Immer im Standby-Modus

23. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Reportage: Wenn einer, der mit Leib und Seele Landpfarrer ist, am Ende seiner Kräfte steht und Zwischenbilanz zieht

In allen Kirchenkreisen das Gleiche: sinkende Mitgliederzahlen, Zusammenlegung von Kirchengemeinden, immer größere Pfarrbereiche. Doch was bedeutet das konkret für die Gemeinden und die Pfarrer? Ein Besuch vor Ort.

In zartem Rosa prangt der Blumenschmuck von Taufstein und Altartisch, dahinter der Marienaltar von 1499 aus der Saalfelder Schnitzwerkstatt. Wunderschön saniert ist die Kirche von Kirchremda. Claudia und Gerhard Wöllner kümmern sich um dieses Kleinod. »Für mich ist es ein zweites Zuhause«, sagt die Kirchenälteste liebevoll.

Immer in Eile, immer getrieben vom nächsten Termin: Allein im vergangenen Jahr legte Pfarrer Markus Tschirschnitz 27 000 Fahrkilometer zwischen seinen elf betreuten Gemeinden zurück. Foto: Thomas Schäfer

Immer in Eile, immer getrieben vom nächsten Termin: Allein im vergangenen Jahr legte Pfarrer Markus Tschirschnitz 27 000 Fahrkilometer zwischen seinen elf betreuten Gemeinden zurück. Foto: Thomas Schäfer

Es ist Taufgottesdienst am Sonntag, 8. Mai, zu dem sich eine festlich gestimmte Gemeinde versammelt, mittendrin Pfarrer Markus Tschirschnitz. Er begrüßt mit Handschlag und hat für jeden ein persönliches Wort. Fröhlich und herzlich geht es zu, bevor dann das Glockengeläut den Beginn des Gottesdienstes anzeigt. Das kleine Mädchen, das getauft wird, lebt mit seinen Eltern in Baden-Württemberg. Der Arbeit wegen zogen sie aus dem Thüringer Dorf nahe Rudolstadt weg. Doch für ein solches Fest kam man lieber nach Hause, wo die Eltern leben und Kirche und Pfarrer vertraut sind. Im rund 50 Einwohner zählenden Dorf gehören mehr als die Hälfte zur evangelischen Kirchengemeinde.

Pfarrer Tschirschnitz ist an diesem Morgen aus Teichel gekommen. Dort hat er seinen Dienstsitz und die gleichnamige Pfarrstelle inne, zu der auch Eschdorf, Geitersdorf, Milbitz und Teichröda gehören. Kirchremda ist der Pfarrstelle Remda zugeordnet, genauso wie Altremda, Heilsberg, Breitenheerda und Sundremda. Seit fast vier Jahren ist diese Pfarrstelle vakant und wurde bislang von ihm mit betreut. Praktisch bedeutet dies: elf Gemeinden mit eigenen Kirchen, drei Pfarrhäuser und sieben kirchliche Friedhöfe, dazu Kirchenchor und Kindergarten. Ein enormes, vielschichtiges Arbeitspensum, bei dem der Pfarrer im vergangenen Jahr 27 000 Kilometer per Auto zurücklegte.

»Ich bin mit Leib und Seele Land­pfarrer und kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen. Wenn ich mit den Menschen im Alltag bin, Freud und Leid mit ihnen teile, stärke ich auch die Bindung zur Kirche.« Natürlich hätte er gestern Vormittag nicht zu einem ehemaligen Gemeindeglied an dessen 85. Geburtstag ins Seniorenheim nach Rudolstadt fahren müssen – das nicht zu seinem Pfarrbereich gehört. »Aber kann ich Menschen so enttäuschen?«, fragt Tschirschnitz. Danach war 14 Uhr Taufgottesdienst in Teichel, anschließend ein 70. Geburtstag in Geitersdorf, und am Abend wartete die Taufgesellschaft und ein weiteres Geburtstagskind. »Das ist auf dem Dorf noch so üblich und ich nehme diese Gelegenheiten gern wahr. Hier treffe ich meine Gemeindeglieder, ihre Familien und die Kirchenferneren in gelöster Atmosphäre. Und es werden Termine gemacht, unter anderem für sieben weitere Taufen, nur in Teichel.«

Nach dem Taufgottesdienst in Kirchremda wird der 52-Jährige heute kurz nach Hause fahren, mit seiner Frau etwas essen und dann gemeinsam weiter nach Milbitz eilen. Hier ist um 14 Uhr Konfirmation. Frau Tschirschnitz wird auf der Orgelbank Platz nehmen und den Gemeindegesang begleiten. »Im vergangenen Jahr habe ich vier Konfirmationsgottesdienste gehalten, weil den Gemeinden diese Verankerung der jungen Leute wichtig ist. Und da haben sie recht.«

Die Kreissynode Rudolstadt-Saalfeld beschloss am 20. April, die Pfarrstellen Teichel und Remda auf jeweils 50-Prozent-Stellen zu senken. Landeskirchliche Zwänge würden dies verlangen, war einen Tag später auf der Internetseite des Kirchenkreises zu lesen. Parallel dazu soll die Pfarrstelle Teichel durch eine zehnprozentige Beauftragung für Gehörlosenseelsorge im Kirchenkreis aufgewertet werden, verbunden mit einer 25-prozentigen Beauftragung für Schwerhörigenseelsorge in der Landeskirche.

Sicher, Pfarrer Tschirschnitz hat auch auf diesem Gebiet langjährige Erfahrungen, »aber, sind solche Strukturveränderungen auch zielführend?«, fragt er. Er spüre, dass mehr Angst als Hoffnung die Kirche in immer neue Strukturdebatten treibe. Das hemme Kreativität und beeinträchtige die Glaubwürdigkeit. Es werde mit Prozenten hin- und herjongliert, die Überalterung ins Feld geführt und über zu wenig Geld geklagt, obwohl die wirtschaftliche Situation noch nie so gut war. Er vermisse das Abrufen von Kompetenz und ein offenes Suchen nach Lösungsansätzen, um im ländlichen Raum Kirche zu stärken. Die Gemeinden seien willig, aufeinander zuzugehen, doch man dürfe ihnen nicht die Beheimatung in der eigenen Kirche und den Ansprechpartner vor Ort nehmen, sonst verlassen sie die Kirche. Kirchliches Leben sei keine Eventkultur, sondern ein Standby-Modus.

Pfarrer Markus Tschirschnitz machte auf die entstandenen Defizite und die fehlende Zeit aufmerksam. Jetzt zog er die Reißleine und gab die Vakanzvertretung für das Kirchspiel Remda offiziell zurück. Erleichtert fühle er sich nicht, eher wie ein Fahnenflüchtiger, der mit seinen Kräften am Ende ist. »Die Menschen hier sind mir doch ans Herz gewachsen.«

Uta Schäfer


Kirchliche Prozentrechnung
Pfarrer Markus Tschirschnitz übergab der Kreissynode Rudolstadt-Saalfeld einen Erfahrungsbericht der vergangenen Jahre und bezog sich dabei auf die für ihn geltende Dienstvereinbarung für Pfarrer und ordinierte Gemeindepädagogen. Dort werde zwischen Gottesdiensten, Andachten, Kasualien, Seelsorge, Gemeindeveranstaltungen und Begleitung Ehrenamtlicher, Leitung, Konvente, Verwaltung und Weiterbildung unterschieden und diese Tätigkeiten jeweils mit einem Zeitbudget unterlegt. Ein erhöhter Verwaltungs- und Koordinierungsaufwand in Zeiten von Baumaßnahmen, für die Friedhofsverwaltung oder für vermietete Pfarrhäuser werde nicht berücksichtigt. Ebenso wenig seien Gemeindefahrten, Chorstunden, Gemeindefeste oder Jubiläen darin vorgesehen. Auch Fahrzeiten würden nicht erfasst.
Dazu ein Rechenbeispiel von Pfarrer Tschirschnitz zum Thema Besuche:
Von 1200 Gemeindegliedern sind mehr als ein Viertel in einem Alter, bei dem der Besuch des Pfarrers zum Geburtstag erwartet wird. Das ergibt 300 Besuche im Jahr bzw. 25 pro Monat und sieben bis acht pro Woche. Die Dienstvereinbarung gibt eine Stunde je Besuch vor, ohne Fahrzeiten anzurechnen, die bei elf Dörfern aber anfallen.


Losfahren und ankommen

15. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Unterwegs: Die Zahl der Radfahrerkirchen und Radgottesdienste in Mitteldeutschland wächst stetig

Mancher freut sich über stille Einkehr, andere über ein intensives Gemeindeerlebnis. Radwegekirchen erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

Kristin Jahn ist auch zwei Wochen später noch begeistert. »Für uns war es eine Premiere, und zwar eine gelungene«, bilanziert die Pfarrerin an der Wittenberger Stadtkirche. Die Kirchengemeinde hatte am 30. April zu einem besonderen Gottesdienst eingeladen, mit über vier Stunden Länge und zwei Ortswechseln. Fast zwei Dutzend Menschen kamen mit ihren Drahteseln zum ersten Radtourgottesdienst rund um Wittenberg, an den Stationen schlossen sich weitere Männer und Frauen an. »Unsere Fahrt lebte von gastfreundlichen Gemeinden, wir haben Kirchspielgrenzen überschritten, und es war so viel kommunikativer«, schwärmt Pfarrerin Jahn. Denn die Gottesdienst-Besucher seien nicht bloße Konsumenten, jeder allein ins Gebet vertieft. »Die Gemeinschaft hat sich ganz anders erlebt. Es entstehen viel einfacher Gespräche«, berichtet Kristin Jahn.

Machte 2003 den Anfang: Weßnig bei Torgau. Foto: Kirchengemeinde

Machte 2003 den Anfang: Weßnig bei Torgau. Foto: Kirchengemeinde

Selbst am Ausgangspunkt der Reformation, in der Lutherstadt Wittenberg, genügt es scheinbar nicht mehr, das Kirchenjahr einfach abzufeiern. Auch hier lassen sich Geistliche und Gemeindeglieder etwas einfallen, um die Botschaft zu den Menschen zu bringen. Die Wittenberger Premiere ist ein Steinchen in einem Mosaik aus Radfahrerandachten, Radgottesdiensten und Radwegekirchen in der EKM und der Anhaltischen Landeskirche.

67 mit Siegel zertifizierte Radkirchen gibt es aktuell auf dem Gebiet der EKM, von Hildburghausen in Südthüringen über Weßnig im Kirchenkreis Torgau-Delitzsch bis nach Seehausen in der Altmark. In der Landeshauptstadt Magdeburg öffnen sich vier Kirchen den Radfahrern in besonderer Weise, selbst in der Kleinstadt Wiehe im Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda sind es zwei Gotteshäuser. In Anhalt – Deutschlands kleinster Landeskirche – haben bereits elf Kirchen das Zertifikat, am bekanntesten ist wohl Steckby an der Elbe.

Doch auch die Städte ziehen mit: Allein drei Kirchen in Bernburg tragen das Signet mit Radfahrer-Piktogramm und Kirche. Die meisten Radfahrerkirchen befinden sich an den großen Radwegen. Aber auch abseits breiter Pfade lässt sich viel entdecken: einen Internet-Reiseführer zu den Dorfkirchen im Wittenberger Land und rund um die Dübener Heide bietet der Verein »Mitteldeutsche Kirchenstraße« an, und im EKM-Veranstaltungskalender werden regelmäßig herzliche Einladungen ausgesprochen, wie Ende April im 180-Seelen-Ort Kriechau bei Weißenfels. Das dortige Kirchlein ist keine offizielle Radwegekirche, liegt aber direkt am Saale-Radweg. Zum jährlichen Saisonstart organisiert Kirchenälteste Beate Schlegel eine Tour zu umliegenden Kirchen.

Zu den bekanntesten Radfahrerkirchen gehört Weßnig bei Torgau. Das rund 200 Jahre alte Kirchengebäude liegt direkt am Elberadweg, wird seit 2003 als Radfahrerkirche genutzt, und ist damit Deutschlands erste Radwegekirche. 5 000 Radfahrer machen hier jährlich Halt – die Ankommenden werfen einen kleinen Stein in eine Box, das ermöglicht eine Schätzung der Besucherzahlen – und rasten vom Radeln. »Sie halten aber auch inne, beten und lassen ihren Gedanken freien Lauf«, weiß Pfarrer Maik Hildebrandt. Manche tragen sich in das Gästebuch ein oder hinterlassen auf losen Zetteln ihre Gedanken – Hildebrandt greift dies oft im Fürbittengebet auf. Der Theologe betont, dass in der Kirche jeder willkommen ist. »Aufgrund der Einträge im Gästebuch oder der Gebetszettel ahnen wir, was die Menschen mit sich herumtragen, wenn sie auf dem Elberadweg unterwegs sind und sie einen Ort finden, um all das einmal aufzuschreiben oder im Gebet auszusprechen«, sagt der Pfarrer. So unterschiedlich die Menschen auch seien, das Angebot des Auftankens und Entschleunigens in der Kirche nutzen alle gleichermaßen. Dass dies möglich ist, dass die Weßniger Kirche täglich auf- und zugeschlossen wird, dass sie ordentlich ist und immer eine Kerze brennt, darum kümmert sich in Weßnig ein Ehrenamtlicher. »Die Zahl der ehrenamtlich Tätigen wird kleiner. Zur Eröffnung der Radfahrsaison im Mai haben wir über die Jahre hinweg immer Kaffee und Kuchen angeboten. In diesem Jahr war das nicht mehr möglich. Uns fehlen die Engagierten in unseren kleinen Gemeinden«, berichtet der Pfarrer.

Die Idee der Radfahrerkirchen ist vergleichsweise jung, heißt es vom Kirchenamt der EKD. Erstmals explizit als Radfahrerkirche genutzt wurde der Nachbau der Johanniskirche im Klosterpark Reinhardsbrunn in Thüringen, die Kapelle trägt jedoch nicht das grüne Signet. Das Logo sowie einheitliche Standards existieren seit 2009, seit 2012 lassen sich alle teilnehmenden Kirchen in einem gemeinsamen Internetauftritt finden. Derzeit können Pedalritter an 357 deutschen Kirchen, an 106 Radwegen gelegen, rasten.

Eine gemeinsame Strategie für die Radwegekirche auf dem Gebiet der EKM gibt es derzeit nicht. In der Landeskirche ist das wichtige Feld »Kirche und Tourismus« verwaist. Die Projektstelle, die auf die Kirchenprovinz Sachsen zurückgeht, ist ausgelaufen. »Da kann man niemandem einen Vorwurf machen«, sagt Matthias Ansorg, Leiter des EKM-Gemeindedienstes. Derzeit stehen Luther und das Reformationsjubiläum im Fokus. In Kontakt mit den Verantwortlichen vor Ort bleibt der Gemeindedienst dennoch und hofft, ab 2018 wieder mehr Kraft für Kirche und Tourismus zu haben. Gerade die Radwegekirchen seien eine »unendlich wichtige Schnittstelle zur Welt«.

Katja Schmidtke

Nächste kirchliche Radtour in der EKM: Am 22. Mai im Pfarrbereich Braunsbedra (Kirchenkreis Merseburg): Um 13 Uhr beginnt an der Gnadenkirche in Bedra die Rad-Sternfahrt nach Branderoda.

Schild weist den Weg


Blick-2-20-2016Wer das Signet »Radwegekirche« tragen will, muss Voraussetzungen erfüllen: Radwegekirchen liegen in unmittelbarer Nähe zu einem Radwanderweg und sind zwischen Ostern und dem Reformationstag tagsüber verlässlich geöffnet. Sie sind durch Hinweisschilder als Radfahrerkirche ausgewiesen und bieten Abstellmöglichkeiten für die Räder, Tische und Bänke zur Rast, idealerweise auch Zugang zu Trinkwasser und Toiletten. Vor allem aber sollen sie als Kirchen erkennbar sein: Sie sind ein geistlicher Raum, bieten Gelegenheit zu Andacht, Gebet oder Seelsorge. Eine Karte mit allen Wegen und Kirchen in ganz Deutschland unter:
www.radwegekirchen.de


Mit Bibel, Bier und Bollerwagen

7. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Männerwallfahrt: Wandern mit Gottes Segen – Seit 60 Jahren ist ein kleiner Hügel im Eichsfeld zu Himmelfahrt Ziel nicht nur für katholische Männer


Diesen Termin haben sich katholische, aber auch evangelische Christen dick im Kalender angestrichen: Himmelfahrt! Zu Fuß, mit dem Auto, Pferdegespann, Fahrrad oder Bus brechen Tausende Männer nach Wachstedt auf. Von dort aus wollen sie das »Klüschen Hagis«, eine kleine Barockkirche mitten im Eichsfelder Westerwald, erreichen.

Traditionell ist die Männerwallfahrt Sache der Männer. Aber Frauen sind längst keine Ausnahme mehr. »Die ›Ihr-habt-hier- nichts-verloren‹-Zeiten sind längst vorbei«, sagt Wallfahrtsleiter Tobias Gremler. Familien, vor allem aber Väter, Söhne und Enkel, zieht es an den idyllischen Ort, vor allem wegen seiner Lebendigkeit bei Wallfahrten und Gottesdiensten. »Das war immer ein Väter-Söhne-Tag für uns«, erinnert sich Gremler an seine Kindheit, als er mit Vater und älterem Bruder zum Klüschen zog.

»Klüschen Hagis«, die kleine Klause des Hagens, erinnert an eine Eremitenklause, die einst neben der heutigen Wallfahrtskirche stand. – Foto: Veranstalter

»Klüschen Hagis«, die kleine Klause des Hagens, erinnert an eine Eremitenklause, die einst neben der heutigen Wallfahrtskirche stand. – Foto: Veranstalter

Zum 60. Mal pilgern hauptsächlich Thüringer Katholiken an den denkwürdigen Ort. Aber auch aus Dortmund und dem Bistum Fulda kommen Gläubige. »Der DDR-Staat musste zähneknirschend zusehen und zuhören, ohne wirklich eingreifen zu können«, erinnert sich der langjährige Wallfahrtsleiter Johann Freitag an frühere Zeiten. In Thüringen hat es damals wohl kaum andere Veranstaltungen als die großen Wallfahrten der katholischen Kirche gegeben, wo vor so vielen Menschen in dieser Offenheit und Klarheit gesprochen wurde. »Sie wollten einfach aus der staatlichen Bedrängnis heraus. Das war das geistliche Element im Jahr«, erklärt Gremler, der seit 2013 die Wallfahrt organisiert. Die diesjährige Wallfahrt steht unter dem Leitwort »Ich teile mit dir«. Wie fast immer wird auch in diesem Jahr der Erfurter Bischof den Wallfahrtsgottesdienst vor der kleinen Barockkirche zelebrieren. Für Ulrich Neymeyr ist es das zweite Mal in seiner Amtszeit. Vorgänger Joachim Wanke bekam hier regelmäßig ein Geburtstagsständchen.

Auch zur Jubiläumswallfahrt werden Pilgerscharen erwartet. Unter ihnen befindet sich einer der bekanntesten geistlichen Autoren unserer Zeit, Pater Anselm Grün aus der Abtei Münsterschwarzach. Bei der Wallfahrt wird diesmal eine fünf Meter hohe Skulptur, die vom Hüpstedter Holzbildhauer Heinz Günther angefertigt wurde, gesegnet. Sie stellt einen Pilger dar und wurde anlässlich des Jubiläums vom Bistum Erfurt in Auftrag gegeben.

»Wann haben Sie das letzte Mal etwas geteilt, das Ihnen wirklich wichtig war und am Herzen lag?«, fragt Tobias Gremler, zugleich Referent im Seelsorgeamt und Organisator der Männerwallfahrt. Angesichts des Wallfahrtsthemas »Ich teile mit dir« denkt Gremler nicht nur an Materielles. »Sind wir bereit, so viel von unserem Hab und Gut zu geben, dass wir uns selber einschränken müssen?« Im Jahr der Barmherzigkeit gelte es auch, das Teilen von Zeit, Schmerz, Trauer, Ohnmacht und Leid in den Blick zu nehmen, sagt Gremler.

Knapp drei Stunden werden mehr als 10000 Männer und einige Frauen auf der großen Wiese ausharren. Viele haben Decken, Kissen, Klappstühle und natürlich Bibel und Gesangbuch dabei. Auch 60 Jahre nach der ersten großen Männerwallfahrt am Fuße des Gleichensteins erhalten sie eine Orientierung, wie der Glaube in einer sich rasant ändernden Welt gelebt werden kann. »Vor allem die Predigten und die große Gemeinschaft werden mit Vorfreude erwartet«, erklärt Klüschenpfarrer Josef Jacobi das Besondere dieser Wallfahrt.

Das Klüschen Hagis ist einer der bekanntesten von mehr als 30 Wallfahrtsorten im katholisch geprägten Eichsfeld. Dass es seit 1957 alljährlich Ziel von Tausenden Pilgern wurde, hat einen Grund: Weil der bis dahin weitaus bekanntere Hülfensberg bei Geismar im thüringisch-hessischen Grenzgebiet für viele Wallfahrer unerreichbar blieb, wichen die Gläubigen auf das »Klüschen« mit mehr als 400 Jahren Wallfahrtstradition aus. Fortan war das spätgotische Bildnis der Schmerzensmutter alljährlich Ziel der Gläubigen. 1967 wurden 23000 Menschen gezählt. »Mit dem Klüschen Hagis fanden Männer einen Ort, an dem sie frei beten, singen und ihre Gottesdienste feiern konnten. Trotz des DDR-Regimes, das den Atheismus zur Staatsreligion erklärt hatte«, sagt Freitag.

Bischöfe, wie Joachim Wanke, nahmen kein Blatt vor den Mund, wenn es galt, die gesellschaftliche Gegenwart im Licht des Glaubens zu deuten. In guter Erinnerung geblieben ist beispielsweise der Aufruf von Wanke im Jahr 1988, angesichts wachsender Ausreisewünsche »sich als Christen in diesem Land einzubringen«. Nachhaltig war auch eine Predigt, in der er die Männer aufrief, in den Zeiten von »Durchsetzungsvermögen, Karrierebewusstsein und Härte« auf »Gottes- und Nächstenliebe« zu setzen. Wer zum Klüschen pilgert, erwartet klare Worte vom Bischof – sei es zur ehelichen Treue oder zu fehlender Nächstenliebe.

Seit den ersten Klüschenwallfahrten haben sich zahlreiche Veränderungen vollzogen. Beispielsweise wird seit 1966 auf Deutsch zelebriert. Heute selbstverständlich, damals aber eine Sensation. 1971 predigte erstmals ein Laie in der Feierstunde. Nach und nach mischten sich immer mehr Frauen unter die Wallfahrer, konnten auch evangelische Christen begrüßt werden. 1998 war Martin Herche, der damalige Superintendent des Kirchenkreises Eichsfeld, dabei – passend zum Leitwort »Christen sprechen mit einer Stimme«.

Nach der Abschaffung des Himmelfahrtstages als gesetzlicher Feiertag 1968 bis 1990 musste die Wallfahrt sogar sonntags stattfinden. Seit 26 Jahren ziehen die Wallfahrer wieder am Fest Christi Himmelfahrt in den Westerwald und suchen sich ein Plätzchen auf dem Wiesenhang vor der Wallfahrtskirche. Wie viele es genau sind, kann nicht gesagt werden. »Gezählt wird die Anzahl in einem Quadrat und dann hochgerechnet«, sagt Gremler.

Claudia Götze

Der Küster und sein Chef

2. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Kirchenwächter mit Leib und Seele – Roberto Bergmann: »Ohne Leidenschaft für die Kirche, die Menschen und den Glauben geht es nicht«

An seinem ersten Arbeitstag übergab ihm der Superintendent eine Handvoll Schlüssel mit der Bemerkung: »Die passen alle – irgendwo.« So habe er sich damals seine neue Arbeitsstelle im wahrsten Sinne des Wortes »erschlossen«, erinnert sich Küster Roberto Bergmann.

Das ist jetzt 27 Jahre her. Eigentlich hat er mal Bäcker gelernt, aber die Nachtarbeit war nicht sein Ding. Da fehlten ihm einfach die sozialen Kontakte. Als seine Frau angefangen hatte, in Weimar zu studieren, ist er mitgegangen und fand in Apolda in der Kirchensteuerstelle als Sachbearbeiter Arbeit. Als die Stelle des Küsters zu besetzen war, fragte ihn der Superintendent: »Herr Bergmann, wär das nicht was für Sie?« Und ob.

Ein Jugendtraum schien in Erfüllung zu gehen. Schon in Waltersdorf, seinem Heimatort in der Sächsischen Schweiz, hatte er als Kind das Küster-Ehepaar bewundert. Sie war für die Kirche zuständig, der Mann hatte den Friedhof unter sich. »Vor dem hatte ich Spindus!« Was wohl soviel wie Respekt bedeuten soll. Wenn er den Schulweg abkürzen wollte, ist er öfter über den Friedhof gegangen. Aber wehe, wenn ihn der Küster dabei erwischt hat. Dann musste er die Füße in die Hand nehmen.

Manchmal hängt Roberto Bergmann auch in den Seilen. Die Zwiesprache mit seinem »Chef« hilft, den Blick wieder himmelwärts zu lenken. Foto: privat

Manchmal hängt Roberto Bergmann auch in den Seilen. Die Zwiesprache mit seinem »Chef« hilft, den Blick wieder himmelwärts zu lenken. Foto: privat

Die Schlüsselgewalt über die Kirche zu haben, das hatte ihn damals schon fasziniert. Und so musste man ihn in Apolda auch nicht zweimal bitten, Custos – also Wächter – für die große Lutherkirche und die Martinskirche zu sein. Mit etwas Wehmut denkt er an die ersten Jahre zurück. Damals stand der Küster noch auf der Gehaltsliste der Landeskirche Thüringens. Das sei heute leider nicht mehr so. Bergmann und seine Küsterkolleginnen und -kollegen in Mitteldeutschland haben den Eindruck, ein lästiges Anhängsel zu sein.

Mit der Bildung der EKM sind Küsterstellen weggefallen. Heute gibt es vielleicht noch etwa 40 Vollzeitstellen in der gesamten Landeskirche. Bergmann ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Küster und er hat das Gefühl, dass sein Berufsstand kein ernstzunehmender Verhandlungspartner für die Kirche ist. Das Selbstbewusstsein seiner Zunft sei deshalb auch nicht sehr ausgeprägt. Küster ist im Osten kein anerkannter Lehrberuf, nur eine Tätigkeit. Das sei im Westen anders.

Olaf Wrosch, Küster an der Schlosskirche in Wittenberg, kam vor vier Jahren aus Westfalen in die Lutherstadt. Er ist stolz auf seine Ausbildung zum Küster. Er stellt aber auch fest, dass der Stellenwert des Amtes und die Wertschätzung in seiner früheren Kirchengemeinde in Soest größer waren als hier. An Dankesworten fehle es meistens nicht – auch nicht an Beteuerungen, wie wichtig die Aufgabe sei, so Bergmann. So schrieb der frühere Ratsvorsitzende der EKD, Präses Nikolaus Schneider, dem Deutschen Evangelischen Küsterbund (DEK) ins Stammbuch: »Die biblischen Vorbilder Ihres Berufs machen deutlich, dass der Küsterdienst immer ein Bestandteil der Verkündigung und damit ein im weitesten Sinne geistlicher Beruf war.« Die Realität sehen die Küster anders. Sie befürchten, dass ihr Dienst immer mehr ins Ehrenamt abgeschoben wird.

Vor vier Jahren sollte Roberto Bergmanns Stelle einer Reform zum Opfer fallen. Wenigstens eine Reduzierung sollte es werden. Aber der Küster wehrt sich. Die Arbeit sei in der vollen Stelle schon kaum zu bewältigen. Drei Kirchen hat er zu betreuen, daneben noch kirchliche Gebäude instand zu halten. 85 Prozent Betriebshandwerker, 15 Prozent Küsterdienst. Die Diakonie hat ihn schließlich übernommen. Das war eine schlimme Zeit der Unsicherheit. Früher hat man ihm mal gesagt: »Fang bei der Kirche an und du verlierst den Glauben.« Soweit ist es dann aber doch nicht gekommen. Trotz der Enttäuschung mit Gottes Bodenpersonal, zu dem er sich ja auch zählt, hat er die Freude an seiner Aufgabe nicht verloren. Wenn Menschen göttliche Ordnung fabrizieren wollen, blieben Zerwürfnisse und Verletzung nicht aus, stellt er fest. Sein Glaube habe sich in den Jahren im Kirchendienst verändert. Die Beziehung zu Gott, den er Chef nennt, ist direkter geworden. »Aus einem Bekannten wurde ein guter Freund«, stellt er fest. Wenn es ihm ganz schlecht gehe, dann schließt er sich in der Kirche ein. Wie Don Camillo hält er Zwiesprache mit seinem Gott. »So, Chef, jetzt hast du mal nur für mich Zeit!«

Das Küsteramt ist für ihn kein Beruf wie jeder andere. Da ginge es wohl allen seinen Mitstreitern gleich, meint er. Diesen Dienst könne man nicht machen ohne Leidenschaft für die Kirche, die Menschen und den Glauben. Er kenne eigentlich nur eine ehrenamtliche Küsterin, die – obwohl sie nicht konfessionell gebunden war – sich für dieses Amt interessierte. Mittlerweile habe sie sich taufen lassen, um ganz dazuzugehören. »Küster, die nur ihren Job machen, gibt es nicht. Die innere Berufung ist zu spüren.« Bergmann sieht sich nicht nur als Assistent des Pfarrers, sondern hat in seinen Vor- und Nachbereitungen der Gottesdienste immer die Gemeinde vor Augen. »Der Kantor ist für die Musik zuständig, der Pfarrer für die Predigt und die Liturgie und ich sorge für den einladenden Rahmen.« Besonderen Wert legt er dabei auf den Blumenschmuck am Altar. Im Frühling und Sommer komme es nicht selten vor, dass er auf dem Weg zum Gottesdienst anhält und aus dem, was die Natur bietet, ein farbenfrohes Potpourri zusammenstellt. Überhaupt hat er Freude am kreativen Gestalten. Oft kommen ihm im Gottesdienst Ideen für Meditationen und Andachten in der Passionszeit oder am Buß- und Bettag.

Eine Handvoll Schlüssel: Schlüsselgewalt über die Kirche zu haben, fasziniert den Apoldaer Küster auch noch nach 27 Jahren. Foto: Willi Wild

Eine Handvoll Schlüssel: Schlüsselgewalt über die Kirche zu haben, fasziniert den Apoldaer Küster auch noch nach 27 Jahren. Foto: Willi Wild

Bergmann fotografiert und experimentiert gern mit Licht. Bild, Text, Musik und Licht verbindet er dann zu einer Einheit. Auch die Glocken bezieht er da mit ein. »Die Glocken sind das Instrument des Küsters. Das ist unsere Musik«, sagt er und lacht dabei. Als Küster ist er der Erste und der Letzte in der Kirche. Es gebe deshalb wohl keine Küsterin, keinen Küster, die nicht von »meiner Kirche« spräche. Abgestumpft sei er trotz der vielen Predigten, die er höre, nicht. Er suche in jedem Gottesdienst ein Wort, einen Impuls, über den er nachdenken könne. »Nach all den Jahren weiß ich aber genau, an welcher Stelle in einer Predigt das Amen kommt.« Manchmal muss er vermitteln, sagt Bergmann, wenn die Predigt nicht bei allen Besuchern auf Zustimmung gestoßen ist. Da gehe es mitunter um seelsorgerliche Anliegen. Bergmann hat auch dafür ein offenes Ohr. Das bestätigen die Gottesdienstbesucher. »Der Roberto, das ist der gute Geist unserer Kirche«, schwärmt Apoldas Stadtführer Thomas Burkhardt.

Der Küster hat im Moment eine Großbaustelle zu betreuen. Die Lutherkirche wird aufwendig saniert. Bis zur Landesgartenschau und dem Reformationsjubiläum 2017 sind noch nicht alle Arbeiten abgeschlossen, aber er ist froh, dass der Altarraum in diesem Monat fertiggestellt werden soll. Dass die Kirche von der Denkmalbehörde als Bauwerk von nationaler Bedeutung eingestuft worden ist, macht ihn stolz. Seine innige Verbindung beschreibt er mit dem Psalmwort, dass über dem Gottesdienst zu seiner Amtseinführung vor 27 Jahren stand und ihn bis heute begleitet: »Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt.« (Psalm 26,8). Zu seinem Glück fehle ihm eigentlich nur noch der Schlüssel der katholischen Kirche, sagt Bergmann augenzwinkernd. »Dann wäre ich der erste ökumenische Küster.«

Willi Wild

Das geistige Erbe der Welt

25. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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UNESCO-Welterbe: Deutsche Orgeltradition soll in den Kanon des immateriellen Welterbes aufgenommen werden

Das Schönste, was Mensch und Natur uns hinterlassen haben – das möchte die UNESCO in ihren Welterbe-Listen aufführen. Jüngst nominiert: Orgelbau und Orgelmusik.

Kurz nach Ostern war es geschafft. Die fünfte Stufe in einem sechsstufigen und vieljährigen Verfahren. Jetzt fehlen nur noch ein Schritt und wieder zwei Jahre Geduld, dann könnten Orgelbau und Orgelmusik als immaterielles Kulturerbe der UNESCO anerkannt werden. Es wäre der zweite deutsche Eintrag in das internationale Verzeichnis. Oder sogar der erste, falls die »Idee und Praxis der Organisation gemeinsamer Interessen in Genossenschaften« nicht überzeugen sollte. Über diesen ersten deutschen Vorschlag entscheidet der Zwischenstaatliche Ausschuss zum Immateriellen Kulturerbe Ende November bei seiner Beratung in Äthiopiens Hauptstadt Addis-Abeba.

Orgelbau und Orgelmusik stehen ein Jahr später zur Debatte. 2014 waren sie in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden. Dieses zählt derzeit 34 Einträge, darunter auch das Choralsingen, das Sternsingen und die Passionsspiele Oberammergau. Das Choralsingen als eine spezifische Form des Chormusizierens ist seit 2015 Teil des bundesweiten Verzeichnisses. Seit den 1520er Jahren hat es in den protestantischen Kirchengemeinden weite Verbreitung gefunden: Das Singen war nicht länger nur den Priestern vorbehalten, sondern wurde von den Gemeindemitgliedern in der für jeden verständlichen deutschen Muttersprache praktiziert. Die alten musikalischen Formen des Chorals sind dank einer umfangreichen schriftlichen, vor allem aber einer lebendigen mündlichen Tradierung bis heute bekannt und werden weiterhin ausgeübt.

Adäquate Listen führen auch andere Mitgliedsstaaten der UNESCO. So weist beispielsweise Österreich das 1818 komponierte »Stille Nacht, heilige Nacht« als immaterielles Kulturerbe aus. Bei diesen nationalen Listen – die ausdrücklich keine UNESCO-Verzeichnisse sind – handelt es sich um Bestandsaufnahmen der kulturellen Traditionen der Länder. In Deutschland wächst das Verzeichnis seit Dezember 2014, unabhängig davon pflegen Bayern und Nordrhein-Westfalen zusätzliche eigene Verzeichnisse.

»O du fröhliche« wäre ein Aspirant. Foto: Maik Schuck

»O du fröhliche«. Foto: Maik Schuck

Mit der Aufnahme einer Tradition in ein Verzeichnis ist weder eine finanzielle noch eine sonstige Unterstützung verbunden. Gewährt wird lediglich die Verwendung eines einheitlichen Logos für nicht kommerzielle Zwecke. Der Vorteil liegt, wie es die UNESCO treffend formuliert, in der »Ökonomie der Aufmerksamkeit«. Was damit gemeint ist, lässt sich gut am Beispiel von Friedrich Fröbels Kindergarten-Idee zeigen. Dieser Thüringer Vorschlag für die nationale Liste war im Dezember 2014 von der Kultusministerkonferenz in Berlin abgelehnt worden. Dennoch war Fröbel wie lange nicht Thema der Berichterstattung, mögliche touristische Effekte nicht ausgeschlossen.

Der Antrag der »Vereinigung der Orgelsachverständigen Deutschlands« (VOD) zu Orgelbau und Orgelmusik war 2014 erfolgreich. Seine überzeugende Argumentation: »Deutschland hat mit etwa 50 000 Orgeln, 400 Orgelbaubetrieben mit 1 800 Mitarbeitern und 180 Lehrlingen sowie 3 500 hauptamtlichen und Zehntausenden ehrenamtlichen Organisten eine auch im europa- und weltweiten Vergleich herausragende Orgelkultur, die sich in der Vielzahl der Ausbildungsmöglichkeiten an Hochschulen und kirchlichen Einrichtungen ebenso widerspiegelt wie im großen Reichtum an Kompositionen und Aufführungspraktiken.«

Susann Winkel

Das sechsstufige Verfahren in Deutschland
1. Ausschreibung auf Bundesländerebene; die Bewerbungsunterlagen müssen nach einem Kriterienkatalog eingereicht werden. Nach einer Sichtung leitet jedes Bundesland vier Vorschläge an die Kultusministerkonferenz weiter.
2. Der Kulturausschuss der Kultusministerkonferenz berät über die Vorschläge der Bundesländer (maximal 64). Die ausgewählten Vorschläge werden an das Expertenkomitee der Deutschen UNSECO-Kommission weitergeleitet.
3. Das Expertenkomitee bewertet die Vorschläge nach festgelegten Kriterien und schlägt Aufnahmen in das bundesweite Verzeichnis vor.
4. Diese Vorschläge werden wieder an die Kultusministerkonferenz überwiesen; ebenso an die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien zur staatlichen Bestätigung.
5. Die deutschen Vorschläge zur Einschreibung in eine der drei Listen des immateriellen Kulturerbes der UNESCO (»Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit«, die »Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes« und das »Register guter Praxis-Beispiele«) werden immer im März an die UNESCO weitergeleitet.
6. Der Zwischenstaatliche Ausschuss für die Erhaltung des immateriellen Kulturerbes der UNESCO entscheidet immer Ende November über Aufnahmen in die internationalen Listen beziehungsweise das Register.

Gottes Rote Karte für Grüne Gentechnik?

17. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Kontroverse: Pro und Kontra Gentechnik – Kirche sollte differenzieren

Mit »Plaste und Elaste«, Düsenjets, Kernkraft und industrieller Landwirtschaft blickten wir in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts in eine verheißungsvolle Zukunft. Mit Forschung und Technik waren Heilserwartungen verbunden, die sich am Ende nicht erfüllten.

Offensichtlich ist die in der jüngeren Vergangenheit entwickelte Vision einer durch Wissenschaft und Technik zügig genesenden Welt falsch. Zum einen gelangten wir zu der Erkenntnis, dass Technik insbesondere durch nicht kalkulierte Fernwirkungen nur unzureichend beherrschbar ist. Zum anderen entwickelte sich Widerstand gegen eine zum Allgemeingut gewordene Erwartung an das menschliche Leben, die sich mit der Erfüllung materieller Wünsche erschöpfte. Der Philosoph Hans Jonas sprach in seinem Buch »Das Prinzip Verantwortung« von der Notwendigkeit, Ehrfurcht, Staunen und Bescheidenheit wieder zu erlernen. Insbesondere im kirchlichen Raum wurde und wird ein alternativ einfacher Lebensstil kommuniziert und praktiziert. Damit begann auch eine Debatte über Chancen und Risiken moderner Wissenschaft und Technik. Die im Kontext einer Agrargesellschaft niedergeschriebene Bibel kann uns allerdings nur begrenzt bei einer ethischen Bewertung moderner Technologien zur Seite stehen. Sie mutet uns vielmehr ein abstraktes Spannungsfeld zwischen Unterwerfung der Schöpfung einerseits und deren Bewahrung andererseits zu.

Insbesondere bei der Bewertung der Gentechnik erweist sich dieser duale Verhaltenskodex als schwierig. Die Gentechnik umfasst verschiedene Verfahren, mit denen in das Erbgut von Organismen gezielt eingegriffen wird. Bei der Weißen Gentechnik werden gentechnisch optimierte Enzyme und Mikroorganismen zur Herstellung von Bioethanol, Hormonen, Waschmitteln usw. eingesetzt. Die Rote Gentechnik ermöglicht Anwendungen in der Medizin, Tiermedizin und Pharmazie. Mehr als 130 verschiedene Medikamente einschließlich Insulin werden heute so hergestellt.

