»Du sollst ein Segen sein«

7. August 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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<h5><i>Unterwegs</ i>< /br> Der Herr sei vor dir,< /br> um dir den rechten Weg zu zeigen.< /br> Der Herr sei neben dir,< /br> um dich in die Arme zu schließen.< /br> Der Herr sei hinter dir,< /br> um dich zu bewahren vor der Heimtücke böser Menschen.< /br> Der Herr sei unter dir,< /br> um dich aufzufangen, wenn du fällst.< /br></ h5> <i>Irischer Reisesegen /Foto: ddp images</i>


Unterwegs
Der Herr sei vor dir,
um dir den rechten Weg zu zeigen.
Der Herr sei neben dir,
um dich in die Arme zu schließen.
Der Herr sei hinter dir,
um dich zu bewahren vor der Heimtücke böser Menschen.
Der Herr sei unter dir,
um dich aufzufangen, wenn du fällst.


Irischer Reisesegen /Foto: ddp images


Eine persönliche Betrachtung über die Bedeutung von Segenshandlungen.

Was Segen für sie persönlich bedeutet, beschreibt die Autorin Karin Vorländer, in einem zweiteiligen Beitrag. Hier die Fortsetzung der in der vorigen Ausgabe begonnenen Ausführungen.

Der Reisesegen. Reisen bedeutet Aufbruch ins Ungewisse. Wenn in der katholischen Kirche zu Beginn der Urlaubszeit Autos gesegnet werden, werden nicht die Fahrzeuge als solche gesegnet. Es geht um die berechtigte Angst vor einem Unfall mit vielleicht schrecklichen Folgen. Mit dem Segen bitten wir Gott um seinen Schutz und vergewissern uns, dass wir in Gottes Hand sind. Oder ein Segen zu Beginn des neuen Schuljahres?

Ganz handgreiflich mit dem Auflegen der Hand, sozusagen zur Unterstreichung des Streichelns.

Viele Gemeinden bieten so einen Segnungsgottesdienst beim Übergang in die weiterführende Schu­le inzwischen an. Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein. Ich stelle mir Segen vor wie das Fließen eines Stromes.

Segen ist fließende, in unser Leben hineinfließende, in unserem Leben zirkulierende und aus unserem Leben herausfließende Lebenskraft. Segen widerfährt einem Menschen – er tut selbst nichts dazu.

Segen heißt im Alten Testament ganz arglos und konkret: dass es dem Menschen gut geht, dass er, seine ­Kinder, sein Vieh und sein Getreide gedeihen! Gott erscheint als der ­Segnende ungemein großzügig. Viele Christinnen und Christen können das nur schwer glauben und annehmen, weil sie aus einer Tradition kommen, in der gilt: Um Gott zu dienen, muss man sein Letztes geben und darf auf keinen Fall an sein eigenes Glück ­denken.

Erfülltes Leben, Segen und gesegnet sein, heißt in der Bibel auch: Damit wir ein Segen sind, soll es in unserem Leben eine Erfahrung von Fülle geben. Erst allmählich hat man begriffen: Das muss mehr bedeuten als Gesundheit, Kinderreichtum und materieller Reichtum.

Segen als Fülle wird vielleicht auch andere Formen haben!

Es kann sein, dass jemand weder gesund noch kinderreich noch reich ist, aber dieser Mensch ist eine Wohltat für andere, weil er oder sie in einem inneren Einklang ist, mit dem eigenen Schicksal, mit sich selbst, mit seiner Umgebung und mit Gott.

Nun gibt es aber eine Bestimmung von Segen, die noch eine tiefere Daseinsebene erreicht: Segen bzw. gesegnet sein, das ist radikales Bejaht sein, und zwar im Tiefsten durch Gott.

Meine Einzigartigkeit ist damit verbürgt, das Recht meines So-Seins. Ich bin ein Geschenkpaket. Vielleicht in einer schlechten Verpackung. Vielleicht muss man lange daran aufpacken, bis man an den Kern kommt. Aber der Kern heißt: Ich bin das lebendige Ja Gottes!

