Die Freiheit eines Christenmenschen

5. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Öffentliche Ämter: Zum Rücktritt von Margot Käßmann und zum Anspruch an Menschen in Spitzenpositionen

Sollten Menschen in herausgehobenen Positionen ­Vorbild sein? Oder sind die Maßstäbe, die an sie angelegt werden, zu hoch? Margot Käßmanns Rücktritt hat über diese Fragen eine lebhafte Diskussion ausgelöst.

Foto: Archiv

Foto: Archiv

Margot Käßmanns Verfehlung und ihr Rücktritt – sie haben eine heftige öffentliche, auch sehr emotionale Debatte ausgelöst über die Frage: Was darf man – legitimerweise – erwarten, was darf man verlangen von Menschen in herausgehobenen öffentlichen Ämtern in Politik, Gesellschaft, Kirche? Sollen sie, müssen sie Vorbild sein, und wenn ja, in welchem Sinne?

Zunächst eine einfache Beobachtung: Im öffentlichen Amt, in herausgehobener Position sind Siege, sind Erfolge strahlender, erscheinen schöner und größer, weil öffentlich – das macht das öffentliche Amt verführerisch. Zugleich aber sind Niederlagen, Fehler, Misserfolge schlimmer und schmerzlicher, weil eben öffentlich – das macht das öffentliche Amt riskant. Mit einem öffentlichen Amt wächst nicht nur die Verantwortung, sondern auch der Zwang, Vorbild, gar vollkommen sein zu müssen oder jedenfalls besser als die (beobachtende) Mehrheit – die zugleich argwöhnisch verfolgt, ob die öffentliche Person diese Erwartung auch erfüllt. Wehe, wenn nicht.
Aber die Person im öffentlichen Amt bleibt doch ein Mensch, also fehlbar, unvollständig, des Erbarmens würdig! Sie wird (fast) nie identisch sein können mit dem erwünschten Idealbild, mit der von vieler Leute Wünsche und Hoffnungen gemalten Ikone von diesem Menschen. Eine Ikone aber ist ein ohne Tiefe gemaltes Bild. Selbst im Amte sind wir indivi­duelle Person, nie ganz identisch mit einem Amt, das Amt bleibt mehr als dessen Inhaber.

In einem Kommentar der »Berliner Zeitung« war zu lesen: Bischöfin Käßmann »sei über ihren moralischen Hochmut gestolpert – rufen ihr diejenigen hinterher, die jegliche Moral zum Hochmut erklären, die über ihre Begriffe geht.« Und tatsächlich: »Moralist«, »Gutmensch« sind zu Schimpfworten in der medialen Öffentlichkeit geworden. Allzu hohe moralische Ansprüche erwecken Misstrauen und Spott. Willkommen in unserer Gosse, wenn einer scheitert.

Sollten wir also die Maßstäbe absenken, weil wir doch allzu oft unter ihnen bleiben? Was ist wirklich zu verlangen von Menschen in »öffentlichen Ämtern«? Gewiss nicht, dass sie Heilige sind oder werden. Aber doch, dass sie Vorbilder sind in einem ganz bestimmten Sinn: Politiker sollten Vorbilder sein für die Einhaltung der Regeln, die für unser demokratisches Gemeinwesen konstitutiv sind, sie sollten erkennbar für das Gemeinwohl engagiert arbeiten und nicht nur fürs eigene materielle Wohl. (Wo das nicht geschieht, haben die Bürger die demokratische Möglichkeit, den betreffenden Politiker abzuwählen.) Wirtschaftsmanager sollten nachvollziehbar für das Wohl des Unternehmens tätig sein, also nicht nur für die Eigentümer, sondern ebenso auch für die Arbeitnehmer. (Von Rücktritten nach folgenreichen Fehlentscheidungen ist in diesem Milieu wenig bekannt.) Bischöfe und Pfarrer sollten das Evangelium mit Überzeugung und glaubwürdig vermitteln und vertreten. Müssen wenigstens sie dafür Heilige sein? Nein. Auch die Jünger Jesu waren es nicht, sie waren vielmehr gewöhnliche Menschen, Petrus hat sogar gelogen. Trotzdem wurden sie Zeugen Jesu und seiner Lehre – weil sie durch ihr Leben und Sterben für die Frohe Botschaft einstanden.

Margot Käßmann sei an ihren eigenen Maßstäben gescheitert, heißt es. Aus einer falschen Augenblicksentscheidung wurde ein schwerwiegender Fehler: Die Bischöfin hat daraus Konsequenzen gezogen. Mit ihrem Rücktritt bestätigt sie jene moralischen Maßstäbe, an deren Geltung sich so viele stören! Musste sie unbedingt zurücktreten, war ihre Entscheidung alternativlos? Nein, gewiss nicht, aber sie hat sich in Freiheit und Demut so entschieden. Das verdient dankbaren Respekt, auch wenn ich traurig bin über den Verlust. Margot Käßmann hat ein Beispiel gegeben für die Freiheit eines Christenmenschen.

Der Autor Wolfgang Thierse ist Vizepräsident des Deutschen Bundestages.

Wolfgang Thierse

Sie wurden im Einigungsvertrag schlicht vergessen

26. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Frauen, die in der DDR ­geschieden wurden, leben heute oft an der Armutsgrenze. Ihre Lage ließe sich verbessern, würde ein 20 Jahre alter Fehler endlich korrigiert.

Rechtlich noch immer »hinter der Mauer«: Den seit 1977 in der alten Bundesrepublik bestehenden Versorgungsausgleich für geschiedene Frauen gibt es für ­Betroffene aus der ehemaligen DDR bis heute nicht. Foto: ullstein bild – CARO/Ponizak

Rechtlich noch immer »hinter der Mauer«: Den seit 1977 in der alten Bundesrepublik bestehenden Versorgungsausgleich für geschiedene Frauen gibt es für ­Betroffene aus der ehemaligen DDR bis heute nicht. Foto: ullstein bild – CARO/Ponizak

Der Rotstift ist seit Jahren Hanna Kirchners treuester Begleiter. Von ihren 796 Euro Rente geht knapp die Hälfte für die Warmmiete drauf: »Auch kleine Wohnungen sind teuer«, sagt sie. Zeitungsabo? Fehlanzeige! Kosten für Praxis­gebühr und verschreibungspflichtige Medikamente schlagen zu Buche. Und die Mobilität leidet. Reisen mit der Bahn und eine Monatskarte für die Straßenbahn sind bei der Magdeburgerin nicht drin. Seit sie im vergangenen Jahr am Fuß operiert wurde, sind auch Radfahren und Gehen für die ehemalige Lehrerin, Jahrgang 1938, zum Problem geworden.

Elfriede Jung, Jahrgang 1939 und Bürokauffrau von Beruf, muss nach 44 Arbeitsjahren mit 764 Euro monatlich über die Runden kommen. »Davon kann man doch nicht leben«, kommentierten bei einem ihrer selten möglichen Besuche die Verwandten in Westdeutschland ihre Situation. Doch man – oder besser: Frau – kann nicht nur, sondern muss. Hanna Kirchner und Elfriede Jung haben mit hunderttausenden Frauen mehrere Dinge gemein: Die meisten ihrer Arbeitsjahre fielen in die DDR-Zeit. Nach 1989 verloren sie ihre Arbeit. Und: Sie wurden zu DDR-Zeiten geschieden.

Einen Versorgungsausgleich zwischen den Partnern, wie ihn seit 1977 das Scheidungsrecht der alten und auch das der neuen Bundesrepublik seit 1992 kennt, der eine faire Rentenberechnung für die gemeinsamen Ehejahre garantiert, gab es in der DDR nicht. Mit der Scheidung endeten die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Partnern. Unterhalt musste nur für gemeinsame Kinder gezahlt werden. Für die Rentenberechnung zählten jeweils die letzten 20 Arbeitsjahre und die Beiträge zur Freiwilligen Zusatzrente. Auch wer nicht berufstätig war, konnte sich durch Zahlung von drei DDR-Mark monatlich über 20 Jahre eine Mindestrente von 330 Mark sichern. Heute würden die drei Mark wie ein Verdienst gerechnet. Über 20 Jahre eingezahlt, ergäbe sich eine monatliche Rente von 4,72 Euro.

Wäre alles gut gegangen, hätte Hanna Kirchner, die einen Sohn und eine schwerhörige Tochter großzog, heute keine materiellen Sorgen. Ging es aber nicht: Ihre Ehe mit einem Arzt wurde nach 23 Jahren geschieden, ihre Berufsschule 1991 »abgewickelt« und sie entlassen. Bis zum Renten­alter und darüber hinaus gab sie Nachhilfe und nahm Honoraraufträge an. Jetzt macht die Gesundheit nicht mehr mit.

Familienarbeit wird besonders »bestraft«

Elfriede Jung, die ein Kind großzog, war in erster Ehe 22 Jahre verheiratet. Ihre zweite Ehe dauerte 17 Jahre und wurde 1992 geschieden. »Ohne den Versorgungsausgleich aus dieser Ehe«, sagt sie, »würde ich nur unter 700 Euro eigene Rente bekommen.« Auch sie verlor nach der Wende ihre Anstellung und hielt sich mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser.

Übrigens: Nicht nur geschiedene Frauen und (einige) Männer sind von der Nichtbeachtung im Rentenüberleitungsgesetz betroffen. Auch die Sonderregelungen etwa für Mitarbeiter der Bahn, der Post, von Künstlern oder den Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialwesen entfielen. Doch die geschiedenen Frauen trifft es härter als andere. Denn die persönliche Entscheidung vieler, ganz oder teilweise in ihren Familien zu arbeiten anstatt in Büro oder Fabrik, die Kinder zu betreuen, dem Karriere machenden Mann den Rücken freizuhalten oder als »mithelfende Ehefrau« den Handwerksbetrieb zu stützen, wird nicht anerkannt. Und eine ausgebaute Kinderbetreuung, die auch Müttern kleiner Kinder die volle Berufstätigkeit ermöglicht hätte, gab es in der DDR erst ab den 70er Jahren.
Zwar heißt es im Einigungsvertrag, der am 29. September 1990 in Kraft trat, dass für die Rentenberechnung in der DDR Geschiedener noch eine »spezialgesetzliche Regelung« erfolgen müsse, sobald die Angleichung der Ostrenten abgeschlossen sei. Doch die Regelung fehlte im Rentenüberleitungsgesetz von 1991 – und sie fehlt bis heute.

Mit dem 1999 gegründeten »Verein der in der DDR geschiedenen Frauen« mit Gruppen in fast allen neuen Ländern und Berlin gibt es zumindest eine Interessenvertretung. Hier sind die beiden Magdeburgerinnen engagiert. Doch das, was die Politik tut, sorgt bei ihnen immer wieder für ­Ärger. So kam eine interministerielle Arbeitsgruppe zu dem Schluss, dass jede andere Lösung als die bestehende erheblichen Verwaltungsaufwand mit sich bringen und neues ­Unrecht hervorrufen würde.

Das Bundesverfassungsgericht lehnte eine Gemeinschaftsklage ab, weil die Kläger den falschen Weg durch die Instanzen gegangen waren: Statt vor das Sozial- hätten sie vor das Familiengericht ziehen müssen. Im vergangenen Herbst wiesen die Karlsruher Richter die Klage einer Frau ab, weil die Angaben zur Erwerbsbiografie ihres geschiedenen Mannes fehlten. Dabei hätte nur das Gericht die Zahlen vom Rentenversicherungsträger anfordern dürfen, nicht aber die Klägerin. Doch diese gibt nicht auf und will jetzt vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen.

Viele haben den Mut zum Kämpfen verloren
1989 betraf der vergessene Versorgungsausgleich schätzungsweise 800000 Frauen. Heute leben noch ­weniger als die Hälfte. Die meisten von ihnen beziehen Renten, die zwischen 650 und 750 Euro liegen. Ob sich ihre Lage je verbessern wird, ist offen. Denn im vergangenen Jahr entschieden sich die Abgeordneten des Bundestages gegen eine Lösung, die die Fraktion der Linken vorgeschlagen hatte: Die Frauen sollten einen aus Steuern finanzierten fiktiven Versorgungsausgleich und damit nachträglich Recht erhalten. Denn die Scheidungsurteile aus DDR-Zeiten haben aufgrund des Rückwirkungsverbotes Bestand.

Mit den Jahren sind die Frauen müde geworden. Manche haben sich aufgrund von Anfeindungen aus der Vereinsarbeit zurückgezogen. Sollte, wie manche befürchten, das Problem nicht auf politischem, sondern auf »biologischem« Weg gelöst werden?

Am 8. März wollen Frauen in Leipzig gegen das fortgesetzte Unrecht demonstrieren. Sie planen für 15.30 Uhr auf dem Augustusplatz eine Kundgebung. Um 17 Uhr gehen sie zur ­Andacht in die Nikolaikirche.

Angela Stoye

Käßmann-Rücktritt: »Schwerer Verlust für den deutschen Protestantismus«

25. Februar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Margot Käßmann hat auf die Stimme ihres Herzens gehört. Obwohl ihr der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) als höchstes Leitungsorgan nach einer Telefonkonferenz in der Nacht zum Mittwoch einmütig das Vertrauen aussprach, zog die Ratsvorsitzende und Bischöfin der hannoverschen Landeskirche am 24. Februar die Konsequenzen: „Hiermit erkläre ich, dass ich mit sofortiger Wirkung von allen meinen kirchlichen Ämtern zurücktrete“, sagte sie in einer Pressekonferenz.

Geradlinig bis zum Ende: Margot Käßmann verkündet am Mittwoch, 24. Februar, ihren Rücktritt. (Foto: epd-bild)

Geradlinig bis zum Ende: Margot Käßmann verkündet am Mittwoch, 24. Februar, ihren Rücktritt. (Foto: epd-bild)

Mit der ihr eigenen und von vielen so geschätzten Geradlinigkeit zog sie damit einen Schlussstrich unter die verhängnisvolle Alkoholfahrt vom vergangenen Wochenende. Sie bereue zutiefst den begangenen Fehler und sei mit Leib uns Seele Bischöfin gewesen. Doch: „Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben“, fügte die 51-Jährige sichtlich bewegt hinzu. Neben der Würde des Amtes gehe es ihr dabei auch um den Respekt und die Achtung vor sich selbst. Ihr Schlusssatz lautete: „Ich weiß aus vorangegangenen Krisen: Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand. Für diese Glaubensüberzeugung bin ich auch heute dankbar.“

Ihre Funktion in der EKD nimmt ab sofort ihr bisheriger Stellvertreter Nikolaus Schneider war. Schneider ist Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. Über das weitere Vorgehen zur Wahl eines neuen Ratsvorsitzenden wird der Rat der EKD bei seiner turnusmäßigen Sitzung an diesem Freitag und Sonnabend (26. und 27. Februar) beraten.

Der Rücktritt sei „ein schwerer Verlust für den deutschen Protestantismus“, der auch persönlich schmerze, erklärten Schneider und die Präses der EKD-Synode, die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckart. In einer gemeinsamen Presseerklärung verwiesen sie darauf, dass Margot Käßmann ihren Fehler sofort eingestanden habe, und so für viele Menschen zu einem Vorbild an Glaubwürdigkeit wurde.

Auch der sächsische Landesbischof Jochen Bohl, der zugleich Mitglied im Rat der EKD ist, bezeichnete ihren Rücktritt als einen „großen Verlust“. Unausweichlich sei ihr Rücktritt nicht gewesen. Der Rat der EKD habe ihr das Vertrauen ausgesprochen. Bohl räumte aber auch ein, dass er ihren Schritt nachvollziehen könne. „Er verdienst hohen Respekt. Er ist auch darin begründet, dass Margot Käßmann Schaden von ihrem Amt als Bischöfin und EKD-Ratspräsidentin fern halten wollte“, so Bohl.

Ebenso bedauert Ilse Junkermann, Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), „in höchstem Maße“ den Rücktritt ihrer Amtskollegin. „Den Menschen in unserem Land wird ihre Stimme fehlen“, so Junkermann wörtlich. So habe Käßmann in kritischen Diskussionen ohne Umschweife klar gemacht, dass das Evangelium und der Auftrag der Kirche auch eine politische Dimension habe. „Ich werde den Mut von Margot Käßmann, ihre theologische Klarheit und ihren Humor als Schwester im Amt sehr vermissen“, fügte die Kirchenleiterin hinzu.

Auch der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig reagierte “mit großem Bedauern und Respekt”. Die evangelische Kirche verliere mit Käßmann “ihre prominenteste Repräsentantin”, erklärte er in Dessau-Roßlau. Die Entscheidung über die Nachfolge werde “nicht einfach”.
(GKZ)

Wie Gottes Wort von der Kanzel hörbar werden kann

18. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Die protestantische Predigtkultur – Ein Beitrag von Friedrich Schorlemmer

Foto: T. Rolf, sxc.hu

Foto: T. Rolf, sxc.hu

Bei uns Protestanten kommt alles aufs Wort an. Auf das zutreffende und treffende, das tröstende und mahnende, das befreiende und verpflichtende. Das Wort, das von Herzen kommt und das im Herzen ankommt, freilich auch der Kopf nicht entbehrlich wird. (»Verkopft« lautet oft der Vorwurf.) Wir sind in einer Zeit der Bilderdominanz schlecht dran, vor allem dann, wenn wir das Wort nicht wirksam zu handhaben wissen, wenn das Wort uns nicht so ergreift, dass auch andere ergriffen werden.

Es gibt eine große protestantische Predigtkultur von Luther über Löscher bis zu Schleiermacher und Bonhoeffer. Ich selber habe Menschen erleben können, große Prediger aus unserer Region, an die ich mich so dankbar ­erinnere. An Dietrich Mendt und ­Ludwig Große, an Christof Ziemer und das Ehepaar Gabriele und Andreas Herbst, an Klaus-Peter Hertzsch und Heino Falcke, an Werner Krusche und Johannes Jänicke. Die haben mich mit ihrer besonderen Begabung nie kleingemacht, sondern mir Mut gemacht. Sie konnten und können nicht nur reden, sondern hatten etwas zu sagen, das ganz aus ihnen kam und ansprechend zu uns Hörern »rüberkam«.

Vor allem anderen steht die Frage, wie SEIN Wort in meinen Worten von der Kanzel herab hörbar wird. Wie bekommt das Göttliche im Menschlichen Stimme? Es war der Germanist Walther Jens, der die Predigt als Rede(kunst) wiederzuentdecken empfahl. Das WAS bestimmt das WIE, der Inhalt die Sprachform, der Anlass die Sprechweise. (Um es nett zu sagen: Unsere Predigtkultur ist in einem durchaus verbesserungsfähigen Zustand.)

Das Wichtigste bleibt die Frage, was den Prediger/die Predigerin treibt: als wache Zeitgenossen, als einfühlsame Seelsorger, als denkende Subjekte mit tiefem Respekt vor dem Bibelwort – die Kunst des Verstehens und des Verständlichmachens so gut es eben geht zu beherrschen. Wie bringen sie den Text des ­Lebens mit dem auszulegenden Abschnitt aus der Schrift zusammen? Der Prediger braucht nicht mehr und nicht weniger als ein gutes Gefühl für die Sprache, die Fähigkeit zum Sprechen und die Erkenntnis dessen, was jetzt zur Sprache kommen soll. Alle die, die zu einem Gottesdienst bei uns Evangelischen kommen, erwarten besonders etwas von der ­Predigt und beurteilen den ganzen Gottesdienst von der Predigt her. Das ist geradezu misslich. Gehören dazu nicht die Lieder, die Psalmen, die ­Gebete, die Lesungen, der Raum, das Licht, das Kirchenjahr und die Mithörenden, die ganze Atmosphäre?

Unser Dilemma kommt aus einer gewichtigen theologischen Entscheidung Martin Luthers bei der Übersetzung des Römerbriefes, wo er übersetzt: »Der Glaube kommt aus der Predigt.« (Römer 10,17) Dort heißt es eigentlich: Der Glaube kommt aus dem Hören. Luther hat nicht falsch übersetzt, aber damit Glaubensvermittlung zu sehr an unser (Kanzel-) Predigen gebunden, wiewohl jeder Hausvater es auch tun soll.

Inzwischen hat das Predigen im allgemeinen Sprachgebrauch eher einen pejorativen Klang. Wenn es da heißt, dass ein Schriftsteller oder gar ein ­Kabarettist predigen würde, so meint man, dass sie etwas ernst und gut gemeint hätten, aber das gut Gemeinte würde das Peinliche.

Unsere bestallten Prediger sollten mehr lernen von den großen Rednern und wissen, dass die Predigt eine Rede ist. Sie hat einen Unterhaltungswert, der nicht zu gering zu schätzen ist, sofern das nicht flapsig wird. Es muss in jeder Weise ein Vergnügen sein zuzuhören. Was da gesagt wird, mag nahegehen und angehen. Und es ist nicht schlecht, wenn man es »schön gesagt hat«. Zur Fortentwicklung der Predigtkultur in jeder Zeit gehört, dass Predigende ­täglich ein gutes Stück Literatur zu sich nehmen und dass sie die Heilige Schrift auch als Literatur zu würdigen verstehen.

Der aus der Antike stammende Gleichklang von docere, movere und delectare ist schon ein guter Kompass für die Predigtvariationen. Man kann sich das auch so übersetzen: Orientieren, Anrühren und Aufmuntern. Dem Wort in der Geräuschwelt und im Talk-Geschwätz etwas zutrauen, dem Wort nachhören, ehe man es ­selber zur Sprache bringt. Bloße Predigttechnik jedenfalls reicht nicht nur nicht aus, sondern wäre das Falscheste, was wir machen könnten; doch was man machen und lernen kann, soll man wohl auch ­machen und lehren.

Ansonsten muss man es kommen lassen: natürlich, authentisch, selber errungen – um dann genau das zu ­sagen, was einen wirklich drängt. Wes das Herz nicht übergeht, der soll auch nicht reden. Es gilt zuförderst zuhören zu lernen, den Text zu lesen und noch einmal zu lesen und noch einmal zu ­lesen. Laut. Die Poesie der Schrift zu entdecken und sie hörbar zu machen. Das Reden als einen ganzheitlichen Vorgang verstehen. Predigen ist der stetige Versuch, ein Schriftwort zu erklären, Dunkles und Verworrenes zu klären, aber auch zu überzeugen. Und das Gesagte ins Gespräch zu bringen – mit mündigen Mitchristen, mit allen existenziell Fragenden, mit Suchenden und (Ver-) Zweifelnden.

Luther hat 1530 in seiner Vorrede zu den Seligpreisungen so wunderbar gesagt, was zu einem Prediger gehört: Auftreten. Mund auftun. Etwas sagen. Rechtzeitig aufhören. Und fügte hinzu: frisch und getrost. Nichts verschweigen oder nur murmeln. Alles unerschrocken und klar heraussagen, es treffe, wen oder was es wolle. Ordentlich zurechtgemacht sein, schade auch nicht.

P. S.: Warum kommen nicht alle Pfarrer regelmäßig zu einer Predigt-Weiterbildung zusammen? Eine Art Balint-Gruppe für Prediger!
Aber, Ihr Prediger und Predigerinnen, vergesst nicht: ohne die Musik wird alles nichts, denn sie geht ins Herz. Das am Freitag in Lutherstadt Wittenberg eröffnete »Zentrum für evangelische Predigtkultur« der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wird viel zu tun haben. Das mag (un)merklich allen zugute kommen.

Friedrich Schorlemmer

Gewachsene Sensibilität

11. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Bilanz: Die Kirchen in Mitteldeutschland engagieren sich gegen Rechtsextremismus – doch was haben diverse Aktionsjahre gebracht?

Nur gemeinsam kann es auf Dauer gelingen, den sich in der Gesellschaft wieder breit machenden alt/neubraunen Ideologien, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu begegnen. 	Foto: epd-bild/Jens Schulze

Nur gemeinsam kann es auf Dauer gelingen, den sich in der Gesellschaft wieder breit machenden alt/neubraunen Ideologien, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu begegnen. Foto: epd-bild/Jens Schulze

Waren es früher vorwiegend Einzelne, die den Kampf gegen die Ausbreitung rechtsextremen Gedankengutes anmahnten, ­stehen seit einiger Zeit auch die Kirchen in vorderster Reihe – zumindest offiziell.

Nächstenliebe verlangt Klarheit« – mit dieser Feststellung dürfte kaum ein Christ hierzulande Probleme haben, mit dem Zusatz hingegen schon: »Evangelische Kirche gegen Rechtsextremismus«. Die Bilanz der gleichnamigen Aktionsjahre in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen fällt gemischt aus.

»Die Gemeinden haben das Thema auf die Tagesordnung gesetzt; die Sensibilität ist gewachsen«, zeigte sich Christhard Wagner erfreut. Der Bildungsdezernent der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) war ein entscheidender Motor, als das Aktionsjahr 2008 in seiner Landeskirche – auch gegen ­Widerstände in den eigenen Reihen – in Gang gesetzt wurde. Allerdings ist ihm auch klar: »Kirche ist hier nicht diejenige, die die Welt beglücken kann, sondern sitzt selbst im Glashaus.«

Das bestätigt auch Christian Liebchen, der als Referent im Kinder- und ­Jugendpfarramt der EKM das Thema in zahlreichen Fortbildungen den Gemeinden, Pfarrern, Diakonen und Gemeindepädagogen nahegebracht hat: »Wenn rechtsextreme Einstellungen aus der Mitte der Gesellschaft kommen, kommen sie auch aus der Mitte unserer ­Gottesdienstbesucher, Gemeindekirchenräte und Kirchenchöre.« Vor allem ältere, konservativ eingestellte ­Gemeindeglieder seien hierfür anfällig. »Aber die erreicht man mit keiner Jugendarbeit«, macht Liebchen das Problem deutlich.

Deutlich frustriert zeigte sich Andreas Holtz, Pfarrer im anhaltischen Pretzien. Dort hatten 2006 Neonazis das »Tagebuch der Anne Frank« öffentlich verbrannt. Der evangelische Pfarrer war ­anschließend einer der wenigen, die eine offene Auseinandersetzung mit den Tätern forderten. »Die Kirche tut hier nichts! Dem Werben und der Hintergrundarbeit der Nazis können wir nichts entgegensetzen.« Ihn mache diese Situation regelrecht krank, denn auch die ­Kirchengemeinden in seiner Gegend seien »so gut wie tot. Das Aktionsjahr ist an ­denen regelrecht vorbeigerauscht«, verdeutlichte der engagierte Pfarrer die ­Misere.

Doch davor scheinen auch kirchliche Mitarbeiter nicht gefeit zu sein: »Manche ›Hauptamtliche‹ fassen das Thema immer noch mit spitzen Fingern an«, hat Karl-Heinz Maischner festgestellt, der die Evangelische Erwachsenenbildung in Sachsen leitet. Vor einigen Jahren habe selbst in der sächsischen Kirchenleitung noch die Meinung vorgeherrscht: »Wir brauchen keinen Kampf gegen Rechtsextremismus, wir haben doch die Bibel!« Und gar mancher Engagierte werde selbst jetzt noch in die linksextreme Ecke gestellt. »Das Tückische ist: Die NPD besetzt Themen, die den Konservativen heilig sind, wie Familie, Heimat, Ordnung und Disziplin.« Erst genaues Nachfragen entlarve die Dema­gogie dieser Parolen, doch das mache kaum jemand.

Wie die Schleichwerbung funktioniert, zeigt das Beispiel von Henry ­Nitzsche: Der ehemalige Landtagsabgeordnete war nach Äußerungen wie ­»Multikultischwuchteln in Berlin« und »Deutschlands Schuldkult« aus der sächsischen CDU geflogen und hatte sein ­eigenes Bündnis »Arbeit, Familie, Vaterland« gegründet, für das er inzwischen im Kreistag Bautzen sitzt. Als Kirchenmitglied nutzt er seine Kontakte, bekennt sich zu »christlichen Werten«. Doch bei seiner Kandidatur als Ausländerbeauftragter 2008 wollte er »den hier ansässigen Ausländern bei der Organisation ­ihrer Heimreise behilflich sein«, womit er sich offen als Rassist zu erkennen gab und den Beifall der NPD einheimste.

Dass derartige Äußerungen und die Zustimmung zu ihnen Ausdruck von Demokratie-Defiziten sind, ist sich David Begrich, Fachreferent bei »Miteinander e.V.« (Magdeburg) sicher: »Das Vakuum, gerade im ländlichen Raum und in Abwanderungsgebieten, wird durch die Rechtsextremen gefüllt.« Hier seien dringend Visionen der Kirche gefragt, die weit über den Kampf gegen Rechtsextremismus hinausgingen: »Was können wir hier tun für eine demokratische Kultur – und mit welchen Bündnispartnern?«
Die gleichen Fragen stellt sich auch Friedemann Bringt (Kulturbüro Sachsen). Für eine Bilanz in Sachsen sei es noch zu früh. »Das Aktionsjahr kann nur ein Anfang gewesen sein«, unterstreicht er.

»Es ist schwer zu vermitteln, dass wir kontinuierlich daran weiterarbeiten müssen.« bestätigt Susanne Feustel, die das Projekt »Demokratie lernen« des sächsischen Landesjugendpfarramtes leitet. »Manche Kirchgemeinden und Pfarrer sind sehr wach beim Thema Rechtsextremismus, andere haben nur wenig Interesse bis hin zur Ignoranz.« Die aber sollte baldigst weichen, wenn die Neonazis nicht weiter Boden gutmachen sollen.

Von Rainer Borsdorf

Brot und Steine an der Isar

4. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Der 2. Ökumenische Kirchentag in München – ein Gespräch mit Ellen Ueberschär

Erwartet in München ein »Gänsehautgefühl«: Ellen Ueberschär, evangelische Generalsekretärin des 2. Ökumenischen Kirchentags 	Foto: epd-bild

Erwartet in München ein »Gänsehautgefühl«: Ellen Ueberschär, evangelische Generalsekretärin des 2. Ökumenischen Kirchentags Foto: epd-bild

Ellen Ueberschär trägt als evangelische Generalsekretärin die Mitverantwortung für den 2. Ökumenischen Kirchentag vom 12. bis 16. Mai in München. Benjamin Lassiwe sprach mit der Theologin.

Frau Ueberschär, wo steht die Ökumene heute?
Ueberschär:
Die Ökumene ist an einem Höhepunkt angekommen. Wenn man einmal das vergangene Jahr-
hundert ansieht, haben wir in diesen 100 Jahren ökumenisch mehr erreicht als in den drei Jahrhunderten zuvor. Natürlich gibt es harte Nüsse, die es noch zu knacken gilt, aber genau deswegen gibt es ja Veranstaltungen wie den Ökumenischen Kirchentag.

Was kann der Ökumenische Kirchentag an dieser Stelle erreichen?
Ueberschär:
Der Ökumenische Kirchentag ist eine Veranstaltung, in dessen Verlauf viele Hunderttausend Menschen zeigen können, dass ihnen die Ökumene nicht egal ist. Es geht da weniger um prominente Redner oder steile Thesen, sondern um das Gemeinschaftsgefühl der Christen aller Konfessionen und die Begeisterung für die Zusammenarbeit. Wenn man auf den Kirchentag von 2003 zurückblickt, dann sieht man, was aus solch einer Begeisterung erwachsen kann: Überall in Deutschland gibt es ökumenische Stadtfeste, Gesprächskreise oder Veranstaltungen, die unter dem Eindruck des ersten Ökumenischen Kirchentags begonnen haben und bis heute fortgesetzt werden.

Was sind denn die Herausforderungen, vor denen die Ökumene derzeit steht?
Ueberschär:
Da gibt es sicher eine Menge Themen, die man jetzt nennen könnte. Wir werden auf dem Ökumenischen Kirchentag eine Themenreihe »Ökumenische Brennpunkte« veranstalten, bei der wir uns mit den wichtigen theologischen Fragen beschäftigen werden: Dazu zählen etwa das Amtsverständnis, das Kirchenverständnis und die Abendmahls-Eucharistie-Diskussion. Auf dem Kirchentag werden wir diese Probleme sicher nicht lösen können. Aber wir können dafür sorgen, dass diese Themen ökumenisch im Gespräch bleiben.

Während der Gottesdienste am Kirchentags-Freitag soll eine orthodoxe Brotsegnung stattfinden. Warum?
Ueberschär:
Das wird ein Gottesdienst sein, bei dem alle Teilnehmer um große Tische herumsitzen und gemeinsam Wasser, Äpfel und das von einem orthodoxen Priester gesegnete Brot teilen. Wir wollen damit zeigen, dass wir als Christen gemeinsam Tischgemeinschaft halten können, beten, in der Bibel lesen und zusammen feiern können. Wichtig ist uns, dass wir an ein orthodoxes Ritual anknüpfen – das zeigt, dass die Ökumene nicht nur aus Protestanten und Katholiken besteht.

Aber wird die Brotsegnung in den Augen mancher Kirchentagsteilnehmer nicht wie der verschämte Versuch eines Ersatz-Abendmahls aussehen?
Ueberschär:
Nein, das wird es nicht. Die Form dieses Gottesdienstes wird so sein, dass keine Verwechslungen möglich sind. Wir wollen mit der Brotsegnung nicht zu einem heimlichen Abendmahl aufrufen. Es ist einfach so, dass die Brotsegnung in der Praxis der orthodoxen Kirche zum Alltag gehört – dort wird am Ende des Gottesdienstes gesegnetes Brot verteilt, auch zum Weitergeben an Menschen, die selbst nicht in die Kirche kommen konnten.

In Berlin 2003 haben Laiengruppierungen Abendmahlsfeiern neben den Kirchentag durchgeführt. Was machen Sie, wenn so etwas in München wieder passiert?
Ueberschär:
Als Veranstalter des Ökumenischen Kirchentags haben wir verabredet, die in unseren Kirchen geltenden Regeln gegenseitig zu achten. Als Evangelische achten und respektieren wir es, wenn uns unsere katholischen Geschwister sagen: »Wir sind noch nicht soweit. Wir können uns die Teilnahme von Protestanten an der Eucharistie im Moment nicht vorstellen.« Wenn es Gruppen gibt, die dennoch solche Feiern ausrichten, werden sie allein die Verantwortung dafür übernehmen müssen – auch für die Folgen, die daraus für die Ökumene entstehen. Persönlich bedauere ich auch, dass wir kein gemeinsames Abendmahl feiern werden. Aber man muss festhalten, dass die Abendmahlsfeiern in Berlin 2003 nicht zu Fortschritten in der Ökumene, sondern nur zu einer Verhärtung der Fronten geführt haben. Und die war überflüssig.

An der Vorbereitung für den Kirchentag haben sich auch Orthodoxe und Freikirchler beteiligt. Welchen Effekt hat das für den Kirchentag?
Ueberschär:
Das ist einer der großen ökumenischen Zugewinne gegenüber dem 1. Ökumenischen Kirchentag. Zum ersten Mal sind in allen Vorbe­reitungsgruppen Christen aus vielen verschiedenen ACK-Kirchen dabei. Die gesamtchristliche Beteiligung zieht sich durch alle Veranstaltungen – ob Podien, Gottesdienste, Workshops. Und diese Beteiligung ist ein wirklicher Mehrwert.

