»… und die alten Lieder singen«

26. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Debatte: Kirchenferne Genossen blasen zum Angriff – in der SPD wollen Laizisten einen Arbeitskreis gründen

»Wann wir schreiten Seit’ an Seit’ und die alten Lieder singen …«, beginnt ein bekanntes Sozialistenlied. Die Forderungen der Laizistinnen und Laizisten in der SPD erinnern fatal an alte Kampfgesänge.

Die Sozialdemokratie und ihre Feinde: Krieg, Kapitalismus, Junkertum und ­Kirche – die Karikatur erschien im Jahr 1900 auf der Titelseite der sozialdemokratischen Satirezeitschrift »Der Wahre Jakob«. (Repro: akg-images)

Die Sozialdemokratie und ihre Feinde: Krieg, Kapitalismus, Junkertum und ­Kirche – die Karikatur erschien im Jahr 1900 auf der Titelseite der sozialdemokratischen Satirezeitschrift »Der Wahre Jakob«. (Repro: akg-images)

In CDU und CSU hat sich vor Kurzem aus Sorge um das katholisch-konservative Profil der Partei ein »Arbeitskreis Engagierter Katholiken« gegründet. In die SPD kommt ebenfalls Bewegung – allerdings genau in die entgegengesetzte Richtung. Im Herbst soll ein Arbeitskreis »Laizistinnen und Laizisten in der SPD« ins Leben gerufen werden. Nach Auskunft des Initiators, Nils Opitz-Leifheit, gibt es schon 300 Interessenten. Bei einer Gründungsversammlung im Juni in Nürnberg wurden bereits Grundsätze beschlossen.

Die Gruppe versteht sich nicht als kirchenfeindlich. »Religiöse Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, die für einen weltanschaulich neutralen Staat sind, sind uns … herzlich willkommen«, heißt es auf der Homepage. Kernforderung ist die komplette Trennung von Kirche und Staat. Er stehe dem Engagement von Christen in seiner Partei nicht ablehnend ­gegenüber, sagt Opitz-Leifheit, Fraktionsreferent im baden-württembergischen Landtag. Die SPD sei aber zu wenig kirchenkritisch und verliere bei Kirchenfernen nach seiner Erfahrung an Zuspruch, meint der 46-Jährige, der aus der katholischen Kirche ausgetreten ist.

Die neue Gruppe hat die Unterstützung mehrerer Bundestagsabgeordneter, darunter sind Carsten Schneider aus Erfurt, der frühere Staatsminister Rolf Schwanitz (Sachsen) und die rheinland-pfälzische Abgeordnete Doris Barnett. Auch der thüringische Wirtschaftsminister Matthias Machnig und die ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete und Vorstandssprecherin der KfW-Bankengruppe, Ingrid Matthäus-Maier, haben sich angeschlossen.

Die »Laizisten in der SPD« sehen sich in der Tradition des Humanismus, der Aufklärung und der Arbeiterbewegung. In ihren Anfängen war die Arbeiterbewegung zunächst antiklerikal eingestellt. Kirchen wurden von der frühen, marxistisch geprägten ­Sozialdemokratie als Verbündete der herrschenden Klasse in Staat und ­Gesellschaft eingestuft. Freidenkertum war eine der sozialdemokra­tischen Wurzeln. In SPD-Parteiprogrammen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts machte die Forderung »Re­ligion ist Privatsache« dies deutlich. Umgekehrt gab es von kirchlicher Seite eine klare Distanzierung zur Sozialdemokratie.

In der Weimarer Republik versuchte die SPD vergeblich, ihre Forderungen nach Trennung von Staat und Kirche durchzusetzen. Nach 1945 sorgten vor allem die Beitritte aus der Gesamtdeutschen Partei – darunter Gustav Heinemann, Johannes Rau, Diether Posser, Erhard Eppler und Jürgen Schmude – für ein starkes protestantisches Profil der SPD.

Einen Bruch mit der Tradition des Marxismus markiert das Godesberger Programm von 1958, in dem sich die SPD von überkommenen Dogmen verabschiedete. Demokratischer Sozialismus sei gleichermaßen in »christlicher Ethik, im Humanismus und in der klassischen Philosophie verwurzelt«. Dem Sozialismus gehe es nicht um Glaubenswahrheiten, weder Partei noch Staat hätten darüber zu entscheiden. Den Kirchen versichert das SPD-Programm »öffentlich-rechtlichen Schutz«. Erst in der Folgezeit kam es zu Kontakten zwischen SPD und katholischer Kirche.

Die »Laizisten in der SPD« erheben weitgehende Forderungen. Sie wollen sich für einen weltanschaulich neutralen Staat einsetzen, in der die beiden großen Kirchen keine Privi­legien genießen. Kreuze in Klassenzimmern oder Amtsstuben werden ebenso abgelehnt wie Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach oder die Einsegnung von öffentlichen Gebäuden.

Der Sprecher der »Christinnen und Christen in der SPD«, Wolfgang Thierse, sieht darin eine »dramatische Einengung der SPD«. Die Partei sei weltanschaulich plural. »Ich kann meine Partei nur davor warnen, eine Partei der Kirchenfeinde werden zu wollen«, betont der Vizepräsident des Bundestags. Das Verhältnis zu den Kirchen nennt Thierse freundschaftlich und konstruktiv. In vielen sozialen Fragen gebe es eine große Übereinstimmung. »Warum sollten wir das verleugnen oder eine künstliche Distanz schaffen?«

Rainer Clos und Jutta Wagemann
(epd)

.

Ist eine stärkere Trennung von Staat und Kirche nötig?

Carsten Schneider (Erfurt) ist Mitglied des Deutschen ­Bundestages und haushaltspolitischer Sprecher  der SPD-Bundestagsfraktion.

Carsten Schneider (Erfurt) ist Mitglied des Deutschen ­Bundestages und haushaltspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.


Pro: Carsten Schneider

Ich fange an mit dem, was wir nicht wollen. Erstens: Wir wollen aus der SPD keine »Partei der Kirchenfeinde« machen, wie Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse befürchtet, und wir wollen auch keine kirchenfeindliche Gesellschaft. Zweitens: Es geht nicht in erster Linie ums Geld. Es ist nicht die »Jagd auf die Kirchenmäuse« (Der Spiegel vom 26. Juli 2010), die mich motiviert, obwohl ich Haushaltspolitiker bin.

Nein: Mir geht es ums Prinzip.

Das Prinzip, für das ich eintrete, ist das des weltanschaulich neutralen Staates, das Prinzip einer klaren Trennung von Staat und Kirche. Es ist
das Prinzip des Grundgesetzes. Das Grundgesetz garantiert die Glaubensfreiheit und die ungestörte Religionsausübung. Das Grundgesetz stellt aber auch klar, dass es keine Staatskirche gibt. Für mich sind dies zwei Seiten einer ungeheuer wertvollen Medaille.

Was allgemeine Prinzipien im konkreten Einzelfall bedeuten, ist oft eine schwierige Frage. Die Verständigung über die richtige Antwort ist auch abhängig von der Zeit, in der wir leben. Gesetzgebung und Gerichts­urteile zu Ehe und Familie oder zur Homosexualität zeigen: Was vor 20 Jahren akzeptabel erschien, ist heute untragbar, weil es der Lebenswirklichkeit und dem Gerechtigkeitsempfinden der Menschen nicht mehr entspricht.

Mir geht es mit den vielen Rechten und Vorrechten der Kirchen genauso: Ich halte sie für unangemessen und überholt. Ich verstehe die historischen Hintergründe, ich weiß um die bestehenden Verträge, aber ich bleibe dabei: Vieles davon passt nicht mehr in unsere Zeit und unser Land.

Warum sollen die Bürger meines Heimatlandes Thüringen, von denen 92 Prozent keine Katholiken sind, eine katholisch-theologische Fakultät an der Universität Erfurt finanzieren und damit die Priesterausbildung subventionieren? Warum zahlen ­konfessionslose oder muslimische Steuerzahler die Gehälter evangelischer Bischöfe oder die Renovierung katholischer Kirchen? Wegen Grundstücksgeschäften, die vor 200 Jahren abgeschlossen wurden? Da muss es ordnungspolitisch bessere Lösungen geben.

Von der strikten Trennung zwischen Staat und Kirche könnten die Kirchen meines Erachtens sogar profitieren – sie gewönnen wohl nicht an Geld, aber an Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit.

Carsten Schneider

.

Ist eine stärkere Trennung von Staat und Kirche nötig?

Petra Grimm-Benne ist Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Landtagsfraktion  Sachsen-Anhalt  und Mitglied der EKM-Synode

Petra Grimm-Benne ist Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Landtagsfraktion Sachsen-Anhalt und Mitglied der EKM-Synode


Kontra: Petra Grimm-Benne

Die Trennung von Staat und Kirche ist eines der Grundprinzipien unseres Staates. Sie fußt auf der Freiheit des Glaubens, des Gewissens und des ­religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses nach Art. 4 des Grundgesetzes. Dieses Grundprinzip bildet somit eine der Säulen unserer pluralistischen Demokratie, die auf dem Funktionieren unseres Staats- und Gemeinwesens unabhängig von religiösen Ansichten und Weltanschauungen beruht.

Es ist für alle Christinnen und Christen ganz selbstverständlich Teil unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung und damit Teil ihrer Lebenswirklichkeit. Die Trennung von Staat und Kirche wird also erlebt und gelebt.

Die Kritik – an der übrigens seit Jahrzehnten geübten Praxis – der Staat verletze seine weltanschauliche und religiöse Neutralitätspflicht, ist gänzlich unberechtigt. Die Stellung der Kirchen und ihre damit verbundenen Rechte spiegeln ihre tiefe Verankerung in der Gesellschaft wieder.

Fast 60 Prozent der Bundesbürger sind christlich-konfessionell gebunden. Die Stellung der Kirche stellt also keine Privilegierung einer Religion dar, sondern orientiert sich an den Bedürfnissen ­einer Mehrheit der Menschen.

Zudem besteht die Neutralitätspflicht des Staates in Fragen der Religion und der Weltanschauungen aus zwei Elementen. Zum einen darf der Staat keinen seiner Bürgerinnen und Bürger zu einem Glaubensbekenntnis gleich welcher Art zwingen. Dieser Pflicht kommt der Staat nach. Niemand muss gegen seinen Willen ein solches Bekenntnis ablegen.

Zum anderen ist es die Pflicht des Staates, dafür zu sorgen, dass jeder seinem Glauben nachgehen kann. Insofern ist sehr wohl richtig, an den Schulen Reli­gionsunterricht zu halten, wenn niemand zur Teilnahme gezwungen wird. Und es ist sehr wohl richtig, jedem die Möglichkeit zu eröffnen, eine Eidesformel mit Gottesbezug zu leisten.

Eine Diskussion, wie sie im Moment geführt wird, birgt eine Gefahr: Unter dem Deckmantel einer vermeintlich völligen Freiheit wird vielen Menschen in einigen Bereichen die Möglichkeit genommen, ihren Glauben ganz selbstverständlich zu leben.

Freiheit ist auch die Freiheit des (Anders)Gläubigen. Das sage ich als gläubige Christin UND überzeugte Sozialdemokratin.

Petra Grimm-Benne

Wir lernen, wenn wir schlafen

20. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Wissenschaft: Moderne bildgebende Verfahren machen es möglich, der Spur der Träume zu folgen

Während wir träumen, ist ­unser Hirn höchst aktiv und kreativ, mehr als wenn wir wach sind. Träume sind von existenzieller Bedeutung. Ohne traumreichen Schlaf gibt es wahrscheinlich überhaupt keine dauerhaften Lernerfolge.

Von Reinhard Lassek

Goethes wundervoller Gedan­ke, »der Mensch träumt nur, damit er nicht aufhöre zu sehen«, erlebt derzeit eine neurobiolo­gische Renaissance. Entgegen früheren Annahmen sind Träume alles ­andere als eine neuronale Müllabfuhr. Sie dienen in der Tat wichtigeren Dingen als der Verdauung von »Tages­resten«. Während wir träumen, ist ­unser Hirn zumeist sogar viel aktiver und auch kreativer als in den Wachphasen. Und egal, ob wir uns nun an unsere Träume erinnern oder nicht: Ohne Träume können wir nicht existieren.

Im Schlaflabor können Mediziner exakt nachweisen, dass jemand träumt. Doch niemand kann sich in die Intimsphäre unserer Träume einloggen.

Im Schlaflabor können Mediziner exakt nachweisen, dass jemand träumt. Doch niemand kann sich in die Intimsphäre unserer Träume einloggen.

Träume gelten unter Hirnforschern keineswegs als die Hauptstörenfriede gesunden Schlafs. Sie sind vielmehr die hohe Schule unseres Erinnerungsvermögens. Denn während wir schlafen und träumen, arbeitet unser Hirn – es übt zuvor gelernte Inhalte ein. Auf lange Sicht bleiben daher auch nur notorische Träumer geistig leistungsfähig und gesund. Schlaf ist also weitaus mehr als ein Stand-by-Modus ­unseres zentralen Nervensystems.

Dank der sogenannten bildgebenden Verfahren wie etwa der Posi­tronen-Emissions-Tomografie ist es heutzutage möglich, den Spuren unserer Traumaktivitäten – nicht jedoch etwa der Trauminhalte – bis in die kleinsten und entlegendsten Hirnwindungen zu folgen. Denn jede Aktivität unseres Hirns ist mit irgendeiner Form von Energiestoffwechsel bzw. elektrochemischen Prozessen verbunden. Mit Vorgängen also, die sich auf den Millimeter und die Millisekunde genau messen lassen.

Entgegen früheren Vorstellungen ist unsere Hirnrinde alles andere als ein straff organisiertes System. Jene graue Rindensubstanz, auf die wir so stolz sind, gleicht eher einem undurchdringlichen Dschungel: Die ­Fasern von rund 15 Milliarden Nervenzellen verknüpfen sich zu einem gigantischen Verbindungsnetz von rund 500000 Kilometern Länge. Denn Nervenzellen neigen dazu, sich permanent mit ihren Nachbarzellen in alle Richtungen zu vernetzen. Und ­jeder Gedanke und jede körperliche Aktivität verändert augenblicklich das Verknüpfungsmuster.

Das Ergebnis dieser Netzflickerei lässt geradezu vor Erfurcht erschaudern: Denn die Zahl der mutmaßlichen neuronalen Verknüpfungsmöglichkeiten des menschlichen Hirns übersteigt mutmaßlich die Anzahl der Atome des ganzen Universums. Unser Hirn ist die komplexeste Struktur, mit der sich Wissenschaft überhaupt beschäftigen kann.

Sowohl im Wach- als auch im Traumzustand herrscht in sämtlichen Feldern unserer Großhirnrinde ein gleichmäßiges »Hintergrundrauschen«. Dieses beständige Getöse rührt daher, dass unsere Nervenzellen untereinander im permanenten Funkkontakt stehen.

Ohne einen Taktgeber – eine Art Dirigenten – käme niemals Ordnung in diese wabernde Vielfalt. Während des Schlafs jedoch bricht zunächst jede Koordination zusammen. Das Ensemble der Neuronen wird führungslos und jeder neuronale Schaltkreis macht, was er will. Es sei denn, wir träumen. Sogleich nimmt jener Dirigent seine Tätigkeit wieder auf, um die zum Teil heftigen Neuronenaktivitäten des träumenden Hirns in ganz ähnlicher Weise zu synchro­nisieren wie im Wachzustand. Nur der traumlose Schlaf gewährt somit unserem Hirn einige Momente zügelloser Taktlosigkeit.

Nicht durch Schlafentzug, sondern allein durch Traumentzug kommt es zu ernsthaften psychischen Störungen wie Verfolgungswahn, Apathie und Halluzinationen. Die Züricher Schlafforscherin Irene Tobler fasste diesen bemerkenswerten Umstand in die ­Regel: Der Körper braucht nur Ruhe, das Hirn jedoch den Schlaf. Gemeint ist, dass außer dem Hirn alle unsere Organe auf energiesparende Regenerationsphasen angewiesen sind. Das Hirn jedoch nutzt gerade den Schlaf, um seine vornehmste Pflicht zu erfüllen: es lernt. Denn unser Hirn, so der Hirnforscher Manfred Spitzer, kann so ziemlich alles. Nur eines kann es nicht: nicht lernen. Ein gutes Ruhekissen schafft also ideale Voraussetzungen für das nächtliche Gedächtnistraining. Ohne traumreichen Schlaf gibt es wahrscheinlich überhaupt keine dauerhaften Lernerfolge.

In einer »geruhsamen« Nacht durchläuft unser Hirn drei- bis fünfmal einen Zyklus verschiedener Schlafphasen. Doch geträumt wird vor allem während des sogenannten REM-Schlafs. Dieser Schlaf zeichnet sich durch schnelle Augenbewegungen unter geschlossenen Lidern aus – daher die Abkürzung REM für Rapid-Eye-Movements. Während der REM-Phase wird das Hirn besonders stark durchblutet und auch seine elektrische Aktivität ist erhöht. Offenbar spielen sich während dieser auffällig traumreichen Schlafperioden eben jene Prozesse der Eiweißsynthese ab, die dafür sorgen, dass Inhalte des Kurzzeitgedächtnisses in das Langzeitgedächtnis übernommen werden.

Ein träumendes Hirn kann nahezu beliebig auf alle Gedächtnisinhalte zurückgreifen. Und es kann diese ­dabei offenbar freier kombinieren, als es uns im Wachzustand je vergönnt ist. Ein glücklicher Umstand, den der Dichter Friedrich Hölderlin in die schönen Worte fasste: »Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt.«

Dass sich die Wissenschaft nunmehr zum Beherrscher unserer geheimsten Träume aufschwingen könnte, steht indes nicht zu befürchten. Davor schützt allein schon die Komplexität unseres wichtigsten und auch menschlichsten aller Organe. Unser Hirn ist schließlich kein Computer – keine Denkmaschine. Seiner hohen Dynamik und Flexibilität wegen gleicht es eher einem komplexen Ökosystem. Die Allmachtsfantasien einiger marktschreierischer Hirnforscher brauchen uns daher auch nicht zu beunruhigen. Über kurz oder lang wird sich niemand in die Intimsphäre unserer Träume einloggen können.

»Lassen Sie sich schieben von Gott«

13. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Porträt: Pastorin Ruth Zacharias, Leiterin des Taubblindendienstes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Sie hat zwei Berufungen, ihre erste ist die Seelsorge für Taubblinde, ihre zweite der Blindengarten. Am 12. August wurde Ruth Zacharias 70  Jahre alt.

Von Tomas Gärtner

Der Balkon vor ihrem Arbeitszimmer ist ein Reich der Düfte. Fenchel, Edelwicken, Zitronenthymian, Myrte, Salbei, Liebstöckel wachsen in Töpfen und Kästen. Ruth Zacharias tastet nach dem Rand eines Blumenkastens, schüttet Wasser aus einer Gießkanne hinein. Sie bewegt die Hände in den Blättern, hält sie vor die Nase. »Man atmet gleich tiefer«, sagt sie. Für sie sei das die beste Art, sich in den Pausen von ihrer Arbeit zu erholen, sagt sie.

Mit zehn Jahren ist Ruth  Zacharias erblindet. (Foto: Steffen Giersch)

Mit zehn Jahren ist Ruth Zacharias erblindet. (Foto: Steffen Giersch)

Mit zehn Jahren ist Ruth Zacharias erblindet. Am 12. August ist die evangelische Pastorin, die den Taubblindendienst der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) leitet, 70 Jahre alt geworden. Vor dem Haus auf dem Gelände des »Storchennests«, der Bildungs- und Ferienstätte für Taubblinde, hörsehbehinderte und mehrfach behinderte Blinde in Radeberg bei Dresden, hat sie einen speziellen Garten anlegen lassen.

»Es ist der kleinste unter den 141 botanischen Gärten, aber der einzige Botanische Blindengarten.« Und auf den rund 20000 Quadratmetern – fast so viel wie drei Fußballfelder – gedeihen vor allem Duftpflanzen, mehr als 700 Arten. Riechen und Tasten sind für Taubblinde enorm wichtig. Daher hat sich Ruth Zacharias selbst zur Expertin auf diesem Gebiet gebildet. »Ganze Urlaube habe ich nur mit Gartenbüchern zugebracht.« Mittlerweile, sagt sie, sei ihr diese Arbeit zu einer zweiten Berufung geworden.

Ihre erste Berufung ist die Seelsorge für Taubblinde. 1963 begann sie, hat aber eine Vorgeschichte, die das Ganze erst verständlich macht. Aufgewachsen auf einem Bauernhof in Mölschow auf der Insel Usedom, in christlichem Geist erzogen, schien ihr Weg nach Abschluss der Oberschule für Blinde in Königs Wusterhausen festzustehen. Dolmetscherin sollte die sprachbegabte junge Frau werden. Doch es kam anders.

Sie hatte die Geborgenheit in einer Jungen Gemeinde außerhalb der Schule und einen beeindruckenden Seelsorger erlebt. Entschied sich nun für ein bewusst gelebtes Christentum. Der Wendepunkt in ihrem Leben. Sie wolle in den kirchlichen Dienst, erklärte sie den erstaunten Lehrern und Eltern. Noch ohne zu wissen, was sie als Blinde da überhaupt konkret tun konnte. Nach einer Ausbildung zur Gemeindehelferin und Katechetin ging sie in die Evangelische Bücherei und Druckerei für Blinde nach Wernigerode, lernte Schriftsetzerin und Korrektorin für Punktschrift.

Im Dezember 1962 berichtet ihr Pfarrer Georg Hentsch, der Leiter des Christlichen Blindendienstes, von immer mehr Taubblinden, die er entdeckt. Er fragt sie, ob sie die seelsorgerische Arbeit für sie übernehmen könne. Es sei seltsam gewesen, so erinnert sie sich: »In gleicher Sekunde wusste ich unangefochten: Das ist es, was Gott von dir will.« Sie fragt, was sie da tun solle. Das wisse er auch nicht, entgegnet Pfarrer Hentsch und setzt hinzu: »Lassen Sie sich schieben von Gott.« Ruth Zacharias begreift: Sie kann sich leiten lassen, muss nicht ­alles selber planen und bestimmen, vielmehr sehr aufmerksam die Impulse wahrnehmen für diesen Beginn. Dies wird zum Prinzip ihrer Pionier­arbeit.

Sie studiert Theologie, damals die einzige Frau und einzige Blinde am Paulinum in Berlin. Lernt das Lormen – ein Alphabet, getastet in die Hand des Taubblinden. Fährt durch die DDR, besucht Taubblinde. Menschen, die, wie sie beschreibt, in »pechschwarzer, tonloser Nacht« leben und für die Kommunikation auf andere angewiesen sind. Organisiert Seminare mit deren Familien. Und macht die paradoxe Erfahrung: Ihre Be-
hinderung, die Blindheit, erweist sich als Vorteil. Einmal sagen ihr Eltern taubblinder Kinder: »Wie gut, dass Sie wenigstens blind sind; dann sind Sie uns ein bisschen näher.«

Bis heute ist die Zahl dieser Behinderten in Deutschland nicht bekannt. Zwischen 2500 und 6000 bewegen sich die Schätzungen. 2004 hat das EU-Parlament Taubblindheit als eigene Form der Behinderung anerkannt.

Als Ruth Zacharias 1989 in Radeberg das »Storchennest« übernimmt, ein ehemaliges Entbindungsheim, ist es ein heruntergekommener Gebäudekomplex. Unter ihrer Leitung wird es ein sechs Gebäude umfassendes Zentrum für Beratung, Seminare und Erholung. 2008, mit 68 Jahren, hat sie noch einmal mit Pionierarbeit begonnen: Unweit des »Storchennests« hat sie ein Haus ausbauen lassen – die erste Stätte ambulant betreuten Wohnens für Taubblinde. Sechs Frauen und Männer leben dort inzwischen. Beschäftigt werden sollen sie im Blindengarten. »Es ist ein mühsamer Weg«, sagt Ruth Zacharias. Etwa fünf Jahre brauche man, um zu wissen, wie es geht. »Jetzt warten sie anderswo in Deutschland schon auf unsere Erfahrungen.«

Feier des Geburtstages am 13. und 14. August mit »Fest zur Ehre Gottes« in Radeberg für geladene Gäste. Öffentlich ist der Gottesdienst am 13. August, 17.30 Uhr in der Radeberger Stadtkirche.

Buch: Zacharias, Ruth: Gottes Liebe zu ­bezeugen. Eigenverlag. Zu beziehen nur über den Taubblindendienst, Pillnitzer Straße 71, 01454 Radeberg; Telefon (03528) 4397-0; Fax -21; E-Mail info@taubblindendienst.de

»Jesus hätte uns nicht ausgegrenzt«

6. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Sie wünschten eine Trauung und bekamen einen Kompromiss: Marcel Bauer (l.)  und Thomas Friedrich auf den Straßenbahngleisen vor dem Chemnitzer Gunzenhauser-Museum, das Friedrich leitet.	Foto: Steffen Giersch

Sie wünschten eine Trauung und bekamen einen Kompromiss: Marcel Bauer (l.) und Thomas Friedrich auf den Straßenbahngleisen vor dem Chemnitzer Gunzenhauser-Museum, das Friedrich leitet. Foto: Steffen Giersch

Seelsorge: Wenn gleichgeschlechtliche Paare ihre Partnerschaft vor Gott besiegeln wollen, gibt es Probleme

Thomas Friedrich und ­Marcel Bauer wollen für ihre Partnerschaft um Gottes ­Segen bitten. Doch in ­Sachsen ist das nicht in ­einem Gottesdienst möglich.

Es war der Karfreitag 2009. Marcel Bauer weiß es noch, als wäre es gestern gewesen, wie er mit dem Chor in der Chemnitzer Kreuzkirche stand und Bachs Matthäuspassion sang. Und wie sein Blick auf ein Augenpaar im Publikum fiel. So fand Marcel Bauer mitten in einem Gotteshaus die Liebe. Sie heißt Thomas Friedrich und ist ein Mann.

Die beiden Männer verstecken sich nicht. Friedrich ist Leiter des renommierten Museums Gunzenhauser, Bauer ein stadtbekannter Friseur. Am 1. Dezember lassen die 33-Jährigen ihre Partnerschaft im Chemnitzer Standesamt förmlich eintragen. Seit 2001 ist das in Deutschland für homosexuelle Paare möglich. »Doch wir wollten auch vor Gott noch einmal sagen, dass wir zueinander stehen und seinen Segen dafür erbitten«, sagt Thomas Friedrich, der wie sein Partner aus einer christlichen Familie stammt und in der Chemnitzer St.-Pauli-Kreuz-Kirchgemeinde zu Hause ist. Eine Segnung in einem Gottesdienst – das war ihr Wunsch. Mit der Bitte darum schrieben sie an den sächsischen Landesbischof, doch er lehnte ab.

»Das hat uns enttäuscht«, sagt Thomas Friedrich. »Wir sind vollwertige Mitglieder einer Kirchgemeinde – und da plötzlich nicht mehr. In anderen Landeskirchen ist die Segnung homosexueller Paare doch auch möglich.« Neun Landeskirchen – darunter die von Berlin-Brandenburg – lassen zwar keine Trauung, aber eine Segnung
der Partnerschaft zu. Andere Landeskirchen – darunter die von Anhalt – haben sich noch nicht entschieden. Sechs lehnen eine solche Segnung ausdrücklich ab (lesen Sie dazu den Beitrag rechts).

Zu ihnen gehört die sächsische Landeskirche. Deren Kirchenleitung hat 2001 beschlossen: »Segnung homosexueller Partnerschaften kommt in unserer Landeskirche mit Blick auf das biblische Zeugnis nicht in ­Betracht. Wohl aber ist die Segnung homosexuell geprägter Menschen im Rahmen der persönlichen Seelsorge möglich.« Geht man von Schätzungen über die Zahl homosexueller Menschen in Deutschland aus, sind in der sächsischen Landeskirche mehrere Tausend Christen von dieser Aussage betroffen.

»Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Jesus Menschen so ausgegrenzt hätte«, sagt der Chemnitzer Thomas Friedrich. »Doch aus unserer Kirchgemeinde und der Kantorei, in der wir mitsingen, hatten wir von vornherein Rückendeckung. Warum soll ein Paar, das sich liebt, nicht den Segen bekommen, fragten viele.« Der Vorstand der St.-Pauli-Kreuz-Kirchgemeinde jedenfalls hatte schon im Dezember mehrheitlich keine ­Bedenken gegenüber einer Segnung im Gottesdienst. Es folgten ­Monate mit Gesprächen und Schriftwechsel hin und her zwischen den beiden Männern, dem Pfarrer der Kirchgemeinde, dem Chemnitzer Superintendenten und dem Landesbischof ­Jochen Bohl.

Bei dem Beschluss der Kirchenleitung werde es auch in den nächsten Jahren unverändert bleiben, betont Bohl. »Auf die Inhalte des ­Kirchenleitungsbeschlusses ist der Ortspfarrer durch meinen Referenten und den Superintendenten hingewiesen worden. Er hat in dessen Rahmen gehandelt.«

Am Ende stand ein Familiengottesdienst am Sonnabendnachmittag vor Pfingsten: Die Kreuzkirche war voll mit Gästen, Angehörigen, Freunden und Kollegen des Paares. Der Chor sang. Doch ihren Segen erhielten Thomas Friedrich und Marcel Bauer eine Viertelstunde vor Gottesdienstbeginn nur im »seelsorgerlichen Rahmen«: Ohne Musik, ganz schlicht. Nur ihre Familien und ihre Trauzeugen vom Standesamt waren dabei. Gemeinsam mit dem Pfarrer beteten sie um Gottes Segen für ihre Partnerschaft. Es war ein Kompromiss.

Ein Kompromiss freilich, um den fast jeder in dem folgenden Gottesdienst wusste – und der deshalb trotz allem zu ihrem Gottesdienst wurde. »Danach kamen viele Menschen zu uns und gratulierten uns herzlich«, ­erinnert sich Marcel Bauer. »Viele von ihnen hofften, dass die Tür offen bleibt, die wir aufgestoßen haben.« Und manche aus der Kirchgemeinde sagten den Männern: »Der Gottesdienst war schön – so schön normal.«

Andreas Roth

»Unsere Einheit ist unsere Stärke«

29. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Interview: Der neue LWB-Präsident plädiert für Geduld und gegenseitige Rücksichtnahme

Munib A. Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land, ist neuer Präsident des Lutherischen Weltbundes (LWB). Benjamin Lassiwe
hat mit ihm gesprochen.

Der palästinensische Bischof Munib A. Younan ist neuer Präsident des Lutherischen Weltbundes (LWB). Die in Stuttgart tagende 11. LWB-Vollversammlung wählte das 59-jährige Oberhaupt der rund 3000 Mitglieder umfassenden ­Evangelisch-Lutherischen Kirche von Jordanien und dem Heiligen Land mit  großer Mehrheit zum Nachfolger des US-amerikanischen Bischofs Mark Hanson. Foto: epd-bild/Norbert Neetz

Der palästinensische Bischof Munib A. Younan ist neuer Präsident des Lutherischen Weltbundes (LWB). Die in Stuttgart tagende 11. LWB-Vollversammlung wählte das 59-jährige Oberhaupt der rund 3000 Mitglieder umfassenden ­Evangelisch-Lutherischen Kirche von Jordanien und dem Heiligen Land mit großer Mehrheit zum Nachfolger des US-amerikanischen Bischofs Mark Hanson. Foto: epd-bild/Norbert Neetz

Bischof Younan, Sie kommen aus ­einer ausgesprochenen Konfliktregion. Was ist Ihre Perspektive für den Frieden im Nahen Osten?
Younan:
Als Bischof einer Kirche im Nahen Osten glaube ich, dass wir in eine neue Phase der Verhandlungen eintreten müssen, mit deren Hilfe wir die Zwei-Staaten-Lösung entsprechend der Grenzen von 1967 erreichen. Ich hoffe, dass diese beiden Staaten in Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung zusammenleben können. Und wir haben eine sehr klare Position zu Jerusalem: Es muss geteilt werden zwischen Juden, Christen und Muslimen, Palästinensern und Israelis. Dabei ist es ganz klar, dass diese beiden Staaten nicht ohne eine regionale Kooperation, wie wir sie von der EU kennen, existieren können.

Zusammen mit anderen palästinensischen Theologen haben Sie das Kairos-Papier unterzeichnet, dass die israelische Besatzung der palästinensischen Gebiete als Sünde bezeichnet. Warum?
Younan:
Lassen Sie mich da ganz deutlich sein: Ich billigte es – zusammen mit den übrigen Kirchenoberhäuptern. Besatzung nimmt den Menschen ihre Menschenrechte. Aber Gott schuf alle Menschen gleich. Die Idee hinter dem Papier ist, dass jeder Mensch seine Rechte genießen sollte, egal ob er Jude, Palästinenser, Israeli oder Araber ist. Und wenn er die Rechte anderer Menschen verletzt, begeht er eine Sünde.

Wie sieht das denn im Nahen Osten praktisch aus: Rechnen Sie angesichts der israelischen Sperranlagen damit, dass Sie im neuen Amt Probleme haben?
Younan:
Ich bin immer frei gereist, und nie hat mich jemand davon abgehalten. Natürlich geht es mir manchmal wie anderen Palästinensern, die unter den Kontrollen leiden, aber als Oberhaupt einer Kirche war es bislang eher einfacher zu reisen.

Im LWB wird derzeit über das Thema »Ordination von homosexuellen Geistlichen« diskutiert. Was ist Ihre Position dazu?
Younan:
Bevor ich dazu eine Meinung abgebe, müssen wir uns in unserer LWB-Region Asien darüber beraten. Wir planen dort einen Workshop über Ehe, Sexualität und Familie. Und wenn wir dort unsere Studien gehabt haben, kann ich etwas dazu sagen. Bis dahin sage ich das, was ein Bischof aus Tansania kürzlich in der Versammlung sagte: Seid geduldig, denn ich vertrete nicht mich selbst. Ich vertrete eine Gemeinschaft, und ich muss der Gemeinschaft gegenüber loyal sein.

