Der sprachgewaltige Reformator

3. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung:  Auf der Wartburg geht es vor dem Reformationsjubiläum um Martin Luther und die deutsche Sprache

Er war übler Grobian und einfühlsamer Poet in einer Person. Die deutsche Sprache war für Martin Luther stets Werkzeug und Waffe zugleich.

Vorsicht. Es geht nicht um »Luther und die Deutschen«. So lautet der ähnlich klingende Titel der Nationalen Sonderausstellung, zu sehen ab dem 4. Mai 2017 auf der Wartburg. Im Jahr vor dem großen Reformationsjubiläum geht es um »Luther und die deutsche Sprache«. Kuratorin Jutta Krauß benötigt für die Schau nicht die gesamte Burg, sondern nur einen Raum. Dabei bearbeitet sie ein weites Feld, ein immens weites sogar. Denn Luther hat mehr zu Papier gebracht als jene glückliche Übersetzung, für die der geächtete Reformator vom 4. Mai 1521 an auf der Wartburg einen sicheren Ort fand.

Er hat so viel Schrift hinterlassen – 127 Bände mit 80 000 Seiten umfasst die in Weimar erstellte Gesamtausgabe –, dass ihn Jutta Krauß gar nicht ganzlassen konnte. »Zerhackt« habe sie ihn, sagt sie, um die verschiedenen Facetten seiner Autorenschaft zu veranschaulichen. Der schreibende Luther wird dem Besucher als gelehrter Mönch, als übersetzender Theologe, als Lehrer, unermüdlicher Publizist, zorniger Streiter, Dichter und Privatmann vorgestellt. Die jeweiligen Zeugnisse dafür stammen aus der Lutherbibliothek der Wartburg. »Luther war ein gewaltiger Redner und ein gewaltiger Dolmetscher«, sagt Jutta Krauß. Der Schöpfer der deutschen Sprache, wie oft behauptet, sei er allerdings nicht gewesen.

Luther übersetzt die Bibel, Gemälde von Paul Thumann, 1872. Foto: Wartburg-Stiftung

Luther übersetzt die Bibel, Gemälde von Paul Thumann, 1872. Foto: Wartburg-Stiftung

Es hat ein paar Jahrhunderte gedauert, bis ausgehend vom Mittelhochdeutschen des Mittelalters über das Frühneuhochdeutsche die Sprachstufe des Neuhochdeutschen, also des heute gebräuchlichen Deutsch, erreicht war. Etwa in die Mitte dieses dreihundertjährigen Prozesses fällt Luthers Bibelübersetzung, das bekannteste Schriftwerk des Frühneuhochdeutschen. Ein »entscheidendes Etappenziel«, wie es Burghauptmann Günter Schuchardt treffend in der Begleitschrift zur Ausstellung formuliert. Und zugleich ein »reformatorisches Sprachereignis«, wie Kuratorin Jutta Krauß erklärt. Die Bibel wurde – in Luthers Deutsch übertragen – zu einem Volksbuch. Mit dem wiederum die wenigen der Schrift Mächtigen das Lesen lernten. Der Gleichklang von Bibel und Fibel ist kein Zufall.

Luthers Deutsch war dabei keineswegs ein Sonderfall, das kann die moderne Germanistik mittlerweile belegen. Es fügt sich vielmehr ein in den Sprach- und Schreibstil des Wittenberger Gelehrtenkreises und der Druckersprache jener Zeit. Was Luther darüber hinaus aber auszeichnet, das sind sein Sprachtalent und seine lebenslange Sprachneugier. Um seine Lehren zu verbreiten, musste er sich für das Volk verständlich ausdrücken. Also schaut er ihm aufs Maul. Auf seinen Reisen hörte er genau hin, erzählt Jutta Krauß. Er sammelte gebräuchliche Redewendungen und fragte auch nach, ließ sich etwa von einem Tischler die Fachbegriffe seiner Arbeit erklären.

So wuchs Luthers Wortschatz, den er zudem um einprägsame lautmalerische Neuschöpfungen erweiterte. Letztere werden in der Ausstellung in einer sich wiederholenden Abfolge an die Wand geworfen: Lückenbüßer, Lästermaul, Fallstrick, Sündenbock, Bluthund, Gottesacker, Freigeist … Die Projektion ist ein Präsentationsmittel, um das abstrakte Thema Sprache anschaulich zu machen. Daneben gibt es eine Medienstation, die gebräuchliche Wendungen der jeweiligen Herkunftsregion zuordnet. Ob sie richtig liegt, können die Besucher eingehend testen.

Den Glauben wecken, stärken, lebendig machen: Dafür eignet sich Sprache in vielfältiger Form. Als Text eines Kirchenliedes, von denen allein 37 auf Luther zurückgehen, darunter sein Bekenntnislied »Ein’ feste Burg ist unser Gott«. Aber auch als moralische Fabeldichtung. Luther übersetzte Fabeln des griechischen Dichters Äsop aus dem 6. Jahrhundert vor Christus ins Frühneuhochdeutsche. Stets mit einer Lehre am Ende. So heißt es in »Vom Wolf und Lämmlein«: »Wenn es nach dem Willen des Wolfes geht, so ist das Lamm im Unrecht.« Illustrationen zu den Fabeln sowie ein Animationsfilm aus den 1930er-Jahren zur Fabel »Vom Raben und Fuchs« richten sich vor allem an das jüngste Publikum.

Luther konnte aber auch noch ganz anders. Grob sein nämlich, zornig, cholerisch, was mit zunehmendem Alter mehr Raum einnimmt in seinen Schriften. Garstige Tiraden gegen seine Widersacher finden sich etwa auf den Flugschriften und -blättern der Reformationszeit. Beispielhaft dafür ist die Schmähschrift »Wider Hans Worst« auf Herzog Heinrich von Braunschweig-Wolfenbüttel.

Die deutsche Sprache – sie war Luther stets Werkzeug und Waffe zugleich.

Susann Winkel

Sonderausstellung »Luther und die deutsche Sprache« vom 4. Mai bis 8. Januar 2017 auf der Wartburg bei Eisenach. Vertieft wird das Thema in der 136-seitigen Begleitschrift, die im Verlag Schnell & Steiner erschienen ist. Mit der Ausstellung wird auch die neue Schaubibliothek in der Vogtei eröffnet, in der Schätze reformatorischen Schrifttums verwahrt werden.

Demut gehört zum Handwerk

25. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Erfolgsgeschichte: »Klingende Maßanzüge« aus dem Hause Weimann geben in den großen Orchestern der Welt den Ton an

Wenn er redet, ist seine Stimme ruhig; er wählt seine Worte sehr bewusst, überlegt gut, bevor er sie ausspricht: Alexander Weimann ist eher ein Zuhörer. Und das kommt ihm zugute in seinem Beruf, der zugleich Berufung ist. Die Kirchenzeitung besuchte den Instrumentenbauer in seiner Manufaktur.

In diesem wunderbaren Refugium, einem alten Fachwerkhof in Kapellendorf nahe Weimar, fertigt der Metallblasinstrumentenbaumeister gemeinsam mit zwei Mitarbeitern Trompeten und Flügelhörner der Spitzenklasse – gespielt in namhaften nationalen und internationalen Orchestern. Sein Geheimnis: Neugier, sich Zeit nehmen für jeden einzelnen Kunden und dessen individuelle Klangvorlieben erspüren. »Ich höre, was die Musiker fühlen, wenn sie ein Instrument ausprobieren«, so Weimann. Er versteht sich als beratender Partner, nicht als Verkäufer. Sein Ziel: Jedem Musiker das Instrument in die Hand geben, mit dem dieser seine Klangvorstellung in idealer Weise verwirklichen kann.

Das dezente Marken- zeichen der Meisterstücke aus dem Hause Weimann ist die kleine rote Schraube.

Das dezente Markenzeichen der Meisterstücke aus dem Hause Weimann ist die kleine rote Schraube.

Die gemütlich anmutende Werkstatt mit Blick auf die Wasserburg ist akkurat. Jedes Ding hat seinen Platz. Und er habe nicht extra für meinen Besuch aufgeräumt, versichert Alexander Weimann auf Nachfrage belustigt. Da gibt es uralte Schränke mit vielen, vielen Schubladen; hier wird achtsam mit allem umgegangen, das spürt man gleich. Bis ins Detail reicht die gefällige Ordnung. Schlampigkeit kann sich ein guter Handwerker nicht leisten. Die Werkstatt ist ein Spiegel seines Wesens: Alexander Weimann ist bei aller Leidenschaft und Kreativität ein sorgfältiger, gewissenhafter und zuverlässiger Mensch. Und das schätzen seine Kunden. Ob nun der Posaunenchor aus dem Dorf nebenan oder der erste Trompeter der Met in New York. Wichtig ist ihm, nicht abzuheben, trotz aller Begeisterung bodenständig zu bleiben: »Ich habe für jeden Kunden die gleiche Zeit.«

Diese Empathie und Authentizität machen die Weimannschen Instrumente so besonders. Denn dank dieser Talente haucht der Meister den handwerklich äußerst präzise gearbeiteten Unikaten Charakter ein; er selbst nennt sie »klingende Maßanzüge«, andere zeichneten sie mit dem überaus schönen Etikett »Werke von Hand – Zeugnisse der Seele« aus.

Als der Metallblasinstrumentenbauer und Restaurator 1993 den Weg in die Selbstständigkeit wagte – »die bis heute schwerste Entscheidung meines Lebens« – konnte er nicht ahnen, dass er eineinhalb Jahrzehnte später die besten Orchester der Welt zu seinen Kunden zählen darf. Begonnen hat er seinerzeit mit dem Handel und einer Reparaturwerkstatt. Schmunzelnd erzählt er von den Anfängen: Einmal sei ein Pfarrer vorgefahren, um die Instrumente des Posaunenchores zur Überholung zu bringen. Nachdem er sie anschließend wieder ins Auto verfrachtet hatte, habe er sich an die Stirn gefasst und ausgerufen: »Ach, jetzt habe ich ja ganz vergessen, dass ich meine eigene Trompete auch dabei habe«, um sie geschwind aus dem Kofferraum zu holen. »Der wollte erst mal sehen, ob ich das auch gut mache, bevor er mir sein Instrument anvertraut – und das ist doch auch verständlich.«

Feuilleton-17-2016

Der Meister bei der Arbeit: Von Hand gefertigte Einzelstücke aus der Manufaktur von Alexander Weimann in Kapellendorf bei Weimar haben einen klangvollen Namen in der großen Musikwelt. Jedem einzelnen Stück gebührt höchste Aufmerksamkeit. Fotos: WEIMANN® Manufaktur

Alexander Weimann weiß, wie Musiker ticken. Bereits von Kindesbeinen an ist der passionierte Waldhornspieler eng mit der Musik verbunden. Der Vater, Gesangssolist am Leipziger Gewandhaus, starb früh. Nach seinem Tod kümmerte sich der große Kurt Masur um die Familie. Er war es auch, der seinem Schützling den Weg in die Lehre beim renommierten Instrumentenbauer Friedbert Syhre und später ins Restauratoren-Studium wies. Vor einigen Jahren schenkte der Schüler von einst dem weltbekannten Dirigenten eine Trompete aus eigener Herstellung – in Anerkennung für dessen großartige väterliche Unterstützung.

»Das Instrument ist ein Heiligtum, das Werkzeug, mit dem der Musiker sich ausdrückt«, so Weimann. Seine Tätigkeit hat viel mit Vertrauen zu tun. Ein Instrument sei ein sehr persönliches Handwerkszeug, eines, das man unter vielen auswähle. Wie zum Beispiel James Ross vom Metropolitan Opera Orchestra New York, der ihm schrieb: »Super Ansprache, perfekte Intonation, wunderbarer Klang und feinste Handwerkskunst. Bravo Herr Weimann!«

Für die wichtige »Logistik im Hintergrund« ist seit einigen Jahren Ehefrau Wiebke zuständig. Sie hält ihm den Rücken frei, kümmert sich um die vielen weltweiten Kontakte und die Buchhaltung; Alexander Weimann kann sich so ganz auf seiner Hände Arbeit und die Erfüllung der Wünsche seiner Kunden konzentrieren. Eine perfekte, sich ergänzende Arbeitsteilung, die maßgeblich zur positiven Entwicklung beigetragen hat.

Manchmal habe er das Gefühl, ihm werde ein Weg geebnet, sagt Weimann nachdenklich. Und dass er sich diesen Erfolg nie erträumt hat und sich im Stillen darüber freut: »Mit einem Funken Demut«, wie er lächelnd hinzufügt.

Adrienne Uebbing

www.weimann-brass.de


Wenn wir dann noch leben …

17. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Großmutter denkt nach – Eine Erzählung von Kathrin van Booth mit einer Illustration von Maria Landgraf

Da sitz ich nun wieder, den kleinen Benjamin zu Füßen. Eben hat ihn meine Tochter vorbeigebracht, wie jeden Nachmittag zwischen zwei und sechs. Dazu die üblichen Ermahnungen: »Denk daran, keine Süßigkeiten, und wenn er noch so bettelt. Und verfall nicht in die Kindersprache, die wird er sonst niemals los. Und …« –

Das Übliche eben. Ich beklag mich ja nicht.

Bevor Benjamin in diesem Jahr eingeschult wurde, war er auch vormittags von neun bis zwölf Uhr regelmäßig bei mir. Es war etwas anstrengend, vor allem als er ins Fragealter kam: »Oma, sag mal …« Von meinen eigenen vier Kindern kannte ich das ja schon. Aber damals durfte ich – etwa bei der Mutter von Benjamin, die eine besonders hartnäckig Fragende war – schon mal sagen: »Still Kind, ich habe zu tun!« Entscheidende frühkindliche Schäden hat sie, glaube ich, davon nicht zurückbehalten – auch wenn sie mir bis heute vorwirft, dass ich früher nicht genügend Zeit für sie gehabt hätte. Diesen Vorwurf wird Benjamin seiner Mutter später einmal nicht machen müssen. Seine Großmutter hatte ja immer Zeit.

Hat sie das wirklich? Dank meiner Tochter, ja. Die hat nämlich damals bei meiner Pensionierung festgestellt, dass ich eine sinnvolle Beschäftigung brauche, damit ich mich weiterentwickeln kann, und nicht dem – wie sie es so liebenswürdig ausdrückte – »galoppierenden Altersschwachsinn« zum Opfer falle. Und sie half nicht nur mit Rat, sondern gleich mit Tat. Indem sie mir den kleinen Benjamin zweimal am Tag vorbeibrachte.

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

Ach, nun habe ich den Benjamin mit seinen großen treuen Augen und dem Lockenkopf, mit seinem unerschütterlichen Vertrauen und seiner gewinnenden Herzlichkeit wirklich lieb. Aber gerne hätte ich mich auch vor ein paar Jahren ausgeschlafen – anstatt mit ihm Bauklötze aufzutürmen. Und nachmittags würde ich gerne mit meiner Freundin Johanna einen Kaffee trinken. Aber da muss ich ja nun Lernübungen mit Benjamin machen.

Manchmal wäre mir da ein Gespräch mit Johanna lieber, als mit meinem Enkel seine Probleme zu wälzen: »Du magst den Frieder nicht, weil er dich kneift? Na, dann kneif doch zurück.« – »Aber Frieder ist größer als ich.« – »Na, dann ist es vielleicht wirklich besser, dich zurückzuhalten, bis du aufgeholt hast.«

Mit Johanna könnte ich mal andere Themen besprechen. Sie ist eine ehemalige Chemikerin, hat keine Kinder, keine Enkel – und 24 Stunden am Tag Zeit. Sie liest viel und kann interessant darüber erzählen. Und ich würde ihr gern zuhören. Aber den Morgen möchte ich jetzt endlich für mich allein haben, nachmittags kommt Benjamin – und danach bin ich müde. Viel zu müde, um noch bei Susanne vorbeizufahren, die in einer anderen Stadt wohnt. Und jeden Abend habe ich ja auch nicht frei. Manchmal wollen meine Tochter und ihr Mann ausgehen. Da laden sie mich dann zu sich ein: zu einem Wein und Käsegebäck vor den Fernseher. Falls Benjamin sich meldet, ist dann jemand da. Und beide sind sich ganz sicher, mir einen großen Gefallen zu tun: Was gibt es denn auch Schöneres für Großmütter, als gebraucht zu werden und sich Gedanken machen zu dürfen?

Ach, so eine Großmutter bin ich nicht! Ich führe meine Gedanken ganz gern spazieren. Und flöge auch mal ganz weit weg. Nach Israel beispielsweise. Stattdessen fahre ich wieder mit Benjamin nach St. Peter-Ording. Und statt neuer Welten sehe ich verendete Fische und lasse mich von Benjamin befragen: »Großmutter, warum liegen die Tiere so stille da?« Und am liebsten würde ich antworten: »Sei du still, Benjamin, ich brauche mal Zeit für meine Gedanken.« – Das darf ich nicht. Schließlich hat meine Tochter mir für alle erdenklichen Fälle genaue Erziehungsanweisungen gegeben. Etwa: »Das Kind braucht Wärme, Aufmerksamkeit und genaue Antworten auf seine Fragen.« Ja, Gott, hoffentlich gebe ich die richtigen.
Mag sein, dass ich meine Tochter als Kind nicht immer verstanden habe. Aber sicher ist das: Heute sieht sie mich als altes Kind, das sie lenken will und führen und das sie auch nicht versteht! Ach ja, jetzt irgendwo einen Kaffee mit Johanna trinken. Das wär schon was. Mag sein, dass unsere Zeit kommt, wenn Benjamin groß ist. Vielleicht habe ich dann endlich Zeit für Reisen und Gespräche mit Johanna. Wenn wir beide dann noch leben.

Verheiratet nach ganz Europa

12. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Thüringer Landesausstellung 2016: »Die Ernestiner – Eine Dynastie prägt Europa«

Über 400 Jahre regierten Ernestiner in bis zu zwölf Linien und Residenzen weite Teile des heutigen Thüringen und darüber hinaus. Diese einzigartige Entwicklung nimmt der Freistaat zum Anlass für seine nächste Landesausstellung. »Glaube + Heimat« stimmt mit einer sechsteiligen Serie darauf ein. Diesmal geht es um die Hochzeitspolitik der Ernestiner.

Der Titel der kommenden Landesausstellung »Eine Dynastie prägt Europa« ist beileibe nicht medientauglich übertrieben. Mit geschickt eingefädelten Vermählungen von ernestinischen Prinzen und Prinzessinnen an die großen Höfe Europas trugen die von progressiver Geisteshaltung geprägten Ernestiner wesentlich zur Entwicklung des heutigen Europas bei. Zwei von vielen Beispielen solcher Eheschließungen:

Ein im April 1894 entstandenes Foto auf dem Coburger Schloss Ehrenburg, das zum Herrschaftsbereich des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha gehörte, zeigt den gesamten europäischen Hochadel in festlicher Pose vereint. Das Bild, auf dem auch der deutsche Kaiser Wilhelm II. und der spätere Zar Nikolaus II. zu sehen sind, dokumentiert einen bedeutenden Anlass: die Hochzeit eines Enkels der englischen Königin Victoria. Franken, Thüringen, Deutschland, Großbritannien, Irland, Russland – lief da etwas aus dem familiären Ruder? Nein! Diese Fürstenhochzeit belegte einmal mehr die sehr bewusst gehandhabte Heirats­politik der Ernestiner, dank welcher Verbindungen zu Höfen in ganz Europa entstanden. Initiatorin der wohl bis heute ebenso populären wie spektakulären Verbandelungen war Herzogin Auguste Caroline Sophie. Sie verheiratete ihre Tochter Juliane nach Russland und Victoria nach England. Mehrfach gehörten Deutsche zu den Regenten des Königreiches England. Der Gothaer Prinz Albert – eine riesige Veranstaltungshalle in London ist nach ihm benannt – gehört dazu wie auch zahlreiche Nachkommen aus seiner Ehe mit Königin Victoria. Bis in unsere Zeit ist die prominenteste Repräsentantin der Monarchie, Elisabeth II., Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland, eine Ernestinerin. Zu den »Windsors« wurde der britisch-ernestinische Zweig erst nach der Umbenennung durch den Großvater der heutigen Königin Elisabeth II. im Weltkriegsjahr 1917. So nimmt es denn nicht Wunder, dass das schön anzuschauende Bildnis der aus Gotha stammenden englischen Königin Victoria (1819–1901) den werbenden Hintergrund für den Ausstellungsort Gotha der kommenden Landesausstellung bildet. Und mit eben diesen traditionsreichen Verbindungen zwischen Gotha und der Insel versteht man auch, warum Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch nicht müde wird, die Queen in seine Stadt zu bekommen – eine erste kurze Begegnung der beiden gab es im vorigen Jahr in Berlin …

Eine im europäischen Sinne durchaus spektakuläre Hochzeit wurde im November 1804 in Weimar 20 Tage lang gefeiert. Es war die Ehe zwischen Erbprinz Carl Friedrich und der russischen Zarentochter Maria Pawlowna. »Die Festivitäten sind nun zu Ende, und wir treten wieder allmählich in unser gewöhnliches Philisterleben zurück. Außer einem Katarrh, den ich mir geholt, bin ich ganz leidlich weggekommen, welches ich kaum erwarten konnte, da man sich bei solchen Gelegenheiten niemals schonen kann« , resümierte Schiller in einem Brief an Freund Körner, was am Nachmittag des 9. November 1804, einen Tag vor Friedrich Schillers Geburtstag, begonnen hatte und Weimar kopfstehen ließ: Nach vierwöchiger Reise mit einer ausgesprochen komfortablen Kutsche rollte von St. Petersburg her – vom Volk begeistert empfangen – die Enkelin Katharinas der Großen und Tochter des Zaren Paul und der aus dem Hause Württemberg stammenden Maria Fjodo­rowna, der Schwester der Zaren Ale­xander und Nikolaus, die Großfürstin von Russland, Maria Pawlowna, in das kleine Weimar ein. Neben der gerade Achtzehnjährigen saß der Erbprinz und spätere Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, Carl Friedrich, ihr frisch vermählter Ehemann. Im Fourierbuch des weimarischen Hofes steht unter diesem Tag u. a.: »Der Empfang geschahe von dem gesammten Hof und sämtl. Wirkl. Räthen u. Assessoren der Landes-Collegien an der untersten Treppe im Schloß.« Verteilt auf 80 Planwagen, war zuvor schon die Aussteuer der jungen Frau samt Ausstattung für ihren Mann eingetroffen. Auf den Einzug folgten zwanzig Tage lang Bälle, Feuerwerk, Illumination, Musik, Komödie und dergleichen mehr. Das Festlichste an allem aber war für Schiller »die aufrichtige, allgemeine Freude über unsre neue Prinzessin, an der wir in der Tat eine unschätzbare Akquisition gemacht haben«.

Schon bald nach dem prächtigen Einzug war allenthalben zu spüren, wie segensreich sich der vom Freiherrn Wilhelm von Wolzogen äußerst diplomatisch eingefädelte Coup auf das Herzogtum auswirkte. Finanziert auch mit stattlichen Summen aus der Privatschatulle, förderte Maria Pawlowna, so wie es vor ihr Anna Amalia getan hatte, die Künste, die Wissenschaft und die Bildung. Die von ihr nach Weimar geholten Musiker und Komponisten Hummel, Liszt und Wagner stehen stellvertretend für viele andere, die das so genannte »Silberne Zeitalter« der Stadt begründeten. Indem sie im Schloss Memorialräume für Goethe, Schiller und andere Dichter aus Weimars »Goldenem Zeitalter« einrichten ließ, legte sie das Fundament für den bis heute wirkenden »Mythos Weimar«. An Maria Pawlowna erinnert auf dem Historischen Friedhof von Weimar die von Zwiebeltürmen gekrönte russisch-orthodoxe Grabkapelle.

Heinz Stade

Glaskunst für den Glauben

7. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Kunsthistoriker Bertram Lucke über zerbrechliche Kostbarkeiten

Zu den wichtigsten, aber auch empfindlichsten Ausstattungselementen von Kirchen gehören Glasmalereien. Mit diesen Kunstwerken beschäftigt sich der promovierte Kunsthistoriker Bertram Lucke vom Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Erfurt. Mit dem Fachmann sprach Susann Winkel über Stifter, Motive und Gefahren.

Herr Dr. Lucke, Ende 2016 wurde in der Kirche Marisfeld im Landkreis Hildburghausen ein restauriertes Glasgemälde geweiht, das die Kreuzigung Christi zeigt. Dem voran ging ein glücklicher Fund.
Lucke:
Der Kopf und Oberkörper der Christusfigur waren im Original aus dem Jahr 1885 nicht mehr erhalten, eine ältere, qualitativ unbefriedigende Ergänzung sollte jetzt ersetzt werden. Im Archiv der Mayer’schen Hofkunstanstalt GmbH in München stieß ich im vergangenen Sommer auf einen umfangreichen Bestand historischer Fotografien. Diese zeigen Kartons – die Eins-zu-eins-Vorlagen – zu Glasgemälden von C. H. Burckhardt & Sohn, München. Aus deren Werkstatt stammt auch die Marisfelder Kreuzigungsdarstellung. Hiervon existiert ein Kartonfoto, das dankenswerterweise für die Ergänzung zur Verfügung gestellt wurde.

Welche Kirchen in der Region Süd­thüringen wurden noch von der Werkstatt Burckhardt ausgestattet, deren Begründer ursprünglich aus Eisfeld kommen?
Lucke:
Die evangelischen Kirchen in Eisfeld (kriegszerstört), Stepfershausen, Meiningen (kriegszerstört, Fragmente erhalten), Oberstadt, Veilsdorf, Sonneberg und Saalfeld erhielten in sehr unterschiedlichem Umfang Glasmalereien aus der Werkstatt Burckhardt.

Wer stiftete Glasmalereien und aus welchem Anlass?
Lucke:
Die Palette der Stifter ist breit: Landesherrn, Geistliche, Patronatsherrn, Fabrikanten, Bürger verschiedenster Professionen, Familien, Kinder zum Andenken ihrer Eltern und umgekehrt, Vereine und Vereinigungen etc. Die Meininger Stadtkirche beispielsweise erhielt im Zuge ihres 1884 bis 1889 erfolgten Umbaus zwei landesherrliche Stiftungen, weitere Fenster stifteten die »Künstler-Klause«, »Frauen und Jungfrauen der Stadt«, »Bürger der Stadt«, »Freunde der Kirche«, der Gewerbeverein und die »Gesellschaft ›Sängerkranz‹«. Zu den vielen Stiftungsanlässen zählen Neubauten, Umbauten und Renovierungen von Kirchen, Jubiläen von Personen und Ereignissen, das Gedächtnis an Gefallene oder der Dank für die Heimkehr aus dem Krieg.

Das restaurierte Glasfenster in der Marisfelder Kirche. Foto: Susann Winkel

Das restaurierte Glasfenster in der Marisfelder Kirche. Foto: Susann Winkel

Werden heute noch neue Glasgemälde in der Art des Marisfelder Fensters eingesetzt oder bleibt es bei der Bewahrung des Bestandes?
Lucke:
Der Begriff »Glasgemälde« ist eng gefasst, die Münchener Kunsthistorikerin und Glasmalereiexpertin Elgin Vaassen spricht hier von der »bildhaften Richtung der Glasmalerei« im Gegensatz zur mosaikartig gefügten. Auf der Grundlage dieser Definition geantwortet: Neue Glasgemälde entstehen heute nur noch wenige, neue, in den verschiedensten Techniken geschaffene Kirchenfenster sind hingegen keine Seltenheit.

Welche Rolle spielen Glasmalereien für die Ausstattung von Kirchen?
Lucke:
Die Glasmalerei zählt in den Epochen, in denen die Fenster der Sakralbauten quasi selbstverständlich damit versehen wurden, zu den wesentlichen Ausstattungselementen. Die Art ihrer »Durchlichtung« bestimmt das Maß der Abgrenzung von innen und außen, ihre jeweilige Farbgebung ist von erheblicher Wirkung auf die Raumstimmung, die durch den Wechsel von Art und Intensität des einfallenden Lichtes zudem ständig variiert. Eine weitere wichtige Rolle kommt der Glasmalerei als Bildträger im Rahmen des ikonografischen Programmes des jeweiligen Sakralraumes zu.

Gibt es Unterschiede hinsichtlich der Konfessionen?
Lucke:
Ja. Neben einer Reihe in Gotteshäusern beider Konfessionen anzutreffender Darstellungen, insbesondere sind dies die Hauptereignisse der christlichen Heilsgeschichte, gibt es auch viele bekenntnisbezogene Motive oder Bildprogramme.

Wie ist der Zustand der Glasmalereien in den Thüringer Kirchen?
Lucke:
Der trotz bedeutender Verluste noch sehr umfangreiche Bestand von Glasmalereien aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert in den Kirchen, Kapellen und Feierhallen ist im Auftrag des Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie von Falko Bornschein und Ulrich Gaßmann inventarisiert, zustandsseitig erfasst und 2006 in Buchform publiziert worden. Der Erhaltungszustand im Einzelnen variiert von bereits konservierten und restau­rierten Fensterbeständen bis zu solchen, für die dies bald geboten ist.

Was sind die großen Gefahren und Chancen für ihre Bewahrung?
Lucke:
Neben Zerstörungen durch Krieg, Vandalismus und Umwelteinflüsse zählt die Nicht-Wertschätzung der Werke der Glasmalerei des Historismus zu deren großen Gefahren. Allerdings kann man hierüber zunehmend in der Vergangenheitsform reden, auch gibt es inzwischen einige Beispiele, wo mit großem Engagement dafür Sorge getragen wird, dass einzelne Fenster oder schrittweise ganze Kirchenverglasungen besagter Entstehungszeit konserviert und restauriert werden. Die gebührende Wertschätzung dieser oft kostbaren Zeugnisse aus einer großen Epoche der Glasmalerei ist eine wesentliche Voraussetzung ihrer Bewahrung für die Gegenwart und Zukunft.

Der »Theaterherzog« und Architekt

29. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Thüringer Landesausstellung 2016: »Die Ernestiner – Eine Dynastie prägt Europa«

Über 400 Jahre regierten Ernestiner in bis zu zwölf Linien und Residenzen weite Teile des heutigen Thüringen und darüber hinaus. Diese einzigartige Entwicklung nimmt der Freistaat zum Anlass für seine nächste Landesausstellung. »Glaube + Heimat« stimmt mit einer sechsteiligen Serie darauf ein. Diesmal Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen (1866–1914).

Meiningen ist der Welt durch »die Meininger« bekanntgeworden, hat einst der Schriftsteller Wilhelm Raabe pointiert formuliert und damit auf den Punkt gebracht, was den für »die Meininger« zuständigen Regenten Georg II. zu einem der bedeutendsten unter den Ernestinern gemacht hat: Sein Mäzenaten- und Künstlertum. Der als »Theaterherzog« in die Geschichte eingegangene Monarch war – das belegen die Urteile seiner Lehrer und das bekräftigen die späteren künstlerischen wie politischen Verdienste – ein hochbegabtes Kind. Nach Jugenderziehung, Universität, obligater militärischer Ausbildung und Reisen u. a. nach Norwegen hätte der als charakterfest und prinzipientreu geltende junge, großgewachsene, kräftige Mann sein Geld mit Vielem im intellektuellen Bereich verdienen können.

Der Herrscher ist erster Diener im Staat

Mit diesem Fundament eigener Leistung aber legitimierte er den Anspruch als Erbprinz auf zusätzliche Weise. Erzogen und groß geworden als Einzelkind, ruhten auf diesem Erbprinzen alle Hoffnungen der Familie für den Fortbestand des meiningischen Spe­zialhauses der ernestinischen Sachsen. Georg II. – in seinem langen Leben dreimal verheiratet – enttäuschte die Hoffnungen nicht. Im Folgenden sollen zwei Aspekte des verdienstvollen Wirkens des Regenten im Mittelpunkt stehen, die Arbeit als Chef des Hof-
theaters und als Architekt.

Die Fassade des Meininger Theaters erinnert an den im klassizistischen Stil errichteten Vorgängerbau, der 1908 abbrannte. Foto: picture-alliance/dpa

Die Fassade des Meininger Theaters erinnert an den im klassizistischen Stil errichteten Vorgängerbau, der 1908 abbrannte. Foto: picture-alliance/dpa

Die Fassade des Meininger Theaters erinnert als eines der wenigen Elemente an den Vorgänger-Theaterbau, der 1908 während eines Brandes weitgehend zerstört worden war. Nur zwei Tage nach dem Brand hatte der greise »Theaterherzog« Georg II. den Entschluss gefasst, eine neue Spielstätte zu bauen. Mit dem Hofarchitekten Karl Behlert war er sich einig geworden, dass das Gebäude – obwohl bereits vielerorts im Jugendstil gebaut wurde – im klassizistischen Stil errichtet werden sollte. So wurde die einstige Vorderfassade zur hinteren und jene heutige Hauptfassade möglich, die sechs Säulen, eine Freitreppe und eine doppelläufige Auffahrt prägen und im Giebel die Inschrift trägt »Dem Volke zur Freude und Erhebung«. Die Meininger Bühne – das Schauspiel ist gleichwertig mit der Hofkapelle zu nennen – ist der Geburtsort dessen, was man in der Theater- und Musikwelt des ausgehenden 19. Jahrhunderts über rund drei Jahrzehnte als »Meininger Prinzipien« rühmen sollte und dort erleben konnte, wo »die Meininger« mit Dramen von Shakespeare, Schiller, Goethe und Kleist auftraten oder der Klangkörper mit Werken von Beethoven, Brahms oder Bach brillierte. Getreu friderizianischer Prinzipien, wonach der Herrscher erster Diener im Staat zu sein habe, hatten in der Kunst unter dem Regisseur Georg II. – vom Statisten bis zum Star – alle einem hohen Kunstideal zu folgen, dem Wort des Dichters zu dienen, sich dem Ensemblegeist zu opfern. »Wenn das Stück kein Erfolg wird, ist es nicht Shakespeares oder Schillers Schuld, es ist Ihre oder meine«, hörten die Beteiligten nicht nur einmal. Der Erfolg – abzulesen auch an zahllosen gefeierten Gastspielen in europäischen Kunstmetropolen – gab dem Theaterreformer Georg II. recht. Die ständige Ausstellung im Museum in Schloss Elisabethenburg Meiningen ermöglicht es, dem sich in jener Zeit zwischen Weimar und Bayreuth etablierenden Musenhof Meiningen nachzuspüren.

