Von der Weltbühne ins Kloster

18. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Jubiläum: Vor zehn Jahren wurde in Volkenroda der Christus-Pavillon der Expo Hannover eingeweiht.

Zentrum für Kunst, Kultur und Spiritualität: Der Christus-Pavillon im Kloster Volkenroda prägt heute die Ansicht der alten Zisterzienseranlage. (Foto: Kloster Volkenroda)

Zentrum für Kunst, Kultur und Spiritualität: Der Christus-Pavillon im Kloster Volkenroda prägt heute die Ansicht der alten Zisterzienseranlage. (Foto: Kloster Volkenroda)

Als der futuristische Kubus aus Stahl, Glas und Marmor im ehemaligen Zinsterzienser-Kloster aufgestellt wurde, gab es viele skeptische Stimmen. Heute ist er wichtiges Teil dieses »spirituellen Kraftzentrums«.

Ein wenig überragt die Klosterkirche im thüringischen Volkenroda den 3000 Quadratmeter großen Bau an ihrer Seite. Dennoch prägt der Christus-Pavillon die Ansicht des früheren Zisterzienser-Klosters, dessen älteste Teile aus dem 12. Jahrhundert stammen. Als der futuristische Quader vor zehn Jahren in dem Dorf eingeweiht wurde, hatte er eine Vergangenheit auf internationaler Bühne hinter sich. Bei der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover war er mit 1,8 Millionen Besuchern das Aushängeschild der christlichen Kirchen.

Den Jahrestag der Einweihung in Volkenroda bei Mühlhausen feiern die evangelischen Landeskirchen von Mitteldeutschland und Hannover an diesem Wochenende vom 19. bis zum 21. August unter anderem in einem Gottesdienst mit ihren Bischöfen Ilse Junkermann und Ralf Meister. 100 Schwertransporter brachten im Anschluss an die Expo im Jahr 2000 die 800 Tonnen schwere Stahlkonstruktion nach Volkenroda.

Statt Trubel umgibt ihn dort ländliche Ruhe.

Damit die Kirchturmspitze tatsächlich der höchste Punkt blieb, wurde in Volkenroda die Erde abgetragen und der Pavillon drei Meter tiefer gelegt. »Am Anfang war er für die Leute ein gewisser Fremdkörper und ein West-Import, der auch Befremden ausgelöst hat«, weiß Albrecht Schödl aus Erzählungen. Inzwischen identifizierten sich viele mit dem Bau, sagt der Pfarrer, der seit knapp vier Jahren den Christus-Pavillon leitet. »Brautpaare lassen sich dort gern fotografieren.«

Einmal im Monat ist Bauernmarkt am Kloster. Die Mitglieder der Jesus-Bruderschaft, einer Kommunität mit Familien- und zölibatär lebenden Mitgliedern, die im Kloster leben, sorgen Schödl zufolge für eine gastfreundliche Atmosphäre.

40000 Besucher im Jahr zählt Volkenroda, zu dem auch ein Jugendbildungszentrum gehört. Der von dem Star-Architekten Meinhard von Gerkan entworfene Christus-Pavillon aus Stahl, Glas und durchscheinendem Marmor ist längst mehr als ein für Touristen interessantes Bauwerk.

Besondere Gottesdienste etwa für Biker und zum Valentinstag werden dort gefeiert. Ausstellungen und Konzerte finden statt – zum Jubiläum wird am 20. August open air die Carmina Burana gegeben.

Regelmäßige Gebetszeiten machen deutlich: Der Pavillon ist eine Kirche.

Dass diese überhaupt gebaut wurde, war einer Vielzahl glücklicher Zusammentreffen zu verdanken, erinnert sich der frühere hannoversche Landesbischof Horst Hirschler.

Mitte der 1990er Jahre suchte die Landeskirche in Hannover Ideen für einen Beitrag zur ersten Weltausstellung auf deutschem Boden. Zur gleichen Zeit baute die ökumenische Jesus-Bruderschaft das Kloster in Volkenroda weiter auf, das lange dem Verfall preisgegeben war.

Sie wollte die Klosterkirche wieder ergänzen. Dafür warb sie im Kloster Loccum der hannoverschen Kirche um Unterstützung, das Zisterziensermönche aus Volkenroda einst gegründet hatten.

»Allein für Volkenroda gibt niemand Geld. Für eine Expo-Kirche, die danach in Volkenroda steht, aber wohl! Das wäre der Knüller!«, erinnert sich Hirschler an die zündende Idee. Dem Bischof gelang es, die deutsche Stahlindustrie zu gewinnen, die sich mit fünf Millionen Mark beteiligte und bis heute den Pavillon unterstützt.

Ohne Volkenroda hätte es auch den Pavillon auf der Expo nicht gegeben, sagt der damalige Expo-Beauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Gerhard Wegner. »Man scheute sich, nur für die fünf Monate der Weltausstellung so etwas zu machen.« Der 16,5 Millionen Mark teure Bau sollte nachhaltig sein. Bei der Weltausstellung zählte er zu den beliebtesten Pavillons.

Volkenroda sei ein »spirituelles Kraftzentrum«, schwärmt heute Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, die Schirmherrin des Jubiläumsjahres ist. 1996 zeichnete die Europäische Union das Kloster als »schützenswertes Kulturerbe« aus.

Den Christus-Pavillon nennt Lieberknecht: »Ein bauliches und erbauliches Ensemble, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verkörpert.«

Karen Miether

Der neue Mann in Bad Blankenburg

12. August 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Gespräch: Thomas Günzel folgt Reinhard Holmer als Direktor des Evangelischen Allianzhauses.


Thomas Günzel, 1960 in Waldkirchen im Erzgebirge geboren, erlernte zunächst den Beruf eines Eisenbahners und arbeitete als Fahrdienstleiter. Nach einem Theologiestudium am Berliner Paulinum wurde er Gemeinschaftsprediger und Jugendbildungsreferent im sächsischen Jugendverband »Entschieden für Christus« (EC). Von 1994 bis 1998 arbeitete ­Günzel als Jugendbildungsreferent im sächsischen Landesjugendpfarramt, ­anschließend als Lehrer, Theologe und Pfarrer im Ehrenamt beim ­diakonischen Berufsbildungswerk für Hör- und Sprachgeschädigte in ­Leipzig. 	(Foto: Harald Krille)

Thomas Günzel, 1960 in Waldkirchen im Erzgebirge geboren, erlernte zunächst den Beruf eines Eisenbahners und arbeitete als Fahrdienstleiter. Nach einem Theologiestudium am Berliner Paulinum wurde er Gemeinschaftsprediger und Jugendbildungsreferent im sächsischen Jugendverband »Entschieden für Christus« (EC). Von 1994 bis 1998 arbeitete ­Günzel als Jugendbildungsreferent im sächsischen Landesjugendpfarramt, ­anschließend als Lehrer, Theologe und Pfarrer im Ehrenamt beim ­diakonischen Berufsbildungswerk für Hör- und Sprachgeschädigte in ­Leipzig. (Foto: Harald Krille)

Vom 3. bis 7. August lud die Evangelische Allianz in Deutschland zu ihrer traditionellen Glaubenskonferenz nach Bad Blankenburg. Rund 2500 Christinnen und Christen aus Landes- und Freikirchen folgten der Einladung. Einer der Höhepunkte war die Einführung des bisherigen Leipziger Pfarrers und Lehrers Thomas Günzel als neuer Direktor des Bad Blankenburger Allianzhauses. Harald Krille sprach mit ihm.

Von Leipzig nach Bad Blankenburg, was ist da die größte Umstellung?
Günzel: Die größte Umstellung ist vielleicht wirklich die Einwohnerzahl. Aber ansonsten bin ich in den Bergen geboren und darf jetzt wieder in den Bergen wohnen. Das ist gar nicht so schlecht. Und ich finde, dass Sachsen und die Thüringer beides gemütliche Völkchen sind, wo man als ein fröhlicher Mensch gut leben kann.

Bad Blankenburg und das Allianzzentrum sind Ihnen ja nicht fremd.
Günzel: Ich war 1978 zum ersten Mal hier zu einer Konferenz. Das hat mich so fasziniert, dass ich eben immer wiedergekommen bin. Während des Theologiestudiums sprach mich ein Mitstudent an und sagte: Wenn du hinfährst kannst du auch mit Zeltplatzhelfer machen. Also wurde ich Zeltplatzhelfer. Und dann kam schon so langsam die Wendezeit und mein beruflicher Einstieg in der Jugendarbeit der Landeskirchlichen Gemeinschaften. Und da bin ich dann in den Jugendarbeitskreis der Evangelischen Allianz hineinberufen worden.

Was sind die größten Herausforderungen, die Sie für Ihren neuen Dienst sehen?

Günzel: Eigentlich ist alles ganz spannend. Aber die größte Herausforderung ist auf der einen Seite die Frage der Wirtschaftlichkeit. So ein Haus will gefüllt sein und soll sich weitgehend selbst tragen. Aber wir wollen mit unserem Haus auch offen stehen für Leute, die wenig Geld haben: für Christen aus Osteuropa beispielsweise. Deshalb brauchen wir trotz allem weiter Spenden.
Die andere Herausforderung: Bad Blankenburg ist ein Ort mit einer ­langen geistlichen Tradition. Und das soll auch so bleiben: Ein Ort, an dem gebetet wird, an dem Menschen von Gott bewegt werden aber auch gesellschaftliche Situationen vor Gott bewegt werden.

Sind schon inhaltliche Schwerpunk­te absehbar, die Sie setzen wollen?

Günzel: Da ist zum einen das Problem des sogenannten »Burn-out-Syndroms« unter kirchlichen Mitarbeitern. Ich habe im Gespräch mit anderen Hauptamtlichen gemerkt, wie viele eigentlich hart an der Grenze des Möglichen arbeiten oder manchmal auch drüber rausgehen. Und ich habe festgestellt, dass das Problem nicht neu ist: Die Gründerin des Allianzhauses, Anna von Weling, kannte das Phänomen schon im 19. Jahrhundert. »Im Dienst ermüdete Reichsgottesarbeiter«, nannte man das damals. Das Allianzhaus soll auch ein Haus der Seelsorge sein, in dem diese Probleme einen Platz haben.
Daneben ist mir der Bildungsaspekt wichtig. Ich möchte schon so ein bisschen eine Art evangelikale Akademie entwickeln. Man soll bei uns über Themen diskutieren können, wo sich andere vielleicht nicht ran trauen. Und ich wünsche mir, dass ­dabei Christen aus verschiedenen Gemeinden und verschiedenen Frömmigkeitstraditionen miteinander ins Gespräch kommen. Das soll nicht in Konkurrenz zu bestehenden Evangelischen Akademien geschehen, sondern eher in Ergänzung. Aber darüber hinaus ist natürlich weiter jede und ­jeder zu Seminaren, Tagungen oder einem Urlaubsaufenthalt eingeladen.

Welche Wünsche und Erwartungen hat der neue Allianzhaus-Direktor an die Kirche, speziell die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland?

Günzel: Also ich möchte bewusst Mitglied dieser, meiner Kirche sein und mich auch einbringen – hier vor Ort und darüber hinaus. Dabei wünsche ich mir, dass man nicht gleich in eine Ecke gestellt wird. Ich weiß, dass das manchmal auch Allianzler machen und das tut mir weh. Genauso weiß ich aber auch, dass mancher, der in der Kirche zu Hause ist und Allianz kritisch beäugt, auch so seine Ecken hat, wo er Leute hinstellt. Und denen sage ich: Bitte stell mich nicht in eine Ecke, sprich mit mir, entdecke mich, so wie ich dich auch entdecken möchte.

Der Lügenwall

6. August 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnert: Vor 50 Jahren begann die DDR-Führung damit, das eigene Volk einzumauern.
 
Ein Relikt des wohl monströsesten Bauwerks der jüngeren deutschen Geschichte in Berlin. (Foto: picture alliance/Eventpress Mu)

Ein Relikt des wohl monströsesten Bauwerks der jüngeren deutschen Geschichte in Berlin. (Foto: picture alliance/Eventpress Mu)

 

Was mit Postenketten und ­Stacheldrahtrollen begann, wurde in kurzer Zeit zur »Mauer«, die Berlin und Deutschland trennte. Manche gewöhnten sich an das Bauwerk – auch im Westen.

Lügen haben kurze Beine, sagt das Sprichwort und weiß sich gültig im niederen Alltag der Menschen wie in der hohen Politik. Eine der kürzesten politischen Lügen der Weltgeschichte war zweifelsohne jener berüchtigte Satz Walter Ulbrichts, den er mit der ihm eigenen Verschlagenheit auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin am 15. Juni 1961 in die Mikrofone der Weltöffentlichkeit sprach: »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.«

Keine zwei ­Monate später wuchs sie in Berlin sowie an der gesamten innerdeutschen Grenze über Nacht aus dem Boden und hielt bis zum 9. November 1989, als der SED-Diktatur das Wasser bis zum Hals stand und die sowjetischen Besatzungstruppen dank Michael Gorbatschow nicht mehr rettende Feuerwehr spielen durften.

Die mit der ersten verbundene zweite Lüge, es handele sich bei dieser Mauer um einen »antifaschistischen Schutzwall«, gerichtet gegen den potenziellen Aggressor im Westen, die »Bonner Ultras«, benötigte noch weniger Zeit, um sich, ebenso weltöffentlich, restlos zu entlarven: Die ersten Toten an der Mauer, noch im Errichtungsmonat August erschossen, ertrunken, aus Fenstern gestürzt, waren eben nicht Opfer des Westens, sondern exakt jener monströsen ­Gewaltmaßnahme, die SED-Diktator Ulbricht angeordnet und Erich Honecker, sein aus dem Saarland stammender Sicherheitssekretär im Politbüro, erfolgreich umgesetzt hatte. Sie hießen Rudolf Urban und Ida Siekmann, geboren 1914 und 1902, zu Tode gestürzt beim Fluchtversuch aus Häusern der Bernauer Straße, oder Roland Hoff, 1934 geboren, auf der Flucht durch den Teltow-Kanal ­erschossen am 29. August 1961.

So ist es geblieben, bis ins Jahr des Mauerfalls, als am 5. Februar 1989 mit dem 21-jährigen Chris Gueffroy das 94. und letzte Maueropfer in Berlin zu ­be­klagen war: ermordet von den ­Grenz­soldaten der NVA Ingo Heinrich, Peter Schmett, Andreas Kühnpast und Mike Schmidt. Sie alle willige Vollstrecker jenes Schießbefehls von ganz oben, an den sich nach dem Zusammenbruch der SED-Diktatur keiner von denen, die ihn erfunden hatten und in der täglichen Vergatterung von Grenzsoldaten verwirklicht wussten, mehr erinnern konnte.

Heute wissen wir, dass dem von der SED zu verantwortenden mörderischen innerdeutschen Grenzregime über 1000 Menschen zum Opfer gefallen sind.

Was zuerst und zuletzt nur bedeutet: Nie konnte es eine Illusion über den tödlichen Charakter dieses Bauwerks geben und wem es galt. Noch weniger über die, die den Befehl gaben, sie zu errichten, weil sie die Menschen in ihrem Machtbereich fortan daran hindern wollten, massenhaft die Flucht zu ergreifen angesichts des politischen und ökonomischen Terrors, den der sogenannte »erste deutsche Arbeiter- und Bauernstaat« zur alltäglichen Erfahrung gemacht hatte.

Dieser ständigen Abstimmung mit den Füßen über die Legitimität des Systems »DDR« musste ein Ende bereitet werden, bewies sie doch, dass es sich mit ihr um eine ­ordinäre Diktatur handelte und sonst nichts, der zweiten in der deutschen ­Geschichte.

Heute ist auch sie Geschichte und der Mauerbau ein gut erforschtes ­Ereignis.

Weniger gut verankert im öffentlichen Bewusstsein unserer Tage ist aber das, was man den zweiten Mauerbau nennen könnte: Jene nach 1961 wachsende Anerkennung der SED-Diktatur durch westdeutsche Politiker, Journalisten, Geisteswissenschaftler und Theologen, mit der nicht nur die faktische Existenz der Diktatur gemeint war, um Politik auf der Basis der Realitäten, wie es, vernünftig klingend, hieß, machen zu können, zumal im Interesse der getrennt lebenden Menschen in Deutschland.

Gemeint war in wachsendem Maße auch so etwas wie eine politisch-moralische Legitimität, die der Diktatur im Laufe der Zeit angeblich zugewachsen war, weil sie »antifaschistische Wurzeln« hätte, aber ein durch den Kalten Krieg schlecht verlau­fenes Experiment sei und die Teilung Sühne für die Massenverbrechen der NS-Diktatur.

Die Bücher, die mit ihren abstrusen Thesen dazu zwischen 1961 und 1989 im Westen erschienen, sind Legion und hatten so scheinheilige Titel wie »Das ­geplante Wunder. Leben und Wirtschaften im anderen Deutschland« (Joachim Nawrocki, 1967) oder »Modell DDR. Die kalkulierte Emanzipation« (Rüdiger Thomas, 1972).

Der Ex-Diplomat und ­Publizist Günter Gaus schließlich, gern gesehener Jagdpartner Honeckers während seiner Zeit als bundesrepublika­nischer Diplomat in der DDR, verstieg sich noch wenige Monate vor dem ­Mauerfall zu der Forderung, die Ostdeutschen im Westen zu diskriminieren, um sie von der Auswanderung aus der DDR abzuhalten.

Dass Vorstellungen und Vorschläge dieser Art hauptsächlich aus linken wie linksliberalen Kreisen kamen, hing mit der dort weitverbreiteten Überzeugung zusammen, dass die Deutschen kein politisch-moralisches Recht mehr auf einen einheitlichen Staat hätten.

Es waren die Deutschen im Osten, die sich diesem Pseudomoralismus nicht beugten, weil er nicht der Freiheit, sondern einer Diktatur zuarbeitete. Sie aber wollten Freiheit und Einheit und überrannten schließlich das tödliche Bauwerk in der humansten Revolution der Weltgeschichte.

Ulrich Schacht

Der Autor, Ulrich Schacht, wurde in der DDR 1973 wegen »staatsfeindlicher Hetze« zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt und 1976 von der Bundesrepublik freigekauft. Er lebt heute als Schriftsteller und Journalist in Schweden.

Ein Land in Schmerz und Trauer

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Norwegen: In Zeiten der Not erweisen sich gerade die Kirchen als Sammelpunkt für Menschen, die dem Hass widerstehen wollen.

Autor Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und lebt seit elf Jahren in Norwegen. Er ist Gemeindepfarrer in Haram und Fjørtoft auf den Inseln der Westküste, nördlich von Ålesund.

Autor Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und lebt seit elf Jahren in Norwegen. Er ist Gemeindepfarrer in Haram und Fjørtoft auf den Inseln der Westküste, nördlich von Ålesund.

Norwegen gilt vielen als Sehnsuchtsort: offen, friedlich, weiträumig. Und jetzt diese blutige Tragödie. Ein norwegischer Pfarrer berichtet über das Leben nach dem Attentat.

Die Fahne weht auf Halbmast, auch vor unserem Haus und vor unserer Kirche. Wir stehen unter Schock. Es ist unbegreiflich, dass sich ein zweites Attentat wie 1995 in Oklahoma-City in unserem friedlichen Land ereignet haben soll. Das bisher frei zugängliche Regierungsviertel nördlich der Domkirche in Oslo ist schwer verwüstet, doch Ersatzbüros in Oslo werden schnell gefunden sein und die Regierung wieder arbeiten.

Nicht zu ersetzten sind die Toten und Verletzten durch die Bombe in Oslo und das unbegreifliche Massaker auf Utøya im Tyrifjord, einem der größten Binnenseen Norwegens nordwestlich von Oslo.

Die Regierung hat uns bisher versprochen, dass ­unser freies und offenes Land auch morgen noch wiederzuerkennen sein wird. Wir hoffen, dass sie damit recht behalten wird. Und es besteht zumindest eine Chance dafür, da der Täter, wie es aussieht, ein rechtsextremer norwegischer Einzelgänger war.

Bisher habe ich auch noch nicht ausrücken müssen.

Als Pfarrer der norwegischen Volkskirche gehört es zu meinen Aufgaben, Todesnachrichten im Gebiet meiner Gemeinden zu überbringen. Es gibt sogar einen eigenen Bereitschaftsdienst der Pfarrer dafür, eingebunden in die kommunalen Krisenteams. Doch bisher hat die Polizei zum Glück noch nicht bei mir angerufen.

Norwegen ist zwar ein weites Land, aber es gibt nur wenige Einwohner. Auch wenn die Bevölkerung wächst, mehr als fünf Millionen sind es nicht. ­Jeder kennt jemanden, der direkt oder indirekt berührt ist: Die Schwieger­eltern der Kulturministerin kommen aus unserer Gemeinde, die Frau eines Gemeindemitglieds arbeitet in einem der Ministerien in Oslo, eine andere Frau aus der Gemeinde wurde durch Glassplitter bei der Explosion in Oslo verletzt.

Haram und Fjørtoft, meine beiden Gemeinden, sind mehr als 500 Kilometer von den Schauplätzen der Tragödie entfernt, aber niemand ist wirklich verschont worden: Der Stiefbruder der Kronprinzessin starb, als er auf Utøya versuchte, das Leben seines zehnjährigen Sohnes zu retten. Der Sohn überlebte.

Gerade in schweren Zeiten erweisen sich die Kirchen als ein Sammelpunkt für die Menschen und es ist gute Tradition, sie bei lokalen und nationalen Krisen und Katastrophen zu öffnen. Viele Menschen in Oslo gehen zur Domkirche und dem Meer aus Blumen und Kerzen dort, um überhaupt realisieren zu können, was geschehen ist.

Norwegen versucht dem Hass zu widerstehen, niemand verlangt nach Rücktritten oder ruft nach der Todesstrafe. Ein Zitat aus diesen Tagen: »Wenn ein Mann so viel Hass schaffen kann, kann man sich nur vorstellen, wie viel Liebe wir alle gemeinsam schaffen können.«

Eigentlich sollte jetzt Wahlkampf sein. Denn für den 12. September sind Kommunal- und Regionalwahlen, aber auch Wahlen zu Kirchgemeinderäten und Bistumsräten festgesetzt. Doch der Wahlkampf wird auf längere Zeit ausgesetzt. Am Montag um 12 Uhr stand das ganze Land still: Kein Auto, kein Flugzeug, kein Rasenmäher, nichts war zu hören. Aber unser Leben muss weitergehen.

»Å ta vare på kvarandre« ist ein Ausdruck, den wir in Norwegen oft in diesen Tagen verwenden. Er bedeutet so viel wie »einander beschützen« und »aufeinander aufpassen«.

Eine Gesellschaft ist mehr als eine Menge von Individuen und dabei haben wir als norwegische Kirche und als norwegische Pfarrer eine wichtige Aufgabe. Wir haben diese Aufgabe nicht weil unsere Gehälter vom Staat bezahlt werden, sondern weil wir Norweger sind.

Auch ich bin Norweger, obwohl ich in Deutschland geboren bin und meinen Namen immer und immer wieder buchstabieren muss. Ich bin Norweger, nicht weil ich einen norwegischen Pass habe, sondern weil ich es wie viele andere meine, wenn ich die Nummer 737 aus unserem Kirchen­gesangbuch singe: »Ja, vi elsker dette landet« – »Ja, wir lieben dieses Land«.

Michael Hoffmann

»In Rom blüht und gedeiht die Ökumene«

24. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Jens-Martin Kruse ist Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom. Foto: Harald Krille

Jens-Martin Kruse ist Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom. Foto: Harald Krille


Begegnung: Ein Besuch beim Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in der Ewigen Stadt.

Wer Orte mit funktionierender Ökumene sucht, denkt nicht sofort an Rom. Doch der erste Blick täuscht. In der Stadt, die das Zentrum der katholischen Weltkirche beherbergt, klappt’s mit der Ökumene.

Jens-Martin Kruse hält nichts von der Klage über eine ökumenische Eiszeit. »Es gibt in Sachen Ökumene so viele positive Signale. Die Ökumene blüht und gedeiht«, sagt der evangelische Pfarrer. Seine Erfahrungen in dieser Hinsicht sammelt der evangelische Theologe an einem Ort, den manch deutscher Beobachter in den letzten Jahren nicht auf den ersten Blick mit ökumenischem Fortschritt in Verbindung bringen würde: Kruse ist seit August 2008 Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom. Als Beleg für seine These kann er auf eine ganze Reihe ökumenischer Aktivitäten verweisen. Zu den Höhepunkten gehört dabei der ökumenische Gottesdienst, zu dem Kruses Gemeinde an Christi Himmelfahrt einlädt.

Wieso funktioniert ausgerechnet in Rom die Ökumene so gut? Rom ist nicht nur das Zentrum der katholischen Weltkirche. »Hier ist die Weltchristenheit präsent«, erklärt Kruse. Dabei sind die Lutheraner im ökumenischen Miteinander seiner Ansicht nach ein entscheidender Faktor. Zwar ist die Kirche zahlenmäßig verschwindend klein.

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Italien (ELKi) zählt ­landesweit etwa 6000 Mitglieder. Die römische Gemeinde hat 500. Aber anders als die größere Kirche der Waldenser, die in Italien etwa 60000 Mitglieder hat, können die Lutheraner unbefangener mit den Katholiken umgehen, meint Kruse. »Die Waldenser definieren sich aufgrund ihrer Verfolgungserfahrungen durch die ­katholische Kirche bis heute durch Abgrenzung. Wir Lutheraner verstehen uns da eher als durch die Reformation hindurchgegangene katholische Kirche.«

Wer zur Minderheit der Lutheraner gehört, steht im katholischen Italien dennoch fast täglich vor der »Notwendigkeit zu erklären, dass er kein Häretiker ist«, sagt Kruse. »Aber das schärft den Blick für die eigene Identität.« ­Dabei ist die Situation der Gemeinde heute kaum noch mit der Gründungszeit vergleichbar. Damals (1819) gab es noch den Kirchenstaat und evangelische Gottesdienste konnten nur im Schutz der Preußischen Botschaft gefeiert werden.

1870, als der Kirchenstaat an das Königreich Italien angeschlossen und Rom dessen Hauptstadt wurde, konnte die Gemeinde in die Öffentlichkeit treten. Bis zum ersten Gottesdienst in der eigenen Kirche dauerte es aber noch bis 1922. Ökumene mit der katholischen Kirche wurde aber erst in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–65) möglich, nachdem die Katholiken ihr Verhältnis zu den anderen christlichen Kirchen neu bestimmt hatten. Seit dieser Zeit schrieb dann die lutherische Christuskirche in Rom aber gleich zweimal ökumenische Weltgeschichte: 1983 – im Jahr des 500. Geburtstages von Martin Luther – besuchte hier mit Johannes Paul II. zum ersten Mal ein Papst eine evangelische Kirche. Und im Jahr 2010 feierte sein Nachfolger Benedikt XVI. mit der Gemeinde hier einen Gottesdienst. Dieses Ereignis kann Kruse nicht hoch genug bewerten: »Wenn der Papst bereit ist, Gottesdienst in unserer Tradition zu feiern, dann ist das doch für uns die Anerkennung als Kirche.« Und was der Papst in Rom konnte, das kann er nun überall auf der Welt. Und so wird er bei seinem Besuch im September in Erfurt im Augustinerkloster einen vergleichbaren Gottesdienst halten.

Dass der Papst bei seinem Deutschlandbesuch so viel Wert auf Ökumene legt, verwundert Kruse nicht: »Ökumene ist vermutlich das zentrale Thema seines Pontifikats.« Das zeigte sich schon in seiner ersten Ansprache nach seiner Wahl zum Papst, als Benedikt XVI. es als vorrangige Verpflichtung bezeichnete, »mit allen Kräften an der Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit aller Jünger Christi zu arbeiten«.

Natürlich sieht auch Kruse, dass sich in manchen theologischen Fragen nichts bewegt. Aber: »Hinter die gelebte und gefeierte Ökumene kann niemand zurück. Und die theologischen Fragen werden sich dann klären.« Dabei müsse man – was die ­Äußerungen der katholischen Kirche betrifft – lernen, »zwischen den Zeilen zu lesen«. Da sende der Vatikan viele positive Signale. Wenn es dann einmal katholische Äußerungen gibt, die ökumenisches Porzellan zerschlagen, hilft es Kruse, »wenn unsere katholischen Partner anrufen und sagen, dass ist nicht unsere Position. Ökumene hat auch viel mit Aushalten zu tun«.

Bei entsprechenden Äußerungen aus seiner eigenen Kirche reagiert Kruse schärfer. Aussagen wie die von Margot Käßmann aus ihrer Zeit als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), dass sie von Benedikt XVI. in Sachen Ökumene nichts erwarte, seien »riesige Rückschläge«. Wir Protestanten müssen von unserem hohen Ross herunter und lernfähig werden.« Für Kruse schließt das sogar ein, dass er sich ­einen Papst in einer synodalen Präsesfunktion für die Gesamtkirche vorstellen kann: ein »Erster unter Gleichen«, der für alle Christen spricht.

Von Harald Krille und Matthias Holluba

Hinweise: Informationen über die evangelisch-lutherische Gemeinde in Rom gibt es im Internet:
www.ev-luth-gemeinde-rom.org

Pfarrer Kruse freut sich über Pilgergruppen (auch aus katholischen Gemeinden), die ihm und der Gemeinde einen Besuch abstatten.

Das von Jens-Martin Kruse und Jürgen Krüger herausgegebene Buch über die »Ökumene in Rom« ist im Verlag »arte factum« in Karlsruhe erschienen (ISBN 978-3-938560-23-5) und kostet 28 Euro.
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643)246161

Die Kirchen und ihr Land

Landwirt Helmut Jüdersleben hat gern ein Gotteslob auf seinen Lippen - doch wie seine Kirche Wiesen und Ackerland verpachtet, versteht er manchmal nicht. Foto: Rainer Borsdorf

Landwirt Helmut Jüdersleben hat gern ein Gotteslob auf seinen Lippen - doch wie seine Kirche Wiesen und Ackerland verpachtet, versteht er manchmal nicht. Foto: Rainer Borsdorf


Nachgefragt: Wie gehen die Kirchen in Mitteldeutschland mit ihrem Grundbesitz um?

Etwa drei Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in ­Mitteldeutschland gehört den evangelischen Kirchen. Die ­Verpachtung des Landes bringt Geld, aber manchmal auch ­Ärger.

Helmut Jüdersleben ist ein frommer Mann. Wenn der 74-jährige Landwirt über seine Felder geht, summt er gerne ein Lied zur Ehre Gottes – oder dichtet selbst eins. »Schon mein Großvater hielt manchmal bei der Feldarbeit inne und staunte über Gottes Schöpfung; das hat mein Leben geprägt.« Die Augen in dem wettergegerbten Gesicht leuchten, wenn er davon erzählt.

Seit 60 Jahren ist er Tag für Tag auf den Feldern – und wenn es sein muss, auch nachts. Ebenso lange spielt er Sonntag für Sonntag die Orgel in den Kirchen rund um die Domstadt Naumburg. »Es macht mir Freude, wenn Menschen durch mei­ne Musik berührt werden«, beschreibt er das Engagement für seine Kirche.

Vergabe von Pachtland erregt Ärger bei Bauern
Doch der Landwirt hadert mit ihr schon seit einiger Zeit: »Als hier vor zwei Jahren Land zur Verpachtung anstand, hat man mich gar nicht angeschrieben«, meint Jüdersleben. Doch noch mehr traf ihn das Schicksal eines Freundes: Der ging in ­einer ersten Vergaberunde leer aus und sollte später bedacht werden. Doch das Land, immerhin 15 Hektar, bekam nicht er, sondern eine Agrargenossenschaft. Deren Chef, ein ehemaliger LPG-Vorsitzender, wollte nach der Wende wegen Landstreitigkeiten vor der Dorfkirche ­einen Schlagbaum errichten lassen. »Haben die das vergessen beim Kreiskirchenamt?«, fragt sich Jüdersleben. Er habe ­seinen Freund, engagierter Christ wie er, nur durch viel gutes Zureden davon abhalten können, mit der gesamten Familie aus der Kirche auszutreten.

Im Kirchenkreis Naumburg-Zeitz hat es in jüngster Zeit mindestens noch zwei ähnliche Fälle gegeben, wie Pfarrerin Bettina Schlauraff (Bad Bibra) berichtet. Die Dunkelziffer im gesamten mitteldeutschen Raum dürfte aber deutlich höher liegen, denn: »Viele Leute wollen nicht ­reden, aus Angst, dann nie mehr Kirchenland pachten zu können«, meint die ­Pfarrerin.

So habe zum Beispiel ein christlicher Öko-Bauer in jahrelanger Kleinarbeit sein gepachtetes Land auf ökologische Landwirtschaft umgestellt. »Ihm wurde es weggenommen und einem konventionell wirtschaftenden Bauern gegeben. Und der brachte gleich wieder die Chemie aufs Feld«, zeigt sich die Pfarrerin erbost und fügt hinzu, die Kampagne der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), »Klimawandel – Lebenswandel«, komme ihr manchmal als »reiner Hohn vor: Der Kirche geht es nur ums Geld!« Die EKM als Landverpächter habe die höchsten Preise in der ganzen Region.

»Wirtschaftsgüter müssen gut vermarktet werden«
Nachfragen bei den Grundstücksämtern der Landeskirchen Anhalts, Sachsens und der EKM ergaben übereinstimmend, dass die Höhe des Pachtgebots tatsächlich an erster Stelle bei der Vergabeentscheidung steht. Erst danach kommen sogenannte »weiche Faktoren« wie Kirchenzugehörigkeit und soziales oder ökologisches Engagement hinzu.