Wie sehen Sie denn das Verhältnis zwischen den Mitgliedskirchen des LWB?
Younan:
Wir haben manchmal unterschiedliche Ansichten. Wir dürfen ­dabei nicht zu vorschnellen Entscheidungen kommen. Wir dürfen die ­Gemeinschaft nicht spalten. Es ist mein Ziel, dass unsere Einheit bestehen bleibt. Unsere Einheit ist unsere Stärke. Gemeinsam legen wir Zeugnis in der Welt ab.

Sehen Sie die Einheit des LWB in Gefahr?
Younan:
Ich habe diese Versammlung als sehr einheitlich erlebt. Selbst schwierige Fragen haben wir sorgfältig diskutiert. Und selbst wenn wir bei manchen Themen unterschiedlicher Meinung sind, werden wir unsere Einheit bewahren. Denn auf dieser Versammlung haben wir Verständnis zwischen Kirchen aus Ost und West, Nord und Süd erfahren. Unsere Gemeinschaft hat die Aufgabe, für die Heilung der Welt Zeugnis abzulegen. Wir machen Entwicklungshilfe, Mission und betreiben theologische Studien. Ich bin begeistert davon, was wir als LWB alles machen – selbst wenn es manchmal unterschiedliche Meinungen der Christen im Norden und Süden gibt.

Lassen Sie mich eine theologische Frage stellen: Wie verstehen Sie den Begriff »Kirche«?
Younan:
Unseren lutherischen Dokumenten nach ist das ganz einfach: Die Kirche sind die Menschen. Wenn Sie denken, dass die Kirche nur die Bischöfe sind, irren Sie sich. Die Frauen, die Männer, die Babys, die Laien und die Ordinierten sind die Kirche. Wir sind die Kirche. Als Bischof bin ich ­gerufen, die Kirche zu vertreten und nicht mich selbst, und ich bin gerufen, zu predigen und die Sakramente zu verwalten. Das ist unsere Theologie.

Sollte der LWB nur von Pastoren und Bischöfen oder auch von Laien geleitet werden?
Younan:
Unser lutherisches Verständnis ist, dass jedes getaufte Mitglied der Kirche an der Leitung der Kirche beteiligt sein kann, unabhängig vom Alter. Kinder und Erwachsene – alle sind wir Leiter, denn die Kirche ist ein Haus für alle. Und in diesem Haus erfahren wir die Gnade Gottes, die Gnade Christi. Und das ist die Kirche für mich – wir leiten sie alle. Bevor ich Entscheidungen treffen kann, berate ich mich mit den Frauen, mit anderen, mit allen. Das ist essenziell. Das ist die Kirche. Ich vertrete sie in dem, was sie sagen.

»Wie neugeboren«

22. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Leben unter den wachsamen Augen der Staatsreligion – eine verschleierte Frau im Iran. Viele Flüchtlinge fühlen sich in Deutschland vom christlichen Glauben angezogen.  Foto: epd-bild/Walter G. Allgöwer

Leben unter den wachsamen Augen der Staatsreligion – eine verschleierte Frau im Iran. Viele Flüchtlinge fühlen sich in Deutschland vom christlichen Glauben angezogen. Foto: epd-bild/Walter G. Allgöwer


Migranten: Ein Pfarrer aus Hannover begleitet iranische Flüchtlinge – Dutzende lassen sich jeden Monat taufen.

Nach Deutschland ­geflüchtete Iraner haben die Nase voll vom islamistischen Mullahregime. Für viele wird nicht nur westliche Demokratie, sondern auch christlicher Glaube zu einer neuen Erfahrung.

Noch vor einem Jahr unterrichtete die 30-jährige Parysa mit Kopftuch an einer Schule in der iranischen Stadt Isfahan. Heute lebt sie in Deutschland, trägt Jeans und ihre Haare offen. Vor einem halben Jahr hat sie sich in Hannover christlich taufen lassen und nahm ­dabei den armenischen Namen Arpi an. Wie sie bekennen sich in Deutschland jeden Monat mehrere Dutzend iranische Flüchtlinge bei Festgottesdiensten zum Christentum. Erst kürzlich erwartete die evangelische Landeskirche Hannovers wieder rund 40 von ihnen zu einem Tauffest in der Landeshauptstadt.

Pastor Hans-Jürgen Kutzner betreut bundesweit bis zu 1000 Iraner und veranstaltet mit ihnen Gottesdienste auf Deutsch und Farsi. Der Theologe aus Hannover ist der einzige hauptamtliche evangelische Iraner-Seelsorger innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und hat selbst schon zahlreiche Iraner getauft. »Sie kommen aus einem Gottesstaat, in dem Religion und Politik nicht getrennt sind«, sagt er. Viele ­hätten Gewalt und Folter im Namen des Islam erlitten. »Wenn man eine Diktatur auf diese Weise erlebt, will man davon frei sein.«

Die Abkehr vom Islam und die Hinwendung zum Christentum sei für die Flüchtlinge deshalb oft mit einer politischen Botschaft verbunden. So sei die Zahl der Hilfesuchenden und der Täuflinge nach den Präsidentschaftswahlen und den großen Demonstrationen im Iran im vergangenen Jahr spürbar gestiegen. »Es geht uns nicht um Mission, sondern um die Menschen«, betont Kutzner. »Wir helfen natürlich auch denen, die sich nicht taufen lassen.«

Arpi weigerte sich im Iran, den Ganzkörperschleier Tschador zu tragen, und wurde deshalb an eine Dorfschule versetzt. Kurze Zeit später floh sie nach Deutschland. Ihr sonst fröhliches Gesicht verfinstert sich, als sie davon spricht. »Ich war nie eine überzeugte Muslima«, sagt sie. Zudem sei es ihr schwergefallen, die ungleiche Behandlung von Männern und Frauen zu akzeptieren.

Für sie ist die im deutschen Grundgesetz festgelegte Religionsfreiheit ­etwas Besonderes, das sie sich lange gewünscht hat. Wenn sie an ihre Taufe denkt, wirkt die junge Frau euphorisch: »Ich fühlte mich wie neugeboren.« Auch ihre Familie im Iran habe sich für sie gefreut. Arpi ist sich sicher: Wenn sie zurück in die alte Heimat müsste, drohe ihr der Tod durch Steinigung oder Erhängen.

Um getauft zu werden, müssen sich die Interessenten Grundkenntnisse des Christentums aneignen – meist über das Internet. »Wir sagen ihnen auch ein paar unbequeme Wahrheiten«, betont Kutzner. So ebne ihnen die Taufe keineswegs automatisch den Weg in die westliche Gesellschaft. Und sie sei ein Risiko, wenn sie wieder in den Iran zurückkehren müssten. Denn: Die deutschen Behörden nähmen bei einer drohenden Abschiebung kaum noch Rücksicht auf die ­Religionszugehörigkeit.

Der 31-jährige Dariush hat sich vor zwei Jahren bei einem Tauffest zum Christentum bekannt. Der gelernte Maschinenbau-Ingenieur wohnt in ­einem Asylbewerberheim und weiß nicht, ob er in Deutschland bleiben darf. »Als ich meinen Eltern von ­meiner Taufe erzählt habe, haben sie gedroht, mich umzubringen«, erzählt er. »Sie sagten, ich sei nicht mehr ihr Sohn.« (epd)

Von Charlotte Morgenthal und Michael Grau

»Ein vollwertiges Menschenrecht«

15. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Seit Juni 2010 ist Heiner ­Bielefeldt Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit der Vereinten Nationen. ­Benjamin Lassiwe sprach mit dem Professor für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der Universität ­Erlangen-Nürnberg.

Heiner Bielefeldt ist ­Professor für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der ­Universität Erlangen- Nürnberg und ehemaliger ­Direktor des Deutschen ­Instituts für Menschenrechte. 	Foto:ddp images/Henning Kaiser

Heiner Bielefeldt ist ­Professor für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der ­Universität Erlangen- Nürnberg und ehemaliger ­Direktor des Deutschen ­Instituts für Menschenrechte. Foto:ddp images/Henning Kaiser

Herr Professor Bielefeldt, warum braucht es Religionsfreiheit?
Bielefeldt:
Die Religionsfreiheit ist ein elementares Menschenrecht. Sie bietet dem Menschen die Möglichkeit, sich in den Sinnfragen des Lebens, also in Fragen der Religion und der Weltanschauung, selbstständig zu orientieren. Deswegen gehören die Religionsfreiheit und die Würde des Menschen eng zusammen. Denn Menschenwürde heißt ja, den Menschen in seiner Eigenverantwortung zu respektieren. Das gilt gerade auch da, wo es um den Sinn des Lebens geht.

Welche Bedrohungen sehen Sie für die Religionsfreiheit?
Bielefeldt:
Es gibt Länder, in denen Menschen nicht einmal im Privaten ihre Religion praktizieren können. Länder, in denen der Staat die Seele vergewaltigt. Anderswo greifen Staaten in die Manifestationen des religiösen Lebens, also beispielsweise Gottesdienste und Gebete, ein und reglementieren sie. Dahinter steckt dann oft die Furcht, dass das gewünschte Bild einer homogenen Gesellschaft gefährdet wird, wenn Menschen einem anderen Glauben anhängen. Und es gibt oft Probleme mit der Gleichbehandlung der Angehörigen verschiedener Religionen: Als Menschenrecht geht die Religionsfreiheit natürlich von der Gleichbehandlung aller Menschen aus. Die Menschen sollen alle in der Lage sein, ihre Religion zu leben. Tatsächlich werden in einer Reihe von Staaten religiöse Minderheiten massiv verfolgt.

Christliche Kirchen und Hilfswerke gehen davon aus, dass die Christen weltweit die am Stärksten verfolgte Religion sind. Wie sehen Sie das?
Bielefeldt:
Ich bin da etwas vorsich­tiger. Rein quantitativ haben die Kirchen natürlich recht: Die Christen sind die weltweit größte Religion, da ist es verständlich, dass es in Ländern, in denen die Religionsfreiheit nicht gewährleistet wird, oft Christen sind, die verfolgt werden. Und man muss ganz klar und deutlich sagen, dass in Ländern wie dem Iran, wie Pakistan, China oder Somalia christliche Gruppen sehr stark von Verfolgung betroffen sind. Allerdings geht es nicht immer nur um die Quantität, sondern auch um die Intensität der Verfolgung: Und da sollten wir nicht vergessen, dass manche kleineren Religionen, etwa die Bahai im Iran, ebenfalls sehr stark betroffen sind, und Opfer eines regelrechten Vernichtungsfeldzugs zu werden drohen.

Was können Sie als UN-Sonderbevollmächtigter daran ändern?
Bielefeldt:
Mein Amt hat eine Reihe von Möglichkeiten, die in der Praxis aber natürlich auch begrenzt sind. Eine Möglichkeit sind die Demarchen, ein diplomatischer Briefwechsel, mit dem ich bei Regierungen Protest gegen Verletzung der Religionsfreiheit einlegen kann. Geschieht dann nichts, kann der Briefwechsel auch veröffentlicht werden, was den Druck auf die Regierung natürlich erhöht. Daneben kann ich mit Länderbesuchen, deren Ergebnisse veröffentlicht werden, Aufmerksamkeit für die Religionsfreiheit wecken. Aber weil mein Amt ein Ehrenamt ist, geht das natürlich auch nur stichprobenartig. Und dann kann ich mich in die konzeptionelle Weiterentwicklung der Menschenrechte einbringen: Da ist es mir wichtig, dass die Religionsfreiheit als vollwertiges Menschenrecht zur Geltung kommt, und nicht in Richtung einer bloßen Toleranzsemantik ins Diffuse abrutscht.

Welche Möglichkeiten hat denn die UN, um die Religionsfreiheit durchzusetzen?
Bielefeldt:
In den Vereinten Nationen ist die Religionsfreiheit als Menschenrecht verankert, und zwar im Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte, den derzeit 165 Mitgliedsstaaten der UN ratifiziert haben. Im Rahmen dieses Paktes sind regelmäßige Überprüfungen vereinbart worden, bei denen es darum geht, wie sehr die Staaten die Menschenrechte einhalten. Das ist eine Möglichkeit, um das Thema Religionsfreiheit auf den Tisch zu bringen, für die die öffentliche Aufmerksamkeit in der Regel auch sehr hoch ist.

Was gibt es denn in Europa in Sachen Religionsfreiheit noch zu tun?
Bielefeldt:
Man wird sagen können, dass es in Europa um die Menschenrechte und auch um die Religionsfreiheit in der Regel gut bestellt ist. In Westeuropa gibt es keine aktive Verfolgung religiöser Minderheiten von Staats wegen. Gleichwohl bestehen Defizite, wenn es um die Gleichstellung der Angehörigen unterschied­licher Religionen geht. Da findet sich ein Gefälle zwischen Mehrheits- und Minderheitsreligionen. In einzelnen Ländern, etwa Griechenland, führt das zu Schwierigkeiten: Da ist die griechisch-orthodoxe Kirche von der Verfassung so bevorzugt, dass die Missionstätigkeit anderer Gruppen verboten wird. Mitglieder der Zeugen ­Jehovas etwa sind deswegen sogar schon ins Gefängnis gekommen. Und dann gibt es da noch eine völlig ­andere Ebene – etwa, wenn populistische Politiker, oft aus Oppositionsparteien, gegen religiöse Minderheiten hetzen. Dazu zählt etwa die islamfeindliche Partei des Holländers Geert Wilders. Hier hat der Staat die Aufgabe, die Menschenrechte nicht durch Extremisten gefährden zu lassen.

Wenn ein Menschenrecht so umstritten ist, wie die Religionsfreiheit – dient es dann dem Frieden?
Bielefeldt:
Die Religionsfreiheit ist auf jeden Fall ein Weg zum Frieden. Wobei der Frieden an dieser Stelle so definiert ist, dass jeder Mensch in Würde und Freiheit leben kann. Das ist für mich Maßstab des Friedens. Und wer die Menschenrechte, auch die Reli­gionsfreiheit durchsetzt, setzt sich damit für den Frieden ein.

Die neue Lust am Predigen

9. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Predigtkultur: Zur »Runderneuerung« nach Wittenberg – wie sich ein gestandener Pfarrer neue Anregungen für seine Kanzelreden holt.

Das Zentrum für evangelische Predigtkultur in ­Wittenberg beschäftigt sich nicht nur theoretisch mit der Predigt. Es bietet auch Einzelcoachings für Pfarrer an.

Frohe Heiterkeit statt Anspannung: Kommunikationstrainer Felix Ritter (l.) legt sich voll ins Zeug, um Pfarrer Uwe Vetters Ausstrahlung beim Predigen zu verbessern. Foto: Maxie Thielemann

Frohe Heiterkeit statt Anspannung: Kommunikationstrainer Felix Ritter (l.) legt sich voll ins Zeug, um Pfarrer Uwe Vetters Ausstrahlung beim Predigen zu verbessern. Foto: Maxie Thielemann

Große Gesten sind nicht Uwe Vetters Art. Lieber stellt sich der Pfarrer hinter als vor das Rednerpult. Kerzengerade, mit geschlossenen Füßen und skeptischem Blick steht er, liest seine Predigt. Die ist schön formuliert, mit Humor geschrieben, nah am Leben orientiert. Und doch will der Funke nicht auf den Zuhörer überspringen. Uwe Vetter empfindet das so: »Wir Pfarrer sind Aushängeschilder und wenn man sich da ein gewisses Schamgefühl bewahrt, dann muss man in die Fortbildung.« Mit ernster Miene setzt er nach: »Es gibt keine Alternative.«

Uwe Vetter ist extra aus Düsseldorf nach Wittenberg gereist, ins Zentrum für Evangelische Predigtkultur. Das Rednerpult steht dort im dritten Stock des alten Rathauses im Büro von ­Alexander Deeg. Deeg ist Leiter des im vergangenen Jahr eröffneten Predigtzentrums der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Das Angebot des eintägigen ­Predigtcoachings »Cura homiletica« ist ganz neu. Uwe Vetter ist einer der ersten Teilnehmer.

Seit sieben Jahren predigt Vetter in der Düsseldorfer Citykirche. Der 53-Jährige hat ein anspruchsvolles Publikum, denn in die Kirche mitten in der Düsseldorfer Innenstadt kommen vor allem Menschen, die mit Religion eher wenig zu tun haben. Von einer guten Predigt ließen sie sich überzeugen, meint Uwe Vetter. Seine Schlussfolgerung: Wenn er seine Gottesdienstgemeinde vergrößern will, müssen seine geistlichen Reden besser werden.

»Noch viel besser kann man sie fast gar nicht machen«, findet Alexander Deeg, der als Vorbereitung auf das Coaching zwei Predigten von Vetter gelesen hat. Er ist begeistert von dem Schreibstil, von der Dramaturgie und dem feinen Witz und lässt sich erklären, wie Vetter beim Schreiben vorgeht. Gemeinsam sitzen sie mit Deegs Kollegen, dem Dramaturg Dietrich Sagert, bei Kaffee und Kuchen. Der Zeitplan ist großzügig. Das Coaching – der Begriff kommt ursprünglich aus dem Sport und bedeutet so viel wie trainieren, betreuen – ist vielmehr gegen­seitiger Austausch und Erkenntnisgewinn als einseitige Lehre. Man wolle selber dazulernen, betont Alexander Deeg und »bloß keine Routine«.

Denn schließlich soll das Predigen Spaß machen. Deeg nennt es »die Lust am Predigen steigern«. Und das sei gar nicht immer so einfach, »denn bei vielen Pfarrerinnen und Pfarrern ist angesichts der großen Belastung im Pfarramt die Lust gar nicht immer so riesengroß.« Das weiß der studierte Theologe aus eigener Kanzel-Erfahrung. Dennoch glaubt er, dass die evangelische Predigt eine gigantische Chance sei: »Wir wissen aus Befragungen von Kirchenmitgliedern der EKD, wie hoch geschätzt die evangelische Predigt immer noch wird, vor allem in Ostdeutschland.« Nur dürfe man so ein Predigttraining niemandem aufzwängen. Es richtet sich daher vor allem an besonders ­ herausgeforderte Prediger. Das kann beispielsweise der Bischof sein oder ein Pfarrer, der acht Dorfkirchen gleichzeitig zu betreuen hat.

Uwe Vetter hat sich angesprochen gefühlt, weil er seit Jahren an seinen Predigten arbeitet. Schon seine erste Gemeinde nahe Wuppertal legte großen Wert auf die Predigtexte. Danach lebte er für sechs Jahre in London, ­betreute die dortige Deutsche Gemeinde. »Da stand ich in Konkurrenz zu ­meinen anglikanischen Kollegen«, ­erinnert sich Vetter schmunzelnd. »Sie haben eine andere Redekultur, die sehr pointiert ist und unterhaltsam. Von denen hab ich mir etwas abgeguckt.«

Abgucken ja, verstellen lieber nicht, meint Dietrich Sagert, der beim Predigtzentrum für Redekunst und Rhetorik zuständig ist und jahrelang als Regisseur gearbeitet hat. Mit Schauspieltraining sei das Predigtcoaching nicht zu vergleichen: »Es muss schon eine Verbindung zur Person geben, die mit dem, was man den persönlichen Glauben nennen kann, etwas zu tun haben muss. Und das macht es handwerklich so schwierig.« Sagerts Part an diesem Tag ist das ­Dazwischenreden. Er lässt Vetter seine Predigt vortragen, und feuert ihn dabei regelrecht an, animiert ihn zu mehr Blickkontakt, zu Pausen, insgesamt zu mehr Lebendigkeit.

Uwe Vetter lässt sich bereitwillig darauf ein. Das sei wichtig, denn »ich möchte ja glauben, was der Mensch auf der Kanzel sagt«, findet Kommunikationstrainer Felix Ritter, der unter anderen für die ZDF Fernsehgottesdienste arbeitet und mit Uwe Vetters ernster Ausstrahlung spielt. So lässt er ihn zum Beispiel eine Bibelgeschichte so erzählen, als wäre er als Reporter selbst dabei. Der Pfarrer legt seinen ernsten Gesichtsausdruck ab, spielt mit.

Viele Anregungen steckt Pfarrer Uwe Vetter nach diesem Tag in seinen Rollkoffer. Die anfängliche Anspannung scheint einer frohen Heiterkeit gewichen zu sein. Er habe sich gewünscht, Schwächen zu erkennen und Stärken auszubauen, erzählt er beim Hinausgehen. »Und beides ist heute wirklich sehr gut gelungen. Ich habe jedenfalls ein sehr gutes Gefühl. Das sollte es eigentlich für jeden ­geben. Schade, dass sich so wenige trauen.«

Maxie Thielemann

»Sparen ja, aber ausgewogen«

1. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Nikolaus Schneider, der amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und Präses der rheinischen  Kirche, besuchte in der vergangenen Woche die Evangelische Verlagsanstalt in Leipzig und die Redaktion der Kirchenzeitung »DER SONNTAG«. Foto: Armin Kühne

Nikolaus Schneider, der amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und Präses der rheinischen Kirche, besuchte in der vergangenen Woche die Evangelische Verlagsanstalt in Leipzig und die Redaktion der Kirchenzeitung »DER SONNTAG«. Foto: Armin Kühne


Alle reden vom Sparen – im Staat wie in der Kirche. Christine Reuther sprach ­darüber mit dem Ratsvor-
sitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider.

Herr Ratsvorsitzender, wie sehen Sie das Sparpaket der Bundesregierung?
Schneider:
Mit diesem Sparpaket hat die Bundesregierung einen Schwerpunkt gesetzt bei Bildung und Entwicklung. Das begrüße ich außerordentlich. Aber es gibt Kürzungen im Sozialbereich, die ich für unausge-
wogen halte. Für die Kürzung beim ­Elterngeld mag es zwar eine richtige systematische Begründung geben, aber die hilft nicht, denn die Menschen haben dann einfach zu wenig Geld. Es gibt ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, dass die derzeitigen Sätze für Hartz IV vermutlich nicht ausreichend sind, auf jeden Fall nicht für die Kinder und Jugendlichen. Das Elterngeld für Hartz-IV-Empfängerin­nen zu streichen, ohne diese Schieflage korrigiert zu haben, ist nicht in Ordnung. Wenn sie die wachsende Zahl der Tafeln in unserem Land ­sehen, dann ist das ja ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Grundsicherung den Grund eben nicht mehr ­sichert. Also: Diese Kürzungen sind sozial unausgewogen und müssen ­kritisiert werden.

Was würden Sie anders machen?
Schneider:
Ich würde die Ausgaben- und die Einnahmenseite betrachten. Es ist eine ideologische Engführung zu sagen, Steuern dürfen auf gar keinen Fall erhöht werden. Zumal in einer Situation, wo das obere Segment unserer Gesellschaft durch einige Sprecher sagt: Wir sind bereit, unseren Teil zu tragen. Aus diesem Grunde sollte man auch die Einnahmeseite analysieren und starken Schultern auch eine größere Last auflegen.

Sehen Sie den inneren Frieden bedroht, wenn die angekündigten Kürzungen immer wieder Menschen zu Protesten auf die Straße treiben?
Schneider:
Eine Gefahr ist zumindest da. Diese Tendenz, dass sich unsere Gesellschaft immer weiter auseinanderentwickelt, haben wir seit 20 Jahren. Es ist ein schleichender Prozess: Eine Weile geht es gut, und dann könnte ein Punkt kommen, wo sich die Empörung Bahn bricht. Dann ist das auslösende Moment häufig gar nicht mehr wichtig. Aber aufgrund dessen, was sich aufgestaut hat, haben die Leute die Nase voll und sagen: Jetzt ist Schluss. Möglich, dass wir uns einem solchen Punkt nähern.

Sie beobachten diese Entwicklung seit 20 Jahren, sagen Sie. Sehen Sie einen Zusammenhang mit der deutschen Einheit?
Schneider:
Diese Entwicklung hat viele Ursachen, besonders die Globalisierung. Aber dass mit dem Zusammenbruch der Ostblockregime den westlichen Demokratien die Systemkonkurrenz weggefallen ist, hat auch dazu geführt, dass soziale Standards abgebaut wurden. Ich beobachte einen schleichenden Transformationsprozess von einer sozialen Marktwirtschaft hin zu einer radikalen Marktwirtschaft.

Was kommt auf die Kirchen zu, wenn auch dort die Einnahmen weniger werden?
Schneider:
Harte Zeiten. Die Kirchen haben ja nicht die Möglichkeit, sich wie der Staat über beide Ohren zu verschulden – und das ist auch gut so. Wir werden also sortieren müssen, was künftig von Kirchensteuern zu finanzieren ist. Und dann wird es Bereiche geben, wo wir verstärkt Mittel einwerben müssen. Das werden schmerzhafte Prozesse sein.

Hat das Auswirkungen auf den angestoßenen Reformprozess?
Schneider:
Bei dem Reformprozess gibt es ein paar Elemente, die für eine solche Debatte von großer Bedeutung sein können. Es ist für die Kirche völlig unverzichtbar, in die Gesellschaft hineinzuwirken. Doch dann müssen wir auch die Instrumente dafür haben. Zum Beispiel so eine Kirchenzeitung wie die Ihre, die sowohl nach innen Verständnis für die Lage der Kirche vermittelt aber auch wichtige gesellschaftliche Themen transportiert – in die Kirche hinein und aus der Kirche heraus. Wir müssen nur aufpassen, dass wir durchs Sparen ­unseren Auftrag nicht beschädigen: Nämlich das Evangelium von der freien Gnade Gottes unters Volk zu bringen.

Und wie kann die Kirche der Zukunft mit weniger Geld auskommen?
Schneider:
Die Stärke unserer Volkskirche ist, dass wir alle zusammengehören. Aber die Schwäche ist häufig, dass die Menschen zu wenig das Bewusstsein entwickelt haben, dass das ihre Sache ist. Unsere Leute müssen sagen: Kirche ist meine Sache, und wenn ich mich nicht engagiere, dann gibt es viele kirchliche Aktivitäten nicht mehr.

Ohne Wehrpflicht kein Zivildienst

25. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Ungewisse Zukunft: Befürworter der Wehrpflicht argumentieren gern, dass damit die Verselbstständigung einer Berufsarmee zum »Staat im Staate«, wie in der Weimarer Republik, verhindert werde.	Foto: epd-bild/Thomas Frey

Ungewisse Zukunft: Befürworter der Wehrpflicht argumentieren gern, dass damit die Verselbstständigung einer Berufsarmee zum »Staat im Staate«, wie in der Weimarer Republik, verhindert werde. Foto: epd-bild/Thomas Frey


Geliebt war die Wehrpflicht nie. Das Diktat knapper Kassen lässt jetzt sogar Unionspolitiker über ein mögliches Ende nachdenken.

Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hat das bislang Undenkbare gesagt und eine »Aussetzung« der Wehrpflicht vorgeschlagen. Derzeit wird im Verteidigungsministerium geprüft, welche Konsequenzen das für die Landesverteidigung hätte. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille: Wenn die Wehrpflicht wegfiele, gäbe es auch keine Zivildienstleistenden mehr. Das hätte finanzielle Folgen und würde die Wohlfahrtsverbände vor große Herausforderungen stellen.

Geprüft wird auch im Bundesfamilienministerium. Denn wenn keine Soldaten mehr eingezogen werden, können auch keine Zivis mehr zum Dienst verpflichtet werden: »Als Wehrersatzdienst folgt der Zivildienst dem Wehrdienst«, heißt es aus dem Ministerium. Alles Weitere müsse der Gesetzgeber klären. Das Bundesamt für den Zivildienst zog im vergangenen Jahr rund 90500 Kriegsdienstverweigerer zum Dienst ein.

Die Wohlfahrtsverbände bereiten sich derweil auf eine Zeit nach dem Zivildienst vor. »Für unsere Einrichtungen wird es ein Verlust sein, aber sie werden nicht untergehen«, zeigt sich Oberkirchenrat Christian Schönfeld, Vorsitzender des Diakonischen Werkes Sachsens, überzeugt. 444 Zivis leisten derzeit in einer Einrichtung der sächsischen Diakonie ihren Dienst. Mit mehr als 1500 anerkannten Zivildienststellen ist der Wohlfahrtsverband einer der großen Anbieter im Freistaat. Ähnlich sieht es im Bereich des Diakonischen Werkes Evangelischer Kirchen in Mitteldeutschland aus. Hier sind im Bereich der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland zurzeit 476 Zivis im Einsatz, 36 weitere in Einrichtungen der anhaltinischen Kirche.

Einen Verlust sieht Schönfeld aber noch auf einer ganz anderen Ebene: »Ich halte es für eine Tragik, wenn junge Leute nicht mehr mit sozialen Dienstfeldern vertraut gemacht werden. Viele junge Männer haben durch den Zivildienst erst den Schatz der sozialen Arbeit kennengelernt«, so der Theologe.

Das katholische Malteser-Hilfswerk beschäftigt bundesweit nur noch 1200 Zivis. »Das ist nur ein Bruchteil dessen, was wir noch vor zehn Jahren an Zivis hatten«, sagt Sprecherin Claudia Kaminski. Sollten die Zivis wegfallen, hätte dies auch finanzielle Konsequenzen. Die meisten Zivis arbeiten bei den Maltesern im Behindertentransport, dem Menü-Bringdienst oder beim Hausnotruf. »Als Ersatz müssten wir geringfügig Beschäftigte und Hauptamtliche einsetzen. Das wird teurer und trifft dann vor allem die Kommunen«, so Kaminski.

Solche Äußerungen bringen den Geschäftsführer der Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer mit Sitz in Wilhelmshaven, Peter Tobiassen, auf die Palme: »Einrichtungen, die ihre Zivis gemäß den Bestimmungen eingesetzt haben, werden mit einem Wegfall der Wehrpflicht kein Problem haben.« Wer finanzielle Probleme bekomme, habe folglich bislang die Zivis als günstige Arbeitskräfte missbraucht. Dies betreffe vor allem private Pflegedienste und privatisierte Krankenhäuser. Fast ein Drittel aller Zivis arbeiteten mit Billigung des Bundesamtes bei Privatfirmen.

Sollte die Wehrpflicht wegfallen, ginge damit eine alte Forderung der Zentralstelle in Erfüllung, sagt Tobiassen. »Eine Wehrgerechtigkeit gibt es schon lange nicht mehr.« Von allen gemusterten Männern eines Jahrgangs werde nur die Hälfte tauglich geschrieben. Davon verweigere wiederum die Hälfte. Von den dann noch verbleibenden Männern müsse wiederum nur die Hälfte tatsächlich in die Kasernen einziehen.

Im vergangenen Jahr wurden noch 68300 Männer in die Kasernen einberufen, bestätigt ein Sprecher der Bundeswehr. Davon leisten jedoch nur 35000 ihren neunmonatigen Grundwehrdienst. Der Rest dient freiwillig länger oder schlägt eine Karriere als Berufssoldat ein. Auf der anderen Seite sind nach Informationen des Bundesamtes für den Zivildienst nahezu alle 90500 Kriegsdienstverweigerer zum Zivildienst eingezogen worden.
Diese Sicht unterstützt auch Ex-Bischöfin Margot Käßmann, Präsidentin der Zentralstelle. Erst in der vergangenen Woche sprach sie sich in einem epd-Interview für die Abschaffung der Wehrpflicht aus.

Um den Wegfall des Zivildienstes auszugleichen, müssten dafür Freiwilligendienste wie das Freiwillige Soziale Jahr attraktiver und mehr Vollzeitstellen im ­Sozialwesen geschaffen werden. »Das Geld, das für die bürokratische Organisation von Zivil- und Wehrdienst ausgegeben wird, sollte besser an die sozialen Träger fließen, um Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen«, sagte die frühere Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Unerwartete Schützenhilfe erhalten Tobiassen und Käßmann von dem Historiker und Publizisten Michael Wolffsohn, der an der Universität der Bundeswehr München Neuere Geschichte lehrt. Der stellte den Begriff »Wehrgerechtigkeit« in einem Interview mit dem Nordwestradio in das Reich der Legende: »Ein schönes Wort, aber nichts dahinter.« Die Abschaffung der Wehrpflicht sei ein konsequenter Schritt: »Ob das gut ist oder schlecht ist, steht auf einem ganz anderen Blatt.«

Jörg Nielsen und Harald Krille

(GKZ/epd)

Schneisen im Wirrwarr der Weltanschauungen

17. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Interview: Reinhard Hempelmann zu den Geistesströmungen in Gesellschaft und Kirche

Seit 50 Jahren analysiert und dokumentiert die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) die religiösen und weltanschaulichen Strömungen der Gegenwart. Benjamin Lassiwe sprach mit ihrem Leiter, dem Theologen Reinhard Hempelmann.

Reinhard Hempelmann

Reinhard Hempelmann

Herr Dr. Hempelmann, was hat die EZW in den letzten 50 Jahren getan?
Hempelmann:
Die EZW hat in den letzten 50 Jahren kontinuierlich Zeitströmungen und religiös-weltanschauliche Entwicklungen beobachtet, beschrieben und gedeutet. Sie hat ihre Ergebnisse im Materialdienst, in zahlreichen EZW-Texten und in Büchern dokumentiert. Dadurch wurde die EZW zu einem Dienstleister für Kirchen, Gemeinden, ebenso für die säkulare Öffentlichkeit. Der Ausgangspunkt unserer Arbeit war dabei ­immer ein ganz konkreter und ist es bis heute geblieben: Die Beantwortung von Fragen, die die EZW jeden Tag per Post, per Telefon, heute oft auch per E-Mail ­erreichen.

