Lebendigkeit statt Perfektion

14. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Impulse nach innen: Auch den Kirchengemeinden im Norden machen Mitgliederschwund und Einsparungen zu schaffen. Trotzdem soll kirchliches Leben aufrechterhalten werden. Mit dem Regionalbischof des Sprengels Stendal-Magdeburg, Propst Christoph Hackbeil, sprach Angela Stoye.

Herr Hackbeil, stellen Sie sich vor, Sie wären Tourismusmanager. Wo würden Sie die Menschen in Ihrem großen Sprengel hinschicken?
Hackbeil:
Auf die »Straße der Romanik«, denn die ist wirklich eine gute Idee – mit einer Einschränkung: Die großen Kirchen wurden jüngst noch mehr hervorgehoben. Ich würde dazu noch ein paar wunderbare kleine Kirchen empfehlen wie Melkow und Wust bei Jerichow. Nördlich des Huy liegt zum Beispiel Deersheim mit zwei romanischen Kirchen. Auch ein Abstecher nach Calbe an der Saale mit der Kirche in Gottesgnaden lohnt sich.

Da haben Sie eine Vorlage geliefert: Kleine Dorfkirchen sind oft verschlossen. Das kommt bei Besuchern nicht gut an …
Hackbeil:
Auch ich wünsche mir, dass mehr Kirchen zuverlässig geöffnet werden. Und der Prozess hin zu mehr offenen Kirchentüren ist in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in Gang. Die Gemeinden werden informiert und geschult. Da sind die Kirchenkreise dran. Aber das Kirchenöffnen geht – wie vieles – nicht von heute auf morgen.

Das Ziel, im 500. Jubiläumsjahr der Reformation alle 4 000 Kirchen der EKM zu öffnen, wird nicht erreicht …
Hackbeil:
Das ist leider so. Ich sehe das Problem von zwei Seiten: erstens von Seiten der Touristen. Für sie ist eine offene Kirche ein Zeichen von Gastfreundschaft, eine verschlossene nicht.

Zweitens: Eine Kirche, die kaum noch benutzt wird, wird auch im eigenen Ort kaum noch wahrgenommen. Sehr wichtig ist deshalb, dass die Kirche für die Menschen ihres Ortes offen ist.

Zum Beispiel: Eine kleine Dorfkirche, die von einem Friedhof umgeben ist, kann sonnabends aufgeschlossen werden, wenn viele Menschen zur Grabpflege kommen. Auch Andachten können in dieser Zeit gehalten werden. Das regelmäßige Aufschließen ist deshalb auch ein wichtiger Impuls nach innen. Im Übrigen produzieren wir mit dem Starren auf Zahlen unnötigen Verdruss. Dem Landeskirchenrat liegt etwas daran, dass Bewegung in die Sache kommt.

Für mich hat es den Anschein, als ob man mehr auf »Leuchttürme« setzt denn auf Angebote in der Fläche.
Hackbeil:
Wir haben auch »Leuchttürme« auf dem Lande, wie ehemalige Klöster – Arendsee, Drübeck oder Neuendorf bei Gardelegen –, von denen die Menschen heute noch sagen, dass sie beim Betreten eine besondere Atmosphäre spüren. Kloster Jerichow beispielsweise ist offen und es gibt den Sommer über tägliche Andachten. Aber auch kleinere Orte bieten Besonderes, etwa die Schlosskirche in Erxleben, wo sich ein rühriger Verein nicht nur um den Gebäudeerhalt kümmert, sondern auch die Geschichte hebt. Oder der Ort Gnadau, eine Gründung der Herrnhuter Brüdergemeine, in dem der Glaube Gestalt angenommen hat.

Die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt, die Zahl der Mitarbeiter auch. Überall muss gespart werden. Wie sollen Haupt- und Ehrenamtliche alle Aufgaben in der Fläche bewältigen?
Hackbeil:
Die Pfarrer und die anderen kirchlichen Mitarbeiter stehen vor einer Riesenaufgabe. Dabei sind die Pfarrstellen in der Altmark mit teils 20 Dörfern und mehr noch einmal eine besondere Herausforderung. Wenn Pfarrer in einigen Jahren in den Ruhestand gehen, wissen sie, dass ihre Stelle nicht mehr besetzt wird. Auf diesen Abschied hin zu leben, ist nicht leicht.

Ich ziehe den Hut davor, wie viele Pfarrer, Gemeindepädagogen und Kirchenmusiker unverdrossen weiter ihren Dienst tun. Daher denke ich: Das kann nicht nur an den Zahlen liegen, sondern auch am Betriebsklima.

Woraus schließen Sie das?
Hackbeil:
Ich habe vor Kurzem die Ergebnisse einer Studie gelesen, die in zwei Landeskirchen zur gesundheitlichen Situation von Pfarrerinnen und Pfarrern gemacht wurden. Da zeigte sich: Die Sorge vor Burnout und Depressionen wurde auf dem Land weniger dort gesehen, wo alle Mitarbeiter gut zusammenarbeiteten. Ich sehe die Tendenz zu verbindlicher regionaler Zusammenarbeit als unumkehrbar an, sodass sich drei, vier, fünf Mitarbeiter als regionales Team verstehen und sich mit Mut den veränderten Verhältnissen stellen. Das schließt auch die Ehrenamtlichen mit ein.

Stichwort Ehrenamt: Werden die Aufgaben, die nicht mehr bezahlt werden können, vermehrt auf sie abgewälzt, also Ehrenamtliche als Lückenbüßer?
Hackbeil:
Das höre ich manchmal. Aber ich erlebe auch anderes. Immer dort, wo Ehrenamtliche das Gemeindeleben selber gestalten, sind sie ganz anders motiviert und halten auch die Leute zusammen. Mit großer Hochachtung erlebe ich Menschen im Prädikantendienst.

Umso ärgerlicher finde ich es, dass die Verwaltung oft noch immer so gestaltet ist, dass sie – trotz gegenteiliger Aussagen – ehrenamtliches Engagement oft erschwert statt erleichtert: lange Wege, mehrfache Wege, Wartezeiten und so weiter. Das entmutigt. Da hat die EKM ein selbstgemachtes Problem, das nur durch besseren Service zu lösen ist.

Um dann was in Zukunft besser zu können?
Hackbeil:
Sich auf die geistlichen Aufgaben zu konzentrieren. Denn eine Kirchengemeinde ist etwas anderes als ein Verein. Ich sehe das Öffnen der Kirchen nicht als technischen Vorgang an, sondern als geistlichen.

Dazu gehört auch, dass zum Beispiel der Altar mit Blumen geschmückt wird oder dass Gesangbücher gleich am Eingang bereitliegen. Kurz: ein Wachsein dafür, wie große theologische Fragen in kleinen praktischen Bezügen gedacht werden können.
So ein Beispiel habe ich nach Pfingsten in Hagenau, einer kleinen Kirche bei Osterburg erlebt. Da habe ich gespürt: Hier wirken Älteste, die alles im Blick haben. Obwohl es dort nur selten Gottesdienste gibt: Wenn, dann ist es ein richtiges Fest, ein Höhepunkt im Dorfleben.

Stichwort Regionalisierung. Wann werden die Gemeindeglieder wirklich selbstverständlich zum Gottesdienst in das Nachbardorf fahren?
Hackbeil:
Wenn die erste Frau zur katholischen Priesterin geweiht wird … – will sagen: Unter dem Sparzwang dürfen wir nicht den Eindruck erwecken, alle Probleme müssen mit dem neuen Stellenplan bis 2019 gelöst sein. In manchen Kirchenkreisen war das schon vor Jahrzehnten dran, zum Beispiel ab den 1970er-Jahren im damaligen Kirchenkreis Merseburg. Woanders kommt die Regionalisierung erst jetzt an die Reihe. Prozesse sind dran, wann sie dran sind.

Von seiner kleinen Wohnung im Plattenbauviertel Stendal-Süd aus sieht Christoph Hackbeil die Kirchen der Altstadt. In diesem Jahr ist das Panorama leider oft vom Regen getrübt. Der Propst hat seine Wohnung in Stendal absichtlich nicht in einem Pfarrhaus, sondern in einem Stadtviertel gewählt, das von Leerstand und Rückbau geprägt ist. Foto: Angela Stoye

Von seiner kleinen Wohnung im Plattenbauviertel Stendal-Süd aus sieht Christoph Hackbeil die Kirchen der Altstadt. In diesem Jahr ist das Panorama leider oft vom Regen getrübt. Der Propst hat seine Wohnung in Stendal absichtlich nicht in einem Pfarrhaus, sondern in einem Stadtviertel gewählt, das von Leerstand und Rückbau geprägt ist. Foto: Angela Stoye

Wichtig ist, das Miteinander von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern zu fördern. Wichtig ist, den Menschen Mut zu machen, über den eigenen Tellerrand hinauszusehen. Geduld zu haben und sich nicht darüber zu beklagen, wo etwas nicht ist, sondern schauen, wo etwas wächst.

Bei den Menschen, die wollen, dass alles wieder so ist wie vor 50 Jahren, ist doch vor allem der Wunsch nach Gemeinschaft sehr groß. Wir sollten ihnen die Gelegenheit in neuen Formen der Gemeinschaft geben, verbunden mit einer spürbaren geistlichen Mitte.

Wie kann das geschehen?
Hackbeil:
Durch das Gebet – in traditioneller Form und in neuem Gewand. In der EKM gibt es seit Oktober 2015 den Gebetskalender. Etwa 80 Menschen bekommen – jede Woche aktualisiert – Mails mit Gebetsanliegen. Einzelpersonen machen hier genauso mit wie die Kommunitäten. Für diese gewachsene Gemeinschaft bin ich sehr dankbar. Aber an den Gebeten könnten sich noch mehr beteiligen.

Zweitens das Abendmahl: Ich finde, wenn in kleinen Kirchen nur noch wenige Male im Jahr Gottesdienst gefeiert wird, sollte immer auch ein Abendmahl dazugehören. Leider ist dem nicht so. Aber unter dem Gemeinschaftsaspekt gesehen, könnten sich Pfarrer und Gemeinden bei weniger Gottesdiensten sogar darauf verständigen, diese immer mit Abendmahl zu feiern. Denn wir sind nicht nur unter das Wort Gottes gerufen, sondern auch an den Tisch Jesu geladen!

Und wir können nicht ein gemeinsames Abendmahl von evangelischen und katholischen Christen fordern, wenn wir das Sakrament in unseren Kirchen nicht mehr als tragende Praxis erleben!

Heißt das, dass die weniger werdenden Mitarbeiter noch mehr tun sollen?
Hackbeil:
Nein. Die hohe Belastung der Mitarbeiter macht mir Sorgen. Viele laden sich schon jetzt zu viel auf. Ich habe große Achtung vor dieser Einstellung, aber wir müssen alle darüber nachdenken, wie es anders gehen kann. Leider habe ich kein Rezept, das hat keiner. Aber dass Zeit zur gemeinsamen Suche bleibt, gehört zur geistlichen Klärung. Ich finde es gut, dass die Landeskirche für Pfarrerinnen und Pfarrer Möglichkeiten des Ausgleichs und zum Auftanken schafft, etwa durch Studiensemester, Sabbatzeiten, Aufenthalte im Kloster und anderes.

Geht der Trend nicht doch hin zum Gottesdienst vom Fließband?
Hackbeil:
Ich habe als Dorfpfarrer auch drei Mal am Sonntag Gottesdienste halten müssen und war von Mal zu Mal müder. In meiner Anfangszeit als Propst habe ich gemeint, in meinen Predigten besonders viel Staatstragendes unterbringen zu müssen. Alle Themen, die unsere Kirche jetzt bewegen, in zehn Minuten! Dabei habe ich mich ziemlich verspannt. Erst eine Fortbildung, ein Predigt-Coaching, hat mir geholfen. Da habe ich das Gegenteil gelernt. Weniger ist oft mehr.

Das klingt nach noch mehr Arbeit statt Entlastung.
Hackbeil:
Nein. Denn es muss nicht alles perfekt sein. Alle streben nach Perfektion, aber die Lebendigkeit ist der wesentliche Aspekt, den man nicht über Bord werfen darf. Vier Mal oder öfter eine Predigt vorzulesen ist für mich keine Lösung. Ein bisschen Sicherheit durch das Manuskript ist gut. Aber ein Pfarrer, eine Pfarrerin sollte – im lutherischen Sinne – sich dessen fröhlich gewiss sein, was zu tun ist. Zeigen, wo mich das Wort der Schrift berührt hat.

Propst Hackbeil, der Sommerurlaub an der Ostsee und im Harz liegt hinter Ihnen. Was bringt die nächste Zeit für Sie persönlich?
Hackbeil:
Nach Fortbildungen in »Führen und Leiten« und in klinischer Seelsorge befinde ich mich in einer Ausbildung zum geistlichen Begleiter. Denn der Austausch über den geistlichen Kern unseres Tuns ist doch das Wichtigste überhaupt.

Christoph Hackbeil, Jahrgang 1956, ist seit Januar 2009 Propst des Sprengels Stendal-Magdeburg und Inhaber der ersten Pfarrstelle am Stendaler Dom. Seine Wahl war die erste Propstwahl in der EKM.

Propst Hackbeil stammt aus Leipzig, wo er die Thomasschule besuchte und im Thomanerchor sang. Nach dem Theologiestudium in Leipzig war er drei Jahre Studieninspektor am Reformierten Konvikt in Halle. Danach wechselten er und seine Frau Ulrike, ebenfalls Pfarrerin, in die Altmark nach Mieste und Gardelegen. Von 2000 bis zu seinem Amtsantritt als Regionalbischof war Christoph Hackbeil Superintendent des Kirchenkreises Halberstadt.

Das Ehepaar Hackbeil hat drei erwachsene Söhne und vier Enkel. (G+H)

Mein Sehnsuchtsort ist das Meer

6. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Volkskirche: Viele Menschen bekennen sich in der Region um Meiningen und Suhl zur evangelischen Kirche. Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt ist dort Regionalbischöfin. Mit ihr sprach Diana Steinbauer.

Im Juli hat das größte Rechtsrock-Konzert deutschlandweit im thüringischen Themar für großes Aufsehen gesorgt. Wie sehen Sie die Funktion der Kirchengemeinden vor Ort?
Kühnbaum-Schmidt:
Zunächst einmal hat mich beeindruckt, wie sich die Zivilgesellschaft in Themar über Wochen und Monate klar und eindeutig gegen dieses Konzert positioniert hat. Dass es nach diversen Gerichtsverfahren schließlich als politische Versammlung genehmigt wurde, war zu akzeptieren und zu respektieren. Gedanklich nachvollziehen konnten das viele Menschen in der Region nicht – auch ich nicht.

Kristina Kühnbaum-Schmidt an ihrem Urlaubsort. Foto: privat

Kristina Kühnbaum-Schmidt an ihrem Urlaubsort. Foto: privat

Die Kirchengemeinde in Themar und der Kirchenkreis Hildburghausen haben sich im Vorfeld und während des Konzertes absolut klar und gewaltfrei gegen den Hass und die Hetze, die von dieser Veranstaltung ausgingen, gewandt. Wie richtig und notwendig das war, haben die Berichte zu dem Konzert bestätigt.

Die Einladung der Kirchengemeinde zu einem ökumenischen Friedensgebet am Vorabend des Konzertes hat auch den Menschen, die sich am Veranstaltungstag selbst vielleicht nicht nach Themar gewagt haben, ermöglicht, ihrem Protest und ihrer Bitte um Frieden Ausdruck zu verleihen.

Ich habe großen Respekt vor dem entschiedenen, klaren und selbstverständlichem Engagement der Kirchengemeinde und ihrer Pfarrerin Frau Polster. Gemeinsam mit einem breiten Bündnis sind sie für Demokratie, Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe eingetreten und haben einen Auftrag der Kirche, sich für Frieden einzusetzen, eindrücklich wahrgenommen.

Wie verleben Sie diese Sommertage in Meiningen?
Kühnbaum-Schmidt:
Im vergangenen Jahr haben wir den Sommerurlaub zu Hause in Meiningen verbracht. Das habe ich sehr genossen. Die Stadt bietet viele kulturelle Möglichkeiten, vom Parkgeflüster über das Sommerfestival, Konzertmöglichkeiten oder den Meininger Orgelsommer.

An der Werra spazieren zu gehen oder die schönen Grünanlagen zu genießen, dazu nehme ich mir auch sonst manchmal Zeit. In diesem Jahr allerdings nicht so viel. Das hat auch mit der Zahl 2017 zu tun.

Apropos Reformationsjubiläum: Die Kirchentage auf dem Weg und andere Veranstaltungen zu 500 Jahren Reformation haben viele Menschen bewegt. Auch Nichtchristen?
Kühnbaum-Schmidt:
Die vielen Veranstaltungen – regional und überregio­nal –, in denen wir dieses besondere Ereignis feiern, waren und sind eine Möglichkeit, wie Kirche und Glaube auch für Nichtchristen überhaupt einmal wieder in den Bereich des Möglichen kommen. Ansonsten sind es oft ethische Fragen, aber auch persönliche Begegnungen, die die Frage nach Gott und christlichem Glauben aufwerfen.

Bei den Kirchentagen auf dem Weg war das ja schön zu sehen. Die Veranstaltungen, die draußen angeboten wurden und niedrigschwellig waren, wo es persönliche Begegnungen gab, wo Menschen gemeinsam gegessen haben, feiern und erzählen konnten, Musik erlebt haben, die hatten großen Zulauf. Offensichtlich wurden sie wahrgenommen als willkommene Gemeinschaftserlebnisse ohne große Schwelle.

Wie können die Schwellen und Barrieren abgebaut werden?
Kühnbaum-Schmidt:
Offen zu sein für andere ist wichtig. Ich denke, wir sollten aber auch die Frage klären, wie wir uns als Gemeinschaft zu denen verhalten, die uns, warum auch immer, fernstehen.Wir werden uns in den nächsten Jahren also intensiver mit der Frage nach der Kirchenmitgliedschaft beschäftigen müssen. Gibt es nur die Alternative des Ja oder Nein? Viele Menschen engagieren sich in christlichen Verbänden oder bei Vereinen und diakonischen Einrichtungen, in der Flüchtlingshilfe, einem Kirchbauverein oder Kirchenchor. Nicht immer gehören sie auch formell zur Kirchengemeinde.

Wie können wir ihnen das Gefühl geben, wirklich dazuzugehören? Also nicht sagen, ihr dürft gerne mittun, aber es gibt für euch keine Möglichkeit, auch Rechte wahrzunehmen.

Das würde aber die Kirchenlandschaft wie wir sie kennen, wesentlich verändern. Eine Art neue »Reformation«?
Kühnbaum-Schmidt:
Jedenfalls gehört es für mich ganz klar zum Thema »Die Reformation geht weiter«. Aber das ist kein leichtes Feld. Denn ich verstehe auch, dass Menschen, die zur Kirche gehören, getauft sind und Kirchensteuer bezahlen, fragen: Ist das für die Frage der Kirchenmitgliedschaft denn bedeutungslos? Wenn alle gleich sind, welchen Sinn hat dann die Kirchenmitgliedschaft?

Wir werden also diskutieren müssen: Welche Unterschiede sind nötig und welche sind vielleicht auch nicht nötig? Wie weit können und wollen wir gehen? Gemeinschaft heißt ja nicht, jeder macht sein Ding und dann gucken wir mal, ob und wie das zusammenpasst. Sondern Gemeinschaft – auch in der Kirche – braucht Verbindlichkeit in der Verantwortung füreinander.

Welche Themen beschäftigen Sie darüber hinaus hier vor Ort?
Kühnbaum-Schmidt:
Wir stellen uns im Propstsprengel den gleichen Herausforderungen wie die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM)insgesamt. Dennoch muss ich sagen, dass es im Vergleich in unserem Propstsprengel einen relativ hohen prozentualen Anteil von Kirchenmitgliedern an der Gesamtbevölkerung gibt. Das lässt uns in manchen Bereichen ein bisschen entspannter sein.

Das heißt aber auch, dass es an die Hauptamtlichen im Verkündigungsdienst eine hohe Erwartungshaltung gibt. Eine kirchliche Beerdigung, eine Hochzeit, eine Aussegnung im Sterbefall, die Präsenz – beispielsweise bei der Kirmes und anderen öffentlichen Anlässen – gehört hier selbstverständlicher zum Gemeindeleben dazu als in manch anderen Bereichen der EKM. Dass sie gebraucht werden, bekommen die Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch alle anderen Mitarbeitenden, hier ganz deutlich zu spüren.

Veränderungen, wie zum Beispiel größere Pfarrbereiche oder andere Zusammenlegungen, sind deshalb eine besondere Herausforderung für alle, die das zu schultern haben.

Wie fangen Sie das auf?
Kühnbaum-Schmidt:
Mein Eindruck ist, dass nicht unbedingt die Arbeitsbelastungen allein als anstrengend erlebt werden. Bedrückend ist für viele, dass sie ihre Selbstbestimmung als immer kleiner werdend erleben. Die Freiheit des Dienstes macht zum Beispiel im Pfarramt einen großen Teil der Arbeitszufriedenheit aus.

Genau diese Freiheit ist ja auch Zeichen der Professionalität. Also die Freude und Herausforderung, den Dienst in hoher Eigenverantwortung strukturieren zu können, Schwerpunkte zu setzen und dabei auf die jeweilige Situation vor Ort einzugehen.

Wenn der Eindruck entsteht, dass man in diesen Kernbereichen der eigenen Professionalität zunehmend fremdbestimmt ist, dann ist die Gefahr der Demotivation, der Überforderung oder auch des Burn-outs größer.

Wie können Sie helfen, damit es nicht so weit kommt?
Kühnbaum-Schmidt:
Zunächst einmal bin ich persönlich ansprechbar und aufmerksam. Ich bin regelmäßig in den Konventen, mindestens einmal im Jahr in jedem Hauptkonvent. Wenn es möglich ist, fahre ich auch mit zu Klausurtagungen. Da habe ich einen sehr intensiven Kontakt zu den einzelnen Personen, ihren Fragen und Sorgen.

Natürlich stehe ich auch sonst für Gespräche, Beratung und Besuche zur Verfügung. Ich denke aber auch, dass wir über die sich hier stellenden Fragen nicht nur als sich individuell stellende Fragen nachdenken müssen, sondern auch strukturell. Also beispielsweise dazu, was Pfarramt heute bedeutet. Und ich bin deshalb sehr froh, dass das Personaldezernat an dieser Thematik ganz dicht und konzentriert arbeitet.

Wo kommen Sie zur Ruhe?
Kühnbaum-Schmidt:
Sehnsuchtsort für mich persönlich ist immer das Meer. Sei es Nord- oder Ostsee. In diesem Jahr fahren wir wieder an die Ostsee. Schon der Weg dorthin – dieses Mal zum Mönchgut auf Rügen – bringt für mich den ersten Abstand.

Und was genießen Sie im Ostseeurlaub besonders?
Kühnbaum-Schmidt:
Strandspaziergänge, im Meer baden, Fahrradfahren, Lesen. Und ich genieße es sehr, wenn ich mit meinem Mann ganz klassisch und auch ein bisschen kitschig den Sonnenuntergang am Strand erleben kann. Wenn wir dort an einem lauen Sommerabend noch ein Glas Wein zusammen trinken, dann ist das ein perfekter Tag. Da bin ich furchtbar romantisch.

Bleibt denn das Handy auch zu Hause?
Kühnbaum-Schmidt:
Das Handy kommt mit. Aber ich vertraue darauf, dass es genug Gegenden gibt, wo man kaum Empfang hat.

Kristina Kühnbaum-Schmidt stammt aus Sickte bei Braunschweig. Nach ihrem Theologiestudium hat sie als Vikarin und Pfarrerin in Braunschweig gearbeitet. Die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wählte sie im November 2012 zur Regional­bischöfin des Propstsprengels Meiningen-Suhl.
Seit Mai 2013 ist sie Pröpstin der sieben Südthüringer Kirchenkreise der EKM und damit die einzige Frau in dieser Position. Außerdem ist sie Mitglied der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und Sprecherin beim Wort zum Tag »Augenblick mal« im MDR.
Kristina Kühnbaum-Schmidt ist verheiratet und hat eine Tochter.

Wir sind »intensiv evangelisch«

31. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die 122. Allianzkonferenz in Bad Blankenburg ist die erste für Ekkehart Vetter als Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA). Willi Wild sprach mit ihm über Einheit, Konflikte, Reformation und Thüringer Bratwurst.

Herr Vetter, Sie stehen einem Verband vor, der als Mitbegründer der Pfingstbewegung in Deutschland gilt, und man bezeichnet den Mülheimer Verband auch als einen Zusammenschluss evangelikal-charismatischer Gemeinden, was bedeutet das?
Vetter:
Der Begriff »evangelikal« ist umstritten, je nachdem, was man damit verbindet. »Evangelikal« kommt von Evangelium. Die Bundeskanzlerin hat einmal gesagt, das seien Menschen, die intensiv evangelisch sind. Das ist zwar keine theologische Definition, aber durchaus zutreffend. Also Menschen, denen es um das Evangelium geht, um das Wort Gottes.

Charismatisch kommt vom griechischen Charisma und meint Gnadengabe. Da geht es um Menschen, die besonders nach dem Heiligen Geist fragen und um geistliche Erlebnisse mit dem Heiligen Geist bitten. Beides zusammen ergibt dann diese evangelikal-charismatische Mischung. Der Mülheimer Verband ist übrigens eine Freikirche, die anderen Freikirchen evangelischen Bekenntnisses sehr ähnlich ist.

Bislang war die Allianzkonferenz in Bad Blankenburg keine charismatisch geprägte Veranstaltung, sondern ein klassisches Glaubensfest. Wollen Sie das ändern?
Vetter:
Wir sind als Evangelische Allianz zusammen unterwegs und haben gemeinsame geistliche Ziele. Die unterschiedliche Prägung und Glaubensstile stehen nicht im Vordergrund. Als Konferenzgemeinde sollten wir nicht auf vielleicht unterschiedliche Prägungen schauen, sondern wo wir gemeinsam hinwollen.

Wer oder was ist die Evangelische Allianz überhaupt?
Vetter:
Sie ist 1846 in England gegründet worden, und die deutschen Teilnehmer an dieser Gründungskonferenz haben sich darauf verständigt, diese Bewegung auch nach Deutschland zu bringen. Heute handelt es sich um eine globale Bewegung. Früher nannte man das einen Bruder- oder Geschwisterbund von evangelischen Christen. Heute sprechen wir von einem Netzwerk evangelisch gesinnter, dem Evangelium verpflichteter Christen.

»Evangelisch« in unserem Namen ist eben keine konfessionelle, sondern eine inhaltliche Aussage. Darum sind wir natürlich auch ökumenisch. Auch katholische Christen fühlen sich hier und da der Allianz zugehörig. Wir haben eine gemeinsame Glaubensbasis.

Wozu braucht es diese Allianz, wenn im Prinzip unter Christen Glaubenskonsens herrscht?
Vetter:
Die Evangelische Allianz hat fünf Ziele: Wir wollen die Einheit unter Christen fördern. Wir wollen Bibelbewegung und Gebetsbewegung sein. Wir wollen Mission und Evangelisation in unserem Land fördern. Und wir wollen gesellschaftspolitische Verantwortung wahrnehmen und öffentlich für die biblische Ethik einstehen, von der wir überzeugt sind, dass sie nicht nur für Christen verbindlich ist, sondern auch für das Miteinander in einer Gesellschaft hervorragende Grundsätze liefert.

Um die Einheit innerhalb der Leitung der Evangelischen Allianz stand es in der jüngeren Vergangenheit nicht zum Besten. Bei den Themen Umgang mit Homosexualität oder Bibeltreue gab es deutlich Dissens und sogar eine Abspaltung. Wie wollen Sie hier wieder die Einheit herstellen?
Vetter:
Sie haben noch ein paar andere kontroverse Themen vergessen: Der Klassiker ist das Thema Taufe, überhaupt das Sakramentsverständnis, das Gemeindeverständnis.

Wir sind uns in der Allianz längst nicht in allen Fragen einig. Darum geht es aber auch gar nicht. Wir wollen gemeinsame Ziele fördern. Über strittige Fragen diskutieren wir miteinander und suchen nach gemeinsamen Positionen.

Die Evangelische Allianz ist keine Kirche. Wir wollen Gemeinsamkeiten betonen, ohne die unterschiedlichen Prägungen zu verleugnen. Abspaltungen von der Allianz gab es übrigens keine.

Ekkehart Vetter auf der Terrasse des Allianzhauses in Bad Blankenburg. Foto: Willi Wild

Ekkehart Vetter auf der Terrasse des Allianzhauses in Bad Blankenburg. Foto: Willi Wild

Die Allianz-Gebetswoche ist die zentrale Veranstaltung, zu der unterschiedliche Gruppen, Gemeinden und Kirchen zusammenkommen. Welche Bedeutung hat das Gebet in unserer aufgeklärten Welt?
Vetter:
Ich weiß, dass ganz viele Menschen beten. Oft fehlt der Zugang zu den kirchlichen Formen. Hier brauchen wir größere Flexibilität. Es gibt in der Bevölkerung eine Sehnsucht nach Kontakt mit Gott. Ich habe mal eine Anhalterin mitgenommen. Als ich sie fragte, ob sie bete, sagte sie: Na klar, jeden Morgen und jeden Abend. Zu Kirche hatte sie praktisch keinen Bezug.

Wir sollten uns um Formen bemühen, die für Menschen zugänglich sind. Das Gebet ist eine Lebensäußerung von uns Christen. Auch Skeptiker und Zweifler wenden sich an Gott mit ihren Fragen.

Ist Meditation die attraktivere Alternative zum Gebet?
Vetter:
Es gibt sicher Schnittmengen. Man kann gut biblische Texte, Psalmen meditieren. Psalmen sind uralte Gebete. Gebete können auch gesungen werden. Ich denke an Taizé-Gesänge oder die Lieder der charismatischen Bewegung.

Gebete in den unterschiedlichen Formen sind eine Herzensangelegenheit. Nehmen Sie die Gospelmusik. Da wird zigmal die gleiche Liedzeile wiederholt. Aber viele freuen sich, wenn der Chor vorne steht. Wir brauchen mehr Emotionen im Glauben. In anderen Ländern scheint das den Menschen schon in die Wiege gelegt.

In Kirche und Medien werden die Evangelikalen oft in eine politisch rechte Ecke gesteckt. Wie gehen Sie damit um?
Vetter:
Ich denke, da muss man differenzieren. Rechtspopulistische oder gar rechtsradikale, fremdenfeindliche Äußerung passen nicht zu einer wertkonservativen, evangelikalen Lebenshaltung. Beispielsweise haben wir bereits vor der großen Flüchtlingswelle die Schrift »Fremde willkommen« verabschiedet. Wir orientieren uns an der Bibel und dort ist eindeutig die Rede von Fremdenliebe und nicht Fremdenhass. Das ist unser Maßstab.

Wie stehen Sie zur AfD?
Vetter:
Die Evangelische Allianz ist ein Netzwerk. Wir fragen keine politische Gesinnung ab und sind nicht dazu da, politische Parteien als Ganzes zu werten. Wer sich auf der Basis des Evangeliums bewegt, ist herzlich willkommen. Wer Werte außerhalb biblischer Normen vertritt, wird von uns Widerspruch, aber gern auch Dialog angeboten bekommen, unabhängig von Parteienzugehörigkeit.

Meine Stimme bekommt die AfD nicht. Es gibt aus dem AfD-Kontext viel zu viele hochproblematische Äußerungen zu unterschiedlichen Themen.

Welches Verhältnis haben Sie als Vertreter einer Freikirche zur Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)?
Vetter:
Die Evangelische Allianz ist seit jeher eine Gemeinschaft von Christen, die verschiedenen Kirchen und Werken angehören. Aber das ist für uns nicht entscheidend. Maßgeblich ist die Bereitschaft, gemeinsam geistliche Anliegen zu bewegen.

Ihr Vorgänger Michael Diener hatte es als Mitglied des Rates der EKD sicher leichter.
Vetter:
Er gehört ja nach wie vor zum Hauptvorstand der Evangelischen Allianz und hat nach wie vor viele Möglichkeiten, unsere Themen und Inhalte an verschiedenen Stellen einzubringen. Er war ja nicht Mitglied des Rates der EKD und hat dann die ehrenamtliche Leitungsaufgabe bei uns angenommen, sondern es war umgekehrt. Und wegen der damit verbundenen Fülle von Aufgaben hat er dann bei uns sein Leitungsamt niedergelegt.

Ich glaube, dass das Miteinander der Christen unabhängig von den Funktionen klappen muss.

Das Thema der Allianzkonferenz ist »reform.aktion«, in Anlehnung an 500 Jahre Reformation. Was haben Sie als Freikirchler mit Luther am Hut?
Vetter:
Na, wir sind auf dem Boden der Reformation. Wir sind Kinder und Enkelkinder der Reformation. Dabei bitte ich auch zu bedenken: Bei aller Wertschätzung von Martin Luther – er war ja nicht der einzige Reformator. Reformatorisch ist nicht einfach gleich lutherisch. Da gab es und gibt es eine viel größere konfessionelle reformatorische Breite.

Freikirchler gestalten ihre Theologie und Praxis oft eher in einer reformierten Tradition. Aber die vier Soli der Reformation – solus Christus, sola scriptura, sola gratia, sola fide – sind in den Freikirchen ebenso bestimmend und prägend. Es geht uns an der Stelle weniger um Reformation, sondern um die geistlichen Inhalte.

Bei der Allianzkonferenz geht es inhaltlich um Texte aus dem Römerbrief. Was ist Ihnen dabei wichtig?
Vetter:
Das Motto »reform.aktion« klingt vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber es umschreibt den Schwerpunkt: Was wird denn konkret aus den in Römer 1–8 aufgezeigten theologischen Grundlagen in unserem persönlichen Leben, aber auch in der Haltung zu Israel, in der Einstellung zu unserem Staat oder im Blick auf das Miteinander der Christen?

Ist die Evangelische Allianz reformbedürftig?
Vetter:
Sicher. Wir sind alle immer reformationsbedürftig. Wir müssen uns mehr um junge Leute bemühen. Das gilt sicher für die Konferenz, aber auch weit darüber hinaus, nämlich für die circa 1000 Orte in Deutschland, wo sich Christen unter der Überschrift »Evangelische Allianz« treffen. Wir müssen uns auch über die Zukunft der Allianzkonferenz und ihre Ausrichtung Gedanken machen. Geistliches Leben lässt sich nicht einfach vererben.

Hundert Jahre lang ist das Konzept aufgegangen. Ist die Allianzkonferenz ein Auslaufmodell?
Vetter:
Das intensive Arbeiten an und mit der Bibel ist und bleibt ein wesentliches Markenzeichen der Allianz. Es kann nicht zur Debatte stehen. Aber das befreit uns natürlich nicht davon, immer wieder neu zu überlegen, wie und in welcher Form wir das in Zukunft tun wollen und können und Menschen damit angesteckt werden.

Inwieweit kennen Sie sich als gebürtiger Norddeutscher mit den Gepflogenheiten im Thüringer Wald in Bad Blankenburg aus?
Vetter:
Thüringer Bratwurst ist ein Muss. Ich habe familiäre Bindungen in den Osten, allerdings eher nach Sachsen. Bereits zu DDR-Zeiten war ich regelmäßig im Großraum Chemnitz, damals noch Karl-Marx-Stadt. Durch meine häufigen Aufenthalte im Evangelischen Allianzhaus bin ich mit den regionalen Besonderheiten im Thüringer Wald vertraut.

Gehört im Reformationsjahr dazu: Ihr Lieblings-Luther-Zitat?
Vetter:
»Das Wort Gottes ist wie ein Kräutlein, je mehr du es reibst, desto mehr duftet es.«

Was haben Sie sich für Ihre Amtszeit vorgenommen?
Vetter:
Ich will meinen Beitrag leisten, die Einheit der Christen voranzutreiben, aus mindestens zwei Gründen: Erstens hat Jesus dafür gebetet! Wenn es ihm ein so starkes Anliegen war, dann muss es für mich auch ein sehr wichtiges sein. Und zum Zweiten können wir Christen die Herausforderungen in unserer Zeit nur gemeinsam schultern.

Ekkehart Vetter studierte Evangelische Theologie in Hamburg und war ab 1983 zunächst Vikar und dann Pfarrer in Stade. 1993 wurde er Hauptpfarrer der Christus-Gemeinde in Mülheim an der Ruhr, die zum Mülheimer Verband Freichristlich-Evangelischer Gemeinden gehört, dessen Präses er seit 2003 ist. Zwischen 2011 und 2014 war Vetter im Vorstand der Vereinigung Evangelischer Freikirchen. Vetter gehört seit 2004 dem Vorstand der DEA an, seit 2012 war er deren 2. Vorsitzender. 2017 trat er die Nachfolge von Michael Diener im Amt des Vorsitzenden an. Vetter ist der erste Allianzvorsitzende aus der pfingstkirchlich-charismatischen Bewegung. Er ist seit 1978 mit seiner Frau Sabine verheiratet. Das Paar hat sechs Kinder und elf Enkel. (G+H)

Wir müssen raus in die normale Welt

24. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Reformationssommer in Mitteldeutschland: Über enttäuschte Erwartungen, Christsein in einer konfessionsfreien Welt, die Lust am Streit und das schwierige Gefühl der Heimat sprach Propst Johann Schneider, Regionalbischof von Halle-Wittenberg, mit Katja Schmidtke.Sommerlogo GuH

Wir treffen uns nicht in Halle, wo Ihr Büro ist, sondern in Wittenberg, wo in diesem Jahr die Musik spielt. Sie spielt ziemlich laut, aber vor weniger Publikum als erwartet.
Schneider:
Auf den ersten Blick stimmt das, aber wir müssen genau hinsehen. Die Gottesdienste in der Stadtkirche und in der Schlosskirche sind sehr gut besucht. Die Herausforderung, die ich sehe: Die Gruppen, die die Stadt besuchen, haben in der Regel ihr eigenes Programm und für zusätzliche Aktivitäten kaum Zeit. Einige Veranstaltungen sind gut besucht, einige werden kaum wahrgenommen.

Johann Schneider im Luthergarten in Wittenberg, einem Lieblingsplatz – im Hintergrund der Turm der Schlosskirche. Foto: Thomas Klitzsch

Johann Schneider im Luthergarten in Wittenberg, einem Lieblingsplatz – im Hintergrund der Turm der Schlosskirche. Foto: Thomas Klitzsch

Wir werden mit den enttäuschten Erwartungen klarkommen müssen, gerade bei Menschen, die von weither kommen, sich ehrenamtlich beteiligen oder ihren Urlaub einbringen. Da bleibt eine Spannung. Ein gutes Beispiel: Ich war auf einer nicht gut besuchten Veranstaltung, der Wind wehte, und eine Teilnehmerin schlug vor, nach drinnen zu gehen. Das ist eine typische Reaktion in der Kirche.

Wie meinen Sie das?
Schneider:
Wir ziehen uns in geschützte Räume zurück. Natürlich verlieren sich 15 Menschen auf einer Bühne mit 250 Plätzen. Aber all diese Formate auf der Weltausstellung sind doch eine gute Übung. Wir müssen als Kirche raus aus den Kirchenräumen auf die Marktplätze. Das ist auch die Quintessenz der Kirchentage auf dem Weg – bei aller Kritik. Dieses Hinausgehen in die normale Welt ist die zentrale Handlung.

Hinaus in die normale Welt – wir und die anderen? Woher kommt diese Trennung?
Schneider:
Was ich in fünf Jahren als Propst gelernt habe: Die konfessionslose Kultur bestimmt das Denken und tabuisiert subtil den Glauben. Glauben spielt einfach keine Rolle, er ist vollkommen irrelevant. Menschen verhalten sich wie religiöse Analphabeten. Wer glaubt, zieht sich in die Kirche zurück, weil er dort Menschen trifft, die ähnlich denken. Es erfordert einen Kraftakt, hinauszugehen.

So wie in Tröglitz: Nach dem Brandanschlag auf die geplante Flüchtlingsunterkunft bat mich ein Gemeindekirchenrat, zum Friedensgebet zu kommen, die Stimmung war wie gelähmt. Ich legte den Bibelvers aus, dass Gott uns nicht einen Geist der Furcht, sondern der Kraft, Zuversicht, Hoffnung gegeben hat und wollte den Gottesdienst mit einem Vaterunser, einer Segensbitte vor dem ausgebrannten Haus abschließen. Das war ganz schwer durchzusetzen. »Was sollen wir da machen?«, lautete die Gegenfrage. Einfach gehen, sich als Christ zeigen, singen und beten. Wir taten es und die Leute aus der Schrebergartensiedlung gegenüber standen am Zaun und guckten uns zu. Eine typische Situation.

Es ist ungewöhnlich, wenn Christen öffentlich zusammenkommen?
Schneider:
Es ist in dieser konfessionsfreien Welt seltsam, sich öffentlich zu treffen und etwas gemeinsam zu tun. Nach 1990 haben wir einen Schub von Individualisierung und Vereinzelung erlebt, in Ost wie West, sodass Gemeinschaftliches erst einmal verdächtig ist. Aber wir wollen die Botschaft, an die wir glauben, teilen. Und das gelingt aus meiner Sicht nur, wenn Menschen sich begegnen.

