Gottes Wort wird Gestalt

25. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Musik, Gottesdienste, Natur inspirieren die Bildhauerin Petra Arndt aus Volkenroda

Ihr Weg als Künstlerin ist eng mit der Geschichte des Klosters Volkenroda verbunden. Als das kulturelle und spirituelle Leben im Ort aufblühen, beginnt auch Petra Arndts neuer Weg.

Petra Arndts Galerie in Volkenroda in der Nähe des Klosters. Der Raum ist von Musik erfüllt. »Spiegel im Spiegel« des estnischen Komponisten Arvo Pärt. Die gleichmäßige Konstruktion der Töne im Tintinnabuli-Stil hat eine starke Wirkung. Groß, schwermütig, hell. Neben den Skulpturen – Figuren und Köpfe – laden gedeckte Tische zum Verweilen ein. Die Künstlerin führt durch die Galerie, vor der einen und anderen Figur bleibt sie stehen. »Teresa von Avila«, aufrecht sitzend, mit erhobenem Kopf, konzen­triert, ruhig, zuversichtlich, auf Empfang eingestellt. »Nur Gott allein genügt.« Diese Aussage inspirierte die Bildhauerin zu der Bronzeplastik. »Nur Gott allein genügt.« – Lange habe sie sich mit diesem Satz aufgehalten, sagt Petra Arndt. Sie steht vor ihrem Werk, streicht mit der Hand über die Figur, mustert sie eingehend. Ebenso eine Figur des Christus. »Mit dieser bin ich sehr zufrieden«, so das Urteil der Schöpferin. In vielen ihrer Arbeiten hat Gottes Wort Gestalt angenommen. »Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott.« Ein anderer Spruch, der die Künstlerin zu einer Figur anregte. Ein Mädchenkopf mit keck abstehenden Zöpfen, den Blick ebenfalls gen Himmel gerichtet.

Petra Arndt in ihrer Galerie. Foto: Sabine Kuschel

Petra Arndt in ihrer Galerie. Foto: Sabine Kuschel

Petra Arndt wurde 1958 im thüringischen Schlotheim geboren, wird als Kind getauft und konfirmiert. Sie interessiert sich für Kunst, hört viel Musik, fährt zu Konzerten nach Mühlhausen oder Erfurt. »Ich hatte das schon immer in mir«, sagt sie und meint damit das Verlangen nach künstlerischem Ausdruck, es musste jedoch noch die entsprechende Form gefunden werden. Nach der Schule Ausbildung als Wirtschaftskauffrau. Der Glauben liegt in der DDR ad acta.

Ihr Weg als Künstlerin, ihre Auseinandersetzung mit religiösen Themen ist eng verbunden mit der Geschichte des Klosters Volkenroda. Das 1131 gegründete Zisterzienserkloster in der Nähe ihres Geburtsortes führt in der DDR ein erbarmungswürdiges Dasein, die Kirche zerfällt. Volkenroda – ein kleiner langweiliger Ort. Das ändert sich nach der Wende. 1994 erwirbt die Jesus-Bruderschaft Gnadenthal das Kloster Volkenroda, baut es wieder auf und macht daraus ein geistliches Zentrum. Das spirituelle und das kulturelle Leben blühen auf. Gottesdienst, Gebetszeiten, Lesungen, Konzerte, Begegnungen. Petra Arndt ist offen und dankbar für diese Angebote. Viele Menschen kommen hierher. Kultur und Religion gehen zusammen. Bei keiner Veranstaltung fehlt der spirituelle Impuls. Gottes Wort ist immer dabei. Der Geist, der in Volkenroda weht, sie nennt ihn einen philosophischen, erfasst sie. Das intensive geistliche Leben, das Reden und Nachdenken über Gott und Glauben wirkt. Anfangs fällt es ihr schwer, sich darauf einzulassen. Aber sie fühlt sich in dieser Welt des Glaubens aufgehoben und nähert sich ihr immer mehr an. Ihr neuer Weg beginnt.

»Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott.«

Durch Probieren findet sie ihre Ausdrucksform, bevorzugt die Gestaltung mit Ton. Parallel zu den plastischen Arbeiten schreibt sie Gedichte. Schreiben und gestalten – die kreativen Ausdrucksformen wechseln.

Die Titel ihrer Ausstellungen sprechen für sich: »Seelenlust«, »Der Schöpfer hängt im Weidemond«, »Zwischen Zweifel und Gebet«. Bevor das Motto feststeht, unter dem sie ihre Werke präsentiert, bewegt sie ihre Ideen und Gedanken lange im Herzen. »Man weiß nie, wann das Thema kommt«, sagt sie. Ihre Inspirationsquellen sind Musik, Gespräch, Gottesdienst, Natur. Ein innerer Spannungsbogen will aufgebaut werden. Die Idee muss wachsen und reifen – bis zum Augenblick der Geburt.

»Die Kraft des Ursprungs« (Kontinuum der Zeitlosigkeit«) soll das Thema der nächsten Ausstellung 2015 im Kloster Wieprechtshausen sein, ein ehemaliges Zisterzienserkloster aus dem 13. Jahrhundert, in der Nähe von Northeim im südlichen Niedersachsen.

Sabine Kuschel

Wie aus der Zeit gefallen

18. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Christophorus Klimke malt in altmeisterlicher Manier

Christophorus Klimkes Bilder muten im ersten Augenblick ebenso fremd an wie manche seiner Worte. Und berühren doch in einzigartiger Weise die Seele des Betrachters.

Schon der erste Blick auf die Bilder lässt stutzen: Ist hier ein Maler der Renaissance wiedergekehrt, der mit feinstem Pinselstrich, weichen Farbübergängen und großer Detailverliebtheit Landschaften, Architekturen und Figuren in Szene setzt? Anderes in den Werken erinnert wiederum an Caspar David Friedrich und die deutschen Romantiker. Und dann ist da diese warme und aus der Tiefe strahlende Farbigkeit der Bilder …

Christophorus Klimke hat sich vor allem der Malerei mit Eigelbtemperafarbe verschrieben. Eine Technik, die sich besonders zum lasierenden Farbauftrag eignet. Fotos: Harald Krille

Christophorus Klimke hat sich vor allem der Malerei mit Eigelbtemperafarbe verschrieben. Eine Technik, die sich besonders zum lasierenden Farbauftrag eignet. Fotos: Harald Krille

In einer Zeit, in der Kunst oft vor allem auf Krawall und Provokation gebürstet und Gegenständlichkeit verpönt ist, scheinen die Werke des Weimarer Malers Christophorus Klimke geradezu wie aus der Zeit gefallen. Auch seine Worte klingen für einen zeitgenössischen Künstler zumindest ungewöhnlich: Kunst habe eine dienende Funktion. Sie soll »Hilfe für Menschen« sein, »nicht Ideologien vermitteln«. Er spricht von der »sittlichen Aufgabe« eines Künstlers und ermahnt sich und seine Berufsgenossen: »Achtet auf eure Schritte und Hände, was diese in der Kunst und diese in der Schöpfung hervorrufen.«

»Heilwerden von Mensch und Schöpfung«

Er selbst, der Maler wie Michelangelo, Rembrandt und Caspar David Friedrich als Vorbilder nennt, will »Schönheit zeigen« und zum »Heilwerden von Mensch und Schöpfung« beitragen. Und er nimmt kein Blatt vor den Mund, was zu diesem Heilwerden notwendig ist: »Es geht um Umkehr. Wir müssen zurück zu Gott.«

Klimke, 1970 als Sohn eines Kunstmalers in Weimar geboren, übersiedelt 1984 mit seinen Eltern nach Österreich, später nach Crailsheim in Baden-Württemberg. Dort besucht Christophorus Klimke das Gymnasium, will eigentlich Arzt werden und am liebsten später nach Lambaréné in das von Albert Schweitzer gegründete Hospital gehen. Doch eine schwere Krankheit wirft alle Pläne über den Haufen.

Ihre unwiderstehliche Strahlkraft erhalten viele von Christophorus Klimkes Bilder durch die Verwendung von Halbedelsteinen wie dem blauen Lapislazuli oder dem grünen Malachit als Farbpigmente. Zum Beispiel in dem Bild der »Madonna nach Raffael«.

Ihre unwiderstehliche Strahlkraft erhalten viele von Christophorus Klimkes Bilder durch die Verwendung von Halbedelsteinen wie dem blauen Lapislazuli oder dem grünen Malachit als Farbpigmente. Zum Beispiel in dem Bild der »Madonna nach Raffael«.

Trost findet der 19-Jährige in der Bibel, im Glauben an Gott – und in einer neuen Berufsorientierung, ja Berufung, wie er es nennt: Er macht bei seinem Vater eine Ausbildung zum Kunstmaler. Malen, so sagt er, ist für ihn zugleich eine Form der Therapie. Ende 2007 siedelt die Familie nach Ostsachsen, doch 2010 stirbt der Vater. Christophorus Klimke zieht zurück nach Weimar, wird Mitglied im »Kunstverein Hofatelier« im Ortsteil Niedergrunstedt.

Von seinem Vater hat Klimke die heute nur noch selten angewandte Technik des Malens mit Eigelbtemperafarben übernommen. Eine Technik »von innerer Schönheit«, wie er schwärmt. Dazu trägt nicht zuletzt die Verwendung natürlicher Farbpigmente bis hin zu Halbedelsteinen bei, wie sie schon die Meister des Mittelalters benutzen. Während chemisch hergestellt Pigmente immer genau identisch sind, erklärt Klimke, variieren diese natürlichen Mineralstoffe je nach Herkunft im Farbton. Was zugleich »zauberhafte Zwischentöne« ermögliche.

Klimkes derzeitiges Hauptprojekt ist ein dreiteiliges Altarbild. Erste Studien sind fertig, am Ende sollen drei »türgroße Bildtafeln« entstehen. Sein Wunsch ist es, seine religiösen Bilder auch in sakralen Räumen präsentieren zu können. In der Kirche von Oberweimar war kürzlich eine kleine Auswahl zu sehen – und schlug überraschend viele Betrachter in ihren Bann.

Harald Krille

Mit Farben verständigen

12. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Erfurt: »Brückenmaler« knüpfen Kontakte zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten

Fließend soll die Form werden, das gelbe Rund in roter Umgebung, sagt Lehrer Günter Steffenhagen. Er führt den Strich vor, dann übernimmt Beate Wiegand den Pinsel. Es ist gar nicht so einfach. Wo genau geht’s entlang? Noch sind ihre Pinselstriche unsicher. Unter der Anleitung des Lehrers kommt die junge behinderte Frau voran, lernt Schritt für Schritt, die kleine Leinwand zu bearbeiten.

Ausstellungen an mehreren Orten sind geplant

Die Malschule im Christlichen Jugenddorf Erfurt ist ein kleiner spitzwinkliger Raum an der Ecke eines der Gebäude. An den Wänden hängen farbenfrohe Bilder, Abstraktes, Menschengruppen, Häuser, Tiere – bis hinauf zur Decke. Licht strömt durch das hohe Fenster. Die Plätze sind begehrt. Rund 20 Schülerinnen und Schüler leitet Günter Steffenhagen einzeln an drei Tagen in der Woche an.

Günter Steffenhagen leitet seine Schülerin Beate Wiegand an. – Foto: Ines Rein-Brandenburg

Günter Steffenhagen leitet seine Schülerin Beate Wiegand an. – Foto: Ines Rein-Brandenburg

Die Maler sollen und wollen nicht unter sich bleiben. Unter dem Motto »Brückenmaler« werden sie nach draußen gehen, Kontakte knüpfen, ihre Fähigkeiten zeigen. Malen als Kommunikationsmittel. Das Projekt startete Ende September mit einer umfangreichen Bilderausstellung bei den Stadtwerken Arnstadt. Geplant ist weiter, bei und auf Brücken in und um Erfurt zu malen und dabei zu erkunden, welche Hindernisse diese Brücken überwinden, was sie verbinden, welche Orte sie sich erschließen: das Rathaus, eine Schule, einer Gärtnerei oder einen Handwerksbetrieb. Dann wird Gelegenheit sein, mit den Menschen dort Kontakt aufzunehmen, sie einzubeziehen, den Dialog zwischen Nicht-Behinderten und Behinderten anzuregen.

Schließlich haben die Künstlerinnen und Künstler der Malschule den absoluten Laien einige Kenntnisse voraus: Maltechniken, Einsatz von Farben und Materialien, Erfahrung mit Perspektiven und Darstellungsweisen.

Das Bild weckt Interesse, bietet einen Anlass zum Gespräch und lässt Nicht-Behinderte ihre Scheu überwinden, sich auf die andersartigen Menschen einzulassen.

»Sie sind anders, weder besser noch schlechter.« Steffenhagen wird auch Brücken ins Ausland schlagen, eine Zusammenarbeit mit einem niederländischen Künstler wird vorbereitet. Kirchengemeinden bieten Arbeits- und Ausstellungsorte.

Etwas Ähnliches hat die Malschule bereits in der Vergangenheit mit Erfolg erprobt. 2012 bezogen die Maler Besucher des Erfurter ega-Parks ein.

Aus dem vergangenen Jahr, als die Aktion unter dem Titel »Meine Stadt – mein Bild« stand, blieb einem der Beteiligten eine besondere Überraschung im Gedächtnis: Als sie einst vor der Staatskanzlei ihre Staffeleien aufgebaut hatten, spendierte ein Restaurantchef Pizza für alle. Und als das Rathaus in den Fokus der Stadtmaler kam, organisierte Günter Steffenhagen einen Besuch bei Erfurts Oberbürgermeister.

Freude und Optimismus in die Welt bringen

Steffenhagen hatte bis 2006 das CJD Erfurt geleitet, eine Einrichtung, die rund 350 Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen betreut und nach ihren Fähigkeiten eine berufliche Bildung vermittelt. Ergänzende Angebote im Sport, in der Bildung und Kreatives gehören auch laut gesetzlichem Rahmen zum Förderungsprogramm. In seinem Ruhestand will er »die verbleibenden Lebensjahre in die Malschule investieren«.

Einige Jahre Erfahrung als Berufsschullehrer im Kunsthandwerk hatten hierfür die Basis gelegt. Auf diese Weise bringt er Freude und Optimismus in die Welt – für Behinderte und Nicht-Behinderte.

Ines Rein-Brandenburg

Das biblische Wort wird Bild

5. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Der Künstler Moritz Götze gestaltet die Schlosskirche St. Aegidien in Bernburg um

Am Reformationstag wird das Themenjahr »Reformation – Bild und Bibel« eröffnet. Einer, der das biblische Wort in der Schlosskirche in Bernburg Bild werden lässt, ist der Hallenser Maler und Grafiker Moritz Götze.

Am Anfang steht das Wort. Und wenn es nach manchen Theologen ginge, wäre es dabei geblieben. Doch das Wort ist Fleisch geworden und wir konnten seine Herrlichkeit sehen und es sogar anfassen. Genau das legitimiert christliche Kunst.

Am Anfang der Kunst stehen die leere Leinwand, der leere Raum, die leere Kirchenwand und die Frage, womit diese Leere zu füllen ist. Mit Darstellungen des biblischen Wortes natürlich! Doch so selbstverständlich ist dies schon lange nicht mehr. Was ist wirklich wichtig? Heute! Was lenkt die Gedanken richtig? Was lenkt nur ab? Haben wir überhaupt noch Bilder für unseren Glauben oder flüchten wir lieber ins Abstrakte, inszenieren unsere Bildlosigkeit in Beton, Glas und Stahl – wie in den meisten neueren Gotteshäusern?

Moritz Götze. Foto: Sven Baier

Moritz Götze. Foto: Sven Baier

Was muss ein Künstler mitbringen, um einen Kirchenraum zu gestalten? Muss er gläubig sein? Soll er vor allem sein Handwerk verstehen?

Ich glaube, er braucht neben seinem Können vor allem einen ungeahnten Mut. Den Mut nämlich, unsere selbst auferlegte Bildlosigkeit zu überwinden. Denn es ist ein großer Unterschied, ein einzelnes Bild in einen bebilderten Raum einzufügen, ein einzelnes Bild in einen leeren Raum zu stellen oder einen ganzen Raum zu bebildern.

Moritz Götze (Jahrgang 1964) hat diesen Mut – nicht immer, aber im Grunde schon. Nicht um seiner selbst, sondern um der Kunst willen. Er spricht von seinem »Wankelmut« wie von einem gehasst-geliebten Gefährten, der ihn oft plagt und Entscheidungen belastet. Er attestiert sich »bescheidenen Größenwahn« und wer ihn kennt, weiß, dass dies keine bloße Attitude ist.

Moritz liebt Geschichten. Er lebt von Geschichten. Den Geschichten seiner Kindheit. Lebensgeschichten. Gelesenen Geschichten. Erlebten Geschichten. Unglaublichen Geschichten. Guten Geschichten. Moritz sucht Geschichten – und Geschichte. Die Geschichte seiner Stadt: Halle. Und die seiner Landschaft: Mitteldeutschland. Er gibt sogar eine eigene Schriftenreihe heraus, im eigenen Verlag.

Es gibt Geschichten, die sperren sich der Lektüre. Uwe Johnsons »Jahrestage« zum Beispiel – oder die Bibel. Moritz lässt sie sich erzählen. Die Wirkung ist offen. Immer wird man überrascht sein, egal, wie viele seiner Bilder man schon kennt. Alles übersetzt er in »seine Sprache«. Eine verstehbare Sprache. Eine Sprache, die – unerschöpflich – für alles einen Ausdruck findet, selbst für das Nicht-Sagbare.

Mose, gestaltet von Moritz Götze. Foto: Sven Baier

Mose, gestaltet von Moritz Götze. Foto: Sven Baier

Moritz ist ein Sammler, ein Dingsammler. Es gibt kaum ein Ding, das es nicht wert wäre, aufgehoben zu werden. Auch ein Ding hat eine Geschichte, eine Geschichte mit Menschen. Das Aufheben eines Dinges verleiht ihm Würde. Es wird vom Relikt zur Reliquie. Ein Museum wird so zur »Reliquiensammlung«, ist nichts Totes, sondern etwas sehr Lebendiges. Ganz ähnlich der Kirchenraum. Hier werden Dinge inszeniert, Geschichten erinnert, Vergangenes und Gegenwärtiges verbunden, Lebende und Tote. So verbindet der Kirchenraum und das, was hier geschieht, in einzigartiger Weise Sichtbares und Unsichtbares, ist »Bühne« für die Darstellung einer neuen Geschichte. Dies entspricht dem Aufbau seiner Bilder, die er selbst gern als »Bühnenbilder« bezeichnet – und der mitteldeutschen Landschaft: von einer Anhöhe auf einen nur mäßig bewegten Horizont blickend, darüber sehr viel Blau für das Mitgedachte …

Seit vielen Jahren arbeitet Moritz Götze mit Emaille. Er hat diese Technik ständig weiterentwickelt. Emaille ist ein sehr dauerhafter Werkstoff: Auf eine grundierte Stahlplatte wird in mehreren Schichten Farbe aufgetragen, die dann in einem Ofen schmilzt, sich mit dem Stahl verbindet. Sie ist absolut lichtecht und reicht von monochromer Schwere bis zu aquarellhafter Leichtigkeit. Emaille verleiht eine Aura des Kostbaren. Da die einzelnen Platten nur mit dem Untergrund verschraubt werden, bleibt der Baukörper relativ unberührt, die Kirchenwand kann »atmen«. Außerdem kann man es auch einfach wieder »abschrauben, wenn es nicht mehr zeitgemäß ist«, sagt der Künstler mit seinem unvergleichlich freundlichen Au­genaufschlag. Ja, er ist auch ein Menschensammler – beinahe hätte ich »Menschen­fischer« geschrieben.

Sven Baier

Bilder von Gewalt im Namen Gottes

29. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Sie steht verloren am Rand des Speicher B im Wissenschaftshafen Magdeburg: Die Installation der Künstlergruppe WUESTend, hinter der sich Gerrit Heber, Uli Wittstock und Henry Mertens verbergen und die im Rahmen des Kunstfestivals »Olo Bianco« ausstellt. Von der Decke hängen drei Objekte, die an Lampions erinnern. Darunter ein Fernseher und eine weiße Tafel, gebettet auf Holz. Unscheinbar und harmlos. Ein Blick auf den Fernseher aber, in dem in Endlosschleife kurze Videosequenzen abgespielt werden, offenbart Schreckliches: Terror, Krieg, Gewalt. Die Schlachtfelder gleichen sich – egal aus welcher Zeit und von welchem Ort die Bilder stammen.

»Fleischwerdung«. Foto: Stefan Körner

»Fleischwerdung«. Foto: Stefan Körner

Die weiße Tafel klärt auf: Es sind Akte der Gewalt, die im Namen der drei abrahamitischen Religionen verübt wurden. Gezeigt werden die brutalen Schattenseiten von Judentum, Christentum und Islam. Die Installation heißt »Fleischwerdung«. WUESTend wissen um die Zentralstellung des Gedankens der Fleischwerdung Gottes in Jesus Christus. Und sie wissen auch, dass es diese Vorstellung ist, die das Christentum von Islam und Judentum trennt. Sie gehen davon aus, dass alle drei Religionen sich auf einen Gott beziehen und im Namen dieses einen Gottes Waffen segnen und Gewalt verüben. Die Fernsehbilder führen es schmerzhaft und manchmal schwer erträglich vor Augen. Die Endlosschleife, in der sie gezeigt werden, kennt keinen Anfang und kein Ende: Der Kreislauf von Gewalt- und Gegengewalt. Das ist wahr, das tut weh und das wird zu oft verdrängt. Der Titel »Fleischwerdung« suggeriert dabei: So werden Religionen sichtbar, so wird aus religiösen Ideen Fleisch.

Durch die Videos wirken die weißen Objekte über dem Bildschirm plötzlich wie Körper, gehüllt in ein Leichentuch. Aber WUESTend machen es sich zu leicht. In ihrem Begleittext schreiben sie, die Antwort auf diese bedrohliche Lage sei der Atheismus, dem mit der Installation ein Altar erbaut werden soll. Damit bereitet sie einem Vulgäratheismus die Bühne, der alle Religionen auf ihre Schattenseiten reduziert und für alle Übel der Welt verantwortlich macht und dabei so tut, als hätte es nie Verbrechen im Namen des Atheismus gegeben. Die Antwort kann aber nur eine innertheologische sein: die Botschaft der Versöhnung, die alle drei Religionen kennen.

Bei aller Kritik lohnt der Blick auf die Installation, weil sie Fragen provoziert: Ist es die Aufgabe von Kunst, fertige Lösungen für komplexe Probleme anzubieten? Wie repräsentativ ist diese Sicht auf die Religionen, wie weit verbreitet ist sie in der Gesellschaft und wie kann man ihr als Christ begegnen? Und schließlich: Wie bereit sind die Religionen und ihre Anhänger, sich ihren eigenen Schattenseiten auszusetzen, sie auszuhalten. WUESTend machen das Verdrängte sichtbar, wecken damit hohe Erwartungen, an denen sie in der Konsequenz aber scheitern. Eines ist die Installation aber mit Sicherheit: Diskussionswürdig, streitbar und provokant.

Stefan Körner

Bis zum 4. November. Öffnungszeiten: Donnerstag 17.30 bis 23.30 Uhr, Freitag 17.30 bis 5.00 Uhr, Sonnabend 12.00 bis 5.00 Uhr, Sonntag: 12.00 bis 23.30 Uhr


www.kulturanker.de

Hip-Hop im Knast

21. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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»Auf der Welt gibt es keine Gerechtigkeit.« Im Rap, im harten, aggressivem Rhythmus kommt der Frust, die Wut, die Enttäuschung darüber zum Ausdruck. Maximilian »Magma« Debuch beherrscht die Stilelemente der Hip-Hop-Musik, den rhythmischen Sprechgesang und die sparsamen Gesten. Seit 2011 teilt er dieses Wissen mit den Insassen der Jugendstrafanstalt, die seit Juni von Ichtershausen nach Arnstadt-Rudisleben umgezogen ist. Bei einem Diskussionsabend in der Oberkirche in Arnstadt gab Debuch mit einem Video Clip und seinem eigenen Auftritt einen Einblick in die Welt der rhythmischen Text-Musik.

