Selbst ein Akteur auf dem Markt

2. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Wirtschaft: »Theologische Tage« in Halle fragten nach der Rolle der Kirche zwischen Kapital und kirchlichem Auftrag

Der Kapitalismus steckt in der Krise.  Selbst Wirtschaftsvertreter wissen um die Schwachpunkte.  Auch die Kirche kommt nicht umhin, sich mit ihrer Rolle auf dem Markt auseinanderzusetzen.

Der Leiter des Sozialwissenschaftlichen Institutes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. »Wir«, sagt Gerhard Wegner, »brauchen eine grundlegende Veränderung des Wirtschaftssystems.« So, wie es jetzt aufgestellt ist, seien die Zukunftsperspektiven nicht besonders gut. Eine Ursache der gegenwärtigen Krise sieht der Wirtschaftsfachmann und Sozialethiker in der dominierenden Rolle des Geldes und im Auseinanderklaffen von Real- und Finanzwirtschaft. »Derzeit«, weist Wegner nach, »geht es nur noch um die Vermehrung des Geldes.« Mit allen negativen Begleiterscheinungen.

Zugleich hält sich der Theologe aber auch nicht mit Selbstkritik zurück. Die Kirche dürfe ihre Positionierung nicht nur auf das Soziale verkürzen, sondern müsse auch das ökonomische Geschehen in den Blick nehmen, findet Wegner. Ein fairer Wettbewerb etwa könne weltweit gesehen durchaus sinnvoll sein. Als Negativbeispiel nennt er die Agrarsubventionen in der EU, die die armen Länder benachteiligen würden.

Zwei Tage lang stehen wirtschaftliche Fragen im Mittelpunkt der Theologischen Tage der Martin-Luther-Universität in Halle. Unter dem Motto »Zwischen Angebot und Nachfrage. Kirche – Markt – Macht« geht es um jüdisch-christliche Wertvorstellungen zu Geld, Zinswesen und zur ­Wirtschaft sowie um die Frage, ob diese religiösen Orientierungsangebote überhaupt noch zeitgemäß sind.

Blickpunkt-06Neben dem Leiter des Sozialwissenschaftlichen Institutes spricht der Tübinger Theologieprofessor Eilert Herms über Markt und Macht im Selbstverständnis der Kirche, der frühere Bischof Axel Noack fragt nach unternehmerischem Handeln aus christlicher Sicht und der Hallenser Professor für systematische Theologie Jörg Dierken befasst sich in einem Workshop mit Kapitalismus und Marktzerstörung in christlicher Perspektive.

Die traditionsreichen Theologischen Tage greifen damit ein Thema auf, das durch die Krise des Euro und der globalen Finanzsysteme derzeit in aller Munde ist und die Medien beherrscht. Wenn ganze Staaten ins Taumeln geraten, könnten sich die Kirchen nicht einfach zurücklehnen, heißt es dazu in Halle.

Tatsächlich gehört sie selbst zu den »nicht ganz kleinen Akteuren« (Wegner) und unterliegt mit ihrem Geld den Regeln des Marktes. Allein die Pensions­kassen aller Landeskirchen umfassen derzeit etwa 15 Milliarden Euro. Für den Leiter des Sozialwissenschaftlichen Ins­titutes kann das nur eines bedeuten:

Die Kirche müsse sich fragen, ob sie sich dem Markt angleichen oder andere Strukturen entwickeln wolle. Dass der Umgang mit dem Geld dabei immer wichtiger wird, darauf weist auch der frühere Magdeburger Propst Matthias Sens hin. So habe die mitteldeutsche Kirche Ende des vergangenen Jahres ethische Kriterien zur Kapitalanlage beschlossen, sagt er in der anschließenden Diskussion.

Doch grundlegend ändern lässt sich das Wirtschaftssystem damit nicht, das vor allem auf Wachstum angelegt ist. Wichtig sei es deshalb zu fragen, woran künftig der Wohlstand gemessen werden soll, findet Wegner. Dagegen plädiert der Hallenser Theologie-Professor Jörg Dierken für mehr Realitätssinn in der Debatte und wirft einen kritischen Blick auf die lange Tradition des Antikapitalismus im Luthertum.

So seien August Hermann Francke oder Johann Hinrich Wichern auch große Unternehmer gewesen, durch deren Handeln etwas Positives für andere herausgekommen sei. Nach seiner Ansicht haben Theologie und Ökonomie eine ganze Menge miteinander zu tun. »Religion ist der Umgang mit der Endlichkeit, in der Ökonomie geht es um den Umgang mit der Knappheit.« Zudem könne auch wirtschaftliches Handeln als Lebenssinnquelle verstanden werden, so Dierken.

Einen Schritt weiter geht der Tübinger Soziologe Christoph Deutschmann, der sich in seinem Beitrag mit der »dämonischen Qualität des Geldes« befasst. Seit dem 19. Jahrhundert hätte der Markt eine quasi religiöse Rolle erhalten. »Heute ist Geld weit mehr als ein harmloses Tauschmittel«, zeigt er sich überzeugt. Auch in der Idee des Marktes sieht Deutschmann keineswegs ein Naturgesetz.

Vielmehr handele es sich um einen Glauben, der in direkter Konkurrenz zur christlichen Religion stehe. »Der Marktgott ist kein gütiger Gott, sondern ein ­Dämon!« Dabei sei der Kapitalismus nicht per se amoralisch, stellt der Soziologe klar. Das Argument der liberalen Theorie, der Markt führe zu globaler Gerechtigkeit, sei nicht völlig falsch. »Aber wir sollten uns vor einer Marktgläubigkeit hüten.« Heute stehe die Aufgabe, wie sich die »Entgrenzung des Marktes« ­wieder rückgängig machen lasse. »Das«, findet Deutschmann, »kann auch eine Aufgabe der Kirche sein.«

Martin Hanusch

Dem Vergessen einen Strich durch die Rechnung machen

26. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Holocaustgedenktag: Bis heute arbeitet Yad Vashem daran, den Opfern ein Denkmal und einen Namen zu geben

Yad Vashem, die zentrale ­Holocaustgedenkstätte des Staates Israel, ist ein Muss für jeden Israelbesucher. Der Ort steht sowohl für das Erinnern wie auch für die wissenschaftliche Erforschung der Judenvernichtung.

In der Halle der Namen: Auch die sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Sabine von Schorlemer, ­besuchte im März 2010 während ihres Israelaufenthaltes die Gedenkstätte Yad Vashem. Foto: Johannes Gerloff

Kein führender Politiker oder hochrangiger Geistlicher kann es sich leisten, den jüdischen Staat zu besuchen, ohne einen Kranz in der Halle des Gedenkens neben der ewigen Flamme niederzulegen oder sich in der Halle der Namen fotografieren zu lassen. Niemand bleibt unberührt beim Gang durch das Museum, das sich wie ein Pfeil durch den Bergrücken im Westen Jerusalems bohrt und die Geschichte des nationalsozialistischen Völkermords nachzeichnet. Der Name der Gedenkstätte ist dem biblischen Buch des Propheten Jesaja entnommen, wo der Gott ­Israels verspricht, Menschen »in meinem Hause und in meinen Mauern ›Yad Vashem‹ – ein Denkmal und einen Namen« – zu geben. (Jesaja 56,5)

Seit 1955 sammelt und archiviert Yad Vashem die Namen von Holocaustopfern. Von den schätzungswei­se sechs Millionen Holocaustopfern sind mehr als vier Millionen namentlich registriert. Zwei Millionen Namen fehlen noch. Debbie Berman gehört zu denen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, diese Namen ausfindig zu machen. Seit 2006 arbeitet sie in Yad Vashem, heute als Projekt-Koordinatorin für die Erhaltung der Namen von Opfern der Schoah, wie der Holocaust auf Hebräisch genannt wird. Die modern-orthodoxe Mutter von vier Kindern betrachtet ihren Wettlauf ­gegen die Zeit und das Vergessen als Familienprojekt, als Mission und ganz einfach als Vorrecht.

Bermans Eltern und Großeltern sind selbst Holocaustüberlebende. Aber keiner wollte erzählen, was sie in den Konzentrationslagern, auf der Flucht oder im jahrelangen Versteck durchgemacht haben. »Emma Salgo war voller Leben, Freude und Lachen«, erklärt Debbie Berman das Schweigen ihrer Großmutter, »das wollte sie uns weitergeben – nicht die Geschichten von Verfolgung, Qual und Tod.« Deshalb hat sie ihren Kindern und Enkeln nie erzählt, was sie im Arbeitslager Kaufring, einer Außenstelle des KZ Dachau, erlebt hat. Im November 1944 wurde sie dorthin deportiert. Ihrem Mann Chaim war die Flucht in die Schweiz gelungen. Die Kinder, Robbi und Schoschanna, wurden in Budapest versteckt.

Dass Überlebende der Schoah nicht über die Vergangenheit reden wollen, ist nicht ungewöhnlich. Eine Antwort auf die Frage nach dem Grund dafür ist nicht leicht zu finden. »Viele haben nie wirklich um ihre Lieben trauern können. Der Verlust war einfach überwältigend«, meint Debbie Berman, »manchmal kann eine einzige Person 50, 60 oder gar 80 Namen aus dem engeren Verwandtenkreis nennen, die in der Schoah ihr Leben verloren haben.«

Manche hoffen immer noch, vermisste Familienmitglieder und Freun­de wiederzufinden. Berman hilft Überlebenden, Fragebögen zu vermissten Schoahopfern auszufüllen. »Den Satz ›Mendel ist tot‹ zu denken, auszusprechen, aufzuschreiben und dann auch noch eine Unterschrift unter ein Formular zu machen, erscheint ihnen oft unmöglich«, erzählt die junge Frau aus ihrer Arbeit. Aber dann ist es ­immer wieder doch eine gewaltige ­Erleichterung für diese Menschen, die jahrzehntelang eine unglaubliche, ­erdrückende Last mit sich herumgetragen haben. »Wir nennen die Zeugnisbögen auch ›virtuelle Grabsteine‹«, erklärt Berman.

»Es ist wichtig, dass da ein Name steht, wenn möglich ein Foto; dass die Erinnerungen ausgesprochen und aufgeschrieben werden, um so dem Bemühen der Deutschen, uns zu einer Nummer zu degradieren, uns zu vernichten, unseren Namen auszuradieren, einen Strich durch die Rechnung zu machen.«

Berman berichtet, dass ihre eigene Mutter anfangs auch nicht erzählen wollte. »Ich erinnere mich an nichts. Ich weiß nichts Wesentliches«, hatte sie immer wieder betont. Doch dann fuhren Mutter und Tochter nach Budapest, wo die Mutter als kleines Mädchen vor den Nazi-Schergen versteckt worden war. »Intuitiv kannte sie sich aus, wusste genau wo der Bahnhof sein musste«, erlebte Debbie Berman. Schließlich umfassten die ­Erinnerungen der Mutter 13 Seiten – und die Erinnerungen wurden bestätigt. Das Online-Archiv von Yad Vashem fand Verbindungen zu weiteren Verwandten und stellte fest, dass Debbies Urgroßmutter, Theresa Salgo-Rottenberg, eine Erinnerungsseite für ihren Sohn eingereicht hatte.

Debbies Vater, Simon Deutsch, wurde wie die Mutter von Nichtjuden gerettet. Debbie kennt die Namen der Retter ihrer Eltern. Es war der Portugiese Sousa Mendes, der ihrem Vater nach der Flucht aus dem von Deutschen besetzten Antwerpen das Überleben und einen Neuanfang im fernen Amerika ermöglichte. In den Archiven von Yad Vashem begegnete Berman schließlich noch einem Onkel ihres Vaters, dem Künstler Carol Deutsch. Seine Tochter Ingrid hatte in einem Versteck überlebt und 99 Illustrationen biblischer Geschichten ihres Vaters gerettet. Sie werden jetzt in der Gedenkstätte ausgestellt.

Immer wieder kommt es vor, dass Berman miterleben darf, wie Menschen Tote suchen und Lebende finden – etwa Liora Tamir, die als Vollwaise in der sowjetischen Gulagstadt Workuta und später in einem Waisenhaus in Leningrad aufwuchs. Tamir lebte in der Annahme, ihre gesamte Familie sei ausgerottet. Bis eines Tages ihre Tochter Ilana durch Nachforschungen herausfand, dass ein Onkel von Liora, Simcha Shikler, 1956 einen Eintrag in Yad Vashem veranlasst hatte. So wurde der Frau, die sich mutterseelenallein glaubte, »eine Familie geboren«, wie ihre Tochter Ilana im Rückblick formulierte.

Auf wunderbareweise überlebte die ganze Familie von Debbie Berman und wurde nach dem Krieg wiedervereint. Die Großmutter hatte es irgendwie geschafft, durch die gesamte Leidenszeit im Konzentrationslager ein kleines rosa Kleid ihrer Tochter zu bewahren. »Es war ein Hoffnungsschimmer inmitten des erlebten Albtraums.« Bevor Debbie 1992 nach Israel einwanderte, schenkte die Mutter ihr das rosa Kleidchen. »Ich habe es all diese Jahre aufbewahrt und dann einmal meiner kleinen Tochter Emma, die nach ihrer Großmutter genannt wurde, angezogen«, erzählt sie heute.

»Als ich meine eigene Tochter in diesem Kleidchen spielen und lachen sah, wurde mir plötzlich klar, was für ein Schmerz es für meine Großmutter gewesen sein muss, so lange und unter solchen Umständen von ihren Kindern getrennt sein zu müssen.« 2010 feierte Emma Berman ihren zwölften Geburtstag, ihre Bat-Mizwa. Aus diesem Anlass vermachte die Familie das geschichtsträchtige Familienkleidungsstück der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem. »Ich denke, hier ist es am besten aufgehoben«, meint Debbie.

Johannes Gerloff

Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die Überlebenden des größten nationalsozialistischen Vernichtungslagers in Auschwitz-Birkenau. Mit einer Proklamation des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog wurde am 3. Januar 1996 der 27. Januar in Deutschland offiziell zum »Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus« erhoben. »Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen«, hieß es in der Proklamation.

Im Jahr 2005 erklärte zudem die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 27. Januar zum Internationalen Holocaustgedenktag.
In Israel selbst ist der Jom haScho’a ein israelischer Nationalfeiertag. Er beginnt mit dem Sonnenuntergang am 27. Nisan des jüdischen Kalenders und endet am folgenden Abend. Nach dem gregorianischen Kalender fällt der Tag in diesem Jahr auf den 19. April.
(GKZ)

www.yadvashem.org/
www.yad-vashem.de

Glaubens-Façon und preußischer Mehrwert

22. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Der Sozialethiker Wolfgang Huber über Friedrich II., preußische Tugenden und religiöse Toleranz

Wolfgang Huber, Jahrgang 1942, ist evangelischer Theologe und Sozialethiker. Er war von 1993 bis 2009 Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und von 2003 bis 2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Huber ist unter anderem Mitglied im Nationalen Ethikrat und Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Garnisonkirche in Potsdam. Foto: picture-alliance

Wolfgang Huber, Jahrgang 1942, ist evangelischer Theologe und Sozialethiker. Er war von 1993 bis 2009 Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und von 2003 bis 2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Huber ist unter anderem Mitglied im Nationalen Ethikrat und Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Garnisonkirche in Potsdam. Foto: picture-alliance

Am 24. Januar jährt sich zum 300. Mal der Geburtstag des späteren preußischen Königs Friedrich II. Er steht ebenso für das Preußentum mit seinen umstrittenen Tugenden wie für einen aufgeklärten Absolutismus. Harald Krille sprach darüber mit Wolfgang Huber.

Herr Professor Huber, in der DDR galten Friedrich II. und die preußischen Tugenden weithin als Synonym für Militarismus und alles Böse. Gibt es gute Gründe für eine Renaissance des Alten Fritzen?
Huber: Zunächst muss man sagen, dass die Rezeption der Geschichte Preußens in der DDR außerordentlich widersprüchlich war. Einerseits wollte man ein Feindbild haben, von dem man sich abgrenzen konnte, und brachte deswegen den preußischen Militarismus und den Hitlerfaschismus ganz nahe zusammen. Und auf der anderen Seite wollte man gerne das kulturelle Erbe auf die eigenen Mühlen lenken. Deshalb hat man beispielsweise den Alten Fritz unter den Linden in Berlin wieder aufgestellt. Statt eines solchen zwiespältigen Verhältnisses sollten wir uns um eine kritische Aneignung der Tradition bemühen.

Friedrich II. war eine Persönlichkeit, die eindrucksvolle Züge hatte, die sich jedoch auch in einer Weise am militärischen Ruhm orientierte, die wir heute kritisch sehen. Aber ohne jeden Zweifel handelt es sich um eine herausragende und geschichtsprägende Gestalt. Friedrich II. hat Preußen nahezu ein halbes Jahrhundert regiert. Und dieses Preußen sah danach völlig anders aus. Er hat auf seine Weise dazu beigetragen, dass Preußen zu einem Kulturstaat geworden ist. Deswegen können wir gar nicht an ihm vorbei, denn die Spuren dieser kulturellen Prägung begegnen uns auf Schritt und Tritt.

Stichwort »kritische Aneignung«: Was taugt denn aus der preußischen Tradition für Demokraten im Rechtsstaat?
Huber: Aus dieser Tradition taugen vor allem zwei preußische Tugenden, die in meinen Augen ganz in den Vordergrund gerückt werden sollten:

Verlässlichkeit und Toleranz. Verlässlichkeit ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sich Vertrauen bilden kann. Und Offenheit für den Anderen, für den Fremden ist eine Grundvoraussetzung für den Respekt vor der Glaubensüberzeugung auch derjenigen, die anders glauben als ich selbst. Diese beiden Tugenden sind für die Demokratie sehr wichtig. Sie taugen auch als kritische Maßstäbe im Blick auf Auswüchse in der Wirtschaft oder auf den Finanzmärkten, die wir gegenwärtig beobachten; sie können uns in der Gestaltung einer pluralistischen Gesellschaft hilfreich sein.

Viele verstehen die religiöse Toleranz Friedrichs II. und seinen berühmten Satz, »jeder soll nach seiner Façon selig werden«, eher als Ausdruck einer religiösen Gleichgültigkeit …
Huber: Es wird erzählt, dass Friedrich II. gelegentlich hinzugefügt haben soll: »Jeder soll nach seiner Façon selig werden, Hauptsache die Kerle haben überhaupt Religion.« So wurstig das klingt und so distanziert auch das eigene Verhältnis des Voltaire-Freundes zur Religion gewesen ist, so deutlich hat er doch ein Bewusstsein davon gehabt, dass der Mensch auf einen Bezugspunkt außerhalb seiner selbst angewiesen ist. Das ist ein Hinweis darauf, dass Menschen verarmen, wenn ihr Glaube verkümmert.

Außerdem: Die Preußen haben im Blick auf einwandernde Menschen anderer Konfession diese Glaubensüberzeugungen eben nicht zur Privatsache erklärt. Sie nahmen auch deren Religion und konfessionelle Prägung wichtig und sorgten dafür, dass sie ihren Glauben frei leben konnten. Das ist etwas anderes als Gleichgültigkeit.

Zu den preußischen Tugenden gehören auch solche Begriffe wie Treue, Gehorsam und Disziplin, die nicht zuletzt im Dritten Reich fürchterlich missbraucht wurden. Kann man heute wieder unbefangen vom Wert preußischer Tugenden sprechen?
Huber: Wenn unbefangen unkritisch bedeutet, dann kann man das natürlich nicht. Wenn man aber durch eine kritische Analyse der Wirkungsgeschichte hindurch wieder fragt, was denn eigentlich der Kern dieser preußischen Tugenden ist, dann kann man im Blick auf diesen Kern wieder ein Stück Unbefangenheit entwickeln. Denn dann merkt man, dass das Zerrbild eines preußischen Militarismus nicht unbedingt dem Kern preußischer Tugenden entspricht.

Was wären denn außer Verlässlichkeit und Toleranz aneignungswerte Kernwerte?
Huber: Ich will ein Stichwort nennen, das sehr modern klingt, aber in Wirklichkeit schon viel länger aktuell ist – nämlich die Tugend der Nachhaltigkeit. Wenn Sie anschauen, welche Kultivierungsleistung beispielsweise die Ansiedlung holländischer Bauern im Oderbruch zur Folge hatte, dann sehen Sie daran, dass in diesem Land mit seinen durchaus kärglichen Lebensbedingungen nicht nur an kurzfristigen Profit gedacht wurde. Es war die Zeit Friedrich des Großen, in der das Wort Nachhaltigkeit zum ersten Mal verwendet wird.

Zugegeben: nicht von einem Preußen, sondern von dem sächsischen Forstmeister Hans Carl von Carlowitz. Aber wir ­wissen, dass zur selben Zeit auch in Preußen in der Landwirtschaft genau der gleiche Gedanke vorangetrieben wurde: Nämlich den Ackerboden so zu bewirtschaften, dass die Erträge auch für die nächste Generation sichergestellt werden. Diese Art von ­Tugend haben wir lange Zeit sträflich vernachlässigt.

Wo würden Sie den Unterschied sehen zwischen den sogenannten preußischen Tugenden und den klassischen Kardinaltugenden Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung oder den christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe?
Huber: Der Unterschied scheint mir die größere Alltagsnähe der preußischen Tugenden zu sein. Hier werden praktische Maßstäbe des persönlichen Verhaltens ins Zentrum gerückt, Maßstäbe, an denen der Einzelne sich orientieren kann und in denen er ­einen verlässlichen Kompass für die persönlichen Entscheidungen im Alltag hat. Es geht um gelebten Anstand im täglichen Miteinander. Sowohl die sogenannten Kardinaltugenden als auch die christlichen Tugenden sind im Vergleich dazu eher so etwas wie grundlegende Voraussetzungen.

Ein zeitgenössisches französisches Sprichwort lautet: »Preuße zu sein ist eine Ehre, aber kein Vergnügen« …
Huber: (lacht) Ja, man muss sicher auch die kritische Frage stellen, ob die Erfahrung von Glück, die Freude am Leben, die Muße zum Feiern in der preußischen Lebensauffassung den wünschenswerten Raum hatte. Bei Friedrich II. hat es an diesen Dimensionen eigentlich nicht gefehlt. Denken Sie an seine große Begeisterung für die Musik, denken Sie an die Gastlichkeit, die am preußischen Hof durchaus vorhanden war.

Oder denken Sie an die Gestaltung Potsdams und seiner Parkanlagen, in denen ein Stück mediterrane Lebensfreude auftaucht. Aber es gehört sicher zur kritischen Aneignung mitzureflektieren, dass die Hochschätzung der Arbeit nur dann ein Maß bleibt, wenn auch die Grenzen der Arbeit geachtet ­werden, und dass Pflicht nur dann mit Augenmaß betrachtet wird, wenn auch die Bereitschaft zur Freude an der Schönheit des Lebens vorhanden ist.

Sie haben Glaube, Hoffnung, Liebe eher als grundlegende Voraussetzungen bezeichnet – und für den pietistisch geprägten Vater Friedrichs II., Friedrich Wilhelm I., waren sie es besonders. Können preußische Tugenden überhaupt auf Dauer ohne Rückbindung an solche Voraussetzungen gelebt werden?
Huber: Sie verarmen sicher, wenn man sie nur unter dem Gesichtspunkt ihrer Nützlichkeit für das eigene Leben und das eigene Fortkommen anschaut, statt unter dem Aspekt, dass ich für mein anvertrautes Leben, meine anvertrauten Gaben und für meine Mitmenschen Verantwortung vor Gott habe und ihm rechenschaftspflichtig bin. Das kann nicht in dem Sinn gemeint sein, dass Menschen, die nicht an Gott glauben, kein gutes und an Tugenden orientiertes Leben führen könnten.

Aber die Frage nach dem entscheidenden Grund und Halt für mein Leben, die Fähigkeit neu anzufangen, wenn etwas misslungen ist, wenn man gescheitert ist, wenn man Schuld auf sich geladen hat – das sind Glaubensfragen, ohne die allen Tugenden eine entscheidende Basis fehlt. Sie gehören unmittelbar zu unserem Leben; deshalb verweist unser Gespräch über Tugenden unmittelbar auf die Dimension des Glaubens. Und deshalb möchte ich jedem Menschen wünschen, dass er die Verwurzelung eines verantwortlichen Lebens in der Beziehung zu Gott verstehen und sich selber aneignen kann.

Die neue Super-Kirche im Norden

12. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Strukturwandel: Die Kirchenparlamentarier aus Mecklenburg, Pommern und Nordelbien stimmten der Fusion zu

Erst gab es stehenden Applaus, dann ein lautes »Großer Gott, wir loben dich!«: Am vergangenen Sonnabend wurde die letzte Hürde zur Fusion der Kirchen im Norden genommen.

Spontan stimmte ein Mitglied der »Verfassunggebenden Synode« der neuen Nordkirche den alten Choral an, als Präses Heiner Möhring im großen Tagungssaal der Yachthafenresidenz in Warnemünde-Hohe Düne die Ergebnisse der endgültigen und finalen Abstimmung über die Bildung der gemeinsamen Landeskirche in Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern verkündet hatte:

Von den 255 anwesenden Synodalen stimmten 227 in dritter Lesung für die Verfassung der neuen Kirche. 22 votierten dagegen, sechs enthielten sich. »Nun sind wir diesen Schritt gegangen, haben diesen Schritt geschafft, Gott sei Dank!«, sagte der Vorsitzende der gemeinsamen Kirchenleitung, Schleswigs Bischof Gerhard Ulrich, in einer ersten Reaktion.

Damit wird es zum Pfingstfest 2012 nur noch eine einzige evangelische Landeskirche in Norddeutschland mit 2,3 Millionen Gemeindegliedern zwischen Usedom und Helgoland geben. Die 478 Jahre alte Pommersche Evangelische Kirche, die 465 Jahre alte Evangelisch-Lutherische Landeskirche Mecklenburgs und die 35 Jahre alte Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche sind dann Geschichte.

Mit einem vom Fernsehen übertragenen Festgottesdienst im Ratzeburger Dom soll dann die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland gegründet werden. »Wer etwas Neues anfangen will, muss altes loslassen«, sagte Ulrich. Die neue Nordkirche sei eine historische Zäsur, die »von Bedeutung für die Entwicklung des Protestantismus in unserem Land und für das Zusammenwachsen zwischen Ost und West« sei, so der Bischof.

Erstmals »Barmer Erklärung« als offizielle Grundlage
 
Offiziell verhandelt wurde über den Zusammenschluss bereits seit 2007. Damals war klar: Alleine würden die damals noch 200000 beziehungsweise 100000 Gemeindeglieder zählenden Kirchen in Mecklenburg und Vorpommern langfristig nicht überleben können. Schon die demografische Entwicklung im Nordosten sprach gegen eine fortgesetzte Selbstständigkeit. Doch Versuche, lediglich die mecklenburgische und die pommersche Kirche zu fusionieren, scheiterten an der Mentalität vor Ort. Mit dem direkten Nachbarn ging es nicht. Die ganz große Lösung musste her.

Dazu mussten zahlreiche Probleme aus dem Weg geräumt werden: Kirchenleitungen, Verhandlungskommissionen und Synoden haben sich darauf geeinigt, dass es künftig einen Landesbischof mit Sitz in Schwerin und drei Sprengelbischöfe mit Sitz in Schleswig, Greifswald und Hamburg geben wird. Das in den beteiligten Kirchen noch unterschiedlich geregelte Arbeitsrecht – in Nordelbien gibt es einen Tarifvertrag, in den Kirchen Mecklenburg-Vorpommerns den in den meisten anderen Landeskirchen üblichen »Dritten Weg« – soll erst in sechs Jahren vereinheitlicht werden.

<Und auch in der Theologie ist die neue Kirche eine Besonderheit: »Die neue Nordkirche nimmt in ihrer Präambel ausdrücklich Bezug auf die ›Barmer Theologische Erklärung‹ von 1938«, sagt Bischof Ulrich. Damit ist sie die erste lutherische Kirche weltweit, die dieses Grundlagendokument der Bekennenden Kirche in ihrer Verfassung als theologische Grundlage anerkennt.

Doch selbst auf der finalen Synode in Warnemünde konnten nicht alle zustimmen: Die Gebrüder Mahlburg – der eine pommerscher, der andere mecklenburgischer Synodaler – und der mecklenburgische Synodale Lutz Decker machten ihre Ablehnung offen deutlich. Sie hätten sich eine langsamere Fusion gewünscht. »Natürlich bin ich auch ein kleines bisschen traurig«, sagte Decker hinterher. Doch auch er wolle sich nun auf den Weg in die Nordkirche machen und die gemeinsame Kirche kritisch begleiten.

Eine Gelegenheit dazu fand sich schnell. Denn in Warnemünde erlebte die neue Nordkirche auch ihre erste Krise. Die Überleitung der vier Bischöfe (zwei in Nordelbien sowie je einer aus Pommern und Mecklenburg) in die neue Kirche, eigentlich nur eine Formalie, scheiterte im ersten Anlauf. Die erforderliche Zweidrittelmehrheit war verfehlt. Schuld daran war nach Ansicht vieler Synodaler die Debatte um die Amtszeitverlängerung des pommerschen Bischofs Hans-Jürgen Abromeit.

Bis zuletzt noch Streit um die Bischöfe
 
Denn Abromeit ist nur bis 2013 als Bischof gewählt. Und eine »geistliche Vertrauensfrage«, die der Bischof im November vor der Landessynode in Züssow stellte, machte deutlich, dass ein gutes Drittel seiner Landessynode nicht hinter ihm steht. Trotzdem entschied sich der Bischofswahlausschuss der pommerschen Kirche, ihn bis 2018 zu verlängern. Seine Gegner beantragten daraufhin eine pommersche Sondersynode, die in Warnemünde bis tief in die Nacht tagte.

Ein mit den Worten »Die Synode steht zu ihrem Bischof« beginnender Beschluss, der der Verlängerung zustimmte, fand dann zwar wiederum die Zustimmung von zwei Dritteln der Synode. Immerhin ein Drittel stimmte weiterhin dagegen oder enthielt sich. Nun musste auch die gemeinsame Nordkirchensynode eine Nachtsitzung einlegen – im zweiten Anlauf einigten sich die Kirchenparlamentarier dann doch noch darauf, alle ihre Bischöfe mit in die Nordkirche zu nehmen. »Es wäre ein Desaster geworden, wenn wir die Debatte nicht in dieser Form aufgearbeitet hätten«, sagte die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs.

So herrschte am Ende auch in Warnemünde wieder eitel Sonnenschein. Mit einem lautstark gesungenen »Vertraut den neuen Wegen« des Jenaer Theologieprofessors Klaus-Peter Hertzsch gingen die Synodalen auseinander – um sich zum Pfingstfest zur Kirchengründung in Ratzeburg wieder zu treffen. Für alle sichtbar wird die neue Kirche spätestens 2013: Der dann in Hamburg stattfindende Deutsche Evangelische Kirchentag wird von der gesamten Nordkirche gemeinsam vorbereitet.

In Bewegung ist die Kirchenlandschaft bereits seit 2009. Damals kam der Zusammenschluss der Thüringer Kirche und der Kirchenprovinz Sachsen zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland mit rund 900000 Mitgliedern zustande. Eine erste Neugliederung der östlichen Kirchen lag damals schon fünf Jahre zurück. Zum 1. Januar 2004 hatten sich die Berlin-Brandenburgische Kirche und die Kirche der schlesischen Oberlausitz zur Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz mit derzeit rund 1,1 Millionen Mitgliedern zusammengeschlossen.

Benjamin Lassiwe
 
www.kirche-im-norden.de

Schöpfung ohne Schöpfer?

5. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaube und Naturwissenschaft: Eine theologische Beleuchtung gegenwärtiger naturwissenschaftlicher Spekulationen

»Kosmischer Christus«: Christus als Schöpfer und Architekt des Universums in einer gotischen Miniaturmalerei aus dem 13. Jahrhundert. Repro: akg-images

»Kosmischer Christus«: Christus als Schöpfer und Architekt des Universums in einer gotischen Miniaturmalerei aus dem 13. Jahrhundert. Repro: akg-images

Sollte das christliche Credo am Ende sein? Wenn es nach dem derzeit wohl bekanntesten Physiker der Welt, dem britischen Cambridge-Professor Stephen Hawking ginge, entstand das Universum von allein.

In seinem Buch »Der große Entwurf. Eine neue Erklärung des Universums« (2010) scheuten sich der Astrophysiker Steven Hawking aus Cambridge, seines Zeichens Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, und der US-amerikanische Co-Autor Leonard Mlodinow in keiner Weise, Gott den Schöpfer als unnötig auszugeben.

1988 hatte Hawking noch in seinem Bestseller »Eine kurze Geschichte der Zeit« auf das Finden der »Weltformel« spekuliert mit den Worten: »… dann würden wir Gottes Plan kennen.« Jetzt aber streitet er den Gedanken an einen göttlichen Plan oder Schöpfer vollends als überflüssig ab: Es sei »nicht nötig, einen Gott heraufzubeschwören, der das blaue Zündpapier in Brand und das Universum in Gang setzt.«

Dabei tun er und sein Kollege so, als sei nun eine neue Erklärung des Weltalls auf den Tisch gekommen. Tatsächlich ist jedoch der Gedanke einer Selbstsetzung des Kosmos’ in der modernen Naturwissenschaft sogar schon älter als Hawkings Buch von 1988. Bereits 1973 trat der US-amerikanische Physikprofessor Edward Tryon mit der These hervor, das All sei aus dem Vakuum des leeren Raumes per Quantenfluktuation hervorgegangen. Rund ein Jahrzehnt später publizierte dessen Oxforder Kollege Peter W. Atkins ein Buch unter dem Titel »Schöpfung ohne Schöpfer. Was war vor dem Urknall?«.

Die damals mehr als heute provozierende These lautete, dass die Raumzeit im Zuge ihres selbsttätigen Aufbaus ihren eigenen Staub erzeuge: »Das Universum kann aus nichts entstehen. Ohne Eingriff. Durch Zufall.«

Auch wenn der Naturwissenschaftler sich mit solchen Formulierungen mindestens ansatzweise auf geisteswissenschaftliches Gebiet begab, sah es doch so aus, als habe er nicht anders gekonnt und als sei es Angelegenheit der Geisteswissenschaften, die Konsequenzen aus dem naturwissenschaftlichen Befund zu ziehen. Dabei lässt sich Atkins schon im Blick auf seine eigene Argumentation kritisieren. Zur Durchführung seiner Annahme einer Weltentstehung aus dem Nichts braucht er immerhin »zwei Zutaten« – eigentlich sogar drei. Die dritte, von ihm gar nicht ausdrücklich aufgezählte, war nämlich die These, dass die Naturwissenschaft verlässlich über den Urknall hinaus spekulieren könne.