Was für Fragen werden heute an die EZW gestellt?
Hempelmann:
Die Fragerichtungen sind so vielfältig wie die verschiedenen Referatsbereiche, die ganz unterschiedliche Themenschwerpunkte haben. Menschen erkundigen sich nach nicht-christlichen Religionen in Deutschland, sie fragen nach Pfingstkirchen und ihrer Glaubwürdigkeit, nach Anbietern auf dem Coaching-Markt und esoterischen Heilungspraktiken. Gefragt wird auch nach Chancen und Grenzen des Dialoges mit den Zeugen Jehovas, mit der Neuapostolischen Kirche, mit der anthroposophisch beeinflussten Christengemeinschaft. Kann die Neuapostolische Kirche Mitglied einer örtlichen »Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen« werden? Gibt es begründete Grenzen der christlichen Ökumene, und wo liegen diese? Mit ­solchen Fragen wenden sich Einzelpersonen und Gemeinden an die EZW – und wir versuchen, darauf einzugehen und eine Antwort zu geben.

Gibt es Beobachtungen, die Ihnen derzeit besonders Sorgen machen?
Hempelmann:
Gesellschaftliche Milieus driften auseinander und werfen die Frage nach dem Zusammenhalt der Gesellschaft auf. Auch kirchliche Milieus differenzieren sich aus. So gibt es ganz unterschiedliche Perspektiven und Visionen im Blick auf das, was Kirche heute heißen könnte und sollte. Innerhalb der evangelischen Landeskirchen gibt es – ­etwas vereinfachend gesprochen – eine volkskirchlich-liberale Vision von Kirche, eine missionarisch-evangelistische, eine charismatische und eine ökumenisch-konziliare Vision von Kirche. Darum entwickeln sich dann Milieus, deren Kommunikationsbereitschaft schwieriger zu werden scheint. Das heißt: Die Milieus gehen immer weiter auseinander und lassen die Frage des Umgangs mit Vielfalt und den Chancen und Grenzen des innerkirchlichen Pluralismus virulent werden. Was ist legitime Vielfalt und wie viel Profil ist notwendig, damit der Pluralismus nicht zur Beliebigkeit wird? Unsere Kirchen stehen hier vor großen Herausforderungen.

Sie sprachen bereits von den Grenzen der christlichen Ökumene. Was hat die EZW damit zu tun?
Hempelmann:
Vorrangiges Thema der EZW ist nicht die christliche Ökumene, sondern der Dialog der Religionen und Weltanschauungen und die christliche Apologetik. Es gibt Religionsgemeinschaften, bei denen der Wunsch besteht, sich der christlichen Ökumene anzunähern. Andere betonen pointiert, dass sie eine christliche Religionsgemeinschaft sind. Die Religionsgemeinschaft der Mormonen versteht sich selbst als christlich, interpretiert die christliche Tradition aber in einer sehr spezifischen Weise. Sie versteht das Buch Mormon als göttliche Offenbarung und stellt es neben die Bibel. Unter anderen Kirchen gibt es jedoch einen Konsens darüber, dass damit eine fundamentale Differenz zum allgemeinen christlichen Selbstverständnis gegeben ist. Der Kanon der Bibel ist nicht ergänzungsbedürftig. Das gemeinsame Hören auf die Bibel ist für die Ökumene grundlegend. Und dann gibt es Religionsgemeinschaften, die der Ökumene gegenüber viele Jahre distanziert und ablehnend waren, und mittlerweile jedoch Offenheit für andere christliche Kirchen gewonnen haben.

Zum Beispiel?
Hempelmann:
Ich zähle dazu Teile der Pfingstbewegung, ebenso Teile des Adventismus. Teile der Pfingstbewegung lassen sich heute in das vielgestaltige Spektrum einer evangelikal geprägten Freikirchlichkeit einordnen. Die Sieben-Tags-Adventisten haben einen Gaststatus in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen inne und sind ebenso Gastmitglied in der Vereinigung Evangelischer Freikirchen. Sie stellen die gemeinsamen Glaubensüberzeugungen aller Christen in den Vordergrund ihrer Glaubensauffassung. Die für den Adventismus typische Gestalt der Endzeiterwartung und die Praxis der Sabbatheiligung spielen eine Rolle, werden aber nicht in den Vordergrund gestellt. Gleichzeitig zeigt sich: Die im Adventismus vorgenommene Betonung des alttestamentlichen Gesetzes für die Lebensführung ist eine nach wie vor strittige Frage.

Vor 20 Jahren hat man prophezeit, der Osten Deutschlands werde wieder christlich werden. Gleichzeitig haben Sektenexperten davor gewarnt, dass immer mehr Gurus und selbst ernannte Propheten in Ostdeutschland auf Anhängerfang gehen. Wie sieht es heute aus?
Hempelmann:
Es hat selbstverständlich den Versuch von Guru-Bewegungen, Sondergemeinschaften und Sekten gegeben, in Ostdeutschland die eigene Präsenz zu verstärken. Dieser Versuch ist meines Erachtens gescheitert. Die Skepsis und Distanz gegenüber allem Religiösen und Weltanschaulichen ist so groß, dass die Mission solcher Gruppen ähnlich wie die Mission der Kirche erfolglos blieb. Wir haben in Ostdeutschland eine andere Religionskultur als im Westen.

Wirkt sich das auch auf die Arbeit der EZW aus? Gibt es eine Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen in Ostdeutschland?
Hempelmann:
Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind in Ost- und Westdeutschland gleich. Wir arbeiten mit staatlichen Informationsstellen zusammen. Da für den Staat das Prinzip der Neutralität und der Nichtidentifikation mit einer Religion oder Weltanschauung gilt, muss er im Blick auf Bewertungen Zurückhaltung üben. Selbstverständlich sind wir bereit, Informationen, die wir zu einer Religionsgemeinschaft haben, zur Verfügung zu stellen.

Wie oft wurden Sie denn deswegen schon verklagt?
Hempelmann:
Informationen sind nichts, für das man verklagt werden kann. Verklagt wird man, wenn man Stellung bezieht und Kritik übt. Als EZW ist unser vorrangiges Interesse die Information. Aber wir scheuen uns auch nicht, unsere Meinung zu sagen. Wir tun dies aus der Perspektive eines christlichen Verständnisses von Mensch und Welt. Es gibt auch religiösen Missbrauch, über den geredet werden muss, auch öffentlich. Es gibt vereinnahmende Formen von Religion. Man muss da nicht nur an Scientology oder das Universelle Leben denken. Nicht immer lassen sich Konflikte vermeiden. Die Unterscheidung der Geister gewinnt eben auch Gestalt im kritischen Widerspruch gegenüber verletzenden und krankmachenden Formen von Religiosität.

Blutige Propagandaschlacht

Klares Feindbild: Libanesische Demonstranten verbrennen am vergangenen Sonntag eine mit blutigen Handabdrücken versehene israelische Fahne in der Nähe der Beiruter US-Botschaft. Foto: picture alliance/dpa

Klares Feindbild: Libanesische Demonstranten verbrennen am vergangenen Sonntag eine mit blutigen Handabdrücken versehene israelische Fahne in der Nähe der Beiruter US-Botschaft. Foto: picture alliance/dpa


Auf den ersten Blick scheint es klar: Israel hat mit der Aktion gegen die Hilfsflotte für Gaza gezeigt, wo es steht – auf der Seite des ­Bösen. Doch so einfach ist die Sache nicht.

Das Ziel stand eindeutig fest: Die Flotte »Free Gaza« sollte mit 700 Friedensaktivisten und 10000 Tonnen Hilfsgütern an Bord einen Weg nach Gaza öffnen, auf dem dann »monatlich ähnliche Schiffskonvois« folgen sollten. So Mohammed Kaya, der Leiter des Büros der »Internationalen Humanitären Hilfsorganisation« (IHH) in Gaza, am 21. Mai.

Zur Erinnerung: Israel blockiert den Gazastreifen, weil dort ein israelischer Soldat, Gilad Schalit, seit Sommer 2006 festgehalten wird – ohne ­jeden Kontakt zur Außenwelt. Nicht einmal das Rote Kreuz durfte ihn bislang besuchen. Zudem will Israel den Palästinensern klar machen: Der Beschuss Südisraels mit Raketen ist nicht akzeptabel. Vor dem Gazakrieg zum Jahreswechsel 2008/2009 waren mehr als 10000 Raketen von Gaza auf Israel abgeschossen worden. Seit Februar 2009 sind es schon wieder fast 500. ­Israels Premierminister Benjamin Netanjahu erklärt die Politik seiner Regierung »ganz einfach«: »Humanitäre und andere Güter kommen rein. Waffen und Rüstungsgüter nicht.«

So liefert Israel pro Woche weit mehr Hilfsgüter nach Gaza, als der ­gesamte Schiffskonvoi »Free Gaza« bringen wollte. Die Israelis beteuern: »Eine humanitäre Krise gibt es in Gaza nicht!« Pro-palästinensische Hilfsorganisationen kontern, die Lieferungen reichten bei weitem nicht aus, um »die enormen Bedürfnisse der erschöpften Bevölkerung zu befriedigen«.

Bis heute steht das Angebot, humanitäre Hilfsgüter über den Hafen Aschdod und israelische Sicherheitskontrollen ihrer Bestimmung in Gaza zukommen zu lassen. Aber die Verantwortlichen der »Free Gaza«-Flotte lehnten dieses Angebot genauso ab, wie die Bitte von Noam Schalit, seinem Sohn Gilad ein Päckchen und einen Brief zu überbringen. Deshalb ist der Schluss des israelischen Außenministers Danni Ayalon nicht ganz von der Hand zu weisen: »Die Aktion ‚Free Gaza’ hatte niemals eine humanitäre Zielsetzung, sondern war eine Provokation, um die Hamas zu unterstützen.«

Mehrfach weigerten sich die Besatzungen der sechs Schiffe am frühen Morgen des 31. Mai 2010, der Aufforderung der israelischen Kriegsmarine Folge zu leisten und in den Hafen von Aschdod einzulaufen. So beschloss die israelische Führung, die Schiffe zum Kurswechsel zu zwingen. Auf fünf Frachtschiffen der Flotte »Free Gaza« gelang es den Marinesoldaten problemlos, das Steuer zu übernehmen. Auf dem Passagierschiff »Mavi Marmara« aber waren die Friedens­aktivisten gut auf die Ankunft der ­israelischen Soldaten vorbereitet – wie Aufnahmen der Sicherheitskameras auf dem Schiff sowie Filmaufnahmen von Aktivisten bestätigen. Mit Schockgranaten und einem starken Wasserstrahl sollten die Elitesoldaten am Entern gehindert werden. »Wir waren auf passiven Widerstand und friedliche Demonstranten eingestellt«, erzählt Hauptmann R., »und sahen uns Terroristen gegenüber, die uns töten wollten.«

Eigentlich hätten die israelischen Soldaten und ihre Kommandeure von Engagement und Motivation der Blockadebrecher nicht überrascht sein dürfen. Einen Tag zuvor hatte Dr. Abd Al-Fatah Schayyek Naaman, ­Gast­dozent aus Jemen an der Universität Gaza, im Al-Aksa-Fernsehen der Hamas verkündet: »Sie werden Widerstand leisten, mit ihren Fingernägeln. Das sind Leute, die das Martyrium für Allah suchen. So sehr sie auch nach Gaza kommen wollen, das Martyrium ist doch erstrebenswerter.«

Anfangs war die Rede von 19 Toten. Dann wurde auf 15 Tote korrigiert. Bis schließlich klar wurde, dass neun ­Aktivisten, darunter vier Türken, ihr Leben verloren hatten. Sieben israelische Soldaten wurden teilweise schwer verletzt. Sie trugen unter anderem Knochenbrüche, Stichwunden im Unterleib und Schussverletzungen davon. Einer erlitt einen Schädelbruch.

Etwa 40 Friedensaktivisten hatten keinerlei Ausweispapiere bei sich. Dafür Gasmasken, kugelsichere Westen, Nachtsichtferngläser und verschiedene Waffen. Jeder dieser Männer hatte dieselbe große Summe Bargelds in der Tasche, zusammen mehr als eine Million US-Dollar. Israel vermutet, dass sie Al-Kaida-Söldner sind. Trotzdem bestreiten die Türken, dass sich irgendwelche Waffen an Bord der Mavi Marmara befunden haben. Immerhin hätten die Behörden alle Passagiere sorgfältig untersucht.

Zu diesen untersuchten Personen gehörte aber offensichtlich nicht das jemenitische Parlamentsmitglied Scheich Muhammad Al-Hasmi, der sich mit seinem Krummdolch in entsprechender Pose auf der Mavi Marmara fotografieren ließ. Al-Hasmi ­gehört zur Al-Islah-Partei, die der ägyptischen Moslembruderschaft verbunden ist.

Reflexartig sprachen arabische Medien und ihre Sympathisanten vom »Massaker auf hoher See«. Israelis konterten, ihre Soldaten seien »gelyncht« worden. In Online-Foren im Internet und im Facebook erfuhr das gesamte altbekannte, antisemitische Repertoire eine aktuelle Neuauflage. Lange bevor Fakten auf dem Tisch liegen konnten, zeigte sich die Welt schon einmal prophylaktisch empört über das blutrünstige Vorgehen des jüdischen Staates. »Tod den Israelis« forderten Aufkleber in der Türkei.

Auf Initiative der arabischen Staaten beschloss die UN-Menschenrechtskommission (UNCHR) eine Untersuchung – wobei bereits die Resolution zur Einrichtung der Untersuchungskommission Israel hart verurteilt. Und der Iran bedankte sich ausdrücklich bei Europa für dessen harte Reaktion auf »Israels barbarische Kommandooperation«.

Die Hilfsgüter der Flotte »Free Gaza« wurde auf Lastwagen verpackt und in Richtung Gaza geschickt. Doch die Hamas verweigerte deren Einreise. Offensichtlich kann man auch in Gaza mit Medikamenten, deren Verfallsdatum bereits in der Vergangenheit liegt, der Kleidung, den Decken, Rollstühlen und dem Spielzeug nichts anfangen. Dennoch befinden sich die nächsten Schiffe bereits auf dem Weg. Offensichtlich lohnen sich der finanzielle Aufwand und das persönliche Risiko der Beteiligten für den Propagandafeldzug der Feinde des jüdischen Staates.

Von Johannes Gerloff (Jerusalem)

Sieben biblische Tipps für Stürmer und Verteidiger

3. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Mit Augenzwinkern: Glaube und Fußball – was die Bibel den WM-Spielern zu sagen hat

In freudiger Erwartung: Wenn in der kommenden Woche in Südafrika die Fußball-Weltmeisterschaft eröffnet wird, werden ­Tausende Südafrikaner begeistert mitfeiern. 	Foto: epd-bild/Ulrich Doering

In freudiger Erwartung: Wenn in der kommenden Woche in Südafrika die Fußball-Weltmeisterschaft eröffnet wird, werden ­Tausende Südafrikaner begeistert mitfeiern. Foto: epd-bild/Ulrich Doering


Die Bibel sagt nichts zum ­Fußball? Wer so denkt, kennt das Buch der Bücher nicht – oder ist nicht so kreativ, wie unser Autor. Er hat rechtzeitig vor Beginn der Weltmeisterschaft in Südafrika entsprechende Hinweise für die Akteure zusammengestellt.

Zum Laufen hilft nicht schnell sein, zum Kampf hilft nicht stark sein … sondern alles liegt an Zeit und Glück.
Prediger 9,11; Judit 9,15; Tobias 13,11

Nein, liebe Fußballer, dieser Tipp bedeutet natürlich nicht, dass ihr nicht schnell laufen oder den Gegnern keine starken Kämpfe liefern sollt. Gemeint ist: Ohne eine gehörige Portion Glück hilft auch schnelles Laufen und hartes Kämpfen nicht. Diese Einsicht könnte auch Trost spenden, wenn’s mal trotz größter Anstrengung nicht geklappt hat. Helfen wird in jedem Fall ein Gebet vor dem Spiel – zum Beispiel mit den Worten der mutigen Witwe Judit: »Denke, Herr, an deinen Bund, und gib mir ein, wie ich vorgehen soll, und gib mir Glück dazu.« Und wenn das Glück hold und die Punkte sicher sind, empfiehlt sich ein Dankgebet: »Danke dem Herrn für dein Glück und preise den ewigen Gott.«

Verschont nicht ihre junge Mannschaft …
Jeremia 51,3; Lukas 6,27

Wer Gott auf seiner Seite weiß, kann sich gewiss sein: Er wird helfen, den Gegner zu besiegen. Zum Beispiel damals, zu Zeiten des Propheten Jeremia: Die fremde Macht Babel bedrohte Israel und hätte das kleine Land besiegen können. Gott springt seinem Volk zur Seite und schickt »Verderben bringenden Wind« (der im Falle eines Fußballspiels den Torball über die Latte wehen könnte). Danach scheint Gott die Gegner in eine Art Starre zu versetzen, denn es heißt: »Ihre Schützen sollen nicht schießen.« Am Ende folgt der himmlische Ratschlag, rücksichtslos gegen die gegnerische Elf vorzugehen. Wer diesen Tipp zu radikal umsetzen möchte, sei jedoch an Jesu ­Gebot der Feindesliebe erinnert und wäge ab: »Liebt eure Feinde!«

Einer empfängt den Siegespreis. Lauft so, dass ihr ihn erlangt!
1. Korinther 9,24; 2. Timotheus 4,7; Philipper 3,14

Es gab eine Zeit, auch in der kirchlichen Pädagogik, in der wurden für Kinder »Spiele ohne Sieger« vorgeschlagen. Spielen um des Spielens Willen war Ziel, damit niemand am Ende als Verlierer traurig ist und sich kein Sieger auf die stolz geschwellte Brust schlagen kann. Die Fußballer der Weltmeisterschaftsmannschaften haben hoffentlich anderes im Sinn: den WM-Pokal. Es geht nicht um den zweiten Platz, erst recht nicht um den dritten und vierten – es geht um den Siegespreis. Ist der empfangen, kann die Siegermannschaft wiederum mit den Worten des Apostels ­Paulus sagen: »Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet.« Und nach der WM hat jeder Zeit, über den Siegespreis nachzusinnen, den Paulus eigentlich meint: »Jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.«

Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, … dass sie laufen und nicht matt werden.
Jesaja 40,31

Neunzig Minuten, dazu womöglich noch eine Nachspielzeit und gar Elfmeterschießen: Das kann ganz schön an den Muskeln zerren und an den Energiereserven zehren. Massagen sind auf dem Platz nicht möglich. Ein Gebet schon. Denn die Verheißung des Propheten ­Jesaja gilt für alle Zeiten und alle Lebenslagen: Wer an die Hilfe Gottes glaubt, wird neue Kraft schöpfen und nicht ­laufmüde werden.

Sie umgeben mich von allen Seiten; aber im Namen des Herrn will ich sie abwehren.
Psalm 118,11; Habakuk 1,9

Vor dieser schwierigen Situation werden viele Spieler nicht bewahrt bleiben in den kommenden Wochen: Da stürmen drei oder vier Gegner mit dem Ball zum Tor, und der Verteidiger, allein auf weiter Flur, muss die Angreifer stoppen. Vielleicht kommt ihm ein Spruch des Propheten Habakuk in den Sinn und verstärkt die Angst: »Sie kommen allesamt, um Schaden zu tun; wo sie hinwollen, stürmen sie vorwärts.« Keine Chance? Doch, die gibt’s immer. Vor allem mit dem Bewusstsein, dass Gott im Spiel ist. Denn im Namen des Herrn lässt sich ­jeder Angriff parieren. Das wusste schon der Psalmist.

Die Plätze der Stadt sollen voll sein von Knaben und Mädchen, die dort spielen.
Sacharja 8,5

Fußballweltmeisterschaft in Südafrika – das bedeutet viel mehr als die offiziellen Spiele. Auch die südafrikanischen Kinder sind im Bann des Balles, träumen ­davon, einst vor großem Publikum auf dem grünen Rasen zu spielen. Die WM bedeutet Hoffnung für das ganze Land, besonders für die jungen Menschen am unteren Zipfel des armen Kontinents. Das sollten sich auch die Profi-Fußballer immer wieder ins Gedächtnis rufen und abseits ihrer Hotels und Spielstätten zu den Menschen vor Ort gehen. Dort können sie besonders den Kindern gute Vorbilder sein und ihnen Mut machen auf dem Weg in die Welt des Profifußballs.

Viele blieben erschlagen liegen bis an das Tor.
Richter 9,40; 2. Mose 20,13

Nein, alle Tipps der Bibel sollten die Fußballer nicht befolgen. Man kann eben nicht alle Sätze herausnehmen und auf eine völlig andere Situation anwenden. Denn erstens ist im Richterbuch mit »Tor« nicht ein Fußball-, sondern ein Stadttor gemeint. Und zweitens wiegt das Gebot »Du sollst nicht töten« immer schwerer als gegenteilige Äußerungen der Bibel. Wehe, da liegt jemand erschlagen vor dem Tor! Also, liebe Spieler: In euren Spielen geht es nicht um Leben und Tod, sondern um die Ehre und um einen Pokal. Nicht um mehr – aber auch nicht um weniger. Deswegen sind Schiedsrichter unerlässlich und grüne und rote Karten eine segensreiche Erfindung.

Von Uwe Birnstein

Der Autor Uwe Birnstein, geboren 1962, ist evangelischer Theologe und arbeitet als freischaffender Journalist für Print, Hörfunk und Fernsehen.

Buchtipp:
Birnstein, Uwe: Das Beste aus der Bibel, Echter-Verlag 2010, 224 Seiten, ISBN 978-3-429-03211-1, 12 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den ­Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643)246161

»Dieser Krieg ist nicht zu gewinnen«

28. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Interview: Für Ahmadullah Rahmani kann es Frieden in Afghanistan nur gemeinsam mit den Taliban geben

Kritiker der Afghanistan-Politik wie des Islams: Der Bielefelder Dozent und Buchautor Ahmadullah Rahmani, Foto: epd-bild

Kritiker der Afghanistan-Politik wie des Islams: Der Bielefelder Dozent und Buchautor Ahmadullah Rahmani, Foto: epd-bild


Das gerade veröffentlichte Friedensgutachten 2010 bringt es auf den Punkt: Die Afghanistanpolitik ist gescheitert. Der Exil-Afghane Ahmadullah Rahmani plädiert deshalb für Gespräche mit den Taliban, warnt den Westen aber zugleich vor falscher Toleranz gegenüber dem Islam. Holger Spierig sprach mit Rahmani.

Was empfinden Sie, wenn Sie Ihr Heimatland Afghanistan in den Nachrichten sehen?
Rahmani:
Es tut weh, Afghanistan im Zusammenhang mit Gewalt, Tod und Krieg zu erleben. Es tut mir auch sehr weh, wenn ich höre, dass wieder deutsche Soldaten umgekommen sind. Ich bin auf eine deutsche Schule gegangen. Die Deutschen waren in meiner Heimat immer sehr beliebt.

Wieso hat sich das geändert?
Rahmani:
Die Deutschen waren in Afghanistan als Helfer bekannt und geachtet. Die Taliban haben das erkannt. Sie sind deshalb in den Norden eingedrungen und haben die deutschen Soldaten dort attackiert. Die haben dann, ohne zu wissen, woher das ­genau kam, zurückgeschossen. Dabei sind auch Zivilisten umgekommen. Deshalb wollen heute viele Afghanen, dass die Deutschen abziehen. Wenn die Deutschen aber ihre Uniformen ausziehen würden und wieder als ­zivile Helfer arbeiten, bin ich sicher, dass ihnen nichts passieren würde.

Was waren die größten Fehler der westlichen Welt in Afghanistan?
Rahmani:
Die Fehler sind vor allem am Anfang gemacht worden. Für einen Afghanen gibt es nichts Schlimmeres, als wenn jemand ohne Rücksicht auf die Frauen und die Familie in sein Haus eindringt. Besonders die Amerikaner sind einfach in die Häuser gestürmt und haben alle Räume durchsucht. Wenn sie auf einen alten Mann mit einem langen Bart stießen, wurde der gleich als Taliban mitgenommen. Das Problem ist, dass man einem Afghanen in der Regel nicht ­ansehen kann, ob er ein Taliban ist. Tagsüber sitzt der in seinem Laden, abends geht er zu den Taliban und gibt Informationen über Truppenbewegungen weiter.

Wie kann Ihrer Meinung nach der Konflikt gelöst werden?
Rahmani:
Dieser Krieg ist militärisch nicht zu gewinnen. Die Taliban werden nicht aufgeben oder fliehen. Ohne eine Beteiligung der Taliban wird es keinen Frieden geben. Es gibt unter ihnen Gemäßigte, die zu Verhandlungen mit den Alliierten bereit wären. Ihre Bedingung ist aber, dass ein Abzugstermin für die ausländischen Truppen festgesetzt wird. Wenn sich die Alliierten darauf einließen, würden die Taliban augenblicklich ihre Kämpfe einstellen. Die Westmächte würden dann allerdings das Risiko eingehen, dass die Taliban einen islamischen Staat errichten und die islamische Rechtssprechung, die Scharia, wieder einführen. Das wollen zurzeit weder die afghanische Regierung noch die Alliierten.

Was wäre die Alternative?
Rahmani:
Die Alternative ist ein fluchtartiger Rückzug der alliierten Soldaten. Wenn nicht heute, dann vielleicht in fünf oder zehn Jahren.

Was macht die Taliban für die afghanische Bevölkerung so attraktiv?
Rahmani:
In Afghanistan gibt es schätzungsweise über 70 Prozent Analphabeten. Außerhalb der Städte ist man entweder Bauer oder arbeitslos. Die Taliban ­bieten den Arbeitslosen Geld, so kommen immer wieder Kämpfer dazu. Aber Taliban zu sein, ist eine Einbahnstraße. Wenn man einmal drin ist, kommt man nicht so leicht wieder raus.

Ein Schulfreund von Ihnen war ein hochrangiger Taliban, der im berüchtigten US-Gefangenenlager Guantanamo eingesperrt wurde. Sie haben seine Geschichte aufgeschrieben. Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesprochen?
Rahmani:
Ich habe seit fast neun ­Monaten keinen Kontakt mehr zu ihm. Die Taliban haben viele frühere Mitglieder, die nicht mehr mitmachen wollten, entführt und getötet. Ich nehme an, dass er deshalb untergetaucht ist. Vielleicht hat ihn auch die afghanische Regierung versteckt, um ihn zu schützen.

Ihr Freund Abdul Salam Zaeef war ein enger Vertrauter von Taliban-Führer Mullah Omar. Nehmen Sie ihm ab, dass er unschuldig ist?
Rahmani:
Mein Freund Abdul Salam war Mitglied der Taliban. Mitglied zu sein heißt nicht automatisch, mit Kalaschnikows zu kämpfen oder Terrorist zu sein. Er wurde als Botschafter der Taliban nach Pakistan geschickt. Er sagt, dass er keine Waffe angerührt hat und auch keine Anweisungen zu Mord gegeben hat. Ich habe ihn seit unserer gemeinsamen Kindheit lange nicht gesehen. Was er in diesen Jahren wirklich gemacht hat, weiß ich nicht. Wie ich aber sein Wesen kenne, kann ich mir nicht vorstellen, dass er irgendjemanden töten kann. Er ist ja auch schließlich von den Amerikanern aus Guantanamo freigelassen worden.

Sie bezeichnen sich als liberalen Moslem, sehen aber im Islam ein großes Gewaltpotenzial. Können Sie das erklären?
Rahmani:
Ich bin als Moslem geboren und aufgewachsen. Tatsache ist, dass der Islam in der Frühzeit auch mit dem Schwert verbreitet wurde. Terroristen berufen sich auf die Feldzüge Mohammeds und rechtfertigen damit Terror und Selbstmordattentate, obwohl das nach dem Koran eine absolute Sünde ist. Auch blenden sie dabei die guten Seiten des Korans komplett aus.

Wie sehen Sie die Situation heute?
Rahmani:
Es gibt auch heute viele Muslime, die Kriege im Namen des ­Islams befürworten. Sie reduzieren die westliche Welt darauf, dass Frauen halb nackt herumlaufen würden und dass Alkohol in der Öffentlichkeit erlaubt sei. Sie werfen der westlichen Welt vor, damit die islamische Kultur zu zerstören. Deshalb halten sie es für richtig, wenn die »Ungläubigen« aus dem Land gejagt oder getötet werden. Das ist aber total falsch. Wenn ich als Moslem in Europa lebe, sagt mir doch auch niemand: Du bist kein Christ, deshalb werde ich dich töten oder du musst Deutschland verlassen.

Können Sie die Befürchtungen der westlichen Welt gegenüber dem Islam nachvollziehen?
Rahmani:
Toleranz ist notwendig, sonst kann man nicht zusammenleben. Sich aus Angst vor dem Islam zurückzuziehen, wäre ein großer Fehler. Der Islam kennt keine Toleranz und ist ein Feind der Demokratie. So kann er gefährlich werden. Der Islam wird aber noch gefährlicher, wenn er merkt, dass die Menschen sich vor Angst zurückziehen. Die meisten gläubigen Muslime gehen in die Moschee zum Beten, und danach wieder nach Hause. Es gibt in den Moscheen aber auch Extremisten, die das ausnutzen. Diese Leute dürfen nicht zur Mehrheit werden. Die werden dann zwar nicht gleich Terroranschläge verüben, aber sie werden versuchen, ihre Meinung in dieser Gesellschaft durchzusetzen. Deshalb sollte man ihnen nicht zu viele Freiheiten gewähren.

Können Sie sich eines Tages eine Rückkehr nach Afghanistan vorstellen?
Rahmani:
Meine Familie und ich fühlen uns hier gut integriert, wir haben viele Freunde und eines meiner Kinder ist mit einem deutschen Partner verheiratet. Meine Frau und ich denken zwar oft an unsere Heimat. Wir wissen aber, das Land, in dem wir aufgewachsen sind, gibt es nicht mehr.

2. Ökumenischer Kirchentag: Das war’s! War’s das?

20. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Nicht nur Zaungäste: Orthodoxe Christen haben gemeinsam mit Katholiken und Protestanten den Kirchentag gefeiert – wie diese orthodoxe Christin aus Äthiopien.  Foto: epd-bild/Rüdiger Niemz

Nicht nur Zaungäste: Orthodoxe Christen haben gemeinsam mit Katholiken und Protestanten den Kirchentag gefeiert – wie diese orthodoxe Christin aus Äthiopien. Foto: epd-bild/Rüdiger Niemz


Rückblick: Nicht alle Erwartungen der 127000 Dauerteilnehmer wurden erfüllt

Nein, mit dem in der Hymne des Freistaates besungenen Himmel in den Farben Weiß und Blau war es nichts. Graue Wolken, Nieselregen und »gefühlte« Temperaturen im Frostbereich prägten den 2. Ökume­nischen Kirchentag in München. Und das, so muss man im Rückblick wohl sagen, war durchaus symptomatisch für die Situation der Christenheit in Deutschland. Da war die dunkle Wolke der Missbrauchsdiskussion, da war die allseits beklagte Stagnation der Ökumene. Natürlich ließ das – sowohl meteorologisch als auch ökumenisch – abgekühlte Klima die Menschen näher zusammenrücken. Doch der von vielen erhoffte große Aufbruch blieb weithin aus.

Das zeigt sich nicht zuletzt an der Zurückhaltung im Blick auf einen dritten gemeinsamen Kirchentag. »Zurückhaltend optimistisch« äußerten sich etwa der Bayerische evangelische Landesbischof Johannes Friedrich und der Münchner katholische Erzbischof Reinhard Marx. Vage wurde das Jahr 2017 genannt. Den Teilnehmern der orthodoxen Vesperliturgie mit anschließendem Brotbrechen auf Münchens Odeonsplatz konnte der Ablauf zum Symbol dafür werden, dass Ökumene die Geduld beansprucht: Weit mehr als eine Stunde vergingen mit ­liturgischen Lesungen, Gebeten, viel Weihrauchkesselschwenken und orthodoxen Chorgesängen, bevor das Austeilen des Brotes begann.

Der langjährige Vorsitzende der Deutschen (katholischen) Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, versuchte zwar die Hoffnung auf sichtbare Einheit zu bestärken, schwor die Zuhörer aber dennoch auf eine lange Wartezeit ein: Er habe in der Ökumene angesichts der tiefen theolo­gischen Differenzen nie eine »Nah­erwartung« gehabt, so Lehmann. Zudem konstatierte er eine »abnehmende theologische Veränderungsbereitschaft« – und meinte damit beide Partner des Dialogs zwischen Protestanten und Katholiken.

Das Kirchenvolk freilich sah (und sieht) es anders: »Wir tun, was wir für richtig halten und nicht mehr das, was uns unverständlich ist«, brachte es unter jubelndem Applaus ein Publikums-Statement am Ende der Lehmann-Veranstaltung auf den Punkt. Eine Situation, die an anderer Stelle sogar die Befürchtung laut werden ließ, die katholische Kirche stehe vor der realen Gefahr einer Spaltung, wenn aus der aktuellen Vertrauenskrise nicht echte Reformen folgten.

Bei all dem darf allerdings nicht vergessen werden, dass der 2. Ökumenisch Kirchentag seinen Namen erstmals wirklich verdiente: Waren doch sowohl die orthodoxen Kirchen als auch die protestantischen Freikirchen fest in das Programm ­eingebunden. Auch für manche der Freikirchen war die Beteiligung »eine erste ökumenische Öffnung«, wie Rosemarie Wenner, Bischöfin der Evangelisch-me-
thodistischen Kirche und Vorsitzende der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF), betonte. In Deutschland im Minderheitenstatus, sind viele dieser Glaubensgemeinschaften im Weltmaßstab große Kirchen mit einer vielfältigen theologischen Bandbreite.

»Zur Ökumene gibt es keine Alternative«, war ein oft gehörter und gern zitierter Satz in München. Es wird darauf ankommen, diese Überzeugung mit Leben zu füllen – in ­Kirchenleitungen und Bischofskonferenzen wie in den Gemeinden.

