»Das Heilige kommt oft zu kurz«

27. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Interview: Der Sänger Max Raabe sammelte erste musikalische Erfahrungen in einem kirchlichen Kinderchor

Mit Musik im Stil der 1920er und 30er Jahre begeistern Max Raabe und sein Palast-Orchester das Publikum im In- und Ausland. Der 51-jährige Bariton war Messdiener und im Kirchenchor, er besuchte ein katholisches Internat und schätzt Gotteshäuser. Tobias Wilhelm sprach mit ihm über seinen Glauben.

Herr Raabe, in Ihrer Erziehung haben Glaube und Religion eine große Rolle gespielt. Welche christlichen Werte sind Ihnen besonders nahegebracht worden?
Raabe:
Meine Eltern haben auf ganz bestimmte Sachen geachtet. Wenn ich zum Beispiel Kuchen oder Süßigkeiten bekommen habe, hat meine Mutter immer gesagt: Gib den anderen Kinder aber was ab, sonst blutet denen das Herz. Mit dieser Haltung bin ich erzogen worden. Ich glaube, das ist eine grundlegend christliche Haltung, die man aber natürlich auch in anderen Religionen findet.

Sie besuchen auf Reisen gerne die Kirchen vor Ort – was reizt Sie daran?
Raabe:
Die Atmosphäre, das Licht, die Gerüche – all das erinnert mich stark an meine Kindheit! Ich war Messdiener, mein Bruder auch. Wir haben immer am Sonntag gedient – auch unter der Woche oder, wenn es nötig war, bei Beerdigungen. Es war ein fester Bestandteil meiner Kindheit. Und natürlich wurden auch die Feiertage in der Kirche begangen. Deshalb ist da eine große Vertrautheit: Egal, in welcher Ecke der Welt ich auch bin – die Sinneseindrücke sind immer dieselben. Wenn ich eine Messe besuche, weiß ich, was Sache ist, selbst wenn ich die Sprache nicht verstehe – weil der Ritus eben gleich ist.

Ein Konzert mit Max Raabe. Foto: picture-alliance/dpa

Ein Konzert mit Max Raabe. Foto: picture-alliance/dpa

Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Raabe:
Ja, ich bin gläubiger Christ. Wobei ich sagen muss, dass sich der Gottesdienstbesuch auf ein sträfliches Maß reduziert hat. Ich schieb das ein bisschen auf den unsteten Lebenswandel. Aber ich sehe, dass andere, die einen ähnlichen Beruf ausüben, das hinbekommen. Im Grunde bleibt das schlechte Gewissen. In Berlin gibt es aber verschiedene Pfarreien, in die ich gerne gehe. Ich experimentiere mich so von Gemeinde zu Gemeinde, bis ich die richtige gefunden habe, in die ich immer gehen kann.

Sie haben einmal gesagt, Ihr Beruf sei ein Geschenk. Betrachten Sie Ihr Talent als eine Gabe Gottes?
Raabe:
Auf jeden Fall. Deswegen wird man von mir nie Worte wie Stolz hören. Ich bin dankbar, dass ich so beschenkt bin, dass ich mit dem, was mir Freude macht, mein Geld verdienen kann. Natürlich ist das auch anstrengend, man muss was dafür tun – aber es gibt viele Leute, die sehr viel tun und trotzdem nicht weiterkommen. Dieses Quäntchen, dass es doch was wird – das ist das Geschenk, und darauf kann ich mir nichts einbilden.

Nach dem Missbrauchsskandal und anderen Negativschlagzeilen ist es heute schon fast mutig, sich öffentlich zum Katholizismus zu bekennen. Sie haben Ihre sehr katholisch geprägte Kindheit und Jugend ausdrücklich als »behütet« bezeichnet. Schmerzt Sie der schlechte Ruf der Kirche heute?
Raabe:
Ja, ich bin ja auch an katholischen Einrichtungen gewesen und habe da meine Kindheit zugebracht. Dabei habe ich nie negative Erfahrungen gemacht oder bei Freunden mitbekommen. Umso brutaler war es für mich zu sehen, dass es so viel Missbrauch gab. Natürlich ist das in anderen Einrichtungen, in denen man sich um Kinder kümmert, auch passiert. Aber in einer Kirche ist es eben doppelt verwerflich. Dennoch darf man deswegen nicht die positiven Seiten vergessen. Ich habe nur die allerbesten Erinnerungen. Wir hatten sehr gute Geistliche und gute Erzieher. Ich bin ein Beispiel dafür, dass es auch gutgehen kann.

Sie haben bereits im Kinderchor Ihrer Pfarrei gesungen und von klein auf viel geistliche Musik gemacht. Was sind Ihre kirchenmusikalischen Lieblingsstücke?
Raabe:
Ich mag die mittelalterliche Kirchenmusik sehr gern. Das alte Notenbild und die gregorianischen Gesänge fand ich immer sehr beeindruckend – aber vor allem als Ausführender, weil momentan leider zu viel dummes Zeug geliefert wird von Leuten, die herumreisen, sich als Mönche verkleiden oder, wenn es noch schlimmer kommt, sogar welche sind. Ich finde das fremd. Und natürlich führt kein Weg an Bach vorbei – auch wenn er Protestant ist. Die schönsten Kirchenlieder kommen aus der protestantischen Ecke, das muss man sagen. Meine Mutter war übrigens auch evangelisch, gleichwohl sie mich katholisch erzogen hat. Und sie hatte es im katholischen Westfalen damit nicht leicht. In meinem Umfeld waren Frotzeleien weit verbreitet. Uns war aber allen klar, dass man das nicht so ernst nehmen darf.

Stichwort Kirchenmusik: Sie haben einmal gesagt, Sie bedauern, dass klassische Hymnen wie »Großer Gott wir loben dich« nur noch so selten gesungen würden …
Raabe:
Ja, das finde ich sehr schade. Ich bin kein großer Freund der neuen Kirchenlieder, mit wenigen Ausnahmen. Ich finde sie musikalisch oft, naja, schwer nachvollziehbar. Und ich bin auch kein großer Freund von Blockflötenauswüchsen während festlicher Hochämter. Gerade in der Osternacht oder zu Weihnachten sollte man die Gemeinde viel mehr singen lassen – und zwar Lieder, die man kennt.

Sind Ihnen viele Gottesdienste heute nicht mehr feierlich genug?
Raabe:
Ich finde, das Mystische, das Heilige kommt oft zu kurz. Die Stärke der Liturgie liegt vor allem darin, die Mystik des Glaubens zu unterstützen. Der ganze Glauben ist ja Mystik, keine Wissenschaft. Und dann finde ich es komisch, wenn die Messen anfangen, rational zu werden und eine gewisse Beliebigkeit zu bekommen. Gerade in der Mystik liegt doch ein großer Vorteil, eine große Kraft. Wir müssen uns darauf verlassen. Aber vielleicht sehne ich mich auch nur nach diesem Ritus aus meiner Kindheit, der heute überkommen wirkt. Es ist die Sehnsucht, dass sich nichts verändert – aber das tut es eben dann doch.

Im Bezug auf die »Neuen Geistlichen Lieder« haben Sie mal das Wort »Lagerfeuerliedchen« benutzt. Können Sie ihnen so gar nichts abgewinnen?
Raabe:
Ich will kein miesepetriges Pauschalurteil fällen. Es ist jedoch selten, dass sie mir gefallen. Wenn sie aber vielen ein musikalischer Ausdruck sind, haben sie ja ihren Zweck erfüllt. Ich habe übrigens – sozusagen versehentlich – auch ein Kirchenlied komponiert. Auf der aktuellen Platte gibt es das Stück »Mir kann nichts passieren«. Das könnte auch an Kirchentagen gesungen werden.

www.palast-orchester.de

Ein Video, in dem der Sänger vom Glauben und seiner religiösen Sozialisation berichtet, gibt es im Internet unter www.tinyurl.com/raabe-glaube. Ebenfalls sehenswert ist eine Dokumentation unter www.tinyurl.com/raabe-doku.
Am 4. September, 20 Uhr, gibt Max Raabe eine Konzert in der Congress Centrum Neue Weimarhalle Weimar.

Der Mann hinter der Sage

20. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Geschichte: Bischof Thilo von Trotha ist eine Sonderausstellung in Merseburg gewidmet

Thilo von Trotha war 48 Jahre Bischof von Merseburg. Eine Ausstellung zu seinem 500. Todestag widmet sich seinem Werk. Ein Blick in Leben und Frömmigkeit im ausgehenden Mittelalter.

Seit Jahrhunderten bestimmt eine Sage das Bild des Thilo von Trotha (1443–1514): Er soll einen Kammerdiener, der des Diebstahls eines kostbaren Ringes verdächtigt wurde, hinrichten lassen haben. Dass der Mann seine Unschuld beteuerte, nützte ihm nichts. Später wurde der Ring in einem vom Merseburger Dom-Dach gefallenen Rabennest aufgefunden. Die Unschuld des Dieners war erwiesen. Der Bischof entschied, dass fortan ein Rabe mit einem Ring im Schnabel sein Wappen zieren sollte. Und es sollte als ständige Mahnung an seinen im Jähzorn gefassten, folgenschweren Entschluss ein Rabe in einem Käfig vor dem Schloss gehalten werden.

Die Rabensage kam zwar erst im 17. Jahrhundert auf. Dennoch ist sie Ausgangspunkt einer Sonderausstellung, die bis 2. November im Dom und Schloss in Merseburg zu sehen ist. Sie trägt den Titel »Thilo von Trotha. Merseburgs legendärer Kirchenfürst«. Auf rund 600 Quadratmetern haben die Kuratoren Markus Cottin und Claudia Kunde 150 Exponate zusammengetragen. Sie stammen aus den Beständen der Vereinigten Domstifter zu Merseburg, Naumburg und des Kollegiatstiftes Zeitz sowie zu mehr als einem Drittel aus Leihgaben. Mit dieser Schau wird das Leben eines mitteldeutschen Bischofs aus dem späten Mittelalter ins Zentrum gerückt, der mit 48-jähriger Amtszeit so lange wie kein zweiter regierte. »Spätmittelalterliche Bischöfe haben es im Kernland der Reformation bekanntlich nicht einfach«, so der Direktor der Domstifter, Holger Kunde. Dabei habe Bischof Thilo von Trotha seine Umgebung wie kaum ein anderer geprägt und auch über das Territorium des Bistums hinaus gewirkt.

Bis heute werden in einer Voliere am Schloss in Merseburg Raben gehalten. Foto: Vereinigte Domstifter

Bis heute werden in einer Voliere am Schloss in Merseburg Raben gehalten. Foto: Vereinigte Domstifter

Die Familie von Trotha stammt aus einem Dorf, das heute ein nördlicher Stadtteil von Halle ist. 1427 wurde es zerstört. Thilos Vater verließ den Stammsitz, schloss sich enger an den Magdeburger Erzbischof an und baute sich eine neue Besitzgrundlage auf. Einige seiner Söhne nahmen später wichtige Stellungen ein. »Tilemannus de Trota« studierte in Leipzig und Perugia und wurde danach Dompropst in Magdeburg. 1466 wurde er zum Bischof von Merseburg gewählt, seine Einsetzung und Weihe erfolgte am 8. März 1467. Sein Hochstift Merseburg baute er systematisch aus, wirtschaftete klug und schaffte es – im Gegensatz zu anderen geistlichen und weltlichen Herrschern seiner Zeit –, seinem Nachfolger gefüllte Kassen und ein deutlich vergrößertes Territorium zu hinterlassen. Thilo reiste in jüngeren Jahren öfter – zum Beispiel pilgerte er mit dem wettinischen Kurfürsten Ernst von Sachsen nach Rom und begleitete 1478 die Tochter eines sächsischen Kurfürstenpaares zu ihrer Hochzeit nach Kopenhagen. Ab den 1470er Jahren konzentrierte er sich auf den Bau seines Residenzschlosses und den Umbau des Domes, zu dem 1015 der Grundstein gelegt worden war. Schon ab 1476 ließ er im Nordquerhaus seine Grabkapelle einrichten, die mit der Tumba aus der Werkstatt des bekannten Nürnberger Gießers Peter Vischer und einem vergoldeten Epitaph zu den wichtigsten Exponaten der Ausstellung zählt.

Diese umfasst insgesamt elf Räume. Drei widmen sich der Biografie Thilos, die anderen setzen thematische Schwerpunkte wie seine Tätigkeit als Bauherr, sein Wirken als Kanzler der Universität Leipzig oder seiner Förderung des Buchdrucks. Ein Raum beschäftigt sich mit der Liturgie und Frömmigkeit im Bistum, die von der Verehrung der Gottesmutter Maria und anderer Heiliger sowie Prozessionen und Wallfahrten geprägt waren. Fast alle der 200 Kirchen im Bistum Merseburg wurden zu Thilos Zeit, finanziert vom Domkapitel, von Stadtgemeinden oder Adligen, baulich erweitert und kostbar ausgestattet. In der Ausstellung zeugen Werke eines unbekannten Malers (vermutlich) aus Leipzig, der als »Meister der byzantinischen Madonna« in die Kunstgeschichte eingegangen ist, von diesem Tun. Zu sehen sind auch kostbare liturgische Geräte und Gewänder. Was in der Schau fehlt, ist ein verbürgtes Bildnis Thilos. Denn es gibt keines. Auch die gezeigten Kleidungsstücke können nicht ihm direkt zugeordnet werden.

In Thilos Grabinschrift heißt es unter anderem: »… und er mehrte alle Dinge, wie die Erinnerungszeichen erweisen.« Besucher der Ausstellung können dort nicht nur ihr Wissen über das ausgehende Mittelalter mehren. Die Exponate ermöglichen ihnen einen genaueren Blick auf die Persönlichkeit, die hinter dem Bild vom jähzornigen Mann steht, das die Sage zeichnet.

Angela Stoye

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Thilo von Trotha. Merseburgs legendärer Kirchenfürst. Michael Imhof Verlag, 256 S., ISBN 978-3-7319-0070-2, 39,95 Euro

www.merseburg2014.de

Kunst im Schützengraben

12. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Ausstellung: »Krieg der Geister. Weimar als Symbolort deutscher Kultur vor und nach 1914«

Eine Ausstellung beleuchtet die Rolle der Stadt der Dichter vor und während des Ersten Weltkrieges. Ein Rundgang.

Was hat die geistige Elite in Weimar zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Ersten Weltkrieg zu tun? Wie in allen unmittelbar beteiligten Ländern auch engagierten sich die Intellektuellen in der Residenzstadt und ihrer Umgebung für die Begründung und die vermeintlich gerechte Sache des Krieges. Dies veranschaulicht die kulturhistorische Ausstellung »Krieg der Geister. Weimar als Symbolort deutscher Kultur vor und nach 1914« im Neuen Museum Weimar. Eröffnet wurde die Präsentation am 1. August anlässlich des Beginns des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren.

Gemälde »Im Schützengraben« von Gert H. Wollheim. Foto: Stefan Arendt, Stadtmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf

Gemälde »Im Schützengraben« von Gert H. Wollheim. Foto: Stefan Arendt, Stadtmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf

Die Schau beleuchtet einen bislang wenig beachteten Teil Weimarer Geschichte: die Rolle Weimars im Prozess der intellektuellen Aufrüstung, die sich im Zuge der Nationalisierung im wilhelminischen Kaiserreich vollzog. Wie Kuratorin Gerda Wendermann erläutert, hatte sich die Stadt nach dem Tode Johann Wolfgang Goethes und Friedrich Schillers im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem Symbolort der deutschen Kultur entwickelt. Das sogenannte klassische Erbe sei überhöht, die Stadt und Umgebung als gemütvolles »Herz Deutschlands« mythisiert worden.

Im Foyer des Museum sind acht Porträts ausgewählter Persönlichkeiten aus Weimar und Jena zu sehen, die für den Zeitgeist der damaligen Epoche stehen: Großherzog Wilhelm Ernst, Elisabeth Förster-Nietzsche, Schwester des Philosophen Friedrich Nietzsche, der Agitator Adolf Bartels, der Naturforscher Ernst Haeckel, der Philosoph Rudolf Eucken, der Verleger Eugen Diederichs, der Weltbürger Harry Graf Kessler und die Frauenrechtlerin Selma von Lengenfeld. Sie werden als Modernisierer, Bewahrer, Nationalisten, Pazifisten und Neuidealisten charakterisiert.

Am Beispiel dieser acht Protagonisten werde gezeigt, wie sich in Weimar am Vorabend des Krieges die kulturellen Gegensätze und weltanschaulichen Diskurse verdichteten, so Wolfgang Holler, Generaldirektor der Museen der Klassik Stiftung Weimar.

Der Rundgang beginnt mit dem Moment der Mobilmachung. Eine Videoinstallation zeigt den Heeresgottesdienst zur Verabschiedung des Bataillons am 7. August 1914 im Innenhof des Weimarer Schlosses. Die Kunst-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte verdeutlichen zahlreiche Zeugnisse der Zeit: Gemälde, Grafiken, Plakate, Fotografien, architektonische und plastische Arbeiten, literarische Propaganda, öffentliche Aufrufe und Feldpostsendungen.

Während es im ersten Teil der Schau um die strategische Ausrichtung der Residenzstadt als nationaler Erinnerungsort geht, sind Kriegseuphorie und die schreckliche Realität der Schlachten aus dem Blickwinkel beteiligter Künstler weitere Themen. Zu Beginn zogen viele in den Krieg, der die deutsche Kultur verteidigen sollte. Zu sehen sind Zeichnungen und Gemälde, die den Krieg heroisieren. Schließlich verfolgt die Präsentation den Wandel in der Kunst von der Überhöhung des Krieges hin zu einer eindeutigen Anklage, wie sie beispielsweise in den Bildern von Gert Wollheim zum Ausdruck kommt. Während Wollheim an der Front kämpfte, entstanden Zeichnungen und Skizzen, die er in eine Mappe einklebte. Im Spätsommer 1917 wurde er durch einen Bauchschuss schwer verletzt. Auf der Grundlage seiner im Feld entstandenen Zeichnungen begann der Künstler 1918 mit großformatigen Antikriegsbildern. Eines der Hauptwerke dieser Zeit heißt »Im Schützengraben«. Es zeigt zwei Soldaten, die gekrümmt im Schützengraben sitzen. Das Trauma seines eigenen Bauchschusses verarbeitet Wollheim in mehreren Arbeiten. In dem Gemälde »Der Verurteilte« verdichtet er das Motiv eines hingerichteten Menschen, indem er den Verurteilten auf einer Schädelstätte zeigt.
Ein Kapitel widmet sich dem 400. Jahrestag der Reformation 1917, zu dem deutschlandweit Feste geplant waren, die aber kriegsbedingt teilweise ausfallen mussten. Wie die Schau dokumentiert, dienten Jubiläumsfeierlichkeiten auch als Mittel gegen die im Kriegsverlauf zunehmende Demoralisierung der Bevölkerung.

Bereits während des Krieges begannen die Überlegungen für einen zentralen Ort zum Gedenken an die Millionen Opfer des Krieges. Eine breite Debatte entstand aber erst 1924, zehn Jahre nach Kriegsbeginn, nachdem Reichspräsident Friedrich Ebert die Deutschen dazu aufgerufen hatte, den im Krieg Gefallenen ein Denkmal zu setzen. Abschließend wirft die Ausstellung einen Blick auf die Revolution im November 1918, die Abdankung des Adels und die weitere Entwicklung nach der Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung »Krieg der Geister« ist bis 9. November mittwochs bis montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.


www.klassik-stiftung.de/2014

Mittag am alten Schafstall

6. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Erzählung: Gedanken eines Rekonvaleszenten nach einem Infarkt

Dem Wunsch vieler Leser folgend veröffentlichen wir monatlich einen literarischen Beitrag. Diesmal eine Erzählung von Theodor Weißenborn.

Ich sitze im Gartensessel am Schafstall und blinzle, auf der Schwelle zum mittäglichen Schlaf, aus dem Schatten des Sonnenschirms in die Hitze, die wabernd und sengend den Hang heraufsteigt, über den Dächern des Dörfchens brütet und die Menschen in der dämmrigen Kühle der Häuser hält. Dort riecht’s in Kellern und Küchen nach unbekanntem Gewürz, rumort Madame Ligaut in der Vorratskammer, quengeln die Kinder über ihren Schulaufgaben, verkriechen sich Katze und Hund in die schattigsten Winkel und sind Mensch und Tier geplagt von den immer schwirrenden Scharen der Fliegen, die zum Land gehören wie die Autos zur Stadt.

Dies ist die Südwestecke des hochgelegenen Gartenplateaus, die kleine Bastion aus Granitmauerwerk, das das Gelände zur Straße hin stützt, Restgemäuer aus der Zeit, als an der Stelle der Schule ein Schlösschen stand. Der Lehrer, dessen Wohnung über den Klassenräumen lag und der, irgendwann im vergangenen Jahrhundert, aus den Steintrümmern den Stall für seine Schafe errichtete, hat diesen Ausguckplatz ausgespart, indem er nur einen Teil der Westmauer als Fundament nutzte, sodass in der Mauerecke selbst ein geschützter Terrassenplatz blieb, den nun im Norden die Mauer des Schafstalls begrenzt.

Zeichnung: Martin Max

Zeichnung: Martin Max

Am grauen Gestein klettern Efeuranken hinauf bis zur Kante des steingedeckten Daches; dort haben sie keinen Halt mehr gefunden, keine Fläche für ihre sich anklebenden Füßchen, oder der Sturm hat sie losgerissen, nun wehen sie im Wind, pendeln matt in den warmen Mittagslüften oder rudern wild, wenn zerrende Böen bald einsetzenden Regen ankündigen. Bei kurzen Schauern, wenn der Wind durchs Laub fegt, die Sträucher verstört und die Wipfel der Maronen- und der Nussbäume aufregt, aber auch bei Gewitter, wenn Blitzschlag droht und in den Bergen die Donner rollen, stelle ich mich unter im Stall, dessen Tür Gaspards Schafen freien Eintritt und Ausgang gewährt.

Mensch und Hund und Schafe teilen sich dann den Platz inmitten der vom Regen umtosten Dämmerung und blicken, je nach Temperament, mit Gleichmut, Groll oder Behagen hinaus ins strähnende Grau, in vom Boden aufsteigende wallende Nebel und schieben allenfalls einmal eine Nasenspitze hinaus in den Wasserschleier, der vom Dach herabstiebt und sich windet im Wind. Und am wachsenden Brausen in der kleinen Schlucht jenseits der Westmauer ist zu hören, wie die Ouze anschwillt, und kommt gar ein Wolkenbruch oder ein Hagelschlag, so klirrt’s im Bachbett von rutschendem, schiebendem Gestein, und du weißt: nun wird’s eng im Gewölbebogen unter der Straße nach Châtelet, und in den nächsten Tagen haben dort wieder die Bagger zu tun.

Aber jetzt wärmt die Sonne im Übermaß. Das Gemäuer wirft die Hitze zurück, und die schwarzen basaltnen Decksteine der Mauerkrone sind so heiß, dass der Hund seine Pfoten nicht daraufsetzen mag. Er wollte sich aufstemmen, um zu sehn, wer auf der Straße daherkommt und jetzt unten am Fuß der Bastion entlanggeht, denn das muss er wissen, so wie Madame Juillard Wesentliches zu versäumen fürchtet, wenn sie mir, scheu hinter der Gardine stehend, nachschaut, wenn ich durchs Dorf gehe mit Kuno oder gar einen Besucher bei mir habe wie den vollbärtigen Serge.

Also, Kuno, ich sag dir, wer da unten geht: Wanderer, Bergsteiger sind’s, die den Plomb du Cantal erklimmen wollen. Ich sehe sie zwar nicht, aber ihre Stimmen gehen vorüber, und ich höre, wie einer von ihnen sagt: »Das Schlimmste ist die Schleiferei, le bizutage! Das ist grauenhaft! Entwürdigend!« – was mir Anlass gibt, darüber nachzudenken, ob er von der Sorbonne oder von der Fremdenlegion spricht.

Dann sind die Leute vorüber. In der Serpentinenkurve oben bei La Gazelle taucht zehn Minuten später noch einmal ein weißes Hütchen auf, dann verschwindet auch das; und nun herrscht wieder Ruhe im Massiv Central, und nur ein Hahnenschrei ist zu hören aus dem Garten der Ligauts und einmal das triumphierende Gegake einer Henne, die einen riesigen Wurm gefunden oder ein Ei gelegt hat.

Der Hund liegt hechelnd im Schatten der Mauer, eine Fliege summt und wird lästig, aber ich bin schon zu müde, sie zu verjagen. Die Lider fallen mir zu, meine Arme werden schwer, die Linke mit dem Buch sinkt ins Gras, eine wohlige Spanne Zeit verharre ich noch auf der Schwelle, dann gebe ich nach, lasse mich fallen und entgleite in exotische Gefilde, schwebe über tintenfarbigen Seen inmitten moosgrüner Wälder, steige zu Bergwiesen auf und lande auf Inseln, deren Bewohner entzückt sind, mich kennenzulernen, mich zum Rundtanz laden – Sirtaki –, mir Saitenins­trumente bringen, auf denen ich spielen soll, und ein Mann mit Brille, der Lehrer, behauptet, ein Buch über mich geschrieben zu haben, das heißt »Der Zupfgeigenhansel«.

