Segnen ist Gottes Leidenschaft

20. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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»Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein« – ein Impuls zu Gottes Verheißung an Abraham.

Wenn Gott segnet, gibt er aus seiner göttlichen Lebensfülle. Es ist seine Art, großzügig, ja fast verschwenderisch zu schenken. Segen ist göttliches Leben. Segen ist nur ein anderes Wort für Gnade, vielleicht leichter verständlich. Weil es Gottes Leidenschaft ist, uns Gutes zu tun, hält er Ausschau nach Menschen, die sich nach seinem Segen sehnen:

Die Geschichte Abrahams handelt davon. »Ich will dich segnen.« Mit diesem Segenszuspruch kommt Gott dem suchenden Abraham entgegen. Damit lockt er Abraham in ein Leben des Vertrauens. Abraham hört es und ist davon tief getroffen. Er bewegt dieses Wort und es lässt ihn nicht mehr los: »Ich will dich segnen.«

Impressionen vom »Berg der Kreuze« in Litauen. Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

Impressionen vom »Berg der Kreuze« in Litauen. Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

Abraham sucht die Einsamkeit, um dieses Wort zu knacken. Aber das Wort knackt ihn. Er wagt es, sich auf diese Stimme einzulassen. Er wagt zu glauben. Sein Segensweg beginnt mit einem Abschied. Und Gott sagt ihm auch konkret, was er loslassen muss: sein Vaterland, seine Verwandtschaft, das Haus seines Vaters. Also alles, was ihm bisher Halt und Schutz gegeben hat. Gott ruft ihn aus seiner bisherigen Existenz in eine neue, aus einem bekannten Land in ein unbekanntes. Und Abraham hat nur eine einzige Brücke, das Wort der Verheißung, das er vernommen hat. »Ich will dich segnen.« Über diese Brücke geht er nun. So ist der Segen bei Abraham mit dem Schmerz des Abschieds verbunden. Abraham wagt es trotzdem. Er packt zusammen und bricht auf. So öffnet er sich für den großen Segen, den Gott ihm versprochen hat.

Abraham hätte das große Angebot auch ablehnen und überhören können. Er hätte in der Geborgenheit der Familie, in der Sicherheit seiner Sippen und bei den üblichen religiösen Traditionen bleiben können. Doch Abraham entscheidet sich für den Segen. Er muss es ertragen, dass andere ihn für einen Narren halten. Er geht weiter über die Schmerzgrenze hinaus in die Freiheit, in die Gott ihn ruft.

Natürlich kennt er auch Stunden, in denen er unsicher ist, nichts sieht und Fehler macht. Aber die segnende Gegenwart ist jedesmal größer als sein Versagen. Mit jedem Schritt geht Abraham tiefer hinein in die Freundschaft mit dem lebendigen Gott. Durch Jesus Christus, der ja der verheißene Nachkomme Abrahams ist, weitet sich der Lebens- und Segensstrom hin zu allen Völkern der Erde. Das Kreuz Jesu ist die universale Dimension des göttlichen Segens.

Segnen ist bis heute Gottes große Leidenschaft. Wer die Segensfülle empfangen will, kommt wie Abraham um einen Abschied nicht herum. Wir vergessen das leicht. Wer tiefer in die Freundschaft mit dem lebendigen Gott einsteigen will, dem sagt Gott, wo er ausziehen soll. Vielleicht ist es eine Gewohnheit, die mir schadet, eine Beziehung, die mich abhängig gemacht hat, ein negatives Verhalten wie Rückzug oder Unversöhnlichkeit. Fragen wir Gott, er wird es deutlich machen.

Schauen wir jetzt noch auf den zweiten Teil der Verheißung: »Du sollst ein Segen sein.« Oder einfach: Werde ein Segen! Ein Segen für andere sein, ist eine schöne Berufung. Wie aber kommen wir in diese Berufung hinein, Segen zu sein? Sicher nicht dadurch, dass wir uns jetzt vornehmen, uns anzustrengen und mehr für andere zu tun.

Ein Segen sein, ein Segen werden, da geht es um unser Sein, nicht ums Tun, ums Machen. Vielleicht heißt ein Segen werden zuerst einmal weniger tun und mich daran freuen, wer ich vor Gott bin. Wenn wir wie Abraham aus der Freundschaft mit dem ewigen Gott leben, werden wir Menschen, die das Wunder der Zeitvermehrung erfahren. Bin ich ein Mensch, der wieder Zeit hat?

Dann bin ich vielleicht schon ein Segen, ohne etwas Besonderes zu machen. Wer aus der Freundschaft mit Gott lebt, der wird voraussichtlich freundlich. Wer sich die Liebe Gottes gefallen lässt, wird voraussichtlich liebevoll. Wer vor Gottes Augen Gnade gefunden hat, wird mit anderen gnädig sein. Wer von Gott gesegnet ist, wird voraussichtlich ein Segen sein.

Ein Segen sein, das heißt: Ich bin jemand, der segnet. »Segnen heißt, die Hand auf etwas legen und sagen, du gehörst trotz allem Gott.« (Dietrich Bonhoeffer) Segnen kann jeder, der glaubt. Segnen ist an kein bestimmtes Amt gebunden.

Im Alten Testament war es die Aufgabe der Priester, den Segen aufs Volk Gottes zu legen. Im Neuen Testament gibt Jesus seinen Jüngern den Auftrag, alle Menschen zu segnen. Jeder Christ darf zum Beispiel seine Nachbarn und Arbeitskollegen segnen. Jeder Vater darf seine Kinder segnen. Wenn wir mit dem Segnen ernst machen, wird sich die Atmosphäre in der Familie und im Geschäft voraussichtlich verändern. Wenn wir einen Menschen segnen, stellen wir ihn in eine Beziehung zu Gott.

Wie wir Segen weitergeben, das kann sehr vielfältig sein: Gute Gedanken über einem Menschen wirken Segen; jeder Gruß ist ursprünglich ein Segen (»Grüß Gott« meint: Jetzt grüßt dich Gott) – aber das ist uns meistens nicht mehr bewusst; es gibt auch die segnende Berührung – die Hand auf den Kopf oder auf die Schulter legen und ein gutes Wort sprechen; es gibt den segnenden Blick, die segnende Geste, den Segenswunsch. Der Zuspruch einer Segensverheißung setzt heute genauso wie bei Abraham in einem Menschen Glaubenskraft frei.

Jesus befiehlt seinen Jüngern auch, die zu segnen, die ihnen fluchen. Die Segensmacht Gottes ist stärker als jeder Fluch. Als Jesus am Kreuz starb, hat er Fluch in Segen verwandelt.

Ich schließe damit, was Dietrich Bonhoeffer über Segen gesagt hat: »Wer selbst gesegnet wurde, der kann nicht anders, als diesen Segen weitergeben, ja, er muss dort, wo er ist, ein Segen sein. Nur aus dem Unmöglichen kann die Welt erneuert werden. Dieses Unmögliche ist der Segen Gottes.«

Barbara-Sibille Stephan

Die Autorin ist Schwester in der Christusbruderschaft Selbitz und zurzeit im Aidshilfeprojekt der Communität in Südafrika tätig.

Für wen sind die Kirchentage gedacht?

13. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Im Mai finden in acht Städten Mitteldeutschlands die Kirchentage auf dem Weg statt. Benjamin Lassiwe sprach dazu mit dem Marketingchef des Trägervereins
für das Reformationsjubiläum, Christof Vetter.

Herr Vetter, wann sind die Kirchentage auf dem Weg eigentlich ein Erfolg?
Vetter:
Ich glaube, da muss man unterscheiden – zwischen dem inhaltlichen Erfolg und dem Zahlenerfolg. Der inhaltliche Erfolg wird dann eintreten, wenn wir es schaffen – und die Programme sehen so aus, als könnten wir das schaffen –, für die Region Mitteldeutschland Impulse zu setzen. Für die Menschen, die dort leben und für die Menschen, die dort bleiben, wenn wir wieder weg sind.

Und was ist mit dem Erfolg in Zahlen?
Vetter:
Wir haben Planzahlen, die insgesamt, für alle Kirchentage auf dem Weg, bei 80 000, der Größenordnung eines Kirchentags, liegen. Ob wir diese Planzahlen erreichen, ist eine kritische Frage, die man im Endeffekt erst danach beantworten kann.

Es wird Menschen geben, die sagen, zum Berliner Kirchentag gehe ich nicht – der ist mir zu groß. Für diese Menschen sind die Kirchentage auf dem Weg genau das Richtige. Kleiner, überschaubarer, intimer. Dazu kommen die Besucher aus der Region: Bei den letzten Kirchentagen in Dresden und in Stuttgart kamen unglaublich viele Menschen aus der unmittelbaren Umgebung.

Wofür lohnt es sich, eine Eintrittskarte zu kaufen? Viele Veranstaltungen finden doch im Freien statt?
Vetter:
Die Eintrittskarte lohnt sich zunächst mal unter dem Aspekt der Ehrlichkeit. Auch ein Kirchentag kostet Geld. Mit der Eintrittskarte trägt man sein Scherflein zum Gelingen der Veranstaltung bei. In den geschlossenen Räumen wird es, wie bei jedem anderen Kirchentag auch, Einlasskontrollen geben – die Open-Air-Veranstaltungen werden aber, wie bei jedem Kirchentag üblich, kostenfrei besuchbar sein. Wir freuen uns ja auch über Menschen, die nur eine Stunde oder eine halbe Stunde dabei sein können.

Und: Es gilt die traditionelle Kirchentagsregel – wer sich eine Eintrittskarte wirklich nicht leisten kann, kann sich beim Teilnehmendenservice melden, und dann finden wir eine Lösung.

Die Programme sind bei den Kirchentagen auf dem Weg unterschiedlich umfangreich. In Leipzig findet fast ein eigener Kirchentag statt. In kleineren Orten, wie Halle oder Dessau, wird es da nicht schwierig mit der Resonanz?
Vetter:
Ich glaube nicht, dass es in Dessau schwierig wird. Dort ist die anhaltische Landeskirche zu Hause – und diese Kirche ist wieder einmal hoch motiviert.

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Und Leipzig war ja schon Gastgeber für einen normalen Kirchentag und einen Katholikentag im letzten Jahr: Dort gibt es eine besondere Tradition – und in diesem Jahr noch einen besonderen Anreiz. Menschen, die miteinander Posaune, Trompete oder Tuba spielen, und im Festgottesdienst am 28. Mai in Wittenberg spielen, können sich dort schon einmal treffen und ein Konzert geben. Das ist natürlich ein Höhepunkt, den andere Städte nicht bieten können.Aber jeder Kirchentag hat ein eigenes, regional vorbereitetes Programm – und deswegen unterscheiden sich die Programme vor Ort auch.

Was ist aus Ihrer Sicht der Höhepunkt? Worauf freuen Sie sich am meisten?
Vetter:
Der Höhepunkt ist natürlich der große Festgottesdienst in Wittenberg, wo die Besucher aus Berlin, von den Kirchentagen auf dem Weg und aus ganz Ostdeutschland zusammenkommen werden. Denn Wittenberg liegt gar nicht so weit weg, wie man immer denkt.

Von Braunschweig oder Hannover ist das eine normale Tagesreise. Da kann man früh morgens losfahren und zum Gottesdienst in Wittenberg dabei sein.

Faszinierend finde ich die öffentliche Darstellung der »Lichtgeschichte der Reformation« in Leipzig, das Theater auf der Elbe in Magdeburg, es gibt da ganz vieles …

Wer steckt denn eigentlich hinter dem Verein für das Reformationsjubiläum?
Vetter:
Das ist ganz einfach zu erklären: Hinter dem Trägerverein stecken der Deutsche Evangelische Kirchentag und der Rat der EKD. Beide haben den Verein gegründet. Heute gibt es dort knapp 100 hauptamtliche Mitarbeiter.

Manche machen gern Großveranstaltungen, andere lieben den Kirchentag und wieder andere haben Lust, bei etwas ganz Großem dabei zu sein.Und dann sind da die 180 Volunteers – die jungen Freiwilligen, die mit uns leben und arbeiten. Und die sind ganz stark dabei, die bringen ganz viele kreative Ideen mit ins Spiel.

Sprechen wir über den Festgottesdienst. Da gab es immer wieder einmal die Frage nach dem Sicherheitskonzept – wie steht es darum?
Vetter:
Da sind wir derzeit wenige Wochen vor der Fertigstellung. Es gibt einen klar definierten und mit den Behörden des Landes Sachsen-Anhalt, des Landkreises Wittenberg, der Stadt und den Bundesbehörden abgesprochenen Zeitrahmen.

Es war klar, es muss bis Ende Februar ein Organisationskonzept vorliegen. Dann wird man es mit den Behörden, mit denen man das entwickelt hat, noch einmal genau anschauen. Und dann werden wir die entscheidenden Teile, die die Menschen wirklich betreffen, auch in angemessener Form bekanntgeben und kommunizieren, sodass jeder, der vom Kirchentag auf dem Weg zum Abschlussgottesdienst kommt, der einen Tagesausflug dorthin macht oder der in Wittenberg selbst lebt, rechtzeitig erfährt, wie es für ihn ganz persönlich funktioniert.

www.r2017.org

»Eine Bereicherung für alle«

5. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Fazit von Behindertenvertretern: Inklusion ist noch keine Normalität

Jürgen Schmidt aus Wasungen ist der Vorsitzende des Behindertenverbandes des Landkreises Schmalkalden-Meiningen. Ein Gespräch mit ihm und der ebenfalls im Vorstand engagierten Nicole Strauch aus Meiningen über Chancen und Barrieren.

Herr Schmidt, Sie engagieren sich für die Inklusion von Menschen mit Behinderung. Überschneidet sich der Begriff mit Integration?
Schmidt:
Vorsicht! Integration heißt, dass jemand – oder etwas – ausgegliedert ist und nun wieder eingegliedert werden soll. Inklusion hingegen bedeutet, dass jemand bereits Teil des Systems ist, aber die Bedingungen müssen für ihn noch geändert werden. Inklusion ist eine große Chance für die Gesellschaft, nämlich alle Menschen mit ihren Fähigkeiten und Gaben zu sehen, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich einzubringen, statt sie auf ihre Defizite zu reduzieren. Das ist eine Bereicherung für alle.

Jürgen Schmidt und Nicole Strauch. Foto: Susann Winkel

Jürgen Schmidt und Nicole Strauch. Foto: Susann Winkel

Frau Strauch, wie normal ist Inklusion mittlerweile?
Strauch:
Inklusion ist leider noch nicht zur Normalität geworden. Es wird zwar viel über Inklusion gesprochen, aber die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, die 2009 durch Deutschland ratifiziert wurde, ist bisher eher schleppend vorangekommen und das in allen Bereichen. Ich würde mir besonders wünschen, dass mehr Kitas inklusiv wären und auch der gemeinsame Unterricht an allen Schulen zur Normalität würde. Das wäre schon ein großer Fortschritt.

Schmidt: Zunächst müssen einmal die Rahmenbedingungen stimmen. Wenn beispielsweise eine Schule neu- oder umgebaut wird, stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit von Barrierefreiheit. Oft kommt dann das Argument, dass ja gar kein Kind mit Rolli die Schule besucht. Das ist aber auch gar nicht möglich, weil ja die Bedingungen gar nicht gegeben sind. Ist dann erst einmal ein Fahrstuhl da, haben alle etwas davon – Eltern mit Kinderwagen oder ältere Personen.

Erleben Sie Ausgrenzung im Alltag?
Schmidt:
Ja, etwa in den Arztpraxen. Wir haben keine freie Arztwahl, da die Barrierefreiheit nicht überall gegeben ist. Wenn ich Inklusion möchte, muss ich in der Gesellschaft nicht nur ein Bewusstsein dafür schaffen, sondern auch Geld in die Hand nehmen für bauliche Veränderungen. Hier beraten wir in den Behindertenbeiräten über den Landkreis und die Städte Schmalkalden und Meiningen. Das ist ein Teil der Verbandsarbeit. Wir unternehmen aber auch viel und mobilisieren die Menschen, am Leben teilzunehmen, ihre Teilhabe einzufordern. Hilfe zur Selbsthilfe ist sehr wichtig.

Für wie viele Menschen machen Sie sich in Ihrer Region stark?
Schmidt:
In Deutschland haben etwa zehn bis zwölf Prozent der Bevölkerung offiziell anerkannte Behinderungen. Dazu gehören Sinnes-, Körper- oder Lernbehinderungen, angeborene oder im Laufe des Lebens erworbene Behinderungen. Dennoch sind wir im Landkreis gerade einmal dreißig Mitglieder im Verband. Es ist schwer, die Betroffenen zu erreichen und zur aktiven Mitarbeit zu bewegen.

Susann Winkel

Weitere Informationen zur Verbandsarbeit:

www.behindertenverband-sm.de

Die Symbolgestalt der Pfarrfrau

30. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Katharina von Bora war für Martin Luther Leib- und Seelsorgerin. Sie brachte den Mut auf, den ihr vorbestimmten Lebenslauf einer Nonne zu verlassen. Als Frau an der Seite des Reformators ging sie in die Geschichte ein.

Martin Luthers Testament von 1542 zeigt die hohe Wertschätzung des Reformators für seine Frau. Entgegen allen Rechtsnormen der Zeit, die für Witwen grundsätzlich einen Vormund vorsahen, jedoch die Immobilien den Kindern beziehungsweise männlichen Verwandten des Mannes zusprachen, bestimmte Luther seine Gattin zur Universalerbin und zum Vormund ihrer Kinder, »weil sie mich als ein fromm, treulich Gemahl allzeit lieb, wert und schön gehalten und mir durch reichen Gottessegen fünf lebendige Kinder (die noch vorhanden, Gott gebe, lange) geboren und erzogen hat«.

Das Epitaph für Katharina von Bora befindet sich in der Stadtkirche St. Marien  in der Elbestadt Torgau, in der die Lutherin am 20. Dezember 1552 an den Folgen  eines Unfalls starb. Torgau feiert sie mit einem Katharina-Tag am 24. und 25. Juni.  Außerdem vergibt die Stadt seit 2011 den Katharina-von-Bora-Preis für heraus- ragendes Engagement von Frauen. Foto: Rüdiger Muschke, Inventarisierung EKM

Das Epitaph für Katharina von Bora befindet sich in der Stadtkirche St. Marien in der Elbestadt Torgau, in der die Lutherin am 20. Dezember 1552 an den Folgen eines Unfalls starb. Torgau feiert sie mit einem Katharina-Tag am 24. und 25. Juni. Außerdem vergibt die Stadt seit 2011 den Katharina-von-Bora-Preis für heraus- ragendes Engagement von Frauen. Foto: Rüdiger Muschke, Inventarisierung EKM

Dass Luthers Reformation bis in die praktischen Lebensvollzüge hinein eine neue Entwicklung einleitete, wird an Katharina von Bora besonders deutlich. Berühmt geworden ist sie als Luthers Ehefrau, als erste Pfarrfrau, als »entlaufene Nonne«. Auch wenn nicht alle Zuschreibungen historisch gesehen auf sie zutreffen – eine Pfarrfrau war sie als Professorengattin nicht – und auch, wenn von ihrem außergewöhnlichen Leben vieles unbekannt bleibt: Sie wurde zur Symbolgestalt der Pfarrfrau wie keine andere.

Katharina von Bora wurde 1499 in Lippendorf südlich von Leipzig oder in Hirschfeld bei Nossen geboren. Die Mutter scheint früh verstorben, der Vater wieder geheiratet zu haben, denn schon als Fünfjährige kam sie in das Kloster Brehna als »Kostkind«. Hier konnte sie Bildung in Lesen, Schreiben, Singen, Latein, Handarbeit und Hauswirtschaft erlangen. Das Kloster bot ihr eine lebenslang gesicherte Versorgung, dazu Aufstiegsmöglichkeiten, etwa als Kantorin oder Äbtissin. Katharina kam als Zehnjährige ins Kloster Nimbschen bei Grimma, sechs Jahre später legte sie die Ordensgelübde ab. Wir wissen nicht, ob sie diesen Schritt freiwillig ging.

Was die spätere Lutherin und ihre Mitschwestern bewegte, das Kloster zugunsten einer unabsehbaren Zukunft zu verlassen, lässt sich nur vermuten. Martin Luthers Kritik am mönchischen Ideal, die er 1521 in seinem Gutachten über die Mönchsgelübde dargelegt hatte, war möglicherweise im Kloster bekannt geworden: ein Ablegen der Gelübde könne vor Gott nur freiwillig, nicht aber gegen den Willen eines Menschen erfolgen.

In der Woche nach Ostern 1523 kam Katharina von Bora gemeinsam mit acht Ordensschwestern in Wittenberg an. Ob sie in leeren Heringsfässern geflüchtet waren, wie es die Legende erzählt, bleibt dahingestellt. Dass ihre Flucht mit Gefahren verbunden war, ist jedoch sicher. Dem Fluchthelfer, Leonhard Koppe aus Torgau, und den Geflüchteten hätten auf dem Herrschaftsgebiet des Luthergegners Herzog Georgs von Sachsen Tod, Gefängnis beziehungsweise empfindliche Körperstrafen gedroht. Doch ihre Flucht glückte und Luther sah sich vor der schwierigen Aufgabe, sie zu versorgen. Um die Nonnenflucht zur Nachahmung zu empfehlen, veröffentlichte er die Schrift: Ursache und Antwort, dass Jungfrauen Klöster göttlich verlassen dürfen. Die Frau, argumentierte Luther, »ist nicht geschaffen, Jungfrau zu sein, sondern Kinder zu tragen … wie das auch die weiblichen Gliedmaßen,
von Gott dazu eingesetzt, beweisen« (Weimarer Ausgabe, Bd. 11, S. 394–400). Übertrieben haben dürfte Luther mit seiner Schätzung, wie viele Nonnen freiwillig im Kloster lebten: »sicher unter tausend kaum eine« (ebd.).

Katharinas Mitschwestern gingen eine Ehe ein oder kehrten zu ihren Familien zurück. Bei Katharina von Bora hingegen scheiterten zwei Eheanbahnungen. Als sie den als geizig bekannten 60-jährigen Wittenberger Professor Kaspar Glatz ablehnte, soll Katharina gesagt haben, sie heirate lieber Luthers Mitarbeiter Nikolaus von Amsdorf oder Luther selbst.

Am Abend des 13. Juni 1525 ging Luther mit Katharina von Bora die Ehe ein. Damit überraschte er Feinde wie Freunde, sie reagierten mit Häme oder zumindest mit Unverständnis. Anfangs war die Familie mittellos. Bald gelang es Ka­tharina, ihr Wohnhaus, das »Schwarze Kloster« und ehemalige Klostergebäude der Augustinermönche, zu einem der größten Haushalte in Wittenberg zu entwickeln. Das Lutherhaus war weit mehr als der Wohnort der Familie: ein Begegnungsort lokaler wie europäischer Geistesgrößen und Herrscherhäuser, Zufluchtsstätte für Glaubensflüchtlinge, Krankenhospital, Herberge für Gäste und Pflegekinder, ein überaus begehrtes Studentenwohnheim, Mensa und Ort der Tischreden Luthers. Die Wirtschaftsführung oblag Katharina eigenständig. Sie beaufsichtigte die Mägde und Knechte, leitete die Küche, den Einkauf und die Eigenproduktion der Lebensmittel, ließ ein Badehaus errichten, Öfen aufstellen, einen Keller bauen, erweiterte den Grundbesitz und damit die landwirtschaftlichen Flächen. Obwohl Bargeld im Lutherhaus immer knapp war, wurden unter Katharinas Leitung täglich 30 bis 50 Personen verköstigt – für die damalige Zeit eine enorme Leistung!

Sie gebar sechs Kinder, von denen vier das Erwachsenenalter erreichten. Ihr Anteil an den Diskussionen bei Tisch ist größer, als es die Nachschreiber, die kein Interesse an Katharinas Beiträgen hatten, notierten. Für Luther war sie Leib- und Seelsorgerin, seine Vertraute, die ihn nicht selten nachts im Ehebett, wenn Luther von Glaubenszweifeln heimgesucht wurde, mit Bibelworten tröstete. 1546 starb Luther plötzlich.

Im selben Jahr brach der Schmalkaldische Krieg aus und zwang die Witwe zur Flucht. Bei ihrer Rückkehr waren ihre Felder verwüstet, am Ende ihres Lebens war sie hoch verschuldet. 1552 floh Katharina nach Torgau, dort verstarb sie an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Luther kritisierte die bis dahin höher angesehene klösterliche Lebensform zugunsten der Gestaltung des Glaubens in der Welt – in einer Partnerschaft, als Eltern, in einem Beruf. Katharina von Bora brachte den Mut auf, diese Umbrüche an Luthers Seite in ihrem eigenen Leben zu gestalten.

Sabine Kramer

Die Autorin ist promovierte Theologin mit Schwerpunkt Reformationsgeschichte und Pfarrerin an der Marktkirche in Halle.

Vorbild und Liebe

22. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie junge Christen heute ihre Kinder erziehen: Ein Beispiel aus dem Kirchenkreis Naumburg-Zeitz

Jedes Kind kann schlafen lernen? Kathrin Leier zieht die Augenbrauen hoch. »So was haben wir nie gelesen«, sagt die 34-Jährige. Sie und ihr Mann Stefan (33) haben drei Kinder: Esther (9), Josua (7) und Ruth, die Nachzüglerin, gerade ein dreiviertel Jahr alt. Ratgeber wie das umstrittene Schlaflernprogramm, bei dem Babys eine gewisse Zeit schreiend gelassen werden, um allein einzuschlafen, stehen nicht im Bücherregal der Familie. Babys wurden und werden verwöhnt: getragen, geschaukelt, in den Schlaf begleitet, liebevoll umsorgt. Die Eltern verlassen sich auf ihre Intuition und Werte – dazu gehört auch der Glauben.

Spannung und Spaß beim Fotografieren mit dem Selbstauslöser: Kathrin und Stefan Leier mit Ruth, Esther und Josua – Fotos: Familie Leier

Spannung und Spaß beim Fotografieren mit dem Selbstauslöser: Kathrin und Stefan Leier mit Ruth, Esther und Josua – Fotos: Familie Leier

Beide sind christlich erzogen worden. Sie ist als Gemeindereferentin bei einer Freikirche angestellt, er engagiert sich seit Jugendzeiten im Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM), ist Vorstandsmitglied des CVJM-Gesamtverbands, Mitglied im Gemeindekirchenrat von Droßdorf/Rippicha und im Regionalbeirat der Kirchenregion »Südliches Zeitz«. Der Glaube setzt Werte in dieser Familie, findet seinen Ausdruck in Umgangsformen und Ritualen. Gebete vorm Essen und Schlafengehen, bei Problemen und Herausforderungen gehören zum Alltag ebenso wie die Musik, Gottesdienstbesuche, auch Vorbereitungen dafür, zum Beispiel für das Krippenspiel. Die beiden Großen besuchen die evangelische Grundschule in Zeitz, Ruth wird voraussichtlich ab dem Frühling die kirchliche Kita besuchen.

»Natürlich erziehen wir unsere Kinder christlich, das ändert aber nichts daran, dass sie irgendwann an den Punkt gelangen, sich selbst dafür zu entscheiden oder eben nicht«, sagt Stefan Leier. Selbstständigkeit, auch im Denken, zu vermitteln, ist den Eltern wichtig. Und sie wissen, nichts ist prägender in der Erziehung als das eigene, gelebte Vorbild. Frei nach Fröbel: Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts. »Die Kinder leben das mit, was du lebst«, ist Kathrin Leier überzeugt. Sie in Watte packen, überbehüten, vor allem Übel der Welt abschirmen ist weder möglich noch erwünscht.

Die jungen Eltern hängen keinem bestimmtem Erziehungsstil an. Sie sind keine »Helikopter-Eltern«, die alles überwachen, was ihre Kinder tun – wenngleich sich die Familie Walkie-Talkies angeschafft hat, damit Esther und Josua ohne Aufsicht, doch mit Kontaktmöglichkeit im Wald hinterm Haus stromern können. »Wir kriegen jetzt immer Nachrichten: Sind an der Straße, sind über die Straße gegangen, sind im Wald«, sagt Stefan Leier lachend.

Auch als »Tigereltern« wollen sich Leiers nicht sehen. Die Kinder fördern, ja, aber nicht mit Zuckerbrot und Peitsche. Bei Esther prägen sich Hobbys und Vorlieben gerade besonders stark aus, die Eltern wollen ihr ermöglichen, was machbar ist. Doch wichtig ist vor allem: Dass das Zusammenleben in der Familie funktioniert, dass die Bedürfnisse aller wahrgenommen werden und gelten. Die Familie ist mehr als die Summe ihrer Teile.

Und so gibt es auch im Hause Leier Regeln. Zum Beispiel: Jeder räumt sein Gedeck vom Tisch ab, jeder erfüllt kleine und größere Aufgaben im Haushalt, fernsehen ist nur in wohl dosierten Mengen erlaubt, Spielzeug wird nicht liegen gelassen. »Wir pflegen eine liebevolle Konsequenz«, sagt Vater Stefan. Deshalb gibt es auch Strafen, aber situationsbezogen. »Esther und Josua gehen wahnsinnig gern im Geraer Hofwiesenbad schwimmen. An einem Samstag war es wieder so weit, aber schon den ganzen Morgen war Zank und Streit zwischen den Geschwistern. Wir waren alle schon angezogen, standen vor der Tür, da eskalierte die Situation. Den Schwimmbad-Besuch haben wir abgeblasen. Wir sind zu Hause geblieben. Auch als sich die beiden versöhnt hatten. Das war eine eigentümliche Stimmung an diesem Nachmittag, aber die Kinder haben daraus wirklich gelernt. Das hat noch lange nachgewirkt«, erzählt Stefan Leier ein Beispiel.

Strafen können also sein. Reden muss sein. »Gott hat unsere Kinder wunderbar gemacht, sie sind besonders und einzigartig«, sagt Kathrin. Das wollen sie den dreien vermitteln. Deshalb nehmen sie sie und ihre Gefühle ernst, sprechen viel mit ihnen, fragen, haken nach, erklären auch, warum sie eine Entscheidung so und nicht anders getroffen haben. »Ich sage nicht: Ich verbiete euch diesen Halloween-Kult, aber ich vermittle, warum wir nicht mitmachen oder nur in einer Light-Version mit Kürbisschnitzen«, nennt Stefan Leier ein Beispiel.

Die Eltern behandeln ihre Kinder als vollwertige Menschen. Dazu gehört auch, dass die Kinder ihre Konflikte selbst lösen. Gibt es Probleme mit Freunden, greifen Stefan und Kathrin nicht zum Telefon, um die anderen Eltern zu kontaktieren und das zu regeln. »Wir kümmern uns um unser Kind, stärken es.« Nicht in Watte packen, aber mit Liebe umhüllen.

Katja Schmidtke

Glauben alle an denselben Gott?

16. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Ja

Christen glauben an den einen, dreieinigen Gott. Dieser Glaube hat sich uns durch Jesus Christus eröffnet und wird durch den Heiligen Geist gewirkt und erhalten. Es ist der Glaube an Gott den Schöpfer, den Erbarmer und den Richter – und diesen Glauben an den einen Gott teilen wir mit den Juden und den Moslems. Für das Judentum ist aus christlicher Sicht unbestritten, dass wir denselben Gott meinen. Gleichwohl gehen Juden und Christen unterschiedliche Wege und suchen auf dieser Basis die Versöhnung.

Wie steht es mit den Muslimen? Der Islam kam später und hat vielfältige Impulse aus beiden Religionen aufgenommen. Mohammed war schon vor seinen Offenbarungen ein »Hanif«, ein Monotheist. Darin sah er sich in der Nachfolge Abrahams. Und er sah auch in den Christen und Juden solche Anhänger des einen Gottes.

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Strittig ist daher auch von islamischer Seite aus nicht die Frage nach Gott, sondern die Frage nach dem Weg. Das mag dem einen oder der anderen als Haarspalterei erscheinen. Doch es macht einen Unterschied, ob ich in der Begegnung mit Muslimen ihnen den Glauben an Gott abspreche und sie zu »Götzendienern« erkläre (was die Konsequenz wäre) oder ob ich mit ihnen darüber nachdenke, was dieser Glaube an den einen Gott bedeutet. Damit ist die Frage nach der Erlösung durch Christus noch gar nicht gestellt – und schon gar nicht in Frage gestellt! Ein zentraler Begriff aber ist in allen drei Religionen »Barmherzigkeit«: Darin ist eine gemeinsame Glaubenserfahrung zu erkennen.

Für uns Christen hat sich der dreieinige Gott in Jesus Christus offenbart, im Heiligen Geist aber darüber hinaus in vielfältigen Zeugnissen auch aus den »Völkern«, in denen wir die gute Botschaft wiedererkennen. Das war schon immer eine zentrale Lehre des Christentums. Man denke nur an die Rede des Apostels Paulus in Athen (Apg. 17). Auch für die römisch-katholische Lehre steht das völlig außer Frage. Man lese die entsprechenden Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils!

Wir können als Christen in dem, was im Islam von der christlichen Botschaft erhalten und bewahrt wird, so etwas wie ein Echo, eine Spur oder einen Schatten des Wortes Gottes erkennen und daran auch anknüpfen. Das heißt doch nicht, dass wir uns damit verleugnen! Ganz im Gegenteil: Wir machen ernst mit dem Auftrag der Versöhnung, wir machen ernst mit dem Glauben an den einen Gott.

Die Gemeinsamkeiten sind groß: der Glaube an den einen, barmherzigen Gott, die Bedeutung Abrahams, die hohe Wertschätzung Jesu und seiner jungfräulichen Mutter Maria, das Jüngste Gericht und die allgemeine Auferstehung von den Toten, die Unsichtbarkeit Gottes und die Wirksamkeit seines Wortes.

Was uns trennt, ist die Auslegung! Und hier sage ich deutlich: Wenn der Islam uns Christen vorwirft, wir würden »drei Götter« anbeten, dann möchte ich, dass dieses Vorurteil islamischerseits ernsthaft überprüft wird. Hier ist der Punkt, wo die theologische Auseinandersetzung mit dem Islam gesucht werden muss! Gerade wenn wir von einem christlichen Bekenntnis herkommen, das sich des barmherzigen Gottes gewiss ist, sollte es uns nicht schwerfallen, auch im islamischen Bekenntnis zu dem einen Gott den gemeinsamen Gott zu erkennen – »wie in einem dunklen Bild« (1.Korinther 13,9).

Inzwischen stehen wir vor einer Herausforderung, vor der weder Christentum, Judentum noch Islam bislang je standen: Wir haben es gemeinsam mit einer Welt zu tun, die Gott nicht wahrhaben will, und mit Fanatikern, die Gott für ihre Interessen missbrauchen.

An der Entdeckung der Gemeinsamkeiten wird sich vieles entscheiden!

Nein

Die romantische Vorstellung, Menschen unterschiedlicher Religionen würden letztlich doch alle an denselben Gott glauben, findet sich bereits in der Antike. In der Gegenwart nährt sie die Hoffnung, dass die Gegensätze zwischen den Religionen so groß doch nicht seien, ja nicht sein dürfen, und irgendwie friedlich gelöst werden müssen. Es gibt mehrere Gründe, warum diese Hoffnung trügt.

Religionen sind immer Deutungen religiöser Erfahrungen und schon insofern notwendigerweise verschieden. In das Judentum, das Christentum und den Islam sind sehr verschiedene religiöse und kulturelle Traditionen eingeflossen, die ein je eigenes Gottesbild und eine je eigene Ethik hervorgebracht haben. Es gibt Überschneidungen, aber auch grundlegende Unterschiede.

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Die entscheidende Differenz besteht darin, dass die Christen eine besondere Form des Monotheismus bekennen: den dreieinigen Gott. Was ist damit gemeint? Zuallererst geht es um das besondere Verhältnis Gottes zu Jesus von Nazareth, das sich exemplarisch in der Auferweckung des gekreuzigten Jesus von den Toten durch Gott zeigt. Speziell dieses Geschehen verstanden die frühen Christen als Bestätigung der Gottesauslegung Jesu und folgerten daraus, dass er in einem ganz besonderen Verhältnis zu Gott steht. Weil Gott sich bis in den Tod am Kreuz mit diesem Jesus von Nazareth identifizierte, muss er mehr als ein Prophet oder Gesandter des Vaters sein, nämlich sein Sohn. Die Gottheit des Sohnes ist somit von der Gottheit des Vaters her zu verstehen, die Gottheit des Vaters wird auf den Sohn ausgeweitet.

Der Sohn hat nicht nur am Wesen des Vaters teil, sondern er ist vom Wesen des Vaters. In diesem Schritt liegt die eigentliche Neudefinition Gottes im frühen Christentum: Gott ist so, wie Jesus von Nazareth ihn ausgelegt hat und deshalb gebührt ihm der göttliche Status des Sohnes. Das Neue Testament insistiert damit auf der göttlichen Würde Jesu, ohne das Bekenntnis zu dem einen Gott Israels damit zu schmälern. Hinzu kommt eine weitere Erkenntnis: Gott wurde in Jesus von Nazareth nicht nur Mensch, sondern er lässt sich bleibend im Leben der Menschen erfahren: durch den Heiligen Geist.

Gottes Wirklichkeit weist eine erfahrbare Wirksamkeit auf. In frühchristlichen Gemeinden wie Korinth (1.Korinther 12) oder Rom (Römer 12) wurden intensive Geisterfahrungen als Gottes­erfahrungen interpretiert und führten zu einer zweiten Innovation des Gottesbildes: Gott wirkt bleibend durch den Geist in der Geschichte und im Leben der einzelnen Menschen. In der Geisterfahrung ist Gott somit selbst gegenwärtig und nicht nur eine andere untergeordnete Größe. Das frühchristliche Gottesbild ist somit nicht zuallererst an einem prinzipiell jenseitigen und primär herrschenden Gott interessiert, der Gesandte aussendet oder Schriften verfasst, die den Menschen seinen Willen kundtun. Vielmehr geht es um den Gott, der sich auf die Welt zubewegt und in die Welt eingeht. Der Gott der Christen ist ein naher Gott; ein kommunizierender und lebendiger Gott, der aus Liebe für die Welt und die Menschen eintritt.

Dieses Modell eines nahen dreieinigen Gottes wurde von Anfang an vom Islam bekämpft. Es gilt als Ausdruck der Verfälschung des Wesens des einen allmächtigen Gottes. Die Christen sind Lügner und zu bekämpfende »Polytheisten« (Sure 9,29-33) und werden ermahnt: »O ihr Leute des Buches, übertreibt nicht in eurer Religion und sagt über Gott nur die Wahrheit. Christus Jesus, der Sohn Marias, ist doch nur der Gesandte Gottes und sein Wort, das er zu Maria hinunterbrachte, und ein Geist von ihm. So glaubt an Gott und seine Gesandten. Und sagt nicht: Drei. Hört auf, das ist besser für euch.« (Sure 4,171; Sure 112)

Der entscheidende Gegensatz bleibt: Jesus von Nazareth ist mehr als ein Prophet, er ist Sohn Gottes und verkündet einen anderen Gott als der Koran! Den liebenden, nahen, leidenden und gekreuzigten Gott; einen Gott, der in die Welt eingeht und bei den Menschen sein und bleiben will.

Fazit: Jesus ist der Unterschied und macht den Unterschied zu jeder anderen Religion!

Drei Religionen, ein Haus:  Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

Drei Religionen, ein Haus: Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

Freiheitsgeschichte(n) im Doppelpack

9. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Viele der Reformationsorte 2017 stehen auch für die friedliche Revolution 1989/90, beleuchtet die ehemalige thüringische Ministerpräsidentin in einem Beitrag für die Kirchenzeitung.

Die 500. Wiederkehr des Thesenanschlags von Martin Luther an die Schlosskirche von Wittenberg ist ein Weltereignis. Daran zweifelt zum Auftakt dieses Jubiläumsjahres 2017 niemand. Dennoch stellt sich die Frage, was dieses epochale Ereignis aus dem Jahr 1517 den heutigen Bewohnern der einstigen reformatorischen Kernlandschaften in Ost- und Mitteldeutschland bedeutet.

Der Grad der Entkirchlichung ganzer Landstriche zwischen Wittenberg, Eisleben, Torgau, Erfurt, Eisenach oder Schmalkalden, um nur einige der wichtigsten Orte der Reformationsgeschichte zu nennen, wiegt schwer. Dabei ist der Grad der Entkirchlichung dieser Gebiete mit einer bisweilen gar unter zehn Prozent tendierenden Kirchenzugehörigkeit der Bevölkerung nicht nur Folge der vergangenen sechs Jahrzehnte Diktaturerfahrung, sondern auch Ergebnis von »Freiheitsgeschichte« der vergangenen 25 Jahre nach 1990. Hier fanden die Verlockungen der neuen Konsumgesellschaft im historischen Materialismus der einstigen DDR-Ideologen durchaus fruchtbaren Boden.

Dieser dramatischen Entkirchlichungsgeschichte steht allerdings ein bemerkenswerter Befund über die offensichtliche Langlebigkeit historischer Prägungen entgegen. Das gilt auch dann, wenn gegenwärtigen Zeitgenossen die eigene Geschichte allenfalls rudimentär im Gedächtnis geblieben sein mag. Nimmt man beispielsweise eine Landkarte mit den Orten der friedlichen Revolution auf dem Gebiet der DDR des Jahres 1989 zur Hand, wird man feststellen, dass neben den im In- und Ausland bekannten Zentren der Revolution mit Berlin, Leipzig und Dresden viele Orte angegeben sind, in denen es ebenfalls offene Demonstrationen gegen Maßnahmen der erstarrten DDR-Staatsführung bereits im Zeitraum vom 13. August bis zum 31. Oktober 1989 gegeben hat; einem Zeitraum, in dem der friedliche Verlauf der Revolution alles andere als ausgemacht galt.

