Kulisse des Reichstags von Worms

16. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Tausend Jahre Wormser Dom: Er war Kulisse mehrerer Reichstage, deren spektakulärster 1521 stattfand. Damals wollte Kaiser Karl V. Martin Luther dazu zwingen, seinen Thesen abzuschwören, mit denen er Deutschlands Christen schließlich in Katholiken und Protestanten spaltete.

Zu übersehen ist er nicht, der mächtige Bau mit den das Stadtbild prägenden Türmen. Auf dem höchsten Punkt der Innenstadt thront der steinerne Riese mitten im Häusermeer. Bis heute ist der romanische Dom das Wahrzeichen der Stadt, monumentales Zeugnis der Wormser Stadt- und Kirchengeschichte – und Grablege der salischen Könige, die lange Zeit in Worms zuhause waren. Seit 1925 gilt der Dom als »Basilica minor« – ein vom Papst verliehener Ehrentitel, mit dem er die historische Bedeutung des Gotteshauses unterstrich. Seine Ursprünge reichen zurück in die frühchristliche Epoche der Stadt, seine heutige Form aber erhielt der dem Apostel Petrus geweihte Dom erst Anfang des zweiten Jahrtausends.

Mit Duldung der am Rhein regierenden Römer soll im frühen 5. Jahrhundert für kurze Zeit ein Burgunderreich entstanden sein, dessen Zentrum die Jahrhunderte später entstandene Nibelungensage nach Worms verlegte. Eine der Regentinnen im ostfränkischen Reich Austrasien war Brunichildis (um 545/550–613), die Tochter eines Gotenkönigs. Als Papst Gregor der Große ihr Reliquien der Apostel Petrus und Paulus geschenkt hatte, so heißt es, wurde in Worms auf den Grundmauern des zerstörten römischen Forums eine schlichte, frühmittelalterliche Basilika errichtet – eine der ältesten Bischofskirchen auf deutschem Boden. Unter den Karolingern erlangte Wormatia, wie sich die Stadt damals nannte, mehr und mehr an Bedeutung. Aber erst mit den heute in der Kaisergruft des Domes begrabenen Saliern machte Worms große Geschichte. Schließlich ging mit Gregor V., der ebenfalls aus den Reihen der Salier stammte, der erste deutsche Papst hervor. Er wurde in Worms ausgebildet, wo er als Kaplan seelsorgerische Erfahrungen sammelte.

Prunkvoll: Der Wormser Dom ist einer der sogenannten Kaiserdome – ein mächtiger Bau mit großer Geschichte. Foto: Günter Schenk

Prunkvoll: Der Wormser Dom ist einer der sogenannten Kaiserdome – ein mächtiger Bau mit großer Geschichte. Foto: Günter Schenk

Auch wenn die erste Bischofskirche immer wieder erweitert und neu gestylt wurde, war sie dem populären Wormser Bischof Burchard (um 965 bis 1025) zu klein und zu unmodern. Anfang des letzten Jahrtausends ließ er die alte Kirche deshalb abreißen und neu bauen. Obwohl noch nicht ganz fertig, wurde der Wormser Dom in Anwesenheit Kaiser Heinrichs II. anno 1018 geweiht.

Weil beim Dombau aber großflächig gepfuscht worden war und ständig neue Mauern einstürzten, ließen Burchards Nachfolger das Bauwerk komplett abreißen und ab 1130 neu zusammensetzen. Zuerst den Ostteil mit Querschiff, Türmen und Vierungsturm, ab 1160 den dreischiffigen Hauptteil und ab 1171 den Westchor mit seinen Türmen, die heute zu den ältesten Teilen des Domes zählen.

Der neue Dom war Aushängeschild einer Stadt, in der viele Jahre die politischen Weichen Europas mit gestellt wurden. Nicht immer taktierte man dabei vorsichtig, etwa als der Salierkönig Heinrich IV. gegen den Willen des Papstes königstreue Bischöfe in Italien ernannte. Erst mit dem berühmten Bußgang nach Canossa konnte Heinrich den Konflikt mit dem Kirchenoberhaupt entschärfen. Als sich aber auch sein Sohn, Kaiser Heinrich V., mit dem Papst anlegte und das Recht der Bischofsernennung für sich beanspruchte, kam es zum Bruch mit Rom, der erst mit dem sogenannten Wormser Konkordat im September 1122 aus der Welt geschaffen wurde.

Fensterrossette

Fensterrossette

Im Mittelalter gehörte Worms zu den großen Städten im Reich, dessen Dynamik sich auch im Dombau ausdrückte. So wurde im frühen 14. Jahrhundert das Südportal als Bilderbibel neu gestaltet, war die Wormser Dompforte so etwas wie heute der New Yorker Times Square. Die romanische Nikolauskapelle mit den Reliquien des Heiligen Nikolaus, die Kaiserin Theophanu aus Byzanz anlässlich ihrer Hochzeit mit Kaiser Otto II. im Jahre 972 gestiftet hatte, wurde durch eine größere Kapelle ersetzt. Für die im Pfälzischen Erbfolgekrieg verloren gegangenen Reliquien beschafften die Wormser Ende des 20. Jahrhunderts eine neue Nikolaus-Reliquie, die jetzt hinter Glas liegt. Prunkstück der Kapelle aber ist das von Löwen getragene Taufbecken, entstanden gegen 1490 und Vorbild vieler weiterer Taufsteine in der Umgebung.

Kanonen- und Bombenhagel, Blitz- und Hagelschlag, Sprengungen und Großfeuer führten immer wieder zu Neugestaltungen des mächtigen Bauwerks. 1689 brannte der Dom komplett aus, ging nahezu die gesamte Innenausstattung verloren. Schon im frühen 18.Jahrhundert aber begann man mit der Erneuerung des Gotteshauses. 1740 wurde der eindrucksvolle Hochaltar nach einem Entwurf des Würzburger Architekten Balthasar Neumann geschaffen, das Chorgestühl im Rokokostil fertigte der Mainzer Hofschreiner.

Ende des 18.Jahrhunderts attackierten französische Revolutionstruppen die Stadt und nutzten den Dom als Pferdestall und Speicher. Mit der Säkularisation löste sich das bis dahin eigenständige Wormser Bistum auf, wurden der Kreuzgang und seine Nebengebäude abgebrochen. Die schönsten der gotischen Kreuzgang-Reliefs finden sich heute im nördlichen Seitenschiff – unter anderem ein feingliedriger Stammbaum Christi (1488), in den sich Johann von Dalberg als Stifter hat mit einbauen lassen. Aufmerksamkeit haben auch die Darstellungen von Christi Geburt (1515) und seiner Grablegung (um 1488) verdient, allesamt eindrucksvolle Bildhauerarbeiten. Von den mittelalterlichen Glasfenstern ist keines mehr erhalten. Sie wurden meist durch moderne Bilder ersetzt. Als Beispiel menschlicher Sündhaftigkeit hat so auch der »Turmbau zu Bablis« in einem der Fenster Platz gefunden, ein Bild, das auf das nahe gelegene, inzwischen aber still gelegte Kernkraftwerk Biblis verweist.

Nach gründlichen Renovierungen in den letzten Jahrzehnten ist der Wormser Dom noch immer das Wahrzeichen der Stadt. In seinem Schatten finden heute auch Jahr für Jahr die populären Nibelungen-Festspiele statt, inzwischen das kulturelle Aushängeschild der Stadt. 2018 werden sie mit dem Domjubiläum konkurrieren, zu dem die Deutsche Post eine eigene Sondermarke auflegt. »Aufgeschlossen« ist das Motto des Festjahres, das auf den Petrusschlüssel im Domwappen Bezug nimmt. »Wir wollen uns im Jubiläumsjahr als aufgeschlossene, lebendige und zukunftsorientierte Kirche präsentieren«, heißt es bei den Verantwortlichen, »denn wir feiern nicht tausend Jahre alte Steine, sondern der Dom ist für uns Bild für eine quicklebendige Kirche und Ort, wo Gott auch heute und in Zukunft den Menschen begegnen will.«

Günter Schenk

Die Festwoche zum Domjubiläum ist vom 4. bis 10. Juni 2018 geplant.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Von Christen, Christinnen und Getauften

8. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Wird die Verfassung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland in geschlechtergerechte Sprache umgeschrieben? Darüber will die Landessynode auf ihrer Frühjahrstagung entscheiden. Die Verfassungskommission hat einen Vorschlag erarbeitet. Dazu ein Gespräch mit Professor Michael Germann, der der Verfassungskommission angehörte, jedoch ausgetreten ist. Mit ihm sprach Katja Schmidtke.

Herr Professor Germann, seit 2014 diskutiert die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland über eine Verfassungsänderung. Von Beginn an gehörten Sie der von der Landessynode hierfür eingesetzten Kommission an. Nun sind Sie ausgetreten. Warum?
Germann:
Die Herbstsynode hat die Verfassungskommission aufgefordert, den Entwurf zur Änderung der Verfassung in einer geschlechtspolitisch veränderten Sprachfassung vorzulegen. Die halte ich für eine schwerwiegende Verschlechterung. In meinem Brief an den Präses der Synode und an die anderen Beteiligten habe ich deutlich gemacht, dass ich damit nicht in Verbindung gebracht werden möchte. Außerdem wollte ich die Freiheit gewinnen, die ich mir als Mitglied der Kommission nicht genommen habe: einzutreten für die geltende sprachliche Fassung und dafür zu werben, die Änderung in der Frühjahrssynode abzulehnen.

Warum? Sie haben doch mitgearbeitet.
Germann:
Die inhaltlichen Vorschläge, die aus der Revision hervorgegangen sind, halte ich für sinnvoll. Weil aber in der jetzt vorgelegten Fassung sprachliche und inhaltliche Veränderungen zu einem Text verbunden sind, können die Synodalen nur zu beidem »ja« oder zu beidem »nein« sagen. Sagt die Synode »nein«, was ich hoffe und wofür ich in einem Brief an die Synodalen werbe, können die inhaltlichen Veränderungen später aufgegriffen werden. Die sind ja nicht aus der Welt.

Was stört Sie an geschlechtergerechter Sprache?
Germann:
Schon diese Bezeichnung.

Wie nennen Sie es denn?
Germann:
Wenn ich ein ebenso polemisches Wort wählen darf: geschlechtsfixierte Sprache. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie willkürlich generische Formen unterdrückt und durch Formen zu ersetzen versucht, die nur ein bestimmtes biologisches Geschlecht markieren. Generische Substantive oder Pronomen machen es möglich, Menschen und ihre sozialen Rollen zu bezeichnen, wenn das Geschlecht unbekannt oder nicht relevant ist. Generische Formen leisten eine notwendige Abstraktion, wie übrigens alle sprachlichen Ausdrücke. Um vom Geschlecht zu abstrahieren, kommen wir ohne generische Formen nicht aus. Manche generische Formen haben nun das Pech, dass sie mit den Formen übereinstimmen, die man für männliche Exemplare verwendet, wenn es eine weiblich markierte Form gibt. Das ist sprachlicher Zufall: »Freund« und »Gast« sind beide grammatisch maskuline Wörter. Neben »Freund« gibt es »Freundin«, neben »Gast« gibt es keine weiblich markierte Form. Wer deswegen von »Freunden« nur noch sprechen will, wenn es Männer sind, fixiert das Wort auf das männliche Geschlecht. So kann man Frauen nicht zu seinen Freunden zählen, sondern mit der separaten Bezeichnung als »Freundinnen« nur von ihnen sprechen, indem man auf ihr weibliches Geschlecht abstellt. Das nenne ich »geschlechtsfixierte« Sprache. Und damit beginnen die Probleme.

An welche denken Sie?
Germann:
Auf den ersten Blick unübersehbar, nur quantitativ vielleicht nicht so bestimmend, ist dieses: Es gibt Menschen, die sich nicht auf das männliche oder weibliche Geschlecht festlegen lassen. Schon daran scheitert die Erwartung, man könne generische Formen durch eine Aufzählung zweier Geschlechter ersetzen. Das Bundesverfassungsgericht hat daraus geschlossen, dass das Personenstandsrecht für die Angabe des Geschlechts eine generische Kategorie bereithalten muss. Erst recht sind generische Formen also nötig, wenn es gar nicht um die Angabe des Geschlechts geht. In der individuellen Ansprache eines konkreten Menschen ist das anders. Mein Gegenüber spreche ich nicht generisch an.

Kommt uns also durch die Veränderung der Sprache in einer Gesellschaft, in der jeder individueller sein will als der andere, das verbindende Element abhanden?
Germann:
Da ist vielleicht etwas dran. Das wäre ein Bedürfnis, in jeder Situation als Individuum angesprochen zu werden. Damit hat auch das Argument zu tun, die Sprache müsse jeden einzelnen in seiner Geschlechtszugehörigkeit »sichtbar« werden lassen. So habe ich auch von manchen Frauen in einem hohen, sogar sehr sichtbaren kirchlichen Leitungsamt gesagt bekommen, dass sie sich nicht angesprochen fühlen von einem Text, der abstrahiert, dass sie sich in ihrer Funktion und Rolle, in ihrem Amt nur wahrgenommen sehen, wenn sie gerade als Frau wahrgenommen werden. Das Verbindende, das Sie eben angesprochen haben, wäre hier im Zurücktreten des »Ansehens« der Person und ihres Geschlechts hinter die »Sichtbarkeit« des Amts zu suchen, sobald man eben vom Amt spricht und nicht von der einzelnen Person.

Michael Germann ist Professor für Öffentliches Recht, Staatskirchenrecht und Kirchenrecht an der Juristischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg. Foto: Katja Schmidtke

Michael Germann ist Professor für Öffentliches Recht, Staatskirchenrecht und Kirchenrecht an der Juristischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg. Foto: Katja Schmidtke

Eine individuelle Ansprache und unsere Gemeinschaft als Christen. Wie geht das zusammen?
Germann:
Was die Sprachumstellung bewirkt, zeigt sich im Verfassungsentwurf bei der Kollektivbezeichnung »Christen«. Christ »oder« Christin, Christen »und« Christinnen? Ohne generische Bezeichnung gibt es keine gemeinsame Bezeichnung. Umschreibungen wie »alle Getauften« gelten nur deshalb als unauffällig, weil es dazu keine markierte Form gibt. Wenn man von Christen nur noch als »Christinnen und Christen« sprechen kann, ist die Trennung der Geschlechter vorausgesetzt, sie geht dem Christsein vor. Das ist für uns Christen ein Problem, weil wir Sprachformen brauchen, die uns als Gemeinschaft ansprechen.

Wir könnten doch den Plural verwenden?
Germann:
Das macht die vorausgesetzte Geschlechtertrennung sowieso nur bei Pronomen, Adjektiven und Partizipien unsichtbar, bei denen im Plural die weiblich markierten Formen verschwinden. Hier wird Unsichtbarkeit uns plötzlich als »geschlechtergerecht« verkauft. Bei den »Getauften« funktioniert das, aber nicht bei den »Christen«, wenn man sie im Gegensatz zu »Christinnen« sieht. Alle Kunstgriffe dieser Art gehen auf Kosten des Sinns. Ein Beispiel: Für die Vorschriften über das Amt des Superintendenten hat die Verfassungskommission den Plural erwogen, weil sich darin wenigstens die Personalpronomina auf eine Form reduzieren. Doch das hätte den Sinn verschoben: Eine Norm, die die einzelnen Amtsträger adressieren soll, wäre im Plural verwechselbar mit einer Norm, die die ganze Gruppe adressiert. Es gibt aber je Kirchenkreis nur ein solches Amt. Juristen können mit solchen Sinnverschiebungen zurechtkommen, aber die dafür erforderliche Übersetzungsleistung ist eine unnötige Verständnishürde, erst recht für juristisch nicht geschulte Menschen.

Gesetzestexte sind kompliziert. Müssen sie denn sprachlich schön sein?
Germann:
Ganz klar: Ja! Verfassungen sind keine beliebigen Gebrauchstexte, ihre Wirkung hängt auch davon ab, dass sie gut lesbar und eingängig sind. Schauen Sie sich das Grundgesetz an: abgesehen von einigen späteren Zutaten ein schöner Text.

Hätte eine Gleichstellungsklausel in der EKM-Verfassung genügt?
Germann:
Artikel 8 der geltenden Verfassung stellt die Funktion der generischen Bezeichnungen klar. Selbst das ist unnötig, wenn man sich einfach darauf einlässt, dass generische Formen immer vom Geschlecht abstrahieren.
Bei solchen Klauseln sollte auf die Formulierung geachtet werden: Dass alle »gemeint« sind, trifft die Sache nicht: Frauen sind nicht nur irgendwie »mitgemeint«. Formulierungen wie »gelten auch für« klingen juristisch nach einer Fiktion. Besser ist das Verb »bezeichnen«: Generische Formen »bezeichnen gleichermaßen Frauen und Männer«. So ist es, und so steht es in Artikel 8 der Kirchenverfassung.

Ihnen genügt das, anderen nicht.
Germann:
Das Hauptargument lautet: Es werde anders empfunden. Man muss das ernst nehmen und die Probleme an der richtigen Stelle anpacken. Wenn ein Personalverantwortlicher nur an Männer denkt, wenn im Text »Pfarrer« steht, dann ist dies Denken das Problem. Für uns als evangelische Christen wäre die Kirche nicht mehr in Ordnung, wenn es für ihre Ämter auf das Geschlecht ankäme. Wo das in den Köpfen nicht angekommen sein sollte, müssen wir reagieren und ein Bewusstsein schaffen. Dafür sei eine Sprachumstellung das Mittel, so das Argument ihrer Befürworter. Ich glaube, Eingriffe in die Sprache sind das falsche Mittel. Es hat etwas von einer Ablenkungsschlacht, diese Schlacht um die Sprache.

Warum sind Sie als Kirchenrechtler bei diesem Thema so emotional?
Germann:
Sprache hat mit Persönlichkeit zu tun. Wenn jemand mir vorschreibt, wie ich zu sprechen habe, macht mich das grantig.

Dann müssen Sie doch Frauen verstehen, die sagen, diese Sprache schreibt mir vor, dass ich Pfarrer bin und nicht Pfarrerin.
Germann:
Ich will gar nicht abwerten, was da emotional an Erfahrungen – auch generationsgebunden – dahinter steckt. Aber dieses Empfinden sucht sich das verkehrte Ziel. Es macht einen Unterschied, ob ich Eingriffe in die Sprache erleide oder ob ich hinnehmen muss, dass andere die Sprache so verwenden, wie sie mit den ihr gegebenen Mitteln funktioniert. Da kann man der generischen Form nicht gegen ihren Sinn vorwerfen, sie mache eine Frau zum Mann. Schon allein die Methode, über Sprachhygiene in meinen Kopf eingreifen zu wollen, hat etwas Beleidigendes. Man unterstellt mir damit, dass ich ein falsches, in Rollenstereotypen gefangenes Bewusstsein hätte. Das will ich mir nicht mit jedem Satz der Verfassung vorhalten lassen. Wo es so wäre, ließe ich mich gerne korrigieren – aber nicht auf dem Irrweg einer um die generischen Formen beraubten Sprache. Ich hoffe, dass die Landessynode das dem Text der Kirchenverfassung nicht antut.

www.ekmd.de/kirche/landessynode/ueberpruefung-der-ekm-verfassung/

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Der evangelische Robin Hood

3. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Vor 200 Jahren wird Friedrich Wilhelm Raiffeisen geboren, der Gründer der modernen Genossenschaft.

Im Anfang war das Backhaus. Und ein junger Bürgermeister, der sich der Obrigkeit widersetzt und hungernden Kindern und ihren Eltern hilft. Das Backhaus in dem kleinen Westerwald-Ort Weyerbusch ist ein schlichter Fachwerkbau, eher eine Hütte, aber es wird zum Symbol für eine Bewegung: Die Genossenschaften.

Der junge Bürgermeister heißt Friedrich Wilhelm Raiffeisen, vor 200 Jahren im Westerwald geboren. Wie bei vielen gibt es auch bei ihm diese Tat, die wie ein Schlüssel zu seinem Leben passt: Er lässt das Backhaus bauen, besorgt Mehl und beendet eine Hungersnot, die wir uns heute kaum mehr vorstellen können.

Raiffeisen wirkt als Christ, seine Kraftquelle ist die Bibel, seine Mitstreiter wirbt er mit Hinweisen auf die Bergpredigt: Er ist als Gründer der modernen Genossenschaften einer der Großen in der Geschichte der evangelischen Kirche – und wird vergessen. Warum? Raiffeisen durfte nicht einmal die Höhere Schule besuchen, hat sich nicht als Theologe profiliert, er hat die Welt aber radikal verändert durch seine Taten.

In den Zeiten der industriellen Revolution und eines zügellos wuchernden Kapitalismus gab es einige Wohltäter wie ihn. Raiffeisen aber belässt es nicht bei Almosen und kurzer Hilfe, er entwickelt aus der christlichen Idee der Nächstenliebe ein höchst praktisches System gegenseitiger Hilfe, er schreibt Statuten für die Solidarität, die ohne Gewalt und Umsturz auskommt. Man könnte diesen Mann einen friedlichen Revolutionär der Solidarität nennen.

Aus dem Backhaus wächst der »Weyerbuscher Brodverein«, danach entstehen Hilfsvereine in Flammersfeld, die Darlehnskasse in Heddesdorf, schließlich Vereinigungen, Zentralkassen, eben die Organisationen, die die Unesco vor kurzem zum Welterbe erklärte: In Genossenschaften verbünden sich heute über zwanzig Millionen Menschen in Deutschland – und fast eine Milliarde weltweit.

Wer ist dieser Friedrich Wilhelm Raiffeisen? Geboren wird er im selben Jahr wie Karl Marx, der heute ungleich prominenter ist – obwohl er als Verlierer in die Geschichte eingegangen ist. Er wächst unter einfachen Verhältnissen im Westerwald auf, kann nicht einmal die Höhere Schule besuchen, meldet sich deshalb schon mit 17 zum preußischen Militär, aber muss vorzeitig die Uniform ausziehen wegen eines Augenleidens.

Preußen behält den entlassenen Unteroffizier im Staatsdienst und gibt ihm ein Bürgermeister-Amt. Schon nach wenigen Monaten setzt Raiffeisen seine Karriere aufs Spiel, eben im Backhaus-Eklat, in dem schon seine Lebens-Strategie deutlich wird: Er beweist Zivilcourage, indem er sich widersetzt.

Das Mehl fürs Backhaus soll nach Weisung des Landrats nur der bekommen, der bezahlen kann. Nur: wie sollen die Armen zahlen, die nichts haben? Dem Rauswurf und dem Karriere-Ende wegen Verweigerung des Gehorsams entgeht er mit einer List: Er lässt die Wohlhabenden seines Dorfs eine Kommission gründen, die Mikro-Kredite für die Armen finanziert.

Diese List prägt fortan sein Wirken: Er flicht um sich ein Netz von meist vermögenden Gleichgesinnten und nutzt Lücken im System von Staat und Wirtschaft; wird eine Lücke geschlossen, schlüpft er durch die nächste. Er bekommt mächtige Gegner wie Schulze-Delitzsch, der in Sachsen auch Genossenschaften gründet, einflussreich als Abgeordneter im preußischen Reichstag sitzt und sich zum Konkurrenten erklärt; aber er hat ebenso einflussreiche Freunde wie den Fürsten zu Wied, der nebenan im Neuwieder Schloss auf den Rhein schaut und in Berlin Audienzen bei Kronprinz und Kaiser bekommt.

Er kämpft gegen die Wucherer, gegen Ausbeuter in den Fabriken und wettert: »Eine gewisse Sorte von Menschen vernichtet Existenz nach Existenz und bedroht das Bestehen der ganzen menschlichen Gesellschaft auf das Ernsteste.«

Demokratie führt er in die Wirtschaft ein, ohne das Wort in den Mund zu nehmen: Jeder in einer Genossenschaft spricht mit, entscheidet ohne Ansehen der Person und hat eine Stimme, unabhängig vom Wert seines Vermögens. Die Genossenschaft bildet heute immer noch die einzige bedeutende Unternehmensform, die Demokratie verwirklicht – auch mit allen Nachteilen, denn die Mehrheit trifft nicht immer die klügsten Entscheidungen.

Raiffeisen will mit seinem Darlehnskassen-Verein in Heddesdorf auch entlassenen Strafgefangenen helfen und Kindern in Notlagen, er will Bibliotheken gründen, um die Bildung auf dem Land zu heben – doch die Mitglieder bremsen ihn aus, Raiffeisen muss sich der Mehrheit beugen. Auch dem autoritären Staat sind die Genossenschaften ein Dorn im Auge: Ihm ist suspekt, wenn sich Menschen ohne seinen Segen zusammenschließen und demokratische Verfahren ausprobieren.

Raiffeisens Denken strahlt aus bis in unsere Gegenwart: Er entwirft einen alternativen Kapitalismus, der nicht aus einem gewaltsamen Umsturz ersteht, sondern auf Vertrauen und Hilfsbereitschaft gründet.

Den Kapitalismus mit seinen eigenen Mitteln schlagen, das lehrt Raiffeisen: Statt grenzenloser Konkurrenz und Zerstörung, heute als Disruption gefeiert, statt Ellenbogen und Egoismus holt er das Robin-Hood-Prinzip wieder ins Leben der Gesellschaft: Einer für alle, alle für einen.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen, geboren vor 200 Jahren: Sein Werk sind die Genossenschaften, vor kurzem von der Unesco zum Welterbe erklärt.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen, geboren vor 200 Jahren: Sein Werk sind die Genossenschaften, vor kurzem von der Unesco zum Welterbe erklärt. Foto: Tohma, Wikimedia Commons

Raiffeisen will die Kluft zwischen Arm und Reich beseitigen: Genossenschaften sorgen dafür, dass Eigentum breit gestreut wird, Konkurrenten sich als Partner begegnen und regelmäßige, verbindliche Kontrolle eine Pleite fast unmöglich macht. Wahrscheinlich steht deshalb die Blütezeit der Genossenschaften noch vor uns – in der Solidarität der Bürger, in der globalen Gesellschaft des Teilens, der »sharing economy«.

Raiffeisen ist ein Kämpfer, der viel ertragen muss: Seine Frau stirbt früh nach der Geburt des siebten Kindes; drei seiner Kinder sterben in den ersten Monaten; er selber ist oft krank und wird vorzeitig in den Ruhestand geschickt mit einer schmalen Pension. Er kann nicht mehr lesen, muss alles diktieren: Seine älteste Tochter Amalie, die sich in seinen Assistenten verliebt, darf nicht heiraten, er braucht sie als seine Sekretärin.

Er kämpft gegen die Politiker, die ihm das Leben schwer machen: Genossenschaften dürfen nicht als eigenständige Unternehmen auftreten. Erst 1867, zwei Jahre nach Raiffeisens Pensionierung, erlässt der Reichstag das erste Genossenschafts-Gesetz. Endlich ist es einfach, eine Genossenschaft zu gründen – und bleibt es bis heute. Nach einer Änderung von 2006, die das Genossenschafts-Recht auf die EU ausrichtete, müssen sich in Deutschland nur noch drei Leute für eine Gründung zusammenschließen und füreinander haften wollen.

Raiffeisen kennt liberales und demokratisches Denken, er spricht darüber mit seinem adligen Freund im Neuwieder Schloss, er fördert es auch – ohne überzeugt zu sein. Wie oft bei großen Persönlichkeiten entdeckt man bei ihm eine seltsame Unbekümmertheit und einfache Menschenliebe, gepaart mit einem bedingungslosen Gottvertrauen: Müssten nicht alle Menschen edel sein, freundlich und gut, hilfsbereit, gerecht und verantwortungsvoll?

Er leidet sein Leben lang unter dem Verlust des Urvertrauens unter den Menschen, dem er sich unter dem Druck der Wirklichkeit beugen muss: Er sieht die Gesellschaft am Abgrund. In seinen letzten Lebensjahren, da er fast erblindet ist, entwirft er noch einmal Statuten, aber diesmal für einen Laien-Orden.

Dieser Caritas-Orden, als Handelsgesellschaft zu gründen, wirkt wie aus der Zeit gefallen: Der evangelische Christ Raiffeisen, mit seiner Kirche unzufrieden, will die Mitglieder nicht nur auf ein einfaches, hochmoralisches Leben verpflichten, sondern auf Ehelosigkeit. Doch wie stets bei ihm sind auch ungewöhnlich moderne Züge zu entdecken: So steht der Orden offen für alle Konfessionen, ist ökumenisch und einem allgemeinen Christentum verpflichtet; in ihm wirken Frauen ebenso wie Männer, und am liebsten setzte er seine Tochter Amalie als Oberin ein.

Zur Gründung kommt es ebenso wenig wie zur Verleihung der Ehrendoktor-Würde, gedacht für die Feier zum 70. Geburtstag. Wenige Tage vorher stirbt er, den seine Wegbegleiter »Vater Raiffeisen« nennen.

Paul-Josef Raue

Hintergrund: So gründet man eine Genossenschaft
Eine Initiative, um ein lang verwaistes Schauspielhaus zu beleben (wie in Erfurt)? Ein Mehrgenerationenhaus zu schaffen (wie in Dortmund)? Eine Solarfirma zu gründen (wie in Magdeburg)? Drei Leute mit Leidenschaft für ein Projekt reichen aus, um eine Genossenschaft zu gründen: Sie schauen in das Genossenschafts-Gesetz, suchen Mitglieder und erarbeiten Satzung und Geschäftsplan. Dabei hilft beispielsweise die Business-Plan-App des Bundeswirtschaftsministeriums. Eine Genossenschaft mit weniger als 21 Mitgliedern ist empfehlenswert: Erst dann braucht man einen Aufsichtsrat und zwei Personen im Vorstand, sonst reicht ein Vorstand.

Jede Genossenschaft muss zwingend einem Prüfungsverband angehören; ihn findet man unter »Prüfungsverband« bei Wikipedia. Er prüft schon die Gründung der Genossenschaft; das kostet mindestens 1 000 Euro. In der Gründungsversammlung wird der Vorstand gewählt und die Satzung verabschiedet. Die Genossenschaft muss abschließend als »eG« beim Amtsgericht, mit Notar, ins Genossenschaftsregister eingetragen werden.

Paul-Josef Raue


Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Glaube geht durch den Magen

27. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Werner Tiki Küstenmacher erlebte bei einer Fastenkur den grausigsten Kopfschmerz seines Lebens und erst dann die asketische Klarheit. Er tröstet sich mit Jesus, von dem gesagt wird, er sei ein »Fresser und Weinsäufer« gewesen – und lässt es sich schmecken.

Fasten ist etwas Katholisches. Das müssen wir nicht«, sagte meine Mutter und stärkte mein Gefühl, im katholischen München etwas Besonderes zu sein. Der Christian Ude, der im Haus zwei Stockwerke höher wohnte, war auch evangelisch, und bei den Udes gab es wie bei uns in den Wochen vor Ostern dasselbe sparsame Essen wie sonst im Jahr auch. Meine in Berlin geborene Mama war stolz darauf, mit Hilfe von Brotresten und Gewürzen aus einem halben Pfund Hackfleisch ein Dutzend dicke Buletten machen zu können.

Als ich in die Schule kam, wurde mir der Unterschied noch deutlicher. Meine Eltern berichteten, dass sie für mich eine moderne Gemeinschaftsschule gefunden hatten. Das freute mich, weil ich dachte: prima, zusammen mit Mädchen! Groß war meine Enttäuschung, als ich sah, dass es sich um die damals revolutionäre Gemeinschaft von katholischen und evangelischen Jungs in einer Klasse handelte.

Aber es war dann doch interessant, was bei den Katholischen alles anders war: Sie bekreuzigten sich beim allmorgendlichen Schulgebet, und am Freitag hatten sie keine Wurst auf dem Pausenbrot. Religion und Essen, das hatte offensichtlich etwas miteinander zu tun.