Insbesondere die Grüne Gentechnik, bei der gezielt einzelne Gene in das pflanzliche Erbgut eingebaut werden, ist als Protagonistin eines naiven Fortschrittsglaubens und eines sich humanistisch tarnenden Profitstrebens grundsätzlich stigmatisiert. Auch die evangelische Kirche hat sich entschieden: Die Grüne Gentechnik sei nicht notwendig, birgt angeblich unkalkulierbare Risiken für die menschliche Gesundheit in sich, zerstöre das ökologische Gleichgewicht und vernichte kleinbäuerliche Existenzen in den Entwicklungsländern. Diesen pauschalen Annahmen widersprechen nahezu alle Pflanzengenetiker. Viele Molekularbiologen, die sich als Christen bekennen, stehen für eine Revision der ethischen Bewertung der Gentechnik. Sie sehen keine Legitimation ihrer Kirche für eine behauptete »Rote Karte« Gottes für die Grüne Gentechnik, verleugnen aber auch nicht die jeder Technik innewohnende Ambivalenz. So, wie jeder Hammer ein äußerst nützliches Werkzeug ist, kann dieser auch als Mordwaffe verwendet werden. In diesem Sinn ist es falsch, die Grüne Gentechnik per se als »gut« zu bezeichnen, genauso jedoch, sie generell zu dämonisieren.

Schäden für Mensch und Tier?

Der kirchliche Einwand ist richtig, dass Risiken für Mensch und Tier bei Anbau und Nutzung von gentechnisch veränderten (gv) Pflanzen nicht ausgeschlossen werden können. Doch dieses gilt für jede andere Kulturpflanze auch. So mussten in der Vergangenheit einige, durch herkömmliche Züchtung entwickelte Sorten aus dem Verkehr gezogen werden, da diese toxische Wirkung zeigten.

Foto: LeitnerR – fotolia.com

Foto: LeitnerR – fotolia.com

Um ein hohes Maß an Verbraucherschutz zu gewährleisten, investierte die Europäische Union seit 1982 über 300 Millionen Euro in Forschungsprojekte, um mögliche Risiken besser abschätzen zu können. Die Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass gv-Pflanzen keine »größere Gefahr für die Umwelt oder die Lebens- und Futtermittelsicherheit darstellen als herkömmliche Pflanzen und Organismen«. Dagegen kommunizieren NGO (Nichtregierungsorganisation) nahe Einrichtungen konträre Ergebnisse: So erkrankten angeblich Ratten nach der Fütterung mit gv-Lektin-Kartoffeln, erlitten Mäuse durch gv-Erbsen einen Defekt ihres Immunsystems und wurden Kühe, Marienkäfer und Florfliegen durch gv-Mais vergiftet. Auch das Bienensterben soll eine direkte Folge des Anbaus von gv-Pflanzen sein. Diese und ähnliche schwerwiegende Behauptungen hielten einer kritischen Überprüfung durch Dritte nicht stand.

Unkontrollierte Verbreitung von gv-Pflanzen?

Richtig ist, dass eine ungewollte Verbreitung und auch Auskreuzungen von Kulturpflanzen stattfinden können, egal ob sie nun konventionell gezüchtet oder gentechnisch verändert sind. In geringem Umfang werden solche Vermischungen auch beobachtet und durch Isolationsabstände zwischen benachbarten Feldern minimiert. Die öffentliche Dramatisierung einer ungewollten Verbreitung von gv-Pflanzen beruht allerdings auf der Annahme einer – nicht nachgewiesenen – besonderen Gefährlichkeit der Produkte der Grünen Gentechnik.

Überflüssig für Bekämpfung des Hungers?

Derzeit sind zwei Milliar­den Menschen unter- bzw. mangel­ernährt. Dabei geht es bei der Bekämpfung des Hungers nicht nur um die notwendige Zufuhr an Kalorien durch pflanzliche und tierische Produkte, sondern auch um die Überwindung des »stillen Hungers«, nämlich des erheblichen Mangels an Vitaminen, Spurenelementen und Aminosäuren in den Hauptnahrungsmitteln. Entwicklungen wie die des »Golden Rice«, einer mit Provitamin A angereicherten Reispflanze, können dazu beitragen, dass sich Menschen in den asiatischen Entwicklungsländern vollwertiger ernähren und nicht Hunderttausende von Kindern erblinden. Auch der Welternährungsgipfel 2009 in Rom hat einen spürbaren Beitrag der Grünen Gentechnik zur Welternährung eingefordert. Dazu gehört ein erleichterter Zugang zu patentgeschützten Produkten oder solchen, die sich Entwicklungsländer aus anderen Gründen nicht leisten können. Bestehende Abhängigkeiten von Konzernen – die im übrigen auch für konventionelles landwirtschaftliches Saat- und Pflanzgut bestehen – müssen reduziert werden, um die von den UNO-Staaten proklamierten Ziele zur Welternährung zu erreichen. Züchtungserfolge können selbstverständlich nicht eine gerechtere Weltwirtschaft ersetzen.

Die Flut von Veröffentlichungen mit Pro- und Kontra-Argumenten zur Grünen Gentechnik (siehe unter anderem: Reinhard Szibor – Memorandum zur Verantwortung der Kirchen hinsichtlich des Themenkreises Grüne Gentechniker und Brot für die Welt: Es ist genug für alle da, Aufruf 50) erschwert selbst einem gebildeten Zeitgenossen eine Meinungsbildung.

Differenzierte Sichtweise geboten

Wie sollten sich die Kirchen bei dieser speziellen wissenschaftsethischen Frage positionieren, wenn ihnen die eigene Kompetenz zur Bewertung fehlt? Bislang haben sich die Vertreter unserer Kirchen auf die Befunde NGO–naher Einrichtungen verlassen. Die Bevorzugung von Forschungsergebnissen von »alternativen« Einrichtungen ist nach der Erfahrung einer staatlich gewollten Technikgläubigkeit der zurückliegenden Jahrzehnte nachvollziehbar, aber auf Dauer nicht fortschreibbar. Nur eine unabhängige und seriöse Forschung ist geeignet, die Öffentlichkeit über gv-Pflanzen zu informieren. Erst auf dieser Grundlage ist eine Bewertung möglich. Sollten wissenschaftliche Ergebnisse einander widersprechen, sind diese im Zweifelsfall unter kontrollierten Bedingungen zu verifizieren. Christen dürfen die Grüne Gentechnik als ein Instrument der von Gott empfohlenen Unterwerfung der Erde verstehen. Ob bei ihrer Nutzung die Schöpfung bewahrt wird oder nicht, kann nur im Einzelfall auf der Basis einer seriösen wissenschaftlichen Untersuchung entschieden werden. Dies bedeutet, dass die Grüne Gentechnik nicht per se als gut oder schlecht bezeichnet werden kann. Den Kirchen ist der Mut zu wünschen, sich einer Korrektur der von der EKD formulierten grundsätzlichen Ablehnung der Grünen Gentechnik zu öffnen.

Eberhard Brecht

www.ekd.de/agu/themen/gentechnik.html

Der Autor ist promovierter Physiker und war unter anderem am Zentralinstitut für Genetik und Kulturpflanzenforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR beschäftigt. Bis 1989 war er parteilos. Im September 1989 trat er in das Neue Forum ein und engagierte sich hier als Mitinitiator der Bürgerrechtsbewegung in Quedlinburg. Im Dezember 1989 trat er in die SPD ein. Der ersten frei gewählten Volkskammer gehörte er vom 18. März bis zum 2. Oktober 1990 an. Bei den Wahlen zum ersten gesamtdeutschen Bundestag konnte er 1990 in den Deutschen Bundestag einziehen, dem er bis zum 30. Juni 2001 angehörte.

2001 wurde Eberhard Brecht zum Oberbürgermeister der Stadt Quedlinburg gewählt und am 2. März 2008 in seinem Amt bestätigt. Am 30. Juni 2015 schied Brecht aus Altersgründen aus und trat daher zur Wahl am 22. März 2015 nicht mehr an.


Hintergrund

Immer dann, wenn mit Hilfe besonderer Verfahren die Erbinformation der Lebewesen analysiert, die Träger einer bestimmten Erbinformation, die Gene, isoliert und auf andere Lebewesen übertragen werden, sprechen wir von Gentechnik. Dabei wird häufig unterschieden zwischen der »Grünen Gentechnik«, der Anwendungen bei Pflanzen und Lebensmitteln, der »Roten Gentechnik«, der Anwendung in der Medizin und der »Weißen Gentechnik«, der Anwendung in der Produktionstechnik. Erstmals in der Geschichte der Menschheit ist es möglich, direkt in die Erbanlagen von Lebewesen einzugreifen, deren räumlichen Kontext willkürlich zu verändern und sogar einen Austausch von Genen über die natürlichen Artgrenzen hinweg vorzunehmen. Durch die Gentechnik erfolgt eine völlig neue Eingriffstiefe in die Grundlagen des Lebens, wobei die Zeitspannen, in denen Veränderungen erzielt werden, gegenüber der Evolution wesentlich verkürzt sind.

Dies führt zu neuen Herausforderungen in der Wissenschaft, deren ethische Beurteilung auch in den Kirchen als wichtige gesellschaftliche Aufgabe wahrgenommen wird.

Die Kampagne »Keine Gentechnik auf Kirchenland« der kirchlichen Umweltbeauftragten führte zu zahlreichen Beschlüssen zum Umgang mit der Gentechnik auf kirchlichem Pachtland.

Luther 2017: Schämen statt feiern?

10. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Streitpunkt: Der abgrundtiefe Antijudaismus liegt wie ein schwerer Schatten über dem Lebenswerk des Wittenberger Reformators

Seine Ausführungen über die Juden sind wirklich schwer zu ertragen. Die Synode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wird sich in dieser Woche damit befassen. Denn ein Papier der Kreissynode von Erfurt fordert, dass sich die EKM öffentlich von judenfeindlichen Äußerungen Luthers distanziere. Die Kirchenzeitung bat zwei Theologen um ihre Meinung.

Ja – Teja Begrich ist Pfarrer in Mühlhausen und Beauftragter der EKM für den christlich-jüdischen Dialog.

eja Begrich

eja Begrich

Wir feiern: Unser Jubiläum. Unsere Kirche. Ein großes Fest. Und natürlich feiern wir den Primus inter Pares – den Ersten unter den gleich großen Reformatoren ganz besonders. Also Martin Luther!

Wir sind nicht nur die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, wir sind auch eine lutherische Kirche. Theologisch und geografisch: von Möhra nach Eisleben über Mansfeld, Magdeburg und Eisenach, später nach Erfurt und Wittenberg und zum Lebensende wieder zurück nach Eisleben. Luthers Leben spielte sich fast ausschließlich auf dem Gebiet der heutigen Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland ab. Wir leben und glauben also am historischen Ort! Und natürlich sind wir ohne Zweifel darüber froh, dass Martin Luther, unser Reformator, die Bibel als frohe und heilmachende Botschaft wiederentdeckt hat.

Doch auch für Martin Luther gilt die Erfahrung der Natur: »Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten«, oder lutherisch gesprochen: Der Mensch ist immer Sünder und Gerechter zugleich. Und Luther mühte sich mächtig darum, dass sich diese Erkenntnis »fürchterlich praktisch« entfaltete. Deshalb müssen wir auf Luthers längsten Schatten und größte Sünde blicken: sein Verhältnis zu den Juden!

Gerne wurde zwischen einem jungen, judenfreundlichen, und einem alten, judenfeindlichen Luther unterschieden. Dies kann man jedoch höchstens als verzweifelten Versuch einer evangelischen »Heiligsprechung« Martin Luthers interpretieren. Seine Schriften sprechen eine andere und deutlichere Sprache: Nur der getaufte Jude ist ein guter Jude. Und wir müssen eingestehen, dass Luther an einem Gespräch mit Juden nie interessiert war. Für das, was er über und zu den Juden schrieb, können wir unseren Reformator nicht entschuldigen. Das ist und bleibt eklig auch mit jeder historischen Kontextualisierung. Seine Schrift »Von den Juden und ihren Lügen« von 1543 ist so ziemlich das Widerwärtigste, was wir uns vorstellen können. Dort wiederholt er gebetsmühlenartig, wie man mit Juden verfahren solle: »Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe, dass kein Mensch einen Stein davon sehe ewiglich … Zum anderen, dass man auch ihre Häuser zerbreche und zerstöre … Zum dritten, dass man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein … Zum Vierten, dass man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete zu lehren …«, und endet: »Drum immer weg mit ihnen!«

Luthers Ablehnung der Juden ist jedoch nicht nur theologisch begründet. Als er am 28. Januar 1546 durch Rißdorf kurz vor Eisleben fuhr, machte er die dort lebenden Juden für seinen erlittenen Herzanfall verantwortlich. In seinem Judenhass schien er sich mit seiner Frau Katharina einig, so schrieb er über eben jenen Herzanfall: »Aber wenn Du wärest dagewesen, so hättest Du gesagt, es wäre der Juden oder ihres Gottes Schuld gewesen.« Wie so oft, verrät das Personalpronomen die Gesinnung! Ist »ihr« Gott nicht der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und der Vater Jesu Christi?

Dennoch und auch angesichts des jüdischen Flüchtlingslagers vor den Toren Eislebens hat Luther beim Grafen Albrecht von Mansfeld darauf gedrungen und von der Kanzel gepredigt, dass auch diese geflohenen und vertriebenen Juden preisgegeben werden. Damit war auch die letzte Lutherstadt »judenfrei«. Und damit wird klar: Es ist nicht nur eine Freude, evangelisch und lutherisch zu sein. Auch nicht bei einem Fest!

Nein – Uwe Siemon-Netto ist Journalist und promovierter Theologe. Der gebürtige Leipziger lebt und arbeitet heute in Kalifornien.

Uwe Siemon-Netto

Uwe Siemon-Netto

Luthers Stimme schallt aus 80?000 Seiten der Weimarer Ausgabe seines Gesamtwerkes. »In dieser Stimme hören wir seltene Resonanzen der Stimme Gottes«, schrieb der amerikanische Historiker Mark A. Noll.

Luther war ein überdimensionaler, aber auch fehlbarer Mensch mit lichten und dunklen Seiten. Er sagte grandiose Wahrheiten, die wir in unserem, aus dem Leim geratenen Zeitalter dringend brauchen. Er gab aber im Alter auch Verwerfliches von sich. Das macht nur einen Bruchteil der 80?000 Seiten aus, soll aber heute ebenso wenig verschwiegen werden wie schon zu Luthers Lebzeiten, als sich selbst seine Freunde wie Andreas Osiander (1498–1552) von seinen ausschließlich theologisch motivierten Aussagen gegen die Juden distanzierten.
Statt nun am Vorabend des 500-jährigen Reformationsjubiläums das unersetzlich Wertvolle an Luthers Lehre zu betonen, suhlen sich Publizisten und Theologen fast nur im überdimensional Verwerflichen, wobei sie Luther oft geschichtsklitternd als den Wegbereiter Hitlers verleumden. Diese Leute müssen sich Fragen gefallen lassen:

Wenn der Holocaust in Luthers Lehre wurzelte, wieso wurde er dann nicht im einheitlich lutherischen Skandinavien verbrochen, sondern im gemischt katholisch-lutherisch-calvinistisch geprägten Deutschland?

Wie erklären sich Luthers Kritiker, dass sich im Zweiten Weltkrieg nicht nur deutsche Regimegegner wie die Lutheraner Dietrich Bonhoeffer und Hermann Sasse auf ihn beriefen, sondern vor allem auch skandinavische Widerstandsführer, darunter der mutige Bischof von Oslo, Eyvind Berggrav?

Überhaupt: Wieso ignorieren deutsche Theologen heute Luthers eiserne Lehre vom Widerstand gegen Despoten, eine Doktrin, die Männern wie Bonhoeffer und Berggrav Kraft gab?
Wieso übersehen sie, dass die ärgsten Bösewichte des Dritten Reiches ehemalige Katholiken waren, namentlich Hitler, Himmler, Goebbels und Julius Streicher, der den evangelischen Kirchen sogar vorwarf, Luthers judenfeindliche Schriften jahrhundertelang unterschlagen zu haben?

Warum verschweigen sie die Erkenntnis des Holocaust-Forschers Simon Wiesenthal, dass 75 Prozent der Kommandanten von Vernichtungslagern Österreicher waren, also mutmaßlich Ex-Katholiken?

Nicht dass jetzt die Schuld am Holocaust der katholischen Kirche untergeschoben werden sollte; auch das wäre ein schwachsinniges Klischee. Vielmehr war’s doch wohl so, wie der evangelische Theologe und NS-Gegner Helmut Thielicke 1945 schrieb, nämlich dass »ein Schuldverhältnis über der Welt brütet, über ihren Kontinenten und Meeren«. So ist es auch heute. Umso verwerflicher erscheint es mir, dass zum Reformationsjubiläum nicht nachdrücklich an den Schatz erinnert wird, den Luther unserer verwirrten Zeit hinterlassen hat und von dem der große britische Theologe Gordon Rupp bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb, dass er uns von Hitler heilen könne.

Dieser Schatz besteht einmal aus Luthers Wegweiser zu einem gnädigen Gott, der uns von Sünde, Tod und Teufel befreit: Nur der Glauben an Christi Erlösungswerk am Kreuz kann dies bewirken. Zum anderen weist er uns den einzigen Ausweg aus der weltumspannenden Ichsucht, an der unsere Zivilisation zu zerbrechen droht. Und hier bietet sich nur Luthers Lehre an, wonach Gott jeden Einzelnen beruft, in allen Alltagswerken dem Nächsten zu dienen – dem Nächsten, dem Anderen, und nicht sich selbst.

Was nun das düstere Vermächtnis von Luthers judenfeindlichen Schriften anbelangt, sollten wir ganz einfach sein letztes geschriebenes Wort zitieren: »Wir sind Bettler, das ist wahr.«

Dokumentiert: Wie ein Bischof mit Martin Luther die Politik der Nazis unterstützte
Der Thüringer evangelisch-lutherische Landesbischof und vormalige Lauschaer Pfarrer Martin Sasse schrieb im Vorwort zu seiner Schrift »Martin Luther und die Juden – Weg mit ihnen!« im Jahre 1938: »Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird … die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der, getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.«

»Eingaben sind wie Petitionen im Parlament«

3. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Mitsprache: Wie jedes Gemeindemitglied Einfluss auf seine Landeskirche nehmen kann

Sollte die Kirche sich stärker in der Flüchtlingsarbeit engagieren? Einkehrhäuser und Rüstzeitheime für Flüchtlingsunterkünfte zur Verfügung stellen? Und wie steht es mit dem kirchlichen Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung?

Die Gemeindemitglieder an der Basis machen sich Gedanken über das, was die Kirche tun und was sie lassen sollte. Sie haben Wünsche und Erwartungen an die Kirche. Die Landessynoden sind als Kirchenparlament das oberste Entscheidungsgremium der evangelischen Landeskirchen und damit Adressaten für die Anliegen in den Gemeinden. Wie kann nun ein einzelnes Gemeindemitglied Einfluss auf die Landessynoden der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und der Evangelischen Landeskirche Anhalts nehmen?

Jedes Gemeindemitglied kann eine Eingabe an die jeweilige Landessynode schicken. Besonders rege wird diese Möglichkeit nicht genutzt. Die Zahl der Eingaben, die pro Tagung die Synode der EKM erreiche, bewege sich im einstelligen Bereich, so Kirchenrat Thomas Brucksch, Leiter des Referates Allgemeines Recht und Verfassungsrecht im Erfurter Landeskirchenamt. In der anhaltischen Landeskirche sieht es nicht viel anders aus. »In dieser Legislatur waren es 15 Eingaben«, sagt Präses Andreas Schindler.

Synode ist – vereinfacht gesagt – das Kirchenparlament; als oberstes Entscheidungsgremium der Landeskirche stellt sie die Weichen für die Zukunft. Foto: Olga Pink – fotolia.com/Montage: G+H

Synode ist – vereinfacht gesagt – das Kirchenparlament; als oberstes Entscheidungsgremium der Landeskirche stellt sie die Weichen für die Zukunft. Foto: Olga Pink – fotolia.com/Montage: G+H

»Eingaben von Gemeindemitgliedern sind wie Petitionen beim Parlament«, erklärt Brucksch. In der EKM gehe jede Eingabe an das Präsidium, werde dort bekanntgegeben, eventuell ausgehängt, sodass sie zur Kenntnis genommen werden könne. Das Präsidium gibt dann die Eingabe je nach Thema in einen der zehn Ausschüsse der Landessynode. Das kann beispielsweise der Ausschuss für Diakonie und soziale Fragen, der Haushalts- und Finanz­ausschuss oder der Ausschuss Umwelt, Klima und Landwirtschaft sein. Es könne sein, so Brucksch, dass die Synode nicht zuständig ist. Wenn es sich etwa um eine Eingabe zur Finanzierung der Kirchturmrestaurierung in einer Gemeinde handelt, würde der Ausschuss die Eingabe an die Kreissynode weiterreichen, wo sie am richtigen Platz wäre.

Der Ausschuss versuche, das hinter einer Eingabe liegende Problem zu erkennen, das möglicherweise in der Synode beraten werden sollte, legt Brucksch dar. Im Fall der Kirchturmsanierung könne es also sein, dass der Ausschuss schlussfolgert: Es ist ein Skandal, wenn das Geld für den Kirchturm fehlt. Das muss die Synode ändern.

Wenn aus Sicht des Ausschusses das Thema im Plenum erörtert werden soll, stellt er einen Antrag an die Landessynode, beispielsweise Änderungen am Finanzsystem vorzunehmen. Die Synode könne sich aber nicht zu allen Themen äußern, merkt Brucksch an. Deshalb sei es Aufgabe des Ausschusses, zu fragen, wie mit den Eingaben umzugehen ist. Manchmal könne er zu einer Frage nichts sagen und gibt die Eingabe an das Landeskirchamt. Der Adressat einer Eingabe bekomme immer eine Antwort.

Der Weg der Eingaben läuft in Anhalt etwas anders. Die Eingaben kommen zum Präses. Er teilt sie zu Beginn jeder Tagung der Synode mit. Es gibt einen Eingabenausschuss, an den die Eingabe geht, und der überlegt, wie sie bearbeitet werden soll. Sie werde dann wie in der EKM an einen Ausschuss weitergeleitet. Einige wenige, so Schindler, gehen an den Landeskirchenrat.

Neben der Möglichkeit, eine Eingabe an die Landessynoden zu richten, kann jedes Gemeindemitglied Anliegen über die Kreissynode oder über einen Landessynodalen einbringen.

In Anhalt sind überdies während jeder Synodentagung Gemeindemitglieder zu einer Fragestunde eingeladen, die allerdings keinen großen Zulauf habe, so Schindler.

Zahlenmäßig werden nicht viele Eingaben eingereicht, im Blick auf die Themen ist es ein buntes Potpourri. In der EKM beziehen sich die Eingaben auf Kirchenmusik, die kirchliche Lebensordnung, das Pachtvergabeverfahren und das Reisekostenrecht.

Selbstbestimmtes Sterben, der konziliare Prozess und Wirtschaftswachstum sind einige der Themen in Anhalt. Oder auch die Altersgrenze für Gemeindekirchenräte, die – angestoßen durch eine Eingabe – heraufgesetzt wurde. Mussten nach der alten Regelung Kirchenälteste mit 75 aus dem Gemeindekirchenrat ausscheiden, können sie nun noch mit 75 gewählt werden. Zum Umgang mit den Eingaben in der anhaltischen Landeskirche zieht der Präses ein positives Fazit: »Ich habe noch nie erlebt, dass eine Eingabe versandet ist.«

Sabine Kuschel

Die Konfizeit hat richtig was gebracht

20. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Wie Jugendliche heute mit Glaubensgrundsätzen und kirchlichen Traditionen konfrontiert werden und was sie davon halten

Immer am ersten Sonntag im Mai ist in der Kirchengemeinde Wasungen (Kirchenkreis Meiningen) Konfirmation. Derzeit bereiten sich sieben Jugendliche auf die Einsegnung im Gottesdienst vor.

Die Namen purzeln durcheinander an diesem Donnerstagnachmittag im Pfarrhaus von Wasungen. Vanessa, Jasmin, Elisa, Anna-Lena – ständig liegt Pfarrer Stefan Kunze daneben. Dabei kennt er die vier schon, seit sie den Kindergarten besucht haben. Er war ihr Religionslehrer in der Schule, nun bereitet er sie auf die Konfirmation vor, die vier Mädchen und mit ihnen Francesco, Jesse-Pascal und Luca.

In dieser Stunde geht es um die Liturgie des Abendmahls. Am Sonntag zuvor waren einige der Konfirmanden im Gottesdienst, sie haben genau aufgepasst, als Pfarrer Kunze mit seinen Gemeindemitgliedern das Abendmahl gefeiert hat. Nun sollen sie ihre Fragen aufschreiben, dumme Fragen gibt es nicht.

Wie groß ist der Schluck Wein aus dem Abendmahlskelch und wie schmeckt eine Hostie? Antworten auf die Fragen der Jugendlichen und praktische Erfahrungen, wie hier beim Gebet, gehören zum Konfi-Unterricht. Foto: Susann Winkel

Wie groß ist der Schluck Wein aus dem Abendmahlskelch und wie schmeckt eine Hostie? Antworten auf die Fragen der Jugendlichen und praktische Erfahrungen, wie hier beim Gebet, gehören zum Konfi-Unterricht. Foto: Susann Winkel

Wie groß ist der Schluck Wein, den der Gläubige nimmt? – Groß genug für den Geist, aber zu klein für den Bauch. Wein muss aber niemand trinken, in Wasungen wird der Kelch auch mit Traubensaft gereicht. Wie schmecken Hostien? – Das unterscheidet sich je nach Rezept. Neuerdings bestellt Pfarrer Kunze die Hostien in der Hostienbäckerei im Karmelitinnenkloster »Regina Pacis« im unterfränkischen Rödelmaier. Demnächst wird die Gemeinde einen Ausflug dorthin unternehmen.

Vorerst gilt seine Aufmerksamkeit aber vor allem den sieben Konfirmanden. Viel Zeit bleibt nicht mehr, bis sie im Gottesdienst am ersten Sonntag im Mai eingesegnet werden. Zwei der Jugendlichen, Elisa und Jesse-Pascal, werden in der Osternacht von Stefan Kunze noch getauft. Jesse-Pascal saß in der Grundschule im Ethikunterricht, mit dem Übergang zur Regelschule wechselte er zum Religionsunterricht. Jugendweihe war nie eine Alternative für ihn, sagt er. Anders ist es bei Elisa, sie ist Ende Mai auch zur Jugendweihe angemeldet. »Die Hälfte meiner Familie ist kirchlich«, erzählt die 14-Jährige, »die andere Hälfte ist es nicht.« Also beides.

Zwei Wochen nach Ostern wird Pfarrer Kunze mit seinen sieben einen Tag wegfahren, auch wenn er das Ziel erst am Ende der Stunde verraten will. Dann ist es auch schon an der Zeit für den Vorstellungsgottesdienst, in Wasungen ein besonders wichtiger Termin. Die Taufpaten werden da sein, die Hochsteckfrisur muss sitzen. Anna-Lenas Probetermin beim Friseur fällt auf den Tag des Ausflugs. Hilft nichts, da muss ein neuer Termin gefunden werden, sagt der Pfarrer.

Er hat eine Aufgabe für seine Konfirmanden vorbereitet: Sie sollen den Text, der hier im Ort zur Abendmahlsfeier gesprochen wird, in der richtigen Reihenfolge auf dem Boden zusammenlegen. Ein ganzer Stapel weißer Blätter im A 4-Format liegt bereit, auf jeder Seite stehen nur ein paar Wörter. Die sieben kommen schnell voran, fehlerfrei, da staunt sogar Pfarrer Kunze. Seit zehn Jahren hat er die Pfarrstelle in Wasungen – »so gut hat das bisher noch nie geklappt«.

Schwieriger als die richtigen Worte ist die Sache mit der Hostie. Warum kann eine Oblate der Leib Christi sein? Stefan Kunze holt einen 50-Euro-Schein aus dem Portemonnaie. Eigentlich auch nur ein Stück bedrucktes Papier, aber es lässt sich bezahlen damit. Dann streift er seinen Ehering vom Finger. Gar kein so teurer, aber er steht für die Liebe. Symbole. Etwas skeptisch schauen die sieben noch drein. Wieder zurück an den Tisch. Jetzt wird gebetet.

Der Unterricht ist kurzweilig. Singen. Spielen. Neues lernen. Pfarrer Kunze achtet auf Abwechslung. Diese Gruppe brauche sehr viel davon. Wie eine Gruppe funktioniert, findet er meist in den ersten drei Monaten des Vorkonfirmandenunterrichts heraus. Bis zum Martinstag kennt er sie gut genug, um ein passendes Martinsspiel für sie schreiben zu können. »Diese Gruppe ist sehr homogen«, beschreibt er. Vanessa, Jasmin, Elisa, Anna-Lena, Francesco, Jesse-Pascal und Luca kommen alle aus Wasungen, sie kennen sich von Kindestagen an, alle gehen an die Regelschule des Ortes. Und die Gruppe ist klein. Im kommenden Jahr werden zwölf Jugendliche konfirmiert. Auch die früheren Jahrgänge, deren Bilder an der Wand des Gemeinderaums hängen, waren größer.

»Nach wie vor machen hier relativ viele Konfirmation«, sagt Stefan Kunze. Nicht nur die Schüler aus Wasungen, auch ihre Mitschüler aus den umliegenden Dörfern. Dass auch sie einmal zur Kirchengemeinde gehören würden, stand für die Achtklässler außer Frage. Nur bei Elisa ist die Entscheidung erst später gefallen, im Religionsunterricht bei Pfarrer Kunze. »Schon meine Ururururgroßmutter ist konfirmiert worden«, sagt Luca. Und danach alle Generationen immer so fort. Auch ihre Kinder würden die Wasunger Konfirmanden später einmal taufen lassen. Warum auch nicht?

Achtet auf Abwechslung: Stefan Kunze (rechts). Das gemeinsame Singen moderner Kirchenlieder gehört zu jeder Konfirmandenstunde. Der Pfarrer begleitet den Gesang am E-Piano. Foto: Susann Winkel

Achtet auf Abwechslung: Stefan Kunze (rechts). Das gemeinsame Singen moderner Kirchenlieder gehört zu jeder Konfirmandenstunde. Der Pfarrer begleitet den Gesang am E-Piano. Foto: Susann Winkel

Langsam werden Anna-Lena und die anderen ungeduldig. Sie wissen immer noch nicht, wohin der Ausflug nach Ostern geht. Gut: Kloster Veßra. Ein Freitag im Hennebergischen Museum. Morgens Hinfahrt mit dem Zug, abends Rückfahrt mit dem Zug. Filmnacht im Pfarrhaus, dort wird die Gruppe auch übernachten und am folgenden Tag den Vorstellungsgottesdienst vorbereiten. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass die sieben Zeit miteinander verbringen, mit dem Ende des Unterrichts soll nicht alles vorbei sein.

»Wir haben hier ein Ritual: Nach der Konfirmation schlafen die Jugendlichen eine Nacht in der Türmerwohnung«, erzählt Pfarrer Kunze. Nächstes Jahr organisiert er wieder eine Fahrt nach Taizé. Dann werden die Schüler alt genug sein, um mitzukommen. Auch wenn es keine feste Junge Gemeinde in Wasungen gibt, sollen sich die Konfirmanden in ihrer Kirche weiterhin zu Hause fühlen.

Zeit für das Spiel. Alle sitzen wieder um den langen Tisch mit den Lernheften und der Schale voll mit Stiften. »A« – Elisa beginnt stumm das Alphabet aufzusagen. Vanessa ruft »Stopp!«. Elisa ist bis »G« gekommen. Stefan Kunze überlegt kurz, dann fragt er: »Wo werden Glocken hergestellt?« – »Gießerei!« Punkt für Francesco. Aber um Punkte, Sieger oder Preise gehe es gar nicht, sagt Jesse-Pascal. Die sieben sind im Ratefieber. Noch so ein Ritual in den Donnerstagsstunden, die fest hinein in die Woche der Schüler gehören. »Die beiden Jahre haben richtig was gebracht«, sagt Anna-Lena. An Gott hat sie schon davor geglaubt, wie die anderen auch, aber jetzt verstehe sie vieles besser.

Sie sind schon aufgeregt. In sechs Wochen ist bereits 1. Mai. Aber jetzt muss Pfarrer Kunze noch allen eine Unterschrift ins Heft geben, die am Sonntag in seinem Gottesdienst saßen.

Susann Winkel

Sammeln will gelernt sein

14. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Fundraisingtag: Es geht um viel mehr als Geld – nämlich um die Kunst, Gunst zu gewinnen

Auf einer dramatischen Flucht von Syrien in Richtung Europa das eigene Kind zu verlieren, ist etwas, das für Eltern ein kaum vorstellbares Grauen ist. Einer kurdischen Flüchtlingsfamilie, die im Juni vergangenen Jahres in den Saale-Orla-Kreis kam, ist genau dies passiert.

Über soziale Medien konnten sie das Mädchen ausfindig machen. Doch wie das Kind zu den Eltern zurückholen? Dabei erwies sich Pfarrer Fabian Groh aus Ziegenrück im Kirchenkreis Schleiz als Retter in der Not. Unterstützt durch viele Mitstreiter in seiner Gemeinde und im ganzen Umkreis und gemeinsam mit dem Flüchtlingsrat, dem DRK-Suchdienst, dem Bundesamt für Migration, dem türkischen Generalkonsulat und der Deutschen Botschaft sowie vielen anderen Behörden, fand er das Mädchen, flog mit den Eltern in die Türkei und konnte die Familie wieder zusammenzuführen und nach Deutschland bringen. Dafür erhielt Groh im Rahmen des Mitteldeutschen Fundraisingtages am 8. März in Jena den Mitteldeutschen Fundraisingpreis 2016.

Preisträger 2016: Pfarrer Fabian Groh

Preisträger 2016: Pfarrer Fabian Groh

»Ich bin dankbar für diese Auszeichnung und freue mich, dass mein Handeln in dieser Sache von anderen als hervorhebenswert angesehen wird. Ich will mit dem, was ich tue, Menschen dafür gewinnen, ähnliche Dinge zu tun«, erklärt Fabian Groh. »Doch unendlich mehr als der Preis bedeuten mir die Menschen und die Momente, die ich in dieser Geschichte erleben durfte: in die Augen der Menschen zu sehen, die sich wieder haben und wissen, was ich an ihnen getan habe. Das ist mein Glück«, betont der 38-Jährige. Ohne die Unterstützung vieler Menschen, auch mit Geld, hätte die Geschichte der Familie kein so gutes Ende nehmen können.

Ein Schlüsselwort in diesem Zusammenhang ist »Fundraising« – »Schätze heben« könnte man den englischen Begriff übersetzen, der heute in aller Munde ist. »Beim Fundraising geht es darum, Menschen für eine gute Sache zu gewinnen, für eine Idee, einen gemeinsamen Wert«, erläutert Doris Voll, Organisatorin des Fundraisingtages in Jena. »Wir alle haben eine Verantwortung, die Welt ein Stück besser zu machen und Fundraising gibt dazu das Handwerkszeug«, so Voll.

Fundraising – die sanfte Kunst, die Freude am Spenden zu lehren? Geht es also nur ums Geld? Fabian Groh hält diese Sichtweise für falsch. Natürlich sei Geld zur Verwirklichung von Zielen wichtig und auch die finanzielle Unterstützung durch andere, aber: »Für mich ist etwas anderes wichtig beim Fundraising: Es ist für mich das Gewinnen von Menschen für ein Ziel. Ich will die Herzen der Menschen gewinnen. Gespendete Lebenszeit und Lebenskraft, das Engagement für andere ist viel mehr wert als totes Gold«, betont Fabian Groh.

Der Fundraisingtag gilt als größtes Treffen von Vereinen, Verbänden, Kirchgemeinden und gemeinnützigen Unternehmungen in Mitteldeutschland. Organisatorin Doris Voll freute sich auf den Austausch und viele Kontakte. Auch Volker Maibaum nahm an der Veranstaltung teil. Der Gemeindepfarrer von Gotha-Sundhausen ist einer von mehreren ausgebildeten Fundraisern in der EKM. Für ihn steht der Beziehungsaufbau an erster Stelle in Sachen Fundraising. »Eine Beziehung aufzubauen braucht immer Zeit. Das ist bei allen Beziehungen so, ob privat, beruflich oder eben für soziale und karitative Projekte. Um ein gutes Vorhaben voranzubringen, muss man eine gute Beziehung aufbauen: zum Spendenprojekt und zu den Spendern. Man muss aufeinander hören, die Beziehung festigen und man darf sich nicht scheuen, nach Unterstützung und eben auch nach Geld zu fragen«, so Volker Maibaum. Lokale Projekte seien gut geeignet, damit Menschen sich für sie engagieren. So zum Beispiel die Erneuerung des Glockenturms einer Gemeinde oder die Anschaffung einer neuen Orgel. Ebenso können aber auch Projekte mit Gruppen, in der Jugendarbeit oder mit Kindern gefördert werden. »Die Menschen wollen sehen, dass das für sie einen Mehrwert hat und dann sind sie auch bereit, dieses zu unterstützen«, weiß Maibaum. Er glaubt, dass die Gemeinden schon vieles in dieser Richtung richtig machen. Ein Fundraising-Workshop kann sie dabei unterstützen und ihnen professionelle Möglichkeiten und Wege aufzeigen. Dafür bietet der Gemeindedienst der EKM Unterstützung an.

Fundraiser: Volker Maibaum

Fundraiser: Volker Maibaum

Für den Fundraising-Preisträger Fabian Groh steht ebenso wie für Volker Maibaum die Beziehung zwischen Menschen beim Fundraising an erster Stelle. »Durch konkretes Engagement für Menschen wachsen Beziehungen«, ist sich der Pfarrer sicher. »Das ist etwas anderes als wenn ich anonym etwas spende.« Wer Menschen kennenlerne, dem wachsen diese quasi ans Herz, man mache echte Erfahrungen und erlebe gemeinsam etwas mit anderen. »Mir hilft das sehr, mich in dieser bewegten Welt zu verorten. Durch persönliches Engagement bekommt mein Leben in dieser Welt eine ganz neue Qualität als wenn ich die Welt nur am Bildschirm wahrnehme«, so Groh.

Mehr noch als alle anderen Einrichtungen, Träger und Wohlfahrtsverbände, die beim Mitteldeutschen Fundraisingtag teilnehmen, sind es vor allem die Kirchen, die von jeher im Besonderen vom Engagement ihrer Mitglieder leben. Und dennoch: Viele Kirchenmitglieder verweisen auf die Einnahmen der Kirchensteuer und wollen sich nicht an Projekten beteiligen. Ebenso im säkularisierten Bereich – der Staat möge doch mehr regeln. »Das ist eine fatale Sichtweise«, sagt Doris Voll. »Sowohl der Staat als auch die Kirche als Institution kann und soll auch nicht alles regeln. Ich glaube, dass das bürgerschaftliche, das christliche Engagement sozusagen das Salz in der Suppe ist, etwas, das zusammenschweißt, neue Energie gibt und Identität stiftet.« Alles Dinge, die beim Fundraising nicht nur das Projekt, sondern die Gemeinschaft an sich weiterbringen können. Die Frage, warum es wichtig ist, sich als einzelner zu engagieren und nicht alles den Institutionen zu überlassen, ist eine Frage, die sich Pfarrer Fabian Groh so noch gar nicht gestellt hat. »Ich suche in meiner Biografie vergeblich nach Anknüpfungspunkten, wo ich andere verantwortlich gesehen hätte, wenn meine Angehörigen, Klassenkameraden oder Freunde in Not waren. Jesus sagt: Alles nun, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Propheten. Dass ich mich als einzelner Bürger engagiere, ist wichtig, weil ich Mensch, weil ich Gottes Geschöpf bin.«

Diana Steinbauer

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Mit Hilfe des Fundraisings werden Unterstützer für gemeinnützige Projekte gewonnen. Es geht nicht nur um die Einwerbung von Spendengeldern, sondern auch darum, Begeisterung und Gemeinsinn zu wecken sowie am Leben zu erhalten. Fundraising versteht sich als »Kunst, Gunst zu gewinnen«.

Fundraising in den Gemeinden:
Der Gemeindedienst der EKM berät Gemeinden und vermittelt, wie Fundraising funktioniert: Wie entwickeln wir ein Projekt weiter? Wie erreichen wir Unterstützer und Spender? Wie dokumentieren und begleiten wir die Unterstützer?
Informationen unter www.gemeindedienst-ekm.de/themenfelder

Service rund ums kirchliche Fundraising:

Unter www.fundraising-evangelisch.info finden Sie auf der Internetseite der Fundraising­akademie Material, Anleitungen und Beispielprojekte.