Darauf müsste dann auch in einer christlichen Familie alles hinauslaufen: dass die Kinder, die Kleinen und Großen vermittelt bekommen: »Du, nimm dich genauso an, wie Gott dich gemacht hat! Und: Glaube daran, dass du einzigartig und wertvoll bist und Gott dich zum Segen setzt!« Diesen Segen sind wir unseren Kindern schuldig!

Und dann ist eigentlich sofort klar, warum es nach dem ersten Satzteil: »Ich will dich segnen«, sofort und ohne Verzögerung heißt und heißen muss: »… und du sollst (bzw. im Hebräischen: wirst) ein Segen sein!« Wo Menschen in diesem Gefühl von bejaht sein und Fülle leben, schwappt etwas von der Fülle über! Großzügigkeit und Annahme machen sich breit!

Segen über den Tod hinaus.

Das Gesegnet-sein-und-zum-Segen-werden kennt die Todesgrenze nicht, weil Segen und segnen mit dem Sterben eines Menschen nicht aufhört. Der Segen soll aus einem Menschenleben zumindest bis »ins dritte und vierte Glied« fließen! Der Segen schließt die Kinder und Kindeskinder mit ein!

Wer sich fragt, was das heißen soll, der soll sich nur erinnern: Kennen wir nicht wenigstens einen Menschen, dessen Leben erst recht und noch mehr zu leuchten begann, seitdem er nicht mehr unter uns ist? Da wird das Sterben zur Aussaat. Und die Nachkommenden bringen die Ernte ein – und wissen vielleicht nicht einmal, wer zuvor gesät hatte.

Auch in dieser Hinsicht ist Segen ein Licht im Dunklen, auch beim Gedanken an den eigenen Tod, kann ich darauf vertrauen: Gott hat auch in mein Leben etwas hineingelegt, dass den Lebenden noch für eine Weile ­Segenskraft sein wird. Es wäre schön, wenn alte Menschen in dieser Gewissheit ihre Kinder und Enkel segnen würden.

Dem Segen auf der Spur

Der biblische Stammvater Jakob segnet seine Enkel - ein Gemälde von Rembrandt van Rijn.

Der biblische Stammvater Jakob segnet seine Enkel - ein Gemälde von Rembrandt van Rijn.

In der Bibel wird der Segen meist vom Vater auf den erstgeborenen Sohn weitergegeben. Jakob erschleicht sich den Segen des blinden Isaaks, indem er vortäuscht sein ­älterer Bruder Esau zu sein. Was Segen für sie persönlich bedeutet, beschreibt die Autorin, Karin Vorländer, in einem zweiteiligen Beitrag in dieser und der nächsten Ausgabe.

»Darf ich Sie mal was fragen? Sie ­sagen immer ›gesegnete Feiertage‹, statt schönes Fest – was meinen Sie eigentlich damit?« Die Frage der jungen Frau an der Kasse im Supermarkt ließ mich vom Einpacken meiner Feiertagseinkäufe hochschauen.

Ach du Schreck! Wie sollte ich das in wenigen Sätzen erklären?

»Das hier ist Segen«, sagte ich und deutete auf meinen vollen Warenkorb. »Fülle, Überfluss, dass das alles gewachsen ist und dass ich es mir kaufen kann.«

Der abwartende Blick der Kassiererin ließ mich einen zweiten Anlauf machen: »Segen heißt für mich auch, dass ich das Gefühl habe, so wie ich bin, bin ich gut genug, ich bin gewollt und geliebt. – Ein Fest ist für mich gesegnet, wenn alle das spüren: Wir leben von dem, was Gott wachsen lässt und wir leben unter dem wohlwollenden Blick der Güte Gottes.«

»Ach so«, meinte die Kassiererin beim Wechselgeld herausgeben immer noch ein bisschen ratlos.