Harald Krille

Auf nach Dresden: Oberbürgermeisterin Helma Orosz und Landesbischof ­Jochen Bohl auf dem Münchner Stachus. 	Foto: Harald Krille

Auf nach Dresden: Oberbürgermeisterin Helma Orosz und Landesbischof ­Jochen Bohl auf dem Münchner Stachus. Foto: Harald Krille


Ausblick

Ein Trabant 600 zog vor dem gemeinsamen Pavillon des Freistaates Sachsen, der sächsischen Landeskirche und der Stadt Dresden auf dem Münchner Stachus die Blicke auf sich. Erst recht, als Landesbischof Jochen Bohl und Oberbürgermeisterin Helma Orosz am Sonnabend symbolisch gemeinsam das Gefährt bestiegen. Anschließend warben sie gemeinsam mit Kirchentagspräsidentin Katrin Göring-Eckardt auf der Bühne für den Besuch des (evangelischen) Kirchentags im kommenden Jahr in Dresden.

Das aus dem Matthäusevangelium (Kapitel 6, Vers 21) entnommene Motto der Dresdner Tage lautet »… da wird auch dein Herz sein«. Dies stelle die Frage: »Wo sammeln wir Schätze? Hier auf Erden oder im Himmel?«, so Landesbischof Bohl. Das Christentreffen vom 1. bis 5. Juni in der Elbmetropole werde deshalb »eine Zeitansage für die Gesellschaft in Zeiten eines entfesselten Kapitalismus« sein. Als weiteren thematischen Schwerpunkt kündigte Bohl die Frage der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus an.

Dass sich auch nach Dresden mindestens 100000 Menschen auf den Weg machen werden, davon zeigte sich Matthias Hoppe vom Landesausschuss des Kirchentags überzeugt. Sehr viele Besucher hätten sich in den Tagen im Pavillon über Dresden und den Kirchentag informiert. Die Reaktion sei durchweg positiv gewesen. Das Fazit seiner vielen Gespräche: »Der Name Dresden zieht.« Man könne deshalb im Blick auf die notwendigen Quartiere nur an die Gastfreundschaft aller Dresdner appellieren, so Hoppe.
(GKZ)

»Weniger ist Zukunft«

13. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Stadtumbau: Die Internationale Bauausstellung (IBA) in Sachsen-Anhalt stellt Lösungen für schrumpfende Städte vor

Ein noch ungelöstes Problem in Aschersleben ist eine stark befahrene Straße. Weil sich nur noch wenige dem Verkehrslärm aussetzen wollen, stehen viele Häuser leer und verfallen. Die Kunstwerke der »Drive Thru Gallery«, mit denen ­Baulücken geschlossen wurden, sind Hingucker und Diskussionsstoff. Foto: Jürgen Meusel

Ein noch ungelöstes Problem in Aschersleben ist eine stark befahrene Straße. Weil sich nur noch wenige dem Verkehrslärm aussetzen wollen, stehen viele Häuser leer und verfallen. Die Kunstwerke der »Drive Thru Gallery«, mit denen ­Baulücken geschlossen wurden, sind Hingucker und Diskussionsstoff. Foto: Jürgen Meusel

Arbeitsplätze sind rar. Geld ist es ebenso. 19 Städte in Sachsen-Anhalt suchten zwischen finanziellem Notstand und Gebäudeleerstand einen Weg in die Zukunft. Mit unterschiedlichen Ergebnissen.

Palmen aus schwarzem Metall recken sich zwölf Meter hoch gen Himmel. Weil das am Bahnhof von Aschersleben keiner erwartet, wandern Blicke hinauf zu den schwarzen Wedeln. Der Berliner Künstler Ralf Ziervogel zitiert mit seinen Kunstgewächsen, die sich zum W verkreuzen, den Hollywood-Klassiker »Eine total, total verrückte Welt«. Sie sind Teil der »weltweit ersten« Freiluftgalerie zum Durchfahren entlang einer problematischen Ortsdurchfahrt.

Die älteste Stadt Sachsen-Anhalts hat in den vergangenen acht Jahren die »Konzentration auf den Kern« zur Maxime erhoben. Marode Häuser an den Rändern wurden abgerissen, die Altstadt saniert und eine innerstädtische Industriebrache um- und ausgebaut und in die derzeit laufende Landesgartenschau integriert.

Aschersleben und weitere 18 Städte in Sachsen-Anhalt beteiligen sich seit dem Jahr 2002 an der Internationalen Bauausstellung (IBA) und der Präsentation ihrer Ergebnisse vom 9. April bis 16. Oktober. Unter dem vielsagenden Motto »Weniger ist Zukunft« versucht sie, Lösungen für schrumpfende Städte aufzuzeigen. Schon heute wohnen auf dem Gebiet Sachsen-Anhalts etwa 17 Prozent weniger Menschen als 1989. Der Abwärtstrend hält an (siehe Kasten). Denn noch immer wandern junge Menschen auf der Suche nach Arbeit ab, verliert das Land die nächste Familiengeneration.

In den 90er Jahren zerbrachen ganze Industriezweige, weil sie auf dem Weltmarkt nicht konkurrenzfähig waren: die Leunawerke, der größte Chemiebetrieb der DDR mit 30000 Beschäftigten, das Chemiekombinat Bitterfeld und die Buna-Werke in Schkopau mit je 18000, der Bergbau im Mansfelder Land und der Schwermaschinenbau in Magdeburg – zigtausend Arbeitsplätze gingen in Großbetrieben verloren. Genauso dramatisch verlief das Sterben kleinerer Betriebe.

Den Stadtvätern und -müttern stellten sich immer dringlicher Fragen: Wie geht es weiter mit den Städten, denen Menschen und Arbeitsplätze fehlen? Wie ist umzugehen mit Industriebrachen, leer stehenden Platten- und Altbauten, wertvollem Erbe und der überdimensionierten Infrastruktur? Antworten darauf sollten im Auftrag des Landes die Stiftung Bauhaus Dessau und die Landesentwicklungsgesellschaft im Rahmen der IBA suchen.

Mit dieser Schau steht Sachsen-Anhalt in einer über 100-jährigen Tradition. Die Umgestaltung von Industriefolgelandschaften etwa thematisierte in den 90er Jahren die IBA Emscher Park. In der Lausitz begleitet die IBA Fürst-Pückler-Land 2010 den Struktur- und Landschaftswandel einer Braunkohlen-Tagebauregion. Mit Sachsen-Anhalt ist zum ersten Mal ein ganzes Bundesland Thema einer IBA.
Alle hier angebotenen Lösungen gründen auf folgenden Tatsachen: Erstens sind industrielles Wachstum und Bevölkerungszuwachs auf längere Sicht nicht zu erwarten. Zweitens gibt es kein Modell, das sich auf alle schrumpfenden Städte anwenden lässt. Eine jede muss ihren eigenen Weg finden. Das geschieht zum Beispiel über die Stadtform: Konzentration zur Mitte hin wie in Aschersleben oder Profilierung der Stadtteile wie in Sangerhausen sind nur zwei Möglichkeiten.

Das geschieht über die Landschaft: Wie viel Landschaft verträgt eine Stadt? Ist Grün auf frei werdenden Flächen nur Platzhalter bis zur möglichen Bebauung? Dessau-Roßlau und Weißenfels zum Beispiel haben sich diesen Fragen gestellt. Wo es an Industrie fehlt, spielen sogenannte weiche Standortfaktoren eine größere Rolle. Kulturelle und Bildungsangebote können helfen, Menschen von außerhalb anzuziehen. Vier Städte setzen darauf, unter ihnen Naumburg mit dem »Netzwerk Stadt-Bildung« und die Lutherstadt Wittenberg, die mit einem außeruniversitären »Campus« an die Tradition der Universität »Leucorea« aus dem 16. Jahrhundert anknüpft.

Sachsen-Anhalt ist reich an wertvollen Altstädten und Baudenkmälern. Doch sogar der Quedlinburger Altstadt, seit 1994 Weltkulturerbe, fehlt es an Einwohnern. Hier engagieren sich die Bürger mit über 50 Projekten und Initiativen für den Erhalt ihrer Stadt. Jene Städte, deren Profil zu DDR-Zeiten von der Industrie geprägt wurde, müssen sich umorientieren. Eisleben nach dem Ende der 800-jährigen Bergbautradition ist ein Beispiel dafür. Die Stadt, die mit Martin Luthers Geburts- und Sterbehaus Weltkulturerbe aufweist, leidet erheblich unter dem wirtschaftlichen Wandel. Im »Gemeinschaftswerk Lutherstadtumbau« gehen die Bürger den schwierigen Weg zwischen Erhalt und Abriss.

Zur Finanzierung der IBA Stadtumbau 2010 hat das Land trotz der Vielzahl von Aufgaben kein eigenes Förderprogramm aufgelegt. Von den insgesamt investierten knapp 207 Millionen Euro kamen knapp 122 Millionen aus dem Bund-Länder-Pro­gramm »Stadtumbau Ost«, weitere 40 Millionen aus den Stadtkassen und rund 25 Millionen von privaten Investoren. Die IBA-Pläne haben zudem viele Menschen angeregt, sich mit Städtebaufragen zu befassen. Denn sie sind es ja, die mit dem Weniger in Zukunft leben müssen.

Angela Stoye

www.iba-stadtumbau.de

Das Erbe des Reichsgrafen

Spurensuche: Vor 250 Jahren starb Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf – die von ihm gegründete »Brüdergemeine« gibt es noch heute

Herrnhut – der kleine Ort in der sächsischen Oberlausitz steht für eine weltbekannte Form des Pietismus. Ein Besuch in Herrnhut.

Bildtext: Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf in einer zeitgenössischen Darstellung. Repro: Brüdergemeine

Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf in einer zeitgenössischen Darstellung. Repro: Brüdergemeine

Der Gottesacker der Herrnhuter Brüdergemeine ist anders als der übliche deutsche Friedhof. Er ist einfacher, bescheidener. Ohne üppigen Blumenschmuck, Koniferen und steinerne Einfassungen. Kaum etwas spiegelt deutlicher wieder, was den Herrnhutern seit jeher das Wesentlichste war. Das Diesseits war es nicht.

Auf diesem Gottesacker im Herzen der sächsischen Oberlausitz trugen 32 Prediger und Diakone der weltweiten Brüderkirche am 16. Mai 1760 Nikolaus von Zinzendorf zu Grabe. Der ­Jurist, Freidenker und Theologe in ­lutherischer Tradition gilt als der Gründer der Herrnhuter Freikirche. Vor 250 Jahren starb er im damals noch ganz jungen Ort Herrnhut.

Für die aktiven Mitglieder der Brüdergemeine ist er allerdings immer präsent. Sie kennen sich erstaunlich gut aus bei diesem Nikolaus von Zinzendorf. Doch es ist heute ein kleiner Kreis, der so dicht dran ist am großen Vordenker. Denn selbst innerhalb christlicher Gruppen schwindet das Wissen über den Theologen, Dichter und Missionar. Was also ist geblieben von Zinzendorf, auf dessen Grund und Boden 1722 Glaubensflüchtlinge aus Mähren eine Siedlung gründeten? Übrigens in Abwesenheit des Hausherren, der auf Reisen war und bei ­seiner Rückkehr vollendete Tatsachen vorfand.

Auf Zinzendorfs Grab steht der Satz: »Er war gesetzt, Frucht zu bringen und eine Frucht, die da bleibt.« Und es ist genau die Frage nach dem, was überdauert hat, das die Herrnhuter umtreibt. Natürlich werden bis heute Zinzendorf-Lieder gesungen. In vielen Deutschen Haushalten hängen zu Weihnachten Sterne aus Herrnhut, die zwar nicht auf den Grafen selbst, wohl aber auf die Gemeine zurückgehen. Und dann sind da die Losungen, die übersetzt in mehr als 50 Sprachen von schätzungsweise 1,8 Millionen Menschen weltweit gelesen werden.

Doch Zinzendorf selbst, so scheint es, wird den Menschen mehr und mehr zum Unbekannten. Im Inland mehr als im Ausland, meint Michael Salewski. Der Theologe leitet das Tagungs- und Erholungsheim der Herrnhuter Brüder-Unität. In seinem Haus widmet sich an diesem Wochenende eine Tagung dem Phänomen Zinzendorf. Geht auf Spurensuche nach dem, was von ihm bis heute nachwirkt.
Auf jeden Fall ist es mehr als die Anrede mit Bruder und Schwester, die im Herrnhuter Alltag beim Bäcker oder in der Buchhandlung erstaunlich präsent ist. Mit der Übernahme des örtlichen Gymnasiums haben sich die Herrnhuter regional wieder sehr ins Gespräch gebracht. Zinzendorf-Gymnasium heißt die Einrichtung in freier Trägerschaft heute, die vom Landkreis zuvor geschlossen worden war. Aber auch die Sanierung des Zinzendorf-Schlosses im nahe gelegenen Bertelsdorf lenkt Aufmerksamkeit in die Oberlausitz.
Das Schloss aus dem 16. Jahrhundert war vor wenigen Jahren noch eine Ruine. Wände drohten einzustürzen. Eigentlich ein Fall für die ­Abrissbirne.

Doch der Verein Freundeskreis Zinzendorf-Schloss stemmte sich gegen den Verfall, sanierte und saniert das Schloss mit Hilfe von Fördermitteln und Spenden. Im Haupthaus, das nun Begegnungszentrum ist, gibt es auch eine Spur zu den ­Losungen, erzählt Pfarrer Andreas ­Taesler vom Förderverein. Die Türen waren einst wohl dunkelgrün gestrichen, damit Zinzendorf mit Kreide die Tageslosungen auf das Holz schreiben konnte. Die Losungen wählte Nikolaus von Zinzendorf ursprünglich als Impuls für den Tag seiner Gemeindemitglieder. Bis heute werden die alttestamentlichen Verse für die Losungsbücher von Hand gezogen, ausgelost. Die aktuellen für 2013 erst vor wenigen Wochen.

Herrnhut war im Ursprung eine Glaubensgemeinschaft, aber doch stets auch politische Kommune. Seit 1929 hat der Ort, der im Dreieck zwischen Löbau, Zittau und Görlitz liegt, Stadtrecht. Selbst zu DDR-Zeiten verschwand der christliche Einfluss nicht aus der Lokalpolitik. »Hier stellte die (Ost-)CDU den Bürgermeister«, erinnert sich Michael Salewski. Im Stadtrat sitzen Christen. Trotzdem – die Mehrzahl der rund 2800 Einwohner ist nicht Mitglied in der Brüdergemeine. 520 Geschwister zählt sie hier und in den umliegenden Dörfern, 6000 sind es in ganz Deutschland – verteilt auf 16 Gemeinden. Fünf davon liegen in Sachsen.

Bei diesen Zahlen, wenn sie auch nicht dramatisch niedrig sind für eine Freikirche, traf es die Herrnhuter hart, als sich 1999 eine Gruppe im Gründungsort selbst abspaltete und ein charismatisch geprägtes »Christliches Zentrum« gründete. Einige Jahre später zog mit dem Missionswerk »Jugend mit einer Mission« eine Gruppe in die Stadt, die davon sprach »Herrnhuts missionarisches Erbe antreten zu ­wollen«. Das schockierte. Mittlerweile aber sind die meisten Wogen geglättet. Es gibt das Christliche Zentrum und die Mission. Und man bemüht sich um Verständigung.

Allerdings entspricht der »Power Evangelismus« der jungen Gruppierungen eher nicht dem Stil der Brüdergemeine, sagt Michael Salewski. »Doch ich will das nicht negativ bewerten. Es gibt viele Möglichkeiten, Menschen zu erreichen.« Diese Offenheit wäre wohl in Zinzendorfs Sinne gewesen.

Irmela Hennig

www.ebu.de
www.zinzendorfschloss.de

Nikolaus Ludwig von Zinzendorf
Am 26. Mai 1700 wird Nikolaus Ludwig als Sohn von Georg Ludwig Reichsgraf von Zinzendorf und Pottendorf und Charlotte Justine von Gersdorf geboren. Geistlich geprägt wird er von seiner pietistischen Großmutter. 1722 heiratet er Erdmuthe Dorothea aus dem Hause Reuß zu Ebersdorf – mit der ebenso frommen wie selbstbewussten Frau führt er nach eigenem Bekunden eine »Streiterehe«. Im gleichen Jahr erwirbt Zinzendorf in Ostsachsen das Gut Berthelsdorf. Glaubensflüchtlinge aus Mähren gründen auf seinem Besitz die Siedlung Herrnhut. Unter ihnen kommt es zu einer Erweckung, die am 13. August 1727 in die Gründung der »Brüdergemeine« mündet. 1728 gibt Zinzendorf erstmals ein Bibelwort oder Lied-«Versel« als geistliche Tagesparole heraus, 1731 werden die ­ersten Missionare (Handwerker!) ausgesandt. Wegen zunehmender Spannungen um die neue Glaubensgemeinschaft wird Zinzendorf von 1736 bis 1747 aus Sachsen ­verbannt. 1756 stirbt seine Frau ­Erdmuthe, ein Jahr später heiratet er seine wesentlich jüngere Mitarbeiterin Anna Nitschmann. Am 9. Mai 1760 stirbt der Graf.

Was sich von Zinzendorfs geistlicher Dichtung bis heute erhalten hat, etwa das Lied »Jesu geh voran« (EG 391), fand allerdings erst nach ­umfangreicher Bearbeitung und »Entschärfung« seinen Weg in die Öffentlichkeit: Zinzendorfs originale Dichtung war geprägt von einer merkwürdigen »Jesuserotik« mit dem Kult um das »Seitenhöhlchen« (die Seitenwunde Jesu). Diese verschwurbelte »Sacro-Erotik« sorgte zu seinen Lebzeiten für ebenso heftigen Spott wie Ablehnung. (GKZ)

Und täglich stirbt Jesus am Kreuz – außer montags und mittwochs

29. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Mancher mag sich innerlich schütteln, wenn er den ­Namen Oberammergau hört. Seit fast 380 Jahren gibt es die dortigen Passionsspiele – inzwischen sogar mit ­ökumenischer Beteiligung.

Proben auf Hochtouren: Nur noch wenige Wochen sind es bis zur Premiere der Oberammergauer Passionsspiele, die zwischen dem 15. Mai und 3. Oktober ­voraussichtlich wieder eine halbe Million Menschen aus aller Welt anziehen werden. Das Bild zeigt die Kreuzigungsszene mit Frederik Mayet als Jesus.

Proben auf Hochtouren: Nur noch wenige Wochen sind es bis zur Premiere der Oberammergauer Passionsspiele, die zwischen dem 15. Mai und 3. Oktober ­voraussichtlich wieder eine halbe Million Menschen aus aller Welt anziehen werden. Das Bild zeigt die Kreuzigungsszene mit Frederik Mayet als Jesus.

Nein, so nicht. Da muss mehr innere Anteilnahme rein. Du bestellst doch keine Brotzeit.« Christian Stückl rauft sich das wilde Haar. Jesus hebt erneut die Stimme und spricht zu seinen Jüngern, dieses Mal mit dem nötigen Nachdruck ­desjenigen, der überzeugen will. Fast zwei Dutzend mehr oder weniger junge Männer, die mit ihren langen Haaren und vollen Bärten aussehen wie ein aus der Zeit gefallenes Hippie-Kollektiv, sitzen mit ihren Textbüchern an einem großen Tisch: Sprechprobe für die Abendmahl-Szene der Passionsspiele in Oberammergau.

Ein Dorf fiebert dem Großereignis entgegen. Im oberbayerischen Oberammergau herrscht Ausnahmezustand – zumindest hinter den Kulissen. Die alle zehn Jahre veranstalteten Passionsspiele stehen vor der Tür. Nicht weniger als 2400 Darsteller und Sänger wollen eingekleidet werden. Hinter der Bühne sind die Olivenbäume schon bereit, um für ein ­authentisches Stadtbild Jerusalems
zu sorgen. Dornenkrone, Nägel und die I.N.R.I.-Tafel warten auf ihren ­Einsatz.

Was Otto Huber, der Dramaturg der Passionsspiele 2010, den »Yes we can-Effekt« nennt, beflügelt zurzeit die meisten Oberammergauer. Sie wollen der Welt aufs Neue beweisen, dass sie es in einer unvergleichlichen Gemeinschaftsanstrengung schaffen, die berühmtesten Passionsspiele in monumentaler Weise auf die Bühne zu bringen. Dabeisein sei in der Passion eben alles, weiß Huber, der auf der Bühne auch den Prolog sprechen wird. Mehr als die Hälfte der etwas über 5000 Einwohner hat sich wie-
der diesem olympischen Motto verschrieben.

Man kann fragen, wen man will – von den Protagonisten bis zum Fußvolk –, immer wird die soziale Bedeutung der Passion für das Gemeinschaftsgefüge betont. »Wenn der Junior mit dem Opa auf der Bühne steht, dann ist das schon ein soziales Event«, weiß Spielleiter Stückl, der die Spiele nun zum dritten Mal leitet. Das Sozia­le sei sogar noch wichtiger als Religion und Tradition. »Es gehört zum Selbstverständnis der Bewohner, alles in Eigenregie zu machen«, meint Frederik Mayet. Diesem Ziel wird alle zehn Jahre im Dorf fast alles untergeordnet. Und so wird man auch niemanden treffen, der sich über all die Proben und die Arbeit hinter den Kulissen, die zum Teil bereits im Mai des letzten Jahres begonnen hat, beschwert. Mitmachen darf übrigens nur, wer gebürtiger Oberammergauer ist oder seit mindestens 20 Jahren dort lebt.

Wer mitspielen will, muss Einheimischer sein
Aber welche Motivation treibt die Menschen? Frederik Mayet, einer der beiden Jesus-Darsteller – die 21 wichtigsten Rollen werden alle doppelt besetzt –, ist begeistert vom ­Gemeinschaftserlebnis. »Mit all den Menschen an einer Idee und auf ein Ziel hinzuarbeiten, das ist unglaublich.« Der 29-Jährige erzählt von der Disziplin, deren es bedürfe, um eine Szene mit rund 900 Menschen zu spielen. Mayet, der vor zehn Jahren als Apostel Johannes auf der riesigen, 45 Meter breiten Bühne agierte, hat sich durch Lektüre und mit einer Reise nach Israel mit seiner neuen Rolle auseinandergesetzt. »Es fasziniert mich, dass Jesus bei all seinen Taten den Menschen in den Mittelpunkt gestellt hat und von der Kraft des Glaubens überzeugt war. Das trägt für mich noch heute revolutionäre Züge«, bemerkt der Laiendarsteller, der im Hauptberuf Pressesprecher des Münchner Volkstheaters ist, wo Christian Stückl als Intendant tätig ist.

»Normalerweise zeigt die Passion nur die letzten fünf Tage im Leben Jesu, also sein Leiden«, führt der Oberammergauer Spielleiter aus. »In diesem Jahr wird Jesus aber mehr Raum haben. Ich möchte die wahnsinnige Konsequenz seines Handelns herausstellen.« Dafür sei es wichtig zu zeigen, so Stückl, dass Jesus in einem besetzten Land lebte, das außerdem von extremen sozialen Gegensätzen geprägt war. Als Zeichen der Unterdrückung werden bei den Passionsspielen nun römische Soldaten allgegenwärtig sein.

Eine Textreform hat Antijudaismen verbannt

Das Passionsspiel geht auf einen Schwur der Bürger aus dem Jahr 1633 zurück. Die Pest wütete und die Oberammergauer gelobten, die Passion alle zehn Jahre aufführen zu wollen, sollte es keine weiteren Opfer geben. Der Handel klappte. Die Kirche stellte bis 1850 die Spielleiter und Mönche aus den nahen Klöstern Ettal und ­Rottenbuch sorgten für die frühen Textfassungen. Der Text, der dem Spiel bis heute zugrunde liegt, stammt aus dem Jahr 1860 und wurde vom Oberammergauer Pfarrer Alois Daisenberger verfasst. Doch Stückl und sein Dramaturg Huber haben schon vor zehn Jahren die größte Textreform in der Geschichte der Passion auf den Weg gebracht, die vor allem Antijudaismen aus dem Spiel verbannt hat. »Jesus war schließlich Jude«, betonen die beiden Spielleiter.

Gegen massive Widerstände hat Christian Stückl auch die Verlegung der Kreuzigungsszene in den Abend durchgesetzt. Er erhofft sich davon eine gesteigerte theatralische Wirkung. Jesus-Darsteller Frederik Mayet blickt auf anstrengende Probehängungen zurück. »Da hat sich schnell ein Gefühl dafür eingestellt, wie qualvoll ein solcher Tod gewesen sein muss.«

Dass die Passion eine Gemeinschaftsleistung mehr oder weniger der gesamten Gemeinde ist, bedeutet auch, dass konfessionelle Grenzziehungen der Vergangenheit angehören. Der katholische Religionsunterricht für die Darsteller wurde 1990 abgeschafft. Mittlerweile stehen bei den Aufführungen neben Katholiken und Protestanten neuerdings auch Moslems auf der Bühne. Die Passion ist eine offene Veranstaltung. »Wenn wir jemand ausschließen würden, wär das so, als dürften die Türken nicht zum FC Bayern«, fasst Otto Huber salopp zusammen. Der Dramaturg freut sich über die Aufgeschlossenheit der Darsteller. »Frömmler sind nicht darunter.«
Auch die Publikumsstruktur hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. »Die Passion ist längst auch ein Ziel für Event-Touristen«, räumt Christian Stückl ein.

Bereits 1880 hatte der englische Reiseanbieter Thomas Cook erfolgreich begonnen, Oberammergau und seine Spiele als Reiseziel zu vermarkten. Für die Gemeinde sind die Passionsspiele heute einer der ­bedeutendsten Wirtschaftsfaktoren. Ob in Zeiten der Krise aber wieder annähernd 520000 Zuschauer kommen wie vor zehn Jahren? Daran zweifeln im Passionsdorf viele. Otto Huber betont da lieber das Spirituelle: »Dass man sein eigenes Leiden ablädt im Anblick des Leidens Jesu, diese Kraft hat das Spiel aber noch immer«, ist der Dramaturg der Passion überzeugt.

Ulrich Traub

Der »Kampf gegen Rechts« – auch mit Mitteln des zivilen Ungehorsams?

22. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Diskussion: Sitzblockaden und Pfeifkonzerte gegen Aufmärsche von NPD und anderen Gruppen – Pro und Kontra

Wurde von vielen als Erfolg gewertet: Rund 12000 Gegendemonstranten blockierten auf Initiative des Bündnisses »Nazifrei – Dresden stellt sich quer« am  13. Februar diesen Jahres einen genehmigten »Trauermarsch« von rund 5000 Sympathisanten der rechten Szene in der Dresdner Neustadt. Foto: picture alliance

Wurde von vielen als Erfolg gewertet: Rund 12000 Gegendemonstranten blockierten auf Initiative des Bündnisses »Nazifrei – Dresden stellt sich quer« am 13. Februar diesen Jahres einen genehmigten »Trauermarsch« von rund 5000 Sympathisanten der rechten Szene in der Dresdner Neustadt. Foto: picture alliance

————————————————————————–

Pro: Georg Meusel ist ­Vorsitzender des ­Martin-Luther-King-Zentrums für Gewaltfreiheit und Zivilcourage e.V. in Werdau.

Meusel GeorgMit rechtswidrigen Mitteln den Rechtsstaat zu unterstützen, erscheint paradox. Doch in der Geschichte von Rechtsstaaten wurden Fortschritte im Recht auch durch rechtswidriges Bürgerverhalten erzielt. Gestreikt wurde auch in Staaten Europas, die nicht als Unrechtsstaaten eingeordnet werden, zunächst illegal. Streikposten blockierten illegal Werktore, um Streikbrechern den rechtmäßigen Zutritt zum Betrieb zu verwehren. Im Rechtsstaat USA setzten schwarze Bürger mit verbotenen Boykotten, Märschen und Sit-ins Gleichberechtigung durch.

Der deutsche Rechtsstaat hat hinzugelernt. Gab es früher bei gewaltfreien Blockaden durch Friedens­bewegte und Kernkraftgegner als »psychischer Gewalt« Urteile wegen Nötigung, so hat das Bundesverfassungsgericht dies mit seiner »Sitzblockadeentscheidung« von 1995 als grundgesetzwidrig bezeichnet. Eine schlichte Blockade durch die eigene Körperlichkeit stellt keine strafbare Handlung mehr dar.

Wenn rechtsextreme Vereinigungen für andere Bürger und Bürgergruppen erkennbar darauf abzielen, dass sie menschenverachtende und rechtsstaatswidrige Verhältnisse anstreben, wenn auch (noch) nicht so massiv, dass der Rechtsstaat gegen sie vorgehen kann, halte ich Bürgerhandeln auch in Form einer Blockade für gefragt und unabdingbar. Gegenüber einer Gruppierung, die das an Menschenrechten orientierte Gewissen vieler Bürger erregt, kann es vorkommen, dass durch Bürger mit rechtswidrigen Mitteln der Rechtsstaat unterstützt wird.

Ein Grenzfall ist das allerdings. Die nicht verbotene Organisation hat ja zunächst das gleiche Demonstrationsrecht wie jede andere legale Gruppe. Linke, autonome und friedensbewegte Blockierer machen Gewissensgründe für sich geltend. Kann man nationalsozialistisch eingestellten Menschen pauschal ein Gewissen absprechen?

Durch eine Sitzblockade einen Marsch zu verhindern – mit akustischen Störungen andere am Reden, am Gehörtwerden zu hindern, worin besteht der Unterschied? Meinem Gefühl nach werden anders Denkende mit Trillerpfeifen und akustisch verstärkten Geräuschen »mundtot gemacht«. »Man hat einen Menschen noch lange nicht überzeugt, wenn man ihn zum Schweigen gebracht hat« (Christopher Morley).

Etwas anderes ist Singen, Musizieren und Tanzen, wie es auch während der Blockade in Dresden praktiziert wurde. Dies verleiht einer Demonstration, einer Kundgebung heiteren Charakter und stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl. »Die Lieder sind die Seele unserer Bewegung« erklärte Martin Luther King einmal. Im Vorwort zu dem in der DDR erschienenen Buch »Blues and Trouble« von Theo Lehmann schrieb King: »Das ist Musik sieghafter Überwindung. Viel von der Kraft unserer Freiheitsbewegung ist aus dieser Musik gespeist«.

Sich entsprechend seinem Gewissen mit seinem Körper zu wider-«setzen«, hat für mich etwas fast Heiliges. »Hier stehe ich – ich kann nicht anders«. Hier sitze ich – ich gehe nicht freiwillig. Ihr müsst mich anpacken, wegtragen, wenn ihr mich hier weghaben wollt. »Hier sitze ich – ich kann nicht anders.«

www.king-zentrum.de

————————————————————————–

Kontra: Professor Dr. Eckhard Jesse ist ­Inhaber der Professur Politische Systeme, Politische Institutionen an der Technischen ­Universität Chemnitz.

JesseDie 1964 gegründete NPD war von Anfang an eine rechtsextremistische Partei. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre erfuhr sie mit ihrem Drei-Säulen-Modell eine weitere Radikalisierung: dem Kampf um die Parlamente, dem Kampf um die Straße, dem Kampf um die Köpfe. Nach dem Einzug in den sächsischen Landtag 2004 folgte eine Ergänzung um eine vierte Säule: den Kampf um den organisierten Willen. Damit war gemeint, dass sich das gesamte »nationale Lager« in einer Partei, der NPD, zusammenfinden solle. Die NPD ist klar verfassungsfeindlich.

Das gescheiterte Verbotverfahren im Jahre 2003 ändert an dieser Feststellung nicht das Mindeste. Immer wieder kommt es vor, dass Bürger (Demokraten wie Extremisten) eine von den Gerichten genehmigte Demonstration der NPD oder eine ihrer nahestehenden Organisationen verhindern. Das war etwa am 13. Februar 2010 der Fall, als die »Junge Landsmannschaft« in Dresden einen »Trauermarsch« angemeldet hatte. Die Öffentlichkeit registrierte dies überwiegend mit Beifall. Zu ­Unrecht.

Friedliche Demonstrationen gegen die NPD sind Zeichen einer offenen Bürgergesellschaft. Eine genehmigte Kundgebung der NPD durch eine Blockade zu verhindern, lässt sich aber nicht rechtfertigen, aus welchen Gründen auch immer. Wer dies tut, macht sich strafbar. Am hohen Gut der grundgesetzlich geschützten Versammlungsfreiheit ist nicht zu rütteln. Recht steht keineswegs ­unter dem Vorbehalt des Politischen.

Der »Kampf gegen Rechts« (sollte es nicht differenzierter heißen: »Die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus«?) darf nicht zu einem Kampf gegen das Recht führen. In einer demokratischen Verfassungsordnung wie der Bundesrepublik Deutschland gibt es ein staatliches Gewaltmonopol. Dieses dient dem Rechtsfrieden.

Der oft genannte Hinweis auf den zivilen Ungehorsam zielt ins Leere. Unabhängig davon, ob dieser überhaupt Bestandteil einer demokratischen Verfassungsordnung ist: Auf ihn können sich nur jene berufen, die offenkundiges Unrecht anprangern wollen. Das trifft im Fall der Verhinderung einer Demonstration augenscheinlich nicht zu. Und nach den Theoretikern des zivilen Ungehorsams dürfen sich diejenigen, die zivilen Ungehorsam praktizieren, nicht dem Strafrecht entziehen. Tatsächlich steht aber keiner, der eine Demonstration der NPD zu verhindern trachtet, für sein Unrecht ein. Wer zivilen ­Ungehorsam propagiert, öffnet dem Missbrauch Tür und Tor.

Ein gescheites Verbotsverfahren (mit einem wasserdichten Antrag) gegen die NPD vor dem Bundesverfassungsgericht ist zwar politisch wenig sinnvoll, aber rechtlich möglich. Dann hätte eine unabhängige Instanz gesprochen, nicht die Legislative, nicht die Exekutive. Zwar wäre in dem Fall eines positiven Ausgangs eine Demonstration der NPD untersagt, jedoch würde sich schnell eine andere Gruppe finden, die eine solche Kundgebung anmeldet. Was mitunter in Vergessenheit gerät: Wir müssen mit den Gegnern einer offenen Gesellschaft leben. Und: Wir haben eine antiextremistische Verfassungsordnung, keine antifaschistische.

