Außergewöhnlich für ihre Zeit

23. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Frauen der Reformation: Felicitas von Selmnitz (1488 bis 1558)

Felicitas von Selmnitz‹ Leben als Adlige verlief zunächst in geordneten Bahnen. Sie wurde 1488 in Liederstedt in der Nähe von Allstedt an der Un­strut geboren. Ihr Vater und später ihr Mann waren Verwalter des Kurfürsten von Sachsen auf Schloss Allstedt. Nach ihrer Hochzeit mit dem Witwer Wolf von Selmnitz 1507 lebte Felicitas von Selmnitz mit ihrer Familie auf der Vitzenburg.

Vier ihrer Kinder starben frühzeitig. Da ihr Mann aufgrund seiner finanziellen Verpflichtungen als Oheim seiner Neffen die Vitzenburg verpachten musste, zog die Familie 1516 in ihr Anwesen nach Glaucha bei Halle.

Als ihr Mann 1519 auf einer Hochzeit hinterrücks erstochen und sie mit 31 Jahren Witwe wurde, kamen die gewohnten Lebensstrukturen ins Wanken.

Noch im selben Jahr floh sie mit ihren Söhnen vor der Pest und musste erleben, dass zwei daran starben. Nun war sie mit ihrem zweitgeborenen Sohn Georg allein.

Glücklicherweise half ihr Schwager Bastian von Selmnitz beim Durchsetzen ihrer Witwenansprüche – die Neffen verweigerten ihre Oheimpflichten gegenüber ihrem Sohn Georg. 1520/21 zog sie mit ihrem Sohn endgültig in ihr Anwesen nach Glaucha und schickte ihn mit 13 Jahren auf die Schreib– und Rechenschule nach Halle. Von ihm lernte sie mit 35 Jahren das Lesen und Schreiben.

Elisabeth Opitz, die Autorin des Beitrages als Felicitas von Selmnitz bei der Eröffnung des Feicitas- von-Selmnitz- Hauses Ende Januar in Halle. Foto: Burkhard Dube

Elisabeth Opitz, die Autorin des Beitrages als Felicitas von Selmnitz bei der Eröffnung des Feicitas- von-Selmnitz- Hauses Ende Januar in Halle. Foto: Burkhard Dube

Es ist anzunehmen, dass Felicitas die politische Lage sehr bewegte, waren doch ihr Schwager Bastian von Selmnitz und ihre Stieftöchter bereits 1521 zum neuen reformatorischen Glauben übergetreten. Auch hatte sie durch Thomas Müntzer, der für ein Vierteljahr als Hilfsprediger am Zisterzienserkloster in Glaucha angestellt war, viele Glaubenseinsichten gewonnen. Zu Weihnachten 1522 ließ sie sich mit ihrem Sohn durch Thomas Müntzer das Abendmahl in beiderlei Gestalt geben. Damit bekannte sie sich offiziell zum reformatorischen Glauben.

Wie glücklich mag sie dann gewesen sein, in den Besitz von Luthers Übersetzung des Neuen Testamentes – dem sogenannten Septembertestament – zu kommen und es auch noch selber lesen zu können! So musste sie wohl aus tiefstem Herzen und mit Freude all die Lesespuren hinterlassen haben, die wir heute in einigen der verbliebenen 362 Bücher aus dem Besitz ihrer Familie in der Marienbibliothek zu Halle finden können.

Als sie ihrem Neffen 1528 auf dem Sterbebett das Abendmahl in beiderlei Gestalt reichen ließ, drang Kardinal Albrecht sie, ihrem Glauben abzuschwören oder die Stadt zu verlassen. Obwohl Martin Luther in einem Brief ihr riet auszuhalten, floh sie im Frühjahr 1528 nach Wittenberg, wo sie sich sicher fühlte. Ihr Sohn immatrikulierte sich 1529 an der Universität.

Durch die Studien der reformatorischen Schriften konnte Felicitas von Selmnitz Anteil an den Disputen der Reformatoren nehmen und war eine hoch angesehene Frau in deren Freundeskreis. Sie übernahm Patenämter in den Familien Luther, Jonas, Bugenhagen und Cruciger. Buchgeschenke und Widmungen von Justus Jonas und Martin Luther geben Zeugnis davon. So können wir in der Lutherbibel die eigenhändige Widmung Luthers nachlesen: »Der Erbarn tugendsamen frawen felicitas von Selmenitz meiner Lieben gevattern.«

Im Jahr 1547 kehrte Felicitas von Selmnitz nach Halle zurück, da ihr Sohn eine Anstellung in Merseburg fand. Mit 70 Jahren starb sie am 1. Mai 1558.

Ihr Sohn erwarb auf dem Stadtgottesacker in Halle eine Grabstelle und ließ dort ein Epitaph für sie, seinen Vater und seine schon früh verstorbenen Geschwister errichten, der noch heute zu sehen ist.

Elisabeth Opitz

Von Beruf Pfarrer

15. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Beruf des Pfarrers steht im Mittelpunkt eines Dokumentarfilmes, der am 6. April in Halle seine Kinopremiere erlebte. Die Filmemacher Chris Wright und Stefan Kolbe haben ein Jahr lang eine Gruppe junger Frauen und Männer in der Endphase ihrer Ausbildung zum Pfarrer begleitet. Nach dem akademischen Studium ging es nun um die praktische Ausbildung im Vikariat. Der Ort des Geschehens ist das Predigerseminar in Wittenberg, direkt am Lutherhaus gelegen, sowie die Schlosskirche am anderen Ende der Innenstadt. Seit 10. April ist der Dokumentarfilm »Pfarrer« in den Kinos.

Filmszene. Foto: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Filmszene. Foto: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Das Einüben des liturgischen Singens, das Verfassen von Predigttexten und die Gestaltung der Gottesdienste sind die äußeren Handlungsfelder, die von den Filmemachern aus nächster Nähe erfasst werden. Noch größeren Raum nehmen die Gespräche der angehenden Pfarrer untereinander und das jeweils formulierte Selbstverständnis und Glaubensbekenntnis ein. Auch die zuweilen auftauchenden Selbstzweifel werden thematisiert.

Den für das Vikariat am Predigerseminar typischen Ordnungspunkten des Tages folgend, zeigt der Film besondere Momente wie das Morgenlob, die Andacht oder das Abendmahl, aber ebenso das Beisammensein am Grill oder den Spaziergang an der Elbe. Zwischendurch werden ästhetische Akzente gesetzt durch Nahaufnahmen von Blüten oder der Skulptur der Katharina von Bora, ein Blick aus dem Fenster die Collegienstraße herunter oder Details aus dem Inneren der Kirche geben Raum, das Gesehene und Gehörte zu reflektieren.

Ein einziges Mal kommt es zu einem kurzen Disput zwischen dem Filmemacher Chris Wright, der seine atheistische Position benennt, und einigen der Vikare, doch zu einer tiefer gehenden inhaltlichen Auseinandersetzung zweier Sichtweisen auf Gott und die Welt kommt es nicht. Dafür sind zum einen die Vikare als Gruppe viel zu stark, zum anderen sind sie deutlich besser in der Lage, ihren Glauben und ihre Überzeugungen in Worte zu fassen.

Die stärksten Momente hat der Film durch seine visuellen Stimmungen und wenn die Momente des gemeinsamen Singens mit viel Einfühlungsvermögen dargestellt werden.

Zu Beginn heißt es, Wittenberg hat nichts mit der Realität zu tun, womit der Alltag eines Pfarrers gemeint ist, und auch gegen Ende des Films werden die paradiesischen Zustände in Wittenberg angesprochen. Es ist ein Hinweis darauf, dass die wirklichen Bewährungsproben allen angehenden Pfarren noch bevorstehen und so endet der Film im Abspann mit den Terminen der jeweiligen Ordination, die in einem Fall offenbleibt.

Mathias Tietke

Offizieller Kinostart für »Pfarrer« war am 10. April. Der 90-Minuten-Film wird unter anderem in Berlin, Dresden, Düsseldorf, Halle, Magdeburg, Wittenberg, Bremen und Erfurt gezeigt.

Im Fernsehen ist die mit Unterstützung des MDR entstandene Produktion voraussichtlich nächstes Jahr zu Ostern bei arte zu sehen.

Seitenblick auf Land und Kirche in der DDR

8. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt:  Der renommierte Kirchenhistoriker Peter Maser gehört dem wissenschaftlichen Beirat zur Lutherdekade an

Das Spezialgebiet des Wissenschaftlers Peter Maser ist neben der christlichen Archäologie die Kirche in der DDR. Nicht zuletzt aus eigener bitterer Erfahrung.

Sein Leben wäre einen Roman wert oder eine Autobiografie. Peter Maser hat viel zu erzählen. Seine Erlebnisse und Erfahrungen spiegeln auf besondere Weise die geschichtlichen und politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts wider. Der 70-jährige Wissenschaftler erforscht Geschichte und ist selbst Teil von ihr.

Peter Maser wünscht sich, dass das Reformationsjubiläum 2017 ein gesamtgesellschaftliches Ereignis wird und nicht in »Luther-Verdruss« endet. Foto: Torsten Biel

Peter Maser wünscht sich, dass das Reformationsjubiläum 2017 ein gesamtgesellschaftliches Ereignis wird und nicht in »Luther-Verdruss« endet. Foto: Torsten Biel

Im August 1943 in Berlin geboren, zählt Maser seit vielen Jahren zu den anerkannten Kirchenhistorikern des Landes. Sein Spezialgebiet ist neben der christlichen Archäologie die Kirche in der DDR. Obwohl seit 1977 in der BRD wohnend. »Ich warf immer einen Seitenblick auf das Land und seine Kirche«, sagt Maser. Vor wenigen Jahren kehrte er zurück an die Stätte seiner Kindheit, die sein weiteres Leben maßgeblich beeinflusst hatte.

Peter Maser wuchs im Kurort Bad Kösen nahe Naumburg auf. In den Wirren der letzten Kriegsmonate ging er als kleines Kind während der großen Flucht aus den Ostgebieten gen Westen verloren. Seine Mutter war mit ihm in den Osten geflohen, um sich vor den verheerenden Bombenangriffen auf Berlin zu schützen. Als Kriegsfindelkind nahm ihn die Pfarrersfamilie Bertheau auf. »Diese Zeit hat mich sehr geprägt. Ich hatte ein sehr enges Verhältnis zu meiner Pflegefamilie«, blickt der gebürtige Berliner zurück. An seine Geburtsstadt hat er indes kaum noch Erinnerungen.

Auf der Landesschule Pforta bekam er als Jugendlicher den Konflikt zwischen Staat und Kirche zum ersten Mal deutlich zu spüren. Schon nach zwei Jahren verließ er die Schule. Sein schwerwiegender Fehler: Als sogenannter Kulturbeauftragter hatte er den Besuch des Weihnachtsoratoriums im Naumburger Dom organisiert.

In der Domstadt besuchte er anschließend das kirchliche Proseminar, nachfolgend nahm er ein Theologiestudium an der Universität Halle auf. Seine wissenschaftliche Karriere in der DDR schien nahezu geebnet. Er wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter und promovierte. Als Doktorvater wusste Maser den bekannten Ikonenforscher Konrad Onasch an seiner Seite.

Doch die Staatssicherheit hatte schon früh ein Auge auf den Theologen geworfen. »Ich wurde gleichzeitig von sechs Stasi-Spitzeln überwacht«, erzählt Maser. Von politischer Seite wurden seine wissenschaftlichen Ambitionen blockiert. Er stellte einen Ausreiseantrag. Seine Arbeit verlor er daraufhin. Gemeinsam mit seiner

Frau Malwine, ebenfalls eine Theologin, und den beiden Kindern Jakob und Rebekka, übersiedelte Maser in den Westen. Dort wurde er Mitarbeiter des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche Deutschlands und lehrte bis zu seiner Emeritierung 2008 an der Universität Münster. In den 90er Jahren wirkte Maser in der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur Aufarbeitung der Folgen der SED-Diktatur. Mit diesem Amt erhielt er Einsicht in besondere Akten und Archive. Seine folgenden Recherchen bereiteten selbst ihm so manche Überraschungen – mit Blick auf das angespannte Verhältnis zwischen Staat, Partei und Kirche in der DDR.

»Ich war sehr überrascht, wie stark durchsetzt die Kirche von Mitarbeitern der Staatssicherheit war, wie viel die Stasi wirklich gewusst hat«, bemerkt der Wissenschaftler. Auch die besondere Rolle der Kirche bei politischen Geschäften zwischen DDR und BRD versetzte ihn in Erstaunen. Nicht minder, dass die Kirche in den 50er Jahren wegen des politischen Druckes der Partei nahezu vor ihrem Ende stand und erst auf einen Wink aus Moskau hin die SED-Staatsführung von ihrem Kurs abließ.

Seit dem vergangenen Jahr gehört Peter Maser dem 24-köpfigen wissenschaftlichen Beirat der Lutherdekade an, der neben dem Kuratorium und dem Lenkungsausschuss als weiteres Gremium die Vorbereitung von Veranstaltungen und Ausstellungen begleitet. Sein Wissen über das Luther-Gedenkjahr 1983 in der DDR ist in sein Buch »Mit Luther in Butter?« geflossen. Das erste Material dafür sammelte der Autor in den 80er Jahren.

Das mehr als 570-seitige Werk widmet sich der Struktur und Rolle der Kirche in der DDR und beleuchtet mit Hilfe zahlreicher Quellen die Geschehnisse rund um das Jubiläumsjahr 1983. Damals wurden weit vor der friedlichen Revolution schon erste Anzeichen einer Krise in der DDR deutlich. Vor allem aufgrund der aufkommenden Friedens-, Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen, die nicht zuletzt bei den Feierlichkeiten und Kirchentagen jenes Jahres wichtige Kontakte untereinander knüpfen konnten.

Beim Jubiläum 2017 sollte nicht Luther, sondern vielmehr die Reformation, ihre Auswirkungen auf Europa und die Geschichte der Nationalstaaten, vor allem auch jener Osteuropas, im Mittelpunkt stehen, meint Maser. »Ich hoffe, ich kann diese Perspektive einbauen und dazu beitragen, dass die Themen aufgearbeitet werden.« Sein Wunsch: 2017 sollte als gesamtgesellschaftliches Ereignis die ganze Bevölkerung einbeziehen und von ihr wahrgenommen werden, ohne dass die Feierlichkeiten einen Event-Charakter annehmen und einen Luther-Verdruss, wie es ihn nach dem 1983er-Gedenkjahr gegeben hatte, bescheren.

Constanze Matthes

Buchtipp:
Maser, Peter: »Mit Luther alles in Butter?« Das Lutherjahr 1983 im Spiegel ausgewählter Akten, Metropol-Verlag, 576 S., ISBN 978-3-86331-158-2, 29,90 Euro

Nachtigallen, Tagtigallen

1. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor 100 Jahren starb Christian Morgenstern

Er war einer der großen Humoristen unter den deutschen Lyrikern, ein Sprachschöpfer, der eine komisch-surreale Welt erfand. Vor 100 Jahren, am 31. März 1914, starb Christian Morgenstern im Alter von 42 Jahren. Sein Vorbild war Wilhelm Busch. Er selbst wurde zum Anreger für Dada-Poeten und Kabarettisten, für Dichter wie Joachim Ringelnatz, Ernst Jandl oder Robert Gernhardt, für Heinz Erhardt und Loriot.

Morgensterns humoristische Gedichte, gesammelt in »Galgenlieder«, »Palmström«, »Palma Kunkel« und »Der Gingganz« spielen in einer fantastischen Welt, in der es von seltsamen Gestalten nur so wimmelt.

Treffend ist Morgensterns Widmung für die »Galgenlieder«, frei nach Nietzsche: »Dem Kind im Manne«. Gemeint ist die Freiheit der Kinder, der Jungen wie der Mädchen, mit der Sprache zu spielen, Geschichten zu erfinden, eine eigene Logik zu entwickeln, die dem ra­tionalen Denken der Erwachsenen fremd ist. Auch der Tod ist in vielen Versen so selbstverständlich wie das Leben.

Es gibt bei ihm aber auch den reinen, intelligenten Sprach-Witz, zum Beispiel im berühmten Gedicht »Das aesthetische Wiesel«: »Ein Wiesel / saß auf einem Kiesel / inmitten Bachgeriesel. / Wißt ihr /weshalb? / Das Mondkalb / verriet es mir / im Stillen: / Das raffinier- / te Tier / tat’s um des Reimes willen.«

Morgenstern kam am 6. Mai 1871 in München zur Welt. Nach einem abgebrochenen Jurastudium in Breslau zog er 1894 nach Berlin und schrieb für Kulturzeitschriften wie »Neue deutsche Rundschau«, »Jugend« oder »Freie Bühne«. Ab 1897 arbeitete er auch als Übersetzer der skandinavischen Schriftsteller August Strindberg, Henrik Ibsen und Knut Hamsun.

Christian Morgenstern

Christian Morgenstern

1903 wurde er Redakteur der Zeitschrift »Das Theater« im Verlag Bruno Cassirer. Parallel zu seiner Brotarbeit hat er schon ab 1895 Gedichtbände herausgebracht. Am bekanntesten und erfolgreichsten wurden die »Galgenlieder«. Insgesamt erschienen 15 Gedichtsammlungen bis zu seinem frühen Tod 1914 in Meran. Er starb an Tuberkulose, an der er lange gelitten hatte und die ihn immer wieder zu Kuraufenthalten zwang.

In diesen von Krankheit bestimmten Jahren fand Morgenstern zur Religion, und er schloss sich der Anthroposophischen Gesellschaft von Rudolf Steiner an. 1910 heiratete er seine Freundin und Mitarbeiterin Margareta Gosebruch. Sie gab später aus dem Nachlass weitere Lyriksammlungen heraus, darunter auch heute weithin vergessene Liebes- und Naturgedichte.

Morgensterns Nonsens-Verse stecken voller Seitenhiebe gegen Bürokraten, Schwätzer, Ideologen, Politiker. Und sie sind erstaunlich hellsichtig in ihrer Welterklärung.

Christian Morgenstern ist auch ein Vorläufer der konkreten Poesie: »Fisches Nachtgesang« besteht nur aus kleinen Strichen und konkaven Bögen, so angeordnet, dass sie den Umriss eines Fisches ahnen lassen. Stiller kann ein Gedicht nicht sein, Morgenstern selbst nannte es »das tiefste deutsche Gedicht.«

Wilhelm Roth (epd)

Die Antipoden der Reformation

25. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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»Vom Lärm der Welt oder Offenbarung des Thomas Müntzer« – Uraufführung am Deutschen Nationaltheater Weimar

Die Dualität und die Widersprüche von Thomas Müntzer und Martin Luther sind nicht nur historischer, sondern auch gegenwärtiger Zündstoff. Daran knüpft im Deutschen Nationaltheater Weimar (DNT) das Dramaturgenteam von Beate Seidel und Hans-Georg Wegner an. Die Produktion »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« bildet den Auftakt eines Zyklus spartenübergreifender Inszenierungen, der sich unter der Überschrift »Existenz-Resistenz« in den kommenden Spielzeiten mit Eckpunkten deutscher Geschichte in Verbindung zu konkreter Weimarer Stadthistorie beschäftigen wird, erläutert Dramaturgin Beate Seidel. Dramaturg Hans-Georg Wegner fügt an, vor allem das theologische Thema von Luthers »Zwei Reiche Lehre« habe für den Kompositionsauftrag ein zentrale Rolle gespielt. Herausgekommen ist ein neuartiges Stück, das vor allem mit den Elementen des Theaters spielt. Da mischen sich Oper und Schauspiel, aber auch Popelemente.

Bei der Probe des Stückes »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« am Deutschen Nationaltheater Weimar. Foto: Deutsches Nationaltheater Weimar

Bei der Probe des Stückes »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« am Deutschen Nationaltheater Weimar. Foto: Deutsches Nationaltheater Weimar

Inhaltlich wird gezeigt, wie Martin Luther und Thomas Müntzer die beiden Antipoden der Reformation sind. Sie sind die Protagonisten des eigens für diese Produktion entstandenen Textes des Theologen und Lyrikers Christian Lehnert. Der eine setzt auf Reformen, ohne dass das soziale Gefüge zerstört würde, der andere will die Zerstörung, um grundsätzlich neu anfangen zu können, so sieht es Dramaturg Hans-Georg Wegner.

Collagenartig folgt das Stück den Spuren der Umwälzbewegungen im 16. Jahrhundert und spiegelt deren weitreichende Folgen bis in die Gegenwart. 1525 fragt ein Junge am Grab seines im Bauernkrieg gefallenen Vaters nach dem Zweck seines Sterbens.

Ein zum Islam konvertierter deutscher Dschihadist fragt, was für Zeichen unsere Welt aus den Angeln heben kann und stellt einen Rucksack in den belebten Bahnhof einer deutschen Großstadt. Und drei Dämonen wandeln durch die Geschichte. Beobachtet wird dies alles von einer jungen Frau, die sich die Frage stellt: Darf Frau in dieser Welt einem Kind das Leben schenken?

Hasko Weber, Intendant des DNT Weimar, übernimmt die Inszenierung. Die Musik stammt aus der Feder des mehrfach mit dem Echo Klassik ausgezeichneten Komponisten und Musikproduzenten Sven Helbig, der sich mit Cross-over-Projekten von Orchester- und elektronischer Musik einen Namen gemacht hat.

Sven Helbig ist aufgewachsen in Eisenhüttenstadt und er entdeckt die klassische Musik als Kind eher zufällig. Nach dem Musikstudium in Dresden zieht Sven Helbig nach New York. Der Ruf zum Dozenten an der Dresdner Hochschule »Carl-Maria von Weber« führt ihn zurück. Hier komponiert er das Chorwerk »Da wird auch dein Herz sein« für 250 000 Stimmen zum Kirchentag 2011.

Das Libretto hat Christian Lehnert getextet. Er studierte Evangelische Theologie an der Universität Leipzig und an der Humboldt-Universität Berlin und wirkte von 2000 bis 2008 als Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Seit 2008 ist Christian Lehnert Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt in Wittenberg. Im Juni 2012 übernahm er die Geschäftsführung des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands an der Universität Leipzig.

Es singen und spielen Steffi Lehmann, Birgit Unterweger, Jörn Eichler, Christoph Heckel, Bastian Heidenreich, Robert Huschenbett, Bjørn Waag, Michael Wächter, der Opernchor des DNT Weimar und die Staatskapelle Weimar. Die musikalische Leitung hat Stefan Solyom. Dieses Stück ist ein Beitrag zur Lutherdekade.

Thomas Janda

Das Stück »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« wird am 28. März, 19.30 Uhr im Deutschen Na­tionaltheater Weimar uraufgeführt. Weitere Termine: 30. März, 5., 10. und 17. April jeweils 19.30 Uhr.

www.nationaltheater-weimar.de

Zwischen Idyll und Sündenfall

16. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Farbenmagier und Nazi-Emil – die Emil-Nolde-Retrospektive weicht auch den dunklen Seiten nicht aus

Das treffendste Wort für die Beschreibung von Leben und Werk des Malers Emil Nolde ist wohl in der Tat »Vielschichtigkeit«. Eine große Retrospektive in Frankfurt geht diesen Schichten nach und fördert durchaus auch Dunkles zutage.

Als Hans Emil Hansen wurde er am 7. August 1867 im Dorf Nolde im deutsch-dänischen Grenzgebiet geboren. Später nannte sich der Künstler nach seinem Geburtsort Emil Nolde. Sein Malstil, der Züge des Impressionismus mit dem expressiven Ausdruck der klassischen Moderne vereint, begeistert bis heute ein großes Publikum. »Der große Farbenmagier« wurde er genannt, der in kühnen Farbkompositionen Blumen und Gärten, die große Weite des Himmels und das Ungestüm des Meeres seiner schleswig-holsteinischen Heimat, aber auch Figuren und Porträts auf den Malgrund bannte.

Nolde selbst kokettierte damit, dass die Bibel das einzige Buch sei, welches er je ganz gelesen habe. Das Gemälde  »Verlorenes Paradies« entstand 1921. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

Nolde selbst kokettierte damit, dass die Bibel das einzige Buch sei, welches er je ganz gelesen habe. Das Gemälde »Verlorenes Paradies« entstand 1921. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

Schon zu Lebzeiten gehörte Nolde zu den ebenso umstrittenen wie erfolgreichen Künstlern. Seit 1915 huldigten jährliche Ausstellungen seinem Werk, in der Zeit der Weimarer Republik gehörte er zu den bekanntesten und bestverkauften Künstlern des Landes. Seine Bilder wurden nicht nur von Privatsammlern erworben, auch in Museen und öffentlichen Sammlungen hielten sie Einzug.

Facetten seines Werkes widmen sich bis heute nicht nur die jährlichen Ausstellungen in seinem letzten Wohnort Seebüll im äußersten Norden Schleswig-Holsteins. Mit der jetzt im Städel-Museum in Frankfurt am Main eröffneten Retrospektive allerdings wird erstmals seit mehreren Jahrzehnten ein Gesamtüberblick über das Lebenswerk gegeben. Mehr als 110 Gemälde, Aquarelle und Druckgrafiken, davon viele erstmals außerhalb Seebülls oder von Privatsammlungen ausgestellt, zeigen die Vielschichtigkeit des Lebenswerkes wie auch der inhaltlichen Thematik.

Einen wichtigen Platz nehmen dabei Noldes religiöse Bilder ein. Gleich drei Säle widmen sich den vom Neuen Testament inspirierten Bildern. Für Nolde selbst waren sie ein »Markstein« seiner Kunst. Entstanden nicht als Metaphern, sondern als Ausdruck »persönlicher Offenbarung« und »leibhaftigen Erlebens«. Auch wollte er damit bewusst einer Verengung seiner öffentlichen Wahrnehmung als »Blumen- und Landschaftsmaler« entgegenwirken.