»Der Pachtzins bringt die Pfarrbesoldung; die Wirtschaftsgüter müssen also gut vermarktet werden«, betont Christian von Bülow, Grundstücksdezernent der Landeskirche Anhalts. Und das könne dann auch dazu führen, dass wie im Falle von Pristäblich (Kirchenkreis Torgau-Delitzsch) eine Kirchengemeinde ihr Land an eine Hühnerfarm mit Massenviehhaltung verpachte. »Ist diese Art Tierhaltung wirklich so schlimm? Wir haben darüber noch keinen Konsens«, meint von Bülow.

Jörg Teichmann, Grundstücks- und Baudezernent der sächsischen Landeskirche, sieht das anders: »Wir wünschen dezidiert nicht, dass auf Kirchenland ein ›Hühnerknast‹ errichtet wird.« Bisher werde zwar den Kirchengemeinden freie Hand gelassen bei der Verpachtung, aber: »Sollte ein Fall wie Pristäblich hier auftreten, würden wir die Regeln sofort ändern.

»Diethard Brandt hingegen, Referatsleiter Grundstücke bei der EKM, meint: »An Pristäblich kann man gar nichts festmachen!« Er betont, dass aus seiner Sicht das Vergabeverfahren in der EKM sich durch »hohe Transparenz, Regionalität und Konfessionalität« auszeichne. »An den Kirchengemeinden geht da nix vorbei«, betont Brandt.

Doch die Erfahrungen vor Ort scheinen andere zu sein: Ralf Demmerle, Inhaber des »Naturerlebnishofes Hausen« bei Arnstadt, bekam bei der jüngsten Neuverpachtung Land, das sechs Kilometer entfernt von seinem Hof liegt. »Das bei mir vor der Haustür bekam hingegen eine Agrargenossenschaft«, wundert sich Demmerle. Auf Nachfrage bekam er vom zuständigen Kreiskirchenamt keine Auskunft – eine Erfahrung, die er mit anderen Pächtern kirchlichen Landes teilt. Und Pfarrerin Bettina Schlauraff meint gar: »Das Votum der Gemeinde einzuholen, ist eine Farce. Die hat hier definitiv keine wirkliche Entscheidungsgewalt.«

Siegrun Höhne, EKM-Beauftragte für Landwirtschaft und Umwelt, weiß um die Probleme: »Es ist nicht nachvollziehbar, warum die Pachtbewerber nicht mehr ­Informationen bekommen. Wenn Landwirte, die auch noch Gemeindeglieder sind, ihrem Ärger öffentlich Luft machen, müssen wir als Kirche einfach reagieren.«

Kirchen haben ökologische und soziale Verantwortung
Sie sieht das Vergabeverfahren insgesamt positiv, räumt jedoch ein, dass es je nach Kreiskirchenamt unterschiedlich umgesetzt werde. Um ethischen Fragen beim Vergabeverfahren mehr Gewicht zu geben, habe sich der von ihr geleitete Synodenausschuss deshalb kürzlich mit EKM-Referatsleiter Diethard Brandt getroffen. Bis zu einer Einigung sei es aber noch ein weiter Weg, resümiert sie.

Außer mangelnder Transparenz, hohen Pachtpreisen und wenig Schöpfungsverantwortung ist es noch ein weiterer Vorwurf, dem sich die drei mitteldeutschen Kirchen ausgesetzt sehen: »Die Kirche verpachtet sehr gerne an die großen Agrargenossenschaften«, beschreibt Inge Schwarzwälder, Inhaberin des Pfarrgutes Taubenheim bei Dresden, ihre Erfahrungen. »Doch wenn die kleinbäuerlichen Strukturen wegbrechen, sterben die Dörfer«, betont sie. Das könne doch nicht im Interesse der Kirche sein. Und Helmut Jüdersleben? Versteht zwar die Welt noch, aber seine Kirche manchmal nicht mehr.

Rainer Borsdorf

Große Chance für die Kirchen

8. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Interview: Im Gespräch mit dem CDU-Politiker Hermann Kues über den neuen Bundesfreiwilligendienst.

Seit vergangener Woche gibt es keine Wehrpflichtigen und keine Zivildienstleistenden mehr. Dafür den neuen ­Bundesfreiwilligendienst. Doch bei Diakonie und ­Caritas herrscht Bewerbermangel.

Benjamin Lassiwe sprach darüber mit dem Staatssekretär im Bundes­familienministerium, Hermann Kues.

Hermann Kues, Foto: Archiv

Hermann Kues, Foto: Archiv

Herr Staatssekretär, was erhofft sich die Bundesregierung vom Bundesfreiwilligendienst?
Kues:
Wir hoffen, dass wir viele Menschen jeglichen Alters für ein freiwil­liges, bürgerschaftliches Engagement gewinnen.

Was ist denn der Unterschied zum ­alten Zivildienst?
Kues:
Der Zivildienst war ein Ausweichdienst zum nicht geleisteten Wehrdienst. Deshalb war er ein Ersatzdienst, zu dem man verpflichtet war. Nun reden wir über einen freiwilligen Dienst, bei dem wir an die Freiwilligkeit der Menschen appellieren.

Warum sollten Menschen freiwillig einen solchen Dienst ableisten?
Kues:
Ich glaube, die Motive sind unterschiedlich: Junge Leute können im Bundesfreiwilligendienst Erfahrungen sammeln, die über das hinaus gehen, was sie in der Schule lernen. Sie können andere Lebensfelder kennenlernen, Erfahrungen mit Behinderten, Alten oder Kindern machen. Sie können sich orientieren, was Berufsfindung betrifft, etwa im Sozialbereich. Bei Älteren geht es darum, zum ­Beispiel die Zeit nach dem Ende der Erwerbstätigkeit sinnvoll zu nutzen. Das sind ja noch rund 25 Prozent der Lebenszeit, die ein Mensch dann hat, wenn der liebe Gott es so will. Oder es geht darum, Pausen im Berufsleben zu überbrücken.

Ist der Bundesfreiwilligendienst also ein Vehikel, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden?
Kues:
Nein, das glaube ich nicht. Aber jeder, der solch einen Dienst verrichtet, eignet sich Fähigkeiten an. Er qualifiziert sich – zum Beispiel im Umgang mit Menschen. Und ich denke, dass diese Erfahrungen aus dem Bundesfreiwilligendienst sicher auch eine Rolle spielen werden, wenn jemand später in seinem Leben eine neue Stelle sucht.

Nun gibt es schon eine ganze Reihe Freiwilligendienste, etwa das Freiwillige Soziale Jahr. Warum braucht es da etwas Neues?
Kues:
Die bisherigen Dienste sind bei den Bundesländern angesiedelt. Sie bekommen aus dem Bundeshaushalt Unterstützung für die pädagogische Begleitung ihrer Freiwilligen. Theoretisch hätte der Bund nun alle Freiwilligendienste übernehmen können. Das lehnen die Länder aber ab, weil sie eigene Initiativen entwickelt haben, wie das in Niedersachsen entstandene Freiwillige Ökologische Jahr. Theoretisch hätte man auch alles auf Landesebene organisieren können – dann hätten die Länder aber auch Geld dafür zur Verfügung stellen müssen, und das haben sie letztlich nicht gewollt.

In vielen kirchlichen Einrichtungen lässt der Andrang der Bewerber noch sehr zu wünschen übrig. Wie gehen Sie damit um?
Kues:
Ich denke, dass sich das bald ändern wird. Wir gehen davon aus, dass wir es auf Dauer schaffen, 35000 Freiwillige pro Jahr zu gewinnen. Der einzelne Freiwillige wird dabei länger tätig sein, als die letzten Zivis, die ja nur noch ein halbes Jahr aktiv waren. Außerdem können sich nun Männer und Frauen aller Altersgruppen bewerben. Und was die Einrichtungen betrifft: Wir hören auch, dass es Einrichtungen gibt, die mehr Bewerber haben, als bei ihnen Plätze zur Verfügung stehen. Da sind die Rückmeldungen durchaus unterschiedlich.

Müsste die Bundesregierung nicht verstärkt um Freiwillige werben?
Kues:
Wir machen ja Werbung. Die Kampagne läuft. Ich glaube aber auch, dass sich die potentiellen Träger engagieren müssen. Wer Freiwillige haben will, muss sich eben auch darum bemühen, welche zu finden. Dadurch, dass es den Bundesfreiwilligendienst künftig auch im Sportbereich und in der Kultur geben wird, wird es zu ­einem stärkeren Wettbewerb unter den Anstellungsträgern kommen als im Zivildienst. Deswegen wird es da durchaus Verschiebungen geben. Aber ich glaube auch, dass die Kirchen hier eine große Chance haben, zum Beispiel Jugendliche aus den jungen ­Gemeinden und den Jugendkreisen, die ja in der Regel hoch engagiert sind, zu einem freiwilligen Engagement über die eigene Jugendgruppe hinaus zu gewinnen. Beim Bundesfreiwil-
ligendienst gibt es dafür eine finanzielle Hilfestellung vom Staat. Und weil die Kirchen eine sehr gute Jugendarbeit leisten, zweifele ich nicht daran, dass ihre Plätze immer schnell gefüllt sein werden.

Was sagen Sie Werken und Einrichtungen, die früher sehr viele Zivis hatten und jetzt kaum Bewerber?
Kues:
Den Einrichtungen sage ich, dass sie sich im Prinzip seit Anfang des Jahres auf den neuen Dienst einstellen konnten. Und ich frage sie: Welche jungen Leute habt ihr angesprochen? Eure ehemaligen Praktikanten zum Beispiel? Habt ihr versucht, sie für den neuen Dienst zu gewinnen? Wer bislang nichts gemacht hat, hat natürlich den Anschluss verpasst, und muss sich dann eben jetzt ein bisschen mehr anstrengen. Aber ich bin sicher, dass der Freiwilligendienst eine Erfolgsgeschichte wird.

Sag mir wo die Nieren sind …

1. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Noch lange nicht selbstverständlich in Deutschland: Der Organspendeausweis im Portemonnaie. Foto: epd-bild

Noch lange nicht selbstverständlich in Deutschland: Der Organspendeausweis im Portemonnaie. Foto: epd-bild


 

Organspende: Weil es in Deutschland zu wenig Spender gibt, denkt die Politik über eine Gesetzesänderung nach.

 
Rund 12500 Menschen ­warten in Deutschland auf eine Organtransplantation. ­Jeder Dritte von ihnen stirbt während der Wartezeit, weil es nicht genügend Spenderorgane gibt.

Es ist noch gar nicht so lange her, da handelte es sich noch um Sensationen: 1954 wurde in den USA die erste Niere bei einem Menschen erfolgreich verpflanzt. 1963 wurden erstmals Leber und Lunge transplantiert, zwei Jahre später die erste Bauchspeicheldrüse. Für Furore sorgte die erste Herztransplantation des südafrikanischen Chirurgen Christian Barnard 1967. Der Patient überlebte damals allerdings nur 18 Tage.

Heute gehören viele dieser Eingriffe schon fast zur Routine und sind inzwischen auf eine Vielzahl weiterer Organe und Organsystem (wie Finger oder Hände) ausgedehnt. Das Problem allerdings ist der gravierende Mangel an geeigneten Spenderorganen. Das wird etwa beim Anblick der statistischen Daten von Eurotransplant deutlich, einer 1967 gegründeten Vermittlungsstelle für Organspenden in den Benelux-Ländern, Deutschland, Österreich, Slowenien und Kroatien. So standen im vergangen Jahr in Deutschland beispielsweise 1182 Nierenspendern insgesamt 7515 Menschen auf den Wartelisten für ein solches Organ gegenüber. Ähnlich sieht es bei anderen Organen aus – auf 1077 Leberspenden warteten 2087 potentielle Empfänger.

Seit Jahren geht daher die Diskussion, wie die Bereitschaft zu einer Organspende, insbesondere etwa nach Unfalltod, erhöht werden kann. Denn Organe dürfen nur bei Menschen entnommen werden, die zu Lebzeiten dazu ihre Einwilligung gegeben haben oder deren unmittelbaren Angehörige dies nach der Feststellung des Hirntodes tun (siehe Kasten). Eine von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Auftrag gegebene repräsentative Umfrage brachte zutage, dass im Bevölkerungsdurchschnitt 74 Prozent grundsätzlich mit einer Organentnahme nach ihrem Tod einverstanden wären.

Kein Wunder, wenn Politiker zu der Schlussfolgerung kommen, dass man die Zustimmung sozusagen stillschweigend voraussetzen könne. Hessens Sozialminister Stefan Grüttner (CDU), derzeit Vorsitzender der Gesundheitsministerkonferenz, will deshalb die restriktive Gesetzeslage kippen. Mit Unterstützung seiner Kollegen aus Bayern und Sachsen-Anhalt würde er gern von der erweiterten ­Zustimmungs- zur erweiterten Widerspruchslösung kommen. Das bedeutet: Jeder ist automatisch Organspender, der nicht bei Lebzeiten ­widersprochen hat oder dessen unmittelbare Angehörigen dies nach seinem Tod tun.

Für diesen Mittwoch (nach Redaktionsschluss dieser Zeitung) hatte der Gesundheitsausschuss des Bundes­tages eine Anhörung zum Thema angesetzt. Am Montagabend kündigte der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Volker Kauder dazu einen gemeinsam mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier geplanten Gruppenantrag an: Mit ihm soll die Entscheidungslösung als eine Art Königsweg favorisiert ­werden. »Wir wollen keinen Zwang ausüben und sagen: ›Du musst deine Organe zur Verfügung stellen!‹ Aber jeder soll einmal darüber nachdenken müssen«, so Kauder.

Harald Krille


Rechtliche Alternativen bei der Organspende

Zustimmungslösung: Im deutschen Transplantationsgesetz ist seit 1997 die sogenannte erweiterte Zustimmungslösung verankert. Nach dem Hirntod eines Patienten dürfen dessen Organe nur entnommen werden, wenn der Verstorbene vor seinem Tod seine Zustimmung gegeben hat oder seine Angehörigen in eine Transplantation einwilligen.

Widerspruchslösung: Spanien setzt gemeinsam mit acht anderen EU-Ländern auf die sogenannte Widerspruchslösung. Das bedeutet, dass jeder nach seinem Tod zum Organspender werden kann, wenn er der Organentnahme zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat. Andere Staaten praktizieren das Modell der erweiterten Widerspruchslösung, bei der auch ein Widerspruch der Angehörigen gegen eine Organentnahme bindend ist (Finnland, Frankreich, Italien, Norwegen und Schweden).

Entscheidungslösung:
Um hierzulande zu mehr Organspenden zu kommen, diskutieren Bundes- und Landespolitiker ­darüber, die sogenannte Entscheidungslösung gesetzlich zu verankern. Diese Linie verfolgt auch der Deutsche Ethikrat und wirbt für eine »Äußerungspflicht«. Demnach soll jeder Bürger zu seiner Bereitschaft für oder gegen die Organspende befragt und die Entscheidung auf dem Personalausweis, Führerschein oder der Krankenversicherungskarte ­dokumentiert werden. Unter Experten ist jedoch umstritten, ob der Staat seine Bürger per Gesetz zu einem solchen ­Votum anhalten kann. (epd)

Zwischen Abbruch und Aufbruch

27. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Große Kirchen, schrumpfende Dörfer – so sieht weithin die Realität in Mitteldeutschland aus. Im Bild: Blick auf die Kirchen von Grumbach (vorn) und Callenberg bei Glauchau. (Foto: Burkhard Dube)

Große Kirchen, schrumpfende Dörfer – so sieht weithin die Realität in Mitteldeutschland aus. Im Bild: Blick auf die Kirchen von Grumbach (vorn) und Callenberg bei Glauchau. (Foto: Burkhard Dube)


Kirche auf dem Land: Wie man auf den Strukturwandel reagieren kann war Thema der ersten Landkirchenkonferenz der EKD.


Kein Bäcker, keine Post, kein Arzt – und bald auch keine Kirche mehr im Dorfe? In Gotha wurde nach Alternativen gesucht.


Zwischen Kassel und Görlitz, Bördekreis und Sonneberg ist die Welt blau bis dunkelblau. Diese Farbskala markiert auf der Karte des ­Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung die Regionen, die bis 2025 zehn, 15 und mehr Prozent ihrer Bevölkerung verlieren werden.

Alles nur Horrorszenarien wirklichkeitsfremder Statistiker?

Eine andere Karte zeigt den Ist-Stand im Jahr 2007: Mit Ausnahme der wenigen großen Städte in Mitteldeutschland zeigt die reale Bevölkerungsentwicklung überall deutlich nach unten: Sterbeüberschuss gegenüber den Geburtszahlen. Hinzu kommen Wanderungsverluste. Menschen, besonders junge, ziehen weg in die Boomregionen wie Berlin oder den Großraum München. Ein Phänomen, das im Osten besonders stark ausgeprägt ist, inzwischen aber auch weite Regionen des Westens erreicht hat.

Dass Kirche in diesem Prozess nicht nur reagieren, sondern agieren will, wurde in der vergangen Woche deutlich: Rund 70 Pfarrerinnen und Pfarrer aus ländlichen Regionen Deutschlands folgten der Einladung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur ersten Landkirchenkonferenz nach Gotha. Drei Tage ­standen Vorträge, Exkursionen zu ­­Beispielen kirchlicher Arbeit im Kirchenkreis Gotha sowie intensive Diskussionen auf dem Programm.

Für Thomas Schlegel vom Zentrum für Mission in der Region an der ­Universität Greifswald gibt es kein ­Patentrezept, wie kirchliche Arbeit auf dem Lande künftig aussehen kann. Denn »es gibt nicht den ländlichen Raum, sondern nur einmalige Dörfer und unverwechselbare Regionen«.

Antworten könnten nur im Kontext des jeweiligen Ortes entwickelt werden. Falsch sei es deshalb auch, wenn die Arbeit in der Fläche und die Konzentration auf geistliche Zentren (»Leuchttürme«) als sich ausschließende Alternativen dargestellt werden. Vielmehr müsse der Blick nach außen gerichtet werden: »Wie können wir als Kirche den Menschen unserer Region dienen?«

Und: Die Umstrukturierung der Arbeit geht nur mit den Menschen der Region. »Trauen wir den Ehrenamtlichen etwas zu und ­geben wir ihnen auch entsprechende Rechte?«, so Schlegels Frage.

Deutsch sei nicht ihre Muttersprache, weshalb sie ihre Anmerkungen nicht in »akademische Schleier« verhülle: Die finnische Pastorin Aulikki Mäkinen kommt aus einem Land, das Erfahrungen mit ausgedünnten Strukturen hat. 15 Einwohner leben hier im Durchschnitt pro Quadratkilometer. Zudem hat auch ihre Kirche einen rasanten Rückgang und entsprechende Umstrukturierungen zu verkraften.

»Sie sind unheimlich pfarrerzentriert«, so der erste Punkt.

Die Diskussion um Strukturveränderung oder Zusammenarbeit in größeren Regionen kreist nach Mäkinens Wahrnehmung nicht zuerst um die Frage, was den Gemeinden hilft, sondern »was mit mir geschieht, was das für meine Stellung als Pfarrer bedeutet«.

»Haben Sie keine Angst vor größeren Einheiten und Zusammenschlüssen«, so ihr dringender Rat. Und: »Bilden Sie diese Einheiten, bevor die Not groß ist, solange sie noch handeln können.«

Die Erfahrung in Finnland zeige, dass solche Zusammenschlüsse sich auch für die Mitarbeiter lohnen: Die so mögliche Spezialisierung und Professionalisierung in regionalen Mitarbeiterteams gegenüber dem überforderten Allrounder brächten am Ende für alle spürbare Entlastung.

Und noch einen praktischen Rat hat die Finnin: Lieber große Schritte und Schnitte wagen, als ständig ein Reförmchen nach dem anderen. Denn nichts frustriere Mitarbeiter und Gemeinden mehr, als ein Reformprozess ohne Ende.

Harald Krille

»Papa ante portas« – Hohe Erwartungen

17. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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In Erfurt bereitet man sich auf den Papstbesuch vor.


Vom 22. bis 25. September kommt Papst Benedikt XVI. nach Deutschland. Zwei Tage verbringt er in Erfurt. Auf dem Programm steht dabei auch eine Begegnung mit Vertretern der evangelischen Kirche.


Schuhe

Die Erwartungen sind hoch. Die protestantische Ministerpräsidentin und frühere thüringische Pfarrerin Christine Lieberknecht spricht gar von einer “historischen Chance” für Thüringen. Doch auch innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) herrscht Hochspannung. Immerhin hat Papst Benedikt XVI. das zunächst anvisierte Besuchsprogramm nach einem persönlichen Brief des EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider über den Haufen geworfen.

Die Visite in Erfurt avancierte zum ökumenischen Schwerpunkt der Reise. Zentraler Punkt wird die Begegnung mit Vertretern der protestantischen Kirchen im historischen Augustinerkloster. Just in dem Kloster, in dem der spätere Reformator Martin Luther sein Gelübde ablegte und die Priesterweihe empfing.

“Exakt 11.30 Uhr wird die Limousine des Papstes im Kloster vorfahren und der Posaunenchor zur Begrüßung blasen”, berichtet Lothar Schmelz gegenüber Journalisten während einer Pressefahrt des katholischen Bonifatius-Werkes. “Anschließend werden der Papst und der Ratsvorsitzende allein eine Runde durch den Kreuzgang laufen”, weiß der Kurator des Augustiner-Klosters weiter zu berichten.

Im historischen Kapitelsaal treffen sich dann die beiden Delegationen, je 15 Personen stark, zu einem 30-minütigen Gespräch. Der Beginn des ökumenischen Treffens ist geradezu symbolträchtig: Fünf vor 12.

Und in welcher Sitzordnung wird man sich begegnen? “Im großen Stuhlkreis”, dies sei ausdrücklich vom Papst gewünscht, so Schmelz.

Wer wird teilnehmen? Und gibt es dafür von katholischer Seite wie schon einmal in der Vergangenheit Vorgaben? “Nein, überhaupt nicht”, sagt Oberkirchenrat Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD in Hannover.

Auf jeden Fall werde Bischöfin Ilse Junkermann von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) dabei sein und der Ratsvorsitzende. Die weiteren Teilnehmer werden noch vom Rat der EKD bestimmt.


Erinnerung: Frau Käßmann und die roten Schuhe

Der Theologe aus dem Kirchenamt gibt sich begeistert. Schon über den Vorbereitungen habe eine “besondere ökumenische Atmosphäre” gelegen. “Große Freude” herrsche darüber, dass der Papst, der als Professor Joseph Ratzinger in DDR-Zeiten schon des Öfteren in Erfurt war, sich ausgerechnet auf das Augustinerkloster eingelassen hat.

So viel Freude und frohe Erwartung weckt Erinnerungen. Gab es da nicht vor noch gar nicht langer Zeit eine Bischöfin und Ratsvorsitzende die öffentlich und unwidersprochen erklärte, sie erwarte in Sachen Ökumene “von diesem Papst gar nichts” mehr? Und darüber hinaus beneide sie den Mann aus Rom höchstens ob der schönen roten Schuhe seiner Amtskleidung?

Gundlach ziert sich. Die Käßmann-Worte seien nicht die Erwartungshaltung der EKD und es habe zudem auch damals durchaus Widerspruch gegeben.

Darüber hinaus verweist er auf die ebenfalls nicht freundlichen Töne im päpstlichen Lehrschreiben “Dominus Jesus”, die zu Verärgerungen geführt hätten. Diese Töne aus der Vergangenheit seien aber nicht die Intension für den jetzigen Besuch und das Gespräch. Dieses habe eine völlig neue Dimension, betont Gundlach.

Wie viel und was bei dem Treffen im September überhaupt zur Sprache kommt, bleibt abzuwarten. 30 Minuten stehen zur Verfügung. Mehr als Statements austauschen und vielleicht die eine oder andere Reaktion dazu äußern dürfte schwierig werden.

Allerdings weisen Kenner des Papstes darauf hin, dass er durchaus in solchen Runden reagiert und Impulse setzen kann und will. Dennoch – auch ein Abschlusskommuniqué wird es nicht geben.

Wichtiger ist wohl ist das Symbolische der Begegnung. Dazu gehört sicher auch, dass der Papst im Anschluss zusammen mit Schneider einen Wortgottesdienst in der Klosterkirche halten wird, bei dem die Präses der EKD-Synode, die Grünenpolitikerin Katrin Göring-Eckardt einen Verkündigungsteil übernimmt. Und zu dem sich auch die Kanzlerin angemeldet hat.


Bistum Erfurt: “Ärmlich aber säuberlich”

Das sieht im Übrigen auch der eigentliche Gastgeber, Bischof Joachim Wanke vom Bistum Erfurt so. Und warnt vor überspannten Hoffnungen – sowohl in Fragen der Ökumene als auch innerhalb der katholischen Minderheitsbevölkerung Thüringens.

Was er konkret erwartet? “Dass Benedikt Christus verkündigt und seine Brüder und Schwestern stärkt”, dies sei der eigentliche Sinn des Petrusdienstes des Papstes. Und er freut sich, dass der Papst “auch einmal in die Kleinteiligkeit des deutschen Katholizismus schaut”. 156.000 Katholiken gehören zu seinem Bistum. “Bei uns geht’s ärmlich aber säuberlich zu”, so Wanke mit leichtem Augenzwinkern.

Was auch für das wahrhaftig nicht luxuriöse Nachtquartier des römischen Oberhirten im Erfurter Pristerseminar gilt: Ein schlichtes Gebäude mit dem Charme eines Hinterhauses. Kein Vergleich mit manchem Bischofspalast in den westlichen Bundesländer.

“In seinem Bischofshaus selbst könnte Wanke dem Papst doch wahrscheinlich kaum mehr als ein Klappbett anbieten”, ist von einem Insidern zu hören.

Das öffentliche Interesse am Papstbesuch ist freilich dennoch groß. Die Plätze für die Messfeier auf dem Domplatz sind schon lange ausgebucht. Interessenten können nur noch auf die Marienandacht in Etzelsbach im Eichsfeld verwiesen werden.

Personell wie finanziell steht das kleine Bistum bei dem Besuch vor großen Herausforderungen. Generalvikar Raimund Beck, Stellvertreter des Bischof in allen Veraltungsangelegenheiten, bringt es auf den Punkt: “Wir haben die Finanzkrise gut überstanden und hoffen nun, dass der Papstbesuch nicht den Zusammenbruch bringt.”

Der Grund seiner Hoffnung: Es gibt die Zusage der anderen Bistümer Deutschlands, die kleine Gemeinschaft der Katholiken in Thüringen nicht im Regen stehen zu lassen.

Harald Krille

Die Eckpunkte der Papstreise

Donnerstag, 22. September
10.30 Uhr Ankunft des Papstes in Berlin-Tegel,
11.15 Uhr Begrüßung durch den Bundespräsidenten,
16.45 Uhr Rede im Deutschen Bundestag,
18.30 Uhr Eucharistiefeier vor Schloss Charlottenburg

Freitag, 23. September
10.00 Uhr Abflug nach Erfurt,
11.15 Uhr Begrüßung des Papstes im Dom,
11.45 Uhr Gespräch mit Vertretern der EKD im Augustinerkloster, anschließend ökumenischer Wortgottesdienst in der Klosterkirche,
16.30 Uhr Hubschrauberflug zur Wallfahrtskapelle Etzelsbach im Eichsfeld,
17.45 Uhr Marianische Vesper in Etzelsbach, anschließend Rückflug nach Erfurt, Übernachtung im Priesterseminar

Sonnabend, 24. September
9.00 Uhr Eucharistiefeier auf dem Domplatz von Erfurt, ­anschließend Flug nach Lahr,
14.00 Uhr Besuch des Freiburger Münsters,
17.15 Uhr Begegnung mit der orthodoxen Kirche,
19.00 Uhr Gebetsvigil (Stundengebet) mit Jugendlichen in ­Freiburg,

Sonntag, 25. September
10.00 Uhr Eucharistiefeier,
13.00 Uhr Mittagessen mit den Mitgliedern der Deutschen ­Bischofskonferenz,
17.00 Uhr Rede im Konzerthaus von Freiburg,
19.15 Uhr Rückflug von Lahr nach Rom

www.papst-in-deutschland.de

Eine Erfolgsgeschichte

10. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Jubiläum: Vor 50 Jahren erstmals beim Kirchentag – der jüdisch-christliche Dialog.


Wie sollten Juden und ­Christen in Deutschland nach Auschwitz noch ­miteinander reden können? Die Kirchentagsbewegung hat entscheidend dazu ­beigetragen, die Sprachlosigkeit zu überwinden.

Man dürfe sich nicht täuschen: »Als 1945 die wenigen überlebenden deutschen Juden aus den Vernichtungslagern oder dem Untergrund zurück in ihre Heimatstädte ­kamen, waren sie alles andere als ­willkommen. Keiner freute sich, man war eher erschrocken, dass überhaupt noch welche lebten.«

Wenn der ­jü­dische Publizist und Filmemacher Bernd Ginzel aus Köln von den Erfahrungen deutscher Juden nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt, gehen die Sätze unter die Haut. »Worte wie Jesus oder Christen waren unter uns tabu. Es waren Synonyme für den millionen­fachen Judenmord.«

An ein Gespräch miteinander sei nicht zu denken gewesen, so Ginzel.

»Herzensangelegenheit« – 50 Jahre Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Evangelischen Kirchentag in ­Dresden: Moderator Thomas Roth, EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider und Dieter Graumann, Präsident des ­Zentralrats der Juden in Deutschland. © DEKT/Jens Schulze

»Herzensangelegenheit« – 50 Jahre Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Evangelischen Kirchentag in ­Dresden: Moderator Thomas Roth, EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider und Dieter Graumann, Präsident des ­Zentralrats der Juden in Deutschland. © DEKT/Jens Schulze


Was für die jüdische Seite galt, galt ähnlich für die christliche: Zwar gab die sich neu bildende Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im ­Oktober 1945 ihre als »Stuttgarter Schuldbekenntnis« bekannt gewordene Erklärung ab. »Doch darin bekannte sie nur allgemein: ›Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.‹ Der systematische Völkermord an den Juden, der Holocaust, wurde mit keinem einzigen Wort erwähnt«, erinnert der emeritierte Theologieprofessor Martin Stöhr aus Bad Vilbel. Dass es heute eine stabile und belastbare Zusammenarbeit gibt, ist die Frucht einiger beherzter Pioniere wie Ginzel und Stöhr.

Es war der 10. Deutsche Evangelische Kirchentag 1961 in Berlin, auf dem erstmals nach dem Holocaust eine von Juden und Christen gemeinsam verantwortete »neue Begegnung von Juden und christlicher Gemeinde« angeboten wurde. Die Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Kirchentag wurde zu einem wichtigen Auslöser der Aufarbeitung einer »2000-jährigen Geschichte des Missverstehens«, wie Kirchentagsgeneralsekretärin Ellen Ueberschär es in Dresden während einer Geburtstagsgala im Kulturpalast bezeichnet.

Endlich habe sich in der evangelischen Kirche die Erkenntnis Bahn gebrochen, »dass auch der Christ gemeint ist, wenn der Jude geschlagen wird«.

Allerdings galt es auf diesem Weg erhebliche innerkirchliche und innerjüdische Widerstände zu überwinden, wie die Dialogpioniere Ginzel und Stöhr berichten.

Nur langsam habe man sich etwa von der jahrhundertealten theologischen These verabschiedet, der alte Bund Gottes sei hinfällig geworden und die Kirche das »neue Israel«, so Stöhr.

Und nur langsam wuchs das Vertrauen der jüdischen Seite in das christliche Gegenüber.

»Heute sind die christlichen ­Gemeinden die ersten, die bei antisemitischen Ereignissen schreien, bilanziert Ginzel »mit Dankbarkeit«.

Die verlässliche Beziehung auf Augenhöhe, die »manchen Streit schon ausgehalten hat«, bestätigt auch Dieter Graumann, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, im Gespräch mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider.

Das gute Verhältnis ist im Blick auf den Kirchentag allerdings auch einer nicht unumstrittenen Entscheidung zu verdanken: Gruppen, die sich in irgendeiner Weise der christlichen Mission unter Juden widmen, sind von jeglicher Teilnahme am Christentreffen ausgeschlossen. Was allerdings auf Dauer keine Antwort auf die Tatsache einer wachsenden Zahl von sogenannten »messianischen Gemeinden« in Deutschland ist.

Diese vor ­allem von Spätaussiedlern jüdischer Abstammung getragene Bewegung entwickelt sich mittlerweile zu einer dritten Gruppe zwischen den christlichen Kirchen und den jüdischen Gemeinden.

Und auch die unterschiedliche Einschätzung von Ursachen und Wirkungen im Nahostkonflikt sorgt immer wieder für Zündstoff im gemeinsamen Gespräch. Aktuell etwa das sogenannte »Kairos-Palästina-Dokument« palästinensischer Christen.

Eher zurückhaltend ist Graumanns Reaktion auf die Anregung, aus dem christlich-jüdischen Dialog unter Einbeziehung der Muslime einen Trialog zu entwickeln: »Dialog, Trialog, meinetwegen auch Katalog – wenn es nützt?« Man suche schon länger das Gespräch mit den Muslimen. Der Zentralrat sei überdies die erste Organisation gewesen, die der pauschalen Herabwürdigung der Muslime durch Thilo Sarrazin offen widersprochen habe, erinnert Graumann.