————————————————————————–

Hintergrund: Ziviler Ungehorsam

Ziviler Ungehorsam ist eine Form politischer Partizipation. Durch einen symbolischen, aus Gewissensgründen vollzogenen, und damit bewussten Verstoß gegen rechtliche Normen zielt der handelnde Staatsbürger mit einem Akt zivilen Un­gehorsams auf die Beseitigung einer Unrechtssituation und betont damit sein ­moralisches Recht auf Partizipation. Durch den symbolischen Verstoß soll zur Beseitigung des Unrechts Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung genommen werden. Der Ungehorsame nimmt dabei bewusst in Kauf, auf Basis der geltenden Gesetze für seine Handlungen bestraft zu werden.

In der Regel beansprucht er ein Recht auf Widerstand für sich, das sich jedoch von einem verfassungsgemäß gegebenen Widerstandsrecht unterscheidet. Demjenigen, der zivilen Ungehorsam übt, geht es damit um die Durchsetzung von Bürger- und Menschenrechten innerhalb der bestehenden Ordnung, nicht um Widerstand, der auf die Ablösung einer bestehenden Herrschaftsstuktur ­gerichtet ist.

In Deutschland garantiert Art. 20 Abs. 4 des Grundgesetzes (GG) das Recht eines jeden Deutschen, gegen jedermann Widerstand zu leisten, der es unternimmt, die in Abs. 1 bis 3 niedergelegte Staatsordnung (Föderalismusprinzip, Demokratieprinzip, Sozialstaatsprinzip, Gewaltenteilung, Gesetzesbindung der drei ­Gewalten, Republikprinzip, freiheitliche demokratische Grundordnung) zu ­beseitigen. Dieses Widerstandrecht wird allerdings eingeschränkt durch die im gleichen Satz genannte Voraussetzung, dass andere Abhilfe nicht möglich ist.

(GKZ/Wikipedia)

Ein verändertes Land

15. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Trauer und Hoffnung: Die Katastrophe von Smolensk und die Frage nach dem Sinn

Ein Land in Schock und Trauer: Wie hier in Słubice, der polnischen Nachbarstadt von Frankfurt/Oder, gedenken überall im Land Menschen des Präsidentenpaares und der anderen Opfer. Foto: picture alliance/dpa/Patrick Pleul

Ein Land in Schock und Trauer: Wie hier in Słubice, der polnischen Nachbarstadt von Frankfurt/Oder, gedenken überall im Land Menschen des Präsidentenpaares und der anderen Opfer. Foto: picture alliance/dpa/Patrick Pleul

Nichts ist mehr, wie es einmal war«, meint eine schwarz gekleidete Frau in einer Talk-Show. In Polen hält die Trauer weiterhin an, am offenen Sarg können die Menschen Abschied von Lech Kaczynski und seiner Frau Maryja nehmen. Tausende gaben ihm das letzte Geleit, als am Sonntag seine Überreste in Warschau ankamen.

Auch der anderen 94 Menschen, die bei dem Flugzeugunglück in Smolensk ums Leben kamen wird gedacht. Zu ihnen gehört auch Andrzej Skapski, den die Kirchenzeitung erst in der letzten Ausgabe auf Seite 3 porträtierte. Immer wieder flimmern ihre Fotos über den Bildschirm, ihre Nächsten erzählen von den letzten Worten, die sie vor dem Abflug geäußert haben. Seit vergangenem Sonnnabendmittag, als es zur Gewissheit wurde, dass es keine Überlebenden geben wird, hat sich das Land verändert.

Tausende strömten in und vor die Kirchen, doch eine wirkliche Antwort nach dem Warum bekamen sie nicht. »Gläubige und Nichtglaubende stehen vor dem Geheimnis des Todes«, meint der pensionierte Primas Jozef Glemp, der die Messe in der Militär-Feldkirche hielt, die via Großleinwand übertragen wurde, Tausende standen und knieten draußen auf der Straße. Es ist eine sehr persönliche Ansprache. Der Geistliche, der 28 Jahre lang der katholischen Kirche in Polen vorstand, kannte fast alle Verstorbenen. »Es gibt Fragen, die man nicht mal Gott stellen darf«, predigt der Warschauer Erzbischof Kazimierz Nycz.

Der Tod von Lech Kaczynski auf dem Weg nach Katyn, wo er der ermordeten polnischen Offiziere gedenken wollte, hat einen hohen Symbolwert. Denn mit der Auslöschung der Führungsschicht durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD vor 70 Jahren wurde auch der alte polnische Staat zu Grabe getragen. Gerade aber der Präsident verkörpert die polnische Unabhängigkeit, die Polen solange von außen bedroht sieht. Wenn Lech Kaczynski mit seiner trotzigen Art oft polarisierte, so ist er nun posthum der Präsident aller Polen geworden.

Doch – was hat das nun alles zu bedeuten? Gibt es einen Sinn dieses Schicksalsschlages? Diese Frage wird nun nach dem ersten Schock immer wieder gestellt. Viele Polen stellen fest: Das Verhältnis zum russischen Nachbarn hat sich nicht verschlechtert. Im Gegenteil. Die Empathie der Menschen in Russland, die Kerzen vor der polnischen Botschaft hat viele Polen, auch Angehörige tief bewegt.

Hoffnung gibt es auch für die Versöhnung zwischen der katholischen Kirche Polens und der russisch-orthodoxen. Beide Kirchen sind eng mit der Geschichte und der Kultur ihrer Länder verknüpft, die seit dem späten Mittelalter immer wieder im Konflikt miteinander stehen.

Stanislaw Budzik, Generalsekretär des polnischen Episkopats arbeitet seit Februar mit Vertretern der orthodoxen Kirche an einem Versöhnungsdokument. Der Brief der katholischen Bischöfe Polens an die deutschen ­Bischöfe aus dem Jahr 1965 »Wir vergeben und bitten um Vergebung« sei eine sehr wichtige Hilfe für den jetzigen Versöhnungsprozess beider Kirchen und Nationen.
Die russisch-orthodoxe Kirche hat bereits ein Beileidstelegramm an die katholische Kirche geschickt. Sollte es zu einer Versöhnung der beiden Kirchen kommen, so sagte Budzik nach der Katastrophe, so sei der »zweite Tod in Katyn« nicht sinnlos gewesen.
Jens Mattern

Die Aufarbeitung eines Traumas

10. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Der Kinofilm »Das Massaker von Katyn« kommt in diesen Tagen auf DVD in den Handel

katyn_coverSelten kommt ein Kriegsdrama so leise und dennoch so ausdrucksstark daher wie »Das Massaker von Katyn«. Oscar-Preisträger Andrzej Wajda vertraute für die 2007 erstmals gezeigte Aufarbeitung des nationalen polnischen Traumas von 1939/40 – trotz aller Deutlichkeit in Detailbildern vom Mord an den polnischen Offizieren – nicht auf monumentale Schlachtenorgien oder Gewaltexzesse. Vielmehr wird die Tragödie des Aufgeriebenwerdens zwischen deutschen und sowjetrussischen Okkupanten mit leisen Tönen, viel schauspielerischer Qualität und vor allem subtiler Kameraführung erzählt.

Gut zwei Wochen nachdem Hitlers Armee Polen überfallen hat, macht sich auch Stalins Rote Armee auf Beutezug, um vom zusammenbrechenden polnischen Staat die im geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt wenige Wochen zuvor festgelegten Gebiete zu erobern. Etwa 22000 gefangene polnische Offiziere, Solddaten und Intellektuelle werden im Frühjahr 1940 an verschiedenen Stellen der heutigen Russischen Föderation, der Ukraine und Weißrusslands durch Angehörige des ­berüchtigten NKWD’s ermordet und verscharrt. Die zuerst gefundenen Massengräber in den Wäldern um Katyn gaben dem Massaker seinen Namen.

Das Hauptanliegen des Films aber ist nicht die Dokumentation des Verbrechens. Im Mittelpunkt des Dramas stehen vielmehr die Fragen nach dem späteren Umgang mit Wahrheit und Lüge, nach der Vermarktung des Verbrechens zuerst durch die nationalsozialistische und danach durch die kommunistische Propaganda. Eingebettet ist dies ­alles in das Schicksal von vier Soldaten, vom Leutnant bis zum General, sowie ihrer Angehörigen. In bitteren Szenen und Episoden zeigt das Werk den Kampf der Angehörigen zunächst ums Überleben, um Selbstbehauptung und um die Hoffnung, später um das Andenken und die Ehre der Toten. Es zeigt aber auch die erschreckend schnelle Anpassung vieler an die Bedingungen und Sprachregelungen der neuen Nachkriegs-Machthaber. Es erzählt von Resignation, feigem Verrat, von Opportunismus aber ebenso von ungebrochenem Widerstand und nationalem Stolz.

Der durchweg sehenswerte, ab 16 Jahren freigegebene Film steht seit wenigen Wochen in Videotheken zur Ausleihe zur Verfügung. Ab
15. April ist er als DVD und als Blu-ray-Disc im Handel ­erhältlich. (Bezug nur über den entsprechenden Fachhandel, nicht über den Bestellservice der Kirchenzeitung!)

Harald Krille

Das schwere Erbe des Terrors

9. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Katyn: 70 Jahre nach dem Massaker ist eine polnisch-russische Annäherung in Sicht

Bis heute vergiftet der Umgang mit dem Stalinterror gegen polnische Offiziere und Intellektuelle die Beziehungen zwischen Polen und Russland.

Müde, aber dennoch stolz: Andrzej Skapski kämpft als Vorsitzender der »Katyner Familien« für die geschichtliche Wahrheit. Foto: Jens Mattern

Müde, aber dennoch stolz: Andrzej Skapski kämpft als Vorsitzender der »Katyner Familien« für die geschichtliche Wahrheit. Foto: Jens Mattern

Katyn«, sagt Andrzej Skapski, ein Mann mit buschigen Augenbrauen und einem müden wie stolzen Zug im Gesicht, »wenn der ­Katyn-Fall nicht in Ordnung gebracht wird, dann wird jedes andere russisch-polnische Projekt weiterhin belastet sein.«
Skapski ist Vorsitzender der »Katyner Familien«, einer Organisation von Polen, deren Väter 1940 im Wald bei der westrussischen Stadt Katyn und anderen Orten in der ehemaligen Sowjetunion vom Geheimdienst NKWD hingerichtet wurden. Nun verbindet der Hinterbliebene Hoffnungen mit dem 7. April: dann sollten (nach Redaktionsschluss dieser Zeitung) erstmals ein russischer und ein polnischer Staatschef, die Ministerprä­sidenten Donald Tusk und Wladimir ­Putin, auf dem Katyner Gräberfeld zusammenkommen.

Der pensionierte Ingenieur empfängt in seiner Krakauer Altbauwohnung, das gleichzeitig sein Büro ist. Ein Familienbesitz, mit Ölbildern, Biedermeier-Sofa, riesigen Spiegeln und hohen Wänden. Hier knarrten schon die Schritte Boleslaw Skapskis über die Dielen. An ihn, seinen Vater, einen Staatsanwalt im Justizministerium, kann sich Andrzej Skapski nicht mehr erinnern; zu Kriegsbeginn war er gerade zwei Jahre alt. Der Staatsbedienstete war vor der heranrückenden deutschen Front nach Osten geflohen. Doch dort wurde er von der Roten Armee verhaftet, die drei große Lager für die Elite Polens errichtete.

Propaganda auf dem Rücken der Hinterbliebenen
Der NKWD-Chef Laerentij Pawlowitsch Berija charakterisierte die Inhaftierten nach Verhören als »harte und unbelehrbare Feinde der Sowjetunion«, das Politkommissariat entschied auf Erschießen ohne Gerichtsurteil. Die Sowjets benutzten zur Vertuschung deutsche Munition und als Berlin am 13. April 1943 das Verbrechen mit großem Propaganda-Aufwand bekannt machte, kam zwei Tage später aus Moskau eine Gegendarstellung: die Deutschen selbst hätten das Verbrechen begangen. Dies war dann bis zur Wende die offiziell vorgeschriebene Version im Ostblock, »belegt« von einer durch die Sowjets einberufenen Ärztekommission.

»Von uns Hinterbliebenen glaubte das niemand«, meint Skapski. Doch das war gefährlich. Denn Katyn strafte die Version von einer totalen Opposition zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus Lügen – und wurde so für Stalin bis zum Lebensende zur Obsession. Darum wurden Katyn-Angehörige im jungen kommunistischen Polen schikaniert. Viele mussten in den Uran- und Kohlegruben schuften. Bis zur Tauwetterzeit (1956) nach Stalins Tod verwehrte ihnen der polnische Staat höhere Bildung.
Mit Beginn der Solidarnosc-Bewegung in Polen nahm der Druck zu, die wahren Täter zu benennen. Doch erst zur 50. Jährung des Verbrechens, im April 1990, bekannte Gorbatschow dass die Täter »stalinistisch« waren.

Nach einer polnisch-russischen Eiszeit verkündete Putin im September vergangenen Jahres, er werde alle Archiv-Unterlagen zu Katyn veröffentlichen. »Ein solcher Schritt nach vorn wäre zu begrüßen«, meint Skapski. »Und eine Entschuldigung die nicht politisch erzwungen ist.«

Zu politischen Fragen will er sich auch nicht äußern, die Hinterbliebenen-Organisation sei apolitisch. Dafür ist
eine »russisch-polnische Kommission für schwierige Angelegenheiten« zuständig, die zurzeit versucht, ein gemeinsames Papier vorzubereiten, das dann am 7. April in Katyn verlesen werden sollte. Parallel dazu suchen auch die beiden Kirchen die Versöhnung: Vertreter der Katholischen Kirche aus Polen und der Orthodoxen aus Russland wollen ­gemeinsam auf dem Gräberfeld beten. Auch hier arbeiten die Kirchen an einer gemeinsamen Erklärung.

Wenn auch in Russland immer wieder »Experten« laut werden, die »Beweise« für eine deutsche Täterschaft aufführen, so scheint die russische Führung die Annäherung wirklich zu wollen: Der drastische Spielfilm »Das Massaker von Katyn« (siehe Filmtipp) soll demnächst zur besten Sendezeit im russischen Staatsfernsehen laufen. Gedreht hat ihn der polnische Regisseur Andrzej Wajda, auch er verlor seinen Vater in jenem Wald durch Genickschuss.

Jens Mattern

»Einmal Kirche – macht zwei Euro«

1. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Kirche und Geld: Die Unterhaltung der Gebäude übersteigen die Kraft vieler Gemeinden – warum nicht Eintrittsgelder?

Foto: Begsteiger

Foto: Begsteiger

Wer in Venedig oder Florenz – außer zum Gottesdienst – in eine Kirche will, muss ­vorher an die Kasse. Was dort schon lange gang und gäbe ist, gehört hierzulande (noch) zur Ausnahme.

Ein Beitrag zu einer notwendigen Diskussion.

Mein erstes Mal war 2004. Ich war kurz irritiert. Für den Eintritt in den Berliner Dom verlangte man eine »Domerhaltungsgebühr«. Der Name warb für einen nachvollziehbaren Zweck, aber ein Unbehagen blieb. Darf man für einen Kirchenbesuch außerhalb des Gottesdienstes Eintritt nehmen? Soll sie nicht offen sein und Menschen ohne jede Hürde einladen?

Vor allem in touristisch stark besuchten Kirchen werden Eintrittsgelder erhoben, in der Nicolaikirche zu Stralsund oder dem Naumburger Dom. Bei letzterem ist dies einsichtig, er wird von einer Stiftung verwaltet. Aber auch im Dom zu Meißen, der ­offiziellen Bischofskirche der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, werden 2,50 Euro fällig. Um das Besucherargument, »aber wir zahlen doch schon Kirchensteuer«, zu entschärfen, wird unter anderem darauf hingewiesen, dass zum Dom keine eigene Gemeinde gehöre. Jüngster Fall: Für die Lübecker Marienkirche wird seit März diesen Jahres eine Gebühr erhoben.

Dies hat die Diskussion um Eintrittsgelder für Kirchen neu entfacht. Laufende Sanierungskosten bei abnehmender öffentlicher Förderung machen sie nachvollziehbar. Ich gebe aber zu, das Unbehagen bleibt. Ich stelle mir das Zusammenspiel unterschiedlicher Eindrücke vor. Am Portal meiner Predigtstätte, der Stadtkirche St. Marien im thüringischen Greiz, steht: »Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!« Und zwei Meter weiter bittet dann jemand freundlich um zwei Euro für den Eintritt …

»Kommet her zu mir« – aber erst zur Kasse
Dennoch spricht aus lutherischer Sicht zunächst nichts gegen eine Eintrittsgebühr. Der Kirchenraum dient nach Martin Luther nicht der Heilsvermittlung. Noch in seiner Einweihungspredigt für die Schlosskapelle in Torgau im Jahr 1544 predigt er, dass man auch am Brunnen oder anderswo predigen und beten könne. Ein Gottesdienst heiligt jeden Ort für die Dauer des Gottesdienstes. Danach ist er nur eine Stätte, bei all der Kirchen- und Glaubensgeschichte, die in ihm gelebt hat.

Insofern gibt es aus evangelischer Sicht wenige Gründe gegen eine Eintrittsgebühr. Ihre Befürworter verweisen auf den kostenlosen Besuch innerhalb kirchlicher Veranstaltungen. Sie benennen andere Gebühren (Kerzen/Fotografieren/Turmbesteigung), die unproblematisch erhoben werden und dem gleichen Zweck dienen. Sie berichten von der Erfahrung, dass bei stark besuchten Kirchen der Ertrag in den Kollektenbüchsen erstaunlich mager bleibt. Ihnen erscheint ein Eintrittsgeld als letzte Möglichkeit zur Unterhaltung des Gebäudes. Die Argumente der Befürworter sind nachvollziehbar. Zugleich durchkreuzen sie die Zielsetzung der bundesweiten Initiative »Offene Kirche«. Diese lädt dazu ein, sich über die Begegnung mit dem Kirchenraum dem eigenen Glauben wieder zu nähern. Ein Eintrittsgeld wäre dafür kontraproduktiv.

Zudem bietet sich abseits der ­touristisch attraktiven Großstädte die Einführung von Eintrittsgeldern ohnehin nicht an. Reguläre Öffnungszeiten verlangen Aufsichtspersonal, ergeben zusätzliche Kosten. In der Fläche wird sich der Erhalt einer Kirche also weiter auf Spendenaktionen, die Unterstützung durch Gemeindeglieder und Bürger des Ortes konzentrieren müssen.

Eintrittsgelder kontra »Offene Kirchen«
Doch um eine andere Diskussion kommen wir nicht herum. Können noch alle Kirchen erhalten werden? Die demographische Entwicklung stellt diese Frage deutlich. Eine »erweiterte Nutzung« von Kirchen wird angedacht, um andere Nutzer in den Erhalt eines Gebäudes einzubinden. Doch viele Kommunen sind als mögliche Partner längst anderweitig gut aufgestellt. Es ist zu befürchten, dass die Debatte um die »erweiterte Nutzung« von Kirchen nur im Einzelfall, nicht aber im großen Stil zu Ergebnissen führt.

Das katholische Bistum Essen will um die Hundert Kirchen aufgeben. Nach katholischer Lehre ist die Kirche auch außerhalb des Gottesdienstes heilig. Man horcht als Lutheraner bei dieser Meldung darum besonders auf. Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers wird sich von acht Kirchen und drei Kapellen trennen. Die Debatte um Eintrittsgelder für den Besuch einer Kirche sollte darum auch diese Punkte beinhalten, die weniger häufig diskutiert werden.

Lieber notwendige Abschiede von Gebäuden?
Kirchengebäude sind mir wichtig. Mit vielen verbindet mich eine Glaubenserfahrung. Ich werde wohl auch Eintritt zahlen, wenn er verlangt wird. Ich weiß, es ist für einen guten Zweck. Ich nehme dennoch wahr, wie sehr die Gebäude unsere Diskussion dominieren. Wenn ich Luther weiterdenke, frag ich mich, ob das richtig ist. 18 Prozent der Kirchengebäude der EKD befinden sich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM): ca. 4000 Kirchen, Klöster und Kapellen. Zugleich aber wohnen im Bereich der EKM nur rund 3,6 Prozent der Evangelischen Kirchenmitglieder Deutschlands. Eine Diskussion um Eintrittsgelder kann dazu helfen, dass dieser bauliche Reichtum nicht immer mehr zur Last wird, sondern Lust bleibt. Er darf andererseits bei der Diskussion um Eintrittsgebühren nicht aufhören und wird uns allen wohl schmerzvolle Einschnitte abverlangen.

Andreas Hausfeld studierte Theologie und Betriebswirtschaft (VWA) und ist Pfarrer an der Stadtkirche von Greiz (Thüringen).

Abschied vom Sühneopfer?

26. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Jesus am Kreuz

Diskussion: Seit Jahren gibt es theologischen Streit um die Vorstellung vom Sühneopfer Jesu – Pro und Kontra

——————————————————————————–

Jörns_Klaus-PeterPRO: Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns lehrte bis zu seiner Emeritierung 1999 Praktische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Wer die Hinrichtung Jesu am Kreuz deuten will, muss sagen, von welchem Gottes- und Menschenbild er ausgeht. Ich setze bei dem an, was ich aus Verkündigung und Leben Jesu wahrgenommen habe. Da steht die wirklich bedingungslose Liebe Gottes im Zentrum. Diese Liebe kommt ganz aus sich selbst, braucht also keinerlei Vorleistungen, auf die sie (nur) Antwort wäre. Sie gilt den Menschen, die Jesus als »mühselig und beladen« erlebt hat, und will sie »erquicken« (Matthäus 11,28). Denn Jesus geht davon aus, dass das Leben – gerade der Menschen, die gut sein wollen – unendlich schwer ist. Weil jeder mit Schmerzen lernt, Gut und Böse zu unterscheiden und darin Gottes Arbeit zu tun (1. Mose 3,22!!), muss er es auch ein Leben lang. Gottes Gebote wollen deshalb nicht eine ab­strakte Gerechtigkeit durchsetzen, sondern haben eine helfende Funktion: Sie sind für uns Menschen als Segen und Wegweisung da (Markus 2,27) und nicht, um unseren Gehorsam zu erproben. Sie werden pervertiert, wenn sie gegen uns verwendet werden. So markiert Jesus eine Äonenwende.

Der Mensch ist bei Jesus nicht »böse von Jugend auf«, nicht gottfeindlicher Sünder: Jesus spricht den Kindern das Himmelreich zu! Unsere Sterblichkeit ist keine Strafe, sondern geschöpflich, wegen der Gottesbeziehung ist der Tod ein Tor zu anderem Leben. Gott erweist seine Gerechtigkeit nicht, indem er jedem gibt, »was er verdient hat«. Jeder soll bekommen, was er zum Leben braucht – auch wenn seine Defizite selbst verschuldet sind (Lukas 15,11-32). Die unbedingte Liebe Gottes will für seine Geschöpfe Leben und Würde. Also gibt es für den irdischen Jesus nichts Wichtigeres als die Vergebung – als Bitte um und Bereitschaft zur Vergebung. Vergebung ist Geschenk der Verletzten. Deshalb steht in der Mitte des Vaterunser eine doppelte Vergebungsbitte. Längst vor seinem Tod hat Jesus diejenigen, die durch Vergebung Frieden stiften, als Söhne und Töchter Gottes gepriesen (Matthäus 5,9). Seine Verkündigung ist der leidenschaftliche Protest gegen die alte Idee, die Paulus und andere wieder auf Jesu Tod angewendet haben, um aus der Schande seiner Hinrichtung eine Heilstat zu machen: »Vergebung ohne Blutvergießen ist nicht möglich« (Hebräer 9,22). Doch, sagt Jesu Evangelium: als Antwort auf Gottes Liebe! Wegen dieser inneren Kontroverse kommt Jesu Leben weder bei Paulus noch im Apostolischen Glaubensbekenntnis vor.

Wir sind Gott nicht dadurch wichtig, dass jemand für unsere Sünden blutige Sühne geleistet hätte. Wer Gott um Vergebung bittet, wird sie bekommen und kann sie weitergeben an ­andere. Für diese Botschaft hat Jesus gelebt und sich umbringen lassen. Er hat den zornigen Gott überwunden und Vergebung von Kult und Priesteramt gelöst. Sie ist Ausdruck der Menschenwürde geworden. Auch damit hat Jesus eine Äonenwende eingeleitet – deren ganzer Segen allerdings noch auf uns wartet. Denn die Kirchen haben Jesus bis heute nur selten geglaubt, dass aus tödlicher Gewalt kein Heil kommen kann – auch dann nicht, wenn man sie »heilige Gewalt« nennt. Mit Gewalt kann man Angst einjagen und Gehorsam erzwingen, aber weder Vertrauen und Glauben wecken oder die Welt verändern. Es ist Zeit, dass wir den Jesusweg wieder ernst nehmen.

——————————————————————————–

Bohl_JochenKONTRA: Jochen Bohl ist ­Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens und ­Mitglied im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Christus starb für unsere Sünden – das ist eine zentrale Aussage des Neuen Testaments, aber mit dieser Deutung des Geschehens auf Golgatha haben viele Menschen Schwierigkeiten. Diese Fremdheit spielte schon in den ersten Jahren der Christenheit eine Rolle, und Paulus selbst hat das Wort vom Kreuz als Ärgernis und Torheit bezeichnet. In unserer Gegenwart scheint der Graben zwischen dem Glaubenssatz und dem Lebensgefühl aber besonders tief zu sein: Heute ­sehen sich viele Menschen zuallererst als freie und selbstbestimmte Personen, die ihr Leben nach den eigenen Überzeugungen gestalten. Wozu sollten sie ein Opfer anderer brauchen? Und gar zur Versöhnung mit Gott?

Die Bibel aber geht davon aus, dass Opfer notwendig sind und gebraucht werden, damit das Leben heil werden kann. Tatsächlich kann ja keine Rede davon sein, dass die Beziehungen zwischen den Menschen durchweg gelingen würden, sodass sie einander nichts schuldig wären. Die Widerständler gegen die nationalsozialis­tische Gewaltherrschaft um die Geschwister Scholl oder die Verschwörer des 20. Juli wussten um die Gefahr, in die sie sich begaben und haben ihr Handeln durchaus als Opfer verstanden.

Menschen werden aneinander schuldig, und das biblische Verständnis des Opfers steht in engem Zusammenhang mit dieser Tatsache. Man wird ihm nicht gerecht, wenn man von der Realität der Sünde schweigt, der Entfremdung von Gott. Sie ist der Grund für das Scheitern des Lebens, für Entfremdung und Gewalt. Im Alten Testament lesen wir, wie durch die Opferung eines Tieres im Tempel die gestörte Beziehung geheilt und der verhängnisvolle Kreislauf von böser Tat und Rache unterbrochen wird. Gott nimmt das Opfer gnädig an um der Menschen willen, die der Versöhnung bedürftig sind.

Auch im Neuen Testament geht es um die Tatsache, dass wir Menschen in die Sünde verstrickt sind und nicht in der Lage, uns von ihrer Macht zu befreien. Jesus bringt am Kreuz das letzte Opfer, ein für alle Mal. Der Nazarener hatte ja immer den Kontakt zu »Sündern und Zöllnern« gesucht, und ihnen einen Blick auf die Gnade Gottes ermöglicht. Wegen dieses Verhaltens wurde er aber als einer von ihnen angesehen; so kündigte sich in seinen Begegnungen am Rande der Gesellschaft an, dass Jesus den Tod des Sünders würde sterben müssen. Er starb ihn, und brachte so ein Opfer für die Sünder und erst recht für die, die sich frei von der Sünde wähnten.

Entscheidend dabei ist, dass nicht Gott versöhnt werden muss – es geht immer darum, dass die Menschen versöhnt werden! Gottes Zorn richtet sich auf die Sünde, nicht auf den ­Sünder. Ihm gilt seine vergebende Liebe, und darum bringt er in dem Kreuz Christi selbst das Opfer, das ­versöhnt und die Möglichkeit der Heilung eröffnet.

Ich will die großen Schwierigkeiten nicht übersehen, den Gedanken, dass Christus »für uns« gestorben ist, in der Moderne zu vermitteln. Aber es wäre ja töricht, den Reichtum des Glaubens immer dann zu verkürzen, wenn einzelne Elemente nicht mit dem Lebensgefühl der Zeit übereinstimmen. Das verbietet schon der Respekt vor der Heiligen Schrift, der ihr gerade dann zukommt, wenn ihre Aussagen uns fremd anmuten.

——————————————————————————–

Bücher zum Weiterlesen

Notwendige Abschiede: Mit diesem 2004 erschienen Buch legte Klaus-Peter Jörns den Grundstein seiner theologischen Kritik an zentralen Glaubensaussagen des Christentums. Die zentrale Forderung ist die nach dem Abschied von der Sühneopferdeutung des Todes Jesu. Sein Ziel ist dabei nach eigenen Worten nicht die Vernichtung, sondern eine Neuformulierung des Glaubens.
Jörns, Klaus-Peter: Notwendige Abschiede. Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum, Gütersloher Verlagshaus, 272 Seiten, ISBN 978-3-579-06408-6, 24,95 Euro

Mehr Leben, bitte!: In diesem im vergangenen Jahr erschienenen Titel formuliert Jörns deutlicher denn je seine theologische Kritik am Kreuz und fordert ­erneut zum Gespräch über zentrale Glaubensinhalte heraus. Gleichzeitig liefert er ­allgemein verständliche theologische Meditationen über die zwölf wichtigsten Kirchenfeste – von Weihnachten bis zum Ewigkeitssonntag.
Jörns, Klaus-Peter: Mehr Leben, bitte! Zwölf Schritte zur Freiheit im Glauben, ­Gütersloher Verlagshaus, 224 Seiten,
ISBN 978-3-579-08048-2, 19,95 Euro

Der gekreuzigte Sinn: In dem Buch des promovierten bayerischen Pfarrers, der als apl. Professor Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg lehrt, steht der Opfertod Jesu im Mittelpunkt. Werner Thiede ruft allerdings nicht zum Abschied vom, sondern zum rechten Verständnis des Sühneopfers auf, in dem der dreieine Gott nicht Objekt, sondern Subjekt des Geschehens ist. »… ein bemerkenswert systematischer Entwurf und ein eindrucksvolles Zeugnis eines um Einsicht bemühten Glaubens …«, urteilte die Theologische Revue.
Thiede, Werner: Der gekreuzigte Sinn. Eine trinitarische Theodizee, Gütersloher Verlagshaus, 272 Seiten,
ISBN 978-3-579-08012-3, 29,95 Euro

Für mich gestorben!?: Jörg Rosenstock, Pfarrer in Bielefeld, kennt aus ­Gemeindearbeit sowie Religions- und Konfirmandenunterricht die kritischen ­Anfragen an den Opfertod Jesu. Gemeinsam mit den Fragenden hat er sieben Zugänge zum Kreuz erarbeitet. Allgemein verständlich richtet er sich damit an Christen wie Nichtchristen und natürlich an Seelsorger und Gemeindepädagogen.
Rosenstock, Jörg: Für mich gestorben!? Was hat Jesu Tod mit mir zu tun?, Luther-Verlag, 104 Seiten,
ISBN 978-3-7858-0574-9, 10,90 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643)246161

»Uns braucht niemand zu bedauern«

20. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Normalerweise gilt eine sich abzeichnende Behinderung des Kindes als guter Grund zur Abtreibung. Doch Familie Meisterjahn entschied sich anders – und ist froh darüber.

Können sich ein Leben ohne ihren behinderten Sohn nicht mehr vorstellen: Dagmar und Rainer Meisterjahn mit ihrem inzwischen 27-jährigen André. Foto: Karin Vorländer.

Können sich ein Leben ohne ihren behinderten Sohn nicht mehr vorstellen: Dagmar und Rainer Meisterjahn mit ihrem inzwischen 27-jährigen André. Foto: Karin Vorländer.

Schon lange freut sich André Meisterjahn auf seinen Geburtstag. 27 Jahre alt wird er. Die Vorbereitungen für die Party, zu der er 15 Gäste erwartet, laufen auf Hochtouren. Sein Bruder Patric wird die Musik auflegen, sein Vater Rainer kocht Spaghetti mit Bologneser-Soße. Und André? André freut sich und ist stolz. Denn er hat ganz allein daran gedacht, dass die Gläser aus dem Keller geholt und gespült werden müssen. Als André vor 27 Jahren geboren wurde, hatten die Ärzte seine Eltern darauf vorbereitet, dass André mit einer angeborenen genetischen Veränderung zur Welt kommen würde: dem Downsyndrom.

Das Datum 21. März für den Welttag Downsyndrom ist bewusst gewählt; denn es steht dafür, dass im Chromosomensatz der Betroffenen das Chromosom 21 dreimal vorhanden ist. »Trisomie 21« wird das Downsyndrom deshalb auch genannt. Bis zu 95 Prozent der Eltern, die aufgrund vorgeburtlicher Untersuchungen mit der Diagnose »Trisomie 21« konfrontiert werden, entscheiden sich gegen ihr Kind. Denn obwohl der Grad der ­geistigen ­Behinderung unterschiedlich ausfallen kann, gilt ein solches Kind als »unzumutbare Belastung«. Aufgrund der »medizinischen Indikation« darf die Schwangerschaft deshalb auch dann noch straffrei abgebrochen werden, wenn das Kind ­außerhalb des Mutterleibes schon lebensfähig wäre.