Viele Jahre später, als der evangelische Ude in der gar nicht mehr so rein katholischen Landeshauptstadt Oberbürgermeister war, ist die Fastenzeit ökumenisch geworden. Und bunter, irgendwie auch protestantischer. Man konnte sich selbst aussuchen, worauf man in den »sieben Wochen ohne« verzichten wollte: Süßigkeiten, Fleisch, Alkohol.
Feuilleton-12-2018Als ich mit dem Theologiestudium an der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau begann, keimten in mir Gedanken der ganz großen Askese.

Immer hast du diese Kinderzeichnungen gekrakelt, sprach ich zu mir, nun bereitest du dich auf einen ernsten Beruf vor: Ab heute ist Schluss mit den Männchen. Vermutlich hätte ich es durchgezogen, wenn nicht die Vorsehung in Person von Andreas Ebert gekommen wäre. Wir hatten gemeinsam das Studium begonnen. Als es galt Bibelstellen zu pauken, suchten wir nach gehirnfreundlichen Lernmethoden. Da sah der Andreas meine Bildchen und überzeugte mich, dass es eine Gottesgabe sei, solche Figuren aufs Papier bringen zu können. Wir entwickelten gemeinsam wilde Bibelcomics – gezeichnete Eselsbrücken. Und ich lernte, dass man bei allzu asketischen Ideen vorsichtig sein sollte.

Als Pfarrer dann wollte ich – einmal wenigstens – »richtig« fasten. Also gar nichts essen. Ich meldete mich an für eine Fastenwoche im Franziskushof in Craheim. Dort war es kalt und karg. Es begann mit Bittersalz und der eigenartigen Erfahrung, dass ich mich bei völligem Nahrungsentzug erstaunlich viel mit meinen eigenen Ausscheidungen beschäftigte. Ich erlebte tatsächlich die große Klarheit im Kopf, von der die Asketen erzählen – leider erst nach einer Phase fieser Kopfschmerzen und ständigen Frierens. Nachts hatte ich gewaltige Träume. Kein Wunder, dass die fastenden Wüstenväter von unglaublichen Wundern und Visionen berichten. Dieses geistliche Fastenerlebnis blieb mein einziges. Es war eine eindrucksvolle Erfahrung, aber ich hatte keine Sehnsucht auf Wiederholung.

Mehr Lust hatte ich auf Fasten aus medizinischen Gründen. Ich habe einige F.X.-Mayr-Kuren gemacht (die mit den trockenen Semmeln und der winzigen Tasse Kefir am Morgen) und die Wirkung sehr genossen.

Manchmal fand ich allerdings, dass man sich bei so einer Kur zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Alleine durch die wunderschönen Waldwege rund um Bad Grönenbach zu laufen, wurde mir bald zu fad. Da kam ich auf die Idee, in die riesige Therme von Bad Wörishofen zu fahren, und fand das Zusammensein mit vielen anderen entspannten Menschen in den riesigen Warmwasserbecken herrlich.

Über Jesus wurde erzählt, er sei ein »Fresser und Weinsäufer« gewesen. Über Asketen spottete er sogar: »Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler. Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten.« Das brachte mich auf den Gedanken, ob Jesus nicht auf seine Weise ein luxuriöses Leben führte. Einmal heißt es im Neuen Testament, dass er den ganzen Tag im Tempel saß und den Leuten zusah. Wenn das nicht Luxus ist! Ein Aspekt an Jesus, der meiner Meinung nach bisher zu kurz kam. So schrieb ich »JesusLuxus« – von allen meinen Werken mein persönliches Lieblingsbuch.

Die Fastenaktion der evangelischen Kirche hatte ähnliche Gedanken: 2008 wählte sie »Verschwendung!« als Thema, »7 Wochen ohne Geiz«. Zu »verschwenderischer Liebe« wurde aufgerufen, zu großzügigen Spenden und freigiebigem Engagement für andere. Inzwischen sind die originellen Mottos der Fastenaktion zu einem evangelischen Markenzeichen geworden: Sieben Wochen ohne Ausreden, ohne Scheu, ohne falsche Gewissheiten, ohne »Sofort!«, ohne Runtermachen.

Ich finde es gut, den Fastenbegriff über den eigenen Körper hinaus zu erweitern. Sieben Wochen etwas weglassen, an das man sich in den restlichen 45 Wochen gewöhnt hat: über nicht anwesende Menschen schlecht reden, über die Schlechtigkeit der Welt jammern. Und dabei immer barmherzig zu sich selbst zu bleiben. Wer nachrechnet, merkt: Bei einer klassischen 40-tägigen Fastenzeit bleiben bei sieben Wochen ein paar Tage übrig. Das sind die Sonn- und Feiertage. Man darf sich also beim Fasten Unterbrechungen gönnen, nach dem schönen Motto »Festtag bricht Fasttag«. Seit ich mir beim Weglassen von Alkohol, Süßem oder Fleischigem ein paar »Joker« erlaubt habe für besondere Events, fiel mir das Durchhalten leichter.

Vor ein paar Wochen wäre der katholische Theologe Eugen Biser 100 Jahre alt geworden. Er hätte das sogar fast erlebt, denn er wurde 96 und war bis zum Schluss ein brillanter Denker. Während meines Studiums war ich fasziniert von seinen Vorlesungen. Er betonte immer, das Christentum sei keine asketische Religion wie etwa der Buddhismus, sondern eine therapeutische. Beim Fasten gehe es nicht darum, sich aufzuopfern und zu leiden, um außergewöhnliche Erfahrungen zu machen, sondern um sich selbst zu heilen.

Und um innere Kraft zu bekommen, damit man danach umso besser für andere da sein kann.

Der Autor ist Theologe, Karikaturist und Bestsellerautor (»Simplify your life«).

www.kuestenmacher.com

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Projekt Weltethos – quo vadis?

20. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Zum 90. Geburtstag von Hans Küng, dem Mitbegründer der Stiftung Weltethos

Was für ein Großereignis! 1993 treffen sich in Chicago mehr als 6 000 Menschen verschiedenster Religionen. Ihr Ziel: Das Formulieren einer gemeinsamen Ethik. Der Einlader: Professor Hans Küng, katholischer, in Rom in Ungnade gefallener Theologe. Das Ergebnis: Eine Erklärung zum Weltethos. 1995 gründet Hans Küng dann die Stiftung Welt-
ethos.

Feuilleton-2-11-2018Im Vergleich zu diesem Schwung und dem internationalen Aufsehen zu Beginn ist es heute um das Projekt Weltethos stiller geworden. Dabei wäre ein solches Projekt angesichts von kriegsbedingten Fluchtwellen, religiösem Überlegenheitsdenken und oft ethikbefreitem Regierungshandeln in Nordkorea, Syrien und anderswo nötiger denn je! Warum ist das Projekt Weltethos nicht ständiger Gast auf der Münchner Sicherheitskonferenz oder in den Vollversammlungen der Vereinten Nationen (UN)? Gerade jetzt in Zeiten so vieler religionsbedingter Kriege? Warum verliert das Projekt an Relevanz?

In starkem Maße mit dem Initiator verbunden

Erstens: Das Projekt Weltethos ist in starkem Maße mit dem Initiator Hans Küng verbunden. Karitativen Stiftungen oder Projekten, die zu sehr mit einer einzigen, dazu noch charismatischen Person verbunden sind, droht ein massiver Verlust an öffentlicher Präsenz, wenn sich der Initiator aus dem operativen Geschäft zurückzieht. Hans Küng ist zwar noch Ehrenpräsident der Stiftung, aber der Versuch, im Jahr 2013 mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler einen renommierten, international bekannten Nachfolger als Leiter zu gewinnen, ist gescheitert.

Zweitens: Bereits 1948 hat die UN die Menschenrechtscharta verkündet. Angesichts vieler Staaten, in denen Religion und Staat strikt getrennt sind, hat eine solche Charta eine größere Chance als verbindlich angesehen zu werden, als eine von Religionsgemeinschaften formulierte Erklärung. Sollte man meinen. Aber trotz dieser Charta fällt es der UN oft schwer, bei kriegerischen Konflikten und daraus resultierenden humanitären Katastrophen mit einer Stimme zu sprechen. Menschenrechte haben dann allenfalls eine rhetorische Lobby. Ein gegenüber den Menschenrechten noch allgemeineres und von Religionen formuliertes Weltethos bewirkt erst recht kein politisches Einlenken oder Umdenken.

Drittens: Je mehr Religionen sich auf einen gemeinsamen Nenner einigen, desto kleiner wird dieser Nenner. »Menschlichkeit«, »Wahrhaftigkeit«, um zwei der Forderungen des Projekts Weltethos zu nennen – wer würde sich dazu nicht bekennen? Wörter wie Seifenblasen: Dehnbar, durchschaubar und schnell am Zerplatzen.

Hans Küng, schweizer Theologe und katholischer Kirchenkritiker. Wegen seiner Kritik am Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit wurde ihm 1979 die kirchliche Lehrbefugnis entzogen. Am 19. März wird er 90 Jahre alt. Foto: epd-bild

Hans Küng, schweizer Theologe und katholischer Kirchenkritiker. Wegen seiner Kritik am Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit wurde ihm 1979 die kirchliche Lehrbefugnis entzogen. Am 19. März wird er 90 Jahre alt. Foto: epd-bild

Selbst der größte Despot würde Menschlichkeit und Wahrhaftigkeit im Zweifel für sich beanspruchen. Was bei solchen Begriffen fehlt, ist die Konkretion: Was bedeutet Menschlichkeit angesichts der Bilder aus Ost-Ghuta? Angesichts zerfetzter Kinderkörper, schreiender Mütter, blutender Straßenhändler? Wie ist hier konkret und unverzüglich politisch zu handeln?

Viertens: Die Stiftung Weltethos steckt in einem sprachlichen Dilemma. In ihrer Erklärung von 1993, ihrem Fundament, fordert sie Menschlichkeit, Gegenseitigkeit, Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit. Dazu noch die Partnerschaft von Mann und Frau. Die gleichgeschlechtliche Partnerschaft war 1993 noch nicht im Blick?! Und heute?! Statt Verben also Hauptwörter mit Endungen auf -keit oder -schaft. Solche Hauptwörter machen die Dinge statisch, ja statuarisch. In jeder Stilfibel steht: Verben statt Substantive.

Unverständlich, antiquiert, voller Allgemeinplätze

1993 beim Chicagoer Gipfel ist ein Text herausgekommen, der den Charme einer Verwaltungsvorschrift im Justizministerium versprüht. Dabei gibt es gute Vorbilder. Die Zehn Gebote, zum Beispiel in Luthers Übersetzung, kennen keine Wörter, die auf -keit oder -schaft enden. Stattdessen dynamische Verben: Du sollst nicht töten, ehebrechen, stehlen. Dahinter stecken Bilder, die zum Nachdenken über das Tun (Tätigkeitswörter!) motivieren. Übe nicht Sorgsamkeit, stattdessen praktiziere Lebendigkeit, heißt der alte Bestseller von Dale Carnegie – nicht! Sondern einprägsam: Sorge nicht, lebe! Ohne einen sprachlichen Heckenschnitt erreicht das Projekt Weltethos mit seinen Texten immer weniger Leute, weil unverständlich, antiquiert, voller Allgemeinplätze. Hat also das Projekt Weltethos in unseren Tagen keinen Sinn mehr? Doch, hat es. Gerade im Schulunterricht hat sich die Stiftung schon tausendfach positiv eingebracht.

Selig, wer eine solche Idee hat

In Schulen mit hohem Migrationsanteil ist es wichtig, das Verbindende zwischen den Religionen in den religiösen Unterricht einzubauen. Auch die Erwachsenenbildung braucht öffentliche Diskussionen über ethisch Gemeinsames der Religionen, gerade auch dann, wenn sogenannte patriotische Europäer das christliche Abendland gegen andere Religionen ausspielen wollen.
Hans Küng hat mit seinem Projekt Weltethos hierzu eine gute, eine wichtige Idee gehabt. Selig, wer eine solche Idee hat! Selig auch die, die die Idee weiterreichen, weitertreiben, weiterleben.

Felix Leibrock

Der Autor ist Leiter des Evangelischen Bildungswerks in München, promovierter Literaturwissenschaftler, Theologe und Schriftsteller.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Ab und zu nehme ich ab

13. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

In allen Kulturen der Welt gibt es Techniken, um den Pfad der Erleuchtung abzukürzen: schweigen, beten oder hierzulande am häufigsten – mit Hilfe des Körpers Wein in Wasser zu verwandeln. Essen macht glücklich – aber angeblich auch das Nichtessen, das Fasten. Dem Körper etwas zu hungern zu geben, soll die Seele nähren.

Wenn nicht die Passionszeit einem das Fasten nahelegt, ist es das drohende Frühjahr, wo einem eine unchristlich knappe Badeklamotte wieder passen soll, die einem genau genommen schon das letzte Frühjahr nicht mehr gepasst hat.

Ich bin jetzt gerade 50 geworden und als ich das Porträt des Westdeutschen Rundfunks über mein bisheriges Leben sah, erschrak ich, wie dünn ich zu Beginn meiner Karriere war. Wobei es ja auch normal ist, über die Lebensspanne zuzunehmen. Ganz ehrlich: Ich habe mal drei Kilo gewogen – seitdem habe ich eigentlich nur zugenommen.

Es gibt ja diese seltsame Zahl BMI, Body Mass Index, errechnet aus Körpergröße und Gewicht. Und da lag ich schon länger über der goldenen Zahl 25. Frei nach dem Motto »Hab mich heute Morgen gewogen – bin zu klein!« Wäre ich zehn Zentimeter größer, hätte ich »Normalgewicht«. Täten es vielleicht auch Plateauschuhe? Frauen können da optisch einiges anstellen, aber ich fürchte, Stöckelschuhe machen bei mir keinen schlanken Fuß, zumal ich mich damit sofort auf die Nase legen würde. Streckbank kommt nicht in Frage – was tun? Andere Folterinstrumente? Fitnessstudio? Hungern?

Weiter geht es in der Reihe »7 Wochen ohne«, der Fastenaktion der Kirchenzeitung: In dieser Ausgabe mit dem Mediziner, Fernsehmoderator, Autor und Komiker Eckart von Hirschhausen. Seine Spezialität: medizinische Inhalte auf humorvolle Art und Weise zu vermitteln und gesundes Lachen mit nachhaltigen Botschaften  zu verbinden. Foto: Paul Ripke

Weiter geht es in der Reihe »7 Wochen ohne«, der Fastenaktion der Kirchenzeitung: In dieser Ausgabe mit dem Mediziner, Fernsehmoderator, Autor und Komiker Eckart von Hirschhausen. Seine Spezialität: medizinische Inhalte auf humorvolle Art und Weise zu vermitteln und gesundes Lachen mit nachhaltigen Botschaften zu verbinden. Foto: Paul Ripke

Ab 30 beginnt die Adipositas, die »Fettsucht«. Die Vorstufe »Übergewicht« ist schnell erreicht, und in Deutschland das neue Normal. Normal heißt aber nicht gesund.

Im Hinterkopf wusste ich das schon länger: Meine Wampe kostet mich Lebenszeit. Das Bauchfett ist nicht so träge, wie es scheint, es sendet die ganze Zeit böse Botenstoffe in die Blutbahn und vergiftet mich von innen. Das gefährliche an den Pommes war noch nie das Acrylamid, sondern das gesättigte Bratfett und die Kalorien. Und der ganze Zucker aus dem Ketchup. Der Schrott muss ja irgendwo bleiben, lagert sich ab, zwischen den Organen.

Deswegen finde ich den Ausdruck »Schnitzelfriedhof« für das Bauchfett auch so treffend. Aber ich will nicht meinen Tod auf den Hüften haben. Ich will leben. Möglichst lange und gesund. Unsere Willenskraft ist begrenzt, kaum jemand bringt die Disziplin auf, sich ständig an irgendwelche Regeln und Vorschriften zu halten. Der Rückschlag ist vorprogrammiert. Also konzentrier dich drauf, Pausen zu machen, damit dein Körper in der Zeit seine Reserven verbrennen kann. Dafür darfst du dann auch essen, worauf du Lust hast. Aber eben nicht ständig. Denn wenn laufend Nachschub kommt und im Blut Zucker, Fett und Insulin im Überfluss vorhanden sind, fehlt der Bauchfettzelle die Motivation etwas herzugeben.

Den Rhythmus kann jeder selber für sich finden, ob tageweise pausiert wird oder einzelne Mahlzeiten entfallen. »Fünf plus zwei« heißt zwei Fastentage die Woche, »16 zu 8« heißt 8 Stunden essen, 16 Stunden nicht. Was dramatisch klingt, aber in den 16 Stunden wird ja der Schlaf mitgezählt. Konkretes Beispiel: Wer von 22 Uhr bis 6 Uhr acht Stunden schläft, isst schlichtweg nach 18 Uhr nichts mehr und fängt vor 10 nicht mit dem Frühstück an.

Während ich das hier schreibe, knurrt mein Magen wie ein Löwe, weil es noch vor 10 ist, aber die Raubtierfütterung ist erst in einer halben Stunde dran. Interessanterweise ist meine Stimmung aber nicht knurrig, ich fühle mich gerade leicht, wach und konzentriert. Ok, Kaffee ist erlaubt. Es geht. Dafür ist unser Körper sogar geschaffen! In der Steinzeit stand nicht immer um 12.30 Uhr das Essen auf dem Tisch, sondern rannte vielleicht noch einen halben Tag vor einem her.

Ist Intervallfasten einfach? Nein. Es war noch nie einfach, Muster und Verhalten zu ändern, die sich über Jahrzehnte eingeschlichen und eingeschliffen haben. Essen hat halt so viele Dimensionen. Warum feiern Christen das Abendmahl und nicht das gemeinsame Entschlacken? Weil Essen Leib und Seele nährt. Weil es Gemeinschaft stiftet, miteinander das Brot zu teilen, ohne über Low Carb-Alternativen nachzudenken. Nicht-Essen ist schlicht asozial. Und wer Wert auf eine Tischgemeinschaft legt, legt besser die wegzulassenden Mahlzeiten so, dass sie weniger ins Gewicht fallen.

Hier sind sieben ganz einfache Regeln, die ich für sinnvoll halte:
1.    Jeder kann so sein, wie er will.
2.    Wer abnehmen will, spart besser beim freien Zucker.
3.    Gute Fette machen nicht fett, sondern satt.
4.    Eiweiß macht auch satt, nicht nur Brot.
5.    Mach längere Essenspausen. Finde deinen Rhythmus. Iss erst wieder, wenn du hungrig bist. Dein Körper liebt dich dafür.
6.     Hör auf zu essen, bevor du ganz satt bist. 80 Prozent reichen dicke.
7.    Essen darf Freude machen. Entspann dich. Genieße.

Wann bin ich attraktiv für andere? Wenn ich mich selbst attraktiv finden kann. Und das hat mit der äußeren Form viel weniger zu tun als mit der inneren Haltung. Das steht schon in der Bibel: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Genau übersetzt: Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du. Oder salopper: »Liebe dich selbst, dann können die anderen dich gern haben!«

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Sie will, er muss

5. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Fastenaktion der Kirchenzeitung: Mit dem Publizisten Christian Nürnberger setzen wir unsere Reihe fort. In jeder Ausgabe während der Passionszeit berichtet eine prominente Persönlichkeit, ob sie fastet oder nicht und was ihr die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern bedeutet.


Im Kloster bei kärglicher Kost »zu sich selbst finden«? Daheim dem Bier, Wein und Braten entsagen, um dem lieben Gott irgendwie näherzukommen? Ja, weiß die Menschheit denn nicht, dass Gottesnähe auch zu verspüren ist, wenn man sich dem nächsten Wirtshaus oder Biergarten nähert? Mich jedenfalls versetzen solch heilige Orte sofort in meditative Stimmung, aus der heraus ich dann nur noch eine frische Maß Bier und ein paar Bratwürstl mit Kraut kommen lassen muss, und schon bin ich mit der Schöpfung einverstanden, lobe den Herrn und schmecke die lutherische Freiheit eines Christenmenschen.

Selbstkasteiungen hingegen führen mich in die größte Gottesferne, in der ich frage, warum der liebe Gott ungerecht ist bis hinein in die kleinsten Verästelungen des Menschseins. Man denke nur an die ungleiche Futterverwertung von uns armen Sündern – ein Problem, das seit Anbeginn meine Ehe überschattet, denn meine Frau isst, was sie will. Ich auch, und darüber regt sie sich dann so auf, dass sie gleich wieder abnimmt, während mir ein weiterer Fettring wächst. Sie kann in Gesellschaft drei Stück Kuchen essen, und hat am nächsten Tag ein Kilo weniger, weil die Gespräche sie so angestrengt haben, während ich vom bloßen Ansehen des Kuchens zunehme.

Was denkt sich der liebe Gott dabei? Warum lässt er zu, dass meine Frau mich verantwortlich macht für meinen Bauch, an dem doch er schuld ist? Wieso gibt es dazu keinen einzigen Aufsatz eines Theodizeeproblem-Theologen? Und was sagt eigentlich Thomas von Aquin dazu, von dem es heißt, wegen seiner Körperfülle hätte sein Schreibtisch halbkreisförmig ausgesägt werden müssen? Darüber müsste mal gepredigt werden in den Kirchen, statt immer nur übers Maßhalten.

Kontrovers: Ob fasten gut ist oder nicht, darüber haben die Eheleute – Moderatorin Petra Gerster und Christian Nürnberger – unterschiedliche Auffassungen. Foto: Random House/Kay Blaschke

Kontrovers: Ob fasten gut ist oder nicht, darüber haben die Eheleute – Moderatorin Petra Gerster und Christian Nürnberger – unterschiedliche Auffassungen. Foto: Random House/Kay Blaschke

Trotzdem habe ich – aber ich kann das erklären – seit Anfang Januar rund sechs Kilo abgenommen. Nicht aus spirituellen Gründen, nein, der Hirschhausen ist schuld. Und meine Frau. Die nötigte mich wieder, wie an jedem Jahresbeginn, diese unsäglich langweiligen, absolut nutzlosen Abnehm- und Diät-Tipps zu lesen, obwohl doch längst erwiesen ist, dass man nur die Wahl hat zwischen lebenslangem Hungern und lebenslangem Dicksein. Weshalb ich es seit je mit Curd Jürgens halte, der einmal gesagt haben soll, es komme nicht darauf an, dem Leben mehr Jahre zu geben, sondern den Jahren mehr Leben – denn zu was kann ein exzess-freies, freudlos sich hinziehendes Fit-for-Fun-Leben schon führen? Am Ende stirbt auch der Dünne, nur halt ein wenig später, fitter und mit dem Gefühl, einiges versäumt zu haben. Fit statt lebenssatt zu sterben, überlasse ich gern den Wellness-Aposteln.

Dank dieser gesunden Einstellung zum guten Leben habe ich es im Lauf der Jahre auf ein Kampfgewicht von 96 Kilo gebracht – bei einer Körpergröße von 1,76 m. Nein, das ist nicht zu schwer, sage ich meiner Frau, ich bin nur zu kurz, und dafür kann ich nichts, weil der liebe Gott … – siehe oben.

Dann aber hat sie mich überlistet. Sie gibt ja nicht auf, scheut nicht einmal davor zurück, mir Artikel aus der Bildzeitung(!) hinzulegen. Und eines Tages lag da was aus dieser Zeitung vor meiner Nase, geschrieben vom Hirschhausen. Den wird er lesen, dachte meine Frau. Und hatte Recht.

Hirschhausen berichtete von seiner Gewichtsabnahme. Der also jetzt auch. Ist denn gar keiner mehr gegen die Seuche des Schlankheitswahns gefeit? Hirschhausen verlor nun zwar stark in meinem Ansehen, aber andererseits ist er so ein raffinierter Hund, dass etwas mit mir geschah, während ich mürrisch über seine Einlassungen zur neuen Mode des »Intervall-Fastens« – neudeutsch-hip und schick: intermittent fasting – hinweglas. Das Geheimnis seines Erfolgs besteht ja darin, dass er sein kotzlangweiliges Medizinthema immerzu mit humorig-philosophischen Bemerkungen über das Leib-Seele-Problem würzt, und zwischen den Zeilen versteckte Botschaften unterbringt, die sogleich ihre Wühlarbeit im Unterbewusstsein beginnen. So auch bei mir.

Plötzlich fielen mir – während ich noch las – ein paar meiner älteren Freunde ein, die es ebenfalls ein Leben lang mit Curd Jürgens gehalten hatten. Konrad, ein paar Jahre älter als ich, müsste eigentlich eine neue Hüfte bekommen, kann aber nicht operiert werden, weil er zu fett ist, müsste erst 30 Kilo abnehmen, schafft immer nur fünfzehn, dann lässt er sich wieder gehen, sitzt nur noch bewegungslos herum, nimmt zu viel zu und zu wenig ab, und braucht jetzt den Rollstuhl. Günter, zehn Jahre älter als ich, starker Raucher, schon drei Herzinfarkte, lebt mit Herzschrittmachern und allerlei Stents freudlos vor sich hin. Harry, fünfzehn Jahre älter als ich, Schlaganfall, Rollator. Wäre das Alter für meine älteren Freunde leichter und erträglicher, wenn sie ihr Leben rechtzeitig in etwas gemäßigtere Bahnen gelenkt hätten?

Ich weiß es nicht. Aber plötzlich hatte dieser Hirschhausen mit seinem Zeug über die neue Fastenmode den Gedanken in mir erzeugt: Zwei statt drei Mahlzeiten pro Tag – das schafft doch jeder Depp, und man spart noch Zeit dabei. Könnte man mal probieren.

Und: Ein kurzes, aber intensives Curd-Jürgens-Leben mag ja ganz schön sein, aber was kommt danach? Dann trete ich kräftig und wohlgenährt durch die Himmelspforte, und sie werden sagen: Der soll dem Petrus beim Donnern helfen. Träte ich jedoch viele Jahre später schwach und abgemagert vor sie hin, würden sie sagen, der soll den Frauen ein wenig zur Hand gehen. Das motivierte. Einerseits.

Andererseits kenne ich die Hauptsätze der Thermodynamik, die sich auf den Nenner bringen lassen: Wenn du mehr Kalorien aufnimmst als du verbrauchst, nimmst du zu, egal mit welcher »Diät«. Weiß der Hirschhausen natürlich auch. Warum meint er dann trotzdem, die Gesetze der Physik aushebeln zu können? Nun ja, er hat abgenommen. Das Argument schlägt die besten Theorien.

Also begann ich morgens um zehn mit dem Frühstück. Abendessen um 18 Uhr. In den darauffolgenden 16 Stunden bis zur nächsten Mahlzeit, so die Theorie, soll es geschehen. Während dieser Zeit nimmt man angeblich ab, auch dann, wenn man beim Frühstück und Abendessen so richtig zugeschlagen hat.

Und tatsächlich: Das Wunder geschah. Die Physik dieses Glibbers aus Herz, Leber, Nieren, Bauchspeicheldrüse, Insulin- und Hormoncocktail-Shaker ist offenbar noch mysteriöser als die des sauberen Dieselmotors. Nein, sagt der Hirschhausen, es sei ganz einfach: In den sechzehn Stunden Ebbe leeren sich die Kohlehydratspeicher, und dann muss der Körper ans Fett.

Meine verlorenen sechs Kilo sind allerdings Stand von letzter Woche. Seitdem stagniert die Sache. Der Hirschhausen schuldet mir jetzt eine Erklärung. Und wehe, er hat keine.

Oder ich beweise halt meiner Frau meine Liebe. Seit Aschermittwoch lässt sie nämlich den Wein weg, wie jedes Jahr. Ich – ein vor Gott gerechtfertigter Lutheraner – habe dafür noch nie einen Grund gesehen. Was es für sie doppelt schwer macht, dem Wein zu entsagen. Unsolidarisch sei das, sagt sie. Gut, werde ich halt mal solidarisch sein.

Und wenn trotzdem weiter alles stagniert? Dann können sie sich auf was gefasst machen, der Hirschhausen und meine Frau.

Buchtipp
Gerster, Petra, Nürnberger, Christian: Die Meinungsmaschine. Wie Informationen gemacht werden – und wem wir noch glauben können, Random House, 384 S., ISBN 978-3-453-28047-2, 19,99 Euro

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

»Gott schickte mir die besten Engel«

27. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Christen in der DDR: Ausgerechnet in der NVA-Zeit fand Lothar Rochau zum Glauben. Er wurde Diakon und wollte fortan keine faulen Kompromisse mehr machen.

Wenn Lothar Rochau über die Zeit spricht, die zu seiner Verhaftung, Verurteilung und erzwungenen Ausreise führte, dann klingt es, trotz allem, wie die Zeit seines Lebens. Die hellen Augen leuchten, erinnert er sich an die Freitagabende im Bauwagen auf dem Kirchengelände in Halle-Neustadt. Seine Lippen formen ein Lachen, denkt er an seine Freunde, die Visionen, die sie teilten, die Aktionen, die sie planten. Seine Stimme zitiert fröhlich aus den Büchern, die sie lasen. Er springt vom Stuhl auf, zeigt Fotos: Rüstzeit in Braunsdorf im Thüringischen, Werkstatt-Tage in Neustadt, Fahrraddemo durch Halles Altstadt. »Ich hatte so wunderbare, mutige, so tolle junge Leute um mich und wir hatten so viel Freude«, sagt er.

Eine Zeit der Befreiung. Dabei war die Offene Arbeit, die Rochau als Jugenddiakon in der Kirchengemeinde in Neustadt – der sozialistischen Musterstadt – 1977 aufbaute, umstritten. Nicht nur bei der Stasi oder offiziellen staatlichen Stellen, sondern auch in seiner Kirche.

Bruder Rochau praktizierte die Offene Arbeit nach dem Vorbild Walter Schillings aus der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen. Offene Arbeit war mehr als Arbeit, es war ein Lebensentwurf. »Die Befreiung des Menschen durch den Menschen. Du hast deine ganze Person in die Waagschale gelegt«, erklärt Lothar Rochau. Die radikale Öffnung der Jungen Gemeinde war die Antwort auf ein politisiertes staatliches Bildungssystem und der Versuch, Kirche für andere und mit anderen zu sein. Aber die von Staat und Stasi vorangetriebene Differenzierung zwischen dem Diakon und den jungen Leuten auf der einen und der Kirchengemeinde auf der anderen Seite, gewinnt letztlich der Staat. Rochau wird 1983 von seiner Kirche entlassen.

Lothar Rochau. Foto: Katja Schmidtke

Lothar Rochau. Foto: Katja Schmidtke

Verlassen fühlt er sich nicht – zumindest nicht von Gott. Denkt er an seine Inhaftierung im »Roten Ochsen«, spricht er zwar von Einsamkeit, aber auch von der Kraft, die ihm die Leidensgeschichte Jesu gab und von den »besten Engeln, die Gott immer wieder zu mir schickte«. Der Prozess und die Haft sind Prüfungen, gewiss. Aber Angst? Nein. »Wir riskieren in der DDR vielleicht unser Wohl-Leben, nicht aber unser Leben«, zitiert Rochau Robert Havemann. Der Diakon sieht selbst in den dunklen Stunden seinen Weg. »Und ich wusste, irgendwann werden es auch die anderen sehen. Ich hatte ein tiefe Zuversicht.«
Die tiefe Zuversicht des Glaubens wurde Lothar Rochau nicht in die Wiege gelegt. Was er aufsog mit der Muttermilch, das waren Liebe, Sicherheit, Urvertrauen. »Ich zehre ein Leben lang von dem, was meine Mutter mir gegeben hat«, sagt er mit Zärtlichkeit.