Die Reaktion auf die Gesprächsangebote sei jedoch enttäuschend: »Wir beobachten unter muslimischen Jugendlichen ­einen immer stärkeren Antisemitismus«, gegen den die Verantwortlichen muslimischer Gemeinden »nur ungenügend« vorgingen. »Wir müssen ­reden, aber auch Verantwortung einfordern«, so Graumanns Fazit.

Harald Krille

Schwarz-grünes Protestantentreffen

3. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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DEKT33

Einige (politisch nicht ganz korrekte) Anmerkungen zum diesjährigen Kirchentag.


Lindgrün strahlt das Kirchentagsplakat am Leipziger ICE-Bahnsteig. Zwei stilisierte schwarze Hände umfassen das Logo des Kirchentags, das Herz. Es ist grün. So grün wie das Parteibuch der Kirchentagspräsidentin, so auch wie weite Teile des Kirchentagsprogramms.

»… da wird auch dein Herz sein« – und vielleicht auch dein Kreuz, wenn du das nächste Mal an die Wahlurne gehst? Selten war ein Kirchentag auch politisch so grün, wie in diesem Jahr in Dresden. Schon im Januar, bei den ersten Pressekonferenzen des diesjährigen Protestan­tentreffens, wurde das deutlich. Von ­Wutbürgern war da die Rede, von den Protesten gegen Stuttgart 21, von den negativen Folgen der Globa­lisierung.

Natürlich, Kirchentage stehen und standen immer an der Seite der Umweltbewegung – und das ist auch gut so, schließlich ist die Klimakatastrophe wohl kaum noch aufzuhalten, schließlich war die durch Dresden strömende Elbe lange genug eine braune Brühe, auf deren nun drohendes Schicksal als kanalisierter Großschifffahrtsweg nicht zuletzt die kleine Landeskirche Anhalts verdienstvollerweise immer wieder aufmerksam macht.

Aber in diesem Jahr ist doch manches anders: So hält etwa die mitten im Wahlkampf befindliche Berliner Grünen-Chefin Renate Künast eine Bibelarbeit, während von anderen Berliner Landespolitikern nichts zu sehen ist.

Themen wie der Ausstieg aus der Atomenergie bekommen seit Fuku­shima eine neue Bedeutung – doch das Kirchentagsprogramm war weitgehend schon vor der Kernschmelze im Japan fertig. Und der Dresdener Kirchentags-Pressesprecher Hubertus Grass ist ehemaliger Landesgeschäftsführer der sächsischen Grünen und kandidierte bei der letzten Bundestagswahl im Wahlkreis Osterzgebirge für ein Direktmandat.

Was durchaus delikat ist, bedenkt man, dass zunächst der Berliner Theologe Miguel-Pascal Schaar für diesen Posten vorgesehen war, dem dann kurzfristig gekündigt wurde.

Doch auch die Schwarzen sind beim Kirchentag vertreten, stärker noch als die SPD. Zwar ist die CDU derzeit Regierungspartei in Berlin (und Dresden), weswegen die Auftritte etwa von Angela Merkel als gesetzt zu gelten haben. Doch ist es durchaus eine Premiere für das Protestantentreffen, wenn nun mit Thomas de Maiziere ein amtierender Bundesverteidigungsminister zu den Mitgliedern des Präsidiums des Kirchentags gehört.

Und mindestens genauso bemerkenswert ist es, wenn der Amtswechsel im Berliner Kabinett dazu führt, dass mit einem Dialog zwischen ihm und dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider extra noch eine eigene Veranstaltung ins Kirchentagsprogramm gehoben wird.

Aber der Kirchentag ist eben nicht nur grün. Er ist schwarz-grün, so wie die schwarzen beiden Hände, die auf dem Plakat im Leipziger Hauptbahnhof das grüne Herz des Kirchentags umfassen.

Benjamin Lassiwe

Leuchtende Augen nach acht Jahren der Angst

27. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Asyl: Xin He erkämpfte mit Unterstützung Mühlhäuser Kirchengemeinden die Anerkennung als politischer Flüchtling
 
Voller Stolz zeigt Xin He vor dem Mühlhäuser Frauentor seinen Flüchtlingsausweis – mit ihm darf er sich endlich frei ­bewegen und eine Arbeit annehmen. (Foto: Harald Krille)

Voller Stolz zeigt Xin He vor dem Mühlhäuser Frauentor seinen Flüchtlingsausweis – mit ihm darf er sich endlich frei ­bewegen und eine Arbeit annehmen. (Foto: Harald Krille)

Artikel 16a des Grundgesetzes stellt klar: »Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.« Doch im Alltag steht Betroffenen oft ein langer Kampf bevor, um dieses Recht in Anspruch zu nehmen.


Es war wie ein kleines Wunder: »Ihnen wurde die Flüchtlings­eigenschaft nach § 60 Abs. 1 Aufenthaltsgesetz zuerkannt.« Um diese nüchternen Zeilen vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge am 8. Mai zu erhalten, mussten Xin He und seine Helfer acht Jahre lang einen oft scheinbar aussichtslosen Weg gehen.

Begonnen hatte alles damit, dass der heute 37-jährige Xin He in seiner Heimatstadt Zhangjiang in Südchina als Mitglied der verbotenen oppositionellen Demokratischen Partei Chinas eine friedliche Demonstration plante. Die Verurteilung zu ­insgesamt zehn Jahren Haft folgte ­umgehend. Zeitgleich wurden die Mitglieder seiner verbotenen protestantischen Hauskirche verhaftet und, wie er auch, gefoltert.

Nach einer filmreifen Flucht, nahe dem Hungertod, strandete er im Hamburger Hafen. Von dort begann sein Weg 2002 durch die deutschen Instanzen.

Antrag abgelehnt – keiner glaubte ihm

»Es ist wirklich ein kleines Wunder«, sagt Christina Vater, die frühere Ausländerbeauftragte der ehemaligen Kirchenprovinz Sachsen, »dass wir nun die Anerkennung als politischen Flüchtling für Herrn He geschafft haben. Als Herr He zu uns in den Verein Miteinander kam, war sein Verfahren bereits abgelehnt, keine Behörde hatte ihm geglaubt. Die Rückführung drohte.«

Stück für Stück begann man ein Netzwerk aufzubauen, in dem die Mühlhäuser Kirchengemeinden rund um Pfarrer Andreas Schwarze eine tragende Rolle spielten.

Pfarrer Schwarze erinnert sich: »Der Bachchor hat Geld gespendet, um den Dolmetscher zu bezahlen, und die Gemeinde sammelte für die Anwaltskosten. Die Mühlhäuser Gemeinden und Menschen weit über die Kirche hinaus haben zusammengearbeitet. Selbst der Notfallplan lag ­bereit, um Herrn He Kirchenasyl zu gewähren.«

Über die Jahre gab es viel zu tun, im Rahmen des Verfahrens und bei der ganz alltäglichen Unterstützung. Neben der endlich errungenen Anerkennung wurde so auch die konkrete Integration von Herrn He ­geschafft. »Er ist heute ein fester Teil unserer Gemeinschaft«, betont der Seelsorger.

Teil einer Gemeinschaft, aus der er Kraft schöpft und die ihn achtet. Denn Xin Hes Kampf für die Demokratie ­endete nicht im Gefängnis. Erst im letzten Jahr brachte ein Bericht über ihn in der Zeitschrift Publik-Forum eine Schülergruppe aus Kempten auf eine Idee: Gemeinsam mit ihm wollten sie vor der chinesischen Botschaft für die Ausreise des inzwischen im Gefängnis sitzenden chinesischen Menschenrechtlers und Systemkritikers Liu Xiaobos demonstrieren.

Das Risiko für Xin He, wegen seines ungeklärten Asylstatus verhaftet und nach China abgeschoben zu werden, war ungeheuer groß. Er fürchtete sich davor, doch er verlas in Berlin mit den Schülern Texte des Nobelpreisträgers.

Mutiger Einsatz für verfolgte Landsleute

Hes Worte verhallten in den Ohren der Diplomaten ungehört, jedoch nicht in denen des Vereins Miteinander. Er überreichte ihm für sein Engagement einen Couragepreis – die »Goldene Friedenstaube«. Herr He reichte den Preis weiter und jeder, der ihn ­später in Händen hielt, verpflichtete sich für die weltweite Einhaltung der Menschenrechte zu kämpfen.

Letzte Station, so der große Traum, sollen Liu Xiaobos Hände selbst sein.

Dies alles waren Mosaiksteine auf dem langen Weg bis heute. Einem Weg voller schlafloser Nächte und intensiver Gebete. »Doch jetzt,« strahlt Frau Vater, »können wir Zukunftspläne machen: Wohnung und Arbeit suchen, einen Deutschkurs beantragen – der blaue Flüchtlingspass wird all das erlauben.«

Herr He kann das alles noch gar nicht fassen, acht Jahre tägliche Angst weichen langsam. Zaghaft äußert er Träume für seine Zukunft: »Eine Frau suchen, ich bin doch schon 37.« Dann versagt seine Stimme: »Meine Mama sehen.« Wieder gefasst strahlen seine Augen: »Und nach Taizé reisen.«

Pfarrer Schwarzes Augen blitzen wissend, er und seine Gemeinde haben sich auch darum schon Gedanken gemacht. Noch scheint es undenkbar: Mutter und Sohn, Taizé – doch so vieles schien bisher undenkbar.

Herrn Hes erste freie Reise wird ihn übrigens in der kommenden Woche zum Kirchentag nach Dresden führen. Man wird ihn erkennen – an den leuchtenden Augen.

Regina Englert

Ex-Kommunist im Kirchenchor

20. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Winfried Kretschmann wurde am 12. Mai in Stuttgart als erster grüner Ministerpräsident vereidigt. (Foto: B90/Grüne)

Winfried Kretschmann wurde am 12. Mai in Stuttgart als erster grüner Ministerpräsident vereidigt. (Foto: B90/Grüne)


Deutschlands erster grüner Ministerpräsident ist wertkonservativer Katholik.

Nun haben es die Grünen also ­geschafft: Erstmals in ihrer über 30-jährigen Geschichte stellen sie in einem Bundesland den Ministerprä­sidenten. Und das ausgerechnet in Baden-Württemberg, das über zwei Generationen hinweg als Erbhof der CDU galt.

Winfried Kretschmann, der künftig die Geschicke des Südweststaats leitet, ist engagierter Christ, Mitglied im Zentralrat der deutschen Katholiken und im Freiburger Diözesanrat. Und er hatte einen guten Start: Bei seiner Wahl durch den Landtag erhielt er mindestens zwei Stimmen aus den Kreisen der Opposition von CDU und FDP.

Analytiker sehen einen klaren Zusammenhang zwischen der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima und dem Wahlsieg der Grünen. In ihrer Ablehnung der Kernenergie war die Umweltpartei immer konsequent, auch ihr Urgestein Winfried Kretschmann. Der neue Ministerpräsident ­gehört zu den wertkonservativen Grünen. Der 63-jährige Biologie-, Chemie- und Ethiklehrer engagierte sich zwar von 1973 bis 1975 im Kommunistischen Bund Westdeutschlands. Doch diese Zeit bezeichnete er später als Irrtum, und er spricht bis heute nicht gerne darüber.

Biografisch ist er schon lange im bürgerlichen Lager angekommen.

Mit seiner zur Schau gestellten Liebe zum Wandern, zur Oper, zum Kirchenchor und zum VfB Stuttgart hätte er auch in einer konservativen Partei Karriere machen können.

Während seiner Zeit im Kommunistischen Bund war er zwar aus der katholischen Kirche ausgetreten, und dabei wirkten offenbar auch die tristen Jahre in einem katholischen Internat nach. Inzwischen ist er aber nicht nur wieder Mitglied der Kirche, sondern auch engagiert. Auf die Frage der »Financial Times« nach der besten Investition seines Lebens antwortete er: »Meine Taufe. Sie öffnet mir das Tor zum ewigen Leben.«

Für den frischgekürten Ministerpräsidenten und ehemaligen Lehrer ist der Glaube gerade keine Privat­sache: »Wenn meine Schüler nicht merken, dass ich Katholik bin, habe ich etwas falsch gemacht.« Ungeachtet dessen reibt er sich auch an Lehren seiner Kirche, etwa ihrer Ablehnung praktizierter Homosexualität.

1988 hat sich Kretschmann bei einer Landesdelegiertenkonferenz in Schwäbisch Hall dafür starkgemacht, den Einzug der Kirchensteuer durch den Staat abzuschaffen, das im baden-württembergischen Gesetz verankerte Erziehungsziel der »Ehrfurcht vor Gott« zu streichen und den kirchlichen Einfluss auf die theologischen Fakultäten zurückzudrängen. Doch das ist fast vergessen. An den seit drei Jahren geltenden Staatsverträgen mit den großen Kirchen will auch die neue Regierung laut Koalitionsvereinbarung nicht rütteln.

Die evangelischen und katholischen Bischöfe haben verhalten positiv auf den Machtwechsel reagiert. Dankbar wurde indes registriert, dass Kretschmann seinen Amtseid mit der religiösen Formel leistete.

Marcus Mockler

Der Sand im Getriebe der NVA

Friedensdienst: Auf der Insel Rügen war in den 80er Jahren die größte Einheit unbewaffneter Bausoldaten stationiert

Schulterstuck
Die Bausoldaten sind ein ­Kapitel DDR-Geschichte, das noch ungenügend aufgearbeitet ist. Besonders in Prora auf Rügen gab es ­Auseinandersetzungen, wie mit der Erinnerung an die Waffenverweigerer umgegangen werden soll.

Andreas Ilse, Hendrik Liersch und Stephan Schack haben etwas gemeinsam: Die drei waren in den 1980er Jahren Bausoldaten – nicht irgendwo, sondern in Prora. Hier – im Block V des von den Nazis errichteten Gebäudekomplexes für ein Seebad Prora – war zwischen 1982 und 1989 zeitweise die größte Einheit der DDR-Waffenverweigerer mit bis zu 500 Bausoldaten stationiert. Eingesetzt waren sie beim Bau des Fährhafens Mukran. Das war das größte Verkehrsbauvorhaben der DDR zu jener Zeit. Hauptgrund für den Hafenbau war der Wunsch der Sowjetunion aufgrund der unsicheren Lage in Polen, einen direkten Zugang zur DDR zu bekommen.

Ilse, Liersch und Schack haben viele Erinnerungen an ihre Zeit in Prora. Es sind schmerzliche Erinnerungen an Schikanen und Ungerechtigkeiten, denen sie als Bausoldaten ausgesetzt waren, an teils unmenschliche Arbeitsbedingungen während der Zwölf-Stunden-Schichten oder auch – wie im Fall von Hendrik Liersch – an einen Bausoldaten-Freund, der den Druck nicht aushielt und sich das Leben nahm. In Erinnerung geblieben ist aber auch manche Aktion, mit der die Bausoldaten ihren Vorgesetzten und dem DDR-Staat das Leben schwer machten, und der Zusammenhalt unter den Bausoldaten.

Ilse, Liersch und Schack waren drei Zeitzeugen, die in Binz an einer Tagung zur Geschichte der Bausoldaten teilnahmen. Von ehemaligen Proraer Bausoldaten war in den vergangenen Jahren immer wieder kritisiert worden, dass an dieses Kapitel der DDR-Geschichte kaum erinnert wurde. In Prora stand der von den Nazis errichtete mehr als vier Kilometer lange Gebäudekomplex im Focus, in dem 20000 Menschen gleichzeitig Urlaub machen sollten, der aber wegen des Kriegsbeginns nicht fertiggestellt worden war.

Zu DDR-Zeiten dienten Teile dieses monströsen Gebäudes als Kaserne, unter anderem für die Baueinheiten. Lediglich an der Turnhalle, in der die Bausoldaten seinerzeit ihr ­Gelöbnis ablegen mussten, erinnert eine kleine Tafel daran.

Nicht die Nazi-Architektur soll im Mittelpunkt stehen

»Die Tagung soll helfen, eine Lücke in der DDR-Geschichtsschreibung der letzten 20 Jahre zu schließen«, sagt ­Jochen Schmidt, der Direktor der ­Landeszentrale für politische Bildung (LpB) Mecklenburg-Vorpommern. Ob es sich bei dieser Lücke lediglich um einen »blinden Fleck« oder um »bewusstes Verdrängen« gehandelt habe, ließ er offen. Dankbar sei er jedenfalls, dass die ehemaligen Bausoldaten diese Auseinandersetzung immer wieder eingefordert haben.

Landrätin Kerstin Kassner (Die Linke) gesteht: »Wir haben uns nach der Wende mit der Situation in Prora sehr schwergetan«, und weißt in diesem Zusammenhang auf die Schwierigkeiten im Umgang mit dem denkmalgeschützten viereinhalb Kilometer langen Gebäudekomplex hin. »Wenn jetzt im Juli im Block V, der ehemaligen Bausoldaten-Kaserne, ei­ne Jugendherberge eröffnet wird, dann werden die Jugendlichen auch die Möglichkeit haben, sich mit dieser Geschichte zu beschäftigen.«

In die Hand genommen hat das vor allem der Verein Prora-Zentrum mit Bildungsangeboten, einer Ausstellung und dem Erhalt von Zeugnissen aus jener Zeit. Warum ist diese Erinnerung wichtig? »Es gibt einen großen Gegenwartsbezug«, sagt Susanna Misgajski vom Prora-Zentrum und nennt die Friedensfrage, soziales Engagement und Demokratieerziehung. Bei DDR-Projekttagen am Gymnasium in Bergen hat sie mit ihren Angeboten zum Thema »Bausoldaten« schon gute Erfahrungen gesammelt.

»Geschichte kommt an die Schüler heran über die Geschichte, die vor Ort ist«, unterstreicht Jana Romanski, die an diesem Gymnasium als Geschichtslehrerin arbeitet. »Wir brauchen Demokraten. Wie aber sollen wir welche erziehen, wenn wir sie nicht mit solchen Beispielen wie den ­Bausoldaten konfrontieren?« Wohin Nicht-Demokratie führe, könne man am Beispiel der Bausoldaten deutlich zeigen. Sie selbst habe sich bei diesem Thema auch mit ihrer eigenen Vergangenheit in der DDR auseinandersetzen müssen, gesteht Jana Romanski. Sie sei als Tochter eines Offiziers der Nationalen Volksarmee (NVA) auf die Insel Rügen gekommen.

Der silberne Spaten zierte die Schulterstücken der DDR-Bausoldaten - eine im Ostblock einmalige Form des waffenlosen Dienstes.

Der silberne Spaten zierte die Schulterstücken der DDR-Bausoldaten - eine im Ostblock einmalige Form des waffenlosen Dienstes.

Auch Landrätin Kassner wies auf ihre Biografie als Offizierstochter hin. »Heute habe ich große Hochachtung vor Ihrer Haltung und vor Ihrem Mut«, sagte sie den ehemaligen Bausoldaten.
Mut zeigten die Bausoldaten nicht nur mit ihrer Entscheidung für die Verweigerung des Dienstes mit der Waffe, sondern auch mit Eingaben und ­Beschwerden über Missstände. Das machte sie zum »Sand im Getriebe der NVA«, sagt Thomas Widera von Hannah-Arendt-Institut Dresden. »Die Eingaben der Bausoldaten zwangen die obersten Vertreter von Staat und Partei, sich mit aus ihrer Sicht belanglosen Dingen zu beschäftigen.«

1984 deckten Bausoldaten die Wahlfälschung auf

Die Aktivitäten der Bausoldaten konnten aber die DDR-Mächtigen durchaus auch in ernste Schwierigkeiten bringen. Ein Beispiel dafür sind die Kommunalwahlen 1984. Die Proraer Bausoldaten nahmen damals das DDR-Wahlgesetz ernst und forderten ihre Rechte ein. Die Kandidaten mussten sich im Gespräch mit ihnen vorstellen, ein Bausoldat wurde in den Wahlvorstand entsandt und an der Auszählung nahmen ebenfalls Bausoldaten teil.

Als dann in den veröffentlichten Ergebnissen für den Kreis Rügen die Zahl der Nein-Stimmen deutlich kleiner war als die Zahl der Nein-Stimmen, die allein die Proraer Bausoldaten ausgezählt hatten, forderten sie dafür eine Erklärung. Hektisch suchten die Verantwortlichen danach und argumentierten schließlich, dass die Wahlstimmen von NVA-Angehörigen aus Geheimhaltungsgründen nach einem geheimen Schlüssel auf die Wahlkreise der ganzen DDR aufgeteilt würden.

Stephan Schack, der diese Zeit in Prora miterlebt hat, sieht hier einen Beleg für die Verbindung zwischen den Bausoldaten und der Opposition in der DDR. »Die Aufdeckung der Wahlfälschung bei der Kommunalwahlen 1989 hat hier einen Vorläufer«, sagt er. Wenn es heute um Demokratieerziehung am Beispiel der DDR-Bausoldaten gehe, heiße eine Frage für ihn dabei auch: »Wo ist heute ­Widerstand gefordert?«

Matthias Holluba

»Das Mahnen kommt mir deutlich zu kurz«

7. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Gert Schramm, einer der letzten noch  lebenden ehemaligen Häftlinge aus dem KZ Buchenwald. Foto: Steffen Reichert

Gert Schramm, einer der letzten noch lebenden ehemaligen Häftlinge aus dem KZ Buchenwald. Foto: Steffen Reichert

»Tag der Befreiung«: Zwei Menschen aus zwei Generationen und ihr Umgang mit der Erinnerung an eine dunkle Zeit

Als Schwarzer in Buchenwald, als Kumpel bei der Wismut und im Ruhrgebiet, als Rückkehrer in die DDR: das bewegte Leben des Katholiken Gert Schramm

An manchen Tagen ging es leicht von der Hand. Gert Schramm setzte sich an den kleinen Schreibtisch in der Nische seines Wohnzimmers und fing die Erinnerungen ein, Zeile um Zeile. Und dann gab es wieder Tage, da musste er es lassen. Das waren die Tage, an denen die Bilder von einst zu mächtig und dämonisch wurden. An diesen Tagen war er nicht Gert Schramm. Er fühlte sich wie Nr. 49489. Die Häftlingsnummer aus Buchenwald.

Nun aber hat er es geschafft. Das Buch, die Erinnerungen eines Afrodeutschen, liegt vor ihm auf dem Couchtisch. Die Nachbarn haben geklingelt und Fragen gestellt. Und schließlich hat Matthias Platzeck bei ihm angerufen. Er habe das Buch, sagte Brandenburgs Regierungschef dem 82-Jährigen, in einem Atemzug die halbe Nacht gelesen. Er sei erschüttert, aber auch beeindruckt. Und dass er ihn gerne mal bei einer Tasse Kaffee kennenlernen würde. Da wusste Gert Schramm aus dem Städtchen Eberswalde, dass es die Mühen wert gewesen war. »Mir ist es wichtig«, umreißt er sein Credo, »dass auch die Jüngeren erfahren, was in Deutschland möglich war.«

Es ist 1928, als der Farbige in Erfurt ­geboren wird. Sein Vater ist afroamerikanischer Stahlarbeiter, der für einen Zeitvertrag nach Deutschland kommt, seine Mutter Schneiderin. Eine »strenge, aber glückliche Kindheit« erinnert Schramm, der im christlich geprägten Umfeld aufwächst. Er ist trotz seiner Hautfarbe akzeptiert. Noch gibt es die Republik von Weimar, aber sie ist verletzlich. Als die Nazis 1933 die Macht an sich reißen, ist es für den Jungen ein schleichender Weg von der Diskriminierung bis zur Internierung. Er darf keine Lehre absolvieren, schlägt sich als Jungarbeiter in einer Autowerkstatt durch. Vom Arbeitsplatz holt ihn 1943 plötzlich die Gestapo ab.

»Schutzhaft« nennt sie das, was dem knapp 15-Jährigen widerfährt. Es geht von Gefängnis zu Gefängnis, Verhören folgen Schläge, den Schlägen folgt der Hunger in der Einsamkeit. Bis er, dem nicht gesagt wird, was sein »Verbrechen« sei, im Juli 1944 von Weimar ins KZ Buchenwald gebracht wird. Gert Schramm ist der jüngste farbige Häftling, der in Buchenwald eingesperrt ist. Auch er bekommt den roten Winkel eines »Politischen«, aber er hat hier keinen Namen mehr. Er ist nun Nr. 49489 aus Block 42.

Gert Schramm sieht mehr Leid und mehr Tote jeden Tag, als er sich je vorstellen können wird. Und doch stellt er, das lernt er sofort, am besten keine Fragen. Jedes Auffallen kann sein Ende bedeuten. Er fragt auch nicht, als er nach wenigen Tagen aus dem Arbeitskommando Steinbruch, das der schmächtige Jugendliche »keine drei Wochen überlebt hätte«, herausgelöst und in eine Gerätekammer mit leichter Innenarbeit abgestellt wird. Er weiß nicht warum, »ich habe ja von den Illegalen nichts gewusst«. Aber diese ­geheimen Häftlingsstrukturen, sie retten ihm das Leben, und der Glaube und der Zusammenhalt, sie prägen ihn auf Dauer. Als die Amerikaner im April 1945 das Lager befreien, ist Gert Schramm einer von 21000, die es geschafft haben – die Spur seines Vaters verliert sich dagegen auf dem Weg nach Auschwitz. Für ihn, den Jugendlichen, beginnt ein neues Leben: »Aber es hat mich hart gemacht, auch ­gegen mich selbst.«

Gert Schramm dolmetscht bei der ­russischen Kommandantur, dann wird er 1950 Kumpel bei der Wismut. Später zieht er mit seiner jungen, ebenfalls katholischen Frau ins Ruhrgebiet nach Essen, wo noch besser und vor allem in D-Mark bezahlt wird, wo er sich einrichtet und versucht, Ruhe zu finden. Dass er 1964 wieder in die DDR übersiedelt, ist nur seiner Schwiegermutter geschuldet, die die Tochter immer wieder bittet heimzukehren. Irgendwann sagt er Ja.

Eberswalde heißt die neue Heimat. Die 40000 Seelen zählende Stadt wird auf ­tragische Weise bekannt, weil hier 1990 mit dem Angolaner Amadeu Antonio das erste Todesopfer rechtsextremistischer Gewalt im vereinten Deutschland zu beklagen ist. Auch wenn das nun 20 Jahre her ist, es »ruhiger geworden ist; wie der vierfache Vater versichert: Gert Schramm kämpft noch immer gegen die braune Gesinnung. Seit zwei Jahrzehnten wirbt er als Zeitzeuge in Schulklassen für Toleranz, ringt als Mitglied im Häftlingsbeirat um das richtige Bild von Buchenwald.

Aber er macht sich als Mitglied im Schützenverein auch dafür stark, dass alle anerkennen, dass die deutsche Einheit selbstverständlich, ihre Demokratie freilich verteidigt werden muss. »Ich verstehe nicht, warum die NPD nicht verboten wird«, klagt er. »Eine Partei, die die Demokratie abschaffen will, kann sich nicht auf den Schutz der Demokratie berufen.«

Die Angst vor dem »Noch einmal«. Es ist einer dieser Punkte, den er den einstigen Häftlingen von Buchenwald erklären muss, wenn sich die letzten Überlebenden in Weimar treffen. Es gibt nicht mehr viel, die aus eigenem Erleben vom KZ berichten können. Vielleicht 100 aus den Ländern dieser Welt, ganze fünf noch aus Deutschland. Gert Schramm will nicht nur Gedenken: »Das Mahnen kommt mir deutlich zu kurz«, lautet sein Resümee.

Von Steffen Reichert

Buchtipp:
Schramm, Gert: Wer hat Angst vorm schwarzen Mann. Mein Leben in Deutschland,
Aufbau Verlag 2011, 267 Seiten, ISBN 978-3-351-02727-8, 19,95 Euro.

Bezug über den Buchhandel oder den ­Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643)246161

Die Bo(o)tschafter aus Anhalt

29. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Aktion: Auf dem Weg zum 33. Deutschen Evangelischen – in Dessau heißt es dazu bald »Leinen los!«
 

Kurs auf Dresden: Schiffsführer Silvio Süßenbach und die beiden Mitorganisatoren Martin Bahlmann und Carsten Damm. (Foto: Thorsten Keßler)

Kurs auf Dresden: Schiffsführer Silvio Süßenbach und die beiden Mitorganisatoren Martin Bahlmann und Carsten Damm. (Foto: Thorsten Keßler)

 
Viele Wege führen zum ­Kirchentag vom 1. bis 5. Juni nach Dresden. Die Evangelische Landeskirche Anhalts reist von Dessau aus mit Marco Polo.

 
Genau genommen: auf der Marco Polo, denn gemeint ist nicht der venezianische Kaufmann und Entdecker, der im 13. Jahrhundert China und Ostasien bereist haben soll, vielmehr geht es um die MS Marco Polo: 27 Meter lang, 6,20 Meter breit, 80 Zentimeter Tiefgang und Platz für bis zu 150 Passagiere. Kapitän Silvio Süßenbach hatte schon häufiger Glaubensgemeinschaften an Bord. »Es wird auch ein paar kleine Seminare geben«, kündigt der Schiffsführer an: »Knoten, Schallsignale oder Flaggenkunde.«

Am Montag, 30. Mai, wird es in Dessau »Leinen los« heißen. Die erste Etappe führt bis in die Lutherstadt Wittenberg, am Dienstag geht die Reise weiter bis in das sächsische Riesa. Dort kommen am Mittwoch dann auch Kirchenpräsident Joachim Liebig und die anhaltischen Posaunenchöre an Bord und nehmen den letzten Abschnitt über etwa 50 Kilometer bis Dresden in Angriff, um am späten Nachmittag pünktlich zur Eröffnung des Kirchentages einzutreffen.

Während des Christentreffens vom 1. bis 5. Juni geht die MS Marco Polo dann am Schiffsanleger an der Carola­brücke in Dresden vor Anker und ­repräsentiert als schwimmende »Anhaltische Bo(o)tschaft« unter dem Motto »vernünftig und fromm« die Landeskirche. »Kirchentagsbesucher sind ganz herzlich eingeladen, Anhalt kennenzulernen«, sagt Martin Bahlmann vom Kinder- und Jugendpfarramt der Landeskirche und einer der Organisatoren der Flusskreuzfahrt zum Kirchentag. Es geht um »Christsein in einer kleinen, selbstbewussten ostdeutschen Landeskirche«, aber auch über die historische Region Anhalt, denn immerhin feiert das ehemalige Fürstentum im kommenden Jahr mit »Anhalt 800« das 800-jährige Jubiläum.

Auf der »Anhaltischen Bo(o)t­schaft« werden die Hauptthemen des Kirchentages aufgegriffen und aus ­anhaltischer Perspektive beleuchtet. So steht am Donnerstag, 2. Juni, der Glaube im Mittelpunkt und dabei vor allem Christsein in einem Umfeld, in dem die Kirche vielen Menschen seit Generationen fremd geworden ist.

Bildung und die gesellschaftliche Verantwortung von Christen in der Politik stehen am Freitag im Zentrum. In einer Podiumsdiskussion sollen die Herausforderungen an die Bildungsträger diskutiert und die Frage gestellt werden, welchen Beitrag die Kirchen leisten können. Mit zahlreichen evangelischen Kindergärten, Horten und Grundschulen bereichert die Landeskirche bereits jetzt die Bildungslandschaft.

Einbezogen in die Veranstaltungen am Freitag ist der inzwischen 4. Elbekirchentag. Bereits seit 2008 setzen sich Christen mit den Elbekirchentagen für den Schutz des letzten frei fließenden Stromes in Mitteleuropa ein. Die sieben Elbanrainerkirchen (Nordelbien, Mecklenburg, Hannover, Mitteldeutschland, Anhalt, Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und Sachsen) haben erst im Oktober vergangenen Jahres in einer gemeinsamen Erklärung ein tragfähiges Zukunftskonzept für die Elbe gefordert.

Mit dem Tagesthema Welt am Sonnabend werden dann abschließend die vielfältigen Beziehungen und Verbindungen Anhalts in andere Länder verfolgt.

Das Tagesprogramm auf der »Anhaltischen Bo(o)tschaft« an der ­Caro­la­brücke in Dresden beginnt täglich um neun Uhr mit Morgengebet und der anschließenden Bibelarbeit. Neben den Tagesthemen gibt es zudem jeden Tag die Malaktion »Wenn mein Herz ein Schiff wäre«: Besucher sind dabei eingeladen, ihrer künstlerischen Kreativität freien Lauf zu lassen.

Und so hat auch die MS Marco Polo eine ganze Menge mit Entdecken zu tun, ganz wie der venezianische Kaufmann: Man kann Anhalt und seine evangelische Landeskirche entdecken.

Thorsten Keßler

25 Jahren nach Tschernobyl: »Ich habe den Tod überlebt«

21. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Ein fehlgeschlagenes Experiment, ein brennender Reaktor, verstrahlte Menschen und eine auf unbestimmte Zeit zerstörte Region – die Radiobiologin Natalia Manzurova erinnert sich.

Natalia Manzurova gehörte zu den schätzungsweise 700000 Liquidatoren von Tschernobyl. (Foto: Anja Boromandi)

Natalia Manzurova gehörte zu den schätzungsweise 700000 Liquidatoren von Tschernobyl. (Foto: Anja Boromandi)

Auf dem Tisch neben ihr liegt eine kleine Blechdose. Immer wieder greift Natalia Manzurova in sie hinein und nimmt eine Tablette heraus. Am Hals der zierlichen Radiobiologin aus Russland ist eine blasse Narbe zu ­sehen. »Tschernobyl-Collier nennen wir das bei uns«, scherzt sie müde lächelnd und schluckt ihre Arznei.