Wer allerdings – wie einst Atkins und heute Hawking – den »Big Bang« vor 13,7 Milliarden Jahren als nur einen besonders drastischen von vielen Phasenübergängen im Universum deuten will, geht von nicht wirklich bewiesenen ­Voraussetzungen aus. Einstweilen muss es offenbleiben, ob sich das Weltall zyklisch ausdehnt und wieder zusammenzieht, wie das analog vor allem die indische Religiosität und von ihr abgeleitete esoterische Weltanschauungen annehmen oder ob von einem singulären Urknall auszugehen ist, von dem ab es sich in dauernder Ausdehnung befindet.

Die gewagten ­naturwissenschaftlichen Spekulationen über eine Zeit noch »vor« dem Urknall entsprechen den mathematisch gestützten Überlegungen und Fantasien über weitere Universen, also ein »Multiversum«. Der Oxforder Mathematikprofessor und Wissenschaftsphilosoph John Lennox hält gegenüber Hawking fest: »Die Theorie vom Multiversum ist allerdings unter Wissenschaftlern sehr umstritten.«

Wenn naturwissenschaftliche Spekulationen in durchaus »meta-physisch« anmutender Manier »hinter« den Urknall zurückzudenken versuchen, drängt sich ihnen in der Regel folgendes Bild auf: Aus dem untersten denkbaren Kältegrad heraus bildeten sich immer wieder einmal scherbenartig erste Wirklichkeitspunkte.

So lehrte es schon Atkins, der hierfür ­allerdings »zwei Zutaten« benennt, die er benötigt, um ein derartiges Zustandekommen des Urknalls zu erklären: ­»Erstens brauchen wir die Punkte, die sich zu den Zeit und Raum bestimmenden Mustern zusammenfinden. Zweitens brauchen wir die Punkte, die von der Zeitstruktur in ihre Gegensätze zerlegt werden. Die Zeit verleiht den Punkten Leben; die Punkte verleihen der Zeit Leben. Die Zeit brachte die Punkte in die Welt, und die Punkte brachten die Zeit in die Welt. Das ist der kosmische Reißverschluss, der unser Universum zusammenhält.«

Bereits die Formulierung dieser Sätze zeigt, dass hier mehr spekuliert als bewiesen wird. Atkins vermag nicht plausibel darzulegen, wodurch das Entstehen anfänglicher Punkte und damit auch der Zeit aus dem Gar-Nichts bedingt gewesen sein soll – denn ein Werden aus dem »Fast-Nichts« erklärt in der entscheidenden Hinsicht auch fast nichts. Deshalb schlägt der italienische Physikprofessor Maurizio Gasperini, der wie Atkins von einem langen Werden des Alls schon vor dem Urknall ausgeht, stringtheoretisch vor, den Schöpfungsbericht am Anfang der Bibel heute folgendermaßen umzuformulieren: »Am Anfang erschuf Gott die Hintergrundfelder und die Materiequellen. Und die Quellen waren ohne Druck und eingebettet in den flachen Raum …«

Selbst ein Vertreter des hinter den Urknall zurückgehenden Modells macht sich also bewusst, dass die Annahme eines Schöpfers sinnvoll ist. Atkins’ Zutaten hingegen sind wackelige Hypothesen, die auf den Glaubenscharakter seiner Hauptthese hindeuten. Gewiss kann der Naturwissenschaftler auf die Realität quantenphysikalischer Sprünge aus dem Nichts – also außerhalb des Kausalitätsgesetzes – und auf die Bildung spontaner Fluktuationen verweisen. Doch nach wie vor bleibt die gerade auch geisteswissenschaftlich zu stellende Grundfrage bestehen, warum überhaupt etwas ist und nicht nichts. Denn quantenmechanische Gesetze werfen wiederum das Problem ihrer eigenen Ursprünglichkeit »im Anfang« auf.

Das bestätigt auch das Buch des US-amerikanischen Physikprofessors Alan H. Guth mit dem Titel »Die Geburt des Kosmos aus dem Nichts« (1997). Der Autor muss nach allen Darlegungen schließlich einräumen, dass »sämtliche Versuche, die Entstehung des Universums aus dem Nichts physikalisch erklären zu wollen, äußerst spekulativ sind«.

Er schließt sein letztes Kapitel mit den Worten: »Wenn sich aber die Entstehung des Universums als quantenmechanischer Prozess beschreiben lässt, dann bliebe immer noch ein großes Rätsel unserer Existenz: Was bestimmt die Gesetze der Physik?«

Genau diese Frage stellt sich auch, wenn Hawking argumentiert, die Existenz der Schwerkraft bedeute, dass die Entstehung des Universums unvermeidlich gewesen sei. Mit Recht hält ihm Lennox entgegen: »Aber wie kam es überhaupt zur Schwerkraft? Welche schöpferische Kraft steckt hinter ihrer Existenz?

Die Hoffnung mancher Naturwissenschaftler unserer Zeit, die Welt in ihrem Sosein bald einmal restlos erklären zu können, ist nichts als blanker Materialismus. Sie ist Ausdruck einer bestimmten Glaubenshaltung – eben einer negativen. Das zeigt auch Alexander Unzickers Buch »Vom Urknall zum Durchknall« (2010) auf, indem es die zahlreichen Spekulationsblasen in der modernen Physik auf erfrischende Weise als das demaskiert, was sie sind.

Die Wirklichkeit könnte indes viel interessanter sein: Getragen sein von einem letzten, guten Sinn, der sich freilich aus guten Gründen so verborgen hält, dass seine Wahrheit vorläufig nur durch Offenbarung erkannt werden kann. Positiver wie negativer Glaube bleiben aber – erkenntnistheoretisch gesehen – Spekulation. Und Spekulationen kritisch wie konstruktiv zu bearbeiten, ist primär eine geisteswissenschaftliche Angelegenheit.

Ob das All sozusagen autonom aus dem Nichts entstanden ist oder ob sich sein Werden aus dem Nichts dem Wort eines göttlichen Schöpfers verdankt, lässt sich nur im existenziellen Setzen auf bestimmte Perspektiven von Sinn oder Unsinn entscheiden. Dem modernen ­Autonomiegefühl entsprechen zweifellos die Entwürfe einer »autonomen« Entstehung des Universums am ehesten. Doch ihre Akzeptanz ergibt sich für manche namhafte Physiker keineswegs zwangsläufig, die es weiterhin mit der religiösen Annahme eines Schöpfergottes halten.

Der Theologe und Publizist Werner Thiede ist Referent beim Regionalbischof im bayerischen Kirchenkreis Regensburg und lehrt als außerplanmäßiger Professor Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Der Theologe und Publizist Werner Thiede ist Referent beim Regionalbischof im bayerischen Kirchenkreis Regensburg und lehrt als außerplanmäßiger Professor Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg.


Wen sollte das laut Brian Greene »elegante Universum« in der Tiefe seines Geistes erfreuen, wenn es bei aller Eleganz ein sinnkaltes Gebilde darstellt, das modernsten Spekulationen zufolge nicht nur in endlose Kälte ausliefe, sondern auch aus endloser Kälte geboren wäre? »Für mich als Christen verstärkt die Schönheit der wissenschaftlichen Gesetze meinen Glauben an einen intelligenten Schöpfer«, bekräftigt Lennox. Und der deutsche Physikprofessor Jürgen ­Audretsch unterstreicht: »Die Vorstellung eines Gottes als Verursacher des Seins widerspricht der Kosmologie nicht.«

Ein Glaube liegt solchen Aussagen gewiss zugrunde. Doch auch der Glaube an die Möglichkeit einer »Weltformel« ist ein – wenn man so will: irrationaler – Vertrauensakt. Intellektuell redlich betonen Jean Guitto sowie Grichka und Igor Bogdanov in ihrem Buch »Gott und die Wissenschaft« (1993) nämlich: »Heute, an den seltsamen und beweglichen Grenzen, die die Quantentheorie gezogen hat, machen Physiker die Erfahrung eines Agnostizismus neuer Art: Die Realität ist nicht erkennbar; sie ist verschleiert und wird es immer bleiben.« Auch für den Astrophysiker Robert Jastrow steht fest, dass die Naturwissenschaft »niemals den Vorhang vor dem Mysterium der Schöpfung herunterreißen wird«.

Auf diesem Hintergrund hat das Credo der Christen weiterhin sein Recht. Und zwar sowohl mit seinem ersten Artikel als auch mit den anderen beiden, die von der Entfaltung des unbekannten Gottes in seiner Offenbarungsgeschichte handeln. Die Rede vom »kosmischen Christus« etwa bezieht sich auf alle drei Glaubensartikel. Wenn sich Naturwissenschaftler schon in Glaubensfragen einmischen, sollten sie bedenken, dass auch sie bei letzten Fragen nicht ohne Elemente irgendwelchen Glaubens auskommen.

Werner Thiede

Bomben gegen »Ungläubige«

29. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Zerstörte Autos vor der schwer beschädigten katholischen St.-Theresa-Kirche im nigerianischen Madalla. <br>Foto: picture alliance

Zerstörte Autos vor der schwer beschädigten katholischen St.-Theresa-Kirche im nigerianischen Madalla.
Foto: picture alliance


Islamistische Anschläge reißen in Nigeria mindestens 40 Christen in den Tod.
 

Die Terroristen der islamistischen Boko-Haram-Bewegung hatten die Anschläge mit grausamer Präzision geplant: Um möglichst viele nigerianische Christen zu töten, ließen sie die Sprengsätze zu Weihnachten vor Kirchen detonieren. Dass die vier Attentate am ersten Weihnachtsfeiertag nicht noch mehr als die geschätzten 40 Opfer in den Tod rissen, ist Zufällen zu verdanken. In Jos konnte die Polizei mehrere Sprengsätze sicherstellen, bevor sie explodierten; mehrere Bomben waren zudem in der vergangenen Woche vorzeitig in die Luft gegangen.

Dennoch könnte die Rechnung der Boko-Haram-Gruppe aufgehen: Ihr Ziel ist es vermutlich, neue Unruhen zwischen christlichen und muslimischen Jugendlichen zu provozieren. Gelingt ihr das, würde das den Vielvölkerstaat Nigeria in seinen Grundfesten erschüttern. Die jahrelang kaum beachtete Sektierergruppe, die der Prediger Mohammed Yusuf 2002 im äußersten Nordosten Nigerias gründete, ist inzwischen die mit Abstand größte Gefahr für den Frieden in Afrikas bevölkerungsreichstem Land. Das Ziel von Boko Haram ist die Errichtung eines Gottesstaates.

Derzeit fehlen Polizei und Geheimdiensten offenbar jegliche Zugänge zur Terrorgruppe. Wie weit Boko Haram ungehindert gehen kann, zeigte der Anschlag auf das UN-Hauptgebäude in Nigerias Hauptstadt Abuja am 26. August. Ein mit Sprengstoff beladenes Auto raste ins Erdgeschoss des Gebäudes und detonierte: Nigerias erster Selbstmordanschlag. »Das ist unser 9/11«, sagten Passanten kurz nach dem Attentat schockiert in die Mikrofone von Reportern. 23 Menschen starben, mehr als 80 wurden verletzt. Seit August explodieren in ­regelmäßigen Abständen Sprengsätze im ganzen Land, vor allem im mehrheitlich muslimischen Norden, wo Boko Haram seine Rückzugsräume hat.

Nigerianische Geheimdienstakten, die das Wall Street Journal veröffentlichte, belegen, dass Funktionäre von Boko Haram in Terrorcamps der Kaida in Afghanistan ausgebildet wurden – und zwar schon 2007. Sogar schon im Gründungsjahr 2002 sollen Boko-Haram-Kämpfer in Mauretanien und später in Algerien ausgebildet worden sein.

Nigerias Regierung will solche Berichte nicht kommentieren. Sie verharmlost die Terroristen meist als rein lokale Rebellengruppe und propagiert selbst den Namen Boko Haram, was in der Haussa-Sprache »Alles Westliche (oder: Westliche Bildung) ist Sünde« bedeutet. Die Bewegung selbst nennt sich indes »Sunnitische Bruderschaft in Ausführung des Heiligen Krieges« – ein deutlicher Hinweis auf die wahren Ziele der Dschihadisten, denen sich immer mehr arbeitslose und benachteiligte Jugendliche im muslimischen Norden Nigerias anschließen.

Dabei glaubten sich nigerianische Sicherheitskräfte 2009 am Ziel, als bei einer Großoffensive Boko-Haram-Gründer Mohammed Yusuf verhaftet und kurze Zeit später getötet wurde. Doch seitdem haben Zahl und Ausmaß der Terroranschläge zugenommen. Dass niemand zu wissen scheint, wer genau Boko Haram seit Yusufs Tod führt, zeigt einmal mehr, wie hilflos Nigerias Sicherheitsapparat gegen die neue Bedrohung ist. In dem westafrikanischen Staat glaubt jedenfalls kaum jemand, dass die Boko-Haram-Anschläge vom ersten Weihnachtsfeiertag die letzten gewesen sind.

Marc Engelhardt (epd)

Der Herr des Tages und der Nacht

23. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Theologie: Tag und Nacht gehören zur Schöpfung Gottes und stehen unter seiner Herrschaft – Nachdenken über »Heilige Nächte«.

 
In der Nacht erscheint Gott dem Abraham, im Bethlehemer Stall wird des Nachts der Heiland geboren, der später ebenso in einer Nacht ­ver­raten wird. Ein nächtlicher Streifzug durch die Bibel.
 
Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht traurig sein!« – so beginnt ein Weihnachtslied von Dieter Trautwein (EG 56). Die tiefe Nacht der Gottesoffenbarung, die frohe Nacht der Geburt Jesu wird darin zur traurigen Nacht der Menschen in Beziehung gesetzt. In diesem Beziehungsgefüge leuchten Spuren dessen auf, was Nacht in der Bibel bedeutet.
 
Die Finsternis, das lehren die ersten Verse der Bibel, ist älter als das Licht. »Es werde Licht!«, spricht Gott als ersten Satz in der Schöpfung (1. Mose 1,3) und begrenzt mit diesem das Licht hervorbringenden Schöpferwort die Finsternis. Danach benennt Gott die Finsternis als Nacht und setzt sie sprachlich in Opposition zum Licht beziehungsweise zum Tag: Er »nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht«.
 
Tag und Nacht, Licht und Finsternis stehen so als aufeinanderbezogene Dimensionen unter dem Urteil, das Gott über seine Schöpfung gefällt hat: »Gott sah an, alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut«.
 
Nach der Vertreibung aus dem Paradies, nach der Rettung der Menschheit durch die Sintflut hindurch verheißt Gott: »Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht« (1. Mose 8,22).
 
Weder im Raum des Paradieses noch in dem der gefallenen Schöpfung wird also die Finsternis als unbegrenzte Macht oder absolute Kraft gedacht. Dies gilt trotz aller Gefahren, die nach biblischem Zeugnis die Nacht birgt als Zeit des menschlichen Versagens (zum Vergleich vor allem das Verhalten der Jünger Jesu in der Nacht seiner Verhaftung).
 
Dies gilt trotz aller todbringenden strafenden Begegnungen mit Gott in der Nacht (2. Mose 12,29+30) und allen Schmerzen, aller Angst, aller Einsamkeit und Unruhe, die vor allem die Psalmbeter und Hiob in Worte fassen. Und das gilt auch und vor allem angesichts des Todes, des dem Raum der Nacht zugeordneten Schlafes Bruder.
 
Dass die Nacht nicht gottlos ist, sondern dass die Finsternis vielmehr auch ein Bereich Gottes, ja ein Wohnort des göttlichen Geheimnisses ist, das wird in der Bibel vielfach bezeugt. Der weise König Salomo formuliert (1. Könige 8,12): »Die Sonne hat der Herr an den Himmel gestellt; er hat aber gesagt, er wolle im Dunkel wohnen.«
 
»Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt. Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt. Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht. Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht« (EG 16, Strophe 5), dichtet Jochen Klepper in der Adventszeit 1938.
 
Zu dieser theologisch-weihnachtlichen Deutung der Nacht passt, dass die Nacht in der Bibel auch als die Zeit der Gottessuche und des Gebets verstanden wird: »Am Tage sendet der Herr seine Güte, und des Nachts singe ich ihm und bete zu dem Gott meines Lebens.« (Psalm 42,9) Auch für Jesus, so berichten die Evangelien, war die Nacht der Raum für das persönliche Gebet (Lukas 6,12).
 
Vielfach werden in der Bibel nächtliche Gottesbegegnungen und Gotteserfahrungen bezeugt: In Träumen und Nachtgesichten erscheint Gott Jakob und Salomo; auch den nichtjüdischen König Abimelech warnt Gott im Traum und Paulus erfährt vielfach Gottes Ermutigung und Wegweisung in Nachtgesichten.
 
Sowohl im Alten wie im Neuen Testament ist die Nacht auch die Zeit der segensreichen Gottesoffenbarungen: In der Nacht verheißt Gott Abraham so viele Nachkommen als Sterne am Himmel zu sehen sind; in der Nacht sagt er Isaak seinen Segen und die Mehrung seiner Nachkommen zu; in der Nacht verheißt er durch den Propheten Nathan David und seinen Nachkommen das Königtum über Israel; in der Nacht offenbart er den ­Hirten die Geburt Jesu im Stall von Bethlehem; in der Nacht erweist er seine Macht in der Auferweckung Jesu Christi vom Tode.
 
Auch die christliche Gottesdienstordnung ist von solchen Nachtbezügen gekennzeichnet: »In der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot …« heißt es in 1. Korinther 11,23 von der Einsetzung des Heiligen Abendmahls – und bis heute feiert die christliche Gemeinde am Gründonnerstag einen Abend- oder Nachtgottesdienst. Die zwei wichtigsten nächtlichen Gottesdienste sind bis heute jedoch die Osternacht, in Erinnerung an die Auferstehung Jesu Christi, und natürlich das Weihnachtsfest. Das Licht der Osterkerze am Ostermorgen bezeugt wie die vielen Kerzen in den Gottesdiensten der Heiligen Nacht Jesus Christus, der von sich gesagt hat: »Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.« (Johannes 8, 12)
 

Dass Jesus in der Heiligen Nacht geboren ist, Christus in der Nacht des Ostersonntags auferstand, findet seine Fortsetzung darin, dass das Gericht, das der Wiederkunft Christi vorausgeht, an manchen Stellen in der Bibel als ein nächtliches Ereignis beschrieben wird. Erst nach Christi Wiederkunft, am Ende der Zeit, so erzählt es die Offenbarung, verschwinden Tag und Nacht, das Fortschreiten der Zeit, ja verschwindet die Dunkelheit und Finsternis für ewig: »Und es wird keine Nacht mehr sein … denn Gott der Herr wird sie erleuchten.« (Offenbarung 22, 5)
 
Bis die Nacht endgültig besiegt sein wird, feiert die Christenheit Weihnachten und singt dabei mit den Worten Martin Luthers: »Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein’ neuen Schein; es leucht’ wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht. Kyrieleis.« (EG 23, Vers 4)
 

Andreas Löw, der promovierte Theologe ist Pfarrer in Korntal.

Glaubenssache: Brauchen wir ein neues Bekenntnis?

15. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Pro und Kontra: Ein gemeinsames Bekenntnis soll verbinden – doch immer wieder gibt es Streit um die traditionellen Formulierungen

In jedem Gottesdienst wird es gemeinsam ­gesprochen: das Glaubensbekenntnis. Zumeist das sogenannte Apostolikum. Doch an seinen Formulierungen reiben sich nicht wenige ­Christen. Für eine Neuformulierung gibt es gute Gründe. Doch auch für eine Beibehaltung des ­alten Textes gibt es gute Argumente.

Pro
Felix Leibrock, promovierter Theologe, Pfarrer in Apolda und ehrenamtlicher Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt.

Felix Leibrock, promovierter Theologe, Pfarrer in Apolda und ehrenamtlicher Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt.

Das Apostolikum ist alt und ehrwürdig. Es wird überall auf der Welt, auch ökumenisch gesprochen. Aber ist es zeitgemäß? Und wo ist die zentrale Botschaft des Jesus von Nazareth?

Zeitgemäß: Repräsentative Umfragen zeigen, dass der Glaube an dogmatische Lehrsätze dramatisch einbricht, auch unter
Christenmenschen. Viele wollen Gott bekennen als den, dessen Spuren sie ganz persönlich in ihrem Leben entdecken. Wer nicht betriebsblind sein will, sieht diese Verunsicherung vieler. Sie wird noch vergrößert durch das antik-mittelalterliche Weltbild von Himmel, Erde und Hölle, das hinter dem Apostolikum steht. Kopernikus hat mit der Vorstellung der Erde als Mitte des Universums aufgeräumt.

Ein zeitgemäßes Credo nimmt ­solche Erkenntnisse ernst. Sonst darf sich niemand wundern, wenn intelligente ­Religionskritiker wie Richard Dawkins die Bestsellerlisten erobern. Auch erschließt sich die »Theologengeheimsprache des 2. bis 5. Jahrhunderts« (J. Zink) nur schwer. Jesus hat mit seinen Reden die Hirten, Winzer, Frauen in ihrer Lebenswelt abgeholt. Luther hat dem Volk aufs Maul ­geschaut und die Bibel in zeitgemäße Sprache übersetzt. Das Credo ist zu wichtig. Es darf nicht irgendwann in der Mottenkiste landen, weil nur noch wenige seine Sprache und Bilder verstehen.

Jesu zentrale Botschaft: Heute fragen viele angesichts von Konsumdiktat und seelischer Obdachlosigkeit nach einem sinnerfüllten Leben. Jesus, der »glücklichste Mensch, der je gelebt hat« (D. Sölle), lebt ein solches Leben vor: Von Gott durchleuchtet, beflügelt, ermächtigt verströmt er Glück: Er wendet sich den Einsamen zu, stärkt die Position von Frauen und Kindern, betet abgeschieden, feiert mit den Menschen, predigt vom Seligsein, öffnet sich Ausländern, kritisiert die Gesetzesfanatiker, zweifelt auch an Gottes Nähe.

Er kennt grüne Auen und finstere Täler. Immer ist er verbunden mit Gott. Er zeigt eine andere Welt auf, zusammengefasst als »Reich Gottes«, das im Hier und Heute beginnt. Und das Apostolikum? Spart das aus. Zu seiner Entstehungszeit waren andere Themen wichtig. Das ist verständlich. Aber die Fragen ­haben sich heute gewandelt. Jesus hat Antworten. Die kann man bekennen.

Warum nicht ein ökumenisches Konzil? Hans Küng hat es schon einmal ­zuwege gebracht, sogar religionsübergreifend. Das Projekt Weltethos ist das ­Ergebnis. Ein Glaubensbekenntnis der Christenheit in unserer Sprache, das das naturwissenschaftliche Weltbild ernst nimmt und auch das Reich Gottes umfasst, das ist eine Aufgabe voller Verheißung.

Kontra

Martin Luther hat im Kleinen Katechismus fünf Texte zusammengestellt und mit Erklärungen versehen, die er für unentbehrlich für jeden Christenmenschen hielt: die Zehn Gebote, das Apostolische Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, den Taufbefehl und die Einsetzungsworte des Heiligen Abendmahles. Vier davon sind der Bibel entnommen. Das Glaubensbekenntnis ist eine Zusammenstellung von Bekenntnisaussagen der Alten Kirche, die sich aber alle für sich genommen in der Bibel finden.

Thomas Küttler, lutherischer ­Theologe, von 1979 bis 2002 Superintendent in Plauen, jetzt im Ruhestand.

Thomas Küttler, lutherischer ­Theologe, von 1979 bis 2002 Superintendent in Plauen, jetzt im Ruhestand.


Sicher kann jeder für sich persönlich ein Bekenntnis seines Glaubens formu­lieren. Luther selber tut das ja in seinen »Erklärungen« im Katechismus. Um der Einmütigkeit und Einstimmigkeit der Christen willen sollte jedoch niemand seinen Bekenntnistext an die Stelle des gottesdienstlichen Glaubensbekenntnisses treten lassen oder gar für andere verbindlich machen wollen. Das Nizänum verbindet uns mit Christen weltweit, das Apostolikum stärker mit der Christenheit aller Jahrhunderte seit Christi Geburt. Das ist ein kostbares Gut.

Dass es nicht unsere Sprache spricht, sondern die des Neuen Testaments, sollte niemanden verwundern. Übersetzungsarbeit ist allemal zu leisten. Ein Beispiel: Die Doppelzeile »empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria« ließe sich einmal übersetzen mit: »Er stammt von Gott und wurde von ­Maria zur Welt gebracht.«

Aber bei Übersetzungen geht meist etwas verloren. Das Original ist unersetzbar. Das Apostolikum mit seinen knappen Formulierungen spricht sich zudem gut im Chor. Wenn wir darauf achten, dass unsre Kinder noch dabei sind, wenn die Gemeinde im Gottesdienst ihren Glauben bekennt, dann wird ihnen der Text vertraut, und wir ­können dann das Vertraute einmal verfremden, um eine Aussage besonders zu betonen.

Es stellt sich auch die Frage: Gibt es ­etwas, was uns im Apostolikum zu sehr fehlt? Es geht nicht darum, das Glaubensbekenntnis mutwillig zu erweitern. Wohl aber ist denkbar, dass etwas Vermisstes aus besonderem Anlass einmal besonders herausgestellt wird. Ich denke an den 10. Sonntag nach Trinitatis. Da könnte unserm Bekenntnis zu Christus, das heißt zu dem Messias des erwählten Volkes, dazugesetzt werden: »… ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.« Eine biblische Einfügung (vgl. Jes.49,6; Luk 2,32).

Wer sich schon einmal derartige Gedanken gemacht hat, der lernt freilich auch das Staunen über die Prägnanz und Dichte der Sprache, die diese altkirch­lichen Texte sprechen, und kehrt immer wieder dankbar zu ihnen zurück.

»Als Kirche dem Druck standgehalten«

12. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnert: Vor 30 Jahren riegelten 42000 DDR-Sicherheitsleute die Kleinstadt Güstrow ab – weil Helmut Schmidt kam

Gemeinsam in der Kirchenbank: Bundeskanzler Helmut Schmidt (links) und DDR-Staatsratsvorsitzender Erich Honecker lauschen am 15. Dezember 1981 ­gemeinsam im Güstrower Dom den Orgelklängen. Foto: ullstein-bilderdienst

Gemeinsam in der Kirchenbank: Bundeskanzler Helmut Schmidt (links) und DDR-Staatsratsvorsitzender Erich Honecker lauschen am 15. Dezember 1981 ­gemeinsam im Güstrower Dom den Orgelklängen. Foto: ullstein-bilderdienst


Am 13. Dezember 1981 herrschte in der Kleinstadt Güstrow der Ausnahmezustand. Der damalige Bundeskanzler besuchte gemeinsam mit Erich Honecker die Stadt und ihren Dom.

Normalerweise ist Heinrich Rathke ein eher zurückhaltender Mensch. Aber als er, im Dezember 1981 mecklenburgischer Landesbischof, an jenem Morgen erfährt, dass ein ehemaliger Pastor im Pfarrhaus von der Stasi unter Hausarrest gestellt worden ist, da wird er sichtlich energisch. »Ich bestand darauf«, erinnert sich der heute 82-Jährige an die Vorgänge vor 30 Jahren, »Heiko Lietz in seiner Wohnung besuchen zu dürfen. Andernfalls müsste ein anderer als ich den Bundeskanzler begrüßen.« Also darf Bischof Rathke schließlich die Wohnung betreten.

Güstrow am 13. Dezember 1981: Nach zähem Ringen hinter den Kulissen besucht Bundeskanzler Helmut Schmidt nun offiziell das andere Deutschland. Am Tag vorher in Berlin in Gesprächen mit DDR-Partei- und Staatschef Erich Honecker zugange, wird er am Sonntag in die Kleinstadt Güstrow reisen, den Dom und die Ernst-Barlach-Gedenkstätte besichtigen. Für die DDR soll es ein großer Tag werden, das kleine Land erhofft sich Aufwertung und Anerkennung.

Tatsächlich wird es ein gespenstischer. »Operation Dialog« hat die Staatssicherheit ihre Planungen für ­jenes Wochenende genannt. Minister Erich Mielke persönlich führt die Planungen, die Honecker höchstselbst absegnet. Das Besondere des Gipfels ist nicht allein die Tatsache, dass ein Bundeskanzler in die DDR kommt.

Vor allem Schmidts geplanter Abstecher von Berlin nach Güstrow lässt bei der DDR alle Alarmglocken schrillen. Nicht nur, dass der Hanseat eine Kirche besuchen möchte. Nein. Vor allem sein Wunsch, mit möglichst authentischen Menschen in Berührung zu kommen, sorgt für Unruhe beim DDR-Sicherheitsapparat. Kein zweites Mal soll sich wiederholen, was 1970 in Erfurt geschah: dass DDR-Bürger unkontrolliert einem Bundeskanzler zujubeln. Damals ist es Willy Brandt gewesen.

Elf Jahre später betreibt die DDR deshalb einen Aufwand ohnegleichen, um eins sicherzustellen: Helmut Schmidt soll nur linientreuen Menschen begegnen. 21800 Stasileute und weitere 20000 Polizisten sollen an ­jenem Wochenende verhindern, dass der Westpolitiker bejubelt wird. So wird das Zentrum der Kleinstadt schließlich de facto evakuiert. In alle Häuser ziehen Sicherheitsleute ein. 10908 Personen stehen an jenem Tag unter Kontrolle der Staatssicherheit, 4481 Durchsuchungen sind im Vorfeld erfolgt, 4811 Anreiseverbote ausgesprochen und 5875 »Vorbeugungsgespräche« geführt worden.

Bürgerrechtler Lietz, damals gerade wegen seiner kirchenkritischen Haltung aus dem Kirchendienst entlassen und in Rostock als Essenausträger bei der »Volkssolidarität« untergekommen, wird noch in der Nacht vor Schmidts Besuch mit einem befreundeten Korrespondenten des Hamburger Magazins »Stern« durch Güstrow ziehen. »In unseren Kutten sahen wir genau aus wie die Teams von der Stasi, die in ganz Güstrow unterwegs waren. Gespenstisch«, erinnert er sich.

Am Morgen danach steht das MfS vor der Tür von Lietz und hindert den Familienvater am Gang zum Gottesdienst. Dass wenig später schließlich der gesamte Weihnachtsmarkt von »normalen Menschen« geräumt und mit Sicherheitsleuten besetzt wird, erfährt er deshalb erst später. Lietz, 1989 Mitbegründer des Neuen Forum und nach 1990 Landeschef von Bündnis 90/Die Grünen, verfolgt den Tag also per TV. Doch selbst die »Live«-Übertragung wird vorsorglich zehn Minuten versetzt ausgestrahlt.

Für den damaligen Bischof Heinrich Rathke freilich hat dieser Besuch noch eine andere Dimension. »Mit dem Besuch von Helmut Schmidt in einer Kirche musste auch Honecker erstmals eine Kirche als Kirche besuchen«, erinnert sich Rathke im Rückblick. Der Theologe verlangt zudem Redefreiheit für das Treffen im Dom. Und auch die ­Gemeinde besteht bereits im Vorfeld darauf, dass sie das Hausrecht behalten und eine Gruppe von Teilnehmern selbst benennen darf: darunter den Küster, die Katechetin und den Organisten.

Als die Orgel schließlich zu spielen beginnt und Helmut Schmidt sich demonstrativ in eine Bank setzt, um dem Choral andächtig zu lauschen, da muss es ihm Honecker gleichtun. Für den Schweriner Rathke ist dies ein bleibender Triumph: »Die Kirche hat an jenem Tag allem Druck standgehalten.«

Steffen Reichert

Was dem Papst Angst macht

2. Dezember 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Reden und Hören: Papst Benedikt XVI. im Erfurter Augustinerkloster im Vieraugen-Gespräch mit Nikolaus Schneider, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland. (Foto: picture alliance/Guido Bergmann)

Reden und Hören: Papst Benedikt XVI. im Erfurter Augustinerkloster im Vieraugen-Gespräch mit Nikolaus Schneider, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland. (Foto: picture alliance/Guido Bergmann)


Einwurf: Können Protestanten nicht zuhören?
Anmerkungen zum Papstbesuch.

Christoph Demke war 1983 bis 1997 Bischof der Kirchenprovinz Sachsen und im Lutherjahr 1983 Sekretär des kirchlichen Lutherkomitees.

Christoph Demke war 1983 bis 1997 Bischof der Kirchenprovinz Sachsen und im Lutherjahr 1983 Sekretär des kirchlichen Lutherkomitees.

Der Deutschlandbesuch von Papst Benedikt XVI. und seine Reden wurden von vielen als enttäuschend bezeichnet. Doch ist diese Einschätzung wirklich berechtigt?

Bei vielen Reaktionen auf die Reise des Papstes hat man den Eindruck, sein Reden und Verhalten werden nach dem Testbogen bewertet, den unsere Hoffnungen und Ängste, unsere Enttäuschungen und unsere Resignation zusammenstellt: Wo hat er unsere positiven oder negativen Erwartungen erfüllt? Entsprechend bekommt er Plus- und Minuspunkte. Neues können wir so natürlich nicht erfahren. Wie wäre es denn, wenn wir den Papst einmal ausreden ließen? Was bekommen wir dann zu hören?

Im Kapitelsaal des Augustinerklosters in Erfurt hat der Papst zwei Herausforderungen genannt, vor denen die »klassischen Konfessionskirchen« stehen. Und angesichts derer wir gemeinsam gerufen sind, uns der Grundlagen unseres Glaubens im biblischen Zeugnis und in den altkirchlichen Bekenntnissen zu vergewissern. Das eine ist die Herausforderung durch den »Säkularisierungsdruck«. Das andere sind die neuen Formen von ­Christentum, die eine »manchmal beängstigende missionarische Dynamik« entwickeln und die uns »ratlos« machen.

Ich denke, in beiden Fragen können wir Evangelischen uns nicht als glückliche Besitzer der Antworten aufführen. Wir sollten den Appell Benedikt XVI. aufnehmen, »uns gegenseitig helfen: tiefer und lebendiger zu glauben. Nicht Taktiken retten uns, retten das Christentum, sondern neu gedachter und neu gelebter Glaube«.

Präses Schneider konnte das mit der von ihm mit Recht favorisierten Rede von der »Ökumene der Gaben« (und nicht der Profile!) aufnehmen. Der neue katholische Erzbischof von Berlin, Rainer Woelki, beförderte in seiner Grußansprache zum Reformationstag am 31. Oktober in der Berliner Marienkirche das »gegenseitig« sogar zum Hauptwort. Er sprach von der »aufrichtigen Gegenseitigkeit (also: auf Augenhöhe?) in der Ökumene«. In einer Ökumene, die »notwendiger Weise auch die Orthodoxie und die ­Freikirchen einschließt, zusammen mit einem wachen Blick auf geistliche Entwicklungen in der Weltchristenheit«.

Ich bin nicht kundig genug, um diese neuen Entwicklungen jetzt genauer zu beschreiben. Man hängt ihnen das Etikett »charismatisch« an. Die Beschreibung, die der Papst im Kapitelsaal des Augustinerklosters gegeben hat (geringe institutionelle Dichte und Stabilität, mit wenig rationalem und noch weniger dogmatischem Gepäck), ruft bei mir die Frage wach: Haben die »beängstigenden« missionarischen Entwicklungen damals in Damaskus oder Antiochia die ersten Christen in Jerusalem nicht ähnlich ratlos gemacht?