1952 in Weißensee/Thüringen geboren, wird der Säugling auf Bestreben der Mutter getauft. Aber als der Vater 1955 Parteisekretär wird, »ist Ruhe mit Kirche« im Hause Rochau. Mit 13, 14 Jahren liest er Hermann Hesse, Leo Tolstoi und Albert Schweitzer. Er lässt sich die Haare wachsen, trägt Parka, hört Blues. Er ist ein Kunde, ein Tramper. Und als ihm, der 1 000 Meter in 2:55 Minuten läuft, die Teilnahme an der Spartakiade verboten wird, weil er lange Haare hat, verändert ihn das.

Zum Glauben findet er einige Jahre später, ausgerechnet bei der Armee. Nach einem Lazarettaufenthalt macht er auf dem Weg zurück zur Kaserne in Eggesin Stopp in Ueckermünde und geht, einem inneren Bedürfnis folgend, in die Kirche am Markt. »Ich muss einen ziemlich traurigen Anblick abgegeben haben«, sagt er heute lachend. Eine Dame setzt sich zu ihm, schenkt ihm ein kleines blaues Neues Testament. Die Bergpredigt und besonders die Seligpreisungen sind eine Offenbarung für den jungen Mann. Er kehrt als Christ von der NVA zurück. Nach Glaubensunterricht bei Pfarrer Siegfried Merker in Weißensee ist Rochau klar, dass er sich in den Dienst der Kirche stellen möchte. »Ich möchte etwas Praktisches tun, etwas mit Menschen«, sagt er dem Geistlichen und beginnt 1973 in Eisenach und Neinstedt seine Ausbildung.

Der Jugenddiakon ist kein frömmelnder Christ, aber ein politischer. Das Christentum verlange, sich für Gerechtigkeit und Menschenrechte einzumischen. Rochaus Tun stützt sich auf zwei Grundpfeiler: Die Botschaft radikal ernst zu nehmen und die Ebenbildlichkeit Gottes in den Menschen zu erkennen.

Das gilt auch für seine politischen Gegner; Feinde nennt er sie nicht. Die Boshaftigkeit seiner Stasi-Vernehmer greift ihn an. Aber er sieht hinter der Fassade, hinter dieser Hülle die Menschen. »Sie taten mir leid, sie liefen an ihrer Bestimmung als Mensch vorbei.« Mit dem Staatsanwalt, der Rochau angeklagt hat, sprach er sich kurz nach der Wende aus. Seinem Verteidiger Wolfgang Schnur, der für die Stasi spitzelte, hat Rochau die Absolution nach einer absurden Szene verweigert. Detlef Hammer, Oberkonsistorialrat und Offizier im besonderen Einsatz, verstarb 1991 völlig überraschend.

Besonders wichtig war Lothar Rochau nach der Wende das Gespräch mit Helmut Hartmann, dem damaligen Superintendenten von Halle. Pfarrer Hartmann schätzte Rochaus Arbeit in Neustadt, er schützte ihn so lange es ging und konnte am Ende doch nicht helfen, sondern musste ihn entlassen. »Es tut mir bis heute weh, dass alles auf dem Rücken von Helmut Hartmann ausgetragen wurde«, beklagt Rochau.

Hat er inzwischen verziehen, seiner Kirche vergeben? »Schuld und Vergebung sind individuelle Prozesse«, sagt er. Dennoch berührt ihn das Bußwort der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Es sei ein Eingangstor, ein Arbeitsauftakt. Lothar Rochau denkt nicht nur an die Hauptamtlichen, die bedrängt und drangsaliert, ausgewiesen und mit zeitweiligem Berufsverbot belegt worden sind. Er denkt auch an all die Gemeindeglieder, die Ehrenamtlichen und an seine Freunde von der Offenen Arbeit.

Katja Schmidtke

Hintergrund

Jugenddiakon Lothar Rochau kommt 1977 nach Halle-Neustadt. Schnell spricht sich unter den unangepassten Jugendlichen herum, dass sie in der Kirche am Rande der Plattenbauten eine Heimat finden können. Mit den Werkstatt-Tagen schaffen sie ein republikweit bekanntes Festival. Spätestens, als die Offene Arbeit (OA) regimekritische Künstler einlädt, forciert der Staat die Differenzierung zwischen Gemeindeleitung und OA-Akteuren.

Nachdem 1981 zwei Freunde der OA verhaftet und verurteilt werden, entscheidet die Kirchengemeinde, »dass die Jugendarbeit von Rochau nicht mehr verantwortet werden kann«. Kirchenkreis und Neinstedter Bruderschaft können nicht vermitteln. Offiziell zur Weiterbildung beurlaubt, sucht Rochau im gesamten Gebiet des Bundes Evangelischer Kirchen nach Arbeit – erfolglos. Ende Februar 1983 wird er entlassen.

Aber er macht weiter. Er und seine Freunde wagen mehr. Am 5. Juni 1983 startet eine Fahrraddemo gegen die Umweltverschmutzung durch die Chemieindustrie. Rochau wird am 23. Juni festgenommen, im September zu drei Jahren Haft verurteilt und im Dezember in die Bundesrepublik abgeschoben. Kurz nach dem Mauerfall kehrt er nach Halle zurück. Er arbeitet bis zu seiner Pensionierung in der Stadtverwaltung und ist heute ehrenamtlich Ombudsmann für Soziales.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Stefanie zeigt Flagge

21. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Fastenaktion der Kirchenzeitung: Mit Schlagerstar Stefanie Hertel setzen wir unsere Reihe fort. In jeder Ausgabe während der Passionszeit berichtet eine prominente Persönlichkeit, ob sie fastet oder nicht und was ihr die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern bedeutet.

Zeig dich: Dem Motto der Fastenaktion der evangelischen Kirche entsprechend gibt die Sängerin und Moderatorin Stefanie Hertel Auskunft, was ihr der Glaube bedeutet. Foto: Jan Adler

Zeig dich: Dem Motto der Fastenaktion der evangelischen Kirche entsprechend gibt die Sängerin und Moderatorin Stefanie Hertel Auskunft, was ihr der Glaube bedeutet. Foto: Jan Adler

Frau Hertel, in der Fastenzeit verzichten viele Christen auf etwas, um ein Stück bewusster zu leben. Pflegen Sie auch solch einen Fastenbrauch?
Hertel:
Ja, sogar mehrmals im Jahr, aber nicht zu besonderen Anlässen, eher wenn ich denke, jetzt tut es mal gut, einen Gang zurück zu schalten. Ich höre da ganz einfach auf meinen Körper und fühl mich dann wieder wohl. Auf Süßes und alkoholische Getränke zu verzichten, ist meine Art zu fasten, aber das kann für jeden etwas an-
deres sein.

Die Fastenaktion der Kirche steht in diesem Jahr unter dem Motto »Zeig Dich! 7 Wochen ohne Kneifen!«. Sie müssen sich als Bühnenstar oft zeigen und dürfen nicht »kneifen«. Kennen Sie aber das Gefühl, am liebsten kneifen zu wollen?
Hertel:
Nun ja, da ich schon bereits mit vier Jahren auf der Bühne stand, ist das Leben in der Öffentlichkeit für mich zwar immer noch spannend und eine Herausforderung, aber positiv und mit Freude besetzt. Mein Privatleben ist mir dafür umso kostbarer geworden. Sich eben auch mal nicht zu zeigen. Das hat aber nichts mit »kneifen« zu tun, sondern mit einem Freiraum, den ich mir für meine Familie und mich erhalte. Für die karitativen Projekte, die ich durch den Verein »Stefanie Hertel hilft« unterstütze, zeige ich gerne auch mal Kante! Wenn Tiere oder Menschen in Not sind und auf unsere Hilfe angewiesen, dann darf man nicht »kneifen«, da muss man Flagge zeigen.

In der Fastenzeit steht die Frage im Mittelpunkt, worum es eigentlich geht im Leben, was wirklich zählt und worauf es letztlich ankommt. Was »zählt« für Sie im Leben?
Hertel:
Für mich zählt im Leben, das Hier und das Jetzt zu leben. Die Familie ist mir sehr wichtig, ich pflege Freundschaften und versuche im Einklang mit der Natur und der Umwelt zu leben: rücksichtsvoll und respektvoll allem Leben gegenüber und mit einem Blick über den Tellerrand hinaus. Außerdem sollte jeder ein Stück vom eigenen Glück an diejenigen weitergeben, denen es nicht so gut geht. Ob das eine helfende Hand ist, ein liebes Wort, eine Spende oder einfach nur Aufmerksamkeit, indem man zuhört.

Was bedeutet Ihnen der Glaube?
Hertel:
Mein Glaube gibt mir Kraft und erdet mich. Ein Leben ohne Glauben könnte ich mir nicht vorstellen.

Logo-7-Wochen-ohne-07-2018Wie finden Sie zur Ruhe inmitten Ihres sicher turbulenten Berufslebens?
Hertel:
Indem ich mir Auszeiten nehme und mich manchmal ganz bewusst aus allem völlig raus ziehe. Dann schalte ich das Handy aus, lese keine Mails, bin einfach nicht erreichbar und unternehme in aller Ruhe etwas in der Natur. Im Winter liebe ich es, mir die Langlauf-Skier anzuschnallen und direkt vor der Haustür loslaufen zu können. Im Sommer zieht es mich mit dem Radl oder zu Fuß auf den Berg. So einen taufrischen Sonnenaufgang am frühen Morgen auf einem Berggipfel zu erleben, ist
gewaltig und atemberaubend schön.

Gibt es eine Botschaft, die Sie mit Ihren Liedern und Ihrer Musik vermitteln wollen?
Hertel:
Mit meinen Liedern greife ich Themen aus dem Leben auf, aus meinem, aber auch aus anderen Perspektiven. Manchmal mit dem nötigen Quentchen Ernst, aber gerne auch humorvoll. Viele erzählen auch von der Liebe, aber in erster Linie sollen sie einfach gefallen und unterhalten.

Schon mal geblickt auf Ostern: Pflegen Sie einen bestimmten Osterbrauch?
Hertel:
Seit ich mit meinem Mann Lanny zusammen lebe, gibt es bei uns zu Hause an Ostern immer einen süßen Kärntner Reindling und etwas Herzhaftes dazu. Außerdem verstecken wir immer noch innerhalb der Familie ein Osternest, machen einen Osterspaziergang und der Kirchgang an Ostern gehört bei uns natürlich dazu. Denn genau darum geht’s ja!

Das Gespräch führte Stefan Seidel.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Wenn der Pfarrer den Narren gib

13. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Seltenheit: Der vermutlich einzige evangelische Theologe in Deutschland, der zum Faschingsprinzen gekrönt wurde

Er ist Rheinländer. Doch keine vordergründige Frohnatur, die den Clown schon zum Frühstück braucht. Dazu ist Gregor Heidbrink, der Pfarrer von Finsterbergen, ein viel zu ernsthafter Mensch. Beim Karneval allerdings zeigt er sich ganz anders. Da pflegt der gebürtige Rheinländer seine närrische Seite. Umgewöhnen musste sich der gebürtige Bonner vor allem beim Narrenruf: »Wir lernten als Kinder zuallererst, dass es Alaaf und nicht Helau heißt«, sagt er. Damit kann er im Thüringischen keinen Narren hinterm Ofen vorlocken. Doch mittlerweile geht ihm Helau ohne Schwierigkeiten von der Zunge.

Fasching in Finsterbergen: Jeannette und Gregor Heidbrink halten als Jeannette I. und Gregor I. närrischen Hofstaat. Foto: Klaus-Dieter Simmen

Fasching in Finsterbergen: Jeannette und Gregor Heidbrink halten als Jeannette I. und Gregor I. närrischen Hofstaat. Foto: Klaus-Dieter Simmen

Die 44. Saison der Finsterberger Narren wird Gregor und Jeannette Heidbrink wohl ewig in Erinnerung bleiben. Schließlich halten sie als Gregor I. und Jeannette I. närrischen Hofstaat. Faschingsprinz zu sein ist mit Sicherheit eine Sehnsucht, die Rheinländern in die Wiege gelegt wird. Nun ist der Pfarrer nicht nur am Ziel seiner Wünsche, sondern der wohl einzige evangelische Pfarrer in Deutschland, der als Prinz gekrönt wurde.

Seit neun Jahren leben die Heidbrinks nun in Finsterbergen. Zum Finsterberger Karneval Club fand die Familie jedoch nicht sofort. »Wir haben Büttenabende besucht, selbstverständlich, mehr aber nicht«, sagt der Pfarrer. Um wirklich dabei zu sein, bedurfte es des Anstoßes von außen. Und den gab es an der Bar, am Ende einer der legendären viereinhalbstündigen Büttenabende. Ob er nicht zum 11. 11. eine Rede halten wolle, wurde Gregor Heidbrink gefragt. Und ja, er wollte.

Was er vortrug, damals vor vier Jahren, begeisterte das Publikum auf Anhieb. Da stand einer als Heiliger Martin auf der Bühne und brillierte, ein Senkrechtstarter. Ein Jahr später war der Heilige Martin dann fester Bestandteil des Büttenprogramms. Im roten Mantel und sich selbst auf der Gitarre begleitend, sang Gregor Heidbrink ein Lied zum Thema Flüchtlinge. »Das war 2015, das Thema bewegte die Menschen, so dass ich dachte, das kann man auch im Karneval nicht aussparen.«

Der Pfarrer nahm in seinem Text jene auf die Schippe, die sich als Helfer in den Vordergrund drängten und dabei nichts weiter im Sinn hatten, als ihre alten Sachen los zu werden.

Damit spielte er auch auf seine Rolle als Heiliger Martin an. »Ich habe mir diese ganz bewusst ausgesucht, um eine Brücke zu meinem Beruf zu schlagen.« Und weil die Kirchengemeinde Finsterbergen alljährlich an den Mann erinnert, der seinen Mantel mit dem Bedürftigen teilte. »So ist der Heilige Martin eine lebendige Figur
im Dorf.«

In der Bütt zu stehen brachte dem Pfarrer eine ganz neue Redeerfahrung. Da nämlich sitzt vor ihm ein gutgelauntes, angeheitertes und zahlendes Publikum. »Da muss man schon Arbeit in seinen Vortrag stecken, das Timing muss stimmen, damit der Gag auch ankommt. Das war für mich außerdem eine wertvolle Erfahrung fürs Schreiben der Predigt.« Selbst wenn er da sehr sorgfältig vorgehe, so gerate ihm in der Routine doch gelegentlich Schriftsprache darunter, gibt er zu, was bei dem einen oder anderen dazu führt, dass er abschaltet. Das passiert ihm jetzt nicht mehr.

Was macht für den aktuellen Faschingsprinzen guter Karneval aus? »Er muss von unten kommen. Das habe ich schon als Kind gelernt. Wenn die Garde marschiert, so erfuhren wir, wird das Militär veräppelt. Und das zeigt, der Spott gilt den Mächtigen. Das funktioniert, und es funktioniert noch besser, wenn der Mensch auch über sich lachen kann.« Gar nicht mag es der Pfarrer im Narrenkostüm, wenn über die Schwachen gelacht wird, über jene, die sich nicht wehren können.

Trotz Prinzenrolle steht Heidbrink auch in dieser Saison auf der Bühne – gemeinsam mit seiner elfjährigen Tochter. In ihrem Sketch geht es um den Generationenkonflikt, um den Förster, der seine Tochter mit in den Wald nehmen, ihr die Schönheit der Natur nahe bringen will, die jedoch längst in ihrer Handywelt versunken ist.

Gefragt ist das Prinzenpaar nicht nur bei den offiziellen Veranstaltungen des Karneval Clubs, die Regenten statten Besuche ab, wie etwa in der Finsterberger Kita, wo gemeinsam mit den Mädchen und Jungen gesungen wurde. Das fasziniere an der Regentschaft, gibt Heidbrink zu. Und noch etwas hat ihn in seinen Bann geschlagen: Das reibungslose Zusammenspiel zwischen den Akteuren auf der Bühne und jenen, die dahinter für einen reibungslosen Ablauf sorgen, Tontechniker und Beleuchter, Kostümschneider und andere fleißige Helfer, die nie im Rampenlicht stehen. »Ich wünschte mir, dass manche Kirchengemeinden so funktionieren würden«, sagt der Pfarrer im Prinzenkostüm.

Klaus-Dieter Simmen

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Jeder ist schön

6. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Im Friseursalon: Er frisierte die schönsten Frauen der Welt: Topmodels wie Claudia Schiffer, Heidi Klum oder Naomi Campbell und Filmlegenden wie Marlene Dietrich, Romy Schneider oder Hildegard Knef. Deutschlands Star-Coiffeur Udo Walz über Schönheit.

Herr Walz, welche war die schönste Person, die Sie jemals frisiert haben?
Walz:
Die schönste … (überlegt). Die berühmteste war Marlene Dietrich. Ich finde, Schönheit ist immer Geschmackssache. Ich fand sie alle schön. Ich kann das nicht beurteilen, wer wirklich die Schönste war.

Aber das Äußere ist doch das Erste, was man von einem Menschen sieht.
Walz:
Schönheit kommt immer von innen heraus. Das hat bei mir etwas mit Allure zu tun, also mit der Ausstrahlung. Wie eine Frau sich bewegt, wie sie geht, wie sie redet, wie sie gestikuliert.

Sie machen ja auch Angela Merkel die Haare. Viele sagen, dass sie heute als Bundeskanzlerin deutlich besser aussieht und nicht mehr wie die graue Maus von früher. Wie kommt das?
Walz:
Na ja, die hat ja früher eine scheußliche Prinz-Eisenherz-Frisur gehabt. Dann kam sie zu mir, und wir haben das langsam verändert. Frau Merkel hat viel Witz. Und wenn sie lacht, dieses strahlende Lachen – leider lacht sie viel zu wenig –, sieht sie irre gut aus. Das ist hervorragend, und dann dazu die Haare gestuft … Eigentlich müsste ich dafür das Bundesverdienstkreuz bekommen.

Warum spielen die Haare so eine große Rolle, wenn wir von Schönheit reden?
Walz:
Sie sind wie ein Markenzeichen. Catherine Deneuve zum Beispiel hat sich einmal die Haare abschneiden lassen und dann von allen Seiten einen Shitstorm bekommen. Die Haare drücken einen Stempel auf. Berühmten Persönlichkeiten gibt es einen Aufmerksamkeits- und Wiedererkennungswert. Die meisten Menschen tragen solange sie leben fast immer dieselbe Frisur.

Ihre Autobiografie trägt den Titel »Jede Frau ist schön«.
Walz:
Wenn sie den richtigen Friseur hat, den richtigen Stylisten und den richtigen Make-up-Artist, kann man aus jedem hässlichen Entlein einen schönen Schwan machen.

Ich brauche also immer einen Stylisten, Make-up-Artist und Friseur, um schön zu sein?
Walz:
Ja klar.

Das kann sich doch nicht jeder leisten.
Walz:
Das ist keine Frage des Geldbeutels. Das hat mit sich leisten nichts zu tun. Das ist einem in die Wiege gelegt. Es geht um Geschmack. Das hat mit Erziehung zu tun, wie man aufwächst. Wenn man Geschmack hat und sich richtig anzieht, einmal im Vierteljahr zum Friseur geht, ist das doch nicht teuer.

Die Vorstellungen von Schönheit ändern sich immer wieder. In den 90er-Jahren galten zum Beispiel Magermodels als besonders schön. Heute geht der Trend eher zu runderen Formen.
Walz:
Das Schönheitsideal verändert sich nicht, das macht oft die Presse. Frauen, die dünn sind, sind immer gefragt. Sie müssen nicht mager sein. Aber wenn man sagt, dass nun dickere Frauen gefragt sind, ist das völliger Quatsch. Auf den Laufstegen sind die Mädchen immer dünn.

Sie sagten doch, dass die Schönheit von innen kommt. Kann nicht dann auch ein korpulenter Mensch schön sein?
Walz:
Ein korpulenter Mensch kann schön sein. Ich habe viele Kundinnen, die ein bisschen dicker sind und viel Charme haben. Es kommt immer auf die Bewegungen an. Eine dicke Frau kann genauso gut aussehen. Man muss eben selbstsicher auftreten, wenn man dicker ist.

Udo Walz: Es gibt keine hässlichen Menschen. Foto: Ali Kepenick

Udo Walz: Es gibt keine hässlichen Menschen. Foto: Ali Kepenick

Wir reden jetzt immer von Frauen. Trifft dasselbe auch auf Männer zu?

Walz: Das trifft auf Männer genauso zu.

Besonders bei Männern wird Schönheit oft mit Eitelkeit in Verbindung gebracht. Prominentes Beispiel: Vor 15 Jahren waren Sie in die Haarfärbe- Affäre des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder verwickelt. Schröder drohte, notfalls bis vors Bundesverfassungsgericht zu gehen, damit die Medien nicht weiterhin verbreiteten, er habe seine Haare gefärbt.
Walz:
Ich musste zweimal eine einstweilige Verfügung unterschreiben, dass ich ihm die Haare nicht gefärbt habe. Aber es gibt viele Männer, die haben mit 70 Jahren noch keine grauen Haare. Bei einem Mann sieht das lächerlich aus, wenn er die Haare färbt. Das macht nur älter. George Clooney zum Beispiel hat ja graue Haare – und alle wollen so aussehen wie er.

Was können Sie all jenen als Ratschlag mitgeben, denen die eigene Schönheit wichtig ist?
Walz:
Schönheit hat viel mit Gepflegtsein zu tun. Ein Mann muss den richtigen Haarschnitt haben, gut gekleidet sein. Eine Frau muss einen sexy Gang haben – auch wenn sie dicker ist. Grundsätzlich gibt es aber keine hässlichen Menschen, jeder ist schön.

Die Fragen stellt Nadja A. Mayer

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

»Ich fühle mich nicht als Opfer«

30. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Ernst Fauer, Jahrgang 1934, hält ein Papier in Händen, die Kopie eines Schreibens aus dem Jahr 1955, adressiert an den Rat des Bezirkes, Abteilung Volksbildung. Dieses Schriftstück aus seiner Personalakte belegt die Diskriminierung des christlichen Lehrers in der DDR. Obwohl dieses Papier seine gewünschte Qualifizierung zum Oberstufenlehrer verhindert, sagt Fauer: »Ich fühle mich nicht als Opfer der DDR-Diktatur.« Von der Existenz dieses Schreibens erfährt er erst nach der Wende.

Ernst Fauer wächst in einem christlichen Elternhaus auf. Das heißt seine Eltern gehören der Kirche an, er und seine Geschwister sind getauft und konfirmiert. Aber außer zu Weihnachten pflegt die Familie keine Kontakte zur Kirche. Dass der Jugendliche zu einem bewussten, bekennenden Christen wird, verdankt er dem Konfirmandenunterricht, genauer: dem Pfarrer. »Er hat es fertiggebracht, uns Jesus nahezubringen.« Auf die Konfirmandenprüfung bereitet er sich so sorgfältig vor wie auf eine Schulprüfung. 1949 wird er gemeinsam mit 418 (!) anderen Alterskameraden konfirmiert. Durch Junge Gemeinde, Evangelisationen und Rüstzeiten wächst der junge Mann in das Christsein hinein.

Engagiert: Bis heute ist der 83-jährige Ernst Fauer in der Kirchengemeinde Apolda aktiv. Vor sechs Jahren sang er zusammen mit seinem Enkel im Chor beim Musical »Jesus« in der Lutherkirche. Foto (2): Sabine Kuschel

Engagiert: Bis heute ist der 83-jährige Ernst Fauer in der Kirchengemeinde Apolda aktiv. Vor sechs Jahren sang er zusammen mit seinem Enkel im Chor beim Musical »Jesus« in der Lutherkirche. Foto (2): Sabine Kuschel

Er trägt das Kreuz auf der Weltkugel an der Jacke – in den 1950er-Jahren ein Bekenntnis, das den Trägern oft Nachteile einbrachte. Von der achten bis zur 12. Klasse nehmen die Jugendlichen jeden Tag vor Unterrichtsbeginn an einer teilweise selbst gestalteten Morgenandacht in der Sakristei der Lutherkirche in Apolda teil. Danach fühlen sie sich gestärkt für die »Schikanen«, die in der Schule auf sie warten. Schwierigkeiten bereitet ihm, im Fach Gegenwartskunde, also Marxismus-Leninismus, die gewünschten Antworten zu geben. Immerhin schafft er eine Zwei. Seine Interessen: Mathematik, Physik, Chemie und Technik. »Ich wollte Lehrer werden, da ich der Meinung war, es sei jetzt besonders wichtig, dass christliche Lehrer im Schuldienst tätig sind als Gegengewicht zu den Marxisten.« Es herrscht Lehrermangel. Fauer studiert am Pädagogischen Institut Halle mit dem Ziel, Lehrer für die Klassen 5 bis 10 zu werden.

Mit dem Kreuz auf der Weltkugel geben sich Christen als solche nicht nur in ihrer atheistischen Umgebung zu erkennen, sondern auch untereinander. So fällt Ernst Fauer am Lehrerinstitut in Halle einer Studentin auf, die ebenfalls dieses Zeichen trägt. Sie wird 1957 seine Frau. Die diamantene Hochzeit Ende vorigen Jahres konnte das Ehepaar leider nicht gemeinsam feiern, da seine Frau kurz vorher gestorben ist.

Das Studium schließen in seinem Jahrgang zwei Studenten »mit Auszeichnung« ab, er sowie ein Kommilitone aus der Parallelgruppe. Im Gegensatz zu ihm ist er Mitglied der FDJ und SED und bekommt eine Assistentenstelle an einer Hochschule. Fauer hingegen wird auf eine kleine Dorfschule in Brandenburg geschickt. Er unterrichtet die Klassen 5 bis 8. Dass er nicht gemäß seinem Abschluss bis zur 10. Klasse unterrichten darf, daran ist die Beurteilung des stellvertretenden Direktors für Studienangelegenheiten schuld, von der Fauer ebenfalls erst nach 1990 erfährt. In seiner Beurteilung ist vermerkt: »Trotz seiner Qualitäten … wird Herr Fauer den Anforderungen des Berufs noch nicht in allen Fällen genügen können. Auf charakterlichem und besonders fachlichem Gebiet bestehen keinerlei Bedenken. Er wird jedoch in erzieherischer Hinsicht und in seiner politischen Arbeit nicht voll überzeugen können, da er kirchlich sehr stark gebunden ist ….«

Weil der Pädagoge gern Schüler bis zur 12. Klasse unterrichten will, bewirbt er sich für ein Fernstudium. Er erhält zwar eine Bestätigung, seine Bewerbung sei mit Befürwortung an die Hochschule weitergeleitet worden. Er wird abgelehnt. Auch seine Bewerbung ein Jahr später ist erfolglos. Den Grund offenbart ihm – wiederum erst nach 1990 – jenes Schreiben von 1955 in seiner Personalakte. Darin heißt es: »Wir möchten nicht versäumen, ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass wir den Kollegen Fauer für nicht geeignet halten, sich an dem genannten Fernstudium zu beteiligen. Seine kirchlichen Bindungen sind viel zu stark, als dass wir in ihm den künftigen Oberstufenlehrer, wie ihn unser Arbeiter- und Bauern-Staat braucht, erblicken können. Obwohl dieser Kollege sein Staatsexamen mit ›Auszeichnung‹ bestanden hat und trotzdem das Fach Marxismus-Leninismus darin mit sehr gut beurteilt wurde, zeigt er keine Bereitschaft, sich wirklich ehrlich gesellschaftspolitisch zu betätigen.«

Und weiter: »Wir schlagen vor, die Delegierung abzulehnen. Wir werden die Entwicklung des Kollegen Fauer weiter beobachten und einer Delegierung beim nächsten Mal zustimmen, falls seine gesellschaftspolitische Arbeit Fortschritte macht.« Ohne es zu wissen, wird dieses Schreiben des Schulinspektors, das Fauers berufliche Pläne durchkreuzte, von einer Station zur nächsten weitergereicht. Von Brandenburg zieht er gemeinsam mit seiner Frau nach Apolda, seiner Heimatstadt.

»Ich bin kein Oberstufenlehrer geworden.« Aber er ist im Rückblick mit seinem beruflichen Werdegang zufrieden. In Apolda wird in einem Betrieb für physikalisch-technische Lehrmittel ein Ingenieur gesucht, der sich als Lehrer qualifizieren sollte. Da sich niemand fand, konnte Fauer die Firma überzeugen, ihn, den Physik- und Mathelehrer, einzustellen, der bereit war, zusätzlich Maschinenbau zu studieren. Er qualifiziert sich in einem zweijährigen Fernstudium zum Diplomingenieur. Als die Ingenieurschule für Baustofftechnologie Apolda einen Lehrer für Mathematik und Physik sucht, bewirbt er sich und wird genommen.

Bis zur Rente arbeitet er dort beziehungsweise in der Nachfolgeeinrichtung, einer Fachschule für Technik und Wirtschaft als Fachschuldozent. Und blickt zufrieden auf seinen beruflichen Weg zurück. Sein Ziel hat er damit mehr als erreicht. Bestens qualifiziert. An der Ingenieurschule waren seine Kollegen entweder Oberstufenlehrer ohne technischen Abschluss oder sie hatten einen technischen Abschluss, waren jedoch keine Lehrer. Er war sowohl pädagogisch als auch technisch ausgebildet. »Mir war von vornherein klar, dass ich mit meinem christlichen Bekenntnis keine Aufstiegschancen in der DDR haben werde. Aber ich bin mit dem Erreichten zufrieden.« Er wollte Schüler bis zum Abitur unterrichten. Das wurde ihm verwehrt. Aber er lehrte Schüler weit über das Abitur hinaus.

Sabine Kuschel

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Sieben Jahrzehnte am Spieltisch

23. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Als Zwölfjähriger stieg Hans Umbreit an jenem 24. Dezember die Stufen empor und nahm Platz an der Orgel, nicht zum ersten Mal, aber doch erstmalig, um den Gottesdienst in der Kirche in Wölfis am Heiligen Abend zu begleiten.

Der Junge war aufgeregt und spielte die Noten einfach vom Blatt herunter, nicht ganz fehlerfrei. Lob bekam er trotzdem. Pfarrer Brettschneider baute ihn auf, gab ihm Selbstvertrauen. Der Mann war auf das Kind angewiesen. Damals, 1947, fehlte es auch in Wölfis an jungen Männern für diese Aufgabe. Beim Gottesdienst zum Heiligen Abend 2017 saß Hans Umbreit wieder an der Orgel. Zwischen beiden Auftritten liegen 70 Jahre.

»Dass soviel Zeit vergangen ist, mag ich gar nicht wahr haben«, sagt der mittlerweile 83-Jährige. Musik hat den Spross einer Bauernfamilie sein Leben lang begleitet. Die Mutter spielte Klavier, der Großvater auch und der Ururgroßvater schlug bei der Kavallerie hoch zu Ross die Pauke. In Wölfis nichts Ungewöhnliches, sagt er, da spiele doch mindestens einer in jedem Haus irgendein Instrument. Bei Umbreits war es das Klavier. »Pflichtfach sozusagen in der Familie«, meint der Jubilar.

Der erste Lehrer war der Großvater. »Und der hatte mich immer unter Aufsicht, sogar beim Skatspielen. Da hieß es Achtzehn, Zwanzig, dann drehte er den Kopf ein Stück in meine Richtung und sagte: Fis!« Fleißig geübt hat das Kind von Anfang an aus eigenem Antrieb. »Vielleicht, weil ich das viel lieber tat, als auf dem Feld mitzuarbeiten«, erinnert sich Hans Umbreit augenzwinkernd. Später genoss er bei Kantor Munk in der Bach-Stadt Ohrdruf eine musikalische Ausbildung.