»Großer roter Mohn«: In seinen letzten Lebensjahren bis 1956 entstanden vor allem wundervolle Aquarelle. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

»Großer roter Mohn«: In seinen letzten Lebensjahren bis 1956 entstanden vor allem wundervolle Aquarelle. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

Das besondere Verdienst der Frank­furter Ausstellungsmacher aber ist wohl, in den Begleittexten und -veranstaltungen auch die dunklen Schichten in Noldes Leben nicht auszublenden. Geprägt von einer stark deutsch-nationalistischen Haltung fand er ebenso wie seine dänische Ehefrau Ata erhebliche Schnittmengen mit der Ideologie des Nationalsozialismus. Nicht nur, dass Nolde wie mache anderen Intellektuellen und Künstler Deutschlands die Machtergreifung Hitlers voller Enthusiasmus begrüßten. Nein, gern wäre er mit seiner nach eigener Aussage »wahrhaft deutschen Kunst« zum künstlerischen Paladin der Diktatur geworden. Was zunächst gar nicht ausgeschlossen schien, gehörten doch auch Nazigrößen zu seinen Verehrern.

Dass sich im Streit um die nationalsozialistische Kunstpolitik letztlich Hitlers spießiger Geschmack durchsetzte, verhinderte dies allerdings nachhaltig. Noldes Werk wurde als »entartet« klassifiziert, seine Werke in Museen beschlagnahmt. In der von Goebbels inszenierten Femeschau »Entartete Kunst« war Nolde prominent vertreten.

Was freilich dessen Begeisterung für Hitler keinen Abbruch tat, sondern das NSDAP-Mitglied Nolde immer wieder neu um seine Rehabilitierung kämpfen ließ. Kaum auszuhalten ist es, wenn er etwa seinen künstlerischen Konflikt mit Max Liebermann und der Berliner Sezession von 1910 zum »Kampf gegen die Vorherrschaft des Judentums in der deutschen Kunst« stilisierte. Selbst vor antisemitischer Denunzierung seines Malerkollegen Max Pechstein schreckte Nolde nicht zurück.

Was spricht angesichts solcher Verirrungen eigentlich noch für Nolde? Zum einen die Tatsache, dass der um Anerkennung Buhlende dennoch seinen den Nazis so verhassten Malstil nicht änderte. Und dann natürlich die Fülle seiner wunderbaren Bilder, die den Weg nach Frankfurt allemal lohnen.

Harald Krille

Die Ausstellung «Emil Nolde. Retrospektive» ist bis zum 15. Juni 2014 dienstags, mittwochs, sonnabends und sonntags von 10 bis 18 Uhr sowie donnerstags und freitags von 10 bis 21 Uhr im Städel-Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main, zu sehen. Zur Ausstellung sind ein Katalog und ein Begleitheft erschienen

Webfilm zur Ausstellung

www.staedelmuseum.de

»… das Herz rühren«

10. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor 300 Jahren wurde der Komponist Carl Philipp Emanuel Bach geboren

Wer heute »Bach« sagt, meint seinen Vater. Doch zu Lebzeiten war Carl Philipp Emanuel Bach sogar berühmter als Johann Sebastian. Der Sohn war Hofcembalist in Berlin und Musikdirektor in Hamburg. Vor 300 Jahren wurde er in Weimar geboren.

Carl Philipp Emanuel Bach, Büste im Schauspielhaus Berlin. Foto: Wikipedia

Carl Philipp Emanuel Bach, Büste im Schauspielhaus Berlin. Foto: Wikipedia

Die Musik war ihm in die Wiege gelegt. Am 8. März 1714 wurde Carl Philipp Emanuel Bach in Weimar geboren, als zweitältester Sohn Johann Sebastian Bachs. Bereits mit elf Jahren konnte er die Cembalo-Musik des Vaters fließend vom Blatt spielen. In dessen Fußstapfen stieg er aber zunächst nicht: Auf Wunsch des Vaters begann Carl Philipp Emanuel 1731 ein Jura-Studium, zunächst in Leipzig, dann in Frankfurt/Oder.

Doch schon sein Studium finanzierte der 20-Jährige mit Musik. Er gab Cembalo-Unterricht, dirigierte und komponierte. Und hatte wenig Lust auf ein Advokatenleben: Mit 24 wurde er vom damaligen preußischen Kronprinzen Friedrich als Cembalist ins mecklenburgische Ruppin berufen. Und als der Prinz 1740 König wurde, folgte ihm der junge Bach als fest angestellter Konzertcembalist an die Hofkapelle in Berlin.

In Berlin entstanden ab 1740 die sechs Preußischen Sonaten, ab 1742 die sechs Württembergischen Sonaten. Sie gelten als die wichtigsten Zeugnisse der neuen Stilrichtung »Empfindsamkeit«: »Mich deucht, die Musik müsse vornehmlich das Herz rühren, und dahin bringt es ein Clavierspieler nie durch blosses Poltern und Trommeln, wenigsten bey mir nicht«, schrieb Carl Philipp Emanuel Bach. Und: »Aus der Seele muss man spielen und nicht wie ein abgerichteter Vogel.«

In den 28 Jahren seines Hofdienstes in Berlin wurde »CPE Bach« zu einem der bekanntesten »Clavieristen« Europas. Er schrieb mehr als 100 Sonaten und Solowerke, darunter das »Magnificat« (1749), mehrere Sinfonien und Konzerte sowie etliche weltliche Kantaten und Liederbücher. 1753 erschien sein Buch »Versuch über die wahre Art das Klavier zu spielen, mit Exempeln und 18 Probestücken in sechs Sonaten erläutert«. Es avancierte zu einem der wichtigsten Dokumente über das musikalische Denken im 18. Jahrhundert.

Die Zeitgenossen rühmten ihn. »Er ist der Vater, wir die Bub’n«, urteilte Wolfgang Amadeus Mozart: »Wer von uns was Rechtes kann, hat von ihm gelernt.«

Trotz wachsender Berühmtheit vermisste Carl Philipp Emanuel in Berlin zunehmend die Wertschätzung des Königs. Nach dem Tod seines Vaters bewarb er sich 1750 vergeblich um dessen Nachfolge als Thomaskantor in Leipzig. Als mit dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) das höfische Leben in Berlin nahezu zum Erliegen kam, begann Bach, seinen Wirkungskreis zu vergrößern. Er unternahm Reisen zu Freunden in Hamburg, Bückeburg und Eisenach, gab Konzerte in Gotha und Kassel.

1767 starb in Hamburg sein Patenonkel Georg Philipp Telemann, von dem er den zweiten Vornamen hatte. Telemann hatte Bach die Nachfolge gesichert: Am Ostersonntag 1768 übernahm Carl Philipp Emanuel das Amt als Kantor der Gelehrtenschule Johanneum und städtischer Musikdirektor an den fünf Hauptkirchen. Hier gehörten 200 Konzerte zum jährlichen Pensum, vor allem an den vielen kirchlichen Feiertagen.

Doch in der bürgerlich geprägten Kaufmannsstadt wurden auch Festmusiken zu Jubiläen, Amtseinführungen und Feiern jeder Art erwartet – eine immense Arbeitsbelastung. An den Orgeln der Hauptkirchen wurde Carl Philipp Emanuel daher nicht so oft gesehen, und auch an der Lateinschule des Johanneums konnte er sich vertreten lassen. Den gewaltigen Rest bewältigte er dadurch, dass er nicht selten vorhandenes Material neu zusammensetzte, eigenes und fremdes. Auf diese Weise bot er dem Publikum ein breites Musik-Spektrum.

Viele seiner Stücke waren auch kommerziell erfolgreich und machten ihn weithin bekannt.

Doch Bach hatte das Pech, zwischen den Epochen zu stehen – er war das Musikgenie im Übergang vom Barock zur Klassik. Als man Mitte des 19. Jahrhunderts die große Musik seines Vaters wieder zu entdecken begann, geriet der Sohn zunehmend in Vergessenheit.

Carl Philipp Emanuel Bach starb am 14. Dezember 1788 in Hamburg, sein Grab befindet sich noch heute in der Krypta der Hauptkirche St. Michaelis (»Michel«). In dem Nachruf einer Tageszeitung stand damals, er sei »eine der größten Zierden der Tonkunst« gewesen, dessen Kompositionen »immer neu, unerschöpflich, groß und kraftvoll bleiben werden«.

Klaus Merhof (epd)

Mutter der Collage

3. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Herzoglichen Museum wird an die vor 125 Jahren in Gotha geborene Hannah Höch erinnert

Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands«, lautet der Titel ihres vielleicht bekanntesten Werkes, das 1920 auf der Ersten Internationalen Dada-Messe in Berlin gezeigt, später zu einer Art »Ikone des Dadaismus« wurde und inzwischen in der Deutschen Nationalgalerie Berlin hängt: Hannah Höch (1889–1978). Sie war die erste Dadaistin und gilt als Wegbereiterin der Collage.

Hannah Höch: Vor der Kathedrale, 1950, Collage auf Karton. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Lutz Ebhardt

Hannah Höch: Vor der Kathedrale, 1950, Collage auf Karton. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Lutz Ebhardt

Der 125. Geburtstag der aus Gotha stammenden Künstlerin bietet den äußeren Anlass, ihr facettenreiches Werk stärker ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen und in umfangreichen Ausstellungen zu würdigen. Den Anfang machte im Januar die Londoner Whitechapel Gallery, in der bis 23. März mehr als 100 Arbeiten aus dem 60-jährigen Schaffen der Künstlerin gezeigt werden.

Unter dem Titel »Hannah Höch – Aufbruch in die Moderne« folgte Mitte Februar das Herzogliche Museum ihrer Geburtsstadt mit einer Auswahl, die von frühen Versuchen bis hin zu späten Kreationen reicht und bis 4. Mai zu sehen ist. Auch das dritte Themenjahr der »Dada-Dekade 2022« ist der Jubilarin gewidmet. Es steht unter dem Motto »Hoch – Höher – Höch! Dada mit Hannah aus Gotha« und gipfelt am 10. Mai in einem klingenden Umzug durch die Residenzstadt.

Hannah Höch verbrachte die ersten 22 Jahre ihres Lebens in Gotha. Danach ging sie nach Berlin, um sich ganz der Kunst zu widmen. Dort lernte sie 1915 den bereits verheirateten Raoul Hausmann kennen und ging mit ihm eine siebenjährige Liebesbeziehung ein. In dieser Liaison entwickelten sie stilistisch die Fotomontage. Diese erschien ihnen als geeignetes Mittel, den politischen Zeiterscheinungen mit Spott zu begegnen und bissig den Geist der Zeit zu attackieren.

Für Hannah Höch war die Collage ein Arbeitsmittel, das sie durchgängig bis in ihre späten Jahre nutzte. Zu den Glanzlichtern gehört dabei das 1950 entstandene Bild »Vor der Kathedrale«. Den besonderen Reiz der Gothaer Ausstellung macht aus, dass nicht nur die Avantgardistin Hannah Höch zu erleben ist, sondern auch die bodenständige Zeichnerin und Malerin, die es schon in jungen Jahren verstand, Motive aus der Natur und dem Alltag stimmungsvoll mit Farbstiften, Tusche oder Pastellkreide »einzufangen«.

Besonders eindrucksvoll ist das Aquarell »Fackelzug« (1906/08), das eine in Richtung Horizont wegziehende Menschenmenge zeigt.

Michael von Hintzenstern

Herzogliches Museum Gotha, Bis 4. Mai, täglich 10 bis 16 Uhr, ab 1. April: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr

Ungebetene Gäste

24. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Experten suchen Ursachen von Pilzbefall an Kirchenorgeln

Dass Kirchenorgeln nach Jahrhunderten wegen mechanischer Schäden repariert werden müssen, ist bekannt. Doch in jüngster Zeit sind auch neuere Instrumente bedroht: Schimmel an Pfeifen verändert den Ton und verursacht enorm hohe Reinigungskosten.

Steile, schmale Treppchen führen durch das Innere der Orgel, links und rechts stoßen die Ellbogen an Balken. Es riecht nach Holz und Staub. In der Ladegast-Orgel des Merseburger Doms lauert der Feind versteckt. An den Querstreben zwischen den Holz- und Metallpfeifen taucht er auf: der Schimmelpilz. Die größte Gefahr seien Anhaftungen an den Pfeifen, sagt Christoph Zimmermann, Orgelreferent der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Dombaumeisterin Regine Hartkopf begutachtet das Innenleben der Ladegast-Orgel des Merseburger Doms auf der Suche nach Schimmelpilzen. Foto: epd-bild

Dombaumeisterin Regine Hartkopf begutachtet das Innenleben der Ladegast-Orgel des Merseburger Doms auf der Suche nach Schimmelpilzen. Foto: epd-bild

Ohne Säuberung verändert der Schimmel den Ton. Wenn er nicht beseitigt wird, bildet der Pilz schließlich Kolonien. Die Konsequenz: Jede einzelne Pfeife muss entnommen und gereinigt werden. »Da können je nach Größe der Orgel leicht Kosten in einem fünfstelligen Euro-Betrag zusammenkommen«, sagt Zimmermann. Im Extremfall kann eine Orgel nicht mehr gespielt werden – für die jährlichen Merseburger Orgeltage wäre das eine Katastrophe.

Das Instrument im Dom umfasst rund 5 700 Pfeifen. Es wurde von dem bekannten Orgelbaumeister Friedrich Ladegast (1818–1905) geschaffen und 1855 feierlich in Betrieb genommen als erste romantische Großorgel in Mitteldeutschland.

Als Problem tauchte Schimmelpilz an Kirchenorgeln erst in den vergangenen Jahren auf. Um die Ursachen herauszufinden, plant die mitteldeutsche Kirche ein Forschungsprojekt. Aus den Ergebnissen sollen Gegenstrategien entwickelt werden.

Feuchtigkeit, Temperaturschwankungen und mangelnder Luftaustausch zählt Zimmermann als mögliche Ursachen für die Schimmelbildung auf. »Bislang sind das aber alles nur Vermutungen«, räumt der Fachmann ein. Schwierig ist eine Beurteilung auch, weil Angaben über einen Befall aus vergangenen Jahrhunderten fehlen. Die Anzahl von Kirchenorgeln auf dem Gebiet der mitteldeutschen Kirche schätzt Zimmermann auf 4 000. Vielleicht 100 davon könnten von Schimmelpilzen akut befallen sein.

Bei der Merseburger Domorgel wurde vor wenigen Jahren erstmals Schimmelbefall entdeckt. Die Pilze wuchsen auf dem Staub, der das Holz überzog. Bei einer mikrobiologischen Untersuchung seien rund 15 verschiedene Pilzvarianten festgestellt worden, berichtet Dombaumeisterin Regine Hartkopf. »Wenn sich über Jahrzehnte Staub ansammelt, wächst auch der Schimmel«, warnt Hartkopf.

»Schimmel an Orgeln ist ein in wachsendem Maße ernst zu nehmendes Problem«, sagt Martin Ammon, der das gemeinsame Büro der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Stiftung Orgelklang in Hannover leitet.
Zwar existierten bereits Merkblätter und Handreichungen zu Ursachen und Bekämpfung des Schimmels, über das genaue Ausmaß lägen jedoch keine verlässlichen Daten vor.

Orgeln sind wartungsbedürftige Instrumente, der finanzielle Aufwand ist erheblich, erläutert der Theologe. Nach aktuellen Förderanträgen sind seinen Angaben zufolge für Sanierungen durchschnittlich 123 000 Euro pro Instrument notwendig. Schätzungen zufolge gibt es deutschlandweit insgesamt 50 000 Orgeln in katholischen und evangelischen Kirchen. Etwa ein Fünftel davon stammt aus der Zeit vor dem 19. Jahrhundert.

Im sachsen-anhaltischen Merseburg bleiben die Experten am Ball. Schließlich soll 2015, wenn der 1 000. Jahrestag der Grundsteinlegung für die ottonische Vorgängerkirche gefeiert wird, auch die Domorgel sauber klingen.

Karsten Wiedener (epd)

www.ekmd.de
www.stiftung-orgelklang.de

Ausflug in die Belle Époque

18. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung in Jena widmet sich der Schönheit

Was ist schön? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Ausstellung »Frauenschönheit. Ideal und Wirklichkeit in der Belle Époque« im Stadtmuseum Jena. Als Belle Époque werden die 30 Jahre etwa zwischen 1884 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 bezeichnet. Eine Zeit des Umbruchs, der Erneuerung, der Suche nach dem Schönen. Schön ist, wer gesund, natürlich und schlank ist, so die Antwort in dieser Epoche auf die Frage nach Schönheit. Wie die Präsentation veranschaulicht, hat das aktuelle Schönheitsideal seine Grundlage in der Belle Époque. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erwacht das Interesse am menschlichen Körper, an seiner ästhetischen Vervollkommnung und Pflege. Lebensreformer, Künstler und Mediziner entdeckten den Körper in einem ganzheitlichen Sinn und sagten der körperfeindlichen Haltung, wie sie im Wilhelminischen Zeitalter bestimmend war, den Kampf an. Dieser galt beispielsweise einem Kleidungsstück, dem Korsett, in das sich Frauen zwängten, um dem damaligen Schönheitsideal zu entsprechen.

Hammelkeulenkleid auf einem Modeblatt, 1896. Foto: Stadtmuseum Jena

Hammelkeulenkleid auf einem Modeblatt, 1896. Foto: Stadtmuseum Jena

Die Lebensreformer und Künstler der Belle Époque orientierten sich an den griechischen Skulpturen der Antike, die sie als Vorbilder für Schönheit betrachteten.

Während bis Anfang des 20. Jahrhunderts Frauen hochgeschlossene Kleider trugen, unbedeckte Körperteile tabu waren, so änderte sich dies in der Belle Époque. Der natürliche nackte Körper sollte als schön betrachtet und enthüllt werden. Es etablierten sich Kulturveranstaltungen, in denen nackte Frauen als »lebender Marmor« auftraten. Sie trugen ein weißes Ganzkörper-Make-up und arrangierten sich in der Stellung antiker Statuen. Zu den Möglichkeiten der Abbildungen wie Malerei und Bildhauerei gesellte sich die Fotografie. Mit der Einführung der Postkarte wurden 1870 die Voraussetzungen geschaffen, Akte auf Fotografien auch einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Mit dem neuen Bewusstsein für den Körper entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Bewegung, für die rationelle Schönheitspflege sowie Leibesertüchtigung eine große Rolle spielten. Wie die Schau zeigt, eroberte eine umfangreiche Ratgeberliteratur über Körperpflege, Ernährung und Hygiene den Markt. Propagiert wurde eine Lebensweise, die viel Bewegung an der frischen Luft beinhaltete. Um gesund, schön und schlank zu sein, wurden den Frauen Sportarten wie Bergsteigen, Schwimmen und Tennis empfohlen.

In diesem Zusammenhang weist die Ausstellung auch auf rassistische Gesichtspunkte im Nationalsozialismus.

Zwei Räume laden zu einer amüsanten Modenschau ein. Zur Frauenmode der Belle Époque gehörte die Turnüre, ein halbkreisförmiges Gestell über dem Gesäß. Eine solche ist in der Ausstellung zu betrachten ebenso wie Blusen mit Ballonärmeln und Hammelkeulen.

Anlass für die Ausstellung in Jena ist eine große Sammlung an Kleidern und Textilien aus der Jahrhundertwende. Um diese zeigen zu können, begab sich das Stadtmuseum auf die Suche nach dem weiblichen Schönheitsideal dieser Zeit. Eingeladen wird zu einem aufschlussreichen und vergnüglichen Ausflug in die Belle Époque, die von einem Wandel der Werte und Normen gekennzeichnet war.

Sabine Kuschel

Die Granaten-Bibel

9. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Die digitale Bibliothek Europeana zeigt private Erinnerungsstücke an den Ersten Weltkrieg

Der Infanterist Kurt Geiler schlief fest, als die Granate in den Unterstand einschlug. Seit fast vier Jahren lag Geiler in den Schützengräben von Verdun im Nordosten Frankreichs, wo sich der deutsche Angriff in einem Stellungskrieg festgefahren hatte. Die Granate explodierte und verteilte ihre tödlichen Splitter.

Über Geiler brach das Inferno aus. Stützbalken zerbarsten, Erde und Dreck krachten herunter. Schlaftrunken rettete sich der 23-Jährige ins Freie. Überall lagen Tote und Verwundete, aus dem Inneren des Unterstandes ertönten die Schreie der Verschütteten. Nur Geiler blieb unverletzt.

Die Fotos von der Bibel sind in dem digitalen europäischen Archiv zu sehen. Foto: epd-bild

Die Fotos von der Bibel sind in dem digitalen europäischen Archiv zu sehen. Foto: epd-bild

Später sammelte er seine Habseligkeiten in den Trümmern zusammen und fand dabei auch seine Bibel wieder. Ein zwei Finger breiter, scharfkantiger Granatsplitter hatte sich in das Buch gebohrt. Wie immer hatte Geiler das Buch zum Schlafen unter seinen Kopf gelegt. Das hatte ihm das Leben gerettet. Das war 1917.

Die Fotos von der Bibel sind in dem digitalen europäischen Archiv »europeana1914–1918.eu« zu sehen. Mit dem im März 2011 gestarteten Projekt »Erster Weltkrieg in Alltagsdokumenten« will die europäische digitale Bibliothek Europeana die privaten Erinnerungen von Menschen verschiedener Nationen an diese »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« sichern und öffentlich zugänglich machen. Zum Jubiläumsjahr wurde das Portal in Berlin offiziell freigeschaltet.
Unter Federführung der Staatsbibliothek Berlin wurden seit 2011 europaweit Hunderttausende Zeitdokumente aus der Zeit des Ersten Weltkrieges digitalisiert und eingestellt. Allein 400 000 Dokumente kommen aus zehn europäischen Nationalbibliotheken und Archiven. Zudem sind 90 000 private Dokumente und Erinnerungsstücke aus zwölf europäischen Ländern sowie über 660 Stunden Filmmaterial aus 21 europäischen Filmarchiven zu sehen.

Für die Digitalisierung privater Erinnerungsstücke und Dokumente wurden bislang über 130 Aktionstage, sogenannte collecting days, veranstaltet, darunter in Deutschland, England, Luxemburg, Irland, Slowenien, Dänemark, Belgien, Zypern, Italien, Frankreich, Rumänien und der Slowakei. Koordiniert wird das Projekt in Deutschland von dem Historiker Frank Drauschke vom Historical Research Institute Facts & Files in Berlin.

Seit 2011 wirbt Drauschke unermüdlich in zwölf europäischen Ländern dafür, private Erinnerungsstücke aus dem Ersten Weltkrieg digitalisieren zu lassen oder sie eigenständig in der Datenbank online zu stellen. Gesucht und erfasst wird alles: Feldpostbriefe, Orden, Tagebücher, Fotos, Filme, Tonaufnahmen und die dazugehörigen persönlichen Geschichten. »Jeder, der persönliche Erinnerungsstücke an die Zeit zwischen 1914 und 1918 besitzt, ist weiterhin eingeladen, sich zu beteiligen«, sagt Drauschke.

Die Geschäftsführerin der Europeana Foundation, Jill Cousins, spricht von einer Ressource, die es in diesem Ausmaß in Europa bisher noch nicht gegeben habe. »Zudem hat es unsere Länder in bemerkenswerter Weise zusammengebracht«, betont Cousins. Die ursprüngliche Idee für die virtuelle Sammlung stammt von der Oxford University, die 2008 in Großbritannien dazu aufrief, das Great War Archive um private Exponate zu ergänzen. Finanziert wird die Europeana aus EU-Mitteln und Mitteln der jeweiligen Länder.

»Mein Vater war schon als frommer Mann in den Krieg gezogen«, erinnert sich der Sohn des Infanteristen Kurt Geiler, Gottfried Geiler, heute in Leipzig. Dass die Bibel ihn »im wörtlichen Sinne rettete«, habe ihn natürlich darin bestärkt, auch wenn er später noch zweimal verwundet werden sollte, davon einmal schwer. Aber Kurt Geiler überlebte den Krieg. Die Bibel mit dem Granatsplitter bewahrt sein Sohn sorgfältig in einer Kiste auf. Dass sie und diese Geschichte seines Vaters durch das Internetportal nun zum Teil eines europäischen Gedächtnisses geworden ist, findet der 86-Jährige großartig.

Christoph Roch (epd)

www.europeana1914-1918.eu

Die Stadt der Bibel und ihre Schätze

4. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Heilige Schrift: In Stuttgart befindet sich die drittgrößte Bibelsammlung der Welt

Hinter einer dicken Panzertür lagern alte Drucke mit Millionenwert. Ein Besuch im unterirdischen Reich der überirdischen Schriften.

Nur zwei Worte brauchte ein britischer Experte im Herbst 1996, um den Sensationsfund zu bestätigen, der bald darauf die Fachkreise in Aufruhr versetzte: »No doubt.« –

»Kein Zweifel.« Soeben hatte man die einzige vollständige Ausgabe der ersten gedruckten englischen Bibel entdeckt, die schon Shakespeare verwendete. Sie lag in der Württembergischen Landesbibliothek und war über Jahrhunderte hinweg unerkannt geblieben. Seither ist die Übersetzung des Neuen Testaments von William Tyndale aus dem Jahr 1526 wohl das wichtigste Buch von Stuttgart. Doch das Wertvollste ist es keineswegs.

Christian Herrmann, Leiter der Abteilung Alte und Wertvolle Drucke, mit einer kolorierten Koberger-Bibel (Nürnberg 1483). Foto: Fabian Kramer

Christian Herrmann, Leiter der Abteilung Alte und Wertvolle Drucke, mit einer kolorierten Koberger-Bibel (Nürnberg 1483). Foto: Fabian Kramer

Umgeben von grünen Metallgittern erstreckt sich der Bereich der berühmten Bibelsammlung im zweiten Untergeschoss des Bibliotheksgebäudes. Die Luft ist 18 Grad kühl. Besucher haben hier keinen Zutritt. Mehr als einen Laufkilometer an Regalen füllen die fast 20 000 Bände. Lediglich in London und Cambridge gibt es noch größere Bestände. Den Grundstein für diese einzigartige Kollektion legte der württembergische Herzog Karl Eugen (1728–1793), der ein notorischer Bücher- und Frauennarr war. »Böse Zungen behaupten, dass er bei seinem Tod 8 000 Bibeln und 250 uneheliche Kinder hinterließ«, meint der jetzige Abteilungsleiter Christian Herrmann schmunzelnd.