Jedenfalls hat das gar nicht nach irgendeinem Masterplan gesteuerte Entstehen heidenchristlicher Gemeinden, die so viele der vertrauten Riten nicht ­befolgten, nicht nur die Judenchristen ­erschreckt (siehe Apostelgeschichte 10, Vers 45), sondern auch zu einer – um mit dem Papst zu formulieren – »neuen Form des Christentums« – geführt. Der theologische und kirchenleitende Einsatz des Apostels Paulus ist ganz maßgeblich der Grund dafür, dass die Christenheit damals nicht auseinanderdriftete.

Stehen wir vor neuen, aber in der Struktur in ­vielen Punkten ähnlichen Entwicklungen und Verwandlungen der Christenheit? Werden sich unsere Kirchen darauf einlassen, die Wunder des Geistes (siehe noch einmal Apostelgeschichte 10, Vers 45-46) zu riskieren?

In den Reden des Papstes treten die klassischen konfessionellen Streitpunkte (Amt, Eucharistie und Kirchenverständnis) faktisch vor diesen aktuellen Herausforderungen zurück. Bei der Grußansprache von Erzbischof Woelki wird das noch deutlicher, wenn er im Blick auf die traditionellen Streitthemen einerseits sagte: »Zu hoffen, dass die jeweils anderen unsere Weise zu denken und unsere Weise zu glauben irgendwann schließlich doch übernehmen, das führt uns alle und die Ökumene in eine Sackgasse, entweder in Selbstgenügsamkeit oder Ratlosigkeit.«

Andererseits stellte er dann, im Blick auf die erst zu erahnenden Entwicklungen in der Weltchristenheit fest: »Auf diese Weise kann der Geist Gottes stärker wirken, unsere Denkformen und Strukturen im Sinne Christi umgestalten und verflüssigen – mehr und anders als wir es selbst vermögen und erwarten.« Er schloss mit dem Satz, dass er sich freue, mit uns auf dem »nicht vorhersehbaren Weg der ecclesia semper reformanda (der sich ständig reformierenden Kirche – die Red.) unterwegs zu sein, dem einen Herrn Jesus Christus entgegen.«

In beeindruckender Nachdrücklichkeit hat der Papst die Frage Luthers nach einem gnädigen Gott als wichtigen Eingang zu einem gewissen Glauben hervorgehoben.

Aber – und das ist das andere, was den Papst besorgt, ja ängstigt: »Wen kümmert das (Luthers Frage) eigentlich heute – auch unter Christenmenschen?« Gibt es in der abendländischen Christenheit Entwicklungen, die merkwürdig ähnlich sind den neuen Formen eines charismatischen Christentums, die sich in Afri­ka und anderen Weltteilen ausbreiten?

Kann man sagen, dass die klassischen Konfessionskirchen, also wir Abendländer, im Denken und in unseren Riten in einer Erlösungsreligion zu Hause sind, während nun eine christliche Religion des Lobpreises und der Dankbarkeit ­heraufdämmert, deren Eingangstor nicht Luthers Frage, »wie bekommen ich einen gnädigen Gott«, ist? Vielleicht ist es weniger das Erschrecken über die Übermacht der Sünde als vielmehr die Anfechtung durch die Erfahrungen der Ohnmacht der Liebe, die heute viele Menschen in der Kirche und vor der Kirche bewegt. Oder sind beides dieselben Fragen?

Die EKD-Synode hat in diesem Jahr ­erneut über den missionarischen Auftrag der Gemeinde Jesu Christi nachgedacht mit dem Schwerpunktthema: »Was hindert’s, dass ich Christ werde?« Der Vorbereitungsausschuss hatte drei gewissermaßen »Zeugen« gewonnen, die aus ihrem Leben mit wohltuendem Freimut erzählten, wie sie auf diese Frage geantwortet haben bzw. jetzt antworten würden.

Die Synode hatte große Schwierigkeiten, das, was da zu ­hören war, aufzunehmen bis dahin, dass die Berliner Synodale Viola ­Kennert in ihrem Redebeitrag zunächst ihre Mitsynodalen fragte, ob sie denn nicht zugehört hätten?

Welches sind die Fragen, die den Zugang zum Glauben an Jesus Christus aufschließen? Wie kann die Aufforderung, nein besser der Wunsch des Papstes, dass die Frage nach dem gnädigen Gott, die Luther so bedrängte, »wieder neu und gewiss in neuer Form auch unsere Frage wird«, aufgenommen werden?

In der Tat: Für eine Protestanten und Katholiken vereinende, gemeinsame Vorbereitung des Jubiläumsjahres 2017 hat der Besuch von Benedikt XVI. genügend Anstöße gegeben. Jedenfalls sollte sein Besuch dazu helfen, in den Schritten auf 2017 zu uns nicht bloß mit jährlich neuen Schwerpunkten der weitreichenden und umfassenden Bedeutung der Reformation zu vergewissern. Ein solches Konzept riecht trotz aller anders lautenden Beteuerungen nach Triumphalismus.

Christoph Demke

Jenas gutes Gewissen

25. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Wie sich der Thüringer Jugendpfarrer Lothar König mit seiner Gemeinde gegen Rechtsextremismus engagiert

Rauschebart mit wachem Blick für die Gefahren rechts- extremen ­Denkens: Von manchem wurden Lothar Königs ­Einsatz gegen  Rassismus und Neonazismus schon als übertrieben bewertet. Doch die aktuellen Ereignisse geben ihm recht. Foto: picture-alliance

Rauschebart mit wachem Blick für die Gefahren rechts- extremen ­Denkens: Von manchem wurden Lothar Königs ­Einsatz gegen Rassismus und Neonazismus schon als übertrieben bewertet. Doch die aktuellen Ereignisse geben ihm recht. Foto: picture-alliance

Das Engagement gegen ­Neonazi-Umtriebe gehört zu seinem Leben. Doch während die rechte Terrorzelle aus Mitteldeutschland ­jahrelang unbehelligt ihr mörderisches Unwesen ­treiben konnte, geriet der ­Jenenser Lothar König ins ­Visier der sächsischen ­Ermittlungsbehörden.

Da war wieder dieses Reizwort: Tatsächlich Sachsen? Lothar König zuckt kurz mit den Augenbrauen. Dann legt er die Zigarette weg, die er sich gerade gedreht hat, und holt tief Luft. »Wenn es stimmt, dass Zielfahnder die drei in Chemnitz schon aufgespürt hatten, aber nicht zugreifen durften …« Er kann, er will es nicht fassen. Und dann beginnt der Jenaer Jugendpfarrer zu erzählen.

Von Beate Zschäpe, von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Von drei Leuten aus dem thüringischen Jena, wo praktisch jeder jeden kennt. Drei junge Menschen, die Mitte der 90er erwachsen, aber als Rechtsextremisten auch immer radikaler werden. König berichtet von der Zeit nach der Wende: von Übergriffen und überforderten Eltern, von belächelten Lehrern. Und davon, dass am Ende eine Terrorzelle steht, die aus Jena ab- und in Zwickau untertaucht, bis am Ende neun Migranten und eine Polizistin ermordet und 14 Banken überfallen sind. Und dann auch noch Chemnitz?

Einsatz gegen Rechts: »Einer muss es ja machen«

Königs Selbstgedrehte ist längst ausgegangen, die Asche abgefallen auf ­einen Tisch, der vollgepackt ist mit ­Papierstapeln und CD’s, mit Infomaterialien und Visitenkarten seiner jüngsten Besucher. Jetzt nimmt sich der Stadtjugendpfarrer Zeit an diesem späten Abend in seinem Büro, auch wenn er längst bei einem Treffen seiner Jugendgruppe sein müsste.

Der Tagesplan ist ohnehin aus dem Ruder gelaufen. Der »Guardian« aus London war gerade da, ein französisches TV-Team will noch kommen. Aus Hamburg rufen sie an, aus Hannover und Berlin: Und alle wollen sie wissen, wie doch sein konnte, was so unvorstellbar scheint. Und wie und warum er, der 57-Jährige, seit zwei Jahrzehnten in der Universitätsstadt gegen Rechtsextremismus, aber auch für Demokratie und Toleranz kämpft. »Einer muss es ja machen«, sagt er trocken. König ist so etwas wie das gute Gewissen von Jena.

Es ist ein langer Weg, den König, der Rauschebart, gegangen ist. Er hat ihn in Leimbach, einem Ortsteil des nordthüringischen Nordhausens, beschritten. Er ist als Bauernsohn aufgewachsen, hat harte Arbeit gelernt. Er wird 1968 als 14-Jähriger vom Prager Frühling begeistert. Aber ein Jahr ­später, als er das auch sichtbar an die Wand malt, sind die Weichen für sein Leben gestellt: Wohnungsdurchsuchung, kein Abitur, eine Lehre als Zerspanungsfacharbeiter.

Was folgt sind Protest, langes Haar, ein »Hinüberdriften zur Kirche«. »Ich wusste eigentlich nicht, was ich machen sollte, so wurde ich Diakon«, erinnert sich König. Eines Tages dann lernt er aber tatsächlich einen Pfarrer kennen, »der mir Jesus so erklärt hat, dass ich ihn auch verstanden habe«. Offene Jugendarbeit, Schwerter zu Pflugscharen und Nato-Doppelbeschluss, Gorbatschow und Neues Forum. Das alles prägt ihn.

Prägende Erfahrung mit den Skinheads in der DDR

Vor allem aber prägt ihn 1987 der rechtsradikale Überfall von DDR-Skinheads auf die Berliner Zionskirche. Und als er 1990 schließlich eine Stelle in Jena antritt und auch dort schon bald der erste Überfall von Rechts zu beklagen ist, da ist ihm klar: Dieses Engagement wird ihn sein ­Leben lang begleiten. Dennoch die Frage: Ist es ruhig geworden in Jena nach den Zeiten von Thüringer Heimatschutzbund und dem Untertauchen der drei späteren Terroristen?

König überlegt wieder einen Augenblick, er differenziert. »Äußerlich – Ja.« Aber er nennt es einen »römischen Frieden«. Sie gäben deshalb Ruhe, sagt er, weil sie in ganzen Stadtteilen bereits die Meinungsführerschaft innehätten. Das alles treibt ihn an, lässt ihn weitermachen.
Sein Job, seine Arbeit in der Jungen Gemeinde, ist sein Leben. Als »Bürger für Jena« ist er inzwischen Stadtrat, auch weil er mitgestalten will. Wird es ihm gedankt? Da lächelt er dann doch. »Heute sind wir hier die Vorzeigeinitiative, doch lange wurden wir geschnitten.« Aber so was ist ihm eigentlich egal.

Lothar König tut, wovon er überzeugt ist. Also fährt er mit seinem Kleinbus natürlich auch an diesem 19. Februar 2011 nach Dresden, will dabei sein, wenn die Mitte der Gesellschaft gegen Rechtsextremismus protestiert. Sechs Monate nach dieser Demo, bei der eine Million Handyverbindungen erfasst worden sind, werden seine Dienstwohnung und sein Büro durchsucht. Bischöfin Ilse Junkermann, das Landeskirchenamt und Minister der Landesregierung protestieren: Lothar König als der Staatsfeind Nummer eins? Er, der intellektuelle Kopf einer kriminellen Vereinigung?

»Da ist in Sachsen etwas aus dem Ruder gelaufen«

Neues Tabakpäckchen, neue Zigarette, dazwischen ein Telefonat. Der Pfarrer denkt nach, er will es präzise sagen. Er glaubt nicht mal, dass zunächst er im Fokus stand. »Da ist in Sachsen einfach etwas aus dem Ruder gelaufen«, ist der Theologe überzeugt. Und dann erzählt er von der Aktenlage, die existiert. Von sächsischen Ermittlungen wegen Marihuanabesitzes gegen irgendwelche Fremden.

Wie die Polizei diesen Personen auch Zusammenhänge von Rechts-Links-Ausein­andersetzungen zuordnet. Wie seine Tochter als Landtagsabgeordnete per Auto nach Dresden zu solchen Leuten fährt. Er erzählt von dokumentierten Observationen und Telefonüberwachungen. Von der Kfz-Halterfeststellung, die seinen Namen zutage fördert. Von der folgenden Datenbankabfrage im Landeskriminalamt, die zu seinem Namen 21 Treffer ausspuckt: 21 Mal aufgefallen im Zusammenhang mit Demonstrationen gegen Rechts. Und nun plötzlich ist da der Verdacht, der ihn zugleich zum Kopf einer kriminellen Vereinigung werden lässt. »Total konstruiert«, wie er findet.

In dieser Woche wollte die Staatsanwaltschaft Dresden über eine Anklageerhebung entscheiden. Er selbst ist zu den Vorwürfen noch nicht ­einmal befragt. Natürlich wird er sich wehren gegen den Vorwurf des schweren Landfriedensbruchs, denn den Vorwurf der Bildung einer kriminellen Vereinigung hat man inzwischen klammheimlich fallen lassen. Aber wenn es denn einen Prozess geben wird, dann müsste er Zeugen bringen, die ihn entlasten für sein ­Verhalten auf der Demonstration. Und dass es dieses Verfahren gibt, da ist er sicher: »Es geht Sachsen um ­Gesichtswahrung.«

Demokratie darf nicht der Lethargie weichen

So ist es denn eine paradoxe Situation, in der sich der Pfarrer sieht. In diesen Tagen gilt er als Ansprechpartner für viele. Man fragt ihn als Experten, will wissen, wie zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rechts befördert werden kann. Auf der anderen Seite soll er genau deshalb vor Gericht. Er wird sich dem stellen. Schließlich ist er überzeugt davon, dass er Menschen ermutigen will. Sonst laufe man, fürchtet der Pfarrer, eines Tages Gefahr, dass die Demokratie der Lethargie weicht.

Haben also die Ereignisse um die Zwickauer Terrorzelle, so furchtbar und beschämend sie sind, die Gesellschaft wachgerüttelt? Lothar König ist sich da nicht so sicher. »Die Medien haben sie aufgeschreckt«, findet er. Aber ob sich nach dieser Serie des Rechtsterrorismus auch die Menschen verändern werden? »Das muss man abwarten«, glaubt er. »Und vielleicht in zwei, drei Monaten noch einmal diskutieren.«

Und dann muss er los. Es ist zwar schon abends, lange nach acht. Aber wenn sich Lothar König beeilt, dann findet das Treffen der Jungen Gemeinde nicht völlig ohne ihn statt. Also rennt er.

Steffen Reichert

Hintergrund:

Ermittlungen gegen Jugendpfarrer König
In der Frühe des 10. August dieses Jahres durchsuchten sächsische ­Polizei­beamte in Abwesenheit von Lothar König die Dienst- und Privaträume des ­Jugendpfarrers in Jena. Akten, Infomaterial, Datenspeicher sowie ein Kleinbus wurden beschlagnahmt. Die im Vorfeld nicht mit den Thüringer Behörden ­abgestimmte Aktion sorgte für erhebliche Irritationen bis in die Reihen der thüringischen Landesregierung. Nachdem der zuvor erhobene Vorwurf der Bildung einer kriminellen (linken) Vereinigung gegen König fallen gelassen wurde, steht nun der Vorwurf der Anstiftung zum schweren Landfriedensbruch im Raum. König soll bei den teilweise gewalttätigen Demonstrationen gegen den Neonazi-Aufmarsch am 19. Februar in Dresden über Lautsprecher auf seinem Kleinbus zu Gewalt gegen Polizisten aufgerufen haben.

(GKZ)

Anmerkung der Redaktion: Die Staatsanwaltschaft Dresden hat am Mittwoch, 23. November, mitgeteilt, dass die Ermittlungen zum “Fall König” bisher noch nicht abgeschlossen seien. Die Entscheidung  über eine Anklageerhebung werde vermutlich erst bis Ende November erfolgen.

Todsicher!

21. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Ewigkeitssonntag: Wenn mit dem Tod wirklich alles aus ist, dann wird das Leben zur »letzten Gelegenheit«

Paul M. Zulehner ist katholischer Priester und emeritierter ­Professor für ­Pastoraltheologie der Universität Wien. Er gilt als einer der ­bekanntesten ­Religionssozio­logen Europas. Foto: Andi Bruckner

Paul M. Zulehner ist katholischer Priester und emeritierter ­Professor für ­Pastoraltheologie der Universität Wien. Er gilt als einer der ­bekanntesten ­Religionssozio­logen Europas. Foto: Andi Bruckner

Im Blick auf den Tod herrscht bei vielen ein Gemisch aus Angst, Hoffnung und Zweifel. Ein Beitrag, wie Menschen mit dem Gedanken ans Ende umgehen.

Der Mensch von heute lebt mit Vielem, was unsicher ist: ob die Erde bewohnbar bleibt, ob jemand Arbeit hat, eine Partnerschaft hält, was aus den Kindern wird. Nur eines ist sicher: dass unser Leben vergänglich ist, ein ­sicheres Ende hat. Das ist »todsicher«, ­sagen wird. Dabei ist es oft nicht der eigene Tod, an den wir mit ­Unbehagen denken. Vielmehr leiden wir unter dem Tod derer, die wir lieben.

Keine Frage ist in der Geschichte der Menschheit älter als diese: Was ist am Ende stärker: der Tod oder die Liebe? Die alten Griechen erzählten zu dieser Frage die Geschichte von Orpheus und Eurydike. Der Spielmann Orpheus verliert, die er liebt. Aber die Liebe treibt ihn hinabzusteigen in die Unterwelt. Dank seines Liedes, begleitet von einer Lyra, kann er den Todesfluss überwinden, kommt zu den Herrschenden der Unterwelt, Hades und Persephone.

Diese sind von der Kraft seiner Liebe so beeindruckt, dass sie ihm gestatten, das Schattenwesen Eurydike in das Land des Lebens und der Liebe zurückzuführen. Er dürfe sich auf dem Weg zurück nur nicht umsehen – was er nicht schafft, und so verliert er sie für immer. Der Tod, so die alte depressive Erzählung, hat aus der Sicht des Menschen das letzte Wort.

Wenn wir heute Umfragen zu Rate ­ziehen, gibt es nicht wenige Menschen unter uns, welche diese dunkle Ahnung teilen. Für sie ist mit dem Tod alles aus. Ihre Hoffnung stirbt mit ihnen. Das hat Rückwirkungen auf das eigene Leben. Dieses wird zur »letzten Gelegenheit«, schreibt die kluge und nachdenkliche Marianne Gronemeyer. Solches Leben wird freilich hastig, anstrengend, überfordernd. Wir haben ja für das maßlose Sehnen nur mäßig Zeit. Zudem ­bedrängt uns untergründig die Angst, zu kurz zu kommen. Was uns wiederum entsolidarisiert.

Angst und Lieben passen nicht zusammen, so unsere Erfahrung. Andere freilich bauen ihr Leben auf die für sie sichere Hoffnung, dass mit dem Tod nicht alles aus ist. Die Bilder von einem solchen Danach sind freilich unscharf. Nicht wenige, reiseerfahren, denken an
Reinkarnation – Milliarden von Menschen in fernöstlichen Gebieten setzen darauf.

Andere ahnen, dass die Freiheit des Menschen eine Zielrichtung hat und auf eine endgültige Vollendung des Lebens drängt. Also rechnen sie mit einem ausgereiften Leben nach dem Tod. Wie es aussehen sollte dort, darüber sagt Maria-Luise Kaschnitz: »nur Liebe, freigewordene, mich überflutend«. Diese Menschen hoffen also, dass der Tod durch die Liebe besiegt wird. Das bewirkt, so spüren sie, dass sie weniger Angst vor der Todesgeburt in dieses Leben der Liebe haben müssen, was sie wiederum »freimacht von einem Leben krampfhafter Selbstbehauptung«.

»Es könnte die Angst von uns nehmen und uns frei machen zu einer Liebe, die den Tod nicht mehr fürchtet.«

 
Eine dritte Gruppe bleibt ein Leben lang voll Zweifel. Solche Skeptiker hoffen und misstrauen zugleich ihrer schwachen Hoffnung. Sie lassen es offen, wie es sein wird. Zugleich aber spüren sie, dass es Entscheidungen gleichsam »auf Leben und Tod« gibt: Ob ich mich in Liebe an jemanden verausgabe, ob ich den Mächtigen widerstehe, das Knie »nie mehr vor einer Partei« oder vor dem Konsum beuge.

Vielleicht trägt jede und jeder von uns heute alle drei Arten des Umgangs mit dem »todsicheren« Ende unseres Lebens in sich: Zunächst die naheliegende Erfahrung, die heute auch Naturwissenschaften teilen und für die große atheistische Denksysteme der Vergangenheit sich eingesetzt haben, dass mit dem Tod alles aus ist. Sodann fällt der Blick auf die Liebe und die geliebten Menschen, der es uns schwer macht ernsthaft zu glauben, dass der Tod die Liebe endgültig verschlingt. Und im Grunde schließlich der Zweifel, dass wir es letztlich aus unserer Erfahrung heraus kaum endgültig entscheiden können. So regiert bei vielen ein Gemisch von Angst, Hoffnung und Zweifel.

Die frühen Christen haben den depressiven Mythos der Griechen von Orpheus und Eurydike gut gekannt. In den römischen Begräbnisstätten, den Katakomben, gibt es Bilder, in denen Christus als Orpheus dargestellt wird. Er ist der liebende Spielmann Gottes. Die, die er liebt, seine Eurydike, das ist die Menschheit, die vom Tod erfasst wird. Von Gottes Spielmann erzählen Christen seit Anfang an, dass er aus dem raumzeitenthobenen Lebensraum in Gott »hinabgestiegen ist in das Reich des Todes«.

Und die christlichen Kirchen erzählen von Anfang an, dass er von dort – in seinem Tod und seiner Auferstehung – die Menschheit zurückgeführt hat in das Land todentrückten Lebens. Die Lyra, die ihm dabei behilflich ist, sei – so die alte Deutung – die Kirche: jenes Instrument, auf dem zugunsten der Menschen das rettende Lied des Lachens, der Hoffnung und der Auferstehung erklinge. Ob dieses Lied unsere zweifelnden Herzen erreicht und beruhigt? Es könnte die Angst von uns nehmen und uns frei machen zu ­einer Liebe, die den Tod nicht mehr fürchtet.

Paul M. Zulehner

Paul M. Zulehner ist katholischer Priester und emeritierter ­Professor für ­Pastoraltheologie der Universität Wien. Er gilt als einer der ­bekanntesten ­Religionssozio­logen Europas.

»Herzschlag der Kirche«

10. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Eine Teilnehmerin des Dresdner Kirchentages formt mit ihren Händen ein Herz, das Symbol des Kirchentages. »... da wird auch dein Herz sein«, lautete das Motto. Das Herz der Kirche gehört der Mission. Foto: epd-bild.

Eine Teilnehmerin des Dresdner Kirchentages formt mit ihren Händen ein Herz, das Symbol des Kirchentages. »... da wird auch dein Herz sein«, lautete das Motto. Das Herz der Kirche gehört der Mission. Foto: epd-bild.


 
EKD-Synode: Das Thema Mission stand im Mittelpunkt der Beratungen des Kirchenparlamentes in Magdeburg.

Lange war Mission allenfalls ein Randthema im Protestantismus. Inzwischen hat die evangelische Kirche die Bedeutung erkannt. Die ­zentrale Frage lautet: Wie können Christen ihren ­Glauben so leben, dass er auch andere anspricht?

Die Zahlen lügen nicht: Der Artikel zum Kirchenaustritt der Internet-Enzyklopädie Wikipedia sei im November 1269 Mal aufgerufen worden, der Beitrag zum Kircheneintritt dagegen nur 37 Mal. Sehr offen gibt Pavel Richter, Geschäftsführer von Wikimedia Deutschland e.V., Auskunft über sein Verhältnis zur Religion und zur Frage, was ihn daran hindert, Christ zu werden.

Diese Frage, eröffnet er am 7. November ­seinen Beitrag vor der EKD-Synode in Magdeburg, komme im Alltag kaum vor. »Ich weiß nicht mal, wann ich danach das letzte Mal gefragt worden bin.« Dabei versteht sich der Geschäftsführer durchaus als Christ im Sinne einer kulturellen Prägung, aber eben nicht als gläubig. Als einen Grund, warum er nicht in die Kirche eintritt, nennt er unter anderem die Kirchensteuer.

Zugleich gibt Richter aber auch eine Frage an die Synode zurück: »Was lockt mich, in die Kirche einzutreten?« Für sein »Christsein« brauche er die Kirche eigentlich kaum, gibt er zu Protokoll.

Vier ganz unterschiedliche Voten sollen die Synodalen auf das Schwerpunktthema Mission einstimmen. Neben dem Wikimedia-Geschäftsführer kommt Max Bank von »attac« zu Wort, der sich erst als 27-Jähriger hat taufen lassen. Die Ostberliner Jazzsängerin Pascal von Wroblewsky dagegen macht unmissverständlich klar, dass der Glaube für sie kein Thema ist. »Offenbar hat Religion auf mich keine Wirkung, hier bin ich immun.«

Die ­Tübinger Theologieprofessorin Birgit Weyel wirft schließlich einen Blick auf die fortschreitende Entkirchlichung. Gründe dafür sieht sie in
der Individualisierung des Religiösen. Dennoch sei das Christentum in Deutschland durchaus präsent. Etwa 62 Prozent der Menschen würden sich als Christen bekennen.

Aufgabe der Kirche sei es, das Gespräch über die christlichen Lebensdeutungen zu fördern. Dabei müssten die Menschen ernst genommen werden. »Sie sind keine Konsumenten, an die man vermeintlich passgenaue Angebote adressieren kann.« Bereits zum zweiten Mal nach 1999 hat die EKD-Synode das Thema Mission auf die Tagesordnung gesetzt.

Einen Tag lang nehmen sich die Synodalen Zeit, um über die Impulsreferate und den Kundgebungsentwurf unter dem Titel »Was hindert’s, dass ich Christ werde?« zu diskutieren. Der Grund liegt auf der Hand: In den letzten acht Jahren hat die evangelische Kirche rund zwei Millionen Mitglieder verloren.

Derzeit zählt die EKD noch 24 Millionen Christen. Vor allem im Osten stellt sich die Situation dramatisch dar. In Magdeburg etwa, dem ­Tagungsort der Synode, gehören gerade einmal 8,9 Prozent der Einwohner der evangelischen Kirche an. Bis 2040 rechnet die EKD mit einem Rückgang auf insgesamt 16 Millionen Mitglieder.

Trotzdem soll das Thema Mission keinesfalls als Programm zur Mitgliedergewinnung missverstanden werden. Weder gehe es um eine ­»christ­liche Motivationsstrategie« noch um die »Rekrutierung neuer Mitglieder«, so der hannoversche Landesbischof Ralf Meister, der als Vorsitzender des Vorbereitungsausschusses den Kundgebungsentwurf einbringt.

»Die Kirche bedarf einer neuen Sprachfähigkeit des Glaubens, um die Botschaft fantasievoll, überzeugend und leidenschaftlich zu vermitteln.« Christliche Mission spüre sowohl »ihrem eigenen Herzschlag« nach, aber nehme gleichzeitig auch offen wahr, was die Menschen ihr zu sagen haben und was die Gesellschaft heute bewegt, sagt der ­Bischof bei der Einbringung. Die geistliche Herausforderung sieht er in der »geistlichen Konzentration und eine konsequente Ausrichtung auf das Zentrum, auf Gott und Christus selbst«.

Zugleich warnt Meister vor ­einer aktionistischen Engführung. Bei der Mission gehe es immer um die Freiheit des Gegenübers.
Doch der Entwurf, der am Mittwoch (nach Redaktionsschluss) verabschiedet werden soll, stößt im Kirchenparlament nicht nur auf Zustimmung.

Etliche Synodale kritisieren die »depressive Grundstimmung« und bemängeln die Ausrichtung. Die Ostberliner Sängerin Pascal von Wroblewsky kann der Diskussion ohnehin nichts abgewinnen. Für sie ist die Frage ebenso irrelevant wie für die Mehrheit der Ostdeutschen. Das allerdings spielt im Plenum der EKD-Synode keine Rolle.

Martin Hanusch

Nikolaus Schneider

»Nicht über unsere Verhältnisse leben«

EKD-Chef bekräftigte Reformnotwendigkeit in der Kirche und las der Finanzwirtschaft die Leviten

Am Anfang stand ein deutliches Bekenntnis des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur Fortsetzung des Reformprozesses. Die evangelische Kirche sei ein offenes und missionarisches Haus und habe den Mut zu ­Reformen unter Beweis gestellt, sagte der rheinische Präses Nikolaus Schneider zum Auftakt der in Magdeburg tagenden EKD-Synode. Das geschehe nicht in »blindem Reformeifer zur Selbstprofilierung«, sondern im Blick auf die künftigen Aufgaben.

Es gebe allerdings auch in der Kirche so etwas wie eine »Reformmüdigkeit« und eine prinzipielle Zurückhaltung gegenüber notwendigen Veränderungen, räumte der EKD-Ratsvorsitzende ein, der seinen Bericht unter das Motto »Haus der lebendigen Steine« gestellt hatte. Die demografische Entwicklung, zurückgehende Kirchenmitgliedschaft und der Relevanzverlust der Institutionen stellten die Kirche »zwingend« vor die Aufgabe, nachhaltig lebbare Strukturen anzustreben. »Wir wollen und sollen als Kirche nicht in die Gefahr geraten, auf Dauer über unsere Verhältnisse zu leben.«

Ausführlich ging der EKD-Chef in seinem Bericht zudem auf die ­Papst­visite in Deutschland ein. Mit seinem Besuch im Erfurter Augustinerkloster habe Benedikt XVI. ein »starkes ökumenisches Signal« gesetzt, lobte Schneider. Zugleich äußerte er sich jedoch enttäuscht über das Treffen am 23. September. Es dürfe nichts schöngeredet werden, »was nicht schön war«.

Brennende Fragen des ökumenischen Dialogs seien im Gottesdienst gar nicht oder nur missverstehend und missverständlich angesprochen worden, kritisierte Schneider. Besonders irritiert habe viele Menschen die Rede des Papstes von einem »Gastgeschenk«, das er nicht dabei hätte. Niemand habe das erwartet, wohl aber inhaltliche Impulse. Trotz dieser ökumenischen Irritation lud der Ratsvorsitzende die katholische Kirche dazu ein, das Reformationsjubiläum 2017 mitzufeiern.

Breiten Raum nahmen in dem Bericht schließlich die gesellschaftlichen Entwicklungen vom Atomausstieg und der Suche nach einem Endlager über den Flüchtlingsschutz bis zur Eurokrise ein. So mahnte der EKD-Ratsvorsitzende Konsequenzen aus der internationalen Finanz- und Schuldenkrise an. »Wir benötigen eine Politik, die Finanzakteure so zügelt und Finanzstrukturen so steuert, dass sie nicht der Bereicherung Einzelner, sondern dem Leben vieler Menschen dienen.«

Die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise drohten dagegen die Stabilität ganzer Staaten die Existenzgrundlage vieler Menschen zu ­gefährden, sagte Schneider. Von den Folgen der Finanzkrise seien weltweit die Armen am stärksten betroffen. Auch in Deutschland vergrößere sich die soziale Kluft. Er sei dankbar, dass die Politik wieder über Mindestlöhne diskutiere. Grundsätzlich müsse unter sozialethischen Gesichtspunkten gelten: »Eine volle Berufstätigkeit soll so entlohnt werden, dass ein eigenverantwortetes Leben möglich ist.«

Zugleich ging Schneider vor dem Kirchenparlament auch auf das umstrittene kirchliche Arbeitsrecht ein, das während der Synode beraten wurde. Dabei verteidigte der Ratsvorsitzende die Sonderregelungen, nach denen Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einer Dienstgemeinschaft verbunden sind. »Wir wollen eine Leitwährung für den Dritten Weg.« Letztlich ziele dieser auf ein gleichberechtigtes Miteinander und wolle dem Gegen­einander von Dienstgebern und Dienstnehmern im Sinn von Arbeitskämpfen wehren. Allerdings drohe das Verhalten einzelner Träger durch Ausgründungen und Zeitarbeit die Gemeinschaft auszuhöhlen. Hier brauche es bessere Sanktionsmöglichkeiten bei Verstößen durch die Dienstgeber, forderte der Ratsvorsitzende.

Martin Hanusch

Gerhard Ulrich ist neuer Leitender Bischof der lutherischen Kirche

7. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Leidenschaftlicher Prediger

Gerhard Ulrich ist neuer Leitender Bischof der lutherischen Kirche.

 
Er gilt als eine treibende Kraft bei der Gründung der Nordkirche und scheut keine stressige Gremienarbeit mit Sitzungen bis in die Nacht. Seine Leidenschaft aber ist die Predigt. Gerhard Ulrich (60), neuer Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), will auch in seinem neuen Amt das tun, was er als Pastor, Propst und nordelbischer Bischof schon immer am liebsten getan hat: Menschen für das Evangelium gewinnen.

Gerhard Ulrich ist neuer Leitender Bischof der lutherischen Kirche.

Gerhard Ulrich ist neuer Leitender Bischof der lutherischen Kirche.


Als er im Juli 2008 Schleswiger Bischof wurde, sagte Ulrich auf Journalistenfragen, dass seine Leidenschaft für das Wort durch seine Geschichte geprägt sei. Dabei verwies der neue Spitzenmann des Zusammenschlusses von acht lutherischen Landeskirchen mit fast zehn Millionen evangelischen Christen auf ein zentrales Schlüsselerlebnis.

Er war Schauspielschüler. Kurz vor einem Auftritt beim Stück “Abelard und Heloise” hörte der damals 22-Jährige im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater, wie eine Kollegin den Psalm 139 rezitierte: “Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir … und nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.” Dieser Eindruck brachte Ulrich dazu, vom Studium der Germanistik, Theaterwissenschaften und Schauspielkunst 1974 zum Theologiestudium zu wechseln.

Er legt großen Wert darauf, beim Predigen in die Lebenswirklichkeit der Menschen “hineinzuerzählen”. “Weil ich es selbst so erfahren habe, kann ich mir es gar nicht anders vorstellen”, sagt der evangelische Theologe, der mit Ehefrau Cornelia vier erwachsene Söhne hat.

Auch sein beruflicher Werdegang als Pastor war von Abwechslung geprägt. Als Sohn eines Polizisten in Hamburg geboren war Ulrich zunächst Pastor in Barsbüttel (Kreis Stormarn) und Hamburg-Wellingsbüttel. Danach wurde er Ausbildungsmentor für Theologen in Schleswig und Direktor des Predigerseminars Preetz. Im März 1996 übernahm er das Propstamt im Kirchenkreis Angeln, 2008 wurde er Schleswiger Bischof als Nachfolger von Hans Christian Knuth.