Fundraisingtage:

Diese sind eine gute Anlaufstelle. Vorträge und Workshops führen ein in die Welt des Fundraising.

Juristen unter dem Druck der Öffentlichkeit

7. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Staatsanwalt Jens Wörmann kann sich in die Situation des Pilatus hineinversetzen

Jens Wörmann ist Staatsanwalt im Geraer Justizzentrum. Auf seinem Schreibtisch landen die von der Polizei aufgenommenen oder die bei der Staatsanwaltschaft angezeigten Straftaten. Als Staatsanwalt sammelt Wörmann die Vorgänge, prüft, ob ein Tatverdacht vorliegt, ob dem Beschuldigten die Tat nachgewiesen werden kann, und er entscheidet, ob Anklage erhoben wird oder nicht. Wenn ja, obliegt es dem Staatsanwalt, Anklage zu erheben. Ein Urteil fällt er nicht. Die Anklage geht zum Gericht, wo ein Richter die Entscheidung trifft. Wörmann sieht sich in einer anderen Rolle als Pilatus, der nach heutigem Rechtsverständnis eher mit einem Richter als mit einem Staatsanwalt zu vergleichen sei. »Als Präfekt hatte er die Kompetenzen zur Verurteilung, Bestrafung und Vollstreckung«, so Wörmann. Im Unterschied zu einem Richter beschränke sich seine Autorität auf die Anklage. Immerhin könne er mit dieser Einfluss auf einen Prozess nehmen.

Jens Wörmann in seinem Arbeitszimmer im Geraer Justizzentrum. Foto: Sabine Kuschel

Jens Wörmann in seinem Arbeitszimmer im Geraer Justizzentrum. Foto: Sabine Kuschel

Nun hat Wörmann es nicht mit so unbescholtenen Typen zu tun, wie Jesus es war. Zwar beschäftigt sich der Staatsanwalt im Alltag häufig mit leichteren Delikten wie Ladendiebstahl, Beleidigung und Schwarzfahrten. Doch ebenso fallen Mord und Totschlag, Wirtschaftskriminalität und organisierte Kriminalität in sein Ressort.

Die biblische Szene mit Jesus und Pilatus ins Heute übertragen – eine Horrorvorstellung! Ein Unschuldiger wird vor den Kadi gezerrt und verurteilt? »Ausgeschlossen sind Fehlurteile auch heute nicht.« Allerdings schätzt Wörmann das Risiko gering ein. Es sei selten, dass ein einzelner Richter ein Urteil fällt, wie Pilatus das tat. Bei großen Verfahren seien mehrere Richter beteiligt. Niemand könne in erster Instanz letztgültig verurteilt werden. Bestünden Zweifel an dem richterlichen Spruch, könnten Rechtsmittel eingelegt werden. Und wenn über mehrere Instanzen geklagt wird, seien so viele Richter und Staatsanwälte mit dem Fall beschäftigt, dass ein Fehlurteil schwer vorstellbar sei, so der Jurist.

Jedenfalls kann sich Wörmann in die Situation des römischen Präfekten hineinversetzen. Es sei ein Unterschied, ob außer den Beteiligten niemand Interesse an einem Fall hat oder ob Journalisten und Politiker daran Anteil nehmen. Die große Erwartungshaltung der Öffentlichkeit könne einen Richter und Staatsanwalt beeinflussen. In dieser Situation war Pilatus. Er sah sich als einzelner Richter einer aufgeheizten Menschenmenge gegenüber, die ihm vorgab, wie er über Jesus zu urteilen hatte.

Im Gegensatz zu Pilatus, der Jesus von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, wird Wörmann mit den Straftaten auf dem Papier konfrontiert. Der Staatsanwalt liest in den Akten die Personalien, die meist von der Polizei formulierte Aussage des Täters, Zeugenaussagen. »Das ist neutral, objektiv, verschafft Abstand. Bei schriftlichen Aussagen fehlt aber auch das Gespür dafür, ob jemand lügt.«

Pilatus konnte sich von Jesus einen persönlichen Eindruck verschaffen. Er habe keinen juristischen Grund gefunden, um Jesus hinrichten zu lassen, so Wörmann. Dass er Jesus gegen seine innere Überzeugung verurteilte, dafür spreche die Geste des Händewaschens. Pilatus traf seine Entscheidung unter dem Druck der Menschenmasse. Die Macht der Mehrheit!

Sabine Kuschel

Frauen, die sich nicht verstecken

29. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Persönlichkeiten: Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt und Superintendentin Beate Marwede machen Mut, beherzt Möglichkeiten auszuloten

Als Kristina Kühnbaum-Schmidt 2013 das Amt der Regionalbischöfin des Propstsprengels Meiningen-Suhl übernimmt, unterschreiben drei Frauen die Einladung zu ihrer Einführung: die Landesbischöfin, die amtierende Präses der Landessynode und die Präsidentin des Landeskirchenamtes. Ihr neuer Arbeitsbereich, der Süden Thüringens, hat aber selbst in der frauenfreundlichen EKM eine Sonderrolle: Kristina Kühnbaum-Schmidt ist die einzige Regionalbischöfin der Landeskirche, zwei von insgesamt nur acht Superintendentinnen der EKM sind in ihrem Propstsprengel tätig. Beate Marwede, die seit 2011 den Kirchenkreis Meiningen leitet, ist eine von ihnen. Warum sie sich trauten in das Amt, erzählen die beiden im Interview.

Superintendentin Beate Marwede und Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt. Foto: Susann Winkel

Superintendentin Beate Marwede und Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt. Foto: Susann Winkel

Ist es in Ihrem Berufsalltag noch ein Thema, dass Sie Frauen sind?
Kristina Kühnbaum-Schmidt (KKS):
Mit Marita Krüger hatte ich eine Vorgängerin, die eine sehr präsente Pröpstin war. Daher habe ich es von Anfang an als völlig unstrittig erlebt, dass eine Frau dieses Amt wahrnimmt.
Beate Marwede (BM): Im Konvent, im Kirchenkreis und in der Öffentlichkeit wird das als etwas völlig Normales verstanden. Mir begegnet auch nicht, dass ich als Frau in dieser Position infrage gestellt bin. Nur manchmal, wenn ich außerhalb der EKM bin, sind die Menschen dann doch erstaunt.

Sind Frauen in Leitungspositionen auch in der übrigen EKM selbstverständlich?
KKS:
Zu Beginn war ich im Bischofskonvent neben der Landesbischöfin die einzige Frau. Mittlerweile ist durch die Senior des Reformierten Kirchenkreises, Dr. Jutta Noetzel, noch eine Frau hinzugekommen. Das macht schon etwas aus, ohne dass ich genau beschreiben könnte, was das ist. Wir sind eine Kirche, die zeigt, dass sie ein Interesse daran hat, dass Frauen in Leitungspositionen und Repräsentationsämtern sind. Und sie tut auch viel dafür.
BM: Dieser ausdrückliche Wunsch nach Frauen in Leitungsämtern war ein Motiv, warum ich mich in der EKM beworben habe. Für das Superintendentenamt im Kirchenkreis Meiningen standen der Kreissynode drei Frauen und ein Mann zur Wahl.

Warum trauen sich dennoch so wenige Frauen, sich zur Wahl zu stellen? Derzeit gibt es 37 Kirchenkreise in der EKM. Nur acht von ihnen werden von Frauen geleitet.
BM:
Wer sich zur Wahl stellt, trägt auch immer das Risiko zu scheitern. Ich habe diese Enttäuschung erlebt, das ist nicht ganz einfach. Außerdem ist die Aufgabe von Superintendenten sehr fordernd. Frauen achten genau auf die Rahmenbedingungen für eine Aufgabe. Möglicherweise betrachten viele diese Aufgabe als sehr stressbelastet, mit Konfliktmanagement und auch der Einsamkeit dieses Amtes verbunden.
KKS: Frauen schauen manchmal zu sehr darauf, was von ihnen wohl erwartet wird und weniger darauf, in welcher Eigenständigkeit und Freiheit sie es gestalten könnten. Dabei macht Gestaltung den Reiz dieser Ämter aus. Ich würde mir wünschen, dass Frauen noch beherzter auf die Möglichkeiten zugehen, Kirche in einer nicht unwichtigen Rolle mitzugestalten.

Warum haben Sie sich getraut, den Schritt auf der Karriereleiter zu gehen?
BM:
Mich hat dieses Leitungsamt auf der mittleren Ebene mit all seinen Möglichkeiten herausgefordert – die Gestaltung der Arbeit auf Kirchenkreisebene, die Zusammenarbeit mit anderen. Eine ausgesprochen spannende und he­rausfordernde Tätigkeit.
KKS: Mich hat das Arbeiten in der EKM gereizt, die ich in der Außenwahrnehmung als große, lebendige und vielfältige Kirche erlebt habe. Zum anderen wollte ich meine Kompetenzen in eine Leitungsverantwortung einbringen, die einen seelsorgerlichen und geistlichen Schwerpunkt hat. Und ich fand die Zwischenposition zwischen Propstsprengel
und Landeskirche ungemein reizvoll.

Muss die EKM etwas ändern, damit sich noch mehr Frauen trauen?
KKS:
Wir sollten uns selbstkritisch fragen, wie attraktiv Leitungsämter sind. Regionalbischöfe sind wirklich viel unterwegs, sowohl im Propstsprengel als auch auf der landeskirchlichen Ebene. Das ist auch gut, das macht das Amt aus. Mit kleinen Kindern würde das schwer fallen.
BM: Superintendenten sind sehr viel im Kirchenkreis unterwegs und das oft auch abends, da wir viel mit Ehrenamtlichen arbeiten. Ich bin froh, dass meine Kinder erwachsen sind und dass allein mein Mann auf meine Anwesenheit oftmals verzichten muss.

Braucht es einen starken Mann hinter der erfolgreichen Frau?
BM:
Ich schätze es sehr, dass ich einen Ehemann habe, der sich vor allem ehrenamtlich engagiert und für ganz vieles im Hintergrund sorgt.
KKS: Es braucht einen starken Mann, der mit einer selbstbewussten, kompetenten Frau zusammenlebt. Eine Frau im Leitungsamt ist sicher keine, die sich versteckt, sondern eine Frau, die ein klares Gegenüber ist – auch in der Ehe.

Interview: Susann Winkel

»Es geht nicht ums Abnehmen«

22. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Passionszeit: Etwas weglassen, um etwas zu gewinnen – Fasten ist mehr als der Verzicht auf Genuss

Die Passionszeit gilt im Kirchenjahr als Fastenzeit –eine Bußübung und Besinnung auf das Leiden Christi. Heute stehen Entschlackung und Entschleunigung im Vordergrund.

Gibt man den Begriff »Fastenzeit« in eine der großen Suchmaschinen des Internets ein, so erhält man mehr als 1 150 000 Treffer. »Fastenzeit für Anfänger«, »Tipps und Tricks für die Fastenzeit«, »Anders leben in der Zeit vor Ostern«: so und so ähnlich heißen die angezeigten Seiten. Die Fastenzeit scheint im Bewusstsein der Menschen tief verankert zu sein. Dabei ergab kürzlich eine Umfrage des Nachrichtenmagazins »Focus«, dass nur 22 Prozent der Deutschen während der sieben Wochen vor dem Osterfest ihre Ess- und Trinkgewohnheiten mäßigen. In Ostdeutschland verzichten noch einmal deutlich weniger Menschen auf Alkohol, Fleisch oder andere Genussmittel.

»Wenn man Fasten nur als Verzicht begreift, dann bedeutet das eine Lebensminderung«, erklärt der Augustinerpater Jakob Olschewski. Für Bruder Jakob, der mit seinen Mitbrüdern in der Erfurter Reglergemeinde beheimatet ist, geht es in der Fastenzeit vor allem um das Wecken neuen Lebens. »Es gibt bei jedem Menschen Lebensbereiche, Talente, Interessen, die brach liegen. Ich finde es wichtig, diese zu finden und aufzuwecken, was das eigene Leben und das anderer reicher macht.«

Foto: piai – fotolia.com

Fotos: piai – fotolia.com

Das könnte das Musizieren allein und miteinander sein. Das könnte ein Bibelkreis sein, bei dem man sich mit Gottes Wort, aber auch mit den Menschen dort auseinandersetzt. »Momentan sind wir als Christen wieder besonders gefordert, für den Frieden in der Welt einzutreten, für die Gerechtigkeit und für die vielen Hilfesuchenden, die zu uns gekommen sind und noch kommen werden«, so Bruder Jakob. Das, was wir gerade erleben, könnte unsere Gesellschaft und auch die Christen verändern. »Alles, was dem Leben dient und den Beziehungen zwischen Menschen, ist etwas für die Fastenzeit«, betont er. Dabei könne man auch ganz neue Wege gehen.

So wie Tilman Wagenknecht von Bus und Bahn Thüringen. Mit seinem Team und unterstützt durch die EKM hat der gläubige Christ vor sechs Jahren das »Autofasten« in unserer Region ins Leben gerufen. Sich besinnen und das eigene Leben in der Fastenzeit neu auszurichten, hat für Wagenknecht nicht nur etwas mit Genussverzicht zu tun. »Die berufstätige Generation unserer Tage ist aufgewachsen in einem großen Bewusstsein für Fragen des Umweltschutzes. Doch bei den hohen Mobilitätsanforderungen des Berufslebens fehlen oft die Mittel, um umweltverträglich zur Arbeit und wieder nach Hause zu kommen«, so Wagenknecht. Um Job, Familie und Freizeit unter einen Hut zu bekommen, benutzen viele Menschen das Auto. Die Aktion »Autofasten«, die es auch in Rheinland-Pfalz und den katholischen Bistümern Mainz, Trier und Fulda gibt, will hier zu einem Bewusstseinswechsel verhelfen.

»Unser Autofasten-Mitmach-Kalender kann am Kühlschrank befestigt werden und ich kann immer sehen, wie ich es geschafft habe, umweltfreundlich mobil zu sein«, so Wagenknecht. Dies ist eine Möglichkeit, Schöpfungsverantwortung in der Fastenzeit wahrzunehmen und zu leben. Zusätzlicher Anreiz ist das VMT-Fasten-Ticket, bei dem die Mitmachenden sieben Wochen zum Preis einer vierwöchigen Monatskarte mobil sein können. Das Autofasten zeigt Alternativen auf, verteufelt das Auto aber nicht. Es bleibt eine Möglichkeit, die man nutzen kann.

Regeln und Verbote sind für die meisten Menschen eben nicht attraktiv. Da die Fastenzeit oft als Zeit des Verzichts wahrgenommen wird, ist es bei ihr ebenso. »Nur wenn Menschen die Kirche als eine Gemeinschaft des Lebens und nicht der Regeln, der Ge- und Verbote erleben, werden sie sich ihr zuwenden«, ist sich Bruder Jakob sicher. Darum hält er es für besonders wichtig, dass Christen von der Freude und Lebendigkeit ihres Glaubens Zeugnis abgeben. »Wir gehen auf Ostern zu. Das Leben wird wieder erwachen. Wenn wir das vermitteln, dann werden die Menschen neugierig, auf das was wir glauben und tun«, betont der Augustinerpater.

Er plädiert dafür, das Evangelium ernster zu nehmen. In katholischen, aber auch in manchen lutherischen Aschermittwochsgottesdiensten wird das Aschenkreuz gespendet. Darauf hat Bruder Jakob in diesem Jahr bewusst verzichtet. »Im Matthäusevangelium heißt es: Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, damit du dich nicht vor den Leuten zeigst mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater (…). Und darum habe ich in diesem Jahr stattdessen eine Salbung der Menschen mit Myrrhe-Öl vorgenommen«, so Pater Jakob. »Gott schenkt uns Versöhnung und ruft uns dazu auf, diese Versöhnung und Freude an unsere Nächsten weiterzugeben. Vor allem in der Fastenzeit.«

Etwas weglassen, um etwas zu gewinnen und das Leben neu ordnen. So könnte man den Sinn der Fastenzeit überschreiben. »Es geht ja nicht, wie viele glauben, ums Abnehmen«, sagt Bruder Jakob. »Alkohol, Süßigkeiten, Autofahren: all das hat ja nichts mit meinem Innersten zu tun. Was macht einen Menschen denn lebendig? Das Zusammensein mit anderen. Und darum sollte dies auch im Vordergrund stehen«, meint er. Wenn jemand beschließe, die sieben Wochen vor dem Osterfest mehr Menschlichkeit – zum Beispiel am Arbeitsplatz – zu leben, dann wirke das im Nächsten und einem selber nach. Fastenzeit ist Zeit der Menschlichkeit, ist sich Bruder Jakob sicher.

Diana Steinbauer

Kirche ist kein Vereinsheim

15. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die EKM will zum Reformationsjubiläum eine gute Gastgeberin sein

In Psalm 61 heißt es: »Lass mich wohnen in deinem Zelte ewiglich und Zuflucht haben unter deinen Fittichen.« Zuflucht, Geborgenheit, Hilfe, Ruhe und Schutz – all das will und all das kann ein Gotteshaus bieten.

»Unsere Kirchengebäude laden jeden Menschen ein, zur Besinnung zu kommen, sich in eine Bank zu setzen, ein Gespräch mit Gott zu führen oder einfach den eigenen Gedanken nachzuhängen – falls die Kirche geöffnet ist«, erklärte Landesbischöfin Ilse Junkermann während der Herbstsynode in Erfurt.

Verlässlich geöffnete Kirchen – bald eine Selbstverständlichkeit in den Gotteshäusern der EKM? Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Verlässlich geöffnete Kirchen – bald eine Selbstverständlichkeit in den Gotteshäusern der EKM? Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Dieser Umstand sei Anlass für einen Bewusstseinswechsel in der Landeskirche. »Die EKM will auf das Reforma­tionsjubiläum hin eine gute Gastgeberin sein. Dazu gehören auch verlässlich geöffnete Kirchen«, ließ die Landes­bischöfin die Synodalen wissen.

Täglich geöffnete Kirchen gibt es in vielen Regionen, wie dem Eichsfeld, in Mecklenburg oder auch in Südtirol. Auf dem Gebiet der Landeskirche aber sind nur wenige der gut 4 000 Kirchen stetig geöffnet. Das hängt mit gemeindlichen Strukturen, Personalabbau, aber auch baulichen und versicherungstechnischen Vorgaben zusammen. Denn so einleuchtend der Vorschlag der Kirchenleitung auch ist: Seelsorger und Gemeindekirchenräte vor Ort sehen bei der praktischen Umsetzung durchaus Probleme und großen Gesprächsbedarf.

Viele meinen, mit dem Aufsperren der Kirchentüre sei es nicht getan. Superintendentin Angelika Greim-Harland aus Arnstadt erklärt dies so: »Es geht zuallererst um eine grundsätzliche Öffnung der Gemeinden, deren Haus und auch Symbol die Kirche ist.« Sie gibt zu bedenken, dass »an den Stellen, wo Gemeinde vor Ort nicht mehr erlebbar ist, weil sie ausgedünnt ist, weil sie die Funktionen einer Kirchengemeinde nicht mehr vollständig wahrnehmen kann, dass es dort mitunter nicht leicht ist, ein Bewusstsein für das Vorhaben der Landeskirche zu finden«. Darum plädiert Greim-Harland dafür, das Vorhaben »Offene Kirchen« an den Prozess »Gemeinde-neu-denken« zu koppeln. »Viele kleine Gemeinden sind durch große Probleme, wie etwa die Baulast, beladen. Dies ist oft erdrückend und ein Vorhaben wie das der Landeskirche verunsichert viele, und sie fragen: Was bedeutet das für uns?« Greim-Harland hat festgestellt, dass sich im Gespräch die Widerstände und Vorurteile aber gut und schnell beilegen lassen. »Wir werden das Thema im Konvent, in den Gemeindekirchenräten und beim Kirchenältestentag besprechen«, so die Superintendentin. Für sie ist ganz klar, dass es die Öffnung der Gemeinden braucht, damit Kirche wieder öffentlicher und spiritueller Raum für alle Menschen wird.

Eben für dieses Ender­gebnis möchte die Landes­kirche die Weichen stellen und wirbt darum, dass ab spätestens Frühjahr 2016 jedes Kirchengebäude tagsüber geöffnet ist. Junkermann betonte immer wieder, es sei fatal, wenn die Kirche zu einer Art Club nur für Mitglieder verkäme, mit dem Kirchgebäude als »Vereinsheim«. Kirche für andere sein, das ist Programm.

Dass ihr Vorstoß auch Risiken birgt, dessen ist sich die Landesbischöfin bewusst. Vandalismus und Diebstahl sind ein nicht wegzudiskutierendes Risiko. Und dennoch: Auch Jesus Christus sei ein großes Risiko eingegangen. Dieses habe ihn bis ans Kreuz gebracht. »Dort hat er sehr viel Vandalismus auf sich genommen, um uns mit seiner Versöhnung zu erreichen.« Ein Argument, dem kaum etwas entgegenzusetzen ist.

Diana Steinbauer

Übergriffe in Flüchtlingsheimen

8. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Meldung ging Anfang Januar durch die Medien: In der kleinen Flüchtlingsunterkunft im anhaltischen Ballenstedt hatte ein muslimischer Syrer einer Christin aus dem nordafrikanischen Eritrea gedroht: »Ich komme im Schlaf und schlachte dein Baby.« Auslöser war eine Diskussion über den Glauben, bei der die Frau sich wohl offen zu ihrem Christsein bekannte. Sie hatte den Mut, die Polizei zu verständigen, die die Drohung erst nahm. Der syrische Mann kam mitsamt seiner Familie zurück in das Aufnahmelager in Halberstadt.

Nicht ausblenden, sondern benennen

Ballenstedts Oberpfarrer Theodor Hering kennt die Frau von ihren gelegentlichen Gottesdienstbesuchen. Es ist in Ballenstedt bisher ein Einzelfall und Hering ist erstaunt über den Widerhall, den die Meldung in den Medien und in Netzwerken fand. Aber er erlebt auch, dass solche Vorfälle heruntergespielt werden. Sicher oft in guter Absicht, keine Ressentiments gegenüber Flüchtlingen im allgemeinen und Muslimen im besonderen zu schüren. »Aber man muss klar zur Kenntnis nehmen, dass es solche Fälle von Bedrohungen gibt, und sie nicht ausblenden, sondern beim Namen nennen«, so der Pfarrer. Die Situation der Christen in den muslimisch dominierten Flüchtlingsunterkünften sei eine große Herausforderung für die ehrenamtlichen Helfer.

Christen sind eine kleine Minderheit in Flüchtlingsunterkünften – viele berichten von Anfeindungen und Hass. Foto: privat

Christen sind eine kleine Minderheit in Flüchtlingsunterkünften – viele berichten von Anfeindungen und Hass. Foto: privat

Das bestätigt auch Cordula Haase, Migrationsbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. In ihrem Arbeitsbereich wisse man »informell« um solche Bedrohungssituationen christlicher Asylbewerber und Flüchtlinge. »Informell« bedeute, dass man von derartigen Vorfällen zumeist nur im seelsorgerlichen Gespräch erführe. Besonders würden Ängste zunehmen, wenn ehemalige Muslime Kontakt zur christlichen Gemeinden finden, die Religion wechseln wollen und den Taufunterricht besuchen, so Haase.

Glaube soll außen vor bleiben

Die Beauftragte gibt offen zu, dass man bisher kaum wisse, wie mit den Problemen umgegangen werden kann. Und sie macht auf ein weiteres Problem aufmerksam: In Sachsen-Anhalt bekämen kirchliche Mitarbeiter Probleme mit den Betreibern der Unterkünfte, wenn seelsorgerliche Anliegen thematisiert würden. »Solange wir nur rein karitative Hilfe anbieten, sind wir willkommen, aber sobald wir über unseren Glauben reden, soll das außen vor bleiben«, beschreibt sie die Situation. Selbst gedruckte Einladungen zu seelsorgerlichen Angeboten dürften in manchen Heimen nicht ausgelegt werden, beklagt Haase.

Dass dies in Thüringen anders ist, bestätigt Adelino Massuvira Joao. Der gebürtige Mosambikaner ist Flüchtlingsbeauftragter des Kirchenkreises Suhl und gehört zum Beirat der großen Flüchtlingsunterkunft in der Stadt. Bedrohungen von christlichen Flüchtlingen erlebt er derzeit nicht. Den einzigen Fall im vergangenen Jahr sieht er vor allem als Folge der damals gravierenden Überbelegung des Wohnheimes. Gelegentliche Rangeleien hätten eher nationale Hintergründe, so Massuvira Joao.

Harald Krille

Frischer Wind in alten Räumen

1. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Erprobungsräume: Mit alternativen Angeboten Menschen zu erreichen ist das Ziel eines ambitionierten kirchlichen Förderprogramms


Die EKM unterstützt Kirchengemeinden, die neue Wege gehen und andere Formen ausprobieren wollen. Bis März können Projekte zur Förderung eingereicht werden.

Das Jesus-Projekt am Erfurter Roten Berg, der Stadtteilmissionar in Gotha, freie Andachtsformen im Kirchenkreis Schleiz oder die Kletterkirche bei Meiningen, all das sind Projekte, die weggehen von den bekannten Angeboten der Kirche. Sie zeigen, wie Kirche der Zukunft gestaltet sein könnte.

Um solche neue Formen zu finden und ausprobieren zu können, hat die Landeskirche die Erprobungsräume geschaffen. Damit reagiert sie auf den Wandel in Kirche und Spiritualität. Einen Wandel, eine Erosion, die bislang viel zu wenig wahrgenommen und thematisiert wurde, wie Gerhard Jahreis, Kirchenältester aus Jena, in einem Leserbrief beklagte. Das soll sich ändern. Wer andere und neue Formen von Kirche vor Ort modellhaft erproben will, der kann ein Projekt noch bis zum 15. März beim Landeskirchenamt einreichen. Die EKM bietet Unterstützung auf fachlichem, juristischem und finanziellem Gebiet an.

Die Attraktion im Kirchenkreis Meiningen: Klettern im Glockenturm der Sankt-Veit-Kirche von Sülzfeld im Henneberger Land – Foto: Archiv

Die Attraktion im Kirchenkreis Meiningen: Klettern im Glockenturm der Sankt-Veit-Kirche von Sülzfeld im Henneberger Land – Foto: Archiv

»Ermöglichungsräume sind dazu gedacht, Menschen einzuladen, den Raum für neue Formen zu öffnen«, erklärt Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, Leiter des Gemeindedezernats. Denn die Geschichte zeige, nicht nur Tradition, sondern auch Innovation habe die Kirche durch die Jahrhunderte hindurch geprägt. »Es ist nicht so, dass wir alles bisher Dagewesene in Frage stellen wollen. Aber wir suchen nach Alternativen an kirchlichen Angeboten, die die Menschen ansprechen und die Kirche bereichern«, so Fuhrmann. Sich Lösungen von morgen öffnen, das ist das Ziel der Erprobungsräume, die von der Landessynode auf den Weg gebracht und gefördert werden. Dass das auch mal schiefgehen kann, ist den Initiatoren bewusst. »Wir wollen die Menschen ermutigen, neue Wege zu denken und auszuprobieren. Dabei geben wir aber keinen Fahrplan und keine Erfolgsstruktur vor«, erläutert Kirchenrat Thomas Schlegel vom Referat Gemeinde und Seelsorge im Landeskirchenamt in Erfurt. »Wir müssen die tatsächlichen Bedürfnisse und Lebensgewohnheiten der Menschen wahrnehmen und auf sie reagieren«, so Schlegel. Das könne bedeuten, nicht nur auf den Gottesdienst am Sonntag zu verzichten und ein Angebot in der Woche zu schaffen, sondern auch die Art und Weise der Gottesdienstform zu verändern. »Die Menschen wollen eingebunden werden, wollen mitreden und mitgestalten. Eine hierarchische Gottesdienstform ist oft nicht mehr angemessen«, erklärt Oberkirchenrat Fuhrmann.

Um gefördert zu werden, müssen die möglichen Projekte sieben Kriterien genügen: in ihnen entsteht Gemeinde Jesu Christi neu, sie überschreiten die volkskirchliche Logik an Parochie, das heißt an Pfarrbezirk oder Gemeinde, an Hauptamt oder Kirchengebäude, sie erreichen die Unerreichten mit dem Evangelium und laden zur Nachfolge Jesu Christi ein, sie passen sich dem Kontext an und dienen ihm, freiwillig Mitarbeitende sind an verantwortlicher Stelle eingebunden, es erschließen sich alternative Finanzquellen und in diesen neuen Formen nimmt gelebte Spiritualität einen zentralen Raum ein.

»Kirche, das ist seit jeher Beziehungsgeschehen«, betont Thomas Schlegel. Er und seine Mitstreiter möchten die Gläubigen dazu ermutigen, auch Formen außerhalb des hauptamtlichen Angebots auszuprobieren. »Diese Projekte sollen Kontakte knüpfen und Beziehungen aufbauen, damit Gemeinschaft wächst«, so Schlegel. »Wir wollen Gemeinschaft stiften und darauf vertrauen, dass der Heilige Geist weht und etwas passiert im Miteinander.«

Blipu-05-2016 LogoDie Kirche müsse ihr Handeln mehr von der Ermöglichungsphilosophie denken, ist sich Oberkirchenrat Christian Fuhrmann sicher. »Wir sind oft viel zu wenig wach für den Menschen, doch wir müssen achtsam auf die Menschen zugehen«, betont er. Die große Vielfalt, die neue Projekte mit sich bringen, sieht Fuhrmann als große Chance. »Aber das Landeskirchenamt sagt nicht, so geht’s. Wir geben das Signal nach außen an die Basis: Euer Überlegen ist willkommen und wir wollen euch unterstützen«, so Fuhrmann.

Ausdruck dessen ist auch das Logo des Projekts Erprobungsräume, in dem das »O« in Erprobung und das »U« in Räume einen Raum bilden. »Dieser Raum könnte als Schutzraum für Pflänzchen interpretiert werden. Schutzraum, aber auch Freiraum«, erläutert Thomas Schlegel. Im Landeskirchenamt ist man gespannt, wie es mit den zahlreichen Ideen weitergeht. Begleitung wird den Teilnehmern angeboten, ansonsten darf sich jeder frei fühlen in seiner Kreativität.

»Wir wollen die Lerneffekte aus den Einzelerprobungen allen zugänglich machen«, sagt Oberkirchenrat Fuhrmann. Das geschehe aber ohne Druck. Wichtig ist ihm zu betonen, dass auch die Gemeinden, die so weiter verfahren wollen wie bisher, das durchaus tun dürfen. Man wolle nicht alles revolutionieren und von Grund auf umstülpen.

Auch den Befürchtungen, das Hauptamt werde durch eine solche Entwicklung überflüssig, tritt Fuhrmann entgegen. »Es ist ganz klar: Es wird nur ein starkes Ehrenamt geben, wenn es ein kompetentes Hauptamt gibt. Wir brauchen Pfarrer mit einer hohen theologischen Kompetenz. Wir können auf das Hauptamt keineswegs verzichten und wollen das auch gar nicht. Aber wir möchten das Signal an die Hauptamtlichen senden: Ich kann mich verändern. Die Kirche ist bereit mich zu begleiten und traut mir das zu«, so Fuhrmann.

Letztlich gehe es darum, neue Ideen zu entwickeln und sagen zu können: Auch das ist Kirche. »Wir wollen mit neuen Formen das Evangelium erfahrbar machen in dieser Gesellschaft. Auch Menschen, die mit Kirche bisher kaum in Berührung kamen, sollen bei einem Gespräch im Cafe oder bei einem Online-Gebet feststellen, das ist die Botschaft Jesu Christi und sie hat zu tun mit meinem ganz konkreten Leben«, erklärt Schlegel. »Paulus sagte, Gemeinde wachse da, wo die Gaben ins Leben kommen. Wir wollen neuen Raum für Gaben schaffen, Gaben ermöglichen für die Gemeinde.«

Diana Steinbauer

www.erprobungsraum-ekm.de

Entspannung in der Mittagszeit

26. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: In Volkenroda im Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen bestimmen Gebete den Arbeitstag


Im Kloster Volkenroda werden täglich drei Gebetszeiten angeboten. Sie bieten die Möglichkeit der Einkehr und der Begegnungen mitten im Alltag.

Tatsächlich! Um 11.55 Uhr geht sie los, die Glocke der alten Klosterkirche von Volkenroda. Die Anziehungskraft ihrer Töne ist erstaunlich. Aus allen Richtungen, Winkeln und Ecken strömen schnellen oder etwas langsameren Schrittes junge und alte Menschen in Jacken und Mänteln, Mützen und Schals heran. Die Gebetszeit ist eine von dreien täglich und gehört zum Alltag in dem wiederaufgebauten ehemaligen Zisterzienserkloster. Wo sonst könnte es sein, dass Menschen ihre Schubkarre oder den Schreibtisch stehen lassen, Telefonate oder Gespräche abrupt beenden, die Jacke überstreifen und sich allein oder in Grüppchen auf den Weg machen. Fünf Minuten später haben sich 30 Menschen im Kirchenraum versammelt und auf den Holzstühlen Platz genommen. In der Hand ein gelbes Blättchen mit dem Ablauf des 15-minütigen Innehaltens. »Es ist aufgeteilt: Einer betet und der andere singt«, sagt Klosterpfarrer Albrecht Schödl. Er ist einer der regelmäßigen »Vorbeter«, wie er sagt. Dafür gibt es einen Zeitplan. Dort steht sehr oft Klosterbruder Markus drauf, der bei fast allen Gebetszeiten dabei ist und diese schon über viele Jahre auch gestaltet.

In der Klosterkirche kann täglich zu festen Zeiten gebetet werden. – Foto: Claudia Götze

In der Klosterkirche kann täglich zu festen Zeiten gebetet werden. – Foto: Claudia Götze

»Wer kann, kommt zur Gebetszeit am Mittag«, erklärt Schödl. Auch Ulrike Köhler, die seit dem Wiederaufbau des Klosters hier lebt und mitgestaltet, kommt so oft sie kann. »Da wird viel gesungen. Das gefällt mir«, sagt Ulrike Köhler.

Regelmäßige Gebetszeiten gibt es hier seit 20 Jahren. Die Selbitzer Brüder, die zuerst das fast vergessene und zerstörte Kloster belebten, haben damit 1995 angefangen. »An einem Ostermontag«, sagt Köhler. Ab 1997 kamen Sonntagsgottesdienste hinzu. Vorher gab es nur Abendgebete, da haben die Dorfkinder die Bälle fallen gelassen und sind von der Schaukel gesprungen. Hausarbeit wurde aus der Hand gelegt und Telefonate abgebrochen. Aus Häusern, vom Spielplatz, aus dem Büro oder von der Baustelle. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad kamen Kindern und Erwachsene. Bruder Michael spielte auf der Gitarre und las eine Geschichte aus der Bibel vor. Er verband diese Erzählungen mit eigenen Erlebnissen und Erfahrungen mit Gott. Ulrike Köhler blickt gern auf die spannenden 90er Jahre zurück. 20 Kinder waren dabei, ab und zu auch deren Eltern. Das ging über Wochen und Monate. Die Dorfkinder sangen die Lieder aus der Kirche auch zu Hause. Deren Eltern wunderten sich über die fremden Melodien. Einzelne Eltern kamen und blieben an der Tür stehen. Entweder sie beobachten nur oder ließen sich mit in den Kreis hineinnehmen.

Der spätere Gebetsrhythmus hat sich am einstigen Mutterkloster im hessischen Gnadenthal orientiert. Also 7.30, 12 und 18 Uhr. Eine vierte Gebetszeit um 21.30 Uhr gab und gibt es nur selten. »Wenn besondere Gäste da sind«, verrät Ulrike Köhler. Das Abendgebet sei wie »Ausruhen. So als Abschluss noch einmal beten und den Tag abgeben«.

Das Morgengebet vereint um 7.30 Uhr viele aus der Klostergemeinschaft, die vor dem Arbeitsbeginn auf Gott treffen wollen. Im Kloster haben die Gebetszeiten natürlich auch etwas mit einem organisierten Miteinander von Beten und Arbeiten zu tun. »Wir sind ein aktives und kein kontemplatives Kloster«, erklärt Ulrike Köhler. Bei den zölibatär lebenden Kommunitätsmitgliedern ist Beten zentraler Bestandteil des gemeinsamen Lebens.

Gebetszeiten haben ihren Platz im Klosteralltag. »Jeder, der ins Kloster auf Zeit kommt, fragt nach den Gebetszeiten«, schildert Ulrike Köhler die gute Resonanz. »Wer verhindert ist, weiß, dass wir für ihn mit beten«, sagt sie. Die »Kloster auf Zeit«-Leute nehmen das Angebot sehr gern an. Christian aus Kassel (42) hat sogar die Glockenschläge gezählt. »200« sagte der gebürtige Thüringer, der im Kloster eine Lebenskrise bewältigen will. »Spätestens nach einer Woche will man das nicht mehr verpassen«, ergänzt der Familienvater. »Arbeiten und Beten hilft«, sagt er. »Du hast was in der Hand, und du tust was für den Geist.« Im Falle von Christian bedeutet das, dass er in der Landwirtschaft hilft und gleichzeitig am geistigen Klosterleben teilnehmen kann. Es sei auch nicht schlimm, wenn man zu spät kommt. »Dafür gibt es eine Hintertür, die nicht so laut ist«, weiß Dominik Pfeiffer (19), der hier ein Freiwilliges soziales Jahr absolviert. »Manchmal höre ich die Glocken nicht«, sagt der Freiburger. »Dann gibt es auch wieder Tage, wo ich öfter auf die Uhr schaue und dann pünktlich hinübergehe.« Von seinem Schreibtisch hat er die Klosterkirche gut im Blick – die Glockenschläge sind laut genug. »Das ist für Entspannung in der Mittagszeit«. Die anderen Gebetszeiten nutze er kaum. »Nur ab und zu gestalten wir Freiwilligen am Donnerstagabend die Gebetszeit mit.«

Da ist dann auch Damaris Bauer aus dem Erzgebirge dabei. Die 18-Jährige, die wie Dominik ein Freiwilligenjahr absolviert, liebt die Gebetszeiten am Mittag. »Das ist eine schöne Auszeit. Das ist Zeit für Gott. Die ist eingeplant«, sagt sie. »Man lässt alles stehen und liegen.« Bei der eher »kleinen Andacht« sehe sie auch die anderen Mitarbeiter und die Gäste auf Zeit. Frühmorgens sei mehr der »innere Kreis« versammelt. Manchmal auch fremde Gesichter. »Jeder, der sich bei uns im Kloster hier aufhält, ist auch zu den Gebetszeiten willkommen«, erklärt Schödl.

»Wenn der Stress mal besonders groß ist, will man am liebsten gleich in der Kirche sitzen bleiben«, verrät die junge Christin Damaris. Doch direkt nach dem Gebet geht es ins neue Refektorium an den Mittagstisch. Das ist auch für den Angestellten Karl-Josef Montag seit vier Jahren die meiste Zeit so. Der Wendehäuser ist auch schon morgens dabei. »Ich finde gut, dass der Tag so losgeht.« Meist erlebt er diesen Tagesauftakt an der Orgel sitzend und begleitet den morgendlichen Abendmahlsgottesdienst musikalisch. »Erst danach beginnt die Arbeitszeit«, betont Montag. Mittags hat er um 11.45 Uhr nichts mehr im Terminplan stehen. Die Gebetszeit soll keine »Belastung sondern Bereicherung« sein. Gemeinsame Pausenzeiten seien auch gut für den Arbeitsalltag. Schon auf dem Fußweg von der Kirche zum Refektorium ließe sich manches klären und eventuell beim Mittagessen und danach vertiefen.

Auch Bruder Helmut Roßkopf ist, so oft er kann, bei den Gebetszeiten dabei.Für den Geschäftsführer einer Firma im nahen Obermehler klappt das zumindest jeden Morgen. »Dann breche ich auf in meine Firma«, sagt der Klosterbruder. Bei den anderen Gebetszeiten ist Bruder Helmut nur selten zugegen.

»Ich bin immer da«, sagt der Heidelberger Theologiestudent Paul Geck. Dass man den Alltag bewusst unterbricht, um in geprägter Form zu beten«, sei das Anliegen. Albrecht Schödl spricht sogar von einem »heilsamen Rhythmus«. Dieser sei im Alltag außerhalb des Klosters kaum durchführbar. »Das gehört aber hierhin«, meint Geck. Der 24-Jährige ist seit November 2015 als Praktikant im Kloster und regelmäßig bei den Gebetszeiten dabei. »Mir ist die Konzentration auf die Fürbitten wichtig«, sagt Geck. Man könne nicht nur bei sich selbst verweilen, sondern muss den Blick auf die Welt und die Einheit der Christen richten. »Das werde ich von hier als Pfarrer mitnehmen.«

Hier im Kloster geht man rücksichtsvoller miteinander um. »Jemand, dem ich am Morgen in der Andacht Frieden gewünscht habe, dem begegne ich viel respektvoller als woanders«, nennt Karl-Josef Montag einen weiteren Effekt.