Zum Abschluss bitte noch eine kleine Prognose: Was wird der Höhepunkt des Ökumenischen Kirchentages sein?
Ueberschär:
Das ist nicht leicht zu beantworten. Der ganze Ökumenische Kirchentag wird ein Höhepunkt sein. Aber wenn Sie nach dem Moment mit dem besonderen Gänsehautgefühl fragen, dann wird das wohl im Schlussgottesdienst sein, wenn Hunderttausende Menschen in München und Millionen an den Fernsehgeräten gemeinsam einen Gottesdienst feiern.

Leben hat Bestand, weil Gott es will

28. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Medizin und Kirche: Der 2. Christliche Gesundheitskongress gab Impulse für das Zusammenwirken

In Kassel trafen sich vom 21. bis 23. Januar Ärzte, Pflegekräfte, Theologen und Seelsorger zu einem interdisziplinären Gespräch

Von Sabine Kuschel

Wie kommt es, dass kranke Menschen gesund werden, Entzündungen abklingen und Wunden heilen? Manche machen dafür neben medizinischem Können die Selbstheilungskräfte verantwortlich. Dass Christen in Heilungsprozessen auch das Wirken Gottes, des Schöpfers sehen können, das machte der Vortrag von Prof. Christoffer H. Grundmann auf dem 2. Christlichen Gesundheitskongress eindrucksvoll deutlich. Der Referent, der in den USA an der Universität in Valparaiso den Lehrstuhl zur Erforschung der Zusammenhänge zwischen Religion und den Heilkünsten innehat, legte dar, dass die Welt nicht nur durch einen einzigen Schöpfungsakt Gottes am Anfang geschaffen wurde, sondern auch jetzt von ihm am Leben erhalten werde. So wie Gott jedem Mensch Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Sinne gegeben habe, erhalte er ihn auch am Leben. »Leben ist keine Selbstverständlichkeit, es hat nur deshalb Bestand, weil es von Gott gewollt ist.« Von dieser Erkenntnis ausgehend, schlussfolgerte Grundmann: »Weil Gott am Werk ist, heilen Krankheiten und ist ärztliches Bemühen von Erfolg gekrönt.«

Etwa 1400 Gäste – Ärzte und Pflegekräfte, Theologen und Seelsorger, haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren auf dem Kongress, um darüber nachzudenken, wie Medizin und Kirche ­besser zusammenwirken und die ­spirituelle Dimension der Patienten berücksichtigt werden können.

Was er unter einer christlich fundierten Heilkunde versteht, erläuterte Dr. Georg Schiffner, Facharzt für Innere Medizin, Naturheilverfahren, Geriatrie und Palliativmedizin. »Christliche Heilkunde ist integrative Heilkunde, sie integriert unterschiedliche Heil- und Pflegemethoden sowie Therapieverfahren, soweit diese nicht den Grundlagen eines christlichen Menschenbildes widersprechen. Sie weiß sich verpflichtet der Qualität ­guter Pflege, Therapie und Medizin, umfassender sozialer Fürsorge und seelsorgerlicher Begleitung, aber auch der Hoffnung und Erwartung, dass Gott in die Krankheitssituation hineinreden und handeln kann.«

Im Blick auf die Mehrdimensionalität des menschlichen Seins plädiert der Mediziner dafür, in einer christlich motivierten Heilkunde auch spirituellen Elementen wie Anbetung und Fürbitte, dem Hören und Lesen von Gottes Wort, Meditation und Seelsorge Raum zu geben. Und er sprach sich für ein engeres Zusammenwirken von Christen in medizinischen Berufen und den Kirchengemeinden aus.
Ihre wunderbare Heilungsgeschichte erzählte Schwester Stefanie Zurbrigg von der Jesusbruderschaft Gnadenthal. Im Oktober 2008 wurde bei ihr Speiseröhrenkrebs im fortgeschrittenen Stadium festgestellt. Die Schwestern der Kommunität beteten regelmäßig für sie und mit ihr. In der guten Gemeinschaft, umgeben von hilfsbereiten Menschen »fühlte ich mich wie in Abrahams Schoß«, sagt sie. Doch trotz Fürsorge und Therapie – die Krankheit blieb. Eine Magenspiegelung zeigte, dass sogar erneut ein Tumor gewachsen war. Also bereitete sich die Schwester auf ihr Sterben vor, ordnete Fotos, schrieb ihren Lebenslauf und besprach ihre Beerdigung. Obwohl die Chance auf ­Heilung gering schien, ist sie wieder gesund geworden. Sie betonte, welche große Bedeutung Gebet, Gemeinschaft und Versöhnung für sie hatten. Als sie sich mit einer Schwester versöhnte, zu der sie immer eine komplizierte Beziehung gehabt hatte, war sie erstaunt, wie einfach Versöhnung ist und fragte sich, warum sie diesen Schritt nicht eher getan hatte. Heute weiß sie: »Krankheit kann zum Segen werden.«

Die Tagung in Kassel bot ein interessantes, breit gefächertes Spektrum rund um Krankheit und Gesundheit. Vorträge beleuchteten das Verhältnis von Krankheit und Heilung, in Seminaren ging es um gesunde Lebens­gestaltung, neue Formen des Zusammenwirkens von Gemeinde- und Gesundheitsdiensten vor Ort, um Sterbebegleitung und Gebete für Kranke. Lebensnahe Berichte und ermutigende Beispiele aus der Praxis rundeten das Bild ab.

Ein Schwerpunkt war die Pflege von kranken und alten Menschen, die unter Zeitdruck und Geldmangel geschehe und dabei hohe Anforderungen an die Pflegekräfte stelle. Deutlich grenzte sich der Gesundheitskongress von einem falschen Verständnis ab, nachdem Medizin allmächtig und der Tod Folge ärztlichen Versagens ist. Ein Seminar beschäftigte sich mit dem Thema: »Und wenn es keine Heilung gibt? Christliche ­Spiritualität als Heil im Unheil.«

Der Psychiater Dr. Manfred Lütz erinnerte in satirischer Manier an seine sprichwörtlich gewordene Aussage: »Wer früher stirbt, lebt länger ewig«, die, wie er selbst hinzufügte »theologisch korrekt ist«. Lütz und andere Referenten betonten, dass Sterben und Tod nicht ausgeblendet werden dürfen und auch nicht Ergebnis medizinischen Unvermögens sind, sondern zum Leben dazugehören. »Wer den Tod verdrängt, verpasst das Leben, denn dass wir sterben, macht jeden Moment unwiederholbar«, so Lütz.

Er wünsche sich, dass die vielen positiven Erfahrungen in Kassel zu Aufbrüchen in der Kirche führen, sagt der Chemnitzer Pfarrer Dieter Keucher, der zum Vorstand des Christlichen Gesundheitskongresses gehört. Bemerkenswerte Beispiele vom Zusammenwirken verschiedener heilender Berufe, von Medizin und Kirche lieferte das Treffen allemal.

Dr. Volker Brandes, Facharzt für Urologie zum Beispiel berichtete von den in seiner Praxis in Hamburg stattfindenden Trainingskursen »Christliche Heilkunde«. Zunächst lud er Angehörige unterschiedlicher Berufsgruppen des Gesundheitswesens ein. Dann entstand die Idee, Patienten­seminare für Kranke und Angehörige anzubieten, bei denen auch Grundlagen des Glaubens vermittelt wurden.

Inspiriert durch das große ­Interesse der Patienten, erzählt der Arzt, entstanden in Zusammenarbeit mit einem Gemeinde-
pastor Glaubenskurse und Patientengottesdienste, die besonders von chronisch Kranken besucht würden. »Es entstehen wertvolle Kontakte ­unter den Patienten. Einsamkeit wird durchbrochen, Schmerz geteilt. Ein geistlich unterstützter Prozess der Krankheitsverarbeitung wird behutsam angestoßen. Ohne eine Zusammenarbeit zwischen Medizin und ­Kirche läge dieser kostbare Bereich brach.«

Kampf um Straßen und Köpfe

21. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Seit Jahren mehren sich rechtsextreme Aufmärsche. Eine Tagung beschäftigte sich mit Gegenstrategien. Und in Dresden kommt es demnächst wieder zur Nagelprobe.

Seit 1999 nutzen Rechtsradikale das Gedenken an die Bombardierung Dresdens in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 zum Aufmarsch – ein Foto vom vergangenen Jahr. (Foto: ullstein bild/Karwasz)

Seit 1999 nutzen Rechtsradikale das Gedenken an die Bombardierung Dresdens in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 zum Aufmarsch – ein Foto vom vergangenen Jahr. (Foto: ullstein bild/Karwasz)

Eine bessere Vernetzung der ­Versammlungsbehörden angesichts häufiger rechtsextremer Aufmärsche fordert Professor Uwe Berlit, Richter am Bundesverwaltungsgericht Leipzig. Auf einer Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen zum Thema »Rechtsextreme Demonstrationspolitik und Versammlungsrecht« in Weimar sagte er kürzlich: »Ein Know-how-Transfer wäre dringend nötig. Die Neonazis haben diesen Austausch bereits.«

Zugleich warnte er vor der Illusion, mit juristischen Mitteln dem Problem des Rechtsextremismus beizukommen: »Auch ›Rechte‹ haben Rechte. Was wollen wir noch alles verbieten?« Fünf bis acht Prozent der Bevölkerung seien rechtsextrem eingestellt, entsprechende Demonstrationen deshalb Normalität. »Das kann man bestenfalls begrenzt rechtlich regulieren«, stellte Berlit klar und betonte, der Rechtsextremismus sei weder ein Rand- noch ein ostdeutsches Phänomen. Zudem: »Eine notwendige Politik kann nicht durch rechtliche Verbote ersetzt werden«.

Außerdem machte er ein Dilemma deutlich: »Die Polizei, egal wie sie ­darüber denkt, ist verpflichtet, die Durchführung genehmigter Demonstrationen Rechtsextremer zu gewährleisten.« Sie dürfe allerdings zum Beispiel die Einhaltung erteilter Auflagen penibel kontrollieren. Ein Verbot ­derartiger Aufmärsche habe nur dann juristische Aussicht auf Erfolg, wenn die Versammlungsbehörde eine Gefahrenprognose abgebe, die mit konkreten Tatsachen belegt sei.

Dr. Fabian Virchow von der Uni Köln machte bei der gleichen Veranstaltung deutlich, dass sich die Zahl der Neonazi-Aufmärsche im Vergleich zu den 1980er Jahren verfünffacht habe und heute bei durchschnittlich 100 pro Jahr angekommen sei. Das liege auch mit an der gestiegenen Rechtssicherheit: »Angemeldete Demonstrationen finden zu 90 Prozent auch statt.« Die seien zudem inzwischen meist eingebunden in lokale Kampagnen und zumindest bei der NPD auch Teil einer langfristigen ­Strategie: »Die handeln nach dem Motto von SA und NSDAP: ›Macht auf der Straße bedeutet Macht im Staate‹.«

Dabei wolle man nach Ansicht ­Virchows nicht nur Präsenz zeigen, Grenzen überschreiten und Gegner einschüchtern, sondern auch in die rechtsextreme Szene hinein wirken: »Diese Aufmärsche eignen sich ideal, um Netzwerke aufzubauen, noch unsichere rechtsorientierte Jugendliche fester einzubinden sowie Disziplin und ›soldatische Haltung‹ zu schulen.« Demoralisieren ließe sich die rechtsextreme Szene nach Beobachtungen Virchows nur dann, wenn mehrere Aufmärsche in Folge im Desaster enden würden – sei es durch Verbot, polizeiliches Einschreiten oder durch Gegendemonstrationen.

Dass dieses Demoralisieren bisher nur in Einzelfällen glückt, zeigt das Beispiel Dresden: Hier organisiert der Landesverband der »Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland« seit 1999 jedes Jahr mit Unterstützung der NPD einen »Trauermarsch« anlässlich der Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg, die sich in diesem Jahr zum 65. Mal jährt. Der Marsch ist inzwischen das zentrale Ereignis der rechtsextremen Szene und zieht Neonazis aus ganz Europa an; 2009 waren es ca. 7000 Personen. Für dieses Jahr rechnet der sächsische Verfassungsschutz erneut mit mehreren Tausend, teils gewaltbereiten Rechtsextremisten, zumal der 13. Februar auf ein Wochenende fällt.

Doch nachdem sich in den vergangenen Jahren die Gegendemonstranten in ihrem ganzem Spektrum vom linken Antifa-Aktivisten bis zum konservativen CDU-Mitglied in der Öffentlichkeit als heillos zerstritten zeigten und auch Stadtverwaltung und Polizei teils ungeschickt agierten, scheint es dieses Jahr so, als ob man endlich zueinander finden könnte: Unter dem Slogan »Erinnern und Handeln. Für mein Dresden« rufen alle demokratischen Parteien, die Kirchen, die Jüdische Gemeinde und zahlreiche weitere Institutionen aus Wirtschaft und Gesellschaft zu einer Menschenkette auf, die die Dresdner Innenstadt »symbolisch wie einen Wall vor dem Eindringen Rechtsextremer schützen« soll.

Der »Aufruf zum Friedensgebet in Sicht- und Hörweite des Neonaziaufmarsches« trägt die Unterschrift von Sachsens evangelischen Landesbischof Jochen Bohl wie seines katholischen Amtskollegen Joachim Reinelt vom Bistum Dresden-Meißen, sowie des Landesrabbiners Salomon Almekias-Siegl. Am Vorabend des 13. Februar findet darüber hinaus in Dresden die Gründungsveranstaltung der »Bundesarbeitsgemeinschaft Kirchen für Demokratie – gegen Rechtsextremismus« statt.

Rainer Borsdorf

Mit Kreuz und Davidstern

Messianische Juden glauben an Jesus als den Messias ­Israels. Seit 1995 haben sie sich als feste Bewegung im gesamtdeutschen Raum etabliert.

3-Davidstern-KreuzDie ersten Christen in der Jerusalemer Urgemeinde glaubten, dass Jesus der verheißene Messias Israels war. Sie taten dies als innerjüdische Gruppe und lebten ­weiter im jüdisch-religiösen Kontext. Mit der Aufnahme der Heidenchristen entstand eine gemischte Gemeinde. Verschiedene Faktoren führten zu Trennungsprozessen zwischen den Judenchristen und der jüdischen Gemeinschaft.

Da sich die heidenchristliche Kirche vom frühen zweiten Jahrhundert an selbst als das wahre Israel betrachtete, verwehrte sie es den judenchristlichen Mitgliedern, weiter an ihrem jüdischen Erbe festzuhalten. Zwangstaufen von Juden, ein literarisch weit verbreiteter Antijudaismus sowie judenfeindliche Gesetzgebungen führten dazu, dass die Judenchristenals eigenständige Gruppierung »verschwanden«. Dennoch konnten sie bis ins 5. Jahrhundert und darüber ­hinaus religiöse »Spuren«, etwa Bräuche oder Symbole, hinterlassen.

Aus »Hebräischen Christen« werden messianische Juden
In den späteren Jahrhunderten zwang die heidenchristliche Kirche Juden zur Taufe, Juden litten unter Verfolgungen und Pogromen und somit gab es lange keine judenchristliche Bewegung mehr. Puritaner und Pietisten im 17. und 18. Jahrhundert suchten das Gespräch mit Juden. Die Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts belebten wiederum die pietistische Frömmigkeit und förderten das Entstehen judenmissionarischer Werke, wodurch erstmals wieder Juden freiwillig den Glauben an Jesus als den Messias Israels annahmen, aber in ihren jeweiligen Gemeinden blieben. Im 19. und 20. Jahrhundert schlossen sich die an Jesus Christus glaubenden Juden, die sich nun »Hebräische Christen« nannten, zu Allianzen zusammen.

Innerhalb der hebräisch-christlichen Bewegung trafen sich von 1970 an einzelne Gruppen, die viele jüdische Elemente in ihre Gottesdienstformen integrierten. Angeregt durch die evangelikal-charismatischen Aufbruchsbewegungen in den USA und mit einem neuen jüdischen Identitätsbewusstsein entstand 1975 auf einer hebräisch-christlichen Konferenz in Amerika die Bewegung messianischer Juden. Mittlerweile hat sich messianisches Judentum weltweit verbreitet, wobei die Schätzungen auseinandergehen. Zwischen 50000 und 332000 messianische Juden in 165 bis 400 Gemeinden soll es geben.

In Deutschland führte der Holocaust nicht nur zu einem Abbruch ­jüdischen Lebens. Die nationalsozialistische Verfolgung und Ermordung von Millionen Juden schloss die an ­Jesus glaubenden Juden mit ein. Ohne die Einwanderung russischer Juden aus der ehemaligen Sowjetunion seit 1990 wäre es weder zu einer Wiederbelebung jüdischer Gemeinden in Deutschland noch zu der Entwicklung einer aktiven messianisch-jüdischen Bewegung gekommen.

Christliche Mission unter Juden: Ja oder Nein?
Nach dem Zweiten Weltkrieg bekannten das Zweite Vatikanische Konzil, die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und weitere Kirchen ihre Mitschuld am Holocaust, erteilten dem Antisemitismus eine Absage und betonten mit Blick auf den Römerbrief (Kapitel 9-11) die bleibende Erwählung Israels. Aus historischen und theologischen Gründen lehnen daher die meisten Kirchen die Mission an Juden ab.

Zur Etablierung messianischer Gemeinden in Deutschland kam es dennoch durch das Engagement Einzelner, die bereits Anfang der 1990er Jahre durch den Kontakt mit Evangelikalen in der Sowjetunion konvertiert waren. Evangelikale Gläubige betonen, dass Gottes Bund mit Israel bestehen bleibe, damit »ganz Israel« bei der Wiederkunft (Parusie) Jesu errettet werde, indem es an den Messias Jesus glaube. Dies ist ein Grund für die distanzierte Haltung evangelikaler Gläubiger gegenüber der Absage an die Judenmission.

Die ersten Pioniere pflegten zahlreiche Kontakte insbesondere zu den evange­likalen Werken, sodass durch gemeinsame missionarische Aktivitäten die ersten Gemeinden entstanden. In den Jahren 2004 und 2005 gab es in den Gemeinden und Gruppen etwa 1000 regelmäßige Besucher, von denen etwa 600 tatsächlich messianische Juden sind. Der Anteil der nichtjüdischen Besucher betrug zwischen 25 bis 45 Prozent. Von ihnen waren knapp ein Drittel in Deutschland geborene Nichtjuden, mehr als ein Drittel eingewander­te russische Nichtjuden und etwas ­weniger als ein Drittel Eingewanderte »deutsch-russischer Herkunft«, also Spätaussiedler. Seit 2001 stoßen mehr Nichtjuden als Juden zu den messianisch-jüdischen Gemeinden.

Meist russische Sprache und jüdische Symbole
85 Prozent der befragten messianischen Juden meiner empirischen Studie geben an, dass ihnen die jüdische Herkunft nach der Konversion »wichtiger« geworden sei, was an den ­Gottesdienstformen deutlich wird. Bei einer messianisch-jüdischen Gottesdienstfeier, die meist an einem Schabbat und in russischer Sprache stattfindet, fallen die vielen jüdischen Symbole auf wie Menora (siebenarmiger Leuchter), Kippa (Kopfbedeckung) oder Tallit (Gebetsschal). Die Liturgie ist stark jüdisch geprägt. Viele jüdische Rituale eines jüdischen Gottesdienstes fehlen aber auch, wie das Achtzehnbittengebet oder das Kaddisch. Andere werden »messianisch-jüdisch« interpretiert: Im Anzünden der Schabbatkerzen wird ein Hinweis auf Jeschua als das Licht der Welt und den Herrn des Schabbats gesehen; das Rezitieren des »Schema’ Jisrael« bezieht auch den Glauben an Jesus als den Messias und Sohn Gottes ein. Beliebt ist das Symbol des Davidssterns mit einer Menora und dem urchrist­lichen Fischzeichen.

Die 1998 formulierten 13 messianisch-jüdischen Glaubensartikel bilden eine gemeinsame theologische Grundlage der meisten Gemeinden: Messianische Juden betrachten die Hebräische Bibel und das Neue Testament als untrennbare Einheit, als von Gott wörtlich inspiriert und daher als höchste Autorität für Leben und Handeln. Sie bekennen den trinitarischen Glauben, dass Jeschua der verheißene Messias Israels und wahrer Gott ist, und dessen Heilsfunktion.

Betonung der bleibenden jüdischen Identität
Bis hier erinnern die Bekenntnisse an evangelikal-christliche Glaubensinhalte, dann folgen jedoch die typischen messianisch-jüdischen Artikel: Messianische Juden betonen neben ihrer Zugehörigkeit zu der Gemeinde aus den Nationen auch ihre bleibende jüdische Identität, nach der sie weiterhin zum auserwählten Volk Gottes gehören. Sie legen Wert auf ihr »biblisch-jüdisches« Erbe, unterstützen den Zionismus und bekennen ihre evangelistische »Verpflichtung«, »die Wahrheit von Jeschua ­allen Menschen zu bringen, den ­Juden zuerst«.

Es kann nicht übersehen werden, dass sich eine eigenständige religiöse Bewegung zwischen Juden- und Christentum entwickelt hat, die auch internationale Kontakte aufweist. Sie stellen mittlerweile zweifellos eine religiöse Bewegung mit typisch messianisch-jüdischem Repertoire dar, das zwar Schnittmengen mit den evangelikalen Christen und den Juden ­aufweist, sich aber auch ohne deren ­Anerkennung weiterentwickeln wird.

Stefanie Pfister

Die Autorin, Dr. Stefanie Pfister, lehrt Evangelische Religionslehre, Deutsch und Sport an einer Realschule in Münster. Sie engagiert sich im »Arbeitskreis Woche der Brüderlichkeit« in Sendenhorst. Sie veröffentlichte die Studie: Messianische Juden in Deutschland. Eine historische und religionssoziologische Untersuchung, Dortmunder Beiträge zu Theologie und Religionspädagogik Band 3, LIT-Verlag, Münster 2008, 200 Seiten, ISBN 978-3-8258-1290-4, 39,90 Euro
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Zwischen Hoffen und Bangen

7. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Trost durch Briefe aus ganz Deutschland: Gottfried und Ruth Hentschel, die Eltern des mit seiner Familie im Jemen entführten ­Johannes Hentschel, in ihrem Umgebindehaus in Meschwitz bei Bautzen. 	Foto: Wolfgang Wittchen

Trost durch Briefe aus ganz Deutschland: Gottfried und Ruth Hentschel, die Eltern des mit seiner Familie im Jemen entführten ­Johannes Hentschel, in ihrem Umgebindehaus in Meschwitz bei Bautzen. Foto: Wolfgang Wittchen

Im Zusammenhang mit ­Terrorismus ist der Jemen ­derzeit in aller Munde. Fast vergessen scheint, dass in Ostsachsen seit mehr als einem halben Jahr Angehörige um das Schicksal einer entführten Familie bangen.

Der Krieg gegen Houthi-Rebellen im Nordjemen dauert nun mehr als Hundert Tage. Eine viertel ­Million Menschen sind deswegen auf der Flucht. Die jemenitische Regierung warnt die USA, Truppen für den Kampf gegen das Terrornetzwerk El Kaida ins Land zu senden. Schlagzeilen aus jemenitischen Zeitungen. Reinhard Pötschke hat sie ­sicher gelesen. Der Pfarrer einer Freien Evangelischen Gemeinde in Radebeul verfolgt regelmäßig Nachrichten aus dem Jemen via Internet. Seit über einem halben Jahr versucht der 42-Jährige so herauszufinden, was mit seinem Schwager Johannes, dessen Frau und den drei kleinen Kindern geschehen sein könnte.

Die fünfköpfige Familie war am 12. Ju­ni 2009 in der nordjemenitischen Provinz Sa’ada von Unbekannten angegriffen und verschleppt worden. Zusammen mit zwei deutschen Bibelschülerinnen einem Briten und einer Koreanerin befanden sich die Sachsen aus dem Raum Bautzen auf dem Rückweg von einem Ausflug. Drei Frauen hatte man kurz darauf ermordet aufgefunden. Von Johannes und Sabine Hentschel sowie ihren Kindern Lydia (5), Anna (3) und Simon (1) fehlt seitdem so gut wie jedes Lebenszeichen.

Es waren unglaublich harte Monate für die Familie. Gottfried und Ruth Hentschel, die Eltern von Johannes in Lauske bei Bautzen, haben den Sohn zum letzten Mal bei ihrer Silberhochzeit im Mai vergangenen Jahres gesehen. Die beiden 78- und 79-Jährigen schweben seit Monaten zwischen Bangen und Hoffen. Informationen gibt es spärlich. Das kritisierten die Angehörigen auch erst kürzlich. »Vieles erfahren wir nur auf Umwegen«, sagt Reinhard Pötschke.

Gerade erst hat er sich mit Vertretern des sächsischen Landeskriminalamtes getroffen und um einen direkten Kontakt zum Auswärtigen Amt gebeten. Das Amt indes weist Vorwürfe zurück. Doch auf Anfragen nach dem Schicksal der vermissten Familie und des Briten gibt es ­immer die gleiche Antwort: Wir bemühen uns mit Nachdruck, die Sache zu klären.

Angehörige bemängeln spärliche Informationen
Auf Reinhard Pötschke wirken all die Ereignisse der letzten Monate »nebulös und mysteriös«. Entführungen seien nichts Ungewöhnliches im Jemen. Statistiken sprechen von 200 in 15 Jahren. Doch es würden immer schnell Forderungen gestellt, erfüllt und die Geiseln freigelassen. Doch für Johannes, Sabine und die Kinder gab es wohl nur einmal eine Geldforderung von unbekannter Seite. Und nur spärlich Kontakt zu den Entführern. Zwar ist kurz vor Weihnachten angeblich ein Video aufgetaucht, das die Hentschel-Kinder zeigt, doch das stammt wohl vom September. Die Bundesregierung will sich dazu jedenfalls nicht äußern. Die Angehörigen der Vermissten haben das Band weder gesehen, noch etwas darüber erfahren.

Weihnachten und Silvester waren stille Tage für die Familien in der Lausitz und Radebeul. In den Feiertagen haben sie sich alle in Meschwitz bei Bautzen ­getroffen. Dort, in einem gemütlichen Umgebindehaus zwischen den Lausitzer Hügeln, haben Johannes und Sabine Hentschel immer ihren Heimaturlaub verbracht. Und hier kam die ganze Familie nun zusammen. Auch um die Rückkehr der Lieben zu planen. Denn: »Wir haben Hoffnung. Wir sind nicht verzweifelt«, so Reinhard Pötschke.

Auch wenn sich der Pastor bewusst ist, dass vielleicht nur ein Teil der Familie zurückkehrt. Für sie habe man bei Sabines Angehörigen einen Rückzugsort geschaffen. Darum trete diese Seite der Familie nie in den Medien auf. Eine Psychologin stehe bereit, um den sicher traumati­sierten Kindern zu helfen. Hoffnung schöpfen die Angehörigen aus all den ­Informationen, die in den letzten Wochen plötzlich aufkamen. Auch aus der Tatsache, dass die Bundesregierung immer noch sucht und den Fall nicht zu den ­Akten legt.

Und doch gibt es genügend beunruhigende Nachrichten. Nach wie vor herrscht Krieg im Nordjemen. Dort hatten Johannes und Sabine (beide inzwischen 37 Jahre alt) in einem Krankenhaus gearbeitet. Die USA machen im Land Jagd auf Terroristen. Und ein gerade gefasster Nigerianer, der ein Flugzeug auf dem Weg ins amerikanische Detroit in die Luft sprengen wollte, war wohl im Jemen ­ausgebildet worden. Doch Reinhard Pötschke will sich davon nicht verrückt machen lassen.

Kraft geben indes zahlreiche Briefe und Anrufe, die die Familien in Lauske und Radebeul erreichen. Aus ganz Deutschland, aber auch aus dem Ausland schreiben Bekannte und Unbekannte, nehmen Anteil am Schicksal von Johannes, Sabine, Lydia, Anna und Simon. »Das tröstet uns«, sagt Gottfried Hentschel. Auch Gebetskreise für die Vermissten, in Belgern bei Bautzen, Bautzen selbst und Radebeul ermutigen. Das signalisiert: Die Hentschels werden nicht vergessen. Und nach wie vor gilt die Bitte des sächsischen Landesbischofs Jochen Bohl an die Kirchengemeinden, »bis auf Weiteres die Entführten und ihre Angehörigen in die Fürbitte einzuschließen«.


Von Irmela Hennig

Steeb_Hartmut-2»In der in der nächsten Woche stattfindenden Allianzgebetswoche ­werden wir in besonderer Weise im Gebet auch an die Christen in Ver
folgung und Unfreiheit in vielen ­Ländern unserer Welt denken. In besonderer Weise bitte ich die Christen in unserem Land, an die im Juni im Jemen entführte Familie Hentschel aus Sachsen zu denken und an den mitentführten britischen Techniker. Gerade jetzt, wo der Jemen neu ins Visier des Antiterrorkampfes rückt, bitten wir um Bewahrung der Entführten und ihre baldige Freilassung. Wir schließen in unser Gebet die ­Eltern und Angehörigen zu Hause ein, ebenso wie die Angehörigen der kurz nach der Entführung ermordeten Praktikantinnen.«

Hartmut Steeb, Generalsekretär der Deutschen Evangelischen ­Allianz

Gegen Gesundheitswahn und Gesundbeterei

30. Dezember 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Dr. Manfred Lütz ist Mediziner, katholischer Theologe und Bestsellerautor. Er leitet als Chefarzt das Alexianer-Krankenhaus in Köln, eine Klinik für Psychiatrie, ­Psychotherapie und Neurologie. (Foto: epd-bild)

Dr. Manfred Lütz ist Mediziner, katholischer Theologe und Bestsellerautor. Er leitet als Chefarzt das Alexianer-Krankenhaus in Köln, eine Klinik für Psychiatrie, ­Psychotherapie und Neurologie. (Foto: epd-bild)

»Der Wunsch ›Hauptsache gesund!‹ ist eine Frechheit« – mit Manfred Lütz im Gespräch über Glaube und medizinische Wissenschaft.


Gesundheit ist ein hohes, aber nicht das höchste Gut. Der Psychiater und ­Bestsellerautor Martin Lütz findet, dass es Wichtigeres gibt als Gesundheit. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Dr. Lütz, zum neuen Jahr wünschen wir uns neben Glück und ­Segen vor allem Gesundheit. Ist Gesundheit das Wichtigste im Leben?
Lütz:
Der Ausruf »Hauptsache gesund!« ist eigentlich eine Frechheit gegenüber Menschen, die nicht gesund sind und sich trotzdem ihres ­Lebens freuen können. Auch in den Defiziten und Behinderungen eines Lebens können wir Quellen des Glücks finden und in Krankheit und Leiden Herausforderungen, die einem Leben seinen besonderen Geschmack geben.

Ist es nicht allzu verständlich, dass jemand, der krank ist, wieder gesund werden will?
Lütz:
Natürlich können wir Menschen Gesundheit wünschen. Die Frage ist nur, wie hoch wir den Wert der Gesundheit veranschlagen. Wenn jemand, der Krebs hat, Gesundheit ­tatsächlich für das Wichtigste halten würde, kann man ihn eigentlich nur bedauern.

Gesundheit ist nicht das höchste, aber doch ein sehr hohes Gut …
Lütz:
So ist es und natürlich müssen wir als Christen mit unserem Körper, dem Tempel des Heiligen Geistes, wie der Apostel Paulus sagt, verantwortlich umgehen. Aber wir dürfen die Gesundheit nicht zum Götzen machen und auch nicht zu einem unerreichbaren Ideal nach dem Motto »Gesund ist ein Mensch, der nicht ausreichend untersucht wurde«. Es gibt Menschen, die schwere Krankheitsphasen hinter sich haben und im Nachhinein sagen: Das hat mich reifer gemacht. Aber man darf das Leiden auch nicht verklären. Man muss verstehen, wenn andere Menschen nach schwerer Krankheit finden: Da hätte ich gut drauf verzichten können. Es war einfach nur schrecklich.

Glauben Sie, dass christlicher Glau­be zur Gesundung beitragen kann?
Lütz:
Ich finde es eher amüsant bis ärgerlich, wenn in der journalistischen »Saure-Gurken-Zeit« im Sommer in kirchlichen Zeitungen immer wieder Meldungen abgedruckt werden, man habe festgestellt, dass Menschen, die viel beten, älter werden als Menschen, die nicht viel beten. In Wirklichkeit ist das doch Etikettenschwindel. Die Botschaft soll da ja wohl lauten: Werdet Christen und betet viel, dann geht es euch besser in diesem Leben. Aber das ist nicht die Botschaft Jesu. Jesus selbst hat schwer gelitten und ist früh gestorben, obwohl er viel gebetet hat. Und so wie die Apostel als Märtyrer in den Tod gegangen sind, so ist das Christentum auch heute für die Christen in China und Vietnam nicht gerade lebensverlängernd. Wer den Glauben nur noch von seinen Gesundheitseffekten her sieht, der ist der allgemein herrschenden Gesundheitsreligion auf den Leim gegangen. Beten mag einen gesundheitlichen Nebeneffekt haben. Wer einen Sinn in seinem Leben sieht, der mag vielleicht ein bisschen ruhiger, ein bisschen weniger unstet leben. Das senkt möglicherweise etwas den Blutdruck. Aber was hat man von einer solchen Erkenntnis?

Was halten Sie von Heilungsgottesdiensten und Berichten von Spontanheilungen?
Lütz:
Erstens gibt es natürlich Spontanheilungen. Die passieren auch bei nicht gläubigen Menschen. Andererseits glaube ich selbstverständlich, dass Gott Wunder wirken kann. Allerdings nehme ich nicht an, dass er das am laufenden Band tut. Heilungsgottesdienste sind dann ganz in Ordnung, wenn sie die geistliche Dimension, die bei jeder Krankheit eine Rolle spielt, ansprechen. Es sollte aber nicht der Eindruck erweckt werden, das sei die einzige wahre Dimension. Heilungsgottesdienste können das Heilsame des Christentums ganz konkret ansprechen, aber sie werden dann höchst problematisch, wenn suggeriert wird: Jetzt werden wir über den Krebskranken, der hier unter uns ist, beten und dann kann der schon mal alle Medikamente absetzen, denn ­allein das Gebet hilft. Wer das Gebet ausspielt gegen die Einsichten der Wissenschaft, die edle Früchte der uns von Gott geschenkten Vernunft sind, der versündigt sich aus meiner Sicht am Patienten und am Schöpfergott.