Bereits als Propst war er Mitglied der nordelbischen Kirchenleitung und von Anfang an aktiv beteiligt an den Weichenstellungen für die Nordkirche als Zusammenschluss der nordelbischen, mecklenburgischen und pommerschen Kirche. Er ist derzeit nicht nur Vorsitzender der nordelbischen Kirchenleitung, sondern hat auch den Vorsitz der gemeinsamen Kirchenleitung aller drei Kirchen inne.

Hartmut Schulz (epd)

Gentechnik und Kirche

1. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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»Angstdebatte mit vielfach widerlegten Behauptungen«

 
Grüne Gentechnik: Brauchen wir gentechnisch veränderte Pflanzen? Im Gespräch mit Professor Reinhard Szibor.
 
»Gendreck weg«, lautet ein in Deutschland vielfach zu ­hörender Spruch. Der Magdeburger Naturwissenschaftler Reinhard Szibor hält dagegen. Für ihn ist die Ablehnung der Grünen Gentechnik ein unverantwortlicher Fehler. Harald Krille sprach mit dem bekennenden Protestanten.
 

Professor Reinhard Szibor, Foto: Harald Krille.

Professor Reinhard Szibor, Foto: Harald Krille.

 Herr Professor Szibor, die überwiegende Mehrheit der Deutschen hat Angst vor der Grünen Gentechnik. Sie nicht?
Szibor:
Ich habe keine Angst, sondern die Sorge, dass man sie nicht nutzt. Man muss festhalten, dass es ein unglaubliches Unwissen über Züchtung überhaupt und die Grünen Gentechnik im Besondern gibt. Viele wissen gar nicht, dass die große Mehrheit der Pflanzen, die wir essen, Ergebnisse ungerichteter Mutationen sind. Veränderungen in der konventionellen Züchtung werden oft dadurch erzeugt, dass man Pflanzen mit radioaktiven Strahlen und mit chemischen Mutagenen behandelt und eine Fülle von unkontrollierten Veränderungen erhält. Diese sind meist nachteilig, die wenigen erwünschten sucht man dann heraus. Eine Prüfung oder institutionelle Überwachung gab es dabei überhaupt nicht. Manches davon war gesundheitsschädlich und musste wieder vom Markt genommen werden.
 
Und das ist bei der Gentechnik anders?
Szibor:
Bei der gentechnischen Veränderung einer Pflanze gibt es einen gezielten Eingriff an nur einer Stelle und dort wird eine gut analysierte Gensequenz eingebaut. Das wirkliche Alleinstellungsmerkmal der Grünen Gentechnik ist, dass alles dort Produzierte einer Sicherheitskontrolle unterworfen ist: Es wird genau geprüft, ob es Gefahren für die Umwelt oder die Gesundheit von Mensch und Tier gibt. Erst dann kommen solche Pflanzen auf den Markt.
 
Auch die Atomphysiker und Kraftwerksingenieure haben uns versprochen, dass Kernenergie eine saubere und beherrschbare Sache sei. Heute weiß man, dass die Risiken und Nebenwirkungen kaum beherrschbar sind.
Szibor:
Ich bin kein Verfechter der Kernenergie. Aber: Wenn Sie mal die Toten und gesundheitlich Geschädigten durch Unfälle und Katastrophen in Atomanlagen zusammenzählen, dann sind das wenige Prozent von der Anzahl der Opfer, die früher im gleichen Zeitraum durch die Nutzung der Kohle zu beklagen waren. So schlimm Tschernobyl und Fukushima auch sind, man muss die Realitäten und die Relationen sehen. Um die enormen Probleme unserer Welt zu lösen, brauchen wir auch neue Technologien!
 
Ist das Misstrauen gegenüber neuen Technologien nicht verständlich wenn man bedenkt, wie oft die Heilsversprechen nicht eingehalten wurden?
Szibor:
Das Problem ist, dass sich ­alles, was schief gegangen ist, fester in unser Gedächtnis einprägt als die Vieltausend guten Ergebnisse. Man hört zum Beispiel immer die Klagen über die Antibiotika-Therapien, dass es dadurch Resistenzen gibt und so weiter. Aber man vergisst, wie viele Millionen und Abermillionen Menschen durch diese Therapien gerettet wurden.
 
Wir müssen also mit Risiken leben?
Szibor:
Es gibt kein Nullrisiko. Wir müssen immer die Vorteile einer Technologie realistisch abwägen gegen ihre zweifellos bestehenden Risiken und gegen die Risiken, die sich aus dem Verzicht darauf ergeben. Bei der Grünen Gentechnik sind die Risiken durch zugelassene Pflanzen nahe Null, die Chancen groß und ein Verzicht verschärft die bestehenden Probleme.
 
Und warum sollen wir uns den Chancen und Risiken der Grünen Gentechnik aussetzen?
Szibor:
Weil alle sechs Sekunden auf der Welt ein Mensch an Hunger stirbt. Und weil die konventionelle Züchtung ausgereizt ist und kaum noch einen Zuwachs an Erträgen und an Ertragssicherheit bringt. Wir brauchen jetzt im Blick auf den Klimawandel dringend Pflanzen, die gegen Trockenheit resistent sind. Frau Käßmann hat es auf dem Dresdener Kirchentag auf den Punkt gebracht. Sie fragte, was wohl wäre, wenn jährlich 2,2 Millionen Kinder in Westeuropa an Mangel- und Unterernährung stürben? Dann wären wir alle sehr aufgeregt und ­würden nichts unversucht lassen, die Situation zu ändern.
 
Die Gentechnik also als Wunderwaffe gegen den Hunger in der Welt?
Szibor:
Gentechnik allein kann die vielschichtigen Probleme nicht lösen. Aber gentechnisch veränderte Pflanzen sind wichtig im Ensemble der Möglichkeiten. In vielen Ländern müssen daneben politische Verhältnisse verändert, muss in Bildung investiert und eine moderne Form der Landwirtschaft entwickelt werden.
 
»Brot für die Welt« und andere Organisationen fordern vehement den Erhalt kleinbäuerlicher Strukturen mit konventioneller Landwirtschaft in den Entwicklungsländern …
Szibor:
Gegen kleinbäuerliche Strukturen ist nichts einzuwenden. Sie sind aber nur gut, wenn die Bauern auch ertragsfähige Sorten, moderne Pflanzen- und Bodenschutzmöglichkeiten und Wissen vermittelt bekommen. Sonst erwirtschaften sie nur einen Bruchteil des Ertrages, der möglich wäre! Aber davon abgesehen: Derzeit steigt der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen gerade bei Kleinbauern in Entwicklungsländern jährlich um etwa sechs Prozent.
 
Die machen das doch nicht aus Jux und Tollerei oder nur um Firmen wie »Monsanto« und »BASF« einen Gefallen zu tun. Auch diese Bauern können rechnen. Höheren Kosten für das Saatgut stehen höhere Erträge gegenüber. Gerade die Kleinbauern profi­tieren überdimensional von dieser Technologie. Zu den höheren Erträgen kommen weitere Effekte: So fällt etwa durch Schädlingsresistenzen der Einsatz von Giften weg, der neben Kosten vor allem viele Umwelt- und Gesundheitsprobleme mit sich bringt.
 
Aber letztlich verdienen vor allem die Großkonzerne, die die Grüne Gentechnik auf den Markt bringen …
Szibor:
Und genau das ist mein Vorwurf an diverse Umweltorganisationen und auch die Kirchen. Sie behindern die gentechnische Forschung in öffentlicher Hand! Wissenschaftler werden geradezu aus Deutschland vertrieben. Die gehen zu »Monsanto« und ähnlichen Firmen nach Amerika. Dort reibt man sich die Hände, hat das gesamte Wissen und kann diktieren, wie hoch die Lizenzgebühren sind. Wir müssen die Forschung und die Produktion von gentechnisch veränderten Pflanzen in die öffentliche Hand legen! Dann könnten die Politiker auch sagen, wir geben den Bauern in Afrika dieses Saatgut unter besonders günstigen Bedingungen.
 
Aber besteht nicht die Gefahr, dass sich gentechnisch veränderte Pflanzen unkontrolliert mit anderen Pflanzen kreuzen – mit unvorhersehbaren Folgen?
Szibor:
Das Auskreuzungsproblem ist ein reales, aber es wird total überzogen dargestellt, zumal es bisher kein belegtes Beispiel dafür gibt. Aber: Aus Gründen der biologischen Schädlingsbekämpfung wurde beispielsweise der asiatische Marienkäfer bei uns eingeführt – der ist nicht rückholbar und frisst nicht nur Blattläuse, sondern gefährdet unsere heimischen Marienkäfer und andere Nutzinsekten. Die größte Umweltkatastrophe der letzen 20 Jahre, die uns ausgerechnet der biologische Landbau beschert hat! Darüber redet niemand, aber die hypothetische Frage, ob möglicherweise gentechnisch veränderte Pflanzen auswildern, wird zu einem riesigen Problem hochstilisiert. Aber auch dieses Problem steht im Focus der Sicherheitsprüfung.
 
Sie schrieben kürzlich, ausgerechnet die Kirche der Reformation drohe »aus Sicht vieler Biowissenschaftler in einen wissenschaftlichkeitsfeindlichen Zustand zu verfallen, wie wir ihn aus Zeiten kennen, als man Darwin noch einen Ketzer nannte«. Was wünschen Sie sich von Ihrer Kirche?
Szibor:
Ich bin davon überzeugt, dass zur Lösung der größten Probleme der Zukunft – Ernährung und Energie – der Einsatz von Biotechnologien unumgänglich ist. Deshalb brauchen wir eine sachliche Diskussion mit wissenschaftlichen und ethischen Argumenten. Kirchenleute sollten sich von Wissenschaftlern mit nachgewiesener Kompetenz beraten lassen.
 
Derzeit führen wir auch in den Kirchen weithin eine Angstdebatte mit vielfach ­widerlegten Behauptungen. Ich habe deshalb ein Memorandum zur Verantwortung der Kirchen verfasst, das zu einer sachlichen Diskussion auffordert. Es ist im Internet abrufbar.

Im Liegerollstuhl an die Universität

Erinnert: Wegbereiter der Selbstbestimmung – vor 60 Jahren starb Otto Perl, Gründer des ersten Selbsthilfebundes Körperbehinderter.
 
Lange wurden behinderte Menschen mehr schlecht als recht betreut. Der ­Gedanke der Selbstbestimmung und Teilhabe am »normalen« Leben entstand erst vor rund 100 Jahren in Mitteldeutschland.
 

Am 27. Oktober 2011 jährt sich der ­Todestag von Otto Perl zum 60. Mal. Foto: epd-bild

Am 27. Oktober 2011 jährt sich der ­Todestag von Otto Perl zum 60. Mal. Foto: epd-bild

Ein erhitzter Sprung in den kalten Teich der Winkelmühle wirft Otto Perl 1895 grausam aus der Bahn. Der Landwirtssohn aus dem sächsischen Dorf Wildenhain ist 13 Jahre alt. Seine Gelenke entzünden sich und versteifen unaufhaltsam. Das Kind wird, so der Sprachgebrauch, zum Krüppel.

Doch der intelligente Junge gibt sich nicht auf, macht mit 37 Jahren Abitur, schafft es im Liegerollstuhl auf die Universität. 1919 gehört der Sachse zu den Gründern des ersten Selbsthilfebundes für Körperbehinderte in Deutschland. Am 27. Oktober jährt sich sein Todestag zum 60. Mal.

Perl wird am 19. Oktober 1882 geboren. Seine Eltern Gottlob und Rosine Perl bewirtschaften einen kleinen Hof. Das Ehepaar bekommt zehn ­Kinder, doch nur vier überleben.

Mit 46 Jahren stirbt die Mutter, die den schwerbehinderten Otto aufopfernd betreute. Ein Schock: Sie war die »stille trostvolle Priesterin meiner Seele«, schreibt Perl.

Der Vater muss seinen Besitz verkaufen, um die Zuschüsse für die Heimunterbringung des Sohnes bezahlen zu können. Der 17-Jährige Otto kommt ins städtische Siechenhaus nach Halle.

Dort wird er nach den Worten seines späteren Förderers Hermann Rassow »mit dem Auswurf der Menschheit, (…) mit Zuhältern, Morphinisten usw. (zusammengepfercht), die sich ihrer Laster noch rühmten«.

Es ist der Auftakt einer jahrzehntelangen Odyssee durch verschiedene Fürsorgeeinrichtungen, in denen der wissbegierige Mann keinerlei Förderung erfährt. Doch in Wittenberg hat Perl Glück.

Er begegnet Hermann ­Rassow, später Oberstudiendirektor in Potsdam, der ihn nach Kräften unterstützt. Im Oberlinhaus im heutigen Potsdamer Stadtteil Babelsberg kann der Gelähmte seine Selbststudien ­vertiefen und macht im März 1919 als Externer vom Bett aus Abitur, »wobei ihm nichts geschenkt wurde«, wie Rassow anmerkt.

Mit dessen finanzieller Hilfe schafft Perl es auf die Universität, schreibt sich 1922 in Berlin an der Philosophischen Fakultät ein. Die Vorlesungen in Philosophie und Volkswirtschaft hört er im Stehen, »an einen Pfeiler gelehnt«.

Dann stoppt die Inflation jäh Perls Unibesuch: Der Pädagoge Rassow ist nicht mehr in der Lage, die Kosten zu tragen.

Die Zustände in den Verwahranstalten lassen Perl für Reformen streiten. In Aufsätzen und Vorträgen tritt er für das Recht Behinderter auf Selbstbestimmung ein.

1919 gründet er mit Friedrich Malikowski, Hans Förster und Marie Gruhl den Selbsthilfebund körperbehinderter Menschen.

In Gotha erscheint 1926 Perls Buch »Krüppeltum und Gesellschaft im Wandel der Zeit«. Perl und seine Mitstreiter fordern nicht nur die »materielle und politische Unabhängigkeit von der Fürsorge«, sie gründen auch Arbeitsbetriebe für Körperbehinderte, darunter eine Buchbinderei, Kunstgewerbewerkstätten sowie Schneidereien und Wäschereien.

 
»Das Kuckucksei im Nest unserer Krüppel«
 

Dieser Ansatz schreckt die Vertreter institutioneller Fürsorge auf. Sie fürchten, dass der Perl-Bund ihnen angestammte Kompetenzen streitig macht. Schriftwechsel aus der damaligen Zeit dokumentieren die heftigen Konflikte.

So schreibt der Leiter der Pfeifferschen Anstalten in Magdeburg-Cracau, Pfarrer D. Martin Ulbrich im Oktober 1919 dem Direktor des Zentralausschusses der Inneren Mission (Vorgänger der heutigen Diakonie), Gerhard Füllkrug, die Gründer des Perl-Bundes seien »unklare Fantasten mit eitlem Einschlag« (…), die ganz Deutschland, das sie unter dem Blickwinkel des Krüppels betrachten, zu ihrer Domäne machen (möchten). (…) Ich warte ab, was aus dem Kuckucksei, das in das Nest unserer Krüppel gelegt ist, kriechen wird.«

Perl geht nicht als unbestrittener Vordenker der Selbsthilfebewegung in die Sozialgeschichte ein, weil auf seinem Werk ein Schatten liegt. Geistig Behinderte grenzt er systematisch aus seinen Emanzipationsüberlegungen aus. Aus seiner Sicht müssen »Idioten und Psychopathen« von jeglicher ­Förderung ausgeschlossen bleiben.

Damit rückt Perl in die Nähe sozialdarwinistischer Vorstellungen.

Dennoch sind seine Ideen nicht vergessen: »Es ist gut, sich daran zu ­erinnern, dass Solidarität keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ­politischer und gesellschaftlicher Wille. Perl hat diesen Prozess mitangestoßen und einen Teil zu unserer Solidargemeinschaft beigetragen«, sagt Günter Mosen, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für Menschen mit Behinderungen.

Und Peter Reichert vom Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter ergänzt: »Die Wurzeln der Selbsthilfebewegung in Deutschland liegen in Sachsen und haben einen Namen: Otto Perl.«

Der Geist des Selbsthilfe-Pioniers lebt auch an anderer Stelle weiter: 1993 gründet der Freistaat Sachsen die »Stiftung Sächsische Behindertenhilfe – Otto Perl«. Sie leistet einmalige Hilfen an Behinderte in Notlagen und unterstützt Bildung und Begegnung von Menschen mit Handicap.

»Otto Perl scheint mir auch heute noch eine gute Wahl als Namenspatron zu sein«, betont die Stiftungsvorsitzende und Sächsische Staatsministerin für Soziales, Christine Clauß (CDU). »Viele seiner Forderungen sind noch heute erstaunlich aktuell.«

In Wildenhain hatten sich dessen Spuren in den Gründerjahren der DDR verloren. Helmut Bartsch, Pfarrer im Ruhestand, beginnt Anfang der 80er-Jahre, seinen Werdegang nachzuzeichnen. 1982, Perls 100. Geburtstag, wird in einer Feierstunde auf dem Friedhof erstmals dessen Wirken öffentlich gewürdigt.

Dirk Baas

Buchtipp:

Heiden, H.-Günter; Simon, Gerhard; Wilken, Udo: Otto Perl und die Entwicklung von Selbstbestimmung und Selbstkontrolle in der Körperbehinderten-Selbsthilfebewegung
Die Broschüre ist erhältlich gegen Einsendung eines mit 1,45 Euro frankierten und adressierten Rückumschlages beim Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter e.V., Altkrautheimer Straße 20, 74238 Krautheim.

Unter die Lupe genommen

14. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Diskussion: Was als medizinischer und diagnostischer Fortschritt gefeiert wird, wirft ethische Fragen auf.

Der DNA, der Trägerin der Erbinformationen, gilt immer mehr das Interesse der Forscher. Mögliche Behinderungen und Veranlagungen zu Krankheiten sollen möglichst schon im Mutterleib erkannt werden. (Foto: ddp images)

Der DNA, der Trägerin der Erbinformationen, gilt immer mehr das Interesse der Forscher. Mögliche Behinderungen und Veranlagungen zu Krankheiten sollen möglichst schon im Mutterleib erkannt werden. (Foto: ddp images)

Ein neues Untersuchungsverfahren soll es ermöglichen, Föten medizinisch ­risikolos auf Erbkrankheiten hin zu untersuchen. Aber mit erheblichen ethischen ­Nebenwirkungen.

Die Zeiten, in denen ein gesundes Kind dankbar als unverdientes Geschenk Gottes und ein krankes oder behindertes Kind als unvermeidliches Schicksal ebenso angenommen werden wollte, sind wohl endgültig vorbei. Kinder haben »gesund« zur Welt zu kommen. Dafür sorgen schon seit Langem diverse Methoden vorgeburtlicher Untersuchungen, die sogenannte Pränataldiagnostik (PND).

Angefangen von einfachen Ultraschalluntersuchungen über Doppler-Sonografie bis zur Analyse des Blutserums der Mutter auf bestimmte Hormonspuren wird versucht, Behinderungen möglichst frühzeitig zu erkennen.

Besonders im Blickpunkt ist dabei das sogenannte Down-Syndrom, auch Trisomie 21 genannt. Ein Gen-Defekt, der in der Regel zu eingeschränkten geistigen Fähigkeiten führt.

Das Problem: Mit den genannten Verfahren kann nur ein statistischer Risikowert für eine derartige Behinderung erstellt werden.

Um Gewissheit zu erlangen, muss eine komplette Körperzelle des Embryos auf ihr Erbgut hin untersucht werden. An die kommt man aber nur mit einem massiven Eingriff heran: Es müssen über einen Einstich durch die Bauchdecke der Mutter mit einer Hohlnadel Fruchtwasser, Nabelschnurblut oder Zellen des sich bildenden Mutterkuchens entnommen werden. Ein sogenannter invasiver Eingriff, der in einem von 100 Fällen zur Fehlgeburt führt.

Doch derartige Risiken scheinen bald der Vergangenheit anzugehören.

Die Konstanzer Firma LifeCodexx will bis Jahresende, spätestens bis Anfang 2012, ein völlig neues Verfahren der Erbgutanalyse praxisreif haben. Ansatzpunkt dabei: Schon spätestens in der zehnten Schwangerschaftswoche finden sich im Blutkreislauf der Mutter Fragmente der Erbmoleküle des Fötus. Zwar nur in Bruchstücken, doch eine neue Generation automatisierter Gen-Sequenzer soll es ermöglichen, schon aus wenigen Millilitern Mutterblut die vollständige Erbinformation des Kindes in ihrem Bauch zu entschlüsseln.

In den Niederlanden läuft bereits die klinische Erprobung des Verfahrens. Trefferquote: 100 Prozent.

Die Konsequenzen sind weitreichend: Das neue, nicht-invasive ­Verfahren dürfte schon bald zur Routineuntersuchung bei beginnender Schwangerschaft werden. Der soziale Druck auf die Eltern, insbesondere auf die Mutter, ein behindertes Kind nicht auszutragen, sondern abzutreiben, wird immens werden.

Zudem: Das Verfahren bietet den Zugriff auf das gesamte Erbgut.

Bald könnten also auch genetische Veranlagungen zu anderen Krankheiten in den Blick kommen – Muskelschwund, Blindheit oder Anfälligkeiten für Krebs und Alzheimer oder auch neuropsychiatrische Befunde wie ein möglicher Autismus. Von anderen Möglichkeiten ganz zu Schweigen.

Noch etwas merken Kritiker an: Während der »normalen« Diagnose eines Arztes eine Therapie zur Heilung oder Linderung folgt, besteht die einzige »Therapie« bei der PND in der Abtreibung, der Tötung des behinderten Lebens. Man darf sich nichts ­vormachen: Die Selektion in »lebenswertes« und »lebensunwertes« Leben findet bereits statt.

Harald Krille
 

Kritisch angemerkt

Gene sind längst nicht alles!

Dr. theol. Hildburg Wegener ist seit 1995 im Sprecherinnenteam des Netzwerks gegen Selektion durch Pränataldiagnostik.

Dr. theol. Hildburg Wegener ist seit 1995 im Sprecherinnenteam des Netzwerks gegen Selektion durch Pränataldiagnostik.

Für die neue Technik gilt, was zu allen selektiven Diagnoseverfahren zu sagen ist: Sicherheit gibt es nicht.

Die meisten Behinderungen entstehen nach der Geburt.

Von den meisten angeborenen Behinderungen kennt die Medizin die Ursachen nicht. Es gibt einige durch ein einzelnes Gen bedingte Krankheiten, bei denen das Kind im Mutterleib oder nach der Geburt stirbt.

Bei allen anderen gilt: Von der genetischen Ausstattung zu dem Gesundheitszustand des damit geborenen Menschen gibt es keine direkte Linie.

Auch eineiige Zwillinge können sich unterscheiden, eine unterschiedlich schwere Behinderung haben und unterschiedliche Krankheiten entwickeln.

Wir alle tragen eine Anzahl von Genen in uns, die unter bestimmten Umständen zu einer Behinderung führen können, aber nicht geführt haben.

Pränataldiagnostik ist ein Geschäft, das mit den Ängsten der Frauen rechnet und diese durch ihr Angebot verstärkt.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind mit einer schweren Behinderung zur Welt kommt, ist seltener, als uns die Medien und die Ärztinnen und Ärzte glauben machen wollen oder sogar selber glauben. Oft ist die Angst vor Behinderungen schlimmer als das reale Leben.

Wie ein Mensch mit einer Behinderung lebt, ist auch abhängig von den Fortschritten, die die Medizin noch machen wird, und von der Barrierefreiheit und Inklusivität und Vorurteilslosigkeit unserer Gesellschaft.

Und vor allem: Die genetischen Merkmale, die vorgeburtlich erkannt werden, sind unveränderlich, es gibt keine Behandlungsmethode.

Auch ein früher Abbruch ist ein Abbruch, der oft körperliche und seelische Spuren hinterlässt.

Richtig ist allerdings, dass die schwangere Frau zu dieser Zeit zwar körperliche Veränderungen, aber keine Kindsbewegungen spürt und deshalb vielleicht noch keine Beziehung aufgenommen hat. Aber die Vorfreude, die Neugier, die Zukunftspläne, all dies hat ja schon ein kleines Gesicht.

Eine Schwangerschaft auf Probe ist für Frauen ein emotionaler Balanceakt, der nur mithilfe von Verdrängungen gelöst werden kann. Soviel für die einzelnen Frauen und Paare.

Wir predigen ihnen keinen Verzicht, sondern fordern sie auf, sich – möglichst vor der Schwangerschaft – über die Grenzen der Genetik und die Wichtigkeit von liebevollen Beziehungen und Selbstvertrauen Gedanken zu machen.

Menschen, die sich auf der Ebene der politischen Gestaltung Gedanken machen, sind daran zu erinnern, dass die Diskussion der letzten Jahre immerhin zwei Grundsätze festgeschrieben hat.

Das Gesetz zur begrenzten Zulassung der Präimplantationsdiagnostik besagt, dass Embryonen nur gezielt, also aufgrund einer vorliegenden Diagnose oder begründeten Vermutung, genetisch untersucht werden dürfen. Das müsste auch auf die neue Technik angewendet werden.

Und das Gendiagnostikgesetz legt fest, dass vor einer genetischen Untersuchung über jede einzelne Krankheit, die dabei festgestellt werden könnte, vorher genetisch beraten werden muss. Auch das müsste der Ausweitung der neuen Technik eigentlich Grenzen setzen.

Hildburg Wegener

www.netzwerk-praenataldiagnostik.de

Das Bauernopfer der Politik

7. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Landwirtschaft: Große Agrargenossenschaften, industrielle Produktion – ein kritischer Blick auf den Niedergang der ländlichen Räume.
 
Begonnen hat er mit der ­Kollektivierung, seine Fortsetzung erfährt er bis heute: der Strukturwandel in der Landwirtschaft. Er hat weitreichende Folgen für die ländlichen Räume und die Ernährungssicherheit.
 
»Die Struktur einer Landwirtschaft ist ein Spiegelbild der politischen Verhältnisse.« Diesen Satz sprach der spätere Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Tierarzt Berndt Seite, im Frühjahr 1989 bei einem kirchlichen Umweltseminar in Schwerin. Er verglich die Einfalt der DDR-Agrarstruktur mit der Einfalt der Politbürokratie im SED-Staat.<br />
Und heute?<br />
Die Landwirtschaftsstrukturen in den ostdeutschen Bundesländern spiegeln noch weitgehend die DDR-Verhältnisse wider. Es scheint an der Zeit, danach zu fragen, warum das so ist und welche Folgen das für das Land hat.<br />
(Foto: ddp images)

»Die Struktur einer Landwirtschaft ist ein Spiegelbild der politischen Verhältnisse.« Diesen Satz sprach der spätere Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Tierarzt Berndt Seite, im Frühjahr 1989 bei einem kirchlichen Umweltseminar in Schwerin. Er verglich die Einfalt der DDR-Agrarstruktur mit der Einfalt der Politbürokratie im SED-Staat.
Und heute?
Die Landwirtschaftsstrukturen in den ostdeutschen Bundesländern spiegeln noch weitgehend die DDR-Verhältnisse wider. Es scheint an der Zeit, danach zu fragen, warum das so ist und welche Folgen das für das Land hat.
(Foto: ddp images)

Rund um das Erntedankfest geht unser Dank in zwei Richtungen: Zuerst an Gott, der alles wachsen lässt, was als Lebensmittel auf unseren Tisch kommt. In den Zeiten von Hochleistungszucht und Gentechnik muss man sich ja immer mal wieder bewusst machen, dass kein Lebe-
wesen durch den Menschen belebt und ­organisiert wird.

Der andere Teil unseres Dankes richtet sich an die Bauern, die in ­einer harten, aber erfüllenden Arbeit an der Erde die Gesamtbevölkerung ernähren.

Doch was heißt heute eigentlich noch Bauern?

Die mitteldeutschen Dörfer sind zwar durch schöne Bauernhöfe geprägt, aber Bauern im eigentlichen Sinne gibt es hier kaum noch.

Als die Vierseithöfe gebaut wurden, konnte eine Familie mit ein paar Angestellten auf und von einem solchen Hof und den dazugehörigen Äckern und Wiesen gut leben.

Die Mehrheit der ländlichen Bevölkerung arbeitete als Kleinunternehmer im selbst gestalteten Wohnumfeld. Solange das so war, gab es in den Dörfern auch noch Schmiede und Tischler, Läden und Gastwirtschaften, Schulen und Arztpraxen, Gemeinde- und Pfarrämter.

Heute ist davon kaum noch etwas übrig – weil die Bauernschaft als tragende Schicht des ländlichen Raumes nicht mehr existiert.

Die Wenigen, die immer noch auf ihrem eigenen Hof eine bäuerliche Wirtschaft führen, werden oft mitleidig belächelt.

Als »modern« gilt die industrielle Agrarproduktion, die im Osten Deutschlands meist durch die LPG-Nachfolgeunternehmen betrieben wird.

Aus welcher Geschichte ist die ostdeutsche Landwirtschaft eigentlich hervorgegangen?

Die historische Analyse zeigt, dass die Bodenreform von 1945/46 und die Kollektivierung von 1952 bis 1960 zusammengehörten und zwei Teile desselben Plans waren. Dieser Plan sah nichts anderes vor, als die komplette Liquidierung der selbstständigen Bauern als Klasse.

Die leninsche Strategie zur Umsetzung der marxistischen Klassenideologie bestand aus einem Zweischritt: Zuerst Enteignung und Vertreibung der Groß- und Mittelbauern zugunsten von Kleinbauern und dann die Kollektivierung, das heißt die faktische Enteignung des gesamten Bauernstandes mit dem Ziel seiner Proletarisierung – und der hierfür erforderlichen Konzentration und Industrialisierung der gesamten Landwirtschaft.

In der Sowjetunion und in China wurden beide Teile dieses Plans mit einer unglaublichen Brutalität umgesetzt. Die Vernichtung der Bauernhaushalte löste Hungersnöte aus, deren Opfer im 1998 erschienenen »Schwarzbuch des Kommunismus« mit insgesamt 30 bis 50 Millionen beziffert werden.

Auch wenn in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR der Kampf gegen die Bauern nicht mit systematischen Erschießungen und Massendeportationen einherging – Bodenreform und Kollekti­vierung wurden in Ostdeutschland nach demselben Fahrplan umgesetzt, wie in der Sowjetunion.

Hier wie dort ging es um die ideologisch begründete Absicht, eine als »Klasse« definierte soziale Gruppe vollständig auszulöschen. Auch die Industrialisierung der DDR-Landwirtschaft seit Beginn der 1970er Jahre diente der Auslöschung des Bauernstandes. Mit der flächendeckenden Zerschlagung der selbstständigen Bauernwirtschaften war die Basis von nahezu allem vernichtet, was die gewachsenen Strukturen im ländlichen Raum – und damit die Identität der Menschen mit ihrer Heimat – geprägt hatte.

Neu- und Wiedereinrichter sind bis heute benachteiligt

Da es in der DDR keine Aussicht auf eine Existenz als selbstständiger Landwirt mehr gab, ergriffen die meisten Bauernsöhne und -töchter nichtlandwirtschaftliche Berufe.

Nach der Wende von 1989/90 gab es hier außer den LPG-Funktionären kaum noch jemanden, der in der Lage war, ein landwirtschaftliches Unternehmen selbstständig zu führen.

Noch schlimmer ist allerdings, dass bis heute die Wieder- und Neueinrichter in Ostdeutschland allen Grund dazu haben, über eine systematische Benachteiligung gegenüber den LPG-Nachfolgebetrieben zu klagen.

Obwohl kleinere Landwirtschaftsbetriebe mehr Arbeitskräfte je Fläche beschäftigen, begünstigt man mit den flächenbezogenen EU-Agrarsubventionen die Großbetriebe. Zudem führen die Flächensubventionen in Verbindung mit langfristigen (auch bei Eigenbedarf nicht kündbaren) Pachtverträgen zu einer faktischen Bodensperre.

Somit sind seit fast 20 Jahren neue landwirtschaftliche Unternehmensgründungen blockiert.

Im Gegensatz zu den historisch durch große Güter geprägten und ärmeren Regionen Nordostdeutschlands, dominierten in den mitteldeutschen Ländern bis vor 50 Jahren die leistungsstärkeren klein- und mittelbäuerlichen Bauernwirtschaften.

Hier war 1990 durchaus noch das Potenzial dafür vorhanden, ländliche Räume nach dem Vorbild der Schweiz wieder zu beleben.

Doch in der Landwirtschaftspolitik gab und gibt es in allen ostdeutschen Bundesländern eine ganz große Koalition von der PDS bis zur CDU, die nach dem agrarpolitischen Leitbild Kasachstan unsere ­Heimat nivelliert.

Was es bedeutet, die Ernährung der Gesamtbevölkerung von einer kleinen und privilegierten Minderheit abhängig zu machen, wird sich erst später zeigen.

Bei aller Unsicherheit von Zukunftsprognosen ist doch eines gewiss: Irgendwann zählt nicht mehr der Mehrwert an der Börse, sondern der Nährwert auf dem Teller.

Oder hat doch Oswald Spengler recht? Schon 1923 schrieb er in seinem Buch »Der Untergang des Abendlandes«, dass die allgemeine Verachtung des Bauernstandes und das Herabsinken der Regionen zugunsten weniger Metropolen ein Symptom von untergehenden Kulturepochen sei.

Schließlich hat unter dem ökonomischen Leitbild vom »Wachsen oder Weichen« auch der Westen Deutschlands seit 1960 eine Million Bauernhöfe und vier Millionen landwirtschaftliche Arbeitsplätze verloren. Was der Agrarwissenschaftler Hermann Priebe 1985 mit einem Satz auf den Punkt brachte, ist nicht nur im Blick auf die Vergangenheit relevant: »Die bäuerliche Familienwirtschaft war die soziale und wirtschaftliche Grundlage aller geschichtlichen Hochkulturen.«

Michael Beleites

Michael Beleites wurde 1964 in Halle geboren und gehörte zu dem Mitbegründern einer unabhängigen Umweltbewegung in der DDR. Von 1992 bis 1995 studierte er Landwirtschaft und amtierte unter anderem 2000 bis 2010 als Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen.

Nette Bilder, aber nichts Neues

30. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Ernüchterung nach Spitzentreffen
Ökumenisches Gipfeltreffen: »Unser Herz brennt nach mehr«, erklärte Nikolaus Schneider (links), Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, nach seinem Gespräch mit Papst Benedikt XVI. im Erfurter Augustinerkloster. (Foto: epd-bild)

Ökumenisches Gipfeltreffen: »Unser Herz brennt nach mehr«, erklärte Nikolaus Schneider (links), Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, nach seinem Gespräch mit Papst Benedikt XVI. im Erfurter Augustinerkloster. (Foto: epd-bild)

Sie wurde von vielen als Höhepunkt der Papstreise angesehen: die Begegnung zwischen Benedikt XVI. und den Spitzenvertretern des deutschen Protestantismus im Erfurter Augustinerkloster.