Im April 2010 erhielt sie die Diagnose Schilddrüsenkrebs. Danach, gesteht die 60-Jährige, sei sie wochenlang hysterisch gewesen. Obwohl sie immer mit der Erkrankung rechnen musste. »Aber wenn es dann wirklich so weit ist, will man es nicht wahrhaben.«

Umso weniger Verständnis hat sie für Pläne, Tschernobyl für den Tourismus zu öffnen, um Devisen ins Land zu bringen. »Ich habe vom Sensationstourismus mit dem Geigerzähler gelesen und bin entrüstet. Ein Besucher meinte: ›Ich war da drin und will da wieder hin.‹ Als ob man Rodeln oder Skifahren gehen würde«, sagt sie kopfschüttelnd.

Natalia Manzurova ist eine von geschätzten 700000 Liquidatoren, die nach der Reaktorkatastrophe vor Ort waren – um dort »aufzuräumen«. Viele ihrer Kollegen sind bereits verstorben. Natalia lebt. Über die ­körperlichen und seelischen Schmerzen redet sie nicht gerne, gesteht sie. Sie tut es dennoch, um vor der teuflischen Gefahr zu warnen, die man nicht sieht, nicht riecht oder spürt. Vor Radioaktivität, die ihr Schicksal und das ihrer Eltern bestimmt und geprägt hat.

Geboren wurde Natalia in Osjorsk, nahe der ersten russischen Kernkraftanlage Majak. »Die baute die russische Regierung als Reaktion auf die Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki. Meine Eltern haben über 40 Jahre an und in dieser Anlage gearbeitet, in der früher Plutonium für Atombomben produziert wurde«, erinnert sie sich. 1957 ereignete sich in Majak mit dem Kyschtym-Unfall der erste schwere Atomunfall der Kerngeschichte, der jedoch jahrzehntelang vor der Öffentlichkeit verschwiegen wurde.

Die Katastrophe war folgenreich für die Umwelt und den Menschen, vor allem für die Mitarbeiter. Die Höchstdosis von 100 Röntgen hatte ihr Vater ­irgendwann um das Sechsfache überschritten, der Körper der Mutter war mit 400 Röntgen belastet.

»Mein Vater galt damals als medizinisches Wunder, er hatte fast so eine Art eine Resistenz entwickelt«, erzählt sie mit ruhiger Stimme. Ihre Mutter starb mit 62, der Vater mit 74.

Dennoch trat Natalia beruflich in die Fußstapfen ihrer Eltern. 1976 begann sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin damit, die Auswirkungen der Katastrophe von Majak zu untersuchen. »Durch unsere Erfahrungen, die wir im Ural gesammelt haben, war unser Forschungsinstitut damals das einzige in der Welt, das wusste, wie Radioaktivität den Menschen und die Natur verändert.« Wie bald sie dieses Wissen brauchen würde, ahnte sie damals noch nicht.

Am 26. April 1986 passierte er, der GAU. Der größte anzunehmende Unfall. Vier Tage lang brannte der Reaktor 4 des Kernkraftwerkes von Tschernobyl.

Natalia Manzurova war zu diesem Zeitpunkt 36 Jahre alt und alleinerziehende Mutter einer Tochter. Schon wenige Tage später, am 5. Mai, reiste sie mit Physikern, Chemikern und anderen Kollegen nach Prypjat, den nur vier Kilometer vom Reaktor entfernten Ort, in dem zuvor fast 50000 Menschen lebten.

Eine echte Wahl, den Auftrag abzulehnen, hatte sie nie: »Offiziell waren wir ja alle ›Freiwillige‹. Aber andererseits«, relativiert sie, »fährt doch auch jeder Arzt ins Erdbebengebiet, wenn er gerufen wird, oder? Schon aus der Verpflichtung und Verantwortung heraus.«

Die Atmosphäre in Pripjat war gespenstisch. »Alles stand da unberührt, als wäre man vom Himmel gefallen. Die Stimmung war unwirklich: Das neue ­Riesenrad auf dem Rummelplatz, das eine Woche später eingeweiht werden sollte. Oder die Wäsche, die vor einem Haus auf der Leine flatterte.«

Natalia leitete die Aufräumarbeiten. Anfangs durfte sie aufgrund ihres jungen Alters noch nicht zu nah an den Unglücksort, doch irgendwann, sagt sie, war das dann auch egal. »Ich wusste, wie ­gefährlich das für mich war. Sobald die Belastung zu hoch war, wurden wir jedoch ausgetauscht. Der Rhythmus war: 15 Tage Arbeiten, 15 Tage entfernen.«

Natalia nahm Bodenproben und erstellte zusammen mit den Strahlungsmesstechnikern eine Karte. Jeden Tag dekontaminierten Natalia und ihre Mitarbeiter verstrahlte Gegenstände. Sie gruben große Löcher, betonierten sie aus, schütteten den Müll rein und planierten die Stelle zu. Hochradioaktive Dinge wurden mithilfe eines fernge­steuerten Fahrzeuges vergraben. So verschwanden ganze Siedlungen und Dörfer.

Dazwischen gab es immer wieder Momente, die sich in ihren Kopf eingebrannt haben. Wie der, als sie in einem Gebäude Eimer mit toten Säuglingen und Föten fand. »Nach dem GAU gab es viele Abtreibungen per Kaiserschnitt«, erklärt sie und fügt leise hinzu, »nur ich weiß jetzt, wo sie begraben sind. Die Mütter würden sonst bestimmt zurückkommen.«

Die offizielle Sperrzone mit einem Radius von 30 Kilometern existiert heute immer noch. Nur einmal im Jahr, an Ostern, dürfen die ehemaligen Bewohner einen Tag lang nach Prypjat zurück, um die Gräber der Angehörigen zu pflegen, die vor dem Unglück starben.

Die Opfer des Reaktorunglücks hingegen werden bis heute alle auf einem eigens dafür angelegten Friedhof in Moskau beerdigt. Wie viele dort liegen, weiß ­Natalia nicht. Nur, dass sie alle in Bleisärgen beigesetzt wurden.

Die Radiobiologin selbst ist heute Invalide. Sie leidet neben ihrer Krebserkrankung am posttraumatischen Syndrom. Für ihren Einsatz bekam sie von Boris Jelzin eine Medaille. In Abwesenheit, weil sie krank im Bett lag. Sie lacht. »Eigentlich hätten sie mir als Invaliden einen Orden geben müssen. Aber der, der mit der Übergabe der Dokumente für die Verleihung beauftragt war, hat sich selbst für den Tapferkeitsorden eingetragen und mich für eine Medaille«.

Kraft zum Weiterleben schöpft sie aus dem Glauben. »Meine Mutter gehörte zu den Altgläubigen, das ist eine besonders strenge Form der Orthodoxie. Ich habe einen Priester, mit dem ich mich regelmäßig treffe. Was den Tod angeht, kann ich sagen, dass ich ihn überlebt habe. Ich war schon klinisch tot, doch auf dem Weg zum Himmel hat mich Gott wieder zurückgeschickt. Es scheint so, als habe ich noch eine Mission auf der Erde zu ­erfüllen.«

Anja Boromandi

Das Kreuz mit dem Halbmond

Kreuz und Halbmond, Foto: EKvW

Kreuz und Halbmond, Foto: EKvW

Streitfrage: Glauben Christen und Muslime an denselben Gott? – Versuch einer salomonischen Antwort

Oft wird betont, dass Juden, Christen und Muslime doch letztlich an denselben Gott glauben. Andere widersprechen dem entschieden. Ein scheinbar unlösbarer Widerspruch.

Das Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland gelingt nicht überall ohne Probleme. In den zum Teil sehr heftig ausgetragenen Debatten über Integrationspolitik und kulturelle Unterschiede wird immer wieder auch auf die Religion des Islam Bezug ­genommen. Insbesondere dort, wo der Eindruck der Fremdheit überwiegt und Angst erzeugt, wird oft versucht, dies auch theologisch im Gottesbild festzumachen. Aus dem ­Vergleich gegensätz­licher Aussagen in Bibel und Koran wird festgestellt: Solche ­einander widersprechenden Texte können nicht von dem gleichen Gott stammen. Folglich glaubt der Islam an einen anderen Gott als das Christentum.

Auf der anderen Seite kann man beobachten, dass diejenigen, die sich für Dialog und Verständigung engagieren, demgegenüber stärker geneigt sind, die bedeutsamen Gemeinsamkeiten zwischen Islam und Christentum zu betonen. Sie kommen ebenfalls unter Verweis auf den Koran und die historische Entwicklung zu dem Schluss: Judentum, Christentum und Islam ­beziehen sich auf den gleichen Gott: den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der die Welt erschaffen hat und das Schicksal aller Menschen lenkt.

Wer von ihnen hat recht? Beide – aber jeweils nur in bestimmter Hinsicht. Der erste wichtige Punkt besteht in der Erkenntnis, dass die Aussage von »verschiedenen Göttern« in Islam und Christentum ihre Wurzel und Begründung in der Existenz verschiedener Offenbarungen hat. Es gibt zwei Schriften mit dem Anspruch, Offenbarung Gottes zu sein (Bibel und Koran), die sich aber in wesentlichen Aussagen unterscheiden. Dafür gibt es grundsätzlich zwei Lösungen: Entweder eine der beiden Schriften ist keine Offenbarung Gottes, sondern von Menschen produziert oder verfälscht. Dies behauptet der Islam von den widersprechenden Teilen in der Bibel. Oder sie sind beide echte Offenbarungen, stammen aber von verschiedenen Göttern.

Letzteres führt aber in schwierige ­logische Probleme, denn Christen und Muslime glauben beide, dass es nur einen einzigen wahren Gott gibt und dass dieser die Welt geschaffen hat. Unmöglich ist es daher für Christen und Muslime zu meinen, dass es diesen Gott nicht gebe oder dass er ein anderes göttliches Wesen (aber nicht der Schöpfer) sei. Möglich bleibt es hingegen, etwas Gott zu nennen, was nicht Gott ist oder etwas Unterschiedliches darüber auszusagen, wie dieser Gott, der die Welt geschaffen hat, in seinem Wesen ist.

Ist es dann so, dass die Muslime etwas Gott nennen, was nicht Gott ist? Dieses Argument wird in der Diskussion immer wieder vorgebracht – oft in der Zuspitzung, Allah sei ein Götze, ein heidnisches Gottesbild, welches aus vorislamischer Zeit übernommen wurde. Dafür spräche, dass man keinen zweiten wahren Gott ­behaupten würde – was nach christlichem Bekenntnis ja unmöglich ist –, sondern menschliche Verirrungen in der Gottesvorstellung benennt. Allerdings ist der Begriff »Götze« ungeeignet, denn er bezeichnet in der Bibel eindeutig dingliche Figuren, geschnitzte Götzenbilder und damit die Verwechselung von Schöpfer und Geschöpf. Solches kann man dem Islam nun wahrlich nicht vorwerfen, der diese Unterscheidung im Bilderverbot sogar auf die Spitze treibt.

Ist »Allah« dann ein (Wüsten-)Dämon oder gar der Teufel selbst? Auch dies kann man in manchen Kreisen immer wieder behauptet finden. Oft wird dabei auf den 1. Johannesbrief, Kapitel 2, Vers 22 verwiesen, wo jeder als »Antichrist« bezeichnet wird, der leugnet, dass Jesus der Christus ist. Diese biblische Aussage gilt aber ursprünglich nicht für den Islam (der damals noch gar nicht existierte), sondern für die Juden – von denen heute aber niemand behauptet, sie würden den Teufel anbeten. Eine solche einfache Umkehrung taugt daher nur für billige Polemik, aber nicht für eine ernsthafte Auseinandersetzung.

Was folgt daraus? Bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass Christen und Muslime nicht darüber streiten, wer Gott ist (Gott oder Allah), sondern wie Gott ist (nah oder fern, trinitarisch oder nicht). Der Streit geht nicht darum, welcher Gott richtig ist, sondern welche Offenbarung richtig ist.

Damit bleiben genügend Probleme zu diskutieren. Unter anderem ist aus christlicher Sicht zu betonen, dass die Trinität unteilbar ist. Ein Treffen zum »Abrahamitischen Dialog« lediglich auf der Ebene des ersten Artikels des Glaubensbekenntnisses unter Leugnung oder Ignoranz von Christus und Heiligem Geist entspricht nicht der christlichen Überzeugung.

Fazit: Auf die Frage, »Glauben Christen und Muslime an denselben Gott?«, gibt es keine ganz einfache Antwort. Ein schlichtes »Ja« wäre falsch, denn es unterstellt eine grundlegende Übereinstimmung über das Wesen Gottes, die so nicht besteht. Ein schlichtes »Nein« wäre ebenso falsch, denn es unterstellt die Existenz ­anderer Götter. Der Versuch einer Antwort könnte folglich lauten: Christen und Muslime glauben nicht dasselbe von dem einen Gott.

Harald Lamprecht

Dr. Harald Lamprecht ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.

Auf der Suche nach Elite

8. April 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Elite ist gefragt – auch im Bereich der Universitäten: Absolventinnen und Absolventen der Bonner Friedrich-Wilhelm-Universität warten in Talaren und Baretten auf ihre Abschlussurkunden. Foto: JOKER/Karl-Heinz Hick

Elite ist gefragt – auch im Bereich der Universitäten: Absolventinnen und Absolventen der Bonner Friedrich-Wilhelm-Universität warten in Talaren und Baretten auf ihre Abschlussurkunden. Foto: JOKER/Karl-Heinz Hick

Kirche und Gesellschaft: Die evangelische Kirche will der Milieuverengung in ihren Reihen entgegenwirken

Ein neues Positionspapier beschreibt das Verhältnis der Kirche zu den Führungskräften in der Gesellschaft.

Evangelische Kirche ist in Deutschland bürgerlich. Zu den Kirchengemeinden gehören Menschen aus dem Mittelstand – Beamte, höhere Angestellte, kleine Selbstständige und ihre Familien. Hartz-IV-Empfänger sucht man in Gemeindekirchenräten, Presbyterien und ähnlichen Gremien dagegen oft vergebens. Und für Unternehmer, Politiker und Professoren gilt dasselbe. Zumindest das aber soll sich in Zukunft ändern: Denn mit einem am Dienstag in Berlin veröffentlichten Text will die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ihr Verhältnis zu den Eliten in Deutschland neu definieren.

Im Zentrum steht dabei ein Begriff, der zugleich der Titel des in der Reihe der EKD-Texte erschienenen Posi­tionspapieres ist: »Evangelische Verantwortungseliten«. Ein Großteil des 33 Seiten umfassenden Textes beschäftigt sich mit der Frage, was »Elite« eigentlich ist. »Der Begriff Evangelische Verantwortungselite zielt auf evangelische Christen, die ihre gesellschaftlichen Aufgaben aus einer christlichen Überzeugung heraus wahrnehmen«, heißt es in dem Papier. Es gehe nicht um Vorstellungen von Elite, die nur an Herkunft, Besitz oder Bildungsstand anknüpfen. Fast in jeder Zeile des neuen Textes ist zu spüren, dass die EKD hier einen ziemlichen Spagat beginnt.

Einflussreiche und materiell vermögende Menschen sollen in die Kirche eingebunden werden, ohne zugleich die Grundposition des Protestantismus zu verändern, der sich in erster Linie an der Seite der Armen sieht. »Mein Kirchenverständnis ist von Dietrich Bonhoeffer geprägt«, sagt der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber, der an diesem Text mitgearbeitet hat. »Kirche kann nur sein, wenn sie Kirche für andere ist.« Doch die Kirche habe nicht nur den Kontakt zu Industriearbeitern, sondern auch zu Führungskräften verloren.

In den letzten 20 Jahren seien der ­Einfluss und die Prägekraft des Protestantismus im Bereich der Eliten ­geschwunden. Um diesen Zustand zu ändern, plädiert der Text dafür, die Erwartungen von Eliten an »ihre« evangelische Kirche stärker wahrzunehmen. »Spezifisch ethische und persönliche Fragestellungen und Konfliktlagen sind hier ebenso zu ­berücksichtigen, wie der besondere Bedarf an Vertrauen und Verschwiegenheit.«

Übergemeindliche Angebote für Führungskräfte, Profil- und Personalgemeinden böten Möglichkeiten, um zu vermeiden, dass »in der evangelischen Kirche der Eindruck eines Ausschlusses der gesellschaftlichen Verantwortungsträger von der Botschaft des Evangeliums entsteht.«

Auf der Suche nach guten Beispielen bedient sich der neue EKD-Text deswegen noch einmal bei Wolfgang Huber. »Veranstaltungen in der Verantwortung kirchlicher Leitungspersonen, von herausragenden Konzerten bis zum gesprächsintensiven Bischofsdinner« seien gefragt, heißt es. Genau das hatte dieser in seiner Zeit als Hauptstadt-Bischof immer wieder angeboten. Es ist ein Teil seines Vermächtnisses an die EKD, wenn der neue Text dazu auffordert, protestantische Eliten zu fördern und zu pflegen – denn ohne sie hat die Kirche ebenso wenig Zukunft wie ohne die breite Masse der Gemeindeglieder.

Benjamin Lassiwe

www.ekd.de/download/ekd_texte_112.pdf

Elite kontra Mittelmaß?
Worte wie Elite und Eliteförderung sind derzeit in aller Munde – auch in den Kirchen. Als Gegensatz dazu wird oft das Schreckgespenst des Mittelmaßes an die Wand gemalt. Der studierte Politikwissenschaftler und Historiker ­Markus Reiter hält dem sein »Lob des Mittelmaßes« entgegen. Darin erklärt der freie Journalist und Publizist, »warum wir nicht alle Elite sein müssen«, wie es im Untertitel des Buches heißt. Denn: Ob Sport, Wissenschaft, Wirtschaft oder Ökonomie – es sind gerade die mittelständischen Unternehmen, es sind die breiten und stabilen Mittelschichten, die unser Land und die Gesellschaft tragen. Freilich: »Mittelmaß heißt nicht Stillstand, heißt nicht, sich treiben zu lassen. Auch das Mittelmaß bedarf steter Anstrengung und eines gewissen Eifers. Es heißt aber sehr wohl, die Beschränktheit menschlicher Möglichkeiten zu erkennen und anzuerkennen.« Angesichts der aktuellen Diskussion um die Atomenergie und ihre Folgen ein geradezu prophetischer Ansatz. (GKZ)

Reiter, Markus: Lob des Mittelmaßes. Warum wir nicht alle Elite sein müssen,
oekom-verlag, 93 Seiten, ISBN 978-3-86581-239-1, 12,95 Euro

Die Ohrfeige von Sidi Bouzid

Vor allem die oft gut gebildete und vernetzte Jugend ist es, die hinter den Protesten und Aufständen der arabischen Welt steht – wie hier in der marokkanischen Hauptstadt Rabat. Foto: picture alliance/abaca/Abdurrahman Antakyali

Vor allem die oft gut gebildete und vernetzte Jugend ist es, die hinter den Protesten und Aufständen der arabischen Welt steht – wie hier in der marokkanischen Hauptstadt Rabat. Foto: picture alliance/abaca/Abdurrahman Antakyali

Analyse: Eine Revolution erschüttert die arabische Welt – wohin sie führt, ist unklar, doch nichts wird sein wie vorher


Die Proteste begannen in ­Tunesien und wurden zum arabischen Flächenbrand: ­Altgediente Machthaber mussten gehen oder zittern und kämpfen um den ­Bestand ihrer Macht. Und der Westen stolpert in einen neuen Krieg mit offenem ­Ausgang.

Tarek El-Tajib Mohammed Ben Bouazizi hatte seinen Obstwagen falsch abgestellt. Eine tunesische Polizistin quittierte diese Ordnungswidrigkeit mit einer Ohrfeige. Bouazizi besaß einen Universitätsabschluss in Informatik. Die Wirtschaftslage ließ ihm aber keine andere Wahl, als durch den Verkauf von Früchten auf der Straße den Lebensunterhalt für sich und seine Geschwister zu ­erkämpfen. Von einer Frau ins Gesicht geschlagen zu werden, war für den 26-jährigen Araber der sprichwörtliche Strohhalm, der dem Kamel das Kreuz brach.

Ein Polit-Tsunami fegt über die arabische Welt
Zutiefst gedemütigt und wutentbrannt forderte er eine Audienz beim Gouverneur. Andernfalls werde er sich selbst verbrennen. Die Behörden ignorierten seine Forderung. Bouazizi machte seine Drohung wahr – am 17. Dezember 2010 in Sidi Bouzid, der tunesischen Kleinstadt 200 Kilometer südlich von Tunis. Als Mohammed Bouazizi 18 Tage später seinen schweren Brandverletzungen erlag, hatte die »Jasmin Revolution« Tunesiens ihren Märtyrer. Weitere zehn Tage später, am 14. Januar 2011, floh der tunesische Präsident Zine El-Abidine Ben Ali nach Saudi-Arabien.

Von Tunesien aus schwappte der Volkszorn über in die Nachbarländer. Einen Monat nach Ben Ali gab Ägyptens Präsident Hosni Mubarak das Zepter aus der Hand. Seit der Ermordung des Friedensnobelpreisträgers Anwar El-Sadat am 14. Oktober 1981 hatte Mubarak das Reich am Nil beherrscht. Er hatte den kalten Frieden mit Israel zur Selbstverständlichkeit werden lassen, sechs Attentate überlebt und die Moslembruderschaft mit eiserner Faust unterdrückt. Er galt als Garant der Stabilität im Nahen Osten und wurde nicht müde, seine Besucher daran zu erinnern, wie töricht die USA 1979 im Iran gehandelt hatten, als sie einen treuen Verbündeten, den Schah, fallen ließen, nur, um mit ansehen zu müssen, wie das Regime von einer hässlichen, anti-amerikanischen Theokratie ersetzt wurde. Die kommenden Monate und Jahre werden zeigen, ob Mubarak mit seiner Warnung recht hatte.

Von den Kolonialmächten am Reißbrett aufgeteilt
Die Ohrfeige von Sidi Bouzid hat einen Polit-Tsunami in Gang gesetzt, der die arabische Wüste vom Maghreb bis zum Persischen Golf erschüttert. Einige der dienstältesten Staatschefs unseres Planeten kämpfen um ihr Überleben. Von Marokko bis in den Jemen fordert die Straße, dass die Machthaber von drei oder gar vier Jahrzehnten den Hut nehmen. Facebook und Twitter werden als Revolutionskatalysatoren gefeiert. Wie viele Menschenleben dieses Politbeben gefordert hat, werden wir – wenn überhaupt – erst mit weitem Abstand sagen können. Es werden wohl Tausende sein, nicht nur weil Muammar Al-Gaddafi seine Luftwaffe einsetzte, um Demonstranten zu bombardieren.

Seit die Kolonialmächte England und Frankreich Anfang des 20. Jahrhunderts den Orient am Reißbrett in Nationalstaaten aufteilten, erschien deren Existenz selbstverständlich. Nur selten machten die schnurgeraden Grenzlinien einen kritischen Beobachter beim Blick auf die Landkarte misstrauisch. Tatsache bleibt jedoch auch ein Jahrhundert nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches: Das Volk hat sich dem Grenzdiktat des Völkerbundes nie gebeugt. Arabien ist ein Kulturraum geblieben, vom Maghreb bis ins Zweistromland. Man versteht im Irak, was in Algerien getwittert wird. Es bewegt den Jemen, wenn in Nordafrika eine Polizistin ohrfeigt. Diese Tatsache macht den Fernsehsender Al-Dschasira im Provinzfürstentum Qatar mit einer Ausdehnung von gerade einmal 180 mal 80 Kilometern und nicht einmal zwei Millionen Einwohnern zu einem Machtfaktor.

Völkermix mit einer gemeinsamen Klammer
Arabien ist ein zusammenhängender Kulturraum. Aus dieser Beobachtung jedoch zu schließen, alle arabischen Staaten seien gleich oder alle Araber vergleichbar, wäre ein Trugschluss. Hosni Mubarak von Ägypten war ein hoch verehrter Militärbefehlshaber – und die Militärs haben am Nil nach wie vor das Sagen. Auch in Tunesien funktioniert der Apparat des alten Regimes weiter, während die Libyer, soweit sie sich vom Griff Gaddafis befreien konnten, Anarchie probieren. Das einzige Verdienst des Baschar El-Assad von Syrien ist, Sohn seines Vaters zu sein. Die Assads stammen aus einer Minderheit von lediglich zwei Prozent Alawiten, die seit Jahrzehnten das mehrheitlich sunnitische Syrien fest im Griff haben.

Erklärt säkulare Staaten wie Syrien stehen in der arabischen Welt streng islamischen Ländern wie etwa Saudi-Arabien gegenüber. Im Osten der ­arabischen Halbinsel sind – wie im Irak – große Bevölkerungsteile schiitisch, während die Herrscherfamilien ausnahmslos der sunnitischen Glaubensrichtung angehören. Ägypten hat eine große christliche Minderheit. Der Kopten-Papst Schinouda III. rief seine Anhänger während der Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo auf, nicht gegen Mubarak zu demonstrieren. Im Gegensatz zu Diktatoren, die ihre Macht auf eine militärische Laufbahn und einen Putsch aufgebaut haben, begründen die Könige Mohammed VI. von Marokko und Abdullah II. von Jordanien ihre Stellung durch eine direkte Abstammung vom Propheten Mohammed.

Was diesen Völker- und Religionsmix zusammenhält, ist neben der gemeinsamen Sprache die überwältigende Vorherrschaft der islamischen Kultur, ein Stammesdenken, das sich um keinerlei Staatsgrenzen kümmert – und die Jugend. Mindestens 60 Prozent, in manchen Ländern wie dem Jemen, Somalia oder der palästinensischen Autonomie über 70 Prozent der Bevölkerung, sind unter 30 Jahre alt. Die jungen Menschen in der arabischen Welt sind weltoffen, viele haben studiert. Sie haben Zugang zu Satelliten-TV und Internet – und fragen sich, warum in Amerika und Europa die Machthaber alle paar Jahre neu gewählt werden, während in ihrem Umfeld jede Freiheitssehnsucht unbarmherzig von Polit-Sauriern in den Sand gestampft wird.

Was bedeutet das alles für Israel und die westliche Welt? Der israelische Historiker Tom Segev beobachtet richtig: »Wir haben nicht mit Ägypten oder Jordanien Frieden geschlossen, sondern mit zwei Männern, Präsident Sadat und König Hussein.« Man ist sich in Israel darüber im Klaren, dass »die Straße« in der arabischen Welt Israel bei Weitem feindlicher gegenübersteht als die Diktatoren, deren Abgang jetzt weltweit bejubelt oder gar vorangetrieben wird.

Arabisch-israelischer Konflikt im Hintergrund
Anhänger des traditionellen Friedensprozesses intonieren den altbekannten Refrain von der Gelegenheit für einen Nahostfrieden, die wieder einmal so günstig sein soll wie noch nie. Aber stimmt das wirklich? Zeigt die arabische Revolution nicht eher, dass alle politischen Bemühungen von Jahrzehnten mit einer Ohrfeige vom Verhandlungstisch gefegt werden können?

Mit dem Sechstagekrieg von 1967 hat die Welt sich vom »israelisch-arabischen Konflikt« verabschiedet, erkannte den jüdischen Staat als aggressive Besatzungsgroßmacht und glaubt bis heute unerschütterlich an die grundlegende Bedeutung des Palästinenserproblems. Wenn nur dieses Problem gelöst sei, so wird suggeriert, würde sich alles andere im Orient und weit darüber hinaus von selbst in Wohlgefallen auflösen. Tatsache ist, dass die Spannung zwischen Israelis und Palästinensern eingebunden ist in einen arabisch-israelischen Konflikt. Und wer geschichtlich nicht vollkommen blind ist, weiß, dass die israelische Besatzung heute umstrittener Gebiete nicht etwa die Ursache dieses Konflikts ist, sondern deren Folge.

Wer füllt das Macht- und Glaubwürdigkeitsvakuum?

»Wir sind mitten im Dritten Weltkrieg«, erklärt der israelische Terrorismusexperte Boaz Ganor, Gründer und Leiter des Internationalen Politik-Instituts für Terroristenbekämpfung in Herzelia. Wir haben das nur noch nicht gemerkt oder wollen es nicht wahrhaben. In Libyen schlittert der Westen derzeit in eine neue, blutige Front dieses Dritten Weltkriegs, dessen Ende in keiner Weise absehbar ist – und schweigt gleichzeitig zum brutalen Vorgehen der saudi-arabischen Sicherheitskräfte im benachbarten Bahrain. Der Westen mag sich fest vorgenommen haben, nicht in Libyen einzumarschieren.

Aber was ist, wenn Gaddafi überlebt? »Dann können sich Europa und Amerika auf eine Serie von Lockerbies einstellen«, meint Ganor mit Anspielung auf die Sprengung eines Pan-Am-Jumbos am 21. Dezember 1988 über dem schottischen Lockerbie. 270 Menschen kamen bei dem Anschlag ums Leben, der dem libyschen Geheimdienst angelastet wird.

Bernhard Zand meinte jüngst im Spiegel: »Europa wird sich vielleicht darauf einstellen müssen, dass eine militärische Ordnung mitunter besser ist als gar keine Ordnung.« Aber können wir der arabischen Welt unseren Liberalismus aufzwingen? Die Araber mögen bislang keine demokratische Tradition haben, und es mag richtig sein, dass kaum eine Region der Welt so unproduktiv ist wie Arabien. Der Spiegel stellt fest, dass alle 350 Millionen Araber zusammen weniger erwirtschaften als 60 Millionen Italiener. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass Araber dumm sind. Auch einfache Obst- und Gemüsehändler wissen, was zum Jahreswechsel 1991/92 in Algerien geschah, als sich ein Wahlsieg der Islamischen Heilsfront abzeichnete. Die Wahlen wurden abgebrochen und eine Militärdiktatur installiert. Die blutigen Auseinander­setzungen in den darauffolgenden Jahren forderten 120000 Todesopfer. Auch die palästinensischen Wahlen vom Januar 2006, deren Ergebnis niemand anerkennen wollte, sind noch lange nicht vergessen. Und wie steht es in Afghanistan oder dem Irak um die Demokratie?

Boaz Ganor ist überzeugt, im Dritten Weltkrieg geht es um Ideen, um religiöse und ideologische Überzeugungen, um Werte und um Glaubwürdigkeit, um die Herzen und Köpfe der Menschen. Glaubwürdig ist von außen besehen weder der Westen noch das Christentum – wohl aber die Al-Qaida, ob uns das passt oder nicht.

Wer das Macht- und vor allem auch das Glaubwürdigkeitsvakuum in der arabischen Welt ausfüllen wird, ist bislang unabsehbar. Weder Weltuntergangspropheten noch blauäugigen Hoffnungsträgern sollte da vorschnell Glauben geschenkt werden. Bislang ist nur eines klar und unumkehrbar: Die arabischen Völker haben zum ersten Mal in ihrer Geschichte erfahren, dass sie Herrscher absetzen können. Die Araber kennen seit 2011 den Geschmack der Macht. Und deshalb ist der Polit-Tsunami, der momentan die Wüste durchfegt, auch nicht nur eine Revolte oder ein Aufstand, sondern eine Revolution. Die arabische Welt wird nie mehr die sein, die sie vor der Ohrfeige von Sidi Bouzid war.

Johannes Gerloff (Jerusalem)

»Wir müssen weniger Energie verbrauchen«

26. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Dr. Hans-Joachim Döring ist Umweltbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Bild:EKM

Dr. Hans-Joachim Döring ist Umweltbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Bild:EKM

Interview: Seit Jahrzehnten warnen kirchliche Umweltexperten vor den Gefahren der Kernenergie – Fukushima und die Folgen



Der drohende GAU in der japanischen Atomanlage Fukushima I hat die Fragen der Atomenergie mit neuer Brisanz auf die Tagesordnung gebracht. Harald Krille sprach darüber mit Hans Joachim Döring, Umweltbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Atomkatastrophe in Japan – fühlt sich ein Umweltbeauftragter der Kirche in seinen Warnungen bestätigt?
Döring:
Diese Bestätigung brauche ich wirklich nicht. Die Warnungen hatten und haben ja keinen Selbstzweck. Sie speisen sich aus der Ehrfurcht vor dem Leben und der Verantwortung vor Gott. Trauer um die Opfer habe ich und Solidarität mit den Verunsicherten und Verstrahlten. Hinzu kommen Beschämung und mitunter Wut, weil gute Argumente und kritische Szenarien nur sehr eingeschränkt Einfluss auf notwendige Veränderungen in Politik, Wirtschaft und Lebensweise haben. Die gleichen Fakten und Argumente, die heute plötzlich die Tagespolitik bestimmen, wur­den vor 30 Jahren als »prophetistischer Katastrophalismus«, als »Schwarzseherei« und noch vor drei Monaten als Elemente einer »Immer-und-gegen-alles-Gesellschaft« verunglimpft. Jetzt steht die Schrift überdeutlich an der Wand.

Nach Tschernobyl war schnell von den Russen und ihrer veralteten Technik die Rede – jetzt trifft es eine High-Tech-Nation. Ist Kernkraft prinzipiell nicht beherrschbar?
Döring:
In Tschernobyl war nicht primär die Technik das Problem, sondern der Mensch. Im höchsttechnologisierten japanischen Fukushima reichten Risikoannahmen und Schutzpläne nicht aus. Ich frage, wenn nicht da, wo sonst sollte Beherrschbarkeit möglich sein? Die Komplexität der gigantischen Energiefreisetzungen übersteigt das Maß des Menschen und seine Regel- wie Verantwortungssysteme. Hinzu kommt die ungeklärte Atommüllfrage, deren Lösung wir auf unsere Kinder und Enkel abschieben. 1986, unmittelbar nach dem Super-GAU in Tschernobyl, schrieb der damalige Wittenberger Friedenskreis an den Staatsrat der DDR‚ es sei die Verantwortung der hochentwickelten Industrieländer, aus der Kernenergie auszusteigen und dadurch der Welt zu zeigen, dass es möglich ist, auf diese Form der Energiegewinnung zu verzichten. Es schmerzt, dass 25 Jahre für umfassende alternative Beispiele verloren gegangen sind.