Ein musikalisches Multitalent: Seit mehr als 70 Jahren sorgt Hans Umbreit mit seinem Orgelspiel für den musikalischen Lobpreis in den Gottesdiensten. Foto: Klaus-Dieter Simmen/Ursula Rolapp

Ein musikalisches Multitalent: Seit mehr als 70 Jahren sorgt Hans Umbreit mit seinem Orgelspiel für den musikalischen Lobpreis in den Gottesdiensten. Foto: Klaus-Dieter Simmen/Ursula Rolapp

Musiker war sein großer Berufswunsch. Die Eltern verweigerten es dem Sohn. »Na ja, heute kann ich das verstehen, sie hatten manchen Lebensweg Wölfiser Berufsmusiker vor Augen, der krachend gescheitert war.« So lernte Umbreit das Tischlerhandwerk, die Musik aber immer im Kopf behaltend. Dass er mit Gleichgesinnten schon bald eine Tanzkapelle gründete, war unabdingbar. Bis spät in die Nacht spielten die Musiker sonnabends auf den Tanzsälen der Region. Während seine Kollegen am Sonntag ausschliefen, saß Hans bereits in der Kirche an der Orgel. »Manchmal fiel es mir schwer, aus dem Bett zu kommen, doch wenn ich die Ratzmann-Orgel spielte, war das vergessen.« Der Kontrast zwischen Tanzmusik und Orgelbegleitung in der Kirche hat Hans Umbreit fasziniert, hat ihn gelehrt, die Königin unter den Instrumenten bewusster wahrzunehmen. Lange hat es den jungen Mann im Tischlerhandwerk nicht gehalten. Er begann ein Studium an der Hochschule »Franz Liszt« in Weimar. Diplomierter Musikpädagoge war das Ziel, das er mit einem »Sehr gut« erreichte. Wann immer sich während seiner Weimarer Zeit Gelegenheit bot, setzte er sich in die Vorlesung von Professor Johannes-Ernst Köhler. »Ich hatte Orgel als Fach nicht belegt, aber ich saß gern dort, weil ich viel lernen konnte. Und dem Professor gefiel der junge Mann aus Wölfis, der sich so offensichtlich fürs Orgelspiel begeisterte«, erzählt der Jubilar.

Am Heiligen Abend des vergangenen Jahres ehrte die Kirchengemeinde Wölfis ihren Organisten. Sieben Jahrzehnte übt er dieses Amt aus, damit ist er in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland einer der Dienstältesten in diesem Ehrenamt. In der EKM versehen den sonntäglichen Orgeldienst 175 hauptamtliche Kirchenmusiker. Die Zahl der ehren- oder nebenamtlichen Organistinnen und Organisten schätzt Jürgen Dubslaff, der Geschäftsführer des Zentrums für Kirchenmusik, auf 1 300. Dabei sei jedoch nicht unterschieden, »ob jemand regelmäßig spielt oder nur gelegentlich Vertretungen übernimmt«.

Als er vorm Altar noch einmal eingesegnet wurde, ging ihm das sehr nahe. Da dachte er nicht nur an die schönen Seiten seines Lebens, da blickte er auf die Schicksalsschläge, die ihn in seinem Leben trafen. Den Tod der Tochter und den der Ehefrau hat er nur schwer verwunden. Da, sagt er, habe er als Christ am Glauben gezweifelt. »Dass über all die Trauer meine Gesundheit stabil blieb, dass ich weiter meiner Musik nachgehen konnte, hat mir geholfen«, bekennt er heute. Und auch der Lebensweg des Sohnes, der es, nach etlichen Fehlschlägen, schaffte, Mitglied der Dresdner Staatskapelle zu werden. Dort ist er Posaunist; bei den »Elb Meadow Ramblers«, einer Old-Time-Jazz-Band, sitzt er am Klavier. Das macht den Vater natürlich stolz.

Seit etlichen Jahren ist die Ratzmann-Orgel in der Wölfiser Kirche stumm. »Die Reparatur würde eine Viertelmillion Euro kosten, das kann unsere Kirchgemeinde nicht stemmen«, bedauert der Organist. So ist die neue Orgel wohl mehr als ein Provisorium. »Aber sie spielt und alle Töne stimmen, auch wenn sie das Gotteshaus nicht annähernd ausfüllt, wie die alte Orgel.« Eine »richtige« bedient er im Nachbarort Gossel, alle zwei Wochen ist er dort.

Den Dienst in Wölfis teilt er sich mit Martin Fritze, einem Schüler von Umbreit. »Der ist mittlerweile auch schon an die siebzig«, sagt er. Sieben Pfarrer habe er erlebt in Wölfis, an der Orgel saßen aber stets nur Martin und Hans. Der 83-Jährige übt immer noch täglich und lernt dazu. Beispielsweise im Orgelsommer, wo er den Koryphäen auf die Finger schaut, wenn er für sie, beispielsweise an der Thielemann-Orgel in Gräfenhain, die Noten umblättert. Und wo er mit ihnen ins Gespräch kommt.

Da, sagt er, spüre er das Alter gar nicht.

Mit über achtzig Jahren blickt der Mensch zurück, zwangsläufig. Dann könne er, Hans Umbreit, sein Leben auf eine einfache Formel bringen: Gott sei Dank!

Klaus-Dieter Simmen

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Preist den Herrn am Smartphone

14. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Für Abgesänge auf das gedruckte Gesangbuch ist es zu früh. Doch die evangelische Kirche will künftig auch vom Smartphone und Tablet singen lassen. Seit Monaten wird dazu an einer App gebastelt.

Wie ging der Text dieses Liedes »Geh aus, mein Herz« noch mal weiter? Da summt einem eine Kirchenmelodie durch den Kopf, aber wie heißt eigentlich der Choral dazu? Fragen dieser Art könnte in Zukunft ein Anwendungsprogramm (App) für Smartphones und Tabletcomputer beantworten. Entwickelt wird die Gesangbuch-App derzeit von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Den Machern geht es nicht darum, mittelfristig die gedruckten Gesangbücher aus den Kirchen zu verbannen. Im Gegenteil: Kirchenrat Dan Peter, bei der württembergischen Landeskirche für Publizistik zuständig, kann sich sogar neues Interesse am Liedgut zwischen zwei Buchdeckeln vorstellen, wenn es durch eine App wieder populärer geworden ist. Zuerst ziele die App auf den einzelnen Nutzer. »Sie soll zum Singen animieren und neuen Zugang zu geistlichem Liedgut eröffnen«, sagt Peter.

Gesangbuch-App: Sie animiert zum Singen und soll einen neuen Zugang zu geistlichen Liedern eröffnen. Foto: Evgenia Tiplyashina – fotolia.com

Gesangbuch-App: Sie animiert zum Singen und soll einen neuen Zugang zu geistlichen Liedern eröffnen. Foto: Evgenia Tiplyashina – fotolia.com

Den Inhalt eines Gesangbuchs mit der digitalen Welt zu verknüpfen, bietet viele Chancen. Eine Volltextsuche ermöglicht es, Lieder nach Stichwörtern zu durchforsten. Wer nur noch einen Choralfetzen in Erinnerung hat, findet auf diese Weise in Sekundenschnelle das komplette Lied. Auch das Summen einer Melodie kann die App verstehen – und dann nachschauen, welche Lieder genau diese Melodie verwenden.

Nützlich ist die App auch, um sich Liedgut zu erschließen. Bei einem neuen Song (oder einem alten, den man nirgends mehr hört) hilft die App, indem sie die Melodie vorspielt. Dabei lassen sich Tonhöhe und Geschwindigkeit variieren. Weiteren Nutzen gibt es für Musiker, die ganze Chorsätze finden und vom Tablet herunter mehrstimmig spielen können.

Beim gemeinsamen Singen vom Bildschirm ist vor allem an Gottesdienste im Grünen oder an Reisegruppen gedacht. So könnten christliche Touristen in Kirchen textsicher vom Smartphone aus einen Kanon schmettern. Schon heute holten manche bei Google Rat, wenn sie ohne Gesangbuch unterwegs sind, beobachtet Kirchenrat Peter.

Außerdem ist ein offenes System geplant, dem die Nutzer auch weitere elektronische Liederbücher hinzufügen können.

Landeskirchenmusikdirektor Matthias Hanke nennt das die »Entkanonisierung« des Gesangbuchs. So ließen sich etwa moderne Lobpreissongs, die gerade bei jüngeren Leuten beliebt sind, mit wenigen Klicks einbinden.

Auch eine Kooperation mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag, der zur alle zwei Jahre stattfindenden Großveranstaltung ein eigenes Liederbuch herausbringt, ist angedacht. Außerdem lässt sich die Mehrsprachigkeit geistlicher Lieder durch entsprechende Module ausbauen. Eine Anpassung des Programms an die Bedürfnisse der katholischen Kirche, die noch keine vergleichbare App besitzt, sei ebenfalls denkbar.

Als besonders heikel erweisen sich im Entwicklungsprozess Rechtsfragen. Lizenzen für Liedtexte und Notensätze müssen bei den Verlagen eingeholt werden. Bisher regeln Rahmenvereinbarungen und Pauschalverträge die kirchliche Nutzung von Liedblättern und Beamereinsätzen im Gottesdienst. Bei einer App müssen die neuen Einsatzfelder mit den Rechtevertretern verhandelt werden. Kompliziert ist zudem das Einspielen von Musikvideos, weil hier auch die Rechte der Aufführenden berührt sind, selbst wenn das Video an anderen Stellen schon öffentlich zugänglich ist.

Gratis wird die Gesangbuch-App für die Nutzer nicht. Die württembergische Kirche übernimmt zwar die Anschubfinanzierung mit rund 500 000 Euro, danach muss sich das Projekt aber selbst tragen. Aus Sicht der Macher ist das keineswegs unrealistisch. Wenn von den 22 Millionen Protestanten in Deutschland sich nur eine Million für die App entscheidet, ließe sich der Weiterbetrieb problemlos finanzieren. Bis zur württembergischen Frühjahrssynode in Stuttgart soll ein Business-Plan für die App vorliegen. Die Entwickler hoffen, spätestens bis zum 1. Advent 2018 eine marktfähige Version herausbringen zu können.

Marcus Mockler (epd)

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Gottes Palast jenseits von Raum und Zeit

7. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Innehalten: Warum wir die Sonntagsruhe des Gebets neu entdecken können

Du brauchst einen Ort oder eine bestimmte Stunde, wenn nicht sogar einen Tag, an dem du nicht weißt, was am Morgen in der Zeitung stand, wo deine Freunde sind, was du irgendjemand schuldig bist oder was irgendjemand dir schuldig ist. Am Anfang mag es scheinen, als geschähe dort nichts. Aber wenn du einen heiligen Ort hast und von ihm regelmäßig Gebrauch machst, dann wird zur rechten Zeit das Richtige geschehen.«

Diese Gedanken stammen von Joseph Campbell, einem berühmten Mythenforscher. Er hatte jahrzehntelang die Weisheitstraditionen vieler Völker studiert und war zum Schluss gekommen, dass alle diese Kulturen Formen der Ruhe entwickelt hatten: Heilige Orte, Zeiten und Tage der Ruhe. In unserer Tradition sind es der jüdische Sabbat am Sonnabend und der christliche Sonntag. Auch für Nichtgläubige sind diese beiden Tage heute die mit Abstand beliebtesten Wochentage. Sie sind arbeitsfrei, aber meistens keine Ruhetage mehr, sondern mit Aktivitäten ausgefüllt. Die alten Völker dagegen wussten, dass Zeiten der Ruhe und Stille die beste Möglichkeit sind, um Zugang zum eigenen Seelenleben und zu Gott zu finden. Auch Jesus empfahl das seinen Aposteln, als sie in einem Meeting mit ihm zusammensaßen und ihm von ihren vielen Aktivitäten, »von allem, was sie getan und gelehrt hatten« berichteten. »Sie kamen und gingen und hatten nicht einmal Zeit genug zum Essen«, so beschäftigt waren sie. Jesu wunderbarer Rat an sie lautete: »Geht allein an einen einsamen Ort und ruht euch ein wenig aus.« (Markus 6,30–31)

Das ist der perfekte Sonntagstipp, um Körper, Geist und Seele zu regenerieren. Wir könnten Sabbat und Sonntag wieder als leere Räume der Ruhe und Stille entdecken, in denen nichts passiert, damit »zur rechten Zeit das Richtige geschehen kann.« Wir wissen, dass Jesus selbst sich regelmäßig allein »an einen einsamen Platz« zurückzog, um zu beten (Markus 1,35).

Er balancierte die Pole Kontemplation und Aktion aus. Das ist heute wichtiger denn je. Leere, reizarme Räume und Ruhezeiten entlasten unseren Geist, der heutzutage ständig gefordert wird und permanent hochtourig fahren muss.

Sonnenuntergang: Ruhige Orte, ereignislose Momente helfen uns, nichts als den gegewärtigen Augenblick wahrzunehmen. Foto: Ivan – fotolia.com

Sonnenuntergang: Ruhige Orte, ereignislose Momente helfen uns, nichts als den gegewärtigen Augenblick wahrzunehmen. Foto: Ivan – fotolia.com

Neurowissenschaftler haben längst nachgewiesen, dass es die langsamen Delta-Gehirnwellen sind, bei denen sich unser Gehirn erholt und alle körperlichen und seelischen Regenerationsprozesse stattfinden. Diese Deltawellen erleben wir nur im Tiefschlaf – und im kontemplativen Gebet. Wer sich in das Gebet der Herzensruhe versenkt, gelangt nach und nach an den inneren stillen Punkt im Bewusstsein, der der Sabbatruhe Gottes am siebten Schöpfungstag entspricht. Hier wird »die Seele still zu Gott« (Psalm 62,2). Das Bewusstsein lässt alle Bitten, Wünsche und Gedanken los und taucht in die Ruhe des Göttlichen ein. Das ist die Sonntagsruhe des Gebets. Hier werden wir frei von unserer üblichen Bindung an Raum und Zeit, die uns beherrscht. Der integrale Philosoph Jean Gebser nannte das die Raum- und Zeitfreiheit oder das Feld des absoluten Geistes. Jesus nannte es »das Reich Gottes«.

52 Sonntage im Jahr erinnern uns daran, aus der Stille heraus immer wieder den Palast Gottes jenseits von Raum und Zeit zu suchen. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, wo dieser äußere Startpunkt liegt. Er muss vor allem für einen selbst passen. Der Theologe und Philosoph Ralph Waldo Emerson empfahl darum: »Denk für dich selbst – und alle Orte sind freundlich und heilig«. Freundlich, heilig, das kann eine ruhige Ecke in der Wohnung sein, die stille Kirche oder eine leere Parkbank, die auf uns wartet. Ruhige Orte und ereignislose Momente helfen uns, nichts als den gegenwärtigen Augenblick wahrzunehmen. Christen sprechen vom »Sakrament des Augenblicks«, denn in Gottes Gegenwart eintauchen können wir nur, wenn wir ganz gegenwärtig sind. Es genügt also, dem gegenwärtigen Augenblick in der Stille die Treue zu halten. Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt hinüber zu Gottes Palast jenseits von Raum und Zeit – in das Reich Gottes, das, wie uns Jesus versichert, mitten in und unter uns ist.

Marion Küstenmacher

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Weihnachtsgeschichte

27. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Feuilleton-51-2017

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Die prophetische Botschaft im Advent

19. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

»Jesus ist im Kommen« verkündigte am 3. Advent 1968 in einem Ordinationsgottesdienst der damalige Bischof der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen, Werner Krusche (1917–2009), im Domremter zu Magdeburg. Seine Predigt über Lukas 3,1-9, die wir hier abdrucken, ist noch heute aktuell.

Liebe Gemeinde!

An der Gestalt und der PredigtJohannes des Täufers, des prophetischen Zeugen an der Grenze zu der alten und der neuen Zeit, wird eines mit unerhörter Klarheit deutlich: Einer, den Gott beschlagnahmt hat zu seinem prophetischen Prediger, ruft den Leuten nicht etwas hinterher, sondern er ruft ihnen etwas von vorne zu, nichts, was sie sich auch hätten selber sagen können, sondern ein Wort aus der anderen Richtung.

Wem dieses Wort in Auftrag gegeben wird, der steht nicht im Dienste des Vergangenen, sondern im Dienste des Kommenden, der läuft seiner Zeit nicht hinterher, sondern der ist ihr mit dem ihm aufgetragenen Worte vorweg und ruft ihr zu, welche Stunde es geschlagen hat. Ich weiß freilich, dass es Prediger gibt, die eher einem Nachtwächter, als einem Propheten ähneln, und Gemeinden, die dahindösen und den Eindruck machen, als seien sie ein letzter Gruß aus dem 16. Jahrhundert. Und ich weiß vor allem, dass wir alle miteinander in Gefahr sind, unsere prophetische, nach vorn hin offene und von vorn her, nämlich von der Zukunft Gottes her, bestimmte Existenz zu verleugnen. Darum haben wir es alle dringend nötig, uns die prophetische Botschaft dieses 3. Advent zurufen zu lassen und ihr Gehör und Gehorsam zu schenken. Diese Botschaft lautet: Jesus ist im Kommen.

Werner Krusche bei einem Vortrag auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin 1989. Foto: epd-bild

Werner Krusche bei einem Vortrag auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin 1989. Foto: epd-bild

Weil Jesus im Kommen war, darum machte sich Johannes auf, um das den Menschen seiner Zeit anzusagen. Denn dass Jesus kommt, heißt ja doch: Gott streckt allen seine Hand entgegen, er macht allen das Angebot eines neuen, ganzen, heilen Lebens. Unser Leben soll mit Gott wieder ins Reine kommen und unser Leben untereinander soll wieder in Ordnung kommen. Unsere Vergangenheit soll bereinigt sein und unser Leben soll in die Zukunft Gottes hineinlaufen. Gott will wirklich alle. Keiner soll in seiner Heillosigkeit bleiben und darin umkommen.

Handschriftliche Aufzeichungen des Theologen zu seiner Predigt

Handschriftliche Aufzeichungen des Theologen zu seiner Predigt

Weil Jesus für alle kommt und zu allen will, darum müssen alle von seinem Kommen hören. Und darum musste Johannes aus der Einsamkeit in die Öffentlichkeit. Der Ruf des Herrn ergeht in der Stille, aber er ruft einen hinein in den Lärm des Tages, der Ruf des Herrn trifft einen in der Abgeschlossenheit, aber er belässt einen nicht dort, sondern er treibt einen dorthin, wo sich das Leben abspielt, wo die banale, so gänzlich unfeierliche Alltäglichkeit wohnt. Johannes richtet sich nicht eine Zelle, ein Sprechzimmer ein und wartet, bis die Leute zu ihm kommen, sondern er geht zu ihnen hin. Die Ansage, dass Jesus im Kommen ist, will Öffentlichkeit haben, weil sie alle angeht. Ob das von der Kanzel verkündigte Wort heute noch die Öffentlichkeit hat, die es haben will und haben muss, ist doch wohl keine Frage mehr. Da wird doch wohl einiges zu lernen sein von Johannes, der dorthin ging, wo seine Zeitgenossen wohnten. Das Kommen Jesu ist zwar in einem Winkel der Weltgeschichte geschehen, aber es ist alles andere als eine Winkelsache. Eine Winkelpredigt, wie wir sie heute weithin praktizieren, ist ihm völlig unangemessen.

Der Evangelist Lukas zählt mit größter Exaktheit die Namen derer auf, die damals die politische Macht ausübten: der Kaiser Tiberius, der Reichsstatthalter Pontius Pilatus, die Großfürsten Herodes, Philippus und Lysanias. Das ist nicht nur aus chronologischen Interessen geschehen. Damit will der Evangelist doch wohl sagen: Als diese Männer Geschichte machten, da hat Gott mitten in der politischen Geschichte seine Geschichte angefangen, sodass in der Tat die Weltgeschichte seitdem Geschichte mit Christus ist, denn der, dessen Kommen Johannes ankündigte, ist nicht – wie die Machthaber – gekommen, um wieder zu gehen, sondern er ist gekommen, um wiederzukommen. Er ist nicht zu einer Gestalt geworden, die in die Vergangenheit gehört, sondern er ist die Gestalt, der die Zukunft gehört. Die Weltgeschichte hat durch ihn ein Vorn bekommen, sie eilt auf den Tag zu, an dem alles an den Tag kommt, an dem er als der Kommende enthüllt, was er als der Gekommene erfüllt hat. Die Weltgeschichte schreitet auf eine Zukunft zu, in der endgültig herauskommt, dass in Jesus Gottes Liebe unterwegs gewesen ist in dieser Welt und dass der das Leben gewonnen hat, der sich von Jesus hat lieben und von ihm zum Weitergeben der Liebe hat bewegen lassen, und dass der sich um das Leben gebracht hat, der sich dieser Liebe verweigert hat. Jesus ist im Kommen, das verlangt eine totale Umkehr. Wenn Jesus im Kommen ist, dann muss aus unserem Leben weg, was sich mit seinem Advent und also mit seiner Gegenwart nicht verträgt. Dann kann ich nicht meinen Status quo retten wollen. Da geht es nicht ohne eine radikale Umkehr, ohne eine Umwandlung von Grund auf. Das kriegen die Leute zu erfahren, die zu Johannes kommen, um sich taufen zu lassen.

Man müsste eigentlich erwarten, dass Johannes sich freut und die Taufbewerber freundlich empfängt – die Taufziffern steigen; der Tiefpunkt der Gleichgültigkeit scheint überwunden zu sein. Es ist offensichtlich etwas in Bewegung geraten. Aber nein – er fährt sie unglaublich hart an (so hart darf nur einer sein, der die Menschen sehr liebt): »Ihr Otterngezücht, wer hat denn euch unterwiesen, dass ihr dem zukünftigen Zorn entrinnen werdet? Bringt Früchte, die der Buße gemäß sind!« Also: Meint bitte nicht, es genüge ein kirchlicher Akt! Meint nicht, Gott gebe sich damit zufrieden, weil die meisten Menschen nicht einmal mehr diese kirchlichen Handlungen begehren oder vornehmen! Gott ist nicht angewiesen auf Leute, die sich auf ihre Kirchlichkeit etwas zugutehalten: Kirchlichkeit kann immer noch Flucht vor einer ganzen, alles umfassenden Umkehr sein. Wenn Jesus kommt, ist es mit ein bisschen Religion nicht getan. Aber wir sollen jedenfalls wissen: Religiöse Handlungen, die mit unseren sonstigen Handlungen in der Gesellschaft nichts zu tun hätten, wären ein blanker Unfug! Religiöse Handlungen, die isoliert wären von unseren politischen Handlungen, ein Christentum, das nur in der Kirche und zu Hause, nicht aber in der Schule und im Betrieb praktiziert würde, zählten vor dem kommenden Christus absolut nichts.

Er sucht Früchte, die der Buße gemäß sind, d. h. Lebensäußerungen, die sichtbar machen, dass in diesem Leben etwas radikal und total neu geworden ist durch ihn. Das wird sich immer in unserem Verhalten zu den Menschen zeigen, mit denen wir es in der Gesellschaft zu tun haben. Dabei wird es immer um ein paar sehr konkrete Dinge gehen.

»Die Wahrheit ist stets konkret«, hat Lenin gesagt. Das stimmt haargenau. So konkret, wie Johannes es den Soldaten sagt, die ihn fragen, wie bei ihnen die Früchte der Buße aussehen müssten. Er sagt ihnen nicht: Zieht eure Uniform aus! Wohl aber: »Schießt auf keinen Wehrlosen! Lasst euch nicht zu Werkzeugen der Unterdrückung machen!« Wo Jesus in ein Menschenleben kommt, da geht es immer höchst konkret zu. Da geht einiges auf keinen Fall mehr, und da muss einiges auf jeden Fall getan werden. Das heißt konkret: Wer zu Weihnachten eine Gans für 40 Mark isst, der gebe am 1. Weihnachtstag allermindestens 40 Mark für »Brot für die Welt«. – So konkret ist das. Aber wenn Jesus kommt, geht es nicht billiger; denn er ermöglicht und er will darum eine ganze Umkehr und d. h. immer eine Umkehr, die in ganz konkreten Lebensvollzügen sichtbar wird, und zwar immer genau da, wo man seine schwache Stelle hat, wo der Beruf seine besonders gefährlichen Seiten hat, wo der alte Mensch besonders zählebig ist.

»Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; welcher Baum nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.« So also steht es mit uns – wie mit einem Baum, dessen Wurzeln freigegeben sind zum Hieb der Axt, der ihn fällt. Von dem kommenden Christus sind wir und ist die Kirche in eine äußerst kritische Situation gebracht. Wenn wir das Fällige hinausschieben, so verfällt unser Leben der Nichtigkeit. Jedes Heute hat letztes Gewicht. Es entscheidet darüber, ob unser Leben Zukunft hat oder nicht. Es gibt Dinge, die jetzt, die sofort getan werden müssen, für die es übermorgen zu spät ist. Wie vieles Fällige hat die Kirche immer wieder vor sich hergeschoben, bis sie schließlich von anderer Seite zu bestimmten Entscheidungen gezwungen wurde. Aber das waren dann keine Früchte der Buße, keine Taten der Umkehr, sondern Akte der Unfreiheit, die zu spät kamen und darum so gut wie nichts mehr bewirkten. Taten der Umkehr sind unserer natürlichen Lebensrichtung entgegen; sie stehen im Gegensatz zu unseren üblichen Lebenspraktiken; sie kosten darum immer ein Stück unserer Bequemlichkeit, unserer Karriere, unserer Lebenssicherungen.

Wo Menschen sich dem Bußruf öffnen und an der Stelle gehorsam werden, wo sie Gott bisher den Gehorsam verweigert haben, da verändert sich ein Stück Welt zum Guten, da wird ein Stück von Gottes Zukunft Gegenwart. Wer die Umkehr vollzieht und zur Umkehr ruft, ist der Welt nicht hinterher, sondern vorweg, der ist nicht von gestern, sondern von morgen.

Die Gemeinde der Umkehrer ist das Hoffnungsvollste, das es in dieser Welt gibt. Sie allein wird bleiben, wenn der Kommende kommt. Wohl uns, wenn wir zu den Umkehrern gehören!

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Eine böse Tat, ein Fluch und seine Folgen

11. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

In einem Dorf in Anhalt passierte vor 1 000 Jahren Seltsames. Als »Tanzwunder von Cölbigk« ist es überliefert. Was man darüber weiß, und was nicht.

An der Kirche St. Severin von Ilberstedt nahe Güsten steht eine seltsame Gestalt aus Blech. Trotz gebeugter Haltung scheint sie kräftig auszuschreiten. Auf dem Rücken trägt sie einen Sack, aus dem ein Spielzeug und ein Rutenbündel hervorlugen. Die Gestalt befand sich am Kirchturm des Klosters im benachbarten Cölbigk. Mit dem Ort ist die Legende vom »Tanzwunder« verbunden, das sich vor fast tausend Jahren hier ereignet haben soll. Damals soll ein Rutpertus oder Ruprecht in Cölbigk Priester gewesen sein. Im Lauf der Jahrhunderte wurde er wohl zur Vorlage für den Nikolaus-Gehilfen Knecht Ruprecht und der im Raum Bernburg angesiedelten Gestalt des »Heele Christ«.

Gedenkstein: An dieser Stelle befand sich das Kloster Cölbigk, das bis 1024 gegründet wurde. Das »Tanzwunder« soll sich in den Jahren 1020 oder 1021 abgespielt haben. Foto: Engelbert Pülicher

Gedenkstein: An dieser Stelle befand sich das Kloster Cölbigk, das bis 1024 gegründet wurde. Das »Tanzwunder« soll sich in den Jahren 1020 oder 1021 abgespielt haben. Foto: Engelbert Pülicher

Die Legende vom Cölbigker »Tanzwunder« ist unter anderem in der Historie des Fürstentums Anhalt (1710) überliefert: Im Jahr 1021, als Kaiser Heinrich II. regierte, sollen auf dem Friedhof an der Kirche St. Magnus in Cölbigk 15 Bauern und drei Frauen in der Christnacht getanzt, gelärmt und damit die Messe gestört haben. Der Priester ermahnte sie. Als das nichts half, verfluchte er sie: Alle sollten ein Jahr weitertanzen müssen. So geschah es. Unter den Tanzenden befand sich auch die Schwester des Kirchners. Als dieser sie am Arm wegziehen wollte, riss der Arm ab. Die Schwester musste weitermachen wie alle anderen, bis sie »unter ihre Gürtel Kulen in die Erde getanzt« hatten. Nach einem Jahr kamen Bischöfe aus Köln und Hildesheim nach Cölbigk und konnten nach Gebeten den Fluch lösen.

Vier Tänzer, darunter die junge Frau, starben, die anderen verließen wohl den Ort. Als Beispiel für einen frevlerischen Tanz nahmen die Gebrüder Grimm die Geschichte in ihre Sagensammlung auf.

Die bislang spärlich erforschte Siedlungsgeschichte Cölbigks stellte der Diplom-Geograf Karsten Falke kürzlich bei einer Tagung des Landesheimatbundes von Sachsen-Anhalt vor. In der Chronik Thietmars von Merseburg wurde Cölbigk 1015 zum ersten Mal erwähnt. 1036 ist es als Marktort genannt und hatte damit regionale Bedeutung. Aber eine Entwicklung zur Stadt blieb aus. »Um 1500 war Cölbigk eine Wüstung mit einem heruntergekommen Kloster«, so Falke. Die »Tanzwunder«-Legende knüpfe an die frühe Bedeutung des Ortes an: einen Kult um den Märtyrer und Heiligen Magnus, der im 7. oder 8. Jahrhundert als Missionar in die Gegend gekommen sein soll, eine frühe Kirche und die Klostergründung etwa 1024. Dafür, dass Cölbigk Wallfahrtsort gewesen sein soll, finde sich keine Quelle. Nur die archäologische Forschung könne Fragen zur frühen Ortsgeschichte beantworten helfen.

Der Mittelalterhistoriker und Sprachwissenschaftler Ernst Erich Metzner (Rüsselsheim) betonte, dass die ältesten Überlieferungen des Tanzes von Cölbigk keine Sagen seien, sondern drei gleichwertige lateinische Berichte vom Ende des 11. Jahrhunderts. Zwei davon beruhten auf so genannten Bettelausweisen aus klerikalem Umfeld, wie sie damals ausgestellt wurden, um echte Bedürftige von Simulanten unterscheiden zu können. Das »Tanzen« könne die Folge einer Vergiftung gewesen sein, die mehrere Tage anhielt und bei den Überlebenden dauerhaftes Zittern zur Folge gehabt hatte.

»Wir können nicht sagen, was in Cölbigk wirklich passiert ist«, so der Mittelalterhistoriker Gregor Rohmann (Frankfurt am Main). »Aber wir können etwas über die Hintergründe sagen.« Die drei oben genannten Quellen seien zwar im Raum Köln geschrieben worden, würden sich aber auf ein Ereignis bei Bernburg beziehen. Zudem würden sie Anspielungen auf zeitgenössische kirchliche Probleme enthalten. Einer der Schreiber, Goscelin von Saint-Bertin, erwähnt sogar, einen der Überlebenden noch selber getroffen zu haben. Goscelin stelle in seinem Text Gottes Güte in den Mittelpunkt, der die meisten Tänzer habe überleben lassen. Er zeige aber auch, dass die Abkehr von der Kirche ins Verderben führe. So wird bei Goscelin die oben erwähnte Schwester des Kirchners zur Tochter des Priesters, die nach dem Tanz stirbt. Der Priester steht als Sünder da, weil er nicht im Zölibat lebt: eine im 11. Jahrhundert besonders heftig diskutierte Frage.