Es sind vor allem Städte und Gemeinden, die sich im Süden der ehemaligen DDR zu einem fast flächendeckenden Revolutionsgebiet bereits vor dem Fall der Mauer vom 9. November 1989 verdichteten. Vergleicht man diese Karte mit einer Landkarte der Ausbreitung der Reformation nach Luthers Thesenanschlag von 1517, hat man einen nahezu identischen Befund. So sind auf dieser Revolutionskarte von 1989 neben den bekannten Lutherstädten wie Wittenberg, Eisleben, Erfurt, Eisenach, Torgau, Schmalkalden, Halle, Jena oder Altenburg auch das thüringische Eisfeld, Hildburghausen, Arnstadt, Gotha, Nordhausen, Schleiz, Greiz und Lobenstein, Eisenberg, Camburg, Neustadt/Orla, Mühlhausen, Tambach-Dietharz, Waltershausen und weitere Städte und Gemeinden ausgewiesen.

Gleiches trifft auf heutige sachsen-anhaltische und sächsische Orte wie Halberstadt, Magdeburg, Calbe, Stendal, Arendsee, Dessau, Zerbst, Köthen, Weißenfels, Merseburg und Naumburg, Plauen, Oelsnitz oder Meißen zu.

Diese Orte haben ihre aus den kirchlichen Friedensgebeten hervorgegangene Revolutionsgeschichte 1989 und sind zugleich Orte, in denen die reformatorische Lehre, mancherorts freilich auch mit Rückschlägen, frühzeitig angenommen wurde.

Die Namen von Luthers Mitstreitern in diesen hier nur exemplarisch aufgeführten Gemeinden sind Legion. Sie reichen von Georg Spalatin in Altenburg über Justus Jonas, der in Leipzig, Halle, Naumburg, Zerbst, aber auch in Eisfeld und Südthüringen wirkte, über Friedrich Myconius in Gotha und Georg Rauth, der von Plauen aus wichtige Orte des Vogt- und Reußenlandes zur Reformation führte. Nicht weniger spannend ist der vorerst erfolglose Volksaufstand von 1524/25 gegen die Obrigkeit in Calbe.

Zu nennen sind der Luther-Vertraute und Dichter Paul Rebhuhn in Oelsnitz, der Jenaer Superintendent Anton Musa, der erster evangelischer Pfarrer in Mittweida wurde, Johann Spangenberg als Reformator Nordhausens oder Nikolaus von Amsdorf als erster evangelischer Bischof von Naumburg. Auf diesen Spuren lohnt es sich im Reformationsjahr 2017 einer doppelten Freiheitsgeschichte nachzugehen: der von 1517 und der von 1989/90.

Christine Lieberknecht

Die Autorin war von 2009 bis 2014 Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen.
Bis 1990 war sie als Pastorin tätig, seit 1991 ist sie durchgehend Abgeordnete der CDU im Thüringer Landtag.

»Vom Himmel hoch …«

25. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Luthers Weihnachtslieder als theologisches Manifest – von Renate Kortheuer-Schüring

Luther selbst musizierte mit Lust. Er schrieb mehr als 30 Kirchenlieder – darunter auch das bekannte Weihnachtslied »Vom Himmel hoch, da komm ich her«.

Aus der Stahlradierung von Carl A. Schwerdtgeburth »Luthers Familie unter dem Christbaum« (1843) scheint dieses Lied förmlich zu leuchten. Luther hatte »Vom Himmel hoch« wohl 1534 zur Bescherung für seine Kinder geschrieben; vielleicht sogar speziell für seine Tochter Margarete, die im Advent geboren wurde. Der Text folgt einem Teil der Weihnachtsgeschichte: Engel, Hirten und letztlich die Gläubigen selbst kommen darin wie in einem Krippenspiel zu Wort, um den neugeborenen Heiland zu verehren.

Dass Luther seinem fünfzehn Strophen umfassenden Gedicht zunächst die Melodie eines Gassenhauers beigab, tat der heiligen Sache keinen Abbruch. Die sogenannte Kontrafaktur war damals verbreitet; neu war es allerdings, weltliche Weisen in geistliche Musik zu transponieren. Dies dürfte – neben dem Buch- und Notendruck – auch dazu beigetragen haben, dass sich die reformatorischen Gedanken so rasch und weit verbreiteten, wie der evangelische Theologe Johann Hinrich Claussen in seiner »Geschichte der Kirchenmusik« schreibt.

»Vom Himmel hoch« ging ursprünglich auf ein mittelalterliches Spielmannslied zurück: »Ich kumm auß fremden landen her und bring euch vil der newen mär«, hieß es, Luther übernahm die erste Strophe mit kleinen Abwandlungen fast komplett. Einige Jahre später komponierte er jedoch noch eine eigene Melodie dazu – diejenige, nach der das Lied bis heute gesungen wird.

Martin Luther im Kreise seiner Familie, singend und Laute spielend, in mittelalterlicher Stube unterm glänzenden Weihnachtsbaum: Das Bild ist eine Ikone des Protestantismus. Auch wenn die Luther-Weihnacht in dieser Form der historischen Realität von 1536 kaum entsprochen hat –  der Christbaum war noch nicht erfunden –, so spiegelt sich in den im 19. Jahrhundert verbreiteten Darstellungen doch ein ganz besonderer Aspekt der Reformation: die Musik wird zur Trägerin der Frohen Botschaft. Repro: epd-bild/akg-images

Martin Luther im Kreise seiner Familie, singend und Laute spielend, in mittelalterlicher Stube unterm glänzenden Weihnachtsbaum: Das Bild ist eine Ikone des Protestantismus. Auch wenn die Luther-Weihnacht in dieser Form der historischen Realität von 1536 kaum entsprochen hat – der Christbaum war noch nicht erfunden –, so spiegelt sich in den im 19. Jahrhundert verbreiteten Darstellungen doch ein ganz besonderer Aspekt der Reformation: die Musik wird zur Trägerin der Frohen Botschaft. Repro: epd-bild/akg-images

Als Luthers theologisch bedeutendster Choral gilt allerdings ein anderes Weihnachtslied. »Nun freut euch, lieben Christen g’mein«, 1523 als Flugblatt veröffentlicht, enthalte in Versen und Tönen Luthers ganzes theologisches Programm, erklärt Claussen. Das heute seltener gesungene zehnstrophige Lied handelt von Gottes Gnade, der Geburt des Erlösers Jesus Christus und der Rechtfertigung des Sünders. Mit der Kernthese, dass der Mensch sein Heil allein aus göttlicher Gnade gewinnen kann und nicht aufgrund eigener Anstrengungen, löste Luther vor 500 Jahren die Reformation aus. Seine Theologie ist den Protestanten allerdings inzwischen fremd geworden, wie Claussen einräumt.

Zur Zeit der Reformation dagegen wurde »Nun freut euch, lieben Christen g’mein« zu einem wichtigen Hymnus. Der »Urkantor« der evangelischen Kirche, der Kirchenmusiker Johann Walter (1496–1570), schrieb, das »Liedlein Lutheri« habe »viel hundert Christen zum Glauben bracht …«, die sonst von dessen Lehre nichts hätten wissen wollen. »Die geistlichen Lieder haben nicht wenig zur Ausbreitung des Evangeliums geholfen«, berichtete der Kantor, der 1525 mit Luther die deutsche Messe entwickelte und das erste evangelische Gesangbuch herausgab. Für viele seien die Lieder Luthers auch Tröster in Todesnot geworden.

In dem bewegten Rhythmus des Weihnachts-Chorals sind Hüpfen und Freudensprünge angedeutet. Zum Singen, Tanzen und Springen angesichts der Frohen Botschaft fordert Luther auch im Text auf: »… lasst uns fröhlich springen, / dass wir getrost und all’ in ein, / mit Lust und Liebe singen.«

An den berührenden Volkston des Lieds »Vom Himmel hoch« reicht der Choral indes nicht heran. Im Lauf der Jahrhunderte griffen viele Komponisten die Melodie dieses »Kinderlieds« auf und verwendeten sie neu, zuerst Johann Sebastian Bach (1685–1750). In seinem berühmten »Weihnachtsoratorium« finden sich allein drei Choräle, die auf Luthers »Vom Himmel hoch« fußen; auch ein Orgelwerk im kontrapunktischen Stil hat Bach dem Lied gewidmet (1748). Felix Mendelssohn Bartholdy, Max Reger und Igor Strawinsky ließen sich ebenso von dem Engelsgesang inspirieren.

Musikalisch-theologisch standen sie damit in der Tradition des leidenschaftlichen Sängers aus Wittenberg, der »von der Musica so herrlich zu reden wusste« (Kantor Walter) und sie der Theologie gleichstellte. Bis heute wird dies zu Weihnachten und mit seinen Liedern für viele Menschen besonders spürbar: Dass das Evangelium eine »gute Nachricht« ist, wie Luther sagt, »davon man singet, saget und fröhlich ist«. (epd)

Ein Gesang aus 28 500 Kehlen

19. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Alle Jahre wieder singen Fans am 23. Dezember im Stadion an der Alten Försterei in Berlin-Köpenick Weihnachtslieder – der wohl größte Weihnachtschor Deutschlands.

Wenn am 23. Dezember im Stadion an der Alten Försterei in Berlin-Köpenick das Flutlicht ausgeht, entzünden die Menschen ihre Kerzen. Zum Kirchengeläut entsteht auf dem Rasen und auf den Rängen ein Lichtermeer. Eine Gänsehaut-Atmos­phäre, die selbst in dem Kultstadion im Berliner Osten nicht alltäglich ist. Dicht gedrängt stehen die Menschen, viele tragen die rot-weißen Farben ihres Vereins, des 1. FC Union Berlin. Heute sind sie ins Stadion gekommen, um Weihnachtslieder zu singen. Im Schein der Kerzen blicken sie in ihre Liederhefte und singen gemeinsam: »Es ist ein Ros entsprungen«. 28 500 Menschen sind gekommen, der wohl größte Weihnachtschor Deutschlands. Sie kommen von nah und fern, aus Berlin und aus München, aus dem Berliner Umland und aus dem europäischen Ausland, die Tagesschau hat unlängst berichtet.

Ob jung oder alt, Männer oder Frauen, ob arm oder reich: heute Abend stehen sie beieinander und singen gemeinsam. Sie alle sind gekommen für die einmalige Atmosphäre. Da kommen Menschen zusammen, die sich wohl sonst kaum begegnen würden. Hartgesottene Kerle, die jedes Wochenende auf der Waldseite, in der Fankurve stehen, singen hier nun »Ihr Kinderlein kommet«. Weihnachtslieder und Fangesänge des traditionellen Arbeitervereins 1. FC Union wechseln sich ab. Ein »Eisern Union« folgt auf »Süßer die Glocken nie klingen«. Viele sind gerührt, haben Tränen in den Augen. Der Schülerchor eines Köpenicker Gymnasiums führt den vielstimmigen Gesang an. Junge Ultra-Fans, als Weihnachtsmänner verkleidet und sonst für die Stimmung auf den Rängen verantwortlich, spendieren Kindern Nüsse und Süßigkeiten. Weihnachten für alle, organisiert von den Fans. Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich.

Eine Institution: Seit Jahren pilgern Tausende zum traditionellen Weihnachtssingen des 1. FC Union Berlin in das Vereinsstadion an der Alten Försterei in Berlin-Köpenick, auch der Autor des Beitrags. Foto: epd-bild / Ottmar Winter

Eine Institution: Seit Jahren pilgern Tausende zum traditionellen Weihnachtssingen des 1. FC Union Berlin in das Vereinsstadion an der Alten Försterei in Berlin-Köpenick, auch der Autor des Beitrags. Foto: epd-bild / Ottmar Winter

Dabei war der Start im Jahr 2003 noch recht verhalten und eher aus der Not geboren. Der 1. FC Union hatte eine durchwachsene Hinrunde gespielt, und vielen Fans war mit Blick auf Weihnachten nicht nach Feiern zumute. So trafen sich beim ersten Mal – noch ohne Unterstützung des Vereins – 89 Hartgesottene bei zehn Grad unter Null mit Glühwein aus Thermoskannen am Mittelkreis auf dem »heiligen Rasen« des Stadions an der Alten Försterei und sangen bei Kerzenschein gemeinsam Weihnachtslieder. Ein Mythos war geboren. In den nächsten Jahren kamen jedes Jahr mehr Menschen, und inzwischen übersteigt die Nachfrage bei Weitem die Kapazität des Stadions. Die Fans haben das Weihnachtssingen zu einem festen Bestandteil ihrer Weihnachtstraditionen gemacht.

Einer von ihnen ist Peter Müller, der einst Pfarrer in Köpenick war.

Ihn haben die Fans gebeten, im Stadion die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium zu lesen: »Es begab sich aber zu der Zeit …« Eine besondere Stimmung ist dann auf den Rängen des Stadions zu spüren. Viele hören die alten Worte vermutlich zum ersten Mal. Inzwischen ist Peter Müller fester Bestandteil des Weihnachtssingens und der Union-Familie. Die Fans sprechen von ihm als »ihrem Pfarrer«, zuweilen gibt es im Stadion zu den Heimspielen Fangesänge mit seinem Namen.

Seine Frau hat ihm für das Weihnachtssingen einen rot-weißen Schal mit zwei Kreuzen gestrickt. Den trägt er jetzt, wenn er die Weihnachtsgeschichte liest, wenn er das Vaterunser mit Tausenden Menschen betet und wenn er dieser besonderen Gemeinde für das Weihnachtsfest den Segen Gottes zuspricht. Und das alles im weitgehend säkularisierten Osten Berlins.

Für viele ist dies die einzige Begegnung mit Kirche im ganzen Jahr – und der Eindruck ist positiv: »Ich war dieses Jahr noch nicht in der Kirche, aber ich finde es gut, dass hier der kirchliche Gedanke mit rübergebracht wird«, sagt ein Fan mit rot-weißem Bauhelm, der ihn als einen der Stadionbauer ausweist. Eine junge Frau, angesprochen auf die kurze Predigt von Pfarrer Müller, sagt: »Dit war richtig jut. Super jemacht. Besser als in der Kirche.«

Für viele Menschen gehört das Weihnachtssingen inzwischen zum Weihnachtsfest dazu. Der 23. 12., 19 Uhr, mit der Familie und Freunden Weihnachtslieder singen und die Weihnachtsgeschichte hören: so geht Weihnachtsfreude beim 1. FC Union Berlin im Stadion an der Alten Försterei, dem größten Weihnachtschor Deutschlands.

Ramón Seliger

Der Autor ist Vikar in Weimar, Hobby-Fußballer und Mitglied beim 1. FC Union Berlin.

Tausendfach erzählt, immer wieder neu

12. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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»Es begab sich aber zu der Zeit …« – Kaum eine andere Geschichte der Bibel ist so bekannt wie die Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium, auch unter Konfessionslosen. Landauf, landab wird sie zu Weihnachten auf die Kirchenbühne gebracht. Doch Krippenspiel ist nicht gleich Krippenspiel.

Elsterwerda – Die klassische Geschichte unter freiem Himmel
Es war dunkel, es war kalt. So war es in Bethlehem. Und so wird die Szenerie des diesjährigen Krippenspiels in Elsterwerda sein. »Wir feiern den Weihnachtsgottesdienst unter freiem Himmel«, kündigt Pfarrer Kersten Spantig an. Die Idee wurde eher aus einer Not heraus geboren, denn die Stadtkirche ist seit September wegen Bauarbeiten gesperrt. Aber die Kirchengemeinde hatte ohnehin den Wunsch, hinauszugehen in die Öffentlichkeit, präsenter zu sein, unter den Menschen zu sein. Deshalb wurde aus der Baustellen-Not eine Tugend: Das Krippenspiel wird auf dem Marktplatz aufgeführt!

Rund 20 Kinder werden auf der Bühne stehen und die Geschichte von Jesu Geburt erzählen; Kindergarten- und Christenlehrekinder sowie Konfirmanden. Seit vielen Wochen proben sie schon. Viel zu tun hat auch das Vorbereitungsteam, das sich um Licht und Lautsprecher kümmert, um den Kulissenbau und die Werbung.

Die Gottesdienstbesucher werden stehen, deshalb soll die Christvesper kurz, aber prägnant werden; klassisch mit Predigt, gemeinsamem Singen und Krippenspiel. Die Stadtverwaltung, sagt Pfarrer Spantig, hat das Vorhaben sehr wohlwollend begleitet. Der Bürgermeister, der nicht christlich ist, wird den kirchlichen Posaunenchor auf der Trompete begleiten, dann soll »Stille Nacht« erklingen.

Pfarrer Kersten Spantig hofft, dass viele Menschen kommen und staunen. So wie beim »Messias«, den die Kantorei neulich aufführte – wegen der Kirchensperrung in einer Mehrzweckhalle. Das Konzert war gut besucht.

Zeitz – Schon die Kleinsten spielen mit
Es war die Idee der Erzieher. Sie wollten die Vorbereitungen für das traditionelle Krippenspiel des evangelischen Kindergartens in Zeitz auf mehrere Schultern verteilen. Alle Kolleginnen sollten mithelfen. Und so war die Idee geboren, auch alle Kinder einzubeziehen – vom Laufanfänger bis zum Vorschüler.

»Die Großen haben Sprechrollen, auch in Reimform. Das lässt sich für sie leichter merken.« Und die Kleinen? »Sie tanzen, übernehmen Statistenrollen, spielen die Schäfchen auf der Weide bei den Hirten«, sagt Erzieherin Katrin Fuhrmann. Eine halbe Stunde dauert das Krippenspiel, geprobt wird seit Mitte November, aufgeführt wird es bereits am vierten Advent in der Zeitzer Stephanskirche, im Anschluss wird zum Weihnachtsmarkt eingeladen.

Wittenberg – Uwe Birnstein und die Zeitmaschine
Dem Theologen und Journalisten Uwe Birnstein juckte es nach Jahren, in denen er konventionelle Krippenspiele gesehen hatte, in den Fingern. »Ich dachte damals an meinen elfjährigen Sohn. Er sollte nicht jedes Jahr das gleiche Krippenspiel aufführen. Er sollte wieder richtig Spaß haben«, sagt Uwe Birnstein, der damals in Bevern im Weserbergland zu Hause war und heute in Wittenberg lebt. Inspiriert von einem Film aus den 1970er-Jahren, kam ihm die Idee, die beiden Teenager Bastian und Sarah in eine Zeitmaschine zu setzen und nach Bethlehem ins Jahr Null reisen zu lassen.

»Per Zeitmaschine nach Bethlehem« wurde 1999 in Bevern uraufgeführt und gehört mittlerweile zu den beliebtesten Krippenspielen im Land. Das liegt nicht nur daran, dass Konfirmandengruppen oftmals aufwendige Zeitmaschinen selbst bauen und sich die Erwachsenen – durchaus mit kindlicher Freude – um Lichtshow und Nebelmaschine kümmern. Es liegt auch an der zeitgemäßen Sprache, die Birnstein verwendet, ohne sich mit Jugendslang anzubiedern. An den Popsongs, die jede Gemeinde nach Belieben austauschen kann. An der Kreativität, die das Spiel seinen Spielern lässt. Trotzdem bleibt die Weihnachtsgeschichte deutlich erkennbar – und wenn einzig der Engel bei den Hirten biblische Worte spricht: »ich verkündige euch große Freude«, dann hat das eine große Kraft.

»Das Spiel kann Brücken bauen für alle, die nicht mit christlichen Traditionen aufgewachsen sind. Wir gehen auf ihre Sprach- und Hörgewohnheiten ein. Wir zeigen: Wir Christen sind genauso Menschen wie ihr, aber wir haben einen besonderen Glauben und der ist gar nicht so alt, veraltet oder unbedeutend wie ihr denkt«, sagt Uwe Birnstein. Er denkt dabei an die vollen Kirchen gerade zu Weihnachten; in vielen Bänken sitzen ungeübte Gemeindeglieder und Konfessionslose. Uwe Birnstein ist selbst nichtkirchlich aufgewachsen. Aus seiner eigenen Kindheit und Jugend kennt er keine Krippenspiele.

Weimar – Amir spielt den Josef
Pastorin Bettina Reinefeld-Wiegel war verzweifelt auf der Suche nach Josef. Die Konfirmandengruppe, die in diesem Jahr das Krippenspiel für den ersten Gottesdienst am Heiligen Abend in der Herderkirche zu Weimar gestaltet, bestand nur aus Mädchen. »Wir brauchten dringend einen jungen Mann, um die Rolle des Josefs zu besetzen«, sagt die Pastorin. Da kam ihr Amir Mohammed in den Sinn.

Amir heißt eigentlich anders, die Redaktion hat seinen Namen geändert, weil nicht alle in seinem Umfeld sein Christsein positiv sehen. Er ist aus Afghanistan geflohen, er lebte dort als Muslim. Einige Zeit schon kommt er regelmäßig zu den Gottesdiensten in die Herderkirche, fiel der Pfarrerin auf, irgendwann sprach er sie an, sie redeten viel über den christlichen Glauben, im September ließ sich Amir Mohammed taufen. »Ich überlege immer wieder, wo er gut integriert werden kann in unserer Gemeinde, damit er sich wohlfühlt«, erzählt Pastorin Reinefeld-Wiegel. Das Krippenspiel ist so ein Ort.

Amir Mohammed wird den Josef spielen. Die Proben laufen gut. Amir Mohammed liest viel in der Bibel und besonders die Weihnachtsgeschichte, will vertraut werden mit Sprache und Inhalt und auf eine Texthilfe zur Aufführung verzichten. Konfirmandin Annika Halle, die die Maria spielt, hilft und erklärt ihm viel. Zu zweit und ganz in Ruhe sind sie den Text bereits durchgegangen. Pastorin Reinefeld-Wiegel ist glücklich darüber, wie gut die Konfirmandengruppe den jungen Mann aufgenommen hat. »Die jungen Menschen lernen sich und die unterschiedlichen Kulturen kennen«, sagt sie. Das sei Integration pur. Bettina Reinefeld-Wiegel möchte dies weiter fördern: Sie sucht Menschen, die in der Kirchengemeinde jenen Flüchtlingen Deutschunterricht geben, die noch keinen Integrationskurs besuchen.

Halle – Solo für Maria
Die Generalprobe hat sich zum Geheimtipp entwickelt. Weil zu beiden Aufführungen des Krippenspiels in der Paulusgemeinde zu Halle das Gedränge riesig ist, kommen inzwischen viele Familien mit kleinen Kindern am Heiligabend vormittags in das Gottes­haus. Dann ist es ruhiger, dann lässt sich das Krippenspiel genießen und die freudige Spannung von rund 100 Mitwirkenden spüren.

Die Proben für das Krippenspiel-Musical in Halle laufen auf Hochtouren. – Foto: Katja Schmidtke

Die Proben für das Krippenspiel-Musical in Halle laufen auf Hochtouren. – Foto: Katja Schmidtke

In der Paulusgemeinde ist das Krippenspiel als Musical konzipiert, seit 1993 arbeiten Kirchenmusikdirektor Andreas Mücksch und die sprachbegabte Gemeindekirchenrätin Barbara Schatz zusammen und schreiben Musik und Texte selbst. Seitdem sind Klassiker für die Gemeinde entstanden: »Bring mich nach Bethlehem« oder »Eine Stadt liegt in den Bergen« berichten vom Wunder der Weihnacht.

In diesem Jahr wird das Krippenspiel von 2013 wiederaufgeführt. Es erzählt Weihnachten aus Sicht der Hirten. Die Begeisterung der gut zwei Dutzend Jungen und Mädchen des Kinderchors ist groß. Schnell finden sich Spieler und Sänger. Die Rolle der Maria muss ausgelost werden, sie singt ebenso wie die drei Weisen ein Solo. »Wir sind oft erstaunt, wie sich die Kinder immer wieder darauf einlassen«, sagt Barbara Schatz. Das Krippenspiel ist ein Stück Heimat in der großen Gemeinde. Viele junge Leute, die dem Jugendchor entwachsen sind und in anderen Städten studieren und arbeiten, kommen Weihnachten zurück und reihen sich in den Chor ein. Kantor Mücksch findet, das Krippenspiel ist mehr als ein Spiel für Kinder. »Es ist die zentrale Verkündigung an Heiligabend.«

Bad Berka – Die Vertretungspfarrerin und ihr Ideenschatz
Nicht überall können Pfarrer, Gemeindepädagogen und Kantoren mit so vielen Menschen proben und vorbereiten wie in den Stadtgemeinden. Auf dem Lande fällt so manches Krippenspiel aus, weil es keine Kinder mehr gibt. Das muss nicht sein, findet Friederike Spengler. Sie arbeitet hauptberuflich als Persönliche Referentin von Brigitte Andrae im Landeskirchenamt Erfurt. Als Pfarrfrau und Pfarrerin mit Pre­digtauftrag im Kirchenkreis Weimar weiß sie um die Sorgen und Nöte von Landgemeinden.

Für sie ist das Krippenspiel keineswegs schmückendes Beiwerk, es ist Verkündigung und es ermöglicht der Gemeinde eine Beteiligung daran. »Es ist sogar eine missionarische Art, Gemeinde zu bauen«, hat sie in ihrer Zeit als Gemeindepfarrerin festgestellt. Wo es keine Kinder und Jugendlichen mehr gab, hat sie Erwachsene zum Krippenspiel motiviert – und oft selbst den Anfang gemacht: »Ich spiele mit. Sie auch?« Die Pfarrerin hat aber auch Gemeinden kennengelernt, wo dies nicht möglich ist. Wenn der Pfarrer zu Heiligabend nicht an allen Orten sein kann, kommt die Vertretung ins Spiel. Friederike Spengler lädt in solchen Fällen immer ihr Auto mit Requisiten voll: die Krippe samt Figuren, Kerzen, Stroh, die Flöte. Vielleicht sogar einen CD-Spieler, falls es keinen Organisten gibt. Daraus lässt sich viel zaubern.

Sie schafft es, die Menschen einzubeziehen, sie aus der Zuschauerrolle zu lösen. Ein Krippenspiel mit Kerzen: eine blaue für Maria, eine gelbe für das Jesuskind, eine weiße für den Engel, eine dicke dunkelrote, die nicht angezündet wird, für Herodes. Auch in Schattenspielen oder mit einem Polylux und Bildern hat Friederike Spengler die Weihnachtsgeschichte schon erzählt. Sie hat Predigten aus der Rolle einer der Figuren gehalten: Wie war es wohl für Maria, was empfanden die Hirten, warum blieb Josef eigentlich bei Maria, und verspürten die Wirte vielleicht Reue?

Perfektionismus ist fehl am Platze. Auch dass Friederike Spengler die Menschen nicht kennt, vor und mit denen sie spielt, ist nicht wichtig. Wann, wenn nicht Weihnachten, geht es um die Botschaft? Und gerade das Neue, das Fehlen von Bekanntem, das oft als Mangel Empfundene kann der Gemeinde helfen, sich dieser tausendfach tradierten Botschaft neu zu nähern.

In diesem Jahr wird Friederike Spengler diesen Versuch wieder wagen: In einem kleinen Ort mit kleiner Kirche feiert sie die Christvesper. »Gerade bin ich mit der Betreiberin eines Ziegenstalls im Gespräch, und dabei ist die Idee entstanden, den ersten Teil des Weihnachtsevangeliums mit der Gemeinde in der Kirche zu lesen und sich dann mit den Hirten auf den Weg zum Stall zu machen«, erzählt sie. »Da bekommt das ›Lasst uns gehen und sehen, was uns der Herr kundgetan hat‹ eine ganz andere Dimension. Im Stall erwartet uns die Krippe und eine Predigt über die Rolle der Hirten in der Weihnachtsgeschichte.«

Katja Schmidtke

Theologie als Spielball des Zeitgeistes

4. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Kirche und Theologie gehen viel zu beliebig mit der Bibel um – meint Udo Schnelle, einer der renommiertesten Theologieprofessoren Deutschlands. Im Gespräch mit Andreas Roth spricht er über die Grenzen der historisch-kritischen Theologie, zu viele Moralpredigten und die Wahrheit der Weihnachtsgeschichte.

Herr Professor Schnelle, Sie sind als Theologe Experte darin, biblische Texte auseinanderzunehmen – aber Sie waren auch einmal Pfarrer und mussten trösten und verkündigen. Hat Ihnen das die historisch-kritische Theologie schwer gemacht?
Schnelle: Sie hat mir eher geholfen. Gott der Schöpfer hat mir Vernunft gegeben, und wenn sich durch die biblischen Texte historische Fragen stellen, dann muss ich sie beantworten. Bei der zentralen Glaubensentscheidung, der Auferstehung Jesu Christi von den Toten, kommt die Vernunft an ein Ende – aber davor darf ich fragen, etwa, ob Jesus ein bestimmtes Wort gesagt hat oder nicht.

Jesu Geburt anno 2016? Eine Menge hat sich geändert, heißt es dazu lapidar auf der Internetseite eines amerikanischen Anbieters dieses »Hipster Nativity Sets« … – Foto: modernnativity.com

Jesu Geburt anno 2016? Eine Menge hat sich geändert, heißt es dazu lapidar auf der Internetseite eines amerikanischen Anbieters dieses »Hipster Nativity Sets« … – Foto: modernnativity.com

Das ist gut protestantisch. Doch Sie werfen der evangelischen Kirche und Theologie Beliebigkeit gegenüber der Bibel vor – warum?
Schnelle: Sie haben natürlich nicht die Bibel verworfen, aber sie haben im Sinne der Postmoderne wesentliche Inhalte für nicht mehr aktuell erklärt. Das Zweite ist: Es werden ständig ethische Fragen in Kirche und Theologie behandelt, aber die eigentlichen Glaubensfragen treten permanent zurück. Der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm betreibt eine Intensiv-Ethik, in der das Christentum rein moralisch gefasst wird. Das halte ich für grundfalsch. Denn der Kern des Christentums ist das Verhältnis des einzelnen Menschen zu Gott und Jesus ­Christus – das ist in den letzten Jahrzehnten immer undeutlicher geworden in der evangelischen Kirche.

Machen wir es konkret: Um welche Themen drückt sich denn die Kirche?
Schnelle: Zum Beispiel das Gericht Gottes. Landauf, landab wird der liebe Gott verkündet. Das ist natürlich nicht falsch, aber da haben wir eine Art Schmusegott, der im Grunde genommen nichts anderes tut als das, was wir selbst wollen. Dabei steht im Neuen Testament klar, dass mein Handeln und Nicht-Handeln Folgen haben wird im Gericht Gottes. Das Nächste ist die Auffassung von der Ehe. Sowohl der historische Jesus als auch Paulus sind gegen das Scheitern und Scheiden von Ehen. Die evangelische Kirche aber passt sich ständig der politischen Mehrheitsmeinung an.

Kann man in manchem Zeitgeist nicht auch den Heiligen Geist entdecken? Die zentrale Botschaft Jesu ist doch, dass der Wille Gottes Liebe und Erbarmen ist.
Schnelle: Ich will gar nicht bestreiten, dass das Zentrum des Evangeliums die Liebe und Barmherzigkeit Gottes ist. Aber ich kritisiere eine einseitige Fokussierung darauf.

Ist das so schlimm?
Schnelle: Der evangelische Verzicht auf Glaubensinhalte führt dazu, dass die wenigen, die noch zur Kirche halten, enttäuscht sind. Das erklärt den anhaltenden kirchlichen Abwärtstrend, denn für Frieden, Gerechtigkeit und die Erhaltung der Schöpfung sind heute alle Parteien. Dafür brauche ich keine Kirche mehr.

Ist an dieser Entwicklung die historisch-kritische Theologie schuld? Sie selbst haben namhafte Lehrbücher über sie geschrieben.
Schnelle: Sie ist teilweise mitschuldig. Die Entwicklung setzte in den 1950er-Jahren ein, mit dem Theologen Rudolf Bultmann und anderen. Sie vertraten eine radikale Theologie: Alles, was als rückständig, überholt und mythologisch angesehen wurde, das müsse man nicht mehr glauben. Die Auferstehung Jesu wurde verflüchtigt zu einem bloßen Symbol – sie ist dann kein reales Geschehen mehr, und vom historischen Jesus blieb fast nichts mehr übrig. Das ändert sich in den letzten Jahrzehnten langsam wieder, Gott sei Dank.

Wenn die historisch-kritische Theologie mitschuldig ist – sollte man sie dann nicht besser abschaffen?
Schnelle: Sie ist notwendig, weil die Texte des Alten und Neuen Testaments historische Texte sind. Sie sind eben nicht vom Himmel gefallen. Sondern sie sind von Menschen geschrieben worden und gewachsen – und diese historische Dimension muss untersucht werden. Aber diese historischen Untersuchungen dürfen nicht an die Stelle des Glaubens treten, sondern sie müssen ein Schritt hin zum Glauben sein. Der Glaube weiß, dass die Bibel mehr als Menschenwort ist.

Wenn Konfirmanden oder Schüler fragen, ob Jesus nun Wunder vollbracht hat oder nicht – was sagen Sie dann?
Schnelle: Es gibt Wundergeschichten wie die Speisung der 5 000, die deutlich vom Alten Testament beeinflusst sind – ob die historisch sind, kann man bezweifeln. Dann gibt es aber wieder andere Wundergeschichten wie die Heilung der Schwiegermutter des Petrus, wo es keinen vernünftigen Grund gibt, sie dem historischen Jesus abzusprechen.

Ich bin nicht für eine Schwarz-Weiß-Malerei. Wir Theologen behandeln die Bibel kritischer und skeptischer als die Geschichtswissenschaftler jedes andere Buch der Antike. Aber es muss ein Grundvertrauen in die historische Zuverlässigkeit der biblischen Berichte geben – und das ist gerechtfertigt, weil wir über keine Gestalt der Antike so genau Bescheid wissen wie über Jesus von Nazareth.

Darf ein Pfarrer Weihnachten sagen, dass die Weihnachtsgeschichte historisch so wahrscheinlich gar nicht geschehen ist?
Schnelle: Ja, das darf er sagen, wenn er klar macht, was die Weihnachtsgeschichte dennoch theologisch aussagt: Nämlich, dass Gott in dem Menschen Jesus von Nazareth zu uns gekommen ist. Insofern ist die Weihnachtsgeschichte auch wahr.

Muss das die Menschen in den Kirchgemeinden nicht verwirren?
Schnelle: Man muss sicher über den Ort nachdenken, wo man historisch-kritische Fragen erörtert. Bei Gemeindeabenden, in der Erwachsenen- und Jugendarbeit kann man sich biblischen Texten sehr wohl so nähern – und zwar, indem die Teilnehmer selbst entdecken, welche Spannungen, Doppelungen und Widersprüche es teilweise in der Bibel gibt.

Ist ein Grund für innerkirchliche Zerreißproben wie die Diskussion um Homosexualität, dass ein Brückenschlag zwischen akademischer Theologie und Gemeinde oft nicht gelingt?
Schnelle: Ja, das sehe ich so. Im Theologiestudium geht es viel um die rein historischen Fragen – aber wie ich das theologisch einzuordnen und zu verstehen habe, das kommt nur selten vor. Es gibt eine Unfähigkeit der akademischen Theologie, Glaubensfragen ernsthaft im Studium zu verankern.

Viele Pfarrer kommen nach ihrem Studium in eine Gemeinde und haben das Gefühl: Das, was ich gelernt habe, kann ich hier gar nicht sagen. Ich sehe, dass viele von ihnen innerlich und intellektuell vereinsamt sind. Das ist seelisch auf Dauer ungesund.

Gibt es eine Medizin dagegen?
Schnelle: Ich rate sehr dazu, die Probleme nicht auszuklammern und die kritischen historischen und theologischen Fragen in die Gemeindearbeit einzubinden. Und die Pfarrer sollten untereinander das theologische Gespräch suchen, zum Beispiel in den Konventen. Ihr Glaubenspaket, das sie mitbekommen haben, schmilzt im Laufe der Jahre, und es gibt nur wenige Ladestationen, wo der eigene Glaube geistlich und intellektuell wieder aufgeladen wird.

Müssen dafür Theologie und Kirche wieder mehr Ernst machen mit dem Evangelium?
Schnelle: Ja, man müsste mit ihm mehr Ernst machen – und es auch ernster nehmen.

Udo Schnelle (64) ist Professor für Neues Testament an der Fakultät für evangelische Theologie der Marin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und hat einige der derzeit verbreitetsten Lehrbücher zur Entstehung und Auslegung des Neuen Testaments geschrieben.

Vom Glauben der Leute

27. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Advent, Achtsamkeit, Aberglaube – diese drei Themen vereint in einer G+H-Ausgabe? Das schien der Autorin zunächst recht abwegig. Beim Nachdenken über den sogenannten Aberglauben aber zeigte sich, dass sie durchaus in Verbindung zueinander stehen.

Es geht um Warten und Hören, den Umgang mit Ungewissheit und Ungeduld im Advent als einer Zwischenzeit, die unter besonderen Traditionen und Ansprüchen steht und so vielfältige Bedeutungen erfährt.

Advent und Weihnachtszeit, Buß- und Fastenzeit in der alten Kirche, im Jahr 836 in Aachen, 932 in Erfurt auf der Synode in Erfurt bestätigt, hatten auch im Lebensalltag klare Regeln. Schwarze Kirchenkleidung war geboten, Hochzeiten, Musik, Lustbarkeiten waren verboten; nur Kindern und Jugendlichen waren – an den Adventsdonnerstagen oder den Tagen der Heiligen Andreas, Barbara, Nikolaus, Luzia oder Thomas – Umzüge erlaubt mit Sprüchen, Liedern, Kerzen, kleinen Gaben. Mit diesen Tagen verbunden waren Bräuche, die als Liebes- und Wetterorakel dienten.

Sie gestalteten die Advents- und Weihnachtszeit, verkürzten das Warten bis zum Fest und lenkten den Blick auf das Kommende. So in Bräuchen der »Zwölf Nächte« zwischen dem Christtag und Epiphanias: das Wetter dieser Nächte galt als Orakel für die Monate des neuen Jahres. In den »Zwölften« sollte die Arbeit ruhen. Auch nicht gewaschen werden: diese Regel meiner Mutter begleitet mich bis heute. War das alter »Aberglaube«, in christliche Feste eingebunden?

»Gibt es in der Gemeinde Aberglauben?« Diese Frage an die Ortspfarrer war seit der Aufklärung im 18. und 19. Jahrhundert üblich in Formularen, die im Vorfeld der Visitation an die Kirchenleitung gingen; sie war ebenso üblich wie eine andere, heute merkwürdig anmutende: »Hat der Pfarrer Menschenscheu?« Höheren Orts wollte man über die Verhältnisse vor Ort Genaues erfahren. Die Pfarrer verneinten, um die eigene Aufklärung unter Beweis zu stellen. Wenig redeten sie über »den Glauben der Leute«.

Doch auch diese redeten kaum. Das Volk, so ein Pfarrer um 1900, sei »mit der Preisgabe seiner Geheimnisse äußerst vorsichtig und zurückhaltend. Der Glaube und auch der sogenannte Aberglaube wird nicht an die große Glocke gehängt«. Es herrsche »Misstrauen gegenüber modernen Weltanschauungen (und) den Gebildeten, den Arzt, Pfarrer und Lehrer«; man »wittere beim Pfarrer die Unduldsamkeit, dass sich ›Aberglaube‹ mit der christlichen Religion nicht verträgt«; der Bauer könne »den Kampf der Pfarrer gegen seinen sogenannten Aberglauben nicht recht begreifen, weil er den scharfen Unterschied zwischen Aberglauben und Glauben, wie ihn die Kirche zieht, nicht kennt«. Das gelte für Magie und Brauch, Segenssprüche, Amulette, die Heilkunde für Mensch und Tier und den Geisterglauben.

Beispiele aus den letzten drei Jahrhunderten belegen: es gab auch unter jenen »Gebildeten« solche, die vom »Volksglauben« im Alltag und Denken der Menschen wussten. So der Arzt Christoph Wilhelm Hufeland – 1762 in Langensalza geboren, in Jena und Göttingen studiert, dann Hofmedicus in Weimar – der als Begründer der »Makrobiotik« gilt. Sein Buch »Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern« verbindet altes magisches, volksmedizinisches und modernes Wissen.

Rudolph Zacharias Becker, 1752 in Erfurt geboren, Pädagoge und Publizist, hatte in Jena Theologie und Philosophie studiert; sein 1788 in Gotha und Leipzig erschienenes »Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleute«, in zahllosen Auflagen edierter Bestseller, zeigt das »Programm« der Volksaufklärung: Rat für Scheintod, Erfrieren, Ersticken, Ertrinken, Gewitter, Gesundheit, Krankheit, Tod bei Mensch und Tier, gesundes Essen und Trinken. Im Kapitel »50. Vom Behexen, Zaubern und Vergiften« redet er Klartext: Von Kindern, die »viel essen und doch nicht zunehmen; woran meistentheils die Würmer schuld« seien, nicht aber Hexen; er spricht von »Lug und Betrug«, »albernem Glaube an Hexen, Druden und wie die Dinger heißen«.

Aberglaube, so Becker, sei der »falsche Glaube«; als solchen war er der Aufklärung »Widerglaube«: was wahrem Glauben und Vernunft entgegenstehe und zu bekämpfen sei. Als wissenschaftlicher Begriff ist »Aberglaube« heute nicht brauchbar, denn es ist ein zeitgenössisches Kampfwort.

»Von einem thüringischen Landpfarrer« stammt ein anonym in Gotha 1895 schon in dritter Auflage erschienenes Buch »Zur bäuerlichen Glaubens- und Sittenlehre«. Sein Autor Hermann Gebhardt, im Pfarrhaus in Molschleben aufgewachsen und dort als Pfarrer bis zu seinem Tode wirkend, gibt eine »Darstellung der Licht- und Schattenseiten in unserem gegenwärtigen Volksleben«, wie sie zu dieser Zeit weder in der Volkskunde noch in Theologie und Kirche existiert. Auffällig: »Aberglaube« findet sich im Kapitel »Zum ersten (gemeint: Glaubens-)Artikel«, wo es um das Gottesbild der Leute, Taufe, Hochzeit und Tod geht; auch um Todesanzeichen und Vorahnungen. Das heißt, Glaube und Aberglaube sind begriffen als magisches Denken und Deuten der Leute; nicht als ein Gegensatz, sondern auf einer Ebene fließend vermengt.