»Ich fange jeden Tag anders an«, sagt auch Christian, der sich für das »Kloster auf Zeit« entschieden hat. Bei ihm haben die Gebetszeiten schon jetzt Spürbares bewirkt. »Früher habe ich keine Pausen mehr gemacht, einfach immer weiter gearbeitet.« Für die Gebetszeiten werde die Arbeit beiseite gelegt. »Mach die Pause, sortier die Gedanken und konzentrier dich auf Jesus – ein schönes Gefühl«, hat der »Landwirt auf Zeit« dazu gelernt. Auch Damaris weiß, dass sie nach der Rückkehr ins Erzgebirge die Gebetszeiten wieder in den Alltag einplanen muss. »Hier sind sie einfach schon da.«

»Gebetszeiten sind auch für Neulinge einfach«, weiß Albrecht Schödl. »Man versammelt sich und schaut, was die anderen machen.« Für viele sei das eine ganz andere Begegnung mit Gott. Wer die Zeiten verpasst, kann jederzeit eine Kerze in der Gebetsecke der Klosterkirche anzünden und dort beten.

Claudia Götze

Baustelle Reformation

20. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Luther 2017: Das kleine Wittenberg ist der zentrale Ort für das nationale Kulturereignis des Jahrzehnts – noch bestimmen Bagger und Kräne die Szenerie


Mit dem Thesenanschlag Martin Luthers beginnt vor 500 Jahren die Reformation. Das Erbe Luthers und der Reformation zu bewahren und zu vermitteln ist Aufgabe der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Mit Vorstand Stefan Rhein sprach Willi Wild.

Luther und das Reformationsjahr sind von vielen Zeitungen im Verlauf der Reformationsdekade heruntergeschrieben worden. Haben Sie noch Lust auf 2017 oder sollte das Großereignis abgesagt werden?
Rhein: (lacht) Nein, im Gegenteil, die Betriebstemperatur steigt. Staat und Kirche haben sich geeinigt, dass Wittenberg der zentrale Ort für 2017 ist: Weltausstellung, Kirchentag, große nationale Ausstellung. Wir haben wirklich Lust darauf. Es ist das nationale Kulturereignis dieses Jahrzehnts. Wir haben uns aus den Olympiaden verabschiedet. Wir machen, wenn überhaupt, nur noch Fußball und dann eben Reformationsjubiläum. Die Lutherstädte sind alle kleine Orte und deswegen ist der große Rummel schon eine enorme He­rausforderung. Ich bin erstaunt, was in der Lutherdekade bislang schon geschafft und geschaffen worden ist. Wittenberg ist heute eine andere Stadt als 2008: Augusteum fast fertig, Stadtkirche nahezu fertig, Stadtmuseum fertig. Das macht Freude, aber ich verhehle nicht: Manchmal muss auch ich tief durchatmen angesichts der großen Aufgabe.

Ein fröhlicher Katholik in Wittenberg, wie einst Martin Luther: Direktor Stefan Rhein, Vorstand der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt – Foto: Willi Wild

Ein fröhlicher Katholik in Wittenberg, wie einst Martin Luther: Direktor Stefan Rhein, Vorstand der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt – Foto: Willi Wild

Was wird denn eigentlich begangen? Worum geht es: um Luther, die Reformation, den Protestantismus oder den Jahrestag des Thesenanschlags?
Rhein: Das wurde von Anfang an kontro­vers diskutiert, bis man sich dann auf »Luther 2017 – 500 Jahre Reformation« geeinigt hat. Marketing und Touristiker sagen: Bitte nur Luther! Kirchenpolitisch und seitens der Forschung hieß es: Bloß nicht Luther, nur Reformation. Der ökumenische Anspruch ist natürlich ein biblischer. Damit feiern wir dann nicht 500 Jahre Reformation, sondern 2000 Jahre Christentum. Christentum, das durch die Etappe Reformation gegangen ist. Also, Sie merken, es ist schwierig, den präzisen Festanlass zu definieren.

Sie sprachen gerade den Luthertourismus an. Die Erwartungen waren von Anfang an sehr hoch, was die internationale Resonanz anbelangt. Halten Sie die Prognosen für realistisch?
Rhein: Es gibt schon erstaunlich hohe Buchungszahlen an vielen Orten in Mitteldeutschland, die mit der Reformation verknüpft sind. Das kleine Hotel gegenüber der Schlosskirche ist bereits seit langem schon für 2017 ausgebucht. Die Erwartungen erfüllen sich bereits für die Reformationsorte, weil viel investiert worden ist. Das wäre alles ohne das Reformationsjubiläum nicht passiert. Die reformatorische Infrastruktur ist komplett neu. Allein dafür war die Dekade wichtig.

Kommt das Reformationsgedenken überhaupt bei den Menschen in den Stammländern der Reformation an?
Rhein: Ich finde, da ist Erstaunliches passiert. Die Denkwege zu Luther von den Evangelischen Akademien in Thüringen und Sachsen-Anhalt haben viel bewirkt. Ich denke an Geschichtswettbewerbe oder das Dekaden-Thema Musik. Wie viel Schulbands haben sich mit eigenen Kompositionen oder Fassungen zu Luther-Chorälen beworben? Reformation als Bildungsbewegung in die Luther-Dekade einzupflanzen, kulturelles Wissen weiterzugeben, das ist mir ganz wichtig. Da wurden Materialien angeboten, Spiele entwickelt. Sie finden heute im Netz eine Fülle an Internet-Seiten. Für mich stand von Anfang an die Frage im Vordergrund, wie kann ich die Zivilgesellschaft für dieses Jubiläum begeistern? Als ich nach Wittenberg kam, gab es hauptsächlich Stadtbilderklärer. Heute haben wir leidenschaftliche Reformationsbotschafter auch in Eisleben oder in Mansfeld. Ich glaube, dieses Reformationsjubiläum ist eine Graswurzelbewegung geworden. Nicht immer spektakulär. Doch andererseits haben wir wöchentlich einen Pressespiegel mit bis zu 300 Zeitungsartikeln über Reformation, allein in Deutschland.

Worin unterscheidet sich dieses Reformationsjubiläum von vorangegangenen?
Rhein: Es wird viel mehr als früher ein Kulturereignis werden. Das zeichnet sich schon jetzt ab. Und, nicht nur Luther rückt in den Fokus. Diesmal soll ein Blick auf die Reformationsbewegung gerichtet werden. Als wir 2008 begonnen haben, formulierten wir es so: Es soll international sein, es soll ökumenisch sein und es soll nicht nur retrospektiv, sondern prospektiv sein. Wir wollten aber auch den Versuch unternehmen, Luther von den Wurzeln zu begreifen. Wir stellen ihn heute vielfach als den Held des Fortschritts dar und Teil unserer Geschichte. Aber es ist wichtig, ihn auch, wie das der Jenaer Theologieprofessor Volker Leppin tut, aus der spätmittelalterlichen Frömmigkeit heraus zu verstehen.

2017 geht es um 500 Jahre Thesenanschlag. Seit Jahren wird die Frage diskutiert: Hat er nun oder hat er nicht.
Rhein: Ich bin sogar sicher, dass es den Thesenanschlag gegeben hat. Das Zitat von Georg Rörer, Privatsekretär zu Lebzeiten Luthers, ist für mich ein starkes Argument. Er schreibt, dass die 95 Thesen an die Türen der Wittenberger Kirchen angeheftet worden sind. Letztlich kommt es natürlich auf den Inhalt der Thesen an. Der Glaube an den Thesenanschlag ist im Übrigen keine Einstellungsvoraussetzung bei uns (lacht). Ein Argument dafür ist die Tatsache, dass er erst sehr viel später inszeniert und monumentalisiert wurde. Ich will jedenfalls dafür werben, 2017 an den Thesenanschlag zu glauben. Egal, ob das Thesenpapier mit einem Nagel oder mit Wachs an der Schlosskirche angebracht worden ist.

Das offizielle Reformationsjahr beginnt in knapp 10 Monaten. Wie weit sind die inhaltlichen und realen Baustellen fortgeschritten?
Rhein: Da hat jeder sein Päckchen zu tragen. Wir als Stiftung Luthergedenkstätten müssen erst mal das Augusteum fertig bauen, den Ort für die nationale Sonderausstellung. Wir werden in diesem Jahr in den USA präsent sein. Mit »Here I stand!« wollen wir in New York, Minneapolis und Atlanta für Luthers Land in Mitteldeutschland werben. Zum ersten Mal werden dabei wertvolle Exponate der Reformationszeit ins Ausland gehen.

Die Vorbereitungen hier müssen natürlich auch weiter gehen. Wir wollen zum einen den jungen Luther darstellen, wie er existenziell um die reformatorische Botschaft gerungen hat. Und wir machen ja noch einen zweiten Teil, in dem wir 95 Menschen vorstellen, die auch in ihrer eigenen Existenz davon angesprochen worden sind. Wir zeigen Menschen, die sich vom 16. bis ins 21. Jahrhundert von Luther inspirieren ließen. Thomas Mann oder Wilhelm der II. und andere. Damit sind wir im Moment befasst.

Darüber hinaus müssen in Wittenberg ganz praktische Fragen geklärt werden: Parkplätze, Ausschilderungen, wie können Mitarbeiter von Gastronomie und Hotellerie geschult werden? Diese kleine Stadt bereitet sich immerhin auf die Welt­ausstellung der Reformation vor. Ich habe gestern einen Anruf aus Südkorea bekommen. Der Bischof will mit allen Pastoren nach Wittenberg kommen. 20 Prozent der Südkoreaner gehören einer protestantischen Kirche an.

Es ist auf jeden Fall ein kirchliches Ereignis. Aber es wird auch ein stark kulturelles Ereignis werden. Darauf kann man sich, glaube ich, auch freuen.

Besucher im Überblick
Insgesamt konnte die Stiftung 154417 Gäste in ihren fünf Museen begrüßen, eine Steigerung zum Vorjahr:
Luthers Geburtshaus, Eisleben 24505; Luthers Sterbehaus, Eisleben 18021; Luthers Elternhaus, Mansfeld 6545; Lutherhaus, Wittenberg 85670; Melanchthonhaus, Wittenberg 19676.
Die Landesausstellung »Cranach der Jüngere 2015« lockte über 150000 Besucher nach Wittenberg, Dessau und Wörlitz.

www.martinluther.de

Das ewige Zeitalter der Gerechtigkeit

12. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Apokalypse: Gefährlicher als alle Weltuntergangsprophezeiungen ist ein Endzeit-Glaube, der den Antichrist schon unter uns wähnt


Im apostolischen Glaubensbekenntnis heißt es: Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Über den Zeitpunkt wird von jeher kräftig spekuliert.

Das alte Jahr geht, das neue kommt, aber im Grunde ändert sich kaum etwas. Die Welt bleibt so unvollkommen, wie sie immer war, Gerechtigkeit ist ein seltenes Gut, und überall auf der Welt toben kleinere und größere Kriege. Wird es da nicht irgendwann Zeit für die ganz große Umwälzung, für die Schaffung einer vollkommen gerechten und friedlichen Welt?

Diese Frage treibt die Menschen schon seit der Antike um. Römer und Griechen erwarteten nicht viel von Göttern, zu sehr glichen sie den Menschen. Aber schon mehr als 600 Jahre vor Christus lehrte der persische Religionsgründer Zarathustra, dass die Seelen der guten Menschen nach ihrem Tod in ein Paradies eingehen, böse Seelen aber in die Hölle geworfen werden. Ein Endgericht wird irgendwann über Lebende und Tote abgehalten, und die Hölle wird mit flüssigem Metall ausgebrannt. Dann beginnt das ewige Zeitalter der Gerechtigkeit. Menschen leben ewig, bleiben jung und werden nie mehr krank.

Krieg, Gewalt, Teuerung und Tod: die vier apokalyptischen Reiter – ein Gemälde des russischen Malers Wiktor Wasnezow (1848–1926) – Repro: Wikipedia

Krieg, Gewalt, Teuerung und Tod: die vier apokalyptischen Reiter – ein Gemälde des russischen Malers Wiktor Wasnezow (1848–1926) – Repro: Wikipedia

Die Juden entwickelten solche Ideen erst viel später. Der Seleukidenkönig Antiochos IV. verbot 167 v. Chr. zeitweise den jüdischen Tempeldienst, womit er unter den Juden einen ungeheuren Aufruhr auslöste. Gläubige Juden holten alte Prophezeiungen hervor, nach denen Gott einen König aus dem Hause Davids senden werde, um das jüdische Königreich wieder herzustellen. Der Messias, also der Gesalbte, wurde er genannt. Außerdem wolle Gott ein wunderbares neues Jerusalem schaffen. »Aus Rubinen mache ich deine Zinnen, aus Beryll deine Tore und alle deine Mauern aus kostbaren Steinen«, hatte der Prophet Jesaja einst angekündigt. Der Messias werde gerecht und in Frieden herrschen, und zwar über alle Völker der Erde. »Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzenspitzen zu Winzermessern.« (Micha 4,3)

Zur Zeit Jesu traten in Israel diverse selbsternannte Messiasse auf, die der Historiker Flavius Josephus als »Verführer und Betrüger« bezeichnete. Sie wollten nur Aufruhr und Umwälzungen herbeiführen, wetterte er. Die Römer hatten inzwischen die Herrschaft übernommen und das Land unterjocht. Von Jesus erwarteten viele Anhänger, dass er im Sinne der Prophezeiungen ein neues Zeitalter einleitete und die Römer aus dem Land warf. Als er gekreuzigt wurde, erlosch diese Hoffnung. Auch der christliche Glauben, dass Jesus wieder auferstanden und in den Himmel aufgefahren war, änderte nichts daran, dass die sehnlichst erhoffte Zeit der Gerechtigkeit und des Friedens nicht kommen wollte.

Das Matthäus-Evangelium enthält einen Passus, in dem Jesus seine Wiederkehr ankündigt. Eine Zeit des Leidens und der Bedrückung stehe bevor. Auf ihrem Tiefpunkt werde die Sonne sich verfinstern, der Mond erlöschen und die Sterne vom Himmel fallen. Das Zeichen des Menschensohns werde am Himmel erscheinen und das Gericht werde beginnen.

Während im Judentum zunächst nur ein gerechter König den Weltfrieden bringen sollte, erwarteten die Christen ein individuelles Gericht über alle Menschen. Die Guten erwartet ewige Freude im Himmel, die Bösen endlose Qualen in den Feuern der Hölle. Nicht nur das Volk soll von Bedrückung und Ungerechtigkeit erlöst werden, sondern jeder einzelne Mensch. Diese Vorstellung teilt das Christentum mit dem Islam. Auch die Moslems erwarten ein Weltgericht, angekündigt von einer Reihe von »großen Zeichen«. Es findet am Ende der Zeit statt, und weil Gott sowohl gerecht als auch gnädig ist, wird er jeden, der auch nur einen Funken Glauben in sich trägt, ins Paradies aufnehmen. Nur die Ungläubigen erwartet das ewige Höllenfeuer.

Bis heute haben immer wieder Gelehrte und Hobby-Forscher versucht, das Datum des Weltendes zu berechnen. Isaac Newton kam nach komplexen Berechnungen auf das Jahr 2060 als frühesten Termin. Erst vor wenigen Jahren erregte die »Maya-Prophezeiung« die Gemüter. Danach endete der Maya-Kalender angeblich (aber nicht wirklich) am 21. 12. 2012, was einige Esoteriker als Zeichen für das bevorstehende Ende der Welt deuteten. Seitdem sind schon mehr als ein halbes Dutzend weiterer Daten für das Weltende ereignislos verstrichen.

Die Position der großen Kirchen zu jeglicher Untergangs-Arithmetik ist eindeutig: Eine Berechnung göttlicher Ratschlüsse ist unmöglich. Kardinal Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., schrieb dazu sehr pointiert: »Ein geplantes Heil ist das Heil der Konzentrationslager und damit das Ende der Humanität.« Auch ein Paradies auf Erden werde es nicht geben, das Gottesreich sei nicht irdisch.

Karl Marx sah das ganz anders. Sobald der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit aufgehoben wird, entfallen alle Kriegsgründe, meinte er. Zunächst solle alles Eigentum dem Staat gehören, dann werde der Staat absterben, und der so entstehende Kommunismus führe zu einer idealen Gesellschaft. Die eigentlich religionsfeindliche marxistische Ideologie trägt also bei genauer Betrachtung alle Züge eines Erlösungsglaubens.

Woher wissen wir eigentlich, wann das Weltende naht? Fast alle Propheten nennen zwei Anzeichen: Zum einen geht es den Menschen so schlecht wie nie zuvor. Zum anderen beginnt die Natur verrückt zu spielen. In der Offenbarung des Johannes treten allerlei Plagen auf, Sonne, Mond und Sterne erlöschen und Vulkanausbrüche töten einen Großteil der Menschen. Vier apokalyptische Reiter (Krieg, Gewalt, Teuerung und Tod) ziehen über eine untergehende Welt. Die Heerscharen der Guten und der Bösen treffen sich zu einer letzten gewaltigen Schlacht, bei der die Guten unter Aufbietung aller Kräfte den Sieg davon tragen. Auch die moslemische Tradition prophezeit einen solchen Endkampf.

Für die meisten Menschen in Deutschland sind diese Vorstellungen nicht realer als die galaktischen Schlachten des »Star Wars«-Universums. Die Führung des Islamischen Staats predigt dagegen ihren Kämpfern, dass die letzte Schlacht vor dem Weltuntergang unmittelbar bevorstehe. Auch etwa 40 Prozent der US-Amerikaner sehen sich heute in der biblischen Endzeit. Diese Haltung ist durchaus gefährlich. Wer glaubt, den letzten Kampf gegen das Böse auszufechten, wird den Gegner unbedingt vernichten wollen. Schließlich hängt von seinem Sieg die Erlösung der Menschheit ab. Damit lässt sich jede Grausamkeit rechtfertigen. Deshalb sind apokalyptische Vorstellungen unter bestimmten Umständen brandgefährlich.

Für mich und für die meisten Menschen beginnt 2016 nur ein neues Jahr, nicht ein neues Zeitalter. Wenn wir Frieden und Gerechtigkeit wollen, werden wir uns selbst darum kümmern müssen.

Thomas Grüter

Der Autor ist Arzt und Sachbuchautor. Er hat unter anderem das Buch »Faszination Apokalypse« geschrieben.

»Ich möchte mich einbringen«

3. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Mit Michael Diener sitzt erstmals ein Chef der konservativen Evangelikalen im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Präses Michael Diener, bekommt Gegenwind aus den eigenen Reihen, weil er von den Pietisten Selbstkritik einfordert. Harald Krille hat mit ihm gesprochen.

Herr Präses Diener, wenn man in die recht chaotische Welt schaut – kann da einem Christen nicht der Frage kommen, ob wir in der Endzeit leben?
Diener:
Wir leben definitiv in der Endzeit. Denn biblisch betrachtet ist die Endzeit die Zeit zwischen Jesu Himmelfahrt und seiner Wiederkunft. Aber: Es gab wohl keine Generation von Christen, die nicht gesagt hat, schlimmer kann es nicht mehr kommen, jetzt ist es so weit. Umgekehrt: Die Erwartung, dass unser Herr bald kommen möge, ist natürlich eine Essenz unseres christlichen Glaubens. Dem schließe ich mich auch gerne an. Aber vor zeitlichen Berechnungen warnt uns die Heilige Schrift sehr deutlich.

Christliche Menschenrechtsgruppen verweisen darauf, dass noch niemals so viele Christen um ihres Glaubens willen getötet und verfolgt wurden, wie in den vergangenen Jahren.
Diener:
Ich denke, dass diese Beobachtung richtig ist. Doch wird das ganze Ausmaß bisher von der Öffentlichkeit, auch unter uns Christen, nur bedingt wahrgenommen. Dabei kann ich die Bibel gar nicht lesen, ohne fast auf jeder Seite daran erinnert zu werden, dass wir als Christenmenschen für unsere Geschwister einstehen sollen. Das Thema müsste uns alle viel mehr beschäftigen und uns auch zu konkreten Schritten bewegen.

Auch zum militärischen Eingreifen gegen islamistische Gruppen wie den »IS«?
Diener:
Persönlich sehe ich bei dem jetzt beschlossenen Kriegseinsatz noch ganz, ganz viele ungeklärte Fragen. Umgekehrt glaube ich, dass dem, was der »IS« dort treibt, auch mit legitimierter Gewalt Einhalt geboten werden muss. Doch auch unter Christen gibt es sehr unterschiedliche Meinungen dazu. Ich bin froh, dass ich das im Bundestag nicht entscheiden musste. Aber: Wäre ich Abgeordneter des Bundestages, hätte ich wahrscheinlich für diesen Militäreinsatz gestimmt.

»IS« und die Christenverfolgung ist die eine Sache, die Flüchtlingsdiskussion bei uns eine andere. Wo ist in dieser Frage der Platz der »Frommen«: bei Pegida und Co. oder bei den Multikulti-Apologeten?
Diener:
Es kann überhaupt gar keine Frage geben, dass der vorrangige Platz der Christenmenschen bei den Verfolgten und bei den Flüchtlingen ist. Und da sind sie nach meiner Beobachtung auch über die Maßen aktiv, sowohl in der Gemeinschaftsbewegung, im Raum der Evangelischen Allianz und im Bereich der Landes- und Freikirchen.

Studien über die NS-Zeit zeigen, wie beschämend nahe Christen den Gedanken des Rassismus standen. Und es gibt zeitgenössische Umfragen, die konservativen Christen auch heute eine latente Nähe zu fremdenfeindlichen Gedanken bescheinigen.
Diener:
Wenn man sich die erwähnten Untersuchungen anschaut, dann fragt es sich, wie belastbar sie sind. Umgekehrt sage ich ganz klar: Ja, es gibt auch in unserem Bereich fremdenfeindliche Äußerungen. Es gibt Menschen, die sich passiv, abwartend, teilweise ablehnend und auch aggressiv feindlich gegenüber Flüchtlingen und Fremden verhalten. Da muss man genau hinschauen, kommt das aus diffusen Ängsten, ist das Widerstand gegen bestimmte Entscheidungen der Politik oder ist es vielleicht so etwas wie eine bräunliche Blut- und Boden-Ideologie. Wo Letzteres zutage tritt, müssen wir als Evangelische Allianz und auch als Gnadauer Verband entschieden widersprechen.

Viele Menschen haben Angst vor einer schleichenden Islamisierung Deutschlands, Sie nicht?
Diener:
Nein, ich habe keine Angst vor einer Islamisierung Deutschlands. Und wir diffamieren die Menschen, die zu uns kommen, wenn wir pauschal unterstellen, die,
die da geflohen sind, wollen das System, das sie vertrieben hat, bei uns installieren. Ich bin überzeugt, dass unser freiheitliches System Ausstrahlungskraft hat und dass es uns gelingen kann, eine friedliche Kultur des Miteinanders aufzubauen. Deshalb heiße ich von Herzen alle die willkommen, die sich daran beteiligen wollen. Natürlich ist klar, dass Integration von beiden Seiten geleistet werden muss. Und wer am Erhalt und am Ausbau unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht interessiert ist, der hat in unserem Gemeinwesen dann natürlich auch nichts zu suchen.

Und wie sehen sie die umstrittene Frage der Mission unter Muslimen?
Diener:
Für uns als Evangelische Allianz ist diese Frage nicht umstritten. Selbstverständlich gilt die Botschaft von dem Licht, dass mit Christus in die Welt gekommen ist, allen Menschen, auch Muslimen. Natürlich brauchen Menschen, die hier ankommen, erst mal das Notwendige für Leib und Leben. Und selbstverständlich sind entwurzelte Menschen sensibel zu behandeln. Aber daraus darf nicht abgeleitet werden, dass wir unserem Zeugnis gegenüber Muslimen nicht nachkommen sollen.

Michael Diener ist Pfarrer und Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes mit Sitz in Kassel. Die pietistische Dachorganisation hat 37 Mitgliedsverbände und 300 000 Mitglieder. Der Gnadauer Verband steht der Deutschen Evangelischen Allianz nahe, deren ehrenamtlicher Vorsitzender Diener ebenfalls ist. In Deutschland bekennen sich derzeit 1,3 Millionen Menschen zum evangelikalen Netzwerk aus Kirchen und christlichen Gemeinschaften. Zentrum ist das Allianzhaus in Bad Blankenburg (Thüringen). Der promovierte Theologe ist verheiratet und hat zwei Kinder. Foto: Benjamin Lassiwe

Michael Diener ist Pfarrer und Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes mit Sitz in Kassel. Die pietistische Dachorganisation hat 37 Mitgliedsverbände und 300 000 Mitglieder. Der Gnadauer Verband steht der Deutschen Evangelischen Allianz nahe, deren ehrenamtlicher Vorsitzender Diener ebenfalls ist. In Deutschland bekennen sich derzeit 1,3 Millionen Menschen zum evangelikalen Netzwerk aus Kirchen und christlichen Gemeinschaften. Zentrum ist das Allianzhaus in Bad Blankenburg (Thüringen). Der promovierte Theologe ist verheiratet und hat zwei Kinder. Foto: Benjamin Lassiwe

Vom 10. bis 17. Januar lädt die Deutsche Evangelische Allianz wieder zu ihrer traditionellen Gebetswoche. Was erhoffen sie sich angesichts der angesprochen Probleme davon?
Diener:
In diesen Umbruchszeiten, in denen wir stehen, ist es einfach eine unheimlich große Chance, dass wir am Anfang des Jahres aus unterschiedlichen Gemeinden zusammenkommen und unseren Dank und unsere Freude, aber auch unsere Sorgen und Bitten vor den Herrn dieser Welt bringen können. Die Zeit ist drängend und verlangt geradezu nach Gebet. Ich hoffe, dass wir eine auch zahlenmäßig gut besuchte Allianz-Gebetswoche in den über 1 000 Orten in Deutschland erleben werden.

Mit Ihnen ist erstmals ein profilierter Vertreter des innerkirchlichen Pietismus in den Rat der EKD gewählt worden. Wie fühlt man sich da – wie Daniel in der Löwengrube?
Diener:
(lacht) Definitiv nicht! Wer so denkt, hat noch nicht verstanden, wie ich evangelische Kirche wahrnehme. Ich bin genauso evangelischer Pfarrer wie ich Pietist bin. Beides lässt sich in meinem Leben nicht auseinanderdividieren. Deshalb verstehe ich den Rat der EKD als Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, die miteinander wollen, dass wir als Kirche in den kommenden Jahren auf einem verheißungsvollen Weg sind. Da möchte ich mich mit meinem eigenen Glaubensprofil einbringen.

Für welche Bereiche wollen Sie sich besonders stark machen wollen?
Diener:
Als erstes müssen wir uns den missionarischen Herausforderungen unserer Zeit stellen. Da ist noch mehr möglich und nötig. Dann sehe ich die große Notwendigkeit, noch stärker darauf zu achten, dass die Stimmung an der Basis gut ist, dass die Mitarbeiter in den Gemeinden, haupt- wie ehrenamtliche, sich ernst genommen und unterstützt wissen. Das Dritte: Diakonie und verfasste Kirche ergänzen einander und sollen eng zusammenstehen. Und als Viertes: Wir brauchen ein Reformationsjubiläum, das evangelische Ausstrahlungskraft in unsere Gesellschaft hinein hat, auch über das Jahr 2017 hinaus.

Männermordende Jungfrau Maria?

21. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Theologie: Maria als Symbol für die Gleichwertigkeit der Geschlechter – ein Plädoyer für die Beibehaltung der Lehre von der Jungfrauengeburt

»Geboren von der Jungfrau Maria« ist wohl der umstrittenste und am meisten lächerlich gemachte Satz des Glaubensbekenntnisses. Ein evangelischer Theologe hält dagegen.

Wie stellen Sie sich Maria vor? Wie kommt Sie Ihnen ins Bild? Vor dem inneren Auge? Auf den allermeisten Bildern wird sie dargestellt als junge, gleichwohl gereifte Frau, die um ihre Verantwortung weiß. Mein Vater sagte immer, wenn er mit Respekt von einer Frauenpersönlichkeit sprach – zum Beispiel von der Mutter eines meiner besten Freunde, die neben diesem Freund noch zehn andere Kinder geboren hatte: »Frau N. N. kann für Mutter Maria Bild stehen!« Das hat meine Vorstellung von Maria geprägt. Aber genau darin haben Vater und Sohn geirrt.

Und wie: Denn wenn man der Weihnachtsgeschichte folgt, dann ist durch die Bezeichnung, die Maria bekommt und die Luther mit der Wendung »mit Maria seinem vertrauten Weibe« (Lukas 2,5) übersetzt, eins klar: »Vertraut« heißt »rechtsverbindlich verlobt«. Aber noch nicht »heimgeholt« ins Haus des Bräutigams. Maria war »verlobt« mit Josef. Das bedeutet: Er lebte mit ihr noch nicht in ehelicher Gemeinschaft von Tisch und Bett. Aber seine Verehelichung stand verbindlich an.

Nun war in der damaligen Zeit das Verlobungsalter, in dem Eltern die jeweilige Verlobung anzettelten und justiziabel machten, zehn bis dreizehn Jahre. Maria also war keine »reife Frau«. Sondern blutjung. Ein just herangewachsener weiblicher Mensch. In der Pubertät. Gerade entwickelt. Dem Alter nach etwas jünger als unsere Mädchen, die zur Konfirmation gehen. Jedenfalls noch am Anfang eines geschlechtsbewussten Lebens. »… und sie war schwanger.« Eine Katastrophe! Das war – so ein syrisches Sprichwort – »wie barfuß über Feuer, Dornen und Steine gehen«.

Und die Weihnachtsgeschichten bei Lukas und Matthäus sind darin geradezu überschwänglich, dass sie Maria als Jungfrau darstellen. Sie war also – sprechen wir es aus – eine sehr junge Frau, die noch nie mit einem Mann Geschlechtsverkehr hatte. Auch nicht mit Josef. Aber: »… sie war schwanger.«

Jung, zart und gebrechlich, statt reif, erwachsen und mütterlich:  Die Darstellung Mariens von Leonardo da Vinci kommt wohl der biblischen Realität sehr nahe. Ausschnitt aus dem oben abgebildeten Gemälde von Leonardo da Vinci. Das Original hängt in den Uffizien von Florenz. Repro: wikipedia

Jung, zart und gebrechlich, statt reif, erwachsen und mütterlich: Die Darstellung Mariens von Leonardo da Vinci kommt wohl der biblischen Realität sehr nahe. Ausschnitt aus dem unten abgebildeten Gemälde von Leonardo da Vinci. Das Original hängt in den Uffizien von Florenz. Repro: wikipedia

Repro: wikipedia

Repro: wikipedia

Also: Jungfrauengeburt. Und das ist nun ein Glaubenssatz, zu dem in der Theologiegeschichte Reichliches gesagt, gezetert und dogmatisiert worden ist. Darüber liegt ein ganzer Theologenschutt. Lässt sich das »Glaubenssymbol« von der »Jungfrauengeburt« freilegen? Es bringt etwas Elementares zum Ausdruck: Gott selber ist in das Leben Marias eingezogen. Gott hat sie einzigartig einbezogen in die Geschichte seiner Zuwendung zur Welt und seiner Liebe zu den Menschen.

Der ewige Gott höchstselbst wird im Leib der Maria Mensch. Der Ewige zieht ein in Marias Körper, um geboren zu werden als Mensch in der Zeit. Als jemand von uns. Als Mitmensch. Und wie am Anfang aller Zeit, wie in der Schöpfung, geschieht hier die Erschaffung des Menschensohns ganz von Gott aus: »… geboren von der Jungfrau Maria.«

Und nun gibt es brisante Schlussfolgerungen aus der Lehre, dass in der Weihnacht, bei dieser Geburt am Anfang eines menschlichen Lebens, nicht der Mensch steht, sondern der ewige Gott: Hier, bei Maria, der Jungfrau, stehen nicht Klugheit, Frömmigkeit, schneidige Tüchtigkeit oder unwiderstehliches Begehren eines Mannes als auslösende Faktoren. Nicht der Mann ist die »Krone der Schöpfung«. Der verführerische Mann – hier spielt er nicht wie sonst bei so vielen gewollten und ungewollten Zeugungen die erste Geige. Er ist ausgeschaltet.
Das eher konservative Wochenmagazin »Focus« bringt es auf den Punkt, wenn es vor einiger Zeit eine Titelgeschichte über Maria so beschließt: »Maria mit dem Ei des Erlösers, das nach christlichem Glauben vom Heiligen Geist befruchtet wurde, birgt eine geradezu männermordende Botschaft: Man braucht die Kerle gar nicht. Das ganze Machogehabe ist aufgeplusterte Wichtigtuerei. Die Menschheit braucht die Männer nicht, um erlöst zu werden. Theologisch gesprochen: Die Kirche braucht nur Gott – und nichts dazwischen. Eine gefährliche These für den Bestand der Machos und ihres Klerus.« Im Ernst: Das Dogma von der Jungfrauengeburt ist wohl nicht gerade »männermordend«. Es ist aber Demütigung: die Demütigung des Mannes und all seiner Mächtigkeiten.

Und es ist Antwort auf die Frage nach der Gleichberechtigung der Geschlechter: Am Anfang (nach der alten biblischen Schöpfungsgeschichte) war der Mann das erste Werk des Schöpfers vor der Frau. Nun hat hier in der Zeitenwende, bei der Erschaffung des einen neuen Adam, zur Erlösung der Welt, die Frau das Primat: Vorrang und Vorrecht vor dem Mann. Hier steht sie im Vordergrund. In der Gestalt einer blutjungen Frau, in Maria, der Jungfrau. Also in einer Gestalt, die nicht wenige Männer so aufreizend finden, dass sie Frauen und dabei sich selber in ihrer Würde verletzen, schwer verletzen.

Maria jedoch steht dafür als Zeichen, dass es in der Schöpfung Gottes keine unterjochenden, demütigenden und verletzenden Begehrlichkeiten des Mannes geben darf. In diesem jungen Mädchen würde sich der Mann ja an Gott selber vergreifen. Sie steht aber auch dafür, dass es keine Unterwerfung und Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann geben darf, sondern nur – wirklich: nur! – Partnerschaft!

Der christliche Glaube geht nicht auf in Tatsachenspekulationen. Das Dogma von der jungfräulichen Zeugung ist ein wirkmächtiges Glaubenssymbol. Es hat in erster Linie und vor allem den Sinn, den souveränen Entschluss Gottes und das Einverständnis der einen Jungfrau zu bezeugen.Gott kommt nicht ohne uns zum Heil. In der Menschwerdung seines Sohnes rettet er die Welt und die Menschen aus ihrem Sumpf. Aber er sucht auch die Antwort, das verantwortliche Ja des Menschen, das Einverständnis, für das Maria als Vorbild gelten darf.

Wer sich nunmehr in dieser Sache in biologische Spekulationen über die Beschaffenheit des Unterleibs der Maria verliert, wer eine mögliche Vergewaltigung der Maria konstruiert oder sich in Annahmen hinsichtlich der Zeugungsfähigkeit des heiligen Josef ergeht, ist ein theologischer Einfaltspinsel.Was musste sich der arme Josef in der christlichen Bildergeschichte gefallen lassen! Wurde er doch oft als Greis gepinselt, damit auch niemand auf falsche Gedanken kommt.

Ich plädiere für die Beibehaltung und Ehre des Dogmas von der Jungfrauengeburt. Im Nizänischen Glaubensbekenntnis – formuliert 325 nach Christi Geburt beim Konzil von Nizäa – heißt es feierlich: »Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er« – nämlich der wahre Gott in seinem Sohn Jesus Christus – »vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.« Es ist dies die Substanz des hohen Symbols, des Dogmas von der Dreifaltigkeit Gottes – Vater, Sohn und Heiliger Geist –, von der Menschwerdung Gottes durch die Kraft des Geistes im Kind von Bethlehem. Weihnachten ist auch die Feier des Dogmas von der Jungfrauengeburt. Es ruft uns, Männern wie Frauen, mit Tiefsinn und Feierlichkeit zu: Wegen dieses einen Menschen bist du Gottes geliebtes Kind; eben um des Kindes willen, das die Jungfrau Maria zu Bethlehem in der Kraft des Geistes geboren hat – »wohl zu der halben Nacht«.

Rolf Wischnath

Prof. Dr. Rolf Wischnath (67) war Generalsuperintendent der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg. Er lehrt an der Universität Bielefeld Dogmatik.

Advent to go?

14. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Brauchtum: Rituale in der Advents- und Weihnachtszeit einst und jetzt

Den Tannenbaum, die Geschenke und Zeit mit der Familie, das verbinden die meisten Menschen mit der Advents- und Weihnachtszeit. Der Kirchgang ist dabei nur halb so wichtig wie die heimische Gemütlichkeit.

Den »echten« Nikolaus, jetzt versandkostenfrei bestellen, empfiehlt ein kirchlicher Anbieter. Und weiter heißt es: »Unser Nikolaus ist der kirchliche Heilige im Bischofsgewand, mit Mitra und Bischofsstab.« Der Schokoladenmann wirbt für die Aktion »Weihnachtsmannfreie Zone« zugunsten des chBlick-50-2015ristlichen Kinderhospizdienstes in Halle – und wird dem Heer der Spaß- und Phantasie-Nikoläuse entgegengestellt. Es ist ein einsamer, zahlenmäßig verlorener Kampf. Den Trend konnte ich als Anwohnerin am Jenaer Weihnachtsmarkt seit 1998 beobachten: Stände mit Advents- und Weihnachtswaren, einst im Zentrum um Tannenbaum und Krippe, sind verdrängt von Glühwein und Partystimmung. Man trifft sich am Bistrotisch, im Hintergrund stimmungsvolle Musik. Traditionell Weihnachtliches findet in der Mitte kaum mehr Platz. Angeheiterte Nikoläuse überall. Und immer wieder die Frage von Studierenden: ob es denn stimme, dass CocaCola den Weihnachtsmann erfunden habe.

Echt, unecht, richtig, falsch – gibt es das, eigene, »urtümliche« Traditionen? Hinter solchen Fragen an die Brauchforschung stecken oft »Schiedsgerichts-Wünsche«: dass es die eine, eindeutig klare, wahre Antwort und damit »das Brauchtum« gäbe: möglichst uralt, germanisch-heidnisch, vorchristlich; die Bilder in den Köpfen und Medien sind nicht zu tilgen. Die Brauchgeschichte liefert jedoch solche Zuschreibungen nicht. Denn Wege und Formen der Bräuche sind komplex und verworren, Brauchschichten und -stränge verschlungen und vermengt, oft überlagert und so dicht miteinander »verbacken«, dass Ursprung und Kern sich von »Beimischungen« kaum mehr trennen lassen. Im Bild ausgedrückt: Bräuche sind stets ein Amalgam, Brauchforschung muss wie bei einer Zwiebel die Häute sanft ablösen.

Der echte Nikolaus mit Mitra und Bischofsstab kann sich heute nur schwer gegen Phantasie-Weihnachtsmänner durchsetzen. Foto: Vivat

Der echte Nikolaus mit Mitra und Bischofsstab kann sich heute nur schwer gegen Phantasie-Weihnachtsmänner durchsetzen. Foto: Vivat

Advents- und Weihnachtsbräuche sind dafür bestes Beispiel. Denn die Frage »regionaltypisch – uralt?« ist rasch beantwortet. Definitiv nicht alt sind die »althergebrachten« Brauchelemente Adventskranz und Adventskalender. Erst im 20. Jahrhundert fanden sie – regional, konfessionell, sozial – allgemeine Verbreitung. In den Blick zu nehmen ist freilich immer die »Weihnachtszeit« – das heißt, nach altkirchlichem Kalender, Martini bis Lichtmeß. Die Zeit bis Weihnachten war stille und lärmende Zeit in einem: festlose Fastenzeit, daher an Martini das Schlachten und Feiern; danach die Zeit der vorweihnachtlichen Enthaltsamkeit (»7 Wochen fasten, kein Sex!« stöhnten meine Studierenden). Laut und wild waren hingegen nächtliche Umzüge, jungen Leuten erlaubt an regional unterschiedlichen Terminen: nach Martini oder am Nikolaustag, mit Knecht Ruprecht als wüstem Begleiter des Heiligen; Teufel, Perchten und Kläuse im Alpenraum erinnern heute noch daran. Kinderbräuche, bis in die DDR-Zeit etwa in Jena bekannt, gab es am Andreastag (30. 11.) oder am Thomastag (21. 12.).