Auf dem Nachhauseweg sinnierte ich: »War das eine verständliche Erklärung – oder hätte ich besser kurz erzählt, dass wir unsere vier Kinder kurz nach ihrer Geburt haben segnen lassen?

Dass wir seit fast 25 Jahren jede Woche ein Sonntagsbegrüßungsfest in unserer Familie feiern, bei dem wir uns am Ende der kleinen Liturgie und vor dem leckeren Essen eine ›gesegnete Woche‹ wünschen?

Dass ich unsere Mahlzeiten mit einem Tischgebet oder zumindest mit ›gesegnete Mahlzeit‹ eröffne?

Dass ich unserem erwachsenen Sohn, ehe er für ein Jahr nach Kalifornien aufbrach, wortlos ein kleines Kreuz als Reisesegen auf die Stirn gezeichnet habe?

Dass ich unsere Kinder für unverfügbares Geschenk Gottes halte?

Als Eltern wollten wir ihnen nichts lieber vermitteln als das Grundgefühl: »Ich bin willkommen auf der Welt. Komme was mag, ich habe zu Hause Zuflucht, Schutz und Hilfe«.

Oder hätte ich beim allgemeinen Sprachgebrauch ansetzen sollen?«

Etwa bei: »Ein Segen, dass du kommst«, »Erntesegen«, »Kindersegen«, »meinen Segen habt ihr«. – Überall klingt an: Da wird etwas gut geheißen, als Glück empfunden, da ist Fülle, Schutz und Gedeihen. Und es klingt auch durch: Segen hat mit Unverfügbarkeit zu tun, da ist etwas der menschlichen Machbarkeit entzogen: Erntesegen: »Wir pflügen, und wir streuen – doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand«, heißt es in dem alten Erntedanklied, das ich so gerne singe. Und wenn der »Haussegen schief hängt«? Dann ist da kein gedeihliches Zusammenleben, da wachsen weder Frieden noch Glück.

Eine Bauersfrau hat mir erzählt, dass ihr Enkelkind morgens vor der Schule – und besonders gern vor einer Klassenarbeit – bei ihr klingelt und sie bittet: »Oma, mach mir ein Kreuzchen auf die Stirn.« Sie praktiziert, wie Segnen im Alltag aussehen kann: Jemanden bewusst unter den Schutz Gottes stellen, ihm Fülle und Gelingen zusprechen.

Segnen, das ist mehr als ein guter Wunsch.

Segen kommt von »signare« und bedeutet: »bezeichnen«. Natürlich kommt es dabei auch darauf an, Segen nicht als magisches Ritual misszuverstehen. Was, wenn die Arbeit trotz Kreuz auf der Stirn danebengeht? »Dann nehme ich den Enkel in den Arm und sage: »Macht nix, ich hab dich trotzdem lieb«, erklärte mir die Bäuerin.

Segnen heißt: Wir sind handsignierte Unikate – komme was mag.

Denn das Erstaunliche ist, dass wir heute dieselbe Erfahrung machen wie Menschen in biblischer und vorbiblischer Zeit: nämlich, dass das Leben voller Gefahren ist, dass es jeden Augenblick die Erfahrung mit sich bringt, ausgeliefert zu sein wie ein ausgesetztes Kind. Und darum gibt es die Sehnsucht nach Segen auch noch heute: nach Schutz in ungesicherten Situationen, nach Behütet werden. Nicht zuletzt deshalb ist der Segen an Schwellen des Lebens gefragt: Geburt, Erwachsenwerden, Heiraten, Sterben.

Am Anfang des Lebens bringen die meisten Eltern ihre Kinder zur Taufe. Dabei steht sehr oft der Wunsch nach Segen im Vordergrund: Angesichts des Wissens, wie zerbrechlich das Leben ist, stellen sie es unter den Schutz dessen, von dem alles Leben kommt.

Frauenpower in der frühen Christenheit

25. Juli 2011 von DER SONNTAG  
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Warum eine Frau, mutiger als alle Männer und erste Zeugin der Auferstehung, zum Sexsymbol verfälscht wurde.