Sie sind Referent beim zweiten Christlichen Gesundheitskongress in Kassel. Sollen medizinische Wissenschaft und Spiritualität näher zusammenkommen?
Lütz:
Natürlich ist es gut, dass beide Sphären umeinander wissen. Dennoch glaube ich, dass man beide Bereiche sorgfältig trennen muss. Ich bin gegen diese gut klingenden Parolen, wir müssten alles möglichst ganzheitlich sehen, Körper, Seele und Geist und daher müsse jeder wahre Arzt quasi zugleich Seelsorger sein und jeder Seelsorger zugleich Arzt. Seelsorge ist viel mehr als Therapie. Sie ist existenzielle Begegnung mit einem Menschen. Wenn man diese beiden Dimensionen vermischt, dann können schnell Guru-Existenzen entstehen. Solche Leute laufen Gefahr, nicht Schüler oder Zuhörer zu haben, sondern Anhänger. Sie wirken dann selbst als Heilsbringer und sind nicht mehr durchsichtig auf Christus. So können gefährliche Abhängigkeiten entstehen. Verantwortungsvolle Psychotherapie aber soll der Freiheit des Patienten dienen. Und verantwortliche Seelsorge soll einladen zur Nachfolge Christi und nicht zur Anhängerschaft an irgendeinen Psychoguru. Gott hat uns den Verstand gegeben, damit wir auch wissenschaftlich mit der Welt umgehen können. Und die Wissenschaft hat einige gut wirksame Therapiemethoden gefunden. Die können Atheisten und Christen anwenden. Man darf nicht einerseits mangelnde wissenschaftliche Kompetenz durch Beten ersetzen und andererseits nicht mangelndes Gottvertrauen durch therapeutischen Aktivismus.

Sie sind nicht der Meinung, dass die einen von den anderen etwas lernen können oder sich bestimmte Methoden aneignen sollten?
Lütz:
Um Gottes Willen! Wenn sich Seelsorger Psychotherapie-Methoden aneignen und die dann anwenden, betreiben sie keine Seelsorge mehr, sondern machen Therapie. Das ist etwas ganz anderes. Psychotherapie ist eine asymmetrische Beziehung zwischen einem methodenkundigen Fachmann und einem Heilung suchenden Patienten, eine künstliche Beziehung auf Zeit für Geld. Man kann nicht auf Zeit für Geld den Sinn des Lebens produzieren. Daher sollten aus meiner Sicht Seelsorge und Psychotherapie streng getrennt sein, was nicht heißt, dass man nicht umeinander wissen sollte. Psychotherapie, die nicht um jene andere Dimension weiß, kann schnell totalitär werden und Seelsorge, die alles nur von sich selbst erwartet, fundamentalistisch. Nur als bewusst getrennte Bereiche können beide Zugänge zum Menschen sich gegenseitig respektieren und mit ihren besten Kräften wirken.

Was ist im Leben wichtiger als Gesundheit?
Lütz:
Dass wir uns geborgen in Gott fühlen können, dass wir mit einem geliebten Menschen zusammenleben und Sinn in diesem Leben erkennen. Wenn wir uns an der Natur, an der Musik wirklich freuen können, wenn wir die Unwiederholbarkeit jedes ­Moments erleben und vielleicht auch genießen können, dann ist die Frage, ob man jetzt schwer krank ist oder nicht, vielleicht zweitrangig.
Wichtiger ist, als Geschöpfe Gottes einen Lebensweg zu gehen, den wir vor unserem Herrn Jesus Christus verantworten können, dass wir ein rechtschaffenes Leben führen, auf Gottes Wort hören und versuchen seine Gebote zu halten.

Der Christliche Gesundheitskongress vom 21. bis 23 Januar in Kassel wird von einer Allianz von Personen, Einrichtungen und Verbänden aus Diakonie sowie Landes- und Freikirchen getragen. Er ist für Fachbesucher mit Fortbildungspunkten zertifiziert.
www.christlicher-gesundheitskongress.com

Buchtipp

  • Lütz, Manfred: Gott. Eine kleine ­Geschichte des Größten, Verlag Droemer Knaur, 320 Seiten, ISBN 978-3-426-78164-7, 9,95 Euro
  • Lütz, Manfred: Irre – Wir behandeln die Falschen, Gütersloher Verlagshaus, 208 Seiten, ISBN 978-3-579-06879-4, 17,95 Euro

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Wahrheit unterm Tannenbaum

24. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Geschichtlicher Überblick: Je nach Familientradition und konfessionellem Hintergrund unterscheiden sich die Gabenbringer zu Weihnachten

Geheimnisvolle Weihnachtszeit, Foto: epd-bild

Geheimnisvolle Weihnachtszeit (Foto: epd-bild)

Wer bringt die Geschenke? Der Weihnachtsmann, Knecht Ruprecht oder das Christkind? Eine Klärung.

Um es gleich zu sagen: Die Antwort auf die Frage, wer denn nun die Geschenke zu Weihnachten bringt, kann Eltern in Verlegenheit bringen. Denn die Sachlage ist kompliziert. Der Nikolaus oder der Weihnachtsmann? Und was ist mit Knecht Ruprecht? Oder ist das Christkind in Kooperation mit einer Heerschar himmlischer Helfer für die Gaben zuständig? Wer ist das Christkind überhaupt? Ein blond gelockter weiblicher Engel? Und was, bitte schön, hat das Christus-Kind in der Krippe mit dem Christkind tun?

Die Antwort auf die Frage, wer denn die Geschenke bringt, wird je nach Familientradition und konfessionellem Hintergrund unterschiedlich beantwortet.
»Ich dachte, in den Familien, wo der Weihnachtsmann es nicht schafft persönlich vorbeizukommen, da kommt eben das Christkind. So eine Mischung aus Engel und Jesuskind, auf dessen Glöckchenklang wir am Weihnachtsmorgen mit solchem Herzklopfen gewartet haben, dass wir am Abend zuvor eine halbe Baldriantablette bekamen«, erinnert sich Wolfgang (52) an seine Kindheit. Als er versehentlich ein Gespräch der Eltern zum Thema: »Wer kriegt was?«, mitbekam, brach er in Tränen aus. Unwiederbringlich vorbei, der wunderschöne Glaube an einen himmlischen Gabenbringer.

Tröstlich nur, dass der Siebenjährige sich jetzt endlich erklären konnte, warum das Christkind alle Jahre wieder die ungeliebten kratzenden Unterhemden statt des ersehnten Fahrrades brachte.

»Bei uns kamen die Geschenke vom Weihnachtsmann. Ich habe mich irgendwann gewundert, dass er dieselben Schuhe trug wie unser Nachbar«, erzählt Anne (26) und erinnert sich daran, dass sie diese Wahrheit nur sehr widerwillig akzeptiert habe. »Ich wollte so gerne an den Weihnachtsmann glauben.« Allerdings sei sie froh gewesen, dass mit der »Entmythologisierung« des Weihnachtsmanns auch das elterliche Druckmittel: »Wenn du nicht lieb bist, bringt der Weihnachtsmann nichts«, wirkungslos wurde.

»Unsere Eltern haben uns nie vom Weihnachtsmann oder dem Christkind erzählt. Weihnachten feiern wir Geburtstag von Jesus. Weil Gott uns Jesus geschenkt hat, machen wir uns gegenseitig Geschenke«, erzählen Lukas (11) und Lisa (13). »Mir ist wichtig, dass der christliche Grund für Weihnachten deutlich bleibt«, betont ihre Mutter Bettina. Sie fürchtet, dass mit dem Abschied vom Christkind auch der Abschied vom Glauben an das Christus-Kind eingeläutet werden könnte. Nach dem Motto, wenn die Sache mit dem Weihnachtsmann oder dem Christkind nicht stimmt, dann taugt auch der Glaube an Jesus nicht fürs Erwachsenenleben. Geheimnisvoll und schön ist die Zeit vor Weihnachten trotzdem. Heimliche Basteleien und die Spannung, was wohl ­unterm Tannenbaum liegt, schaffen in der Familie eine besondere Atmosphäre.

Knapp vier von fünf Deutschen (78 Prozent) haben nichts dagegen, ihre Kinder an den Weihnachtsmann glauben zu lassen. Das ergab eine Emnid-Umfrage. Dabei liegt der Weihnachtsmann als Gabenbringer weit vor dem Christkind. Ist womöglich die Sehnsucht nach Geheimnissen, nach Spannung und Fantasie bei Eltern mindestens genauso groß wie bei ihren Kindern? Oder ist die mediale Präsenz von Weihnachtsmann und Christkind, die als Werbeträger im Dienste von Kommerz und Konsum unterwegs sind, so übermächtig, dass sich weder Eltern noch Kinder entziehen wollen oder können?

Jenseits von vorweihnachtlichem Kommerz und Kerzenschein kann ein Blick zurück ein wenig Klarheit ins weihnachtliche Gabenbringer-Durcheinander bringen.

Das Christkind – eine Erfindung Martin Luthers
Das Christkind ist, man höre und staune, eine Erfindung von Martin Luther. Der Reformator wollte, weil ihm die Heiligenverehrung ein Graus war, eine Gegenfigur zum heiligen Nikolaus schaffen. In Erinnerung an den Bischof und Kinderfreund aus Myra brachte nämlich zu Luthers Zeiten der Nikolaus am 6. Dezember die Geschenke. Luther, der am Brauch des Schenkens festhalten wollte, ersetzte den Nikolaus flugs durch das Christkind, das die Geschenke am 25. Dezember verteilte.

Wobei das Christkind keineswegs das Jesuskind ist. Wahrscheinlich ist, dass der Name auf Krippenspiele zurückgeht, in denen die »Christkinder« zur Krippe zogen und dem Christus-kind Geschenke brachten. Bis um 1900 herum hielten viele Katholiken am Nikolaustag als Tag des Schenkens fest.

Dann aber wendete sich kurioserweise das Blatt: Die Katholiken übernahmen Luthers Christkind, während in evangelischen Familien der Weihnachtsmann Einzug hielt. Und woher kommt der? Nein, er ist nicht von dem amerikanischen Konzern erfunden worden, der weltweit die koffeinhaltige Limonade verkauft – auch wenn das immer wieder behauptet wird. Im Rahmen einer Weihnachtswerbung verpasste der schwedische Maler Haddon Sundblom 1931 dem Weihnachtsmann lediglich den Rauschebart und das rot-weiße Outfit, das sich weltweit durchsetzte. Vorher trug der Weihnachtsmann mal einen blauen oder braunen Mantel. Sogar in Knickerbocker und breitem Hut wurde er schon gesichtet. Die Figur des Weihnachtsmannes selbst entstand aus der Verschmelzung der Nikolausfigur und des ihn begleitenden Knecht Ruprecht. Der wiederum stammt genau wie der schwarze Piet, der Julbock oder der Bullkater aus heidnischer Zeit, wo sie als dunkle Gestalten um die Jahreswende ihr Unwesen trieben.

Was tun mit der Sehnsucht der Kinder, die so gern ans Christkind oder den Weihnachtsmann glauben? In ­aller Regel kreiden sie es ihren Eltern nicht als »Lüge« an, wenn sie hinter die Wahrheit kommen. Rüdiger Maschwitz, Landespfarrer in der Arbeitsstelle für Gottesdienst und Kindergottesdienst im Theologischen Zentrum Wuppertal, plädiert angesichts einer immer stärkeren Kommerzialisierung von Christkind und Weihnachtsmann dafür, den Glauben an das Christus-Kind ins Zentrum von Weihnachten zu stellen: »Zu Weihnachten feiern wir, dass Gott uns Christus geschenkt hat und deshalb machen wir uns auch gegenseitig eine Freude.« Der Weihnachtsmann habe angesichts der Kommerzialisierung nichts mit der Sehnsucht von Kindern nach Märchen zu tun. Aus seiner Sicht sollten Eltern den Glauben an Christkind und Weihnachtsmann nicht aktiv fördern, sondern den an das Christus-Kind. Dennoch plädiert er nicht dafür, die »Ebene des Geheimnisvollen« vorschnell rational aufzubrechen. »Antworten Sie ehrlich, wenn Kinder nach der Wahrheit fragen«, ist sein Rat.

Von Karin Vorländer

»Mit dem Herzen hören«

17. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Seelsorge: Wenn das Weihnachtsfest nicht nur eitel Friede, Freude, Eierkuchen ist

Anonym, professionell, aber dennoch mit dem Herzen engagiert: die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge. 	Foto: Maxie Thielemann

Anonym, professionell, aber dennoch mit dem Herzen engagiert: die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge. (Foto: Maxie Thielemann)

Weihnachten kommen die ­Gefühle hoch. Nicht bei jedem nur die schönen. Gut, dass es die Mitarbeiterinnen und ­Mitarbeiter der Telefonseelsorge von Diakonie und Caritas gibt.

»Telefonseelsorge, Guten Abend.« Knapp begrüßt Anneruth Klingner* (* Name geändert) die Anrufer mit ihrer warmen tiefen Stimme. Neben dem Telefon brennt eine Kerze, das Büro ist mit Zweigen geschmückt. Die fremden Menschen am anderen Ende der Leitung fühlen sich oft wenig weihnachtlich. Das Fest weckt bei ihnen die immer gleichen Wunschvorstellungen, die auch von der Werbung ­getragen werden: »Da denkt jeder an eine große Familie um einen Tisch herum, an leckeres Essen und tolle Geschenke«, sagt Anneruth Klingner, »aber in Wirklichkeit ist das bei vielen gar nicht gegeben. Da entstehen dann Lücken.« Diese Lücken möchte Klingner füllen.

Zwei bis vier Mal im Monat sitzt die 52-Jährige ehrenamtlich im Büro der Leipziger Telefonseelsorge und ist für Menschen da, die nicht mehr wissen, mit wem sie reden können. Sie ist da und hört einfach zu. Auch jedes Jahr am Heiligen Abend. »Das ist mein Beitrag zu unserer Gesellschaft.«

Ihre Anrufer sind nicht selten überrascht, dass die Telefonseelsorge auch Weihnachten besetzt ist: »Schön, dass ich Sie erreiche« oder »Wie gut, dass jemand da ist«, hört Anneruth Klingner dann oft. Viele wollten einfach eine menschliche Stimme hören – sei es, weil sie den Abend alleine verbringen, weil sie sich trotz ­Familie innerlich einsam fühlen oder weil sie gerade etwas Schweres durchmachen. Weihnachten liegen die Gefühle näher unter der Oberfläche. Dann sind es vor ­allem Anlässe wie Beziehungsprobleme oder Arbeitslosigkeit, die die großen Fragen des Lebens aufwerfen: »Manche denken, ich wüsste, wie das funktioniert mit dem Glück«, erzählt Klingner nachdenklich, »aber das weiß ich natürlich genauso wenig wie alle anderen. Ich glaube nur, dass das Glück nicht von Geld abhängt.«

Geld, das sei das ganze Jahr über Thema, aber besonders zu Weihnachten. Mütter und Väter, Töchter und Söhne fragen sich dann: was ist mein Leben wert, wenn ich mir nichts leisten, wenn ich keine teuren Geschenke machen kann? Manchmal reichen als Antwort ein, zwei gute Ideen. Liebevolle Geschenke müssen eben nicht viel kosten: z. B. ein gemeinsamer Spaziergang im Wald. Doch die Mitarbeiterin der Telefonseelsorge möchte weniger mit Ratschlägen helfen. »Ich löse mich selbst ein Stück weit auf und fühle in den anderen Menschen hinein. Ich höre einfach mit dem Herzen«, versucht Anneruth Klingner zu beschreiben. »Wenn jemand eine schwere Krankheit hat, was soll ich dann auch sagen? Ich kann höchstens fragen: Wollen wir gemeinsam so etwas machen wie Beten?« Dann zünden sich zwei Menschen eine Kerze an. Anneruth Klingner am einen Ende der Telefonleitung, ein verzweifelter Anrufer am anderen. Klingner versucht damit, eine unsichtbare Verbindung zu knüpfen über das anonyme Gespräch ­hinaus. »Manchmal ist mein Gegenüber gerührt, manchmal auch ich.« Allein wenn sie darüber nachdenkt, werden ihre Augen glasig, die Stimme stockt.

Die Mitarbeiter der Telefonseelsorge geben ein Stück aktive Lebenshilfe. Das professionelle Rüstzeug dazu erhalten sie in speziellen Weiterbildungen neben ­ihrem eigentlichen Beruf. Auch Anneruth Klingner hat in ihrem normalen Arbeitsalltag viel zu tun, gerade jetzt vor Weihnachten. »Ich empfinde meine Arbeit als sinnvoll, aber es ist auch eine sehr beschränkte Welt. Bei der Telefonseelsorge entstehen ganz andere Gespräche und das holt mich wieder ein Stück auf die Erde zurück«, so ihr Fazit.

Manchmal fragen die Anrufer an Heiligabend besorgt: »Was machen Sie denn hier? Warum sind Sie nicht zu Hause?« Anneruth Klingner kann dann jedes Mal beruhigen: »Ich bin Ihretwegen hier.« Die vier Stunden Telefondienst an Heiligabend sind ihr ganz persönliches Geschenk.

Von Maxie Thielemann

Die Telefonseelsorge von Diakonie und Caritas ist rund um die Uhr kostenlos erreichbar unter den Rufnummern (0800)1110111 und (0800)1110222.

Es werden weitere ehrenamtliche Mitarbeiter gesucht.
www.telefonseelsorge.de

»Macht hoch die Tür …«

10. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Wiedereintritte: Evangelische Kirche will Aufnahme neuer und ehemaliger Mitglieder erleichtern

Nur einzeln können Menschen von der Kirche zurückgewonnen werden. Foto: epd-bild

Nur einzeln können Menschen von der Kirche zurückgewonnen werden. Foto: epd-bild

Jährlich verlässt die ­Einwohnerzahl einer ­mittleren Großstadt die evangelische Kirche. Doch es gibt auch ­einen ­bescheidenen ­Gegentrend.

Die Evangelische Kirche will wachsen – gegen den Trend sinkender Mitgliederzahlen. Das Starren auf die Austrittszahlen (immerhin rund 160000 im Jahr 2008) habe zulange den Blick dafür versperrt, dass es auch eine gegenläufige Bewegung in die Kirche gibt. Dieser Befund ist einer der Eckpunkte im ­Impulspapier »Kirche der Freiheit«, mit dem die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) vor drei Jahren die Weichen für Reformen gestellt hat.

Mit dieser Gegenbewegung, die auf Eintritten von Neumitgliedern, Wiederaufnahmen von ausgetretenen Protestanten und Übertritten von Angehörigen anderer Konfessionen beruht, setzt sich die EKD in einer neuen Studie intensiv auseinander. »Macht hoch die Tür«, in dieser Formel lässt sich zusammenfassen, was der EKD-Text als Leitfaden den Kirchengemeinden für den Umgang mit kirchlich Interessierten an die Hand gibt. Die evangelische Kirche soll einladender werden und sich öffnen für Menschen, die sie verlassen haben oder ihr noch nie angehörten, aber wieder Kontakt zur Kirche suchen. Eine ­»Kultur des Willkommens« sollen sie vorfinden, lautet die Empfehlung.

Das Aufnahmeverfahren soll möglichst unkompliziert sein. Wenn Menschen zur evangelischen Kirche gehören wollen, dürften sie nicht den Eindruck bekommen, »einem bürokratischen Apparat mit vielen Anforderungen zu begegnen, sondern einer Atmosphäre der Offenheit und Gastfreundschaft«, wird geraten.

Bei der Mitgliedergewinnung beschreitet die evangelische Kirche schon seit einiger Zeit neue Wege. An immer mehr Orten gibt es spezielle Eintrittsstellen. Häufig sind sie angedockt an »City-Kirchen«, aber auch in Kur- und Ferienorten, oder während der Adventszeit in Einkaufszentren zu finden. Seit 2004 hat sich die Zahl dieser Büros von 50 auf mittlerweile 140 fast verdreifacht. Und offenbar ist dieser Weg eine Erfolgsgeschichte. Denn wo solche Büros bestehen, sind die Beitrittszahlen spürbar angestiegen, ergibt sich aus der Studie »Schön dass Sie (wieder) da sind!«. Hilfreich ist ­zudem eine Regelung, wonach der Eintritt nicht in jedem Fall in der ­örtlichen Kirchengemeinde erfolgen muss, sondern man in den anerkannten Eintrittstellen über landeskirchliche Grenzen hinweg Mitglied werden kann.

Und die Zahlen lassen sich sehen: Der Mitgliederzuwachs von jährlich mehr als 60000 verteilt sich auf Wiedereintritte (26500) Erwachsenentaufen (23000) und Übertritte von ehemaligen Katholiken oder aus anderen Konfessionen. Zwischen 3,5 bis fünf Millionen dürfte sich Schätzungen ­zufolge die Zahl der Menschen bewegen, die zwar evangelisch getauft, aber aus der Kirche ausgetreten sind. In Scharen haben sie die Kirche verlassen, aber nur einzeln können sie zurückgewonnen werden, ist ein Grundtenor der EKD-Studie.

Von Rainer Clos (epd)

Die Studie »Schön, dass Sie (wieder) da sind« ist als Text Nr. 107 in der Reihe der EKD-Texte erschienen und steht im ­Internet als PDF-Datei kostenlos zum ­Herunterladen bereit: www.ekd.de/EKD Texte/2059.html

Sind Babyklappen eine Hilfe?

3. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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PRO:

PRO: Margot Käßmann, Landesbischöfin  der Evangelisch-­Lutherischen ­Landes­kirche ­Hannovers und ­Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland

PRO: Margot Käßmann, Landesbischöfin der Evangelisch-­Lutherischen ­Landes­kirche ­Hannovers und ­Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland

Wenn auch nur ein Kind gerettet wird, hat sich die Babyklappe gelohnt! So haben wir seit der Einrichtung des »Babykörbchens« vor acht Jahren in unserer Landeskirche immer argumentiert. Und es hat sich gelohnt: Neun Säuglinge wurden anonym abgegeben, sieben haben wir im Körbchen gefunden, ein Kind wurde vor dem Diakoniekrankenhaus abgelegt. Drei der »Babykörbchen-Kinder« sind heute wieder bei ihren Müttern, die anderen leben in Adoptivfamilien. Ein tot aufgefundenes Kind, dessen Schicksal viele sehr bewegt hat, haben wir in Verantwortung des Netzwerks Mirjam, das für das Babykörbchen zuständig ist, würdevoll bestattet.

Das zentrale Argument des Deutschen Ethik-Rates ist die Annahme, dass eine Art Entsorgungsmentalität entstehen könne, wenn es den jungen Müttern durch die Babyklappen oder anonyme Geburten so einfach gemacht werde, ihre Kinder loszuwerden. Weiter geht der Ethik-Rat davon aus, dass die Probleme gelöst werden können, wenn die Schwangeren in Not nur die legalen Hilfen besser als bisher nutzten, wenn die Aufklärung über die Hilfsangebote verbessert und die Zusammenarbeit der freien Träger mit den öffentlichen Hilfsangeboten verstärkt würden. Für alle diese Annahmen gibt es keine gesicherten empirischen Belege.

Entgegenhalten will ich die achtjährige Erfahrung unseres Netzwerkes Mirjam, dessen 24-Stunden-Notdienst mehr als 10500 Anrufe erhalten hat, woraus die intensive Begleitung und Beratung von 54 Frauen entstanden ist. Wir wissen: kaum eine der Schwangeren wollte ihr Kind einfach »entsorgen«. Das lässt sich dadurch belegen, dass 41 der Frauen ihre Anonymität aufgegeben haben. Trotzdem bleibt: 13 Frauen gebaren anonym oder gaben ihr Kind im Babykörbchen oder im Kreißsaal ab. Selbstverständlich hat es ein anonym geborenes Kind später nicht einfach, wenn es von seinem Schicksal erfährt. Psychologen sagen aber, dass eine liebevolle Pflegefamilie durchaus die Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit kompensieren kann.

Der Ethik-Rat hat sicher Recht, wenn er bessere Beratung und effiziente Hilfsangebote fordert. Aber es ist unsinnig, deshalb nun die Babyklappen ganz abzuschaffen. Es bleiben junge Frauen, die keinen anderen Weg in ihrer Verzweiflung sehen und die Möglichkeit bekommen müssen, ihr Kind in sichere Hände zu legen. Babyklappen sind die Ultima Ratio in einem Netzwerk von Beratung und konkreter Hilfe, das sich in meiner Landeskirche sehr gut bewährt hat. Ein Konzept übrigens, dass unsere Kirchen schon seit Jahrhunderten als letzten Ausweg kennen – im Zweifel für das Leben.

CONTRA:

KONTRA: Prof. Dr. med. Frank Emmrich, ­Leiter des ­Fraunhofer-Instituts für Zelltherapie und Immunologie  in Leipzig und ­Mitglied im ­Deutschen Ethikrat

KONTRA: Prof. Dr. med. Frank Emmrich, ­Leiter des ­Fraunhofer-Instituts für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig und ­Mitglied im ­Deutschen Ethikrat

In der Hoffnung, dass dadurch Tötung und Aussetzung von Neugeborenen verhindert werden können, werden seit etwa zehn Jahren in Deutschland zunehmend Babyklappen eingerichtet. Derzeit gibt es etwa 80 davon. Ihre Zahl nimmt zu. Allerdings ist es damit nicht gelungen, die Zahl der Kindestötungen zu vermindern, die nach wie vor bei etwa 20 bis 30 pro Jahr liegt. Dafür aber sind neue Probleme entstanden. Nicht allen Betreibern von Babyklappen ist bewusst, dass diese illegal sind, da eine regelrechte Erfassung der Neugeborenen im Personenstandsregister nicht erfolgen kann und die Rechte des Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung und seiner Familie, sowie möglicherweise auch die Rechte des Vaters nicht berücksichtigt werden. Es ist nicht einmal sicher feststellbar, ob die Mutter selbst oder eine andere Person das Kind in der Babyklappe abgelegt haben. Damit sind Babyklappen und anonyme Geburten selbst zum Problem geworden, das mittlerweile über 500 Kinder betrifft.

Der Deutsche Ethikrat empfiehlt daher mit großer Mehrheit, dass die staatliche Duldung der Einrichtung und des Betriebes von Babyklappen und Angeboten der anonymen Geburt nicht mehr fortgesetzt wird. Stattdessen empfiehlt er verschiedene Maßnahmen, um die öffentliche Information und die Zusammenarbeit der Behörden zu verbessern, damit allen Frauen in schwierigen familiären und sozialen Situationen rasch, unbürokratisch und auch mit hohem Vertrauensschutz geholfen werden können. Der Ethikrat empfiehlt überdies, durch Schaffung eines speziellen Gesetzes die Möglichkeit zur »vertraulichen Kindesabgabe mit vorübergehender anonymer Meldung« zu schaffen. Damit würde den Beratungsstellen ein neues Instrument in die Hand gegeben, um ein besonderes Vertrauensverhältnis zur Mutter zu begründen und sie schrittweise entweder zur Annahme ihres Kindes oder zur Zustimmung in eine geregelte Adoption zu bewegen.

Wer sich für Einzelheiten interessiert, dem sei die ausführliche Stellungnahme des Deutschen Ethikrates zu diesem Problembereich empfohlen, die entweder direkt über den Deutschen Ethikrat oder über das Internet (www.ethikrat.org) bezogen werden kann. Dort sind sowohl die bisher gemachten Erfahrungen wie auch Argumente für und wider die anonyme Kindesabgabe wie auch die speziellen Empfehlungen des Deutschen Ethikrates und ihre Begründungen im Einzelnen nachzulesen. Auch das Sondervotum von sechs der 26 Mitglieder des Ethik­rates kann dort nachgelesen werden, die an der bisher geübten Duldung von ­Babyklappen und anonymer Geburt ­festhalten möchten.

Das aktuelle Stichwort: Babyklappe

Babyklappen sind öffentlich zugängliche, geschützte Wärmebettchen, in denen Frauen anonym ihr Neugeborenes legen und zur Adoption freigeben können. Über einen Alarm werden eine Klinik oder Hebammen auf das Kind aufmerksam gemacht, so dass sie sich um den Säugling kümmern können. In Deutschland wurde vor zehn Jahren in Hamburg die erste Babyklappe eingerichtet. Seitdem wurden dadurch 300 bis 500 Kinder zu »Findelkindern mit dauerhaft anonymer Herkunft«, heißt es in der Stellungnahme des Deutschen Ethikrats.
Derzeit gibt es bundesweit knapp 80 Babyklappen. Die meisten Babyklappen werden von kirchlichen Einrichtungen getragen. Daneben gibt es rund 130 Krankenhäuser in Deutschland, in denen anonyme Entbindungen vorgenommen werden. Dabei gibt die Frau ihre Identität nicht preis. (epd)

Die Hexen fliegen wieder

26. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Sie gelten vielen als typisch für das ebenso »finstere« wie ferne Mittelalter. Doch im Gefolge von Feminismus, Esoterik und Neuheidentum tauchen sie wieder auf: die Hexen.

Was auf den ersten Blick wie Folklore aussieht, hat einen ernsten Hintergrund: Frauen bezeichnen sich offen als Hexen, üben magische Rituale, organisieren sich in Zirkeln. Foto: ullstein bild/Adolph

Was auf den ersten Blick wie Folklore aussieht, hat einen ernsten Hintergrund: Frauen bezeichnen sich offen als Hexen, üben magische Rituale, organisieren sich in Zirkeln. Foto: ullstein bild/Adolph

Sie hat eine große krumme Nase, einen buckeligen Rücken und der Besen ist ihr ständiger Begleiter. So jedenfalls kennt man die typische Harzer Hexe als Puppe aus dem Souvenirshop oder von der langen Nacht der Hexen, wie sie z.B. in Thale in Sachsen-Anhalt gefeiert wird. Doch Hexen geben nicht nur eine amüsante Kostümvorlage oder historischen Gruselstoff ab. Die ­sagenumwobenen Figuren liefern auch ein magisches Beispiel für ein ganzheitliches Lebenskonzept, wie es heute von modernen Hexen und Magiern in Deutschland gelebt wird.

Auch in Mitteldeutschland treffen sich Anhänger des Hexenkultes regelmäßig zu Hexen- und Heidenstammtischen. Besonders verbreitet sind sie in Sachsen. Sieben solcher Stammtische werden auf der Website www.religion-vor-ort.de unter dem Begriff »Neuheidentum« aufgeführt, die meisten davon in Leipzig, Dresden und Chemnitz. Dr. Harald Lamprecht, Sektenbeauftragter der evangelischen Landeskirche in Sachsen, hat die Website zusammen mit dem Verein interkulturelles Forum Leipzig gegründet.

Die Datenbank ist ein Versuch, die Vielfalt der Reli­gions- und Weltanschauungsgemeinschaften in Sachsen aufzuzeigen. Sie möchte einen Überblick geben, ist jedoch keineswegs vollständig und wird ständig aktualisiert. »Hexen sind strukturell nicht fassbar«, gibt Lamprecht zu bedenken, »man kann da nicht irgendwelche Waldlichtungen ausmachen, wo sie sich treffen«. Auch der Religionswissenschaftliche Medien- und Informa­tionsdienst, REMID, hält sich mit konkreten Zahlen ­zurück. Die Rede ist von einigen Tausend Hexenzirkeln
in Deutschland, sogenannte Covens, die aber nur die stark organisierte Seite der Hexenbewegung wider-
spiegeln. Neben den Gemeinschaften, in die man über Rituale eingeweiht wird, gibt es auch »frei fliegende«, also unabhängige Hexen.

Die Möglichkeiten, als Hexe seinen Lebensweg zu ­begehen, sind daher vielfältig. Während die einen versteckt und unerkannt bleiben wollen, offenbaren sich ­andere mit ihren magischen Angeboten, machen aus dem Hobby ihren Beruf, z.B. als Wahrsager oder Kartenlegerin.

Für Dr. Matthias Pöhlmann von der evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin ist
die Bezeichnung »Hexe« inzwischen zum »Containerbegriff« geworden. Während der Hexenverfolgung konnte
es jeden treffen, als Hexe stigmatisiert zu werden, oftmals verbunden mit Hetze und Tod. »Heute hat der ­Begriff seinen Schrecken verloren«, findet Pöhlmann, der sich seit mehreren Jahren wissenschaftlich mit den neuen Hexen auseinandersetzt.

Die Entwicklung des Hexenkultes verlief seiner Beobachtung nach in mehreren Schüben – in den 1970ern war er Teil der feministischen Bewegung, in den 1980ern wurde er als Naturspiritualität in die Öko-Bewegung integriert – der Kult um das »Kräuterweib« war ein Aspekt des Protestes. Dies änderte sich in den 1990er Jahren. Seitdem steht die Hexe eher für die esoterische Dienstleisterin, die nicht nur die Zukunft vorhersagt, sondern auch Hilfe in allen Lebensfragen anbietet. Dahinter steckt keine Boshaftigkeit, »aber der Nutzer solcher Angebote sollte wissen, in welche Hände er sich begibt«, mahnt Pöhlmann.

Harald Lamprecht findet problematisch, dass mit der Macht der Magie die alltäglichen Probleme des Lebens gelöst werden sollen. Für ihn ein untauglicher Weg, »weil man dann sein Leben nicht mehr selbst in die Hand nimmt. Wer seine Entscheidungen von anderen Mächten, wie dem Tarot oder dem Pendel abhängig macht, ­entzieht sich der normalen argumentativen Ebene. Die Folgen dieser Abhängigkeit kennt man aus Goethes »Der Zauberlehrling«. Sind die bösen Geister erst einmal ­gerufen, werde man sie so schnell nicht wieder los. Im schlimmsten Fall könnten damit auch Angstzustände und Verfolgungswahn einhergehen.

Für Matthias Pöhlmann zeigt sich im Phänomen der neuen Hexen die Sehnsucht des modernen Menschen nach einer neuen Religion. Und tatsächlich finden sich auf den ersten Blick sogar Ähnlichkeiten zu anderen Religionen. Hexen nutzen Altäre, feiern ihre Feste nach dem Jahreskreis, haben bestimmte Rituale. Auch ein Leitspruch aus der Hexenbewegung klingt friedliebend: »Tu was du willst, aber schade niemandem, denn egal was du tust, es kommt mehrfach auf dich zurück.«

Die Hexe ist laut diesem Credo vor allem um ihren ­eigenen Vorteil bemüht. Im Christentum sei das anders, meint Pöhlmann und verweist auf das Gebot der Nächstenliebe aus 3. Mose 19, Vers 18: »Wenn es heißt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, dann begegne ich meinem Nächsten nicht mit Berechnung oder Angst, sondern mit Offenheit. Das ist der große Unterschied.«

Maxie Thielemann

Zeige deine Wunden

19. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Leid: Der krebskranke Christoph Schlingensief will neu mit Krankheit umgehen

Diagnose Lungenkrebs: Der 49-jährige Theaterregisseur Christoph Schlingensief, hier bei einer Preisverleihung vor wenigen ­Wochen, Foto: picture-alliance/APA/Barbara Gindl

Diagnose Lungenkrebs: Der 49-jährige Theaterregisseur Christoph Schlingensief, hier bei einer Preisverleihung vor wenigen ­Wochen, Foto: picture-alliance/APA/Barbara Gindl


Lange, allzu lange wurden Leid, Krankheit und Sterben ­verdrängt. Inzwischen gibt es Beispiele, wie Menschen offensiv mit dem Thema umgehen.