Advent und Weihnacht war seit dem 4. Jahrhundert eine kirchliche Festzeit. Erst seit dem 18. Jahrhundert wandelte es sich zum trauten Familienfest der »stillen deutschen Weihnacht«. Das Bild aus dem Jahre 1843 »Luther mit seiner Familie am Christabend 1536 zu Wittenberg« (Luther mit der Laute, Katharina und die Kinder um den Baum gruppiert, Melanchthon als Gast) ist idyllisch, populär und weitverbreitet – aber nicht stimmig. Christbäume gab es in dieser Zeit nur vereinzelt an den Höfen, beim Adel, langsam erst im Bürgertum. Im Volk und auf dem Lande wird berichtet von Bäumchen als »Weihnachtsmaien«, sie hingen von der Decke in engen Stuben, die in Waldgegenden zugleich Heimarbeiterwerkstatt für die ganze Familie waren. Deren Produkte, Holz- und Glaswaren, Krippen, Engel wurden seit dem 19. Jahrhundert – oft als Hilfe aus der Armut, als Beschäftigungsprogramme begonnen – zur »heimischen Volkskunst«, zum Sinnbild kirchlicher, dörflicher und häuslicher Festzeit, die Glanz und Licht in winterlich dunkle und karge Welten brachte.

Foto: eyetronic – Fotolia.com

Foto: eyetronic – Fotolia.com

»Adventsbaum«, Adventskranz und Lichterkrone haben eine spannend-verschränkte Geschichte, die erst jüngst zutage kam. Die Papierforscherin Sigrid Nagy fand im Berliner Volkskundemuseum »in Weinblattform gestanzte Papieranhänger«, darauf Bibelsprüche mit Prophezeiungen. Die Spuren führten zu Johann Hinrich Wichern ins Rauhe Haus, wo seit 1838 täglich im Advent an Kronleuchtern, mit Tannengrün geschmückt, eine Kerze entzündet und ein Bibeltext gelesen wurde; später waren es vier große Kerzen für die Adventssonntage. 1846 ist erstmals die Rede von einem »Adventsbaum« im Rettungshaus für Knaben in Duisburg, geleitet von Theodor Fliedner. Diakonissenmutterhäuser, Brüderhäuser der Inneren Mission und ihre Netzwerke verbreiteten den neuen Brauch in Mittel- und Norddeutschland, auch in wechselnden Brauchformen: Adventsbrücken, -kronen und -pforten sind belegt. Krippen, Papier- und hinterleuchtete Transparentkrippen finden sich vor 1900 schon auf evangelischen Altären, ein erster Krippenverein ist 1879 im Erzgebirge belegt. Solch neue Blicke auf Brauchwanderungen und auf »Fund und Erfindung« korrigieren alte Thesen wie »Krippe = katholisch, Adventskranz und Christbaum = evangelisch«. Zwischen den Weltkriegen vermittelten »Kunstdienste« der Landeskirchen in Thüringen, Sachsen und Berlin-Brandenburg Künstlerkrippen an die Gemeinden, schufen neue Orte und Rituale.

Heute kommen Innovationen, auch die Brauch-Neuerungen, aus dem Internet. Adventskalender und Losungen sind abrufbar, global, handlich, mobil der Begleitengel für unterwegs, »Weihnachtsbaum für die Hosentasche«, Adventsleuchter im Futteral, »Minikrippe in der Streichholzschachtel«. Mein neuer Adventsbrauch, ein Geschenk, passt gut zum »SMS-Adventskalender«. Er steckt in einem grünen Blechbüchschen und heißt »Advent to go. Der Adventskranz für unterwegs«. Ähnlich das Geschenk, das mir dieselbe Geberin machte: »Bibelpillen. Himmlische Medizin. Gute-Laune-Pillen, täglich 1 bis 2 zu nehmen«. Es sind 50 grüne runde Bibelspruchblättchen. Man könnte sie gut an den vergessenen Adventsbaum hängen.

Christel Köhle-Hezinger

Die Autorin lehrt Volkskunde an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und war EKM-Synodale.

Der Wort-Hirte

7. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Michael Trowitzsch zum Tod von Klaus-Peter Hertzsch

So sitzt er am Feuer und erzählt, der zerbrechliche Hirte, dieser so mündliche Mensch, Klaus-Peter Hertzsch, der Wort-Hirte. Es ist dunkel. Neben ihm seine Sigrid. Er erzählt, wie er das meisterhaft kann, anschaulich und bildkräftig: von Jona und dem Fisch, von Bileam und dem Esel, von Daniel und den Löwen und von vielen, vielen anderen biblischen Szenen, ihrem Trost und ihrer Ermutigung, ihrer visionären Kraft, ihren Zielvorstellungen, ihrer Wanderung durch die Zeit, von ihrer Behütung der Armen und Elenden, von der Barmherzigkeit, auf die wir alle doch so angewiesen sind, er, der Erzähler, auch.

Mitteldeutscher Kirchentag 2013 in Jena: Klaus-Peter Hertzsch und seine Frau Sigrid beim Abendmahl. Foto: Jürgen Scheere

Mitteldeutscher Kirchentag 2013 in Jena: Klaus-Peter Hertzsch und seine Frau Sigrid beim Abendmahl. Foto: Jürgen Scheere

Unverwechselbar der Ton, den er anschlägt: beharrlich, tapfer, im Aufruf, den neuen Wegen zu vertrauen, und selbst aus diesem Vertrauen lebend. Ganz bewusst den Tag vor dem Abend lobend. Mit einem Untergrund tiefer Stille. Mit großer Sehnsucht. Er erzählt. Dem Erklären stellt er das kluge Erzählen gegenüber. Erzählend kann man vielleicht umso besser denken. Selber durchaus theoriestark, hält er am Vorrang des Praktischen fest. Er ergreift Partei: »Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit!« Er ist einer von denen.
Und dann berichtet er ein wenig auch von seinem eigenen Leben. Von der Kindheit mit den Brüdern in der Pfarrer- und Professorenfamilie in Eisenach. Von der für ihn so wichtigen Musik Johann Sebastian Bachs. Von den Operationen und der lebenslangen Seh-Behinderung. Von seiner Zeit als Studentenpfarrer und dann als Professor für Praktische Theologie als Nachfolger seines Vaters ab 1969 in Jena. Von seinen inzwischen legendären Literatur-Vorlesungen. Von den Synoden auf den verschiedenen Ebenen, den unendlich vielen Andachten, Bibelarbeiten, Predigten, Vorträgen, Zeitungsartikeln, Gedichten. »Gebrauchstexte« nennt er das, es ist aber immer viel mehr. Die Ehrenbürgerschaft in Jena, die Verleihung der »Luther-Medaille«? Er erwähnt es von sich aus nicht. Stattdessen berichtet er ein wenig auch vom Ruhestand, der schweren Zeit der letzten Jahre in Pflegeheimen. Sigrid, Gott sei Dank, an seiner Seite.

Ja, eine Aura umgibt ihn. Im Alter noch mehr als früher. Eine anrührende, große Menschlichkeit, eine schwer zu beschreibende Vollmacht, etwas Charismatisches. Inzwischen eine Vertrauensperson und väterliche Gestalt, war er schon immer ein zutiefst versöhnlicher Mensch. Gerne spricht er vom »fleißigen« Kompromiss – der ihm in den verschiedenen Kontroversen dann auch häufig gelingt. Unfassbar viel verdankt die Thüringer Kirche seiner geistlichen, spirituellen Kraft – nicht zuletzt dem Seelsorger vieler Menschen aus den Gemeinden, aber auch dem Seelsorger vieler Seelsorger, Pfarrer und Pastorinnen, Oberkirchenräten, Bischöfen. In großer Dankbarkeit denken viele Generationen mitteldeutscher Theologen, viele Christen in Deutschland, Wissenschaftler, Politiker, Mitarbeiter in diakonischen Einrichtungen, Katechetinnen, Religionslehrer und -lehrerinnen, Menschen aus den verschiedensten Lebensbereichen an Klaus-Peter Hertzsch!

Aber dann erhebt er noch einmal die kräftige Stimme und sagt, was ihm nun, dem Ende zu, wichtig ist: »Sag meinen Kindern, dass sie weiterziehn!« Dass sie mutig weiterziehn: geradewegs auf den zu, der ihnen entgegenkommt, den Herrn. Und dann erreicht ihn, den Pastor, den erzählenden Hirten auf dem Felde der Zeit, der geheimnisvolle Ruf nach Bethlehem – um dort nun endgültig zu sehen. Endlich. Zu sehen, ganz und gar, mit unverschatteten, hellen Augen, mit endlich freigewordenem Blick – dem lichterlohen Augenblick. Und er macht sich auf den Weg, mit seinem bunten Schal, jetzt, im Advent. Das Land ist hell und weit.

Das ist unsere Zuversicht: Der, von Geburt an fast blind, seinerseits so viel zu sehen gab, der die Schönheiten und die Kraft der Geschichten so vieler biblischer Texte und der immer wieder ihre Hoffnungsbilder vor Augen gemalt hat – er wird schauen »die Geschichte, die da geschehen ist«. Gebe Gott es! Wie er erkannt worden ist vom göttlichen Guten Hirten, so wird er menschlich erkennen von Angesicht zu Angesicht, mit wunderbar aufgetanen Augen. Diese Sehnsucht wird erfüllt: »Ich will satt werden, wenn ich erwache, an deinem Bilde!«

Klaus-Peter Hertzsch, Pastor, Professor, Prediger, Seelsorger, Autor, Liederdichter, geboren 1930 in Jena, gestorben am 25. November in seiner Geburtsstadt.

Der Autor ist Professor für Systematische Theologie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.

Erinnerungen

Klaus-Peter Hertzsch predigen zu hören, war für ganz verschiedene Menschen eindrucksvoll, weil unser Leben durch das Licht der Barmherzigkeit Gottes erhellt wurde. Unser Lehrer hat in eindrucksvoller Weise die wissenschaftliche Auslegung der Heiligen Schrift und die kirchliche Lehre in die praktische Theologie einbezogen. Wir haben als seine Schüler begreifen können, dass gute Theologie solche Predigten ermöglicht.

Christoph Kähler, Altbischof und Weggefährte

*

Als Vertreter der Jenaer Universität war Professor Hertzsch Mitglied der Thüringer Landessynode. Dort habe ich ihn nahezu 20 Jahre erlebt und seine sachlichen, auf Ausgleich zielenden Redebeiträge sowie seine Formulierungen in Beschlussvorlagen sehr geschätzt. Dankbar bin ich ihm auch für seine Andachten bei den Tagungen, die er nicht als Professor, sondern als Pfarrer und Seelsorger gehalten hat.

Karl-Heinz Jagusch, ehemaliger Präses der Thüringer Landessynode

*

Mit seinem homiletischen Seminar war Prof Hertzsch auch in unserer Superintendentur. Dabei hielt er uns auch im Konvent eine Morgenandacht., natürlich auswendig. Nie habe ich vorher den 139. Psalm so eindringlich gehört, schlicht und betont zugleich, einfach und deshalb so tief eindrücklich. Und wenn ich heute eines seiner Bücher lese, höre ich immer seine unverkennbare Stimme. Was er sagte war stimmig und er selbst identisch. So hat er viele unserer Pfarrerinnen und Pfarrer geprägt.

Roland Hoffmann, Altbischof

*

Ich bin dankbar, Klaus-Peter Hertzsch gekannt zu haben: Durch manche persönliche Begegnung und durch seine Veröffentlichungen. Er war ein aufmerksamer Zuhörer und ein begnadeter Erzähler. Besonders leuchtet für mich seine Liebe zur Heiligen Schrift: Im Hören auf die biblischen Texte und im Weitererzählen ihres unerschöpflichen Reichtums hat Klaus-Peter Hertzsch gelebt. Generationen von Pfarrern und Pastorinnen und unsere gesamte Kirche verdanken ihm sehr viel!

Ilse Junkermann, Landesbischöfin

*

Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir 1990 als Erstsemester-Studenten zu Professor Hertzsch nach Hause eingeladen worden sind. Er konnte gut zuhören und Fragen stellen, die wirkliches Interesse zeigten. Später beim „politischen Salon“ in Jena war ich immer wieder beeindruckt, wie er bis zuletzt innerkirchliche, landes- und weltpolitische Themen durchdachte und akzentuiert in unseren Kreis einbrachte. Darüber hinaus verlor er nie den Blick für die Herausforderungen unseres Alltags.

Ulrich Matthias Spengler, Pfarrer in Bad Berka

*

Der erste Tag an der theologischen Fakultät in Jena. Wir Studenten wurden von Professor Hertzsch empfangen. Die ersten Worte die er an uns richtete: Er zitierte aus dem Kopf 1. Korinther 13. Von den legendären Literaturvorlesungen zehre ich noch heute. Der Hörsaal platzte aus allen Nähten. Heinrich Böll, Christa Wolf, Johannes Bobrowski oder Max Frisch habe ich durch ihn kennen und schätzen gelernt.

Ralf-Uwe Beck, Kirchenrat

*

Manuskripte können durch redaktionelle Bearbeitung durchaus gewinnen. Bei Klaus-Peter Hertzsch verbot sich jeder Eingriff. Dabei handelte es sich in der Regel um mündliche Rede, die später verschriftlicht worden war. Es war seine besondere Begabung, druckreif reden zu können mit Worten, die genau passten, die Gewicht hatten und die seine Zuhörer und Leser denken ließen: Genauso ist es! Klaus-Peter Hertzsch hat seinerseits die Predigten und Meditationen, Gedichte und Lieder, Balladen und das Krippenspiel nur als Gebrauchstexte für konkrete Anlässe und nicht als Literatur für die Nachwelt gesehen. Die widerspricht ihm entschieden und singt mit wachsender Begeisterung „Vertraut den neuen Wegen“, liest mit immer neuem Vergnügen die gereimten Geschichten aus dem Alten Testament und kann die Rollen aus dem Thüringer Krippenspiel auswendig. Solch eine Erfolgsgeschichte würde sich mancher Literat wünschen.

Christine Lässig

*

“November 1989: erste große Demonstration in Jena. Am Eichplatz Halt, auf der Ebene vor der damaligen Mensa sind die Mikrofone aufgebaut. Wir, Vertreter der Bürgerbewegungen “Demokratie jetzt”, “Neues Forum”, “Demokratischer Aufbruch” und andere stehen mit Klaus-Peter Hertzsch vor den versammelten Demonstranten und sprechen über die Forderungen nach Freiheit, Demokratie und die neuen Hoffnungen eines Weges, der sich so langsam auftut. Klaus-Peter Hertzsch redet von der inneren Freiheit und warnt vor der Sehnsucht nach schneller und damit auch gefährlicher Übernahme wirtschaftlicher Strukturen im Blick auf die Bundesrepublik. Er spricht von den Ketten und Fesseln der Vergangenheit, die wir nicht gegen die neuen Ketten und Fesseln eintauschen sollen. Anfangs bekommt er viel Beifall von Tausenden, die auf dem Platz zuhören. Dann ein Satz, den Stille begleitet: “Auch Ladenketten können fesseln”, warnt er. Der Beifall kommt nur noch von einigen Wenigen. Ernüchterung. Weitsicht. Mitunter gilt der Prophet im eigenen Land am wenigsten…

Friederike Spengler (damals stud. theol. und stellvertr. Sprecherin für “Demokratie jetzt!” in Thüringen)

*

Kirche leiten durch Freundesrat

Zweimal hat Prof Dr. Klaus-Peter Hertzsch zu Entscheidungen geholfen, die das Leben meiner Familie und mein eigenes tief veränderten:

Zum ersten Mal, als der Visitator und Leiter des Aufsichtsbezirkes Süd unser Landeskirche OKR Ernst Köhler, mich dringlich bat, die Leitung der Grenzsuperintendentur Saalfeld mit 32 Pfarrstellen und 34 Gemeinden im grenznahen Sperrgebiert zu übernehmen.

Dort lebten die Menschen in einer belastenden Isolierung: Verwandte und Freunde konnten nur mit Sonderpassierschein zu Besuch kommen; – diese Scheine wurden oft verweigert.

Ein Studienfreund, Hans-Joachim Schoeps, jahrzehntelang Grenzpfarrer in Lichtentanne, bemerkte zu diesem Angebot: das würde nicht leicht für dich werden, ich würde mich freuen und viele andere auch:

Dazu Klaus-Peter: dort wird jemand gebraucht, der gerade in Konflikten mit staatlichen Stellen vorbehaltlos für seine Leute eintritt. Wärst Du dazu bereit ?

Ausweichend antwortete ich: vor Zeiten war das viel einfacher. Da kam ein Prophet des Weges, warf seinen Mantel über den Umworbenen und sachte schlicht „Du bist der Mann“!

Da legte Klaus- Peter des Kopf schief, sah mich lächelnd von der Seite an und stellte trocken fest – nicht immer sehen Propheten wie Propheten aus!

Wer wollte da noch diskutieren? Das zweite Mal griff er ein, als für das Ausbildungsdezernat im Landeskirchenrat jemand gesucht wurde. Er schrieb mir aus Erfahrungen, das die Auszubildenden jemand brauchten der mit Ihnen so lebt, dass sie sich begleitet fühlen könnten.

Ich werthe mich mit Händen und Füßen. Aus der vielseitigen Gemeindearbeit mit allen Generationen ausscheiden und nach Eisenach ins Amt wechseln. Nein! Ich bleibe in Saalfeld.

Dazu Prof. Dr. Hertzsch: „dann verbinde doch beides miteinander“: „Learning by Doing“ – im Leben mit der Gemeinde ausbilden. Predigen lernen durch Predigten halten und danach mit den Predigthörern darüber sprechen.

So geschah es. Die Jahre die dann kamen, zähle ich zu den reichsten in meinen Leben:

Dienstag für Dienstag in vielen Predigtkreisen „vor Ort“ unterwegs sein mit gründlichen gemeinsamen theologischen Arbeit zu den vorgegeben Predigttexten, danach Gespräche mit den Zuhörern.

Der inzwischen zum Universitätsprofessor berufene Freund blieb an unserer Seite – er kam, wann immer wir ich ihn brauchten zu Kirchenältenstentagen und Jugendkonventen.Nun ist er uns wieder vorausgegangen: „In jene Weiten“ wo sich im Osterlicht die Berge Gottes breiten. Diese Zeilen hat er mir vor kurzen erst geschrieben.

Hab Dank für Deine Treue, lieber Freund! Du bist nun am Ziel. Friede sei mit Dir! – Jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.

Dein Ludwig Große (Oberkirchenrat i.R.) aus Bad Blankenburg

*

1.

Klaus-Peter Hertzsch liebte die weiten Ausblicke. So wenig er wirklich im Detail sehen konnte, was da vor ihm und vor uns lag, so sehr war er gewiss: ‚Das Land ist hell und weit’. Und bei aller Sorge um die Zukunft dieser armen Erde war in ihm die unverwüstliche Zuversicht, dass die Horizonte zuletzt hell sind. Noch in den späten Jahren und Tagen war der Blick in einen leuchtenden Abendhimmel für ihn ungeheuer tröstlich. Wie gern hat er sich auf unseren zahlreichen Spaziergängen auf einer Bank niedergelassen, um für ein paar Augenblicke den hellen Horizont, das freundliche Abendlicht zu genießen.

2.

Die Predigten von Klaus-Peter Hertzsch, vor allem in den späten achtziger und den neunziger Jahren, waren für mich Augenblicke voller Klarheit und Trost. Es war der Eindruck: der Prediger redet von meiner, von unserer Wirklichkeit. Und diese Wirklichkeit erschien vom Evangelium her, wie er es entfaltete und zur Sprache brachte, in einem neuen Licht. Und schließlich gab es selbst geradezu prophetisch mahnenden Worten angesichts himmelschreiender Zustände in dieser Welt immer ein Wort der Zuversicht. Immer ging es um die einfachen und großen Fragen: Wer sind wir? Wie wollen wir leben? Wofür sind wir verantwortlich? Was trägt? Worauf gehen wir zu? Wer kommt uns entgehen?

3.

Darf man auch an so etwas erinnern? In den achtziger Jahren, als ich Mitarbeiter bei Klaus-Peter Hertzsch war, haben wir in den Dienstbesprechungen unglaublich viel geraucht. Er hat damals sein gesamtes Vorlesungsprogramm in der Praktischen Theologie noch einmal neu konzipiert. Da gab es viel Gesprächsbedarf. Denn er hat seine wichtigen Überlegungen immer aus der Begegnung, aus dem Dialog gewonnen. Und obwohl es seiner Gesundheit sicher nicht zuträglich war, wurde dabei wirklich viel geraucht. Als das Rauchen weniger opportun wurde, zeigte Klaus-Peter sich als großer Kuchenfreund. Noch in den späten Jahren konnten er für ein zweites Stück Kuchen alles andere stehen lassen, um vielleicht beim dritten zu sagen: Ich bin dem nicht gewachsen.

Dr. Matthias Rost, Pfarrer


Pfarrer Dr. Matthias Rost

Predigt zur Beerdigung von Klaus-Peter Hertzsch

am 11. Dezember 2015

in der Stadtkirche St. Michael in Jena

Gnade sei mit Euch, und Frieden von dem, der da war und der da ist und der da kommt!

Das Wort der Bibel für diese Stunde steht im Matthäusevangelium. Christus spricht: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Liebe versammelte Gemeinde, liebe Trauernde! „Sag meinen Kindern, dass sie weiterziehn!“ Ich sage euch heute: Zieht weiter, Schwestern und Brüder! Klaus-Peter Hertzsch ist am Ziel. Zieht weiter „und wandert in die Zeit! Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid.“

Ehe wir weiterziehen, halten wir inne, schauen wir zurück, erinnern wir uns dankbar an das gemeinsame Leben, an die gemeinsame Wanderung durch die Zeit. Erzählen wir, was unser Leben reich gemacht hat: Erinnerungen, Erfahrungen – und die Verheißung, die wir geteilt haben, die Verheißung des mitgehenden Christus, des entgegenkommenden Gottes: Ich bin bei euch.

Auch wenn wir viel verlieren: nichts ist verloren. Der Reichtum dieses großen Lebens in diesem fragilen Menschen bleibt uns. Er hat ihn mit uns geteilt, in seinen „Gebrauchstexten“, in den Gedichten und den biblischen Balladen, in Predigten und Vorträgen, – in farbiger Sprache, in nützlicher Lehre, im beharrlichen Gespräch, im hartnäckigen Fragen, im aufmerksamen Zuhören, und im Erzählen.

Im Erzählen war er lebendig: im Erzählen vom Allltag der kleinen Leute, im Erzählen seines eigenen Lebensch – und von unserer Sehnsucht und Hoffnung. Erzählen war die eigentliche Form seines Denkens und Redens. Die Kirche war ihm Erzählgemeinschaft. Von der „Wanderung durch die Zeit“ muss man erzählen. Von den großen Verheißungen und Hoffnungen des Glaubens kann man zuletzt überhaupt nur erzählen. Argumente helfen da wenig. Die dogmatische Tradition der Kirche, die den Glauben erklären will, ist ihm immer ein wenig fremd geblieben. Erzählen, was war. Erzählen, wie es wird.

Im Erzählen wird Vergangenes erinnert, wird Gegenwart verständlich, werden Konturen der Zukunft gewonnen: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wie wollen wir leben? Worauf gehen wir zu? Wer kommt uns entgegen?

Erzählen wir also von Klaus-Peter Hertzsch! Erzählgemeinschaft auch wir – heute. Was aber sollen wir erzählen aus diesem selbsterzählten Leben? Es sind doch so viele Erinnerungen präsent unter uns.

Wir sehen ihn vom Ricarda-Huch-Weg hinabeilen in die Stadt, und tappend die Ibrahimstraße hinaufsteigen zur Sektion Theologie. Die braune Schultertasche, in der das Vorlesungsmanuskript und das Pausenbrot Platz haben. Schwer tragen konnte er nicht. Und mehr brauchte er nicht. Wir sehen ihn am Katheder stehen im Großen Hörsaal. Und wir hören ihn, wie er die Vorlesung beginnt, am Semesteranfang mit 1.Kor 13: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht …“ Und dann legt er seine Papiere zurecht, auf die er später nur gelegentlich einen Blick werfen wird; sie bieten ohnehin nur ein paar Stichworte. Er setzt die extrastarke Lesebrille auf, schaltet, etwas mühsam wegen seiner deformierten Hände, ein Diktiergerät ein, und beginnt.

Wir sehen ihn: mit Dir, Sigrid, zusammen am abgeräumten Frühstückstisch sitzen, noch ein Glas Tee vor sich. Du liest ihm vor, er hört Dir zu, mit untergeschlagenem Bein, mit geneigtem Kopf. Aufsätze, auf die er Bezug nehmen will, hast du ihm vorgelesen. Romane, die er in der Literaturvorlesung besprechen wird. Arbeiten von Studenten, die er bewerten muss.

Du, Sigrid, hast dein eigenes berufliches Leben aufgegeben und dich ganz in den Dienst des seinen gestellt. Da er seit seiner Jugend Gedrucktes nur noch mit größter Mühe entziffern konnte, war er auf Dich angewiesen, die Vorleserin und Frau seines Lebens.

Er war darum viel mehr ein Mensch des Hörens und des Redens als des Schreibens. Kurz vor seiner Emeritierung hat er mir gesagt: Wenn ich mich heute noch einmal um meine Professur bewerben müsste – mit meiner schmalen Veröffentlichungsliste hätte ich keine Chance.

Wir sehen ihn mit Dir, Martin, dem kleinen Jungen unterwegs durch Berlin, und selbst noch einmal neben dir in kindlicher, staunender Entdeckerfreude unterwegs in die Welt, in Berlin Mitte, auf dem Dorotheestädtischen Friedhof an Brechts Grab oder im Tierpark.

Und wir sehen dich neben ihm am Computer, wo er selbst spät noch gelernt hat, seine Stichworte in der ganz eigenen Kurzschrift endlich groß aufzuschreiben. Wie Du ihm den Text rettest, den er wieder einmal zum Absturz gebracht hat.

Sie, die Brüder, sehen ihn, den älteren Bruder in Eisenach, im Pfarrhaus am Ehrensteig. Den Schuljungen, den Chorsänger. Er musste vorsichtig sein wegen seines bedrohten Augenlichtes. Er sollte jede körperliche Anstrengung vermeiden. Er ging darum handfesten Konflikten schon damals und auch später lieber aus dem Wege.

Wir sehen ihn im Pfarrhaus Tautenburg, damals Wochenendquartier der Jenaer Studentengemeinde, oben am Giebelfenster stehen mit einem Blick ins freundliche Tal.

Da hat er die Danielballade gerade

in einer Nacht vollendet.

„Ein schöner Morgen kam in Sicht,

der Beter stand im Morgenlicht.

Die ganze Schöpfung war erhellt

und lobte Gott, den Herrn der Welt.“

Wir sehen ihn, eine Zigarette mehr paffend als rauchend, in einer Gruppe von Studenten stehen. Da ist er zwar eine Generation älter, aber fast so jung wie sie. Alles Leben ist Begegnung. Und gute Theologie entsteht im Gespräch. Am Ende kluger Debatten stand für ihn nie das Urteil: Das ist richtig oder falsch. Sondern: Das leuchtet mir ein – oder nicht.

Wir sehen ihn auf einer Synodaltagung sich mit seiner unverwechselbaren Geste zu Wort melden. Und er trägt eine Erklärung vor, die der kluge Arbeiter an „fleißigen“ Kompromissen mit ein paar Mitstreitern in späten Nachtstunden erarbeitet hat. Mit verhaltenem Stolz hielt er sich zugute: er habe sein Lebtag nie eine Unterschrift unter einen Text gesetzt, den er nicht selbst mit verfasst hatte.

Und wir sehen ihn, nein, wir hören ihn, am Heiligabend 22 Uhr drüben in der Friedenskirche – oder in der Silvesternacht hier auf dieser Kanzel predigen. Er legt uns die Jahreslosung des kommenden Jahres aus. Und während die Silvesterböller draußen unsere dumpfe Zukunftsangst hier drinnen untermalen, spricht er von der Klarheit des Herrn und der Freundlichkeit Gottes, die uns zugewandt bleiben wird auch im kommenden Jahr. Zu klein, beschämend ungläubig fand er immer die Hoffnung, dass es in unserer behüteten Welt noch eine Weile so bleiben möge wie es ist – während draußen die geringsten Schwestern und Brüder nichts sehnlicher hoffen, als dass diese Welt endlich anders werde: die Hungernden in Afrika, die in den Trümmerstädten in Syrien, die globalen Arbeitssklavinnen in den Textilfabriken in Bangladesh. Hoffen, dass es anders wird!

Und so hat er immer von neuem die großen Hoffnungsbilder der Bibel proklamiert: vom Shalom zwischen Mensch und Natur, von der großen Festtafel, vom großen Essen, zu der alle eingeladen sind von Norden und Süden, von Ost und West, vom Erdreich, das den Sanftmütigen gehört, von der Stadt, in der Gott bei den Menschen wohnt und alle Tränen abgewischt werden. „Darauf lasst uns hoffen und zuleben! Das lohnt sich.“

Wir haben uns angelehnt bei ihm, der selbst so bedürftig erschien. Bedürftig sich anzulehnen, geleitet und getragen zu werden. Er war eine transparente Existenz. Nicht so, wie die Medienstars, bei denen die Pressescheinwerfer noch in den privatesten Winkel leuchten – es gab manches, das er lieber verborgen hielt. Vielmehr so, wie bei einem alten Weihnachtstransparent: Durch das dahinter stehende Licht treten die Konturen deutlicher hervor – Kein Glaubensheld, sondern ein Mensch, der sich im Menschlichen bewährt.

Im Kloster Drübeck haben wir vor einigen Jahren den Tagungsräumen Namen gegeben, Namen bedeutender Persönlichkeiten unserer Kirche. Fürs Pastoralkolleg stand ein Namen schnell fest: es sollte der von Werner Krusche sein, dem Bischof der Kirchenprovinz in den 70er/80er Jahren. Wir suchten nach einer Persönlichkeit, die für die Thüringer Hälfte unserer neuen Landeskirche ähnlich prägend und orientierend gewirkt hat. Ich schlug Klaus-Peter Hertzsch vor. Kann man einen Lebenden bitten, seinen Namen dafür zur Verfügung zu stellen?

Ich habe ihm unsere Überlegungen geschildert. Und seine Antwort, in seiner unnachahmlich bescheidenen Eitelkeit: Matthias, da fällt mir auch niemand ein, der passender wäre.

Seitdem hat ein Raum in Drübeck seinen Namen. Und wir sind dort gewesen vor zwei Jahren. Da war eine Tagesfahrt schon ein kleines Abenteuer.

Im Übrigen hatten die letzten Jahre wenig Abenteuerliches. Er konnte nur schwer akzeptieren, dass Ihr Euer Zuhause am Ricarda-Huch-Weg vor drei Jahren aufgeben musstet. Er hat darunter gelitten, dass er sich auf sein früher phänomenales Textgedächtnis zuletzt nicht mehr verlassen konnte. Er hat sich durch manchen Morgen mühsam in den Tag gekämpft. Und hatte oft das Gefühl, aus der Mitte des Lebens nun ganz an den Rand geraten zu sein.

So viele Erinnerungen: Geschichten, Begegnungen, Augenblicke. „presente“ – ruft die Gemeinde in Lateinamerika, wenn der Name eines Verstorbenen genannt wird. „presente“, Klaus-Peter Hertzsch. „presente“ sagt Christus: ich bin bei euch.

Christus spricht: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“ Das hat er uns aufgetragen zu hören in dieser Stunde. Seinen Konfirmationsspruch. Den hat er sich selbst ausgesucht. Schon mit 13 wurde er von Vater Erich konfirmiert. Der war Religiöser Sozialist und SPD-Mitglied gewesen und hatte Juden aus Nazideutschland zur Flucht verholfen. Er hat, wie die Söhne erst später erfuhren, ständig damit gerechnet, dass er irgendwann entdeckt und die Gestapo ihn mitnehmen würde. Und er wollte, dass seine Jungen ihn als den in Erinnerung behalten, der sie in die Gemeinde einführt.

Klaus-Peter hatte schon seine ganze Schulzeit hindurch die Erfahrung gemacht, dass er mit seiner Behinderung nicht zu den Starken, Durchsetzungsfähigen, zu den Beinharten gehörte. Und er hatte die ganz frühe Erfahrung einer abgrundtiefen Verlassenheit gemacht, die ihn lebenslang nicht losgelassen hat: Als Mutter Karen den Fünfjährigen zu einer ersten Augenoperation nach Berlin gebracht hatte, in dieses hohe dunkle Gebäude und ihn dort zurücklassen musste unter lauter fremden Menschen, Schwestern, Pflegern, Ärzten, in einer fremden, bedrohlichen Welt. Und wie er der Mutter nachsah, die das Zimmer verließ und das Haus – und der kleine Junge blieb da völlig allein.

In einem Seminar zum „Predigen im Krankenhaus“ hat er einmal mit uns über seine Erfahrungen nachgedacht, die er in verschiedenen Lebensphasen als Patient gemacht hatte: weitere Augenoperationen in der Kindheit. Tage in völliger Dunkelheit. Die erste Narkose, und wie im Schwinden der Sinne ein grauenvoller Chor von Geisterstimmen ihn umgibt: „Jetzt haben wir dich! Jetzt haben wir dich!“ Die Lungenoperation in Zürich, die der Tuberkulose ein Ende setzen sollte. Die späteren Operationen seiner rheumazerstörten Hände.

Und er hat erzählt: diese Nacht nach der Lungen-OP, dieses Fallen, diese bodenlose Einsamkeit, ohne Zeit und Raum, ohne Vergangenheit und Zukunft, zwischen Leben und Tod, absolut einsame Gegenwart, das war die Hölle. Darum war, wie es früher im Glaubensbekenntnis hieß, Christus sei „niedergefahren zur Hölle“, tröstlich für ihn: zu wissen, in welche Abgründe du auch versinkst: Christus kennt das. Er war auch da. „Ich bin bei euch.“ Auch in der Höllenerfahrung, auch dort.

Und dann hat er dieses abgrundtiefe Alleinsein und die Angst darin als ein Urtrauma der Menschheit erkannt: in dieser Welt völlig allein gelassen zu sein, mit unseren Ängsten, mit unseren Problemen, mit unserer Ratlosigkeit, mit unserer Verantwortung: Bodenlose Einsamkeit, Gottverlassenheit.

Aber in solche Angst und Ratlosigkeit hinein spricht nun der auferstandene Christus: „Siehe, ich bin bei euch, alle Tage, bis an der Welt Ende.“ Den Jüngern, zu denen Christus spricht, sitzt noch das Entsetzen des Karfreitags in den Gliedern. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und nun nimmt der Auferstandene Abschied von ihnen, und sie sehen ihm nach, „und sie zweifeln“. Er aber schickt sie weg, in eine fremde Welt, zu unbekannten Menschen. Tauft sie, gebt weiter, was ich euch gelehrt habe: „Selig die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen. Alles was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, tut auch ihr ihnen.“ Das lehrt sie. Geht. Abschied.

Es ist aber ein Abschied, der ganz anders ist. Sonst sagt der, der geht: Behaltet mich in guter Erinnerung! Und haltet euch an das, was ich euch gesagt habe. Von jetzt an müsst ihr ohne mich auskommen.

Hier aber sagt einer, der Abschied nimmt: Geht, aber ich bin bei euch.

Als der Evangelist dieses Wort aufschrieb, da war freilich schon ein ganzes Lebensalter ins Land gegangen seit diesem merkwürdigen Abschied. Da hatten die Jünger nicht nur die überraschende Zusage und Verheißung. Da hatten sie längst auch die überzeugende Erfahrung: Es ist wahr, er ist bei uns gewesen, all die Zeit: im einsamen Boot auf nächtlicher stürmischer See, und auf der Wanderung durch das weite Land. In Trümmerstädten, und als wir unsere Hoffnung streitbar verteidigen mussten vor den Großen der Welt. Als wir in großer Gemeinde versammelt waren, aber auch als wir völlig einsam waren in einem lichtlosen Kerker. Er ist bei uns gewesen. Nicht nur an besonderen Tagen, an Tagen einer starken Erinnerung oder einer freundlichen Fügung oder in Glücksmomenten. Sondern alle Tage, eingeschlossen die mühsamen, die tristen, die dunklen Tage, von Montag bis zum Wochenende, von Neujahr bis zum Jahresende, von der Taufe bis zum Lebensende. Alle Tage. Sollte das nun nicht auch gelten von heute an, bis ans Ende der Welt? „Ich bin bei euch.“

Und nicht zufällig steht wohl nun unmittelbar vor diesem Christuswort erstmals in der Heiligen Schrift der Name des dreieinigen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, in den hinein sie taufen sollen. Denn hier zeigt sich bereits die Erfahrung der frühen Christinnen und Christen: „der Herr, mit dem wir redeten und handelten“, „und der so vielgestaltig uns begegnet“ – der ist bei uns auf eine geheimnisvoll vielfältige Weise, und doch immer ein und derselbe.

Als Schöpfer, der sich zeigt in Morgenlicht, wie in den Farben des Herbstes, im Neugeborenen und als einer der uns trägt bis ins Alter.

Als Heiliger Geist, in Kraft, in Liebe und Besonnenheit, in Klarheit, in Freundschaft und in großer Gemeinde. Und zuletzt doch als einer von uns: mit menschlichem Antlitz, gezeichnet vom Lieben und Leiden auf dieser Erde und zugleich mit leuchtendem Angesicht. Geheimnis des Glaubens: Ich bin bei euch. „Er blieb sich immer gleich, doch wir sind die Verwandelten.“

Am Abend, bevor er gestorben ist, war ich bei Klaus-Peter. Wir haben den Psalm gebetet: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe.“ Und mit Sigrid zusammen haben wir das Abendlied gesungen, das er sich oft gewünscht hat: „Wollst endlich sonder Grämen aus dieser Welt uns nehmen durch einen sanften Tod.“ Dann habe ich seine Aufmerksamkeit noch einmal auf das Bild gelenkt, das Sie jetzt vorn auf dem Blatt haben. Jahrzehntelang hing es in seinem Zimmer, über seiner Schlafstatt. Und wer jemals am Richarda-Huch-Weg bei ihm zu Besuch war, hat es dort gesehen. Auch an seinem letzten Lebensort, im Gertrud-Schäfer-Haus hing es über seinem Bett. Und nun habe ich ihm noch einmal gesagt, was er ja inwendig kannte: wie die drei Könige unter der Decke liegen, einer schon wach, denn der Engel hat ihn angerührt – und der weist auf den Morgenstern. Weist den Weg ins Kommende, dorthin wo Gott und Mensch zusammen sind für immer.

Unter diesem Bild ist er gestorben. „Noch am Abend brechen wir auf.“ – „Siehe, ich bin bei euch“, spricht Christus, „alle Tage“, bis an euer Ende, „bis an der Welt Ende.“

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher größer ist als all unser Verstehen und Begreifen, bewahren unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.

Pfarrer Dr. Matthias Rost

Jacob-Michelsen-Str. 5

07749 Jena

Tel 03641-425352

mmrost@googlemail.com

Die Spaltung in der Gesellschaft

30. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Streitgespräch: Vom Umgang mit Ängsten und ungelösten politischen Fragen und wie wir uns kritisch damit auseinandersetzen lernen

Zwischen besorgten Bürgern und gefährlichen Mitte-Extremisten. Wie gehen wir um mit den Ängsten, ob begründet oder unbegründet, und wo ist die Grenze zwischen berechtigter Sorge, Zukunftsangst und rechtem Populismus? Dr. Hans-Joachim Maaz, Psychiater und Psychoanalytiker aus Halle, spricht sich gegen eine Pauschalisierung von Pegida aus. Der streitbare Jenaer Jugendpfarrer Lothar König hält Populisten und Mitläufer in der aktuellen Flüchtlingsdebatte für gefährlicher als Rechtsextremisten. Maaz und König diskutierten miteinander, moderiert von Willi Wild.

Dr. Maaz, Sie fordern einen ernsthaften Umgang mit dem Unmut auf der Straße. Ihrer Meinung nach sind nur wenige, die bei Pegida mitlaufen, Rechtsextremisten. Geht Ihr Verständnis für die besorgten Wutbürger nicht etwas zu weit?
Maaz:
Im Gegenteil. Ich bin am meisten besorgt über die Spaltung in unserer Gesellschaft: also Pegida oder No-Pegida. Ich halte die Pauschalablehnung von Pegida für ziemlich starke Hetze. Die ist von den Politikern angezettelt worden. Sicher gibt es bei Pegida Personen, die nicht akzeptabel sind. Die Themen, die auf die Straße getragen werden, die sollten verstanden, analysiert und diskutiert werden. Außerdem sind einzelne Kritikpunkte, die Pegida vor einem halben Jahr genannt hat, mittlerweile ziemlich aktuell.