Maria aus Magdala, Ikone, Quelle: WikipediaDass Jesus mit Maria aus Magdala eine Liebesaffäre hatte oder Kinder oder dass er mit ihr verheiratet war, gehört zu dem wissenschaftlich unhaltbaren Schwachsinn, der sich auf dem Buchmarkt so gut verkauft. Hätte es dafür irgendwelche Indizien gegeben, hätten sich die spöttischen heidnischen Philosophen in ihrem ­literarischen Abwehrkampf gegen die frühen Christen das Thema mit Sicherheit nicht entgehen lassen.

Aber auch im christlichen Lager selbst waren seit dem späten vierten Jahrhundert die Fälscher am Werk: Ephräm der Syrer setzte Maria Magdalena, wie sie latinisiert genannt wurde, mit der namenlosen Sünderin aus dem Lukasevangelium gleich, die Jesus die Füße gewaschen hat.

Andere identifizierten sie mit Maria von Bethanien, die dasselbe tat, bevor Jesus seinen Leidensweg antrat; Maria oder Mirjam hießen zu biblischen Zeiten so viele. Papst Gregor der Große machte sie in seinen Moralpredigten vollends zu einer reuigen Prostituierten, Verführerin, Sexkönigin.

Dabei war alles ganz anders. In der Bibel steht kein Wort von einer anrüchigen Vergangenheit der Maria aus dem Fischerdorf Magdala am See Gennesaret. Sie schloss sich dem Wanderrabbi Jesus an, weil der sie von »sieben Dämonen« (Lukas 8,2) befreit hatte – was für die Fälscher natürlich nur schlimme sexuelle Ausschweifungen bedeuten konnte, nach damaligem Sprachgebrauch aber auf eine ernste, möglicherweise psychosomatische Krankheit hinweist, vielleicht auf lähmende Depressionen.

Dürfen wir vermuten, dass erst ­dieser Jesus ihrem Leben einen Sinn gegeben hat? Dass sie deshalb mit ihm zog, weil sie bei ihm Güte, Zuwendung, Zärtlichkeit, Hoffnung für die Welt fand? Dass sie und die anderen Frauen in seiner Nähe mutig wurden, dass sie lernten, sich etwas zuzutrauen?

Spätestens beim Kreuzestod Jesu wuchs Maria eine führende Rolle im Jüngerkreis zu: Während die später
zu Säulen der Kirche stilisierten ­Männer allesamt in panischer Angst flohen, um das eigene Leben zu retten, harrten die Frauen unter dem Schandpfahl aus. Als man den toten Jesus bestattet hatte, wollte Maria das Grab nicht verlassen. Und als sie am Auferstehungsmorgen erneut zur ­Felsengruft eilte, war sie nach dem Zeugnis des Johannesevangeliums die erste, die das Grab leer fand. Und auch die erste, die den verschwundenen Jesus suchte. Denn Petrus und ­Johannes, von ihr verständigt, sind verwirrt wieder davongegangen; Maria aber bleibt auch diesmal beim Grab, weinend, hartnäckig, dieses Ende nicht akzeptierend. Sie sieht einen Mann, hält ihn für einen Gärtner und fleht ihn verzweifelt an: »Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast; dann will ich ihn holen.« (Johannes 20,15)

Und dann der Zauber der Wiedererkennungsszene, die ein Glaubensbekenntnis in Poesie fasst: »Maria!«, sagt der Auferstandene. Und auch sie sagt nur ein Wort: »Rabbuni!« Die Männer sind längst wieder in ihrem Versteck, und Christus schickt ihnen die Frau, die seine Auferstehung und zugleich seine Vergebung verkünden soll: »Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.« ­(Johannes 20, 17) »Brüder« nennt er sie liebevoll, die Kleingläubigen, die ihn alleingelassen haben. Maria Magdalena aber macht er zur Prophetin, und darum nennt sie die Ostkirche heute noch in begeisterter Verehrung »Apostelin der Apostel«.