Maximilian Debuch rappt selbst unter dem Künstlernamen »Magma«. – Foto: Ines Rein-Brandenburg

Maximilian Debuch rappt selbst unter dem Künstlernamen »Magma«. – Foto: Ines Rein-Brandenburg

Im Berufsleben Lehrer für Englisch und Sport an der Evangelischen Gemeinschaftsschule in Erfurt, betreut Debuch in seiner Freizeit seit acht Jahren in der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung Thüringen Hip-Hop-Projekte. »Die Gefangenen schreiben ihre Gedanken auf, verarbeiten ihr Leben und auch ihre Taten, geben auch viel von sich selbst preis«, beschrieb er. »Letzte Woche hatten wir den 100. Workshop.« Er hat »einen guten Draht« zu den Jugendlichen. Natürlich nimmt er »eine Sonderrolle« ein: Einer, der von draußen kommt. Einer, dem die Jungs im Knast nicht egal sind. Gemeinsam bearbeiten sie die Texte, müssen sich mit ihrer Aggression auseinandersetzen und darüber diskutieren, welche verbalen Angriffe oder Schimpftiraden sie nicht öffentlich vortragen können.

Anstaltsseelsorger Hosea Heckert ist der Vermittler für solche Außenkontakte. Über ihn kam auch der Arnstädter Künstler Christoph Hodgson dazu: Mit einigen interessierten Insassen praktiziert er an vier Sonnabenden verschiedene künstlerische Methoden: malen, sprayen, Nagelbilder gestalten. Die Gefangenen seien froh über jede Abwechslung. Hodgson war »sehr erstaunt, wie viel Kreativität da rüberkam.

Ines Rein-Brandenburg

In Klein-Berlin steht die Mauer noch

14. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Geschichte: Die innerdeutsche Grenze zerschnitt ein Dorf in Ost und West und trennte Familien


Im Sommer musste die Autorin aus Berlin unfreiwillig wegen einer Autopanne in der Nähe von Mödlareuth Station machen. Dabei lernte sie die Geschichte des Ortes kennen.

»Fahren Sie nach Klein-Berlin«, sagt Klaus Pluskiewitz. Ihm gehört der Autohof Berg nahe der A9 unweit der »Brücke der Einheit« an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Klein-Berlin? Nie gehört! »Die Mauer hat ein ganzes Dorf geteilt. Die Kinder der thüringischen Seite gehen in Schleiz zur Schule, die der bayerischen Seite in Hof.« Ob das stimmt? Wir erfahren es auch später nicht. Aber hin müssen wir, schließlich feiern wir 2014 zum 25. Mal eine Mauer, die es nicht mehr gibt.

In wenigen Minuten sind wir in »Klein-Berlin«. In Oberfranken. Nicht ganz. Das Auto passiert das Ortsschild: »Mödlareuth«. Ein zweites Schild begrüßt uns im Saale-Orla-Kreis. Im Osten. Ein Ende der Straße verlief noch im Westen. Die andere Hälfte der 50-Seelen-Gemeinde auch. Dazwischen liegt der Tannbach, der einst drei Mühlen im Dorf mit Wasser versorgte. 1810 wurden entlang seiner Ufer Grenzmarkierungen gesetzt. Auch später, als das Königreich Bayern und das Fürstentum Reuß Grenzsteine einließen, plätscherte er als Grenzfluss dahin. Unüberwindlich war er nicht: Noch gingen die Familien gemeinsam zur Schule, aufs Feld, in die Kirche und zum Dorffest.

Die stehengebliebene Mauer im Freigelände des Museums. – Fotos: Sibylle Sterzik

Die stehengebliebene Mauer im Freigelände des Museums. – Fotos: Sibylle Sterzik

Bis sich die Alliierten Deutschland teilten. Durch das Londoner Protokoll von 1944 wurde der im Sommer harmlos wirkende Tannbach zur Demarkationslinie zwischen sowjetischer und amerikanischer Besatzungszone. Nachdem die Amerikaner Mödlareuth und den Tannenbach kampflos eingenommen hatten, zogen sie sich in die Grenzen des protokollarisch Verabredeten zurück. Im Juli 1945 marschierten die Sowjets ein und blieben ein Jahr, bis die Amerikaner sie westwärts des Tannbachs zum Abzug drängten. Als 1949 DDR und Bundesrepublik gegründet wurden, schwoll der Bach zur Staatsgrenze an. Noch konnten sich die Dorfbewohnerinnen Lena Zehl und Helga Seidel unbehelligt auf einen Plausch am Bach treffen, aber ab 1952 begann die totale Abriegelung der Dorfhälften.

Erst trennte ein Holzzaun das Dorf, ab 1966 hinderte die Mauer selbst Geschwister wie die Goller-Brüder Kurt (Ost) und Max (West) daran, sich zu sehen. In der DDR war es nicht erlaubt, nach drüben zu grüßen, winken verbot die Polizeiordnung. Gaststätten mussten schließen, Versammlungen genehmigt werden. Die Landwirtschaft wurde reglementiert. Eine Fünf-Kilometer-Sperrzone vor der Grünen Grenze riegelte das Grenzgebiet ab. 500 Meter vor der Mauer gab ein Grenzsignal- und Sperrzaun bei Berührung Alarm. Beobachtungstürme und Suchscheinwerfer spürten jeden auf, später auch Hunde an Laufleinen. Niemand kam mehr ohne Sondergenehmigung und Passierschein ins Grenzgebiet. In zwei Wellen siedelte die DDR »politisch unzuverlässige« Bürger aus – insgesamt 12 000. Oft standen ihre Häuser dem Grenzbau im Wege.

Jahre später: Wir reiben uns die Augen. Die Mauer steht noch. Wenigstens ein Teil. 3,30 Meter hohe Betonsegmente und Streckmetallzäune versperren den Weg. Zwei weiß gestrichene Wachtürme erheben sich drohend über der hügeligen Landidylle. Es scheint, als müsste man jederzeit damit rechnen, dass ein Grenzhund am Laufband auf- und abrennt, ein Scheinwerfer aufleuchtet, eine Lautsprecher-Stimme ertönt: »Halt! Stehen bleiben!« Eine Filmkulisse? Nein, ein originales Museum. Aber gedreht wird hier.

Arndt Schaffner setzt »Mödlareuth« in dem gleichnamigen Dokumentarfilm ein Denkmal, das wütend macht, auch nach 25 Jahren. Zwangsaussiedlung unter dem Decknamen »Ungeziefer« von vier Familien im Grenzgebiet. Einer von der Oberen Mühle gelingt in letzter Minute die Flucht. Mutter und Tochter springen aus dem unteren Stallfenster, Vater und Sohn vom Heuboden. Drüben auf westlicher Seite helfen die Bayern. Während sie fliehen, warten im Innenhof sechs Volkspolizisten, zwei Laster sollen Möbel und Koffer fortschaffen. Sie bemerken nichts. Acht Monate zuvor hat Arno Wurziger seine Mühle fertig saniert. Er lässt sie zurück und springt in die Freiheit.

Vielleicht verfilmen in Mödlareuth auch Filmemacher die DDR, ohne zu ahnen, wie es sich wirklich in dem eingezäunten, heute »Neufünfland« geschimpften Landstrich lebte, der nicht mal das Rentenalter schaffte. Warum es einem heute noch die Tränen in die Augen treibt, wie eine Besucherin ins Gästebuch des Museums schreibt, das im Herbst 1990 auf Initiative von Arndt Schaffner entstand. »Nur wer die Vergangenheit kennt, wird die Gegenwart verstehen«, steht auf dem Hinweisschild am Dorfteich. An einem Streckmetallzaunfeld mit Stacheldraht.

Im Freigelände des Museums darf man dicht an die stehen gebliebene Mauer heran. Kein Schuss fällt. Kein Kübelwagen verfolgt die Grenzverletzer auf dem Kolonnenweg, Fußstapfen im umgepflügten Kontrollstreifen vor der Mauer verraten keinen Republikflüchtigen mehr, der KFZ-Graben bleibt leer. Der Besucher darf auf den Wachturm steigen, durch die niedrige Eisentür in der Mauer schlüpfen, auf dem »vorgelagerten DDR-Hoheitsgebiet« Pa­trouille laufen – die Mauer stand einige Meter vor der Staatsgrenze – oder mit einem Sprung über den Tannengraben »nach Drüben machen«.

Im Museum, früher eine Scheune, läuft der Dokumentarfilm »Mödlareuth«, eine Ausstellung erzählt europäische und Mödlareuther Geschichte vom Kalten Krieg. Auch im Depot sind Ost und West getrennt: rechts die Fahrzeuge der Grenzer Ost, links West. Das Museumsarchiv enthält unzählige Objekte zum Ausleihen.

Am 9. November fiel die Mauer in Berlin. In Mödlareuth blieb sie geschlossen. Die Bewohner gelangten nur über Umwege in den Westen. Erst einen Monat später, am 9. Dezember schlugen DDR-Grenztruppen eine fünf Meter breite Öffnung in die Mauer. Ein provisorischer Grenzübergang entstand nach 37 Jahren Abriegelung. Geöffnet nur von 8 bis 22 Uhr. Bundesbürger kamen mit einem Reisepass durch, DDR-Bürger erhielten einen Visum-Stempel in den Ausweis.

Erst am 17. Juni 1990 fiel hier die Mauer. Bayerische Dorfbewohner zogen mit Fackeln und Kerzen zur Mauer, skandierten: »Die Mauer muss weg.« Die Thüringer schlossen sich ihnen nach einer Gedenkveranstaltung zum Volksaufstand an. Das Weitere ging sehr schnell. Ein Bagger riss die Mauer ein, eine Übergangsstelle wurde eingerichtet und ein Grenzer stempelte unter dem Jubel der Anwesenden Mauerteile. Ein ehemaliger DDR Grenzoffizier empörte sich: »Hier wird Volkseigentum der DDR zerstört.« Auch heute ist das Dorf in zwei Bundesländer geteilt, Ost-Mödlareuth gehört zu Thüringen und West-Mödlareuth zu Bayern. Aber alle leben wieder gemeinsam.

»Little Berlin«, wie die Amerikaner es nannten, das Dorf 300 Kilometer von Berlin und von München entfernt, ist ein Symbol der deutschen Teilung wie Berlin. Mitten im Ort stand eine 700 Meter lange Grenzmauer, nur eine Miniatur angesichts der 1 400 Kilometer »Antifaschistischer Schutzwall« an der innerdeutschen Grenze. Angeblich zum Schutz der DDR-Bürger gegen den vermeintlichen Angriff westlicher Feinde. Feinde, die Brüder oder Schwestern aus demselben Dorf waren und die die Geschichte in unversöhnliche Lager zerteilte.

Nur einem gelang die Flucht. Ein aus dem Dienst entlassener Helfer der Grenztruppen, dem der Passierschein noch nicht abgenommen worden war, fuhr 1973 ungehindert mit seinem Barkas an die Mauer, stellte eine selbst gebaute Metallleiter in die Regenrinne seines Autodaches und überwand den Wall. Ein Postenführer, der ihn vom Wachturm aus bemerkte, richtete zwar den Schweinwerfer auf den Flüchtling, schoss aber nicht. Der Name des Postens ist heute in den Unterlagen der ehemaligen DDR-Untersuchungskommission geschwärzt. Warum eigentlich? In großen Lettern sollte man seinen Namen lesen können.

Im Gasthaus »Zum Grenzgänger« unweit des Museums steht eine »Grenzgängerplatte« auf dem Speiseplan. »Für Leute, die sich nicht entscheiden können.« Etwa Bouletten in Form von Splitterminen? Dazu schenkt die Wirtin Original-Thüringer »Rosen-Bier« aus. Gespeist wird mit Blick auf den Wachturm, in aller Ruhe. Bis vor 25 Jahren durfte sich hier niemand entscheiden. Wenn doch, hatten DDR-Grenzer Befehl, auf ihn zu schießen. Nur wenige widersetzten sich.

Ein Panzer richtet auf dem Parkplatz seine Kanone auf parkende Reisebusse und PKW. Ein russischer T-34, mit dem die Sowjets Thüringen befreiten. Schulklassen verlassen das Drehkreuz am Ausgang. Heckenrosen blühen, der Dorfteich liegt still, der Tannbach plätschert friedlich, als habe es die Todeszone nie gegeben.

Sibylle Sterzik

Deutsch-Deutsches Museum Mödlareuth, Mödlareuth Nr. 13, 95183 Töpen, OT Mödlareuth, Telefon (09295) 1334, E-Mail: info@museum-moedlareuth.de
www.museum-moedlareuth.de

Die Geschichte einer jungen jüdischen Frau

8. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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1966 erhielt der israelische Schriftsteller Samuel Joseph Agnon gemeinsam mit Nelly Sachs den Literaturnobelpreis. Wenig bekannt ist, dass er von 1912 bis 1924 in Deutschland lebte, erst in Berlin, dann in Bad Homburg in der Nähe von Frankfurt/Main.

In Bad Homburg schrieb er die Erzählung »In der Mitte ihres Lebens«, die jetzt erstmalig auf Deutsch erscheint. Es ist die Geschichte einer jungen jüdischen Frau, die trotz aller Bildung, trotz aller selbstbewussten Entscheidungen letztlich doch in den Zwängen ihrer Gesellschaft eingebunden bleibt. Eindrücklich stellt Agnon die Widersprüche dar, zwischen denen das Leben von Tirzia und ihrem Mann Masal abläuft: die Enge und damit zugleich die Wärme des Schtetls, die religiöse Tradition des Judentums und die säkulare, aufgeklärte Welt der Moderne, der nach religiösen Vorschriften geordnete öffentliche Alltag neben dem durch die Aufklärung bis in dieses Schtetl gedrungenen Zweifel. Als Agnon die Erzählung schrieb, war es in der jüdischen Literatur ungewöhnlich, ein Buch konsequent aus der Sicht einer Frau erzählen zu lassen. Was uns heute noch beeindruckt, ist der klare, schnörkellose Stil, der voller Assoziationen vor allem zu biblischen Schriften steckt, ohne dass er damit überfrachtet wäre. Akribische Angaben des Übersetzers und Herausgebers Gerold Necker weisen alle diese Bezüge nach und machen damit die Besonderheit von Agnons Erzählstil deutlich.

Jürgen Israel

Agnon, Samuel Joseph: In der Mitte ihres Lebens, Jüdischer Verlag. 132 S., ISBN 978-3-633-54266-6, 19,95 Euro

Zwerge und Riesen

29. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Theodor Weißenborn

Zeichnung: Martin Max

Zeichnung: Martin Max

Mein Schlaf – wenn nicht gerade ein Düsenjäger übers Haus tobt – ist tief und erholsam. Ruhig schlägt mein Herz, ruhig und tief atmet die Seele. Sie lässt ins Vergessen sinken, was sie beschwert, und holt aus der Tiefe die Bilder hervor, die sie tagsüber begleiten und davon sie sich nährt. Sonne und Mond wenden sich mir zu und wenden sich von mir ab, sie kommen und gehen, wie meine Eltern kamen und gingen, und wenn ich sie gleich nicht sehe, so weiß ich doch: sie sind da.

Einmal war’s anders, wurde mein Vertrauen erschüttert, und wenn ich’s auch verwand – es blieb eine Narbe, die manchmal schmerzt.

Auf dem Kölner Hauptbahnhof war’s – ich war drei Jahre alt oder vier –, da, im Menschengetümmel in der Eingangshalle kam meinem Vater, mit dem ich reiste, in den Sinn, sich mir zu entziehn und sich vor mir zu verstecken, nein, hinter meinem Rücken geschah’s, ohne Ankündigung des Spiels, und was als Scherz gedacht war – mich schlug’s mit Entsetzen. Verloren stand ich urplötzlich im Irrgarten fremder Hosenbeine und Röcke, in einer sternlosen Nacht, war ins Chaos gestoßen, allein – dies war das Grauen: das Fehlen des Sterns, der Richtung, des Sinns. Und wenn auch mein Vater, selbst erschrocken ob der Wirkung seiner Untat, des Geschreis, das sie auslöste, sogleich hinter einer Säule hervortrat und mich in die Arme schloss, ich blieb doch lange verstört, und es bedurfte Tage und Wochen, bis die Wunde, die er geschlagen, sich schloss.

Seither weiß ich, was Ohnmacht und Ortlosigkeit sind, und wenn ich mit einem Kind spreche, sehe ich mich selbst mit seinen Augen und knie nieder, um in gleicher Höhe mit ihm zu sein, denn schon meine Körpergröße angesichts seiner Kleinheit verdrießt mich, und ich denke an einen meiner Lehrer in der Volksschule – er hieß Ernst Raabe, war von athletischer Gestalt, und ich habe ihn geliebt –, der immer dann, wenn er zürnte, den Übeltäter mit beiden Armen aus der Bank hob, vor sich hinhielt und ihm, Aug in Auge, seine Schandtat verwies.

So hatte er, darin erkenne ich heute sein pädagogisches Genie, keine Hand frei, um damit zu schlagen.

Faszination der Kathedralen

24. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Deutsch-französische Ausstellung: Die Geschichte der gotischen Bauwerke

Touristenmagnete und Weltkulturerbe: Gotische Kathedralen begeistern bis heute. Dabei galten sie lange Zeit als geschmacklos.

Die Kathedralen sind voll: Der Kölner Dom und die Pariser Kathedrale Notre Dame gelten jeweils als meistbesuchte Monumente ihres Landes. Etwa 20 000 Menschen kommen im Schnitt täglich in den Kölner Dom. Was ist heute noch so faszinierend an den alten Gemäuern, die längst keine Höhenrekorde mehr brechen? Eine deutsch-französische Ausstellung, die erst in Rouen gezeigt wurde und vom 26. September an in Köln zu sehen ist, geht dem Mythos der Kathedralen nach.

Es war keineswegs immer so, dass Menschen von den großen gotischen Bauwerken fasziniert waren, mit deren Bau ab dem 12. Jahrhundert begonnen worden war. Mehrere Jahrhunderte lang schenkte man ihnen erstaunlich wenig Beachtung. Manche der bedeutenden Kathedralen verfielen immer mehr, niemand kümmerte sich um ihre Restaurierung.

»Die beiden Weltkriege sind in der Geschichte der großen Kathedralen düstere Kapitel«

Erst im 18. Jahrhundert wurden sie von Intellektuellen und Künstlern wiederentdeckt. Johann Wolfgang Goethe (1749–1832) trug maßgeblich dazu bei: Als er nach Straßburg zog, um dort sein Jurastudium zu beenden, zog ihn das Straßburger Münster so sehr in den Bann, dass er die üblichen Vorbehalte gegen die angeblich überladene und barbarische Gotik fallen ließ. Mit seinem Aufsatz »Von Deutscher Baukunst« setzte er dem Baumeister Erwin von Steinbach (gestorben 1318) ein Denkmal.

Notre Dame in Paris, Innenansicht. Foto: epd-bild

Notre Dame in Paris, Innenansicht. Foto: epd-bild

In Goethes Gefolge widmeten sich auch die Maler der deutschen Romantik im 19. Jahrhundert dem Motiv: Caspar David Friedrich (1774–1840) und auch der preußische Baumeister Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) malten Kathedralen, die sie mit Vorliebe in imaginäre Landschaften stellten.

Auf französischer Seite war es der Schriftsteller Victor Hugo, der 1831 mit seinem Monumentalwerk »Der Glöckner von Notre Dame« – im Original schlicht: »Notre Dame de Paris« – einen wahren Vergangenheits-Boom auslöste. Der Erfolg des Romans gab letztlich den Anstoß, die überfällige Restaurierung des Pariser Gotteshauses in Angriff zu nehmen.

Der Auslöser für Victor Hugos Begeisterung für gotische Kathedralen war ein Erlebnis als junger Mann: Der Schriftsteller hatte 1825 an der Krönung von König Karl X. in der gotischen Kathedrale von Reims teilgenommen. Es war der letzte König, der in Reims gekrönt werden sollte. Künftig wurde Notre Dame von Paris zum Schauplatz bedeutender politischer Ereignisse.

Noch bevor Notre Dame restauriert worden war, ließ Napoleon Bonaparte sich dort 1804 zum Kaiser krönen. Die damals noch schäbigen Wände wurden eigens mit Teppichen verhängt. Nach der Befreiung der Stadt Paris von der Nazibesatzung besuchte Charles de Gaulle die Kathedrale und nahm an einer feierlichen Messe teil. Die Glocken von Notre Dame erklangen erstmals wieder seit Kriegsbeginn weit über die ganze Stadt.

Zu den Prachtstücken der Ausstellung zählen zweifellos die Darstellungen der Impressionisten, die sich vor allem für das Lichtspiel auf den Fassaden begeisterten. Claude Monet schuf Ende des 19. Jahrhunderts allein 33 Gemälde von der Kathedrale von Rouen, von denen die meisten die skulpturenreiche Westfassade zeigen. Monet interessierte jedoch nicht die Wiedergabe von Details, sondern vielmehr der faszinierende Wechsel der Farben je nach Tageszeit und Witterung.

Deutschland und Frankreich, die lange Zeit konkurrierenden Nachbarn, versuchten sich auch beim Kathedralenbau gegenseitig zu übertrumpfen: Als die Kathedrale von Rouen nach einem Brand im 19. Jahrhundert renoviert wurde, erhielt sie einen Dachreiter, der sie mit 151 Metern zum höchsten Gebäude der Welt machte. Doch der Status ließ sich nicht lange halten: Wenige Jahre später, 1880, überragte sie der Kölner Dom um sechs Meter – mehr als 600 Jahre nach Baubeginn. Heute hat das Ulmer Münster mit 161,53 Metern den höchsten Kirchturm der Welt.

Die beiden Weltkriege sind auch in der Geschichte der großen Kathedralen düstere Kapitel: Im Ersten Weltkrieg beschossen die Deutschen die Kathedrale von Reims und lösten damit ein Trauma aus, von dem Frankreich sich nur langsam wieder erholte. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs fielen Bomben auf die Kathedrale von Rouen, auch der Kölner Dom wurde durch Bombenangriffe beschädigt.

Die Ausstellung zeigt schließlich noch ein Kuriosum, einen steinernen Königskopf von der Fassade von Notre Dame. Während der Französischen Revolution hatten die Aufständischen die Königsfiguren an der Fassade enthauptet, weil sie davon ausgingen, dass sie die Könige Frankreichs darstellten. Tatsächlich waren es jedoch Bildnisse der biblischen Könige. Teile der abgeschlagenen Köpfe waren in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts überraschend bei Bauarbeiten wiedergefunden worden.

Ulrike Koltermann (epd)

Die Ausstellung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum ist bis 18. Januar 2015 zu sehen.

Wolken in Orange am blauen Himmel

17. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirche und Farbe:  Die künstlerische Umgestaltung der Schlosskirche St. Aegidien in Bernburg

Der diesjährige Tag des offenen Denkmals steht unter dem Motto »Farbe«. Ein Projekt, das Mut zur Farbe beweist, ist die Erneuerung der Schlosskirche in Bernburg.

So schnell wir uns darüber einig werden, dass evangelische Kirche eine »bunte Vielfalt« ist, so wenig selbstverständlich gehört Farbe zu unseren unabdingbaren Vorstellungen eines Kirchenraums. Das hat zweifellos etwas mit der kritischen Haltung einiger Reformatoren zu Bildern in der Kirche zu tun. Das hat sicher auch mit der Nüchternheit evangelischer Liturgie zu tun, die erst in jüngerer Zeit mehr sinnliche Elemente als die Musik akzeptiert. »Farbe« im wörtlichen Sinn, so könnte man zugespitzt sagen, steht eigentlich für »katholisch«.

Violett, weiß, grün und rot können die Behänge für Altar und Kanzel sein. Aber in vielen Gemeinden »geht es auch ohne …« Auf die Spitze getrieben wurde solche Art protestantischer Askese in der Schlosskirche St. Aegidien in Bernburg in den 1960er Jahren. Damals wurde der Ende des 19. Jahrhunderts neugotisch gestaltete Raum nicht nur sämtlicher Ausstattungsstücke und Ausmalung beraubt, sondern sogar die Ostapsis zugemauert. Die ehemalige Hofkirche des Fürstenhauses Anhalt-Bernburg, im 18. Jahrhundert mit Fürstenstuhl und Wappen barock gestaltet, hatte nun noch den Charme eines etwas groß geratenen Gemeindesaals. Die folgenden Jahrzehnte waren davon bestimmt, diese freiwillige »Selbstentblößung«, die bei Gästen Fassungslosigkeit bewirkte und von den damals Beteiligten als eine Art »Jugendsünde« gedeutet wurde, irgendwie zu verdecken.