Herr König, Sie bezeichnen die Mitläufer als Mitte-Extremisten. Damit treffen Sie aber inzwischen eine große gesellschaftliche Gruppe?
König:
Mitte-Extremisten deshalb, weil wir in der Vergangenheit immer nur nach links und rechts geschaut haben. Mitte-Extremisten halte ich für am gefährlichsten, weil sie sich zurücklehnen und zu wenig reflektieren. Da haben wir dann die Gesellschaft, vor der Herr Maaz hier warnt.
Maaz: Wenn wir solche Worte wie Extremisten oder auch Nazis benutzen, besteht immer die Gefahr, dass man glaubt, mit so einer abwertenden Bezeichnung habe man das Problem erfasst. Wir müssten uns vielmehr mit den Gründen befassen, warum sich Menschen zu Extremisten entwickeln oderextremistische Positionen vertreten?

Ist es nicht Zeichen einer Demokratie, Unmut und Angst in Demonstrationen zu äußern, ohne dass man gleich in eine Extremistenecke gestellt wird?
Maaz:
Ja selbstverständlich. Pegida ist allerdings von Anfang an überhaupt nicht ernst genommen worden. Es gehört zu unseren demokratischen Grundregeln, dass man protestieren kann, dass man eine Meinung hat und dass man über Meinungen streiten kann und muss. Aber genau das hat die Politik kritisiert.
König: Wir demonstrieren und sagen die Meinung, streiten miteinander und versuchen auf einen Nenner zu kommen. Das ist das eine. Aber wir leben hier in einer Welt, die ist von Gewalt geprägt ist. Auch wenn Politiker uns etwas anderes erzählen wollen, kein Mensch ist gewaltfrei. Ich bin noch dabei zu lernen, wie es dem Herrn Jesus gelungen ist, gewaltfrei und friedlich mit der Peitsche die Leute aus dem Tempel zu prügeln. Ja, da findet Gewalt statt. Und wir brauchten eine Gewaltdebatte, vor allen Dingen von den Theologen. Wir leben halt nicht im Himmelreich. Das ist eine Zielvorstellung.
Maaz: Ich möchte dem sehr zustimmen, Herr König. Ich spreche von einer strukturellen Gewalt in der Gesellschaft. Wir brauchen eine Gewaltdebatte, wo wir uns fragen: Wie entsteht Gewalt, woher kommt das, was sind soziale und auch seelische Probleme, die zu Gewalt führen und wie kann man damit umgehen? Was kann man tun, damit Gewalt nicht ständig wächst und ausufert?
König: Eine der Grundlagen unseres jüdisch-christlichen Glaubens ist der Psalm 23, der fängt an: »Der Herr ist mein Hirte.« Pegida und andere Unzufriedene, die sich zu kurz gekommen fühlen, sagen: Niemand behütet mich! Wenn ich Menschen treffe, die Angst haben, dann sage ich, das brauchst du nicht. Komm, wir gehen ein Stück zusammen.

Mal im Dunkeln, mal hell erleuchtet. Der Erfurter Domplatz wird häufig für Demonstrationen genutzt, wie hier durch das neugegründete Bündnis für Mitmenschlichkeit für ein weltoffenes, tolerantes Thüringen. In dem Bündnis soll das zivilgesellschaftliche Engagement von 175 Gruppen gebündelt werden. Foto: Adrienne Uebbing

Mal im Dunkeln, mal hell erleuchtet. Der Erfurter Domplatz wird häufig für Demonstrationen genutzt, wie hier durch das neugegründete Bündnis für Mitmenschlichkeit für ein weltoffenes, tolerantes Thüringen. In dem Bündnis soll das zivilgesellschaftliche Engagement von 175 Gruppen gebündelt werden. Foto: Adrienne Uebbing

Wenn Sie zu diesen Menschen sagen, dass sie Mitte-Extremisten sind, wirkt das vertrauensbildend?
König:
Das eine ist die seelsorgerliche und das andere die politische Seite. Die Pegida-Demonstrationen in Dresden haben klein angefangen. Man hat sie laufen lassen. Kein Schwein hat das interessiert. Wenn ich sehe, was sich für Neonazis in Dresden unter die Demonstranten mischen, da haben wir als laue Christen – wie es Luther ausdrückt – versagt. Ich habe mitbekommen, wie dann am Rande Menschen gejagt worden sind, die irgendwie anders aussahen. Da ist für mich eine Grenze überschritten, das geht gar nicht. Wenn es den kritischen Dialog gäbe, dann würde ich sofort einsteigen. Aber es geht nicht, dass hier Stimmung auf Kosten anderer gemacht wird. Ein Mensch ist immer erst mal eine Chance, eine Hoffnung.

Wie können wir denn zu einem gesunden Umgang miteinander kommen?
Maaz:
Man hat ja immer wieder versucht, das Gespräch zu führen. Das ist natürlich kaum möglich bei solchen Demonstrationen. Was wir machen können ist, dass wir anfangen, die Themen aufzugreifen, die ernsthaften Positionen und sie in einer größeren Öffentlichkeit diskutieren.
König: Was in Paris passiert ist und vielleicht demnächst in Deutschland passiert, das ist eine Rechnung, die wir geliefert bekommen, nicht für zehn Jahre falscher Politik, nicht für 50 Jahre, für mindestens 500 Jahre. Unser Abendland ist so reich geworden und wir haben jedes Maß verloren. Heute kriegen wir eine Rechnung präsentiert und niemand weiß, wie diese Rechnung zu bezahlen ist.

Auch in kirchlichen Kreisen gehen die Meinungen weit auseinander. Die Verantwortlichen in den Kirchenleitungen sagen – wie die Kanzlerin – wir schaffen das und alle sind willkommen. In den Gemeinden scheint es zunehmend zu rumoren, weil sich die Menschen alleingelassen fühlen.
König:
In der Kirche wird die Welt ständig schöngeredet. Die Verwerfungen in unserer Gesellschaft und in unserer Welt haben wir fast völlig aus dem Blick verloren. Wir sind kaum mehr konfliktbereit und schon gar nicht in der Lage zu streiten. Wir müssen auch thematisieren, wie viele menschenfeindliche Gedanken unter uns Christen vorhanden sind.
Maaz: Die Verantwortlichen vertreten eine Willkommenskultur und die Bevölkerung, die das entgegenzunehmen hat, spürt zunehmend die Überforderung und die eigentlich notwendige Begrenzung. Etwa 60 Millionen Menschen sind derzeit weltweit auf der Flucht. Die Gründe für Flüchtlinge zur Wahrnehmung des Asylrechtes werden wachsen. Wenn wir nicht die Aufnahme von Flüchtlingen begrenzen, ersticken wir irgendwann. Wir erkennen natürlich, dass wir wesentlichen Anteil haben mit unserer westlichen Lebensart, an der gewachsenen sozialen ungleichen Verteilung des Reichtums. Wir sollten vielmehr unseren Reichtum verwenden, um Armut vor Ort zu bekämpfen. Die Milliarden und vor allem unser technisches Know-how müssen aufgewendet werden, um wirksam die Armut zu bekämpfen und um Kriege zu verhindern.
König: Wir haben uns lange Zeit da wenig eingemischt. Das einzige was wir gemacht haben ist, unsere Waffen dorthin zu verkaufen. Jetzt wundern wir uns, dass mit den Waffen nicht Kartoffelanbau betrieben, sondern geschossen wird.
Maaz: Wir dürfen aber auch nicht verschweigen, dass in unserer Gesellschaft eine wachsende soziale Ungerechtigkeit existiert, die man nicht pauschal mit unserem Reichtum beruhigen kann. Wir müssen auch in unseren Gesellschaften um eine größere soziale Gerechtigkeit kämpfen.

Sie empfehlen den kritischen Dialog als Lernprozess. Was könnte das für Kirchen und Kirchengemeinden bedeuten?
Maaz:
Uns droht eine Spaltung zwischen den Obrigkeiten und der Gemeinde. In den Gemeinden müssen alle Probleme, alle Sorgen, alle Ängste tatsächlich angesprochen werden, ohne dass man gleich in eine Ecke von Fremdenfeindlichkeit oder Extremismus gestellt wird. Wenigstens in den Kirchen sollte Offenheit und Ehrlichkeit herrschen, damit konstruktive Kritik geübt werden kann.
König: Wir sollten wieder anfangen, das Evangelium zu predigen: Das Himmelreich ist nahegekommen. Sorgt euch nicht, werft alle Sorgen auf ihn. Und wir fangen an, hier zu leben und zu streiten, zu suchen und zu finden und Fehler zuzugestehen, Fehler zu korrigieren. Das ist, was uns stark macht.

Gebet ist Fernwärme von innen

23. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Zeugnis: Die Ewigkeit mehr in unser Heute einbinden und die gute Botschaft weitergeben

Der IS-Terror versetzt die westliche Welt in Angst und Schrecken. Der Versuch einer geistlichen Einordnung.

Was sind das für Wochen! Die Geschehnisse haben mich nach rationaler Aufnahme nun auch emotional erreicht.

Viele Jahrzehnte konnte ich in den verschiedensten Missionen um die Welt jetten. Dabei Menschen, Lebensweisen, Musik, Religionen und Kulturstätten zu studieren, war das größte Erlebnis. Doch eine große Zahl des (Welt-)Kultur-Erbes besteht nicht mehr. Kann man Geschichte zerstören? Sie lebt in Büchern – in gedruckter wie digitaler Form – weiter; das wird niemand auslöschen können. Die Frage stellt sich, ob man aus dem Geschehenen etwas lernt. Salomo schreibt im Buch Prediger: »Was geschehen ist, wird wieder sein. Was man getan hat, wird man später wieder tun. Es geschieht nichts Neues unter der Sonne. Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen … es geschieht nichts Neues unter der Sonne.« – Ich befürchte, er behält recht.

Doch was sind die Vernichtungen materieller Güter gegen die Taten, die gegen Menschen gerichtet sind? Schreckliche Bilder der Hinrichtungen von Christen gehen um die Welt, und man blickt wie paralysiert auf die Fernsehschirme, Tablets oder Smartphones. Nahezu zeitnah ist man dabei und findet keine Worte. Christenverfolgungen gab es schon immer – doch noch nie in dieser Dimension. Der stillte Trost kommt in mir hoch, dass die grausam Ermordeten in der Ewigkeit sind. Die Freude darüber sollte überwiegen, doch die Traurigkeit hält stark dagegen. »In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden«, tröstet Jesus und zeigt auf, wie sehr sein Leben und Wirken für die Menschheit ewigkeitsbezogen war. »Wer an mich glaubt, der wird leben –
und ob er gleich stürbe«, sagt Jesus.

Das Wochenende in Paris hat gezeigt: Mittlerweile geht es nicht nur mehr um Christen, sondern gegen alle, die anderen Glaubens sind als die Täter selbst. Mensch gegen Mensch, die Werte schwinden. Was können wir dem bloß entgegensetzen? Wir dürfen die Dinge dieser Welt mit beeinflussender Wirkung vor Gott bringen. Das, was wir Gläubigen mitbekommen haben, um Geschehnissen eine andere Richtung zu geben, liegt in den Patellen (Kniescheiben). »Betet, dass es nicht im Winter geschieht«, sagt Jesus, als er die Endzeit beschreibt. Das heißt, wir können Dinge bewirken! Ernsthaftes Gebet ist immer auch Fernwärme für Menschen, die frieren. Innerlich wie auch äußerlich. Zum Beispiel auch für die, die an unseren Grenzen gerade auf ein besseres Leben hoffen.

Ich bin noch nicht da, wo ich einmal sein möchte, nämlich in der himmlischen Gemeinschaft mit Christus. Aber ich bin auch nicht mehr da, wo ich einmal war. Geprägt von all den vielen Jahren »ohne Gott« in Politik, Wirtschaft und Showbusiness, lebe ich im Heute und darf das Gelernte nun mit einbringen, um Menschen mit der guten Botschaft bekannt zu machen. Wie wunderbar, wenn all unser Schaffen und Reden täglich mehr mit dem Gedanken des Ewigkeitswertes behaftet wäre!

Waldemar Grab

Foto: Wilhelm Georg Adelberger

Foto: Wilhelm Georg Adelberger

Der Autor Waldemar Grab
Waldemar Grab ist Journalist. Von 1976 bis 1982 war er Chef-steward der Kanzlermaschine von Helmut Schmidt, Redenschreiber für Politiker und Wirtschaftsmanager. Der Hobby-Pianist wurde von TV-Produzent Wolfgang Rademann in einer Hotelbar entdeckt und ging 1998 als Showpianist auf das ZDF-Traumschiff »MS Deutschland«. Über das Lesen eines Neuen Testamentes in der Schublade seiner Luxuskabine kam er 2002 zum Glauben an Christus, besuchte eine Bibelschule und gründete 2006 den Verein »Missionswerk Hoffnungsträger«. Auf Haiti baut er derzeit mit Partnern ein Kinderdorf auf und ist mit rund 200 Veranstaltungen pro Jahr auf Konzert-, Vortrags- und Predigttour in Deutschland unterwegs.

Der Wind weht, wo er will

16. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Energiewende: Der Strombedarf der EKM soll auf ökologische Weise selbst erzeugt werden

Wenn etwas Unsichtbares etwas Sichtbares bewegt, dann meint man in der Kirche meist den Heiligen Geist. Unsichtbar, immateriell und stark ist auch der Wind, mit dem der Heilige Geist oft verglichen wird. Die Kraft des Windes will man sich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zu nutze machen.

Manchmal passen alte Weisheiten einfach. Auch bei erneuerbaren Energien. Ein chinesisches Sprichwort sagt: »Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen.« Oder, aktueller: Wind­räder. Die EKM macht genau dies: Windräder bauen und betreiben. Mit einem eigenen Unternehmen, dem »EKM-StromVerbund«. Wie aber wird eine Landeskirche Stromproduzent?

Drübeck, 2010: Die Herbsttagung der Landessynode stimmt einem Beschluss des Umwelt-Ausschusses zu. »Die Landessynode bittet den Landeskirchenrat zu prüfen, ob die EKM (…) eigene Investitionen in erneuerbare Energien vornehmen kann«, hieß es da. In der folgenden Frühjahrstagung in Wittenberg sollte die Synode einen abschließenden Beschluss fassen. Sechs Tage vor Synodenbeginn bebte in Fukushima die Erde. Der entstandene Tsunami und dessen Folgen sind bekannt. Auch auf die Energiepolitik hierzulande. Die Investition in erneuerbare Energien wird von den Synodalen bei neun Gegenstimmen und elf Enthaltungen abgesegnet. Im Herbst 2011 beschließt das Kollegium des Landeskirchenamtes (LKA) in Erfurt die Gründung eines eigenen kirchlichen Unternehmens – auf Empfehlung einer renommierten Wirtschaftsprüfergesellschaft. Im Folgejahr wurde der »EKM-StromVerbund« aus der Taufe gehoben, der sich um die beschlossenen Investitionen kümmern soll. Die Pläne für eine solche Unternehmensgründung bestanden schon lange vor dem Synodalbeschluss, wie Oberkonsistorialrat Diethard Brandt vom Referat für Grundstücke der EKM gegenüber »Glaube+Heimat« erklärte.

Windräder in direkter Nachbarschaft zur Kirche, wie hier in Wormstedt im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Foto: Adrienne Uebbing

Windräder in direkter Nachbarschaft zur Kirche, wie hier in Wormstedt im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Foto: Adrienne Uebbing

Stefan Große, Finanzdezernent der EKM, sagte im November 2011 kurz nach dem Beschluss: »Die EKM verbraucht jährlich 33 Millionen Kilowattstunden Strom. Unser Ziel ist es, genauso viel Strom auf ökologische Weise selbst zu erzeugen.« Neu an dem Vorschlag war, selbst in die Energieerzeugung zu investieren. Zwar drehen sich seit Mitte der 1990er Jahre bereits rund 140 Windräder auf Kirchengrundstücken. Aber bisher gehört keines davon der Kirche selbst. Mit der Gründung des »EKM-StromVerbundes« sollte sich das ändern.

Derzeit betreibt das kirchliche Unternehmen drei Wind­energieanlagen. Zwei in der Nähe von Halle und ein drittes im Kirchenkreis Gotha. In Planung sind weitere in Brandenburg, Nordhausen und Gera. Der selbst produzierte Kirchenstrom beläuft sich derzeit auf jährlich etwa 15 Millionen Kilowattstunden.

Kein billiges Unterfangen. Der Einstieg in die Welt der Strom­erzeuger kostete die EKM bisher rund 11,7 Millionen Euro. Finanziert wurde dies durch Kirchenbanken, der Eigenanteil von 20 Prozent (rund 2,3 Millionen Euro) stammt aus dem Grundvermögensfonds der EKM. In diesen Fonds fließen die Gewinne zurück. Im Jahr 2014 waren es gut 1,5 Millionen Euro. Für Thomas Wick, Sachbereichsleiter Landwirtschaft im Referat für Grundstückswesen des LKA in Magdeburg, ist diese innerkirchliche Wertschöpfungskette entscheidend. Er erklärt: »Die Kirchengemeinde, auf deren Grund die Windräder errichtet werden, bekommt Pacht von der Landeskirche. Finanziert wird alles durch die Kirchenbank, kirchliche Fonds geben das Eigenkapital, in die die Einnahmen zurückfließen und am Ende gibt es Kirchenstrom.« Energie von der Kirche für die Kirche.

In einer ersten Ausbauphase soll der Stromverbrauch der verfassten Kirche, in der zweiten auch der Verbrauch der diakonischen Einrichtungen (insgesamt 55 Millionen Kilowattstunden) aus kircheneigenen Windkraftanlagen gedeckt werden. Diethard Brandt kann sich auch eine kirchliche Direktvermarktung vorstellen. Die EKM wäre dann nicht nur Stromerzeuger, sondern auch -anbieter. Doch Brandts Blick in die Zukunft wirkt ein wenig gedämpft. »Lange kommunale Planungszeiträume und die zunehmende Zurückhaltung von Kirchengemeinden bei der Bereitstellung kirchlicher Grundstücke behindern neue Projekte.«

Doch Windenergieanlagen haben auch mit anderen Problemen zu kämpfen. Im Durchschnitt werden die Betriebskosten mit 2,5 bis 4 Prozent der Investitionskosten beziffert – ein nicht unerheblicher Kostenfaktor. Und: Nach Recherchen des Südwestrundfunks sind viele Windkraftanlagen unrentabel. Die Auslastung eines Windrades wird in Volllaststunden gerechnet. Gut 1 700 Volllaststunden gelten dabei als Richtwert, um rentabel zu wirtschaften. Nur werde dieser oft verfehlt. Gründe können mangelnder Wind oder verfehlte und zu hoch angesetzte Windgutachten sein. So berichten Betreiber aus Süddeutschland, dass ihre Windertragsgutachten um 20 bis 35 Prozent zu hoch angesetzt seien. Weniger Wind bedeutet weniger Rendite. Dabei nehmen die Erträge mit der Windgeschwindigkeit nicht linear ab oder zu, sondern potentiell. Was also passiert, wenn die EKM-Windräder in die Verlustzone geraten? Aus welchen Töpfen müsste dann Geld genommen werden? »Das wird nicht passieren«, sagt Thomas Wick. Bisher sei das Unternehmen profitabel, auch wenn 2014, das erste volle Betriebsjahr, ein schwaches Jahr war. Außerdem sei die Laufzeit auf 20 Jahre angesetzt. Windarme Jahre können so durch die regionale Verteilung der Anlagen aufgefangen werden. Ein ursprünglich für die Herbsttagung der Synode geplanter Bericht über die Erträge der Anlagen kann aber, so heißt es aus dem Landeskirchenamt, leider noch nicht vorgelegt werden.

In der Kirche fließen nun nicht mehr nur Ströme des lebendigen Wassers. Sondern auch eigens produzierter grüner Strom. So lange der Wind weht.

Stefan Körner

Elternzeit im Pfarrhaus

9. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Gemeindeleben: Dienstliches und Privates lassen sich in Pfarrfamilien schwer trennen

Windeln wechseln statt Gottesdienstvorbereitung – Pfarrerinnen und Pfarrer in Elternzeit

Der Sonntagnachmittag ist eine heilige Zeit für Pfarrerin Stephanie Ladwig. Komme, was wolle – die Zeit reservieren sie und ihr Mann für ihre zwei Töchter. Ohne Absprache wird nichts geplant, Dienste werden nur in absoluten Ausnahmen angenommen. Für die 36-Jährige aus dem ostthüringischen Zoppoten (Kirchenkreis Schleiz) ist der Nachmittag eine wichtige Institution zur Trennung von Privatem und Beruflichem. Denn als Pfarrerin ist sie immer erreichbar, auch in ihrer Elternzeit. Seit Sommer 2014 ist sie mit ihrer zweiten Tochter »zu Hause«, wie es so schön heißt. Aber ist man als Pfarrerin zu Hause nicht trotzdem auch an der Arbeit? Sich während einer Elternzeit gänzlich aus allem rauszuhalten, hält Pfarrerin Ladwig für kaum praktikabel: »Das soziale Miteinander findet ja trotzdem statt, ich bin in Elternzeit nicht außerhalb von Zeit und Raum«, sagt sie: »Wenn ich von Leuten wusste, die lange krank waren, dann habe ich sie natürlich auch besucht.« Ganz bewusst hat sie eine private Telefonnummer hinterlassen. Wenn der Wunsch bestand, Taufen oder Beerdigungen zu übernehmen, hat sie es möglich gemacht, wenn es ihre Kapazitäten zuließen.

Studierstube im Pfarrhaus in Zoppoten (Kirchenkreis Schleiz) in den 1930er Jahren aus der Wanderausstellung »Leben nach Luther – eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses«. Foto: Landeskirchenarchiv Eisenach

Studierstube im Pfarrhaus in Zoppoten (Kirchenkreis Schleiz) in den 1930er Jahren aus der Wanderausstellung »Leben nach Luther – eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses«. Foto: Landeskirchenarchiv Eisenach

Andere Pfarrerinnen und Pfarrer handhaben das anders. In ihrer Elternzeit kommunizieren sie mit dem Verweis auf ihre Vertretung klar, dass sie keine Dienste übernehmen und für Anliegen nicht zur Verfügung stehen. Stephanie Ladwig kann diese Einstellung zwar verstehen, sagt aber auch: »Wir haben eine Verantwortung und die Ordination setzt während der Elternzeit nicht einfach aus.« Einzelne Dienste in Ausnahmefällen zu übernehmen, läge im Ermessensspielraum des Pfarrers oder der Pfarrerin, sagt der Personaldezernent der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Michael Lehmann. Elternzeit im Pfarrdienst sei immer eine individuelle Angelegenheit. »In erster Linie wird bei der Gestaltung der Elternzeit von den Wünschen der Eltern ausgegangen und nicht von der Gemeindesituation«, so Lehmann. Die konkrete Umsetzung des Vorhabens liegt beim Kirchenkreis, der die Hoheit über den Personaleinsatz hat. Um die Pfarrstelle und den Wohnsitz in der Dienstwohnung zu behalten, soll die erste Phase der Elternzeit nicht länger als 18 Monate dauern. Im Anschluss daran gibt es umfangreiche Möglichkeiten zur Wiedereingliederung. Stephanie Ladwig etwa arbeitet seit diesem Sommer bereits wieder zu 25 Prozent. Zum Januar 2016 wird sie zunächst eine halbe Stelle besetzen, bevor sie im Sommer wieder voll arbeitet.

Derzeit sind in der EKM sechs Pfarrerinnen und fünf Pfarrer in Elternzeit. Väter nehmen in den meisten Fällen zwei Monate in Anspruch. Weitaus häufiger als im Pfarrdienst, wird Elternzeit während des Vikariats beansprucht. »Die Familienplanung ist bei Eintritt in den Pfarrberuf in vielen Familien bereits abgeschlossen«, sagt Personaldezernent Lehmann.

Foto: Mirjam Petermann

Foto: Mirjam Petermann

Derzeit kommen auf 65 Vikarinnen und Vikare 61 Kinder – eine Zahl, die die EKM als Ausbilder vor eine große Herausforderung stellt. Die Gestaltung einer familiensensiblen Ausbildung war deshalb eine große Aufgabe in den vergangenen Jahren. Entstanden ist ein flexibles System, das Elternschaft und Vorbereitungsdienst miteinander verknüpft. Neben finanziellen Familienzuschüssen gibt es verschiedene Betreuungsmodelle für die Kinder während der Kurswochen oder spezielle Familienkurse, bei denen etwa die »Zu-Bett-bring-Zeit« in die Tagesstruktur integriert ist.

Um eine Elternzeit zu überbrücken, bestehen aktuell drei Möglichkeiten. »Am häufigsten bewältigt eine Gemeinde die Elternzeiten in einer Art Vakanz«, so Michael Lehmann. Die Vertretungsdienste übernimmt eine benachbarte Pfarrstelle. »Wichtig ist, dass die Gemeindeglieder wissen, wer während der Elternzeit ihr Ansprechpartner ist«, betont er. Kommen zu Elternzeiten auch Ausfälle durch Krankheit und Urlaub hinzu, gerät der Kirchenkreis schnell an den Rand der personellen Gestaltungsmöglichkeiten. Deshalb rät das Personaldezernat vermehrt zur Einrichtung von Kreispfarrstellen, die explizit die Vertretungsdienste im Kreis übernehmen. Eine dritte Möglichkeit bietet der geordnete Einsatz von Pfarrern im Ruhestand.

Aus der Praxis hat Pfarrerin Stephanie Ladwig gelernt, dass es sich lohnt, die Arbeit auf viele Schultern zu verteilen. »Die Elternzeit ist in dieser Hinsicht ein gutes Lernfeld«, sagt sie. Die Gemeindeveranstaltungen werden in Zoppoten größtenteils von Lektoren und Prädikaten weitergeführt. »Wir haben aber auch für spezielle Aufgaben spezielle Leute gesucht«, sagt Ladwig und ergänzt: »Wir müssen der Gemeinde auch etwas zutrauen und mehr Aufgaben abgeben.«

Mirjam Petermann

Halloween und »HalloLuther«

31. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Reformationstag: Wie Gottesdienste attraktiver werden und was Kirchengemeinden von Halloween lernen können

Belebt die Konkurrenz das Geschäft? Gleich zwei Ereignisse stehen am 31. Oktober im Wettbewerb um Aufmerksamkeit.

Kaum sind die Sommerartikel aus den Schaufenstern verschwunden, ziehen dort die orangefarbenen Kürbisse und Schauerkostüme ein. Seit den 1990er Jahren wird der Brauch aus den USA hierzulande immer beliebter. Der Reformationstag scheint dagegen zu verblassen.

»Die zunehmende Konkurrenz durch Halloween ist natürlich für die Kirche eine Herausforderung, die ich aber nicht negativ bewerte. Sie hat uns wachgerüttelt und bringt die Gemeinden dazu, eigene Ideen zu finden, um diesen wichtigen Feiertag zu begehen«, erklärt Matthias Ansorg, Leiter des Gemeindedienstes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Er plädiert dafür, Halloween und seine Erscheinungsformen nicht zu bekämpfen, sondern die Bedürfnisse, die dahinter stecken, wahrzunehmen und darauf einzugehen.

Am 31. Oktober haben wir die Wahl: Süßes oder Saures! Grusel oder Gottesdienst! Wer hat das anziehendere Programm? Fotos: yellowj; Vladimir Jovanovic – fotolia.com; Montage: Adrienne Uebbing

Am 31. Oktober haben wir die Wahl: Süßes oder Saures! Grusel oder Gottesdienst! Wer hat das anziehendere Programm? Fotos: yellowj; Vladimir Jovanovic – fotolia.com; Montage: Adrienne Uebbing

»Wir leben in einer entzauberten Welt«, erklärt Matthias Ansorg das Sehnen der Menschen nach dem Geisterhaften wie bei »Harry Potter« oder »Herr der Ringe«. Auch der Glaube sei ein Geheimnis, das zu erforschen sich lohne. Oft komme Kirche zu nüchtern daher. Das müsse sich ändern, meint Ansorg. »Wir müssen wissen, was die Menschen attraktiv finden. Und eine gute Inszenierung ist einfach wichtig«, so der Theologe. Das sei bei den weihnachtlichen Krippenspielen ebenso wichtig wie beim Reformationsgottesdienst.

Eine gute Inszenierung erwartet vor allem die Besucher des Angebots »HalloLuther« im Erfurter Augustinerkloster. Seit mehr als fünf Jahren stellt Gemeindepädagogin Karin Eisbrenner mit ihren Mitstreitern ein Angebot für Familien auf die Beine, als Kontrastprogramm zum Halloween-Spektakel. »Unsere Veranstaltung hat zwei Aspekte. Zum einen wollen wir uns gemeinsam mit inhaltlichen Schwerpunkten von Luthers Lehre auseinandersetzen. Zum anderen soll es aber Spaß machen und vor allem die jüngeren Gäste begeistern«, erläutert Karin Eisbrenner.

Während sich im vergangenen Jahr alles um die Lutherrose drehte, steht an diesem Vorabend des Reformationstages Luthers Abendsegen im Zentrum. Was meinte Luther mit dem Abendsegen? Was sind heilige Engel und wovor beschützen sie uns? Bei der ersten Station im Augustinerkloster fertigen die Kinder mit Hilfe der Erwachsenen kleine Lichtengel, welche sie bei ihrem Zug durch die Stadt, vorbei an so vielen Lutherstätten, den Menschen schenken, denen sie begegnen. »Das bringt immer eine große Resonanz. Wenn die Kinder auf die Leute zugehen, ihnen ein Geschenk überreichen und ihnen freudig verkünden: morgen ist Reformationstag. Dann sind viele verblüfft, aber auch neugierig und wissbegierig«, berichtet Eisbrenner.

»Hallo Luther« hat in jedem Jahr etwa 150 Teilnehmer. »Es kommen viele Familien zu uns, die sich bewusst für dieses Angebot entscheiden und sagen, wir als Christen wollen den Reformationstag angemessen feiern und unseren Kindern etwas davon mitgeben, was das Ereignis bis heute für uns bedeutet«, erklärt die Gemeindepädagogin. Dabei gehe es nicht darum, Halloween zu verteufeln. »Halloween spielt mit Angst und Furcht. Aber gerade bei unserem diesjährigen Thema »Abendsegen« wird deutlich, Luther war gegen Angstmache. Er rechnet mit dem Bösen, aber er vertraut auf Gottes Zuspruch und Hilfe«, so Eisbrenner.

Die Botschaft des Reformationstages, die Gewissheit, von Gott geliebt und angenommen zu sein und zwar ohne jede Vorleistung, und die Veröffentlichung von Luthers Thesen vor fast 500 Jahren, solche Inhalte sind es, die die Kirche Halloween entgegenzusetzen vermag. »Wichtig ist es, diese Botschaft in Szene zu setzen. Da ist jede Gemeinde für sich gefordert. Der Gottesdienst ist ein Format, das dramaturgische Mittel bietet, um den Reformationstag angemessen und attraktiv zu gestalten«, so Matthias Ansorg.

Diana Steinbauer

Kein Puppentheater ohne Krokodil

27. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Was der Schauspieler Ben Becker von Judas Ischariot, dem Bösen und dem Glauben hält

Judas Ischariot, der große Verräter der Bibel. Der Tübinger Literat Walter Jens schrieb 1975 einen Roman über einen fiktiven Seligsprechungsprozess für Judas. Der aus zahlreichen Filmen und Fernsehproduktionen bekannte Schauspieler Ben Becker liest daraus im Berliner Dom. Benjamin Lassiwe hat mit ihm gesprochen.

Schauspieler Ben Becker bezeichnet sich als gläubigen Menschen. Dazu öffentlich Stellung beziehen will er aber nicht. Foto: epd-bild/Friedrich Stark

Schauspieler Ben Becker bezeichnet sich als gläubigen Menschen. Dazu öffentlich Stellung beziehen will er aber nicht. Foto: epd-bild/Friedrich Stark

Herr Becker, was fasziniert Sie an der Figur des Judas?
Becker:
Wer ist Judas? Das weiß ich nicht. Ich habe eine Vorlage von dem genialen Literaten Walter Jens vor mir, der mir eine Figur vorstellt: Judas. Und diese Figur fragt: Wer bin ich? Was bin ich? Und warum? Und das fasziniert mich, diese Art von Infragestellung seiner selbst auf eine so existenzielle Art und Weise. Ich will fragen: Wen oder was habe ich verraten? Warum habe ich Recht getan oder nicht? Das in den Raum zu stellen, das interessiert mich. Die Antwort darauf kann ich Ihnen aber nicht geben.

Wer kann die Antwort geben?
Becker:
Ich glaube nicht, dass da irgendwer eine Antwort drauf hat. Außer Frau von der Leyen, die der Ansicht ist, dass das neue MG 5 von Heckler und Koch nicht funktioniert. Aber ich fände es nahezu blasphemisch und überheblich, wenn ich mich aus dem Fenster hängen und sagen würde, ich habe die Antwort. Für mich persönlich gibt es nur kleine Antworten: mein Garten, mein Hund, mein Pferd, meine Tochter.

Was reizt Sie so sehr an solchen Themen?
Becker:
Als Künstler, als theatralischer Mensch, finde ich, dass es das Schönste an unserem Beruf ist, die Art und Weise, wie wir Menschen leben, zu hinterfragen. Es geht darum, wie wir mit diesem uns gegebenen Planeten, unserem Stern, umgehen. Das ist die wichtigste Aufgabe der Kunst, wenn man sie ernst nimmt. Wenn man sie nicht so ernst nimmt, kann man sein Bild auch gerne in der Vorhalle der Commerzbank aufhängen, dann ist es Musik, die beim Bügeln nicht stört. Aber das interessiert mich nicht. Mich interessiert Till Eulenspiegel, der über das Drahtseil tanzt.

Sie treten in einer Kirche auf. Was bedeutet dieser Ort für Sie?
Becker:
Es ist eine ganz andere Aufgabe. Die Auseinandersetzung mit einer biblischen Figur im Haus Gottes – wobei für mich ein Theater durchaus auch etwas Kathedralisches hat – hat einen besonderen Reiz. Sich im Hause des Herrn mit biblischen Themen auseinanderzusetzen, mit biblischen Figuren macht alles vielleicht etwas provokant und größer. Hätte man mir eine Inszenierung im Deutschen Theater angeboten, wäre diese Inszenierung vielleicht anders ausgefallen.

Worauf nehmen Sie in einer Kirche Rücksicht?
Becker:
Man darf eine Kirche meiner Meinung nach nicht verlogen und nicht schlechten Herzens betreten. Man darf in einer Kirche alles machen. Man darf auch »Scheiße« sagen, solange man reinen Herzens ist. Ich habe mir in einer Kirche ein einziges Mal blasphemischerweise eine Zigarette angesteckt und mich hinterher dafür vielfach und oftmals entschuldigt, weil man das nicht macht. Wenn man eine Kirche betritt, hat man ehrlich und unverlogen zu sein – und dann darf man aber in diesem Haus jede Frage der Welt stellen.

Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Becker:
Ja. Ich bin ein gläubiger Mensch. Aber meine Definition von »Wer oder was ist Gott« bleibt bei mir. Über diese Definitionsfrage haben sich die Menschen über Jahrtausende den Schädel eingeschlagen. Da werde ich mich nicht aus dem Fenster lehnen und Stellung beziehen.

Was fasziniert Sie am Bösen?
Becker:
Uns alle fasziniert das Böse. Als kleine Kinder haben wir doch schon im Puppentheater auf das Krokodil gewartet. Ohne Krokodil kein Kasper und keine Oma. Dann wäre doch die ganze Show langweilig. Deswegen warten beim Jedermann alle auf den Tod.

Und Judas?
Becker:
Er ist eigentlich eine traurige Figur und wurde in Mitleidenschaft gezogen. Er wurde zum Täter, ohne eigentlich Täter sein zu wollen. Der Prophet Jona weigerte sich und sagte: Nein, ich verkünde nicht, weil er Angst hatte vor dem, was kommt, wenn er verkündet. Judas hingegen konnte sich nicht drücken. Er hatte ein Gebot – von oben.

Was heißt das?
Becker:
Ich habe einen Freund, den man mit 19 in den Kosovo geschickt hat, der hat ein Trauma. Der ist zum Mittäter gemacht worden. Dafür hat er meinen Respekt, meine Sympathie und mein Mitgefühl.

Und jetzt versuche ich, Judas in den Arm zu nehmen und das den Menschen zu vermitteln und darauf hinzuweisen, dass sie eigentlich davon die Finger lassen sollten, Menschen zu Mittätern zu machen.

»Einer unter euch wird mich verraten!«
18., 19., 22. November, jeweils 20 Uhr im Berliner Dom
Regie/Inszenierung: Ben Becker
Dramaturgie: John von Düffel
Sauerorgel: Domorganist Andreas Sieling
Das Hörbuch »Die Verteidigungsrede des Judas Ischariot«, gelesen von Ben Becker, erschienen im Herder Verlag, 19,99 Euro, ISBN 978-3451350962.

»Ich habe mich sehr getragen gefühlt«

18. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Zum ersten Mal spricht die Landesbischöfin über die schwere Zeit ihrer Erkrankung und die Aufgaben, die vor ihr liegen

Mehrere Monate konnte Landesbischöfin Ilse Junkermann krankheitsbedingt keine öffentlichen Termine wahrnehmen. Leserinnen und Leser haben bei uns nachgefragt, wie es ihr geht. Willi Wild hat die Landesbischöfin getroffen.

Jetzt kann sie wieder lächeln. Landesbischöfin Ilse Junkermann im Gespräch mit Willi Wild

Jetzt kann sie wieder lächeln. Landesbischöfin Ilse Junkermann im Gespräch mit Willi Wild

Frau Landesbischöfin, wie geht es Ihnen?
Junkermann:
Mir geht es schon viel besser, aber noch nicht wieder ganz gut. Ich bin gerade in der Wiedereingliederung, um zu sehen, wie meine Belastbarkeit sich entwickelt. Es handelt sich um eine Hirnhautentzündung, ausgelöst durch einen nicht identifizierbaren Virus. Mein Körper musste es aus eigenen Kräften stemmen, das zehrt. Deshalb muss ich gut aufpassen, dass mein Körper – um die Ärzte zu zitieren – eine Chance hat und ich sie ihm gebe.

Sie waren über ein halbes Jahr krank. Haben Sie in der Zeit einmal daran gedacht, Ihr Amt abzugeben?
Junkermann:
Ja, im Sommer gab es ein paar kritische Tage. Ich habe immer gewartet, dass es besser wird. Ich musste mich in Geduld üben, weil es über Wochen nicht besser wurde. Und dann ist es sogar noch schlechter geworden. Da habe ich gedacht, wenn sich bis September keine Besserung zeigt, muss ich überlegen, ob ich mein Amt aufgebe, denn es ist ja ein wichtiges Amt in der Kirche. Dieses Amt kann vertreten werden, aber nicht auf Dauer.

Apropos Vertretung: Wer macht Ihre Arbeit, wenn Sie so lange nicht da sind?
Junkermann:
Alle Regionalbischöfe und die Regionalbischöfin waren äußerst hilfsbereit, haben eigene Termine abgesagt, um landesbischöfliche Aufgaben wahrzunehmen. Besonders der stellvertretende Landesbischof, Propst Kamm, hat viel übernommen. Dafür bin ich sehr dankbar und habe mich gefreut, auch in dieser Hinsicht getragen zu sein. Ich hätte beispielsweise gern unsere Kirche beim Kirchentag in Stuttgart vertreten und zum Reformationsjubiläum eingeladen. Gut, dass Propst Kasparick als mein Beauftragter die Einladung im Schlussgottesdienst aussprechen konnte.

Haben Sie überhaupt die notwendige Zeit der schrittweisen Wiederherstellung?
Junkermann:
Ich nehme sie mir. Ich muss bewusst entscheiden, wie ich mit meiner Zeit umgehe. Vorrang hat, dass ich wieder ganz gesund werde. Für mich ist neu, dass ich nur im Lassen etwas dazu beitragen kann. Wir leben ja in einer Zeit, die davon ausgeht, dass man durch Tun alles bewältigen kann. Ich kann nichts tun, nur lassen, indem ich Freiräume schaffe, mehr auf Pausen setze. Ich hoffe, dass ich das mit hinübernehmen kann in die Zeit, wenn ich dann wieder ganz gesund bin.