Als Regionalbischof begegnen Sie den Menschen. Wir haben das Gefühl, gerade bei heißen Themen klaffen die Meinungen zwischen Kirchenvolk und Kirchenleitung auseinander.
Schneider:
Ich denke an den Trägerverein des Schlosses Mansfeld, der in die Kritik geraten war. Der Verein hatte der Stadt die Vermietung eines Raumes im Schloss, das die Stadt Mansfeld als Standesamt nutzte, gekündigt. Es gab Streit um die Eintragung einer Lebenspartnerschaft und die anschließende Feier auf Schloss Mansfeld. Wir dürfen bei unserem Urteil nicht außer Acht lassen: Das sind alles engagierte Ehrenamtliche, sie legen die Grundlage unseres Glaubens, die Bibel, in einer gewissen Weise aus, und diese Auslegung entspricht manchmal nicht den Trends der theologischen Forschung. Es ist eine traditionelle Auslegung, besonders bei heißen Themen wie Homosexualität, Familie, Ehe.

Wir Theologen müssen uns prüfen, wie schnell wir mit unserer Position anderen sagen wollen, was geht und was nicht. Mir ist bei der Moderation in Mansfeld aufgefallen, dass auch ich schnell ein Korrektiv im Kopf habe, »nein, so kann man das nicht auslegen«. Aber wir sind gemeinsam Hörer des Wortes. Wir ringen um die Wahrheit, sie ist nichts Statisches.

Wie ging es in Mansfeld weiter?
Schneider:
Die Mitgliederversammlung hat die Kündigung zurückgenommen, aber man muss da sehr genau hinschauen. Der Vorstand hat nicht unverantwortlich gehandelt, die Mitgliederversammlung hat ihm weiterhin ihr Vertrauen geschenkt. Ergebnis des Gesprächs: Das Standesamt kann dort wieder Eintragungen gleichgeschlechtlicher Paare vornehmen. Ich bin dankbar für eine friedliche, zivilisierte Auseinandersetzung mit dem Standesamt und auch im Verein.

Wir streiten viel, aber oft unsachlich. Ich denke an all die Debatten um die AfD, an Tröglitz und Schnellroda.
Schneider:
Uns fehlen hier die öffentlichen Räume. Wo treffen wir andere Menschen, Menschen außerhalb unserer Kreise? Außerdem ist ein Verlust an zivilisierter Gesprächskultur festzustellen. Es gehört ein Maß an Zuhörenwollen und Ertragen, dass der andere eine andere Meinung hat, dazu. Wir sind als Kirche – und da nehme ich mich nicht aus – sehr schnell bei einem Urteil. Gerade in politischen Fragen formulieren wir schnell einen moralischen Anspruch.

Ich bin kein Freund von Appellen. Ich mag nicht moralisieren. Wenn Sie in einem sozialistischen Schulsystem aufwachsen, haben Sie genug Appelle gehört. Das wunderbarste Geschenk ist doch, dass wir frei denken und frei reden können.

Zu Schnellroda: Ich bin sehr dankbar, dass die Pfarrerin zuversichtlich und fröhlich ihren Dienst tut. Sie ist eine unbefangene Christin, kommt aus einem völlig säkularen Elternhaus, sie ist so normal, sie passt ganz genau da hin. Und sie hat die Gabe, mit allen zu reden, die ihr zuhören wollen.

Sie trafen während Ihrer Studienzeit in Erlangen auf Fairy von Lilienfeld, eine Theologin des Katechetischen Oberseminars Naumburg, die die DDR verlassen durfte und in Bayern die erste Theologin und ordinierte Pfarrerin war. Was haben Sie von ihr gelernt?
Schneider:
Ich habe bei ihr viel gelernt. Menschlich und inhaltlich. Menschlich verdanke ich ihr zum Beispiel den Impuls, als junger Vater und an der Endstation meiner Promotionsarbeit den Fernseher abzuschaffen. Und im ökumenischen Gespräch, dass es hilft, die Position des Gesprächspartners sehr gut zu kennen. Fairy kannte die theologischen Grundlagen der Orthodoxie oft besser als die orthodoxen Theologen.

Teilten Sie mit ihr die Erfahrung, in einem anderen Land neu anzufangen?
Schneider:
Ja. Sie sagte: »Lieber Herr Schneider, es wartet hier niemand auf Sie – aber es ist trotzdem gut, dass Sie hier sind.« Das lässt sich auf heute übertragen, egal ob Sie aus einem fremden Land kommen oder in eine neue Stadt ziehen. In der Regel wartet niemand auf Sie. Sie müssen selbst auf die Menschen zugehen. Das habe ich auch den Stipendiaten geraten, mit denen ich durch meine Arbeit an der Universität und später für die EKD zu tun hatte. Deutschland ist eine geschlossene Gesellschaft, und die Kirche gleich noch einmal. Die Aufgabe ist es, selbst die Kirchentür aufzumachen.

Welche Tür haben Sie aufgestoßen, als Sie 1985 von Siebenbürgen nach Würzburg gekommen sind?
Schneider:
Ich habe es in der Kirchengemeinde versucht, das war nicht leicht. Wir waren Exoten. Ich suchte mir einen Studentenkreis, obwohl ich noch kein Student war; ich musste ja in Deutschland mein Abitur zum zweiten Mal ablegen. Das Studium war dann das Tor, um Menschen wirklich kennenzulernen. Ich habe aber auch in dieser Zeit oft gespürt, mein Leben, meine Geschichte haben für die anderen etwas Fremdes. Ich habe gelernt, wo ich etwas über mich erzählen kann und wo nicht.

Haben Sie das Gefühl, Ihre Heimat verloren zu haben?
Schneider:
Verloren – nein. Wir sind zwar schweren Herzens gegangen, aber kurioserweise haben uns die Jugendlichen aus der DDR ermutigt. Sie sagten: »Christus geht mit euch.«

Verloren – ja. Das waren die Freunde, der persönliche Umgang, die vertraute Umgebung. Aber ich bin inzwischen fast jedes Jahr in Rumänien, und so ist es mir nicht verloren gegangen. Das Gefühl der Heimat hat sich verlagert in die Sprache.

Was ist für mich Heimat? Es ist die Vielfalt der Sprachen: Siebenbürgisch-Sächsisch, Ungarisch, Rumänisch, und es ist auch das Miteinander. Sie werden es nicht glauben, aber wenn ich in Halle bettelnde Roma treffe, fühle ich mich nicht unbehaglich. Wir kommen miteinander ins Gespräch.

Die Emigration war ein ungemeiner Zuwachs an Freiheit. Frei zu sagen, was ich denke, nicht zu unterscheiden, was ich privat und öffentlich sagen kann, und zu kritisieren. Ich kann an Texten kritisieren, ich kann sogar die Kirche kritisieren – und bleibe dennoch drin. Das ist doch wunderbar!

»Reformation geht weiter«, heißt ein EKM-Slogan. Was heißt das für Sie?
Schneider:
Ich hadere etwas damit, weil der Slogan etwas Appellatives hat. Was heißt das für mich – »Reformation geht weiter«? Dass wir die Offenheit zu einem kritischen Streit innerhalb der Kirchen brauchen. Ich sehe diese Bereitschaft noch nicht, auch nicht in unserer Kirche. Unsere Synode streitet aus meiner Sicht viel zu wenig über kon­troverse Themen im Licht der Schrift.

»Reformation geht weiter« heißt für mich: Mut zu klaren Aussagen, zu einem Bekenntnis, das herausfordert, aber nicht abstößt, sondern einlädt, und dass wir das, was wir teilen, in einer freundlichen Weise mitteilen und mit der Ablehnung, die wir auch erfahren, umgehen lernen.

Aber der Slogan ist für Kirchenleute. Fragen Sie Menschen auf dem Wittenberger Markt dazu, greifen diese sich wahrscheinlich an die Stirn: Oh Gott, kommen die nächstes Jahr alle wieder? Es wird sich zeigen, welche Wirkung dieses Jubiläumsjahr über Wittenberg hinaus hat. Es wird auch kritische Fragen geben, natürlich. All der Aufwand. Aber es ist eine große Chance für die mitteldeutsche Kirche.

Dr. Johann Schneider wurde 1963 im siebenbürgischen Mediasch (Rumänien) geboren. Nach der Lehre als Werkzeug­macher studierte er Theologie in Neuendettelsau, Tübingen, München, Erlangen und Rom. Später arbeitete er als Pfarrer und Dozent an der Universität Erlangen, beim Diakonischen Werk der EKD und beim Lutherischen Weltbund.

Seit 2007 war er als theologischer Oberkirchenrat im Kirchenamt der EKD in Hannover, insbesondere im ökumenischen Bereich, tätig. Im November 2011 wählte ihn die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland zum Regional­bischof des Propstsprengels Halle-Wittenberg. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne.

»Sie machen die Predigt und wir fahren den Mähdrescher«

16. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Perspektivwechsel: Der Blick auf die kleiner werdenden Zahlen macht den Gemeinden zu schaffen. Dabei gibt es in der Kirche viel Positives zu sehen, meint Propst Dr. Christian Stawenow, Regionalbischof des Sprengels Eisenach-Erfurt. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Was beschäftigt Sie momentan hier im Propstsprengel?
Stawenow: Die Frage nach den strukturellen Veränderungen. Laut Stellenplan 2019 müssen in den Kirchenkreisen Pfarrstellen gestrichen werden. Nicht alle Kirchenkreise haben den gleichen Druck, manche mehr, manche weniger. Aber insgesamt verursachen die geplanten Veränderungen eine große Beunruhigung und eine gewisse Frustration. Trotz aller Mühe und fleißiger Arbeit sind diese Veränderungen nicht aufzuhalten.

Wenn Stellen reduziert werden, betrifft das immer Menschen und Gemeinden, die die Probleme zu bewältigen haben. Keine Gemeinde kann sich plötzlich mehr Gemeindeglieder schaffen. Das ist das Grundproblem.

Wie viele Stellen müssen eingespart werden?
Stawenow: Genau kann ich das nicht sagen. Das ist in den Kirchenkreisen unterschiedlich. Durchschnittlich müssen etwa zwei Stellen pro Kirchenkreis durch die veränderten Kriterien gespart werden, dazu kommen die Anpassungen an die Gemeindegliederzahlen. Nimmt man eine Prognose von zehn Jahren hinzu, kommt im ländlichen Bereich schnell ein um 25 Prozent reduzierter Stellenplan heraus. Diese Reduzierungen führen dazu, dass auch Grenzen verändert, Gemeinden und Mitarbeitende anders zugeordnet werden müssen.

Christian Stawenow: »Wir müssen vom Glauben sprechen, die Sprachfähigkeit stärken, indem wir uns intensiver mit Glaubensfragen auseinandersetzen.« – Foto: Sabine Kuschel

Christian Stawenow: »Wir müssen vom Glauben sprechen, die Sprachfähigkeit stärken, indem wir uns intensiver mit Glaubensfragen auseinandersetzen.« – Foto: Sabine Kuschel

Das Problem ist: Wie sollen die Gemeinden eine Lösung finden? Sollen sie abzählen, wer geht? Was sind die Kriterien? Das ist wirklich ein mühsamer Prozess. Zukunftsweisend ist tatsächlich, regional vernetzter zu arbeiten, Mitarbeitendeteams zu bilden. Längst denken wir nicht mehr nur in den Grenzen der Kirchengemeinden.

Was ist gegen diesen Frust, gegen diese Ratlosigkeit zu tun?
Stawenow: Bei allem, was es zu kritisieren gibt, können wir feststellen: Wir sind eine dynamische und kraftvolle Kirche. Wir haben eine wunderbare Botschaft und sie hat auch Ausstrahlungskraft. Das haben viele Menschen bei den Kirchentagen auf dem Weg und bei dem großen Deutschen Evangelischen Kirchentag erlebt.

Ich habe eine sehr interessante Beobachtung gemacht. Prädikantinnen und Prädikanten teilen die Sorgen um die kleiner werdende Kirche nicht in derselben bedrohlichen Weise. Sie wissen, dass sie gebraucht werden, wollen in Verkündigung und Seelsorge mitwirken. Sie sehen mit ihrer Arbeit etwas wachsen, sind in den Gemeinden zu Hause.

Die Konzentration auf die Zahlen und auf Strukturen schränkt die Wahrnehmung ein?
Stawenow: Ja, vielleicht brauchen wir eine andere Perspektive, weg von den Zahlen. Die Abhängigkeit von den Zahlen und Einnahmen macht unsere Stimmung aus. Wenn wir nicht auf die Zahlen schauen würden, könnten wir manches viel positiver sehen. Wir würden uns über Einzelnes sicher viel mehr freuen – über jede Taufe, über jeden Gottesdienst, über jeden Chor, die Kirchenmusik …, über alles, was gelingt. Wir haben fantastische Schulen. Wir haben Großartiges, wir sind reich, unendlich reich, auch an Gemeindeleben.

Gelassener werden? Wie können die Gemeinden zu dieser Gelassenheit finden?
Stawenow: Kirche kreiert sich nicht selbst. Die Kirche baut der Herr. Wenn man genauer achtgibt, sieht man auch, wie er sie baut. Jesus beruft Menschen in die Nachfolge. Die vielen Menschen, die bereit sind, mitzuarbeiten. Die Zahl der Danke-Veranstaltungen für ehrenamtliches Engagement hat erheblich zugenommen. Hier weiter zu fördern, Raum zu geben, das halte ich für eine aktuelle Herausforderung. Sie bedarf auch Weiterbildungen, zu denen ich auch die Glaubenskurse rechne. Es gibt Aufbruchstimmungen in unserer Kirche. In Krisensituationen, wenn vieles nicht mehr so bleibt wie es war, wird auch Neues entstehen. Darin bin ich mir sehr, sehr sicher. Dieses Neue zeigt sich schon.

Wir feiern das 500. Reformationsjubiläum. Es heißt: Reformation geht weiter! Wie geht sie weiter?
Stawenow: Reformation geht weiter, indem wir uns immer wieder auf das Evangelium besinnen. Der Slogan »Reformation geht weiter« stammt, wenn ich das richtig sehe, von Werner Krusche (1907–2009; von 1968 bis 1983 war Krusche Bischof der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen; Anm. d. Redaktion).

Krusche sagte vor genau 50 Jahren im gleichlautenden Vortrag, dass in der Reformationszeit die Menschen einen gnädigen Gott suchten. Heute müsse die Kirche die Empfänger des Evangeliums neu ermitteln. Die Botschaft ist dieselbe geblieben, aber wir haben immer wieder neue Wege zu finden, wie sie gehört werden kann.

Die Säkularisierung ist eine große Herausforderung für die Kirche. Haben Sie eine Lösung, einen Rat?
Stawenow: Das Problem von Säkularisierung und Entfremdung von Kirche ist, dass die Frage der Reformation – wie bekomme ich einen gnädigen Gott – nicht mehr die Frage der Menschen heute ist. Es gibt aber andere Fragen, die wesentlich mit dieser Frage zusammenhängen. Es sind die nach der Gerechtigkeit in der Welt, nach Frieden, nach Zukunft, nach Bewahrung der Schöpfung. Diese Themen gehen die Menschen elementar an.

Die religiöse Frage kommt von Seiten des Islams auf uns zu. Wir merken auf einmal: Es gibt Menschen, die sind zutiefst religiös, und sie wollen beten jeden Tag.

Wie ist das mit unserer Religiosität? Als Kirche haben wir Antworten. Das Evangelium antwortet mit der Ermöglichung der Nächstenliebe. Hierin müssen wir erkennbar bleiben. Christus befreit zu einem Leben in der Liebe. Der Glaube verknüpft sich mit der Tat und umgekehrt. Die Fragen der modernen Gesellschaft brauchen Antworten vom Evangelium her. Mir werden die Seligpreisungen Jesu immer wichtiger.

Schwerpunkt in dieser Ausgabe ist das Thema »Sprachfähigkeit – Vom Glauben reden«. Denn wir sind nicht geübt, über unsere Beziehung zu Gott zu sprechen …
Stawenow: Ja, es fällt uns schwer, über den Glauben zu reden. Vielleicht sind wir ein bisschen zu ungeübt für dieses Gespräch. Aber wir müssen vom Glauben sprechen, die Sprachfähigkeit stärken, indem wir uns intensiver mit Glaubensfragen auseinandersetzen.

Dabei ist es spannend zu erleben, dass Menschen an den Dingen des Glaubens gar nicht so uninteressiert sind, an den letzten Fragen.

Sommerlogo GuHIn der Wohlstandsgesellschaft redet man nicht gern über das Sterben. Man redet nicht mehr darüber, dass dieses schöne Leben, wenn man es denn schön getroffen hat, irgendwann einmal zu Ende gehen muss. Wir Christen reden vom ewigen Leben – dass Christus auferstanden ist von den Toten. Darüber müssen wir reden, aber auch darüber, wie die Menschen da hinkommen – zur Auferstehung der Toten. Und zugleich müssen wir nach unserer Lebensweise fragen, sonst bleiben unsere Worte leer.

Das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus kann einen in Schrecken versetzen, weil wir tatsächlich eher die Reichen sind. Vor unserer Tür liegt der arme Lazarus. Afrika liegt vor unseren Türen. Das ist sehr ernst. Feiern wir nicht allzu oft wie der reiche Mann – tafeln, haben Kultur, Musik, Theater? Das Wesen von Kirche ist, den Auftrag für den Dienst in der Welt zu empfangen.

In der Landeskirche ist manchmal die Kritik zu hören, die Ruhestandsbezüge der Pfarrer seien Geldfresser. Hintergrund dafür ist die Tatsache, dass die Einnahmen der Kirchen in den vergangenen Jahren gestiegen sind, gleichzeitig die Zwänge zum Sparen immer deutlicher werden.
Stawenow: Die strukturellen Veränderungen der Kirche sind nicht den Ruhestandsbezügen geschuldet. Aber das Geld, das für die Ruhestandsbezüge angelegt werden muss, belastet die Kirche, selbstverständlich. Als Institution muss sie ihre Sorgepflicht einlösen.

Die Frage ist doch eine andere: Wie lange sind Gemeinden bereit, das Hauptamt zu tragen? Meine Kirchenältesten haben mir in den 1980er-Jahren, als ich Mähdrescher fahren wollte, gesagt: »Nein, Herr Pastor, Sie machen die Predigt und wir fahren den Mähdrescher.« Damit hat der Kirchenälteste gesagt: Wir wollen von dir, dass du da bist für uns, und dafür sorgen wir. Wenn das nicht mehr gelten sollte, wenn die Gemeinde nicht mehr für die hauptamtlichen Verkündigungsdienstmitarbeitenden sorgen könnte, dann wird sich Kirche umstellen.

Die Frage nach den Besitzständen hat Werner Krusche schon damals gestellt. »Sind unsere Besitzstände nicht Hinderungsgründe für den Fortgang der Reformation?« Er redet in dem Zusammenhang dann auch von der Babylonischen Gefangenschaft. Wir sind gefesselt an Tradition, an Besitz, die marktüblichen Gesetze. Übrigens, so denke ich, ist keine Reformation aus eigenem Willen hervorgebracht worden.

Zu guter Letzt: Wenn Sie sich nicht mit solchen Fragen beschäftigen, wie und wo tanken Sie auf?
Stawenow: Es ist vor allem die beständige Beschäftigung mit dem Wort Gottes, in Gemeinschaft oder allein, die Bibellese am Morgen mit meiner Frau oder die Predigtvorbereitung, die Bibelarbeiten im Bischofskonvent oder der sonntägliche Gottesdienst, Tagungen.

Aber auch der Urlaub ist wichtig und die kleinen Auszeiten dazwischen, Tage bei den Kindern oder Eltern. Wenn es geht, setzen meine Frau und ich uns abends noch mal zusammen, haben Zeit miteinander und genießen sie. Das ist wie ein kleines Ritual.

Gern spiele ich im Posaunenchor mit. Leider kann ich nicht immer bei den Gottesdiensten und Auftritten dabei sein. Aber auch das Proben macht mir sehr viel Freude.

Ist bald Urlaub in Sicht?
Stawenow: Demnächst. Wir wissen noch nicht, wohin wir fahren. Höchstwahrscheinlich nach Mecklenburg. Mit den Fahrrädern entlang der Mecklenburger Seenplatte, und wir nehmen das Zelt mit.

Dr. Christian Stawenow wurde 1955 in Seegrehna (bei Wittenberg) geboren. Nach seinem Studium der Theologie in Naumburg war er als Gemeindepfarrer in Schafstädt und Delitzsch tätig. Nebenbei war er Dozent an der Kirchenmusikhochschule Halle sowie beim Kirchlichen Fernunterricht. 1996 wurde er Superintendent des Kirchenkreises Eilenburg. 2006 wurde er Superintendent des Kirchenkreises Torgau-Delitzsch. Die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wählte ihn im März 2012 zum Regionalbischof des Propstsprengels Eisenach-Erfurt. Christian Stawenow ist verheiratet und hat fünf Kinder.

Die fröhliche Dienstgemeinschaft

8. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Neustart: Pfarrer Christoph Stolte hat am 1. Juli sein Amt als Vorsitzender von Ostdeutschlands größtem Wohlfahrtsverband, der Diakonie Mitteldeutschland, angetreten. Katja Schmidtke sprach mit dem 51-Jährigen über einen außergewöhnlichen Sommer, reizvolle Perspektivwechsel und eine »fröhliche Dienstgemeinschaft«.

Reisen, Ruhe, Müßiggang: Sommerzeit ist Urlaubszeit. Bei Ihnen sieht das in diesem Jahr etwas anders aus. Ein außergewöhnlicher Sommer?
Stolte: Das ist er, zweifelsohne. Der Abschied von der Diakonie-Stadtmission Dresden, dazwischen eine Pause und dann der Start in der Diakonie Mitteldeutschland. Ich freue mich, bin neugierig, und natürlich ist da auch eine gesunde Anspannung bezüglich dessen, was auf mich zukommt.

Worauf freuen Sie sich besonders?
Stolte: Der Reiz ist es, Diakonie aus der Verbandsperspektive wahrzunehmen und diese selbst einzunehmen, aufbauend auf den Erfahrungen, die ich aus der Vorstandsarbeit der Stadtmission Dresden mitbringe. Ich wechsele die Perspektive und bleibe dennoch in der Diakonie, wo ich mich mit Leidenschaft zu Hause fühle.

Fotos: Willi Wild, Katja Schmidtke

Fotos: Willi Wild, Katja Schmidtke

Was werden die großen Themen Ihrer Arbeit sein?
Stolte: Armut. Wo sind Menschen in Not, wo ist Teilhabe eingeschränkt, wo entwickelt sich Armut neu – all das werden wir beobachten und darauf nicht nur hinweisen, sondern an Lösungen mitarbeiten. Das Thema Altersarmut wird uns beschäftigen, weil immer mehr Menschen aufgrund gebrochener Berufsbiografien in den letzten 25 Jahren ihr Alter mit sehr kleinen Renten oder Grundsicherung bestreiten werden müssen.

Sie sprachen die gesellschaftliche Teilhabe an. Inklusion wird gerade heftig diskutiert, selbst diakonische Werke haben sich kritisch über die praktische Umsetzung geäußert. Ist das Bundesteilhabegesetz ein Spargesetz?
Stolte: Inklusion ist die große Vision von gleichberechtigter Teilhabe jedes Menschen. Diese Vision ist auch biblisch gut fundiert, aber sie konkret zu leben, ist die Herausforderung. Das neue Bundesteilhabegesetz richtet sich an Menschen mit Behinderungen und rückt den Einzelnen ins Zentrum. Jeder Mensch mit Behinderung soll sein Leben so gestalten, wie er möchte. Und wir müssen schauen, wie es in den Ländern, Landkreisen und Kommunen gelingt, dass der Einzelne an Gemeinschaft und Arbeit teilhaben kann. Das ist ein Entwicklungsprozess mit vielen kleinen Schritten. Die Gefahr ist, dass wir uns damit abfinden, dass ein Mensch mit Behinderung grundsätzlich am Rande des Existenzminimums lebt – und das reduziert gesellschaftliche Teilhabe um ein ganzes Stück.

Heute leben viele Menschen mit Behinderungen in Wohnheimen, arbeiten in Werkstätten. Das wird sich ändern.Wir werden eine größere Vielfalt an Betreuung haben, vom Wohnheim bis zu individuellen Formen. Keine ist grundsätzlich besser oder schlechter. Maßstab ist der einzelne Mensch und was er möchte. Das erfordert ein großes Umdenken, auch in der Gestaltung von Arbeit, Arbeitszeiten und Dienstplänen. In der Diakonie wird es zu geteilten Diensten führen, zu einer höheren Flexibilität von täglicher Dienstzeit, wir werden keine Dienstpläne mehr über acht Wochen hinweg festlegen können. Natürlich ist es ein Spannungsfeld, Unterstützung auf der einen Seite so zu gestalten, wie es der einzelne Mensch braucht, und auf der anderen Seite Arbeitszeiten festzulegen, die dem Lebens- und Familien­rhythmus von Mitarbeitern entsprechen.

Mit der Diakonie kamen Sie während Ihres Zivildienstes erstmals in Berührung und haben Ihre Berufslaufbahn nach Vikariat und Pfarrdienst bei der Diakonie in Dresden fortgesetzt. Haben Sie kulturelle Unterschiede bemerkt zwischen Ost und West?
Stolte: Kulturunterschiede, das ist mir ein zu starkes Wort. Natürlich gibt es unterschiedliche Lebenssituationen, denken Sie an das Thema Armut. Wir sind auf dem Weg in eine deutlich vielfältigere Gesellschaft, in diesen Lernprozessen sind westdeutsche Gesellschaften weiter. Ich bin am Rand des Ruhrgebiets aufgewachsen, bin mit den Kindern der ersten Gastarbeitergeneration zur Schule gegangen, das war für mich alles ganz normal. Die Entwicklung zu einer bunten Gesellschaft wird uns hier im Osten beschäftigen. Ich sehe darin viele Chancen. Wir werden uns alle verändern und voneinander lernen. Die Diakonie in den neuen Ländern ist flexibel und hat einen großen Erfahrungsschatz, wie mit gesellschaftspolitischen Veränderungen umzugehen ist.

Sie haben in Marburg, Göttingen und São Paulo studiert. Danach sind Sie nach Sachsen gegangen. Warum?
Stolte: Meine Frau und ich haben Freunde in Sachsen und waren schon als Schüler dort, der Osten war uns nicht unbekannt. Nach Ende des Studiums entschieden wir uns aus einem einfachen Grund dafür, nach Sachsen zu gehen: Neugier. Wir stellten uns damals die Frage, wo wir leben wollen, wo viel passiert und vieles möglich ist. Zu Beginn meines Vikariats im Sommer 1994 sind wir fröhlich nach Leipzig gezogen. Das war und ist gut und richtig. Wir sind gerne in diesem Teil Deutschlands, wir wollen bleiben. Hier ist Heimat, wir sind angekommen.

Sachsen-Anhalt und Thüringen kennen Sie bislang nicht so gut wie Sachsen. Worauf freuen Sie sich besonders?
Stolte: Darauf, die vielen kleinen, aber geschichtlich und kulturell prägenden Städte kennenzulernen. Da kommt mir zugute, dass ich diesen Sommer einige der insgesamt 1700 Einrichtungen der Diakonie Mitteldeutschlands besuchen werde.

Sommerlogo GuHIch war am 28. Mai bereits in Wittenberg, da ich leidenschaftlicher Posaunenspieler bin. Als einer der 6?000 Bläser habe ich mit meinem ältesten Sohn unter der sengenden Sonne schöne Musik gemacht. Das war eine wunderbare Erfahrung. Da sind wir angedockt an diese Region. Mit der Familie wollen wir uns im Sommer die Weltausstellung Reformation ansehen.

Wird Ihre Familie nach Halle ziehen?
Stolte: Ja, aber erst nächsten Sommer, damit unser Sohn noch in Sachsen Abitur machen kann und nicht kurz vorm Abschluss die Schule wechseln muss.

Wie verbringen Sie den Sommer?
Stolte: Ich genieße es, im Sommer nach der Arbeit viel draußen zu sein. Ich bin leidenschaftlicher Läufer. Sommerkonzerte, Open-Air-Kino, das finde ich reizvoll. Wir verreisen jedes Jahr an einen anderen Ort. Wohin, das wird im Herbst gemeinsam ausgehandelt. Dieses Jahr an die Nordsee. Wir fahren Rad und werden zusammen kochen – Dinge, für die wir im Alltag nicht so viel gemeinsame Zeit haben. Ferienbedingt ist mein erster Arbeitstag am 17. Juli.

Sie haben sich den Kollegen in der Geschäftsstelle in Halle bereits vorgestellt, eine Andacht gehalten. Was erwartet die rund 100 Mitarbeiter? Was sind Sie für ein Chef?
Stolte: Ich habe den Kollegen Mut gemacht: Gute Lösungen finden wir nur gemeinsam. Der große Reichtum liegt in uns: der Bandbreite der Männer und Frauen hier, der Bandbreite ihrer Berufe – Theologen, Pädagogen, Juristen, Betriebswirte. Jeder soll seine Fachlichkeit und Persönlichkeit einbringen, und meine Hoffnung ist, dass wir Lösungen erarbeiten, die mehr sind als die addierte Summe der Einzelgedanken. Als ich das bei der Andacht am 19. Juni sagte, habe ich in sehr offene, freundliche Gesichter geschaut.

Im Leitbild der Geschäftsstelle steht übrigens die wunderbare Kombination von »fröhlicher Dienstgemeinschaft«. Das drückt Leichtigkeit aus, Humor, gemeinsam auf dem Weg sein. Fröhlich unterwegs sein, auch bei schwierigen Themen, heißt beweglich genug zu sein, noch einmal anders zu denken.

Die Flüchtlingskrise hat in den Kirchen zu einem großen Aufschwung geführt. Sie hat gezeigt, was an ehrenamtlichem Potenzial vorhanden ist. Wie lässt sich das erhalten und fortsetzen?
Stolte: Die Kirchen waren sehr offen, mit anderen gesellschaftlichen Akteuren zusammenzukommen. Sie waren der Partner, der alle versammelt. Ich hätte noch vor drei Jahren gedacht, Kirche hätte da viel weniger Energie – und das in einer Gesellschaft, von der wir oft behaupten, jeder denke nur an sich. Das stimmt nicht. Gerade bei jungen Menschen war die Bereitschaft groß. Wir haben noch viel Potenzial, müssen uns aber umstellen. Vieles wird spontaner, flexibler, weniger strukturiert-organisiert. Die Diakonie kann dabei helfen, ich denke da an die Qualifizierung von Ehrenamtlichen und eine gute Vernetzung mit Hauptamtlichen.

Ihr Vorgänger, Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg, hat für einen Schulterschluss von Kirchengemeinden und Diakonie geworben. Wie sehen Sie das?
Stolte: Wir müssen davon wegkommen, in Strukturen zu denken. Da eine GmbH, ein Verein, eine Stiftung – das sind alles Hilfsformen, um unseren Auftrag gut zu verrichten. Theologisch ist Diakonie ein Teil der Kirche. Viele Mitarbeiter verstehen sich als Teil der Kirche, auch nichtkonfessionell Gebundene. Das Verständnis von Kirche und ihrer Diakonie zeigt sich bis in die EKM-Verfassung: Der Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werkes ist Mitglied des Landeskirchenrats; auch, dass die Landessynode die letzte Entscheidung bei der Personalbesetzung hat, ist Ausdruck eines Gesamtverständnisses.

Und wie kommt dieses Verständnis an die Basis, an die Kirchengemeinden und diakonischen Werke?
Stolte: In Dresden habe ich dafür geworben, dass der Gottesdienst im Seniorenheim auch im Gemeindeblatt angekündigt wird, denn auch die diakonische Einrichtung ist ein Ort der Kirche. In vielen Gemeinden ist uns das gelungen und es kamen Menschen aus dem Stadtteil ins Pflegeheim, weil es näher ist oder die Zeit passender, weil das Heim barrierefrei ist oder man sowieso eine Nachbarin besuchen wollte. Und plötzlich wächst es ineinander.

Christoph Stolte stammt aus Unna (NRW). Er leistete seinen Zivildienst bei der Diakonie Bayern, studierte in Marburg und Göttingen evangelische Theologie und war Stipendiat des Lutherischen Weltbunds in São Paulo (Brasilien), wo er katholische Theologie studierte. 1994 begann er sein Vikariat in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Er war Gemeindepfarrer in der Region um Bautzen und acht Jahre Stadtjugendpfarrer von Dresden. Stolte leitete anschließend fast zehn Jahre lang die Diakonie-Stadtmission Dresden mit 1?400 Mitarbeitern. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Hahne zwischen Torte und Tatort

30. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Donnerwetter in Stotternheim: Der TV-Moderator, Kolumnist, Bestseller-Autor und Theologe Peter Hahne kommt an jenen Ort bei Erfurt, wo einst Martin Luther in Todesangst gelobte, Mönch zu werden. Der streitbare Journalist stand Willi Wild Rede und Antwort.

Die Form des Reformations-Gedenkens ist umstritten. Wie erleben Sie das Lutherjahr?
Hahne: Ich persönlich, mit überfüllten Veranstaltungen voller neugieriger, erwartungsfroher Leute! Und ich merke: Luthers uralte Frage nach dem gnädigen Gott ist topaktuell. Am zweiten Januarsonntag stand ich auf Luthers Kanzel in Wittenberg und sagte: »Hoffentlich hat seine Grabeskirche nebenan eine gute Statik, denn der Reformator rotiert, wenn er manche Programmpunkte sieht.« Mir ist da zu viel Politik und Allotria. Vor allem: viel zu defensiv, akademisch und voller Selbstmitleid über das, was Luther angeblich alles falsch gemacht hat.
Am Lutherstein werde ich bekennen: Ich bin stolz, ost-westfälischer Lutheraner zu sein, denn ihm verdanke ich das Wichtigste: die Bibel, den Blick aufs Kreuz.

Warum mischen Sie sich nach wie vor in die innerkirchlichen Debatten ein und löcken wider den Stachel?
Hahne: Weil ich die Kirche noch nicht aufgeben will, wie die allermeisten meiner Kollegen, um Gottes und auch Luthers Willen. Es gibt so viele lebendige Gemeinden und prima Pastoren! Aber wenn man von kirchensteuer-bezahlten Funktionären belächelt wird, weil man an die Auferstehung oder die Wunder von Jesus Christus glaubt oder meint, dass der Weg zum Himmel allein über das Kreuz führt, dann platzt mir der Kragen.

Stein des Anstoßes: TV-Moderator Peter Hahne ist gespannt darauf, an dem Ort zu sprechen, wo für Martin Luther alles begann. Am Sonntag, 17 Uhr, predigt er bei einem Gottesdienst unter freiem Himmel am Lutherstein bei Stotternheim. – Foto: ZDF

Stein des Anstoßes: TV-Moderator Peter Hahne ist gespannt darauf, an dem Ort zu sprechen, wo für Martin Luther alles begann. Am Sonntag, 17 Uhr, predigt er bei einem Gottesdienst unter freiem Himmel am Lutherstein bei Stotternheim. – Foto: ZDF

Sie kritisieren den Kirchentag und die EKD, obwohl Sie selbst 18 Jahre als Mitglied des Rates der EKD der Kirchenleitung angehörten. Warum?
Hahne: Ja, genau darum. Mitarbeiten ist die einzig legitime Kritik. Ich halte bis heute unentwegt Vorträge in Kirchengemeinden mit Klartext aus der Bibel, wie Luther es uns lehrte. Das zieht Menschen an, die noch nie eine Kirche von innen gesehen haben. Ich will weder ein Wohlfühl- und Wellness-Evangelium à la Kirchentag noch diese alles infrage stellende Theologie der leeren Kirchenbänke! Da weiche ich keinem Streit aus.

Was halten Sie in diesem Zusammenhang vom Rau-Motto »versöhnen statt spalten«?
Hahne: Ich kannte ihn gut, nicht nur aus vielen Interviews. Knallhart in Wahlkämpfen, aber immer mit Humor. Er war sich mit Richard von Weizsäcker einig: Kirche ist nicht dazu da, Politik zu machen, sondern Politik möglich zu machen. Deshalb sage ich nein, wenn ausgerechnet Kirchen bestimmte Parteien und deren Wähler ausgrenzen, statt ihnen den Raum für differenzierte Debatten zu geben. Unsere Gesellschaft ist in der Gefahr, dramatisch auseinanderzubrechen, bis hinein in Familien und Gemeinden.

Mit der katholischen Kirche gehen Sie nicht so hart ins Gericht. Vor einiger Zeit kursierte das Gerücht, Sie würden katholisch. Was ist da dran?
Hahne: Gerüchte zeigen, dass man noch am Leben ist (lacht laut). Nein, ich bin durch einen erwecklichen, pietistischen Pfarrer als Konfirmand zum Glauben gekommen, diese Wurzeln verleugne ich in keiner Talkshow, wie unlängst wieder bei den »Riverboat«-Kollegen im MDR. Nur wenn die aktuellen Päpste Benedikt und Franziskus in puncto Jesus oder Bibel lutherischer sind als Luthers Erben, dann kommt man schon ins Grübeln (schmunzelt) …

Was halten Sie von den Ökumene-Bemühungen im Reformationsjahr, wie »Healing of memories« (Heilung der Erinnerung) oder anderen gemeinsamen Gottesdiensten?
Hahne: Das wird alles längst an der Basis praktiziert! Und darauf kommt es mir an. Die TV-Inszenierungen mit theatralischen Umarmungen sind nicht mein Ding. Aber wenn eine engagierte erz-katholische Familie extra ihren Urlaub verlegt, um zum Lutherstein am kommenden Sonntag zu kommen, dann ist das gelebte Basis-Ökumene.

Die beiden großen Kirchen verlieren immer mehr Mitglieder. Wie kann dieser Trend Ihrer Meinung nach gestoppt werden?
Hahne: Einziger Trend-Stopper, und das beantwortet auch Ihre Frage nach den Gründen: Zurück zum kirchlichen Marken-Kern und zu dem, was uns Christen konkurrenzlos wichtig macht: die Hoffnung des auferstandenen Christus über den Tod hinaus! Finger weg von Parteipolitik! Alles lassen, was Gewerkschaften oder Krankenkassen besser können. Ich wünsche mir eine missionarisch-fröhliche Kirche, die aus der Frohbotschaft keine Drohbotschaft macht, voller Vorschriften von Ökologie bis Gender oder Politik.

Sommerlogo GuH

Was verbindet Sie mit dem Reformator Luther?
Hahne: Moderator Hahne und Reformator Luther haben das gleiche Handwerkszeug, so wie Sie und Ihre gern gelesene Zeitung: Wir wollen, dass eine wichtige Nachricht ankommt. Dazu müssen beide sauber recherchieren, verständlich formulieren, ansprechend präsentieren, damit es die Leute interessiert und motiviert. Nichts anderes will ich in Stotternheim.

Stotternheim ist nun nicht das Zentrum der Reformation. Warum kommen Sie zum Lutherstein-Gottesdienst?
Hahne: Weil mich die sehr lebendige Gemeinde vor Ort eingeladen hat und weil ich es spannend finde, genau an der Stelle reden zu dürfen, wo quasi alles begann. Insofern ist Stotternheim doch der Nabel der Reformation (lacht).

Welche Botschaft haben Sie im Gepäck?
Hahne: Die von Luthers Wende in Stotternheim: Wer sich auf Gott verlässt, ist nie verlassen. Wer sich an den hängt, der am Kreuz hängt, hängt nicht durch. Denn wer auf sein Wort baut, steht auf festem Fundament.
Also lade ich alle herzlich ein, mit Klappstuhl und Sonnenschirm, zu: Hahne zwischen Torte und Tatort!

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Am Sonntag, 2. Juli, 17 Uhr, wird der ZDF-Moderator und Theologe Peter Hahne am Lutherstein bei Stotternheim (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) in einem Gottesdienst unter freiem Himmel die Predigt halten. Musikalisch wird der Gottesdienst von der Stotternheimer Kirmesband umrahmt. Bei starkem Regen wird der Gottesdienst in die Stotternheimer Kirche verlegt. In diesem Gottesdienst wird ein neuer Steinaltar in Dienst genommen, der auf den Lutherstein Bezug nimmt.

Auf dem Lutherstein steht: »In einem Blitz vom Himmel wurde dem jungen Luther hier am 2. Juli 1505 der Weg gewiesen.« Auf dem Steinaltar wird ein Satz aus der Bibel stehen, der zum Nachdenken anregen soll: »Weise mir, Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit.« (Psalm 86, Vers 11) Mit diesem Steinaltar soll das Projekt der Grünen Kirche am Lutherstein vollendet werden, dass vor einigen Jahren mit einer Baumpflanzung begonnen wurde. Die Bäume erinnern in ihrer Anordnung an die Säulen eines Kirchenschiffs.

Hintergrund: Am 2. Juli 1505 kam Martin Luther, damals noch Jura-Student, auf dem Weg von Mansfeld nach Erfurt nahe Stotternheim in ein schweres Gewitter. In Todesangst betete er und legte ein Gelübde ab: »Hilf du, Sankt Anna, ich will ein Mönch werden.« 14 Tage später erfüllte er dieses Gelübde und trat in das Erfurter Augustinerkloster ein. Dieses Ereignis war eine wichtige Weiche in Luthers Leben und auf seinem Weg zum Reformator. Auf dem Lutherstein wird es sogar als »Werdepunkt der Reformation« bezeichnet. Der Lutherstein wurde im Jahr des 400. Reformationsjubiläums, 1917, errichtet. In diesem Jahr wird er 100 Jahre alt.

www.kirche-stotternheim.de

Schluss mit Klimpern?

25. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Kollekte: Die Kirchengemeinden ärgern sich über Gebühren für Münzgeld bei Banken und Sparkassen – und suchen nach Lösungen.

Mal sind es 189,33 Euro, mal 267,94 Euro, am Gründonnerstag waren es nur 13,57 Euro: die Beträge, die Sonntag für Sonntag in der evangelischen Reglergemeinde in Erfurt im Kollekten-Körbchen landen, sind höchst unterschiedlich. Insgesamt aber freut sich Pfarrerin Gabriele Lipski: »Unsere Gemeinde spendet richtig viel.« Seit einiger Zeit ist diese Freude aber getrübt. Denn wenn Ga­briele Häußler vom Gemeindebüro die gespendeten Münzen montags bei der Bank einzahlen will, werden dafür seit Kurzem Gebühren fällig.

Die Sparkasse Mittelthüringen nimmt das Münzgeld nur noch in verschließbaren Sicherheitsbeuteln an. Pro Beutel müssen zehn Euro gezahlt werden. Entsprechend fielen die Reaktionen in der Gemeinde aus: »Alle Kreise waren wirklich entsetzt und haben gesagt: Das kann doch nicht wahr sein!«, sagt die Pfarrerin.

Kleingeld für große Aufgaben: Gemeindehaus oder Orgelsanierung – Kirchengemeinden sind auf Spenden angewiesen. – Foto: Markus Wetterauer

Kleingeld für große Aufgaben: Gemeindehaus oder Orgelsanierung – Kirchengemeinden sind auf Spenden angewiesen. – Foto: Markus Wetterauer

Kein Einzelfall. Das Problem mit den Gebühren fürs Geldzählen betrifft inzwischen fast alle Gemeinden in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Finanzdezernent Stefan Große nennt ein Beispiel: So hat die Kirchengemeinde Wittenberg im vergangenen Jahr stolze 1 800 Euro an Gebühren gezahlt. »Das erschwert das traditionelle Kollekten-Sammeln erheblich«, sagt er.

Die Sparkasse nennt zwei Gründe für die Gebühren. Zum einen hat die EU die Kreditinstitute verpflichtet, die eingezahlten Münzen auf Falschgeld zu kontrollieren. Das ist aufwendig und damit teuer. Zum anderen waren die bisher verwendeten Zählautomaten für Münzgeld oft kaputt, erklärt Sparkassen-Sprecherin Ka­tharina Höhne: »Das lag daran, dass mit dem Geld häufig Fremdkörper hineingelangt sind. Da ist ein Stückchen Stroh von den Körbchen mit reingekippt worden. Da ist mal ein bisschen Dreck dabei, eine Büroklammer oder Spielgeld.« Die Folge: Die Zählautomaten mussten ständig gereinigt und repariert werden. Jetzt zählt eine Firma im Auftrag der Sparkasse das Geld. Die Kosten dafür werden an die Kunden weitergegeben. Inzwischen werden bei so gut wie allen Kreditinstituten Gebühren für Münzgeld fällig – nur bei den Filialen der Bundesbank kann noch kostenlos gezählt werden.

Auch bei der Sparkasse Mittelthüringen hat sich die Situation etwas entspannt. Nach Protesten aus den Gemeinden werden jetzt pro Münzbeutel nicht mehr zehn, sondern nur noch drei Euro an Gebühren fällig, wie Pfarrer Ricklef Münnich erläutert, der Pressesprecher des ev. Kirchenkreises Erfurt. Außerdem gibt es nach seinen Angaben als Zugeständnis des Kreiskirchenamts an die Gemeinden die Möglichkeit, die Kollekten nicht mehr jede Woche, sondern nur noch alle zwei bis drei Wochen einzuzahlen. Auch dadurch ergeben sich noch mal niedrigere Gebühren. »Die Sparkasse ist uns entgegengekommen«, sagt Münnich. »Das ist vertretbar.«

Auch Sparkassen-Sprecherin Höhne wirbt um Verständnis. »Natürlich sind Kirchen und Vereine davon möglicherweise besonders betroffen«, sagt sie. »Aber wir haben diese Gebühren nicht aus reiner Willkür festgelegt oder um besonders viel Geld zu verdienen, sondern einfach, um die Kosten zu decken, die mit diesem Angebot entstanden sind.« Wenn für andere Dienstleistungen wie Telefon oder Internet Gebühren fällig werden, würden diese ja von den Kirchen oder Vereinen auch gezahlt.

Keine Frage: Auch Regler-Pfarrerin Gabriele Lipski findet die niedrigeren Gebühren besser. Zufrieden ist sie dennoch nicht. »Ich würde mir natürlich wünschen, dass es nichts kostet. Denn das sind Spendengelder. Kein Mensch hat daran Gewinn. Schön ist das nicht.« Deshalb hat sie sich mit Gemeindegliedern überlegt, ob es Alternativen gibt. Eine Idee: viele kleine Händler brauchen Münzgeld zum Wechseln, und müssen dafür bei den Banken auch zahlen. So entstand die Überlegung, »eine Art Win-win-Situation zu schaffen: Wir tragen zu den Händlern unser Geld und die geben uns Scheine dafür«, sagt Lipski, schränkt aber gleich ein: »Das ist alles sehr mühsam. Es muss jemand rollen und hinbringen und wir müssen immer einen Händler haben, der das gerade braucht.« Auch kleine Spenden-Chips, die vorher im Gemeindebüro gekauft werden und dann in den Klingelbeutel geworfen werden, hält sie für deutlich umständlicher als Bargeld.

»Eine Patentlösung gibt es nicht«, sagt auch EKM-Finanz-Chef Stefan Große. In kleineren Gemeinden wechseln manchmal Ehrenamtliche die gesammelten Münzen in Scheine, die danach ohne Gebühren aufs Konto eingezahlt werden können, berichtet er. In Kirchen mit vielen Touristen als Besucher, wie der Taufkirche in Eisleben, könnte ein elektronischer Opferstock die Lösung sein. »Hier fallen aber auch Anschaffungskosten an«, gibt Große zu bedenken. Wie er sieht auch Sparkassen-Sprecherin Katharina Höhne künftig im Spenden per Bank-Karte oder Handy eine Möglichkeit. Bei kleineren Beträgen ist das ohne Geheimzahl oder Unterschrift machbar.

Schweden hat seit etlichen Jahren Erfahrung damit. Dort stehen in vielen Kirchen »Kollektomaten«. Die Geräte sehen so ähnlich aus wie Geldautomaten. Gottesdienst-Besucher spenden mit ihrer Bank-Karte. Am Bildschirm wählen sie den Betrag und den Zweck (Orgel-Reparatur, neue Gesangbücher oder vielleicht doch lieber Brot für die Welt?). Wer seine Steuer-Nummer eingibt, bekommt gleich noch eine Spenden-Quittung fürs Finanzamt dazu.

Pfarrerin Lipski will, wie die meisten ihrer Kollegen, zumindest vorläufig am traditionellen Kollekten-Modell mit Körbchen und Münzen festhalten. »Mir ist noch keine bessere Lösung eingefallen«, sagt sie, und fügt lachend dazu: »Außer, dass alle nur noch Scheine einwerfen.«

Markus Wetterauer

Gott in allem, was wir sind und tun

19. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Gott wohnt im Gehirn: Diese These vertreten manche Hirnforscher, doch kann man sie ganz unterschiedlich verstehen. Aus christlicher Perspektive ist man versucht zu sagen: Ja, da auch!

Der christliche Glaube versteht Gott als jemanden, der uns allen jederzeit gegenwärtig ist. Und so wie er in uns und in allen Dingen der Schöpfung gegenwärtig ist, so ist er es auch in unserem Gehirn.

Martin Luther hat deshalb behauptet, dass Gott nicht nur größer ist als alles, was überhaupt groß genannt zu werden verdient, von ihm gilt auch: »Nichts ist so klein, Gott ist noch kleiner …« Für Luther waren solche Überlegungen der Hinweis darauf, dass Gott nicht ein ausgestrecktes, langes, breites, dickes, hohes oder tiefes Wesen ist, sondern dass für ihn gilt, dass er auf wunderbare Weise allen und in allem ganz gegenwärtig sein kann. Im Gehirn eingesperrt ist er auf jeden Fall nicht.

Aber die These von Gott im Hirn ist ja meist so gemeint, dass Gott verstanden werden muss als Hirngespinst oder Kopfgeburt. Wann immer wir eine Hand oder einen Fuß bewegen, geschieht dies aufgrund von Gehirnvorgängen. Kann es nun nicht auch sein, dass unsere Gehirne überhaupt oder die Gehirne von religiösen Menschen im Besonderen so gebaut sind, dass sie religiöses Empfinden und damit dann auch Gottesvorstellungen hervorbringen? Immerhin hat man nachgewiesen, dass bei Menschen, die im Gebet oder in der Meditation versunken sind, bestimmte Bereiche im Stirnhirn, die mit Konzentration, Aufmerksamkeit und sozialem Empfinden zu tun haben, verstärkt aktiv sind. Andere Bereiche dagegen, die beim rationalen Denken, beim Sehen oder bei der Raum-, Zeit- und Köperwahrnehmung besonders beansprucht werden, zeigen eine reduzierte Aktivität.

Gibt es das »Gottesmodul« in unserem Gehirn? Forscher haben angeblich Hirnstrukturen entdeckt, die für Religion, Spiritualität und möglicherweise den Gottesgedanken direkt verantwortlich sind. Illustration: Yuriy Mazur-fotolia.com

Gibt es das »Gottesmodul« in unserem Gehirn? Forscher haben angeblich Hirnstrukturen entdeckt, die für Religion, Spiritualität und möglicherweise den Gottesgedanken direkt verantwortlich sind. Illustration: Yuriy Mazur-fotolia.com

Was sagt das über damit verbundene Gottesvorstellungen? Zunächst einmal herzlich wenig. Denn das dürfte schon seit Langem klar sein, dass alles, was wir wahrnehmen, empfinden und denken, auf Vorgängen im Gehirn beruht und deshalb auch einen Niederschlag in diesen Vorgängen findet. Auch Religion und Spiritualität spiegeln sich in den Untersuchungen der Hirnforscher, ebenso wie Kunst, Musik, Gefühle, aber auch die Prozesse, die die Hirnforschung selbst möglich machen.

Aufregender wird der Befund durch die Behauptung einiger Forscher, man habe Gehirnstrukturen entdeckt, die für Religion, Spiritualität und möglicherweise den Gottesgedanken direkt verantwortlich sind. Ein Forscher hat gar vom »Gottesmodul« gesprochen und ein wenig selbstironisch darüber spekuliert, ob eine operative Entfernung von Teilen des Schläfenlappens einer Entfernung des Gottesglaubens aus dem Denken dieser Person gleichkäme. Gott selbst wäre dann nichts anderes als das Produkt des Gehirns.

Da es Religion mit etwas zu tun hat, was wir mit unseren Sinnen in der Erfahrungswirklichkeit nicht direkt wahrnehmen können, liegt die These nahe, dass die Vorstellungen, die Begriffe und Bilder der Religionen, wie Wunder, Seele, Geist, ein Leben nach dem Tod oder eben die Vorstellung eines Gottes, nichts anderes sind als Gedanken. Und ihre Überzeugungskraft würden diese Gedanken dadurch erhalten, dass sie durch die Strukturen unseres Gehirns wie von selbst entstehen und sich unserem Denken und unserer Vorstellungskraft aufdrängen, ohne dass es etwas Entsprechendes in der Wirklichkeit gibt. Durch die in unserem Gehirn gelegten neuronalen Pfade bringt unser Denken Gott hervor.

Doch das alles ist durch Experimente schwer zu belegen. Im Jahr 2004 hatte ein »Manifest« von elf deutschen Hirnforschern noch behauptet, man werde bald allen menschlichen Empfindungen auf ihre neuronale Spur kommen und sie mit Hilfe der Hirnforschung erklären können. Und das würde dann auch ihre Manipulation durch Psychopharmaka oder gar operative Eingriffe möglich machen. Religion oder Religionslosigkeit auf Rezept, gewissermaßen. Doch inzwischen ist deutlich geworden, dass Gefühle überhaupt und religiöse Erfahrungen oder gar Glaubensvorstellungen viel zu komplex sind und zum Beispiel auch von sprachlichen, kulturellen, körperlichen und je individuellen Prägungen abhängen, als dass man sie auf die Aktivität von Gehirnarealen reduzieren und sie einfach an- oder abschalten könnte.

Man kann sich das auch an anderen Phänomenen klarmachen. Wenn wir zum Beispiel Schmerzen empfinden, werden bestimmte Areale in unserem Gehirn besonders aktiv. Wir können auch die diese Aktivität auslösenden Nervenleitungen feststellen. Wir haben dann ein ganzes Netz von Ursachen und Wirkungen, von denen wir sagen, dass sie das Schmerzempfinden auslösen. Das alles macht aber den Schmerz in seiner Schmerzhaftigkeit nicht erträglicher. Erklärter Schmerz hört nicht auf, wehzutun und uns in unserem Leben zu beeinträchtigen. Der Schmerz verlangt nach einem Verstehen, das über das Erklären hinausgeht. Wir müssen ihm eine Deutung, einen Sinn geben. Aber niemand kann garantieren, dass die Deutung sich für jemanden konkret bewährt. Oft ist fraglich, ob der Sinn, den wir dem Schmerz geben, dem konkreten Schmerz standhält.

Ähnlich verhält es sich mit der Freude, der Liebe, der Gelassenheit. Der Sinn, den wir unseren Erfahrungen oft erst nachträglich geben können, liegt nicht in den Erfahrungen, er liegt jenseits von ihnen. So ähnlich scheint es mir mit »religiösen« Erfahrungen zu sein. Sie sind mit bestimmten Gehirnvorgängen verbunden. Aber dass wir sie als etwas verstehen, in dem uns Gott begegnet oder sich uns der Sinn unserer Existenz erschließt, ein bestimmter Schmerz für uns erträglich wird, wir uns unserer Schuld schmerzhaft bewusst werden oder gelassen mit uns ins Reine kommen, ist etwas, das jenseits dieser Erfahrungen liegt.

Nichts ist von sich aus eine Erfahrung Gottes, aber alles kann zur Got­teserfahrung werden. Denn Gott ist nicht eine Erfahrung unter anderen, Gott ist der Grund und das Ziel aller Wirklichkeit. Dass uns das aufgeht, dass wir uns als getragen und herausgefordert sehen durch den alles tragenden Grund der Wirklichkeit, ist ein Hinweis auf Gott selbst, der größer ist als alles, was uns groß erscheint, und der kleiner ist als alles, was unbedeutend scheint, der uns vielmehr näherkommt, als wir uns selbst nahekommen können, weil er auch das noch in unserem Leben zurechtbringt, bei dem wir versagen: bei unserer Lieblosigkeit uns und anderen gegenüber. Dann »wohnt« Gott nicht nur im Gehirn, sondern in allem, was wir sind und tun.

Dirk Evers

Mehr Hinweise dafür als dagegen

Wissenschaft und Glaube: Ein Physiker auf der Suche nach Gott

Albrecht Kellner wurde 1945 in Namibia geboren und studierte in Göttingen und Kalifornien Physik. Er promovierte über Einsteins Relativitätstheorie und war zuletzt stellvertretender Technischer Direktor der europäischen Raumfahrtfirma Astrium, einer EADS-Tochter. Über das schwierige Verhältnis zwischen Wissenschaft und Glaube sprach er mit Katja Schmidtke.

Der Physiker Albrecht Kellner. Foto: privat

Der Physiker Albrecht Kellner. Foto: privat

Herr Kellner, Sie sind Physiker und Christ. Was war zuerst in Ihnen, die Suche nach den Naturgesetzen oder die nach Gott?
Kellner:
Eigentlich beides. Ich bin christlich erzogen worden, evangelisch getauft, konfirmiert, aber meine persönliche Beziehung zu Gott habe ich erst viel später, mit 25 Jahren, gefunden. Als ich begann, Physik zu studieren, war ich neugierig auf ihre Gesetze, weil ich glaubte, in ihnen die Antwort auf die große Frage nach dem Sinn des Lebens zu finden. Ich wollte, um es mit Faust zu sagen, wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Aber ich merkte schnell: Darauf geben die Naturwissenschaften keine Antwort. Sie entdecken und beschreiben Gesetze, aber nicht, woher sie kommen, was ihr Hintergrund ist.

Es ist nicht möglich, Gott durch die Naturgesetze auf die Spur zu kommen?
Kellner:
Sie kennen das Heisenberg-Zitat: Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott. Tatsächlich herrschte ja bis zur modernen Physik, also bis zu Schrödinger, Einstein, Planck und Heisenberg eine große Dissonanz zwischen Naturwissenschaft und Glaube. Dann wandelte sich das Bild. Die Physik entdeckte, erforschte und beschrieb Gesetzmäßigkeiten, die biblischen Aussagen nicht fremd sind.

An was denken Sie konkret?
Kellner:
Bis zu Einstein ging die Wissenschaft beispielsweise davon aus, das Universum sei schon immer da gewesen, es habe keinen Anfang und kein Ende, und weil es keinen Anfang habe, hat es auch keinen Urheber. Aber die Urknall-Theorie besagt, dass das Universum aus dem Nichts entstanden ist, dass es vorher weder Materie noch Raum oder Zeit gab – und das finden wir auch in der Bibel, in der Schöpfungsgeschichte natürlich: »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« Oder im Hebräer-Brief: »Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, dass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist.« Der Urknall ist ein Schöpfungsakt par excellence. Oder die Biologie: Bis vor etwa 150 Jahren war es für Wissenschaftler unvorstellbar, dass die Erde einmal wüst und leer war, so wüst und leer wie im 1. Buch Mose beschrieben und dass sich das Leben dann schrittweise entwickelt hat. Heute gehört das zum Allgemeinwissen.

Das allein ist kein Gottesbeweis.
Kellner:
Das stimmt. Wir können Gott nicht beweisen, zumindest nicht mit naturwissenschaftlichen Experimenten, und wir sollten biblische Aussagen auch nicht auf die naturwissenschaftliche Goldwaage legen. Aber für mich ist nicht zu leugnen, dass hinter all unseren Lebensbedingungen, der Art, wie unser Weltall und die Erde gemacht sind, hinter all den Naturgesetzen eine immense Intelligenz steckt.

Sie sind ein Vertreter des Intelligent Designs?
Kellner:
Ich bin kein Verfechter eines engen Kreationismus, nein. Ich möchte durch meine Vortragsarbeit für die Internationale Vereinigung Christlicher Geschäftsleute und Führungskräfte (IVCG) Vorurteile abbauen, dass Naturwissenschaft und Glauben dissonant sind, ich möchte darauf hinweisen, dass die moderne Physik zu Erkenntnissen gekommen ist, die mit biblischen Aussagen zumindest konvergent sind; auch wenn beispielsweise die Frage der zeitlichen Dimension noch offen ist. Die Naturgesetze liefern jedenfalls aus meiner Sicht mehr Hinweise für die Existenz eines Schöpfers als dagegen. Aber natürlich kann man Menschen durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht dazu bringen, zu glauben. Nur das Evangelium führt zur Erfahrung des Sinns des Lebens.

www.ivcg.org

»Ich hänge nicht an Zahlen«

12. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Gesprächsbedarf: Im Reformationsjahr jagt ein Ereignis das nächste. Die Landesbischöfin der Lutherländer muss da allgegenwärtig sein. Für ein Gespräch mit Renate Wähnelt von der Kirchenzeitung hat Ilse Junkermann noch einen Termin im vollen Kalender freigeräumt.

Reformation geht weiter – so heißt der Slogan der EKM. Welche nachhaltigen Effekte erhoffen Sie sich vom Reformationsjahr und wo werden für Sie bereits Auswirkungen für die Kirchengemeinden sichtbar?
Junkermann:
Viele Gemeinden und Kirchenkreise haben wunderbare Ausstellungen, Theaterstücke und vieles mehr über ihre örtliche Reformationsgeschichte geschaffen. Zahlreiche Gäste sind gekommen, sodass viele ihren Ort mit den Augen der Gäste sehen lernen und stolz auf ihre Geschichte sind. Bei der Vorbereitung der Kirchentage haben sehr unterschiedliche Menschen zusammengearbeitet.

Gott und die Welt: Landesbischöfin Ilse Junkermann bezieht Stellung zu aktuellen Fragen. Foto: Viktoria Kühne

Gott und die Welt: Landesbischöfin Ilse Junkermann bezieht Stellung zu aktuellen Fragen. Foto: Viktoria Kühne

Ich bin sicher, dabei sind viele Fäden aus der Kirche heraus in die Gesellschaft, in das Gemeinwesen vor Ort hinein, gesponnen worden. Diese Entwicklung kann sich als nachhaltig erweisen. Und ich hoffe, dass wir sprachfähig werden im Glauben. Dass ich sagen kann, was Glauben mir bedeutet und mit mir macht.

Denken Sie, dass so der Mitgliederschwund gestoppt werden kann? Die Mitgliederzahlen in der EKM sind seit der Fusion von 1,1 Millionen auf 750 000 zurückgegangen. Finden Sie sich damit ab?
Junkermann:
Propst Kasparick hat immer wieder betont, dass wir nicht weniger werden, sondern mehr. Er hatte recht. Allerdings nicht mehr Mitglieder und Kirchensteuerzahler. Doch mehr Menschen kommen zu uns und arbeiten mit, in den Chören, bei der Flüchtlingsarbeit, an den Tafeln. Dort wird gemeinsam Christsein gelebt – auch von vielen ohne Kirchenmitgliedschaft. Das stellt uns vor die Frage, ob wir uns in erster Linie als einen Verein mit zahlenden Mitgliedern verstehen. Oder ob es vorrangig ist, Menschen auf dem Weg zu Glauben und Gemeinde zu begleiten, gemeinsam mit ihnen auf dem Weg zu sein.

Das klingt grundsätzlich. Was bedeutet es denn?
Junkermann:
Es ist grundsätzlich. Wir sind seit bald einem Jahrhundert in einem Transformationsprozess weg von der Staatskirche. In der DDR gab es eine Entwicklung zur Verkündigungskirche und Kirche als Lerngemeinschaft, die mit der Wende erst einmal ein vorläufiges Ende gefunden hat. Jetzt sollten wir wieder daran anknüpfen.

Christsein ohne Kirchenmitgliedschaft bedeutet, dass sich Kirche sehr verändern muss.
Junkermann:
Ja! Der »Apparat Kirche« hat sich schon mit der Fusion zur EKM geändert. Wir müssen uns weiter über eine Vereinfachung der Verwaltung Gedanken machen. Im Bischofskonvent und im Landeskirchenrat diskutieren wir, ob es wirklich nötig ist, Diakoniemitarbeitern und Lehrkräften zu kündigen, wenn sie nach einer gewissen Zeit ihre Loyalität nicht durch die Taufe »beweisen« wollen. Und: Ich bin froh über die Erprobungsräume für eine andere Gemeindearbeit. Wir müssen mehr schauen, was wir weglassen können, und stärker die Gaben nutzen, die in den Gemeinden vorhanden sind.

Das hört sich so an, dass es die Ehrenamtlichen richten sollen. Gemeinden und Kirchenkreise empfinden, dass »die da oben« entscheiden.
Junkermann:
Da hat sich doch bereits viel verändert durch die Gestaltungsmöglichkeiten der Kirchenkreise bei der Finanz- und Stellenplanung. Und ja, die Lektoren und Prädikanten sind ein großer Schatz für das gottesdienstliche Leben. Doch grundsätzlich steht an, dass wir Abschied nehmen von festen Bildern, wie Gemeinde sein muss. Das macht den Blick frei, darauf, welche Schätze und Gaben in einer Gemeinde sind, was konkret vor Ort als Aufgabe für Zeugnis und Dienst vor den Füßen liegt und mit wem – auch mit Nichtmitgliedern – so Gemeinde gebaut werden kann.

In den Gemeinden werden die Seelsorger vermisst. Kommt das bei Ihnen an?
Junkermann:
Bei mir kommt ein großer Schmerz an, was nicht oder nicht mehr geht. Ich spüre eine große Sehnsucht nach Trost und Zuspruch. Wir sind mitten in einer Entwicklung, die mit Trauer verbunden ist. Doch wie trauert eine Organisation, wie gestalten und begleiten wir diesen Trauerprozess? Da ist im Unterschied zur individuellen Trauer noch fast nichts erforscht.

Aus der Seelsorge wissen wir, Kraft zu Neuem wächst daraus, dass ich Trauer zulasse, mit all ihren Begleiterscheinungen, auch der Wut und dem Schmerz. Und dass mir dabei jemand zur Seite steht und zuhört. Ich fürchte, das ist bei allen noch nicht genügend im Blick, dass das zuerst dran ist. Das brauchen wir für den Bewusstseinswandel, dass Kirche und Gemeinde nicht dort sind, wo der Pfarrer ist. Gemeinde ist da, wo ich als Christ mit anderen Christen bin. Wichtig ist doch, dass Gottes Wort in der Gemeinde lebendig ist. Die Form ist völlig offen.

Sie ermutigen also die Gemeinden, einfach zu tun, was sie für nötig halten.
Junkermann:
Bei Konventen wird häufig gefragt, was ausprobiert werden darf. Im Prinzip alles. Ich will mit den Ordinierten der letzten Jahre im Herbst Rückschau halten, welche Ideen sie haben umsetzen können und warum oder warum nicht.

Neben Ihrer Ermutigung steht Ihre Forderung, die Kirchen offen zu halten. Was ist aus der Aktion geworden – zählen Sie die offenen Kirchen?
Junkermann:
Ich hänge nicht an Zahlen. In vielen Gemeindekirchenräten wird über die Kirchenöffnung diskutiert. Es hat ein Nachdenken eingesetzt, was wir mit geschlossenen und mit offenen Kirchen verkündigen. Aber auch hier gilt, dass jede Gemeinde verantwortungsvoll entscheiden muss, was für sie wichtig und sinnvoll ist. Und damit meine ich sowohl die Kirchen- als auch die Ortsgemeinde, denn so manches Nichtmitglied freut sich über die Chance zum Innehalten oder neugierigen Schauen, wenn es keine Angst vor einer Blamage wegen vermeintlich falschem Verhalten gibt. Die Aktion ist keine Verordnung, sie hat einen
Prozess in Gang gesetzt.

Die allgemein schwindende Bindung an die Kirche …
Junkermann:
… ist übrigens ein seit dem 19. Jahrhundert stattfindender Prozess, unter anderem weil die Kirche sich zu wenig auf das Arbeitermilieu eingestellt hat …

… und wird begleitet von Austritten namhafter Menschen wie Professor Wulf Bennert, engagierter Christ seit sechs Jahrzehnten. Sein Schritt bewegte viele Menschen, wie Leserbriefe zeigen. Warum sind Sie auf seinen Brief nicht eingegangen, gab es ein Gesprächsangebot Ihrerseits?
Junkermann:
Er hat mir seinen Austritt mitgeteilt. Es ist schwer zu sprechen, wenn der Schritt bereits vollzogen ist. Professor Bennert hat auch nicht um ein Gespräch gebeten. Ich bedauere seinen Schritt, und ich bedauere, dass er den Gesprächsfaden gekappt hat. Ich habe auf seine Mitteilung auch geantwortet.

Der Umgang mit der AfD spaltet Gemeinden. Berlins Bischof Markus Dröge hält die AfD für Christen nicht wählbar. Wie stehen Sie dazu?
Junkermann:
Die AfD ist zum Teil undurchsichtig und rätselhaft, sodass ich als Wählerin nicht weiß, was ich wirklich wähle. Doch das, was ich weiß, widerspricht meinen christlichen Überzeugungen und lässt mich abraten, die AfD zu wählen. Wer sie wählt, wählt zum Beispiel einen erschreckend undemokratischen Leitungsstil wie in Sachsen-Anhalt oder einen Björn Höcke mit, der offen die Verachtung fremder Menschen propagiert. Das ist mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar. Grundsätzlich gebe ich jedoch keine Wahlempfehlung, sondern ermutige, überhaupt zu wählen.

Wie gehen Sie mit AfD-Mitgliedern in den Kirchengemeinden und in Gemeindekirchenräten um? Haben Sie Kenntnis von Problemen in Gemeinden?
Junkermann:
Es ist die Frage, wie wir beieinander sind mit unterschiedlichen politischen Einschätzungen. Wir wollen die Vielfalt bewahren und auch bei unterschiedlichen Überzeugungen im Gespräch bleiben. Das unterscheidet uns von einer Partei. Wir sind offen für alle, aber nicht offen für alles. Wo die Ebenbildlichkeit infrage gestellt wird, wo mit Hass gesprochen wird, dort ist eine Grenze. Wir grenzen nicht Menschen aus, aber Auffassungen, die mit dem Evangelium unvereinbar sind. In den Gemeinden soll eine Atmosphäre herrschen, in der Ängste und Sorgen geäußert werden dürfen, ohne eine Verurteilung fürchten zu müssen, wo aber das Recht und die Würde von anderen nicht in Frage gestellt werden.

Generation 2017: Gebete, Schweiß und Reformation

4. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Das Festwochenende in der Lutherstadt

Als die Sonne über der Wittenberger Elbwiese aufging, erklang leise, sphärische Musik aus den Lautsprechern. Noch etwas müde wischte sich der Stuttgarter Pfarrer Dieter Heugel den Schlaf aus den Augen. Und auch Petra und Julia Zott aus Oberroth schälten sich aus ihren Schlafsäcken. Gemeinsam mit gut 10 000 anderen hatten sie unter freiem Himmel die »Nacht der Lichter« der Brüder aus Taizé miterlebt und gleich auf dem Festgelände übernachtet.

Impressionen vom  Festwochenende am Elbufer Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Impressionen vom Festwochenende am Elbufer. Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Auf der schattenlosen Festwiese waren in der Frühsommerhitze alle erdenklichen Arten von Sonnenschutz willkommen – Schlafsäcke aus der Nacht wurden zu Sonnensegeln umfunktioniert. Am Ende sind 120 000 Menschen zum Abschlussgottesdienst auf die Festwiese gekommen. Das sind deutlich weniger als die ursprünglich erhofften 200 000 Besucher. Der guten Stimmung tat das keinen Abbruch. »Ich glaube: Martin Luther wäre sehr zufrieden mit uns«, rief Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) der Kirchentagsgemeinde zu.

Und die erlebten in jedem Fall den größten Gottesdienst, den Deutschlands Protestanten im Lutherjahr 2017 feierten.

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Entsprechend intensiv wurde der Reformator gewürdigt: »Man kann den Beitrag Martin Luthers zu dem Teil der Welt, der durch Europa beeinflusst ist, gar nicht hoch genug einschätzen«, sagte der südafrikanische Erzbischof Thabo Makgoba in seiner Predigt (siehe letzte Seite).

Der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Heinrich Bedford-Strohm, hoffte gar auf das Entstehen einer »Generation 2017, in der junge Leute aufbrechen«. »Eine Generation, die aus dem Reformationsjubiläumsjahr einen Neuaufbruch zum Glauben mitnimmt und uns alle einschließt«, so Bedford-Strohm.

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Die Bundespolizei war mit mehr als 700 Einsatzkräften aus neun Bundesländern im Einsatz in Wittenberg und sicherte vor allem die An- und Abreise der Teilnehmer mit der Bahn. Die von der Bundeswehr über die Elbe errichtete Pontonbrücke war stark frequentiert. Schätzungen zufolge soll sie für den Hin- und Rückweg etwa 50 000 Mal genutzt worden sein. Die Bundeswehr hatte 250 Soldaten im Einsatz.

Die Johanniter-Unfall-Hilfe war mit 750 Kräften für den Sanitätsdienst vor Ort. 715 Hilfeleistungen wurden regis­triert. Aufgrund der hochsommerlichen Temperaturen litten die meisten Patienten unter Überhitzung und Überanstrengung, hieß es.

(GKZ/epd)


Martin Luther wohnt in Dermbach

27. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Reformator ist schon da. Jetzt kommt Martin Luther. In diesen Tagen reist ein Kirchenältester mit einem großen Namen aus dem Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach in die Lutherstadt.

Martin Luther ist Rentner, 65 Jahre alt und stammt aus Wuppertal. Die Liebe zog ihn nach Thüringen. Hier lebt er seit der politischen Wende. Dass Mitteldeutschland »Lutherland« ist, nimmt er gelassen hin. Er kann es eh nicht ändern. »Ich habe mich schon lange daran gewöhnt, dass mein Name vielfältige Reaktionen auslöst. Negative Erfahrungen habe ich aber nie gemacht. Auch nicht mit Katholiken«, sagt Luther und lacht. Am Telefon reagierten die Menschen oft gar nicht auf die Namensnennung, aber wenn er vor ihnen stehe, dann schon. »Wenn ich zu meiner Bank gehe und da ist ein neuer Mitarbeiter, dem ich mich vorstelle, der staunt dann erstmal«, erzählt Luther und schmunzelt.

Lässt die Puppe tanzen: Martin Luther aus Dermbach im Wartburgkreis ist dem Verband Christlicher Pfadfinder verbunden, wie unschwer an der Handpuppe mit seinem Konterfei zu sehen ist. – Foto: Maik Schuck

Lässt die Puppe tanzen: Martin Luther aus Dermbach im Wartburgkreis ist dem Verband Christlicher Pfadfinder verbunden, wie unschwer an der Handpuppe mit seinem Konterfei zu sehen ist. – Foto: Maik Schuck

Mit seinem Namen, sagt er, könnte so gut wie jeder etwas anfangen – ob er nun Christ sei oder nicht. Mit einer Ausnahme: »Ich wollte einmal ein Wochenende in einem Hotel im Harz buchen und rief dort an. Oft sage ich ›Luther‹, Vorname Martin, wie der Reformator. Damit war für mich und das Gegenüber immer alles klar, doch die Dame am anderen Ende fragte: ›Wie schreibt man das? Mit Doppel-T?‹ Da war ich erstmal sprachlos.« Der eigene Name prägt – ganz besonders, wenn man einen berühmten Namen trägt. Für Martin Luther war er aber auch eine besondere Verpflichtung. Nach der Konfirmation als junger Erwachsener setzte er sich bewusst mit seinem Namensvetter und dem evangelischen Glauben auseinander. Er studierte Schriften und besuchte Orte, an denen der Reformator gewesen war. »Ich denke, wenn ich mich als Martin Luther äußere, dann soll das schon Hand und Fuß haben«, so der 65-Jährige.

Der Glaube bedeutet Martin Luther viel. Die Freude am Glauben erfuhr er insbesondere bei den Pfadfindern, bei denen er nach der Konfirmation lange Jahre aktiv war. »Diese Puppe hier: das bin ich«, sagt Luther und hält stolz das besondere Andenken vor die Kamera. »Ich habe im evangelischen Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder mitgearbeitet, auch auf Landesebene, und war Mitglied der Landesleitung. Als ich dort ausschied, habe ich ehrenhalber diese Puppe erhalten.« Die Puppe zeigt Luther im grauen Hemd, der sogenannten Kluft der Pfadfinder, und mit dunkelblauem Halstuch. »Ich denke, der Luther war ja ein ziemlich lebhafter Typ, und das findet man auf jeden Fall bei den Pfadfindern wieder. Das ist gelebter Glaube, Kameradschaft, Freude, Lieder.«

Luther bedauert, dass der Verband, für den sein Herz schon so lange entbrannt ist, in Mitteldeutschland noch nicht so richtig Fuß fassen konnte. »Vielleicht hängt das mit den Halstüchern zusammen«, mutmaßt er. Die hätten die Menschen nach dem Ende der DDR vermutlich einfach nicht mehr sehen wollen.

Sein Name verbindet den Martin Luther aus Thüringen immer mit dem großen Reformator. Ob er mit ihm tatsächlich verwandt ist, diese Frage hat ihn natürlich auch umgetrieben. »Ich habe viel in der Verwandtschaft herumgefragt, um zu ergründen, ob wir tatsächlich verwandt sind.« Luthers Onkel, der zur NS-Zeit geheiratet hatte, hatte für die Eheschließung einen Ariernachweis erbringen müssen, um sicherzustellen, dass in der Familie in den letzten drei Generationen keine Juden gewesen waren. Das Interesse an der Ahnenforschung war geweckt, der Onkel forschte darüber hinaus weiter. »Er ist bis 80 Jahre vor der Wirkungszeit Martin Luthers gekommen«, erklärt der jetzige Namensträger. »Dann ist der Faden abgerissen. Wenn aber 80 Jahre fehlen, dann kann man einfach nicht belegen, dass man ein Nachfahre ist«, so Luther.

Martin Luther ist ein bodenständiger Mensch, fest verwurzelt in seiner neuen Heimat. Dermbach und der Wartburgkreis sind ihm ans Herz gewachsen, hier fühlt er sich wohl. »Dermbach«, so sagt er, »ist etwas Besonderes. Hier sind die Menschen mehr bei der Kirche geblieben, auch zu DDR-Zeiten.« Das merke man bis heute deutlich. Viele wären hier stets zur Konfirmation gegangen, nur wenige zur Jugendweihe. »Ich kenne das ja nur aus Erzählungen, aber es heißt, dass ein Bürgermeister aufgab, für die Jugendweihe zu werben. Sinngemäß habe er gedacht: Euch kennen wir. Das hat ja gar keinen Zweck.«

Martin Luther, so scheint es, ist stolz auf seine Dermbacher, ihren Glauben und ihre Widerständigkeit. Ganz protestantisch, lutherisch eben.

Diana Steinbauer

Große Bühne für die Reformation

22. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Drei, zwei, eins und … los! Jetzt heißt es »Bühne frei« für die Weltausstellung Reformation in Wittenberg.

Noch in der letzten Woche brauchte man viel Vorstellungskraft, um zu erahnen, was hinter den Bauzäunen entsteht. Aus Holz und Stahl und Lehm wuchsen in der Lutherstadt Pavillons und Bühnen. Für mehr als 100 Veranstaltungen pro Woche sollen sie vom 20. Mai bis 10. September Platz bieten für Gottesdienste und Podiumsdiskussionen, Workshops, Klassik- und Popkonzerte. Zum Startschuss der Weltausstellung anlässlich des 500. Reformationsjubiläums will die Wittenberger Altstadt von sieben Themengebieten umgeben sein, den »Toren der Freiheit«.

Eine Freiluftausstellung entlang der Altstadtgrenzen Wittenbergs lenkt ab dem 20. Mai den Blick auf die historischen Ereignisse und ihre Folgen bis in die Gegenwart. Bei der Weltausstellung Reformation dienen sieben »Tore der Freiheit« bis Mitte September als Präsentationsfläche für mehr als 80 Aussteller. Kirchen und Organisationen aus aller Welt fragen dabei nach den Herausforderungen unserer Zeit und laden zum Informieren, Mitdiskutieren und Feiern ein. Illu: r2017/G+H

Eine Freiluftausstellung entlang der Altstadtgrenzen Wittenbergs lenkt ab dem 20. Mai den Blick auf die historischen Ereignisse und ihre Folgen bis in die Gegenwart. Bei der Weltausstellung Reformation dienen sieben »Tore der Freiheit« bis Mitte September als Präsentationsfläche für mehr als 80 Aussteller. Kirchen und Organisationen aus aller Welt fragen dabei nach den Herausforderungen unserer Zeit und laden zum Informieren, Mitdiskutieren und Feiern ein. Illu: r2017/G+H

Wer am Hauptbahnhof mit dem Rundgang durch die ehemaligen Wallanlagen um die Lutherstadt startet, kann sich von der größten erklimmbaren Bibel der Welt aus einen Überblick verschaffen. Die Treppe im Turminneren bringt die Gäste im Zickzack dem Himmel näher und soll ihnen einen Perspektivwechsel ermöglichen. Auch der Platz für den Truck des Europäischen Stationenweges ist im Willkommensbereich vorgesehen. Er zeigt Reformationsgeschichten, die er aus verschiedenen Ländern mit nach Wittenberg bringt.

Daneben schicken alle Stationen der vergangenen Monate Städtebanner nach Sachsen-Anhalt. Von ihnen wird der Fußweg vom Bahnhof in die Innenstadt flankiert.

Zu den Themen Spiritualität, Jugend, Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, Globalisierung, Kultur sowie Ökumene und Religion haben Institutionen aus Politik und Gesellschaft verschiedene Orte zum Innehalten, Lernen und zum Austausch geschaffen, zum Beispiel das »House of One« als interreligiöses Begegnungszentrum oder die Stege am Bunkerberg neben dem Lutherhaus zur Selbsterfahrung und Meditation.

Auch Landeskirchen aus dem Verbund der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) tragen mit eigenen Projekten zur Weltausstellung bei. So lassen die Bayern im Torraum Ökumene einen Garten entstehen, der aus jedem Jahrhundert seit Martin Luther einen Reformator der bayerischen Kirchengeschichte vorstellt. Hannover schafft einen »Erlebnis-Raum«, in dem sich Besucher mit der Bedeutung der Taufe auseinandersetzen und an ihr eigenes Christwerden erinnern lassen können.

Einen weiteren Erlebnisraum bietet die Landeskirche Hessen und Nassau rund um das Thema »Segen«. Neben ihrer preisgekrönten »LichtKirche«, die für Trauungen und Taufen gebucht werden kann, soll im Torraum Globalisierung der Segens-Roboter »BlessU-2« zur Diskussion anregen.