Erste Szene aus dem Bilderzyklus von Moritz Götze. Fotos: Sven Baier

Erste Szene aus dem Bilderzyklus von Moritz Götze. Fotos: Sven Baier

Mit kleinen Eingriffen war dies nicht zu beheben. Ein Umbau zum Gemeindezentrum wurde erwogen, blieb aber eine interessante Idee. Kontakte zu Künstlern wurden gesucht. Der hallesche Maler, Grafiker und Email- und Objektkünstler Moritz Götze lehnte zunächst dankend ab. Etwa 2007 fuhren 20 Kirchenälteste und interessierte Bernburger in Moritz Götzes Atelier, um Emaille-Arbeiten, die gerade für eine große Ausstellung verpackt wurden, anzusehen. Der Künstler hatte eine erste Skizze vorbereitet: Sehr viel Grün, verteilt über den gesamten Kirchenraum, Vögel, Insekten, Schornsteine – und: einen blauen Sternenhimmel. Die fertigen Emailleplatten waren beeindruckend. Die ungewohnte Farbigkeit, Kunst, die man berühren durfte, die nicht unabänderlich mit der Wand verbunden sein würde und die doch unverwüstlich gegenüber allen klimatischen Unbilden ist.

Zeitgleich plante die Stadt Bernburg einen Schulneubau rings um das Kirchengelände: »Kirche auf dem Schulhof«. Mit der Skizze, einem Modell sowie einem biblischen »Bildprogramm« konnten Förderer gewonnen werden. Schnell zeigte sich, dass die Arbeit im realen Raum Fragen aufwarf, die das Ergebnis dramatisch beeinflussten. So war ursprünglich nur die Ausmalung der Gewölbetonne vorgesehen. Was sollte jedoch mit den waagerechten Flächen zwischen den beziehungslos im Raum stehenden Deckenstützen geschehen? Wenn der Raum eine neue Gestalt bekommen sollte, mussten sie einbezogen werden. Auf Grund alter Fotos entwickelte Moritz Götze die Idee mit den Wolkenflächen. Doch welche Farbe hat ein Sternenhimmel und welche die dazu passenden Wolken? Computersimulationen entstanden und wurden diskutiert. Wolken in Orange übten die stärkste Wirkung aus. Doch gab es so etwas? Tatsächlich, auf vielen barocken Deckenausmalungen waren sie zu finden.

So entsteht das Kunstwerk Schritt für Schritt. In den zurückliegenden Monaten entstand der vor allem alttestamentlich inspirierte Zyklus für die Südwand. Noch in diesem Jahr wird die Nordwand folgen. 2015, im Themenjahr »Bibel und Bild«, sollen beide durch die Altarwand miteinander verbunden werden. Zuletzt wird ein neuer Altartisch hergestellt werden.

Für manches Gemeindeglied scheiden sich an der Farbe noch immer die Geister. Doch in einer Kleinstadt mit vier evangelischen Kirchen sollte so viel »Buntheit« möglich sein.

Sven Baier

Der Autor ist Pfarrer in Bernburg

Das Undarstellbare sichtbar machen

9. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Unter dem Motto »Glaube und Erfahrung. Christlicher Glaube ist erfahrbar« ist in der Weimarer Stadtkirche zum vierten Mal ein Förderpreis für Studierende vergeben worden.

Für seine Arbeit »Undarstellbar – Visuelle Gedanken zu Gott« ist Johannes Schöps aus Zwickau am 25. August mit dem Herder-Förderpreis ausgezeichnet worden, den der Evangelisch-Lutherische Kirchenkreis Weimar, das Sophien- und Hufelandklinikum Weimar und die Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein am Geburtstag des einstigen Weimarer Generalsuper­intendenten Johann Gottfried Herder (1744 –1803) auf ihrem Jahresempfang vergeben. Er ist mit 2 000 Euro dotiert und würdigt Beiträge, die in den Bereichen Literatur, Pädagogik, Musik, Architektur, Kunst, Geschichte, Philosophie oder Theologie den Zusammenhang von menschlicher Erfahrung und christlichem Glauben erhellen und originell beleuchten. Der 24-jährige Preisträger belegt derzeit den Master-Studiengang »Visuelle Kommunikation« an der Bauhaus-Universität Weimar.

In seiner Laudatio ging Lorenz Engell, Professor für Medienphilosophie an der Bauhaus-Universität, darauf ein, dass sich der junge Künstler einem Thema zugewandt habe, das mit dem jüdisch-christlichen Bilderverbot im 2. Buch Mose in unmittelbarem Zusammenhang stehe. Um zugleich darauf zu verweisen, dass »ausgerechnet die Hüterin der Gebote, die Kirche, unendlich viele Bildwerke in Auftrag gegeben« habe und sie bis heute stolz in ihren Kathedralen und Museen zeige, »die dieses Gebot in klarer und krasser Weise zu verletzen scheinen«.

Für seine »Visuellen Gedanken zu Gott« erhielt Johannes Schöps den Herder-Förderpreis. Foto: Johannes Schöps

Für seine »Visuellen Gedanken zu Gott« erhielt Johannes Schöps den Herder-Förderpreis. Foto: Johannes Schöps

In einer der Arbeiten, aus denen der preisgekrönte Gesamtzyklus besteht, werden Vater, Sohn und Heiliger Geist dargestellt (Foto), »und zwar als Lampe – sie steht für den Vater: Es werde Licht, sagt der Schöpfergott; als Waffeleisen – es steht für den Sohn: Er nahm das Brot, dankte, gab ihnen das und sprach: das ist mein Leib; als Ventilator – er steht für den Geist: Ein großes Brausen erhob sich am Pfingsttag«, interpretiert der Hochschullehrer die drei gezeigten Objekte.

Im Gespräch erläuterte der junge Künstler: »Ich möchte niemandem ein bestimmtes Gottesbild vermitteln. Jedes meiner Bilder ist verschieden, weil jeder ein anderes Bild von Gott hat, je nachdem, was man erlebt hat, wie man glaubt und geprägt ist. Meine Motive bilden Gott nicht ab, aber sie erzählen etwas über ihn. Der Betrachter bekommt hier also ein ›Gottesbild‹ vorgesetzt und kann für sich entscheiden, ob das etwas mit dem Bild zu tun hat, das er von Gott hat. Ist Gott für mich wie eine Lampe, die Licht spendet? Gebe ich Jesu Liebe weiter, wenn ich mit anderen gemeinsam Brot aus dem Sandwichmaker esse? Spüre ich den Heiligen Geist wie Wind vom Ventilator?«

Johannes Schöps ist in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen. In seinen Teenagerjahren hätten ihn die Junge Gemeinde und der CVJM Zwickau geprägt. Dort begannen auch seine ersten Gestaltungsversuche, als er gefragt wurde, ob er die JG-Seite im Kirchenboten entwerfen könne. Das ist inzwischen 10 Jahre her.

Auf die Frage, ob der Glaube an oder die Nähe zu Gott ein zentrales Thema seines Schaffens bilde, antwortet er: »Nicht jedes Projekt muss etwas mit dem Glauben zu tun haben, aber ich möchte bei dem, was ich gestalte, schon meine Grundsätze behalten. So würde ich zum Beispiel nicht für einen Auftraggeber arbeiten wollen, der seine Angestellten ausbeutet. Oder Werbung für Genmais macht. Das ist sicherlich nicht immer einfach, aber prinzipiell möchte ich meine Fähigkeiten für ›gute‹ Dinge einsetzen, die Menschen helfen oder einfach schön sind. Nähe zu Gott finde ich beim Fotografieren von Natur und Landschaft. Da denke ich oft, wie ausgeklügelt die Schöpfung ist und dass dahinter ein Schöpfer stecken muss.«

Auf der Internetseite des Preisträgers sind weitere Motive zu sehen.

Michael von Hintzenstern

www.undarstellbar.de

Hofkultur August von Sachsens

2. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Halles Moritzburg als Schatzkammer des 17. Jahrhunderts

Es scheint so, als ob sich das Mädchen auf dem Ölgemälde schon seiner Herkunft bewusst war. Nahezu würdevoll blickt Sophia von Sachsen-Halle (1654–1724) auf den Betrachter. Das Porträt der dritten Tochter von Herzog August gehört zu den besonderen Stücken der Ausstellung »Im Land der Palme«, die bis zum 2. November dieses Jahres in der Moritzburg Halle gezeigt wird. »Durch unsere Recherchen im Internet für die Exposition haben wir das Bild entdeckt«, berichtet Kurator Ulf Dräger. Es gehöre heute zum Bestand der Fundación Yannick y Ben Jakober auf Mallorca.

Ein besonderes Ausstellungsstück: Prinzessin Sophia von Sachsen-Halle als Kleinkind. Das Bild entstand um 1655/1656. Foto: Lutherthemendienst Sachsen-Anhalt

Ein besonderes Ausstellungsstück: Prinzessin Sophia von Sachsen-Halle als Kleinkind. Das Bild entstand um 1655/1656. Foto: Lutherthemendienst Sachsen-Anhalt

Knapp 400 Exponate im Kunstmuseum des Landes Sachsen-Anhalt geben einen Einblick in eine bislang weitgehend kaum beachtete Epoche in der Geschichte der Saalestadt und des Landes Sachsen-Anhalt. Der 400. Geburtstag August von Sachsens (1614 bis 1680), des letzten Administrators des Erzstifts Magdeburg, ist Anlass, sie in den Blick der Öffentlichkeit zu rücken. Erzählt wird die Geschichte von Krieg und Frieden im Jahrhundert nach der Reformation. Es war eine Zeit der unerbittlichen konfessionellen Auseinandersetzungen zwischen Katholizismus und Protestantismus. Trotz der gewaltigen Schäden, die der Dreißigjährige Krieg hinterlassen hatte, gelang es Herzog August, in Halle eine blühende barocke Hofkultur zu etablieren. Die Auswirkungen der Reformation prägten diese Epoche, in der August von Sachsen seinen Platz suchte.

Fast symbolhaft für diese Entwicklung steht ein lebensgroßes Gemälde August von Sachsens vor seiner halleschen Residenz. Annähernd 200 Jahre stand es mehr oder weniger unbeachtet im Depot, nachdem die prächtige Darstellung aus dem Weißenfelser Schloss, dem Wohnsitz des Sohnes des Kurfürsten Johann Georg I., nach Potsdam gebracht worden war. Die Wiederentdeckung zahlt sich für Sachsen-Anhalt doppelt aus. Nach einer umfassenden Restaurierung, unter anderem mit Mitteln des Kunstmuseums und der Stadt Weißenfels, stellt es die Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten als Dauerleihgabe zur Verfügung. Nach der Ausstellung »Im Land der Palme« soll es in das Schloss Weißenfels zurückkehren.

Die Schau holt eine vergangene Epoche an einen authentischen Ort zurück, der sich einst durchaus mit dem höfischen Leben in Dresden vergleichen konnte. August, der die Künste liebte, ließ beispielsweise in der Oper und in einem speziell errichteten Komödienhaus in Halle mehr als 30 deutsche Opern aufführen. Er prägte letztlich eine eigene kulturelle Ära zwischen Frühbarock und Aufklärung.

Diese spannende Zeit im Umbruch lässt die Ausstellung lebendig werden. Sie will auch Verständnis für das Land Sachsen-Anhalt und dessen Identität wecken.

(mkz)

Öffnungszeiten »Im Land der Palme«: täglich 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr
Der Dom ist täglich von 12 bis 18 Uhr zugänglich.

www.kunstmuseum-moritzburg.de

»Das Heilige kommt oft zu kurz«

27. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Der Sänger Max Raabe sammelte erste musikalische Erfahrungen in einem kirchlichen Kinderchor

Mit Musik im Stil der 1920er und 30er Jahre begeistern Max Raabe und sein Palast-Orchester das Publikum im In- und Ausland. Der 51-jährige Bariton war Messdiener und im Kirchenchor, er besuchte ein katholisches Internat und schätzt Gotteshäuser. Tobias Wilhelm sprach mit ihm über seinen Glauben.

Herr Raabe, in Ihrer Erziehung haben Glaube und Religion eine große Rolle gespielt. Welche christlichen Werte sind Ihnen besonders nahegebracht worden?
Raabe:
Meine Eltern haben auf ganz bestimmte Sachen geachtet. Wenn ich zum Beispiel Kuchen oder Süßigkeiten bekommen habe, hat meine Mutter immer gesagt: Gib den anderen Kinder aber was ab, sonst blutet denen das Herz. Mit dieser Haltung bin ich erzogen worden. Ich glaube, das ist eine grundlegend christliche Haltung, die man aber natürlich auch in anderen Religionen findet.

Sie besuchen auf Reisen gerne die Kirchen vor Ort – was reizt Sie daran?
Raabe:
Die Atmosphäre, das Licht, die Gerüche – all das erinnert mich stark an meine Kindheit! Ich war Messdiener, mein Bruder auch. Wir haben immer am Sonntag gedient – auch unter der Woche oder, wenn es nötig war, bei Beerdigungen. Es war ein fester Bestandteil meiner Kindheit. Und natürlich wurden auch die Feiertage in der Kirche begangen. Deshalb ist da eine große Vertrautheit: Egal, in welcher Ecke der Welt ich auch bin – die Sinneseindrücke sind immer dieselben. Wenn ich eine Messe besuche, weiß ich, was Sache ist, selbst wenn ich die Sprache nicht verstehe – weil der Ritus eben gleich ist.

Ein Konzert mit Max Raabe. Foto: picture-alliance/dpa

Ein Konzert mit Max Raabe. Foto: picture-alliance/dpa

Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Raabe:
Ja, ich bin gläubiger Christ. Wobei ich sagen muss, dass sich der Gottesdienstbesuch auf ein sträfliches Maß reduziert hat. Ich schieb das ein bisschen auf den unsteten Lebenswandel. Aber ich sehe, dass andere, die einen ähnlichen Beruf ausüben, das hinbekommen. Im Grunde bleibt das schlechte Gewissen. In Berlin gibt es aber verschiedene Pfarreien, in die ich gerne gehe. Ich experimentiere mich so von Gemeinde zu Gemeinde, bis ich die richtige gefunden habe, in die ich immer gehen kann.

Sie haben einmal gesagt, Ihr Beruf sei ein Geschenk. Betrachten Sie Ihr Talent als eine Gabe Gottes?
Raabe:
Auf jeden Fall. Deswegen wird man von mir nie Worte wie Stolz hören. Ich bin dankbar, dass ich so beschenkt bin, dass ich mit dem, was mir Freude macht, mein Geld verdienen kann. Natürlich ist das auch anstrengend, man muss was dafür tun – aber es gibt viele Leute, die sehr viel tun und trotzdem nicht weiterkommen. Dieses Quäntchen, dass es doch was wird – das ist das Geschenk, und darauf kann ich mir nichts einbilden.

Nach dem Missbrauchsskandal und anderen Negativschlagzeilen ist es heute schon fast mutig, sich öffentlich zum Katholizismus zu bekennen. Sie haben Ihre sehr katholisch geprägte Kindheit und Jugend ausdrücklich als »behütet« bezeichnet. Schmerzt Sie der schlechte Ruf der Kirche heute?
Raabe:
Ja, ich bin ja auch an katholischen Einrichtungen gewesen und habe da meine Kindheit zugebracht. Dabei habe ich nie negative Erfahrungen gemacht oder bei Freunden mitbekommen. Umso brutaler war es für mich zu sehen, dass es so viel Missbrauch gab. Natürlich ist das in anderen Einrichtungen, in denen man sich um Kinder kümmert, auch passiert. Aber in einer Kirche ist es eben doppelt verwerflich. Dennoch darf man deswegen nicht die positiven Seiten vergessen. Ich habe nur die allerbesten Erinnerungen. Wir hatten sehr gute Geistliche und gute Erzieher. Ich bin ein Beispiel dafür, dass es auch gutgehen kann.

Sie haben bereits im Kinderchor Ihrer Pfarrei gesungen und von klein auf viel geistliche Musik gemacht. Was sind Ihre kirchenmusikalischen Lieblingsstücke?
Raabe:
Ich mag die mittelalterliche Kirchenmusik sehr gern. Das alte Notenbild und die gregorianischen Gesänge fand ich immer sehr beeindruckend – aber vor allem als Ausführender, weil momentan leider zu viel dummes Zeug geliefert wird von Leuten, die herumreisen, sich als Mönche verkleiden oder, wenn es noch schlimmer kommt, sogar welche sind. Ich finde das fremd. Und natürlich führt kein Weg an Bach vorbei – auch wenn er Protestant ist. Die schönsten Kirchenlieder kommen aus der protestantischen Ecke, das muss man sagen. Meine Mutter war übrigens auch evangelisch, gleichwohl sie mich katholisch erzogen hat. Und sie hatte es im katholischen Westfalen damit nicht leicht. In meinem Umfeld waren Frotzeleien weit verbreitet. Uns war aber allen klar, dass man das nicht so ernst nehmen darf.

Stichwort Kirchenmusik: Sie haben einmal gesagt, Sie bedauern, dass klassische Hymnen wie »Großer Gott wir loben dich« nur noch so selten gesungen würden …
Raabe:
Ja, das finde ich sehr schade. Ich bin kein großer Freund der neuen Kirchenlieder, mit wenigen Ausnahmen. Ich finde sie musikalisch oft, naja, schwer nachvollziehbar. Und ich bin auch kein großer Freund von Blockflötenauswüchsen während festlicher Hochämter. Gerade in der Osternacht oder zu Weihnachten sollte man die Gemeinde viel mehr singen lassen – und zwar Lieder, die man kennt.

Sind Ihnen viele Gottesdienste heute nicht mehr feierlich genug?
Raabe:
Ich finde, das Mystische, das Heilige kommt oft zu kurz. Die Stärke der Liturgie liegt vor allem darin, die Mystik des Glaubens zu unterstützen. Der ganze Glauben ist ja Mystik, keine Wissenschaft. Und dann finde ich es komisch, wenn die Messen anfangen, rational zu werden und eine gewisse Beliebigkeit zu bekommen. Gerade in der Mystik liegt doch ein großer Vorteil, eine große Kraft. Wir müssen uns darauf verlassen. Aber vielleicht sehne ich mich auch nur nach diesem Ritus aus meiner Kindheit, der heute überkommen wirkt. Es ist die Sehnsucht, dass sich nichts verändert – aber das tut es eben dann doch.

Im Bezug auf die »Neuen Geistlichen Lieder« haben Sie mal das Wort »Lagerfeuerliedchen« benutzt. Können Sie ihnen so gar nichts abgewinnen?
Raabe:
Ich will kein miesepetriges Pauschalurteil fällen. Es ist jedoch selten, dass sie mir gefallen. Wenn sie aber vielen ein musikalischer Ausdruck sind, haben sie ja ihren Zweck erfüllt. Ich habe übrigens – sozusagen versehentlich – auch ein Kirchenlied komponiert. Auf der aktuellen Platte gibt es das Stück »Mir kann nichts passieren«. Das könnte auch an Kirchentagen gesungen werden.

www.palast-orchester.de

Ein Video, in dem der Sänger vom Glauben und seiner religiösen Sozialisation berichtet, gibt es im Internet unter www.tinyurl.com/raabe-glaube. Ebenfalls sehenswert ist eine Dokumentation unter www.tinyurl.com/raabe-doku.
Am 4. September, 20 Uhr, gibt Max Raabe eine Konzert in der Congress Centrum Neue Weimarhalle Weimar.

Der Mann hinter der Sage

20. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Geschichte: Bischof Thilo von Trotha ist eine Sonderausstellung in Merseburg gewidmet

Thilo von Trotha war 48 Jahre Bischof von Merseburg. Eine Ausstellung zu seinem 500. Todestag widmet sich seinem Werk. Ein Blick in Leben und Frömmigkeit im ausgehenden Mittelalter.

Seit Jahrhunderten bestimmt eine Sage das Bild des Thilo von Trotha (1443–1514): Er soll einen Kammerdiener, der des Diebstahls eines kostbaren Ringes verdächtigt wurde, hinrichten lassen haben. Dass der Mann seine Unschuld beteuerte, nützte ihm nichts. Später wurde der Ring in einem vom Merseburger Dom-Dach gefallenen Rabennest aufgefunden. Die Unschuld des Dieners war erwiesen. Der Bischof entschied, dass fortan ein Rabe mit einem Ring im Schnabel sein Wappen zieren sollte. Und es sollte als ständige Mahnung an seinen im Jähzorn gefassten, folgenschweren Entschluss ein Rabe in einem Käfig vor dem Schloss gehalten werden.

Die Rabensage kam zwar erst im 17. Jahrhundert auf. Dennoch ist sie Ausgangspunkt einer Sonderausstellung, die bis 2. November im Dom und Schloss in Merseburg zu sehen ist. Sie trägt den Titel »Thilo von Trotha. Merseburgs legendärer Kirchenfürst«. Auf rund 600 Quadratmetern haben die Kuratoren Markus Cottin und Claudia Kunde 150 Exponate zusammengetragen. Sie stammen aus den Beständen der Vereinigten Domstifter zu Merseburg, Naumburg und des Kollegiatstiftes Zeitz sowie zu mehr als einem Drittel aus Leihgaben. Mit dieser Schau wird das Leben eines mitteldeutschen Bischofs aus dem späten Mittelalter ins Zentrum gerückt, der mit 48-jähriger Amtszeit so lange wie kein zweiter regierte. »Spätmittelalterliche Bischöfe haben es im Kernland der Reformation bekanntlich nicht einfach«, so der Direktor der Domstifter, Holger Kunde. Dabei habe Bischof Thilo von Trotha seine Umgebung wie kaum ein anderer geprägt und auch über das Territorium des Bistums hinaus gewirkt.

Bis heute werden in einer Voliere am Schloss in Merseburg Raben gehalten. Foto: Vereinigte Domstifter

Bis heute werden in einer Voliere am Schloss in Merseburg Raben gehalten. Foto: Vereinigte Domstifter

Die Familie von Trotha stammt aus einem Dorf, das heute ein nördlicher Stadtteil von Halle ist. 1427 wurde es zerstört. Thilos Vater verließ den Stammsitz, schloss sich enger an den Magdeburger Erzbischof an und baute sich eine neue Besitzgrundlage auf. Einige seiner Söhne nahmen später wichtige Stellungen ein. »Tilemannus de Trota« studierte in Leipzig und Perugia und wurde danach Dompropst in Magdeburg. 1466 wurde er zum Bischof von Merseburg gewählt, seine Einsetzung und Weihe erfolgte am 8. März 1467. Sein Hochstift Merseburg baute er systematisch aus, wirtschaftete klug und schaffte es – im Gegensatz zu anderen geistlichen und weltlichen Herrschern seiner Zeit –, seinem Nachfolger gefüllte Kassen und ein deutlich vergrößertes Territorium zu hinterlassen. Thilo reiste in jüngeren Jahren öfter – zum Beispiel pilgerte er mit dem wettinischen Kurfürsten Ernst von Sachsen nach Rom und begleitete 1478 die Tochter eines sächsischen Kurfürstenpaares zu ihrer Hochzeit nach Kopenhagen. Ab den 1470er Jahren konzentrierte er sich auf den Bau seines Residenzschlosses und den Umbau des Domes, zu dem 1015 der Grundstein gelegt worden war. Schon ab 1476 ließ er im Nordquerhaus seine Grabkapelle einrichten, die mit der Tumba aus der Werkstatt des bekannten Nürnberger Gießers Peter Vischer und einem vergoldeten Epitaph zu den wichtigsten Exponaten der Ausstellung zählt.

Diese umfasst insgesamt elf Räume. Drei widmen sich der Biografie Thilos, die anderen setzen thematische Schwerpunkte wie seine Tätigkeit als Bauherr, sein Wirken als Kanzler der Universität Leipzig oder seiner Förderung des Buchdrucks. Ein Raum beschäftigt sich mit der Liturgie und Frömmigkeit im Bistum, die von der Verehrung der Gottesmutter Maria und anderer Heiliger sowie Prozessionen und Wallfahrten geprägt waren. Fast alle der 200 Kirchen im Bistum Merseburg wurden zu Thilos Zeit, finanziert vom Domkapitel, von Stadtgemeinden oder Adligen, baulich erweitert und kostbar ausgestattet. In der Ausstellung zeugen Werke eines unbekannten Malers (vermutlich) aus Leipzig, der als »Meister der byzantinischen Madonna« in die Kunstgeschichte eingegangen ist, von diesem Tun. Zu sehen sind auch kostbare liturgische Geräte und Gewänder. Was in der Schau fehlt, ist ein verbürgtes Bildnis Thilos. Denn es gibt keines. Auch die gezeigten Kleidungsstücke können nicht ihm direkt zugeordnet werden.