Zur Warnlegende sei die Geschichte vom »Tanzwunder« im 13. Jahrhundert geworden und durch den Dominikaner Vinzenz von Beauvais in die Exempel-Sammlung des Dominikanerordens gelangt. Mittels Predigten sei sie unters Volk gekommen und weit verbreitet worden. »Wir wissen nicht, was in Cölbigk passierte«, so Rohmann. »Das ist unbefriedigend – auch für das Marketing.«

Die Volkskundlerin Annette Schneider-Reinhardt verwies darauf, dass die Nikolaus-Verehrung im 11. und 12. Jahrhundert in Deutschland ihren Höhenpunkt erreicht habe. Knecht Ruprecht als Diener des Heiligen und Kinderschreck taucht erst ab dem 13. Jahrhundert auf. Auch in Mitteldeutschland habe es verschiedene Bräuche rund um Nikolaus und Knecht Ruprecht gegeben. Für Cölbigk sei der »Umgang eines finsteren Gesellen, der strafte oder belohnte«, belegt. Nach 1945 verlor Knecht Ruprecht an Bekanntheit. Die Weihnachtsmann-Tradition überwiege. »Dazu«, so Annette Schneider-Reinhardt, »trugen wohl auch die veränderten Auffassungen in der Kindererziehung bei.«

Angela Stoye

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Jesus kommt

5. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Soll man diese Aussage »Jesus kommt« mit einem Ausrufezeichen oder einem Fragezeichen versehen? Der Advent, der mit dem heutigen Sonntag beginnt, weist uns auf die Ankunft Jesu hin.

Mit der Krippe und dem neugeborenen Jesuskind können viele Menschen noch etwas anfangen. Kleine Kinder sind süß. Man kann sie in den Arm nehmen, an die Brust drücken und sie liebkosen. Aber Advent hat nicht nur mit der Vorbereitung auf die Ankunft Jesu im Stall von Bethlehem zu tun. Advent weist weit darüber hinaus auf die Wiederkunft Christi am Ende der Zeit und am Ende der Welt. Hier wird es schon viel schwieriger, an solch ein Kommen Jesu Christi am Ende der Zeiten zu glauben.

In den Abschiedsreden des Johannesevangeliums sagt Jesus zwar zu seinen Jüngern: »In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf dass auch ihr seid, wo ich bin.« (Johannes 14,2f.).

Das Altarfenster in der Himmelfahrtskirche in Berlin-Gesundbrunnen thematisiert die Himmelfahrt Christi. In der Theologie wird der Himmel als der Ort verstanden, an dem der auferstandene Christus bei Gott ist. Christen hoffen, dass er von dort wiederkommt, um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen. Foto: epd-bild

Das Altarfenster in der Himmelfahrtskirche in Berlin-Gesundbrunnen thematisiert die Himmelfahrt Christi. In der Theologie wird der Himmel als der Ort verstanden, an dem der auferstandene Christus bei Gott ist. Christen hoffen, dass er von dort wiederkommt, um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen. Foto: epd-bild

Inzwischen sind allerdings fast 2 000 Jahre vergangen und Jesus Christus ist immer noch nicht wiedergekommen. Wir bekennen zwar im Apostolischen Glaubensbekenntnis, dass Jesus Christus zur Rechten Gottes sitzt, also dort ist wo die Entscheidungen Gottes fallen, und »von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten«. Ist das nur ein Lippenbekenntnis oder glauben wir wirklich, dass Christus einst wiederkommen wird? Sollen wir uns damit bescheiden, dass sowohl er als auch die frühe Christenheit sich geirrt haben, wie sich schon viele Menschen geirrt haben, wenn sie Aussagen über die Zukunft trafen. Der Volksmund weiß ja, »irren ist menschlich.«

Nun war allerdings Jesus nicht nur ein Mensch wie wir, sondern er war gottgleich, sozusagen das menschliche Antlitz Gottes. So konnte Jesus von sich sagen: »Wer mich sieht, der sieht den Vater« (Johannes 14,9). In Jesus begegnen wir also jemandem, der stellvertretend für Gott spricht. Aber das könnte auch eine Anmaßung gewesen sein. Wir brauchen hier nur an Adolf Hitler denken, der sich mit »Heil Hitler« begrüßen ließ, also mit der Aussage, dass in ihm das Heil sei. Als dann nach zwölf Jahren das sogenannte Tausendjährige Reich in Schutt und Asche versank, war es klar, dass man einem Verführer und keinem Führer aufgesessen war. Die bloße Behauptung an Gottes Stelle zu stehen, genügt auch bei Jesus nicht. Deswegen war das Weihnachtsfest, also das Fest, an dem wir an das Kommen Jesu auf Erden gedenken, für die Christen nicht zentral.

Von Anfang an war für die Christenheit das Osterfest mit Karfreitag und Ostersonntag das zentrale Fest und der Anker für den christlichen Glauben. Denn Christus erlitt zwar wie alle Menschen den Tod. Aber das war für ihn nicht das Ende. Gott erweckte ihn zu neuem Leben. Ohne das Ereignis der Auferstehung, dass selbst für die engsten Nachfolger Jesu zunächst unglaubwürdig erschien, weil es so ganz unserer menschlichen Erfahrung widerspricht, hätte es nie einen christlichen Glauben gegeben und schon gar nicht ein Christfest. Es wäre nichts zu feiern gewesen, denn Jesu Ankündigung des Reiches Gottes hätte sich als Wunschdenken herausgestellt. Nun ist aber Christus auferstanden, wie selbst ein Paulus, der als Saulus zunächst die Christen verfolgte, sich eingestehen musste.

Auferstehung heißt allerdings nicht, dass Jesus sozusagen in sein früheres Leben auf Erden zurückkehrte, sondern dass sich in seinem neuen Leben als der Auferstandene schon etwas von dem abzeichnete, was er seinen Nachfolgern versprochen hatte: ein neues unvergängliches Leben in der unmittelbaren Gegenwart Gottes. So konnte ihn Paulus dann »den Erstgeborenen von den Toten« und »das Ebenbild des unsichtbaren Gottes« nennen (Kolosser 1,18.15). Unsere Hoffnung über den Tod hinaus ist also in Christus begründet, dass uns eine Auferstehung wie die seine zuteil wird. Was heißt das aber für die Wiederkunft Christi? Kommt Christus noch einmal oder werden wir gleichsam zu ihm in sein himmlisches Reich heimgeholt?

Eine Heimholung könnte bedeuten, dass zwar unser sterblicher Körper bei unserem Tod dem Verfall und der Verwesung anheimfällt, dass aber doch etwas Unsterbliches wie unsere Seele, dann von Christus in die Ewigkeit Gottes geleitet wird. Damit würden die Geschicke auf unserer Erde weiterlaufen, während wir der Zeitlichkeit und ihren Problemen enthoben sein würden. Von der Erwartung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, von der der Seher der Johannes-Offenbarung spricht (Offenbarung 21,1), müssten wir uns dann verabschieden. Die Weltgeschichte, in irdischer oder kosmischer Dimension würde weiterlaufen, als wäre nichts geschehen. Eine sogenannte Erlösung oder ein Reich Gottes würde sich also abseits dieser Welt verwirklichen. Solche Vorstellungen widersprechen aber sowohl dem Selbstverständnis Jesu als auch dem, was Christen durch die Jahrhunderte als Erlösung verstanden.

Für Christen war es selbstverständlich, dass Christus wiederkommen wird als die sichtbare Verkörperung Gottes, um das Ende unserer Weltgeschichte und damit die Erlösung von aller Widerwärtigkeit und Ungerechtigkeit in dieser Welt einzuläuten. Die Hoffnung der Christen war niemals auf eine Entrückung von dieser Welt fixiert, sondern auf die Veränderung dieser Welt zur neuen Welt Gottes, eine Veränderung, die durch die Wiederkunft Christi als des Auferstandenen bewirkt wird. Wieweit sich diese neue Welt Gottes ausdehnen wird, ob in kosmischen Dimensionen oder auf unsere planetarische Heimat beschränkt, sollten wir zu Recht Gott überlassen. Wenn wir allerdings im Advent nur an das erste Weihnachten denken und uns darauf mit Geschenken und dem üblichen Weihnachtstrubel beschränken, dann haben wir das Wesentliche vergessen: Jesus als der Christus ist keine Gestalt der Vergangenheit, an dessen Geburt vor über 2 000 Jahren wir zu Weihnachten denken, sondern er ist auch der Grund der Hoffnung, durch dessen Wiederkunft wir auf eine neue Erde und einen neuen Himmel hoffen dürfen. Erinnerung und Hoffnung gilt es in dieser Adventszeit neu zu
bedenken.

Hans Schwarz

Der Autor ist emeritierter Professor für Evangelische Theologie an der Universität Regensburg.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Gemeinde vor Ort nach Luther

27. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Die aktuellen Reformbestrebungen der Kirche drängen weg von einer Gewichtung der Kirchengemeinden vor Ort. Im Sinne des Reformators?

Wie gestaltet sich evangelische Kirche künftig? Die aktuellen Reformbestrebungen in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) haben meist eine auffällige Tendenz: Sie drängen weg von der gewohnten Gewichtung der Kirchengemeinden vor Ort.

Schon vor über einem halben Jahrhundert hat der Lutheraner Hugo Schnell an den biblisch begründeten Sachverhalt erinnert: »Die Kirche darf in keinem Augenblick vergessen, dass sie sich aus den Gemeinden aufbaut, dass sie in ihnen und aus ihnen lebt.« Dieses Votum entspricht im Wesentlichen der Sicht Martin Luthers.

Der Reformator hatte »Kirche« definiert als die »geistliche Versammlung der Seelen in einem Glauben«, also als das Volk der Gläubigen, als Versammlung jener Menschen, die das Evangelium hören und Christus folgen wollen. Dabei hat Luther immer wieder unterstrichen, dass Christus selbst das Haupt der Kirche sei. Den Leib der Kirche bildet für ihn konkret die christliche Versammlung, der »Haufen« im Sinne des Beisammenseins und Zusammengehörens. Es ist Gottes Liebe, die uns »in seine heilige Gemeinde führt und in den Schoß der Kirche legt, durch welche er uns predigt und zu Christus bringt.«

Kritisch stand Luther dem amtskirchlich ausgeprägten Selbstverständnis seiner römisch-katholischen Mutterkirche gegenüber. Sie definiert sich bis heute vor allem vom Kultus her und insofern im Ganzen als Organisation, die als Leib Christi, ja in ihrer Sichtbarkeit als heiliger Teil Christi selbst verstanden werden will. Für Luther hingegen ist Christus als Haupt der Kirche auch Haupt jeder Einzelgemeinde, ja durch den Heiligen Geist mit jedem Glaubenden in mystischer Liebesverbindung zu einem »Kuchen« zusammengebacken – wobei derselbe Geist wiederum den Getauften in den Leib Christi als Ganzen integriert.

Erleuchtet: Anlässlich des Reformationsjubiläums hatte der Künstler Ingo Bracke das Lutherdenkmal in Wittenberg mit einer Lichtperformance zum Leuchten gebracht. Erhellend ist auch, wie der Reformator die Kirchengemeinde vor Ort definiert hat. Foto: epd-bild

Erleuchtet: Anlässlich des Reformationsjubiläums hatte der Künstler Ingo Bracke das Lutherdenkmal in Wittenberg mit einer Lichtperformance zum Leuchten gebracht. Erhellend ist auch, wie der Reformator die Kirchengemeinde vor Ort definiert hat. Foto: epd-bild

Selbstverständlich kannte der Reformator auch die überregionale Ebene von Kirche. Doch er wusste um die notwendige Dimension des Konkreten, des Überschaubaren für die Vollzüge von praktischer Liebe in der Gemeinschaft vor Ort. In dieser Hinsicht rang er lebenslang mit zweierlei Konzepten von Gemeinde. Das eine, eher ideale war das einer »Bekenntnisgemeinde«; das andere, mehr an den realen Verhältnissen orientierte war das volkskirchliche Modell.

Zur »Bekenntnisgemeinde« gehö­ren nach Ansicht des Reformators Menschen, die ernsthaft Christen sein wollen. Diese Art Kerngemeinde sollte sich über den wöchentlichen Sonntagsgottesdienst hinaus in Häusern zu Gebet, Bibellektüre, Taufe und Abendmahl versammeln. Diakonische Liebestätigkeit wäre in diesem Zusammenhang vor Ort zu realisieren. Treffen könnte sich diese Sonder- oder Kerngemeinde in Privathäusern oder einem kirchlichen Haus unter Leitung des Pfarrers.

Gleichwohl ist es nach Luther nicht möglich, ganze volkskirchliche Gemeinden als lebendige Gemeinden darzustellen. Er weiß um das Risiko, dass Christen in den skizzierten »Sondergemeinden« eine ambivalente Wirkung zu entfalten drohen: Sie könnten der Botschaft von der geschenkten Rechtfertigung der Gottlosen entgegenstehen.

Deshalb sah er von der Entwicklung besonderer Gemeinden oder Gemeindezirkel ab, auch um der Gefahr des Sektierertums zu wehren.

Mit Blick auf Jesu Warnung vor falschen Propheten in Schafskleidern mahnt der Reformator, zwischen rechter und falscher Kirche zu unterscheiden – wobei er solche Unterscheidung der Geister durchaus auch für innerhalb ein und derselben Kirche angebracht hält.

Sollte das nicht auch heute gelten – im Zeitalter neuer Kirchenreformen? Wo entwickeln sich Verbesserungen im Sinne Luthers, und wo laufen die Dinge in eine Richtung, die von der Betonung des Miteinanders in der Gemeinde wegführen? Gisela Kittel und ihre Mitautoren riefen 2016 in dem Buch »Kirche der Reformation? Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr« in Erinnerung: »Nach etwa zwanzig Jahren Strukturumbau der Evangelischen Kirche zeigen sich die angerichteten Schäden unübersehbar. Sie sind vor allem in jenen Landeskirchen und Kirchenkreisen zu spüren, die im sogenannten ›Reformprozess‹ kühn voranschritten.« Eine bedenkliche Verschiebung im evangelischen Kirchenverständnis habe sich ereignet. Weil die christliche Kirche weithin nicht mehr als die Versammlung der Glaubenden gesehen werde, die auf das Wort ihres Herrn hört, sondern eher als soziale Organisation, sei die Selbsterhaltung des Apparates an die erste Stelle der Vorsorge gerückt: »So schreitet die Institution ›Kirche‹ über engagierte und bisher ihren Gemeinden treu verbundene Gemeindeglieder hinweg.«

Namentlich Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, kritisiert die neueren Entwicklungen, die quer durch Deutschland das Schwergewicht der Ressourcen auf die mittleren Kirchenebenen legen und damit riskieren, dass den Gemeinden selbst immer weniger Bedeutung zukommt. Die neueste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD habe erkennbar die Bedeutung der Kirchengemeinden wiederentdeckt: »So fühlen sich 45 Prozent der Kirchenmitglieder ihrer Ortsgemeinde sehr und ziemlich verbunden und ebenso etwa 44 Prozent der evangelischen Kirche insgesamt.« Damit erweise sich die Kirchengemeinde nach wie vor als »die mit Abstand wichtigste Drehscheibe von Kirchenmitgliedschaft. Die seit vielen Jahrzehnten gepflegte Vorstellung von der Existenz einer großen Gruppe von Evangelischen, die sich der evangelischen Kirche als solcher verbunden fühlen, aber zu den Kirchengemeinden aufgrund ihrer randständiger Existenz Abstand halten würden, ist mit diesen Zahlen widerlegt.« Durch die Präsenz der Kirche als Ortsgemeinde gewinne die evangelische Kirche einen Großteil ihrer Sichtbarkeit in der Fläche.

Es gilt also neu auf die der Kirche stärker Verbundenen zu achten: Sie zeigen in allen religiösen und kirchlichen Dimensionen höhere Werte auf. Sie erweisen sich laut Wegner sogar als die insgesamt gegenüber Neuerungen in der Kirche eher Aufgeschlossenen. Eine besonders große Bedeutung hätten Kirchengemeinden zudem hinsichtlich der Gewinnung und Aktivierung von Ehrenamtlichen; auf deren Kosten gehe es, sobald man Kirchengemeinden fusioniere. Es gibt also gute Argumente zu Gunsten einer Kirchenreform in genau anderer Richtung, als das derzeit oft der Fall ist. Eine konsequente Neugewichtung von Gemeinden vor Ort ist angesagt – ganz im Sinne der Reformatoren.

Werner Thiede

Buchtipp: Thiede, Werner: Evangelische Kirche – Schiff ohne Kompass? WBG Verlag, 280 S., ISBN 978-3-534-26893-1, 29,95 Euro


Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

»Martini« auf dem Erfurter Domplatz

19. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Foto: Jens-Ulrich Koch

Foto: Jens-Ulrich Koch

Das Recht auf eine fröhliche und unbeschwerte Kindheit hat Margot Käßmann, Reformationsbotschaf­terin der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Abschluss des 500. Reformationsjubiläums in Thüringen betont. »Wenn jetzt Koalitionsverhandlungen laufen, sollte die Lage der Kinder in unserem Land und auf unserer Welt auf die Tagesordnung gesetzt werden und zwar ganz oben«, sagte die Theologin bei einer Predigt am 10. November auf dem Erfurter Domplatz. Dort feierte sie mit Tausenden Kindern und deren Angehörigen im Schein vieler Laternen zu Ehren des Heiligen und katholischen Bischofs Martin von Tours (um 316–397; Beisetzung am 11. November) sowie des Reforma­tors Martin Luther (1483–1546; Geburtstag am 10. November) das Fest der zwei Namensvetter – »Martini«. Das in der Thüringer Landeshauptstadt traditionell ökumenisch begangene Fest markierte in diesem Jahr auch das Ende des 500. Reformationsjubiläums in Thüringen.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Zu weise, um verliebt zu sein

14. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Beide glauben, eine Ehe hält mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aus. Fernseh­moderatorin Petra Gerster und Publizist Christian Nürnberger sind seit vielen Jahren verheiratet. Über ihre Ehe sprachen sie mit Mirjam Petermann.

Frau Gerster, Herr Nürnberger, sind Sie noch verliebt?
Nürnberger:
Nein. Dafür sind wir längst zu weise, denn dass das Verliebtsein nur eine List der Natur ist, um die beiden Geschlechter irgendwie zur Fortpflanzung zu bringen, haben wir schon seit mindestens vier Jahrzehnten durchschaut. Und auch, dass Verliebtsein ein Zustand ist, der bald wieder vergeht. Daher kann man darauf keine Ehe bauen.
Gerster: Das ist nicht die Antwort, die man als Frau hören will. Aber es stimmt natürlich, nach 35 Jahren ist man normalerweise nicht mehr verliebt, und das scheint mir auch nicht erstrebenswert. Erstrebenswert ist vielmehr, dass man sich tatsächlich liebt, wertschätzt, nie miteinander langweilt und vor allem: noch was zu lachen hat. Insofern kann ich mich glücklich schätzen.

Wie bringt man noch aufrichtiges Interesse am anderen auf, wenn man sich bereits seit 35 Jahren kennt?
Nürnberger:
Man entwickelt sich weiter während dieser Jahre, und es ist spannend zu erleben, wie der andere sich entwickelt, wie man sich selbst entwickelt, und ob es gelingt, sich gemeinsam weiterzuentwickeln. Man erlebt sich auch in verschiedenen Rollen, anfangs als Single, dann als Ehepartner, später als Mutter oder Vater, noch später – so hoffen wir – als Oma und Opa. Man erlebt den anderen beruflich, privat, bei gesellschaftlichen Anlässen, in Krisen, bei traurigen Anlässen und bei freudigen. Ist doch immer wieder interessant zu erleben, wie viel verschiedene Seiten, Stärken, Schwächen, Talente im jeweils anderen stecken.
Gerster: Es hilft auch, wenn man sich für dieselben Dinge interessiert und in den wichtigen Fragen des Lebens übereinstimmt, politisch und weltanschaulich. Aber auch mit Lust und Ausdauer streiten kann – auch das gehört für mich dazu.

Haben Sie bei aller Arbeit, bei allen Interessen und Aufgaben einen »normalen« Ehealltag? Wie gestalten Sie den?
Nürnberger:
Ja, wir haben einen ganz normalen Ehealltag und sind gerade deshalb des Zwangs enthoben, ihn gestalten zu müssen, denn das erledigen schon die Zwänge dieses Alltags für uns: also tagsüber arbeiten, nachts schlafen, Rechnungen schreiben und Rechnungen bezahlen, Vorträge schreiben und halten, auf Lesereise gehen, die Umsatzsteuervoranmeldung machen, einkaufen, kochen, spülen und so weiter und so fort. Wir hoffen, irgendwann im Alter mal vor dem Luxusproblem zu stehen, sich überlegen zu müssen, was man als Nächstes macht und wie man den Tag gestaltet.
Gerster: Das Wichtigste hast du vergessen: Mit den Kindern telefonieren, die in einem Alter sind, wo sie dauernd lebenswichtige Entscheidungen zu treffen haben, oder sie treffen, und der Austausch mit unseren Geschwistern und Freunden, der mir sehr wichtig ist und eine Menge Zeit in Anspruch nimmt.

Sie schreiben auch gemeinsam Bücher. Wie viele Gemeinsamkeiten hält eine Ehe aus?
Gerster:
Wir glauben: Eine Ehe hält mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aus.

Und wie viele Unterschiede?
Nürnberger:
Eher weniger, es sei denn, es handelt sich um Unterschiede, die sich ergänzen. Wenn jedoch zwei Partner völlig verschiedene Interessen und vielleicht auch noch konträre Berufe haben – er Kaufmann, sie Philosophin, er Golfspieler und Fußballfan, sie eine Leseratte und Museumsbesucherin, er ein Vielfraß, sie eine, die von Wasser und Salat lebt – dann könnte es schwierig werden.
Gerster: Unterschiede im Temperament sind hingegen gar nicht schlecht: Zwei von der ruhigen Sorte meines Mannes wären ein bisschen langweilig, zwei von meiner extrovertierten Art extrem anstrengend. Aber so gleichen wir einander ganz gut aus.

Welche gemeinsamen Projekte haben Sie für die Zukunft geplant?
Nürnberger:
In ein paar Tagen (20. November) kommt unser neues Buch über die Medien »Die Meinungsmaschine. Wie Informationen gemacht werden – und wem wir noch glauben können«. Daher gibt es derzeit kein neues Projekt. Vom Bücherschreiben müssen wir uns jetzt erst einmal erholen.
Gerster: Und wieder hat er das Wichtigste vergessen: Unser nächstes gemeinsames Projekt ist ein neuer Hund im nächsten Jahr!

Sind Sie eigentlich auch kirchlich verheiratet?
Nürnberger:
Nein. Darauf haben wir bewusst verzichtet, weil eine kirchliche Trauung den Willen voraussetzt, als Paar in der Gemeinde aktiv zu werden. Wir waren aber, als wir uns kennenlernten, Großstadtnomaden, die heute hier und morgen dort lebten und keine Gemeinde hatten, in die sie sich aktiv, verbindlich und auf Dauer hätten einbringen können.

Frau Gerster, Sie sagten in einem Interview 2015: »Solange die Kinder einen brauchen, beantwortet sich die Sinnfrage von selbst.« Ihre Kinder sind jetzt 27 und 24 Jahre alt und sicherlich anders auf Sie angewiesen als früher. Stellte sich Ihnen dann doch irgendwann die Sinnfrage?
Gerster:
Ja, sie könnte jetzt darin bestehen, das Alter gemeinsam zu meistern und gute Großeltern zu sein. Aber noch ist es nicht so weit. Noch freuen wir uns einfach daran, dass unsere Kinder gut geraten sind, wir eine ziemlich glückliche Familie sind, und wenn’s gut läuft, ist es nicht sehr intelligent, sich das Leben schwer zu machen mit Grübeleien über den Sinn des Lebens, zumal wir dafür gegenwärtig auch gar keine Zeit haben.

Spielen christliche Werte und Glauben in Ihrem Leben eine Rolle?
Nürnberger:
Ja, schon, aber weniger die, die dafür gehalten werden, also so Dinge wie Kirchgang, Gebet, Glaube an die Auferstehung und so weiter. Wir sind eher Anhänger von Dietrich Bonhoeffers Vorstellung eines »religionslosen Christentums«. Darin geht’s nicht ums Jenseits und nicht um religiöse Riten, Gebote, Verbote, sondern um Gelassenheit, Hoffnung und ums gute Leben hier und jetzt, und zwar für alle, nicht nur für einige Privilegierte. Darüber machen wir uns Gedanken. Darum kreist indirekt auch unser Schreiben.

Gibt es einen Sinn, den Sie für Ihre Ehe definiert haben?
Gerster:
Wir mussten da nichts definieren, weil der Sinn der Sache schon definiert ist und wir ihn uns genauso zu eigen gemacht haben, was heißt: Wir haben geheiratet mit dem Vorsatz, zusammenzubleiben in guten, wie in schlechten Tagen, bis dass der Tod uns scheidet. Wir wussten, dass das ein Abenteuer ist, und dieses Abenteuer wollen wir bestehen.

Ist es Ihrer Meinung nach realistisch, eine Ehe zu führen, »bis dass der Tod euch scheidet«? Wenn ja, was braucht es dafür?
Nürnberger:
Ehen wurden früher von gesellschaftlichen Zwängen und Konventionen zusammengehalten, von der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Frau und der sozialen Kontrolle durch die Umwelt. Daher gab es früher zwar viele Ehen, die bis zum Tod hielten, aber viele von ihnen waren lange, bevor ein Partner starb, schon tot, existierten nur noch pro forma. Heute gibt es diese Zwänge kaum mehr, und darum ist es auch nicht mehr zwingend zu heiraten oder einander zu versprechen, zusammenzubleiben bis zum Tod. Aber gerade durch diesen Wegfall aller Zwänge gewinnt das Eheversprechen erst heute seinen eigentlichen Wert. Erst jetzt kann man einander wirklich aus freien Stücken so ein Versprechen geben und dafür kämpfen, dass es hält. Und wenn das gelingt, ist es großartig.
Gerster: Zur Frage, was es dafür braucht: Ein Bewusstsein dafür, dass man nicht mehr frei ist wie ein Single, sondern gebunden, und das muss man erst mal akzeptieren können; sodann den Willen, einander zu dienen statt sich selbst zu verwirklichen; außerdem die Bereitschaft, Konflikte auszuhalten, auszutragen und zu lösen; und schließlich die Fähigkeit, sich selbst ein bisschen zurückzunehmen. Und das alles braucht es von beiden, nicht nur von einem.

Der Moment in dem die Kinder das Elternhaus verlassen, wird oft als großer Bruch oder gravierende Veränderung eines Ehepaares beschrieben. Können Sie das bestätigen, empfanden Sie das ebenso?
Gerster:
Ja, es war ein Einschnitt, natürlich, aber ein Bruch? Nein. Das nicht. Einerseits hat uns das natürlich mit einer gewissen Melancholie erfüllt, nicht nur, weil die Kinder plötzlich weg sind und eigene Wege gehen, sondern auch, weil einem damit bedeutet wird: Nun werdet ihr alt. Es hat aber auch seine guten Seiten. Man hat wieder mehr Freiheiten. Mehr Zeit füreinander. Keine Schulprobleme mehr. Kein Zwang mehr, ausgerechnet während der Ferien, also der teuren Hauptsaison, Urlaub machen zu müssen. Außerdem kam diese Abnabelung nicht abrupt. Wir waren darauf vorbereitet, haben uns in den neuen Zustand »einüben« können dadurch, dass unsere Kinder schon während der Schulzeit mal ein halbes oder ganzes Jahr lang im Ausland gelebt hatten. Und schließlich: Man fährt in gewisser Weise die Ernte ein, wenn man sieht, dass die Kinder sich gut entwickelt haben, auf eigenen Füßen stehen können, bald auch wirtschaftlich von den Eltern unabhängig sein werden. Da merkt man plötzlich: Der ganze Aufwand, der für die Erziehung draufging, war nicht umsonst, hat sich gelohnt.

Wie kann man so große Veränderungen, zuerst die Geburt der Kinder und dann deren Auszug als Ehepaar gut überstehen?
Nürnberger:
Man muss da gar nichts »überstehen«, denn die Geburt von Kindern, das manchmal anstrengende Leben mit ihnen und deren Abnabelung – das ist nun mal der Lauf der Dinge, ja geradezu deren Sinn. Es ist schön, dass das Leben dadurch verschiedene Phasen durchläuft. Jede Phase ist anders, jede bringt ihre eigenen Herausforderungen mit sich, die es zu bestehen gilt, auf jede neue Phase freut man sich, über das Ende jeder Phase ist man ein wenig traurig, aber jedes Ende ist mit einem neuen Anfang verbunden. Und genauso soll es sein. Dieser natürliche Wechsel von Lebensabschnitt zu Lebensabschnitt macht das Leben doch erst rund.

Welchen Standpunkt hat die Ehe Ihrer Meinung nach in unserer Gesellschaft heute?
Nürnberger:
Sie ist kein Muss mehr, nur noch eine Möglichkeit unter anderen. Jeder kann darüber nachdenken, ob diese Möglichkeit für ihn infrage kommt, ob sie für ihn die optimale Lebensform darstellt oder nicht, und kann sich dann frei dafür oder dagegen entscheiden. Das ist doch wunderbar. Frühere Generationen hätten uns für diese Freiheit beneidet. Aber: Freiheit bedeutet auch Risiko. Wo einer von seiner Freiheit Gebrauch macht, kann er auch scheitern, und dieses Scheitern hat er dann zu verantworten, nicht die Gesellschaft, nicht irgendwelche Zwänge. Aber genau darin – in der freien Entscheidung mit der Möglichkeit des Scheiterns – liegt die Würde. Freiheit ist kein Glücksversprechen, sondern die Ermöglichung von Würde. Und die wiegt schwerer als Glück. Lieber unglücklich leben, aber frei, als glücklich, aber unfrei.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

»Schön, dass ihr wieder da seid«

7. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Das Zisterzienserkloster Neuzelle wurde 1817 säkularisiert. Nun sind wieder Mönche hierhergekommen, in eine Region, in der Christen in der Diaspora leben.

Ein altes Ruderboot versinkt langsam in dem mit Seerosen bewachsenen Teich. An seinem Rand führt eine kopfsteingepflasterte Allee mit sorgsam beschnittenen Bäumen hinauf zur Klosterpforte, die vom weithin sichtbaren, gelben Kirchturm überragt wird. Die barocke Klosteranlage von Neuzelle, im Osten Brandenburgs auf einer Anhöhe über dem Odertal gelegen, ist die perfekte Idylle. Kurz vor zwölf Uhr mittags biegen vier Mönche um die Ecke. Sie tragen das schwarz-weiße Habit des Zisterzienserordens, jener Mönchsgemeinschaft, die vor fast 750 Jahren das Kloster begründete.

Doch dass Pater Simeon, Pater Kilian, Pater Philemon und Bruder Aloysius Maria nun mehrfach am Tag wieder die lateinischen Stundengebete in der Brandenburger Klosterkirche anstimmen, ist nichts weniger als eine kirchenhistorische Sensation. Denn 1817 hatte der preußische Staat das Kloster Neuzelle säkularisiert.

Seine Gebäude gehören heute dem Land Brandenburg – die beiden großen Kirchen, die die Klosterkirche und die ebenfalls zum Gelände gehörende Pfarrkirche heute für ihre Ortsgemeinden nutzen, sind nur Untermieter. Was den katholischen Bischof des Bistums Görlitz, Wolfgang Ipolt, freilich nicht davon abhielt, Anfang des Jahres einen verwegenen Plan zu fassen: Zum 750-jährigen Jubiläum Neuzelles im kommenden Jahr sollen in Neuzelle wieder Mönche leben. Er bat das als durchaus konservativ geltende, österreichische Stift Heiligenkreuz um die Entsendung von Mönchen an die Oder.