Weltweit sind 442 Atomkraftwerke (inkl. der japanischen) in Betrieb, weitere 64 in Bau – wird die Katastrophe von Fukushima das Bewusstsein verändern?
Döring:
Das gesamte Bewusstsein der Welt ändert sich gewiss nicht. Aber vielleicht hält sich bei Entscheidungsträgern wie Wahlbürgern eine Skepsis gegen die atomaren Lösungen. Und vielleicht wächst oder erneuert sich eine vielschichtige und dezentrale Such-, Neugier- und Ehrfurchtsbewegung, die uns die Augen öffnet für das, was schon möglich ist. Wir haben kein Erkenntnis-, wir haben ein Handlungs-, Regel- und Umsetzungsdefizit.

Immer wieder ist von der Kernenergie als derzeit noch unaufgebbarer Brückentechnologie die Rede – brauchen wir sie nicht noch auf absehbare Zeit?
Döring:
Kernenergie ist inzwischen keine unaufgebbare Brückentechnologie, sondern eine Verstopfungstechnologie. Sie verhindert dank ihres »billigen« Stromes, dass die besten alternativen Konzepte erneuerbarer Energie flächendeckend, ökonomisch, dezentral und dauerlastfähig konkurrenzfähig werden. Diverse Sachverständigenräte der Bundesregierung oder des Dessauer Umweltbundesamtes – nicht nur von Öko-Instituten – halten eine weitgehend vollständige Energieversorgung aus erneuerbaren Energiequellen in weniger als einer Generation für möglich. Zum Konzept gehört freilich: Wir müssen deutlich weniger Energie verbrauchen. Beim Einsparen hinken die Bürger der Industrie hinterher. Dort ist der Kostendruck schon höher.

Was würde ein schneller Ausstieg für uns alle und unseren Lebensstil bedeuten?
Döring:
Ein schnell möglicher Ausstieg ist für mich der alte rot-grüne Ausstiegskompromiss – gemeinsam mit der Wirtschaft. Also AKW-Laufzeiten bis maximal 2020. Freilich sind deutliche Steigerungen der Energiepreise, nicht nur für Wohnungswärme, auch für Mobilität oder als Anteil in den Produkten des täglichen und nicht so täglichen Bedarfs zu erwarten. Dies wird gern – zumal von der Energiewirtschaft – als Bedrohung des Abendlandes beschrieben. Dem ist nicht so! Zwei Tendenzen stehen dagegen: Zum einen die steigende Energie- und Rohstoffproduktivität in den jeweiligen Produkten. Das heißt, es kann mit weniger mehr hergestellt werden. Zum anderen die schon erwähnten Einsparpotenziale. Wenn der Gaspreis um zehn Prozent steigt, ich aber 20 Prozent weniger verbrauche, habe ich zehn Prozent gespart beziehungsweise als Reserve für Sparinvestitionen. Trotzdem darf nicht drumherumgeredet werden: Bis zum technologischen und damit ökonomischen Durchbruch bei den erneuerbaren Energien – die auch Nachteile haben – werden unsere Aufwendungen für Energie wachsen.

Was kann, was sollte der Einzelne jetzt tun?
Döring:
Der Einzelne kann erstaunlich viel tun. Wir in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sollten unsere Kampagne »Klimawandel – Lebenswandel« ernst nehmen und umsetzen. Zum Beispiel könnte die Junge Gemeinde sich beim Frauenkreis einladen und bitten, übers Einsparen nach dem Krieg, in der DDR und heute zu reden. Die Welt war nicht besser, als noch gestopft wurde, aber weniger Energie wurde schon verbraucht.

Was kann und sollte die Kirche selbst tun?
Döring:
Zum Beispiel, was die soeben beendete Frühjahrssynode der EKM einstimmig beschloss: »Die Landessynode bittet die Kirchengemeinden, Kirchenkreise und das Landeskirchenamt um verstärkte Bemühungen zur Bereitstellung und Nutzung kirchlicher Grundstücke und Gebäude für Investitionen in erneuerbare Energien.«

»Betet für die Menschen hier«

Eine Welt in Trümmern: Im japanischen Erdbeben- und Tsunami-Gebiet wurden ganze Orte zerstört. Hilfsorganisationen sprachen am Dienstag von mindestens 100000 obdachlosen Kindern. Zehntausende Menschen werden noch vermisst, wie viele Todesopfer es gibt, vermag noch niemand zu sagen. 	Foto: picture-alliance

Eine Welt in Trümmern: Im japanischen Erdbeben- und Tsunami-Gebiet wurden ganze Orte zerstört. Hilfsorganisationen sprachen am Dienstag von mindestens 100000 obdachlosen Kindern. Zehntausende Menschen werden noch vermisst, wie viele Todesopfer es gibt, vermag noch niemand zu sagen. Foto: picture-alliance

Japan: Erst das Erdbeben und die Flutwelle, jetzt der drohende atomare Super-GAU – ein Augenzeugenbericht aus Tokio

Seit Tagen steht die Welt im Banne der Ereignisse in Japan. Wie erleben Menschen vor Ort die Katastrophe? – Die deutsche Pfarrerin in Tokio hat ihre Erlebnisse in Worte gefasst.


Von Elisabeth Hübler-Umemoto

13. März: Wir sind erschüttert von der Unermesslichkeit des Leids, das über so viele Menschen gekommen ist.
Unsere Kreuzkirche und das im Bau befindliche Pfarrhaus haben keine Schäden. Wir warten angespannt auf neue Nachrichten über den Zustand der beiden Kernkraftwerke, in denen Störfälle aufgetreten sind. Aber wir können nicht weglaufen, hoffen das Beste und bleiben ruhig.

Die Japaner reagieren sehr gelassen auf die Situation. Sie leben ständig mit der Möglichkeit einer Naturkatastrophe. Sie sind deshalb gut auf die verschiedensten Szenarien vorbereitet. So gut, wie man es angesichts der Unberechenbarkeit solcher Ereignisse nur sein kann.

Der nationale Christenrat in Japan hat einen Fürbitten- und Spendenaufruf gestartet und angefangen, Hilfe für die betroffenen christlichen Gemeinden zu organisieren. All das steht noch ganz am Anfang. Es ist noch kein Überblick über die Lage zu gewinnen. Der Gemeindevorstand hat den Gottesdienst heute kurzfristig abgesagt, weil noch nicht absehbar ist, wie die Reaktorstörfälle weitergehen. Wir haben Fürbitten an alle Gemeindeglieder verschickt und werden den Gottesdienst auf den kommenden Mittwoch verschieben. Es tut uns gut zu hören, dass in Deutschland und vielen anderen Ländern sehr viele Freunde und Bekannte die Situation hier in ihre Gebete einschließen.

Nachtrag: Inzwischen sind die meisten deutschen Familien weggefahren. Die Firmen möchten ihre Mitarbeiter auch möglichst in Sicherheit wissen. Wir hören weiterhin die aktuellen Nachrichten von den Kernkraftwerken, warten und hoffen, dass wir nicht evakuiert werden müssen.

Die Menschen sind weiterhin gelassen. Zum ersten Mal wird mir deutlich, warum die japanische Kultur so oft eine Atmosphäre der Traurigkeit enthält: Eine Nation, die solche Katastrophen erlebt und damit weiterlebt, trägt etwas davon in der Seele. Inzwischen gibt uns ein Sender Tipps, wie wir bei Stromsperre unsere Lebensmittel retten, und andere Hilfen. Man ist einfach pragmatisch. Das Entsetzen ist so groß und so nah, dass ich es nicht fühlen kann. Es passt in eine Seele nicht hinein. Ist unser sonst so wichtiges Leben und Geldverdienen und Beherrschen und Gestalten nicht einfach nur äußerlich? Ganz nichtig, ganz eitel? Der Prediger Salomo fällt mir ein: »Alles ist eitel und ein Haschen nach Wind.«

14. März: Gespräche, Telefonate mit Gemeindemitgliedern, Interviews mit Medien. Ein langer Tag geht zu Ende. Der vierte Tag nach den schrecklichen Ereignissen. Heute hatten wir noch keinen Stromausfall, aber die Züge, S- und U-Bahnen wurden deutlich ­reduziert, um Strom zu sparen.

Ich bekomme öfter die Frage gestellt, warum die Japaner so gelassen, so diszipliniert auf das alles hier reagieren. Japaner sind stark, wenn sie eine fest definierte Rolle ausfüllen müssen. Das hilft jetzt sehr, um in ­dieser unermesslichen Notlage zu tun, was nötig ist. Da ist der Tanklastzugfahrer, der seinen Tankzug mit Trinkwasser füllt und zum nächsten verwüsteten Dorf fährt, um den Menschen Wasser zu bringen. Dazu sagt er: »Ich freue mich sehr, dass ich diesen Beitrag leisten kann.« Oder jene Frau, die von einem Soldaten auf dem Rücken aus den Trümmern getragen wird und sich auf so unverwechselbar japanische Weise bedankt: »Sumimasen«, das heißt: »Ich kann dir dafür nichts zurückgeben.« »Osewani narimashita« – »Ich fühle mich schuldig dafür, dass du ­etwas für mich tun musst, was du ­normalerweise nicht tun musst.«

Wir erfahren in diesen Tagen wie groß die Schattenseite unserer allumfassend technisierten Welt ist. Es war so schön bequem mit all den Geräten, die uns umgeben. Ich hoffe, dass man in Japan und überall dort, wo es Kernkraftwerke gibt, über Veränderungen in der Energieversorgung nachdenkt. Manche fragen mich nach meiner Angst, aber mir geht es eher so, dass ich jetzt merke, was mein Glaube mir bedeutet: Dass wir alle in Gottes Hand sind, wo immer wir auch sind. Es gibt kein Benzin mehr an den Tankstellen. Deshalb wird vielleicht auch unser zweiter Versuch, zum Gottesdienst in der Kirche zusammenzukommen, scheitern. Es freut die Menschen hier ungeheuer, dass weltweit so viel Anteil genommen wird, so viel echtes Mitfühlen rüberkommt.

Elisabeth Hübler-Umemoto ist mit  einem Japaner  verheiratet und seit 2003 Pfarrerin der Evangelischen Gemeinde Deutscher  Sprache Tokio- Yokohama.

Elisabeth Hübler-Umemoto ist mit einem Japaner verheiratet und seit 2003 Pfarrerin der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache Tokio- Yokohama.

15. März: Ich wache auf, es ist fünf Uhr am Morgen und mein erstes Gefühl geht dahin: Ich will meine Normalität zurück. Kann nicht alles ganz schnell geklärt werden?

Stattdessen im Fernsehen ein oberpeinlicher Auftritt von wissenschaftlichen und leitenden Mitarbeitern des Kernkraftwerks Fukushima I, die sich vor laufenden Kameras rangeln und streiten, wer jetzt welches Datenblatt hat, wer sprechen darf. »Bakkamon!«, möchte man rufen, »ihr Blödmänner!«. Während die Techniker in den AKWs ihr Leben aufs Spiel setzen, seid ihr mit Kompetenzgerangel und Konkurrenz beschäftigt!

Ja, die Schwächen der hiesigen Kultur werden an einigen Stellen jetzt deutlich: Dass Experten in ihrem Fach es durch alle Institutionen geschafft, alle Prüfungen sehr gut bestanden haben, aber nicht fähig sind, den Kopf klar und oben zu behalten, wenn etwas außer der Reihe zu tun ist, wenn auch der Einzelne Verantwortung für das Ganze tragen muss. Allmählich beginnen wir, die Auswirkungen der Katastrophe auch auf die Zukunft der Gemeinde und der deutschen Community zu spüren. ­Unser Architekt informierte darüber, dass weiteres Bauholz für den Innenausbau unseres neuen Pfarrhauses Lieferstopp habe. Auch IKEA hat seine Tore geschlossen, vermutlich um sei­ne Produkte den Menschen im Erdbebengebiet zur Verfügung zu stellen.

In zwei Stunden wird uns für circa vier Stunden der Strom abgestellt. Aber was ist das schon angesichts der vierten Nacht, die viele Opfer im Freien verbracht haben bei Temperaturen um den Gefrierpunkt? Inzwischen rechnet man mit rund 20000 Toten, aber für genaue Angaben ist es noch zu früh.

Vom Reaktor hört man wenig Ermutigendes … Betet bitte weiterhin für die Menschen hier. Das ist im ­Moment das Wichtigste, was man tun kann.

Elisabeth Hübler-Umemoto ist mit einem Japaner verheiratet und seit 2003 Pfarrerin der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache Tokio-Yokohama.

Das Tokioer Fürbittengebet
Das folgende Gebet veröffentlichte die deutsche Gemeinde in Tokio auf ihrer Internetseite:

Manche von uns haben Stunden der Angst erlebt, Stunden der Unsicherheit und Sorge. Die Menschen in der Erdbebenregion haben ihr Leben verloren, ihre Angehörigen, ihre Existenz.
Und der Schrecken ist noch nicht vorbei.
Das Kernkraftwerk in Fukushima ist noch nicht sicher.

Dennoch hoffen wir auf dich, Gott, halten an dir fest und bitten dich um deine Gegenwart in all diesen schlimmen Erfahrungen.

Wir bitten für die Familien, die nicht wissen, ob ihre Angehörigen noch leben.
Wir bitten für die Verstorbenen.
Wir bitten für die Menschen in den Notunterkünften.
Wir bitten für die Menschen, die vor dem Nichts stehen.
Wir bitten für die vielen Helfer, die ihr Leben für andere aufs Spiel setzen.
An dir halten wir uns fest, Gott, gerade, wenn uns der Boden unter den Füßen wegrutscht.
Auf dich hoffen wir, in allem, was wir erleben, ertragen, durchmachen müssen.
Begleite du uns, dass wir nicht verzweifeln.
Hilf uns, aufeinander zu achten, richtige Entscheidungen zu treffen und zu helfen, wo wir können. Amen.

www.kreuzkirche-tokyo.jp

Aktionäre, Banken und Länder auf globaler Einkaufstour

11. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Ausverkauf: Weltweit ist der Kampf um Nahrung, Energie und Bodenschätze entbrannt – »Land Grabbing« lautet der neueste Schachzug.
 
Shoppingtour auf Kosten der Armen: Immer mehr Ackerland in ­Entwicklungsländern wird von Banken und reichen Staaten aufgekauft – nicht zuletzt für Bio-Sprit.  (Foto: picture-alliance/Spectrum)

Shoppingtour auf Kosten der Armen: Immer mehr Ackerland in ­Entwicklungsländern wird von Banken und reichen Staaten aufgekauft – nicht zuletzt für Bio-Sprit. (Foto: picture-alliance/Spectrum)

Wachstum lautet die stete ­Antwort von Politikern und Wirtschaftseliten auf die globalen Herausforderungen: Mehr Wirtschaftswachstum, mehr Rendite, mehr Gewinn – doch die globalen Ressourcen sind endlich. Der Kampf darum birgt unkalkulierbare Risiken.
 

Laut der Welternährungsorganisation FAO gab es seit 2008 in 32 Ländern der Erde sogenannte Hungeraufstände. Infolge massiver Preissteigerungen für die Grundnahrungsmittel Weizen, Mais, Reis und Zucker gingen die Menschen auf die Straße – zuletzt auch in Tunesien mit den bekannten ­Folgen. Was macht das täglich Brot plötzlich so teuer?

Verheerender Klimaschutz: Ackerland für Bio-Benzin

Das internationale Kapital sucht sich infolge der Finanzkrise alternativ zu Immobilien und Aktienmärkten neue Stätten der Wertanlage und Spekulation. Ein Run auf Gold, Silber, Erz und Kupfer setzte ein, aber auch auf agrarische Rohstoffe. Der internationale Agrar-Rohstoffindex stieg auf den Höchststand seit drei Jahren, ­alleine bei Baumwolle um 54 Prozent, bei Kakao und Kaffee um 30 Prozent, was hierzulande die Preise für Süßwaren, ­Kaffee und Textilien ansteigen lässt. Auch Weizen und Mais wird als »gold corn« von Finanzspekulanten entdeckt – mit dramatischen Folgen für die Ernährungssicherung in Entwicklungsländern.

Gleichzeitig wurde im Zuge der Klimaschutzdebatte und der begrenzten Ölreserven international ein Agro-Energieboom ausgelöst. Je höher an der Zapfsäule der Benzinpreis klettert, umso mehr steigt das Interesse an der Energie vom Acker.

Hinzu kommt, dass weltweit die rare Ressource Boden nicht beliebig ­vermehrbar ist, sondern infolge von Klimawandel und Bevölkerungswachstum übernutzt wird, versalzt und erodiert.

Umso attraktiver ist es nicht nur für ­Finanzanleger in wertvolles Ackerland zu investieren, sondern auch Staaten und Unternehmen gehen auf globale Shopping Tour, um die Nahrung ihrer Bevölkerung beziehungsweise die Rohstoffversorgung zu sichern.

China hat in den letzten vier Jahren zwei Millionen Hektar Land aufgekauft: Alleine im Nachbarland Laos 600000 Hektar, um mit bewässerten Reisflächen langfristig eine Jahresernte von zwei Millionen Tonnen einzufahren. Flächeneinkäufe in Afrika kommen hinzu.

Auch Malaysia und Thailand sind ausgerechnet in Laos, einem der ärmsten Länder der Erde, aktiv, wo sie sich 15 Prozent des Staatsgebietes angeeignet haben für Kautschukbaum-, Zuckerrohr- und Maniok-Plantagen zur Bioethanol-Herstellung sowie Eukalyptus- und Akazienwälder zur Papierproduktion.

Südkorea, die Arabischen Emirate und Saudi-Arabien tätigten Landkäufe in Pakistan, auf den Philippinen, in Kambodscha, Indonesien, der Mongolei, Argentinien und Madagaskar.

Das Interesse ist immer das gleiche: Die Nahrungsversorgung der eigenen Bevölkerung mit Mais, Weizen und Reis zu sichern und Energiereserven vom Acker aufzubauen.

»Land Grabbing« – bizarre Folgen für die Ärmsten

Besonders bizarr zeigt sich solches »Land Grabbing« (»Land-Aneignung«) im Sudan, wo sich Südkorea fast 700000 Hektar und die Arabischen Emirate 380000 Hektar für den Weizenanbau gesichert haben und gleichzeitig für die hungernde sudanesische Bevölkerung ein Importbedarf von 3,2 Millionen Tonnen Nahrungsmitteln besteht.

Die Globalisierung der Agrarmärkte zeigt damit ihre unbarm­herzige und zynische Seite.

Die Zielländer erhoffen sich von den Landverkäufen die Nutzbarmachung brachliegender Ackerflächen, die Ansiedlung be- und verarbeitender Industrien und damit neue Arbeitsplätze, den Ausbau von Infrastrukturen und die Einnahme von Devisen, um die Bevölkerung mit günstigen Nahrungsmitteln auf den Weltmärkten zu versorgen.

Ob solche Hoffnungen berechtigt sind, ist zweifelhaft. Das Gegenteil ist oftmals der Fall: Aufgrund fehlender Bodenrechtstitel, unklarer Grundstücksgrenzen und begünstigt von Korruption der heimischen Eliten, die selbst Profiteure des Landkaufs sind, werden Kleinbauern von ihrem Grund gejagt und in Hunger und Verarmung getrieben. Die Landflucht in die ohnehin hoffnungslos überfüllten Slums der Großstädte wird forciert.

Ernährungssicherheit für alle muss das Ziel sein

Nur durch ein international abgestimmtes Verhandlungsmandat der Staatengemeinschaft kann eine Übereinkunft ­getroffen werden, den Ausverkauf von Ackerland zugunsten einzelner Länder und des globalen Finanzkapitals zu stoppen. Hier ist die Welternährungsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen gefordert, die Initiative zu ergreifen.

Japan hat sich immerhin selbst dazu verpflichtet, Landeinkäufe nur noch außerhalb von Entwicklungsländern vorzunehmen, weswegen man nach Neuseeland, in die USA und Brasilien ausgewichen ist.

Noch stehen wir am Anfang des neuen Phänomens »Land Grabbing«. Noch ist Zeit politisch zu handeln, bevor aus der globalen Shoppingtour für Ackerflächen aus egoistischen nationalen Motiven beziehungsweise Interesse an Spekulationsgewinnen langfristig ein Flächenbrand entsteht, weil die nationale Ernährungssouveränität von Völkern gefährdet wird und sich daraus auch international eine Friedensbedrohung entwickeln könnte.

Clemens Dirscherl

Clemens Dirscherl ist Geschäftsführer des Evangelischen Bauernwerks in Württemberg. Der promovierte Sozialökonom ist darüber hinaus Beauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland für agrarsoziale Fragen und Lehrbeauftragter an der Agrarfakultät der Fachhochschule Nürtingen.

Brauchen wir eine Frauenquote?

Frau

Internationaler Frauentag: Trotz Fleiß kein Preis? – Seit 100 Jahren kämpfen Frauen um ihre Gleichstellung.



PRO

Kathrin Wallrabe ist Gleichstellungsbeauftragte der sächsischen Landeskirche

Kathrin Wallrabe ist Gleichstellungsbeauftragte der sächsischen Landeskirche

Quoten gibt es schon immer. Stellt sich die Frage nach der Besetzung eines Gremiums werden viele Quoten berücksichtigt.

Wir brauchen noch ein paar Konservativere im Vorstand, ein Handwerker wäre auch noch gut, um den Mittelstand im Boot zu haben. Der Herr von der Bank kann auch nicht schaden. Studentische Burschenschaften fördern die Jugend, die männliche Jugend. Auch diese Netzwerke werden bei Stellenbesetzungen berücksichtigt. Der Sohn des befreundeten Chefarztes bekommt die Stelle. Ob jemand aus Bayern oder Franken ist, katholisch, lutherisch, ­reformiert oder Moslem, kann auch ein Auswahlkriterium sein.

Das Ergebnis: würdige Herren um die 50 und vielleicht ein, zwei Kronprinzen, ganz nach Quoten ausgesucht. Es wird sogar der Spielraum für Personen mit unsicheren Entwicklungsaussichten eingeräumt.

Das ausgerechnet bei der Frauenquote das Argument »die Qualifikation zählt, nicht das Geschlecht« als Wichtigstes dagegengehalten wird, ist für mich nicht nachvollziehbar.

Noch nie waren so viele gut ausgebildete Frauen am Start. Doch qualifizierte Frauen sind ohne Quote kaum im Blick. Vereinzelte Frauen in poli­tischen Gremien spiegeln nicht die Wirklichkeit an der Basis wider. Frau­en werden selten ermutigt und haben bisher auch wenige Vorbilder.

Die traditionellen Frauenrollen sind nicht für Führung in der Öffentlichkeit angelegt. Ihnen wird die Verantwortung für die Familie ans Herz gelegt – ein ­typisch (west)deutsches Phänomen.

Dass Frauen führen können, zeigte sich immer in Notsituationen. Das wissen auch die Männer. Wir brauchen jedoch den Schritt in die Normalität. Frauen und Männer ergänzen ­einander.

Jedes System wird klüger, wenn es die Vielfalt der Perspektiven berücksichtigt.

Auch die Kirche profitiert von Frau­en. Sie hat als Arbeitgeberin Sorge zu tragen, dass Frauen ein existenz­sicherndes Einkommen beziehen. Partnerschaftliches Teilen von Familien- und Berufsarbeit und Unterstützungssysteme, wie bezahlbare Kinderbetreuung und haushaltsnahe Dienstleistungen, würden vieles erleichtern. Die Führungsaufgaben sollten in einer sinnvollen »work-live-balance« organisiert werden. Beides nützt Männern, Frauen und Kindern. Hier gibt es eine gesamtgesellschaftliche, auch kirchliche Verantwortung.

Die gerechte Gemeinschaft von Frauen und Männern ist Ziel der Beschlüsse der EKD-Synode von 1989: »Es ist anzustreben, dass in die Leitungs- und Beratungsgremien evangelischer Kirchen Männer und Frauen in gleicher Zahl gewählt oder berufen werden.« 22 Jahre später stellt sich nicht die Frage ob, sondern warum dieser Beschluss noch wenig mit Leben erfüllt ist. Die Quote ist ein Instrument, kein Ziel.

Ich würde mir wünschen, dass die gerechte Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche Wirklichkeit wird. Dazu braucht es Konkretes. Die Quote hilft.



KONTRA

Christine ­Lieberknecht ist evangelische Theologin und Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen

Christine ­Lieberknecht ist evangelische Theologin und Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen

Die Frauenquote ist nicht geeignet, die Rolle der Frauen in Gesellschaft, Staat, Wirtschaft und Kirche zu stärken. Die Quote ist allenfalls eine »Notbremse« gegen überbordende Männerrepräsentanz, vor allem in Führungspositionen.

Die eigentlichen Ursachen für noch immer bestehende Benachteiligung von Frauen liegen ganz woanders. Frauen schneiden in Schulen und Hochschulen deutlich besser ab. Aber sie schaffen es immer noch nicht, mit diesen Pfunden in der Berufswelt zu wuchern.

Entscheidend für Geschlechtergerechtigkeit sind die Rahmenbedingungen: Wir brauchen eine noch bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bessere Kinderbetreuung, flexiblere Arbeitszeiten, eine kinder- und familienfreundliche Arbeitswelt. Thüringen ist in der Familienpolitik vorbildlich. Die Thüringer Staatskanzlei ist kürzlich mit dem Preis Total E-Quality für Chancengleichheit in der Personalpolitik ausgezeichnet worden.

Der »Quotenfrau« haftet etwas Negatives an: Man fragt sich, hat sie ihr Amt der Quote oder eigener Leistung, eigenen Fähigkeiten zu verdanken? Gerade junge Frauen von heute zeigen, dass sich in den letzten Jahren viel geändert hat. Frauen sind selbstbewusster geworden. Und sie sind ­bereit, sich dem Wettbewerb in den von Männern dominierten Führungsetagen zu stellen. Und viele Frauen haben bereits Erfolg damit.

Ich setze also auf den Intellekt, auf das Selbstbewusstsein und vor allem auf die Durchsetzungsfähigkeit der Frauen. Von gesetzlicher Regelung halte ich nichts.

Ich bin aber dafür, überall in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kirche Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen Frauen ihre Qualitäten unter Beweis stellen können. Vor allem im Öffentlichen Dienst sollte mehr Augenmerk auf Frauenförderung und Personalentwicklung gelegt werden.

Ich hoffe, dass diese Debatte bald nicht mehr notwendig ist und dass wir endlich Geschlechtergerechtigkeit verwirklichen.

Wir feiern dieses Jahr 100 Jahre Weltfrauentag. Das gibt neue Impulse. Am Ziel sind wir noch lange nicht: dies beginnt bei Lohngleichheit, geht über Männerdominanz in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen und endet auf den Chefetagen.

Geschlechtergerechtigkeit ja – Frauenquote nein danke! Wir schaffen es auch so!

Das Stichwort: Internationaler Frauentag am 8. März

Am Internationalen Frauentag am 8. März gehen Frauen weltweit für ihre Rechte an die Öffentlichkeit. Sein Ursprung liegt in den sozialistischen und sozialdemokratischen Kämpfen für das Frauenwahlrecht vor Beginn des Ersten Weltkriegs. 1910 ­beschloss die Sozialistische Internationale der Frauen in Kopenhagen, jedes Jahr mit einem ­Frauentag den Kampf der Frauen für mehr Rechte voranzutreiben.

Einem Aufruf der deutschen Sozialistin Clara Zetkin folgend, gingen vor 100 Jahren, im März 1911, rund eine Million Frauen zunächst in Deutschland, ­Dänemark, Österreich-Ungarn und der Schweiz auf die Straßen – eine solche Massenbewegung hatte es bis dahin nicht gegeben.

Erste Forderung war das Frauenwahlrecht, in Deutschland 1919 durchgesetzt. Die Feministinnen der Weimarer Republik kämpften außerdem für ­kürzere Arbeitszeiten bei gleichem Lohn, niedrigere Lebensmittelpreise, eine regelmäßige Schulspeisung und legalen Schwangerschaftsabbruch.

Während des Ersten Weltkriegs und unter der NS-Diktatur war der »sozialistische« Feiertag verboten. Die Nazis propagierten statt seiner den Muttertag, der ihrem Frauenbild eher entsprach. Doch im ­Untergrund lebte er weiter, wer am 8. März seine rote Wäsche im Fenster »auslüftete«, gab damit ein politisches Statement ab.

Nach 1945 entzweite der Kalte Krieg auch den ­Frauentag. Im Westen verlor er an Bedeutung, wurde dann vor allem von der Frauen- und ­Friedensbewegung begangen. In der DDR entwickelte sich der 8. März vielfach zum »sozialistischen Muttertag«, an dem Kinder der Mutti selbst gemalte Bilder oder Blumen schenkten. 1977 erklärten die Vereinten Nationen den Internationalen Frauentag zum offiziellen Feiertag. Frauen in 26 Ländern, von Angola bis Zypern, haben an ­diesem Tag frei.

In diesem Jahr steht der Frauentag unter dem Motto: »Gleicher Zugang zu Bildung, Ausbildung, Wissenschaft und Technik: Wege zu menschenwürdiger ­Arbeit für Frauen«. In Deutschland ist in den vergangenen Wochen die Diskussion um eine gesetzliche Frauenquote in Führungspositionen der Wirtschaft entflammt. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) schlug Anfang des ­Jahres eine verbindliche Quote von 30 Prozent für Aufsichtsräte und Vorstände von Industrieunternehmen vor. Ihr Vorstoß ist jedoch innerhalb und außerhalb der Regierungsparteien umstritten.
(epd/GKZ)

Fleischlos glücklich

25. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Ernährung: Die vegetarische Küche ist Trend, denn wer satt werden und genießen will, braucht kein Fleisch.


Guten Appetit! Ein gemischter Salat – sieht schön aus, schmeckt und ist gesund. (Foto: epd-bild)

Guten Appetit! Ein gemischter Salat – sieht schön aus, schmeckt und ist gesund. (Foto: epd-bild)


Rund sechs Millionen ­Deutsche sind Vegetarier – Tendenz steigend. Da ­Dioxin- und andere Lebensmittelskandale regelmäßig Schlagzeilen machen, ­verzichten mehr und mehr Menschen auf Fleisch und tierische ­Produkte.



In den 70er Jahren wurde Charlotte Link wegen ihrer Ernährung als »seltsame Sektiererin« bestaunt. »In Restaurants brachte ich regelmäßig die Küche zur Verzweiflung, wenn ich erklärte, weder Fleisch noch Fisch essen zu wollen«, erzählt die Schriftstellerin. Heute staune niemand mehr, die meisten Lokale seien auf fleischlose Alternativen eingerichtet.

Tatsächlich ist der vegetarische Lebensstil so angesagt wie noch nie – und durch den Dioxin-Skandal quasi in aller Munde.

»Lebensmittelskandale gibt es ja leider ständig«, sagt Sebastian Zösch, Vorsitzender des Vegetarierbundes Deutschland (Vebu). In der Öffentlichkeit sei die Meinung verbreitet, dass der Futtermittelskandal ohne die Massentierhaltung nicht entstanden wäre. »Es geht darum, was die Billigproduktion von Tieren mit Umwelt und Klima macht, und erstmals geht es auch ernsthaft um die ethische ­Dimension des Fleischkonsums.«

»Vegetarismus boomt«, sagt Zösch. »Unsere Mitgliederzahlen steigen, ebenso wie die Anfragen von Großküchen, die vegetarische Tage einführen wollen.« Die Nachfrage bestimmt das Angebot: Die Fast-Food-Kette McDonalds führt seit einem dreiviertel Jahr wieder den Veggieburger, auch die »Bild«-Zeitung informiert über die ­gesundheitlichen Vorteile der vegetarischen Ernährung, und Karen Duve ist mit ihrem Buch »anständig essen« sowieso Bestseller und Dauergast in den Medien.

Etwa sechs Millionen Menschen leben nach Angaben des Vegetarierbundes in Deutschland vegetarisch, etwa zehn Prozent von ihnen vegan – das heißt, sie verzichten vollständig auf tierische Produkte wie Milch, Käse, Eier oder Honig. Die Gründe dafür sind unterschiedlich: »Sich gesund ernähren zu wollen, ist oft der Anstoß«, sagt Zösch, selbst Veganer. »Wer über gesundes Essen nachdenkt, schaut auch auf die Produktionsbedingungen und bekommt dann ethische Bedenken.«

Bei Charlotte Link war es die Liebe zu den Tieren. Sie hörte schon als Achtjährige auf, sie zu essen. »Im Grunde hatte ich mit dem Fleischessen von dem Moment an Probleme, als ich realisierte, dass Tiere sterben müssen, damit ich etwas zu essen habe«, sagt die heute 47-Jährige. Gleichzeitig wusste sie, dass sie nicht auf Fleisch angewiesen ist, um zu überleben. »Irgendwann habe ich die Zerrissenheit, in die mich mein Gewissen stürzte, nicht mehr ausgehalten und wurde Vegetarierin.«

Bei Attila Hildmann war es anders. Der 29-jährige Physik-Student wird ­inzwischen als »neuer Kochpapst« und »der Jamie Oliver der fleischlosen Küche« bejubelt. Für sein neuestes Kochbuch bekam er Mitte Februar auf der ersten deutschen Vegetariermesse VeggieWorld in Wiesbaden die Auszeichnung »Kochbuch des Jahres 2011«. Und mit seiner Kochshow im Video-Portal Youtube gilt er als Trendsetter.