In Thilos Grabinschrift heißt es unter anderem: »… und er mehrte alle Dinge, wie die Erinnerungszeichen erweisen.« Besucher der Ausstellung können dort nicht nur ihr Wissen über das ausgehende Mittelalter mehren. Die Exponate ermöglichen ihnen einen genaueren Blick auf die Persönlichkeit, die hinter dem Bild vom jähzornigen Mann steht, das die Sage zeichnet.

Angela Stoye

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Thilo von Trotha. Merseburgs legendärer Kirchenfürst. Michael Imhof Verlag, 256 S., ISBN 978-3-7319-0070-2, 39,95 Euro

www.merseburg2014.de

Kunst im Schützengraben

12. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: »Krieg der Geister. Weimar als Symbolort deutscher Kultur vor und nach 1914«

Eine Ausstellung beleuchtet die Rolle der Stadt der Dichter vor und während des Ersten Weltkrieges. Ein Rundgang.

Was hat die geistige Elite in Weimar zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Ersten Weltkrieg zu tun? Wie in allen unmittelbar beteiligten Ländern auch engagierten sich die Intellektuellen in der Residenzstadt und ihrer Umgebung für die Begründung und die vermeintlich gerechte Sache des Krieges. Dies veranschaulicht die kulturhistorische Ausstellung »Krieg der Geister. Weimar als Symbolort deutscher Kultur vor und nach 1914« im Neuen Museum Weimar. Eröffnet wurde die Präsentation am 1. August anlässlich des Beginns des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren.

Gemälde »Im Schützengraben« von Gert H. Wollheim. Foto: Stefan Arendt, Stadtmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf

Gemälde »Im Schützengraben« von Gert H. Wollheim. Foto: Stefan Arendt, Stadtmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf

Die Schau beleuchtet einen bislang wenig beachteten Teil Weimarer Geschichte: die Rolle Weimars im Prozess der intellektuellen Aufrüstung, die sich im Zuge der Nationalisierung im wilhelminischen Kaiserreich vollzog. Wie Kuratorin Gerda Wendermann erläutert, hatte sich die Stadt nach dem Tode Johann Wolfgang Goethes und Friedrich Schillers im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem Symbolort der deutschen Kultur entwickelt. Das sogenannte klassische Erbe sei überhöht, die Stadt und Umgebung als gemütvolles »Herz Deutschlands« mythisiert worden.

Im Foyer des Museum sind acht Porträts ausgewählter Persönlichkeiten aus Weimar und Jena zu sehen, die für den Zeitgeist der damaligen Epoche stehen: Großherzog Wilhelm Ernst, Elisabeth Förster-Nietzsche, Schwester des Philosophen Friedrich Nietzsche, der Agitator Adolf Bartels, der Naturforscher Ernst Haeckel, der Philosoph Rudolf Eucken, der Verleger Eugen Diederichs, der Weltbürger Harry Graf Kessler und die Frauenrechtlerin Selma von Lengenfeld. Sie werden als Modernisierer, Bewahrer, Nationalisten, Pazifisten und Neuidealisten charakterisiert.

Am Beispiel dieser acht Protagonisten werde gezeigt, wie sich in Weimar am Vorabend des Krieges die kulturellen Gegensätze und weltanschaulichen Diskurse verdichteten, so Wolfgang Holler, Generaldirektor der Museen der Klassik Stiftung Weimar.

Der Rundgang beginnt mit dem Moment der Mobilmachung. Eine Videoinstallation zeigt den Heeresgottesdienst zur Verabschiedung des Bataillons am 7. August 1914 im Innenhof des Weimarer Schlosses. Die Kunst-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte verdeutlichen zahlreiche Zeugnisse der Zeit: Gemälde, Grafiken, Plakate, Fotografien, architektonische und plastische Arbeiten, literarische Propaganda, öffentliche Aufrufe und Feldpostsendungen.

Während es im ersten Teil der Schau um die strategische Ausrichtung der Residenzstadt als nationaler Erinnerungsort geht, sind Kriegseuphorie und die schreckliche Realität der Schlachten aus dem Blickwinkel beteiligter Künstler weitere Themen. Zu Beginn zogen viele in den Krieg, der die deutsche Kultur verteidigen sollte. Zu sehen sind Zeichnungen und Gemälde, die den Krieg heroisieren. Schließlich verfolgt die Präsentation den Wandel in der Kunst von der Überhöhung des Krieges hin zu einer eindeutigen Anklage, wie sie beispielsweise in den Bildern von Gert Wollheim zum Ausdruck kommt. Während Wollheim an der Front kämpfte, entstanden Zeichnungen und Skizzen, die er in eine Mappe einklebte. Im Spätsommer 1917 wurde er durch einen Bauchschuss schwer verletzt. Auf der Grundlage seiner im Feld entstandenen Zeichnungen begann der Künstler 1918 mit großformatigen Antikriegsbildern. Eines der Hauptwerke dieser Zeit heißt »Im Schützengraben«. Es zeigt zwei Soldaten, die gekrümmt im Schützengraben sitzen. Das Trauma seines eigenen Bauchschusses verarbeitet Wollheim in mehreren Arbeiten. In dem Gemälde »Der Verurteilte« verdichtet er das Motiv eines hingerichteten Menschen, indem er den Verurteilten auf einer Schädelstätte zeigt.
Ein Kapitel widmet sich dem 400. Jahrestag der Reformation 1917, zu dem deutschlandweit Feste geplant waren, die aber kriegsbedingt teilweise ausfallen mussten. Wie die Schau dokumentiert, dienten Jubiläumsfeierlichkeiten auch als Mittel gegen die im Kriegsverlauf zunehmende Demoralisierung der Bevölkerung.

Bereits während des Krieges begannen die Überlegungen für einen zentralen Ort zum Gedenken an die Millionen Opfer des Krieges. Eine breite Debatte entstand aber erst 1924, zehn Jahre nach Kriegsbeginn, nachdem Reichspräsident Friedrich Ebert die Deutschen dazu aufgerufen hatte, den im Krieg Gefallenen ein Denkmal zu setzen. Abschließend wirft die Ausstellung einen Blick auf die Revolution im November 1918, die Abdankung des Adels und die weitere Entwicklung nach der Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung »Krieg der Geister« ist bis 9. November mittwochs bis montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.


www.klassik-stiftung.de/2014

Mittag am alten Schafstall

6. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Erzählung: Gedanken eines Rekonvaleszenten nach einem Infarkt

Dem Wunsch vieler Leser folgend veröffentlichen wir monatlich einen literarischen Beitrag. Diesmal eine Erzählung von Theodor Weißenborn.

Ich sitze im Gartensessel am Schafstall und blinzle, auf der Schwelle zum mittäglichen Schlaf, aus dem Schatten des Sonnenschirms in die Hitze, die wabernd und sengend den Hang heraufsteigt, über den Dächern des Dörfchens brütet und die Menschen in der dämmrigen Kühle der Häuser hält. Dort riecht’s in Kellern und Küchen nach unbekanntem Gewürz, rumort Madame Ligaut in der Vorratskammer, quengeln die Kinder über ihren Schulaufgaben, verkriechen sich Katze und Hund in die schattigsten Winkel und sind Mensch und Tier geplagt von den immer schwirrenden Scharen der Fliegen, die zum Land gehören wie die Autos zur Stadt.

Dies ist die Südwestecke des hochgelegenen Gartenplateaus, die kleine Bastion aus Granitmauerwerk, das das Gelände zur Straße hin stützt, Restgemäuer aus der Zeit, als an der Stelle der Schule ein Schlösschen stand. Der Lehrer, dessen Wohnung über den Klassenräumen lag und der, irgendwann im vergangenen Jahrhundert, aus den Steintrümmern den Stall für seine Schafe errichtete, hat diesen Ausguckplatz ausgespart, indem er nur einen Teil der Westmauer als Fundament nutzte, sodass in der Mauerecke selbst ein geschützter Terrassenplatz blieb, den nun im Norden die Mauer des Schafstalls begrenzt.

Zeichnung: Martin Max

Zeichnung: Martin Max

Am grauen Gestein klettern Efeuranken hinauf bis zur Kante des steingedeckten Daches; dort haben sie keinen Halt mehr gefunden, keine Fläche für ihre sich anklebenden Füßchen, oder der Sturm hat sie losgerissen, nun wehen sie im Wind, pendeln matt in den warmen Mittagslüften oder rudern wild, wenn zerrende Böen bald einsetzenden Regen ankündigen. Bei kurzen Schauern, wenn der Wind durchs Laub fegt, die Sträucher verstört und die Wipfel der Maronen- und der Nussbäume aufregt, aber auch bei Gewitter, wenn Blitzschlag droht und in den Bergen die Donner rollen, stelle ich mich unter im Stall, dessen Tür Gaspards Schafen freien Eintritt und Ausgang gewährt.

Mensch und Hund und Schafe teilen sich dann den Platz inmitten der vom Regen umtosten Dämmerung und blicken, je nach Temperament, mit Gleichmut, Groll oder Behagen hinaus ins strähnende Grau, in vom Boden aufsteigende wallende Nebel und schieben allenfalls einmal eine Nasenspitze hinaus in den Wasserschleier, der vom Dach herabstiebt und sich windet im Wind. Und am wachsenden Brausen in der kleinen Schlucht jenseits der Westmauer ist zu hören, wie die Ouze anschwillt, und kommt gar ein Wolkenbruch oder ein Hagelschlag, so klirrt’s im Bachbett von rutschendem, schiebendem Gestein, und du weißt: nun wird’s eng im Gewölbebogen unter der Straße nach Châtelet, und in den nächsten Tagen haben dort wieder die Bagger zu tun.

Aber jetzt wärmt die Sonne im Übermaß. Das Gemäuer wirft die Hitze zurück, und die schwarzen basaltnen Decksteine der Mauerkrone sind so heiß, dass der Hund seine Pfoten nicht daraufsetzen mag. Er wollte sich aufstemmen, um zu sehn, wer auf der Straße daherkommt und jetzt unten am Fuß der Bastion entlanggeht, denn das muss er wissen, so wie Madame Juillard Wesentliches zu versäumen fürchtet, wenn sie mir, scheu hinter der Gardine stehend, nachschaut, wenn ich durchs Dorf gehe mit Kuno oder gar einen Besucher bei mir habe wie den vollbärtigen Serge.

Also, Kuno, ich sag dir, wer da unten geht: Wanderer, Bergsteiger sind’s, die den Plomb du Cantal erklimmen wollen. Ich sehe sie zwar nicht, aber ihre Stimmen gehen vorüber, und ich höre, wie einer von ihnen sagt: »Das Schlimmste ist die Schleiferei, le bizutage! Das ist grauenhaft! Entwürdigend!« – was mir Anlass gibt, darüber nachzudenken, ob er von der Sorbonne oder von der Fremdenlegion spricht.

Dann sind die Leute vorüber. In der Serpentinenkurve oben bei La Gazelle taucht zehn Minuten später noch einmal ein weißes Hütchen auf, dann verschwindet auch das; und nun herrscht wieder Ruhe im Massiv Central, und nur ein Hahnenschrei ist zu hören aus dem Garten der Ligauts und einmal das triumphierende Gegake einer Henne, die einen riesigen Wurm gefunden oder ein Ei gelegt hat.

Der Hund liegt hechelnd im Schatten der Mauer, eine Fliege summt und wird lästig, aber ich bin schon zu müde, sie zu verjagen. Die Lider fallen mir zu, meine Arme werden schwer, die Linke mit dem Buch sinkt ins Gras, eine wohlige Spanne Zeit verharre ich noch auf der Schwelle, dann gebe ich nach, lasse mich fallen und entgleite in exotische Gefilde, schwebe über tintenfarbigen Seen inmitten moosgrüner Wälder, steige zu Bergwiesen auf und lande auf Inseln, deren Bewohner entzückt sind, mich kennenzulernen, mich zum Rundtanz laden – Sirtaki –, mir Saitenins­trumente bringen, auf denen ich spielen soll, und ein Mann mit Brille, der Lehrer, behauptet, ein Buch über mich geschrieben zu haben, das heißt »Der Zupfgeigenhansel«.

Und dann summt wieder die Fliege und ist lästig, ich erwache und scheuche sie und richte mich auf, gieße mir aus der schon bereitstehenden Thermoskanne meinen Nachmittagskaffee ein und genieße, sehr bewusst und mit Behagen, meine Rekonvaleszenz, das Kurgastgefühl der Senioren, diese milchig-cremige Melange aus Wehmut und Euphorie, schwindender Sorge und wachsender Zuversicht, und lasse mich durchströmen von jener großen Ruhe, die mich auf die Frage, was der Infarkt mir gebracht habe, antworten ließ: »Gelassenheit und Distanz im Umgang mit Dingen und Menschen.«

Mönche im Naturpark

29. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Gestalten erinnern an das Wirken des Zisterzienserordens vor 800 Jahren

Insgesamt sieben Mönche werden demnächst den Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft im Süden von Brandenburg bevölkern. Nachdem bereits am 27. Mai ein Mönch mit einer Schreibfeder und einer Schriftrolle in Gruhno aufgestellt wurde, sind nun auch die restlichen sechs Zisterziensermönche bei Kettensägenkünstler Roland Karl (54) in Dobra fast fertiggestellt. Diese sollen in weiteren sechs Dörfern im Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft aufgestellt werden. Die Mönche beschreiben einzelne Stationen der Naturpark-Radtour »Auf den Spuren der Mönche von Dobrilugk«, die vor Jahren auf Initiative des Bürger- und Heimatvereins Doberlug-Kirchhain und Umgebung in Zusammenarbeit mit dem Naturpark entstanden ist. Jeder der Mönche trägt ein Symbol für die Arbeit und das Wirken der Zisterziensermönche des Klosters Dobrilugk beim hochmittelalterlichen Landesausbau in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts bei sich.

Kettensägenkünstler Roland Karl mit seinen Holzfiguren. – Foto: Veit Rösler

Kettensägenkünstler Roland Karl mit seinen Holzfiguren. – Foto: Veit Rösler

Der Mönch mit den Kräutern wird in Oppelhain aufgestellt, in Anlehnung an den Oppelhainer Kräutergarten. Der Mönch, der einen Fisch trägt als Symbol für die von den Mönchen eingeführte Fischzucht, wird in Fischwasser installiert. Der betende Mönch wird vor dem Klosterrefektorium von Doberlug seinen Platz finden. Der Bienenkorbträger geht nach Lugau, wo es die Zeidler bzw. Wildbienenzüchter gab und noch immer gibt. Den Mönch mit der Weinrebe erhält Friedersdorf und Hacke und Spaten als Symbol der landwirtschaftlichen Urbarmachung, gehen mit ihrem Träger nach Lindena.

Der bereits aufgestellte Mönch von Gruhno beschreibt die Einführung der Schriftlichkeit und gleichzeitig die umfangreiche und detailreiche Chronik des Ortes. Vor rund 800 Jahren siedelten an den Ufern der Kleinen Elster bei »dobry lug« (»Gute Wiese«) Mönche des Zisterzienserordens, um ein Kloster aufzubauen und das Leben der Menschen zu erleichtern. Sie machten die Gegend urbar und bewirtschafteten das Land. Dafür rodeten sie Wälder, legten Fischteiche und Weinberge an und sumpfige Niederungen trocken, betrieben Bienenzucht.

Im 13. Jahrhundert gehörten dem Kloster nahezu 60 Orte, Wirtschaftshöfe und andere Besitzungen an. Die Zisterzienser prägten die typische Backsteingotik und hinterließen Baudenkmäler von höchster künstlerischer Vollendung. 1541 wurde das Kloster in Doberlug in Folge der Reformation aufgelöst. Hinterlassen haben die geistlichen Menschen Kirchen, Teiche und alte Flurnamen. Schon jetzt werben Einwohner anderer Ortschaften um weitere Mönche. So gibt es in Hohenleipisch zum Beispiel einen »Klosterberg« und einen »Pfaffenberg«.

Wie vom Naturpark zu erfahren ist, sind die touristisch »attraktiven« Mönche jedoch nur auf den Radwanderweg, der von Doberlug über das ehemalige Vorwerk Schulz und die Klosterdörfer Lugau, Fischwasser, Gorden, Oppelhain, Friedersdorf, Gruhno und Lindena führt, begrenzt. Etwa eine Woche Arbeit hat Kettensägenkünstler Roland Karl in jeden der Mönche aus dem Holz der Stieleiche gesteckt. Roland Karl hat bereits an anderen Stellen Figuren wie Waldgeister, Forstmänner und Symboldarstellungen für den Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft geschaffen. Damit sie lange halten und so auch an Ort und Stelle bleiben, werden die Figuren nach der künstlerischen Fertigstellung noch mit einem Witterungs- und Diebstahlschutz ausgestattet.

Veit Rösler

Kraftvolle Striche

23. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Farbige Fenster gaben Anstoß zur Max-Uhlig-Retrospektive in Magdeburg


Die Wucht des Striches und der Farben nimmt gefangen. Die frühen Grafiken sind ein Kontrapunkt. Das Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg präsentiert das Werk Max Uhligs mit 160 Gemälden und Zeichnungen.

Dass gerade Magdeburg die erste Retrospektive des 77-jährigen Dresdner Künstlers zeigt, hat mit einem Projekt zu tun, das Max Uhlig seit Jahren ganz und gar ausfüllt. Er entwarf farbige Fenster für die Südwand und monochrome für den Chor der Johanniskirche. Diese Kirche der Kaufleute, in der 1524 Martin Luther predigte und damit die Reformation in Magdeburg auf den Weg brachte, wurde im Lauf der Jahrhunderte mehrmals zerstört. Nach 1945 stand sie als mahnende Ruine und ist seit 15 Jahren als städtischer Konzert- und Festsaal wieder aufgebaut worden. Das Kuratorium zum Wiederaufbau der Johanniskirche hat sich als Abschluss des Vorhabens die künstlerische Gestaltung der gotischen Fenster vorgenommen und wirbt dafür um Spenden.

Die Einladung, Entwürfe für dieses Projekt beizusteuern, nahm Max Uhlig gern an und war gefangen. Nicht nur, weil es seine erste Arbeit auf Glas ist. Noch auf der Rückfahrt von der Besichtigung entstanden die ersten Skizzen – auf einem Briefumschlag. Er arbeite mit Begeisterung für diesen Raum, gestand er bei einer Präsentation im Dezember vorigen Jahres.

Die ersten neun Scheiben für die Fenster der Johanniskirche gehören zur Max-Uhlig-Retrospektive im Kunstmuseum Magdeburg. – Foto: Renate Wähnelt

Die ersten neun Scheiben für die Fenster der Johanniskirche gehören zur Max-Uhlig-Retrospektive im Kunstmuseum Magdeburg. – Foto: Renate Wähnelt

Überlegungen, mit der Gestaltung Bezug auf die Geschichte der Stadt zu nehmen oder auf die Kirche als Grablege Otto von Guerickes wichen schließlich dem Entwurf einer Landschaft. Ein zerschnittenes und neu zusammengesetztes Landschaftsbild sollen die sechs Fenster der Südwand sein. Doch es gibt auch andere Assoziationen, beispielsweise zu einem Feuersturm.

»Solche Assoziationen kommen. Den Feuersturm gab es«, sagte Max Uhlig am Rande der Ausstellungseröffnung im Magdeburger Kunstmuseum. In der Ausstellung sind die ersten neun Scheiben zu sehen, das untere Drittel eines Fensters. Dass Uhlig hier eine Landschaft darstellt, erschließt sich dem Kenner seines Werkes. Die Ausstellung in Magdeburg zeigt viele Landschaften in Uhligs unverkennbarem Stil, der eben keine Landschaftsbilder im herkömmlichen Sinn entstehen lässt. Kraftvoll wirken die Bilder mit ihren satten Farben, dominiert von den dicken dunklen Strichen. »Vor der Natur gewachsen«, so der Titel der Retrospektive. In ihr sind natürlich auch viele Porträts zu finden, das zweite große Thema Max Uhligs. Sie ebenfalls wie verborgen hinter den kraftvollen Strichen.

Spannend die Begegnung mit frühen Arbeiten. Sie sind gegenständlicher, zeugen jedoch schon von der Handschrift des Künstlers.

Max Uhlig, 1937 in Dresden geboren, blieb lange der große Erfolg im eigenen Land versagt, während er international anerkannt war. Nach einer Lehre als Schriftmaler und dem Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden war er Meisterschüler an der Deutschen Akademie der Künste in Berlin bei Hans-Theo Richter. Seine Art zu malen fand im Ausland mehr Beachtung als daheim, trotz etlicher Ausstellungen. 1979 wurde er bei der 6. British International Print Biennale Bradford ausgezeichnet. 1987 folgte der Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste Berlin, danach viele weitere Ehrungen. Max Uhlig schuf das Porträt des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder.

In den Fenstern für die Johanniskirche kulminiert Max Uhligs Lebenswerk, inhaltlich und auch zeitlich, denn daneben ist keine Tafelmalerei entstanden. Er wünscht sich, dass der Betrachter seiner Intention folgen kann: Von der Landschaft der Farbfenster zu den schwarz-weiß gehaltenen Weinstöcken in den Chorfenstern, die Lebenskraft und Wachstum symbolisieren sollen, zugleich einen Bogen von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft schlagend. »Zeitgenössische Kunst ist eine Herausforderung«, sagt der Maler.

Renate Wähnelt

Die Ausstellung ist bis zum 26. Oktober zu sehen. Ein Katalog erscheint im Juli.

www.kunstmuseum-magdeburg.de
www.kuratoriumjohanniskirche.wordpress.com

»Rups« will für Jesus singen

16. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Thomas »Rups« Unger will mit seinen Liedern Christus bezeugen

Millionen lieben Volksmusik. Zu den Stars der Szene gehören »De Randfichten«. Seit über 20 Jahren ist Thomas »Rups« Unger ihr Frontmann. Jetzt soll damit Schluss sein.

Die Nachricht schlug bei Volksmusikfans wie eine Bombe ein: Thomas »Rups« Unger verlässt »De Randfichten«. Nur bis Ende 2014 wird der 45-Jährige noch mit seinen beiden Kollegen auf der Bühne stehen. Ein Grund für die Trennung ist sein Glaube an Jesus Christus. »Es war ein langer Prozess. Doch der Glaube hat meinen Horizont erweitert«, erklärt Unger. »Zwei Atheisten und ein Christ in einer Band, wir waren nicht mehr auf einer Wellenlänge«, erläutert er seinen Ausstieg.

Dabei liegen erfolgreiche Jahre hinter den Volksmusikern aus Johanngeorgenstadt im Erzgebirge. Seit 1992 begeisterte das Trio Tausende Fans. Große Bekanntheit erlangten »De Randfichten« 2004 mit ihrem Lied »Lebt denn dr alte Holzmichl noch …?«, das sogar bis auf Platz drei der Hitparade kletterte.

Doch das Leben von Thomas Unger, den Freunde nur »Rups« nennen, besteht nicht nur aus positiven Erfahrungen. Seit seinem 17. Lebensjahr leidet er unter Panikattacken. In unregelmäßigen Abständen überfallen ihn Angstzustände. Unger griff zur Flasche – und wurde alkoholabhängig. Ein Freund nahm ihn 1993 mit zur christlichen Suchtkrankenhilfe Blaues Kreuz. Anschließend machte er eine Entgiftung. Seit über 20 Jahren ist er jetzt »trocken«. »Es ist ein Geschenk Gottes, dass ich vom Alkoholismus geheilt wurde«, bekennt »Rups« heute. Seit diesem Moment lässt ihn der Glaube nie mehr ganz los. »Ich spürte den Heiligen Geist«

Der Musiker Thomas Unger. Foto: Randfichten-PR/Marko Lorenz

Der Musiker Thomas Unger. Foto: Randfichten-PR/Marko Lorenz

Großen Anteil am »Hineinwachsen in das Christsein« hat seine heutige Ehefrau Tabea. Unger lernt sie im Jahr 2000 kennen. Tabea nimmt ihn mit in eine evangelisch-methodistische Gemeinde. 2002 heiraten die beiden. Ihnen ist eine kirchliche Trauung wichtig, und so lässt sich Unger taufen. »Doch so richtig war ich damals noch nicht mit dem Herzen dabei«, gesteht »Rups«. Das ändert sich 2009 schlagartig. Damals kehren die Angstzustände zurück – schlimmer als je zuvor. Unger fängt an, regelmäßig zu beten: »Lieber Herr, wenn du mir jetzt hilfst, will ich dir mein Leben anvertrauen«, fleht er. Und tatsächlich legt sich die Panik. Gemeinsam mit Tabea besucht »Rups« im Oktober 2009 im Urlaub einen Gottesdienst in der Freien evangelischen Gemeinde in Burglengenfeld (Bayern). Am Abend sieht er Joyce Meyer im Fernsehen. Sie spricht über Thomas den Zweifler. Plötzlich wird Unger klar, dass er noch Vergebung von Schuld braucht. Er beichtet und lässt sich in der Naab taufen.