Die Aufklärung, so Gebhardt, »hat gewaltig aufgeräumt, in keinem Dorf besteht der Aberglaube der Urgroßeltern unversehrt … Anderseits dürfte auch kein Dorf ohne Aberglaube zu finden sein«; auch der Hexenglaube lebe, wie Beispiele belegen. Sein Fazit: dass »ziemlich alle Bauern öffentlich allen Aberglauben verleugnen, unter vier Augen dagegen ganz anders reden; ferner, dass die Pfarrer von früher als die amtlichen Verfolger des Aberglaubens und Verkündiger der Aufklärung die letzten sind, denen er seine Herzensmeinung über diese Dinge offenbart; und dass er, wo er nicht reden will, schweigsamer ist als das Grab«.

Ein Fund unserer Zeit sind die 1968 erschienenen Erinnerungen von Gertrud Elle, »eine rechte Pfarrfrau und Gehilfin ihres Mannes«, so Bischof Mitzenheim im Vorwort über »die Tochter des Jenaer Historikers Dobenecker«. Ihre Erfahrungen im Pfarramt, der erste Pfarrort 1909 im Vogtland, der nächste im Thüringer Wald, sind ein Kulturschock, aus Sicht der Zivilisation wie der Mentalität »eine ganz neue Welt … hinter dem vordergründigen Leben ein anderes, hintergründiges, geheimnisvolles, unheimliches: die Zauberei, der Aberglaube« junger Mütter, Frauen, Gebärender.

Das Kapitel »Schwarze Kunst« öffnet den Blick auf diese Lebenswelten, auf ein Gespinst aus Angst, Geistern, Dämonen, Tod, Vorzeichen, Gebet und Magie. Die Pfarrfrau Gertrud Elle sieht, beobachtet und beschreibt, besser als Theologen, Volks- und Völkerkundler ihrer Zeit, den »Aberglauben« als das, was er war und ist: ein Gemenge aus Archaik und Moderne, aus Ängsten und vermeintlichen Sicherheiten.

Christel Köhle-Hezinger

Die Autorin lehrt Volkskunde an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und war EKM-Synodale.

Grabmäler im Scheckkartenformat

21. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

In Sachsen-Anhalt und seit Neuestem auch in Thüringen sind Bestattungen in Wäldern erlaubt. In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gibt es bislang nur einen solchen Waldfriedhof in kirchlicher Trägerschaft. Ein Besuch in Meisdorf (Kirchenkreis Egeln) am Harzrand.

Die Novembersonne kämpft sich durch das Blattwerk. Die bis zu 155 Jahre alten Eichen haben ihr Sommerkleid noch nicht vollständig abgeworfen, golden leuchten die verbliebenen Blätter. Herbstlicht im Gesicht und raschelndes Laub unter den Füßen – doch ein gewöhnlicher Spaziergang ist das nicht. Wer in Meisdorf im Kirchenkreis Egeln gegenüber dem Schlosshotel, gleich am Kriegsmahnmal, in den Wald abbiegt, geht einen besonderen Weg – zum bislang einzigen kirchlichen Waldfriedhof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Hier gibt es keine geharkten Wege, keinen gemähten Rasen, keine rechteckig abgezirkelten Grabstätten, keine Lilien und Kerzen, keinen Kirchturm. Hier werden Gräber zu Biotopen und Bäume zu Grabmälern. Erkennbar sind sie an Namenstafeln – weiße Schrift auf schwarzem Grund – im Scheckkartenformat und in etwa zwei Metern Höhe am Baumstamm angebracht.

Erdbestattungen sind nicht erlaubt, Grabschmuck nicht erwünscht. Dennoch liegen Blumen im Laub; Rosen und Hortensien. »Die Menschen wollen ihren Angehörigen nah sein. Auch hier«, sagt Ralf Ziesenhenne. Er ist geschäftsführender Revierförster der Kirchlichen Waldgemeinschaft Wippra, diese verwaltet mehr als 1 000 Hektar Kirchenwald, auch jenen der evangelischen Gemeinde Meisdorf.

Als Partner hat sich die Kirche die Ruheforst GmbH aus Erbach im Odenwald dazugeholt. Das Unternehmen ist nicht Friedhofsträger, das ist die Kirchengemeinde, aber Ruheforst steuert Know-how bei und übernimmt die Werbung.

Unter allen Wipfeln ist Ruh – mit diesem abgewandelten Vers aus Goethes »Wandrers Nachtlied« wirbt die Ruheforst GmbH für die Waldbestattung. Foto: EKM/Susann Biehl

Unter allen Wipfeln ist Ruh – mit diesem abgewandelten Vers aus Goethes »Wandrers Nachtlied« wirbt die Ruheforst GmbH für die Waldbestattung. Foto: EKM/Susann Biehl

Der Waldfriedhof dient der Bestattung und dem Gedenken. Und er ist Stätte der Verkündigung des christlichen Auferstehungsglaubens. So steht es in der Friedhofsordnung. Greifbar wird dies beim Andachtsplatz. Bänke stehen im Halbrund um einen Altar aus drei gekappten Stämmen, im Hintergrund ein großes, schlichtes Kreuz. Trotz kirchengemeindlicher Trägerschaft ist der Waldfriedhof konfes­sionsoffen.

In den seltensten Fällen wird der Meisdorfer Gemeindepfarrer für Trauerfeiern angefragt: Johannes Hesse hat in den vergangenen sechs Jahren drei Menschen auf dem Waldfriedhof bestattet. Es sind weniger die Menschen aus den Dörfern am Harzrand als jene aus den Städten, die sich hier bestatten lassen. Sie kommen aus Quedlinburg, Magdeburg, Halle, Erfurt oder Berlin.

Das mag viele Gründe haben. Praktische: Weil keine Grabpflege nötig ist. Finanzielle, weil nur einmal für einen Zeitraum von 99 Jahren Gebühren anfallen. Pro Baum gibt es zwölf Grabstätten, eine kostet ab 600 Euro. Wer einen ganzen Baum für sich oder seine Familie reservieren möchte, zahlt 3 700 Euro. »Es sind viele mittleren Alters.

Sie wollen vorsorgen«, hat Förster Ziesenhenne beobachtet. Die Menschen, die hierher kommen, beschäftigen sich früh mit der eigenen Sterblichkeit. Viele suchen sich ihren Baum aus.

Susann Biehl, im Landeskirchenamt zuständig für Kirchenwald, ergänzt die Beobachtungen von Förster und Pfarrer. »Es sind auch Menschen, die diesen Naturraum lieben, die in Gottes schöner Schöpfung sein möchten«, sagt die Kirchenoberforsträtin.

Im Meisdorfer Forst werden jährlich zwischen 40 und 50 Menschen bestattet. 270 Eichen sind als Grabstätten eingetragen, eine Erweiterung des bislang fünf Hektar großen Waldfriedhofs ist geplant. Konkrete Pläne für weitere kirchliche Waldfriedhöfe in der EKM sind der Kirchenoberforsträtin nicht bekannt. Es gebe einige interessierte Kirchengemeinden, aber nicht immer passen die Gegebenheiten.

Foto: Katja Schmidtke

Foto: Katja Schmidtke

Dennoch möchte die Kirche den Bedürfnissen der Menschen entgegenkommen. Deshalb hat die EKM die Einrichtung von Waldfriedhöfen auch in Thüringen befürwortet. Der Thüringer Landtag hatte Anfang November das Bestattungsgesetz geändert und auch Waldfriedhöfe erlaubt. Kritik kam seitens der Union, die befürchtet, der Tod werde aus den Dörfern und Städten hinausgedrängt.

Der Kirche ist es wichtig, christliche Prägungen aufrechtzuerhalten. Für Waldbestattungen heißt das, dass der Friedhof als solcher erkennbar ist, dass es einen christlichen Andachtsplatz gibt und keine anonymen Bestattungen, sagt Susann Biehl. Du bist beim Namen gerufen. So ist es im Leben. Und im Tod.

Katja Schmidtke

Sieben Jahre Theorie – und dann?

14. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Das-volle-Leben.de: Im Internet wirbt die Evangelische Kirche in Deutschland für den (Zitat) »geilsten Job der Welt«, den Pfarrberuf. Theologiestudenten klagen auf der anderen Seite über den fehlenden Praxisbezug ihres Studiums. Das Theologiestudium zwischen Ansprüchen und Wirklichkeit – die Studierenden Julia Braband und Felix Kalbe diskutierten darüber mit der Prodekanin, Professor Miriam Rose, und dem neuen Dekan, Professor Manuel Vogel, der Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena; moderiert von Willi Wild.

Gesprächsrunde: »Glaube + Heimat« brachte die Jenaer Studenten (v.l.) Julia Braband und Felix Kalbe mit Dekan Manuel Vogel und Prodekanin Miriam Rose zum Gedankenaustausch an einen Tisch. Fotos: Adrienne Uebbing

Gesprächsrunde: »Glaube + Heimat« brachte die Jenaer Studenten (v.l.) Julia Braband und Felix Kalbe mit Dekan Manuel Vogel und Prodekanin Miriam Rose zum Gedankenaustausch an einen Tisch. Fotos: Adrienne Uebbing

Was war Ihre Motivation, Theologie zu studieren?
Braband:
Ich habe früh angefangen, im Kindergottesdienst mitzumachen. Durch meine ehrenamtliche Tätigkeit in Kirchengemeinde und Kirchenkreis hat sich der Wunsch entwickelt.
Kalbe: Ich kam aus der Schule, war viel mit der evangelischen Jugend unterwegs. Und irgendwann stellte sich die Frage: Was mache ich eigentlich nach dem Abitur? Dann habe ich mich entschieden, Theologie zu studieren. Ich will mein Hobby zum Beruf machen.

Was haben Sie vom Theologiestudium erwartet?
Braband:
Ich wusste, dass es ein rein wissenschaftliches Studium ist mit drei Wochen Gemeindepraktikum. Jetzt merke ich aber, sechs oder sieben Jahre Studium und drei Wochen Gemeindeerfahrung stehen in keinem Verhältnis. Ich verstehe, dass Grundlagen wichtig sind, aber Praxis ist es ebenfalls.
Kalbe: Die Praxisnähe fehlt. Eine Vorbereitung auf Lehramt oder Pfarramt ist das nicht.
Prof. Rose: Ich habe erst mal Verständnis für die Sicht. Aber es ist ein korrekturbedürftiges Bild dessen, was das Studium leisten soll. Es geht gerade nicht darum, dass man das lernt, was man dann den Schülern oder der Gemeinde erzählen kann. Sondern es geht darum, dass man lernt, ganz grundlegend die eigene Praxis zu reflektieren. Es ist mehr eine Ausbildung auf einer Meta­ebene. Um dann alle nur möglichen Praxisvollzüge selbstständig reflektieren zu können. Wir wollen die Studierenden befähigen, sich selbst anzuleiten. Lehramtsstudierende erwarten, dass sie unmittelbar Unterrichtsentwürfe lernen, die sie dann umsetzen können. Und Pfarramtsstudierende erwarten schon gleich im 1. Semester Anleitung zum Predigtmachen. Aber wir setzen auf einer ganz anderen Ebene an.

Haben Sie im Vikariat den Eindruck gehabt, durch das Studium genug auf die Praxis vorbereitet zu sein?
Prof. Vogel:
Ich wusste, was mich erwartet. Ein Klimawechsel und ein Milieuwechsel, den ich gut bewältigt habe. Ich habe es immer als einen Genuss empfunden, wissenschaftlich arbeiten zu können und mich zu bilden. Das Studium an sich ist ein Wert, den man nicht unterschätzen sollte, ohne unmittelbare Erwartungen an die Praxisnähe zu haben. Ich hoffe, Studierenden Lust daran zu vermitteln, sich zu bilden: eine Lust auf Bildung, eine Lust an Bildung. Viele Lehrer und Pfarrer sehnen sich später nach dieser Zeit zurück. Für viele ist dann auch diese erworbene Bildung in materieller Gestalt – in Form von Büchern, die man sich angeschafft hat – ein Rückzugsort. Das ist sehr wertvoll und hält ein ganzes Berufsleben an.

Der unmittelbare Praxisbezug stellt sich, denke ich, im Vikariat sowieso sofort ein. Aber die Kategorien, um darüber abstrakt selbstkritisch nachzudenken, muss man sich im Studium erarbeiten. Das ist eine sehr wichtige Anforderung im Beruf. Der ständige Blick über die eigene Schulter braucht eine ganz gründliche theologische Bildung; die sollte im Studium erworben werden.
Braband: Ich finde es schwierig. Da studiere ich sechs Jahre und bewerbe mich anschließend für ein Vikariat, und dann werde ich vielleicht wegen mangelnder praktischer Eignung abgelehnt. Ich wünsche mir im Studium ab und zu Reflexionsgespräche, nicht nur am Anfang oder nach der Zwischenprüfung. So kann ich feststellen, ob ich auf dem richtigen Weg bin.
Kalbe: Ist es nicht viel effizienter, das theoretische Wissen anzuwenden und auszuprobieren, als zu warten, bis das Studium abgeschlossen ist?
Prof. Vogel: Das sehe ich nicht so. Ich sehe im Studium wirklich eine Auszeit. Es hindert Sie niemand daran, den Praxisbezug in Ihrer Gemeinde zu suchen. Aber die Abfolge ist eine andere: Man eignet sich theoretische Kenntnisse an, und dann kommt irgendwann die Situation, wo man diese einsetzen kann. Die Zeiträume sind aber größer. Wenn Sie das Studium hinter sich haben, ist ein ganzes berufliches Leben Zeit für die Praxis. Es geht darum, eine Vorstellung von 2 000 Jahren Christentums-Geschichte zu haben. Ein Fundament, das auch durch tagesaktuelle Debatten nicht so leicht zu erschüttern ist.
Prof. Rose: Ich denke, was manchmal zu kurz kommt, ist die Einübung, Praxis und theoretische Reflexion miteinander zu verbinden und füreinander fruchtbar zu machen. Als Dozentin könnte ich noch mehr verdeutlichen, aus welchem Praxisproblem theoretische Reflexionen jeweils entspringen. Beispielsweise, was macht überhaupt Gemeinde aus oder was ist Kirche? Und dann kann man die theoretischen Reflexionen anschließen.

Ich würde noch gern auf den Punkt eingehen, dass man im Studium wenig kritische Rückmeldungen bekommt, ob man zum Pfarramt geeignet ist oder nicht. Mir leuchtet ein, dass das ein Problem ist. Ich denke nur, man kann es jetzt nicht über die Dozenten lösen. Ein großer Vorteil des Studiums ist, dass man wirklich ganz frei diskutieren kann. Das ist mir auch sehr wichtig, dass Studierende Freiraum haben, theologische Positionen und Argumente auszuprobieren, die vielleicht mit ihrem bisherigen Denken wenig zu tun haben. Es ist sehr wichtig, dass die Rolle der Dozenten klar getrennt ist von der als spiritueller Begleiter oder Berater.
Braband: Das sehe ich auch so. Es macht in diesem Zusammenhang sicher Sinn, zu Anfang deutlicher darzustellen, was das Studium leisten kann.

Haben Sie den Eindruck, dass sich nicht alle Ihrer Kommilitonen darüber im Klaren waren?
Kalbe:
Das ist relativ unterschiedlich und bunt gemischt. Es gibt Leute, die kommen direkt aus dem Gemeindeleben zum Theologiestudium. Und dann gibt es auch wieder die Gegenbeispiele; die Leute finden dann erst während des Studiums überhaupt zur Taufe und beschäftigen sich mit ihrem Glauben. Und es gibt Leute, die haben mit Kirche und Glauben nicht viel am Hut.
Braband: Manche studieren nur aus rein wissenschaftlichem Interesse. Ich habe schon mal gehört: »Mit dem Beten hab ich es nicht so.« Das finde ich schwierig, vor allem, wenn man auf Pfarramt studiert.
Prof. Vogel: Ich würde ungern das Studium mit sehr starken normativen Vorgaben belasten. Also mir ist gerade wichtig, dass Studierende sich intensiv mit der Bibel auseinandersetzen, mit den Bekenntnisschriften, dass sie sich das aneignen. Aber ich möchte den Freiraum geben, auch etwas auszuprobieren. Die Zeiten sind glücklicherweise vorbei, wo vorgeschrieben wurde, wie man glauben soll und was richtig oder falsch ist.
Prof. Rose: Das ist später im Pfarramt sehr wichtig, zu akzeptieren, dass Gemeindemitglieder auf sehr verschiedener Weise glauben, und behutsam ein Verständnis dafür zu entwickeln.
Außerdem hat die Theologie in den letzten Jahrhunderten eine sehr stürmische Entwicklung durchgemacht. Da gibt es sehr gegensätzliche Positionen, wie: Befreiungstheologie, Feministische Theologie, Ökologische Theologie, Theologie nach Auschwitz. Es sind sehr, sehr gegensätzliche Richtungen. Ich möchte gerne, dass Studierende wirklich auch in der Gegenwart ankommen und sich mit diesen verschiedenen Entwürfen beschäftigt haben.

Die Theorie gibt es im Studium, die Praxis im Predigerseminar oder im Vikariat. Ist das nicht gut aufgeteilt?
Braband:
Ich könnte jetzt ganz plakativ sagen: sieben Jahre Theorie und zweieinhalb Jahre Praxis.
Prof. Rose: … ein Leben lang Praxis.
Prof. Vogel: Möglicherweise greift die Frage nach dem Praxisbezug des Theologiestudiums zu kurz, und es geht vielmehr um die Zeitgenossenschaft von Theologie überhaupt? Also was hat der Satz: »Gott liebt dich so wie du bist« zu tun damit, dass im Mittelmeer Menschen ertrinken? Das ist meine selbstkritische Anfrage an Universitätstheologie. Damit verbindet sich auch die Frage, ob wir im Grunde die Bildungsbestände, die wir verwalten, als Wissensbestand und Besitz in einem bildungsbürgerlichen Sinne weitergeben. Also, der Pfarrer, die Pfarrerin hat Griechisch, Hebräisch und Latein gelernt. Und das unterscheidet sie von den sogenannten einfachen Gemeindechristen. Ist das vielleicht auch ein möglicher professoraler Habitus? Die Studierenden atmen das dann sozusagen mit jeder Vorlesungsstunde ein. Nach meiner Wahrnehmung ist die Theologie reichlich apolitisch geworden und die Studierenden sind es auch. Als männlicher Dozent bin ich oft in der Position, weiblichen Studierenden die Feministische Theologie schmackhaft machen zu müssen, vom christlich-jüdischen Dialog ganz zu schweigen.

Möglicherweise muss man die Frage nach dem Praxisbezug des theologischen Studiums viel radikaler stellen. Das würde dann implizieren, dass Sie sich als Persönlichkeiten im kritischen Dialog mit den Dozenten stärker einbringen und eine Antwort auf die Relevanzfrage einfordern.

Der protestantische Petersdom

7. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Sonderfall Schlosskirche: Sie ist Reformationsdenkmal, Touristenmagnet und evangelische Selbstvergewisserung, Ausbildungskirche für den ostdeutschen Pfarrernachwuchs und nicht zuletzt auch Gemeindekirche.

Die Kirchengeschichte: Sie wurde »Allen Heiligen« gewidmet, war Kirche des Kurfürsten, des Kaisers, sogar des DDR-Staats. Aktuell gehört sie dem Land Sachsen-Anhalt. 500 Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers geht die Schlosskirche 2017 in das Eigentum der EKD über. Damit endet ein de facto jahrzehntelanger unklarer Rechtszustand.

Jener ist der Geschichte geschuldet: Die Schlosskirche war seit 1507 Kirche der Universität. Als Wittenberg nach den Befreiungskriegen preußisch wurde, verlegte der König die Universität nach Halle und erließ 1816 eine Kabinettsorder, wonach »ein lutherisches Predigerseminarum« anstelle der ehemaligen Universität in Wittenberg einzurichten sei. Sitz wurde das Augusteum; zur Ausbildungskirche wurde die Schlosskirche erkoren.

Kirchliches Leben in staatlichen Gemäuern – so blieb es über die Jahre und durch die Zeitenwenden hindurch. Aktuell trägt das Land Sachsen-Anhalt die Verantwortung, auch wenn das Bundesland juristisch gesehen natürlich nicht der Rechtsnachnachfolger des preußischen Staates ist. Sind die Bauarbeiten am Schlosskirchenensemble Anfang 2017 beendet, übernimmt die EKD die Kirche in ihr Eigentum.

Die Schlosskirche mit dem markanten Turmhelm gehört seit 1996 zum Weltkulturerbe. Sie war einst Schauplatz des Thesenanschlags und beherbergt bis heute die unversehrten Grabstätten der beiden Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon. Foto: Harald Krille

Die Schlosskirche mit dem markanten Turmhelm gehört seit 1996 zum Weltkulturerbe. Sie war einst Schauplatz des Thesenanschlags und beherbergt bis heute die unversehrten Grabstätten der beiden Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon. Foto: Harald Krille

Die Reformationskirche: »Die rechtlichen und tatsächlichen Verhältnisse werden jetzt neu geordnet«, sagt Thomas Begrich. Der ehemalige Finanzdezernent der Kirchenprovinz Sachsen und der EKD betreut und begleitet heute für die EKD das Bauvorhaben Schlosskirchenensemble. Der Oberkirchenrat findet das Engagement der Evangelischen Kirche Deutschlands richtig und nötig. »Die Schlosskirche ist schließlich nicht irgendeine Kirche, sie ist der Ursprungsort der Reformation, Ort des Thesenanschlags und Grabstätte von Luther und Melanchthon. Wenn die EKD als Gemeinschaft und Dachorganisation die Schlosskirche übernimmt, agiert sie im Interesse all ihrer 20 lutherischen, reformierten und unierten Gliedkirchen«, betont Oberkirchenrat Begrich. Da geht es um die inhaltliche Gestaltung, um den Umgang mit bis zu einer halben Million Gästen im Reformationsjahr, um Kontinuität und, ja, auch um Finanzkraft.

»Ich bin der EKD sehr dankbar, dass sie bereit ist, die Schlosskirche ins Eigentum zu übernehmen. Das Land Sachsen-Anhalt hätte ja auch einen anderen Eigentümer wählen können«, sagt Hanna Kasparick. Die promovierte Theologin ist Direktorin des Predigerseminars – die Einrichtung hat das primäre Nutzungsrecht der Schlosskirche. Auch nach dem Eigentümerwechsel. Mit dem Engagement der EKD sei klar, dass die Schlosskirche Kirche ist und bleibt, kein Museum wird. »Die EKD, und damit die Gemeinschaft der Gliedkirchen, übernimmt für diesen Ursprungsort der lutherischen Reformation besondere Verantwortung«, freut sich die Direktorin.

Die Ausbildungskirche: Schon seit 200 Jahren ist die Schlosskirche Ausbildungskirche des Predigerseminars. Während die Vikare über all die Jahre hindurch in dem mächtigen, eindrucksvollen Gotteshaus das Predigen übten, lebten und studierten sie mit ihren Dozenten bis vor wenigen Jahren im Augusteum. Im Zuge des Eigentümerwechsels der nun generalsanierten Kirche wird auch das ehemalige Universitätsgebäude umstrukturiert. Das Predigerseminar bezieht einen neuen Campus an der Kirche, das Augusteum bietet nun der Stiftung Luthergedenkstätten Sachsen-Anhalt mehr Platz und Raum. Aktuell verabschiedet sich das Predigerseminar mit einer Ausstellung von der alten Heimstatt: »Gehrock, T-Shirt und Talar« heißt die Schau über die Geschichte des Seminars, die gemeinsam mit der Stiftung realisiert wurde. Die »Wittenberger Rochade«, wie es Hanna Kasparick nennt, sei ein Gewinn für Predigerseminar, Ausbildung und Schlosskirche. »Wir befinden uns jetzt direkt neben unserer Ausbildungskirche, können sie viel intensiver für die Ausbildung, für Andachten, das Mittagssingen und liturgische Übungen nutzen«, nennt sie Beispiele. Dies sei auch ein Gewinn für die Kirchenbesucher: Sie erleben, dass die Reformation nicht bloß Thesenanschlag und 500 Jahre alte Geschichte ist, sondern »eine Aufgabe, vor der jede neue Generation steht«. Das Predigerseminar sei wie eine »Zukunftswerkstatt des Protestantismus«.

Neben dem Predigerseminar gehören auch das Zentrum für evangelische Predigtkultur, die Evangelische Akademie und die Evangelische Wittenbergstiftung zu den Akteuren in der Schlosskirche. Letzte übernimmt etwa die Schulung der Kirchenführer. Auch mit dem Zentrum des Lutherischen Weltbunds arbeitet man eng zusammen. Als anregend, unterstützend und kreativ bezeichnet Hanna Kasparick das Miteinander. Ein Verwaltungsrat soll alle Belange, Rechte und Pflichten klären. Freunde und Unterstützer aus vielen Ländern und Kirchen haben sich in der Internationalen Schlosskirchengemeinschaft versammelt.

Die Gemeindekirche: Erst spät in ihrer Geschichte wurde die Schlosskirche auch zu einer Art Gemeindekirche: 1949 gründete man die Schlosskirchengemeinde, auch um in der DDR die kirchlichen Belange aufrechtzuerhalten. Aktuell gehören ihr rund 110 Menschen an. Etwa zwei Dutzend leben im unmittelbaren Umfeld. Die meisten werden aufgrund ihres Wohnorts eigentlich der weitaus größeren Stadtkirchengemeinde zugeordnet, treten aber der Schlosskirchengemeinde bewusst bei. Die Schlosskirchengemeinde ist stark personell geprägt. Lehrer, Rentner, Angestellte in sozialen Berufen, Handwerker, aber natürlich auch die Dozenten des Predigerseminars sind Glieder. »Trotz des besonderen Orts, wollen wir eine ganz normale Gemeinde sein«, sagt Kirchenältester Matthias Pohl. Mit allem, was dazugehört. »Ja, das ist unsere Kirche. Wir identifizieren uns mit ihr, auch wenn sie uns nicht gehört«, erzählt der 58-jährige Matthias Pohl vom Selbstverständnis der Gemeinde. Nicht einmal einen Schlüssel für den Kirchenbau haben sie. Die Schlosskirchengemeinde genießt Gastrecht in der Kirche. Und sie gerät auch schnell in eine Gastrolle bei durchschnittlich 100 Gästen und 10, 15 Gemeindegliedern im sonntäglichen Gottesdienst.

Aber die Gemeindeglieder sind selbstbewusst, einsatzfreudig und prägen das gottesdienstliche Leben mit. Sie helfen dem Predigerseminar, bei dem Kanzelrecht und liturgische Ordnung liegen, etwa mit Lektoren- und Begrüßungsdienst das geistliche Innere zu gestalten. Die Beziehungen zum Seminar sind eng und persönlich. Wenn es einen neuen Adventsstern zu beschaffen und Altargeräte auszusuchen gilt, »regeln wir das mit dem Predigerseminar«, sagt Matthias Pohl.

Die Kirche in der Zukunft: Es klafft eine Lücke. Seit dem Tod von Propst Siegfried Kasparick ist die Gemeindepfarrstelle vakant. »Er fehlt überall«, sagt Matthias Pohl. Die Vertretung hat Wittenbergs Superintendent Christian Beuchel übernommen.

»Traditionell war der Propst von Wittenberg Schlosskirchenpfarrer«, blickt Beuchel in die Geschichte. Aber seit dem Zusammenschluss zum Sprengel Halle-Wittenberg sitzt der Regionalbischof in Halle. Undenkbar, dass Propst Johann Schneider von dort aus eine Gemeinde betreut.

Entschieden, wie es künftig weitergeht, ist noch nichts. Varianten gäbe es einige: sie reichen von der EKD über das Predigerseminar und die Stadtkirchengemeinde bis zur Suptur. Superintendent Beuchel stellt klar: »Die Schlosskirchengemeinde ist Gemeinde des Kirchenkreises. Er hat die Pflicht und das Recht, die Gemeinde zu versorgen.« Wichtig sei vor allem, die Kontinuität geistlichen Lebens in der Schlosskirche zu sichern. »Gibt es eine Gemeinde, gibt es auch Gemeindeglieder. Und sie sind Garant für ein geistliches Leben.«

Einig sind sich alle: Zum Reformationsmuseum darf die Kirche nicht verkommen. Gerade hier muss gelebt werden, was Luther predigte.

Katja Schmidtke

Türen auf von Nord bis Süd

31. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Mit gutem Beispiel voran: Pressefahrt der EKM zu offenen Kirchen

Nord: 2017 will die EKM eine gute Gastgeberin sein. Dazu gehört auch das Herzensprojekt der Landesbischöfin: »Offene Kirchen«.

»Unsere Kirchentür ist geöffnet«, so heißt ein kleines Schild Menschen  in der Kirche zu Flechtingen will- kommen. Nicht alle  Gemeinden,  die Pfarrerin Irene Heinecke (links) betreut, stehen  der EKM-Initiative »Offene Kirchen«  so wohlwollend gegenüber. Foto: Katja Schmidtke

»Unsere Kirchentür ist geöffnet«, so heißt ein kleines Schild Menschen in der Kirche zu Flechtingen will- kommen. Nicht alle Gemeinden, die Pfarrerin Irene Heinecke (links) betreut, stehen der EKM-Initiative »Offene Kirchen« so wohlwollend gegenüber. Foto: Katja Schmidtke

»Nein, hier ist noch nie etwas passiert. Kein Diebstahl, kein Vandalismus«, sagt Irene Heinecke. Nur einmal, erinnert sich die Pfarrerin, haben zwei Jungen Scheiben der Kirche von Flechtingen im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt eingeworfen. Von außen. Damit, dass die Türen des Gotteshauses seit mehreren Jahren tagsüber unverschlossen sind, hatte dieser Ausdruck von Frust und Liebeskummer wahrlich nichts zu tun. Das Altarbild vom Jüngsten Gericht, die seltene Moses-Kanzel aus Stuck oder der Tetzel-Kasten – all dies sind Schätze, Hunderte Jahre alt, mit Geld nicht zu bezahlen, aber der größte Schatz der Kirche ist wohl ihre offene Tür. »Die Möglichkeit, außerhalb der Gottesdienst- und Andachtzeiten hierherzu­kommen, einen Raum zu finden für das Gebet, die Stille, auch zum Weinen, ohne Aufsicht, das ist so wichtig und wertvoll«, sagt Pfarrerin Heinecke, sie lacht, ihre Augen strahlen.

Landesbischöfin Ilse Junkermann steht neben ihr und nickt. Die Bischöfin spazierte im vergangenen Jahr während eines Reha-Aufenthalts regelmäßig zur Kirche. »Das war eine besondere geistliche Erfahrung«, erinnert sie sich.

Flechtingen, Wegenstedt, Etingen

Es sind aber nicht persönliche Empfindungen, die die Initiative der »Offenen Kirchen« für die Landesbischöfin zur Herzensangelegenheit machen. Das wohl ehrgeizigste Projekt der EKM zum Reformationsjubiläum stellt für die Theologin auch eine Umkehr dar, es ist ein Bußruf: »Verschlossene Türen bedeuten, wir sind uns selbst genug. Aber wir wollen doch für alle da sein, für alle offen sein.«

Eine Order von oben kann die Initiative nicht sein. Das wird besonders im Pfarrbereich von Irene Heinecke deutlich. Während die Flechtinger Kirche bereits seit mehr als 25 Jahren täglich von mittags bis abends geöffnet ist, hat sich der Gemeindekirchenrat des benachbarten Wegenstedts erst in diesem Frühjahr dazu entschlossen. »Wir fanden den Vorschlag der Landeskirche gut. Jeder hat das Bedürfnis nach Stille, und das nicht nur sonntags«, sagt Kirchenälteste Rosemarie Pötsch. Angst vor Vandalismus hat sie nicht. »Falls etwas passiert, steht die EKM hinter uns.«

Die Versicherung gegen Diebstahl und Vandalismus speziell für »Offene Kirchen« wird ab Januar 2017 angeboten, sie kostet 65 Euro pro Jahr und Kirchengebäude. Der Beitrag wird von der Landeskirche subventioniert, dafür sind laut Haushaltsplanung 300 000 Euro eingestellt.

In Etingen, das auch zu Irene Heineckes Pfarrbereich gehört, konnte dieses Angebot von EKM und Ecclesia-Versicherung nicht überzeugen. »Es gingen im Fall der Fälle auch ideelle Werte verloren«, meint Friedrich Widdicke vom Gemeindekirchenrat. Die Kirche zu Etingen wurde 1893 nach achtzehn Monaten Bauzeit errichtet, sie ist innen wie außen aus einem Guss, funkelnde Kron- und Altarleuchter, detailreiche Wandbemalungen –das alles habe man geerbt von den Vorfahren und wolle es in gutem Zustand weitergeben. Die Kirche für jedermann zugänglich zu machen, könne der Gemeindekirchenrat nicht verantworten. Pfarrerin Heinecke kann das nicht nachvollziehen: »Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.«

Katja Schmidtke

Derzeit sind 140 der 4 031 Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet, weitere 477 werden auf Ver­langen aufgeschlossen. Bis Frühjahr 2017 sollen möglichst alle Kirchen geöffnet werden; das geht auf einen Beschluss der Herbstsynode 2015 zurück. Die tatsächliche Entscheidung liegt beim Gemeindekirchenrat. Aktuell läuft eine Umfrage zur Kirchenöffnung, deren Ergebnis auf der Synode im November vorgestellt werden soll.

Derzeit sind 140 der 4 031 Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet, weitere 477 werden auf Ver­langen aufgeschlossen. Bis Frühjahr 2017 sollen möglichst alle Kirchen geöffnet werden; das geht auf einen Beschluss der Herbstsynode 2015 zurück. Die tatsächliche Entscheidung liegt beim Gemeindekirchenrat. Aktuell läuft eine Umfrage zur Kirchenöffnung, deren Ergebnis auf der Synode im November vorgestellt werden soll.


Süd: Porta patet, cor magis – das Tor steht offen, das Herz noch mehr. Diese alte Zisterzienser-Regel könnte Wahlspruch der Initiative »Offene Kirchen« sein und ist es vielmehr seit 30 Jahren für Pfarrer i. R. Rainer Schmidt aus Mühlberg im Kirchenkreis Gotha. 1986 öffnete er mit Beschluss des Gemeindekirchenrates die St. Lukaskirche. Und das mit Erfolg. Viele Reisende, Familien, Ausflügler und Radler machten seither in der Barockkirche Station. »Kirchen sollten so geöffnet sein«, erklärt Pfarrer Schmidt, »dass die Leute hineingehen und aus dem Getriebe der Welt herauskommen können.« Er wolle diesen heiligen Ort, der auch ein künstlerisches Gesamtwerk sei, niemandem vorenthalten.

Natürlich gäbe es in der Gemeinde bis heute unterschiedliche Meinungen über die Öffnung von 8 bis 18 Uhr. Einige tragen sich immer noch mit Sicherheitsbedenken. Dafür hat Schmidt Verständnis, die bisherige Praxis habe jedoch gezeigt, dass die Menschen durch eine Öffnung des Gotteshauses mehr gewinnen als verlieren. Nur einmal sei in den vergangenen 30 Jahren etwas gestohlen worden.

Mühlberg, Kapellendorf, Weimar

Angesichts dieser Erfolgsgeschichte hofft Bischöfin Ilse Junkermann, dass noch viele weitere Gemeinden die von ihr bei der Herbstsynode im vergangenen Jahr angestoßene Frage der offenen Kirchen intensiv durchdenken und besprechen. Denn wenn die Kirche geöffnet wird, soll, wie in Mühlberg, die Gemeinde dahinterstehen. Von oben will und kann die Kirchenleitung dies nicht verordnen. »Die Initiative ist aber die Chance«, so Bischöfin Junkermann, »das Kirchengebäude als Ort der Predigt neu zu entdecken.«

(v. li.) Pfarrer i. R. Rainer Schmidt und Propst Diethard Kamm vor der St. Lukaskirche in Mühlberg (Kirchenkreis Gotha). Foto: Diana Steinbauer

(v. li.) Pfarrer i. R. Rainer Schmidt und Propst Diethard Kamm vor der St. Lukaskirche in Mühlberg (Kirchenkreis Gotha). Foto: Diana Steinbauer

Eine Entdeckung der besonderen Art ist ebenso die Dorfkirche von Kapellendorf im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Als ältestes Gebäude des Ortes – erstmals urkundlich erwähnt im Jahre 800 – spielt die Kirche auch bei den Führungen in der Wasserburg Kapellendorf immer eine bedeutende Rolle. »Ich freue mich sehr, dass ich bei jeder Führung darauf hinweisen kann, dass die Kirche für jeden offen steht – unabhängig von den Öffnungszeiten der Burg«, sagt Marie Petermann, Kuratorin der Wasserburg.

Bereits seit den 1980er-Jahren schließen Vertreter der kleinen Gemeinde jeden Tag ihre Kirche für Besucher auf. Und von den 19 000 Besuchern der Wasserburg im Jahr kommen die meisten auch in der Kirche vorbei. Wie dieses Angebot geschätzt wird, davon zeugen die Eintragungen im Gästebuch. Aber es gibt auch stille Zeichen davon, wie sehr die Kirche Anlauf- und Ankerpunkt der Menschen geworden ist. »Immer wenn ich die Kirche betrete, brennen am Kerzenständer Lichter. Das zeigt mir, die offene Kirche wird angenommen und regelmäßig genutzt«, so Vikar Conrad Neubert.

Während unverschlossene Häuser und Höfe schon der Vergangenheit angehören, setzt die EKM mit der Initiative »Offene Kirchen« ein Zeichen gegen diesen Trend. Denn eine unverschlossene Kirche nehmen die Menschen als sehr positiv wahr, berichtet Hardy Rylke, Pfarrer der Jakobskirche in Weimar. Auch deren Pforten sind bereits seit vielen Jahren geöffnet. »Ich möchte den Menschen die Gelegenheit geben, das kennenzulernen, was mir zum Leben hilft und was vielleicht auch etwas für sie sein könnte«, so Rylke. Eine geöffnete Kirche zeige den Menschen, ja, ich habe wirklich Interesse an dir. Eine abgeschlossene Kirche dagegen bezeichnet Rylke als Katastrophe, denn jeder Mensch, der die Klinke herunterdrücke, verbinde mit seinem Besuch ein besonderes Bedürfnis. »Wenn wir als Kirche für alle offen sein wollen, dann muss das doch auch für die Gebäude gelten«, so Rylke.

Die Beispiele zeigen, dass das Projekt »Offene Kirchen« ehrgeizig, aber realisierbar ist. Laut Ralf-Uwe Beck, Pressesprecher der EKM, strebt die Evangelische Kirche hier einen Paradigmenwechsel an. »Heute sind die meisten Kirchen auf dem Gebiet der Landeskirche noch verschlossen. 2018 soll dies umgekehrt sein.« Und zwar auch noch lange über das Reformationsjubiläum hinaus. Propst Diethard Kamm betont: »Die Initiative ›Offene Kirchen‹ ist keine Schaufensteraktion. Wir öffnen unsere Gotteshäuser, und offen sollen sie bleiben.«

Diana Steinbauer

Kirchenland ist teuer, aber die Kirche ist kein Preistreiber

24. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Der Thüringer Bauernverband warf der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) vor, die Pachtpreise für landwirtschaftliche Flächen in die Höhe zu treiben. Willi Wild sprach darüber mit dem Landwirt Mortimer von Rümker.

Foto: privat

Foto: privat

Treibt die Kirche die Preise in die Höhe?
von Rümker:
Ich habe etwa 100 Hektar von der Kirche gepachtet. Das sind ungefähr 15 Prozent meiner Betriebsfläche. Die Kirche als Spekulant zu bezeichnen, wie das in der Tageszeitung geschah, halte ich für falsch. Die Kirche kauft keinen einzigen Hektar, sondern sie besitzt relativ viel und versucht, diesen Besitz zu wahren. Sie tritt aber nicht als Käufer und demzufolge nicht als Spekulant auf.

Es stimmt aber, dass die Kirchenpachten zu den teuersten zählen, die ich im Betrieb bezahle. Die Bezeichnung »Preistreiber« ist in diesem Zusammenhang nicht passend, aber die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) steht bei den Pachtpreisen im Moment ziemlich an der Spitze.

Warum ist das Kirchenland so teuer?
von Rümker:
Bis vor ein paar Jahren waren die Pachtpreise bei der Kirche noch relativ niedrig. Das war für die EKM nicht rentabel. Mittlerweile sind die Pachterlöse eine sehr wichtige Einnahmequelle der EKM. Sie ist eine der größten Landbesitzer in Deutschland. Die EKM ist aber gut beraten, den Bogen bei den Pachtpreisen nicht zu überspannen.

Die Preise werden von den Bietern, also von Ihnen, den Landwirten, gemacht, argumentiert die EKM. Haben Sie da genügend Spielraum nach oben?
von Rümker:
Es gibt einen Mindestpreis, der ist mit 4,60 Euro pro Bodenpunkt für die Qualität des Pachtlandes festgeschrieben. Theoretisch sind bis zu 100 Bodenpunkte pro Hektar möglich. Im Raum Gotha ist der Hektar Land mit 60 Bodenpunkten bewertet. Das wären 276 Euro pro Hektar und, wie ich finde, eine verträgliche Pacht. Unser zuständiges Kreiskirchenamt hat aber bei den letzten Ausschreibungen über sieben Euro pro Bodenpunkt als Mindestpacht angesetzt. Nach den bisherigen Pachtvergabekriterien muss man noch mal 30 Prozent mehr bieten, um bei dem Kriterium Pachtpreis die Höchstpunktzahl zu bekommen. 550 Euro pro Hektar, das ist eine sehr hohe Pacht.

Ackerland ist begehrt und knapp. Da ist es normal, dass Käufer oder Pächter, in dem Fall die Landwirte als Bieter, den Preis in die Höhe treiben. Die Frage ist aber, von welchem Niveau man ausgeht. Der Mindestpreis im Kirchenkreis Gotha ist da schon sehr hoch.

Bei der Pachtvergabe spielen doch auch andere Kriterien eine Rolle. Aber scheinbar geht es nur noch um den Preis?
von Rümker:
Zunächst bemüht man sich als Bieter, in allen Bereichen eine hohe Punktzahl zu bekommen: Kirchenzugehörigkeit, Ortsansässigkeit oder bei der Bewirtschaftungsweise. Aber das Zünglein an der Waage ist eben häufig der Pachtpreis. Da sind mitunter wenige Vergabepunkte entscheidend.