Dienstags ist Ruhetag auf der Welt­ausstellung, was aber keine Langeweile bedeutet. Vier Besuchermagnete der Lutherstadt werden durchgehend geöffnet sein: das Riesenrad »Zwischen Himmel und Erde« in den südlichen Wallanlagen dreht sich für Aussichts- und Gesprächssuchende gleichermaßen, denn auf Wunsch steigt ein Seelsorger mit in die Gondel. Yadegar Asisis Panorama »Luther 1517« lädt zu einem Rundgang durch das damalige Wittenberg ein. Und auch die beiden Kunstausstellungen (»Luther! 95 Schätze – 95 Menschen« mit der Mitmachausstellung »Der Mönch war’s!« sowie »Luther und die Avantgarde«) am Ost- und Westende der Altstadt haben Dauerbetrieb.

Christina Özlem Geisler (epd)

Mit dem Herz bei den Menschen

15. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Tag der Pflege – für Steffi Schmaltz (51) und Hans-Jörg Vollbrecht (47) ist dieser Tag nicht nur einmal im Jahr. Mit der Pflegerin und dem Pfleger sprach Adrienne Uebbing.

Warum haben Sie sich für einen Pflegeberuf entschieden?
Schmaltz:
Ich hab, ganz ehrlich gesagt, keinen anderen gekannt (lacht). In meiner Familie sind sie alle Krankenschwester, und ich hab mit 16 Jahren Krankenschwester gelernt, also nach der 10. Klasse. Wahrscheinlich habe ich mich aus Familientradition dazu berufen gefühlt, zu helfen und in die Pflege zu gehen.
Vollbrecht: Ich hatte mich ursprünglich nicht für den Pflegeberuf entschieden. Das geschah eher aus der Not heraus. Ich bin gelernter Koch und war hier Küchenleiter. Als die Küche geschlossen wurde, ist die Geschäftsführerin auf mich zugekommen und hat gefragt, ob ich mir auch vorstellen könnte, in die Pflege zu gehen. Das habe ich dann getan, mich entsprechend weiterqualifiziert und für mich passt das jetzt sehr gut. Es war rückblickend ein Glücksfall. Wenn man mit Menschen umgehen kann und gerne hilft, dann ist das kein Problem.

Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?
Schmaltz:
Also, ich bin ja noch nie woanders gewesen als berufstätige Frau, ich hab immer diesen Beruf gemacht. Und er macht mir heute noch Spaß, sonst hätte ich das bestimmt schon eher mal aufgegeben. Aber ich bin mit Leib und Seele Krankenschwester. Ich kann nichts anderes und das ist für mich meine Berufung.

Was macht die Diakonie als Arbeitgeber aus?
Schmaltz:
Ich habe 1990 hier angefangen und bin auch in die Brüdergemeine eingetreten. Ich habe mich taufen lassen, zusammen mit meiner Tochter und meiner Mutter. Für mich ist der Glaube sehr wichtig. Und wir sind ja ein christliches Haus: Bei uns finden Gottesdienste statt und auch Andachten. Ganz ehrlich: Das macht für mich sehr, sehr viel aus. Das gibt mir viel Kraft. Meine Mitarbeiter sind nicht alle in der Kirchgemeinschaft, aber viele sind auch christlich, und das gibt mir Kraft.

Eine wichtige Stütze sind (v. li.) Hans-Jörg Vollbrecht und Steffi Schmaltz nicht nur für Walter Pavelec, dem sie hier im Seniorenzentrum Emmaus in Ebersdorf (Kirchenkreis Schleiz) helfen. Pflegekräfte wie sie werden händeringend gesucht.Foto: Sandra Smailes

Eine wichtige Stütze sind (v. li.) Hans-Jörg Vollbrecht und Steffi Schmaltz nicht nur für Walter Pavelec, dem sie hier im Seniorenzentrum Emmaus in Ebersdorf (Kirchenkreis Schleiz) helfen. Pflegekräfte wie sie werden händeringend gesucht. Foto: Sandra Smailes

Vollbrecht: Das macht wirklich einen Unterschied, ja. Ich bin Mitarbeitervertreter und wir haben etliche Kollegen, die wegen zwei-, dreihundert Euro mehr in andere Heime gehen. Von denen kommen ganz viele wieder zurück, weil sie sagen: Hier bei der Diakonie erleben wir Gemeinschaft und Teamgeist. Einer springt für den anderen ein, man lässt sich nicht hängen. Normalerweise, Ausnahmen gibt es immer, ist ja klar (lacht).

Wie empfinden Sie das Image des Pflegeberufes, was halten Ihre Familien und Freunde davon?
Vollbrecht:
Na ja, oft kommt ein ganz großes »Chapeau«, man zieht den Hut vor unserer Arbeit, aber: wirklich machen will sie keiner. Und wenn ich wieder einspringen muss, dann kommt schon von der Partnerin ein kritischer Blick. Aber das ist auch, denke ich, legitim.
Schmaltz: Was meinen Freundes- und Bekanntenkreis anbelangt – die schätzen meine Arbeit schon. Viele sagen aber: »Oh, das könnte ich nicht. Und immer feiertags arbeiten und am Wochenende …« Meine Familie hat Verständnis für die ungewöhnlichen Arbeitszeiten, für die Schichtarbeit. Wir kriegen das gut unter einen Hut. Da gibt es keine Fragen, es ist ganz normal, gehört eben dazu – wir kennen es nicht anders.

Frau Schmaltz, führt Ihre Tochter denn die Familientradition fort?
Schmaltz:
Nein. Stellen Sie sich das vor: Sie ist die Einzige, die das nicht kann. Bei uns sind ja alle in der Pflege gewesen: meine Oma, meine Mutter, meine Tante. Als meine Tochter es mal als Ferienarbeit versuchen sollte, hat sie gesagt: »Ich kann das nicht, Mutti.« Die ist aus der Art geschlagen (lacht).
Vollbrecht: Ja, manch einer kann z. B. mit Ausscheidungen von Menschen nicht so gut umgehen oder hat ein sehr starkes Geruchsempfinden. Damit muss man umgehen können.

Warum können Sie jungen Menschen empfehlen, einen Pflegeberuf zu ergreifen?
Vollbrecht:
Erstens, weil Pflegepersonal gebraucht wird. Denn die zu Pflegenden werden nicht weniger. Und außerdem kann man anderen helfen. Man bekommt Dankbarkeit zurück – auf alle Fälle.
Schmaltz: Ich empfehle den Beruf, weil der Dienst an den Menschen in meinen Augen mit das Wichtigste ist, was man machen kann. Und vor allem an den alten Menschen. Es ist nicht immer einfach, das wissen wir selbst. Auch wenn sie sterben – es ist schwierig, damit zurechtzukommen. Manchmal auch für mich, auch noch nach all den Jahren. Aber ich kann den Pflegeberuf nur empfehlen, weil unsere alten Leute bestimmt nicht weniger werden. Und hoffentlich gibt es dann noch Menschen, die das gerne machen.

Wenn Sie einen Wunsch in Bezug auf Ihren Arbeitsplatz frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Vollbrecht:
Mehr Zeit für die Patienten, für die zu Pflegenden, weniger Bürokratie, weniger Dokumentation. Ich glaube, diesen Wunsch haben alle.
Schmaltz: Auf meiner Arbeitsstelle ist es eigentlich wirklich schön und angenehm. Aber ich würde mir wünschen, dass wir vielleicht mehr Zeit hätten für unsere Bewohner. Ein bisschen mehr Zeit, um Gespräche führen zu können – das würde ich mir von von Herzen wünschen. Mal am Bett sitzen zu können, 20 Minuten oder eine halbe Stunde. Und den Menschen, den ich pflege, um den ich mich kümmere, noch besser kennenzulernen und nicht zum nächsten Bewohner zu rennen.

Aus drei wird eins
Die Reform der Pflegeberufe sieht vor, dass ab 2019 die bisher getrennten Bildungswege in der Pflege abgeschafft und in einer gemeinsamen Pflegeausbildung zusammengefasst werden. Wer diese dann drei Jahre lang durchläuft, kann anschließend sowohl als Kranken-, Alten- oder Kinderkrankenpfleger arbeiten. Wer sich aber auf Alten- oder Kinderkrankenpflege festlegen möchte, kann nach zwei Jahren auch in einen spezialisierten Zweig einschwenken. Die neuen Ausbildungsregeln sollen zunächst für sechs Jahre getestet werden.

(G+H)

Der Gesellschaftsreformer

8. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Mit Blick auf Europa können wir von Martin Luther noch eine Menge lernen, findet Klaus-Rüdiger Mai. Mit dem Schriftsteller sprach Sabine Kuschel.

Klaus-Rüdiger Mai bei einer Lesung in der Potsdamer Friedenskirche. Foto: Günter Krawutschke

Klaus-Rüdiger Mai bei einer Lesung in der Potsdamer Friedenskirche. Foto: Günter Krawutschke

Herr Mai, Sie beschäftigen sich in Ihren Büchern als Historiker und Philosoph mit Martin Luther. Was interessiert Sie an ihm?
Mai:
Wir machen einen Fehler, wenn wir Luther als Theologen im heutigen Sinne verstehen. Denn heute ist die Theologie eine Fachwissenschaft – wie Medizin, Geschichte, Philosophie und Physik. Im Mittelalter war sie Allgemeinwissenschaft. Alle Fächer gingen in Theologie über. Für alle alltäglichen und wissenschaftlichen Fragen galt immer die Autorität der Theologie. Ich würde Martin Luther aus heutiger Sicht als Gesellschaftsreformer, Gesellschaftsdenker sehen. Er hat über alles nachgedacht und geschrieben: über Bildung, über Wirtschaft, über Eheleben, Kriegswesen, um nur einige Beispiele zu nennen – Themen, die nicht unbedingt Kernthema von Theologie sind. Insofern hat mich, wenn ich mich mit dieser Zeit beschäftige, Luther interessiert.

Was ist in Ihren Augen die besondere Leistung Luthers?
Mai:
Luthers Ansatz von der Freiheit eines Christenmenschen ist für mich das Gründungsdokument des modernen Europas. Wer nicht genauer hinschaut, mag das übertrieben finden. Aber die Grundlage unserer modernen Gesellschaft beruht auf dem Individuum, auf dem Bürger. Genau das hat Luther definiert. Nämlich die Freiheit der Bürger. Das begeistert mich an dem Reformator. Er ging vom Individuum aus, vom Christen, der die Gnade des Glaubens hat.

Der Gerechte lebt aus Glauben allein. Das heißt auch, er ist nicht Masse, nicht Verfügbarkeit, sondern ein Einzelner, der sich dieses Geschenkes bewusst werden sollte. Luther definiert in seiner Schrift von der Freiheit eines Christenmenschen, was Freiheit ist. Er sagt: Der Christenmensch ist frei und keinem untertan. Und er sagt: Der Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und aller Dinge und jedem untertan. Damit meint er, dass der Christ eine Verantwortung für die Schöpfung hat. Und deswegen ist Luthers Freiheitsbegriff der modernste. Er balanciert Freiheit, Gewissen und Verantwortung aus. Ich habe in den nachfolgenden 500 Jahren nichts Klareres, Besseres als Luthers Definition gefunden.

Wir können also von Luther noch etwas lernen?
Mai:
Unbedingt! Die Vorstellung von einem Zentralstaat war Luther fremd. Dass es ein Zentrum in Rom gibt, dem alle zuzuarbeiten haben, hat Luther nicht akzeptiert. Er denkt, modern gesprochen, föderaler, regionaler. Seinen Widerstand gegen Rom, gegen eine über allem thronende Macht, wo der Christ, der Untertan als Einzelner nicht mehr vorkommt, finde ich nahezu modern. Wenn wir heute in Europa über zentrale oder regionale Strukturen, über ein EU-Brüssel oder ein Europa der Regionen reden, können wir von Luther eine ganze Menge lernen.

Die nationale Sonderausstellung beleuchtet Luthers Verhältnis zu den Deutschen. Dabei geht es in besonderer Weise um seine Bibelübersetzung …
Mai:
Es gab bereits Bibelübersetzungen ins Deutsche. Die fanden aber keinerlei Anwendung. Denn es war zu Zeiten des Reformators und davor verpönt, die Bibel zu lesen. Martin Luther hatte im Kloster Schwierigkeiten, weil man nicht verstanden hat, warum er so oft, so intensiv die Bibel studierte. Die Kirche fürchtete, dass die Bibel falsch verstanden werden konnte, sie sorgte sich um ihre Deutungshoheit. Deswegen sollten die Leute nicht in die Bibel schauen. Luther aber sagte: Alle Christen sind gleich, es gibt keinen Unterschied zwischen den Christen, zwischen dem Bauern, der ein Christ ist, und dem Papst, keine Über- und keine Unterchristen. Wenn sich alle mit der Bibel beschäftigen sollen, dann muss sie auch für alle verständlich sein.

Luther verbindet seine Bibelübersetzung mit der Forderung an jeden Christen, sie täglich zu lesen. Auch aus diesem Grund tritt er dafür ein, dass alle lesen und schreiben lernen. Die Bibelübersetzung wiederum wird notwendig, damit dieses Ziel erreicht werden kann.

Illustrationen: www.3xhammer.de

Illustrationen: www.3xhammer.de

Da er möchte, dass die Leute die Bibel auch verstehen, »schaut er dem Volk aufs Maul«. Luthers Sprachgenie gilt noch immer als unerreichbar und als Vorbild …
Mai:
Martin Luther hatte ein unglaubliches Gehör für Dialoge, für die Ausdrucksweise der Menschen. Das hat zu tun mit seiner Herkunft. Er ist in der sehr vitalen, sehr vielgestaltigen wirtschaftlichen Welt des Erzbergbaus in Mitteldeutschland groß geworden. Dort entwickelte er das Gespür für die deutsche Sprache, die damals noch keine Literatur- und Kultursprache war. Kultur- und Wissenschaftssprache war Latein.

Mit anderen Worten, Luther hat mit seiner Bibelübersetzung die Volkssprache auf ein literarisches Niveau gehoben, ohne dass dabei die Verständlichkeit verlorenging, ohne dass die Sprache dadurch abstrakt, blutleer wurde, ohne dass sie ihre Verhaftung im Alltagsleben der Menschen einbüßte.

Die Menschen des Mittelalters waren von Angst gepeinigt. Theologisch ist Luther zu der Erkenntnis gelangt, dass der Christ nichts leisten, keine Werke vollbringen muss. Er ist gerecht aus Glauben. Das war das Neue, das Befreiende …
Mai:
Luthers Erkenntnisse öffneten zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Tore und Türen zu einem neuen, sehr praktischen Lebensverständnis. Auch Luther hatte zunächst Angst vor Jesus Christus, der für ihn ein schrecklicher Richter war. Aber er kommt schließlich zu der Erkenntnis, dass Gottes Gerechtigkeit vollkommen anders funktioniert, als es bisher gelehrt wurde. Erstens entdeckt Luther in Christus den Liebenden und zweitens begreift er, dass der Gerechte aus Glauben allein lebt. Diese Vorstellung schiebt die ganze Ablasspraxis, die ganze Werkgerechtigkeit vollkommen beiseite. Das bringt eine ungeheure Befreiung. Albrecht Dürer, der ein großer Verehrer von Luther war, schreibt deshalb: »Martin Luther hat mich befreit.«

Luther wies den Menschen seiner Zeit, die in Glaubensbedrängnissen litten, einen neuen Weg. Deswegen diese plötzliche Begeisterung vieler Zeitgenossen für Luther und für das, was er sagte.

Die zehnjährige Beschäftigung mit der Reformation treibt gelegentlich sonderbare Blüten. Wie geht es Ihnen damit?
Mai:
Na ja, ich würde mir Luther nicht als Playmobil kaufen und hinstellen. Aber dem Reformator schadet das nicht. Solche Blüten dürfen jedoch nicht zum Gegenstand ernsthafter Kritik erhoben werden. Ich stimme nicht in die Kritik einiger Kirchenhistoriker ein, die eine zu große Oberflächlichkeit festzustellen meinen. Meine Kritik richtet sich gegen einen anderen Effekt, der eintritt, wenn zehn Jahre lang gefeiert wird. Man wird mäklig. Und dann fängt man an, die dunklen Seiten der Reformation und Luthers aufdecken zu wollen und kippt ahistorisch wohl eher selbst schwarze Farbe hin, als dass man tatsächlich dunkle Stellen ausfindig macht.

Überdies habe ich manchmal den Eindruck, dass die Funktionäre der EKD verführt zu sein scheinen, nicht Martin Luther, sondern sich selbst in der Reformationsdekade zu feiern.

Ich hingegen möchte Martin Luther feiern, indem ich die Aktualität seines Denkens und Handelns immer aufs Neue entdecke.

Klaus-Rüdiger Mai (Jahrgang 1963) ist Dramaturg, Regisseur und Schriftsteller. Er studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie. In seinen Sachbüchern beschäftigt er sich mit religiösen und gesellschaftspolitischen Fragen. Zwei Bücher über Martin Luther stammen aus seiner Feder.

• Mai, Klaus-Rüdiger: Martin Luther – Prophet der Freiheit. Romanbiografie, Kreuz Verlag, 448 S., ISBN 978-3-451-61226-8, 22 Euro (siehe Rezension Seite 13)
• Mai, Klaus-Rüdiger: Gehört Luther zu Deutschland? Herder Verlag, 208 S., ISBN 978-3-451-34846-4, 19,99 Euro

Sauberer Verkündigungsdienst

1. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Diskussion über Elektromobilität im kirchlichen Dienst, über ihre ökologischen und wirtschaftlichen sowie Vorbild-Aspekte ist angestoßen. Es wird geredet und es wird Vorreiter geben, auf deren Erfahrungen – gute wie schlechte – andere aufbauen können.

Wieso ausgerechnet ein Elektro-Auto die Attraktivität einer Pfarrstelle auf dem Lande erhöht, erschließt sich dem unbedarften Leser der Studie »Auf dem Sprung zur Wirtschaftlichkeit?« nicht. Im Untertitel versteckt sich der entscheidende Hinweis: Machbarkeitsstudie über die Einführung von Dienstfahrzeugen (PKW) mit Elektro-Antrieb im Verkündigungsdienst des Kirchenkreises Egeln. Es geht um Dienstwagen – bisher nutzen Pfarrer, Kirchenmusiker und Gemeindepädagogen ihre Privatfahrzeuge und rechnen je Kilometer 30 Cent ab.

»Wir bekommen die Pfarrstellen nicht besetzt«, sagt Superintendent Matthias Porzelle. In seinem Kirchenkreis Egeln gibt es alle drei bis acht Kilometer ein Dorf oder ein Städtchen. Ähnlich die Situation im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt. Dort tut Pfarrer Dieter Kerntopf Dienst. »Wir fahren auf den kurzen Strecken die Motoren nie warm und erzeugen dadurch noch mehr Dreck«, hadert er mit dem Vergehen gegen die Schöpfung.

Fahren, viel fahren, gehört vor allem in Landpfarrstellen für die meisten Mitarbeiter zum Beruf. Superintendent Matthias Porzelle nahm am Rande des Fachtags, bei dem Kirchenmitarbeiter über Elektromobilität im ländlichen Raum diskutierten, probehalber am Steuer eines E-Autos Platz. Foto: Renate Wähnelt

Fahren, viel fahren, gehört vor allem in Landpfarrstellen für die meisten Mitarbeiter zum Beruf. Superintendent Matthias Porzelle nahm am Rande des Fachtags, bei dem Kirchenmitarbeiter über Elektromobilität im ländlichen Raum diskutierten, probehalber am Steuer eines E-Autos Platz. Foto: Renate Wähnelt

Der ökologische Aspekt, eine größere Attraktivität der Landpfarrstellen und nicht zuletzt das Signal, das die Kirche mit dem Einsatz von umweltschonenden Elektro-Autos aussendet, haben den Kirchenkreis Egeln bewogen, oben genannte Studie beim Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg in Auftrag zu geben. Ihr Autor Peter Bickel analysierte, welche Strecken die Seelsorger im Kirchenkreis Egeln in den vergangenen Jahren dienstlich gefahren sind, und setzte sie ins Verhältnis zur Reichweite diverser Elektro-Autos. Er untersuchte Anschaffungskosten für Fahrzeuge und Ladestationen, erfragte die Akzeptanz eines E-Mobils bei den Pfarrern. Schließlich kam der promovierte Wirtschaftsingenieur zu dem Fazit, dass sich die Elektromobilität rechnen kann. Auch einen Blick auf die Sauberkeit für die Umwelt wirft er.

Überlegungen, auf Elektromobilität zu setzen, gibt es in etlichen Kirchenkreisen. »Da bewegt sich etwas von unten. Und nachdem wir vor sechs Jahren die Klimakampagne hatten, nach der viel beschriebenes Papier in die Schreibtische gelegt wurde, wollte ich diese Bewegung unterstützen«, erinnert sich Dieter Lomberg. Der Synodale aus dem Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt und Präses der Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) beantragte im November, die Landeskirche möge für die Einführung einer Testphase mit E-Autos Geld zur Verfügung stellen: Für je fünf Elektro-Autos in zwei Kirchenkreisen 20 000 Euro als Anschubfinanzierung.

Der Antrag steht nun auf der Frühjahrssynode erneut zur Diskussion. Erstmal hatte es einen Fachtag gegeben. Dort berichtete Pfarrer Kerntopf von seiner zweiwöchigen Testphase, nach der er dem E-Auto uneingeschränkte Tauglichkeit bestätigte. Auch finanziell für den Kirchenkreis.

Die Aufgeschlossenheit ist groß, bestätigt die Klimaschutzmanagerin für Mobilität in der Nordkirche, Klaudia Morkramer, einen großräumigen Trend. »Als wir unsere Ladesäule in Melsdorf im Kirchenkreis Dithmarschen einweihten, war die Resonanz riesig«, berichtete sie bei der Tagung. Im Kirchenkreis Pommern bietet sich ein Dienstleister an, Ladestationen aufzustellen und zu warten. Ähnliches gebe es im Kirchenkreis Mecklenburg. »Wir diskutieren«, sagt sie. Die vielen Anfragen bezeugen Interesse und Informationsbedarf. Erste Erfahrungen gibt es in Hamburg und Umland. »Ein Problem ist natürlich das Geld. Die Angst vor zu geringer Reichweite hat sich mit den neuen Modellen erledigt.«

Die technische Entwicklung ist rasant. Das unterstrich Matthias Vie­tor von der Wirtschaftsgesellschaft der Kirchen in Deutschland mbH. Er stellte mögliche Modelle und Finanzierungen vor und gab zu bedenken: »Die rasante Entwicklung spricht dafür, jetzt einzusteigen, aber genauso, noch abzuwarten.«

Eher zögerlich sprach der im Landeskirchenamt der EKM für die Mittlere Ebene Finanzverantwortliche Torsten Bolduan. Ob es denn zur Kernaufgabe der Kirche gehöre, Vorreiter bei der E-Mobilität zu sein, fragte er beim Fachtag. Eine Förderung durch die Landeskirche stellte er allenfalls über eine um zehn Cent erhöhte Kilometerpauschale in Aussicht. Denn das Modell personengebundener Elektro-Dienstautos scheitere an der Regel, dass es diese erst ab 30 000 Kilometer Jahresfahrleistung gebe. »Die Initiative muss von den Nutzern ausgehen«, unterstrich Bolduan.

Da das Aufladen der Autobatterien über Nacht an der heimischen Steckdose absehbar nicht ausreichen wird, könnten Ladestationen an kirchlichen Einrichtungen installiert werden. Öffentlich zugänglich, sodass nicht nur die Kirchenautos dort Strom tanken. Natürlich ergeben sich Probleme, wenn die Gemeinde oder der Kirchenkreis plötzlich zum Strom-Verkäufer würden. Um diese zu lösen, sind Kooperationen mit Stadtwerken oder anderen Partnern denkbar, wie sie sich in der Nordkirche andeuten. »Wenn klar ist, was wir wollen, lassen sich auch relativ leicht Finanzierungsmöglichkeiten finden«, sagte Torsten Bolduan bei der Veranstaltung – ehe er eine direkte Förderung der Landeskirche verneinte.

Renate Wähnelt

Quo vadis: Wohin geht die Reise, Anhalt?

24. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Über die Zukunft der kleinsten Gliedkirche der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sprach Willi Wild mit Kirchenpräsident Joachim Liebig und Pfarrer Wolfram Hädicke, dem stellvertretenden Präses der Landessynode.

Wie lässt sich der aktuelle Zustand der Landeskirche Anhalts beschreiben?
Hädicke:
Von außen sieht das auf der EKD-Landkarte mit unserer kleinen Landeskirche ein bisschen seltsam aus. Die Innensicht unterscheidet sich aber doch ein ganzes Stück. Derzeit glaube ich nicht, dass grundlegende Veränderungen der Landeskirche hinsichtlich ihrer Selbstständigkeit unmittelbar bevorstehen.

Es gab kritische Fragen hinsichtlich der Finanzen unserer Landeskirche, der Rücklagen, der Verpflichtungen sowie der Versorgungslasten. Das ist in den Ausschüssen und in der Kirchenleitung besprochen worden. Das Zwischenergebnis dieses Prozesses lautet: Wenn wir die landeskirchlichen Strukturen anpassen, steht die Selbstständigkeit der Landeskirche mittelfristig keineswegs in Frage.

Bei der Herbstsynode konnte man einen anderen Eindruck gewinnen. Gibt es Druck auf die kleine Landeskirche und wer übt ihn aus?
Liebig:
Seit dem EKD-Papier »Kirche der Freiheit« aus dem Jahr 2006 gibt es diesen mittelbaren Druck auf kleinere Landeskirchen. Das betraf nicht nur uns, sondern alle EKD-Gliedkirchen, die nicht dem damals genannten Kriterium von mindestens einer Million Mitgliedern entsprachen.

Der EKD-Finanzausgleich, der für uns und alle anderen östlichen Glied­kirchen von großer Bedeutung ist, wird jedes Jahr erneut verhandelt. Die größte Befürchtung seitens der anderen Gliedkirchen und sicherlich auch des Finanzbeirates der EKD ist, dass wir in zehn Jahren oder später nicht mehr in der Lage sein könnten, unsere gesetzlichen Verpflichtungen zu erfüllen. Das nehmen wir sehr ernst. Zukünftig allen Verpflichtungen nachzukommen, das ist die Aufgabe und Bewährungsprobe, vor der wir permanent stehen.

Können Sie ein Beispiel für die gesetzlichen Verpflichtungen nennen, die Sie als Teil der EKD erfüllen müssen?
Liebig:
Ich denke jetzt im Besonderen an die Versorgungsleistungen, die wir für unsere Mitarbeitenden leisten müssen. Eine unserer großen Sorgen ist, dass wir einmal diese Leistungen nicht mehr aus eigener Kraft stemmen könnten. Wir müssen deshalb versuchen, die Zahl der Versorgungsberechtigten mittelfristig zu reduzieren. Bis 2025 werden uns etwa 30 Prozent der Mitarbeitenden in allen Berufsgruppen in den Altersruhestand verlassen. Wir werden nicht in der Lage sein, diese 30 Prozent eins zu eins wieder aufzufüllen.

Wenn wir weniger Personal haben, zahlen wir auch weniger in das Solidarsystem der Gliedkirchen in der Evangelischen Kirche in Deutschland ein.

Wie groß oder klein ist dieser Anteil an dem Solidarsystem?
Liebig:
Im Haushalt der Landeskirche sind ein Viertel Einnahmen aus Kirchensteuern und ebenfalls rund ein Viertel Erträgnisse aus der Vermietung und Verpachtung unseres immobilen Vermögens. Ein weiteres Viertel sind die sogenannten Staatsleistungen. Und noch ein Viertel ist der Solidarbeitrag der Gliedkirchen der EKD. Damit liegen wir im Durchschnitt.

Hädicke: Der Gesamthaushalt liegt bei 17,03 Millionen Euro für 2017 und der EKD-Finanzausgleich bei 4,3 Millionen.

Welchen Beitrag müssen Sie wieder an die EKD abführen?
Liebig:
Wir müssen für jede versorgungsberechtigte Person annähernd 20 Prozent eines Jahreseinkommens in den Versorgungsfonds einzahlen.

Grafik: Adrienne Uebbing

Grafik: Adrienne Uebbing

Ein Viertel der Einnahmen kommen aus der Kirchensteuer. Wie sieht derzeit die Entwicklung bei den Kirchenmitgliedern aus?
Liebig:
Unser zentrales Problem ist tatsächlich ein weiterer Mitgliederrückgang, der wesentlich an der Demografie hängt, weil unsere Kirchenmitglieder durchweg älter sind. Austritte fallen nicht so stark ins Gewicht. Sie werden in etwa mit den Eintritten kompensiert. Wir haben zu wenig junge Menschen, die in Anhalt leben und arbeiten.

Gibt es eine Untergrenze für die Eigenständigkeit?
Hädicke:
Ich denke, man kann das nicht an einer konkreten Gemeindegliederzahl festmachen.

Über welche Einsparungen oder Veränderungen denken Sie nach?
Hädicke:
Im Verhältnis zu unseren Nachbarkirchen haben wir deutlich mehr Pfarrpersonen pro Gemeindeglied. Da müssen wir reagieren. Vieles wird sich aber in den nächsten Jahren auf natürlichem Weg, vor allem durch Pensionierung, erledigen. Wir sind im Moment noch nicht so weit, dass wir in die Kirchenkreise Eckzahlen geben können.

In Anhalt gibt es einen Reformstau im Hinblick auf Zusammenschlüsse von Kirchengemeinden. Wir haben eine Vielzahl von kaum lebensfähigen Kleinstgemeinden, die eine Verwaltung benötigen. Das schafft Handlungsdruck, auch bezüglich der Zukunft unserer Pfarrhäuser.

Liebig: Wir wollen aber nicht einfach nur den Rückgang organisieren. Es geht eher um eine neue Bestimmung der kirchlichen Professionen zueinander. Wenn wir auf der einen Seite eine Reduzierung des Pfarrpersonals haben, kann ich mir gut vorstellen, dass wir in anderen Bereichen, wie der Gemeindepädagogik oder in der Kirchenmusik, einen moderaten Aufwuchs haben.

Wie viele Gemeinden wird das betreffen? Und gab es da schon Gespräche?
Hädicke:
Im Prinzip betrifft es alle Gemeinden. Wir wollen uns nicht nur dem Diktat der Finanzen beugen, sondern nach den optimalen Bedingungen für Verkündigung in unserer Region suchen. Dass es da nicht nur um Pfarrer gehen kann, liegt auf der Hand.

Werden Zusammenschlüsse von Kirchengemeinden Thema auf der Sy­node sein?
Hädicke:
Wir versuchen, Gemeindeglieder und Kirchengemeinden einzubinden. Davon wird auch diese Synode geprägt sein. Ob wir in näherer Zukunft den Druck hinsichtlich des Zusammenschlusses der Kirchengemeinden erhöhen müssen, wird sich zeigen. Die Meinungen gehen diesbezüglich doch recht weit auseinander.

Ich persönlich tendiere dazu, den Druck zu verstärken. Da gibt’s unterschiedliche Instrumente. Nicht alle Gemeindeglieder werden hurra schreien.

Können Sie konkreter werden?
Hädicke:
Wenn eine Kirchengemeinde nicht mehr die Mindestanzahl von Kirchenältesten gewinnen kann, könnte das den Zwangsanschluss an die Nachbargemeinde zur Folge haben. Einem wie auch immer ausgestaltetem Gemeindeverbund wäre der Vorzug zu geben gegenüber einer Anzahl selbstständiger kleiner Gemeinden.

Vor 15 Jahren hat die Synode die Fusionsgespräche mit der Kirchenprovinz Sachsen (KPS) und der Thüringer Landeskirche beendet. Würde die Entscheidung heute anders lauten?
Hädicke:
Damals hat man sich auf Augenhöhe angenähert. Jetzt gibt es die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland.

Für Anhalt käme nur noch der Anschluss infrage. Das wäre mit heftigen Einschnitten verbunden. Zudem hat sich in unseren Nachbarkirchen auch nicht alles optimal entwickelt, sodass wir nicht begierig sind, uns deren Regularien zu unterwerfen.

Wie sehen denn die Gemeindeglieder die Situation?
Hädicke:
Das ist sehr unterschiedlich. Je nachdem, wie eng jemand mit der Kirchengemeinde verbunden ist. Es gibt einige, die sagen: Wenn ich Kirche lebensbiografisch brauche, dann möchte ich einen Pfarrer in Reichweite haben. Alles andere interessiert mich nicht. Die Engagierten in unseren Gemeinden, die haben ein anhaltisches Selbstbewusstsein: Wir sind nicht einfach nur Bürger von Sachsen-Anhalt, sondern wir sind Anhalter!

Und dieses Selbstbewusstsein wird in besonderer Weise auch in unserer Landeskirche gepflegt. Sie ist die letzte Institution, die das alte Land Anhalt abbildet. Der Glaube verbindet sich mit der Kultur, und die Tradition hilft mit, den Glauben zu stabilisieren.

Haben Sie einen Plan für die Entwicklung der Kirchengemeinden und der Landeskirche in der Schublade?
Hädicke:
Wir haben die Zauberformel noch nicht entdeckt und befinden uns da in der gleichen Situation wie unsere Nachbarkirchen im Osten Deutschlands. Wir versuchen als Kirche in die Gesellschaft hineinzuwirken.

Leider steht das in keinem guten Verhältnis zu den zahlenmäßigen Effekten. Das sollte uns aber nicht entmutigen. Umbrüche und Aufschwünge in der Kirche haben wir nicht in der Hand. Da muss der Heilige Geist zum Zuge kommen.

Das klingt nach Abwarten. Was motiviert Sie oder richtet Sie auf in dieser Situation?
Liebig:
Gerade heute Morgen erreichte mich die Nachricht einer größeren Gemeinde, die sagt: Wir wollen den Weg der Veränderung gehen und haben darüber im Gemeindekirchenrat diskutiert. Das bestätigt, dass wir nicht vorhaben, Konzepte von oben nach unten durchzusetzen. Veränderungen müssen von der Basis in den Gemeinden
ausgehen.

Ich sehe, dass wir in Anhalt einen Prozess begonnen haben, der im Grunde auch auf alle anderen Landeskirchen in Deutschland zukommt. Was wir tun, hat auch immer ein wenig Laborcharakter.

Wir fragen uns: Was ist Kirche? Im Kern sind wir eine Bewegung und gar nicht institutionalisiert. Wir haben alle Möglichkeiten, alle Chancen. Wir sind frei in unseren Entscheidungen und geben uns Zeit bis 2025. Bis dahin müssen die Dinge spürbar anders geworden sein, ganz gleich, in welche Richtung es nun geht.

Die Evangelische Landeskirche Anhalts in Zahlen:

Rund 34 500 evangelische Gemeindeglieder leben in Anhalt in rund 150 selbstständigen Kirchengemeinden, die sich auf fünf Kirchenkreise verteilen: Ballenstedt, Bernburg, Dessau, Köthen und Zerbst. In den Gemeinden sind 54 Pfarrerinnen und Pfarrer sowie 39 hauptamtliche Mitarbeitende im Verkündigungsdienst beschäftigt.

Leitungsorgane der Landeskirche sind Landessynode, Landeskirchenrat und Kirchenleitung. (Stand 2015)

Auferstehung in Rösa

15. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Rösa hat eine beeindruckende, doch bislang namenlose Dorfkirche. Zur Osternacht ändert sich das: Das Gotteshaus wird zur Auferstehungskirche. Im Reformationsjahr erhalten weitere Kirchengebäude einen Namen.

Christus kommt zu uns auf Wegen, die wir nicht immer nachvollziehen können. Keiner weiß, welche verschlungenen Pfade die geschnitzte Christus-Figur genommen hat, bis sie eines Tages im Pfarrhaus von Pouch bei Bitterfeld gefunden wurde, nach Rösa kam, restauriert wurde und nun an der Südseite der Apsis in der kleinen, aber mächtigen Dorfkirche hängt. Christus ist ein Torso, die Arme sind verloren gegangen. Ein Geschundener. Auf den ersten Blick. »Denn steht man vor ihm, merkt man: Ihm fehlt nichts«, sagt Pfarrer Albrecht Henning. »Er ist schon hindurch. Ostern ist erkennbar, spürbar.«

Die kleine Dorfkirche von Rösa im Frühlingslicht. Zur Osternacht wird dem bislang namenlosen Gotteshaus der Name »Auferstehungskirche« gegeben. Foto: Thomas Klitzsch

Die kleine Dorfkirche von Rösa im Frühlingslicht. Zur Osternacht wird dem bislang namenlosen Gotteshaus der Name »Auferstehungskirche« gegeben. Foto: Thomas Klitzsch

Besonders in Rösa. Die Gemeinde gehört zum Pfarrbereich Krina im Kirchenkreis Wittenberg. Von neun Kirchen hatte bis auf die Barockkirche Burgkemnitz keine einen Namen. Welchem Heiligen das Gebäude einst gewidmet wurde, lässt sich nicht belegen. Das Landeskirchenamt fand keine Zeugnisse, auch nicht aus vorreformatorischer Zeit. Während also im nahen Wittenberg das 500. Reformationsjubiläum mit viel Aufwand und Hunderten Veranstaltungen gefeiert wird, starten die Christen im Pfarrbereich Krina ihre eigene Erneuerungsbewegung: Sie geben ihren namenlosen Kirchen Namen.

Der Christus-Torso im Chorraum (re.) gab den Anstoß für Namenswahl und künstlerische Ausgestaltung. Fotos: Thomas Klitzsch, Katja Schmidtke

Der Christus-Torso im Chorraum (re.) gab den Anstoß für Namenswahl und künstlerische Ausgestaltung. Fotos: Thomas Klitzsch, Katja Schmidtke

Zu Ostern wird Rösa zur Auferstehungskirche. Der Gottesdienst am Karsamstag beginnt um 22.30 Uhr. Bereits zum dritten Mal wird die Auferstehung Jesu auf diese Weise so in Rösa gefeiert. In diesem Jahr werden zwei Kinder getauft – und die Kirche erhält ihren Namen. Eine Woche später bekommt dann die Kirche in Krina den Namen Trinitatiskirche. Die bisherige Barockkirche Burgkemnitz wird am 25. Mai wegen ihres Deckengemäldes umbenannt in Barockkirche Christi Himmelfahrt. Mit einem Wandelkonzert am 19. August feiert die Gemeinde die Benennung der Kirche Gröbern als Elisabethkirche.

Und zum Tag des offenen Denkmals wird die Dorfkirche Schwemsal zur Erlöserkirche – hier gibt es ein modernes Gemälde, das auf die Himmelsleiter anspielt. Zu Erntedank am 30. September erhält die Marienkirche Schlaitz ihren Namen. Noch offen sind Termine zur Namensgebung der Christuskirche in Schköna und der Dornbuschkirche in Hohenlubast. Bereits ihren Namen erhalten hat die Christophoruskirche in Gossa. Die beiden historischen Ritzzeichnungen ergänzte Jochem Poensgen mit einem Glasfenster.

»Auferstehungskirche« – damit verbindet Hans-Ulrich Eckardt auch die jüngste Geschichte des Gebäudes. Rösa liegt im Braunkohlengebiet; zu DDR-Zeiten gab es Pläne, das Dorf zu überbaggern, die Kirche war ruinös. Erst Ende der 1980er-Jahre genehmigte der Staat eine Sanierung. »Aber nur mit eigenen Mitteln«, erinnert sich Hans-Ulrich Eckardt. Von 1988 bis 1993 arbeiteten die Rösaer an ihrem Gotteshaus. Eine auferstandene Kirche.

Die Auferstehung Jesu greift im Kircheninneren nicht nur der Christus-Torso auf. Ausgehend von ihm hat der Künstler Sven Göttsche ein Apsisfenster sowie ein Altarkreuz und zwei Leuchter geschaffen. Sven Göttsche erinnert sich noch wie heute, wie er die Figur zum ersten Mal sah. Eigentlich hatte der Druckgrafiker, Bildhauer und Glaskünstler, der direkt gegenüber der Kirche wohnt, gerade den Entwurf für das Fenster vorgestellt, Pfarrer und Gemeinde waren zufrieden. Dann sah Göttsche den Christus. »Das war für mich als Künstler ein Schock, weil mein Fenster-Entwurf mit dieser Figur nicht zusammenging. Andererseits war dieser Christus beeindruckend. Das war kein Korpus am Kreuz. Seine Armlosigkeit hat etwas Raketenhaftes. Er hat mich zum Gespräch herausgefordert«, erinnert sich der Künstler.

Er verwarf seinen ersten Entwurf, begann die Arbeit neu – mit dem Christus-Torso als Leitmotiv. Die Umrisse der spätgotischen Schnitzerei sind im Fensterbild zu erkennen, ebenso wie im Altarkreuz. Auch hier ist Jesus nicht der Leidende, das Kreuz kein Marterwerkzeug, sondern Hoffnungszeichen. Die Kerzenleuchter hat Sven Göttsche als stilisierte Hände gestaltet, die das Licht bringen. Auch sie sind vom Kreuz gelöst.