Hildmann ist seit zehn Jahren Veganer, er nennt sich aber nicht mehr so. »Ich gehöre nicht zu den Leuten, die ständig mit dem Finger auf andere Leute zeigen und mit dem Fressen und Gefressenwerden in der Natur generell ein Problem haben.« Für ihn ist fleischlos Life-Style. »Dazu gehört, mir selbst, der Erde und den Tieren etwas Gutes zu tun.« Er ist durch einen »sehr durchtrainierten, sportlichen« Freund zum Vegetarismus gekommen.

»Ich wurde durch meine Ernährung schnell immer fitter und schlanker«, sagt Hildmann. »Und weil ich komplett in der Hand haben wollte, was ich esse, auch unterwegs, habe ich dann schnell alle tierischen Produkte vom Speiseplan gestrichen.« Verzichten wollte er aber auf nichts. Und fing deshalb an, seine alten Lieblingsgerichte vegan nachzukochen.

Auch Charlotte Link hält nichts vom moralischen Zeigefinger, weil sie nicht abschrecken, sondern ­Nach­ahmer finden will. »Die Gesellschaft muss sich irgendwann die Frage stellen, wie viel Gewalt gegen Wehrlose sie in ihrer Mitte zulassen will«, sagt die Autorin. Sie hat den Eindruck, dass darüber immer mehr Menschen nachdenken.

Miriam Bunjes (epd)

Spiegelneurone – Zellkolonie des Mitgefühls

18. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Vernetzt – das Symbol lässt ahnen, welches komplexe System unseres Gehirns uns mit anderen Menschen verbindet. (Foto: Picture-alliance)

Vernetzt – das Symbol lässt ahnen, welches komplexe System unseres Gehirns uns mit anderen Menschen verbindet. (Foto: Picture-alliance)


Glaube und Wissenschaft: Warum wir intuitiv verstehen, was andere fühlen und Nächstenliebe empfinden und praktizieren können.



Hirnforscher haben spezielle Nervenzellen – sogenannte Spiegelneurone – entdeckt, die dafür sorgen, dass wir uns mental in den emotionalen oder körperlichen ­Zustand anderer Menschen ­hineinversetzen können.




Freuet euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.« Diesem guten Rat des Apostels Paulus vermag nicht jeder nachzukommen. Denn offenbar bedürfen selbst diese vermeintlich einfachen Verhaltensweisen mitmenschlicher Anteilnahme einer gewissen sozialen Einübung.

Aller Erfahrung nach nützen jedoch auch die allerbesten Anlagen nicht viel, wenn sie nicht durch eine halbwegs »gelungene« Soziali­sation irgendwie zur Entfaltung gebracht werden. Trotz größter Bedeutung jenes äußeren Umfeldes gilt jedoch, dass ohne ein entsprechendes inneres Milieu – ohne bestimmte ­anatomische und physiologische Gegebenheiten im innersten unseres ­Gehirns – sich so etwas komplexes und wünschenswertes wie christliche Nächstenliebe gewiss nicht in unserem praktischen Verhalten etablieren lässt.


Die eigentlichen Stars unserer grauen Hirnzellen

Aber was hat man sich unter einer »neuronalen Basis« unseres sozialen Mitempfindens vorzustellen? Dass alle unsere Bewegungen durch Nervenzellen koordiniert werden, ist schon seit Längerem bekannt. Dass es auch Neurone gibt, die nicht nur ­unsere eigenen Handlungen steuern, sondern zugleich die Handlungen anderer Individuen mental simulieren – also spiegeln – wurde jedoch erst vor einigen wenigen Jahren entdeckt.

Diese »Spiegelzellen« sind für alle nur möglichen Resonanzerscheinungen unseres Alltags zuständig – insbesondere für alle Phänomene der Nachahmung inklusive der sozialen bzw. emotionalen Ansteckung.

Die Entdeckung der Spiegelneurone kann in seiner Tragweite durchaus mit der Entschlüsselung unseres Erbguts verglichen werden. Zumindest sind Spiegelneurone die eigentlichen Stars unter unseren grauen Hirnzellen. Sie erklären endlich, warum wir intuitiv verstehen, was andere fühlen. Sie machen begreiflich, warum nicht nur unser Gähnen ansteckend wirkt, sondern auch, warum wir ein Lächeln erwidern können oder von den Tränen anderer erschüttert werden.

Unser »Bauchgefühl« ist ein Simulationsprogramm unseres Hirns. Es lässt uns nachempfinden, was ein von uns betrachteter Mensch gerade tut oder fühlt. Die faszinierende und doch gewiss auch frohe Botschaft der Neurobiologie lautet: Es existiert eine Zellkolonie des Mitgefühls, die gewissermaßen den sozialen Klebstoff bildet, der uns miteinander verbindet und uns einander mit Empathie begegnen lässt.

Wir verdanken den Spiegelneuronen unsere Fähigkeit zu lieben. Der Mediziner, Neurobiologe und Psychotherapeut Joachim Bauer sieht sogar die ­gesamte menschliche Existenz von Spiegel- bzw. Resonanzreaktionen ­geprägt: »Was wir erleben, was uns von anderen widerfährt, beeinflusst und verändert uns. Wir verändern uns im Antlitz des anderen.«

Selbst unter evolutionären Gesichtspunkten sind Spiegelzellen von allergrößter Bedeutung: Die darwinistische Vermutung, dass es im »Kampf ums Dasein« doch überhaupt keinen Sinn ergibt, ausgerechnet so etwas wie »Mitleid« im Artgedächtnis zu ­verankern, erweist sich nunmehr endgültig als Irrtum.

Die Empathie gehört zur genetischen Mitgift der Menschheit; auch wenn unser Mitgefühl selbstredend in harter Konkurrenz zu anderen Verhaltensmustern steht – etwa unserer latenten Gewaltbereitschaft oder Raffgier.

Warum Affen gar nicht gut »nachäffen« können

Im Mensch-Tier-Vergleich wurde mittlerweile deutlich, dass unseren haarigen Vettern ausgerechnet jenes »Nachäffen« nur in recht eingeschränkter Weise gelingt. Spätestens wenn es gilt, die Problemlösung eines Vorbildes systematisch nachzuahmen, geraten selbst Schimpansen rasch in größte Schwierigkeiten.

Die Bedeutung unseres Talents zur Nachahmung lässt sich kaum überschätzen. Schließlich ist biologisch betrachtet der Nachahmungstrieb der Sprache unmittelbar vorgeschaltet. So gesehen ist Sprache zunächst nicht viel mehr als mimetisch angelegte Körpermotorik.

Kein Wunder also, dass die Welle der Begeisterung über die Entdeckung der Spiegelzellen inzwischen bis zu den Sprach- und Kulturwissenschaftlern hinübergeschwappt ist. So deutet etwa der Germanist Gerhard Lauer unser Vergnügen an der Literatur ganz im Sinne der modernen neurobiolo­gischen und entwicklungspsycholo­gischen Forschung: Literatur sorgt für Identifikation, indem sie auf besondere Weise unser Talent zur Nachahmung erweckt. Wir fiebern beim Lesen mit, insofern wir uns bei der ­Betrachtung fremden Denkens und Handelns mithilfe unserer Spiegelneurone der eigenen inneren Wahrnehmung hingeben.

Klinische Befunde haben inzwischen auch die herkömmliche Annahme von Pädagogen und Psychologen ­widerlegt, dass ein »episodisches ­Gedächtnis« die wesentliche Voraussetzung für Empathie sei. Unfallopfer, die an extremen Gedächtnisverlusten leiden und nicht einmal mehr wissen, wer sie sind, büßen nämlich ihre Fähigkeit zum Mitgefühl keineswegs ein. Sie können die Emotionen anderer Menschen ebenso gut wahrnehmen wie gesunde Probanden.

Dank der Spiegelzellen muss der Mensch nicht erst an sich selbst denken, um sich in andere hineinzuversetzen.

Da die wenigen Spiegelneurone sich stets mit Hunderttausenden ­anderer Nervenzellen vernetzen, sind sie selbstverständlich auch nur im ­Ensemble funktionstüchtig. Einen neuronalen Schalter, der uns etwa ­automatisch in den »Mitleidsmodus« versetzt, gibt es ganz gewiss nicht.

Ebenso wenig wie wir Marionetten der Evolution oder unserer Gene sind, so sind wir auch keine Sklaven unserer Spiegelzellen.

Kinder brauchen beispielhaftes Vorleben


Doch die Annahme, dass ein Kind, dessen Kindheit nie von einem Lächeln begleitet wurde, auch im späteren Leben kaum zu einer derartigen »Spiegelung« fähig sein wird, ist indes alles andere als abwegig. Spiegelzellen sind vor allem Nachahmerzellen.

Beispielhaftes vorleben hat also Sinn.

Und je öfter es uns gelingt, uns ganz im Sinne von Paulus mit den Fröhlichen zu freuen oder mit den Weinenden zu weinen, desto menschlicher sind wir.

Reinhard Lassek

Katechismus – Top oder Flop?

11. Februar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Diskussion: In der Tradition des Reformators haben die lutherischen Kirchen ihre Glaubensinhalte in einem Buch zusammengefasst

Ulrich Lieberknecht, Superintendent im südwestthüringischen Bad Salzungen

Ulrich Lieberknecht, Superintendent im südwestthüringischen Bad Salzungen


PRO

Braucht man im Zeitalter der elektronischen Medien noch ein Buch mit mehr als 1000 Seiten? Der jetzt in achter Auflage neu erschienene »Evangelische Erwachsenenkatechismus« (EEK) lässt mich eindeutig »Ja« sagen.

Das 1975 erstmals im Auftrag der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirchen Deutschlands erschienene Standardwerk macht sich zur Aufgabe, »in evangelischer Freiheit und Verantwortung den christlichen Glauben im Kontext der gegenwärtigen Lebenswelt« zu entfalten. Gliederungsprinzip dafür ist das Glaubensbekenntnis. Hervorragend die Idee, in der Mitte des Buches Bekenntnis­texte einzubinden, die so immer zum Vergleich zur Hand sind.

Wer sich klarmacht, was sich ­allein seit 1975 in Lebens- und Überzeugungsfragen in unserer Welt verändert hat, wird staunen, was der EEK an Orientierung leistet. In guter reformatorischer Tradition werden hier nicht feststehende Dogmen verkündet. Vielmehr wird zu einem Gespräch angeregt, das der Meinungs- und ­Gewissensbildung dient.

Und warum ein dickes Buch?

Weil man so herrlich darin schmökern kann! Fast gleichgültig, an welcher Stelle man aufschlägt, man wird in gut lesbare spannende Fragen hineingenommen.

Ob Anfängerin oder alter Hase im Glauben – allen wird eine breite Auswahl gut verträglicher Anregung geboten, das Evangelischsein heute zu stärken.

Das Stichwort- und Bibelstellenregister und ein kleines Lexikon theologischer Begriffe machen die Erschließung kinderleicht. Und die mitgelieferte CD ROM enthält den gesamten Text mit einer bequemen Navigationshilfe. Dafür sind die knapp 30 Euro Ladenpreis keineswegs viel.

Ich kann nur empfehlen: 1200 Gramm kernigen evangelischen Glaubens.

Ulrich Lieberknecht

Andreas Fincke, Pfarrer und langjähriger Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen

Andreas Fincke, Pfarrer und langjähriger Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen


KONTRA

In der Tat beeindruck das Werk auf den ersten Blick. Aber: Es begegnen uns an vielen Stellen eine unglaublich verquaste Sprache und unzureichen­de Antworten. Zum Beispiel: »Naturwissenschaftliche Ergebnisse bleiben der Theologie nicht gleichgültig; denn sie können Fragen wecken …« (S. 87)

Warum orientiert man sich nicht an der Realität und schreibt: Naturwissenschaftliche Erkenntnisse wie der Darwinismus fordern die Theologie heraus?

Genau deshalb müsste der Katechismus eine einfache Antwort geben, wie sich Evolution und Schöpfung zueinander verhalten. Ohne seitenlange Erörterungen über unnötige Spezialfragen.

Völlig ratlos macht mich auch folgender Satz: »Schwierig ist freilich, je konkrete Ereignisse des Lebens dem Handeln Gottes zuzuschreiben; denn wir kennen kein Kriterium, nach dem das möglich wäre.« (S. 87) »Doch!«, Möchte man ausrufen. Natürlich kennt die Heilige Schrift Kriterien. Alles, was dem Heil des Menschen dient, ist dem Handeln Gottes zuzurechnen!

Auch die Kapitel zur Sexualität gehen an der Lebenswirklichkeit in Seelsorge und Beratung vorbei: Da wird über die Geschichte der Verhütung (S. 363) berichtet, aber eine klare ­Aussage vermieden; über Abtreibung und Selbstmord werden allerlei Richtigkeiten präsentiert, nur eine evangelische Position wird nicht bezogen. Dem Zusammenhang von Sexualität und Sünde, ein riesiges Thema in der Geschichte der Christenheit, widmet man wenige Zeilen, die sich ­lediglich an Erich Fromm orientieren (S. 227).

Auch zum Verhältnis von Sünde und Krankheit nur wenige Zeilen. Dabei fragt jeder, der eine schwere Krankheit hat, verzweifelt nach seiner Schuld.

Manchmal fragt man sich besorgt, warum sich so viele Menschen von unseren Kirchen abwenden. Eine Erklärung gibt der Verlust jeglichen Profils. Das illustriert, in erschreckender Klarheit, der vorliegende Katechismus.

Andreas Fincke
 

Hintergrund: Der Katechismus

kateDer Evangelische Erwachsenenkatechismus, herausgegeben von der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), steht in der ­großen Tradition lutherischer Lehr- und Unterweisungsliteratur.

Das Wort Katechismus selbst geht auf das griechische Verb »katechein« (von oben herab schallen, tönen, ergötzen) zurück und wird im Deutschen im Sinne von »unterrichten« gebraucht. Katechismen wurden vor allem im Zuge der ­Reformation als Zusammenfassung der Lehraussagen protestantischer Kirchen populär. Den Anfang machten Luthers Großer und Kleiner Katechismus (jeweils 1529). Daneben entstanden im Bereich der reformierten Kirchen der Genfer ­Katechismus (1542) sowie der Heidelberger Katechismus (1563).

Im Bereich der katholischen Kirche ist heute vor allem der Katholische Erwachsenenkatechismus, herausgegeben von der Deutschen Bischofskonferenz, von Bedeutung.
(GKZ)
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VELKD (Hg.): Evangelischer Erwachsenenkatechismus. Suchen – glauben – leben,
8., neu bearbeitete und ergänzte Auflage, Gütersloh 2010, 1020 Seiten (plus CD-ROM),
ISBN 978-3-579-05928-0, 29,99 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643)246161


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Alles prima mit dem Klima?

4. Februar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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kirche_umwelt

Kirche und Umwelt: Klimaschutz ist möglich – doch in Kirche wie Gesellschaft gilt: Es muss nur jemand anfangen

Kaum einer will es mehr ­bestreiten: Die Klimaveränderung ist real und die Menschen tragen dazu bei. Wie aber stellen sich die ­Gemeinden in den Kirchen Mitteldeutschlands den ­Herausforderungen des Klimawandels?

Kerstin Höpner-Miechs liebstes Umweltprojekt ist eine Horde Kinder in Gummistiefeln. Mit ihrem »Greenteam« trifft sich die Pfarrerin einmal monatlich in Mühlberg an der sächsisch-brandenburgischen Grenze. Gemeinsam pflanzen sie Bäume, helfen Kröten von einer Straßenseite auf die andere und räumten auf, nachdem ihre Kleinstadt 2002 vom Elbehochwasser und im vergangenen Jahr vom Tornado verwüstet wurde. Und doch schütteln einige Leute den Kopf darüber – auch die ­eigene Gemeinde. »Das ist ein leidiger Punkt«, gibt Kerstin Höpner-Miech zu. »Ich kann ja die Kinder, die Spaß am Greenteam haben, nicht dazu zwingen in die Christenlehre zu kommen.«

Der engagierten Pfarrerin und ihrem Mann liegt der Umweltschutz seit Langem am Herzen. Das bezeugen die Solaranlage auf dem Pfarrhaus, die Holzpelletsheizung im Keller und die Renaturierung der ungenutzten Flächen auf dem Friedhof. Höpner-Miech sagt: »Mir ist es wichtig, dass die Kinder sehen: Kirche tut etwas.«

Es geht nicht um Papiere, sondern um konkretes Tun

Die Kirche soll sich klar positionieren findet auch die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland (EKM), Ilse Junkermann: »In unserer Verpflichtung steht, dass wir die Anliegen des ökumenischen Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung fördern und das müssen wir auch konkretisieren.« Dazu haben die Landeskirchen bisher vor allem Forderungen auf Papier festgehalten, so beispielsweise jüngst auf Initiative der Evangelischen Kirche Anhalts in einer Erklärung zur Zukunft der Elbe. Längst gehe es aber darum, die papierenen Anliegen mit Leben zu füllen. Die EKM startete deshalb am 2. Januar die Kampagne »Klimawandel – Lebenswandel«.

Deren wichtigstes Instrument hält Andreas Hoenke in den Händen: das Gutscheinheft, das an alle Gemeinden versandt wurde. Auf heraustrennbaren Postkarten werden 23 Vorschläge gemacht, wo Energie gespart und der Ausstoß von CO2 verringert werden kann. »Es sind Dinge, die man oft wiederholen muss: Stand-by-Schaltung aus oder auf Ökostrom umsteigen. Aber so ist für jeden zumindest etwas dabei«, findet der 43-jährige Gemeindepädagoge aus Staats bei Stendal, der privat bewusst klimaschonend lebt, indem er z. B. Plakatrückseiten bedruckt oder mit hohem Reifendruck Auto fährt.

Gemeinsamer Wille, aber unterschiedliche Wege

Die EKM fordert von ihren Gemeinden konkrete Zahlen. Nutzt eine Gemeinde beispielsweise nur noch Recyclingpapier, dann kann sie mit einer Formel ausrechnen, wie viel CO2 sie bis Oktober, dem offiziellen Ende der Kampagne, tatsächlich eingespart hat. Die Ergebnisse landen per Postkarte im Landeskirchenamt. So soll der Ausstoß von einer Million Kilogramm CO2 nachweislich vermieden werden. Es ist ein Ansatz, wie man dem Ziel der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), zwischen 2005 und 2015 ein Viertel der Emissionen in den eigenen Reihen einzusparen, näherkommen kann.

Dagegen hält die sächsische Landeskirche die Umsetzung in ihrer Region für schwierig. Man könne nicht ermitteln, wie viel die rund 780 Kirchgemeinden momentan an CO2 ausstoßen würden, deswegen sei es schwer Vorgaben zu machen, findet Oberkirchenrat Frank del Chin. Auch wenn es eine Berechnungsanleitung der EKD gibt, setzt Sachsen lieber auf Multiplikatoren, so wie sie in der evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt ausgebildet werden. »Der grüne Hahn« heißt das dortige Umweltmanagement für Kirchen: »In den Gemeinden gibt es immer Vorreiter, die etwas anregen. Es muss ja ein Prozess in Gang gesetzt werden: Wollen wir Umweltschutz und wollen wir ihn mit dieser Konsequenz?«, erklärt del Chin. So sei zum Beispiel bei kleinen selten genutzten Kirchen eine energiesparende Volldämmung wenig sinnvoll, größere Gemeinden seien aber sehr wohl aufgefordert, sich damit auseinanderzusetzen.

Das konnten sie im Herbst 2010 beim zweiten Praxistag für Energie- und Umweltmanagement in Dresden. 55 Teilnehmer informierten sich dort unter anderem darüber, wie der Freistaat Sachsen Beratungen zur Energieeffizienz fördert. Frank del Chin ist zuversichtlich, dass es ausreicht den Kirchgemeinden Anregungen wie diese mit auf den Weg zu geben. Der Rest aber bleibt Einzelnen überlassen.

Der Lebensstil lässt sich nur schwer verändern

Zum Beispiel Pfarrerin Höpner-Miech, die die Diskussionen in ihrer Gemeinde genau kennt: »Unmittelbar nach Elbehochwasser und Tornado, an denen wir glimpflich vorbeigeschrammt sind, merke ich ein Innehalten«, aber nach kurzer Zeit solle doch alles wieder so sein wie vorher. »Dass wir unseren Lebensstil ändern, ist ein Punkt, der nicht passiert.«

Auch Gemeindepädagoge Andreas Hoenke kann noch so ein gutes Vorbild sein, indem er mit Jugendlichen eine Pfarrscheune mit alten Steinen, Holz und Lehm umgebaut hat. Doch einfache Ideen zum Energiesparen seien schwer in die Gemeinde zu tragen. Das zeigen auch erste Reaktionen auf das Gutscheinheft der EKM: »Ist das ernst gemeint? Soll ich das wirklich machen«, hätten die Leute gefragt. Hoenke findet die Kampagne auch wichtig, weil sie seine eigene Haltung bekräftigt. »Man muss nur gucken, dass damit im Oktober nicht wieder alles vorbei ist.«

Die Erfahrungen zeigen: Jeder kann seinen Beitrag gegen den Klimawandel leisten. Es muss nur jemand anfangen und der darf mit seinem Engagement auch von den Landeskirchen nicht allein gelassen werden.

Maxie Thielemann

Versöhnung – aber wie?

29. Januar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

haende

Streitpunkt: Bischöfin Ilse Junkermann tritt für Versöhnung zwischen Opfern und Tätern der ehemaligen DDR-Diktatur ein – und trifft auf Kritik

Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche  in Mitteldeutschland (EKM)

Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM)

Im Jubiläumsjahr 2009, in dem wir 20 Jahre friedliche Revolution bedacht und gefeiert haben, bin ich nach Mitteldeutschland gekommen. Ich habe eine große Freude über das Wunder des Herbstes 1989 wahrgenommen, aber auch Enttäuschungen über nicht eingelöste Erwartungen und zu wenig Gerechtigkeit. Auch viele Wunden habe ich gespürt, die Menschen in der Diktatur zugefügt wurden und die noch schmerzen. In vielen Veranstaltungen haben sich die Menschen erinnert und überlegt, worum wir uns heute kümmern sollten. Eines habe ich, die ich ganz von außen gekommen bin, immer wieder sehr deutlich gespürt: Es gibt eine Wand des Schweigens zwischen denen, die zum Opfer und ­denen, die zum Täter in einem durch die Stasi durchsetzten Beziehungsgeflecht geworden waren.

Das habe ich in meiner Rede vor der Landessynode im November 2009 benannt: »Wo Menschen nach einem Sinn mitten im Widersprüchlichen suchen, nach einem Ausweg aus dem, was nicht zueinander passt, sollten wir das Gespräch anregen. So ist Versöhnung oder zumindest Schritte dorthin mit denen, die einen einst bespitzelt und verraten haben, eine Aufgabe, die noch mehr vor als hinter uns liegt. Auch wenn viele in unserer Kirche während und unter der DDR-Zeit gelitten haben und sich berechtigt als Opfer verstehen, sollten wir Menschen, die dem Regime nahestanden, nicht in Schubladen sperren. Mit Menschen in Schubladen lässt sich nicht ­reden und nicht Gesellschaft bauen.«

Ich habe als Christin zu Christen gesprochen. Mir lag und liegt am Herzen: Wie können Christen die Mauer der Sprachlosigkeit überwinden helfen? Wie können Christen dazu beitragen, dass der, der etwas loswerden will an Schuld und Versagen, nicht fürchten muss, auch als Person verurteilt zu werden? Dass Gott bei jedem von uns unterscheidet zwischen mir als Person und meinen Werken – das ist die Versöhnung, die Er in Jesus Christus ermöglicht. Diese Frohe Botschaft weiterzugeben, das ist unser Auftrag. Wenn jemand auf uns zukommt, sollten wir als Christen offen sein für das, was er zu sagen hat, was er loswerden will. Wir sollten ihn als Person nicht darauf reduzieren, was er getan hat.

Sollen jetzt etwa die Opfer die Täter suchen gehen? Nein, bestimmt nicht. Aber bereit sein, in dem früheren Täter den Menschen zu sehen, das hat uns Jesus in der Bergpredigt zur Aufgabe gemacht. Dabei ist mir völlig bewusst: Vergebung ist nur möglich, wenn die, die Unrecht begangen haben und an anderen schuldig geworden sind, dieses einsehen, dazu ­stehen und selbst um Vergebung bitten.

Aber wie kommt es zu solcher Einsicht? Dafür gibt es kein Rezept. Auch in der Bibel werden uns ganz unterschiedliche Geschichten erzählt, wie es zur Einsicht von Schuld und zur Umkehr und in der Folge dann zur Versöhnung kommt. Wichtig ist, dass wer umkehrbereit ist, auch offene Ohren findet und einen Raum und Menschen, die zum Gespräch bereit sind. Das ist das, was wir als Christen tun können. Und das zweite ist: Für die Täter beten, dass sie zur Einsicht gelangen und dass sie mit dem Eingeständnis ihrer Schuld nicht fürchten müssen, als Person und Mensch verdammt zu werden. Damit wird nicht unter den ­Teppich gekehrt, was Menschen in der DDR angetan wurde. Im Gegenteil, damit kommt es neu zur Sprache. Es wird so auch Raum sein für die Traurigkeit der Opfer angesichts erlittenen Unrechts, für ihren Zorn, den sie endlich einmal an die wenden können, die sie verletzt haben, und vielleicht auch für Versöhnung. Sich zu versöhnen, dazu kann niemand einfach aufrufen. Bewirken kann das nur der Heilige Geist. Darum bete ich.

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Hildigund ­Neubert, Landesbeauftragte  des Freistaates Thüringen für die Stasi-Unterlagen

Hildigund ­Neubert, Landesbeauftragte des Freistaates Thüringen für die Stasi-Unterlagen

Unsere neue Bischöfin hat eine Mission: Sie will versöhnen, da »bin ich streng«, sagt sie und da werde sie »hartnäckig bleiben«. Will sie die noch immer kontroverse Debatte um die DDR-Vergangenheit befrieden? Dies könnte gelingen, wenn sich ein gesellschaftlicher Konsens über die Bewertung des Kommunismus in Deutschland und (Ost-)Europa bildet. Dazu könnte die Kirche beitragen.

Gesine Lötzsch (Die Linke) hat kürzlich Klartext geliefert. Der Kommunismus bleibt ihr Ziel, das Programm ihrer Partei spricht verschleiernd von der »Überwindung des derzeitigen Systems«.

Reden wir also darüber, ob die »Wege zum Kommunismus« der Ausbreitung des Evangeliums dienen. Die Erfahrungen der Kirche in Thüringen und Sachsen-Anhalt sprechen dagegen. Auch weltweit haben kommunistische Regime stets nicht nur Christen verfolgt, sondern auch alle anderen Religionen. Das kann auch nicht anders sein, denn der Kommunismus versteht sich selbst als eschatologische Endlösung aller menschlichen Probleme und stellt sich als allein seligmachender Religionsersatz (»Wissenschaft­liche Weltanschauung«) in Gegensatz zu allen Religionen.

Es ist fahrlässig gerade von einer Bischöfin, den Text von Lötzsch in dieser Dimension nicht ernst zu nehmen. Sie empfiehlt ihrer Partei die Strategie Rosa Luxemburgs von der »fortschreitenden Machteroberung«, nach der sie sich »hineinpressen in den bürgerlichen Staat, bis« sie » alle Positionen besitzen und sie mit Zähnen und Nägeln verteidigen.« Wie diese Machtverteidigung der Kommunisten aussieht, haben Millionen von Opfern des Kommunismus weltweit, Tausend Maueropfer, 250000 politische Gefangene in der DDR, die Vertriebenen und Enteigneten erfahren. Und auch die Kirche, der Leib Christi, wurde geschunden: Kirchen wurden gesprengt oder dem Verfall preisgegeben, Schulen verstaatlicht und diakonisches Engagement behindert, die Mitglieder bedrängt und aus den Eliten ausgeschlossen. Es gab keine Christen unter den Richtern, den Soldaten, den ­Diplomaten, wenige unter den Lehrern, Professoren, Ärzten. Die Nachwirkungen spüren wir bis heute.

Darüber zu sprechen kann auch dazu beitragen, Versöhnung in Wahrheit möglich zu machen. Die Bischöfin meint: »Die Täter sollten einsehen, dass sie damals Unrecht begangen haben.« Aber ehemalige MfS-Offiziere sagen: »Wir sind alle nicht verurteilt, also nicht schuldig.« Da Strafurteile nicht mehr möglich sind, wäre das gesellschaftliche Urteil eine Hilfe für die Täter, ihre Schuld zu erkennen.

Wenn Bischöfin Junkermann Beiträge zur Versöhnung leisten will, kann sie das in zweierlei Hinsicht tun. Wenn es um konkrete Menschen und Konflikte geht, müssen diese zwischenmenschlich bearbeitet werden. Dabei kann eine unter das Beichtgeheimnis gestellte Mediation hilfreich sein. In der öffentlichen Diskussion sollte sie anregen, dass das jüngste Kapitel der Kirchengeschichte endlich geschrieben wird, dass die »Gesellschaftsformation des Sozialismus/Kommunismus« daraufhin befragt wird, was sie für die Ausbreitung des Evangeliums, für die Christen und Nicht-Christen bedeutet hat. Dass die Kirche sich zu ihrer eigenen Schuld bekennt, wo sie nicht genug widerstanden und gebetet, die Mitglieder um der Institution willen nicht genug geschützt, die Verfolgten nicht vorbehaltlos unterstützt hat. Unterstellungen und forsche Aufforderungen an die Opfer sind kontraproduktiv.

Hintergrund:
Der Streit um die Versöhnung
Seit sich die Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) kurz nach ihrem Amtsantritt vor eineinhalb Jahren erstmals für die Versöhnung zwischen Tätern und Opfern der DDR-­Diktatur aussprach, schlägt ihr neben Zustimmung auch Kritik entgegen. Zuletzt nach einem Interview mit der Illustrierten »Superillu« am Ende des vergangenen Jahres. Für Aufregung sorgte darüber ­hinaus die Reaktion der aus Württemberg stammenden Theologin auf einen Beitrag der »Linken«-Vorsitzenden Gesine Lötzsch in der Zeitung »Junge Welt« zum Thema »Wege zum Kommunismus«.

In einer demokratischen Gesellschaft dürfe es keine Denkverbote geben, sagte Junkermann dazu bei ­einem Journalistenempfang am 11. Januar. Das Thema Versöhnung wird auch Schwerpunkt einer Diskussionsveranstaltung sein, zu der die EKM am Mittwoch, 23. Februar, um 19 Uhr nach Erfurt einlädt. »Aufarbeitung, Gerechtigkeit, Versöhnung« steht dabei über einem Gespräch zwischen Landesbischöfin Ilse Junkermann und der derzeitigen Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, ­Marianne Birthler. (GKZ)

Die Ofenbauer von Auschwitz

24. Januar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Biederes Verwaltungsgebäude, solides Geschäftsgebaren: Hinter diesen Fenstern dachten Techniker darüber nach, wie der Massenmord in Auschwitz technisch vervollkommnet werden könnte. Das Zitat entstammt der Korrespondenz mit der SS. (Fotos: Rainer Borsdorf)

Biederes Verwaltungsgebäude, solides Geschäftsgebaren: Hinter diesen Fenstern dachten Techniker darüber nach, wie der Massenmord in Auschwitz technisch vervollkommnet werden könnte. Das Zitat entstammt der Korrespondenz mit der SS. (Fotos: Rainer Borsdorf)

 
Die Firma deckte Kommunisten und Juden unter ihren Mitarbeitern – und beteiligte sich zugleich aktiv an der technischen Vervollkommnung des Massenmordes: In der kommenden Woche wird in Erfurt der »Erinnerungsort Topf und Söhne« eingeweiht.
 

Die Öfen wurden im Beisein des Herrn Oberingenieur Prüfer angefeuert und funktionieren tadellos.« Diese Mitteilung vom 29.1.1943 dürfte Kurt Prüfer ebenso erfreut haben wie die 450 vReichsmark Prämie, die er von seiner Firmenleitung erhielt. Der Aussteller des Lobes: SS-Hauptsturmführer Karl Bischoff in Auschwitz.

Wie konnte es passieren, dass die Firma »J. A. Topf & Söhne, Erfurt« ihr firmeneigenes Motto »Topf in alle Welt« derartig pervertierte? In die Wiege war diese Entwicklung dem 1878 gegründeten »feuerungstech­nischen Baugeschäft« nicht gelegt ­worden. Der Erfurter Familienbetrieb ­produzierte zunächst Heizungsanlagen und stattete Brauereien und Mälzereien aus. Bis ins japanische Tokio reichte dabei sein Vertriebsnetz.

Doch schon 1914 belieferte er die ersten Krematorien mit Einäscherungsöfen. Peinlich genau achtete die Firma damals darauf, mit ihren Anlagen eine würde- und pietätvolle »Einäscherung nur mittels heißer atmosphärischer Luft« zu verwirklichen, wie es ein preußisches Gesetz vorgab.