Der Bauernverband kämpft natürlich für seinen Berufsstand und versucht, den Preis zu drücken. Welchen Ruf hat denn die Kirche als Verpächter unter den Landwirten?
von Rümker:
Einige Kollegen waren schon ziemlich sauer, weil die Pachtpreise in vielen Fällen um 100 Prozent und mehr gestiegen sind. Die andere Seite ist, dass die Bauern das Land günstig pachten wollen. In der Vergangenheit war das auch so. Andererseits ist die EKM sogar dafür ausgezeichnet worden, dass sie nicht nur nach dem Höchstgebot ihr Land verpachtet, sondern auch andere Kriterien anlegt.

Es steht im Übrigen jedem frei, sich auf Kirchenland zu bewerben. Wer bisher Kirchenland gepachtet hatte, wird versuchen, dieses Land wieder zu bekommen. Aber ich kenne keinen Fall, wo das existenzgefährdend gewesen wäre, wenn ein Betrieb das Kirchenland nicht wieder pachten konnte.

Der Bauernverband warf der EKM vor, mit der Vergabepraxis vor allem Großbetrieben und Investoren in die Hände zu spielen?
von Rümker:
Das halte ich für ziemlichen Unsinn. Zum einen spielt die Betriebsgröße bei der Pachtvergabe gar keine Rolle. Der 30-Hektar-Betrieb hat genau die gleichen Chancen wie das 3 000-Hektar-Agrarunternehmen. Investoren haben schon allein wegen der vorgegebenen Ortsansässigkeit in der Regel schlechtere Chancen.

Gibt es vergleichbare Verpächter und warum sind die scheinbar günstiger?
von Rümker:
Bisher gab es die Bodenverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft (BVVG), die lag bei den Preisen noch höher als die EKM. Die BVVG wickelt sich aber allmählich ab, indem sie das Pachtland verkauft. Weitere große Landbesitzer gibt es in Thüringen und Sachsen-Anhalt meines Wissens nicht. Ich möchte aber nochmal betonen, dass es die unternehmerische Entscheidung eines jeden Landwirts ist, sich um Pachtland zu bewerben. Keiner wird gezwungen, Land zu einem Preis zu pachten, den er nicht erwirtschaften kann. Es ist bitter, wenn man Land verliert. Mir ist es vor zehn Jahren auch so gegangen. Da habe ich ein Viertel der Betriebsfläche verloren. Als Unternehmer bin ich gefordert umzustrukturieren, beispielsweise Maschinen zu verkaufen.

Sie sind Vorsitzender des Gemeindekirchenrates der Stadtkirchengemeinde in Gotha. Sind Sie als Pächter von Kirchenland da nicht befangen?
von Rümker:
Die Stadtkirchengemeinde Gotha besitzt nur relativ wenig Ackerland. Wenn es ausnahmsweise mal darum geht, halte ich mich natürlich raus. Das Kirchenland, das ich bewirtschafte, gehört den Kirchengemeinden rund um Friedrichswerth, wo mein Betrieb liegt. Die Vergabe von Pachtland entscheidet das Kreiskirchenamt, zum Teil im Einvernehmen mit den Kirchengemeinden, nach den Richtlinien der EKM. Damit habe ich nichts zu tun.

Es bringt Ihnen keinen Wettbewerbsvorteil, dass Sie sich ehrenamtlich in der Kirche engagieren?
von Rümker:
Überhaupt nicht. Gerüchte gibt es immer wieder, dass ich als Mitglied der Landessynode und Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses Vorteile hätte. Glücklicherweise haben wir ein absolut transparentes Pachtvergabeverfahren. Und wir versuchen gerade durch die Evaluierung, dieses Verfahren zu verbessern. Die Ergebnisse dieses Prozesses werden in der Herbstsynode der EKM vorgestellt und diskutiert.

Stellungnahme

Landwirtschaftsämter müssen Pachtverträge genehmigen

Für ihr Pachtvertragswesen hat die EKM 2015 den 1. Preis beim Wettbewerb »BodenWertSchätzen« der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und des Rates für Nachhaltigkeit bekommen. Auch andere Landeskirchen und Kommunen interessieren sich für das Pachtvergabeverfahren der EKM, weil es eben mehr berücksichtigt als nur das Geld. Die EKM sieht sich damit auf dem richtigen Weg und will ihn auch weiter gehen: Dieses Verfahren wird zurzeit überarbeitet, um es noch besser und transparenter zu machen. Die Pachtpreise für landwirtschaftliche Flächen der Kirchengemeinden und Pfarreien in der EKM werden nicht einseitig festgesetzt; vielmehr wird der Pachtpreis von den Pächtern im Rahmen des kirchlichen Pachtvergabeverfahrens selbst angeboten. Wir gehen davon aus, dass angesichts der vielfältigen Betriebs- und Bewirtschaftungsformen der jeweilige Landwirt am besten weiß, welche Pacht er mit seinem Betrieb auf der konkreten Fläche zu erwirtschaften in der Lage ist.

Einzige preisliche Vorgabe im Verfahren ist – als Voraussetzung zur Teilnahme am Pachtvergabeverfahren – der Mindestpachtzins. Dieser wird von den Kreiskirchenämtern vor Beginn der Ausschreibung festgesetzt. Die Höhe soll sich am Durchschnitt der Pachtpreisangebote aus dem vorangegangenen Pachtvergabeverfahren in dem Gebiet orientieren. In der überwiegenden Mehrzahl der Pachtvergabeverfahren werden von den Pachtinteressenten höhere Pachten angeboten. Des Weiteren ist zu beachten, dass Pachtverträge von den staatlichen Landwirtschaftsämtern genehmigt werden und auch insofern eine Kontrolle besteht, die bei tatsächlich bestehender Unangemessenheit der Pachtpreise einen Vertragsabschluss verhindern würde.

Schlussendlich ist der Pachtzins nicht nur eines von mehreren Differenzierungskriterien, sondern auch ein sehr wichtiges Mittel zur Erfüllung kirchlicher Arbeit und bleibt dabei sogar noch im Kirchenkreis bzw. direkt vor Ort in der Kirchengemeinde: Die Einnahmen dienen der Finanzierung des Verkündigungsdienstes und kommen der Bauunterhaltung und der Kirchengemeinde selbst zugute.

Frank Henschel, Referat Grundstücke der EKM

Lutherbibel: Der Hirsch schreit wieder

14. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Die neue, alte Bibel: Der Thüringer Altbischof Professor Christoph Kähler leitete die Überarbeitung, an der 70 Experten beteiligt waren. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Professor Kähler, was ist neu an der revidierten Lutherbibel?
Kähler: Es ist wieder etwas mehr Luther drin. Wir haben schätzungsweise bei einem Drittel unserer 16000 Änderungen wieder den Text hergestellt wie ihn Luther konzipiert hat. Zweitens ist die revidierte Fassung eine genauere Übersetzung des griechischen und hebräischen Textes. Wenn Luthers ursprünglicher Text den Ausgangstext sorgfältiger wiedergegeben hatte, dann stellten wir seine Übersetzung wieder her. Wir sind näher bei Luther und näher bei dem Ausgangstext, also näher bei dem Urtext.

Können Sie einige Textbeispiele nennen, wie sie vor der Revision lauteten und wie Sie übersetzt haben?
Kähler: Ja, am einfachsten ist Psalm 42: “Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.” So lesen wir es jetzt in unseren Bibeln. Luther hatte sich aber genauer an das Hebräische gehalten und das gleiche Verb gleich wiedergegeben: “Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott zu dir.” In dieser Revision kehren wir zum alten Wortlaut zurück. Das hat den Vorzug, dass das Bild einer schreienden Seele unterstreicht, wie elementar die Not ist, die der Psalmbeter ausdrückt.

In der Matthäus-Fassung der Sturmstillung steht jetzt nicht mehr, dass sich ein Sturm erhebt (Mt 8,24). So steht es nicht im griechischen Text. Darum hatte Luther übersetzt: »Da erhob sich ein groß Ungestüm im Meer.« Diese Formulierung ist heute schwer verständlich.

Wir haben jetzt an diese Stelle gesetzt: “Da war ein großes Beben im Meer.” Das „große Beben im Meer“ ist genauer am Text dran: Es beschreibt die Katastrophen der Endzeit, wie Matthäus sie sieht, und beschreibt damit genauer das, was im griechischen Text steht.

Auf der Wartburg übergab Altbischof Christoph Kähler (li.) vor einem Jahr die neue Lutherbibel an den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm. Foto: epd-bild/Sascha Wilms

Auf der Wartburg übergab Altbischof Christoph Kähler (li.) vor einem Jahr die neue Lutherbibel an den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm. Foto: epd-bild/Sascha Wilms

An anderen Stellen haben wir Korrekturen zurückgenommen. In der Offenbarung, Kapitel 2, Vers 9, und Kapitel 3, Vers 9, ist 1956 übersetzt worden: »Synagoge des Satans«. Das kann zu schrecklichen Missverständnissen führen. Luther selbst sprach von einer »Schule des Satans«, was andere Missverständnisse nahelegt. Deshalb haben wir das griechische Wort Synagoge wörtlich übersetzt als »Versammlung« des Satans. Aber eben nicht Kirche oder Moschee oder Synagoge des Satans. Sondern es ging darum: Da gibt es eine Gruppe, die von dem Seher in der Offenbarung als eine Versammlung angesehen wird. Sie behaupten, sie seien Juden, sie sind es aber nicht, sie sind eine Versammlung des Satans.

Und bei den Paulus-Briefen ist aus der Anrede “Liebe Brüder” sogar “Liebe Brüder und Schwestern” geworden…
Kähler: Ja, im Griechischen ist das Wort für Brüder und für Schwestern fast dasselbe Wort. Es gibt nur verschiedene Endungen. Im deutschen Sprachgebrauch sind Brüder und Schwestern sehr verschiedene Worte. Deswegen haben wir gesagt: Wenn Paulus ganze Gemeinden anredet, die aus Frauen und Männern bestehen, dann muss das heute hörbar werden und vom Sinn her übersetzt werden. So hat Luther auch an vielen Stellen gearbeitet. Dann muss man die »Brüder und Schwestern« übersetzen. Das machen übrigens die beiden anderen großen deutschen Gebrauchsbibeln genauso: Die Zürcher Bibel 2007 und die kommende revidierte Einheitsübersetzung, die 2017 erscheinen wird. Die reden auch von Brüdern und Schwestern, weil wir wissen, dass Frauen dabei gewesen sind, zum Teil in leitenden Funktionen, was man gelegentlich übersehen hat.

Ich könnte mir aber vorstellen, dass das manche bibeltreue Christen empört…
Kähler: Wir haben in der Regel keine weiblichen Ausdrücke gewählt, wo sie nicht da sind. Aber wenn ganze Gemeinden angeredet werden, von denen wir wissen, dass Frauen führende Funktionen hatten, können wir nicht so tun, als ob es nur Männer gegeben hat. Natürlich steht im griechischen Text nur der Begriff für Brüder. Aber der ist dem Begriff für Schwestern so ähnlich, dass damals jedenfalls Frauen sich mit gemeint gefühlt haben. Das ist in Deutschland noch bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts der Fall gewesen. Aber wenn wir “Brüder” anreden, hören Frauen heute nicht mehr, dass sie da auch noch gemeint seien. Das ist die Wirklichkeit der Gemeinde, die ich als Pfarrer wahrnehmen muss. Ich muss den Frauen signalisieren, damals sind die Frauen mit angeredet worden, sie hatten wichtige Funktionen in den Gemeinden. Paulus hat eine Frau wie Phöbe, die in Kenchreä Gemeindeleiterin war, als seine Patronin bezeichnet. Das muss man irgendwie wiedergeben können.

Ja, ich denke, zur Bibeltreue gehört, dass man wie Luther den Sinn der Bibel wiedergibt und nicht nur den Wortlaut.

Das Dolmetschen war für Luther und seine Mitstreiter ein mühsamer Prozess. Sie haben um die Worte gerungen. Wie war das in dem Team von 70 Experten?
Kähler: Wir sind ähnlich wie Luther vorgegangen. Einer hat sich zu Hause an den Schreibtisch gesetzt und ist mühsam Wort für Wort durchgegangen: Ist das noch sinnvoll und korrekt oder müssen wir anders formulieren? Wir hatten ausführliche schriftliche Vorlagen, eine Tabelle mit dem griechischen oder hebräischen Text, der katholischen Einheitsübersetzung, der reformierten Zürcher Bibel, Luthers Fassung von 1545, also der letzten, die er noch gesehen hat, und der Revision von 1984, also der, die im Moment im gottesdienstlichen Gebrauch ist. Dann ist der Bearbeiter eines Bibelabschnittes mit seinem Übersetzungsvorschlag in seine sechs- bis zehnköpfige Gruppe gegangen. Diese hat entweder gesagt: Was der Bearbeiter gedacht hat, leuchtet uns ein. Das machen wir genau so, wie er es vorschlägt. Oder sie haben gesagt: Das Problem, das der Bearbeiter anzeigt, ist ein Problem, aber seine Lösung ist nicht gut, deswegen haben wir an der Stelle einen anderen Vorschlag. Oder: Der alte Text ist besser, darum bleiben wir dabei.

Die Gruppe hat dann ihrerseits ihre Entscheidung begründet und ihre Vorlage mit neuen Tabellenspalten in den Lenkungsausschuss gegeben. Der Lenkungsausschuss hat dasselbe wie die Gruppe gemacht. Er hat gesagt: Der Vorschlag der Gruppe leuchtet uns ein. Das machen wir. Oder er hat gesagt: Das Problem braucht eine andere Lösung. Entweder haben wir die eingesetzt oder gesagt, das hat Luther so gut übersetzt, das kann gar nicht verbessert werden, das bleibt so, wie es ist. Wir haben sehr viele Vorschläge abgelehnt. Wir haben im Lenkungsausschuss sehr darauf geachtet, dass wir möglichst nahe bei Luther bleiben.

Es gab auch Texte, die für Streit und Diskussion gesorgt haben?
Kähler: Problematisch war für uns die Frage, wie wir das Vaterunser übersetzen. Es ging vor allem um die Frage, ob wir übersetzen: “Erlass uns unsere Schulden” oder “Vergib uns unsere Schuld”. Der Lenkungsausschuss hat dann endgültig entschieden: Wir bleiben bei dem Vaterunser-Text. Weil das, was im Griechischen steht, zwar im Plural formuliert ist, aber im Deutschen sind Schuld und Schulden als Plural zwei ganz verschiedene Begriffe geworden. Schuld ist etwas Moralisches, Ethisches, eine Verfehlung. Und Schulden sind Finanzverbindlichkeiten. Es geht primär um die Schuld vor Gott, die man im Deutschen nur in der Einzahl bezeichnen kann. Deswegen sind wir dabei geblieben, auch wenn die Einheitsübersetzung und die Zürcher Bibel es anders machen. Damit man vergleichen kann, haben wir in der Lutherbibel eine Anmerkung gemacht, dass man wörtlich übersetzen kann: “Erlass uns unsere Schulden.”

An anderen Stellen war die Frage, ob wir bei “Heiland” bleiben oder eine andere Übersetzung wählen. Die andere Übersetzung wäre “Retter” gewesen. “Euch ist heute der Retter geboren.” Wir wollten das Wort “Heiland” im Deutschen nicht verlieren. Es ist eine altertümliche Vokabel. Die wird heute wenig gebraucht. Aber wir meinten, dass im “Heiland” mehr drinsteckt, das Heil, sodass wir den “Heiland” belassen und nicht durch “retten” und “Retter” ersetzt haben.

Eher am Rande gab es ein bisschen Streit zwischen den Nordlichtern und denen, die jetzt im Süden wohnen, ob wir wie Luther von dem Wassergefährt auf dem See Genezareth sagen, dass das ein Schiff ist. So hat Luther übersetzt. Oder ob wir bei Boot bleiben? So hat man das vor 50 Jahren konsequent geändert. Leute, die eher im Norden zu Hause sind, haben gesagt: Also das ist wirklich nur ein Boot, mit dem die über den See geschippert sind, aber doch kein Schiff. Ein Schiff ist etwas anderes als ein Boot. Wenn man sich heute die Boote anguckt, mit denen die auf dem See Genezareth gefischt habendann ist ganz klar nach unserem Sprachgebrauch ein Boot. Daher bleiben wir bei dieser Bezeichnung.

Was Sie schildern, sind Streitpunkte um einzelne Worte?
Kähler: Ja. In der Regel haben wir uns kaum noch darum streiten müssen, wie wir mit ganzen Sätzen umgehen? Den Streit gab es vor 50 Jahren. Damals ging es um die Frage, ob man sozusagen das moderne Deutsch spricht, in dem Verben ziemlich konsequent an einer bestimmten Stelle im Satz stehen? Wenn ich einen Nebensatz bilde, dann wird in der Regel das Verb an das Ende des Nebensatzes gestellt: “Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt”, so hat man vor 50 Jahren formulieren wollen. Die Umstellung an den Anfang des Satzes ist aber inzwischen von Germanisten sehr wohl als eine Stilmöglichkeit wieder anerkannt. Man darf auch sagen: “Was ihr getan habt einem von meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.” Und die Betonung, die dann eher auf den “geringsten Brüdern” liegt, diese deutsche Betonung, die wollten wir erreichen. Also haben wir die etwas größere Freiheit im Satzbau Luthers wieder aufgenommen. Weil wir inzwischen vorzügliche Germanisten und Linguisten kennen, die uns sagen: Das Idealmaß, die eine deutsche Sprache, nach der sich alle und immer richten müssen, auch in Luthers Bibel, dieses Ideal, das ist unrealistisch und engt die lebendige Sprache unnötig ein.

Was glauben Sie, wie wird diese revidierte Lutherbibel bei der jüngeren Generation ankommen?
Kähler: Es gibt, um ein Extrembeispiel zu nennen, die sogenannte “Volxbibel”, die versucht, den Rapper-Slang nachzumachen. Die hat den Anfang von Psalm 23 “Der Herr ist mein Hirte” so wiedergegeben: “Gott höchstpersönlich ist mein Dauergastgeber [whoa]« – ich kenne keinen Jugendlichen, der sich mit dieser Sprache völlig identifiziert. Wenn man das einmal vorträgt, dann finden das manche ganz lustig. Aber ist es wichtig? Und: Kann man sich den ganzen Psalm merken?

Viele Erfahrungen in den Gemeinden lauten: Wenn wir Konfirmanden und Schüler sorgfältig einführen und sie nicht allein lassen mit der “Lutherbibel”, dann hören sie daraus, dass es um etwas ganz Besonderes geht, was auch eine besondere Sprache hat. Das muss man miteinander besprechen. Ich weiß, dass manche Sätze von den Konfirmanden und von jüngeren Schülern nicht sofort aufgenommen werden können. Gut. Damit muss man umgehen. Für Leute, die nur mit einem moderneren Deutsch klarkommen, braucht man Einstiegsbibeln, die das Lesen erleichtern. Dafür gibt es inzwischen gute Beispiele.

Für mich hat die sprachlich beste Form die Basis-Bibel. Relativ gut ist die Gute-Nachricht-Bibel, die verbessert wurde. Sie war zum Teil problematisch, ist aber im Lauf der Zeit sehr viel zuverlässiger und sorgfältiger geworden. Aber die Grunderfahrung ist die, dass Leute die es ernsthaft meinen, irgendwann endgültig zu Luther zurückfinden.

Vielleicht kann man so viel sagen: Die Lutherbibel hat ein bestimmtes Profil. In den Buchhandlungen werden heute über 40 verschiedene Übersetzungen der Bibel angeboten. Es ging nicht mehr darum, die Lutherbibel zu der einen einzigen Gebrauchsbibel in der evangelischen Kirche zu machen. Das schaffen wir nicht. Wir haben drei große Gebrauchs-Bibeln in Deutschland: Die reformierte Zürcher Bibel, die katholische Einheitsübersetzung und die Lutherübersetzung. Wir wollten das Profil der Lutherbibel schärfen. Wo ernsthaft gelesen und nachgedacht wird, erweist sich die Lutherbibel als unverzichtbar. Die ist nach wie vor ein Wurf, den nicht wir, sondern Luther und seine Mitarbeiter geschaffen haben.

Sie blicken ganz zufrieden auf Ihr Werk?
Kähler: Also, man muss dazu das sagen, was auch andere zur revidierten Einheitsübersetzung gemeint haben und was auch die Zürcher zu ihrem Werk sagen: Es gibt nicht die perfekte Bibel-Übersetzung. Wir haben zum Teil schnelle Entscheidungen gefällt. Auch wenn wir sie gründlich vorbereitet haben, wird es immer mal ein Ungenügend geben. Jetzt, wenn ich einzelne Kapitel insgesamt durchgehe, gibt es Entscheidungen, von denen ich sage: Nun ja, die hätten wir vielleicht anders fällen können oder die hätten wir gar nicht fällen müssen oder wir hätten gut beim alten Text bleiben können. Insgesamt aber bin ich froh und zufrieden über das, was geleistet worden ist. Es ist ein besserer Text geworden nach diesen beiden Kriterien: Mehr Luther, und er ist genauer und an manchen Stellen auch deutlich lesbarer geworden.

Wann wird es die nächste Revision geben?
Kähler: Das weiß ich nicht. Eine Bibelübersetzung muss etwa alle zwei Generationen lang auf den Prüfstand gestellt werden, weil es neue Erkenntnisse der Wissenschaft gibt. Auch die Sprache kann sich so verändern, dass Ausdrücke so missverständlich geworden sind, dass man sie nicht weiter verwenden kann.

Unterwegs mit Luther zum Papst

10. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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1 000 Pilgernde aus Mitteldeutschland auf ökumenischer Romfahrt: »Wenn am Montagabend der Eröffnungsgottesdienst beginnt, dann beginne ich zu chillen«, sagt Peter Herrfurth, der Landesjugendpfarrer der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und einer der Organisatoren dieser besonderen Reise.

Bis zum ersten »Halleluja« haben die zum überwiegenden Teil aus Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg stammenden Teilnehmer aber noch eine 30-stündige Busfahrt vor sich. In elf mitteldeutschen Städten starten am Sonntag 20 Busse mit insgesamt 1 000 Teilnehmenden zwischen sechs und 80 Jahren.

Der ökumenische Gottesdienst in der Kirche Santa Sabina bildet am Montag in Rom den Auftakt der achttägigen Pilgerreise »Mit Luther zum Papst«. Annette Schavan, die Schirmherrin der Pilgerfahrt und deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl, nimmt ebenso daran teil wie die evangelische Landesbischöfin Ilse Junkermann, der katholische Bischof Gerhard Feige und der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig.

Vor fast 500 Jahren kamen aus dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts Martin Luthers 95 Thesen und trugen maßgeblich zur Kirchenspaltung bei. 2016 bringen die »Mit-Luther-zum-Papst«-Pilger neue, moderne Thesen mit nach Rom. Die Thesen zur Ökumene, zur Bewahrung der Schöpfung oder zum christlich-jüdischen und christlich-muslimischen Dialog wurden vor der Fahrt gesammelt, in einem großen Buch im DIN-A-2-Format gebunden und werden Papst Franziskus überreicht.

Landesbischöfin Ilse Junkermann ist gespannt auf die Reaktion des katholischen Kirchenoberhauptes. Es gebe viel Verbindendes zwischen dem Papst und den Protestanten, findet die Bischöfin. »Er tritt vehement ein für Barmherzigkeit und Mitmenschlichkeit. Er ergreift klar Partei für Flüchtlinge, für Arme, für Gefangene und für alle, die zu kurz kommen. Jemanden mit solcher Herzensüberzeugung und Charisma zu erleben, dessen Wort noch dazu weltweit gehört wird, das ist etwas Besonderes. Auch für Protestanten!«

Die moderne Thesensammlung ist ein Angebot zum Gespräch. »Wir laden ein zum Disput«, sagt Christoph Tekaath. Beim Diözesanjugendseelsorger des Bistums Magdeburg laufen sämtliche organisatorischen Fäden zusammen. »Luther wollte diskutieren und das wollen wir auch! Wir wollen keine neuerliche Spaltung, sondern eine neue Annäherung. Deshalb fahren wir aus dem Lutherland nach Rom.«
Blick-41-2-2016»Mit Luther zum Papst« ist weit mehr als eine touristische Reise mit der obligatorischen Audienz auf dem Petersplatz. Rom nehme sehr wohl wahr, dass die 1 000-köpfige ökumenische Pilgergruppe aus dem säkularen Mitteldeutschland etwas Ungewöhnliches sei, sagt Tekaath, mahnt aber gleichzeitig auch Bescheidenheit an. »Gerade im Heiligen Jahr sind wir trotz der Größe nur eine von vielen Pilgergruppen. Aber der Anlass ist doch etwas Besonderes und das macht ein wenig stolz.«

Matthias Kopischke, Pfarrer für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Evangelischen Landeskirche Anhalts, findet, die Reise nach Rom ist ein Signal, dass »evangelische und katholische Geschwister bereits jetzt gut zusammenarbeiten«. Wie viele der Pilgernden übrigens evangelisch oder katholisch sind, beziehungsweise gar keinen Glauben haben oder anderen Religionen oder Konfessionen angehören, ist nicht bekannt. »Diese Angabe wurde bei der Anmeldung bewusst nicht abgefragt«, sagt der anhaltische Jugendpfarrer.

Die letzte organisatorische Etappe vor der Abfahrt am Sonntag war Anfang Oktober das Teamer- und Mitarbeiterwochenende in der katholischen Bildungsstätte St.-Michaels-Haus in Roßbach bei Naumburg.

Fünfzig junge Leute zwischen 18 und 30 Jahren werden die 1 000 Pilgernden begleiten; sie wurden auf ihre Aufgaben als Ansprechpartner im Bus, bei Workshops, zu Vorträgen an den Stationen beim Sieben-Pforten-Weg vorbereitet. Der Sieben-Pforten-Weg ist ein modifizierter Pilgerweg auf Basis der »Siebenkirchenwallfahrt« zu den sieben Hauptkirchen Roms. Der berühmte Pilgerweg wurde ökumenisch ergänzt, indem zum Beispiel die Synagoge aufgenommen wurde, der erst im letzten Jahr eingeweihte Lutherplatz und die Christuskirche, Gottesdienstort der deutschen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Roms.

Bei aller ökumenischen Verbundenheit bleiben aber nach wie vor unüberbrückbare Gräben zwischen den beiden Konfessionen. Natürlich werde und könne es keine Mahlgemeinschaft geben, versichert Peter Herrfurth, »aber wir können immer wieder auf die schmerzhafte Wunde hinweisen«.

Der Landesjugendpfarrer hofft, dass in die Abendmahlsfrage Bewegung kommt und es vielleicht doch einmal zur gemeinsamen Feier kommen kann. »Wir sind auf dem Weg und vielleicht werden wir das gemeinsame Abendmahl noch erleben«, so Peter Herrfurth.

Thorsten Keßler

Bäcker Lück hört auf sein Brot

2. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Neuanfang: Annika und Sebastian Lück haben ihr Leben umgekrempelt. Sie betreiben seit einem halben Jahr eine kleine Bäckerei in Weimar. Die »Brotklappe« unterscheidet sich nicht nur im Preis von herkömmlichen Backstuben.

Der kleine Laden in der Trierer Straße 46 in Weimar füllt sich. An den Tischen vor dem Verkaufstresen sitzen junge Leute, eine Mutter mit Kind, ein älteres Ehepaar. Die drei jungen Frauen hinter dem Tresen haben alle Hände voll zu tun. Im Backraum im Untergeschoss wird geknetet, ausgerollt, belegt und gebacken. Es ist »Pizza-Night« in der »Brotklappe«. Ein willkommener Anlass, sich am Montagabend hier zu treffen, zu plaudern und zu genießen.

Seit gut einem halben Jahr betreiben Annika (43) und Sebastian Lück (41) die »Brotklappe«, einen kleinen Laden am Weimarer Stadtring, der ursprünglich eine Fleischerei und in den letzten Jahren oft verwaist war. Nun ist das Leben zurückgekehrt.

»Gutes Brot braucht Zeit«, sagt Sebastian Lück. Damit es seinen Geschmack entfalten kann, dauert die Produktion 36 Stunden. In der Nacht vor dem Backtag kommen die Laibe in den Kühlraum. »Dort entwickeln sie ihr Aroma.« Der angehende Bäckermeister kommt ins Schwärmen, wenn er über sein Brot berichtet. Er nimmt ein frisch aus dem Ofen gekommenes Brot aus dem Regal und hält es ans Ohr. »Es erzählt mir, ob es gelungen ist«, meint er und lächelt.

Auf die Krume kommt es an. Das Klappenbrot aus Sauerteig (oben) ist der Klassiker. Die »Brotklappe« hat ihren Namen noch aus den Anfängen, als die Bäckerleute Lück die Brote durch eine Kellerluke verkauft haben. Fotos: Dietlind Steinhöfel

Auf die Krume kommt es an. Das Klappenbrot aus Sauerteig (oben) ist der Klassiker. Die »Brotklappe« hat ihren Namen noch aus den Anfängen, als die Bäckerleute Lück die Brote durch eine Kellerluke verkauft haben. Fotos: Dietlind Steinhöfel

»Wir verwenden ausschließlich Sauerteig und haben eine bestimmte Vorstellung, wie die Krume aussehen soll«, so Lück. Dass dabei die Brote oft unterschiedliche Formen haben, sei normal. »Das Leben ist auch nicht immer gleich.« Wichtig sei, dass etwas Gutes dabei herauskommt. Teil davon ist die Auswahl des Mehles. Das kommt von einem regionalen Müller in Freyburg an der Unstrut. Die Mühle wird seit rund 120 Jahren mit Wasserkraft betrieben und verarbeitet das Korn mit alter Technik. »Der Müller weiß, wie Sauerteig funktioniert, er hat ein Gefühl für das Getreide und die Mischung«, erläutert Sebastian Lück. Seine Zulieferer sind aus der Region.

Das Regionale spielt für Lücks eine große Rolle, keine langen Wege und das Wissen, woher die Zutaten kommen. All das hat seinen Preis. Ein Brot kostet zwischen 6 und 9 Euro. Doch die Backwaren sind trotzdem gefragt, gerade bei jungen Kunden und Familien. »Kinder fahren auf das Brot ab«, meint Lück.

Die Kundin Selda Hamdemir konnte jahrelang kein Brot mehr essen. »Ich habe den Geruch nicht vertragen«, sagt die 41-Jährige. Als die »Brotklappe« öffnete, hat sich das schlagartig geändert. »Ich bin nicht reich, aber ich weiß, was ich essen möchte. Lieber weniger, aber gut.« Selda Hamdemir, Mutter von vier Kindern, schmiert nun »mit Freude und gutem Gewissen« die Schulbrote. »Das ist ehrliches Brot«, sagt sie. Jedes habe seine eigene Note. Sie komme gern in die »Brotklappe«.

Das hat mit der Philosophie zu tun, welche die Familie motiviert. Denn ursprünglich kommen Annika und Sebastian Lück aus ganz anderen Berufen. Er war 20 Jahre im Handel beschäftigt, Vertrieb und Unternehmensaufbau. Annika ist gelernte Fremdsprachenkauffrau, war im Marketing und in der Unternehmenskommunikation tätig. »Wir haben gut verdient, konnten uns viel leisten«, sagt sie. Aber sie seien mit den Berufen nicht verbunden gewesen.

»Wir waren auf der Suche nach etwas, das zu uns passt«, wirft Sebastian ein. Schon seit drei Jahren hatten sie die Idee für eine Backmanufaktur. In der ehemaligen Fleischerei in Weimar fanden sie ideale Bedingungen. Es gab genug Platz und vor allem bereits Produktionsräume mit Wasser- und Stromanschluss, sodass keine Umbauten nötig wurden. Aus einem großen Haus ist die Familie in eine kleine Wohnung unweit des Ladens gezogen.

Ruheraum: »Gutes Brot braucht Zeit«, meint Bäcker Sebastian Lück. Die Teiglinge dürfen sich ausruhen.

Ruheraum: »Gutes Brot braucht Zeit«, meint Bäcker Sebastian Lück. Die Teiglinge dürfen sich ausruhen.

Es war ein Loslassen, um sich neu zu orientieren. Es habe sie die Frage umgetrieben: »Was wollen wir mit unserem Leben anfangen?« Der Schritt aus der finanziellen Sicherheit in die Selbstständigkeit sei auf manches Unverständnis gestoßen, erzählt Annika Lück. Aber das Haben sei nicht wichtig, betont die evangelische Christin, der ihr Glaube viel bedeutet und sicher auch Motivation ist. Der Laden vereint Familie und Beruf. Die drei Kinder seien groß genug – zwischen 16 und 9 Jahren – dass so ein Schritt möglich wurde. Zumal die Eltern im Laden immer für die Kinder erreichbar seien.

Nicht nur Brot, auch »Zimtknut«, ein Weizen-Dinkel-Gebäck, hat Annika Lück (links) im Angebot.

Nicht nur Brot, auch »Zimtknut«, ein Weizen-Dinkel-Gebäck, hat Annika Lück (links) im Angebot.

In ihrem gemeinsam geführte Unternehmen sind die Aufgaben klar verteilt: Sebastian ist für das Brot zuständig, Annika für die Kundenkommunikation und den Verkauf. Rund 10 Mitarbeiter sind beschäftigt. Selbst die Kinder helfen schon mal mit.

Der Bäcker geht die paar Stufen ins Untergeschoss, um das Gebäck im Ofen zu kontrollieren. »Zimtknut« und »Babaka«, ein Dinkel-Weizen-Gebäck, – alle Backwaren sind Eigenkreationen – verströmen einen angenehmen Duft. In einer Dose wächst der Sauerteig. »Der ist hungrig und mag es warm. Und er mag gute Musik, ist ja ein Lebewesen«, meint Sebastian Lück. Dann kommt er wieder auf seine Philosophie zu sprechen. Es sei doch die Frage, wie man leben und arbeiten will. »Wir haben uns den Arbeitsplatz nach unseren Vorstellungen gestaltet. Es geht im Wesentlichen darum, was uns alle umtreibt: eine sinnstiftende und zufriedenstellende Tätigkeit und Zeit für die Familie zu haben.« Das Brot sei Mittel zum Zweck.

»Wenn wir hier auf der Erde weiter leben wollen, kann es nicht nur um den Preis einer Ware gehen.« Viel zu kaufen für wenig Geld stehe dem entgegen, das könne nicht ressourcenschonend sein. Veränderung wachse aus dem Kleinen heraus und erfasse nicht gleich den Großteil der Menschen.

Dietlind Steinhöfel

Fluchtgeschichten: Ereignisse, die verbinden können

26. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Flucht und Vertreibung – ein Thema so alt wie die Menschheit. Das Erlebte zu verarbeiten ist schwer. Um Begegnung und Austausch geht es bei einem kirchlichen Projekt im Harz. Flüchtlinge von einst und jetzt erzählen ihre Geschichte.

Was bedeutet es, wenn man vertrieben wird? Viele Menschen können davon erzählen. Das hat Vikarin Ann-Sophie Schäfer in Benneckenstein (Kirchenkreis Halberstadt) erfahren. »Wer sich für die alten und neuen, die schmerzhaften und hoffnungsvollen Erzählungen von Flüchtlingen interessiert, der hat die Chance auf echte Begegnung. Der kann den anderen mit seiner Geschichte begreifen und vielleicht auch ein Stück der eigenen Geschichte neu verstehen.«

Mitglieder der Familien, die im alten Pfarrhaus in Benneckenstein leben, Syrer aus Wernigerode und Mitglieder einer syrischen Musikgruppe. Hintere Reihe (von links): Aseel und Jawaher, Vikarin Ann-Sophie Schäfer, Khaled, Alaa. Vordere Reihe (von links): Khitam mit Firas, Samir, Farkhozad und Übersetzerin Amel Kühne. Fotos: Diana Steinbauer

Mitglieder der Familien, die im alten Pfarrhaus in Benneckenstein leben, Syrer aus Wernigerode und Mitglieder einer syrischen Musikgruppe. Hintere Reihe (von links): Aseel und Jawaher, Vikarin Ann-Sophie Schäfer, Khaled, Alaa. Vordere Reihe (von links): Khitam mit Firas, Samir, Farkhozad und Übersetzerin Amel Kühne. Fotos: Diana Steinbauer

Die Vikarin hat zusammen mit 15 Freiwilligen einen Abend zum Thema »Fluchtgeschichten« organisiert. Der Interkulturelle Abend im April 2015 war ein voller Erfolg. Sechs Fluchtgeschichten wurden auf Arabisch und Deutsch vorgestellt. Eine syrische Band spielte, die Harzer Heimatgruppe trat auf und beim interkulturellen Buffet konnte man sich begegnen.

»Wir waren eine kleine Gruppe von vier jungen Männern, die sich schon länger mit Fluchtplänen befasst hatte …« Diese Geschichte, die hier ihren Anfang nimmt, spielt nicht heute, sondern vor über 40 Jahren mitten in Deutschland, an der deutsch-deutschen Grenze.

Einer von uns hatte sich bei einem Westbesuch die Grenze von der Westseite aus ansehen können und eine Landkarte vom Westharzland mitgebracht. Dort waren noch alle Vorkriegswege eingezeichnet, und wir konnten sie mit unserer Ostkarte abgleichen und so einen für uns günstigen Weg aussuchen. Wie wir leider feststellen mussten, war einer von uns ein Verräter, er wurde als Spitzel von uns enttarnt. So kam es, dass wir früher fliehen mussten als geplant. Wir packten unsere Sachen und es ging um 20 Uhr zu Fuß Richtung »Drei Annen« los. Wir wählten dann den nach unserer Vorstellung sichersten Weg über die »Steinerne Renne«, dann Richtung Ilsenburg und Brockenmoor, und schließlich Richtung Eckertalsperre-Torfhaus. Wir waren vorsichtig und leise.

Anonym

Flucht ist oft lebensgefährlich. Davon berichtet die 1944 in Elbingerode geborene Person, die nicht namentlich genannt werden will. Anonym wurde der Text an Ann-Sophie Schäfer weitergeleitet. Flucht ist nicht gleich Flucht und gesellschaftspolitische Hintergründe lassen sich nicht vergleichen. Aber einander Erlebtes zu erzählen, das bringt Menschen näher zueinander. Erzählen schafft Begegnung.

Mein Name ist Khaled, ich bin 1978 geboren – in der Stadt Abu Kamal. Sie liegt an der syrisch-irakischen Grenze und ist bis heute schwersten Bombardierungen ausgesetzt. In der letzten Zeit sind die Bombardierungen durch die Luftwaffe des Regimes und auch durch die russische Luftwaffe sogar noch heftiger geworden. Viele Menschen sind ums Leben gekommen oder durch den »Islamischen Staat« vertrieben worden. Ich und meine Frau haben uns schließlich entschlossen, Syrien zu verlassen, vor allem, weil es keine Schulen und keine Krankenhäuser mehr gab.

Wir haben uns mit dem Fahrer eines Kleinbusses geeinigt und sind eines Nachts aus Abu Kamal nach Al-Mayadin geflohen. Von dort haben wir die Wüstenstraße Richtung Aleppo genommen, wo die Menschen in die Türkei geschleust werden. Die Reise war immer wieder sehr riskant: Auf der einen Seite die Straßensperren des »Islamischen Staates« und auf der anderen Seite die Flieger, deren Brummen man nachts hörte. Unsere erste Reise dauerte neun Stunden, dann kamen wir endlich im syrisch-türkischen Grenzgebiet an. Wir fanden jemanden, der uns in die Türkei schleusen konnte. Zwischen Olivenbäumen liefen wir zehn Kilometer zu Fuß. Ab und zu gab es Bombardierungen in den nahegelegenen Gebieten. Wir hörten scharfe Schüsse und Artillerie. Unsere Kinder und wir hatten große Angst.

Khaled A.

Khaled A.

Khaled A.

Khaled und Farkhozad leben mit ihren Familien seit dem vergangenen Jahr im Oberharz. »Das erlebte Leid ist anders als das erzählte«, erklärt Khaled. Dennoch hat es beiden viel bedeutet, den Menschen im Oberharz von ihrem vorherigen Leben und den Umständen ihrer Flucht zu berichten. Sie möchten, dass die Menschen verstehen, warum sie ihre Heimat verlassen haben. Und sie wollen zeigen, dass sie sich wünschen, in Deutschland ganz anzukommen. Sie wollen nicht nur so schnell wie möglich die deutsche Sprache lernen, sondern die Menschen kennenlernen, die hier leben. Ihre Hoffnung ist es, besonders für ihre Kinder, ein Leben in Frieden zu führen.

Der Weg fort aus Syrien war furchtbar. Wir waren gezwungen, endlose Wege zu gehen, ohne das Gefühl zu haben, jemals das rettende Ufer zu erreichen. Uns erging es genauso wie vielen anderen Menschen auch. Wir sind schwer zugängliche Wege gegangen, überquerten Gewässer und Gebirge. Meine kleinen Kinder haben mir furchtbar leidgetan, vor allem wenn sie nicht mehr laufen konnten.

Drei Stunden trieben wir auf dem Wasser herum. Wir beteten zu Gott, dass er uns hilft. Einige von uns weinten. Plötzlich war da ein Journalist auf dem Wasser, der Fotos machte. Er hatte uns entdeckt. Wir haben angefangen, mit den Händen zu winken und lauthals zu schreien. Schließlich kam er uns zu Hilfe. Er zog uns bis ans Ufer. Dieser Mann, der uns geholfen hat, ist ein wunderbarer Mensch. Für mich war es ein schmerzlicher Tag, den ich nie in meinem Leben vergessen werde.

Farkhozad K.

Farkhozad K.

Farkhozad K.

»Ich weiß, wie sich das Leben als Flüchtling anfühlt. Wenn ich vom Krieg in Syrien und der Flucht höre, dann weiß ich, dass vor allem auch die Kinder davon nicht unberührt bleiben. Das bleibt. Ich war auch erst neun, Ende Mai 1945 wurde ich zehn Jahre. Das ist wie ein Kaleidoskop, wie ein wahrer Film, der bleibt.« Edith Lippe wurde vor 81 Jahren in Stolp in Pommern geboren. Am 8. März 1945, als die Russen von Osten schon nach Pommern vorgerückt waren, treckte endlich, doch viel zu spät, auch ihr Dorf Richtung Westen.