Immerhin das erste Mal in der Geschichte, dass ein katholischer Oberhirte eine Lutherstätte besuchte und das zweite Mal, dass der ­Bischof von Rom einen Gottesdienst mit evangelischen Christen feierte. Daneben stand das Gespräch im kleinen Kreis, von dem sich viele Menschen – wenn schon nicht die Klärung aller Probleme in der Ökumene – so doch konkrete Impulse, etwa für den Weg zu einem gemeinsamen Abendmahl erwarteten. Und hatten sich wohl auch gewünscht, dass der Papst für Martin Luther nicht nur anerkennende Worte finden, sondern den einst verhängten Kirchenbann aufheben möge.

Doch so nahe sich Papst Benedikt XVI. und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Präses ­Nikolaus Schneider, im ebenso hermetisch ­abgeriegelten wie sonnendurchfluteten Klosterhof auch kamen (siehe Foto) – die Bilanz fällt ernüchternd aus.

Das Treffen habe in »geschwisterlicher Atmosphäre« stattgefunden, betont Schneider. »Wir ­haben wirklich aufeinander gehört.« Aber dennoch: »Unser Herz brennt nach mehr«, so Schneider. (GKZ)

Goering-EckardtPapst Benedikt XVI. hat in seiner Begegnung mit den Vertreterinnen und Vertretern der EKD im Augustinerkloster in Erfurt von unserer gemeinsamen ökumenischen Aufgabe gesprochen, uns gegenseitig dabei zu unterstützen, tiefer und lebendiger zu glauben. Daran sollten wir anknüpfen.

Natürlich hätten wir uns mehr und konkretere Aussagen zur Ökumene erhofft, auch wenn nicht zu erwarten war, dass wir einen ökumenischen Vertrag unterschreiben würden. Ich verstehe die Aussage des Papstes aber als eine Aufforderung und als Protestanten sind wir bereit, uns gemeinsam auf den Weg zu machen – durchaus in ökumenischer ­Ungeduld.

Jedenfalls habe ich die Hoffnung und bin ermutigt, dass wir uns jetzt gemeinsam mit der römisch-katholischen Kirche in Deutschland aufmachen, das Fest zum 500. Jubiläum der Reformation 2017 zu bedenken und zu feiern.

Katrin Göring-Eckardt, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, ­Teilnehmerin der Papstbegegnung

JunkermannDer Besuch des Papstes im Evangelischen Augustinerkloster zur Begegnung mit einer Delegation der EKD und der anschließende gemeinsame Gottesdienst – beides war ein deutliches ökumenisches Signal. Dies wurde mir noch einmal besonders klar am Samstag während der Messe auf dem Domplatz. Im Vergleich zu dieser riesigen Veranstaltung und zur sehr großen Entfernung zwischen Papst und Gemeinde dort war das Treffen im Augustinerkloster ein großes Signal an das Miteinander.

Positiv überrascht hat mich, wie klar und ­ausdrücklich er Martin Luthers Theologie und geistliches Ringen für unser gemeinsames christliches Zeugnis heute aufgenommen hat.

Und enttäuschend ist für mich, dass er keine weiteren konkreten Schritte im ökumenischen Miteinander angeregt hat, auch nicht auf ausdrückliche evangelische Nachfrage im Blick auf das ­Reformations­jubiläum 2017 hin. Seine Antwort war dennoch ermutigend. Sinngemäß sagte er: Schaut, ob es Euch in Eurem Herzen drängt, hier mehr Schritte ­aufeinander zu und miteinander zu tun. So hat er das weitere ökumenische Miteinander – ganz evangelisch – in die Hände und Herzen der Kirchen und Gemeinden vor Ort gelegt.

Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Teilnehmerin der Papstbegegnung

Bohl_LandesbischofAn den Besuch des Papstes hatten sich im Vorfeld viele Erwartungen geknüpft, auch in Bezug auf das ökumenische Verhältnis. Ich sehe es so, dass die Begegnung als solche dementsprechend der ökumenische Zugewinn war, und das wird verstärkt durch den Ort, an dem sie stattfand. So war es wohltuend zu hören, wie der Papst die Person Martin Luther als einen Gottes- und Wahrheitssucher gewürdigt hat.

Zu den konkreten Fragen der ökumenischen Situation hat sich der Papst, auch auf Nachfrage, nicht geäußert. Auch wenn man realistischerweise nichts anderes erwarten konnte, so war dies doch bedauerlich. Auch nach diesem Besuch ist nicht damit zu rechnen, dass die ­römisch-katholische Kirche ihre bisherige Sichtweise in absehbarer Zeit ­revidiert.

Jochen Bohl, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Teilnehmer der Papstbegegnung

Schorlemmer-Friedrich-1Bestes Wetter, freundliche Stimmung, bunte Bilder. Sonst nichts, was einen Aufbruch auch nur andeuten würde.

Im nichtöffentlichen Teil fand der Papst würdigende Worte für Luthers Gottesringen und dessen christozentrischen Glauben. Die Freiheitsbotschaft blieb ausgespart.

Im ­öffentlichen Gottesdienst vermied er das »L«-Wort gänzlich. Und zur Verhandlung steht nichts. Folgerichtig waren die Reformen anmahnenden Katholiken keines Gesprächs, nicht einmal eines Wortes wert.

Auch der Bundespräsident blieb ohne Antwort – weil der Oberhirte keinen Hirtenhut aufhatte und die prächtige Mitra zu fest saß. Es geht doch nicht vorrangig um Lehrunterschiede, sondern um gegenseitige Öffnung und Gleichachtung im Geiste Jesu Christi!

Das Ganze blieb so mager wie teuer.

Friedrich Schorlemmer, evangelischer Theologe und Publizist, Wittenberg

Garstecki»Wo Gott ist, da ist Zukunft« war das Motto des Papstbesuches. Dass das auch für seinen »Stellvertreter auf Erden« gilt, wird man nach Abschluss der Reise nicht sagen können.

Auf alle konkreten Zukunftsfragen der Kirche blieb Benedikt XVI. Antworten schuldig.

Beispiel Ökumene: Den großartigen Kairos, in Erfurt wertschätzende Worte über Martin Luther mit ein paar Anstößen zur Zukunft der Ökumene zu verknüpfen, hat der Papst vertan. Stattdessen die beinharte Position: Über Fragen des Glauben wird nicht verhandelt.

Das war anmaßend und ein Schlag ins Gesicht für alle, die aus ihrem Glauben für ökumenische Öffnungen der Kirchen arbeiten. »Wir sind nicht Herren über euren Glauben, sondern Diener eurer Freude«, schrieb Paulus an die Korinther (2. Kor, 1,24).

Eine Vertröstungs-Ökumene, die sich anmaßt, endlos mit Gottes Geduld spielen zu können, ist in Erfurt an ihr Ende gekommen. Fazit: Erwartet nichts von oben, lebt Ökumene an der Basis!

Joachim Garstecki, katholischer Theologe, Magdeburg

Ramelow_BodoLange erwartet, von vielen ersehnt, von manchen erhofft, von einigen abgelehnt, aber immer in der öffentlichen Debatte – der Papst. Seine Rede vor dem Deutschen Bundestag war umstritten, nicht wegen des Inhaltes, denn den hätte man sich erst anhören müssen, um streiten zu können, ­sondern ob der Tatsache, dass ein ­Kirchenoberhaupt und der Vertreter des Vatikanstaates im deutschen Parlament spricht.

Ich habe ihn mir angehört und kann für mich feststellen, dass die Rede von Parlamentspräsident Lammert für mich als evange­lischen Christ sogar die spannendere war. Denn er mahnte die Ökumene an und viele weltliche Fragen, denen sich auch die Kirche stellen müsste.

Benedikt hat eine professorale Rede vor dem Bundestag gehalten, die auf Werte, Recht und Gerechtigkeit verweist, aber leider auch Anleihen an der Naturrechtslehre nimmt, die er als katholisches Oberhaupt eben katholisch fundamentiert.

Amüsiert habe ich mich allerdings, dass die katholischen Würdenträger der Papstdelegation in ihren roten beziehungsweise violetten Ornaten Platz nahmen auf den leeren Abgeordnetenplätzen der LINKEN. Soviel rot war selten bei uns Roten.

Bodo Ramelow, Fraktionsvorsitzender von DIE LINKE im Thüringer Landtag

Hoersting_AnsgarPapst Benedikt XVI. hat nichts Neues gesagt, nicht in der rechtsphilosophischen Vorlesung vor dem Bundestag, nicht im Augustinerkloster in Erfurt. Der wache Mann mit verschmitztem Humor jenseits des Redemanuskripts bringt religiöse Fragen, Gott, Jesus Christus zur Sprache. Er will diese Welt nicht dem rein Funktionalen und dem »Diktat des Rela­tiven« überlassen. Intellektuell anspruchsvoll, geistlich anregend und zeitgeistig inkorrekt war das. Applaus!

Der Pomp, das Papstamt an sich und die Prinzipienreiterei stehen auf einem anderen Blatt. Die römisch-­katholische Kirche hat einen langen Atem. Da kann Protestanten schon mal die Luft ausgehen.

Die nicht überraschende Konsequenz lautet: Am Miteinander von Protestanten und Katholiken ändert der Besuch nichts. Nichts zum Guten und nichts zum Schlechten.

Ansgar Hörsting, Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden, Witten, und Präsident der Vereinigung Evangelischer Freikirchen

Ein Leben für die Hoffnung auf Versöhnung

26. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Der Pazifist und Ökumeniker Paul Oestreicher wird am 29. September 80 Jahre alt.

Fast eine Meditation: Paul Oestreicher ruft mit den ­Glocken zum Abendgottesdienst in das Gemeindehaus von Neundorf. (Foto: Tilman Baier)

Fast eine Meditation: Paul Oestreicher ruft mit den ­Glocken zum Abendgottesdienst in das Gemeindehaus von Neundorf. (Foto: Tilman Baier)

Paul Oestreicher ist eine ökumenische Institution. Der anglikanische Priester, der heute in England und Neuseeland lebt, ist einer der großen alten Männer der christlichen Versöhnungsarbeit im und nach dem Kalten Krieg. Die Kirchenzeitung besuchte ihn auf Hiddensee, wo er seit acht Jahren im Sommer als Kurprediger arbeitet.

Dunkle Wolken ziehen auf am Abendhimmel über Hiddensee. Vor dem evangelischen Gemeindehaus im südlichen Inselort Neuendorf bremsen eilige Radfahrer, die möglichst schnell noch ins Trockene wollen. Es sind vor allem junge Leute, die sich durch die Tür drängen. Außerdem kommen noch fünf, sechs ältere Urlauber. An der Tür werden sie von einem alten Herrn in ­weißem Talar und bunter Stola begrüßt, bevor er zum Glockenstuhl geht und, versunken wie in eine Meditationsübung, den Sonntag einläutet.

Das Plakat im Schaukasten hat zum Abendgottesdienst mit dem Kurprediger Paul Oestreicher aus Brighton/Großbritannien geladen. Dazu ist die Unterstützung durch einige Mitglieder der Musici Jenensis angekündigt, einer musikalischen Vereinigung aus Thüringen, die ­jedes Jahr im Sommer auf der Insel probt und das kirchenmusikalische Angebot bereichert.

Im Inneren des Gemeindehauses fällt ­neben einem großen hölzernen Kruzifix ein weiteres Kreuz auf, das auf dem Altar steht: Es ist ein sogenanntes Nagelkreuz, dessen Vorbild aus den Eisentrümmern der Kathedrale von Coventry in England geschmiedet wurde, die deutsche Bomben im Zweiten Weltkrieg zerstörten.

Dieses Nagelkreuz ist der Auslöser dafür, dass es Paul Oestreicher vor neun Jahren erstmals nach Hiddensee verschlug: Oestreicher war oft zu Gast in den Kirchen der DDR, in den 60er Jahren als Osteuropareferent, dann in den 80er Jahren als ­Leiter des Außenamtes des Britischen Kirchenrates.

Diese Verbindung hielt auch, als er 1985 Domkapitular und Leiter des Internationalen Versöhnungszentrums der Kathedrale von Coventry wurde. Von Coventry ging die weltweite Bewegung der Nagelkreuzgemeinden aus. Wer hier Mitglied ist, verpflichtet sich zu einer ­aktiven christlichen Versöhnungsarbeit.

In jenen Jahren lernte Oestreicher auch Manfred Domrös kennen, Landesjugendpfarrer in Brandenburg und dann ab 1986 bis vor zwei Jahren Inselpastor auf Hiddensee. Domrös wollte, dass auch seine pommersche Inselgemeinde Mitglied der Nagelkreuzbewegung wird und lud 2002 den anglikanischen Domkapi­tular, nun im Ruhestand, nach Hiddensee ein.

Seitdem kommt Paul Oestreicher, fasziniert von Landschaft, Menschen und der Möglichkeit, wie er fröhlich bekennt, ohne Badehose schwimmen zu gehen, ­jedes Jahr als Kurprediger auf die Insel. Unterstützt wird er dabei von seiner zweiten Frau, der neuseeländischen Professorin Barbara Einhorn.

Engagiert in Ost und West, Nord und Süd

Das tut sie, obwohl sie keine Christin ist, auch in diesem Abendgottesdienst in Neuendorf und souffliert leise von hinten. Denn Paul Oestreicher predigt frei und hält sich nicht an hergebrachte Liturgieabläufe. Doch heute Abend ist der 79-Jährige in seinem Element und braucht keine Hilfe: Er spricht über den 6. August 1945, den Tag des Atombombenabwurfs auf ­Hiroshima, über die Verantwortung der Christen für Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Fukushima wird angesprochen, aber auch die Kriege in Afghanistan und Libyen. Gebannt hören vor allem die Jugendlichen zu.

Wenn Paul Oestreicher von Versöhnung als Aufgabe der Christen spricht, dann redet jemand, der diese Versöhnung mit seinem Leben auch abdeckt: Kaum in seiner Geburtsstadt Meiningen (Thüringen) eingeschult, muss Paul 1939 mit seiner Familie Deutschland verlassen, weil der Vater, ein Kinderarzt, jüdischer Abstammung ist. In Neuseeland finden sie Asyl.

Trotzdem zieht es ihn nach dem Krieg immer wieder zurück nach Deutschland. Nach dem Studium von Germanistik und Politologie wird er 1955 für ein Jahr Forschungsstipendiat beim Bonner Theologieprofessor Helmut Gollwitzer und forscht über das Verhältnis von Christentum und Marxismus.

Theologie, damit kokettiert der Geistliche, hat er wie etliche anglikanische Gemeindepfarrer nie studiert. Um für die zweijährige Ausbildung am Priesterseminar angenommen zu werden, reicht irgendeine abgeschlossene Ausbildung und erwiesene menschliche Eignung. Nach dem Priesterseminar in England zieht es Paul Oestreicher wiederum nach Deutschland, er wird Gastvikar in der evangelischen Kirche von Hessen-Nassau.

1960 in England zum Priester geweiht, arbeitet er in einer sozialen Brennpunktgemeinde im Osten Londons.

Doch Paul Oestreicher will sich stärker gesellschaftlich einmischen.

Von 1961 bis 1964 arbeitet er als Programmdirektor für die Abteilung Kirche und Gesellschaft bei der BBC, danach beim Britischen Kirchenrat. Er bereist den Ostblock, will etwas gegen die große Kriegsgefahr tun. Manches davon scheint heute naiv im besten Sinne zu sein: So versucht er bei einem Treffen mit Walter Ulbricht, diesem wegen der menschlichen Folgen des Mauerbaus ins Gewissen zu reden. Er engagiert sich aktiv in der Christlichen Friedenskonferenz (CFK), einer Vereinigung von Theologen, die sich dem Sozialismus verbunden fühlen.

Doch 1968, schon vor der Niederschlagung des Prager Frühlings, erkennt er, wie stark die CFK von den Machthabern im Ostblock gesteuert wird.

Klarsichtiger Realismus und tiefe Hoffnung

Paul Oestreicher bleibt als Priester, als Kirchendiplomat, aber auch als Journalist und Publizist weiter aktiv für Menschenrechte und Frieden. Als Vorsitzender der britischen Sektion von Amnesty International tritt er für politische Gefangene in Osteuropa und Südafrika ein, fördert die Beziehungen seiner Kirche von England zu den Kirchen in der DDR und in Südafrika.

Auch in seinen letzten Dienstjahren hat er einen entscheidenden ­Anteil an der Ost-West-Versöhnung als ­Vorsitzender des Versöhnungswerkes der ­Kathedrale von Coventry. Und er gründet den »Dresden Trust«, der den britischen Anteil zum Wiederaufbau der Frauen­kirche in Dresden beisteuert.

Das alles schwingt mit, wenn er nun als alter Mann zu den Jugendlichen predigt. Es fasziniert dabei vor allem sein ­unverbrüchlicher Glaube an das Gute im Menschen, dem Ebenbild Gottes, trotz ­alledem.

Ebenso fasziniert und irritiert nach dem Gottesdienst noch am Abend bei einer Flasche Rotwein sein klarsichtiger Realismus einerseits und sein großer Glaube an die Demokratie, an gesellschaftlichen Fortschritt, an die Versittlichung des Menschen andererseits: Er nennt als Beispiel den Kampf einiger weniger evangelikaler Christen im England des späten 18. Jahrhunderts gegen die Sklaverei.

Diese Christen standen damals gegen die Mehrheit in der Gesellschaft, auch die Bischöfe stimmten im Oberhaus geschlossen gegen die Abschaffung.

»Heute ist die Sklaverei weithin geächtet«, sagt er, und: »Heute muss unser Kampf gegen den Unglauben gehen, dass es einen gerechten Krieg gibt.«

Unbeirrter Glaube an die Möglichkeit des Unmöglichen

Die Friedensfrage ist für ihn fundamental. Darum geht er mit seiner Kirche von England heftig ins Gericht. Sie sei einer friedensethischen Debatte aus dem Weg gegangen, sei geflüchtet. Zu oft noch werde Kaisers Willen mit Gottes Willen verwechselt. Die Evangelische Kirche in Deutschland würde wenigstens immer wieder einmal darüber diskutieren, sei aber auch zu lau.

Aber er will die Hoffnung nicht aufgeben: Irgendwann wird, wie Sklaverei oder Mord heute schon, auch der Krieg juristisch geächtet werden. Für die Durchsetzung solch allgemein anerkannten Rechts, von Ordnung und Sicherheit, so hofft er, reiche eine internationale Polizei aus.

»Und die Politiker werden es schon tun, wenn wir als Wähler es nur wirklich wollen.« Daran kann auch die Skepsis der Zuhörer nichts ändern. Er lächelt nur und meint abschließend: »Wenn wir nicht an die Möglichkeit des scheinbar Unmöglichen glauben, können wir aufgeben.«

Draußen zieht der Leuchtturm vom Dornbusch Lichtstreifen durch die Nacht. Er erscheint plötzlich wie ein Bruder dieses alten Mannes, der nun am 29. September zu seinem 80. Geburtstag in seiner Geburtsstadt Meiningen groß geehrt werden soll. Und der auch das bescheiden ­lächelnd über sich ergehen lassen wird.

Tilman Baier

Hoffen und bangen

17. September 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Eichsfeld: Lange herrschte Feindschaft zwischen evangelischen und katholischen Christen – ein Stimmungsbild.

Blick auf das Feld, auf dem Papst Benedikt XVI. am 23. September eine Messe unter freiem Himmel feiern wird. (Foto: picture-alliance/dpa)

Blick auf das Feld, auf dem Papst Benedikt XVI. am 23. September eine Messe unter freiem Himmel feiern wird. (Foto: picture-alliance/dpa)

Nur zehn Prozent der ­Christen im Eichsfeld sind evangelisch. Sie sehen dem Kommen des Oberhauptes der katholischen Kirche
mit gemischten Gefühlen entgegen.

Seit Neuestem schauen Martin Luther und Papst Benedikt XVI. gemeinsam aus einem ­Papp­karton – von Bierflaschenetiketten ­herunter – aufs Supermarktvolk. Geschickt vermarktet von einem katholischen Eichsfelder Geschäftsmann. Prosit – möge es nützen!

Die Eichsfelder sind traditionell ­katholisch – evangelisch sind nur circa zehn Prozent der Bevölkerung. Und so liegen auch nur drei evangelische Gemeinden um Etzelsbach, den zweiten Thüringer Besuchsort des Papstes: Leinefelde, Worbis und Heiligenstadt.

Man spricht hier bereits leicht entnervt, hinter vorgehaltener Hand, vom täglichen »Zeitungsterror«. Doch etliche Protestanten nehmen Anteil, wenn der Papst in ihre Heimat kommt, so auch Pfarrer Traugott Eber aus Leinefelde.

Gemeinsam mit seinem katholischen Kollegen, Dechant Bernhard Wehner, bereitet er eine der vier großen Thüringer Auftaktveranstaltungen zum Papstbesuch vor. »Wir heißen den Papst herzlich willkommen«, sagt er. Angeregt vom katholischen Bürgermeister Gerd Reinhardt, rücken sie die vom Papst verschmähte Burg Scharfenstein am 17. September nun doch noch ins Blickfeld.

Protestanten fahren sogar als Helfer oder in Begleitung ihrer katholischen Lebenspartner direkt nach ­Etzelsbach. »Die Zeiten, in denen man ja keinen Calvinischen mit nach Hause bringen sollte oder auf unserer Seite Rom-Hasser und Katholiken-Fresser gang und gäbe waren, sind seit den 70ern vorbei«, erinnert sich Pfarrer Eber.

Aus der Deckung der Anonymität heraus erwarten viele jedoch keine echten Fortschritte vom Erfurter Ökumene-Treffen. Man werde sich in Erfurt lediglich feierlich auf die Schulter klopfen. Da könne man nicht hingehen und solange man beim Abendmahl noch ausgeschlossen werde – nein! Gott sei Dank, sei die Basis viel weiter als dieser mittelalterliche Monarch.

Bei ihnen gingen katholische Ehepartner jedenfalls mit zum Abendmahl.

Einer, der die trennende Vergangenheit nur zu gut kennt, ist Horst ­Sievers, Kirchenältester von St. Martin in Heiligenstadt. Seit über 50 Jahren lebt er in konfessionsverbindender Ehe.

»Damals war eine ökumenische Trauung undenkbar. Ich musste zustimmen, dass unsere Kinder katholisch erzogen werden. Katholische Schwestern durften unsere Kirche nicht einmal betreten. Heute feiert ihre Gemeinde in unserer Kirche ­Gottesdienst.«

Er selbst fährt mit ­seinem Sohn nach Etzelsbach und freut sich mit seinen Nachbarn und Freunden, von denen drei Viertel katholisch sind, auf den Papstbesuch.

Man lebt und ­arbeitet doch eng miteinander. Eine, die die Ökumene täglich praktiziert, ist die katholische ­Daniela Mehler, Öffentlichkeitsbeauftragte des evangelischen Kirchenkreises Mühlhausen. Sie genießt das gute Arbeitsklima im Kreiskirchenamt und berichtet den Kollegen mit echter Begeisterung in der Stimme von ihrem geplanten Besuch in Etzelsbach.

Persönliche Nähe verändert die Sicht auf die Dinge – manchmal jedoch auch in die andere Richtung. Anonym berichten Protestanten über ihren tiefen Ärger, den sie beim Ausschluss vom Abendmahl bei einer Hochzeit katholischer Freunde empfanden.

Ebenso ungenannt möchten sie bleiben, wenn sie von einer »Event-Inszenierung« sprechen, »die Papst-Show, bei der man als Protestant nur fragend danebenstehen kann«. Versöhnend wirke einzig der Gedanke, dass der Bekanntheitsgrad der Heimat durch den Papst steigen wird.

Warum hört man all dies nur unter vier Augen? Man möchte die katholischen Nachbarn, Freunde und Kollegen nicht verärgern – nicht dass es hinterher heißt: »Mit dem sprichst du aber nicht mehr!«

Nach der lange kultivierten Feindschaft ist die Gemeinschaft wohl noch sehr zerbrechlich. Aber auch kostbar, denn man möchte sie nicht beschädigen. Das freundliche Schulterklopfen, das man dem Erfurter Treffen unterstellt, scheint auch im Kleinen nicht unbekannt.

Nur Klaus Schulze, Lektor aus Leinefelde, konstatiert offen: »Der Papst ist für mich als Protestant keine wichtige Persönlichkeit. Gleichwohl bringe ich ihm Respekt als Oberhaupt der ­katholischen Kirche und eines kleinen Staates entgegen. Ich werde auf keinen Fall an der Vesper mit dem Papst teilnehmen.«

Pfarrerin Cornelia Feja ergänzt: »Allein Christus ist unser Oberhaupt und dem sind wir treu. Aber vielleicht bewegt sich etwas im Hinblick auf das Reformationsjahr 2017 und die Aufhebung des Banns gegen Martin Luther«, hofft sie. »Der Papst setzt zumindest ein Zeichen, dass ihm die evangelische Kirche nicht unwichtig ist.«

Abschließend formuliert Horst Sievers einen Gedanken, der alle einen könnte: »Wir wenigen Christen müssen unseren Glauben öffentlich bekennen und uns gegenseitig unterstützen. Wirklich wichtig ist doch, dass das Gotteslob gefeiert wird.«

Regina Englert

Mut zum Frieden in Zeiten des Krieges

9. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Museum zum Gedenken an die fast 3.000 Opfer des 11. Septembers 2011 in New York. (Quelle: picture-alliance/dpa)

Museum zum Gedenken an die fast 3.000 Opfer des 11. Septembers 2011 in New York. (Quelle: picture-alliance/dpa)

Gedenken: Der 11. September 2001 und die Folgen auf die Weltpolitik und die Friedensethik
 
Die Terroranschläge in den USA vor zehn Jahren haben die Welt verändert. Doch es gilt, sich nicht nur mit den Folgen, sondern auch mit den Ursachen auseinanderzusetzen.

 
Von Friedrich Schorlemmer

Dieser 11. September 2001 ist zum Menetekel geworden. Aus »heiterem Himmel« kam es zu einer Katastrophe von apokalyptischem Ausmaß, deren Bilder sogleich um die ganze Welt gingen. ­Alles, was in Horror-Filmen über Monster- und Marsmenschen erdacht wurde, geschah. Plötzlich war »Ausnahmezustand«. Die Spaßgesellschaft war am Ende.

Vorläufig.

Unvergesslich: Ein Eingeschlossener winkte in 380 Meter Höhe mit einem Tuch, bis der erste Turm in sich zusammenfiel wie ein Kartenhaus, generalstabsmäßig, wie bei einer Sprengung, und begrub alles unter sich: Menschen, Einrichtungen, den Stolz Amerikas.

Im World Trade Center hatte sich die Welt-Markt-Macht symbolisiert, wie die militärische Macht im Pentagon. Eine Weltmacht taumelte in Trauer, Wut, Kränkung.

Sie wollte der Welt bald beweisen, dass sie stark genug ist, die Schuldigen zu finden und auszulöschen. Die Täter waren mit äußerster Brutalität vorgegangen, gnadenlos mit ihren Opfern, gnadenlos mit sich selbst. Der Hass hatte eine ungeheuerliche kriminelle Energie freigesetzt.

»Warum hassen sie uns so?«, fragte die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag (1933 bis 2004) und wurde dafür selber gehasst. Die USA, die seit Ronald Reagan »das Fenster der Verwundbarkeit« schließen und sich gegen »Schurkenstaaten« aus dem Weltraum schützen wollten, waren nun durch Gotteskrieger mit den Mitteln des zivilen Weltverkehrs getroffen worden. Die Utopie der Unverletzbarkeit zerstiebte.

Was da ersonnen und durchgeführt wurde, das war das Böse, das von sich selbst glaubt, es richte sich gegen das Böse. Es hat Nährboden gefunden. Es hat Gründe, es hat Geld. Es hat Verführungskraft.

Die Ursachen rechtfertigen nicht solches Tun, aber dieses Tun ist auf seine Ursachen hin zu ­untersuchen. Was geschehen ist, war nicht mit einem Schlag, auch nicht mit vielen Schlägen aus der Welt zu schaffen, schon gar nicht aus der Luft.

George W. Bush reagierte mit archa­ischen Rachemustern. Er rief den New War aus und versprach, die Täter überall zu jagen, forderte Afghanistan auf, die alsbald ausgemachten Anführer »auszuspucken«.

Das amerikanische Volk wäre gut beraten gewesen, gemeinsam mit der Völkergemeinschaft alles dafür zu tun, dass mit der Stärke des Rechts konsequent gegen terroristische Banden, Organisationen, Staaten, Einzelpersonen oder Ideologien vorgegangen wird. Nichts wäre nötiger gewesen als die Mobilisierung der Solidarität der Völkergemeinschaft über alle kulturellen, religiösen und sozialen Schranken hinweg.

Niemand sollte einen mörderischen Kulturkampf vom Zaune brechen, sondern ihm jede Rechtfertigung entziehen! Nichts ist mehr sicher. Die moderne Welt und alle ihre Einrichtungen sind gefährdet. Die offene Gesellschaft ist gefährdet.

Sollte sie sich abschließen und auf die Freiheit verzichten und der Illusion garantierbarer Sicherheit alles opfern?

Sollten die Geheimdienste, die versagt hatten, alle Macht bekommen, alle Vollmachten über uns und alles permanent überwacht werden?

Wir sind aus der Unbefangenheit vertrieben.

Als ob es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Globalisierung auch bedeutet, dass alles mit allen und ­allem zusammenhängt und deshalb auch alles von allen abhängt.

Aber die Bomben, mit denen ganze Völker in Geiselhaft genommen wurden, weil ihre Führer Terroristen beherbergten, wurden selber zum Futter für neue Extremisten. Bombenfutter.

Die zivilisierte Menschheit bleibt gefordert, die Täter und ihre Hintermänner dingfest zu machen, sie zu verurteilen und zugleich alles zu vermeiden, was Hass schürt. Es gilt, sich mit seinen Ursachen, nicht nur mit seinen Folgen zu beschäftigen.

Er lässt sich nicht totbomben, denn Tod – zumal durch »Kollateralschäden« – wurde Anlass für neuen Hass und führte wieder zum (heimtückischen) Tod. Der nun zehn Jahre tobende Afghanistankrieg wird militärisch nicht zu gewinnen sein.

Es ist der größere Mut gefordert, der Mut zum Frieden in Zeiten des Krieges, der sich der Vergeltung enthält und einen gerechten Frieden anstrebt.

Weiter auf dem »Dritten Weg«?

2. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Diakonie und Arbeitsrecht: Seit Jahren schwelt der Konflikt um das Arbeitsrecht in der Diakonie – ein Hintergrund und ein Pro und Kontra zum Thema.

Fotoquelle: BilderBox.com

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DiakonieDie Diakonie steht in der Zerreisprobe: Soll der »Dritte Weg« im Tarifrecht beibehalten werden: Mitarbeitervertretungen und Gewerkschaften wollen eine Änderung. Im Bereich Mitteldeutschland laden sie deshalb am 6. Oktober zu einem »Fachtag Sozialer Dialog in der Diakonie« nach Leipzig. Im Mittelpunkt stehen dabei die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter und die Aushandlungsprozesse in den diakonischen Einrichtungen. Veranstaltet wird der Fachtag vom Gesamtausschuss der Mitarbeitervertretungen im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirchen in Mitteldeutschland und der Dienstleistungsgewerkschaft verdi gemeinsam mit dem Ostwindinstitut in Meißen.


DiakonieKirche und Diakonie regeln ihre inneren Angelegenheiten, also auch das Tarifrecht, selbst. Doch im Bereich der Diakonie ist über diesen »Dritten Weg« seit Jahren ein Streit entbrannt. Was steckt dahinter?

Bei der Ausgestaltung des Arbeitsrechts gibt es in Deutschland grundsätzlich drei Wege. Der sogenannte »Erste Weg« ist der direkteste: Die Bedingungen werden dabei vom ­Arbeit- beziehungsweise Dienstgeber einseitig festgesetzt. Der Arbeit- beziehungsweise Dienstnehmer kann wählen, ob er auf das Angebot eingeht oder nicht. Handelt es sich um eine begehrte Fachkraft, kann sie unter Umständen höhere Forderungen durchsetzen. Arbeitsverhältnisse für Führungskräfte in der freien Wirtschaft werden in der Regel auf diesem Weg ausgehandelt. Auch das Beamtenrecht entspricht weitgehend dem »Ersten Weg«.

Beim »Zweiten Weg« schließen sich ­Arbeitgeber und Arbeitnehmer jeweils branchenspezifisch in Interessenvertretungen zusammen: Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände stehen sich stellvertretend für ihre Mitglieder gegenüber und handeln im Auftrag ihrer jeweiligen Klientel Tarifverträge aus. Diese gelten dann in den angeschlossenen Unternehmen für alle. Zur Durchsetzung beziehungsweise Abwehr von Forderungen gibt es dabei die Instrumente des Arbeitskampfes: Streik und Aussperrung. In den Betrieben selbst wachen von der Belegschaft gewählte Betriebsräte laut Betriebsverfassungsgesetz über die Einhaltung der Vereinbarungen.

In den Kirchen ist freilich alles anders.

Durch den Paragraf 140 des Grundgesetzes wird das »Kirchliche Selbstbestimmungsrecht« aus der Weimarer Verfassung übernommen. Das bedeutet, dass Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften und die ihnen zugeordneten Vereine oder Einrichtungen – sofern sie als »Wesens- und Lebensäußerung« der jeweiligen Gemeinschaft gelten – ihre inneren Angelegenheiten selbst regeln. Das gilt auch für das Arbeitsrecht. Dies geschieht in der Diakonie, die sich selbst als eine solche »Lebens- und ­Wesensäußerung« der Kirche versteht, durch den sogenannten »Dritten Weg«.

Konkret heißt das unter anderem, es gibt Mitarbeitervertretungen statt Betriebsräte und es gibt »Arbeitsrechtliche Kommissionen« (ARK), in denen im Konsensverfahren die Rahmenbedingungen ausgehandelt werden. Da man sich nicht als gewinnorientiertes Unternehmen, sondern als eine Dienstgemeinschaft im Auftrag Gottes versteht, wird der »solidarische Interessenausgleich« beschworen.

In einer Stellungnahme des Verbandes der Diakonischen Dienstgeber (VdDD) heißt es dazu: »Aus dem Gedanken der Dienstgemeinschaft folgt, dass es einen Arbeitskampf (Aussperrung/Streik) in Diakonie und Kirche nicht geben kann.«

Doch der »Dritte Weg« ist zunehmend umstritten.

Längst sind die diakonischen Einrichtungen zu Sozialunternehmungen geworden, die auf dem freien Markt mit anderen Anbietern konkurrieren. Ausgliederungen von Arbeitszweigen und der Einsatz von Leiharbeitern zur Kostensenkung gehören weithin zum Alltag.

Dazu kommt: Besonders in den neuen Bundesländern sind ein großer Teil der Mitarbeiter keine Kirchenmitglieder und deshalb von der Mitwirkung in den Mitarbeitervertretungen ausgeschlossen. Die Mehrzahl der Mitarbeitervertretungen fordert deshalb, unterstützt durch die Gewerkschaften, den »Dritten Weg« zu beenden und auch im Bereich der Diakonie Flächentarifverträge abzuschließen.