»Das Gefühl danach war unbeschreiblich. Ich spürte, wie mich der Heilige Geist überkam«, schildert Unger die Situation. Seitdem kann er nicht mehr ohne eine enge Beziehung zu Christus leben. 2012 nimmt er ein Soloalbum mit bekannten christlichen Liedern und einigen eigenen Titeln auf. Die CD verkauft sich so gut, dass sie viermal neu aufgelegt werden muss. Im Februar 2014 folgt dann ein Rückschlag: Als Unger mit einer Rückenmarksentzündung im Krankenhaus liegt, kehrt die Angst zurück.

Wieder sucht er Hilfe im Gebet, wieder spürt er den Heiligen Geist: »Vor allem der Vers Epheser 6,11 – in dem es um die geistliche Waffenrüstung geht – hat mir geholfen, die Panik wieder loszuwerden. Danach schrieb ich im Krankenhaus ein geistliches Lied nach dem anderen«, so Unger. Das Ergebnis wird man Ende des Jahres hören können. Dann erscheint sein neues Album, und »Rups« singt wieder für Jesus.

Dennis Pfeifer (idea)

www.thomas-rups-unger.de

Himmel und Erde küssen sich

9. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Popkultur: Siegerin einer Gesangsshow ist eine sizilianische Nonne

Ob sich da für einen Moment Himmel und Erde berührt haben? Was sonst kann es gewesen sein, das die italienischen Zuschauerinnen und Zuschauer der jüngsten Staffel der Gesangsshow »Voice of Italy« im Juni bewogen hat, die sizilianische Nonne Cristina Scuccia zur Siegerin zu küren? Und zwar mit deutlichen 62 Prozent der Stimmen.

Es ist unzweifelhaft: Die 25-Jährige ist begabt – mit einer starken Stimme und tänzerischem Talent. Das und ihr christlicher Glaube führten sie zur Musicalschule des Ursulinerinnen-Ordens nach Rom. Aber reicht das als Erklärung? Auch bei »Voice of Italiy« treten schließlich eine ganze Reihe von Talenten auf.

Auftritt der sizilianischen Nonne Cristina Scuccia. Foto: picture-alliance/dpa

Auftritt der sizilianischen Nonne Cristina Scuccia. Foto: picture-alliance/dpa

Darum hat bei der Entscheidung für Schwester Cristina vermutlich noch etwas anderes mitgespielt, das mehr gewesen sein dürfte als der Paul-Potts- oder Susan-Boyle-Effekt. Deren Auftritte hatten das Publikum einer britischen Castingshow vor wenigen Jahren millionenfach zu Tränen gerührt und aus zwei unbekannten Hobby-Sängern quasi über Nacht Weltstars gemacht.

Wenn jedoch eine Nonne in schwarzer Tracht mit Kruzifix um den Hals über die Bühne wirbelt und mit ebenso starker Stimme wie Ausstrahlung übrigens durchaus weltliche Popsongs zum Klingen bringt, dann hat das wohl doch noch eine andere Qualität: Schwester Cristina vereint zwei Welten – Showbusiness und Klosterleben, Popkultur und »Ora et Labora«, weltliche Eitelkeiten und christliche Demut.

Gerade das scheint das Publikum im Innersten berührt zu haben, ebenso wie die Jurymitglieder, auf deren Gesichtern sich ungläubiges Staunen breitmachte, als sie wie üblich die Sängerin erst nach dem Ende ihres ersten Auftritts zu sehen bekamen. So etwas hatte es noch nicht gegeben. Jedenfalls nicht im wahren Leben. Eine Nonne als Showstar. Das kannte man nur aus Hollywood: aus dem Musical »Sister Act«, das von einer als Ordensschwester verkleideten eher zweitklassigen Barsängerin erzählt, von ihrem Unterschlupf im Kloster und von der Macht der Musik.

Aber diese Nonne, die da im italienischen Fernsehen zu sehen war, war nicht verkleidet. Sie war echt. Authentisch. Glaubwürdig. Nicht nur in ihrem Gesang, auch in ihrer Botschaft. Weil sie die Aufforderung ihres Papstes ernst genommen hat, die Kirche solle mitten hineingehen in die Welt. Mitten hinein in die Welt: So hat es Schwester Cristina sogar geschafft, während einer Fernsehsendung mit dem Publikum das »Vaterunser« zu beten und dieses Gebet in Millionen von Wohnstuben hineinzutragen. Das war für die junge Sizilianerin wahrscheinlich der größte Erfolg.

Die singende Nonne verkörpert offenbar etwas, das hinausweist über unser irdisches Leben. Sie und ihr Erfolg lassen ahnen, dass viele Menschen die Sehnsucht teilen, für Momente die Banalität ihres Alltags hinter sich zu lassen, an etwas Höherem teilzuhaben. Auch die, denen ein personaler Gott und traditionelle Formen christlichen Lebens fremd geworden sind.

Schwester Cristina hat diesen Menschen etwas geschenkt, sie hat in ihnen etwas zum Klingen gebracht, dem man nur wünschen kann, dass es bleibt: das Gespür dafür, wie es ist, wenn sich Himmel und Erde berühren.

Annemarie Heibrock

Leila

1. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Thomas Perlick

Luigi ist einundachtzig. Täglich läuft er zum Friedhof. Das Grab von Leila gibt es nun schon zwanzig Jahre.

Aber Leila ruht nicht. Leila tanzt. Früher auf Pferden, jetzt auf dem Friedhof. Tänzerinnen sterben erst, wenn keine Musik mehr spielt. Und die Musik spielt, solange Luigi lebt.

Leila tanzt auf dem Friedhof. Das ist mit dem Sterben gekommen. Damals war Nebel und die Zirkuswagen standen auf der dampfenden Wiese. Leila hatte ihr freches Haar noch einmal gekämmt und die Lippen tomatenrot gemalt.

»Schönes Mädchen«, hatte Luigi gesagt und seine Hände auf Leilas heiße Stirn gelegt. Und Leila hatte noch einmal getanzt im Liegen und mit offenem Mund und im Sterben nun. Dann war sie tot gewesen für alle anderen.

Für Luigi nicht.

»Du musst nur deine Musik spielen, Luigi«, hatte Leila gesagt. »Wenn du die Geige singen lässt, dann komme ich, um für dich zu tanzen, Luigi! Auch auf dem Friedhof. Du musst mich nur rufen.«

Seitdem läuft Luigi täglich mit seinem Geigenkasten zum Grab. Er ruft Leila mit seiner Himmelsvioline. Er hat sie ja immer musikalisch geliebt, in Moll, in Dur und auch in all dem Verrückten dazwischen. Trotzdem wurde Leila irgendwann todkrank. Aber sie war dem Sterben nicht bös.

»Mir reichen neunundvierzig Jahre«, hatte sie gesagt. »Ich habe mich rund gefressen am Leben.« Und dann erzählte Leila alles noch einmal. Nur dichter als sonst. Und dankbarer.

Zeichnung: Martin Max

Zeichnung: Martin Max

»Ach, Luigi! Schau nicht so traurig! Drei Männer hatte ich. Der erste war schön und zornig und hat mir viel angetan. Er hat die Frauen schwanger gemacht. So im Vorübergehen. Auch mich. Als das Kind kam, ist er weitergezogen. Aber ich musste ja noch ein bisschen leben-lieben. Also habe ich die Tür wieder aufgemacht und Johannes ist hereingekommen. Ein feiner, ein stiller und so schlimm verloren. Alles verschwand in seinen Sehnsüchten. Nichts hat er gelebt. Auch mich nicht. Er war nie da, wenn er da war und wenn er etwas sagte, dann schwieg er eigentlich. Sie hatten ihn als Kind zu sehr zu wenig geliebt. Sie haben ihm das Leben genommen vor der Zeit. Er hat es dann einfach nur noch beglaubigt mit einem Strick in der Scheune. Sie haben mich verflucht, weil ich es zugelassen habe.

Aber ich hatte ihm schon alle Wege gezeigt. Er wollte keinen von ihnen gehen. So fiel er zurück in das Nichts, aus dem er gekommen war. Ich konnte ihm kein anderes Leben geben. Er hätte sich auch das wieder selbst genommen. Ach Luigi! Es war gar nicht so einfach, von Johannes ein Kind zu bekommen. Aber ich habe es geschafft. Nun lebt das Kind und Johannes nicht. Und, ja, es ist besser so.

Ach Luigi, Luigi! Dann kamst du. Und du hast mich zur Tänzerin gemacht. Du, deine Geige, deine Hände und deine Stimme. Hast mir nicht gesagt, wie viele Frauen für dich getanzt haben. Ich wollte es auch gar nicht wissen. Hast nur gesagt: »Jetzt nur noch du, Leila. Immer du!« Damals hast du mir diesen Namen gegeben und einen Platz in deinem Zirkuswagen und eine Landschaft in dem einzigen Bett, das dort steht. Und wenn du Lust hattest, hatte ich sie auch, und wenn wir geschlafen haben, dann haben sich unsere Bäuche in unsere Rücken geschmiegt. Da war ich neununddreißig und du einundfünfzig. Du konntest mit deinen Händen mehr als andere mit ihrer Kraft.

Dann hast du mich gefügig gemacht für den Zirkus. Ich bin in kurzen Röcken in die Manege und die Männer haben schäumende Augen gehabt neben ihren Frauen. Es waren Augen wie vor Saalfenstern draußen, wenn drin der heiße Tango tanzt.

Ich habe meine Beine um die Pferderücken gespreizt und du hast mir den Handstand gezeigt und die Kunst, sicher zu fallen.

Die Männer haben mich gesehen in meinem Glitzerkörper und die Frauen dich mit deinen strammen Schenkeln. Aber du warst mein und ich dein wie im Kino, nur besser. Nur ehrlicher. Du hast mir gezeigt, wie alabastern mein Leib wird, wenn der Mond darauf spielt in deinem Zirkuswagen mit Fenster zum Himmel. Und ich habe dich gelehrt, die Häuser zu lieben, die nicht davon fahren und die sich gutmütig bewohnen lassen.

Mein drittes Kind kam zur Welt, dein erstes. Ach, Luigi!«

Luigi spielt seine Himmelsgeige auf dem Friedhof wie ein Zigeuner. Und er lacht dabei, denn Leila tanzt für ihn den Tanz des Lebens über den Gräbern des Todes.

Und immer sagt sie: »Luigi, ach Luigi! Drei Männer hatte ich. Und du warst der Einzige.«

»Mansfeldisch Kind«

24. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Reformation:  Museum »Luthers Elternhaus« wurde in Mansfeld eröffnet

Mit »Luthers Elternhaus« ist am 14. Juni das fünfte reformationsgeschichtliche Museum in Sachsen-Anhalt eröffnet worden. Es gibt Einblicke in die Kindheit und Jugend Martin Luthers und die Lebenswelt einer Familie um 1500.

Das Modell eines Vierseitenhofes zieht die Blicke der Besucher auf sich. Ein stattliches Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude gruppieren sich um einen geräumigen Hof. Der Besitz der Familie Luder aus dem thüringischen Möhra, die nach einem Zwischenaufenthalt in Eisleben 1484 hierher umgesiedelt war, weist auf eine wohlhabende Familie. Die Aussage Martin Luthers (1483–1546), wie er sich ab 1517 nannte, dass sein Vater ein »armer Heuer gewest« sei, trifft am Ende des 15. Jahrhunderts nicht mehr zu. Der Bürger Hans Luder hatte es zu Wohlstand und Ansehen in Mansfeld gebracht. Davon zeugt nicht nur das Anwesen, von dessen Wohnhaus ein Drittel mit einem Renaissance-Portal erhalten blieb, die Wirtschaftsgebäude aber verschwunden sind. davon zeugen ebenso die Bodenfunde aus der Mansfelder Altstadt – wie prächtige Ofenkacheln und nicht zuletzt die von halleschen Archäologen ausgegrabene »Speisekarte« der Familie. Auf der standen nicht nur Fleisch und Fisch, sondern regelmäßig auch Singvögel. Die archäologischen Funde machen etwa die Hälfte der 227 Exponate aus, die im Museum »Luthers Elternhaus« in der heutigen Lutherstraße ausgestellt sind.

Das Modell im Museumsneubau zeigt Luthers Elternhaus vor 500 Jahren. In den Vitrinen darunter und an den Wänden ringsum sind die Funde ausgestellt, die während der Ausgrabungen 2003/04 und 2008 zutage traten. Foto: Jürgen Lukaschek

Das Modell im Museumsneubau zeigt Luthers Elternhaus vor 500 Jahren. In den Vitrinen darunter und an den Wänden ringsum sind die Funde ausgestellt, die während der Ausgrabungen 2003/04 und 2008 zutage traten. Foto: Jürgen Lukaschek

»Mansfeld steht wieder auf der Luther-Landkarte«, so Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Das Museum sei weltweit der einzige Ort, an dem Luthers Kindheit und Jugend thematisiert werden. Der spätere Reformator lebte über 13 Jahre hier – und damit nach seinen 35 Jahren in Wittenberg die zweitlängste Zeitspanne seines Lebens.

Das am 14. Juni eröffnete reformationsgeschichtliche Museum besteht aus zwei Teilen. Der kubische Neubau nach einem Entwurf des Berliner Architektenbüros Anderhalten schließt eine Baulücke in einer Altbau-Häuserzeile und liegt dem originalen elterlichen Wohnhaus Martin Luthers gegenüber. Er besteht aus Stahlbeton. In die Fassade eingearbeitete Schieferstückchen sollen an die Mansfelder Schlacke, den Rückstand bei der Kupferverhüttung, erinnern. Rund 3,5 Millionen Euro kosteten die Bauarbeiten; das Ausstellungsbudget liegt bei rund 686 000 Euro. »Für Mansfeld ist die Eröffnung des Museums ein Riesenschritt nach vorn«, ist sich Bürgermeister Gustav Vogt sicher. Die Stadt, die gemeinsam mit der Stiftung Luthergedenkstätten Bauherr war, erhoffe sich davon mehr Besucher.

»Luthers Heimat sowie Kindheit und Jugend kamen in der Forschung und in der populären Kultur bislang zu kurz«, sagt Christian Philipsen, der zusammen mit Gaby Kuper Kurator der Schau ist. Ihr Motto – »Ich bin ein Mansfeldisch Kind« – stamme aus einem Brief Martin Luthers vom 7. Oktober 1545 an die Grafen von Mansfeld. Diese Worte sowie andere schriftliche Quellen und vor allem sein Handeln zeigten, dass sich Luther auch am Ende seines Lebens noch als Kind dieser Region begriffen habe.

Die Ausstellung – 600 Quadratmeter im Neubau und 80 Quadratmeter im Altbau – ist in mehrere Themenkomplexe untergliedert. Im Abschnitt »Aus gutem Haus« wird die Hauswirtschaft der Familie dargestellt, während das Kapitel »Schwere Arbeit« auf den Kupferschieferbergbau eingeht, dem die Region über Jahrhunderte ihren Wohlstand verdankte. Dem Hüttenmeister Luder und dem zeitweilig angespannten Verhältnis Martins zu seinen Eltern Hans und Margarete ist der Abschnitt »Wen der Berg ruft« gewidmet. Unter dem Thema »Meine Gnädigen Herren« informiert die Schau auch über die Mansfelder Grafen und die Beziehungen der Luthers zu ihnen. Das Kapitel »Sankt Georgs Stadt« ist Mansfeld und dem Schutzpatron, dem heiligen Georg, gewidmet. Das Kapitel »Mit Pauken und Chorälen« schließlich geht auf Martin Luthers harte Schulzeit und die Bildungsinhalte ein, zu der nicht nur das Lateinlernen, sondern auch der Chorgesang in der Pfarrkirche gehörte. Hier entwickelte der junge Martin wohl seine Liebe zur Musik.

Das Foyer des Neubaus wird von einem Panoramabild des Schlosses Mansfeld geprägt, wie es Luther seine Kinderjahre über vor Augen hatte, sowie von den einzig bekannten Gipsbüsten von Luthers Eltern aus dem Jahr 1933. Auf einem Stadtplan, den der Prediger Cyriakus Spangenberg (1528–1604) überlieferte, sind die Lutherorte Mansfelds multimedial präsentiert. Im Elternhaus Luthers liegt der Schwerpunkt auf der Geschichte der Luthermemoria im Mansfelder Land, die am 11. November 1562 mit einem Gottesdienst begannen. Mit dem jetzt eröffneten Museum bekommt die Erinnerung an das »Mansfeldisch Kind« eine neue Güte.

Angela Stoye

www.martinluther.de

Im Wettstreit um die Macht

16. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Präsentation:  Brandenburgs erste Landesausstellung stellt 200 Jahre preußisch-sächsischer Geschichte vor

Die Schau in Doberlug-Kirchhain erzählt von der schwierigen Nachbarschaft zwischen Preußen und Sachsen. Sie soll Gelegenheit bieten, auf ein wichtiges Stück Geschichte zurückzublicken – mit teils überraschenden Erkenntnissen.

Wallende Lockenperücken, prächtige Rüstungen, rechts Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg, links Johann Georg II. von Sachsen – Hand in Hand malte Johann Fink in einem großen Ölbild die beiden Nachbarn um 1660. Auch die Hofkünstler beider Herrscher arbeiteten mitunter Hand in Hand. Das zeigt ein Prunkgefäß aus vergoldetem Silber und Perlmutt, ein Nautiluspokal, entworfen von dem Dresdner Balthasar Permoser, den der Berliner Goldschmied Bernhard Quippe 1707 ausführte.

Doch das Band zwischen Preußen und Sachsen war keine reine Liebesbeziehung, sondern bedeutete immer auch Rivalität. Unter dem Titel »Preußen und Sachsen – Szenen einer Nachbarschaft« erzählt die erste Brandenburgische Landesausstellung auf 800 Quadratmetern Fläche von Höhen und Tiefen dieser Nachbarschaft. »Uns ging es darum, eine Beziehungsgeschichte zu zeigen«, erklärt Ausstellungskuratorin Anne-Katrin Ziesak. In sieben Kapiteln, »Szenen« genannt, beleuchtet die Ausstellung das Verhältnis zueinander.

Nachbarn und Rivalen: Johann Georg II. von Sachsen und Friedrich Wilhelm von Brandenburg auf einem Gemälde von Johann Fink/Fincke. Foto: Elke Estel / Hans-Peter Klut

Nachbarn und Rivalen: Johann Georg II. von Sachsen und Friedrich Wilhelm von Brandenburg auf einem Gemälde von Johann Fink/Fincke. Foto: Elke Estel / Hans-Peter Klut

Den Auftakt macht ein Grenzstein aus dem 16. Jahrhundert im Prolog. Erst ab 1635, mit dem Zugewinn der Lausitz, kommt Sachsen über eine längere Grenze mit Brandenburg in Berührung. In dieser Zeit wird auch Doberlug sächsisch. Die erste Szene »Partner und Rivalen« thematisiert Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Nachbarn um diese Zeit. Die reiche Messe- und Handelsstadt Leipzig etwa belegt die Vormachtstellung Sachsens gegenüber dem armen Nachbarn im Norden. Beide Herrscher eint jedoch ihr Streben nach der Königskrone.

Zu sehen ist die prunkvolle Krone des sächsischen Kurfürsten, der König von Polen wird, die preußische Krone, die sich der Brandenburger Friedrich III. 1701 in Königsberg aufs Haupt setzte, ist nur als Replik des verlorenen Originals ausgestellt. Die konfessionellen Folgen und den Umgang mit Minderheiten in den Urländern der Reformation beleuchtet das Kapitel »Glaubenssache«: Während die Untertanen lutherisch blieben, gehörte der brandenburgische Herrscher ab 1613 den Reformierten an, der sächsische Kurfürst musste mit Erhalt der polnischen Krone zum katholischen Glauben konvertieren.

Unter dem Titel »Glanz und Gloria« räumt die Ausstellung zugleich mit gängigen Klischees auf: Beide Herrscher bauten zur Sicherung ihrer Macht starke Armeen auf und verfolgten parallele Repräsentationsstrategien, etwa indem sie wertvolle Kunstsammlungen anlegten. Dabei konnte Sachsen auch von Preußen profitieren, wie eine ostasiatische Deckelvase von 1700 zeigt: Friedrich Wilhelm I., der wertvolle ostasiatische Porzellane sammelte, hatte sie seinem Kollegen nach Sachsen geschickt im Austausch für Soldaten. Sie erhielten fortan den Spitznamen »Porzellandragoner«. Das Bild des von den Preußen eroberten brennenden Dresden im Siebenjährigen Krieg markiert den Tiefpunkt der Nachbarschaft, der Stamm einer Jägereiche mit eingeschnitztem Wappen und den Namen der Teilnehmer einer letzten Jagd 1763 den Untergang der augusteischen Epoche in Sachsen, an der sich Preußen lange orientiert hatte.

Zu den außergewöhnlichen Exponaten zählen restaurierte Bahnen einer im Rokokostil reichbemalten Wandtapete aus dem nahegelegenen Schloss Ahlsdorf, die erstmals ausgestellt sind. Sie verweisen auf den künstlerischen Reichtum der Grenzregion um 1770. Ein eigenes Kapitel widmet sich dem Austausch zwischen Gelehrten und Künstlern in der Zeit der Aufklärung. So verbündete sich der Berliner Verleger Friedrich Nicolai mit seinem Leipziger Kollegen Philipp Erasmus Reich im Kampf gegen die Konkurrenz durch Raubdrucke.

Der Ausstellungsrundgang endet mit dem Untergang Napoleons und dem Wiener Kongress. Sachsen als Bündnispartner der Franzosen gehörte zu den Verlierern und musste große Gebiete wie die Niederlausitz an Preußen abtreten. Ein Prunkstück im letzten Kapitel stammt aus dem Besitz des französischen Chefunterhändlers Tallyrand: der Verhandlungstisch, an dem die Schlussakte des Wiener Kongresses unterzeichnet wurde.

Brandenburgs erste Landesausstellung im restaurierten Schloss Doberlug zeigt abwechslungsreich und pointiert, wie Macht und Politik, aber auch Kunst und Wissenschaften die nachbarschaftlichen Verbindungen zwischen Sachsen und Preußen über 200 Jahre prägten.

Sigrid Hoff  (epd)

Die Ausstellung ist bis 2. November dienstags bis freitags von 9 bis 18 Uhr sowie an Wochenenden und Feiertagen von 10 bis 18 Uhr im Schloss Doberlug zu sehen.

www.brandenburgische-landesausstellung.de

www.hbpg.de

Moderne trifft auf Mittelalter

8. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Die »Glanzlichter« im Naumburger Dom vereinen Architektur und die Kunst der Glasmalerei

Die Architektur des Naumburger Doms bekommt Zerbrechliches und reichlich Farbe an ihre Seite. Die neue Sonderausstellung rückt eine besondere Kunstform in den Mittelpunkt: die Glasmalerei.

Nach der Landesausstellung »Der Naumburger Meister« 2011 bekommt die mächtige wie filigrane Architektur des Naumburger Doms Zerbrechliches und reichlich Farbe an ihre Seite. Die neue Sonderausstellung »Glanzlichter« rückt eine besondere Kunstform in den Mittelpunkt: die Glasmalerei. In Naumburg und an insgesamt vier weiteren Korrespondenzorten – dazu zählen die beiden Klosterkirchen in Schulpforte und Memleben, die Freyburger Stadtkirche St. Marien sowie der Merseburger Dom – werden 120 Stücke von 35 zeitgenössischen Künstlern gezeigt; darunter namhafte Vertreter wie Neo Rauch, Gerhard Richter, Markus Lüpertz oder Sigmar Polke.