Mitleid mit den »armen Eltern und dem armen Kind« war die vorherrschende Reaktion, als sich in der Siedlung, in der jeder jeden kennt, herumsprach, dass André »behindert« ist. »Wenn ich mit ihm im Kinderwagen unterwegs war, fuhr ich gegen eine Mauer von hilflosem und befangenem Schweigen«, erinnert sich Dagmar Meisterjahn. Es war André, der schon als kleiner Junge selbst die Brücke schlug. »Er hat ein unglaublich einnehmendes Wesen. André kann vieles nicht, was seine beiden jün­geren Geschwister können – aber er kann wunderbar mit Menschen umgehen. Das ist das Wichtigste«, findet Rainer Meisterjahn.

Zu Andrés verminderten geistigen ­Fähigkeiten kamen weitere typische gesundheitliche Beeinträchtigungen: ein schwerer Herzfehler, Probleme beim Hören und ein schwacher Muskeltonus, der für Probleme in der Sprachentwicklung und Motorik sorgt. Viele Arztbesuche, die Suche nach Therapie- und Fördermaßnahmen, und die Vorbereitung der Herz-OP ließen sie anfangs kaum zur Besinnung kommen. Dass eine Abtreibung damals gar nicht zur Debatte stand, darüber sind die Meisterjahns bis heute froh.
Dank der fürsorglichen Kontaktstärke, mit der André reagiert, wenn jemand traurig oder bedrückt ist, und dank einer unbefangenen Mitteilungsfreude hat der 27-Jährige heute einen großen Freundes- und Bekanntenkreis. Er geht regelmäßig kegeln und tanzt leidenschaftlich gern. Stolz zeigt er die Reihe von Pokalen, die er beim (Behinderten)Sport gewonnen hat. Seine Liebe zur Musik lebt er öffentlich aus: Beim 25. Jahresfest der »Biberschlümpfe«, einem Zusammenschluss von Eltern mit behinderten Kindern, erntete er mit seiner Elvis-Imitation Riesenbeifall.

Andrés Sehnsucht nach einer Freundin allerdings ist bislang unerfüllt. »Blond soll sie sein und nicht behindert«, sagt er. Den Rat seiner Mutter, er solle sich in der Werkstatt nach einem netten Mädel umsehen, wehrt er entschieden ab. »Behinderte hab ich in der Werkstatt genug.«

Ohne Unterstützung von »Mama und Papa« könnte André das Leben allerdings nicht selbstständig bewältigen. Weil es in seiner Kindheit die heute eingesetzte Methode des Frühlesens noch nicht gab, mit der viele der Downsyndrom-Kinder heute lesen lernen, kann André weder lesen noch rechnen. Damals verwehrten ihm die Behörden auch den Besuch einer ­Regelschule mit integrativem Unterricht. »Dabei hat er im Regelkindergarten für seine Sprache so viel profitiert«, bedauert sein Vater noch heute.

Im sicheren Rahmen eines Alltags mit ritualisierten Abläufen bewältigt André seinen Tag relativ selbstständig. »André hat die Uhr im Bauch. Obwohl er die Uhr nicht kennt, kocht er jeden Tag um drei Kaffee für uns«, freut sich Mutter Dagmar. Bei der Morgenhygiene braucht er gelegentlich mahnende Unterstützung, und es bedurfte jahrelangen geduldigen Trainings, bis André ein Hemd knöpfen konnte. Dank geduldigen Übens kann er sogar alle Geräte, die er für seine Musikleidenschaft braucht, bedienen. Ob er ­jemals eine eigene Wohnung beziehen wird? Obwohl es heute für Menschen mit Down Syndrom Wohnalternativen zum Elternhaus gibt, sind sich alle in der Familie einig: André soll so lange wie möglich bei den Eltern leben.

»Wegen André braucht uns keiner bedauern. Wir sind froh, dass wir ihn haben«, sagt Dagmar Meisterjahn mit Nachdruck. Im Gegenteil: Langsamkeit und Geduld habe er sie gelehrt, die Fähigkeit, Anteil zu nehmen, und nicht vorschnell über Menschen zu urteilen, die anders sind. »Ohne André wäre unser Leben ärmer – auch wenn es manchmal schwierig ist«, sagt Rainer Meisterjahn, ehe er in der Küche verschwindet. Und André strahlt: »Ich helfe dir – ich mal nur schnell mein Mandala zu Ende bunt!«

Von Karin Vorländer

Einspruch!

11. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Rund 39 Millionen Karteikarten und 180 Kilometer Aktenbestände gehören zu den bisher aufgefundenen Hinterlassenschaften des DDR-Geheimdienstes. Doch entsprechen dessen Berichte und Einschätzungen in jedem Fall der Wahrheit? Foto: epd-bild/version/Ralf Maro

Rund 39 Millionen Karteikarten und 180 Kilometer Aktenbestände gehören zu den bisher aufgefundenen Hinterlassenschaften des DDR-Geheimdienstes. Doch entsprechen dessen Berichte und Einschätzungen in jedem Fall der Wahrheit? Foto: epd-bild/version/Ralf Maro

Die Akten der Staatssicherheit gelten vielen als Kronzeugen für eine erfolgreiche Unterwanderung und Steuerung der DDR-Kirchen. Doch wie zuverlässig sind die Hinterlassenschaften?

Dass die Hinterlassenschaft des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) trotz ihres erhaltenen Aktenbestandes von 178 laufenden Kilometern nicht ausreicht, um der DDR-Wirklichkeit auf die Spur zu kommen, wird niemand infrage stellen. Was der Geheimdienst bienenfleißig, interessengeleitet und menschenverachtend an Informationen gesammelt hat, kann nicht für bare Münze genommen werden, sondern muss sich an anderen Quellen messen lassen. Selbst als zeitgeschichtliche Primärquelle können sie nicht dienen, obschon die Enthüllungsliteratur der 90er Jahre dies weitgehend praktiziert hat. »Wer dem problematischen Charakter der Stasiakten nicht Rechnung trägt, setzt ihr Zerstörungswerk fort«, ist sich der Thüringer Oberkirchenrat i. R. Ludwig Große sicher. »Auch die verheerende Wirkung missbrauchter oder fahrlässig gehandhabter Akten gehören zur Wirkungsgeschichte des MfS.«

1999 wurde Ludwig Große von seiner Landeskirche und der Jenaer Theologischen Fakultät beauftragt, Einflussversuche des MfS auf die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen und über sie auf die Organe des Bundes Evangelischer Kirchen in der DDR (BEK) exemplarisch zu prüfen und den Umgang mit Stasiakten aus hermeneutischer Sicht zu erörtern.

Der 1933 in Zeutsch geborene Tannrodaer Gemeindepfarrer, Saalfelder Superintendent, Leiter der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft und Eisenacher Oberkirchenrat für Ausbildung und Erziehung weiß, wovon er redet, war er doch selbst 28 Jahre lang aktenkundig im Visier der Staatssicherheit, wurde in drei operativen Vorgängen mit dem Ziel der Zersetzung bearbeitet und war wegen seines mutigen Auftretens der Lieblingsfeind staatlicher Stellen. Als Synodaler seit 1964 in Thüringen und seit 1974 auch im DDR-Kirchenbund, Mitglied in der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen, in der Beratergruppe zwischen ostdeutschem BEK und westdeutscher EKD und schließlich im Thüringer Landeskirchenrat, bekam der Theologe auf allen ­Ebenen Informationen aus erster Hand. Offizielle kirchliche Verlautbarungen, aber auch sorgsam archivierte interne Gremienprotokolle und persönliche Aufzeichnungen ermöglichten es, der vielschichtigen Wahrheit im Vergleich von Stasiakten, kirchlicher Überlieferung und Zeitzeugeninterviews näherzukommen. Wobei letzteren besondere Bedeutung zukommt, wenn es um die Geschichte ­einer Diktatur geht, in der Widerständiges aus naheliegendem Grund oft nur mündlich oder verschlüsselt weiterge­geben wurde.

Nun liegt das Ergebnis der Recherchen vor in einem von der Evangelischen Verlagsanstalt herausgegebenem dicken Band mit dem Titel »Einspruch!« und ­einem Vorwort des letzten Thüringer Landesbischof Christoph Kähler. Gleich die ersten Buchseiten zeigen am Beispiel der Vorgänge um den Aufnäher »Schwerter zu Pflugscharen«, wie unterschiedlich bis gegensätzlich die verschiedenen Quellen reden. Während staatliche Stellen und das MfS von der gelungenen Spaltung der Landeskirchen einerseits und der Träger des Symbols und den Kirchen andererseits zu berichten wissen, dokumentieren kirchliche Informationen, u. a. im Blick auf das am 7. April 1982 stattgefundene Gespräch der Konferenz der Kirchenleitungen mit Staatssekretär Klaus Gysi in dieser Sache, eine geschlossene kirchliche Front. »Wer die staatlichen Texte mit den kirchlichen vergleicht, muss sich fragen: Ist hier von der gleichen Veranstaltung die Rede?«

Wenn ein Zeitzeuge die Akten ehemaliger Gegner liest und sie bei einer Fülle von Fallbeispielen mit eigenen Quellen und den Erfahrungen Dritter zusammenbringt, wird auch nicht die Wahrheit und nichts als die reine Wahrheit herauskommen. »Ein bewusst oder unbewusst wirksames Vorverständnis liegt jeder Untersuchung zugrunde, auch dieser«, gibt der Autor zu. Wer ihn kennt, wird ohnehin nicht eine leidenschaftslos nüchterne Bilanz erwarten, sondern eine Streitschrift.

Sie bietet auftragsgemäß und notwendigerweise keine lückenlose Chronik der MfS-Einflussversuche auf die Thüringer Kirche, sondern nur exemplarisch untersuchte Vorgänge und Texte. Wobei sich manches, was in der Superintendentur Saalfeld vor sich ging, nicht unbedingt auf alle anderen Regionen oder Landeskirchen übertragen lässt. Immer wieder wichtig ist dem Autor der Hinweis auf die von den Genossen völlig unterschätzte politische Wirkung biblischer Texte als Handlungsgrundlage einer Kirche, die Ludwig Große immer als Versammlung aller Gläubigen und nicht als Institution begreift.

Dass die Einschätzung der Kirche durch das MfS nach energischem »Einspruch« verlangt und deren geheime Akten der Auslegung bedürfen und nicht als Kronzeugen verwendet werden können, wird durchgängig deutlich. Und auch, dass jeder Vorgang für sich bewertet werden muss im Spiegel unterschiedlicher Aussagen. Wenn dafür jetzt mehr kirchliche Quellen und Zeitzeugenberichte zur Verfügung stehen als vorher, ist das ein Verdienst dieses Buches und seines kenntnisreichen Verfassers. Eine Unmenge von Anmerkungen, Dokumenten, umfangreiche Literatur-, Personen- und Sachregister fördern Verständnis und Weiterarbeit.

Christine Lässig

Buchcover-EinspruchGroße, Ludwig: Einspruch!
Das Verhältnis von Kirche und Staatssicherheit im Spiegel gegensätzlicher Überlieferungen,
Evangelische Verlagsanstalt GmbH, Leipzig,
776 S., ISBN 978-3-374-02713-2, 38,00 Euro

Bezug über den ­Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer ­Kirchenzeitung:
Telefon (03643)246161

Die Freiheit eines Christenmenschen

5. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Öffentliche Ämter: Zum Rücktritt von Margot Käßmann und zum Anspruch an Menschen in Spitzenpositionen

Sollten Menschen in herausgehobenen Positionen ­Vorbild sein? Oder sind die Maßstäbe, die an sie angelegt werden, zu hoch? Margot Käßmanns Rücktritt hat über diese Fragen eine lebhafte Diskussion ausgelöst.

Foto: Archiv

Foto: Archiv

Margot Käßmanns Verfehlung und ihr Rücktritt – sie haben eine heftige öffentliche, auch sehr emotionale Debatte ausgelöst über die Frage: Was darf man – legitimerweise – erwarten, was darf man verlangen von Menschen in herausgehobenen öffentlichen Ämtern in Politik, Gesellschaft, Kirche? Sollen sie, müssen sie Vorbild sein, und wenn ja, in welchem Sinne?

Zunächst eine einfache Beobachtung: Im öffentlichen Amt, in herausgehobener Position sind Siege, sind Erfolge strahlender, erscheinen schöner und größer, weil öffentlich – das macht das öffentliche Amt verführerisch. Zugleich aber sind Niederlagen, Fehler, Misserfolge schlimmer und schmerzlicher, weil eben öffentlich – das macht das öffentliche Amt riskant. Mit einem öffentlichen Amt wächst nicht nur die Verantwortung, sondern auch der Zwang, Vorbild, gar vollkommen sein zu müssen oder jedenfalls besser als die (beobachtende) Mehrheit – die zugleich argwöhnisch verfolgt, ob die öffentliche Person diese Erwartung auch erfüllt. Wehe, wenn nicht.
Aber die Person im öffentlichen Amt bleibt doch ein Mensch, also fehlbar, unvollständig, des Erbarmens würdig! Sie wird (fast) nie identisch sein können mit dem erwünschten Idealbild, mit der von vieler Leute Wünsche und Hoffnungen gemalten Ikone von diesem Menschen. Eine Ikone aber ist ein ohne Tiefe gemaltes Bild. Selbst im Amte sind wir indivi­duelle Person, nie ganz identisch mit einem Amt, das Amt bleibt mehr als dessen Inhaber.

In einem Kommentar der »Berliner Zeitung« war zu lesen: Bischöfin Käßmann »sei über ihren moralischen Hochmut gestolpert – rufen ihr diejenigen hinterher, die jegliche Moral zum Hochmut erklären, die über ihre Begriffe geht.« Und tatsächlich: »Moralist«, »Gutmensch« sind zu Schimpfworten in der medialen Öffentlichkeit geworden. Allzu hohe moralische Ansprüche erwecken Misstrauen und Spott. Willkommen in unserer Gosse, wenn einer scheitert.

Sollten wir also die Maßstäbe absenken, weil wir doch allzu oft unter ihnen bleiben? Was ist wirklich zu verlangen von Menschen in »öffentlichen Ämtern«? Gewiss nicht, dass sie Heilige sind oder werden. Aber doch, dass sie Vorbilder sind in einem ganz bestimmten Sinn: Politiker sollten Vorbilder sein für die Einhaltung der Regeln, die für unser demokratisches Gemeinwesen konstitutiv sind, sie sollten erkennbar für das Gemeinwohl engagiert arbeiten und nicht nur fürs eigene materielle Wohl. (Wo das nicht geschieht, haben die Bürger die demokratische Möglichkeit, den betreffenden Politiker abzuwählen.) Wirtschaftsmanager sollten nachvollziehbar für das Wohl des Unternehmens tätig sein, also nicht nur für die Eigentümer, sondern ebenso auch für die Arbeitnehmer. (Von Rücktritten nach folgenreichen Fehlentscheidungen ist in diesem Milieu wenig bekannt.) Bischöfe und Pfarrer sollten das Evangelium mit Überzeugung und glaubwürdig vermitteln und vertreten. Müssen wenigstens sie dafür Heilige sein? Nein. Auch die Jünger Jesu waren es nicht, sie waren vielmehr gewöhnliche Menschen, Petrus hat sogar gelogen. Trotzdem wurden sie Zeugen Jesu und seiner Lehre – weil sie durch ihr Leben und Sterben für die Frohe Botschaft einstanden.

Margot Käßmann sei an ihren eigenen Maßstäben gescheitert, heißt es. Aus einer falschen Augenblicksentscheidung wurde ein schwerwiegender Fehler: Die Bischöfin hat daraus Konsequenzen gezogen. Mit ihrem Rücktritt bestätigt sie jene moralischen Maßstäbe, an deren Geltung sich so viele stören! Musste sie unbedingt zurücktreten, war ihre Entscheidung alternativlos? Nein, gewiss nicht, aber sie hat sich in Freiheit und Demut so entschieden. Das verdient dankbaren Respekt, auch wenn ich traurig bin über den Verlust. Margot Käßmann hat ein Beispiel gegeben für die Freiheit eines Christenmenschen.

Der Autor Wolfgang Thierse ist Vizepräsident des Deutschen Bundestages.

Wolfgang Thierse

Sie wurden im Einigungsvertrag schlicht vergessen

26. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Frauen, die in der DDR ­geschieden wurden, leben heute oft an der Armutsgrenze. Ihre Lage ließe sich verbessern, würde ein 20 Jahre alter Fehler endlich korrigiert.

Rechtlich noch immer »hinter der Mauer«: Den seit 1977 in der alten Bundesrepublik bestehenden Versorgungsausgleich für geschiedene Frauen gibt es für ­Betroffene aus der ehemaligen DDR bis heute nicht. Foto: ullstein bild – CARO/Ponizak

Rechtlich noch immer »hinter der Mauer«: Den seit 1977 in der alten Bundesrepublik bestehenden Versorgungsausgleich für geschiedene Frauen gibt es für ­Betroffene aus der ehemaligen DDR bis heute nicht. Foto: ullstein bild – CARO/Ponizak

Der Rotstift ist seit Jahren Hanna Kirchners treuester Begleiter. Von ihren 796 Euro Rente geht knapp die Hälfte für die Warmmiete drauf: »Auch kleine Wohnungen sind teuer«, sagt sie. Zeitungsabo? Fehlanzeige! Kosten für Praxis­gebühr und verschreibungspflichtige Medikamente schlagen zu Buche. Und die Mobilität leidet. Reisen mit der Bahn und eine Monatskarte für die Straßenbahn sind bei der Magdeburgerin nicht drin. Seit sie im vergangenen Jahr am Fuß operiert wurde, sind auch Radfahren und Gehen für die ehemalige Lehrerin, Jahrgang 1938, zum Problem geworden.

Elfriede Jung, Jahrgang 1939 und Bürokauffrau von Beruf, muss nach 44 Arbeitsjahren mit 764 Euro monatlich über die Runden kommen. »Davon kann man doch nicht leben«, kommentierten bei einem ihrer selten möglichen Besuche die Verwandten in Westdeutschland ihre Situation. Doch man – oder besser: Frau – kann nicht nur, sondern muss. Hanna Kirchner und Elfriede Jung haben mit hunderttausenden Frauen mehrere Dinge gemein: Die meisten ihrer Arbeitsjahre fielen in die DDR-Zeit. Nach 1989 verloren sie ihre Arbeit. Und: Sie wurden zu DDR-Zeiten geschieden.

Einen Versorgungsausgleich zwischen den Partnern, wie ihn seit 1977 das Scheidungsrecht der alten und auch das der neuen Bundesrepublik seit 1992 kennt, der eine faire Rentenberechnung für die gemeinsamen Ehejahre garantiert, gab es in der DDR nicht. Mit der Scheidung endeten die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Partnern. Unterhalt musste nur für gemeinsame Kinder gezahlt werden. Für die Rentenberechnung zählten jeweils die letzten 20 Arbeitsjahre und die Beiträge zur Freiwilligen Zusatzrente. Auch wer nicht berufstätig war, konnte sich durch Zahlung von drei DDR-Mark monatlich über 20 Jahre eine Mindestrente von 330 Mark sichern. Heute würden die drei Mark wie ein Verdienst gerechnet. Über 20 Jahre eingezahlt, ergäbe sich eine monatliche Rente von 4,72 Euro.

Wäre alles gut gegangen, hätte Hanna Kirchner, die einen Sohn und eine schwerhörige Tochter großzog, heute keine materiellen Sorgen. Ging es aber nicht: Ihre Ehe mit einem Arzt wurde nach 23 Jahren geschieden, ihre Berufsschule 1991 »abgewickelt« und sie entlassen. Bis zum Renten­alter und darüber hinaus gab sie Nachhilfe und nahm Honoraraufträge an. Jetzt macht die Gesundheit nicht mehr mit.

Familienarbeit wird besonders »bestraft«

Elfriede Jung, die ein Kind großzog, war in erster Ehe 22 Jahre verheiratet. Ihre zweite Ehe dauerte 17 Jahre und wurde 1992 geschieden. »Ohne den Versorgungsausgleich aus dieser Ehe«, sagt sie, »würde ich nur unter 700 Euro eigene Rente bekommen.« Auch sie verlor nach der Wende ihre Anstellung und hielt sich mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser.

Übrigens: Nicht nur geschiedene Frauen und (einige) Männer sind von der Nichtbeachtung im Rentenüberleitungsgesetz betroffen. Auch die Sonderregelungen etwa für Mitarbeiter der Bahn, der Post, von Künstlern oder den Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialwesen entfielen. Doch die geschiedenen Frauen trifft es härter als andere. Denn die persönliche Entscheidung vieler, ganz oder teilweise in ihren Familien zu arbeiten anstatt in Büro oder Fabrik, die Kinder zu betreuen, dem Karriere machenden Mann den Rücken freizuhalten oder als »mithelfende Ehefrau« den Handwerksbetrieb zu stützen, wird nicht anerkannt. Und eine ausgebaute Kinderbetreuung, die auch Müttern kleiner Kinder die volle Berufstätigkeit ermöglicht hätte, gab es in der DDR erst ab den 70er Jahren.
Zwar heißt es im Einigungsvertrag, der am 29. September 1990 in Kraft trat, dass für die Rentenberechnung in der DDR Geschiedener noch eine »spezialgesetzliche Regelung« erfolgen müsse, sobald die Angleichung der Ostrenten abgeschlossen sei. Doch die Regelung fehlte im Rentenüberleitungsgesetz von 1991 – und sie fehlt bis heute.

Mit dem 1999 gegründeten »Verein der in der DDR geschiedenen Frauen« mit Gruppen in fast allen neuen Ländern und Berlin gibt es zumindest eine Interessenvertretung. Hier sind die beiden Magdeburgerinnen engagiert. Doch das, was die Politik tut, sorgt bei ihnen immer wieder für ­Ärger. So kam eine interministerielle Arbeitsgruppe zu dem Schluss, dass jede andere Lösung als die bestehende erheblichen Verwaltungsaufwand mit sich bringen und neues ­Unrecht hervorrufen würde.

Das Bundesverfassungsgericht lehnte eine Gemeinschaftsklage ab, weil die Kläger den falschen Weg durch die Instanzen gegangen waren: Statt vor das Sozial- hätten sie vor das Familiengericht ziehen müssen. Im vergangenen Herbst wiesen die Karlsruher Richter die Klage einer Frau ab, weil die Angaben zur Erwerbsbiografie ihres geschiedenen Mannes fehlten. Dabei hätte nur das Gericht die Zahlen vom Rentenversicherungsträger anfordern dürfen, nicht aber die Klägerin. Doch diese gibt nicht auf und will jetzt vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen.

Viele haben den Mut zum Kämpfen verloren
1989 betraf der vergessene Versorgungsausgleich schätzungsweise 800000 Frauen. Heute leben noch ­weniger als die Hälfte. Die meisten von ihnen beziehen Renten, die zwischen 650 und 750 Euro liegen. Ob sich ihre Lage je verbessern wird, ist offen. Denn im vergangenen Jahr entschieden sich die Abgeordneten des Bundestages gegen eine Lösung, die die Fraktion der Linken vorgeschlagen hatte: Die Frauen sollten einen aus Steuern finanzierten fiktiven Versorgungsausgleich und damit nachträglich Recht erhalten. Denn die Scheidungsurteile aus DDR-Zeiten haben aufgrund des Rückwirkungsverbotes Bestand.

Mit den Jahren sind die Frauen müde geworden. Manche haben sich aufgrund von Anfeindungen aus der Vereinsarbeit zurückgezogen. Sollte, wie manche befürchten, das Problem nicht auf politischem, sondern auf »biologischem« Weg gelöst werden?

Am 8. März wollen Frauen in Leipzig gegen das fortgesetzte Unrecht demonstrieren. Sie planen für 15.30 Uhr auf dem Augustusplatz eine Kundgebung. Um 17 Uhr gehen sie zur ­Andacht in die Nikolaikirche.

Angela Stoye

Käßmann-Rücktritt: »Schwerer Verlust für den deutschen Protestantismus«

25. Februar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Margot Käßmann hat auf die Stimme ihres Herzens gehört. Obwohl ihr der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) als höchstes Leitungsorgan nach einer Telefonkonferenz in der Nacht zum Mittwoch einmütig das Vertrauen aussprach, zog die Ratsvorsitzende und Bischöfin der hannoverschen Landeskirche am 24. Februar die Konsequenzen: „Hiermit erkläre ich, dass ich mit sofortiger Wirkung von allen meinen kirchlichen Ämtern zurücktrete“, sagte sie in einer Pressekonferenz.

Geradlinig bis zum Ende: Margot Käßmann verkündet am Mittwoch, 24. Februar, ihren Rücktritt. (Foto: epd-bild)

Geradlinig bis zum Ende: Margot Käßmann verkündet am Mittwoch, 24. Februar, ihren Rücktritt. (Foto: epd-bild)

Mit der ihr eigenen und von vielen so geschätzten Geradlinigkeit zog sie damit einen Schlussstrich unter die verhängnisvolle Alkoholfahrt vom vergangenen Wochenende. Sie bereue zutiefst den begangenen Fehler und sei mit Leib uns Seele Bischöfin gewesen. Doch: „Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben“, fügte die 51-Jährige sichtlich bewegt hinzu. Neben der Würde des Amtes gehe es ihr dabei auch um den Respekt und die Achtung vor sich selbst. Ihr Schlusssatz lautete: „Ich weiß aus vorangegangenen Krisen: Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand. Für diese Glaubensüberzeugung bin ich auch heute dankbar.“

Ihre Funktion in der EKD nimmt ab sofort ihr bisheriger Stellvertreter Nikolaus Schneider war. Schneider ist Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. Über das weitere Vorgehen zur Wahl eines neuen Ratsvorsitzenden wird der Rat der EKD bei seiner turnusmäßigen Sitzung an diesem Freitag und Sonnabend (26. und 27. Februar) beraten.

Der Rücktritt sei „ein schwerer Verlust für den deutschen Protestantismus“, der auch persönlich schmerze, erklärten Schneider und die Präses der EKD-Synode, die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckart. In einer gemeinsamen Presseerklärung verwiesen sie darauf, dass Margot Käßmann ihren Fehler sofort eingestanden habe, und so für viele Menschen zu einem Vorbild an Glaubwürdigkeit wurde.

Auch der sächsische Landesbischof Jochen Bohl, der zugleich Mitglied im Rat der EKD ist, bezeichnete ihren Rücktritt als einen „großen Verlust“. Unausweichlich sei ihr Rücktritt nicht gewesen. Der Rat der EKD habe ihr das Vertrauen ausgesprochen. Bohl räumte aber auch ein, dass er ihren Schritt nachvollziehen könne. „Er verdienst hohen Respekt. Er ist auch darin begründet, dass Margot Käßmann Schaden von ihrem Amt als Bischöfin und EKD-Ratspräsidentin fern halten wollte“, so Bohl.

Ebenso bedauert Ilse Junkermann, Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), „in höchstem Maße“ den Rücktritt ihrer Amtskollegin. „Den Menschen in unserem Land wird ihre Stimme fehlen“, so Junkermann wörtlich. So habe Käßmann in kritischen Diskussionen ohne Umschweife klar gemacht, dass das Evangelium und der Auftrag der Kirche auch eine politische Dimension habe. „Ich werde den Mut von Margot Käßmann, ihre theologische Klarheit und ihren Humor als Schwester im Amt sehr vermissen“, fügte die Kirchenleiterin hinzu.

Auch der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig reagierte “mit großem Bedauern und Respekt”. Die evangelische Kirche verliere mit Käßmann “ihre prominenteste Repräsentantin”, erklärte er in Dessau-Roßlau. Die Entscheidung über die Nachfolge werde “nicht einfach”.
(GKZ)

Wie Gottes Wort von der Kanzel hörbar werden kann

18. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Die protestantische Predigtkultur – Ein Beitrag von Friedrich Schorlemmer

Foto: T. Rolf, sxc.hu

Foto: T. Rolf, sxc.hu

Bei uns Protestanten kommt alles aufs Wort an. Auf das zutreffende und treffende, das tröstende und mahnende, das befreiende und verpflichtende. Das Wort, das von Herzen kommt und das im Herzen ankommt, freilich auch der Kopf nicht entbehrlich wird. (»Verkopft« lautet oft der Vorwurf.) Wir sind in einer Zeit der Bilderdominanz schlecht dran, vor allem dann, wenn wir das Wort nicht wirksam zu handhaben wissen, wenn das Wort uns nicht so ergreift, dass auch andere ergriffen werden.

Es gibt eine große protestantische Predigtkultur von Luther über Löscher bis zu Schleiermacher und Bonhoeffer. Ich selber habe Menschen erleben können, große Prediger aus unserer Region, an die ich mich so dankbar ­erinnere. An Dietrich Mendt und ­Ludwig Große, an Christof Ziemer und das Ehepaar Gabriele und Andreas Herbst, an Klaus-Peter Hertzsch und Heino Falcke, an Werner Krusche und Johannes Jänicke. Die haben mich mit ihrer besonderen Begabung nie kleingemacht, sondern mir Mut gemacht. Sie konnten und können nicht nur reden, sondern hatten etwas zu sagen, das ganz aus ihnen kam und ansprechend zu uns Hörern »rüberkam«.

Vor allem anderen steht die Frage, wie SEIN Wort in meinen Worten von der Kanzel herab hörbar wird. Wie bekommt das Göttliche im Menschlichen Stimme? Es war der Germanist Walther Jens, der die Predigt als Rede(kunst) wiederzuentdecken empfahl. Das WAS bestimmt das WIE, der Inhalt die Sprachform, der Anlass die Sprechweise. (Um es nett zu sagen: Unsere Predigtkultur ist in einem durchaus verbesserungsfähigen Zustand.)

Das Wichtigste bleibt die Frage, was den Prediger/die Predigerin treibt: als wache Zeitgenossen, als einfühlsame Seelsorger, als denkende Subjekte mit tiefem Respekt vor dem Bibelwort – die Kunst des Verstehens und des Verständlichmachens so gut es eben geht zu beherrschen. Wie bringen sie den Text des ­Lebens mit dem auszulegenden Abschnitt aus der Schrift zusammen? Der Prediger braucht nicht mehr und nicht weniger als ein gutes Gefühl für die Sprache, die Fähigkeit zum Sprechen und die Erkenntnis dessen, was jetzt zur Sprache kommen soll. Alle die, die zu einem Gottesdienst bei uns Evangelischen kommen, erwarten besonders etwas von der ­Predigt und beurteilen den ganzen Gottesdienst von der Predigt her. Das ist geradezu misslich. Gehören dazu nicht die Lieder, die Psalmen, die ­Gebete, die Lesungen, der Raum, das Licht, das Kirchenjahr und die Mithörenden, die ganze Atmosphäre?

Unser Dilemma kommt aus einer gewichtigen theologischen Entscheidung Martin Luthers bei der Übersetzung des Römerbriefes, wo er übersetzt: »Der Glaube kommt aus der Predigt.« (Römer 10,17) Dort heißt es eigentlich: Der Glaube kommt aus dem Hören. Luther hat nicht falsch übersetzt, aber damit Glaubensvermittlung zu sehr an unser (Kanzel-) Predigen gebunden, wiewohl jeder Hausvater es auch tun soll.

Inzwischen hat das Predigen im allgemeinen Sprachgebrauch eher einen pejorativen Klang. Wenn es da heißt, dass ein Schriftsteller oder gar ein ­Kabarettist predigen würde, so meint man, dass sie etwas ernst und gut gemeint hätten, aber das gut Gemeinte würde das Peinliche.

Unsere bestallten Prediger sollten mehr lernen von den großen Rednern und wissen, dass die Predigt eine Rede ist. Sie hat einen Unterhaltungswert, der nicht zu gering zu schätzen ist, sofern das nicht flapsig wird. Es muss in jeder Weise ein Vergnügen sein zuzuhören. Was da gesagt wird, mag nahegehen und angehen. Und es ist nicht schlecht, wenn man es »schön gesagt hat«. Zur Fortentwicklung der Predigtkultur in jeder Zeit gehört, dass Predigende ­täglich ein gutes Stück Literatur zu sich nehmen und dass sie die Heilige Schrift auch als Literatur zu würdigen verstehen.

Der aus der Antike stammende Gleichklang von docere, movere und delectare ist schon ein guter Kompass für die Predigtvariationen. Man kann sich das auch so übersetzen: Orientieren, Anrühren und Aufmuntern. Dem Wort in der Geräuschwelt und im Talk-Geschwätz etwas zutrauen, dem Wort nachhören, ehe man es ­selber zur Sprache bringt. Bloße Predigttechnik jedenfalls reicht nicht nur nicht aus, sondern wäre das Falscheste, was wir machen könnten; doch was man machen und lernen kann, soll man wohl auch ­machen und lehren.

Ansonsten muss man es kommen lassen: natürlich, authentisch, selber errungen – um dann genau das zu ­sagen, was einen wirklich drängt. Wes das Herz nicht übergeht, der soll auch nicht reden. Es gilt zuförderst zuhören zu lernen, den Text zu lesen und noch einmal zu lesen und noch einmal zu ­lesen. Laut. Die Poesie der Schrift zu entdecken und sie hörbar zu machen. Das Reden als einen ganzheitlichen Vorgang verstehen. Predigen ist der stetige Versuch, ein Schriftwort zu erklären, Dunkles und Verworrenes zu klären, aber auch zu überzeugen. Und das Gesagte ins Gespräch zu bringen – mit mündigen Mitchristen, mit allen existenziell Fragenden, mit Suchenden und (Ver-) Zweifelnden.

Luther hat 1530 in seiner Vorrede zu den Seligpreisungen so wunderbar gesagt, was zu einem Prediger gehört: Auftreten. Mund auftun. Etwas sagen. Rechtzeitig aufhören. Und fügte hinzu: frisch und getrost. Nichts verschweigen oder nur murmeln. Alles unerschrocken und klar heraussagen, es treffe, wen oder was es wolle. Ordentlich zurechtgemacht sein, schade auch nicht.

P. S.: Warum kommen nicht alle Pfarrer regelmäßig zu einer Predigt-Weiterbildung zusammen? Eine Art Balint-Gruppe für Prediger!
Aber, Ihr Prediger und Predigerinnen, vergesst nicht: ohne die Musik wird alles nichts, denn sie geht ins Herz. Das am Freitag in Lutherstadt Wittenberg eröffnete »Zentrum für evangelische Predigtkultur« der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wird viel zu tun haben. Das mag (un)merklich allen zugute kommen.