Es war eisig kalt, die Pferde rutschten bergauf auf der vereisten Straße aus. Vor dem Ort Putzig gerieten wir in die Kampfhandlungen. Ein unübersehbarer Treck von Flüchtlingen fuhr in Richtung Danzig. Alle wollten versuchen, auf ein Schiff zu kommen. Von Osten kamen uns russische Panzer entgegen und trafen auf die deutschen Truppen. Die schoben unsere Treckwagen in den Straßengraben. Die Geschosse flogen aus allen Rohren. Wir versteckten uns hinter aufgestapelten Holzstämmen. Meinem 11-jährigen Bruder flog eine Granate so knapp am Ohr vorbei, dass er wochenlang nichts hören konnte.

Edith Lippe

Edith Lippe

Edith Lippe

Als die kleine Edith 1947 nach der entbehrungsreichen Flucht mit der kranken Mutter und den Geschwistern im Oberharz ankam, spürte sie, dass sie hier nicht willkommen waren. Ein neues Leben anzufangen war nicht leicht in den schweren Jahren der Nachkriegszeit. Heute engagiert sich Edith Lippe mit ihrem Mann Hans-Henning in der Flüchtlingshilfe. Inzwischen sind sie, wie sie erzählen, für eine syrische Familie eine Art Großeltern geworden.

Und so klingen Fluchtgeschichten heute zusammen. Auch wenn die Schicksale so verschieden sind. »Ich finde, das ist jetzt ganz was anderes als damals bei uns. Wenn dort Krieg ist und sie flüchten, weil es um Leben und Tod geht, dann kann ich das gut verstehen, dass sie hierher kommen und dass die Leute auch freundlich sind zu denen. Das kann ich alles verstehen. Aber ich muss sagen: Wir hatten auch nichts und uns hat keiner was gegeben. Wir haben hier gehungert. Wir haben Kräuter gesucht, Brennnesseln, was man essen konnte. Das haben wir gesammelt und die Mutter hat dann Suppe davon gekocht. Es gab keine Kleiderkammer wie heute.« So sieht es Margot Papra.

Margot und Detlef Papra

Margot und Detlef Papra

Die gebürtige Schlesierin Margot Papra hat gemeinsam mit Sohn Detlef ihre ganz persönliche Geschichte der Flucht und Vertreibung aufgeschrieben. Detlef Papra war es auch, der diese beim Interkulturellen Abend in Benneckenstein vorlas. Er kennt die Geschichten aus der alten Heimat der Eltern und Großeltern, ist mit anderen Dialekten und schlesischer Küche aufgewachsen.

»Durch diesen Abend und dadurch, dass ich die Geschichte aufgeschrieben habe, ist mir das noch mal sehr bewusst geworden und hat für mich auch noch mal eine Verbundenheit mit der Heimat meiner Großeltern und Eltern gebracht. Ich habe mich mehr damit beschäftigt und auch ein anderes Verständnis für die Menschen bekommen, die heute auf der Flucht sind«, erklärt Detlef Papra.

Lebensschicksale lassen sich nicht einfach vergleichen. Die Hintergründe von Flucht und Vertreibung sind so verschieden wie die Menschen, die darunter leiden müssen. Aber das gegenseitige Erzählen und Anteilnehmen verbindet. So war es jedenfalls in Benneckenstein. »Einander von sich erzählen können, das hilft einfach«, sagt Ann-Sophie Schäfer.

Diana Steinbauer

»Ein Christ in der Kirche«

18. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Über 40 000 Menschen arbeiten ehrenamtlich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) als Kirchenälteste, Küster, Organisten, Glöckner oder in Chören. Sie helfen mit im Kindergottesdienst, beim Altennachmittag oder tragen den Gemeindebrief aus.

Auf der Zeitungsrolle am Briefkasten klebt ein etwas verblichener »Glaube + Heimat«-Aufkleber. An der Türklingel steht »Christ«. Hier bin ich richtig. Vermutlich hätte mir im 150-Einwohner-Dorf Hammerstedt (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt), zwischen Weimar und Jena gelegen, wohl auch jeder sagen können, wo Torsten Christ zu Hause ist. Er erwartet mich schon. Seine freundliche, offene und verbindliche Art kam ihm bei seiner bisherigen Tätigkeit entgegen. Torsten Christ war Versicherungsmakler und Finanzberater. Daneben ist der Familienvater ehrenamtlich in der Kirche tätig. Gemeindekirchenrat, Kreissynode, Lektorendienst, und er organisiert Gemeindeveranstaltungen.

Einmal im Monat hält Torsten Christ einen Gottesdienst im Kirchspiel Kapellendorf. Am liebsten in der Kirche seines Wohnortes Hammerstedt (Foto).

Einmal im Monat hält Torsten Christ einen Gottesdienst im Kirchspiel Kapellendorf. Am liebsten in der Kirche seines Wohnortes Hammerstedt (Foto).

Ohne die Familie geht es dabei nicht, meint er. Seine Frau backt nicht nur Kuchen fürs Gemeindefest, im Familienkreis werden auch die Gottesdienste, die Torsten Christ einmal im Monat hält, ausgewertet. Neben Familie und Kirche spielt für den gebürtigen Eisenacher auch der Sport eine große Rolle. Er läuft und ist fußballbegeistert. Vor zwei Jahren hat er das Pilgern für sich entdeckt. Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela habe ihn und sein Verhältnis zu Gott noch einmal stark verändert. Er habe diesen Weg als einen großen Segen empfunden. Seine Pläne wurden schon am ersten Tag über den Haufen geworfen, er habe Vertrauen gelernt und sich von Gott führen zu lassen, schwärmt er.

Dies helfe ihm im Alltag, vor allem in schwierigen Zeiten. »Getragen zu sein und ein Auffangnetz zu haben, wenn es mal abwärts geht«, das mache seinen Glauben aus. Die Balance zwischen Arbeit, Ehrenamt, Familie und individueller Freiheit bekomme er gut hin, meint Christ. »Erfolgreich ist, wer sein gesamtes Leben managt, nicht nur die Arbeit.« Da gehöre der Familienrat genauso dazu wie Dienstbesprechungen bei seiner neuen Tätigkeit als Geschäftsführer von mehreren Kirchengemeinden im Kirchenkreis Gotha.

Im Lot: Einen Ausgleich zu Arbeit und Ehrenamt findet Torsten Christ im Garten. Die Zeiten der Entspannung und Erholung plant er fest im Kalender ein. Fotos: Willi Wild

Im Lot: Einen Ausgleich zu Arbeit und Ehrenamt findet Torsten Christ im Garten. Die Zeiten der Entspannung und Erholung plant er fest im Kalender ein. Fotos: Willi Wild

Er versuche, seine Zeit qualitativ auszunutzen, ohne sich unter Druck zu setzen. »Im Moment vernachlässige ich den Sport, dann lebe ich eben mit acht Kilogramm zu viel. Ich weiß ja, wie ich den Zustand ändern kann«, sagt Christ augenzwinkernd. Der Glaube helfe ihm dabei, die Balance nicht zu verlieren. Bibellesen, Gebet und Gespräche mit anderen Christen. Weil er diese Erfahrungen weitergeben möchte und sich in der EKM gut aufgehoben fühlt, engagiere er sich in seiner Freizeit.

Glauben, Kirche und christliche Werte hat Torsten Christ erst bei seiner Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann kennengelernt. Sein Chef habe ihn als christliches Vorbild darauf neugierig gemacht. Torsten Christ fand dann einen Pfarrer, der sich für ihn und seine Glaubensfragen Zeit nahm. Er ließ sich taufen. Seitdem ist er aktiv in seiner Kirchengemeinde. Er liebäugelte mit dem Pfarrerberuf. Hat aber dann doch die Finanzbranche gewählt. Heute ist ihm klar, dass seine Aufgabe und Berufung in eine andere Richtung gehen.

Beim Pilgern auf dem Jakobsweg ist der Finanzfachwirt zur Ruhe gekommen. Pilgerstab und Jakobsmuschel erinnern ihn daran.

Beim Pilgern auf dem Jakobsweg ist der Finanzfachwirt zur Ruhe gekommen. Pilgerstab und Jakobsmuschel erinnern ihn daran.

Im Frühjahr tauscht er die Selbstständigkeit als Anlagenberater mit einer Projektstelle im Kirchenkreis Gotha. Als Geschäftsführer, so wie in früheren Zeiten die Kirchmeister, kümmert er sich jetzt um Finanzen, Baulasten, Personal sowie die Förderung und Entlastung des Ehrenamtes in Kirchengemeinden. Die Stadtkirchengemeinde Gotha und die Landkirchengemeinde Goldbach-Wangenheim mit neun Dörfern betreut er. »Wenn jemand die Finanzen und andere administrative Tätigkeiten verantwortet, haben die Pfarrerinnen und Pfarrer mehr Freiraum für Gemeindeaufbau, Seelsorge und Verkündigung«, erklärt Christ. Die Projektstelle ist auf fünf Jahre befristet. Schon jetzt würden positive Effekte seiner Arbeit sichtbar. »Bei Verhandlungen mit Firmen kann ich beispielsweise anders auftreten als ein Pfarrer«, so der Finanzfachwirt. Er sieht seine Aufgabe als ein geistliches Amt. Mit seinem Einsatz will er die Kirchengemeinden stärken. Außerdem hat er ein ehrgeiziges Ziel. In fünf Jahren soll sich seine Stelle selbst tragen. Bis dahin sei es allerdings noch ein weiter Weg.

Für Torsten Christ ist sein Nachname »der pure Segen«. Außerdem baue er ihm häufig eine Brücke zu Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche: »Ein Christ in der Kirche«, sagt er schmunzelnd. »Ich heiße ja nicht nur so, ich bin auch einer.«

Willi Wild

Popmusik fürs Kirchenvolk

11. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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»Oh happy day«: Am Wochenende treffen sich Gospelchöre aus ganz Deutschland in Braunschweig zum 8. Internationalen Gospelkirchentag, initiiert von der Creativen Kirche in Witten. Die »Singende Gemeinde« aus dem Ruhrgebiet hat auch für das Reformationsjahr 2017 Großes geplant.

Stellen Sie sich das mal vor«, jubelt Christian Gerhardus geradezu am Telefon, »für das Luther-Pop-Oratorium Ende Oktober 2017 in Berlin haben sich schon 1 200 Sänger angemeldet, obwohl die Werbung dafür noch gar nicht gestartet ist.« Gerhardus gehört zur Stiftung Creative Kirche in Witten, die »das Projekt der tausend Stimmen« organisiert. Berlin soll der krönende Abschluss werden. Acht Städte, zehn Aufführungen in den größten Hallen und eine vor der Schlosskirche in Wittenberg sind für das kommende Jahr geplant.

Musik der guten Nachricht: Das Evangelium steht im Mittelpunkt von Gospel. Wer einmal ein Gospelkonzert oder einen Gospel- gottesdienst miterlebt hat, weiß, wie expressiv und mit welchem Enthusiasmus Hoffnung und Dankbarkeit ausgedrückt werden. So auch bei diesen jungen Frauen beim Gospelkirchentag vor vier Jahren. Foto: Stiftung Creative Kirche

Musik der guten Nachricht: Das Evangelium steht im Mittelpunkt von Gospel. Wer einmal ein Gospelkonzert oder einen Gospel- gottesdienst miterlebt hat, weiß, wie expressiv und mit welchem Enthusiasmus Hoffnung und Dankbarkeit ausgedrückt werden. So auch bei diesen jungen Frauen beim Gospelkirchentag vor vier Jahren. Foto: Stiftung Creative Kirche

Bei der Creativen Kirche hat man Erfahrung mit musikalischen Großereignissen. Seit über 20 Jahren exportieren die »Creas« die Vision der »singenden Gemeinde«. Musikprojekte, Kinderbibelmusicals, Workshops, Chortage, Gottesdienste in neuer Form, die mit Popmusik Kinder, Jugendliche und Erwachsene berühren sollen. Was 1993 mit einer Idee der Diakone Ralf Rathmann und Martin Bartelworth begann, ist heute ein kleines Musikunternehmen im Ruhrgebiet, zu dem 22 Angestellte und viele Ehrenamtliche gehören.

Seit 2002 veranstaltet die Creative Kirche regelmäßig alle zwei Jahre den Gospelkirchentag an wechselnden Orten. Der 8. Internationale Gospelkirchentag ist diesmal in Braunschweig zu Gast. »Wir wollten einen Begegnungsraum und ein Forum für die vielen Gospelchöre schaffen«, erklärt Martin Bartelworth, der heute zusammen mit Ralf Rathmann Vorstand der Stiftung Creative Kirche ist.

Dass die Gospelchöre Unterstützung brauchen, wurde spätestens nach einer Befragung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD deutlich: 40 Prozent der Chorleiter gaben an, ohne Ausbildung, also Autodidakten zu sein. »Das war die Geburtsstunde der Evangelischen Popakademie«, so Bartelworth.

Im Herbst beginnt in Witten ein Studiengang, der speziell populär-musikalisch geprägt ist. »Wir wollen Glaube und Kirche attraktiv machen mit der Lebenskultur, mit der wir groß geworden sind. Das ist für uns die Popularmusik«, beschreibt er die Intention. Deshalb soll jetzt in Qualifizierung und Bildung investiert werden. Die Popakademie versteht er dabei nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zur klassischen Kirchenmusik.

Ein »blühendes Kreuz« als Symbol für die Auferstehung (re.) schmückte die Bühne. Fotos: Stiftung Creative Kirche

Ein »blühendes Kreuz« als Symbol für die Auferstehung (re.) schmückte die Bühne. Foto: Stiftung Creative Kirche

Vor sechs Jahren startete mit dem Pop-Oratorium »Die 10 Gebote« von Dieter Falk und Michael Kunze ein weiteres Projekt. In Zeiten, in denen Kirchenchöre Nachwuchssorgen plagen, gelang es, allein für die Uraufführung in der Dortmunder Westfalenhalle 2 500 ehrenamtliche Sänger zu gewinnen. Die Mischung aus Musical und Gospelkonzert kam an. Das soll im kommenden Jahr mit »Luther« noch getoppt werden.

Dass Projektchöre entstehen und wieder in der Versenkung verschwinden, findet Bartelworth nicht schlimm. »Jeder kann mitmachen und etwas Einmaliges erleben. Komm wie du bist, du bist willkommen, sagt Jesus«, und so laute auch das Credo der Creativen Kirche. Das sei zutiefst lutherisch, meint Bartelworth. Luther komponierte damals keine Klassik, sondern »Volks-Pop«. Der Diakon unterstreicht: »Es ging und geht um die frohe Botschaft des Evangeliums und um ihren auch musikalischen Sitz im Leben.«

Da gehörten die Choräle der alten Meister in neuen Arrangements genauso dazu wie Gospels, Worship und andere Stile.

Mit bis zu 5 000 Beteiligten zählt der Gospelkirchentag zu den größten Sängerfesten im Lande. Aber die Masse sei nicht entscheidend, meint Bartelworth. Es gehe vielmehr darum, dass Menschen gemeinsam Gottesdienst feiern – nach dem Motto, mit dem Besucher in den Räumen der Creativen Kirche in Witten empfangen werden: »Glauben singen. Glauben leben«. Kirche so zu gestalten, dass man guten Gewissens auch andere dazu einladen kann, sei das Ziel – im Kleinen wie im Großen.

Willi Wild

www.gospelkirchentag.de


www.creative-kirche.de


www.luther-oratorium.de


www.gospel.de

Beten und denken mit Gymnastik

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum Abschluss unserer diesjährigen Sommerinterview-Serie traf Angela Stoye Landesbischöfin Ilse Junkermann in ihrem Magdeburger Büro. Dabei ging es um offene Kirchen, das Reformationsjubiläum und Mission.

Am Elbufer lässt Landesbischöfin Ilse Junkermann gerne die Gedanken schweifen. Foto: Viktoria Kühne

Am Elbufer lässt Landesbischöfin Ilse Junkermann gerne die Gedanken schweifen. Foto: Viktoria Kühne

Frau Junkermann, wie war Ihr Urlaub?
Junkermann:
Wunderschön. Wir waren auf Langeoog. Ich hab mich sehr gefreut, im ersten Gottesdienst am Sonntag einen unserer Pfarrer aus der Altmark zu treffen, der als Kurpastor wunderbar gepredigt hat. Mein Mann und ich waren jeden Tag am und im Meer. Ich habe viel gelesen und mit meinem Mann gespielt: Malefiz und Rummikub.

Und jetzt hat der Alltag Sie wieder – zum Beispiel mit dem Echo auf Ihren Aufruf, 2017 alle 4 000 Kirchen in der EKM zu öffnen. Was überwiegt da?
Junkermann:
Es überwiegt die Grundbereitschaft, darüber nachzudenken. Das ist mir viel wichtiger als Lob oder Kritik. Der Aufruf hat eine sehr breite Resonanz. Denn hinter der praktischen Frage der Kirchenöffnung steht die geistliche: Was verkünden unsere verschlossenen Kirchentüren? Ich finde: Zur Kirchenöffnung gehört auch das Vertrauen darauf, dass Kirchenbesucher keine Aufsicht benötigen, sondern Ruhe wollen.

Eine Kritik ist mir sehr nahegegangen. Eine Pfarrerin sagte mir: Sie sagen, wir sollen das Risiko eingehen. Gleichzeitig geht es im größten Teil der Handreichung zu offenen Kirchen aber um Sicherungsmaßnahmen.

Für mich zeigt das die Spannung zwischen Vertrauen und Befürchtungen, zwischen Sicherheitsbedürfnissen und Risiko. Aber: Welches Risiko ist Gott mit uns Menschen eingegangen?! Und wie nehmen wir das als Beispiel und sagen: Das Risiko, das wir eingehen, ist vergleichsweise gering. Es gehört zum Evangelium, im Glauben nicht Sicherheit zu finden, sondern Vertrauen.

Es gibt Gemeinden, die nach Diebstählen Probleme haben, oder?
Junkermann:
Ja. Aber unser Ziel erreicht man in kleinen Schritten. Wenn Gemeinden Aufsicht oder andere Absicherungen haben wollen, sind das solche Schritte. Ich bitte noch einmal alle Gemeinden, Vertrauen zu wagen.

Themenwechsel: Das 500. Reformationsjubiläum – was bedeutet es für Sie?
Junkermann:
Noch einmal zurück zu den offenen Kirchen, denn sie hängen mit 2017 zusammen – mit der Frage, wo wir heute zur Umkehr gerufen sind in unserem praktischen Verhalten. Das ist der Grundruf Jesu, den Luther in seinen Thesen neu zur Sprache gebracht hat: Der Ruf zu wahrer Buße und Umkehr. 2017 können wir als Riesen-Event feiern oder als Umkehr, zum Beispiel von geschlossenen zu offenen Kirchentüren. Reformation heißt auch, dass auch wir uns heute neu vom Evangelium formen lassen. Sie bedeutet nicht Reform oder Veränderung um jeden Preis.

Was unterscheidet 2017 von 1917 oder 1817?
Junkermann:
Dass es 2017 keine Heldenverehrung gibt, sondern die differenzierte Beschäftigung mit dem Menschen Martin Luther, der seiner Einsicht über das, was er in der Bibel gefunden hat, vertraut hat. Und sich nicht durch äußeren Druck hat beirren lassen. Das fasziniert viele bis heute an ihm, wie er seinem Gewissen mehr verpflichtet war als dem Kaiser oder Papst. Gleichzeitig wusste Luther, dass es das Gespräch braucht. Seine Thesen waren ja eine Aufforderung zur Disputation. Auch das brauchen wir heute sehr.

Deutlich wird 2017 auch, dass Luther ein Mensch mit Fehlern und Schwächen war: sein aufbrausendes Wesen, seine Schimpftiraden oder die Tatsache, dass er sich an eigene Einsichten nicht gehalten hat. So ist er im Blick auf das Verhältnis zu Juden oder zu den Bauern eben nicht beim Diskurs geblieben, sondern hat Gewalt befürwortet und gefördert.

Haben Sie eine Lieblingsschrift?
Junkermann:
Ja, »Von der Freiheit eines Christenmenschen«. Weil darin sehr deutlich wird, dass zur Freiheit auch Verantwortung und Bindungen gehören – im Gegensatz zu einer Vorstellung von Freiheit als Schrankenlosigkeit.

Oder ein Lieblingswort?
Junkermann:
Das habe ich als Vikarin in Horb am Neckar im Lutherjahr 1983 am Anfang des Gottesdienstes zitiert: »Die Heilige Schrift ist wie ein Kräutlein. Je länger du daran reibst, desto mehr duftet es.« Das hilft mir bis heute bei der Arbeit an meinen Predigten.

Was erhoffen Sie sich von 2017 für Impulse?
Junkermann:
Dass die Menschen hier merken, wie stolz sie sein können, in dieser Region mit ihrer reichen Geschichte zu leben. Was hier geschah, hat weltweit Bedeutung gewonnen.
Andererseits ist 2017 eine Herausforderung für uns als Kirche und die Gemeinden. Die Kirchenkreise müssen Stellen abbauen, wir Christen werden immer weniger. Dass passt schlecht mit den großen Events zusammen.

Was folgt daraus?
Junkermann:
Die EKM will 2017 ein guter Gastgeber sein. Für die Zeit danach wünsche ich mir, dass unsere Glaubenszuversicht gestärkt wird, auch wenn der Weg unserer Kirche und unserer Gemeinden schwierig ist. Wir können darauf vertrauen, dass Gott uns führt. Wir beschäftigen uns ganz viel mit Defiziten. Das ist berechtigt; das tut weh. Aber wir sollten einen Blick dafür bekommen, was uns geschenkt ist, worin wir (stein-)reich sind. Damit bin ich wieder bei den offenen Kirchen.

Ihrem Lieblingsthema?
Junkermann:
Ja, denn es ist fast unglaublich, in welchem Maß in den vergangenen 25 Jahren die Kirchen wieder aufgebaut worden sind. Diese Schätze sollten wir mit anderen teilen! Vor allem die Menschen, die sich einbringen, sind Schätze. Ich hoffe sehr, dass wir als Kirche offener werden und dass Gottes Geschichte mit uns eine lebendige Geschichte für uns ist. Dass wir nicht an festen Bildern hängen, wie Kirche und Gemeinde sein sollen, vielmehr schauen, was Gott uns jetzt an Menschen und Ressourcen schenkt.

In »Luthers Land« leben die wenigsten Christen. Missionarische Aktionen haben kaum etwas gebracht. Wie kann der Schrumpfungsprozess aufgehalten werden?
Junkermann:
Den Glauben können wir nicht machen. Es gibt dazu ein Wort von Carl Friedrich von Weizsäcker: »Rede nicht über deinen Glauben, wenn du nicht gefragt wirst. Aber lebe so, dass du gefragt wirst.« Das ist die Herausforderung: Wie lebe ich selber so, dass Menschen mich fragen. Ob der Samen auf fruchtbare Erde fällt oder unter Dornen oder auf Felsen, haben wir nicht in der Hand. Wir sind Säe-Leute. Manchmal dürfen wir ernten. Aber wir wissen nicht, wann die Ernte kommt.

Sommerlogo GuHWie gelingt es Ihnen, Privatleben und Beruf unter einen Hut zu bringen?
Junkermann:
Mit meinem grünen Filzstift. Damit kennzeichne ich im Kalender die Verabredungen mit meinem Mann. Ich bin froh, dass er als Selbstständiger flexibel sein kann. Mir persönlich hilft es sehr, wenn ich morgens eine Stunde für mich habe für das Gebet, für das Nachdenken – auch das Denken an Menschen, die es schwer haben. Das gelingt mir am besten bei Gymnastik.

Was tun Sie, wenn Sie in Magdeburg frei haben?
Junkermann:
Im Sommer sitze ich gerne auf dem Balkon. Brauche ich Bewegung, bin ich in wenigen Schritten an der Elbe. Mein Mann und ich lieben die Weite der Landschaft, sitzen aber auch gerne in einem Lokal an der Elbe.

Und wenn es regnet?
Junkermann:
Dann lese ich.

Viele Pfarrer sollen ja Krimis lieben …
Junkermann:
Die liebe ich auch. Sehr gerne lese ich zudem Gedichte und Romane. Im Urlaub zum Beispiel »Unterleuten« von Juli Zeh. Es ist unglaublich, wie sie Menschen und die Atmosphäre erfasst.

Auch amerikanische Autoren liebe ich sehr, tauche in ihren Büchern – zum Beispiel denen von Paul Auster oder T. C. Boyle – in eine andere Gesellschaft, Geschichte und Lebensart ein.

»An Bach lernen, was gut ist«

28. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Für unser vorletztes Sommer­interview traf Michael von Hintzenstern den führenden Bachkenner unserer Zeit, Professor Helmuth Rilling, am Rande der 3. Weimarer Bachkantaten-Akademie.

Intensivkurs für Musiker und Publikum gleichermaßen: Helmuth Rilling bei einem seiner Gesprächskonzerte in der Weimarer Herderkirche. Fotos: Maik Schuck

Intensivkurs für Musiker und Publikum gleichermaßen: Helmuth Rilling bei einem seiner Gesprächskonzerte in der Weimarer Herderkirche. Fotos: Maik Schuck

Herr Professor Rilling, Sie haben einmal in einem Interview gesagt: »Müssen wir nur über Bach sprechen? Ich habe noch so viel anderes gemacht.« Wir wollen heute beides versuchen, aber dennoch mit dem Thomaskantor beginnen, da Sie gerade zur 3. Bachkantaten-Akademie in Weimar weilen und mit 72 Musikern aus 18 Nationen sieben Gesprächskonzerte an authentischen Bach-Orten durchführen. Es geht also einerseits um die Weiterbildung hochbegabter Interpreten und andererseits um die Vermittlung theologisch-musikalischer Inhalte seines Kantaten-Schaffens. Was bedeutet es, in solcher Mission im Lande Bachs unterwegs zu sein?
Rilling:
In einer Stadt wie Weimar ist man in vielfältiger Weise von Kultur geprägt. Und vielleicht ist Bach derjenige unter den geistigen Häuptern dieses Ortes, der in der Vergangenheit am wenigsten dazu gezählt wurde. Ich finde, es ist schön, bewusst zu machen, dass wir in einer Stadt sind, in der Bach fast zehn Jahre gearbeitet hat und in der er viele seiner schönsten Kantaten geschrieben hat. Insofern ist es mir eine Freude, hier zu sein.

Bei der 1. Bachkantaten-Akademie 2014 standen Werke im Fokus, die in Weimar komponiert worden sind, in diesem Jahr sind es Kantaten zum Michaelisfest, aber auch lutherische Messen. Nach welchen Kriterien erfolgt die Auswahl?
Rilling:
Natürlich braucht man bei Bach nicht nach Qualität zu fragen. Das sind alles wunderbare Stücke. Ich dachte, dass es interessant sein müsste, den Zyklus der Michaeliskantaten ins Zentrum zu rücken. Das sind Kantaten, die man eigentlich normalerweise wenig hört, obwohl es sich um großartige Kompositionen handelt. Dasselbe gilt für die Kurz-Messen. Das sind ja nun auch Werke, in denen Bach nach dem Parodieverfahren gearbeitet hat. Wo er also Stücke, die er früher für Kantaten geschrieben hat, erneut für eine Messe benutzte. Dabei suchte er sicherlich Stücke aus, die ihm besonders gut erschienen.

Sie sagten einmal: »Wer Bachs Musik verstehen will, muss seine Kantaten kennen!« Zwischen 1970 und 1985 haben Sie alle eingespielt. Wollen Sie mit der von Ihnen entwickelten Form der »Gesprächskonzerte« den Hörern einen Schlüssel zu einem tieferen Verständnis seiner Musik in die Hand geben?
Rilling:
Nun, ich finde es sehr wichtig, dass man Bachs Musik genau kennt. Und bei den vielen Kantaten, die wir nun mal haben, ist das gar nicht so einfach. In den Gesprächskonzerten versuche ich darauf hinzuweisen, wo die geistliche Idee Bachs liegt, was er betont, was er wie interpretiert. Und auf der anderen Seite möchte ich die besondere Qualität dieser Stücke bewusst machen. Das kann man in diesen Gesprächskonzerten, die es schon seit langer Zeit gibt, wunderbar tun.

In den 1980er-Jahren waren Sie öfters in Japan unterwegs, zwischen 1986 und 2000 auch in Osteuropa. Wie waren dort Ihre Erfahrungen?
Rilling:
Zum Problem des Verstehens der Partituren kam hier noch das Problem der Verständlichkeit der Sprache hinzu. Natürlich ist das für einen deutschen Zuhörer, auch einen deutschen Interpreten, einfacher. Im Ausland muss man deshalb versuchen, genau darauf hinzuweisen, wie stark Bachs Musik von ihren Texten bestimmt ist.

Sommerlogo GuHIn Ihren Akademien begegnen sich Menschen verschiedener Nationen und Religionen. 1986 haben Sie als erster Deutscher nach dem Holocaust das Israel Philharmonic Orchestra dirigiert. Inzwischen nehmen auch Muslime an Ihren Akademien teil. Glauben Sie, dass der Musik Bachs so etwas wie eine einigende, harmonierende Kraft innewohnt?
Rilling:
Das könnte ich mir schon vorstellen. Das Interesse ganz verschiedener Menschen an der Musik Bachs und ihrem Verstehen ist unglaublich groß. Ich empfinde es als etwas Herrliches, dass hier junge Musiker aus allen Teilen der Welt zusammenkommen und durch die Liebe zur Musik Bachs miteinander verbunden sind. Und über die Probenarbeit hinaus eine großartige Gemeinschaft bilden.

Wie erfolgt denn die Auswahl?
Rilling:
Die Teilnehmer werden aus einer großen Zahl an Bewerbern ausgewählt, die auch Tonaufnahmen eingereicht haben. Von 200 sind am Ende etwa 70 eingeladen worden. Wir erwarten natürlich ein hohes Niveau, denn die Arbeit hier muss sehr schnell gehen. Chor und Orchester müssen die Sachen mühelos in kurzer Zeit einstudieren können. Und ich bin sehr froh, dass das wirklich wieder gelungen ist.

Zurück zu Ihren Anfängen – Sie haben 1954 als junger Chorleiter in Gächingen im Osten von Reutlingen eine Kantorei gegründet, die a cappella Werke von Heinrich Schütz, Dietrich Buxtehude oder Johann Pachelbel, aber auch moderne Kompositionen gesungen hat. Bach spielte da noch keine dominierende Rolle. Wann hat sich das geändert, gab es da vielleicht ein Initial-Erlebnis?
Rilling:
Ach, das kann man eigentlich nicht sagen. Wir haben damals sehr vieles musiziert, vor allem auch zeitgenössische Musik. Das war mir sehr wichtig. Aber Bach ist ja immer ein wunderbares Korrektiv. Man kann an ihm vor allem lernen, was gut ist. Für die Komponisten vergangener Zeiten oder auch heutzutage ist Bach ein ganz wichtiger Lehrer gewesen. Nicht nur in technischer Hinsicht, sondern auch in der Betonung des Wesentlichen, was durch die Musik ausgesagt werden soll.

Blick-Sonne-30-2016Ihnen ist gelegentlich zum Vorwurf gemacht worden, dass Sie sich nicht der historischen Aufführungspraxis eines Nikolaus Harnoncourt, John Eliot Gardiner oder René Jacobs angeschlossen haben. In welcher Tradition sehen Sie sich und welche Kriterien sind für Sie heute entscheidend?
Rilling:
Man muss natürlich Bescheid wissen – wie die von Ihnen genannten Kollegen – über die Aufführungspraxis zur Zeit der Komposition. Das halte ich für sehr wichtig und unabdingbar. Aber man sollte nicht in die Richtung gehen wollen, dass man denkt: Damit ist eigentlich alles getan. Das Wichtigste scheint mir, dass der Inhalt, der vom Komponisten der Musik gegeben wird, der Ausdruck, dass der nun in einer persönlichen Weise hörbar wird.

Die Musikwelt verdankt Ihnen mehr als nur Bach: Uraufführungen von Krysztof Penderecki, Arvo Pärt und Wolfgang Rihm, um nur einige Namen zu nennen. Zu erwähnen ist ebenso das »Requiem der Versöhnung«, das 50 Jahre nach Kriegsende von 14 zeitgenössischen Komponisten gestaltet wurde. Bedürfen biblische Texte immer wieder einer zeitgenössischen Auslegung bzw. Vertonung?
Rilling:
Ich finde es sehr wichtig, dass Komponisten unserer Zeit sich der Aufgabe stellen, geistliche Texte zu vertonen. Das ist nicht selbstverständlich, aber ich denke, es muss geschehen, sodass wir das Verständnis unserer Zeit in dieser Musik mit ihren alten und wertvollen Texten erkennen.

Wie finden Sie solche Komponisten?
Rilling:
Natürlich kennt man das Musikleben unserer Zeit und weiß, wer heute komponiert und in welcher Weise. Für mich war es wichtig, diese Menschen persönlich kennenzulernen. Ich erinnere mich, dass ich damals in der ganzen Welt herumgereist bin, mit diesen Leuten Gespräche geführt und sie davon überzeugt habe, dass sie diese Texte, die ich brauchte, vertonen sollten. Und die meisten haben mir auch zugesagt.

Das Werk J. S. Bachs nimmt eine zentrale Rolle im Leben von Helmuth Rilling ein. Er hat 1965 das Bach-Collegium Stuttgart gegründet, 1970 das Oregon Bach Festival in Amerika, 1981 die Bach-Akademie Stuttgart und mit der Einspielung von Bachs Gesamtwerk auf 172 CDs Maßstäbe gesetzt.

Musiker mit Vorleserqualitäten

22. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In der Reihe der Sommerinterviews sprach Michael von Hintzenstern mit Landeskirchenmusikdirektor Dietrich Ehrenwerth über private Urlaube, Konzertreisen und die Zukunft der Kirchenmusik.

Herr Ehrenwerth, Sie haben Ihren Urlaub kürzlich beendet. Konnten Sie die Seele baumeln lassen und ein wenig entspannen?
Ehrenwerth:
Wie bei jedem von uns muss der Urlaub was anderes sein als der Alltag. Meine Frau und ich haben dieses Jahr eine weite Reise auf die Insel Madeira gemacht, waren ziemlich oft unterwegs, um viel kennenzulernen, es gab ausgedehnte Wanderungen, zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Bananen und Eukalyptusbäume wachsen sehen. Und wir haben uns mehrfach in Funchal, der Hauptstadt mit dem so vielfältigen Flair, umgetan. Es war also eher ein Aktivurlaub. Ein guter Ausgleich zum Sitzen am Schreibtisch im Erfurter Zentrum für Kirchenmusik! Wenn man den Körper bewegt, lüftet man ja Geist und Seele mit. Die Mischung aus Aktivität und Ruhe ist uns diesmal gut gelungen. Zum Entspannen im Urlaub gehört übrigens auch, dass ich meiner Frau an den Abenden Bücher vorlese (während sie strickt), die möglichst irgendetwas mit der Urlaubsgegend zu tun haben, diesmal ein historischer Roman, ein Krimi und ein angefangenes drittes Buch, das noch zu Ende gelesen werden muss! Jetzt folgt noch eine Woche Familienurlaub mit den erwachsenen Töchtern. Das ist eine Tradition seit Jahren.

Dietrich Ehrenwerth beim Sommerinterview zwischen zwei Urlauben. Foto: Mario Gentzel

Dietrich Ehrenwerth beim Sommerinterview zwischen zwei Urlauben. Foto: Mario Gentzel

Das heißt, Sie waren erst mit Ihrer Frau unterwegs und dann noch mal mit der ganzen Familie.
Ehrenwerth:
Ich habe 14 Tage wieder gearbeitet. Im Zentrum für Kirchenmusik ist es in den Sommermonaten ein bisschen ruhiger. Das Telefon klingelt eher selten. Und man genießt, dass man mal zu Dingen kommt, die sonst eher nicht möglich sind. Obwohl man natürlich dann doch nie das schafft, was man sich eigentlich vorgenommen hat.

Haben Sie bevorzugte Urlaubsziele? Manche fahren immer an den gleichen Ort. Andere wechseln lieber. Wie machen das die Ehrenwerths?
Ehrenwerth:
Unterschiedlich! Wir sind viele Jahre lang Fahrrad gefahren entlang der deutschen Flussradwege. Vor allen Dingen an den Flüssen, die man in unserer Kindheit und Jugendzeit nicht besuchen konnte, also etwa Ems, Rhein, Mosel, Main, Nahe. In den letzten Jahren waren wir öfter in Südtirol. Manchmal finden wir es aber auch angenehm, nicht so weit wegzufahren, Thüringen und das Erzgebirge spielen da schon noch eine Rolle. Man muss, glaube ich, nicht immer die ganz weiten Ziele haben.

Viele Kirchenmusiker sind im Sommer besonders aktiv, um in den nun angenehm temperierten Kirchen zu konzertieren. Wie ist das bei Ihnen?
Ehrenwerth:
Wir haben eine Konzertreihe hier im Augustinerkloster: die Sonntagskonzerte, die jeweils bis zum Ende des Schuljahres laufen. Aber die Orgelkonzerte mittwochs in der Predigerkirche gehen natürlich weiter. Wir im Augustinerkloster gehören ja zur Predigergemeinde. Dass Kirchenmusiker in den Sommermonaten besonders aktiv sind, sieht man am besten auf der Veranstaltungsseite von »Glaube + Heimat«. In diesem Jahr vielfach unter der Überschrift »Max Regers 100. Todestag«, woran dann ein oder mehrere Stücke im Programm erinnern. Es gibt eine Fülle von Angeboten, nicht nur in den Domen und Stadtkirchen, sondern auch in der Kleinstadt und auf dem Dorf.

Wie sieht es mit Konzertreisen aus?
Ehrenwerth:
Unser Andreas-Kammerorchester gastiert Ende August in Bad Salzungen, Friedrichroda und Eschenbergen. Der Augustiner-Vocalkreis gibt Anfang Oktober Konzerte in der Altmark. Und die Augustiner-Kantorei fährt im gleichen Monat für zwölf Tage nach Japan. Das ist ein Projekt, das sehr lange vorbereitet worden ist und nun tatsächlich Wirklichkeit wird. Bis vor kurzem haben alle noch ein bisschen daran gezweifelt. Aber nun ist es sicher. Es wird viele Begegnungen mit japanischen Chören geben. Und auch ungewohnte Stücke. Die Kantorei singt ja sonst eher Oratorien. Dieses Mal werden A-cappella-Kompositionen gesungen, Volkslieder und Lieder mit japanischen Chören zusammen mit japanischem Text, aber auch Stücke für Chor und Orgel, Bach und viel Mendelssohn …

Wir fahren sozusagen als Botschafter des Reformationsjubiläums. Landesbischöfin Ilse Junkermann ist Schirmherrin dieser Reise, aber auch der Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein. Es geht hauptsächlich um kulturelle Begegnungen.

Das ist logistisch sicher nicht ganz einfach zu stemmen. Wie groß ist die »Delegation«?
Ehrenwerth:
Fast 100 Leute aus der Kantorei werden dabei sein.

Bietet der Sommer Raum, um über Perspektiven und zukünftige, auch langfristige Projekte nachzudenken?
Ehrenwerth:
Na klar. Ich will, kann da jetzt keine konkreten Ergebnisse sagen. Aber natürlich hat man im Sommer eher Gelegenheit, nachzudenken und Gespräche zu führen. Ich war jetzt mit einem Kollegen im Ruhestand vier Tage lang unterwegs. Und wir haben wandernd von morgens bis abends alle Themen rund um die Kirchenmusik behandelt. So etwas ist ganz wichtig, dass man sich mal mit jemandem austauschen kann, der die Dinge inzwischen mit ein bisschen Abstand sieht.

Sie sind ausübender Kirchenmusiker, tragen als Landeskirchenmusikdirektor (LKMD) aber auch Verantwortung für die gesamte EKM. Wo wird die Entwicklung in den nächsten zehn, 20 Jahren hingehen? Weiterer Stellenabbau, hauptamtliche Kirchenmusiker nur noch in Kernregionen? Ehrenwerth: Es ist ganz schwierig, da zu orakeln. Ich bin in diesem Amt seit 16 Jahren. In dieser Zeit hat man immer Stellenabbau befürchtet. Ich muss sagen, dass er aber eigentlich bisher gar nicht so extrem eingetreten ist. Wir haben die Zahl der Kirchenmusikerstellen erstaunlicherweise fast gehalten.

In den großen Städten gab es Abbau, in der Fläche aber auch Zuwachs. Es ist nicht so, dass wir so viel weniger geworden sind. Jetzt in der aktuellen Stellenplandiskussion erscheinen am Horizont natürlich Probleme. Wenn wir uns die Mitgliederentwicklung unserer Kirche angucken, dann wird dies nicht spurlos an der Kirchenmusik vorbeigehen. Aber ich habe doch die große Hoffnung, dass Kirchenmusik insgesamt ihren hohen Stellenwert behält.

Das wird sicher ein bisschen unterschiedlich gesehen, von Kirchenkreis zu Kirchenkreis, dort liegt ja die Verantwortung für die Stellenpläne. Aber die Menschen, die in der Kirchenmusik aktiv sind, von den Chorsängern bis zu den Bläsern, von den Kindern bis zu den Senioren, deren Anzahl in den letzten Jahrzehnten insgesamt übrigens erfreulich konstant geblieben ist, sind doch die Aktiven in der Gemeinde und sitzen oftmals in den Entscheidungsgremien. Und die werden sich hoffentlich zu gegebener Zeit zu Wort melden und sagen: Kirchenmusik ist nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern ein ganz zentrales Anliegen unserer Kirche!