Wie weggeblasen war die Pietät hingegen in einem Patentantrag, den Prüfers Vorgesetzter Fritz Sander 1942 einreichte: »Der starke Bedarf von Einäscherungs-Öfen für Konzentrationslager besonders in Auschwitz, veranlasste mich zu einer Prüfung der Frage, ob das bisherige Ofensystem das richtige ist«, schrieb er an seine Chefs, die Brüder Wolfgang Ernst und Ludwig Topf.

Trug seit 2002 intensiv die Details der Firmengeschichte zusammen: die Historikerin ­Annegret Schüle mit ihrem daraus entstanden Buch »Industrie und Holocaust«.

Trug seit 2002 intensiv die Details der Firmengeschichte zusammen: die Historikerin ­Annegret Schüle mit ihrem daraus entstanden Buch »Industrie und Holocaust«.

Statt der Öfen mit Verbrennungskammer schlug er einen riesigen Turm vor, der von oben ­kontinuierlich mit Leichen bestückt werden sollte. »Dabei bin ich mir vollkommen klar darüber, dass ein solcher Ofen als reine Vernichtungs-Vorrichtung anzusehen ist, dass also die Begriffe Pietät, Aschetrennung sowie jegliche Gefühlsmomente vollständig ausgeschaltet werden müssen«, schrieb der Ingenieur, der zugleich Prokurist bei Topf & Söhne war.

Doch damit nicht genug: Schon 1943 schickte Topf & Söhne seine Monteure wieder nach Auschwitz, um dort weitere Vernichtungsöfen zu bauen. Und ließ zugleich modernste Belüftungstechnik in den Gaskammern installieren. Die Firma trug so mit dazu bei, den Massenmord noch effizienter zu ­machen.

Und noch im Februar 1945, als Auschwitz bereits befreit war, schickten Sander und Prüfer Pläne für ein von ihnen konzipiertes neues Vernichtungszentrum nach Mauthausen (Österreich) mit dem Hinweis: »Wir setzen beim Entwurf der Anlage voraus, dass alle Teile vom KL Auschwitz wieder Verwendung finden sollen.«

Als dann aber im April 1945 amerikanische Truppen Buchenwald erreichten (auch hierhin hatte Topf & Söhne Öfen geliefert), wurde es der Firmenleitung etwas mulmig, und sie besprach mit dem aus KPD- und SPD-Mitgliedern bestehenden neuen Betriebsrat die »Krematorienfrage für die Konzentrationslager«.

Ludwig Topf bekam vom Betriebsrat den erhofften »Persilschein«, der ihn und die Firma aber nicht vor weiteren Nachforschungen der US-Army schützte, sodass er Ende Mai 1945 Selbstmord beging. Sein Bruder Ernst Wolfgang gründete später in Hessen eine neue Firma, die aber schon 1958 in Konkurs ging. Die Ingenieure Prüfer und Sander wurden hingegen mit zwei weiteren Kollegen schon 1946 von der SMAD verhaftet; zwei von ihnen starben in sowjetischer Haft oder Straflager.

Akribisch recherchiert hat dies alles Annegret Schüle. Mit weiteren ­Engagierten trug die promovierte Historikerin seit 2002 im Rahmen eines Forschungsprojektes an der Gedenkstätte Buchenwald Tausende von Fakten zur Firmengeschichte und der Verstrickung von Topf & Söhne in den Holocaust zusammen. Kürzlich erschien dazu ihr Buch »Industrie und Holocaust«. Erschüttert hat sie die Selbstverständlichkeit beim Umgang mit dem Massenmord: »Im Angesicht des Verbrechens suchten die ›Topfianer‹ nach technisch optimalen Lösungen für die Vernichtung.« Dies sei auch deshalb absurd, weil die Firmenleitung gleichzeitig in ihrem Betrieb Kommunisten und Juden duldete, ja schützte.

Schüle setzte sich gemeinsam mit dem Förderkreis »Topf & Söhne« in den letzten Jahren dafür ein, dass auf dem ehemaligen Betriebsgelände ­unweit des Erfurter Hauptbahnhofes Erinnern und Gedenken möglich wird. Das tat auf ihre Weise allerdings seit 2002 auch eine Gruppe Erfurter Jugendlicher, die einen Teil des Geländes besetzt hielt. Als ein Investor 2008 das baufällige Gelände erwarb, schlugen die Jugendlichen ein Alternativ-Angebot der Stadt Erfurt aus und wurden schließlich bei einem massiven Polizeieinsatz im April 2009 »zwangsgeräumt«.

Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein dazu: »Die Besetzer waren sehr inhomogen; letztlich setzten sich die Hardliner durch.« Ihm wäre eine friedliche Lösung wesentlich lieber gewesen.

Der neue Besitzer, die Domicil Hausbau GmbH Mühlhausen, ließ anschließend fast sämtliche Hausruinen abreißen und schuf Platz für ein Fachmarkt-Areal. Im demnächst fertig sanierten Verwaltungsgebäude richtet die Stadt Erfurt zwei Etagen für den Erinnerungsort Topf & Söhne ein, der auch einen kleinen Teil des Freigeländes umfasst. Am 27. Januar 2011, dem Tag der Befreiung des KZ Auschwitz, soll der Ort eröffnet werden.

Rainer Borsdorf

Buchtipp:
Schüle, Annegret: Industrie und Holocaust. Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz, Wallstein Verlag 2010, 464 Seiten (mit 241 z. T. farbigen Abbildungen), ISBN 978-3-8353-0622-6, 29,90 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643)246161

Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, oft auch kurz Holocaustgedenktag genannt, wurde in Deutschland 1996 durch Proklamation des ­damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog eingeführt. Er nimmt Bezug auf die am 27. Januar 1945 erfolgte Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau im heutigen Südpolen durch sowjetische Truppen. An diesem Tag werden in der ­Bundesrepublik alle öffentlichen Gebäude auf Halbmast beflaggt.

In Israel ist der 27. Januar bereits seit 1959 als Jom haScho’a offizieller Gedenktag. Vor Deutschland wurde der Gedenktag auch bereits in Großbritannien und Italien begangen. Im Herbst 2005 erklärte zudem die Vollversammlung der Vereinten Nationen den 27. Januar zum Internationalen Holocaustgedenktag. (GKZ)

Auf dem Weg zur »Patchwork«-Religion

14. Januar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Es ist etwas dran, an der Rede von der Wiederkehr der Religion in der Gesellschaft – allerdings bricht sich die neue Religiosität fernab von tradierten ­Bekenntnissen und verfassten Religionsgemeinschaften ihre Bahn. (Foto: picture-alliance/beyond/Manuela Herrmann)

Es ist etwas dran, an der Rede von der Wiederkehr der Religion in der Gesellschaft – allerdings bricht sich die neue Religiosität fernab von tradierten ­Bekenntnissen und verfassten Religionsgemeinschaften ihre Bahn. (Foto: picture-alliance/beyond/Manuela Herrmann)


Interview: Wissenschaftler erforschen die Spiritualität in Deutschland und in den USA

Was verstehen die Menschen unter Religiosität und ­Spiritualität? In einem ­einmaligen Projekt wollen Wissenschaftler der Frage
in Deutschland und den USA nachgehen. Holger Spierig sprach darüber mit der ­Psychologin Barbara Keller.
Die Psychologin Dr. Barbara Keller ­koordiniert an der Universität Bielefeld die von Professor Heinz Streib geleitete Untersuchung zur Spiritualität in Deutschland und den USA.  Die Arbeit wird zudem von der ­Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt. (Foto: privat)

Die Psychologin Dr. Barbara Keller ­koordiniert an der Universität Bielefeld die von Professor Heinz Streib geleitete Untersuchung zur Spiritualität in Deutschland und den USA. Die Arbeit wird zudem von der ­Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt. (Foto: privat)


Lässt es sich wissenschaftlich erforschen, wie religiös Menschen sind?

Keller: Ja, Religiosität lässt sich unserer Meinung nach wissenschaftlich erfassen. Wir gehen aber davon aus, dass es nicht »die« Religiosität gibt, sondern dass Religiosität, dass Glauben im weitesten Sinne, sehr unterschiedlich aufgefasst, gelebt und verstanden wird. Darüber hinaus glauben wir, dass sich Religiosität im Laufe des Lebens ändern kann.
Uns interessiert bei unserer Untersuchung, was Spiritualität und Religiosität den Menschen bedeutet – sowohl in Deutschland als auch in den USA.

Wie viele Teilnehmer werden befragt und wie lange dauert das Projekt?
Keller: Wir wollen in Deutschland und in den USA jeweils 700 Leute befragen. Mit den Fragen wollen wir kirchlich engagierte Menschen ebenso ­erreichen wie Menschen, die den ­Kirchen fern stehen. Auch Anhänger anderer Religionen wie beispielsweise Muslime sollen einbezogen werden.
Der Fragebogen wird bis März im Internet stehen, es gibt ihn aber auch auf Papier. Mit ausgewählten Teilnehmern wollen wir dann Gespräche führen. Das Projekt hat eine Laufzeit bis Ende des Jahres 2012.

Bei Ihrer vorhergehenden Befragung haben sich viele Menschen »mehr spirituell als religiös« bezeichnet. Was bedeutet das?

Keller: Spirituell ist ein schillernder Begriff. Einige verwenden den Begriff, um sich von organisierter Religiosität abzugrenzen und um darauf hinzuweisen, dass sie nicht institutionell gebunden sind. Es gibt aber auch Leute, die für sich in Anspruch nehmen, dass sie sowohl gläubig als auch spirituell sind.
In den englischsprachigen Ländern gibt es die steile Hypothese, dass wir uns auf dem Weg zu einer postchristlichen Spiritualität befinden. Damit ist gemeint, dass die Menschen nicht mehr an ­einen persönlichen Gott glauben, sondern an eine Art höhere Macht oder Kraft. Dazu gehört auch eine Distanzierung nicht nur allein von Kirchen als Institutionen, sondern auch von christlichen Glaubensvorstellungen. Die Menschen setzen sich einerseits davon ab, haben aber trotzdem Vorstellungen eines Glaubens. Die These von der postchristlichen Spiritualität hat ihre Fans, aber auch ihre Gegner.

Welche Unterschiede in der Frömmigkeit vermuten Sie zwischen Deutschland und den USA?
Keller: Wir vermuten, dass ein jugendlicher Amerikaner und ein älterer Katholik in Deutschland von etwas ganz anderem sprechen, wenn sie sich als spirituell bezeichnen. Genau das wollen wir erforschen. Die religiösen Landschaften in beiden Ländern sind sehr unterschiedlich. In den USA glauben Umfragen zufolge rund 90 Prozent an Gott. In Deutschland ist das Feld aufgeteilt zu je einem Drittel in protestantisch, katholisch und konfessionslos. Auch der Grad der Organisiertheit ist in den USA anders, dort sind die Kirchen weniger staatsnah verwaltet, sondern selbstständiger organisiert.

Wie wird sich Ihrer Einschätzung nach Religiosität in Deutschland entwickeln?

Keller: Wir können heute mit Sicherheit sagen, dass die These von einer zunehmenden Säkularisierung nicht stimmt. Es ist nicht so, dass wir uns hin zu mehr Rationalität entwickeln und dabei die Religion hinter uns lassen. Es zeichnet sich der Trend ab, dass mehr Unterschiedliches zugleich zugänglich ist. Wer heute in den Kindergarten oder in die Schule kommt, hat mit gleichaltrigen Muslimen um sich herum zu tun. Da kommt es schon früh zu Kontakten zwischen Menschen mit verschiedenen Religionen.
Eine weitere Sicht ist, dass die Menschen sich ihren eigenen Glauben zunehmend aus unterschiedlichen Quellen zusammenstellen – eine Art individuelle »Patchwork«-Religion. Davon ist auch die Kirche betroffen: beispielsweise Priester, die sich mit Zen-Buddhismus befassen. Dass Mehreres wie auf einem religiösen Markt gleichzeitig verfügbar ist, das ist eine neue Situation.

Teilnehmer für die Studie gesucht

In dem gemeinsamen Projekt der Universität Bielefeld mit der University of Tennessee at Chattanooga in den USA wollen die Wissenschaftler der Frage nachgehen, was gläubige wie nichtgläubige Menschen in den USA und in Deutschland mit den Begriffen Religiosität und Spiritualität verbinden. Dabei soll auch der Zusammenhang von erlebter Spiritualität und eigener Biografie beleuchtet werden. In einem vorherigen Projekt (Bielefelder kulturvergleichende Dekonversionsstudie) ging es um die Hintergründe, warum Menschen ihrer Religionsgemeinschaft den Rücken gekehrt haben.

Für das Projekt zur Erforschung der Spiritualität werden deutschlandweit noch Teilnehmerinnen und Teilnehmer gesucht.

Der Fragebogen und weitere Informationen sind im Internet zu finden oder über die Telefonnummer (0521) 1063261 zu erhalten.

www.uni-bielefeld.de/spiritualitaet

Taufzentrum oder Eventkirche?

6. Januar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Taufbecken Eisleber Petrikirche

In dem Kreis, in dem Pfarrerin Simone Carstens-Kant steht, soll das Taufbecken seinen Platz finden. Foto: Jürgen Lukaschek


 

Um das geplante »Zentrum Taufe« in der Eislebener Petrikirche gibt es Streit

 
Genau hier«, sagt Pfarrerin Simone Carstens-Kant und deutet auf den Fußboden, »soll das Taufbecken seinen Platz finden.« Dort, wo jetzt noch die rotbraunen Fliesen aus der letzten Sanierung in den 1980er Jahren liegen, soll nach dem Willen der Verantwortlichen eine besonders gestaltete Betonplatte gegossen werden, in die ein 1,35 Meter tiefes Becken eingelassen ist. Was auf den ­ersten Blick für eine evangelische Kirche ungewöhnlich erscheint, erschließt sich anhand des Modells, das in unmittelbarer Nähe steht. Das geplante »Zentrum Taufe« solle sich für alle Praktiken der Taufe wie Übergießen, Eintauchen und Untertauchen eignen, erklärt die Pfarrerin, die im Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda eine Projektstelle für die Reformationsdekade innehat.

Die Auswahl des Ortes für das bundesweit einmalige Vorhaben kommt nicht von ungefähr. Eisleben ist Geburts- und Sterbeort von Martin Luther. Hier wurde er am 11. November 1483, einen Tag nach seiner Geburt, in der Petri-Pauli-Kirche getauft. »Erst vor zwei Jahren haben wir an das 525. Jubiläum der Taufe des Reformators erinnert«, erzählt Dorothee Prohl vom Gemeindekirchenrat. Auch sein Taufstein solle natürlich mit in das Zentrum integriert werden.

Ohnehin gibt es die Pläne für die zusätzliche Nutzung der Kirche schon länger. Da die relativ kleine Gemeinde mit rund 1000 Seelen über drei gotische Kirchengebäude verfügt, musste eine Konzeption her, erinnert sich die Kirchenälteste. Als Predigtkirche ist die Andreaskirche am Markt gesetzt. Die Nikolaikirche wurde baupolizeilich gesperrt. »Auch deshalb gab es Überlegungen, sich bei der Petrikirche ganz auf das Thema Taufe zu konzentrieren«, erzählt Dorothee Prohl.

Fünf Architekturbüros beteiligten sich schließlich an einem begrenzten Wettbewerb im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) in Sachsen-Anhalt. Im August gab eine Jury aus Fachleuten eine Empfehlung ab. Mit der Umsetzung der Pläne wurde das Berliner Büro »AFF Architekten« beauftragt.

Am 10. Januar fällt nun der Startschuss für die vorausgehende Innensanierung der spätgotischen Hallenkirche. Gefördert wird das 1,8 Millionen Euro teure Projekt unter anderem durch Mittel aus dem Konjunkturpaket II und aus dem Investitionsprogramm Nationale UNESCO-Welterbestätten. Bis zum Februar 2012 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Nach den Plänen des Architekten wird die Taufkirche Luthers – ganz im Sinne der wechselseitigen Anerkennung der Taufe aus dem Jahr 2007 – dann zum ökumenischen Taufzentrum, das nicht nur evangelischen Besuchern, sondern allen Christen sowie Pilgern und Touristen offen steht. Künftig könnten etwa Besucher zu besonderen Tauferinnerungsfeiern nach Eisleben kommen, hofft Gemeindepfarrerin Iris Hellmich.

Auch Taufen von Auswärtigen sollen möglich sein. Zudem gebe es bei Erwachsenentaufen in der evangelischen Kirche verstärkt das Bestreben, die Taufe wirklich zu erfahren, hat sie beobachtet und verweist auf die beliebten Fluss- oder Seetaufen. Durch das Taufbecken in der Petrikirche könne künftig auch den Bedürfnissen entsprochen werden, die Taufe durch Untertauchen vorzunehmen.

Doch diese Pläne stoßen nicht nur auf Gegenliebe. In der Gemeinde regt sich seit geraumer Zeit Widerstand. Aufgebrachte Gemeindeglieder sammeln Unterschriften, um das Vorhaben zu ­verhindern. Vor allem das in den Boden eingelassene Taufbecken stößt auf massive Kritik. Dies sei ein »unverantwortlicher, schädigender Eingriff« in die Bausubstanz eines denkmalgeschützten Kirchengebäudes, empört sich Fritz Bohn.

Er werde bis zum Schluss gegen die ­Umsetzung des Projektes kämpfen, sagt er als engagiertes Gemeindeglied. Notwendig seien stattdessen eine Dachsanierung und der Erhalt der Kirche in ­ihrer bisherigen Form. Andere Kritiker warnen aus theologischen Gründen vor einem »schädlichen Tauftourismus« oder befürchten die Umwandlung der altehrwürdigen Petrikirche in eine »Eventkirche«.

Solche Bedenken sind aus Sicht der Verantwortlichen ­jedoch unbegründet. So sei ­keineswegs vorgesehen, dass die Taufkirche Luthers künftig alleinige Taufkirche im Protestantismus werde, beruhigt Simone Carstens-Kant. Vielmehr sollten hier neue Formen der Tauferinnerung ausgelotet werden. Es gehe auch nicht um Effekthascherei, ergänzt Dorothee Prohl. Der Gemeindekirchenrat habe sich jedenfalls einstimmig für das Projekt ausgesprochen.

Die zuständige Pfarrerin geht sogar ­einen Schritt weiter. Natürlich gehöre die Taufe in die jeweilige Gemeinde, findet Iris Hellmich. Das Taufzentrum wolle und werde die evangelische Kirchenordnung hier nicht aushebeln. »Aber«, fügt sie im Blick auf die Kritiker hinzu, »wir müssen uns in der Kirche schon fragen, ob wir nicht manchmal zu sehr eine geschlossene Gesellschaft sind.«

Martin Hanusch

Staatsknete für die Kirchen?

31. Dezember 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor einigen Wochen stellte der Kirchenkritiker Carsten Frerk sein neues »Violettbuch Kirchenfinanzen« vor. Die Kirchenzeitung sprach darüber mit dem Finanzchef der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Thomas Begrich.
Thomas Begrich ist Abteilungsleiter Finanzen im Kirchenamt der EKD. (Foto: epd-bild)

Thomas Begrich ist Abteilungsleiter Finanzen im Kirchenamt der EKD. (Foto: epd-bild)

19 Milliarden Euro sollen die Kirchen direkt und indirekt jährlich vom Staat erhalten. »Violettbuch Kirchenfinanzen« – sieht ein Finanzchef der Kirche bei diesem Buch »Rot«?
Begrich: Nein. Aber es stimmt einfach nicht. Frerks Berechnungen sind manchmal geradezu Luftnummern. Es geht ihm wohl auch gar nicht um Zahlen als vielmehr um deren Deutung. Der Autor hat zwei Zitate vorangestellt: »Religion gilt dem gemeinen Manne als wahr, dem Weisen als falsch und dem Herrschenden als nützlich.« (Seneca) Und: »Die hohe reich dotierte Geistlichkeit fürchtet nichts mehr als die Aufklärung der unteren Massen.« (Johann Wolfgang von Goethe) Damit ist deutlich: Das ist eine Streitschrift und kein Sachbuch.

Zur Sache: Drei Milliarden Euro »Einnahmeverzicht« aus Steuern sollen laut Frerk beispielsweise den Kirchen zugutekommen …

Begrich: Der Staat verzichtet auf Einnahmen, weil die Kirchensteuer als Sonderausgabe absetzbar ist. Aber dieses Geld bekommen natürlich nicht die Kirchen, sondern die Bürger! Sie zahlen weniger Steuern, weil sie die Kirchen unterstützen. Der Staat geht dabei davon aus, dass es der ­Gemeinschaft dient, wenn man die Kirche finanziell unterstützt. Genauso wie Spenden für gemeinnützige Organisationen bis 20 Prozent des Gesamtbetrages der Einkünfte steuermindernd geltend gemacht werden können, gilt das denn auch für die Kirchensteuer. Übrigens: Ein Volumen von 20 Prozent der Einkünfte erreicht die gezahlte Kirchensteuer nicht einmal ansatzweise – es sind durchschnittlich rund ein Prozent (maximal drei Prozent).

Aber die Kirchen sparen angeblich allein 1,8 Milliarden Euro, weil der Staat ihnen die Kirchensteuern eintreibt …
Begrich: Der Betrag ist zum einen spekulativ, spielt aber zum anderen auch gar keine Rolle. Denn die Kirchen vergüten den Kirchensteuereinzug mit zwei bis vier Prozent des Gesamtaufkommens der Kirchensteuer. Der Staat erhält deutlich mehr, als es ihn kostet. Für die Kirchen ist das in der Tat dennoch kostengünstig, aber dies als eine Finanzierung der Kirchen durch den Staat zu bezeichnen ist schon ziemlich kühn!

Aber unstrittig ist doch, dass die öffentliche Hand beispielsweise kirchliche Kindergärten mitfinanziert. 3,8 Milliarden sollen es pro Jahr sein?
Begrich: Die evangelische Kirche geht für ihren Bereich von deutlich weniger, etwa 1,3 Milliarden Euro, aus. An diesem Beispiel erkennt man das Prinzip des Buches, es verwechselt Anlass und Ziel: Der Staat finanziert da doch nicht die Kirchen, sondern die Kinder! Die Kirchen erhalten diese Mittel doch nicht, weil sie Kirchen sind, sondern weil sie für die Gesellschaft eine Dienstleistung erbringen, zu der sie obendrein von ihren eigenen Mitteln noch gut 20 Prozent beisteuern. Täten sie es nicht, müsste der Staat selbst alle Kindergärten unterhalten und dann wäre es für ihn obendrein teurer, weil ja die kirchlichen ­Eigenanteile wegfielen. Und gefördert werden natürlich nicht nur die Kirchen, sondern viele andere freie Träger, wie etwa die Arbeiterwohlfahrt, das Rote Kreuz. Ähnliches gilt übrigens auch für die Freien Schulen!

Aber warum muss der Staat die theologische Ausbildung an den Universitäten bezahlen?

Begrich: Er zahlt auch die Ausbildung für die Wirtschaft, für die Verwaltungen, für die Musiker, die Germanisten. Es ist eine staatliche Aufgabe, Bildung zu ermöglichen und zu finanzieren. Warum für die Kirchen nicht? Nur weil Herr Frerk und seine Freunde die Wissenschaftlichkeit der theologischen Wissenschaft bestreiten? Kaum ein ausreichender Grund.

Und was ist mit den 270 Millionen an Staatsknete, die die Kirchen für ihre Auslandsarbeit bekommen?

Begrich: Das zahlt der Staat doch nicht für die Kirchen, sondern er fördert die damit bestrittenen Maßnahmen, nämlich Entwicklungshilfe oder Katastrophenhilfe. Es sind die Kirchen, die hier dem Staat helfen, seine internationalen Verpflichtungen zu erfüllen und die natürlich ebenfalls viel dazu beisteuern: allein die evangelische Kirche mit gut 50 Millionen Euro aus eigenen Mitteln, dazu kommen noch die gut 90 Millionen Euro Spenden von »Brot für die Welt«. Übrigens: Auch wenn es oft Missionswerke sind, die tätig werden – es gehört zum international anerkannten Kodex, Mission und Hilfe nicht zu vermischen. Und daran halten wir uns.

Also alle Vorwürfe falsch?
Begrich: Die Schlussfolgerungen, ja. Kirche ist Teil dieser Gesellschaft. Sie ist in ihr und für sie und ihre Bürger tätig. Und zumindest die Mehrheit dieser Gesellschaft will das auch so, es nützt ihr und es bringt dem Staat Vorteile, durchaus auch finanzielle. Unsere Gesellschaft lebt vom Tun der Vielen. Subsidiarität wird das genannt. Ein Grundprinzip der Demokratie. Wer dies nicht will, muss sich fragen lassen, was für eine Demokratie er will.

Buchhinweis:
Frerk, Carsten: Violettbuch Kirchenfinanzen. Wie der Staat die Kirchen finanziert,
Verlag Alibri, 2010, 270 Seiten, ISBN 978-3-86569-039-5, 16 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643)246161
Weitere Informationen

zum Thema Kirche und Finanzen im Internet unter: www.kirchenfinanzen.de

Das Jahr der Rücktritte

27. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Sie gab dem deutschen Protestantismus ein unvergleichliches Gesicht und schreckte vor deutlichen Worten nicht zurück: die hannoversche Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann. Am 30. Mai predigte sie erstmals nach ihrem Rücktritt als Bischöfin in der Marktkirche von Hannover. (Foto: epd-bild/Jens Schulze)

Sie gab dem deutschen Protestantismus ein unvergleichliches Gesicht und schreckte vor deutlichen Worten nicht zurück: die hannoversche Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann. Am 30. Mai predigte sie erstmals nach ihrem Rücktritt als Bischöfin in der Marktkirche von Hannover. (Foto: epd-bild/Jens Schulze)


Selten gab es so viele ­spektakuläre Rücktritte aus öffentlichen Ämtern wie im zurückliegenden Jahr. Und schon gar nicht in den Kirchen.

 

Nicht nur politische Amtsträger wie Bundespräsident Horst Köhler, Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust oder Hessens Ministerpräsident Roland Koch sorgten mit ihren Rücktritten im Jahr 2010 in Deutschland für Wirbel in den Medien.

Auch vier hochrangige Kirchenleute – drei Bischöfe aus beiden großen Kirchen – gaben aus höchst unterschiedlichen Gründen ihr Amt auf: Margot Käßmann, Maria Jepsen sowie Walter Mixa. Und mit Diakonie-Chef Klaus-Dieter Kottnik räumte der Spitzenvertreter des Wohlfahrtsverbandes, der zugleich einer der größten Arbeitgeber des Landes ist, seinen Posten.

Den Anfang machte Ende Februar die hannoversche Landesbischöfin und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann. Die heute 52-Jährige trat von allen kirchlichen Leitungsämtern zurück und zog damit die Konsequenz aus einer Fahrt unter Alkoholeinfluss. Mit ihrem raschen Rücktritt – bei dem sie trotz Demonstrationen von Anhängern für eine zweite Amtszeit als Bischöfin ihrer Kirche blieb – erwarb sie sich bundesweit viel Respekt. Nach einem längeren USA-Aufenthalt wird sie von Januar an als Gastprofessorin an der Ruhr-Universität in Bochum lehren. Käßmann war erst im Oktober 2009 als erste Frau an die Spitze der EKD gewählt worden. Ihr Amtsantritt war mit großen Hoffnungen verbunden, denn die populäre und streitbare Protestantin gilt als fromm, engagiert und nah bei den Menschen. Unüberhörbar war ihre Kritik am Kriegseinsatz der Deutschen Bundeswehr in Afghanistan in ihrer Weihnachtspredigt 2009 in Hannover und wiederholt am Neujahrstag in der Dresdner Frauenkirche: »Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber ­hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. … Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen.«

Während der Rücktritt Käßmanns allgemein auf Bedauern stieß, riss der Fall des früheren katholischen Augsburger Bischofs Walter Mixa tiefe Gräben in die Kirchenlandschaft. Im April richtete der 69-Jährige ein Rücktrittsgesuch an Papst Benedikt XVI. Vorausgegangen waren unter anderem Vorwürfe, Mixa habe vor Jahren als Stadtpfarrer im bayerischen Schrobenhausen Heimkinder geprügelt. Zudem gab es Berichte über finanzielle Unregelmäßigkeiten aus dieser Zeit. Dennoch findet der Ex-Oberhirte bis heute Rückhalt bei konservativen Katholiken. Einige sprechen von einer »öffentlichen Hinrichtung«. Der Papst nahm den Rücktritt Anfang Mai an. In einem Brief bat Mixa um Verzeihung: »Ich habe sicher auch viele Fehler ­gemacht, obwohl ich niemanden in ­irgendeiner Weise verletzen oder beschädigen wollte.« Vorermittlungen gegen Mixa wegen sexuellen Missbrauchs wurden allerdings eingestellt.

Ein ganz anderer Fall: Obwohl sie sich nichts vorzuwerfen hatte, verkündete die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen (65) Mitte Juli ihren Rückzug aus dem Amt. Die weltweit erste lutherische Bischöfin war wegen ihres Umgangs mit Missbrauchsvorwürfen gegen einen Pastor in die Kritik geraten. Der Vorwurf der Untätigkeit der Bischöfin erwies sich als nicht haltbar. Zu ihrem Rücktritt sagte Jepsen, durch die Vorwürfe in den Medien sei ihre Glaubwürdigkeit in Zweifel gezogen worden: »Von daher sehe ich mich nicht mehr in der Lage, die Frohe Botschaft so weiterzusagen.« In der nordelbischen evangelischen Kirche von Schleswig-Holstein und Hamburg rechnete man erst 2012 mit ihrem Rückzug in den Ruhestand. Dann wäre Jepsens zweite zehnjährige Amtszeit abgelaufen.

Turbulenzen mit persönlichen Konsequenzen gab es auch im Diakonischen Werk der EKD. Auslöser war im August ein Bericht, dass der persönliche Referent von Diakonie-Präsident Klaus-Dieter Kottnik jahrelang zugleich stiller Teilhaber der Beratungsfirma »Dr. Dithmar und Partner« war. Diese hatte während Kottniks Amtszeit Beratungsaufträge in sechsstelliger Höhe vom Diakonischen Werk erhalten. Mittlerweile liegt zu diesem Vorgang der Bericht einer ­unabhängigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft vor: Zwar habe es im ­Diakonischen Werk der EKD keine Korruption gegeben. Jedoch habe die Beratungsfirma ihr Auftragsvolumen um das zweieinhalbfache überschritten, ohne dass es einen neuen Auftrag gab. Zugleich brachte die Untersuchung Mängel in der Finanzkontrolle des Werkes zutage. Nach Bekanntwerden der Verwicklungen seines Referenten war Kottnik, der in der Tat schon länger als körperlich angeschlagen galt, aus »gesundheitlichen Gründen« zurückgetreten.

Von Stephan Cézanne und Harald Krille (epd; GKZ)

Wer darf nach Deutschland?

16. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Diskussion: Wirtschaftsverbände und Politiker fordern immer lauter, Einwanderung von der Nützlichkeit für den Arbeitsmarkt abhängig zu machen.

Wer dauerhaft nach Deutschland einreisen und hier arbeiten will, hat hohe Hürden zu überwinden. Bis zum Frühjahr will die Regierungskoalition über ­Vereinfachungen für Fachkräfte entscheiden. (Foto: ddp-images)

Wer dauerhaft nach Deutschland einreisen und hier arbeiten will, hat hohe Hürden zu überwinden. Bis zum Frühjahr will die Regierungskoalition über ­Vereinfachungen für Fachkräfte entscheiden. (Foto: ddp-images)

Seit Wochen diskutieren Politiker um den erleichterten Zuzug für hoch qualifizierte Ausländer.

Glaubt man den Prognosen der Wirtschaftsverbände, dann gehen den Unternehmen und den Forschungseinrichtungen, den Pflegediensten und Krankenhäusern in Deutschland bald die Fachkräfte aus. Zwar sind aktuell mehr als 2,9 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Doch nach Darstellungen der Wirtschaft fehlen bei vielen von ihnen die Qualifikationen und/oder die Motivationen. Zudem wird darauf verwiesen, dass in naher Zukunft durch den Geburtenrückgang immer weniger Einheimische im erwerbs­fähigen Alter als Arbeitskräfte zur Verfügung stünden. Der erleichterte Zuzug, ja das offensive Werben um ausländische Fachkräfte soll das Problem lösen.

So fordert es die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) in einem umfangreichen Positionspapier. Man verweist auf den ­internationalen Vergleich, nach dem etwa in Kanada rund 46 Prozent der Zuwanderer als hochqualifiziert gelten, in Irland 45 Prozent und selbst in Norwegen 36 Prozent. Demgegenüber liegt die Hochqualifiziertenquote unter den Zuwanderern in Deutschland bei 18,9 Prozent.

Das Thema findet in der Politik ­inzwischen Zustimmung. »Entscheidende Kriterien für die Zuwanderung sollten Sprachkenntnisse, Qualifikation und Bedürfnisse unseres Arbeitsmarkts sein«, so ein Zitat von Marie Böhmer (CDU), Staatsministerin im Kanzleramt.

Die Grünen-Fraktionschefin im Deutschen Bundestag, Renate Kühnast, sieht Deutschland beim Kampf um Fachkräfte in Konkurrenz mit ­anderen Ländern und fordert ein ­Gesamtkonzept der Bundesregierung für Fachkräftezuwanderung. Allein im Pflegesektor fehlten 50000 Fachkräfte, sagte sie in einem Interview der vergangenen Woche im Südwestrundfunk. Ihre thüringische Fraktionskollegin Katrin Göring-Eckart verweist in diesem Zusammenhang allerdings auf ein anderes Problem: Solange bei rund 15 Prozent der Beschäftigten im Pflegebereich sogar der Mindestlohn von 7,50 Euro unterschritten werde, brauche man sich über mangelnde ­Attraktivität nicht zu wundern, so die ­Bundestagsvizepräsidentin in einer Pressemitteilung.