Und dann summt wieder die Fliege und ist lästig, ich erwache und scheuche sie und richte mich auf, gieße mir aus der schon bereitstehenden Thermoskanne meinen Nachmittagskaffee ein und genieße, sehr bewusst und mit Behagen, meine Rekonvaleszenz, das Kurgastgefühl der Senioren, diese milchig-cremige Melange aus Wehmut und Euphorie, schwindender Sorge und wachsender Zuversicht, und lasse mich durchströmen von jener großen Ruhe, die mich auf die Frage, was der Infarkt mir gebracht habe, antworten ließ: »Gelassenheit und Distanz im Umgang mit Dingen und Menschen.«

Mönche im Naturpark

29. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Die Gestalten erinnern an das Wirken des Zisterzienserordens vor 800 Jahren

Insgesamt sieben Mönche werden demnächst den Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft im Süden von Brandenburg bevölkern. Nachdem bereits am 27. Mai ein Mönch mit einer Schreibfeder und einer Schriftrolle in Gruhno aufgestellt wurde, sind nun auch die restlichen sechs Zisterziensermönche bei Kettensägenkünstler Roland Karl (54) in Dobra fast fertiggestellt. Diese sollen in weiteren sechs Dörfern im Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft aufgestellt werden. Die Mönche beschreiben einzelne Stationen der Naturpark-Radtour »Auf den Spuren der Mönche von Dobrilugk«, die vor Jahren auf Initiative des Bürger- und Heimatvereins Doberlug-Kirchhain und Umgebung in Zusammenarbeit mit dem Naturpark entstanden ist. Jeder der Mönche trägt ein Symbol für die Arbeit und das Wirken der Zisterziensermönche des Klosters Dobrilugk beim hochmittelalterlichen Landesausbau in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts bei sich.

Kettensägenkünstler Roland Karl mit seinen Holzfiguren. – Foto: Veit Rösler

Kettensägenkünstler Roland Karl mit seinen Holzfiguren. – Foto: Veit Rösler

Der Mönch mit den Kräutern wird in Oppelhain aufgestellt, in Anlehnung an den Oppelhainer Kräutergarten. Der Mönch, der einen Fisch trägt als Symbol für die von den Mönchen eingeführte Fischzucht, wird in Fischwasser installiert. Der betende Mönch wird vor dem Klosterrefektorium von Doberlug seinen Platz finden. Der Bienenkorbträger geht nach Lugau, wo es die Zeidler bzw. Wildbienenzüchter gab und noch immer gibt. Den Mönch mit der Weinrebe erhält Friedersdorf und Hacke und Spaten als Symbol der landwirtschaftlichen Urbarmachung, gehen mit ihrem Träger nach Lindena.

Der bereits aufgestellte Mönch von Gruhno beschreibt die Einführung der Schriftlichkeit und gleichzeitig die umfangreiche und detailreiche Chronik des Ortes. Vor rund 800 Jahren siedelten an den Ufern der Kleinen Elster bei »dobry lug« (»Gute Wiese«) Mönche des Zisterzienserordens, um ein Kloster aufzubauen und das Leben der Menschen zu erleichtern. Sie machten die Gegend urbar und bewirtschafteten das Land. Dafür rodeten sie Wälder, legten Fischteiche und Weinberge an und sumpfige Niederungen trocken, betrieben Bienenzucht.

Im 13. Jahrhundert gehörten dem Kloster nahezu 60 Orte, Wirtschaftshöfe und andere Besitzungen an. Die Zisterzienser prägten die typische Backsteingotik und hinterließen Baudenkmäler von höchster künstlerischer Vollendung. 1541 wurde das Kloster in Doberlug in Folge der Reformation aufgelöst. Hinterlassen haben die geistlichen Menschen Kirchen, Teiche und alte Flurnamen. Schon jetzt werben Einwohner anderer Ortschaften um weitere Mönche. So gibt es in Hohenleipisch zum Beispiel einen »Klosterberg« und einen »Pfaffenberg«.

Wie vom Naturpark zu erfahren ist, sind die touristisch »attraktiven« Mönche jedoch nur auf den Radwanderweg, der von Doberlug über das ehemalige Vorwerk Schulz und die Klosterdörfer Lugau, Fischwasser, Gorden, Oppelhain, Friedersdorf, Gruhno und Lindena führt, begrenzt. Etwa eine Woche Arbeit hat Kettensägenkünstler Roland Karl in jeden der Mönche aus dem Holz der Stieleiche gesteckt. Roland Karl hat bereits an anderen Stellen Figuren wie Waldgeister, Forstmänner und Symboldarstellungen für den Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft geschaffen. Damit sie lange halten und so auch an Ort und Stelle bleiben, werden die Figuren nach der künstlerischen Fertigstellung noch mit einem Witterungs- und Diebstahlschutz ausgestattet.

Veit Rösler

Kraftvolle Striche

23. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Ausstellung: Farbige Fenster gaben Anstoß zur Max-Uhlig-Retrospektive in Magdeburg


Die Wucht des Striches und der Farben nimmt gefangen. Die frühen Grafiken sind ein Kontrapunkt. Das Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg präsentiert das Werk Max Uhligs mit 160 Gemälden und Zeichnungen.

Dass gerade Magdeburg die erste Retrospektive des 77-jährigen Dresdner Künstlers zeigt, hat mit einem Projekt zu tun, das Max Uhlig seit Jahren ganz und gar ausfüllt. Er entwarf farbige Fenster für die Südwand und monochrome für den Chor der Johanniskirche. Diese Kirche der Kaufleute, in der 1524 Martin Luther predigte und damit die Reformation in Magdeburg auf den Weg brachte, wurde im Lauf der Jahrhunderte mehrmals zerstört. Nach 1945 stand sie als mahnende Ruine und ist seit 15 Jahren als städtischer Konzert- und Festsaal wieder aufgebaut worden. Das Kuratorium zum Wiederaufbau der Johanniskirche hat sich als Abschluss des Vorhabens die künstlerische Gestaltung der gotischen Fenster vorgenommen und wirbt dafür um Spenden.

Die Einladung, Entwürfe für dieses Projekt beizusteuern, nahm Max Uhlig gern an und war gefangen. Nicht nur, weil es seine erste Arbeit auf Glas ist. Noch auf der Rückfahrt von der Besichtigung entstanden die ersten Skizzen – auf einem Briefumschlag. Er arbeite mit Begeisterung für diesen Raum, gestand er bei einer Präsentation im Dezember vorigen Jahres.

Die ersten neun Scheiben für die Fenster der Johanniskirche gehören zur Max-Uhlig-Retrospektive im Kunstmuseum Magdeburg. – Foto: Renate Wähnelt

Die ersten neun Scheiben für die Fenster der Johanniskirche gehören zur Max-Uhlig-Retrospektive im Kunstmuseum Magdeburg. – Foto: Renate Wähnelt

Überlegungen, mit der Gestaltung Bezug auf die Geschichte der Stadt zu nehmen oder auf die Kirche als Grablege Otto von Guerickes wichen schließlich dem Entwurf einer Landschaft. Ein zerschnittenes und neu zusammengesetztes Landschaftsbild sollen die sechs Fenster der Südwand sein. Doch es gibt auch andere Assoziationen, beispielsweise zu einem Feuersturm.

»Solche Assoziationen kommen. Den Feuersturm gab es«, sagte Max Uhlig am Rande der Ausstellungseröffnung im Magdeburger Kunstmuseum. In der Ausstellung sind die ersten neun Scheiben zu sehen, das untere Drittel eines Fensters. Dass Uhlig hier eine Landschaft darstellt, erschließt sich dem Kenner seines Werkes. Die Ausstellung in Magdeburg zeigt viele Landschaften in Uhligs unverkennbarem Stil, der eben keine Landschaftsbilder im herkömmlichen Sinn entstehen lässt. Kraftvoll wirken die Bilder mit ihren satten Farben, dominiert von den dicken dunklen Strichen. »Vor der Natur gewachsen«, so der Titel der Retrospektive. In ihr sind natürlich auch viele Porträts zu finden, das zweite große Thema Max Uhligs. Sie ebenfalls wie verborgen hinter den kraftvollen Strichen.

Spannend die Begegnung mit frühen Arbeiten. Sie sind gegenständlicher, zeugen jedoch schon von der Handschrift des Künstlers.

Max Uhlig, 1937 in Dresden geboren, blieb lange der große Erfolg im eigenen Land versagt, während er international anerkannt war. Nach einer Lehre als Schriftmaler und dem Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden war er Meisterschüler an der Deutschen Akademie der Künste in Berlin bei Hans-Theo Richter. Seine Art zu malen fand im Ausland mehr Beachtung als daheim, trotz etlicher Ausstellungen. 1979 wurde er bei der 6. British International Print Biennale Bradford ausgezeichnet. 1987 folgte der Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste Berlin, danach viele weitere Ehrungen. Max Uhlig schuf das Porträt des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder.

In den Fenstern für die Johanniskirche kulminiert Max Uhligs Lebenswerk, inhaltlich und auch zeitlich, denn daneben ist keine Tafelmalerei entstanden. Er wünscht sich, dass der Betrachter seiner Intention folgen kann: Von der Landschaft der Farbfenster zu den schwarz-weiß gehaltenen Weinstöcken in den Chorfenstern, die Lebenskraft und Wachstum symbolisieren sollen, zugleich einen Bogen von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft schlagend. »Zeitgenössische Kunst ist eine Herausforderung«, sagt der Maler.

Renate Wähnelt

Die Ausstellung ist bis zum 26. Oktober zu sehen. Ein Katalog erscheint im Juli.

www.kunstmuseum-magdeburg.de
www.kuratoriumjohanniskirche.wordpress.com

»Rups« will für Jesus singen

16. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Porträt: Thomas »Rups« Unger will mit seinen Liedern Christus bezeugen

Millionen lieben Volksmusik. Zu den Stars der Szene gehören »De Randfichten«. Seit über 20 Jahren ist Thomas »Rups« Unger ihr Frontmann. Jetzt soll damit Schluss sein.

Die Nachricht schlug bei Volksmusikfans wie eine Bombe ein: Thomas »Rups« Unger verlässt »De Randfichten«. Nur bis Ende 2014 wird der 45-Jährige noch mit seinen beiden Kollegen auf der Bühne stehen. Ein Grund für die Trennung ist sein Glaube an Jesus Christus. »Es war ein langer Prozess. Doch der Glaube hat meinen Horizont erweitert«, erklärt Unger. »Zwei Atheisten und ein Christ in einer Band, wir waren nicht mehr auf einer Wellenlänge«, erläutert er seinen Ausstieg.

Dabei liegen erfolgreiche Jahre hinter den Volksmusikern aus Johanngeorgenstadt im Erzgebirge. Seit 1992 begeisterte das Trio Tausende Fans. Große Bekanntheit erlangten »De Randfichten« 2004 mit ihrem Lied »Lebt denn dr alte Holzmichl noch …?«, das sogar bis auf Platz drei der Hitparade kletterte.

Doch das Leben von Thomas Unger, den Freunde nur »Rups« nennen, besteht nicht nur aus positiven Erfahrungen. Seit seinem 17. Lebensjahr leidet er unter Panikattacken. In unregelmäßigen Abständen überfallen ihn Angstzustände. Unger griff zur Flasche – und wurde alkoholabhängig. Ein Freund nahm ihn 1993 mit zur christlichen Suchtkrankenhilfe Blaues Kreuz. Anschließend machte er eine Entgiftung. Seit über 20 Jahren ist er jetzt »trocken«. »Es ist ein Geschenk Gottes, dass ich vom Alkoholismus geheilt wurde«, bekennt »Rups« heute. Seit diesem Moment lässt ihn der Glaube nie mehr ganz los. »Ich spürte den Heiligen Geist«

Der Musiker Thomas Unger. Foto: Randfichten-PR/Marko Lorenz

Der Musiker Thomas Unger. Foto: Randfichten-PR/Marko Lorenz

Großen Anteil am »Hineinwachsen in das Christsein« hat seine heutige Ehefrau Tabea. Unger lernt sie im Jahr 2000 kennen. Tabea nimmt ihn mit in eine evangelisch-methodistische Gemeinde. 2002 heiraten die beiden. Ihnen ist eine kirchliche Trauung wichtig, und so lässt sich Unger taufen. »Doch so richtig war ich damals noch nicht mit dem Herzen dabei«, gesteht »Rups«. Das ändert sich 2009 schlagartig. Damals kehren die Angstzustände zurück – schlimmer als je zuvor. Unger fängt an, regelmäßig zu beten: »Lieber Herr, wenn du mir jetzt hilfst, will ich dir mein Leben anvertrauen«, fleht er. Und tatsächlich legt sich die Panik. Gemeinsam mit Tabea besucht »Rups« im Oktober 2009 im Urlaub einen Gottesdienst in der Freien evangelischen Gemeinde in Burglengenfeld (Bayern). Am Abend sieht er Joyce Meyer im Fernsehen. Sie spricht über Thomas den Zweifler. Plötzlich wird Unger klar, dass er noch Vergebung von Schuld braucht. Er beichtet und lässt sich in der Naab taufen.

»Das Gefühl danach war unbeschreiblich. Ich spürte, wie mich der Heilige Geist überkam«, schildert Unger die Situation. Seitdem kann er nicht mehr ohne eine enge Beziehung zu Christus leben. 2012 nimmt er ein Soloalbum mit bekannten christlichen Liedern und einigen eigenen Titeln auf. Die CD verkauft sich so gut, dass sie viermal neu aufgelegt werden muss. Im Februar 2014 folgt dann ein Rückschlag: Als Unger mit einer Rückenmarksentzündung im Krankenhaus liegt, kehrt die Angst zurück.

Wieder sucht er Hilfe im Gebet, wieder spürt er den Heiligen Geist: »Vor allem der Vers Epheser 6,11 – in dem es um die geistliche Waffenrüstung geht – hat mir geholfen, die Panik wieder loszuwerden. Danach schrieb ich im Krankenhaus ein geistliches Lied nach dem anderen«, so Unger. Das Ergebnis wird man Ende des Jahres hören können. Dann erscheint sein neues Album, und »Rups« singt wieder für Jesus.

Dennis Pfeifer (idea)

www.thomas-rups-unger.de

Himmel und Erde küssen sich

9. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Popkultur: Siegerin einer Gesangsshow ist eine sizilianische Nonne

Ob sich da für einen Moment Himmel und Erde berührt haben? Was sonst kann es gewesen sein, das die italienischen Zuschauerinnen und Zuschauer der jüngsten Staffel der Gesangsshow »Voice of Italy« im Juni bewogen hat, die sizilianische Nonne Cristina Scuccia zur Siegerin zu küren? Und zwar mit deutlichen 62 Prozent der Stimmen.

Es ist unzweifelhaft: Die 25-Jährige ist begabt – mit einer starken Stimme und tänzerischem Talent. Das und ihr christlicher Glaube führten sie zur Musicalschule des Ursulinerinnen-Ordens nach Rom. Aber reicht das als Erklärung? Auch bei »Voice of Italiy« treten schließlich eine ganze Reihe von Talenten auf.

Auftritt der sizilianischen Nonne Cristina Scuccia. Foto: picture-alliance/dpa

Auftritt der sizilianischen Nonne Cristina Scuccia. Foto: picture-alliance/dpa

Darum hat bei der Entscheidung für Schwester Cristina vermutlich noch etwas anderes mitgespielt, das mehr gewesen sein dürfte als der Paul-Potts- oder Susan-Boyle-Effekt. Deren Auftritte hatten das Publikum einer britischen Castingshow vor wenigen Jahren millionenfach zu Tränen gerührt und aus zwei unbekannten Hobby-Sängern quasi über Nacht Weltstars gemacht.

Wenn jedoch eine Nonne in schwarzer Tracht mit Kruzifix um den Hals über die Bühne wirbelt und mit ebenso starker Stimme wie Ausstrahlung übrigens durchaus weltliche Popsongs zum Klingen bringt, dann hat das wohl doch noch eine andere Qualität: Schwester Cristina vereint zwei Welten – Showbusiness und Klosterleben, Popkultur und »Ora et Labora«, weltliche Eitelkeiten und christliche Demut.

Gerade das scheint das Publikum im Innersten berührt zu haben, ebenso wie die Jurymitglieder, auf deren Gesichtern sich ungläubiges Staunen breitmachte, als sie wie üblich die Sängerin erst nach dem Ende ihres ersten Auftritts zu sehen bekamen. So etwas hatte es noch nicht gegeben. Jedenfalls nicht im wahren Leben. Eine Nonne als Showstar. Das kannte man nur aus Hollywood: aus dem Musical »Sister Act«, das von einer als Ordensschwester verkleideten eher zweitklassigen Barsängerin erzählt, von ihrem Unterschlupf im Kloster und von der Macht der Musik.

Aber diese Nonne, die da im italienischen Fernsehen zu sehen war, war nicht verkleidet. Sie war echt. Authentisch. Glaubwürdig. Nicht nur in ihrem Gesang, auch in ihrer Botschaft. Weil sie die Aufforderung ihres Papstes ernst genommen hat, die Kirche solle mitten hineingehen in die Welt. Mitten hinein in die Welt: So hat es Schwester Cristina sogar geschafft, während einer Fernsehsendung mit dem Publikum das »Vaterunser« zu beten und dieses Gebet in Millionen von Wohnstuben hineinzutragen. Das war für die junge Sizilianerin wahrscheinlich der größte Erfolg.

Die singende Nonne verkörpert offenbar etwas, das hinausweist über unser irdisches Leben. Sie und ihr Erfolg lassen ahnen, dass viele Menschen die Sehnsucht teilen, für Momente die Banalität ihres Alltags hinter sich zu lassen, an etwas Höherem teilzuhaben. Auch die, denen ein personaler Gott und traditionelle Formen christlichen Lebens fremd geworden sind.

Schwester Cristina hat diesen Menschen etwas geschenkt, sie hat in ihnen etwas zum Klingen gebracht, dem man nur wünschen kann, dass es bleibt: das Gespür dafür, wie es ist, wenn sich Himmel und Erde berühren.

Annemarie Heibrock

Leila

1. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Eine Erzählung von Thomas Perlick

Luigi ist einundachtzig. Täglich läuft er zum Friedhof. Das Grab von Leila gibt es nun schon zwanzig Jahre.

Aber Leila ruht nicht. Leila tanzt. Früher auf Pferden, jetzt auf dem Friedhof. Tänzerinnen sterben erst, wenn keine Musik mehr spielt. Und die Musik spielt, solange Luigi lebt.

Leila tanzt auf dem Friedhof. Das ist mit dem Sterben gekommen. Damals war Nebel und die Zirkuswagen standen auf der dampfenden Wiese. Leila hatte ihr freches Haar noch einmal gekämmt und die Lippen tomatenrot gemalt.

»Schönes Mädchen«, hatte Luigi gesagt und seine Hände auf Leilas heiße Stirn gelegt. Und Leila hatte noch einmal getanzt im Liegen und mit offenem Mund und im Sterben nun. Dann war sie tot gewesen für alle anderen.

Für Luigi nicht.

»Du musst nur deine Musik spielen, Luigi«, hatte Leila gesagt. »Wenn du die Geige singen lässt, dann komme ich, um für dich zu tanzen, Luigi! Auch auf dem Friedhof. Du musst mich nur rufen.«

Seitdem läuft Luigi täglich mit seinem Geigenkasten zum Grab. Er ruft Leila mit seiner Himmelsvioline. Er hat sie ja immer musikalisch geliebt, in Moll, in Dur und auch in all dem Verrückten dazwischen. Trotzdem wurde Leila irgendwann todkrank. Aber sie war dem Sterben nicht bös.

»Mir reichen neunundvierzig Jahre«, hatte sie gesagt. »Ich habe mich rund gefressen am Leben.« Und dann erzählte Leila alles noch einmal. Nur dichter als sonst. Und dankbarer.

Zeichnung: Martin Max

Zeichnung: Martin Max

»Ach, Luigi! Schau nicht so traurig! Drei Männer hatte ich. Der erste war schön und zornig und hat mir viel angetan. Er hat die Frauen schwanger gemacht. So im Vorübergehen. Auch mich. Als das Kind kam, ist er weitergezogen. Aber ich musste ja noch ein bisschen leben-lieben. Also habe ich die Tür wieder aufgemacht und Johannes ist hereingekommen. Ein feiner, ein stiller und so schlimm verloren. Alles verschwand in seinen Sehnsüchten. Nichts hat er gelebt. Auch mich nicht. Er war nie da, wenn er da war und wenn er etwas sagte, dann schwieg er eigentlich. Sie hatten ihn als Kind zu sehr zu wenig geliebt. Sie haben ihm das Leben genommen vor der Zeit. Er hat es dann einfach nur noch beglaubigt mit einem Strick in der Scheune. Sie haben mich verflucht, weil ich es zugelassen habe.

Aber ich hatte ihm schon alle Wege gezeigt. Er wollte keinen von ihnen gehen. So fiel er zurück in das Nichts, aus dem er gekommen war. Ich konnte ihm kein anderes Leben geben. Er hätte sich auch das wieder selbst genommen. Ach Luigi! Es war gar nicht so einfach, von Johannes ein Kind zu bekommen. Aber ich habe es geschafft. Nun lebt das Kind und Johannes nicht. Und, ja, es ist besser so.

Ach Luigi, Luigi! Dann kamst du. Und du hast mich zur Tänzerin gemacht. Du, deine Geige, deine Hände und deine Stimme. Hast mir nicht gesagt, wie viele Frauen für dich getanzt haben. Ich wollte es auch gar nicht wissen. Hast nur gesagt: »Jetzt nur noch du, Leila. Immer du!« Damals hast du mir diesen Namen gegeben und einen Platz in deinem Zirkuswagen und eine Landschaft in dem einzigen Bett, das dort steht. Und wenn du Lust hattest, hatte ich sie auch, und wenn wir geschlafen haben, dann haben sich unsere Bäuche in unsere Rücken geschmiegt. Da war ich neununddreißig und du einundfünfzig. Du konntest mit deinen Händen mehr als andere mit ihrer Kraft.

Dann hast du mich gefügig gemacht für den Zirkus. Ich bin in kurzen Röcken in die Manege und die Männer haben schäumende Augen gehabt neben ihren Frauen. Es waren Augen wie vor Saalfenstern draußen, wenn drin der heiße Tango tanzt.

Ich habe meine Beine um die Pferderücken gespreizt und du hast mir den Handstand gezeigt und die Kunst, sicher zu fallen.

Die Männer haben mich gesehen in meinem Glitzerkörper und die Frauen dich mit deinen strammen Schenkeln. Aber du warst mein und ich dein wie im Kino, nur besser. Nur ehrlicher. Du hast mir gezeigt, wie alabastern mein Leib wird, wenn der Mond darauf spielt in deinem Zirkuswagen mit Fenster zum Himmel. Und ich habe dich gelehrt, die Häuser zu lieben, die nicht davon fahren und die sich gutmütig bewohnen lassen.

Mein drittes Kind kam zur Welt, dein erstes. Ach, Luigi!«

Luigi spielt seine Himmelsgeige auf dem Friedhof wie ein Zigeuner. Und er lacht dabei, denn Leila tanzt für ihn den Tanz des Lebens über den Gräbern des Todes.

Und immer sagt sie: »Luigi, ach Luigi! Drei Männer hatte ich. Und du warst der Einzige.«

»Mansfeldisch Kind«

24. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Reformation:  Museum »Luthers Elternhaus« wurde in Mansfeld eröffnet

Mit »Luthers Elternhaus« ist am 14. Juni das fünfte reformationsgeschichtliche Museum in Sachsen-Anhalt eröffnet worden. Es gibt Einblicke in die Kindheit und Jugend Martin Luthers und die Lebenswelt einer Familie um 1500.

Das Modell eines Vierseitenhofes zieht die Blicke der Besucher auf sich. Ein stattliches Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude gruppieren sich um einen geräumigen Hof. Der Besitz der Familie Luder aus dem thüringischen Möhra, die nach einem Zwischenaufenthalt in Eisleben 1484 hierher umgesiedelt war, weist auf eine wohlhabende Familie. Die Aussage Martin Luthers (1483–1546), wie er sich ab 1517 nannte, dass sein Vater ein »armer Heuer gewest« sei, trifft am Ende des 15. Jahrhunderts nicht mehr zu. Der Bürger Hans Luder hatte es zu Wohlstand und Ansehen in Mansfeld gebracht. Davon zeugt nicht nur das Anwesen, von dessen Wohnhaus ein Drittel mit einem Renaissance-Portal erhalten blieb, die Wirtschaftsgebäude aber verschwunden sind. davon zeugen ebenso die Bodenfunde aus der Mansfelder Altstadt – wie prächtige Ofenkacheln und nicht zuletzt die von halleschen Archäologen ausgegrabene »Speisekarte« der Familie. Auf der standen nicht nur Fleisch und Fisch, sondern regelmäßig auch Singvögel. Die archäologischen Funde machen etwa die Hälfte der 227 Exponate aus, die im Museum »Luthers Elternhaus« in der heutigen Lutherstraße ausgestellt sind.

Das Modell im Museumsneubau zeigt Luthers Elternhaus vor 500 Jahren. In den Vitrinen darunter und an den Wänden ringsum sind die Funde ausgestellt, die während der Ausgrabungen 2003/04 und 2008 zutage traten. Foto: Jürgen Lukaschek

Das Modell im Museumsneubau zeigt Luthers Elternhaus vor 500 Jahren. In den Vitrinen darunter und an den Wänden ringsum sind die Funde ausgestellt, die während der Ausgrabungen 2003/04 und 2008 zutage traten. Foto: Jürgen Lukaschek

»Mansfeld steht wieder auf der Luther-Landkarte«, so Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Das Museum sei weltweit der einzige Ort, an dem Luthers Kindheit und Jugend thematisiert werden. Der spätere Reformator lebte über 13 Jahre hier – und damit nach seinen 35 Jahren in Wittenberg die zweitlängste Zeitspanne seines Lebens.

Das am 14. Juni eröffnete reformationsgeschichtliche Museum besteht aus zwei Teilen. Der kubische Neubau nach einem Entwurf des Berliner Architektenbüros Anderhalten schließt eine Baulücke in einer Altbau-Häuserzeile und liegt dem originalen elterlichen Wohnhaus Martin Luthers gegenüber. Er besteht aus Stahlbeton. In die Fassade eingearbeitete Schieferstückchen sollen an die Mansfelder Schlacke, den Rückstand bei der Kupferverhüttung, erinnern. Rund 3,5 Millionen Euro kosteten die Bauarbeiten; das Ausstellungsbudget liegt bei rund 686 000 Euro. »Für Mansfeld ist die Eröffnung des Museums ein Riesenschritt nach vorn«, ist sich Bürgermeister Gustav Vogt sicher. Die Stadt, die gemeinsam mit der Stiftung Luthergedenkstätten Bauherr war, erhoffe sich davon mehr Besucher.