In »Glaube + Heimat« werden oft goldene Amtsjubiläen von verdienten Organisten oder Chorleitern gewürdigt. Immer mehr engagierte Ehrenamtliche scheiden aus Altersgründen aus. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Ehrenwerth:
Die Situation wird schwieriger. Zumal wir überall in der Gesellschaft feststellen können, dass Menschen sich gerne eine begrenzte Zeit lang für etwas engagieren, aber nicht dauerhaft verpflichten wollen. Und gerade für potenzielle jugendliche Organistinnen oder Organisten beginnen unsere Gottesdienste am Sonntagmorgen ja doch relativ früh am Tag. Also wir können eigentlich nur versuchen, immer wieder Kursangebote zu machen.
Sommerlogo GuHWir experimentieren regional unterschiedlich! Gute Erfahrungen gibt es in letzter Zeit mit Kursangeboten für Chorleiter in zwei Propsteien im Süden, aber auch für Organisten existieren Angebote, gerade wieder in Halberstadt und in Wolmirstedt mit guter Beteiligung. Anfang September wird es in der Propstei Eisenach-Erfurt einen Fortbildungstag für Neben- und Ehrenamtliche geben, da steht z. B. Singen mit Kindern auf dem Programm. Das soll sich zugleich an Kindergärtnerinnen und Grundschullehrer wenden. Und wir bieten die C-Ausbildung in Halle und Erfurt und Konsultationstage für die D-Prüfung an. Das ist sicher alles noch nicht genug. Der Kontakt zu den Musikschulen wird intensiviert werden müssen. Jede Gemeinde muss Ausschau halten nach Menschen, die bereit sind, so einen Dienst zu übernehmen. Und dass sich der Blick nicht immer nur auf die Orgel richtet, sondern auf andere Möglichkeiten: Warum soll die Gemeinde nicht auch mal von einem Trompeter oder Gitarristen begleitet werden? Ich denke, wir brauchen noch mehr Fantasie für die Zukunft.

Stichwort Reformationsjahr 2017. Wie sind Ihre Erwartungen, wird ein Event das nächste jagen? Was geschieht danach?
Ehrenwerth:
Die Kolleginnen und Kollegen in der EKM haben eine Fülle an Aktivitäten im nächsten Jahr geplant. Zu den landeskirchlichen Schwerpunkten gehören der Deutsche Evangelische Kirchentag in Wittenberg und vor allem die »Kirchentage auf dem Weg«. Zu den acht Veranstaltungsorten gehört auch Erfurt. Die Augustiner-Kantorei hat bei dem Magdeburger Komponisten Thomas König ein Werk in Auftrag gegeben, das einzelne Lieder des Erfurter Enchiridions von 1524, eines der ersten Gesangbücher überhaupt, zur Grundlage haben wird. Er wählte dafür eine hochinteressante Besetzung: Chor und Orgel, zwei Gesangssolisten, Violoncello und Saxofon. Das Stück soll dann am Reformationstag noch einmal aufgeführt werden.

Sonne-webWeimar ist nach dem Europäischen Kulturstadtjahr 1999 in ein großes Loch gefallen und auf einmal stand alles still. Könnte das auch nach dem Lutherjahr passieren?
Ehrenwerth:
Also ich merke auch eine gewisse Müdigkeit am Ende der doch langen Lutherdekade. Hinterher mal wieder völlig frei zu sein und vielleicht zunächst mal ein, zwei Jahre zu haben, in denen man sich nicht nach einem Oberthema in der Planung richten muss, werden wir, glaube ich, alle sehr genießen. Die nächsten Landeskirchenmusiktage sind dann vermutlich 2019 dran.

Dann muss man Ende 2017 auch schon wieder anfangen zu planen.
Ehrenwerth:
Genau. Wir sind gerade dabei zu überlegen, wo die nächsten stattfinden können. Und es wird sicher wieder einen Landeskirchenchortag oder Propstei-Chortage geben. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir alle, wenn am 1. November 2017 der Reformationstag vorbei ist, erst mal tief Luft holen.

Nicht Rückblick, sondern Aufbruch

15. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Für unsere Sommerinterview-Serie traf Sabine Kuschel Margot Käßmann in einem Berliner Restaurant. Sie sprachen über das Reformationsjubiläum, Mission, Karriere und Zukunftspläne.

Frau Käßmann, Sie sind Botschafterin für das Reformationsjubiläum – was sind die Herausforderungen dieses Jobs?
Käßmann:
Der Bundestag hat gesagt, das Reformationsjubiläum ist von kulturhistorischer Bedeutung für die Bundesrepublik Deutschland, für Europa, ja, die Welt. Meine Aufgabe ist, nach außen zu vermitteln, dass das Reformationsjubiläum alle angeht. Es ist kein binnenkirchliches Ereignis, sondern auch ein säkulares. Das macht mir besonders Spaß. Ich habe zudem viele Partnerkirchen im Ausland besucht.

Es wird kein deutsch-nationales Reformationsjubiläum wie 1817 oder 1917 werden, sondern ein internationales. Einerseits, weil Gäste aus dem Ausland zu uns kommen, andererseits, weil unsere Partnerkirchen in Asien, Afrika, Lateinamerika sagen: Das ist auch unser Jubiläum. Die Partnerkirchen in aller Welt entwickeln tolle Ideen, wie sie das Jubiläumsjahr vor Ort begehen wollen.

Sportlich: Mit dem Fahrrad kam Margot Käßmann zum Interview in eines ihrer Lieblingsrestaurants in der Hauptstadt. Foto: Sabine Kuschel

Sportlich: Mit dem Fahrrad kam Margot Käßmann zum Interview in eines ihrer Lieblingsrestaurants in der Hauptstadt. Foto: Sabine Kuschel

Eine Arbeit, die Freude macht?
Käßmann:
Weil ich meine Arbeit auch mit Leidenschaft mache. Ich finde diese Form berufstätig zu sein jetzt noch schöner, als Ratsvorsitzende zu sein. Sämtliche Dienstverpflichtungen wie Sitzungen, Akteneinsicht, Dokumente redigieren, habe ich nicht mehr. Ich kann schreiben, Vorträge halten, ich predige jede Woche woanders, quer durch die Republik. Das macht mir Spaß.

Was beschäftigt Sie zurzeit am meisten?
Käßmann:
Die Konzeption der Weltausstellung. Wir werden 16 Wochen vom 20. Mai bis 4. September 2017 Wittenberg sozusagen als Ausstellungsgelände erleben. Es wird 14 Themenwochen geben, die wir jetzt inhaltlich planen. Themen sind unter anderen Europa, Ökumene, Bildung, Gerechtigkeit, Dialog der Religionen, Frieden, Spiritualität.

Worauf freuen Sie sich besonders?
Käßmann:
Auf den Reformationssommer insgesamt. Jeden Tag, den ganzen Sommer, werden Menschen nach Wittenberg kommen, um am Ende sagen zu können: Das war nicht Rückblick, sondern das war Aufbruch.

Was könnte schiefgehen?
Käßmann:
Dass es Desinteresse gibt. Die Kirchen in Ostdeutschland haben es wirklich schwer. Sie sind in einer Minderheitssituation. Es ist da eine besondere Herausforderung, überzeugend von Gott zu reden. Ich wünsche mir, dass das Reformationsjubiläum für die Kirchen in Ostdeutschland ein ermutigendes Ereignis wird.

Das Wort »Mission« hat einen schlechten Klang, auch in Deutschland. Aber mittlerweile ist die Einsicht gewachsen, wenn Christen hier nicht missionarisch wirken, stirbt der Glauben. Wie stehen Sie zur Mission?
Käßmann:
Bei einer Tagung 1998 in Simbabwe hörte ich Nelson Mandela sagen: Die Missionare haben vielleicht viele Fehler gemacht, aber sie haben uns in Südafrika den Gedanken in den Kopf gesetzt, dass wir Schwarzen genausoviel wert sind wie die Weißen. Dieser Gedanke ist nicht mehr weggegangen. Das fand ich sehr interessant.

Ich denke, es ist richtig, diesen Gedanken von der Würde jedes Menschen weiterzugeben. Es gibt einen schönen Satz: »Missionarisch sein heißt, lebe so, dass andere dich fragen, warum du so lebst.« Ich finde, die Christen sollten sich nicht scheuen, auch zu sagen, wo der Grund ihrer Haltung liegt. Sie sollten offen über ihren Glauben reden.

Und die Türen der Kirchen sollten weit geöffnet werden für die Menschen. Bei der Weltausstellung in Wittenberg haben wir beispielsweise ein Panorama von Yadegar Asisi, das schlicht spannend ist für Menschen mit und ohne Glauben. Ich wünsche mir, dass das auch eine missionarische Chance hat 2017.

Was eine Theologin in Deutschland erreichen kann, haben Sie erreicht. Wie haben Sie das geschafft?
Käßmann:
Es hat sich eines aus dem anderen ergeben. Ich hatte zweimal im Leben einen großen Vorteil durch Glück. 1974 hatte ich ein Stipendium in den USA gewonnen. Ich hatte mich fast nebenbei in der Schule beworben und konnte ein Jahr in den USA verbringen. Das war eine enorme Horizonterweiterung. Dort habe ich fließend Englisch gelernt.
Sommerlogo GuHAls ich 1983 als Jugenddelegierte der Landeskirche Kurhessen-Waldeck in Vancouver teilnahm, wurde ich als jüngstes Mitglied in den Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen gewählt. Da war ich bis 2002 Mitglied. Das sind fast 20 Jahre, in denen ich internationale Erfahrungen sammeln konnte, Sitzungen zu leiten hatte. Das war eine intensive Erfahrung, die für mich später in Leitungssituationen von großem Vorteil war, etwa als Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, auch dann bei der Wahl zur Landesbischöfin. Ich wäre sicher nicht Bischöfin geworden ohne diese Vancouver-Vorgeschichte.

Und dann: Wenn ich gefragt wurde, hatte ich oft den Mut, »Ja« zu sagen. Das liegt vielleicht auch daran: meine Mutter hatte nie Zweifel, dass eine Frau alles erreichen kann.

Wittenberg ist eine kleine Stadt, in der Reformationsgeschichte geschrieben wurde. Wissen die Wittenberger um den Wert ihrer Stadt?
Käßmann:
Die Wittenberger wissen, was ihre Stadt wert ist. Wittenberg war ein Zentrum von Ideen und Gedanken, auch universitär. Die Stadt sollte nicht unterschätzt werden. Es wird jetzt viel renoviert. Es ist großartig, dass die historischen Stätten so aufgearbeitet werden. Es tut sich einiges.

Was kommt danach, nach dem großen Fest und Jubiläumsjahr?
Käßmann:
Meine Erfahrung mit Kirchentagen ist nun sehr, sehr lang. Menschen, die von Kirchentagen zurück nach Hause kommen, bringen Ideen mit; sie sind ermutigt, haben eine Tankstelle für die Seele erlebt und können dann in ihrer kleinen Gemeinde vielfach wieder Erfahrungen umsetzen.
Sonne-webEs werden viele neue Verbindungen entstehen, die dann auch Kreativität freisetzen. Wir geben das Reformationsjubiläum 2018 weiter in die Schweizer Kirchen. Sie werden ab 2019 ihren Zwingli ins Zentrum setzen. Und viele Orte werden weitermachen. Ich denke eher an Aufbruch, als an Abfeiern.

Und wie wird es für Sie persönlich weitergehen?
Käßmann:
Für das Jahr 2018 habe ich schon jetzt viele Einladungen. Bis Juni 2018 werde ich unterwegs sein. Am
3. Juni 2018 werde ich 60 und werde offiziell in Pension gehen. Von Juni bis Dezember nehme ich keine Einladungen an, um auch den Bruch zu markieren. Aber danach kann ich ja glücklicherweise weiterhin schreiben, Vorträge halten, predigen. Langweilen werde ich mich nicht.

Ich wünsche mir, mehr Zeit für die Enkelkinder zu haben. Drei habe ich schon.

Wie geht es Ihnen mit dem Älterwerden?
Käßmann:
Ich merke schon, dass ich älter werde. Neulich bin ich mit meiner jüngsten Tochter zum Joggen gegangen. Als sie 115 Stufentreppen rasant hochgelaufen ist, musste ich mich anstrengen, dass ich hinterherkomme. Ich merke das Alter auch an den Falten, aber ich fühle mich noch nicht so alt wie ich bin.

Allerdings beschäftige ich mich öfter mit der Frage, wie mein Leben im Alter aussehen soll. Willst du in deiner Wohnung bleiben? Willst du Teil einer Wohngemeinschaft sein? Ich bin sehr dankbar, dass es heute professionelle ambulante Pflege gibt. Niemand muss unbedingt in ein Pflegeheim gehen, sondern kann zu Hause bleiben. Das würde ich auch gerne.

Mein Jahrgang taucht häufiger in den Traueranzeigen auf. Ich hänge am Leben, ich will jetzt noch nicht sterben, aber wenn es so sein sollte, wäre das für mich okay. Ich habe ein volles Leben gelebt.

Ich hatte vor zehn Jahren Brustkrebs. Das hätte auch anders ausgehen können. Ich bin sehr, sehr dankbar, dass ich gesund geblieben bin.

Gibt es einen Lieblingsort, wo Sie Kraft tanken?
Käßmann:
Die Insel Usedom ist ein wunderschöner Flecken Erde. Ich habe dort ein Ferienhaus. Ich möchte dort beerdigt werden. Und hier in Berlin gibt es ein großes kulturelles Angebot, Theater, Museen, Kino. Heute Morgen, das Wetter war so schön, bin ich an den Schlachtensee gefahren, dort bin ich gern. Ich bin um den See gelaufen und dann eine halbe Stunde geschwommen. Das war großartig.

Ich mache gern Sport: Laufen, Schwimmen, Radfahren. Oder ich lege mich aufs Sofa und gucke im Fernsehen ein Fußballspiel oder den »Tatort«. Oder ich setze mich auf meinen kleinen Balkon und lese einen Krimi. Ich gehe auch gern ins Kabarett und ins Kino.

Professor Dr. Dr. h. c. Margot Käßmann wird am Donnerstag, 25. August, in Weimar als Festrednerin anlässlich des Empfangs von Kirche und Diakonie zum Herdergeburtstag erwartet. Ihr Thema: »Reformationsjubiläum 2017 – was gibt es da zu feiern?« Beginn der Veranstaltung, zu der auch die Verleihung des diesjährigen Herderförderpreises gehört, ist 17 Uhr in der Stadtkirche St. Peter und Paul.

Als Christen erkennbar bleiben

8. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In der Reihe der Sommerinterviews sprach Katja Schmidtke mit Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Mitteldeutschland, über seine Zeit als Schriftsetzer, über Flüchtlingsintegration und Großvaterfreuden.

Sie haben in den 1980er-Jahren bei »Glaube + Heimat« gearbeitet. Was war das für eine Zeit?
Grüneberg: Im VOB Druckform Weimar war ich Setzer an einer Bleiguss-Setzmaschine, eine große laute Maschine, und einen halben Meter von mir entfernt stand der kochende Bleitopf. Arbeiten, die im Zeitalter des Computers nur noch im Museum zu finden sind. Mein Beruf ist ausgestorben.

In der Zentrale der Diakonie Mitteldeutschland in Halle gibt es kleine grüne Oasen. Hier treffen sich die Mitarbeiter auch mit dem Chef, Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg, zum Pausengespräch. Foto: Katja Schmidtke

In der Zentrale der Diakonie Mitteldeutschland in Halle gibt es kleine grüne Oasen. Hier treffen sich die Mitarbeiter auch mit dem Chef, Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg, zum Pausengespräch. Foto: Katja Schmidtke




Bevor Sie zum Druck kamen, waren Sie Hilfspfleger in einer Einrichtung für körperlich und geistig behinderte Menschen. Wie hat Sie das geprägt?
Grüneberg: Ich wollte nach Abitur und Armee nicht studieren, sondern etwas mit den Händen machen. Damals haben viele Freunde in diakonischen Einrichtungen gearbeitet. Diese Häuser waren in den 1970er-Jahren Nischen für Unangepasste. Dort konnte man sich politischen Anforderungen ein Stück weit entziehen. Ich bin umgeschwenkt, als mir die Leitung des Hauses eine Qualifizierung angeboten hatte, Freunden aber nicht. Also ging ich in die Druckerei.

Sie sagten, Häuser wie in Templin waren damals etwas für Unangepasste. Waren Sie auch einer?
Grüneberg: Ja, ich suchte Alternativen. Ein Studium hätte eine Richtung vorgegeben und die hatte ich damals nicht. In den 1980er-Jahren reisten viele Freunde in den Westen aus. Auch für uns stellte sich die Frage, bleiben wir oder nicht, gibt es hier eine sinnvolle Tätigkeit? Damals wuchs der Gedanke, Theologie zu studieren – angestoßen durch meine Frau, die aus einem Pfarrhaus stammt.

Haben Sie auch erst dann zum Glauben gefunden?
Grüneberg: Meine Eltern waren nicht besonders fromm, aber sie gehörten der Kirche an. Als Jugendlicher und junger Erwachsener ging ich zum kirchlichen Leben auf Abstand. Das änderte sich in Templin, das ja ein diakonisches Haus war. Aber der Entschluss, Pfarrer zu werden, brauchte doch Zeit. Erst mit 28 Jahren habe ich angefangen zu studieren.

Für einen jungen Menschen in der DDR war das ein untypischer Weg.
Grüneberg: Ich habe diese Umwege gebraucht, ohne sie wäre es nicht richtig gewesen. Ich habe alles sehr gern gemacht, nichts war verlorene Zeit.

Sommerlogo GuHKönnen Sie die Sorgen und Nöte Ihrer Mitarbeiter nachvollziehen?
Grüneberg: Die Arbeit in der Pflege ist überhaupt nicht mehr zu vergleichen. Als ich in Templin angefangen habe, wurde ich am ersten Tag bekannt gemacht mit der Gruppe von zehn, zwölf Jugendlichen und am nächsten Tag betreute ich sie allein. Da habe ich Lehrgeld gezahlt. Keine Frage, die Umgebung war sehr liebevoll, aber es hatte reinweg gar nichts zu tun mit den Standards in Pflege und Förderung heute.

Es gelten hohe Standards, aber auch hohe Anforderungen, ein großer Zeitdruck. Steht das nicht im Widerspruch zu christlichen Werten, mit denen sich die Diakonie von anderen abhebt?
Grüneberg: Es ist zumindest ein Spannungsverhältnis, denn wir erwarten von uns, dass wir uns unterscheiden mit Blick auf Zuwendung, Begleitung, kirchliche Angebote. Das ist mit Geld nicht aufzuwiegen und muss immer wieder neu durchbuchstabiert werden.

Sind die Diakonie-Mitarbeiter gut in diesem Durchbuchstabieren?
Grüneberg: Ich denke schon. Sie sind sich des Umfelds bewusst und der Erwartungen, die Eltern oder Angehörige von Pflegebedürftigen an uns als kirchliches Haus stellen.

Nun ist aber ein Großteil der Mitarbeiter konfessionslos.
Grüneberg: Zurzeit sind 46 Prozent der Mitarbeiter Angehörige einer Kirche. Wir unterbreiten seit Jahren Angebote, um sie bei Glaubens- und Lebensfragen zu begleiten, es gibt ein richtiges Programm für geistliches Profil und einen Fachverband Geistliches Leben. Dass wir seit elf Jahren die 46 Prozent halten – damals noch mit 22 000 statt 29 000 Mitarbeitern –, hängt auch mit diesem Programm zusammen.

Wenn mehr als die Hälfte konfessionslos ist, wie christlich ist die Diakonie tatsächlich an der Basis?
Grüneberg: Für den einen ist es eine Arbeitsstelle, für den anderen ein echtes Glaubenszeugnis. Es ist in der Regel Aufgabe von Leitungen, darauf aufmerksam zu machen, dass wir als Diakonie noch andere Aufgaben haben – im Unterschied zu anderen sozialen Einrichtungen –, dass Glaube, Dienstgemeinschaft und kirchlicher Auftrag eine Rolle spielen. Wenn die Einrichtungsleiter das diakonische Profil betonen, wird es auch für Mitarbeiter erlebbar und bedeutsam.

Anfang Juni kochte die von Verdi angestoßene Debatte um den Tarifvertrag hoch. Ist bei den Auseinandersetzungen ein Unterschied zu spüren zwischen christlichen und konfes­sionslosen Mitarbeitern?
Grüneberg: Das weiß ich nicht. Meine Überzeugung ist, unser System der paritätisch besetzten arbeitsrechtlichen Kommissionen ist modern. Es bedeutet Kompromiss, Gespräch und gemeinsame Verantwortung. Wer aber eigene Interessen verfolgt, wird sagen: »Das System funktioniert nicht.« Stimmt. Weil sich ein Partner entzieht.

Sie glauben also an die arbeitsrechtliche Kommission …
Grüneberg: Halt, halt! Ich glaube an den dreieinigen Gott. Aber ja, ich denke unser Weg ist richtig und modern. Ich kann jedenfalls nicht erkennen, dass es modern ist, zu streiken und damit Teile der Gesellschaft lahmzulegen, wie es bei Eisenbahner- oder Pilotenstreiks passiert. Und am Ende sitzen alle an einem Tisch und müssen sich einigen.

Sie haben in der Flüchtlingsfrage immer wieder Ihre Stimme erhoben für Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Die Wahlergebnisse sprechen eine andere Sprache. Kann man der Angst Argumente entgegensetzen?
Grüneberg: Angst ist irrational. Wer Ängste vorsätzlich schürt, zieht daraus einen Nutzen für sich. Ohne das wäre die AfD nicht zu diesem Erfolg gekommen. Unser Grundsatz ist und bleibt: Wir können uns den Bitten der Menschen, die auf der Flucht sind, nicht entziehen. Das gebietet der eigene Glaube. Wir wollen zeigen, dass das kein Bedrohungspotenzial hat, sondern unsere Gesellschaft reicher machen kann.

Sonne-webJetzt geht es um die Integration. Welche Aufgaben hat die Diakonie und wie sind die Mitarbeiter vorbereitet?
Grüneberg: Dass momentan weniger Flüchtlinge ankommen, hängt nicht damit zusammen, dass sich die Thematik erledigt hätte. Die Menschen sitzen jetzt an den Außengrenzen der EU, und es kommen wieder mehr Boote über das Mittelmeer. Es braucht immer noch politische Antworten. Für uns ist die praktische Aufgabe, unsere Angebote neu zu bedenken, sodass sie auch für Menschen aus anderen Kulturkreisen verständlich und wahrnehmbar sind. Andererseits müssen wir als Christen erkennbar bleiben. Spannend wird es dann, Menschen anderen Glaubens nicht nur als Klienten zu sehen, sondern auch als mögliche Mitarbeiter.

Gibt es bereits solche Fälle?
Grüneberg: Noch nicht, aber die Kollegen stellen solche Fragen wie: Können wir eine Kollegin mit Kopftuch einstellen und wie verträgt sich das mit der evangelischen Ausrichtung des Hauses?

Wie ist dazu Ihre Meinung?
Grüneberg: Ein evangelisches Haus muss als solches erkennbar sein und deshalb muss auf das demonstrative Tragen von Zeichen anderer Religionen während der Arbeitszeit verzichtet werden. Das ist natürlich ein Spannungsfeld zwischen der verfassungsmäßig garantierten Glaubensfreiheit einerseits und dem ebenfalls in der Verfassung garantierten Selbstbestimmungsrecht der Kirchen andererseits.

Sie schrieben für »Glaube + Heimat«, arme Menschen brauchen keine Almosen, sondern strukturelle Veränderungen. Welchen Beitrag leistet die Diakonie?
Grüneberg: Leider ist die Herkunft, damit meine ich auch die soziale, immer noch entscheidend für Bildungschancen. Vor zehn Jahren habe ich den ersten Armutsbericht vor der Synode gegeben, damals wurde das übrigens mit sehr viel Widerstand aufgenommen, und bis heute ist es so, dass Kinder aus armen Familien es schwerer haben, Zugang zu Bildung zu bekommen. Wir haben viel unternommen, etwa mit der Aktion »Kindern Urlaub schenken« oder unserem Plädoyer für einen öffentlich geförderten Arbeitsmarkt, denn der größte Grund für Armut ist Langzeitarbeitslosigkeit. Wir können es uns nicht erlauben, auch nur einem Kind wegen seiner Herkunft den Weg zu Bildung zu versperren.

Sie sind zweifacher Großvater. Was wünschen Sie sich für Ihre Enkel?
Grüneberg: Dass sie in Frieden und glücklich in ihrer Familie aufwachsen, und dass ich das noch lange miterleben kann. Ein Enkelkind auf dem Arm zu halten, ist noch einmal ein ganz anderes Erleben als bei den eigenen Kindern. Weil man damals noch mit ganz anderen Dingen beschäftigt war. Es braucht offensichtlich Zeit und eine gewisse Altersweisheit zu merken, was Kinder für ein Wunder sind.

Haben Sie in der Bibel Lieblingsgeschichten, die Sie den beiden Mädchen gern vorlesen wollen?
Grüneberg: Nein, keine konkreten, aber eine Kinderbibel haben wir noch von den eigenen Kindern und daraus werden wir vorlesen.

Und was liegt bei Ihnen selbst auf dem Lesetischchen?
Grüneberg: Im Moment lese ich – aber ziemlich schleppend – »Die Ehre des Scharfrichters«. Aber ehrlich gesagt, ich bin niemand, der abends im Bett lange liest, deshalb liegt auch kein Buch auf meinem Nachtschrank.

Wie entspannen Sie nach der Arbeit?
Grüneberg: Ich jogge, ich höre Musik, spiele nach der Arbeit ein paar Nummern auf der Gitarre oder gehe spazieren, besuche, wenn ich in Halle bin, unsere Kinder und die Enkel.

Haben Sie Lieblingsplätze in Halle und in Eisenach, wo Sie wohnen?
Grüneberg: In Halle bin ich gern auf der Peißnitz oder ich fahre den Radweg nach Wettin. Und in Eisenach ganz klar unser Garten, dort könnte ich den ganzen Tag sein!

»Ermöglicher« – und nicht »Verhinderer«

1. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In entspannter Atmosphäre auf ihrem Balkon in der Erfurter Altstadt traf Willi Wild die Präsidentin des Landeskirchenamtes, Brigitte Andrae, zum Gespräch. Es ging dabei um aktuelle Herausforderungen, Kritik aus den Kirchengemeinden und Perspektiven.

Das Landeskirchenamt ist mitten in Erfurt und Sie wohnen unweit des Domplatzes. Was bekommen Sie von den Demonstrationen am Dom mit und was bewegt Sie dabei?
Andrae:
Auf meinem Nachhauseweg komme ich am Domplatz vorbei. Den Mittwochs-Demonstrationen kann ich da gar nicht entgehen. Ich finde die Polarisierung in der Stadt und insgesamt in der Gesellschaft erschreckend, auch wenn die Zahl der Demonstranten zurückgegangen ist. Natürlich bewegt mich die Frage, wie wir die Menschen, die zu uns gekommen sind, integrieren können.

Die Präsidentin des Landeskirchenamtes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Brigitte Andrae, im Gespräch mit Willi Wild. Fotos: Mario Gentzel

Die Präsidentin des Landeskirchenamtes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Brigitte Andrae, im Gespräch mit Willi Wild. Fotos: Mario Gentzel

Mein Mann und ich gehören zum Unterstützerkreis der Begegnungsstätte »Café Paul« in der Predigergemeinde. Dort treffen sich Menschen aus Afghanistan, Syrien oder dem Irak. Das sind erst mal ganz einfache Begegnungen. Ich lerne aber dabei sehr viel über die Menschen und habe plötzlich ein ganz konkretes Bild über die Lebenswirklichkeit von Mustafa und Maarouf. Aber auch sie erfahren etwas über mich.

Wie begegnen Sie auf der anderen Seite Menschen, die Angst vor Überfremdung haben und das christliche Abendland in Gefahr sehen?
Andrae:
Sicher gibt es in unserer Kirche Menschen, die solche Ängste haben. Grundsätzlich müssen wir als Kirche die Ängste vor dem Fremden oder die Sorge vor dem Verlust des Arbeitsplatzes ernst nehmen. Was wir derzeit an Gewalt, Krieg und Zerstörung von Lebensgrundlagen erleben, verursacht Ängste. Da nehme ich mich gar nicht aus. Es ist wichtig, eine Gesprächsbasis zu finden.

Was bedeutet das im Umgang mit anderen Religionen?
Andrae:
Da bin ich Lernende. Ich merke immer wieder, wie wenig ich über andere Kulturen, andere Religionen und die Lebenswelten anderer weiß. In der Begegnung wächst mein Verständnis. Ich bin ein offener Mensch und empfinde Begegnungen mit Menschen aus anderen Ländern als Bereicherung. Ich muss ehrlicherweise sagen, dass mein Arbeitsplatz nicht in Gefahr ist und dass die Flüchtlinge für mich keine Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt sind. Deshalb kann ich mir kein Urteil über Menschen erlauben, die ihre Existenz bedroht sehen.

Seit fünf Jahren ist das Landeskirchenamt der EKM jetzt in Erfurt im Collegium maius mitten in der Altstadt. Welche Verbindung haben Sie als Kirchenbehörde zur Stadt?
Andrae:
Eine enge Verbindung habe ich von Anfang an angestrebt. Dem Ort, dem Collegium maius, der alten Erfurter Universität mit Martin Luther als berühmtesten Schüler und Lehrer, fühlen wir uns verpflichtet. So oft es möglich ist, öffnen wir unser Haus für Veranstaltungen. Die »Collegium-maius-Abende« werden gut angenommen. Wir wollen unser Haus öffnen und wir wollen den gesellschaftlichen Diskurs. Für mich ist die Kunst im Landeskirchenamt ganz wichtig. Regelmäßig organisieren wir Ausstellungen und laden ein zur Teilnahme an unseren geistlichen Angeboten, den Morgengebeten und mittwochs zum Mittagsgebet in der Michaeliskirche, gegenüber dem Landeskirchenamt.

Viele Mitarbeitende im Landeskirchenamt engagieren sich ehrenamtlich. Wir haben im Haus für Flüchtlinge gesammelt oder die Arbeit der Stadtmission unterstützt.

Sie wollen erstmals die Öffentlichkeit ins Landeskirchenamt einladen. Was haben Sie vor?
Andrae:
Am 10. September von 10 bis 14 Uhr gibt es einen »Tag der offenen Tür«. Wir wollen unsere Arbeitsbereiche vorstellen und Menschen einladen, mit uns ins Gespräch zu kommen. Ein Angebot, das weit über Erfurt hinausgeht. Kirchengemeinden und Mitarbeitende sind eingeladen, ihr Landeskirchenamt zu besuchen, um beispielsweise die Öffentlichkeitsarbeit der EKM kennenzulernen oder sich über das EKM-Projekt zur Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen zu informieren. Aber auch Fragen nach der Funktionsweise unseres Finanzsystems in der EKM werden fachkundig beantwortet. Ich möchte die Kirchengemeinden ermuntern, die Möglichkeit für einen Gemeindeausflug zu nutzen.

Das Verständnis für die Arbeit und die Arbeitsweise des Landeskirchenamtes scheint an der Basis nicht sehr ausgeprägt. Angesichts von Strukturreformen, Stellenkürzungen oder der Zusammenlegung von Kirchengemeinden wächst der Unmut. Viele fragen sich, wohin soll die Reise gehen? Was ist das Ziel?
Andrae:
Die Frage nach dem Ziel ist eine gemeinsame und vor allem eine geistliche Frage, die alle Ebenen unserer Landeskirche betrifft. Die Rahmenbedingungen für die kirchliche Arbeit haben sich, auch im gesellschaftlichen Kontext, in den letzten Jahren erheblich verändert. Ich sehe die zentrale Funktion des Landeskirchenamtes darin, unter den geänderten Rahmenbedingungen das eigenverantwortliche Handeln der Kirchenkreise und Gemeinden zu ermöglichen und zu gewährleisten. Wir wollen »Ermöglicher« und nicht »Verhinderer« sein. So hat sich bei den Schwerpunkten der Arbeit im Landeskirchenamt einiges verändert. Unsere Aufgaben als Aufsicht gehen zurück, die der Beratung und Dienstleistung nehmen zu. Wir bieten in einigen Bereichen Spezialwissen an, das in Kreiskirchenämtern oder auf Kirchengemeindeebene so nicht vorgehalten werden kann.

ErSommerlogo GuHreicht Sie die Kritik aus den Kirchengemeinden?
Andrae:
Ja, natürlich erreicht mich die Kritik. Und ich nehme wahr, dass es unter den geänderten Rahmenbedingungen für die Gemeinden und Kirchenkreise nicht leicht ist, Schwerpunkte zu setzen oder die Arbeit in bestimmten Bereichen neu zu organisieren. Die Verantwortung liegt vor Ort. Über den Stellenplan für den Verkündigungsdienst beschließt die Kreissynode. Wie die konkrete Dienstanweisung für die Pfarrerin oder den Pfarrer aussieht, wird zwischen diesen und den Kirchengemeinden unter Beteiligung des Superintendenten ausgehandelt. Das Landeskirchenamt hat lediglich eine Rahmenanweisung erlassen, um einer Überlastung vorzubeugen. Damit wollen wir die Pfarrerinnen und Pfarrer im Verkündigungsdienst unterstützen.

Das Reformationsjubiläum wirft seine Schatten voraus. Da müssen im Landeskirchenamt der EKM große Aufgaben geschultert werden. Was ist Ihnen wichtig?
Andrae:
In erster Linie wollen wir als EKM gute Gastgeber sein. Natürlich sind wir stolz auf die vielfältigen Schätze, die wir in der EKM haben. Die schönen Kirchen, die wunderbare Kirchenmusik, die Kunst und die Menschen in unseren Kirchengemeinden. Wir wollen zeigen, dass wir eine lebendige Kirche sind, die sich – ganz im Sinne der Reformation – verändert. Das Reformationsjubiläum ist eine Chance, dass wir als EKM noch stärker unsere gemeinsame Identität finden. Wir gehören zusammen und vieles verbindet uns, ob wir in Eisenach oder in der Altmark leben.

Welche Perspektive hat Ihrer Meinung nach die EKM?
Andrae:
Eine Frage, die uns weiter beschäftigen wird: Wie kann es uns gelingen, neben dem Bewährten etwas Neues zu etablieren, in den Veränderungsprozessen, in denen wir uns befinden? Gute Traditionen erhalten und Neues ausprobieren. Ein gutes Nebeneinander von Tradition und Innovation. In den »Erprobungsräumen« nehmen missionarische Projekte einen wichtigen Platz ein. Bunte Vielfalt anstatt ausschließlich starrer Formen.

Eine zweite wichtige Frage ist, wie es uns gelingt, religiöse Themen in die Gesellschaft einzubringen. Wo erreichen wir die Lebenswirklichkeit der Menschen? Da ist Phantasie gefragt. Ich wünsche mir natürlich auch eine Kirche, die verantwortlich mit ihren Ressourcen umgeht. Und ich wünsche mir, dass man gerne in dieser Kirche arbeitet. Sei es im Haupt- oder im Ehrenamt. Wenn wir etwas von der Freude des Evangeliums ausstrahlen, fände ich das wunderbar.

Sie hatten im vergangenen Jahr einen runden Geburtstag?
Andrae:
Ach ja.
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Denken Sie schon über die Zeit nach dem Berufsleben nach? Und welche Ziele haben Sie, was möchten Sie bewegen?
Andrae:
Ich bin 60 geworden. Nach wie vor macht mir die Arbeit viel Freude. Die verbleibenden fünf Jahre bis zu meinem Ruhestand möchte ich nutzen, um zwei Anliegen zu befördern: Das ist zum einen die strategische Personalentwicklung für den Verwaltungsdienst in der EKM. Hier haben wir für die Entwicklung und Implementierung ein Projekt für das Landeskirchenamt und exemplarisch in drei Kreiskirchenämtern aufgelegt. Zum anderen: Wie gelingt es, das Landeskirchenamt noch stärker zukunftsfähig zu machen? Wie können wir den Erwartungen der Adressaten noch besser entsprechen? Wo setzen wir inhaltliche Schwerpunkte? Diese Fragen sind vor dem Hintergrund der Einsparungen in 2019 zu lösen. Nach jetzigem Stand sind auf der landeskirchlichen Ebene zweieinhalb bis drei Millionen Euro einzusparen.

Und das, obwohl sich die Einnahmesituation im vergangenen Jahr doch erheblich verbessert hat?
Andrae:
Die Einnahmen im Haushalt der EKM bestehen nur zu 50 Prozent aus eigenen Mitteln, der Kirchensteuer, 30 Prozent kommen aus dem EKD-Finanzausgleich und 20 Prozent sind Staatsleistungen. Trotz der Einnahmesteigerung geht die Gemeindegliederzahl kontinuierlich um jährlich zwei Prozent zurück. Bis 2025 wird es circa 35 Prozent weniger Kirchensteuerzahler in der EKM geben. Darauf müssen wir auf der Ausgabenseite reagieren.

Ihre Aufgabe nimmt Sie sehr in Beschlag. Gibt es da überhaupt noch ein Leben außer des Amtes?
Andrae:
Gott sei Dank! Ja.

Wobei können Sie entspannen?
Andrae:
Mein Mann und ich entspannen, wenn wir mit unseren beiden Kindern und deren Familien zusammen sind. Mit unseren beiden Enkelinnen fahren wir in den Urlaub an die Ostsee. Die Große wird elf und die Kleine ist fünf, die kommt das erste Mal mit. Wir lieben das Meer. Anschließend sind wir in Mecklenburg mit unserem alten DDR-Faltboot unterwegs.

Daneben interessiere ich mich für Kunst oder sitze gern mal gemütlich in einem Café.

»Unser Herz an die Angel hängen«

25. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Gespräche über Gott und die Welt mit mitteldeutschen Kirchenvertretern in entspannter Atmosphäre. Harald Krille traf sich zum Auftakt dieser Reihe mit Kirchenpräsident Joachim Liebig (58) in einem Restaurant am Elbufer in Dessau-Roßlau. Sie sprachen über Kirche, Politik und Vorlieben.

Herr Kirchenpräsident, Ihre Begeisterung für Bärentatzen der Bäckerei Rose in Weimar hat sich in der Redaktion herumgesprochen. Wie begann Ihre Liebe zu diesem Gebäck?
Liebig:
In meiner früheren Gemeinde in Schaumburg-Lippe gab es einen selbstständigen Bäcker und Konditor. Der stellte wunderbare Schweinsohren und Bärentatzen her. Ich war der Meinung, es gäbe keine Bärentatzen vergleichbarer Qualität. Doch bei einem Besuch in der Redaktion von »Glaube und Heimat« in Weimar bin ich eines Besseren belehrt worden. Seitdem bin ich ein großer Fan der Bärentatzen des gegenüberliegenden Cafés.

Sie wurden 1958 in Hildesheim geboren, haben in Bethel und Hamburg studiert, aber schon vor der Wende ein Praktikum im Erzgebirge gemacht. Wie kam es dazu?
Liebig:
Die Verbindung nach Sachsen ist zunächst schon durch die Familiengeschichte bestimmt. Die Familie meines Vaters flüchtete zum Kriegsende, mein Großvater erfror unterwegs in Thüringen und wurde dort beigesetzt. Ein Teil der Familie ist dann auf dunklen Wegen bis Niedersachsen geraten, aber eine Reihe von Verwandten lebt bis heute in Zittau und Umgebung. Da gab es schon in meiner Kindheit Besuchsreisen in den Osten.

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig, am Elbufer, einem seiner Lieblingsplätze. Foto: Harald Krille

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig, am Elbufer, einem seiner Lieblingsplätze. Foto: Harald Krille

Im Vikariat war ich ein Jahr in Paris und bemühte mich anschließend, in den Partnerkirchenkreis nach Dippoldiswalde zu einem Praktikum zu kommen. Zur großen Überraschung war das auch möglich und so verbrachte ich einen langen Herbst und kurzen Winter in der Gemeinde Reinhardtsgrimma. Daraus sind Freundschaften entstanden, die bis heute anhalten.

Stehen bei Ihnen zu Hause in der Weihnachtszeit auch Pyramide und Räuchermann?
Liebig:
Natürlich, das volle erzgebirgische Programm. Auch der Schwibbogen darf nicht fehlen.

Die kirchliche Situation in Ihrem Ost-Praktikum war sicher eine ganz andere als in Schaumburg-Lippe?
Liebig:
Ja, aber nicht im Sinne von frustrierend. Im Gegenteil, ich fand das wirklich hochinteressant, es hat mich richtig elektrisiert. Weil ich schon damals das Gefühl hatte, hier auf eine kirchliche Situation zu stoßen, die im Grunde auch im Westen bevorsteht.

Finden Sie die kirchliche Situation in Mitteldeutschland immer noch elektrisierend?
Liebig:
Sie ist nicht elektrisierend im Sinne von hocherfreulich. Das ist sie meines Erachtens im Augenblick nirgendwo in Westeuropa. Aber wir sind hier bei uns in Mitteldeutschland in besonderer Weise jeden Tag herausgefordert zu fragen: Wo wollen wir eigentlich hin, was wollen wir machen und wie muss Kirche in Zukunft aussehen? Was sind unsere Aufgaben als Kirche in unserer Gesellschaft? Diese existenziellen Anfragen finde ich in der Tat immer noch elektrisierend.

Haben Sie den Eindruck, dass es zumindest ansatzweise Antworten gibt?
Liebig:
Ja, die gibt es. Aber sie sind in mancherlei Hinsicht völlig anders als die Antworten, die im Augenblick im deutschen Protestantismus gegeben werden. Drei Beispiele: Die Neuorganisation von Kirche bei uns findet nicht durch missionarische Programme statt. Wie inzwischen missionstheologisch weithin bekannt, lassen sich Menschen nur für eine Sache interessieren, wenn man Auge in Auge, persönlich, eins zu eins mit ihnen spricht. Wenn wir Menschen erreichen wollen, müssen wir, salopp gesagt, unser Herz an die Angel hängen.
Zweitens müssen wir uns bei allen gewünschten Veränderungen auf sehr lange Zeiträume einrichten. Alle Programme, die sagen, wir wollen jetzt innerhalb von einer benennbaren Zahl von Jahren um so und so viel wachsen, sind völlig abwegig. Es geht hier um Generationen.
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Und das Dritte und vielleicht Entscheidende: Welche Art von Struktur und Organisationsform muss Kirche in diesem Zusammenhang gewinnen? Das ist im Moment noch offen. Dietrich Bonhoeffers Anspruch, dass Kirche immer Kirche für andere sein muss, werden wir nicht aufgeben. Aber ob es uns gelingen wird, tatsächlich in absehbarer Zeit volkskirchliche Strukturen in der Gesamtfläche zu behalten, da bin ich mehr im Zweifel denn je. Da brauchen wir neue Antworten, auch wie die Rollen des Ehrenamtes und der Hauptberufler im Verkündigungsdienst sowie der Verwaltungsmitarbeiter künftig aussehen sollen.