Der Künstler lädt dazu ein, Kreuz und Leuchter zu erkunden, Anfassen ausdrücklich erwünscht. Das hilft, Ostern zu begreifen. Das große Geheimnis der Auferstehung, das, so sagt Pfarrer Albrecht Henning, so schwer in Worte zu fassen ist.

Katja Schmidtke

Kirchennamen – woher sie kommen

95 Prozent der Kirchen erhielten ihren Namen im Mittelalter, berichtet Dr. Bettina Seyderhelm, Kirchenkonservatorin im Referat Kunst- und Kulturgut bei der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Die Benennung ging meist mit Reliquienbesitz einher.

Auch regionale Besonderheiten spielen eine Rolle: So gibt es im Kirchenkreis Halberstadt viele Gotteshäuser, die dem Heiligen Stephanus geweiht sind. Eine detaillierte Statistik hat die EKM nicht, aber die »Hitliste« der Kirchennamen führen St. Nicolai, St. Johannis, St. Michaelis und Maria sowie Dreifaltigkeitskirche an.

Traditionen folgen und Neues wagen

10. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Alle Jahre wieder stellen sich die Verantwortlichen die Frage: Wie soll Konfirmationsunterricht heute aussehen? Muss er sich den Wünschen der Mädchen und Jungen und ihren veränderten (Er-)Lebensgewohnheiten anpassen oder sollte er als »Fels in der Brandung« vor allem traditionelle Glaubensunterweisung bieten? Zwei Stellungnahmen von Pfarrern, die ihre Sichtweise von zeitgemäßer Konfirmandenarbeit darlegen:

Blick-14-2017
Kurz nach der Jahrtausendwende ließen Verantwortliche für die Kinder- und Jugendarbeit aus dem Magdeburger Konsistorium verlauten: Die Auftraggeber für den Konfirmandenunterricht seien die Konfirmanden (also nicht etwa die Kirche oder letztlich Christus), an ihren Bedürfnissen sei die Beschäftigung mit ihnen auszurichten; vor allem dürfe man den Unterricht nicht als Maßnahme zur Nachwuchsgewinnung betrachten. Ist das eine angemessene Haltung in Sachen Glaubensunterweisung?

Es mag für manche verstaubt und altbacken klingen: In Wasungen findet Woche für Woche der Konfirmandenunterricht für die Siebt – und Achtklässler statt, in dem wir singen, beten, auch spielen, aber vor allem lernen: Glaubensinhalte, Liturgie, biblische Inhalte.

Auch wenn die meisten Jugendlichen den Religionsunterricht besuchen, haben sie doch weiter ein großes Interesse an »harten Fakten«, an Informationen über die Kirche, über innere und äußere Zusammenhänge unseres Glaubens. Sie spüren, dass Lernen, gerade kognitives Lernen, ihnen hilft, Sicherheit zu gewinnen in einer Zeit, in der zu oft »Kompetenzen« wichtiger als Inhalte geworden sind.

Bei aller Kritik, die seit Jahrzehnten berechtigt und unberechtigt am Konfirmandenunterricht geübt wird, so am Alter der Konfirmanden und an der oft gegebenen Verbindung mit der Vorbereitung auf das Abendmahl, erlebe ich die Zeit mit den Konfirmanden als segensreich. Und: In jedem Jahr können wir vor der Konfirmation, in der Osternacht, junge Menschen taufen, die aus eigenem Entschluss zu uns gestoßen und geblieben sind.

Stefan Kunze, Pfarrer in Wasungen

Die Frage, ob 14-Jährige reif für ein Bekenntnis wie die Konfirmation sind, diskutiert die Kirche seit Jahrzehnten. Gegenfrage: Warum lassen sich eigentlich so viele Erwachsene scheiden? Auch 30-Jährige treffen nicht all ihre Entscheidungen nach reiflicher Überlegung, oder kippen später um. Das ist für mich kein Argument. Jesus hat Kinder und Jugendliche sehr ernst genommen, sie Erwachsenen in ihrer Entschiedenheit sogar zum Vorbild gemacht.

Die eigentliche Frage lautet: Können wir jungen Menschen bewusst machen, was die Konfirmation bedeutet? Man mag in diesem Alter vieles infrage stellen, aber es ist auch eine Zeit, in der man sich voller Eifer auf etwas stürzt und mit Leib und Seele dabei ist. Dazu ermutige ich die Konfirmanden, indem ich ihnen etwas zutraue und sie zu Entscheidungen herausfordere.

Ja, die Persönlichkeit des Pfarrers oder Gemeindepädagogen spielt bei der Konfirmandenarbeit eine Rolle. Aber auch Strukturen und die ihnen innewohnende Haltung sind nicht zu vernachlässigen. Wir müssen weg vom Säulendenken, in dem es in der Gemeinde eine Säule für die Konfirmanden, eine für die Kinder und Familien und eine für junge Erwachsene gibt. Es ist anachronistisch, mit der Konfi-Arbeit erst im Konfi-Alter zu beginnen. Wir brauchen Angebote für alle Altersgruppen und wir müssen Brücken bauen zwischen den und innerhalb der Generationen. Vor allem müssen wir junge Menschen einbinden. Gewähren wir ihnen zwei Jahre Gastrecht in der Gemeinde oder trauen wir ihnen zu, Christ zu sein für den Rest ihres Lebens?

Ich habe in der DDR-Zeit zum Glauben gefunden. Glauben hat für mich sehr mit Freiheit zu tun. Ich mag aus diesem Grund auch z. B. die Stempelkarten nicht, mit denen sich Konfirmanden ihre Teilnahme am Gottesdienst bestätigen lassen müssen. Was ist der Subtext solcher Karten? Dass, wenn sie voll ist, genügend Gottesdienste besucht wurden?

Natürlich lernen unsere Konfirmanden das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis, aber weniger auswendig, eher inwendig – durch Gottesdienste und Aktionen, die wir gemeinsam machen. Sind nicht Millionen von Menschen, die all das bimsen mussten, trotzdem aus der Kirche ausgetreten und haben dem Glauben den Rücken gekehrt?

Es geht darum, altersgerecht Glauben und Gottesbeziehung zu leben – praktisch, nicht nur mit dem Kopf. Wir stellen Glaubensinhalte, die persönliche Beziehung zu Gott in Jesus Christus, in den Mittelpunkt. Musik, gemeinsames Singen, Gebet spielen eine große Rolle. Andererseits machen wir viele herrliche Faxen, spielen und quatschen, trinken Tee, machen Ausflüge. Wer sich dann konfirmieren lassen will, nimmt an einer besonderen Konfi-Freizeit teil. Wir reden über Taufe, Abendmahl, über den Sinn der Konfirmation. Konfis müssen sich einbringen, sie gestalten Gottesdienste und Projekte mit, wir erwarten sie zum Abendmahl an Gründonnerstag. Die Konfirmation ist nicht irgendeine Segenshandlung, sie ist eine Taufbestätigung, sie ist ein »Ja, mit Gottes Hilfe«.

Ernst-U. Wachter, Pfarrer in Elbingerode

Der linke Flügel der Reformation

3. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Opposition: Radikale Reformation ist der Sammelbegriff für die Gruppierungen, die sich neben den lutherischen und zwinglianischen Bewegungen entwickelt haben: Schwärmer, Wiedertäufer oder Nichttrinitarier (die die Dreieinigkeit Gottes nicht anerkennen).

Die Männer kannten sich in der Bibel aus. Dabei waren sie einfache Leute, vor allem ihr Sprecher Nikolaus Storch, ein Tuchmacher. Sie predigten, dass man an ihren Lippen hing. Sie sagten, dass man das Wort Gottes nicht nur hören, sondern tun müsse. Deshalb galt es, alles abzulegen, was nicht aus Gottes Wort zu begründen sei. Zum Beispiel die Kindertaufe. Drei von ihnen waren aus Zwickau gekommen. Dort hatten sie den Pfarrer Thomas Müntzer überzeugt. Jetzt, 1521 in Wittenberg, gewannen sie den jungen Professor Andreas Bodenstein für sich. Sogar Philipp Melanchthon, der Kopf der reformatorischen Bewegung, war von ihnen beindruckt. Luther war verschwunden. Bodenstein ließ Heiligenbilder verbrennen, er zog kein Messgewand mehr an, feierte Gottesdienst auf Deutsch und reichte der Gemeinde in der Eucharistie auch den Kelch. Die Besucher protestierten. Er ließ sich nicht beirren.

Der Theologe und Organisator der Täuferbewegung Menno Simons. Foto: epd-bild

Der Theologe und Organisator der Täuferbewegung Menno Simons. Foto: epd-bild

Auf einmal, im März 1522, war Luther wieder da. In acht Predigten wies er Bodenstein in die Schranken und die frommen Prediger auch. Er verspottete sie als »Zwickauer Propheten«. Nach einer Woche war die Ordnung wieder hergestellt. Melanchthon bereute seine Offenheit für die Zwickauer und meinte fortan, dass man Ketzer wie sie mit dem Tod bestrafen müsse.

Luthers Urteil hat die Sicht auf die Dissidenten der Reformation und ihre Nachfolger über Jahrhunderte geprägt. Erst 1941 hat der amerikanische Theologe Ronald Herbert Bainton einen neutralen Begriff dafür gefunden: der linke Flügel der Reformation. Der mennonitische Theologe Heinold Fast hat ihn ins Deutsche eingeführt.

Zu den Ursprüngen des Christentums zurück

Zum linken Flügel der Reformation werden meist drei Gruppen gezählt: Spiritualisten wie die Männer aus Zwickau, Antitrinitarier, die das Dogma der Dreieinigkeit ablehnen, und die Täufer. Alle drei wollten zu den Ursprüngen des Christentums zurückkehren. Und alle drei, so verschieden sie sonst waren, lehnten die Kindertaufe ab, denn sie ist aus dem Neuen Testament nicht zu begründen. Dieses Nein brachte ihnen Konflikte auch mit der weltlichen Obrigkeit ein. Denn die Taufe war Reichsrecht. Wer sie ablehnte, spaltete die Einheit von Staat und Kirche.

Zu den Spiritualisten gehörte auch Thomas Müntzer, der »Mystiker der Revolution«. Schon als Pfarrer von Zwickau hatte er sich für soziale Gerechtigkeit eingesetzt und ging mit der Obrigkeit hart ins Gericht. Dafür musste er gehen. 1524 brach Müntzer mit Luther. Er veröffentlichte eine Schrift mit dem Titel: »Wider das geistlose sanftlebige Fleisch zu Wittenberg«. Die Theologie der Reformation, meinte er, sei nicht konsequent, schließe Kompromisse und stütze ja doch nur die Herrschaft der Gottlosen.

Thomas Müntzers unbekannte Seite

Als Pfarrer in Mühlhausen schlug er sich auf die Seite der Bauern, die sich gegen die Fürstenherrschaft erhoben. Luther dagegen hatte zwar Verständnis für den Unmut der Bauern, aber er lehnte Gewalt in den Händen der Untertanen ab. Deshalb empfahl er den Fürsten die Niederschlagung des Aufstandes. In der Schlacht bei Frankenhausen im Mai 1525 kamen rund 5 000 Bauern auf dem Schlachtfeld ums Leben. Auch Müntzer wurde gefangen genommen, gefoltert und vor den Toren von Mühlhausen enthauptet. Die DDR machte ihn deshalb zur Ikone der frühbürgerlichen Revolution. Der Fünfmarkschein trug Müntzers Bild.

»Verteidigung des orthodoxen Glaubens von der heiligen Dreieinigkeit gegen die ungeheuerlichen Irrtümer des Spaniers Michel Servet« von Johannes Calvin (1509–1564). Der Streit endet für Servet auf dem Scheiterhaufen. Foto: epd-bild

»Verteidigung des orthodoxen Glaubens von der heiligen Dreieinigkeit gegen die ungeheuerlichen Irrtümer des Spaniers Michel Servet« von Johannes Calvin (1509–1564). Der Streit endet für Servet auf dem Scheiterhaufen. Foto: epd-bild

Seine andere Seite ist kaum bekannt: Er hat als einer der ersten Reformatoren den Gottesdienst erneuert. Schon vor Luther übersetzte er 1523 die lateinische Messe ins Deutsche. Noch Jahrzehnte nach seinem Tod wurde in Thüringen nach seiner Reform Gottesdienst gefeiert. Nur durfte niemand mehr seinen Namen nennen. Und erst bei der letzten Gesangbuchreform 1993 wurde eines seiner Lieder, die Nummer 3, neu aufgenommen: »Gott, heilger Schöpfer aller Stern,/erleucht uns, die wir sind so fern,/dass wir erkennen Jesus Christ,/der für uns Mensch geworden ist.«

Der Sündenfall der Reformation

Zu den bekannten Antitrinitariern gehörte der spanische Arzt Michel Servet. Heute gilt sein Schicksal als Sündenfall der Reformation: Auf Betreiben Johannes Calvins wurde er 1553 wegen seines Glaubens lebendig verbrannt. Servet wollte zurück zur ursprünglichen Religion der ersten Christen. Jesus und seine Jünger, meinte er, seien nie vom Monotheismus des Judentums abgewichen. Das Dogma von der Trinität war in Servets Augen ein Abfall, ein Kompromissprodukt des von Kaiser Konstantin befohlenen Konzils von Nicäa im Jahr 325. Melanchthon befürwortete Servets Hinrichtung. Nach dem Druck der Reformationszeit sind die Antitrinitarier für Jahrhunderte verstummt. Ihre neuzeitlichen Vertreter sind etwa Zeugen Jehovas, die Mormonen und die liberalen Quäker.

Das Täufertum ist an verschiedenen Orten gleichzeitig entstanden. 1525 wurden in Zürich die ersten Täufer zum Tod verurteilt. Doch da gab es schon täuferische Kreise in ganz Süddeutschland und auch in den Niederlanden. Sie beeindruckten den katholischen Priester Menno Simons im friesischen Witmarsum. Er wurde zum Theologen und Organisator der Täuferbewegung. Und er sagt aller Gewalt ab und meint, dass Christen wehrlos sein müssen. 1544 nennt ein Polizeiprotokoll die Täufer zum ersten Mal »Mennoniten«. Doch Menno Simons muss vorsichtig sein. Der Kaiser hat ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Er reist nach Köln, aber muss bald wieder nach Norddeutschland zurückkehren.

Von der Täuferbewegung bis heute
1614 wird zum letzten Mal ein Täufer hingerichtet. Doch noch lange werden die religiösen Dissidenten diskriminiert und vertrieben. Erst unter dem Einfluss der Aufklärung wächst ein Freiraum auch für sie heran. Im 19. Jahrhundert gewährt Preußen Versammlungsfreiheit. Zum ersten Mal können Mennoniten in ihrer Heimat unbehelligt zusammenkommen – zusammen mit neuen Täuferkreisen. Sie kommen aus England, etwa die Baptisten, oder wie die Freien evangelischen Gemeinden aus Frankreich und der Schweiz. Aber Mennoniten sind die einzige täuferische Kirche, die auf die Reformationszeit zurückgeht. Heute leben etwa 40 000 Mennoniten in Deutschland.

1919, nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, macht die junge Weimarer Demokratie Ernst mit der Trennung von Staat und Kirche. Sie schafft die Basis dafür, dass heute Volks- und Freikirchen in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen zusammenarbeiten. An die Geschichte erinnert nur noch, dass die Freikirchen in Deutschland nie auf große Zahlen gekommen sind.

Wolfgang Thielmann

Die Mennoniten
Die Mennoniten sind eine evangelische Freikirche, die aus dem pazifistischen Flügel der Täuferbewegung des 16. Jahrhunderts entstand. Rund 40 000 Mennoniten gibt es in Deutschland. Die Protestanten, die sich nach dem niederländischen Theologen Menno Simons (1496–1561) benannt haben, lehnen Waffendienst und Eid konsequent ab. Sie fordern eine vom Staat unabhängige Kirche, die sich in allen Fragen des Glaubens und Lebens am Modell der neutestamentlichen Gemeinde orientiert.

www.mennoniten.de



Nächstenliebe verlangt Klarheit

26. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Populismus: EKM will die inhaltliche Auseinandersetzung befördern


Christen und Populismus in der Kirche. Darüber sprach Willi Wild mit dem Leiter des Personaldezernats, Oberkirchenrat Michael Lehmann, und Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, dem Leiter des Dezernats Gemeinde in der EKM.

Haben Sie Kenntnis von rechtspopulistischen Tendenzen in der EKM?
Lehmann:
Lassen Sie mich, bevor ich auf Ihre Frage antworte, zwei Dinge sagen. Zunächst: Das Personaldezernat spürt nicht den politischen Überzeugungen der Pfarrerschaft und der kirchlichen Mitarbeiter nach. Für uns ist lediglich maßgebend, dass die Glaubwürdigkeit unserer christlichen Botschaft nicht verletzt und der Dienst nicht beeinträchtigt wird. Wir als Landeskirche vertrauen darauf, dass unsere Mitarbeitenden im Verkündigungsdienst wissen, dass sie an alle ihre Gemeindeglieder gewiesen sind und nicht nur an diejenigen mit gleicher politischer Präferenz.

Zweitens: Die Kirche ist Teil der Gesellschaft, und gesamtgesellschaftliche Tendenzen finden sich auch in unserer Kirche wieder. Im Blick auf unsere Mitarbeitenden ist das im
Prinzip nicht anders. Allerdings sehe ich, wie viele von ihnen sich glaubwürdig gegen Verachtung und Ressentiments aussprechen und auch selbst beispielhaft handeln, indem sie etwa angesichts der Flüchtlinge vor Ort konkrete Hilfe geleistet und organisiert haben.

Nun zu Ihrer Frage: Ja, in der jüngsten Vergangenheit gab es in der EKM einen Fall: Ein Gemeindepädagoge hatte sich aktiv an einer rechtsextremistisch motivierten Demonstration beteiligt. Nach entsprechenden Personalgesprächen blieb dem Kirchenkreis keine andere Möglichkeit, als sich von diesem Mitarbeiter zu trennen. Der Fall kam vor das Arbeitsgericht, das aber hat uns klar in dieser Entscheidung bestätigt.

Fuhrmann: Auch bei ehrenamtlich in der EKM Engagierten gibt es keine Abfrage nach der Parteizugehörigkeit. Die Kirchengemeinden sind immer auch ein Spiegel der Gesellschaft und damit gesellschaftspolitischer Positionen. Entscheidend ist für mich dabei, ob es uns gelingt, ein christlich motiviertes Gespräch mit allen hinzubekommen. Ich vermute aber, dass derzeit in den Kirchengemeinden die unterschiedlichen Positionen kaum zur Sprache kommen, weil es schwierig ist, die konträren Standpunkte zusammenzubringen.

Wie schätzen Sie auf der anderen Seite die Bedrohung von Pfarrern in der EKM ein, die sich klar gegen rechte Gesinnung wenden?
Lehmann:
Tatsächlich werden Pfarrerinnen und Pfarrer unserer Landeskirche Opfer von Herabwürdigung und Bedrohung im Internet. Als ein Beispiel nenne ich unsere Landesbischöfin, die leider immer wieder zum Ziel rechtsradikaler Hetze wird. Im Fall eines Thüringer Pfarrers nahm die Androhung von Gewalt gegen ihn und seine Familie solche Ausmaße an, dass wir ihm die Aufhebung der Dienstwohnungspflicht angeboten haben. Gerade wer sich für einen mitmenschlichen Umgang mit Menschen anderer Sprache und Herkunft einsetzt, merkt: Das Doppelgebot der Liebe war nicht nur zur Zeit Jesu, sondern ist auch heute für viele ein Ärgernis. Ich sehe aber gerade da, spätestens seit Beginn der Flüchtlingskrise, eine große Glaubensgewissheit und Klarheit in unserer Pfarrerschaft. Das beeindruckt mich sehr.

Wie begegnet die EKM populistischen Tendenzen in Kirchengemeinden?
Fuhrmann:
Aus dem Landeskirchenamt heraus können wir erst mal wenig tun. Was ich als Aufgabe sehe, ist, dass wir immer wieder Impulse setzen für das Gespräch. Wir möchten ermutigen und einladen zur Debatte. Die Initiative sollte aber aus den Kirchengemeinden kommen. Wir unterstützen Angebote der Gemeinden und Einrichtungen, wo es um Begegnung geht, und stehen gern beratend zur Seite.

www.ekmd.de/kirche/themenfelder/rechtsextremismus

Diakone im Dialog

12. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Falk-Schüler unter sich: Verena Armstroff (39) und Jörg Rumpf (47) sind gelernte Erzieher mit Diakonenausbildung. Beide wohnen mit ihren Familien in Eisenach. Während Verena Armstroff seit 2009 die evangelische Kindertagesstätte in Herda leitet, arbeitet Jörg Rumpf seit über 20 Jahren als Jugenddiakon in der Kirchengemeinde Eisenach. Beide trafen sich zu einem Gespräch mit Mirjam Petermann über die Ausbildung, ihren Beruf und die Mitgliedschaft in einer diakonischen Gemeinschaft.

Wie kam es, dass Sie sich für die Ausbildung zum Diakon entschieden haben?
Armstroff:
Ich habe die Erzieherin-Ausbildung an der Falk-Schule gemacht und dort den Diakonen-Kurs kennengelernt, der für die Andachten verantwortlich war. Ich wurde neugierig und habe mich über die Ausbildung informiert.
Rumpf: Nach dem Abitur hat man ja verschiedene Vorstellungen, was man gerne werden möchte. Ich hatte Chemie, Philosophie und Theologie im Blick. Mit Theologie hatte ich aber vorher nicht viel am Hut. Ich war nicht getauft und habe mir dann gesagt, du kannst nicht gleich von null auf hundert, sondern du musst irgendwas vorschalten, um da reinzukommen. Dann habe ich im Falk-Haus einen Termin gemacht.

Die Ausbildung im Falk-Haus gestaltete sich zu der Zeit schwierig. Durch die Wiedervereinigung war alles im Umbruch. Wie ging es für Sie weiter?
Rumpf:
Ich bin für ein Freiwilliges Jahr im diakonischen Dienst nach Bad Blankenburg in ein Heim für mehrfach Schwerstbehinderte gegangen. Danach konnte das Falk-Haus immer noch nicht ausbilden. So ist ein Teil von uns in die zweijährige Erzieherausbildung nach Schwalmstadt-Treysa in Hessen gegangen; für die Grundausbildung Diakon ging es danach ein Jahr nach Eisenach. Damit waren wir 1993 der erste Kurs nach der Wende.

Was war für Sie das Besondere an der Diakonen-Ausbildung?
Armstroff:
Ich finde, sie hat per se ganz viele Inhalte, die auch in der Pädagogik eine große Rolle spielen, wie Wertschätzung, Partizipation oder Empathie. Das sind Punkte, auf die ganz besonders Wert gelegt wurde, weil es die Arbeit mit Menschen betrifft.

Verena Armstroff

Verena Armstroff

Würden Sie als Leiterin einer Kindertagesstätte sagen, Sie arbeiten als Diakonin?
Armstroff:
Das Erste, was mir einfällt, wäre schon Kindheitspädagogin und Leiterin Kindertagesstätte. Aber wie das üblich ist, stellen wir uns im Eingangsbereich vor. Da war es mir wichtig, das »Diakonin« auch zu benennen. Ich hatte schon die eine oder andere Nachfrage, was das überhaupt sei. Dann habe ich das sehr gerne erzählt, weil mir das wichtig ist. Ich bin zwar nicht in erster Linie als Diakonin angestellt, aber wir sind eine evangelische Tagesstätte. Uns ist wichtig, dass die Eltern wissen, was wir in der Einrichtung leben, welche Werte dahinterstecken.

Herr Rumpf, wie erklären Sie Menschen, die mit Ihrer Berufsbezeichnung nichts anzufangen wissen, Ihren Job?
Rumpf:
Ich sage dann, ich bin kirchlicher Sozialarbeiter. Das verstehen die Leute, darunter können sie sich etwas vorstellen. Sozialarbeit, die kirchlich unterlegt ist – für mich ist es das.
Armstroff: Das, finde ich, ist eine total tolle Umschreibung.

Wie sieht diese kirchlich unterlegte Sozialarbeit konkret aus?
Rumpf:
Meine Arbeit beginnt mit den Vorkonfirmanden und geht bis zu den Jugendlichen. Ich habe keine festen Sprechzeiten, aber wenn ich aus der jungen Gemeinde rausgehe, dann bleibt immer mal einer stehen und dann redet man nochmal miteinander. Diese Seelsorge zwischen Tür und Angel ist eines der »Kerngeschäfte«.

Machen Sie damit das Gleiche wie ein Gemeindepädagoge?
Rumpf:
Wenn im kirchlichen Rahmen gesagt wird, »ihr seid ja jetzt gemeindepädagogische Mitarbeiter«, dann sage ich trotzdem: »Ich bin Diakon.« Weil das meine Berufsbezeichnung ist. Wir haben etwas ganz anderes gelernt als die Gemeindepädagogen. Ich bin das zwar auch ein Stück weit, aber unsere Berufsbezeichnung ist Diakon, und da bestehe ich drauf.

Warum ist es für Sie so wichtig, Diakon genannt zu werden?
Rumpf:
Das hat etwas mit der Zeit, mit der Erzieherausbildung und ganz viel mit dieser Gemeinschaft zu tun, in der ich bin. Da habe ich immer wieder erfahren und erfahre ich, dass sie wie eine Ersatzfamilie ist. Wenn Kirche uns als Diakone lange Zeit stiefmütterlich behandelt hat, hat sie uns trotzdem durchgetragen. Das war wichtig. Ich denke, wenn nicht einige von uns gekämpft hätten, wäre es lange nicht so geworden, wie es jetzt ist. Für das Diakonengesetz haben wir lange gestritten.

Jörg Rumpf

Jörg Rumpf

Hat sich mit dem neuen Gesetz für Sie etwas geändert?
Rumpf:
Jetzt habe ich das Gefühl, wir werden von der Kirche wieder wertgeschätzt.

Gibt es Ihrerseits auch Kritikpunkte am neuen Gesetz?
Rumpf:
Man muss ja nun in einer Gemeinschaft sein, um sich Diakon nennen zu dürfen. Das hat ein bisschen was von Zwang. Ich weiß nicht, ob das wirklich gut ist.

Nach der Diakonen-Ausbildung wurden Sie zum »Schnuppern« in den Hauptkonvent eingeladen. Warum sind Sie damals schon, und ohne Zwang, in der Gemeinschaft Mitglied geworden?
Rumpf:
Das lag einfach an der Atmosphäre. Da saßen Ältere, und kleine Kinder hüpften herum. Dieses Wuseln und Miteinanderleben hat mich total beeindruckt. Deswegen bin ich auch dabeigeblieben. Ich genieße das jedes Mal und ärgere mich, wenn ich nicht zum Hauptkonvent fahren kann.

Frau Armstroff, Sie sind nicht mehr Mitglied der Brüder-und Schwesternschaft Johannes Falk? Warum nicht?
Armstroff:
Die meisten unseres Kurses haben gleich gesagt, wir wohnen nicht hier vor Ort, wir gucken uns bei uns um. Ich bin erst einmal in die Gemeinschaft eingetreten und habe dann gemerkt, dass mir, wahrscheinlich auch zeitlich bedingt, einfach der Bezug gefehlt hat. Mir ist es wichtig, wenn ich irgendwo dabei bin, dann möchte ich mich auch aktiv einbringen. Mir hat die Nähe gefehlt, die für mich wichtig ist, wenn man sich einer Gemeinschaft zugehörig zählt.

Würden Sie die Ausbildung und den Beruf des Diakons weiterempfehlen?
Rumpf:
Grundsätzlich denke ich, es ist eine Berufsbezeichnung und eine Ausbildung, die auch Chancen am großen Markt hat. Ob ich es wieder hier in Eisenach, jetzt in einer Teilzeit-Ausbildung, machen würde, weiß ich nicht. Mit der Aufwertung, die es durch das neue Diakonengesetz gegeben hat, hat der Beruf noch einmal an Attraktivität gewonnen.
Armstroff: Ich sehe es bei uns im ländlichen Raum, wo die Kirchgemeinden zusammengelegt werden und die Zeit fehlt, da müssten junge Leute da sein, die die Kinder- und Jugendarbeit stärker auffangen würden. Darin sehe ich eine große Chance des Berufs. Ich möchte die Zeit der Diakonen-Ausbildung einfach nicht missen. Es hat auch einen Teil Biografiearbeit für mich gehabt, wo man sich selber erdet.

Das Jahr, in dem Luther zum Nationalhelden der DDR wurde

6. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Altbischof Axel Noack über die kuriosen Ereignisse rund um das Lutherjahr 1983 im Arbeiter-und-Bauern-Staat

Die Älteren werden sich noch an das »Lutherjahr 1983« erinnern: SED-Parteichef Erich Honecker persönlich war der Vorsitzende des staatlichen »Luther-Kommitees«. Zur Eröffnung sagte er: »Martin Luther war einer der bedeutendsten Humanisten, deren Streben einer gerechteren Welt galt. Wir dürfen sagen, dass unser Vaterland, die Deutsche Demokratische Republik, dieses kostbare Erbe in sich aufgenommen hat.«

So wurde in der DDR nicht immer über Martin Luther gesprochen. Besonders in den Anfangsjahren der DDR – die alten Schulbücher für den Geschichtsunterricht können das anschaulich belegen – galt Luther als ein »Fürstenknecht« und als »Totengräber der Revolution«. So hatte schon 1836 der Dichter Ludwig Börne formuliert: »Die Reformation war die Schwindsucht, an der die deutsche Freiheit starb und Luther war ihr Totengräber.«

Luther-Souvenirs: Zum Kirchentag 1983 ein Schaufenster in Wittenberg. Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Luther-Souvenirs: Zum Kirchentag 1983 ein Schaufenster in Wittenberg. Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Was hatte den Wandel des Lutherbildes bewirkt? Letztlich weist er auf den Unterschied zwischen der Ulbricht-Zeit und der Zeit unter Erich Honecker hin. Wurde bei Ulbricht die Ideologie noch groß geschrieben, galt bei Honecker ein viel pragmatischerer Kurs. In der 1968 per Volksentscheid in Kraft gesetzten neuen DDR-Verfassung galt die DDR noch als »sozialistischer Staat deutscher Nation«. Das wurde – ohne jede Volksabstimmung – 1974 geändert. Nun sprach man von der DDR als eigenständiger Nation, die sich damit noch deutlicher von der Bundesrepublik abzugrenzen wünschte.

Natürlich bedurfte die Nation der DDR auch einer Nationalgeschichte. So wurden dann ziemlich schnell wieder Traditionen aufgegriffen, die vorher verpönt oder verschwiegen, zumindest aber – das zeigte das Beispiel Martin Luther – negativ gekennzeichnet worden waren: Zuerst durfte Friedrich II. (»der Große«) wieder auf seinem Denkmal in Berlin, unter den Linden, reiten. Das war verwunderlich, galt doch Preußen bis dahin als der Hort der Reaktion und des Militarismus.

Dann wurden – Weihnachten 1982 war es soweit – erstmalig Karl-May-Filme im DDR-Fernsehen gezeigt. Honecker persönlich hatte sich für die Renovierung der Karl-May-Stätten in Radebeul und Hohenstein-Ernstthal eingesetzt und den Druck von Karl-May-Büchern befürwortet. Karl May hatte als der Lieblingsautor Adolf Hitlers gegolten. In dem vom damaligen Minister für Volksbildung, Paul Wandel, initiierten Beschluss zur Einrichtung von Jugend-und Kinderbuchabteilungen (7. 7. 1950) stand Karl May auf der Liste derjenigen Autoren, die aus den Bibliotheken zu entfernen seien.

Noch im Jahre 1976, als die SED-Zeitschrift »Neues Deutschland« seinen unsäglichen Artikel zur Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz veröffentlichte (31. 8. 1976), wurde Pfarrer Brüsewitz in sehr negativer Weise mit Karl May verglichen: »Seine Handlungen entsprachen sehr oft mehr den Geschichten von Karl May als den Geboten der Kirche.«

Nun also auch Martin Luther. Kirche und Öffentlichkeit waren wirklich überrascht, als Honecker persönlich schon 1978 bei dem berühmten Staat-Kirche-Gespräch vom 6. März mit dem Vorschlag eines Lutherjahres im Jahre 1983 kam. Da wurden dann keine Mühen gescheut. Die Lutherhalle in Wittenberg, Luthers Elternhaus in Mansfeld und das Erfurter Augustinerkloster wurden aufwendig restauriert. »Expertengespräche« zwischen marxistischen Historikern und Kirchengeschichtlern wurden erstmalig offiziell ermöglicht.

Eine riesige, fünfteilige Fernsehfilmserie »Martin Luther« konnte (und kann) sich durchaus sehen lassen. Eine – vornehmlich für das Ausland gefertigte – große Wanderausstellung war sehr beachtlich, was Aufwand und Inhalt betrifft.

Freilich gab es auch Kuriositäten: Die Betriebe waren angewiesen, »Luthersouvenirs« zu produzieren, die man gegen Devisen zu verkaufen hoffte. Das hat nicht wirklich funktioniert. Und dann die acht regionalen Kirchentage. Vermutlich hoffte man, durch die Regionalisierung die Sache etwas klein halten zu können, erreichte aber das Gegenteil: Die Kirchentage wurden zu einem großen Fest und zur Plattform für die Vernetzung von Friedens-, Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen aus der ganzen DDR.

Auf dem Kirchentag in Wittenberg (September 1983) war – unter großer Anteilnahme des Publikums und des westdeutschen Fernsehens – ein Schwert zur Pflugschar umgeschmiedet worden (siehe Erinnerungsmal »Schwerter zu Pflugscharen« auf Seite 2). Das wurde zum Symbol einer erstarkenden Friedens- und Bürgerrechtsbewegung in der DDR. So wurde das Lutherjahr 1983, ganz anders als von der Partei geplant, auch zu einem wichtigen Schritt auf dem Weg zum Ende der DDR.

Der Autor ist Kirchenhistoriker an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Buchtipp: Peter Maser: Mit Luther alles in Butter? Das Lutherjahr 1983 im Spiegel ausgewählter Akten, Metropol-Verlag, 576 S., ISBN 978-3-863-31158-2, 29,90 Euro

Sie kann sich nicht verzeihen

27. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Vergebung ist ein großes Geschenk – Heike Liebsch kann es für sich nicht an-nehmen. Als SED-Funktionärin wollte sie Brücken zur Kirche bauen. Dass dabei ihr Gewissen vor der Partei kapitulierte, verzeiht sie sich nie.

Ob die Kirchenzeitung wirklich über sie schreiben wolle? Sie fragt das zweifelnd am Telefon, ernst, ohne alle Koketterie. »Ich gehöre doch zu den Bösen.«

Es gab da ein Gespräch, im Winter der abebbenden Revolution von 1989. Da hat Heike Liebsch, die Mitarbeiterin für Staatspolitik in Kirchenfragen beim Rat des Stadtbezirks Dresden-Mitte, dem Superintendenten Christof Ziemer ihre Stasi-Gespräche offenbart. »Jetzt ist Heilung möglich«, sagte der Theologe. Vergebung. Heike Liebsch dachte nur: »Als könnte man einen Genickschuss heilen!« Von der Schuld, dem Verrat, auch dem Verrat an sich selbst.

Die Kugel für den Schuss flog bereits, als sie jung war. Der Sozialismus musste ja verteidigt werden. Ihre Mutter Oberleutnant bei der Volkspolizei, ihr Vater auch Genosse, ihr Großvater hatte in einem der ersten KZs gelitten. Gott und Glaube? Alles von der Wissenschaft widerlegt, dachte sie damals. »Das ist Opium des Volkes, das war für mich ein Glaubenssatz.« Ein anderer Glaubenssatz betraf die Menschenfreundlichkeit des Sozialismus. Sie glaubte mit heißem Herzen.

Die Kugel flog, da war sie Lehrling in der Druckerei und FDJ-Sekretärin. Schießlehrerin war sie auch. Einen Christen erkannte sie daran, dass er mit dem Luftgewehr neben die Zielscheibe schoss. Es war die Zeit der Atomraketenangst, es war 1982. Sie schmuggelte zwischen den Druck von Korrekturfahnen ein paar Flugblätter, in denen sie zu einem Friedensmarsch aufrief. Freunde von ihr waren Christen und trugen später die »Schwerter zu Pflugscharen«-Aufnäher, es kam ihr nur absurd vor, ideologische Gräben zu ziehen beim Kampf für den Frieden. Micha, Jesaja? Die Kommunistin Heike Liebsch begann, die Bibel zu lesen. Sie wollte es wissen.

Dann flog die Kugel über linoleumbelegtes Büroland. Mit 22 bezog die junge Genossin Heike 1986 ihren Schreibtisch im Stadtbezirk Dresden-Mitte. Sie hängte ein Bild von Gorbatschow neben dem des Papstes an die Wand.

Die Aufgaben einer Mitarbeiterin für Kirchenfragen im SED-System waren so: Kontrollgänge zu kirchlichen Schaukästen, um bei politischen Äußerungen auf Mäßigung zu dringen; Konfirmanden zum Abitur zuzulassen oder abzulehnen; bei Bau- und sonstigen Fragen zwischen Staat und Kirche zu vermitteln – und mindestens vier Gespräche im Jahr mit jedem Pfarrer in ihrem Gebiet.

»Sie hat nie verheimlicht, auf welcher Seite sie stand – aber ich habe sie immer als einen um die Wahrheit ringenden, suchenden Menschen erlebt«, erinnert sich Pfarrer Matthias Weismann, heute Superintendent im Leipziger Land. Auch der reformierte Pfarrer Klaus Vesting saß einer nachdenklichen Frau gegenüber. »Bei ihr konnte man kritische Dinge anbringen, ohne dass gleich die Keule der Staatsmacht kam.«

Die Staatsmacht war trotzdem im Boot. Die Kugel flog schneller. Nach jedem Pfarrergespräch schrieb Heike Liebsch einen Bericht an das Ministerium für Staatssicherheit. Und einmal im Vierteljahr betrat sie eine ohne Geschmack eingerichtete Wohnung in einer Gasse, in der sie ein Offizier zum Gespräch empfing. »Er hat mir immer recht gegeben, wenn ich am Verzweifeln war über die SED – das waren die Einzigen, mit denen ich über alles reden konnte. Und ich war süchtig nach Anerkennung.«

Der Offizier hatte sie, es war gut kalkuliert. Einmal im Jahr gab es eine Vase oder einen Kerzenständer oder 200 Mark.

Die Kugel trat in dem Moment ein, als sie spürte: »Ich verrate die Wärme an die Kälte.« Die Pfarrer, die sie sehr schätzte und von denen sie manches lernte. Ihre Hoffnung, Verständnis zwischen SED und Kirche zu wecken, auch manchem Kirchenmitarbeiter zu helfen.

Sie sah beides als Gnade an. Selbstbetrug nennt sie es heute. Sie tippte weiter Berichte, sie sicherten ihr Anerkennung, Aussicht auf eine Karriere und nebenbei ein Philosophiestudium. »Ich war ein Feigling und habe geholfen, das System am Laufen zu halten«, sagt sie heute. Da entstand der Bruch in ihr.

In der DDR war Heike Liebsch die Kontaktperson des Staates zu den Kirchen in Dresdens Zentrum – heute führt sie Besucher der Stadt gern zu dem letzten Fragment der 1953 gesprengten Jakobikirche am Wettiner Platz. Foto: Steffen Giersch

In der DDR war Heike Liebsch die Kontaktperson des Staates zu den Kirchen in Dresdens Zentrum – heute führt sie Besucher der Stadt gern zu dem letzten Fragment der 1953 gesprengten Jakobikirche am Wettiner Platz. Foto: Steffen Giersch

Als im Herbst 1989 die Demonstranten Kerzen auf Dresdens Straßen trugen, lief sie wie ein gefangenes Tier in der Bürokratenburg der Macht umher, inspizierte Schaukästen an den Kirchen, Friedensgebete. Schlaflose Nächte. »Die Wut muss raus aus mir, diese Verzweiflung. Niemand kann etwas dafür – außer ich selbst«, notierte sie in ihr Tagebuch. »Und ob ich schuldig geworden bin!«

Wenige Wochen später ging sie zu den Pfarrern und bekannte ihnen ihre Berichte. »Dass diese Leute damals Protokolle für die Stasi geschrieben haben, war uns doch klar«, sagt Pfarrer Klaus Vesting. In seinen Akten hat er keinen Bericht von Heike Liebsch gefunden. Einige Pfarrer waren ebenso wenig überrascht, manche Verbindung blieb bis heute.
Zu einem anderen Theologen zerbrach das Verhältnis. Sie verstand, aber es schmerzte.

Die Kugel steckte jetzt in ihr. Man fragte sie in den Wirren des Umbruchs, den sie selbst als Befreiung empfand, ob sie nicht Pressesprecherin der Stadt werden wolle. Sie wurde lieber Pförtnerin. Zwei Jahre lang.

»Ich habe gelernt, dass ich anfällig bin für Macht – also halte ich mich davon fern. Ich will nicht wieder in Versuchung kommen«, das ist ihre Lehre. Sie nimmt sie sehr ernst. Baute den jüdischen Kulturverein »Hatikva« in Dresden mit auf, erforschte die jüdischen Friedhöfe. Zwei Jahre lang fuhr sie nachts Taxi. Manchmal geht sie am Sabbat in die Synagoge.

