, die Musik, die ihr heute hört, haben vielleicht schon eure Großeltern, Urgroßeltern oder Ururgroßeltern gehört, eventuell sogar mitgesungen oder mitgespielt.
Wir können dazu beitragen, dass diese Musik gerettet wird. Zuerst muss sie in die Archive kommen, erfasst, katalogisiert und gesichert werden, damit sie nicht durch Feuchtigkeit, Mäusefraß oder Feuer kaputtgeht. Doch die Musik ist nicht für die Archive geschrieben. Auf den Adjuvantentagen bringen Berufsmusiker sie in Verbindung mit Laienchören zum Klingen.
Das ist anspruchsvolle Musik, die uns die Adjuvanten hinterlassen haben?
Oefner: Ja, etwas übertrieben gesagt: Das Herz der europäischen Musik hat auch auf den Dörfern geschlagen. Mit Werken von Giovanni Gabrieli und Orlando di Lasso hatten die Gottesdienstbesucher damals die Möglichkeit, das gleiche Repertoire zu hören wie in Dresden, Venedig und Amsterdam. Die Kantoren hatten einen weit gespannten Horizont. Das ist interessant. Ich habe mich dieser Tage mit einer Sammlung aus dem 19. Jahrhundert beschäftigt. Auf dem Dorfe wurden Kantaten für drei Trompeten, zwei Hörner, Oboen, Flöten, Streicher und Pauken aufgeführt. In einem anderen Dorf doppelchörige Motetten a-cappella. Das sind erstaunliche Leistungen. Heute kriegt man mit Müh und Not einen Chor zusammen, der vielleicht zwei- oder dreistimmig singen kann.
Es gibt ganze Jahrgänge von Kantaten, für jeden Sonntag vom ersten Advent bis zum letzten Sonntag nach Trinitatis eine Kantate. Viele Komponisten einschließlich Bach und Telemann haben Kantaten für das ganze Kirchenjahr verfasst. Diese haben die Dorfkantoren abgeschrieben und mit den Adjuvanten zur Aufführung gebracht. Die Kantoren haben für ein interessantes Repertoire gesorgt. Es wurde immer nur das Beste, auch das Modernste musiziert. Man war der Meinung, das Modernste ist das Beste, und das Beste ist für den lieben Gott gerade gut genug. Das ist in unserer Zeit undenkbar. Können Sie sich heute vorstellen, mit zeitgenössischer Musik jemanden zu erfreuen? Das hat andere Ursachen. Aber damals waren sie bemüht, aktuell zu sein.
Finden Sie in den Archiven bekannte Musikstücke oder sind auch Überraschungen dabei?
Oefner: Beides. Es finden sich bekannte Namen wie Mozart und Haydn und völlig unbekannte Namen, die heute vergessen sind. Manche zu Recht, andere sind zu Unrecht vergessen worden. Die Dichte dieser Musiklandschaft würde es verdienen, auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt zu werden.
Auch in Hildburghausen und Eisfeld, den diesjährigen Veranstaltungsorten, spielten die Adjuvanten eine Rolle?
Oefner: Ja, in Hildburghausen kommen Stücke aus den dortigen Adjuvanten-Archiven zur Aufführung, Musik von Johann-Philipp Käfer, der war Kapellmeister in Hildburghausen und Römhild und Musik von Friedrich Wilhelm Zachow, der war in Halle und Lehrer Händels. Wir wollen zuerst Musik aus der Region aufführen, zweitens die Wirkung des reformatorischen Kirchenliedes dokumentieren. Das sind die beiden Kriterien des diesjährigen Programms.
Die Kantoren waren alle Vollstrecker von Luthers Willen. Luther wollte, dass die Gemeinde sich aktiv am Gottesdienst beteiligt. Das kann sie am besten durch eigenes Singen. In diesem Sinne waren die Kantoren auf den Dörfern »Vollstrecker« von Luthers Willen.
Endlich Frieden
7. August 2012 von Gemeinsame Redaktion
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Filmtipp der Woche: Das Schwein von Gaza
Jafaar ist ein Pechvogel, aber er lässt sich nicht unterkriegen. Der arme palästinensische Fischer freut sich schon, wenn er statt der üblichen Plastiksandalen ein paar Sardinen fängt. Mit seiner Frau Fatima lebt er im Gazastreifen, in einem halb zerbombten Haus, auf dessen Dach israelische Soldaten Wache stehen. Man arrangiert sich, und Jafaar ist ein wahrer Meister der Improvisation.
Als ihm eines Tages ein lebendes Schwein ins Netz geht, entwickelt er schnell einen Plan, wie er den Fang zu Geld machen kann. Natürlich darf seine Frau ebenso wenig davon erfahren wie die lokalen Chef-Islamisten oder die Soldaten auf dem Dach.

Filmszene mit Sasson Gabai. Foto: Alamode Filmverleih
So geht Jafaar auf die Suche nach Schweinefans im Gazastreifen, er wird zum Wanderer zwischen den verfeindeten Welten, zum Terroristen wider Willen und schließlich zum Helden.
Der Humor dieser grotesken Geschichte ist dabei eher leise und hat wenig von einer Slapstickkomödie, obwohl es durchaus witzige Situationen gibt – zum Beispiel, wenn Jafaar sein Schwein als Schaf verkleidet und durchs Dorf treibt. Vielmehr verbreitet der Film seine Friedensbotschaft mit jüdisch-arabischem Charme und gelegentlich hübscher Boshaftigkeit.
Jafaar muss dem Schwein, das er nicht einmal berühren darf, Sperma entlocken, und er zieht ihm Strümpfe an, damit der heilige Boden Israels nicht entweiht wird.
Großartig spielt Sasson Gabai den Jafaar als gottesfürchtigen, naiven Araber, der von einer Katastrophe in die nächste taumelt. Baya Belal ist Jaffars würdevolle Ehefrau Fatima. Neben Juden und Moslems gibt es auch noch ein paar Christen – Jafaar trifft einen überforderten UN-Beamten (Ulrich Tukur). Die Begegnung ist symptomatisch, denn man versteht einander nicht. Dabei sind sich letztlich alle einig: Sie wollen den Frieden. Der Weg, den Jafaar geht, mit einem Schwein an seiner Seite, ist sicherlich der unwahrscheinlichste, aber sehr effektiv. Er beendet den Krieg durch seine Menschlichkeit.
Sympathie und Spott werden hier gerecht auf alle Beteiligten verteilt. Jafaar schließt Freundschaft ausgerechnet mit einer russisch-jüdischen Siedlerin, die Schweine züchtet, mit deren Hilfe man Terrorbomben aufspüren kann. Bei aller Ironie ist dieser Film sehr ernsthaft. Über Weltanschauungen und Religion hinweg wirkt er wie das Lachen eines Kindes, das sich hemmungslos über die dummen Erwachsenen lustig macht. Sehr befreiend.
Gaby Sikorski
Kinostart ist am 2. August. Regie führte Sylvain Estibal. Der Film wurde in Deutschland, Frankreich und Belgien produziert.