Theologen lernen im Studium, eine Sequenz von 30 Worten aus dem Alten Testament vier verschiedenen Quellen zuzuordnen. Aber lernen sie auch, das Herz an die Angel zu hängen?
Liebig:
Ich würde das nicht gegeneinanderstellen. Wenn jemand ins Pfarramt geht, muss er in der Lage sein, auf jeder Ebene auskunftsfähig zu sein. Und dazu gehört eine akademische Ausbildung. Aber es kann und darf nicht dabei bleiben. Als Hirte oder Hirtin der Gemeinde kommt die Frage: Welche Rolle spiele ich dabei? Und da galt leider über lange Zeit in der praktischen Theologie eher der Gedanke: Halten Sie sich selbst zurück, lassen Sie die Botschaft in den Mittelpunkt treten. Nur: Die Botschaft braucht immer Menschen, die damit identifizierbar sind. Und das hat dann Konsequenzen für das Berufsbild, bis hin zu der Frage der Arbeitszeit eines Pastors.

Unabhängig von den kirchlichen Problemen zeigen die Auseinandersetzungen um AfD und Pegida sowie die letzten Wahlen hier in Mitteldeutschland, welch tiefer Riss durch die Bevölkerung geht.
Liebig:
Ich muss mir selbst vorwerfen, dass ich seit Jahren diesen nun zutage tretenden Riss, wahrscheinlich sind es sogar mehrere Risse, unterschätzt habe. Ich muss konstatieren, dass eine gesellschaftliche Entwicklung stattgefunden hat, in der die Eliten, und dazu würde ich jetzt auch Kirche zählen, nicht wahrgenommen haben, dass eine signifikante Zahl von Menschen sich abgekoppelt hat von gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Flüchtlingsfrage war dann nur der Auslöser, nicht die Ursache.

Was bedeutet dies für die Kirchen?
Liebig:
Ganz prinzipiell sind wir Christenmenschen gerufen, die Versöhnung zu predigen. Nicht nur die Versöhnung zwischen Gott und den Menschen, sondern auch die Versöhnung zwischen den Menschen. Praktisch heißt das: Wo immer es geht, müssen wir ins Gespräch kommen, gerade auch mit denen, die sich abgekoppelt haben oder dabei sind, es zu tun. Ihnen müssen wir ein Gegenbild zeigen.

Bisher ist aber auch kirchlicherseits vor allem viel von Abgrenzung geredet worden.
Liebig:
Es muss sehr deutlich sein: Wir stehen für ein anderes Bild vom Menschen, für ein anderes Bild von Gesellschaft, als es von Pegida und der AfD vertreten wird. Wir stehen aber auch für eine Gesprächskultur, die sich eben nicht in Verweigerung äußert. Ich weiß, dass viele Kolleginnen und Kollegen solche Gesprächsforen in ihren Gemeinden anbieten. Das erfordert einen gewissen Mut, denn die Äußerungen, die auch ich immer wieder höre, sind ja oftmals nicht diskussionsfähig. Da gibt es eine immense Welle von Hass und eine auf keinen Fall kirchenspezifische Artikulationsweise. Aber wir müssen lernen, das auszuhalten und dem Vorgebrachten dann in ruhiger Freundlichkeit etwas entgegenzuhalten. Auch ich muss das erst lernen. Aber das geht. Es gibt natürlich Grenzen. Etwa, wenn jemand sich überhaupt nicht davon abbringen lässt, sich rassistisch oder menschenfeindlich zu äußern. Aber wir machen es uns zu leicht, wenn wir sagen, wir reden einfach nicht mit denen.

Sommerlogo GuHWas heißt das konkret – kann in der anhaltischen Kirche auch ein AfD-Mitglied im Gemeindekirchenrat sein?
Liebig:
Die AfD ist hier im Augenblick eine demokratisch gewählte Partei. Und deswegen ist die Mitgliedschaft in der AfD noch kein Grund zu sagen: Der auf jeden Fall nicht. Aber jemand, der sich offensiv zur AfD hält, ist dann auch bei bestimmten Positionen begründungspflichtig. Da muss man schon sehr genau hinschauen, ob bestimmte Haltungen noch kompatibel zum Evangelium sind.

Gilt das Gleiche nicht auch bei Mitgliedern der Linkspartei?
Liebig:
Da gilt dasselbe Verfahren. Auch die Linkspartei ist eine demokratisch gewählte Partei, die jetzt ganz gewiss nicht dem Verdacht ausgesetzt ist, besonders kirchenfreundlich zu sein. Aber auch da würde ich sagen: Am Einzelfall ist zu entscheiden. Denn ich glaube, gerade Pauschalierungen sind eine falsche Reaktion, weil sie eine Sicherheit der Entscheidung suggerieren, die letztlich nicht besteht.

Sie werden in der Öffentlichkeit als ruhig und ausgleichend wahrgenommen. Was kann den Kirchenpräsident Anhalts richtig auf die Palme bringen?
Liebig:
Privat habe ich mich, seit unsere Kinder erwachsen sind, kaum mehr richtig aufgeregt. Vorher – nun, jeder der Kinder hat, weiß, was da alles so passieren kann.

Dienstlich ärgert mich zunehmend eine Verrechtlichung kirchlichen Dienstes. Und zwar nicht so sehr von den Juristen, sondern eine Berufshaltung, die sich darin erfreut zu sagen: Ich habe meine freien Tage und meinen geregelten Dienst und da passiert dann auch nichts. Ich bleib noch mal bei diesem Begriff, »das Herz an die Angel hängen«: Das kennt keinen Urlaub. Natürlich weiß ich um Überforderungsdiskussionen und Burnout-Situationen. Aber die Lösung für solche Fragen besteht nicht darin, den eigenen, im Grunde sehr freien Berufsalltag in dieser Weise zu strukturieren.

Was mich auch aufregt, ist eine immer wiederkehrende Selbstminimierung unserer Region. Ja, wir haben keine Dax-Konzerne in Sachsen-Anhalt. Aber daraus abzuleiten, dass wir irgendwie die abgehängte Region sind – das erzeugt bei mir wirklich richtigen Ärger. Da steigt mein Blutdruck, das nehme ich nicht hin. Ich kenne andere Regionen, die bei weitem nicht dieses historische Potenzial haben. Ich sehe in Sachsen-Anhalt vor allem die vielen Möglichkeiten.

Stimmt das Gerücht, dass Sie inzwischen Grundbesitzer in Anhalt geworden sind?
Liebig:
Ja das stimmt. Meine Frau und ich haben einen Bauplatz gekauft und werden im nächsten Jahr dann zu Bauherren mutieren. Jeder Pfarrer baut ja gerne. Ich hab jetzt schon eine klare Vorstellung, was alles schiefgehen kann, bin aber dennoch zuversichtlich, dass wir da weitestgehend verschont bleiben. Mal sehen.

Kapitulation im Gottesdienst

18. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausgebrannt: Er leitete eine Vorzeigegemeinde. Pfarrer Andreas Möller war beliebt, erfolgreich und irgendwann überlastet. Erst eine Auszeit brachte sein Leben wieder ins Lot.

Andreas Möller, Jahrgang 1962, bezeichnet seinen vierteljährlichen Aufenthalt im Recollectio-Haus in Münsterschwarzach als »eine der wertvollsten Zeiten in meinem Leben«. Innehalten, das bisherige Leben unter die Lupe nehmen, schauen, warum es zu dieser Krise gekommen ist. Der Pfarrer blickt auf ausgefüllte, erfolgreiche Berufsjahre im Gemeindebezirk Wenigenjena, zu dem in Jena die Gemeinden am Lutherhaus und an der Schillerkirche und in Ziegenhain die an der Marienkirche gehören.

Pfarrer Andreas Möller. Foto: Sabine Kuschel

Pfarrer Andreas Möller. Foto: Sabine Kuschel

1998 kommt der Theologe nach Jena. Gemeinsam mit seiner Frau, die Gemeindepädagogin ist, will er sich am Konzept eines missionarischen Gemeindeaufbaus nach Christian und Fritz Schwarz orientieren. Zu diesem gehören inspirierende Gottesdienste, zweckmäßige Strukturen, die Mitarbeiter übernehmen Verantwortung entsprechend ihren Gaben. Als er der Gemeinde dieses Konzept vorstellt, ist er begeistert von der Resonanz: »Da packen wir mit an.« So kommt es. Die Gemeindesituation wird genau betrachtet, die Menschen, ihre verschiedenen Frömmigkeitsformen, die Gebäude und Räume. Drei Schwerpunkte kristallisieren sich heraus: Christ werden und bleiben. Wie können Christen ihre je eigene Form der Nachfolge entwickeln? Und wie können sie entdecken, welches ihr persönlicher Beitrag für das Anliegen Gottes ist? Dafür gibt es entsprechende Angebote: Seminare, Glaubenskurse, geistliche Übungen, Persönlichkeitstests. Das Gemeindeleben blüht auf. Familiengottesdienste werden so gestaltet, dass sich Kinder und Erwachsene wohlfühlen. Die Jugendlichen kommen am Abend. Alte und neue Formen existieren nebeneinander. Als die 180 Plätze im Kirchsaal nicht mehr ausreichen, werden die Gottesdienste geteilt. Jeweils drei am Sonntag. Der Zuspruch ist enorm. »Die Nachbargemeinden guckten nach uns.« Es entsteht Druck. Neben der Vielzahl an Gruppen, Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen gibt es einen Berg an Verwaltungsarbeit. »Ich habe den Anspruch, dass alles gut und sauber läuft, aber nicht das Geschick für die Geschäftsführung«, räumt der Theologe ein. 2002 nach einem Urlaub machen sich »Anzeichen von Burnout« bemerkbar. Panikattacken. Der Pfarrer beschließt kürzerzutreten. Als er der Gemeinde dies im Gottesdienst sagen will, bricht er plötzlich in Tränen aus. Totenstille. Möller schildert: »Ein Mann steht auf, Arzt, ein ganz großer Mann, kommt nach vorn, nimmt mich in den Arm und sagt, er habe das kommen sehen.« Für Möller ist dies ein berührender Moment. »Ein emotionaler Höhepunkt. Ich habe mich getröstet gefühlt.«

Nun überlegt und berät die Gemeinde, wie der Pfarrer entlastet werden könnte – und findet eine innovative Lösung. Es wird eine zusätzliche Pfarrstelle eingerichtet, jedoch nicht mit landeskirchlichen, sondern eigenen Mitteln. Es finden sich genügend Spender. Die Stelle wird über einen Förderverein finanziert. Es dauert allerdings eine Weile, bevor 2004 Pfarrer Jörg Gintrowski kommt und sich die Situation in der Gemeinde entspannt. Allerdings laufen im Kirchenkreis Verhandlungen über Strukturveränderungen. Möller engagiert sich. Die Auseinandersetzungen kosten viel Zeit und Kraft. Energie, die der Gemeinde verlorengeht. »Ich wollte für unseren Kirchenkreis etwas bewegen.« Doch er kann sich nicht eingestehen, dass er etwas geschafft hat.

Januar 2012. Der Pfarrer sitzt vor seinem Computer, sein Leben erscheint ihm wie ein Trümmerhaufen. »Ich war so frustriert, wie erstarrt, vergleichbar mit einer festgefahrenen Festplatte auf dem Computer, eine innere Lähmung.« Der Psychiater schreibt ihn krank und verordnet eine Langzeittherapie. Der Theologe klinkt sich aus seinem Alltag aus. Die Gespräche mit dem Psychologen sind wichtig für ihn. Und die Auszeit in Münsterschwarzach. Hier blickt er auf sein Leben und erkennt: »Es ist nicht allein die Arbeit«, denn viele Menschen seien mit Arbeit randvoll eingedeckt und bekämen dennoch kein Burnout. »Es ist auch nicht die mangelnde Wertschätzung«, andere würden für das, was sie tun, ebenfalls keine oder zu wenig Anerkennung ernten. Er unternimmt in Münsterschwarzach eine Reise in die Kindheit. Dabei entdeckt er, dass seine Erziehung in einem Pfarrhaus in der DDR Spuren hinterlassen hat. Die Einstellung seiner Eltern, Dienst für Gott und Menschen gehe vor, leitet auch ihn. Ebenso der Anspruch, alles perfekt erledigen zu wollen. Er nimmt seelische Verwundungen wahr, schreibt Tagebuch, liest die Klagelieder der Bibel. Im Recollectio-Haus hat er viel Zeit zum Nachdenken und Nachspüren. Zum täglichen Ritual gehören die Gottesdienste und Gebete. Ein Team von geistlichen Begleitern, Psychotherapeuten und Ärzten hilft, neue Perspektiven zu erkennen. Andreas Möller steckt seine Grenzen neu ab.

Die Wochen im Recollectio-Haus sind eine heilsame Zeit. Er entdeckt den Wert von Familie und von Freundschaften neu. Er macht ausfindig, wie er sich im Alltag eine kurze Pause schaffen kann, kennt seine 30 Möglichkeiten der Entspannung, die nicht länger als fünf Minuten dauern und nicht mehr als fünf Euro kosten. Zum Beispiel eine Tasse Kaffee trinken, ein Comic lesen, ein paar Schritte im Garten gehen. Er kehrt nach Hause zurück mit einer anderen Sensibilität. »Ich weiß mich zu schützen.« Nach 18 Jahren verabschiedet sich der Pfarrer von Jena und betritt beruflich Neuland. Seit März ist Möller Referent für Gemeindeentwicklung. Zur Einführung in dieses neue Amt schreibt eine Jenaer Autorin: »Die EKM hätte kaum einen Besseren finden können.«

Sabine Kuschel

Hoffnungen, Risiken, Bedenken

11. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Hintergrund: Neue Verfahren wie die Crispr-Cas9-Methode haben die biomedizinische Forschung in das öffentliche Interesse gerückt. Diskutiert werden müssen die ethischen Grenzen der Genomchirurgie, vor allem der Zugriff auf das menschliche Erbgut. Fragen und Antworten.

Was ist die Crispr-Cas9-Methode?
Es geht darum, die DNA, in der das genetische Material und damit das Erbgut von Lebewesen und Viren gespeichert ist, zu zerschneiden, zu zerstören oder gezielt zu verändern. Das Verändern wird »genome editing« genannt, analog dazu, wie ein Text redaktionell editiert (bearbeitet) werden kann. Eingesetzt werden kann es zur Erforschung und zur Therapie von Krankheiten. Ein entscheidender Durchbruch gelang im Jahre 2012 den Arbeitsgruppen um die Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier und die Biochemikerin Jennifer Doudna. Crispr steht für »Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats«.

Was ist das Besondere an der Methode?
Die Forscher nutzen ein Verfahren, das es in der Natur schon gibt: Bakterien sind in der Lage, zielgenau und wie mit einer Schere die DNA von Viren zu zerstören, die zuvor in die Bakterien eingedrungen sind.

Was wurde schon gemacht?
Zum Beispiel Forschung an Pflanzen, Mikroorganismen und Bakterien: die Erzeugung einer Hefe zur effektiveren Herstellung von Krebsmedikamenten und die Züchtung einer bakterienresitenten Reispflanze.

Wie sehen es andere Länder?
In der Genforschung gibt es einen starken internationalen Wettbewerb. So haben chinesische Forscher im April 2015 das Potenzial von Crispr-Cas9 an nicht entwicklungsfähigen menschlichen Embryonen getestet. Die Ergebnisse zeigten, dass »genome editing« noch nicht genügend ausgereift sei für eine »verantwortbare Anwendung in der Medizin«, heißt es von den Forschern der Leopoldina.

Welche Chancen bietet das neue Verfahren?
Effizient, zeitsparend und kostengünstig sind die immer wieder verwendeten Schlagworte. Und wenn zum Beispiel die Gene der Anopheles-Mücke, die Malaria überträgt, dauerhaft verändert werden könnten, könnte das das Ende der Malaria bringen. Es bedeutet aber auch einen massiven Eingriff in das Ökosystem.

Wann wird es problematisch?
Diskutiert werden vor allem die drei Anwendungsmöglichkeiten am Menschen. Die Forschung in vitro, im Reagenzglas außerhalb des Körpers, an normalen somatischen Körperzellen, wird im Allgemeinen als unproblematisch angesehen. Die Anwendung im Körper (in vivo), an normalen Zellen, setzt voraus, dass die Methode ausgereift, ethisch begründbar und technisch sicher ist. Prinzipiell zur Diskussion steht die dritte Anwendungsart: die in der Keimbahn.

Was ist die Keimbahn?
Die Linie von Eizelle und Samenzelle über die befruchtete Eizelle bis zu den Eizellen oder Samenzellen des daraus entstehenden Nachkommens. Somatische Zellen hingegen enthalten zwar Erbinformationen, geben diese aber nicht weiter.

Welche ethischen Fragen werden diskutiert?
Im Mittelpunkt steht die Veränderung der Keimbahn und damit der Eingriff in das Erbgut künftiger Generationen. Befürworter weisen darauf hin, dass so Menschen vor schweren Erbkrankheiten bewahrt werden könnten. Wer das nicht wolle, müsse moralisch begründen, wieso er ein Krankheitsrisiko bewusst nicht beseitigen wolle.
Blick-28-2016Andere weisen darauf hin, dass die genetische Veränderung ohne die Zustimmung des künftigen Menschen geschieht, damit würden das Recht auf körperliche Selbstbestimmung und Unversehrtheit sowie die Würde des noch nicht geborenen Menschen verletzt. Andere setzen die Würde und Identität der gesamten menschlichen Gattung dagegen. Zudem sei die technische Selbstgestaltung Teil der menschlichen Entwicklung – und wieso sollte es die Würde eines Menschen verletzen, wenn er vor einer schweren Erkrankung bewahrt würde?

Um all diese Fragen zum Eingriff in die Keimbahn ausführlich und öffentlich zu diskutieren, fordern einige Wissenschaftler ein Moratorium für Keimbahn-Experimente beim Menschen.

Wiebke Rannenberg (epd)

Hobby und Beruf sind wichtige Ansatzpunkte

4. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Mission praktisch: Wer Menschen erreichen will, sollte sich die Mühe machen, darüber nachzudenken, was sie wirklich bewegt, meint der Professor für kirchliche Zeitgeschichte, Altbischof Axel Noack, im Gespräch mit Willi Wild.

Welche Bedeutung hat Mission bei uns heute?
Noack:
Ich denke, das Verständnis dafür zumindest in der Kirche wächst. Früher war klar: Christliche Eltern erzeugen christliche Kinder und die Kirche setzt sich automatisch fort. Das ist nicht mehr so. Erstens erzeugen christliche Eltern ohnehin weniger Kinder. Und dann werden das auch nicht unbedingt Christen. Tatsache ist, wir werden weniger.

Das heißt, man muss sich etwas Neues einfallen lassen? Was halten Sie von der Mission unter Flüchtlingen?
Noack:
Die Frage nach der Mission in anderen Religionen, bei Juden oder Muslimen, sollten wir sehr behutsam angehen. Wir müssen von unserem Glauben überzeugt sein, aber wir dürfen den der anderen nicht kränken. Ich sage gern: Schaut euch erst mal um nach den vielen Heiden im Land. Da habt ihr genug zu tun.

Die Zahl derer, die keiner Religion angehören, wird aber deutlich abnehmen. Ganz schnell wird das gehen, durch die vielen Zuwanderer. Und die haben auch noch viele Kinder. Da spielen der Glaube und die Religion eine große Rolle. Wir müssen uns deshalb aber nicht verstecken. Die Kirchen müssen von ihrem Glauben Zeugnis geben und Rechenschaft ablegen über die Hoffnung, die in ihnen ist. Allerdings gibt es missionarisch engagierte Gruppen im Lande, die ein schwieriges Verhältnis zum achten Gebot in Luthers Auslegung haben, wenn es darum geht, andere nicht zu kränken oder den Ruf nicht zu schädigen. Wir müssen den Glauben anderer hoch achten, wenn wir auch geachtet werden wollen. Mission unter Muslimen hat für mich nicht oberste Priorität. Wir haben genug anderes zu tun.

Wie sollte Mission heutzutage aussehen?
Noack:
Es ist nicht mehr wie früher, dass man einfach ein Traktat verteilt oder evangelistische Kongresse abhält. Das funktioniert heute fast nicht mehr. Mission sollte so verstanden werden, wie es Fulbert Steffensky ausdrückt: »Wir sollten vom Äußeren zum Inneren kommen.« Über die Musik kann man viele Menschen erreichen, über die Kirchengebäude oder über eine Beteiligung am Kirchbau. Dabei ist es möglich, auch vom Glauben zu reden. Aber es sollte vom Äußeren zum Inneren gehen.

Wir scheuen uns immer noch vor nichtkirchlichen Gruppen. Ich meine Vereine, Interessen- oder Berufsgruppen, wie Jäger, Handwerker oder Motorradfahrer. Da gibt es viele Gelegenheiten, den Glauben zu bezeugen. Ich mache als Pfarrer öfter mit bei Freisprechungen von Gesellen oder Meisterfeiern. Wenn wir als Kirche angefragt werden, dürfen wir uns davor nicht drücken. Wir sollten auch offen sein für Segensfeiern an den Schulen. Die Kritiker meinen, wir seien als Kirche dann nur noch die Blumenkübel, die anderen das Fest schön machen. Ich sehe das anders. Denn ich glaube, mit dem Evangelium werden wir die Menschen nur wirklich erreichen, wenn wir uns Mühe geben darüber nachzudenken, was die Menschen wirklich bewegt. Und die Jäger sind eben bei ihrer Jägerei betroffen, und die Motorradfahrer beim Motorradfahren, und die Handwerker in ihrem Beruf. Hobby und Beruf sind wichtige Ansatzpunkte. Das ist viel besser, als bei der Sündigkeit des Menschen anzusetzen oder bei nicht gelingendem Leben, wie das früher oft der Fall war.

Eine Plakatwand vor einer Kirche in Bielefeld mit einem Zitat des Aktionskünstlers Arno Backhaus. Foto: arnobackhaus.de

Eine Plakatwand vor einer Kirche in Bielefeld mit einem Zitat des Aktionskünstlers Arno Backhaus. Foto: arnobackhaus.de

Derzeit machen sich vor allem Gruppen außerhalb der Kirche lautstark Gedanken über den Fortbestand des christlichen Abendlandes. Ist das ihrer Meinung nach auch ein Ansatz für Mission?
Noack:
In der Tat ist es so, dass Ängste dann entstehen, wenn man unsicher ist. Oft sind die Leute, die diese Sorge um das christliche Abendland äußern, gar keine Christen. Es ist eine wichtige Aufgabe der Kirche, Menschen in der eigenen Tradition sicherer zu machen. Vorausgesetzt, wir erreichen die Menschen. Ich habe schon ein paar Mal versucht zu diskutieren. Da wurde es dann ziemlich schnell laut. Und das ist nicht mein Stil. Die Pegida-Demonstrationen sind für mich fürchterlich, aber die Gegner sind auch nicht viel besser. Die pfeifen oder skandieren in Sprechchören: »Schnauze halten, Schnauze halten!« Das bringt’s auch nicht. Wir müssen eine Kultur hinkriegen, die friedfertig ist und auch auf verbale Gewalt verzichtet. Das klingt jetzt komisch, aber es geht tatsächlich um das christliche Abendland. Das ist es, was uns ausmacht. Wir sollten deutlich sagen, dass unsere Kultur ganz stark vom Christentum geprägt ist. Das ist vor allem für Juristen ein Problem. Tierschutz oder Eherecht – alles christlich geprägt. Das kollidiert dann mitunter mit den Prinzipien eines weltanschaulich neutralen Staates oder Vorstellungen anderer Religionen. Aber das müssen und werden die Rechtsgelehrten lösen.

Welche Rolle spielt Mission im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum?
Noack:
Das ist eine große Chance. Dadurch werden viele Menschen mit unterschiedlichen Themenfeldern erreicht. Die Tourismus-Wirtschaft hat sogar einen neuen Begriff geprägt: spiritueller Tourismus. Das ist toll. In Halle fährt eine Straßenbahn mit einem großen Werbeschriftzug. Darauf steht zu lesen: »August Hermann Francke bringt Luther in Bewegung! Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln!« Das zieht sich über die ganze Straßenbahn hin. Das hätte es ohne das Reformationsjubiläum nicht gegeben. Natürlich gibt es auch Kritik. Die Kulturschaffenden oder die Touristiker sagen: Ihr Protestanten beschäftigt euch immer nur mit den Problemen und Schattenseiten, wie etwa mit dem Thema »Luther und die Juden«. Könnt ihr euch nicht mal richtig freuen? Doch, wir können und wir wollen uns freuen, aber wir müssen auch die Probleme benennen. Deswegen gab es di e zehn Themenjahre. Natürlich wäre es schön, wenn wir unverkrampft und fröhlich an die Sache herangehen könnten. Aber so sind wir.

Wie sieht Ihre persönliche Mission aus?
Noack:
Ich bin an der Uni. Ich habe mit vielen Studenten zu tun, die wenig oder nichts von Kirche wissen. Ich spreche mit vielen Studenten und habe auch schon einige getauft. In Mötzlich, das ist das Dorf, in dem wir leben, bin ich kein Missionar. Aber die Menschen wissen, ich bin Pfarrer, und wenn sie mich brauchen, bin ich da. Ein Pfarrer, der sich nicht versteckt, ist per se missionarisch.

Gott viel näher als zu Hause

23. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Flechtingen hat seit mehr als 25 Jahren eine offene Kirche

Die Kirchentür ist geöffnet – und das bedeutet mehr als ungehinderten Eintritt in die prächtig ausgestattete Patronatskirche zu Flechtingen (Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt). Ablasskasten, Tonnengewölbe, Herrenloge mit Wappen, Kanzel und Taufstein aus dem 16. Jahrhundert, sehenswerte Grabsteine und Epitaphe. »Wir haben eine schöne Kirche mit toller Ausstattung. Sie können daran die Reformationsgeschichte nachzeichnen«, sagt Pfarrerin Irene Heinecke.

Aber der größte Schatz: die geöffnete Kirchentür. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert praktiziert die 430 Mitglieder umfassende Kirchengemeinde im Luftkurort, was die Landeskirche im Zuge des Reformationsjubiläums in den Fokus rückt: Dass Kirchen auch jenseits des sonntäglichen Gottesdiensts geöffnet sind. Dass sie als Orte für Gebet und Besinnung ins Bewusstsein rücken.

Vandalismus hat es in all den Jahren nicht gegeben, aber viele überraschende Begegnungen mit Menschen und mit Gott. Foto: Kora Duberow

Vandalismus hat es in all den Jahren nicht gegeben, aber viele überraschende Begegnungen mit Menschen und mit Gott. Foto: Kora Duberow

»Sie kommen Gott in einer Kirche viel schneller näher als zu Hause in der eigenen Stube. In einer Kirche ist Ruhe, Stille, hier sind die Gebete anderer, vorangegangener Menschen«, sagt die Pfarrerin überzeugt. Dem Projekt, das begann, um den Menschen von der anderen Seite der Grenze die Kulturschätze der Börde zu zeigen, wohnt eine starke Haltung inne. Und auch eine Verpflichtung: Viele Kirchen sind mit öffentlichen Geldern saniert worden, sie sind öffentliche Gebäude, betont Pfarrerin Heinecke.

Heute sind es vor allem Ausflügler und die Patienten der beiden Reha-Kliniken in Flechtingen sowie deren Angehörige, die die Kirche besuchen. Ein Gästebuch gibt es nicht, ebenso wenig einen Kirchenführer. »Wer will schon unter Aufsicht beten?«, fragt die Pfarrerin rhetorisch. Sie wünscht sich von den Einheimischen, die Kirche stärker als ihre Kirche zu erleben. »Gehen Sie bei einer Familienfeier doch einmal hinein, halten Sie beim Friedhofsbesuch inne, machen Sie beim Spaziergang einen Abstecher«, sagt sie oft. Ob beim stillen Gebet oder im Gespräch mit Verwandten und Freunden über die eigene Konfirmation oder Trauung, das Kirchengebäude rege zum Nachdenken über den Glauben an. Und was ist es für ein schöner, ermutigender und tröstlicher Gedanke, dass mitten im Dorf ein Ort ist, in dem ein Stück Identität wohnt und in den man mit vielen Fragen hineingehen kann und mit einigen Antworten herauskommt.

Katja Schmidtke

Segenswünsche zum Ramadan

19. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Muslime in aller Welt begehen derzeit den Fastenmonat Ramadan. Für Vertreter aus Gesellschaft, Politik und Kirchen ist es üblich geworden, zu Beginn der Fastenzeit Grußbotschaften zu übermitteln. Am 6. Juni 2016 postete die tagesschau-Redaktion auf Facebook: »Heute beginnt der Ramadan. Wir wünschen allen Musliminnen und Muslimen einen gesegneten Fastenmonat.« Was halten evangelische Theologen davon?

Andreas Fincke

Andreas Fincke

Ja

Andreas Fincke, früher Referent der Ev. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, heute Hochschulpfarrer in Erfurt.

Für fromme Muslime ist der Ramadan eine Zeit der Entsagung von körperlichen Bedürfnissen und der Besinnung auf den Koran und auf Gott, der hier Allah genannt wird. Seit einigen Jahren übermitteln hochrangige Politiker den Muslimen in Deutschland ihre guten Wünsche zum Ramadan. Auch die Kirchen wünschen immer häufiger einen »gesegneten Ramadan«.

Manchen gefällt das nicht. Sie fragen, ob wir hier eine schleichende Islamisierung des Abendlands erleben. Schließlich gehöre der Ramadan nicht zu Deutschland. Zu unserer Kultur, so mahnen einige, gehören andere Fastenzeiten.

Doch so einfach ist das nicht. Zu unserer Kultur gehören seit Jahrhunderten viele Einflüsse aus dem Morgenland. Der nicht wegzudenkende Kaffee ist dabei wohl das bekannteste Erbe Arabiens. Also abwarten und Kaffee trinken?

Keinesfalls. Denn mit Beginn des diesjährigen Ramadans haben in Tel Aviv palästinensische Attentäter wahllos Spaziergänger erschossen. Zeitnah kündigten radikale Gruppen weitere Anschläge auf Israelis während des Fastenmonats an. Und in Düsseldorf soll es bei einer Brandstiftung in einem Flüchtlingsheim ebenfalls einen klaren Bezug zum Ramadan geben.
Für Millionen frommer Muslime ist der Fastenmonat Ramadan eine Zeit der Besinnung und der spirituellen Neuausrichtung. Es ist gut, wenn wir ihnen dazu Gottes Segen wünschen. Denn Gott wünscht ein gutes Miteinander, Vergebung und Barmherzigkeit. Und er wünscht einen respektvollen Umgang mit Frauen, den eigenen Töchtern und Andersgläubigen. Dazu finden sich im Koran zahlreiche Hinweise. Leider gibt es auch andere Stellen in der Heiligen Schrift der Muslime. Aber man kann ja den Ramadan zum Anlass nehmen, gewaltverherrlichende Stellen im Koran neu zu gewichten. Das geht – die christlichen Kirchen sind diesen Weg auch gegangen.

Möge Gott geben, dass fromme Muslime im Ramadan eine Zeit spiritueller Erbauung finden. Möge Gott helfen, dass man sich in islamistischen Kreisen neu auf Gott, auf Allah und den Kern des Korans besinnt. Dazu wünschen wir gern einen gesegneten Ramadan!

Ulrich Neuenhausen

Ulrich Neuenhausen

Nein

Ulrich Neuenhausen ist Leiter des Arbeitskreises Islam der Deutschen Evangelischen Allianz.


Erst einmal ist es biblisches Gebot, Menschen zu segnen, unabhängig davon, ob sie gut oder böse sind, richtig oder falsch liegen, sympathisch oder unsympathisch wirken. So sagt es unter anderen Petrus in seinem ersten Brief, Kapitel 3, Vers 9: Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern im Gegenteil segnet, weil ihr dazu berufen worden seid, dass ihr Segen erbt! Christen begegnen jedem Menschen mit Wohlwollen und wünschen sich von Herzen, dass jeder Mensch Gottes Güte in seinem Leben und Herzen erfährt.

Der für Muslime ausgesprochene Segen im Fastenmonat Ramadan kann allerdings auch missverständlich sein. Wenn damit Fasten als eine fromme Übung bestätigt wird, die Gott gefällt und ihn den Menschen gegenüber gnädig stimmt, dann ist damit das Evangelium selbst in Frage gestellt. Gottes Gnade leuchtet uns in Jesus Christus auf, und nicht in frommen Übungen. Gerade hier liegt ja der entscheidende Unterschied zwischen Islam und christlichem Glauben: Die Mitte des Evangeliums ist eine Person, Jesus Christus, die von Gott gekommen, gestorben und auferstanden und dann wieder zu Gott aufgefahren ist. Es gibt keine Vergebung von Schuld, keine Versöhnung mit Gott ohne diesen Jesus, wie ihn die Bibel verkündigt.

Wenn mein Segnen für Muslime bedeutet, dass ihre frommen Übungen Allah gnädig stimmen, Kompensation von Sünde bewirken und so das Leben im Paradies näherbringen, dann ist es ein falscher Segen. Ich kann nicht muslimische Rituale »ab-segnen«, als wären sie ein alternativer Weg zum Glauben an Jesus Christus. Deshalb möchte ich nur dann Segen wünschen, wenn ich vorher klären kann, was mein Gegenüber darunter versteht.

Während des Ramadans fasten gläubige Muslime ab Morgendämmerung bis hin zum Moment des Sonnenuntergangs. Je nach Jahr dauert der Fastenmonat 29 oder auch 30 Tage. Im Jahr 2016 hat er am 6. Juni begonnen und endet am 5. Juli. Foto: wikipedia

Während des Ramadans fasten gläubige Muslime ab Morgendämmerung bis hin zum Moment des Sonnenuntergangs. Je nach Jahr dauert der Fastenmonat 29 oder auch 30 Tage. Im Jahr 2016 hat er am 6. Juni begonnen und endet am 5. Juli. Foto: wikipedia

Christen bislang kein Thema

10. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Gemeindemitglieder aus dem Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau fordern eine Debatte über die Religionsfeindlichkeit in der DDR und deren Folgen.

Der 17. Juni wird in Thüringen erstmals als Gedenktag für die Opfer von SED-Unrecht begangen. Der Tag des Volksaufstandes in der DDR bietet nach Ansicht der Thüringer Landesregierung die Chance auf eine neue Herangehensweise an die Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Der Überwachungsapparat, die Strafverfolgung von Oppositionellen und Repu­blikflüchtigen, die Thematisierung von Schuld, Zwangsadoption und Zwangsaussiedlung sollen Teil des Prozesses sein. Einzig die Christenfeindlichkeit kommt dabei nicht vor.

Diskriminierung

Christen im Osten Deutschlands, die die DDR noch erlebt haben, können von Diskriminierung auf vielen Ebenen des Lebens berichten. Wer sich für die Konfirmation oder Firmung anstatt der »freiwilligen« Jugendweihe entschied, dem musste klar sein, dass die Ausbildungs-, Berufs- und Studienwünsche meistens eines bleiben würden: Wünsche. Christen wurden nicht nur in ihrer Religionsausübung eingeschränkt, sie wurden diskriminiert, ihr kirchliches Tun ins Verborgene, ins Private verbannt. Gehörten nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetischen Besatzungszone noch 95 Prozent der Bürger einer der beiden Kirchen an, so sind es heute gerade noch 20 Prozent.

Der Gedenkort für die Opfer des DDR-Regimes vor der Jakobuskirche in Ilmenau. Foto: Diana Steinbauer

Der Gedenkort für die Opfer des DDR-Regimes vor der Jakobuskirche in Ilmenau. Foto: Diana Steinbauer

»Was die Minimierung der Christenzahlen angeht, hat die DDR ganze Arbeit geleistet«, erklärt Pfarrer i. R. Gerhard Sammet aus Ilmenau. Diese Entwicklung ließe sich nicht ungeschehen machen, doch Sammet hofft darauf, dass die Christen- und Religionsfeindlichkeit in der DDR endlich auch Thema einer umfassenden Aufarbeitung der Thüringer Landesgeschichte wird. Darum hat er gemeinsam mit dem Mathematiker Pedro Hertel einen offenen Brief an die Vorsitzenden der Thüringer Regierungskoalition formuliert. Darin beschreiben die Autoren, welche Repressalien Christen in der DDR erleiden mussten.

»Dieser Brief legt den Finger in die Wunde und beschreibt ein großes Dilemma«, betont Christian Dietrich, Landesbeauftragter des Freistaates Thüringen für die Aufarbeitung der SED-Diktatur. Auch er glaubt, dass die Christenfeindlichkeit des Regimes bisher zu wenig offen thematisiert worden ist. Darin kritisiert Dietrich auch die Kirchen. Anpassung, das eigene Bekenntnis, Erpressungsversuche des Staates, all das sei bisher zu wenig betrachtet worden.

Die Thüringer Landesregierung, zu deren Koalition auch die Partei die LINKE gehört, bekennt sich im Koalitionsvertrag zur Aufarbeitung des DDR-Unrechts. »Seit Regierungsantritt haben sich zahlreiche Menschen an uns gewandt. Darunter war aber keine einzige Anfrage zur Christenfeindlichkeit. Daraus resultiert auch, dass wir bisher keine Projekte in diese Richtung angedacht haben«, erklärt Staatssekretärin Babette Winter.

Aufarbeitung des Unrechts

Die Landesregierung will mit beiden Seiten ins Gespräch kommen. Gespräche, das ist es auch, was die Verfasser des offenen Briefes wollen: »Es geht uns nicht darum, Entschädigungen für erlittenes Unrecht zu verlangen. Wir wollen mit dem Brief eine Entwicklung, einen Gesprächsprozess darüber in Gang setzen, was diese Religionsfeindlichkeit in der Bevölkerung bewirkt hat und was davon bis heute nachwirkt«, so Sammet. Denn die Rolle und der Platz der Kirchen in der Gesellschaft – damals wie heute – sei ein wichtiges Thema. Darum fordert Mitverfasser Pedro Hertel, dass sich der Landtag mit dem Thema in einer öffentlichen Fragestunde befasst. Und auch eine weitere Debatte innerhalb der Kirchen sei nach seiner Ansicht notwendig. Forschungsergebnisse belegen, dass nicht einmal jedes zweite Opfer von SED-Repressionen über seine Erfahrungen spreche.

Opfer meist sprachlos

Auch Personen, deren Schicksal im offenen Brief von Gerhard Sammet und Pedro Hertel an die Regierungskoalition angedeutet wurde, scheuten sich heute noch, an die Öffentlichkeit zu gehen. »Opfer würden dann gezwungen, sich wiederum mit den Erniedrigungen und den Tätern auseinanderzusetzen«, erklärt Christian Dietrich. Das sei meist nicht hilfreich. Gerade die Auseinandersetzung um Religionsfreiheit ist konfliktträchtig. Das Recht, seinen Glauben in der eigenen Familie und öffentlich zu leben, ist bis heute nicht selbstverständlich. Christian Dietrich glaubt nicht, »dass Aufarbeitung das Ziel hat, dass sich wieder alle lieb haben«.

Vielmehr sollte es darum gehen, das Geschehene zu benennen und Dialoge mit gesellschaftlichen Gruppen zu führen, um in der aktuellen Auseinandersetzung achtsamer miteinander umzugehen.

In der DDR-Vergangenheit gäbe es nicht nur Täter und Opfer, nicht nur Schwarz und Weiß, betonte Staatssekretärin Babette Winter. Entschuldigen könne sich nur, wer schuldig geworden sei, vergeben könne nur der, der Opfer gewesen sei. Für die Landesregierung aber gelte, »dass wir anerkennen, dass es Unrecht war, und das muss es uns wert sein – auch noch in zehn Jahren«.