Sie betet dort nicht. Aber dass es keinen Gott gibt, würde sie heute auch nicht mehr sagen. Sie sagt: Wer weiß? Nur scheut sie eine neue Wahrheit, nachdem ihr alter Glaube sie in den Verrat geführt hat. Als Stadtführerin zeigt sie ihren Gästen heute die Synagoge und auch Kirchen.

Nein, Buße sei all das nicht. »Seine Schuld kriegt man nicht los«, sagt sie. »Ich konnte nichts ungeschehen machen, nichts wiedergutmachen. Wie sollte das auch gehen?« Ihr Kopf weiß, dass Vergebung ein großes Geschenk sein kann. Sich selbst zu vergeben, hat ihr Herz nie geschafft. Die Kugel steckt fest und schmerzt.

Eine ihrer Stadtführungen beginnt an den spärlichen Überresten der von der DDR gesprengten Jakobikirche. Ein Fragment im Freien, mehr nicht. Ruinen, sagt sie, sind ehrlich.

Andreas Roth

Segnen ist Gottes Leidenschaft

20. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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»Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein« – ein Impuls zu Gottes Verheißung an Abraham.

Wenn Gott segnet, gibt er aus seiner göttlichen Lebensfülle. Es ist seine Art, großzügig, ja fast verschwenderisch zu schenken. Segen ist göttliches Leben. Segen ist nur ein anderes Wort für Gnade, vielleicht leichter verständlich. Weil es Gottes Leidenschaft ist, uns Gutes zu tun, hält er Ausschau nach Menschen, die sich nach seinem Segen sehnen:

Die Geschichte Abrahams handelt davon. »Ich will dich segnen.« Mit diesem Segenszuspruch kommt Gott dem suchenden Abraham entgegen. Damit lockt er Abraham in ein Leben des Vertrauens. Abraham hört es und ist davon tief getroffen. Er bewegt dieses Wort und es lässt ihn nicht mehr los: »Ich will dich segnen.«

Impressionen vom »Berg der Kreuze« in Litauen. Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

Impressionen vom »Berg der Kreuze« in Litauen. Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

Abraham sucht die Einsamkeit, um dieses Wort zu knacken. Aber das Wort knackt ihn. Er wagt es, sich auf diese Stimme einzulassen. Er wagt zu glauben. Sein Segensweg beginnt mit einem Abschied. Und Gott sagt ihm auch konkret, was er loslassen muss: sein Vaterland, seine Verwandtschaft, das Haus seines Vaters. Also alles, was ihm bisher Halt und Schutz gegeben hat. Gott ruft ihn aus seiner bisherigen Existenz in eine neue, aus einem bekannten Land in ein unbekanntes. Und Abraham hat nur eine einzige Brücke, das Wort der Verheißung, das er vernommen hat. »Ich will dich segnen.« Über diese Brücke geht er nun. So ist der Segen bei Abraham mit dem Schmerz des Abschieds verbunden. Abraham wagt es trotzdem. Er packt zusammen und bricht auf. So öffnet er sich für den großen Segen, den Gott ihm versprochen hat.

Abraham hätte das große Angebot auch ablehnen und überhören können. Er hätte in der Geborgenheit der Familie, in der Sicherheit seiner Sippen und bei den üblichen religiösen Traditionen bleiben können. Doch Abraham entscheidet sich für den Segen. Er muss es ertragen, dass andere ihn für einen Narren halten. Er geht weiter über die Schmerzgrenze hinaus in die Freiheit, in die Gott ihn ruft.

Natürlich kennt er auch Stunden, in denen er unsicher ist, nichts sieht und Fehler macht. Aber die segnende Gegenwart ist jedesmal größer als sein Versagen. Mit jedem Schritt geht Abraham tiefer hinein in die Freundschaft mit dem lebendigen Gott. Durch Jesus Christus, der ja der verheißene Nachkomme Abrahams ist, weitet sich der Lebens- und Segensstrom hin zu allen Völkern der Erde. Das Kreuz Jesu ist die universale Dimension des göttlichen Segens.

Segnen ist bis heute Gottes große Leidenschaft. Wer die Segensfülle empfangen will, kommt wie Abraham um einen Abschied nicht herum. Wir vergessen das leicht. Wer tiefer in die Freundschaft mit dem lebendigen Gott einsteigen will, dem sagt Gott, wo er ausziehen soll. Vielleicht ist es eine Gewohnheit, die mir schadet, eine Beziehung, die mich abhängig gemacht hat, ein negatives Verhalten wie Rückzug oder Unversöhnlichkeit. Fragen wir Gott, er wird es deutlich machen.

Schauen wir jetzt noch auf den zweiten Teil der Verheißung: »Du sollst ein Segen sein.« Oder einfach: Werde ein Segen! Ein Segen für andere sein, ist eine schöne Berufung. Wie aber kommen wir in diese Berufung hinein, Segen zu sein? Sicher nicht dadurch, dass wir uns jetzt vornehmen, uns anzustrengen und mehr für andere zu tun.

Ein Segen sein, ein Segen werden, da geht es um unser Sein, nicht ums Tun, ums Machen. Vielleicht heißt ein Segen werden zuerst einmal weniger tun und mich daran freuen, wer ich vor Gott bin. Wenn wir wie Abraham aus der Freundschaft mit dem ewigen Gott leben, werden wir Menschen, die das Wunder der Zeitvermehrung erfahren. Bin ich ein Mensch, der wieder Zeit hat?

Dann bin ich vielleicht schon ein Segen, ohne etwas Besonderes zu machen. Wer aus der Freundschaft mit Gott lebt, der wird voraussichtlich freundlich. Wer sich die Liebe Gottes gefallen lässt, wird voraussichtlich liebevoll. Wer vor Gottes Augen Gnade gefunden hat, wird mit anderen gnädig sein. Wer von Gott gesegnet ist, wird voraussichtlich ein Segen sein.

Ein Segen sein, das heißt: Ich bin jemand, der segnet. »Segnen heißt, die Hand auf etwas legen und sagen, du gehörst trotz allem Gott.« (Dietrich Bonhoeffer) Segnen kann jeder, der glaubt. Segnen ist an kein bestimmtes Amt gebunden.

Im Alten Testament war es die Aufgabe der Priester, den Segen aufs Volk Gottes zu legen. Im Neuen Testament gibt Jesus seinen Jüngern den Auftrag, alle Menschen zu segnen. Jeder Christ darf zum Beispiel seine Nachbarn und Arbeitskollegen segnen. Jeder Vater darf seine Kinder segnen. Wenn wir mit dem Segnen ernst machen, wird sich die Atmosphäre in der Familie und im Geschäft voraussichtlich verändern. Wenn wir einen Menschen segnen, stellen wir ihn in eine Beziehung zu Gott.

Wie wir Segen weitergeben, das kann sehr vielfältig sein: Gute Gedanken über einem Menschen wirken Segen; jeder Gruß ist ursprünglich ein Segen (»Grüß Gott« meint: Jetzt grüßt dich Gott) – aber das ist uns meistens nicht mehr bewusst; es gibt auch die segnende Berührung – die Hand auf den Kopf oder auf die Schulter legen und ein gutes Wort sprechen; es gibt den segnenden Blick, die segnende Geste, den Segenswunsch. Der Zuspruch einer Segensverheißung setzt heute genauso wie bei Abraham in einem Menschen Glaubenskraft frei.

Jesus befiehlt seinen Jüngern auch, die zu segnen, die ihnen fluchen. Die Segensmacht Gottes ist stärker als jeder Fluch. Als Jesus am Kreuz starb, hat er Fluch in Segen verwandelt.

Ich schließe damit, was Dietrich Bonhoeffer über Segen gesagt hat: »Wer selbst gesegnet wurde, der kann nicht anders, als diesen Segen weitergeben, ja, er muss dort, wo er ist, ein Segen sein. Nur aus dem Unmöglichen kann die Welt erneuert werden. Dieses Unmögliche ist der Segen Gottes.«

Barbara-Sibille Stephan

Die Autorin ist Schwester in der Christusbruderschaft Selbitz und zurzeit im Aidshilfeprojekt der Communität in Südafrika tätig.

Für wen sind die Kirchentage gedacht?

13. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Im Mai finden in acht Städten Mitteldeutschlands die Kirchentage auf dem Weg statt. Benjamin Lassiwe sprach dazu mit dem Marketingchef des Trägervereins
für das Reformationsjubiläum, Christof Vetter.

Herr Vetter, wann sind die Kirchentage auf dem Weg eigentlich ein Erfolg?
Vetter:
Ich glaube, da muss man unterscheiden – zwischen dem inhaltlichen Erfolg und dem Zahlenerfolg. Der inhaltliche Erfolg wird dann eintreten, wenn wir es schaffen – und die Programme sehen so aus, als könnten wir das schaffen –, für die Region Mitteldeutschland Impulse zu setzen. Für die Menschen, die dort leben und für die Menschen, die dort bleiben, wenn wir wieder weg sind.

Und was ist mit dem Erfolg in Zahlen?
Vetter:
Wir haben Planzahlen, die insgesamt, für alle Kirchentage auf dem Weg, bei 80 000, der Größenordnung eines Kirchentags, liegen. Ob wir diese Planzahlen erreichen, ist eine kritische Frage, die man im Endeffekt erst danach beantworten kann.

Es wird Menschen geben, die sagen, zum Berliner Kirchentag gehe ich nicht – der ist mir zu groß. Für diese Menschen sind die Kirchentage auf dem Weg genau das Richtige. Kleiner, überschaubarer, intimer. Dazu kommen die Besucher aus der Region: Bei den letzten Kirchentagen in Dresden und in Stuttgart kamen unglaublich viele Menschen aus der unmittelbaren Umgebung.

Wofür lohnt es sich, eine Eintrittskarte zu kaufen? Viele Veranstaltungen finden doch im Freien statt?
Vetter:
Die Eintrittskarte lohnt sich zunächst mal unter dem Aspekt der Ehrlichkeit. Auch ein Kirchentag kostet Geld. Mit der Eintrittskarte trägt man sein Scherflein zum Gelingen der Veranstaltung bei. In den geschlossenen Räumen wird es, wie bei jedem anderen Kirchentag auch, Einlasskontrollen geben – die Open-Air-Veranstaltungen werden aber, wie bei jedem Kirchentag üblich, kostenfrei besuchbar sein. Wir freuen uns ja auch über Menschen, die nur eine Stunde oder eine halbe Stunde dabei sein können.

Und: Es gilt die traditionelle Kirchentagsregel – wer sich eine Eintrittskarte wirklich nicht leisten kann, kann sich beim Teilnehmendenservice melden, und dann finden wir eine Lösung.

Die Programme sind bei den Kirchentagen auf dem Weg unterschiedlich umfangreich. In Leipzig findet fast ein eigener Kirchentag statt. In kleineren Orten, wie Halle oder Dessau, wird es da nicht schwierig mit der Resonanz?
Vetter:
Ich glaube nicht, dass es in Dessau schwierig wird. Dort ist die anhaltische Landeskirche zu Hause – und diese Kirche ist wieder einmal hoch motiviert.

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Und Leipzig war ja schon Gastgeber für einen normalen Kirchentag und einen Katholikentag im letzten Jahr: Dort gibt es eine besondere Tradition – und in diesem Jahr noch einen besonderen Anreiz. Menschen, die miteinander Posaune, Trompete oder Tuba spielen, und im Festgottesdienst am 28. Mai in Wittenberg spielen, können sich dort schon einmal treffen und ein Konzert geben. Das ist natürlich ein Höhepunkt, den andere Städte nicht bieten können.Aber jeder Kirchentag hat ein eigenes, regional vorbereitetes Programm – und deswegen unterscheiden sich die Programme vor Ort auch.

Was ist aus Ihrer Sicht der Höhepunkt? Worauf freuen Sie sich am meisten?
Vetter:
Der Höhepunkt ist natürlich der große Festgottesdienst in Wittenberg, wo die Besucher aus Berlin, von den Kirchentagen auf dem Weg und aus ganz Ostdeutschland zusammenkommen werden. Denn Wittenberg liegt gar nicht so weit weg, wie man immer denkt.

Von Braunschweig oder Hannover ist das eine normale Tagesreise. Da kann man früh morgens losfahren und zum Gottesdienst in Wittenberg dabei sein.

Faszinierend finde ich die öffentliche Darstellung der »Lichtgeschichte der Reformation« in Leipzig, das Theater auf der Elbe in Magdeburg, es gibt da ganz vieles …

Wer steckt denn eigentlich hinter dem Verein für das Reformationsjubiläum?
Vetter:
Das ist ganz einfach zu erklären: Hinter dem Trägerverein stecken der Deutsche Evangelische Kirchentag und der Rat der EKD. Beide haben den Verein gegründet. Heute gibt es dort knapp 100 hauptamtliche Mitarbeiter.

Manche machen gern Großveranstaltungen, andere lieben den Kirchentag und wieder andere haben Lust, bei etwas ganz Großem dabei zu sein.Und dann sind da die 180 Volunteers – die jungen Freiwilligen, die mit uns leben und arbeiten. Und die sind ganz stark dabei, die bringen ganz viele kreative Ideen mit ins Spiel.

Sprechen wir über den Festgottesdienst. Da gab es immer wieder einmal die Frage nach dem Sicherheitskonzept – wie steht es darum?
Vetter:
Da sind wir derzeit wenige Wochen vor der Fertigstellung. Es gibt einen klar definierten und mit den Behörden des Landes Sachsen-Anhalt, des Landkreises Wittenberg, der Stadt und den Bundesbehörden abgesprochenen Zeitrahmen.

Es war klar, es muss bis Ende Februar ein Organisationskonzept vorliegen. Dann wird man es mit den Behörden, mit denen man das entwickelt hat, noch einmal genau anschauen. Und dann werden wir die entscheidenden Teile, die die Menschen wirklich betreffen, auch in angemessener Form bekanntgeben und kommunizieren, sodass jeder, der vom Kirchentag auf dem Weg zum Abschlussgottesdienst kommt, der einen Tagesausflug dorthin macht oder der in Wittenberg selbst lebt, rechtzeitig erfährt, wie es für ihn ganz persönlich funktioniert.

www.r2017.org

»Eine Bereicherung für alle«

5. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Fazit von Behindertenvertretern: Inklusion ist noch keine Normalität

Jürgen Schmidt aus Wasungen ist der Vorsitzende des Behindertenverbandes des Landkreises Schmalkalden-Meiningen. Ein Gespräch mit ihm und der ebenfalls im Vorstand engagierten Nicole Strauch aus Meiningen über Chancen und Barrieren.

Herr Schmidt, Sie engagieren sich für die Inklusion von Menschen mit Behinderung. Überschneidet sich der Begriff mit Integration?
Schmidt:
Vorsicht! Integration heißt, dass jemand – oder etwas – ausgegliedert ist und nun wieder eingegliedert werden soll. Inklusion hingegen bedeutet, dass jemand bereits Teil des Systems ist, aber die Bedingungen müssen für ihn noch geändert werden. Inklusion ist eine große Chance für die Gesellschaft, nämlich alle Menschen mit ihren Fähigkeiten und Gaben zu sehen, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich einzubringen, statt sie auf ihre Defizite zu reduzieren. Das ist eine Bereicherung für alle.

Jürgen Schmidt und Nicole Strauch. Foto: Susann Winkel

Jürgen Schmidt und Nicole Strauch. Foto: Susann Winkel

Frau Strauch, wie normal ist Inklusion mittlerweile?
Strauch:
Inklusion ist leider noch nicht zur Normalität geworden. Es wird zwar viel über Inklusion gesprochen, aber die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, die 2009 durch Deutschland ratifiziert wurde, ist bisher eher schleppend vorangekommen und das in allen Bereichen. Ich würde mir besonders wünschen, dass mehr Kitas inklusiv wären und auch der gemeinsame Unterricht an allen Schulen zur Normalität würde. Das wäre schon ein großer Fortschritt.

Schmidt: Zunächst müssen einmal die Rahmenbedingungen stimmen. Wenn beispielsweise eine Schule neu- oder umgebaut wird, stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit von Barrierefreiheit. Oft kommt dann das Argument, dass ja gar kein Kind mit Rolli die Schule besucht. Das ist aber auch gar nicht möglich, weil ja die Bedingungen gar nicht gegeben sind. Ist dann erst einmal ein Fahrstuhl da, haben alle etwas davon – Eltern mit Kinderwagen oder ältere Personen.

Erleben Sie Ausgrenzung im Alltag?
Schmidt:
Ja, etwa in den Arztpraxen. Wir haben keine freie Arztwahl, da die Barrierefreiheit nicht überall gegeben ist. Wenn ich Inklusion möchte, muss ich in der Gesellschaft nicht nur ein Bewusstsein dafür schaffen, sondern auch Geld in die Hand nehmen für bauliche Veränderungen. Hier beraten wir in den Behindertenbeiräten über den Landkreis und die Städte Schmalkalden und Meiningen. Das ist ein Teil der Verbandsarbeit. Wir unternehmen aber auch viel und mobilisieren die Menschen, am Leben teilzunehmen, ihre Teilhabe einzufordern. Hilfe zur Selbsthilfe ist sehr wichtig.

Für wie viele Menschen machen Sie sich in Ihrer Region stark?
Schmidt:
In Deutschland haben etwa zehn bis zwölf Prozent der Bevölkerung offiziell anerkannte Behinderungen. Dazu gehören Sinnes-, Körper- oder Lernbehinderungen, angeborene oder im Laufe des Lebens erworbene Behinderungen. Dennoch sind wir im Landkreis gerade einmal dreißig Mitglieder im Verband. Es ist schwer, die Betroffenen zu erreichen und zur aktiven Mitarbeit zu bewegen.

Susann Winkel

Weitere Informationen zur Verbandsarbeit:

www.behindertenverband-sm.de

Die Symbolgestalt der Pfarrfrau

30. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Katharina von Bora war für Martin Luther Leib- und Seelsorgerin. Sie brachte den Mut auf, den ihr vorbestimmten Lebenslauf einer Nonne zu verlassen. Als Frau an der Seite des Reformators ging sie in die Geschichte ein.

Martin Luthers Testament von 1542 zeigt die hohe Wertschätzung des Reformators für seine Frau. Entgegen allen Rechtsnormen der Zeit, die für Witwen grundsätzlich einen Vormund vorsahen, jedoch die Immobilien den Kindern beziehungsweise männlichen Verwandten des Mannes zusprachen, bestimmte Luther seine Gattin zur Universalerbin und zum Vormund ihrer Kinder, »weil sie mich als ein fromm, treulich Gemahl allzeit lieb, wert und schön gehalten und mir durch reichen Gottessegen fünf lebendige Kinder (die noch vorhanden, Gott gebe, lange) geboren und erzogen hat«.

Das Epitaph für Katharina von Bora befindet sich in der Stadtkirche St. Marien  in der Elbestadt Torgau, in der die Lutherin am 20. Dezember 1552 an den Folgen  eines Unfalls starb. Torgau feiert sie mit einem Katharina-Tag am 24. und 25. Juni.  Außerdem vergibt die Stadt seit 2011 den Katharina-von-Bora-Preis für heraus- ragendes Engagement von Frauen. Foto: Rüdiger Muschke, Inventarisierung EKM

Das Epitaph für Katharina von Bora befindet sich in der Stadtkirche St. Marien in der Elbestadt Torgau, in der die Lutherin am 20. Dezember 1552 an den Folgen eines Unfalls starb. Torgau feiert sie mit einem Katharina-Tag am 24. und 25. Juni. Außerdem vergibt die Stadt seit 2011 den Katharina-von-Bora-Preis für heraus- ragendes Engagement von Frauen. Foto: Rüdiger Muschke, Inventarisierung EKM

Dass Luthers Reformation bis in die praktischen Lebensvollzüge hinein eine neue Entwicklung einleitete, wird an Katharina von Bora besonders deutlich. Berühmt geworden ist sie als Luthers Ehefrau, als erste Pfarrfrau, als »entlaufene Nonne«. Auch wenn nicht alle Zuschreibungen historisch gesehen auf sie zutreffen – eine Pfarrfrau war sie als Professorengattin nicht – und auch, wenn von ihrem außergewöhnlichen Leben vieles unbekannt bleibt: Sie wurde zur Symbolgestalt der Pfarrfrau wie keine andere.

Katharina von Bora wurde 1499 in Lippendorf südlich von Leipzig oder in Hirschfeld bei Nossen geboren. Die Mutter scheint früh verstorben, der Vater wieder geheiratet zu haben, denn schon als Fünfjährige kam sie in das Kloster Brehna als »Kostkind«. Hier konnte sie Bildung in Lesen, Schreiben, Singen, Latein, Handarbeit und Hauswirtschaft erlangen. Das Kloster bot ihr eine lebenslang gesicherte Versorgung, dazu Aufstiegsmöglichkeiten, etwa als Kantorin oder Äbtissin. Katharina kam als Zehnjährige ins Kloster Nimbschen bei Grimma, sechs Jahre später legte sie die Ordensgelübde ab. Wir wissen nicht, ob sie diesen Schritt freiwillig ging.

Was die spätere Lutherin und ihre Mitschwestern bewegte, das Kloster zugunsten einer unabsehbaren Zukunft zu verlassen, lässt sich nur vermuten. Martin Luthers Kritik am mönchischen Ideal, die er 1521 in seinem Gutachten über die Mönchsgelübde dargelegt hatte, war möglicherweise im Kloster bekannt geworden: ein Ablegen der Gelübde könne vor Gott nur freiwillig, nicht aber gegen den Willen eines Menschen erfolgen.

In der Woche nach Ostern 1523 kam Katharina von Bora gemeinsam mit acht Ordensschwestern in Wittenberg an. Ob sie in leeren Heringsfässern geflüchtet waren, wie es die Legende erzählt, bleibt dahingestellt. Dass ihre Flucht mit Gefahren verbunden war, ist jedoch sicher. Dem Fluchthelfer, Leonhard Koppe aus Torgau, und den Geflüchteten hätten auf dem Herrschaftsgebiet des Luthergegners Herzog Georgs von Sachsen Tod, Gefängnis beziehungsweise empfindliche Körperstrafen gedroht. Doch ihre Flucht glückte und Luther sah sich vor der schwierigen Aufgabe, sie zu versorgen. Um die Nonnenflucht zur Nachahmung zu empfehlen, veröffentlichte er die Schrift: Ursache und Antwort, dass Jungfrauen Klöster göttlich verlassen dürfen. Die Frau, argumentierte Luther, »ist nicht geschaffen, Jungfrau zu sein, sondern Kinder zu tragen … wie das auch die weiblichen Gliedmaßen,
von Gott dazu eingesetzt, beweisen« (Weimarer Ausgabe, Bd. 11, S. 394–400). Übertrieben haben dürfte Luther mit seiner Schätzung, wie viele Nonnen freiwillig im Kloster lebten: »sicher unter tausend kaum eine« (ebd.).

Katharinas Mitschwestern gingen eine Ehe ein oder kehrten zu ihren Familien zurück. Bei Katharina von Bora hingegen scheiterten zwei Eheanbahnungen. Als sie den als geizig bekannten 60-jährigen Wittenberger Professor Kaspar Glatz ablehnte, soll Katharina gesagt haben, sie heirate lieber Luthers Mitarbeiter Nikolaus von Amsdorf oder Luther selbst.

Am Abend des 13. Juni 1525 ging Luther mit Katharina von Bora die Ehe ein. Damit überraschte er Feinde wie Freunde, sie reagierten mit Häme oder zumindest mit Unverständnis. Anfangs war die Familie mittellos. Bald gelang es Ka­tharina, ihr Wohnhaus, das »Schwarze Kloster« und ehemalige Klostergebäude der Augustinermönche, zu einem der größten Haushalte in Wittenberg zu entwickeln. Das Lutherhaus war weit mehr als der Wohnort der Familie: ein Begegnungsort lokaler wie europäischer Geistesgrößen und Herrscherhäuser, Zufluchtsstätte für Glaubensflüchtlinge, Krankenhospital, Herberge für Gäste und Pflegekinder, ein überaus begehrtes Studentenwohnheim, Mensa und Ort der Tischreden Luthers. Die Wirtschaftsführung oblag Katharina eigenständig. Sie beaufsichtigte die Mägde und Knechte, leitete die Küche, den Einkauf und die Eigenproduktion der Lebensmittel, ließ ein Badehaus errichten, Öfen aufstellen, einen Keller bauen, erweiterte den Grundbesitz und damit die landwirtschaftlichen Flächen. Obwohl Bargeld im Lutherhaus immer knapp war, wurden unter Katharinas Leitung täglich 30 bis 50 Personen verköstigt – für die damalige Zeit eine enorme Leistung!

Sie gebar sechs Kinder, von denen vier das Erwachsenenalter erreichten. Ihr Anteil an den Diskussionen bei Tisch ist größer, als es die Nachschreiber, die kein Interesse an Katharinas Beiträgen hatten, notierten. Für Luther war sie Leib- und Seelsorgerin, seine Vertraute, die ihn nicht selten nachts im Ehebett, wenn Luther von Glaubenszweifeln heimgesucht wurde, mit Bibelworten tröstete. 1546 starb Luther plötzlich.

Im selben Jahr brach der Schmalkaldische Krieg aus und zwang die Witwe zur Flucht. Bei ihrer Rückkehr waren ihre Felder verwüstet, am Ende ihres Lebens war sie hoch verschuldet. 1552 floh Katharina nach Torgau, dort verstarb sie an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Luther kritisierte die bis dahin höher angesehene klösterliche Lebensform zugunsten der Gestaltung des Glaubens in der Welt – in einer Partnerschaft, als Eltern, in einem Beruf. Katharina von Bora brachte den Mut auf, diese Umbrüche an Luthers Seite in ihrem eigenen Leben zu gestalten.

Sabine Kramer

Die Autorin ist promovierte Theologin mit Schwerpunkt Reformationsgeschichte und Pfarrerin an der Marktkirche in Halle.

Vorbild und Liebe

22. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie junge Christen heute ihre Kinder erziehen: Ein Beispiel aus dem Kirchenkreis Naumburg-Zeitz

Jedes Kind kann schlafen lernen? Kathrin Leier zieht die Augenbrauen hoch. »So was haben wir nie gelesen«, sagt die 34-Jährige. Sie und ihr Mann Stefan (33) haben drei Kinder: Esther (9), Josua (7) und Ruth, die Nachzüglerin, gerade ein dreiviertel Jahr alt. Ratgeber wie das umstrittene Schlaflernprogramm, bei dem Babys eine gewisse Zeit schreiend gelassen werden, um allein einzuschlafen, stehen nicht im Bücherregal der Familie. Babys wurden und werden verwöhnt: getragen, geschaukelt, in den Schlaf begleitet, liebevoll umsorgt. Die Eltern verlassen sich auf ihre Intuition und Werte – dazu gehört auch der Glauben.

Spannung und Spaß beim Fotografieren mit dem Selbstauslöser: Kathrin und Stefan Leier mit Ruth, Esther und Josua – Fotos: Familie Leier

Spannung und Spaß beim Fotografieren mit dem Selbstauslöser: Kathrin und Stefan Leier mit Ruth, Esther und Josua – Fotos: Familie Leier

Beide sind christlich erzogen worden. Sie ist als Gemeindereferentin bei einer Freikirche angestellt, er engagiert sich seit Jugendzeiten im Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM), ist Vorstandsmitglied des CVJM-Gesamtverbands, Mitglied im Gemeindekirchenrat von Droßdorf/Rippicha und im Regionalbeirat der Kirchenregion »Südliches Zeitz«. Der Glaube setzt Werte in dieser Familie, findet seinen Ausdruck in Umgangsformen und Ritualen. Gebete vorm Essen und Schlafengehen, bei Problemen und Herausforderungen gehören zum Alltag ebenso wie die Musik, Gottesdienstbesuche, auch Vorbereitungen dafür, zum Beispiel für das Krippenspiel. Die beiden Großen besuchen die evangelische Grundschule in Zeitz, Ruth wird voraussichtlich ab dem Frühling die kirchliche Kita besuchen.

»Natürlich erziehen wir unsere Kinder christlich, das ändert aber nichts daran, dass sie irgendwann an den Punkt gelangen, sich selbst dafür zu entscheiden oder eben nicht«, sagt Stefan Leier. Selbstständigkeit, auch im Denken, zu vermitteln, ist den Eltern wichtig. Und sie wissen, nichts ist prägender in der Erziehung als das eigene, gelebte Vorbild. Frei nach Fröbel: Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts. »Die Kinder leben das mit, was du lebst«, ist Kathrin Leier überzeugt. Sie in Watte packen, überbehüten, vor allem Übel der Welt abschirmen ist weder möglich noch erwünscht.

Die jungen Eltern hängen keinem bestimmtem Erziehungsstil an. Sie sind keine »Helikopter-Eltern«, die alles überwachen, was ihre Kinder tun – wenngleich sich die Familie Walkie-Talkies angeschafft hat, damit Esther und Josua ohne Aufsicht, doch mit Kontaktmöglichkeit im Wald hinterm Haus stromern können. »Wir kriegen jetzt immer Nachrichten: Sind an der Straße, sind über die Straße gegangen, sind im Wald«, sagt Stefan Leier lachend.

Auch als »Tigereltern« wollen sich Leiers nicht sehen. Die Kinder fördern, ja, aber nicht mit Zuckerbrot und Peitsche. Bei Esther prägen sich Hobbys und Vorlieben gerade besonders stark aus, die Eltern wollen ihr ermöglichen, was machbar ist. Doch wichtig ist vor allem: Dass das Zusammenleben in der Familie funktioniert, dass die Bedürfnisse aller wahrgenommen werden und gelten. Die Familie ist mehr als die Summe ihrer Teile.

Und so gibt es auch im Hause Leier Regeln. Zum Beispiel: Jeder räumt sein Gedeck vom Tisch ab, jeder erfüllt kleine und größere Aufgaben im Haushalt, fernsehen ist nur in wohl dosierten Mengen erlaubt, Spielzeug wird nicht liegen gelassen. »Wir pflegen eine liebevolle Konsequenz«, sagt Vater Stefan. Deshalb gibt es auch Strafen, aber situationsbezogen. »Esther und Josua gehen wahnsinnig gern im Geraer Hofwiesenbad schwimmen. An einem Samstag war es wieder so weit, aber schon den ganzen Morgen war Zank und Streit zwischen den Geschwistern. Wir waren alle schon angezogen, standen vor der Tür, da eskalierte die Situation. Den Schwimmbad-Besuch haben wir abgeblasen. Wir sind zu Hause geblieben. Auch als sich die beiden versöhnt hatten. Das war eine eigentümliche Stimmung an diesem Nachmittag, aber die Kinder haben daraus wirklich gelernt. Das hat noch lange nachgewirkt«, erzählt Stefan Leier ein Beispiel.

Strafen können also sein. Reden muss sein. »Gott hat unsere Kinder wunderbar gemacht, sie sind besonders und einzigartig«, sagt Kathrin. Das wollen sie den dreien vermitteln. Deshalb nehmen sie sie und ihre Gefühle ernst, sprechen viel mit ihnen, fragen, haken nach, erklären auch, warum sie eine Entscheidung so und nicht anders getroffen haben. »Ich sage nicht: Ich verbiete euch diesen Halloween-Kult, aber ich vermittle, warum wir nicht mitmachen oder nur in einer Light-Version mit Kürbisschnitzen«, nennt Stefan Leier ein Beispiel.

Die Eltern behandeln ihre Kinder als vollwertige Menschen. Dazu gehört auch, dass die Kinder ihre Konflikte selbst lösen. Gibt es Probleme mit Freunden, greifen Stefan und Kathrin nicht zum Telefon, um die anderen Eltern zu kontaktieren und das zu regeln. »Wir kümmern uns um unser Kind, stärken es.« Nicht in Watte packen, aber mit Liebe umhüllen.

Katja Schmidtke

Glauben alle an denselben Gott?

16. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Ja

Christen glauben an den einen, dreieinigen Gott. Dieser Glaube hat sich uns durch Jesus Christus eröffnet und wird durch den Heiligen Geist gewirkt und erhalten. Es ist der Glaube an Gott den Schöpfer, den Erbarmer und den Richter – und diesen Glauben an den einen Gott teilen wir mit den Juden und den Moslems. Für das Judentum ist aus christlicher Sicht unbestritten, dass wir denselben Gott meinen. Gleichwohl gehen Juden und Christen unterschiedliche Wege und suchen auf dieser Basis die Versöhnung.

Wie steht es mit den Muslimen? Der Islam kam später und hat vielfältige Impulse aus beiden Religionen aufgenommen. Mohammed war schon vor seinen Offenbarungen ein »Hanif«, ein Monotheist. Darin sah er sich in der Nachfolge Abrahams. Und er sah auch in den Christen und Juden solche Anhänger des einen Gottes.

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Strittig ist daher auch von islamischer Seite aus nicht die Frage nach Gott, sondern die Frage nach dem Weg. Das mag dem einen oder der anderen als Haarspalterei erscheinen. Doch es macht einen Unterschied, ob ich in der Begegnung mit Muslimen ihnen den Glauben an Gott abspreche und sie zu »Götzendienern« erkläre (was die Konsequenz wäre) oder ob ich mit ihnen darüber nachdenke, was dieser Glaube an den einen Gott bedeutet. Damit ist die Frage nach der Erlösung durch Christus noch gar nicht gestellt – und schon gar nicht in Frage gestellt! Ein zentraler Begriff aber ist in allen drei Religionen »Barmherzigkeit«: Darin ist eine gemeinsame Glaubenserfahrung zu erkennen.

Für uns Christen hat sich der dreieinige Gott in Jesus Christus offenbart, im Heiligen Geist aber darüber hinaus in vielfältigen Zeugnissen auch aus den »Völkern«, in denen wir die gute Botschaft wiedererkennen. Das war schon immer eine zentrale Lehre des Christentums. Man denke nur an die Rede des Apostels Paulus in Athen (Apg. 17). Auch für die römisch-katholische Lehre steht das völlig außer Frage. Man lese die entsprechenden Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils!

Wir können als Christen in dem, was im Islam von der christlichen Botschaft erhalten und bewahrt wird, so etwas wie ein Echo, eine Spur oder einen Schatten des Wortes Gottes erkennen und daran auch anknüpfen. Das heißt doch nicht, dass wir uns damit verleugnen! Ganz im Gegenteil: Wir machen ernst mit dem Auftrag der Versöhnung, wir machen ernst mit dem Glauben an den einen Gott.

Die Gemeinsamkeiten sind groß: der Glaube an den einen, barmherzigen Gott, die Bedeutung Abrahams, die hohe Wertschätzung Jesu und seiner jungfräulichen Mutter Maria, das Jüngste Gericht und die allgemeine Auferstehung von den Toten, die Unsichtbarkeit Gottes und die Wirksamkeit seines Wortes.

Was uns trennt, ist die Auslegung! Und hier sage ich deutlich: Wenn der Islam uns Christen vorwirft, wir würden »drei Götter« anbeten, dann möchte ich, dass dieses Vorurteil islamischerseits ernsthaft überprüft wird. Hier ist der Punkt, wo die theologische Auseinandersetzung mit dem Islam gesucht werden muss! Gerade wenn wir von einem christlichen Bekenntnis herkommen, das sich des barmherzigen Gottes gewiss ist, sollte es uns nicht schwerfallen, auch im islamischen Bekenntnis zu dem einen Gott den gemeinsamen Gott zu erkennen – »wie in einem dunklen Bild« (1.Korinther 13,9).

Inzwischen stehen wir vor einer Herausforderung, vor der weder Christentum, Judentum noch Islam bislang je standen: Wir haben es gemeinsam mit einer Welt zu tun, die Gott nicht wahrhaben will, und mit Fanatikern, die Gott für ihre Interessen missbrauchen.

An der Entdeckung der Gemeinsamkeiten wird sich vieles entscheiden!

Nein

Die romantische Vorstellung, Menschen unterschiedlicher Religionen würden letztlich doch alle an denselben Gott glauben, findet sich bereits in der Antike. In der Gegenwart nährt sie die Hoffnung, dass die Gegensätze zwischen den Religionen so groß doch nicht seien, ja nicht sein dürfen, und irgendwie friedlich gelöst werden müssen. Es gibt mehrere Gründe, warum diese Hoffnung trügt.

Religionen sind immer Deutungen religiöser Erfahrungen und schon insofern notwendigerweise verschieden. In das Judentum, das Christentum und den Islam sind sehr verschiedene religiöse und kulturelle Traditionen eingeflossen, die ein je eigenes Gottesbild und eine je eigene Ethik hervorgebracht haben. Es gibt Überschneidungen, aber auch grundlegende Unterschiede.

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Die entscheidende Differenz besteht darin, dass die Christen eine besondere Form des Monotheismus bekennen: den dreieinigen Gott. Was ist damit gemeint? Zuallererst geht es um das besondere Verhältnis Gottes zu Jesus von Nazareth, das sich exemplarisch in der Auferweckung des gekreuzigten Jesus von den Toten durch Gott zeigt. Speziell dieses Geschehen verstanden die frühen Christen als Bestätigung der Gottesauslegung Jesu und folgerten daraus, dass er in einem ganz besonderen Verhältnis zu Gott steht. Weil Gott sich bis in den Tod am Kreuz mit diesem Jesus von Nazareth identifizierte, muss er mehr als ein Prophet oder Gesandter des Vaters sein, nämlich sein Sohn. Die Gottheit des Sohnes ist somit von der Gottheit des Vaters her zu verstehen, die Gottheit des Vaters wird auf den Sohn ausgeweitet.

Der Sohn hat nicht nur am Wesen des Vaters teil, sondern er ist vom Wesen des Vaters. In diesem Schritt liegt die eigentliche Neudefinition Gottes im frühen Christentum: Gott ist so, wie Jesus von Nazareth ihn ausgelegt hat und deshalb gebührt ihm der göttliche Status des Sohnes. Das Neue Testament insistiert damit auf der göttlichen Würde Jesu, ohne das Bekenntnis zu dem einen Gott Israels damit zu schmälern. Hinzu kommt eine weitere Erkenntnis: Gott wurde in Jesus von Nazareth nicht nur Mensch, sondern er lässt sich bleibend im Leben der Menschen erfahren: durch den Heiligen Geist.

Gottes Wirklichkeit weist eine erfahrbare Wirksamkeit auf. In frühchristlichen Gemeinden wie Korinth (1.Korinther 12) oder Rom (Römer 12) wurden intensive Geisterfahrungen als Gottes­erfahrungen interpretiert und führten zu einer zweiten Innovation des Gottesbildes: Gott wirkt bleibend durch den Geist in der Geschichte und im Leben der einzelnen Menschen. In der Geisterfahrung ist Gott somit selbst gegenwärtig und nicht nur eine andere untergeordnete Größe. Das frühchristliche Gottesbild ist somit nicht zuallererst an einem prinzipiell jenseitigen und primär herrschenden Gott interessiert, der Gesandte aussendet oder Schriften verfasst, die den Menschen seinen Willen kundtun. Vielmehr geht es um den Gott, der sich auf die Welt zubewegt und in die Welt eingeht. Der Gott der Christen ist ein naher Gott; ein kommunizierender und lebendiger Gott, der aus Liebe für die Welt und die Menschen eintritt.

Dieses Modell eines nahen dreieinigen Gottes wurde von Anfang an vom Islam bekämpft. Es gilt als Ausdruck der Verfälschung des Wesens des einen allmächtigen Gottes. Die Christen sind Lügner und zu bekämpfende »Polytheisten« (Sure 9,29-33) und werden ermahnt: »O ihr Leute des Buches, übertreibt nicht in eurer Religion und sagt über Gott nur die Wahrheit. Christus Jesus, der Sohn Marias, ist doch nur der Gesandte Gottes und sein Wort, das er zu Maria hinunterbrachte, und ein Geist von ihm. So glaubt an Gott und seine Gesandten. Und sagt nicht: Drei. Hört auf, das ist besser für euch.« (Sure 4,171; Sure 112)

Der entscheidende Gegensatz bleibt: Jesus von Nazareth ist mehr als ein Prophet, er ist Sohn Gottes und verkündet einen anderen Gott als der Koran! Den liebenden, nahen, leidenden und gekreuzigten Gott; einen Gott, der in die Welt eingeht und bei den Menschen sein und bleiben will.

Fazit: Jesus ist der Unterschied und macht den Unterschied zu jeder anderen Religion!

Drei Religionen, ein Haus:  Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

Drei Religionen, ein Haus: Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

Freiheitsgeschichte(n) im Doppelpack

9. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Viele der Reformationsorte 2017 stehen auch für die friedliche Revolution 1989/90, beleuchtet die ehemalige thüringische Ministerpräsidentin in einem Beitrag für die Kirchenzeitung.

Die 500. Wiederkehr des Thesenanschlags von Martin Luther an die Schlosskirche von Wittenberg ist ein Weltereignis. Daran zweifelt zum Auftakt dieses Jubiläumsjahres 2017 niemand. Dennoch stellt sich die Frage, was dieses epochale Ereignis aus dem Jahr 1517 den heutigen Bewohnern der einstigen reformatorischen Kernlandschaften in Ost- und Mitteldeutschland bedeutet.