Ein Mann bricht das Schweigen. Er geht öffentlich seinen Kreuzweg. Sein Kreuz heißt Krebs. Lungenkrebs. Er weint öffentlich. Er versteckt sich nicht. Sein Umgang mit der Krankheit ist schmerzhaft offen. Die Rede ist von Christoph Schlingensief. Der 49-Jährige geachtete Theaterregisseur erhielt Anfang 2008 die gefürchtete Diagnose. Kurz darauf wird ihm der linke Lungenflügel entfernt. Er entschließt sich, ganz und gar öffentlich mit seiner Krankheit umzugehen. Er führt Tagebuch. Die quälenden Tage vor der Operation, die bangen Wochen der Nachuntersuchungen, die elenden Chemotherapien, alles Hoffen und Beten, Fluchen und Fürchten hat er ungefiltert aufgeschrieben. Rund 250 Seiten Flüstern und Schreien, Wimmern und Wüten sind seit Mai auf dem Markt. Das Buch findet reißenden Absatz.

Schlingensief bricht ein Tabu. Bislang ging man öffentlich mit Krankheit, Leiden, Sterben so um, dass man nicht damit umging. Kranksein und Sterben stört. Krankheit macht Angst. Die gemeinschaftliche Reaktion: Verdrängung. Das Kämpfen überlässt man den Ärzten, das Leiden denen, die es erwischt hat, das ­Beten den Pfarrern.
Schlingensief macht da nicht mit. Er mutet den Menschen seine Krankheit zu. Er setzt sich aus. Er zwingt zum Hingucken. Denn das Thema geht alle an. Keine Lösung liegt im Abdrängen der Angst. Keine Erlösung bringt das Abschließen der Kranken- und Sterbezimmer.

»Dieses Buch ist eine Kampfschrift für die Autonomie des Kranken und gegen die Sprachlosigkeit des Sterbens«, schreibt er. Schlingensief sieht sein Schicksal als eines unter Millionen. »So viele kranke Menschen leben einsam und zurückgezogen, trauen sich nicht mehr vor die Tür und haben Angst, über ihre Ängste zu sprechen.« Schlingensief spricht darüber. Er will alle Kranken ­einladen, »ihre Erkrankung vor sich zu stellen, sie und sich selbst von außen zu betrachten.«

Er kämpft um die Würde der Kranken. Er ringt um den individuellen Sinn der Krankheit. Er tastet nach Gott, Jesus und Maria. Er leiht seine Sprachmächtigkeit allen, die ihre Gedanken und Gefühle im Angesicht einer Krankheit nicht so ausdrücken können. Darin liegt ein Akt unbeschreiblicher Menschlichkeit.

Bei der Lektüre dämmert einem: Es kann sein, dass wir das Umgehen mit Krankheit verlernt haben. Es kann sein, dass für Schwachheit und Krankheit kein Platz ist in der Leistungs- und Erfolgsgesellschaft. Es kann sein, dass die ­moderne Medizin den Menschen auch entmündigt hat. Es kann sein, dass sich das alles rächt und die Seele der Menschen Schaden genommen hat. Schlingensief steuert dagegen. Er bekennt sich zum Kranksein. Er delegiert nichts. Er will selber mit zuständig bleiben für sich. Es ist, als würde er für uns alle lernen, dass das Kranksein, das Vergänglichsein zum Leben gehört. Es ist vielleicht ein stellvertretendes Kranksein. Sich gegenseitig die Einschnitte, die Wunden zeigen, darin liegt für Schlingensief ein heilender ­Umgang mit Krankheit. »Ja, das ist es ­vielleicht: Wer seine Wunde zeigt, dessen Seele wird gesund.«

Er schenkt uns viele Erkenntnisse. Er lehrt uns den Wert des Lebens: »Es geht um das Gefühl, dass es in der Welt, direkt vor meiner Nase, so viele wunderschöne Sachen gibt. Das Normalste ist das Schönste.« Er bekommt einen gütigen Blick auf die Menschen: »Wenn man die Urteils- und Bewertungsmaschine abschalten könnte, wäre doch schon viel ­gewonnen.« Er lernt wieder beten. Ihn beschäftigt die Welt über ihm. Er sagt: »So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein.« Und ahnt doch: »Es geht nichts verloren.«

Stefan Seidel

Schlingensief, Christoph: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!
Tagebuch einer Krebserkrankung, btb-Verlag, 254 Seiten,
ISBN 978-3-442-74070-3, 9,00 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den ­Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643)246161

Erinnerungen entlang des Todesstreifens

13. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Wider die DDR-Verharmlosung – eine Bildungsfahrt auf den Spuren der früheren innerdeutschen Grenze

Nur noch museale Reste: Arno Gleisberg schildert die frühere Grenzanlage. Der ehemalige Bundesgrenzschützer führt heute ehrenamtlich im Eichsfeld Gäste auf dem Grenzlandweg. 	Foto: Andreas Kirschke

Nur noch museale Reste: Arno Gleisberg schildert die frühere Grenzanlage. Der ehemalige Bundesgrenzschützer führt heute ehrenamtlich im Eichsfeld Gäste auf dem Grenzlandweg. Foto: Andreas Kirschke

Den Trend zur Verharmlosung kann nur Aufklärung über die Realitäten der DDR stoppen. Auf Spurensuche an
der ehemaligen Grenze.

Arno Gleisberg (72) erzählt bewegend. »Hier lag das erste Gebiet zur Erprobung von Selbstschuss-Anlagen. Sie waren auf drei Ebenen angebracht. Immer vernetzt. 1972 begann die DDR damit«, schildert der frühere Mitarbeiter des Bundesgrenzschutzes Duderstadt. Die 26 Teilnehmer der Bildungsfahrt »Auf den Spuren der innerdeutschen Grenze« fragen nach. Organisiert von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung weilen sie hier. In Teistungen (Eichsfeld), nahe des Grenzlandmuseums am ehemaligen Grenzübergang Duderstadt/Worbis, ergründen sie mit Arno Gleisberg den früheren Todesstreifen.

Auf 1400 Kilometer erstreckte er sich insgesamt – von der Lübecker Bucht bis zum Fichtelgebirge. Unsummen gab die DDR dafür. »Die Kosten – ohne Personal – lagen bei 3,5 Milliarden DDR-Mark«, sagt Hubert Salbach (54) vom Verein Grenzland-Museum. »Nur zum Vergleich: für den Sport gab die DDR eine Milliarde aus, für Kunst und Kultur zwei Milliarden …« 3,2 Millionen Minen lagen im Todesstreifen. »Bis heute sind 17 Prozent noch ­immer nicht geborgen«, weiß Gleisberg »Wo sind sie geblieben? Ein Großteil hat sich selbst zerlegt. Ein weiterer Teil durch Wild.«

Arno Gleisberg, gebürtig in Schlesien und heutiger Duderstädter, war von 1957 bis 1997 beim Bundesgrenzschutz. Vom Südharz bis zur Werra reichte sein Verantwortungsbereich. Heute führt er ehrenamtlich Gäste auf dem 4,8 Kilometer ­langen Grenzlandweg mit 18 Stationen. Selten, so erzählt er, gab es Berührung mit DDR-Grenzsoldaten, denen sogar eine Grußerwiderung verboten war. Bis auf die tägliche Sprechprobe direkt am Übergang. »Auf ihrer Seite kam auf einen halben ­Kilometer ein Grenzsoldat. Auf westdeutscher Seite kam auf 13 Kilometer ein Mitarbeiter des Bundesgrenzschutzes oder Zolls …«

»Die Propaganda war wirklich massiv. Keiner traute dem anderen. Weder im Wachdienst noch in den Kasernen«, erzählt Lothar Wandt (52), 1977 bis 1980 an der Grenze stationiert, über das Klima innerhalb der DDR-Grenztruppen. Der Eichsfelder Katholik wollte Förster werden. Er wollte seinen Studienplatz. Er wollte »Ruhe« haben. Das gab es nur für drei Jahre NVA. »Es war ein Glücksumstand, dass ich direkt an der Grenze hier im Eichsfeld zum Einsatz kam«, schildert er. Der Schießbefehl brachte viele in seelische Nöte. Lothar Wandt musste ihn Gott sei Dank nie anwenden.

»Es hätte Menschen aus der Nachbarschaft treffen können«, sagt Anwohnerin Brunhilde Heß (64) aus Böseckendorf nachdenklich. 1967 zog sie mit ihrer ­Familie in die Sperrzone. 1971 in die sogenannte 500-Meter-Zone. Sperrstunde war 23 bis 6 Uhr. Nur mit Passierschein durfte sie in ihr Dorf. Es stand unter besonderer Beobachtung. Am 2. Oktober 1961 waren 53 Böseckendorfer in den Westen geflohen …

Etliche Zwangsumsiedlungen ins Innere der DDR gingen mit der Errichtung der Grenzanlagen seit 1952 einher. Es gab Aktionen wie »Kornblume« oder »Ungeziefer«. Bis 1961 betraf es 1270 Menschen. Auch danach gab es noch punktuell Zwangsumsiedlungen. »Die Begründungen waren sehr fadenscheinig«, erinnert sich Hubert Salbach. »Man verunglimpfte Betroffene als ›Großbauern‹. Oder man warf ihnen unmoralisches Verhalten vor. Mitunter schwärzten Nachbarn, die mit jemandem eine Rechnung offen hatten, den Betroffenen bei der Stasi an.« Hubert Salbach, gebürtiger Riesaer, zog 1983 um der Liebe willen ins Eichsfeld. In der Mittelschule Breitenworbis unterrichtet er heute Geographie und Geschichte. Wie ein Wunder empfindet er noch heute den 9. November 1989. Auch die Reisegäste empfinden Dankbarkeit für das Geschenk Deutsche Einheit.

»Sie war wie eine Befreiung. Wie eine Erleichterung«, schildert Roswitha Weber (69) aus der evangelisch-lutherischen Marienkirchengemeinde Großenhain in Sachsen. 1956 weilte sie mit ihrem Mann Heinz auf dem Brocken. Sie blickten ­hinüber ins niedersächsische Braunlage. »Wir wollten immer die Freiheit sehen.« Das blieb ihnen 1961 bis 1989 abrupt verwehrt. Heinz Weber, gelernter Rundfunkmechaniker und tätig für den Betrieb »Bild & Ton Meißen«, musste drei Jahre ins Stasi-Gefängnis Dresden. »Man warf ihm Wehrdienstverweigerung und staatsgefährdende Hetze vor«, erzählt seine Frau.

Aufklärung über die Unmenschlichkeit des DDR-Grenzsystems hält Roswitha Weber für dringend geboten. »Viele Alte verklären die DDR-Geschichte. Und je größer der Abstand zur DDR wird, umso mehr wird verharmlost«, sagt sie nachdenklich.

Von Andreas Kirschke

»Als Kirche glaubwürdig und erkennbar sein«

6. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Margot Käßmann – die erste Frau an der Spitze des deutschen Protestantismus

Sie ist für die nächsten Jahre das »Gesicht« der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Benjamin Lassiwe sprach mit der frischgebackenen Ratsvorsitzenden.

Am Vormittag des 28. Oktobers wählten die EKD-Synodalen mit großer Mehrheit die hannoversche Bischöfin Margot Käßmann zur neuen Ratsvorsitzenden der EKD. Foto: epd-bild

Am Vormittag des 28. Oktobers wählten die EKD-Synodalen mit großer Mehrheit die hannoversche Bischöfin Margot Käßmann zur neuen Ratsvorsitzenden der EKD. Foto: epd-bild

Frau Käßmann, was macht die evangelische Kirche heute für Menschen attraktiv?
Käßmann:
Die evangelische Kirche lebt von der Vielfalt ihrer Glaubensformen. Jeder kann sich bei uns beteiligen: Männer und Frauen, Junge und Alte. Im Eröffnungsgottesdienst der EKD-Synode hat ein 16-jähriger Junge erklärt, wie er Kirchenführungen für Kinder eingeführt hat: Er ist gekommen und hat gesagt: »Ich will eine Initiative gründen.« Das Schlüsselwort ist die Beteiligung, das Priestertum aller Getauften.

In vielen Gemeinden dominiert die Mittelschicht. Was macht denn die evangelische Kirche für eher bildungsferne und ausgegrenzte Menschen attraktiv?
Käßmann:
Vielleicht finden Sie in unseren Gottesdiensten mehr die Mittelschicht, aber wenn Sie sich die Mitgliedschaftsstruktur ansehen, werden Sie in unserer Kirche Menschen aus allen sozialen Schichten finden. Gerade im sozialen Bereich ist die Kirche natürlich sehr engagiert – und das nicht nur durch ihre Diakonie. In Hannover haben wir etwa ein Projekt, mit dem wir Kinder stärken wollen, die kaum Bildungschancen haben. Jedes sechste Kind in Deutschland wächst in Armut auf. Als Kirche wollen wir uns fragen, wie wir diesen Kindern helfen können, dass sie Zugang zum Lesen und zur Bildung haben.

In Ostdeutschland gibt es kaum noch Kinder. Was ist Ihre Perspektive für die Landeskirchen dort?
Käßmann:
Mir ist sehr bewusst, dass es für die Kirchen in Ostdeutschland wesentlich schwieriger ist, als für uns im Westen. Erst einmal würde ich gerne die Mitarbeitenden dort ermutigen: Auch in einer schwierigen Situation können wir glaubwürdig Kirche sein. Dann ist es aber wichtig, dass wir erkennbar sind. Die Kirche ist der Ort, wo es Antworten auf Lebensfragen gibt. Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Denn auch Menschen von heute fragen nach Rechtfertigung, nach Gnade, nach Vergebung der Schuld. Aber sie würden es nicht so ausdrücken. Deshalb müssen wir dafür neue Sprachformen finden.

Die EKD befindet sich in einem Reformprozess. Was ist Ihre Position dazu?
Käßmann:
Ich will den Reformprozess auf jeden Fall fortsetzen, weil ich denke, dass Wolfgang Huber da einen wirklich guten und wichtigen Impuls gesetzt hat. Was mich allerdings bekümmert hat, ist, dass viele Gemeinden Begriffe wie »Mentalitätswandel«, »Qualitätssteigerung« und »Taufquo­te« offenbar als Druck empfinden. Ich möchte gerne überlegen, wie der Reformprozess so aussehen kann, dass er Gemeinden ermutigt. Dass sie sehen, dass man auch mit kleinen Mitteln Kirche sein kann.

Ein Teil des EKD-Reformprozesses ist, dass sich Landeskirchen zusammenschließen – zum Beispiel zu einer Nordkirche. Was halten Sie davon?
Käßmann:
Ich finde es wichtig, regionale Eigenheiten zu bewahren, aber trotzdem zu sagen, in größeren Zusammenschlüssen können wir Kräfte bündeln. Ich respektiere es aber auch, wenn andere Kirchen unabhängig bleiben wollen.

Kritik hat es in den letzten Monaten am Verhältnis zwischen EKD und Evangelikalen gegeben. Was schätzen Sie an den Evangelikalen, was stört Sie an ihnen?
Käßmann:
Ich schätze an den Evangelikalen ihre Treue zu unserer Kirche, und dass sie so fest im Glauben stehen. Das ist eine ganz gewichtige, tragende Kraft für unsere Kirche. Aber es gibt durchaus Auseinandersetzungen dort, wo alles andere schlecht gemacht wird. Was etwa die Gruppe »Jugend mit einer Mission« betrifft, werden wir mit der Evangelischen Allianz ins Gespräch kommen und über das Missionsverständnis diskutieren müssen. Mission, durch die Menschen zum Glauben gedrängt werden, fände ich jedenfalls schwierig. Um klares Zeugnis geht es mir, das andere nachfragen lässt.

Was wird sich durch die Wahl zur EKD-Ratsvorsitzenden in Ihrem persönlichen Leben ändern?
Käßmann:
Als ich in Hannover Bischöfin wurde, habe ich gesagt, dass ich mit dem Fahrrad durch Hannover fahren und um den Maschsee joggen werde. Diese Freiheit möchte ich auf jeden Fall behalten. Ich werde Bischöfin der Hannoverschen Landeskirche bleiben und mich nur da vertreten lassen, wo es unbedingt nötig sein wird. Und in meinem Terminkalender wird es künftig feste Termine für das Joggen geben.

Verbindlich für beide Seiten

30. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Sie wurde als großer Durchbruch gefeiert: die »Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre«. Ein Gespräch mit dem Erfurter Professor Josef Freitag.

Miteinander oder nebeneinander? Nicht immer sind sich katholische und evangelische Christen so nahe, wie die Kirchenfahnen beim ersten Ökumenischen ­Kirchentag 2003 in Berlin. 	Foto: Harald Krille

Miteinander oder nebeneinander? Nicht immer sind sich katholische und evangelische Christen so nahe, wie die Kirchenfahnen beim ersten Ökumenischen ­Kirchentag 2003 in Berlin. Foto: Harald Krille

Mit diesem Dokument gibt es eine klare Verbindlichkeit für Katholiken und Lutheraner in Bezug auf die Frage nach dem Heil«, erklärt der Erfurter katholische Dogmatikprofessor Josef Freitag. »Was den Spaltungsgrund zwischen den Kirchen in der Reformation ausmachte, nämlich die Frage der Rechtfertigung, ist mit der ›Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre‹ überwunden.« Die Rechtfertigungslehre sei Kernstück lutherischen Glaubens, so der Theologe: Allein aus Gnade, nicht aufgrund guter Werke ­erlange der Mensch das Heil, werde er »gerechtfertigt«. Dies drücke aus, dass Gottes Zuwendung zum Menschen unverdient, nicht die Folge guter Werke, sondern im Gegenteil erst Befähigung zu guten Werken sei.

Vor genau zehn Jahren am 31. Oktober 1999 wurde dies als gemeinsame Erklärung in Augsburg feierlich unterzeichnet. Stellvertretend für den Lutherischen Weltbund (LWB) unterzeichnete der protestantische Theologe Christian Krause, damals LWB-Präsident, und für die katholische Seite Kardinal Edward Cassidy vom Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen. »Der Päpstliche Rat hat
das Lehramt der katholischen Kirche vertreten. In den lutherischen Kirchen gibt es keine verbindliche Lehrmeinung. Das heißt konkret, dass der Lutherische Weltbund nicht die eine Stimme der lutherischen Kirche ist«, betont Freitag. Darum sei das Zustandekommen dieser Erklärung, mit so breiter Unterstützung aus den evangelisch-lutherischen Landessynoden, umso erfreulicher.

Freitag weiter: »Das Dokument ist natürlich kein Dogma. Aber auch kein einziger Beschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils ist als Dogma formuliert worden. Und dennoch gilt das Konzil als die höchstverbindliche Lehrinstanz. Daher ist auch diese Erklärung für jeden Gläubigen verbindlich, denn sie ist im Namen der gesamten römisch-katholischen Kirche unterzeichnet worden.«

Die Erklärung sei in einem langjährigen Arbeitsprozess gemeinschaftlich mit den Vertretern des Lutherischen Weltbundes formuliert worden, im sogenannten differenzierten Konsens. Dies bedeute, dass sich die Kirchen über die Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre einig seien. In weiteren Fragen gäbe es durchaus noch ­ Unterschiede, »aber diese sind nicht mehr trennend, denn es gibt nun ein gemeinsames Fundament«.
Was in den vergangenen Jahrzehnten schon im Dialog zwischen Einzelnen innerhalb der Ökumene gelungen sei, zum Beispiel auf Ebene der Gemeinden, das sei mit der ­Gemeinsamen Erklärung zwischen den Kirchen als Ganzes gelungen. »Dies war das erste konkrete Ergebnis des katholisch-lutherischen Dialogs seit der Reformation«, betont Freitag. Das Neue, was das Dokument nun mitbringe, sei eine neue Haltung, die die Kirchen zueinander einnehmen. »Die Kirchen haben sich mit dieser ­Erklärung vorgenommen, ab jetzt die Anliegen des anderen bei den ­eigenen Entscheidungen zu berücksichtigen.«

Die Verbindlichkeit eines solchen Dokumentes zeige sich darin, inwieweit es tatsächlich rezipiert wird. »Dazu muss man die Dokumente natürlich überhaupt erst lesen und kennenlernen«, fordert der Dogmatiker. Es sei nach zehn Jahren der Unterzeichnung der Erklärung noch viel ­Engagement nötig, die Botschaft des Dokuments unter das Volk der Gläubigen zu bringen. »Erst wenn wir es uns zu eigen gemacht haben, können wir über weitere Fragen nachdenken, wie zum Beispiel die gemeinsame Abendmahlsfeier, die Sakramente und die Frage des Amtes.«

Dabei geht es aus katholischer Sicht vor allem um Fragen, die zuerst innerhalb der lutherischen Kirchen behandelt werden müssten. Dies habe auch der damalige Protest von mehr als 250 evangelischen Theologieprofessoren gegen die »Gemeinsame Erklärung« gezeigt: »Die Frage nach der Rechtfertigung ist eine Frage nach der Identität der lutherischen Kirche. Im Dialog der Konfessionen sollten wir uns dessen stets bewusst sein«, resümiert Freitag.

Von Elisa Eichberg

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straube_peter-paulDie Unterzeichnung der »Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre« (GE) vor zehn Jahren in Augsburg war ein herausragendes ­Ereignis in den evangelisch-luthe­rischen und römisch-katholischen ökumenischen Bemühungen. Diese Erklärung zeigt, dass aufgrund des ökumenischen Dialogs es nunmehr möglich ist, ein gemeinsames Verständnis der Rechtfertigung durch Gottes Gnade im Glauben an Jesus Christus zu vertreten.
Leider sind auf der theologischen Ebene keine weiteren Schritte gefolgt, zum Beispiel in den Fragen des Amtes oder des Abendmahls. Auf der Ebene der Gemeinden gibt es noch viele Möglichkeiten, intensiver zusammenzuarbeiten, so bei der sozialen Arbeit oder in der Erwachsenenbildung. In Bautzen existiert seit einem Jahr ein »Ökumenischer Domladen«, der sich als christliche Informations- und Begegnungsstätte versteht. Mit großer Vorfreude blicken wir auf den Ökumenischen Kirchentag im Mai 2010 in München. Denn: Wir sollen eins sein, damit die Welt glauben kann.

Dr. Peter-Paul Straube, Rektor des Bischof-Benno-Hauses Schmochtitz, Bildungshaus des Bistums Dresden-Meißen

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schodl_albrecht

Ich lebe mit der ökumenisch ausgerichteten Jesus-Bruderschaft zusammen, die in jedem Mittagsgebet für Einheit und Versöhnung unter den Konfessionen betet. Freilich glaube ich nicht, dass die »Gemeinsame Erklärung« auf dieses in Volkenroda selbstverständliche ökumenische Miteinander großen Einfluss hatte. Wir würden wohl auch ohne ein kirchenamtliches Papier gemeinsame Gottesdienste feiern. Und doch ist es gut, dass die gelebte Ökumene von unten auch in der theologischen Reflexion zu einer gemeinsamen, lehramtlichen Annäherung »von oben« gefunden hat.

Allerdings frage ich mich: Warum ist dieser Prozess nicht weitergegangen? Warum haben wir zehn Jahre nach der Erklärung zur Rechtfertigungslehre noch keine Annäherung im theologischen Verständnis des Herrenmahls erreicht? Hier wünschte ich mir eine gemeinsame Erklärung zum Sakrament des Altars! Das Papier zum Verständnis der Rechtfertigungslehre macht doch vor, dass es möglich ist, Gräben zu schließen, die über Jahrhunderte hinweg unüberwindbar schienen.

Dr. Albrecht Schödl, evangelischer Pfarrer am Kloster Volkenroda/Thür.

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stolze_jurgenDie methodistische Stellungnah­me zur »Gemeinsamen Erklärung« wurde auf der Vollversammlung des Rates Methodistischer Kirchen in Seoul im Jahr 2006 verabschiedet. Darin »bekräftigen der Weltrat Methodistischer Kirchen und seine Mitgliedskirchen ihre grundlegende lehrmäßige Übereinstimmung mit der Lehre, wie sie in der ›Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre« … ausgesprochen wird.‹

Im Prozess der Klärung und Formulierung zeigte sich, dass die methodistische Lehre in der Frage von Rechtfertigung und Heiligung durchaus eine Mittelstellung zwischen der katholischen und lutherischen Seite aufweist. Mit der GE haben Katholiken, Lutheraner und Methodisten dokumentiert, dass sie im Verständnis des Zentrums des Evangeliums, einig sind. Darum stellt sie aus methodistischer Sicht einen Meilenstein in der ökumenischen Bewegung dar. Zum anderen stellt die GE einen »Doppelpunkt« dar, der ein weiteres Gehen des gemeinsamen Weges der Kirchen fordert.

Pastor Jürgen Stolze, Magdeburg, Beauftragter für Ökumenische Beziehung der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland

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Hintergrund
Mit der »Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre« (GE) ­haben Katholiken und Lutheraner vor zehn Jahren einen jahrhundertealten theologischen Streit beendet. Martin Luthers Lehre von der Rechtfertigung des Menschen vor Gott löste Anfang des 16. Jahrhunderts die Kirchenspaltung in Europa aus. An die Unterzeichnung wird am
30. Oktober mit einem Gottesdienst und Festakt in Augsburg erinnert.

Aus diesem Anlass ist eine 48-­seitige ökumenische Arbeitshilfe »Unter dem Horizont der Gnade ­erschienen. Darin werden unter ­anderem zentrale Passagen der GE dokumentiert und Anregungen für gemeinsame Gottesdienste und ­Bibelarbeiten gegeben. Sie kann in Einzelexemplaren kostenlos beim Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik, Leostraße 19a, 33098 ­Paderborn, bestellt, oder im Internet heruntergeladen werden.

www.moehlerinstitut.de

Die Beiträge dieser Seite zur GE ­wurden in Zusammenarbeit mit der katholischen Wochenzeitung »Tag des Herrn« erarbeitet.

Maßstäbe gesetzt

22. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirchenpolitik: Synode bestimmt Ende Oktober Nachfolge des EKD-Ratsvorsitzenden Huber

Seit sechs Jahren das öffentliche Gesicht des Protestantismus: Bischof Wolfgang Huber Foto: epd-bild/Hanno Gutmann

Seit sechs Jahren das öffentliche Gesicht des Protestantismus: Bischof Wolfgang Huber Foto: epd-bild/Hanno Gutmann

Sechs Jahre lang hat Wolfgang Huber die rund 25 Millionen Protestanten in Deutschland ­repräsentiert.

Als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat der versierte Theologe so viel bewegt wie kaum einer seiner Vorgänger. Wer nach den Ratswahlen bei der Synode am 27. Oktober in Ulm an die EKD-Spitze rückt, ist noch offen. Doch ­soviel steht fest: Die Messlatte liegt hoch. Huber, der dem neuen Rat nicht mehr ­angehören wird, hat mit seinen Auftritten in der Kirche, den Medien und der poli­tischen Öffentlichkeit Maßstäbe für die gesellschaftliche Strahlkraft des Protestantismus gesetzt.

Als wichtigstes Projekt nennt der 67-Jährige die tief greifende Reform der EKD und ihrer Landeskirchen, die vor drei Jahren unter dem Titel »Kirche der Freiheit« angeschoben wurde. »Ich hoffe, dass dies über die sechs Jahre hinaus fortwirken wird«, sagt Huber. Der geforderte Umbruch stieß zunächst auf große Vorbehalte. Inzwischen ist die Einsicht in die Notwendigkeit gewachsen, denn die Kirche verliert nach allen Prognosen bis 2030 ein Drittel der Mitglieder und sogar die Hälfte ihres Budgets. Das erfordert die Konzentration auf Kernaufgaben und den schmerzhaften Abschied von manchen Arbeitsfeldern.

Im September hat die EKD in Kassel eine Zwischenbilanz der Reformen gezogen. Bei der Zukunftswerkstatt steht Huber noch einmal vor 1200 Teilnehmern im Rampenlicht und erntet Applaus für seine gründliche Analyse. Seine strahlende Zufriedenheit ist aber wie verflogen, nachdem einige kritische Stimmen zu Wort ­gekommen sind. Plötzlich steht auf der Bühne der Professor, der für seine Sicht der Dinge kämpft und Widerspruch streng zurückweist.

Dass der Spitzen-Protestant weniger pastorale Wärme ausstrahle als etwa sein Vorgänger Manfred Kock, ist moniert worden. Doch auch Kritiker erkennen an, dass Huber mit seiner intellektuellen Schärfe die evangelische Kirche profiliert hat. Er wendet sich dagegen, dass vor lauter Verständnis für Andersdenkende die Klarheit evangelischer Positionen auf der Strecke bleibt. Unter seiner Führung artikulierte die EKD mehr Selbstbewusstsein – etwa mit der Forderung an Muslime, dass es keinen Dialog zwischen den Religionen ohne ein klares Bekenntnis zum deutschen Gemeinwesen geben kann. Auch gegenüber der katholischen Kirche fand die EKD deutliche Worte, nachdem der Vatikan erneut den Protestanten abgesprochen hatte, »Kirche im eigentlichen Sinne« zu sein.

Huber, der sich selbst und seinem Umfeld ein enormes Maß an Tempo und Leistung abverlangt, entstammt dem bürgerlichen Bildungsmilieu. Als er 1942 im deutsch besetzten Straßburg geboren wird, ist sein Vater Ernst Rudolf Jura-­Professor. Seine Mutter Tula, ebenfalls ­Juristin, ist Tochter des früheren Reichsaußenministers Walter Simons. Wolfgang Huber setzt sich mit der NS-Belastung seines Vaters auseinander und tritt nach Theologie-Studium und Vikariat 1968 in die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg ein.

Huber wird zu einem der Vordenker des Linksprotestantismus, lehrt in Marburg Sozialethik und in Heidelberg systematische Theologie. 1985 leitet er als ­Präsident den Kirchentag in Düsseldorf. Für die SPD steht er 1993 vor einer Bundestagskandidatur, doch er entscheidet sich für das Bischofsamt in der Hauptstadt. Das hat er noch bis zum 14. November inne. Dann wird er festlich verabschiedet und sein Nachfolger Markus Dröge als neuer Bischof für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz eingeführt.

Eine Rückkehr in die Parteipolitik schließt Huber aus: »In diesen Bereich gibt es keinen Weg zurück«, sagt er. Das bedeute aber nicht, dass er ein unpolitischer Mensch werde. Seine Enttäuschung über den SPD-geführten Berliner Senat und das Scheitern des Volksbegehrens »Pro Reli« sitzt tief. Huber plant erst einmal Urlaub und mehr Zeit für seine Frau Kara, für Kinder und Enkel. Im Winter wird er für eine gewisse Zeit an eine Hochschule in Südafrika gehen, doch wird man sicher weiter von ihm hören: »Und wenn ich gefragt werde, mich zu dem einen oder anderen Thema zu äußern, werde ich das gegebenenfalls auch tun.«

(epd) Thomas Schiller

1989 kommt nicht ins Museum

15. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Jubel, Appelle und Nachdenklichkeit – die Gedenkfeiern in Leipzig

Der Hauch der Geschichte: Rund 100000 Menschen waren am Abend des 9. November in Leipzigs Innenstadt auf den Beinen und erinnerten an »Leipzig ’89«. Foto: Uwe Winkler

Der Hauch der Geschichte: Rund 100000 Menschen waren am Abend des 9. November in Leipzigs Innenstadt auf den Beinen und erinnerten an »Leipzig ’89«. Foto: Uwe Winkler


Leipzig, 9. Oktober 2009: Wie 20 Jahre zuvor ist der Augustusplatz schwarz vor Menschen.

Dort wo sich der Platz zum mehrspurigen Innenstadtring öffnet, drängen sich weitere Menschenmassen Richtung Hauptbahnhof in einem Demonstrationszug für Demokratie. Es geht nur langsam voran. Nach
100 Metern versperrt ein mit brauner Plane überzogener Lkw den Weg. Laut hallt der Ruf »Wir sind das Volk« über den Köpfen. Auf dem Augustusplatz leuchtet ein aus Kerzen gelegter Schriftzug »Leipzig ’89«.

An diesem Abend wird hier nur erinnert. Vieles ist 20 Jahre danach anders als am 9. Oktober 1989, als in Leipzig 70000 Menschen nach Friedensgebeten für politische Selbstbestimmung und Freiheit demonstrierten. Die Demokratie muss nicht mehr erkämpft werden. Die Polizisten am Wegrand warten auf keinen Schießbefehl. Die Straße wird nicht erobert, denn der Innenstadtring ist bereits seit dem Nachmittag gesperrt, um zum Gedenken an die friedliche Revolution den Demonstranten vom 9. Oktober 1989, ihren Kindern und damals völlig Unbeteiligten bei einem Lichtfest die Route noch einmal möglich zu machen.

100000 Menschen nehmen das Angebot nach Polizeiangaben bis Mitternacht an. Sie laufen vorbei an den auf Wohnblöcke projizierten Schlagzeilen des einstigen SED-Organs »Leipziger Volkszeitung«: »Wie oft soll sich die Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung noch wiederholen.« Sie passieren den Bahnhof, wo ein bedrohliches, dumpf donnerndes Geräusch an die beklemmende Stimmung im Jahr 1989 erinnert.
Der Protestzug der 70000 von 1989 hat nach den Worten des Leipziger Oberbürgermeisters Burkhard Jung (SPD) »Weltgeschichte geschrieben«. Angesichts der Größe der Demonstration schritten die Sicherheitskräfte nicht wie zuvor in Berlin und Dresden ein. Die ­Demonstration gilt damit als mitentscheidend für das Ende der kommunis­tischen Diktatur in der DDR.

Dafür bekommt Leipzig am Freitag die Würdigung, die sich die Stadt so lange gewünscht hat. Bundespräsident Horst Köhler bedankt sich beim Festakt im Leipziger Gewandhaus bei den 70000 Demonstranten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nickt zustimmend, applaudiert. Der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse, der noch amtierende Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (beide SPD) und der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) sitzen in den ersten Reihen des Gewandhauses neben den zu Helden ernannten Bürgerrechtler von damals: Werner Schulz (Grüne), Ex-Nikolaikirchenpfarrer Christian Führer, Tobias Hollitzer.

Doch der Gedenktag ist nicht nur ­Jubelfest und gegenseitiges Schulterklopfen. Bundespräsident Köhler spricht davon, dass man es den Demonstranten von damals »schuldig« sei, weiter an der deutschen Einheit und der Verwirklichung der Hoffnungen von 1989 zu arbeiten. Am Nachmittag präsentiert ein vierköpfiger Vorstand um den Ex-Nikolaikirchenpfarrer Führer die Gründungsurkunde für die »Stiftung Friedliche Revolution«, die sich im »Geist von 1989« weiter politisch bei Fragen der sozialen Gerechtigkeit, Diskriminierung und internationaler Konflikte einmischen will. Der stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Christoph Kähler, appelliert an die Menschen beim Gebet in der Nikolaikirche »Friedensboten« zu sein. »Wir wollen die friedliche Revolution nicht ins Museum stellen«, bringt es Christian Führer auf den Punkt.

Dazu ist es ohnehin zu früh. So stachelte der Mitbegründer des Neuen ­Forums, Werner Schulz, beim Festakt
am Freitag mit seiner Kritik an dem für Berlin und Leipzig geplanten Denkmal für die Ereignisse von 1989 die Debatte um die Auseinandersetzung mit der Geschichte wieder an. »Wir brauchen kein in Stein gemeißeltes Einheitsdenkmal«, sagte er und erntete dafür großen Beifall.