Und er erzählt, wie die Sammlung weiter wächst. Das liegt vor allem an der langen Tradition der Bibelherstellung in dieser Gegend, die mit dem schwäbischen Luthertum und Pietismus begann und bis heute andauert. Ungefähr drei Viertel aller deutschsprachigen Ausgaben der Heiligen Schrift stammen aus Stuttgart, das sich selber »Stadt der Bibel« nennt. Die ortsansässige Deutsche Bibelgesellschaft, die 2012 ihren 200. Geburtstag feierte, gibt neben unzähligen Übersetzungen nicht zuletzt jene Editionen des hebräischen und griechischen Originaltextes heraus, mit denen Wissenschaftler in aller Welt arbeiten. Auch das Katholische Bibelwerk hat sich am Neckar niedergelassen.

Deshalb findet man das göttliche Wort in den Stuttgarter Katakomben in mehr als 640 Sprachen. Seine kostbarsten Schätze verbirgt Bibliothekar Herrmann in einem mehrfach gesicherten, extra klimatisierten Tresorraum, den er nur ausnahmsweise öffnet. Dort liegt auch ein Band aus den Anfangsjahren der Druckkunst, dessen bloßer Kurzname das Herz von Philologen höher schlagen lässt, eine »B36«. So lautet der Fachbegriff für eine 36-zeilige Bibel, die um 1461 in Bamberg entstand. Aufgrund ihrer Seltenheit ist sie wahrscheinlich das teuerste gedruckte Buch überhaupt. Der Versicherungswert beträgt 15 Millionen Euro.

Für den Fall, dass eines der Sammlungsstücke alterungs- oder benutzungsbedingt beschädigt ist, betreibt die Bibliothek eine eigene Restaurierungswerkstatt. Dort werden mit Zahnarztbesteck Wurmlöcher gefüllt, mit selbst gekochtem Weizenkleister Buchrücken geklebt, mit Pergamenten aus Schafs-, Ziegen- und Kalbsleder Seiten ausgebessert. Doch eigentlich sind die Bände von früher oft langlebiger als solche jüngeren Datums, da das Papier ehemals nicht aus säurehaltigem Holzstoff, sondern aus gebrauchten Textilien, mittelhochdeutsch »Hadern«, hergestellt wurde.

Kürzlich lag hier auf der Werkbank eine der neuen Bibliothekserwerbungen, die sogenannte Prinzessinnenbibel von 1591, mit abgeschabtem Ledereinband, angebrochener Deckelverbindung und Wasserschäden. Inzwischen ist sie restauriert und in den Bestand aufgenommen. Eine Eigentümerliste auf der ersten Seite erinnert noch immer an die bewegte Vergangenheit des Folianten, der einst von einer hiesigen Adelstochter an eine Schweizer Familie verkauft worden war.

Allerdings gab es auch Zeiten, in denen die Herkunft mancher Heiligen Schrift bewusst verschleiert wurde, gerade wenn es sich um eine jener landessprachlichen Fassungen handelte, welche vielerorts die Reformatoren anfertigten. Sammlungsleiter Herrmann erläutert, wie einige dieser Ausgaben, die anfangs kirchlich verboten waren, zur Tarnung ein falsches oder gar kein Titelblatt trugen. Inzwischen kann man bisweilen anhand von Illustrationen oder Ähnlichem nachvollziehen, wer die Urheber waren.

Von den Wirren der Epoche der Kirchenspaltung zeugt ein kleines, unscheinbares Bändchen, das Christian Herrmann aus dem Regal zieht. Es ist ein kroatisches Neues Testament, geschrieben im ersten slawischen Alphabet, aus einer schwäbischen Druckerei. Sein Übersetzer Primus Truber musste nach Deutschland fliehen, nachdem er in seiner Heimat Slowenien exkommuniziert worden war. Er starb in Tübingen bei Stuttgart. »Und Truber ist der einzige Theologe, dessen Gesicht eine Euro-Münze ziert«, ergänzt Herrmann.

Weniger Glück hatte der zu Beginn erwähnte William Tyndale. Ihn ereilte am Ende dasselbe Schicksal wie die meisten seiner Bibelübersetzungen vor ihm: Er wurde verbrannt. Indes fanden seine letzten Worte Erhörung: »Herr, öffne die Augen des Königs von England!« Mittlerweile ist die 1611 erschienene King James Bible, die zu 80 Prozent auf Tyndales Version beruht, wohl das meistgedruckte Buch der Welt.

Fabian Kramer

Widerstand in der frühen DDR

28. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Premiere des Schauspiels »Die im Dunkeln« wird in Gera von einem Theatergottesdienst begleitet

Es war ein Wikipedia Eintrag, auf den Bernhard Stengele aufmerksam wurde. Der Schauspieldirektor an der Theater & Philharmonie Thüringen Gera-Altenburg stieß während der Information über seine neuen Wirkungsstätten auf einen Eintrag über Ereignisse zwischen 1948 und 1950 in Altenburg. Die Schüler der Oberstufe von der damaligen erweiterten Oberschule »Karl Marx« haben aus den schrecklichen Berichten über das untergegangene Naziregime gelernt. Sie wünschten sich einen neuen Staat ohne politische Diktatur und Gewalt. Die Entwicklung in der sowjetischen Besatzungszone und der frühen DDR war jedoch geprägt von zunehmender Stalinisierung. Angesichts der Grausamkeiten einer zu Ende gegangenen Diktatur und ermutigt durch literarische Vorlagen über Freiheit und Unabhängigkeit entschlossen sich die Schüler und Jugendlichen, Widerstand gegen die aufkeimende Totalisierung zu leisten. Sie verteilten Flugblätter und störten eine Radiosendung zum 70. Geburtstag Stalins mit einem selbst gebauten Radiosender. 1950 wurde die Gruppe durch die Staatssicherheit zerschlagen und vor ein sowjetisches Militärtribunal gestellt. Vier Schüler wurden in Moskau hingerichtet, die anderen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Bernhard Stengele wollte diese Geschichte künstlerisch auf die Theaterbühne bringen. »Wir haben die Autorin Mona Becker beauftragt, diesen Stoff zu einem Bühnenstück zu verarbeiten.«

Die Uraufführung des Schauspiels »Die im Dunkeln. Stück über Widerstand am Beispiel Altenburg« fand im März 2013 in Altenburg statt. In diesem Jahr kommt es in Gera auf die Bühne.

Bei der Entstehung und Umsetzung des Stückes konnten sich die Theaterleute auf die Aussagen zweier Zeitzeugen beziehen: Jörn-Ulrich Brödel und Gerhard Schmale haben die Verfolgung von damals überlebt. Die Inszenierung schildert die Ereignisse aus deren heutiger Sicht. Dr. Enrico Heitzer von der Gedenkstätte Sachsenhausen sorgte für die historische Genauigkeit. »Es gab zu allen Zeiten, so auch in der entstehenden DDR, mutige Menschen, die sich nicht davon abbringen ließen, ihre Meinung zu sagen. Diese Botschaft ist heute ebenso wichtig. Das Stück richtet sich daher auch durchaus an junge Leute, denn es waren ja Schüler, die aus Begeisterung für Redefreiheit und Meinungsfreiheit Widerstand leisteten. Heute gehört genauso viel Mut dazu, auf Missstände hinzuweisen und für die Wahrheit zu kämpfen«, fasst Bernhard Stegele die Kernaussage des Schauspiels zusammen.

Auch in Gera wird die Premiere des Schauspiels »Die im Dunkeln« mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen, Lesungen und einem Theatergottesdienst in der Salvatorkirche begleitet.

»Das Theater kam in diesem Fall direkt auf uns zu und das freut uns sehr, weil dies die Verbundenheit mit den städtischen Institutionen durch unsere regelmäßigen Kulturangebote in der Kirche deutlich macht«, betont Pfarrer Dr. Frank Hiddemann, der zugleich der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ist.

Szene aus dem Schauspiel »Die im Dunkeln« am Theater & Philharmonie Thüringen Gera-Altenburg. Foto: TPT/Stephan Walzl

Szene aus dem Schauspiel »Die im Dunkeln« am Theater & Philharmonie Thüringen Gera-Altenburg. Foto: TPT/Stephan Walzl

Für den Theatergottesdienst hat Bernhard Stengele eine Szene mit zwei zum Tode verurteilten Schülern während ihrer Zugfahrt in der Todeszelle speziell für den Kirchenraum inszeniert. »Es ist beeindruckend, an welche literarischen Werke sich beide kurz vor ihrer Hinrichtung erinnern. Neben Ikarus und Worte des Horaz besonders an die Ballade »Pidder Lüng« von Detlev von Liliencron. Der Aufruf »Lieber tot als Sklave« aus dem Freiheitskampf der Friesen gegen die dänische Gewaltherrschaft sollte für die Verurteilten schreckliche Realität werden«, so Hiddemann. Die Form der Theatergottesdienste wird in St. Salvator schon mehrere Jahre angeboten. Während des ansonsten üblichen Ablaufs mit Liturgie und Kirchenliedern ersetzt eine Theaterszene die Lesungen und bildet den thematischen Bezug zur Predigt, die in diesem Gottesdienst Propst Diethard Kamm halten wird. Der Regionalbischof des Propstsprengels Gera-Weimar wurde im Jahr des Volksaufstandes 1953 geboren und hatte bereits als Schüler erste negative Berührung mit der Staatssicherheit. Als Jugendpfarrer in Gera mischte er sich bewusst in die »inneren Verhältnisse unseres Landes« ein und organisierte erste Friedensgebete in der Salvatorkirche. In seiner Predigt verweist Kamm auf Zitate aus Literatur und Bibel, die ihn bei seiner Arbeit als Jugendpfarrer besonders inspiriert und motiviert haben. Es sei ein großes Glück, einen Prediger mit einer solchen Biografie zu haben, erklärt Frank Hiddemann. Im Theatergottesdienst in Gera werden auch die beiden Zeitzeugen Brödel und Schmale anwesend sei.

Wolfgang Hesse

Begleitprogramm zur Premiere »Die im Dunklen« in Gera
24. Januar, 18 Uhr, Bühne am Park: »Widerstand im Theater – Kunst als Provokation«, Vortrag, Lesung, Podiumsdiskussion u. a. mit Bernhard Stegele, Enrico Heitzer und Stephan Krawcyk
26. Januar 9.30 Uhr, Salvatorkirche Gera: Theatergottesdienst
26. Januar, 11 Uhr, Bühne am Park: Matinee mit den Zeitzeugen Jörn-Ulrich Brödel und Gerhard Schmale, Dramaturgin Nora Wieczorek und Schauspieldirektor Bernhard Stengele
31. Januar 19.30 Uhr, Großes Haus der Bühnen der Stadt Gera: Premiere des Schauspiels »Die im Dunkeln«
Weitere Vorstellungen: 28. Februar und 15. März, jeweils 19.30 Uhr

Jubiläum einer alten Dame

20. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Fernsehen: Das »Wort zum Sonntag wird 60 und soll eine »kleine Schwester« erhalten

Seit 60 Jahren behauptet  das »Wort zum Sonntag« seinen wöchentlichen Sendeplatz. Für die einen eine willkommene Pause zum Toilettengang oder zum Zappen, für die anderen ein Moment des Innehaltens.

Es ist eine der ältesten Sendungen im deutschen Fernsehen. Jeden Sonnabend, zwischen 22 Uhr und Mitternacht, strahlt die ARD das »Wort zum Sonntag« aus. Ein Geistlicher, abwechselnd evangelisch-landeskirchlicher, freikirchlicher oder römisch-katholischer Konfession, steht vor einer blauen Wand im Studio und hält eine etwa fünfminütige Kurzansprache.

Und das seit 60 Jahren: Am 8. Mai 1954 sprach der Hamburger Pastor Walter Dittmann das allererste Wort zum Sonntag – nachdem die eigentlich geplante Sendung mit dem katholischen Prälaten Klaus Mund aus Aachen am 1. Mai 1954 aus technischen Gründen ausfallen musste.

An diesem Montag, 20. Januar, lädt die EKD aus diesem Anlass zu einem Festakt nach Hamburg ein. Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider und der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, wollen das »Wort zum Sonntag« würdigen.

»Das ›Wort zum Sonntag‹ ist eine Sendung, die gleichzeitig einfach und schwierig ist«, sagt der ARD-Beauftragte der EKD, Thomas Dörken-Kucharz. »Es ist kein Format, das die Möglichkeiten des Fernsehens ausnutzt.« Fernsehen werde hier auf eine Kamera, einen Hintergrund und einen Sprecher reduziert. »Die Wiedererkennbarkeit sind Studio, Gesicht und Botschaft.«

Prost, Herr Pfarrer: Seit 60 Jahren sorgt das »Wort zum Sonntag« für manchen Spott und manche Diskussion – doch die Zuschauerreaktionen zeigen auch, dass Menschen sich persönlich angesprochen fühlen. Foto: Ana Blazic Partovic-Fotolia.com/Montage: G+H

Prost, Herr Pfarrer: Seit 60 Jahren sorgt das »Wort zum Sonntag« für manchen Spott und manche Diskussion – doch die Zuschauerreaktionen zeigen auch, dass Menschen sich persönlich angesprochen fühlen. Foto: Ana Blazic Partovic-Fotolia.com/Montage: G+H

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister, der selbst einst Sprecher des »Worts zum Sonntag« war, wird noch deutlicher. Er spricht von einem »Anachronismus«, der aber auch »eine Perle im Programm der ARD« sei. »Wo sonst gibt es noch einen so langen – insgesamt über vier Minuten – durchgehenden Wortbeitrag im deutschen Fernsehen?«, fragt Meister. »Selbst ein Kommentar in den Tagesthemen dauert niemals mehr als drei Minuten.« Noch immer wird der frühere Propst von Lübeck bei Veranstaltungen als »früherer Wort-zum-Sonntag-Sprecher« vorgestellt. Doch über die Inhalte der Sendungen redet man in den Gemeinden nur wenig, hat Meister bei seinen zahlreichen Besuchen in ganz Niedersachsen beobachtet.

Stimmt es also, was böse Zungen behaupten: Dass die Wasserwerke während der Sendung einen deutlichen Druckabfall in den Leitungsnetzen der Städte feststellen können, weil dann alle Zuschauer auf die Toilette gehen? »Das ist bitterer Spott«, sagt Thomas Dörken-Kucharz. »Wer am Samstagabend die ARD schaut, guckt auch das Wort zum Sonntag.«

Die erfolgreichste Sendung war dabei das »Wort zum Sonntag« von Papst Johannes Paul II. am 1. Mai 1987. Zwar war das noch zu Zeiten des öffentlich-rechtlichen Rundfunkmonopols. »Aber so viele Zuschauer hatten wir nie wieder.« Auch wenn etwa Papst Benedikt XVI. bei seinem letzten Deutschlandbesuch ebenfalls ein »Wort zum Sonntag« gesprochen hat.

Kritik gibt es dagegen, wenn fromme Christen das »Wort« mal wieder für zu wenig christlich halten. Dass etwa die Hildesheimer Pfarrerin Nora Steen zum ersten Advent über den »Zauber« sprach, den Kinderherzen in der Vorweihnachtszeit erleben, dabei aber nicht darauf einging, was Christen die Adventszeit bedeute, erregte den damaligen Geschäftsführer des Christlichen Medienverbunds KEP, Wolfgang Baake. Der Leiter der einst als »Konferenz Evangelikaler Publizisten« bekannten Organisation sprach von einer »aus missionarischer und kultureller Sicht missglückten« Sendung.

Dörken-Kucharz indes geht mit solch einer Kritik gelassen um. »Für jemanden, der Fernsehen macht, ist es gut, wenn Zuschauer reagieren«, sagt der ARD-Beauftragte der EKD. Tatsächlich würden aber besonders geistliche Worte von den Zuschauern am meisten nachgefragt – neben den Sendungen zu Katastrophen. »Wenn wir aktuell und mit tröstenden Worten reagieren, haben wir den größten Rücklauf.«

Doch in der modernen Mediengesellschaft reicht das allein nicht aus. Auch das Wort zum Sonntag soll zum 60. Geburtstag ein Facelifting erhalten. »Wir werden das Wort zum Sonntag grafisch verändern«, kündigt der ARD-Beauftragte an. Es wird einen neuen Trailer und eine neue Melodie zu Beginn der Sendung geben.

Und Hannovers Bischof Ralf Meister kündigt im Gespräch mit dieser Zeitung an, dass im Rahmen des Festakts am Montag auch ein neuer Vollbildhintergrund für die Sendung präsentiert werde.

Dazu soll die »alte Dame« »Wort zum Sonntag« Familienzuwachs erhalten: »Nächste Woche wird auch die ›kleine Schwester‹ des ›Wortes zum Sonntag‹ präsentiert«, sagt Meister. »Eine Kurzverkündigungssendung unter dem Titel ›Freisprecher‹ für Eins-Plus: Modern, mit jugendlichen Protagonisten, schnell geschnitten.« Nicht nur der hannoversche Landesbischof ist »sehr gespannt, wie das bei den Zuschauern ankommt«.

Benjamin Lassiwe

Zahlenmystik und Tetraphobie

12. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Anmerkungen zur Jahreszahl: Von fehlenden Stockwerken, Nothelfern und einem die Zahlen liebenden Komponisten

Das neue Jahr trägt die – im Vergleich zur angeblich Unglück verheißenden 13 – unscheinbare 14 im Namen. Doch auch diese Zahl ist nicht »ohne«.

Tetraphobie, die Angst vor Zahlen, in denen die Vier vorkommt, ist in ostasiatischen Ländern weit verbreitet. In vielen asiatischen Sprachen klingt das Wort für die Zahl Vier nämlich sehr ähnlich wie das Wort für Tod. Die 14 jedoch ist noch unbeliebter als die Vier. Denn Eins und Vier zusammen klingen in diesen Sprachen wie die Drohung, bald sterben zu müssen. In vielen öffentlichen und privaten Gebäuden werden die Hausnummer 14 oder der 14. Stock daher einfach ausgelassen. Weil die Asiaten vorsorglich auch noch die aus dem Westen stammende Abneigung gegen die 13 berücksichtigen, fahren Fahrstühle in Hongkong oder Singapur vom 12. meist direkt in den 15. Stock. Außerdem findet man in Hotels oft keine Zimmer mit der Nummer 14 und bei größeren Familienfeiern fehlt die Tischnummer 14.

Himmlische Gegenstücke: 14 Engel und Nothelfer

Auch die alten Babylonier verbanden mit der Zahl 14 eher düstere Vorstellungen. Man glaubte an 14 böse Dämonen und stellte sich vor, die Unterwelt habe 14 Tore. Außerdem wurde Nergal, der Sonnenhitze, Brände und Seuchen bringende Gott der Unterwelt, von 14 sogenannten Nothelfern in sein Reich begleitet.

Foto: Fotomek@Fotolia.com

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Als Gegenstück dazu kann man die 14 himmlischen Helfer betrachten, von denen im Christentum manchmal die Rede ist. So heißt es in einem alten Kindergebet: »Abends, wenn ich schlafen geh, / vierzehn Engel um mich stehn: / zwei zu meinen Häupten, / zwei zu meinen Füßen, / zwei zu meiner Rechten, / zwei zu meiner Linken, / zweie die mich decken, / zwei die mich wecken, / zweie die mich weisen / in das himmlische Paradieschen.«

Sieben mal zwei Schutzengelchen für die Nacht – in diesem Text zeigt sich nicht nur die Romantik in recht kitschiger Ausprägung, sondern es wird auch deutlich, was die 14 für Zahlenmystiker so besonders macht. In ihr steckt zweimal die Sieben, eine Zahl, die für Vollkommenheit und Heiligkeit steht. Wo gleich zweimal sieben Helfer sind, kann also gar nichts mehr schiefgehen.

So sind es auch 14 heilige Nothelfer, an die sich die Katholiken wenden, wenn sie in Bedrängnis sind. Noch populärer als sie seit dem 9. Jahrhundert schon war, wurde die Anrufung dieser Nothelfer aufgrund einer Legende. Danach sollen Mitte des 15. Jahrhunderts einem oberfränkischen Schäfer 14 Gestalten erschienen sein, die sich als die 14 Nothelfer bezeichneten und den Bau einer Kapelle an ihrem Erscheinungsort verlangten.

An diesem Ort befindet sich heute die vom Barockarchitekten Balthasar Neumann entworfene bekannte Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen.

Der Komponist Johann Sebastian Bach hatte eine Vorliebe für Zahlenspielereien und für ein Verfahren namens Gematrie, bei dem Worte und Buchstaben nach bestimmten Schlüsseln in Zahlen umgewandelt werden, um daraus tiefere Bedeutungen und Zusammenhänge abzuleiten. So finden sich in vielen seiner Stücke zahlensymbolische Anspielungen. Eine besondere Vorliebe hatte er jedoch für die Zahl 14, mit der er sich häufig selbst darstellte. Ordnet man den Buchstaben des Namens Bach nämlich Zahlen zu, die sich aus der Position der Buchstaben im Alphabet ergeben, und addiert sie, ergibt sich die Zahl 14.

Bach legte Wert auf 14 Knöpfe am Mantel

Mit dieser Zahl spielte er gerne. Er versteckte sie in seinen Noten und in seinem Wappen, das 14 verdickte Schnörkelenden an den Buchstaben J, S und B zeigt. Er ließ sich mit 14 Knöpfen an seinem Anzug porträtieren und wartete so lange auf die Aufnahme in die »Correspondierende Societät der Musicalischen Wissenschaften«, bis er als 14. eintreten konnte. Manche Interpreten wollen in seinen Werken sogar komplexe, zahlenmystisch verschlüsselte religiöse Botschaften entdeckt haben – vieles davon ist aber sicher nur Wunschdenken.

Einen so prominenten Stellenwert wie beispielsweise die Sieben hat die 14 in der Bibel nicht. Als Zahl des Mondes aber, die die Anzahl der Tage vom Halbmond zum Vollmond beschreibt, diente sie den Menschen, die sich am Mondkalender orientierten, schon damals als Zeitangabe.

Die Vorbereitungen für eines der wichtigsten jüdischen Feste, das Pessachfest, beginnen bis heute am 14. Tag des ersten Monats im religiösen Kalender, am sogenannten Rüsttag. Denn Gott hatte Mose und Aaron geboten: Es »nehme jeder Hausvater ein Lamm. … Von den Schafen und Ziegen sollt ihr’s nehmen und sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Gemeinde Israel schlachten gegen Abend« (2. Mose 12,3ff).

Außerdem sind es 14 Frauen, die das Alte Testament als schön bezeichnet; darunter auch Abrahams Frau Sara und Isaaks Frau Rebekka, die sich ihren Männern zuliebe als deren Schwestern ausgeben mussten, weil diese fürchteten, sie könnten der Schönheit ihrer Frauen wegen umgebracht werden.

Auch im Stammbaum König Davids, aus dessen Wurzeln Jesus hervorging, spielt die Zahl 14 – vermutlich als Steigerung der vollkommenen Sieben – eine Rolle. Der Evangelist Matthäus kommentiert diesen Stammbaum so: »Alle Glieder von Abraham bis zu David sind vierzehn Glieder. Von David bis zur babylonischen Gefangenschaft sind vierzehn Glieder. Von der babylonischen Gefangenschaft bis zu Christus sind vierzehn Glieder« (Matthäus 1,17).

Und wer im Jahr 2014 nicht alles bitter ernst nehmen will, der findet im apokryphen Buch Sirach im Kapitel 14, Vers 14 einen guten Rat fürs neue Jahr: »Versäume keinen fröhlichen Tag, und lass dir die Freuden nicht entgehen, die dir beschieden sind.«

Sonja Poppe

Form mit empathischem Wert

7. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Seit mehr als 10 Jahren gibt es Lebenskreuze von Dieter Lahme

Ein wenig gehören sie fast schon zum Inventar bei regionalen Kirchentagen oder dem Sachsen-Anhalt-Tag: Das Künstlerpaar Rosl und Dieter Lahme aus Klein Wanzleben, einem Ortsteil von Wanzleben-Börde (Kirchenkreis Egeln), mit seinen Lebenskreuzen.

Das Kreuz als urchristliches Symbol ist bei dem 75-jährigen Künstler seit mehr als zehn Jahren zentraler Teil seines Schaffens. Lahme ist der Erfinder der Lebenskreuze aus Holz mit ihrer außergewöhnlichen Form. Der Unterschied zum normalen Kreuz sind die spitz zulaufenden und nach unten abgerundeten Ecken. Knospenförmig, wie der Bug eines Schiffes. Anders als beim »klassischen« Kreuz aus zwei sich kreuzenden, viereckigen Balken gibt es beim Lebenskreuz ein vorn und hinten. »Es wendet sich den Menschen zu und will ihn umarmen«, beschreibt der aus Mannheim stammende Lahme die Lebenskreuze. »Eine Form mit empathischem Wert.«

Dieter Lahme ist der Erfinder der Lebenskreuze aus Holz mit ihrer außergewöhnlichen Form. – Foto: Thorsten Keßler

Dieter Lahme ist der Erfinder der Lebenskreuze aus Holz mit ihrer außergewöhnlichen Form. – Foto: Thorsten Keßler

Die Knospen- und die Kreuzform tauchten schon in den 1980er Jahren in Lahmes Werk auf. Aus Kunst wurde ein Alltagsgegenstand, als immer mehr junge Christen sich für die besondere Kreuzform begeisterten. »Die Menschen wollten das Kreuz um des Kreuzes Willen haben, aber nicht als Kunstobjekt.«

Wurden die ersten Kreuze noch selbst von Hand ausgesägt, war die Nachfrage bald nicht mehr zu bewältigen und das Künstlerpaar stand vor neuen Herausforderungen. »Der geschäftliche Teil war uns völlig fremd«, erzählt Rosl Lahme. Ein Hersteller habe für die Kreuze extra eine Maschine angeschafft. Dafür sei sie heute noch dankbar. Die Form ist europaweit patentrechtlich geschützt. Es gibt das Kreuz in unterschiedlichen Größen und unterschiedlichen Materialien, wobei das Holzkreuz der Klassiker ist. Sogar aus Asien kommen Nachfragen für das Lebenskreuz aus Klein Wanzleben. Hier, im ehemaligen Schulhaus des Dorfes, wohnt und arbeitet der Künstler. Als 2004 das Künstlerhaus in der Mannheimer Innenstadt, das Lahmes mit zwei weiteren Künstlern 35 Jahre bewohnt hatten, geräumt werden musste, standen sie vor der Entscheidung: Stadtrand von Mannheim oder etwas ganz Neues in Klein Wanzleben. Bereut haben sie den Umzug nicht.