Der Grad der Entkirchlichung ganzer Landstriche zwischen Wittenberg, Eisleben, Torgau, Erfurt, Eisenach oder Schmalkalden, um nur einige der wichtigsten Orte der Reformationsgeschichte zu nennen, wiegt schwer. Dabei ist der Grad der Entkirchlichung dieser Gebiete mit einer bisweilen gar unter zehn Prozent tendierenden Kirchenzugehörigkeit der Bevölkerung nicht nur Folge der vergangenen sechs Jahrzehnte Diktaturerfahrung, sondern auch Ergebnis von »Freiheitsgeschichte« der vergangenen 25 Jahre nach 1990. Hier fanden die Verlockungen der neuen Konsumgesellschaft im historischen Materialismus der einstigen DDR-Ideologen durchaus fruchtbaren Boden.

Dieser dramatischen Entkirchlichungsgeschichte steht allerdings ein bemerkenswerter Befund über die offensichtliche Langlebigkeit historischer Prägungen entgegen. Das gilt auch dann, wenn gegenwärtigen Zeitgenossen die eigene Geschichte allenfalls rudimentär im Gedächtnis geblieben sein mag. Nimmt man beispielsweise eine Landkarte mit den Orten der friedlichen Revolution auf dem Gebiet der DDR des Jahres 1989 zur Hand, wird man feststellen, dass neben den im In- und Ausland bekannten Zentren der Revolution mit Berlin, Leipzig und Dresden viele Orte angegeben sind, in denen es ebenfalls offene Demonstrationen gegen Maßnahmen der erstarrten DDR-Staatsführung bereits im Zeitraum vom 13. August bis zum 31. Oktober 1989 gegeben hat; einem Zeitraum, in dem der friedliche Verlauf der Revolution alles andere als ausgemacht galt.

Es sind vor allem Städte und Gemeinden, die sich im Süden der ehemaligen DDR zu einem fast flächendeckenden Revolutionsgebiet bereits vor dem Fall der Mauer vom 9. November 1989 verdichteten. Vergleicht man diese Karte mit einer Landkarte der Ausbreitung der Reformation nach Luthers Thesenanschlag von 1517, hat man einen nahezu identischen Befund. So sind auf dieser Revolutionskarte von 1989 neben den bekannten Lutherstädten wie Wittenberg, Eisleben, Erfurt, Eisenach, Torgau, Schmalkalden, Halle, Jena oder Altenburg auch das thüringische Eisfeld, Hildburghausen, Arnstadt, Gotha, Nordhausen, Schleiz, Greiz und Lobenstein, Eisenberg, Camburg, Neustadt/Orla, Mühlhausen, Tambach-Dietharz, Waltershausen und weitere Städte und Gemeinden ausgewiesen.

Gleiches trifft auf heutige sachsen-anhaltische und sächsische Orte wie Halberstadt, Magdeburg, Calbe, Stendal, Arendsee, Dessau, Zerbst, Köthen, Weißenfels, Merseburg und Naumburg, Plauen, Oelsnitz oder Meißen zu.

Diese Orte haben ihre aus den kirchlichen Friedensgebeten hervorgegangene Revolutionsgeschichte 1989 und sind zugleich Orte, in denen die reformatorische Lehre, mancherorts freilich auch mit Rückschlägen, frühzeitig angenommen wurde.

Die Namen von Luthers Mitstreitern in diesen hier nur exemplarisch aufgeführten Gemeinden sind Legion. Sie reichen von Georg Spalatin in Altenburg über Justus Jonas, der in Leipzig, Halle, Naumburg, Zerbst, aber auch in Eisfeld und Südthüringen wirkte, über Friedrich Myconius in Gotha und Georg Rauth, der von Plauen aus wichtige Orte des Vogt- und Reußenlandes zur Reformation führte. Nicht weniger spannend ist der vorerst erfolglose Volksaufstand von 1524/25 gegen die Obrigkeit in Calbe.

Zu nennen sind der Luther-Vertraute und Dichter Paul Rebhuhn in Oelsnitz, der Jenaer Superintendent Anton Musa, der erster evangelischer Pfarrer in Mittweida wurde, Johann Spangenberg als Reformator Nordhausens oder Nikolaus von Amsdorf als erster evangelischer Bischof von Naumburg. Auf diesen Spuren lohnt es sich im Reformationsjahr 2017 einer doppelten Freiheitsgeschichte nachzugehen: der von 1517 und der von 1989/90.

Christine Lieberknecht

Die Autorin war von 2009 bis 2014 Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen.
Bis 1990 war sie als Pastorin tätig, seit 1991 ist sie durchgehend Abgeordnete der CDU im Thüringer Landtag.

»Vom Himmel hoch …«

25. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Luthers Weihnachtslieder als theologisches Manifest – von Renate Kortheuer-Schüring

Luther selbst musizierte mit Lust. Er schrieb mehr als 30 Kirchenlieder – darunter auch das bekannte Weihnachtslied »Vom Himmel hoch, da komm ich her«.

Aus der Stahlradierung von Carl A. Schwerdtgeburth »Luthers Familie unter dem Christbaum« (1843) scheint dieses Lied förmlich zu leuchten. Luther hatte »Vom Himmel hoch« wohl 1534 zur Bescherung für seine Kinder geschrieben; vielleicht sogar speziell für seine Tochter Margarete, die im Advent geboren wurde. Der Text folgt einem Teil der Weihnachtsgeschichte: Engel, Hirten und letztlich die Gläubigen selbst kommen darin wie in einem Krippenspiel zu Wort, um den neugeborenen Heiland zu verehren.

Dass Luther seinem fünfzehn Strophen umfassenden Gedicht zunächst die Melodie eines Gassenhauers beigab, tat der heiligen Sache keinen Abbruch. Die sogenannte Kontrafaktur war damals verbreitet; neu war es allerdings, weltliche Weisen in geistliche Musik zu transponieren. Dies dürfte – neben dem Buch- und Notendruck – auch dazu beigetragen haben, dass sich die reformatorischen Gedanken so rasch und weit verbreiteten, wie der evangelische Theologe Johann Hinrich Claussen in seiner »Geschichte der Kirchenmusik« schreibt.

»Vom Himmel hoch« ging ursprünglich auf ein mittelalterliches Spielmannslied zurück: »Ich kumm auß fremden landen her und bring euch vil der newen mär«, hieß es, Luther übernahm die erste Strophe mit kleinen Abwandlungen fast komplett. Einige Jahre später komponierte er jedoch noch eine eigene Melodie dazu – diejenige, nach der das Lied bis heute gesungen wird.

Martin Luther im Kreise seiner Familie, singend und Laute spielend, in mittelalterlicher Stube unterm glänzenden Weihnachtsbaum: Das Bild ist eine Ikone des Protestantismus. Auch wenn die Luther-Weihnacht in dieser Form der historischen Realität von 1536 kaum entsprochen hat –  der Christbaum war noch nicht erfunden –, so spiegelt sich in den im 19. Jahrhundert verbreiteten Darstellungen doch ein ganz besonderer Aspekt der Reformation: die Musik wird zur Trägerin der Frohen Botschaft. Repro: epd-bild/akg-images

Martin Luther im Kreise seiner Familie, singend und Laute spielend, in mittelalterlicher Stube unterm glänzenden Weihnachtsbaum: Das Bild ist eine Ikone des Protestantismus. Auch wenn die Luther-Weihnacht in dieser Form der historischen Realität von 1536 kaum entsprochen hat – der Christbaum war noch nicht erfunden –, so spiegelt sich in den im 19. Jahrhundert verbreiteten Darstellungen doch ein ganz besonderer Aspekt der Reformation: die Musik wird zur Trägerin der Frohen Botschaft. Repro: epd-bild/akg-images

Als Luthers theologisch bedeutendster Choral gilt allerdings ein anderes Weihnachtslied. »Nun freut euch, lieben Christen g’mein«, 1523 als Flugblatt veröffentlicht, enthalte in Versen und Tönen Luthers ganzes theologisches Programm, erklärt Claussen. Das heute seltener gesungene zehnstrophige Lied handelt von Gottes Gnade, der Geburt des Erlösers Jesus Christus und der Rechtfertigung des Sünders. Mit der Kernthese, dass der Mensch sein Heil allein aus göttlicher Gnade gewinnen kann und nicht aufgrund eigener Anstrengungen, löste Luther vor 500 Jahren die Reformation aus. Seine Theologie ist den Protestanten allerdings inzwischen fremd geworden, wie Claussen einräumt.

Zur Zeit der Reformation dagegen wurde »Nun freut euch, lieben Christen g’mein« zu einem wichtigen Hymnus. Der »Urkantor« der evangelischen Kirche, der Kirchenmusiker Johann Walter (1496–1570), schrieb, das »Liedlein Lutheri« habe »viel hundert Christen zum Glauben bracht …«, die sonst von dessen Lehre nichts hätten wissen wollen. »Die geistlichen Lieder haben nicht wenig zur Ausbreitung des Evangeliums geholfen«, berichtete der Kantor, der 1525 mit Luther die deutsche Messe entwickelte und das erste evangelische Gesangbuch herausgab. Für viele seien die Lieder Luthers auch Tröster in Todesnot geworden.

In dem bewegten Rhythmus des Weihnachts-Chorals sind Hüpfen und Freudensprünge angedeutet. Zum Singen, Tanzen und Springen angesichts der Frohen Botschaft fordert Luther auch im Text auf: »… lasst uns fröhlich springen, / dass wir getrost und all’ in ein, / mit Lust und Liebe singen.«

An den berührenden Volkston des Lieds »Vom Himmel hoch« reicht der Choral indes nicht heran. Im Lauf der Jahrhunderte griffen viele Komponisten die Melodie dieses »Kinderlieds« auf und verwendeten sie neu, zuerst Johann Sebastian Bach (1685–1750). In seinem berühmten »Weihnachtsoratorium« finden sich allein drei Choräle, die auf Luthers »Vom Himmel hoch« fußen; auch ein Orgelwerk im kontrapunktischen Stil hat Bach dem Lied gewidmet (1748). Felix Mendelssohn Bartholdy, Max Reger und Igor Strawinsky ließen sich ebenso von dem Engelsgesang inspirieren.

Musikalisch-theologisch standen sie damit in der Tradition des leidenschaftlichen Sängers aus Wittenberg, der »von der Musica so herrlich zu reden wusste« (Kantor Walter) und sie der Theologie gleichstellte. Bis heute wird dies zu Weihnachten und mit seinen Liedern für viele Menschen besonders spürbar: Dass das Evangelium eine »gute Nachricht« ist, wie Luther sagt, »davon man singet, saget und fröhlich ist«. (epd)

Ein Gesang aus 28 500 Kehlen

19. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Alle Jahre wieder singen Fans am 23. Dezember im Stadion an der Alten Försterei in Berlin-Köpenick Weihnachtslieder – der wohl größte Weihnachtschor Deutschlands.

Wenn am 23. Dezember im Stadion an der Alten Försterei in Berlin-Köpenick das Flutlicht ausgeht, entzünden die Menschen ihre Kerzen. Zum Kirchengeläut entsteht auf dem Rasen und auf den Rängen ein Lichtermeer. Eine Gänsehaut-Atmos­phäre, die selbst in dem Kultstadion im Berliner Osten nicht alltäglich ist. Dicht gedrängt stehen die Menschen, viele tragen die rot-weißen Farben ihres Vereins, des 1. FC Union Berlin. Heute sind sie ins Stadion gekommen, um Weihnachtslieder zu singen. Im Schein der Kerzen blicken sie in ihre Liederhefte und singen gemeinsam: »Es ist ein Ros entsprungen«. 28 500 Menschen sind gekommen, der wohl größte Weihnachtschor Deutschlands. Sie kommen von nah und fern, aus Berlin und aus München, aus dem Berliner Umland und aus dem europäischen Ausland, die Tagesschau hat unlängst berichtet.

Ob jung oder alt, Männer oder Frauen, ob arm oder reich: heute Abend stehen sie beieinander und singen gemeinsam. Sie alle sind gekommen für die einmalige Atmosphäre. Da kommen Menschen zusammen, die sich wohl sonst kaum begegnen würden. Hartgesottene Kerle, die jedes Wochenende auf der Waldseite, in der Fankurve stehen, singen hier nun »Ihr Kinderlein kommet«. Weihnachtslieder und Fangesänge des traditionellen Arbeitervereins 1. FC Union wechseln sich ab. Ein »Eisern Union« folgt auf »Süßer die Glocken nie klingen«. Viele sind gerührt, haben Tränen in den Augen. Der Schülerchor eines Köpenicker Gymnasiums führt den vielstimmigen Gesang an. Junge Ultra-Fans, als Weihnachtsmänner verkleidet und sonst für die Stimmung auf den Rängen verantwortlich, spendieren Kindern Nüsse und Süßigkeiten. Weihnachten für alle, organisiert von den Fans. Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich.

Eine Institution: Seit Jahren pilgern Tausende zum traditionellen Weihnachtssingen des 1. FC Union Berlin in das Vereinsstadion an der Alten Försterei in Berlin-Köpenick, auch der Autor des Beitrags. Foto: epd-bild / Ottmar Winter

Eine Institution: Seit Jahren pilgern Tausende zum traditionellen Weihnachtssingen des 1. FC Union Berlin in das Vereinsstadion an der Alten Försterei in Berlin-Köpenick, auch der Autor des Beitrags. Foto: epd-bild / Ottmar Winter

Dabei war der Start im Jahr 2003 noch recht verhalten und eher aus der Not geboren. Der 1. FC Union hatte eine durchwachsene Hinrunde gespielt, und vielen Fans war mit Blick auf Weihnachten nicht nach Feiern zumute. So trafen sich beim ersten Mal – noch ohne Unterstützung des Vereins – 89 Hartgesottene bei zehn Grad unter Null mit Glühwein aus Thermoskannen am Mittelkreis auf dem »heiligen Rasen« des Stadions an der Alten Försterei und sangen bei Kerzenschein gemeinsam Weihnachtslieder. Ein Mythos war geboren. In den nächsten Jahren kamen jedes Jahr mehr Menschen, und inzwischen übersteigt die Nachfrage bei Weitem die Kapazität des Stadions. Die Fans haben das Weihnachtssingen zu einem festen Bestandteil ihrer Weihnachtstraditionen gemacht.

Einer von ihnen ist Peter Müller, der einst Pfarrer in Köpenick war.

Ihn haben die Fans gebeten, im Stadion die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium zu lesen: »Es begab sich aber zu der Zeit …« Eine besondere Stimmung ist dann auf den Rängen des Stadions zu spüren. Viele hören die alten Worte vermutlich zum ersten Mal. Inzwischen ist Peter Müller fester Bestandteil des Weihnachtssingens und der Union-Familie. Die Fans sprechen von ihm als »ihrem Pfarrer«, zuweilen gibt es im Stadion zu den Heimspielen Fangesänge mit seinem Namen.

Seine Frau hat ihm für das Weihnachtssingen einen rot-weißen Schal mit zwei Kreuzen gestrickt. Den trägt er jetzt, wenn er die Weihnachtsgeschichte liest, wenn er das Vaterunser mit Tausenden Menschen betet und wenn er dieser besonderen Gemeinde für das Weihnachtsfest den Segen Gottes zuspricht. Und das alles im weitgehend säkularisierten Osten Berlins.

Für viele ist dies die einzige Begegnung mit Kirche im ganzen Jahr – und der Eindruck ist positiv: »Ich war dieses Jahr noch nicht in der Kirche, aber ich finde es gut, dass hier der kirchliche Gedanke mit rübergebracht wird«, sagt ein Fan mit rot-weißem Bauhelm, der ihn als einen der Stadionbauer ausweist. Eine junge Frau, angesprochen auf die kurze Predigt von Pfarrer Müller, sagt: »Dit war richtig jut. Super jemacht. Besser als in der Kirche.«

Für viele Menschen gehört das Weihnachtssingen inzwischen zum Weihnachtsfest dazu. Der 23. 12., 19 Uhr, mit der Familie und Freunden Weihnachtslieder singen und die Weihnachtsgeschichte hören: so geht Weihnachtsfreude beim 1. FC Union Berlin im Stadion an der Alten Försterei, dem größten Weihnachtschor Deutschlands.

Ramón Seliger

Der Autor ist Vikar in Weimar, Hobby-Fußballer und Mitglied beim 1. FC Union Berlin.

Tausendfach erzählt, immer wieder neu

12. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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»Es begab sich aber zu der Zeit …« – Kaum eine andere Geschichte der Bibel ist so bekannt wie die Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium, auch unter Konfessionslosen. Landauf, landab wird sie zu Weihnachten auf die Kirchenbühne gebracht. Doch Krippenspiel ist nicht gleich Krippenspiel.

Elsterwerda – Die klassische Geschichte unter freiem Himmel
Es war dunkel, es war kalt. So war es in Bethlehem. Und so wird die Szenerie des diesjährigen Krippenspiels in Elsterwerda sein. »Wir feiern den Weihnachtsgottesdienst unter freiem Himmel«, kündigt Pfarrer Kersten Spantig an. Die Idee wurde eher aus einer Not heraus geboren, denn die Stadtkirche ist seit September wegen Bauarbeiten gesperrt. Aber die Kirchengemeinde hatte ohnehin den Wunsch, hinauszugehen in die Öffentlichkeit, präsenter zu sein, unter den Menschen zu sein. Deshalb wurde aus der Baustellen-Not eine Tugend: Das Krippenspiel wird auf dem Marktplatz aufgeführt!

Rund 20 Kinder werden auf der Bühne stehen und die Geschichte von Jesu Geburt erzählen; Kindergarten- und Christenlehrekinder sowie Konfirmanden. Seit vielen Wochen proben sie schon. Viel zu tun hat auch das Vorbereitungsteam, das sich um Licht und Lautsprecher kümmert, um den Kulissenbau und die Werbung.

Die Gottesdienstbesucher werden stehen, deshalb soll die Christvesper kurz, aber prägnant werden; klassisch mit Predigt, gemeinsamem Singen und Krippenspiel. Die Stadtverwaltung, sagt Pfarrer Spantig, hat das Vorhaben sehr wohlwollend begleitet. Der Bürgermeister, der nicht christlich ist, wird den kirchlichen Posaunenchor auf der Trompete begleiten, dann soll »Stille Nacht« erklingen.

Pfarrer Kersten Spantig hofft, dass viele Menschen kommen und staunen. So wie beim »Messias«, den die Kantorei neulich aufführte – wegen der Kirchensperrung in einer Mehrzweckhalle. Das Konzert war gut besucht.

Zeitz – Schon die Kleinsten spielen mit
Es war die Idee der Erzieher. Sie wollten die Vorbereitungen für das traditionelle Krippenspiel des evangelischen Kindergartens in Zeitz auf mehrere Schultern verteilen. Alle Kolleginnen sollten mithelfen. Und so war die Idee geboren, auch alle Kinder einzubeziehen – vom Laufanfänger bis zum Vorschüler.

»Die Großen haben Sprechrollen, auch in Reimform. Das lässt sich für sie leichter merken.« Und die Kleinen? »Sie tanzen, übernehmen Statistenrollen, spielen die Schäfchen auf der Weide bei den Hirten«, sagt Erzieherin Katrin Fuhrmann. Eine halbe Stunde dauert das Krippenspiel, geprobt wird seit Mitte November, aufgeführt wird es bereits am vierten Advent in der Zeitzer Stephanskirche, im Anschluss wird zum Weihnachtsmarkt eingeladen.

Wittenberg – Uwe Birnstein und die Zeitmaschine
Dem Theologen und Journalisten Uwe Birnstein juckte es nach Jahren, in denen er konventionelle Krippenspiele gesehen hatte, in den Fingern. »Ich dachte damals an meinen elfjährigen Sohn. Er sollte nicht jedes Jahr das gleiche Krippenspiel aufführen. Er sollte wieder richtig Spaß haben«, sagt Uwe Birnstein, der damals in Bevern im Weserbergland zu Hause war und heute in Wittenberg lebt. Inspiriert von einem Film aus den 1970er-Jahren, kam ihm die Idee, die beiden Teenager Bastian und Sarah in eine Zeitmaschine zu setzen und nach Bethlehem ins Jahr Null reisen zu lassen.

»Per Zeitmaschine nach Bethlehem« wurde 1999 in Bevern uraufgeführt und gehört mittlerweile zu den beliebtesten Krippenspielen im Land. Das liegt nicht nur daran, dass Konfirmandengruppen oftmals aufwendige Zeitmaschinen selbst bauen und sich die Erwachsenen – durchaus mit kindlicher Freude – um Lichtshow und Nebelmaschine kümmern. Es liegt auch an der zeitgemäßen Sprache, die Birnstein verwendet, ohne sich mit Jugendslang anzubiedern. An den Popsongs, die jede Gemeinde nach Belieben austauschen kann. An der Kreativität, die das Spiel seinen Spielern lässt. Trotzdem bleibt die Weihnachtsgeschichte deutlich erkennbar – und wenn einzig der Engel bei den Hirten biblische Worte spricht: »ich verkündige euch große Freude«, dann hat das eine große Kraft.

»Das Spiel kann Brücken bauen für alle, die nicht mit christlichen Traditionen aufgewachsen sind. Wir gehen auf ihre Sprach- und Hörgewohnheiten ein. Wir zeigen: Wir Christen sind genauso Menschen wie ihr, aber wir haben einen besonderen Glauben und der ist gar nicht so alt, veraltet oder unbedeutend wie ihr denkt«, sagt Uwe Birnstein. Er denkt dabei an die vollen Kirchen gerade zu Weihnachten; in vielen Bänken sitzen ungeübte Gemeindeglieder und Konfessionslose. Uwe Birnstein ist selbst nichtkirchlich aufgewachsen. Aus seiner eigenen Kindheit und Jugend kennt er keine Krippenspiele.

Weimar – Amir spielt den Josef
Pastorin Bettina Reinefeld-Wiegel war verzweifelt auf der Suche nach Josef. Die Konfirmandengruppe, die in diesem Jahr das Krippenspiel für den ersten Gottesdienst am Heiligen Abend in der Herderkirche zu Weimar gestaltet, bestand nur aus Mädchen. »Wir brauchten dringend einen jungen Mann, um die Rolle des Josefs zu besetzen«, sagt die Pastorin. Da kam ihr Amir Mohammed in den Sinn.

Amir heißt eigentlich anders, die Redaktion hat seinen Namen geändert, weil nicht alle in seinem Umfeld sein Christsein positiv sehen. Er ist aus Afghanistan geflohen, er lebte dort als Muslim. Einige Zeit schon kommt er regelmäßig zu den Gottesdiensten in die Herderkirche, fiel der Pfarrerin auf, irgendwann sprach er sie an, sie redeten viel über den christlichen Glauben, im September ließ sich Amir Mohammed taufen. »Ich überlege immer wieder, wo er gut integriert werden kann in unserer Gemeinde, damit er sich wohlfühlt«, erzählt Pastorin Reinefeld-Wiegel. Das Krippenspiel ist so ein Ort.

Amir Mohammed wird den Josef spielen. Die Proben laufen gut. Amir Mohammed liest viel in der Bibel und besonders die Weihnachtsgeschichte, will vertraut werden mit Sprache und Inhalt und auf eine Texthilfe zur Aufführung verzichten. Konfirmandin Annika Halle, die die Maria spielt, hilft und erklärt ihm viel. Zu zweit und ganz in Ruhe sind sie den Text bereits durchgegangen. Pastorin Reinefeld-Wiegel ist glücklich darüber, wie gut die Konfirmandengruppe den jungen Mann aufgenommen hat. »Die jungen Menschen lernen sich und die unterschiedlichen Kulturen kennen«, sagt sie. Das sei Integration pur. Bettina Reinefeld-Wiegel möchte dies weiter fördern: Sie sucht Menschen, die in der Kirchengemeinde jenen Flüchtlingen Deutschunterricht geben, die noch keinen Integrationskurs besuchen.

Halle – Solo für Maria
Die Generalprobe hat sich zum Geheimtipp entwickelt. Weil zu beiden Aufführungen des Krippenspiels in der Paulusgemeinde zu Halle das Gedränge riesig ist, kommen inzwischen viele Familien mit kleinen Kindern am Heiligabend vormittags in das Gottes­haus. Dann ist es ruhiger, dann lässt sich das Krippenspiel genießen und die freudige Spannung von rund 100 Mitwirkenden spüren.

Die Proben für das Krippenspiel-Musical in Halle laufen auf Hochtouren. – Foto: Katja Schmidtke

Die Proben für das Krippenspiel-Musical in Halle laufen auf Hochtouren. – Foto: Katja Schmidtke

In der Paulusgemeinde ist das Krippenspiel als Musical konzipiert, seit 1993 arbeiten Kirchenmusikdirektor Andreas Mücksch und die sprachbegabte Gemeindekirchenrätin Barbara Schatz zusammen und schreiben Musik und Texte selbst. Seitdem sind Klassiker für die Gemeinde entstanden: »Bring mich nach Bethlehem« oder »Eine Stadt liegt in den Bergen« berichten vom Wunder der Weihnacht.

In diesem Jahr wird das Krippenspiel von 2013 wiederaufgeführt. Es erzählt Weihnachten aus Sicht der Hirten. Die Begeisterung der gut zwei Dutzend Jungen und Mädchen des Kinderchors ist groß. Schnell finden sich Spieler und Sänger. Die Rolle der Maria muss ausgelost werden, sie singt ebenso wie die drei Weisen ein Solo. »Wir sind oft erstaunt, wie sich die Kinder immer wieder darauf einlassen«, sagt Barbara Schatz. Das Krippenspiel ist ein Stück Heimat in der großen Gemeinde. Viele junge Leute, die dem Jugendchor entwachsen sind und in anderen Städten studieren und arbeiten, kommen Weihnachten zurück und reihen sich in den Chor ein. Kantor Mücksch findet, das Krippenspiel ist mehr als ein Spiel für Kinder. »Es ist die zentrale Verkündigung an Heiligabend.«

Bad Berka – Die Vertretungspfarrerin und ihr Ideenschatz
Nicht überall können Pfarrer, Gemeindepädagogen und Kantoren mit so vielen Menschen proben und vorbereiten wie in den Stadtgemeinden. Auf dem Lande fällt so manches Krippenspiel aus, weil es keine Kinder mehr gibt. Das muss nicht sein, findet Friederike Spengler. Sie arbeitet hauptberuflich als Persönliche Referentin von Brigitte Andrae im Landeskirchenamt Erfurt. Als Pfarrfrau und Pfarrerin mit Pre­digtauftrag im Kirchenkreis Weimar weiß sie um die Sorgen und Nöte von Landgemeinden.

Für sie ist das Krippenspiel keineswegs schmückendes Beiwerk, es ist Verkündigung und es ermöglicht der Gemeinde eine Beteiligung daran. »Es ist sogar eine missionarische Art, Gemeinde zu bauen«, hat sie in ihrer Zeit als Gemeindepfarrerin festgestellt. Wo es keine Kinder und Jugendlichen mehr gab, hat sie Erwachsene zum Krippenspiel motiviert – und oft selbst den Anfang gemacht: »Ich spiele mit. Sie auch?« Die Pfarrerin hat aber auch Gemeinden kennengelernt, wo dies nicht möglich ist. Wenn der Pfarrer zu Heiligabend nicht an allen Orten sein kann, kommt die Vertretung ins Spiel. Friederike Spengler lädt in solchen Fällen immer ihr Auto mit Requisiten voll: die Krippe samt Figuren, Kerzen, Stroh, die Flöte. Vielleicht sogar einen CD-Spieler, falls es keinen Organisten gibt. Daraus lässt sich viel zaubern.

Sie schafft es, die Menschen einzubeziehen, sie aus der Zuschauerrolle zu lösen. Ein Krippenspiel mit Kerzen: eine blaue für Maria, eine gelbe für das Jesuskind, eine weiße für den Engel, eine dicke dunkelrote, die nicht angezündet wird, für Herodes. Auch in Schattenspielen oder mit einem Polylux und Bildern hat Friederike Spengler die Weihnachtsgeschichte schon erzählt. Sie hat Predigten aus der Rolle einer der Figuren gehalten: Wie war es wohl für Maria, was empfanden die Hirten, warum blieb Josef eigentlich bei Maria, und verspürten die Wirte vielleicht Reue?

Perfektionismus ist fehl am Platze. Auch dass Friederike Spengler die Menschen nicht kennt, vor und mit denen sie spielt, ist nicht wichtig. Wann, wenn nicht Weihnachten, geht es um die Botschaft? Und gerade das Neue, das Fehlen von Bekanntem, das oft als Mangel Empfundene kann der Gemeinde helfen, sich dieser tausendfach tradierten Botschaft neu zu nähern.

In diesem Jahr wird Friederike Spengler diesen Versuch wieder wagen: In einem kleinen Ort mit kleiner Kirche feiert sie die Christvesper. »Gerade bin ich mit der Betreiberin eines Ziegenstalls im Gespräch, und dabei ist die Idee entstanden, den ersten Teil des Weihnachtsevangeliums mit der Gemeinde in der Kirche zu lesen und sich dann mit den Hirten auf den Weg zum Stall zu machen«, erzählt sie. »Da bekommt das ›Lasst uns gehen und sehen, was uns der Herr kundgetan hat‹ eine ganz andere Dimension. Im Stall erwartet uns die Krippe und eine Predigt über die Rolle der Hirten in der Weihnachtsgeschichte.«

Katja Schmidtke

Theologie als Spielball des Zeitgeistes

4. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirche und Theologie gehen viel zu beliebig mit der Bibel um – meint Udo Schnelle, einer der renommiertesten Theologieprofessoren Deutschlands. Im Gespräch mit Andreas Roth spricht er über die Grenzen der historisch-kritischen Theologie, zu viele Moralpredigten und die Wahrheit der Weihnachtsgeschichte.

Herr Professor Schnelle, Sie sind als Theologe Experte darin, biblische Texte auseinanderzunehmen – aber Sie waren auch einmal Pfarrer und mussten trösten und verkündigen. Hat Ihnen das die historisch-kritische Theologie schwer gemacht?
Schnelle: Sie hat mir eher geholfen. Gott der Schöpfer hat mir Vernunft gegeben, und wenn sich durch die biblischen Texte historische Fragen stellen, dann muss ich sie beantworten. Bei der zentralen Glaubensentscheidung, der Auferstehung Jesu Christi von den Toten, kommt die Vernunft an ein Ende – aber davor darf ich fragen, etwa, ob Jesus ein bestimmtes Wort gesagt hat oder nicht.

Jesu Geburt anno 2016? Eine Menge hat sich geändert, heißt es dazu lapidar auf der Internetseite eines amerikanischen Anbieters dieses »Hipster Nativity Sets« … – Foto: modernnativity.com

Jesu Geburt anno 2016? Eine Menge hat sich geändert, heißt es dazu lapidar auf der Internetseite eines amerikanischen Anbieters dieses »Hipster Nativity Sets« … – Foto: modernnativity.com

Das ist gut protestantisch. Doch Sie werfen der evangelischen Kirche und Theologie Beliebigkeit gegenüber der Bibel vor – warum?
Schnelle: Sie haben natürlich nicht die Bibel verworfen, aber sie haben im Sinne der Postmoderne wesentliche Inhalte für nicht mehr aktuell erklärt. Das Zweite ist: Es werden ständig ethische Fragen in Kirche und Theologie behandelt, aber die eigentlichen Glaubensfragen treten permanent zurück. Der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm betreibt eine Intensiv-Ethik, in der das Christentum rein moralisch gefasst wird. Das halte ich für grundfalsch. Denn der Kern des Christentums ist das Verhältnis des einzelnen Menschen zu Gott und Jesus ­Christus – das ist in den letzten Jahrzehnten immer undeutlicher geworden in der evangelischen Kirche.

Machen wir es konkret: Um welche Themen drückt sich denn die Kirche?
Schnelle: Zum Beispiel das Gericht Gottes. Landauf, landab wird der liebe Gott verkündet. Das ist natürlich nicht falsch, aber da haben wir eine Art Schmusegott, der im Grunde genommen nichts anderes tut als das, was wir selbst wollen. Dabei steht im Neuen Testament klar, dass mein Handeln und Nicht-Handeln Folgen haben wird im Gericht Gottes. Das Nächste ist die Auffassung von der Ehe. Sowohl der historische Jesus als auch Paulus sind gegen das Scheitern und Scheiden von Ehen. Die evangelische Kirche aber passt sich ständig der politischen Mehrheitsmeinung an.

Kann man in manchem Zeitgeist nicht auch den Heiligen Geist entdecken? Die zentrale Botschaft Jesu ist doch, dass der Wille Gottes Liebe und Erbarmen ist.
Schnelle: Ich will gar nicht bestreiten, dass das Zentrum des Evangeliums die Liebe und Barmherzigkeit Gottes ist. Aber ich kritisiere eine einseitige Fokussierung darauf.

Ist das so schlimm?
Schnelle: Der evangelische Verzicht auf Glaubensinhalte führt dazu, dass die wenigen, die noch zur Kirche halten, enttäuscht sind. Das erklärt den anhaltenden kirchlichen Abwärtstrend, denn für Frieden, Gerechtigkeit und die Erhaltung der Schöpfung sind heute alle Parteien. Dafür brauche ich keine Kirche mehr.

Ist an dieser Entwicklung die historisch-kritische Theologie schuld? Sie selbst haben namhafte Lehrbücher über sie geschrieben.
Schnelle: Sie ist teilweise mitschuldig. Die Entwicklung setzte in den 1950er-Jahren ein, mit dem Theologen Rudolf Bultmann und anderen. Sie vertraten eine radikale Theologie: Alles, was als rückständig, überholt und mythologisch angesehen wurde, das müsse man nicht mehr glauben. Die Auferstehung Jesu wurde verflüchtigt zu einem bloßen Symbol – sie ist dann kein reales Geschehen mehr, und vom historischen Jesus blieb fast nichts mehr übrig. Das ändert sich in den letzten Jahrzehnten langsam wieder, Gott sei Dank.

Wenn die historisch-kritische Theologie mitschuldig ist – sollte man sie dann nicht besser abschaffen?
Schnelle: Sie ist notwendig, weil die Texte des Alten und Neuen Testaments historische Texte sind. Sie sind eben nicht vom Himmel gefallen. Sondern sie sind von Menschen geschrieben worden und gewachsen – und diese historische Dimension muss untersucht werden. Aber diese historischen Untersuchungen dürfen nicht an die Stelle des Glaubens treten, sondern sie müssen ein Schritt hin zum Glauben sein. Der Glaube weiß, dass die Bibel mehr als Menschenwort ist.

Wenn Konfirmanden oder Schüler fragen, ob Jesus nun Wunder vollbracht hat oder nicht – was sagen Sie dann?
Schnelle: Es gibt Wundergeschichten wie die Speisung der 5 000, die deutlich vom Alten Testament beeinflusst sind – ob die historisch sind, kann man bezweifeln. Dann gibt es aber wieder andere Wundergeschichten wie die Heilung der Schwiegermutter des Petrus, wo es keinen vernünftigen Grund gibt, sie dem historischen Jesus abzusprechen.

Ich bin nicht für eine Schwarz-Weiß-Malerei. Wir Theologen behandeln die Bibel kritischer und skeptischer als die Geschichtswissenschaftler jedes andere Buch der Antike. Aber es muss ein Grundvertrauen in die historische Zuverlässigkeit der biblischen Berichte geben – und das ist gerechtfertigt, weil wir über keine Gestalt der Antike so genau Bescheid wissen wie über Jesus von Nazareth.

Darf ein Pfarrer Weihnachten sagen, dass die Weihnachtsgeschichte historisch so wahrscheinlich gar nicht geschehen ist?
Schnelle: Ja, das darf er sagen, wenn er klar macht, was die Weihnachtsgeschichte dennoch theologisch aussagt: Nämlich, dass Gott in dem Menschen Jesus von Nazareth zu uns gekommen ist. Insofern ist die Weihnachtsgeschichte auch wahr.

Muss das die Menschen in den Kirchgemeinden nicht verwirren?
Schnelle: Man muss sicher über den Ort nachdenken, wo man historisch-kritische Fragen erörtert. Bei Gemeindeabenden, in der Erwachsenen- und Jugendarbeit kann man sich biblischen Texten sehr wohl so nähern – und zwar, indem die Teilnehmer selbst entdecken, welche Spannungen, Doppelungen und Widersprüche es teilweise in der Bibel gibt.

Ist ein Grund für innerkirchliche Zerreißproben wie die Diskussion um Homosexualität, dass ein Brückenschlag zwischen akademischer Theologie und Gemeinde oft nicht gelingt?
Schnelle: Ja, das sehe ich so. Im Theologiestudium geht es viel um die rein historischen Fragen – aber wie ich das theologisch einzuordnen und zu verstehen habe, das kommt nur selten vor. Es gibt eine Unfähigkeit der akademischen Theologie, Glaubensfragen ernsthaft im Studium zu verankern.

Viele Pfarrer kommen nach ihrem Studium in eine Gemeinde und haben das Gefühl: Das, was ich gelernt habe, kann ich hier gar nicht sagen. Ich sehe, dass viele von ihnen innerlich und intellektuell vereinsamt sind. Das ist seelisch auf Dauer ungesund.

Gibt es eine Medizin dagegen?
Schnelle: Ich rate sehr dazu, die Probleme nicht auszuklammern und die kritischen historischen und theologischen Fragen in die Gemeindearbeit einzubinden. Und die Pfarrer sollten untereinander das theologische Gespräch suchen, zum Beispiel in den Konventen. Ihr Glaubenspaket, das sie mitbekommen haben, schmilzt im Laufe der Jahre, und es gibt nur wenige Ladestationen, wo der eigene Glaube geistlich und intellektuell wieder aufgeladen wird.

Müssen dafür Theologie und Kirche wieder mehr Ernst machen mit dem Evangelium?
Schnelle: Ja, man müsste mit ihm mehr Ernst machen – und es auch ernster nehmen.

Udo Schnelle (64) ist Professor für Neues Testament an der Fakultät für evangelische Theologie der Marin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und hat einige der derzeit verbreitetsten Lehrbücher zur Entstehung und Auslegung des Neuen Testaments geschrieben.

Vom Glauben der Leute

27. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Advent, Achtsamkeit, Aberglaube – diese drei Themen vereint in einer G+H-Ausgabe? Das schien der Autorin zunächst recht abwegig. Beim Nachdenken über den sogenannten Aberglauben aber zeigte sich, dass sie durchaus in Verbindung zueinander stehen.

Es geht um Warten und Hören, den Umgang mit Ungewissheit und Ungeduld im Advent als einer Zwischenzeit, die unter besonderen Traditionen und Ansprüchen steht und so vielfältige Bedeutungen erfährt.

Advent und Weihnachtszeit, Buß- und Fastenzeit in der alten Kirche, im Jahr 836 in Aachen, 932 in Erfurt auf der Synode in Erfurt bestätigt, hatten auch im Lebensalltag klare Regeln. Schwarze Kirchenkleidung war geboten, Hochzeiten, Musik, Lustbarkeiten waren verboten; nur Kindern und Jugendlichen waren – an den Adventsdonnerstagen oder den Tagen der Heiligen Andreas, Barbara, Nikolaus, Luzia oder Thomas – Umzüge erlaubt mit Sprüchen, Liedern, Kerzen, kleinen Gaben. Mit diesen Tagen verbunden waren Bräuche, die als Liebes- und Wetterorakel dienten.

Sie gestalteten die Advents- und Weihnachtszeit, verkürzten das Warten bis zum Fest und lenkten den Blick auf das Kommende. So in Bräuchen der »Zwölf Nächte« zwischen dem Christtag und Epiphanias: das Wetter dieser Nächte galt als Orakel für die Monate des neuen Jahres. In den »Zwölften« sollte die Arbeit ruhen. Auch nicht gewaschen werden: diese Regel meiner Mutter begleitet mich bis heute. War das alter »Aberglaube«, in christliche Feste eingebunden?

»Gibt es in der Gemeinde Aberglauben?« Diese Frage an die Ortspfarrer war seit der Aufklärung im 18. und 19. Jahrhundert üblich in Formularen, die im Vorfeld der Visitation an die Kirchenleitung gingen; sie war ebenso üblich wie eine andere, heute merkwürdig anmutende: »Hat der Pfarrer Menschenscheu?« Höheren Orts wollte man über die Verhältnisse vor Ort Genaues erfahren. Die Pfarrer verneinten, um die eigene Aufklärung unter Beweis zu stellen. Wenig redeten sie über »den Glauben der Leute«.

Doch auch diese redeten kaum. Das Volk, so ein Pfarrer um 1900, sei »mit der Preisgabe seiner Geheimnisse äußerst vorsichtig und zurückhaltend. Der Glaube und auch der sogenannte Aberglaube wird nicht an die große Glocke gehängt«. Es herrsche »Misstrauen gegenüber modernen Weltanschauungen (und) den Gebildeten, den Arzt, Pfarrer und Lehrer«; man »wittere beim Pfarrer die Unduldsamkeit, dass sich ›Aberglaube‹ mit der christlichen Religion nicht verträgt«; der Bauer könne »den Kampf der Pfarrer gegen seinen sogenannten Aberglauben nicht recht begreifen, weil er den scharfen Unterschied zwischen Aberglauben und Glauben, wie ihn die Kirche zieht, nicht kennt«. Das gelte für Magie und Brauch, Segenssprüche, Amulette, die Heilkunde für Mensch und Tier und den Geisterglauben.

Beispiele aus den letzten drei Jahrhunderten belegen: es gab auch unter jenen »Gebildeten« solche, die vom »Volksglauben« im Alltag und Denken der Menschen wussten. So der Arzt Christoph Wilhelm Hufeland – 1762 in Langensalza geboren, in Jena und Göttingen studiert, dann Hofmedicus in Weimar – der als Begründer der »Makrobiotik« gilt. Sein Buch »Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern« verbindet altes magisches, volksmedizinisches und modernes Wissen.