Bier-Sonderedition: Wer sie kauft, unterstützt das Kloster. Dafür werben (v. li.) Pater Kilian, Pater Simeon, Brauereibesitzer Helmut Fritsche, Schwester Teresita vom Bonifatiuswerk, Junior-Chef Stefan Fritsche, Pater Philemon. Foto: Benjamin Lassiwe

Bier-Sonderedition: Wer sie kauft, unterstützt das Kloster. Dafür werben (v. li.) Pater Kilian, Pater Simeon, Brauereibesitzer Helmut Fritsche, Schwester Teresita vom Bonifatiuswerk, Junior-Chef Stefan Fritsche, Pater Philemon. Foto: Benjamin Lassiwe

Sie kamen – in eine Region, in der die Christen in der absoluten Diaspora sind: Das katholische Bistum Görlitz ist zwar mit einer Fläche von 9 700 Qua­dratkilometern fast 50 Prozent größer als das Erzbistum Köln, trotzdem gehören ihm nur ungefähr 30 000 Katholiken an. Im Bundesland Brandenburg sind rund 15 Prozent der Einwohner evangelisch, rund drei Prozent katholisch.

Wenn in dieser Gegend ein Mönch mit Ordenshabit seinen Einkaufswagen durch den Supermarkt schiebt, fällt das durchaus auf, sagt Frater Aloysius Maria. »Ich erlebe alles – vom Atheisten, der mich zwar freundlich grüßt, mir dann aber sagt, dass ihm Marx wichtiger sei, als unsere Kirche, bis zum älteren Mann, der fast heimlich seinen Wagen stoppt und mir zuraunt: Schön, dass ihr wieder da seid.«

Beim Einzug der Mönche in das Kloster kam sogar der Bürgermeister, Dietmar Baesler (FDP), und brachte Brot und Salz. Doch als die Zisterzienser im Frühjahr das allererste Mal nach Brandenburg kamen, wurden sie sogar gefragt, zu welchem Maskenball sie denn gerade unterwegs seien.

Der Görlitzer Bischof Ipolt wiederum hofft, dass es den Männern gelingt, das bislang vor allem als kulturellen Ort wahrgenommene Stift auch geistlich neu zu profilieren. »Ich denke, dass von den Mönchen eine Bereicherung des kirchlichen Lebens in unserem Bistum und der ganzen Region ausgehen kann.« Immerhin ist Neuzelle schon heute einer der wichtigsten Wallfahrtsorte der ostdeutschen Katholiken. Als es nach 1945 nicht mehr möglich war, die traditionellen schlesischen Ma­rienwallfahrtsorte aufzusuchen, begann man in Sachsen und Brandenburg, in den westlich der Neiße gelegenen Teilen Schlesiens und den Dörfern der katholischen Sorben und Wenden der Oberlausitz, nach Neuzelle zu pilgern. Sogar ein eigenes Neuzeller Wallfahrtslied wurde gedichtet, das in jeder Zeile den Geist der Nachkriegszeit verströmt: »Maria, Mutter Friedenshort, wir kommen zu dir in bedrängten Tagen …«

Begeistert von der Ankunft der Zisterzienser ist der Unternehmer Helmut Fritsche. Gleich nach der Wiedervereinigung hat er in Neuzelle eine alte Brauerei erworben, das »Neuzeller Kloster-Bräu« ist mittlerweile über die Brandenburger Landesgrenzen hinaus ein Begriff. »Für uns ist das wie ein Geschenk Gottes, dass wir hier wieder Mönche haben«, sagt Fritsche. Der Unternehmer will die Neugründung des Klosters unterstützen. Seit Anfang September gibt es eine Sonderedition seines Bieres. Wer sie kauft, spendet zugleich 20 Cent an das katholische Bonifatiuswerk. Dieses unterstützt damit die Neugründung des Neuzeller Zisterzienserklosters. Dabei gehört Fritsche selbst nicht der katholischen Kirche an. »Aber als Brauerei sind wir ein integraler Bestandteil des Klosterensembles«, sagt er. »Da fühlen auch wir uns den Mönchen und ihrer Tradition verpflichtet.«

Doch auch, wenn im November noch ein fünfter Mönch zur vierköpfigen Vorhut von Neuzelle stoßen soll: Noch ist die Wiederbesiedlung des Klosters nicht endgültig besiegelt. Denn im Moment wohnen die vier Mönche zusammen mit Ortspfarrer Ansgar Florian im katholischen Pfarrhaus. Alle übrigen Gebäude des Klosterstifts sind vermietet – an ein privates Gymnasium zum Beispiel. Oder sie werden von der staatlichen Stiftung für die Verwaltung der Forsten und Ländereien genutzt. Auf Dauer ist das Pfarrhaus schlicht zu klein. Ob es dem Bischof und den Ordensbrüdern gelingt, etwa das ehemalige Kanzleigebäude des Klosters für das Neugründungsprojekt zu nutzen, und was dann mit den übrigen Mietern passiert, ist noch unklar. Im November soll es dazu weitere Gespräche geben. »Natürlich ist das für alle Beteiligten erst einmal sehr herausfordernd, dass hier wieder Mönche leben«, sagt Pater Simeon.

Brandenburgs Kultusministerin Martina Münch (SPD), die auch Vorsitzende des Stiftungsrates der staatlichen Klosterstiftung und selbst praktizierende Katholikin ist, unterstützt das Vorhaben. Im Frühjahr war sie mit ihrem ganzen Büro nach Heiligenkreuz gereist, um das Mutterkloster der Zisterzienser selbst in Augenschein zu nehmen. » Wir haben zwei Tage lang das Klosterleben erlebt – von der ersten Andacht um 5.15 Uhr morgens über die Heilige Messe noch vor dem Frühstück bis zum Abendgebet«, sagte sie anschließend in einem Interview. »Wir waren alle gleichermaßen fasziniert: Wenn man morgens aufsteht, in die dunkle Kirche kommt, und das erste Morgenlicht durch die farbigen Fenster fällt, ist das ein wirklich erhebendes Erlebnis.« Man könne dann verstehen, warum sich Menschen heute dafür entscheiden, ins Kloster zu gehen.

Einstweilen jedenfalls sind alle Beteiligten hoffnungsvoll, dass es in absehbarer Zeit zu einer Lösung der Probleme kommt. Sowohl Ministerin Münch als auch der Görlitzer Bischof Ipolt betonen, mit Hochdruck an einer Lösung der Probleme zu arbeiten. Auch der Zisterzienserpater Simeon, der im nächsten Jahr erster Prior des Klosters werden soll, ist optimistisch. »Wir denken doch, dass Gott uns hierher gesandt hat«, sagt Pater Simeon. »Da kann ich mir nur schwer vorstellen, dass Gott jetzt nächstes Jahr sagt: Ätsch, das war jetzt nichts.«

Benjamin Lassiwe

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Lesen macht die Seele heil

1. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Der Buchmarkt nahm vor 500 Jahren seinen enormen Aufschwung – auch dank der Reformation. Noch immer steckt Luther in der deutschen Lesekultur.


Allen Krisen des Buches zum Trotz: Deutschland hat auch 2017 noch den zweitgrößten Buchmarkt der Welt, und im 500. Jahr des Reformationsjubiläums gibt es hier noch immer eine Lesekultur, die ihresgleichen sucht. Zwölf Bücher erwarb im Schnitt jeder Deutsche im vergangenen Jahr, laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Dabei ist es Theologen und Kulturforschern zufolge kein Zufall, dass das Leseland zugleich dasjenige der Reformation ist.

Als eine der »großen kulturellen Errungenschaften des Protestantismus« bezeichnet es der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Johann Hinrich Claussen, das »Lesen fast zu einer religiösen Tätigkeit« gemacht zu haben. Aus lutherischer Sicht gehört dies zum Glaubensleben dazu wie der Kirchengang: Dass ein Mensch sich selber bildet, indem er sich zurückzieht, ein Buch liest, den Text auf sich wirken lässt und ihn laut Claussen »in sich hineinbildet«. Dieses Bildungsverständnis hat die Deutschen seiner Meinung nach stark und letztlich konfessionsübergreifend geprägt.

Bildung: Dass Kinder lesen lernen, ist eine der großen Errungenschaften des Protestantismus. Foto: Konstantin Yuganov – fotolia.com

Bildung: Dass Kinder lesen lernen, ist eine der großen Errungenschaften des Protestantismus. Foto: Konstantin Yuganov – fotolia.com

Martin Luther (1483–1546) hatte die Alphabethisierung vorangetrieben, um den Gläubigen das Lesen der Bibel zu ermöglichen. Durch die Lektüre sollten sie sich – unabhängig von kirchlichen Autoritäten – selbst ein Bild vom gnädigen Gott machen. Das war das vornehmste Ziel. Die Bibel sei alles, was ein frommer Christ brauche, schrieb der Wittenberger Theologieprofessor. Der Reformator, der 1517 seine 95 Thesen zur Erneuerung der Kirche veröffentlicht und dadurch unbeabsichtigt deren Spaltung ausgelöst hatte, las selber begeistert im »Buch der Bücher«. Er las immer wieder, hatte geradezu ekstatische Leseerlebnisse. Ihm ging es vor allem darum, nicht möglichst viel, sondern das Richtige zu lesen. Das aber mit großer Intensität.

Eine Bücherflut beklagte er schon damals, als der Buchdruck – nicht zuletzt wegen der aufrüttelnden theologischen Dispute der Zeit – einen ungeheueren Aufschwung nahm. In seiner Schrift »An den christlichen Adel deutscher Nation« appellierte Luther 1520 an die Obrigkeit, die Schulbildung für das Volk voranzubringen, aber auch auf die Qualität die Bücher achten.

Zunächst erschienen Bibeln, Gebetsbücher und Erbauungsliteratur, die in Schulen und Hauskreisen gelesen wurden. Im 18. Jahrhundert rief die Entstehung des weltlichen Romans zugleich die Kritik auf den Plan: Theologen, für die Lesen und Glauben eng verbunden war, betrachteten die neue Unterhaltungsliteratur und die mit ihr verbundene »Lesesucht« mit Sorge.

Was dem Einzelnen als Tipp angesichts der Informations- und Bücherflut helfen mag, wird der Buchhandel nicht gerne hören. Heute hat die Branche, die ihren Aufschwung der Reformation vor 500 Jahren verdankt, tatsächlich zu kämpfen. In fünf Jahren (bis 2016) brach laut »Frankfurter Allgemeine Zeitung« der Umsatz gedruckter Bücher um 13 Prozent ein, E-Books konnten den Verlust nicht auffangen.

Die heutige von Digitalisierung, Smartphone und E-Mails bestimmte Kultur sei dem Lesen abträglich, sagt auch Claussen. Lesen bedeute, sich für eine längere Zeit zurückzuziehen aus dem »öffentlichen Dauergequassel«. Das werde heute immer schwieriger, weil man dauernd erreichbar sein müsse. Der Hamburger Theologe plädiert dafür, sich die Auszeit dennoch zu nehmen, gut lutherisch weniger und intensiver zu lesen. Dabei vor allem den eigenen »Lese­spuren« zu folgen statt algorithmisch vorgeschlagener Titel und Bestseller-Empfehlungen.

Dass das Lesen dem Seelenheil dient, sieht auch Claussen so. »Der Glaube kommt durch das Wort.« Und das könne man nicht nur hören, sondern auch lesen. Lesen heiße bei Luther immer auch deuten, es auf das eigene Leben beziehen, sagt Claussen. Und das sei die Grundbewegung des Glaubens, eine Botschaft nicht nur zu schlucken, sondern sie sich »kreativ anzueignen«.

Renate Kortheuer-Schüring (epd)

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


Tetzel – Ablass – Fegefeuer

24. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Die Ausstellung »Tetzel – Ablass – Fegefeuer« in Jüterbog nimmt die Frömmigkeit und Ablasspraxis am Vorabend der Reformation in den Blick. Der Ablassprediger Johann Tetzel wird dabei von einer verzerrenden Überlieferung befreit.

Ausstellungen zum Reformationsjubiläum gibt es an beinahe allen Stätten, die mit den konfessionellen Umwälzungen des 16. Jahrhunderts verbunden sind. Dabei scheint mancherorts der Andenkenvertrieb bis hin zum Lutherkitsch die Beschäftigung mit dem Ereignis vor 500 Jahren zu überlagern. Die Jüterboger Ausstellung hebt sich von derlei Rummel wohltuend ab. Im Mönchenkloster, ehemals Heimat des bedeutenden Franziskanerkonvents, und der Nikolaikirche, im April 1517 Predigtort Tetzels, wird die spätmittelalterliche Frömmigkeit sowie die Theologie und Praxis der Ablassverkündigungen dargestellt. Der historisch greifbare Johann Tetzel wird ebenso vermittelt wie die Entstehungsgeschichte der Legenden, die diesen Dominikaner bis heute entstellen.

Die Ausstellung wie auch der lohnende Begleitband setzen die Entwicklung der kirchlichen Bußpraxis von der öffentlichen zur privaten Beichte und die im Hochmittelalter entstandene Vorstellung vom Fegefeuer voraus. Anders als in der traditionellen Überlieferung der Reformationsgeschichte war nicht der Petersablass zum Bau des Petersdoms in Rom der Auslöser der Ablassbewegung, gegen die sich Luther auflehnte.

Ansteigende Rampe zum Kreuz: Die Ausstellung in Jüterbog macht auch durch ihre äußere Konzeption die Frömmigkeit im Vorfeld der Reformation erfahrbar. Foto: Thomas Marin

Ansteigende Rampe zum Kreuz: Die Ausstellung in Jüterbog macht auch durch ihre äußere Konzeption die Frömmigkeit im Vorfeld der Reformation erfahrbar. Foto: Thomas Marin

Nachdem in Rom bereits im Jahr 1300 das erste Heilige Jahr begangen wurde, propagierte zweihundert Jahre später Kardinal Raimund Peraudi als päpstlicher Ablasskommissar den Jubiläumsablass in Deutschland und Nordeuropa. Zuvor hatte es bereits Ablasskampagnen gegeben, deren Erlös vor allem der Abwehr der Türken im Mittelmeerraum diente.

Tetzel, der dem Leipziger Dominikanerkonvent angehörte und über eine gediegene theologische und juristische Bildung verfügte, war ab 1502 als Ablasskommissar tätig. Vor der Ablassverkündigung hatte ein solcher Kommissar die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Dazu gehörten Verhandlungen mit den jeweiligen Obrigkeiten über deren Anteil an den Einnahmen und die Abrechnung der Gelder. Kern derartiger Kampagnen war aber immer das religiöse Bedürfnis der Gläubigen nach Befreiung von den Folgen der eigenen Verfehlungen.

Bußpredigt und Beichte gehörten ebenso zum Gesamtkonzept eines solchen lokalen Jubiläumsablasses wie der Besuch festgelegter Pilgerkirchen nach dem Vorbild der römischen Hauptkirchen. Das finanzielle Opfer, quittiert durch die später berüchtigten Ablassbriefe, war nach dem Einkommen der Gläubigen in Tarife gestaffelt.

Übertreibungen in Predigt wie Organisation hat es dabei zweifellos gegeben, wobei der Hintergrund für Luthers Widerspruch weniger in der nur wenige Kilometer von Wittenberg entfernten Jüterboger Ablasskampagne von 1517, als in seinem theologischen Konzept von der Rechtfertigung allein aus Gnade und Glauben zu finden ist.

Der in Pirna geborene Johann Tetzel war Luthers Gegenspieler, nicht zuletzt durch Gegenthesen, die er 1518 mit dem Rektor der Universität Frankfurt an der Oder, Konrad Wimpina, verfasste. Das große Gegenbild zum Reformator entstand aber erst nach Tetzels Tod durch Legendenbildungen, die sich bis zur Dämonisierung Tetzels steigerten. Hatte der Reformator dem Dominikaner noch kurz vor seinem Tod einen Trostbrief geschrieben, wurde er in Luthers letzten Lebensjahren zunehmend negativ ausgeschmückt. Ein Jahrhundert nach der Reformation war aus Johann Tetzel ein dummer und gewissenloser Schreihals, Betrüger und Ehebrecher geworden.

Die Jüterboger Ausstellung gibt einen spannenden Einblick in die Mentalität und Frömmigkeit der Reformationszeit. Der Begleitband ordnet die Ablasspraxis und die Person Tetzels in die Kirchen- und Landesgeschichte ein, zeigt die Nutzung von Kunst und Drucktechnik für die seelsorglichen wie wirtschaftlichen Wirkungen der Ablasskampagnen auf und wirft mit diversen neuen Forschungsergebnissen ein spannendes Licht auf Leben und Legende Johann Tetzels.

Thomas Marin

Bis 26. November im Mönchenkloster und in der Nikolaikirche in Jüterbog, täglich 10 bis 18 Uhr (Fr. u. Sa. bis 19 Uhr), Eintritt 7 Euro

H. Kühne, E. Bünz, P. Wiegand: »Johann Tetzel und der Ablass«, Lukas-Verlag, 427 S., ISBN 978-3-86732-262-1, 29,80 Euro

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

»Ich habe nie Angst vor dem Tod gehabt«

14. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Bodenständig und eigenwillig: Die Schauspielerin Marianne Sägebrecht gilt vielen als bayerisches Unikum. Die 72-Jährige engagiert sich als Patin in der Hospizarbeit. Im Gespräch anlässlich des Welthospiztages am 14. Oktober beschreibt sie ihre Beweggründe.

Frau Sägebrecht, welche Begegnungen mit dem Sterben hatten Sie in Ihrem Leben?
Sägebrecht:
Schon als ich 13 Jahre alt war, hat mich unser Kaplan mit ins Krankenhaus zu Sterbenden genommen. Er hat zu mir gesagt: »Marianne, du hast so eine schöne Stimme und eine beruhigende Wirkung.« Also bin ich mit zur Letzten Ölung. Ich habe nie Angst vor dem Tod gehabt. Mich haben diese Begegnungen ganz erfüllt.

Bei uns auf dem Dorf waren auch die Rituale ganz anders, man hat seine Toten aufgebahrt, und dann durften wir alle kommen und die alte Bäuerin berühren und küssen. Das war ganz natürlich, ganz selbstverständlich!

»Bevor man aus dem Leben geht, hat man noch viel zu tun«: Mit ihrem Engagement in  der Hospizarbeit setzt sich Marianne Sägebrecht dafür ein, dass der Tod wieder einen Platz im Leben der Menschen bekommt. Foto: epd-bild

»Bevor man aus dem Leben geht, hat man noch viel zu tun«: Mit ihrem Engagement in der Hospizarbeit setzt sich Marianne Sägebrecht dafür ein, dass der Tod wieder einen Platz im Leben der Menschen bekommt. Foto: epd-bild

Heute sterben so viele Menschen allein im Krankenhaus – das ist für mich das Schlimmste! Die liegen dann so klein und fein in ihren Betten, wie alte Babys. Bei der Geburt gibt es die Hebammen – ich finde, es müsste auch beim Sterben jemand geben, der einen begleitet.

Das machen die Mitarbeiter in den Hospizen …
Sägebrecht:
Ja, deshalb bin ich seit einem Jahr Patin des Christophorus Hospiz Vereins. Allein in München hat der Verein 59 Ehrenamtliche. Viele Frauen, aber auch Männer und junge Leute, machen die schwierige Ausbildung zum Hospizhelfer. Dann gehen sie ins Hospiz oder in die Familien und reden mit den Menschen, lesen vor, sind einfach da. Sie begleiten die Familien seelisch, und sie wissen, wie man durch palliative Behandlung Schmerzen lindern kann. Das muss auf lange Sicht einfach mehr werden! Und das müssen die Menschen ehrenamtlich leisten, der Staat wird das nicht machen.

Warum ist es besser, im Hospiz zu sterben?
Sägebrecht:
Im Krankenhaus zu sterben ist Stress. Ich habe schon erlebt, dass Sterbende in den Abstellraum geschoben wurden, wo der Besen an der Wand hängt, weil die Pflegekräfte – und das ist kein Vorwurf –
einfach keine Zeit hatten. Das kann nicht angehen, da müssen wir entlasten!

Denn bevor man aus dem Leben geht, hat man noch viel zu tun. Man muss den anderen vergeben, sich selbst vergeben, sich versöhnen. Das ist die Vorbereitung auf die große Reise. Im Hospiz findet man dafür Ruhe und Frieden und Menschen, die einen seelisch begleiten.

Sie haben seit sechs Jahren eine eigene Lesungsreihe mit dem Titel »Lieder und Gedichte vom Sterben fürs Leben«. Taugt das Thema für den Konzertsaal?
Sägebrecht:
Aber ja. Das ist wie eine Messe. Ich muss das mit voller Seele vertreten, sonst ist es unglaubwürdig. Aber dann ist es eine besondere Stimmung. Das Publikum ist ganz zärtlich miteinander. Viele gehen aus der Lesung raus wie auf Wolken und kehren zurück zum Leben.

Wir müssen den Tod nicht immer so wegschieben, wir sollten ihn lieber mit an den Tisch nehmen. Jeder Tag, der vergeht, stirbt. Wenn der Winter kommt, stirbt scheinbar die Natur, bevor sie im Frühjahr wieder voll zum Leben erwacht. Manchmal stirbt auch die Liebe zu einem Menschen. Wir können das nicht trennen: Hier ist das Leben, da der Tod. Es gehört alles zusammen. Man erlebt bei diesen Abenden die Fülle des ganzen Kosmos und geht mit Kraft und Mut wieder raus ins Leben. Und das Wichtigste: All diese Menschen, deren Geschichten erzählt werden, waren nicht allein. Andere haben sie beschützt und begleitet. So konnten sie geborgen in die andere Dimension gehen.

Was ist das für Sie: die andere Dimension?
Sägebrecht:
Ich glaube, dass wir nach dem Tod ins Licht gehen. Es gibt so viele Berichte von Menschen, die man wieder zurückgeholt hat, die alle davon erzählen, dass da erst ein Tunnel kommt und dann das Licht.

Der Pfarrer meiner Kindheit hat gesagt: Nach dem Tod geht die Seele erst durch einen Tunnel, dort sieht sie nochmal ihr ganzes Leben. Sie muss es anschauen, kann aber nichts machen. Und danach kommt sie ins Licht, wo die verwandten Seelen warten, eine freie Dimension … Diese Vorstellung von Hölle und Himmel gefällt mir. Natürlich baut das alles auf Glaube auf. Ich respektiere, wenn jemand nicht an eine Seele oder an eine Dimension nach den Tod glaubt. Aber für die Menschen, die an nichts glauben, ist es besonders wichtig, dass sie nicht alleine sterben. Denn wenn sie an den Punkt des Übergangs kommen, ist die Seele ja trotzdem da. Dann wird es manchmal schwer, loszulassen und zu gehen.

Die Hospizbewegung hat immer mehr Akzeptanz in der Gesellschaft gefunden. Was ist noch zu tun?
Sägebrecht:
Wir gehen geheimnisvoll in eine bessere Zeit: Vom Goldenen Kalb zum goldenen Herz, wir sind mittendrin. Für diese Überzeugung werde ich immer verlacht, aber ich höre nicht mehr auf die, die immer nur negativ reden. Egal, ob es ums Klima geht, um Flüchtlinge oder ums Sterben: Wir können alle Anteil nehmen, wenn wir alle zusammen helfen. Die Menschen haben keine Angst vor dem Tod, sondern davor, dass sie alleine sterben müssen.

Fit bis zum letzten Tag – diesen Werbeslogan finde ich furchtbar! Natürlich wünsche ich mir körperliche Fitness und geistige Wachheit bis zum Schluss, aber es geht nicht immer nur um die Materie – wichtig ist die Versöhnung! Wir müssen mit Distanz, Vorsicht und Liebe die Versöhnung in Bewegung bringen, damit die Menschen in Frieden auf die letzte Reise gehen können.

Welche Rituale gefallen Ihnen beim Thema Sterben und Tod besonders?
Sägebrecht:
Eine schöne Beerdigung finde ich wichtig. Jeder Mensch hat eine Aussegnung verdient und zumindest ein Taferl, auf dem sein Name steht und wann er gekommen und gegangen ist. Ich finde es schön, wenn die Freunde und Familien nach der Beerdigung noch zusammensitzen und auf den Verstorbenen anstoßen. Dann erzählt jeder die Geschichten, an die er sich erinnert. In Mexiko oder im jüdischen Glauben geht es bei Beerdigungen viel lebendiger zu, da wird das Leben gefeiert! Wir sind mehr so Trauerklöße. Aber wer zurückbleibt, trauert mehr als der, der gegangen ist: Seine Seele ist ja schon im Licht.

Die Fragen stellte Susanne Schröder.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Schwere Erinnerungen

8. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Eichmann-Prozess: Holocaust-Überlebender und Eichmann-Vernehmer berichtet

An die erste Begegnung mit dem früheren SS-Obersturmbannführer und Organisator des Holocausts, Adolf Eichmann, kann sich Michael Goldmann-Gilead noch genau erinnern. Er habe es erst gar nicht glauben wollen, dass dieser Mann einer der Hauptverantwortlichen für die Ermordung von Millionen Juden gewesen sein soll, erinnert sich der ehemalige Polizeioffizier. »Aber als er den Mund geöffnet hat, hatte ich den Eindruck, dass sich die Tore zu den Gaskammern öffnen.«

Goldmann-Gilead erzählt von seinen Erfahrungen mit einer der Schlüsselfiguren des Holocausts im Vorfeld des Eichmann-Prozesses in Jerusalem. Der einstige Vernehmer gibt im Rahmen des Zeitzeugenprojektes »Fragt heute!« der Landeszentrale für politische Bildung des Landes Sachsen-Anhalt einen Einblick in die Vorgeschichte und den Verlauf des Prozesses. In seinen Ausführungen geht es um die Bedeutung des Verfahrens für die Aufarbeitung des Holocausts. Und Goldmann-Gilead weiß, wovon er spricht. Er wird 1925 in Kattowitz als Kind jüdischer Eltern geboren und wächst in Oberschlesien auf, bis die Familie 1939 vor den Nazis flieht. Mit 17 Jahren verliert er seine Eltern und seine damals zehnjährige Schwester, die ins Vernichtungslager Belzec gebracht werden. Er selbst überlebt Zwangsarbeit, Peitschenschläge und das KZ Auschwitz. Bei einem Todesmarsch gelingt ihm im Januar 1945 die Flucht. Zwei Jahre später setzt er sich nach Israel ab, wo er bis heute lebt. Dort wird er Polizist und meldet sich freiwillig für die Aufgabe als Vernehmer. »Als Ministerpräsident David Ben-Gurion in der Knesset erklärt hat, Eichmann sei in Israel, hat mich das elektrisiert«, erinnert er sich.

Für den Prozess sammelte Goldmann-Gilead Informationen. Zusammen mit seinen Kollegen der Spezialeinheit »Büro 06« ist er maßgeblich mit an der Anklage beteiligt. 1961 eröffnet das Bezirksgericht in Jerusalem das Verfahren gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer, der einer der führenden Köpfe der Wannsee-Konferenz war, auf der 1941 die »Endlösung der Judenfrage« beschlossen wurde. Am Ende des Prozesses steht das Todesurteil, das 1962 vollstreckt wird. Die Leiche des NS-Verbrechers wird verbrannt und die Asche im Mittelmeer ausgeschüttet.

Zeitzeuge: Michael Goldmann-Gilead. Foto: Martin Hanusch

Zeitzeuge: Michael Goldmann-Gilead. Foto: Martin Hanusch

Mitunter ringt Michael Goldmann-Gilead bei seinem Bericht um die richtigen Worte und unterstreicht seine Ausführungen mit Kopien von Dokumenten. Er will zeigen, dass Eichmann eben nicht »die kleine Schraube in der Vernichtungsmaschinerie« war, wie er selbst behauptete, sondern einer der Hauptverantwortlichen für die massenhafte Deportation und Ermordung der europäischen Juden. Hier widerspricht er auch der Darstellung der jüdischen deutsch-amerikanischen Publizistin Hannah Arendt, die mit ihrer Formulierung von der »Banalität des Bösen« weithin die Sicht auf den Prozess bestimmt. »Eichmann war nicht nur Befehlsempfänger, er war ein Judenhasser, der sich gezielt für die Liquidierung der Juden eingesetzt hat«, ist Goldmann-Gilead überzeugt. Im Prozess sei nachgewiesen worden, dass er auch selbst Befehle gegeben habe.

Die historische Bedeutung des Eichmann-Prozesses sieht Goldmann-Gilead aber vor allem darin, »dass die Menschen in Israel erfahren haben, was damals passiert ist«. Lange sei das kein Thema gewesen, hätten die Überlebenden geschwiegen. »Die Menschen konnten nicht glauben, was wir mitgemacht haben.« Der Prozess habe den Holocaust-Überlebenden die Möglichkeit gegeben, nicht nur den Mund zu öffnen, sondern auch ihr Herz.«

Noch heute beschäftigt den 92-Jährigen der Holocaust. »Es ist nicht leicht, sich zu erinnern, und schwer zu vergessen«, sagt er. Aber über das zu berichten, was damals geschehen ist, sei seine Pflicht. Seine eigene Person und Rolle will er dabei nicht in den Vordergrund stellen. Wichtiger ist es ihm, dass die nachfolgenden Generationen aus der Vergangenheit lernen. Die Kinder und Enkel seien nicht verantwortlich für die Taten ihrer Eltern und Großeltern, gibt er den Besuchern mit auf den Weg. »Aber es ist wichtig, die Lehren daraus zu ziehen und die Demokratie zu verteidigen.«

Zuletzt sprach er darüber, wieso er den Glauben an die Menschen trotz all des Grauens nicht endgültig verloren habe – den Glauben an Gott hat er ohnehin nie verloren. Es seien diejenigen gewesen, die sich unter Lebensgefahr für ihre jüdischen Mitbürger eingesetzt und sie versteckt hatten, die ihm den Glauben an die Menschheit wieder zurückgegeben hätten, so Goldmann-Gilead. »Diese Gerechten unter den Völkern waren die Sterne, die in der dunklen Nacht des Holocausts geleuchtet haben, das vergessen wir nicht.«

Martin Hanusch

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Das älteste Rezept der Welt

3. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Essen mit Migrationshintergrund

Seit Jahrhunderten wandern nicht nur Produkte wie Kartoffeln oder Tomaten von Amerika nach Europa. Auch Kräuter und Zubereitungen werden weltweit abgeschaut, nachgemacht und weiterentwickelt, zum Beispiel Sushi, Curry, Brote und Basmati-Reis. Oft lässt sich gar nicht mehr nachvollziehen, wer ein »Urheberrecht« für sich beanspruchen kann. Umso lächerlicher ist der seit Jahrzehnten »tobende« Kampf zwischen Israelis und Palästinensern, wer denn den Humus (Kichererbsenbrei) erfunden und für sich als »Nationalspeise« betrachten darf. Tatsache ist, dass in der heutigen Türkei Kichererbsen schon vor 13 000 Jahren angebaut wurden und dass die biblische Ruth nach einer Reise im Felde ihr Fladenbrot in Humus getunkt hat und nicht in Essig, wie das hebräische Wort »Hometz« fälschlich übersetzt worden ist. (Ruth 2,14)

In der Bibel verbietet Gott seinem Volk, den Israeliten: »Du sollst nicht das Zicklein in der Milch seiner Mutter kochen.« Diesen Spruch kann man als Rezept betrachten, auch wenn die Mengenangaben und mögliche Gewürze fehlen. Tatsächlich dachte Gott an eine Götterspeise, die »Heiden« im Libanon dem Gott Baal als Opfer darboten und danach verspeisten.