Von Corinna Buschow (epd)

»Alles Lebendige« braucht Kooperation«

8. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Zum Überleben brauchen wir eine neue Art des Denken – im Gespräch mit dem Physiker Hans-Peter Dürr

Seit Jahren steht der Münchner Physiker Hans-Peter Dürr für den Brückenschlag zwischen Quantenphysik, Ökologie, Philosophie und Spiritualität. Tomas Gärtner sprach mit dem Wissenschaftler, der am 7. Oktober 80 Jahre alt wurde.

Der Quantenphysiker Professor Hans-Peter Dürr ist Mitglied des Club of Rome, war Mitarbeiter von Werner Heisenberg und viele Jahre Direktor des  Max-Planck-Instituts für Physik in München. Er gilt als einer der bedeutendsten Querdenker unserer Zeit und erhielt 1987 den alternativen Nobelpreis. Foto: Peter Ludwig/GCN

Der Quantenphysiker Professor Hans-Peter Dürr ist Mitglied des Club of Rome, war Mitarbeiter von Werner Heisenberg und viele Jahre Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik in München. Er gilt als einer der bedeutendsten Querdenker unserer Zeit und erhielt 1987 den alternativen Nobelpreis. Foto: Peter Ludwig/GCN

Hat Sie der Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise überrascht?
Dürr:
Nein. Ich spreche als Naturwissenschaftler. Es liegt daran, dass die Gesetzmäßigkeiten, die die Wirtschaft für sich in Anspruch nimmt, sich in Konflikt befinden mit den natürlichen Gesetzen. Diese Vorstellung, dass es ein ständiges materielles Wachstum gibt, befindet sich nicht in Übereinstimmung mit der Natur. Wir müssen mit den Rohstoffen auskommen, die wir zur Verfügung haben. Energie bekommen wir von der Sonne zugeliefert. Aber wir müssen sie auch von der Sonne nehmen und nicht einfach ausgraben. Fossile Brennstoffe sind ja über Millionen von Jahrhunderten gesammelte Sonnenenergie.

Was wäre dann zu lernen?
Dürr:
Lebensstile entwickeln, die verträglich sind mit den natürlichen Grenzen. Wir haben alle eine Geschichte von dreieinhalb Milliarden Jahren, wo wir diesen natürlichen Gesetzen gefolgt sind, sonst wären wir nicht da. Wir müssen die Leute eigentlich nur daran erinnern, was sie im Grunde wissen. Wir haben dieses Verhalten in uns. Und wir haben Verfassungen, in denen es Einschränkungen durch Moral und Ethik gibt. Die haben mit diesem natürlichen Hintergrund zu tun.

Wie lässt sich das in die Praxis umsetzen?
Dürr:
Wir sehen bei der derzeitigen Diskussion über das Klima und CO2: Wenn wir das nicht einhalten, kommen wir in große Schwierigkeiten. Aber diese Diskussion über das Klima ist nur die Spitze eines Eisberges. Es geht vielmehr um die Frage: Wie viel können wir herumtoben auf dieser Erde, indem wir alles, was wir für möglich halten, ausleben, ohne dass das Biosystem zusammenkracht? Wir sind eingebettet in etwas, was nicht beliebig stabil ist. Das ist wie eine Krankheit: Wenn die Infektion zu groß wird, kollabiert der Körper.

Für eine rücksichtsvollere Lebensweise haben Sie die Bezeichnung »nachhaltig« mit geprägt. Was verstehen Sie darunter?
Dürr:
Wir haben damit auf Deutsch auszudrücken versucht, was im Englischen »sustainability« genannt wird. Die Fähigkeit also, die Dinge in der Balance zu halten. Aber nur zu sehen, dass das, was da ist, nicht kaputt geht, würde nicht genügen. Es bedeutet auch, dass sich das Lebendige immer weiter entfalten muss. Ich würde Nachhaltigkeit übersetzen mit: das Lebendige lebendiger werden lassen.

Hauptenergiequellen sind derzeit fossile Brennstoffe – Kohle, Erdöl, Erdgas. Stehen die uns auf längere Sicht zur Verfügung?
Dürr:
Nein. Wir haben das Maximum überschritten. Das war vorauszusehen. Wir sind eine Bankräubergesellschaft. Wir rauben in einem Jahrhundert aus, was über Millionen Jahrhunderte in diesen Brennstoffen an Sonnenenergie angespeichert wurde. Aber wir haben eine ewige Energiequelle – die Sonne. Warum nehmen wir die nicht gleich? Nur etwa ein Zehntausendstel davon fangen wir bislang auf.

Manche sehen Atomkraftwerke als die saubere Alternative – ohne Abgase und CO2. Sie als Atomphysiker auch?
Dürr:
Kernkraftwerke sind eine solch riesige Gefahr. Man sollte sie alle zuschließen. Nordkorea hat gerade zwei Plutoniumbomben explodieren lassen. Iran reichert Uran an. Das hat alles mit den Kernkraftwerken zu tun. Es ist nicht wahr, dass ein ziviles Kernkraftwerk keine Verbindung zur Waffenproduktion hat. Ein Gigawatt-Atomreaktor produziert 250 Kilogramm Plutonium. 90 Kilogramm brauche ich, um eine Nagasaki-Atombombe zu bauen. Weg mit diesem Zeug! Im Augenblick geht es doch nur darum, große Profite zu machen. Die Industrie will keine dezentralisierte Energieversorgung. Aber wir wollen es, die auch die Demokratie wollen.

Warum dezentrale Energieversorgung?
Dürr:
Was zukunftsfähig ist und was nicht, hängt von den örtlichen Bedingungen ab. Man muss vor Ort herausfinden, was die Umgebung, in die man eingebettet ist, nicht kaputt macht. Und sich Energie nicht aus einem anderen Teil der Welt holen. Alles, was wir zum Leben dringend brauchen, muss dezentralisiert werden. Und es muss so eingeschränkt werden, dass es auch auf Dauer verfügbar ist. Der beste Gedanke, wird er zentralisiert, führt zu einer Machtstruktur. Das muss verhindert werden. Nichts anderes heißt Demokratie. Demokratie ist ja nicht nur die Beteiligung an einer Wahl. Sondern jeder Einzelne ist wichtig, muss handlungsfähig sein und mit seiner Erfahrung in den Zukunftsprozess eingreifen können.

Wie soll das der Einzelne tun?
Dürr:
Wir müssen ihn zuerst in die Situation versetzen, dass er Einfluss nehmen kann auf das, was ihn und seine Umgebung betrifft. Unsere Hauptbürde im Westen ist die derzeitige Idee des Wettbewerbs. Das ist naiver Darwinismus. Doch Wettbewerb kommt ursprünglich vom englischen »competition« und hat die Bedeutung: zusammen nach Lösungen suchen. Eine Lösung aber nur für sich, auf Kosten der anderen zu suchen, zerstört das Vertrauen zwischen den Menschen. Doch eine lebendige Struktur ist auf Kooperation angewiesen. Eine Gesellschaft, die nicht lernt zu kooperieren, hat keine Zukunft. Jeder kann, wenn wir kooperieren, dem Ganzen etwas geben, was der andere nicht kann. Das ist das Wichtigste in der Entwicklung des Lebendigen: Differenzierung und anschließend kooperative Integration des Verschiedenartigen.

2005 haben Sie im »Potsdamer Manifest« eine neue Art des Denkens gefordert. Reicht Denken allein?
Dürr:
Wir brauchen eine neue Art des Denkens, das eigentlich Mitfühlen, Empathie ist. Dass wir unsere wechselseitige Zusammengehörigkeit fühlen. Wir haben eine Art Internet im Hintergrund, wo die ganze Weisheit gespeichert ist. Wir müssen nur wissen, wie wir an die herankommen. Diese andere Weisheit ist nicht geeignet für ein Denken in dem Sinne, dass ich sofort weiß, wie ich handeln muss, sondern dass ich weiß, was gut zusammenklingt. Wie ein Orchester, in dem man die verschiedenen Instrumente aufeinander abstimmt. Das haben wir nur verdrängt in unserer Lebensweise. Das müssen wir wieder wecken.

Gehört für Sie auch Religion, Spiritualität dazu?
Dürr:
Ja. Das ist die Grundlage. Die moderne Naturwissenschaft zeigt ja, dass das Materielle nicht die Grundlage ist, sondern etwas, das eine Bindungsstruktur ist – man kann das Spiritualität oder Religion nennen. Es ist nichts Greifbares. Das steckt in uns allen. Wir haben nicht die Wahl, ob wir das wollen oder nicht. Es ist nur die Frage, inwieweit wir das noch in uns erkennen in der Hektik des Alltags. Religionen sind für mich schon wieder gefährlich. Denn sie sind Bewegungen, die das, was eigentlich nicht greifbar ist, wieder etwas greifbarer machen und dann aufschreiben, was richtig und falsch ist. Wir müssen wieder auf unsere Wurzeln zurückgehen, dann stellen wir fest, wir haben die Fähigkeit zu kooperieren, ohne Anstrengung. Die Natur kann das schon viel besser als wir. Wir sind da nur herausgerutscht und glauben, wir müssen alles kaputt machen, was wir nicht fassen und begreifen können.

Versuchter Mentalitätswandel

1. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Berichtet: In Kassel fand vom 24. bis 26. September die erste Zukunftswerkstatt der evangelischen Kirche statt
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Es geht um die Zukunft des Protestantismus im 21. Jahrhundert. Jetzt zog die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eine erste Bilanz des Reformprozesses.

Im Zentrum der Tagung mit Diskussionsforen und Werkstattgesprächen stand eine Rede des scheidenden EKD-Ratsvorsitzenden, Bischof Wolfgang Huber. Er forderte einen Mentalitätswandel in der evangelischen Kirche ein. »Wir sind durch eine Phase des Traditionsabbruchs gegangen, der sich auf die Vertrautheit mit dem christlichen Glauben und die Bindung an unsere Kirche negativ auswirkt«, sagte Huber im Eröffnungsvortrag. Aufgabe einer Volkskirche sei es aber, die Botschaft »von der freien Gnade Gottes« an »alles Volk auszurichten«. Scharfe Kritik übte Huber an der Selbstbezogenheit von Teilen des Protestantismus: »Wir sind im eigenen Milieu gefangen.«

Gegen die Milieuverengung des Protestantismus
Berührungsängste sorgten dafür, dass der Kirche der Zugang zu überlasteten Müttern ebenso schwer falle wie zu Hartz-IV-Empfängern. Und Teile der Kirche trügen Züge eines Lebens auf Pump: »Wir fordern die Kräfte von beruflich wie ehrenamtlich Mitarbeitenden bis zum Äußersten, ohne nach Notwendigkeit und Sinn der geforderten Aktivitäten zu fragen.« Falsch sei auch die »Verwohnzimmerung« des Protestantismus. »Es steht uns nicht offen, uns nur um die zu kümmern, die schon da sind«, sagte Huber. »Weil es um Hilfe und Heil Gottes für alle Menschen geht, können wir nicht ­unter uns bleiben.«

Vielen seiner Zuhörer musste Huber das indes nicht mehr sagen. Denn die Zukunftswerkstatt in Kassel war vor allem ein Treffen derer, die ohnehin schon an der Zukunft der evangelischen Kirche arbeiten. Es war ein Treffen einer protestantischen Elite. EKD-Synodale und Kirchenfunktionäre, aber auch zahlreiche Engagierte aus den rund 100 »Projekten guter Praxis«, die im Foyer der Kongresshalle Infostände hatten, bildeten die 1200 Teilnehmer.
Einige meldeten sich kritisch zu Wort. So warnte etwa die Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags, Ellen Ueberschär, vor einer missionarischen Überforderung der evangelischen Kirche. Und als am Abend des Eröffnungstages Hunderte Menschen mit brennenden Kerzen vor dem Kongresszentrum ein Nachtgebet feierten, erinnerte die hannoversche Bischöfin Margot Käßmann daran, dass Jesus nie »eine Elitetruppe rekrutiert« habe. Seine Jünger hätten Fehler gehabt und die ersten Gemeinden seien voller Streit gewesen. »Aber wir gehen in diese Nacht, mit dem Vertrauen, dass wir an unserem Ort, an dem wir gestellt sind, wirken können«, sagte die Bischöfin.

Warnung vor dem Wunsch nach eine Elitetruppe
Und auch der Hamburger Theologieprofessor Fulbert Steffensky wandte sich am Abschlusstag gegen jeden Zentralismus und jede Gleichheit. Protestantismus gebe es immer nur im Plural. »Die Gottesdienste im lutherischen Hamburg sehen anders aus als die der Reformierten in Emden«, so der Theologe. Einförmigkeit sei nie ein Ideal. »Der Protestantismus kennt ja nicht ein Depot von Wahrheiten, das von Kirchenleitungen verwaltet und von ihnen verkündet wird«, so Steffensky. »Sie wird gefunden im Dialog, manchmal auch im Streit unter den Geschwistern.«
Zum Abschluss aber zogen die Teilnehmer der Zukunftswerkstatt durch die Kasseler Innenstadt. Denn mit ­hohem Symbolgehalt hatten die Mitarbeiter aus dem Projektbüro für den Reformprozess im Kirchenamt der EKD eine Prozession an das Ende der Zukunftswerkstatt gesetzt: einen gemeinsamen Aufbruch der Protestanten. Und auch Bundespräsident Horst Köhler marschierte mit. Er forderte die Kirchen auf, auf die Fragen der Menschen zu hören und zeigte sich dankbar dafür, dass beide großen Kirchen »die Zukunftsthemen nicht scheuen«.

Zum Abschluss neun »Worte der Verlässlichkeit«
Schließlich aber war es wieder der ­Initiator des EKD-Reformprozesses, der Berliner Bischof Wolfgang Huber, der mit einem Appell zum Widerstand gegen den Zeitgeist und zum Aufbruch in die von Reformen geprägte Reformationsdekade den Zukunftskongress inhaltlich beendete. Neun »Worte der Verlässlichkeit« gab er
den Protestanten mit auf den Weg.

Die in ihrem Stil an die sechs Barmer Thesen erinnernden Aussagen kritisierten unter anderem den neuen Atheismus, Kleinmut und Verzagtheit. Sie stehen wie alle anderen Texte des Zukunftskongresses im Internet zum Download bereit.

Von Benjamin Lassiwe

www.kirche-im-aufbruch.ekd.de

“Worte der Verlässlichkeit”, vorgestellt auf der Zukunftswerkstatt der EKD vom 24. bis 26. September 2009 in Kassel

1. Gottesbegegnung
“Wer Asche hütet, den hat sein Herz getäuscht.” (Jesaja 44, 20) Christen vertrauen auf Gott, den Schöpfer allen Lebens. Bei ihm suchen sie die Wahrheit über ihr Leben, über Größe und Gebrechen, über Glanz und Grenzen. Christen widerstreiten dem Irrtum, das Leben ohne Gott sei friedlicher und freier, toleranter und lebenswerter.

2. Lebenserneuerung
“Unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Netze des Vogelfängers, das Netz ist zerrissen und wir sind frei.” (Psalm 124, 7) Unsere Seele sehnt sich nach der Befreiung aus den Fallstricken der Selbstüberschätzung und der Unverbindlichkeit. Christen vertrauen darauf, dass ihre Freiheit in der Bindung an Christus eine klare Gestalt gewinnt. Sie widerstreiten der Unwahrheit, dass Besitz, Leistung und Konsum allein ein Leben frei und sinnvoll machen könnten.

3. Hoffnungsleben
“Und bleibe bei dem, was dir dein Herz rät.” (Jesus Sirach 37, 17) Hoffnung ist der Halt eines festen Herzens. Christen bezeugen Gott als Grund und Ziel aller Hoffnung, als “Schutz und Schirm vor allem Argen, als Stärke und Hilfe zu allem Guten”. Sie widerstreiten der Verzagtheit, die sichtbare, vermessbare Welt sei die einzig wahre Welt.

4. Weitergeben
“Gott aber gebe mir, nach seinem Sinn zu reden und so zu denken, wie es solcher Gaben würdig ist.” (Weisheit Salomos 7, 15) Heilige Texte, gewachsene Lehren, gereifte Rituale sind Schätze in irdenen Gefäßen. Ohne Tradition gelingt keine Emanzipation, reine Gegenwärtigkeit ist banal. Christen widerstreiten der Vergesslichkeit; die Schätze des Wissens, des Glaubens und des Tuns weiterzugeben an die nächste Generation, ist ihnen Reichtum, Ehre und Aufgabe.

5. Zusammensein
“Finde ich fünfzig Gerechte …, so will ich um ihretwillen dem ganzen Ort vergeben.” (1 Mose 18, 26) Eine Gesellschaft lebt aus Quellen, die sie dankbar annehmen und weiter entwickeln, aber nicht selbst hervorbringen kann. Christen halten die Quelle des Mitgefühls, des Engagements und der Verantwortlichkeit lebendig: es ist die Gemeinschaft mit Gott. Sie widerstreiten dem Kleinmut, dass der Einsatz für die Würde des Menschen, für die Solidarität mit den Schwachen und für die Bewahrung der Schöpfung vergeblich seien.

6. Innehalten
“Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen.” (Jesaja 30, 15) Der Lärm der Welt macht Menschen taub und stumm vor Gott. Leben aus der Verwunderung über Gottes Gegenwart, Einkehr bei Gott, Atmen mitten im Sturm, Freibleiben in aller Angst – das ist Gebet. Christen widerstreiten der Überheblichkeit, Sinn, Glück und Erfüllung selbst herstellen, ja, sich selbst erlösen zu können.

7. Nachhaltigkeit
“Wer voll brünstiger Gier ist, der ist wie ein brennendes Feuer und hört nicht auf, bis er sich selbst verzehrt hat.” (Jesus Sirach 23, 22) Der Appetit der Gegenwart darf nicht zum Hunger der Zukunft werden. Christen stehen ein für eine Welt, in der auch Kinder und Enkel noch leben können, – schuldenfrei, lastenleicht, unverbaut. Sie widerstreiten der Hoffnungslosigkeit, dass Bescheidenheit, Entschleunigung, Nachhaltigkeit in einer wachstumshörigen Welt unmögliche Tugenden seien.

8. Vertrauen
“Wenn ich ihnen zulachte, so fassten sie Vertrauen.” (Hiob 29, 24) Vertrauen ist das wahre Kapital jedes Zusammenlebens. Christen setzen sich dafür ein, dass dieses Kapital als “Stiftung für das Leben” von niemandem leichtfertig verzehrt wird. Sie widerstreiten dem Irrtum, dass kleine Vertrauensbrüche keinen großen Schaden anrichten.

9. Unterwegs sein
“Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, … den Helm des Heils, und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.” (Epheser 6, 16) Kirchen bieten Heimat auf dem Weg in die Zukunft. Von Gott Gutes zu sagen, ist das Herz ihres Dienstes. Musik ist der Klang ihres Trostes, Bildung die rechte Hand ihres Glaubens und Gerechtigkeit die Farbe ihres Engagements. Christen widerstreiten dem Kleinglauben, zurückgehende Ressourcen könnten Kraft und Klarheit des Wortes Gottes schwächen.

Ein einig Volk von Süchtigen

25. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

20 Jahre nach dem Mauerfall sind die Probleme in Deutschland fast unüberschaubar. Doch die wirklichen Fragen beantwortet kein Parteiprogramm.

Die Gefangenschaft des Volkes in der Sucht nach Geld, Wohlstand und Verdrängung der Probleme gefährdet inzwischen die Demokratie selbst – so die  nüchterne Analyse des Psychotherapeuten Hans-Joachim Maaz. (Foto: Uwe Zucchi/picture-alliance/dpa)

Die Gefangenschaft des Volkes in der Sucht nach Geld, Wohlstand und Verdrängung der Probleme gefährdet inzwischen die Demokratie selbst – so die nüchterne Analyse des Psychotherapeuten Hans-Joachim Maaz. (Foto: Uwe Zucchi/picture-alliance/dpa)

Dass die Wähler vor vier Jahren die beiden großen Volksparteien zusammengeführt hatten, darin vermutete ich damals einen möglichen Ausdruck des kollektiven Unbewussten, in schwierigen Zeiten die stärksten politischen Kräfte zu ­vereinen. Wenn einer Gesellschaft schmerzliche Erkenntnisse und belastende Veränderungen bevorstehen, sollten die notwendigen politischen Entscheidungen nicht durch den Kampf um Mehrheiten abgeschwächt oder ganz und gar verhindert werden.

Die vom Wähler ermöglichte große Kraft, die zentralen Aufgaben unseres Lebens anzupacken – Klimaschutz, Umweltschutz, Schuldenabbau, Vollbeschäftigung, Frieden, soziale Gerechtigkeit, Bildung, Kinderbetreuung – ist nicht gefunden und genutzt worden. Schlimmer noch: Die Krise des »real existierenden Kapitalismus« führt nicht zu ernsthaften Bemühungen, die Ursachen zu erkennen und zu kurieren. Im Wesentlichen erfolgen irrwitzige symptomatische Maßnahmen, um die Folgen der Krise abzu­federn, nicht aber ihre Ursachen zu beseitigen.

Als eine Quelle der irrationalen und virtuellen Spekulationsspiele, die zur Finanzkrise geführt haben, wird die Gier genannt. Gier ist ein Symptom der Süchtigkeit. Natürlich ist es notwendig, dass die Banken reguliert und kontrolliert werden und auch für riskante Fehlspekulationen haften müssen. Aber wir dürfen nicht das unheilvolle Zusammenspiel mit der Gier der Kleinanleger übersehen. Das ist die erste bittere Erkenntnis, dass die Schuld nicht allein auf zockende Banker und gewissenlose Manager abgeschoben werden kann, sondern wir müssen in der Finanz- und Wirtschaftskrise die Folgen einer süchtigen Gesellschaft erkennen.

Eine zentrale Erkenntnis der Suchterkrankungen lautet: Nicht die Droge macht süchtig, sondern der süchtige Mensch sucht nach Mitteln, seine ­inneren Spannungen, Defizite und Unsicherheiten zu dämpfen. So kann auch Geld zur Droge werden. Wir sind durch Geld in eine Suchtkrise geraten, die zurzeit durch noch mehr Geld bewältigt werden soll. Man braucht kein Suchttherapeut zu sein, um die Absurdität dieser Maßnahmen zu begreifen.

20 Jahre haben wir Ostdeutschen um den Anschluss an den vom Geld dominierten materiellen Wohlstand gerungen und dabei ideelle Werte ­unseres früheren Lebens verkauft. Dadurch sind viele Illusionen geplatzt und Ernüchterungen bis Enttäuschungen haben neue Vorurteile, Projektionen und Radikalisierungen befördert. Wenn Demokratie nur an ­materielle Werte gebunden bleibt und nicht als eine innerseelische Erfahrung und beziehungsdynamische ­Praxis gelebt wird, ist sie in der gegenwärtigen Krise stark gefährdet.

»Innerseelische Demokratie« meint eine Kultur, die es ermöglicht, auch Ängste, Schwächen, Unvermögen bei sich selbst zu erkennen und zu akzeptieren, um sich nicht verstellen zu müssen und den inneren Frust an Feindbildern und Sündenböcken abzuarbeiten. Und in einer demo­kratischen »beziehungsdynamischen« Praxis wird nicht allein um Erfolg und Sieg gerungen, sondern auch das unvermeidbare Versagen und Verlieren werden akzeptiert und begründen durch Einsicht, Analyse und emotionale Verarbeitung eine Kultur der Begrenzung.

Das aber ist das letzte große Tabu unserer Gesellschaft. Dass alles Leben begrenzt ist und nicht nur vom Wachstum bestimmt sein kann, sondern auch vom Ende, vom Sterben und Vergehen, das wird natürlich gern verleugnet. Und kein Politiker kann es sich leisten, die Realität der Begrenzung zu vertreten, er hätte keine Chance, gewählt zu werden. Also auch das Volk – die Wähler – nötigen die Politiker zur einseitigen Darstellung, zur Phrase und wenn nötig auch zur Lüge.

Die Krise des Kapitalismus hat die deutsche Einheit vollendet, indem es nicht mehr vorrangig um Gewinner und Verlierer im Kampf um die Droge Geld geht, sondern um die Herausforderung, unsere Lebensform und Lebensziele kritisch zu überdenken. Was wir alle zu leisten haben, sind Antworten auf folgende Fragen zu finden:

  • Wie können wir ohne materielles Wachstum gut leben?
  • Wie können wir gerechter verteilen?
  • Wie können wir destruktives Agieren – Umweltzerstörung, Gewalt, Ausbeutung und Kriege – vermindern?
  • Wie können wir bei wirtschaftlicher und informativer Globalisierung auch globale ethische Normen und Werte erreichen?

Es gibt keine einfachen Lösungen und schnelle Antworten auf diese Fragen. Aber der Umgang mit ihnen wird über unsere Zukunft bestimmen. Was wir nicht durch Erkenntnis, Sozialverhalten und Politik bewältigen, wird uns mit Gewalt überrollen. Wenn etwas Zerstörerisches und Belastendes den zukünftigen Generationen aufgebürdet wird oder unser Wohlleben mit Ausbeutung anderer Menschen erkauft wird, ist unser Leben prinzipiell falsch, verlogen und vergiftet. Deshalb ist immer soziales und politisches Engagement für ehrlichere, natürlichere und gerechtere Lebensformen gefordert.

Auch wenn wir feststellen, dass der persönliche Einfluss unerheblich ist, darf man immer auf eine unerwartete Entwicklung hoffen, in der plötzlich etwas in Erfüllung geht, was man nie für möglich gehalten hat. 1989 ist ein lebendiges Beispiel dafür. Dies war aber nur möglich, indem Einzelne aktiv geworden sind und dadurch schließlich eine Massenbewegung zustande gekommen ist. Darin liegt der bleibende Wert des persönlichen Engagements.

Aber unabhängig von solchen historisch bedeutsamen Ereignissen, bleibt die Verantwortung für das individuelle Leben bei jedem Einzelnen. Und die darf man nicht auf Politiker, Manager, Banker – nicht einmal auf Freunde und Partner – delegieren. Ich fasse diese Verantwortlichkeit mit dem Begriff der »Beziehungskultur« zusammen. Es geht dabei um so wichtige Fragen, wie ich mit mir selbst und meinen ganz persönlichen Beziehungen zufrieden bin.

Weiß ich wirklich, wer ich bin und was ich will – auch außerhalb des ­elterlichen Einflusses, der ökonomischen Zwänge, der Mode und des Zeitgeistes? Und verfüge ich über Möglichkeiten, zwischen unvermeidbarer Anpassung und notwendiger Emanzipation, zwischen entlastender, aber vielleicht auch lähmender Abhängigkeit und befreiender, aber auch anstrengender Eigenständigkeit den individuellen Weg zu finden und die eigene Würde zu wahren? Ich würde so nicht fragen und sprechen, wenn ich nicht als Arzt und Psychotherapeut die erheblichen Schwierigkeiten vieler Menschen kennen würde, wirklich gut zu sich zu finden und nicht nur ein Leben zu führen, um es anderen recht zu machen und die erwarteten Normen und Werte zu erfüllen.

Ich glaube auch an heilsame Wirkungen einer Beziehungskultur, weil Menschen, die wieder lernen, sich ehrlich und unverstellt mitzuteilen und ihre Gefühle leben können, viel unabhängiger von äußeren Umständen leben und entlastende Befriedigung aus herzlichen mitmenschlichen Kontakten gewinnen. Aber eine solche Beziehungskultur steht nicht zur Wahl. Vielleicht war der Wahlkampf auch deshalb so träge und ­uninteressant, weil sich alle mehr oder weniger darin einig sind, die wirklichen Probleme unseres Lebens zu verleugnen.

Die notwendigen Veränderungen unserer Lebensweise sind in keinem Parteiprogramm zu finden. Ich gehe dennoch zur Wahl, um radikalen Gruppierungen keine relative Macht zu überlassen und weil Nicht-Wähler bisher weder Beachtung noch Wirkung erzielen. Vor allem aber bleibt die individuelle Verpflichtung, außerparlamentarische Realitäten einer Beziehungskultur zu gestalten, die auch zu neuen politischen Wirklichkeiten führen können.

Die Frage, inwieweit Ostdeutsche in der Demokratie angekommen sind, lässt sich relativ leicht mit dem erreichten Wohlstand beantworten. Wem es materiell gut geht, der schätzt Demokratie, auch wenn er kein ­Demokrat ist. Wem es finanziell und sozial schlecht geht, der schimpft auf die Demokratie und neigt zu Vorurteilen und Radikalisierung. Und ­genau diese Abhängigkeit vom Geld macht die Gefahr für die Demokratie aus. Wenn die Droge knapp wird, drohen Entzugssymptome und die sind immer – nach innen und nach außen – destruktiv.

Über andere Lebensformen zu diskutieren und wertvolle Beziehungserfahrungen einzubringen, damit könnten Ostdeutsche in der Krise des Kapitalismus zur Geltung kommen. Im Mangel gut zu wirtschaften, in der Repression die Würde zu wahren, dem Verrat und der Korruption zu widerstehen und im menschlichen Kontakt sich zu öffnen und gegenseitig zu helfen, das sind krisenfeste Kompetenzen und eine gute Basis für eine Beziehungskultur, die das zur Gier führende Konkurrenzverhalten wesentlich vermindern helfen kann. Süchtigkeit kann nur in liebevollen, einfühlsamen und frei lassenden Beziehungen verhindert und geheilt werden.

Der Hallenser Psychiater, Psychoanalytiker und Publizist Dr. med. Hans-Joachim Maaz war Chefarzt der Psychotherapeutischen und Psychosomatischen Klinik im Diakoniewerk Halle und ist seit Jahren ein kritischer Begleiter der Situation im wiedervereinigten Deutschland.

Das Glück macht regelmäßig Pause

18. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Interview: Das Geheimnis des Glücks – ein Gespräch mit dem Philosophen Wilhelm Schmid

Das Leben besteht aus ­Gegensätzen: aus Freude und Unlust, Positivem und Negativem und zum Leben gehört der Tod. Und das ist gut so, findet Wilhelm Schmid. Mit ihm sprach Sabine ­Kuschel.

Wilhelm Schmid wurde ­bekannt durch seine Bücher über die Fülle des Lebens und das Glück. Geboren 1953 in Billenhausen in Bayrisch-Schwaben, ­studierte er Philosophie und ­Geschichte. Er lebt als freier Autor  in Berlin und hält deutschlandweit Vorträge. Außerdem lehrt er Philosophie als außerplan- mäßiger Professor an der ­Universität Erfurt. Jahrelang arbeitete er als »philosophischer Seelsorger« in einem Schweizer Krankenhaus. Foto: Dirk von Nayhauß

Wilhelm Schmid wurde ­bekannt durch seine Bücher über die Fülle des Lebens und das Glück. Geboren 1953 in Billenhausen in Bayrisch-Schwaben, ­studierte er Philosophie und ­Geschichte. Er lebt als freier Autor in Berlin und hält deutschlandweit Vorträge. Außerdem lehrt er Philosophie als außerplan- mäßiger Professor an der ­Universität Erfurt. Jahrelang arbeitete er als »philosophischer Seelsorger« in einem Schweizer Krankenhaus. Foto: Dirk von Nayhauß

Herr Schmid, die meisten Menschen sind irgendwie auf der Suche nach dem Glück. In Ihren Büchern hingegen wird deutlich, dass das Streben nach Glück im Leben nicht das Wichtigste ist …

Schmid: In der Philosophiegeschichte kann man beobachten: Die Frage nach »Glück« beschäftigt die Menschen nur alle Hundert Jahre mal. Bei der Suche danach werden sie verrückt und dann legt sich das wieder und alle führen ein normales Leben. Das war z. B. im Zeitraum 1750 bis 1800 so. Damals hatten viele Menschen den Eindruck, ohne Glück lohne sich das Leben überhaupt nicht. Das gab sich dann wieder. Auch heute und hier könnte man sagen: Guckt wie das in Afrika, in Bangladesch ist. Glaubt ihr, dass diese Leute Zeit haben, sich jeden Tag nach dem Glück zu fragen? Sollten wir uns nicht vielmehr darum kümmern als unsere Zeit damit zu verbringen, dem Glück hinterherzuhechten, und es genau dadurch zu verfehlen?

Wichtiger als Glück, so schreiben Sie, ist Sinn. Das klingt zunächst abstrakt, ist jedoch greifbar nahe: Sinn ist dort, wo Zusammenhänge entstehen oder hergestellt werden. Und dies geschieht durch sinnliche Erfahrungen: durch Sehen, Hören, Schmecken, Berühren. So einfach ist das.

Schmid: In der Philosophie zeigt sich: Die Wahrheit ist immer ganz einfach. Und so ist es mit dem Sinn eben auch. Dadurch, dass wir sehen, hören, riechen, schmecken, tasten, bekommen wir Zusammenhang mit der Welt. Und je stärker wir diesen sinnlichen Zusammenhang mit der Welt haben, desto stärker haben wir das Empfinden von Sinn. Das ist allerdings nur der Anfang. Es gibt noch anspruchsvollere Ebenen von Sinn, wenn gefühlte Zusammenhänge entstehen zwischen Menschen, z. B. in der Freundschaft, noch mehr in der Liebe. Wenn Menschen sich sehr lieben, stellen sie die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht mehr. Das ist sehr typisch für diese Menschen. Sie sind im Besitz des Sinns des Lebens, und müssen deswegen gar nicht mehr danach fragen.

Demnach haben religiöse Menschen gute Chancen, Sinn zu fühlen, wenn sie nach Gott fragen und damit einen größeren, über sie selbst hinausführenden Zusammenhang suchen?

Schmid: Ja, es gibt auch geistige Zusammenhänge. Das ist mir wichtig zu sagen: Es gibt die Möglichkeit sich einen Zusammenhang zwischen endlicher Welt und unendlicher Welt vorzustellen. Ich weiß nicht, ob es diese andere Welt gibt. Aber im Leben ist ­alles nach Gegensätzen organisiert. Aus dieser Tatsache schließe ich, dass es zum Endlichen auch noch den ­Gegenpol des Unendlichen gibt. Ich kann über diese Dimension nichts Zuverlässiges sagen. Ich kann nicht mal sicher sagen, ob es sie gibt. Es liegt mir fern, diese Dimension präzise zu benennen, so wie Theologien es tun. Sie sagen: Diese Dimension heißt Gott. Ich spreche lieber vom Göttlichen, das ist etwas neutraler. In unserer abendländischen christlichen Geschichte wird Gott gern als Mann vorgestellt. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott ausgerechnet ein Mann sein soll. Ich stelle mir auch nicht vor, dass es eine Frau ist. Ich stelle mir vor, dass er fern von allen menschlichen Kategorien ist. Deswegen leider auch fern von Kategorien wie »Gut« und »Gerechtigkeit«. Denn das sind mensch-
liche Kategorien. Im 1. Kapitel des Johannesevangeliums, Vers 18 heißt es: »Niemand hat Gott je gesehen.« Dieser Text zeigt, dass auch im Christentum ein philosophisches Bewusstsein vorhanden ist. Dass all das, was Gott dann zugeschrieben wurde, menschliche Leistung ist.