Veste Heldburg wird Burgenmuseum

Dass der Regent auch im Bereich der Architektur mehr als dilettantische Spuren hinterlassen hat, ist an mehreren Bauwerken in Thüringen ablesbar. Erwähnt sei hier ausschließlich die Veste Heldburg, »wo es so wundervoll still und ruhig ist«, wie Freifrau von Heldburg ihrem Bruder Reinhard im Sommer 1891 mitteilte. Da lag der erste Aufenthalt auf dem märchenhaft wirkenden musenfreundlichen Bergschloss, das ihr Mann Herzog Georg II. zum Refugium und bevorzugten Wohnsitz ausgebaut und eingerichtet hatte, bereits 13 Jahre zurück. Mit den baulichen Maßnahmen begonnen wurde am sogenannten Französischen Bau.

Angeregt von der Burgenromantik des 19. Jahrhunderts, setzte Georg II. wenige, aber dominante Veränderungen am äußeren Erscheinungsbild durch: Der Jungfernbau verlor sein Fachwerkgeschoss und wurde damit wieder mittelalterlich, Türme wurden aufgestockt, und der zinnbewehrte Bergfried bekam sein weit in die Landschaft sichtbares Kegeldach. Mehr noch als um das Äußere kümmerte sich der Meininger Herzog um die Umgestaltung des Inneren.

Ein Großbrand im April 1982 verwüstete das Innere erheblich. Unmittelbar nach der Wende jedoch wurde mit dem Wiederaufbau und der Sanierung begonnen. Im Herbst dieses Jahres wird hier das Deutsche Burgenmuseum seine Pforten öffnen. Aufs Schönste erfüllt sich damit gewissermaßen der testamentarische Wunsch von Georg II., wonach »diese Feste in ihrem Zustand auch in der fernen Zukunft erhalten bleibe und zum Besten der Stadt Heldburg und der Umgebung einen Anziehungspunkt für fremde Besucher bilde …«.

Heinz Stade

Der rätselhafte Aufkleber auf der Toilette

21. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Jana Huster mit einer Illustration von Maria Landgraf

Literaturcafé Pegasus. Wann immer mir in den letzten Jahren nach auswärtigem Biergenuss war, kehrte ich dort ein. Es laufen Musikvideos auf einer Leinwand, die Gästeschar ist generationenübergreifend, die Stimmung entspannt. Manchmal gibt es Livemusik, wer mag, kann auch aus einem der Regale ein Buch nehmen und lesen.

In der Frauentoilette klebt seit ewiger Zeit ein Aufkleber. Er ist nicht mal so groß wie eine der Normfliesen und hat offenbar einigen Gästen so gut gefallen, dass es mehrere Versuche gab, ihn abzulösen. Die Folge ist, dass er teilweise unleserlich ist, denn die obere Aufkleberschicht ist schon abgepiepelt, wie man hierzulande sagt und hat Fehlstellen am Textanfang verursacht. Oft saß ich auf der Toilette und las das Übriggebliebene:

Zeichnung: Maria Landgraf

Zeichnung: Maria Landgraf

»… mit Engelzungen redete … wäre ich ein tönend Erz oder … wenn ich weissagen könnte … alle Erkenntnis und … also ich Berge versetzte, und … so wäre ich nichts. Und wenn ich Armen gäbe und ließe meinen Leib der Liebe nicht …, so wäre mir’s nichts nütze …ngmütig und freundlich, die Liebe … treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht …«

So sieht das erste Drittel eines Textaufklebers im Geraer Literaturcafé Pegasus aus. Der Rest ist gut erhalten, der nächste Abpiepelversuch hat dann links unten stattgefunden und ist nicht so ausgeprägt wie der obere.

Einmal hatte ich Liebeskummer und las im erhaltenen Teil:

»… Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht, sie stellet sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit …«

»Doch!«, dachte ich damals trotzig im Zorn der Liebeskranken und erwog, künftig heimlich die Herrentoilette zu benutzen, um dem Aufkleber zu entgehen, der genau in Augenhöhe klebt, den man während der Toilettennutzung praktisch lesen muss, wenn man nicht die Klobürste anschauen möchte.

Als ich wieder liebte, las ich: »…sie freut sich aber der Wahrheit; sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles. Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden und die Erkenntnis aufhören wird.«

»Genau«, dachte ich und verließ erfreut die Toilette in dem Vertrauen auf den Aufkleber und trank noch ein Bier mehr, um diese herrlichen Zeilen nochmals lesen zu können.

All die Jahre fragte ich mich bei den Pegasusbesuchen, von wem diese Zeilen sind. Sonst wird ja unter einem Text angegeben, von wem er stammt. Hier fand ich nichts. Kein Verfasser, kein Copyright, keine Überschrift. Heinrich Heine konnte es irgendwie nicht sein, dafür war es zu ernsthaft und aufwühlend. Das Ende fehlte mir auch, denn ab »… Nun aber bleibt Glaube …« ging das Abgepiepelte wieder los.

»Nun aber bleibt Glaube … Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die … unter ihnen.«

Glaube – Liebe – Hoffnung … das war mir vertraut, weil ich als Kind ein Armband mit drei Anhängern besessen hatte, Glaube war ein kleines silbernes Kreuz, Liebe war ein kleines Herz, und die Hoffnung wurde durch einen Anker dargestellt.

Aber was war nun die Liebe unter ihnen? »… Die Liebe ist die … unter ihnen …«

An manchen Kneipenabenden dachte ich, die schmerzlichste. An anderen Abenden die vertrauenswürdigste, verlässlichste. Die unberechenbarste. Was war die Liebe denn nun?

Eines Abends im Pegasus fragte ich meinen Kumpel, ob auf dem Herrenklo eigentlich auch ein Aufkleber klebt. Vielleicht war der ja vollständig und mit Verfasserangabe. Der Begleiter schaute mich verwirrt an: »Weeß ich doch nüsch, ich les doch nich beim Pinkeln.« War es vielleicht ein Zeichen, dass ein solch wundervoller Text auf den Fliesen der Damentoilette klebt? Ich beschloss an dem Abend, einfach einen Auszug aus dem erhaltenen Textteil bei Google einzugeben.

»… Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk …«

Da es auf dem Aufkleber größer und fetter als der Rest gedruckt war, hielt ich es für einen wichtigen Satz, den Google kennen muss. Zumal ›Wissen‹ drin vorkam.

1. Korinther 13, 9: Denn unser Wissen ist Stückwerk, und …
bibeltext.com/1_corinthians/13-9.htm

Bibeltext.com? Erstaunt las ich auf der Seite, dass es sich bei meinem geliebten Pegasus-Klo-Aufkleber um das Hohelied der Liebe handelt und offenbar in der Bibel steht. Ich druckte es sofort aus und las es wieder und wieder, jetzt endlich vollständig, es füllten sich alle Textlücken und Abpiepelstellen und ich freute mich.

Müsste als Verfasser eigentlich Gott angegeben werden? Fraglich, ob das nicht Lesende abgeschreckt hätte, wie wenn man als Nichtchrist eine christlich geprägte Weihnachtskarte bekommt und dann mit den frommen Sprüchen oft gar nichts anzufangen weiß, befangen ist von allem, was über »Frohes Fest« hinausgeht.

Wenn man nicht so gewandt in der Bibel unterwegs ist und hat dann doch einmal mit ihr zu tun, ist das Gelesene meist etwas befremdlich. Immer ist von Leuten die Rede, die man sowieso nicht kennt, immer wird auf alte Geschichten Bezug genommen, von denen man auch nichts weiß, und immer werden Lieder gesungen, die man in der 7. POS Juri Gagarin nicht gelernt hat.

Ich hoffe, dass nicht irgendwann jemand Reinliches der Ansicht ist, dass der schäbige Aufkleber im Literaturcafé Pegasus entfernt werden muss. Er klebt genau da genau so richtig.

»Am Ende wird alles gut«

16. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Zur Leipziger Buchmesse präsentiert Felix Leibrock mit »Eisesgrün« seinen zweiten Band der Weimar-Krimireihe

Man kann das Böse auf verschiedene Art und Weise ergründen. Der gebürtige Saarländer, Wahlmünchner und inzwischen Wochenend-Weimarer Felix Leibrock tut es auf seine Weise: Er schreibt Krimis. Nicht nur, aber immer öfter.

Wir tun immer so ›heile Welt‹ in der Kirche – aber damit erreichst du nur noch fünf Prozent, 95 Prozent sagen, ›die sind von gestern‹«, ist Felix Leibrock überzeugt. »Die Kirche muss sich viel mehr dem Bösen als dem Guten zuwenden. Sie muss die Heimstatt der Emotionen sein.« Auch deswegen schreibe er Krimis, fügt er augenzwinkernd hinzu.

Vorpremiere: Krimi-Pfarrer Felix Leibrock mit einem druckfrischen Exemplar. Fotos: Maik Schuck

Vorpremiere: Krimi-Pfarrer Felix Leibrock mit einem druckfrischen Exemplar. Fotos: Maik Schuck

Leibrock hat schon vieles ausprobiert in seinem Leben. Als Spätberufener studierte er nach Germanistik und Geschichte sowie Stationen als Antiquariatsbuchhändler mit 30 noch einmal »ganz effizient« evangelische Theologie in Erlangen. Und weil nach der Wende im Osten die Sorge herrschte, dass alle Pfarrer in die Politik gehen oder sonst wie den Beruf wechseln und niemand mehr Theologie studieren will, ergriff er die Gelegenheit beim Schopf und siedelte nach Thüringen über. Eine Entscheidung, die er nie bereut hat. Es folgten Anstellungen als Pfarrer in Weimar und Apolda sowie als Stadtkulturdirektor in der Goethestadt. Inzwischen ist er Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerks in München, nebenher Seelsorger bei der bayerischen Bereitschaftspolizei und ehrenamtlicher Teeausfahrer bei einer katholischen Obdachloseninitiative in der weiß-blauen Landeshauptstadt. Außerdem gehört er zur evangelischen Redaktion bei Antenne Bayern.

Was reizt diesen Tausendsassa am Krimischreiben? »Selbst die schlimmsten Terroristen sind erst böse geworden, sie sind nicht böse geboren. Und das ist etwas, was mich fasziniert und das ich versuche, in meinen Krimis ein Stück weit zu ergründen.« Leibrock glaubt, die Menschen positiv beeinflussen zu können. »Das klingt jetzt ein bisschen überhöht, aber das ist schon ein Motiv, zu schreiben.« Er wolle nicht nur unterhalten – Spannung bescheren –, sondern habe auch einen Bildungsanspruch. »Der Krimi ist neben dem historischen Roman ein Genre, das sehr gut geeignet ist, um Bildungsinhalte unterhaltsam zu transportieren« – so seine Überzeugung.

Einer von Leibrocks Wahlsprüchen lautet: »Ich glaube, am Ende wird alles gut!« Spielt das für ihn auch eine Rolle beim Schreiben? Übt die Tatsache, dass er das Ende als Autor faktisch in der Hand hat, einen besonderen Reiz aus? »Wahrscheinlich ja, man erschafft eine eigene Welt, man ist Schöpfer. Es ist eine Welt, die sich zunächst nur im eigenen Kopf abspielt, aber man kre­iert Personen, man stellt Menschen her, gibt ihnen ein Profil – optisch, aber auch charakterlich – man bringt sie in Beziehung zueinander«, so der umtriebige Pfarrer.

Zwischen Tür und Angel schreiben kommt für ihn nicht infrage. Er macht das immer blockweise: »Ich nehme dann drei Wochen Urlaub und schreibe von morgens bis abends; dann bin ich komplett abgetaucht in diese Parallelwelt und nur schwer ansprechbar.« Ein Zustand, den die weltbekannte Geigerin Anne-Sophie Mutter in einem Interview mal als »Flow« bezeichnet habe: Man taucht ein in die eigene Welt, die man erschaffen hat, man redet mit seinen Figuren – das ist es, was er am Schreiben so wunderbar findet, begeistert er sich.
Felix Leibrock hat viele Vorbilder. Er liest sehr viel, macht halbjährlich Literaturabende mit jeweils zwölf Neuvorstellungen. Und er hat auch historische Vorbilder. Sein Lieblingsbuch ist »Moby Dick« von Herman Melville: »Ich kann mich kaputtlachen, wenn er den Pfarrer auf der Kanzel beschreibt, da gibt es so herrliche Szenen.«

Wichtig sei, dass »immer so ein bisserl« Humor mit dabei ist, denn ganz ernst kann laut Leibrock auch ein Krimi nicht sein. Und der Erfolg gibt ihm recht. Der erste Band des Weimar-Krimis »Todesblau«, erschienen im renommierten Droemer-Knaur Verlag, kommt jetzt in zweiter Auflage heraus. Und auch wenn die Krimireihe mit den beiden Ermittlern Sascha Woltmann und Mandy Hoppe in der Goethestadt angesiedelt ist – die Weimar-Krimireihe reiht sich nicht ein in die inflationär erscheinenden Regional-, Provinz- und Mundartkrimis.

Für die Erstvorstellung von »Eisesgrün« hat Leibrock einen besonderen Coup gelandet. Er wird eine »original Mandy Hoppe« als Gast aufbieten. »Laut Facebook gibt es 17 Frauen mit diesem Namen in Deutschland. Ich habe eine angeschrieben und gefragt, ob sie nicht bei meiner Buchpräsentation mit dabei sein möchte. Und kurioserweise kommt sie aus Apolda«, freut sich der Krimi-Pfarrer über ihre Zusage.

Dabei offenbart er auch seine Entertainer-Qualitäten. Wenn Felix Leibrock mit seinen Krimis auf Tour geht, bietet er dem Publikum nicht die klassische Autorenlesung – »weil ich das selber schon mehrfach als einschläfernd erlebt habe«: Er hat einen Musiker, der eigens für die Lesungen Lieder komponiert und spielt, und er selbst plaudert dazu aus dem Nähkästchen. Zum Beispiel über seine Recherchen zum Buch: »Ich musste jetzt eine Leiche tiefgefrieren. Da hab ich mir im Weimarer Land einen Techniker gesucht, der so was kann und es mir erklärt, damit es im Buch auch realistisch beschrieben ist – und das erzähl ich dann.« Und auch vom Marketing versteht er etwas: Zur Buchmesse gewährt ihm der Bayerische Rundfunk eine Stunde Sendezeit, und eine bekannte Illustrierte widmet ihm zwei Seiten.

Zu »Eisesgrün«: In Felix Leibrocks zweitem Weimar-Krimi entdecken zwei Landschaftspfleger merkwürdige Hügelgräber. Das erste, kaum größer als ein Maulwurfshügel, enthält eine Holzkiste mit einer Puppe. Das zweite einen Golden Retriever. Das dritte schließlich zwingt die beiden, die Polizei zu verständigen …

Adrienne Uebbing

Leibrock, Felix: Eisesgrün, Knaur Taschenbuch, 368 Seiten, ISBN 978-3-426-51617-1, 9,99 Euro

Disneyland für Lutheraner?

9. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Spirituelles Reisen: Tourismusverbände werben bei der Internationalen Tourismusbörse in Berlin für das Reformationsjahr

Für die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) ist »Spirituelles Reisen« im Trend, nicht nur im Bezug auf das Reformationsjubiläum. Willi Wild sprach darüber mit der Geschäftsführerin der Thüringer Tourismus GmbH, Bärbel Grönegres.

Eine der bekanntesten Lutherstätten: Die Wartburg hoch über Eisenach. Foto: Harald Krille

Eine der bekanntesten Lutherstätten: Die Wartburg hoch über Eisenach. Foto: Harald Krille

Ist die Reformation erst seit der Lutherdekade ein Tourismus-Thema?
Grönegres:
Nein, nicht für uns in Thüringen. Bei uns gibt es sehenswerte und gut erhaltene Lutherstätten in vielen kleinen und großen Orten – und das ganz unabhängig von der Lutherdekade. Auf den Spuren Martin Luthers zu wandeln, wird auch nach 2017 ein Thema sein. Wir nennen das »spirituelles Reisen«. Es konzentriert sich auf Martin Luther und das Pilgern – denn Wandern gehört fest zur christlichen Tradition. Zum einen ist es gesund, zum anderen kommt man zur Ruhe und kann eigene spirituelle Erfahrungen machen. Verbunden mit der Geschichte Martin Luthers und der Reformation ist das eine interessante Kombination – auch touristisch.

Tourismus und Kirche haben es mitunter schwer miteinander. Man spricht unterschiedliche Sprachen, hat gegensätzliche Interessen. Wie bekommen Sie die unter einen Hut?
Grönegres:
Für uns ist der Markenkern sehr wichtig, das heißt: Die Aussage muss einfach sein – nachvollziehbar. Aus diesem Grund haben wir uns zu Beginn der Reformationsdekade auf ein gemeinsames Motto geeinigt: »Am Anfang war das Wort«. Denn unser zentrales Ereignis ist nun mal Luthers Thesenanschlag in Wittenberg. Natürlich kann man seitens der Kirche auch an andere Reformatoren denken. Für uns als Thüringer Tourismus GmbH aber geht es um die Reformation, die von Mitteldeutschland, von Thüringen als Wirkungsstätte Luthers ausging – und die verbreitete sich nun mal von Thüringen aus auf die ganze Welt. Darauf wollen wir uns konzentrieren!

Beinhaltet das auch die negativen Aspekte aus dem Leben Luthers?
Grönegres:
Touristische Vermarktung bedeutet nicht, plakativ zu werben. Wir stehen dafür ein, Martin Luther mit all den guten und auch schlechten Seiten kennenzulernen – wir wollen ihn nicht idealisieren. Ich finde, das ist in der neu gestalteten Ausstellung im Lutherhaus in Eisenach wunderbar gelungen. Dort geht man ganz bewusst auch auf die antisemitischen Äußerungen Luthers ein und spannt den Bogen bis ins Dritte Reich, in dem genau das instrumentalisiert wurde. Ich glaube, da sind wir auch mit den Kirchen in einem
Boot – denn auch Kirchenmitglieder, wie ich eines bin, streben nach einer umfassenden Darstellung der Reformation.

Wer heute für den Reformationstag 2017 ein Bett in und um Eisenach sucht, hat noch die freie Auswahl. Sind Sie bislang mit der Nachfrage zufrieden?
Grönegres:
Im Moment häufen sich die Anfragen von Reiseveranstaltern, die Gruppen einbuchen möchten. Aktuell werden die Pakete geschnürt und die Kataloge für 2017 aufgelegt. In diesem Rahmen stellen wir »500 Jahre Reformation« als großes Thema auf der Tourismusmesse ITB in Berlin vor.

Viele scheuen den Rummel 2017. Empfehlen Sie, bis 2018 mit dem Besuch der Lutherstätten zu warten?
Grönegres:
Wenn man an den »Kirchentagen auf dem Weg« teilnehmen möchte oder beim »Deutschen Wandertag« in Eisenach dabei sein will, dann muss man sich ins Getümmel stürzen. Möchte man eher in Ruhe die einzelnen Stätten anschauen, ist 2018 tatsächlich keine schlechte Idee.

Wittenberg und Eisenach sind die Hauptorte. Gibt es die Städte gemeinsam zu buchen?
Grönegres:
Daran wird gerade gearbeitet. Vor allem aus den USA ist die Nachfrage nach solchen Touren groß. Da wird auch kein Unterschied zwischen Thüringen und Sachsen-Anhalt gemacht: Wir alle sind Luther-Country.

Wie groß wird der Ansturm aus dem Ausland sein?
Grönegres:
Das ist schwer zu sagen. Ich denke, dass wir einen Zuwachs an Touristen in sechsstelliger Höhe erwarten können.

Kocht jeder sein eigenes Süppchen oder gibt es länderübergreifende Zusammenarbeit?
Grönegres:
Seit 2008 gibt es eine Kooperation mit Sachsen-Anhalt, vor allem für den amerikanischen Markt. Da haben wir eine gemeinsame Marketinglinie und vermarkten uns als eine Region. Ich bin mal so verwegen zu sagen: Das wird auch nach 2017 so bleiben.

Wie werben Sie in den USA für das Reformationsjahr? Disneyland für Lutheraner?
Grönegres:
(lacht) Ein Bischof der Lutherischen Kirche in Chicago hat mir mal gesagt: »Wir nennen uns zwar alle Lutheraner, aber viele wissen gar nicht mehr warum. Da ist es nur logisch, mal dorthin zu fahren, wo unsere Wurzeln sind.« In diesem Sinne kann man sagen, dass wir sehr eng mit den Kirchen in den USA zusammenarbeiten. Wenn wir uns allein auf die evangelisch-lutherischen Kirchen in den USA mit über sieben Millionen Mitgliedern konzentrieren und nur fünf Prozent davon erreichen, haben wir unsere Erwartungen schon übererfüllt.

Welche Zielgruppe wollen Sie in Deutschland für das Reformationsjubiläum begeistern?
Grönegres:
Zunächst evangelische Christen, aber auch Geschichtsinteressierte und Kulturtouristen. Die Ausstellung 2017 auf der Wartburg heißt »Luther und die Deutschen«. Was wäre Deutschland, ja sogar die deutsche Sprache ohne Luther? Das ist für viele ein Grund nach Thüringen und nach Sachsen-Anhalt zu reisen, auch wenn sie keinen Bezug zur Kirche haben. Interessanterweise sind auch viele Katholiken an Luther interessiert, das hätte ich vorher nicht gedacht.

Wie hoch sind die Ausgaben, die in den Luther-Tourismus fließen?
Grönegres:
Die sind sehr überschaubar und wir müssen sie vor allem mit den normalen Bordmitteln stemmen. Wenn wir zur ITB fahren, präsentieren wir auch nicht nur Luther, sondern ganz Thüringen. Jedes Jahr gibt es einen touristisch attraktiven Schwerpunkt für uns als Reiseland – diesmal eben Luther. Für die Bewerbung im Netz oder für die Produktion von Broschüren haben wir pro Jahr etwa Ausgaben in Höhe von 200 000 Euro.

Ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagiert: Bärbel Grönegres, Geschäftsführerin der TTG. Foto: Willi Wild

Ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagiert: Bärbel Grönegres, Geschäftsführerin der TTG. Foto: Willi Wild

Wird Luther die Massen anziehen?
Grönegres:
Ich bin zuversichtlich. Allein durch die mediale Resonanz, die das Reformationsjahr erfährt, werden viele Menschen davon hören, sehen und lesen. Für viele ist es die Gelegenheit, die – ich will mal sagen – »nicht mehr ganz neuen Länder« kennenzulernen und die Stätten zu besichtigen, von denen sie einmal im Konfirma­tionsunterricht gehört haben.

Wie wird das Reiseland Thüringen auf der ITB auftreten?
Grönegres:
Interaktiv! Wir haben eine Nachbildung der Luther-Stube bauen lassen – dort sucht man sich sein liebstes Luther-Zitat und kann sich damit fotografieren lassen. Über die Sozialen Netzwerke darf dann die ganze Welt daran teilhaben. Zudem stellen wir eine App vor, die den Luther-Weg digital illustriert und begleitet: sozusagen eine Wander-App fürs Smartphone, mit Geschichten über Luther, den Luther-Weg und einer Routenplanung.

Die Highlights 2017: Was empfehlen Sie, beziehungsweise wo gehen Sie hin?
Grönegres:
Bei drei Veranstaltungen bin ich auf jeden Fall dabei: einmal natürlich beim »Kirchentag auf dem Weg«. Zudem werde ich mir die Ausstellung »Luther und die Deutschen« ansehen und den 117. Deutschen Wandertag im August in Eisenach besuchen. Nicht zu vergessen der Reformationstag 2017 – ausnahmsweise ein Feiertag in ganz Deutschland!

Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu Kirche und zur Reformation?
Grönegres:
Ich bin evangelische Christin. In meiner Kirchengemeinde Nohra-Ulla gehöre ich dem Gemeindekirchenrat an. Das ist zunächst meine formale Verbindung. Die Gemeinschaft und die herzliche Anteilnahme, die ich regelmäßig in der Kirchengemeinde erfahre, bedeuten mir sehr viel. Die Familien, die schon seit DDR-Zeiten treu zur Kirche stehen, sind mir ein Vorbild. Sonntags freue ich mich schon immer auf den Gottesdienst.

Und zum Schluss: Ihr liebstes Luther-Zitat?
Grönegres:
Ein Baum der grüne Blätter hat, vor dem sollst du dich verneigen.

Man könnte, wenn man wollte …

28. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Trend: Warum Fasten heute in aller Munde ist – Reflexionen über Regeln, Sehnsüchte und Rituale

Ist Fasten ein Kontrastprogramm zum Wohlstand? Eine Suche nach neuen Körper-, Zeit- und Sinnerfahrungen in einem Alltag, der durchgeplant ist.

Fasten und Essen stehen nahe beieinander – im Alltag, im Traum, im Märchen, im Leben. Alle Kulturen und Zeiten kennen beides: die Völlerei, das üppige Essen und die Enthaltsamkeit. Mit beidem verbinden sich Sehnsüchte und Wünsche, aber auch Albträume, Krankheiten – und Erinnerungen: an die Kindheit, an Not, Krieg, Armut und Notbehelf. Speisevorschriften und Fastengebote, meist in Religion und Magie eingebunden, waren für die Menschen wichtige Regelwerke und Ordnungssysteme. Sie hatten und haben bis heute vielfältige Bedeutungen. Sie dienten der Askese, der Buße, Reinigung und Heilung. Und sie waren eine durchaus ernste ›fromme Leistung‹, sollte doch die Entsagung als ein ›Verdienst‹ höheren Ortes Anerkennung erbringen.

Fastenzeiten waren einst fest im Kirchenjahr etabliert. Heute ist alles frei wählbar. Foto: tomer turjemann – Fotolia.com

Fastenzeiten waren einst fest im Kirchenjahr etabliert. Heute ist alles frei wählbar. Foto: tomer turjemann – Fotolia.com

Solche Traditionen, in unserer christlichen Kultur seit ihren Anfängen gültig, haben heute ihre Gestalt vollkommen gewandelt. Die kirchlichen Riten, verfestigt in Ritualen und Traditionen, sind nicht mehr bindende Pflicht. Aus dem Muss ist ein Kann, eine Wahl­freiheit geworden: man könnte, wenn man wollte … Dieser Wandel vollzog sich historisch schnell, in vergleichsweise kurzer Zeit. Fasten-Erinnerungen birgt meine evangelische Kindheit in den 50er Jahren kaum. Denn »Fastenzeit« war katholisch, begann mit dem unerlässlichen Fischessen am Aschermittwoch. »Karneval« war streng begrenzt auf ein bescheidenes Verkleiden am Faschingsdienstag – als Clown, Prinzessin oder Indianer gingen wir auf die Straße. Am Morgen danach mussten die Katholischen ihr »Aschekreuz« empfangen, für sie war nun Fasten-, für uns aber »Passionszeit«, ohne Erkenntnis und spürbare Folgen; nicht einmal den Merkvers für die lateinischen Sonntagsnamen bis Ostern musste man lernen: »In rechter Ordnung lerne Jesu Passion« – die Anfangsbuchstaben halfen die Reihenfolge von Invocavit bis Palmarum memorieren. Nur eine Erinnerung hat sich eingeprägt als einziges Fastengebot, es war weder begründet noch einsehbar für uns Kinder: Der Karfreitag musste »fleischlos« sein. Eier und Käse waren die einzigen Alternativen. Mehr Fasten gab es nicht, weder als Wort noch als Sache.

Heute scheint das Fasten in aller Munde: als Anfrage und Thema, Programm und Praxis in vielen Varianten – kirchlich, weltlich, biologisch, alternativ, spirituell, online, »auch als App«. Wie aber entstand dieses neue Interesse am Fasten, was fasziniert, lockt? Ist es ein Kontrastprogramm zu Sattheit, Wohlstand und Freiheit? Eine Suche nach neuen Körper-, Zeit- und Sinnerfahrungen in einem Alltag, der rationalisiert, hoch technisiert, durchgeplant und getaktet ist? Ist es die Sehnsucht nach festen Regeln und Ritualen in einer globalen Lebenswelt? Oder, wie Halloween und Valentinstag, wieder einmal ›eine neue Mode‹, die so rasch verschwinden wird, wie sie aufkam?

Auffallend ist, dass der neue Fasten-Trend zeitgleich mit einem anderen sich entwickelt hat. Essen und Kochen sind Themen wie nie zuvor, allgegenwärtig in den Medien, im
Fernsehen, in Büchern, in Gesprächen. »Essengehen« ist für viele heute das einzig denkbare Ritual, wenn es etwas zu feiern gibt. Essen genießen, es nach Rezept kunstvoll zubereiten, per Handy fotografieren und darüber reden ist heute so beliebt und verbreitet wie nie zuvor. Und zugleich nimmt die Zahl der Menschen zu, die nie kochen, nur Mikrowelle und Fast Food kennen. Vor diesem Hintergrund steht die neue Sehnsucht nach dem Fasten in einem anderen Licht. Denn Fasten heute hat seinen kulturellen Kontext, seinen Sinnzusammenhang verloren. Essen, auch Völlerei und Fasten waren und sind zwei Pole, die stets zusammengehörten wie der Wechsel von Tag und Nacht. So war das Festessen und Schlemmen zu Weihnachten der Kontrast zum vorweihnachtlichen Fasten, in der alten Kirche eine siebenwöchige Zeit der »fleischlichen« (auch der geschlechtlichen!) Enthaltsamkeit. Ähnlich die vorösterliche Fastenzeit: Ostereier, Osterbrot, Gebäck und andere Traditionen entsprangen dem Versuch, beim Fasten verbotene Speisen wie Milch, Butter und Eier, die im Frühjahr reichlich vorhanden waren, aufzubrauchen. Kirchliche Vorschriften und brauchmäßige Überlieferung gestalteten so als »Kultur«, was Natur und Kalender vorgaben. Auch das notwendige ›Maß‹ und die Mäßigkeit – sie stand im Mittelalter als oberste und wichtigste Tugend über allen anderen – waren so vorgegeben. Damit waren im Wechsel der Speisen und im kirchlich geregelten Fasten jahreszeitlich die Ordnung des Lebens und der Rhythmus der Zeit erfahrbar, im wörtlichen Sinne ›am eigenen Leibe‹ spürbar.

Fasten heute speist sich auch aus dieser Verlusterfahrung. Alles ist scheinbar frei und machbar – aber alles, Askese und Gesundheit, Sport und Fitness, Spiritualität und ›innere Einkehr‹ muss stets individuell gewählt und im Alltag platziert werden. Das sind Kraftakte und Entscheidungen, die dem Einzelnen heute ein enormes Maß an Gestaltung abverlangen, im Jahreslauf wie im Lebenslauf, an den Stufen und Übergängen des Lebens wie Taufe, Hochzeit, Tod. Deren Rituale sollen stets neu, kreativ, originell und ›authentisch‹ sein – und stehen damit doch dem Wesen und ursprünglichen Sinn von Ritualen entgegen: überzeitliche und verlässliche ›Hülsen‹ zu geben und so Menschen, Zeiten und Kulturen zu verbinden, sie damit zu entlasten und tragen – »ohne Enge«!

Christel Köhle-Hezinger

Die Autorin ist emeritierte Volkskundlerin an der Uni Jena.

Retter von Weltkultur

24. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Thüringer Landesausstellung 2016: »Die Ernestiner – Eine Dynastie prägt Europa«


Über 400 Jahre regierten Ernestiner in bis zu zwölf Linien und Residenzen weite Teile des heutigen Thüringen und darüber hinaus. Diese einzigartige Entwicklung nimmt der Freistaat zum Anlass für seine nächste Landesausstellung. »Glaube + Heimat« stimmt mit einer sechsteiligen Serie darauf ein. Diesmal Großherzog Carl Alexander

Gemälde von Großherzog Carl Alexander – Foto: Wikipedia

Gemälde von Großherzog Carl Alexander – Foto: Wikipedia

Weimars sogenanntes Silbernes Zeitalter, das mit Namen wie Franz Liszt, Richard Wagner, Friedrich Hebbel oder Theodor Hagen sowie der Gründung des Goethe-Schiller-Archivs verbunden ist, wäre ohne den vor 115 Jahren verstorbenen Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, Carl Alexander (1818–1901), Sohn des großherzoglichen Paares Carl Friedrich und Maria Pawlowna, ebenso wenig denkbar wie die Wartburg bei Eisenach in ihrer heutigen Erscheinung. Im Sommer 1907 wurde Carl Alexander zu Ehren auf dem heutigen Goetheplatz der Klassikerstadt ein vom Weimarer Bildhauer Adolf Brütt geschaffenes, zu keiner Zeit unumstrittenes Denkmal geweiht. Seine Unschuld hatte das Monument ab Mai 1937 verloren. Städtischer Umbauwille, Krieg und nicht nur einmal sich wandelnde Gesellschaftsordnung führten schließlich zum Desaster. Kopf- und Gedankenlosigkeit im Bunde mit vorauseilendem Gehorsam ließen erst das Denkmal als Ganzes vom Goetheplatz zum heutigen Buchenwaldplatz umziehen, dann das bronzene Reiterstandbild im Schmelzofen verglühen und den Sockel unterhalb des Hauptbahnhofes zwischen Bombenschutt und Muttererde verschwinden. Dort wurde der rund 14 Tonnen schwere Koloss aus Granit während Bauarbeiten im Jahre 1997 zufällig entdeckt und später auf dem Weimarer Goetheplatz wieder aufgestellt.

Der Leidensweg dieses Denkmals verdeutlicht es drastisch: Der Fürst, politischer Erbe des klassischen Weimars mit eigenen künstlerischen Ambitionen, hat – unverdientermaßen – bis in die Gegenwart keinen gesicherten Platz im öffentlichen Bewusstsein. Auch die wissenschaftliche Forschung ist sich über dieses Defizit seit Langem im Klaren.

Will man Carl Alexander quasi Auge in Auge gegenüberstehen, muss man nach Eisenach gehen. Kurz vor der Auffahrt zur Wartburg erhebt sich am Rand der Straße eine mannshohe Bronzestatue des Großherzogs, die der in Eisenach geborene Bildhauer Hermann Kurt Hosäus im Jahr 1909 geschaffen hat. Dass die Stadt Eisenach dem Politiker und Mäzen ein solches Denkmal widmete und am Fuße der Wartburg aufstellen ließ, hat seine Wurzeln in der sich über der Stadt erhebenden Wartburg.