Harald Krille

 

Pro: Eckart Behr

DiakonieDas Wort des Feldherrn Clausewitz, »Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln«, trifft auf den Konflikt zwischen diakonischen Dienstgebern und Dienstnehmern gottlob nicht zu. Auch wenn die Homepage des Gesamtausschusses der mitteldeutschen Mitarbeitervertretungen noch immer Sprüche von Kampf, Feind und Sieg genüsslich verbreitet.

Mit »anderen Mitteln« wollen einige Vertreter erreichen, was auf dem Verhandlungsweg nicht gelang. So die legendäre Forderung nach achtprozentiger Gehaltssteigerung. Seit sie nicht durchsetzbar war, wird der »Dritte Weg« blockiert.

Übrigens jahrelang auf dem finanziellen Rücken der Mitarbeitenden. Es gilt, die Überleitung in das andere System zu erzwingen.

Dass dieses Anliegen von Gewerkschaftlern protegiert wird, ist wegen deren Ausschau nach Betätigungsfeldern und Neumitgliedern verständlich. Der Gesamtausschuss der Mitarbeitervertretungen verdrängt, dass auch dann keine Luftschlösser erreichbar wären. Gewerkschaftlich verhandelte Tarife sind nicht automatisch höher als etwa die Gehaltstabellen der Arbeitsvertragsrichtlinien (AVR) der Diakonie.

Auch sei erinnert, dass tarifliches Augenmaß für den Fortbestand von Einrichtungen und damit von Arbeitsplätzen unverzichtbar ist.

Nun sind diakonische Arbeitsvertragsrichtlinien zu komplizierten Texten und Tabellen herangereift, die nicht alle Beteiligten verstehen oder gar weiterentwickeln können. Da mag mancher Dienstgeber überfordert sein.

Erst recht Dienstnehmende, die sich als Krankenschwester, Ärztin, Hausmeister oder Sekretärin nicht auch noch zu Arbeitsrechtsexperten und Tarifmathematikern entwickeln wollen. Genau ­dafür regelte unsere Synode beispielsweise die Kostenübernahme für Experten, Sachkosten, Weiterbildung und Freistellungen für die Arbeitnehmerseite.

Als Geschäftsführer und Diakon in einer evangelischen Rehabilitationsklinik ist mir eine vertrauensvolle Zusammenarbeit wichtig, die sich »in guten und schlechten Kliniktagen« bewährt. Streikposten in Warnwesten, Aussperrungen und Arbeitskampf würden dem Renommee der Klinik und damit unmittelbar den Arbeitsplätzen schaden. Das wäre der »Zweite Weg«. Auch der »Erste Weg«, die einseitige Gehaltsanordnung, würde mir schwerfallen. Zu viele Risiken und Ungerechtigkeiten drohten, wenn individuelle Gehälter zu vereinbaren wären.

Bleibt also der »Dritte Weg«. Ein reiner Verhandlungsweg einer Dienstgemeinschaft, an dessen Ende ein gemeinsam errungenes Gehaltsergebnis steht.

Mir erschließt sich einfach nicht, was am zielführenden und verpflichtenden Aushandeln so schlecht sein sollte. Hardliner mögen den Begriff der Dienstgemeinschaft kritisieren. Vielleicht machten sie schlechte Erfahrungen. Mit ihrem eigenen AVR-Dienstvertrag haben sie sich allerdings vertraglich daran gebunden. Die ständige Sehnsucht nach »anderen Mitteln« lähmt einfach nur.

Eckart Behr ist Geschäftsführer der Sophienklinik Bad Sulza

 

Kontra: Annegret Köhlmann

DiakonieBis etwa 2003 haben vernünftigerweise alle Arbeitsrechtlichen Kommissionen (ARK) in der Diakonie, der Caritas und in den Kirchen im Wesentlichen einen bereits bestehenden Tarifvertrag übernommen, den Bundesangestellten-Tarifvertrag (BAT). Die Kommissionen hatten eine Koordinierungsaufgabe, keine Konfliktlösungsaufgabe.

Erste Schwierigkeiten entstanden durch Veränderungen in der Sozialpolitik in den 1990er Jahren. Das Selbstkostendeckungsprinzip wurde nicht mehr gewährleistet, die Einrichtungen bekamen ihre Kosten nicht mehr vollständig von den Kostenträgern erstattet.

Die Vorrangstellung der Träger der Freien Wohlfahrtspflege entfiel. Freie Marktwirtschaft, Wettbewerb und Konkurrenz ­unter den »Leistungserbringern« war das Ziel. Die Diakonie als eine der größten Arbeitgeberinnen auf dem Sozialmarkt verpasste es, sich politisch dagegen zu wehren.

Das neoliberale Denken fand Einlass in die Köpfe vieler christlicher Geschäftsführer diakonischer Einrichtungen. Man zog es vor, sich vom Tarif des öffentlichen Dienstes zu lösen und den Druck nach unten, an die Beschäftigten weiterzugeben.

Zu diesem Zweck bildeten sich Arbeitgeberverbände in der Diakonie, zum Beispiel der Verband diakonischer Dienstgeber in Deutschland (VdDD). Dieser schloss sich der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) an und ist dort auch im Vorstand vertreten.

Die Arbeitgeberverbände in der Diakonie entwickeln Personalkostensenkungskonzepte, sie erlangten Einfluss in allen wichtigen Gremien und bestimmen die Arbeitgeberpositionen in vielen Arbeitsrechtlichen Kommissionen.

Der Konflikt zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ist in der Diakonie aufgebrochen. Dieser Konflikt kann in den Kommissionen nicht gleichgewichtig gelöst werden, denn die Arbeitgeber sind dort strukturell überlegen. Sie können die Forderungen der Arbeitnehmer einfach aussitzen. Die Schlichtungsausschüsse bieten für die Arbeitnehmer keinen Ersatz, denn die Arbeitgeber können deren Beschlüsse ignorieren.

Durch etliche Entscheidungen wurde die Position der Arbeitnehmervertreter in den ARKs weiter geschwächt: So ­entschied der Kirchengerichtshof der Evangelischen Kirche von Deutschland im Januar 2010, dass Mitarbeitervertretungen die Beschäftigten nicht über die Verhandlungen in den Kommissionen informieren dürfen.

Die Diakonische Konferenz beschloss im Juni 2010 den Ausschluss kritischer Mitarbeitervertretungen aus der ARK. Und in der ARK des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland ­können per kirchengesetzlicher Regelung Beschlüsse auch ohne die Anwesenheit von Arbeitnehmervertretern gefasst werden.

Die Kommissionen sind ein Mittel der Arbeitgeber, ihre Interessen durchzusetzen. Sie sind kein Konsensmodell. Sie verletzen die Grundrechte der Beschäftigten. Die Beschäftigten in der Diakonie brauchen deshalb eigene gewerkschaftlich gestützte Verhandlungsmacht.

Annegret Köhlmann ist Vorsitzende des Gesamtausschusses der Mitarbeitervertretungen der Diakonie Mitteldeutschland

 

Wärme für allzu coole Jungs

27. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Vorgestellt: Eine Seelsorgerin hilft jungen Männern beim Erwachsenwerden in der Haft.

 
Beeindruckt vom Raum der Dresdner Frauenkirche: Gefängnisseelsorgerin Gabriele Sommer mit Jugendlichen aus dem offenen Vollzug der Jugendanstalt Raßnitz. (Foto: Steffen Giersch)

Beeindruckt vom Raum der Dresdner Frauenkirche: Gefängnisseelsorgerin Gabriele Sommer mit Jugendlichen aus dem offenen Vollzug der Jugendanstalt Raßnitz. (Foto: Steffen Giersch)


Gefängnisseelsorgerin Gabriele Sommer übt mit Gefangenen in der Jugendanstalt im sachsen-anhaltischen Raßnitz soziales Verhalten. Zugleich öffnet sie ihnen eine Tür zum Glauben.

Sie geben sich cool. Viel Reden ist nicht. »Geile Bräute hier«, witzelt ­einer. Aber in der Frauenkirche kommen sie dann doch ins Staunen. In Dresden gewesen sind manche schon. Den wieder errichteten Barockbau indes betreten sie zum ersten Mal. Einer findet die Malerei besonders interessant. »Dass die damals für den Bau nur sieben Jahre länger gebraucht haben als heute, alles mit Hand, nur primitive Technik – alle Achtung«, meint ein anderer. Er ist gelernter Maurer.

In ihren bunt bedruckten T-Shirts, Jeans und Turnschuhen, die Schirmkappen lässig auf den Hinterkopf geschoben, sind die zwölf Jungs zwischen 18 und 24 Jahren nicht von anderen ihres Alters zu unterscheiden. Doch mitten unter Touristen gemächlich durch das Zentrum einer Großstadt zu schlendern – das haben sie schon lange nicht machen können.

Die einen ein Dreivierteljahr nicht, manche drei Jahre. Je nachdem, zu wie viel Monaten Jugendhaft das Gericht sie verurteilt hat.

Den größten Teil davon haben sie verbüßt. In der 2002 errichteten Jugend­anstalt Raßnitz, im Südosten Sachsen-Anhalts, die bewusst auf das Wort »Haft« in ihrem Namen verzichtet. Sie alle sind im offenen Vollzug. Der Tag der Entlassung ist abzusehen.

»Eingliederungsphase« heißt das offiziell. »Sie stehen an der Schwelle«, sagt Gabriele Sommer. Sie ist evangelische Gefängnisseelsorgerin, seit Eröffnung der Jugendanstalt.

Neben zwei Vollzugsbeamten begleitet sie die Jugendlichen auf dieser Exkursion. Die ist ein Gemeinschaftsprojekt von ­Gefängnis, Seelsorge und dem Europäischen Bildungswerk für Beruf und ­Gesellschaft (EBG). Teil eines Vier-Stufen-Programms, das im offenen Vollzug beginnt, die Jugendlichen in Erwerbstätigkeit begleitet und sie sozial zu integrieren versucht, wie Olaf Erxleben vom EBG erläutert.

Gabriele Sommer hat die zwölf in die Unterkirche der Frauenkirche begleitet, wo der Künstler Michael Schoenholtz einen »Turm der Gebote« gestaltet hat, und jedem ein Blatt ausgehändigt. Darauf hat sie den Dekalog zu »10 Geboten für Entlassene« umformuliert.

»An erster Stelle deines Lebens steht nicht die Angst vor neuen Straftaten, sondern die Liebe Gottes für dein Leben in dieser Welt«, lautet das 1. Gebot.

Auf viel Wissen über Religion kann sie bei den Gefangenen nicht bauen. »Sie ­haben wenig Bezug zu Kirche.« Als einen Grund dafür sieht sie die soziale Vernachlässigung in der Kindheit, die manche in die Kriminalität abdriften lässt. Worum es ihr in der Seelsorge deshalb vor allem geht: »permanentes Einüben in soziales Verhalten«. Zugleich will sie mit dem christlichen Glauben bekannt machen. »Zumindest kann ich versuchen, ihnen eine Tür dorthin zu öffnen.«

Aufgebaut sei die Raßnitzer Jugendanstalt wie ein Dorf, erzählt sie. »Und in der Mitte steht eine Kirche.« Ein Ort für das Erzählen, für Trost und Begegnung sei dieses Gebäude. Elf Gottesdienste für ­unterschiedliche Gefangenengruppen haben sie dort etwa zu Ostern gefeiert, besucht von mehr als einem Drittel der Gefangenen.

Zu den Höhepunkten ihrer Arbeit gehören die Taufen. Erst am vergangenen Sonnabend, dem 20. August, war es wieder einmal soweit. Nach zwölf Taufkurstreffen wollten zwei junge Männer ihre Hinwendung zum christlichen Glauben festmachen.

Jede Menge Einzelgespräche gehören zum Alltag der Seelsorgerin. Im Seelsorgezentrum, in der Krankenstube oder in der Zelle sitzen ihr dann junge Menschen gegenüber, die nicht selten Gewalt in der Kindheit erlebt haben, später selber gewalttätig geworden sind. »Und nun müssen sie unter den Bedingungen der Haft erwachsen werden.« Vielen fehle einfach ein anderer, der sie mit Achtung behandelt, sie zum Nachdenken über sich selbst anregt, ihnen Selbstwertgefühl vermittelt.

Auch künstlerisch arbeitet sie mit ihnen. In einer Gruppe mit maximal sieben Gefangenen. »Meditation Farbe» hat sie ihr Konzept genannt.

»Wir schauen uns zum Beispiel ein Bild an oder konzentrieren uns auf etwas, das existenziell berührt.« Aus dieser Meditation heraus gestalten sie dann gemeinsam ein Bild. »Die Erfahrungen der Einzelnen werden da zum Gruppenerlebnis.« Auf diese Weise sind in Wachskratztechnik oder als ­Collage drei Jahreskalender und mehrere Ansichtskarten entstanden.

»Den Glauben ins Leben ziehen« – das möchte Gabriele Sommer. Und die Gefangenen Kirche als Ort erleben lassen, wo sie Halt finden können.

»Vielleicht ­erinnert sich der eine oder andere später daran, dass er zu einem Pfarrer oder zur Beratungsstelle der Diakonie gehen kann.« Zugleich ist sie dankbar für die große Unterstützung ihrer Arbeit durch die Anstaltsleitung.

Mal in der Frauenkirche gestanden zu haben, das findet einer der Jugendlichen schon beeindruckend. Bei seinen letzten Besuchen in Dresden habe er andere Ziele gehabt. »Vielleicht komme ich ­später mal wieder, mit Familie eventuell. Ich kenne mich ja jetzt aus.«

Tomas Gärtner

Streit um Fliege

26. August 2011 von redaktionguh  
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Foto_Fliege

Scharfe Kritik an dem früheren »Fernsehpfarrer«.

 
Mit immer absonderlicheren Äußerungen zum christlichen Glauben macht der ehemalige Fernsehpfarrer Jürgen Fliege von sich reden. Nachdem der evangelische Theologe wegen eines von ihm vertriebenen »Weihwassers«, der sogenannten »Fliege-Essenz«, in die Kritik von Medien und Sektenexperten geraten war, griff er in der Fernsehsendung »RTL exclusiv weekend« die biblischen Texte zur Wiederkunft Christi an: Dass eines Tages die Welt untergehe und einer vom Himmel komme, sei schlimmer, als alles, was die Scientologen sich ausgedacht hätten, so Fliege.

Zuvor hatte die frühere Hamburger Scientology-Beauftragte Ursula Caberta Jürgen Fliege vorgeworfen, sich immer stärker der Esoterik zuzuwenden und mit Scientologen zusammenzuarbeiten. Bei dem von ihm seit mehreren Jahren im bayerischen Bad Wörishofen veranstalteten »Flieges Wörishofener Herbst« treten Geistheiler und Schamanen auf.

In der vergangenen Woche war Jürgen Fliege nun vor allem wegen seiner »Fliege-Essenz« in Kritik geraten. Dabei handelt es sich um eine Flüssigkeit, die Fliege während des Produktionsvorgangs gesegnet haben soll. »Ich lege meine Hände auf die Maschine, in der die Essenz hergestellt wird. Ich spreche das Vaterunser und 1. Korinther 13«, sagte Jürgen Fliege gegenüber der »Bild am Sonntag«. »Sie soll ein Segen sein«, so Fliege über die Essenz.

Scharfe Kritik an dieser Praxis äußerte etwa der Vorsitzende der EKD-Kammer für Theologie, der frühere Rektor der Berliner Humboldt-Universität, Christoph Markschies: »Offenbar ist Fliege nicht klar, dass wir in der evangelischen Kirche Menschen den Segen Gottes zusprechen, aber nicht wie Wundermänner irgendwelche Kräfte und Emotionen in materielle Objekte senden«, sagte Markschies dieser Zeitung. Fliege handele ganz sicher nicht wie ein evangelischer Pfarrer.

Eine andere Linie scheint dagegen der als rheinischer Präses auch für den Ruhestandspfarrer Jürgen Fliege zuständige EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider zu verfolgten: Gemäß ­einem im Juli veröffentlichten ­Kongressprogramm für den von Fliege veranstalteten »Wörishofener Herbst«, sollte Schneider dort als Referent auftreten.

Während die EKD dieses zunächst energisch ­dementierte, veröffentlichte Jürgen Fliege am 10. August per Pressemitteilung Auszüge eines Schreibens des EKD-Ratsvorsitzenden. Schneider habe demnach sehr wohl vorgehabt, den Kongress zu besuchen, aber wegen eines Terminproblems mit der Verleihung der Luthermedaille werde daraus nichts.

Außerdem habe er seinen Pressesprecher angewiesen, »dass ich bei aller schwierigen Vergangenheit einen respektvollen Ton der EKD Dir gegenüber wünsche. Und er weiß auch, dass ich zu Dir stehe.« Das zeugt von einer Vertraulichkeit zwischen Schneider und Fliege, die wohl aus der gemeinsamen Vikariatszeit in der Evangelischen Kirche im Rheinland resultiert.

Gleichzeitig jedoch legt es den Gedanken der persönlichen Befangenheit des Ratsvorsitzenden nahe: So wie schon in der Frage der Präimplantationsdiagnostik (PID) scheint der menschlich-persönliche Zugang Schneiders zu Betroffenen entscheidend für seine Urteilsbildung zu sein.

Benjamin Lassiwe

Von der Weltbühne ins Kloster

18. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Jubiläum: Vor zehn Jahren wurde in Volkenroda der Christus-Pavillon der Expo Hannover eingeweiht.

Zentrum für Kunst, Kultur und Spiritualität: Der Christus-Pavillon im Kloster Volkenroda prägt heute die Ansicht der alten Zisterzienseranlage. (Foto: Kloster Volkenroda)

Zentrum für Kunst, Kultur und Spiritualität: Der Christus-Pavillon im Kloster Volkenroda prägt heute die Ansicht der alten Zisterzienseranlage. (Foto: Kloster Volkenroda)

Als der futuristische Kubus aus Stahl, Glas und Marmor im ehemaligen Zinsterzienser-Kloster aufgestellt wurde, gab es viele skeptische Stimmen. Heute ist er wichtiges Teil dieses »spirituellen Kraftzentrums«.

Ein wenig überragt die Klosterkirche im thüringischen Volkenroda den 3000 Quadratmeter großen Bau an ihrer Seite. Dennoch prägt der Christus-Pavillon die Ansicht des früheren Zisterzienser-Klosters, dessen älteste Teile aus dem 12. Jahrhundert stammen. Als der futuristische Quader vor zehn Jahren in dem Dorf eingeweiht wurde, hatte er eine Vergangenheit auf internationaler Bühne hinter sich. Bei der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover war er mit 1,8 Millionen Besuchern das Aushängeschild der christlichen Kirchen.

Den Jahrestag der Einweihung in Volkenroda bei Mühlhausen feiern die evangelischen Landeskirchen von Mitteldeutschland und Hannover an diesem Wochenende vom 19. bis zum 21. August unter anderem in einem Gottesdienst mit ihren Bischöfen Ilse Junkermann und Ralf Meister. 100 Schwertransporter brachten im Anschluss an die Expo im Jahr 2000 die 800 Tonnen schwere Stahlkonstruktion nach Volkenroda.

Statt Trubel umgibt ihn dort ländliche Ruhe.

Damit die Kirchturmspitze tatsächlich der höchste Punkt blieb, wurde in Volkenroda die Erde abgetragen und der Pavillon drei Meter tiefer gelegt. »Am Anfang war er für die Leute ein gewisser Fremdkörper und ein West-Import, der auch Befremden ausgelöst hat«, weiß Albrecht Schödl aus Erzählungen. Inzwischen identifizierten sich viele mit dem Bau, sagt der Pfarrer, der seit knapp vier Jahren den Christus-Pavillon leitet. »Brautpaare lassen sich dort gern fotografieren.«

Einmal im Monat ist Bauernmarkt am Kloster. Die Mitglieder der Jesus-Bruderschaft, einer Kommunität mit Familien- und zölibatär lebenden Mitgliedern, die im Kloster leben, sorgen Schödl zufolge für eine gastfreundliche Atmosphäre.

40000 Besucher im Jahr zählt Volkenroda, zu dem auch ein Jugendbildungszentrum gehört. Der von dem Star-Architekten Meinhard von Gerkan entworfene Christus-Pavillon aus Stahl, Glas und durchscheinendem Marmor ist längst mehr als ein für Touristen interessantes Bauwerk.

Besondere Gottesdienste etwa für Biker und zum Valentinstag werden dort gefeiert. Ausstellungen und Konzerte finden statt – zum Jubiläum wird am 20. August open air die Carmina Burana gegeben.

Regelmäßige Gebetszeiten machen deutlich: Der Pavillon ist eine Kirche.

Dass diese überhaupt gebaut wurde, war einer Vielzahl glücklicher Zusammentreffen zu verdanken, erinnert sich der frühere hannoversche Landesbischof Horst Hirschler.

Mitte der 1990er Jahre suchte die Landeskirche in Hannover Ideen für einen Beitrag zur ersten Weltausstellung auf deutschem Boden. Zur gleichen Zeit baute die ökumenische Jesus-Bruderschaft das Kloster in Volkenroda weiter auf, das lange dem Verfall preisgegeben war.

Sie wollte die Klosterkirche wieder ergänzen. Dafür warb sie im Kloster Loccum der hannoverschen Kirche um Unterstützung, das Zisterziensermönche aus Volkenroda einst gegründet hatten.

»Allein für Volkenroda gibt niemand Geld. Für eine Expo-Kirche, die danach in Volkenroda steht, aber wohl! Das wäre der Knüller!«, erinnert sich Hirschler an die zündende Idee. Dem Bischof gelang es, die deutsche Stahlindustrie zu gewinnen, die sich mit fünf Millionen Mark beteiligte und bis heute den Pavillon unterstützt.

Ohne Volkenroda hätte es auch den Pavillon auf der Expo nicht gegeben, sagt der damalige Expo-Beauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Gerhard Wegner. »Man scheute sich, nur für die fünf Monate der Weltausstellung so etwas zu machen.« Der 16,5 Millionen Mark teure Bau sollte nachhaltig sein. Bei der Weltausstellung zählte er zu den beliebtesten Pavillons.

Volkenroda sei ein »spirituelles Kraftzentrum«, schwärmt heute Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, die Schirmherrin des Jubiläumsjahres ist. 1996 zeichnete die Europäische Union das Kloster als »schützenswertes Kulturerbe« aus.

Den Christus-Pavillon nennt Lieberknecht: »Ein bauliches und erbauliches Ensemble, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verkörpert.«

Karen Miether

Der neue Mann in Bad Blankenburg

12. August 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Gespräch: Thomas Günzel folgt Reinhard Holmer als Direktor des Evangelischen Allianzhauses.


Thomas Günzel, 1960 in Waldkirchen im Erzgebirge geboren, erlernte zunächst den Beruf eines Eisenbahners und arbeitete als Fahrdienstleiter. Nach einem Theologiestudium am Berliner Paulinum wurde er Gemeinschaftsprediger und Jugendbildungsreferent im sächsischen Jugendverband »Entschieden für Christus« (EC). Von 1994 bis 1998 arbeitete ­Günzel als Jugendbildungsreferent im sächsischen Landesjugendpfarramt, ­anschließend als Lehrer, Theologe und Pfarrer im Ehrenamt beim ­diakonischen Berufsbildungswerk für Hör- und Sprachgeschädigte in ­Leipzig. 	(Foto: Harald Krille)

Thomas Günzel, 1960 in Waldkirchen im Erzgebirge geboren, erlernte zunächst den Beruf eines Eisenbahners und arbeitete als Fahrdienstleiter. Nach einem Theologiestudium am Berliner Paulinum wurde er Gemeinschaftsprediger und Jugendbildungsreferent im sächsischen Jugendverband »Entschieden für Christus« (EC). Von 1994 bis 1998 arbeitete ­Günzel als Jugendbildungsreferent im sächsischen Landesjugendpfarramt, ­anschließend als Lehrer, Theologe und Pfarrer im Ehrenamt beim ­diakonischen Berufsbildungswerk für Hör- und Sprachgeschädigte in ­Leipzig. (Foto: Harald Krille)

Vom 3. bis 7. August lud die Evangelische Allianz in Deutschland zu ihrer traditionellen Glaubenskonferenz nach Bad Blankenburg. Rund 2500 Christinnen und Christen aus Landes- und Freikirchen folgten der Einladung. Einer der Höhepunkte war die Einführung des bisherigen Leipziger Pfarrers und Lehrers Thomas Günzel als neuer Direktor des Bad Blankenburger Allianzhauses. Harald Krille sprach mit ihm.

Von Leipzig nach Bad Blankenburg, was ist da die größte Umstellung?
Günzel: Die größte Umstellung ist vielleicht wirklich die Einwohnerzahl. Aber ansonsten bin ich in den Bergen geboren und darf jetzt wieder in den Bergen wohnen. Das ist gar nicht so schlecht. Und ich finde, dass Sachsen und die Thüringer beides gemütliche Völkchen sind, wo man als ein fröhlicher Mensch gut leben kann.

Bad Blankenburg und das Allianzzentrum sind Ihnen ja nicht fremd.
Günzel: Ich war 1978 zum ersten Mal hier zu einer Konferenz. Das hat mich so fasziniert, dass ich eben immer wiedergekommen bin. Während des Theologiestudiums sprach mich ein Mitstudent an und sagte: Wenn du hinfährst kannst du auch mit Zeltplatzhelfer machen. Also wurde ich Zeltplatzhelfer. Und dann kam schon so langsam die Wendezeit und mein beruflicher Einstieg in der Jugendarbeit der Landeskirchlichen Gemeinschaften. Und da bin ich dann in den Jugendarbeitskreis der Evangelischen Allianz hineinberufen worden.

Was sind die größten Herausforderungen, die Sie für Ihren neuen Dienst sehen?

Günzel: Eigentlich ist alles ganz spannend. Aber die größte Herausforderung ist auf der einen Seite die Frage der Wirtschaftlichkeit. So ein Haus will gefüllt sein und soll sich weitgehend selbst tragen. Aber wir wollen mit unserem Haus auch offen stehen für Leute, die wenig Geld haben: für Christen aus Osteuropa beispielsweise. Deshalb brauchen wir trotz allem weiter Spenden.
Die andere Herausforderung: Bad Blankenburg ist ein Ort mit einer ­langen geistlichen Tradition. Und das soll auch so bleiben: Ein Ort, an dem gebetet wird, an dem Menschen von Gott bewegt werden aber auch gesellschaftliche Situationen vor Gott bewegt werden.

Sind schon inhaltliche Schwerpunk­te absehbar, die Sie setzen wollen?

Günzel: Da ist zum einen das Problem des sogenannten »Burn-out-Syndroms« unter kirchlichen Mitarbeitern. Ich habe im Gespräch mit anderen Hauptamtlichen gemerkt, wie viele eigentlich hart an der Grenze des Möglichen arbeiten oder manchmal auch drüber rausgehen. Und ich habe festgestellt, dass das Problem nicht neu ist: Die Gründerin des Allianzhauses, Anna von Weling, kannte das Phänomen schon im 19. Jahrhundert. »Im Dienst ermüdete Reichsgottesarbeiter«, nannte man das damals. Das Allianzhaus soll auch ein Haus der Seelsorge sein, in dem diese Probleme einen Platz haben.
Daneben ist mir der Bildungsaspekt wichtig. Ich möchte schon so ein bisschen eine Art evangelikale Akademie entwickeln. Man soll bei uns über Themen diskutieren können, wo sich andere vielleicht nicht ran trauen. Und ich wünsche mir, dass ­dabei Christen aus verschiedenen Gemeinden und verschiedenen Frömmigkeitstraditionen miteinander ins Gespräch kommen. Das soll nicht in Konkurrenz zu bestehenden Evangelischen Akademien geschehen, sondern eher in Ergänzung. Aber darüber hinaus ist natürlich weiter jede und ­jeder zu Seminaren, Tagungen oder einem Urlaubsaufenthalt eingeladen.

Welche Wünsche und Erwartungen hat der neue Allianzhaus-Direktor an die Kirche, speziell die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland?

Günzel: Also ich möchte bewusst Mitglied dieser, meiner Kirche sein und mich auch einbringen – hier vor Ort und darüber hinaus. Dabei wünsche ich mir, dass man nicht gleich in eine Ecke gestellt wird. Ich weiß, dass das manchmal auch Allianzler machen und das tut mir weh. Genauso weiß ich aber auch, dass mancher, der in der Kirche zu Hause ist und Allianz kritisch beäugt, auch so seine Ecken hat, wo er Leute hinstellt. Und denen sage ich: Bitte stell mich nicht in eine Ecke, sprich mit mir, entdecke mich, so wie ich dich auch entdecken möchte.

Der Lügenwall

6. August 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnert: Vor 50 Jahren begann die DDR-Führung damit, das eigene Volk einzumauern.
 
Ein Relikt des wohl monströsesten Bauwerks der jüngeren deutschen Geschichte in Berlin. (Foto: picture alliance/Eventpress Mu)

Ein Relikt des wohl monströsesten Bauwerks der jüngeren deutschen Geschichte in Berlin. (Foto: picture alliance/Eventpress Mu)

 

Was mit Postenketten und ­Stacheldrahtrollen begann, wurde in kurzer Zeit zur »Mauer«, die Berlin und Deutschland trennte. Manche gewöhnten sich an das Bauwerk – auch im Westen.

Lügen haben kurze Beine, sagt das Sprichwort und weiß sich gültig im niederen Alltag der Menschen wie in der hohen Politik. Eine der kürzesten politischen Lügen der Weltgeschichte war zweifelsohne jener berüchtigte Satz Walter Ulbrichts, den er mit der ihm eigenen Verschlagenheit auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin am 15. Juni 1961 in die Mikrofone der Weltöffentlichkeit sprach: »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.«

Keine zwei ­Monate später wuchs sie in Berlin sowie an der gesamten innerdeutschen Grenze über Nacht aus dem Boden und hielt bis zum 9. November 1989, als der SED-Diktatur das Wasser bis zum Hals stand und die sowjetischen Besatzungstruppen dank Michael Gorbatschow nicht mehr rettende Feuerwehr spielen durften.

Die mit der ersten verbundene zweite Lüge, es handele sich bei dieser Mauer um einen »antifaschistischen Schutzwall«, gerichtet gegen den potenziellen Aggressor im Westen, die »Bonner Ultras«, benötigte noch weniger Zeit, um sich, ebenso weltöffentlich, restlos zu entlarven: Die ersten Toten an der Mauer, noch im Errichtungsmonat August erschossen, ertrunken, aus Fenstern gestürzt, waren eben nicht Opfer des Westens, sondern exakt jener monströsen ­Gewaltmaßnahme, die SED-Diktator Ulbricht angeordnet und Erich Honecker, sein aus dem Saarland stammender Sicherheitssekretär im Politbüro, erfolgreich umgesetzt hatte. Sie hießen Rudolf Urban und Ida Siekmann, geboren 1914 und 1902, zu Tode gestürzt beim Fluchtversuch aus Häusern der Bernauer Straße, oder Roland Hoff, 1934 geboren, auf der Flucht durch den Teltow-Kanal ­erschossen am 29. August 1961.

So ist es geblieben, bis ins Jahr des Mauerfalls, als am 5. Februar 1989 mit dem 21-jährigen Chris Gueffroy das 94. und letzte Maueropfer in Berlin zu ­be­klagen war: ermordet von den ­Grenz­soldaten der NVA Ingo Heinrich, Peter Schmett, Andreas Kühnpast und Mike Schmidt. Sie alle willige Vollstrecker jenes Schießbefehls von ganz oben, an den sich nach dem Zusammenbruch der SED-Diktatur keiner von denen, die ihn erfunden hatten und in der täglichen Vergatterung von Grenzsoldaten verwirklicht wussten, mehr erinnern konnte.

Heute wissen wir, dass dem von der SED zu verantwortenden mörderischen innerdeutschen Grenzregime über 1000 Menschen zum Opfer gefallen sind.

Was zuerst und zuletzt nur bedeutet: Nie konnte es eine Illusion über den tödlichen Charakter dieses Bauwerks geben und wem es galt. Noch weniger über die, die den Befehl gaben, sie zu errichten, weil sie die Menschen in ihrem Machtbereich fortan daran hindern wollten, massenhaft die Flucht zu ergreifen angesichts des politischen und ökonomischen Terrors, den der sogenannte »erste deutsche Arbeiter- und Bauernstaat« zur alltäglichen Erfahrung gemacht hatte.

Dieser ständigen Abstimmung mit den Füßen über die Legitimität des Systems »DDR« musste ein Ende bereitet werden, bewies sie doch, dass es sich mit ihr um eine ­ordinäre Diktatur handelte und sonst nichts, der zweiten in der deutschen ­Geschichte.

Heute ist auch sie Geschichte und der Mauerbau ein gut erforschtes ­Ereignis.

Weniger gut verankert im öffentlichen Bewusstsein unserer Tage ist aber das, was man den zweiten Mauerbau nennen könnte: Jene nach 1961 wachsende Anerkennung der SED-Diktatur durch westdeutsche Politiker, Journalisten, Geisteswissenschaftler und Theologen, mit der nicht nur die faktische Existenz der Diktatur gemeint war, um Politik auf der Basis der Realitäten, wie es, vernünftig klingend, hieß, machen zu können, zumal im Interesse der getrennt lebenden Menschen in Deutschland.

Gemeint war in wachsendem Maße auch so etwas wie eine politisch-moralische Legitimität, die der Diktatur im Laufe der Zeit angeblich zugewachsen war, weil sie »antifaschistische Wurzeln« hätte, aber ein durch den Kalten Krieg schlecht verlau­fenes Experiment sei und die Teilung Sühne für die Massenverbrechen der NS-Diktatur.

Die Bücher, die mit ihren abstrusen Thesen dazu zwischen 1961 und 1989 im Westen erschienen, sind Legion und hatten so scheinheilige Titel wie »Das ­geplante Wunder. Leben und Wirtschaften im anderen Deutschland« (Joachim Nawrocki, 1967) oder »Modell DDR. Die kalkulierte Emanzipation« (Rüdiger Thomas, 1972).

Der Ex-Diplomat und ­Publizist Günter Gaus schließlich, gern gesehener Jagdpartner Honeckers während seiner Zeit als bundesrepublika­nischer Diplomat in der DDR, verstieg sich noch wenige Monate vor dem ­Mauerfall zu der Forderung, die Ostdeutschen im Westen zu diskriminieren, um sie von der Auswanderung aus der DDR abzuhalten.

Dass Vorstellungen und Vorschläge dieser Art hauptsächlich aus linken wie linksliberalen Kreisen kamen, hing mit der dort weitverbreiteten Überzeugung zusammen, dass die Deutschen kein politisch-moralisches Recht mehr auf einen einheitlichen Staat hätten.

Es waren die Deutschen im Osten, die sich diesem Pseudomoralismus nicht beugten, weil er nicht der Freiheit, sondern einer Diktatur zuarbeitete. Sie aber wollten Freiheit und Einheit und überrannten schließlich das tödliche Bauwerk in der humansten Revolution der Weltgeschichte.