»Luthers Heimat sowie Kindheit und Jugend kamen in der Forschung und in der populären Kultur bislang zu kurz«, sagt Christian Philipsen, der zusammen mit Gaby Kuper Kurator der Schau ist. Ihr Motto – »Ich bin ein Mansfeldisch Kind« – stamme aus einem Brief Martin Luthers vom 7. Oktober 1545 an die Grafen von Mansfeld. Diese Worte sowie andere schriftliche Quellen und vor allem sein Handeln zeigten, dass sich Luther auch am Ende seines Lebens noch als Kind dieser Region begriffen habe.

Die Ausstellung – 600 Quadratmeter im Neubau und 80 Quadratmeter im Altbau – ist in mehrere Themenkomplexe untergliedert. Im Abschnitt »Aus gutem Haus« wird die Hauswirtschaft der Familie dargestellt, während das Kapitel »Schwere Arbeit« auf den Kupferschieferbergbau eingeht, dem die Region über Jahrhunderte ihren Wohlstand verdankte. Dem Hüttenmeister Luder und dem zeitweilig angespannten Verhältnis Martins zu seinen Eltern Hans und Margarete ist der Abschnitt »Wen der Berg ruft« gewidmet. Unter dem Thema »Meine Gnädigen Herren« informiert die Schau auch über die Mansfelder Grafen und die Beziehungen der Luthers zu ihnen. Das Kapitel »Sankt Georgs Stadt« ist Mansfeld und dem Schutzpatron, dem heiligen Georg, gewidmet. Das Kapitel »Mit Pauken und Chorälen« schließlich geht auf Martin Luthers harte Schulzeit und die Bildungsinhalte ein, zu der nicht nur das Lateinlernen, sondern auch der Chorgesang in der Pfarrkirche gehörte. Hier entwickelte der junge Martin wohl seine Liebe zur Musik.

Das Foyer des Neubaus wird von einem Panoramabild des Schlosses Mansfeld geprägt, wie es Luther seine Kinderjahre über vor Augen hatte, sowie von den einzig bekannten Gipsbüsten von Luthers Eltern aus dem Jahr 1933. Auf einem Stadtplan, den der Prediger Cyriakus Spangenberg (1528–1604) überlieferte, sind die Lutherorte Mansfelds multimedial präsentiert. Im Elternhaus Luthers liegt der Schwerpunkt auf der Geschichte der Luthermemoria im Mansfelder Land, die am 11. November 1562 mit einem Gottesdienst begannen. Mit dem jetzt eröffneten Museum bekommt die Erinnerung an das »Mansfeldisch Kind« eine neue Güte.

Angela Stoye

www.martinluther.de

Im Wettstreit um die Macht

16. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Präsentation:  Brandenburgs erste Landesausstellung stellt 200 Jahre preußisch-sächsischer Geschichte vor

Die Schau in Doberlug-Kirchhain erzählt von der schwierigen Nachbarschaft zwischen Preußen und Sachsen. Sie soll Gelegenheit bieten, auf ein wichtiges Stück Geschichte zurückzublicken – mit teils überraschenden Erkenntnissen.

Wallende Lockenperücken, prächtige Rüstungen, rechts Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg, links Johann Georg II. von Sachsen – Hand in Hand malte Johann Fink in einem großen Ölbild die beiden Nachbarn um 1660. Auch die Hofkünstler beider Herrscher arbeiteten mitunter Hand in Hand. Das zeigt ein Prunkgefäß aus vergoldetem Silber und Perlmutt, ein Nautiluspokal, entworfen von dem Dresdner Balthasar Permoser, den der Berliner Goldschmied Bernhard Quippe 1707 ausführte.

Doch das Band zwischen Preußen und Sachsen war keine reine Liebesbeziehung, sondern bedeutete immer auch Rivalität. Unter dem Titel »Preußen und Sachsen – Szenen einer Nachbarschaft« erzählt die erste Brandenburgische Landesausstellung auf 800 Quadratmetern Fläche von Höhen und Tiefen dieser Nachbarschaft. »Uns ging es darum, eine Beziehungsgeschichte zu zeigen«, erklärt Ausstellungskuratorin Anne-Katrin Ziesak. In sieben Kapiteln, »Szenen« genannt, beleuchtet die Ausstellung das Verhältnis zueinander.

Nachbarn und Rivalen: Johann Georg II. von Sachsen und Friedrich Wilhelm von Brandenburg auf einem Gemälde von Johann Fink/Fincke. Foto: Elke Estel / Hans-Peter Klut

Nachbarn und Rivalen: Johann Georg II. von Sachsen und Friedrich Wilhelm von Brandenburg auf einem Gemälde von Johann Fink/Fincke. Foto: Elke Estel / Hans-Peter Klut

Den Auftakt macht ein Grenzstein aus dem 16. Jahrhundert im Prolog. Erst ab 1635, mit dem Zugewinn der Lausitz, kommt Sachsen über eine längere Grenze mit Brandenburg in Berührung. In dieser Zeit wird auch Doberlug sächsisch. Die erste Szene »Partner und Rivalen« thematisiert Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Nachbarn um diese Zeit. Die reiche Messe- und Handelsstadt Leipzig etwa belegt die Vormachtstellung Sachsens gegenüber dem armen Nachbarn im Norden. Beide Herrscher eint jedoch ihr Streben nach der Königskrone.

Zu sehen ist die prunkvolle Krone des sächsischen Kurfürsten, der König von Polen wird, die preußische Krone, die sich der Brandenburger Friedrich III. 1701 in Königsberg aufs Haupt setzte, ist nur als Replik des verlorenen Originals ausgestellt. Die konfessionellen Folgen und den Umgang mit Minderheiten in den Urländern der Reformation beleuchtet das Kapitel »Glaubenssache«: Während die Untertanen lutherisch blieben, gehörte der brandenburgische Herrscher ab 1613 den Reformierten an, der sächsische Kurfürst musste mit Erhalt der polnischen Krone zum katholischen Glauben konvertieren.

Unter dem Titel »Glanz und Gloria« räumt die Ausstellung zugleich mit gängigen Klischees auf: Beide Herrscher bauten zur Sicherung ihrer Macht starke Armeen auf und verfolgten parallele Repräsentationsstrategien, etwa indem sie wertvolle Kunstsammlungen anlegten. Dabei konnte Sachsen auch von Preußen profitieren, wie eine ostasiatische Deckelvase von 1700 zeigt: Friedrich Wilhelm I., der wertvolle ostasiatische Porzellane sammelte, hatte sie seinem Kollegen nach Sachsen geschickt im Austausch für Soldaten. Sie erhielten fortan den Spitznamen »Porzellandragoner«. Das Bild des von den Preußen eroberten brennenden Dresden im Siebenjährigen Krieg markiert den Tiefpunkt der Nachbarschaft, der Stamm einer Jägereiche mit eingeschnitztem Wappen und den Namen der Teilnehmer einer letzten Jagd 1763 den Untergang der augusteischen Epoche in Sachsen, an der sich Preußen lange orientiert hatte.

Zu den außergewöhnlichen Exponaten zählen restaurierte Bahnen einer im Rokokostil reichbemalten Wandtapete aus dem nahegelegenen Schloss Ahlsdorf, die erstmals ausgestellt sind. Sie verweisen auf den künstlerischen Reichtum der Grenzregion um 1770. Ein eigenes Kapitel widmet sich dem Austausch zwischen Gelehrten und Künstlern in der Zeit der Aufklärung. So verbündete sich der Berliner Verleger Friedrich Nicolai mit seinem Leipziger Kollegen Philipp Erasmus Reich im Kampf gegen die Konkurrenz durch Raubdrucke.

Der Ausstellungsrundgang endet mit dem Untergang Napoleons und dem Wiener Kongress. Sachsen als Bündnispartner der Franzosen gehörte zu den Verlierern und musste große Gebiete wie die Niederlausitz an Preußen abtreten. Ein Prunkstück im letzten Kapitel stammt aus dem Besitz des französischen Chefunterhändlers Tallyrand: der Verhandlungstisch, an dem die Schlussakte des Wiener Kongresses unterzeichnet wurde.

Brandenburgs erste Landesausstellung im restaurierten Schloss Doberlug zeigt abwechslungsreich und pointiert, wie Macht und Politik, aber auch Kunst und Wissenschaften die nachbarschaftlichen Verbindungen zwischen Sachsen und Preußen über 200 Jahre prägten.

Sigrid Hoff  (epd)

Die Ausstellung ist bis 2. November dienstags bis freitags von 9 bis 18 Uhr sowie an Wochenenden und Feiertagen von 10 bis 18 Uhr im Schloss Doberlug zu sehen.

www.brandenburgische-landesausstellung.de

www.hbpg.de

Moderne trifft auf Mittelalter

8. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Ausstellung: Die »Glanzlichter« im Naumburger Dom vereinen Architektur und die Kunst der Glasmalerei

Die Architektur des Naumburger Doms bekommt Zerbrechliches und reichlich Farbe an ihre Seite. Die neue Sonderausstellung rückt eine besondere Kunstform in den Mittelpunkt: die Glasmalerei.

Nach der Landesausstellung »Der Naumburger Meister« 2011 bekommt die mächtige wie filigrane Architektur des Naumburger Doms Zerbrechliches und reichlich Farbe an ihre Seite. Die neue Sonderausstellung »Glanzlichter« rückt eine besondere Kunstform in den Mittelpunkt: die Glasmalerei. In Naumburg und an insgesamt vier weiteren Korrespondenzorten – dazu zählen die beiden Klosterkirchen in Schulpforte und Memleben, die Freyburger Stadtkirche St. Marien sowie der Merseburger Dom – werden 120 Stücke von 35 zeitgenössischen Künstlern gezeigt; darunter namhafte Vertreter wie Neo Rauch, Gerhard Richter, Markus Lüpertz oder Sigmar Polke.

Für Deutschland sei diese Ansammlung von Kunstwerken dieser Art bisher einmalig, meint Dr. Holger Kunde, Direktor der Vereinigten Domstifter und gemeinsam mit dem Franzosen Jean–Francois Lagier Kurator der Exposition. »Den Ursprung der Idee bildet eine Ausstellung in Chartres, wo 2012 ein Querschnitt der Glasmalerei der vergangenen 20 bis 30 Jahre gezeigt worden war«, erzählt Kunde. So unter anderem auch Werke des norddeutschen Künstlers Thomas Kuzio, der bereits Fenster für die Taufkapelle und die Krypta des Naumburger Doms angefertigt hatte. Und nicht nur Kuzio ist das Bindeglied zur zeitgenössischen Glasmalerei. Seit 2007 wird die Elisabeth-Kapelle mit Fenstern geschmückt, die nach Entwürfen des bekanntesten Vertreters der Neuen Leipziger Schule, Neo Rauch, gestaltet worden waren.

David Schnell, ohneTitel, freies Glasbild. Foto: Uwe Walter

David Schnell, ohneTitel, freies Glasbild. Foto: Uwe Walter

Im Gegensatz zu Chartres wolle man indes neue Wege gehen, meint der Stiftskustos. Während in Frankreich die Glasmalerei in einem einzigen großen Raum präsentiert worden war, werden nun die Fenster, Probefelder oder freien Glasbilder an zahlreichen exponierten Stellen im Dom-Areal, so auch im Kreuzgang und in der nahestehenden Marienkirche, in die Nähe zur Architektur gerückt. »Wir wollen den Stücken nicht nur mehr Platz geben, damit sie sich richtig entfalten können. Besonders spannend ist das Verhältnis zwischen der bereits bestehenden traditionellen Glasmalerei und den Werken der neueren Zeit. Es ist für uns ein interessantes Experiment«, bemerkt Kunde. Doch nicht nur dieser Gegensatz zwischen Alt und Neu macht jene Ausstellung unter der künstlerischen Leitung von Dr. Holger Brülls reizvoll. Schon zwischen den neuen Werken entstehen Kontraste – dank verschiedener Stile, Farben und Formen. Einige Glasmalereien erscheinen realistisch, andere wiederum abstrakt. Einige spielen bewusst mit Perspektive und Raum. Die Ausstellung sei mit großem Aufwand vorbereitet worden, so Kunde, nicht nur mit der Unterstützung der Glasateliers, sondern auch mit der finanziellen Förderung der Bundeskulturstiftung, der Kunststiftung Sachsen-Anhalts und Lotto-Toto.

Die Vereinigten Domstifter hoffen dabei nicht nur auf neue Besuchergruppen sowie angeregte Diskussionen – auch mit Blick auf die zeitgleich präsentierte Ausstellung »Welterbe? Welterbe!« im Naumburger Schlösschen zur Bewerbung der Region für den Unesco-Weltkulturerbe-Titel. Für die Kunstform Glasmalerei wünscht Kunde sich mehr Aufmerksamkeit: »Sie steht oft im Schatten der Architektur. Die Konzentration der Besucher liegt mehr auf den Stifterfiguren.« Perspektivisch gesehen sollen nach den Fenstern von Rauch und Kuzio künftig weitere moderne Glasmalereien unter anderem im Ostchor des Domes dauerhaft Einzug halten. Die Sonderausstellung wird von einem Veranstaltungsprogramm aus Vorträgen, Führungen und museumspädagogischen Angeboten umrahmt. Zudem ist ein Begleitband zur Schau erschienen.

Constanze Matthes

Die Ausstellung »Glanzlichter« im Naumburger Dom ist bis zum 2. November zu sehen. Der Dom hat täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. In der Klosterkirche Schulpforte beginnt die Ausstellung am 14. Juni und in der Klosterkirche Memleben am 21. Juni.

www.glanzlichter2014.de

Hinterm Kirchturmhorizont geht es weiter

3. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Der Vordenker der Wende Heino Falcke ist auch mit 85 Jahren kein bisschen leise und zeigt neue Wege für die Kirche

Dieser Mann hat Kirchengeschichte geschrieben: Der ostdeutsche Theologe und frühere Erfurter Propst Heino Falcke. Am 12. Mai ist er 85 Jahre alt geworden. Und wie sein soeben erschienenes Buch »Einmischungen« bezeugt, hat sich der Vordenker der kirchlichen Friedensbewegung und Friedlichen Revolution von 1989 keineswegs zur Ruhe gesetzt.

Rückblick auf die bewegte Geschichte der DDR-Kirche
Denn nicht nur ist dieses Buch mit Vorträgen und Aufsätzen ein Rückblick auf die bewegte Geschichte der DDR-Kirche, die Falcke entscheidend prägte. Es geht auch um die heutige Friedensfrage und den Auftrag der Kirche im real existierenden Kapitalismus.

Kultur-22-2014Heino Falcke fragt immer wieder nach Grundsätzlichem: Wie muss die Kirche aussehen, um Kirche Jesu Christi zu sein? Und er antwortet: Christsein heißt politisch sein, heißt einzustehen für Schwache und Ausgegrenzte, für friedliche Lösungen von Konflikten und gerechte Modelle des Zusammenlebens. Zu DDR-Zeiten führte das Heino Falcke zur Rede vom »verbesserlichen Sozialismus« und einer »Kirche für andere«. Heute fordert der sprachmächtige Theologe eine »Globalisierung mit menschlichem Antlitz« und die »Überwindung des hegemonialen Denkens«.

Falcke war und ist ein Kirchenmann mit scharfsichtigem Blick. Bis heute trägt er das unbequeme Erbe der Bekennenden Kirche in seine Zeit. Es wird deutlich: Ohne Dietrich Bonhoeffer wäre Falcke wohl nie der geworden, der er ist. Denn es war die Lektüre des Buches »Nachfolge« von Bonhoeffer, die den jungen Mann fesselte und 1946 zum Theologiestudium bewegte. Christlicher Glaube hat für ihn seither immer etwas mit Entscheidung und Entschiedenheit zu tun. Das Leben ebenso wie das Christsein solle der Mensch nicht in der Haltung des Zuschauers erleben, sondern als aktiv Handelnder und Gestaltender.

Minderheitensituation der Kirche annehmen
So entschloss sich Falcke nach dem Studium in Göttingen, in die DDR auszuwandern, um unter den schwierigen Bedingungen des Kommunismus Pfarrer zu sein. Er war sogar bereit, nebenher als Tischler zu arbeiten, als die Finanzlage der DDR-Kirche zunehmend schlechter wurde. Die Unterstützung der West-Kirchen verhinderte dies. Bis heute wirbt Falcke dafür, die Minderheitensituation der Kirche anzunehmen und ohne Privilegien eine vom Staat unabhängige, kritische Kirche zu sein. Immer ging es ihm um das Bonhoeffersche Anliegen, »das kleinkarierte Denken in Kirchturmhorizonten« zu weiten. So trug er in den 1970er und 80er Jahren beharrlich die Anliegen der Ökumenischen Versammlungen in seine Kirche, die immer wieder von einer Wagenburgmentalität bedroht war. Und heute predigt Falcke gegen die angebliche Alternativlosigkeit der Kriege und des kapitalistischen Wirtschaftens. Denn es gilt für ihn immer noch, was er 1987 seiner bedrängten Kirche zurief: »Eine Hoffnung lernt gehen – geht mit!«

Stefan Seidel

Heino Falcke: Einmischungen. Aufsätze, Reden und Vorträge aus 40 Jahren. Evangelische Verlagsanstalt, 352 S., ISBN 978-3-374-03739-1, 32 Euro.

Steuermann der Reformation

28. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Altenburg erinnert mit einer Sonderausstellung an Georg Spalatin, Freund Luthers

Ohne ihn wäre die Geschichte der Reformation womöglich eine andere. Trotzdem sind sein Name und sein Wirken nahezu in Vergessenheit geraten. Bis heute. Die Stadt Altenburg widmet Georg Spalatin (1484–1545), Gelehrter und Geistlicher, Berater und Chronist, nun eine Sonderausstellung. »Er ist eine faszinierende Gestalt und stand nicht hinter Martin Luther, sondern vielmehr neben ihm«, bemerkte Kurator Hans Joachim Kessler.

Im diesjährigen Themenjahr »Reformation und Politik« innerhalb der Lutherdekade erzählt die Exposition in insgesamt acht thematischen Ausstellungsräumen im Residenzschloss nicht nur vom Leben und dem intensiven Schaffen des im fränkischen Spalt 1484 als Georg Burkhardt geborenen und 1545 in Altenburg verstorbenen Freundes Luthers. Die Schau wirft einen Blick auf die politischen Verhältnisse im Heiligen Römischen Reich und im Kurfürstentum Sachsen sowie auf die Zustände am kurfürstlich-sächsischen Hofe, an dem Spalatin als Lehrer, Berater und Sekretär beschäftigt war. Sie beschreibt zudem Religiosität und Frömmigkeit am Vorabend der Reformation.

Die Reformation beeinflusste die Kunst. Auf diesen Tafeln wird über den Bildschnitzer Franz Geringswalde informiert. – Foto: Nicky Hellfritzsch

Die Reformation beeinflusste die Kunst. Auf diesen Tafeln wird über den Bildschnitzer Franz Geringswalde informiert. – Foto: Nicky Hellfritzsch

Rund 250 Exponate sind hier versammelt, darunter wertvolle Leihgaben aus zahlreichen Museen, Archiven und Sammlungen aus dem In- und dem Ausland. Zu sehen sind unter anderem Schriftzeugnisse, Kunstwerke und Gebrauchsgegenstände. Zu den bemerkenswertesten Schaustücken zählen der originale Grafikzyklus »Die Apokalypse des Johannes« von Albrecht Dürer sowie die Original-Bände der Chronik der Sachsen und Thüringer, von Spalatin verfasst und von der Cranach-Werkstatt mit kolorierten Federzeichnungen illustriert.

Hörstationen und virtuelle Rekonstruktionen auf Bildschirmen runden den informativen wie erlebnisreichen Besuch ab. Die Themenräume sind vor der Ausstellung teilsaniert und restauriert worden. Aus konservatorischen Gründen dringt kein Tageslicht ein, werden die Objekte mit LED-Beleuchtung ins rechte Licht gerückt. Der Versicherungswert aller Ausstellungsobjekte umfasst eine siebenstellige Summe. Rund 541 000 Euro haben der Freistaat Thüringen und die Stadt Altenburg in die Sonderausstellung investiert. »Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit und Verpflichtung zugleich. Wir wollen diesen Trumpf ausspielen«, erklärte Michael Wolf, Oberbürgermeister der Skatstadt Altenburg, die Wahl des Themas. Nicht nur werde Spalatin in der Geschichtsschreibung nicht richtig und umfassend dargestellt, die Reformation habe die Stadt im Osten Thüringens maßgeblich geprägt.

Ein Exponat hat ob seiner Größe nicht den Weg in das Residenzschloss gefunden und wird auf besondere Art präsentiert: die Stadtkirche St. Bartholomäi. Hier war Spalatin am 5. August 1525 zum evangelischen Pfarrer berufen worden. Mit einer künftigen Dauerausstellung soll über die Sonderschau im Schloss hinaus an den Steuermann der Reformation und deren Geschichte erinnert und an das Thema angeknüpft werden. Pfarrer Reinhard Kwaschik, der gemeinsam mit Koordinatorin Christine Büring und einer Gruppe ehrenamtlicher Helfer aus ganz verschiedenen Fachgebieten an der Ausstellung gearbeitet hat, hofft auf eine breite Wirkung der Exposition, an der in den kommenden Jahren weitergearbeitet werden soll. »Wir wollen weg vom Historismus. Uns ist es wichtig, den Weg in die Gegenwart und Zukunft zu schlagen und zu zeigen, wie lebendig Kirche und Glauben sind und wie die Reformation bis heute wirkt«, sagte Kwaschik. Rund um die Ausstellungen im Schloss und der Stadtkirche ist ein buntes und vielseitiges Veranstaltungsprogramm gestrickt worden, das sowohl Vorträge, Führungen und Schülerangebote als auch Pilgertermine und einen Rundweg zu Spalatins Wirkungsorten umfasst.

Constanze Matthes

Die Sonderausstellung »Georg Spalatin – Steuermann der Reformation« ist bis zum 2. November im Residenzschloss und in der St.-Bartholomäi-Kirche in Altenburg zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, jeweils von 9.30 bis 17 Uhr. Anlässlich der Exposition erschien ein Begleitband.

www.spalatin-2014.de

Grausam ist der Krieg

20. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Gottesdienst begleitet internationales Theaterprojekt in Gera

Eine blutverschmierte Folienlandschaft und eine völlig neue Sichtweise auf den Theaterraum erwarten die Besucher der aktuellen Inszenierung »Die Frauen von Troja« der Theater & Philharmonie Thüringen Gera-Altenburg. Die Besucher sitzen auf der Bühne mit Blick in den Theatersaal. Es wurde eine schockierende Kulisse geschaffen, die mit dem Inhalt des Stückes korrespondiert. Diese Produktion ist außergewöhnlich für die Theaterlandschaft. Schauspieldirektor Bernhard Stengele bringt reiche Erfahrungen bei der Umsetzung antiken Materials aus seiner Wirkungszeit in Würzburg mit und kann auf eine gute Zusammenarbeit mit Ulrich Sinn aufbauen. Er ist Altphilologe und hatte über zehn Jahre einen Lehrstuhl für klassische Archäologie an der Universität Würzburg inne. Für das Theater hat Sinn einen antiken Zyklus des Euripides ausgewählt, »Die Troerinnen« übersetzt und ist als wissenschaftlicher Berater zugleich der Projektleiter der aktuellen Inszenierung.

Die Frauen klagen an – Szene aus der internationalen Produktion »Die Frauen von Troja« am Theater Gera-Altenburg. Foto: Wolfgang Hesse

Die Frauen klagen an – Szene aus der internationalen Produktion »Die Frauen von Troja« am Theater Gera-Altenburg. Foto: Wolfgang Hesse

»Die Frauen von Troja« sind eine internationale Kooperation von Theater & Philharmonie Thüringen mit dem Tiyatro Medresesi S¸irince (Türkei) und dem Samos Young Artists Festival (Griechenland). Neben Gera und Altenburg wird die Inszenierung in der Türkei und auf Samos (Griechenland) gezeigt. Schauspielerinnen und Schauspieler aus der Türkei, Griechenland, Deutschland, Bulgarien und Burkina Faso gehören zum Ensemble und unternahmen gemeinsam eine Recherchereise an historische Orte des Euripides. »Während dieser Exkursion wurde allen Beteiligten unmissverständlich klar, wie aktuell das Stück in unsere Zeit passt«, sagt Sinn. »Wir erlebten Flüchtlinge aus Syrien und vom Krieg traumatisierte Frauen. Es gibt noch heute so viel Trennendes zwischen den Völkern. Erstaunt haben die Frauen aus der Türkei und aus Griechenland bei den Proben die gemeinsamen Wurzeln ihrer beiden Kulturen wiederentdeckt. Die Schrecken des Krieges sind nach dem Untergang Trojas allgegenwärtig. Euripides zeichnet die Situation und das Leid aus der Perspektive der Frauen, die zurückbleiben und ihrer Versklavung oder dem Tod ins Auge schauen. Stengele lässt die Wut der Frauen noch intensiver erscheinen, indem er den deutschsprachigen Text mit griechisch und türkisch gesprochenen Passagen verbindet. In einer Zeit, wo Kriege mit der Maßgabe, diese zu gewinnen, ausgelöst werden, stehen die Worte Euripides als Mahnung und Anklage: »Der Krieg kennt keine Sieger, denn jeder Krieg bringt nur Verlierer, vernünftig ist, wer keinen Krieg beginnt.«

Ein Theatergottesdienst in der Geraer Salvatorkirche gehört zum Begleitprogramm der Inszenierung. Die Kantorei St. Salvator unter Leitung von Mike Nych und Chorszenen aus »Die Frauen von Troja« werden im Gottesdienst zum Sonntag Kantate eine ganz besondere und spannungsvolle Verbindung eingehen. Pfarrer Frank Hiddemann wird in seiner Predigt die jüdisch-christliche Auffassung eines Gottes, der sich an Gerechtigkeit bindet, mit dem tragischen Geschichtsverständnis der Antike konfrontieren. Bernhard Stengele rückt in seiner Inszenierung die beiden Welten eher zusammen: »Wir haben relativ oft das Wort Götter durch Gott ersetzt, um den Namen ›Gott‹ auf der Seite der Gewinner anzuprangern. Alle sogenannten gerechten oder heiligen Kriege, ob nun von Muslimen oder Christen geführt, berufen sich bis heute auf Gott und da kommt bei mir das Gefühl auf: Hier stimmt etwas nicht.« Wolfgang Hesse

Bühnen der Stadt Gera, Großes Haus, 24. 5., 19.30 Uhr, 25. 5., 18.00 Uhr, 31. 5., 19.30 Uhr Kirche St. Salvator Gera

Die andere Seite der Reformation

13. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Ausstellung: Auf dem sächsischen Schloss Rochlitz werden die Frauen der Reformation geehrt

Eine Ausstellung auf Schloss Rochlitz stellt weibliche Persönlichkeiten des 16. Jahrhunderts vor. Im Fokus steht Elisabeth von Rochlitz.