Diese Burg, so überlieferte der Meininger Hofbibliothekar und Schriftsteller Ludwig Bechstein (1801 bis 1860), »ist der Zentralstern der thüringischen Geschichte, und schmückend klammerte sich grüner Sagenefeu ringsumher an Burgmauern, Felszacken und Höhlengeklüft, gleichsam den heiter bestätigenden oder erläuternden Bilderschmuck solch reichhaltigen Buches abgebend.« Im Dezember 1999 wurde das geschichtsträchtige Bauwerk als erste deutsche Burg überhaupt in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen. Sie sei, wie in der entsprechenden Urkunde zu lesen, »ein hervorragendes Denkmal der feudalen Epoche in Mitteleuropa.« Die von Ludwig dem Springer im Jahr 1067 gegründete Burg gilt heute als der bedeutendste Profanbau der Romanik. Die Burg war Zentrum hoch mittelalterlichen Dichtens und Minnesangs, wurde zum Wohn- und Wirkungsort der heiligen Elisabeth, bot dem von Papst und Kaiser verfolgten Reformator Martin Luther ein sicheres Exil, und sah mit dem Wartburgfest der deutschen Burschenschaften den Morgen einer freiheitlich-demokratischen Nation heraufdämmern.

Dank der authentischen Lutherstube trägt die Burg bereits seit dem 16. Jahrhundert denkmalhafte Züge und avancierte in der Zeit des nationalen Aufbruchs gänzlich zur romantischen Weihestätte der Deutschen. Diese Bedeutung aufgreifend, erhob Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach seinen bis dahin im Dornröschenschlaf liegenden Ahnensitz mit umfassender Erneuerung und künstlerischer Ausgestaltung in den Rang eines Nationaldenkmals. Mit dem Gießener Architekturprofessor Hugo von Ritgen hatte er das Projekt einem Kenner mittelalterlichen Burgenbaus anvertraut. Noch bevor Georg Dehio (1850–1932) sich um eine wissenschaftlich begründete moderne Denkmalpflege verdient machen sollte, stellte von Ritgen mit verlässlichem Gespür für den Erhalt überkommener Bausubstanz und für die schöpferische Nachahmung von Verlorengegangenem sein Können unter Beweis. Der Bergfried und das auf dessen Zinnenkranz sich erhebende drei Meter hohe und knapp zwei Meter breite vergoldete Kreuz prägen die Silhouette der Wartburg seit mehr als 150 Jahren. Zu den Schätzen im Inneren zählen u. a. die von dem Maler Moritz von Schwind Mitte des 19. Jahrhunderts geschaffenen 14 Fresken im Sängersaal, im Landgrafenzimmer und in der Elisabethgalerie. Anknüpfend an diese und weitere, der Burg innewohnenden humanistischen Traditionen, präsentiert sich die Wartburg in der Gegenwart als ein lebendiger Ort der Weltkultur.

Heinz Stade

Gott, Mode, Kunst

17. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Der Unternehmer und Kunstsammler Thomas Rusche

Im Kunsthaus Apolda ist eine Ausstellung »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen – Religiöse Motive in der SØR Rusche GmbH« zu sehen. Präsentiert werden Werke aus der Sammlung Thomas Rusches. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Rusche, zuerst eine Frage an den Herrenausstatter: Wie ist der moderne Mann gut angezogen?
Rusche:
Ob Mann oder Frau – zunächst sollte ein jeder seine Persönlichkeit kennen. Die Frage der guten Kleidung darf man nicht unterbewerten. Denn wir sprechen alle mit unserer Kleidung, noch bevor wir den Mund aufmachen. Der erste Eindruck zählt. Und den erzeugt die Kleidung. Wie bei allen wichtigen Fragen im Leben besteht der erste Schritt darin, uns selber kennenzulernen. Wissen wir, worin wir uns wohlfühlen, im Jackett oder im Pullover, welche Farben uns gefallen? Wenn wir uns in unserer Kleidung nicht wohlfühlen, dann spürt das der andere. Als Erstes gilt: Die Kleidung ist meine zweite Haut, ich sollte mich darin wohlfühlen. Als Nächstes folgt die Überlegung: Was mache ich heute? Wenn ich abends ins Theater gehe, ziehe ich mich anders an, als wenn ich im Wald einen Spaziergang mache. Für einen Waldspaziergang ziehe ich mich anders an, als wenn ich Freunde zum Bier besuche oder aber zu einem festlichen Abendessen. Drittens ist zu fragen: Was ist die Erwartungshaltung der anderen? Freunde in Apolda, die mich zu einem Abendessen einladen, erwarten vermutlich eine andere Kleidung, als bei einem festlichen Abendessen in London erwartet wird. Mein persönliches Gefühl, der objektive Anlass und die subjektiven Erwartungshaltungen der anderen – in diesem Dreieck entfaltet sich Kleidungskultur. Ich habe die Möglichkeit, durch meine Kleidung einen Beitrag zur Kultur zu leisten. Denn Kleidung ist, ebenso wie die Kunst, ein Kulturgut und nicht nur eine funktionelle Notwendigkeit.

Thomas Rusche: »Sobald ich bete, wird mir wieder bewusst, dass Gott mit mir durchs Leben geht.« Foto: privat

Thomas Rusche: »Sobald ich bete, wird mir wieder bewusst, dass Gott mit mir durchs Leben geht.« Foto: privat

Sprechen wir über Kunst. Sie sammeln seit Ihrer Kindheit Alte Meister, bevorzugt Alte niederländische Meister. Wie sind Sie dazu gekommen?
Rusche:
Weil meine Familie im Münsterland lebt. Und die niederländische Malerei des
17. Jahrhunderts auch das heutige Belgien und das Münsterland umfasst.

Im Kunsthaus Apolda sind religiöse Motive auf Bildern zeitgenössischer Kunst denen der alten Malerei gegenübergestellt. Die Ausstellung zeigt, dass Künstler heute auf christliche Ikonografie zurückgreifen. Das Interesse an religiösen Themen ist offensichtlich ungebrochen.
Rusche:
In der Kunst des 21. Jahrhunderts finden Sie die großen Sehnsuchtsfragen des Menschen. Das ist das Spannende an der Ausstellung. Ich glaube, dass große Kunst sich immer mit diesen großen Themen auseinandersetzt: Woher komme ich, wohin gehe ich, was soll mein Leben, gibt es einen Gott? Zeitgenössische Künstler drücken diese Themen in einer ähnlichen Vielfalt aus, wie ich das bei den niederländischen Alten Meistern erlebe. Es gibt Künstler in der Sammlung, auch Zeitgenossen, die das offensichtlich thematisieren in einer ungebrochenen christlichen Tradition. Und es gibt Künstler, die das Religiöse nur sehr zurückhaltend, andeutungsweise ausdrücken.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Gemälde für Ihre Sammlung aus?
Rusche:
Bilder, die ich erwerbe, wähle ich nicht primär nach Motiven aus, vielmehr geht es mir um mein inneres Angesprochensein. Ein Bild berührt mich oder es berührt mich nicht. Das hat relativ wenig mit Gefallen zu tun, vielmehr mit einer tieferen Schwingungsdimension als den ersten Eindruck. Kunst geht tiefer, wenn sie große Menschheits- und Gesellschaftsthemen anspricht. Und das geschieht oft bei religiös-provozierten Fragen.

Sie finden in der Kunst Antworten auf die tiefen Lebensfragen?
Rusche:
Zumindest finde ich sie dort auch gestellt. Ich glaube, dass es neben der Religion die Kunst ist, die große Lebens- und Menschheitsfragen benennt. Viele Künstler verzweifeln an der gesellschaftlichen Situation oder auch ganz persönlich an ihrem Leben. Große Kunst ist oftmals Ausdruck dieser Verzweiflung. Ein großer Unterschied zwischen Kunst und Religion, insbesondere der christlichen Religion besteht meines Erachtens darin, dass der christliche Glaube eine klare eindeutige Antwort auf die Menschheitsfragen gibt, zu der sich Künstler oftmals nicht durchringen können.

Ich persönlich bin Christ. Ich glaube, dass Jesus, diese große historisch bezeugte Persönlichkeit, der Christus, der Sohn Gottes, der Retter der Welt und auch meines ganz persönlichen Lebens ist.

Sie haben Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Philosophie und Theologie studiert. Sie sind Unternehmer, Sie sind Kunstsammler. Was hat der Philosoph mit dem Unternehmer zu tun?
Rusche:
Es gibt eine große Schnittmenge zwischen Philosophie und Ökonomie: die Wirtschaftsethik. Sie fragt: Wie kann man auf moralische Weise Geld verdienen? Oder schließt Geldverdienen, ökonomisch profitabel zu sein, die Frage des Moralischen von vornherein aus? Die Wirtschaftsethik sagt Nein. Je größer die Schnittmenge zwischen dem Moralischen und dem Ökonomischen ist, desto besser geht es dir in Person, desto besser geht es dem Unternehmen, in welchem du arbeitest oder das du besitzt. Und desto besser geht es der Gesellschaft.

Wenn es in einem Arbeitsteam menschlich gut läuft, kann sich das auf den Erfolg des Unternehmens auswirken.

Was bedeutet es für Sie, reich zu sein?
Rusche:
Ob reich oder nicht, für mich ist wichtig: Wenn ich einen Euro in der Hand habe, überlege ich, was kann ich verantwortungsvoll mit diesem Euro tun? Wenn Sie jetzt einen Politiker nicht nach Geld, sondern nach Macht fragen würden, sollte er ähnlich antworten: Geld und politische Macht sind immer Gestaltungsauftrag. Was kann ich wie damit tun? Wie kann ich meine persönlichen Talente einbringen, um einen Beitrag zu leisten für das Gemeinwohl unserer Gesellschaft.

Sie haben mal gesagt, wenn Sie zum heiligen Josef beten, rappelt es bei Ihnen in der Kasse, mehr, als wenn Sie nicht beten würden oder wenn Sie nicht beten.
Rusche:
Dieser Ausspruch stammt von dem Leiter meines Jesuitenkollegs. Er sagte mir: Thomas, darf ich dir ein Geheimnis verraten? Wenn ich persönliche Probleme habe, dann bete ich zur Mutter Gottes, die hilft mir. Wenn ich finanzielle Probleme habe, dann bete ich zum heiligen Josef, und der hilft mir. Das habe ich früh verinnerlicht. Und es hilft auch mir bis heute.

Ganz konkret erfahre ich in meinem Leben ständig, dass der liebe Gott sich für unser aller, für dein und für mein kleines Leben interessiert und ihm nichts zu gering ist. Es liegt nun an uns Menschen, dass wir auch im Kleinsten um seine Hilfe bitten. Gott wartet nur darauf, von uns um Hilfe gebeten zu werden. Oftmals verliere ich mich im täglichen Hamsterrad meines Lebens und denke gar nicht an Gott. Dabei geht er mit seiner unendlichen Güte und Liebe immer mit mir. Sobald ich bete, wird mir wieder bewusst, dass Gott mit mir durchs Leben geht. Beten heißt, mich der Kraft Gottes zu vergewissern.

Zur Person
Thomas Rusche wurde 1962 in Münster (Westfalen) geboren. Nach seinem Abitur an einem jesuitischen Gymnasium studierte er von 1982 bis 1990 Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Philosophie und Katholische Theologie.

Er leitet als Geschäftsführender Gesellschafter das Familienunternehmen, die SØR Rusche GmbH.

Als Kunstsammler fördert Rusche den Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und den Alten Meistern. Die Werke der Ausstellung »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen« im Apoldaer Kunsthaus stammen aus seiner Sammlung.

Es gibt sie doch – die Fastnacht in der evangelischen Kirche!

8. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Merkwürdige Ereignisse: Die Enthüllungsredaktion auf Spurensuche im Landeskirchenamt

Haben Sie, liebe Leserin, lieber Leser, schon einmal etwas von einem kirchlichen Aschermittwoch oder generell von Fastnacht in der Kirche gehört? Nein? Woran mag das wohl liegen?! Vielleicht an der Tatsache, dass das Feiern der Fastnacht unter Steinigung in der evangelischen Kirche verboten ist? Durch das Fröhnen der Sünde während der fünften Jahreszeit geht die protestantische Arbeitsethik den Bach herunter. Unsere Vorstellungen von Fastnacht sind jedoch geprägt von Unproduktivität in Verbindung mit Alkohol und exzessiven Feiern, die dadurch gekrönt werden, dass sich Pfarrer sogar als der Teufel persönlich maskieren. Dies war auch die Meinung des großen Reformators Martin Luther höchst persönlich. »Verlacht den Feind und sucht Euch jemand, mit dem Ihr plaudern könnt […] oder trinkt mehr, oder scherzt, treibt Kurzweil oder sonst etwas Heiteres. Man muss bisweilen mehr trinken, spielen, Kurzweil treiben und dabei sogar irgendeine Sünde riskieren […]«, teilte Martin Luther unserer Redaktion in einem früheren Exklusivinterview mit.

Doch warum widerspricht die Kirche heute so vehement ihrem einstigen Gründervater? Wie kam es zu dem plötzlichen Sinneswandel, der bereits kurz nach seinem Tod einsetzte? Und ist Martin Luther wirklich tot? Ihre Enthüllungsredaktion ist im Landeskirchenamt auf Spurensuche gegangen. Was uns dort begegnete, ließ unseren Glauben in seinen Grundfesten erschüttern: Während des Besuches unserer vertraulichen Quelle am 11. 11. 2015 wurden wir gegen 11.10 Uhr zum Aufbruch gedrängt. Vor der Glasfassade des Amtes stehend, schlug die Turmuhr 11.11 Uhr. Im Inneren des Gebäudes wurde es unruhig und Mitarbeiter eilten von Büro zu Büro. Bunte Girlanden wurden aufgehangen, Pfannkuchen verteilt und plötzlich traten kostümierte Gestalten auf die Flure. Das ganze Amt – ein Haufen voller Narren. Bis heute meinen wir, es wäre Landesbischöfin Junkermann selbst gewesen, die als Papst verkleidet einen gigantischen Umzug anführte.

»Glaube + Einfalt« inkognito mit dem Original. Foto: Anonymus

»Glaube + Einfalt« inkognito mit dem Original. Foto: Anonymus

Auf verstärkte Nachfragen unserer Redaktion zu diesen merkwürdigen Ereignissen, erfolgte bis heute bedauerlicherweise keine Antwort. So bleibt uns nur übrig, Vermutungen anzustellen. Unsere schlüssigste Theorie lautet daher wie folgt: Es liegt ein klarer Fall von Wasser predigen und Wein trinken vor. Denn die Amtskirche sah – und sieht bis heute – in der Fastnachtsfeier eine Gefahr für den Otto-Normal-Gläubigen, der sich dem Suff und der Völlerei hingibt und anschließend nicht angemessen fastet. Im Landeskirchenamt muss sich jedoch der Versuchung hingegeben werden, um der bevorstehenden Passionszeit einen angemessenen Respekt zu zollen und die Unfehlbarkeit des Amts zu wahren. Dies kann jedoch einzig unter der allmächtigen theologischen Anleitung der Bischöfin geschehen, um die Sünden der Kirchenbeamten nicht auf Fegefeuerjahre anzurechnen.

Doch, um noch einmal Luther zu zitieren: »Eine Fastnachtsfeier gilt erst als gelungen, wenn Bierkrüge durch die Wirtshäuser fliegen und auf den Köpfen der Gäste des Nebentisches zerspringen.«

Nach den Ereignissen, die wir im Landeskirchenamt verfolgt haben, stellten wir uns die Frage, ob wir diese Erkenntnisse veröffentlichen können. Schließlich sind dies intime Details aus der Amtskirche. Außerdem fragen wir uns, was dies für das Feiern der Fastnacht in der evangelischen Kirche bedeutet und überlegten so in unserer Redaktion, wie wir mit dem Brauch der Fastnachtsfeier umgehen sollen und was wir Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, mit auf den Weg geben können. Folgenden Entschluss haben wir gefasst: Was das Landeskirchenamt kann, das können wir schon lange! Also veranstalteten wir in unserer Redaktion eine Fastnachtsfeier, ganz im Sinne des Reformators und feierten ausgelassen und feuchtfröhlich. Denn warum veranstaltet die Evangelischen Kirche eine Aktion namens »7 Wochen ohne …«? Warum sollten wir überhaupt fasten, wenn wir nicht wenigstens ausgiebig vorher gefeiert haben? Gewiss nicht, weil mit dem Aschermittwoch die Passionszeit beginnt.

Denn Jesus hat vor seinem Tod nicht gefastet. Also feiern Sie ausgiebig, außerhalb des Gottesdienstes darf auch mal gelacht werden und viel Spaß beim Verkleiden! In diesem Sinne: Ein dreifach gedonnertes HELAU! Bleiben Sie fromm.

Ihre Fastnachtsredaktion in Zusammenarbeit mit Ihrer Enthüllungsredaktion.

Chemnitz feiert Erich Heckel

2. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: 120 Werke im Museum Gunzenhauser – Begleitvortrag zu Kunst und Religion


»Schmidt-Rottluff war der erste Streich, doch Erich Heckel folgt sogleich.« So könnte man in Anlehnung an Wilhelm Busch ausrufen.

Parallel zur fulminanten Schau mit Bildern von Karl Schmidt-Rottluff feiern die Kunstsammlungen Chemnitz nun im Museum Gunzenhauser mit Erich Heckel einen weiteren Sohn der Stadt und bedeutenden deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts. Mit »Erich Heckel. 120 Werke« machen die Sammlungen unter der Leitung von Frau Ingrid Mössinger zugleich erneut deutlich, dass das besonders in DDR-Zeiten genüsslich gepflegte Image des »Ruß-Chemnitz«, in dem es nur ausgebeutete, kämpferische Arbeiterklasse und dekadente Bourgeoisie gab, so nicht stimmt.

Chemnitz war Anfang des 20. Jahrhunderts nicht nur ein industrielles Schwergewicht. Es verfügte auch über eine ungemein lebendige Kunst- und Kulturszene. Dieser Atmosphäre ist es nicht zuletzt zu danken, dass der 1883 als Sohn eines Eisenbahningenieurs geborene Erich Heckel schon während seiner Zeit am Realgymnasium in seinen künstlerischen Ambitionen Förderung und Unterstützung erhielt. Beispielsweise durch den Kunstverein Kunsthütte Chemnitz.

Ölgemälde von Erich Heckel: Vorstadt, 1910 – Foto: Kunstsammlungen Chemnitz/Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen

Ölgemälde von Erich Heckel: Vorstadt, 1910 – Foto: Kunstsammlungen Chemnitz/Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen

In der Stadt fand er 1902 auch Anschluss an den von Pennälern gegründeten Debattierklub »Vulkan«. Dessen Name schon zeigt, wie sehr man Auf- und Ausbruch aus dem Korsett wilhelminischer Selbstgefälligkeit suchte. Hier begann auch die lebenslange Freundschaft zum späteren Malerkollegen Schmidt-Rottluff.

Dass das Museum Gunzenhauser 120 Werke aus allen Schaffensperioden Heckels zeigen kann, ist neben privaten Dauerleihgebern vor allem dem umfangreichen Fundus der Stiftung Gunzenhauser zu danken. Denn allein 77 Werke des selbstverständlich als »entartet« geltenden Brücke-Mitbegründers gingen den Chemnitzer Sammlungen infolge der nationalsozialistischen »Kultur«-Politik verloren.

Im Mittelpunkt der Präsentation steht das umfangreiche und technisch vielfältige druckgrafische Werk Heckels. Linolschnitte und Kaltnadelarbeiten, Radierungen und Lithografien stehen neben kraftvollen klaren Holzschnitten. Die Wahl unterschiedlicher Papiere und der Einsatz verschiedener Farben zeigen die Experimentierfreude des Künstlers. Ergänzt werden die Arbeiten durch Gemälde aus den verschiedenen Schaffensperioden sowie durch Originaldokumente aus der Schulzeit Heckels und aus dem Archiv der Kunstsammlungen, in denen bereits 1931 die erste Retrospektive von Heckels Werk zu sehen war. Ein gut gestalteter Katalog zeigt nicht nur die Werkübersicht aus den Chemnitzer Sammlungen, sondern vereint eine Vielzahl von Beiträgen zu Leben und Werk des Künstlers.

Begleitet wird die Schau zudem von einem Vortragsreigen. Zum nächsten Termin am 2. Februar ist der Münsteraner Theologe Reinhard Hoeps zu Gast. Unter dem Titel »Kunstreligion« befasst er sich mit dem schwierigen Verhältnis der nach Autonomie strebenden Kunst der Moderne und einem in Äußerlichkeiten erstarrten Christentum. »Was ist Religion an der Kunst der Moderne? Braucht Religion Kunst?«, heißt es dazu im Veranstaltungsflyer. Fragen, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

Harald Krille

Ausstellung: Erich Heckel. 120 Werke, 17. Januar bis 17. April, Kunstsammlungen Chemnitz – Museum Gunzenhauser, Falkeplatz, 09112 Chemnitz
Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags sowie feiertags 11 bis 18 Uhr

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

Kain und Abel

25. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Auf der Bühne ein grauer Felsblock, eingehüllt in Plastikfolie. Mit ihren langen Haaren bis zu den Knien muten Adam (Bastian Heidenreich) und Eva (Dascha Trautwein) an wie die Nachfahren der Urmenschen. Die Badesachen in grellgrün-orange jedoch wirken modern. Dass sie von Gott aus dem Paradies vertrieben wurden, erwähnen sie ihrem Sohn Kain gegenüber mit keinem Wort. Im Gegenteil, Adam glorifiziert ihr früheres Leben im Garten Eden als das von Herrschenden, die das Sagen hatten.

»Ich bin Kain«, das Theaterstück von Jens Raschke, uraufgeführt am 14. Januar in der Studiobühne des Deutschen Nationaltheaters Weimar – hat die biblische Geschichte von Kain und Abel zur Vorlage. Mit simplen Effekten verwandeln die Schauspieler die Bühne in eine biblische Szenerie. Die Plastikfolie, die anfangs den Fels umhüllt, wird zur Ziege und simuliert schließlich Evas Schwangerenbauch. Mit Mund und Händen werden Geräusche eines Sandsturmes, von Heuschrecken und anderen Tieren erzeugt. Das aus einer Gießkanne fließende Wasser ahmt das Plätschern eines Brunnens nach.

Szene mit Kain (Thomas Kramer, li.) und Abel (Julius Kuhn) – Foto: DNT Weimar/Candy Welz

Szene mit Kain (Thomas Kramer, li.) und Abel (Julius Kuhn) – Foto: DNT Weimar/Candy Welz

Das Stück erzählt die Geschichte einer Familie mit Vater, Mutter, Kind. Die Eltern sind überfordert. Kain ist wissbegierig, er nervt mit seinem unentwegten Fragen – nach dem Namen der Dinge und deren Bedeutung. Adam und Eva werden als Menschen dargestellt, die zwar Angst vor Gott haben, jedoch seine Existenz vor ihrem Sohn verschweigen. Schließlich besinnen sie sich ihres Auftrages, sich zu vermehren. Abel wird geboren und mit ihm findet die Gottvergessenheit ihr Ende.

Die beiden Brüder entwickeln eine unterschiedliche Weltanschauung. Kain ist derjenige, der auf die eigene Kraft vertraut, den Acker bebaut und die Welt gestaltet. Seine Haltung erinnert an den in der DDR proklamierten atheistischen Slogan »Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein«. Abel hingegen pflegt seine Beziehung zu Gott. Er betet, spricht mit Gott, stellt die Nähe zu ihm über alles. Im Gegensatz zu Kain fürchtet Abel auch nicht den Tod. Er will zurück nach Eden. An diesen Gegensätzen zerbricht die Beziehung. Das Stück endet mit der Eskalation, wie sie im 1. Buch Mose beschrieben ist. Die Inszenierung hält sich an die Vorlage der Bibel, für die Eifersucht, Neid und Hass zum ersten Brudermord führen. Darüberhinaus sieht das Stück in dem Aufeinanderprallen gegensätzlicher Positionen zu Gott Konfliktpotenzial. Eine bemerkenswerte Interpretation.

Sabine Kuschel

Weitere Vorstellungen: 28. 1., 10. 2., 24. 2., 19 Uhr; 11. 2., 10 Uhr

»Warum rülpset und furzet ihr nicht«

21. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Geflügelte Worte Martin Luthers

Wer würde heute wohl seine Gäste fragen »Warum rülpset und furzet Ihr nicht, hat es euch nicht geschmecket?« Obgleich nicht bei Luther nachzuweisen, würde die ihm in den Mund gelegte Frage gut zu ihm passen, hinterließ er uns doch Aussprüche wie »Wenn ich hier einen Furz lasse, dann riecht man das in Rom«, oder die treffende Bemerkung »Aus einem verzagten Arsch fährt kein fröhlicher Furz«. Dagegen klingt seine Feststellung »Wer es riecht, aus dem es kriecht« sehr gemäßigt. – Ungeachtet der Urheberschaft Luthers fügt sich die Frage »Warum rülpset …« problemlos in die seinerzeit üblichen Tischsitten ein. So empfahl Caspar Scheidt 1549 in seinem »Grobianus. Von groben Sitten und unhöflichen Gebärden«: »Was du im Mund gehabt hast, leg nicht zurück …, wenn du schneuzen musst, dann tue es nicht mit der Hand, die das Fleisch anfasst. Bei Tisch kratzt man sich nicht und spuckt nicht über den Tisch.« Solche Empfehlungen sind von Luther nicht überliefert, dagegen finden sich zahlreiche Sprüche über das Essen und Trinken. Beidem war er überaus zugetan, wie auch die überlieferten Porträts bezeugen. Schon Brathering und Erbspüree, dazu eine »Pfloschen« von Katharinas selbst gebrautem Bier, konnten sein Herz erfreuen. Luther stand zu seinen Vorlieben, u. a. mit dem unschlagbaren Argument: »Darf unser Herrgott gute, große Hechte, auch guten Rheinwein schaffen, so darf ich auch wohl essen und trinken.« Und seine Käthe ließ er wissen: »Ich fresse wie ein Böhme und saufe wie ein Deutscher«. Kritisch bemerkt er aber auch: »Wir sind allzu lang genug deutsche Bestien gewesen, die nicht mehr können, denn kriegen und fressen und saufen«. An anderer Stelle mahnt er: »Trinken ohne Durst, Studieren ohne Lust, Beten ohne Innigkeit – sind verlorne arebeyt (Mühe)«.

Wenn es viel zu essen gab, langten die Leute im Mittelalter tüchtig zu. »Die Bauernhochzeit«, Gemälde (ca. 1568) von Pieter Bruegel dem Älteren. – Repro: Archiv

Wenn es viel zu essen gab, langten die Leute im Mittelalter tüchtig zu. »Die Bauernhochzeit«, Gemälde (ca. 1568) von Pieter Bruegel dem Älteren. – Repro: Archiv

Sprichwörter flossen auch in Luthers Predigten ein. So unterstreicht er in der Predigt zum 1. Buch Mose seine Auslegung »Angst lehrt beten« mit dem bekannten Sprichwort »Hunger ist der beste Koch«. Zum 23. Psalm interpretiert er »Auf einen vollen Bauch gehört ein fröhliches Haupt« und ergänzt »Ein guter Trunk hält Leib und Seele zusammen«. Der »gute Trunk« konnte für Luther sowohl Wein als auch Bier sein, wobei er dem Wein den Vorzug gab. Ihm sprach er die Kraft zu »fröhlich zu machen« und stellte fest »Bier ist Menschenwerk, Wein aber ist von Gott!« Obgleich nicht bezeugt, gehört der viel zitierte Spruch »Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang« wohl ebenso zu Luther wie sein Einspruch »Für die Toten Wein, für die Lebenden Wasser: das ist eine Vorschrift für Fische«. Wein aber war nicht für jedermann erschwinglich, so blieb das oft selbst gebraute Bier das allgemein übliche Getränk. Das Ergebnis wird in beiden Fällen gleich gewesen sein; denn Luther wetterte häufig gegen die Trunkenheit. »Das Saufen ist in unseren Landen eine Art von Pest … Unser Herrgott muss uns Deutschen die Trunkenheit als eine tägliche Sünde anrechnen; denn wir können’s wohl nicht lassen.« Dennoch ist der Reformator überzeugt: »Ein Christ kann besser reden, wenn er voll ist, als ein Papist, wenn er nüchtern ist«. Luther wusste, wovon er sprach. Er selber litt wegen seiner ungesunden Lebensweise an Nierensteinen und Gicht, tröstete sich aber: »Ich esse, was mir schmeckt, und leide danach, was ich kann«, oder »Ich esse, was ich mag, und sterbe, wann Gott will.«

Luthers Feststellung »Wer das Bierbrauen erfunden hat, der ist ein Unheil für Deutschland gewesen« wird heute wohl keine Mehrheit finden. Doch seinem Tipp »Traurige Leute soll man mit Essen und Trinken erquicken«, kann man getrost zustimmen.

Sylvia Weigelt

Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen

7. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Auf der Suche nach spiritueller Heimat greifen zeitgenössische Künstler auf die christliche Ikonografie zurück


Am 10. Januar wird im Kunsthaus Apolda die Ausstellung »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen – Religiöse Motive in der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin« eröffnet. Anliegen und Schwerpunkt dieser Schau erläutert Kurator Tom Beege. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Beege, der Titel dieser Präsentation »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen« weckt viele Assoziationen. Was erwartet die Besucher?
Beege: In dieser Ausstellung geht es um religiöse Motive. Es sind Bilder aus der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin. Dr. Thomas Rusche ist ein Sammler, der im Münsterland lebt und über einen sehr großen Bestand an Gemälden, Bildern und Objekten verfügt. Seine Sammlung setzt sich zusammen aus Gemälden des niederländischen Barocks des 16., 17. und auch 18. Jahrhunderts und zeitgenössischen Werken. Sie umfasst bestimmt um die 4000 bis 5000 Werke.

Aus diesem Fundus haben Sie auf Vorschlag des Sammlers Werke ausgesucht, die wir in Apolda sehen können?
Beege: Ja, wir haben über 100 Werke ausgesucht, die religiöse Motive zeigen. Das Interessante ist die Zusammenstellung von niederländischem Barock und Zeitgenossen. Wir bringen zwei gegensätzliche Epochen zusammen. Nicht in einem Kontrast, sondern in einem Dialog, eher ergänzend. Wir zeigen zum Beispiel das Motiv der Heiligen Familie in einer Fassung als barockes Gemälde von Gerardus Wigmana und ein korrespondierendes Motiv des südafrikanischen Fotografen Pieter Hugo.

In der Manier der Alten Meister fotografierte Christopher Thomas Laienschauspieler bei den Bühnenproben zu den Passionsspielen in Oberammergau. – Repro: Kunsthaus Apolda/Michael Sauer

In der Manier der Alten Meister fotografierte Christopher Thomas Laienschauspieler bei den Bühnenproben zu den Passionsspielen in Oberammergau. – Repro: Kunsthaus Apolda/Michael Sauer

Es geht aber weniger darum, christliche Lehren zu verbreiten, als vielmehr darum, Motive zu untersuchen. Zum Beispiel: Wie wurden Kreuzigungen im Barock aufgefasst? Worauf beziehen sich zeitgenössische Maler? Wie greifen sie die tradierte Bildsprache der christlichen Kunst auf? Dabei hat sich herausgestellt, dass auch die Holländer nicht aus dem Nichts heraus religiöse Motive benutzt haben, sondern auf Traditionen zurückgegriffen haben. Diese Traditionen ziehen sich ungefähr seit dem Mittelalter bis heute durch. Das heißt, man erkennt bestimmte Motive. Also wenn ein Künstler nur den Ausschnitt eines Holzkreuzes mit einem Dornenzweig malt, suggeriert dieses Bild die Kreuzigung.

Sie untersuchen diese religiösen Motive nach ihrem Ursprung?
Beege: Wir fragen danach, woher diese Urbilder stammen, dieses Bild Christi? Denn es gibt bestimmte Vorbilder auch in der ägyptischen und griechischen Mythologie, die in dieses Bild Christi, wie es sich seit etwa 2000 Jahren geformt hat, mit eingeflossen sind. Diese Traditionen versuchen wir herauszukehren und in einen großen Zusammenhang zu stellen.

Grundsätzlich ist die Ausstellung in zwei Teile geteilt. In dem einen Teil geht es um die Suche nach diesen altmythischen Traditionen, im anderen um die innerchristlichen Traditionen. In der Ausstellung ist auch ein Entwurf des Porträts von Papst Benedikt XVI. von Michael Triegel zu sehen. Daneben ein sehr satirisches Papstbild eines alten holländischen Malers, auf dem ein Esel verspottet wird. Dieser Esel ist im protestantischen Holland die Figur des katholischen Papstes gewesen. Der holländische Barock war eine große Zeit des Umbruchs. Die Reformation trat ein. In Holland ist dieser Prozess gespalten verlaufen. Holland hat sich im Zuge der protestantischen Idee zunächst von der spanischen katholischen Herrschaft abgewandt. Es gab Bilderstürme. Aber es gab dann auch die Gegenreformation. Dieser Konflikt bestand zwischen den südlichen und den nördlichen Niederlanden. Die nördlichen Niederlande waren protestantisch am Ende des 17. Jahrhunderts, die südlichen Niederlande waren noch katholisch. Es herrschten ganz bestimmte Bedingungen. In den protestantischen Gebieten im Norden waren religiöse Darstellungen verpönt. Die Maler mussten irgendwie einen anderen Weg finden, um religiöse Motive auf die Leinwand zu bringen. Während im Süden immer noch sehr stark diese christlichen Allegorien präsent waren. Auch das wird man in der Ausstellung sehen können.

Für diese Ausstellung haben Sie sich wahrscheinlich viel mit Theologie und Kunstgeschichte beschäftigt?
Beege: Mit Theologie nicht unbedingt, aber kunst- und kulturhistorisches Wissen spielte eine Rolle. Es war sehr viel Recherche nötig. Wir haben uns auch mit Kirchengeschichte beschäftigt, vor allem mit christlicher Ikonografie. Wir haben untersucht, wie sehr sich das Bild Christi verändert hat? Es gibt große Veränderungen. Nur als Beispiel: Im 3. Jahrhundert nach Christus war Jesus Christus noch ein blond gelockter Jüngling mit kurzen Haaren oder er wurde überhaupt nur symbolisch dargestellt, klassischerweise in Fischform oder als Lamm. Dieses Bild Christi hat sich über die Jahrhunderte massiv verändert. Das, was uns heute so vertraut ist am Bild Christi und den religiösen Motiven, entstand vorrangig im Mittelalter. Vorher gab es eine große Spannweite an Darstellungen: Christus als Herrscher, als Majestät, bis dann im Mittelalter diese Leidensfigur im Vordergrund stand, mit Bärtchen, längeren gelockten Haaren, hagere Gestalt. Uns fiel auch auf, dass gerade dieses Christusbild mit dem Bärtchen und den längeren lockigen Haaren mittlerweile in die Popkultur eingegangen ist.