Hier im Atelier begegnen dem Besucher zahlreiche gestaltete Lebenskreuze. Ergänzt und bearbeitet mit Alltagsgegenständen. Verziert von Altglas bis Zahnbürste, statt mit Gold, Silber und Edelsteinen, wie man es bei so einem Symbol erwarten könnte. Das ist Teil des Konzeptes hinter dem Lebenskreuz. »Die spirituelle Kraft der Form soll nicht ins Jenseits entschweben, sondern im here and now wirken«, beschreibt es Lahme. Er stellt die Lebenskreuze regelmäßig aus. Oft auch mit Arbeiten, die Kinder und Jugendliche in den Lebenskreuz-Workshops herstellen.

Thorsten Keßler

www.lebenskreuz.com

Esels Ohr auf halb sieben

24. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Sabine Hoffmann

Auf mich hört ja keiner! Ich bin ja nur die Schwiegermutter. Abgeschoben hat man mich. In einen Verschlag nahe dem Stall. Weil ich nichts mehr kann und nur noch Ballast bin. Aber jahrzehntelang die Wäsche machen in der Herberge und in der Küche die Töpfe putzen. Das durfte ich. Mein lieber Herr Schwiegersohn denkt, er macht alles richtig. Aber diesmal hat er mal wieder nicht so weit gedacht, wie ein kleines Kind springen kann. Zuerst hörte ich immer nur dieses Wimmern und Klagen. Zuerst dachte ich: Wieder diese Bettler, die ein wenig Brot zur Nacht wollen. Meine Ohren sind ja nicht mehr so gut. Aber dann war das Klagen doch zu weinerlich. Nur wegen Brot so ein Aufstand, das konnte nicht sein!

In meinem Verschlag nahe am Stall sehe ich die Tür zur Herberge nicht. Die Neugier trieb mich auf die alten Beine und ich humpelte zur Stalltür. Da sah ich die beiden. Er war ein einfacher Mann, der seine Frau stützte. Und jetzt sah ich auch warum. Die Frau keuchte und japste, der Bauch war nicht zu übersehen. Sogar ich mit meinen alten Augen sah den bebenden Leib. Da war ganz eindeutig ein Kindlein unterwegs und nicht erst in ein paar Monaten. Was schleppt der Mann denn seine hochschwangere Frau durch die Weltgeschichte! Da bleibt man doch zu Hause.

Foto: openlens – fotolia.com

Foto: openlens – fotolia.com

Diesmal tat mein Schwiegersohn recht daran, dass er die beiden abwies. Wer soll denn bitteschön diese Schweinerei wegmachen? Ein Lamm schlachten ist dagegen gar nichts. Ist die Herberge denn ein Hospital? Auf dem Bett will doch keiner mehr schlafen! Wer ersetzt uns denn den Schaden? Nein, da hatte er mal ausnahmsweise recht.

Aber er hatte ein Erbarmen. Er zeigte zum Stall. Schnell humpelte ich in meinen Verschlag zurück und schob die Decke vor. Die sollten sich ja nicht einbilden, ich mache da noch die Hebamme. Kluge Ratschläge habe ich in meinem Leben genug gegeben. Und was ist der Dank? Ein Verschlag hinten am Stall. Ich war auch meist alleine bei den Geburten und habe mich nicht so geziert.

Bei dem Gelärme wurden die Tiere ganz unruhig. Nur der Esel stand ruhig. Ist halt der Esel. Die sind töricht, wenn es ihnen passt. Zuerst weiß das Dummchen nicht, wie sich legen. Und ob überhaupt. Der Mann ist ja auch keine Hilfe. Wie denn auch, er ist ein Mann. Ein Glück, dass er nicht noch Hilfe bedurfte. Aber irgendwie schaffte sie es. Das war ein Gestöhne. Endlich klatscht da was ins Stroh und gleich hört man es schreien.

Ich sage es ungern, aber da hüpfte mein Herz schon. Neun Monate schleppt man da was im Leib herum, man weiß nicht, was es ist, ob es einen zerreißt und ob man es später satt bekommt. Aber wenn es dann da ist – unbeschreiblich. Ach, da heulten sie beide, Arm in Arm, mit dem Kindchen. Ich wischte mir auch drei Tränen weg, aber mehr waren es wirklich nicht gewesen.

Der Esel trat an das Trio heran und schnupperte ganz vorsichtig. Sonst immer der Tölpel, aber jetzt ganz elegant. Einfach mal so eine Geburt mitzuerleben, das ist schon ein Erlebnis. Mir wurde richtig blümerant. Nur vom Zuschauen. Irgendwie rennt einem da das eigene Leben durch den Kopf. Sieben Kinder habe ich geboren, vier davon sind noch im Kindbett gestorben. Da war das Nächste schon im Bauch unterwegs. Es blieb keine Zeit zum Trauern.

Kinder sind schon was Schönes. Warum lebt man sonst? Mein Mann war gut und hatte goldene Hände. Ein Stück Holz und er baute daraus Bett und Truhe. Der Ackerboden warf das ab, was wir brauchten, hungern mussten wir nicht. Meine älteste Tochter hat mich zu sich geholt als er starb. Die Söhne sind weit fort. Habe keinen mehr gesehen. Die erste Zeit in der Herberge von meinem Schwiegersohn war schwer. Mein Mann hat mir gefehlt. Da nützt die Tochter nichts. Vielleicht habe ich zu viel geschimpft und mich immer eingemischt. Aber was macht mein Schwiegersohn auch immer für Dusseleien! Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. Da kann man doch nicht ruhig sein. Der Mund ist zum Reden da, nicht nur zum Essen. Jedenfalls bei mir ist das so. Die Tochter sagte dann immer: »Mutter, gib Ruh.« Nun ja. Sie stand zu ihrem Mann. Habe ich aber keine Ruh gegeben. Und irgendwann reichte es dem Schwiegersohn. Er wies mir den Anbau am Stall zu und verbot mir das Haus.

Dreimal am Tag kommt die Tochter mit Essen und schaut nach mir. Jetzt laufen mir schon wieder die Tränen, diese fremden Leute machen mich noch ganz kirre. Ich bin doch sonst nicht so. Das Baby schmatzt jetzt schon an der Brust und eigentlich würde ich schon gern wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Ich tippe auf Junge. Ist ein ziemlicher Brocken. Es ist so ruhig im Stall. So friedvoll. Also, die Schafe können ganz schön spinnen. Wenn mal ein Lamm geschlachtet wird, dann blökt die Mutter drei Tage. Und alle anderen im Chor. »Böhhh. Böhhh.« Und drei Nächte dazu. Bis es dem Esel zu viel wird und er selber schreit. Dann geben die Schafe Ruhe. Aber jetzt ist es still und irgendwie komisch. Sie sollen das Baby nur ja gut einwickeln.

Die Schafe scharen sich jetzt um die drei. Sonst sind sie Angsthasen in Person. Mir soll es recht sein. Die Schafe wärmen gut. Der Esel posiert am Kopf der Frau. Das eine Ohr hängt auf halb sieben, das andere steht aufrecht wie ein Soldat. Na, das ist ein Bild. Jetzt kichere ich leise vor mich hin. Das habe ich seit Jahren nicht mehr gemacht. Mit meinem Mann habe ich gelacht. Da wackelte das ganze Haus. Aber später konnte ich nicht mehr. Meine Tochter hat keinen Humor, die hat nur Verständnis. Und mein Schwiegersohn hat Humor, aber den will ich nicht. Mit dem Humor ist das so eine Sache.

Vielleicht schaut meine Tochter später noch vorbei. Und wenn ich Lust habe, erzähle ich ihr von dem Bild mit dem Esel und der Frau. Vielleicht lacht sie dann auch. Sie kann dann gleich Milch und Suppe bringen. Die sollen sich nicht so haben. Suppe ist immer genug da. Und Milch auch. Wenn ich so drüber nachdenke, es ist bestimmt besser, dass das Kindchen im Stall zur Welt gekommen ist. In der Herberge sind manchmal harte Gesellen. Die haben kein Gefühl. Hier im Stall ist es doch gut.

Jetzt habe ich den Namen gehört: Jesus. Ich wusste es – ein Junge. Jona wäre mir ja persönlich lieber, aber mich fragt ja keiner. Mir wird richtig warm ums Herz. Irgendwie komisch. Da sind wildfremde Leute. Die kriegen ein Kind. Vor meinen Augen. Und mir laufen die Tränen, als ob ich Zwiebeln schäle. Das kann nur ein Zeichen sein. Wenn mein Schwiegersohn kommt und sie verscheuchen will, dann werde ich ihm aber …! Man kann sie nicht wegjagen. Es ist irgendwie etwas Heiliges darum.

Schwungvolles Plädoyer für die vernetzte Generation

17. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Dieses Buch, von einem Großvater geschrieben, einem in den USA und in Frankreich lehrenden Professor, sollten alle Großeltern und Eltern lesen. Hier erfahren sie von einem der Ihren, der ihre Sprache spricht und ihre Erfahrungen teilt, in welcher Welt Kinder und Enkel leben: in einer vollständig vernetzten Welt, in der alles bisherige Wissen jederzeit für jeden Menschen verfügbar ist. Durch ihre Handys sind ihnen alle Menschen erreichbar, durch GPS alle Orte. Seit den 70er Jahren habe sich die Welt so verändert, dass die junge Generation tatsächlich in einer anderen Welt lebe.

Mit ihren flinken Fingern steuern sie ihre Smartphones, kommunizieren und informieren sich. Serres schreibt: »Nachdem ich voller Bewunderung gesehen habe, wie sie, schneller als ich mit meinen steifen Fingern es je vermöchte, mit ihren beiden Daumen SMS verschicken, habe ich sie mit der größten Zuneigung, die ein Großvater zum Ausdruck bringen kann, auf die Namen Däumelinchen und Kleiner Däumling getauft.«

Kultur-50-2013

Buch-Cover

Die alten Zugehörigkeiten wie Gewerkschaften, Kirchengemeinden oder Familienverbände seien weithin zerfallen. Die junge Generation suche sich ihre »Freunde« virtuell über Facebook. Der Autor sieht eine komplexe, freiheitliche Gesellschaft entstehen, in der das Individuum zu seinem Recht kommt, ohne dass sie dadurch weniger sozial oder weniger solidarisch würde.
Das ganze Buch ist ein schwungvolles Plädoyer für die Lebensweise und die Chancen der jungen Generation.

Freilich verklärt und beschönigt Serres einiges: die durch Facebook zusammengetrommelten Tausende sind durchaus nicht nur friedlich – wie die nordafrikanischen Revolutionen gezeigt haben. Und durch das schnell verfügbare Wissen erlangt kein Mensch höhere Entscheidungskompetenz. Wenigstens das Denken und der gründliche Austausch müssen gelernt werden. Und für die Lösung der großen Probleme wie Hunger, Umweltzerstörung und Ressourcenvernichtung genügt es nicht, unverbindlich mit der halben Welt vernetzt zu sein.

Trotz dieser einschränkenden Bemerkungen bleibe ich dabei: Alle vor 1970 geborenen sollten dieses Buch lesen.

Jürgen Israel

Serres, Michel: Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation. Suhrkamp Verlag, 76 S., ISBN 978-3-518-07117-5, 8,00 Euro

Philatelistisches Kunstwerk

8. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Die Künstlerin Kitty Kahane hat die diesjährige Weihnachtsmarke der Post gestaltet

Millionen Briefe werden sie demnächst zieren, die drei Weisen aus dem Morgenland. Sie sind das Motiv auf der Briefmarke von Kitty Kahane.

Zehn Millionen Auflage: Ganz schön viel für eine Grafik. Auch für eine erfolgreiche Künstlerin wie Kitty Kahane. Unzählige Menschen kennen ihre Bilder. Ihr Name hingegen ist nur wenigen bekannt. Denn auf Briefmarken ist kein Platz für eine Signatur. Kitty Kahane hat die diesjährige Weihnachtsmarke der Post gemalt. Die drei Weisen aus dem Morgenland: Bunt gekleidete schlanke Gestalten zwischen drei Palmen. Sie tragen goldene Geschenke in der Hand und folgen dem Stern von Bethlehem. Millionen Briefe werden sie demnächst zieren. Und darüber hinaus Wohltätigkeitsorganisationen, auch die Kirchen, unterstützen. Denn zu dem normalen Briefporto von 58 Cent zahlen die Postkunden 27 Cent Aufschlag für einen guten Zweck. Nass- oder selbstklebend, je nach Belieben. Kitty Kahanes kleines Kunstwerk ist nicht in einer Galerie oder im Designshop erhältlich, sondern in jedem Postamt Deutschlands. Auch in dem um die Ecke von Kitty Kahanes Atelier, mitten im Prenzlauer Berg, dem Ostberliner Szene-Kiez.

Kitty Kahane in ihrem Atelier. Foto: Uwe Birnstein

Kitty Kahane in ihrem Atelier. Foto: Uwe Birnstein

Wie die zierliche Künstlerin diesen Auftrag bekommen hat? »Vor einigen Jahren wurde ich gebeten, Entwürfe einzureichen«, erinnert sie sich. Sportarten sollten sie briefmarkenfähig machen. Die Bilder, die sie malte, kamen in die engere Auswahl. Gedruckt wurden allerdings andere. Doch die Briefmarkenjury des Bundesfinanzministeriums war aufmerksam geworden auf die Kreative mit dem so ganz eigenen Strich. Weitere Entwürfe folgten, 2012 dann die erste Briefmarke. Anlass war das 100-jährige Bestehens der »Domowina«, des Dachverbandes der Lausitzer Sorben. Kitty Kahane malte ein Vogelpaar, das fröhlich tanzt und die sorbische Fahne schwingt: ein Motiv aus dem sorbischen Brauch der Vogelhochzeit. Anfang 2013 folgte die zweite Marke, diesmal zum 50-jährigen Jubiläum von »Jugend musiziert«: Ein rothaariges Mädchen in gelbem Kleid traktiert ihr Cello, sie sitzt auf einer Bühne, die wie ein Siegerpodest anmutet. Das besondere beider Marken: Die Schrift ist nicht mit Druckbuchstaben nachgetragen, sondern von Hand gezeichnet und somit künstlerischer Teil des Bildes. So ist es auch bei der diesjährigen Weihnachtsmarke. Die drei Worte »Stern von Bethlehem« wirken wie goldene Strahlen.

Es gehört schon großes Können dazu, auf 35 mal 35 Millimetern ein erkennbares Bild mit so vielen Details zu zaubern. Kitty Kahane hat viele Jahre Erfahrungen gesammelt. Geboren wurde sie 1960 in Ostberlin, wuchs atheistisch auf. Glaube und Kirche waren für sie tabu. Die Jugendweihe erlebte sie im damaligen Prestige-Kino »International«. Nach dem Abitur 1978 machte sie ein Praktikum in der Porzellanmanufaktur zu Meißen, arbeitete dann als Buchgestalterin im Verlag der Nation. Das Studium an der Kunsthochschule schloss sie 1989 ab. Die politische Wende ging für Kitty Kahane einher mit einer Lebenswende: Von nun arbeitete sie freiberuflich als Illustratorin. Unterschiedlichste Unternehmen nahmen ihr Können in Anspruch, darunter so illustre Design-Firmen wie Koziol, SIGG und JAB-Anstoetz. Über die Jahre reifte Kitty Kahanes Stil zu einer ganz eigenen Bildsprache. Verspielte Figuren mit Herz und klaren Konturen; mal romantisch verschlungen, aber nie kitschig; mal böse lächelnd, aber nie unmenschlich. Es ist, als banne Kitty Kahane die ganz normalen Menschen mit ihren Höhen und Tiefen, mit ihren Oberflächlichkeiten und Abgründen aufs Papier. Und als halte sie den Betrachtern einen barmherzigen Spiegel vor.

Die von Kitty Kahane gestaltete Briefmarke. Foto: Uwe Birnstein

Die von Kitty Kahane gestaltete Briefmarke. Foto: Uwe Birnstein

Seit einigen Jahren wendet sich Kitty Kahane verstärkt biblischen Figuren zu. »Das hängt auch mit meiner Heirat zusammen«, erklärt sie. Durch die Familie ihres Ehemannes habe sie den jüdischen Glauben kennen- und schätzen gelernt. Langsam tastete sie sich an die Themen und Stoffe der Bibel heran und entdeckte deren Tiefen. Mittlerweile hat sie viele biblische Geschichten illustriert. Der christliche Verlag »edition chrismon« entdeckte das Können und die überbordende Fantasie Kitty Kahanes. Er brachte die Künstlerin mit bedeutenden Schriftstellern zusammen; zusammen sollten sie biblische Geschichten neu in Bild und Wort erzählen, mit allen literarischen und künstlerischen Freiheiten. Mit dem russischstämmigen Erfolgsautor Wladimir Kaminer fand sich Kitty Kahane im Paradies ein, zeichnete Adam und Eva (»Das Leben ist kein Joghurt«). Der moderne Hiob heißt im Buch Roger Willemsen »Herr Gottlieb« und ist Zirkusdirektor – Kitty Kahane setzte ihn farbig in Szene, Titel: »Das müde Glück«. Mit Margot Käßmann konzipierte sie die Geschichte von Josef und seinen Brüdern (»An Vaters Rockzipfel«), mit Sibylle Berg, Alina Bronsky und Thomas Brussig ergründete sie Mose, Jakob und Esau und den Turmbau von Babel.

Mit der Weihnachtsmarke wagt sie sich nun erstmals auf neutestamentliches Terrain. »Ich habe intensiv die Geschichte im Matthäusevangelium studiert«, erzählt sie. Auch in die christliche Kunst ist sie abgetaucht, Botticellis Gemälde der »Anbetung der Heiligen Drei Könige« beeindruckte sie, noch mehr ein Wandmosaik aus Ravenna, entstanden im 6. Jahrhundert. Wer es mit der Weihnachtsmarke vergleicht, erkennt Ähnlichkeiten.

Nun freut sich Kitty Kahane auf den 3. Dezember. Dann wird ihr philatelistisches Kunstwerk offiziell präsentiert: In der Berliner Friedrichstadtkirche, gleich neben dem Adventstreiben auf dem Gendarmenmarkt.

Währenddessen arbeitet sie in ihrem Atelier schon am nächsten Mini-Gemälde. Auch diesmal ist wieder eine Millionenauflage zu erwarten. »Das Thema darf ich noch nicht verraten«, sagt sie. Fest steht: Es wird Zacken haben.

Uwe Birnstein

»Luther« auf Kurs 2017

30. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Museum: Das Lutherhaus in Eisenach wird saniert, umgebaut und erweitert


Das Lutherhaus in Eisenach geht seiner Zukunft als modernes Museum entgegen. Bevor es jedoch dem zu erwartenden Ansturm im Lutherjahr 2017 gewappnet ist, muss das historische Gebäude umgebaut, saniert und erweitert werden.

Am 1. Januar beginnen die Bauarbeiten, die Grundsteinlegung für den angrenzenden Neubau erfolgte im August. Ab 30. November ist das Lutherhaus geschlossen. Anfang Februar soll ein Ausweichquartier im Haus gegenüber bezogen werden. Hier werden bis zur Eröffnung des neuen Museums das Bibelcafé, der Shop sowie museumspädagogische Angebote wie der Altschulunterricht weitergeführt.

Das Lutherhaus ist eines der ältesten erhaltenen Fachwerkhäuser Eisenachs. Martin Luther soll während seiner Eisenacher Schulzeit 1498 bis 1501 hier gewohnt haben. Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Bombenschäden beseitigt und das Haus 1956 von der Thüringer Landeskirche als Luthergedenkstätte eröffnet. Damals sei das Gebäude entsprechend den Verhältnissen in der DDR nur provisorisch aufgebaut worden und habe auch in den Folgejahren keine grundlegende Sanierung erfahren, erklärt Dr. Jochen Birkenmeier, Wissenschaftlicher Leiter und Kurator der »Stiftung Lutherhaus Eisenach«, die ab 2014 das Lutherhaus als kulturhistorisches Museum betreibt.

Jochen Birkenmeier, Wissenschaftlicher Leiter und Kurator der »Stiftung Lutherhaus Eisenach« mit einer Lutherfigur – Foto: Sabine Kuschel

Jochen Birkenmeier, Wissenschaftlicher Leiter und Kurator der »Stiftung Lutherhaus Eisenach« mit einer Lutherfigur – Foto: Sabine Kuschel

Die dringend erforderlichen Baumaßnahmen dienen dem Erhalt des historischen Gebäudes und der Umgestaltung zu einem modernen Museum. Der angrenzende Neubau, im Wesentlichen bestehend aus Treppenhaus und Fahrstuhl, sei vor allem nötig, um das historische Gebäude barrierefrei erschließen zu können. Dieses ist künftig auf jeder Ebene mit dem Rollstuhl erreichbar. Das Lutherhaus werde in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege saniert, teilweise historische Durchbrüche wiederhergestellt, die Raumstruktur etwas verändert, so Birkenmeier.

In einer weiteren Bauphase sollen neben dem neuen Gebäude zwei Wohnblocks entstehen, die ein privater Investor baut und die die Baulücke am Lutherplatz schließen. Das Erdgeschoss des vorderen Wohngebäudes wird dann mit vom Museum genutzt. Hier sollen Kasse, Museumsshop, Garderobe, Toiletten und Technik ihren Platz finden.

Neben der baulichen Umgestaltung ist das neue Konzept der Ausstellung eine Herausforderung für den Leiter des Museums ebenso wie für die Mitarbeiter, die in die Planung mit einbezogen werden.

Mit Birkenmeier hat das Lutherhaus erstmals hauptamtlich einen promovierten Wissenschaftler an der Spitze. Er studierte Geschichte und Germanistik, arbeitete nach der Dissertation in verschiedenen Museen, unter anderem bei den Franckeschen Stiftungen zu Halle. Bevor er Anfang dieses Jahres nach Eisenach kam, war er in Eisleben verantwortlich für die Gestaltung der neuen Dauerausstellung in Luthers Sterbehaus. Birkenmeier ist 40 Jahre alt und, wie er selbst sagt, der jüngste Museumsdirektor in Thüringen. In seinem Büro steht eine gelbe Lutherfigur, daneben ein zusammenklappbares Fahrrad. Der Chef des Lutherhauses wohnt in Erfurt, er kommt täglich mit dem Zug zur Arbeit und fährt jeweils mit dem Fahrrad von seiner Wohnung zum Bahnhof, von dort zum Lutherhaus und zurück. »Das funktioniert gut.« Mit dem Rad verkürzen sich die Fahrtzeiten und »man kriegt auch den Kopf frei«.

Weil Eisenach – international gedacht – immer in Verbindung gebracht werde mit Martin Luthers Übersetzung des Neuen Testaments, so der Historiker, soll das Thema der Dauerausstellung im neu eröffneten Museum »Luther und die Bibel« sein. Warum und wie hat Luther die Bibel übersetzt? Warum hat die Lutherbibel als eine von vielen Übersetzungen solche Bedeutung? Was macht sie besonders? Mit wem hat der Reformator zusammengearbeitet? Und welche Folgen hatte das Ereignis auf Literatur, Sprache und Musik? Um diese und andere Fragen wird es in der neuen Schau gehen. Wer auf der Wartburg war, solle beim Besuch des Lutherhauses weiterführende Informationen erfahren, so der Museumsleiter. Die Geschichte des Pfarrhauses, die derzeit im Mittelpunkt der Ausstellung im Lutherhaus steht, wird dann nicht mehr Thema sein. Aber sie solle nicht vergessen werden, betont Birkenmeier. Zukünftig wird das Landeskirchenarchiv, dem alles Material der bisherigen Ausstellung übergeben wird, für die wissenschaftliche Benutzung offen sein. Außerdem könnten diese und andere Themen in den Sonderausstellungen, die höchsten Erwartungen genügen sollen, aufgenommen werden. Für diese halte das neue Museum Raum und Möglichkeiten bereit, so Birkenmeier.

Das inhaltliche Konzept des neuen Museums – eine spannende und zugleich ambitionierte Aufgabe, denn eine Ausstellung soll wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werden und der Besuch soll Freude machen, ein Erlebnis sein. »Inhalt und Form sollen eine Einheit bilden«, präzisiert der Kurator. Er fühle sich wie ein Dirigent, so Birkenmeier, »der dafür sorgt, dass der Wohlklang entsteht.«

Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von der Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie von einem Ausstellungsbüro, ein auf Präsentationen spezialisiertes Team von Innenarchitekten, Grafikdesignern und Museologen. Mitte Dezember fällt die Entscheidung, welches Unternehmen dies sein wird.

Birkenmeier weist noch auf eine weitere Bedingung hin, die bei der Planung zu berücksichtigen sei. Eine Dauerausstellung kostet viel Geld und werde deshalb für die Zukunft geplant, mit einer Lebensdauer von 15 Jahren. Wichtig sei ihm, so Birkenmeier, dass über das Lutherjahr 2017 hinaus gedacht wird. Denn bald gibt es erneut ein Jubiläum zu feiern: 2021 jährt sich Luthers Übersetzung des Neuen Testaments zum 500. Male.

Nicht nur die ältere, auch die jüngere Generation möge den Weg ins Museum finden, wünscht sich der Kurator. Eltern sollten gemeinsam mit ihren Kindern kommen. Und: Das Lutherhaus – ein Ort der Traditionspflege – wolle ferner ein niederschwelliges kulturhistorisches Angebot machen für Menschen, die mit Kirche und Glauben nicht vertraut sind. Als eine von wenigen Lutherstätten in kirchlicher Trägerschaft habe die Einrichtung in Eisenach die Chance, andere, christliche Akzente zu setzen.