Die Theodizee, die Tatsache, dass in unserer Welt Böses geschieht, macht es manchen Menschen, auch Christen schwer, an Gott zu glauben …

Schmid: Die Christen sind selber Schuld, wenn sie an einen Gott glauben, der nicht die gesamte Fülle des Lebens beinhaltet nach ihrem Verständnis. Im Unterschied zu anderen Religionen glauben Christen, Gott müsse absolut gut sein. Er darf nicht zugleich böse sein. Er darf nur das Positive repräsentieren und nicht auch das Negative. Mit so einem Gottesbild kann man nur scheitern, denn Leben beinhaltet auch negative Seiten und auch Leid. Gott festgelegt zu haben auf denjenigen, der nur für das Gute steht, bringt die Theodizee erst hervor. Die Theodizee ist nicht Gottes Problem, die Theodizee ist das Christenproblem. Wenn wir annehmen, dass Gott für Allmacht steht, dann muss er auch Negatives umfassen, sonst gibt es keine Allmacht. Wenn Gott nur für das Gute stünde, müsste man sagen: Das ist keine Allmacht, das ist nur eine Halbmacht.

Glücklich ist, wer einsieht, dass zur Fülle des Lebens die Gegensätze gehören …

Schmid: Dass das Leben nicht nur aus Lust und Freude besteht, kann jeder jeden Tag an seinem eigenen und am Leben anderer studieren. Leben ist Freude und Nichtfreude. Es gibt nicht nur Erfolg. Es gibt ­ immer auch Misserfolg. Alle erfolgreichen Menschen haben entsetzliche Erfahrungen von Misserfolg gemacht. Deswegen sind sie so erfolgreich ­geworden, weil sie sich nach Misserfolgen wieder berappelt haben.

Leben ist immerwährende Gegensätzlichkeit. Die entscheidende Frage dabei: Kann ich damit einverstanden sein? Kann ich aufhören damit, ständig gegen das anzukämpfen was mir nicht passt. Wenn ich das kann, ergibt sich daraus eine Haltung der Gelassenheit. Ein Mensch, der das Leben in seiner Gegensätzlichkeit gelten lassen kann, wird heiter, im Unterschied zur Fröhlichkeit. Heiterkeit gibt es nicht nur in positiven, sondern auch in negativen Zuständen. Heiter kann man auch sein, wenn man traurig ist. Es ist ein grundsätzliches Einverstandensein mit dem Leben.

Wir müssen akzeptieren, dass es Negatives gibt?

Schmid: Es ist eine sehr große Frage, mit welchem Negativen wir leben müssen. Wenn ein Mensch Parkinson bekommt, wäre ich der Letzte, der sagen würde: Nun, damit muss er leben. Nein, ich sage: Lasst uns Forschungen machen, um herauszufinden, ob es dafür genetische Ursachen gibt. Aber wir können nicht erwarten, dass diese Forschungen – wenn sie erfolgreich sein sollten, dass nicht trotzdem Nebenwirkungen auftreten. Die ganze bisherige moderne Geschichte zeigt: Mit allem, was wir an Negativem abschaffen, schaffen wir uns irgendetwas herbei, das doch wieder negativ ist. Wir dürfen nicht daran glauben, dass dieser Prozess jemals aufhören wird. Und wissen Sie was, ich bin sehr froh darüber, denn so haben wir immer etwas zu tun. Denn wie stellen Menschen sich das vor, wenn es nichts mehr zu kämpfen gebe: gegen Negatives, gegen Verletzungen, gegen Traumatisierung, gegen Krieg, gegen Krankheit, gegen Hunger, gegen Not? Wenn wir nichts mehr zu kämpfen ­haben, glauben wir im Ernst, dass wir dann noch zu Höchstleistungen imstande sein werden?

»Verweile doch, du bist so schön«, sagt Goethe über die glücklichen ­Momente. Und so geht es uns auch. Wir wollen das Glück festhalten …

Schmid: Es ist wichtig, Auszeiten ­dazwischenschalten, die sich ja im ­Leben ganz von allein einstellen. Die sogenannten tristen grauen Zeiten, die sind dafür da, dass das Glück sich wieder erholen kann.

Und wenn es nach einer Pause nicht wieder zurückkommt?

Schmid: Wenn Menschen aus ihrem Unglücklichsein nicht mehr herauskommen, müssen sie sich darin einrichten. Am besten mit einem Garten. Wenn kein Garten zur Verfügung steht, dann wenigstens mit einem Balkon. Wenn kein Balkon zur Verfügung steht, dann wenigstens mit einem kleinen Garten im Zimmer, also Pflanzen. Da erlebt man die Kreisläufe der Natur. Eine Pflanze gedeiht, fällt in sich zusammen und kommt von Neuem hervor. Wenn der Mensch das sieht, fühlt er sich wieder geborgen. Denn wir können Sinn erfahren in den Zusammenhängen, die zwischen uns und allem Leben existieren. Ich bin nur ein Teil, ein Sandkorn, inmitten dieser belebten und unbelebten Natur. Ich kann mich eingegliedert ­fühlen in diese äußerste Vielfalt von Zusammenhängen.

Es hat gute Gründe, warum Menschen auftanken können, wenn sie raus in die Natur gehen. Hier finden sie eine Fülle an Sinn vor, die das Leben für sich allein in der Wohnung nicht bieten kann.
In der linearen Zeit der Moderne kann ein Mensch sich nicht geborgen fühlen. Der moderne Mensch kennt nur vergehende Zeit und hastet ihr ständig hinterher. Schon wieder sind fünf Sekunden vergangen. Aber die Zeit vergeht ja nicht. Der moderne Mensch glaubt daran, dass die Zeit vergeht, er letzten Endes stirbt und danach ins Nichts fällt. Ich kenne kein Nichts. Nehmen wir den menschlichen Körper. Wenn er nach dem Tod in die Erde gelegt wird, tut die Natur ihr Werk. Nicht ein Atom wird vernichtet, kein Molekül geht verloren. Es wird umgewandelt in neues Leben. Sollte das mit der Seele und dem Geist so viel anders sein? Das Leben ist wertvoll genau dadurch, dass es zeitlich begrenzt ist. Alles was begrenzt ist, wird wertvoll. Würde das Leben endlos dauern, hätte es keinen Wert mehr. Wir würden ein furchtbar, um nicht zu sagen, tödlich langweiliges Leben führen.

Auf der Flucht vor der US-Armee

Kriegsdienstverweigerung: Der Deserteur André Shepherd hat in Deutschland Asyl beantragt.

Deserteuren eilt der Ruf des Kriegs- und Vaterlandsverrates voraus. Doch was ist, wenn weiterer Kriegsdienst Verrat am eigenen Gewissen ist?

War offiziell Teil der »Guten« und merkte, dass er doch dem Bösen dient: André Shepherd desertierte nach einem Einsatz in Irak von der US-Armee. (Foto: connection-ev.de)

War offiziell Teil der »Guten« und merkte, dass er doch dem Bösen dient: André Shepherd desertierte nach einem Einsatz in Irak von der US-Armee. (Foto: connection-ev.de)

Hätte man André Shepherd mit 19 Jahren nach seinen Zukunftsplänen gefragt, hätte er vermutlich erklärt, etwas mit Computern machen zu wollen. »Roboterentwicklung hat mich schon immer fasziniert.« Dass der US-Amerikaner heute Bewohner eines Asylbewerberheims in Süddeutschland ist, und von staatlicher Versorgung und 40 Euro Taschengeld im Monat lebt, hätte er dagegen wohl selbst in seinen übelsten Albträumen nicht vorhergesehen.

Doch in den USA platzte Ende der 1990er Jahre die »dot.com«-Blase. Mit der Computerindustrie ging es berg­ab, und der frisch ausgebildete Informatiker Shepherd fand keinen Job. 2004 meldete er sich freiwillig zur ­Armee. »Ich war zwei Mal obdachlos, nachdem ich die Universität beendet hatte«, sagt Shepherd. »Ich habe auf einen guten Start in ein besseres Leben gehofft.« Denn als Shepherd in die Armee eintrat, hatte man ihm versprochen, ein Teil des Guten zu sein. Shepherd würde gegen Diktatoren wie Saddam Hussein kämpfen, und überall auf der Welt Menschen die Freiheit bringen. »Im Rekrutierungsbüro bat man mich, die Welt zu retten«, sagt Shepherd. »Aber ich muss zugeben, dass ich damals auch sehr naiv war.«

Dass sich der Alltag in der US-Armee dann doch etwas anders darstellt, merkte Shepherd im Irak. Er war zum Mechaniker für den Kampfhubschrauber Apache AH-64 ausgebildet worden, der mit Raketen und Maschinengewehren feindliche Ziele beschießt. »Alles, was man mir damals erzählt hat, war eine komplette Lüge«, sagt Shepherd heute. »Der Irakkrieg dient doch nur dazu, die Amerikaner gegen den Iran in Stellung zu bringen – unsere Armee war lediglich ein Werkzeug des Imperialismus.« Die von George W. Bush als Kriegsgrund genannten Massenvernichtungswaffen habe es im Irak nie gegeben. Als seine Einheit nach ihrem Einsatz im Irak wieder an ihrem Stützpunkt in Katterbach (bei Ansbach) stationiert war, beschloss Shepherd, zu desertieren.

»Ich packte alle meine Sachen in mein Auto, und fuhr einfach davon«, sagt Shepherd. Freunde halfen ihm mehrere Monate lang. Dann stellte der Amerikaner den Antrag auf politisches Asyl in Deutschland. »In den USA bin ich zur Fahndung ausgeschrieben, weil ich in Kriegszeiten von der Truppe desertiert bin«, so der ehemalige Soldat. Dem Deserteur droht deswegen theoretisch sogar die Todesstrafe. »Ich kann kein amerikanisches Konsulat betreten, nicht nach Hause fahren – und auch nirgendwo hin, wo die Amerikaner Einfluss haben.«

Doch André Shepherd hat eine Mission: Auf Veranstaltungen christlicher Friedensorganisationen wirbt er für seine Sicht der Kriege im Irak und Afghanistan. »Ich denke, dass auch der deutsche Einsatz in Afghanistan verkehrt ist«, sagt André Shepherd, während in den Nachrichtensendungen des Fernsehens die Bilder vom Angriff auf die entführten Tanklastzüge in Kundus um die Welt gehen. »Auch dort geht es nicht mehr um die Suche nach Osama bin Laden, wie es George Bush einst verkündet hat«, sagt Shepherd. »In Afghanistan geht es um den politischen Einfluss am Hindukusch, um den Bau von Pipelines abzusichern.«

Dabei ist Shepherd nach wie vor durchaus davon überzeugt, dass ein Krieg in bestimmten Fällen auch gerechtfertigt sein kann. »Krieg darf aber immer nur das letzte Mittel sein, und im Irak wie in Afghanistan waren wir noch nicht in dieser Situation.«

In Deutschland wird Shepherd von christlichen Organisationen unterstützt, wie dem Verein »Connection e.V.«, der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerer und der Zentralstelle für Recht und Schutz von Kriegsdienstverweigerern aus Gewissensgründen. Halt und Rechtfertigung aber gibt ihm sein wiedergefundener Glaube: »Ich komme aus einer baptistischen Familie, und war nie besonders religiös«, sagt ­Shepherd. Aber: »Als ich Asylbewerber wurde, begann ich wieder nach dem Sinn des Lebens zu fragen«, sagt Shepherd. »Ich begann, wieder in der Bibel zu lesen – und merkte, dass ich alles, was dort über Krieg und Frieden stand, innerlich schon lange unterschrieben habe.«

Benjamin Lassiwe

Der Streit um die Deserteure

Mehr als 100 Friedensgruppen und Organisationen aus der gesamten Bundesrepublik haben sich in einem gemeinsamen Aufruf für die Anerkennung des Asylantrages des US-Deserteurs André Shepherd ausgesprochen. Darin heißt es: »Wir betonen: Kriegsdienstverweigerung und Desertion sind ­mutige individuelle Schritte, sich nicht an Krieg, Kriegsverbrechen und ­militärischer Gewalt zu beteiligen. Das Nein zum Krieg ist ein wichtiger Schritt zur Beendigung des jeweiligen Krieges.« Die Bundesregierung wird deshalb aufgefordert, Shepherd Asyl zu gewähren.

Wie umstritten der Umgang mit Deserteuren ist, zeigt der jahrzehntelange Kampf um die Rehabilitierung der Wehrmachtdeserteure. Während alle ­anderen Unrechtsurteile der NS-Militärjustiz 1989 pauschal aufgehoben wurden, galt für Deserteure nach dem sogenannten »Kriegsverrats«-Paragrafen eine Einzelfallprüfung – heute freilich in den meisten Fällen gar nicht mehr möglich. Erst an diesem Dienstag hat der Bundestag die entsprechenden NS-Urteile pauschal annulliert. Kein Wunder, dass gegen die Einweihung ­eines

Denkmals für Deserteure und Opfer der NS-Militärjustiz am 1. September in Köln ein rechtsextremes Netzwerk »Nationaler Sozialisten« mit dem Slogan »Eidbruch ist keine Heldentat« zu Felde zog … (GKZ)

Drei konkrete Möglichkeiten zur Unterstützung von André Shepherd finden sich unter
www.connection-ev.de/aktion-usa.php.

Die graue Eminenz hinter unserem Tun

3. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Glaube und Ethik: Das Gewissen beeinflusst unser Entscheiden und Handeln, aber es ist weder definiert noch hinterfragbar

»Ein gutes Gewissen ist das beste Ruhekissen«, sagt der Volksmund. Doch was verbirgt sich hinter dieser ominösen ­Instanz eigentlich? Und wie ­sicher ist dieses Ruhekissen?

Nicht immer ist unser Gewissen ein ­sanftes Ruhekissen. Das Gewissen kann uns auch quälen – und sogar täuschen und verführen …  (Foto: Begsteiger)

Nicht immer ist unser Gewissen ein ­sanftes Ruhekissen. Das Gewissen kann uns auch quälen – und sogar täuschen und verführen … (Foto: Begsteiger)

Das Gewissen ist für unser Menschsein wesensbestimmend. Dass es existiert, aber wegen seiner komplexen Natur begrifflich nur schwer zu fassen ist, ist im Grunde genommen beinahe schon alles, was sich mit allgemeingültiger Bestimmtheit sagen lässt. Denn niemand, der auf intellektuelle Redlichkeit Wert legt, vermag ruhigen Gewissens zu sagen, was das eigentliche Wesen dieser »inneren Instanz« ist.

Während Theologen das Gewissen als ein Zeichen unserer Gottebenbildlichkeit deuten, handelt es sich für Psychologen und Soziologen lediglich um ein Produkt individueller und gesellschaftlicher Erfahrungen. Und unter manchen Hirnforschern sind sowohl der »freie Wille« als auch das »Gewissen« ohnehin nichts als pure Illusion. Gleich dem »Ich«, der ­»Moral« oder »Gott« ist auch unser »Gewissen« lediglich ein Konstrukt unseres Gehirns – also eines genetisch vorprogrammierten Ensembles von neuronalen Verschaltungen und biochemischen Prozessen.

Trotz aufsehenerregender Befunde der modernen Hirnforschung, bleibt das ­Gewissen aus philosophischer Sicht ein ursprüngliches Phänomen. Das heißt, es kann weder definiert noch hinterfragt – allenfalls befragt werden. Und zwar allein hinsichtlich seiner »tatsächlichen« – faktisch erlebbaren – Bedeutung. Unstrittig unter Geistes-, Sozial und Biowissenschaftlern ist immerhin, dass dem Gewissen eine fundamentale Bedeutung für die Sittlichkeit einer Person zukommt. Denn wie die Erfahrung lehrt, führt der Ausfall des Gewissens als Ganzes unweigerlich zur Perversion der Personalität.

In Sachen »Gewissen« erscheint also nur eines gewiss: Ohne Gewissen geht es nicht! Das Dilemma solch »negativer« Bestimmung ist, dass wir auf eine allgemeingültige »positive« Bestimmung, was denn nun ein »intaktes Gewissen« ausmacht, verzichten müssen. Weder wissen wir zu sagen, woher denn genau jene ­»innere Stimme« kommt, noch was sie uns eigentlich mitzuteilen hat. Doch diese auf den ersten Blick so unbefriedigende begriffliche Unschärfe hat auch ihr Gutes: Sie ist ein Hinweis darauf, dass »Gewissen« im engeren Bezug zur »Freiheit« steht.

Zwar gibt es mancherlei kollektive Übereinkünfte, die das soziale Zusammenleben in einer Gesellschaft regeln; die mehr oder weniger verbindlich festlegen, was »gut« oder »böse« ist. Doch diese von »außen« kommenden Normen sind nur Teil unseres erst im Lebensvollzug ­individuell erworbenen »inneren« sittlichen Bewusstseins. So vermag eine gelungene Sozialisation und Erziehung ­unsere Moral zwar mit Inhalten zu versorgen, doch das Gewissen selbst kennt keine konkreten Inhalte, sondern ausschließlich konkrete Situationen. Allein in der konkreten Situation, in der es sich bewährt, ist unser individuelles Gewissen »tatsächlich« gegenwärtig und geht dennoch nicht in der Situation auf. Anders ausgedrückt: Ohne sittliches Bewusstsein ist auch das Gewissen nichts. Aber ­seinem Gewissen zu folgen, bedeutet ungleich mehr als ein sittliches Bewusstsein zu haben.

Einer der Ersten, der im Gewissen eine individuelle, von aller kaiserlichen und päpstlichen Macht unabhängige Instanz erkannte, war Martin Luther. Auf dem Reichstag zu Worms 1521 trotzte er Kaiser und Papst mit den Worten: »Mein Gewissen ist gefangen in den Worten Gottes«. Dies war die Geburtsstunde des freien Individuums – des freien Christenmenschen, dessen Gewissen weder weltlicher noch kirchlicher Macht, sondern allein dem Willen Gottes unterworfen ist. Die Folgen jenes individuellen Gewissens- und Glaubensaktes auf die Geistesgeschichte des Abendlandes können gar nicht überschätzt werden. Auch unser Bundesverfassungsgericht steht gewissermaßen noch in der Nachfolge Luthers, wenn es der Stimme des Gewissens »den Charakter eines unabweisbaren, den Ernst eines die ganze Persönlichkeit ergreifenden sittlichen Gebotes« zubilligt.

Der Mensch hat indes die Freiheit, sein Gewissen zu verleugnen. Er kann die Verantwortung für sein Handeln »verpachten«, indem er sich etwa zum Instrument und Funktionär einer Partei, Institution oder Gruppe macht. Auch bedeutet ­»Gewissensfreiheit« keineswegs, dass die Stimme des Gewissens immer recht hat. Unser Gewissen ist vage und keineswegs vor Irrtümern gefeit.

Auch Gewissensentscheidungen bedürfen einer glaubhaften Begründung. Der Christ findet diese Begründung in der Bibel. Doch bedeutet dies nun ­keineswegs, dass sein Gewissen nun etwa automatisch eine direkte Verbindung zu Gottes Willen eingeht. Ach das christliche Gewissen bleibt vage.

Auch der Christ, sofern er nicht zur pharisäerhaften Selbstgerechtigkeit neigt, kann vom Gewissen gequält, verführt und in die Irre geleitet werden.

Auch der Christ hat Anteil an der Fragwürdigkeit menschlicher Existenz in einer gefallenen Welt. Sofern sich das Gewissen als ein Zug unserer Gottebenbildlichkeit, als ein ­Zeichen unserer besonderen Würde und Freiheit erweist, geschieht dies allein aus göttlicher Gnade.

Ein »gutes Gewissen« – so steht es im Hebräerbrief, Kapitel 9,13-14 – gewähren allein der Glaube an die Versöhnungstat Christi und das Wort der Vergebung.

Von Reinhard Lassek

Die Hoffnung noch nicht aufgegeben

27. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Entführt: Seit Jahren arbeiteten sie in einem Krankenhaus im Jemen – seit Wochen sind sie verschollen

Seit dem 12. Juni fehlt von der fünfköpfigen Familie Hentschel, die als christliche Aufbauhelfer im Jemen ­arbeiteten, jede Spur. Doch Verwandte und Freunde ­hoffen und beten weiter für ein glückliches Ende.

Wollten aus christlicher Verantwortung den Menschen helfen: Sabine und ­Johannes Hentschel aus Ostsachsen mit ihren Kindern Simon (1), Anne (3) und Lydia (5). Foto: privat

Wollten aus christlicher Verantwortung den Menschen helfen: Sabine und ­Johannes Hentschel aus Ostsachsen mit ihren Kindern Simon (1), Anne (3) und Lydia (5). Foto: privat

Der große Ansturm ist vorbei. Die Tage, als Dutzende Journalisten und Kamerateams die kleinen Dörfer Lauske und Meschwitz belagerten. Winzige Flecken auf der Landkarte im Osten Sachsens, kurz hinter Bautzen. Kaum jemand hatte je von ihnen gehört bis Mitte Juni, als bekannt wurde, die im Jemen entführte deutsche Familie kommt von hier.

Am 12. Juni zwischen 16 und 18 Uhr verschwanden die Lausitzer Johannes und Sabine Hentschel (beide 36) mit ihren drei Kindern Anne (3), Lydia (5) und dem einjährigen Simon. Sie waren zusammen mit zwei deutschen und einer koreanischen Kollegin sowie einem britischen Ingenieur in der nordjemenitischen Provinz Saada unterwegs. Wollten einen kurzen Ausflug machen. Doch sie wurden von Unbekannten angegriffen und verschleppt. Die beiden deutschen Mädchen, Praktikantinnen einer Bibelschule, und die Koreanerin hatte man kurz darauf tot aufgefunden. Von den Hentschels aber und dem Briten fehlt seither jede Spur.

»Es gibt nichts Neues«, sagt Reinhard Pötschke. Der Pastor einer freien evangelischen Gemeinde in Radebeul bei Dresden ist mit Johannes Schwester verheiratet. Geduldig, freundlich beantwortet er die immer gleichen Fragen von Journalisten. Erzählt, dass sein Schwager Johannes nicht unvorsichtig war, als er mit Familie und den Bekannten zum Picknicken aufbrach. »Die Gegend, in die sie wollten, ist ­sicher. Sonst hätten sie Wachen mitgenommen.«

Als die Familie ausreiste, herrschte Frieden im Land

Seit sechs Jahren arbeiten der studierte Maschinenbauer Johannes und seine Frau Sabine, die Krankenschwester, am staatlichen Krankenhaus »Mustaschfa al Dschimhuri« im Nordjemen. Zu Hause gehörten sie zur Landeskirchlichen Gemeinschaft. Als die Christen dort anfingen, ausgesandt von der niederländischen Hilfsorganisation »Worldwide Services«, gab es keinen Krieg in dem muslimischen Land. Johannes Eltern, Gottfried und Ruth Hentschel aus Lauske, schlugen darum auch nicht die Hände über dem Kopf zusammen. Sie wussten längst, den Johannes zieht es in die Welt. Schließlich hatte er schon seinen Zivildienst unter arabischen Behinderten abgeleistet, hatte auch die Sprache gelernt.

Seit einigen Jahren aber herrschen immer wieder bürgerkriegsartige Unruhen, besonders im Nordjemen. Die Armee liefert sich Gefechte mit Rebellen. Seit einigen Wochen verstärkt. 35000 Zivilisten sind in den letzten Tagen vor den Kämpfen geflüchtet. ­Jemens schwache Regierung ist momentan eigentlich viel zu sehr mit den Unruhen beschäftigt, um ernsthaft nach den Entführten zu suchen.

Reinhard Pötschke fährt oft in die Lausitz. Sieht nach den Eltern von ­Johannes und Sabine, die hier leben. Und schaut nach dem Haus in Meschwitz, in das die Hentschels in einem Jahr einziehen wollten. Ein uralter Umgebindebau mit dicken Balken. Johannes Hentschel und Reinhard Pötschke haben ihn zusammen saniert. Als Zuhause der Familie. In einem Jahr wollten sie aus dem ­Jemen zurückkommen, hier wohnen. Denn Tochter Lydia wollte in Deutschland, in Bautzen, zur Schule gehen. So hat sie es ihrer Oma Ruth Hentschel angekündigt. »Im Jemen kann ich nicht in die Schule. Da gehen nur Jungs hin«, hatte das Mädchen der Großmutter erzählt.

Die Rückkehr war für nächstes Jahr geplant
Ruth Hentschel muss lächeln, wenn sie daran denkt. Über Sattelitenfernsehen verfolgt man in Lauske die Nachrichten aus aller Welt, auch auf arabischen Sendern. »Wir verstehen das zwar nicht, aber vielleicht gibt es ja mal Bilder«, sagt Gottfried Hentschel. Sie haben die Hoffnung nicht aufgegeben, Johannes, Sabine und die Kinder wiederzusehen. Freunde von überall her schreiben Briefe, drücken ihre ­Anteilnahme aus. Teilnehmer der Allianzkonferenz in Bad Blankenburg haben Grüße und Segenswünsche ­geschickt. Einige Kirchengemeinden im Raum Bautzen beten regelmäßig für die Vermissten. Dass zu wissen, bedeutet den Hentschels viel. Auch, dass Landesbischof Jochen Bohl zum Gebet für die Familie aufgerufen hat.

»Im Alltag kann man sich schon ablenken, aber wenn wir alleine sind, dann rutscht man manchmal schon ganz tief«, flüstert Ruth Hentschel. Gerade jetzt ist es für die Familie besonders schwer, denn die fünfköpfige ­Familie sollte eigentlich hier sein, auf Sommerurlaub. Sie hatten sich alle so darauf gefreut. Stattdessen zünden sie Kerzen an. Beten für die Heimkehr ihrer Kinder, Enkel, Schwäger, Nichten, Neffen.

Und sie versuchen, das falsche Bild von Johannes und Sabine Hentschel gerade zu rücken. »Es sind so viele Gerüchte im Umlauf. Weil niemand wirklich weiß, was passiert ist, hat sich jeder seine eigene Geschichte zusammengereimt.« Reinhard Pötschke ist sich sicher, die Ausflügler haben sich ordnungsgemäß abgemeldet an jenem 12. Juni. Einen angeblichen Notruf übers Handy, von dem viel berichtet wurde, habe es nie gegeben. Die Koreanerin und die Bibelschüler hätten nicht versucht zu fliehen, so wie manche Medien berichteten. Sie wurden gezielt hingerichtet. Auch missioniert haben Johannes und Sabine Hentschel nicht in dem islamischen Land, da sind sich Ruth und Gottfried Hentschel sicher. »Sie sind viel zu ­erfahren im Umgang mit Muslimen.«

Zur goldenen Hochzeit im Frühling haben die Hentschels ihren Sohn Johannes zum letzten Mal gesehen. Er hatte Fotos von den Kindern mitgebracht, ein ganzes Album voll. Und Kinderzeichnungen – fröhliche bunte Bilder.

Von Irmela Hennig

»Wir sind in keiner guten Verfassung«

20. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Friedrich Schorlemmer zur Situation der evangelischen Kirche

Kritischer Begleiter der Entwicklungen in Kirche und ­Gesellschaft: der Wittenberger Theologe und Publizist Friedrich Schorlemmer	Foto: epd-bild

Kritischer Begleiter der Entwicklungen in Kirche und ­Gesellschaft: der Wittenberger Theologe und Publizist Friedrich Schorlemmer Foto: epd-bild

Die Evangelische Kirche in Deutschland lädt im Rahmen ihres Reformprozesses zur »Zukunftswerkstatt« nach Kassel. In Mitteldeutschland ruft die Initiative »Salzwerk« dagegen zur kritischen Begleitung und Korrektur des EKD-Prozesses. Harald Krille sprach mit dem »Salzwerker« Friedrich Schorlemmer.

Herr Schorlemmer, seit drei Jahren läuft unter dem Stichwort »Kirche der Freiheit« ein Reformprozess innerhalb der EKD. Wie sehen Sie die Lage – sind die evangelischen Kirchen in Deutschland in guter ­Verfassung?
Schorlemmer:
Schon diese Ausdrucksweise: Wir sind gut aufgestellt oder wir sind guter Verfassung oder vielleicht wir sind auch gut drauf – das halt ich für Sprach- und Denkformen, die mir fremd sind. Aber in welcher Verfassung sind wir? Ich sage: Wir sind in keiner guten Verfassung, wir reden es uns aber gut.

Aber steht die Kirche zumal in den neuen Bundesländern 20 Jahre nach der friedlichen Revolution heute nicht besser als je da?
Schorlemmer:
Natürlich ist es sehr erfreulich, dass seit 1990 so viele der vom Verfall bedrohten Kirchen in einer schönen und einladenden Weise renoviert werden konnten. Zugleich haben wir aber in diesen 20 Jahren zu viel Selbstbeschäftigung betrieben. Es sind zu wenig Impulse – aus der Jesusbotschaft! – für die Öffentlichkeit, auch für die Nichtchristen, für die ­Suchenden und Fragenden ausgegangen. Wir waren beschäftigt mit Umstrukturierung, mit Gemeindezusammenlegungen etc.

Und dann hat die Kirche bei der Suche nach einem Gesamtkonzept auf Leute gehört, die uns versichern, wir hätten eine gute »Message«, doch wir müssten diese Botschaft besser verpacken. Und es ist ein betriebswirtschaftliches Denken in die Kirche gekommen. Aber die Schwerpunkte unserer Arbeit sollten wir uns nicht von externen Beratern geben lassen, sondern von der Schrift.

EKD-Reformprozess
Im Rahmen des EKD-Reform­prozesses »Kirche der Freiheit« veranstaltet die EKD vom 24. bis 26. September im Kassel eine ­Zukunftswerkstatt. Zu der Veranstaltung werden rund 1200 ­geladene Multiplikatoren des ­Reformprozesses aus allen Teilen Deutschlands erwartet. Dabei steht eine Zwischenbilanz des bisherigen Reformprozesses auf der Tagesordnung. Weiterhin sollen gelungene Beispiele »einer einladenden qualitätsbewussten evangelischen Kirche« vorgestellt und ­»gefeiert« werden.
www.kirche-im-aufbruch.ekd.de

Aber an vielen Stellen gleicht die Kirche doch durchaus ­einem Unternehmen – warum soll man sie dann nicht wie einen Betrieb führen?
Schorlemmer:
Weil das der Anschluss an den Zeitgeist ist, der alles, was Menschen tun, unter pekuniären Aspekten sieht. Man kann nicht nur fragen: Wie viel Kirchensteuerzahler sind da? Sondern, wie machen wir unsere Arbeit so, dass Menschen bereit sind, etwas von ihrem Einkommen der Kirche zu geben? Und zwar nicht nur über die Kirchensteuer, sondern auch als Kollekte oder zweckgebundene Spende.

Aber geht es im Reformprozess unter dem Stichwort Qualitätsmanagement nicht gerade darum, die Arbeit in diesem Sinne zu verbessern?
Schorlemmer:
Qualitätsmanagement oder Evaluierung – das halte ich für Quatsch. Haben wir früher nicht das wunderbare Instrument der Visitation gehabt? Da ging es doch eigentlich um geschwisterliche Begleitung, um kritisches Hinsehen mit Ermutigung und Bestärkung. Durchaus auch impulsgebend!

Bei allem Respekt vor dem Amt des Pfarrers – muss nicht auch ein wenig Kontrolle sein?
Schorlemmer:
Ich bin dafür, dass wir in der Kirche für ein bisschen mehr Disziplin und Selbstdisziplin sorgen. Dazu gehört auch, dass die einen sich nicht kaputt arbeiten während andere diesen Beruf eben als »Job« machen. Nur wer selbst für die Sache Jesu brennt, der wird auch das Licht der Hoffnung bei anderen anstecken können. Aber wir entwickeln uns statt zu einer brennenden Kirche mehr zu einer solchen, die alles »professionell« macht. Doch wo alles professionell ist, wird’s auch kalt.

Kann man statt des kirchlichen Wortes Visitation nicht auch das betriebswirtschaftliche Controlling benutzen?
Schorlemmer:
Nein, denn Sprache prägt Denken! Und Denken prägt Sprache!

Was wäre denn aus ihrer Sicht wichtig für eine Kirche, die auch in Zukunft ihrem Auftrag gerecht werden will?
Schorlemmer:
Ganz oben an steht für mich die Nähe der Pfarrerinnen und Pfarrer und der anderen kirchlichen Mitarbeiter zu den Menschen. Je weiter wir Strukturen schaffen, in denen Pfarrer für immer größere Bereiche zuständig sind, aber kaum noch die Menschen mit Namen kennen, macht uns das selbst kaputt und demotiviert uns. Ich möchte deshalb nach Modellen suchen, in denen die Nähe kirchlicher Arbeit zu den Menschen erfahrbar wird.

Was verstehen Sie unter der Nähe zu den Menschen? Das ist doch nicht nur eine Frage der Zahlenverhältnisse zwischen Pfarrer und Gemeindemitgliedern …
Schorlemmer:
Die Nähe zu den Menschen muss sich dreifach zeigen: in Verkündigung, in Gemeinschaft, in Diakonie. Das erste also: Was sagen wir den Menschen und warum? Wie sagen wir es und in welcher Sprache?

Das Zweite: Wie weit erfahren die Menschen, die zu uns kommen, Gemeinschaft? Sind wir eine Veranstaltungskirche, die viele Sponsoren sucht, um ihre Plakate drucken zu können? Die von »Event« zu »Event« jagt? Oder bieten wir menschliche Nähe und verlässliche, erfreuliche Kommunikation? Da können wir uns von unseren freikirchlichen Geschwistern viel abgucken.

Und das Dritte ist der praktische Dienst am Menschen, die Diakonie. Weithin ist die aus den Gemeinden in die Diakonischen Werke und Einrichtungen hinausdelegiert worden. Doch sie muss auch in der Gemeinde erlebbar werden. Wie viel Geld stecken wir in die Renovierung von Kirchen und anderen Gebäuden, und wie viel zum Beispiel in Suppenküchen? Kirche muss erkennbar bleiben oder werden als ein Ort, wo die, die stinken und kein Dach über dem Kopf haben und die kaputt sind, ihre warme Suppe kriegen und auf Leute treffen, die sie freundlich aufnehmen.

Seit einigen Monaten gibt es in Mitteldeutschland eine Initiative unter dem Namen »Salzwerk«. Was steckt dahinter?
Schorlemmer:
Der Ausgangspunkt ist eine gleichzeitige Beobachtung unserer kirchlichen Wirklichkeit durch verschiedene Menschen in unseren Kirchen. »Salzwerk« ist also aus einer gemeinsamen Sorge um den Weg unserer Kirche heraus entstanden. Der Name spielt ja auf die Verheißung an, dass wir Christen, Salz der Erde sind (Matthäus 5,13). Aber das Salz darf nicht kraftlos oder »dumm« werden, wie Luther es so schön übersetzte. Genau deshalb will »Salzwerk« eine theologische Diskussion über wesentliche, substanzielle Fragen anregen, Interessierte zusammenführen, miteinander vernetzen.