Oft taucht die Frage auf, ob ein Künstler, der religiöse Motive darstellt, religiös sein muss. Was ist Ihre Erfahrung? Entspringt ein religiöses Bild einem religiösen Impetus?
Beege: Das ist in vielen Fällen heutzutage nicht mehr so. Oft wird die christliche Ikonografie benutzt, um sich mit den Grundsätzlichkeiten des Lebens auseinanderzusetzen. Einerseits auch mit Kirche. Andererseits aber eben geht es auch um eine gewisse Suche nach Spiritualität. Das wird im Laufe der Ausstellung immer deutlicher. Das rein Rationale kann den Menschen nicht befriedigen. Unabhängig davon, ob jemand Katholik oder Protestant ist oder einer anderen Religion angehört, dieses Bedürfnis nach einem spirituellen Zuhause ist immer vorhanden. Wir haben festgestellt, dieses Bedürfnis bildet den Kern der religiösen Malerei.

Auf der anderen Seite entsteht diese christliche Ikonografie auf der Grundlage eines gewissen kulturellen Fundus’, auf den sich Künstler berufen können. Sie malen ein Kreuz oder eine Christusfigur. Sie nehmen die christliche Vorstellung eines Gottes und eines Erlösers zu Hilfe, um etwas auszudrücken. Eben diese seelische Suche nach einer mentalen Heimat.

Sehr interessant …
Beege: Oh ja sehr. Es war spannend, einerseits, weil wir uns als Kuratoren mit der Tradition dieser Bildlichkeiten auseinandergesetzt haben, dabei auf Erzählungen, auf historische Entwicklungen gestoßen sind, die uns vorher nicht so vertraut waren. Andererseits, weil wir bei der Betrachtung zeitgenössischer Maler festgestellt haben, wie flexibel dieses Thema geworden ist, wie vielseitig verwendbar es ist.

Es gibt auch Fälle, in denen die Benutzung von religiösen Motiven zur Kritik an der Kirche dient. Wobei uns aufgefallen ist, dass die Kritik an der Kirche nicht gleichzusetzen ist mit Unglauben. Insofern war das schon hochinteressant.

Die intensive Beschäftigung mit einem bestimmten Thema führt einen manchmal zu neuen Erkenntnissen. Gibt es solch ein Aha-Erlebnis?
Beege: Das Aha-Erlebnis bestand darin zu sehen, wie massiv sich auch die zeitgenössischen Künstler an dieser christlichen Ikonografie orientieren. Wie sehr diese noch lebt. Also dass die Geschichte Christi von der Geburt über die Passion bis hin zu Himmelfahrt, die Menschen immer noch sehr berührt und auch die Skeptiker immer noch sehr berührt. Und dass viele zeitgenössische Künstler zu Beginn des 21. Jahrhunderts diese tradierte christliche Ikonografie nutzen, um ihre eigenen Aussagen damit zu transportieren. Das finden wir sehr spannend. Das hat uns am meisten beeindruckt.

Die Ausstellung »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen«
im Kunsthaus Apolda Avantgarde
ist vom 10. Januar bis 28. März 2016
dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr geöffnet.

www.kunsthausapolda.de

Aus dem Hause Wettin

4. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Thüringer Landesausstellung 2016: »Die Ernestiner – Eine Dynastie prägt Europa«

Über 400 Jahre regierten Ernestiner in bis zu zwölf Linien und Residenzen weite Teile des heutigen Thüringen und darüber hinaus. Diese einzigartige Entwicklung nimmt der Freistaat zum Anlass für seine nächste Landesausstellung. »Glaube + Heimat« stimmt mit einer sechsteiligen Serie auf die Ausstellung ein.

Auf dem hochgelegenen thüringischen Schloss Altenburg ereignete sich in der Nacht vom 7. zum 8. Juli 1455 etwas Ungeheuerliches. Der »Sächsische Bruderkrieg«, in dem auch Ritter Kunz von Kaufungen treu an der Seite des Kurfürsten gekämpft hatte, war bereits einige Jahre vorbei. Der Ritter allerdings hatte aus dieser Zeit dem Landesherrn gegenüber noch eine Rechnung offen. Dieser jedoch zahlte nicht, sondern vertröstete den Vasallen ein ums andere Mal. Da griff der sich betrogen fühlende Mann in besagter Nacht zum letzten Mittel. Der Zeitpunkt war trefflich gewählt: Der Hausherr war in Leipzig und die meisten seiner da gebliebenen Hofleute waren beim Feiern. Von einem unzufriedenen Mann aus der Hofküche ins Schloss eingelassen, entführte der Ritter die schlafenden Söhne des Kurfürsten, die Prinzen Ernst und Albrecht. Doch das Kidnapping flog auf, schon eine Woche später starb der Ritter unter dem Schwert des Henkers. Drei Jahrzehnte später sind die entführten Knaben von einst Regenten im Haus Wettin. Die Wettiner sind wohl das älteste Adelsgeschlecht in Deutschland, aus dem bis in die Neuzeit hohe Monarchen stammen, wie Königin Elisabeth II. von Großbritannien und Nordirland und König Philippe von Belgien. Sein Territorium erstreckt sich, grob umrissen, über jene Landesteile, die heute als Mitteldeutschland bezeichnet werden. Der Kurfürst Ernst, der ältere der beiden Wettiner-Brüder, setzt alsbald auf eine »Gebietsreform«. Eine aus zwölf Blättern bestehende, in Pergament gebundene Urkunde besiegelt diese »Leipziger Teilung von 1485«. Der Vertrag hält fest, welcher der beiden Brüder welchen Landstrich bekommt. Seitdem sprechen die Geschichtsschreiber von den Ernestinern, die zunächst in Wittenberg und später in Weimar residieren und von der albertinischen Linie der Wettiner mit der Residenz Dresden. Weitere Landesteilungen folgen. So entstand über die Jahrhunderte jener »bunte Fleckenteppich« von Landkarte, der als »Kleinstaaterei« ins Gerede kam. Tatsächlich existierten auf dem Gebiet, das in etwa mit dem heutigen Thüringen gleichzusetzen ist, mehr oder weniger lang bis zu zwölf ernestinische Nebenlinien samt Residenzen. Dass diese Ländchen politisch bedeutungslos waren, ist wahr. Ebenso wahr ist, dass der Wettbewerb der Höfe untereinander eine Vielfalt und Fülle geistigen, künstlerischen und architektonischen Reichtums hervorbrachte. Zu den Folgen der »Kleinstaaterei« gehört, was Touristen aus aller Welt begeistert, aber dem Land auch manches finanzielle Problem beschert: Schlösser und Parks, Kunstsammlungen, eine einzigartige Musik-, Kunst-, Literatur- und Theaterlandschaft.

Kürzlich heiratete ein Nachfahre der Wettiner aus der ernestinischen Linie in Weimar: Prinz Georg-Constantin von Sachsen-Weimar-Eisenach und seine Frau Olivia Rachelle Page. Foto: Maik Schuck

Kürzlich heiratete ein Nachfahre der Wettiner aus der ernestinischen Linie in Weimar: Prinz Georg-Constantin von Sachsen-Weimar-Eisenach und seine Frau Olivia Rachelle Page. Foto: Maik Schuck

Diesen Fundus nimmt der Freistaat Thüringen zum Anlass für seine nächste Landesausstellung im Jahr 2016. Unter dem Titel »Die Ernestiner. Eine Dynastie prägt Europa« werden die Ernestiner als das protestantische Fürstenhaus, das Thüringen zwischen Reformation und Revolution über Jahrhunderte prägte, präsentiert. Ausstellungsorte sind die beiden einstigen Residenzstädte Gotha und Weimar, in denen die Häuser Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Gotha-Altenburg und Sachsen-Coburg und Gotha ihren Haupt- und Regierungssitz hatten – mehr Authentizität geht nicht.

Wer aber waren die Ernestiner? Wann und wo regierte das über 400 Jahre existierende Adelsgeschlecht? Was schufen deren Angehörige Bleibendes, wie lebten ihre Untertanen? Drei außergewöhnlich handelnde Persönlichkeiten der Dynastie mögen in den kommenden Beiträgen dieser Serie fürs Ganze stehen: der in Gotha residierende, für sein Engagement in der Bildung europaweit berühmt gewordene Herzog Ernst I.(1601-1675); der in Weimar residierende Großherzog Carl Alexander (1818-1901), zu dessen überragenden Leistungen der Wiederaufbau der Wartburg gehörte, und der in Meiningen residierende Herzog Georg II. (1826-1914), der europäische Theatergeschichte schrieb. Außerdem beleuchten wir die berühmte Hochzeitspolitik der Ernestiner und schauen schließlich den Machern der Ausstellung über die Schulter. Soviel lässt sich jetzt schon sicher sagen: Die Ernestiner sind Geschichte. Die Geschichte der Ernestiner verspricht eine spannende Landesausstellung.

Heinz Stade

Der stille Revolutionär

23. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Karl Schmidt-Rottluff – einer der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts

In einer fulminanten Werkschau feiern die Chemnitzer Kunstsammlungen mit Karl Schmidt-Rottluff einen der bedeutendsten Künstler der klassischen Moderne in Deutschland.

Pamphlete und programmatische Schriften waren nicht sein Metier. Ebenso wenig das Herumtollen mit nackten halbwüchsigen Modellen an den Moritzburger Teichen oder der so manchen seiner expressionistischen Künstlerkollegen eigene Hang zur selbstzerstörerischen Existenz. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – schuf Karl Schmidt-Rottluff in seinem fast 92 Jahre währenden Leben ein Werk, das ihn nicht nur zum bedeutendsten Maler des deutschen Expressionismus, sondern zu einem der wichtigsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts überhaupt macht.

Geboren wurde Karl Schmidt am 1. Dezember 1884 in Rottluff bei Chemnitz. Nach Besuch des heute nach ihm benannten Gymnasiums der Indus­triestadt und erster künstlerischer Beschäftigung begann er 1905 in Dresden ein Studium der Architektur. Doch die Freundschaft zu Erich Heckel, die Begegnung mit Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl führten zum Richtungswechsel: Zur künftigen Suche nach einer neuen und unverfälschten Ausdrucksweise in der Malerei.

Dynamische und farbwuchtige Landschaften begleiteten zeitlebens das Schaffen von Karl Schmidt-Rottluff. Das Gemälde »Seehofallee« entstand 1956.Repro: VG Bild-Kunst/Kunstsammlungen Chemnitz

Dynamische und farbwuchtige Landschaften begleiteten zeitlebens das Schaffen von Karl Schmidt-Rottluff. Das Gemälde »Seehofallee« entstand 1956. Repro: VG Bild-Kunst/Kunstsammlungen Chemnitz

»Und als Jugend, die die Zukunft trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen, älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt«, heißt es im Aufruf der 1905 gegründeten Künstlergruppe »Brücke«. Deren Name geht auf Karl Schmidt zurück, welcher nunmehr seinem eigenen Namen auch den seines Geburtsortes hinzufügt. Während der Name der Künstlergruppe oft als Reminiszenz an das brückenreiche Dresden gedeutet wird, sieht der Weimarer Kunstwissenschaftler Christoph Stölzl darin eher einen Ausdruck Schmidt-Rottluffscher Eigenart: Revolutionärer Aufbruch, ohne alle Brücken hinter sich abzubrechen.

Rund 500 Werke aller Schaffensepochen umfasst die Chemnitzer Schau. Von den ersten Werken des Schülers, bis zum Alterswerk des Künstlers, der aus Gesundheitsgründen zuletzt nur noch Aquarellmalerei betrieb. Neben den farbenfrohen großen Landschaften der Jahre zwischen den beiden Weltkriegen und den reifen Gemälden der Nachkriegszeit ist es vor allem das umfangreiche und ausdrucksstarke grafische Werk, mit dem die Chemnitzer Schau überrascht. Besonders eindrücklich die ungemein kraftvollen Holzschnitte, etwa aus der 1918 entstandenen Mappe mit dem Titel »Ist euch nicht Kristus erschienen?«.

Wie jede aufrichtige künstlerische Existenz geriet auch Schmidt-Rottluff zwischen die Mahlsteine der politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. Seinen 1933 erzwungenen Austritt aus der Preußischen Akademie der Künste nahm er mit Würde an. Ohne jeglichen Versuch, sich etwa wie sein Malerkollege Emil Nolde noch jahrelang den Nationalsozialisten anzudienen. Seine Werke wurden aus den Museen verbannt, in der Schandausstellung »Entartete Kunst« gezeigt, er selbst ab 1941 mit absolutem Malverbot belegt.

Und auch der erhoffte Neuanfang in seiner Heimatstadt Chemnitz endete 1946 schnell in der Erkenntnis, dass seine Kunst für die neuen Machthaber zwar nicht »entartet«, wohl aber »zu wenig volksverbunden« und »formalistisch« sei. So führte ihn sein Weg als Lehrer an die (West-)Berliner Hochschule für bildende Künste.

Christoph Stölzl sinnierte in seiner Eröffnungsrede der Chemnitzer Schau am vergangenen Sonnabend über die »armen Kunsthistoriker«, die immer beschreiben müssten, »was man eigentlich sehen kann«. In diesem Sinne bleibt nur eine Empfehlung: Auf nach Chemnitz! Bis 10. April kommenden Jahres ist die Ausstellung geöffnet, zu der ein opulenter Begleitkatalog erschienen ist.

Harald Krille

Ausstellung: Karl Schmidt-Rottluff. 490 Werke in den Kunstsammlungen Chemnitz
Öffnungszeiten: dienstags, donnerstags bis sonntags und feiertags 11 bis 18 Uhr, mittwochs 11 bis 20 Uhr

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

Halleluja auf der Leinwand

2. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Filmrezension: »Wie auf Erden« zeigt die transformierende Kraft der Musik

Der Film »Wie auf Erden« erzählt eine Geschichte, in der es auch um Leben und Tod geht, mit großer Leidenschaft und aus einer Perspektive der Zuversicht.

Vor uns auf der Bühne steht Lena, eine energievolle Country-Sängerin. Um sie herum eine Dorfkapelle in einem proppenvollen Tanzsaal. Lena gibt ihr Bestes. Gerade in diesem Moment setzen bei der hochschwangeren Frau die Wehen ein. Was nun folgt ist Dramatik pur: Eine Autofahrt zur Klinik durch nächtlichen Schneesturm, eine Alkoholleiche am Wegesrand und eine erfolgreiche Hausgeburt mithilfe des Dorfpfarrers Stig, der reanimierten »Alkoholleiche«. Lena (Frida Hallgren), Mitte dreißig, ist nicht nur die Hauptperson des neuen Filmes von Kay Pollak, sondern zugleich das Bindeglied zu dessen erfolgreichem Musikfilm »Wie im Himmel«. Lange hat man den Regisseur zu dieser Fortsetzung gedrängt; jetzt – elf Jahre später – hat er es fast mit dem gleichen Personal getan. Und so setzt sich die Geschichte fort:

Aus Dankbarkeit für die Hebammendienste von Stig (Niklas Falk), willigt Lena ein, die Leitung des herrenlosen Dorfchores von Ljusåker zu übernehmen und mit ihm nichts Geringeres als Händels »Messias« einzustudieren. Durch ein fantastisches Jubiläumskonzert – live vom Fernsehen übertragen – wäre die Kirche endlich wieder einmal voll, so glaubt der Pfarrer, der kurz vor seiner Absetzung steht, was Lena verhindern möchte.

Filmszene: Lena (Frida Hallgren) dirigiert das festliche Jubiläumskonzert. Foto: PROKINO Filmverleih GmbH

Filmszene: Lena (Frida Hallgren) dirigiert das festliche Jubiläumskonzert. Foto: PROKINO Filmverleih GmbH

Obwohl ihr einige Skepsis und offene Feindschaft durch Bruno, einen Rivalen für das Händel-Dirigat, entgegenschlagen, gelingt es Lena mit ihrer fröhlichen Art, nach und nach die Gemeindeglieder von ihrer Idee zu überzeugen; das Kirchenleben soll mehr Freude und Überzeugung ausstrahlen. Also: Kirchenbänke raus, Tanzboden rein und ein Benefizkonzert der besonderen Art, durch das der Kreis ihrer Unterstützer wächst – allerdings auch der Gegner aus dem Gemeindekirchenrat. Aber nicht nur ihre alten Wegbegleiter und jede Menge neue Singbegeisterte stärken ihr den Rücken, auch Axel (Jakob Ofterbo) tritt in Lenas Leben und lässt sich nicht so leicht wieder vertreiben.

Kay Pollak und seine wunderbaren Schauspieler erzählen diese Geschichte, in der es auch um Leben und Tod geht, mit großer Leidenschaft und aus einer Perspektive der Zuversicht. Sie sind überzeugt, dass »es keinen besseren Weg gibt, Menschen zusammenzubringen, als sie gemeinsam singen und tanzen zu lassen«. Und so endet der Film, wie er begann: mit Musik. In einer ungewöhnlichen Version für sehr gemischten Chor und Band kommt es in der überfüllten Kirche zu einer mitreißenden Aufführung von Händels »Messias«. Das berühmte »Halleluja, Halleluja« bringt die Gemeinde zum Jubeln und lässt Stig, der inzwischen dem Alkohol entsagt hat, still und stolz lächeln.

Leider begnügen sich die Filmemacher nicht mit diesem Ende, sondern versuchen außerdem, die sich anbahnende Liebe zwischen Lena und Arne zu problematisieren und den Tod eines geistig behinderten Chormitglieds zu dramatisieren. Das streckt diesen ansonsten vergnüglichen Film, der vor wunderschöner Naturkulisse gedreht wurde, auf 130 Minuten Spieldauer. Schade, weniger wäre mehr gewesen. Musikfreunde sollte das nicht davon abhalten, sich von »Wie auf Erden« begeistern zu lassen. Dazu muss man den ersten Teil nicht gesehen haben.

Matthias Caffier

Kinostart: 3. Dezember 2015

Der Tod im Alltäglichen

24. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Präsentation: In Kassel gibt es ein einzigartiges Museum für Sepulkralkultur – Eindrücke eines Besuches

Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Museum für  Sepulkralkultur nachdenklich, nach unten blickend, verlassen wird. Denn die letzten Worte, die dem Besucher mitgegeben werden, ganz unten auf die Glastür gedruckt lauten: »Leben Sie wohl«.

Sepulkralkultur, das umfasst alle kulturellen Erscheinungen im Zusammenhang mit Sterben, Tod, Bestatten, Trauern und Erinnern. Alldem widmet sich das Kasseler Museum seit 1992. Auf der unteren Ebene ist die Geschichte von Friedhöfen und Grabmälern dargestellt. Dabei konzentriert sich die Ausstellung auf den mitteleuropäischen Raum zwischen Mittelalter und Gegenwart.

Der aktuelle Trend der Bestattungskultur bewegt sich zwischen zwei Extremen: Zum einen dominieren standardisierte und anonymisierte Formen der Bestattung, der Särge und Gräber. Zum anderen gibt es individuelle Möglichkeiten, wie See- oder Waldbestattungen, Friedhöfe von Fußballvereinen oder anderen Gruppen. Hier sind die Grabstätten ein Zeichen für Gemeinschaft und Identität über den Tod hinaus. Unweigerlich ist auch der Besucher diesem Konflikt ausgesetzt: Wie und wo will ich einmal meine letzte Ruhe finden?

Motive des Todes haben in alle Bereiche der Mode Einzug gehalten: Ob schick und stilvoll oder knallig bunt – ganz selbstverständlich ist der Totenkopf dabei. Fotos: Mirjam Petermann

Motive des Todes haben in alle Bereiche der Mode Einzug gehalten: Ob schick und stilvoll oder knallig bunt – ganz selbstverständlich ist der Totenkopf dabei. Foto: Mirjam Petermann

Die Ausstellungsobjekte im Gewölbe haben unterschiedliche Bezüge zu Sterben, Tod und Bestattung. Hier werden Dinge gezeigt, die eine wichtige Rolle in der Sterbestunde spielen: Sterbekreuze und Reliquien oder Produkte für die Leichenpflege, Särge, Urnen und Leichenwagen. Historische Volks- und Handwerkskunst trifft auf Produktdesign und zeitgenössische Kunst. Eine sehr klassische Schautafelausstellung über andere Religionen und ihre Bestattungsriten ergänzt die Dauerausstellung im Obergeschoss.

Das Thema des Museums ist kein leichtes. Es ist keine Ausstellung, die man sich einfach so als Tourist anschaut, weil es zu einem Besuch in der documenta-Stadt dazugehört. Anders als in der Gesellschaft, wo Tod und Sterben zumeist ausgelagert und an den Rand verlegt werden, befindet sich das Museum für Sepulkralkultur mitten im Leben: auf einer Anhöhe in einem Wohngebiet, mit Blick über Kassel. Kahle Bäume und dunkle Wolken bieten in diesen Tagen die passende Kulisse zum Besuch. Wie hoch muss der Kontrast sein, wenn die Bäume um das Haus voller Blätter sind, der Garten blüht und auf den Straßen Kinder lachend spielen?
Bunt, laut und schrill kommt die derzeitige Sonderausstellung des Museums daher – das sogenannte Sepulkralkaufhaus. Das Motto: »Buy now, die later!« – kaufe jetzt, stirb später.

An den Wänden prangen auf pinkfarbener Tapete silberne Totenköpfe, die bei näherem Hinsehen aus vielen kleinen Schmetterlingen bestehen. Der Tod im Alltäglichen wird hier gezeigt. Nicht erst in der Gegenwart haben Symbole für Tod und Vergänglichkeit, allen voran der Totenkopf und das Skelett, Einzug in die Modewelt gehalten. Es gibt nichts, was es nicht gibt: Alltagskleidung und Sportartikel, Fahrradhelme und Schmuck, T-Shirts mit Piratenflaggen, Pumps mit Rosen und Totenköpfen. Die Artikel liegen in den Regalen und Vitrinen, hängen auf Kleiderständern. Die imposantesten Stücke werden von Schaufensterpuppen, auch auf einem Laufsteg, präsentiert. Umkleidekabinen mit Sitzgelegenheiten für die wartenden Begleiter und eine an die Wand projizierte Rolltreppe lassen den typischen Museumsstil vergessen und suggerieren das Totenkaufhaus. In den Umkleidekabinen erhält »der Kunde« Einblick in die Geschichte der Mode um die Todesmotive. Totenköpfe auf der Uniform des 2. Preußischen Leib-Husaren-Regiments oder den Kragenspiegeln der Panzertruppen der Wehrmacht zeugen von einem Symbol, das schon immer auch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe definierte.

Wissend um die Schwere des Themas des Sepulkralmuseums, sind die Räume offen und hell gestaltet. Viele Glasfronten ermöglichen den Blick nach draußen. So entsteht zum einen eine Trennung zur Realität, aber mit der Aussicht auf die Stadt ist man doch auch mittendrin. Das Sterben ist Teil unseres Lebens und hier erhalten wir viele verschiedene Blickwinkel auf das Unausweichliche.

Mirjam Petermann

Das Museum für Sepulkralkultur, Weinbergstraße 25–27, 34117 Kassel, ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, mittwochs von 10 bis 20 Uhr geöffnet, montags geschlossen. Jeden Mittwoch findet um 18 Uhr eine öffentliche Führung statt. Die Sonderausstellung »Das Sepulkralkaufhaus – Buy now, die later!« kann noch bis zum 3. Januar 2016 besucht werden.

Eine chinesische Parabel

17. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Erzählung: »Der kluge Kaiser« von Werner A. Wolf mit einer Illustration von Maria Landgraf

Vorzeiten herrschte im alten China ein mächtiger Kaiser, der wollte, als er alt geworden war und sein Ende nahen fühlte, wissen, was den Menschen nach seinem Tod im Jenseits erwarte.

Er rief deshalb alle Gelehrten und Weisen seines riesigen Reiches in seinen Palast und befahl ihnen, bei allem Volk, ob arm oder reich, hoch oder nieder, klug oder dumm, nachzuforschen, ob einer von ihnen aus eigener Erfahrung über das Leben nach dem Tode etwas berichten könne. Bei dem riesigen Volk müsse es doch den einen oder anderen geben, der von drüben zurückgekehrt sei. Meinte der Kaiser.

Nach einem Jahr sollten sich die Versammelten zur gleichen Zeit im Palast erneut einfinden und vom Ergebnis ihrer Nachforschung berichten. Wer aber keinen Erfolg gehabt hatte und nichts zu sagen habe, der solle des Todes sterben, denn dann könne er am eigenen Leibe erfahren, wie es dort drüben zugehe.

Da erschraken die Gelehrten und Weisen sehr. Sie machten sich aber auf den Weg und schwärmten aus. Pünktlich nach einem Jahr traten sie erneut vor den Kaiser. Keiner hatte Erfolg gehabt, keiner konnte etwas berichten – und keiner wollte sterben!

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

Aber ein Jeder hatte sich eine Geschichte ausgedacht und zurechtgelegt. Einige berichteten, ein Zurückgekehrter habe drüben erfahren, dass der Mensch nach dem Tode in eine wunderbare überirdische lichte Welt eingehe, wo es weder Streit noch Neid gebe und ewiger Friede herrsche. Andere wieder wollten gehört haben, jeder Mensch werde nach seinem Ableben von allen seinen Angehörigen und Freunden freudig empfangen und in diese Gemeinschaft wie im irdischen Leben wieder aufgenommen. Eine dritte Gruppe meinte, jeder Verstorbene kehre nach einer Zeit der Läuterung und Meditation auf die Erde zurück. So gab es noch viele Meinungen, und bald brach zwischen den Gelehrten und Weisen ein lautes Gezänk und Geschrei darüber aus, wer wohl die Wahrheit gefunden habe, sie nannten sich gegenseitig Lügner und Betrüger und bald herrschte im Kaiserpalast ein wildes Chaos. Der alte Kaiser aber war des schrillen Gezeters bald überdrüssig und befahl, die ganze Gesellschaft in den Kerker zu werfen.

Da trat ein alter weißhaariger Mann vor und bat um Gehör. Der Kaiser hob seine Rechte und alles verstummte. Es war ganz still. »Herr,« sagte der Alte, »ich lebe schon viele Jahre auf dieser Erde, ich bin ein alter Mann und der Tod schreckt mich nicht. Mir ist es gleich, ob ihr mich richten lasst, wenn ich euch die Wahrheit sage. Alles, was ihr bisher gehört habt, dient den Erzählern nur dazu, ihr Leben zu retten, denn kein Irdischer wird jemals wissen, was uns Menschen nach unserem Tod bevorsteht. Und wer darüber berichtet, lügt. Hört diese Fabel: Auf dem Grund eines Teiches leben hässliche und bösartige Larven. Wenn ihre Zeit gekommen ist, steigt jede einzelne Larve aus dem Wasser, um niemals zurückzukehren. Jede Larve verspricht aber den Zurückbleibenden darüber zu berichten, was nach dem Verlassen des Teiches geschehen ist. Denn die Frösche hatten das Gerücht verbreitet, dass sich jede Larve auf der anderen Seite der Welt nach einer Zeit der Verpuppung in eine wunderschöne Libelle mit grazilem Leib und bunt schillernden Flügeln verwandeln wird. Aber keiner Libelle wird es je möglich sein, wieder auf den Grund des Teiches zurückzukehren, um den Zurückgebliebenen Kunde zu bringen. Und so wissen die Libellenlarven bis zum heutigen Tag ebenso wenig wie wir Menschen, was nach dem Übertritt in die andere Welt geschehen wird, denn der Tod ist das größte Geheimnis des Lebens.

Nach der Rede des alten Mannes war der Kaiser sehr nachdenklich geworden, er saß in sich gekehrt auf seinem goldenen Thron und bewegte die Parabel in seinem Herzen. Und weil er nicht nur ein gestrenger, sondern auch ein kluger Kaiser war, ließ er den Greis nicht richten, vielmehr lobte er ihn und machte ihn wegen seiner Weisheit zu einem seiner Ratgeber. Die scheinheilige Gesellschaft der Gelehrten und Weisen aber jagte er mit Schimpf und Schande aus seinem Palast.

Viel Fingerspitzengefühl

11. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Stuhlflechterei: Sehen, mit welchem Geschick blinde Handwerker in den Erfurter Werkstätten arbeiten

Das Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands (CJD) versteht sich als Chancengeber und Mutmacher. In den Erfurter Werkstätten arbeiten zwei blinde Handwerker in der Stuhlflechterei.

Niels Grobb ist glücklich: »Das ist ein cooler Faden, ein echt cooler Faden!« Der junge Mann, der so erfreut über den Stuhlflechtfaden aus Rattan jubelt, den ihm Korbmachermeister Hans-Günther Altenfelder sorgfältig ausgesucht hat, setzt zufrieden seine Arbeit fort. Das komplizierte Wiener Geflecht fordert seine volle Konzentration, denn er ist blind. Von Geburt an. Weil er vor 35 Jahren im Brutkasten zu viel Sauerstoff bekommen habe, erzählt er. Auch sein Gehör sei nicht gut, deshalb trage er ein Hörgerät.

Direkt neben ihm sitzt Maik Benschig, ebenfalls blind. »Ich war ein Frühchen«, erklärt er kurz und knapp den Grund. Der 36-Jährige und sein Nebenmann kennen sich schon fast drei Jahrzehnte. Beide besuchten als Kinder die Blindenschule in Chemnitz. Danach trennten sich ihre Wege.

Niels Grobb (Mitte) und Maik Benschig (re.) machen aus ramponierten Sitzgelegenheiten wieder echte Schmuckstücke. Korbmachermeister Hans-Günther Altenfelder (li.) ist zur Stelle, wenn er gebraucht wird. Fotos: Adrienne Uebbing

Niels Grobb (Mitte) und Maik Benschig (re.) machen aus ramponierten Sitzgelegenheiten wieder echte Schmuckstücke. Korbmachermeister Hans-Günther Altenfelder (li.) ist zur Stelle, wenn er gebraucht wird. Fotos: Adrienne Uebbing

Niels Grobb wusste damals nicht, welchen Beruf er erlernen sollte. Wäre es nach dem Wunsch seiner Eltern gegangen, hätte er eine Ausbildung als Bürokraft machen sollen. Aber den ganzen Tag am Computer – das sei ihm einfach zu langweilig gewesen. Beim Probearbeiten in Erfurt hat er dann das Korbflechten für sich entdeckt und es bot sich die Möglichkeit, eine entsprechende Ausbildung in der Landesblindenschule Hannover zu absolvieren – weit weg von zuhause. »Da hat mir ganz schön das Herz gebubbert, als ich die ersten Male allein mit der Bahn dorthin musste«, erzählt er. Aber der Einsatz hat sich gelohnt, er habe neben der Praxis auch viel theoretisches Wissen mit auf den Weg bekommen, erklärt der gelernte Korb- und Rahmenflechter stolz.

Auch Maik Benschig fand bei einem Praktikum in den Erfurter Werkstätten Gefallen an der Flechtkunst. Begonnen hat er zunächst mit Übungsrahmen. Immer wieder hat er das probiert, bis die Spannung stimmte und er das richtige Gefühl für die Muster hatte.

Die Handwerkskunst aus den Erfur­ter Werkstätten wird hoch geschätzt. Auch ohne Werbung ist die Auslastung dank Empfehlungen zufriedener Kunden hoch, so Hans-Günther Altenfelder. Zudem nutzen Restauratoren gerne den Sachverstand und das hohe handwerkliche Niveau der Erfurter Stuhlflechter.

Es ist beeindruckend, mit welchem Geschick die beiden die Rattanfäden verflechten – wobei sie sich nur auf ihren Tastsinn verlassen können. Und natürlich auf Hans-Günther Altenfelder, der sofort zur Stelle ist, wenn Hilfe gebraucht wird. Wie beim Einarbeiten eines neuen Fadens oder beim Ausrichten des Schergeflechtes. »Als ich hier begonnen habe, mit blinden Kollegen zu arbeiten, habe ich das Flechten erst einmal selbst mit geschlossenen Augen versucht. Ich zolle ihnen größten Respekt für das, was sie leisten!« Mit sicherem Gespür greifen die zwei nach dem benötigten Werkzeug. Als gestandene Handwerker haben sie es ordentlich sortiert neben sich platziert.

Natürlich sei die Arbeit nicht immer einfach, gibt Altenfelder unumwunden zu. Aber er ist sehr zufrieden. »Meine christliche Lebenseinstellung ist der Motor«, bringt er seine persönliche Motivation auf den Punkt. Maik Benschig, größter Fan des Korbmachermeisters, strahlt: »Und wir sind mit Herrn Altenfelder sehr zufrieden!« Momente wie dieser tun gut und lassen Altenfelders Tätigkeit als »Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung« zur Berufung werden.

Dass der blinde Kollege auch ganz besondere Talente als Sänger habe, verrät Hans-Günther Altenfelder noch:

»Maik hat eine sehr sehr schöne Stimme!« Und das sei das Besondere in den Erfurter Werkstätten. Denn nicht nur Arbeit steht auf dem Tagesplan, hinzu kommen auch viele arbeitsbegleitende Angebote, wie eben der Musikkreis. Die ganzheitliche Förderung gehört zum Konzept. Maik Benschig freut sich sehr darüber und hat mit seiner Gruppe unter anderem einen dritten Platz bei einem Musikwettbewerb der Stiftung Finneck vorzuweisen. Im Moment probt er mit seinen Mitstreitern für ein großes Musiktheaterprojekt.

Und Niels Grobb war vor einigen Jahren Deutscher Vizemeister beim Blindenschießen – so etwas gibt es: Anders als im »normalen« Schießsport besitzen die Gewehre einen Lichtsensor, der auf Helligkeit reagiert. Wenn sich der Lauf im hellen Zentrum der Zielscheibe befindet, wird ein akustisches Signal an den Schützen weitergeleitet; entfernt sich der Lauf von der Mitte, wird durch die dunklere Farbe ein anderer Ton erzeugt, der Schütze kann also gewissermaßen mit den Ohren »zielen«. Er habe diesen Sport wieder aufgegeben, weil er ihm wegen seines eingeschränkten Gehörs zu anstrengend geworden sei. Aber Spaß habe es ihm schon gemacht.

Echte Multitalente also, die in den Erfurter Werkstätten aktiv sind – und ganz beeindruckende Handwerker.

Adrienne Uebbing

Kontakt zur Stuhlflechterei: Telefon (03 61) 78 34-428 (Herr Altenfelder)

www.cjd-erfurt.de
www.cjd-erfurt-leichte-sprache.de

Die Bibel wird groß

3. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Ein Rundgang durch die neue Dauerausstellung im wiedereröffneten Eisenacher Lutherhaus

Nach zweijähriger Sanierung und Erweiterung wurde im September das Eisenacher Lutherhaus wiedereröffnet. In dem historischen Gebäude ist ein modernes Museum entstanden. Die neue Dauerausstellung trägt den Titel »Luther und die Bibel«.