Als Seelsorgerin geben Sie ja den Menschen normalerweise Rat und Hilfe. Nun sind Sie auf Hilfe angewiesen. Wie gehen Sie damit um?
Junkermann:
Die Ärzte in der Uniklinik Magdeburg in der Neurologie haben gut seelsorgerlich gehandelt, indem sie ganz klar benannt haben, wie die Situation ist. Es hieß, mein Körper könne damit umgehen, brauche aber ausreichend Zeit. Das Zuhören und die offene Art der behandelnden Ärzte haben mir gut getan. Ich habe mich aber auch von vielen anderen sehr getragen gefühlt. Viele Grüße haben mich erreicht, Briefe und Karten mit einer großen Anteilnahme. Ich war bis auf die Krise im Sommer über die Wochen gelassen und habe mich selber darüber gefreut, dass ich mich so getragen fühlen und auf Gott vertrauen kann, dass er den Weg für mich weiß.

Der EKM-Gebetskalender liegt Ihnen am Herzen und ist gewissermaßen Chefsache. Was bedeutet Ihnen Gebet, auch in Bezug auf Ihre Erkrankung?
Junkermann:
Das Gebet verbindet uns auch miteinander. Nur so sind wir Kirche: Dadurch, dass Gott uns ruft und uns einen Auftrag in dieser Welt gibt und uns seine Hilfe zusagt. Und wenn wir über den Gebetskalender voneinander wissen und füreinander beten, festigt das unsere Gemeinschaft.

So hoffe ich ganz stark, dass für das geistliche Zusammenwachsen innerhalb dieser großen und weiten Landeskirche das Gebet eine ganz entscheidende Kraft wird. Die äußere Ordnung, gleiche Strukturen und Gesetze, sind auch wichtig, aber das Gebet ist die geistliche Ordnung für unser Leben.

Gebet ist für Sie demnach ein ganz zentraler Punkt?
Junkermann:
Unbedingt, jeder Tag beginnt damit. Ich habe einen persönlichen Gebetskalender mit besonderen Anliegen für jeden Tag. Ich bete beispielsweise für alle neu ordinierten Pfarrerinnen und Pfarrer ein Jahr lang jede Woche. In meine Gebete schließe ich beispielsweise unsere Partnerkirchen und weitere kirchliche Anliegen ein. Das hilft. Das Gebet braucht eine gewisse Disziplin, aber es braucht auch Freiheit. Besonders gerne bete ich im Auto, da kann mich niemand stören und ich sehe die weite Welt und kann meinen Blick zum Himmel wandern lassen, da ich glücklicherweise meistens nicht selber fahren muss.

Ilse Junkermann: Die große Willkommenskultur zeigt, dass grundbiblische Gedanken der Nächstenliebe und der Mitmenschlichkeit ganz tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Fotos: Maik Schuck

Ilse Junkermann: Die große Willkommenskultur zeigt, dass grundbiblische Gedanken der Nächstenliebe und der Mitmenschlichkeit ganz tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Fotos: Maik Schuck

In den letzten Monaten sind viele Flüchtlinge zu uns gekommen. Sind wir als Kirche gerüstet? Wie können wir den Menschen begegnen?
Junkermann:
Ich denke, dass niemand wirklich dafür gerüstet ist. Dass es so viele sind, führt uns vor Augen, was wir in unserem Alltag ausgeblendet haben. Gott legt uns die Not vor die Füße in der kleiner gewordenen Welt. Die große Willkommenskultur, über die sich jetzt manche schon abfällig äußern oder mit großen Bedenken, ob es nicht zuviel ist, zeigt, dass grundbiblische Gedanken der Nächstenliebe und der Mitmenschlichkeit ganz tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Viele Menschen haben aber auch Ängste. Und dann gibt es eine Minderheit, die sich diese Ängste und die Unsicherheit zunutze machen will. Deshalb ist es wichtig, dass wir als Kirche im Vertrauen, dass Gott uns Ängste nimmt und die nötigen Kräfte gibt, beherzt handeln. Wir sollten Jesus ernst nehmen, der sagt, dass er uns in den Fremden selbst begegnet. Es sind nach wie vor genügend Lebensmittel für alle Menschen auf der Erde da, sie sind in der Welt, aber auch in unserem Land schreiend ungleich verteilt. Und wenn die Armen vor unserer Tür liegen, wie es im Gleichnis vom armen Lazarus der Fall ist, dann sind wir gefragt, ob wir jetzt helfen.

Das ist zunächst die tätige Nächstenliebe, die selbstverständlich die Aufgabe von Kirche und Diakonie ist und zu der wir gerufen sind.

Es gibt Forderungen von außen, die Kirche möge ihre Häuser für Flüchtlinge öffnen.
Junkermann:
Dort, wo es möglich ist Menschen aufzunehmen, haben wir das angeboten. Allerdings ist es so, dass wir die Kapazitäten, die benötigt werden, nicht in der erforderlichen Größe zur Verfügung stellen können. Ich weiß aber, dass Pfarrerinnen und Pfarrer ihre Häuser und Wohnungen öffnen, um Menschen zu beherbergen. Wir haben die Räume im Bischofshaus in der Hegelstraße in Magdeburg angeboten, da laufen die Verhandlungen. Und ich freue mich, Flüchtlinge als Nachbarn zu bekommen neben mir und über mir. Auf der anderen Seite werden viele Gemeinderäume als Orte der Begegnung und Kommunikation genutzt, um sich auf Augenhöhe als Mitmenschen zu begegnen. Dort können Flüchtlinge und Einheimische hinkommen, sich austauschen, Rat und Hilfe suchen.

Was halten Sie von der Vermittlung unserer christlichen Werte, Stichwort: Flüchtlingsmission?
Junkermann:
Mission ist unser Auftrag immer, der Grundauftrag Jesu: Tragt das Evangelium in die Welt. Allerdings stellt sich die Frage, welche Form angemessen ist. Von Carl Friedrich von Weizsäcker stammt das Zitat, das es meines Erachtens auf den Punkt bringt: Sprich nie über deinen Glauben, wenn du nicht gefragt wirst. Aber lebe so, dass du gefragt wirst. Und wenn du gefragt wirst, dann sei auch sprachfähig, dann wisse, was du zu sagen hast.

Ich bin für Sie da!

12. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaube und Gesundheit: Wie kirchliche Mitarbeiter in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen Menschen begleiten

Klinikseelsorger begegnen Menschen meist in Krisen­situationen und begleiten sie aus ihrem Glauben und dem damit verbundenen Menschenbild heraus.

Es gebe mitunter die Situation, dass ein Patient erschrecke, wenn er zu ihm ins Zimmer kommt, erzählt Pfarrer Ulrich Paulsen, Krankenhausseelsorger am Johanniter-Krankenhaus Stendal: »Der Pfarrer kommt zu mir, steht es etwa so schlecht um mich?« Dann rücke er das zurecht und erkläre, dass er von einem Krankenzimmer zum nächsten gehe und zu Patienten komme – unabhängig davon, ob es einen konkreten Anlass gibt.

Bei seinem Gang über die Stationen bleibt er spätestens im dritten oder vierten Zimmer »hängen«, weil sein seelsorgerisches Angebot dort gern angenommen wird. Zum einen gibt es die Menschen, die sich durch seinen Besuch in ihrem Glauben und in ihrer Kirchenmitgliedschaft bestärkt sehen: »Gut, dass mich die Kirche auch hier begleitet«, hört er dann. Aber bei ungefähr 80 Prozent seiner Besuche erreicht er Menschen, die mit Kirche oder Glaube nicht vertraut sind: »Ihnen erkläre ich dann, dass ich in einem kirchlichen Krankenhaus ein Ohr für sie habe und für sie da bin.« Dadurch begegnet Ulrich Paulsen Menschen, die außerhalb der Klinik vielleicht nie Kontakt zur Kirche suchen würden, aber dankbar für dieses Angebot sind.

Auch konfessionell nicht gebundene Patienten schätzen die Krankenhausseelsorge. Foto: epd-bild/Werner Krüper

Auch konfessionell nicht gebundene Patienten schätzen die Krankenhausseelsorge. Foto: epd-bild/Werner Krüper

Krankenhausseelsorger tragen in ihrer Haltung etwas weiter von dem Gott, der mitgeht, mitleidet, der liebt und lebendig macht. Wer sich auf ein Gespräch mit einem Seelsorger einlasse, werde »bewusst oder unbewusst etwas von diesem mitgehenden Gott erahnen, vielleicht auch erhoffen und erwarten« – so fasst Kirchenrätin Ulrike Spengler, Referentin Seelsorge im Landeskirchenamt der EKM, die Chancen der Krankenhausseelsorge zusammen. Krankenhausseelsorge gehöre deshalb auch mit zum Kernauftrag der Kirche.

Das Angebot wird geschätzt: So hat die ablehnende Haltung von kirchenfernen Menschen auf das Seelsorgeangebot, laut Pfarrer Paulsen, deutlich abgenommen. Noch vor 15 Jahren habe er teilweise heftige Reaktionen zu spüren bekommen (»Kirche ist sowieso überholt, da will ich nichts von wissen, brauche ich nicht«). Das hat sich gewandelt. Kirche an sich werde in der Klinik von den Patienten mehr akzeptiert. Er führt das darauf zurück, dass es eine Reihe diakonischer Tätigkeiten gibt, die in der Bevölkerung wahrgenommen und gutgeheißen werden. Auch der Faktor Zeit spielt eine Rolle, denn immer seltener gibt es im Krankenhausalltag Zeit für Gespräche mit Patienten.

Kein Tag ist planbar. Zum einen gibt es für die Klinikseelsorger die »ad hoc«-Situationen, in denen sie sich zum Beispiel nach einem schweren Unfall in der Notfallaufnahme seelsorgerisch um den Verunglückten und die Angehörigen kümmern. Zum anderen sind sie echte Seelentröster, wenn als Kehrseite des »mündigen Patienten« dieser schonungslos mit einer schlimmen Diagnose konfrontiert wird; oft ohne Zeit, diese mit dem Arzt eingehend zu besprechen. In solchen Situationen, in denen einem Menschen der Boden unter den Füßen weggezogen wird, ist Ulrich Paulsen da: »Das ist auch die Chance der Klinikseelsorge, weil wir die Abläufe im Krankenhaus einschätzen und Brücken zwischen Ärzten, Pflegepersonal und Patienten bauen und ein weiteres Gespräch vermitteln können.«

Der Glaube stehe nicht immer im Vordergrund. »Da, wo ich es mit Menschen zu tun habe, die mir signalisieren, dass sie es nicht so mit Kirche und Glaube haben, da bin ich einfach der, der mit aushält, was im Moment gerade schwer ist. Ich biete aber auch an, dass wir am Ende des Gesprächs zusammen beten oder ich sie in meine Fürbitte aufnehme – das ist eine Variante, die auch Menschen dankbar annehmen, die es nicht gewohnt sind
zu beten.«

Adrienne Uebbing

Krankenhausseelsorge
In der EKM gibt es derzeit etwa 70 Pfarrerinnen und Pfarrer und ordinierte Gemeindepädagoginnen, die in der Krankenhausseelsorge tätig sind. Ein Drittel von ihnen sind Männer und zwei Drittel Frauen. Die meisten arbeiten in Teilzeitanstellungen, einige kombiniert mit ihrem Dienst im Gemeindepfarramt.


»Danke für diesen guten Morgen«

6. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor über 50 Jahren wurde das Kirchenlied populär und ist heute noch ein Hit

Als Abschaum, Negermusik und Gotteslästerung wurde es damals bezeichnet. Das Kirchenlied »Danke für diesen guten Morgen« provozierte bei seinem Erscheinen vor über 50 Jahren einen Proteststurm. Heute ist es längst ein Klassiker und eine einfache Möglichkeit, vom Glauben zu singen.

Poesie für Gartenzwerge? Das »Danke«-Lied. Foto: Gerd Gropp – fotolia.com
Poesie für Gartenzwerge? Das »Danke«-Lied. Foto: Gerd Gropp – fotolia.com

»Da hat jetzt ein Pfarrer einen Dreh gefunden, wie er die Jugend in die Kirche kriegt: mit Jazz!« schrieb die Illustrierte »Kristall«. »Ich klage den scheinbar musikalischen Pfarrer Günter Hegele zweier Sünden an: eine gegen die Musik und eine gegen die Religion!«, schrieb das Wochenblatt »Die Zeit«. »Poesie für religiöse Gartenzwerge«, »Abschaum christlicher Werbemethoden«, »deutsche Negermusik am Altar«, »Gotteslästerung«, hieß es in Kirchenzeitungen.

Was war geschehen? Pfarrer Günter Hegele ist 31, gibt aber schon seit fünf Jahren ein schlicht hektografiertes Blatt namens »Der Plattenteller« heraus, das aktuelle Schlagertexte theologisch kommentiert. Die Abonnenten treffen sich zu einer Tagung, die Tagung beschließt ein Preisausschreiben, eingesandt werden 996 »neue geistliche Lieder«. Den mit 1 000 D-Mark dotierten ersten Platz gewinnt ein Dank- und Morgenlied des Freiburger Kirchenmusikers Martin Gotthard Schneider. Der Komponist macht später beim gleichen Wettbewerb noch einen dritten Platz mit dem Lied: »Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt«

»Danke« ist zunächst nur ein Notenblatt. Günter Hegele geht Klinken putzen bei den Plattenfirmen, wird als »Schnulzenpfarrer« belächelt, und nur die Electrola in Köln bittet Werner Last, den Bruder von James Last, es zu arrangieren. Mit Spinett und Orgel bitte, wegen der Kirchennähe. Produzent Botho Lucas nimmt das Lied mit einer einzigen Sängerin im Playbackverfahren auf. Ein »Botho Lucas Chor«, wie es auf der Plattenhülle heißt, »wäre zu teuer gewesen, man wollte ja nur erst mal diesen Hegele ruhigstellen«, erinnerte sich der Produzent später.

Erst der Proteststurm in der Presse treibt die Verkaufszahlen der Single auf 700 000 Stück hoch. Sechs Wochen hält sich »Danke« in den Charts der deutschen Hitparade. Der WDR verspottet »Danke« in einem eigenen Fernsehbeitrag: »Danke auch für das kleine Helle« bei gleichzeitiger Abbildung eines Bierglases; zur Zeile »Danke, dein Heil kennt keine Schranken« klettert ein Lebensmüder über Bahnschranken auf die Schienen. Aber: Auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund 1963 singt es der damalige Popstar Ralf Bendix, moderiert von Peter Frankenfeld, vor 16 000 Zuhörern.

»Danke« ist das erste deutschsprachige Kirchenlied, zu dem man im Swing die Finger schnippen kann und das sich leichter mit der Gitarre als mit der Orgel begleiten lässt. »Wir wollten mal wissen, ob das geht«, erinnerte sich Akademiepfarrer Hegele später, »auch mit den einfachen Stilmitteln der Unterhaltungsmusik außerhalb des Gottesdienstes vom Glauben zu singen.« Es geht, kann man auch heute noch sagen. »Danke« kennt irgendwie jeder.

Andreas Malessa

Einigungsprozess geht weiter

28. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Deutsche Einheit: Der Pfarrer und Journalist Matthias Gehler meint, Deutschland sei gereift und bereit für neue Herausforderungen

Vor 25 Jahren ging die DDR zu Ende. Der Sprecher der letzten und ersten frei gewählten DDR-Regierung blickt zurück und nach vorn.

Die deutsche Einheit ist eine Erfolgsgeschichte. Die Kritik an der Metapher von den »blühenden Landschaften« hört man immer seltener. Ich muss zugeben: Auch mir war stets zu viel naive Malerei in diesem Bild. Heute bin ich versöhnter. Vielleicht auch, weil wir alle 25 Jahre älter geworden sind. Altern macht weise.

Als wir nach den ersten demokratischen Wahlen am 18. März 1990 an die Regierung kamen, gingen wir zunächst noch von einer Regierungszeit von vielleicht sogar drei Jahren aus. Alles sollte geordnet vereint werden. Die Realität sah anders aus. Nach sechs Monaten war die DDR Geschichte. Die Dynamik der Ereignisse erforderte schnellere Lösungen. Pro Monat verließen Hundert­tausende die Noch-DDR und siedelten sich im Westen an. Die D-Mark musste eingeführt werden. Innenpolitisch waren trotz der Schwächen des in Eile gezimmerten Einigungsvertrages, der sozialen Härtefälle und der Veruntreuungsskandale bei der Treuhand kaum Alternativen möglich.

Links im Bild: Berlin, Mohrenstraße, Internationales Pressezentrum: Die letzte Pressekonferenz der ersten frei gewählten DDR-Regierung endet am 16. Oktober 1990 mit einem Konzert. Der Regierungssprecher und Liedermacher Matthias Gehler an der Gitarre, seine Stellvertreterin Angela Merkel moderiert. Ein Jahr zuvor hatte an gleicher Stelle SED-Politbüromitglied Günter Schabowski die Grenzöffnung verkündet. Foto: Michael Ebner

Links im Bild: Berlin, Mohrenstraße, Internationales Pressezentrum: Die letzte Pressekonferenz der ersten frei gewählten DDR-Regierung endet am 16. Oktober 1990 mit einem Konzert. Der Regierungssprecher und Liedermacher Matthias Gehler an der Gitarre, seine Stellvertreterin Angela Merkel moderiert. Ein Jahr zuvor hatte an gleicher Stelle SED-Politbüromitglied Günter Schabowski die Grenzöffnung verkündet. Foto: Michael Ebner. Rechts im Bild: Das Sprecher-Duo von einst: Er ist heute Chefredakteur bei MDR Thüringen, sie ist Bundeskanzlerin – Matthias Gehler und Angela Merkel. Foto: Guido Werner

Auch außenpolitisch war das Zeitfenster begrenzt. Ich erinnere mich an unseren ersten Staatsbesuch Ende April in Moskau, der mein idealisiertes Gorbatschow-Bild ins Wanken brachte. Er behandelte uns wie Untertanen – dabei waren wir im Gegensatz zu ihm frei und demokratisch gewählt. Wir haben gegengehalten. Gorbatschow stand schon damals unter enormem innenpolitischen Druck in seinem Land. Dann kam sein Sturz. Die ehemalige UdSSR zerfiel völlig und damit der östliche Verhandlungspartner. Auch im Westen änderte sich die Blickrichtung: Die Iraker marschierten in Kuweit ein, und die Amerikaner sahen nicht tatenlos zu. Eine sich anbahnende weltweite Rezession tat ihr Übriges.

Aber schon als ich etwa zehn Jahre nach der Wiedervereinigung im Auftrag der Bundesregierung in Südkorea war, schlug mir durchweg Bewunderung für die deutsche Wiedervereinigung entgegen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Die Koreaner haben Respekt vor diesem Kraftakt und sind sich nicht sicher, ob sie das einmal selbst hinbekommen.

Schritt für Schritt und mit gebotener Vorsicht hat sich Deutschland zu einem Land entwickelt, dass sich in der Welt Ansehen erarbeitet hat. Dazu beigetragen haben nicht nur die Wirtschaftskraft, Kultur und Gastfreundschaft, zum Beispiel bei der Fußball-WM, sondern auch das kluge Agieren von Politikern. Wir stehen für Demokratie und Fortschritt. Es gibt schon längst ein weit verbreitetes gesundes Nationalbewusstsein, das neonationalsozialistischem Extremismus mehrheitlich die Stirn bietet. Deutschland ist gereift.

Und jetzt stehen wir vor einer Herausforderung, die wir vielleicht so nicht hätten früher angehen können – die Flüchtlinge. Sie kommen zu Zigtausenden und suchen bei uns das »gelobte Land«. Sie haben Merkel-Bilder in der Hand, benennen ihre Kinder nach ihr, und Erwachsene sagen Mama zur Kanzlerin. Ist uns das peinlich? Nun, zumindest ist die Frau gewählt, steht für Demokratie und Werte, die den Schutzsuchenden fehlen. Das wiedervereinte Deutschland gibt Sicherheit, Frieden und Wohlstand. Von New York Times bis BBC berichten die Medien weltweit darüber. Die Kanzlerin sagt: »Wir schaffen das«.

Was hier passiert, sucht Seinesgleichen in der Geschichte und hat auch etwas mit Religion zu tun. So säkularisiert dieses wiedervereinte Deutschland auch sein mag, wir offenbaren Werte, die christliche Fundamente haben. Damit antworten wir nicht nur auf IS, sondern praktizieren Nächstenliebe. Das christliche »Abendland« ist nicht in Gefahr, sondern erweist sich gerade in dieser Situation als christlich. Das wirkt auch auf uns zurück. Es schafft gesundes Selbstbewusstsein und Klarheit. Daran ändert auch nichts, wenn nun nach Regelungen gerufen wird, wieder Grenzkontrollen stattfinden, Kapazitäts- und Verteilungsdiskussionen zwischen den Bundesländern und den Ländern der EU geführt werden. Deutschland ist in punkto Menschlichkeit soweit vorangegangen, dass andere Länder sogar das deutsche Wort »Willkommenskultur« aufgegriffen haben.

Die Mühen der Ebene kommen erst noch. Nicht jeder, der unser Gast ist, wird sich konform verhalten, und nicht jeder Gastgeber wird sich als guter Gastgeber erweisen. Das müssen wir aushalten. »An ihren Werken sollt ihr sie erkennen« – na dann mal anpacken. Wenn die 40 Jahre Wüste in der DDR und die 25 Jahre Kanaan jetzt zur Öffnung des »Auenlandes« geführt haben, dann dürfen wir vielleicht schon wieder von einem »Sommermärchen« sprechen. Das wird uns allerdings noch Jahre Integrationsarbeit abverlangen. Ich habe keine Bange um Deutschland. Die Wiedervereinigung ist gelungen. Die ganze Welt hat es begriffen. Wir auch?

Matthias Gehler

Grenzen der Nächstenliebe?

22. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Flüchtlinge: Der Ansturm auf Europa und vor allem Deutschland fordert das »christliche Abendland« heraus

Mehr als 800 000 Menschen werden in diesem Jahr in Deutschland um Asyl bitten, vielleicht auch noch mehr. Gibt es ein Zuviel an Zuwanderung? Die Kirche muss Antworten finden.

Wenn es eine menschliche Welle gibt in Deutschland, dann ist es eine Welle des guten Willens. Flüchtlingshelfer arbeiten, um Abertausende Flüchtlinge aufzunehmen. Ehrenamtliche, Beamte, Christen und Nicht-Christen. Bis zur Erschöpfung. Gibt es eine Grenze?

Bundesinnenminister Thomas de Mazière (CDU), Protestant aus Sachsen, hat sie unlängst so definiert: Das Grundrecht auf Asyl habe keine Obergrenze – aber 800 000 Flüchtlinge pro Jahr wie derzeit »sind auf Dauer zu viel« für Deutschland. Am Wochenende hat er wieder Kontrollen an Deutschlands Grenzen eingeführt. Auch de Mazières früherer Landesbischof, der Ende August aus dem Amt geschiedene Jochen Bohl, mahnte eine Unterscheidung zwischen Asylbewerbern aus Syrien und den Balkanländern an: »Einwanderung ist etwas anderes als Flucht.« Die Probleme in Montenegro, Serbien und Bosnien-Herzegowina könnten nicht dadurch gelöst werden, dass ihre Bewohner nach Deutschland kommen, sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Die Große Koalition sieht das ähnlich wie die EU. Die grüne und linke Opposition ist mehr oder weniger dagegen. An realen und virtuellen Stammtischen wird heftig gestritten.
Es gibt nur die Wahl zwischen einem großen Übel und einem noch größeren: Notleidende abzuweisen, um noch Notleidendere aufnehmen zu können. Zwischen Schuld und größerer Schuld. Denn die Fakten sind: Auch ohne Krieg ist das Elend groß auf dem Balkan oder in Afrika. Die Staatswesen im Kosovo, in Albanien und Montenegro sind von Korruption und organisierter Kriminalität verseucht, Minderheiten wie die Roma werden diskriminiert. Fast die Hälfte der Kosovaren lebt nach UN-Angaben von weniger als 1,42 Euro am Tag, schätzungsweise 70 Prozent der Jugendlichen sind ohne Arbeit und Perspektive. Kein Grund, das Weite zu suchen?

Noch einige Hundert Meter bis zur griechischen Insel Lesbos: Ein syrischer Flüchtling schwimmt am 13. September mit seinem Baby nach dem Untergang ihres Bootes zum rettenden Land. Foto: REUTERS/Alkis Konstantinidis

Noch einige Hundert Meter bis zur griechischen Insel Lesbos: Ein syrischer Flüchtling schwimmt am 13. September mit seinem Baby nach dem Untergang ihres Bootes zum rettenden Land. Foto: REUTERS/Alkis Konstantinidis

»Ich finde die Unterscheidung zwischen richtigen und falschen Flüchtlingen problematisch«, sagt Ulf Liedke, Ethik-Professor an der Evangelischen Hochschule Dresden. »Hinter dem Reden von Grenzen der Aufnahmebereitschaft in Deutschland steht ganz häufig die Angst vor Einschränkungen und das Gefühl, zu kurz zu kommen. Objektiv verdient wegen der Flüchtlinge niemand weniger – die Ressourcen für ihre Aufnahme stehen unserem reichen Land zur Verfügung.«

Doch schon bringt ein Finanzexperte des renommierten Ifo-Instituts die Rücknahme der Rente mit 63 ins Gespräch, um die Milliardenkosten für Flüchtlinge zu bezahlen. Es wäre ein erster Test, wie teuer vielen ihre Nächstenliebe ist. Doch da gibt es noch die andere Rechnung: Wie viel Gewinn Flüchtlinge für Deutschland sein könnten. Menschlich – aber auch in der Wirtschaft. So wie der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm plädiert der Berliner Bischof Markus Dröge für ein Einwanderungsgesetz: »Auch wer politisch nicht verfolgt ist, muss eine faire Chance haben, einwandern zu können«, sagte Dröge auf einer Friedenskonferenz in der albanischen Hauptstadt Tirana.

Gibt es ein Zuviel? Was es mit Sicherheit gibt, ist ein Zuviel an Ungerechtigkeit weltweit – viel Armut dort, viel Reichtum hier. Beides oft unverdient. Und mitunter hängt beides zusammen. Gibt es auch ein Zuviel an Nächstenliebe?

Heinrich Bedford-Strohm machte sich gemeinsam mit Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin der Diakonie-Katastrophenhilfe, am Montag in Ungarn und Serbien selbst ein Bild der dortigen Lage. Abschottung, egal ob in Ungarn oder in Deutschland, halten beide für das falsche Mittel in der Flüchtlingspolitik. Grenzkontrollen dürften nur eine Notmaßnahme, eine Atempause in einer Krisensituation sein, mahnt Bedford-Strohm. »Aber es kann nie und nimmer dazu führen, dass sich Deutschland seiner Pflicht entzieht, mitzuhelfen, Flüchtlinge würdig zu empfangen.« Das Selbstverständnis der EU würde mit Füßen getreten, wenn sich Europa wie eine Festung gegenüber anderen abschottet. »Wer verzweifelt ist, findet seinen Weg. Wenn man in Ungarn diesen Zaun baut, dann werden die Menschen sich andere Routen nach Europa suchen.«

»Wir haben kein harmloses Evangelium, das uns nur in dem bestärkt, was wir sind. Die Liebe Gottes fließt zu uns und muss aus uns weiterfließen«, sagt der Dresdner Ethik-Professor Ulf Liedke – und er sieht, wie es im tausendfachen Engagement geschieht. »Aber manchmal erlebe ich uns so wie die Jünger in Jesu Heilungsgeschichten, wenn einer am Wegesrand um Erbarmen ruft – und sie zu ihm sagten: Bleib still!«

Andreas Roth

Der Samariter mit den Bonbons

14. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Flüchtlinge: Wie Fabian Groh innerhalb von 48 Stunden zum Seelsorger für Flüchtlinge in Budapest und Saalfeld wurde

Die Bilder von den Flüchtlingen haben ihn nicht mehr losgelassen. Pfarrer Fabian Groh aus Ziegenrück im Kirchenkreis Schleiz will helfen, nicht nur reden. Spontan packt er Wasser, Brot, Plüschtiere und Süßigkeiten in sein Auto und fährt los – ohne Navi, ohne Landkarte. Sein Ziel ist der Ostbahnhof in Budapest. Dort, wo viele Hundert Menschen aus Syrien, Pakistan und anderen Ländern ausharren. Über seine Eindrücke sprach er mit Willi Wild.

Warum sind sie spontan nach Budapest gefahren?
Groh:
Ich hielt das für notwendig. Die Handlungsanweisung dazu finde ich in der Bibel, mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter oder Matthäus 25, Vers 40: »Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.« Wenn wir als Kirche weitermachen wie bisher und die halb toten Leute vor unserer Tür liegen lassen, dann werden wir dem Herrn nicht gerecht. Ich bin losgefahren und habe mich in Budapest durchgefragt zum Ostbahnhof, zur Keleti-Station. Und bin dort einfach hingegangen.

Verteilt am Bahnhof in Saalfeld Bonbons aus seiner »Schatzkiste« an Flüchtlinge: Fabian Groh. Foto: Sascha Fromm, TA

Verteilt am Bahnhof in Saalfeld Bonbons aus seiner »Schatzkiste« an Flüchtlinge: Fabian Groh. Foto: Sascha Fromm, TA

Was haben Sie vor Ort erlebt?
Groh:
Tausende Menschen lagen und lagerten im Bahnhof auf der Erde, bedroht von Hooligans, geschützt von der Polizei. Ich traf auf Familien mit Kindern, aber auch alte und kranke Menschen. Einige hatten mich gebeten, sie doch nach Deutschland mitzunehmen. Der alte Mann mit Katheter, der neben seinem Rollstuhl auf der Erde lag, die Mütter mit ihren kleinen Kindern, die Schwangeren. Diese verzweifelte Situation ging mir so zu Herzen, dass ich still stehen blieb und gebetet habe.

Konnten Sie den Menschen helfen?
Groh:
Allein, dass ich da war, die Not gesehen habe, hat den Menschen geholfen. Ich habe zugehört, von meinen Hoffnungen erzählt. Nahrungsmittel und Getränke, die ich mitgebracht hatte, habe ich verteilt. Eine kleine »Schatzkiste« hatte ich ebenfalls eingepackt. Darin waren Bonbons, die ich sonst an Kinder im Gottesdienst verteile. Die Kiste habe ich aufgemacht. Die Kinder, aber auch die Erwachsenen konnten sich Bonbons nehmen. Das Wichtigste war, einfach nur da zu sein, um den Menschen zu zeigen, ihr seid nicht allein und ihr seid willkommen.

In der Nacht sind sie dann wieder zurückgefahren?
Groh:
Das war nicht abzusehen. Nach Mitternacht kamen Busse an. Sie sollten die Flüchtlinge an die österreichische Grenze bringen. Keine Ansage, kein Offizieller. Wir wenigen Freiwilligen haben auf Zuruf denen, die uns verstanden, die Informationen weitergesagt. Einige waren gerade erst eingeschlafen. Mir wurde die Aufgabe zuteil, dafür zu sorgen, dass alle geweckt werden. Das ging auf Zuruf. Eine mir fremde Frau sprach mich an und bat mich zu helfen. Die Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, die meisten aus Syrien, aber auch aus Pakistan, und anderswo, strömten in Richtung der Busse. Nachdem die vielen Menschen den Bahnhof verlassen hatten, habe ich mich auch auf den Weg gemacht. Am nächsten Tag sollte ich schließlich in Thüringen eine Trauung halten.

Sie wurden von den Ereignissen eingeholt. Ein Zug mit 500 Flüchtlingen war auf dem Weg nach Saalfeld. Wie haben Sie reagiert?
Groh:
Im Autoradio habe ich davon gehört. Obwohl ich müde war, wollte ich doch in Saalfeld dabei sein, in der Hoffnung, Menschen vom Budapester Ostbahnhof wiederzuerkennen. Es war überwältigend am Saalfelder Bahnhof. Da kamen all die Menschen vom Keleti-Bahnhof auf mich zu: der alte Mann im Rollstuhl mit seiner Familie, die Mütter mit ihren kleinen Kindern, die Schwangeren. Wie am Vorabend in Budapest habe ich ihnen Bonbons aus meiner Schatzkiste gereicht, jetzt in Deutschland. Das hätten wir am Vorabend nicht zu träumen gewagt. Einige haben mich gleich umarmt, und voller Freude haben wir uns in die Augen geschaut.

Wie geht es jetzt für Sie weiter?
Groh:
Neben dem Dienst in den Gemeinden und der Situation hier vor Ort, gilt mein Engagement den Menschen, die noch weiter südlich von Ungarn unterwegs sind. Ich denke, wir haben als Kirche den Auftrag, uns um diese Menschen zu kümmern. Meine Hoffnung ist, dass wir es schaffen, diese Leute vor der Südgrenze Ungarns zu empfangen. Die Bundeskanzlerin habe ich aufgefordert, das Botschaftspersonal in den europäischen Staaten zu erhöhen, sodass Menschen dort über die Botschaft legal nach Deutschland einreisen können.

Wir brauchen legale Zuwanderungswege nach Deutschland. Es geht nicht, dass wir die Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen. Wir brauchen legale Fähren, Sonderzüge an den syrischen Grenzen.

Auch unsere Landesbischöfin Ilse Junkermann habe ich gebeten, auf die Deutsche Katholische Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zuzugehen mit diesem Thema. Die christlichen Kirchen haben die Aufgabe, sich für die Flüchtlinge bei der Bundesregierung stark zu machen.

Was ist Ihre Motivation?
Groh:
Schlicht und einfach fühle ich mich als Christ dazu berufen. Das hat auch viel mit meiner Biografie zu tun. Ich bin durch verschiedene Lebenssituationen so geprägt und will Menschen in Not nicht allein lassen. Das ist ein Grund, warum ich Pfarrer bin. Dem Landkreis Saale-Orla habe ich angeboten, in meiner Dienstwohnung Flüchtlinge aufzunehmen. Wir haben ein leer stehendes Gästezimmer und bewohnen zu viert 140 Quadratmeter. im Pfarrhaus. Das ist viel zu viel für uns. Da ist durchaus noch Platz, beispielsweise für eine Mutter mit Kindern.

Gebet allein sichert keine Arbeitsplätze

3. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow im Gespräch mit der Kirchenzeitung »Glaube+Heimat«

Es ist für viele noch immer schwer vorstellbar: Ein Vertreter der Linkspartei führt die Landesregierung. Er verzichtete bei seiner Einführung auf den Gottesbezug im Amtseid, bezeichnet sich dennoch als gläubiger Christ. Trotzdem ist er nicht immer im Gleichklang mit den Vorstellungen seiner Kirche. Dietlind Steinhöfel und Harald Krille sprachen mit Bodo Ramelow.

G+H: Herr Ministerpräsident, viele unserer Leser haben Probleme, Ihr christliches Bekenntnis und die Zugehörigkeit zu einer Partei mit atheistischer Tradition zu vereinbaren.
Ramelow:
Bevor ich dieser Partei beigetreten bin, habe ich sie einer Prüfung unterzogen, um zu klären, inwieweit Atheismus ein Grundsatz dieser Partei sei. Und die Partei Die Linke oder damals noch die PDS ist durchaus keine atheistische Partei, sondern eine grundsätzlich weltanschaulich neutrale Partei. Und ich erinnere daran: Schon im März 1990, also noch in der DDR-Zeit, hat der Parteivorstand der SED-PDS in einem seiner ersten Beschlüsse die Bitte um Entschuldigung gegenüber den Christinnen und Christen in der DDR ausgesprochen.

Keine Foto-Dekoration: Die Bibel und das Herrnhuter Losungsheft sind immer auf Bodo Ramelows Schreibtisch. Das verbindet ihn mit seiner Vorgängerin und politischen Konkurrentin Christine Lieberknecht. Fotos: Harald Krille

Keine Foto-Dekoration: Die Bibel und das Herrnhuter Losungsheft sind immer auf Bodo Ramelows Schreibtisch. Das verbindet ihn mit seiner Vorgängerin und politischen Konkurrentin Christine Lieberknecht. Fotos: Harald Krille

G+H: Aber es gibt durchaus religionsfeindliche Töne aus den Reihen der Linken.
Ramelow:
Also wenn man über religionsfeindliche Tendenzen reden möchte, dann gibt es die durchaus auch in anderen Parteien. Ich kann nur sagen, sicher ist die Linke eine durchaus muntere und diskussionsfreudige Partei in Sachen Religion. Aber es gab und gibt eine starke Arbeitsgemeinschaft der Christinnen und Christen bei der Partei Die Linke und bereits vorher bei der PDS. Die Arbeitsgemeinschaft ist auch seit Jahren auf dem Evangelischen Kirchentag mit einem Strand vertreten.

G+H: Nun hat aber gerade Ihr Verzicht auf die religiöse Bekräftigungsformel bei Ihrer Amtseinführung viele unserer Leser sehr verstört. Was hat Sie dazu bewogen?
Ramelow:
Das war eine tiefgehende, vor meinem Gewissen zu verantwortende Entscheidung, die ich nicht erst vor meiner Vereidigung als Ministerpräsident getroffen habe. Schon viele Jahre vorher habe ich mich dafür entschieden, den Staat und meinen Glauben voneinander zu trennen. Und das bedeutet für mich: Wenn ich ein staatliches Amt übernehme, werde ich die mir vorgeschriebene Eidesformel wählen und mich zu den Gesetzen unseres Staates und der Gleichrangigkeit und Akzeptanz jedes Menschen bekennen. Ich werde mich immer auch zu meinem persönlichen Glauben bekennen und ihn verteidigen, aber ich werde das nicht mit meinem staatlichen Amt verbinden.

Der zweite Grund: Ich bin mit sehr vielen Muslimen und Juden befreundet. Und sowohl Juden als auch die Muslime waren während meiner Vereidigung auf der Tribüne. Und dann steht doch die Frage, welcher Gott in der Bekräftigungsformel gemeint ist? In der abendländischen Tradierung meint es den christlichen Gott, was ich aber für eine Verkürzung halte. Ich sehe den Gottesbegriff durchaus universeller.

G+H: Die institutionelle Trennung von Staat und Kirche ist unbestritten. Doch besteht für Christen nicht gerade die Herausforderung, bewusst als glaubende Menschen das Leben, die Gesellschaft und auch die Politik zu gestalten?
Ramelow:
Das tue ich ja. Nebenbei: Es haben noch nie so viele Menschen auch mit mir über meinen Glauben geredet, wie nach dem Verzicht auf die religiöse Eidesformel. Und ich sage auch ausdrücklich: Es war meine persönliche Entscheidung und ich respektiere jeden Menschen, der die Eidesformel mit dem Gottesbezug wählt.

G+H: Manche sehen in Ihrem Verzicht ein Einknicken vor den religionskritischen Kräften Ihrer Partei.
Ramelow:
Das ist eine ehrabschneidende Behauptung! Weil es mir die Ehre nimmt, dass ich selber eine Gewissensentscheidung getroffen habe.

G+H: Welchen Einfluss hat ihr persönlicher Glaube auf ihr Handeln als Politiker und Ministerpräsident?
Ramelow:
Mein Glaube gibt mir zunächst mal meine innere Festigkeit, verbunden mit einem Grundvertrauen. Wenn es freilich darum geht, bei der Kali und Salz AG eine feindliche Übernahme zu verhindern und 2200 Arbeitsplätze in Thüringen zu sichern, dann bekomme ich das nicht mit Gebet geregelt. Das geht nur, indem ich gemeinsam mit den Betriebsräten und den Anteilseignern eine sehr klare politische Linie entwickle. Aber in all dem lässt mich der Wertekanon unseres Glaubens ein Stück weit gelassener sein. Zudem habe ich schon zu oft in meinem Leben an der Grenze zwischen Leben und Tod gestanden. Spätestens da steht ja die Frage, ob du ein Gottvertrauen hast oder ob du verzweifelst. Das Gutenberg-Massaker hier in Erfurt war so ein Punkt, wo ich sage, der Glaube und die offenen Kirchen in Erfurt haben uns in dieser Situation gestärkt in der städtischen Gemeinschaft, auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung atheistisch oder laizistisch oder wie wohl die meisten einfach nur glaubensfern ist.

G+H: Zu Beginn der Sitzungswochen gibt es im Landtag die ökumenischen Andachten. Nehmen Sie als Ministerpräsident daran teil?
Ramelow:
Schon seit 1999 nehme ich daran teil und das tue ich auch als Ministerpräsident weiter. Das war am Anfang etwas spannungsgeladen, weil mancher kurioserweise dachte, ein Linker kann doch mit Gott und Glauben und Christentum nichts am Hut haben.