Friedrich Schorlemmer

Gewachsene Sensibilität

11. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Bilanz: Die Kirchen in Mitteldeutschland engagieren sich gegen Rechtsextremismus – doch was haben diverse Aktionsjahre gebracht?

Nur gemeinsam kann es auf Dauer gelingen, den sich in der Gesellschaft wieder breit machenden alt/neubraunen Ideologien, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu begegnen. 	Foto: epd-bild/Jens Schulze

Nur gemeinsam kann es auf Dauer gelingen, den sich in der Gesellschaft wieder breit machenden alt/neubraunen Ideologien, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu begegnen. Foto: epd-bild/Jens Schulze

Waren es früher vorwiegend Einzelne, die den Kampf gegen die Ausbreitung rechtsextremen Gedankengutes anmahnten, ­stehen seit einiger Zeit auch die Kirchen in vorderster Reihe – zumindest offiziell.

Nächstenliebe verlangt Klarheit« – mit dieser Feststellung dürfte kaum ein Christ hierzulande Probleme haben, mit dem Zusatz hingegen schon: »Evangelische Kirche gegen Rechtsextremismus«. Die Bilanz der gleichnamigen Aktionsjahre in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen fällt gemischt aus.

»Die Gemeinden haben das Thema auf die Tagesordnung gesetzt; die Sensibilität ist gewachsen«, zeigte sich Christhard Wagner erfreut. Der Bildungsdezernent der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) war ein entscheidender Motor, als das Aktionsjahr 2008 in seiner Landeskirche – auch gegen ­Widerstände in den eigenen Reihen – in Gang gesetzt wurde. Allerdings ist ihm auch klar: »Kirche ist hier nicht diejenige, die die Welt beglücken kann, sondern sitzt selbst im Glashaus.«

Das bestätigt auch Christian Liebchen, der als Referent im Kinder- und ­Jugendpfarramt der EKM das Thema in zahlreichen Fortbildungen den Gemeinden, Pfarrern, Diakonen und Gemeindepädagogen nahegebracht hat: »Wenn rechtsextreme Einstellungen aus der Mitte der Gesellschaft kommen, kommen sie auch aus der Mitte unserer ­Gottesdienstbesucher, Gemeindekirchenräte und Kirchenchöre.« Vor allem ältere, konservativ eingestellte ­Gemeindeglieder seien hierfür anfällig. »Aber die erreicht man mit keiner Jugendarbeit«, macht Liebchen das Problem deutlich.

Deutlich frustriert zeigte sich Andreas Holtz, Pfarrer im anhaltischen Pretzien. Dort hatten 2006 Neonazis das »Tagebuch der Anne Frank« öffentlich verbrannt. Der evangelische Pfarrer war ­anschließend einer der wenigen, die eine offene Auseinandersetzung mit den Tätern forderten. »Die Kirche tut hier nichts! Dem Werben und der Hintergrundarbeit der Nazis können wir nichts entgegensetzen.« Ihn mache diese Situation regelrecht krank, denn auch die ­Kirchengemeinden in seiner Gegend seien »so gut wie tot. Das Aktionsjahr ist an ­denen regelrecht vorbeigerauscht«, verdeutlichte der engagierte Pfarrer die ­Misere.

Doch davor scheinen auch kirchliche Mitarbeiter nicht gefeit zu sein: »Manche ›Hauptamtliche‹ fassen das Thema immer noch mit spitzen Fingern an«, hat Karl-Heinz Maischner festgestellt, der die Evangelische Erwachsenenbildung in Sachsen leitet. Vor einigen Jahren habe selbst in der sächsischen Kirchenleitung noch die Meinung vorgeherrscht: »Wir brauchen keinen Kampf gegen Rechtsextremismus, wir haben doch die Bibel!« Und gar mancher Engagierte werde selbst jetzt noch in die linksextreme Ecke gestellt. »Das Tückische ist: Die NPD besetzt Themen, die den Konservativen heilig sind, wie Familie, Heimat, Ordnung und Disziplin.« Erst genaues Nachfragen entlarve die Dema­gogie dieser Parolen, doch das mache kaum jemand.

Wie die Schleichwerbung funktioniert, zeigt das Beispiel von Henry ­Nitzsche: Der ehemalige Landtagsabgeordnete war nach Äußerungen wie ­»Multikultischwuchteln in Berlin« und »Deutschlands Schuldkult« aus der sächsischen CDU geflogen und hatte sein ­eigenes Bündnis »Arbeit, Familie, Vaterland« gegründet, für das er inzwischen im Kreistag Bautzen sitzt. Als Kirchenmitglied nutzt er seine Kontakte, bekennt sich zu »christlichen Werten«. Doch bei seiner Kandidatur als Ausländerbeauftragter 2008 wollte er »den hier ansässigen Ausländern bei der Organisation ­ihrer Heimreise behilflich sein«, womit er sich offen als Rassist zu erkennen gab und den Beifall der NPD einheimste.

Dass derartige Äußerungen und die Zustimmung zu ihnen Ausdruck von Demokratie-Defiziten sind, ist sich David Begrich, Fachreferent bei »Miteinander e.V.« (Magdeburg) sicher: »Das Vakuum, gerade im ländlichen Raum und in Abwanderungsgebieten, wird durch die Rechtsextremen gefüllt.« Hier seien dringend Visionen der Kirche gefragt, die weit über den Kampf gegen Rechtsextremismus hinausgingen: »Was können wir hier tun für eine demokratische Kultur – und mit welchen Bündnispartnern?«
Die gleichen Fragen stellt sich auch Friedemann Bringt (Kulturbüro Sachsen). Für eine Bilanz in Sachsen sei es noch zu früh. »Das Aktionsjahr kann nur ein Anfang gewesen sein«, unterstreicht er.

»Es ist schwer zu vermitteln, dass wir kontinuierlich daran weiterarbeiten müssen.« bestätigt Susanne Feustel, die das Projekt »Demokratie lernen« des sächsischen Landesjugendpfarramtes leitet. »Manche Kirchgemeinden und Pfarrer sind sehr wach beim Thema Rechtsextremismus, andere haben nur wenig Interesse bis hin zur Ignoranz.« Die aber sollte baldigst weichen, wenn die Neonazis nicht weiter Boden gutmachen sollen.

Von Rainer Borsdorf

Brot und Steine an der Isar

4. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Interview: Der 2. Ökumenische Kirchentag in München – ein Gespräch mit Ellen Ueberschär

Erwartet in München ein »Gänsehautgefühl«: Ellen Ueberschär, evangelische Generalsekretärin des 2. Ökumenischen Kirchentags 	Foto: epd-bild

Erwartet in München ein »Gänsehautgefühl«: Ellen Ueberschär, evangelische Generalsekretärin des 2. Ökumenischen Kirchentags Foto: epd-bild

Ellen Ueberschär trägt als evangelische Generalsekretärin die Mitverantwortung für den 2. Ökumenischen Kirchentag vom 12. bis 16. Mai in München. Benjamin Lassiwe sprach mit der Theologin.

Frau Ueberschär, wo steht die Ökumene heute?
Ueberschär:
Die Ökumene ist an einem Höhepunkt angekommen. Wenn man einmal das vergangene Jahr-
hundert ansieht, haben wir in diesen 100 Jahren ökumenisch mehr erreicht als in den drei Jahrhunderten zuvor. Natürlich gibt es harte Nüsse, die es noch zu knacken gilt, aber genau deswegen gibt es ja Veranstaltungen wie den Ökumenischen Kirchentag.

Was kann der Ökumenische Kirchentag an dieser Stelle erreichen?
Ueberschär:
Der Ökumenische Kirchentag ist eine Veranstaltung, in dessen Verlauf viele Hunderttausend Menschen zeigen können, dass ihnen die Ökumene nicht egal ist. Es geht da weniger um prominente Redner oder steile Thesen, sondern um das Gemeinschaftsgefühl der Christen aller Konfessionen und die Begeisterung für die Zusammenarbeit. Wenn man auf den Kirchentag von 2003 zurückblickt, dann sieht man, was aus solch einer Begeisterung erwachsen kann: Überall in Deutschland gibt es ökumenische Stadtfeste, Gesprächskreise oder Veranstaltungen, die unter dem Eindruck des ersten Ökumenischen Kirchentags begonnen haben und bis heute fortgesetzt werden.

Was sind denn die Herausforderungen, vor denen die Ökumene derzeit steht?
Ueberschär:
Da gibt es sicher eine Menge Themen, die man jetzt nennen könnte. Wir werden auf dem Ökumenischen Kirchentag eine Themenreihe »Ökumenische Brennpunkte« veranstalten, bei der wir uns mit den wichtigen theologischen Fragen beschäftigen werden: Dazu zählen etwa das Amtsverständnis, das Kirchenverständnis und die Abendmahls-Eucharistie-Diskussion. Auf dem Kirchentag werden wir diese Probleme sicher nicht lösen können. Aber wir können dafür sorgen, dass diese Themen ökumenisch im Gespräch bleiben.

Während der Gottesdienste am Kirchentags-Freitag soll eine orthodoxe Brotsegnung stattfinden. Warum?
Ueberschär:
Das wird ein Gottesdienst sein, bei dem alle Teilnehmer um große Tische herumsitzen und gemeinsam Wasser, Äpfel und das von einem orthodoxen Priester gesegnete Brot teilen. Wir wollen damit zeigen, dass wir als Christen gemeinsam Tischgemeinschaft halten können, beten, in der Bibel lesen und zusammen feiern können. Wichtig ist uns, dass wir an ein orthodoxes Ritual anknüpfen – das zeigt, dass die Ökumene nicht nur aus Protestanten und Katholiken besteht.

Aber wird die Brotsegnung in den Augen mancher Kirchentagsteilnehmer nicht wie der verschämte Versuch eines Ersatz-Abendmahls aussehen?
Ueberschär:
Nein, das wird es nicht. Die Form dieses Gottesdienstes wird so sein, dass keine Verwechslungen möglich sind. Wir wollen mit der Brotsegnung nicht zu einem heimlichen Abendmahl aufrufen. Es ist einfach so, dass die Brotsegnung in der Praxis der orthodoxen Kirche zum Alltag gehört – dort wird am Ende des Gottesdienstes gesegnetes Brot verteilt, auch zum Weitergeben an Menschen, die selbst nicht in die Kirche kommen konnten.

In Berlin 2003 haben Laiengruppierungen Abendmahlsfeiern neben den Kirchentag durchgeführt. Was machen Sie, wenn so etwas in München wieder passiert?
Ueberschär:
Als Veranstalter des Ökumenischen Kirchentags haben wir verabredet, die in unseren Kirchen geltenden Regeln gegenseitig zu achten. Als Evangelische achten und respektieren wir es, wenn uns unsere katholischen Geschwister sagen: »Wir sind noch nicht soweit. Wir können uns die Teilnahme von Protestanten an der Eucharistie im Moment nicht vorstellen.« Wenn es Gruppen gibt, die dennoch solche Feiern ausrichten, werden sie allein die Verantwortung dafür übernehmen müssen – auch für die Folgen, die daraus für die Ökumene entstehen. Persönlich bedauere ich auch, dass wir kein gemeinsames Abendmahl feiern werden. Aber man muss festhalten, dass die Abendmahlsfeiern in Berlin 2003 nicht zu Fortschritten in der Ökumene, sondern nur zu einer Verhärtung der Fronten geführt haben. Und die war überflüssig.

An der Vorbereitung für den Kirchentag haben sich auch Orthodoxe und Freikirchler beteiligt. Welchen Effekt hat das für den Kirchentag?
Ueberschär:
Das ist einer der großen ökumenischen Zugewinne gegenüber dem 1. Ökumenischen Kirchentag. Zum ersten Mal sind in allen Vorbe­reitungsgruppen Christen aus vielen verschiedenen ACK-Kirchen dabei. Die gesamtchristliche Beteiligung zieht sich durch alle Veranstaltungen – ob Podien, Gottesdienste, Workshops. Und diese Beteiligung ist ein wirklicher Mehrwert.

Zum Abschluss bitte noch eine kleine Prognose: Was wird der Höhepunkt des Ökumenischen Kirchentages sein?
Ueberschär:
Das ist nicht leicht zu beantworten. Der ganze Ökumenische Kirchentag wird ein Höhepunkt sein. Aber wenn Sie nach dem Moment mit dem besonderen Gänsehautgefühl fragen, dann wird das wohl im Schlussgottesdienst sein, wenn Hunderttausende Menschen in München und Millionen an den Fernsehgeräten gemeinsam einen Gottesdienst feiern.

Leben hat Bestand, weil Gott es will

28. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

cgk-header

Medizin und Kirche: Der 2. Christliche Gesundheitskongress gab Impulse für das Zusammenwirken

In Kassel trafen sich vom 21. bis 23. Januar Ärzte, Pflegekräfte, Theologen und Seelsorger zu einem interdisziplinären Gespräch

Von Sabine Kuschel

Wie kommt es, dass kranke Menschen gesund werden, Entzündungen abklingen und Wunden heilen? Manche machen dafür neben medizinischem Können die Selbstheilungskräfte verantwortlich. Dass Christen in Heilungsprozessen auch das Wirken Gottes, des Schöpfers sehen können, das machte der Vortrag von Prof. Christoffer H. Grundmann auf dem 2. Christlichen Gesundheitskongress eindrucksvoll deutlich. Der Referent, der in den USA an der Universität in Valparaiso den Lehrstuhl zur Erforschung der Zusammenhänge zwischen Religion und den Heilkünsten innehat, legte dar, dass die Welt nicht nur durch einen einzigen Schöpfungsakt Gottes am Anfang geschaffen wurde, sondern auch jetzt von ihm am Leben erhalten werde. So wie Gott jedem Mensch Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Sinne gegeben habe, erhalte er ihn auch am Leben. »Leben ist keine Selbstverständlichkeit, es hat nur deshalb Bestand, weil es von Gott gewollt ist.« Von dieser Erkenntnis ausgehend, schlussfolgerte Grundmann: »Weil Gott am Werk ist, heilen Krankheiten und ist ärztliches Bemühen von Erfolg gekrönt.«

Etwa 1400 Gäste – Ärzte und Pflegekräfte, Theologen und Seelsorger, haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren auf dem Kongress, um darüber nachzudenken, wie Medizin und Kirche ­besser zusammenwirken und die ­spirituelle Dimension der Patienten berücksichtigt werden können.

Was er unter einer christlich fundierten Heilkunde versteht, erläuterte Dr. Georg Schiffner, Facharzt für Innere Medizin, Naturheilverfahren, Geriatrie und Palliativmedizin. »Christliche Heilkunde ist integrative Heilkunde, sie integriert unterschiedliche Heil- und Pflegemethoden sowie Therapieverfahren, soweit diese nicht den Grundlagen eines christlichen Menschenbildes widersprechen. Sie weiß sich verpflichtet der Qualität ­guter Pflege, Therapie und Medizin, umfassender sozialer Fürsorge und seelsorgerlicher Begleitung, aber auch der Hoffnung und Erwartung, dass Gott in die Krankheitssituation hineinreden und handeln kann.«

Im Blick auf die Mehrdimensionalität des menschlichen Seins plädiert der Mediziner dafür, in einer christlich motivierten Heilkunde auch spirituellen Elementen wie Anbetung und Fürbitte, dem Hören und Lesen von Gottes Wort, Meditation und Seelsorge Raum zu geben. Und er sprach sich für ein engeres Zusammenwirken von Christen in medizinischen Berufen und den Kirchengemeinden aus.
Ihre wunderbare Heilungsgeschichte erzählte Schwester Stefanie Zurbrigg von der Jesusbruderschaft Gnadenthal. Im Oktober 2008 wurde bei ihr Speiseröhrenkrebs im fortgeschrittenen Stadium festgestellt. Die Schwestern der Kommunität beteten regelmäßig für sie und mit ihr. In der guten Gemeinschaft, umgeben von hilfsbereiten Menschen »fühlte ich mich wie in Abrahams Schoß«, sagt sie. Doch trotz Fürsorge und Therapie – die Krankheit blieb. Eine Magenspiegelung zeigte, dass sogar erneut ein Tumor gewachsen war. Also bereitete sich die Schwester auf ihr Sterben vor, ordnete Fotos, schrieb ihren Lebenslauf und besprach ihre Beerdigung. Obwohl die Chance auf ­Heilung gering schien, ist sie wieder gesund geworden. Sie betonte, welche große Bedeutung Gebet, Gemeinschaft und Versöhnung für sie hatten. Als sie sich mit einer Schwester versöhnte, zu der sie immer eine komplizierte Beziehung gehabt hatte, war sie erstaunt, wie einfach Versöhnung ist und fragte sich, warum sie diesen Schritt nicht eher getan hatte. Heute weiß sie: »Krankheit kann zum Segen werden.«

Die Tagung in Kassel bot ein interessantes, breit gefächertes Spektrum rund um Krankheit und Gesundheit. Vorträge beleuchteten das Verhältnis von Krankheit und Heilung, in Seminaren ging es um gesunde Lebens­gestaltung, neue Formen des Zusammenwirkens von Gemeinde- und Gesundheitsdiensten vor Ort, um Sterbebegleitung und Gebete für Kranke. Lebensnahe Berichte und ermutigende Beispiele aus der Praxis rundeten das Bild ab.

Ein Schwerpunkt war die Pflege von kranken und alten Menschen, die unter Zeitdruck und Geldmangel geschehe und dabei hohe Anforderungen an die Pflegekräfte stelle. Deutlich grenzte sich der Gesundheitskongress von einem falschen Verständnis ab, nachdem Medizin allmächtig und der Tod Folge ärztlichen Versagens ist. Ein Seminar beschäftigte sich mit dem Thema: »Und wenn es keine Heilung gibt? Christliche ­Spiritualität als Heil im Unheil.«

Der Psychiater Dr. Manfred Lütz erinnerte in satirischer Manier an seine sprichwörtlich gewordene Aussage: »Wer früher stirbt, lebt länger ewig«, die, wie er selbst hinzufügte »theologisch korrekt ist«. Lütz und andere Referenten betonten, dass Sterben und Tod nicht ausgeblendet werden dürfen und auch nicht Ergebnis medizinischen Unvermögens sind, sondern zum Leben dazugehören. »Wer den Tod verdrängt, verpasst das Leben, denn dass wir sterben, macht jeden Moment unwiederholbar«, so Lütz.

Er wünsche sich, dass die vielen positiven Erfahrungen in Kassel zu Aufbrüchen in der Kirche führen, sagt der Chemnitzer Pfarrer Dieter Keucher, der zum Vorstand des Christlichen Gesundheitskongresses gehört. Bemerkenswerte Beispiele vom Zusammenwirken verschiedener heilender Berufe, von Medizin und Kirche lieferte das Treffen allemal.

Dr. Volker Brandes, Facharzt für Urologie zum Beispiel berichtete von den in seiner Praxis in Hamburg stattfindenden Trainingskursen »Christliche Heilkunde«. Zunächst lud er Angehörige unterschiedlicher Berufsgruppen des Gesundheitswesens ein. Dann entstand die Idee, Patienten­seminare für Kranke und Angehörige anzubieten, bei denen auch Grundlagen des Glaubens vermittelt wurden.

Inspiriert durch das große ­Interesse der Patienten, erzählt der Arzt, entstanden in Zusammenarbeit mit einem Gemeinde-
pastor Glaubenskurse und Patientengottesdienste, die besonders von chronisch Kranken besucht würden. »Es entstehen wertvolle Kontakte ­unter den Patienten. Einsamkeit wird durchbrochen, Schmerz geteilt. Ein geistlich unterstützter Prozess der Krankheitsverarbeitung wird behutsam angestoßen. Ohne eine Zusammenarbeit zwischen Medizin und ­Kirche läge dieser kostbare Bereich brach.«

Kampf um Straßen und Köpfe

21. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Seit Jahren mehren sich rechtsextreme Aufmärsche. Eine Tagung beschäftigte sich mit Gegenstrategien. Und in Dresden kommt es demnächst wieder zur Nagelprobe.

Seit 1999 nutzen Rechtsradikale das Gedenken an die Bombardierung Dresdens in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 zum Aufmarsch – ein Foto vom vergangenen Jahr. (Foto: ullstein bild/Karwasz)

Seit 1999 nutzen Rechtsradikale das Gedenken an die Bombardierung Dresdens in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 zum Aufmarsch – ein Foto vom vergangenen Jahr. (Foto: ullstein bild/Karwasz)

Eine bessere Vernetzung der ­Versammlungsbehörden angesichts häufiger rechtsextremer Aufmärsche fordert Professor Uwe Berlit, Richter am Bundesverwaltungsgericht Leipzig. Auf einer Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen zum Thema »Rechtsextreme Demonstrationspolitik und Versammlungsrecht« in Weimar sagte er kürzlich: »Ein Know-how-Transfer wäre dringend nötig. Die Neonazis haben diesen Austausch bereits.«

Zugleich warnte er vor der Illusion, mit juristischen Mitteln dem Problem des Rechtsextremismus beizukommen: »Auch ›Rechte‹ haben Rechte. Was wollen wir noch alles verbieten?« Fünf bis acht Prozent der Bevölkerung seien rechtsextrem eingestellt, entsprechende Demonstrationen deshalb Normalität. »Das kann man bestenfalls begrenzt rechtlich regulieren«, stellte Berlit klar und betonte, der Rechtsextremismus sei weder ein Rand- noch ein ostdeutsches Phänomen. Zudem: »Eine notwendige Politik kann nicht durch rechtliche Verbote ersetzt werden«.

Außerdem machte er ein Dilemma deutlich: »Die Polizei, egal wie sie ­darüber denkt, ist verpflichtet, die Durchführung genehmigter Demonstrationen Rechtsextremer zu gewährleisten.« Sie dürfe allerdings zum Beispiel die Einhaltung erteilter Auflagen penibel kontrollieren. Ein Verbot ­derartiger Aufmärsche habe nur dann juristische Aussicht auf Erfolg, wenn die Versammlungsbehörde eine Gefahrenprognose abgebe, die mit konkreten Tatsachen belegt sei.

Dr. Fabian Virchow von der Uni Köln machte bei der gleichen Veranstaltung deutlich, dass sich die Zahl der Neonazi-Aufmärsche im Vergleich zu den 1980er Jahren verfünffacht habe und heute bei durchschnittlich 100 pro Jahr angekommen sei. Das liege auch mit an der gestiegenen Rechtssicherheit: »Angemeldete Demonstrationen finden zu 90 Prozent auch statt.« Die seien zudem inzwischen meist eingebunden in lokale Kampagnen und zumindest bei der NPD auch Teil einer langfristigen ­Strategie: »Die handeln nach dem Motto von SA und NSDAP: ›Macht auf der Straße bedeutet Macht im Staate‹.«

Dabei wolle man nach Ansicht ­Virchows nicht nur Präsenz zeigen, Grenzen überschreiten und Gegner einschüchtern, sondern auch in die rechtsextreme Szene hinein wirken: »Diese Aufmärsche eignen sich ideal, um Netzwerke aufzubauen, noch unsichere rechtsorientierte Jugendliche fester einzubinden sowie Disziplin und ›soldatische Haltung‹ zu schulen.« Demoralisieren ließe sich die rechtsextreme Szene nach Beobachtungen Virchows nur dann, wenn mehrere Aufmärsche in Folge im Desaster enden würden – sei es durch Verbot, polizeiliches Einschreiten oder durch Gegendemonstrationen.

Dass dieses Demoralisieren bisher nur in Einzelfällen glückt, zeigt das Beispiel Dresden: Hier organisiert der Landesverband der »Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland« seit 1999 jedes Jahr mit Unterstützung der NPD einen »Trauermarsch« anlässlich der Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg, die sich in diesem Jahr zum 65. Mal jährt. Der Marsch ist inzwischen das zentrale Ereignis der rechtsextremen Szene und zieht Neonazis aus ganz Europa an; 2009 waren es ca. 7000 Personen. Für dieses Jahr rechnet der sächsische Verfassungsschutz erneut mit mehreren Tausend, teils gewaltbereiten Rechtsextremisten, zumal der 13. Februar auf ein Wochenende fällt.

Doch nachdem sich in den vergangenen Jahren die Gegendemonstranten in ihrem ganzem Spektrum vom linken Antifa-Aktivisten bis zum konservativen CDU-Mitglied in der Öffentlichkeit als heillos zerstritten zeigten und auch Stadtverwaltung und Polizei teils ungeschickt agierten, scheint es dieses Jahr so, als ob man endlich zueinander finden könnte: Unter dem Slogan »Erinnern und Handeln. Für mein Dresden« rufen alle demokratischen Parteien, die Kirchen, die Jüdische Gemeinde und zahlreiche weitere Institutionen aus Wirtschaft und Gesellschaft zu einer Menschenkette auf, die die Dresdner Innenstadt »symbolisch wie einen Wall vor dem Eindringen Rechtsextremer schützen« soll.

Der »Aufruf zum Friedensgebet in Sicht- und Hörweite des Neonaziaufmarsches« trägt die Unterschrift von Sachsens evangelischen Landesbischof Jochen Bohl wie seines katholischen Amtskollegen Joachim Reinelt vom Bistum Dresden-Meißen, sowie des Landesrabbiners Salomon Almekias-Siegl. Am Vorabend des 13. Februar findet darüber hinaus in Dresden die Gründungsveranstaltung der »Bundesarbeitsgemeinschaft Kirchen für Demokratie – gegen Rechtsextremismus« statt.

Rainer Borsdorf

Mit Kreuz und Davidstern

Messianische Juden glauben an Jesus als den Messias ­Israels. Seit 1995 haben sie sich als feste Bewegung im gesamtdeutschen Raum etabliert.

3-Davidstern-KreuzDie ersten Christen in der Jerusalemer Urgemeinde glaubten, dass Jesus der verheißene Messias Israels war. Sie taten dies als innerjüdische Gruppe und lebten ­weiter im jüdisch-religiösen Kontext. Mit der Aufnahme der Heidenchristen entstand eine gemischte Gemeinde. Verschiedene Faktoren führten zu Trennungsprozessen zwischen den Judenchristen und der jüdischen Gemeinschaft.

Da sich die heidenchristliche Kirche vom frühen zweiten Jahrhundert an selbst als das wahre Israel betrachtete, verwehrte sie es den judenchristlichen Mitgliedern, weiter an ihrem jüdischen Erbe festzuhalten. Zwangstaufen von Juden, ein literarisch weit verbreiteter Antijudaismus sowie judenfeindliche Gesetzgebungen führten dazu, dass die Judenchristenals eigenständige Gruppierung »verschwanden«. Dennoch konnten sie bis ins 5. Jahrhundert und darüber ­hinaus religiöse »Spuren«, etwa Bräuche oder Symbole, hinterlassen.

Aus »Hebräischen Christen« werden messianische Juden
In den späteren Jahrhunderten zwang die heidenchristliche Kirche Juden zur Taufe, Juden litten unter Verfolgungen und Pogromen und somit gab es lange keine judenchristliche Bewegung mehr. Puritaner und Pietisten im 17. und 18. Jahrhundert suchten das Gespräch mit Juden. Die Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts belebten wiederum die pietistische Frömmigkeit und förderten das Entstehen judenmissionarischer Werke, wodurch erstmals wieder Juden freiwillig den Glauben an Jesus als den Messias Israels annahmen, aber in ihren jeweiligen Gemeinden blieben. Im 19. und 20. Jahrhundert schlossen sich die an Jesus Christus glaubenden Juden, die sich nun »Hebräische Christen« nannten, zu Allianzen zusammen.

Innerhalb der hebräisch-christlichen Bewegung trafen sich von 1970 an einzelne Gruppen, die viele jüdische Elemente in ihre Gottesdienstformen integrierten. Angeregt durch die evangelikal-charismatischen Aufbruchsbewegungen in den USA und mit einem neuen jüdischen Identitätsbewusstsein entstand 1975 auf einer hebräisch-christlichen Konferenz in Amerika die Bewegung messianischer Juden. Mittlerweile hat sich messianisches Judentum weltweit verbreitet, wobei die Schätzungen auseinandergehen. Zwischen 50000 und 332000 messianische Juden in 165 bis 400 Gemeinden soll es geben.

In Deutschland führte der Holocaust nicht nur zu einem Abbruch ­jüdischen Lebens. Die nationalsozialistische Verfolgung und Ermordung von Millionen Juden schloss die an ­Jesus glaubenden Juden mit ein. Ohne die Einwanderung russischer Juden aus der ehemaligen Sowjetunion seit 1990 wäre es weder zu einer Wiederbelebung jüdischer Gemeinden in Deutschland noch zu der Entwicklung einer aktiven messianisch-jüdischen Bewegung gekommen.

Christliche Mission unter Juden: Ja oder Nein?
Nach dem Zweiten Weltkrieg bekannten das Zweite Vatikanische Konzil, die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und weitere Kirchen ihre Mitschuld am Holocaust, erteilten dem Antisemitismus eine Absage und betonten mit Blick auf den Römerbrief (Kapitel 9-11) die bleibende Erwählung Israels. Aus historischen und theologischen Gründen lehnen daher die meisten Kirchen die Mission an Juden ab.

Zur Etablierung messianischer Gemeinden in Deutschland kam es dennoch durch das Engagement Einzelner, die bereits Anfang der 1990er Jahre durch den Kontakt mit Evangelikalen in der Sowjetunion konvertiert waren. Evangelikale Gläubige betonen, dass Gottes Bund mit Israel bestehen bleibe, damit »ganz Israel« bei der Wiederkunft (Parusie) Jesu errettet werde, indem es an den Messias Jesus glaube. Dies ist ein Grund für die distanzierte Haltung evangelikaler Gläubiger gegenüber der Absage an die Judenmission.

Die ersten Pioniere pflegten zahlreiche Kontakte insbesondere zu den evange­likalen Werken, sodass durch gemeinsame missionarische Aktivitäten die ersten Gemeinden entstanden. In den Jahren 2004 und 2005 gab es in den Gemeinden und Gruppen etwa 1000 regelmäßige Besucher, von denen etwa 600 tatsächlich messianische Juden sind. Der Anteil der nichtjüdischen Besucher betrug zwischen 25 bis 45 Prozent. Von ihnen waren knapp ein Drittel in Deutschland geborene Nichtjuden, mehr als ein Drittel eingewander­te russische Nichtjuden und etwas ­weniger als ein Drittel Eingewanderte »deutsch-russischer Herkunft«, also Spätaussiedler. Seit 2001 stoßen mehr Nichtjuden als Juden zu den messianisch-jüdischen Gemeinden.

Meist russische Sprache und jüdische Symbole
85 Prozent der befragten messianischen Juden meiner empirischen Studie geben an, dass ihnen die jüdische Herkunft nach der Konversion »wichtiger« geworden sei, was an den ­Gottesdienstformen deutlich wird. Bei einer messianisch-jüdischen Gottesdienstfeier, die meist an einem Schabbat und in russischer Sprache stattfindet, fallen die vielen jüdischen Symbole auf wie Menora (siebenarmiger Leuchter), Kippa (Kopfbedeckung) oder Tallit (Gebetsschal). Die Liturgie ist stark jüdisch geprägt. Viele jüdische Rituale eines jüdischen Gottesdienstes fehlen aber auch, wie das Achtzehnbittengebet oder das Kaddisch. Andere werden »messianisch-jüdisch« interpretiert: Im Anzünden der Schabbatkerzen wird ein Hinweis auf Jeschua als das Licht der Welt und den Herrn des Schabbats gesehen; das Rezitieren des »Schema’ Jisrael« bezieht auch den Glauben an Jesus als den Messias und Sohn Gottes ein. Beliebt ist das Symbol des Davidssterns mit einer Menora und dem urchrist­lichen Fischzeichen.

Die 1998 formulierten 13 messianisch-jüdischen Glaubensartikel bilden eine gemeinsame theologische Grundlage der meisten Gemeinden: Messianische Juden betrachten die Hebräische Bibel und das Neue Testament als untrennbare Einheit, als von Gott wörtlich inspiriert und daher als höchste Autorität für Leben und Handeln. Sie bekennen den trinitarischen Glauben, dass Jeschua der verheißene Messias Israels und wahrer Gott ist, und dessen Heilsfunktion.

Betonung der bleibenden jüdischen Identität
Bis hier erinnern die Bekenntnisse an evangelikal-christliche Glaubensinhalte, dann folgen jedoch die typischen messianisch-jüdischen Artikel: Messianische Juden betonen neben ihrer Zugehörigkeit zu der Gemeinde aus den Nationen auch ihre bleibende jüdische Identität, nach der sie weiterhin zum auserwählten Volk Gottes gehören. Sie legen Wert auf ihr »biblisch-jüdisches« Erbe, unterstützen den Zionismus und bekennen ihre evangelistische »Verpflichtung«, »die Wahrheit von Jeschua ­allen Menschen zu bringen, den ­Juden zuerst«.

Es kann nicht übersehen werden, dass sich eine eigenständige religiöse Bewegung zwischen Juden- und Christentum entwickelt hat, die auch internationale Kontakte aufweist. Sie stellen mittlerweile zweifellos eine religiöse Bewegung mit typisch messianisch-jüdischem Repertoire dar, das zwar Schnittmengen mit den evangelikalen Christen und den Juden ­aufweist, sich aber auch ohne deren ­Anerkennung weiterentwickeln wird.