Rudolph Zacharias Becker, 1752 in Erfurt geboren, Pädagoge und Publizist, hatte in Jena Theologie und Philosophie studiert; sein 1788 in Gotha und Leipzig erschienenes »Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleute«, in zahllosen Auflagen edierter Bestseller, zeigt das »Programm« der Volksaufklärung: Rat für Scheintod, Erfrieren, Ersticken, Ertrinken, Gewitter, Gesundheit, Krankheit, Tod bei Mensch und Tier, gesundes Essen und Trinken. Im Kapitel »50. Vom Behexen, Zaubern und Vergiften« redet er Klartext: Von Kindern, die »viel essen und doch nicht zunehmen; woran meistentheils die Würmer schuld« seien, nicht aber Hexen; er spricht von »Lug und Betrug«, »albernem Glaube an Hexen, Druden und wie die Dinger heißen«.

Aberglaube, so Becker, sei der »falsche Glaube«; als solchen war er der Aufklärung »Widerglaube«: was wahrem Glauben und Vernunft entgegenstehe und zu bekämpfen sei. Als wissenschaftlicher Begriff ist »Aberglaube« heute nicht brauchbar, denn es ist ein zeitgenössisches Kampfwort.

»Von einem thüringischen Landpfarrer« stammt ein anonym in Gotha 1895 schon in dritter Auflage erschienenes Buch »Zur bäuerlichen Glaubens- und Sittenlehre«. Sein Autor Hermann Gebhardt, im Pfarrhaus in Molschleben aufgewachsen und dort als Pfarrer bis zu seinem Tode wirkend, gibt eine »Darstellung der Licht- und Schattenseiten in unserem gegenwärtigen Volksleben«, wie sie zu dieser Zeit weder in der Volkskunde noch in Theologie und Kirche existiert. Auffällig: »Aberglaube« findet sich im Kapitel »Zum ersten (gemeint: Glaubens-)Artikel«, wo es um das Gottesbild der Leute, Taufe, Hochzeit und Tod geht; auch um Todesanzeichen und Vorahnungen. Das heißt, Glaube und Aberglaube sind begriffen als magisches Denken und Deuten der Leute; nicht als ein Gegensatz, sondern auf einer Ebene fließend vermengt.

Die Aufklärung, so Gebhardt, »hat gewaltig aufgeräumt, in keinem Dorf besteht der Aberglaube der Urgroßeltern unversehrt … Anderseits dürfte auch kein Dorf ohne Aberglaube zu finden sein«; auch der Hexenglaube lebe, wie Beispiele belegen. Sein Fazit: dass »ziemlich alle Bauern öffentlich allen Aberglauben verleugnen, unter vier Augen dagegen ganz anders reden; ferner, dass die Pfarrer von früher als die amtlichen Verfolger des Aberglaubens und Verkündiger der Aufklärung die letzten sind, denen er seine Herzensmeinung über diese Dinge offenbart; und dass er, wo er nicht reden will, schweigsamer ist als das Grab«.

Ein Fund unserer Zeit sind die 1968 erschienenen Erinnerungen von Gertrud Elle, »eine rechte Pfarrfrau und Gehilfin ihres Mannes«, so Bischof Mitzenheim im Vorwort über »die Tochter des Jenaer Historikers Dobenecker«. Ihre Erfahrungen im Pfarramt, der erste Pfarrort 1909 im Vogtland, der nächste im Thüringer Wald, sind ein Kulturschock, aus Sicht der Zivilisation wie der Mentalität »eine ganz neue Welt … hinter dem vordergründigen Leben ein anderes, hintergründiges, geheimnisvolles, unheimliches: die Zauberei, der Aberglaube« junger Mütter, Frauen, Gebärender.

Das Kapitel »Schwarze Kunst« öffnet den Blick auf diese Lebenswelten, auf ein Gespinst aus Angst, Geistern, Dämonen, Tod, Vorzeichen, Gebet und Magie. Die Pfarrfrau Gertrud Elle sieht, beobachtet und beschreibt, besser als Theologen, Volks- und Völkerkundler ihrer Zeit, den »Aberglauben« als das, was er war und ist: ein Gemenge aus Archaik und Moderne, aus Ängsten und vermeintlichen Sicherheiten.

Christel Köhle-Hezinger

Die Autorin lehrt Volkskunde an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und war EKM-Synodale.

Grabmäler im Scheckkartenformat

21. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In Sachsen-Anhalt und seit Neuestem auch in Thüringen sind Bestattungen in Wäldern erlaubt. In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gibt es bislang nur einen solchen Waldfriedhof in kirchlicher Trägerschaft. Ein Besuch in Meisdorf (Kirchenkreis Egeln) am Harzrand.

Die Novembersonne kämpft sich durch das Blattwerk. Die bis zu 155 Jahre alten Eichen haben ihr Sommerkleid noch nicht vollständig abgeworfen, golden leuchten die verbliebenen Blätter. Herbstlicht im Gesicht und raschelndes Laub unter den Füßen – doch ein gewöhnlicher Spaziergang ist das nicht. Wer in Meisdorf im Kirchenkreis Egeln gegenüber dem Schlosshotel, gleich am Kriegsmahnmal, in den Wald abbiegt, geht einen besonderen Weg – zum bislang einzigen kirchlichen Waldfriedhof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Hier gibt es keine geharkten Wege, keinen gemähten Rasen, keine rechteckig abgezirkelten Grabstätten, keine Lilien und Kerzen, keinen Kirchturm. Hier werden Gräber zu Biotopen und Bäume zu Grabmälern. Erkennbar sind sie an Namenstafeln – weiße Schrift auf schwarzem Grund – im Scheckkartenformat und in etwa zwei Metern Höhe am Baumstamm angebracht.

Erdbestattungen sind nicht erlaubt, Grabschmuck nicht erwünscht. Dennoch liegen Blumen im Laub; Rosen und Hortensien. »Die Menschen wollen ihren Angehörigen nah sein. Auch hier«, sagt Ralf Ziesenhenne. Er ist geschäftsführender Revierförster der Kirchlichen Waldgemeinschaft Wippra, diese verwaltet mehr als 1 000 Hektar Kirchenwald, auch jenen der evangelischen Gemeinde Meisdorf.

Als Partner hat sich die Kirche die Ruheforst GmbH aus Erbach im Odenwald dazugeholt. Das Unternehmen ist nicht Friedhofsträger, das ist die Kirchengemeinde, aber Ruheforst steuert Know-how bei und übernimmt die Werbung.

Unter allen Wipfeln ist Ruh – mit diesem abgewandelten Vers aus Goethes »Wandrers Nachtlied« wirbt die Ruheforst GmbH für die Waldbestattung. Foto: EKM/Susann Biehl

Unter allen Wipfeln ist Ruh – mit diesem abgewandelten Vers aus Goethes »Wandrers Nachtlied« wirbt die Ruheforst GmbH für die Waldbestattung. Foto: EKM/Susann Biehl

Der Waldfriedhof dient der Bestattung und dem Gedenken. Und er ist Stätte der Verkündigung des christlichen Auferstehungsglaubens. So steht es in der Friedhofsordnung. Greifbar wird dies beim Andachtsplatz. Bänke stehen im Halbrund um einen Altar aus drei gekappten Stämmen, im Hintergrund ein großes, schlichtes Kreuz. Trotz kirchengemeindlicher Trägerschaft ist der Waldfriedhof konfes­sionsoffen.

In den seltensten Fällen wird der Meisdorfer Gemeindepfarrer für Trauerfeiern angefragt: Johannes Hesse hat in den vergangenen sechs Jahren drei Menschen auf dem Waldfriedhof bestattet. Es sind weniger die Menschen aus den Dörfern am Harzrand als jene aus den Städten, die sich hier bestatten lassen. Sie kommen aus Quedlinburg, Magdeburg, Halle, Erfurt oder Berlin.

Das mag viele Gründe haben. Praktische: Weil keine Grabpflege nötig ist. Finanzielle, weil nur einmal für einen Zeitraum von 99 Jahren Gebühren anfallen. Pro Baum gibt es zwölf Grabstätten, eine kostet ab 600 Euro. Wer einen ganzen Baum für sich oder seine Familie reservieren möchte, zahlt 3 700 Euro. »Es sind viele mittleren Alters.

Sie wollen vorsorgen«, hat Förster Ziesenhenne beobachtet. Die Menschen, die hierher kommen, beschäftigen sich früh mit der eigenen Sterblichkeit. Viele suchen sich ihren Baum aus.

Susann Biehl, im Landeskirchenamt zuständig für Kirchenwald, ergänzt die Beobachtungen von Förster und Pfarrer. »Es sind auch Menschen, die diesen Naturraum lieben, die in Gottes schöner Schöpfung sein möchten«, sagt die Kirchenoberforsträtin.

Im Meisdorfer Forst werden jährlich zwischen 40 und 50 Menschen bestattet. 270 Eichen sind als Grabstätten eingetragen, eine Erweiterung des bislang fünf Hektar großen Waldfriedhofs ist geplant. Konkrete Pläne für weitere kirchliche Waldfriedhöfe in der EKM sind der Kirchenoberforsträtin nicht bekannt. Es gebe einige interessierte Kirchengemeinden, aber nicht immer passen die Gegebenheiten.

Foto: Katja Schmidtke

Foto: Katja Schmidtke

Dennoch möchte die Kirche den Bedürfnissen der Menschen entgegenkommen. Deshalb hat die EKM die Einrichtung von Waldfriedhöfen auch in Thüringen befürwortet. Der Thüringer Landtag hatte Anfang November das Bestattungsgesetz geändert und auch Waldfriedhöfe erlaubt. Kritik kam seitens der Union, die befürchtet, der Tod werde aus den Dörfern und Städten hinausgedrängt.

Der Kirche ist es wichtig, christliche Prägungen aufrechtzuerhalten. Für Waldbestattungen heißt das, dass der Friedhof als solcher erkennbar ist, dass es einen christlichen Andachtsplatz gibt und keine anonymen Bestattungen, sagt Susann Biehl. Du bist beim Namen gerufen. So ist es im Leben. Und im Tod.

Katja Schmidtke

Sieben Jahre Theorie – und dann?

14. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Das-volle-Leben.de: Im Internet wirbt die Evangelische Kirche in Deutschland für den (Zitat) »geilsten Job der Welt«, den Pfarrberuf. Theologiestudenten klagen auf der anderen Seite über den fehlenden Praxisbezug ihres Studiums. Das Theologiestudium zwischen Ansprüchen und Wirklichkeit – die Studierenden Julia Braband und Felix Kalbe diskutierten darüber mit der Prodekanin, Professor Miriam Rose, und dem neuen Dekan, Professor Manuel Vogel, der Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena; moderiert von Willi Wild.

Gesprächsrunde: »Glaube + Heimat« brachte die Jenaer Studenten (v.l.) Julia Braband und Felix Kalbe mit Dekan Manuel Vogel und Prodekanin Miriam Rose zum Gedankenaustausch an einen Tisch. Fotos: Adrienne Uebbing

Gesprächsrunde: »Glaube + Heimat« brachte die Jenaer Studenten (v.l.) Julia Braband und Felix Kalbe mit Dekan Manuel Vogel und Prodekanin Miriam Rose zum Gedankenaustausch an einen Tisch. Fotos: Adrienne Uebbing

Was war Ihre Motivation, Theologie zu studieren?
Braband:
Ich habe früh angefangen, im Kindergottesdienst mitzumachen. Durch meine ehrenamtliche Tätigkeit in Kirchengemeinde und Kirchenkreis hat sich der Wunsch entwickelt.
Kalbe: Ich kam aus der Schule, war viel mit der evangelischen Jugend unterwegs. Und irgendwann stellte sich die Frage: Was mache ich eigentlich nach dem Abitur? Dann habe ich mich entschieden, Theologie zu studieren. Ich will mein Hobby zum Beruf machen.

Was haben Sie vom Theologiestudium erwartet?
Braband:
Ich wusste, dass es ein rein wissenschaftliches Studium ist mit drei Wochen Gemeindepraktikum. Jetzt merke ich aber, sechs oder sieben Jahre Studium und drei Wochen Gemeindeerfahrung stehen in keinem Verhältnis. Ich verstehe, dass Grundlagen wichtig sind, aber Praxis ist es ebenfalls.
Kalbe: Die Praxisnähe fehlt. Eine Vorbereitung auf Lehramt oder Pfarramt ist das nicht.
Prof. Rose: Ich habe erst mal Verständnis für die Sicht. Aber es ist ein korrekturbedürftiges Bild dessen, was das Studium leisten soll. Es geht gerade nicht darum, dass man das lernt, was man dann den Schülern oder der Gemeinde erzählen kann. Sondern es geht darum, dass man lernt, ganz grundlegend die eigene Praxis zu reflektieren. Es ist mehr eine Ausbildung auf einer Meta­ebene. Um dann alle nur möglichen Praxisvollzüge selbstständig reflektieren zu können. Wir wollen die Studierenden befähigen, sich selbst anzuleiten. Lehramtsstudierende erwarten, dass sie unmittelbar Unterrichtsentwürfe lernen, die sie dann umsetzen können. Und Pfarramtsstudierende erwarten schon gleich im 1. Semester Anleitung zum Predigtmachen. Aber wir setzen auf einer ganz anderen Ebene an.

Haben Sie im Vikariat den Eindruck gehabt, durch das Studium genug auf die Praxis vorbereitet zu sein?
Prof. Vogel:
Ich wusste, was mich erwartet. Ein Klimawechsel und ein Milieuwechsel, den ich gut bewältigt habe. Ich habe es immer als einen Genuss empfunden, wissenschaftlich arbeiten zu können und mich zu bilden. Das Studium an sich ist ein Wert, den man nicht unterschätzen sollte, ohne unmittelbare Erwartungen an die Praxisnähe zu haben. Ich hoffe, Studierenden Lust daran zu vermitteln, sich zu bilden: eine Lust auf Bildung, eine Lust an Bildung. Viele Lehrer und Pfarrer sehnen sich später nach dieser Zeit zurück. Für viele ist dann auch diese erworbene Bildung in materieller Gestalt – in Form von Büchern, die man sich angeschafft hat – ein Rückzugsort. Das ist sehr wertvoll und hält ein ganzes Berufsleben an.

Der unmittelbare Praxisbezug stellt sich, denke ich, im Vikariat sowieso sofort ein. Aber die Kategorien, um darüber abstrakt selbstkritisch nachzudenken, muss man sich im Studium erarbeiten. Das ist eine sehr wichtige Anforderung im Beruf. Der ständige Blick über die eigene Schulter braucht eine ganz gründliche theologische Bildung; die sollte im Studium erworben werden.
Braband: Ich finde es schwierig. Da studiere ich sechs Jahre und bewerbe mich anschließend für ein Vikariat, und dann werde ich vielleicht wegen mangelnder praktischer Eignung abgelehnt. Ich wünsche mir im Studium ab und zu Reflexionsgespräche, nicht nur am Anfang oder nach der Zwischenprüfung. So kann ich feststellen, ob ich auf dem richtigen Weg bin.
Kalbe: Ist es nicht viel effizienter, das theoretische Wissen anzuwenden und auszuprobieren, als zu warten, bis das Studium abgeschlossen ist?
Prof. Vogel: Das sehe ich nicht so. Ich sehe im Studium wirklich eine Auszeit. Es hindert Sie niemand daran, den Praxisbezug in Ihrer Gemeinde zu suchen. Aber die Abfolge ist eine andere: Man eignet sich theoretische Kenntnisse an, und dann kommt irgendwann die Situation, wo man diese einsetzen kann. Die Zeiträume sind aber größer. Wenn Sie das Studium hinter sich haben, ist ein ganzes berufliches Leben Zeit für die Praxis. Es geht darum, eine Vorstellung von 2 000 Jahren Christentums-Geschichte zu haben. Ein Fundament, das auch durch tagesaktuelle Debatten nicht so leicht zu erschüttern ist.
Prof. Rose: Ich denke, was manchmal zu kurz kommt, ist die Einübung, Praxis und theoretische Reflexion miteinander zu verbinden und füreinander fruchtbar zu machen. Als Dozentin könnte ich noch mehr verdeutlichen, aus welchem Praxisproblem theoretische Reflexionen jeweils entspringen. Beispielsweise, was macht überhaupt Gemeinde aus oder was ist Kirche? Und dann kann man die theoretischen Reflexionen anschließen.

Ich würde noch gern auf den Punkt eingehen, dass man im Studium wenig kritische Rückmeldungen bekommt, ob man zum Pfarramt geeignet ist oder nicht. Mir leuchtet ein, dass das ein Problem ist. Ich denke nur, man kann es jetzt nicht über die Dozenten lösen. Ein großer Vorteil des Studiums ist, dass man wirklich ganz frei diskutieren kann. Das ist mir auch sehr wichtig, dass Studierende Freiraum haben, theologische Positionen und Argumente auszuprobieren, die vielleicht mit ihrem bisherigen Denken wenig zu tun haben. Es ist sehr wichtig, dass die Rolle der Dozenten klar getrennt ist von der als spiritueller Begleiter oder Berater.
Braband: Das sehe ich auch so. Es macht in diesem Zusammenhang sicher Sinn, zu Anfang deutlicher darzustellen, was das Studium leisten kann.

Haben Sie den Eindruck, dass sich nicht alle Ihrer Kommilitonen darüber im Klaren waren?
Kalbe:
Das ist relativ unterschiedlich und bunt gemischt. Es gibt Leute, die kommen direkt aus dem Gemeindeleben zum Theologiestudium. Und dann gibt es auch wieder die Gegenbeispiele; die Leute finden dann erst während des Studiums überhaupt zur Taufe und beschäftigen sich mit ihrem Glauben. Und es gibt Leute, die haben mit Kirche und Glauben nicht viel am Hut.
Braband: Manche studieren nur aus rein wissenschaftlichem Interesse. Ich habe schon mal gehört: »Mit dem Beten hab ich es nicht so.« Das finde ich schwierig, vor allem, wenn man auf Pfarramt studiert.
Prof. Vogel: Ich würde ungern das Studium mit sehr starken normativen Vorgaben belasten. Also mir ist gerade wichtig, dass Studierende sich intensiv mit der Bibel auseinandersetzen, mit den Bekenntnisschriften, dass sie sich das aneignen. Aber ich möchte den Freiraum geben, auch etwas auszuprobieren. Die Zeiten sind glücklicherweise vorbei, wo vorgeschrieben wurde, wie man glauben soll und was richtig oder falsch ist.
Prof. Rose: Das ist später im Pfarramt sehr wichtig, zu akzeptieren, dass Gemeindemitglieder auf sehr verschiedener Weise glauben, und behutsam ein Verständnis dafür zu entwickeln.
Außerdem hat die Theologie in den letzten Jahrhunderten eine sehr stürmische Entwicklung durchgemacht. Da gibt es sehr gegensätzliche Positionen, wie: Befreiungstheologie, Feministische Theologie, Ökologische Theologie, Theologie nach Auschwitz. Es sind sehr, sehr gegensätzliche Richtungen. Ich möchte gerne, dass Studierende wirklich auch in der Gegenwart ankommen und sich mit diesen verschiedenen Entwürfen beschäftigt haben.

Die Theorie gibt es im Studium, die Praxis im Predigerseminar oder im Vikariat. Ist das nicht gut aufgeteilt?
Braband:
Ich könnte jetzt ganz plakativ sagen: sieben Jahre Theorie und zweieinhalb Jahre Praxis.
Prof. Rose: … ein Leben lang Praxis.
Prof. Vogel: Möglicherweise greift die Frage nach dem Praxisbezug des Theologiestudiums zu kurz, und es geht vielmehr um die Zeitgenossenschaft von Theologie überhaupt? Also was hat der Satz: »Gott liebt dich so wie du bist« zu tun damit, dass im Mittelmeer Menschen ertrinken? Das ist meine selbstkritische Anfrage an Universitätstheologie. Damit verbindet sich auch die Frage, ob wir im Grunde die Bildungsbestände, die wir verwalten, als Wissensbestand und Besitz in einem bildungsbürgerlichen Sinne weitergeben. Also, der Pfarrer, die Pfarrerin hat Griechisch, Hebräisch und Latein gelernt. Und das unterscheidet sie von den sogenannten einfachen Gemeindechristen. Ist das vielleicht auch ein möglicher professoraler Habitus? Die Studierenden atmen das dann sozusagen mit jeder Vorlesungsstunde ein. Nach meiner Wahrnehmung ist die Theologie reichlich apolitisch geworden und die Studierenden sind es auch. Als männlicher Dozent bin ich oft in der Position, weiblichen Studierenden die Feministische Theologie schmackhaft machen zu müssen, vom christlich-jüdischen Dialog ganz zu schweigen.

Möglicherweise muss man die Frage nach dem Praxisbezug des theologischen Studiums viel radikaler stellen. Das würde dann implizieren, dass Sie sich als Persönlichkeiten im kritischen Dialog mit den Dozenten stärker einbringen und eine Antwort auf die Relevanzfrage einfordern.

Der protestantische Petersdom

7. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Sonderfall Schlosskirche: Sie ist Reformationsdenkmal, Touristenmagnet und evangelische Selbstvergewisserung, Ausbildungskirche für den ostdeutschen Pfarrernachwuchs und nicht zuletzt auch Gemeindekirche.

Die Kirchengeschichte: Sie wurde »Allen Heiligen« gewidmet, war Kirche des Kurfürsten, des Kaisers, sogar des DDR-Staats. Aktuell gehört sie dem Land Sachsen-Anhalt. 500 Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers geht die Schlosskirche 2017 in das Eigentum der EKD über. Damit endet ein de facto jahrzehntelanger unklarer Rechtszustand.

Jener ist der Geschichte geschuldet: Die Schlosskirche war seit 1507 Kirche der Universität. Als Wittenberg nach den Befreiungskriegen preußisch wurde, verlegte der König die Universität nach Halle und erließ 1816 eine Kabinettsorder, wonach »ein lutherisches Predigerseminarum« anstelle der ehemaligen Universität in Wittenberg einzurichten sei. Sitz wurde das Augusteum; zur Ausbildungskirche wurde die Schlosskirche erkoren.

Kirchliches Leben in staatlichen Gemäuern – so blieb es über die Jahre und durch die Zeitenwenden hindurch. Aktuell trägt das Land Sachsen-Anhalt die Verantwortung, auch wenn das Bundesland juristisch gesehen natürlich nicht der Rechtsnachnachfolger des preußischen Staates ist. Sind die Bauarbeiten am Schlosskirchenensemble Anfang 2017 beendet, übernimmt die EKD die Kirche in ihr Eigentum.

Die Schlosskirche mit dem markanten Turmhelm gehört seit 1996 zum Weltkulturerbe. Sie war einst Schauplatz des Thesenanschlags und beherbergt bis heute die unversehrten Grabstätten der beiden Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon. Foto: Harald Krille

Die Schlosskirche mit dem markanten Turmhelm gehört seit 1996 zum Weltkulturerbe. Sie war einst Schauplatz des Thesenanschlags und beherbergt bis heute die unversehrten Grabstätten der beiden Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon. Foto: Harald Krille

Die Reformationskirche: »Die rechtlichen und tatsächlichen Verhältnisse werden jetzt neu geordnet«, sagt Thomas Begrich. Der ehemalige Finanzdezernent der Kirchenprovinz Sachsen und der EKD betreut und begleitet heute für die EKD das Bauvorhaben Schlosskirchenensemble. Der Oberkirchenrat findet das Engagement der Evangelischen Kirche Deutschlands richtig und nötig. »Die Schlosskirche ist schließlich nicht irgendeine Kirche, sie ist der Ursprungsort der Reformation, Ort des Thesenanschlags und Grabstätte von Luther und Melanchthon. Wenn die EKD als Gemeinschaft und Dachorganisation die Schlosskirche übernimmt, agiert sie im Interesse all ihrer 20 lutherischen, reformierten und unierten Gliedkirchen«, betont Oberkirchenrat Begrich. Da geht es um die inhaltliche Gestaltung, um den Umgang mit bis zu einer halben Million Gästen im Reformationsjahr, um Kontinuität und, ja, auch um Finanzkraft.

»Ich bin der EKD sehr dankbar, dass sie bereit ist, die Schlosskirche ins Eigentum zu übernehmen. Das Land Sachsen-Anhalt hätte ja auch einen anderen Eigentümer wählen können«, sagt Hanna Kasparick. Die promovierte Theologin ist Direktorin des Predigerseminars – die Einrichtung hat das primäre Nutzungsrecht der Schlosskirche. Auch nach dem Eigentümerwechsel. Mit dem Engagement der EKD sei klar, dass die Schlosskirche Kirche ist und bleibt, kein Museum wird. »Die EKD, und damit die Gemeinschaft der Gliedkirchen, übernimmt für diesen Ursprungsort der lutherischen Reformation besondere Verantwortung«, freut sich die Direktorin.

Die Ausbildungskirche: Schon seit 200 Jahren ist die Schlosskirche Ausbildungskirche des Predigerseminars. Während die Vikare über all die Jahre hindurch in dem mächtigen, eindrucksvollen Gotteshaus das Predigen übten, lebten und studierten sie mit ihren Dozenten bis vor wenigen Jahren im Augusteum. Im Zuge des Eigentümerwechsels der nun generalsanierten Kirche wird auch das ehemalige Universitätsgebäude umstrukturiert. Das Predigerseminar bezieht einen neuen Campus an der Kirche, das Augusteum bietet nun der Stiftung Luthergedenkstätten Sachsen-Anhalt mehr Platz und Raum. Aktuell verabschiedet sich das Predigerseminar mit einer Ausstellung von der alten Heimstatt: »Gehrock, T-Shirt und Talar« heißt die Schau über die Geschichte des Seminars, die gemeinsam mit der Stiftung realisiert wurde. Die »Wittenberger Rochade«, wie es Hanna Kasparick nennt, sei ein Gewinn für Predigerseminar, Ausbildung und Schlosskirche. »Wir befinden uns jetzt direkt neben unserer Ausbildungskirche, können sie viel intensiver für die Ausbildung, für Andachten, das Mittagssingen und liturgische Übungen nutzen«, nennt sie Beispiele. Dies sei auch ein Gewinn für die Kirchenbesucher: Sie erleben, dass die Reformation nicht bloß Thesenanschlag und 500 Jahre alte Geschichte ist, sondern »eine Aufgabe, vor der jede neue Generation steht«. Das Predigerseminar sei wie eine »Zukunftswerkstatt des Protestantismus«.

Neben dem Predigerseminar gehören auch das Zentrum für evangelische Predigtkultur, die Evangelische Akademie und die Evangelische Wittenbergstiftung zu den Akteuren in der Schlosskirche. Letzte übernimmt etwa die Schulung der Kirchenführer. Auch mit dem Zentrum des Lutherischen Weltbunds arbeitet man eng zusammen. Als anregend, unterstützend und kreativ bezeichnet Hanna Kasparick das Miteinander. Ein Verwaltungsrat soll alle Belange, Rechte und Pflichten klären. Freunde und Unterstützer aus vielen Ländern und Kirchen haben sich in der Internationalen Schlosskirchengemeinschaft versammelt.

Die Gemeindekirche: Erst spät in ihrer Geschichte wurde die Schlosskirche auch zu einer Art Gemeindekirche: 1949 gründete man die Schlosskirchengemeinde, auch um in der DDR die kirchlichen Belange aufrechtzuerhalten. Aktuell gehören ihr rund 110 Menschen an. Etwa zwei Dutzend leben im unmittelbaren Umfeld. Die meisten werden aufgrund ihres Wohnorts eigentlich der weitaus größeren Stadtkirchengemeinde zugeordnet, treten aber der Schlosskirchengemeinde bewusst bei. Die Schlosskirchengemeinde ist stark personell geprägt. Lehrer, Rentner, Angestellte in sozialen Berufen, Handwerker, aber natürlich auch die Dozenten des Predigerseminars sind Glieder. »Trotz des besonderen Orts, wollen wir eine ganz normale Gemeinde sein«, sagt Kirchenältester Matthias Pohl. Mit allem, was dazugehört. »Ja, das ist unsere Kirche. Wir identifizieren uns mit ihr, auch wenn sie uns nicht gehört«, erzählt der 58-jährige Matthias Pohl vom Selbstverständnis der Gemeinde. Nicht einmal einen Schlüssel für den Kirchenbau haben sie. Die Schlosskirchengemeinde genießt Gastrecht in der Kirche. Und sie gerät auch schnell in eine Gastrolle bei durchschnittlich 100 Gästen und 10, 15 Gemeindegliedern im sonntäglichen Gottesdienst.

Aber die Gemeindeglieder sind selbstbewusst, einsatzfreudig und prägen das gottesdienstliche Leben mit. Sie helfen dem Predigerseminar, bei dem Kanzelrecht und liturgische Ordnung liegen, etwa mit Lektoren- und Begrüßungsdienst das geistliche Innere zu gestalten. Die Beziehungen zum Seminar sind eng und persönlich. Wenn es einen neuen Adventsstern zu beschaffen und Altargeräte auszusuchen gilt, »regeln wir das mit dem Predigerseminar«, sagt Matthias Pohl.

Die Kirche in der Zukunft: Es klafft eine Lücke. Seit dem Tod von Propst Siegfried Kasparick ist die Gemeindepfarrstelle vakant. »Er fehlt überall«, sagt Matthias Pohl. Die Vertretung hat Wittenbergs Superintendent Christian Beuchel übernommen.

»Traditionell war der Propst von Wittenberg Schlosskirchenpfarrer«, blickt Beuchel in die Geschichte. Aber seit dem Zusammenschluss zum Sprengel Halle-Wittenberg sitzt der Regionalbischof in Halle. Undenkbar, dass Propst Johann Schneider von dort aus eine Gemeinde betreut.

Entschieden, wie es künftig weitergeht, ist noch nichts. Varianten gäbe es einige: sie reichen von der EKD über das Predigerseminar und die Stadtkirchengemeinde bis zur Suptur. Superintendent Beuchel stellt klar: »Die Schlosskirchengemeinde ist Gemeinde des Kirchenkreises. Er hat die Pflicht und das Recht, die Gemeinde zu versorgen.« Wichtig sei vor allem, die Kontinuität geistlichen Lebens in der Schlosskirche zu sichern. »Gibt es eine Gemeinde, gibt es auch Gemeindeglieder. Und sie sind Garant für ein geistliches Leben.«

Einig sind sich alle: Zum Reformationsmuseum darf die Kirche nicht verkommen. Gerade hier muss gelebt werden, was Luther predigte.

Katja Schmidtke

Türen auf von Nord bis Süd

31. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Mit gutem Beispiel voran: Pressefahrt der EKM zu offenen Kirchen

Nord: 2017 will die EKM eine gute Gastgeberin sein. Dazu gehört auch das Herzensprojekt der Landesbischöfin: »Offene Kirchen«.

»Unsere Kirchentür ist geöffnet«, so heißt ein kleines Schild Menschen  in der Kirche zu Flechtingen will- kommen. Nicht alle  Gemeinden,  die Pfarrerin Irene Heinecke (links) betreut, stehen  der EKM-Initiative »Offene Kirchen«  so wohlwollend gegenüber. Foto: Katja Schmidtke

»Unsere Kirchentür ist geöffnet«, so heißt ein kleines Schild Menschen in der Kirche zu Flechtingen will- kommen. Nicht alle Gemeinden, die Pfarrerin Irene Heinecke (links) betreut, stehen der EKM-Initiative »Offene Kirchen« so wohlwollend gegenüber. Foto: Katja Schmidtke

»Nein, hier ist noch nie etwas passiert. Kein Diebstahl, kein Vandalismus«, sagt Irene Heinecke. Nur einmal, erinnert sich die Pfarrerin, haben zwei Jungen Scheiben der Kirche von Flechtingen im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt eingeworfen. Von außen. Damit, dass die Türen des Gotteshauses seit mehreren Jahren tagsüber unverschlossen sind, hatte dieser Ausdruck von Frust und Liebeskummer wahrlich nichts zu tun. Das Altarbild vom Jüngsten Gericht, die seltene Moses-Kanzel aus Stuck oder der Tetzel-Kasten – all dies sind Schätze, Hunderte Jahre alt, mit Geld nicht zu bezahlen, aber der größte Schatz der Kirche ist wohl ihre offene Tür. »Die Möglichkeit, außerhalb der Gottesdienst- und Andachtzeiten hierherzu­kommen, einen Raum zu finden für das Gebet, die Stille, auch zum Weinen, ohne Aufsicht, das ist so wichtig und wertvoll«, sagt Pfarrerin Heinecke, sie lacht, ihre Augen strahlen.

Landesbischöfin Ilse Junkermann steht neben ihr und nickt. Die Bischöfin spazierte im vergangenen Jahr während eines Reha-Aufenthalts regelmäßig zur Kirche. »Das war eine besondere geistliche Erfahrung«, erinnert sie sich.

Flechtingen, Wegenstedt, Etingen

Es sind aber nicht persönliche Empfindungen, die die Initiative der »Offenen Kirchen« für die Landesbischöfin zur Herzensangelegenheit machen. Das wohl ehrgeizigste Projekt der EKM zum Reformationsjubiläum stellt für die Theologin auch eine Umkehr dar, es ist ein Bußruf: »Verschlossene Türen bedeuten, wir sind uns selbst genug. Aber wir wollen doch für alle da sein, für alle offen sein.«

Eine Order von oben kann die Initiative nicht sein. Das wird besonders im Pfarrbereich von Irene Heinecke deutlich. Während die Flechtinger Kirche bereits seit mehr als 25 Jahren täglich von mittags bis abends geöffnet ist, hat sich der Gemeindekirchenrat des benachbarten Wegenstedts erst in diesem Frühjahr dazu entschlossen. »Wir fanden den Vorschlag der Landeskirche gut. Jeder hat das Bedürfnis nach Stille, und das nicht nur sonntags«, sagt Kirchenälteste Rosemarie Pötsch. Angst vor Vandalismus hat sie nicht. »Falls etwas passiert, steht die EKM hinter uns.«

Die Versicherung gegen Diebstahl und Vandalismus speziell für »Offene Kirchen« wird ab Januar 2017 angeboten, sie kostet 65 Euro pro Jahr und Kirchengebäude. Der Beitrag wird von der Landeskirche subventioniert, dafür sind laut Haushaltsplanung 300 000 Euro eingestellt.

In Etingen, das auch zu Irene Heineckes Pfarrbereich gehört, konnte dieses Angebot von EKM und Ecclesia-Versicherung nicht überzeugen. »Es gingen im Fall der Fälle auch ideelle Werte verloren«, meint Friedrich Widdicke vom Gemeindekirchenrat. Die Kirche zu Etingen wurde 1893 nach achtzehn Monaten Bauzeit errichtet, sie ist innen wie außen aus einem Guss, funkelnde Kron- und Altarleuchter, detailreiche Wandbemalungen –das alles habe man geerbt von den Vorfahren und wolle es in gutem Zustand weitergeben. Die Kirche für jedermann zugänglich zu machen, könne der Gemeindekirchenrat nicht verantworten. Pfarrerin Heinecke kann das nicht nachvollziehen: »Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.«

Katja Schmidtke

Derzeit sind 140 der 4 031 Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet, weitere 477 werden auf Ver­langen aufgeschlossen. Bis Frühjahr 2017 sollen möglichst alle Kirchen geöffnet werden; das geht auf einen Beschluss der Herbstsynode 2015 zurück. Die tatsächliche Entscheidung liegt beim Gemeindekirchenrat. Aktuell läuft eine Umfrage zur Kirchenöffnung, deren Ergebnis auf der Synode im November vorgestellt werden soll.

Derzeit sind 140 der 4 031 Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet, weitere 477 werden auf Ver­langen aufgeschlossen. Bis Frühjahr 2017 sollen möglichst alle Kirchen geöffnet werden; das geht auf einen Beschluss der Herbstsynode 2015 zurück. Die tatsächliche Entscheidung liegt beim Gemeindekirchenrat. Aktuell läuft eine Umfrage zur Kirchenöffnung, deren Ergebnis auf der Synode im November vorgestellt werden soll.


Süd: Porta patet, cor magis – das Tor steht offen, das Herz noch mehr. Diese alte Zisterzienser-Regel könnte Wahlspruch der Initiative »Offene Kirchen« sein und ist es vielmehr seit 30 Jahren für Pfarrer i. R. Rainer Schmidt aus Mühlberg im Kirchenkreis Gotha. 1986 öffnete er mit Beschluss des Gemeindekirchenrates die St. Lukaskirche. Und das mit Erfolg. Viele Reisende, Familien, Ausflügler und Radler machten seither in der Barockkirche Station. »Kirchen sollten so geöffnet sein«, erklärt Pfarrer Schmidt, »dass die Leute hineingehen und aus dem Getriebe der Welt herauskommen können.« Er wolle diesen heiligen Ort, der auch ein künstlerisches Gesamtwerk sei, niemandem vorenthalten.

Natürlich gäbe es in der Gemeinde bis heute unterschiedliche Meinungen über die Öffnung von 8 bis 18 Uhr. Einige tragen sich immer noch mit Sicherheitsbedenken. Dafür hat Schmidt Verständnis, die bisherige Praxis habe jedoch gezeigt, dass die Menschen durch eine Öffnung des Gotteshauses mehr gewinnen als verlieren. Nur einmal sei in den vergangenen 30 Jahren etwas gestohlen worden.

Mühlberg, Kapellendorf, Weimar

Angesichts dieser Erfolgsgeschichte hofft Bischöfin Ilse Junkermann, dass noch viele weitere Gemeinden die von ihr bei der Herbstsynode im vergangenen Jahr angestoßene Frage der offenen Kirchen intensiv durchdenken und besprechen. Denn wenn die Kirche geöffnet wird, soll, wie in Mühlberg, die Gemeinde dahinterstehen. Von oben will und kann die Kirchenleitung dies nicht verordnen. »Die Initiative ist aber die Chance«, so Bischöfin Junkermann, »das Kirchengebäude als Ort der Predigt neu zu entdecken.«

(v. li.) Pfarrer i. R. Rainer Schmidt und Propst Diethard Kamm vor der St. Lukaskirche in Mühlberg (Kirchenkreis Gotha). Foto: Diana Steinbauer

(v. li.) Pfarrer i. R. Rainer Schmidt und Propst Diethard Kamm vor der St. Lukaskirche in Mühlberg (Kirchenkreis Gotha). Foto: Diana Steinbauer

Eine Entdeckung der besonderen Art ist ebenso die Dorfkirche von Kapellendorf im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Als ältestes Gebäude des Ortes – erstmals urkundlich erwähnt im Jahre 800 – spielt die Kirche auch bei den Führungen in der Wasserburg Kapellendorf immer eine bedeutende Rolle. »Ich freue mich sehr, dass ich bei jeder Führung darauf hinweisen kann, dass die Kirche für jeden offen steht – unabhängig von den Öffnungszeiten der Burg«, sagt Marie Petermann, Kuratorin der Wasserburg.

Bereits seit den 1980er-Jahren schließen Vertreter der kleinen Gemeinde jeden Tag ihre Kirche für Besucher auf. Und von den 19 000 Besuchern der Wasserburg im Jahr kommen die meisten auch in der Kirche vorbei. Wie dieses Angebot geschätzt wird, davon zeugen die Eintragungen im Gästebuch. Aber es gibt auch stille Zeichen davon, wie sehr die Kirche Anlauf- und Ankerpunkt der Menschen geworden ist. »Immer wenn ich die Kirche betrete, brennen am Kerzenständer Lichter. Das zeigt mir, die offene Kirche wird angenommen und regelmäßig genutzt«, so Vikar Conrad Neubert.

Während unverschlossene Häuser und Höfe schon der Vergangenheit angehören, setzt die EKM mit der Initiative »Offene Kirchen« ein Zeichen gegen diesen Trend. Denn eine unverschlossene Kirche nehmen die Menschen als sehr positiv wahr, berichtet Hardy Rylke, Pfarrer der Jakobskirche in Weimar. Auch deren Pforten sind bereits seit vielen Jahren geöffnet. »Ich möchte den Menschen die Gelegenheit geben, das kennenzulernen, was mir zum Leben hilft und was vielleicht auch etwas für sie sein könnte«, so Rylke. Eine geöffnete Kirche zeige den Menschen, ja, ich habe wirklich Interesse an dir. Eine abgeschlossene Kirche dagegen bezeichnet Rylke als Katastrophe, denn jeder Mensch, der die Klinke herunterdrücke, verbinde mit seinem Besuch ein besonderes Bedürfnis. »Wenn wir als Kirche für alle offen sein wollen, dann muss das doch auch für die Gebäude gelten«, so Rylke.

Die Beispiele zeigen, dass das Projekt »Offene Kirchen« ehrgeizig, aber realisierbar ist. Laut Ralf-Uwe Beck, Pressesprecher der EKM, strebt die Evangelische Kirche hier einen Paradigmenwechsel an. »Heute sind die meisten Kirchen auf dem Gebiet der Landeskirche noch verschlossen. 2018 soll dies umgekehrt sein.« Und zwar auch noch lange über das Reformationsjubiläum hinaus. Propst Diethard Kamm betont: »Die Initiative ›Offene Kirchen‹ ist keine Schaufensteraktion. Wir öffnen unsere Gotteshäuser, und offen sollen sie bleiben.«

Diana Steinbauer

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