Die Geschichte der Reformation in Deutschland wird bislang von Männern dominiert. Spätestens mit der aktuellen Sonderausstellung auf Schloss Rochlitz (Landkreis Mittelsachen) muss umgedacht werden. Unter dem Motto »eine STARKE FRAUENgeschichte« kann der Besucher auf dem für 18,5 Millionen Euro sanierten Schloss Lebenswege von Frauen des 16. Jahrhunderts verfolgen. Mit der am 1. Mai eröffneten Schau dürfte sich das Bild der Reformation als einem rein männlich geprägten Ereignis verändern. Bis Oktober werden rund 50 000 Besucher erwartet.

Insgesamt rund 300 Exponate zeigt die Reformationsausstellung, vor allem Gemälde und Dokumente. Foto: epd-bild

Insgesamt rund 300 Exponate zeigt die Reformationsausstellung, vor allem Gemälde und Dokumente. Foto: epd-bild

Im Fokus stehen unangepasste und lange Zeit vergessene Frauen der Reformation. Eine Ausnahme ist wohl Luthers Frau, die weithin bekannte Katharina von Bora (1499–1552). Die Ausstellung würdigt die ehemalige Nonne als Teil der reformatorischen Bewegung. Zu sehen sind etwa drei Kopien des Eherings der »Lutherin« aus Gold und Rubin von 1525 und ein Teil des Weihwasserbeckens aus dem Kloster Nimbschen bei Grimma, wo sie einst lebte.

Im Zentrum der Schau aber steht Herzogin Elisabeth von Rochlitz (1502 bis 1557), die vor Ort zwischen 1537 und 1547 wirkte und eine der einflussreichsten Frauen der reformatorischen Aufbruchszeit war. Die Tochter eines hessischen Landgrafen wurde bereits mit drei Jahren dem damals fünfjährigen Sohn Johann des sächsischen Herzogs Georg, einem Gegner der Reformation, versprochen. Im original erhaltenen Ehevertrag von 1505 sind zahlreiche Einzelheiten festgehalten. Kaum zu glauben, dass dieses Papier ihr später die persönliche Freiheit brachte. Denn Elisabeth überlebte ihren Mann und laut Vertrag durfte sie nach seinem Tod auf Schloss Rochlitz residieren. Die sogenannte Eheberedung würde heute rund zehn A4-Seiten füllen, sagt der Dresdner Historiker André Thieme. Vor allem wegen seiner Ausführlichkeit sei das Pergament so wertvoll.

Im Prolog der Ausstellung wird aber auch der zeitgenössische Protest aufgegriffen, etwa der von Femen in Paris. Nicht zuletzt erklären bewegte Comics die Errungenschaften der Reformation kurzweilig und witzig, auf eine angenehm unkonventionelle Weise. Hier wird Geschichte mit Strichmännchen verständlich erzählt. Auch Elisabeths Leben ist mit einem Comic animiert.

Insgesamt rund 300 Exponate zeigt die Reformationsausstellung auf rund 1 300 Quadratmetern. 200 Originale sind zu sehen, darunter vor allem Gemälde und Dokumente. 83 Leihgeber haben sich beteiligt.

Inhaltliche Grundlage der Präsentation sind zahlreiche überlieferte Briefe der Herzogin. Dabei stehe die Erforschung ihrer Korrespondenz erst am Anfang, sagt Thieme. Schätzungsweise 10 000 Briefe der Reformatorin, die für brisante Botschaften sogar eine Geheimschrift entwickelte, seien erhalten. Empfänger ihrer Schreiben waren etwa die mächtigsten Fürsten der damaligen Zeit.

Die wissenschaftliche Aufbereitung ist Thieme zufolge eine »Herkulesaufgabe«. Bisher seien erst etwa 200 Briefe ediert. Sie seien jedoch eine »fantastische Quelle für den höfischen Alltag und die damalige Mentalität«. Zugleich ermöglichten die Briefe eine späte Rehabilitierung der Elisabeth von Rochlitz, die 1537 in ihrem Gebiet die Reformation einführte.

Ein Höhepunkt der Ausstellung ist der Raum, wo die Reformatorin vermutlich ihre Texte verfasst hat. Neben einigen Originalen werden auch ihre einflussreichen Adressaten vorgestellt. »Die Briefe werden eine steile Karriere machen«, ist Thieme überzeugt. »Es wird keine Geschichte der Reformation mehr geben ohne die Elisabeth und ihre Briefe.«

Die Schau widmet sich auch der neuen Kunst der Reformationszeit, eine Folge veränderter Rollenbilder der Geschlechter. Die Frau als Verführerin spiele eine Rolle oder etwa die Familie als ein Ergebnis der reformatorischen Bewegung, so Kurator Dirk Welich. Auffallend für diese Zeit seien zahlreiche Darstellungen der biblischen Heldin Judith, die durch verführerische List dem assyrischen Heerführer Holofernes den Kopf abschlug und so eine ganze Stadt vor der völligen Zerstörung bewahrte. Zu sehen sind mehrere Judith-Gemälde, darunter von Lucas Cranach d. Ä. (1472 bis 1553), aber auch Darstellungen der Heldin auf Alltagsgegenständen wie Ofenkacheln oder Bierkrügen.

Katharina Rögner (epd)

Die Ausstellung »eine STARKE FRAUENgeschichte – 500 Jahre Reformation« auf Schloss Rochlitz ist vom 2. Mai bis 31. Oktober, täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Gastmahl bei Luthers

5. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Theaterspiel mit Drei-Gänge-Menü im Erfurter Lutherkeller

Die Ankündigung, Martin Luther und seine Frau Katharina würden anlässlich einer geselligen Tischrunde eheerprobt aus dem Nähkästchen plaudern, lockte am vergangenen Wochenende etliche Neugierige in den Lutherkeller. »Zu Gast an Luthers Tafel«, heißt eine Veranstaltung im Mittelalter-Restaurant unterhalb des ehrwürdigen Kaisersaals in der Erfurter Futter-
straße.

Katharina (Annette Seibt) und Martin Luther (Reiner Gabriel) heißen ihre Gäste herzlich willkommen. Foto: Michael Voigt

Katharina (Annette Seibt) und Martin Luther (Reiner Gabriel) heißen ihre Gäste herzlich willkommen. Foto: Michael Voigt

Plauderei und Geschwätz, lutherischer Ehekrach und Anekdoten rund um den großen Reformator stehen im Mittelpunkt des zweistündigen Essens. Zwischen den drei Menü-Gängen servieren Katharina (Annette Seibt) und Martin (Reiner Gabriel) ihre Ansichten über Zeit und Gesellschaft, schwelgen in Erinnerungen oder verteilen deftige Spitzen gegen Papst und Klerus. Das Theaterspiel (Regie: Harald Richter) lebt von der Einbeziehung des Publikums: Jeder Gast bekommt vor Spielbeginn eine Rolle zugeteilt und wird so zum Familienmitglied, Bediensteten, Mitstreiter oder sonstigen Bekannten der Luthers. Als dieser wird er auch zu kleinen Aktivitäten aufgefordert, muss in Anlehnung an den Wittenberger Thesenanschlag einen Nagel im Holz versenken, Kinderverse aufsagen oder bekommt ein Loblied gesungen. Durch die zugeteilten Rollen und das Improvisationstalent aller Beteiligten lebt das Lutherspiel und wird für die Akteure zu einem immer wieder überraschenden Abend.

Die Gäste stehen den Schauspielern in Witz und Spontanreaktionen kaum nach, stellen dem berühmten Paar manch schwierige Frage, kommen miteinander ins Gespräch und reden sich mit ihren Rollennamen an.

Ein Beitrag  zum Lutherjubiläum

Luthers Tischrunden – täglich versam­melte er zwischen 20 und 40 Gäste aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten zum Essen – sind ebenso berühmt wie Luthers schriftlich überlieferte Tischreden. Sie berichten nicht nur über den Theologen Luther, sondern auch über den Alltags- und Familienmenschen, den Grübler, den Liebhaber deutlicher Worte und deftiger Sprüche. Man erfährt zugleich auch Interessantes über Luthers Zeit, die Lebens- und Essgewohnheiten im ausgehenden Mittelalter.

»Der Abend ist unser Beitrag zum Lutherjubiläum«, erläutert der Geschäftsführer des Kaisersaales, Karl-Heinz Kindervater, die Idee zu dem Lutherspiel. »Wissensvermittlung über Luther verknüpfen wir mit Unterhaltung und Essen. Das Ganze richtet sich zwar in erster Linie an Touristen, aber auch Einheimische können von dem Abend viel mitnehmen.«

Gesättigt – nicht nur mit Wissen – wird man allemal. Was da in drei Gängen unter Federführung der tüchtig waltenden Hausfrau Katharina aufgetafelt wird, ist kaum zu schaffen. Auf den Begrüßungsschnaps folgt ein Graupensüppchen, der Hauptgang bietet Gebratenes mit Gemüse und »den letzten Schrei aus Spanien«: Erdäpfel. »Wird sich nicht durchsetzen«, meint Luther dazu, »aber ihr könnt’s ja mal probieren!«

Nach süßem Brei mit Fruchtsoße wird noch ein Kräuterschnäpslein gereicht, auf dass das Gastmahl wohl bekommt. Ein kommunikatives, unterhaltsames Erlebnis mitten im historischen Erfurt.

Katharina Hille

Nächster Termin: 9. Mai, 19 Uhr (Reservierung erforderlich, Telefon 03 61 / 5 68 82 05 oder unter www.lutherkeller.de, eine Buchung ist auch für Gruppen individuell möglich)

Am Ende der Spielzeit

30. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Eine Erzählung von Christoph Kuhn

In der Ausgabe Nr. 13 vom 30. März haben wir eine Erzählung von Theodor Weißenborn veröffentlicht. Damit haben wir in unserer Kirchenzeitung eine Reihe eröffnet, die in dieser Ausgabe ihre Fortführung erfährt. Monatlich einmal können Sie nun auf unserer Kulturseite etwas Literarisches lesen. Wir wollen dem vielfach geäußerten Wunsch unserer Leserschaft nach mehr Geschichten nachkommen.

Hier steckst du also«, sagt Tanja und geht auf den Tisch am Fenster zu, wo David sitzt und schreibt. Er sieht nur kurz vom Papier auf und hinaus zum Gewimmel der Straße.

Illustration: Steffi Kaiser

Illustration: Steffi Kaiser

Tanja setzt sich ihm gegenüber. »Dein Lieblingslokal? Bist du öfter hier?«
»Manchmal«, sagt er.
»Du haust nach jeder Probe und nach jeder Vorstellung sofort ab, und niemand weiß wohin …«
»Ist das ein Problem? Ich habe zu tun, wie du siehst.«
»Was schreibst du denn?«
»Darüber spreche ich erst, wenn’s fertig ist …«
»Geheimnisvoll wie immer, Jesus.«
Die Serviererin kommt, Tanja bestellt einen Rotwein. David sagt: »Nenn mich nicht Jesus, ich sag ja auch nicht Maria oder Mutti zu dir.«
Sie prostet ihm zu, trinkt. »Das
ist was andres, ich bin eine Fehlbesetzung, habe meine Mutterrolle nie akzeptiert.«
»Du merkst das zu spät, hättest es mit Gottfried verhandeln sollen. Aber sein Casting war schon okay, einen besseren Regisseur konnten wir nicht finden.«
»Wie man’s nimmt. Der Abend ist lang geworden, an dem wir ihn davon überzeugten, dass die letzte Aufführung mit dem Passahfest enden muss, mit der Auferstehung.«
»Ach, das habt ihr beschlossen, und die Hauptperson weiß noch nichts davon.«
»Wie denn, du bist ja nicht da, hältst dich von uns fern. Deshalb hab ich dich ja gesucht, um es dir zu sagen.«
»Die letzte Aufführung ist morgen. Denkst du, ich lerne bis dahin noch mehr Text?«
»Du hast keinen weiteren Text. Nur wir reden. Reden über deine Auferstehung, über dich …«
»Wie immer, hinter meinem Rücken.«
»Und dann brechen wir auf.«
»Wer wir? Aufbrechen?«
»Wir alle, unsere Gruppe und viele aus dem Publikum, du wirst sehen, wie wir dir alle folgen.«
David lacht auf. »He, sag mal, spinnst du jetzt total! Wohin sollte mir jemand folgen?«
»Der Weg ist das Ziel der Wanderschaft.«
Tanja hat ihr Glas ausgetrunken. David blickt sie entgeistert-belustigt an, wedelt sich mit der Hand vorm Ge-
sicht herum. »Wandern! Querfeldein, durch Wald und Flur, die Autobahn entlang …«
»Wir können auch den Theaterbus nehmen, je nachdem.«

Er antwortet nicht, schreibt weiter. Tanja bestellt sich noch ein Glas. »Weißt du, wie sie alle, wie wir alle, auf dich stehen! Du weißt es nicht, weil du uns meidest, weil du nicht auf die Leute achtest. – Ich will dich dann auch nicht länger stören.«

David wird laut: »Was redest du für ein Zeug! Das Spiel ist morgen aus. Ich hab getan, was ich konnte, und wenn jemand denkt, ich predige weiter, hat er sich getäuscht. Und mir folgt auch niemand nach. Weil ich hierbleibe.«

Tanja sagt ruhig: »Du hast einfach keine Ahnung, wie sehr die Leute auf dich gewartet haben, wie wichtig du bist. Jesus – zwei Millionen Ergebnisse zeigt Google an. Es steht geschrieben, und du sagst es selbst, dass der Sohn Gottes wiederkommt. Ich wusste es schon in Israel, wo wir alle zusammen waren, am See Genezareth, auf dem Ölberg, in Jerusalem, dass du der richtige bist.«

Fassungslos starrt er auf die Zeitung, die Tanja ihm über den Tisch schiebt, mit einem großen Foto von ihm und der Schlagzeile Jesus – wer, wenn
nicht er!

Daneben liegt der Text, an dem er arbeitet: die Geschichte eines Jesus-Darstellers, der das Spiel Wirklichkeit werden lässt. Er merkt, über Heilkraft zu verfügen und fordert die Menschen, denen er geholfen hat auf, ihm zu folgen.

»Du hast keine Wahl, kannst dich nicht verweigern«, sagt Tanja und geht.

Außergewöhnlich für ihre Zeit

23. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Frauen der Reformation: Felicitas von Selmnitz (1488 bis 1558)

Felicitas von Selmnitz‹ Leben als Adlige verlief zunächst in geordneten Bahnen. Sie wurde 1488 in Liederstedt in der Nähe von Allstedt an der Un­strut geboren. Ihr Vater und später ihr Mann waren Verwalter des Kurfürsten von Sachsen auf Schloss Allstedt. Nach ihrer Hochzeit mit dem Witwer Wolf von Selmnitz 1507 lebte Felicitas von Selmnitz mit ihrer Familie auf der Vitzenburg.

Vier ihrer Kinder starben frühzeitig. Da ihr Mann aufgrund seiner finanziellen Verpflichtungen als Oheim seiner Neffen die Vitzenburg verpachten musste, zog die Familie 1516 in ihr Anwesen nach Glaucha bei Halle.

Als ihr Mann 1519 auf einer Hochzeit hinterrücks erstochen und sie mit 31 Jahren Witwe wurde, kamen die gewohnten Lebensstrukturen ins Wanken.

Noch im selben Jahr floh sie mit ihren Söhnen vor der Pest und musste erleben, dass zwei daran starben. Nun war sie mit ihrem zweitgeborenen Sohn Georg allein.

Glücklicherweise half ihr Schwager Bastian von Selmnitz beim Durchsetzen ihrer Witwenansprüche – die Neffen verweigerten ihre Oheimpflichten gegenüber ihrem Sohn Georg. 1520/21 zog sie mit ihrem Sohn endgültig in ihr Anwesen nach Glaucha und schickte ihn mit 13 Jahren auf die Schreib– und Rechenschule nach Halle. Von ihm lernte sie mit 35 Jahren das Lesen und Schreiben.

Elisabeth Opitz, die Autorin des Beitrages als Felicitas von Selmnitz bei der Eröffnung des Feicitas- von-Selmnitz- Hauses Ende Januar in Halle. Foto: Burkhard Dube

Elisabeth Opitz, die Autorin des Beitrages als Felicitas von Selmnitz bei der Eröffnung des Feicitas- von-Selmnitz- Hauses Ende Januar in Halle. Foto: Burkhard Dube

Es ist anzunehmen, dass Felicitas die politische Lage sehr bewegte, waren doch ihr Schwager Bastian von Selmnitz und ihre Stieftöchter bereits 1521 zum neuen reformatorischen Glauben übergetreten. Auch hatte sie durch Thomas Müntzer, der für ein Vierteljahr als Hilfsprediger am Zisterzienserkloster in Glaucha angestellt war, viele Glaubenseinsichten gewonnen. Zu Weihnachten 1522 ließ sie sich mit ihrem Sohn durch Thomas Müntzer das Abendmahl in beiderlei Gestalt geben. Damit bekannte sie sich offiziell zum reformatorischen Glauben.

Wie glücklich mag sie dann gewesen sein, in den Besitz von Luthers Übersetzung des Neuen Testamentes – dem sogenannten Septembertestament – zu kommen und es auch noch selber lesen zu können! So musste sie wohl aus tiefstem Herzen und mit Freude all die Lesespuren hinterlassen haben, die wir heute in einigen der verbliebenen 362 Bücher aus dem Besitz ihrer Familie in der Marienbibliothek zu Halle finden können.

Als sie ihrem Neffen 1528 auf dem Sterbebett das Abendmahl in beiderlei Gestalt reichen ließ, drang Kardinal Albrecht sie, ihrem Glauben abzuschwören oder die Stadt zu verlassen. Obwohl Martin Luther in einem Brief ihr riet auszuhalten, floh sie im Frühjahr 1528 nach Wittenberg, wo sie sich sicher fühlte. Ihr Sohn immatrikulierte sich 1529 an der Universität.

Durch die Studien der reformatorischen Schriften konnte Felicitas von Selmnitz Anteil an den Disputen der Reformatoren nehmen und war eine hoch angesehene Frau in deren Freundeskreis. Sie übernahm Patenämter in den Familien Luther, Jonas, Bugenhagen und Cruciger. Buchgeschenke und Widmungen von Justus Jonas und Martin Luther geben Zeugnis davon. So können wir in der Lutherbibel die eigenhändige Widmung Luthers nachlesen: »Der Erbarn tugendsamen frawen felicitas von Selmenitz meiner Lieben gevattern.«

Im Jahr 1547 kehrte Felicitas von Selmnitz nach Halle zurück, da ihr Sohn eine Anstellung in Merseburg fand. Mit 70 Jahren starb sie am 1. Mai 1558.

Ihr Sohn erwarb auf dem Stadtgottesacker in Halle eine Grabstelle und ließ dort ein Epitaph für sie, seinen Vater und seine schon früh verstorbenen Geschwister errichten, der noch heute zu sehen ist.

Elisabeth Opitz

Von Beruf Pfarrer

15. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Der Beruf des Pfarrers steht im Mittelpunkt eines Dokumentarfilmes, der am 6. April in Halle seine Kinopremiere erlebte. Die Filmemacher Chris Wright und Stefan Kolbe haben ein Jahr lang eine Gruppe junger Frauen und Männer in der Endphase ihrer Ausbildung zum Pfarrer begleitet. Nach dem akademischen Studium ging es nun um die praktische Ausbildung im Vikariat. Der Ort des Geschehens ist das Predigerseminar in Wittenberg, direkt am Lutherhaus gelegen, sowie die Schlosskirche am anderen Ende der Innenstadt. Seit 10. April ist der Dokumentarfilm »Pfarrer« in den Kinos.

Filmszene. Foto: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Filmszene. Foto: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Das Einüben des liturgischen Singens, das Verfassen von Predigttexten und die Gestaltung der Gottesdienste sind die äußeren Handlungsfelder, die von den Filmemachern aus nächster Nähe erfasst werden. Noch größeren Raum nehmen die Gespräche der angehenden Pfarrer untereinander und das jeweils formulierte Selbstverständnis und Glaubensbekenntnis ein. Auch die zuweilen auftauchenden Selbstzweifel werden thematisiert.

Den für das Vikariat am Predigerseminar typischen Ordnungspunkten des Tages folgend, zeigt der Film besondere Momente wie das Morgenlob, die Andacht oder das Abendmahl, aber ebenso das Beisammensein am Grill oder den Spaziergang an der Elbe. Zwischendurch werden ästhetische Akzente gesetzt durch Nahaufnahmen von Blüten oder der Skulptur der Katharina von Bora, ein Blick aus dem Fenster die Collegienstraße herunter oder Details aus dem Inneren der Kirche geben Raum, das Gesehene und Gehörte zu reflektieren.

Ein einziges Mal kommt es zu einem kurzen Disput zwischen dem Filmemacher Chris Wright, der seine atheistische Position benennt, und einigen der Vikare, doch zu einer tiefer gehenden inhaltlichen Auseinandersetzung zweier Sichtweisen auf Gott und die Welt kommt es nicht. Dafür sind zum einen die Vikare als Gruppe viel zu stark, zum anderen sind sie deutlich besser in der Lage, ihren Glauben und ihre Überzeugungen in Worte zu fassen.

Die stärksten Momente hat der Film durch seine visuellen Stimmungen und wenn die Momente des gemeinsamen Singens mit viel Einfühlungsvermögen dargestellt werden.

Zu Beginn heißt es, Wittenberg hat nichts mit der Realität zu tun, womit der Alltag eines Pfarrers gemeint ist, und auch gegen Ende des Films werden die paradiesischen Zustände in Wittenberg angesprochen. Es ist ein Hinweis darauf, dass die wirklichen Bewährungsproben allen angehenden Pfarren noch bevorstehen und so endet der Film im Abspann mit den Terminen der jeweiligen Ordination, die in einem Fall offenbleibt.

Mathias Tietke

Offizieller Kinostart für »Pfarrer« war am 10. April. Der 90-Minuten-Film wird unter anderem in Berlin, Dresden, Düsseldorf, Halle, Magdeburg, Wittenberg, Bremen und Erfurt gezeigt.

Im Fernsehen ist die mit Unterstützung des MDR entstandene Produktion voraussichtlich nächstes Jahr zu Ostern bei arte zu sehen.

Seitenblick auf Land und Kirche in der DDR

8. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Comments Off

Porträt:  Der renommierte Kirchenhistoriker Peter Maser gehört dem wissenschaftlichen Beirat zur Lutherdekade an

Das Spezialgebiet des Wissenschaftlers Peter Maser ist neben der christlichen Archäologie die Kirche in der DDR. Nicht zuletzt aus eigener bitterer Erfahrung.

Sein Leben wäre einen Roman wert oder eine Autobiografie. Peter Maser hat viel zu erzählen. Seine Erlebnisse und Erfahrungen spiegeln auf besondere Weise die geschichtlichen und politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts wider. Der 70-jährige Wissenschaftler erforscht Geschichte und ist selbst Teil von ihr.

Peter Maser wünscht sich, dass das Reformationsjubiläum 2017 ein gesamtgesellschaftliches Ereignis wird und nicht in »Luther-Verdruss« endet. Foto: Torsten Biel

Peter Maser wünscht sich, dass das Reformationsjubiläum 2017 ein gesamtgesellschaftliches Ereignis wird und nicht in »Luther-Verdruss« endet. Foto: Torsten Biel

Im August 1943 in Berlin geboren, zählt Maser seit vielen Jahren zu den anerkannten Kirchenhistorikern des Landes. Sein Spezialgebiet ist neben der christlichen Archäologie die Kirche in der DDR. Obwohl seit 1977 in der BRD wohnend. »Ich warf immer einen Seitenblick auf das Land und seine Kirche«, sagt Maser. Vor wenigen Jahren kehrte er zurück an die Stätte seiner Kindheit, die sein weiteres Leben maßgeblich beeinflusst hatte.

Peter Maser wuchs im Kurort Bad Kösen nahe Naumburg auf. In den Wirren der letzten Kriegsmonate ging er als kleines Kind während der großen Flucht aus den Ostgebieten gen Westen verloren. Seine Mutter war mit ihm in den Osten geflohen, um sich vor den verheerenden Bombenangriffen auf Berlin zu schützen. Als Kriegsfindelkind nahm ihn die Pfarrersfamilie Bertheau auf. »Diese Zeit hat mich sehr geprägt. Ich hatte ein sehr enges Verhältnis zu meiner Pflegefamilie«, blickt der gebürtige Berliner zurück. An seine Geburtsstadt hat er indes kaum noch Erinnerungen.

Auf der Landesschule Pforta bekam er als Jugendlicher den Konflikt zwischen Staat und Kirche zum ersten Mal deutlich zu spüren. Schon nach zwei Jahren verließ er die Schule. Sein schwerwiegender Fehler: Als sogenannter Kulturbeauftragter hatte er den Besuch des Weihnachtsoratoriums im Naumburger Dom organisiert.

In der Domstadt besuchte er anschließend das kirchliche Proseminar, nachfolgend nahm er ein Theologiestudium an der Universität Halle auf. Seine wissenschaftliche Karriere in der DDR schien nahezu geebnet. Er wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter und promovierte. Als Doktorvater wusste Maser den bekannten Ikonenforscher Konrad Onasch an seiner Seite.