Sabine Kuschel

Leise nahm er Raum in meinem Herzen

24. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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So kam Gott in meine Welt

Gott war irgendwie schon immer da. Das Vaterunser lernte ich am schummrigen Abendbrottisch meiner Großeltern. Aber der Kindergottesdienst und diese Bilder bärtiger Männer auf blauen Wolken haben mich gelangweilt. Irgendwann weigerte ich mich, dort hinzugehen. Noch als Jugendliche schrieb ich im Gemeindebrief meiner Heimatgemeinde einen Artikel darüber, wie sehr mich Predigten anödeten, weil sie mit Gott und meinem Leben nichts zu tun hatten.

Gott war irgendwie schon immer da, aber er kam in seltsamen Verkleidungen daher. In Liedern wie »Wir sind die Kleinen in den Gemeinden« und »Laudato si«, lustig gemeinten Anspielen, in mir fremden Liturgien und Predigten ohne Gott.

Foto: Buriy-Fotolia.com

Foto: Buriy-Fotolia.com

Nach einem Jahr in Indien, einem Land voller Altäre, Tempel und Gottheiten, habe ich mich zum Theologiestudium eingeschrieben. Ich wollte diesem Gott auf die Spur kommen, der mir so unvertraut vertraut war und mich nicht losgelassen hat. Ich wollte die kirchlichen Verpackungen abkratzen und zum Kern vorstoßen. An der Uni stieß ich dann allerdings nicht auf Gott, sondern auf Dogmatik. Ich lernte, dass es nahezu unverantwortlich sei, einfach von ihm zu reden ohne jegliches biblisches und kirchengeschichtliches Wissen. Und ich verstummte verschämt. Ich lernte, dass ich nicht einfach nur evangelisch sei, sondern lutherisch. Und dass es eine Rechtfertigungslehre gäbe die zentral sei für meine lutherische Identität. Über das Wort musste ich lachen. Ich lernte es abends beim Theologenstammtisch in einer Kneipe, zum Glück lernte ich da auch Pfeife rauchen. Die Rechtfertigungslehre beschäftigte mich noch einige Jahre lang. Mein damaliger Freund studierte an der Musikhochschule Gesang und die tägliche Begegnung mit der Welt des Schönen und Schöngeistigen machte mir deutlich, dass wir Theologen auf der anderen Seite standen. Mit meinen Natur-Boots, lila Halstuch und beschränkten musikalischen Kenntnissen fühlte ich mich wie ein Fremdkörper, quasi die personifizierte Rechtfertigungslehre. Ein Gott, der so gütig ist, auch über das Mittelmaß seine Gnade auszuschütten, schien mir damals ziemlich unattraktiv.

Was ich schon lange gesucht hatte aber nicht wusste, dass ich es suche, fand ich im Kreuz. Es war in einer Systematik-Vorlesung und mir liefen die Tränen. Gott durchkreuzt die Welt und kommt mir näher als ich es für möglich halten kann. Endlich war Gott aus seinem fernen Wolkendasein, den Kindergottesdienstliedern und weltfernen Predigten befreit und ich hatte ein Gegenüber gefunden. Glückerfüllt rannte ich nach der Vorlesung durch den Park.

Gott war mir schon nähergekommen, aber ich konnte ihn noch nicht in mir fühlen. Dann gab es die Stunde Null in meinem Leben – ein ärztlicher Kunstfehler. Mehrere Wochen lag ich mit drei Frauen in einem Zimmer in der Medizinischen Hochschule. Und sie fragten mich, die kleine Theologiestudentin, wieso Gott so unbarmherzig das kleinste Glück zerstöre. Ich selbst, durch Schläuche ans Bett gefesselt, stritt mit diesem Gott, der mir so fern schien angesichts des Leids in mir und um mich herum. Wir vier Frauen haben über ihn geredet. Nächtelang. Und ich weiß nicht wieso, in mir wuchs ein großer Frieden mit dem, der keine Antwort gab. Im Nachtschrank lag das kleine Holzkreuz, das ich von meinem Großvater geerbt hatte, es war mit ihm während des Krieges in Russland und in Frankreich gewesen. Oft presste ich einfach meine Finger um das Kreuz, die scharfen Kanten schnitten mir in die Haut. Etwas war gut geworden. Gott war angekommen in mir und ich in ihm. Es musste nichts beschönigt werden.

Einige Zeit später stand eine Riege von Ärzten um mein Bett. Einer meinte, dass ich wohl einen guten Draht zu dem da oben haben würde. Ich schaute ihn an und wusste, dass er keine Ahnung hat. Den bärtigen Opa auf der Wolke hatte ich lange hinter mir gelassen.

Gott kam leise, es gab keine Explosion und kein Bekehrungserlebnis. Fast unbemerkt hatte er im Krankenzimmer und in meinem Herzen Raum genommen.

Nora Steen

Das neue THEMA-Heft


Diese Geschichte von Nora Steen ist in dem neuen THEMA-Heft »Jesus – Gott kommt in die Welt«, das »Glaube und Heimat« pünktlich zum Advent herausgibt, nachzulesen. Darin enthalten sind beeindruckende Lebensgeschichten und berührende Glaubenszeugnisse.

»Christus ist das klare Ja Gottes« meint Theologieprofessor Eberhard Jüngel in einem Interview, in dem er sich zur Weihnachtsbotschaft äußert. Der Archäologe Dieter Vieweger erklärt die Welt und die Zeit, in die Jesus Christus geboren wurde. Die Philosophin Katharina Ceming denkt über die Geburt Gottes in uns nach.

Das Themenheft ist auch als Geschenk oder als Weihnachtsgruß geeignet.

Thema »Jesus – Gott kommt in die Welt«, jeweils bis 9 Exemplare 3,50 Euro, 10 bis 49 Exemplare 3 Euro, ab 50 Exemplare 2,50 Euro
Zu bestellen bei: Wartburg Verlag GmbH, Lisztstraße 2a, 99423 Weimar, Telefon (0 36 43) 24 61-44; Fax (0 36 43) 24 61-18; E-Mail <buch@wartburgverlag.de>


Sehnsucht nach Gott

19. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum 50. Todestag des Schriftstellers Clive Staples Lewis

Ob er in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs Angst verspürt hätte, fragte man ihn. Und er antwortete: »Immerzu, aber ich sank nie so tief, dass ich gebetet hätte.« Der Mann, der damals noch über seinen Unglauben Auskunft gab, stieg später auf zu einem der meistgelesenen christlichen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts: Clive Staples Lewis, meist abgekürzt »C. S.« Seine Freunde riefen ihn ohnehin beim Spitznamen »Jack«. Der 22. November in diesem Jahr ist sein 50. Todestag.

Gewiss war er kein Heiliger – aber ein einflussreicher Denker, der Millionen von Christen mit Scharfsinn und Humor inspiriert hat.

Sein Brot verdiente Lewis als Professor für Literatur in Oxford und Cambridge. Doch berühmt machten ihn die mehrfach verfilmten Narnia-Bände: Narnia ist eine Parallelwelt unserer Erde, jünger, blühender. Einige haben das Glück, von dieser Welt in jene entrückt zu werden und dort echte Abenteuer zu erleben. Besonders im englischsprachigen Raum kennt jedes Kind C. S. Lewis: Über 100 Millionen verkaufte Bücher sprechen für sich.

Daneben stehen Bücher für Erwachsene: Sachbücher zu Glaube und Spiritualität wie auch Romane. In »Überrascht von Freude« erzählt er teilweise sehr rührend von seiner eigenen Entwicklung und wie Gott den einst erklärten Atheisten schachmatt gesetzt hat: »Ein junger Mann, der Atheist zu bleiben wünscht, kann nicht vorsichtig genug mit seiner Lektüre sein. Überall lauern Fallen – ›aufgeschlagene Bibeln, Millionen Überraschungen, feine Netze und Finten‹. Gott ist, wenn ich das sagen darf, sehr skrupellos.«

Lewis wurde am 29. November 1898 in Belfast geboren. Der frühe Tod der Mutter warf einen Schatten auf sein Leben. Mit dem Bruder Warren wuchs er beim ebenso wohlhabenden wie überforderten Vater auf. Die Schulzeit war bestimmt von einem Wechsel verschiedener Internate. Der fantasievolle und unsportliche Junge geriet unter die Räder. Damals entschied er sich bewusst gegen den christlichen Glauben. Schon die Konfirmation ließ er als bloße äußerliche Handlung über sich ergehen. Der Erste Weltkrieg zwang ihn 1917 an die Front.

Denkmal für C. S. Lewis von Ross Wilson in Belfast. Foto: Wikipedia

Denkmal für C. S. Lewis von Ross Wilson in Belfast. Foto: Wikipedia

Seinem Kameraden Paddy versprach er, sich dessen von ihrem Mann getrennt lebenden Mutter anzunehmen, falls ihr Sohn sterben würde. Lewis hielt Wort und nahm die Mutter viele Jahre zu sich, wobei die Beziehung zu der älteren Frau anfangs mehr war als eine moralische Pflichtübung. Eine eigene Familie hat Lewis nicht begründet. Gleichwohl hat seine späte Liebe zur Schriftstellerin Joy Davidman viele Menschen berührt. Der damals schon prominente Junggeselle heiratete die schwer kranke Joy 1957 am Krankenbett. Welcher Zauber dieser Liebe inne wohnte, beweist die Verfilmung »Shadowlandes« mit zwei Oskarnominierungen und Sir Anthony Hopkins in der Hauptrolle als Lewis!

Dabei wäre beinahe seine Universitätslaufbahn an der Mathematik gescheitert. Doch als Kriegsveteran wurde ihm die Algebraprüfung erlassen und Lewis konnte sein Studium in Oxford aufnehmen, stieg auf zum Philosophie-Dozenten und schließlich zum Professor für Literatur. Das war die Zeit, in der Lewis ins Nachdenken über seine Lebensphilosophie geriet – beeinflusst von nächtlichen Debatten mit seinen teils christlichen Freunden. Zu den bedeutendsten Weggefährten zählt der katholische Schriftsteller Tolkien, bekannt als Schöpfer des »Hobbits« und des »Herrn der Ringe«. Zug um Zug näherte sich für Lewis das Eingeständnis, es müsse tatsächlich Etwas geben, etwas Absolutes, einen Geist – und schließlich Gott. Dies schien Lewis so zwingend, dass seine Bekehrung ihn zunächst nicht mit Freude erfüllte: Im Sommersemester »1929 lenkte ich ein und gab zu, dass Gott Gott war, und kniete nieder und betete; vielleicht in jener Nacht der niedergeschlagenste und widerwilligste Bekehrte in ganz England.«

Seine Logik und die Kraft seiner Bilder rufen bis heute zur Lektüre seiner Werke. Lewis zeigt sich darin als ringender Mensch, der Versuchung und Zweifel kennt, aber bestimmt ist von der Sehnsucht nach Gott, die alle anderen Sehnsüchte und Freuden übersteigt.

Gregor Heidbrink

Leben und Alltag im evangelischen Pfarrhaus

10. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Kulturgeschichte: Ein Gang durch die Sonderausstellung »Leben nach Luther« im Deutschen Historischen Museum

»Leben nach Luther. Eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses« ist das Thema einer Sonderausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin.

Ein großes Gemälde gegenüber dem Eingang lenkt die Aufmerksamkeit auf sich. Im Vordergrund die Gestalt eines Pastors in ­Talar, im Hintergrund zwei weitere Pastoren. Das Bild, entstanden 1646, Leihgabe einer evangelisch-lutherischen Gemeinde in den Niederlanden, stellt den Pfarrer inmitten einer Herde von Schafen als Hirten dar und veranschaulicht so dessen Aufgabe. »Pastor« ist die lateinische Bezeichnung für Hirte. Das Deutsche Historische Museum in Berlin präsentiert im Rahmen der Lutherdekade die Ausstellung »Leben nach Luther. Eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses«. In sechs Abteilungen beleuchtet sie die Geschichte des Pfarramtes seit der Reformation. Zu sehen sind Porträts von Pfarrern und Pfarrfrauen, die auf den Ursprung von Pfarrfamilie und Pfarrhaus im theologischen Kontext der Reformation hinweisen.

 Gemälde (1646): Pastor Otto Clemens van ­Bijleveld als evangelischer Hirte.

Gemälde (1646): Pastor Otto Clemens van ­Bijleveld als evangelischer Hirte.

Um Amt und Habitus geht es im nächsten Raum. Gezeigt wird eine Kollektion an Amtstrachten und Talaren, unter ihnen ein Exemplar in knallrot, das Amtskleid eines Pfarrers, der mit der Studentenbewegung von 1968 sympathisierte. Die provokante Farbe des Talars habe eine Predigt im Geist der 68er Bewegung unterstrichen, erläutert der Begleittext. Zu sehen sind auch Entwürfe für die Amtstracht der Vikarinnen. In diesem Zusammenhang informiert die Schau über den weiten Weg der Frauen ins Pfarramt. Theologinnen arbeiteten zunächst als Religionslehrerinnen, Gemeindehelferinnen oder Vikarinnen, bevor sie erst Mitte des 20. Jahrhunderts als Pfarrerinnen ordiniert wurden.

Die protestantischen Rituale

Im Mittelpunkt stehen die protestantischen Rituale. Zu den wesentlichen Aufgaben des Pfarrers zählen die geistlichen Amtshandlungen, die Kasualien. Gemälde zeigen ihn bei Taufe und Abendmahl oder beim Besuch am Sterbebett. Ein weiteres Bild hält den Empfang des Pfarrers und seiner Familie in der neuen Gemeinde fest.

Zudem werden ein Eindruck vom Leben der Gemeinde und der einzelnen Christen sowie Kenntnisse über Regeln und Konventionen vergangener Zeiten vermittelt. So war es zum Beispiel üblich, dass die Gemeindemitglieder je nach ihrem sozialen Stand einen festen Sitzplatz in der ­Kirche besaßen, für den sie bezahlt hatten. Eine Konfitentenlade, in die der Beichtgroschen entrichtet wurde, erinnert daran, dass bis ins 18. Jahrhundert die Beichte am Sonntag vor dem Abendmahl auch in der evangelischen Kirche obligatorisch war.

Dass zum Pfarramt auch Verwaltungsaufgaben gehören, dokumentieren Kirchenbücher und –register. Und die vielen Bücher zeugen von der Bildung des Pfarrers.

Protestantismus in Schweden

Die Schau wirft auch einige Seitenblicke auf das protestantische Europa, auf hierzulande unbekannte Traditionen, die zuweilen kurios anmuten. In der schwedischen Kirche war es Aufgabe des Kirchenaufsehers, darüber zu wachen, dass während der Predigt im Gottesdienst niemand schlief. Dazu diente ihm ein zwei ­Meter langer Stock mit Glöckchen. Diese klingelten, sobald der Aufseher den Stock, den Kyrkstöt, auf den Boden stieß, um eingeschlafene Gottesdienstbesucher aufzuwecken. Ein Bild und ein Kyrkstöt illustrieren diese Geschichte. In Schweden gab es auch das Hausverhör, wie ein weiteres Gemälde erzählt. Beim Hausverhör besuchte der Pfarrer die Familien seiner Gemeinde, um zu prüfen, wie es um deren Kenntnisse des Katechismus, der Bibel, des Gesangbuches und um die Lesefähigkeit bestellt war. Zugleich sollten bei einer solchen Stippvisite Ehe und ­Familienleben überwacht werden.

Mit der Aufhebung des Priesterstandes im Zuge der Reformation musste die Stellung des Pfarrers in der Gesellschaft neu definiert, Statusfragen geklärt werden. Auf dem Dorf sollte er nicht Bauer unter Bauern sein, sondern ein Vorbild für bürgerliche Gesittung abgeben. In der Stadt hingegen lebte er als Bürger unter Bürgern. Deren allzu weltliche Zerstreuungen galt es zu meiden. Die Gefahr, dass der mondäne Lebensstil künftig auf den Pastor abfärben könnte, drohte, wenn dieser in adligen und großbürgerlichen Familien Dienst als Hauslehrer tat. Ein Bild deutet diese Problematik an.

Zur Geschichte der Kirche gehört die Mission, die sich im 19. Jahrhundert etablierte. Sie führte Pfarrers­familien oft unter extremen Bedingungen in weit entfernte Weltregionen. Auch dies wird in einer Nische beleuchtet.

Der Lebenswandel von Pfarrern kann Zündstoff für heftige Diskussionen bieten. Dass dies keine Erscheinung der Neuzeit ist, sondern an die Vorbildlichkeit des Pfarrers schon immer hohe Anforderungen gestellt wurden, wird in dem Raum deutlich, wo es um die Lebensführung im Pfarrhaus geht. Die Präsentation stellt dar, dass die Pfarrersfamilie über Jahrhunderte das Idealbild der bürgerlichen Familie blieb. Es begegnen Fragen nach Moral, angemessenem Verhalten und nach dem richtigen Maß an Bescheidenheit.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bewegte sich der Pfarrer in seiner Gemeinde mit eigenem Gespann oder Pferd, beziehungsweise wurde von den Bauern mit Pferd und Wagen ­kutschiert. Diese Spanndienste fielen mit der Erfindung des Fahrrads weg, wobei zunächst Bedenken bestanden, ob das Radfahren mit der Würde des geistlichen Amtes vereinbar sei. Die Zweifel lösten sich schließlich auf zugunsten der Mobilität der Pfarrer, die später gern auch das Auto nutzten, und sich in den 1920er Jahren dann die Pfarrer-Kraftfahrerversicherung gründete.

Wovon ernährte der Pfarrer seine Familie? Auch dieser Frage geht die Ausstellung nach. Bis ins 19. Jahrhundert hinein lebte er mit seiner Familie von Pfründen, die er selbst bewirtschaftete. Seine Haupteinkünfte erzielte er durch Gebühren für kirchliche Amtshandlungen und die Zehntabgaben der Gemeindemitglieder. Und der Pfarrgarten versorgte mit seinen Früchten die Pfarrhausbewohner.

Forscherdrang und Experimentierfreude

»Gelahrtheit« ist das Thema eines weiteren Raumes. Hier begegnet der Pfarrer als Gelehrter, der sich neben seinen pfarramtlichen Aufgaben der Forschung und Wissenschaft widmete. Theologen profilierten sich in Fragen der Haus- und Landwirtschaft, der Bienenkunde und Botanik. Sie ­betätigten sich auf den Gebieten der Physiognomie, Statistik, Medizin bis hin zur Astronomie. So gehört zu den Exponaten eine Waschmaschine, die Erfindung eines Superintendenten. Ein Pfarrer experimentierte mit toten Vögeln und entwickelte ein Pulver gegen Epilepsie. Mit diesen Voraussetzungen bot das Pfarrhaus einen weiten Bildungshorizont und vielfältige Anregungen auch für den Nachwuchs. Dass Pfarrerskinder sich in verschiedenen Disziplinen einen Namen machten, ist bekannt. Zahlreiche Künstler, Wissenschaftler und Politiker stammen aus einem Pfarrhaus. Dies trifft zum Beispiel auf Johannes Rau zu, ein Name aus der ersten Reihe der Politik in Deutschland.

Zwei Reiche: Kirche und Staat

Abschließend beleuchtet die Präsentation das Verhältnis des Protestantismus zu Staat und Politik. Wie das Pfarrhaus im 20. Jahrhundert auf totalitäre Herausforderungen reagierte, stellen Fotos, Ton- und Filmdokumente dar. Themen sind der »Kirchenkampf« in der Zeit des Nationalsozialismus sowie Repression, Anpassung und kirchliche Opposition in der DDR. Dabei wird die Rolle des Pfarrhauses während der Friedlichen Revolution 1989 ebenso beleuchtet wie das politische Engagement der westdeutschen Kirchen in der Friedens­bewegung der 1980er Jahre.

Dem Gedenken an Oskar Brüsewitz, dem evangelischen Pfarrer, der sich 1976 in Zeitz aus Protest an den politischen Verhältnissen verbrannte, widmet die Schau Aufmerksamkeit.

Ebenso erinnern Buttons der Friedensbewegung, unter anderem das mit dem Symbol der »Schwerter zu Pflugscharen«, an die Friedensbewegung der 1980 er Jahre in der DDR.

In kaum einem anderen Berufsstand ist die Verflechtung von Privat und Öffentlichkeit, von Arbeit und Familie so eng wie bei dem des Pfarrers. Es ist das Verdienst dieser Ausstellung, dass sie die reiche Geschichte des Pfarrhauses mit seinen vielen Facetten würdigt. Sie wendet fast ausschließlich den Blick zurück. Zu kurz kommt die Zeit seit der Wende vor fast 25 Jahren und die gegenwärtige Situation des Pfarramtes mit seinen vielfältigen Herausforderungen.

Fazit: eine lohnenswerte Ausstellung, insofern sie die Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses über fünf Jahrhunderte reflektiert und dabei einen komplexen Einblick in das Leben des Pfarrers und seiner Familie gewährt.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung ist ein gemeinsames Projekt des Deutschen Historischen Museums, der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Internationalen Martin Luther Stiftung.
Die Ausstellung »Leben nach Luther. eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses« im Deutschen Historischen Museum ist bis 2. März 2014 täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Einst ertragen, jetzt geliebt

26. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein Schatz der Moderne: Karl Völkers Schmirmaer Kirchenbilder in der Moritzburg

Dieser Wucht kann sich wohl keiner entziehen, der den Sonderausstellungssaal der Hallenser Moritzburg betritt: In expressiver Farbigkeit mit Rot- und Ocker- vor Blau- und Grüntönen leuchtet links die Kreuzigungsszene und rechts die Himmelfahrt Jesu auf. Optisch verbunden sind die monumentalen Werke durch eine geradezu transzendent wirkende blaue Fläche. Entstanden, lange bevor Yves Klein mit seinen monochromatischen »I.K.B.«-Bildern die Kunstszene begeisterte.

Manche wollen im Auferstandenen das Abbild Lenins erkennen. Doch: Zwar habe Karl Völker, so Ausstellungskurator Wolfgang Büche, immer auf der Seite der Entrechteten gestanden, aber nie aus einer Ideologie heraus. Fotos: Stiftung Moritzburg/Reinhard Hentze

Manche wollen im Auferstandenen das Abbild Lenins erkennen. Doch: Zwar habe Karl Völker, so Ausstellungskurator Wolfgang Büche, immer auf der Seite der Entrechteten gestanden, aber nie aus einer Ideologie heraus. Fotos: Stiftung Moritzburg/Reinhard Hentze

Der Schöpfer dieser und weiterer an den Seitenwänden zu sehender Werke mit Darstellungen aus dem Leben Jesu, ist der Hallenser Künstler Karl Völker. 1889 geboren und 1962 ­gestorben, vom Expressionismus und der neuen Sachlichkeit geprägt, musste er alle Verwerfungen der jüngeren deutschen Kunstgeschichte hautnah erleiden. Im Nationalsozialismus als »entartet« diffamiert, in DDR-Zeiten von der unseligen »Formalismusdebatte« betroffen, später mit dem Etikett der »proletarisch-revolutionären Kunst« versehen, wehrte er sich zeitlebens gegen Vereinnahmungen.

Die jetzt in Halle gezeigten Werke entstanden 1921 bis -22 als Deckengemälde für die kleine Dorfkirche von Schmirma bei Mücheln im Geiseltal. Es ist schon ein kleines Wunder für sich, wenn ein Künstler in jüngerer Zeit mit einen Bilderreigen einen ganzen sakralen Raum ausgestalten konnte. Dass dieser, wahrscheinlich sogar deutschlandweit einzigartige Bildereigen der Moderne aber bis heute erhalten geblieben ist, darf als wirklicher Glücksfall bezeichnet werden. Nicht zuletzt auf Grund aktueller Diskussionen um zeitgenössische Kunst in Kirchen (Stichwort Baselitz) kann man erahnen, welcher Schock diese Darstellung des Heiligen für die Schmirmaer Gemeindemitglieder Anfang des vergangenen Jahrhunderts wohl war.

Klaus Völker, Enkel des Künstlers und Initiator einer Initiative zur Erhaltung des Gesamtkunstwerkes, dankte deshalb bei der Eröffnung auch den anwesenden Mitgliedern der Kirchengemeinde, dass sie die Bilder »anfangs geduldet, ertragen und dann sogar geliebt haben«. Dass diese jetzt in der Moritzburg in einmaliger Weise erstmals seit ihrer Entstehung auf Augenhöhe betrachtet werden können, ist der notwendig gewordenen Restaurierung geschuldet. »So Gott will« soll der Schatz ab 2014 ­wieder in das ebenfalls »restaurierte Schatzkästlein«, zurückkehren, wie der zuständige Pfarrer Hans-Jakob Schröter es ausdrückte.

Harald Krille

Die Sonderausstellung »Karl Völker. Heilige Geschichten« ist bis 5. Januar im Kunstmuseum der Moritzburg in Halle zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs bis sonntags sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr.

www.kunstmuseum-moritzburg.de

Falscher Mythos

23. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnert: Vor 200 Jahren tobte die »Völkerschlacht bei Leipzig«

Die Schlacht vor den Toren Leipzigs im Jahr 1813 gilt vielen als nationale Erhebung gegen die Unterdrückung Napoleons. Mit der historischen Realität hat dies aber nicht viel zu tun.

Es war eine Schlacht von gigantischen Dimensionen. Französische, russische, österreichische und schwedische Uniformen wechselten einander ab. Mehr als eine halbe Million Soldaten nahmen an dem Kampf teil, der später »Völkerschlacht bei Leipzig« heißen sollte. Bis zum ­Beginn des Ersten Weltkrieges blieb sie die gewaltigste militärische Auseinandersetzung der europäischen Geschichte.

Für die Deutschen hat die Schlacht zwischen dem 16. und 19. Oktober 1813 eine besondere Bedeutung. In den Jahren der französischen Fremdherrschaft war zuvor etwas erwacht, das es vorher so nicht gegeben hatte: das deutsche Nationalbewusstsein. Dass alle Deutschen in einem Staat zusammenleben sollten, war ein Gedanke, den bis dahin noch niemand gedacht hatte. Die Leipziger Völkerschlacht wurde im Nachhinein zum Symbol für den gemeinsamen Freiheitskampf gegen Napoleon gemacht, zu einem der Grundsteine des jungen deutschen Nationalgefühls. Die Kriegsherren der Schlacht selbst waren jedoch von solchen Ideen weit entfernt.