Stefanie Pfister

Die Autorin, Dr. Stefanie Pfister, lehrt Evangelische Religionslehre, Deutsch und Sport an einer Realschule in Münster. Sie engagiert sich im »Arbeitskreis Woche der Brüderlichkeit« in Sendenhorst. Sie veröffentlichte die Studie: Messianische Juden in Deutschland. Eine historische und religionssoziologische Untersuchung, Dortmunder Beiträge zu Theologie und Religionspädagogik Band 3, LIT-Verlag, Münster 2008, 200 Seiten, ISBN 978-3-8258-1290-4, 39,90 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643)246161

Zwischen Hoffen und Bangen

7. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Trost durch Briefe aus ganz Deutschland: Gottfried und Ruth Hentschel, die Eltern des mit seiner Familie im Jemen entführten ­Johannes Hentschel, in ihrem Umgebindehaus in Meschwitz bei Bautzen. 	Foto: Wolfgang Wittchen

Trost durch Briefe aus ganz Deutschland: Gottfried und Ruth Hentschel, die Eltern des mit seiner Familie im Jemen entführten ­Johannes Hentschel, in ihrem Umgebindehaus in Meschwitz bei Bautzen. Foto: Wolfgang Wittchen

Im Zusammenhang mit ­Terrorismus ist der Jemen ­derzeit in aller Munde. Fast vergessen scheint, dass in Ostsachsen seit mehr als einem halben Jahr Angehörige um das Schicksal einer entführten Familie bangen.

Der Krieg gegen Houthi-Rebellen im Nordjemen dauert nun mehr als Hundert Tage. Eine viertel ­Million Menschen sind deswegen auf der Flucht. Die jemenitische Regierung warnt die USA, Truppen für den Kampf gegen das Terrornetzwerk El Kaida ins Land zu senden. Schlagzeilen aus jemenitischen Zeitungen. Reinhard Pötschke hat sie ­sicher gelesen. Der Pfarrer einer Freien Evangelischen Gemeinde in Radebeul verfolgt regelmäßig Nachrichten aus dem Jemen via Internet. Seit über einem halben Jahr versucht der 42-Jährige so herauszufinden, was mit seinem Schwager Johannes, dessen Frau und den drei kleinen Kindern geschehen sein könnte.

Die fünfköpfige Familie war am 12. Ju­ni 2009 in der nordjemenitischen Provinz Sa’ada von Unbekannten angegriffen und verschleppt worden. Zusammen mit zwei deutschen Bibelschülerinnen einem Briten und einer Koreanerin befanden sich die Sachsen aus dem Raum Bautzen auf dem Rückweg von einem Ausflug. Drei Frauen hatte man kurz darauf ermordet aufgefunden. Von Johannes und Sabine Hentschel sowie ihren Kindern Lydia (5), Anna (3) und Simon (1) fehlt seitdem so gut wie jedes Lebenszeichen.

Es waren unglaublich harte Monate für die Familie. Gottfried und Ruth Hentschel, die Eltern von Johannes in Lauske bei Bautzen, haben den Sohn zum letzten Mal bei ihrer Silberhochzeit im Mai vergangenen Jahres gesehen. Die beiden 78- und 79-Jährigen schweben seit Monaten zwischen Bangen und Hoffen. Informationen gibt es spärlich. Das kritisierten die Angehörigen auch erst kürzlich. »Vieles erfahren wir nur auf Umwegen«, sagt Reinhard Pötschke.

Gerade erst hat er sich mit Vertretern des sächsischen Landeskriminalamtes getroffen und um einen direkten Kontakt zum Auswärtigen Amt gebeten. Das Amt indes weist Vorwürfe zurück. Doch auf Anfragen nach dem Schicksal der vermissten Familie und des Briten gibt es ­immer die gleiche Antwort: Wir bemühen uns mit Nachdruck, die Sache zu klären.

Angehörige bemängeln spärliche Informationen
Auf Reinhard Pötschke wirken all die Ereignisse der letzten Monate »nebulös und mysteriös«. Entführungen seien nichts Ungewöhnliches im Jemen. Statistiken sprechen von 200 in 15 Jahren. Doch es würden immer schnell Forderungen gestellt, erfüllt und die Geiseln freigelassen. Doch für Johannes, Sabine und die Kinder gab es wohl nur einmal eine Geldforderung von unbekannter Seite. Und nur spärlich Kontakt zu den Entführern. Zwar ist kurz vor Weihnachten angeblich ein Video aufgetaucht, das die Hentschel-Kinder zeigt, doch das stammt wohl vom September. Die Bundesregierung will sich dazu jedenfalls nicht äußern. Die Angehörigen der Vermissten haben das Band weder gesehen, noch etwas darüber erfahren.

Weihnachten und Silvester waren stille Tage für die Familien in der Lausitz und Radebeul. In den Feiertagen haben sie sich alle in Meschwitz bei Bautzen ­getroffen. Dort, in einem gemütlichen Umgebindehaus zwischen den Lausitzer Hügeln, haben Johannes und Sabine Hentschel immer ihren Heimaturlaub verbracht. Und hier kam die ganze Familie nun zusammen. Auch um die Rückkehr der Lieben zu planen. Denn: »Wir haben Hoffnung. Wir sind nicht verzweifelt«, so Reinhard Pötschke.

Auch wenn sich der Pastor bewusst ist, dass vielleicht nur ein Teil der Familie zurückkehrt. Für sie habe man bei Sabines Angehörigen einen Rückzugsort geschaffen. Darum trete diese Seite der Familie nie in den Medien auf. Eine Psychologin stehe bereit, um den sicher traumati­sierten Kindern zu helfen. Hoffnung schöpfen die Angehörigen aus all den ­Informationen, die in den letzten Wochen plötzlich aufkamen. Auch aus der Tatsache, dass die Bundesregierung immer noch sucht und den Fall nicht zu den ­Akten legt.

Und doch gibt es genügend beunruhigende Nachrichten. Nach wie vor herrscht Krieg im Nordjemen. Dort hatten Johannes und Sabine (beide inzwischen 37 Jahre alt) in einem Krankenhaus gearbeitet. Die USA machen im Land Jagd auf Terroristen. Und ein gerade gefasster Nigerianer, der ein Flugzeug auf dem Weg ins amerikanische Detroit in die Luft sprengen wollte, war wohl im Jemen ­ausgebildet worden. Doch Reinhard Pötschke will sich davon nicht verrückt machen lassen.

Kraft geben indes zahlreiche Briefe und Anrufe, die die Familien in Lauske und Radebeul erreichen. Aus ganz Deutschland, aber auch aus dem Ausland schreiben Bekannte und Unbekannte, nehmen Anteil am Schicksal von Johannes, Sabine, Lydia, Anna und Simon. »Das tröstet uns«, sagt Gottfried Hentschel. Auch Gebetskreise für die Vermissten, in Belgern bei Bautzen, Bautzen selbst und Radebeul ermutigen. Das signalisiert: Die Hentschels werden nicht vergessen. Und nach wie vor gilt die Bitte des sächsischen Landesbischofs Jochen Bohl an die Kirchengemeinden, »bis auf Weiteres die Entführten und ihre Angehörigen in die Fürbitte einzuschließen«.


Von Irmela Hennig

Steeb_Hartmut-2»In der in der nächsten Woche stattfindenden Allianzgebetswoche ­werden wir in besonderer Weise im Gebet auch an die Christen in Ver
folgung und Unfreiheit in vielen ­Ländern unserer Welt denken. In besonderer Weise bitte ich die Christen in unserem Land, an die im Juni im Jemen entführte Familie Hentschel aus Sachsen zu denken und an den mitentführten britischen Techniker. Gerade jetzt, wo der Jemen neu ins Visier des Antiterrorkampfes rückt, bitten wir um Bewahrung der Entführten und ihre baldige Freilassung. Wir schließen in unser Gebet die ­Eltern und Angehörigen zu Hause ein, ebenso wie die Angehörigen der kurz nach der Entführung ermordeten Praktikantinnen.«

Hartmut Steeb, Generalsekretär der Deutschen Evangelischen ­Allianz

Gegen Gesundheitswahn und Gesundbeterei

30. Dezember 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Dr. Manfred Lütz ist Mediziner, katholischer Theologe und Bestsellerautor. Er leitet als Chefarzt das Alexianer-Krankenhaus in Köln, eine Klinik für Psychiatrie, ­Psychotherapie und Neurologie. (Foto: epd-bild)

Dr. Manfred Lütz ist Mediziner, katholischer Theologe und Bestsellerautor. Er leitet als Chefarzt das Alexianer-Krankenhaus in Köln, eine Klinik für Psychiatrie, ­Psychotherapie und Neurologie. (Foto: epd-bild)

»Der Wunsch ›Hauptsache gesund!‹ ist eine Frechheit« – mit Manfred Lütz im Gespräch über Glaube und medizinische Wissenschaft.


Gesundheit ist ein hohes, aber nicht das höchste Gut. Der Psychiater und ­Bestsellerautor Martin Lütz findet, dass es Wichtigeres gibt als Gesundheit. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Dr. Lütz, zum neuen Jahr wünschen wir uns neben Glück und ­Segen vor allem Gesundheit. Ist Gesundheit das Wichtigste im Leben?
Lütz:
Der Ausruf »Hauptsache gesund!« ist eigentlich eine Frechheit gegenüber Menschen, die nicht gesund sind und sich trotzdem ihres ­Lebens freuen können. Auch in den Defiziten und Behinderungen eines Lebens können wir Quellen des Glücks finden und in Krankheit und Leiden Herausforderungen, die einem Leben seinen besonderen Geschmack geben.

Ist es nicht allzu verständlich, dass jemand, der krank ist, wieder gesund werden will?
Lütz:
Natürlich können wir Menschen Gesundheit wünschen. Die Frage ist nur, wie hoch wir den Wert der Gesundheit veranschlagen. Wenn jemand, der Krebs hat, Gesundheit ­tatsächlich für das Wichtigste halten würde, kann man ihn eigentlich nur bedauern.

Gesundheit ist nicht das höchste, aber doch ein sehr hohes Gut …
Lütz:
So ist es und natürlich müssen wir als Christen mit unserem Körper, dem Tempel des Heiligen Geistes, wie der Apostel Paulus sagt, verantwortlich umgehen. Aber wir dürfen die Gesundheit nicht zum Götzen machen und auch nicht zu einem unerreichbaren Ideal nach dem Motto »Gesund ist ein Mensch, der nicht ausreichend untersucht wurde«. Es gibt Menschen, die schwere Krankheitsphasen hinter sich haben und im Nachhinein sagen: Das hat mich reifer gemacht. Aber man darf das Leiden auch nicht verklären. Man muss verstehen, wenn andere Menschen nach schwerer Krankheit finden: Da hätte ich gut drauf verzichten können. Es war einfach nur schrecklich.

Glauben Sie, dass christlicher Glau­be zur Gesundung beitragen kann?
Lütz:
Ich finde es eher amüsant bis ärgerlich, wenn in der journalistischen »Saure-Gurken-Zeit« im Sommer in kirchlichen Zeitungen immer wieder Meldungen abgedruckt werden, man habe festgestellt, dass Menschen, die viel beten, älter werden als Menschen, die nicht viel beten. In Wirklichkeit ist das doch Etikettenschwindel. Die Botschaft soll da ja wohl lauten: Werdet Christen und betet viel, dann geht es euch besser in diesem Leben. Aber das ist nicht die Botschaft Jesu. Jesus selbst hat schwer gelitten und ist früh gestorben, obwohl er viel gebetet hat. Und so wie die Apostel als Märtyrer in den Tod gegangen sind, so ist das Christentum auch heute für die Christen in China und Vietnam nicht gerade lebensverlängernd. Wer den Glauben nur noch von seinen Gesundheitseffekten her sieht, der ist der allgemein herrschenden Gesundheitsreligion auf den Leim gegangen. Beten mag einen gesundheitlichen Nebeneffekt haben. Wer einen Sinn in seinem Leben sieht, der mag vielleicht ein bisschen ruhiger, ein bisschen weniger unstet leben. Das senkt möglicherweise etwas den Blutdruck. Aber was hat man von einer solchen Erkenntnis?

Was halten Sie von Heilungsgottesdiensten und Berichten von Spontanheilungen?
Lütz:
Erstens gibt es natürlich Spontanheilungen. Die passieren auch bei nicht gläubigen Menschen. Andererseits glaube ich selbstverständlich, dass Gott Wunder wirken kann. Allerdings nehme ich nicht an, dass er das am laufenden Band tut. Heilungsgottesdienste sind dann ganz in Ordnung, wenn sie die geistliche Dimension, die bei jeder Krankheit eine Rolle spielt, ansprechen. Es sollte aber nicht der Eindruck erweckt werden, das sei die einzige wahre Dimension. Heilungsgottesdienste können das Heilsame des Christentums ganz konkret ansprechen, aber sie werden dann höchst problematisch, wenn suggeriert wird: Jetzt werden wir über den Krebskranken, der hier unter uns ist, beten und dann kann der schon mal alle Medikamente absetzen, denn ­allein das Gebet hilft. Wer das Gebet ausspielt gegen die Einsichten der Wissenschaft, die edle Früchte der uns von Gott geschenkten Vernunft sind, der versündigt sich aus meiner Sicht am Patienten und am Schöpfergott.

Sie sind Referent beim zweiten Christlichen Gesundheitskongress in Kassel. Sollen medizinische Wissenschaft und Spiritualität näher zusammenkommen?
Lütz:
Natürlich ist es gut, dass beide Sphären umeinander wissen. Dennoch glaube ich, dass man beide Bereiche sorgfältig trennen muss. Ich bin gegen diese gut klingenden Parolen, wir müssten alles möglichst ganzheitlich sehen, Körper, Seele und Geist und daher müsse jeder wahre Arzt quasi zugleich Seelsorger sein und jeder Seelsorger zugleich Arzt. Seelsorge ist viel mehr als Therapie. Sie ist existenzielle Begegnung mit einem Menschen. Wenn man diese beiden Dimensionen vermischt, dann können schnell Guru-Existenzen entstehen. Solche Leute laufen Gefahr, nicht Schüler oder Zuhörer zu haben, sondern Anhänger. Sie wirken dann selbst als Heilsbringer und sind nicht mehr durchsichtig auf Christus. So können gefährliche Abhängigkeiten entstehen. Verantwortungsvolle Psychotherapie aber soll der Freiheit des Patienten dienen. Und verantwortliche Seelsorge soll einladen zur Nachfolge Christi und nicht zur Anhängerschaft an irgendeinen Psychoguru. Gott hat uns den Verstand gegeben, damit wir auch wissenschaftlich mit der Welt umgehen können. Und die Wissenschaft hat einige gut wirksame Therapiemethoden gefunden. Die können Atheisten und Christen anwenden. Man darf nicht einerseits mangelnde wissenschaftliche Kompetenz durch Beten ersetzen und andererseits nicht mangelndes Gottvertrauen durch therapeutischen Aktivismus.

Sie sind nicht der Meinung, dass die einen von den anderen etwas lernen können oder sich bestimmte Methoden aneignen sollten?
Lütz:
Um Gottes Willen! Wenn sich Seelsorger Psychotherapie-Methoden aneignen und die dann anwenden, betreiben sie keine Seelsorge mehr, sondern machen Therapie. Das ist etwas ganz anderes. Psychotherapie ist eine asymmetrische Beziehung zwischen einem methodenkundigen Fachmann und einem Heilung suchenden Patienten, eine künstliche Beziehung auf Zeit für Geld. Man kann nicht auf Zeit für Geld den Sinn des Lebens produzieren. Daher sollten aus meiner Sicht Seelsorge und Psychotherapie streng getrennt sein, was nicht heißt, dass man nicht umeinander wissen sollte. Psychotherapie, die nicht um jene andere Dimension weiß, kann schnell totalitär werden und Seelsorge, die alles nur von sich selbst erwartet, fundamentalistisch. Nur als bewusst getrennte Bereiche können beide Zugänge zum Menschen sich gegenseitig respektieren und mit ihren besten Kräften wirken.

Was ist im Leben wichtiger als Gesundheit?
Lütz:
Dass wir uns geborgen in Gott fühlen können, dass wir mit einem geliebten Menschen zusammenleben und Sinn in diesem Leben erkennen. Wenn wir uns an der Natur, an der Musik wirklich freuen können, wenn wir die Unwiederholbarkeit jedes ­Moments erleben und vielleicht auch genießen können, dann ist die Frage, ob man jetzt schwer krank ist oder nicht, vielleicht zweitrangig.
Wichtiger ist, als Geschöpfe Gottes einen Lebensweg zu gehen, den wir vor unserem Herrn Jesus Christus verantworten können, dass wir ein rechtschaffenes Leben führen, auf Gottes Wort hören und versuchen seine Gebote zu halten.

Der Christliche Gesundheitskongress vom 21. bis 23 Januar in Kassel wird von einer Allianz von Personen, Einrichtungen und Verbänden aus Diakonie sowie Landes- und Freikirchen getragen. Er ist für Fachbesucher mit Fortbildungspunkten zertifiziert.
www.christlicher-gesundheitskongress.com

Buchtipp

  • Lütz, Manfred: Gott. Eine kleine ­Geschichte des Größten, Verlag Droemer Knaur, 320 Seiten, ISBN 978-3-426-78164-7, 9,95 Euro
  • Lütz, Manfred: Irre – Wir behandeln die Falschen, Gütersloher Verlagshaus, 208 Seiten, ISBN 978-3-579-06879-4, 17,95 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643)246161

Wahrheit unterm Tannenbaum

24. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Geschichtlicher Überblick: Je nach Familientradition und konfessionellem Hintergrund unterscheiden sich die Gabenbringer zu Weihnachten

Geheimnisvolle Weihnachtszeit, Foto: epd-bild

Geheimnisvolle Weihnachtszeit (Foto: epd-bild)

Wer bringt die Geschenke? Der Weihnachtsmann, Knecht Ruprecht oder das Christkind? Eine Klärung.

Um es gleich zu sagen: Die Antwort auf die Frage, wer denn nun die Geschenke zu Weihnachten bringt, kann Eltern in Verlegenheit bringen. Denn die Sachlage ist kompliziert. Der Nikolaus oder der Weihnachtsmann? Und was ist mit Knecht Ruprecht? Oder ist das Christkind in Kooperation mit einer Heerschar himmlischer Helfer für die Gaben zuständig? Wer ist das Christkind überhaupt? Ein blond gelockter weiblicher Engel? Und was, bitte schön, hat das Christus-Kind in der Krippe mit dem Christkind tun?

Die Antwort auf die Frage, wer denn die Geschenke bringt, wird je nach Familientradition und konfessionellem Hintergrund unterschiedlich beantwortet.
»Ich dachte, in den Familien, wo der Weihnachtsmann es nicht schafft persönlich vorbeizukommen, da kommt eben das Christkind. So eine Mischung aus Engel und Jesuskind, auf dessen Glöckchenklang wir am Weihnachtsmorgen mit solchem Herzklopfen gewartet haben, dass wir am Abend zuvor eine halbe Baldriantablette bekamen«, erinnert sich Wolfgang (52) an seine Kindheit. Als er versehentlich ein Gespräch der Eltern zum Thema: »Wer kriegt was?«, mitbekam, brach er in Tränen aus. Unwiederbringlich vorbei, der wunderschöne Glaube an einen himmlischen Gabenbringer.

Tröstlich nur, dass der Siebenjährige sich jetzt endlich erklären konnte, warum das Christkind alle Jahre wieder die ungeliebten kratzenden Unterhemden statt des ersehnten Fahrrades brachte.

»Bei uns kamen die Geschenke vom Weihnachtsmann. Ich habe mich irgendwann gewundert, dass er dieselben Schuhe trug wie unser Nachbar«, erzählt Anne (26) und erinnert sich daran, dass sie diese Wahrheit nur sehr widerwillig akzeptiert habe. »Ich wollte so gerne an den Weihnachtsmann glauben.« Allerdings sei sie froh gewesen, dass mit der »Entmythologisierung« des Weihnachtsmanns auch das elterliche Druckmittel: »Wenn du nicht lieb bist, bringt der Weihnachtsmann nichts«, wirkungslos wurde.

»Unsere Eltern haben uns nie vom Weihnachtsmann oder dem Christkind erzählt. Weihnachten feiern wir Geburtstag von Jesus. Weil Gott uns Jesus geschenkt hat, machen wir uns gegenseitig Geschenke«, erzählen Lukas (11) und Lisa (13). »Mir ist wichtig, dass der christliche Grund für Weihnachten deutlich bleibt«, betont ihre Mutter Bettina. Sie fürchtet, dass mit dem Abschied vom Christkind auch der Abschied vom Glauben an das Christus-Kind eingeläutet werden könnte. Nach dem Motto, wenn die Sache mit dem Weihnachtsmann oder dem Christkind nicht stimmt, dann taugt auch der Glaube an Jesus nicht fürs Erwachsenenleben. Geheimnisvoll und schön ist die Zeit vor Weihnachten trotzdem. Heimliche Basteleien und die Spannung, was wohl ­unterm Tannenbaum liegt, schaffen in der Familie eine besondere Atmosphäre.

Knapp vier von fünf Deutschen (78 Prozent) haben nichts dagegen, ihre Kinder an den Weihnachtsmann glauben zu lassen. Das ergab eine Emnid-Umfrage. Dabei liegt der Weihnachtsmann als Gabenbringer weit vor dem Christkind. Ist womöglich die Sehnsucht nach Geheimnissen, nach Spannung und Fantasie bei Eltern mindestens genauso groß wie bei ihren Kindern? Oder ist die mediale Präsenz von Weihnachtsmann und Christkind, die als Werbeträger im Dienste von Kommerz und Konsum unterwegs sind, so übermächtig, dass sich weder Eltern noch Kinder entziehen wollen oder können?

Jenseits von vorweihnachtlichem Kommerz und Kerzenschein kann ein Blick zurück ein wenig Klarheit ins weihnachtliche Gabenbringer-Durcheinander bringen.

Das Christkind – eine Erfindung Martin Luthers
Das Christkind ist, man höre und staune, eine Erfindung von Martin Luther. Der Reformator wollte, weil ihm die Heiligenverehrung ein Graus war, eine Gegenfigur zum heiligen Nikolaus schaffen. In Erinnerung an den Bischof und Kinderfreund aus Myra brachte nämlich zu Luthers Zeiten der Nikolaus am 6. Dezember die Geschenke. Luther, der am Brauch des Schenkens festhalten wollte, ersetzte den Nikolaus flugs durch das Christkind, das die Geschenke am 25. Dezember verteilte.

Wobei das Christkind keineswegs das Jesuskind ist. Wahrscheinlich ist, dass der Name auf Krippenspiele zurückgeht, in denen die »Christkinder« zur Krippe zogen und dem Christus-kind Geschenke brachten. Bis um 1900 herum hielten viele Katholiken am Nikolaustag als Tag des Schenkens fest.

Dann aber wendete sich kurioserweise das Blatt: Die Katholiken übernahmen Luthers Christkind, während in evangelischen Familien der Weihnachtsmann Einzug hielt. Und woher kommt der? Nein, er ist nicht von dem amerikanischen Konzern erfunden worden, der weltweit die koffeinhaltige Limonade verkauft – auch wenn das immer wieder behauptet wird. Im Rahmen einer Weihnachtswerbung verpasste der schwedische Maler Haddon Sundblom 1931 dem Weihnachtsmann lediglich den Rauschebart und das rot-weiße Outfit, das sich weltweit durchsetzte. Vorher trug der Weihnachtsmann mal einen blauen oder braunen Mantel. Sogar in Knickerbocker und breitem Hut wurde er schon gesichtet. Die Figur des Weihnachtsmannes selbst entstand aus der Verschmelzung der Nikolausfigur und des ihn begleitenden Knecht Ruprecht. Der wiederum stammt genau wie der schwarze Piet, der Julbock oder der Bullkater aus heidnischer Zeit, wo sie als dunkle Gestalten um die Jahreswende ihr Unwesen trieben.

Was tun mit der Sehnsucht der Kinder, die so gern ans Christkind oder den Weihnachtsmann glauben? In ­aller Regel kreiden sie es ihren Eltern nicht als »Lüge« an, wenn sie hinter die Wahrheit kommen. Rüdiger Maschwitz, Landespfarrer in der Arbeitsstelle für Gottesdienst und Kindergottesdienst im Theologischen Zentrum Wuppertal, plädiert angesichts einer immer stärkeren Kommerzialisierung von Christkind und Weihnachtsmann dafür, den Glauben an das Christus-Kind ins Zentrum von Weihnachten zu stellen: »Zu Weihnachten feiern wir, dass Gott uns Christus geschenkt hat und deshalb machen wir uns auch gegenseitig eine Freude.« Der Weihnachtsmann habe angesichts der Kommerzialisierung nichts mit der Sehnsucht von Kindern nach Märchen zu tun. Aus seiner Sicht sollten Eltern den Glauben an Christkind und Weihnachtsmann nicht aktiv fördern, sondern den an das Christus-Kind. Dennoch plädiert er nicht dafür, die »Ebene des Geheimnisvollen« vorschnell rational aufzubrechen. »Antworten Sie ehrlich, wenn Kinder nach der Wahrheit fragen«, ist sein Rat.

Von Karin Vorländer

»Mit dem Herzen hören«

17. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Seelsorge: Wenn das Weihnachtsfest nicht nur eitel Friede, Freude, Eierkuchen ist

Anonym, professionell, aber dennoch mit dem Herzen engagiert: die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge. 	Foto: Maxie Thielemann

Anonym, professionell, aber dennoch mit dem Herzen engagiert: die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge. (Foto: Maxie Thielemann)

Weihnachten kommen die ­Gefühle hoch. Nicht bei jedem nur die schönen. Gut, dass es die Mitarbeiterinnen und ­Mitarbeiter der Telefonseelsorge von Diakonie und Caritas gibt.

»Telefonseelsorge, Guten Abend.« Knapp begrüßt Anneruth Klingner* (* Name geändert) die Anrufer mit ihrer warmen tiefen Stimme. Neben dem Telefon brennt eine Kerze, das Büro ist mit Zweigen geschmückt. Die fremden Menschen am anderen Ende der Leitung fühlen sich oft wenig weihnachtlich. Das Fest weckt bei ihnen die immer gleichen Wunschvorstellungen, die auch von der Werbung ­getragen werden: »Da denkt jeder an eine große Familie um einen Tisch herum, an leckeres Essen und tolle Geschenke«, sagt Anneruth Klingner, »aber in Wirklichkeit ist das bei vielen gar nicht gegeben. Da entstehen dann Lücken.« Diese Lücken möchte Klingner füllen.

Zwei bis vier Mal im Monat sitzt die 52-Jährige ehrenamtlich im Büro der Leipziger Telefonseelsorge und ist für Menschen da, die nicht mehr wissen, mit wem sie reden können. Sie ist da und hört einfach zu. Auch jedes Jahr am Heiligen Abend. »Das ist mein Beitrag zu unserer Gesellschaft.«

Ihre Anrufer sind nicht selten überrascht, dass die Telefonseelsorge auch Weihnachten besetzt ist: »Schön, dass ich Sie erreiche« oder »Wie gut, dass jemand da ist«, hört Anneruth Klingner dann oft. Viele wollten einfach eine menschliche Stimme hören – sei es, weil sie den Abend alleine verbringen, weil sie sich trotz ­Familie innerlich einsam fühlen oder weil sie gerade etwas Schweres durchmachen. Weihnachten liegen die Gefühle näher unter der Oberfläche. Dann sind es vor ­allem Anlässe wie Beziehungsprobleme oder Arbeitslosigkeit, die die großen Fragen des Lebens aufwerfen: »Manche denken, ich wüsste, wie das funktioniert mit dem Glück«, erzählt Klingner nachdenklich, »aber das weiß ich natürlich genauso wenig wie alle anderen. Ich glaube nur, dass das Glück nicht von Geld abhängt.«

Geld, das sei das ganze Jahr über Thema, aber besonders zu Weihnachten. Mütter und Väter, Töchter und Söhne fragen sich dann: was ist mein Leben wert, wenn ich mir nichts leisten, wenn ich keine teuren Geschenke machen kann? Manchmal reichen als Antwort ein, zwei gute Ideen. Liebevolle Geschenke müssen eben nicht viel kosten: z. B. ein gemeinsamer Spaziergang im Wald. Doch die Mitarbeiterin der Telefonseelsorge möchte weniger mit Ratschlägen helfen. »Ich löse mich selbst ein Stück weit auf und fühle in den anderen Menschen hinein. Ich höre einfach mit dem Herzen«, versucht Anneruth Klingner zu beschreiben. »Wenn jemand eine schwere Krankheit hat, was soll ich dann auch sagen? Ich kann höchstens fragen: Wollen wir gemeinsam so etwas machen wie Beten?« Dann zünden sich zwei Menschen eine Kerze an. Anneruth Klingner am einen Ende der Telefonleitung, ein verzweifelter Anrufer am anderen. Klingner versucht damit, eine unsichtbare Verbindung zu knüpfen über das anonyme Gespräch ­hinaus. »Manchmal ist mein Gegenüber gerührt, manchmal auch ich.« Allein wenn sie darüber nachdenkt, werden ihre Augen glasig, die Stimme stockt.

Die Mitarbeiter der Telefonseelsorge geben ein Stück aktive Lebenshilfe. Das professionelle Rüstzeug dazu erhalten sie in speziellen Weiterbildungen neben ­ihrem eigentlichen Beruf. Auch Anneruth Klingner hat in ihrem normalen Arbeitsalltag viel zu tun, gerade jetzt vor Weihnachten. »Ich empfinde meine Arbeit als sinnvoll, aber es ist auch eine sehr beschränkte Welt. Bei der Telefonseelsorge entstehen ganz andere Gespräche und das holt mich wieder ein Stück auf die Erde zurück«, so ihr Fazit.

Manchmal fragen die Anrufer an Heiligabend besorgt: »Was machen Sie denn hier? Warum sind Sie nicht zu Hause?« Anneruth Klingner kann dann jedes Mal beruhigen: »Ich bin Ihretwegen hier.« Die vier Stunden Telefondienst an Heiligabend sind ihr ganz persönliches Geschenk.

Von Maxie Thielemann

Die Telefonseelsorge von Diakonie und Caritas ist rund um die Uhr kostenlos erreichbar unter den Rufnummern (0800)1110111 und (0800)1110222.

Es werden weitere ehrenamtliche Mitarbeiter gesucht.
www.telefonseelsorge.de

»Macht hoch die Tür …«

10. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Wiedereintritte: Evangelische Kirche will Aufnahme neuer und ehemaliger Mitglieder erleichtern

Nur einzeln können Menschen von der Kirche zurückgewonnen werden. Foto: epd-bild

Nur einzeln können Menschen von der Kirche zurückgewonnen werden. Foto: epd-bild

Jährlich verlässt die ­Einwohnerzahl einer ­mittleren Großstadt die evangelische Kirche. Doch es gibt auch ­einen ­bescheidenen ­Gegentrend.

Die Evangelische Kirche will wachsen – gegen den Trend sinkender Mitgliederzahlen. Das Starren auf die Austrittszahlen (immerhin rund 160000 im Jahr 2008) habe zulange den Blick dafür versperrt, dass es auch eine gegenläufige Bewegung in die Kirche gibt. Dieser Befund ist einer der Eckpunkte im ­Impulspapier »Kirche der Freiheit«, mit dem die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) vor drei Jahren die Weichen für Reformen gestellt hat.

Mit dieser Gegenbewegung, die auf Eintritten von Neumitgliedern, Wiederaufnahmen von ausgetretenen Protestanten und Übertritten von Angehörigen anderer Konfessionen beruht, setzt sich die EKD in einer neuen Studie intensiv auseinander. »Macht hoch die Tür«, in dieser Formel lässt sich zusammenfassen, was der EKD-Text als Leitfaden den Kirchengemeinden für den Umgang mit kirchlich Interessierten an die Hand gibt. Die evangelische Kirche soll einladender werden und sich öffnen für Menschen, die sie verlassen haben oder ihr noch nie angehörten, aber wieder Kontakt zur Kirche suchen. Eine ­»Kultur des Willkommens« sollen sie vorfinden, lautet die Empfehlung.

Das Aufnahmeverfahren soll möglichst unkompliziert sein. Wenn Menschen zur evangelischen Kirche gehören wollen, dürften sie nicht den Eindruck bekommen, »einem bürokratischen Apparat mit vielen Anforderungen zu begegnen, sondern einer Atmosphäre der Offenheit und Gastfreundschaft«, wird geraten.

Bei der Mitgliedergewinnung beschreitet die evangelische Kirche schon seit einiger Zeit neue Wege. An immer mehr Orten gibt es spezielle Eintrittsstellen. Häufig sind sie angedockt an »City-Kirchen«, aber auch in Kur- und Ferienorten, oder während der Adventszeit in Einkaufszentren zu finden. Seit 2004 hat sich die Zahl dieser Büros von 50 auf mittlerweile 140 fast verdreifacht. Und offenbar ist dieser Weg eine Erfolgsgeschichte. Denn wo solche Büros bestehen, sind die Beitrittszahlen spürbar angestiegen, ergibt sich aus der Studie »Schön dass Sie (wieder) da sind!«. Hilfreich ist ­zudem eine Regelung, wonach der Eintritt nicht in jedem Fall in der ­örtlichen Kirchengemeinde erfolgen muss, sondern man in den anerkannten Eintrittstellen über landeskirchliche Grenzen hinweg Mitglied werden kann.

Und die Zahlen lassen sich sehen: Der Mitgliederzuwachs von jährlich mehr als 60000 verteilt sich auf Wiedereintritte (26500) Erwachsenentaufen (23000) und Übertritte von ehemaligen Katholiken oder aus anderen Konfessionen. Zwischen 3,5 bis fünf Millionen dürfte sich Schätzungen ­zufolge die Zahl der Menschen bewegen, die zwar evangelisch getauft, aber aus der Kirche ausgetreten sind. In Scharen haben sie die Kirche verlassen, aber nur einzeln können sie zurückgewonnen werden, ist ein Grundtenor der EKD-Studie.

Von Rainer Clos (epd)

Die Studie »Schön, dass Sie (wieder) da sind« ist als Text Nr. 107 in der Reihe der EKD-Texte erschienen und steht im ­Internet als PDF-Datei kostenlos zum ­Herunterladen bereit: www.ekd.de/EKD Texte/2059.html

nächste Seite »