Doch die Staatssicherheit hatte schon früh ein Auge auf den Theologen geworfen. »Ich wurde gleichzeitig von sechs Stasi-Spitzeln überwacht«, erzählt Maser. Von politischer Seite wurden seine wissenschaftlichen Ambitionen blockiert. Er stellte einen Ausreiseantrag. Seine Arbeit verlor er daraufhin. Gemeinsam mit seiner

Frau Malwine, ebenfalls eine Theologin, und den beiden Kindern Jakob und Rebekka, übersiedelte Maser in den Westen. Dort wurde er Mitarbeiter des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche Deutschlands und lehrte bis zu seiner Emeritierung 2008 an der Universität Münster. In den 90er Jahren wirkte Maser in der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur Aufarbeitung der Folgen der SED-Diktatur. Mit diesem Amt erhielt er Einsicht in besondere Akten und Archive. Seine folgenden Recherchen bereiteten selbst ihm so manche Überraschungen – mit Blick auf das angespannte Verhältnis zwischen Staat, Partei und Kirche in der DDR.

»Ich war sehr überrascht, wie stark durchsetzt die Kirche von Mitarbeitern der Staatssicherheit war, wie viel die Stasi wirklich gewusst hat«, bemerkt der Wissenschaftler. Auch die besondere Rolle der Kirche bei politischen Geschäften zwischen DDR und BRD versetzte ihn in Erstaunen. Nicht minder, dass die Kirche in den 50er Jahren wegen des politischen Druckes der Partei nahezu vor ihrem Ende stand und erst auf einen Wink aus Moskau hin die SED-Staatsführung von ihrem Kurs abließ.

Seit dem vergangenen Jahr gehört Peter Maser dem 24-köpfigen wissenschaftlichen Beirat der Lutherdekade an, der neben dem Kuratorium und dem Lenkungsausschuss als weiteres Gremium die Vorbereitung von Veranstaltungen und Ausstellungen begleitet. Sein Wissen über das Luther-Gedenkjahr 1983 in der DDR ist in sein Buch »Mit Luther in Butter?« geflossen. Das erste Material dafür sammelte der Autor in den 80er Jahren.

Das mehr als 570-seitige Werk widmet sich der Struktur und Rolle der Kirche in der DDR und beleuchtet mit Hilfe zahlreicher Quellen die Geschehnisse rund um das Jubiläumsjahr 1983. Damals wurden weit vor der friedlichen Revolution schon erste Anzeichen einer Krise in der DDR deutlich. Vor allem aufgrund der aufkommenden Friedens-, Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen, die nicht zuletzt bei den Feierlichkeiten und Kirchentagen jenes Jahres wichtige Kontakte untereinander knüpfen konnten.

Beim Jubiläum 2017 sollte nicht Luther, sondern vielmehr die Reformation, ihre Auswirkungen auf Europa und die Geschichte der Nationalstaaten, vor allem auch jener Osteuropas, im Mittelpunkt stehen, meint Maser. »Ich hoffe, ich kann diese Perspektive einbauen und dazu beitragen, dass die Themen aufgearbeitet werden.« Sein Wunsch: 2017 sollte als gesamtgesellschaftliches Ereignis die ganze Bevölkerung einbeziehen und von ihr wahrgenommen werden, ohne dass die Feierlichkeiten einen Event-Charakter annehmen und einen Luther-Verdruss, wie es ihn nach dem 1983er-Gedenkjahr gegeben hatte, bescheren.

Constanze Matthes

Buchtipp:
Maser, Peter: »Mit Luther alles in Butter?« Das Lutherjahr 1983 im Spiegel ausgewählter Akten, Metropol-Verlag, 576 S., ISBN 978-3-86331-158-2, 29,90 Euro

Nachtigallen, Tagtigallen

1. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Comments Off

Vor 100 Jahren starb Christian Morgenstern

Er war einer der großen Humoristen unter den deutschen Lyrikern, ein Sprachschöpfer, der eine komisch-surreale Welt erfand. Vor 100 Jahren, am 31. März 1914, starb Christian Morgenstern im Alter von 42 Jahren. Sein Vorbild war Wilhelm Busch. Er selbst wurde zum Anreger für Dada-Poeten und Kabarettisten, für Dichter wie Joachim Ringelnatz, Ernst Jandl oder Robert Gernhardt, für Heinz Erhardt und Loriot.

Morgensterns humoristische Gedichte, gesammelt in »Galgenlieder«, »Palmström«, »Palma Kunkel« und »Der Gingganz« spielen in einer fantastischen Welt, in der es von seltsamen Gestalten nur so wimmelt.

Treffend ist Morgensterns Widmung für die »Galgenlieder«, frei nach Nietzsche: »Dem Kind im Manne«. Gemeint ist die Freiheit der Kinder, der Jungen wie der Mädchen, mit der Sprache zu spielen, Geschichten zu erfinden, eine eigene Logik zu entwickeln, die dem ra­tionalen Denken der Erwachsenen fremd ist. Auch der Tod ist in vielen Versen so selbstverständlich wie das Leben.

Es gibt bei ihm aber auch den reinen, intelligenten Sprach-Witz, zum Beispiel im berühmten Gedicht »Das aesthetische Wiesel«: »Ein Wiesel / saß auf einem Kiesel / inmitten Bachgeriesel. / Wißt ihr /weshalb? / Das Mondkalb / verriet es mir / im Stillen: / Das raffinier- / te Tier / tat’s um des Reimes willen.«

Morgenstern kam am 6. Mai 1871 in München zur Welt. Nach einem abgebrochenen Jurastudium in Breslau zog er 1894 nach Berlin und schrieb für Kulturzeitschriften wie »Neue deutsche Rundschau«, »Jugend« oder »Freie Bühne«. Ab 1897 arbeitete er auch als Übersetzer der skandinavischen Schriftsteller August Strindberg, Henrik Ibsen und Knut Hamsun.

Christian Morgenstern

Christian Morgenstern

1903 wurde er Redakteur der Zeitschrift »Das Theater« im Verlag Bruno Cassirer. Parallel zu seiner Brotarbeit hat er schon ab 1895 Gedichtbände herausgebracht. Am bekanntesten und erfolgreichsten wurden die »Galgenlieder«. Insgesamt erschienen 15 Gedichtsammlungen bis zu seinem frühen Tod 1914 in Meran. Er starb an Tuberkulose, an der er lange gelitten hatte und die ihn immer wieder zu Kuraufenthalten zwang.

In diesen von Krankheit bestimmten Jahren fand Morgenstern zur Religion, und er schloss sich der Anthroposophischen Gesellschaft von Rudolf Steiner an. 1910 heiratete er seine Freundin und Mitarbeiterin Margareta Gosebruch. Sie gab später aus dem Nachlass weitere Lyriksammlungen heraus, darunter auch heute weithin vergessene Liebes- und Naturgedichte.

Morgensterns Nonsens-Verse stecken voller Seitenhiebe gegen Bürokraten, Schwätzer, Ideologen, Politiker. Und sie sind erstaunlich hellsichtig in ihrer Welterklärung.

Christian Morgenstern ist auch ein Vorläufer der konkreten Poesie: »Fisches Nachtgesang« besteht nur aus kleinen Strichen und konkaven Bögen, so angeordnet, dass sie den Umriss eines Fisches ahnen lassen. Stiller kann ein Gedicht nicht sein, Morgenstern selbst nannte es »das tiefste deutsche Gedicht.«

Wilhelm Roth (epd)

Die Antipoden der Reformation

25. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Comments Off

»Vom Lärm der Welt oder Offenbarung des Thomas Müntzer« – Uraufführung am Deutschen Nationaltheater Weimar

Die Dualität und die Widersprüche von Thomas Müntzer und Martin Luther sind nicht nur historischer, sondern auch gegenwärtiger Zündstoff. Daran knüpft im Deutschen Nationaltheater Weimar (DNT) das Dramaturgenteam von Beate Seidel und Hans-Georg Wegner an. Die Produktion »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« bildet den Auftakt eines Zyklus spartenübergreifender Inszenierungen, der sich unter der Überschrift »Existenz-Resistenz« in den kommenden Spielzeiten mit Eckpunkten deutscher Geschichte in Verbindung zu konkreter Weimarer Stadthistorie beschäftigen wird, erläutert Dramaturgin Beate Seidel. Dramaturg Hans-Georg Wegner fügt an, vor allem das theologische Thema von Luthers »Zwei Reiche Lehre« habe für den Kompositionsauftrag ein zentrale Rolle gespielt. Herausgekommen ist ein neuartiges Stück, das vor allem mit den Elementen des Theaters spielt. Da mischen sich Oper und Schauspiel, aber auch Popelemente.

Bei der Probe des Stückes »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« am Deutschen Nationaltheater Weimar. Foto: Deutsches Nationaltheater Weimar

Bei der Probe des Stückes »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« am Deutschen Nationaltheater Weimar. Foto: Deutsches Nationaltheater Weimar

Inhaltlich wird gezeigt, wie Martin Luther und Thomas Müntzer die beiden Antipoden der Reformation sind. Sie sind die Protagonisten des eigens für diese Produktion entstandenen Textes des Theologen und Lyrikers Christian Lehnert. Der eine setzt auf Reformen, ohne dass das soziale Gefüge zerstört würde, der andere will die Zerstörung, um grundsätzlich neu anfangen zu können, so sieht es Dramaturg Hans-Georg Wegner.

Collagenartig folgt das Stück den Spuren der Umwälzbewegungen im 16. Jahrhundert und spiegelt deren weitreichende Folgen bis in die Gegenwart. 1525 fragt ein Junge am Grab seines im Bauernkrieg gefallenen Vaters nach dem Zweck seines Sterbens.

Ein zum Islam konvertierter deutscher Dschihadist fragt, was für Zeichen unsere Welt aus den Angeln heben kann und stellt einen Rucksack in den belebten Bahnhof einer deutschen Großstadt. Und drei Dämonen wandeln durch die Geschichte. Beobachtet wird dies alles von einer jungen Frau, die sich die Frage stellt: Darf Frau in dieser Welt einem Kind das Leben schenken?

Hasko Weber, Intendant des DNT Weimar, übernimmt die Inszenierung. Die Musik stammt aus der Feder des mehrfach mit dem Echo Klassik ausgezeichneten Komponisten und Musikproduzenten Sven Helbig, der sich mit Cross-over-Projekten von Orchester- und elektronischer Musik einen Namen gemacht hat.

Sven Helbig ist aufgewachsen in Eisenhüttenstadt und er entdeckt die klassische Musik als Kind eher zufällig. Nach dem Musikstudium in Dresden zieht Sven Helbig nach New York. Der Ruf zum Dozenten an der Dresdner Hochschule »Carl-Maria von Weber« führt ihn zurück. Hier komponiert er das Chorwerk »Da wird auch dein Herz sein« für 250 000 Stimmen zum Kirchentag 2011.

Das Libretto hat Christian Lehnert getextet. Er studierte Evangelische Theologie an der Universität Leipzig und an der Humboldt-Universität Berlin und wirkte von 2000 bis 2008 als Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Seit 2008 ist Christian Lehnert Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt in Wittenberg. Im Juni 2012 übernahm er die Geschäftsführung des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands an der Universität Leipzig.

Es singen und spielen Steffi Lehmann, Birgit Unterweger, Jörn Eichler, Christoph Heckel, Bastian Heidenreich, Robert Huschenbett, Bjørn Waag, Michael Wächter, der Opernchor des DNT Weimar und die Staatskapelle Weimar. Die musikalische Leitung hat Stefan Solyom. Dieses Stück ist ein Beitrag zur Lutherdekade.

Thomas Janda

Das Stück »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« wird am 28. März, 19.30 Uhr im Deutschen Na­tionaltheater Weimar uraufgeführt. Weitere Termine: 30. März, 5., 10. und 17. April jeweils 19.30 Uhr.

www.nationaltheater-weimar.de

Zwischen Idyll und Sündenfall

16. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Comments Off

Ausstellung: Farbenmagier und Nazi-Emil – die Emil-Nolde-Retrospektive weicht auch den dunklen Seiten nicht aus

Das treffendste Wort für die Beschreibung von Leben und Werk des Malers Emil Nolde ist wohl in der Tat »Vielschichtigkeit«. Eine große Retrospektive in Frankfurt geht diesen Schichten nach und fördert durchaus auch Dunkles zutage.

Als Hans Emil Hansen wurde er am 7. August 1867 im Dorf Nolde im deutsch-dänischen Grenzgebiet geboren. Später nannte sich der Künstler nach seinem Geburtsort Emil Nolde. Sein Malstil, der Züge des Impressionismus mit dem expressiven Ausdruck der klassischen Moderne vereint, begeistert bis heute ein großes Publikum. »Der große Farbenmagier« wurde er genannt, der in kühnen Farbkompositionen Blumen und Gärten, die große Weite des Himmels und das Ungestüm des Meeres seiner schleswig-holsteinischen Heimat, aber auch Figuren und Porträts auf den Malgrund bannte.

Nolde selbst kokettierte damit, dass die Bibel das einzige Buch sei, welches er je ganz gelesen habe. Das Gemälde  »Verlorenes Paradies« entstand 1921. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

Nolde selbst kokettierte damit, dass die Bibel das einzige Buch sei, welches er je ganz gelesen habe. Das Gemälde »Verlorenes Paradies« entstand 1921. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

Schon zu Lebzeiten gehörte Nolde zu den ebenso umstrittenen wie erfolgreichen Künstlern. Seit 1915 huldigten jährliche Ausstellungen seinem Werk, in der Zeit der Weimarer Republik gehörte er zu den bekanntesten und bestverkauften Künstlern des Landes. Seine Bilder wurden nicht nur von Privatsammlern erworben, auch in Museen und öffentlichen Sammlungen hielten sie Einzug.

Facetten seines Werkes widmen sich bis heute nicht nur die jährlichen Ausstellungen in seinem letzten Wohnort Seebüll im äußersten Norden Schleswig-Holsteins. Mit der jetzt im Städel-Museum in Frankfurt am Main eröffneten Retrospektive allerdings wird erstmals seit mehreren Jahrzehnten ein Gesamtüberblick über das Lebenswerk gegeben. Mehr als 110 Gemälde, Aquarelle und Druckgrafiken, davon viele erstmals außerhalb Seebülls oder von Privatsammlungen ausgestellt, zeigen die Vielschichtigkeit des Lebenswerkes wie auch der inhaltlichen Thematik.

Einen wichtigen Platz nehmen dabei Noldes religiöse Bilder ein. Gleich drei Säle widmen sich den vom Neuen Testament inspirierten Bildern. Für Nolde selbst waren sie ein »Markstein« seiner Kunst. Entstanden nicht als Metaphern, sondern als Ausdruck »persönlicher Offenbarung« und »leibhaftigen Erlebens«. Auch wollte er damit bewusst einer Verengung seiner öffentlichen Wahrnehmung als »Blumen- und Landschaftsmaler« entgegenwirken.

»Großer roter Mohn«: In seinen letzten Lebensjahren bis 1956 entstanden vor allem wundervolle Aquarelle. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

»Großer roter Mohn«: In seinen letzten Lebensjahren bis 1956 entstanden vor allem wundervolle Aquarelle. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

Das besondere Verdienst der Frank­furter Ausstellungsmacher aber ist wohl, in den Begleittexten und -veranstaltungen auch die dunklen Schichten in Noldes Leben nicht auszublenden. Geprägt von einer stark deutsch-nationalistischen Haltung fand er ebenso wie seine dänische Ehefrau Ata erhebliche Schnittmengen mit der Ideologie des Nationalsozialismus. Nicht nur, dass Nolde wie mache anderen Intellektuellen und Künstler Deutschlands die Machtergreifung Hitlers voller Enthusiasmus begrüßten. Nein, gern wäre er mit seiner nach eigener Aussage »wahrhaft deutschen Kunst« zum künstlerischen Paladin der Diktatur geworden. Was zunächst gar nicht ausgeschlossen schien, gehörten doch auch Nazigrößen zu seinen Verehrern.

Dass sich im Streit um die nationalsozialistische Kunstpolitik letztlich Hitlers spießiger Geschmack durchsetzte, verhinderte dies allerdings nachhaltig. Noldes Werk wurde als »entartet« klassifiziert, seine Werke in Museen beschlagnahmt. In der von Goebbels inszenierten Femeschau »Entartete Kunst« war Nolde prominent vertreten.

Was freilich dessen Begeisterung für Hitler keinen Abbruch tat, sondern das NSDAP-Mitglied Nolde immer wieder neu um seine Rehabilitierung kämpfen ließ. Kaum auszuhalten ist es, wenn er etwa seinen künstlerischen Konflikt mit Max Liebermann und der Berliner Sezession von 1910 zum »Kampf gegen die Vorherrschaft des Judentums in der deutschen Kunst« stilisierte. Selbst vor antisemitischer Denunzierung seines Malerkollegen Max Pechstein schreckte Nolde nicht zurück.

Was spricht angesichts solcher Verirrungen eigentlich noch für Nolde? Zum einen die Tatsache, dass der um Anerkennung Buhlende dennoch seinen den Nazis so verhassten Malstil nicht änderte. Und dann natürlich die Fülle seiner wunderbaren Bilder, die den Weg nach Frankfurt allemal lohnen.

Harald Krille

Die Ausstellung «Emil Nolde. Retrospektive» ist bis zum 15. Juni 2014 dienstags, mittwochs, sonnabends und sonntags von 10 bis 18 Uhr sowie donnerstags und freitags von 10 bis 21 Uhr im Städel-Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main, zu sehen. Zur Ausstellung sind ein Katalog und ein Begleitheft erschienen

Webfilm zur Ausstellung

www.staedelmuseum.de

»… das Herz rühren«

10. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Comments Off

Vor 300 Jahren wurde der Komponist Carl Philipp Emanuel Bach geboren

Wer heute »Bach« sagt, meint seinen Vater. Doch zu Lebzeiten war Carl Philipp Emanuel Bach sogar berühmter als Johann Sebastian. Der Sohn war Hofcembalist in Berlin und Musikdirektor in Hamburg. Vor 300 Jahren wurde er in Weimar geboren.

Carl Philipp Emanuel Bach, Büste im Schauspielhaus Berlin. Foto: Wikipedia

Carl Philipp Emanuel Bach, Büste im Schauspielhaus Berlin. Foto: Wikipedia

Die Musik war ihm in die Wiege gelegt. Am 8. März 1714 wurde Carl Philipp Emanuel Bach in Weimar geboren, als zweitältester Sohn Johann Sebastian Bachs. Bereits mit elf Jahren konnte er die Cembalo-Musik des Vaters fließend vom Blatt spielen. In dessen Fußstapfen stieg er aber zunächst nicht: Auf Wunsch des Vaters begann Carl Philipp Emanuel 1731 ein Jura-Studium, zunächst in Leipzig, dann in Frankfurt/Oder.

Doch schon sein Studium finanzierte der 20-Jährige mit Musik. Er gab Cembalo-Unterricht, dirigierte und komponierte. Und hatte wenig Lust auf ein Advokatenleben: Mit 24 wurde er vom damaligen preußischen Kronprinzen Friedrich als Cembalist ins mecklenburgische Ruppin berufen. Und als der Prinz 1740 König wurde, folgte ihm der junge Bach als fest angestellter Konzertcembalist an die Hofkapelle in Berlin.

In Berlin entstanden ab 1740 die sechs Preußischen Sonaten, ab 1742 die sechs Württembergischen Sonaten. Sie gelten als die wichtigsten Zeugnisse der neuen Stilrichtung »Empfindsamkeit«: »Mich deucht, die Musik müsse vornehmlich das Herz rühren, und dahin bringt es ein Clavierspieler nie durch blosses Poltern und Trommeln, wenigsten bey mir nicht«, schrieb Carl Philipp Emanuel Bach. Und: »Aus der Seele muss man spielen und nicht wie ein abgerichteter Vogel.«

In den 28 Jahren seines Hofdienstes in Berlin wurde »CPE Bach« zu einem der bekanntesten »Clavieristen« Europas. Er schrieb mehr als 100 Sonaten und Solowerke, darunter das »Magnificat« (1749), mehrere Sinfonien und Konzerte sowie etliche weltliche Kantaten und Liederbücher. 1753 erschien sein Buch »Versuch über die wahre Art das Klavier zu spielen, mit Exempeln und 18 Probestücken in sechs Sonaten erläutert«. Es avancierte zu einem der wichtigsten Dokumente über das musikalische Denken im 18. Jahrhundert.

Die Zeitgenossen rühmten ihn. »Er ist der Vater, wir die Bub’n«, urteilte Wolfgang Amadeus Mozart: »Wer von uns was Rechtes kann, hat von ihm gelernt.«

Trotz wachsender Berühmtheit vermisste Carl Philipp Emanuel in Berlin zunehmend die Wertschätzung des Königs. Nach dem Tod seines Vaters bewarb er sich 1750 vergeblich um dessen Nachfolge als Thomaskantor in Leipzig. Als mit dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) das höfische Leben in Berlin nahezu zum Erliegen kam, begann Bach, seinen Wirkungskreis zu vergrößern. Er unternahm Reisen zu Freunden in Hamburg, Bückeburg und Eisenach, gab Konzerte in Gotha und Kassel.

1767 starb in Hamburg sein Patenonkel Georg Philipp Telemann, von dem er den zweiten Vornamen hatte. Telemann hatte Bach die Nachfolge gesichert: Am Ostersonntag 1768 übernahm Carl Philipp Emanuel das Amt als Kantor der Gelehrtenschule Johanneum und städtischer Musikdirektor an den fünf Hauptkirchen. Hier gehörten 200 Konzerte zum jährlichen Pensum, vor allem an den vielen kirchlichen Feiertagen.

Doch in der bürgerlich geprägten Kaufmannsstadt wurden auch Festmusiken zu Jubiläen, Amtseinführungen und Feiern jeder Art erwartet – eine immense Arbeitsbelastung. An den Orgeln der Hauptkirchen wurde Carl Philipp Emanuel daher nicht so oft gesehen, und auch an der Lateinschule des Johanneums konnte er sich vertreten lassen. Den gewaltigen Rest bewältigte er dadurch, dass er nicht selten vorhandenes Material neu zusammensetzte, eigenes und fremdes. Auf diese Weise bot er dem Publikum ein breites Musik-Spektrum.

Viele seiner Stücke waren auch kommerziell erfolgreich und machten ihn weithin bekannt.

Doch Bach hatte das Pech, zwischen den Epochen zu stehen – er war das Musikgenie im Übergang vom Barock zur Klassik. Als man Mitte des 19. Jahrhunderts die große Musik seines Vaters wieder zu entdecken begann, geriet der Sohn zunehmend in Vergessenheit.

Carl Philipp Emanuel Bach starb am 14. Dezember 1788 in Hamburg, sein Grab befindet sich noch heute in der Krypta der Hauptkirche St. Michaelis (»Michel«). In dem Nachruf einer Tageszeitung stand damals, er sei »eine der größten Zierden der Tonkunst« gewesen, dessen Kompositionen »immer neu, unerschöpflich, groß und kraftvoll bleiben werden«.

Klaus Merhof (epd)

Mutter der Collage

3. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Comments Off

Im Herzoglichen Museum wird an die vor 125 Jahren in Gotha geborene Hannah Höch erinnert

Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands«, lautet der Titel ihres vielleicht bekanntesten Werkes, das 1920 auf der Ersten Internationalen Dada-Messe in Berlin gezeigt, später zu einer Art »Ikone des Dadaismus« wurde und inzwischen in der Deutschen Nationalgalerie Berlin hängt: Hannah Höch (1889–1978). Sie war die erste Dadaistin und gilt als Wegbereiterin der Collage.

Hannah Höch: Vor der Kathedrale, 1950, Collage auf Karton. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Lutz Ebhardt

Hannah Höch: Vor der Kathedrale, 1950, Collage auf Karton. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Lutz Ebhardt

Der 125. Geburtstag der aus Gotha stammenden Künstlerin bietet den äußeren Anlass, ihr facettenreiches Werk stärker ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen und in umfangreichen Ausstellungen zu würdigen. Den Anfang machte im Januar die Londoner Whitechapel Gallery, in der bis 23. März mehr als 100 Arbeiten aus dem 60-jährigen Schaffen der Künstlerin gezeigt werden.

Unter dem Titel »Hannah Höch – Aufbruch in die Moderne« folgte Mitte Februar das Herzogliche Museum ihrer Geburtsstadt mit einer Auswahl, die von frühen Versuchen bis hin zu späten Kreationen reicht und bis 4. Mai zu sehen ist. Auch das dritte Themenjahr der »Dada-Dekade 2022« ist der Jubilarin gewidmet. Es steht unter dem Motto »Hoch – Höher – Höch! Dada mit Hannah aus Gotha« und gipfelt am 10. Mai in einem klingenden Umzug durch die Residenzstadt.

Hannah Höch verbrachte die ersten 22 Jahre ihres Lebens in Gotha. Danach ging sie nach Berlin, um sich ganz der Kunst zu widmen. Dort lernte sie 1915 den bereits verheirateten Raoul Hausmann kennen und ging mit ihm eine siebenjährige Liebesbeziehung ein. In dieser Liaison entwickelten sie stilistisch die Fotomontage. Diese erschien ihnen als geeignetes Mittel, den politischen Zeiterscheinungen mit Spott zu begegnen und bissig den Geist der Zeit zu attackieren.

Für Hannah Höch war die Collage ein Arbeitsmittel, das sie durchgängig bis in ihre späten Jahre nutzte. Zu den Glanzlichtern gehört dabei das 1950 entstandene Bild »Vor der Kathedrale«. Den besonderen Reiz der Gothaer Ausstellung macht aus, dass nicht nur die Avantgardistin Hannah Höch zu erleben ist, sondern auch die bodenständige Zeichnerin und Malerin, die es schon in jungen Jahren verstand, Motive aus der Natur und dem Alltag stimmungsvoll mit Farbstiften, Tusche oder Pastellkreide »einzufangen«.

Besonders eindrucksvoll ist das Aquarell »Fackelzug« (1906/08), das eine in Richtung Horizont wegziehende Menschenmenge zeigt.