G+H: Da sitzen Sie dann auch mit ihrer Vorgängerin und politischen Konkurrentin Christine Lieberknecht zusammen. Beeinflusst das Ihr Verhältnis?
Ramelow:
Ich denke, wer miteinander betet, geht miteinander vielleicht etwas nachdenklicher um. Nach dem Amtsantritt von Christine Lieberknecht 2009 gab es einen entscheidenden Punkt, der in Thüringen viel verändert hat. Unmittelbar danach hat sie mich eingeladen, dass wir nach Pößneck fahren und gemeinsam Gesicht zeigen gegenüber den Neonazis. Die wollten damals das dortige Schützenhaus zu einer neuen Wallfahrtsstätte machen. Da hat Christine Lieberknecht mich angerufen und hat gesagt, morgen ist eine Demo in Pößneck, lass uns da gemeinsam hinfahren. Am Ende waren alle Fraktionsvorsitzenden dort, aber von ihr ging die Initiative aus.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Und als 2011 das Atomkraftwerk von Fukushima explodierte, hat sie noch in der Nacht mit mir telefoniert. Und dann hat sie eine Regierungserklärung vorbereitet und die Linksfraktion hat sie bestärkt, darin bestimmte Aussagen öffentlich zu treffen. Das sind Dinge, die hat es außerhalb von Thüringen so nie gegeben. Und die werden außerhalb nie wahrgenommen. Deswegen ist es für mich selbstverständlich, mit Christine Lieberknecht auch im Gottesdienst zu sitzen. Manche finden das komisch, aber als Christ finde ich es eher komisch, dass man das komisch finden kann.

G+H: Wie sehen sie grundsätzlich das Verhältnis zwischen Staat und der Institution Kirche? Im Blick auf die Kritik der katholischen Kirche an der Besetzung einer Professorenstelle in Bayern haben sie kürzlich deutlich Ihren Protest formuliert.
Ramelow:
Da bleibe ich auch dabei. Was geht den katholischen Klerus ein Soziologieprofessor an einer staatlichen Hochschule an? Nach meinem Dafürhalten nichts. Etwas anderes wäre es bei einer katholischen Schule oder einer evangelischen Schule. Da entscheidet selbstverständlich der Schulträger, wer dort Lehrer ist und wer nicht. Mir geht es um die saubere Trennung. Auf der anderen Seite bereiten wir gerade im Blick auf das Reformationsjubiläum die “Kirchentage auf dem Weg” vor, die wir erheblich aus dem Etat des Landes unterstützen. Und mit Verlaub, das kann man Ihren Lesern auch mal sagen, schon seit zwei Landtagswahlen steht die Vorbereitung für das Lutherjubiläum im Wahlprogramm der Linkspartei in Thüringen.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

G+H: Im Blick auf das kirchliche Arbeitsrecht haben Sie aber dezidierten Dissens zur Haltung der Kirchen.
Ramelow:
Ich erzähle Ihnen mal ein konkretes Beispiel: Im Unstrut-Hainich-Kreis haben Diakonie und Caritas das Hainich-Klinikum übernommen. Dazu gehört auch eine Abteilung für den Maßregelvollzug, also eine hoheitliche Aufgabe. Und da wird dann das kirchliche Arbeitsrecht eingeführt, nach dem nur noch derjenige die Belange der Mitarbeiter vertreten darf, der zu einer christlichen Kirche gehört. Und wen trifft es? Den bisherigen Personalratsvorsitzenden, ein ehemaliges CDU-Mitglied, der heute zu meiner Partei gehört und Sprecher unserer Landesarbeitsgemeinschaft Laizismus ist. Der darf nicht mehr kandidieren, fliegt raus aus der Mitbestimmung. Da sage ich ganz entschieden: Ich halte das kirchliche Arbeitsrecht jenseits des Verkündigungsbereiches für nicht mehr zeitgemäß. Und das sage ich als Gläubiger, nicht als Ministerpräsident. Es wird immer dann schwierig, wenn unsere Kirche als Trägerin in staatliche Aufgaben hineingeht und das auf einmal überlagert wird mit den Regeln unserer Glaubensgemeinschaft. Darüber wünsche ich mir eine offene Debatte.

G+H: Wir hätten noch ein Reizwort in der Staat-Kirche-Debatte: die Staatsleistungen.
Ramelow:
Da bin ich ganz tiefenentspannt. Wer ins Grundgesetz schaut, findet darin die übernommenen Paragrafen aus der Reichsverfassung von 1919. Und da steht ganz klar, dass diese Staatsleistungen durch eine entsprechende gesetzliche Regelung final abgelöst werden sollen. Und die einzige Partei, die das bisher immer wieder thematisiert hat, ist meine Partei. Auch dies ist keine Ausdruck von Partei-Atheismus, sondern es geht um einen Verfassungsauftrag. Das vergessen die meisten. Vor jeder Initiative meiner Partei habe ich darüber auch mit unseren Bischöfen in Thüringen gesprochen. Dabei hatten wir immer Einigkeit darin, dass es eine Frage der Ablöseformel ist.

G+H: Zunehmend wird die Meinung propagiert, dass durch die seit Jahren andauernden Zahlungen die staatlichen Enteignungen im Zuge der Säkularisierung von 1803 mittlerweile abgezahlt seinen.
Ramelow:
Das höre ich immer wieder aus ganz verschiedenen Lagern. Da kann ich immer nur sagen, die Linke im Bundestag ist die einzige Fraktion, die dazu einen gesetzeskonformen Regelantrag vorgelegt hat. Denn es geht um eine Ewigkeitsgarantie, nicht um eine Schuld, die man irgendwann abgezinst hat. Wenn, dann kann man darüber diskutieren, ob der fünffache, der zehnfache oder der fünfzehnfache Jahresbetrag als dauerhafte Ablösung angemessen ist. Dazwischen ist irgendwo die Spannbreite, die man verfassungsgerecht ermitteln und belegen muss.

G+H: Ein weiteres Thema, das unsere Leser bewegt, ist die Frage des Betreuungsgeldes bzw. des in Thüringen nun wieder abgeschafften Landeselterngeldes.
Ramelow:
Ja, weil das Elterngeld nur bezahlt wurde für die Familien, die ihre Kinder nicht in die Kita bringen und das Geld dafür letztlich dem Ausbau der Kindertagesstätten vorenthalten wurde. Im Gegenzug stiegen dann die Kindergartengebühren. Da wollen wir gegensteuern und dafür sorgen, dass die Kitas ausreichend finanziert werden. Es geht auch nicht darum, einen Zwang zur staatlichen Betreuung von Kinder auszuüben. Jeder kann frei entscheiden, das Angebot anzunehmen oder nicht. Das Problem ist dabei allerdings, dass der Bund bedauerlicher Weise viele Dinge der Kindererziehung über Steuerfreibeträge so geregelt hat, dass Familien mit geringem Einkommen davon nicht profitieren können. Entschuldigung, aber da darf ich sagen, dass im Bund eine Partei regiert, die vorne mit “C” beginnt …

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

G+H: Ein Fragekomplex unserer Leser betrifft das Stichwort »Gerechtigkeit für Opfer der SED-Diktatur«. Beispielsweise für Schüler, denen wegen ihres Engagements in der Jungen Gemeinde bestimmte Berufsausbildungen oder ein Studium verwehrt wurden und die nunmehr geringere Renten erhalten.
Ramelow:
Ja, diese Fälle sind mir alle bekannt. Und Ja, wir werden in dieser Angelegenheit immer wieder beim Bund vorstellig. Unserer jetzige Finanzministerin Heike Taubert (SPD) hat sich beispielsweise ganz stark dafür eingesetzt, dass es den Entschädigungsfonds für Opfer von Jugendwerkhöfen gibt. Wenn sie da nicht schon in der letzten Legislatur als Sozialministerin dafür gekämpft hätte, wäre das alles in den Entschädigungstopf für Opfer der westdeutschen Jugendeinrichtungen der 1950er-Jahre gegangen. Genauso drücken und schieben wir immer wieder in der Frage des Rentensystems. Da wurde bei der Überleitung vieles nicht berücksichtigt. Zum einen ist die Ausgleichsrente für SED-Opfer viel zu niedrig, zum anderen gibt es weitere benachteiligte Gruppen – denken sie nur an die Absicherung für geschiedene DDR-Frauen oder mithelfende Ehefrauen in Familienbetrieben. Da ist bis heute nichts geregelt.

G+H: Zum Abschluss – was wünschen Sie sich als Ministerpräsident für Ihre Kirche und von Ihrer Kirche?
Ramelow:
Ich wünsche mir für die Kirche, dass sie nicht aus den ökonomischen Zwängen die Türen zu viel und zu oft zumacht. Wir brauchen mehr offene Türen, wie es einst unser leider schon verstorbener Bruder Christian Führer in Leipzig vorgemacht hat. Wer aus der DDR-Kirche mit der Kerze in der Hand auf die Straße rausgegangen ist, der musste mehr Mut aufbringen als alle Westdeutschen jemals in den letzten 50 Jahren. Doch das war nur möglich mit Kirchen, die trotz Stasi-Durchseuchung immer noch genügend Räume gefunden und geöffnet haben. Und das alte Signet »Schwerter zu Pflugscharen« hat bis heute nichts von seiner Aktualität verloren.

Und dann würde ich mir von meiner Kirche noch ein Stück weit mehr Ökumene wünschen. Das sind wir, glaube ich, in Vorbereitung des Reformationsjubiläums allen Christen schuldig. Weil klar ist, dass Luther keine neue Kirche wollte, sondern eine Reform der Kirche.

Eduard lernt schwimmen

31. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Im thüringischen Tabarz zeigt sich, wie eine lebendige Willkommenskultur für Asylbewerber aussehen kann

Neun Familien aus dem Balkanraum leben derzeit als Asylbewerber in Tabarz. Ein ehrenamtlicher Arbeitskreis kümmert sich um die Belange der häufig als »Wirtschaftsflüchtlinge« diskriminierten Menschen. Und macht die Erfahrung, dass der Einzelfall dann oft gar nicht so eindeutig ist.

Eduard lernt schwimmen. Er kommt aus dem Kosovo, ist acht Jahre alt und lebt mit seiner Familie seit November letzten Jahres in Tabarz. Unter seinen langen Wimpern schaut er ein wenig schüchtern, als er um acht Uhr morgens im Schwimmbad Friedrichroda ankommt. Er wirkt zaghaft, ganz anders als sein großer Bruder Shemai (11), der ihn an diesem Tag zum Schwimmkurs begleitet und mutig einen Kopfsprung wie aus dem Lehrbuch vom 3-Meter-Brett zum Besten gibt.

Doch heute traut sich auch Eduard: Nach einer Woche Schwimmkurs hüpft er erstmals beherzt vom Rand ins Becken, wo ihn Schwimmmeister Peter Liebau mit offenen Armen erwartet und für seinen Mut lobt: »Toll, Eduard!« Auch sein Bruder und Hanfried Victor vom Arbeitskreis »Asyl in Tabarz«, der ihn jeden Morgen zum Kurs bringt, jubeln. Dann geht es auf die Bahn. Geduldig korrigiert Peter Liebau die Beinarbeit seines Schützlings und ist zuversichtlich, dass Eduard schon bald ohne Hilfsmittel schwimmen wird.

Ein Arbeitskreis koordiniert die Hilfe für Flüchtlinge

Dass Eduard schwimmen lernen kann, noch dazu an diesem geschichtsträchtigen Ort – 1936 und 1940 trainierte in der heute denkmalgeschützten Anlage die deutsche Olympiamannschaft – hat er vielen Menschen zu verdanken: Dem Arbeitskreis »Asyl in Tabarz« mit Pfarrer i.R. Hanfried Victor und der engagierten Schulleiterin Sabine Geißler an der Spitze, der Gemeindeverwaltung und natürlich Schwimmmeister Liebau, der in seinen 37 Berufsjahren schon etlichen Menschen das nasse Element vertraut gemacht hat und der sich mit Eduard trotz sprachlicher Verständigungsschwierigkeiten bestens zu verstehen scheint.

Freunde geworden: Schwimmmeister Peter Liebau und der kleine Eduard aus dem Kosovo. Der Arbeitskreis Asyl in Tabarz zeigt, dass unvoreingenommenes Aufeinanderzugehen Vorurteile abbaut und Verständnis über Sprach- und Kulturbarrieren hinweg wachsen lässt. Fotos: Adrienne Uebbing

Freunde geworden: Schwimmmeister Peter Liebau und der kleine Eduard aus dem Kosovo. Der Arbeitskreis Asyl in Tabarz zeigt, dass unvoreingenommenes Aufeinanderzugehen Vorurteile abbaut und Verständnis über Sprach- und Kulturbarrieren hinweg wachsen lässt. Foto: Adrienne Uebbing

Im November 2014 kamen die ersten Familien aus den Balkanstaaten nach Tabarz. »Im Ort wusste keiner Bescheid und es existierte Hilflosigkeit auf allen Seiten«, so Hanfried Victor. Es gab spontane, oft noch unkoordinierte Hilfsaktionen, aber auch kritische Stimmen im Ort: Sowohl zu den Flüchtlingen als auch zur Situation und durchaus auch »über manchen, der sich engagiert«. Vor diesem Hintergrund kam es zur Gründung des Arbeitskreises »Asyl in Tabarz« mit dem erklärten Ziel, die diversen Hilfsaktionen zu bündeln, den Asylbewerbern bei der Bewältigung und Gestaltung des Alltags, bei der Beschaffung beispielsweise von Möbeln oder Kleidung zu helfen sowie Patenschaften für die Familien zu übernehmen, kurzum: Willkommenskultur zu üben und zu pflegen.

Eine Kleiderkammer, die allen Bürgern offensteht

Zurzeit leben neun Familien – 18 Erwachsene und 21 Kinder, bzw. Jugendliche – aus Serbien, Albanien und dem Kosovo in Tabarz. Je nach Familiengröße belegen sie eine Wohnung allein oder zwei Kleinfamilien teilen sich eine Bleibe. Die Tabarzer Wohnungsgesellschaft stellte dem Arbeitskreis im Wohnblock der Asylbewerber zwei Wohnungen kostenlos zur Verfügung, in denen unter anderen eine Kleiderkammer eingerichtet wurde, die übrigens allen bedürftigen Tabarzern offensteht.

Inzwischen gehören rund 25 Tabarzer Bürgerinnen und Bürger zum Arbeitskreis – die Kirchengemeinde ist durch den Pfarrer, einen Kirchenältesten und Gemeindeglieder vertreten, die Kommune durch den Bürgermeister und eine Mitarbeiterin des Rathauses. Auch der Sozialausschuss ist involviert. Die monatlichen Treffen dienen dem Erfahrungsaustausch, der Fortbildung und der Vorbereitung von Aktivitäten. Man stimmt sich mit vergleichbaren Arbeitskreisen der benachbarten Orte Friedrichroda und Waltershausen, mit dem Ausländerbeauftragten des Freistaates Thüringen sowie dem für alle Asylfragen zuständigen Zweiten Beigeordneten des Landkreises ab.

Zusätzlich gibt es noch einen Freundeskreis, der im Bedarfsfall für Einzelaktionen ansprechbar ist. In den monatlich erscheinenden Rathausinformationen und der Informationsbroschüre der Gemeinde berichtet der Arbeitskreis regelmäßig über aktuelle Entwicklungen.

Mit Transparenz gegen Gerüchte und Vorurteile

Solche Transparenz wirkt dem Entstehen von Gerüchten entgegen und baut Vorurteile ab. Das gemeinsame Engagement zeigt Wirkung und hat ganz wesentlich zum gegenseitigen Verständnis beigetragen. »Es gibt im Ort kaum mehr laute Stimmen gegen die Asylbewerber«, konstatiert Victor.

Auch zwischen den meisten Flüchtlingsfamilien hat sich ein gutes Miteinander etabliert: Ob beim Aufräumen rings um den Wohnblock, bei der – von drei Rentnern aus Tabarz unterstützten – Anlage eines »interkulturellen Blumenbeets« oder beim Straßenfest zum Ende des Ramadan.

Dank langfristiger ehrenamtlicher Unterstützung kann regelmäßiger Deutschunterricht für die Erwachsenen angeboten werden. Leider, so bemängelt Schulleiterin Sabine Geißler, gibt es derzeit und laut zuständigem Schulamt auch auf absehbare Zeit trotz der wachsenden Anzahl von ausländischen Kindern und Jugendlichen keine DaZ- (Deutsch als Zweitsprache) Lehrkraft für ihre Schule. Die Pädagogin hat kurzerhand die Unterrichtung der ausländischen Schüler selbst übernommen: »Man muss doch etwas tun!«

Über Eduard und seiner Familie hängt das Damoklesschwert der Abschiebung. Immer nur für einen Monat wird ihr Bleiberecht verlängert. Weil Vater Muhamet (42) im Kosovokrieg für die NATO als Dolmetscher für Englisch, Spanisch und Serbisch gearbeitet hat, galt er danach in seinem Heimatland als »Verräter«, wurde seines Hauses beraubt und bekam seit 1999 keine Arbeit. Die Familie fand seither nur Unterschlupf auf Zeit bei diversen Verwandten. 2014 kamen sie nach Deutschland und haben Asylantrag gestellt. Auch wenn Muhamet bisher nur wenig Deutsch spricht, ist er aufgrund seines sozialen Engagements und seiner Englisch-, Albanisch- und Serbischkenntnisse ein ganz wichtiger Ansprechpartner für die Belange der Flüchtlinge, und – unterstützt durch seinen schon fließend Deutsch sprechenden Sohn Shemai – für den Arbeitskreis eine enorme Hilfe.

»Sichere Herkunftsländer« sind nicht für jeden sicher

Die Chance, in Deutschland bleiben zu können, ist für Flüchtlinge vom Balkan sehr gering. In der aktuellen Diskussion werden sie zumeist als Wirtschaftsflüchtlinge abgestempelt. Solche pauschalen Urteile, die – so gestehen Hanfried Victor und Sabine Geißler freimütig ein, im ein oder anderen Fall tatsächlich zutreffen mögen – laufen an der Realität vorbei. Immer gibt es das Einzelschicksal, das es zu berücksichtigen gilt. Trotzdem, darin sind sich die beiden einig, müssen die Asylanträge deutlich schneller als bisher bearbeitet und die Entscheidung dann auch konsequent umgesetzt werden. Die Ungewissheit jedenfalls sei weder für die Betroffenen selbst noch für die Gesellschaft förderlich.

Wann endgültig über den Antrag von Eduards Familie entschieden wird, ist nicht absehbar. Der Kleine jedenfalls freut sich schon auf das neue Schuljahr. Mathe und Werken mag er besonders.

Adrienne Uebbing


Die Kindernachrichtensendung »logo!« des ZDF plant für diesen Sonnabend, 29. August, um 11 Uhr einen Beitrag zur Flüchtlingsarbeit in Tabarz.

Fest der Religionen und Kulturen

24. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Nachgefragt: Warum braucht Thüringen noch ein weiteres Festival?


Die thüringische Landeshauptstadt Erfurt bekommt ein neues Kunst- und Kulturfest. Bei den Achava-Festspielen (Achava, hebräisch: Brüderlichkeit) stehen der interkulturelle und interreligiöse Dialog im Vordergrund.
Künstlerischer Leiter ist Jascha Nemtsov (52), Professor an der Hochschule für Musik in Weimar. Mit ihm sprach Willi Wild.

Thüringen hat bereits viele Kulturfeste im Sommer. Gerade ist in Weimar das Festival Yiddisch Summer zu Ende gegangen. Warum noch ein weiteres jüdisches Kulturfestival?
Nemtsov: Das ist natürlich eine legitime Frage. Die Achava-Festspiele sind aber kein weiteres jüdisches Kulturfestival. Das ist eine ganz neue Form. Die gibt es so weder in Thüringen noch sonst in Deutschland. Das ist ein Festival, in dessen Mittelpunkt der Dialoggedanke steht; es ist also ein interreligiöses und interkulturelles Festival. Es war den Initiatoren außerdem ein ganz wichtiges Anliegen, dass wir dieses Festival zusammen mit möglichst vielen verschiedenen Akteuren aus der kulturellen, religiösen und politischen Szene machen. Da sind die katholische und evangelische Kirche dabei, die Jüdische Landesgemeinde, der Zentralrat der Muslime in Deutschland, der Reformationsbeauftragte der Landesregierung, die Evangelische Schulstiftung, politische Stiftungen, die Gedenkstätte Buchenwald, der Thüringer Literaturrat, die Weimarer Hochschule für Musik »Franz Liszt«, die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, der Verein »West Östlicher Divan« und andere.

Einen kritischen Dialog wünscht sich der Pianist und Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov. – Foto: Rut Sigurdardóttir

Einen kritischen Dialog wünscht sich der Pianist und Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov. – Foto: Rut Sigurdardóttir

Auch muslimische Verbände beteiligen sich?
Nemtsov: Uns ist es wichtig, dass möglichst viele Konfessionen vertreten sind. Dieses Jahr sind es die beiden großen christlichen Kirchen, die Jüdische Gemeinde und der Zentralrat der Muslime. Aber wir hoffen, dass im nächsten Jahr auch andere Religionsgemeinschaften vertreten sein werden.

Was unterscheidet Achava von anderen Festivals?
Nemtsov: Es ist diese Mischung aus rein kulturellen Veranstaltungen, Konzerten mit hochkarätigen Künstlern und Veranstaltungen, in deren Mittelpunkt der Dialog steht. Die Musik ist etwas, was alle zusammenbringt. Die diskursiven Veranstaltungen sind dagegen ein Ort, wo unterschiedliche Meinungen artikuliert werden können und sollen. Es ist nicht unser Ziel, dass nach so einem Gespräch die Leute rausgehen und sagen, jetzt weiß ich, was richtig ist. Für mich persönlich ist es auf alle Fälle wichtig, die Dialogkultur und Meinungsvielfalt zu fördern.

Wie ist der Untertitel »Ein jüdischer Impuls für den interreligiösen Dialog« zu verstehen?
Nemtsov: In der Hebräischen Bibel begegnet uns die Idee der Toleranz und des Friedens. Toleranz heißt ja nicht Liebe. Der Prophet Micha meint: »Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.« Das erscheint so einfach, ist aber anscheinend nicht selbstverständlich in einer Welt, in der ständig versucht wird, einander einen Glauben, eine Meinung oder eine Lebensweise als einzig richtige aufzuzwingen.

Was sind für Sie die herausragenden Veranstaltungen bei diesen Festspielen?
Nemtsov: Das kann man so gar nicht sagen. Da sind ja etliche weltbekannte Musiker, die zu uns kommen. Beispielsweise haben wir ein Konzert am 30. August, bei dem der großartige israelische Mandolinist Avi Avital zusammen mit dem iranischen Cembalisten Mahan Esfahani musiziert. Auch eine Begegnung der besonderen Art. Sie werden zusammen klassische Werke spielen und auch Kompositionen aus ihrer Prägung und Tradition.

»Unter dem Feigenbaum«, heißt eine Reihe, bei der es auch um aktuelle Themen geht, zum Beispiel Syrien und Irak, Verfolgung, Flucht und Genozid.
Nemtsov: Wir haben bei dieser Diskussionsrunde Vertreter aus Politik und von Religionsgemeinschaften. Neben Heinz Buschkowski, dem ehemaligen Bürgermeister aus Berlin-Neukölln, sind es auch die jesidische Journalistin Düzen Tekkal und der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman A. Mazyek. Selbst die Moderatoren gehören verschiedenen Religionsgemeinschaften an: Martin Kranz ist evangelischer Christ, ich bin Jude.

Das klingt spannend, aber auch nicht ganz spannungsfrei.
Nemtsov: Auf alle Fälle. Ich glaube, wenn man Veranstaltungen organisiert, bei denen nur das gesprochen wird, was man ohnehin überall hört, hat es überhaupt keinen Sinn und Zweck. Wir wollen gerade Punkte ansprechen, die sonst ausgeklammert werden.

Mit der Evangelischen Schulstiftung in Mitteldeutschland werden zwei Veranstaltungen für Schülerinnen und Schüler angeboten.
Nemtsov: Es geht darum, dass sich die jungen Menschen ein Bild über verschiedene Religionen aus erster Hand machen können. Dass sie nicht nur in die Kirche gehen, sondern eben in die Synagoge und in eine Moschee. Und dass dort authentische Eindrücke vermittelt werden.

Mit Abraham geht es dabei auch um den Stammvater der Juden, Christen und Muslime. Das klingt nach der Botschaft: Alle monotheistischen Religionen sind eigentlich eins!
Nemtsov: Ich hoffe nicht. Man muss erklären, woher die Spannungen kommen, die es schon seit vielen Jahrhunderten gibt. Ich glaube, wir verstehen uns eher, wenn wir unsere Unterschiedlichkeit deutlich machen. Die Religionen sind wirklich sehr verschieden. Da sind ganz unterschiedliche Welten, Denkweisen und philosophische Systeme. Das soll deutlich werden, und darüber wollen wir reden.

Beim Eröffnungskonzert im Erfurter Dom sind der RIAS Kammerchor und drei der weltbesten jüdischen Kantoren zu hören.
Nemtsov: Das ist ein Programm mit Psalmvertonungen in synagogaler Musik. Die Psalmen verbinden Judentum und Christentum, weil sie in beiden Religionen einen hohen Stellenwert haben. Die Werke, die zur Eröffnung erklingen, kommen aus der jüdischen liturgischen Musik, allerdings mit teilweise deutlichen stilistischen Einflüssen der christlichen Musik.

Mit Azi Schwartz ist der bekannteste jüdische Kantor vertreten?
Nemtsov: Er kommt aus Israel und wirkt seit ein paar Jahren als Kantor der Park Avenue Synagoge in New York. Das ist die größte und wichtigste Synagoge des sogenannten konservativen Judentums.

Zu welchen Anlässen werden die Kompositionen gesungen?
Nemtsov: Zu unterschiedlichen liturgischen Anlässen. Neben den Sabbat-Psalmen gibt es auch Psalmen aus dem sogenannten Pessach-Hallel (Psalmen 113 bis 118).

Wer eine Bibel mitbringt, kann also den Inhalt nachlesen?
Nemtsov: Im Prinzip schon. Die Psalmen werden auf Hebräisch gesungen, und man kann die Texte nach der deutschen Übersetzung verfolgen.

www.achava-festspiele.de

Dieser Artikel erschien in Glaube+Heimat Nr. 34

Wenn Kirchen aufblühen

17. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Nachgefragt: Zur Halbzeit der Bundesgartenschau ziehen die Kirchen eine positivere Bilanz als die Veranstalter

In der Brandenburger Johanniskirche blühen gerade die Fuchsien. Große Töpfe mit prämierten Züchtungen bestimmen das Bild des Gotteshauses in der Havelstadt. Wo einst die Brandenburger zum Gottesdienst gingen, prägen nun die Besucher der Bundesgartenschau das Bild: Das Selfie mit der Fuchsie ist in diesen Tagen ein gefragtes Souvenir.

Rund 750 000 Menschen haben die Bundesgartenschau in Brandenburg (Havel), Rathenow, Havelberg, Premnitz und Stölln bereits besucht. Zum ersten Mal wird die Blumenschau an fünf verschiedenen Orten entlang des gemächlich dahinströmenden Flusses ausgetragen – und zum ersten Mal werden zwei Kirchengebäude als Blumenhalle genutzt.

»Im Großen und Ganzen gefällt das den Besuchern«, sagt der Koordinator der Kirchenangebote auf der Gartenschau, Pfarrer Thomas Zastrow. Kritische Nachfragen, warum denn aus der Kirche eine Ausstellungshalle geworden sei, gebe es kaum. Nur im sachsen-anhaltischen Havelberg, wo die Stadtkirche St. Laurentius ebenfalls zur Blumenhalle wurde, habe es einmal Probleme gegeben, als im Rahmen einer japanischen Blumenschau ein Buddha in der Kirche aufgestellt wurde. Was auch aus Sicht der zuständigen Berlin-Brandenburgischen Landeskirche nicht möglich war. »Aber es wird immer einzelne Besucher geben, denen irgendetwas nicht gefällt«, sagt Zastrow.

Die St.-Laurentius-Kirche im sachsen-anhaltischen Havelberg beherbergt wie auch die Johanniskirche in Brandenburg an der Havel wechselnde Blumenschauen im Rahmen der Bundesgartenschau 2015. Foto: picture alliance/Kitty Kleist-Heinrich

Die St.-Laurentius-Kirche im sachsen-anhaltischen Havelberg beherbergt wie auch die Johanniskirche in Brandenburg an der Havel wechselnde Blumenschauen im Rahmen der Bundesgartenschau 2015. Foto: picture alliance/Kitty Kleist-Heinrich

Im Unterschied zu den Veranstaltern der Bundesgartenschau, die mit den 750 000 bisher im Havelland angekommenen Besuchern hinter den Erwartungen zurückliegen, sind die Organisatoren der kirchlichen Programme auf der Gartenschau froh über den Stand der Dinge. Genaue Teilnehmerzahlen allerdings habe man nicht erhoben, sagt Zastrow. »Das ist schon vom Aufwand her für uns nicht möglich.« Doch an allen fünf Standorten der Gartenschau fänden regelmäßige Mittagsandachten statt, für die etwa in Premnitz oder Rathenow sogar eigene Kirchenpavillons auf dem Gelände errichtet wurden.

»Wir freuen uns auch darüber, dass die Veranstalter der Gartenschau an den Eingängen auf unsere Angebote hinweisen«, sagt Zastrow. Und es gebe auch immer wieder Reisegruppen, die ihren Buga-Besuch speziell auf die Angebote der Kirchen abstimmen würden, sodass die Besucher am Mittag tatsächlich an der Andacht teilnehmen könnten.

Doch von Katastrophen blieb auch die Buga im Havelland nicht verschont: Bei einem Unwetter im Juni wurde auf dem Gelände in Rathenow ein Besucher der Gartenschau von einem Ast erschlagen. Eine gute Woche lang war der dortige Park daraufhin für Gäste gesperrt. »Da ruhte auch bei uns alles«, sagt Zastrow. Eigene Gedenkveranstaltungen der Kirche habe es auf der Gartenschau anschließend trotzdem nicht gegeben. »Die Besucher der Gartenschau kommen ja oft aus der Ferne«, sagt Zastrow. »Viele von ihnen haben gar nicht mitbekommen, dass das Unglück geschehen ist.« Allerdings sei in mancher Kurzandacht unmittelbar nach dem Zwischenfall des Toten gedacht worden.

»Insgesamt jedenfalls sind wir mit der Resonanz auf unsere Angebote sehr zufrieden«, so der Koordinator. So werde der Dom von Havelberg mit seinem weit über das Land sichtbaren romanischen Westwerk an manchen Tagen von bis zu 1 000 Menschen besucht. Und auch der Brandenburger Dom, der in diesem Jahr sein 850-jähriges Jubiläum feiert, freut sich über zahlreiche Gäste – zu denen auch schon Bundespräsident Joachim Gauck zählte. Er gratulierte dem Dom und der Domgemeinde im Juni bei einem Festgottesdienst zum Jubiläum.

Benjamin Lassiwe

Hinweise zum kirchlichen Buga-Programm finden sich im Internet. Zu den besonderen Höhepunkten der nächsten Wochen gehören etwa zwei Gottesdienste im Havelberger Dom mit Landesbischöfin Ilse Junkermann aus Magdeburg am 23. August sowie mit Margot Käßmann am 6. September. Beginn ist jeweils 10 Uhr.


www.kirche-buga-2015.de

Fehlt ein Aufschrei?

27. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Kulturwandel: Früher waren Rüstzeitheime Selbstläufer – heute müssen sie um ihre Existenz kämpfen

So manches christliche Gästehaus wurde in den vergangenen Jahren geschlossen. Darunter selbst renommierte Einrichtungen. Wo liegen die Ursachen? Der Versuch einer Umschau.

Es war ein richtiger kleiner Bauboom, der da in den letzten drei Jahrzehnten der DDR ausbrach. Hin und her im Lande wurden ungenutzte Pfarrhäuser oder Pfarrscheunen zu Begegnungsstätten und Übernachtungsherbergen ausgebaut. In ihnen traf man sich nicht wie heute zu Freizeiten, denn über die organisierte Freizeitgestaltung beanspruchten Staat, Schule und gesellschaftliche Gruppen die Hoheit. Christen trafen sich zur Zurüstung im Glauben, zu »Rüstzeiten«. Besonders für Jugendgruppen war der Bedarf enorm.

Ob Großhettstedt bei Stadtilm, Bad Berka, Großbreitenbach, Gotha-Siebleben oder Zethlingen in der Altmark: In beachtlicher Eigenleistung – und oft mit Hilfe der Patengemeinden im »Westen« – entstanden Schlafräume, eine kleine Küche, ein Gruppenraum. Der Standard war zumeist bescheiden. Getrennte Waschräume mit Waschbecken, vielleicht sogar mit einem Gasdurchlauferhitzer für warmes Wasser, waren schon schierer Luxus. Eine Tischtennisplatte und zwei feste Pfosten im Pfarrgarten, an denen der Jugendwart das selbst mitgebrachte Volleyballnetz spannen konnte, markierten gehobene Ausstattung. Betten und Bettzeug stammten oft von »Dachbodenspenden«. Wachte man nachts auf, hatten sich die Bettfedern links und rechts zu einem festen Wall verklumpt, während man oben in der Mitte fror …

Ein Symbol: Nicht nur viele der in DDR-Zeiten errichteten Rüstzeitheime in ehemaligen Pfarrhäusern und Pfarrscheunen sind verschwunden, auch so manches traditionelle Gäste- und Tagungshaus von Landeskirchen und Verbänden ist inzwischen geschlossen oder steht auf der Kippe. Foto: Marco2811 – Fotolia.com

Ein Symbol: Nicht nur viele der in DDR-Zeiten errichteten Rüstzeitheime in ehemaligen Pfarrhäusern und Pfarrscheunen sind verschwunden, auch so manches traditionelle Gäste- und Tagungshaus von Landeskirchen und Verbänden ist inzwischen geschlossen oder steht auf der Kippe. Foto: Marco2811 – Fotolia.com

Freilich gab es auch bessere Häuser. Die Wartezeiten betrugen dann aber, besonders in den Ferienzeiten oder zu Ostern, Pfingsten und Silvester oft Jahre. Und für eine Rüstzeit einen Termin in einem Haus mitten auf der Insel Rügen zu bekommen, war trotz kilometerweiter Wege bis zum Strand wie ein Fünfer im Lotto.

Dennoch – für Tausende Jugendliche wurden die Tage in den Rüstzeitheimen zu prägenden Erlebnissen, zu Zeiten der Glaubensstärkung, zur bescheidenen Freiheitserfahrung im gegängelten Lebensrhythmus. »Noch heute kommen manchmal Leute vorbei und berichten begeistert davon, dass sie in unserer ausgebauten Pfarrscheune bei Rüstzeiten dabei waren, berichtet etwa Pfarrer Ulrich Matthias Spengler aus Bad Berka.

Das dortige Haus wurde, wie viele andere, schon bald nach der Wende geschlossen. Zu hoch wären die Investitionskosten für eine zeitgemäße Sanitäranlage oder für eine energetische Sanierung, für die Erfüllung von Hygieneauflagen gewesen.

Doch das Sterben der inzwischen in Freizeit- und Tagungshäuser »umgelabelten« Etablissements geht weiter. Auch bekannte Häuser innerhalb der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) mussten in den vergangenen Jahren schließen. Erinnert sei an den Lutherpark in Erfurt oder das in Toplage Weimars untergebrachte Hedwig-Pfeiffer-Haus. Um manches weitere Heim schwirren Alarmmeldungen, sei es das Freizeit- und Tagungsheim Schönburg bei Naumburg oder die Evangelische Jugendbildungsstätte Neulandhaus in Eisenach.

»Wo bleibt der Aufschrei unserer Gemeinden?«, fragt angesichts der Lage Gerhard Bemm vom Förderverein Evangelische Tagungs- und Freizeithäuser in Magdeburg. Für ihn ergibt sich derzeit der Eindruck, dass sich die Träger der Häuser und die Landeskirche insgesamt langsam aus der »langjährig praktizierten gesamtkirchlichen Gastfreundschaft« und »der Ermöglichung der Einübung in christliche Lebensgemeinschaft bei Rüst- und Freizeiten« verabschieden.

Ein Haus, das für seine erlebnispädagogischen Angebote  bereits staatliche  Auszeichnungen erhielt: das »Erlebnishaus Altmark« in Zethlingen. Foto: privat

Ein Haus, das für seine erlebnispädagogischen Angebote bereits staatliche Auszeichnungen erhielt: das »Erlebnishaus Altmark« in Zethlingen. Foto: privat

Wer sich im Lande umhört, stößt freilich zumeist auf ähnliche Probleme: Neben ins Haus stehenden teuren Umbau- und Sanierungsarbeiten, etwa wegen Brandschutzauflagen, ist es vor allem die zu niedrige Auslastung, die zu geringe Nachfrage, die den Häusern Probleme bereitet. Selbst eine gehobene und behindertengerecht ausgestattete Einrichtung wie das Evangelische Allianzhaus in Bad Blankenburg verweist auf Belegungszahlen von rund 50 Prozent bei den Zimmern und 40 Prozent bei den Betten. Bei Touristikfachleuten rangiert es damit schon in der Spitzengruppe Thüringer Beherbergungsstätten in ländlichen Regionen. Den Betreibern stehen dennoch Sorgenfalten im Gesicht.

Die Zeiten haben sich geändert, die Welt steht offen. Entsprechend hat sich auch das Freizeitverhalten angepasst. »Wer für Jugendliche ein Beach-Camp anbietet, kann schon kaum noch mit dem Ostseestrand locken«, weiß etwa Christiane Hildebrandt zu berichten, die beim Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM) in Sachsen-Anhalt das Freizeitenprogramm betreut.

Auch bei Erwachsenen sind die Ansprüche an den Standard eines Gästehauses heute deutlich höher, sagt Martina Klein. Sie ist als Oberkirchenrätin für die Bildungsarbeit in der EKM zuständig und beklagt unter anderem auch, dass etwa die Fortbildungen kirchlicher Träger deutlich weniger geworden sind, und zugleich bei entsprechenden Angeboten die Verweildauer in den Tagungshäusern kürzer ausfällt. Nach ihren Beobachtungen müssen die Freizeit- und Gästehäuser deutlich professioneller in der Leitung und vor allem in der Vermarktung auftreten: »Es kommt niemand mehr von allein in ein Haus, nur weil es in kirchlicher Trägerschaft ist.«

Weshalb die Fragen des Marketings einer der Schwerpunkte des Gesamtkonzeptes ist, das derzeit für die fünf Häuser in direkter Trägerschaft der EKM erstellt wird: für das Neulandhaus in Eisenach, das Zinzendorfhaus in Neudietendorf, das Augustinerkloster in Erfurt, Burg Bodenstein im Eichsfeld und Kloster Drübeck im Harz.

In Vorbereitung ist außerdem eine Kooperation zwischen dem Neulandhaus als Jugendbildungsstätte und der Evangelischen Akademie in Neudietendorf: Während die hauswirtschaftliche Leitung des Neulandhauses künftig vom Zinzendorfhaus aus erfolgt, sollen die bisher oft mangelhaft nachgefragten Bildungsangebote des Eisenacher Hauses auch über die Akademieschiene vermarktet werden. Und die Akademie will für eigene Jugendangebote künftig das Neulandhaus nutzen, statt in andere Häuser auszuweichen.

Dass es auch positive Zeichen gibt, zeigt beispielhaft das »Erlebnishaus Altmark« in Zethlingen zwischen Stendal und Salzwedel. Dort haben sich die Synoden beider Kirchenkreise 2004 dafür dafür entschieden, das 1965 eingerichtete Rüstzeitheim zu erweitern und ein erlebnispädagogisches Konzept zu erstellen sowie die Finanzierung einer entsprechenden Fachkraft zu übernehmen. »Ein mutiger Schritt«, wie Martina Klein es nennt. Doch mit Erfolg: Für viele kirchliche Kindergruppen, aber auch für immer mehr Grundschulen ist das Haus Anlaufstelle. So gut wie alle Wochenenden seien ausgebucht, sagt Birgit Moll, Hausleiterin und Bildungsreferentin des Hauses. Ohne laufenden festen Zuschuss der Kirchenkreise geht es freilich nicht.

»Wir danken unsere Existenz der Einsicht der Synodalen in den Bildungsauftrag der Kirche«, bringt es die ordienierte Gemeindepädagogin Birgit Moll auf den Punkt.

Harald Krille

www.evangelische-freizeithaeuser.de

www.evangelische-haeuser.de

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