Umstrittene Erinnerung an das martialische Blutvergießen: Ein sogenannter Gefechtsdarsteller posiert vor dem ­renovierten Völkerschlachtdenkmal. Foto: Steschum – Fotolia.com

Umstrittene Erinnerung an das martialische Blutvergießen: Ein sogenannter Gefechtsdarsteller posiert vor dem ­renovierten Völkerschlachtdenkmal. Foto: Steschum – Fotolia.com

Nach der katastrophalen Niederlage Napoleons im Russlandfeldzug 1812 hatte das Bündnissystem, mit dem der Korse die politische Landkarte Europas neu geordnet hatte, erste Risse bekommen. Preußen und Österreich waren – halb freiwillig, halb gezwungen – Verbündete Napoleons gewesen. Nun aber schlossen sie mit Russland einen Waffenstillstand, Preußen erklärte Frankreich nur wenig später sogar den Krieg. König Friedrich Wilhelm III. rief sein Volk zum Widerstand gegen die französischen Besatzer auf.

Noch allerdings hielt die Mehrzahl der kleinen Rheinbund-Staaten zum Kaiser der Franzosen, insbesondere Bayern und Sachsen. Napoleon hatte damit auch nach dem Untergang der »Grande Armée« in Russland noch genug Soldaten – denn die Rheinbund-Staaten mussten Truppenkontingente stellen.

Im August gab dann auch die Großmacht Österreich ihre Neutralität auf und trat in den Krieg gegen Napoleon ein. Zuvor waren schon Schweden, Spanien und Portugal übergelaufen. Frankreich war damit weitgehend ­isoliert. Aber immer noch stand ­Na­poleons gewaltige Armee in Sachsen. Bei Leipzig trafen sie und die Verbände der Verbündeten aufeinander.

Am 16. Oktober, als die Schlacht begann, waren beide Seiten noch etwa gleich stark. Die Armee der Verbündeten gegen Napoleon war aber sehr ­zersplittert. Der Kaiser der Franzosen ging forsch gegen seine Gegner vor. Es sah zunächst recht gut aus für den Korsen. In Leipzig ließ er schon die Siegesglocken läuten. Während der Nacht aber strömten lange Reihen von Soldaten als Verstärkung zu den Linien der Preußen, Österreicher, Russen und Schweden. Am Morgen des 17. Oktober war ihre vereinigte Armee doppelt so stark wie die Kräfte Napoleons, der keine Verstärkung bekommen konnte. Für den Kaiser der Franzosen kam es sogar noch schlimmer: Tausende seiner eigenen Leute gingen von den Fahnen und liefen zum Gegner über. Vor allem Truppen der Rheinbund-Staaten wechselten die Seiten.

Die Lage wurde aussichtslos für Napoleon. Am Abend des 18. Oktober befahl er den Rückzug. Der wurde noch einmal sehr blutig: Der französische Kaiser schickte polnische und deutsche Rheinbund-Verbände, um seinen Abzug zu decken. Nachdem eine wichtige Brücke über die Elster gesprengt worden war, war diesen Soldaten der Rückweg abgeschnitten.

Schnell nahm die Erinnerung an die Völkerschlacht eine bedeutende Stellung in der deutschen Geschichte ein: Bei den Festen der jungen deutschen Nationalismus- und Liberalismus-Bewegung auf der Wartburg und am Hambacher Schloss 1832 spielte sie eine zentrale Rolle. Das Gedenken an die Schlacht gab ihnen und damit auch allen Deutschen eine gemeinsame Identität – nicht jedoch die Schlacht selbst. Dieser Mythos ist falsch.

Später kippte das Andenken ins Völkisch-Nationalistische, jeder nutzte es für seine politischen Zwecke. Genau 100 Jahre nach der Schlacht ließ Kaiser Wilhelm II. am 18. Oktober 1913 bei Leipzig ein Denkmal einweihen – als Symbol des angeblichen Kampfes aller Deutschen gegen den französischen »Erbfeind«. Dass rund um Leipzig vor allem Deutsche gegen Deutsche gekämpft hatten, fiel dabei unter den Tisch.

Die siegreichen Fürsten und Könige hatten nach 1813 alles andere im Sinn als eine deutsche Einheit. Nachdem sie Napoleon endgültig besiegt hatten, teilten sie die deutschen Länder wieder wie gehabt unter sich auf – ohne Einheit, ohne Freiheit, ohne Bürgerrechte.

Nils Sandrisser (epd)

Das Leipziger Gemetzel und sein umstrittenes Gedenken


Die Völkerschlacht bei Leipzig dauerte vom 16. bis zum 19. Oktober 1813. Zwischen 60000 und 100000 Menschen starben. Bei den riesigen Abmessungen des Schlachtfelds und der enormen Zahl der Toten war es unmöglich, sie alle genau zu zählen. Nach der Schlacht ging das Sterben weiter: Allein die Franzosen hatten rund 23000 Verletzte in den Leipziger Lazaretten zurückgelassen, von denen viele in den Tagen danach starben. Die hygienischen Verhältnisse waren unvorstellbar schlecht, eine Typhus-Epidemie raffte nicht nur die geschwächten Verletzten dahin, sondern auch viele Leipziger Zivilisten.

Die Stadt erinnert vom 16. bis 20. Oktober mit einem ­Friedensgebet, Diskussionen und einem Festakt an das ­Ereignis. Hinzu kommen die Darbietungen von rund 6000 »Freizeitsoldaten«, sogenannten Gefechtsdarstellern, die Teile des Gemetzels rund um Leipzig nachspielen. Ein von ihnen ursprünglich geplanter »Feldgottesdienst« wurde ­allerdings – obwohl historisch durchaus »korrekt« – ­ab­gesagt, weil sich kein Leipziger Pfarrer dafür hergeben wollte. »Ich finde diese Gefechtsdarstellungen unmöglich, man kann Krieg nicht spielen«, sagte Leipzigs Superintendent Martin Henker im Vorfeld.
(GKZ/epd)

Eine Predigt aus Stein

14. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Magdeburg: Domweihe vor 650 Jahren – Deutschlands erste gotische Kathedrale

Mit einer Festwoche erinnert die Domgemeinde Magdeburg ab 18. Oktober an die Weihe ihres Gotteshauses vor 650 Jahren.

Der Grundstein für das monumentale Bauwerk wurde 1209 gelegt. An gleicher Stelle hatte eine romanische Kirche gestanden, bis ein Stadtbrand sie am Karfreitag des Jahres 1207 zerstörte. Ein großer Teil der Ausstattung wurde gerettet und in den Nachfolgebau integriert. Erzbischof Albrecht von Käfernburg legte den Grundstein für den neuen Dom St. Mauritius und Katharina, der den damals modernen, gotischen Formen folgt. Der Magdeburger Dom gilt als erster gotischer Sakralbau auf deutschem Boden. Bedeutung hatte und hat er auch als Grablege Kaiser Ottos I. Zu den jüngeren Erkenntnissen über die Geschichte des Dombaus, die archäologische Grabungen in den vergangenen Jahren erbrachten, gehört die Tatsache, dass im Sarkophag im Chorumgang tatsächlich Ottos erste Gemahlin Editha bestattet ist.

120 Meter lang, 32 Meter Deckenhöhe: Der Magdeburger Dom beeindruckt allein schon durch seine Raumwirkung. Fotos: Victoria Kühne

120 Meter lang, 32 Meter Deckenhöhe: Der Magdeburger Dom beeindruckt allein schon durch seine Raumwirkung. Fotos: Victoria Kühne

Gern wird erzählt, dass Albrecht ­eigens die Achse des Neubaus gegenüber dem Vorgängerbau ein Stück verlegen ließ, damit auch wirklich gotisch gebaut wird. In der Tat lässt sich am Magdeburger Dom gut ein Übergang von romanischen zu gotischen Formen von unten nach oben und von Ost nach West verfolgen. Den Ostabschluss des Chores prägen noch die schweren romanischen Formen, während sich nach oben, im sogenannten Bischofsgang, und dann weiter nach Westen immer mehr die aufstrebende, leichtere Gotik durchsetzt. Albrecht hatte vor dem Dom-Neubau in Frankreich die moderne Bauweise kennengelernt und sie wohl in Magdeburg für »seine« Kirche haben wollen. Mit einer Länge von 120 Metern und einer Deckenhöhe von 32 Metern beeindruckt das Gotteshaus seine Besucher noch heute – wie eine Predigt, in Stein gemeißelt.

Es gelang jedoch nicht, das Bauwerk in einem Zuge zu errichten. Ein Schicksal, das der Magdeburger Dom mit vielen Kirchen teilt. Schriftlich belegt ist eine Bauunterbrechung Ende des 13. Jahrhunderts.

Es dauerte 154 Jahre, bis Chor und Langhaus vollendet waren. Am 22. Oktober 1363 weihte Erzbischof Dietrich von Portitz den Dom. Erzbischof Otto von Hessen, der zwei Jahre zuvor gestorben war, hatte den Bau maßgeblich vorangetrieben. Sein Bild ist auf dem letzten Schlussstein vor der großen Orgel verewigt. Und am Eingang des südlichen Chorumgangs ist seine Grabplatte zu finden. Dietrich von Portitz stiftete und weihte den Hochaltar und das Chorgestühl und veranlasste den Einbau farbiger Fenster. Diese sind nicht mehr vorhanden, während das geschnitzte Gestühl noch heute die Besucher mit seinem reichen figürlichen Schmuck fasziniert. Erzbischof Dietrich ist im Hohen Chor bestattet.

Die Vollendung des Domes mit der Westfassade und den beiden 100 Meter hohen markanten Türmen dauerte bis 1520. Da hatte sich Erzbischof Ernst von Sachsen (1464–1513) bereits seine Grablege direkt hinter dem großen Westportal in die Turmvorhalle bauen lassen.

Seitdem ist das Westportal nur noch selten geöffnet worden; der Haupteingang befindet sich im nördlichen Seitenschiff. Nach langer Tradition zieht die Gemeinde nur zur Osternacht und zur Amtseinführung eines neuen Bischofs durch das ehemalige Hauptportal. Allerdings war das vor vier Jahren, als Landesbischöfin Ilse Junkermann eingeführt wurde, wegen Bauarbeiten nicht möglich. Erst zu Ostern 2013 fielen nach acht Jahren die Baugerüste an der Westfassade.

Die 650-Jahr-Feier der Domweihe ist nun wieder ein Anlass, das Westportal zu öffnen. Zum Festgottesdienst am 20. Oktober zieht die Gemeinde wie vor 650 Jahren durch ­dieses prächtige Tor in den Dom.

Renate Wähnelt

Die Festwoche

18. Oktober, 12.30 Uhr: »Klick – Der Dom im Kleinformat« – Eröffnung ­einer Ausstellung mit Fotos, mit denen Abiturienten des Ökumenischen Domgymnasiums im Kunstunterricht ihre Sichten auf den Dom zeigen; Ausstellung der 1612 und 1613 gedruckten prächtigen Gottesdienstbücher
20. Oktober, 10 Uhr: Festgottesdienst, gestaltet von Domprediger Giselher Quast und Prädikant Stephen Gerhard Stehli
20. Oktober, 20 Uhr: »Das Spiel vom Magdeburger Dom« – Theateraufführung des Ensembles der Magdeburger Domgemeinde über das Baugeschehen im 13. Jahrhundert (Hoher Chor)
22. Oktober, 18 Uhr: Vespergottesdienst am Tag der Domweihe; Beginn im Hohen Chor, dann der Baugeschichte folgend an der Turmvorhalle endend
22. Oktober, 19 Uhr: Vortrag des Architekturhistorikers Dr. Joachim Todenhöfer (Halle) über die Ausstattung eines Domes im 14. Jahrhundert (Große Sacristei)

www.magdeburgerdom.de

Blühende Alltagsfrömmigkeit des Mittelalters

8. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Faszinierende Einblicke in den Vorabend der Reformation: die Ausstellung »Umsonst ist der Tod« in Mühlhausen

Mit einem Hieb wurde die Hand vom Körper getrennt. Bleiche Knochen, stellenweise mumifiziert, fordern noch heute, Jahrhunderte später, die Bestrafung einer Untat, die sich wohl einst bei Wippra (Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda) ereignete.

»Das ist die Hand eines Getöteten, ein Leibzeichen.« Hartmut Kühne zeigt auf das ausgestellte Kästchen: »Vom Opfer abgenommen, war es vor einem mittelalterlichen Gericht der Beweis für den Rechtsanspruch. In ihm war der Tote sozusagen selbst vertreten.« Wurde ein Schuldspruch gefällt, habe der Mörder das Leibzeichen auch standesgemäß beerdigen müssen. Das geschah bei dieser Hand aber nicht. »Da hat man vor 500 Jahren den Täter wohl nicht gefunden«, stellt der Kirchenhistoriker fest.

Votivgabe nach Befreiung: Kurator Hartmut Kühne erläutert die Bedeutung der Ketten aus Bad Wilsnack. Foto: Matthias Hemmann

Votivgabe nach Befreiung: Kurator Hartmut Kühne erläutert die Bedeutung der Ketten aus Bad Wilsnack. Foto: Matthias Hemmann

Kühne hat als Kurator das Forschungsprojekt der drei mitteldeutschen Länder »Alltag und Frömmigkeit am Vorabend der Reformation« verantwortet. Bei Fahrten in die ländlichen Regionen Thüringens, Sachsens und Sachsen-Anhalts trug er viele Exponate zusammen, die über ein halbes Jahrtausend in den Archiven und Pfarrämtern, auch auf manchem Kirchenboden unbeachtet überdauerten. In Mühlhausen werden sie erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Sie geben der am 29. September eröffneten Ausstellung »Umsonst ist der Tod« ihren Charakter, will diese die Blicke doch nicht so sehr auf herausragende Funde lenken. Stattdessen präsentiert Hartmut Kühne eher Dinge des Alltags, wie etwa eiserne Ketten aus Bad Wilsnack. In Ketten gelegt, sah sich mancher einem ungewissen Schicksal entgegen – und erbat Hilfe an wundertätigen Orten. Wurde er befreit, suchte er den Wallfahrtsort wieder auf, um dort voller Dankbarkeit seine Ketten abzulegen.

Interessant ist auch ein sogenannter Auffahrts-Christus mit beweglichen Armen. Während der Messe am Himmelfahrtstag zur Kirchendecke hinaufgezogen, verschwand die Figur dort durch eine Öffnung, womit der versammelten Gemeinde die Himmelfahrt Jesu verdeutlich wurde.

Insgesamt basiert die Schau auf der Grundthese der neuesten Geschichtswissenschaft, dass es falsch sei, die Reformation als Folge eines Niedergangs von Kirche und Frömmigkeit anzusehen. »Den gab es nicht«, betont Thomas T. Müller, Direktor des Mühlhäuser Museums am Lindenbühl: »Leider ist bei uns im Mutterland der Reformation diese Meinung noch weit verbreitet.« Er verweist auf die Ergebnisse des Forschungsprojektes zur religiösen Praxis, zu Prozessionen, kirchlichem Alltag und Ablasswesen in den Jahren um 1500: »Man geht heute davon aus, dass es damals eine blühende Alltagsfrömmigkeit gab, aus der heraus sich die Reformation entwickeln konnte.«

Matthias Hemmann

Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft der evangelischen und katholischen Bischöfe der beteiligten Länder und ist bis zum 13. April 2014 im Mühlhäuser Museum am Lindenbühl zu sehen, danach in Leipzig und Magdeburg.
Öffnungszeiten: Di–So, 10–17 Uhr

www.umsonstistdertod.de

Das Hemd des Glücklichen

1. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Bühnenkunst: Premiere auf dem Kirchentag in Jena – das Theater der Generationen aus Halberstadt

Wie die gemeinsame Arbeit an einem Bühnenstück zur erfolgreichen Begegnung der Generationen wird, zeigt ein Theaterprojekt aus Halberstadt.

Ich trage schwer an meinem Glück!«, ruft der eben von seinem Meister entlassene Handwerksgeselle aus, als er seinen Lohn, einen Goldklumpen, nach Hause schleppt. Nach und nach verliert der Tollpatsch all seine Habe, die er immer wieder gegen andere ihm lohnenswerter erscheinende Dinge eingetauscht hat und steht am Ende ohne jegliche materielle Güter da. Jedoch: Erst jetzt fühlt er sich als der glücklichste Mensch der Welt. Doch damit nicht genug, er kann auch noch einen kranken König heilen, indem er ihm sein Hemd vermacht.

Von Grundschülern bis zu Rentnern sind alle Altersgruppen beteiligt: Das Theater der Generationen aus Halberstadt hat seine eigene Adaption des Märchens vom Hans im Glück erarbeitet. Foto: Jürgen Scheere

Von Grundschülern bis zu Rentnern sind alle Altersgruppen beteiligt: Das Theater der Generationen aus Halberstadt hat seine eigene Adaption des Märchens vom Hans im Glück erarbeitet. Foto: Jürgen Scheere

Die Anleihen bei den Brüdern Grimm sind unschwer zu erkennen, aber da ist etwas, das diese Aufführung des Theaterzirkels des evangelischen Kirchenkreises Halberstadt zu etwas anderem macht als eine klassische Märcheninszenierung. So sind durch die beteiligten Konfirmanden durchaus moderne Themen aus schulischem Alltag und Freizeit eingeflossen. In den miteinander verwobenen Spielsequenzen klingen Probleme wie Mobbing, Außenseitertum, Einsamkeit und Arbeitslosigkeit an, gleichzeitig auch der Wunsch junger Menschen nach Veränderungen alter Strukturen.

Vom Grundschüler bis zur Rentnerin sind alle Altersklassen auf der Bühne vertreten. Christa Strube (77), eine der Darstellerinnen aus dem Theaterkreis, berichtet: »Wir wollten den Bezug zu Gegenwart und Zukunft haben. Wir haben uns gegenseitig befragt: Wo drückt dein Schuh? Und durch diese Gruppenarbeit haben wir das Stück wachsen lassen.«

Dass jede Generation ihre eigenen Sorgen hat, sich die Vorstellungen von einem glücklichen Leben aber ähneln, war eine Erkenntnis, die die Schauspielerinnen und Schauspieler im Austausch miteinander als Bereicherung sehen konnten. Theaterpädagogin Anja Grasmeier betont, man habe das Theaterstück extra für den Kirchentag einstudiert. Des Mottos »Mit einem Fuß im Paradies« haben sich die Laienschauspieler angenommen, um ihre ganz eigene Bühnenfassung des Hans-im-Glück-Märchens zu entwickeln.

Die Synergieeffekte der generationenübergreifenden Arbeit hebt auch der mit dem Theaterkreis aus Halberstadt angereiste Gemeindepädagoge Christian Lonzek hervor. Jede Gene­ration bringe ihre Stärken und Erfahrungen in die Runde ein. Wichtig sei ihm: »Man nimmt sich wahr.« Da komme es schon des Öfteren vor, dass die Jungen und die Alten gemeinsam Kuchen essen, den die Senioren vorher gebacken haben, so Lonzek.

Die Idee eines Theaters der Generationen stammt vom Halberstädter Pfarrer Torsten Göhler, den die stete Trennung nach Altersgruppen in der Gemeinde störte. Hier würden viele Potenziale, wie die des gemeinschaftlichen Bühnenspiels, nicht genutzt. Dass mit einer altersgemischten Begegnung auch Hemmschwellen abgebaut und Toleranz füreinander aufgebaut werden, sind langfristig ein sinnvoller und freudiger Zusatzgewinn.

Es sind die kleinen scherzhaften Einlagen, die neckischen Kostüme und das Ineinanderfließen aktueller Stoffe in Kombination mit dem Märchenhaften, die diese Theaterinszenierung auszeichnen. Das Konzept geht auf und findet Interessenten. Anja Grasmeier erzählt stolz: »Wir ­haben schon weitere Anfragen, unser Stück aufzuführen.«

Ulrike Unger

»Mir fehlt die Kraft«

24. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum Tod des Schriftstellers Erich Loest

Das Besondere an ihm sei, »dass er Wahrheiten aussprach«, würdigte Erich Loest den Sänger Wolf Biermann zu dessen 75. Geburtstag. Damit habe Biermann bei vielen dem Bewusstsein »auf die Sprünge geholfen«. Die gleichen Worte könnten jetzt auf Loest’s eigenem Grabstein stehen. Am 13. September starb der Schriftsteller im Alter von 87 Jahren in seiner Heimatstadt Leipzig. Laut Polizei nahm er sich vermutlich schwer krank selbst das Leben.

Erich Loest bei einer Lesung in Halle im Jahr 2003. Foto: Jens Schlüter.

Erich Loest bei einer Lesung in Halle im Jahr 2003. Foto: Jens Schlüter.

Das Nachlassen der eigenen Kräfte hatte ihm in den vergangenen Jahren erkennbar zugesetzt. Er fühlte sich kraftlos, erschöpft und ärgerte sich ­darüber. Dabei wollte er noch etwas erzählen. Mit Romanen wie »Völkerschlachtdenkmal«, »Nikolaikirche« oder »Gute Genossen« hatte Loest die DDR-Geschichte, die rote Diktatur, die so schmerzlich eng mit seiner eigenen Geschichte verknüpft war, umfassend verarbeitet und zurechtgerückt.

Nun wollte er gern noch seine Hitlerjugend literarisch aufarbeiten. Er selbst habe zwar den inhaltlichen Spannungsbogen für einen entsprechenden Roman im Kopf, sagte er vor zwei Jahren: »Aber schaffen tue ich das nicht mehr. Mir fehlt die Kraft.«

Vor wenigen Wochen erschien trotzdem noch ein Loest-Werk, welches das Thema aufgriff. »Lieber hundertmal irren« ist ein Buch über das Kriegsende in der Provinz und über die Anpassungsfähigkeit der Menschen an die Systeme. Mehr als 50 Bücher, ungezählte Essays und Artikel zählen zu Loest’s literarischem Werk. Immer wieder schrieb er gegen die Versuche an, die DDR-Geschichte zu »verkleistern«, wie er sagte. Man müsse wachsam bleiben und bei der Aufarbeitung der SED-Diktatur nicht nachlassen. Es sei zwar sehr viel getan worden seit der Wiedervereinigung, aber es werde immer noch aus den Ecken heraus gestichelt.

Geboren wird Loest 1926 im sächsischen Mittweida. Nach Kriegsdienst und kurzer US-amerikanischer Gefangenschaft tritt er der SED bei und veröffentlicht den Roman »Jungen, die übrigblieben« über die Kriegsgeneration. Die Partei wirft ihm »Standpunktlosigkeit« vor. Es folgen Jahre als freier Schriftsteller. Den Volksaufstand am 17. Juni 1953 bezeichnet er als ­einen der großen Wendepunkte in seinem Leben, ähnlich dem Kriegsende. Danach konnte er mit der DDR keinen Frieden mehr schließen, diesem Mix aus kleinbürgerlicher Behaglichkeit und Stalinismus.

Nach dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 tritt er mit anderen für eine ­Demokratisierung der DDR ein und wird 1957 wegen »konterrevolutionärer Zellenbildung« verurteilt. Siebeneinhalb Jahre Haft in dem berüchtigten DDR-Zuchthaus Bautzen haben bei ihm tiefe Spuren hinterlassen.

Nach der Haftentlassung 1964 kehrt Loest nach Leipzig zurück. Mit dem autobiografischen Roman »Es geht seinen Gang oder die Mühen der Ebene« meldet er sich 1978 auf der Bühne der zeitkritischen DDR-Literatur zurück. Darin zeichnet er ein illusionsloses Bild von der Realität der 60er und 70er Jahre in der DDR-Provinz. Die SED setzt das Buch erst auf den Index, nach Protesten wird eine limitierte Auflage zugelassen. Loest bezeichnet es heute mit als sein wichtigstes Buch, »weil es in der DDR geschrieben einen völlig neuen Blick auf dieses Land warf«.

Loest eckt an, wird aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und bekommt Publikationsverbot. 1981 verlässt er die DDR in Richtung Westen. Kurze Zeit später erscheint das autobiografische Werk »Durch die Erde ein Riss« über seine Haftzeit in Bautzen.

Als die Mauer fällt, kehrt er nach Leipzig zurück und verarbeitet seine Stasi-Akten in der Dokumentation »Die Stasi war mein Eckermann oder mein Leben mit der Wanze«.
Mit dem 1995 veröffentlichten Roman »Nikolaikirche« um die Ereignisse der Leipziger Montagsdemonstrationen im Herbst 1989 hat sich ­Loest endgültig in das Bewusstsein der gesamtdeutschen Öffentlichkeit geschrieben und den Demonstranten ein literarisches Denkmal gesetzt. Seine Haft in Bautzen verfolgte ihn bis ins hohe Alter. Er bereue bis heute, dass er damals nicht in den Westen abgehauen sei, sagt er noch Jahrzehnte später. Die Jahre im Knast hätten ihn fast fertiggemacht. »Wir haben eigentlich alle lebenslänglich bekommen.«

Markus Geiler (epd)

Das Wunder von Quedlinburg

18. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Jubiläum: Vor 20 Jahren kehrten verschollene Teile des Domschatzes in die Quedlinburger Stiftskirche zurück

Eine Sonderausstellung im Quedlinburger Domschatz erzählt mit Hilfe von Zeitzeugen und einer Fülle bislang noch nie öffentlich gezeigter Dokumente die Geschichte des Verlustes und der Rückkehr.

Fast alle der im Zweiten Weltkrieg verloren gegangenen Stücke des Domschatzes der Stiftskirche St. Servatii in Quedlinburg sind vor 20 Jahren in die Kirche zurückgekehrt. Und Friedemann Goßlau, Pfarrer i.R., ist derzeit ein gefragter Interviewpartner: Dabei habe ich nur zufällig an dem Schreibtisch gesessen, über den alles lief, »Entschieden hat die Regierung in Bonn. Wenn die sich nicht eingemischt hätte, wäre der Schatz nicht hier«. Ganz so war es denn wohl doch nicht. Schließlich verhandelte er 1991 mit über die Rückgabe und das zu zahlende »Lösegeld« und flog schließlich 1992 in die USA, um die Kostbarkeiten zurückzuholen.