Für Deutschland sei diese Ansammlung von Kunstwerken dieser Art bisher einmalig, meint Dr. Holger Kunde, Direktor der Vereinigten Domstifter und gemeinsam mit dem Franzosen Jean–Francois Lagier Kurator der Exposition. »Den Ursprung der Idee bildet eine Ausstellung in Chartres, wo 2012 ein Querschnitt der Glasmalerei der vergangenen 20 bis 30 Jahre gezeigt worden war«, erzählt Kunde. So unter anderem auch Werke des norddeutschen Künstlers Thomas Kuzio, der bereits Fenster für die Taufkapelle und die Krypta des Naumburger Doms angefertigt hatte. Und nicht nur Kuzio ist das Bindeglied zur zeitgenössischen Glasmalerei. Seit 2007 wird die Elisabeth-Kapelle mit Fenstern geschmückt, die nach Entwürfen des bekanntesten Vertreters der Neuen Leipziger Schule, Neo Rauch, gestaltet worden waren.

David Schnell, ohneTitel, freies Glasbild. Foto: Uwe Walter

David Schnell, ohneTitel, freies Glasbild. Foto: Uwe Walter

Im Gegensatz zu Chartres wolle man indes neue Wege gehen, meint der Stiftskustos. Während in Frankreich die Glasmalerei in einem einzigen großen Raum präsentiert worden war, werden nun die Fenster, Probefelder oder freien Glasbilder an zahlreichen exponierten Stellen im Dom-Areal, so auch im Kreuzgang und in der nahestehenden Marienkirche, in die Nähe zur Architektur gerückt. »Wir wollen den Stücken nicht nur mehr Platz geben, damit sie sich richtig entfalten können. Besonders spannend ist das Verhältnis zwischen der bereits bestehenden traditionellen Glasmalerei und den Werken der neueren Zeit. Es ist für uns ein interessantes Experiment«, bemerkt Kunde. Doch nicht nur dieser Gegensatz zwischen Alt und Neu macht jene Ausstellung unter der künstlerischen Leitung von Dr. Holger Brülls reizvoll. Schon zwischen den neuen Werken entstehen Kontraste – dank verschiedener Stile, Farben und Formen. Einige Glasmalereien erscheinen realistisch, andere wiederum abstrakt. Einige spielen bewusst mit Perspektive und Raum. Die Ausstellung sei mit großem Aufwand vorbereitet worden, so Kunde, nicht nur mit der Unterstützung der Glasateliers, sondern auch mit der finanziellen Förderung der Bundeskulturstiftung, der Kunststiftung Sachsen-Anhalts und Lotto-Toto.

Die Vereinigten Domstifter hoffen dabei nicht nur auf neue Besuchergruppen sowie angeregte Diskussionen – auch mit Blick auf die zeitgleich präsentierte Ausstellung »Welterbe? Welterbe!« im Naumburger Schlösschen zur Bewerbung der Region für den Unesco-Weltkulturerbe-Titel. Für die Kunstform Glasmalerei wünscht Kunde sich mehr Aufmerksamkeit: »Sie steht oft im Schatten der Architektur. Die Konzentration der Besucher liegt mehr auf den Stifterfiguren.« Perspektivisch gesehen sollen nach den Fenstern von Rauch und Kuzio künftig weitere moderne Glasmalereien unter anderem im Ostchor des Domes dauerhaft Einzug halten. Die Sonderausstellung wird von einem Veranstaltungsprogramm aus Vorträgen, Führungen und museumspädagogischen Angeboten umrahmt. Zudem ist ein Begleitband zur Schau erschienen.

Constanze Matthes

Die Ausstellung »Glanzlichter« im Naumburger Dom ist bis zum 2. November zu sehen. Der Dom hat täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. In der Klosterkirche Schulpforte beginnt die Ausstellung am 14. Juni und in der Klosterkirche Memleben am 21. Juni.

www.glanzlichter2014.de

Hinterm Kirchturmhorizont geht es weiter

3. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Vordenker der Wende Heino Falcke ist auch mit 85 Jahren kein bisschen leise und zeigt neue Wege für die Kirche

Dieser Mann hat Kirchengeschichte geschrieben: Der ostdeutsche Theologe und frühere Erfurter Propst Heino Falcke. Am 12. Mai ist er 85 Jahre alt geworden. Und wie sein soeben erschienenes Buch »Einmischungen« bezeugt, hat sich der Vordenker der kirchlichen Friedensbewegung und Friedlichen Revolution von 1989 keineswegs zur Ruhe gesetzt.

Rückblick auf die bewegte Geschichte der DDR-Kirche
Denn nicht nur ist dieses Buch mit Vorträgen und Aufsätzen ein Rückblick auf die bewegte Geschichte der DDR-Kirche, die Falcke entscheidend prägte. Es geht auch um die heutige Friedensfrage und den Auftrag der Kirche im real existierenden Kapitalismus.

Kultur-22-2014Heino Falcke fragt immer wieder nach Grundsätzlichem: Wie muss die Kirche aussehen, um Kirche Jesu Christi zu sein? Und er antwortet: Christsein heißt politisch sein, heißt einzustehen für Schwache und Ausgegrenzte, für friedliche Lösungen von Konflikten und gerechte Modelle des Zusammenlebens. Zu DDR-Zeiten führte das Heino Falcke zur Rede vom »verbesserlichen Sozialismus« und einer »Kirche für andere«. Heute fordert der sprachmächtige Theologe eine »Globalisierung mit menschlichem Antlitz« und die »Überwindung des hegemonialen Denkens«.

Falcke war und ist ein Kirchenmann mit scharfsichtigem Blick. Bis heute trägt er das unbequeme Erbe der Bekennenden Kirche in seine Zeit. Es wird deutlich: Ohne Dietrich Bonhoeffer wäre Falcke wohl nie der geworden, der er ist. Denn es war die Lektüre des Buches »Nachfolge« von Bonhoeffer, die den jungen Mann fesselte und 1946 zum Theologiestudium bewegte. Christlicher Glaube hat für ihn seither immer etwas mit Entscheidung und Entschiedenheit zu tun. Das Leben ebenso wie das Christsein solle der Mensch nicht in der Haltung des Zuschauers erleben, sondern als aktiv Handelnder und Gestaltender.

Minderheitensituation der Kirche annehmen
So entschloss sich Falcke nach dem Studium in Göttingen, in die DDR auszuwandern, um unter den schwierigen Bedingungen des Kommunismus Pfarrer zu sein. Er war sogar bereit, nebenher als Tischler zu arbeiten, als die Finanzlage der DDR-Kirche zunehmend schlechter wurde. Die Unterstützung der West-Kirchen verhinderte dies. Bis heute wirbt Falcke dafür, die Minderheitensituation der Kirche anzunehmen und ohne Privilegien eine vom Staat unabhängige, kritische Kirche zu sein. Immer ging es ihm um das Bonhoeffersche Anliegen, »das kleinkarierte Denken in Kirchturmhorizonten« zu weiten. So trug er in den 1970er und 80er Jahren beharrlich die Anliegen der Ökumenischen Versammlungen in seine Kirche, die immer wieder von einer Wagenburgmentalität bedroht war. Und heute predigt Falcke gegen die angebliche Alternativlosigkeit der Kriege und des kapitalistischen Wirtschaftens. Denn es gilt für ihn immer noch, was er 1987 seiner bedrängten Kirche zurief: »Eine Hoffnung lernt gehen – geht mit!«

Stefan Seidel

Heino Falcke: Einmischungen. Aufsätze, Reden und Vorträge aus 40 Jahren. Evangelische Verlagsanstalt, 352 S., ISBN 978-3-374-03739-1, 32 Euro.

Steuermann der Reformation

28. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Altenburg erinnert mit einer Sonderausstellung an Georg Spalatin, Freund Luthers

Ohne ihn wäre die Geschichte der Reformation womöglich eine andere. Trotzdem sind sein Name und sein Wirken nahezu in Vergessenheit geraten. Bis heute. Die Stadt Altenburg widmet Georg Spalatin (1484–1545), Gelehrter und Geistlicher, Berater und Chronist, nun eine Sonderausstellung. »Er ist eine faszinierende Gestalt und stand nicht hinter Martin Luther, sondern vielmehr neben ihm«, bemerkte Kurator Hans Joachim Kessler.

Im diesjährigen Themenjahr »Reformation und Politik« innerhalb der Lutherdekade erzählt die Exposition in insgesamt acht thematischen Ausstellungsräumen im Residenzschloss nicht nur vom Leben und dem intensiven Schaffen des im fränkischen Spalt 1484 als Georg Burkhardt geborenen und 1545 in Altenburg verstorbenen Freundes Luthers. Die Schau wirft einen Blick auf die politischen Verhältnisse im Heiligen Römischen Reich und im Kurfürstentum Sachsen sowie auf die Zustände am kurfürstlich-sächsischen Hofe, an dem Spalatin als Lehrer, Berater und Sekretär beschäftigt war. Sie beschreibt zudem Religiosität und Frömmigkeit am Vorabend der Reformation.

Die Reformation beeinflusste die Kunst. Auf diesen Tafeln wird über den Bildschnitzer Franz Geringswalde informiert. – Foto: Nicky Hellfritzsch

Die Reformation beeinflusste die Kunst. Auf diesen Tafeln wird über den Bildschnitzer Franz Geringswalde informiert. – Foto: Nicky Hellfritzsch

Rund 250 Exponate sind hier versammelt, darunter wertvolle Leihgaben aus zahlreichen Museen, Archiven und Sammlungen aus dem In- und dem Ausland. Zu sehen sind unter anderem Schriftzeugnisse, Kunstwerke und Gebrauchsgegenstände. Zu den bemerkenswertesten Schaustücken zählen der originale Grafikzyklus »Die Apokalypse des Johannes« von Albrecht Dürer sowie die Original-Bände der Chronik der Sachsen und Thüringer, von Spalatin verfasst und von der Cranach-Werkstatt mit kolorierten Federzeichnungen illustriert.

Hörstationen und virtuelle Rekonstruktionen auf Bildschirmen runden den informativen wie erlebnisreichen Besuch ab. Die Themenräume sind vor der Ausstellung teilsaniert und restauriert worden. Aus konservatorischen Gründen dringt kein Tageslicht ein, werden die Objekte mit LED-Beleuchtung ins rechte Licht gerückt. Der Versicherungswert aller Ausstellungsobjekte umfasst eine siebenstellige Summe. Rund 541 000 Euro haben der Freistaat Thüringen und die Stadt Altenburg in die Sonderausstellung investiert. »Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit und Verpflichtung zugleich. Wir wollen diesen Trumpf ausspielen«, erklärte Michael Wolf, Oberbürgermeister der Skatstadt Altenburg, die Wahl des Themas. Nicht nur werde Spalatin in der Geschichtsschreibung nicht richtig und umfassend dargestellt, die Reformation habe die Stadt im Osten Thüringens maßgeblich geprägt.

Ein Exponat hat ob seiner Größe nicht den Weg in das Residenzschloss gefunden und wird auf besondere Art präsentiert: die Stadtkirche St. Bartholomäi. Hier war Spalatin am 5. August 1525 zum evangelischen Pfarrer berufen worden. Mit einer künftigen Dauerausstellung soll über die Sonderschau im Schloss hinaus an den Steuermann der Reformation und deren Geschichte erinnert und an das Thema angeknüpft werden. Pfarrer Reinhard Kwaschik, der gemeinsam mit Koordinatorin Christine Büring und einer Gruppe ehrenamtlicher Helfer aus ganz verschiedenen Fachgebieten an der Ausstellung gearbeitet hat, hofft auf eine breite Wirkung der Exposition, an der in den kommenden Jahren weitergearbeitet werden soll. »Wir wollen weg vom Historismus. Uns ist es wichtig, den Weg in die Gegenwart und Zukunft zu schlagen und zu zeigen, wie lebendig Kirche und Glauben sind und wie die Reformation bis heute wirkt«, sagte Kwaschik. Rund um die Ausstellungen im Schloss und der Stadtkirche ist ein buntes und vielseitiges Veranstaltungsprogramm gestrickt worden, das sowohl Vorträge, Führungen und Schülerangebote als auch Pilgertermine und einen Rundweg zu Spalatins Wirkungsorten umfasst.

Constanze Matthes

Die Sonderausstellung »Georg Spalatin – Steuermann der Reformation« ist bis zum 2. November im Residenzschloss und in der St.-Bartholomäi-Kirche in Altenburg zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, jeweils von 9.30 bis 17 Uhr. Anlässlich der Exposition erschien ein Begleitband.

www.spalatin-2014.de

Grausam ist der Krieg

20. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Gottesdienst begleitet internationales Theaterprojekt in Gera

Eine blutverschmierte Folienlandschaft und eine völlig neue Sichtweise auf den Theaterraum erwarten die Besucher der aktuellen Inszenierung »Die Frauen von Troja« der Theater & Philharmonie Thüringen Gera-Altenburg. Die Besucher sitzen auf der Bühne mit Blick in den Theatersaal. Es wurde eine schockierende Kulisse geschaffen, die mit dem Inhalt des Stückes korrespondiert. Diese Produktion ist außergewöhnlich für die Theaterlandschaft. Schauspieldirektor Bernhard Stengele bringt reiche Erfahrungen bei der Umsetzung antiken Materials aus seiner Wirkungszeit in Würzburg mit und kann auf eine gute Zusammenarbeit mit Ulrich Sinn aufbauen. Er ist Altphilologe und hatte über zehn Jahre einen Lehrstuhl für klassische Archäologie an der Universität Würzburg inne. Für das Theater hat Sinn einen antiken Zyklus des Euripides ausgewählt, »Die Troerinnen« übersetzt und ist als wissenschaftlicher Berater zugleich der Projektleiter der aktuellen Inszenierung.

Die Frauen klagen an – Szene aus der internationalen Produktion »Die Frauen von Troja« am Theater Gera-Altenburg. Foto: Wolfgang Hesse

Die Frauen klagen an – Szene aus der internationalen Produktion »Die Frauen von Troja« am Theater Gera-Altenburg. Foto: Wolfgang Hesse

»Die Frauen von Troja« sind eine internationale Kooperation von Theater & Philharmonie Thüringen mit dem Tiyatro Medresesi S¸irince (Türkei) und dem Samos Young Artists Festival (Griechenland). Neben Gera und Altenburg wird die Inszenierung in der Türkei und auf Samos (Griechenland) gezeigt. Schauspielerinnen und Schauspieler aus der Türkei, Griechenland, Deutschland, Bulgarien und Burkina Faso gehören zum Ensemble und unternahmen gemeinsam eine Recherchereise an historische Orte des Euripides. »Während dieser Exkursion wurde allen Beteiligten unmissverständlich klar, wie aktuell das Stück in unsere Zeit passt«, sagt Sinn. »Wir erlebten Flüchtlinge aus Syrien und vom Krieg traumatisierte Frauen. Es gibt noch heute so viel Trennendes zwischen den Völkern. Erstaunt haben die Frauen aus der Türkei und aus Griechenland bei den Proben die gemeinsamen Wurzeln ihrer beiden Kulturen wiederentdeckt. Die Schrecken des Krieges sind nach dem Untergang Trojas allgegenwärtig. Euripides zeichnet die Situation und das Leid aus der Perspektive der Frauen, die zurückbleiben und ihrer Versklavung oder dem Tod ins Auge schauen. Stengele lässt die Wut der Frauen noch intensiver erscheinen, indem er den deutschsprachigen Text mit griechisch und türkisch gesprochenen Passagen verbindet. In einer Zeit, wo Kriege mit der Maßgabe, diese zu gewinnen, ausgelöst werden, stehen die Worte Euripides als Mahnung und Anklage: »Der Krieg kennt keine Sieger, denn jeder Krieg bringt nur Verlierer, vernünftig ist, wer keinen Krieg beginnt.«

Ein Theatergottesdienst in der Geraer Salvatorkirche gehört zum Begleitprogramm der Inszenierung. Die Kantorei St. Salvator unter Leitung von Mike Nych und Chorszenen aus »Die Frauen von Troja« werden im Gottesdienst zum Sonntag Kantate eine ganz besondere und spannungsvolle Verbindung eingehen. Pfarrer Frank Hiddemann wird in seiner Predigt die jüdisch-christliche Auffassung eines Gottes, der sich an Gerechtigkeit bindet, mit dem tragischen Geschichtsverständnis der Antike konfrontieren. Bernhard Stengele rückt in seiner Inszenierung die beiden Welten eher zusammen: »Wir haben relativ oft das Wort Götter durch Gott ersetzt, um den Namen ›Gott‹ auf der Seite der Gewinner anzuprangern. Alle sogenannten gerechten oder heiligen Kriege, ob nun von Muslimen oder Christen geführt, berufen sich bis heute auf Gott und da kommt bei mir das Gefühl auf: Hier stimmt etwas nicht.« Wolfgang Hesse

Bühnen der Stadt Gera, Großes Haus, 24. 5., 19.30 Uhr, 25. 5., 18.00 Uhr, 31. 5., 19.30 Uhr Kirche St. Salvator Gera

Die andere Seite der Reformation

13. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Auf dem sächsischen Schloss Rochlitz werden die Frauen der Reformation geehrt

Eine Ausstellung auf Schloss Rochlitz stellt weibliche Persönlichkeiten des 16. Jahrhunderts vor. Im Fokus steht Elisabeth von Rochlitz.

Die Geschichte der Reformation in Deutschland wird bislang von Männern dominiert. Spätestens mit der aktuellen Sonderausstellung auf Schloss Rochlitz (Landkreis Mittelsachen) muss umgedacht werden. Unter dem Motto »eine STARKE FRAUENgeschichte« kann der Besucher auf dem für 18,5 Millionen Euro sanierten Schloss Lebenswege von Frauen des 16. Jahrhunderts verfolgen. Mit der am 1. Mai eröffneten Schau dürfte sich das Bild der Reformation als einem rein männlich geprägten Ereignis verändern. Bis Oktober werden rund 50 000 Besucher erwartet.

Insgesamt rund 300 Exponate zeigt die Reformationsausstellung, vor allem Gemälde und Dokumente. Foto: epd-bild

Insgesamt rund 300 Exponate zeigt die Reformationsausstellung, vor allem Gemälde und Dokumente. Foto: epd-bild

Im Fokus stehen unangepasste und lange Zeit vergessene Frauen der Reformation. Eine Ausnahme ist wohl Luthers Frau, die weithin bekannte Katharina von Bora (1499–1552). Die Ausstellung würdigt die ehemalige Nonne als Teil der reformatorischen Bewegung. Zu sehen sind etwa drei Kopien des Eherings der »Lutherin« aus Gold und Rubin von 1525 und ein Teil des Weihwasserbeckens aus dem Kloster Nimbschen bei Grimma, wo sie einst lebte.

Im Zentrum der Schau aber steht Herzogin Elisabeth von Rochlitz (1502 bis 1557), die vor Ort zwischen 1537 und 1547 wirkte und eine der einflussreichsten Frauen der reformatorischen Aufbruchszeit war. Die Tochter eines hessischen Landgrafen wurde bereits mit drei Jahren dem damals fünfjährigen Sohn Johann des sächsischen Herzogs Georg, einem Gegner der Reformation, versprochen. Im original erhaltenen Ehevertrag von 1505 sind zahlreiche Einzelheiten festgehalten. Kaum zu glauben, dass dieses Papier ihr später die persönliche Freiheit brachte. Denn Elisabeth überlebte ihren Mann und laut Vertrag durfte sie nach seinem Tod auf Schloss Rochlitz residieren. Die sogenannte Eheberedung würde heute rund zehn A4-Seiten füllen, sagt der Dresdner Historiker André Thieme. Vor allem wegen seiner Ausführlichkeit sei das Pergament so wertvoll.

Im Prolog der Ausstellung wird aber auch der zeitgenössische Protest aufgegriffen, etwa der von Femen in Paris. Nicht zuletzt erklären bewegte Comics die Errungenschaften der Reformation kurzweilig und witzig, auf eine angenehm unkonventionelle Weise. Hier wird Geschichte mit Strichmännchen verständlich erzählt. Auch Elisabeths Leben ist mit einem Comic animiert.

Insgesamt rund 300 Exponate zeigt die Reformationsausstellung auf rund 1 300 Quadratmetern. 200 Originale sind zu sehen, darunter vor allem Gemälde und Dokumente. 83 Leihgeber haben sich beteiligt.

Inhaltliche Grundlage der Präsentation sind zahlreiche überlieferte Briefe der Herzogin. Dabei stehe die Erforschung ihrer Korrespondenz erst am Anfang, sagt Thieme. Schätzungsweise 10 000 Briefe der Reformatorin, die für brisante Botschaften sogar eine Geheimschrift entwickelte, seien erhalten. Empfänger ihrer Schreiben waren etwa die mächtigsten Fürsten der damaligen Zeit.

Die wissenschaftliche Aufbereitung ist Thieme zufolge eine »Herkulesaufgabe«. Bisher seien erst etwa 200 Briefe ediert. Sie seien jedoch eine »fantastische Quelle für den höfischen Alltag und die damalige Mentalität«. Zugleich ermöglichten die Briefe eine späte Rehabilitierung der Elisabeth von Rochlitz, die 1537 in ihrem Gebiet die Reformation einführte.

Ein Höhepunkt der Ausstellung ist der Raum, wo die Reformatorin vermutlich ihre Texte verfasst hat. Neben einigen Originalen werden auch ihre einflussreichen Adressaten vorgestellt. »Die Briefe werden eine steile Karriere machen«, ist Thieme überzeugt. »Es wird keine Geschichte der Reformation mehr geben ohne die Elisabeth und ihre Briefe.«

Die Schau widmet sich auch der neuen Kunst der Reformationszeit, eine Folge veränderter Rollenbilder der Geschlechter. Die Frau als Verführerin spiele eine Rolle oder etwa die Familie als ein Ergebnis der reformatorischen Bewegung, so Kurator Dirk Welich. Auffallend für diese Zeit seien zahlreiche Darstellungen der biblischen Heldin Judith, die durch verführerische List dem assyrischen Heerführer Holofernes den Kopf abschlug und so eine ganze Stadt vor der völligen Zerstörung bewahrte. Zu sehen sind mehrere Judith-Gemälde, darunter von Lucas Cranach d. Ä. (1472 bis 1553), aber auch Darstellungen der Heldin auf Alltagsgegenständen wie Ofenkacheln oder Bierkrügen.

Katharina Rögner (epd)

Die Ausstellung »eine STARKE FRAUENgeschichte – 500 Jahre Reformation« auf Schloss Rochlitz ist vom 2. Mai bis 31. Oktober, täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Gastmahl bei Luthers

5. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Theaterspiel mit Drei-Gänge-Menü im Erfurter Lutherkeller

Die Ankündigung, Martin Luther und seine Frau Katharina würden anlässlich einer geselligen Tischrunde eheerprobt aus dem Nähkästchen plaudern, lockte am vergangenen Wochenende etliche Neugierige in den Lutherkeller. »Zu Gast an Luthers Tafel«, heißt eine Veranstaltung im Mittelalter-Restaurant unterhalb des ehrwürdigen Kaisersaals in der Erfurter Futter-
straße.

Katharina (Annette Seibt) und Martin Luther (Reiner Gabriel) heißen ihre Gäste herzlich willkommen. Foto: Michael Voigt

Katharina (Annette Seibt) und Martin Luther (Reiner Gabriel) heißen ihre Gäste herzlich willkommen. Foto: Michael Voigt

Plauderei und Geschwätz, lutherischer Ehekrach und Anekdoten rund um den großen Reformator stehen im Mittelpunkt des zweistündigen Essens. Zwischen den drei Menü-Gängen servieren Katharina (Annette Seibt) und Martin (Reiner Gabriel) ihre Ansichten über Zeit und Gesellschaft, schwelgen in Erinnerungen oder verteilen deftige Spitzen gegen Papst und Klerus. Das Theaterspiel (Regie: Harald Richter) lebt von der Einbeziehung des Publikums: Jeder Gast bekommt vor Spielbeginn eine Rolle zugeteilt und wird so zum Familienmitglied, Bediensteten, Mitstreiter oder sonstigen Bekannten der Luthers. Als dieser wird er auch zu kleinen Aktivitäten aufgefordert, muss in Anlehnung an den Wittenberger Thesenanschlag einen Nagel im Holz versenken, Kinderverse aufsagen oder bekommt ein Loblied gesungen. Durch die zugeteilten Rollen und das Improvisationstalent aller Beteiligten lebt das Lutherspiel und wird für die Akteure zu einem immer wieder überraschenden Abend.