Was erwarten Sie konkret von »Salzwerk«?
Schorlemmer:
Dass die Impulse des konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung weitergeführt werden. Es gilt zu bedenken, dass unsere Welt nicht nur Material ist, sondern die Mater, die Mutter, von der wir leben. Der erste Artikel des Glaubensbekenntnisses ist zugleich eine Verpflichtung zur Bewahrung der Schöpfung für die folgenden Generationen.
Oder: Wenn wir das Zeugnis Jesu verkündigen, dann ist auch politisch der Friedenskönig und seine Art Konflikte zu lösen, hochzuhalten. Dann können wir uns nicht mit so einer pflaumenweichen Erklärung wie in der letzten Denkschrift der EKD zum Thema Frieden zufriedengeben. Die Frage nach dem gerechten Frieden, weniger nach dem »gerechten« Krieg ist zu ­stellen!

Ich erwarte, dass »Salzwerk« in dieser Richtung ein »Stachel« wird. Nicht um andere zu kritisieren, sondern um das Profil unserer Kirche zu schärfen, geistlich, geistig, politisch, kommunikativ. Salz soll brennen, Licht soll leuchten.

Bisher scheint »Salzwerk« vor allem eine Veranstaltung von Pfarrern zu sein?
Schorlemmer:
Der Impuls ist erst einmal von Pfarrern ausgegangen, die dafür ja auch Zeit haben. Jetzt geht es darum, möglichst viele Gemeindeglieder zu gewinnen, die das Gefühl haben: wir sind Kirche, wir miteinander! Wir laden deshalb alle, denen der Weg unserer Kirche wichtig ist, zu einer Tagung nach Bad Alexandersbad ein. (Siehe Kasten)

Die Initiative »Salzwerk«
Die Initiative »Salzwerk« will eine Plattform der Vernetzung für Menschen ­bieten, die den Weg der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sowie der einzelnen Landeskirchen mit Sorge sehen und sich gleichwohl in und für diese ­Kirche(n) einmischen wollen. Dazu gehört besonders die kritische ­Begleitung des im Jahr 2006 vom Rat der EKD mit dem Impulspapier »Kirche der Freiheit« in Gang gesetzten Reformprozesses. »Salzwerk« wendet sich vor allem gegen eine zu starke Beschäftigung der Kirchen mit sich selbst sowie gegen die aus Sicht der Kritiker zu starken Anleihen aus den Konzepten der Betriebswirtschaft, des Managements und des Marketingdenkens. Demgegenüber will man eine theologische Fundierung des Reformprozesses anmahnen und nach Wegen und ­Modellen für die Umsetzung der Vision einer »Kirche für andere« (Bonhoeffer) suchen.

Termine:
Im Rahmen des 1. Mitteldeutschen Kirchentages in Weimar stellt sich »Salzwerk« am 20. September von 13.30 bis 15.00 Uhr im Themenzentrum 3 »Kirche reformieren« (Volkshochschule Haus I) vor. Zu der Veranstaltung ­unter dem Titel »Höchste Zeit zum Salzen« wird unter anderen der frühere ÖRK-Generalsekretär Konrad Raiser erwartet.

www.ekmd.de/aktuellpresse/kirchentag/

Zu einer Wochenendtagung mit Friedrich Schorlemmer unter dem Thema »Was protestantisch ist« lädt »Salzwerk« vom 20. bis 22. November ins ­Bildungszentrum Alexandersbad in Nordfranken ein.

Informationen und ­Anmeldung: Evangelisches Bildungs- und Tagungszentrum Alexandersbad, Markgrafenstraße 34, 95680 Bad Alexandersbad, Telefon (09232)9939-21

www.ebz-alexandersbad.de

Neues Feindbild: »Evangelikale«

13. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Kirche und Gesellschaft: Die öffentlichen Angriffe gegen evangelikale Christen und Gruppen fordern die gesamte Kirche heraus

Christus, Kreuz und Vaterunser als Zielpunkt: Mit antichristlichen Plakaten demonstrierte ein links-grün-alternatives Bündnis im Mai gegen einen evangelikalen Seelsorgekongress in Marburg.	Foto: pro

Christus, Kreuz und Vaterunser als Zielpunkt: Mit antichristlichen Plakaten demonstrierte ein links-grün-alternatives Bündnis im Mai gegen einen evangelikalen Seelsorgekongress in Marburg. Foto: pro

Die zunehmenden Proteste linker Gruppen gegen evangelikale Veranstaltungen zwingen Landeskirchen und Evangelikale sich über ­Notwendigkeit und Grenzen gegenseitiger Solidarität klar zu werden.

Zeitgleich mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Bremen fand vom 20. bis 24. Mai 2009 in Marburg der 6. Internationale Kongress für Psychologie und Seelsorge statt. Veranstalter war die von der Gemeinschaftsbewegung geprägte »Akademie für Psychotherapie und Seelsorge« (APS) mit dem organisatorischen Zentrum in der Fachklinik Hohe Mark (Oberursel) bei Frankfurt.

Gegen den Kongress uns seine rund 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer richtete sich heftige Kritik ­seitens der Lesben- und Schwulenbewegung, gefördert von Volker Beck, dem Parlamentarischen Geschäftsführer der Grünen im Bundestag. Das Echo in den Massenmedien reichte bis zur Bildzeitung und etikettierte die Veranstaltung als »Kongress der Homoheiler«. Dass sich der Kongress gar nicht mit dem Thema Homosexualität befasste, wurde ignoriert. Die Kampagne zielte nicht auf das missliebige Thema, sondern auf missliebige Personen.

Das Bündnis »Kein Raum für Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus« ging darüber noch hinaus. In seinem Aufruf zu einer Demonstration am Himmelfahrtstag hieß es: »Unser Protest richtet sich nicht nur gegen ein, zwei oder drei Workshops oder Referent_Innen (sic!) auf dem Kongress, sondern vielmehr gegen die homophobe und religiös-fundamentalistische Ausrichtung der evangelikalen Bewegung … Wir wollen den Kongress in seiner Gesamtheit verhindern und … bekämpfen.«

Die linken Flügel der Grünen und der SPD sowie die Linkspartei sind seit einiger Zeit dabei, die evangelikale Bewegung zum Feindbild aufzubauen. Dahinter steckt ein simples Machtkalkül: Der Kampf gegen die Religion, der vor 2001 in der alten Bundesrepublik kaum von politischer Bedeutung war, ist inzwischen Anliegen eines Klientels, um das Grüne und SPD mit der Linkspartei konkurrieren. Wer deswegen Radikale dazu ermutigt, den Evangelikalismus, oder gar den Pietismus, gesellschaftlich zu ächten, spielt allerdings das Spiel aus »Biedermann und die Brandstifter«. Faktisch stärkt man dadurch die extremen Ränder des politischen Spektrums.

Die Steilvorlage der Kongressgegner wurde prompt von den üblichen Verdächtigen von rechts außen genutzt. Die »Junge Freiheit« griff das Thema auf ihrer Webseite auf. Gabriele Kuby, eine rechtskatholische Kulturkritikerin, organisierte eine Unterschriftenliste im Internet. Dabei wurde sie vom Arbeitskreis Christlicher Publizisten (ACP) unterstützt. Diese Kreise entsprechen sehr wohl dem Feindbild eines politisierten christlichen Fundamentalismus.

Ziel der Gegner: Mitte des christlichen Glaubens
Die Kampagne gegen den Marburger Kongress entsprach fast exakt der, die 2008 gegen das Christival in Bremen geführt worden war – mit dem Unterschied, dass es dort das Thema Homosexualität im Programm gegeben hatte und dass die Verantwortlichen dem Druck nachgegeben hatten.
Der Schritt zur allgemeinen Kirchen- und Religionskritik ist für die Randalierer klein. Die Diffamierungen, die sich gegen die Kongressteilnehmer richteten, zielten auf die Mitte des christlichen Glaubens, auf die Person Christi, auf Kreuz und Vaterunser.

Die hilflose Reaktion der Veranstalter bewies, wie wenig der Pietismus dem Feindbild eines politisierten christlichen Fundamentalismus entspricht. Sie versuchten in geradezu rührender Weise, die Gegner von ihren guten Absichten zu überzeugen. Gemäß ihrer Profession agierten sie auf der Beziehungsebene anstatt auf der Sachebene und beschwichtigten, wo Politik nötig gewesen wäre. Kein Versuch, politische Unterstützung aufzubauen, keine PR-Strategie, nichts von dem, was die Fundamentalisten der »moral majority« in den USA so gut beherrschen.

Allerdings kamen Landeskirche und Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) den überforderten Veranstaltern auch nicht zu Hilfe. Nicht einmal sie selbst betrachtete sich als zuständige Institution für das Tun und Leiden der evangelikalen Bewegung. Im weltanschaulichen Pluralismus ist sie zu einer der Sinnagenturen unter anderen geworden.

Kritische Solidarität ist dringend nötig
EKD und Landeskirchen sollten angesichts dieser Verschiebung ihr Verhältnis zum Evangelikalismus neu bedenken. Zur kritischen Solidarität gibt es künftig keine Alternative mehr. Die gewohnten kirchenpolitischen Grabenkriege des Protestantismus sind die Sache ewig Gestriger, die es rechts und links gleichermaßen gibt.
Der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber gab in der Diskussion um das Christival 2008 und um ProChrist 2009 eine Richtung vor: »Ich bin außerordentlich irritiert durch diejenigen Stimmen, die uns neue Formen der Abgrenzung, des verweigerten Dialogs nahe legen wollen«. Im Dialog müssten vielmehr die »inneren Unstimmigkeiten« der evangelikalen Bewegung bearbeitet werden, zum Beispiel wenn sie »Glaubensaussagen der Bibel zu einer pseudowissenschaftlichen Weltanschauung macht«.

Damit ist auch die evangelikale Seite zum Nachdenken über ihre Solidarität mit der evangelischen Kirche (oder den Mangel an Solidarität) gezwungen. Den Windschatten der Volkskirche, in dem man sich politisch unbehelligt fromme Seltsamkeiten leisten konnte, von der Schulverweigerung über öffentliche Dämonenaustreibung bis zum Kreationismus, gibt es nicht mehr. Politische und theologische Unterscheidungen im Inneren der evangelikalen Bewegung und der Dialog mit den Kirchen lassen sich nicht länger vermeiden.

Von Hansjörg Hemminger

Hansjörg Hemminger ist Beauftragter für Weltanschauungsfragen der ­Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Der vollständige Beitrag ist im neuesten Materialdienst Nr. 8/2009 der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) zu finden.

Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Auguststraße 80, 10117 Berlin,
Telefon: 030/28395-211, Fax: 030/28395-212, E-Mail:
www.ezw-berlin.de

90 Jahre nach »Weimar«: Wohin steuert die Religionspolitik?

6. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Die Religion im säkularen Staat – ein Gespräch mit dem Rechtswissenschaftler Hans Michael Heinig

Am 11. August vor 90 Jahren wurde die zuvor von der Nationalversammlung beschlossene Weimarer Reichsverfassung durch die Unterschrift von Reichspräsident ­Friedrich Ebert in Kraft gesetzt. Bis heute finden sich Teile davon im Grundgesetz wieder – in jenen Artikeln, die das Verhältnis von ­Kirche und Staat regeln. Benjamin Lassiwe sprach darüber mit dem Staatskirchenrechtler Hans Michael Heinig.

Hans Michael Heinig ist Professor für ­Öffentliches Recht und Kirchenrecht  an der  Georg-August- Universität  Göttingen und  leitet das  Kirchenrecht- liche Institut der Evangelischen  Kirche in  Deutschland (EKD). Foto: epd-bild

Hans Michael Heinig ist Professor für ­Öffentliches Recht und Kirchenrecht an der Georg-August- Universität Göttingen und leitet das Kirchenrecht- liche Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Foto: epd-bild

Herr Professor Heinig, vor 90 Jahren entstanden die Weimarer Kirchenartikel. Welche Bedeutung haben sie heute?
Heinig:
Sie bilden neben der Religionsfreiheit den zentralen Bestand ­unseres Religionsverfassungsrechts. Auch heute noch sind sie die Geschäftsgrundlage für das Zusammenleben der Religionen in unserer Gesellschaft.

In den Religionsartikeln ist das Verhältnis zu Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften geregelt – ab wann ist man eine Religion?
Heinig:
Das ist sowohl in der Theologie wie in der Juristerei eine Ewigkeitsfrage. Das Recht kann dabei etwas pragmatischer antworten als die theologische Wissenschaft. Bei uns kommt es ganz wesentlich auf das Selbstverständnis an: Begreifen die Menschen das, was sie tun, als Ausübung einer Religion oder Weltanschauung, und können sie das dann plausibilisieren? Dafür gibt es auch einige objektive Kriterien: Geht es um das, womit sich Religionen traditionell beschäftigen? Um einen Gottesbezug, um Sinnstiftung, um das Ringen mit den »letzten« Fragen, die Stellung der Menschen in der Welt, Ursprung, Ziel und Sinn des Lebens? Das sind dann starke Indikatoren dafür, dass es sich um Religionen handelt.

Umstritten ist das bei Scientology.
Heinig:
Das ist richtig, man streitet darüber, ob die Scientology-Church eine Religionsgemeinschaft im Rechtssinne darstellt. Wobei das eigentliche Problem nicht ist, ob sich Scientology mit der Stellung des Menschen in der Welt beschäftigt. Die Kernfrage bei Scientology lautet vielmehr: Stehen die wirtschaftlichen Aspekte der Organisation so im Vordergrund, dass die Religion hier nur noch Sekundärzweck, Scientology also eigentlich ein Wirtschaftsbetrieb ist?

Was zeichnet denn die Weimarer Kirchenartikel unseres Grundgesetzes gegenüber der Situation in anderen Mitgliedsstaaten der EU aus?
Heinig:
Das deutsche System ist schon ein eigenes. Es führt eine besonders intelligente Form der Trennung von Staat und Kirche ein, bei der Religion nicht aus der öffentlichen Sphäre verdrängt wird. Es beruht auf den Prinzipien der Freiheit und Gleichheit der Religionsausübung. Daraus resultieren Ansprüche auf Teilhabe am öffentlichen Leben. Man kann sagen: Der Staat des Grundgesetzes ist offen für die Religionen seiner Bürger, gerade damit der Staat nicht selbst religiös oder weltanschaulich wird. Damit unterscheidet er sich einerseits von klassischen, tendenziell diskriminierenden staatskirchlichen Systemen wie in Skandinavien, und auch von einem tendenziell religions- und damit freiheitsfeindlichen Laizismus wie er in Frankreich praktiziert wird.

Ist dieses System denn 90 Jahre nach seiner Entstehung noch zeitgemäß?
Heinig:
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Rechtspraxis, die Interpretation des Textbestandes, als so flexibel erwiesen, dass Verfassungsänderungen trotz radikal veränderter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen nicht erforderlich waren. Und ich sehe auch absehbar keinen Bedarf dafür. Das bestehende System garantiert die Freiheit des Glaubens und Nichtglaubens, fördert die besten Seiten der Religionen und tritt gefährlichen Tendenzen des religiösen Fundamentalismus entgegen. Eine Herausforderung bleibt allerdings die Integration der Muslime in das bestehende staatskirchenrechtliche System: Hier muss man immer wieder betonen, dass auch seitens der integrationswilligen Muslime eine gewisse Bringschuld besteht, sich so zu organisieren, dass sie Religionsgemeinschaften bilden.

Müssen die Muslime also eine Kirche bilden?
Heinig:
Nein, das müssen sie nicht. Aber sie müssen sich organisieren. Hinter dieser Forderung steht ein legitimes Interesse des Staates: Der Staat braucht einen Ansprechpartner für bestimmte Kooperationsbeziehungen wie den Religionsunterricht oder die Militärseelsorge. Und er muss wissen, wer dazugehört und wer nicht dazugehört – denn nur so ist klar, auf wen sich die Rechte und Pflichten der Religionsgemeinschaft eigentlich beziehen.

Was müssten denn die Muslime liefern, um anerkannt zu werden?
Heinig:
Da gibt es keine ausdrückliche gesetzliche Regelung, sondern von den Gerichten entwickelte Kriterien. Demnach liegt eine Religionsgemeinschaft dann vor, wenn Mitglieder eines Bekenntnisses oder verwandter Bekenntnisse sich zur Pflege ihrer Religion zusammentun. Das Problem der bestehenden muslimischen Dachverbände ist derzeit, dass sich in ihnen auch Gruppierungen finden, die keine religiösen, sondern politische Ziele verfolgen. Und dass sie keine klare Mitgliederstruktur haben.
Wie steht es denn um religiöse Splittergruppen?
Heinig: Religionsfreiheit heißt »Recht auf Häresie«. Das Grundgesetz ist von der Idee geprägt, dass alle Religionen gleichberechtigt sind. Wenn die neue Gruppierung dauerhaft ist, wird man sie als Religionsgemeinschaft anerkennen.

Worin sehen Sie die größten Herausforderungen, vor denen die Kirchenartikel stehen?
Heinig:
Das ist einerseits die Integration des Islam, darüber sprachen wir bereits. Andererseits gilt es, auch diejenigen, die mit Religion nichts am Hut haben, davon zu überzeugen, dass es sich bei unserem verfassungsrechtlichen System um eine sinnvolle, den religiösen Frieden bewahrende und die Freiheit der Bürger optimal zur Entfaltung bringende Ordnung handelt. Das ist unter Vorzeichen eines stärker werdenden kämpferischen Atheismus zunehmend schwieriger.

Wo wird das aus Ihrer Sicht hinführen?
Heinig:
Wer die Kirchenartikel aus der Verfassung streichen wollte, bräuchte eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Und die ist nicht in Sicht. Wir sehen aber in Berlin, dass auch unterhalb der Ebene der Grundgesetzänderung sehr unterschiedliche Formen der Religionspolitik betrieben werden können. Die Religionspolitik kann stärker auf die Integration der Religion in das öffentliche Leben ausgerichtet sein, wie es traditionell in Deutschland gemacht wird, oder stärker auf Ausgrenzung, Privatisierung und Verdrängung der Religion aus dem öffentlichen Raum. Wie sich die Politik zukünftig entwickelt, ist eine ebenso spannende wie offene Frage.

Gottes Wort in schwieriger Zeit verkündigt

30. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Trauer: Am 24. Juli ist der Magdeburger Altbischof Werner Krusche im Alter von 91 Jahren gestorben

Er war ein begnadeter ­Prediger, geradlinig und ­unbestechlich. Ein Nachruf auf den verstorbenen ­Theologen vom früheren ­Ministerpräsidenten in ­Sachsen-Anhalt und ­Kirchentagspräsidenten Reinhard Höppner.

Werner Krusche: »Wir haben keine Macht als die des glaubwürdigen Wortes.« 	Foto: Viktoria Kühne

Werner Krusche: »Wir haben keine Macht als die des glaubwürdigen Wortes.« Foto: Viktoria Kühne

Werner Krusche ist tot. Er war eine herausragende Persönlichkeit der Kirchen in der DDR. 1917 als Sohn eines Predigers der Landeskirchlichen Gemeinschaft in Lauter im Erzgebirge geboren, hat ihn die tiefe Frömmigkeit seiner ­Umgebung geprägt. Im Krieg schwer verwundet, konnte er 1942 mit dem Theologiestudium beginnen, zunächst in Leipzig, nach seiner Zeit in englischer Kriegsgefangenschaft dann in Bethel, Heidelberg, Göttingen und Basel. Während viele seiner Kommilitonen im Westen Deutschlands blieben, ließ er sich von seiner sächsischen Landeskirche rufen in einer Zeit, in der die Kirchen in der DDR vielen Repressalien ausgesetzt waren. Er konnte und wollte seinem Auftrag, so wie er ihn verstand, nicht davonlaufen: Das Wort Gottes ausrichten auch in schwieriger Zeit.

Gemeindepfarrer in Dresden, Leiter des Predigerseminars in Lückendorf und Dozent am Theologischen Seminar in Leipzig, das sind die Stationen, in denen er Generationen von Theologen geprägt hat. Er liebte seine sächsische Heimat. Sein typisch sächsischer Humor hat ihn stets begleitet.

1968 wurde er Bischof der Kirchenprovinz Sachsen. Den staatlichen Stellen ein unbequemer Bischof. Nie jemandem nach dem Munde reden, aber die Dinge so sagen, dass auch der Gegner sie noch hören kann. Diese Geradlinigkeit und Unbestechlichkeit muss so manchen DDR-Funktionär damals zur Verzweiflung gebracht haben. »Wir haben keine Macht als die des glaubwürdigen Wortes«, hat er einmal gesagt. Wenn wir diese Macht verspielen, wenn die Glaubwürdigkeit unserer Worte verloren geht, dann sind wir wirklich ohnmächtig. Als sich Oskar Brüsewitz auf dem Zeitzer Marktplatz selbst verbrannte, verlangten Gruppen in der Kirche die volle Solidarisierung der Kirchenleitung mit ihm, die staatlichen Stellen die Distanzierung. Damals hat Bischof Krusche beides klar benannt: Die fehlende Freiheit in der DDR, gegen die Brüsewitz ein Zeichen setzen wollte, und genauso die Tatsache, dass nach Gottes Willen keiner das Recht hat, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen – also keine Heiligsprechung eines Märtyrers.

Richard von Weizsäcker schreibt in seinem Vorwort zu Krusches Erinnerungen: »Mit der Kraft seiner inneren Stimme wurde er inmitten einer von Ideologie und Politik bedrängten und bekämpften Christenheit für sie zur prägenden Gestalt. Ohne Polemik, aber mit kritischer Offenheit und ­großem Mut verkündigte er Worte des Lebens im DDR-Alltag, inmitten der Konflikte zwischen Konfirmation und Jugendweihe oder der Friedensbewegung in Ost und West, um Schwerter zu Pflugscharen umzuschmieden.«

Werner Krusche war ein begnadeter Prediger. Seinen Predigten merkte man nicht an, wie viel Mühe sie ihm gelegentlich machten. Oft habe ich Sätze daraus zitiert, zum Beispiel den über das Gebet, ein typischer Krusche, brillant im Umgang mit der Sprache ohne in Wortspiele zu verfallen: »Das Gebet ersetzt kein Tun, aber es gibt kein Tun, das das Gebet ersetzen könnte.« Treu war er in seiner Fürbitte bis zuletzt. Er schlug die Zeitung auf und betete für die Prediger, die am Sonntag in unserer Stadt das Wort Gottes zu verkündigen hatten. Seine Fürbittenliste war lang, ein Ausdruck dafür, wie treu er Menschen ­begleitete. Viele Briefe hat er geschrieben mit seiner immer kleiner werdenden Handschrift. Meine Frau und ich haben die unseren sorgfältig aufbewahrt. Es waren immer solche an entscheidenden Stellen unseres Lebens.

Brücken hat er gebaut, viele zwischen Ost und West, zu unseren Partnerkirchen in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und zu den Kirchen in der Ökumene. In der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) war er eine hoch angesehene Autorität, den Brüdern und Schwestern im Nordisch-Deutschen Kirchenkonvent ein wichtiger Gesprächspartner. Seine besondere Sensibilität galt der russisch-orthodoxen Kirche. Manch wegweisendes Referat hat er gehalten in diesem politisch oft verminten Terrain zwischen Ost und West, aber auch vor der Synode unserer Kirche. »Kirche auf dem Weg in die Diaspora« – das war ermutigend und keineswegs resigniert, wie heute vielleicht mancher vermuten mag.

Er war auch Vorsitzender der Konferenz der Kirchenleitungen in der DDR und hat auf der letzten Synode des Bundes der DDR-Kirchen ermutigende Bilanz über den Weg der Kirchen in der DDR gezogen: »Eure Mühe im Herrn war nicht umsonst.« Das mag auch über seinem persönlich keineswegs einfachen Weg stehen. Als meine Frau und ich ihn das letzte Mal bei Bewusstsein an seinem Sterbebett besuchten, sagte er: »Zieht in Frieden und macht Eure Arbeit.« Arbeit im Beten und im Tun, damit können wir ihm Ehre erweisen.

Trauerfeier für Werner Krusche
Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) verabschiedet sich am Freitag, 31. Juli, 14 Uhr, mit einer Trauerfeier im Magdeburger Dom von ­Werner Krusche. Die Beisetzung findet im Familien- und Freundeskreis zu ­einem späteren Zeitpunkt statt. Anstelle von Kranz- und Blumenspenden bittet die Familie um eine Spende für das Hospiz der Pfeifferschen Stiftungen Magdeburg, KD-Bank, BLZ 35060190, Kontonummer 1553554019, Kennwort: Werner Krusche.

Wer darf evangelischer Bischof sein?

23. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirchenrecht: Die Wogen um die »besondere Weihe« eines Pfarrers schlagen hoch – eine Positionsbestimmung

Franz Schwarz, Pfarrer mit Hang zur Hochkirchlichen Bewegung und Prior einer evangelischen Bruderschaft im thüringischen Werningshausen, hat sich zum Bischof weihen lassen. Prompt wurde er von seiner Landeskirche beurlaubt. Zu Recht?

Der Hirtenstab gehört zu den traditionellen Zeichen des bischöflichen Amtes und wird in der katholischen Kirche jedem geweihten Bischof verliehen. Hier in ­einer Darstellung an einer Statue des Klosters auf dem Monte Cassino in Italien. Foto: BilderBox.com

Der Hirtenstab gehört zu den traditionellen Zeichen des bischöflichen Amtes und wird in der katholischen Kirche jedem geweihten Bischof verliehen. Hier in ­einer Darstellung an einer Statue des Klosters auf dem Monte Cassino in Italien. Foto: BilderBox.com

Bei einer Auseinandersetzung wie der im thüringischen Werningshausen, wo ein verdienter Pfarrer in Verkennung der Reichweite seines Tuns sich insgeheim zum Bischof hat weihen lassen, die Weihe ­widerrufen, den Widerruf aber auch zurückgenommen hat und wo die ­Kirchenleitung eine einstweilige Suspendierung des betreffenden Pfarrers vom Dienst ausgesprochen hat – in solcher scheinbar unentwirrbaren ­Situation klären sich die aufgeworfenen Fragen durch Verständigung auf die von allen Seiten unbezweifelten Grundlagen der evangelischen Kirche, des kirchlichen Amts und des Bischofsamts.

Die Kirche ist nach gemein evangelischem Verständnis die Gemeinschaft der Gläubigen, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden (Confessio Augustana (CA), Artikel 7; Art. 8, Kirchenverfassung (KVerf.) Thüringen; Artikel 2 KVerf. EKM). Da alle Christen vor Gott gleich sind, gibt es in der evangelischen Kirche keine Unterschiede des geistlichen Standes. Damit wandte sich die Reformation und seitdem alle evangelischen Kirchen gegen die Unterscheidung von Klerus und Laien. Dies ist einer der Hauptpunkte, in dem sich die römische Kirche von denen der Reformation abgrenzt. Dort gilt die Unterscheidung von geweihten Klerikern und Laien und die hierarchische Abstufung der Leitungsämter als kons­titutive Grundlage der Kirche.

Keine Hierarchie, aber besondere Aufgaben

Die Gleichheit der Christen bedeutet aber nicht Freiheit zur Willkür, sodass jeder auch ohne fachliche Kompetenz für alles zuständig sei. Um den Glauben zu erlangen hat Gott, wie die Bekenntnisschriften auf der Grundlage des Neuen Testaments es formulieren, das Predigtamt, genauer den Predigtdienst, eingerichtet (CA 5, Art. 15 KVerf. EKM). Niemand soll in der ­Kirche öffentlich predigen oder die Sakramente reichen, ohne ordnungsgemäße Berufung (CA 14). Die Würde dieses einen Amtes der Kirche gründet sich auf die zentrale Aufgabe der Wortverkündigung und der Sakramentsverwaltung. In dieser geistlichen Leitung von Gemeinde und ­Kirche durch das Wort (sine vi sed verbo, CA 28) sind alle Amtsträger gleich.

Natürlich gibt es in einer Kirche überregionale Aufgaben, für die es seit jeher Funktionsträger gab, Pfarrer, denen der Dienst der geistlichen Leitung im Dekanat, der Propstei oder für den Bereich der Landeskirche übertragen sind. Visitation und Ordination sind hier an erster Stelle zu nennen, weil sie, wenn diese Formulierung erlaubt ist, den geistlichen Gleichschritt der Gemeinden und der Landeskirchen sicherstellen sollen. Aber es gibt auch weitere, in der Kirchenverfassung im Einzelnen aufgezählte Aufgaben (Art. 47 f., 69 f. KVerf. EKM). Diese Unterschiede zwischen den Amtsträgern beruhen auf menschlichem, also auf änderbarem Kirchenrecht und nicht auf einer besonderen Weihe oder ­unterschiedlicher geistlicher Qualität. Pröpste, Dekane, Superintendenten, Landesbischöfe sind Pfarrer mit besonderer Aufgabenzuweisung (Art. 65 KVerf. EKM Art. 57, 88 f. KVerf. Thür).

Das protestantische ­Verständnis von Sukzession
Die Pfarrer treten mit der Ordination in die Verantwortung für die Lehre und ein christliches Glaubensverständnis der Väter ein. Das ist der Sinn richtig verstandener apostolischer Sukzession. Sie findet in der Handauflegung seit Urzeiten ihren sichtbaren Ausdruck.

Die römische Kirche setzt hier insbesondere seit der Gegenreformation andere Akzente. Darüber ist an dieser Stelle nicht zu urteilen. Jedenfalls hat die Kirchenleitung mit einer befristeten Suspendierung des geheimnisvoll neu geweihten Pfarrers als Geheim­bischof richtig gehandelt. Eine so weitgehende Unklarheit im Zentrum des Kirchen- und Amtsverständnisses durfte sie nicht schleifen lassen.

Bereicherung ja, aber ohne häretische Tendenzen
Von der römischen Kirche kann man viel lernen. Nicht zuletzt, wie man einen liturgisch feierlichen Gottesdienst abhält. Auch hochkirchliche Bewegungen haben in der evangelischen Kirche ihr Recht und können in Zeiten gottesdienstlichen Wildwuchses eine hilfreiche Erinnerung an die Wohltat eines liturgisch geordneten Gottesdienstablaufs sein. Aber auch das darf kein Selbstzweck mit häretischen Tendenzen werden. Die Kirche von England zeigt seit über hundert Jahren, welche Versuchungen und Gefahren hier lauern. Geheimbünde oder Sonderweihen kann es in der evangelischen Kirche nicht geben. Selbstverständlich kann eine Bruderschaft eines ihrer Mitglieder mit besonderen Aufgaben betrauen.

Dabei wird sie aber darauf achten müssen, dass sie keine abergläubischen Missverständnisse hervorruft, als ob die Pfarrer der reformatorischen Kirchen von Anfang an nur ein fehlerhaftes Amt übertragen bekommen hätten, dessen Defizite durch heimliche Weihen von irgendwoher geheilt werden müssten. Klug ist es deshalb immer, auch solche Schritte im Einvernehmen mit der ­Kirchenleitung zu tun.

Kirchliche Bruderschaften, Gebetsgemeinschaften, liturgische Bewegungen usw. sind ein Reichtum für das geistliche Leben in einer Landeskirche. Sie werden durch die Verfügung der Landeskirche in ihrer Wertschätzung nicht berührt. Aber es muss klar sein, dass sie sich von der gemeinsamen Basis reformatorischen Christentums nicht entfernen dürfen.

Von Axel Freiherr von Campenhausen

Zum Autor: Axel Freiherr von Campenhausen war unter anderem Professor für Öffentliches Recht und Kirchenrecht an der Georg-August-Universität in Göttingen und leitete von 1970 bis 2008 das Kirchenrechtliche Institut der EKD.

Ein Opfer, das in keine Kategorie passt

16. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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20. Juli 1944: Stauffenbergs Bombe tötete nicht nur Nationalsozialisten und Militärs –
Erinnerung an den Stenografen Heinrich Berger


Auch in diesem Jahr wird rund um den 20. Juli wieder des gescheiterten Hitlerattentats von Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg gedacht. Für zwei Menschen in Mitteldeutschland hat dieser Tag eine tiefe persönliche Bedeutung.

Heinrich Berger, Quelle: privat

Heinrich Berger, Quelle: privat

Als an jenem 20. Juli 1944 in der Lagebaracke des Führerhauptquartiers »Wolfschanze« bei Rastenburg im fernen Ostpreußen gegen 12.42 Uhr die Sprengladung explodiert, kommt der große (Ver)»Führer« Adolf Hitler mit einigen wenigen Blessuren und zerfetzten Hosenbeinen davon. Tödliche Folgen hat die von Stauffenberg abgestellte Aktentasche mit der Bombe dennoch für vier der insgesamt 24 bei der militärischen Lagebesprechung anwesenden Personen: Oberst Heinz Brandt erliegt am nächsten Tag seinen schweren Verletzungen. Am 22. Juli verstirbt der lebensgefährlich verletzte Luftwaffengeneral Günther Korten. Und nach langem Aufenthalt im Lazarett erliegt schließlich am 1. Oktober der glühende Hitleranhänger Generalleutnant Rudolf Schmundt den Folgen der Bombenexplosion. Das vierte Opfer, das noch am gleichen Tag stirbt, ist der Stenograf Heinrich Berger. Er ist zugleich das einzige zivile Opfer des Anschlags.

Dorothea Jost, geborene Berger, ist das jüngste Kind des dreifachen Familienvaters. Die heute in Erfurt ­wohnende Seniorin war zwei Jahre alt, als ihre von Berlin wegen der vielen Luftangriffe nach Ströbitz bei Cottbus evakuierte Familie die Todesnachricht erhielt. Ihren Vater kennt sie im Wesentlichen aus den Erzählungen der Mutter. Doch sie weiß, dass er alles andere als ein Nazi war. Und in die ­unmittelbare Nähe des »Führers« kam der damals 39-jährige Reichstagsstenograf mittels einer Zwangsverpflichtung. Weil Hitler seinen Generalen misstraute, ließ er seit den ersten schweren Niederlagen im Russlandfeldzug alle Lage- und sonstigen ­wichtigen Besprechungen aufzeichnen.

So sollten die unfehlbaren Eingebungen des »größten Feldherrn aller Zeiten« – im Volksmund deshalb auch »Gröfaz« genannt, der Nachwelt erhalten blieben. Dass Heinrich Berger, der als einer der besten Stenografen Deutschlands galt, diesen Beruf überhaupt ausübte, ist auf verworrene Weise ebenfalls ein Ergebnis der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Denn eigentlich hatte Berger Ende der 20er Jahre in Berlin Jura studiert. Dieses Studium ­finanzierte er durch sein Hobby: die Stenografie. Schon damals zählte er zu den Besten dieses Fachs. Noch als Student trat er im Alter von 21 Jahren als Stenografenanwärter in die ­ preußische Landtagsverwaltung ein, wurde später von der Reichstagsverwaltung übernommen.

Von Anfang an in Konflikt mit den neuen Machthabern
Die avisierte juristische Laufbahn allerdings nahm ein jähes Ende: Seine Doktorarbeit über das »Ehrenwort« erregte 1933 bei den neuen Machthabern Ärgernis – sein erworbener akademischer Titel wurde aberkannt. Berger, von seinem protestantischen Elternhaus tief geprägt, lehnte ideologische Kompromisse ab und machte sein Hobby schließlich zum Beruf.