Ulrich Schacht

Der Autor, Ulrich Schacht, wurde in der DDR 1973 wegen »staatsfeindlicher Hetze« zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt und 1976 von der Bundesrepublik freigekauft. Er lebt heute als Schriftsteller und Journalist in Schweden.

Ein Land in Schmerz und Trauer

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Norwegen: In Zeiten der Not erweisen sich gerade die Kirchen als Sammelpunkt für Menschen, die dem Hass widerstehen wollen.

Autor Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und lebt seit elf Jahren in Norwegen. Er ist Gemeindepfarrer in Haram und Fjørtoft auf den Inseln der Westküste, nördlich von Ålesund.

Autor Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und lebt seit elf Jahren in Norwegen. Er ist Gemeindepfarrer in Haram und Fjørtoft auf den Inseln der Westküste, nördlich von Ålesund.

Norwegen gilt vielen als Sehnsuchtsort: offen, friedlich, weiträumig. Und jetzt diese blutige Tragödie. Ein norwegischer Pfarrer berichtet über das Leben nach dem Attentat.

Die Fahne weht auf Halbmast, auch vor unserem Haus und vor unserer Kirche. Wir stehen unter Schock. Es ist unbegreiflich, dass sich ein zweites Attentat wie 1995 in Oklahoma-City in unserem friedlichen Land ereignet haben soll. Das bisher frei zugängliche Regierungsviertel nördlich der Domkirche in Oslo ist schwer verwüstet, doch Ersatzbüros in Oslo werden schnell gefunden sein und die Regierung wieder arbeiten.

Nicht zu ersetzten sind die Toten und Verletzten durch die Bombe in Oslo und das unbegreifliche Massaker auf Utøya im Tyrifjord, einem der größten Binnenseen Norwegens nordwestlich von Oslo.

Die Regierung hat uns bisher versprochen, dass ­unser freies und offenes Land auch morgen noch wiederzuerkennen sein wird. Wir hoffen, dass sie damit recht behalten wird. Und es besteht zumindest eine Chance dafür, da der Täter, wie es aussieht, ein rechtsextremer norwegischer Einzelgänger war.

Bisher habe ich auch noch nicht ausrücken müssen.

Als Pfarrer der norwegischen Volkskirche gehört es zu meinen Aufgaben, Todesnachrichten im Gebiet meiner Gemeinden zu überbringen. Es gibt sogar einen eigenen Bereitschaftsdienst der Pfarrer dafür, eingebunden in die kommunalen Krisenteams. Doch bisher hat die Polizei zum Glück noch nicht bei mir angerufen.

Norwegen ist zwar ein weites Land, aber es gibt nur wenige Einwohner. Auch wenn die Bevölkerung wächst, mehr als fünf Millionen sind es nicht. ­Jeder kennt jemanden, der direkt oder indirekt berührt ist: Die Schwieger­eltern der Kulturministerin kommen aus unserer Gemeinde, die Frau eines Gemeindemitglieds arbeitet in einem der Ministerien in Oslo, eine andere Frau aus der Gemeinde wurde durch Glassplitter bei der Explosion in Oslo verletzt.

Haram und Fjørtoft, meine beiden Gemeinden, sind mehr als 500 Kilometer von den Schauplätzen der Tragödie entfernt, aber niemand ist wirklich verschont worden: Der Stiefbruder der Kronprinzessin starb, als er auf Utøya versuchte, das Leben seines zehnjährigen Sohnes zu retten. Der Sohn überlebte.

Gerade in schweren Zeiten erweisen sich die Kirchen als ein Sammelpunkt für die Menschen und es ist gute Tradition, sie bei lokalen und nationalen Krisen und Katastrophen zu öffnen. Viele Menschen in Oslo gehen zur Domkirche und dem Meer aus Blumen und Kerzen dort, um überhaupt realisieren zu können, was geschehen ist.

Norwegen versucht dem Hass zu widerstehen, niemand verlangt nach Rücktritten oder ruft nach der Todesstrafe. Ein Zitat aus diesen Tagen: »Wenn ein Mann so viel Hass schaffen kann, kann man sich nur vorstellen, wie viel Liebe wir alle gemeinsam schaffen können.«

Eigentlich sollte jetzt Wahlkampf sein. Denn für den 12. September sind Kommunal- und Regionalwahlen, aber auch Wahlen zu Kirchgemeinderäten und Bistumsräten festgesetzt. Doch der Wahlkampf wird auf längere Zeit ausgesetzt. Am Montag um 12 Uhr stand das ganze Land still: Kein Auto, kein Flugzeug, kein Rasenmäher, nichts war zu hören. Aber unser Leben muss weitergehen.

»Å ta vare på kvarandre« ist ein Ausdruck, den wir in Norwegen oft in diesen Tagen verwenden. Er bedeutet so viel wie »einander beschützen« und »aufeinander aufpassen«.

Eine Gesellschaft ist mehr als eine Menge von Individuen und dabei haben wir als norwegische Kirche und als norwegische Pfarrer eine wichtige Aufgabe. Wir haben diese Aufgabe nicht weil unsere Gehälter vom Staat bezahlt werden, sondern weil wir Norweger sind.

Auch ich bin Norweger, obwohl ich in Deutschland geboren bin und meinen Namen immer und immer wieder buchstabieren muss. Ich bin Norweger, nicht weil ich einen norwegischen Pass habe, sondern weil ich es wie viele andere meine, wenn ich die Nummer 737 aus unserem Kirchen­gesangbuch singe: »Ja, vi elsker dette landet« – »Ja, wir lieben dieses Land«.

Michael Hoffmann

»In Rom blüht und gedeiht die Ökumene«

24. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Jens-Martin Kruse ist Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom. Foto: Harald Krille

Jens-Martin Kruse ist Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom. Foto: Harald Krille


Begegnung: Ein Besuch beim Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in der Ewigen Stadt.

Wer Orte mit funktionierender Ökumene sucht, denkt nicht sofort an Rom. Doch der erste Blick täuscht. In der Stadt, die das Zentrum der katholischen Weltkirche beherbergt, klappt’s mit der Ökumene.

Jens-Martin Kruse hält nichts von der Klage über eine ökumenische Eiszeit. »Es gibt in Sachen Ökumene so viele positive Signale. Die Ökumene blüht und gedeiht«, sagt der evangelische Pfarrer. Seine Erfahrungen in dieser Hinsicht sammelt der evangelische Theologe an einem Ort, den manch deutscher Beobachter in den letzten Jahren nicht auf den ersten Blick mit ökumenischem Fortschritt in Verbindung bringen würde: Kruse ist seit August 2008 Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom. Als Beleg für seine These kann er auf eine ganze Reihe ökumenischer Aktivitäten verweisen. Zu den Höhepunkten gehört dabei der ökumenische Gottesdienst, zu dem Kruses Gemeinde an Christi Himmelfahrt einlädt.

Wieso funktioniert ausgerechnet in Rom die Ökumene so gut? Rom ist nicht nur das Zentrum der katholischen Weltkirche. »Hier ist die Weltchristenheit präsent«, erklärt Kruse. Dabei sind die Lutheraner im ökumenischen Miteinander seiner Ansicht nach ein entscheidender Faktor. Zwar ist die Kirche zahlenmäßig verschwindend klein.

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Italien (ELKi) zählt ­landesweit etwa 6000 Mitglieder. Die römische Gemeinde hat 500. Aber anders als die größere Kirche der Waldenser, die in Italien etwa 60000 Mitglieder hat, können die Lutheraner unbefangener mit den Katholiken umgehen, meint Kruse. »Die Waldenser definieren sich aufgrund ihrer Verfolgungserfahrungen durch die ­katholische Kirche bis heute durch Abgrenzung. Wir Lutheraner verstehen uns da eher als durch die Reformation hindurchgegangene katholische Kirche.«

Wer zur Minderheit der Lutheraner gehört, steht im katholischen Italien dennoch fast täglich vor der »Notwendigkeit zu erklären, dass er kein Häretiker ist«, sagt Kruse. »Aber das schärft den Blick für die eigene Identität.« ­Dabei ist die Situation der Gemeinde heute kaum noch mit der Gründungszeit vergleichbar. Damals (1819) gab es noch den Kirchenstaat und evangelische Gottesdienste konnten nur im Schutz der Preußischen Botschaft gefeiert werden.

1870, als der Kirchenstaat an das Königreich Italien angeschlossen und Rom dessen Hauptstadt wurde, konnte die Gemeinde in die Öffentlichkeit treten. Bis zum ersten Gottesdienst in der eigenen Kirche dauerte es aber noch bis 1922. Ökumene mit der katholischen Kirche wurde aber erst in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–65) möglich, nachdem die Katholiken ihr Verhältnis zu den anderen christlichen Kirchen neu bestimmt hatten. Seit dieser Zeit schrieb dann die lutherische Christuskirche in Rom aber gleich zweimal ökumenische Weltgeschichte: 1983 – im Jahr des 500. Geburtstages von Martin Luther – besuchte hier mit Johannes Paul II. zum ersten Mal ein Papst eine evangelische Kirche. Und im Jahr 2010 feierte sein Nachfolger Benedikt XVI. mit der Gemeinde hier einen Gottesdienst. Dieses Ereignis kann Kruse nicht hoch genug bewerten: »Wenn der Papst bereit ist, Gottesdienst in unserer Tradition zu feiern, dann ist das doch für uns die Anerkennung als Kirche.« Und was der Papst in Rom konnte, das kann er nun überall auf der Welt. Und so wird er bei seinem Besuch im September in Erfurt im Augustinerkloster einen vergleichbaren Gottesdienst halten.

Dass der Papst bei seinem Deutschlandbesuch so viel Wert auf Ökumene legt, verwundert Kruse nicht: »Ökumene ist vermutlich das zentrale Thema seines Pontifikats.« Das zeigte sich schon in seiner ersten Ansprache nach seiner Wahl zum Papst, als Benedikt XVI. es als vorrangige Verpflichtung bezeichnete, »mit allen Kräften an der Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit aller Jünger Christi zu arbeiten«.

Natürlich sieht auch Kruse, dass sich in manchen theologischen Fragen nichts bewegt. Aber: »Hinter die gelebte und gefeierte Ökumene kann niemand zurück. Und die theologischen Fragen werden sich dann klären.« Dabei müsse man – was die ­Äußerungen der katholischen Kirche betrifft – lernen, »zwischen den Zeilen zu lesen«. Da sende der Vatikan viele positive Signale. Wenn es dann einmal katholische Äußerungen gibt, die ökumenisches Porzellan zerschlagen, hilft es Kruse, »wenn unsere katholischen Partner anrufen und sagen, dass ist nicht unsere Position. Ökumene hat auch viel mit Aushalten zu tun«.

Bei entsprechenden Äußerungen aus seiner eigenen Kirche reagiert Kruse schärfer. Aussagen wie die von Margot Käßmann aus ihrer Zeit als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), dass sie von Benedikt XVI. in Sachen Ökumene nichts erwarte, seien »riesige Rückschläge«. Wir Protestanten müssen von unserem hohen Ross herunter und lernfähig werden.« Für Kruse schließt das sogar ein, dass er sich ­einen Papst in einer synodalen Präsesfunktion für die Gesamtkirche vorstellen kann: ein »Erster unter Gleichen«, der für alle Christen spricht.

Von Harald Krille und Matthias Holluba

Hinweise: Informationen über die evangelisch-lutherische Gemeinde in Rom gibt es im Internet:
www.ev-luth-gemeinde-rom.org

Pfarrer Kruse freut sich über Pilgergruppen (auch aus katholischen Gemeinden), die ihm und der Gemeinde einen Besuch abstatten.

Das von Jens-Martin Kruse und Jürgen Krüger herausgegebene Buch über die »Ökumene in Rom« ist im Verlag »arte factum« in Karlsruhe erschienen (ISBN 978-3-938560-23-5) und kostet 28 Euro.
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643)246161

Die Kirchen und ihr Land

Landwirt Helmut Jüdersleben hat gern ein Gotteslob auf seinen Lippen - doch wie seine Kirche Wiesen und Ackerland verpachtet, versteht er manchmal nicht. Foto: Rainer Borsdorf

Landwirt Helmut Jüdersleben hat gern ein Gotteslob auf seinen Lippen - doch wie seine Kirche Wiesen und Ackerland verpachtet, versteht er manchmal nicht. Foto: Rainer Borsdorf


Nachgefragt: Wie gehen die Kirchen in Mitteldeutschland mit ihrem Grundbesitz um?

Etwa drei Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in ­Mitteldeutschland gehört den evangelischen Kirchen. Die ­Verpachtung des Landes bringt Geld, aber manchmal auch ­Ärger.

Helmut Jüdersleben ist ein frommer Mann. Wenn der 74-jährige Landwirt über seine Felder geht, summt er gerne ein Lied zur Ehre Gottes – oder dichtet selbst eins. »Schon mein Großvater hielt manchmal bei der Feldarbeit inne und staunte über Gottes Schöpfung; das hat mein Leben geprägt.« Die Augen in dem wettergegerbten Gesicht leuchten, wenn er davon erzählt.

Seit 60 Jahren ist er Tag für Tag auf den Feldern – und wenn es sein muss, auch nachts. Ebenso lange spielt er Sonntag für Sonntag die Orgel in den Kirchen rund um die Domstadt Naumburg. »Es macht mir Freude, wenn Menschen durch mei­ne Musik berührt werden«, beschreibt er das Engagement für seine Kirche.

Vergabe von Pachtland erregt Ärger bei Bauern
Doch der Landwirt hadert mit ihr schon seit einiger Zeit: »Als hier vor zwei Jahren Land zur Verpachtung anstand, hat man mich gar nicht angeschrieben«, meint Jüdersleben. Doch noch mehr traf ihn das Schicksal eines Freundes: Der ging in ­einer ersten Vergaberunde leer aus und sollte später bedacht werden. Doch das Land, immerhin 15 Hektar, bekam nicht er, sondern eine Agrargenossenschaft. Deren Chef, ein ehemaliger LPG-Vorsitzender, wollte nach der Wende wegen Landstreitigkeiten vor der Dorfkirche ­einen Schlagbaum errichten lassen. »Haben die das vergessen beim Kreiskirchenamt?«, fragt sich Jüdersleben. Er habe ­seinen Freund, engagierter Christ wie er, nur durch viel gutes Zureden davon abhalten können, mit der gesamten Familie aus der Kirche auszutreten.

Im Kirchenkreis Naumburg-Zeitz hat es in jüngster Zeit mindestens noch zwei ähnliche Fälle gegeben, wie Pfarrerin Bettina Schlauraff (Bad Bibra) berichtet. Die Dunkelziffer im gesamten mitteldeutschen Raum dürfte aber deutlich höher liegen, denn: »Viele Leute wollen nicht ­reden, aus Angst, dann nie mehr Kirchenland pachten zu können«, meint die ­Pfarrerin.

So habe zum Beispiel ein christlicher Öko-Bauer in jahrelanger Kleinarbeit sein gepachtetes Land auf ökologische Landwirtschaft umgestellt. »Ihm wurde es weggenommen und einem konventionell wirtschaftenden Bauern gegeben. Und der brachte gleich wieder die Chemie aufs Feld«, zeigt sich die Pfarrerin erbost und fügt hinzu, die Kampagne der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), »Klimawandel – Lebenswandel«, komme ihr manchmal als »reiner Hohn vor: Der Kirche geht es nur ums Geld!« Die EKM als Landverpächter habe die höchsten Preise in der ganzen Region.

»Wirtschaftsgüter müssen gut vermarktet werden«
Nachfragen bei den Grundstücksämtern der Landeskirchen Anhalts, Sachsens und der EKM ergaben übereinstimmend, dass die Höhe des Pachtgebots tatsächlich an erster Stelle bei der Vergabeentscheidung steht. Erst danach kommen sogenannte »weiche Faktoren« wie Kirchenzugehörigkeit und soziales oder ökologisches Engagement hinzu.

»Der Pachtzins bringt die Pfarrbesoldung; die Wirtschaftsgüter müssen also gut vermarktet werden«, betont Christian von Bülow, Grundstücksdezernent der Landeskirche Anhalts. Und das könne dann auch dazu führen, dass wie im Falle von Pristäblich (Kirchenkreis Torgau-Delitzsch) eine Kirchengemeinde ihr Land an eine Hühnerfarm mit Massenviehhaltung verpachte. »Ist diese Art Tierhaltung wirklich so schlimm? Wir haben darüber noch keinen Konsens«, meint von Bülow.

Jörg Teichmann, Grundstücks- und Baudezernent der sächsischen Landeskirche, sieht das anders: »Wir wünschen dezidiert nicht, dass auf Kirchenland ein ›Hühnerknast‹ errichtet wird.« Bisher werde zwar den Kirchengemeinden freie Hand gelassen bei der Verpachtung, aber: »Sollte ein Fall wie Pristäblich hier auftreten, würden wir die Regeln sofort ändern.

»Diethard Brandt hingegen, Referatsleiter Grundstücke bei der EKM, meint: »An Pristäblich kann man gar nichts festmachen!« Er betont, dass aus seiner Sicht das Vergabeverfahren in der EKM sich durch »hohe Transparenz, Regionalität und Konfessionalität« auszeichne. »An den Kirchengemeinden geht da nix vorbei«, betont Brandt.

Doch die Erfahrungen vor Ort scheinen andere zu sein: Ralf Demmerle, Inhaber des »Naturerlebnishofes Hausen« bei Arnstadt, bekam bei der jüngsten Neuverpachtung Land, das sechs Kilometer entfernt von seinem Hof liegt. »Das bei mir vor der Haustür bekam hingegen eine Agrargenossenschaft«, wundert sich Demmerle. Auf Nachfrage bekam er vom zuständigen Kreiskirchenamt keine Auskunft – eine Erfahrung, die er mit anderen Pächtern kirchlichen Landes teilt. Und Pfarrerin Bettina Schlauraff meint gar: »Das Votum der Gemeinde einzuholen, ist eine Farce. Die hat hier definitiv keine wirkliche Entscheidungsgewalt.«

Siegrun Höhne, EKM-Beauftragte für Landwirtschaft und Umwelt, weiß um die Probleme: »Es ist nicht nachvollziehbar, warum die Pachtbewerber nicht mehr ­Informationen bekommen. Wenn Landwirte, die auch noch Gemeindeglieder sind, ihrem Ärger öffentlich Luft machen, müssen wir als Kirche einfach reagieren.«

Kirchen haben ökologische und soziale Verantwortung
Sie sieht das Vergabeverfahren insgesamt positiv, räumt jedoch ein, dass es je nach Kreiskirchenamt unterschiedlich umgesetzt werde. Um ethischen Fragen beim Vergabeverfahren mehr Gewicht zu geben, habe sich der von ihr geleitete Synodenausschuss deshalb kürzlich mit EKM-Referatsleiter Diethard Brandt getroffen. Bis zu einer Einigung sei es aber noch ein weiter Weg, resümiert sie.

Außer mangelnder Transparenz, hohen Pachtpreisen und wenig Schöpfungsverantwortung ist es noch ein weiterer Vorwurf, dem sich die drei mitteldeutschen Kirchen ausgesetzt sehen: »Die Kirche verpachtet sehr gerne an die großen Agrargenossenschaften«, beschreibt Inge Schwarzwälder, Inhaberin des Pfarrgutes Taubenheim bei Dresden, ihre Erfahrungen. »Doch wenn die kleinbäuerlichen Strukturen wegbrechen, sterben die Dörfer«, betont sie. Das könne doch nicht im Interesse der Kirche sein. Und Helmut Jüdersleben? Versteht zwar die Welt noch, aber seine Kirche manchmal nicht mehr.

Rainer Borsdorf

Große Chance für die Kirchen

8. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Im Gespräch mit dem CDU-Politiker Hermann Kues über den neuen Bundesfreiwilligendienst.

Seit vergangener Woche gibt es keine Wehrpflichtigen und keine Zivildienstleistenden mehr. Dafür den neuen ­Bundesfreiwilligendienst. Doch bei Diakonie und ­Caritas herrscht Bewerbermangel.

Benjamin Lassiwe sprach darüber mit dem Staatssekretär im Bundes­familienministerium, Hermann Kues.

Hermann Kues, Foto: Archiv

Hermann Kues, Foto: Archiv

Herr Staatssekretär, was erhofft sich die Bundesregierung vom Bundesfreiwilligendienst?
Kues:
Wir hoffen, dass wir viele Menschen jeglichen Alters für ein freiwil­liges, bürgerschaftliches Engagement gewinnen.

Was ist denn der Unterschied zum ­alten Zivildienst?
Kues:
Der Zivildienst war ein Ausweichdienst zum nicht geleisteten Wehrdienst. Deshalb war er ein Ersatzdienst, zu dem man verpflichtet war. Nun reden wir über einen freiwilligen Dienst, bei dem wir an die Freiwilligkeit der Menschen appellieren.

Warum sollten Menschen freiwillig einen solchen Dienst ableisten?
Kues:
Ich glaube, die Motive sind unterschiedlich: Junge Leute können im Bundesfreiwilligendienst Erfahrungen sammeln, die über das hinaus gehen, was sie in der Schule lernen. Sie können andere Lebensfelder kennenlernen, Erfahrungen mit Behinderten, Alten oder Kindern machen. Sie können sich orientieren, was Berufsfindung betrifft, etwa im Sozialbereich. Bei Älteren geht es darum, zum ­Beispiel die Zeit nach dem Ende der Erwerbstätigkeit sinnvoll zu nutzen. Das sind ja noch rund 25 Prozent der Lebenszeit, die ein Mensch dann hat, wenn der liebe Gott es so will. Oder es geht darum, Pausen im Berufsleben zu überbrücken.

Ist der Bundesfreiwilligendienst also ein Vehikel, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden?
Kues:
Nein, das glaube ich nicht. Aber jeder, der solch einen Dienst verrichtet, eignet sich Fähigkeiten an. Er qualifiziert sich – zum Beispiel im Umgang mit Menschen. Und ich denke, dass diese Erfahrungen aus dem Bundesfreiwilligendienst sicher auch eine Rolle spielen werden, wenn jemand später in seinem Leben eine neue Stelle sucht.

Nun gibt es schon eine ganze Reihe Freiwilligendienste, etwa das Freiwillige Soziale Jahr. Warum braucht es da etwas Neues?
Kues:
Die bisherigen Dienste sind bei den Bundesländern angesiedelt. Sie bekommen aus dem Bundeshaushalt Unterstützung für die pädagogische Begleitung ihrer Freiwilligen. Theoretisch hätte der Bund nun alle Freiwilligendienste übernehmen können. Das lehnen die Länder aber ab, weil sie eigene Initiativen entwickelt haben, wie das in Niedersachsen entstandene Freiwillige Ökologische Jahr. Theoretisch hätte man auch alles auf Landesebene organisieren können – dann hätten die Länder aber auch Geld dafür zur Verfügung stellen müssen, und das haben sie letztlich nicht gewollt.

In vielen kirchlichen Einrichtungen lässt der Andrang der Bewerber noch sehr zu wünschen übrig. Wie gehen Sie damit um?
Kues:
Ich denke, dass sich das bald ändern wird. Wir gehen davon aus, dass wir es auf Dauer schaffen, 35000 Freiwillige pro Jahr zu gewinnen. Der einzelne Freiwillige wird dabei länger tätig sein, als die letzten Zivis, die ja nur noch ein halbes Jahr aktiv waren. Außerdem können sich nun Männer und Frauen aller Altersgruppen bewerben. Und was die Einrichtungen betrifft: Wir hören auch, dass es Einrichtungen gibt, die mehr Bewerber haben, als bei ihnen Plätze zur Verfügung stehen. Da sind die Rückmeldungen durchaus unterschiedlich.

Müsste die Bundesregierung nicht verstärkt um Freiwillige werben?
Kues:
Wir machen ja Werbung. Die Kampagne läuft. Ich glaube aber auch, dass sich die potentiellen Träger engagieren müssen. Wer Freiwillige haben will, muss sich eben auch darum bemühen, welche zu finden. Dadurch, dass es den Bundesfreiwilligendienst künftig auch im Sportbereich und in der Kultur geben wird, wird es zu ­einem stärkeren Wettbewerb unter den Anstellungsträgern kommen als im Zivildienst. Deswegen wird es da durchaus Verschiebungen geben. Aber ich glaube auch, dass die Kirchen hier eine große Chance haben, zum Beispiel Jugendliche aus den jungen ­Gemeinden und den Jugendkreisen, die ja in der Regel hoch engagiert sind, zu einem freiwilligen Engagement über die eigene Jugendgruppe hinaus zu gewinnen. Beim Bundesfreiwil-
ligendienst gibt es dafür eine finanzielle Hilfestellung vom Staat. Und weil die Kirchen eine sehr gute Jugendarbeit leisten, zweifele ich nicht daran, dass ihre Plätze immer schnell gefüllt sein werden.

Was sagen Sie Werken und Einrichtungen, die früher sehr viele Zivis hatten und jetzt kaum Bewerber?
Kues:
Den Einrichtungen sage ich, dass sie sich im Prinzip seit Anfang des Jahres auf den neuen Dienst einstellen konnten. Und ich frage sie: Welche jungen Leute habt ihr angesprochen? Eure ehemaligen Praktikanten zum Beispiel? Habt ihr versucht, sie für den neuen Dienst zu gewinnen? Wer bislang nichts gemacht hat, hat natürlich den Anschluss verpasst, und muss sich dann eben jetzt ein bisschen mehr anstrengen. Aber ich bin sicher, dass der Freiwilligendienst eine Erfolgsgeschichte wird.

Sag mir wo die Nieren sind …

1. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Noch lange nicht selbstverständlich in Deutschland: Der Organspendeausweis im Portemonnaie. Foto: epd-bild

Noch lange nicht selbstverständlich in Deutschland: Der Organspendeausweis im Portemonnaie. Foto: epd-bild


 

Organspende: Weil es in Deutschland zu wenig Spender gibt, denkt die Politik über eine Gesetzesänderung nach.

 
Rund 12500 Menschen ­warten in Deutschland auf eine Organtransplantation. ­Jeder Dritte von ihnen stirbt während der Wartezeit, weil es nicht genügend Spenderorgane gibt.

Es ist noch gar nicht so lange her, da handelte es sich noch um Sensationen: 1954 wurde in den USA die erste Niere bei einem Menschen erfolgreich verpflanzt. 1963 wurden erstmals Leber und Lunge transplantiert, zwei Jahre später die erste Bauchspeicheldrüse. Für Furore sorgte die erste Herztransplantation des südafrikanischen Chirurgen Christian Barnard 1967. Der Patient überlebte damals allerdings nur 18 Tage.

Heute gehören viele dieser Eingriffe schon fast zur Routine und sind inzwischen auf eine Vielzahl weiterer Organe und Organsystem (wie Finger oder Hände) ausgedehnt. Das Problem allerdings ist der gravierende Mangel an geeigneten Spenderorganen. Das wird etwa beim Anblick der statistischen Daten von Eurotransplant deutlich, einer 1967 gegründeten Vermittlungsstelle für Organspenden in den Benelux-Ländern, Deutschland, Österreich, Slowenien und Kroatien. So standen im vergangen Jahr in Deutschland beispielsweise 1182 Nierenspendern insgesamt 7515 Menschen auf den Wartelisten für ein solches Organ gegenüber. Ähnlich sieht es bei anderen Organen aus – auf 1077 Leberspenden warteten 2087 potentielle Empfänger.

Seit Jahren geht daher die Diskussion, wie die Bereitschaft zu einer Organspende, insbesondere etwa nach Unfalltod, erhöht werden kann. Denn Organe dürfen nur bei Menschen entnommen werden, die zu Lebzeiten dazu ihre Einwilligung gegeben haben oder deren unmittelbaren Angehörige dies nach der Feststellung des Hirntodes tun (siehe Kasten). Eine von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Auftrag gegebene repräsentative Umfrage brachte zutage, dass im Bevölkerungsdurchschnitt 74 Prozent grundsätzlich mit einer Organentnahme nach ihrem Tod einverstanden wären.

Kein Wunder, wenn Politiker zu der Schlussfolgerung kommen, dass man die Zustimmung sozusagen stillschweigend voraussetzen könne. Hessens Sozialminister Stefan Grüttner (CDU), derzeit Vorsitzender der Gesundheitsministerkonferenz, will deshalb die restriktive Gesetzeslage kippen. Mit Unterstützung seiner Kollegen aus Bayern und Sachsen-Anhalt würde er gern von der erweiterten ­Zustimmungs- zur erweiterten Widerspruchslösung kommen. Das bedeutet: Jeder ist automatisch Organspender, der nicht bei Lebzeiten ­widersprochen hat oder dessen unmittelbare Angehörigen dies nach seinem Tod tun.

Für diesen Mittwoch (nach Redaktionsschluss dieser Zeitung) hatte der Gesundheitsausschuss des Bundes­tages eine Anhörung zum Thema angesetzt. Am Montagabend kündigte der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Volker Kauder dazu einen gemeinsam mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier geplanten Gruppenantrag an: Mit ihm soll die Entscheidungslösung als eine Art Königsweg favorisiert ­werden. »Wir wollen keinen Zwang ausüben und sagen: ›Du musst deine Organe zur Verfügung stellen!‹ Aber jeder soll einmal darüber nachdenken müssen«, so Kauder.

Harald Krille


Rechtliche Alternativen bei der Organspende

Zustimmungslösung: Im deutschen Transplantationsgesetz ist seit 1997 die sogenannte erweiterte Zustimmungslösung verankert. Nach dem Hirntod eines Patienten dürfen dessen Organe nur entnommen werden, wenn der Verstorbene vor seinem Tod seine Zustimmung gegeben hat oder seine Angehörigen in eine Transplantation einwilligen.

Widerspruchslösung: Spanien setzt gemeinsam mit acht anderen EU-Ländern auf die sogenannte Widerspruchslösung. Das bedeutet, dass jeder nach seinem Tod zum Organspender werden kann, wenn er der Organentnahme zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat. Andere Staaten praktizieren das Modell der erweiterten Widerspruchslösung, bei der auch ein Widerspruch der Angehörigen gegen eine Organentnahme bindend ist (Finnland, Frankreich, Italien, Norwegen und Schweden).

Entscheidungslösung:
Um hierzulande zu mehr Organspenden zu kommen, diskutieren Bundes- und Landespolitiker ­darüber, die sogenannte Entscheidungslösung gesetzlich zu verankern. Diese Linie verfolgt auch der Deutsche Ethikrat und wirbt für eine »Äußerungspflicht«. Demnach soll jeder Bürger zu seiner Bereitschaft für oder gegen die Organspende befragt und die Entscheidung auf dem Personalausweis, Führerschein oder der Krankenversicherungskarte ­dokumentiert werden. Unter Experten ist jedoch umstritten, ob der Staat seine Bürger per Gesetz zu einem solchen ­Votum anhalten kann. (epd)

Zwischen Abbruch und Aufbruch

27. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Große Kirchen, schrumpfende Dörfer – so sieht weithin die Realität in Mitteldeutschland aus. Im Bild: Blick auf die Kirchen von Grumbach (vorn) und Callenberg bei Glauchau. (Foto: Burkhard Dube)

Große Kirchen, schrumpfende Dörfer – so sieht weithin die Realität in Mitteldeutschland aus. Im Bild: Blick auf die Kirchen von Grumbach (vorn) und Callenberg bei Glauchau. (Foto: Burkhard Dube)


Kirche auf dem Land: Wie man auf den Strukturwandel reagieren kann war Thema der ersten Landkirchenkonferenz der EKD.


Kein Bäcker, keine Post, kein Arzt – und bald auch keine Kirche mehr im Dorfe? In Gotha wurde nach Alternativen gesucht.


Zwischen Kassel und Görlitz, Bördekreis und Sonneberg ist die Welt blau bis dunkelblau. Diese Farbskala markiert auf der Karte des ­Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung die Regionen, die bis 2025 zehn, 15 und mehr Prozent ihrer Bevölkerung verlieren werden.

Alles nur Horrorszenarien wirklichkeitsfremder Statistiker?

Eine andere Karte zeigt den Ist-Stand im Jahr 2007: Mit Ausnahme der wenigen großen Städte in Mitteldeutschland zeigt die reale Bevölkerungsentwicklung überall deutlich nach unten: Sterbeüberschuss gegenüber den Geburtszahlen. Hinzu kommen Wanderungsverluste. Menschen, besonders junge, ziehen weg in die Boomregionen wie Berlin oder den Großraum München. Ein Phänomen, das im Osten besonders stark ausgeprägt ist, inzwischen aber auch weite Regionen des Westens erreicht hat.

Dass Kirche in diesem Prozess nicht nur reagieren, sondern agieren will, wurde in der vergangen Woche deutlich: Rund 70 Pfarrerinnen und Pfarrer aus ländlichen Regionen Deutschlands folgten der Einladung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur ersten Landkirchenkonferenz nach Gotha. Drei Tage ­standen Vorträge, Exkursionen zu ­­Beispielen kirchlicher Arbeit im Kirchenkreis Gotha sowie intensive Diskussionen auf dem Programm.

Für Thomas Schlegel vom Zentrum für Mission in der Region an der ­Universität Greifswald gibt es kein ­Patentrezept, wie kirchliche Arbeit auf dem Lande künftig aussehen kann. Denn »es gibt nicht den ländlichen Raum, sondern nur einmalige Dörfer und unverwechselbare Regionen«.

Antworten könnten nur im Kontext des jeweiligen Ortes entwickelt werden. Falsch sei es deshalb auch, wenn die Arbeit in der Fläche und die Konzentration auf geistliche Zentren (»Leuchttürme«) als sich ausschließende Alternativen dargestellt werden. Vielmehr müsse der Blick nach außen gerichtet werden: »Wie können wir als Kirche den Menschen unserer Region dienen?«

Und: Die Umstrukturierung der Arbeit geht nur mit den Menschen der Region. »Trauen wir den Ehrenamtlichen etwas zu und ­geben wir ihnen auch entsprechende Rechte?«, so Schlegels Frage.

Deutsch sei nicht ihre Muttersprache, weshalb sie ihre Anmerkungen nicht in »akademische Schleier« verhülle: Die finnische Pastorin Aulikki Mäkinen kommt aus einem Land, das Erfahrungen mit ausgedünnten Strukturen hat. 15 Einwohner leben hier im Durchschnitt pro Quadratkilometer. Zudem hat auch ihre Kirche einen rasanten Rückgang und entsprechende Umstrukturierungen zu verkraften.

»Sie sind unheimlich pfarrerzentriert«, so der erste Punkt.

Die Diskussion um Strukturveränderung oder Zusammenarbeit in größeren Regionen kreist nach Mäkinens Wahrnehmung nicht zuerst um die Frage, was den Gemeinden hilft, sondern »was mit mir geschieht, was das für meine Stellung als Pfarrer bedeutet«.