Diana Steinbauer

Offener Brief an die Vorsitzenden der Thüringer Regierungskoalition

“Fremdenfeindlichkeit” ist ein böses Wort. Im vergangenen fahr 2015 haben wir mehr als genug davon, auch im persönlichen Leben, erfahren müssen. Wir kennen sehr viele Christen, die in ganz Deutschland Herzen und Türen geöffnet haben, um Flüchtlingen zu begegnen und für sie da zu sein. Bis zur Friedlichen Revolution 1989 haben wir Christen in der DDR auch eine spezielle Feindlichkeit erfahren: “Christenfeindlichkeit”. Wir können uns also in die Opfer von Feindlichkeiten jeglicher Art hineinversetzen. Von der Christenfeindlichkeit in der DDR, die wir erleben mussten, berichtet dieser “Offene Brief”. Nach dem Krieg gehörten in der damaligen SBZ etwa 95% der Einwohner einer der beiden großen Kirchen an. Heute sind es nur etwa 20% der Einwohner in den jungen Bundesländern. Wie ist es dazu gekommen? Schon 1956 referierte der katholische Bischof Otto Spülbeck aus Meißen auf dem Kölner Katholikentag: “Wir Christen leben in der DDR in einem Haus, das wir nicht gebaut haben. Wir halten auch die Fundamente dieses Hauses für falsch, Wir dürfen in diesem Haus nur die Treppen säubern.” Diese Feststellung erregte damals großes Aufsehen, besonders natürlich in der DDR. Die Machthaber monierten: Der Sozialismus ist für alle da! Schon ab 1945 hatte die SED in der SBZ die Weichen gestellt: nur eine sozialistische Kinderorganisation: Junge Pioniere (FP) und nur eine sozialistische Jugendorganisation: Freie Deutsche Fugend (FDJ). Aber 1945 war mit den Kirchen abgesprochen worden: Nach Überwindung der Kriegsschäden – auch in den Köpfen – könnt ihr Christen selbständige Organisationen gründen. Dieses Versprechen wurde NIE eingelöst. Das Gegenteil war der Fall. Es gab massive Maßnahmen z. B. gegen die Mitglieder der “Jungen Gemeinde” in der evangelischen Kirche. Sie wurden insbesondere sichtbar von 1950 bis 53, wo z. B. an der Schiller Universität Jena Studenten deshalb exmatrikuliert und verfolgt wurden, was bei der Aufarbeitung der Geschichte der Universität Jena nach 1989 beispielhaft nachgewiesen wurde. Jugendweihe und andere pseudosakrale Riten wurden eingeführt. Die Teilnahme der Kinder und Jugendlichen war angeblich freiwillig, wehe aber denen, die diese Freiwilligkeit in Anspruch nehmen wollten. Berufswünsche, Studienwünsche wurden negativ beeinflusst, wenn ein junger Mensch kein Junger Pionier, nicht in der FDJ war oder nicht an der Jugendweihe teilnehmen wollte. Lebenswege wurden verbaut. Die Konfirmation wurde “erfolgreich” in den Hintergrund gedrängt, sie brachte den Jugendlichen Nachteile. Dieser Trend hat sich bis heute erhalten, etwas, was die damaligen Kinder und heutigen Eltern nie kennengelernt haben, das erwarten sie von eigenen Kindern nicht, viele freuen sich über das Ritual der Jugendweihe, das Fest und Geschenke. Da jede Öffentlichkeitsarbeit der Kirchen verboten war, wurde die Tätigkeit der Kirchen und der christlichen Religion immer mehr aus der Öffentlichkeit verdrängt. In vielen Bereichen hatte es den Anschein, als sei die Kirche schon tot oder ihre Seelsorge sei überflüssig geworden, sei nur noch Sterbehilfe für wenige alte Menschen. Ein konkretes Beispiel: Ein junger Schüler im heutigen Thüringen hatte in allen Fächern Bestnoten. Ihm fehlten für das schulische Weiterkommen allerdings die Zugehörigkeit zu den JP und die Jugendweihe. Im Gespräch mit dem damaligen Rat des Kreises, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Abteilung Inneres, der zuständige Ansprechpartner für Kirchenfragen: “Der Schulrat ist ein Stalinist, er hasst jeden Christen persönlich”. Diese Erklärung des stellvertretenden Vorsitzenden war schon recht offen – aber niemals hätte er schriftlich dazu gestanden. Trotz aller danach geführten Gespräche, schriftlichen Eingaben von Eltern und dem Pfarrer, trotz der schulischen Bestleistungen wurde der damals 14jährige Schüler nicht zur EOS (Erweiterte Oberschule) zugelassen, damit von Abitur und Erreichen der Studienreife bewusst ausgeschlossen. Weil er Christ war! Das Verhalten des DDR-Staates (SED-Einparteienherrschaft) gegenüber Christen bewegte sich wie auf einer schiefen Ebene, fast unmerklich gab es Absagen, Verunsicherungen, Ausgrenzungen. Andererseits wurden Ausnahmen gemacht und diese dazu benutzt, um sagen zu können: “Na, der hat es doch auch geschafft.” Wie verlogen, verunsichernd und zersetzend. Unter dieser systematischen Benachteiligung christlicher Kinder kam es 1976 zu einem tragischen Höhepunkt. Am 18. August 1976 verbrannte sich der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz auf dem Marktplatz in Zeitz im Talar und in aller Öffentlichkeit und starb. Er hatte bei sich das Spruchband: “Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an. Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen.” Der Liedermacher Wolf Biermann nannte dieses Geschehen “Republikflucht in den Tod”. Diese Selbstverbrennung konnte vor der Öffentlichkeit nicht verborgen werden. Die SED-Presse sprach von einem “geistig gestörten Pfarrer”, von einem “Einzelgänger”. Dieses “Zeichen von Zeitz” änderte auch nichts an der Kirchenpolitik der SED. Eigentlich muss es heißen: an der “Christenpolitik”. Weitgehend wurden kirchliche Institutionen und Amtsträger geschont (Kampf gegen die Kirchen wäre für die DDR-Außenpolitik nicht förderlich gewesen), aber nach dem Motto: “Die Hirten schonen, die Schafe zerstreuen und unterdrücken” wurden ostdeutsche Christen in ihren Aktivitäten auf das Äußerste eingeschränkt. Zudem wurden sie an ihrer verwundbarsten Stelle getroffen: an ihren Kindern. Die Drohung hieß: “Sie wollen doch, dass aus Ihren Kindern einmal etwas wird, dann müssen Sie …!”

Bereits am 30. Mai 1968 ließ der SED Chef und Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht ohne Not die aus dem 15. Jahrhundert stammende, im Zentrum Leipzigs gelegene Universitätskirche trotz aller Proteste, sprengen. Sie war seit Jahrhunderten Teil des Leipziger universitären Lebens, Martin Luther predigte hier und J. S. Bach spielte auf der 0rgel. Ulbricht wollte diese Kirche nicht. Das genügte. Kein kirchenfeindlicher Unrechtsstaat? Von Herrn Bodo Ramelow wird erzählt, dass er sich während seiner westdeutschen Zeit für Menschen mit Berufsverbot eingesetzt hat. Für tausende junge Christen gab es in der DDR unausgesprochene Berufsverbote: Wo gab es einen Polizisten, der Christ war? Wo gab es einen Schuldirektor, der Christ war? Wo gab es einen Rektor einer Hochschule, der Christ war? Wo gab es Jurastudenten, die Christen waren? Diese Reihe ließe sich weiter fortsetzen. Manchmal gab es einen Stellvertreter aus einer Blockpartei, der aber “nichts zu sagen hatte”, der als Alibifunktion an diesem Platz war. Diese Berufsverbote wurden wie selbstverständlich von den Menschen hingenommen, als sei dies in jedem Staat der Welt so. Nach der 10. vergeblichen Beschwerde hörten fast alle auf, sich zu beschweren. Zwei fahre vor der Friedlichen Revolution wurde sozusagen als letzter Versuch, von der Stasi initiiert, der “Bund der Freidenker” gegründet. Der Vorsitzende diese Bundes in unserem Kreis Ilmenau, Herr Prof. L., sagte im persönlichen Gespräch: “Dieser Bund wird die letzten Christen ausrotten. Die marxistisch-leninistische Weltanschauung ist allmächtig, weil sie wahr ist. Also Christen macht Platz!”. Eine gefährliche Drohung, aber nur bis zum Herbst 1989 gültig. Im Rückblick auf die Jahrzehnte von 1945-1989 muss man dem DDR-Unrechtsstaat bescheinigen, dass er in seinem Sinne ganze Arbeit an der Minimierung der Christenzahlen geleistet hat. Insbesondere die Stasi, Schild und Schwert der SED, ein Geheimdienst der außerhalb des Rechts stand und Menschen ungebremst, ungehemmt und unkontrolliert bespitzeln, verfolgen, zersetzen und sogar töten konnte, schürte die Grundängste der Menschen. Christen waren Feinde, die sich nicht anpassen wollten und zu einer Minderheit gemacht wurden. Die Thüringer Partei die LINKE hat als direkte Nachfolgepartei der SED im Herbst 2014 in dem Koalitionsvertrag als Zugeständnis an SPD und Bündnis 90/Grüne stehen, dass die DDR in der “Konsequenz ein Unrechtsstaat” gewesen sei. Aber was haben die Thüringer von einer solchen Aussage zu erwarten? Aufarbeitung? Auseinandersetzung mit allem, was Unrechtsstaat bedeutet, z. B. Einparteiendiktatur? Entschuldigungen für vielfach begangenes Unrecht, auch an Christen? Nichts davon spürt man. Bisher ist von wenigen Einzelschicksalen abgesehen, kein einziges Wort über die 44 Jahre Christenfeindlichkeit in der SBZ/DDR gesagt worden. Als hätte es diese schlimmen und folgenschweren Tatsachen und Vorgänge nicht gegeben. Man hört nur vom Streit der alten Genossen von der Basis und Erklärungs- und Rechtfertigungsversuche über den Begriff, “Unrechtsstaat DDR” von denen, die nun in “Amt und Würden” sind. Im 0ktober 2014 hat der angesehene Politikwissenschaftler und langjährige Vorsitzende der Stiftung Ottersberg Hanns-Joachim Veen im Detail erläutert, weshalb die DDR für hinein Unrechtsstaat war (Thüringer Allgemeine, 8.10.2014).Diese Haltung der Partei die LINKE zu ihrer eigenen SED-Vergangenheit mit der Verantwortung für verursachtes Unrecht, auch gegenüber Christen, macht echte Aufarbeitung unmöglich. Es würde von den Mandatsträgern doch dann eigentlich erfordern, aus Ihrer Partei auszutreten. Wie kann man diese 44 Jahre aufarbeiten, in denen eine Demenz besonderer Art gewachsen ist, in der Menschen schließlich dachten und sagten: “wir haben vergessen, dass wir Gott vergessen haben!” Schaut man auf die Fraktion der Partei die LINKE im Thüringer Landtag, so ist festzustellen, dass von den 28 Mitgliedern mindestens 16 schon bis 1989 im Unterdrückungsapparat der SED-Partei auf Kreis- oder Bezirksebene beteiligt waren. Wenn dem Reden ein Tun folgen sollte, dann müsste die Aufarbeitung der Christenfeindlichkeit und des Christenhasses von 1945 bis 1989 endlich beginnen. Allein Herr Ministerpräsident Bodo Ramelow, durch seine westdeutsche Vergangenheit unbelastet vom Vorwurf des DDR Unrechtstaates, spricht ständig davon, wie viel ihm sein evangelischer Glaube bedeutet. Eine Bibel liegt auf seinem Schreibtisch, durfte die Öffentlichkeit erfahren. Aber reichen diese Worte und die zur Schau gestellte Bibel? Herr MP Ramelow hat sich pauschal für in der DDR geschehenes Unrecht entschuldigt, hat sich also für Dinge entschuldigt, die er als westdeutscher Gewerkschaftsfunktionär nicht begangen hat und nie persönlich erfahren musste. Feststeht, dass Herr Ramelow als aktiver evangelischer Christ in der DDR kein erfolgreicher Gewerkschaftsfunktionär geworden wäre. Offen als aktiver Christ in der DDR zu leben und eine erfolgreiche berufliche Karriere zu machen schlossen sich aus. Keinerlei Einsicht oder gar Reue bezeigen dagegen ehemalige SED-Mitglieder, die heute in der Thüringer Linkspartei in der Regierung und in verantwortlichen Positionen sitzen. Noch nie hat Bodo Ramelow in der Öffentlichkeit ein Wort darüber verloren oder sich zudem Unrecht bekannt, welches seine Vorgängerpartei den Christen und ihren Familien in der DDR-Zeit angetan hat. Wir fordern Herrn Ramelow auf, Stellung zu beziehen zum Thema der Christenverfolgung in der ehemaligen DDR und sie öffentlich erkennbar zu thematisieren. Man hört, dass Mitgenossen untereinander lästern: “Von uns aus kann er auch noch der katholischen Kirche beitreten – Hauptsache wir gewinnen dadurch wieder Wahlen”. Wie makaber. Unser Offener Brief soll zum Nachdenken anregen und das Gespräch unter Christen und Nichtchristen fördern. Wir sind Menschen der Hoffnung, weil wir Christen sind! Wir plädieren für eine “ansteckende Gesundheit” für unsere Demokratie, die in Freiheit auch gelebtes Christsein erlaubt. Wir wissen, dass alle Freiheitsliebenden Demokraten diesen offenen Brief unterschreiben (im Sinne von Sophie Scholl: “… was viele denken, aber nicht sagen” am 22. Februar 1943, dem Tag ihrer Hinrichtung vor ihrem Richter in München). Dann braucht ein Herr Dittes (innenpolitischer Sprecher der LINKEN) nicht mehr zu einer Demo aufrufen “Es gibt 1000 Gründe Deutschland zu hassen”, dann gibt es gute Gründe offen und hilfsbereit zu anderen Menschen zu sein. Mit hoffnungsvollen Grüßen und den besten Erfolgswünschen beim Lesen, Nachdenken und Handeln.

Pedro Hertel
Gerhard Sammet

Fast wie ein Familientreffen

6. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Posaunenchor Thale: Die Liebe zur Musik und der christliche Glaube verbinden seit über 50 Jahren

Zur Ehre Gottes erklingen am Wochenende beim zweiten Deutschen Evangelischen Posaunentag in Dresden die Instrumente unter dem Motto »Luft nach oben«. Mit dabei ist auch der Posaunenchor der Harzer Kirchengemeinde Thale.

Sie sei die Dienstälteste im Posaunenchor, erzählt Ursula Meckel, Pastorin im Kirchenkreis Halberstadt. »Gleich, als ich vor 40 Jahren hierher kam, habe ich mitgemacht.« Doch die Geschichte reicht viel weiter zurück. Der aus Oschersleben zugezogene Heinz Ehrhardt entschloss sich 1961, in Thale einen Posaunenchor zu gründen und begann mit zwei ganz alten Instrumenten, bei denen er fehlende Schrauben durch Streichhölzer ersetzte. Zunächst mit zwei interessierten Jugendlichen; wenig später kam seine Ehefrau Doris dazu. Die beiden sind zwar nicht mehr aktiv, doch noch heute tragen vier Mitglieder des Posaunenchores den Namen Ehrhardt: Sohn Stefan ist unterdessen der organisatorische Leiter, dazu Schwiegertochter und zwei Enkelsöhne. Während Doris und Heinz als Ehrengäste beim Posaunentreffen in Dresden dabei sind, gehört ihr Sohn zu den »Strippenziehern«, die im Stadion dafür sorgen, dass das Zusammenspiel von rund 22 400 angemeldeten Musikern klappt.

Generationsübergreifendes Miteinander: Der Posaunenchor Thale unter Leitung von Kirchenmusikerin Christine Bick. An diesem Wochenende geht es gemeinsam zum zweiten Deutschen Evangelischen Posaunentag. Foto: Uwe Kraus

Generationsübergreifendes Miteinander: Der Posaunenchor Thale unter Leitung von Kirchenmusikerin Christine Bick. An diesem Wochenende geht es gemeinsam zum zweiten Deutschen Evangelischen Posaunentag. Foto: Uwe Kraus

An Freitagabenden wird das Gemeindehaus St. Andreas in Thale zum »klingenden Haus«; dann treffen sich dort zwölf Menschen zwischen 14 und 66 Jahren zur gemeinsamen Probe. »Das gleicht einem Familientreffen: Zwei Paare mit jeweils zwei Kindern, Vater und Sohn, ein Ehepaar. Irgendwie fühlen wir uns als Bläser-Familie, viele sind freundschaftlich und durch Patenschaften miteinander verbunden«, erläutert Ursula Meckel. »Wir waren schon 2008 beim ersten deutschlandweiten Posaunentag in Leipzig im Stadion dabei, dieses Jahr werden wir als Thalenser wieder komplett anreisen. Uns verbindet die gemeinsame Liebe zur Musik ebenso wie der christliche Glaube.«

Seit 1965 ist der Chor »spielfähig«, etwa 80 Bläser zählten über das halbe Jahrhundert dazu, an die 60 von ihnen hat Heinz Ehrhardt ausgebildet. Mal übernahmen hauptamtliche Kantoren den Chor, mal gab es Hilfe vom Posaunenwerk der Landeskirche, mal dirigierte der Gründer selbst. Seit dem 40. Chorjubiläum gibt die Quedlinburger Kantorin Christine Bick den Takt vor. »Wir wollen das Evangelium laut in die Welt hinausposaunen«, sagte Stephan Eichner beim ersten Kreisposaunentag des Kirchenkreises Halberstadt. Er ist Pfarrer in Osterwieck und als Obmann des Posaunenwerks der EKM einer der Macher des Dresdner Posaunentags.

Ob ihre Mitglieder zehn oder über 70 Jahre alt sind, die Posaunenchöre des Kirchenkreises Halberstadt verfügen über etwa 100 Mitglieder, jeder vierte Ton kommt dabei von einer Frau. In vielen Gemeinden werde die Jugendbläserarbeit ehrenamtlich betreut oder in Zusammenarbeit mit Musikschulen betrieben und zeige gute Ergebnisse. »Wir gehören gerade zum ländlichen Raum einfach dazu. Das ist schön und eine Anerkennung für uns«, so Ursula Meckel, die als Vertretungspfarrerin unterdessen 47 Gemeinden im Kirchenkreis kennengelernt hat.

Die Programmhöhepunkte der nächsten Monate stehen: »Am 10. Juni gestalten wir den ökumenischen Gottesdienst zum 1 050. Ortsjubiläum im Burghof von Hessen (Harz), im benachbarten Zilly blasen wir im September zum großen Erntedankgottesdienst des Dorfes.«

Uwe Kraus

Es geht weiter, nur anders

30. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wandlungsfähig: Wie aus dem Diakonissen-Mutterhaus Neuvandsburg in Elbingerode die Diakoniegemeinde wird

Haube und Tracht sind aus der Mode. Heute entschließen sich kaum noch junge Frauen, einer Schwesternschaft beizutreten. Da heißt es für die Mutterhäuser: umdenken.

Schwester Luise Kunze und Alt-Oberin Anita Rost gehören zu den 170 Diakonissen, die oberhalb des Harzstädtchens Elbingerode im Diakonissen-Mutterhaus »Neuvandsburg« leben. »Wer hätte zu DDR-Zeiten gedacht, dass wir mal in Moskau Gottes Wort verkünden«, erzählt Schwester Anita bewegt. Bereits 1993 konnte Schwester Luise Kunze nach Moskau ausgesandt werden. Den Anfang beschrieb sie damals als ziemlich abenteuerlich, denn pflegerische, medizinisch-diakonische Arbeit war der dortigen Gemeinde völlig neu. Vor Kurzem las Schwester Luise, dass in Sibirien Hilfe benötigt wird. Ihr Russisch sitzt wie ihre Haube. So ging es Anfang des Jahres für 90 Tage zum Gemeindedienst tief nach Sibirien. Schwester Maren Martens, ihre Nachfolgerin in Moskau ist heute in einer lutherischen Gemeinde in Saratow an der Wolga tätig. Sie stehen exemplarisch für den politischen Wandel, den die am 20. Januar 1920 gegründete Schwesternschaft Neuvandsburg seither durchlebte.

170 Diakonissen gehören zur Schwesternschaft in Elbingerode, allerdings sind nur noch 20 Schwestern unter 65 Jahre alt. Fotos: Uwe Kraus

170 Diakonissen gehören zur Schwesternschaft in Elbingerode, allerdings sind nur noch 20 Schwestern unter 65 Jahre alt. Fotos: Uwe Kraus

»Doch die Schwesternschaft befindet sich im Umbruch. Die klassische Form des kommunitären Lebens schwindet wie die Zahl derer, die sich für diese Lebensweise entscheiden«, sagt der Direktor des Diakonissen-Mutterhauses von Elbingerode, Pastor Reinhard Holmer. »Wir diskutieren intensiv die Frage, was man tun soll. Sollen wir resigniert aufgeben und sagen, alles hat eben seine Zeit. Wenn es keine Hauben mehr gibt, wird es dann die Arbeit nicht mehr geben, der sich die Schwesternschaft verschrieben hat?« Holmer, der mit Oberin Kerstin Malych das Elbingeröder »Führungs-Duo« bildet, weiß, so geht es nicht weiter. »Vielleicht befinden wir uns schon in einer Phase des Übergangs, die Arbeit geht weiter, nur die Form hat sich geändert.«

Das könnte eine spannende Herausforderung werden. Mag sein, es gibt hier eines Tages keine Schwesternschaft mehr: Aber Menschen kümmern sich um Kranke, Ziellose, Migranten oder Bedürftige. Pastor Holmer sieht darin eine gute Lösung. Schwester Anita, die aus Halle stammt, erzählt, wie schrittweise Leitungspositionen, die Schwestern ausführten, an Mitarbeiter übergehen. 50 sind allein im Mutterhaus angestellt. »Die Küchen-Chefin ist noch eine Schwester. Die Aufgaben in unserer Berufsfachschule haben wir Diakonissen vor sieben Jahren abgegeben. Und siehe da, die Arbeit läuft prima weiter. Unser Gästehaus in Binz leitet jetzt auch keine Schwester mehr.« Sie weiß, in jeder Krise steckt die Chance eines Neuanfangs. Nicht umsonst steht unter dem Fenster des Oberinnen-Dienstzimmers seit 1934 der Spruch »Jesus lebt! Jesus siegt«. Die Alt-Oberin weiß um das Vertrauen, das Menschen gerade den Schwestern entgegenbringen. »Patienten oder jetzt Flüchtlinge erzählen uns Lebensgeschichten, da ist ein ganz tiefes Vertrauen.«

Pastor Holmer sieht dieses Vertrauen der Gesellschaft in die Diakonissen, die zunehmend aus dem öffentlichen Bild verschwinden, ebenso. »Aber da gibt es eine Ambivalenz. Gerade im Berufsleben wirkt die Tracht hinderlich. Dass fromme Frauen auch mit einer hohen fachlichen Bildung gesegnet sind, das wird in Teilen der Gesellschaft nicht so klar gesehen.« Schwester Sonja, hoch in den Achtzigern, arbeitete seit 1960 für 34 Jahre als Missionsschwester in Taiwan, wo sie ein Heim für behinderte Mädchen leitete. Sie erzählte einmal, dass sich vor ihrer Schwesterntracht in Asien die Menschen respektvoll verbeugten, wie sie es auch vor buddhistischen Mönchen taten.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Elbingeröder Schwesternschaft halbiert. Oberin Kerstin feierte gerade ihren 50., Direktor Holmer seinen 60. und Alt-Oberin Rost ihren 70. Geburtstag. »Da zählen wir noch zu den Jüngsten«, meint Anita Rost, die knapp zwei Jahrzehnte an der Spitze der Schwesternschaft stand. »Gerade mal 20 Schwestern sind unter 65 Jahren. Wir haben hier sogar schon ein 82-jähriges Diakonissenjubiläum gefeiert!« So wirkte es im Vorjahr wie ein Segen, dass Janina Meier (29) aus Bad Harzburg begann, auf Probe unter den Schwestern zu leben. Die ausgebildete Altenpflegerin mit dem silbernen Kreuz um den Hals ändert ihr Leben: Arbeit und Gebet, alles in der Gemeinschaft der Schwestern, dafür ein Taschengeld. Doch die Jungdiakonisse Janina lebt seit ein paar Monaten nicht mehr in Elbingerode. Persönliche Gründe gaben den Ausschlag.

Alt-Oberin Anita, die 1975 in die Schwesternschaft eintrat, stimmt Pastor Reinhard Holmer zu. »Wir leben in einer sich zunehmend individualisierenden Gesellschaft, wer will sich da noch in eine Gemeinschaft einordnen? Den jungen Leuten steht die Welt offen, aber sie wollen keine langfristigen Bindungen mehr eingehen.« So erlebte sie mit, wie das Krankenhaus der Diakonissen mit der Wende auf der Kippe stand, es an einen Träger übergeben wurde, das Gästehaus in Rathen, die Behinderteneinrichtung in Oranienburg oder das Erholungsheim unter neuen Bedingungen nicht mehr so weiterbestehen konnten wie in der DDR. Das Mutterhaus zog sich aus der Fläche zurück und konzentrierte sich auf Elbingerode. Hier entstand ein modernes Pflegezentrum, vom Mutterhaus finanziert und gebaut, das vom Diakoniekrankenhaus auf der anderen Straßenseite betrieben wird. Holmer spricht von einer engen Zusammenarbeit und einer Investition in die Zukunft. »Wir haben keine Angst, dass auch nur eins der Zimmer leer steht.« Es werde die komplette Palette geboten: ambulante, Kurzzeit- und Tagespflege, betreutes Wohnen, bis hin zur Sterbebegleitung. Ein offenes Angebot für alle Menschen sei so entstanden.

Das gibt es auch für das geistliche Leben. Feierte früher die »Mutterhausgemeinde« ihren Gottesdienst, gründete man zu Pfingsten 2014 die Diakoniegemeinde. Eine Vision, wie es die Elbingeröder nennen. Dass die Früchte trägt, beweist der Besuch des Gottesdienstes in der Mutterhauskapelle, zu Trinitatis waren es wieder über 200, die den Gottesdienst feierten. »Wir spüren, hier finden Menschen ihre geistliche Heimat, Suchtkranke suchen ein Stück Zuhause, weil man hier ihre Situation kennt, hierher kommen Wernigeröder und Leute aus Halle und Nordhausen. Es ist alles etwas anders, da spielt der Chefarzt Klavier und ein Therapeut predigt«, so Holmer, der die Gemeindeleitung innehat.

Und wenn er mit fester Stimme sagt: »Wir können nicht alles so weitermachen wie früher«, meint er wohl mehr als das Mutterhaus und die Gemeindearbeit.

Uwe Kraus

Das Diakonissen-Mutterhaus »Neuvandsburg« in Elbingerode
Vandsburg in Westpreußen, wo sich die Schwesternschaft gegründet hatte, fiel mit den Versailler Verträgen an Polen. 300 Schwestern packten ihre Koffer und gingen auf die Reise in ein ungewisses Land. Sie waren auf der Suche nach ihrem »neuen Vandsburg«. Der Gründer der Gemeinschaft im Mutterhaus Vandsburg, Pfarrer Theophil Krawielitzki, gab ihnen das Wort mit auf den Weg: »Im Herzen Gottes liegt es schon eingezeichnet. Es muss nur noch auf die Landkarte kommen.«

Über Berlin und Rathen (Sachsen) fand die stark angewachsene Schwesternschaft der Neu-Vandsburger ihre Heimat im Wald bei Elbingerode, wo das christliche Erholungsheim Bad Waldheim lag. Die Schwesternschaft, die ab 1922 zum Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverband gehörte, wuchs nicht nur zahlenmäßig. Auch durch die Kinder-, Jugend- und Erwachsenen-Bibelarbeit in rund 60 Orten machten sich die Diakonissen einen Namen. Im Juli 1945 ging ein Riss durch die Schwesternschaft. Elbingerode kam unter russische Besatzung, von den rund 1 200 Diakonissen gingen rund die Hälfte in den Westen, wo in Velbert Neuvandsburg-West entstand.

Neuvandsburg-Ost in Elbingerode galt schnell als eine der gefragtesten medizinischen Einrichtungen. 1976 entstand die Neuropsychiatrische Ambulanz, aus der sich unter großem Engagement von Dr. Klaus-Herbert Richter, der sich besonders für Alkoholabhängige engagierte, ein anerkanntes Zentrum der Suchtarbeit entwickelte. 1997 wurde die Rehaklinik für Suchtkranke gegenüber dem Mutterhaus errichtet, Akut-Krankenhaus, Tagesklinik und der Umzug anderer Bereiche folgten. Unterdessen ist das Krankenhaus eine GmbH, die zum Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverband gehört.

Immer im Standby-Modus

23. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Wenn einer, der mit Leib und Seele Landpfarrer ist, am Ende seiner Kräfte steht und Zwischenbilanz zieht

In allen Kirchenkreisen das Gleiche: sinkende Mitgliederzahlen, Zusammenlegung von Kirchengemeinden, immer größere Pfarrbereiche. Doch was bedeutet das konkret für die Gemeinden und die Pfarrer? Ein Besuch vor Ort.

In zartem Rosa prangt der Blumenschmuck von Taufstein und Altartisch, dahinter der Marienaltar von 1499 aus der Saalfelder Schnitzwerkstatt. Wunderschön saniert ist die Kirche von Kirchremda. Claudia und Gerhard Wöllner kümmern sich um dieses Kleinod. »Für mich ist es ein zweites Zuhause«, sagt die Kirchenälteste liebevoll.

Immer in Eile, immer getrieben vom nächsten Termin: Allein im vergangenen Jahr legte Pfarrer Markus Tschirschnitz 27 000 Fahrkilometer zwischen seinen elf betreuten Gemeinden zurück. Foto: Thomas Schäfer

Immer in Eile, immer getrieben vom nächsten Termin: Allein im vergangenen Jahr legte Pfarrer Markus Tschirschnitz 27 000 Fahrkilometer zwischen seinen elf betreuten Gemeinden zurück. Foto: Thomas Schäfer

Es ist Taufgottesdienst am Sonntag, 8. Mai, zu dem sich eine festlich gestimmte Gemeinde versammelt, mittendrin Pfarrer Markus Tschirschnitz. Er begrüßt mit Handschlag und hat für jeden ein persönliches Wort. Fröhlich und herzlich geht es zu, bevor dann das Glockengeläut den Beginn des Gottesdienstes anzeigt. Das kleine Mädchen, das getauft wird, lebt mit seinen Eltern in Baden-Württemberg. Der Arbeit wegen zogen sie aus dem Thüringer Dorf nahe Rudolstadt weg. Doch für ein solches Fest kam man lieber nach Hause, wo die Eltern leben und Kirche und Pfarrer vertraut sind. Im rund 50 Einwohner zählenden Dorf gehören mehr als die Hälfte zur evangelischen Kirchengemeinde.

Pfarrer Tschirschnitz ist an diesem Morgen aus Teichel gekommen. Dort hat er seinen Dienstsitz und die gleichnamige Pfarrstelle inne, zu der auch Eschdorf, Geitersdorf, Milbitz und Teichröda gehören. Kirchremda ist der Pfarrstelle Remda zugeordnet, genauso wie Altremda, Heilsberg, Breitenheerda und Sundremda. Seit fast vier Jahren ist diese Pfarrstelle vakant und wurde bislang von ihm mit betreut. Praktisch bedeutet dies: elf Gemeinden mit eigenen Kirchen, drei Pfarrhäuser und sieben kirchliche Friedhöfe, dazu Kirchenchor und Kindergarten. Ein enormes, vielschichtiges Arbeitspensum, bei dem der Pfarrer im vergangenen Jahr 27 000 Kilometer per Auto zurücklegte.

»Ich bin mit Leib und Seele Land­pfarrer und kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen. Wenn ich mit den Menschen im Alltag bin, Freud und Leid mit ihnen teile, stärke ich auch die Bindung zur Kirche.« Natürlich hätte er gestern Vormittag nicht zu einem ehemaligen Gemeindeglied an dessen 85. Geburtstag ins Seniorenheim nach Rudolstadt fahren müssen – das nicht zu seinem Pfarrbereich gehört. »Aber kann ich Menschen so enttäuschen?«, fragt Tschirschnitz. Danach war 14 Uhr Taufgottesdienst in Teichel, anschließend ein 70. Geburtstag in Geitersdorf, und am Abend wartete die Taufgesellschaft und ein weiteres Geburtstagskind. »Das ist auf dem Dorf noch so üblich und ich nehme diese Gelegenheiten gern wahr. Hier treffe ich meine Gemeindeglieder, ihre Familien und die Kirchenferneren in gelöster Atmosphäre. Und es werden Termine gemacht, unter anderem für sieben weitere Taufen, nur in Teichel.«

Nach dem Taufgottesdienst in Kirchremda wird der 52-Jährige heute kurz nach Hause fahren, mit seiner Frau etwas essen und dann gemeinsam weiter nach Milbitz eilen. Hier ist um 14 Uhr Konfirmation. Frau Tschirschnitz wird auf der Orgelbank Platz nehmen und den Gemeindegesang begleiten. »Im vergangenen Jahr habe ich vier Konfirmationsgottesdienste gehalten, weil den Gemeinden diese Verankerung der jungen Leute wichtig ist. Und da haben sie recht.«

Die Kreissynode Rudolstadt-Saalfeld beschloss am 20. April, die Pfarrstellen Teichel und Remda auf jeweils 50-Prozent-Stellen zu senken. Landeskirchliche Zwänge würden dies verlangen, war einen Tag später auf der Internetseite des Kirchenkreises zu lesen. Parallel dazu soll die Pfarrstelle Teichel durch eine zehnprozentige Beauftragung für Gehörlosenseelsorge im Kirchenkreis aufgewertet werden, verbunden mit einer 25-prozentigen Beauftragung für Schwerhörigenseelsorge in der Landeskirche.

Sicher, Pfarrer Tschirschnitz hat auch auf diesem Gebiet langjährige Erfahrungen, »aber, sind solche Strukturveränderungen auch zielführend?«, fragt er. Er spüre, dass mehr Angst als Hoffnung die Kirche in immer neue Strukturdebatten treibe. Das hemme Kreativität und beeinträchtige die Glaubwürdigkeit. Es werde mit Prozenten hin- und herjongliert, die Überalterung ins Feld geführt und über zu wenig Geld geklagt, obwohl die wirtschaftliche Situation noch nie so gut war. Er vermisse das Abrufen von Kompetenz und ein offenes Suchen nach Lösungsansätzen, um im ländlichen Raum Kirche zu stärken. Die Gemeinden seien willig, aufeinander zuzugehen, doch man dürfe ihnen nicht die Beheimatung in der eigenen Kirche und den Ansprechpartner vor Ort nehmen, sonst verlassen sie die Kirche. Kirchliches Leben sei keine Eventkultur, sondern ein Standby-Modus.

Pfarrer Markus Tschirschnitz machte auf die entstandenen Defizite und die fehlende Zeit aufmerksam. Jetzt zog er die Reißleine und gab die Vakanzvertretung für das Kirchspiel Remda offiziell zurück. Erleichtert fühle er sich nicht, eher wie ein Fahnenflüchtiger, der mit seinen Kräften am Ende ist. »Die Menschen hier sind mir doch ans Herz gewachsen.«

Uta Schäfer


Kirchliche Prozentrechnung
Pfarrer Markus Tschirschnitz übergab der Kreissynode Rudolstadt-Saalfeld einen Erfahrungsbericht der vergangenen Jahre und bezog sich dabei auf die für ihn geltende Dienstvereinbarung für Pfarrer und ordinierte Gemeindepädagogen. Dort werde zwischen Gottesdiensten, Andachten, Kasualien, Seelsorge, Gemeindeveranstaltungen und Begleitung Ehrenamtlicher, Leitung, Konvente, Verwaltung und Weiterbildung unterschieden und diese Tätigkeiten jeweils mit einem Zeitbudget unterlegt. Ein erhöhter Verwaltungs- und Koordinierungsaufwand in Zeiten von Baumaßnahmen, für die Friedhofsverwaltung oder für vermietete Pfarrhäuser werde nicht berücksichtigt. Ebenso wenig seien Gemeindefahrten, Chorstunden, Gemeindefeste oder Jubiläen darin vorgesehen. Auch Fahrzeiten würden nicht erfasst.
Dazu ein Rechenbeispiel von Pfarrer Tschirschnitz zum Thema Besuche:
Von 1200 Gemeindegliedern sind mehr als ein Viertel in einem Alter, bei dem der Besuch des Pfarrers zum Geburtstag erwartet wird. Das ergibt 300 Besuche im Jahr bzw. 25 pro Monat und sieben bis acht pro Woche. Die Dienstvereinbarung gibt eine Stunde je Besuch vor, ohne Fahrzeiten anzurechnen, die bei elf Dörfern aber anfallen.


Losfahren und ankommen

15. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Unterwegs: Die Zahl der Radfahrerkirchen und Radgottesdienste in Mitteldeutschland wächst stetig

Mancher freut sich über stille Einkehr, andere über ein intensives Gemeindeerlebnis. Radwegekirchen erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

Kristin Jahn ist auch zwei Wochen später noch begeistert. »Für uns war es eine Premiere, und zwar eine gelungene«, bilanziert die Pfarrerin an der Wittenberger Stadtkirche. Die Kirchengemeinde hatte am 30. April zu einem besonderen Gottesdienst eingeladen, mit über vier Stunden Länge und zwei Ortswechseln. Fast zwei Dutzend Menschen kamen mit ihren Drahteseln zum ersten Radtourgottesdienst rund um Wittenberg, an den Stationen schlossen sich weitere Männer und Frauen an. »Unsere Fahrt lebte von gastfreundlichen Gemeinden, wir haben Kirchspielgrenzen überschritten, und es war so viel kommunikativer«, schwärmt Pfarrerin Jahn. Denn die Gottesdienst-Besucher seien nicht bloße Konsumenten, jeder allein ins Gebet vertieft. »Die Gemeinschaft hat sich ganz anders erlebt. Es entstehen viel einfacher Gespräche«, berichtet Kristin Jahn.

Machte 2003 den Anfang: Weßnig bei Torgau. Foto: Kirchengemeinde

Machte 2003 den Anfang: Weßnig bei Torgau. Foto: Kirchengemeinde

Selbst am Ausgangspunkt der Reformation, in der Lutherstadt Wittenberg, genügt es scheinbar nicht mehr, das Kirchenjahr einfach abzufeiern. Auch hier lassen sich Geistliche und Gemeindeglieder etwas einfallen, um die Botschaft zu den Menschen zu bringen. Die Wittenberger Premiere ist ein Steinchen in einem Mosaik aus Radfahrerandachten, Radgottesdiensten und Radwegekirchen in der EKM und der Anhaltischen Landeskirche.

67 mit Siegel zertifizierte Radkirchen gibt es aktuell auf dem Gebiet der EKM, von Hildburghausen in Südthüringen über Weßnig im Kirchenkreis Torgau-Delitzsch bis nach Seehausen in der Altmark. In der Landeshauptstadt Magdeburg öffnen sich vier Kirchen den Radfahrern in besonderer Weise, selbst in der Kleinstadt Wiehe im Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda sind es zwei Gotteshäuser. In Anhalt – Deutschlands kleinster Landeskirche – haben bereits elf Kirchen das Zertifikat, am bekanntesten ist wohl Steckby an der Elbe.

Doch auch die Städte ziehen mit: Allein drei Kirchen in Bernburg tragen das Signet mit Radfahrer-Piktogramm und Kirche. Die meisten Radfahrerkirchen befinden sich an den großen Radwegen. Aber auch abseits breiter Pfade lässt sich viel entdecken: einen Internet-Reiseführer zu den Dorfkirchen im Wittenberger Land und rund um die Dübener Heide bietet der Verein »Mitteldeutsche Kirchenstraße« an, und im EKM-Veranstaltungskalender werden regelmäßig herzliche Einladungen ausgesprochen, wie Ende April im 180-Seelen-Ort Kriechau bei Weißenfels. Das dortige Kirchlein ist keine offizielle Radwegekirche, liegt aber direkt am Saale-Radweg. Zum jährlichen Saisonstart organisiert Kirchenälteste Beate Schlegel eine Tour zu umliegenden Kirchen.

Zu den bekanntesten Radfahrerkirchen gehört Weßnig bei Torgau. Das rund 200 Jahre alte Kirchengebäude liegt direkt am Elberadweg, wird seit 2003 als Radfahrerkirche genutzt, und ist damit Deutschlands erste Radwegekirche. 5 000 Radfahrer machen hier jährlich Halt – die Ankommenden werfen einen kleinen Stein in eine Box, das ermöglicht eine Schätzung der Besucherzahlen – und rasten vom Radeln. »Sie halten aber auch inne, beten und lassen ihren Gedanken freien Lauf«, weiß Pfarrer Maik Hildebrandt. Manche tragen sich in das Gästebuch ein oder hinterlassen auf losen Zetteln ihre Gedanken – Hildebrandt greift dies oft im Fürbittengebet auf. Der Theologe betont, dass in der Kirche jeder willkommen ist. »Aufgrund der Einträge im Gästebuch oder der Gebetszettel ahnen wir, was die Menschen mit sich herumtragen, wenn sie auf dem Elberadweg unterwegs sind und sie einen Ort finden, um all das einmal aufzuschreiben oder im Gebet auszusprechen«, sagt der Pfarrer. So unterschiedlich die Menschen auch seien, das Angebot des Auftankens und Entschleunigens in der Kirche nutzen alle gleichermaßen. Dass dies möglich ist, dass die Weßniger Kirche täglich auf- und zugeschlossen wird, dass sie ordentlich ist und immer eine Kerze brennt, darum kümmert sich in Weßnig ein Ehrenamtlicher. »Die Zahl der ehrenamtlich Tätigen wird kleiner. Zur Eröffnung der Radfahrsaison im Mai haben wir über die Jahre hinweg immer Kaffee und Kuchen angeboten. In diesem Jahr war das nicht mehr möglich. Uns fehlen die Engagierten in unseren kleinen Gemeinden«, berichtet der Pfarrer.

Die Idee der Radfahrerkirchen ist vergleichsweise jung, heißt es vom Kirchenamt der EKD. Erstmals explizit als Radfahrerkirche genutzt wurde der Nachbau der Johanniskirche im Klosterpark Reinhardsbrunn in Thüringen, die Kapelle trägt jedoch nicht das grüne Signet. Das Logo sowie einheitliche Standards existieren seit 2009, seit 2012 lassen sich alle teilnehmenden Kirchen in einem gemeinsamen Internetauftritt finden. Derzeit können Pedalritter an 357 deutschen Kirchen, an 106 Radwegen gelegen, rasten.

Eine gemeinsame Strategie für die Radwegekirche auf dem Gebiet der EKM gibt es derzeit nicht. In der Landeskirche ist das wichtige Feld »Kirche und Tourismus« verwaist. Die Projektstelle, die auf die Kirchenprovinz Sachsen zurückgeht, ist ausgelaufen. »Da kann man niemandem einen Vorwurf machen«, sagt Matthias Ansorg, Leiter des EKM-Gemeindedienstes. Derzeit stehen Luther und das Reformationsjubiläum im Fokus. In Kontakt mit den Verantwortlichen vor Ort bleibt der Gemeindedienst dennoch und hofft, ab 2018 wieder mehr Kraft für Kirche und Tourismus zu haben. Gerade die Radwegekirchen seien eine »unendlich wichtige Schnittstelle zur Welt«.

Katja Schmidtke

Nächste kirchliche Radtour in der EKM: Am 22. Mai im Pfarrbereich Braunsbedra (Kirchenkreis Merseburg): Um 13 Uhr beginnt an der Gnadenkirche in Bedra die Rad-Sternfahrt nach Branderoda.

Schild weist den Weg


Blick-2-20-2016Wer das Signet »Radwegekirche« tragen will, muss Voraussetzungen erfüllen: Radwegekirchen liegen in unmittelbarer Nähe zu einem Radwanderweg und sind zwischen Ostern und dem Reformationstag tagsüber verlässlich geöffnet. Sie sind durch Hinweisschilder als Radfahrerkirche ausgewiesen und bieten Abstellmöglichkeiten für die Räder, Tische und Bänke zur Rast, idealerweise auch Zugang zu Trinkwasser und Toiletten. Vor allem aber sollen sie als Kirchen erkennbar sein: Sie sind ein geistlicher Raum, bieten Gelegenheit zu Andacht, Gebet oder Seelsorge. Eine Karte mit allen Wegen und Kirchen in ganz Deutschland unter:
www.radwegekirchen.de


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