Es scheint noch mehr hausgemachte Probleme zu geben: Statistiken belegen, das Deutschland bei weitem nicht nur Zuwanderungs-, sondern Auswanderungsland ist. Während 682000 Menschen im Jahr 2008 zu uns kamen, verließen im ­gleichen Zeitraum 738000 das Land wieder, ­darunter 175000 Deutsche. Und eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung hat ermittelt, dass seit 2005 jährlich rund 40000 hoch qualifizierte Führungskräfte und Wissenschaftler Deutschland verlassen haben. Die Frage nach dem »Warum?« sei erlaubt.

Landesbischöfin Ilse Junkermann von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) machte vor ­wenigen Tagen auf eine andere Gefahr aufmerksam: »Es wird uns als Einwanderungsgesellschaft nicht bekommen und eben gerade nicht der Integration dienen, wenn wir Menschen allein nach dem Maß ihrer Verwertbarkeit in die Gesellschaft unseres ­Zusammenlebens aufnehmen. Sie werden dann keinen anderen Wert bei uns leben als den, den sie selbst erfahren: die Verwertbarkeit, das, was ein Einzelner aus dieser Gesellschaft für sich ›rausholen‹ kann.«

Harald Krille

Meine Meinung

 Petra Albert ist Beauftragte für Migration und Interreligiösen Dialog der Evangelischen Kirche in  Mitteldeutschland (EKM).

Petra Albert ist Beauftragte für Migration und Interreligiösen Dialog der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM).

Den Zuzug von Arbeitnehmern aus anderen Ländern der Welt nach Deutschland zu befördern, ist aus ­meiner Sicht in erster Linie eine politische Entscheidung. Bei dieser Diskussion sollte aber die Aus- und Weiterbildung arbeitssuchender Menschen in Deutschland mit bedacht werden. Dazu gehören auch Menschen, die in anderen Ländern der Welt geboren wurden und nun in Deutschland leben. Sie haben es manchmal besonders schwer, eine ihren Fähigkeiten und Abschlüssen angemessene Arbeit zu finden.

Eine verbesserte Anerkennung von im Ausland erworbenen Bildungs- und Berufsabschlüssen und entsprechende Anpassungsqualifizierungen sind dringend notwendig. Einschränkende gesetzliche Regelungen, wie zum Beispiel die in Europa einmalige Residenzpflicht für Flüchtlinge, sollten abgeschafft werden.

Auch ­sollten Flüchtlinge von Beginn ihres Aufenthalts in Deutschland einen Sprachkurs besuchen dürfen und eine Arbeit ohne behördliche Einschränkungen aufnehmen können. Denn lange Phasen verordneten Nichtstuns erschweren die Integration.

Eine Zuwanderung nach wirtschaftlicher Nützlichkeit darf keinesfalls gegen Zuwanderung aufgrund von Verfolgung bzw. gegen einen ­Zuzug aus humanitären Gründen ­ausgespielt werden. Der Schutz von Flüchtlingen muss unabhängig von anderen Arten der Zuwanderung gewährt werden. Dazu gehört übrigens auch die Möglichkeit, überhaupt ins Land kommen zu können. Hier unsere mahnende Stimme zu erheben und selbst zu einem humanitären Umgang mit Flüchtlingen beizutragen, dazu sind wir als Christinnen und Christen besonders gerufen.

Zu bedenken ist auch, dass die Zuwanderung hoch qualifizierter Menschen nach Europa gleichzeitig eine Abwanderung dieser Fachkräfte aus ihren jeweiligen Ländern bedeutet. Menschen die nach Europa abwandern, fehlen als Fachkräfte im eigenen Land, sei es als Ingenieur, Arzt oder Krankenschwester. Dem prognostizierten Fachkräftemangel sollte also nicht lediglich mit Zuwanderung ausländischer Fachkräfte begegnet werden, auch wenn Zuwanderung nach Deutschland aus meiner Sicht selbstverständlich möglich sein sollte.

Petra Albert

Wieder mal auf Gott eingedroschen

11. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Glaube und Wissenschaft

Erst Dawkins, jetzt Hawking – kritische Anmerkungen zur Diskussion um den neuen Atheismus.

»Das Auge Gottes« wird der Helixnebel auch von manchen Astronomen genannt, seit das Hubble-Weltraumteleskop erstmals dieses fantastische Bild des »nur« etwa 650 Lichtjahre entfernten Objektes zur Erde funkte. (Foto: picture-alliance/Design Pics)

»Das Auge Gottes« wird der Helixnebel auch von manchen Astronomen genannt, seit das Hubble-Weltraumteleskop erstmals dieses fantastische Bild des »nur« etwa 650 Lichtjahre entfernten Objektes zur Erde funkte. (Foto: picture-alliance/Design Pics)


Angriffe gegen den Glauben sind nicht neu. Derzeit ­fühlen sich besonders einige Wissenschaftler genötigt, auf Gott einzuschlagen.
 

»Stephen Hawking hat in seinem neuen Buch ›Der große Entwurf‹ gemeinsam mit seinem Koautor Leonard Mlodinow die Existenz Gottes widerlegt« – so beginnt eine Rezension in der Süddeutschen Zeitung über das neue Buch (erschienen im September 2010) des wohl bekanntesten Physikers der Gegenwart.

Erst vor wenigen Jahren hatte der Evolutionsbiologe Richard Dawkins, der Wortführer der sogenannten »Neuen Atheisten«, in seinem Buch »Der Gotteswahn« (2007) einen unüberbrückbaren Gegensatz von »Glaube und Wissenschaft« behauptet. Bei dieser Behauptung hatte es ihn allerdings nicht gestört, dass es bis heute zu allen Zeiten Wissenschaftler gab und gibt, die an Gott glauben. Es gibt also offensichtlich keinen Gegensatz von Glaube und Wissenschaft, sondern es gibt stattdessen Wissenschaftler, die an Gott glauben und ­solche, die es nicht tun.

Für Stephen Hawking ist unser Universum durch die Gesetze der Schwerkraft aus sich selbst entstanden – ohne einen Schöpfergott. Seiner Meinung nach liegen also die Gesetze der Schwerkraft und Gott auf der gleichen Erklärungsebene. Das ist aber nicht der Fall. Ein erkannter Mechanismus (die Gesetze der Schwerkraft) bedeutet nicht, dass es keinen Mechaniker (Gott) gibt.

Den gleichen Kategorienfehler hatte schon Dawkins gemacht, wenn er nicht Gott, sondern die natürliche Selektion für die Grundlage unserer komplexen Welt hält. Auch natürliche Selektion und Gott liegen nicht auf der gleichen Erklärungsebene.

Eine wichtige Rolle im neuen Buch von Stephen Hawking spielt das anthropische Prinzip. Darunter versteht man die unglaubliche Feinabstimmung der Naturkonstanten in unserem Universum. Wenn die Naturkonstanten nicht so »passgenau« aufeinander abgestimmt wären, wäre Leben in unserem Universum nicht möglich. Wie ist diese Feinabstimmung zu erklären? Hawking spricht von einer »Reihe verblüffender Zufälle« und greift – wie schon Richard Dawkins – zur Erklärung des anthropischen Prinzips auf die Idee vom Multiversum zurück. Die Vorstellung vom Multiversum bedeutet, dass es nicht nur ein (unser) Universum gibt, sondern viele Universen. Und wenn man von vielen Milliarden Universen ausgeht, ist es denkbar, dass bei einem (unserem) zufällig alles passt, um Leben zu ermöglichen.

Für Dawkins ist die Idee vom Multiversum zwar »exotisch«, aber der Glaube an Gott ist für ihn noch exotischer. Hawking hält diese Lösung nicht für exotisch, sondern für den aktuellen Stand der Wissenschaft. Dabei verschweigt er aber, dass es für diese These keine Hinweise gibt und führende Wissenschaftler die Vorstellung vom Multiversum als reine Spekulation ablehnen.

»Lassen Sie uns diese Spekulationen als das erkennen, was sie sind. Sie sind keine Physik, sondern im strengsten Sinne Metaphysik. Es gibt keinen rein wissenschaftlichen Grund, an eine Ansammlung von Universen zu glauben«, urteilt etwa der Cambridger Quantenphysiker John Polkinghorne.

Und selbst wenn es viele Universen gäbe – warum sollte dies ein Argument gegen die Existenz eines Schöpfers sein? Multiversum und Gott liegen genauso wenig auf der gleichen Erklärungsebene wie die Gesetze der Schwerkraft und Gott.

In einer Rezension über das Buch von Hawking schrieb »Die Zeit« (»Absturz eines Stars«): »Wen diese Antwort befriedigt, der hatte Gott schon vorher verworfen. Wer vorher an Gott glaubte, kann es weiterhin tun. … In einem Interview mit der BBC bekannte Hawking, worum es ihm wirklich ging: ›Gott wäre nicht nötig gewesen in meinem Buch, aber es hätte nicht so viel öffentliche Aufmerksamkeit erregt, wenn ich nicht wieder auf ihn eingedroschen hätte.‹«

Jürgen Spieß

Der Autor, Dr. Jürgen Spieß, ist Leiter des Instituts für Glaube und Wissenschaft in Marburg. Auf der Internetseite des Instituts finden sich unter anderen weitere Aufsätze verschiedener Autoren zum Thema.

Großes Glück und tiefe Trauer

2. Dezember 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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In-vitro-Fertilisation: die außerhalb des Körpers in einer Nährlösung (in vitro) stattfindende Befruchtung der ­menschlichen Eizelle (Illustration: picture-alliance/medicalpicture)

In-vitro-Fertilisation: die außerhalb des Körpers in einer Nährlösung (in vitro) stattfindende Befruchtung der ­menschlichen Eizelle (Illustration: picture-alliance/medicalpicture)



Ethik:
Zwischen Heilsversprechen und Machbarkeitswahl – die künstliche Befruchtung hat nicht nur positive Seiten
 
Am 10. Dezember erhält der Schöpfer der Retortenbabys, der britische Forscher Robert Edwards, den Nobelpreis für Medizin. Vielen verhalf seine Forschung zum Kindersegen. Doch Fragen bleiben.
 

Robert Edwards hat die Forschung zur künstlichen Befruchtung, oder In-Vitro-Ferti­lisation (IVF), zusammen mit dem ­Gynäkologen Patrick Steptoe zum Erfolg geführt. Vier Millionen Kindern hat er seither ein Leben ermöglicht. Edwards Motiv war: »Es gibt nichts Wichtigeres im Leben als ein eigenes Kind.«

Ab 1968 arbeitete Edwards mit dem Gynäkologen Patrick Steptoe zusammen. In den Jahren 1972 bis 1974 ­wurden erstmals Embryonen in ihre Mütter transferiert, aber Schwangerschaften blieben aus. 1976 erreichten Edwards und Steptoe das erste Mal eine Eileiterschwangerschaft. 1977 gelang die erste künstliche Befruchtung einer Frau: Am 25. Juli 1978 wurde die Tochter Louise Joy Brown von ihrer Mutter Lesley Brown per Kaiserschnitt entbunden.

Wie die aus Leidenschaft und Liebe, wie die aus Gewalt und Rücksichtslosigkeit, so sind auch die durch IVF gezeugten Kinder Gottes Schöpfung. Wer in ihre Augen schaut, sieht, nach einem Ausspruch Martin Luthers, in Gottes Augen. Auch für sie gilt Psalm 139,13: »Du hast mich im Schoß meiner Mutter gewoben.« »Wir sind einfach nur dankbar«, sagt die Mutter, die durch künstliche Befruchtung schwanger wurde.

Doch um die ganze Wahrheit zu ­erfahren, müssen wir den Schleier der Sprache aufdecken. So werden Eizellen nicht gewonnen, sondern nach monatelangem Hormonspritzen aus den Eierstöcken vaginal (vor kurzem noch durch die Bauchdecke) unter ­Ultraschallkontrollen herausgesaugt. Samenspenden sind keine Spenden. Der Mann masturbiert und übergibt sein Sperma dem Arzt oder er verkauft es einer Samenbank, einem Profitunternehmen. Die Werbeseiten im ­Internet für IVF mit Samen- und Eizellen aus Spanien und Tschechien zeigen, dass große Wirtschaftsunternehmen dahinterstehen.

Die medizinischen Angebote werden oft wie Heilsverheißungen formuliert. Sie lassen die seelischen ­Belastungen der Paare während der Prozeduren, die seelischen Leiden ­derer, die gescheitert sind, und die körperlichen Schäden bei den Frauen im Dunkeln. Nur 15 bis 30 Prozent der IVF-Frauen bekommen nach einer Behandlung ein Baby, so niedrig ist die sogenannte »Baby-take-home-Rate«.

Viele versuchen es mehrmals. Oft sind Beziehungen dem damit verbundenem seelischen und körperlichen Stress nicht gewachsen. Lebensberatungsstellen helfen den Frauen, die verengt nur auf dieses eine Ziel hin gelebt haben, ein Kind zu bekommen – und dann vor dem Nichts stehen.

Edwards Wahlspruch »Es gibt nichts Wichtigeres im Leben als ein ­eigenes Kind« ist nicht wahr. Frauen ohne Kinder haben ein großes Potenzial an Kreativität und Mütterlichkeit, das ihr Leben erfüllen kann. Mütterlichkeit ist eine Tugend, die alle leben können, auch Männer. Das hebräische Wort für die Barmherzigkeit ­Gottes heißt im Urtext »Mutterschößigkeit«, so kann auch Gott mütterlich sein.

Der Forschungsdrang eines einzelnen Mannes hat große ethische Konflikte gebracht: Etwa die Frage, ob Embryonen im Rahmen der sogenannten Präimplantationsdiagnostik vor der Einspritzung in die Gebärmutter nach erbbedingten Krankheiten untersucht und gegebenenfalls verworfen werden dürfen (siehe die letzte Ausgabe unserer Kirchenzeitung). Der Bundesgerichtshof hat kürzlich entschieden: Ja, aber nur wenn Erbkrankheiten ­befürchtet werden, eine allgemeine Vorselektion darf nicht sein. Doch so entsteht Druck auf Eltern, die ein ­behindertes Kind haben: »Konntet ihr es nicht verwerfen, also abtreiben?« Der soziale Druck zu einem medi­zinisch durchgecheckten Kind wird sich erhöhen.

Ein Gegenentwurf zum Glauben an die Machbarkeit ist die Spiritualität. Sie ist zurzeit ein Modewort. Es meint eine Frömmigkeit, die kein festgelegtes Gottesbild hat, aber eine tiefe Verbundenheit mit den tragenden Kräften des Lebens. Spiritualität in der Phase der Fami­liengründung umfasst heute mehr als Schwangerschaft und Geburt. Sie fragt: Welche Macht lassen wir über uns herrschen? Die Hochleistungsmedizin? Die Werbung der Kinderwunsch-Zentren mit ihren wirtschaftlichen Interessen? Den gesellschaft­lichen Druck?

Die Bibel enthält viele Texte zu Themen der Familiengründung, die aber auch Probleme ansprechen: Hagar wurde Leihmutter für Sara und Abraham. Nach dem Streit der Frauen wird sie mit ihrem Sohn Ismael in die Wüste geschickt (1. Mose 16 und 21). Rahel stirbt bei der Geburt ihres ­zweiten, heiß erbeteten Kindes, Benjamin (1. Mose 37,15). Rebekka ist verunsichert durch die heftigen Kindesbewegungen ihrer Zwillinge und holt bei Gott ein Orakel ein (1. Mose 25, 24ff). Elisa reinigt das Brunnenwasser mit Salz und verhindert so weitere Fehlgeburten (2. Könige 2,19). Elisabeth spürt Kindsbewegungen ihres Sohnes, des späteren Johannes des Täufers, als die mit Jesus schwangere Maria sie besucht (Lukas 1,41).

Für die sogenannte Unfruchtbarkeit kennt die ­Bibel mehrere Ausdrücke: entwurzelt, einsam, verwelkt. Oft ist es eine Kinderlosigkeit auf Zeit. Die Unverfügbarkeit wird Gott zugeschrieben, er öffnet oder verschließt den Muttermund. Die Ambivalenz von Scheitern und Gelingen ist bei künstlicher Befruchtung viel größer als bei »natürlichen« Schwangerschaften.

Die Medizin kann das seelische ­Erleben nicht wahrnehmen. Doch alle Eltern spüren beim Blickkontakt mit einem Neugeborenen, dass hier mehr ist als das Machbare. Woher kommt diese Seele des Kindes? Ist sie ein Symbol für die vorsprachlichen Gefühle? Ist sie selbst »voller Transzendenzerfahrung« (Franz Renggli)? Ist sie die Gottesgeburt in jedem Menschen?

Die großen Erfolge der Hochleistungsmedizin führen uns nicht nur hin zum Glauben an die Wissenschaft, sondern auch zu den Grenzen der Machbarkeit, zur Offenheit gegenüber dem Wandel im persönlichen Leben, zur Dankbarkeit für die Wunder des Lebens, zu neuem Vertrauen, wenn alles in Frage steht.
Unerfüllter Kinder- und Enkelkinderwunsch, künstliche Befruchtung, vertrauensvolle Begleitung von Schwangerschaft und Geburt, Seelsorge bei Wochenbettdepressionen – diese und andere Themen der Familiengründungsphase gehören nicht nur in die Beratungsstellen, sondern auch in die Mitte der Gemeinde, in Segnungsfeiern und Fürbittgebete, in Gesprächs- und Besuchskreise.

Hanna Strack

Die Autorin, Jahrgang 1936, ist Pastorin und dreifache Mutter, arbeitete viele Jahre als Religionslehrerin und zuletzt als Leitende Pastorin der Evangelischen Frauenhilfe in Mecklenburg. Sie lebt heute im ­Ruhestand in Pinnow bei Schwerin.
www.hanna-strack.de

Dürfen künstlich gezeugte Embryonen genetisch getestet werden?

25. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Diskussion: Die Präimplantationsdiagnostik (PID) entzweit derzeit Kirche und Gesellschaft – Pro und Kontra
 
Unter Kontrolle: Die Medizin ist in der Lage, immer früher mögliche Krankheiten, Missbildungen und Behinderungen bei beginnendem Leben zu erkennen. ­Segen oder Fluch? (Foto: BilderBox.com)

Unter Kontrolle: Die Medizin ist in der Lage, immer früher mögliche Krankheiten, Missbildungen und Behinderungen bei beginnendem Leben zu erkennen. ­Segen oder Fluch? (Foto: BilderBox.com)

 

Joachim Krause war bis Sommer diesen Jahres Beauftragter der sächsischen Landeskirche für Glaube, Naturwissenschaft und Umwelt.

Joachim Krause war bis Sommer diesen Jahres Beauftragter der sächsischen Landeskirche für Glaube, Naturwissenschaft und Umwelt.


Pro

Ein Ehepaar wünscht sich ein Kind. Bald ist die Frau schwanger. Zunächst verläuft alles normal. Am Ende des dritten Monats jedoch wird aus dem Traum tiefer Schmerz – sie hat eine Fehlgeburt.

Eine zweite Schwangerschaft ebenso.

In der dritten Schwangerschaft endlich wird ein Kind geboren. Bereits unmittelbar nach der Entbindung fallen Fehlbildungen auf. Das Kind muss intensivmedizinisch behandelt werden. Es stirbt im Alter von wenigen Tagen.

Die Eltern suchen einen Humangenetiker auf. Bei der Untersuchung der Erbanlagen des verstorbenen Kindes wird festgestellt, dass in den Zellen eine Chromosomen-Veränderung vorliegt. Ein Vergleich mit Patienten in der ­wissenschaftlichen Literatur zeigt, dass mit einer derartigen Chromosomen-Erkrankung ein Überleben nicht möglich ist.

Nun lassen sich auch die Eltern untersuchen. Dabei stellt sich heraus, dass die Zellen des Mannes – er selbst ist gesund – Veränderungen aufweisen, die bei von ihm gezeugten Kindern zu tödlichen Komplikationen führen können.

Es ist ein schlimmes Spiel mit Wahrscheinlichkeiten: Statistisch werden 50 Prozent der Nachkommen betroffen. Aber es gibt auch die Chance für das Paar, ein gesundes Kind zu bekommen. Die Frau wird noch einmal schwanger. Diesmal lässt sie eine vorgeburtliche Untersuchung vornehmen. Wiederum wird die töd-
liche Erkrankung festgestellt. Die Frau entschließt sich – im fünften Monat! – verzweifelt zum Abbruch der Schwangerschaft.

Die Eltern wissen: Es wäre möglich, durch künstliche Befruchtung mehre­re Embryonen zu zeugen. Deren Zellen könnten auf den Chromosomen-Defekt untersucht werden. Und nur »gesunde« Embryonen würden in die Gebärmutter der Frau übertragen. Sie hätte nun die Chance, endlich Mutter zu werden – dank der umstrittenen Präimplantationsdiagnostik (PID).

Der hier skizzierte Leidensweg zeigt auf, für welche Ausnahmefälle die PID verantwortlich genutzt werden soll. Die Eltern wollen keine »Qualitätskontrolle« ihres Babys durchführen lassen. Sie wollen kein »Designerbaby« mit gewünschten ­Eigenschaften wie beispielsweise ­Augenfarbe, Geschlecht oder bestimmten Begabungen auswählen (»Selektion«). Sie wollen nicht in freier Willkür entscheiden, welche Art von Leben sie für »lebenswert« halten. Sie möchten ein eigenes Kind, und es soll die Chance haben, überhaupt zu leben!

Ich maße mir als Außenstehender nicht an, derartige Schicksale zu bewerten, als »bedauerliche Einzelfälle« zu bagatellisieren oder gut gemeinte Ratschläge zu erteilen, was »man« in einer solchen Situation tun und was man nicht tun darf.

Natürlich ist – wie bei jeder Technik – ein Missbrauch der PID für andere Zielstellungen möglich. Aber das ­verbietet noch nicht den rechten ­Gebrauch. Ein »Dammbruch« muss sich nicht zwangsläufig einstellen. Ich bin für die Zulassung der PID, begrenzt durch strenge und restriktive Kriterien, deren Einhaltung kontrolliert wird. Damit Eltern auch nach schmerzlichen Erfahrungen eine Chance haben, sich für ein Kind zu entscheiden.

Joachim Krause

Katharina Friebe ist ­Referentin für Theologie und Ökumene bei den Evangelischen Frauen in Deutschland.

Katharina Friebe ist ­Referentin für Theologie und Ökumene bei den Evangelischen Frauen in Deutschland.


Kontra

Der Wunsch nach einem eigenen und gesunden Kind ist aus der Sicht einzelner Frauen und Männer nachvollziehbar und verständlich. Gleichwohl hat die Anwendung der Präimplantationsdiagnostik weitreichende gesellschaftliche Auswirkungen, die aus ethischer und frauenpolitischer Sicht nicht wünschenswert sind.

Anders als die Befürworter einer PID oft behaupten, führen viele der untersuchten Chromosom-Anomalien nicht automatisch zu Fehl- oder Totgeburten. Stattdessen handelt es sich oft um Erkrankungen und/oder Behinderungen, die erst in der zweiten Lebenshälfte ausbrechen, wie Chorea Huntington, oder behandelbar sind, wie Brustkrebs.

Wie bedrohlich Menschen mit Behinderungen eine Liste erleben, auf der Behinderungen aufgeführt sind, die zum »Verwerfen« der Embryonen führen, zeigt auch die Ende der 1980-er Jahre geführte Diskussion um die Einbecker Erklärung. Damals versuchten Mediziner festzuschreiben, bei welchen Behinderungen und ­Erkrankungen es geboten sei, Neugeborene ohne Heilbehandlung sterben zu lassen.

Diese Erklärung wurde ­inzwischen revidiert.

Aber wie sollen die »engen Grenzen«, die auch die ­Befürworter einer PID fordern, festgelegt werden?

Anders als im Schwangerschaftskonflikt nach pränataler ­Diagnostik, bei dem jede Frau individuell entscheiden muss, ob sie mit der erwarteten Krankheit und/oder Behinderung ihres Kindes leben kann, entscheiden bei der PID die »objek­tiven« Ärzte, die mit dem Embryo ­weder körperlich noch seelisch verbunden sind.

Es gibt weder ein Recht auf ein gesundes Kind noch die Garantie darauf oder auch die Pflicht dazu. Mit einer gesetzlich zugelassenen wie gesellschaftlich akzeptierten PID wächst die Gefahr, dass Eltern – Frauen wie Männer – von Kindern mit Behinderungen und Erwachsene mit Behinderungen in unserer Gesellschaft noch mehr an den Rand gedrängt werden. Zu befürchten ist zudem, dass bei grundsätzlicher Zulassung der PID deren Anwendung schnell zum gesellschaftlichen und auch zum medizinischen Normalfall würde.

Keine Frau, die ohne medizinische Hilfe schwanger werden kann, setzt sich leichtfertig der körperlichen und seelischen Tortur einer künstlichen Befruchtung aus. Das könnte sich schnell ändern, wenn der gesellschaftliche Druck zum »gesunden« Kind steigt. Könnte eine Frau, die schon ein Kind mit Mukoviszidose ­geboren hat, auch dann noch »ungeprüft« schwanger werden?

Wann bekäme angesichts der dramatisch steigenden Kosten im Gesundheitssystem die Krankenkasse das Recht, von ihr zu verlangen, auf möglicherweise kranke Kinder zu verzichten?

Der Schutz und die Würde jedes menschlichen Lebens sind im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert. Mit der Unterzeichnung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen hat
die Bundesregierung im Jahr 2009 diese grundgesetzlich verankerten Schutzrechte erneut bekräftigt und sich verpflichtet, der Diskriminierung behinderten Lebens politisch und ­gesellschaftlich entgegenzuwirken. Gehen wir nicht hinter diesen hohen menschenrechtlichen Standard zurück!

Katharina Friebe

Das aktuelle Stichwort:

Präimplantationsdiagnostik – worum es dabei geht

Unter Präimplantationsdiagnostik (PID) wird die ­genetische Untersuchung eines Embryos vor der Einsetzung in die Gebärmutter verstanden. Das Verfahren ist daher nur bei Embryos möglich, die durch künstliche Befruchtung (In-vitro-Fertilisation) ­entstanden sind. Üblicherweise wird am dritten Tag nach der Befruchtung eine Zelle des Embryos ­entnommen. Der Embryo befindet sich zu diesem Zeitpunkt im Vier- bis Achtzellen-Stadium.

Nach der Entnahme der Zelle wird das Genom des Embryos auf Genmutationen oder Chromosomen-Anomalien untersucht. Nach dem Verfahren wird nur ein gesunder Embryo in den Mutterleib eingepflanzt. Die anderen Embryonen werden nach der Untersuchung vernichtet. Daher war PID bislang in Deutschland verboten. Mit einem Urteil zur PID hat der Bundesgerichtshof im Juli das Verbot jedoch faktisch aufgehoben und die PID in bestimmten ­Fällen für zulässig erklärt.

Einen Antrag auf PID stellen in der Regel Eltern, die selbst eine vererbbare Krankheit oder Behinderung oder die Disposition dazu haben. Sie wollen durch die Untersuchung verhindern, ein schwer krankes
oder behindertes Kind zu bekommen. Was genau untersucht wird, hängt von dem betreffenden Paar ab, von dem der Embryo stammt. Es wird kein kompletter Test auf alle bekannten Erbkrankheiten gemacht.

Der Autor des obigen Pro-Beitrages hat einen ausführlichen Hintergrundbeitrag zum Thema PIT verfasst. Er steht im Internet zum Herunterladen oder zur Bestellung als Broschüre zur Verfügung: www.krause-schoenberg.de

GKZ

Wohin gehört der Islam?

19. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Deutschland und der Halbmond: der astronomische Halbmond hinter dem symbolischen Halbmond auf der Spitze des Minaretts der Fatih Moschee in Essen, aufgenommen am 17. April diesen Jahres. (Foto: picture alliance/dpa/Julian Stratenschulte)

Deutschland und der Halbmond: der astronomische Halbmond hinter dem symbolischen Halbmond auf der Spitze des Minaretts der Fatih Moschee in Essen, aufgenommen am 17. April diesen Jahres. (Foto: picture alliance/dpa/Julian Stratenschulte)


 
Streitpunkt Religion: 
Zwischen Kreuz und Halbmond – die Integrationsdebatte geografisch und geschichtlich betrachtet
 
Die Wogen schlagen schnell hoch beim Stichwort Islam. Allzu oft ist die Diskussion von Unsachlichkeit und Angst geprägt. Ein Beitrag zur Sachlichkeit.

 
Als Bundespräsident Christian Wulff am 3. Oktober die Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland postulierte, war die Aufregung groß. Erst als er später in Ankara betonte, dass das Christentum zweifelsfrei zur Türkei gehöre, beruhigten sich die Gemüter wieder etwas. Wohin gehört der Islam?

herderDer Berliner katholische Theologe Ernst Pulsfort hat genauer hingeschaut. Er hat in mühsamer und zumeist nächtlicher Kleinarbeit Zahlen zusammengetragen und in Karten überführt. In »Herders neuem Atlas der Religionen« lassen sich die Aussagen von Christian Wulff anhand von Farben überprüfen.

Die südlichen Mittelmeer-Anrainerstaaten bis zur Westküste Afrikas, die arabische Halbinsel sowie östlich davon bis Afghanistan – auf der Weltkarte alles dunkelrot. In diesen Ländern bekennen sich mindestens 90 Prozent der Bevölkerung zum Islam. Die Türkei gehört ebenfalls zu den dunkelroten Ländern.

In Frankreich, Russland und China sind nur noch fünf bis zehn Prozent Muslime. In Deutschland sind es weniger als fünf Prozent der Bevölkerung. Irrt der Bundespräsident?

Ganz anders wirkt die Ausbreitung des Islams, wenn sie in absoluten Zahlen dargestellt wird. Dann liegt ­Indonesien an der Spitze: Dort leben mehr als 200 Millionen Muslime, obwohl sie »nur« etwa 88 Prozent der ­Bevölkerung stellen. Noch ausgeprägter in Indien: Zwar leben auf dem ­Subkontinent knapp 161 Millionen Muslime, sie stellen damit aber nur rund 13 Prozent der Gesamtbevölkerung von mehr als einer Milliarde. In Ländern wie der Türkei, dem Iran oder Ägypten sind es 50 Millionen bis 100 Millionen Muslime. In den USA, in Deutschland, Frankreich und Großbritannien immerhin eine bis fünf Millionen. Wulff hat also doch recht?

Vielleicht hilft ein Blick in die Geschichte. Um 600 n. Chr., kurz vor Auftreten des Islams, waren Europa bis auf Skandinavien, waren die Türkei, der Nahe Osten, der nördliche Rand Afrikas und Regionen bis hinunter in den Sudan christianisiert. Selbst 750 n. Chr., als der Siegeszug des Islams bereits begonnen hatte, waren weite Teile Europas weiterhin christlich, auch die Türkei zum überwiegenden Anteil. In Zentralasien, auf der arabischen Halbinsel, in Nordafrika und im südlichen Spanien hatten allerdings bereits die Muslime das Sagen.

Die türkische Bevölkerung bekannte sich über Jahrhunderte hinweg etwa zu gleichen Teilen zum orthodoxen Christentum und zum Islam. Genauer gesagt waren es Sunniten, die in der Türkei lebten. Heute machen sie mehr als 90 Prozent der Bevölkerung aus. Die Christen in der Türkei befinden sich inzwischen unter der Fünf-Prozent-Marke. »Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei« – das belegt der Atlas sehr deutlich.

Umgekehrt wird es schwieriger. Über die Jahrhunderte war der Islam nie bis Deutschland vorgedrungen. In Europa fasste er allein vorübergehend in Spanien Fuß sowie in einzelnen Staaten auf dem Balkan. Erst seit der »Gastarbeiter«-Zuwanderung in den 1960er Jahren gibt es Muslime in nennenswerter Zahl in Deutschland.

50 Jahre sind aber für die Verbreitung ­einer Religion kaum mehr als nichts. Daher rührte wohl das Unbehagen über den Satz von Christian Wulff. Dabei hatte er gesagt: »Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.« Stimmt, wie ein Blick auf die Zahlen zeigt.

Die Zahl der Muslime nimmt weltweit stärker zu als die der Christen. Während die christlichen Religionsgemeinschaften 1899 noch einen weltweiten Anteil von rund 36 Prozent und die Muslime von 20 Prozent hatten, war der Anteil der Christen 2009 auf 32 Prozent zurückgegangen, der der Muslime auf 21,6 Prozent gestiegen.

Wem dieser »Vormarsch« des Islams Sorge bereitet, der sollte noch einen Blick auf eine andere Karte im Religionen-Atlas werfen: die Ausbreitung der Menschen ohne religiöses Bekenntnis. Ihr Anteil ist von 1899 bis 2009 stärker gewachsen als jede andere Religion. Besonders viele konfessions- und religionslose Menschen ­leben in kommunistischen Diktaturen wie China und Nordkorea. Ein weiterer Hort der Menschen ohne Bekenntnis ist mit einem Anteil von 30 bis 40 Prozent – Deutschland.

Jutta Wagemann (epd)

Buchtipp:

Pulsfort, Ernst: Herders neuer Atlas der Religionen, Herder-Verlag, Freiburg 2010, 160 S. mit rund 120 Karten und Abbildungen, ISBN 978-3-451-32830-5, 36 Euro
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