Die Gäste stehen den Schauspielern in Witz und Spontanreaktionen kaum nach, stellen dem berühmten Paar manch schwierige Frage, kommen miteinander ins Gespräch und reden sich mit ihren Rollennamen an.

Ein Beitrag  zum Lutherjubiläum

Luthers Tischrunden – täglich versam­melte er zwischen 20 und 40 Gäste aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten zum Essen – sind ebenso berühmt wie Luthers schriftlich überlieferte Tischreden. Sie berichten nicht nur über den Theologen Luther, sondern auch über den Alltags- und Familienmenschen, den Grübler, den Liebhaber deutlicher Worte und deftiger Sprüche. Man erfährt zugleich auch Interessantes über Luthers Zeit, die Lebens- und Essgewohnheiten im ausgehenden Mittelalter.

»Der Abend ist unser Beitrag zum Lutherjubiläum«, erläutert der Geschäftsführer des Kaisersaales, Karl-Heinz Kindervater, die Idee zu dem Lutherspiel. »Wissensvermittlung über Luther verknüpfen wir mit Unterhaltung und Essen. Das Ganze richtet sich zwar in erster Linie an Touristen, aber auch Einheimische können von dem Abend viel mitnehmen.«

Gesättigt – nicht nur mit Wissen – wird man allemal. Was da in drei Gängen unter Federführung der tüchtig waltenden Hausfrau Katharina aufgetafelt wird, ist kaum zu schaffen. Auf den Begrüßungsschnaps folgt ein Graupensüppchen, der Hauptgang bietet Gebratenes mit Gemüse und »den letzten Schrei aus Spanien«: Erdäpfel. »Wird sich nicht durchsetzen«, meint Luther dazu, »aber ihr könnt’s ja mal probieren!«

Nach süßem Brei mit Fruchtsoße wird noch ein Kräuterschnäpslein gereicht, auf dass das Gastmahl wohl bekommt. Ein kommunikatives, unterhaltsames Erlebnis mitten im historischen Erfurt.

Katharina Hille

Nächster Termin: 9. Mai, 19 Uhr (Reservierung erforderlich, Telefon 03 61 / 5 68 82 05 oder unter www.lutherkeller.de, eine Buchung ist auch für Gruppen individuell möglich)

Am Ende der Spielzeit

30. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Christoph Kuhn

In der Ausgabe Nr. 13 vom 30. März haben wir eine Erzählung von Theodor Weißenborn veröffentlicht. Damit haben wir in unserer Kirchenzeitung eine Reihe eröffnet, die in dieser Ausgabe ihre Fortführung erfährt. Monatlich einmal können Sie nun auf unserer Kulturseite etwas Literarisches lesen. Wir wollen dem vielfach geäußerten Wunsch unserer Leserschaft nach mehr Geschichten nachkommen.

Hier steckst du also«, sagt Tanja und geht auf den Tisch am Fenster zu, wo David sitzt und schreibt. Er sieht nur kurz vom Papier auf und hinaus zum Gewimmel der Straße.

Illustration: Steffi Kaiser

Illustration: Steffi Kaiser

Tanja setzt sich ihm gegenüber. »Dein Lieblingslokal? Bist du öfter hier?«
»Manchmal«, sagt er.
»Du haust nach jeder Probe und nach jeder Vorstellung sofort ab, und niemand weiß wohin …«
»Ist das ein Problem? Ich habe zu tun, wie du siehst.«
»Was schreibst du denn?«
»Darüber spreche ich erst, wenn’s fertig ist …«
»Geheimnisvoll wie immer, Jesus.«
Die Serviererin kommt, Tanja bestellt einen Rotwein. David sagt: »Nenn mich nicht Jesus, ich sag ja auch nicht Maria oder Mutti zu dir.«
Sie prostet ihm zu, trinkt. »Das
ist was andres, ich bin eine Fehlbesetzung, habe meine Mutterrolle nie akzeptiert.«
»Du merkst das zu spät, hättest es mit Gottfried verhandeln sollen. Aber sein Casting war schon okay, einen besseren Regisseur konnten wir nicht finden.«
»Wie man’s nimmt. Der Abend ist lang geworden, an dem wir ihn davon überzeugten, dass die letzte Aufführung mit dem Passahfest enden muss, mit der Auferstehung.«
»Ach, das habt ihr beschlossen, und die Hauptperson weiß noch nichts davon.«
»Wie denn, du bist ja nicht da, hältst dich von uns fern. Deshalb hab ich dich ja gesucht, um es dir zu sagen.«
»Die letzte Aufführung ist morgen. Denkst du, ich lerne bis dahin noch mehr Text?«
»Du hast keinen weiteren Text. Nur wir reden. Reden über deine Auferstehung, über dich …«
»Wie immer, hinter meinem Rücken.«
»Und dann brechen wir auf.«
»Wer wir? Aufbrechen?«
»Wir alle, unsere Gruppe und viele aus dem Publikum, du wirst sehen, wie wir dir alle folgen.«
David lacht auf. »He, sag mal, spinnst du jetzt total! Wohin sollte mir jemand folgen?«
»Der Weg ist das Ziel der Wanderschaft.«
Tanja hat ihr Glas ausgetrunken. David blickt sie entgeistert-belustigt an, wedelt sich mit der Hand vorm Ge-
sicht herum. »Wandern! Querfeldein, durch Wald und Flur, die Autobahn entlang …«
»Wir können auch den Theaterbus nehmen, je nachdem.«

Er antwortet nicht, schreibt weiter. Tanja bestellt sich noch ein Glas. »Weißt du, wie sie alle, wie wir alle, auf dich stehen! Du weißt es nicht, weil du uns meidest, weil du nicht auf die Leute achtest. – Ich will dich dann auch nicht länger stören.«

David wird laut: »Was redest du für ein Zeug! Das Spiel ist morgen aus. Ich hab getan, was ich konnte, und wenn jemand denkt, ich predige weiter, hat er sich getäuscht. Und mir folgt auch niemand nach. Weil ich hierbleibe.«

Tanja sagt ruhig: »Du hast einfach keine Ahnung, wie sehr die Leute auf dich gewartet haben, wie wichtig du bist. Jesus – zwei Millionen Ergebnisse zeigt Google an. Es steht geschrieben, und du sagst es selbst, dass der Sohn Gottes wiederkommt. Ich wusste es schon in Israel, wo wir alle zusammen waren, am See Genezareth, auf dem Ölberg, in Jerusalem, dass du der richtige bist.«

Fassungslos starrt er auf die Zeitung, die Tanja ihm über den Tisch schiebt, mit einem großen Foto von ihm und der Schlagzeile Jesus – wer, wenn
nicht er!

Daneben liegt der Text, an dem er arbeitet: die Geschichte eines Jesus-Darstellers, der das Spiel Wirklichkeit werden lässt. Er merkt, über Heilkraft zu verfügen und fordert die Menschen, denen er geholfen hat auf, ihm zu folgen.

»Du hast keine Wahl, kannst dich nicht verweigern«, sagt Tanja und geht.

Außergewöhnlich für ihre Zeit

23. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Frauen der Reformation: Felicitas von Selmnitz (1488 bis 1558)

Felicitas von Selmnitz‹ Leben als Adlige verlief zunächst in geordneten Bahnen. Sie wurde 1488 in Liederstedt in der Nähe von Allstedt an der Un­strut geboren. Ihr Vater und später ihr Mann waren Verwalter des Kurfürsten von Sachsen auf Schloss Allstedt. Nach ihrer Hochzeit mit dem Witwer Wolf von Selmnitz 1507 lebte Felicitas von Selmnitz mit ihrer Familie auf der Vitzenburg.

Vier ihrer Kinder starben frühzeitig. Da ihr Mann aufgrund seiner finanziellen Verpflichtungen als Oheim seiner Neffen die Vitzenburg verpachten musste, zog die Familie 1516 in ihr Anwesen nach Glaucha bei Halle.

Als ihr Mann 1519 auf einer Hochzeit hinterrücks erstochen und sie mit 31 Jahren Witwe wurde, kamen die gewohnten Lebensstrukturen ins Wanken.

Noch im selben Jahr floh sie mit ihren Söhnen vor der Pest und musste erleben, dass zwei daran starben. Nun war sie mit ihrem zweitgeborenen Sohn Georg allein.

Glücklicherweise half ihr Schwager Bastian von Selmnitz beim Durchsetzen ihrer Witwenansprüche – die Neffen verweigerten ihre Oheimpflichten gegenüber ihrem Sohn Georg. 1520/21 zog sie mit ihrem Sohn endgültig in ihr Anwesen nach Glaucha und schickte ihn mit 13 Jahren auf die Schreib– und Rechenschule nach Halle. Von ihm lernte sie mit 35 Jahren das Lesen und Schreiben.

Elisabeth Opitz, die Autorin des Beitrages als Felicitas von Selmnitz bei der Eröffnung des Feicitas- von-Selmnitz- Hauses Ende Januar in Halle. Foto: Burkhard Dube

Elisabeth Opitz, die Autorin des Beitrages als Felicitas von Selmnitz bei der Eröffnung des Feicitas- von-Selmnitz- Hauses Ende Januar in Halle. Foto: Burkhard Dube

Es ist anzunehmen, dass Felicitas die politische Lage sehr bewegte, waren doch ihr Schwager Bastian von Selmnitz und ihre Stieftöchter bereits 1521 zum neuen reformatorischen Glauben übergetreten. Auch hatte sie durch Thomas Müntzer, der für ein Vierteljahr als Hilfsprediger am Zisterzienserkloster in Glaucha angestellt war, viele Glaubenseinsichten gewonnen. Zu Weihnachten 1522 ließ sie sich mit ihrem Sohn durch Thomas Müntzer das Abendmahl in beiderlei Gestalt geben. Damit bekannte sie sich offiziell zum reformatorischen Glauben.

Wie glücklich mag sie dann gewesen sein, in den Besitz von Luthers Übersetzung des Neuen Testamentes – dem sogenannten Septembertestament – zu kommen und es auch noch selber lesen zu können! So musste sie wohl aus tiefstem Herzen und mit Freude all die Lesespuren hinterlassen haben, die wir heute in einigen der verbliebenen 362 Bücher aus dem Besitz ihrer Familie in der Marienbibliothek zu Halle finden können.

Als sie ihrem Neffen 1528 auf dem Sterbebett das Abendmahl in beiderlei Gestalt reichen ließ, drang Kardinal Albrecht sie, ihrem Glauben abzuschwören oder die Stadt zu verlassen. Obwohl Martin Luther in einem Brief ihr riet auszuhalten, floh sie im Frühjahr 1528 nach Wittenberg, wo sie sich sicher fühlte. Ihr Sohn immatrikulierte sich 1529 an der Universität.

Durch die Studien der reformatorischen Schriften konnte Felicitas von Selmnitz Anteil an den Disputen der Reformatoren nehmen und war eine hoch angesehene Frau in deren Freundeskreis. Sie übernahm Patenämter in den Familien Luther, Jonas, Bugenhagen und Cruciger. Buchgeschenke und Widmungen von Justus Jonas und Martin Luther geben Zeugnis davon. So können wir in der Lutherbibel die eigenhändige Widmung Luthers nachlesen: »Der Erbarn tugendsamen frawen felicitas von Selmenitz meiner Lieben gevattern.«

Im Jahr 1547 kehrte Felicitas von Selmnitz nach Halle zurück, da ihr Sohn eine Anstellung in Merseburg fand. Mit 70 Jahren starb sie am 1. Mai 1558.

Ihr Sohn erwarb auf dem Stadtgottesacker in Halle eine Grabstelle und ließ dort ein Epitaph für sie, seinen Vater und seine schon früh verstorbenen Geschwister errichten, der noch heute zu sehen ist.

Elisabeth Opitz

Von Beruf Pfarrer

15. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Beruf des Pfarrers steht im Mittelpunkt eines Dokumentarfilmes, der am 6. April in Halle seine Kinopremiere erlebte. Die Filmemacher Chris Wright und Stefan Kolbe haben ein Jahr lang eine Gruppe junger Frauen und Männer in der Endphase ihrer Ausbildung zum Pfarrer begleitet. Nach dem akademischen Studium ging es nun um die praktische Ausbildung im Vikariat. Der Ort des Geschehens ist das Predigerseminar in Wittenberg, direkt am Lutherhaus gelegen, sowie die Schlosskirche am anderen Ende der Innenstadt. Seit 10. April ist der Dokumentarfilm »Pfarrer« in den Kinos.

Filmszene. Foto: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Filmszene. Foto: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Das Einüben des liturgischen Singens, das Verfassen von Predigttexten und die Gestaltung der Gottesdienste sind die äußeren Handlungsfelder, die von den Filmemachern aus nächster Nähe erfasst werden. Noch größeren Raum nehmen die Gespräche der angehenden Pfarrer untereinander und das jeweils formulierte Selbstverständnis und Glaubensbekenntnis ein. Auch die zuweilen auftauchenden Selbstzweifel werden thematisiert.

Den für das Vikariat am Predigerseminar typischen Ordnungspunkten des Tages folgend, zeigt der Film besondere Momente wie das Morgenlob, die Andacht oder das Abendmahl, aber ebenso das Beisammensein am Grill oder den Spaziergang an der Elbe. Zwischendurch werden ästhetische Akzente gesetzt durch Nahaufnahmen von Blüten oder der Skulptur der Katharina von Bora, ein Blick aus dem Fenster die Collegienstraße herunter oder Details aus dem Inneren der Kirche geben Raum, das Gesehene und Gehörte zu reflektieren.

Ein einziges Mal kommt es zu einem kurzen Disput zwischen dem Filmemacher Chris Wright, der seine atheistische Position benennt, und einigen der Vikare, doch zu einer tiefer gehenden inhaltlichen Auseinandersetzung zweier Sichtweisen auf Gott und die Welt kommt es nicht. Dafür sind zum einen die Vikare als Gruppe viel zu stark, zum anderen sind sie deutlich besser in der Lage, ihren Glauben und ihre Überzeugungen in Worte zu fassen.

Die stärksten Momente hat der Film durch seine visuellen Stimmungen und wenn die Momente des gemeinsamen Singens mit viel Einfühlungsvermögen dargestellt werden.

Zu Beginn heißt es, Wittenberg hat nichts mit der Realität zu tun, womit der Alltag eines Pfarrers gemeint ist, und auch gegen Ende des Films werden die paradiesischen Zustände in Wittenberg angesprochen. Es ist ein Hinweis darauf, dass die wirklichen Bewährungsproben allen angehenden Pfarren noch bevorstehen und so endet der Film im Abspann mit den Terminen der jeweiligen Ordination, die in einem Fall offenbleibt.

Mathias Tietke

Offizieller Kinostart für »Pfarrer« war am 10. April. Der 90-Minuten-Film wird unter anderem in Berlin, Dresden, Düsseldorf, Halle, Magdeburg, Wittenberg, Bremen und Erfurt gezeigt.

Im Fernsehen ist die mit Unterstützung des MDR entstandene Produktion voraussichtlich nächstes Jahr zu Ostern bei arte zu sehen.

Seitenblick auf Land und Kirche in der DDR

8. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt:  Der renommierte Kirchenhistoriker Peter Maser gehört dem wissenschaftlichen Beirat zur Lutherdekade an

Das Spezialgebiet des Wissenschaftlers Peter Maser ist neben der christlichen Archäologie die Kirche in der DDR. Nicht zuletzt aus eigener bitterer Erfahrung.

Sein Leben wäre einen Roman wert oder eine Autobiografie. Peter Maser hat viel zu erzählen. Seine Erlebnisse und Erfahrungen spiegeln auf besondere Weise die geschichtlichen und politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts wider. Der 70-jährige Wissenschaftler erforscht Geschichte und ist selbst Teil von ihr.

Peter Maser wünscht sich, dass das Reformationsjubiläum 2017 ein gesamtgesellschaftliches Ereignis wird und nicht in »Luther-Verdruss« endet. Foto: Torsten Biel

Peter Maser wünscht sich, dass das Reformationsjubiläum 2017 ein gesamtgesellschaftliches Ereignis wird und nicht in »Luther-Verdruss« endet. Foto: Torsten Biel

Im August 1943 in Berlin geboren, zählt Maser seit vielen Jahren zu den anerkannten Kirchenhistorikern des Landes. Sein Spezialgebiet ist neben der christlichen Archäologie die Kirche in der DDR. Obwohl seit 1977 in der BRD wohnend. »Ich warf immer einen Seitenblick auf das Land und seine Kirche«, sagt Maser. Vor wenigen Jahren kehrte er zurück an die Stätte seiner Kindheit, die sein weiteres Leben maßgeblich beeinflusst hatte.

Peter Maser wuchs im Kurort Bad Kösen nahe Naumburg auf. In den Wirren der letzten Kriegsmonate ging er als kleines Kind während der großen Flucht aus den Ostgebieten gen Westen verloren. Seine Mutter war mit ihm in den Osten geflohen, um sich vor den verheerenden Bombenangriffen auf Berlin zu schützen. Als Kriegsfindelkind nahm ihn die Pfarrersfamilie Bertheau auf. »Diese Zeit hat mich sehr geprägt. Ich hatte ein sehr enges Verhältnis zu meiner Pflegefamilie«, blickt der gebürtige Berliner zurück. An seine Geburtsstadt hat er indes kaum noch Erinnerungen.

Auf der Landesschule Pforta bekam er als Jugendlicher den Konflikt zwischen Staat und Kirche zum ersten Mal deutlich zu spüren. Schon nach zwei Jahren verließ er die Schule. Sein schwerwiegender Fehler: Als sogenannter Kulturbeauftragter hatte er den Besuch des Weihnachtsoratoriums im Naumburger Dom organisiert.

In der Domstadt besuchte er anschließend das kirchliche Proseminar, nachfolgend nahm er ein Theologiestudium an der Universität Halle auf. Seine wissenschaftliche Karriere in der DDR schien nahezu geebnet. Er wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter und promovierte. Als Doktorvater wusste Maser den bekannten Ikonenforscher Konrad Onasch an seiner Seite.

Doch die Staatssicherheit hatte schon früh ein Auge auf den Theologen geworfen. »Ich wurde gleichzeitig von sechs Stasi-Spitzeln überwacht«, erzählt Maser. Von politischer Seite wurden seine wissenschaftlichen Ambitionen blockiert. Er stellte einen Ausreiseantrag. Seine Arbeit verlor er daraufhin. Gemeinsam mit seiner

Frau Malwine, ebenfalls eine Theologin, und den beiden Kindern Jakob und Rebekka, übersiedelte Maser in den Westen. Dort wurde er Mitarbeiter des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche Deutschlands und lehrte bis zu seiner Emeritierung 2008 an der Universität Münster. In den 90er Jahren wirkte Maser in der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur Aufarbeitung der Folgen der SED-Diktatur. Mit diesem Amt erhielt er Einsicht in besondere Akten und Archive. Seine folgenden Recherchen bereiteten selbst ihm so manche Überraschungen – mit Blick auf das angespannte Verhältnis zwischen Staat, Partei und Kirche in der DDR.

»Ich war sehr überrascht, wie stark durchsetzt die Kirche von Mitarbeitern der Staatssicherheit war, wie viel die Stasi wirklich gewusst hat«, bemerkt der Wissenschaftler. Auch die besondere Rolle der Kirche bei politischen Geschäften zwischen DDR und BRD versetzte ihn in Erstaunen. Nicht minder, dass die Kirche in den 50er Jahren wegen des politischen Druckes der Partei nahezu vor ihrem Ende stand und erst auf einen Wink aus Moskau hin die SED-Staatsführung von ihrem Kurs abließ.

Seit dem vergangenen Jahr gehört Peter Maser dem 24-köpfigen wissenschaftlichen Beirat der Lutherdekade an, der neben dem Kuratorium und dem Lenkungsausschuss als weiteres Gremium die Vorbereitung von Veranstaltungen und Ausstellungen begleitet. Sein Wissen über das Luther-Gedenkjahr 1983 in der DDR ist in sein Buch »Mit Luther in Butter?« geflossen. Das erste Material dafür sammelte der Autor in den 80er Jahren.

Das mehr als 570-seitige Werk widmet sich der Struktur und Rolle der Kirche in der DDR und beleuchtet mit Hilfe zahlreicher Quellen die Geschehnisse rund um das Jubiläumsjahr 1983. Damals wurden weit vor der friedlichen Revolution schon erste Anzeichen einer Krise in der DDR deutlich. Vor allem aufgrund der aufkommenden Friedens-, Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen, die nicht zuletzt bei den Feierlichkeiten und Kirchentagen jenes Jahres wichtige Kontakte untereinander knüpfen konnten.

Beim Jubiläum 2017 sollte nicht Luther, sondern vielmehr die Reformation, ihre Auswirkungen auf Europa und die Geschichte der Nationalstaaten, vor allem auch jener Osteuropas, im Mittelpunkt stehen, meint Maser. »Ich hoffe, ich kann diese Perspektive einbauen und dazu beitragen, dass die Themen aufgearbeitet werden.« Sein Wunsch: 2017 sollte als gesamtgesellschaftliches Ereignis die ganze Bevölkerung einbeziehen und von ihr wahrgenommen werden, ohne dass die Feierlichkeiten einen Event-Charakter annehmen und einen Luther-Verdruss, wie es ihn nach dem 1983er-Gedenkjahr gegeben hatte, bescheren.

Constanze Matthes

Buchtipp:
Maser, Peter: »Mit Luther alles in Butter?« Das Lutherjahr 1983 im Spiegel ausgewählter Akten, Metropol-Verlag, 576 S., ISBN 978-3-86331-158-2, 29,90 Euro

Nachtigallen, Tagtigallen

1. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor 100 Jahren starb Christian Morgenstern

Er war einer der großen Humoristen unter den deutschen Lyrikern, ein Sprachschöpfer, der eine komisch-surreale Welt erfand. Vor 100 Jahren, am 31. März 1914, starb Christian Morgenstern im Alter von 42 Jahren. Sein Vorbild war Wilhelm Busch. Er selbst wurde zum Anreger für Dada-Poeten und Kabarettisten, für Dichter wie Joachim Ringelnatz, Ernst Jandl oder Robert Gernhardt, für Heinz Erhardt und Loriot.

Morgensterns humoristische Gedichte, gesammelt in »Galgenlieder«, »Palmström«, »Palma Kunkel« und »Der Gingganz« spielen in einer fantastischen Welt, in der es von seltsamen Gestalten nur so wimmelt.

Treffend ist Morgensterns Widmung für die »Galgenlieder«, frei nach Nietzsche: »Dem Kind im Manne«. Gemeint ist die Freiheit der Kinder, der Jungen wie der Mädchen, mit der Sprache zu spielen, Geschichten zu erfinden, eine eigene Logik zu entwickeln, die dem ra­tionalen Denken der Erwachsenen fremd ist. Auch der Tod ist in vielen Versen so selbstverständlich wie das Leben.

Es gibt bei ihm aber auch den reinen, intelligenten Sprach-Witz, zum Beispiel im berühmten Gedicht »Das aesthetische Wiesel«: »Ein Wiesel / saß auf einem Kiesel / inmitten Bachgeriesel. / Wißt ihr /weshalb? / Das Mondkalb / verriet es mir / im Stillen: / Das raffinier- / te Tier / tat’s um des Reimes willen.«

Morgenstern kam am 6. Mai 1871 in München zur Welt. Nach einem abgebrochenen Jurastudium in Breslau zog er 1894 nach Berlin und schrieb für Kulturzeitschriften wie »Neue deutsche Rundschau«, »Jugend« oder »Freie Bühne«. Ab 1897 arbeitete er auch als Übersetzer der skandinavischen Schriftsteller August Strindberg, Henrik Ibsen und Knut Hamsun.

Christian Morgenstern

Christian Morgenstern

1903 wurde er Redakteur der Zeitschrift »Das Theater« im Verlag Bruno Cassirer. Parallel zu seiner Brotarbeit hat er schon ab 1895 Gedichtbände herausgebracht. Am bekanntesten und erfolgreichsten wurden die »Galgenlieder«. Insgesamt erschienen 15 Gedichtsammlungen bis zu seinem frühen Tod 1914 in Meran. Er starb an Tuberkulose, an der er lange gelitten hatte und die ihn immer wieder zu Kuraufenthalten zwang.