»Haben Sie keine Angst vor größeren Einheiten und Zusammenschlüssen«, so ihr dringender Rat. Und: »Bilden Sie diese Einheiten, bevor die Not groß ist, solange sie noch handeln können.«

Die Erfahrung in Finnland zeige, dass solche Zusammenschlüsse sich auch für die Mitarbeiter lohnen: Die so mögliche Spezialisierung und Professionalisierung in regionalen Mitarbeiterteams gegenüber dem überforderten Allrounder brächten am Ende für alle spürbare Entlastung.

Und noch einen praktischen Rat hat die Finnin: Lieber große Schritte und Schnitte wagen, als ständig ein Reförmchen nach dem anderen. Denn nichts frustriere Mitarbeiter und Gemeinden mehr, als ein Reformprozess ohne Ende.

Harald Krille

»Papa ante portas« – Hohe Erwartungen

17. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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In Erfurt bereitet man sich auf den Papstbesuch vor.


Vom 22. bis 25. September kommt Papst Benedikt XVI. nach Deutschland. Zwei Tage verbringt er in Erfurt. Auf dem Programm steht dabei auch eine Begegnung mit Vertretern der evangelischen Kirche.


Schuhe

Die Erwartungen sind hoch. Die protestantische Ministerpräsidentin und frühere thüringische Pfarrerin Christine Lieberknecht spricht gar von einer “historischen Chance” für Thüringen. Doch auch innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) herrscht Hochspannung. Immerhin hat Papst Benedikt XVI. das zunächst anvisierte Besuchsprogramm nach einem persönlichen Brief des EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider über den Haufen geworfen.

Die Visite in Erfurt avancierte zum ökumenischen Schwerpunkt der Reise. Zentraler Punkt wird die Begegnung mit Vertretern der protestantischen Kirchen im historischen Augustinerkloster. Just in dem Kloster, in dem der spätere Reformator Martin Luther sein Gelübde ablegte und die Priesterweihe empfing.

“Exakt 11.30 Uhr wird die Limousine des Papstes im Kloster vorfahren und der Posaunenchor zur Begrüßung blasen”, berichtet Lothar Schmelz gegenüber Journalisten während einer Pressefahrt des katholischen Bonifatius-Werkes. “Anschließend werden der Papst und der Ratsvorsitzende allein eine Runde durch den Kreuzgang laufen”, weiß der Kurator des Augustiner-Klosters weiter zu berichten.

Im historischen Kapitelsaal treffen sich dann die beiden Delegationen, je 15 Personen stark, zu einem 30-minütigen Gespräch. Der Beginn des ökumenischen Treffens ist geradezu symbolträchtig: Fünf vor 12.

Und in welcher Sitzordnung wird man sich begegnen? “Im großen Stuhlkreis”, dies sei ausdrücklich vom Papst gewünscht, so Schmelz.

Wer wird teilnehmen? Und gibt es dafür von katholischer Seite wie schon einmal in der Vergangenheit Vorgaben? “Nein, überhaupt nicht”, sagt Oberkirchenrat Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD in Hannover.

Auf jeden Fall werde Bischöfin Ilse Junkermann von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) dabei sein und der Ratsvorsitzende. Die weiteren Teilnehmer werden noch vom Rat der EKD bestimmt.


Erinnerung: Frau Käßmann und die roten Schuhe

Der Theologe aus dem Kirchenamt gibt sich begeistert. Schon über den Vorbereitungen habe eine “besondere ökumenische Atmosphäre” gelegen. “Große Freude” herrsche darüber, dass der Papst, der als Professor Joseph Ratzinger in DDR-Zeiten schon des Öfteren in Erfurt war, sich ausgerechnet auf das Augustinerkloster eingelassen hat.

So viel Freude und frohe Erwartung weckt Erinnerungen. Gab es da nicht vor noch gar nicht langer Zeit eine Bischöfin und Ratsvorsitzende die öffentlich und unwidersprochen erklärte, sie erwarte in Sachen Ökumene “von diesem Papst gar nichts” mehr? Und darüber hinaus beneide sie den Mann aus Rom höchstens ob der schönen roten Schuhe seiner Amtskleidung?

Gundlach ziert sich. Die Käßmann-Worte seien nicht die Erwartungshaltung der EKD und es habe zudem auch damals durchaus Widerspruch gegeben.

Darüber hinaus verweist er auf die ebenfalls nicht freundlichen Töne im päpstlichen Lehrschreiben “Dominus Jesus”, die zu Verärgerungen geführt hätten. Diese Töne aus der Vergangenheit seien aber nicht die Intension für den jetzigen Besuch und das Gespräch. Dieses habe eine völlig neue Dimension, betont Gundlach.

Wie viel und was bei dem Treffen im September überhaupt zur Sprache kommt, bleibt abzuwarten. 30 Minuten stehen zur Verfügung. Mehr als Statements austauschen und vielleicht die eine oder andere Reaktion dazu äußern dürfte schwierig werden.

Allerdings weisen Kenner des Papstes darauf hin, dass er durchaus in solchen Runden reagiert und Impulse setzen kann und will. Dennoch – auch ein Abschlusskommuniqué wird es nicht geben.

Wichtiger ist wohl ist das Symbolische der Begegnung. Dazu gehört sicher auch, dass der Papst im Anschluss zusammen mit Schneider einen Wortgottesdienst in der Klosterkirche halten wird, bei dem die Präses der EKD-Synode, die Grünenpolitikerin Katrin Göring-Eckardt einen Verkündigungsteil übernimmt. Und zu dem sich auch die Kanzlerin angemeldet hat.


Bistum Erfurt: “Ärmlich aber säuberlich”

Das sieht im Übrigen auch der eigentliche Gastgeber, Bischof Joachim Wanke vom Bistum Erfurt so. Und warnt vor überspannten Hoffnungen – sowohl in Fragen der Ökumene als auch innerhalb der katholischen Minderheitsbevölkerung Thüringens.

Was er konkret erwartet? “Dass Benedikt Christus verkündigt und seine Brüder und Schwestern stärkt”, dies sei der eigentliche Sinn des Petrusdienstes des Papstes. Und er freut sich, dass der Papst “auch einmal in die Kleinteiligkeit des deutschen Katholizismus schaut”. 156.000 Katholiken gehören zu seinem Bistum. “Bei uns geht’s ärmlich aber säuberlich zu”, so Wanke mit leichtem Augenzwinkern.

Was auch für das wahrhaftig nicht luxuriöse Nachtquartier des römischen Oberhirten im Erfurter Pristerseminar gilt: Ein schlichtes Gebäude mit dem Charme eines Hinterhauses. Kein Vergleich mit manchem Bischofspalast in den westlichen Bundesländer.

“In seinem Bischofshaus selbst könnte Wanke dem Papst doch wahrscheinlich kaum mehr als ein Klappbett anbieten”, ist von einem Insidern zu hören.

Das öffentliche Interesse am Papstbesuch ist freilich dennoch groß. Die Plätze für die Messfeier auf dem Domplatz sind schon lange ausgebucht. Interessenten können nur noch auf die Marienandacht in Etzelsbach im Eichsfeld verwiesen werden.

Personell wie finanziell steht das kleine Bistum bei dem Besuch vor großen Herausforderungen. Generalvikar Raimund Beck, Stellvertreter des Bischof in allen Veraltungsangelegenheiten, bringt es auf den Punkt: “Wir haben die Finanzkrise gut überstanden und hoffen nun, dass der Papstbesuch nicht den Zusammenbruch bringt.”

Der Grund seiner Hoffnung: Es gibt die Zusage der anderen Bistümer Deutschlands, die kleine Gemeinschaft der Katholiken in Thüringen nicht im Regen stehen zu lassen.

Harald Krille

Die Eckpunkte der Papstreise

Donnerstag, 22. September
10.30 Uhr Ankunft des Papstes in Berlin-Tegel,
11.15 Uhr Begrüßung durch den Bundespräsidenten,
16.45 Uhr Rede im Deutschen Bundestag,
18.30 Uhr Eucharistiefeier vor Schloss Charlottenburg

Freitag, 23. September
10.00 Uhr Abflug nach Erfurt,
11.15 Uhr Begrüßung des Papstes im Dom,
11.45 Uhr Gespräch mit Vertretern der EKD im Augustinerkloster, anschließend ökumenischer Wortgottesdienst in der Klosterkirche,
16.30 Uhr Hubschrauberflug zur Wallfahrtskapelle Etzelsbach im Eichsfeld,
17.45 Uhr Marianische Vesper in Etzelsbach, anschließend Rückflug nach Erfurt, Übernachtung im Priesterseminar

Sonnabend, 24. September
9.00 Uhr Eucharistiefeier auf dem Domplatz von Erfurt, ­anschließend Flug nach Lahr,
14.00 Uhr Besuch des Freiburger Münsters,
17.15 Uhr Begegnung mit der orthodoxen Kirche,
19.00 Uhr Gebetsvigil (Stundengebet) mit Jugendlichen in ­Freiburg,

Sonntag, 25. September
10.00 Uhr Eucharistiefeier,
13.00 Uhr Mittagessen mit den Mitgliedern der Deutschen ­Bischofskonferenz,
17.00 Uhr Rede im Konzerthaus von Freiburg,
19.15 Uhr Rückflug von Lahr nach Rom

www.papst-in-deutschland.de

Eine Erfolgsgeschichte

10. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Jubiläum: Vor 50 Jahren erstmals beim Kirchentag – der jüdisch-christliche Dialog.


Wie sollten Juden und ­Christen in Deutschland nach Auschwitz noch ­miteinander reden können? Die Kirchentagsbewegung hat entscheidend dazu ­beigetragen, die Sprachlosigkeit zu überwinden.

Man dürfe sich nicht täuschen: »Als 1945 die wenigen überlebenden deutschen Juden aus den Vernichtungslagern oder dem Untergrund zurück in ihre Heimatstädte ­kamen, waren sie alles andere als ­willkommen. Keiner freute sich, man war eher erschrocken, dass überhaupt noch welche lebten.«

Wenn der ­jü­dische Publizist und Filmemacher Bernd Ginzel aus Köln von den Erfahrungen deutscher Juden nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt, gehen die Sätze unter die Haut. »Worte wie Jesus oder Christen waren unter uns tabu. Es waren Synonyme für den millionen­fachen Judenmord.«

An ein Gespräch miteinander sei nicht zu denken gewesen, so Ginzel.

»Herzensangelegenheit« – 50 Jahre Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Evangelischen Kirchentag in ­Dresden: Moderator Thomas Roth, EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider und Dieter Graumann, Präsident des ­Zentralrats der Juden in Deutschland. © DEKT/Jens Schulze

»Herzensangelegenheit« – 50 Jahre Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Evangelischen Kirchentag in ­Dresden: Moderator Thomas Roth, EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider und Dieter Graumann, Präsident des ­Zentralrats der Juden in Deutschland. © DEKT/Jens Schulze


Was für die jüdische Seite galt, galt ähnlich für die christliche: Zwar gab die sich neu bildende Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im ­Oktober 1945 ihre als »Stuttgarter Schuldbekenntnis« bekannt gewordene Erklärung ab. »Doch darin bekannte sie nur allgemein: ›Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.‹ Der systematische Völkermord an den Juden, der Holocaust, wurde mit keinem einzigen Wort erwähnt«, erinnert der emeritierte Theologieprofessor Martin Stöhr aus Bad Vilbel. Dass es heute eine stabile und belastbare Zusammenarbeit gibt, ist die Frucht einiger beherzter Pioniere wie Ginzel und Stöhr.

Es war der 10. Deutsche Evangelische Kirchentag 1961 in Berlin, auf dem erstmals nach dem Holocaust eine von Juden und Christen gemeinsam verantwortete »neue Begegnung von Juden und christlicher Gemeinde« angeboten wurde. Die Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Kirchentag wurde zu einem wichtigen Auslöser der Aufarbeitung einer »2000-jährigen Geschichte des Missverstehens«, wie Kirchentagsgeneralsekretärin Ellen Ueberschär es in Dresden während einer Geburtstagsgala im Kulturpalast bezeichnet.

Endlich habe sich in der evangelischen Kirche die Erkenntnis Bahn gebrochen, »dass auch der Christ gemeint ist, wenn der Jude geschlagen wird«.

Allerdings galt es auf diesem Weg erhebliche innerkirchliche und innerjüdische Widerstände zu überwinden, wie die Dialogpioniere Ginzel und Stöhr berichten.

Nur langsam habe man sich etwa von der jahrhundertealten theologischen These verabschiedet, der alte Bund Gottes sei hinfällig geworden und die Kirche das »neue Israel«, so Stöhr.

Und nur langsam wuchs das Vertrauen der jüdischen Seite in das christliche Gegenüber.

»Heute sind die christlichen ­Gemeinden die ersten, die bei antisemitischen Ereignissen schreien, bilanziert Ginzel »mit Dankbarkeit«.

Die verlässliche Beziehung auf Augenhöhe, die »manchen Streit schon ausgehalten hat«, bestätigt auch Dieter Graumann, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, im Gespräch mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider.

Das gute Verhältnis ist im Blick auf den Kirchentag allerdings auch einer nicht unumstrittenen Entscheidung zu verdanken: Gruppen, die sich in irgendeiner Weise der christlichen Mission unter Juden widmen, sind von jeglicher Teilnahme am Christentreffen ausgeschlossen. Was allerdings auf Dauer keine Antwort auf die Tatsache einer wachsenden Zahl von sogenannten »messianischen Gemeinden« in Deutschland ist.

Diese vor ­allem von Spätaussiedlern jüdischer Abstammung getragene Bewegung entwickelt sich mittlerweile zu einer dritten Gruppe zwischen den christlichen Kirchen und den jüdischen Gemeinden.

Und auch die unterschiedliche Einschätzung von Ursachen und Wirkungen im Nahostkonflikt sorgt immer wieder für Zündstoff im gemeinsamen Gespräch. Aktuell etwa das sogenannte »Kairos-Palästina-Dokument« palästinensischer Christen.

Eher zurückhaltend ist Graumanns Reaktion auf die Anregung, aus dem christlich-jüdischen Dialog unter Einbeziehung der Muslime einen Trialog zu entwickeln: »Dialog, Trialog, meinetwegen auch Katalog – wenn es nützt?« Man suche schon länger das Gespräch mit den Muslimen. Der Zentralrat sei überdies die erste Organisation gewesen, die der pauschalen Herabwürdigung der Muslime durch Thilo Sarrazin offen widersprochen habe, erinnert Graumann.

Die Reaktion auf die Gesprächsangebote sei jedoch enttäuschend: »Wir beobachten unter muslimischen Jugendlichen ­einen immer stärkeren Antisemitismus«, gegen den die Verantwortlichen muslimischer Gemeinden »nur ungenügend« vorgingen. »Wir müssen ­reden, aber auch Verantwortung einfordern«, so Graumanns Fazit.

Harald Krille

Schwarz-grünes Protestantentreffen

3. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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DEKT33

Einige (politisch nicht ganz korrekte) Anmerkungen zum diesjährigen Kirchentag.


Lindgrün strahlt das Kirchentagsplakat am Leipziger ICE-Bahnsteig. Zwei stilisierte schwarze Hände umfassen das Logo des Kirchentags, das Herz. Es ist grün. So grün wie das Parteibuch der Kirchentagspräsidentin, so auch wie weite Teile des Kirchentagsprogramms.

»… da wird auch dein Herz sein« – und vielleicht auch dein Kreuz, wenn du das nächste Mal an die Wahlurne gehst? Selten war ein Kirchentag auch politisch so grün, wie in diesem Jahr in Dresden. Schon im Januar, bei den ersten Pressekonferenzen des diesjährigen Protestan­tentreffens, wurde das deutlich. Von ­Wutbürgern war da die Rede, von den Protesten gegen Stuttgart 21, von den negativen Folgen der Globa­lisierung.

Natürlich, Kirchentage stehen und standen immer an der Seite der Umweltbewegung – und das ist auch gut so, schließlich ist die Klimakatastrophe wohl kaum noch aufzuhalten, schließlich war die durch Dresden strömende Elbe lange genug eine braune Brühe, auf deren nun drohendes Schicksal als kanalisierter Großschifffahrtsweg nicht zuletzt die kleine Landeskirche Anhalts verdienstvollerweise immer wieder aufmerksam macht.

Aber in diesem Jahr ist doch manches anders: So hält etwa die mitten im Wahlkampf befindliche Berliner Grünen-Chefin Renate Künast eine Bibelarbeit, während von anderen Berliner Landespolitikern nichts zu sehen ist.

Themen wie der Ausstieg aus der Atomenergie bekommen seit Fuku­shima eine neue Bedeutung – doch das Kirchentagsprogramm war weitgehend schon vor der Kernschmelze im Japan fertig. Und der Dresdener Kirchentags-Pressesprecher Hubertus Grass ist ehemaliger Landesgeschäftsführer der sächsischen Grünen und kandidierte bei der letzten Bundestagswahl im Wahlkreis Osterzgebirge für ein Direktmandat.

Was durchaus delikat ist, bedenkt man, dass zunächst der Berliner Theologe Miguel-Pascal Schaar für diesen Posten vorgesehen war, dem dann kurzfristig gekündigt wurde.

Doch auch die Schwarzen sind beim Kirchentag vertreten, stärker noch als die SPD. Zwar ist die CDU derzeit Regierungspartei in Berlin (und Dresden), weswegen die Auftritte etwa von Angela Merkel als gesetzt zu gelten haben. Doch ist es durchaus eine Premiere für das Protestantentreffen, wenn nun mit Thomas de Maiziere ein amtierender Bundesverteidigungsminister zu den Mitgliedern des Präsidiums des Kirchentags gehört.

Und mindestens genauso bemerkenswert ist es, wenn der Amtswechsel im Berliner Kabinett dazu führt, dass mit einem Dialog zwischen ihm und dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider extra noch eine eigene Veranstaltung ins Kirchentagsprogramm gehoben wird.

Aber der Kirchentag ist eben nicht nur grün. Er ist schwarz-grün, so wie die schwarzen beiden Hände, die auf dem Plakat im Leipziger Hauptbahnhof das grüne Herz des Kirchentags umfassen.

Benjamin Lassiwe

Leuchtende Augen nach acht Jahren der Angst

27. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Asyl: Xin He erkämpfte mit Unterstützung Mühlhäuser Kirchengemeinden die Anerkennung als politischer Flüchtling
 
Voller Stolz zeigt Xin He vor dem Mühlhäuser Frauentor seinen Flüchtlingsausweis – mit ihm darf er sich endlich frei ­bewegen und eine Arbeit annehmen. (Foto: Harald Krille)

Voller Stolz zeigt Xin He vor dem Mühlhäuser Frauentor seinen Flüchtlingsausweis – mit ihm darf er sich endlich frei ­bewegen und eine Arbeit annehmen. (Foto: Harald Krille)

Artikel 16a des Grundgesetzes stellt klar: »Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.« Doch im Alltag steht Betroffenen oft ein langer Kampf bevor, um dieses Recht in Anspruch zu nehmen.


Es war wie ein kleines Wunder: »Ihnen wurde die Flüchtlings­eigenschaft nach § 60 Abs. 1 Aufenthaltsgesetz zuerkannt.« Um diese nüchternen Zeilen vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge am 8. Mai zu erhalten, mussten Xin He und seine Helfer acht Jahre lang einen oft scheinbar aussichtslosen Weg gehen.

Begonnen hatte alles damit, dass der heute 37-jährige Xin He in seiner Heimatstadt Zhangjiang in Südchina als Mitglied der verbotenen oppositionellen Demokratischen Partei Chinas eine friedliche Demonstration plante. Die Verurteilung zu ­insgesamt zehn Jahren Haft folgte ­umgehend. Zeitgleich wurden die Mitglieder seiner verbotenen protestantischen Hauskirche verhaftet und, wie er auch, gefoltert.

Nach einer filmreifen Flucht, nahe dem Hungertod, strandete er im Hamburger Hafen. Von dort begann sein Weg 2002 durch die deutschen Instanzen.

Antrag abgelehnt – keiner glaubte ihm

»Es ist wirklich ein kleines Wunder«, sagt Christina Vater, die frühere Ausländerbeauftragte der ehemaligen Kirchenprovinz Sachsen, »dass wir nun die Anerkennung als politischen Flüchtling für Herrn He geschafft haben. Als Herr He zu uns in den Verein Miteinander kam, war sein Verfahren bereits abgelehnt, keine Behörde hatte ihm geglaubt. Die Rückführung drohte.«

Stück für Stück begann man ein Netzwerk aufzubauen, in dem die Mühlhäuser Kirchengemeinden rund um Pfarrer Andreas Schwarze eine tragende Rolle spielten.

Pfarrer Schwarze erinnert sich: »Der Bachchor hat Geld gespendet, um den Dolmetscher zu bezahlen, und die Gemeinde sammelte für die Anwaltskosten. Die Mühlhäuser Gemeinden und Menschen weit über die Kirche hinaus haben zusammengearbeitet. Selbst der Notfallplan lag ­bereit, um Herrn He Kirchenasyl zu gewähren.«

Über die Jahre gab es viel zu tun, im Rahmen des Verfahrens und bei der ganz alltäglichen Unterstützung. Neben der endlich errungenen Anerkennung wurde so auch die konkrete Integration von Herrn He ­geschafft. »Er ist heute ein fester Teil unserer Gemeinschaft«, betont der Seelsorger.

Teil einer Gemeinschaft, aus der er Kraft schöpft und die ihn achtet. Denn Xin Hes Kampf für die Demokratie ­endete nicht im Gefängnis. Erst im letzten Jahr brachte ein Bericht über ihn in der Zeitschrift Publik-Forum eine Schülergruppe aus Kempten auf eine Idee: Gemeinsam mit ihm wollten sie vor der chinesischen Botschaft für die Ausreise des inzwischen im Gefängnis sitzenden chinesischen Menschenrechtlers und Systemkritikers Liu Xiaobos demonstrieren.

Das Risiko für Xin He, wegen seines ungeklärten Asylstatus verhaftet und nach China abgeschoben zu werden, war ungeheuer groß. Er fürchtete sich davor, doch er verlas in Berlin mit den Schülern Texte des Nobelpreisträgers.

Mutiger Einsatz für verfolgte Landsleute

Hes Worte verhallten in den Ohren der Diplomaten ungehört, jedoch nicht in denen des Vereins Miteinander. Er überreichte ihm für sein Engagement einen Couragepreis – die »Goldene Friedenstaube«. Herr He reichte den Preis weiter und jeder, der ihn ­später in Händen hielt, verpflichtete sich für die weltweite Einhaltung der Menschenrechte zu kämpfen.

Letzte Station, so der große Traum, sollen Liu Xiaobos Hände selbst sein.

Dies alles waren Mosaiksteine auf dem langen Weg bis heute. Einem Weg voller schlafloser Nächte und intensiver Gebete. »Doch jetzt,« strahlt Frau Vater, »können wir Zukunftspläne machen: Wohnung und Arbeit suchen, einen Deutschkurs beantragen – der blaue Flüchtlingspass wird all das erlauben.«

Herr He kann das alles noch gar nicht fassen, acht Jahre tägliche Angst weichen langsam. Zaghaft äußert er Träume für seine Zukunft: »Eine Frau suchen, ich bin doch schon 37.« Dann versagt seine Stimme: »Meine Mama sehen.« Wieder gefasst strahlen seine Augen: »Und nach Taizé reisen.«

Pfarrer Schwarzes Augen blitzen wissend, er und seine Gemeinde haben sich auch darum schon Gedanken gemacht. Noch scheint es undenkbar: Mutter und Sohn, Taizé – doch so vieles schien bisher undenkbar.

Herrn Hes erste freie Reise wird ihn übrigens in der kommenden Woche zum Kirchentag nach Dresden führen. Man wird ihn erkennen – an den leuchtenden Augen.

Regina Englert

Ex-Kommunist im Kirchenchor

20. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Winfried Kretschmann wurde am 12. Mai in Stuttgart als erster grüner Ministerpräsident vereidigt. (Foto: B90/Grüne)

Winfried Kretschmann wurde am 12. Mai in Stuttgart als erster grüner Ministerpräsident vereidigt. (Foto: B90/Grüne)


Deutschlands erster grüner Ministerpräsident ist wertkonservativer Katholik.

Nun haben es die Grünen also ­geschafft: Erstmals in ihrer über 30-jährigen Geschichte stellen sie in einem Bundesland den Ministerprä­sidenten. Und das ausgerechnet in Baden-Württemberg, das über zwei Generationen hinweg als Erbhof der CDU galt.

Winfried Kretschmann, der künftig die Geschicke des Südweststaats leitet, ist engagierter Christ, Mitglied im Zentralrat der deutschen Katholiken und im Freiburger Diözesanrat. Und er hatte einen guten Start: Bei seiner Wahl durch den Landtag erhielt er mindestens zwei Stimmen aus den Kreisen der Opposition von CDU und FDP.

Analytiker sehen einen klaren Zusammenhang zwischen der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima und dem Wahlsieg der Grünen. In ihrer Ablehnung der Kernenergie war die Umweltpartei immer konsequent, auch ihr Urgestein Winfried Kretschmann. Der neue Ministerpräsident ­gehört zu den wertkonservativen Grünen. Der 63-jährige Biologie-, Chemie- und Ethiklehrer engagierte sich zwar von 1973 bis 1975 im Kommunistischen Bund Westdeutschlands. Doch diese Zeit bezeichnete er später als Irrtum, und er spricht bis heute nicht gerne darüber.

Biografisch ist er schon lange im bürgerlichen Lager angekommen.

Mit seiner zur Schau gestellten Liebe zum Wandern, zur Oper, zum Kirchenchor und zum VfB Stuttgart hätte er auch in einer konservativen Partei Karriere machen können.

Während seiner Zeit im Kommunistischen Bund war er zwar aus der katholischen Kirche ausgetreten, und dabei wirkten offenbar auch die tristen Jahre in einem katholischen Internat nach. Inzwischen ist er aber nicht nur wieder Mitglied der Kirche, sondern auch engagiert. Auf die Frage der »Financial Times« nach der besten Investition seines Lebens antwortete er: »Meine Taufe. Sie öffnet mir das Tor zum ewigen Leben.«

Für den frischgekürten Ministerpräsidenten und ehemaligen Lehrer ist der Glaube gerade keine Privat­sache: »Wenn meine Schüler nicht merken, dass ich Katholik bin, habe ich etwas falsch gemacht.« Ungeachtet dessen reibt er sich auch an Lehren seiner Kirche, etwa ihrer Ablehnung praktizierter Homosexualität.

1988 hat sich Kretschmann bei einer Landesdelegiertenkonferenz in Schwäbisch Hall dafür starkgemacht, den Einzug der Kirchensteuer durch den Staat abzuschaffen, das im baden-württembergischen Gesetz verankerte Erziehungsziel der »Ehrfurcht vor Gott« zu streichen und den kirchlichen Einfluss auf die theologischen Fakultäten zurückzudrängen. Doch das ist fast vergessen. An den seit drei Jahren geltenden Staatsverträgen mit den großen Kirchen will auch die neue Regierung laut Koalitionsvereinbarung nicht rütteln.

Die evangelischen und katholischen Bischöfe haben verhalten positiv auf den Machtwechsel reagiert. Dankbar wurde indes registriert, dass Kretschmann seinen Amtseid mit der religiösen Formel leistete.

Marcus Mockler

Der Sand im Getriebe der NVA

Friedensdienst: Auf der Insel Rügen war in den 80er Jahren die größte Einheit unbewaffneter Bausoldaten stationiert

Schulterstuck
Die Bausoldaten sind ein ­Kapitel DDR-Geschichte, das noch ungenügend aufgearbeitet ist. Besonders in Prora auf Rügen gab es ­Auseinandersetzungen, wie mit der Erinnerung an die Waffenverweigerer umgegangen werden soll.

Andreas Ilse, Hendrik Liersch und Stephan Schack haben etwas gemeinsam: Die drei waren in den 1980er Jahren Bausoldaten – nicht irgendwo, sondern in Prora. Hier – im Block V des von den Nazis errichteten Gebäudekomplexes für ein Seebad Prora – war zwischen 1982 und 1989 zeitweise die größte Einheit der DDR-Waffenverweigerer mit bis zu 500 Bausoldaten stationiert. Eingesetzt waren sie beim Bau des Fährhafens Mukran. Das war das größte Verkehrsbauvorhaben der DDR zu jener Zeit. Hauptgrund für den Hafenbau war der Wunsch der Sowjetunion aufgrund der unsicheren Lage in Polen, einen direkten Zugang zur DDR zu bekommen.

Ilse, Liersch und Schack haben viele Erinnerungen an ihre Zeit in Prora. Es sind schmerzliche Erinnerungen an Schikanen und Ungerechtigkeiten, denen sie als Bausoldaten ausgesetzt waren, an teils unmenschliche Arbeitsbedingungen während der Zwölf-Stunden-Schichten oder auch – wie im Fall von Hendrik Liersch – an einen Bausoldaten-Freund, der den Druck nicht aushielt und sich das Leben nahm. In Erinnerung geblieben ist aber auch manche Aktion, mit der die Bausoldaten ihren Vorgesetzten und dem DDR-Staat das Leben schwer machten, und der Zusammenhalt unter den Bausoldaten.

Ilse, Liersch und Schack waren drei Zeitzeugen, die in Binz an einer Tagung zur Geschichte der Bausoldaten teilnahmen. Von ehemaligen Proraer Bausoldaten war in den vergangenen Jahren immer wieder kritisiert worden, dass an dieses Kapitel der DDR-Geschichte kaum erinnert wurde. In Prora stand der von den Nazis errichtete mehr als vier Kilometer lange Gebäudekomplex im Focus, in dem 20000 Menschen gleichzeitig Urlaub machen sollten, der aber wegen des Kriegsbeginns nicht fertiggestellt worden war.

Zu DDR-Zeiten dienten Teile dieses monströsen Gebäudes als Kaserne, unter anderem für die Baueinheiten. Lediglich an der Turnhalle, in der die Bausoldaten seinerzeit ihr ­Gelöbnis ablegen mussten, erinnert eine kleine Tafel daran.

Nicht die Nazi-Architektur soll im Mittelpunkt stehen

»Die Tagung soll helfen, eine Lücke in der DDR-Geschichtsschreibung der letzten 20 Jahre zu schließen«, sagt ­Jochen Schmidt, der Direktor der ­Landeszentrale für politische Bildung (LpB) Mecklenburg-Vorpommern. Ob es sich bei dieser Lücke lediglich um einen »blinden Fleck« oder um »bewusstes Verdrängen« gehandelt habe, ließ er offen. Dankbar sei er jedenfalls, dass die ehemaligen Bausoldaten diese Auseinandersetzung immer wieder eingefordert haben.

Landrätin Kerstin Kassner (Die Linke) gesteht: »Wir haben uns nach der Wende mit der Situation in Prora sehr schwergetan«, und weißt in diesem Zusammenhang auf die Schwierigkeiten im Umgang mit dem denkmalgeschützten viereinhalb Kilometer langen Gebäudekomplex hin. »Wenn jetzt im Juli im Block V, der ehemaligen Bausoldaten-Kaserne, ei­ne Jugendherberge eröffnet wird, dann werden die Jugendlichen auch die Möglichkeit haben, sich mit dieser Geschichte zu beschäftigen.«

In die Hand genommen hat das vor allem der Verein Prora-Zentrum mit Bildungsangeboten, einer Ausstellung und dem Erhalt von Zeugnissen aus jener Zeit. Warum ist diese Erinnerung wichtig? »Es gibt einen großen Gegenwartsbezug«, sagt Susanna Misgajski vom Prora-Zentrum und nennt die Friedensfrage, soziales Engagement und Demokratieerziehung. Bei DDR-Projekttagen am Gymnasium in Bergen hat sie mit ihren Angeboten zum Thema »Bausoldaten« schon gute Erfahrungen gesammelt.

»Geschichte kommt an die Schüler heran über die Geschichte, die vor Ort ist«, unterstreicht Jana Romanski, die an diesem Gymnasium als Geschichtslehrerin arbeitet. »Wir brauchen Demokraten. Wie aber sollen wir welche erziehen, wenn wir sie nicht mit solchen Beispielen wie den ­Bausoldaten konfrontieren?« Wohin Nicht-Demokratie führe, könne man am Beispiel der Bausoldaten deutlich zeigen. Sie selbst habe sich bei diesem Thema auch mit ihrer eigenen Vergangenheit in der DDR auseinandersetzen müssen, gesteht Jana Romanski. Sie sei als Tochter eines Offiziers der Nationalen Volksarmee (NVA) auf die Insel Rügen gekommen.

Der silberne Spaten zierte die Schulterstücken der DDR-Bausoldaten - eine im Ostblock einmalige Form des waffenlosen Dienstes.

Der silberne Spaten zierte die Schulterstücken der DDR-Bausoldaten - eine im Ostblock einmalige Form des waffenlosen Dienstes.

Auch Landrätin Kassner wies auf ihre Biografie als Offizierstochter hin. »Heute habe ich große Hochachtung vor Ihrer Haltung und vor Ihrem Mut«, sagte sie den ehemaligen Bausoldaten.
Mut zeigten die Bausoldaten nicht nur mit ihrer Entscheidung für die Verweigerung des Dienstes mit der Waffe, sondern auch mit Eingaben und ­Beschwerden über Missstände. Das machte sie zum »Sand im Getriebe der NVA«, sagt Thomas Widera von Hannah-Arendt-Institut Dresden. »Die Eingaben der Bausoldaten zwangen die obersten Vertreter von Staat und Partei, sich mit aus ihrer Sicht belanglosen Dingen zu beschäftigen.«

1984 deckten Bausoldaten die Wahlfälschung auf

Die Aktivitäten der Bausoldaten konnten aber die DDR-Mächtigen durchaus auch in ernste Schwierigkeiten bringen. Ein Beispiel dafür sind die Kommunalwahlen 1984. Die Proraer Bausoldaten nahmen damals das DDR-Wahlgesetz ernst und forderten ihre Rechte ein. Die Kandidaten mussten sich im Gespräch mit ihnen vorstellen, ein Bausoldat wurde in den Wahlvorstand entsandt und an der Auszählung nahmen ebenfalls Bausoldaten teil.

Als dann in den veröffentlichten Ergebnissen für den Kreis Rügen die Zahl der Nein-Stimmen deutlich kleiner war als die Zahl der Nein-Stimmen, die allein die Proraer Bausoldaten ausgezählt hatten, forderten sie dafür eine Erklärung. Hektisch suchten die Verantwortlichen danach und argumentierten schließlich, dass die Wahlstimmen von NVA-Angehörigen aus Geheimhaltungsgründen nach einem geheimen Schlüssel auf die Wahlkreise der ganzen DDR aufgeteilt würden.

Stephan Schack, der diese Zeit in Prora miterlebt hat, sieht hier einen Beleg für die Verbindung zwischen den Bausoldaten und der Opposition in der DDR. »Die Aufdeckung der Wahlfälschung bei der Kommunalwahlen 1989 hat hier einen Vorläufer«, sagt er. Wenn es heute um Demokratieerziehung am Beispiel der DDR-Bausoldaten gehe, heiße eine Frage für ihn dabei auch: »Wo ist heute ­Widerstand gefordert?«

Matthias Holluba

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