Michael von Hintzenstern

Herzogliches Museum Gotha, Bis 4. Mai, täglich 10 bis 16 Uhr, ab 1. April: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr

Ungebetene Gäste

24. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Comments Off

Experten suchen Ursachen von Pilzbefall an Kirchenorgeln

Dass Kirchenorgeln nach Jahrhunderten wegen mechanischer Schäden repariert werden müssen, ist bekannt. Doch in jüngster Zeit sind auch neuere Instrumente bedroht: Schimmel an Pfeifen verändert den Ton und verursacht enorm hohe Reinigungskosten.

Steile, schmale Treppchen führen durch das Innere der Orgel, links und rechts stoßen die Ellbogen an Balken. Es riecht nach Holz und Staub. In der Ladegast-Orgel des Merseburger Doms lauert der Feind versteckt. An den Querstreben zwischen den Holz- und Metallpfeifen taucht er auf: der Schimmelpilz. Die größte Gefahr seien Anhaftungen an den Pfeifen, sagt Christoph Zimmermann, Orgelreferent der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Dombaumeisterin Regine Hartkopf begutachtet das Innenleben der Ladegast-Orgel des Merseburger Doms auf der Suche nach Schimmelpilzen. Foto: epd-bild

Dombaumeisterin Regine Hartkopf begutachtet das Innenleben der Ladegast-Orgel des Merseburger Doms auf der Suche nach Schimmelpilzen. Foto: epd-bild

Ohne Säuberung verändert der Schimmel den Ton. Wenn er nicht beseitigt wird, bildet der Pilz schließlich Kolonien. Die Konsequenz: Jede einzelne Pfeife muss entnommen und gereinigt werden. »Da können je nach Größe der Orgel leicht Kosten in einem fünfstelligen Euro-Betrag zusammenkommen«, sagt Zimmermann. Im Extremfall kann eine Orgel nicht mehr gespielt werden – für die jährlichen Merseburger Orgeltage wäre das eine Katastrophe.

Das Instrument im Dom umfasst rund 5 700 Pfeifen. Es wurde von dem bekannten Orgelbaumeister Friedrich Ladegast (1818–1905) geschaffen und 1855 feierlich in Betrieb genommen als erste romantische Großorgel in Mitteldeutschland.

Als Problem tauchte Schimmelpilz an Kirchenorgeln erst in den vergangenen Jahren auf. Um die Ursachen herauszufinden, plant die mitteldeutsche Kirche ein Forschungsprojekt. Aus den Ergebnissen sollen Gegenstrategien entwickelt werden.

Feuchtigkeit, Temperaturschwankungen und mangelnder Luftaustausch zählt Zimmermann als mögliche Ursachen für die Schimmelbildung auf. »Bislang sind das aber alles nur Vermutungen«, räumt der Fachmann ein. Schwierig ist eine Beurteilung auch, weil Angaben über einen Befall aus vergangenen Jahrhunderten fehlen. Die Anzahl von Kirchenorgeln auf dem Gebiet der mitteldeutschen Kirche schätzt Zimmermann auf 4 000. Vielleicht 100 davon könnten von Schimmelpilzen akut befallen sein.

Bei der Merseburger Domorgel wurde vor wenigen Jahren erstmals Schimmelbefall entdeckt. Die Pilze wuchsen auf dem Staub, der das Holz überzog. Bei einer mikrobiologischen Untersuchung seien rund 15 verschiedene Pilzvarianten festgestellt worden, berichtet Dombaumeisterin Regine Hartkopf. »Wenn sich über Jahrzehnte Staub ansammelt, wächst auch der Schimmel«, warnt Hartkopf.

»Schimmel an Orgeln ist ein in wachsendem Maße ernst zu nehmendes Problem«, sagt Martin Ammon, der das gemeinsame Büro der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Stiftung Orgelklang in Hannover leitet.
Zwar existierten bereits Merkblätter und Handreichungen zu Ursachen und Bekämpfung des Schimmels, über das genaue Ausmaß lägen jedoch keine verlässlichen Daten vor.

Orgeln sind wartungsbedürftige Instrumente, der finanzielle Aufwand ist erheblich, erläutert der Theologe. Nach aktuellen Förderanträgen sind seinen Angaben zufolge für Sanierungen durchschnittlich 123 000 Euro pro Instrument notwendig. Schätzungen zufolge gibt es deutschlandweit insgesamt 50 000 Orgeln in katholischen und evangelischen Kirchen. Etwa ein Fünftel davon stammt aus der Zeit vor dem 19. Jahrhundert.

Im sachsen-anhaltischen Merseburg bleiben die Experten am Ball. Schließlich soll 2015, wenn der 1 000. Jahrestag der Grundsteinlegung für die ottonische Vorgängerkirche gefeiert wird, auch die Domorgel sauber klingen.

Karsten Wiedener (epd)

www.ekmd.de
www.stiftung-orgelklang.de

Ausflug in die Belle Époque

18. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Comments Off

Ausstellung in Jena widmet sich der Schönheit

Was ist schön? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Ausstellung »Frauenschönheit. Ideal und Wirklichkeit in der Belle Époque« im Stadtmuseum Jena. Als Belle Époque werden die 30 Jahre etwa zwischen 1884 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 bezeichnet. Eine Zeit des Umbruchs, der Erneuerung, der Suche nach dem Schönen. Schön ist, wer gesund, natürlich und schlank ist, so die Antwort in dieser Epoche auf die Frage nach Schönheit. Wie die Präsentation veranschaulicht, hat das aktuelle Schönheitsideal seine Grundlage in der Belle Époque. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erwacht das Interesse am menschlichen Körper, an seiner ästhetischen Vervollkommnung und Pflege. Lebensreformer, Künstler und Mediziner entdeckten den Körper in einem ganzheitlichen Sinn und sagten der körperfeindlichen Haltung, wie sie im Wilhelminischen Zeitalter bestimmend war, den Kampf an. Dieser galt beispielsweise einem Kleidungsstück, dem Korsett, in das sich Frauen zwängten, um dem damaligen Schönheitsideal zu entsprechen.

Hammelkeulenkleid auf einem Modeblatt, 1896. Foto: Stadtmuseum Jena

Hammelkeulenkleid auf einem Modeblatt, 1896. Foto: Stadtmuseum Jena

Die Lebensreformer und Künstler der Belle Époque orientierten sich an den griechischen Skulpturen der Antike, die sie als Vorbilder für Schönheit betrachteten.

Während bis Anfang des 20. Jahrhunderts Frauen hochgeschlossene Kleider trugen, unbedeckte Körperteile tabu waren, so änderte sich dies in der Belle Époque. Der natürliche nackte Körper sollte als schön betrachtet und enthüllt werden. Es etablierten sich Kulturveranstaltungen, in denen nackte Frauen als »lebender Marmor« auftraten. Sie trugen ein weißes Ganzkörper-Make-up und arrangierten sich in der Stellung antiker Statuen. Zu den Möglichkeiten der Abbildungen wie Malerei und Bildhauerei gesellte sich die Fotografie. Mit der Einführung der Postkarte wurden 1870 die Voraussetzungen geschaffen, Akte auf Fotografien auch einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Mit dem neuen Bewusstsein für den Körper entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Bewegung, für die rationelle Schönheitspflege sowie Leibesertüchtigung eine große Rolle spielten. Wie die Schau zeigt, eroberte eine umfangreiche Ratgeberliteratur über Körperpflege, Ernährung und Hygiene den Markt. Propagiert wurde eine Lebensweise, die viel Bewegung an der frischen Luft beinhaltete. Um gesund, schön und schlank zu sein, wurden den Frauen Sportarten wie Bergsteigen, Schwimmen und Tennis empfohlen.

In diesem Zusammenhang weist die Ausstellung auch auf rassistische Gesichtspunkte im Nationalsozialismus.

Zwei Räume laden zu einer amüsanten Modenschau ein. Zur Frauenmode der Belle Époque gehörte die Turnüre, ein halbkreisförmiges Gestell über dem Gesäß. Eine solche ist in der Ausstellung zu betrachten ebenso wie Blusen mit Ballonärmeln und Hammelkeulen.

Anlass für die Ausstellung in Jena ist eine große Sammlung an Kleidern und Textilien aus der Jahrhundertwende. Um diese zeigen zu können, begab sich das Stadtmuseum auf die Suche nach dem weiblichen Schönheitsideal dieser Zeit. Eingeladen wird zu einem aufschlussreichen und vergnüglichen Ausflug in die Belle Époque, die von einem Wandel der Werte und Normen gekennzeichnet war.

Sabine Kuschel

Die Granaten-Bibel

9. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Comments Off

Die digitale Bibliothek Europeana zeigt private Erinnerungsstücke an den Ersten Weltkrieg

Der Infanterist Kurt Geiler schlief fest, als die Granate in den Unterstand einschlug. Seit fast vier Jahren lag Geiler in den Schützengräben von Verdun im Nordosten Frankreichs, wo sich der deutsche Angriff in einem Stellungskrieg festgefahren hatte. Die Granate explodierte und verteilte ihre tödlichen Splitter.

Über Geiler brach das Inferno aus. Stützbalken zerbarsten, Erde und Dreck krachten herunter. Schlaftrunken rettete sich der 23-Jährige ins Freie. Überall lagen Tote und Verwundete, aus dem Inneren des Unterstandes ertönten die Schreie der Verschütteten. Nur Geiler blieb unverletzt.

Die Fotos von der Bibel sind in dem digitalen europäischen Archiv zu sehen. Foto: epd-bild

Die Fotos von der Bibel sind in dem digitalen europäischen Archiv zu sehen. Foto: epd-bild

Später sammelte er seine Habseligkeiten in den Trümmern zusammen und fand dabei auch seine Bibel wieder. Ein zwei Finger breiter, scharfkantiger Granatsplitter hatte sich in das Buch gebohrt. Wie immer hatte Geiler das Buch zum Schlafen unter seinen Kopf gelegt. Das hatte ihm das Leben gerettet. Das war 1917.

Die Fotos von der Bibel sind in dem digitalen europäischen Archiv »europeana1914–1918.eu« zu sehen. Mit dem im März 2011 gestarteten Projekt »Erster Weltkrieg in Alltagsdokumenten« will die europäische digitale Bibliothek Europeana die privaten Erinnerungen von Menschen verschiedener Nationen an diese »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« sichern und öffentlich zugänglich machen. Zum Jubiläumsjahr wurde das Portal in Berlin offiziell freigeschaltet.
Unter Federführung der Staatsbibliothek Berlin wurden seit 2011 europaweit Hunderttausende Zeitdokumente aus der Zeit des Ersten Weltkrieges digitalisiert und eingestellt. Allein 400 000 Dokumente kommen aus zehn europäischen Nationalbibliotheken und Archiven. Zudem sind 90 000 private Dokumente und Erinnerungsstücke aus zwölf europäischen Ländern sowie über 660 Stunden Filmmaterial aus 21 europäischen Filmarchiven zu sehen.

Für die Digitalisierung privater Erinnerungsstücke und Dokumente wurden bislang über 130 Aktionstage, sogenannte collecting days, veranstaltet, darunter in Deutschland, England, Luxemburg, Irland, Slowenien, Dänemark, Belgien, Zypern, Italien, Frankreich, Rumänien und der Slowakei. Koordiniert wird das Projekt in Deutschland von dem Historiker Frank Drauschke vom Historical Research Institute Facts & Files in Berlin.

Seit 2011 wirbt Drauschke unermüdlich in zwölf europäischen Ländern dafür, private Erinnerungsstücke aus dem Ersten Weltkrieg digitalisieren zu lassen oder sie eigenständig in der Datenbank online zu stellen. Gesucht und erfasst wird alles: Feldpostbriefe, Orden, Tagebücher, Fotos, Filme, Tonaufnahmen und die dazugehörigen persönlichen Geschichten. »Jeder, der persönliche Erinnerungsstücke an die Zeit zwischen 1914 und 1918 besitzt, ist weiterhin eingeladen, sich zu beteiligen«, sagt Drauschke.

Die Geschäftsführerin der Europeana Foundation, Jill Cousins, spricht von einer Ressource, die es in diesem Ausmaß in Europa bisher noch nicht gegeben habe. »Zudem hat es unsere Länder in bemerkenswerter Weise zusammengebracht«, betont Cousins. Die ursprüngliche Idee für die virtuelle Sammlung stammt von der Oxford University, die 2008 in Großbritannien dazu aufrief, das Great War Archive um private Exponate zu ergänzen. Finanziert wird die Europeana aus EU-Mitteln und Mitteln der jeweiligen Länder.

»Mein Vater war schon als frommer Mann in den Krieg gezogen«, erinnert sich der Sohn des Infanteristen Kurt Geiler, Gottfried Geiler, heute in Leipzig. Dass die Bibel ihn »im wörtlichen Sinne rettete«, habe ihn natürlich darin bestärkt, auch wenn er später noch zweimal verwundet werden sollte, davon einmal schwer. Aber Kurt Geiler überlebte den Krieg. Die Bibel mit dem Granatsplitter bewahrt sein Sohn sorgfältig in einer Kiste auf. Dass sie und diese Geschichte seines Vaters durch das Internetportal nun zum Teil eines europäischen Gedächtnisses geworden ist, findet der 86-Jährige großartig.

Christoph Roch (epd)

www.europeana1914-1918.eu

Die Stadt der Bibel und ihre Schätze

4. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Die Heilige Schrift: In Stuttgart befindet sich die drittgrößte Bibelsammlung der Welt

Hinter einer dicken Panzertür lagern alte Drucke mit Millionenwert. Ein Besuch im unterirdischen Reich der überirdischen Schriften.

Nur zwei Worte brauchte ein britischer Experte im Herbst 1996, um den Sensationsfund zu bestätigen, der bald darauf die Fachkreise in Aufruhr versetzte: »No doubt.« –

»Kein Zweifel.« Soeben hatte man die einzige vollständige Ausgabe der ersten gedruckten englischen Bibel entdeckt, die schon Shakespeare verwendete. Sie lag in der Württembergischen Landesbibliothek und war über Jahrhunderte hinweg unerkannt geblieben. Seither ist die Übersetzung des Neuen Testaments von William Tyndale aus dem Jahr 1526 wohl das wichtigste Buch von Stuttgart. Doch das Wertvollste ist es keineswegs.

Christian Herrmann, Leiter der Abteilung Alte und Wertvolle Drucke, mit einer kolorierten Koberger-Bibel (Nürnberg 1483). Foto: Fabian Kramer

Christian Herrmann, Leiter der Abteilung Alte und Wertvolle Drucke, mit einer kolorierten Koberger-Bibel (Nürnberg 1483). Foto: Fabian Kramer

Umgeben von grünen Metallgittern erstreckt sich der Bereich der berühmten Bibelsammlung im zweiten Untergeschoss des Bibliotheksgebäudes. Die Luft ist 18 Grad kühl. Besucher haben hier keinen Zutritt. Mehr als einen Laufkilometer an Regalen füllen die fast 20 000 Bände. Lediglich in London und Cambridge gibt es noch größere Bestände. Den Grundstein für diese einzigartige Kollektion legte der württembergische Herzog Karl Eugen (1728–1793), der ein notorischer Bücher- und Frauennarr war. »Böse Zungen behaupten, dass er bei seinem Tod 8 000 Bibeln und 250 uneheliche Kinder hinterließ«, meint der jetzige Abteilungsleiter Christian Herrmann schmunzelnd.

Und er erzählt, wie die Sammlung weiter wächst. Das liegt vor allem an der langen Tradition der Bibelherstellung in dieser Gegend, die mit dem schwäbischen Luthertum und Pietismus begann und bis heute andauert. Ungefähr drei Viertel aller deutschsprachigen Ausgaben der Heiligen Schrift stammen aus Stuttgart, das sich selber »Stadt der Bibel« nennt. Die ortsansässige Deutsche Bibelgesellschaft, die 2012 ihren 200. Geburtstag feierte, gibt neben unzähligen Übersetzungen nicht zuletzt jene Editionen des hebräischen und griechischen Originaltextes heraus, mit denen Wissenschaftler in aller Welt arbeiten. Auch das Katholische Bibelwerk hat sich am Neckar niedergelassen.

Deshalb findet man das göttliche Wort in den Stuttgarter Katakomben in mehr als 640 Sprachen. Seine kostbarsten Schätze verbirgt Bibliothekar Herrmann in einem mehrfach gesicherten, extra klimatisierten Tresorraum, den er nur ausnahmsweise öffnet. Dort liegt auch ein Band aus den Anfangsjahren der Druckkunst, dessen bloßer Kurzname das Herz von Philologen höher schlagen lässt, eine »B36«. So lautet der Fachbegriff für eine 36-zeilige Bibel, die um 1461 in Bamberg entstand. Aufgrund ihrer Seltenheit ist sie wahrscheinlich das teuerste gedruckte Buch überhaupt. Der Versicherungswert beträgt 15 Millionen Euro.

Für den Fall, dass eines der Sammlungsstücke alterungs- oder benutzungsbedingt beschädigt ist, betreibt die Bibliothek eine eigene Restaurierungswerkstatt. Dort werden mit Zahnarztbesteck Wurmlöcher gefüllt, mit selbst gekochtem Weizenkleister Buchrücken geklebt, mit Pergamenten aus Schafs-, Ziegen- und Kalbsleder Seiten ausgebessert. Doch eigentlich sind die Bände von früher oft langlebiger als solche jüngeren Datums, da das Papier ehemals nicht aus säurehaltigem Holzstoff, sondern aus gebrauchten Textilien, mittelhochdeutsch »Hadern«, hergestellt wurde.

Kürzlich lag hier auf der Werkbank eine der neuen Bibliothekserwerbungen, die sogenannte Prinzessinnenbibel von 1591, mit abgeschabtem Ledereinband, angebrochener Deckelverbindung und Wasserschäden. Inzwischen ist sie restauriert und in den Bestand aufgenommen. Eine Eigentümerliste auf der ersten Seite erinnert noch immer an die bewegte Vergangenheit des Folianten, der einst von einer hiesigen Adelstochter an eine Schweizer Familie verkauft worden war.

Allerdings gab es auch Zeiten, in denen die Herkunft mancher Heiligen Schrift bewusst verschleiert wurde, gerade wenn es sich um eine jener landessprachlichen Fassungen handelte, welche vielerorts die Reformatoren anfertigten. Sammlungsleiter Herrmann erläutert, wie einige dieser Ausgaben, die anfangs kirchlich verboten waren, zur Tarnung ein falsches oder gar kein Titelblatt trugen. Inzwischen kann man bisweilen anhand von Illustrationen oder Ähnlichem nachvollziehen, wer die Urheber waren.

Von den Wirren der Epoche der Kirchenspaltung zeugt ein kleines, unscheinbares Bändchen, das Christian Herrmann aus dem Regal zieht. Es ist ein kroatisches Neues Testament, geschrieben im ersten slawischen Alphabet, aus einer schwäbischen Druckerei. Sein Übersetzer Primus Truber musste nach Deutschland fliehen, nachdem er in seiner Heimat Slowenien exkommuniziert worden war. Er starb in Tübingen bei Stuttgart. »Und Truber ist der einzige Theologe, dessen Gesicht eine Euro-Münze ziert«, ergänzt Herrmann.

Weniger Glück hatte der zu Beginn erwähnte William Tyndale. Ihn ereilte am Ende dasselbe Schicksal wie die meisten seiner Bibelübersetzungen vor ihm: Er wurde verbrannt. Indes fanden seine letzten Worte Erhörung: »Herr, öffne die Augen des Königs von England!« Mittlerweile ist die 1611 erschienene King James Bible, die zu 80 Prozent auf Tyndales Version beruht, wohl das meistgedruckte Buch der Welt.

Fabian Kramer

Widerstand in der frühen DDR

28. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Comments Off

Die Premiere des Schauspiels »Die im Dunkeln« wird in Gera von einem Theatergottesdienst begleitet

Es war ein Wikipedia Eintrag, auf den Bernhard Stengele aufmerksam wurde. Der Schauspieldirektor an der Theater & Philharmonie Thüringen Gera-Altenburg stieß während der Information über seine neuen Wirkungsstätten auf einen Eintrag über Ereignisse zwischen 1948 und 1950 in Altenburg. Die Schüler der Oberstufe von der damaligen erweiterten Oberschule »Karl Marx« haben aus den schrecklichen Berichten über das untergegangene Naziregime gelernt. Sie wünschten sich einen neuen Staat ohne politische Diktatur und Gewalt. Die Entwicklung in der sowjetischen Besatzungszone und der frühen DDR war jedoch geprägt von zunehmender Stalinisierung. Angesichts der Grausamkeiten einer zu Ende gegangenen Diktatur und ermutigt durch literarische Vorlagen über Freiheit und Unabhängigkeit entschlossen sich die Schüler und Jugendlichen, Widerstand gegen die aufkeimende Totalisierung zu leisten. Sie verteilten Flugblätter und störten eine Radiosendung zum 70. Geburtstag Stalins mit einem selbst gebauten Radiosender. 1950 wurde die Gruppe durch die Staatssicherheit zerschlagen und vor ein sowjetisches Militärtribunal gestellt. Vier Schüler wurden in Moskau hingerichtet, die anderen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Bernhard Stengele wollte diese Geschichte künstlerisch auf die Theaterbühne bringen. »Wir haben die Autorin Mona Becker beauftragt, diesen Stoff zu einem Bühnenstück zu verarbeiten.«

Die Uraufführung des Schauspiels »Die im Dunkeln. Stück über Widerstand am Beispiel Altenburg« fand im März 2013 in Altenburg statt. In diesem Jahr kommt es in Gera auf die Bühne.

Bei der Entstehung und Umsetzung des Stückes konnten sich die Theaterleute auf die Aussagen zweier Zeitzeugen beziehen: Jörn-Ulrich Brödel und Gerhard Schmale haben die Verfolgung von damals überlebt. Die Inszenierung schildert die Ereignisse aus deren heutiger Sicht. Dr. Enrico Heitzer von der Gedenkstätte Sachsenhausen sorgte für die historische Genauigkeit. »Es gab zu allen Zeiten, so auch in der entstehenden DDR, mutige Menschen, die sich nicht davon abbringen ließen, ihre Meinung zu sagen. Diese Botschaft ist heute ebenso wichtig. Das Stück richtet sich daher auch durchaus an junge Leute, denn es waren ja Schüler, die aus Begeisterung für Redefreiheit und Meinungsfreiheit Widerstand leisteten. Heute gehört genauso viel Mut dazu, auf Missstände hinzuweisen und für die Wahrheit zu kämpfen«, fasst Bernhard Stegele die Kernaussage des Schauspiels zusammen.

Auch in Gera wird die Premiere des Schauspiels »Die im Dunkeln« mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen, Lesungen und einem Theatergottesdienst in der Salvatorkirche begleitet.

»Das Theater kam in diesem Fall direkt auf uns zu und das freut uns sehr, weil dies die Verbundenheit mit den städtischen Institutionen durch unsere regelmäßigen Kulturangebote in der Kirche deutlich macht«, betont Pfarrer Dr. Frank Hiddemann, der zugleich der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ist.

Szene aus dem Schauspiel »Die im Dunkeln« am Theater & Philharmonie Thüringen Gera-Altenburg. Foto: TPT/Stephan Walzl

Szene aus dem Schauspiel »Die im Dunkeln« am Theater & Philharmonie Thüringen Gera-Altenburg. Foto: TPT/Stephan Walzl

Für den Theatergottesdienst hat Bernhard Stengele eine Szene mit zwei zum Tode verurteilten Schülern während ihrer Zugfahrt in der Todeszelle speziell für den Kirchenraum inszeniert. »Es ist beeindruckend, an welche literarischen Werke sich beide kurz vor ihrer Hinrichtung erinnern. Neben Ikarus und Worte des Horaz besonders an die Ballade »Pidder Lüng« von Detlev von Liliencron. Der Aufruf »Lieber tot als Sklave« aus dem Freiheitskampf der Friesen gegen die dänische Gewaltherrschaft sollte für die Verurteilten schreckliche Realität werden«, so Hiddemann. Die Form der Theatergottesdienste wird in St. Salvator schon mehrere Jahre angeboten. Während des ansonsten üblichen Ablaufs mit Liturgie und Kirchenliedern ersetzt eine Theaterszene die Lesungen und bildet den thematischen Bezug zur Predigt, die in diesem Gottesdienst Propst Diethard Kamm halten wird. Der Regionalbischof des Propstsprengels Gera-Weimar wurde im Jahr des Volksaufstandes 1953 geboren und hatte bereits als Schüler erste negative Berührung mit der Staatssicherheit. Als Jugendpfarrer in Gera mischte er sich bewusst in die »inneren Verhältnisse unseres Landes« ein und organisierte erste Friedensgebete in der Salvatorkirche. In seiner Predigt verweist Kamm auf Zitate aus Literatur und Bibel, die ihn bei seiner Arbeit als Jugendpfarrer besonders inspiriert und motiviert haben. Es sei ein großes Glück, einen Prediger mit einer solchen Biografie zu haben, erklärt Frank Hiddemann. Im Theatergottesdienst in Gera werden auch die beiden Zeitzeugen Brödel und Schmale anwesend sei.

Wolfgang Hesse

Begleitprogramm zur Premiere »Die im Dunklen« in Gera
24. Januar, 18 Uhr, Bühne am Park: »Widerstand im Theater – Kunst als Provokation«, Vortrag, Lesung, Podiumsdiskussion u. a. mit Bernhard Stegele, Enrico Heitzer und Stephan Krawcyk
26. Januar 9.30 Uhr, Salvatorkirche Gera: Theatergottesdienst
26. Januar, 11 Uhr, Bühne am Park: Matinee mit den Zeitzeugen Jörn-Ulrich Brödel und Gerhard Schmale, Dramaturgin Nora Wieczorek und Schauspieldirektor Bernhard Stengele
31. Januar 19.30 Uhr, Großes Haus der Bühnen der Stadt Gera: Premiere des Schauspiels »Die im Dunkeln«
Weitere Vorstellungen: 28. Februar und 15. März, jeweils 19.30 Uhr

Jubiläum einer alten Dame

20. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Comments Off

Fernsehen: Das »Wort zum Sonntag wird 60 und soll eine »kleine Schwester« erhalten

Seit 60 Jahren behauptet  das »Wort zum Sonntag« seinen wöchentlichen Sendeplatz. Für die einen eine willkommene Pause zum Toilettengang oder zum Zappen, für die anderen ein Moment des Innehaltens.