Das Museum ist durch einen Glasanbau erweitert worden. Dieser führt in das historische Gebäude, in dem Martin Luther der Überlieferung nach während seiner Schulzeit von 1498 bis 1501 gewohnt haben soll. Das moderne Museum lädt auf drei Etagen zu einem Rundgang durch die Jahrhunderte ein, angefangen von der Reformationsgeschichte im 15. und 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Gemälde, kostbare Bibeln und Schriftstücke, mittelalterliche Schnitzplastiken und andere Exponate sowie Videos und Mediastationen präsentieren exemplarisch das Leben des großen Reformators und seine Wirkungsgeschichte bis heute.

Drei Stapel Bibeln zeigen, wie sich die Zahl von 150 Exemplaren im Jahr 1456 bis 1713 auf 10 000 Exemplare vergrößerte. Fotos: Sabine Kuschel

Drei Stapel Bibeln zeigen, wie sich die Zahl von 150 Exemplaren im Jahr 1456 bis 1713 auf 10 000 Exemplare vergrößerte. Fotos: Sabine Kuschel

Das Leben im ausgehenden Mittelalter war von inniger Frömmigkeit geprägt, obwohl nur wenige Christen Zugang zur Bibel hatten. Auch Luther hatte im Alter von 20 Jahren noch keine Bibel gesehen. Ausgestellt werden Exemplare der lateinischen Bibel, die Vulgata, zu Luthers Schulzeit die am häufigsten benutzte Bibel.

Brot und Wein

Nachdem Luther die Bibel entdeckt hatte, gewann er daraus wesentliche Einsichten und Glaubensgewissheit. Ihm wurde deutlich: Jesus Christus ist nicht der zornige Richter, der im Jüngsten Gericht über das Leben der Menschen entscheidet. Fortan sollten Heilige nicht mehr als Vermittler zwischen Mensch und Gott angerufen werden. Als Vorbilder im Glauben galten sie den Reformatoren weiterhin. Diesen Aspekt thematisiert die Ausstellung ebenso wie den Bildersturm und andere Auswirkungen der Reformation. Was sich durch sie änderte, dokumentiert beispielsweise die Gegenüberstellung eines großen und kleinen Abendmahlskelches, denn die Reformatoren forderten die Austeilung des Abendmahls unter »beiderlei Gestalt«. Brot und Wein wurden an die Gemeinde gereicht, wozu ein größerer Kelch erforderlich war. Im Mittelalter erhielt die Gemeinde das Abendmahl unter »einer Gestalt«, also nur Brot. Der kleine Kelch war für den Priester bestimmt.

Ein Bild – Luther mit dem Kurfürsten Johann Friedrich dem Großzügigen und mit Melanchthon – ist Indiz dafür, dass die Reformation nicht stattgefunden hätte ohne Unterstützung durch die weltliche Obrigkeit und die Zusammenarbeit mit vielen Reformatoren.

An einer Station wird der Besucher aufgefordert, das Übersetzen auszuprobieren. Ihm werden verschiedene Worte angeboten, mit denen ein Bibelvers so oder so interpretiert werden kann. Luthers Sendbrief vom Dolmetschen vermittelt einen Eindruck, wie mühselig und zeitaufwendig das Übersetzen ist. Der Sprecher dieses Schreibens schildert, wie lange die Übersetzer nach einem einzigen Wort suchen, ohne es zu finden: 14 Tage, drei bis vier Wochen Arbeit ohne Erfolg. Nach drei Tagen seien mitunter keine drei Zeilen übersetzt worden.

Luthers Vermächtnis

Luther war ein Mann des Wortes. Und er liebte die Musik, er spielte Laute, schrieb und komponierte Kirchenlieder. Sein Anliegen, die frohe Botschaft der Bibel durch eingängige Texte und Melodien zu verbreiten, schlägt sich in einer reichen evangelischen Musiktradition nieder. »Hier gibts was auf die Ohren« heißt es im »Musikzimmer«, einem Raum, in dem sich die Besucher in Nischen niederlassen und ausgewählte Werke der Kirchenmusik hören können.

Als Martin Luther 1546 starb, war das ein Schock. Doch sein Werk hat sich als dauerhaft erwiesen. Seine Bibelübersetzung beeinflusste Sprache, Musik und Literatur. Sie inspirierte Komponisten, Dichter, Philosophen und Theologen, Gläubige und Nichtgläubige zu eigenen Werken.

Der Weg in die Welt

Dass nicht nur Christen, sondern auch Atheisten wie Friedrich Nietzsche von Luthers Sprache geprägt sind, beleuchtet die Schau. Sie stellt sogar einen Bezug zu Walter Ulbricht her. Seine zehn »Grundsätze der sozialistischen Moral« sollten die Zehn Gebote verdrängen. Und atheistische Bräuche wie die Jugendweihe imitierten christliche Traditionen wie die Konfirmation.

Bekanntlich verfasste Luther Schriften, in denen wüste Ausfälle gegen das Judentum vorkommen. Dieses beschämende Kapitel integriert die Ausstellung mit dem antisemitischen »Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben«. Das Institut sollte aus der Lutherbibel sowie den Gesangbüchern »alles Jüdische« tilgen.

Schließlich präsentiert die Ausstellung, wie Luthers Bibel den Weg in die Welt fand. 1456 gab es lediglich 150 Exemplare der Gutenberg-Bibel. Das änderte sich 1710 als Carl Hildebrandt von Canstein mit August Hermann Francke in Halle eine Bibelanstalt gründete. Zwei Stapel Bibeln zeigen: 1534 existierten nur 5 000 Exemplare der Lutherbibel, 1713 in der Cansteinschen Bibelanstalt hatte sich diese Zahl auf 10 000 verdoppelt.

An Multimedia-Stationen erzählen Menschen, wie sie zur Bibel stehen. Der ehemalige Thüringer Landesbischof Christoph Kähler stellt die von ihm geleitete Überarbeitung der Luther-Bibel vor. Der Text soll 2016 als Buch vorliegen und zum 500. Reformationsjubiläum für die evangelischen Kirchen verbindlich werden.

Viele Exponate stehen jeweils für bestimmten Abschnitte und Aspekte im Leben Luthers beziehungsweise der Reformationsgeschichte. Um den zeitgeschichtlichen Bezug zu sehen, ist es unerlässlich, die Begleittexte zu lesen. Wer sich dafür Zeit nimmt, erhält eine spannende Lektion in Reformationsgeschichte. Moderne museumspädagogische Elemente erleichtern die Beschäftigung mit zum Teil religionsgeschichtlich komplexen Zusammenhängen. Die Ausstellung vermittelt ein differenziertes Bild von den Geschehnissen zur Zeit Luthers und sie hinterlässt einen tiefgründigen Eindruck von der grandiosen Wirkung der Bibel über die Zeiten hinweg bis heute.

Sabine Kuschel

Das Lutherhaus ist von April bis Oktober Mo. bis So. 10 bis 17 Uhr, von November bis März Di. bis So. 10 bis 17 Uhr geöffnet, montags geschlossen

Weil wir alle dazu fähig sind

28. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Gut und Böse: Zwei Mächte, die eine erstrebenswert, die andere würden wir gern aus der Welt schaffen

Faszination geht von beidem aus. Das Gute ist faszinierend, aber auch vom Bösen geht eine Anziehungskraft aus. Und überwältigt werden kann der Mensch vom Bösen wie vom Guten. Wo kommt das Böse her und wie ist es zu besiegen? Um diese Fragen geht es auf der einen Seite. Auf der anderen um die Frage nach dem Guten, das getan werden will, und um die Sehnsucht, dem Guten so nahe wie möglich zu kommen, mit ihm eins zu werden.

Gut

Ulrike Greim, Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Ulrike Greim, Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Eigentlich ist es schnell gesagt, meint Siggi: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. So einfach. Siggi ist ein Mann der Tat. Von ihm kommt kein Gelaber, er packt an. Er baut die Betten auf für die Geflüchteten, besorgt an einem Abend Handtücher und Zahnbürsten, organisiert Sachen aus der Kleiderkammer, wenn er weiß, dass in wenigen Stunden 134 Syrer kommen. Auf dem Sofa sitzen und lamentieren ist seine Sache nicht. Das Böse ist das Gute, das wir unterlassen.

Aber ganz so schnell gesagt kann es dann doch nicht sein. Er holt tief Luft und lehnt sich zurück. »Das Gute ist weit mehr als das, was ich mit meiner Hände Arbeit herstellen kann. Was ich erfassen kann mit meinem Hirn. Deswegen gehe ich sonntags in die Kirche«, sagt er, »deswegen bin ich Lektor geworden«. Er schaut aus dem Fenster. Manchmal, in den auserwählten Momenten, kann er es fühlen: Das Gute ist eine überwältigende Macht. Und viel faszinierender als das Böse. Beim Singen fällt ihm das auf. Und zu Weihnachten, auch wenn er das nie zugeben würde. Und als er zum ersten Mal seinen Enkel im Arm hatte. Da schossen ihm die Tränen. Das Gute ist universell. Es ist allumfassend. Die Energie aus der alles kommt, was ist.

Und er will zu den Guten gehören. Und zu DEM Guten. Dem einen. Dem Wahren und Vollkommenen. Er will für ihn einstehen und notfalls lauthals streiten, er will dazugehören, wie der Fan in der Südkurve. Mit Leib und Leben. Will eins sein mit diesem Großen und Ganzen, wie das Kind im Bauch der Mutter. Das ist die tief in ihm sitzende Sehnsucht. Sein Ziel.

Der Gute erwartet ihn.

Böse

Felix Leibrock, Krimiautor, Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerks München

Felix Leibrock, Krimiautor, Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerks München

Es gibt nicht den bösen Menschen. Es gibt das Böse im Menschen. Das Böse fasziniert. Das Wort zum Sonntag: Eine Million Zuschauer! Der Mord am Sonntag (Tatort): Zehn Millionen!

Das Böse fasziniert, weil wir alle dazu fähig sind. Die Bibel kennt uns. Sie beginnt, wenn sie vom Menschen berichtet, mit lauter Bösem: Lüge (Paradies), Mord (Kain), Habgier (Babel).

Das Böse ist nicht angeboren. Freuds These vom Aggressionstrieb, geschuldet der Erfahrung des Ersten Weltkriegs, gilt wissenschaftlich als überholt. Wir sind keine Aggressionsbündel, die sich durch Gewalt entladen. Für jede Form von Gewalt, von Bösesein gibt es eine Ursache. Die Hexe im Häuschen hat etwas Böses. Ursache: Einsamkeit. Aber Hänsel und Gretel sind auch nicht besser: Die alte Frau in den Ofen schieben und beklauen. Ursache: Rache, Habgier. Gehts noch?

Die Kirche muss sich nicht mit dem Guten beschäftigen. Wo das geschieht, kann die Kirche ein Wittenbergisch Bier trinken. Das Reich Gottes geht weiter.

Die Kirche muss sich mit dem Bösen beschäftigen! Krimis lesen zum Beispiel. Und fragen: Woher kommt das Böse? Kann es sein, dass die Kirche das Böse oft verdrängt? Sich zu schnell in Utopien von heiler Welt flüchtet? Vom Reich Gottes spricht, und das Böse mit seinen schlimmen Folgen anderen überlässt? Der Politik? Sich selbst? Nur den Zeigefinger erhebt?

Der IS fördert das Böse im Menschen. Folter, Hinrichtungen, Vergewaltigungen. Kinder, Frauen erleben die Hölle. Und was sagt die Kirche?

Pazifismus als Hängematte, das geht gar nicht. Dem Rad in die Speichen fallen. Wie kann das heute aussehen? Ohne Gewalt?

Pfarrer Abraham

21. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Christoph Kuhn mit einer Illustration von Maria Landgraf

Kurz vor unserem Auftritt saß ich in der Kirchenbank, hatte die Perücke schon auf, schraubte das Mundstück ans Saxophon, als eine Frau auf mich zukam, mit ausgestrecktem Arm. Herr Pfarrer Abraham!«, rief sie laut. – Ich hatte das Saxophonblatt zwischen den Lippen, um es feucht zu halten, und konnte nur »Guten Tag« nuscheln. Eine Hand löste ich vom Instrument und reichte sie ihr. Sie drückte sie mit beiden Händen fest und lange. Lieber Herr Pfarrer Abraham, wie schön, Sie wiederzusehen nach so langer, langer Zeit!« – Die Frau strahlte mich an. Sie trug einen langen grünen Rock und einen langen grauen Zopf, und an ihrer olivfarbenen Strickjacke Sticker mit rot durchgestrichenen Hakenkreuzen und Atommailern.

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

Sie ist eine typische Kirchentagsbesucherin, dachte ich wohlwollend, eine, die – wie auch ich – schon auf zahlreichen Kirchentagen unterwegs gewesen ist, eine, für die Kirchentage Höhepunkte im Leben sind.

Neben ihr stand eine jüngere Frau mit knallroten raspelkurzen Haaren, die mich auch innig anblickte. Vom Altarplatz her rief mich Jan zum Soundcheck. Ich warf den Frauen noch über die Schulter einen entschuldigenden Blick zu und eilte nach vorn.

Wir hatten uns nur wenig vorbereiten können, waren aber in bester Spiel­laune und kriegten viel Beifall. Karl am Schlagzeug, Jan am Bass und ich mit Sax – wir sind keine Profis, und wir haben alle drei denselben Tick, nur in Verkleidung vor Publikum auftreten zu können: Jan in einer alten Armeeuniform, Karl genügt eine Clownsnase, ich trage eine Langhaarperücke.

In der ersten Reihe saßen die beiden Damen, die ältere klatschte besonders frenetisch.

Unser Repertoire ist bescheiden, aber wir sind unübertroffen im Arrangieren, Improvisieren und Variieren. So überlassen wir uns regelmäßig gegenseitig die Soli, singen abwechselnd und in allen möglichen Kombinationen mehrstimmig, auch a cappella.

Jan und Karl mussten nach dem Konzert eilig zur nächsten Mucke in einer anderen Band ans andere Ende der Stadt. Ich wollte noch etwas von der Nacht der Möglichkeiten erleben, setzte mich aber erst einmal vor ein Café ins Freie, gleich neben der Kirche. Ich bestellte einen Latte macchiato und beobachtete die Leute. Backstage hatte ich mich sofort der Perücke entledigt und genoss es nun, wie mir der frische Wind über die Glatze wehte.

Die beiden Damen traten aus der Kirche. – Dass der Pfarrer Abraham so toll Saxophon spielt, hätte ich nie im Leben gedacht!« sagte die ältere. »Litt er nicht ständig darunter, unmusikalisch zu sein?«

Sie nahmen am Nachbartisch Platz. »Ich kann mich auch nicht erinnern, dass sein Haar so voll ist«, fuhr die Frau fort. Und ihre Begleiterin antwortete: »Mich darfst du das alles nicht fragen, ich habe diesen Pfarrer Abraham nie gesehen, kenne ihn nur von deinen Erzählungen.« – »Ach so«, sagte die ältere etwas verdrießlich und fügte nachdenklich hinzu: »Vielleicht sollte er sie sich nicht zu lang wachsen lassen. Was meinst du? – Schade nur, dass er keine Zeit hatte und nach dem Konzert so schnell weg war …«

Sie blickten gelegentlich gleichmütig desinteressiert in meine Richtung, ohne stutzig zu werden, und ich sah keine Veranlassung, mich an sie zu wenden und die ältere Dame auf ihren Irrtum hinzuweisen.

»Vielleicht heilt Gott mich still und leise«

14. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Rezension: Samuel Koch vermittelt in seinem Buch »Rolle vorwärts« einen Blick in die Höhen und Tiefen seines Alltags

Ein Buch, das Mut zur Dankbarkeit macht und mit einer gewissen Portion Humor bedrückenden Momenten ihre Schwere nimmt. In »Rolle vorwärts« wagt Samuel Koch fast ohne jegliches Schamgefühl einen ehrlichen Blick auf sich selbst.

Ich glaube, dass ich der denkbar ungeeignetste Kandidat für eine Querschnittslähmung bin«, schreibt Samuel Koch in seinem neuen Buch »Rolle vorwärts«. Den Humor hat er sich trotz seines schweren Unfalls in der Fernsehshow »Wetten, dass …?« und der Lähmung bewahrt. Dieser Humor zieht sich durch das ganze Buch und verhilft dazu, dass trotz des ernsten Themas an der einen oder anderen Stelle auch mal herzlich gelacht werden darf. Zum Beispiel, wenn Koch beschreibt, wie Überfürsorge und unvorsichtige Umarmungen dazu führen, dass sein Rollstuhl sich selbständig macht und die rasante Fahrt nur von einem parkenden Auto aufgehalten werden kann. Auch, wenn er sich als »Wirtschaftsfaktor« beschreibt, weil er Jobs für mehrere Pfleger und Assistenten schafft, ist ein Schmunzeln des Lesers unvermeidlich. Unter anderem der Humor und die positive Lebenseinstellung scheinen dafür zu sorgen, dass Koch mit seiner Situation
fertig wird.

Samuel Koch: »Ich möchte nicht aufhören, daran zu glauben, dass ich eines Tages gesund sein kann«. Foto: picture-alliance/Jürgen Tap

Samuel Koch: »Ich möchte nicht aufhören, daran zu glauben, dass ich eines Tages gesund sein kann«. Foto: picture-alliance/Jürgen Tap

Die trockene Schilderung obskurer Details wiederum sorgt im ersten Moment noch für Erheiterung, im nächsten macht sich beim Leser aber Betroffenheit breit. Zum Beispiel als es heißt: »Wenn ich draußen in der Sonne sitze, kommt es vor, dass eine Spinne zwischen meinen Knöcheln ein Netz zu weben beginnt. Das ist schon demütigend.«

Thematisch befasst sich Koch mit Ähnlichem wie in seinem ersten Buch »Zwei Leben«. Mit dem Unterschied, dass »Rolle vorwärts« nur sein Leben nach dem Unfall bei »Wetten, dass …« behandelt. Der 27-Jährige schildert seinen Alltag, schreibt detailverliebt von Herausforderungen, die alltägliche Situationen mit sich bringen und berichtet von Momenten, in denen er überraschend Erfolge feiern konnte.

Einer davon ist wohl unbestritten der Abschluss seines Schauspielstudiums an der Hochschule Hannover, das er trotz seiner körperlichen Einschränkung mit unermüdlicher Hilfe von Freunden und Dozenten zu Ende bringen konnte. Improvisationstalent, Kreativität und der Mut, unkonventionelle Wege zu gehen, treten auf diesen Seiten besonders zu Tage. Koch gibt nicht einfach auf, wenn etwas nicht machbar scheint. Er versucht es auf anderem Weg. So meisterte er zum Beispiel auch eine Safari in Afrika – eigentlich unvorstellbar für einen vom Hals abwärts Gelähmten.

Dass er das alles aber nicht aus eigener Kraft schafft, wird ebenfalls deutlich. Neben seinen Freunden und seiner Familie, die ihm ein normales Leben zu ermöglichen versuchen, ist es vor allem sein Glaube, der ihn davon abhält, aufzugeben. Leider kommt dieser Aspekt, der Kochs ganzes Lebensgerüst zu tragen scheint, erst gegen Ende des Buches heraus. Auf den ersten Seiten steigt er mit dem Thema »Kraftquellen« ein, scheint sich aber davor zu drücken, deutlich auszusprechen, was ihm der Glaube wirklich bedeutet. Man ahnt, dass sich hinter Begriffen wie »Erfinder des Rückenmarks« Gott verbirgt und dass er das ewige Leben meint, wenn er sagt: »Das jetzige Leben ist nicht alles.«

Koch nennt Freunde und eine positive Grundeinstellung als »Kraftquelle« und sagt, es komme darauf an, »im Augenblick zu leben«. Die Art und Weise, in der er zu Beginn des Buches beschreibt wie er sein Leben zu meistern schafft, wirkt etwas belehrend. Zwar sagt er, er habe nicht alles im Griff, beim Leser entsteht jedoch der Eindruck, dass er eigentlich gern als Vorbild herangezogen wird. Dazu kommen Einschübe von Freunden und Schauspielkollegen, in deren Statements dieser Eindruck noch verstärkt wird. Die oftmals lobenden Worte scheinen eher in einen Nachruf zu passen, statt in eine Autobiografie.

Nach einer Aufwärmphase wandelt sich mit Kochs Schreibstil dann aber das Empfinden des Lesers. Zunehmend entsteht der Eindruck, einen Blick in seine Seele zu erhaschen. Je weiter man liest, desto aufrichtiger, ehrlicher und sympathischer wirkt der Autor. Die Details aus seinem Alltag und seine Gedanken, die er mit dem Leser teilt, lassen erahnen, wie es tatsächlich sein muss, Tag für Tag an einen Rollstuhl gefesselt zu sein und nicht einmal selbständig essen zu können. Koch nimmt kein Blatt vor den Mund und hat keine Scham, seine Grenzen, Momente des Versagens und die körperlich unangenehmen Dinge zu schildern.

Ernst wird es, wenn er sich Gedanken über das Thema Sterbehilfe und den Wert des Lebens macht. In diesen Momenten schildert er dann auch ganz offen seine persönliche Überzeugung, die auf den christlichen Glauben gegründet ist. Sein Leben nimmt Koch als »von Gott geschenkt« an, seinen Wert misst er nicht an seinen körperlichen Fähigkeiten. Bei der Vorstellung seines Buches in Darmstadt bezeichnete er seinen Glauben als »lebenserhaltende Maßnahme«. Schade, dass er sich im ersten Kapitel damit eher zurückhält.

Der tief in Koch verankerte Wunsch, trotz allem gesund zu sein oder zumindest ein oder zwei Muskeln mehr bewegen zu können, kommt immer wieder zum Ausdruck und treibt dem Leser an der einen oder anderen Stelle die Tränen in die Augen. »Ich möchte nicht aufhören, daran zu glauben, dass ich eines Tages gesund sein kann«, schreibt er. Und am Ende heißt es: »Vielleicht heilt Gott mich still und leise in der Nacht, wenn es keiner bemerkt. Und am nächsten Morgen rolle ich mich langsam zur Seite, richte meinen Oberkörper auf, schwenke die Beine über die Bettkante und stehe auf. Und Gott und ich lächeln uns verschmitzt an.« Es ist ein Buch, das »verstört, berührt und bewegt«, wie der Schauspieler Til Schweiger im Vorwort schreibt. Es öffnet die Augen für den Wert des Lebens und macht Mut zur Dankbarkeit.

Swanhild Zacharias

(Christliches Medienmagazin pro)

Koch, Samuel: »Rolle vorwärts«. Das Leben geht weiter als man denkt, adeo, ISBN 978-3-86334-071-1, 17,99 Euro,

Glaube braucht Heimat

1. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Thema: Glaube und Heimat – Reflexionen über eine denkwürdige und facettenreiche Beziehung


Die ARD widmet sich vom 4. bis 10. Oktober dem Thema »Heimat«. Unsere mitteldeutsche Kirchenzeitung trägt in ihrem Titel neben dem Begriff »Heimat« den des Glaubens. Über das Verhältnis von Glaube und Heimat geht es in diesem Beitrag.

Von Siegfried T. Kasparick

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder, ich gratuliere herzlich zum 90. Geburtstag von „Glaube + Heimat“. Aus vielen kleinen Zeitungen, mehrfach unter dem Namen „Heimatglocke“ war 1924 Glaube und Heimat, das Thüringer Monatsblatt für das evangelische Haus geworden. Und dann lebte diese Kirchenzeitung zwischen mehr oder weniger sorglosen Zeiten und Papier- und Geldmangel, zwischen kritischer Information und Huldigung der jeweiligen Heimat, zwischen großer Leserschaft und zeitweiliger Schließung. Inzwischen sind es nach einer wechselvollen Geschichte nun zwei Zeitungen unter einem Dach oder in einem Mante – “Die Kirche” und “Glaube + Heimat”.

Also noch einmal:

Herzliche Glückwünsche zum Neunzigsten!

Der Autor, Propst Siegfried T. Kasparick, Beauftragter der Landesbischöfin für Reformation und Ökumene hielt den Festvortrag anlässlich des 90. Jubiläums von »Glaube + Heimat« 2014. – Foto: Maik Schuck

Der Autor, Propst Siegfried T. Kasparick, Beauftragter der Landesbischöfin für Reformation und Ökumene hielt den Festvortrag anlässlich des 90. Jubiläums von »Glaube + Heimat« 2014. – Foto: Maik Schuck

Wer neunzig geworden ist, der hat viele Erfahrungen gemacht, sagt man, der kann viel erzählen. Dass 90-Jährige viel erzählen, das ist ja oft so, aber ob sie wirklich viele Erfahrungen gemacht haben, das ist damit noch nicht erwiesen. Denn Erfahrungen hängen ab von den Kategorien, unter denen ich die Wirklichkeit erfasse.

Kant hat gesagt: „Erfahrung als empirische Erkenntnis der Gegenstände ist nur möglich, wenn gegebene Vorstellungen durch Kategorien auf ein Objekt bezogen werden können. Allein durch die Kategorien ist Erfahrung möglich.“ Man kann auch sagen: Man sieht nur, was man weiß, und man weiß nur, was man glaubt.

Das heißt, ich brauche Instrumente, um die Wirklichkeit wahrzunehmen. Ich brauche Kategorien, um die Wirklichkeit zu verstehen. Das gilt für jeden Menschen.

Das gilt umso mehr für eine Zeitung, die ja zu Aufgabe hat, „Jüngstes Gegenwartsgeschehen in kürzester regelmäßiger Folge der breitesten Öffentlichkeit zu vermitteln“ – so heißt es in einer Zeitungslehre. Vermittlung aber braucht Deutung. Das galt schon zu Zeiten, als Zeitung einfach Nachricht bedeutete. Wenn Sie so wollen, war das Evangelium immer eine gute Zeitung.

Wie in so einer Zeitung Deutung und Situation aufeinander bezogen werden können, sehen wir in einem Text von Hans Sachs aus dem Jahr 1546. Die Evangelischen hatten den Schmalkaldischen Krieg gegen die Kaiserlichen verloren. Bayern, die Pfalz und ein Teil von Sachsen hatten sich mit dem Kaiser verbündet. Die Evangelischen sind bestürzt: Die Reformation ist in Gefahr. Christus ist verraten worden. Darüber schreibt Hans Sachs „Wünderlicher dialogus und neue Zeitung“ Und was war die neue Zeitung?

Der Herrgott hat vor, wegen der unhaltbaren Zustände in Deutschland nach Ägypten zu fliehen, wie damals die Heilige Familie. Information und Deutung, darum ging es schon damals. Wichtig sind die Kategorien, unter denen die Texte und Bilder der Zeitung entstehen, sind die Kategorien, mit denen das Geschehen gedeutet wird.

Nun hat die Zeitung, die wir heute feiern, sich einen programmatischen Namen gegeben, der gleich zwei Kategorien enthält: Glaube und Heimat. Diese beiden Kategorien oder Leitlinien für das Selbstverständnis der Jubilarin haben mich gereizt, an dem heutigen Festtag einmal dem Verhältnis von Glaube und Heimat nachzugehen.

Glaube und Heimat, eine denkwürdige Beziehung

Zunächst:

1. Glaube und Heimat – eine vielfältige Geschichte

Meine Damen und Herren, der 90. Geburtstag fällt in ein Jahr vielfältiger Erinnerungen. Vielfältige Erinnerungen gehören nun mal zu so einem Geburtstag. Und immer wieder klingen bei den Erinnerungen dieses

Jahres die Themen Glaube und Heimat auf:

Die Zeitung “Glaube und Heimat” wurde in einer Zeit der Kriegserinnerung gegründet. 10 Jahre vorher hatte der schreckliche erste Weltkrieg begonnen. Alle hatten damals ihre Heimat beschworen, Deutschland und Österreich–Ungarn, das Osmanische Reich und Bulgarien auf der einen Seite. Frankreich, Großbritannien, Serbien Russland, Japan, die USA auf der anderen Seite. Und keiner verstand sich als Angreifer, alle wollten nur die Heimat verteidigen, und dem wurde alles untergeordnet. Auch die Kunst – es waren nur wenige wie die Frauen Käthe Kollwitz und die erste Friedensnobelpreisträgerin Berta von Suttner, die sich von Anfang an gegen diesen Krieg wandten. Berta von Suttner sprach angesichts erster Militärflugzeuge vehement gegen die Einbeziehung des Himmels in den Krieg. Es lohnt sich, bei der Debatte um die Drohnen an sie zu erinnern. Selbst Ernst Barlach hatte noch sehr angriffslustige Zeichnungen angefertigt.

Und der Glaube wurde vereinnahmt – von allen Seiten. In Deutschland landete ein Ausschnitt aus der berühmten Rede Bismarcks vom Februar 1888 auf den Feldpostkarten: „Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt“. Vergessen war, dass Bismarck vorher gesagt hatte, dass das deutsche Reich es vermeiden müsse, in gefährliche Koalitionen und Konflikte verwickelt zu werden. Und im Anschluss sagte er: „Die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen lässt.“ Bismarck hatte offensichtlich noch ein wenig mehr von der Zuordnung von Glauben und Heimat verstanden als die, die nach ihm kamen. Im ersten Weltkrieg aber konnten oder wollten sich die Gegner dem inneren, propagandistischen und dann äußeren Kampf nicht entziehen. Geschützt sollte die Heimat sein und rein von Fremden und Fremdem. Und so starben nicht nur die Soldaten, sondern viele Zivilisten wurden zu Opfern. Im nächsten Jahr erinnern wir an den Musa Dagh und den Völkermord an den Armeniern. Über eine Million Armenier wurden im Aghet, in der Katastrophe, wie sie es nennen, vertrieben und getötet.

Und am Ende des furchtbaren Weltkrieges war niemand einfach Sieger. Für viele ging die Heimat verloren und der Glaube an die Zukunft. Über 17 Millionen Menschen hatten ihr Leben verloren.

Und dann kam der Zweite Weltkrieg. Wir erinnern an den Beginn vor 75 Jahren. Erst kam der Überfall auf Polen, später wurde die Sowjetunion angegriffen. In der Folge verloren die Wolgadeutschen ihre Heimat, weil sie als Kollaborateure galten. Genau wie die Kalmücken und die Krimtataren und viele mehr. Die Wolgadeutschen wurden nach Sibirien und Kasachstan verschleppt. Viele kamen auf den Wegen dahin und in den Arbeitslagern ums Leben. Als sie in Stalingrad auf die Wolga-Schiffe verladen wurden, sangen sie: „Jesu geh voran auf der Lebensbahn.“ Die Heimat war verloren, der Glaube war ihnen geblieben. Ich habe bewegende Berichte von Menschen gehört, die alles daran gesetzt haben, auf den Transporten, in den Lagern, unter schwierigsten Umständen die Familienbibel zu bewahren. Es war ihr größter Schatz. Der Glaube war zur Heimat geworden. Und diese Heimat nahmen sie mit.

Vor 80 Jahren dann, die Zeitung “Glaube und Heimat” war gerade 10 Jahre alt, sagte Dietrich Bonhoeffer bei einer Andacht während einer ökumenischen Konferenz im dänischen Fanö: „Wie wird Friede? Wer ruft zum Frieden, dass die Welt es hört, zu hören gezwungen ist? Nur das eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, dass die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muss.“ Bonhoeffer hatte die Hoffnung, dass der gemeinsame weltweite Glaube so stark sein könnte, dass eben nicht mehr Nation gegen Nation, Heimat gegen Heimat stehen müssen.

Diese Idee wurde 1983 bei der Vollversammlung des ökumenischen Rates in Vancouver wieder aufgenommen. Die DDR Delegation hatte zu einem Friedenskonzil aufgerufen. Der konziliare Prozess für Frieden Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung wurde geboren und gewann mit den ökumenischen Versammlungen in Dresden, Magdeburg und wieder Dresden eine große Dynamik und veränderte unsere Heimat. „Eine Hoffnung lernt gehen“ war das Motto des Aufrufes an die Gemeinden. So lernten die Menschen mit aufrechtem Gang gehen, mit Kerzen in den Händen, mit Hoffnung, dass es gut werde mit der Heimat. Dass dann für viele so viel Heimat verloren ging, war nicht abzusehen. Es sind lange Gespräche notwendig, nach wie vor: Was war Heimat in der DDR? Was war eher ungeliebtes zu Hause? Und welche Rolle spielte der Glaube?

Wo war er Heimat? Wo war er gerade kritisches Gegenüber zur erlebten Heimat.

Ich selbst bin mit zwei Sprüchen meiner Eltern aufgewachsen: „Wer glaubt, flieht nicht.“ Und: „Blühe, wo du gesät bist.“ Doch das war für viele nicht so einfach. Für die einen war der Glaube so wichtig, dass sie blieben. Heimat war ja auch Aufgabe und Verantwortung. Für andere war die Heimat, die Familie, das vertraute Leben so stark, dass sie sich, soweit es für sie nötig war, anpassten, um die Heimat nicht verlassen zu müssen. Andere wiederum fanden die Heimat unerträglich und gingen fort. Manche konnten sich gut vorstellen, mit ihrem Glauben woanders Heimat zu finden, ohne sich ständig verbiegen zu müssen, und andere wiederum wurden gar nicht gefragt, sondern inhaftiert und abgeschoben.

Vielen Christen, die blieben, half der Glaube, den überall geltenden Regeln der Anpassung, des Achsenzuckens, der Maulkörbe zu widerstehen. Der Glaube half, den begrenzten Horizont der kleinen DDR zu durchbrechen.

Erinnern sie sich noch? Wenn dieser weitere Horizont des Glaubens den Mächtigen zu weit ging, dann konnten sie schon mal ganze Zeitungen „verbieten”. Einmal entschied die Redaktion von “Die Kirche”, in einer Ausgabe die unerwünschten Absätze frei zu lassen. Zeichen eben eines weiteren Horizonts.

Mit der Wende dann veränderte sich die Heimat, die Infrastruktur, die Wirtschaft, die politische Landschaft. Es kamen Strukturveränderungen, neue Kirchen- und Landkreise, neue Bundesländer und neue Kirchen.

Vor 10 Jahren startete das gemeinsame Kirchenamt und konstituierte sich das Kollegium. Kurz danach kamen Föderationssynode und Föderationskirchenleitung zum ersten Mal zusammen. Was war aus der Heimat in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen und in der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen geworden? Und welche Rolle spielte der Glaube?