Sogenannter Bartkamm Heinrichs I., Prunkkamm aus Elfenbein mit Gold und Edelsteinen, 12. Jahrhundert. Foto: Jürgen Meusel

Sogenannter Bartkamm Heinrichs I., Prunkkamm aus Elfenbein mit Gold und Edelsteinen, 12. Jahrhundert. Foto: Jürgen Meusel

Damals war Friedemann Goßlau schon seit 25 Jahren Pfarrer in Quedlinburg, kannte den Domschatz und wusste um den Verlust aus dem Jahr 1945. Einst war er zum Schutz vor Kriegsschäden in Höhlen ausgelagert. Im April 1945 kamen die Amerikaner nach Quedlinburg und Joe Tom Meador wurde zur Bewachung abkommandiert. Der Offizier hatte Kunstgeschichte studiert und wusste um den Wert der Stücke. Zwölf wählte er aus und schickte sie nach Texas. Nach dem Krieg erfreute er sich an der Beute und zeigte sie in seiner Wohnung Freunden. Nach seinem Tod versuchten seine Geschwister als Erben, sie auf dem Kunstmarkt loszuwerden, offenbar zunächst ohne ihren Wert zu kennen. Doch dann wussten sie Bescheid und der Schatz war für die Familie Sicherheit für Kredite und lag im Banktresor.

Bis dahin galten die Stücke als verschollen. »Wir machten bei Führungen darauf aufmerksam und haben vor allem Westdeutsche ermuntert, aufmerksam zu sein, weil wir sie dort vermuteten. Dass die Russen nicht als Diebe infrage kamen, wussten wir: Als die in Quedlinburg eintrafen, war der Diebstahl schon bekannt«, erinnert sich Friedemann Goßlau.

Dass vor mehr als 30 Jahren die Spur des verlorenen Schatzes aufgenommen wurde, ist dem Kunsthistoriker Willi Korte zu verdanken. »Der ließ nicht locker, nachdem das Samuhel-Evangeliar aufgetaucht war. Ohne irgendeinen Auftrag, ganz auf sich gestellt und auf eigenes Risiko hat er geforscht. Und schaffte es, dass in der National Bank in Texas das Fach der Meadors geöffnet wurde«, zollt Pfarrer Goßlau dem Schatzjäger hohen Respekt. Willi Korte wird auch zum Festakt anlässlich des Jubiläums erwartet.

Eine weitere wichtige Figur in der Rückkehr-Geschichte ist der Journalist William H. Honan von der New York Times. »Der holte mit seinem Buch die Meador-Familie aus der Anonymität. Als er in Quedlinburg zum Recherchieren war, ergab es sich, dass er in einem Gottesdienst die Lesung hielt. Ein ganz reizender Mensch«, erzählt Friedemann Goßlau. So hat die Rückkehr des Schatzes auch persönliche Bande zwischen Deutschland und Amerika geknüpft.

Zu den wichtigen glücklichen Fügungen gehörte zweifelsohne die Wende. Ohne die Euphorie der Nachwendezeit, ohne die neu gegründete Kulturstiftung der Länder wäre es wohl nie oder nicht so schnell zu dem Ergebnis gekommen, ist der ­Pfarrer überzeugt. Allein 10000 Dollar »Kaution« waren bereits Mitte 1990 von der Bundesregierung und der Kulturstiftung der Länder aufzubringen, um überhaupt die Rückkehr-Verhandlungen mit Aussicht auf Erfolg beginnen zu können. Für drei Millionen Dollar gaben die Meador-Erben in ­einem außergerichtlichen Vergleich schließlich die zehn noch vorhandenen Stücke zurück; zwei bleiben verschollen. Doch nicht nur das »Lösegeld« war nötig. Die Schatzkammer in der Stiftskirche entsprach nicht den notwendigen konservatorischen und Sicherheitsanforderungen, sodass weitere Zigtausende nötig waren, damit sie modernen Ansprüchen genügt. Hinzu kamen Kosten für die Restaurierung sowohl der gestohlenen Stücke als auch der am angestammten Platz verbliebenen.

So ist es nachvollziehbar, dass die Rückkehr und Präsentation des Domschatzes in Quedlinburg vor 20 Jahren vielen Menschen als Wunder erscheint.

Renate Wähnelt

Festakt anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Rückführung des Quedlinburger Domschatzes am 15. September, um 17 Uhr, in der Stiftskirche.
Sonderausstellung bis zum 15. Dezember 2013

www.domschatzquedlinburg.de

Quedlinburger Domschatz
Mehr als 50 Werke mittelalterlicher Kunst gehören zum Quedlinburger Domschatz. Sie sind aus Gold und Silber, aus Elfenbein und Bergkristall gearbeitet, mit Edelsteinen reich verziert und zeugen von großer Kunstfertigkeit. Er steht in engem Zusammenhang mit dem deutschen Königtum. Nach dem Tod ­König Heinrich I. (936) errichtete Königin Mathilde, ein Kanonissenstift auf dem Burgberg. Sie ließ über dem Grab ihres Gemahls eine Kirche errichten, die der Muttergottes, dem heiligen Servatius und dem heiligen Dionysius geweiht war. Ihr Sohn, Otto I., der Große (936–973), beschenkte das Stift großzügig mit Reliquien. Über 100 Jahre waren ausschließlich Töchter des regierenden ­Königshauses Äbtissinnen des Quedlinburger Stifts und nahmen auch Einfluss auf die Politik. Das Stift wurde weiterhin reich beschenkt. Vermutlich ließ ­Äbtissin Agnes II. (1184–1203), Tochter des Markgrafen Konrads von Meißen, den »Zitter« als Schatzkammer einbauen.

Unbequem, aber ein guter Ort

9. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Tag des offenen Denkmals: Die Geschichte der Johanneskirche in Weimar ist mit der Ära der Deutschen Christen verbunden

Der Tag des offenen Denkmals am 8. September steht unter dem Motto: »Jenseits des Guten und Schönen: ­Unbequeme Denkmale?« Von ihrer ­Entstehungs­geschichte ist die Johanneskirche in Weimar ein ­unbequemes Denkmal.

Es ist spröde, das diesjährige Denkmalmotto mit seiner harten Feststellung und der bohrenden Frage. Können Denkmale denn überhaupt bequem sein? Wer beispielsweise für eine uralte Kirche Verantwortung trägt, weiß um finanzielle Belastungen und mancherlei Probleme. Bequem ist so ein Erbe nicht, aber geliebt und ein Stück greifbarer Ortsgeschichte. In der Erklärung zum Motto des Denkmaltages 2013 schreibt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz: »Zu den ›unbequemen Denkmalen‹ zählen viele Bauten, die heute im Allgemeinen aufgrund der politischen und sozialen Umstände ihrer Entstehungs- oder Nutzungszeit ein gewisses Unbehagen auslösen.« Eine Kirche ist nicht unter den genannten Beispielen und doch gibt es auch hier bauliche Zeugen:

Die Johanneskirche Weimar – der Ort für kirchliche Kinder-, Jugend- und Familienveranstaltungen. Foto: Maik Schuck

Die Johanneskirche Weimar – der Ort für kirchliche Kinder-, Jugend- und Familienveranstaltungen. Foto: Maik Schuck

Die Johanneskirche in Weimar. Sie macht weder durch Turm noch Glocken auf sich aufmerksam. Derweil liegt sie an exponiertem Ort oberhalb des Goethe- und Schillerarchivs mit Sichtbeziehung hinüber zum Ettersberg, wo der Glockenturm an das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald mahnt. Die Geschichte der Johanneskirche ist eng mit der Ära der Deutschen Christen verbunden – ein dunkles Kapitel Thüringer Kirchengeschichte.

Als in Weimar das Evangelische Gemeindehaus an der Carl-August-Allee den nationalsozialistischen Großbauten des »Gauforums« weichen muss, wird ein Ersatzbau beschlossen. Im April 1938 beginnt der Weimarer Architekt Hans Vogel mit den Planungen für ein Gemeindezentrum mit Pfarrhaus, Garten, Vorplatz, Mitarbeiterwohnung und großem Gemeindehaus an der Tiefurter Allee, auf den Bauzeichnungen »Osthalle« genannt. Die Bauarbeiten gehen schleppend voran. Am 2. Juni 1941 wird das Gemeindehaus als »Herzog-Bernhard-Kirche« mit einem Gottesdienst in einer »der Kriegszeit angemessener schlichter Weise« eingeweiht, so ein Vermerk in den Kirchenakten. Der Zweite Weltkrieg hatte neben Materialmangel auch dem Raumprogramm seinen Stempel aufgedrückt: Notbeleuchtung an den Türen und unter der Kirche Luftschutzkeller mit Belüftung für den Fall eines Giftgasangriffs.

Weitgehend unbeschadet übersteht der Gebäudekomplex den Krieg. Bis zum Wiederaufbau der Stadtkirche finden hier Kirchenkonzerte statt. 1947 erfolgt die Umbenennung in
»Johanneskirche« – Ausdruck von Umkehrwille und Neubesinnung. Der große rechteckige Versammlungssaal mit Steinboden und einfacher Holzbalkendecke, hohen Fenstern und einem Altarraum, der zur Theaterbühne umfunktioniert werden kann, strahlt Kühle aus. Doch es gibt Toiletten, Teeküche und seit 1953 auf der Empore eine Winterkirche samt Kachelofen.
Mit Immo Nieländer und seiner Frau Ingrid kommt dann 1972 eine Pfarrersfamilie, die das Potential dieses Komplexes für ein lebendiges ­Gemeindeleben erkennt und etabliert. Bald treffen sich hier regelmäßig viele christliche Gruppen und im einstigen Luftschutzkeller richtet sich die Junge Gemeinde ihre »Katakombe« ein. Es wird getanzt, gefeiert und diskutiert. Die Weimarer Staatskapelle nutzt die gute Akustik der Kirche für Tonaufnahmen.

Seit drei Jahren ist die Johanneskirche zentraler Ort für Projekte und Veranstaltungen der Kinder-, Jugend- und Familienkirche im Kirchenkreis Weimar. »Die Johanneskirche hat nach wie vor eine hohe Veranstaltungsdichte«, sagt Pfarrer Sebastian Kircheis, der jetzt mit seiner Familie im Pfarrhaus wohnt. Er könne eine gewisse Distanz zu diesem Gebäude verstehen, aber er wisse auch um die Verbundenheit der Gemeinde mit diesem Ort. »Wenn hier die Orgel spielt, der Altar festlich geschmückt ist und sich Menschen zum Gottesdienst versammeln, dann ist der Raum ganz Kirche.«

Die Johanneskirche ist von ihrer Planung her ein unbequemes Denkmal, doch ihre Nutzung hat sie zu einem guten und schönen Ort werden lassen.

Uta Schäfer

Nachruf auf meinen Vater

3. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Theodor Weißenborn

Anlässlich des Weltfriedenstages am 1. September ­veröffentlichen wir eine ­Erzählung des Schriftstellers Theodor Weißenborn (Jahrgang 1933). Er schildert die dramatische Geschichte ­einer verunglückten Vater-Sohn-Beziehung.

Mein Vater unterrichtete Sport, in der Unterstufe – es war in den frühen 30er Jahren –, hatte ich das Unglück, ihn als Lehrer zu haben. Ich war der einzige Schüler, den er schlug. Er ohrfeigte mich mit Vorliebe in der Gegenwart meiner Mitschüler, damit, wie er sagte, niemand auf die Idee komme, dass er seinen Sohn bevorzuge.

Außer Sport hatte er Biologie als Fach. Mitte der 30er Jahre promovierte er mit einer Arbeit über »Rassenkunde«. Wenn meine Mutter musizierte, pflegte er zu lesen. Seine besondere Verehrung galt Nietzsche und Charles Darwin. Später kamen Spengler und Rosenberg hinzu. Nach dem Krieg dann wohl Udo Walendy.

Zeichnung: Klaus Bose

Zeichnung: Klaus Bose

Eines Tages, noch in der Sexta, war es soweit, dass wir schwimmen lernen mussten. Die Klasse marschierte ­unter dem Kommando meines Vaters im Gleichschritt zum Freibad. Wir standen aufgereiht am Rand des Schwimmbeckens, und mein Vater ­erklärte: »Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass jedes Säugetier, wenn es ins Wasser fällt, schwimmen kann. Das gilt auch für den Menschen, denn der Mensch ist ein Säugetier, und er braucht nichts zu lernen, was er von Natur aus schon kann. Probandum est!« Und mit den Worten: »Ich mach euch das jetzt mal vor«, packte er mich an den Oberarmen und warf mich ins Wasser, wo ich, wild um mich schlagend und schreiend, sogleich versank. Und wenn ich auch wieder auftauchte und aus eigener Kraft den Rand des Beckens erreichte, wo meine Klassenkameraden mich an Land zogen, so war doch meine Angst vor dem Wasser von Stund an so groß, dass ich’s niemals als bergend und tragend empfand und nur ein einziges Mal und nur in größter Not mich ihm preisgab: im Krieg, bei einem Feuergefecht vor Dünaburg, als ich, um mich zu retten, in die Winisja sprang.

Als Kind, nach jenem Schulvormittag, floh ich aus meiner Verstörung in die Arme meiner Mutter, die mich auffing und barg und der ich alles Vertrauen danke, ohne dass ich nicht hätte sein können, weder damals noch später. Und ich erinnere mich, dass sie meinem Vater an jenem Tag beim Mittagessen die heftigste Szene machte, die ich je mitbekam. Mit einem ganz bestimmten Satz, genauer: einer ganz bestimmten Frage, die sich mir einprägte, vertrieb sie ihn so nachhaltig vom Tisch, dass er das Haus verließ und – wahrscheinlich weil er sich betrunken hatte – die nächste Nacht in einem Hotel verbrachte. Die Frage hatte gelautet, ob er mit Brutalität seine Potenzschwäche kompensieren wolle.

Das hatte nicht nur ihm, sondern auch mir zu denken gegeben, und so gewitzt war ich schon mit meinen zehn Jahren, dass ich mich unter Benutzung des stets unverschlossenen Bücherschranks meiner Eltern sogleich sachkundig machte. Und wenn auch mein Vater mich »Muttersöhnchen« schalt und wenn schon der Pimpf, der ich war, ihm nicht hart, zäh und flink genug schien, um eine Zierde der HJ zu werden – dem Wesen und Verhalten meiner Mutter danke ich’s, dass mein Gott weibliche Züge trägt und dass gleichwohl Tatkraft in meiner Vorstellung mit Weiblichkeit gepaart ist. Und ich wusste, um mit Adorno zu reden, wo einzig ich geliebt war: da, wo ich Schwäche zeigen durfte, ohne Stärke zu provozieren.

Ich bin nicht sicher, dass meine Mutter meinen Vater zu jener Zeit noch zur Familie zählte.

Er war ohnehin wenig zu Hause, sondern entweder in der Schule oder im Parteibüro. »Er gehört nach Cayenne!«, sagte meine Mutter, und wenn jemand nicht gleich verstand und nachfragte, sagte sie: »Weil da der Pfeffer wächst.« Später kam er mit der Waffen-SS an die Ostfront, und als er wenige Tage vor Unterzeichnung der Kapitulation in Zivil vor unserer Wohnungstür stand – er hatte von Stuttgart aus vorher angerufen –, da fand er keinen Einlass, aber seine Koffer vor der Tür, und er begriff und trollte sich und sah meine Mutter nur noch ein einziges Mal: beim Scheidungsprozess.

Dies erfuhr ich, als ich aus der ­Gefangenschaft heimkam, aus den ­Erzählungen meiner Mutter. Sie war inzwischen selbst in den Schuldienst gegangen – ihr Fach war Musik –, und über den Verbleib meines Vaters wusste sie wenig zu sagen. Einmal war sein Name in einer Pressemeldung aufgetaucht, im Zusammenhang mit einer »Wehrkampfgruppe«. Seine Ehre hieß Treue. Jahre später erzählte mir eine Cousine meines Vaters, zu der ich Tante sagte, dass er »unrühmlich« gestorben sei: bei einem »Kampfsporteinsatz«, infolge eines Unfalls, dessen Ursache nie völlig geklärt wurde. Es soll Alkohol im Spiel gewesen sein.

Natürlich hätte ich Spuren suchen und das Leben, vor allem die Kindheit meines Vaters erforschen können. Er war, nach dem frühen Tod seiner ­Eltern, kraft Autorität seines Onkels, der ihn adoptierte, in einer Kadettenanstalt erzogen, nein, deformiert worden. Aber um dem nachzugehen, hätte ich ihn lieben müssen.

Ich liebe meine Mutter. So wie Konfuzius nicht seine Feinde, sondern seine Freunde liebte.

Ich war vaterlos.

Theodor Weißenborn

Kunst soll Türen öffnen

23. August 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Kirchenkreis Halle-Saalkreis hat zum ersten Mal einen Medienkunstpreis vergeben

Was bedeutet heute Glaube? Welche Bedeutung hat er in der Gesellschaft? Diese Fragen stellte der Kirchenkreis Halle-Saalkreis in seinem erstmals ausgeschriebenen Medienkunstpreis, bei dem junge Künstler bis 29 Jahre Fotos zum weitgefassten Thema unter dem Motto »Prozess« einreichen konnten. Damit wolle die Kirche in Halle über die moderne Kunst Türen in die Gesellschaft öffnen, so Superintendent Hans-Jürgen Kant. Am 17. August wurden im Rahmen der Kirchennacht die Berliner Fotografin Lioba Keuck und der Hallenser Thomas Nauhaus ausgezeichnet. Beide teilen sich den mit 2000 Euro dotierten Preis – und damit den zweiten Platz. Die Jury hatte sich unter den fünf Nominierten nicht auf einen Sieger festlegen können.

Preisverleihung: Lioba Keuck und Thomas Nauhaus teilen sich den 2. Platz. – Foto: Silvia Zöller

Preisverleihung: Lioba Keuck und Thomas Nauhaus teilen sich den 2. Platz. – Foto: Silvia Zöller

Die beiden Gewinner haben das Thema »Prozess« auf völlig unterschiedliche Weise interpretiert. Thomas Nauhaus (29), der gerade an seiner Abschlussarbeit im Rahmen seines Soziologiestudiums schreibt und im Studentenfotoclub »Conspectus« mitmacht, zeigt auf einem Schwarz-Weiß-Foto ein nacktes, eng umschlungenes Paar im Bett. Eigentlich sind es drei Personen: Die Frau ist schwanger. »Hier ist das Thema Prozess auf den Punkt gebracht. Mutter, Vater und Kind sind im Prozess vereinigt«, sagte Jury-Mitglied Theo Immisch – Kurator der Fotografie-Sammlung des Kunstmuseums Moritzburg – in seiner Laudatio. Das Bild, so Immisch, sei ein Bild der Hoffnung und Zuversicht.

Lioba Keuck, die als freiberufliche Fotografin in Berlin arbeitet, verfremdet in einer ursprünglich aus acht Bildern bestehenden Reihe Porträts von Männern und Frauen durch Glaselemente: Auf einem Bild sticht ein Glasdreieck in das Auge eines Mannes, auf einem anderen Foto wird der Kopf durch eine Glashalbkugel vergrößert. »Es gibt keine Realität ohne Filter, jeder ist von seiner eigenen Wahrnehmung geprägt«, sagt die 29-Jährige. Das Glas sei hier der Filter. Interessant: Das Thema »Prozess« hat die Künstlerin gleich zweifach umgesetzt, denn sie hat die Glaselemente der Fotoserie im gleichen Verfahren, nach dem Kirchenfenster gefertigt werden, hergestellt.

Silvia Zöller

Noch bis zum 29. September sind die ausgezeichneten Bilder und die nominierten Werke der usbekischen Fotografin Alexandra Polina, des hessischen Fotografen Christian Huhn und der halleschen Studentin Hanna Sass in der Hallenser Marktkirche zu sehen. Auch wenn es zu diesem ersten Medienkunstpreis des Kirchenkreises nur 19 Einsendungen gab, so soll es auch im kommenden Jahr wieder einen solchen Wettbewerb geben.

Mit Schwert und Wort

14. August 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie wurde aus der kleinen Bewegung der Urchristen eine Weltreligion? Eine große Ausstellung in Paderborn versucht, diese Frage zu beantworten. Dabei bleiben auch die Schattenseiten nicht unerwähnt.

Es war ein klares Bekenntnis: Als die römischen Kaiser Konstantin und Licinius mit der Mailänder Vereinbarung im Jahr 313 das Christentum tolerierten, veränderte sich in den folgenden Jahrhunderten die religiöse Landkarte. Die Botschaft Jesu sollte die ganze Welt erreichen, statt vieler Götter regierte nur noch einer. Wie die Menschen auf diesen einschneidenden Wandel reagierten und wie sich im Laufe der Zeit geistliche Eliten, Herrscher und Institutionen herausbildeten, das zeigt die Ausstellung »CREDO – Christianisierung Europas im Mittelalter« bis 3. November in drei Museen in Paderborn.

Für diese groß angelegte Schau haben die Kuratoren des Erzbischöflichen Diözesanmuseums, des Museums in der Kaiserpfalz und in der Städtischen Galerie am Abdinghof mehr als 800 hochkarätige Exponate von Museen, Bibliotheken und Leihgebern aus aller Welt zusammengetragen. Zu den Glanzstücken gehören das Papyrusfragment des Paulusbriefes an die Christengemeinde in Rom, die goldene Sonnenscheibe von Limons sowie Kultgefäße und Opfergaben aus der jüngst entdeckten skandinavischen Tempelanlage von Uppakra.

Spiegelinstallation zur Frage der heutigen Christenheit in der Städtischen Galerie in Paderborn. – Foto: epd-bild

Spiegelinstallation zur Frage der heutigen Christenheit in der Städtischen Galerie in Paderborn. – Foto: epd-bild

Im Gegensatz zu den bekannten Vorgängerausstellungen »Kunst und Kultur der Karolingerzeit« (1999) und »Canossa – Erschütterung der Welt« (2006) sowie »Franziskus – Licht aus Assisi« (2011) steht dieses Mal nicht ein historisches Ereignis oder eine Persönlichkeit im Fokus, sondern das große Panorama einer über 1000 Jahre umfassenden Geschichte. »Es ist eine Schau der Superlative, so etwas hat es bislang noch nicht gegeben«, erklärt der Direktor des Erzbischöflichen Diözesanmuseums, Christoph Stiegemann.

Unter dem Titel »Lux mundi« geht es im Diözesanmuseum um die Anfänge des Christentums, von einer kleinen Bewegung zum Aufstieg als Weltreligion. Wer das Museum betritt, hat sofort den Eindruck, das antike Rom im Miniaturformat habe sich in Paderborn angesiedelt.

Kunstschätze und archäologische Funde wie Altarfragmente, Mosaike und Wandmalereien, heidnische Götterbilder, aber auch frühe Darstellungen von Jesus Christus und der Apostelfürsten Petrus und Paulus machen mit den ersten christlichen Spuren im damaligen Römischen Reich vertraut. Veranschaulicht werden die unterschiedlichen Missionskonzepte vom heiligen Patrick in Irland, die des angelsächsischen Wandermönchs Willibrords, der die Reichsabtei Echternach in Luxemburg gründete, und ebenso jene Bemühungen von Bonifatius im fränkischen Reich.

Im Museum der Kaiserpfalz ändert sich die bislang hell strahlende Perspektive. Der Gang durch den inszenierten dunklen Wald bereitet darauf vor, dass der Prozess der Christianisierung nicht nur mit dem Wort, sondern auch mit dem Schwert geführt wurde. Herrscher wie Karl der Große oder Otto der Große wollten – das macht die Ausstellung unter dem Motto »In hoc signo« deutlich – einerseits ihre Territorien erweitern, anderseits auch die Ausbreitung des christlichen Glaubens vorantreiben. »Taufe oder Tod« steht in großen Lettern mitten über dem Ausstellungsteil. Wer sich der sogenannten »Schwertmission« widersetzte, dem drohte die Vernichtung.

Auch in der Kaiserpfalz glänzen spektakuläre Exponate, darunter viele prachtvolle kunsthistorische Schätze wie die goldene Schale von Nagyszentmiklos, dem sogenannten Awarenschatz aus dem heutigen Rumänien. Zu sehen sind außerdem wertvolle Handschriften. Dazu gehört das bedeutende Aachener Karlsepos aus der Stiftsbibliothek St. Gallen. Dieser zeitgenössische Bericht beschreibt das wichtige Treffen zwischen Karl dem Großen und Papst Leo III. zu Missionsfragen im Jahr 799 in Paderborn. Unter dem Motto »Quo Vadis« geht das Museumsteam in der Städtischen Galerie am Abdinghof der Frage nach, wie nachfolgende Generationen mit der Christianisierung umgingen. An mehreren Stationen wird beleuchtet, wie sich konkrete Geschichtsbilder im Laufe der Zeit änderten und verschieden gedeutet wurden. Mit dem Blick auf das vereinte Europa und der Frage nach dem heutigen Stellenwert der christlichen Wurzeln endet die umfangreiche und komplexe Ausstellung.

»Der Besucher sollte sich Zeit nehmen«, rät Martin Kroker vom Museum in der Kaiserpfalz. Um einer Ermüdung wirksam vorzubeugen, sei es am besten, ein paar Tage Aufenthalt in Paderborn einzuplanen, meint der Museumsdirektor.

Martina Schäfer (epd)

Das Diözesanmuseum Paderborn hat dienstags bis sonntags von 10 Uhr bis 18 Uhr geöffnet.
www.credo-ausstellung.de

Mut zur Vision

6. August 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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In der Menantes-Literaturgedenkstätte Wandersleben entsteht ein Buchpavillon

Die Begeisterung steht Pfarrer Bernd Kramer ins Gesicht geschrieben, wenn er von dem neuen Projekt spricht, das er mit ­tatkräftiger Unterstützung seiner ­Kirchengemeinde, dem Menantes-Förderkreis und vieler ehrenamtlicher Helfer etabliert hat. Kreativität und Eigeninitiative sind keine Fremdwörter im Kirchengemeindeverband Apfelstädt (Kirchenkreis Gotha). Seit vielen Jahren hat sich der kleine Ort Wandersleben einen Ruf über Thüringens Grenzen hinaus geschaffen. Zuerst mit der Einrichtung der Menantes-Literaturgedenkstätte auf dem Hof des Pfarrhauses Wandersleben, mit regelmäßigen Konzertreihen, Lesungen, Vorträgen, mit wissenschaftlichen Tagungen, Schülerprojekten, Workshops und dem alle zwei Jahre ausgeschriebenen Menantes-Literaturpreis für erotische Dichtkunst. Außerdem existiert ein Menantes-Dichterweg zwischen Wandersleben und den Drei Gleichen. Bronzebüsten Thüringer Barockdichter machen den Kultur-Pfarrhof zu einem Barockdichtergarten.