»Weiße Steine«: Getrocknete Ziegenmilch, die ohne Kühlung »ewig« hält. Foto: Ulrich W. Sahm

»Weiße Steine«: Getrocknete Ziegenmilch, die ohne Kühlung »ewig« hält. Foto: Ulrich W. Sahm

Bei den Juden entwickelte sich dieser Rezeptvers zu einem der teuersten und schwierigsten Speisegesetze überhaupt. Auf Schweinefleisch, Krabben, Aal oder Kamelfleisch kann man leicht verzichten, zumal derartige »unkoschere« Zutaten in Supermärkten in Israel gar nicht erst angeboten werden. Aber die strikte Trennung von »Fleischigem« und »Milchigem« ist äußerst mühselig, nicht nur in koscheren Res­taurants, wo man einen Milchkaffee nach einem Steak nicht bestellen kann. In den Heimen frommer Juden gibt es in der Küche zwei Waschbecken, zwei Kühlschränke und, schlimmer noch, zwei Sets von Geschirr, Kochtöpfen und Besteck. Diese Koschergesetze haben durch die Jahrhunderte dafür gesorgt, dass die Juden »unter sich« blieben und sich nicht mit der Nachbarschaft vermischten. Gleichwohl sieht und schmeckt man anhand »typisch jüdischer Gerichte« aus Polen, Indien, Jemen oder Marokko, wie die Juden dennoch in aller Welt gut integriert waren. Die lokalen Speisen, Gerüche, Gewürze und Zutaten haben sie aufgesogen und gemäß ihren »koscheren Bräuchen« umgewandelt. Dieser kulturell-kulinarischen Vielfalt begegnet man ausgerechnet im winzigen Israel, in das Juden aus über 170 Ländern eingewandert sind.

Die »palästinensische« Küche hat genauso Wandlungen durchgemacht. Die Araber – und mit ihnen auch Juden und Christen – lebten jahrhundertelang im osmanischen Reich, das von Algerien über Ägypten und Jemen bis Bagdad reichte. Die Küche des Sultans von Istanbul war tonangebend. Aber örtliche Traditionen wurden ausgetauscht und in die Ferne getragen. So auch das biblische Gericht »Zicklein in der Milch seiner Mutter«. Erstaunlicherweise hat sich das nicht nur im Libanon als Festspeise erhalten, die bei keiner Hochzeit und bei keinem Staatsempfang fehlen darf. Entsprechend abgewandelte Rezepte dazu findet man auch im Iran oder in Ägypten.

Heute muss es nicht Zicklein sein. Lamm, Rind oder Hühnerfleisch können genauso gut verwendet werden. Das Fleisch sollte separat in Wasser vorgekocht werden, gewürzt mit vielen im Mörser zerschlagenen Kardamomkapseln, Lorbeer und Zwiebel.

Entscheidend ist die »Milch«. Die ist etwas Ungewöhnliches. Man findet sie bei Gewürzhändlern in arabischen Basaren. In schäbigen Kartons werden da weiße »Steine« angeboten. Sie stinken wie »ungewaschene Füße« oder eben sehr streng nach Ziege. Bis heute wird dieses »Kischk« in einem dreiwöchigen Prozess nach uralter Methode per Hand hergestellt. So wird kostbare Milch für den Winter konserviert. Kühlschränke sind eine moderne Erfindung. Zunächst wird frisch gemolkene Milch in einer Ziegenhaut geschwenkt. Das »rayeb« teilt sich in »zebda« (eine reiche Creme wie saure Butter) und »shanina« (Joghurt mit wenig Fett).

Die Masse mit dem berauschenden Duft saurer Milch wird mit Burgul, zerkleinertem Weizen, vermengt und zehn Tage lang immer wieder kräftig mit den Händen geknetet. Die Milch fermentiert mit dem Weizen und viel Salz, bis aus der Masse kleine Kegel geformt werden können. Die werden an der Sonne, meist auf den Flachdächern, getrocknet. Das Ergebnis ist dieser weiße »Stein«, der ohne jede Kühlung »ewig« hält. Er kann gerieben und wie Parmesankäse über Gerichte gestreut werden. Für das klassische Gericht »Zicklein in der Milch« wird der Stein am Abend in kochendes Wasser gelegt. Am nächsten Tag ist er so weich, dass er mit Hand oder in einem Mixer zerschlagen und gesiebt werden kann. Dieser Prozess wird so oft wiederholt, bis keine »Krümel« mehr übrigbleiben. Das ist dann die Grundlage für eine stark nach Käse duftende Soße, in der am Ende das Fleisch unter ständigem Rühren noch einmal aufgekocht wird. Das Ergebnis ist »Mansaf«, wie die Jordanier ihr Nationalgericht nennen.

Die Araber wissen durchaus, dass sie hier eine uralte, biblische Tradition bewahren. Dieses ist vielleicht das beste Beispiel, wie einerseits kulinarische Traditionen gepflegt und weitergereicht werden. Andererseits vertieft es auch die kulturelle Kluft zwischen den Völkern, da für Juden dieses Gericht ein Tabu ist, ähnlich wie in Deutschland seit dem 8. Jahrhundert Pferdefleisch verpönt ist. Ulrich W. Sahm

Buchtipp
Köstliches Israel. Rezepte, Traditionen, Feiertage, SCM-Collection, 144 S., ISBN 978-3-7893-9807-0, 16,95 Euro

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Mogul und Gauner

25. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Eine alte indische Legende – nacherzählt von Katrin Martin mit einer Illustration von Maria Landgraf

Im fernen Indien geschah es einst, dass man einen Gauner aufgriff, der hartnäckig mein und dein verwechselte. Ihm drohte der Tod. Da bot er im Tausch um sein Leben den Häschern ein Geheimnis an: Nämlich wie Bäume gepflanzt werden, die goldene Früchte tragen!

Davon nun hörte der Mogul des Landes und der dachte bei sich, ein Versuch könne nicht schaden. Der Bösewicht wurde zu ihm gebracht und erklärte, er könne dieses Kunststück sofort vorführen. Er benötige nichts weiter als einen Klumpen Gold und eine Schaufel.

Illustration: Maria Landgraf

Illustration: Maria Landgraf

Der König überlegte einen Augenblick, dann sprach er: »Gut, ich will es mit dir versuchen. Falls alles so klappt, wie du sagst, lasse ich dich frei – im anderen Fall werde ich dich ohne Zögern hängen lassen.« Am nächsten Morgen erschien der König mit seinem gesamten Hofstaat im Garten. Der Gauner verneigte sich tief vor der prachtvoll gekleideten Versammlung und sagte: »Großmächtiger Mogul, du wirst sehen, es ist alles ganz einfach: Ich werde nun ein Loch in den Boden graben, lege den Goldklumpen hinein und werde ihn sodann drei Tage lang mit drei Eimern Wasser begießen. Und du wirst erleben, wie dann ein Baum wächst, der nach weiteren dreimal drei Tagen die ersten drei goldenen Früchte trägt, die täglich neu wachsen und genau das Gewicht des gepflanzten Goldes haben.«

»Nun denn«, sprach der König, »was redest du so lange, geh an die Arbeit. Und sind nach zwölf Tagen die ersten Früchte nicht zu sehen, dann marschierst du zum GaIgen.«
»Oh, großer Mogul«, erwiderte da der Dieb, »ich selber kann dies nicht bewirken. Denn merke: Die Hand, die das Gold pflanzt, darf nie unrechtes Gut berührt haben, sonst wirkt der Zauber nicht. Mir nützt also mein Wissen nichts. Du selber jedoch, großherziger Herrscher …«

Des Königs Hand zuckte nach dem Spaten. Doch dann fielen ihm seine Taten im letzten Krieg ein. »Ich weiß nicht recht«, sprach er nach einigem Nachdenken. »Das Land, das ich eroberte und meinem Reich einverleibte, nahm ich zwar mit dem Recht des Siegers, aber wer weiß, vielleicht kann auch eine solche Tat den Zauber ungünstig beeinflussen. Möge eine andere Hand die Schaufel ergreifen.«

Er winkte seinen Schatzmeister heran. Der aber wich zurück, anstatt näher zu treten. »Oh, großer Mogul«, wand er sich, »so unverbrüchlich ehrlich ich stets dir gegenüber ge-
wesen bin und auch dem Reich natürlich – so mag es doch sein, dass einmal – von mir unbemerkt – ein böser Zufall es zuließ, dass in deiner Schatzkammer ein Goldstück an meinen Schuhsohlen kleben blieb und auf diese Weise …«

»Schon gut«, wehrte der Mogul ab. »Mein unbestechlicher Oberrichter des Reiches soll den Spaten ergreifen!«

Der hohe Richter erhob sich mit einer Verbeugung. »Nur zu gerne würde ich meinen Teil dazu beitragen, den Reichtum des Landes zu nähren. Doch ach, es geht nicht – ausgerechnet in diesem Augenblick beginnt ein wichtiger Prozess, den ich keinesfalls versäumen darf. Sagst du selbst nicht stets, die Gerechtigkeit dürfe man keinen Augenblick warten lassen?«

Da lächelte der König und sprach: »Eile nur und lass deinen Prozess nicht aus! Dann soll …« Und als er sich umsah, fand er sich allein mit dem Dieb – und erblickte gerade noch die letzten seines Hofstaates um die Palast-Ecke hetzen. »So also ist das. Du hast uns eine gute Lehre gegeben, Dieb. Und da es mit dem Goldbaum nichts zu werden scheint, will ich mich mit der Moral begnügen. Nimm das Geld, Gauner, und gehe deiner Wege – aber lasse dich in meinem Reich nicht mehr sehen!«

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


Luther und der Hammer

18. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

In Gotha ist bei Erschließungsarbeiten am Nachlass des Theologen und Bibliotheksdirektors Ernst Salomon Cyprian eine Federzeichnung entdeckt worden, die einer der ersten Belege für die Visualisierung des Thesenanschlags Martin Luthers mit dem Hammer ist. Die Zeichnung wurde nach einem anlässlich des Reformationsjubiläums 1717 im dänischen Aalborg ausgestellten Schaubildes angefertigt. Das teilte die Universität Erfurt mit, zu der die Gothaer Forschungsbibliothek gehört.

Dass der Reformator am 31. Oktober 1517 mit einem Hammer seine 95. Ablassthesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg schlägt, ist ein Bild, dass 500 Jahre Reformationsgeschichte überdauerte. In der Forschung ist diese Zuspitzung auf den Hammer jedoch umstritten, da dieses Bild bisher als eine Prägung des 19. Jahrhunderts galt. Jedoch wurde nie untersucht, wann und wo das populäre Motiv »Luther mit dem Hammer« tatsächlich entstand.

Gemeinsam mit anderen Objekten lässt der Fund den Schluss zu, dass der historisch nicht verbürgte Thesenanschlag mit dem Hammer zwar mit deutlichem Abstand zur Reformationszeit, aber schon weit vor dem 19. Jahrhundert erstmals dargestellt wurde.

Mirjiam Petermann

Klingende Zukunft

7. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

30 Jahre Handglockenchor Gotha

Wieder einmal: Luther. Zu seinem 500. Geburtstag, den 1983 auch die DDR-Staatsführung groß feierte, rückten Augustinerkloster und -kirche Gotha in den Fokus. Mehrfach hatte hier der Reformator gepredigt. Das faszinierte bei seinem Besuch den amerikanischen Pastor Larry Hoffsis aus Ohio ebenso wie die Historie der Gebäude. Er wollte unbedingt mit seiner Gemeinde eine Partnerschaft mit der Augustinergemeinde begründen. Ein nicht zu erfüllender Wunsch in jenen Jahren. »Wenn was ging, dann auf kultureller oder sportlicher Ebene«, sagt Kirchenmusikerin Elke Eichhorn.

1985 reiste der Handglockenchor aus Dayton (Ohio) nach Thüringen und gastierte auch in Gotha. »Was wir da hörten, war so ungewöhnlich wie einmalig«, erinnert sich die Musikerin. Wenig später fragte der Landeskirchenmusikdirektor sie rundheraus, ob sie sich zutraue, einen Handglockenchor zu leiten. Warum nicht mal tun, was völlig unbekannt ist, entschied Elke Eichhorn. Dann dauerte es noch zwei Jahre, ehe alle Formalitäten erledigt waren und Larry Hoffsis mit seiner Frau Cindy einen Satz Handglocken als Geschenk der Epiphany Lutheran Church an die Augustinergemeinde übergeben konnte.

Foto: Tino Sieland

Foto: Tino Sieland

Ein Geschenk, das nachhaltig ist. Damit wurde eine dreißigjährige Geschichte begründet. Vom 8. bis 10. September feiert der Chor sein 30-jähriges Bestehen.

»Nach einem Schnellkurs konnten wir in langsamem Tempo drei, vier Lieder spielen«, so Elke Eichhorn. Aber der Anfang war gemacht. 1988 reiste sie zu einem Workshop für Handglockenspieler und -chorleiter in die USA.

Unter den jungen Handglockenspielern vor 30 Jahren war auch der achtjährige Sohn der Kirchenmusikdirektorin. Matthias Eichhorns Begeisterung für diese Musik ist seitdem ungebrochen. 2005 hat er von seiner Mutter die Leitung des Handglockenchors übernommen. »Als Jazzmusiker hat er weitere Klangfarben in unsere Musik gebracht«, freut sich die Mutter, die natürlich weiterhin im Ensemble aktiv ist.

Die Liste der Konzerte ist lang. Zu Hause in der Augustinerkirche erspielte er in Benefizkonzerten Geld für den Orgelneubau. Mit der Wiedervereinigung weitete sich auch der Radius der Aufführungsreisen. Eine erste CD bringt der Chor 1995 auf den Markt, die vierte erscheint pünktlich in diesen Tagen zum Jubiläum.

Nachwuchssorgen, sagt Elke Eichhorn, hat der Handglockenchor nicht. Und das zeigt, mit seinen 30 Jahren ist er erstaunlich jung. Und blickt in eine klingende Zukunft.

Klaus-Dieter Simmen

Programm zum Festwochenende:

8. September, 18 Uhr Auftaktabend,

9. September, 18 Uhr Festkonzert in der Augustinerkirche,

10. September, 10 Uhr Festgottesdienst in der Margarethenkirche

www.hgcg.de

Dem Hamsterrad entkommen

4. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Neue Wege: Die MDR-Moderatorin Katrin Huß verließ überraschend das Fernsehen – und entdeckt seither das Leben neu. Sie macht Mut, das loszulassen, was einen ausbremst.

Vor etwa einem Jahr hat die langjährige MDR-Moderatorin Katrin Huß (47) mitten im prallen Leben innegehalten – und eine überraschende Entscheidung getroffen: Sie hat ihren Vertrag beim MDR nicht verlängert und die erfolgreiche Kar­riere als Moderatorin und Reporterin an den Nagel gehängt. Nach fast 20 Jahren. Eigentlich – so sollte man meinen – hätte alles noch mindestens 20 Jahre so weitergehen können. Katrin Huß liebte ihren Beruf. Und strahlte das auch immer aus, zum Beispiel bei der Sendung »Hier ab vier«.

Friedenslauf von Rom nach Wittenberg: Katrin Huß und Laufpartner  Timo Hoffmann. Foto: Facebook.com/Friedenlauf

Friedenslauf von Rom nach Wittenberg: Katrin Huß und Laufpartner Timo Hoffmann. Foto: Facebook.com/Friedenlauf

Doch dann kam der 14. Juli 2016. Auf ihrer Facebook-Seite verkündete Huß mit wenigen Zeilen ihren Rückzug: »Irgendwann kam der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass ich vergessen hatte, meine eigene Lebensgeschichte zu schreiben. Ich habe keine Kinder, keine eigene Familie, wenig Zeit für Freunde und noch weniger Zeit für die Liebe. Ich bin erfolgreich mit dem was ich tue, aber bin ich erfüllt?« Und sie schreibt von ihrer einschneidenden Erkenntnis: »Auch ein Hamsterrad sieht von innen aus wie eine Karriereleiter und oft merkt man zu spät, dass man auf der Stelle tritt.«

Katrin Huß entflieht dem Hamsterrad. Sie bezeichnet den Schritt als eine »180-Grad-Wendung«. »Ich musste mich in den letzten Jahren manches Mal verbiegen, die Leichtigkeit und Fröhlichkeit war weg.« Und dann kamen auch noch Rückenbeschwerden. Für Huß lief es auf eine Entscheidung hinaus. Ein Motto, das sie beim Yoga gelernt hatte, ging ihr im Kopf herum: »Lass los, was dich ausbremst.« Und das habe sie dann einfach gemacht, sagt sie.

Freilich sprang sie nicht ganz ins Leere. Seit einem Jahr betreibt sie ein kleines Yoga-Studio in Markkleeberg bei Leipzig. Doch trotzdem gab es auch Befürchtungen. Wird das Leben mit weniger Einkommen und weniger Rampenlicht funktionieren? Heute kann Katrin Huß aus vollem Herzen sagen: Ja, es funktioniert. Und zwar sehr gut. »Ich fühle mich leicht und bin dankbar, intuitiv die richtige Entscheidung getroffen zu haben«, bekennt sie und ergänzt schmunzelnd: »Ich warte immer noch auf das Loch, in das ich falle, aber da kommt keines.«

Endlich habe sie nun mehr Zeit für ihre Eltern. Und für alles, was bisher zu kurz gekommen ist – das Gärtnern oder das Kaffeetrinken mit Freunden. »Ich mache das jetzt alles, ich warte nicht mehr«, sagt sie. Nebenbei bildet sie sich weiter zur Übungsleiterin im Reha-Sport. Und auch Veranstaltungen moderiert sie noch. Sie will Menschen Mut machen, ihr Leben in die Hand zu nehmen und zum Positiven zu verändern. »Dabei bin ich selbst das beste Beispiel, wenn ich den Leuten sage: Entschleunigt mal, fahrt mal runter, ihr müsst nicht perfekt sein.« Manchmal muss sie dann über ihre Lebenswende schmunzeln. »Früher habe ich die Menschen dazu ›verdonnert‹, nachmittags zwei Stunden vor dem Fernseher zu verbringen. Und heute animiere ich sie, hinauszugehen und selbst aktiv zu werden.«

Zu einem erfüllten Leben gehört für Huß immer auch der Blick auf diejenigen, denen es nicht so gut geht. Deshalb war sie im April mit dabei beim Friedenslauf von Rom nach Wittenberg – vom Papst zu Luther. »Damit wollten wir einfach ein Zeichen setzen für Frieden, Demokratie und Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit.« Einen schöneren Ausklang der Luther-Dekade kann sich Huß nicht vorstellen. Doch die vergangenen Monate von Katrin Huß zeigen: Der wichtigste Lauf ist der zu sich selbst – und zu dem, was wirklich zählt im Leben.

Stefan Seidel

Das vergrämte Weiblein

27. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Erzählung von Alexander Roda Roda mit einer Illustration von Maria Landgraf

Zum kalvinistischen Pfarrer Doktor Kando kam ein vergrämtes Weiblein. Sie mochte vierzig zählen – in diesem Alter sind Bäuerinnen schon vergrämt. – Er musterte sie und kannte sie nicht. Sie war also nicht aus seinem Sprengel. Oder katholisch. Ja, bestätigte sie, katholisch ist sie; die Pottbäuerin von Batajnitza. Und was sie wünsche?

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

Sie kauderte lang herum – denn einem Weiblein aus dem Dorf fällt reden mit Städtischen so schwer wie dem Gymnasiasten das Aufsatzschreiben. Endlich würgt sie hervor: Ob Hochwürden … – Der Pfarrer lehnt den Titel ab. Ob also der Herr Pfarrer der Pottbäuerin ihren Mann nicht könnte machen lutheranisch?

»Kalvinistisch, meinen Sie?« – »Lutheranisch oder galvinisch –, versteh des nit aso.« – Gewiss, antwortet befremdet der Pfarrer – gewiss, der Pottbauer könne zum kalvinischen Glauben übertreten; falls er nämlich dazu die rechte Berufung in sich fühle.

Gut, sagte das Weiblein, dann möchte der Herr Pfarrer den Pottbauern kalvinisch machen, noch heute. Und wie viel es wohl kosten wird? »Nicht so, liebe Frau! Der Bauer muss erst herkommen; muss selber seinen Willen kundtuen; und nachweisen, dass er die Lehren des kalvinischen Bekenntnisses wohl innehat; muss den Austritt aus der katholischen Kirche anmelden und feierlich unser Bekenntnis ablegen. Wo ist denn der Bauer?« – Sie blickte zu Boden und sprach langsam: »Der ist net hier.« – »Dann lassen Sie ihn holen.« – »Des is ja: man kann net.« – »Warum nicht?« – »Er is dot; dot seit fuffzehn Jahren!«

Der Pfarrer war ganz verdutzt. – »Tot ist der Bauer? Seit fünfzehn Jahren? Und möchte kalvinisch werden? Was soll das Ganze überhaupt?« Das Weib­lein atmete tief auf und sprach mutig: »Hochwürden, i sag’s wie’s is – es is aso: Mein Seliger war a sehr frommer Grist …« – »Katholischer Christ, nicht wahr? Sagten Sie doch?« – »Ja. A sehr a guder Grist. Aber an eigener Mensch – alls hod müssen nach seinem Kopf gehn. Un so is er aa blieben – im Himmel. Bei sein Lebzeiten ham mir immer, wann im Haus etwas überzwerch gangen, beim Viech oder so … – da ham mir immer dem Heilingen Andonius a Kirzen anzunden und ham bet – un weil mei Seliger is aso a guder Grist gewesen, hod der Heilinge uns aa erhört. Dann is’r gsturben, der Bauer – no ja, – och – un fir sei Frömmigkeit sitzt ’r drüben gwiss zur Seiden von unserm lieben Heilingen Andonius. Ja – och.

Wie hab i können alleinich d’Wirtschaft weiderfihren? I hab müssen heiroden – ’n Gnecht, ’n Loisl. Un sehgen S’, Hochwürden: darüber gift sich der Selige; sitzt zur Seiden vom lieben Heilingen Andonius und gift sich. Und jetzt können mir, mein Loisl un i, die scheensten Kirzen anzünden un können beden, bis mir grien wern: der Heilinge Andonius erhört uns nit. Unsere Sau is verreckt – unsere Hühner saan grepiert – ’s Heu is sauer: weil sich mei Seliger dut giften über mi un mein Loisl – un dut unsern lieben Heilingen Andonius geng uns aufstacheln. Ja – och. Da hab i gmaant: ob Sö net könnten mein Seligen galvinisch machen – dass ’r halt von der Seiden des Heilingen Andonius wegkummt – in d’ Höll für sein Bosheit –, dass uns der liebe Heilinge Andonius wieder erhört.«

Der Testbild-Sammler

20. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Mit einem Knopfdruck startete vor 50 Jahren der damalige Bundeskanzler Willi Brandt bei der Funkausstellung in Berlin das Farbfernsehen in der Bundesrepublik Deutschland. Das war auch die Geburtsstunde des farbigen Testbilds. Heute ausgestorben? Von wegen!

Schon im Treppenhaus empfängt den Besucher ein Puzzle an der Wand mit dem Vollkreis, drei Kästchen Abstand links, drei Kästchen rechts, Farb- und Grauskala, das klassische Testbild aus einer Zeit, als Fernseher noch eine Bildröhre hatten. Uwe Alberti schmunzelt: »In Deutschland gibt es noch etwa 5 bis 7 Verrückte wie mich.« Was er damit meint, legt er auf den Küchentisch. Aufnahmen von über 4 000 Fernseh-Testbildern aus aller Welt. Berufsbedingt hat den Radio- und Fernsehtechniker vor 40 Jahren die Sammelleidenschaft gepackt. Mit dem genormten Fernseh-Testbild wurden damals die Bildschirme der Fernseher eingestellt. Sie dienten in erster Linie technischen Zwecken. In der Werkstatt wurden vorzugsweise Testbilder aus dem Westen eingesetzt, der geometrische Aufbau war besser als beim DDR-Fernsehen, meint der aus dem thüringischen Apolda stammende Alberti.

Leidenschaft: Den Radio- und Fernsehtechnicker Uwe Alberti fasziniert, wie unterschiedliche Testbilder überall auf der Welt gestaltet werden. Fotos: Willi Wild

Leidenschaft: Den Radio- und Fernsehtechnicker Uwe Alberti fasziniert, wie unterschiedliche Testbilder überall auf der Welt gestaltet werden. Fotos: Willi Wild

»Viele können mit meiner Leidenschaft nicht viel anfangen«, meint er. Was ihn daran fasziniere, seien die unterschiedliche Gestaltung und dass es nahezu überall auf der Welt Testbilder gegeben habe und bis heute noch gibt. Damals dienten die Testbilder den Fernsehanstalten dazu, das Bild vor dem eigentlichen Programmstart auszurichten. Bis in die 80er-Jahre starteten die öffentlich-rechtlichen Programme eine halbe Stunde vor Sendebeginn den Farbbalkengenerator mit dem Testbild. »Im Osten kam das Testbild schon um 7 Uhr, wegen des Schulfernsehens. Im Westen erschien es erst um 9 Uhr. Danach kam die ›Sesamstraße‹.«

Nach der Wende hat Alberti im Garten mit einer drehbaren Satellitenschüssel dann plötzlich ein Testbild aus Zypern eingefangen. Mittlerweile schicken ihm Freunde Bilder von Testbildern aus aller Herren Länder. Stolz ist der Sammler auch über seine Testbilder-Sammlung aus dem Weltall. Startet vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou im Norden Südamerikas eine Rakete, werden die Bilder davon via Satellit übertragen. Bei Störungen erscheint ein Testbild. Für Uwe Alberti der Zeitpunkt, um auf den Auslöser seiner Kamera zu drücken. Dafür steht er schon mal nachts um 3 Uhr auf.

Im digitalen Zeitalter ist das klassische Testbild nicht mehr notwendig. Und doch gibt es noch die individuellen Platzhalter auf der Mattscheibe. Wenn Fernsehsender ihre Übertragungswagen im Einsatz haben, wird vor Beginn der Übertragung ein Testbild gesendet. Manchmal lassen ihn die Fernsehleute direkt im Ü-Wagen seine Fotos vom Testbild auf den Sendemonitoren abfotografieren. Das 50-jährige Jubiläum des Farbfernsehens oder, wie es hierzulande hieß, des Buntfernsehens hat Alberti auf dem Schirm. »In der DDR hat man damals für die Einführung zwei Jahre länger gebraucht, dafür war man besser vorbereitet«, sagt der Fernsehtechniker-Meister und kann sich dabei ein verschmitztes Lächeln nicht verkneifen. Erstaunt war er allerdings, dass man in Staßfurt, der Stadt der DDR-Fernsehproduktion, das West-Testbild zur Einstellung der Bildröhre empfahl. Sein Elektronik-Fachgeschäft und die dazugehörende Werkstatt hat der 56-Jährige krankheitsbedingt mittlerweile aufgeben müssen, die Leidenschaft für die Testbilder ist geblieben.

Freunde schicken Uwe Alberti Testbilder aus aller Welt.

Freunde schicken Uwe Alberti Testbilder aus aller Welt.

Aber nicht nur dafür. Seit ihn die Oma in die Christenlehre geschickt hat, engagiert sich der evangelische Christ in der Kirchengemeinde. Zunächst in der Jungen Gemeinde, dann in der Spielschar und später im Gemeindekirchenrat sowie im Kirchbauverein. Mit der Laienspielgruppe haben sie 15 Jahre lang den »Jedermann« aufgeführt. Alberti spielte den Tod. Als vor sechs Jahren sein Leben an einem seidenen Faden hing, wurde aus dem Spiel bitterer Ernst. Seine Frau habe ihm zwei Drittel ihrer Leber gespendet, damit er überleben kann, erzählt Alberti bewegt. Das hätte für beide tödlich enden können. Aber das sei eine andere Geschichte, meint er.

Willi Wild

www.uwe-alberti.de

Seefahrt lehrt Beten

15. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Bordseelsorge: Auf den Weltmeeren die Quellen des Glaubens entdecken

Über Ho-Chi-Minh-Stadt (Vietnam) lag am Silvesterabend brütende Hitze, als ich an Bord des Kreuzfahrtschiffes »MS Europa« im klimatisierten »Club Belvedere« zur ökumenischen Andacht einlud. Vor der großen Silvestergala wollten die Passagiere des Luxus-Kreuzfahrtschiffes das Jahr besinnlich ausklingen lassen und das heilige Abendmahl feiern. Während ein katholischer Bordmusiker und ich als evangelischer Bordseelsorger die Patene mit Brot reichten, ging der Blick hinaus auf den Fluss Saigon. Draußen ein noch immer armes asiatisches Land, drinnen eine wohlsituierte christliche Gemeinde aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die sich zum Beten und Singen traf.

Seit 2010 bin ich zeitweise als ehrenamtlicher Bordseelsorger auf den Weltmeeren unterwegs, im Dienst der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland. Wer als Bordseelsorger in See stechen will, muss abenteuerlustig sein. Auf einem Kreuzfahrtschiff kann es schon mal vorkommen, dass bei Windstärke zehn der Konferenzraum total überfüllt ist. Die Passagiere strömen nicht nur deshalb dorthin in den Gottesdienst, weil die Landgänge ausfallen, sondern weil – wie ein altes spanisches Sprichwort sagt – Seefahrt Beten lehrt.

Zur Abenteuerlust gehört auch, bei einer geplanten Veranstaltung mit weniger Zuhörern zu rechnen, weil plötzlich etliche Gäste auf einer Eisscholle in der Antarktis festsitzen. Und im schlimmsten Fall ereilt Passagiere und Crew während der Reise die Nachricht, dass die Reederei insolvent ist, der Törn nur mit Mühe fortgesetzt werden kann und die Honorarzahlung für die Künstler ins Wasser fällt.

Auf hoher See für Gäste und Crew unterwegs: Edgar S. Hasse. Foto: TUI Cruises

Auf hoher See für Gäste und Crew unterwegs: Edgar S. Hasse. Foto: TUI Cruises

Seit der Auswanderungswelle von Deutschland nach Amerika im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist es üblich geworden, dass Bordseelsorger regelmäßig die Passagiere auf ausgewählten Ozeandampfern begleiten. Während auf der »MS Europa« (Hapag-Lloyd Cruises) bei jeder Reise von der EKD und der katholischen Kirche entsandte Geistliche mitfahren, gibt es religiöse Angebote bei den großen Kreuzfahrtschiffen mit 2 600 Passagieren wie bei TUI Cruises ausschließlich zu Weihnachten und Ostern.

Die meisten Passagiere wollen einfach nur unbeschwerte Tage auf See verbringen und ihren Urlaub genießen. Manchen aber fällt es schwer, den Alltag hinter sich zu lassen. Verdrängte Probleme gewinnen an Gewicht, Lebenskrisen reisen als blinde Passagiere mit. See-Tage werden zu Seelen-Tagen. Für all diese Gäste sind die Bordseelsorger als empathische Zuhörer da. Da ist jenes junge Paar, das vor Jahren sein Kind während der Geburt verloren hat und nun mit diesem Trauma ringt. Oder jene junge Frau, die irgendwo auf dem Atlantik zwischen Südamerika und Europa erzählt, dass ihre Familienstrukturen sie zermahlen. Und der Witwer, der bereits vor dem Start der Reise auf dem Flughafen danach fragt, ob es einen christlichen Gesprächskreis an Bord geben wird. 14 000 Kilometer von seinem Heimatort entfernt, wird er später vor der Antarktischen Halbinsel andere Gäste treffen, die ebenfalls ihren Partner oder ihre Partnerin verloren haben. Und schließlich gibt es noch die Crew, die zu den Festtagen einen englischsprachigen Gottesdienst erwartet.