Über den Glauben einigte man sich verhältnismäßig schnell. Die Sache mit der Heimat war etwas schwieriger. Manche Beiträge aus dem Norden oder aus dem Süden klangen so, als ginge es darum, sich mit Menschen aus anderen Religionen und fernen Ländern zusammenzuschließen.

Das ist ja inzwischen etwas besser geworden.

Die Frage aber bleibt, wie wichtig ist uns unsere jeweilige Heimat, die jeweilige Tradition und Geschichte, das, was wir gewohnt sind und was uns geprägt hat und wie wichtig ist uns der verbindende Glaube.

Und wie steht es um Glaube und Heimat heute 2014?

In unserer Nachbarschaft, in dem Land “U Kraina”, also in dem Land am Rande, wie es übersetzt heißt, stehen wieder einmal Heimat gegen Heimat. Das Land ist geprägt durch die Regionen mit ihrer unterschiedlichen Geschichte, mit unterschiedlicher Heimat, wenn Sie so wollen: Als Teil des Zarenreiches, des Kaisertums Österreich, des polnisch litauischen Reiches, des Khanates Kasan und immer wieder auch unabhängig. Und wie im Zweiten Weltkrieg, Westukrainische Verbände auf Seiten der Deutschen Wehrmacht kämpften und ostukrainische Partisanen auf Seiten der roten Armee, alles im Namen der Heimat, so berufen sich heute wieder die verschiedenen Gruppen auf die Geschichte ihrer jeweiligen Heimat und beklagen die Dominanz der anderen Seite.

Und dazwischen der Glaube. Es ist eines der eindrücklichsten Bilder aus dem Konflikt: Eine junge Frau steht zwischen Schwerbewaffneten, mitten zwischen starken Barrikaden und sie hat eine weiße Fahne in der einen Hand und in der anderen eine Ikone.

Mitten in den Kämpfen um die Heimat der Glaube an den Frieden und an die Nähe Gottes. Und mitten drin die Kirchen. Auf Grund ihrer Geschichte gehören auch sie zu verschiedenen Seiten.

Vier verschiedene Kirchen mit orthodoxem Ritus, wobei die größte von ihnen zum Moskauer Patriarchat gehört und eine andere zur Römisch Katholischen Welt, eine Römisch-Katholische Kirche und verschiedene Kirchen aus der protestantischen Familie. Immer wieder stehen diese Kirchen auf Grund ihrer Geschichte gegeneinander, oft aber auch zusammen gegen Gewalt, für friedliche Lösungen, für eine vereinigte Ukraine, in der alle ihren Platz haben. Schon 1997 formulierten sie gemeinsam: „Nicht zulassen werden wir, besonders nicht in den Massenmedien, irgendwelche Äußerungen im Geist der Feindschaft nationaler und konfessioneller Unverträglichkeit. Wir werden uns aller Ausflüchte und ehrabschneidenden Erklärungen enthalten.

Noch im März diesen Jahres hieß es in einer gemeinsamen Erklärungen verschiedener Religionen und Konfessionen: In der jetzigen politischen und gesellschaftlichen Lage müssen wir Kirchen und Religionsgemeinschaften sowie alle Regierungsorgane alles in unserer Macht stehende tun, um den religiösen Frieden in der Ukraine zu bewahren. Wir dürfen auf keinen Fall Ausbrüche von Gewalt auf religiöser Basis zulassen. Unsere große ukrainische Familie muss einheitlich in der Vielfalt sein.

Der gemeinsame Glaube hatte sich als stärker als die jeweilige Heimat erwiesen. Daneben gibt es aber auch die andere Erfahrung, dass die Kirchen anfangen, die Feindbilder zu teilen. Es hat eben Opfer gegeben und Schmerz und Trauer auf allen Seiten. Augenblicklich sind einzelne Friedensgebete das, was für die Heilung der zerrissenen Heimat geschieht. Umso wichtiger ist es, dass wir mit unseren Gebeten nicht nachlassen und jeder Polarisierung widerstehen.

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn man sich allein diesen kleinen Ausschnitt aus den letzten 100 Jahren vor Augen führt, merkt man, es handelt sich bei Glaube und Heimat wirklich um ein denkwürdiges Verhältnis. Lassen Sie mich darum dieses Verhältnis noch ein wenig weiter differenzieren.

Glauben braucht Heimat

Zwei Überlegungen dazu:

A. Glaube braucht Heimat,

weil Gott Mensch geworden ist

B. Glaube braucht die Unterscheidung von Glaube und Heimat

A Glaube braucht Heimat, weil Gott Mensch geworden ist

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes voll Gnade und Wahrheit. Gott hat sich nach jüdisch-christlicher Überzeugung nicht allgemein mit der Menschheit verbunden, sondern ganz konkret mit dem Volk Israel. Gott ist nicht Mensch an sich geworden, sondern ein konkreter Mensch zu einer konkreten Zeit – Jesus von Nazareth, von dem die Leute, die seine Heimat kannten, sagten: Na, was kann aus Nazareth schon Gutes kommen? Abschätzige Beurteilungen einer fremden Heimat. Gott hat es am eigenen Leib erfahren. Er verbindet sich mit konkreten Menschen, mit ihrer Geschichte, mit ihren Erfahrungen, mit ihrer Sprache. Heino Falcke hat in der letzten Woche an das Pfingstfest erinnert, bei dem die Menschen die Botschaft in ihrer Sprache verstehen, das heißt: in ihrer jeweiligen Heimat, in ihrem Hause, auf ihrer Straße wird das Evangelium jeweils anders verständlich.

Doch der Glaube verbindet alle.

Dieser Gedanke brachte die Slawenapostel Kyrill und Method dazu, das kyrillische Alphabet zu entwickeln, um die biblische Botschaft in slawischer Schrift zu schreiben. Dieser Impuls aus dem 9., Jahrhundert hat dazu geführt, dass in der Orthodoxie immer wieder auf einheimische Sprachen gesetzt wurde. Die göttliche Liturgie, das Gotteslob erklingt in den jeweiligen Heimatsprachen, in Finnisch und Englisch, in Französisch und Polnisch, in Rumänisch und Griechisch und Kirchenslawisch. Dass das Altslawische wie übrigens auch das Lutherdeutsch auch zu einer Art heiliger Sprache wurde, ändert daran nichts.

Nicht umsonst werden Kyrill und Method als Vorläufer Luthers bezeichnet. Diese Parallele wird nicht ohne Grund immer wieder in der Evangelischen Kirche der Slowakei betont, gehören doch alle, Kyrill und Method und Luther, zu den prägenden Gestalten der Slowakei. Dass später der Lutherschüler und finnische Nationalheld Mikael Agricola dann die finnische Schriftsprache entwickelt, damit das Evangelium auf Finnisch erscheinen kann, ist nur folgerichtig. So sei noch einmal erinnert an Luthers Impuls an eine Sprache, die die Leute verstehen: „Man muß nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man deutsch reden soll, wie diese Esel tun; sondern man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den einfachen Mann auf dem Markt danach fragen, und denselben auf das Maul sehen, wie sie reden, und danach übersetzen, so verstehen sie es denn, und merken, dass man deutsch mit ihnen redet.”

So ist schon die Geschichte Jesu Christi nicht eine abstrakte Lehre, sondern eben Geschichte, verbunden mit konkreten Menschen, mit konkreten Landschaften. Da sind die Römer, Samaritaner und Juden, da sind die Reinen und die Unreinen, da sind die Reichen und die Armen, da sind die Vorurteile über die Fremden, da steht Heimat gegen Heimat und mittendrin die Botschaft von der Versöhnung. So ist der Glaube auch bei Luther immer theologisch sorgfältig durchdacht und entwickelt, aber immer auch mit konkreten Situationen verbunden, immer an der Heimat interessiert.

“Ich bin ein Landeskind in der Herrschaft zu Mansfeld, dem es gebühret, sein Vaterland und Landesherrn zu lieben und das Beste zu wünschen, dazu auch ein öffentlicher Prediger, der da schuldig ist zu vermahnen, wo jemand, durch den Teufel verführt, nicht sehen kann, was er für Unrecht tut, schreibt er.”

So kommen bei ihm Glaube und Heimat zusammen. Die alte Erfahrung, dass Gott nicht allgemein in der Welt zu Hause ist, sondern immer ganz konkret Heimat findet, hat Christen aller Zeiten dazu gebracht, sich auf die Länder, in denen sich der Glaube ausbreitete, einzulassen: auf die Kultur, auf die Geschichte vor Ort, auf die Sprache. Dass das nicht unkritisch geschehen darf, zeigt folgender Text Martin Luthers: “Ja, ich weiß leider wohl, dass wir Deutschen immer Bestien und tolle Tiere sein und bleiben müssen, wie uns denn die umliegenden Länder nennen. Mich wundert aber, warum wir nicht auch einmal sagen: Was sollen uns Seide, Wein, Gewürze und die fremde, ausländische Ware, so wir doch selbst Wein, Korn, Wolle, Flachs, Holz und Stein in deutschen Landen die Fülle zur Nahrung haben, dazu auch eine reiche Auswahl zur Ehre und Schmuck? Die Künste und Sprachen, die uns ohne Schaden, ja größerer Schmuck, Nutzen, Ehre und Frommen sind, sowohl die heilige Schrift zu verstehen wie weltlich Regiment zu führen, wollen wir verachten; und die ausländischen Waren, die uns weder von Nöten noch von Nutzen sind, die wollen wir nicht entbehren. Heißen das nicht billig deutsche Narren und Bestien?”

Vom Glauben zu erzählen heißt immer, von Christus zu erzählen. Und von Christus zu erzählen, heißt immer, Geschichte zu erzählen. Sola fide und solus christus gehören zusammen. Oder anders gesagt: Allein der Glaube, als gäbe es die konkrete Heimat nicht, wird zur Ideologie oder zum reinen Machtinstrument, so wie es in der Missionsgeschichte viele Beispiele gab. Beispiele, in denen es eben weniger um Beheimatung von Glauben ging, sondern oft um Macht – und Kulturtransfer.

Glaube braucht Beheimatung: Dazu gehört das Interesse an den Menschen. Dazu gehört, sich auf regionale Unterschiede einzulassen. Dazu gehört aber auch, den Schmerz zu teilen, wenn Heimat verloren geht, wenn Vertrautes, Althergebrachtes nicht mehr da ist, wenn Häuser und Bäume und Menschen und Erinnerungen verletzt werden. Glaube hilft aber auch, das auszuhalten, Erinnerungen an die Heimat nicht abzuwerten, sondern zu bewahren. Das ist der tiefere Sinn, wenn wir in der Reformationsdekade dazu aufrufen, Regionalgeschichte zu erkunden, jeweilige Heimat ans Licht zu bringen, sich gegenseitig auszutauschen über vielfältige Geschichte.

Der Schritt in die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland war unverzichtbar, um Verwaltung zu konzentrieren und Kräfte zu bündeln. Die EKM ist aber keine Glaubensgröße. Der Glaube hat in ihr in den verschiedenen Regionen in unterschiedlichen Kulturen Heimat gefunden. Und er muss sowohl in der ganzen EKM und darüber hinaus, als auch vor Ort an unterschiedlichen Orten mit unterschiedlichen Menschen immer wieder neu beheimatet werden. Orientierung an der richtigen Botschaft reicht nicht, sondern die Frage heißt, wie kommen die Menschen vor, mit denen ich zu tun habe. Interessiere ich mich wirklich für die Leute, für ihre Heimat, für ihre Lebensumstände, für das, was sie bewegt? In der Sowjetunion, in der DDR und manchmal auch heute hörte und hört man: Die Kirche soll sich um ihre Sache kümmern, aber nicht um Gesellschaft und Politik. Die Reformation hat gezeigt, wo Kirche sich um ihre Sache kümmert, ist sie immer politisch und stößt gesellschaftliche Veränderungen an, weil es ihr um die Menschen geht, um ihre Fragen, um ihre Sprache, um ihre Fähigkeit mitzudenken, mitzureden, mitzugestalten, Heimat zu fördern. Es heißt nicht: Suchet eine gute Ideologie für das Land oder ein abgeschiedenes Inneres, sondern Suchet der Stadt Bestes. Dabei darf ein zweites nicht vergessen werden:

B Glaube braucht die Unterscheidung von Glaube und Heimat

Gott ist Mensch geworden. Er wohnte unter uns. Das ist das Argument für die Heimat. Aber er ist Gott geblieben, wahrer Gott.

Darum ist es notwendig, immer wieder Glaube und Heimat zu unterscheiden. Glaube ist eingebunden in die Heimat vor Ort. Es ist wichtig, regionale Kultur zu entwickeln und ihr dienstbar zu sein.

Aber wir sind im Hören auf Gottes Wort immer auch freie Herren über diese Kultur und nicht ihr unterworfen. Glaube braucht das Wissen um die Mechanismen von Heimat. Es ist nicht gut so zu tun, als gäbe es den reinen Glauben. Wer die Einflüsse von Kultur und Heimat und Tradition auf den Glauben nicht kritisch reflektiert, geht immer wieder in dieselben Fallen. Gerade die Zeit des Nationalsozialismus zeigt, was passiert, wenn Glaube und Ideologie, Glaube und Heimatgefühl, Glaube und Zeitgeist nicht unterschieden werden. So schreibt der Kirchengeschichtler Preuß über Luther und Hitler:

Beide seien deutsche Führer, beide zur Errettung des Volkes berufen, beiden geht der Schrei nach einem großen Manne der Rettung voraus, beide seien aus dem Bauernstand, sie treten in den 30er Jahren ihres Lebens als gänzlich unbekannte Leute auf, beide lieben ihr Vaterland, die Frauen treten für beide aus der Öffentlichkeit zurück in die Häuslichkeit. Und als leuchtende Schlussparallele: “Luther und Hitler fühlen sich vor ihrem Volke tief mit Gott verbunden.” – “Man hat gesagt, das deutsche Volk habe dreimal geliebt: Karl den Großen, Luther und Friedrich den Großen. Wir dürfen nun getrost unseren Volkskanzler hinzufügen. Und das ist wohl die lieblichste Parallele zwischen Luther und Hitler.”

Es ist gefährlich, sich mit der Heimat zu sehr zu identifizieren und die Distanz des Glaubens zu verlieren. Immer wieder höre ich augenblicklich auch von Kirchenvertretern aus der Ukraine: Wir müssen doch sagen, wer angefangen hat. Wir müssen doch benennen, wer Schuld hat. Die Kirche muss doch Position beziehen. Und dann wurden auf beiden Seiten Ostereier bemalt: auf der einen Seite in den Farben der ukrainischen Staatsflagge, auf der anderen Seite mit Zarenportraits. Gott mit uns auf beiden Seiten, wir damals auf den Koppelschlössern.

Ja, liebe Schwestern und Brüder, die Kirche muss Position beziehen: Aber nicht für die eine oder andere Seite im Konflikt, sondern für Frieden, gegen Gewalt, für die Opfer, gegen die Schläger, für die Politik, gegen das Militär. Nächstenliebe braucht Klarheit, haben wir in der EKM formuliert. Das ist ein Plädoyer des Glaubens gegen eine unreflektierte Heimatliebe. Glaube braucht Heimat, aber auch die Unterscheidung von Glaube und Heimat. Aber auch das Umgekehrte gilt. Darum

2. Heimat braucht Glauben

Zwei Überlegungen dazu

A Heimat braucht Glauben, um das Danken nicht zu verlernen

B Heimat braucht Glauben in hilfreicher Distanz

A Heimat braucht Glauben um das Danken nicht zu verlernen

O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat, singen wir an jedem Anfang eines neuen Kirchenjahres. Und im Hintergrund klingt der Psalm: Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.

Heimat braucht Glauben, damit nicht vergessen wird, dass sich Heimat nicht von allein versteht, sondern sich verdankt. Augenblicklich wird viel geschimpft und geklagt, doch was hält die Gesellschaft innerlich zusammen? Was verbindet die Menschen mit ihrer Heimat, wie sie nun mal ist?

Es lohnt sich, alte Bilder anzusehen, Bilder aus der Zeit vor 25 Jahren. Was ist nicht alles geworden! Wofür gilt es nicht alles zu danken! Das Land Sachsen-Anhalt hat die geringste Verbindung der Bevölkerung mit ihrem Land, hat eine der vielen Untersuchungen der letzten Zeit ergeben. Und mancher hat sich gefragt, ob es nicht einen Zusammenhang gibt zwischen dieser Distanz zur Heimat und der geringsten Zahl von Christen weit und breit. Ich bin nicht sicher, ob man das wirklich so sehen kann. Ich weiß aber, dass der Glaube hilft, das Dankenswerte zu entdecken und auch mit schmerzlichen Entwicklungen in der Heimat umzugehen. Der Glaube erinnert immer wieder daran: Leben wir, geht es uns gut; sind wir geborgen und voller innerer und äußerer Kraft, dann leben wir dem Herrn. Aber sterben wir, verändert sich die Heimat schmerzlich, geht Vertrautes verloren, lassen unsere Kräfte nach, auch dann sterben wir im Herrn. Wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Das stärkt Heimat.

Das hilft, vor Ort zu Hause zu sein.

B Heimat braucht Glauben in hilfreicher Distanz

Und zwar:

- Als Ruf zur Umkehr

- Als Weitung des Horizonts

- Als Hoffnung auf die Zukunft

Ja, Luther lässt sich auf die Heimat ein, auf die besonderen Orte mit ihrer Geschichte. Und so weiht er die Torgauer Schlosskapelle. Aber es geht nicht in erster Linie um diesen besonderen Ort, sondern er schreibt: “Ihr sollt auch zugleich mit angreifen, auf daß dieses neue Haus dahin gerichtet werde, daß nichts anderes darin geschehe, als daß unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir umgekehrt mit ihm reden durch unser Gebet und Lobgesang.”

Darum geht es und darum sind die Traditionen, die ja Heimat ausmachen, nicht das Wichtigste:

“Aber wir, die wir im Reich unseres Herrn Christus sind, sind nicht an feste Zeiten und Ort gebunden, sondern wir sind alle Priester, daß wir alle zu aller Zeit und an allen Orten Gottes Wort und Werk verkündigen sollen. Wir haben die Freiheit, wenn uns der Sabbat oder auch der Sonntag nicht gefällt, so können wir den Montag oder einen anderen Tag in der Woche nehmen und einen Sonntag daraus machen. Kann es nicht unter einem Dach oder in einer Kirche geschehen, so geschehe es auf einem freien Platz unter dem Himmel, oder wo Raum dazu ist, aber doch so, daß es eine ordentliche, allgemeine, öffentliche Versammlung sei, weil man nicht für jeden einen besonderen Ort bestellen kann und auch nicht in heimliche Winkel gehen soll, auf dass man sich dort verstecke.”

Zeiten und Orte, regionale und überregionale Traditionen sind wichtig, sind aber nicht die Mitte, die Mitte bleibt, dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir umgekehrt mit ihm reden durch unser Gebet und Lobgesang.

Heimat braucht Glauben, aber auch, damit die Schatten, die über der Heimat liegen, die Schatten der Vergangenheit und die Schatten der Gegenwart, nicht übersehen, nicht grell ausgeblendet werden. Heimat braucht Glauben, damit die Schatten der Heimat benannt werden können. Darum ist es ja so wichtig, dass wir uns in der Erinnerung an die Reformation immer wieder mit dem Schicksal der Juden, der Täufer und der Bauern und mit der oft allzu engen Verbindung zum Staat befassen. Darum ist es ja so wichtig, dass wir kritisch darauf sehen, welche Denkweisen zur Verfolgung und Tötung Andersglaubender geführt haben.

Heimat braucht Glauben als Ruf zur Umkehr.

Sie haben ja dankenswerter Weise in „Glaube + Heimat“ diese dunkle Seite nicht verschwiegen, sondern auch das Wort von Bischof Martin Sasse von 1935 abgedruckt, in dem es unreflektiert heißt: „Gott hat den Friedenswillen und das Friedenwerk unseres Führers gesegnet.“ Gut ist, dass sie daneben auch an die Friedensbotschaft der EKD Synode von 1950 erinnert haben. Die Zeitung ist eben auch selbst Spiegel des komplizierten Verhältnisses von Glaube und Heimat.

Heimat braucht Glauben in kritischer Distanz.

Heimat braucht Glauben als Ruf zur Umkehr.

Aber auch zur Weitung des Horizontes. Es ist die Erfahrung des alten jüdischen Volkes. Jerusalem und der Tempel als der Ort des Glaubens gehen verloren. Die Thora wird zum Tempel, den die Gläubigen mit sich tragen. So wie später viele Vertriebene Christen ihre Bibel bei sich hatten. Die Heimat ging verloren, der Glaube in hilfreicher Distanz zur alten Heimat half, neue Heimat zu entdecken. So haben Gläubige gegen die Fremdenfeindlichkeit in ihrer Heimat immer wieder dazu aufgerufen, Flüchtlinge aufzunehmen. Wir sind ja gerade wieder dabei, für unsere Schwestern und Brüder aus Syrien, deren Heimat im Chaos und im Tod versinkt, Heimat anzubieten. Glaube in hilfreicher Distanz zur alten Heimat half aber auch immer, neue Heimat zu finden: für die Hugenotten, für die christlichen Gemeinschaften, die nach Amerika ausgewandert sind; für die vielen Flüchtlinge, die nach dem 2. Weltkrieg zu uns kamen. „Wo du Wohnung hast genommen, da ist lauter Himmel hier“, singen wir.

Meine Großmutter, die meinen Glauben sehr geprägt hat, musste in ihrem Leben sehr oft umziehen: immer wieder neue Orte, neue Menschen, eine neue Gemeinde, immer wieder neue Heimat, bis sie 97 wurde. Ihr letzter Umzug war mit 90. Und wieder fand sie sich fröhlich in der neuen Heimat zurecht: „Wo das Evangelium gepredigt wird und Gemeinde sich versammelt, da bin ich zu Hause.“ Hat sie immer gesagt. Das kann man nicht verallgemeinern. Das zeigt aber, wir hilfreich es ist, wenn der Glaube nicht mit der altvertrauten Heimat, mit dem, wie es immer gewesen ist, identisch ist.

Heimat braucht Glauben als Weitung des Horizontes.

Immer wieder sind Christen für eine Erneuerung der Kirche, für die Weite des Glaubens, für Jesus Christus als Mitte des Lebens eingetreten. Das ist Thema der gesamten Geschichte des Christentums. So war die Erneuerung der Kirche schon 100 Jahre vor Luther das große Thema. Verschiedene reformatorische Bewegungen bestimmten Kirche und Gesellschaft. Dass am Ende eine Reihe von Konfessionen gegeneinander stand, zunächst in einem fürchterlichen Krieg, dann in herzlicher Verachtung, kann man in dieser Hinsicht auch als Scheitern der Reformation bezeichnen. Insofern ist es etwas Besonderes, dass wir 500 Jahre Reformation wieder in einem ökumenischen Klima, in einem Geist der Umkehr, der Erneuerung und der Verständigung begehen. Immer mehr wird akzeptiert, dass es vielfältigen Glauben in vielfältiger Heimat gibt. Aber eben auch Glauben, der eine zu starke Beheimatung in Traditionen und Konfessionen infrage stellt. So braucht Heimat den Glauben in horizontweitender Distanz, damit Männer und Frauen, Alte und Junge, Starke und Schwache, Fremde und Einheimische, verschiedene Konfessionen und Religionen einander achten und als Bereicherung erleben.

Mir liegt sehr daran, dass wir im nächsten Themenjahr „Reformation, Bild und Bibel“ eines nicht vergessen, nämlich: Du sollst dir kein Bild machen!! Nicht von denen im Süden der EKM noch von denen im Norden, nicht von denen in den Städten noch von denen auf dem Land, nicht von den Fremden noch von den Andersdenkenden. Es ist schön, dass bei der Eröffnung des Luthergartens in Wittenberg nicht nur die Lutheraner da waren, sondern die christlichen Weltbünde. Der Luthergarten war ein ökumenisches Projekt geworden. Der Glaube hatte den konfessionellen Horizont durchbrochen.

Und schließlich. Heimat braucht Glauben um der Zukunft willen.

Luther schreibt: “Warum die Kirche auf Erden keine Heimat findet. Erstens, damit wir daran erinnert werden, dass wir Elende, Heimatlose und wegen des Falles Adams aus dem Paradies Vertriebene sind. Zweitens, damit wir an den Sohn Gottes denken, der (unser Exil geteilt und) uns in unser Vaterland zurückgebracht hat, aus dem wir vertrieben waren. Drittens, damit uns dieses Exil lehre und daran erinnere, dass unsere Heimat nicht auf dieser Welt ist (Phil. 3, 20), sondern dass uns, die wir hier auf Erden wandeln, noch ein anderes Leben bevorsteht, nämlich das ewige.”

Heimat braucht Glauben, damit die Heimat unter der Zusage Gottes offen für die Zukunft ist und wir nicht in Resignation untergehen. Maria Magdalena starrt in das Grab und kann den Kopf nicht wenden. Mehrfach muss sie angesprochen werden. „Maria“, erst dann merkt sie, dass der verloren Geglaubte ja da ist und ihr vorangeht.

Wir haben hier keine bleibende Stadt, das war die Jahreslosung im vergangenen Jahr. Die Täufer hatten lange keine Kirchen, keine Häuser, keine Heimat für den Glauben. In die Natur sind sie gezogen und haben auf Bergen und im Wald Gottesdienst gefeiert. Oder wie am Anfang der Christen in den Häusern vermögender Glaubensgeschwister. Gerade die Unbehausten, die Bauern, Handwerker, Leibeigene fanden zu den Täufern. Wir dürfen nie vergessen: Heimat ist immer nur zeitweilige Heimat. Die Zukunft liegt, Gott sei Dank, nicht in unseren Händen. Die Zukunft hängt nicht davon ab, wie wir unsere Kirche zur Heimat machen, nicht davon, wie es uns gelingt, den Glauben vor Ort zu beheimaten.

… daß wir an ihm bleiben, dem treuen Heiland,

der uns bracht hat zum rechten Vaterland.

Solchen Glauben braucht jede Heimat um der Zukunft willen.

Schluss: Distanz und Nähe: Kirchenzeitung und Kirche

Liebe Schwestern und Brüder, was bedeutet das alles nun für das Verhältnis von Kirchenzeitung und Kirche und die Leserschaft darüber hinaus?

Warum lesen Sie die Zeitung? Weil Ihre Heimat, Ihre Region, darin vorkommt? Weil Themen des Glaubens und der Zeit diskutiert werden? Weil Sie Anregungen wollen von den Bibeltexten der Woche? Weil es manch interessanten und auch merkwürdigen Leserbrief gibt? Weil Ihnen die Horizonterweiterung der letzten Seite unverzichtbar ist?

Aus meinen Erfahrungen, die ich Ihnen ein wenig angedeutet habe, folgt für mich: Die Kirche braucht all diese Aspekte, und all das gehört zu einer Kirchenzeitung.

Und es geht darum, Glaube und Heimat immer wieder neu aufeinander zu beziehen. Da sind wir nie fertig.

Manchmal ist mehr Regionalinformation gefragt, gerade wenn eine neue Kirche zusammenwächst, manchmal gute Kommentare und Hilfen, die Zeit zu verstehen. Gerade die Ukrainekrise hat ja gezeigt, wie schwer es ist, sich einigermaßen solide zu informieren.

Die Zeitung hat sich auf die Heimat zu beziehen, darf aber nicht in ihr aufgehen. „Identitätsstiftend“ wurde “Glaube + Heimat” immer wieder genannt. Das ist richtig. Es ist aber auch ihre Aufgabe, Identitäten, schnelle Beheimatung und Althergebrachtes infrage zu stellen. Sie hat zu fragen, was denn außer der Identität oder der Heimat oder dem Vertrauten noch handlungsleitend ist und sein könnte.

Die Kirche aber braucht das Gegenüber einer Kirchenzeitung. In der letzten Ausgabe der Essener Kirchenzeitung „Ruhrwort“ war in „eigener Sache“ zu lesen: „Unsere Zeitung soll ein Spiegel der Wirklichkeit sein. Auch der Wirklichkeit unserer Kirche. Das verlangt auch von einer Kirchenzeitung, dass sie nicht herausgeberhöriges willfähriges Multiplikationswerkzeug ist, ein Verlautbarungsorgan höherer Kirchen- und Bischofsmeinungen, sondern dass sie als Kommunikationsfeld zwischen Bischof, Gemeinden und Gläubigen agiert.“ Die Kirchenzeitung hat also die kleine Heimat, die Region, auf die große Heimat zu beziehen. Sie muss Gegenüber bleiben zur Kirche und zum Zeitgeist und zu den vielfältigen Erwartungen-

Wenn sich niemand mehr an der Kirchenzeitung ärgert, dann brauchen wir sie auch nicht mehr.

Dazu braucht die Zeitung das Gegenüber der Leserschaft. Denn es geht um die genaue Sicht auf die Heimat. Wenn die Kirchenzeitung ihrer Aufgabe gerecht werden will, dann muss sie bei den Leuten vor Ort zu Hause sein. In ihren Themen, in ihrer Sprache, aber auch bei den Nichtchristen, der gesamten Bevölkerung.

Aber auch uns Leserinnen und Lesern sei gesagt: Die Kirchenzeitung ist nicht nur dazu da, dass wir vorkommen,dass unsere Propstei, unser Kirchenkreis, unser Ort sein besonderes Gewicht bekommt, sondern Heimat zu zeigen und den Horizont zu erweitern, das ist die Aufgabe!

Darum gehört die letzte Seite, die “Eine Welt”, unbedingt dazu.

Meine Damen und Herren,

man darf eine 90jährige nicht überfordern, auch nicht, wenn sie eine immer wieder junge Kirchenzeitung ist. Sie kann nicht alle Erwartungen erfüllen. Mit kleinem Haushalt schon gar nicht. Was sie aber kann:

Sie kann immer wieder auf die Bedeutung von Heimat hinweisen, nicht einer Heimat, sondern vielfältiger Heimat für sehr unterschiedliche Menschen.

Und auf die Bedeutung des Glaubens, der der Heimat Horizonte eröffnet und diese immer wieder über sich hinausführt.

Die entsprechenden Kategorien dazu hat sie ja.

In diesem Sinne:

Gottes Segen für die nächsten 90 Jahre von Glaube und Heimat.

ARD-Themenwoche zur Flüchtlingskrise
Die ARD will in ihrer Themenwoche »Heimat« die aktuelle Flüchtlingskrise berücksichtigen. In der Woche vom 4. bis zum 10. Oktober sollen die unterschiedlichen Aspekte des Begriffs auch vor dem Hintergrund des millionenfachen Verlusts von Heimat diskutiert werden. Den Auftakt der Woche bildet die zwölfstündige multimediale Echtzeitdokumentation »Deutschland.
Dein Tag« am 4. Oktober von 6 bis 18 Uhr im Ersten. Ein Jahr zuvor wurden 99 Menschen an mehr als 80 Orten mit der Kamera begleitet. Dabei wurden »Momentaufnahmen ihres ganz persönlichen Sonntags« eingefangen.
Drei neue Fernsehfilme nähern sich auf jeweils eigene Weise dem Thema. Am 5. Oktober erzählt »Leberkäseland« die Geschichte einer türkischen Akademikerin, die ihrem Mann in den 1960er Jahren von Istanbul ins Ruhrgebiet folgt und sich anfänglich schwer zurechtfindet. »Blütenträume« beleuchtet am 7. Oktober »die Idee von einem Zuhause in uns selbst, das wir am liebsten mit einem Partner teilen wollen«. Die Botschaft des Roadmovies »Heimat ist kein Ort« am 9. Oktober ist, dass ein Gefühl von Heimat durch eine gemeinsam erlebte Geschichte entsteht.

Ein Glücksfall in der deutschen Geschichte

25. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview:  Der Opernsänger und Entertainer Gunther Emmerlich blickt auf 25 Jahre deutsche Einheit

»Ich freue mich nach wie vor über die deutsche Einheit«, sagt der Sänger und Moderator Gunther Emmerlich. Mit ihm sprach Willi Wild

Herr Emmerlich, welche Erinnerung haben Sie an den 3. Oktober 1990?
Emmerlich:
Den haben wir gefeiert und zwar in meinem Garten mit Freunden aus Sachsen und Oberfranken. Das war ja ein verhältnismäßig warmer Herbsttag. Es sollten bei dieser Feier auch die dabei sein, mit denen wir uns wiedervereinigen. Gegen Mitternacht sind wir runter in die Stadt gefahren auf den Theaterplatz. Und da waren viele, viele Menschen. Die Blechbläser der Staatskapelle haben auf dem Balkon der Semperoper »Nun danket alle Gott« gespielt. Und wir haben uns an den Händen gehalten und Rotz und Wasser geheult.

Das ist ein Ereignis, das Sie auch nach 25 Jahren emotional berührt?
Emmerlich:
Ja, es gibt ein paar Ereignisse, die durchlebt man immer noch einmal, wenn man darüber spricht. Und dann ist man abermals gerührt.

Rückblickend auf 25 Jahre deutsche Einheit, was ist gelungen oder was haben Sie sich damals anders vorgestellt?
Emmerlich:
Es ist kein Bauplan nach dem man sich richten kann und alles geht gut. Das ist etwas komplizierter. Das hatte es auch nirgendwo auf der Welt bislang gegeben. Ich will hoffen, dass eines Tages vielleicht auch Südkorea und Nordkorea vereint sein werden. Und dann könnten die Koreaner von uns lernen, auch aus unseren Fehlern. Es war ein Kraftakt. Und es schien, als wären die Skeptiker fast in der Überzahl. Auch manchen Medien hat es damals große Freude bereitet, diesen Einheitstag durch den Kakao zu ziehen. Es schien gelegentlich so, als ob man von einer Geburtstagsfeier berichtet und die Kamera steht auf der Toilette. Solche Berichte gab es damals. Das entsprach keineswegs meinen Empfindungen. Dass nicht alles glatt laufen würde, war zu befürchten und so war es denn auch. Aber in der Summe aller Dinge war es ein Glückstag, und er hat sich auch in den darauffolgenden Jahren als solcher erwiesen. Wenn ich nur allein unsere alten, maroden Städte hernehme. Das war doch wirklich höchste Eisenbahn. Noch ein paar Jahre, dann wär das alles in sich zusammengebrochen. Viele sagen ja, dass nicht alles schlecht war in der DDR. Ich vollende den Satz gern mit den Worten, es hat nur bissel lange gedauert.