»Sicher war unser Vater kein aktiver Widerstandskämpfer, aber er lehnte das Regime ab«, sagt Dorothea Jost. Mit ihren Kindern hat sie oft darüber diskutiert. Oft hätten diese gefragt, warum die Großeltern nicht direkt ­gegen das Regime gearbeitet haben. Aber: »Wie haben wir uns denn in der DDR verhalten?«, fragt die auch in DDR-Zeiten in der Kirchengemeinde aktive Christin zugleich zurück.

Dass ihr Vater den Ungeist des NS-Regimes durchschaute, bestätigt auch der in Magdeburg lebende Wolfgang Berger. Der älteste Sohn des Attentatsopfers war damals neun Jahre alt. Er erinnert sich, dass sein Vater einmal sorgenvoll äußerte, wenn die Nazis den Krieg gewönnen, »dann kommen wir Christen dran, wie jetzt die Juden«. Unmittelbar vor dem in vieler Hinsicht so verhängnisvollen 20. Juli verbrachte die Familie noch eine gemeinsame Urlaubswoche in Oberschlesien. »Wenn der Krieg zu Ende ist, komme ich nach Hause, dann fange ich an, euer Vater zu sein«, sagte Heinrich zu den Kindern. Wenige Tage später verblutete er, dem die Bombe beide Beine abgerissen hatte, vor der Rastenburger Lagebaracke. Sein Freund und Kollege Heinz Buchholz, der als zweiter Stenograf bei der »Mittagslage« Dienst tat, hatte ihn ­vergeblich noch aus den rauchenden Trümmern gezogen.

»Dieser Tag hat unser Leben total verändert«
»Dieser Tag hat unser Leben total verändert«, blickt Sohn Wolfgang zurück. Er hat in der DDR Germanistik studiert und ebenfalls als Stenograf gearbeitet. Nach der Wende sogar für den neugegründeten Landtag in Sachsen-Anhalt. Die Mutter lehnte damals ein »Staatsbegräbnis« zwar ab, bestand auf einer kirchlichen Bestattung. Ein offizieller Kranz, eine Abordnung der Partei, waren dennoch nicht zu vermeiden. Nach dem Krieg galt Berger den DDR-Machthabern deshalb als »Nazi«. »Über das ganze Thema durfte jahrelang nicht offen gesprochen werden, nicht einmal einen richtigen Grabstein mit Namen und Lebens­daten durfte mein Vater erhalten«, empört sich Sohn Wolfgang. Hinzu kam, dass die Familie ohne Ernährer dastand: »Wir haben jahrelang Hunger und Mangel erlebt.«

Sowohl Dorothea als auch Wolfgang lesen seit Jahren alles, was über Stauffenberg und den 20. Juli veröffentlicht wird, verfolgen jeden Film und jede Fernsehdokumentation. Doch immer auch mit gemischten Gefühlen. Beide sind sich bewusst, dass Stauffenberg Gutes wollte und die Beseitigung Hitlers ein ehrenvolles und notwendiges Ziel war. »Dennoch« – Wolfgang Berger ringt nach den richtigen Worten, bevor er langsam fortfährt – »so lange ich auch darüber nachdenke, für mich bleibt Stauffenberg eben auch der Mörder meines Vaters.«

Vor einigen Jahren war Wolfgang Berger zu einer offiziellen Gedenkfeier nach Berlin geladen. Ein Sohn Stauffenbergs war anwesend. Wolfgang suchte das Gespräch, stellte sich vor. Sehr hätte er sich ein Wort des Verständnisses, der Anteilnahme, ­wenigstens des Interesses gewünscht. Doch seine Hoffnung wurde enttäuscht. Vielleicht wäre manches leichter, wenn einer der Fernsehdramaturgen auch einmal das Leben dieses tragischen Opfers des 20. Juli beleuchten würde. Denn ein Opfer ist Heinrich Berger in jedem Fall. Freilich ein Opfer, das in keine Gedenkkate­gorie passt.

Harald Krille

Gewissensnot
Claus Schenk Graf von Stauffenberg hat die eigene Gewissensnot im Blick auf das Attentat so beschrieben:
»Es ist Zeit, dass jetzt etwas getan wird. Derjenige allerdings, der ­etwas zu tun wagt, muss sich ­bewusst sein, dass er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterlässt er ­jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem Gewissen. Ich könnte den Frauen und Kindern der Gefallenen nicht in die Augen sehen, wenn ich nicht alles täte, dieses sinnlose Menschenopfer zu verhindern.«

Zitiert nach: Kershaw, Ian: Hitler. 1936–1945, DVA 2000, ISBN 3-421-05132-1, Seite 861

Gezeugt und selektiert: die Rettungsgeschwister

13. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Künstliche Befruchtung hat schon manchem Paar zum gewünschten Nachwuchs verholfen. Doch ist es auch ethisch vertretbar, Kinder als potenzielle Gewebespender für kranke ältere Geschwister im Reagenzglas zu zeugen und zu selektieren?

Ausgewählt nach Nützlichkeitskriterien? Die Möglichkeiten von künstlicher Befruchtung und genetischer Auswahl führen zu neuen ethischen Herausforderungen. 	Foto: BilderBox.com

Ausgewählt nach Nützlichkeitskriterien? Die Möglichkeiten von künstlicher Befruchtung und genetischer Auswahl führen zu neuen ethischen Herausforderungen. Foto: BilderBox.com

Nicht alle Kinder dieser Welt, so wünschenswert dies auch wäre, sind Wunschkinder. Insofern haben »Retortenbabys«, die durch künstliche Befruchtung »im Reagenzglas« entstanden sind, dem natürlich gezeugten Nachwuchs zumindest eines voraus: Die absolute Gewissheit, unbedingt gewollt zu sein. Dank des biomedizinischen Fortschritts werden inzwischen noch weitere Wunschkinder der besonderen Art geboren – sogenannte Rettungs- oder Helfergeschwister, deren Zell- oder Gewebespenden die Heilung eines schwer erkrankten älteren Geschwisters ermöglichen sollen.

Das erste weltweit bekannt gewordene Rettungsgeschwister wurde 2003 im britischen Sheffield geboren. Es heißt Jamie und kam zur Welt, um seinem vier Jahre älteren, krebskranken Bruder Charly zu helfen. Gefragt war nur ein Geschwisterkind, dessen Erbgut weitgehend mit dem Charlys übereinstimmt. Jamie hatte daher als Embryo einen Gentest zu überstehen. Denn erst die genetische Ähnlichkeit macht Jamies Blutstammzellen, die unmittelbar nach der Geburt aus seiner Nabelschnur gewonnen wurden, für Charlys Krebstherapie nutzbar.

Kinder als potenzielleZell- und Gewebespender
Rettungsgeschwister wie Jamie sind das Ergebnis zweier biotechnologischer Verfahren – zum einen der In-vitro-Ferti­lisation (IVF), zum anderen der Präimplantationsdiagnostik (PID). Bei der IVF werden Eizellen der Mutter mit Samenzellen des Vaters künstlich befruchtet, um Embryonen zu erzeugen. Die PID sorgt für die anschließende genetische Selektion.

Ursprünglich dafür entwickelt, um bei künstlich erzeugten Embryonen schwere Erbkrankheiten auszuschließen, wird die PID nunmehr auch dafür eingesetzt, optimale Zell- oder Gewebespender zu ermitteln. Denn von den »im Glas« ­erzeugten Embryonen wird jeweils nur der genetisch am besten geeignete in die Gebärmutter implantiert, um sodann normal ausgetragen zu werden. Die Gen-Diagnose entscheidet also, welcher Embryo als »Retter« infrage kommt und ­somit auch eine eigene Chance zum Überleben erhält.

Nach Jamie erblickten in Großbritannien noch mindestens fünf weitere Rettungsgeschwister das Licht der Welt – und zwar ohne explizite gesetzliche Grundlage. Erst im Mai 2008 legitimierte das britische Parlament nach heftiger Debatte die bereits existierende Praxis. Mit deutlicher Mehrheit wurde entschieden, dass Eltern gezielt Embryonen herstellen lassen dürfen, um das Leben eines kranken Geschwisterkindes zu retten.

Mittlerweile wird auch in anderen europäischen Ländern »optimaler« Nachwuchs aus therapeutischen Gründen erzeugt. So wurde Oktober 2008 mit Javier in Sevilla das erste Rettungsgeschwister Spaniens geboren. Javiers Stammzellen werden zur Therapie seines älteren Bruder Andrés benötigt. Und nach Ansicht der Ärzte ­liegen die Heilungschancen
bei 70 bis 90 Prozent. Wenn alles gut geht, ist Andrés in vier bis fünf Jahren völlig ­gesund.

Warnung vor der Zucht von »Menschen nach Maß«
In Deutschland ist die Erzeugung solcher Rettungsgeschwister nicht zulässig. Vor allem die bei der PID übliche Embryonen-Selektion ist grundsätzlich untersagt. Die IVF hingegen ist unter strengen Auflagen gestattet. Nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz ist es verboten, Embryonen für etwas anderes als eine Schwangerschaft heranzuzüchten.

Kritische Stimmen – nicht zuletzt auch aus den Reihen der deutschen Ärzteschaft – befürchten nun, dass Rettungs­geschwister den Weg für eine routinemäßige Herstellung von »DesignerBabys« ebnen. Denn was heute noch ein begründeter Einzel- bzw. Notfall ist, könnte auf längere Sicht jenem moralisch höchst verwerflichen Drang zur Perfektion Vorschub leisten: Nämlich der Zucht von »Menschen nach Maß«.

Eine solche »Embryonen-Optimierung«, bei der allein Qualitäts- und Nutzenerwägungen im Vordergrund stehen, würde den Menschen zur frei verfügbaren Biomasse degradieren. Denn eine Ethik der Selektion kennt keine unantastbaren, »letzten« Werte. Zumal in der »Bio-Ethik« ohnehin jeglicher menschlicher Anspruch auf Würde, Wert und Recht stets an Bedingungen wie Bewusstsein, Gedächtnis oder Kommunikationsfähigkeit geknüpft ist.

Die in immer kürzeren Abständen und mit immer größerer Wucht anbrandenden Wellen des biomedizinischen Fortschritts unterspülen unsere über Jahrhunderte entwickelten Moral- und Wertvorstellungen. Und je größer die therapeutischen Erfolge, desto durchlässiger werden auch die vormals als unverletzbar betrachteten ethischen Grenzziehungen. Stehen überhaupt verlässlichen Kriterien zur Verfügung, um einen durchaus notwendigen Wertewandel noch vom desaströsen Werteverfall unterscheiden zu können?

Gewiss, das Unbehagen in der Gesellschaft angesichts gentechnologischer Methoden wie die IVF und PID ist groß. Doch noch größer ist der Wunsch, sterbenskranke Kinder zu heilen. Angesichts leidender Kinder verliert selbst der alles überstrahlende Begriff von der »Unantastbarkeit der Menschenwürde« rasch an Leuchtkraft. Der hehre Begriff von der »Würde« ist schließlich recht abstrakt, die Aussicht auf gentherapeutische Heilung hingegen sehr konkret. Und so begegnen die Eltern des kleinen Javier auch allen Vorwürfen, ein »Designerbaby« bestellt zu haben, mit der schlichten Feststellung, dass sie sich doch ohnehin ein zweites Kind gewünscht hätten.

Zwischen Ethik der Würdeund Ethik des Helfens
Das schier unauflösbare Dilemma ist, sich jeweils zwischen einer allgemeinen Ethik der Würde und einer konkreten Ethik des Helfens entscheiden zu müssen. Und muss man rein menschlich nicht jedes Verständnis dafür haben, dass verzweifelte Eltern sich für ein Rettungsgeschwister entscheiden?

Eine andere Frage indes ist, was von unserer Menschlichkeit eigentlich übrig bleibt, wenn Kinder nicht mehr als Gabe empfangen, sondern nur noch als ein Produkt wissenschaftlichen Kalküls ausgesucht und bestellt werden? So gesehen bleibt jeder Anspruch, die genetischen Eigenschaften der nächsten Generation zu bestimmen, moralisch höchst beunruhigend – selbst dann, wenn Eltern dies allein zum Wohl ihrer Kinder tun.

Reinhard Lassek

Willenserklärung künftig bindend

25. Juni 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Patientenverfügung: Parlament beschließt gesetzliche Grundlage – Kirchen sehen Entscheidung kritisch

Schriftlich abgefasste Patientenverfügungen sind künftig rechtlich bindend, egal,
in welchem Stadium der ­Erkrankung sich der Patient befindet.

Eine Patientenverfügung soll die Selbstbestimmung in medizinischen ­Behandlungsfragen bis zum Lebensende sichern.	Foto: Melodi T. (scx.hu)

Eine Patientenverfügung soll die Selbstbestimmung in medizinischen ­Behandlungsfragen bis zum Lebensende sichern. Foto: Melodi T. (scx.hu)

Mit einer Mehrheit von 317 Stimmen beschloss der Bundestag in der vergangenen Woche einen vom SPD-Abgeordneten Joachim Stünker und Bundesjustizministerin Brigitte Zypries vorgelegten Gesetzesentwurf. Er besagt, dass der Patientenwille künftig Vorrang hat: Wenn sich ein Patient nicht mehr äußern kann, hat der Arzt die Verfügung zu beachten, auch wenn die Erkrankung heilbar wäre. Wenn keine Verfügung vorliegt, sollen die Ärzte und ein Betreuer des Patienten dessen mutmaßlichen Willen im Dialog ermitteln. Sind sie sich nicht einig, muss ein Vormundschaftsgericht entscheiden.

Zuvor hatten die Abgeordneten noch einmal lebhaft über das Thema debattiert, denn mit den Gesetzesentwürfen von Wolfgang Bosbach (CDU) und Wolfgang Zöller (CSU) sowie dem Antrag des Unionspolitikers Hubert Hüppe, der gar keine Gesetzesregelung wollte, standen drei weitere ­Vorschläge zur Abstimmung an. Neue Argumente gab es in der Debatte, bei der ohne Fraktionszwang diskutiert wurde, allerdings nicht.

»Wenn wir es ernst nehmen, dass wir seit 2003 über dieses Thema streiten – dann haben die, die jetzt sagen, wir brauchen keine Regelung, die ­Diskussion verschlafen«, sagte der SPD-Abgeordnete Christoph Strässer, der den Entwurf von Stünker unterstützte. In der Debatte fiel vor allem der starke Riss auf, der sich durch die CDU/CSU-Fraktion zog: Wie in keiner anderen Partei verteilte sich die Zustimmung ihrer Mitglieder auf alle vier Entwürfe und Anträge. Dabei war der vom CSU-Politiker Zöller eingebrachte Text noch deutlich liberaler als der Stünker-Entwurf: Zöller plädierte dafür, auch mündliche Äußerungen der Patienten als Verfügung gelten zu lassen.

Der zunächst auch von der Evangelischen Kirche in Deutschland unterstützte Entwurf des Abgeordneten Wolfgang Bosbach (CDU) sah dagegen vor, dass Patientenverfügungen nur bei irreversiblen, in jedem Fall zum Tode führenden Krankheiten gelten sollten. »Wir haben versucht, zu bedenken, was bedacht werden muss, und nicht zur regeln, was nicht unbedingt geregelt werden muss«, sagte die Präses der EKD-Synode und Vizepräsidentin des Bundestags, Katrin ­Göring-Eckardt, die diesen Entwurf ebenfalls unterstützte.

Doch zum Schluss hatten sich beide großen Volkskirchen dafür ausgesprochen, besser gar keinen Entwurf zu unterstützen, als eine umstrittene oder mangelhafte Lösung. »Das jahrelange überparteiliche Mühen hat aber gezeigt, dass es für die schwierigen Fragen am Lebensende keine wirklich überzeugenden juristischen Lösungen gibt«, schrieb Sachsens Landesbischof Jochen Bohl erst in der vergangenen Woche in einem Beitrag der Berliner Kirchenzeitung. Ähnlich äußerten sich seit längerem etwa auch die Bundesärztekammer oder die Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie. Den siegreichen Stünker-Entwurf lehnten die Kirchen stets ab.

Entsprechend zeugen die Stellungnahmen der Kirchen von Enttäuschung: Die Balance zwischen Selbstbestimmung und Fürsorge stimme in dem Stünker-Entwurf nicht, der insgesamt »keine Verbesserung gegenüber der bisherigen Rechtslage« biete, sagte der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber. Er bedauere, dass sich das ­Parlament für diesen Entwurf ausgesprochen hat.

Deutlich kritisierte auch der Vor­sitzende der römisch-katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Freiburgs Erzbischof Robert Zollitsch, die Parlamentsentscheidung. »Von jetzt an wird für den Fall, dass ein Patient aktuell einwilligungsunfähig ist, der in seiner Patientenverfügung vorab schriftlich erklärte Wille wie eine ­aktuelle Willenserklärung gewertet«, sagt Zollitsch. »An eine solche Gleichsetzung von vorab erklärtem Willen und aktuell entscheidendem Willen im Falle der Nichteinwilligungsfähigkeit haben wir berechtigte Anfragen.« Dies gelte vor allem für Wachkoma-Patienten: Nach dem neuen Gesetz könnte ihre Versorgung bei Vorliegen einer entsprechenden Verfügung eingestellt werden. Weswegen Zollitsch noch einmal betonte, dass »sich Wachkoma-Patienten und Menschen mit schwerster Demenz nicht in einer Sterbephase befinden.«

Beide Kirchen werden sich nun damit beschäftigen müssen, was die neue Gesetzeslage für die von ihnen seit Jahren propagierten christlichen Patientenverfügungen bedeutet.

Benjamin Lassiwe

»Sozialismus mit Gänsehaut«

25. Juni 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Jan Sokol erinnert sich:

Jan Sokol, Foto: Archiv

Jan Sokol, Foto: Archiv

Fragt jemand, was für mich ein Wunder ist«, sagt Jan Sokol, »dann antworte ich ihm: Die Art und Weise, wie der Kommunismus in der Tschechoslowakei gefallen ist.« Niemand im Land habe sich Ende der 80er-Jahre vorstellen können, wie das Regime anders hätte fallen sollen als mit schrecklicher Gewalt, erzählt der tschechische Philosoph, Bürgerrechtler und Politiker in einem Vortrag in der Dresdner Frauenkirche. Jan Sokol, 73, war Mechaniker und Goldschmied, ehe er es auf dem zweiten Bildungsweg zunächst zum Mathematiker und Programmierer, nach 1990 zum Philosophen brachte. Auch Politiker war er. Er hat sich an einer ökumenischen Bibelübersetzung beteiligt, 2004 ein Buch mit dem Titel »Mensch und Religion« veröffentlicht.

Alle Phasen der jüngsten tschechoslowakischen Geschichte hat er durchlebt. Die schlimmen 50er-Jahre mit mehr als 100000 politischen Gefangenen. Die Lockerung in den 60er-Jahren. Dann den Prager Frühling 1968. Als der niedergeschlagen wurde, befand er sich gerade auf einer Reise in Moskau. »Am 21. August erschienen keine Zeitungen«, erinnert er sich. »Düsenjäger flogen über die Stadt.« Ständig musste er den desinformierten Sowjetbürgern erklären, dass ihre Soldaten die Tschechoslowakei nicht von einmarschierenden NATO-Truppen befreiten.

Was folgte, sei keine schreckliche, aber eine traurige und hoffnungslose Zeit gewesen. Statt »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« nun, wie man auf der Straße sagte, »Sozialismus mit Gänsehaut«.
Immer wieder, erzählt er, seien es »Kleinigkeiten« gewesen, die am Ende ungeahnt gewaltige Folgen für die Politik hatten. 1976 wurden nach einem Konzert die Musiker der »Plastic People of the Universe« verhaftet, eine der wichtigsten Rockgruppen der unabhängigen Kulturszene. Künstler, Intellektuelle, Arbeiter, Priester, ehemalige Kommunisten schrieben eine Petition gegen Menschenrechtsverletzungen. Sokol gehörte zu den Erstunterzeichnern. Berühmtheit erlangte diese »Charta 77« erst durch Berichte in den Westmedien.

»Wir machten die Erfahrung: Man kann etwas bewirken.« Einige Unterzeichner wurden verhaftet. »Es sah schon so aus, als sei unsere Aktion gescheitert.« Dann aber wurde eine Bürgerrechtsbewegung daraus. Wie wichtig sie war, sollte sich aber erst im Herbst 1989 zeigen. »Die Erst­unterzeichner waren sofort als Sprecher der Opposition legitimiert.«

Die politische Trennung der Tschechen und Slowaken habe er zunächst bedauert, sagt Sokol. Damals saß er für das Bürgerforum (OF) in der tschechoslowakischen Föderalversammlung, war stellvertretender Parlamentsvorsitzender. Später begriff er, dass es nicht anders ging.

Als Minister für Jugend und Schule erlebte er die übereilte Privatisierung der tschechischen Wirtschaft. »Ein Erdbeben mit bedenklichen Folgen.« Eine davon: Die ­riesige Korruption. Eine andere: Da die Geldinstitute nicht privatisiert wurden, kam es zu einer Finanz- und Bankenkrise. »Vielleicht aber haben deswegen die tschechischen Banken heute weniger Probleme. Wir haben die Krise bereits erlebt.«

Tomas Gärtner

Kirche muss in der Gemeinde stark sein

18. Juni 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Jahrzehnte Ehrenamt in der Kirche und sechs Jahre Präses der EKD-Synode: Barbara Rinke

Vom Küchentisch aus geht der Blick in den Garten des Reihenhauses. Wiese und Sträucher werden vom Regen gewaschen. Die Nordhäuser Oberbürgermeisterin Barbara Rinke bringt Kaffee. Zwei Anrufer muss sie noch vertrösten – später, jetzt ist sie im Gespräch. Familie, ­Politik und Kirche bestimmen das Leben der 62-Jährigen. Im kirchlichen Ehrenamt ist sie schon Jahrzehnte tätig, davon sechs Jahre als Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Barbara Rinke – die Nordhäuser Oberbürgermeisterin ist seit Langem für ihre Kirche engagiert. Foto: Dietlind Steinhöfel

Barbara Rinke – die Nordhäuser Oberbürgermeisterin ist seit Langem für ihre Kirche engagiert. Foto: Dietlind Steinhöfel

Barbara Rinke ist in Nordhausen aufgewachsen – mit Eltern und Großeltern in einer geräumigen Wohnung. Vor allem die Großmütter waren immer für sie da. Sie erzählt von der Kinderstunde in der Adventgemeinde, die sie besuchte, weil die im Hause war; vom Reformationstag, der für die Großmutter aus reformierter Tradition der wichtigste Tag im Jahr war; von Wanderungen im Harz …

Die Eltern besaßen ein Unternehmen für Maschinen-, Motorenbau und Reparatur. Mit 24 Jahren, als ihr Vater schwer erkrankte, übernahm sie die Betriebsleitung. Damals war der Betrieb noch »halbstaatlich« und die Enteignung stand bevor. Sie erinnert sich an eine Dame vom Rat des Kreises, die damals zu ihr kam. »Ich saß auf der Treppe, sie stieg einfach über mich drüber und sagte: ›Auch um Sie wird der Sozialismus ­keinen Bogen machen‹.« Der Sozialismus hat keinen Bogen gemacht, aber er hat sich 28 Jahre später verabschiedet, Barbara Rinke bekam ihren Betrieb zurück, trat in die SPD ein und engagierte sich in der Politik. Doch das war für die junge Frau 1972 noch nicht abzusehen.

Erstmal kamen Ehe und Kinder. Vier Töchter hat Barbara Rinke. Während der »Babyzeit« begann ihr Engagement in der evangelischen Kirche. Bis 1994 war sie im Gemeindekirchenrat von Nordhausen, wurde in die Kreissynode und die Synode der Kirchenprovinz gewählt. Mit den Theologen Markus Meckel, Friedrich Schorlemmer und Heino Falcke arbeitete sie im Ausschuss »Weltverantwortung« innerhalb des Konziliaren Prozesses. »Das war für mich eine wichtige Zeit, weil ich viel gelernt habe über demokratische Prozesse in der Kirche«, erzählt sie.

Ihr Glauben gibt ihr im Leben Halt. Vor allem vom Nordhäuser Propst Joachim Jäger habe sie erfahren, wie Glauben tragen kann. Mit ihren Kindern sei sie als junge Frau jeden Sonntag mit Begeisterung in den Gottesdienst gegangen. »Man braucht ein geistliches Fundament«, unterstreicht sie. Sie wisse, dass die Kraft, die Aufgaben zu bewältigen, nicht die eigene, sondern geschenkt ist.

Diese Erfahrung hat sie mitgenommen in die gesamtdeutsche Synode, die sich 1991 wieder zusammenschloss. Es sei eine »gute geschwisterliche Gemeinschaft«. Sechs Jahre – von 2003 bis 2009 – stand sie ihr als Präses vor. Ein großes Vorhaben in dieser Zeit war die Vernetzung der großen evangelischen Vereinigungen der unierten Kirche (UEK), der lutherischen Kirche (VELKD) und der EKD, das sogenannte Verbindungs­modell. In diesem Frühjahr tagten deren Synoden zum ersten Mal zeitgleich.

Doch Strukturen, resümiert sie, sei das eine. Noch wichtiger sei die Arbeit an der Basis. »Die Kirche muss in den Gemeinden stark sein, damit sich die Menschen verstanden und angesprochen fühlen.« Und für die EKD-Synode, der sie weiterhin angehört, wünscht sie, »dass wieder mehr Diskussionsfreudigkeit entsteht, dass wir die Demokratie nicht aus den Augen verlieren und die Ökumene wieder deutlichen Aufwind bekommt«.

Dietlind Steinhöfel

Auch Religionsfreiheit trifft auf Grenzen

11. Juni 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Interview: Verfassungsrichter Udo Di Fabio zum Verhältnis von Staat und Religion

BU:Udo Di Fabio, Richter beim 2. Senat des Bundes­verfassungsgerichts    Foto: ddp/Michael Latz

BU:Udo Di Fabio, Richter beim 2. Senat des Bundes­verfassungsgerichts Foto: ddp/Michael Latz

Udo Di Fabio ist Richter am Bundesverfassungsgericht und Professor für Staatsrecht an der Rheinischen Friedrich-­Wilhelms-Universität in Bonn. Benjamin Lassiwe sprach mit dem Juristen.

Herr Professor Di Fabio, das Grundgesetz feiert in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag. Wie steht es um das Verhältnis von Staat und Kirchen?
Di Fabio:
Die deutsche Verfassung ist offen für die Kooperation des Staates mit den Kirchen und Religionsgemeinschaften. Dieser Zugang hat sich bewährt. Der neutrale, religionsfreundliche Staat, der am Vorrang seiner liberalen und toleranten Werteordnung nicht rütteln lässt: Das ist die Grundregel des Staatskirchenrechts.

Wir haben in Berlin die Debatte um das Schulfach Ethik gehabt. Die Kirchen ­haben dem Staat vorgeworfen, in diese Regel einzugreifen. Wie stehen Sie dazu?
Di Fabio:
Das Neutralitäts- und Kooperationskonzept zwischen Staat und Kirchen geht nur auf, wenn die Kraft des Glaubens und der religiösen Gemeinschaften stark ist und Rückhalt in der Gesellschaft behält. Wenn in manchen Regionen die Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr religiös orientiert ist, dann wird es schwierig mit der Kooperation, auch mit dem schulischen Angebot zum Religionsunterricht, von dem das Grundgesetz ausgeht.

Das heißt, die rechtliche Situation der Kirchen steht und fällt mit der Zahl ihrer Mitglieder?
Di Fabio:
Nicht nur mit der Mitgliederzahl. Es geht auch um das Engagement der Kirchenmitglieder. Dort, wo Gemeinschaften lebendig und gestaltungswillige Bürger aktiv sind, da reagiert der Staat auch entsprechend, und zwar mit Aufmerksamkeit und Interesse.

Neu ins Spiel gekommen sind ja in den letzten Jahren die Muslime. Man sieht, dass die Kirchen Mitglieder verlieren, und die muslimischen Gemeinschaften wachsen. Wo führt das hin?
Di Fabio:
Die Angst vor dem Wachsen muslimischer Gemeinden ist ein schlechter Ratgeber. Manche Vorschläge, die darauf zielen, vom bewährten staatskirchenrechtlichen Konzept des Grundgesetzes abzuweichen und eine stärkere Säkularisierung des Staates anzustreben, speisen sich aus der Furcht, dass wir sonst irgendwann genötigt wären, islamischen Mitbürgern entsprechende Zugänge, etwa zu den Medien, einräumen zu müssen wie den christlichen Kirchen und den jüdischen Religionsgesellschaften. Einige fürchten, dass die Muslime nicht so organisiert sind wie christliche Kirchen oder jüdische Gemeinden und wohl auch, dass ihr Glaube sich nicht parallel zur Aufklärung und zur gesellschaftlichen Säkularisierung entwickelt hat.

Gibt es nicht auch eine Furcht davor, dass die Frage nach den Grundwerten des Grundgesetzes von den Muslimen anders beantwortet wird?
Di Fabio:
Man müsste sich zunächst einmal darauf verständigen, was die Grundwerte sind. Aber natürlich ist die Vorstellung, die das Grundgesetz etwa von der Menschenwürde hat, personal und individuell konzipiert. Daraus folgen der Wert des Einzelnen und der aus seinem Selbstbestimmungsrecht wie seiner Gattungszugehörigkeit sich ergebende soziale Achtungsanspruch, der jeder Gemeinschaftsbindung, auch der religiösen, vorausliegt.
Damit wäre es beispielsweise unvereinbar, wenn der Austritt eines Erwachsenen aus einer Religionsgemeinschaft oder seine Entfernung aus den Familienbanden mit Gewalt unterbunden würde oder jungen Frauen der freie Zugang zu öffentlichen Räumen verwehrt wäre. Wenn jemand aus seinem religiösen Glauben heraus etwa den Geltungsanspruch der staatlichen Rechtsordnung bestreiten würde, dann hätten wir ein Problem; das gilt keineswegs nur oder ganz besonders für Muslime. Unter Berufung auf die Religionsfreiheit kann man nicht einfach den Gesetzesgehorsam verweigern. Man muss auch Konsequenzen tragen, die sich aus der Religiosität ergeben.

Das heißt, die Religionsfreiheit hat Grenzen?
Di Fabio:
Jeder Gebrauch von Freiheit trifft auf Grenzen. Es sind die Grenzen, die die Freiheit der anderen setzt. Dass man aus religiöser Überzeugung auch kritisch gegenüber staatlichen Normen sein kann, bis hin zum Ungehorsam, ist eine alte historische Erfahrung. Das Grundgesetz verlangt aber Rechtstreue. Derjenige, der sich aus religiöser Überzeugung gegen das Recht auflehnt, kann vor Gericht bei den Motiven vielleicht ein Zugeständnis erwarten. Er kann aber keine Sanktionsfreiheit erwarten.

Wo hört die Religionsfreiheit denn auf?
Di Fabio:
Ich nehme mal ein Beispiel aus der Kunstfreiheit: Wenn sich ein Aktionskünstler auf eine viel befahrene Bundesautobahn setzt, wird er die Grenzen der Kunstfreiheit schnell zu spüren bekommen. Nicht anders ist es bei der Religionsfreiheit. Sie ist eine weit bemessene Freiheit – der Staat schreibt nicht vor, was und wie die Menschen glauben. Aber wenn aus dem Glauben heraus Grundrechte Dritter verletzt werden, dann wird der Staat mit Recht die Grenzen sichtbar machen müssen.

Das Grundgesetz enthält auch Passagen, die aus der christlichen Prägung der Mehrheitsgesellschaft hervorgegangen sind, etwa den Schutz der Sonn- und Feiertage. Wie steht es damit, wenn die Kirchen schrumpfen?
Di Fabio:
Wir haben in Deutschland noch immer 50 Millionen Christen, die sich in den beiden großen Kirchen zusammengeschlossen haben. Aufs Ganze gesehen glaube ich, stellt sich eine solche Frage deswegen nicht mit der Schärfe, die manche Spürhunde des institutionellen Verfalls gerne an die Wand malen. Ich bin auch keineswegs sicher, dass der Schwund der Kirchen immer weiter anhalten wird.
Manches in unserer Gesellschaft deutet darauf hin, dass es eine religiöse Rückbesinnung gibt. Viele sind gerade deswegen auch irritiert, weil sie nicht nur im Blick auf den Islam religiösen Fundamentalismus fürchten. Aber andererseits wächst auch die Einsicht, dass eine areligiöse Gesellschaft auf Dauer vielleicht keine demokratische und humane Gesellschaft wäre.

Sind das Lehren, die Sie aus dem real existierenden Sozialismus ziehen?
Di Fabio:
Wenn mit Sozialismus eine Herrschaftsform gemeint ist, die als Diktatur auftritt, gehört sie zu den negativen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, die in der Tat auch zeigen, dass der totale Politikanspruch mit dem Griff nach dem ganzen Menschen konsequent antireligiös ist. Daraus sind noch nie besondere Ruhmesblätter in Sachen Demokratie und Menschenrechte entstanden.

Wo sehen Sie denn die Zukunft der Kirchen und Religionsgemeinschaften in Deutschland? Wird es eine anerkannte muslimische Religionsgemeinschaft geben?
Di Fabio
: Die Muslime sind in ihrer Vielfalt nur schwer einzuschätzen. Wir haben beispielsweise in Deutschland eine große Zahl von Mitbürgern, die aus der Türkei stammen und mit der türkischen Religionsbehörde zusammenarbeiten. Damit sind wir mit einem Phänomen konfrontiert, das wir früher so nicht kannten: Ein anderer Staat nimmt Einfluss auf eine der Religionsgemeinschaften, mit denen wir zusammenarbeiten wollen. Das muss gar kein negativer Einfluss sein, aber das ist eine neue Erscheinung, über die nachgedacht werden müsste.

Hat das Konsequenzen für die Anerkennung der Muslime als Religionsgemeinschaft?
Di Fabio:
Das ist eine offene Frage. Für die Anerkennung als Religionsgemeinschaft kommt es darauf an, ob man von einer freien und selbstbestimmten Gemeinschaft als Grundrechtsträger sprechen kann.
Das Bundesverfassungsgericht mit Sitz in Karlsruhe ist das höchste Gericht Deutschlands und wacht über die Einhaltung des Grundgesetzes. Seine Entscheidungen sind unanfechtbar und bindend für alle Staatsorgane. Seit seiner Gründung 1951 gilt es als verlässlicher Garant für die Begrenzung und Kontrolle staatlicher Macht.

www.bundesverfassungsgericht.de

Udo Di Fabio veröffentlichte 2005 ein Buch über die künftigen Entwicklungs­perspektiven der bundesdeutschen Gesellschaft zwischen tradierten Werten und den Herausforderungen der Globalisierung. Darin plädiert er u. a. für eine Neubelebung Bindung stiftender Kulturgüter, zu deren Vermittler er auch die Kirchen zählt.

Di Fabio, Udo: Die Kultur der Freiheit,
C. H. Beck 2005, 295 Seiten,
ISBN 978-3-406-53745-5,
19,90 Euro

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