Nicht zuletzt braucht man als Bordseelsorger einiges Improvisationsgeschick. Weil kein religiöser Raum vorhanden ist, müssen Theater, Konferenzsäle oder Lounges zu sakralen Orten gemacht werden. Im Idealfall befinden sich Gesangbücher und ein Kreuz im Fundus. Und die Weihnachtskrippe wird auf eine LED-Leinwand geworfen.

Trotz mancher Pannen bleibt am Ende die beglückende Erfahrung, auch weit entfernt von der Heimat auf Menschen zu treffen, die mitten auf dem Meer aus den Quellen des Glaubens schöpfen wollen.

Edgar S. Hasse

Der Autor ist promovierter Theologe, Lehrbeauftragter an der Evangelischen Hochschule in Hamburg und Redakteur.

Die Predigten des Tafelaltars

7. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Das bilderreichste Werk der Reformationszeit ist nach seiner Restaurierung und Präsentation in den USA jetzt im Herzoglichen Museum in Gotha zu sehen.

Die Inszenierung »seines« Altars durch die Gothaer Ausstellungsmacher um Kurator Timo Trümper anlässlich der Reformationsdekade hätte vermutlich auch Herzog Ernst I., dem Frommen, gefallen. Vom 30. Juli bis 5. November steht »Der Gothaer Tafelaltar« in der Säulenhalle des Herzoglichen Museums Gotha im Blickpunkt der interessierten Öffentlichkeit. Die kann dann dem wohl monumentalsten und zugleich detailreichsten Bilderbuch der Reformationszeit sehr nahe kommen, denn die zwölf Seiten- und zwei Standflügel können erstmals seit der Vorkriegszeit wieder einzeln und aus nächster Nähe betrachtet werden. Möglich wurde dies 2015/16 durch eine umfangreiche, 17-monatige Restaurierung eines sechsköpfigen Teams um Beatrix Kästner und Johannes Schaefer. Dabei gelang es vor allem, den ursprünglichen Fassungsbestand freizulegen und die originale Rahmung des Mittelteils farblich anzupassen. Ohne die großzügige Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Oetker-Stiftung, der Kulturstiftung der Länder, des Auswärtigen Amtes und des Freistaates Thüringen wäre das rund 200 000 Euro teure Unterfangen nicht möglich gewesen.

Nach der Restaurierung: Farbenprächtig und deutlich aufgehellt können die einzelnen Motive aus nächster Nähe bewundert werden. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein

Nach der Restaurierung: Farbenprächtig und deutlich aufgehellt können die einzelnen Motive aus nächster Nähe bewundert werden. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein

Nichts ohne Anlass: Der Altar war im Vorjahr Teil dreier großer Ausstellungen deutscher Museen in den USA, die den Menschen in Minneapolis, New York und Atlanta die Ideenwelt der Reformation und besonders die Person Martin Luthers nahebrachten. Die Ausstellung schlug eine Brücke nach Europa, die beiderseits mit außerordentlichem Interesse wahrgenommen wurde. Einen anderen Brückenschlag verfolgten die Gothaer Kunsthistoriker um Martin Eberle, indem sie die Staatsgalerie Stuttgart als Kooperationspartner der jetzigen Schau gewannen. Dies kam nicht von ungefähr, denn der seit dem 17. Jahrhundert in Gotha nachweisbare Altar war um 1538 im württembergischen Herrenberg in der Werkstatt Heinrich Füllmaurers (um 1497–1548) entstanden.

Die Geschichte des Altars wurde erstmals 1939 in einer Dissertation behandelt und ab 1965 in mehreren Büchern des Thüringer Theologen und Kirchenhistorikers Herbert von Hintzenstern kunstgeschichtlich aufgearbeitet. Einer größeren Öffentlichkeit war sie jedoch unbekannt. Das soll sich nun ändern! Und so gelang es, für die Gothaer Ausstellung hochkarätige Werke aus Stuttgart zu gewinnen, die ihrerseits den Bogen von der vorreformatorischen Zeit bis in die Zeit Heinrich Füllmaurers spannen und dabei Objekte in den Blick nehmen, die noch ganz der katholischen Tradition verpflichtet sind. Neben einer Mondsichelmadonna von Hans Holbein d. Ä. ist es vor allem der Wildensteiner Altar des Meisters von Meßkirch von 1536, der die Gothaer Schau auch thematisch ergänzt. Während der Tafelaltar und der wenig später entstandene Mömpelgarder Altar (heute im Kunsthistorischen Museum Wien) als Aufträge der evangelischen Herzöge von Württemberg gelten können, entstand der Wildensteiner Altar in der Reformationszeit für die katholischen Grafen von Zimmern. – Es ist eine spannende Gegenüberstellung von Meisterwerken, die bis dato noch nie in Thüringen gezeigt wurden.

Der Tafelaltar selbst liest sich wie ein großes Bilderbuch mit drei Szenen der Schöpfungsgeschichte und 157 Tafeln zum Leben Jesu. Einziger Wermutstropfen: die Standflügel mit dem Stammbaum Christi befinden sich seit 1946 im Depot des Puschkin-Museums Moskau. In Gotha werden Repliken gezeigt.

Der übergroße Detailreichtum des Altars lädt zum Entdecken ein, denn die Szenen spielen im Württemberg des 16. Jahrhunderts und lesen sich wie eine übergroße Bilderbibel. Tatsächlich ist der Altar wohl zu Lehrzwecken und nicht für eine Kirche geschaffen worden. Zu einer Kuratoren-Führung mit Timo Trümper wird am 31. August, 18 Uhr, eingeladen.

Im November verlässt der Altar Gotha in Richtung Stuttgart und wird ab dem Frühjahr 2018 wieder im Altdeutschen Saal des Herzoglichen Museums zu sehen sein.
Geöffnet ist die Gothaer Ausstellung bis 5. November täglich von 10 bis 17 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Begleitband erschienen, der erstmals alle Bildtafeln einzeln zeigt und die Transkription der Inschriften umfasst.

Hartmut Ellrich

Trümper, Timo: Der Gothaer Tafelaltar. Ein monumentales Bilderbuch der Reformationszeit, Michael Imhof Verlag, Petersberg, 304 S., ISBN 978-3-7319-0595-0, 29,95 Euro

www.stiftung-friedenstein.de

»Gott sei mit euch auf dem Wege«

30. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

117. Deutscher Wandertag: Interview mit der Präsidentin des Thüringer Wanderverbandes Christine Lieberknecht

Die Wartburgregion erwartet mehr als 30 000 Wanderer aus ganz Deutschland. Der 117. Deutsche Wandertag steht unter dem Motto: Wandern auf Luthers Spuren. Schirmherrin ist die ehemalige Thüringer Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht. Mirjam Petermann schilderte sie ihre Sicht auf das Großereignis.

Schirmherrin, ohne Schirm: Die Theologin und einstige Ministerpräsidentin Thüringens, Christine Lieberknecht, beim Wandern auf der Saalfelder Höhe. Foto: privat

Schirmherrin, ohne Schirm: Die Theologin und einstige Ministerpräsidentin Thüringens, Christine Lieberknecht, beim Wandern auf der Saalfelder Höhe. Foto: privat

Frau Lieberknecht, worauf freuen Sie sich beim 117. Deutschen Wandertag persönlich am meisten?
Lieberknecht:
Eisenach ist deutsche Wanderhauptstadt. Besonders freue ich mich auf die 12 000 aktiven Teilnehmer am großen Festumzug, die alle Wanderregionen von Nordelbien bis zum Schwäbischen Albverein in ihrer ganzen Vielfalt vertreten.

Wie kam es dazu, dass Eisenach und die Wartburgregion vom Deutschen Wanderverband in diesem Jahr als Gastgeber des Wandertages ausgewählt wurden?
Lieberknecht:
Der Deutsche Wanderverband möchte in wichtigen Fragen unserer Zeit Zeichen setzen; auch in diesem Reformationsjahr 2017. Wo könnte das für Wanderer unmittelbarer werden als am Fuße der Wartburg, da, wo Natur- und Kulturgeschichte eine wunderbare Einheit bilden? Dort, wo die UNESCO der Wartburg die weltweite Anerkennung als Weltkulturerbe verliehen und die umgebende Landschaft des Hainichs als Weltnaturerbe ausgezeichnet hat. Damit waren Eisenach und der ausrichtende Rennsteigverein für 2017 durch keine andere Wanderregion zu toppen.

Über 30 000 Wanderer werden in Eisenach erwartet, um auf Luthers Spuren zu wandern. Welche Spuren werden sie dort finden?
Lieberknecht:
Zunächst einmal: historische Spuren allenthalben. 95 verschiedene Wanderrouten wurden ins Programm aufgenommen: mit dem Lutherstammort Möhra, der Reformationsstadt Schmalkalden, dem Entführungsweg Luthers von 1521, dem Erlebnisweg Wartburg usw. Über 270 Wanderführer wurden durch die Thüringer Wanderakademie dafür ausgebildet, den Geschichten der landschaftlichen Besonderheiten, von Gedenk- oder Grenzsteinen am Wegesrand oder historischen Bauten nachzugehen und ihre Kenntnisse den Wanderern zu vermitteln.

Wie wir wissen, hatte der Reformator nicht nur löbliche Seiten. Der »alte« Luther wünschte so ziemlich alle in die Hölle, die nicht seiner Meinung waren. Auch das wird den Wanderern zum Beispiel anhand des großen Gemäldes von 1617 in der Eisenacher Georgenkirche erzählt werden. Und es gibt die großen Ausstellungen auf der Wartburg, der Brandenburg und der Wilhelmsburg.

Wo werden die Wanderer Spuren des Reformators hinsichtlich seines Glaubens und seiner Theologie finden?
Lieberknecht:
Die Botschaft vom Wort Gottes braucht es, dass man davon »singet und saget, klinget und prediget, schreibet und lieset, malet und zeichnet«, hat Martin Luther einmal gesagt. Ein hochmoderner multimedialer Ansatz! Und genau so wird es sein: musikalisch mit dem Bekenntnis von Bachs »Soli Deo Gloria«, die Bildpredigten in den offenen Kirchen, die ökumenischen Gottesdienste in Eisenach und Bad Liebenstein. Auch wird es darauf ankommen, was die Eisenacher und Thüringer für sich selbst mit der Reformation verbinden. Ich bin gespannt.

Obwohl Sie auch Pfarrerin sind, fehlen beispielsweise in Ihrem Grußwort im Programmheft christliche Bezüge. Warum?
Lieberknecht:
Für mich ist mein Glauben existenziell. Der Wanderverband allerdings ist religiös unabhängig. Viele Mitglieder haben keine kirchliche Bindung, außerdem gibt es auch jüdische, muslimische oder buddhistische Mitglieder. Unsere zentrale Resolution vom letzten Wandertag 2016 heißt »Flüchtlinge willkommen«. Dass wir Wanderer bei der großen Integrationsaufgabe unseren Beitrag leisten, ist für mich gelebter christlicher Glaube.

Sie grüßen mit »Frisch auf« im Programmheft. Gottes Segen wäre doch auch nicht schlecht gewesen?
Lieberknecht:
Als Wanderer sagen wir »Frisch auf!«. Das ist Tradition. Ganz sicher wird für den Wandertag auch gebetet. Mein Lieblingssegen für die Wanderer aus Tobit 5, Vers 23 hat es leider nicht in die aktuelle Lutherbibel geschafft: »Gott sei mit euch auf dem Wege, und sein Engel geleite euch!« Diesen Segen wünsche ich ausdrücklich allen Wanderern.

In einer Reaktion auf meinen Kommentar (Nr. 29, S. 1) schreiben Sie, dass man von Ihnen als weltlicher Schirmherrin eines weltlichen Ereignisses kein frömmeres Grußwort erwarten könne als von der geistlichen Landesbischöfin in den Programmen zum Kirchentag. Wie meinen Sie das?
Lieberknecht:
Landesbischöfin Junkermann schrieb zum Kirchentag: »Seien Sie uns herzlich willkommen!« Bei mir heißt es, ich »grüße Sie mit einem herzlichen ›Frisch auf!‹«. Und den Lesern von »Glaube + Heimat« rufe ich zu: Seien auch Sie in Eisenach dabei!

www.wandertag-2017.de

Angebote der Kirchen zum 117. Wandertag – 27. bis 30. Juli
•    Do. bis Sa., 11 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Eisenacher Marktkonzerte
•    Do. und Fr., 12 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Mittagsgebet
•    Do. und Fr., 19 Uhr, Annenkirche Eisenach: Abendandacht
•    Do., 19.30 Uhr, Nikolaikirche Eisenach: »Allein auf Gottes Wort« – Kurrende der Kirchlichen Hochschule Naumburg, Leitung: Michael Greßler
•    Fr., 18 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Sonderkonzert zum 267. Todestag von Johann Sebastian Bach
•    Sa., 10 bis 18 Uhr, Lutherhaus Eisenach: Werbestand von »Glaube + Heimat« mit Sonderpostkartenaktion
•    So., 9 Uhr, Elisabethplan unterhalb der Wartburg Eisenach: Ökumenischer Gottesdienst (regulärer Busverkehr ab Eisenach bis zum Elisabethplan; ab 10 Uhr Busshuttle zurück zur Werner-Assmann-Halle Eisenach)
•    So., 10 Uhr, Kurpark an der Wandelhalle Bad Liebenstein: Ökumenischer Open-Air-Gottesdienst
•    So., 10 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Kantaten-Gottesdienst »Kyrie« aus der Messe in h-Moll von J. S. Bach und »Da pacem, Domine« von Arvo Pärt; Ensemble Consart, Leitung: Andreas Reuter
•    So., 16 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Kammermusik an Bachs Taufstein – Mitteldeutsche Barock-Compagney


Vom Fremden und vom Fremdeln

24. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Die 14. Weltkunstausstellung in Kassel widmet sich in diesem Sommer vielfältig den Themen Religion, Glauben und Spiritualität. Eindrücke von der documenta14.

Der Mann steht immer noch im Turm. Er balanciert hoch oben auf einer Goldkugel über dem Dach der St.-Elisabeth-Kirche in Kassel. Schwarze Hose, weißes Hemd, die Arme ausgebreitet. Nicht zu übersehen. Er wurde für einen Selbstmörder gehalten – Feuerwehralarm inklusive. Er wurde als Jesus gedeutet. Er war das Ärgernis der documenta13 vor fünf Jahren.

Ein Hingucker an prominentester Stelle des Friedrichsplatzes, dem zentralen Ort der Weltkunstausstellung. Vor allem aber einer, der so gar nicht passen wollte in das Konzept der damaligen Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev. Was die Verantwortlichen der katholischen Kirchengemeinde, die Auftraggeber der Skulptur von Stephan Balkenhol, wiederum herzlich wenig beeindruckte. Der Mann blieb im Turm. Für die kundigen Schnappschuss-Jäger unter den Documenta-Besuchern ist er in diesem Sommer erneut ein Pflichtmotiv. Wie viele andere Kunst-Erinnerungen in der Innenstadt.

Spektakulär: »The Parthenon of Books«, die siebzig mal dreißig Meter große Installation aus 50 000 verbotenen Büchern. Foto: Susann Winkel

Spektakulär: »The Parthenon of Books«, die siebzig mal dreißig Meter große Installation aus 50 000 verbotenen Büchern. Foto: Susann Winkel

Einen Skandal wie 2012 gibt es bei der 14. Auflage der Documenta nicht. Wieder präsentieren die Kirchen der Stadt ein eigenes Kunstprogramm. Darin wird die Neunutzung von Kirchenräumen verhandelt, vor allem aber die Themen Toleranz und Flucht. Womit sich die Kirche unaufgeregt einfügt in den Kanon der offiziellen Kunstwerke.

So unübersehbar wie der Mann im Turm hoch über dem Friedrichsplatz ist der Obelisk auf dem Königsplatz, nur wenige Minuten zu Fuß entfernt. Die Arbeit des nigerianischen Künstlers Olu Oguibe mit dem etwas sperrigen Titel »Das Fremdlinge und Flüchtlinge Monument« ragt 16 Meter in die Höhe. Eine Wucht in Beton mit goldenem Schriftzug. In Deutsch, Türkisch, Englisch und Arabisch steht darauf ein Zitat aus dem Matthäusevangelium: »Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt.« Der Platz wird oft genutzt für politische Demonstrationen, zuletzt etwa gegen den »Lagerzwang« von Flüchtlingen. An diesem Sommermittag aber wird nicht demonstriert. Eine Gruppe Breakdancer schart eine Traube von Passanten um sich; Multikulti im Schatten des Obelisken. Zum Kunstwerk gehört das nicht – oder gerade deshalb. So genau weiß man das in Kassel nie.

Irritation ist wichtig auf jeder Documenta, so wichtig wie die Aufregung über Kunst – gewollte, ungewollte, infrage gestellte – und die völlige Überforderung des Publikums durch die schiere Masse des Gezeigten. Allein »The Parthenon of Books« der argentinischen Künstlerin Marta Minujin ist eine stundenverzehrende Aufgabe für Betrachter. Die siebzig mal dreißig Meter große Installation auf dem Friedrichsplatz aus 50 000 verbotenen Büchern ist der spektakulärste Beitrag dieser Weltkunstausstellung, weil er die Augen verführt und den Kopf ins Grübeln bringt. Unter den Werken, die einmal verboten waren oder es noch immer sind, irgendwo auf der Welt, nicht nur in Deutschland, lassen sich endlos Entdeckungen machen. »Die Leiden des jungen Werther« sind genauso zu finden wie »Alice im Wunderland«. Und natürlich die Bibel.

Wer seine Augen ein wenig ausruhen möchte nach dem Dauerglitzern des Büchertempels, für das die Sonne im Zusammenspiel mit der verarbeiteten Schutzfolie sorgt, dem sei ein Abstecher in die Karlsaue empfohlen. Dort, im Westpavillon der Orangerie, hält das Kunstspektakel für ein paar Minuten inne. Orthodoxe Kirchgesänge dringen durch die geöffneten Fenster, locken mehr als die Ankündigung im Faltplan, der auf Videoarbeiten von Romuald Karmakar aus Wiesbaden verweist: »Byzantion« und »Die Entstehung des Westens«. Die beiden Filme laufen im Wechsel, singende griechische Mönche in Großaufnahme lösen singende russische Mönche in Großaufnahme ab. Und die Kunsttouristen hören andächtig zu, freie Plätze in den Seitennischen sind begehrt. Es ist schwer, sich aus der meditativen Stimmung wieder zu lösen. Draußen fällt der Blick auf ein LED-Spruchband an der Fassade, das in Worten den Untergang des byzantinischen Reiches und den Fall von Konstantinopel dokumentiert.

Wer sich noch einmal irritieren lassen möchte, der muss nur ein kleines Stück zurück in die Documenta-Halle gehen: Hier fließen Meterbahnen aus verknotetem rotem Stoff von der Decke und verknäulen sich am Boden. Die Südamerikanerin Cecilia Vicuña nimmt mit ihrer Arbeit »Quipu Mapocho« Bezug auf eine präkolumbianische Tradition aus der Andenregion, bei der Fäden mit Knoten versehen wurden, um wichtige religiöse Ereignisse festzuhalten. Das Anbringen der Stoffbahnen war bereits eine Performance. Kunst für die Kunst also. Und damit so typisch für die Weltkunstausstellung wie ein Mann im Turm, den niemand haben wollte.

Susann Winkel

Die documenta14 in Kassel ist noch bis zum 17. September täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Die Tageskarte kostet 22 Euro, ermäßigt 15 Euro. Ein Zweitages-Besuch ist wegen der Größe der Ausstellung mit über dreißig Standorten in der Innenstadt von Kassel dringend empfohlen. Hierfür kostet die Karte 38 Euro bzw. ermäßigt 27 Euro.

www.documenta14.de

Der Vorsprung

18. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Eine Erzählung von Stefan Petermann mit einer Illustration von Maria Landgraf

Der Vorsprung war die einzige Unebenheit am Berg. Einen knappen Meter ragte er aus dem ansonsten glatten Fels heraus und war kaum zwei Meter lang. Bis zum Boden musste es einen guten Kilometer sein, zum Gipfel deutlich mehr.

Ich trug warme Kleidung, dazu eine wasserabweisende Outdoor-Jacke und hatte außer einem sauber gefalteten Zellstofftaschentuch nichts bei mir. Von meinem Leben besaß ich eine ungefähre Vorstellung, ahnte, wo ich gewesen war, wen und was ich geliebt, wie ich meine Tage verbracht hatte. Einzelheiten konnte ich nur wenige benennen, Jahre keine. Gestern war so unfassbar wie alle Zeiten. Es gab den Vorsprung, und das, was sich zuvor ereignet hatte, verbarg sich in einem Nebel.

Illustration: Maria Landgraf

Illustration: Maria Landgraf

Ich blickte vom Vorsprung hinab. Weit ins Land konnte ich schauen. Da lagen Felder brach und Wälder rot, herrlich grün ein See, schwarz die Dörfer, rauchgrau die Straßen. In der Ferne zeichnete sich eine Gebirgskette ab. Ohne es genau bestimmen zu können, schien mir die Gegend vertraut. Menschen waren nicht auszumachen. Es war auffällig still. Geräusche, die zu einer solchen Landschaft gehören sollten, fehlten.

Wie ich auf den Vorsprung gekommen war, wusste ich nicht, doch musste ich alles daransetzen, ihn zu verlassen. Sorgfältig untersuchte ich den Felsen, fuhr mit den Fingern die Oberfläche des Gesteins ab, hoffte so, Unregelmäßigkeiten zu entdecken, Kanten, Zacken oder Brüche, die meinen Füßen und Händen Halt fürs Klettern bieten konnten. Doch da war nichts. Nur eine glatte Fläche. Stein war Stein.

Auch wenn ich keine Höhenangst verspürte, hatte ich Respekt vor der Höhe. Ein falscher Schritt würde den sicheren Tod bringen. Ich hatte von Fallschirmspringern gehört, die viele tausend Meter in die Tiefe gefallen waren und überlebt hatten, weil ein Heuhaufen ihren Sturz gedämpft hatte. Auf einen solchen Zufall durfte ich nicht hoffen. Würde ich vom Vorsprung stürzen, würde, noch bevor ich den Boden erreicht hätte, mein Körper an der Felswand zerschmettert sein. Ein Sprung würde mich vom Vorsprung bringen und zugleich töten.

Besser, ich würde gerettet werden. Also schrie ich. Schall verbreitet sich schnell und wird weit getragen. Im günstigen Fall würde ein Echo entstehen. Zuerst versuchte ich, meine Situation mit vielen Worten zu beschreiben. Bald gab ich die vielen Worte zugunsten eines einzelnen auf. Nach Stunden versagte mir die Stimme. Als ich sie wiedererlangte, schrie ich erneut. Sie versagte, ich schrie, ich schrie, sie versagte, ich verstummte, ich schrie.

Niemand hörte mich.

Ich warf winzige Steinchen den Vorsprung hinab. Trotz ihrer geringen Größe erreichten die Steine eine enorme Geschwindigkeit. Sie konnten eine Gerölllawine auslösen und jemanden verletzen, möglicherweise sogar töten. Insgeheim hoffte ich darauf. Der Tod eines Fremden würde die Wahrscheinlichkeit meiner Entdeckung erhöhen.

Bald stellte ich fest, dass Hunger und Durst mir keine Sorgen bereiten würden. Wenn ich ein Ziehen im Bauch verspürte, kratzte ich Flechten vom Fels. Den Flechten haftete ein erdiger Geschmack an, was mich gut sättigte. Tau, der sich am Morgen gebildet hatte, leckte ich von den Steinen. Wenn ich auf dem Vorsprung bliebe, würde ich überleben können.

Ich verstand, dass ich auf dem Vorsprung nichts zu befürchten hatte. Wenn ich genügsam Flechten kratzen und Tau lecken und mich wenig bewegen würde, würde ich in Sicherheit sein. Niemand würde zu mir sprechen, niemand mich bedrohen, nichts mir etwas anhaben können.

Als ich das begriff, lernte ich, den Vorsprung zu schätzen. Wenn mir die Tage lang wurden und ich in den Nächten kaum zur Ruhe kam, weil ich fürchtete, im Dämmern das Gleichgewicht zu verlieren und zu fallen, machte ich mir bewusst, welchen Schutz solch ein Ort bot und wie dankbar ich sein musste, ihn genießen zu dürfen.

Das Wetter blieb beständig. Ein Wechsel der Jahreszeiten war nicht auszumachen. Das Land lag unheilvoll friedlich vor mir. Die Flechten wuchsen nach, der Morgen brachte beständig neuen Tau. Nichts änderte sich, ich war geschützt.

Auch wenn ich wusste, dass der glatte Felsen mich nicht halten würde, ging ich eines Tages in die Knie, schloss die Finger um den Rand und ließ mich hinab, dem Boden entgegen, um den Vorsprung zu verlassen.

Aus: Petermann, Stefan: Der weiße Globus. Geschichten, Edition Muschelkalk der Literarischen Gesellschaft Thüringen, Wartburg Verlag, 87 S., ISBN 978-3-86160-345-0, 14 Euro

Haushalten und Mund halten

10. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Gender: Die Reformation wurde wesentlich vom Engagement religiöser Laien getragen. Auch Frauen bekamen am Beginn des 16. Jahrhunderts neue Möglichkeiten. Leider nur für kurze Zeit.

Ein Zeitgenosse urteilte über Elisabeth von Sachsen (1502–1557): »Die hertzogin von Rochlitz treibt viel unnutz gewesch.« Der Satz kann exemplarisch dafür stehen, wie das Handeln der Frauen zu Beginn der Frühen Neuzeit gesehen wurde, die sich über das hinwegsetzten, was die Gesellschaft für sie vorsah: haushalten und Mund halten.

Die verwitwete Elisabeth erlaubte ab 1537 in ihrem Wittum Rochlitz Priesterehe und evangelisches Abendmahl, während im albertinischen Sachsen erst nach dem Tod des altgläubigen Herzogs Georg 1539 die Reformation eingeführt wurde. Lange Zeit sei Elisabeth fast vergessen worden, so der Dresdner Historiker und Theologe Jens Klinger. Zurzeit werde ihre über 2 000 Briefe zählende Korrespondenz ediert und ihr Leben weiter erforscht. In ihrem Wittum habe sie auf reformatorische Bestrebungen aufbauen können, die es dort ab 1523 gab, so Klinger. Zudem sei sie von ihrem Bruder, dem mächtigen Landgrafen Philipp von Hessen, unterstützt worden. Jedoch habe Elisabeth in Konfessionsfragen eine eigene Meinung besessen, die sie auch deutlich vertrat.

Das Frauenmuseum in Bonn widmet sich bis 31. Oktober der weiblichen Seite der Reformation. Die Ausstellung »Katharina von Bora – von der Pfarrfrau zur Bischöfin« zeichnet den Weg zur Gleichberechtigung in der evangelischen Kirche nach. – Foto: epd-bild

Das Frauenmuseum in Bonn widmet sich bis 31. Oktober der weiblichen Seite der Reformation. Die Ausstellung »Katharina von Bora – von der Pfarrfrau zur Bischöfin« zeichnet den Weg zur Gleichberechtigung in der evangelischen Kirche nach. – Foto: epd-bild

So wie Elisabeth ging es vielen Frauen. Sie wurden angefeindet und später vergessen. Trotz der starken gesellschaftlichen Veränderungen in der Frühen Neuzeit blieben die Möglichkeiten von Frauen begrenzt. Erst Jahrhunderte später sollte sich das ändern.

Je mehr aber die Reformation zur Institution wurde, desto mehr wurden Akteurinnen wieder an den Rand gedrängt, so die Historikerin und Geschlechterforscherin Eva Labouvie bei der Eröffnung einer Tagung unter dem Thema »Glaube und Geschlecht – Gender Reformation« an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Zudem sei die Aufwertung der Ehe durch Martin Luther mit der Abwertung anderer Lebensformen einhergegangen und mit einer Verhäuslichung des weiblichen Lebens mit ihren bis heute spürbaren Folgen. Auch die Auflösung der Klöster sei als ambivalent anzusehen.

Maria Jepsen, vor 25 Jahren zur ersten lutherischen Bischöfin der Welt gewählt, erinnerte daran, dass die Kirchenleitung und das Lehren über Jahrhunderte in Männerhand gelegen haben. »Frauen hatten zu schweigen und sich unterzuordnen«, so die Theologin. Nicht nur die Frauen der Reformationszeit, auch die der frühen Kirche seien vergessen worden. Aber man müsse »nur graben und dann wird man Schätze im Acker finden«. Die Reformation sei eben eine Reformation gewesen und keine Revolution. Veränderungen der patriarchalischen Ordnung habe es erst nach der Aufklärung gegeben. Die Frauenbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts habe dann auch die Kirchen verändert. Heute müsse man aufpassen, dass nicht wieder der Pragmatismus siegt, dass offene und versteckte Diskriminierung nicht fortgesetzt würde, so die Theologin Jepsen.

Heide Wunder ist eine der ersten Historikerinnen in Deutschland, die die Geschlechtergeschichte erforschte. »Die Folgen der Reformation für die Geschlechtergeschichte sind gravierend, aber umstritten«, sagte sie, denn die Reformation habe die Rechtsperson des Ehemannes gestärkt. Aus der behaupteten Inferiorität des weiblichen Geschlechts folgte die Unterordnung unter den Mann. Für Luther sei die Ehe zwar nicht mehr heilig, sondern ein »weltlich Ding« gewesen, zugleich habe er aber die Ehe als Lebensform aufgewertet. Zwar hatte die Frau als Hausmutter eines christlichen Haushaltes auch Teil an der Macht, war aber trotzdem dem Mann zum Gehorsam verpflichtet und sollte auch Züchtigungen klaglos hinnehmen. In evangelischen wie katholischen Ehen wollten die Frauen jedoch Bildung und ein »tätiges Leben in der Welt«, so die Hochschullehrerin im Ruhestand.

Dorothee Kommer, Pfarrerin aus Haigerloch in Württemberg, stellte Frauen als Verfasserinnen reformatorischer Flugschriften vor. 19 Schriften sind bekannt. Viele davon schrieb die bayrische adelige Argula von Grumbach (um 1492–1568). Sie und Ursula Weyda (1504–1565) aus Altenburg seien die ersten namentlich bekannten Autorinnen von Flugschriften gewesen. Dafür seien sie Anfeindungen ausgesetzt gewesen. Dennoch: »Frauen traten in die Öffentlichkeit und durchbrachen damit die Rollenbilder ihrer Zeit«, so Dorothee Kommer.

Lyndal Roper, Historikerin aus Oxford, verwies auf die in den Tischreden Martin Luthers überlieferten Scherze, die oft auf Kosten von Frauen gingen. Diese würden ihren Leistungen nicht gerecht – auch nicht denen seiner Frau Katharina. Es bestehe ein krasser Widerspruch von Luthers Theologie, in der die prinzipielle Gleichheit zwischen Frau und Mann herrsche, sowie schriftlichen Zeugnissen der Reformatoren über Frauen.

Anne Conrad, Historikerin und katholische Theologin aus Saarbrücken, nahm die Folgen der Klosteraustritte von Frauen und Männern in den Blick. »Der Austritt aus dem Kloster war eine existenzielle Gewissensentscheidung«, so Conrad. »Kritik und gesellschaftliche Ausgrenzung waren oft die Folgen.« Ein Gewinn sei der Austritt aus dem Kloster wohl für solche Frauen und Männer gewesen, die dorthin gezwungen worden waren. Die reformierte Theologin Marie Dentière (1495–1561) schrieb, dass sie erst durch den Austritt aus dem Kloster »zum hellen Licht der Wahrheit gelangt« sei. Ob andere ehemalige Nonnen und Mönche das auch so gesehen haben, lässt es zumindest für einige fraglich erscheinen.

Angela Stoye

nächste Seite »