Gunther Emmerlich: Ich erfreue mich an der Unterschiedlichkeit der Menschen und Regionen. Foto: picture-alliance/dpa

Gunther Emmerlich: Ich erfreue mich an der Unterschiedlichkeit der Menschen und Regionen. Foto: picture-alliance/dpa

Wenn Sie jetzt auf Ihre Geburtsstadt Eisenberg blicken, 25 Jahre nach der Deutschen Einheit. Was hat sich verändert?
Emmerlich:
2004 bin ich zum Ehrenbürger von Eisenberg ernannt worden. Das hat mich natürlich sehr stolz gemacht. In meiner Dankesrede habe ich auch erwähnt, dass Eisenberg gute Voraussetzungen hat, um sich prosperierend zu entwickeln. Ob da manches hätte wegbrechen müssen, das kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall gab und gibt es eine ganze Menge Industriebrachen. Es ist aber auch viel Neues entstanden. Und der Aufschwung braucht Zeit, daran muss man arbeiten. Die Reformation ist auch nicht in 25 Jahren vollendet gewesen. Das einiges geschehen ist, kann man nicht übersehen. Ich sage manchmal, zu DDR-Zeiten fiel das eine Haus auf, das gerade mal renoviert war. Jetzt fällt das Haus auf, das noch nicht renoviert ist.

Sie sind im Showgeschäft zu Hause. Erleben Sie da heute noch die Unterschiede zwischen Ost und West?
Emmerlich:
Ich habe mich nicht in die Ostschmollecke zurück gezogen, sondern bin durch die nun offenen Türen gegangen. Mal mit größerem, mal mit weniger Erfolg. Man sagte damals, geh ins Offene und das habe ich getan. Gott sei Dank! Es sind neue Freundschaften entstanden, alte Freundschaften habe ich nicht in Frage gestellt. Es sei denn, die »Freunde« haben der Stasi regelmäßige Berichte über mich geschrieben. Beim Tournee-Theater zum Beispiel ist es weniger interessant, woher einer kommt, sondern ob er seine Sache gut macht. Das nehme ich für mich in Anspruch, sonst hätte ich nicht so viele Auftritte.

Für viele Christen ist die Wende und die friedliche Revolution ein Gottesgeschenk. Wie sehen Sie das?
Emmerlich:
Der liebe Gott hat sicherlich auch dafür gesorgt, um in dieser Richtung handeln zu können. Aber es musste auch gehandelt werden. Manche sagen: Das dauert seine Zeit, oder Gott wird es schon richten. Gottvertrauen ist gut. Ich denke, der liebe Gott baut auch auf uns, dass wir dann in solchen Situationen das Richtige tun.

Trotz anfänglicher Skepsis haben den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche viele Menschen hilfreich begleitet, im In- und Ausland. Und jetzt steht sie als Symbol für Frieden und Versöhnung.

»Es gibt Ereignisse, die durchlebt man noch einmal, wenn man darüber spricht. Und dann ist man abermals gerührt«

Eines Tages kam ein Arzt aus Lüdenscheid auf mich zu und erzählte mir von einer renovierungsbedürftigen Rokoko-Kirche in Berka vor dem Hainich. Das ist weit weg von Lüdenscheid. Seine Initiative, dort etwas zu machen, hat mich gerührt und aktiviert. Mittlerweile erglänzt diese Rokokokirche in alter Schönheit. Ich könnte noch viele solcher Initiativen hinzufügen. Eine meiner vornehmsten Pflichten, die ich gern übernommen habe, ist die Schirmherrschaft für die Generalsanierung der Stadtkirche in Wittenberg. Und auch da gibt es Hilfe aus allen Himmelsrichtungen. Das ist ja doch vielleicht die wichtigste Kirche für unseren Glauben überhaupt.

Zum Schluss noch eine Bitte. Können Sie den folgenden Satz weiterführen: Die Deutsche Einheit ist für mich …
Emmerlich:
… ein Glücksfall in der deutschen Geschichte. Die Konstellation war günstig und es haben viele das Richtige getan. Es gibt immer noch viele, die sich erfreuen an dem, was nicht klappt. Meine Freude über das, was klappt, ist größer. Ich weiß natürlich auch, dass noch nicht alles funktioniert. Aber das sehe ich gerade als die Herausforderung dieser Tage. Ich freue mich nach wie vor über die Einheit. Wobei ich keine Vereinheitlichung möchte. Ich sehe auch einen großen Unterschied zwischen Hamburgern und Leuten aus Garmisch-Partenkirchen. Und die waren immer in einem Teil Deutschlands. Und ich sehe auch den großen Unterschied zwischen Dresdnern und Rostockern. Und das stört mich nicht. Ich erfreue mich an der Unterschiedlichkeit der Menschen und Regionen.

Kreuze, Engel, Epitaphien

22. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt:  Der Metallkünstler Thomas Leu geht religiös unvoreingenommen an die Arbeit

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische bildende Künstler vor, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Ein Besuch im Atelier des Hallenser Metallbildhauers Thomas Leu.

Eine Christusfigur in der künstlerischen Sprache unserer Zeit. Sie soll »jubelnd, siegreich und triumphierend wirken, Hoffnung machen und Versöhnung ausstrahlen«. Und sie soll eine Verbindung zwischen dem gekreuzigten und auferstandenen Christus sichtbar machen. So konkret formulierte die Kirchengemeinde in Quedlinburg (Kirchenkreis Halberstadt) ihre Wünsche und Erwartungen an ein neues Kreuz für die Stiftskirche St. Servatius, erbaut zwischen 1070 und 1129. Der Entwurf des Metallbildhauers Thomas Leu überzeugte die Gemeinde. Ihre Ansprüche löste er ein, indem er ein Kreuz aus Aluminium gestaltete. Das Kreuz – ein Rahmen, der einen leeren Raum umfasst, ein Hohlraum in der Form des Gekreuzigten, der als Gekreuzigter jedoch nicht mehr da ist. Seit 2006 schwebt diese moderne Christusfigur in der alten ehrwürdigen Kirche.

Thomas Leu in seinem Atelier in Halle. Foto: Sabine Kuschel

Thomas Leu in seinem Atelier in Halle. Foto: Sabine Kuschel

Es war Leus erster kirchlicher Auftrag. Als Christ versteht sich der Hallenser nicht, er wurde zwar als Kind getauft, jedoch nicht religiös erzogen. Er geht religiös unvoreingenommen an seine Arbeit und hofft, dadurch auch für nichtgläubige Menschen einen Zugang zu kirchlichen Räumen eröffnen zu können. Das Gotteshaus in Quedlinburg beispielsweise ist eine vielbesuchte Touristenkirche, in die oft Menschen kommen, die nur kurze Zeit im Kirchenraum verweilen und möglicherweise wenig Bezug zum Christentum haben. Neben dem Anspruch der Gemeinde, eine Verbindung zwischen dem gekreuzigten und auferstandenen Christus zu zeigen, sei es ihm darum gegangen, eine Synthese von Plastik und Raum herzustellen, beschreibt Leu.

1964 in Halle geboren, weiß er beizeiten, dass er einen künstlerischen Beruf ausüben will. Bildhauer oder Metallgestalter? Bei der Eignungsprüfung an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle war er sich noch nicht sicher, wo er das Kreuz setzen sollte. Er entschied sich schließlich für Metall und bereut diese Entscheidung nicht, »denn Bildhauerei ist das trotzdem«. Zur damaligen Zeit legte die Kunsthochschule Wert darauf, dass die Bewerber ein Handwerk erlernten. Leu absolvierte eine Gürtlerei- und Emaillierausbildung, wurde Kunstschmied. 1990 schloss er in Burg Giebichenstein das Studium als Diplom-Metallbildhauer ab. Dass er auch schmieden und schweißen kann, ist von Vorteil, denn wenn es an künstlerischen Aufträgen mangelt, kann er handwerklich arbeiten. Eine Zeitlang hat er das getan, Treppengeländer und Zäune gebaut.

Im Spektrum seiner Projekte nehmen die kirchlichen Themen inzwischen viel Raum ein. Ebenfalls im Jahr 2006 entstand der Taufengel in der St. Nikolaikirche in Wettin (Kirchenkreis Halle-Saalkreis). Ein Metalldrahtgewebe aus Aluminium, »superleicht, keine zwei Kilo schwer«. Stets ist durch das transparente Gewebe der Raum dahinter sichtbar und sorgt auch hier für eine Verschmelzung von Raum und Skulptur. Diese werde noch verstärkt durch Interferenzen des Gewebes bei leichten Bewegungen der hängenden Figur. Sie sei manchmal in ihrer Konturierung nicht genau fassbar, was der Eigenart des »Erscheinens« von Engeln nahekommt, so der Künstler.

Das Christophorushaus in Tangermünde (Kirchenkreis Stendal) liegt wunderschön an der Elbe. Bei der Gestaltung des Gemeindehauses inspirierte ihn die Lage am Fluss zu einer Reliefwand mit Wasserstruktur.

Einen sehr außergewöhnlichen Auftrag bekam Leu 1997 aus Japan, eine Skulptur für einen buddhistischen Tempel. Da das Händereichen zum zentralen Ritus der Mönche in dem betreffenden Tempel gehört, formte der Künstler aus Aluminiumrohren Hände. Seit 2010 ist Thomas Leu an einem sehr interessanten Projekt beteiligt, dem Epitaph-Projekt im Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli in Leipzig. Die geretteten Epitaphien aus der 1968 gesprengten Paulinerkirche werden nach aufwendiger Restaurierung seit 2014 wieder eingebaut. Sie erinnern an Persönlichkeiten aus der Geschichte der Leipziger Universität.

Die Gedächtnismale aus Stein, Holz und Metall entstanden zwischen 1547 und 1770. Wenige Tage bevor das unter Denkmalschutz stehende Gotteshaus am 30. Mai 1968 gesprengt wurde, versuchte eine Gruppe von Handwerkern der städtischen Denkmalpflege die Epitaphien zu retten. Die jahrzehntelange Lagerung hat den wertvollen Kulturgütern nicht gutgetan. Thomas Leu versteht seine Arbeit nicht als Restaurierung. Am Computer erläutert er seinen Part als Metallbildhauer an diesem Epitaph-Projekt. Ein Foto dokumentiert den Zustand eines Epitaphs nach der Lagerung: Beschädigt. »Der große Engel fehlte«, so Leu. Was tun, wenn die historischen Objekte nur noch fragmentarisch vorhanden sind?

Seine Arbeit beginnt damit, dass er sich in die Sprache der Bildhauer, die die Kunstwerke geschaffen haben, hineindenkt. Ebenso in den Schadensstand der Epitaphien. Er schaut, wie viel vom Original erhalten ist und was davon fehlt. Die spannende Herausforderung des Metallkünstlers besteht darin, nicht das Fehlende nach dem historischen Vorbild des Originals nachzubilden, sondern durch moderne Konstruktionen zu ergänzen. Am Ende muss ein Zusammenhang entstehen, Altes und Neues sollen ein Ganzes bilden. Bis Ende 2015 wird der größte Teil der wertvollen Kunstwerke im Paulinum eingebaut sein.

Sabine Kuschel

»Es wird alles so sein, wie Gott es will«

14. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview:  »Prinzen«-Sänger Jens Sembdner hat auf dem Weg des Haderns Gott gefunden

»Die Prinzen« sind mit ihrer neuen CD »Familienalbum« auf Kirchentour. Jens Sembdner, Gründungsmitglied der Leipziger Popgruppe, erzählt, warum er auch negative Erfahrungen als Bereicherung ansieht und privat keine Musik hört. Mit ihm sprach Martina Schubert.

Herr Sembdner, als ich Sie anrief, waren Sie gerade mit dem Fahrrad unterwegs. In einem Lied der »Prinzen« heißt es: »Nur Genießer fahren Fahrrad.« Womit genießen Sie noch das Leben?
Jens Sembdner:
Ich versuche, es jeden Tag zu genießen, und zwar jede Sekunde. Ich treibe viel Sport, ich lese sehr viel, ich gehe viel in mich, ich bete viel. Das sind Sachen, die mich im Gleichgewicht halten. Ich habe in meinem Leben die Erfahrung gemacht, dass alles, was passiert oder alles, was da ist, eine Bereicherung sein kann. Auch, wenn wir das einmal als negativ empfinden. Aber wenn ich später zurückschaue, stelle ich fest, dass auch das eine Bereicherung war.

Wie sind Sie zu dieser Einstellung gekommen?
Sembdner:
Ich habe einen sehr großen Verlust gehabt vor 14 Jahren, als meine Frau starb. Dann wollte ich ein Buch schreiben und fing damit an, indem ich nur gegen Gott gewettert habe: Warum, wieso, weshalb? Ich habe alles nicht verstanden. Im Laufe der Zeit habe ich erkannt, dass ich alles, was passiert, als gegeben hinnehmen muss. Wenn ich das gelernt habe, sehe ich auch, dass neue Dinge, neue Orientierungen daraus entstehen. Ich war vorher nicht sonderlich mit Gott vertraut. Über diesen Weg des Beschimpfens bin ich zu ihm gekommen. Das ist kurios. Manchmal musst du nur abwarten. Es hat alles seinen Sinn, glaube ich. Es wird alles so sein, wie es sein soll oder wie Gott es will.

Jens Sembdner: Die Gebote, die Gott uns gegeben hat, sollten wir einhalten. Foto: picture-alliance/dpa

Jens Sembdner: Die Gebote, die Gott uns gegeben hat, sollten wir einhalten. Foto: picture-alliance/dpa

Wie haben Sie nach dem schweren Schicksalsschlag, dem Tod Ihrer Frau, wieder zurück ins Leben gefunden? Welche Rolle hat der Glaube da gespielt?
Sembdner:
Auf alle Fälle spielt der Glaube da eine Rolle. Ich habe mich mit Dingen beschäftigt, mit denen ich mich vorher nicht beschäftigt habe. Plötzlich wird das Leben völlig zerrissen. Ich wollte es nicht wahrhaben, ich wollte es nicht glauben. Ich fing dann an zu suchen, dass es etwas geben muss, dass der Mensch noch da ist. Ich habe meine Frau und nach Auswegen gesucht, habe mir alle möglichen Religionen angeschaut, Berichte über Nahtoderfahrungen gelesen. Ich habe mich sehr intensiv damit beschäftigt. Dabei habe ich mich ertappt, dass ich im Bett liege und zu Gott bete. Dann habe ich mir gedacht: Wo suchst du eigentlich? Tagsüber suchst du immer rechts und links und nachts betest du zu Gott. Ich habe gemerkt, dass mir das Ruhe gegeben hat. Ich konnte mit jemandem reden, und ich habe Ruhe empfunden, obwohl es eine sehr hektische Zeit für die Seele war, eine unruhige Zeit, in der ich am liebsten nicht mehr da sein wollte, weil es so bedrückend war. In dieser Phase habe ich Ruhe gefunden. Das fand ich sehr bedeutend und sensationell. Das schafft kein Medikament dieser Welt, aber ein Gebet schafft das nachts. Deswegen habe ich mir gedacht, warum nicht immer so. Es tut gut.

Inwieweit intensivierte sich Ihr Glaube?
Sembdner:
Ich wohnte damals noch auf dem Dorf und habe mich Sonntagmorgen auf mein Fahrrad geschwungen und mich dann das erste Mal seit Jahren wieder in die Kirche gesetzt. Das war eine Dorfkirche. Dort saß bloß noch eine Oma drin und der Pfarrer, der für uns beide predigte. Was er gesagt hat, empfand ich als sehr toll. Ich habe ihn gefragt: Was ist denn, wenn die Oma stirbt und ich wegziehe? Er antwortete: Dann habe ich nichts mehr zu tun. Ich sagte, das muss man doch ändern. Das ist eine so tolle Botschaft und es ist etwas, was viele Menschen hören müssen. Später fragte ich mich: Was könnte ich tun? Ich habe mich hingesetzt und die Psalmen und Choräle, die wir im Kreuzchor gesungen haben – mit Orchester und im klassischen Gewand –, vertont und einen Beat drunter gelegt und versucht, sie in die heutige Zeit rüberzuziehen. Daraus ist das Album »Da wo du bist« entstanden. Junge Gemeinden haben das auch nachgespielt. Damit ist schon etwas erreicht, wenn es auch nur kleine Dinge sind.

Sie sagen, damit die Kirche mehr Leute anlockt, muss sie sich öffnen, aber nicht um jeden Preis. Einige Werte müssen bewahrt werden. Welche?
Sembdner:
Die Gebote, die Gott uns gegeben hat – es sind nicht viele, aber es sind wichtige –, sollten wir einhalten. Wenn wir uns nur an die zehn Punkte halten würden, dann hätten wir gar kein Problem auf dieser Welt.

Welche Musik hören Sie privat?
Sembdner:
Ich höre gar nichts. Dadurch, dass ich selbst viel Musik mache, bin ich gerade auf Entzug – seit einem Jahr. Am Anfang habe ich mich gezwungen, mittlerweile finde ich es ganz toll, Radio und Fernsehen von mir fernzuhalten. 90 Prozent aller Nachrichten, die ich darin höre, sind negativ. Deshalb schalte ich das Radio aus und habe festgestellt, dass Stille eine immense Kraft gibt. Ab und zu unterstütze ich die Stille mit klassischer Musik, ich gebe es ehrlich zu. Auf der anderen Seite: Wir sind mit Cro und mit Xavier Naidoo unterwegs, wir haben ständig die aktuelle Musik um uns herum. In der kurzen Zeit, in der ich zu Hause bin, genieße ich Stille.

Cover der CD »Familienalbum«

Cover der CD »Familienalbum«

Was ist der Zweck, dass Sie die Nachrichten aussperren?
Sembdner:
Es sind für mich zu viele Informationen, die ich negieren kann, die ich für mich nicht brauche. Wichtige Informationen, dass es eine Hungersnot gibt, dass Völker unterdrückt werden, kommen durch, das weiß ich auch. Dass ich Spenden und Hilfsprojekte unterstützen sollte, das steht auch in den Zehn Geboten. Ich brauche dazu nicht noch etwas, was mich niederreißt. Das trifft auch auf die Kirche zu. Aus meiner Sicht sollten mehr positive Nachrichten verbreitet werden, damit die Menschen auch positiver und lächelnder durch das Leben gehen.

Seit 8. September sind Sie mit den »Prinzen« auf Kirchentour zur neuen CD »Familienalbum«. Bereits 2010 und 2012 waren Sie als Band in christlichen Gotteshäusern unterwegs. Warum zieht es die »Prinzen« wiederholt in die Kirche?
Sembdner:
Im Jahr 2008 haben wir mit Margot Käßmann einen live ausgestrahlten Fernsehgottesdienst gemacht – unter der Bedingung, dass wir unsere eigene Musik spielen durften. Danach gab es ein, zwei Konzertanfragen von verschiedenen Gemeinden. Als es dann noch mehr Interessenten gab, ist daraus eine Tour geworden. Mittlerweile ist das eine gute Tradition. Wir fahren im September los, im Oktober kommen wir wieder. Wir treten in den Kirchen nur mit akustischen Instrumenten auf und fangen das Konzert mit einem Choral an. Dann kommen die Lieder, die man kennt: »Mann im Mond«, »Deutschland«, »Alles nur geklaut«, Millionär«. Am Ende steht die Gemeinde, inklusive der Pfarrer, sie tanzen, klatschen und schreien. Bei manchen Gemeinden muss das erst der Gemeinderat entscheiden und es gibt Skeptiker. Umso schöner ist, wenn dann die ganze Gemeinde tanzt und klatscht, inklusive Pfarrer und Skeptiker. Das ist immer toll.

Inwieweit finden Sie sich mit Ihrem Glauben in den »Prinzen«-Texten wieder?
Sembdner:
Prinzipiell kann ich mich in fast allen Texten wiederfinden, weil wir Dinge ansprechen, die passieren, selbst wenn es manchmal hart klingt. »Die Prinzen« sind dafür bekannt, dass sie kein Blatt vor den Mund nehmen und dass sie alles aussprechen, so wie es ist. Nicht auf eine plumpe Art, sondern auf eine intelligente Art. Der Mensch versteht ein Thema meist nur, wenn du es direkt ansprichst. Wenn wir unsere Lieder sogar in Kirchen spielen dürfen, kann es so schlimm nicht sein, auch wenn das Wort F*cken einmal vorkommt. Es ist ja trotzdem eine Botschaft dahinter. Die ist – so kennt das Publikum die »Prinzen« – meist positiv.

Haben Sie sich schon mal wegen Ihres Glaubens gegen einen Text gestellt?
Sembdner:
Ich persönlich nicht, aber es gibt manchmal schon heftige Diskussionen. Mein Bandkollege Wolfgang Lenk ist auch in der Gemeinde und wir diskutieren manchmal darüber, ob wir gewisse Punkte so oder so sagen. Das betrifft eher die Phase des Liederschreibens. Aber meistens einigen wir uns darauf, dass im Prinzip alles machbar ist, solange wir das intelligent verpacken.

Wie viel von Ihrem Glauben steckt in dem Lied »Backstagepass ins Himmelreich«?
Sembdner:
Das hat mein Bandkollege Wolfgang Lenk mit reingebracht. Er geht regelmäßig in die Gemeinde. Bei den »Prinzen« singen meistens nur Tobias und Sebastian solo. Aber wir wollten, dass jeder mal die Leadstimme übernimmt, und da haben wir für Wolfgang ein Lied geschrieben, was er wirklich ist. So entstand »Backstagepass ins Himmelreich«. Wenn wir Kirchen-Konzerte geben, ist dieses Lied immer dabei, und Wolfgang singt es. Das ist wirklich er. Das Lied passt wunderbar zu den Prinzen, es passt sich ein. Es ist alles intelligent verpackt, sodass es auch ernst genommen und respektiert wird.
Christliches Medienmagazin pro

www.pro-medienmagazin.de

Die »Prinzen« auf Kirchentour: Termine in Mitteldeutschland

19. 9.: Arnstadt, Sebastian-Bach-Kirche;

22. 9., 20 Uhr: Nordhausen, St. Blasii Kirche;

30. 9., 20 Uhr: Zella-Mehlis, Pfarrkirche St. Magdalena;

3. 10.: Osterwieck, Stephaniekirche


Großzügig und zeitgemäß

2. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Sanierung: Das Eisenacher Lutherhaus wird sich bald als modernes Museum präsentieren

Vier Wochen bleiben noch, um die vielen leeren Vitrinen im umgebauten Lutherhaus in Eisenach zu füllen. Am 26. September öffnet dort die neue Dauerausstellung »Luther und die Bibel«.

Noch liegt eine dicke Schicht Staub in den blauen, roten, violetten Vitrinen. Kein Zustand, um darin jahrhundertealte Bibeln oder das Kirchenbuch mit dem Taufeintrag von Johann Sebastian Bach zu zeigen. Aber es bleiben auch noch gut vier Wochen bis zur Wiedereröffnung des alten, neuen Eisenacher Lutherhauses.

Im Dezember 2013 schloss das Museum für die erste Großsanierung in der 650-jährigen Geschichte des Fachwerkgebäudes. Zweiundzwanzig Monate später soll es sich als ein modernes Ausstellungshaus präsentieren, das dem erwarteten Besucheransturm zum Reformationsjubiläum gerecht werden kann. Und das jenen Eindruck der Enge und des Stickigen verloren hat, der nicht recht passen will zum Bild der evangelischen Kirche im Jahr 2017.

Noch gibt es viel zu rücken und zu räumen, bevor das Museum im September wiedereröffnet wird. Fotos: Michael Reichel (ari)

Noch gibt es viel zu rücken und zu räumen, bevor das Museum im September wiedereröffnet wird. Fotos: Michael Reichel (ari)

Etwa 100 000 Gäste, so die vorsichtige Schätzung, könnten dann auch die vielen Treppenstufen des Lutherhauses hinaufsteigen wollen. Wobei kein Besucher mehr Treppenstufen steigen muss. Durch eine Mitnutzung von Teilen des benachbarten Neubaus sind erstmals alle Räume des Museums weitgehend barrierefrei zu erreichen. Zuvor schafften es Rollstuhlfahrer nicht einmal über die Schwelle, beschreibt der wissenschaftliche Leiter und Kurator des Hauses, Jochen Birkenmeier. Museumskasse und -shop, Toiletten, Garderobe – letztere gab es im alten Bauzustand gar nicht – sowie erstmals ein Raum für Sonderausstellungen sind ebenfalls im Nachbarbau untergebracht.

Das Evangelische Pfarrhausarchiv, das sich bisher unter dem Dach des Lutherhauses befand, wurde in das Landeskirchenarchiv Eisenach ausgelagert; das museumseigene »Bibel-Café« wird nicht mehr betrieben. Durch diese Veränderungen und auch durch das Entfernen von Wänden wurde Platz gewonnen. Die ehemals arg verwinkelten Räume wirken großzügiger, die Museumspädagogik wurde auf zwei Zimmer erweitert. Auf rund 500 Quadratmetern – zuvor waren es nur etwa 300 – wird ab dem 26. September auch die neu gestaltete Dauerausstellung »Luther und die Bibel« zur Bibelübersetzung des Reformators gezeigt.

Ausgestellt werden rund 120 Exponate in den derzeit noch mit Staub bedeckten, rechteckigen Vitrinen, die das Berliner Design-Büro »neo.studio« entworfen hat. Sie geben dem alten Haus, in dem jede Wand schief, in dem nichts rechtwinklig ist, wieder Ecken und Kanten.

Für die zeitgemäße Ausstattung des Museums, zu der multimediale Zugaben wie Touchscreens, Hörstatio­nen und Bildschirme gehören, fielen 1,15 Millionen Euro an. Weitere 2,8 Millionen Euro waren für den Bau notwendig.

Die Hälfte des Geldes stammt aus öffentlicher Förderung, 1,4 Millionen Euro sind Eigenmittel der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, 0,56 Millionen Euro steuerten unter anderem Sponsoren und Bürger bei, die Patenschaften für Exponate übernommen haben.

Susann Winkel

Jeremias Kugelkopf

23. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Manfred Kyber

Jeremias Kugelkopf war ein Seehund. Er war ein friedfertiges Geschöpf. Er war innerlich, wie er äußerlich war: rund, kugelig und ohne Ecken. So war Jeremias Kugelkopf. Er lebte weit draußen im Weltmeer, und die Wellen des Weltmeeres trugen ihn wie in einer Wiege. Er wusste, dass das Weltmeer sehr wild sein konnte, und er wusste, dass es sehr still sein konnte. Er wusste auch, dass das Weltmeer sehr groß war und dass er sehr klein war. Darum war Jeremias Kugelkopf still und bescheiden. Mittags aß er Fische. Aber damit waren seine Interessen nicht erschöpft. Jeremias Kugelkopf hatte auch höhere Interessen. Wenn die Glocken läuteten an der Küste von Feuerland, hob er den Kopf aus dem Wasser, klappte die Ohren weit auf und hörte andächtig zu. Dann kamen Tränen aus seinen Augen, tatsächlich Tränen.

»Eigentlich wäre es doch sehr schön, ganz an der Küste von Feuerland zu leben«, dachte Jeremias Kugelkopf, »dann höre ich die Glocken ganz nah und brauche die Ohren nicht so weit aufzuklappen. Es kommt so leicht was hinein. Mit den Ohren muss man sehr vorsichtig sein.« Jeremias Kugelkopf klappte die Ohren sorgsam zu, bürstete den Schnurrbart mit der Flosse und schwamm an die Küste von Feuerland.

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

Das Abendrot legte sich über das Weltmeer. Es wurde kühl in den Wellen. Jeremias Kugelkopf störte das nicht. Er hatte eine Speckschicht. Seine Garderobe war so eingerichtet. Sie war seetüchtig in jeder Beziehung. Am Ufer tat Jeremias Kugelkopf einen gewaltigen Satz und schnellte sich hinauf. Dann rutschte er weiter und sah sich mit den großen Augen um, so wie jemand, der Wohnung sucht und gespannt ist, was er finden wird. Was Jeremias Kugelkopf fand, war sonderbar. Auf dem Ufer saßen Scharen von Pinguinen. Sie wedelten mit den Flügeln, die wie Talare auf weißen Vorhemden aussahen.

»Das sind sehr komische Vögel«, dachte Jeremias Kugelkopf, »solche Vögel habe ich noch nicht gesehn. Es sind auch so viele und sie sprechen alle durcheinander. Es ist so geräuschvoll. Ich glaube, es ist nichts für mich.« Die sonderbaren Vögel kakelten und verbeugten sich dabei unentwegt. Es sah sehr possierlich aus. »Es scheinen höfliche Leute zu sein«, dachte Jeremias Kugelkopf und rutschte näher. Ein Vogel watschelte auf ihn zu. Er war groß und dick, eine kegelförmige Figur.

»Sie wollen wohl unsere Eier besichtigen?«, fragte er verbindlich. »Wir legen sehr viele Eier. Viele Touristen aus dem Weltmeer kommen sie besichtigen. Es ist eine Sehenswürdigkeit. Aber Sie dürfen sie nicht näher untersuchen. Das erlauben wir nicht.«

»Nein«, sagte Jeremias Kugelkopf kleinlaut, »die Eier, die Sie legen, wollte ich eigentlich nicht sehen. Ich wollte die Glocken von Feuerland läuten hören. Die Glocken läuten hier oben doch jeden Abend? Oder habe ich mich geirrt?« Der dicke Vogel zuckte pikiert mit den verkümmerten Flügeln. »Natürlich läuten die Glocken«, sagte er ärgerlich, »aber die Hauptsache sind doch die Eier, die wir legen!« Jeremias Kugelkopf verstand nicht gleich. Er war ein bisschen tranig.

Da läuteten die Glocken von Feuerland, und Jeremias Kugelkopf freute sich. In demselben Augenblick aber fuhren die sonderbaren Vögel aufeinander los. Sie verneigten sich nicht mehr. Sie wedelten wütend mit den Talaren, kreischten entsetzlich und zankten sich um die Eier. Man hörte das tiefe Weltmeer nicht mehr ans Ufer branden, und die Glocken von Feuerland erstickten im Geschrei.

Jeremias Kugelkopf klappte voller Schrecken die Ohren zu und sprang mit einem Satz ins tiefe Weltmeer zurück. Er ruderte ganz verstört mit den Flossen und schwamm weit, weit von der Küste fort.

Auf einer kleinen einsamen Insel ruhte er sich aus. Bis hierher drang das Geschrei der sonderbaren Vögel nicht mehr um die Eier, die sie gelegt hatten. Aber durch die klare, reine Luft trug der Wind die Glockentöne von Feuerland über das tiefe Weltmeer. Da war Jeremias Kugelkopf dankbar und froh und blieb immer auf seiner einsamen Insel. Jeden Abend hörte er die Glocken läuten. Dann war Jeremias Kugelkopf gerührt und weinte. Die Tränen fielen ins Weltmeer.

Der Glanz der Vergangenheit

17. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Geschichte: Merseburg war einst die bedeutendste Königspfalz im Osten des Kaiserreiches

Eine Stadt mit großer Tradition feiert: Vor 1 000 Jahren legte Bischof Thietmar den Grundstein für den Kaiserdom in Merseburg. Am 9. August wurde die Ausstellung »1 000 Jahre Kaiserdom Merseburg« mit einem ökumenischen Gottesdienst im Dom eröffnet.

Wer heute nach Merseburg kommt, ahnt wenig von der einstigen Bedeutung der Stadt für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation im frühen 11. Jahrhundert. In der Chemieregion der DDR gelegen, fiel ein Großteil der Altstadt dem »sozialistischen Umbau« zum Opfer. Die Kirche spielte in der Bevölkerung kaum eine Rolle. Auch heute gehört der Kirchenkreis Merseburg zu denen mit sehr wenigen Christen, laut Statistik waren es 2013 gerade mal 11,5 Prozent evangelische Gemeindemitglieder.

Dabei gehört Merseburg zu den ältesten deutschen Städten, älter und einstmals bedeutender als das nahe gelegene Leipzig. Unter dem frommen König Heinrich II. aus dem Adelsgeschlecht der Ottonen und 1014 zum Kaiser gekrönt entwickelte sich die Stadt zur bedeutendsten Königspfalz im Osten des Reiches. Für vier Monate wollen die Vereinigten Domstifter, das Land Sachsen-Anhalt, die Stadt und die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland etwas vom einstigen Glanz zeigen. Die Sonderausstellung »1 000 Jahre Kaiserdom Merseburg«, die am 9. August von Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh eröffnet wurde, soll die Bedeutung Merseburgs in der Geschichte der Königspfalzen wieder ins Licht rücken, erläuterte Kurator Markus Cottin, Leiter des Merseburger Domstiftarchivs, das Konzept. Im Mittelpunkt der Präsentation stehe deshalb vor allem die politische Bedeutung der einstigen Königspfalz. So seien wichtige politische Entscheidungen in der Pfalz getroffen worden. Unter anderem reiste 979 der Kalif von Cordoba zu diplomatischen Verhandlungen in die Saalestadt, eine wichtige Begegnung zwischen christlicher und islamischer Kultur.

Das Ensemble Dom und Schloss in Merseburg beherbergt mit »1 000 Jahre Kaiserdom Merseburg« eine vor allem geschichtlich interessante Ausstellung. Fotos: Burkhard Dube

Das Ensemble Dom und Schloss in Merseburg beherbergt mit »1 000 Jahre Kaiserdom Merseburg« eine vor allem geschichtlich interessante Ausstellung. Fotos: Burkhard Dube

Heinrich II. betrieb 1004 die Neubildung des Bistums Merseburg, das 968 dem heiligen Laurentius geweiht und 981 wieder aufgelöst worden war. Mit der Neugründung waren umfangreiche Schenkungen verbunden. Am 18. Mai 1015 legte Bischof Thietmar von Merseburg schließlich den Grundstein zum Dom. Heinrich der II. soll insgesamt 29 Mal in Merseburg geweilt haben. Ein Grund war die gute Versorgung des Hofstaates. Die Bauern in der ländlichen Umgebung der Stadt mit ihren fruchtbaren Böden konnten eine Weile genügend Nahrung für das Herrschergefolge liefern.

Zu den wichtigsten Quellen dieser Zeit gehört die Chronik Thietmars von Merseburg, der dem hochverehrten Kaiser damit ein Denkmal setzte. Heute erinnert die König-Heinrich-Straße in Merseburg an den mittelalterlichen Herrscher. Heinrich wurde 1146 heiliggesprochen, seine Frau Kunigunde 1200. Die Gewänder des Paares, die Merseburg als Schenkung besaß, galten fortan als Reliquien. Thietmar machte sich auch Gedanken über die Herkunft des Städtenamens und führte ihn auf den römischen Gott Mars zurück. Thietmar gefiel der Gedanke, dass Cäsar zu Ehren des Gottes hier eine Burg gegründet hätte. Doch der Name Merseburg ist germanischen Ursprungs. Die Römer sind nie hier gewesen, aber germanische und slawische Stämme siedelten sich an.