Es ist eine der ältesten Sendungen im deutschen Fernsehen. Jeden Sonnabend, zwischen 22 Uhr und Mitternacht, strahlt die ARD das »Wort zum Sonntag« aus. Ein Geistlicher, abwechselnd evangelisch-landeskirchlicher, freikirchlicher oder römisch-katholischer Konfession, steht vor einer blauen Wand im Studio und hält eine etwa fünfminütige Kurzansprache.

Und das seit 60 Jahren: Am 8. Mai 1954 sprach der Hamburger Pastor Walter Dittmann das allererste Wort zum Sonntag – nachdem die eigentlich geplante Sendung mit dem katholischen Prälaten Klaus Mund aus Aachen am 1. Mai 1954 aus technischen Gründen ausfallen musste.

An diesem Montag, 20. Januar, lädt die EKD aus diesem Anlass zu einem Festakt nach Hamburg ein. Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider und der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, wollen das »Wort zum Sonntag« würdigen.

»Das ›Wort zum Sonntag‹ ist eine Sendung, die gleichzeitig einfach und schwierig ist«, sagt der ARD-Beauftragte der EKD, Thomas Dörken-Kucharz. »Es ist kein Format, das die Möglichkeiten des Fernsehens ausnutzt.« Fernsehen werde hier auf eine Kamera, einen Hintergrund und einen Sprecher reduziert. »Die Wiedererkennbarkeit sind Studio, Gesicht und Botschaft.«

Prost, Herr Pfarrer: Seit 60 Jahren sorgt das »Wort zum Sonntag« für manchen Spott und manche Diskussion – doch die Zuschauerreaktionen zeigen auch, dass Menschen sich persönlich angesprochen fühlen. Foto: Ana Blazic Partovic-Fotolia.com/Montage: G+H

Prost, Herr Pfarrer: Seit 60 Jahren sorgt das »Wort zum Sonntag« für manchen Spott und manche Diskussion – doch die Zuschauerreaktionen zeigen auch, dass Menschen sich persönlich angesprochen fühlen. Foto: Ana Blazic Partovic-Fotolia.com/Montage: G+H

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister, der selbst einst Sprecher des »Worts zum Sonntag« war, wird noch deutlicher. Er spricht von einem »Anachronismus«, der aber auch »eine Perle im Programm der ARD« sei. »Wo sonst gibt es noch einen so langen – insgesamt über vier Minuten – durchgehenden Wortbeitrag im deutschen Fernsehen?«, fragt Meister. »Selbst ein Kommentar in den Tagesthemen dauert niemals mehr als drei Minuten.« Noch immer wird der frühere Propst von Lübeck bei Veranstaltungen als »früherer Wort-zum-Sonntag-Sprecher« vorgestellt. Doch über die Inhalte der Sendungen redet man in den Gemeinden nur wenig, hat Meister bei seinen zahlreichen Besuchen in ganz Niedersachsen beobachtet.

Stimmt es also, was böse Zungen behaupten: Dass die Wasserwerke während der Sendung einen deutlichen Druckabfall in den Leitungsnetzen der Städte feststellen können, weil dann alle Zuschauer auf die Toilette gehen? »Das ist bitterer Spott«, sagt Thomas Dörken-Kucharz. »Wer am Samstagabend die ARD schaut, guckt auch das Wort zum Sonntag.«

Die erfolgreichste Sendung war dabei das »Wort zum Sonntag« von Papst Johannes Paul II. am 1. Mai 1987. Zwar war das noch zu Zeiten des öffentlich-rechtlichen Rundfunkmonopols. »Aber so viele Zuschauer hatten wir nie wieder.« Auch wenn etwa Papst Benedikt XVI. bei seinem letzten Deutschlandbesuch ebenfalls ein »Wort zum Sonntag« gesprochen hat.

Kritik gibt es dagegen, wenn fromme Christen das »Wort« mal wieder für zu wenig christlich halten. Dass etwa die Hildesheimer Pfarrerin Nora Steen zum ersten Advent über den »Zauber« sprach, den Kinderherzen in der Vorweihnachtszeit erleben, dabei aber nicht darauf einging, was Christen die Adventszeit bedeute, erregte den damaligen Geschäftsführer des Christlichen Medienverbunds KEP, Wolfgang Baake. Der Leiter der einst als »Konferenz Evangelikaler Publizisten« bekannten Organisation sprach von einer »aus missionarischer und kultureller Sicht missglückten« Sendung.

Dörken-Kucharz indes geht mit solch einer Kritik gelassen um. »Für jemanden, der Fernsehen macht, ist es gut, wenn Zuschauer reagieren«, sagt der ARD-Beauftragte der EKD. Tatsächlich würden aber besonders geistliche Worte von den Zuschauern am meisten nachgefragt – neben den Sendungen zu Katastrophen. »Wenn wir aktuell und mit tröstenden Worten reagieren, haben wir den größten Rücklauf.«

Doch in der modernen Mediengesellschaft reicht das allein nicht aus. Auch das Wort zum Sonntag soll zum 60. Geburtstag ein Facelifting erhalten. »Wir werden das Wort zum Sonntag grafisch verändern«, kündigt der ARD-Beauftragte an. Es wird einen neuen Trailer und eine neue Melodie zu Beginn der Sendung geben.

Und Hannovers Bischof Ralf Meister kündigt im Gespräch mit dieser Zeitung an, dass im Rahmen des Festakts am Montag auch ein neuer Vollbildhintergrund für die Sendung präsentiert werde.

Dazu soll die »alte Dame« »Wort zum Sonntag« Familienzuwachs erhalten: »Nächste Woche wird auch die ›kleine Schwester‹ des ›Wortes zum Sonntag‹ präsentiert«, sagt Meister. »Eine Kurzverkündigungssendung unter dem Titel ›Freisprecher‹ für Eins-Plus: Modern, mit jugendlichen Protagonisten, schnell geschnitten.« Nicht nur der hannoversche Landesbischof ist »sehr gespannt, wie das bei den Zuschauern ankommt«.

Benjamin Lassiwe

Zahlenmystik und Tetraphobie

12. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Comments Off

Anmerkungen zur Jahreszahl: Von fehlenden Stockwerken, Nothelfern und einem die Zahlen liebenden Komponisten

Das neue Jahr trägt die – im Vergleich zur angeblich Unglück verheißenden 13 – unscheinbare 14 im Namen. Doch auch diese Zahl ist nicht »ohne«.

Tetraphobie, die Angst vor Zahlen, in denen die Vier vorkommt, ist in ostasiatischen Ländern weit verbreitet. In vielen asiatischen Sprachen klingt das Wort für die Zahl Vier nämlich sehr ähnlich wie das Wort für Tod. Die 14 jedoch ist noch unbeliebter als die Vier. Denn Eins und Vier zusammen klingen in diesen Sprachen wie die Drohung, bald sterben zu müssen. In vielen öffentlichen und privaten Gebäuden werden die Hausnummer 14 oder der 14. Stock daher einfach ausgelassen. Weil die Asiaten vorsorglich auch noch die aus dem Westen stammende Abneigung gegen die 13 berücksichtigen, fahren Fahrstühle in Hongkong oder Singapur vom 12. meist direkt in den 15. Stock. Außerdem findet man in Hotels oft keine Zimmer mit der Nummer 14 und bei größeren Familienfeiern fehlt die Tischnummer 14.

Himmlische Gegenstücke: 14 Engel und Nothelfer

Auch die alten Babylonier verbanden mit der Zahl 14 eher düstere Vorstellungen. Man glaubte an 14 böse Dämonen und stellte sich vor, die Unterwelt habe 14 Tore. Außerdem wurde Nergal, der Sonnenhitze, Brände und Seuchen bringende Gott der Unterwelt, von 14 sogenannten Nothelfern in sein Reich begleitet.

Foto: Fotomek@Fotolia.com

Foto: Fotomek@Fotolia.com

Als Gegenstück dazu kann man die 14 himmlischen Helfer betrachten, von denen im Christentum manchmal die Rede ist. So heißt es in einem alten Kindergebet: »Abends, wenn ich schlafen geh, / vierzehn Engel um mich stehn: / zwei zu meinen Häupten, / zwei zu meinen Füßen, / zwei zu meiner Rechten, / zwei zu meiner Linken, / zweie die mich decken, / zwei die mich wecken, / zweie die mich weisen / in das himmlische Paradieschen.«

Sieben mal zwei Schutzengelchen für die Nacht – in diesem Text zeigt sich nicht nur die Romantik in recht kitschiger Ausprägung, sondern es wird auch deutlich, was die 14 für Zahlenmystiker so besonders macht. In ihr steckt zweimal die Sieben, eine Zahl, die für Vollkommenheit und Heiligkeit steht. Wo gleich zweimal sieben Helfer sind, kann also gar nichts mehr schiefgehen.

So sind es auch 14 heilige Nothelfer, an die sich die Katholiken wenden, wenn sie in Bedrängnis sind. Noch populärer als sie seit dem 9. Jahrhundert schon war, wurde die Anrufung dieser Nothelfer aufgrund einer Legende. Danach sollen Mitte des 15. Jahrhunderts einem oberfränkischen Schäfer 14 Gestalten erschienen sein, die sich als die 14 Nothelfer bezeichneten und den Bau einer Kapelle an ihrem Erscheinungsort verlangten.

An diesem Ort befindet sich heute die vom Barockarchitekten Balthasar Neumann entworfene bekannte Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen.

Der Komponist Johann Sebastian Bach hatte eine Vorliebe für Zahlenspielereien und für ein Verfahren namens Gematrie, bei dem Worte und Buchstaben nach bestimmten Schlüsseln in Zahlen umgewandelt werden, um daraus tiefere Bedeutungen und Zusammenhänge abzuleiten. So finden sich in vielen seiner Stücke zahlensymbolische Anspielungen. Eine besondere Vorliebe hatte er jedoch für die Zahl 14, mit der er sich häufig selbst darstellte. Ordnet man den Buchstaben des Namens Bach nämlich Zahlen zu, die sich aus der Position der Buchstaben im Alphabet ergeben, und addiert sie, ergibt sich die Zahl 14.

Bach legte Wert auf 14 Knöpfe am Mantel

Mit dieser Zahl spielte er gerne. Er versteckte sie in seinen Noten und in seinem Wappen, das 14 verdickte Schnörkelenden an den Buchstaben J, S und B zeigt. Er ließ sich mit 14 Knöpfen an seinem Anzug porträtieren und wartete so lange auf die Aufnahme in die »Correspondierende Societät der Musicalischen Wissenschaften«, bis er als 14. eintreten konnte. Manche Interpreten wollen in seinen Werken sogar komplexe, zahlenmystisch verschlüsselte religiöse Botschaften entdeckt haben – vieles davon ist aber sicher nur Wunschdenken.

Einen so prominenten Stellenwert wie beispielsweise die Sieben hat die 14 in der Bibel nicht. Als Zahl des Mondes aber, die die Anzahl der Tage vom Halbmond zum Vollmond beschreibt, diente sie den Menschen, die sich am Mondkalender orientierten, schon damals als Zeitangabe.

Die Vorbereitungen für eines der wichtigsten jüdischen Feste, das Pessachfest, beginnen bis heute am 14. Tag des ersten Monats im religiösen Kalender, am sogenannten Rüsttag. Denn Gott hatte Mose und Aaron geboten: Es »nehme jeder Hausvater ein Lamm. … Von den Schafen und Ziegen sollt ihr’s nehmen und sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Gemeinde Israel schlachten gegen Abend« (2. Mose 12,3ff).

Außerdem sind es 14 Frauen, die das Alte Testament als schön bezeichnet; darunter auch Abrahams Frau Sara und Isaaks Frau Rebekka, die sich ihren Männern zuliebe als deren Schwestern ausgeben mussten, weil diese fürchteten, sie könnten der Schönheit ihrer Frauen wegen umgebracht werden.

Auch im Stammbaum König Davids, aus dessen Wurzeln Jesus hervorging, spielt die Zahl 14 – vermutlich als Steigerung der vollkommenen Sieben – eine Rolle. Der Evangelist Matthäus kommentiert diesen Stammbaum so: »Alle Glieder von Abraham bis zu David sind vierzehn Glieder. Von David bis zur babylonischen Gefangenschaft sind vierzehn Glieder. Von der babylonischen Gefangenschaft bis zu Christus sind vierzehn Glieder« (Matthäus 1,17).

Und wer im Jahr 2014 nicht alles bitter ernst nehmen will, der findet im apokryphen Buch Sirach im Kapitel 14, Vers 14 einen guten Rat fürs neue Jahr: »Versäume keinen fröhlichen Tag, und lass dir die Freuden nicht entgehen, die dir beschieden sind.«

Sonja Poppe

Form mit empathischem Wert

7. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Comments Off

Seit mehr als 10 Jahren gibt es Lebenskreuze von Dieter Lahme

Ein wenig gehören sie fast schon zum Inventar bei regionalen Kirchentagen oder dem Sachsen-Anhalt-Tag: Das Künstlerpaar Rosl und Dieter Lahme aus Klein Wanzleben, einem Ortsteil von Wanzleben-Börde (Kirchenkreis Egeln), mit seinen Lebenskreuzen.

Das Kreuz als urchristliches Symbol ist bei dem 75-jährigen Künstler seit mehr als zehn Jahren zentraler Teil seines Schaffens. Lahme ist der Erfinder der Lebenskreuze aus Holz mit ihrer außergewöhnlichen Form. Der Unterschied zum normalen Kreuz sind die spitz zulaufenden und nach unten abgerundeten Ecken. Knospenförmig, wie der Bug eines Schiffes. Anders als beim »klassischen« Kreuz aus zwei sich kreuzenden, viereckigen Balken gibt es beim Lebenskreuz ein vorn und hinten. »Es wendet sich den Menschen zu und will ihn umarmen«, beschreibt der aus Mannheim stammende Lahme die Lebenskreuze. »Eine Form mit empathischem Wert.«

Dieter Lahme ist der Erfinder der Lebenskreuze aus Holz mit ihrer außergewöhnlichen Form. – Foto: Thorsten Keßler

Dieter Lahme ist der Erfinder der Lebenskreuze aus Holz mit ihrer außergewöhnlichen Form. – Foto: Thorsten Keßler

Die Knospen- und die Kreuzform tauchten schon in den 1980er Jahren in Lahmes Werk auf. Aus Kunst wurde ein Alltagsgegenstand, als immer mehr junge Christen sich für die besondere Kreuzform begeisterten. »Die Menschen wollten das Kreuz um des Kreuzes Willen haben, aber nicht als Kunstobjekt.«

Wurden die ersten Kreuze noch selbst von Hand ausgesägt, war die Nachfrage bald nicht mehr zu bewältigen und das Künstlerpaar stand vor neuen Herausforderungen. »Der geschäftliche Teil war uns völlig fremd«, erzählt Rosl Lahme. Ein Hersteller habe für die Kreuze extra eine Maschine angeschafft. Dafür sei sie heute noch dankbar. Die Form ist europaweit patentrechtlich geschützt. Es gibt das Kreuz in unterschiedlichen Größen und unterschiedlichen Materialien, wobei das Holzkreuz der Klassiker ist. Sogar aus Asien kommen Nachfragen für das Lebenskreuz aus Klein Wanzleben. Hier, im ehemaligen Schulhaus des Dorfes, wohnt und arbeitet der Künstler. Als 2004 das Künstlerhaus in der Mannheimer Innenstadt, das Lahmes mit zwei weiteren Künstlern 35 Jahre bewohnt hatten, geräumt werden musste, standen sie vor der Entscheidung: Stadtrand von Mannheim oder etwas ganz Neues in Klein Wanzleben. Bereut haben sie den Umzug nicht.

Hier im Atelier begegnen dem Besucher zahlreiche gestaltete Lebenskreuze. Ergänzt und bearbeitet mit Alltagsgegenständen. Verziert von Altglas bis Zahnbürste, statt mit Gold, Silber und Edelsteinen, wie man es bei so einem Symbol erwarten könnte. Das ist Teil des Konzeptes hinter dem Lebenskreuz. »Die spirituelle Kraft der Form soll nicht ins Jenseits entschweben, sondern im here and now wirken«, beschreibt es Lahme. Er stellt die Lebenskreuze regelmäßig aus. Oft auch mit Arbeiten, die Kinder und Jugendliche in den Lebenskreuz-Workshops herstellen.

Thorsten Keßler

www.lebenskreuz.com

Esels Ohr auf halb sieben

24. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Comments Off

Eine Erzählung von Sabine Hoffmann

Auf mich hört ja keiner! Ich bin ja nur die Schwiegermutter. Abgeschoben hat man mich. In einen Verschlag nahe dem Stall. Weil ich nichts mehr kann und nur noch Ballast bin. Aber jahrzehntelang die Wäsche machen in der Herberge und in der Küche die Töpfe putzen. Das durfte ich. Mein lieber Herr Schwiegersohn denkt, er macht alles richtig. Aber diesmal hat er mal wieder nicht so weit gedacht, wie ein kleines Kind springen kann. Zuerst hörte ich immer nur dieses Wimmern und Klagen. Zuerst dachte ich: Wieder diese Bettler, die ein wenig Brot zur Nacht wollen. Meine Ohren sind ja nicht mehr so gut. Aber dann war das Klagen doch zu weinerlich. Nur wegen Brot so ein Aufstand, das konnte nicht sein!

In meinem Verschlag nahe am Stall sehe ich die Tür zur Herberge nicht. Die Neugier trieb mich auf die alten Beine und ich humpelte zur Stalltür. Da sah ich die beiden. Er war ein einfacher Mann, der seine Frau stützte. Und jetzt sah ich auch warum. Die Frau keuchte und japste, der Bauch war nicht zu übersehen. Sogar ich mit meinen alten Augen sah den bebenden Leib. Da war ganz eindeutig ein Kindlein unterwegs und nicht erst in ein paar Monaten. Was schleppt der Mann denn seine hochschwangere Frau durch die Weltgeschichte! Da bleibt man doch zu Hause.

Foto: openlens – fotolia.com

Foto: openlens – fotolia.com

Diesmal tat mein Schwiegersohn recht daran, dass er die beiden abwies. Wer soll denn bitteschön diese Schweinerei wegmachen? Ein Lamm schlachten ist dagegen gar nichts. Ist die Herberge denn ein Hospital? Auf dem Bett will doch keiner mehr schlafen! Wer ersetzt uns denn den Schaden? Nein, da hatte er mal ausnahmsweise recht.

Aber er hatte ein Erbarmen. Er zeigte zum Stall. Schnell humpelte ich in meinen Verschlag zurück und schob die Decke vor. Die sollten sich ja nicht einbilden, ich mache da noch die Hebamme. Kluge Ratschläge habe ich in meinem Leben genug gegeben. Und was ist der Dank? Ein Verschlag hinten am Stall. Ich war auch meist alleine bei den Geburten und habe mich nicht so geziert.

Bei dem Gelärme wurden die Tiere ganz unruhig. Nur der Esel stand ruhig. Ist halt der Esel. Die sind töricht, wenn es ihnen passt. Zuerst weiß das Dummchen nicht, wie sich legen. Und ob überhaupt. Der Mann ist ja auch keine Hilfe. Wie denn auch, er ist ein Mann. Ein Glück, dass er nicht noch Hilfe bedurfte. Aber irgendwie schaffte sie es. Das war ein Gestöhne. Endlich klatscht da was ins Stroh und gleich hört man es schreien.

Ich sage es ungern, aber da hüpfte mein Herz schon. Neun Monate schleppt man da was im Leib herum, man weiß nicht, was es ist, ob es einen zerreißt und ob man es später satt bekommt. Aber wenn es dann da ist – unbeschreiblich. Ach, da heulten sie beide, Arm in Arm, mit dem Kindchen. Ich wischte mir auch drei Tränen weg, aber mehr waren es wirklich nicht gewesen.

Der Esel trat an das Trio heran und schnupperte ganz vorsichtig. Sonst immer der Tölpel, aber jetzt ganz elegant. Einfach mal so eine Geburt mitzuerleben, das ist schon ein Erlebnis. Mir wurde richtig blümerant. Nur vom Zuschauen. Irgendwie rennt einem da das eigene Leben durch den Kopf. Sieben Kinder habe ich geboren, vier davon sind noch im Kindbett gestorben. Da war das Nächste schon im Bauch unterwegs. Es blieb keine Zeit zum Trauern.

Kinder sind schon was Schönes. Warum lebt man sonst? Mein Mann war gut und hatte goldene Hände. Ein Stück Holz und er baute daraus Bett und Truhe. Der Ackerboden warf das ab, was wir brauchten, hungern mussten wir nicht. Meine älteste Tochter hat mich zu sich geholt als er starb. Die Söhne sind weit fort. Habe keinen mehr gesehen. Die erste Zeit in der Herberge von meinem Schwiegersohn war schwer. Mein Mann hat mir gefehlt. Da nützt die Tochter nichts. Vielleicht habe ich zu viel geschimpft und mich immer eingemischt. Aber was macht mein Schwiegersohn auch immer für Dusseleien! Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. Da kann man doch nicht ruhig sein. Der Mund ist zum Reden da, nicht nur zum Essen. Jedenfalls bei mir ist das so. Die Tochter sagte dann immer: »Mutter, gib Ruh.« Nun ja. Sie stand zu ihrem Mann. Habe ich aber keine Ruh gegeben. Und irgendwann reichte es dem Schwiegersohn. Er wies mir den Anbau am Stall zu und verbot mir das Haus.

Dreimal am Tag kommt die Tochter mit Essen und schaut nach mir. Jetzt laufen mir schon wieder die Tränen, diese fremden Leute machen mich noch ganz kirre. Ich bin doch sonst nicht so. Das Baby schmatzt jetzt schon an der Brust und eigentlich würde ich schon gern wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Ich tippe auf Junge. Ist ein ziemlicher Brocken. Es ist so ruhig im Stall. So friedvoll. Also, die Schafe können ganz schön spinnen. Wenn mal ein Lamm geschlachtet wird, dann blökt die Mutter drei Tage. Und alle anderen im Chor. »Böhhh. Böhhh.« Und drei Nächte dazu. Bis es dem Esel zu viel wird und er selber schreit. Dann geben die Schafe Ruhe. Aber jetzt ist es still und irgendwie komisch. Sie sollen das Baby nur ja gut einwickeln.

Die Schafe scharen sich jetzt um die drei. Sonst sind sie Angsthasen in Person. Mir soll es recht sein. Die Schafe wärmen gut. Der Esel posiert am Kopf der Frau. Das eine Ohr hängt auf halb sieben, das andere steht aufrecht wie ein Soldat. Na, das ist ein Bild. Jetzt kichere ich leise vor mich hin. Das habe ich seit Jahren nicht mehr gemacht. Mit meinem Mann habe ich gelacht. Da wackelte das ganze Haus. Aber später konnte ich nicht mehr. Meine Tochter hat keinen Humor, die hat nur Verständnis. Und mein Schwiegersohn hat Humor, aber den will ich nicht. Mit dem Humor ist das so eine Sache.

Vielleicht schaut meine Tochter später noch vorbei. Und wenn ich Lust habe, erzähle ich ihr von dem Bild mit dem Esel und der Frau. Vielleicht lacht sie dann auch. Sie kann dann gleich Milch und Suppe bringen. Die sollen sich nicht so haben. Suppe ist immer genug da. Und Milch auch. Wenn ich so drüber nachdenke, es ist bestimmt besser, dass das Kindchen im Stall zur Welt gekommen ist. In der Herberge sind manchmal harte Gesellen. Die haben kein Gefühl. Hier im Stall ist es doch gut.

Jetzt habe ich den Namen gehört: Jesus. Ich wusste es – ein Junge. Jona wäre mir ja persönlich lieber, aber mich fragt ja keiner. Mir wird richtig warm ums Herz. Irgendwie komisch. Da sind wildfremde Leute. Die kriegen ein Kind. Vor meinen Augen. Und mir laufen die Tränen, als ob ich Zwiebeln schäle. Das kann nur ein Zeichen sein. Wenn mein Schwiegersohn kommt und sie verscheuchen will, dann werde ich ihm aber …! Man kann sie nicht wegjagen. Es ist irgendwie etwas Heiliges darum.

Schwungvolles Plädoyer für die vernetzte Generation

17. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Comments Off

Dieses Buch, von einem Großvater geschrieben, einem in den USA und in Frankreich lehrenden Professor, sollten alle Großeltern und Eltern lesen. Hier erfahren sie von einem der Ihren, der ihre Sprache spricht und ihre Erfahrungen teilt, in welcher Welt Kinder und Enkel leben: in einer vollständig vernetzten Welt, in der alles bisherige Wissen jederzeit für jeden Menschen verfügbar ist. Durch ihre Handys sind ihnen alle Menschen erreichbar, durch GPS alle Orte. Seit den 70er Jahren habe sich die Welt so verändert, dass die junge Generation tatsächlich in einer anderen Welt lebe.

Mit ihren flinken Fingern steuern sie ihre Smartphones, kommunizieren und informieren sich. Serres schreibt: »Nachdem ich voller Bewunderung gesehen habe, wie sie, schneller als ich mit meinen steifen Fingern es je vermöchte, mit ihren beiden Daumen SMS verschicken, habe ich sie mit der größten Zuneigung, die ein Großvater zum Ausdruck bringen kann, auf die Namen Däumelinchen und Kleiner Däumling getauft.«

Kultur-50-2013

Buch-Cover

Die alten Zugehörigkeiten wie Gewerkschaften, Kirchengemeinden oder Familienverbände seien weithin zerfallen. Die junge Generation suche sich ihre »Freunde« virtuell über Facebook. Der Autor sieht eine komplexe, freiheitliche Gesellschaft entstehen, in der das Individuum zu seinem Recht kommt, ohne dass sie dadurch weniger sozial oder weniger solidarisch würde.
Das ganze Buch ist ein schwungvolles Plädoyer für die Lebensweise und die Chancen der jungen Generation.