Optimismus und kreatives Klima

Erstaunlich ist dabei, mit welcher Ernsthaftigkeit und Unermüdlichkeit sich die Akteure um eine reichhaltige, umfassende Thematisierung von Literatur und Kunst bemühen. »Wir wollen nicht bei dem Perückenträger Menantes hängen bleiben«, sagt Bernd Kramer und verweist auf das sich ­aktuell im Bau befindende Vorhaben eines Buchpavillons, der auf dem Wanderslebener Pfarrhof als außerschulischer Bildungsort entstehen soll. In der vierjährigen Vorbereitungszeit waren der Pfarrer und seine Mitarbeiter vielen bürokratischen Geduldsspielen ausgesetzt, bevor das Unternehmen »Liebe zum Buch-Lesen ist Zukunft« mithilfe von 40000 Euro Fördermitteln aus dem europä­ischen Fonds für die Entwicklung des ländlichen Raums endlich realisiert werden konnte. Kramer weiß, Visionen darf man nicht sofort aufgeben, gerade wenn einem die Umsetzung nicht leicht gemacht wird.

Die Büste des Barockdichters vor der Baustelle des werdenden Buchpavillons. Fotos: Dietlind Steinhöfel

Die Büste des Barockdichters vor der Baustelle des werdenden Buchpavillons. Fotos: Dietlind Steinhöfel

In den fertigen Räumen sollen ­später an einem digitalen Wissens­vermittlungsportal und verschiedenen Mitmachstationen Interesse und Freude am Lesen sowie am Medium Buch bei Kindern und Jugendlichen geweckt werden. Mithilfe der Stationen erhalten die Besucher Einblicke in all die Handwerke, die die Buchherstellung früher nötig machte. Wie Kramer erklärt, diene das Projekt ­hervorragend zur interdisziplinären Wissensvermittlung an Schulen. Ein funktionstüchtiger Nachbau einer ­Gutenberg-Druckpresse ist bereits vorhanden. Die Anschaffung wurde durch die Kinderbuchautorin Cornelia Funke unterstützt. Um das Gelände des Buchpavillons soll außerdem ein Druckpflanzengarten angelegt werden, der die in Vergessenheit geratenen Nutzpflanzen des Buchdruckhandwerks erfahrbar machen wird.

Die Kirchengemeinde und ihr Pfarrer gehen längst Wege, die ihr Engagement aus dem Dorf hinaus- und weit in die Öffentlichkeit hineintragen. Optimismus und kreatives Klima stecken an. Die Menschen sind neugierig geworden, lassen sich mitreißen, setzen sich ein. Bernd Kramers Anliegen einer »Kommunikation über die Kirche hinaus« gelingt. Ihm liegt sehr daran, die Kirche nicht als isolierte Institution zu betrachten, sondern als Vermittlerin, damit die unterschiedlichsten Individuen innerhalb und außerhalb der Kirche in einen Dialog treten können.

Ulrike Unger
Die Autorin ist Germanistin und zurzeit Praktikantin bei »Glaube+Heimat«.

Sensationelle Weltliteratur

29. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Theologe übersetzt Bibel als Lese-Roman

Dass Theologen sich mit der Bibel beschäftigen, ist nichts Ungewöhnliches. Aber so, wie Peter Fahr es macht, schon: Er übersetzt sie neu, weil er einen Schmöker daraus machen will. »Die Bibel ist vor allem eine literarische Fundgrube«, sagt der 52 Jahre alte Pastor aus Hamburg. Darum werde es Zeit, dass aus ihr wieder ein Buch wird, das sich lesen lässt wie ein Roman.

Nur wenige Menschen hätten die Bibel jemals ganz gelesen, weiß der Theologe aus langjähriger Erfahrung. Die Schrift sei meistens zu klein, das Papier zu dünn, und das zweispaltige Layout pro Seite sehe auch nicht aus wie gewohnter Lesestoff. Auch auf die übliche Nummerierung der einzelnen Verse hat Fahr verzichtet: »Wir brauchen sie nicht, und sie stören beim Lesen.« Zwar ermöglichten die Ziffern ein schnelles Auffinden bestimmter Sprüche und Passagen, aber genau das lasse die Bibel eher zu einem ausschließlich frommen Glaubensbuch werden.

Vor allem aber hat er alle langatmigen Stammbäume, Gesetze oder Kultvorschriften vom Fließtext kenntlich abgesetzt. »So lässt sich schnell überblicken, wo die Erzählgeschichte weitergeht.« Anmerkungen, die zum besseren Verständnis nötig sind, finden sich direkt unten auf der Seite, nicht wie meist üblich in einem unübersichtlichen Anhang am Ende des Buches.

Peter Fahr in seinem Büro hinter einer Biblia Hebraica. Foto: epd-bild

Peter Fahr in seinem Büro hinter einer Biblia Hebraica. Foto: epd-bild

»Die biblischen Texte sind Weltliteratur«, sagt Fahr. Wenn er in seiner gemütlichen, mit Büchern vollgestopften Studierstube sitzt, fühlt er sich eher wie ein Übersetzer und nicht als Pastor. Alte Sprachgewohnheiten will er durchbrechen, manchen Staub von Jahrhunderten kirchlicher Praxis aus den Sätzen blasen und die »poetische Qualität wieder deutlich machen«. Darum gibt es in seiner Übersetzung auch einige Besonderheiten: Die klassischen »Psalmen« werden zu »Tempelliedern«, das »Buch der Richter« wird zum »Buch der Ordnungskräfte«.

In jeder freien Stunde greift der Pastor nach der hebräischen Bibel und dem dicken schwarzen Lexikon. Das griechische Neue Testament hat er in seinem Computer schon fertig abgespeichert, zwei Bände sind es geworden, die »Jesusgeschichte« und »Briefe der Schüler Jesu«. Doch als er endlich eine Verlegerin von seinem Projekt überzeugen konnte, wollte die unbedingt mit dem Alten Testament anfangen. So machte sich Fahr an die Übersetzung der ersten fünf Bücher Mose, die mit der berühmten Schöpfungsgeschichte anfangen: »Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde …«

Der erste Band seiner Bibel-Roman-Übersetzung ist jetzt unter dem Titel »Thora und Heiliges Land« erschienen. In Vorbereitung sind zwei weitere Bände »Erzählungen aus Israel«, zwei Bände über die Propheten mit dem Titel »Stimmen Gottes« und zwei Bände »Poesie in der Bibel«.

Peter Fahr, in Hamburg geboren, studierte evangelische Theologie und vergleichende Sprachwissenschaften in Hamburg und Tübingen. Nach seinem Vikariat in Hamburg-Eppendorf übernahm er seine erste Pfarrstelle in Kiel. Seit 1993 ist er Gemeindepastor an der Cantate-Kirche in Hamburg-Duvenstedt.
Klaus Merhof (epd)

»Thora und Heiliges Land«, neu übersetzt und eingerichtet von Peter Fahr, Turmhut-Verlag, 542 Seiten, ISBN 978-3-936084-45-0, 16,90 Euro

»Friede, Sohn der Freiheit«

20. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum 100. Geburtstag des Religionsphilosophen und Schriftstellers Schalom Ben-Chorin

Eines der meistgesungenen Lieder auf den Kirchentagen der 1980er und 1990er Jahre war bereits 40 Jahre alt, als es 1982 erstmals vertont wurde. Es hieß »Das Zeichen« und begann mit den Worten »Freunde, dass der Mandelzweig / Wieder blüht und treibt, / Ist das nicht ein Fingerzeig, / dass die Liebe bleibt«. Geschrieben hatte es ein Jude, als er »in den düstersten Jahren des Zweiten Weltkriegs und der beispiellosen Verfolgungen« getröstet wurde durch den Mandelbaum im Nachbargarten: Schalom Ben-Chorin, der am 20. Juli 1913 in München als Fritz Rosenthal geboren worden war.

Schalom Ben-Chorins Name war Programm: »Friede, Sohn der Freiheit«, lautet er übersetzt – und mit den Worten »Frieden« und »Freiheit« lässt sich das zusammenfassen, was ihm am Herzen lag. Er hatte den hebräischen Namen gewählt, als er 1935 nach schweren Misshandlungen durch die Nationalsozialisten seine Heimatstadt verlassen musste und nach Palästina emigrierte. Seine »geistige Heimat zwischen Jordan und Isar«, sagte Ben-Chorin einmal, sei ein »besonderes Zweistromland«.

In diesem »Zweistromland« suchte der Religionsphilosoph und Schriftsteller den Frieden und jagte ihm nach, wie es in einem Psalm heißt, den er gerne zitierte. Ben-Chorin wurde zu einem der großen Versöhner des 20. Jahrhunderts, zu einem Brückenbauer zwischen Völkern und Religionen und nicht zuletzt zum »Baumeister des christlich-jüdischen Dialogs«. Bereits elf Jahre nach dem Untergang des »Dritten Reiches«, lange bevor die offiziellen diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel aufgenommen wurden, hatte er erstmals wieder sein Geburtsland aufgesucht. In den 1960er Jahren organisierte er mit seiner Frau Avital die ersten Austauschfahrten israelischer und deutscher Jugendlicher. In ungezählten Vorträgen auf Kirchentagen und Gemeindeabenden fesselte er seine Zuhörer, als Gastprofessor wies er seine Studenten auf die jüdischen Wurzeln des Christentums hin. Seine in zahlreiche Sprachen übersetzten rund 30 Bücher wurden in Deutschland zu Bestsellern.

Ben-Chorin selbst war vor allem sein Buch »Bruder Jesus. Der Nazarener in jüdischer Sicht« (1967) wichtig. Wie sein Lehrer und Freund Martin Buber (1878–1965) verfolgte auch er die Idee der »Heimholung Jesu in das jüdische Volk«. Verständigung zwischen den Religionen ja, Religionsvermischung nein – das war die Botschaft der beiden. Für Ben-Chorin war Jesus zwar sein »ewiger jüdischer Bruder«, aber keinesfalls der Messias: Die Welt habe sich schließlich nach dem Opfergang von Golgatha nicht zum Besseren verändert. »Der Glaube Jesu eint uns, der Glaube an Jesus trennt uns«, lautet der wohl meist zitierte Satz Ben-Chorins.

Wer ihn in Jerusalem treffen wollte, musste nicht lange suchen. Jeden Freitag, vor Beginn des Schabbat, saß Schalom Ben-Chorin im Café Atara, um dort mit Freunden, Pilgern und Touristen zu plaudern. Er tat dies am liebsten in der Sprache, in der er auch die Bücher verfasste: in seiner deutschen Muttersprache. »Aus einem Land kann man auswandern, aus seiner Muttersprache nicht«, pflegte er zu sagen.

Der kleine Mann mit der großen Hornbrille und dem mächtigen weißen Schnauzbart, der 1958 die erste reformierte Synagoge in Jerusalem gegründet hatte, blieb in seiner neuen Heimat ein Außenseiter. Die bescheidene Wohnung, in der sich die Bücher bis unter die Decke stapelten, war bis zuletzt ein Hort deutsch-jüdischer Kultur in Israel. Als Schalom Ben-Chorin am 7. Mai 1999 starb, hatte sie ihren letzten großen Protagonisten verloren.

Uwe von Seltmann

»Kopfjäger« aus Spree-Athen

16. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Vorgestellt: Der Berliner Künstler Harald Birck sucht die Begegnung auf Augenhöhe

Köpfe haben es ihm angetan. In seinem Atelier in einem ehemaligen DDR-Kraftfahrzeugbetrieb direkt an der früheren Mauer an der Spree gelegen, stehen sie dicht an dicht. Gerade trocknet Heinrich-Bedford-Strohm, der bayerische evangelische Landesbischof. Doch die Büsten prominenter Zeitgenossen sind die Ausnahme. Dem 1960 im württembergischen Heidenheim geborenen Harald Birck geht es nicht in erster Linie um Berühmtheiten. Im Gegenteil, er stellt eher Menschen vom Rande der Gesellschaft in den Mittelpunkt seiner plastischen Kunst. Obdachlose, Gescheiterte, schrullige Typen, die man meint, gerade erst an der Pommes-Bude gesehen zu haben.

Die gelegentlichen Promis dienen vor allem dazu, sich »auf Augenhöhe« mit den anderen messen zu lassen. Und seine »Kopfprojekte«, die er meist mit sozialen Trägern wie etwa der Stadtmission in Berlin oder derzeit gerade mit einem bayerischen Diakoniewerk umsetzt, bekannt zu machen und Sponsoren zu gewinnen.

Nicht die Prominenten stehen im Mittelpunkt: Harald Bircks Tonplastiken laden zur Begegnung »auf Augenhöhe« mit den einfachen Menschen ein. – Foto: Harald Krille

Nicht die Prominenten stehen im Mittelpunkt: Harald Bircks Tonplastiken laden zur Begegnung »auf Augenhöhe« mit den einfachen Menschen ein. – Foto: Harald Krille

Was es für Menschen bedeutet, von Birck porträtiert zu werden, haben erst vor wenigen Monaten 16 Jugendliche des Evangelischen Bildungswerkes Dortmund erlebt. Schülerinnen und Schüler mit gebrochenen Biografien, oft mit Migrationshintergrund, auf dem Weg ihren Schulabschluss nachzuholen, saßen ihm Modell. Parallel dazu schrieben sie unter Anleitung autobiografische Geschichten und Lyrik. »Kopfgeschichten« nannte sich das Projekt, an dessen Ende die überlebensgroßen Büsten in der Dortmunder St.-Petri-Kirche ausgestellt und dazu anonym die Texte gelesen wurden.

»Das waren alles Jugendliche die keine 1-A-Lebensläufe haben. Doch die Erfahrung, Wert geachtet zu sein um porträtiert zu werden, dazu die Erkenntnis, dass die eigenen Geschichten interessant für andere sind – Sie glauben gar nicht, wie das die jungen Menschen aufgebaut hat«, ist Birck noch nach Wochen begeistert.

Augen öffnen, Verborgenes zum Vorschein bringen, den eigentlichen Menschen zeigen – darum geht es Birck. Auch als 2009 bis 2010 das bronzene Lutherdenkmal für das Lutherhotel in Wittenberg entstand. Nicht als Heroen, nicht als Überflieger wollte er den Reformator zeigen. Sondern als den Angefochtenen, den Zweifelnden, der den Menschen im Foyer des Wittenberger Hotels »auf Augenhöhe« begegnet. Klar, dass die herkömmlichen Lutherbilder als Modell keine Verwendung finden konnten. »Ich will nicht äußere Ähnlichkeit zelebrieren, sondern das Innere eines Menschen sichtbar machen«. Seinen »Luther« fand er im Berliner Bekanntenkreis: Ein Mensch, der gerade selbst durch eine Krise ging, Mobbing und Burn-out erlebte.

Harald Birck wurde in einem evangelischen Pfarrhaus geboren. Der christliche Glaube ist für ihn ein wichtiger persönlicher Bezugspunkt. Versteht er sich als »christlicher« Künstler? »Nein«, wehrt er vehement ab. Aber als Profikünstler verstehe er sich. Und das heißt für ihn vor allem, »den Menschen das Beste geben«. Allerdings: Kunst gehöre unbedingt in und zur Kirche. Denn ob Musik oder Malerei und Plastik – sie ist »Predigt mit anderen Worten«, kann auf andere Weise Inhalte vermitteln, Menschen ansprechen und in ihnen etwas zum Schwingen bringen.

Vieles geht Harald Birck durch den Kopf. Etwa die Idee eines Projektes zum Thema Demenz. »Eine große Herausforderung unserer Zeit.« Warum nicht Porträtbüsten Demenzkranker in einer Kirche ausstellen? »Menschen, die sozusagen weg sind, wieder in unsere Gemeinschaft zurückholen.« Doch bisher sind die nötigen Sponsoren dafür noch nicht gefunden.

Ein Projekt im mitteldeutschen Raum aber nimmt langsam Gestalt an: In der Stadtkirche St. Jakob von Köthen sollen 2015 zum 900-jährigen Stadtjubiläum Büsten von Köthener Senioren das Gebäude schmücken. Der spätgotische Kathedralbau »ruft geradezu nach Figuren«, so Birck. Ein Probekopf soll demnächst entstehen. Und dann hoffen Pfarrer und Künstler auf Menschen und Institutionen, die das Projekt finanziell mittragen.

Harald Krille

www.harald-birck.de

In Noahs Arche

9. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Aufführung von Benjamin Brittens Oper in der Johanniskirche Gera

Als Benjamin Brittens Kirchenoper »Noahs Flut« für den aktuellen Spielplan ausgewählt wurde, ahnte wohl niemand, dass die biblische Geschichte über die Sintflut solch eine brennende Aktualität zum Zeitpunkt der Aufführung erhalten würde.

Während die Proben auf Hochtouren laufen überschwemmen reißende Wassermassen der Weißen Elster gro­ße Teile der Ostthüringer Stadt. In den Folgewochen melden ganze Landstriche in Sachsen und Sachsen-Anhalt Land unter.

»Der verantwortungsvolle Umgang mit der Erde war von Anfang an Kernpunkt und aktueller Bezug des Stückes«, erklärt Julia Ackermann, die als Dramaturgin an der Umsetzung der Oper beteiligt ist. »Menschen und Tiere solidarisieren sich in der Arche und diese gemeinsamen Anstrengungen lassen sie die Katastrophe überleben«.

Genau diese Gemeinschaft versucht die Inszenierung von Chefdramaturg Felix Eckerle in die Kirche zu transportieren. Die Besucher werden sich als Insassen der Arche wiederfinden, erleben hautnah theatralische Effekte und werden zum Mitsingen der Choräle in der Oper eingeladen. Kulissen und Ausstattung aus Recyclingmaterial sprechen für sich und jede Menge Zeitungspapier symbolisiert die Informationsflut der heutigen Zeit.

In der Johanniskirche Gera wird die Kirchenoper Noahs Flut von Benjamin Britten geprobt. Foto: Wolfgang Hesse

In der Johanniskirche Gera wird die Kirchenoper Noahs Flut von Benjamin Britten geprobt. Foto: Wolfgang Hesse

Noahs Flut wurde anlässlich des 100. Geburtstages von Benjamin Britten in den Spielplan des Geraer Theaters aufgenommen. Grundlage für die Oper bildet ein Mysterienspiel aus dem 17. Jahrhundert. Brittens Erfahrungen mit der sogenannten »Community Opera« in den USA während der 30-er und 40-er Jahre lassen mehrere Stücke für Profis, Laien- und ­Kinderdarsteller entstehen. An der Inszenierung in Gera sind neben drei ausgebildeten Darstellern rund 150 Schüler aus Chören von Schulen und Gymnasien beteiligt. Im Orchester musizieren Mitglieder des Philharmonischen Orchesters gemeinsam mit Musikschülern.

»Es ist eine großartige Veranstaltung, wir werden gute Gastgeber sein und erwarten viele Theaterbesucher«, freut sich Martin Hesse, Kantor der Johanniskirche. Der Handglockenchor der Johannisgemeinde und Martin Hesse an der Orgel wirken bei den Aufführungen musikalisch mit.

Zusammen mit Theaterschaffenden wurde am 30. Juni in der Kulisse von Noahs Flut ein Theatergottesdienst mit der Johannisgemeinde gefeiert. »Es hört nicht auf.« Pfarrer ­Mathias Hock stellte dabei die Worte Gottes nach der Rettung in den Mittelpunkt seiner Predigt. Er sprach über die biblische Wahrheit vom Werden und Vergehen menschlicher Existenz, vom Leid, das die Menschen während der aktuellen Flutkatastrophe erfahren mussten, dankte aber auch gemeinsam mit der Gemeinde für alles, was unser Leben reich macht. Der Regenbogen, das Zeichen Gottes für den Bund mit den Menschen, charakterisierte über dem Altarraum dieses Versprechen. Während des Gottesdienstes wurde die biblische Geschichte der Sintflut durch Schauspieler und Lektoren vorgetragen und Choräle aus der Kirchenoper gesungen.

Wolfgang Hesse

Neben der Premiere am 4. Juli um 19.30 Uhr, gibt es nur noch drei weitere Aufführungstermine: 5. Juli, 10.00 und 19.30 Uhr, 6. Juli, 16.00 Uhr.


Digitale Kommunikation

2. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Tagung: Über die Gefahren und Risiken von online-Beziehungen

Welche Auswirkungen hat die moderne Kommunikation und Erreichbarkeit rund um die Uhr? Wie geht es den Seelen im Netz? Um diese Fragen ging es bei einer ­Tagung der Evangelischen Akademie Berlin.

Schon lange wird nicht mehr nur über die phantastischen Möglichkeiten des world-wide-web geschwärmt, sondern vor allem in Deutschland auch über Gefahren und Risiken von online-Beziehungen und -Existenzen diskutiert. Kein Wunder also, dass sich auch die Kirchen darum kümmern, wie es den Seelen im Netz geht. Eine Tagung der Evangelischen Akademie Berlin hat sich jetzt die Frage gestellt: Wie wirkt das Netz?

Für Ralf Meister, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers, sind die neuen Medien ein zweifach Ding. Einerseits sind sie ein Segen. Gerade das aktuelle Hochwasser habe gezeigt, wie moderne Kommunikation dazu beitragen kann, Solidarität zu organisieren. Auf Facebook-Seiten wurden Hilfegesuche etwa nach Notquartieren gepostet, die kurze Zeit später schon positiv beantwortet wurden. Für Bischof Meister ein Beweis für die Existenz eines »Empathie-Netzwerkes«.

Damit trage das Internet beinahe schon religiöse Züge. Auch Jesus forderte Nachfolge, so wie heute Twitter, facebook und andere Social Media. Nur gebe es anders als zu Jesu Zeiten eine neue Dynamik. Kommunikation ist derzeit global und funktioniert fast in Echtzeit. Und anders als Jesus, der sich für seine Botschaft sogar kreuzigen ließ, stehe hinter dem geposteten Wort keine Person mehr, die sich zu verantworten habe. Jeder darf alles ­sagen und schreiben, ohne dafür in der Regel persönliche Konsequenzen ziehen zu müssen.

Sie kommunizieren, aber höchstwahrscheinlich nicht miteinander. Foto: Robert Kneschke – Fotolia.com

Sie kommunizieren, aber höchstwahrscheinlich nicht miteinander. Foto: Robert Kneschke – Fotolia.com

»Es entsteht eine Gegenöffentlichkeit ohne Bremsen und ohne Filter. Darin kann man einen ungeheuren Gewinn an Autonomie und ein Beispiel enthierarchisierter Kommunikation sehen. Aber Shitstorms generieren große Mengen extremer Haßkommentare. Darin ist das Netz eben auch eine Welt der großen Logorrhoe geworden. Es ist eine krankhafte Sprachausbreitung«, warnt der Bischof.
Meister selbst hat zumindest mit Antritt seines Bischofsamtes seinen facebook-account gelöscht. Er möchte lieber analog Aug in Aug kommunizieren statt via Social Media.

Aber die medial-technische Entwicklung lässt sich durch persönlichen Verzicht kaum aufhalten. Die Kirchen müssen der Tatsache ins Auge schauen, dass die modernen Medien nicht nur den Alltag, sondern auch den Feiertag beherrschen. Der heilige arbeitsfreie Sonntag etwa ist ein Relikt aus dem analogen Zeitalter.

»Der Sonntag ist der stärkste Tag im Online-Einkauf. Selbstverständlich kann sich heute kein Anbieter mehr leisten 24 Stunden zu warten. Natürlich wird die Auftragsbearbeitung sofort erfolgen und natürlich wird ein Logistik-Zentrum auch am Wochenende bedient und dort wird gearbeitet. Das ist heuchlerisch zu ­sagen, die Läden müssen am Sonntag zu bleiben, aber der Handel online geht munter weiter«, weiß Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer beim Handelsverband Berlin-Brandenburg.

Wer Sonntags in den Gottesdienst gehe und anschließend online shoppe, unterstütze diese Entwicklung. Gerade die Kirchen aber müssten auf diese radikalen Veränderungen auf dem Konsummarkt eine ­sinnvolle Antwort finden. Durch die modernen Rund-um-die-Uhr-Medien wandelt sich die Arbeitswelt radikal. Sabria David betreibt in Bonn das Slow Media Institut. Sie rät Firmen: weniger Kommunikation sei oft mehr.
»Das berufliche Feld ist über die ­digitalen Techniken auf 24 Stunden,

7 Tage die Woche ausgeweitet. Es gibt keine privaten Rückzugsmechanismen mehr. Es wird permanente Erreichbarkeit verlangt. Wenn Sie in so einem ständigen Grundzustand von Alarmbereitschaft sind, dann hat das nachweisbar gesundheitsschädliche Auswirkungen«, warnt David.

Verantwortungsvolle Chefs sollten von ihren Untergebenen nicht den ­totalen stand-by-Modus fordern. Und auch während der Arbeitswoche lassen sich Datenströme sinnvoll reduzieren. Es gibt bereits Unternehmen, die bei der internen Kommunikation komplett auf E-Mails verzichten, weil manche Mitarbeiter bis zu 25 Wochenarbeitsstunden nur mit der Be-
arbeitung der elektronischen Post ­beschäftigt waren.

»Die kommunizieren wieder wie früher ganz analog, face to face oder per Telefon«, weiß Unternehmens­beraterin Sabria David.

Der hannoversche Landesbischof Meister rät dringend dazu, die alte christliche Tradition des Fastens auch auf den Medienkonsum anzuwenden. Wer ein Mal in der Woche oder vielleicht sogar ganz biblisch 7 Wochen verzichtet und offline lebt, bekommt den Kopf frei für anderes. Denn der Mensch sei mehr als nur die Summe der Informationen über ihn. Hinter jedem Mensch stecke auch ein Geheimnis, und das könne man eben nur ­analog entdecken. Manche nennen das dann auch ganz einfach Liebe!

Thomas Klatt

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