Insgesamt erwarten die Besucher 130 Exponate, davon 90 Leihgaben, die mit interessanten Begebenheiten der Geschichte verbunden sind. Zu den besonderen Stücken gehören die Nachbildung der Krone Heinrichs – das Original ist in München – sowie das Adelheidkreuz. Es war das Reichskreuz Rudolfs von Rheinfelden (1025–1080), der sich im Zuge des Investiturstreits zwischen Papst Gregor VII. und König Heinrich IV. zum König wählen ließ. Sein Grab im Merseburger Dom war einst mit Gold und Edelsteinen verziert. Und seine mumifizierte Hand, im Kampf abgetrennt, ist in einer Vitrine ausgestellt.

Die Grablege Sigismunds von Lindenau befindet sich im Chorraum. Er war der letzte katholische Bischof Merseburgs und hatte den Heinrichsaltar bei Lucas Cranach bestellt, der bis heute den Dom schmückt und von Luther vor der Vernichtung im Zuge der Bilderstürmerei gerettet worden sein soll.

Interessant sind zudem die Eindrücke, die durch Illusionspanoramen erzeugt werden. In der Vorhalle des Domes wird der Betrachter in die Zeit der Romanik geführt. Eine andere Kulisse gibt den Blick frei ins Kirchenschiff, der sonst von der Rückwand der Ladegastorgel verdeckt ist. Auch den Lettner haben die Aussteller wieder sichtbar gemacht.

Elf Räume erzählen von vergangenen Zeiten, von Prunk und Frömmigkeit, von Krieg und Machtkampf. Merseburg ist eine Reise wert.

Dietlind Steinhöfel

Öffnungszeiten
Montag bis Sonntag, 9 bis 18 Uhr
Gottesdienst sonntags und an kirchlichen Feiertagen von 10 bis 12 Uhr
Bitte beachten Sie Einschränkungen des Ausstellungsrundganges im Dom aufgrund von Gottesdiensten, Konzerten und Trauungen.

www.merseburg2015.de

Der Cranach unter dem Cranach

12. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Im Sommer 1512 kam der bis heute am selben Platz stehende Cranach-Altar nach Neustadt/Orla

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach d. J. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen.

Am Montag, dem 14. Juni 1512, trafen von Wittenberg kommend, in Neustadt an der Orla drei Fuhrwerke mit einer kostbaren Fracht ein. Die Neustädter Bürger Nicolaus Clingenstein und Hans Dornberg hatten in Begleitung von zwei Knechten die »nawe taffeln« aus der Werkstatt von Lucas Cranach abgeholt. In einem weiteren Wagen saßen Matthes, der Bruder von Lucas Cranach d. Ä., ein Geselle und dessen Frau. Gut eine Woche später war das von den Neustädtern während einer Messe in Leipzig in Auftrag gegebene Werk vollbracht, der neue Altar wurde geweiht. In den Kirchenbüchern zu findende Rechnungen lassen nicht nur den Weg des Altars vom Auftrag bis zur Weihe durch den Bischof verfolgen, sondern auch die Kosten. So wurden zum Beispiel »105 alt Schock dem Maler Meister Lucas Bruder gegeben Als er die taffel gesatzt hat am Abend Johannis Baptiste.« Fünf Schock Fuhrlohn erhielt demnach Clingenstein, über neun Schock »hat vertzert Hans Dornberg mit 2 Knechten, mit 4 der stat pferden … mit den malern vff 6 person vnd 6 pferden«.

Darstellung des Jüngsten Gerichts auf der Predella des Cranach-Altars in der St.-Johannis-Kirche in Neustadt/Orla. Fotos: Torsten Kopp

Darstellung des Jüngsten Gerichts auf der Predella des Cranach-Altars in der St.-Johannis-Kirche in Neustadt/Orla. Fotos: Torsten Kopp

Von den Sehenswürdigkeiten der ostthüringischen Kleinstadt sind drei auch mit mehrmaligen Aufenthalten Martin Luthers als Visitator des Augustiner-Konvents und als Prediger im thüringischen Umfeld des »Schwärmers« Karlstadt verbunden: das nur in Resten erhaltene ehemalige Augustinerkloster, das direkt am Markt stehende viergeschossige »Lutherhaus« und die Stadtkirche St. Johannis. In der Hallenkirche predigte Martin Luther während seiner Reise in das Gebiet der thüringischen Aufständischen im August 1524.

Absoluter Höhepunkt der Ausstattung des Gotteshauses ist der seit 500 Jahren an ein und derselben Stelle stehende Cranach-Altar. Die sich aufeinander beziehenden Teile zeigen Szenen aus der Bibel und aus mittelalterlichen Legenden. Das Werk hat eine Spannweite von fünf und eine Höhe von sieben Metern. Dank dem Eingreifen Martin Luthers ist der Altar vor der Zerstörung durch die Bilderstürmer bewahrt worden, mehrfach beschädigt wurde er jedoch im Dreißigjährigen Krieg. Erstmals restauriert wurde er in den Jahren 1948–51 in Weimar.

In den Jahren 2010 bis 2013 hat das in Erfurt lebende Wissenschaftler-Ehepaar Sabine und Rüdiger Maier den Altar mit dem sogenannten Bildwandlungsverfahren MIRR untersucht. Die Abkürzung MIRR steht für Macro-Infrarot-Reflektographie – ein seit den 1980er-Jahren bekanntes Verfahren der Bildwandlung. Eine spezielle Kameratechnik entdeckt dabei auf dem Bildträger eines Gemäldes Unterzeichnungen, die dem menschlichen Auge verborgen bleiben. Die Bildtafeln des Neustädter Cranach-Altars hat das Ehepaar Maier mittels Kamera in zirka 10 000 Fotos der Größe vier mal fünf Zentimeter »aufgelöst«, montiert und dann ausgewertet. Sichtbar wurde so – salopp gesagt – der Cranach unter dem Cranach. Die Untersuchung zeigte nicht nur die – vielfach vom Meister – mit graphischen Mitteln vorgegebene Bildkomposition auf dem Malgrund. Dank der sichtbar gewordenen Unterzeichnung wurden auch Abweichungen im weiteren Malprozess nachweisbar, die aus kunsthistorischer und restauratorischer Sicht von besonderem Interesse sind. Ablesbar wird, dass das Bild nicht »in einem Zug« entstand, sondern Resultat eines Arbeitsprozesses ist. Identifizierbar sind rezeptionsgeschichtliche Eingriffe, Bildveränderungen oder -korrekturen, die von der Anpassung an veränderte künstlerische Darstellungsformen der Renaissance zeugen.

Die Untersuchungsmethode ermöglichte zugleich neue Erkenntnisse zur Arbeitsweise in der frühen Cranach-Werkstatt. Der schon zu Lebzeiten als »Schnellmaler« bezeichnete Lucas Cranach d. Ä. hat also mit Schablonen gearbeitet. Sabine Meier nennt derlei Vorlagen etwa für die später in den Bildern fixierte Haltung von Armen oder Beinen gern »Detailkartons«, die Italiener nutzen dafür das klangvolle »Cartocino« (kleine Kartons).

Heinz Stade

Revolutionäre Botschaft

5. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Diözesanmuseum Paderborn präsentiert die Geschichte der Nächstenliebe

Im antiken Rom sorgte die selbstlose Hilfe für Arme und Kranke zunächst für Argwohn. Bis heute inspiriert die »Erfindung« der frühen Christen die Kunst. In einer ersten umfassenden Gesamtschau wird die Geschichte der Nächstenliebe spannend erzählt.

Das weiße Kleid ist am Boden versengt, der Blick der Frau ruht auf einem der beiden schwarzen Babys an ihrer Brust. In ihrer lebensgroßen Foto-Kunst inszeniert sich die New Yorker Künstlerin Vanessa Beecroft als weiße Madonna. Das angekohlte Kleid verweist auf die zahlreichen Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent. Für Museumsdirektor Christoph Stiegemann zeigt das Werk, wie prägend die Botschaft der tätigen Nächstenliebe bis heute ist. Unter dem Titel »Caritas – Nächstenliebe von den frühen Christen bis zur Gegenwart« bietet das Diözesanmuseum in Paderborn einen Streifzug durch die Geschichte der Nächstenliebe und ihrer künstlerischen Darstellung.

Am Anfang der bis zum 13. Dezember laufenden Ausstellung steht der berühmte Brief des Apostels Paulus über das allumfassende Gebot der Liebe (1. Korinther 13,13). »Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei«, heißt es in dem Schriftstück aus dem zweiten Jahrhundert, »aber die Liebe ist die größte unter ihnen«. Der Papyrus aus der Dubliner Chester Beatty Library sei wohl das spektakulärste Stück der Schau, erklärt Stiegemann. Er ist eines der frühesten Original-Dokumente der christlichen Nächstenliebe.

Mitleid galt im alten Rom als Schwäche

Die von Christen gelehrte Zuwendung zu armen und kranken Menschen sei in der Antike etwas revolutionär Neues gewesen, sagt Stiegemann. Bis dahin galt in der römischen und griechischen Welt der strahlende Held als Ideal, Mitleid war etwas für Schwächlinge. Für die Christen sind alle Menschen Kinder Gottes. Was man dem Geringsten tut, tut man gegenüber Gott, erklären sie. Dass sich das Christentum rasch weltweit ausbreitete, liegt nach Stiegemanns Überzeugung auch daran, dass das Christentum die Nächstenliebe praktisch umsetzte.

Die in Genua geborene, in New York lebende Künstlerin Vanessa Beecroft arrangiert Körper zu lebenden Kunstwerken. Während einer ihrer Sudan-Reisen hat sie sich in einer Kathedrale als weiße Madonna mit schwarzen Zwillingen selbst in Szene gesetzt. Fotos: Diözesanmuseum Paderborn

Die in Genua geborene, in New York lebende Künstlerin Vanessa Beecroft arrangiert Körper zu lebenden Kunstwerken. Während einer ihrer Sudan-Reisen hat sie sich in einer Kathedrale als weiße Madonna mit schwarzen Zwillingen selbst in Szene gesetzt. Fotos: Diözesanmuseum Paderborn

Nach den Ursprüngen der Caritas – der lateinische Begriff für Nächstenliebe bei den frühen Christen – folgt die Schau den Spuren ihrer Institutionalisierung in den Herrschaftsgebieten mittelalterlicher Könige und Bischöfe. Beleuchtet werden die Gründung der ersten Hospitäler, Armen- und Waisenhäuser in Zeiten von Pest, Krieg und Hungersnöten. Suppenschüsseln für Armenspeisungen illustrieren die städtische oder frühstaatliche Fürsorge, die an die Stelle von Almosenverteilung rückte. Zu den Exponaten gehören daneben unter anderem antike Sarkophage oder mittelalterliche Buchmalerei und Schatzkunst.

Wie die Idee der Nächstenliebe die Kunst beflügelt hat, zeigen frühe Darstellungen des Gleichnisses des barmherzigen Samariters in Altarbildern aus dem 11. Jahrhundert und Darstellungen der Caritas bei Lucas Cranach dem Älteren, Eugène Delacroix sowie Max Liebermann bis hin zu Videoarbeiten von Bill Viola. Der italienische Maler Raffael porträtiert im Jahr 1507 die Caritas als eine ihre Kinder umsorgende Mutter. Die Darstellung der Kardinaltugenden in dem Altarbild gehört zu den seltenen Originalexponaten. Leihgeber der rund 200 Ausstellungsstücke sind unter anderem der Vatikan, der Pariser Louvre oder das New Yorker Metropolitan Museum of Art.

Die Schau soll aber nicht nur eine Erfolgsgeschichte erzählen. Dargestellt werden auch die Schattenseiten: Der Erste Weltkrieg etwa, in dem Franziskanerinnen aus Salzkotten das Leiden an der Front durch Lazarettdienste zu mildern versuchten. Oder die sogenannte Euthanasie, als die Nationalsozialisten behinderte und kranke Menschen zur Tötung aussonderten. Dadurch wurden auch Heil- und Pflegeanstalten zu Tötungsanstalten, erklärt Stiegemann. Besucher können Briefe von Nonnen lesen, die das Grauen dieser Erfahrungen ihrem Bischof schildern.

Eine Ausstellung ohne erhobenen Zeigefinger

Am Ende der Ausstellung verweisen Infotafeln auf tätige Nächstenliebe, wie sie heute von den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden der Diakonie und der Caritas oder Organisationen wie Amnesty International oder der Welthungerhilfe geleistet werden.

Die Schau wolle nicht mit erhobenem Zeigefinger die richtige Moral verkünden, erklärt Stiegemann. Sie könne anregen, sensibel zu sein gegenüber Flüchtlingen, der Ausbeutung von Entwicklungsländern oder der steigenden Müllproduktion in der heutigen Wegwerfgesellschaft. »Wenn wir dazu motivieren, mit offenen Augen durch den Alltag zu gehen, dann haben wir unser Klassenziel erreicht.«

Holger Spierig (epd)

Das Diözesanmuseum Paderborn hat dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

www.dioezesanmuseum-paderborn.de

www.caritas-ausstellung.de

Cranach zum Mitmachen

28. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Pop Up Cranach – die junge Landesausstellung

Dunkle Räume, schummriges Licht, ein Lichtspot auf hunderte Jahre alten Gemälden. Die Präsentation der Landesausstellung über Lucas Cranach den Jüngeren ist so eindrucksvoll, dass man sich fast andächtig durch die ersten beiden Geschosse des Augusteums in der Lutherstadt Wittenberg bewegen möchte.

Ganz anders im Obergeschoss, wo die Besucher den alten Meistern ein Stockwerk tiefer sozusagen auf dem Kopf herum tanzen können. Pop-Up-Cranach, der Ausstellungsteil für Kinder und Jugendliche, ist Cranach zum Mitmachen. Der Name sei angelehnt an Pop-Up-Bücher (Aufklapp-Bilderbücher), erklärt Stephan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten: »Die Besucher sind mitten im Gemälde. Sie schauen es nicht nur an, sie erlaufen und erleben das Bild.«

In der Ausstellung »Pop up Cranach« kann jeder mit einer Schablone sein eigenes Luther-Porträt zeichnen. Foto: Alice – Museum für Kinder

In der Ausstellung »Pop up Cranach« kann jeder mit einer Schablone sein eigenes Luther-Porträt zeichnen. Foto: Alice – Museum für Kinder

Mitten in so einem Bild befinden sich die Besucher zum Beispiel im »Rätselzimmer des Hieronymus«, einer von insgesamt acht Stationen der Ausstellung »Pop Up Cranach«. Das Original-Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren zeigt Kardinal Albrecht von Brandenburg als Heiligen Hieronymus am Schreibtisch, umgeben von diversen Gegenstände und Tieren. Das Pop-Up-Rätselzimmer ist eine dreidimensionale und überlebensgroße Darstellung des Bildes. Die Besucher können sich wie auf einer Bühne bewegen und Gegenstände oder Tiere frei im Bild arrangieren oder nach Vorlage an die richtige Stelle positionieren. Kurze Texte erklären dabei die Symbolik der einzelnen Details.

Die junge Landesausstellung wurde entwickelt vom Berliner »Alice-Museum für Kinder« und war bis zum 12. April mit großem Erfolg in Berlin zu sehen. »Pop Up Cranach ist zwar eine Ausstellung für Kinder und Jugendliche«, sagt Claudia Lorenz, die Leiterin des Alice-Museums, »aber auch Erwachsene können in der Ausstellung Interessantes über die Cranachs entdecken.« Bei ihrer Entdeckungsreise in die Cranach-Welt schlüpfen die Besucher in die Rolle von Kunstdetektiven. Ein Stadtplan dient zur Orientierung durch die acht Stationen von Wittenberg-City zu Cranachs Zeiten. Groß und Klein erfahren eine Menge über das Leben der Cranachs, über Martin Luther und auch über ganz moderne Aspekte aus der Kunstforschung.

Die Station »Zum Palast« greift das Wirken der Cranachs als Hofmaler der Kurfürsten auf. Kinder können in farbenprächtige Kostüme schlüpfen, um dem Tanzmeister auf der Leinwand zu folgen und die Tänze des 16. Jahrhunderts mitzutanzen.

In Berlin waren sogar die Kleinsten für den alten Meister zu begeistern. So war der KiTa-Freitag für Kindertagesstätten über Monate ausgebucht. Das museumspädagogische Angebot zur jungen Landesausstellung »Pop Up Cranach« in Wittenberg ist gedacht für Schülerinnen und Schüler der 1. bis 12. Klasse, aber auch für jüngere Kinder gibt es besondere Mitmachangebote.

Thorsten Keßler

E-Mail: service@cranach2015.de

Porträts, Ikonen, Kirchen

22. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel:  Mariana Lepadus studierte in ihrer Heimat in Rumänien Kirchen- und Ikonenmalerei

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische Künstler vor, die sich mit christlichen Themen auseinandersetzen. Ein Besuch im Atelier der Eislebener Künstlerin Mariana Lepadus.

Die Kirche in Landgrafroda (Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen) ist ein Schmuckstück – außen und innen. Den Innenraum der Jugendstilkirche restaurierte Mariana Lepadus. Als die Kirchenmalerin das Gotteshaus vor der Restaurierung sah, fiel zwar der Renovierungsbedarf ins Auge, aber die einst schönen Farben, die geometrischen Formen, die reiche Symbolik waren noch zu erkennen. Zur 100-Jahr-Feier 2008 sollte die Kirche in altem neuen Glanz erscheinen. Doch das Geld war knapp. Die Kirche verdankt ihr Schicksal einer lapidaren – oder vielleicht doch cleveren (?) Bemerkung. Gerald Hermann, Kirchenältester und sehr engagiert für »seine« Kirche, erinnert sich. Als Mariana Lepadus zögerte, gab er ihr gegenüber zu verstehen, falls sie sich nicht dazu entschließen könnte, die Kirche zu restaurieren, würde er die Wände einfach weiß überstreichen. Frevel in den Augen der Künstlerin. Das wollte sie nicht zulassen. Auch wenn ihr die Gemeinde keine üppige Bezahlung anbieten konnte, nahm sie den Auftrag an. Jede Woche kam sie für zwei bis drei Tage aus der Lutherstadt Eisleben, wo sie wohnt, nach Landgrafroda, um der Kirche ihr ursprüngliches Aussehen wiederzugeben.

Mariana Lepadus in ihrem Atelier. Fotos: Sabine Kuschel

Mariana Lepadus in ihrem Atelier. Fotos: Sabine Kuschel

Mit Akribie und Perfektionismus ging sie ans Werk. Alle Linien und Formen habe sie ohne Lineal und Schablonen gemalt, bewundert Hermann ihr Können. Auch wie akkurat alles geworden sei. Lepadus betrachtet diese Kirche als ihr Lebenswerk. »Ich bin stolz.«
Ihr Kunsthandwerk, die Kirchen- und Ikonenmalerei, hat sie von Rumänien mit nach Deutschland gebracht. 1961 in Maglavit, einem Dorf im Donautal, geboren, besuchte sie während der Ceausescu-Ära eine Kunsthochschule für Kirchenmalerei. Unterstützt wurde das Studium von der Rumänisch-Orthodoxen Kirche. Es bot zwar die Chance einer ideologiefreien Auseinandersetzung mit Kunst, Glauben und kirchlicher Tradition. Aber als Frau musste sie sich in einer Männerdomäne bewähren. Schwere Arbeit auf der Baustelle, von früh bis spät restaurierte sie nach Vorlagen Fresken und Ikonen. Unterkunft und Essen waren frei, ansonsten erhielt sie für ihre Arbeit kein Geld. »Das war Ausbeutung«, sagt Mariana Lepadus heute zu ihrer Ausbildung in Rumänien. »Ich möchte ein Buch darüber schreiben.« Sechs Jahre dauerte das Studium.

1988 kam sie in die DDR, 1989 wurde ihr erstes, einige Jahre später ihr zweites Kind geboren. 15 Jahre arbeitete sie als Theatermalerin an der Landesbühne Sachsen-Anhalt. Seitdem ihre Stelle Sparmaßnahmen zum Opfer fiel, ist sie freischaffend.

Sie malt Bilder mit sakralen Themen, Ikonen, Porträts und Stadtansichten. Daneben leitet die Künstlerin Kurse und Workshops in verschiedenen Bildungseinrichtungen und unterrichtet an der Musikschule Querfurt. Sie wirkt mit an dem Projekt der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland »Frauen der Reformation in der Region«. In der künstlerischen Auseinandersetzung finde sie Antwort auf die Fragen nach dem Sinn des Lebens. Deshalb sagt sie zu ihrer und ihres Mannes Berufsentscheidung – er ist Musiker: »Wir leben unseren Traum.«

Ihr großes Vorbild ist Lucas Cranach. Derzeit beschäftigt sie sich mit der Rekonstruktion eines Altarbildes von Lucas Cranach dem Jüngeren aus der Marienkirche in Kemberg (Kirchenkreis Wittenberg). Ein Auftrag, der für die Künstlerin allerdings nicht nur helle Freude bereithält. Unglücklich ist sie über die Entscheidung der Kemberger Kirchengemeinde. In deren Marienkirche wurde 1994 bei einem Brand der 1565 von Lucas Cranach dem Jüngeren erschaffene Altar fast vollständig zerstört. »Die Kirchengemeinde hat sehr getrauert«, sagt Dr. Bettina Seyderhelm, Kunsthistorikerin in Magdeburg. Lange Zeit war unklar, wie der Altarraum künftig gestaltet werden sollte. Über verschiedene Modelle wurde nachgedacht und in vielen Veranstaltungen darüber beraten. Die Angebote von Künstlern, den Altar nachzumalen, überzeugten die Gemeinde nicht. Sie war der Auffassung, »ein kopierter Altar ist immer eine Kopie«, so Seyderhelm. Ein internationaler Künstlerwettbewerb wurde ausgeschrieben, sechs namhafte Künstler reichten ihre Entwürfe ein. Die Gemeinde entschied sich für ein Kreuz des Österreicher Künstlers Arnulf Ralf. Und damit gegen eine Rekonstruktion des Altars.

Daraufhin bildete sich eine private Initiative, die sich für eine Nachahmung des Cranachschen Altarbildes engagiert und Mariana Lepadus damit beauftragte. Mit der ihr eigenen Sorgfalt und Leidenschaft widmet sie sich dieser Aufgabe. Und bedauert, dass ihr Werk nicht in der Kirche, sondern an einem anderen Ort seinen Platz finden wird.

Überhaupt würde sie sich ein viel größeres Interesse an sakraler Kunst wünschen. Am liebsten würde sie noch weitere Kirchen wie die in Landgrafroda ausmalen, denn renovierungsbedürftige Gotteshäuser gebe es genug.

Sabine Kuschel

Nicht wiederzuerkennen

15. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Ein Porträt Cranachs zeigt, wie Luther als »Junker Jörg« aussah

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren.
Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen. Diesmal Eisenach.

Die über 1 000 Jahre alte Wartburg war Zentrum hoch mittelalterlichen Dichtens und Minnesangs, wurde zum Wohn- und Wirkungsort der heiligen Elisabeth, und sah mit dem Wartburgfest der deutschen Burschenschaften den Morgen einer freiheitlich-demokratischen Nation heraufdämmern. Vor allem aber wurde sie zur »Lutherburg«.

Holzschnitt von Lucas Cranach dem Älteren mit Luther als Junker Jörg.  Foto: Wartburg Stiftung Eisenach

Holzschnitt von Lucas Cranach dem Älteren mit Luther als Junker Jörg. Foto: Wartburg Stiftung Eisenach

Lucas Cranach der Ältere, der zur Zeit von Luthers »Gefangenschaft« auf der Burg schon mit diesem befreundet war, erfuhr als Einziger vorab von jenem Ereignis, das schließlich zu Luthers fast 300 Tage währenden Aufenthalt auf der Wartburg führen sollte. »Lieber Gevatter Lukas … ich laß mich eintun und verbergen, weiß selbst noch nicht wo…«, heißt es in einem Schreiben, das Luther an den Maler richtete. Wenige Tage später war auch das Versteck klar.

Nach einem vorgetäuschten Überfall im heutigen »Luthergrund« nahe Steinach am Rennsteig, war Luther, der sich auf der Rückreise vom Reichstag in Worms befand, in der Nacht des 4. Mai 1521 in Begleitung mehrerer Reiter auf die sichere Obhut gewährende kurfürstlich-sächsische Wartburg gekommen.

»Mit Mühe habe ich erreicht, diesen Brief zu schicken. So sehr fürchtet man, es könne auf irgendeinem Wege bekannt werden, wo ich bin. Deshalb sorgt auch Ihr dafür, falls Ihr glaubt, dass dies zur Ehre Gottes geschieht, dass zweifelhaft bleibt, ob Freunde oder Feinde mich verwahren und schweigt! Es ist auch nicht nötig, dass außer Dir und Amsdorf jemand weiß, wo ich bin, nur: dass ich noch lebe«, schreibt der »Gefangene« noch in der ersten Woche seiner Ankunft an Melanchthon nach Wittenberg. Und Freund Spalatin erfährt: »Ich lasse mir Haare und Bart wachsen. Du würdest mich schwerlich erkennen, da ich mich selber schon nicht mehr wiedererkenne.«

Es wurde ruhig um den Reformator. Mitten in seiner Hauptarbeit auf der Burg, der Übersetzung des Neuen Testaments, wagte er sich inkognito im Dezember 1521 für wenige Tage nach Wittenberg. Sich ausgebend als »Junker Jörg«, war der mit vollem Haupt- und Barthaar Reisende wohl kaum als Luther zu erkennen. So sah ihn in Wittenberg auch Cranach. Das nach der Begegnung entstandene Bildnis vom »Junker Jörg« erlangte Weltruhm. Zwischen 1520 und 1546 entstanden insgesamt sieben verschiedene grafische und gemalte Porträttypen Martin Luthers in der Cranach-Werkstatt. Alle diese Bildnisse dienten propagandistisch-dokumentarischen und somit werbend-lehrhaften Zwecken. Das Porträt Luthers machte so den Botschafter des reformatorischen Programms sichtbar und entwickelte sich quasi nebenher als lückenlose Illustration seines biografischen Werdegangs. In den Kunstsammlungen der Wartburg werden mehrere Cranach-Meisterwerke aufbewahrt, darunter auch beeindruckende Bildnisse der Eltern Martin Luthers. Dieser Schatz verdankt sich mit Hans Lucas von Cranach auch einem direkten Nachkommen der Malerfamilie. Dieser war von 1895 bis zu seinem Tod im Jahr 1929 Burghauptmann der Wartburg.

Heinz Stade

Die Ausstellung »Die Lutherporträts der Cranach-Werkstatt« auf der Wartburg in Eisenach ist noch bis 19. Juli zu sehen

Aus dem Schatten des Vaters

7. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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In Wittenberg öffnete die weltweit erste Schau zu Lucas Cranach dem Jüngeren

Ernst schauen die braunen Augen des Knaben in die Ferne. Die dunklen Haare sind sorgfältig gekämmt, Wangen und Lippen rosig. Die Kleidung ist mit wenigen Strichen angedeutet. Das gezeichnete Porträt des etwa zehnjährigen Fürstensohnes ist eines von insgesamt 13. Aus dem Musée des Beaux-arts in Reims sind die Blätter nach Wittenberg gekommen und in der Ausstellung »Lucas Cranach der Jüngere – Entdeckung eines Meisters« im Augusteum zu sehen.

Die »Auferstehung Christi mit Stifterfamilie« ist auf dem Epitaph für Leonhard Badehorn abgebildet. Das Cranachgemälde gehört zum Bestand des Museums der bildenden Künste Leipzig. Fotos: Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Die »Auferstehung Christi mit Stifterfamilie« ist auf dem Epitaph für Leonhard Badehorn abgebildet. Das Cranachgemälde gehört zum Bestand des Museums der bildenden Künste Leipzig. Fotos: Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Die Dargestellten wirken so lebensecht, als würden sie gleich hinter dem Schutzglas, das sie umgibt, hervortreten. Die um 1540 beziehungsweise 1545/50 datierten Zeichnungen zeigen Angehörige fürstlicher Familien. Die Cranach-Werkstatt verfügte über das Bildnis-Monopol und konnte jederzeit auf Bestellung die gewünschten Porträts liefern. Einige Zeichnungen hat Cranach der Jüngere handschriftlich bezeichnet. Bei den anderen weist die technische Umsetzung darauf hin, dass sie von seiner Hand stammen. Und schließlich sind nach den Zeichnungen drei Gemälde entstanden, die allesamt als Arbeiten von Lucas Cranach dem Jüngeren anerkannt sind.

Eintritt in die Werkstatt des Vaters

In der Schau im Rang einer Landesausstellung (Kuratorin: Katja Schneider) stehen zum ersten Mal überhaupt Werk und Leben von Lucas Cranach dem Jüngeren im Mittelpunkt. Anlass ist der 500. Geburtstag des Künstlers, der über Jahrhunderte im Schatten seines Vaters, Lucas Cranach des Älteren (1472-1553), stand. Auf knapp 850 Quadratmetern Fläche präsentiert die Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt 120 Werke Cranachs des Jüngeren, die aus Museen und Sammlungen in Deutschland und dem Ausland zusammengetragen wurden. Sie lenkt den Blick auf eine Persönlichkeit, deren malerisches Können dem des älteren Cranach kaum nachstand. Als etwa Zwölfjähriger trat er in die Werkstatt des Vaters, die dieser zwischen 1504 und 1520 in Wittenberg zu einer erfolgreichen Bildmanufaktur aufgebaut hatte. Der Sohn führte diese ab 1550 in unverminderter Qualität fort. In der Folgezeit entwickelte er sie zu einer der größten und erfolgreichsten Kunstwerkstätten in Europa, aus der nicht nur Gemälde hervorgingen, sondern auch Raumdekorationen oder die Ausstattung höfischer Feste und Turniere. Der jüngere Cranach war zwar von Beginn seiner Laufbahn an in den Werkstattbetrieb eingebunden, doch gelang es ihm, sich in dem vorgegebenen Rahmen individuell zu entfalten. Zu sehen ist dies nicht nur an den (Fürsten-)Porträts, sondern an so eindrucksvollen Gemälden wie »Auferstehung Christi mit Stifterfamilie (Epitaph für Leonhard Badehorn)« von 1554 oder »Christus als Überwinder von Tod und Teufel« von 1542. Zeitgenossen schätzen den »jungen Herrn Cranach« als Künstler wie als Ratsherrn, Geschäftsmann und frommen Christen hoch.

Künstler, Ratsherr, frommer Christ

Doch nachdem die Cranach-Werkstatt nach seinem Tod 1586 gegen Ende des 16. Jahrhunderts aufgegeben wurde, gerieten beide Maler in Vergessenheit. Später wurden die Werke nur dem älteren Cranach zugeschrieben. Erst im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts gelang es der kunsthistorischen Forschung, die Bilder dem Vater oder dem Sohn oder beiden gemeinsam oder der Werkstatt zuzuordnen und negative Urteile zu revidieren.

Nicht nur die Kunstwerke, auch die Ausstellungsorte verdienen Aufmerksamkeit. Auf dem Gelände des Augustinerklosters wurde 1586 ein Gebäude für die Wittenberger Universität fertiggestellt. Nach seinem Bauherren, dem sächsischen Kurfürsten August, bekam es den Namen Augusteum. Als die Universitäten Halle und Wittenberg 1817 vereinigt wurden, nutzte das Evangelische Predigerseminar die frei gewordenen Räume bis zum Auszug wegen des Beginns der Gebäuderestaurierung. An der östlichen Hofmauer entstand ein neues Eingangsgebäude mit Kasse, Garderobe, Museumsshop und Toiletten, das zudem den barrierefreien Zugang zum Augusteum ermöglicht.

Einblick in das Leben der Familie

Das Motiv »Herkules bei Omphale« nach einer Geschichte aus Ovids Metamorphosen ist ein erfolgreiches Serienmotiv aus der Cranach-Werkstatt. Dieses Bild stammt aus dem Jahr 1535 und zeigt auch das Wappen Albrechts von Brandenburg, der es wohl in Auftrag gab. Aufbewahrt wird es im Statens Museum for Kunst in Kopenhagen. Ob es der ältere oder der jüngere Cranach malte, ist nicht eindeutig.

Das Motiv »Herkules bei Omphale« nach einer Geschichte aus Ovids Metamorphosen ist ein erfolgreiches Serienmotiv aus der Cranach-Werkstatt. Dieses Bild stammt aus dem Jahr 1535 und zeigt auch das Wappen Albrechts von Brandenburg, der es wohl in Auftrag gab. Aufbewahrt wird es im Statens Museum for Kunst in Kopenhagen. Ob es der ältere oder der jüngere Cranach malte, ist nicht eindeutig.

Ein weiterer Ausstellungsort ist die Stadtkirche Sankt Marien, die nicht nur zahlreiche Originalgemälde von Lucas Cranach dem Jüngeren beherbergt. Sie bezeugt zudem das Leben des Malers vom Anfang bis Ende: Hier wurde er getauft und getraut und hörte die Reformatoren predigen. Hier befinden sich sein Grab und das Grabmal. Am bekannten Reformationsaltar der Kirche arbeitete er zusammen mit seinem Vater. Im Geburtshaus Lucas Cranachs des Jüngeren am Markt zeigt die Cranach-Stiftung die Ausstellung »Cranachs Welt«. Sie gibt Einblick in das Leben der Familie und den künstlerischen Schaffensprozess.

Nach jahrelanger Vorarbeit hat sich die Lutherstadt Wittenberg für vier Monate in »CranachCity« verwandelt. Dieses Ereignis sollte sich keiner entgehen lassen!

Angela Stoye

Zur Ausstellung ist der Katalog »Cranach der Jüngere – Entdeckung eines Meisters« erschienen. Herausgeber: Roland Enke, Katja Schneider, Jutta Strehle. Hirmer-Verlag München 2015. 432 Seiten. ISBN: 978-3-7774-2349-4. Verkaufspreis im Museumsshop: 29,95 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro.

Die Ausstellung im Augusteum kann bis 1. November montags bis sonntags, 9 bis 18 Uhr, besichtigt werden. Die Stadtkirche St. Marien ist montags bis sonnabends, 10 bis 18 Uhr, sonntags, 12 bis 18 Uhr geöffnet; das Cranach-Haus am Markt montags bis sonntags 10 bis 18 Uhr.

www.cranach2015.de

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