In diesen von Krankheit bestimmten Jahren fand Morgenstern zur Religion, und er schloss sich der Anthroposophischen Gesellschaft von Rudolf Steiner an. 1910 heiratete er seine Freundin und Mitarbeiterin Margareta Gosebruch. Sie gab später aus dem Nachlass weitere Lyriksammlungen heraus, darunter auch heute weithin vergessene Liebes- und Naturgedichte.

Morgensterns Nonsens-Verse stecken voller Seitenhiebe gegen Bürokraten, Schwätzer, Ideologen, Politiker. Und sie sind erstaunlich hellsichtig in ihrer Welterklärung.

Christian Morgenstern ist auch ein Vorläufer der konkreten Poesie: »Fisches Nachtgesang« besteht nur aus kleinen Strichen und konkaven Bögen, so angeordnet, dass sie den Umriss eines Fisches ahnen lassen. Stiller kann ein Gedicht nicht sein, Morgenstern selbst nannte es »das tiefste deutsche Gedicht.«

Wilhelm Roth (epd)

Die Antipoden der Reformation

25. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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»Vom Lärm der Welt oder Offenbarung des Thomas Müntzer« – Uraufführung am Deutschen Nationaltheater Weimar

Die Dualität und die Widersprüche von Thomas Müntzer und Martin Luther sind nicht nur historischer, sondern auch gegenwärtiger Zündstoff. Daran knüpft im Deutschen Nationaltheater Weimar (DNT) das Dramaturgenteam von Beate Seidel und Hans-Georg Wegner an. Die Produktion »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« bildet den Auftakt eines Zyklus spartenübergreifender Inszenierungen, der sich unter der Überschrift »Existenz-Resistenz« in den kommenden Spielzeiten mit Eckpunkten deutscher Geschichte in Verbindung zu konkreter Weimarer Stadthistorie beschäftigen wird, erläutert Dramaturgin Beate Seidel. Dramaturg Hans-Georg Wegner fügt an, vor allem das theologische Thema von Luthers »Zwei Reiche Lehre« habe für den Kompositionsauftrag ein zentrale Rolle gespielt. Herausgekommen ist ein neuartiges Stück, das vor allem mit den Elementen des Theaters spielt. Da mischen sich Oper und Schauspiel, aber auch Popelemente.

Bei der Probe des Stückes »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« am Deutschen Nationaltheater Weimar. Foto: Deutsches Nationaltheater Weimar

Bei der Probe des Stückes »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« am Deutschen Nationaltheater Weimar. Foto: Deutsches Nationaltheater Weimar

Inhaltlich wird gezeigt, wie Martin Luther und Thomas Müntzer die beiden Antipoden der Reformation sind. Sie sind die Protagonisten des eigens für diese Produktion entstandenen Textes des Theologen und Lyrikers Christian Lehnert. Der eine setzt auf Reformen, ohne dass das soziale Gefüge zerstört würde, der andere will die Zerstörung, um grundsätzlich neu anfangen zu können, so sieht es Dramaturg Hans-Georg Wegner.

Collagenartig folgt das Stück den Spuren der Umwälzbewegungen im 16. Jahrhundert und spiegelt deren weitreichende Folgen bis in die Gegenwart. 1525 fragt ein Junge am Grab seines im Bauernkrieg gefallenen Vaters nach dem Zweck seines Sterbens.

Ein zum Islam konvertierter deutscher Dschihadist fragt, was für Zeichen unsere Welt aus den Angeln heben kann und stellt einen Rucksack in den belebten Bahnhof einer deutschen Großstadt. Und drei Dämonen wandeln durch die Geschichte. Beobachtet wird dies alles von einer jungen Frau, die sich die Frage stellt: Darf Frau in dieser Welt einem Kind das Leben schenken?

Hasko Weber, Intendant des DNT Weimar, übernimmt die Inszenierung. Die Musik stammt aus der Feder des mehrfach mit dem Echo Klassik ausgezeichneten Komponisten und Musikproduzenten Sven Helbig, der sich mit Cross-over-Projekten von Orchester- und elektronischer Musik einen Namen gemacht hat.

Sven Helbig ist aufgewachsen in Eisenhüttenstadt und er entdeckt die klassische Musik als Kind eher zufällig. Nach dem Musikstudium in Dresden zieht Sven Helbig nach New York. Der Ruf zum Dozenten an der Dresdner Hochschule »Carl-Maria von Weber« führt ihn zurück. Hier komponiert er das Chorwerk »Da wird auch dein Herz sein« für 250 000 Stimmen zum Kirchentag 2011.

Das Libretto hat Christian Lehnert getextet. Er studierte Evangelische Theologie an der Universität Leipzig und an der Humboldt-Universität Berlin und wirkte von 2000 bis 2008 als Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Seit 2008 ist Christian Lehnert Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt in Wittenberg. Im Juni 2012 übernahm er die Geschäftsführung des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands an der Universität Leipzig.

Es singen und spielen Steffi Lehmann, Birgit Unterweger, Jörn Eichler, Christoph Heckel, Bastian Heidenreich, Robert Huschenbett, Bjørn Waag, Michael Wächter, der Opernchor des DNT Weimar und die Staatskapelle Weimar. Die musikalische Leitung hat Stefan Solyom. Dieses Stück ist ein Beitrag zur Lutherdekade.

Thomas Janda

Das Stück »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« wird am 28. März, 19.30 Uhr im Deutschen Na­tionaltheater Weimar uraufgeführt. Weitere Termine: 30. März, 5., 10. und 17. April jeweils 19.30 Uhr.

www.nationaltheater-weimar.de

Zwischen Idyll und Sündenfall

16. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Farbenmagier und Nazi-Emil – die Emil-Nolde-Retrospektive weicht auch den dunklen Seiten nicht aus

Das treffendste Wort für die Beschreibung von Leben und Werk des Malers Emil Nolde ist wohl in der Tat »Vielschichtigkeit«. Eine große Retrospektive in Frankfurt geht diesen Schichten nach und fördert durchaus auch Dunkles zutage.

Als Hans Emil Hansen wurde er am 7. August 1867 im Dorf Nolde im deutsch-dänischen Grenzgebiet geboren. Später nannte sich der Künstler nach seinem Geburtsort Emil Nolde. Sein Malstil, der Züge des Impressionismus mit dem expressiven Ausdruck der klassischen Moderne vereint, begeistert bis heute ein großes Publikum. »Der große Farbenmagier« wurde er genannt, der in kühnen Farbkompositionen Blumen und Gärten, die große Weite des Himmels und das Ungestüm des Meeres seiner schleswig-holsteinischen Heimat, aber auch Figuren und Porträts auf den Malgrund bannte.

Nolde selbst kokettierte damit, dass die Bibel das einzige Buch sei, welches er je ganz gelesen habe. Das Gemälde  »Verlorenes Paradies« entstand 1921. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

Nolde selbst kokettierte damit, dass die Bibel das einzige Buch sei, welches er je ganz gelesen habe. Das Gemälde »Verlorenes Paradies« entstand 1921. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

Schon zu Lebzeiten gehörte Nolde zu den ebenso umstrittenen wie erfolgreichen Künstlern. Seit 1915 huldigten jährliche Ausstellungen seinem Werk, in der Zeit der Weimarer Republik gehörte er zu den bekanntesten und bestverkauften Künstlern des Landes. Seine Bilder wurden nicht nur von Privatsammlern erworben, auch in Museen und öffentlichen Sammlungen hielten sie Einzug.

Facetten seines Werkes widmen sich bis heute nicht nur die jährlichen Ausstellungen in seinem letzten Wohnort Seebüll im äußersten Norden Schleswig-Holsteins. Mit der jetzt im Städel-Museum in Frankfurt am Main eröffneten Retrospektive allerdings wird erstmals seit mehreren Jahrzehnten ein Gesamtüberblick über das Lebenswerk gegeben. Mehr als 110 Gemälde, Aquarelle und Druckgrafiken, davon viele erstmals außerhalb Seebülls oder von Privatsammlungen ausgestellt, zeigen die Vielschichtigkeit des Lebenswerkes wie auch der inhaltlichen Thematik.

Einen wichtigen Platz nehmen dabei Noldes religiöse Bilder ein. Gleich drei Säle widmen sich den vom Neuen Testament inspirierten Bildern. Für Nolde selbst waren sie ein »Markstein« seiner Kunst. Entstanden nicht als Metaphern, sondern als Ausdruck »persönlicher Offenbarung« und »leibhaftigen Erlebens«. Auch wollte er damit bewusst einer Verengung seiner öffentlichen Wahrnehmung als »Blumen- und Landschaftsmaler« entgegenwirken.

»Großer roter Mohn«: In seinen letzten Lebensjahren bis 1956 entstanden vor allem wundervolle Aquarelle. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

»Großer roter Mohn«: In seinen letzten Lebensjahren bis 1956 entstanden vor allem wundervolle Aquarelle. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

Das besondere Verdienst der Frank­furter Ausstellungsmacher aber ist wohl, in den Begleittexten und -veranstaltungen auch die dunklen Schichten in Noldes Leben nicht auszublenden. Geprägt von einer stark deutsch-nationalistischen Haltung fand er ebenso wie seine dänische Ehefrau Ata erhebliche Schnittmengen mit der Ideologie des Nationalsozialismus. Nicht nur, dass Nolde wie mache anderen Intellektuellen und Künstler Deutschlands die Machtergreifung Hitlers voller Enthusiasmus begrüßten. Nein, gern wäre er mit seiner nach eigener Aussage »wahrhaft deutschen Kunst« zum künstlerischen Paladin der Diktatur geworden. Was zunächst gar nicht ausgeschlossen schien, gehörten doch auch Nazigrößen zu seinen Verehrern.

Dass sich im Streit um die nationalsozialistische Kunstpolitik letztlich Hitlers spießiger Geschmack durchsetzte, verhinderte dies allerdings nachhaltig. Noldes Werk wurde als »entartet« klassifiziert, seine Werke in Museen beschlagnahmt. In der von Goebbels inszenierten Femeschau »Entartete Kunst« war Nolde prominent vertreten.

Was freilich dessen Begeisterung für Hitler keinen Abbruch tat, sondern das NSDAP-Mitglied Nolde immer wieder neu um seine Rehabilitierung kämpfen ließ. Kaum auszuhalten ist es, wenn er etwa seinen künstlerischen Konflikt mit Max Liebermann und der Berliner Sezession von 1910 zum »Kampf gegen die Vorherrschaft des Judentums in der deutschen Kunst« stilisierte. Selbst vor antisemitischer Denunzierung seines Malerkollegen Max Pechstein schreckte Nolde nicht zurück.

Was spricht angesichts solcher Verirrungen eigentlich noch für Nolde? Zum einen die Tatsache, dass der um Anerkennung Buhlende dennoch seinen den Nazis so verhassten Malstil nicht änderte. Und dann natürlich die Fülle seiner wunderbaren Bilder, die den Weg nach Frankfurt allemal lohnen.

Harald Krille

Die Ausstellung «Emil Nolde. Retrospektive» ist bis zum 15. Juni 2014 dienstags, mittwochs, sonnabends und sonntags von 10 bis 18 Uhr sowie donnerstags und freitags von 10 bis 21 Uhr im Städel-Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main, zu sehen. Zur Ausstellung sind ein Katalog und ein Begleitheft erschienen

Webfilm zur Ausstellung

www.staedelmuseum.de

»… das Herz rühren«

10. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor 300 Jahren wurde der Komponist Carl Philipp Emanuel Bach geboren

Wer heute »Bach« sagt, meint seinen Vater. Doch zu Lebzeiten war Carl Philipp Emanuel Bach sogar berühmter als Johann Sebastian. Der Sohn war Hofcembalist in Berlin und Musikdirektor in Hamburg. Vor 300 Jahren wurde er in Weimar geboren.

Carl Philipp Emanuel Bach, Büste im Schauspielhaus Berlin. Foto: Wikipedia

Carl Philipp Emanuel Bach, Büste im Schauspielhaus Berlin. Foto: Wikipedia

Die Musik war ihm in die Wiege gelegt. Am 8. März 1714 wurde Carl Philipp Emanuel Bach in Weimar geboren, als zweitältester Sohn Johann Sebastian Bachs. Bereits mit elf Jahren konnte er die Cembalo-Musik des Vaters fließend vom Blatt spielen. In dessen Fußstapfen stieg er aber zunächst nicht: Auf Wunsch des Vaters begann Carl Philipp Emanuel 1731 ein Jura-Studium, zunächst in Leipzig, dann in Frankfurt/Oder.

Doch schon sein Studium finanzierte der 20-Jährige mit Musik. Er gab Cembalo-Unterricht, dirigierte und komponierte. Und hatte wenig Lust auf ein Advokatenleben: Mit 24 wurde er vom damaligen preußischen Kronprinzen Friedrich als Cembalist ins mecklenburgische Ruppin berufen. Und als der Prinz 1740 König wurde, folgte ihm der junge Bach als fest angestellter Konzertcembalist an die Hofkapelle in Berlin.

In Berlin entstanden ab 1740 die sechs Preußischen Sonaten, ab 1742 die sechs Württembergischen Sonaten. Sie gelten als die wichtigsten Zeugnisse der neuen Stilrichtung »Empfindsamkeit«: »Mich deucht, die Musik müsse vornehmlich das Herz rühren, und dahin bringt es ein Clavierspieler nie durch blosses Poltern und Trommeln, wenigsten bey mir nicht«, schrieb Carl Philipp Emanuel Bach. Und: »Aus der Seele muss man spielen und nicht wie ein abgerichteter Vogel.«

In den 28 Jahren seines Hofdienstes in Berlin wurde »CPE Bach« zu einem der bekanntesten »Clavieristen« Europas. Er schrieb mehr als 100 Sonaten und Solowerke, darunter das »Magnificat« (1749), mehrere Sinfonien und Konzerte sowie etliche weltliche Kantaten und Liederbücher. 1753 erschien sein Buch »Versuch über die wahre Art das Klavier zu spielen, mit Exempeln und 18 Probestücken in sechs Sonaten erläutert«. Es avancierte zu einem der wichtigsten Dokumente über das musikalische Denken im 18. Jahrhundert.

Die Zeitgenossen rühmten ihn. »Er ist der Vater, wir die Bub’n«, urteilte Wolfgang Amadeus Mozart: »Wer von uns was Rechtes kann, hat von ihm gelernt.«

Trotz wachsender Berühmtheit vermisste Carl Philipp Emanuel in Berlin zunehmend die Wertschätzung des Königs. Nach dem Tod seines Vaters bewarb er sich 1750 vergeblich um dessen Nachfolge als Thomaskantor in Leipzig. Als mit dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) das höfische Leben in Berlin nahezu zum Erliegen kam, begann Bach, seinen Wirkungskreis zu vergrößern. Er unternahm Reisen zu Freunden in Hamburg, Bückeburg und Eisenach, gab Konzerte in Gotha und Kassel.

1767 starb in Hamburg sein Patenonkel Georg Philipp Telemann, von dem er den zweiten Vornamen hatte. Telemann hatte Bach die Nachfolge gesichert: Am Ostersonntag 1768 übernahm Carl Philipp Emanuel das Amt als Kantor der Gelehrtenschule Johanneum und städtischer Musikdirektor an den fünf Hauptkirchen. Hier gehörten 200 Konzerte zum jährlichen Pensum, vor allem an den vielen kirchlichen Feiertagen.

Doch in der bürgerlich geprägten Kaufmannsstadt wurden auch Festmusiken zu Jubiläen, Amtseinführungen und Feiern jeder Art erwartet – eine immense Arbeitsbelastung. An den Orgeln der Hauptkirchen wurde Carl Philipp Emanuel daher nicht so oft gesehen, und auch an der Lateinschule des Johanneums konnte er sich vertreten lassen. Den gewaltigen Rest bewältigte er dadurch, dass er nicht selten vorhandenes Material neu zusammensetzte, eigenes und fremdes. Auf diese Weise bot er dem Publikum ein breites Musik-Spektrum.

Viele seiner Stücke waren auch kommerziell erfolgreich und machten ihn weithin bekannt.

Doch Bach hatte das Pech, zwischen den Epochen zu stehen – er war das Musikgenie im Übergang vom Barock zur Klassik. Als man Mitte des 19. Jahrhunderts die große Musik seines Vaters wieder zu entdecken begann, geriet der Sohn zunehmend in Vergessenheit.

Carl Philipp Emanuel Bach starb am 14. Dezember 1788 in Hamburg, sein Grab befindet sich noch heute in der Krypta der Hauptkirche St. Michaelis (»Michel«). In dem Nachruf einer Tageszeitung stand damals, er sei »eine der größten Zierden der Tonkunst« gewesen, dessen Kompositionen »immer neu, unerschöpflich, groß und kraftvoll bleiben werden«.

Klaus Merhof (epd)

Mutter der Collage

3. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Herzoglichen Museum wird an die vor 125 Jahren in Gotha geborene Hannah Höch erinnert

Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands«, lautet der Titel ihres vielleicht bekanntesten Werkes, das 1920 auf der Ersten Internationalen Dada-Messe in Berlin gezeigt, später zu einer Art »Ikone des Dadaismus« wurde und inzwischen in der Deutschen Nationalgalerie Berlin hängt: Hannah Höch (1889–1978). Sie war die erste Dadaistin und gilt als Wegbereiterin der Collage.

Hannah Höch: Vor der Kathedrale, 1950, Collage auf Karton. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Lutz Ebhardt

Hannah Höch: Vor der Kathedrale, 1950, Collage auf Karton. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Lutz Ebhardt

Der 125. Geburtstag der aus Gotha stammenden Künstlerin bietet den äußeren Anlass, ihr facettenreiches Werk stärker ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen und in umfangreichen Ausstellungen zu würdigen. Den Anfang machte im Januar die Londoner Whitechapel Gallery, in der bis 23. März mehr als 100 Arbeiten aus dem 60-jährigen Schaffen der Künstlerin gezeigt werden.

Unter dem Titel »Hannah Höch – Aufbruch in die Moderne« folgte Mitte Februar das Herzogliche Museum ihrer Geburtsstadt mit einer Auswahl, die von frühen Versuchen bis hin zu späten Kreationen reicht und bis 4. Mai zu sehen ist. Auch das dritte Themenjahr der »Dada-Dekade 2022« ist der Jubilarin gewidmet. Es steht unter dem Motto »Hoch – Höher – Höch! Dada mit Hannah aus Gotha« und gipfelt am 10. Mai in einem klingenden Umzug durch die Residenzstadt.

Hannah Höch verbrachte die ersten 22 Jahre ihres Lebens in Gotha. Danach ging sie nach Berlin, um sich ganz der Kunst zu widmen. Dort lernte sie 1915 den bereits verheirateten Raoul Hausmann kennen und ging mit ihm eine siebenjährige Liebesbeziehung ein. In dieser Liaison entwickelten sie stilistisch die Fotomontage. Diese erschien ihnen als geeignetes Mittel, den politischen Zeiterscheinungen mit Spott zu begegnen und bissig den Geist der Zeit zu attackieren.

Für Hannah Höch war die Collage ein Arbeitsmittel, das sie durchgängig bis in ihre späten Jahre nutzte. Zu den Glanzlichtern gehört dabei das 1950 entstandene Bild »Vor der Kathedrale«. Den besonderen Reiz der Gothaer Ausstellung macht aus, dass nicht nur die Avantgardistin Hannah Höch zu erleben ist, sondern auch die bodenständige Zeichnerin und Malerin, die es schon in jungen Jahren verstand, Motive aus der Natur und dem Alltag stimmungsvoll mit Farbstiften, Tusche oder Pastellkreide »einzufangen«.

Besonders eindrucksvoll ist das Aquarell »Fackelzug« (1906/08), das eine in Richtung Horizont wegziehende Menschenmenge zeigt.

Michael von Hintzenstern

Herzogliches Museum Gotha, Bis 4. Mai, täglich 10 bis 16 Uhr, ab 1. April: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr

Ungebetene Gäste

24. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Experten suchen Ursachen von Pilzbefall an Kirchenorgeln

Dass Kirchenorgeln nach Jahrhunderten wegen mechanischer Schäden repariert werden müssen, ist bekannt. Doch in jüngster Zeit sind auch neuere Instrumente bedroht: Schimmel an Pfeifen verändert den Ton und verursacht enorm hohe Reinigungskosten.

Steile, schmale Treppchen führen durch das Innere der Orgel, links und rechts stoßen die Ellbogen an Balken. Es riecht nach Holz und Staub. In der Ladegast-Orgel des Merseburger Doms lauert der Feind versteckt. An den Querstreben zwischen den Holz- und Metallpfeifen taucht er auf: der Schimmelpilz. Die größte Gefahr seien Anhaftungen an den Pfeifen, sagt Christoph Zimmermann, Orgelreferent der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Dombaumeisterin Regine Hartkopf begutachtet das Innenleben der Ladegast-Orgel des Merseburger Doms auf der Suche nach Schimmelpilzen. Foto: epd-bild

Dombaumeisterin Regine Hartkopf begutachtet das Innenleben der Ladegast-Orgel des Merseburger Doms auf der Suche nach Schimmelpilzen. Foto: epd-bild

Ohne Säuberung verändert der Schimmel den Ton. Wenn er nicht beseitigt wird, bildet der Pilz schließlich Kolonien. Die Konsequenz: Jede einzelne Pfeife muss entnommen und gereinigt werden. »Da können je nach Größe der Orgel leicht Kosten in einem fünfstelligen Euro-Betrag zusammenkommen«, sagt Zimmermann. Im Extremfall kann eine Orgel nicht mehr gespielt werden – für die jährlichen Merseburger Orgeltage wäre das eine Katastrophe.

Das Instrument im Dom umfasst rund 5 700 Pfeifen. Es wurde von dem bekannten Orgelbaumeister Friedrich Ladegast (1818–1905) geschaffen und 1855 feierlich in Betrieb genommen als erste romantische Großorgel in Mitteldeutschland.

Als Problem tauchte Schimmelpilz an Kirchenorgeln erst in den vergangenen Jahren auf. Um die Ursachen herauszufinden, plant die mitteldeutsche Kirche ein Forschungsprojekt. Aus den Ergebnissen sollen Gegenstrategien entwickelt werden.

Feuchtigkeit, Temperaturschwankungen und mangelnder Luftaustausch zählt Zimmermann als mögliche Ursachen für die Schimmelbildung auf. »Bislang sind das aber alles nur Vermutungen«, räumt der Fachmann ein. Schwierig ist eine Beurteilung auch, weil Angaben über einen Befall aus vergangenen Jahrhunderten fehlen. Die Anzahl von Kirchenorgeln auf dem Gebiet der mitteldeutschen Kirche schätzt Zimmermann auf 4 000. Vielleicht 100 davon könnten von Schimmelpilzen akut befallen sein.

Bei der Merseburger Domorgel wurde vor wenigen Jahren erstmals Schimmelbefall entdeckt. Die Pilze wuchsen auf dem Staub, der das Holz überzog. Bei einer mikrobiologischen Untersuchung seien rund 15 verschiedene Pilzvarianten festgestellt worden, berichtet Dombaumeisterin Regine Hartkopf. »Wenn sich über Jahrzehnte Staub ansammelt, wächst auch der Schimmel«, warnt Hartkopf.

»Schimmel an Orgeln ist ein in wachsendem Maße ernst zu nehmendes Problem«, sagt Martin Ammon, der das gemeinsame Büro der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Stiftung Orgelklang in Hannover leitet.
Zwar existierten bereits Merkblätter und Handreichungen zu Ursachen und Bekämpfung des Schimmels, über das genaue Ausmaß lägen jedoch keine verlässlichen Daten vor.

Orgeln sind wartungsbedürftige Instrumente, der finanzielle Aufwand ist erheblich, erläutert der Theologe. Nach aktuellen Förderanträgen sind seinen Angaben zufolge für Sanierungen durchschnittlich 123 000 Euro pro Instrument notwendig. Schätzungen zufolge gibt es deutschlandweit insgesamt 50 000 Orgeln in katholischen und evangelischen Kirchen. Etwa ein Fünftel davon stammt aus der Zeit vor dem 19. Jahrhundert.

Im sachsen-anhaltischen Merseburg bleiben die Experten am Ball. Schließlich soll 2015, wenn der 1 000. Jahrestag der Grundsteinlegung für die ottonische Vorgängerkirche gefeiert wird, auch die Domorgel sauber klingen.

Karsten Wiedener (epd)

www.ekmd.de
www.stiftung-orgelklang.de

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