Freilich verklärt und beschönigt Serres einiges: die durch Facebook zusammengetrommelten Tausende sind durchaus nicht nur friedlich – wie die nordafrikanischen Revolutionen gezeigt haben. Und durch das schnell verfügbare Wissen erlangt kein Mensch höhere Entscheidungskompetenz. Wenigstens das Denken und der gründliche Austausch müssen gelernt werden. Und für die Lösung der großen Probleme wie Hunger, Umweltzerstörung und Ressourcenvernichtung genügt es nicht, unverbindlich mit der halben Welt vernetzt zu sein.

Trotz dieser einschränkenden Bemerkungen bleibe ich dabei: Alle vor 1970 geborenen sollten dieses Buch lesen.

Jürgen Israel

Serres, Michel: Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation. Suhrkamp Verlag, 76 S., ISBN 978-3-518-07117-5, 8,00 Euro

Philatelistisches Kunstwerk

8. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Comments Off

Porträt: Die Künstlerin Kitty Kahane hat die diesjährige Weihnachtsmarke der Post gestaltet

Millionen Briefe werden sie demnächst zieren, die drei Weisen aus dem Morgenland. Sie sind das Motiv auf der Briefmarke von Kitty Kahane.

Zehn Millionen Auflage: Ganz schön viel für eine Grafik. Auch für eine erfolgreiche Künstlerin wie Kitty Kahane. Unzählige Menschen kennen ihre Bilder. Ihr Name hingegen ist nur wenigen bekannt. Denn auf Briefmarken ist kein Platz für eine Signatur. Kitty Kahane hat die diesjährige Weihnachtsmarke der Post gemalt. Die drei Weisen aus dem Morgenland: Bunt gekleidete schlanke Gestalten zwischen drei Palmen. Sie tragen goldene Geschenke in der Hand und folgen dem Stern von Bethlehem. Millionen Briefe werden sie demnächst zieren. Und darüber hinaus Wohltätigkeitsorganisationen, auch die Kirchen, unterstützen. Denn zu dem normalen Briefporto von 58 Cent zahlen die Postkunden 27 Cent Aufschlag für einen guten Zweck. Nass- oder selbstklebend, je nach Belieben. Kitty Kahanes kleines Kunstwerk ist nicht in einer Galerie oder im Designshop erhältlich, sondern in jedem Postamt Deutschlands. Auch in dem um die Ecke von Kitty Kahanes Atelier, mitten im Prenzlauer Berg, dem Ostberliner Szene-Kiez.

Kitty Kahane in ihrem Atelier. Foto: Uwe Birnstein

Kitty Kahane in ihrem Atelier. Foto: Uwe Birnstein

Wie die zierliche Künstlerin diesen Auftrag bekommen hat? »Vor einigen Jahren wurde ich gebeten, Entwürfe einzureichen«, erinnert sie sich. Sportarten sollten sie briefmarkenfähig machen. Die Bilder, die sie malte, kamen in die engere Auswahl. Gedruckt wurden allerdings andere. Doch die Briefmarkenjury des Bundesfinanzministeriums war aufmerksam geworden auf die Kreative mit dem so ganz eigenen Strich. Weitere Entwürfe folgten, 2012 dann die erste Briefmarke. Anlass war das 100-jährige Bestehens der »Domowina«, des Dachverbandes der Lausitzer Sorben. Kitty Kahane malte ein Vogelpaar, das fröhlich tanzt und die sorbische Fahne schwingt: ein Motiv aus dem sorbischen Brauch der Vogelhochzeit. Anfang 2013 folgte die zweite Marke, diesmal zum 50-jährigen Jubiläum von »Jugend musiziert«: Ein rothaariges Mädchen in gelbem Kleid traktiert ihr Cello, sie sitzt auf einer Bühne, die wie ein Siegerpodest anmutet. Das besondere beider Marken: Die Schrift ist nicht mit Druckbuchstaben nachgetragen, sondern von Hand gezeichnet und somit künstlerischer Teil des Bildes. So ist es auch bei der diesjährigen Weihnachtsmarke. Die drei Worte »Stern von Bethlehem« wirken wie goldene Strahlen.

Es gehört schon großes Können dazu, auf 35 mal 35 Millimetern ein erkennbares Bild mit so vielen Details zu zaubern. Kitty Kahane hat viele Jahre Erfahrungen gesammelt. Geboren wurde sie 1960 in Ostberlin, wuchs atheistisch auf. Glaube und Kirche waren für sie tabu. Die Jugendweihe erlebte sie im damaligen Prestige-Kino »International«. Nach dem Abitur 1978 machte sie ein Praktikum in der Porzellanmanufaktur zu Meißen, arbeitete dann als Buchgestalterin im Verlag der Nation. Das Studium an der Kunsthochschule schloss sie 1989 ab. Die politische Wende ging für Kitty Kahane einher mit einer Lebenswende: Von nun arbeitete sie freiberuflich als Illustratorin. Unterschiedlichste Unternehmen nahmen ihr Können in Anspruch, darunter so illustre Design-Firmen wie Koziol, SIGG und JAB-Anstoetz. Über die Jahre reifte Kitty Kahanes Stil zu einer ganz eigenen Bildsprache. Verspielte Figuren mit Herz und klaren Konturen; mal romantisch verschlungen, aber nie kitschig; mal böse lächelnd, aber nie unmenschlich. Es ist, als banne Kitty Kahane die ganz normalen Menschen mit ihren Höhen und Tiefen, mit ihren Oberflächlichkeiten und Abgründen aufs Papier. Und als halte sie den Betrachtern einen barmherzigen Spiegel vor.

Die von Kitty Kahane gestaltete Briefmarke. Foto: Uwe Birnstein

Die von Kitty Kahane gestaltete Briefmarke. Foto: Uwe Birnstein

Seit einigen Jahren wendet sich Kitty Kahane verstärkt biblischen Figuren zu. »Das hängt auch mit meiner Heirat zusammen«, erklärt sie. Durch die Familie ihres Ehemannes habe sie den jüdischen Glauben kennen- und schätzen gelernt. Langsam tastete sie sich an die Themen und Stoffe der Bibel heran und entdeckte deren Tiefen. Mittlerweile hat sie viele biblische Geschichten illustriert. Der christliche Verlag »edition chrismon« entdeckte das Können und die überbordende Fantasie Kitty Kahanes. Er brachte die Künstlerin mit bedeutenden Schriftstellern zusammen; zusammen sollten sie biblische Geschichten neu in Bild und Wort erzählen, mit allen literarischen und künstlerischen Freiheiten. Mit dem russischstämmigen Erfolgsautor Wladimir Kaminer fand sich Kitty Kahane im Paradies ein, zeichnete Adam und Eva (»Das Leben ist kein Joghurt«). Der moderne Hiob heißt im Buch Roger Willemsen »Herr Gottlieb« und ist Zirkusdirektor – Kitty Kahane setzte ihn farbig in Szene, Titel: »Das müde Glück«. Mit Margot Käßmann konzipierte sie die Geschichte von Josef und seinen Brüdern (»An Vaters Rockzipfel«), mit Sibylle Berg, Alina Bronsky und Thomas Brussig ergründete sie Mose, Jakob und Esau und den Turmbau von Babel.

Mit der Weihnachtsmarke wagt sie sich nun erstmals auf neutestamentliches Terrain. »Ich habe intensiv die Geschichte im Matthäusevangelium studiert«, erzählt sie. Auch in die christliche Kunst ist sie abgetaucht, Botticellis Gemälde der »Anbetung der Heiligen Drei Könige« beeindruckte sie, noch mehr ein Wandmosaik aus Ravenna, entstanden im 6. Jahrhundert. Wer es mit der Weihnachtsmarke vergleicht, erkennt Ähnlichkeiten.

Nun freut sich Kitty Kahane auf den 3. Dezember. Dann wird ihr philatelistisches Kunstwerk offiziell präsentiert: In der Berliner Friedrichstadtkirche, gleich neben dem Adventstreiben auf dem Gendarmenmarkt.

Währenddessen arbeitet sie in ihrem Atelier schon am nächsten Mini-Gemälde. Auch diesmal ist wieder eine Millionenauflage zu erwarten. »Das Thema darf ich noch nicht verraten«, sagt sie. Fest steht: Es wird Zacken haben.

Uwe Birnstein

»Luther« auf Kurs 2017

30. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Comments Off

Museum: Das Lutherhaus in Eisenach wird saniert, umgebaut und erweitert


Das Lutherhaus in Eisenach geht seiner Zukunft als modernes Museum entgegen. Bevor es jedoch dem zu erwartenden Ansturm im Lutherjahr 2017 gewappnet ist, muss das historische Gebäude umgebaut, saniert und erweitert werden.

Am 1. Januar beginnen die Bauarbeiten, die Grundsteinlegung für den angrenzenden Neubau erfolgte im August. Ab 30. November ist das Lutherhaus geschlossen. Anfang Februar soll ein Ausweichquartier im Haus gegenüber bezogen werden. Hier werden bis zur Eröffnung des neuen Museums das Bibelcafé, der Shop sowie museumspädagogische Angebote wie der Altschulunterricht weitergeführt.

Das Lutherhaus ist eines der ältesten erhaltenen Fachwerkhäuser Eisenachs. Martin Luther soll während seiner Eisenacher Schulzeit 1498 bis 1501 hier gewohnt haben. Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Bombenschäden beseitigt und das Haus 1956 von der Thüringer Landeskirche als Luthergedenkstätte eröffnet. Damals sei das Gebäude entsprechend den Verhältnissen in der DDR nur provisorisch aufgebaut worden und habe auch in den Folgejahren keine grundlegende Sanierung erfahren, erklärt Dr. Jochen Birkenmeier, Wissenschaftlicher Leiter und Kurator der »Stiftung Lutherhaus Eisenach«, die ab 2014 das Lutherhaus als kulturhistorisches Museum betreibt.

Jochen Birkenmeier, Wissenschaftlicher Leiter und Kurator der »Stiftung Lutherhaus Eisenach« mit einer Lutherfigur – Foto: Sabine Kuschel

Jochen Birkenmeier, Wissenschaftlicher Leiter und Kurator der »Stiftung Lutherhaus Eisenach« mit einer Lutherfigur – Foto: Sabine Kuschel

Die dringend erforderlichen Baumaßnahmen dienen dem Erhalt des historischen Gebäudes und der Umgestaltung zu einem modernen Museum. Der angrenzende Neubau, im Wesentlichen bestehend aus Treppenhaus und Fahrstuhl, sei vor allem nötig, um das historische Gebäude barrierefrei erschließen zu können. Dieses ist künftig auf jeder Ebene mit dem Rollstuhl erreichbar. Das Lutherhaus werde in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege saniert, teilweise historische Durchbrüche wiederhergestellt, die Raumstruktur etwas verändert, so Birkenmeier.

In einer weiteren Bauphase sollen neben dem neuen Gebäude zwei Wohnblocks entstehen, die ein privater Investor baut und die die Baulücke am Lutherplatz schließen. Das Erdgeschoss des vorderen Wohngebäudes wird dann mit vom Museum genutzt. Hier sollen Kasse, Museumsshop, Garderobe, Toiletten und Technik ihren Platz finden.

Neben der baulichen Umgestaltung ist das neue Konzept der Ausstellung eine Herausforderung für den Leiter des Museums ebenso wie für die Mitarbeiter, die in die Planung mit einbezogen werden.

Mit Birkenmeier hat das Lutherhaus erstmals hauptamtlich einen promovierten Wissenschaftler an der Spitze. Er studierte Geschichte und Germanistik, arbeitete nach der Dissertation in verschiedenen Museen, unter anderem bei den Franckeschen Stiftungen zu Halle. Bevor er Anfang dieses Jahres nach Eisenach kam, war er in Eisleben verantwortlich für die Gestaltung der neuen Dauerausstellung in Luthers Sterbehaus. Birkenmeier ist 40 Jahre alt und, wie er selbst sagt, der jüngste Museumsdirektor in Thüringen. In seinem Büro steht eine gelbe Lutherfigur, daneben ein zusammenklappbares Fahrrad. Der Chef des Lutherhauses wohnt in Erfurt, er kommt täglich mit dem Zug zur Arbeit und fährt jeweils mit dem Fahrrad von seiner Wohnung zum Bahnhof, von dort zum Lutherhaus und zurück. »Das funktioniert gut.« Mit dem Rad verkürzen sich die Fahrtzeiten und »man kriegt auch den Kopf frei«.

Weil Eisenach – international gedacht – immer in Verbindung gebracht werde mit Martin Luthers Übersetzung des Neuen Testaments, so der Historiker, soll das Thema der Dauerausstellung im neu eröffneten Museum »Luther und die Bibel« sein. Warum und wie hat Luther die Bibel übersetzt? Warum hat die Lutherbibel als eine von vielen Übersetzungen solche Bedeutung? Was macht sie besonders? Mit wem hat der Reformator zusammengearbeitet? Und welche Folgen hatte das Ereignis auf Literatur, Sprache und Musik? Um diese und andere Fragen wird es in der neuen Schau gehen. Wer auf der Wartburg war, solle beim Besuch des Lutherhauses weiterführende Informationen erfahren, so der Museumsleiter. Die Geschichte des Pfarrhauses, die derzeit im Mittelpunkt der Ausstellung im Lutherhaus steht, wird dann nicht mehr Thema sein. Aber sie solle nicht vergessen werden, betont Birkenmeier. Zukünftig wird das Landeskirchenarchiv, dem alles Material der bisherigen Ausstellung übergeben wird, für die wissenschaftliche Benutzung offen sein. Außerdem könnten diese und andere Themen in den Sonderausstellungen, die höchsten Erwartungen genügen sollen, aufgenommen werden. Für diese halte das neue Museum Raum und Möglichkeiten bereit, so Birkenmeier.

Das inhaltliche Konzept des neuen Museums – eine spannende und zugleich ambitionierte Aufgabe, denn eine Ausstellung soll wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werden und der Besuch soll Freude machen, ein Erlebnis sein. »Inhalt und Form sollen eine Einheit bilden«, präzisiert der Kurator. Er fühle sich wie ein Dirigent, so Birkenmeier, »der dafür sorgt, dass der Wohlklang entsteht.«

Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von der Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie von einem Ausstellungsbüro, ein auf Präsentationen spezialisiertes Team von Innenarchitekten, Grafikdesignern und Museologen. Mitte Dezember fällt die Entscheidung, welches Unternehmen dies sein wird.

Birkenmeier weist noch auf eine weitere Bedingung hin, die bei der Planung zu berücksichtigen sei. Eine Dauerausstellung kostet viel Geld und werde deshalb für die Zukunft geplant, mit einer Lebensdauer von 15 Jahren. Wichtig sei ihm, so Birkenmeier, dass über das Lutherjahr 2017 hinaus gedacht wird. Denn bald gibt es erneut ein Jubiläum zu feiern: 2021 jährt sich Luthers Übersetzung des Neuen Testaments zum 500. Male.

Nicht nur die ältere, auch die jüngere Generation möge den Weg ins Museum finden, wünscht sich der Kurator. Eltern sollten gemeinsam mit ihren Kindern kommen. Und: Das Lutherhaus – ein Ort der Traditionspflege – wolle ferner ein niederschwelliges kulturhistorisches Angebot machen für Menschen, die mit Kirche und Glauben nicht vertraut sind. Als eine von wenigen Lutherstätten in kirchlicher Trägerschaft habe die Einrichtung in Eisenach die Chance, andere, christliche Akzente zu setzen.

Sabine Kuschel

Leise nahm er Raum in meinem Herzen

24. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Comments Off

So kam Gott in meine Welt

Gott war irgendwie schon immer da. Das Vaterunser lernte ich am schummrigen Abendbrottisch meiner Großeltern. Aber der Kindergottesdienst und diese Bilder bärtiger Männer auf blauen Wolken haben mich gelangweilt. Irgendwann weigerte ich mich, dort hinzugehen. Noch als Jugendliche schrieb ich im Gemeindebrief meiner Heimatgemeinde einen Artikel darüber, wie sehr mich Predigten anödeten, weil sie mit Gott und meinem Leben nichts zu tun hatten.

Gott war irgendwie schon immer da, aber er kam in seltsamen Verkleidungen daher. In Liedern wie »Wir sind die Kleinen in den Gemeinden« und »Laudato si«, lustig gemeinten Anspielen, in mir fremden Liturgien und Predigten ohne Gott.

Foto: Buriy-Fotolia.com

Foto: Buriy-Fotolia.com

Nach einem Jahr in Indien, einem Land voller Altäre, Tempel und Gottheiten, habe ich mich zum Theologiestudium eingeschrieben. Ich wollte diesem Gott auf die Spur kommen, der mir so unvertraut vertraut war und mich nicht losgelassen hat. Ich wollte die kirchlichen Verpackungen abkratzen und zum Kern vorstoßen. An der Uni stieß ich dann allerdings nicht auf Gott, sondern auf Dogmatik. Ich lernte, dass es nahezu unverantwortlich sei, einfach von ihm zu reden ohne jegliches biblisches und kirchengeschichtliches Wissen. Und ich verstummte verschämt. Ich lernte, dass ich nicht einfach nur evangelisch sei, sondern lutherisch. Und dass es eine Rechtfertigungslehre gäbe die zentral sei für meine lutherische Identität. Über das Wort musste ich lachen. Ich lernte es abends beim Theologenstammtisch in einer Kneipe, zum Glück lernte ich da auch Pfeife rauchen. Die Rechtfertigungslehre beschäftigte mich noch einige Jahre lang. Mein damaliger Freund studierte an der Musikhochschule Gesang und die tägliche Begegnung mit der Welt des Schönen und Schöngeistigen machte mir deutlich, dass wir Theologen auf der anderen Seite standen. Mit meinen Natur-Boots, lila Halstuch und beschränkten musikalischen Kenntnissen fühlte ich mich wie ein Fremdkörper, quasi die personifizierte Rechtfertigungslehre. Ein Gott, der so gütig ist, auch über das Mittelmaß seine Gnade auszuschütten, schien mir damals ziemlich unattraktiv.

Was ich schon lange gesucht hatte aber nicht wusste, dass ich es suche, fand ich im Kreuz. Es war in einer Systematik-Vorlesung und mir liefen die Tränen. Gott durchkreuzt die Welt und kommt mir näher als ich es für möglich halten kann. Endlich war Gott aus seinem fernen Wolkendasein, den Kindergottesdienstliedern und weltfernen Predigten befreit und ich hatte ein Gegenüber gefunden. Glückerfüllt rannte ich nach der Vorlesung durch den Park.

Gott war mir schon nähergekommen, aber ich konnte ihn noch nicht in mir fühlen. Dann gab es die Stunde Null in meinem Leben – ein ärztlicher Kunstfehler. Mehrere Wochen lag ich mit drei Frauen in einem Zimmer in der Medizinischen Hochschule. Und sie fragten mich, die kleine Theologiestudentin, wieso Gott so unbarmherzig das kleinste Glück zerstöre. Ich selbst, durch Schläuche ans Bett gefesselt, stritt mit diesem Gott, der mir so fern schien angesichts des Leids in mir und um mich herum. Wir vier Frauen haben über ihn geredet. Nächtelang. Und ich weiß nicht wieso, in mir wuchs ein großer Frieden mit dem, der keine Antwort gab. Im Nachtschrank lag das kleine Holzkreuz, das ich von meinem Großvater geerbt hatte, es war mit ihm während des Krieges in Russland und in Frankreich gewesen. Oft presste ich einfach meine Finger um das Kreuz, die scharfen Kanten schnitten mir in die Haut. Etwas war gut geworden. Gott war angekommen in mir und ich in ihm. Es musste nichts beschönigt werden.

Einige Zeit später stand eine Riege von Ärzten um mein Bett. Einer meinte, dass ich wohl einen guten Draht zu dem da oben haben würde. Ich schaute ihn an und wusste, dass er keine Ahnung hat. Den bärtigen Opa auf der Wolke hatte ich lange hinter mir gelassen.

Gott kam leise, es gab keine Explosion und kein Bekehrungserlebnis. Fast unbemerkt hatte er im Krankenzimmer und in meinem Herzen Raum genommen.

Nora Steen

Das neue THEMA-Heft


Diese Geschichte von Nora Steen ist in dem neuen THEMA-Heft »Jesus – Gott kommt in die Welt«, das »Glaube und Heimat« pünktlich zum Advent herausgibt, nachzulesen. Darin enthalten sind beeindruckende Lebensgeschichten und berührende Glaubenszeugnisse.

»Christus ist das klare Ja Gottes« meint Theologieprofessor Eberhard Jüngel in einem Interview, in dem er sich zur Weihnachtsbotschaft äußert. Der Archäologe Dieter Vieweger erklärt die Welt und die Zeit, in die Jesus Christus geboren wurde. Die Philosophin Katharina Ceming denkt über die Geburt Gottes in uns nach.

Das Themenheft ist auch als Geschenk oder als Weihnachtsgruß geeignet.

Thema »Jesus – Gott kommt in die Welt«, jeweils bis 9 Exemplare 3,50 Euro, 10 bis 49 Exemplare 3 Euro, ab 50 Exemplare 2,50 Euro
Zu bestellen bei: Wartburg Verlag GmbH, Lisztstraße 2a, 99423 Weimar, Telefon (0 36 43) 24 61-44; Fax (0 36 43) 24 61-18; E-Mail <buch@wartburgverlag.de>


Sehnsucht nach Gott

19. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Comments Off

Zum 50. Todestag des Schriftstellers Clive Staples Lewis

Ob er in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs Angst verspürt hätte, fragte man ihn. Und er antwortete: »Immerzu, aber ich sank nie so tief, dass ich gebetet hätte.« Der Mann, der damals noch über seinen Unglauben Auskunft gab, stieg später auf zu einem der meistgelesenen christlichen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts: Clive Staples Lewis, meist abgekürzt »C. S.« Seine Freunde riefen ihn ohnehin beim Spitznamen »Jack«. Der 22. November in diesem Jahr ist sein 50. Todestag.

Gewiss war er kein Heiliger – aber ein einflussreicher Denker, der Millionen von Christen mit Scharfsinn und Humor inspiriert hat.

Sein Brot verdiente Lewis als Professor für Literatur in Oxford und Cambridge. Doch berühmt machten ihn die mehrfach verfilmten Narnia-Bände: Narnia ist eine Parallelwelt unserer Erde, jünger, blühender. Einige haben das Glück, von dieser Welt in jene entrückt zu werden und dort echte Abenteuer zu erleben. Besonders im englischsprachigen Raum kennt jedes Kind C. S. Lewis: Über 100 Millionen verkaufte Bücher sprechen für sich.

Daneben stehen Bücher für Erwachsene: Sachbücher zu Glaube und Spiritualität wie auch Romane. In »Überrascht von Freude« erzählt er teilweise sehr rührend von seiner eigenen Entwicklung und wie Gott den einst erklärten Atheisten schachmatt gesetzt hat: »Ein junger Mann, der Atheist zu bleiben wünscht, kann nicht vorsichtig genug mit seiner Lektüre sein. Überall lauern Fallen – ›aufgeschlagene Bibeln, Millionen Überraschungen, feine Netze und Finten‹. Gott ist, wenn ich das sagen darf, sehr skrupellos.«

Lewis wurde am 29. November 1898 in Belfast geboren. Der frühe Tod der Mutter warf einen Schatten auf sein Leben. Mit dem Bruder Warren wuchs er beim ebenso wohlhabenden wie überforderten Vater auf. Die Schulzeit war bestimmt von einem Wechsel verschiedener Internate. Der fantasievolle und unsportliche Junge geriet unter die Räder. Damals entschied er sich bewusst gegen den christlichen Glauben. Schon die Konfirmation ließ er als bloße äußerliche Handlung über sich ergehen. Der Erste Weltkrieg zwang ihn 1917 an die Front.

Denkmal für C. S. Lewis von Ross Wilson in Belfast. Foto: Wikipedia

Denkmal für C. S. Lewis von Ross Wilson in Belfast. Foto: Wikipedia

Seinem Kameraden Paddy versprach er, sich dessen von ihrem Mann getrennt lebenden Mutter anzunehmen, falls ihr Sohn sterben würde. Lewis hielt Wort und nahm die Mutter viele Jahre zu sich, wobei die Beziehung zu der älteren Frau anfangs mehr war als eine moralische Pflichtübung. Eine eigene Familie hat Lewis nicht begründet. Gleichwohl hat seine späte Liebe zur Schriftstellerin Joy Davidman viele Menschen berührt. Der damals schon prominente Junggeselle heiratete die schwer kranke Joy 1957 am Krankenbett. Welcher Zauber dieser Liebe inne wohnte, beweist die Verfilmung »Shadowlandes« mit zwei Oskarnominierungen und Sir Anthony Hopkins in der Hauptrolle als Lewis!

Dabei wäre beinahe seine Universitätslaufbahn an der Mathematik gescheitert. Doch als Kriegsveteran wurde ihm die Algebraprüfung erlassen und Lewis konnte sein Studium in Oxford aufnehmen, stieg auf zum Philosophie-Dozenten und schließlich zum Professor für Literatur. Das war die Zeit, in der Lewis ins Nachdenken über seine Lebensphilosophie geriet – beeinflusst von nächtlichen Debatten mit seinen teils christlichen Freunden. Zu den bedeutendsten Weggefährten zählt der katholische Schriftsteller Tolkien, bekannt als Schöpfer des »Hobbits« und des »Herrn der Ringe«. Zug um Zug näherte sich für Lewis das Eingeständnis, es müsse tatsächlich Etwas geben, etwas Absolutes, einen Geist – und schließlich Gott. Dies schien Lewis so zwingend, dass seine Bekehrung ihn zunächst nicht mit Freude erfüllte: Im Sommersemester »1929 lenkte ich ein und gab zu, dass Gott Gott war, und kniete nieder und betete; vielleicht in jener Nacht der niedergeschlagenste und widerwilligste Bekehrte in ganz England.«

Seine Logik und die Kraft seiner Bilder rufen bis heute zur Lektüre seiner Werke. Lewis zeigt sich darin als ringender Mensch, der Versuchung und Zweifel kennt, aber bestimmt ist von der Sehnsucht nach Gott, die alle anderen Sehnsüchte und Freuden übersteigt.

Gregor Heidbrink

nächste Seite »