Dass zum Freundeskreis Jesu auch Frauen gehörten (die der umherziehenden Schar mit ihrem Vermögen eine gewisse materielle Sicherheit verschafften), hatte schon seine Zeitgenossen entsetzt: Ein Rabbi durfte nach der strengen Version des Gesetzes mit Frauen nicht einmal reden. Den Strategen der zur Staatskirche ­gewordenen Christenheit war so viel Frauenpower aus den eigenen Anfängen ebenfalls peinlich.

Nach heutigem Forschungsstand waren Frauen in den ersten Jahrzehnten an Predigt und Gemeindeaufbau gleichberechtigt beteiligt. Aber spätestens im vierten Jahrhundert, als die Gottesdienste aus den Privathäusern in die neu entstandenen Basiliken verlegt wurden, passte man sich den gesellschaftlichen Regeln an und nahm die Frauen von der öffentlichen Bühne.

Kult, Verkündigung, Theologie, Ordnungsstrukturen, alles blieb jetzt eisern in Männerhand konzentriert. Im Zuge dieser Umorientierung ­mutierte auch Maria Magdalena von der glaubensstarken Prophetin zur bekehrten Sünderin, demütig und auf fremde Gnade angewiesen.

Nur die Künstler haben sich eine Ahnung davon bewahrt, dass es anders gewesen sein muss. Auf dem Isenheimer Altar des Matthias Grünewald trauern in einiger Distanz zum toten Christus eine zur Statue gewordene Mutter Maria, ein blasser, durchgeistigter Apostel Johannes, der sie ungeschickt stützt – und eine in ­stürmischem Schmerz zu Füßen des Kreuzes hingesunkene Maria Magdalena, die Haare offen, die Hände ­ringend: eine Liebende, die den toten Geliebten ins Leben zurückholen will.

Christian Feldmann

Buchtipp:
Feldmann, Christian: Kämpfer, Träumer, Lebenskünstler. Große Gestalten und Heilige für jeden Tag, Herder Verlag, 664 S., ISBN 978-3-451-32049-1, 29,90 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643) 246161

Mensch und Ebenbild Gottes sein

16. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Vorgestellt: Dr. Martina Bärs Erkenntnisse über die Würde von Mann und Frau.

Martina Bär ist wissenschaftliche Assistentin an der Universität Erfurt. Quelle: Jens-Ullrich Koch

Martina Bär ist wissenschaftliche Assistentin an der Universität Erfurt. Quelle: Jens-Ullrich Koch

Vom Haupteingang der Erfurter Universität führt der Weg über den Campus in südwestlicher Richtung zur Villa Martin, dem Sitz der Katholisch-Theologischen Fakultät. Wer denkt, dass hier nur Männer studieren, irrt. Obwohl in der katholischen Kirche die Frauenordination abgelehnt, nur Männer zum Priester geweiht werden, sind 50 Prozent der etwa 150 Studierenden Frauen. Die Möglichkeit als Pfarrerin zu arbeiten, ist ihnen zwar verwehrt.

Aber für Theologinnen gebe es in der katholischen Kirche viele Betätigungsfelder, so Dr. Martina Bär, wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Exegese und Theologie des Neuen Testaments. Frauen können nach dem Studium als Pastoralreferentin, Gemeindereferentin, Lektorin, Lehrerin oder Dozentin arbeiten. In dem 13-köpfigen Professorenkollegium an der Erfurter ­Fakultät sind drei Frauen. »Das ist viel im Vergleich mit ­anderen Universitäten, wo teilweise gar keine Professorinnen sind«, erklärt Bär. Sie wurde kürzlich für ihre Dissertation mit dem Maria-Kassel-Preis 2011 der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster für Nachwuchswissenschaftler in der Theologie ausgezeichnet. Das Thema Bärs Arbeit: »Mensch und Ebenbild Gottes sein. Zur gottebenbildlichen Dimension von Mann und Frau.«

Martina Bär, 1976 geboren, zählt sich zur zweiten Generation der Frauenbewegung. Während die erste Generation sich für die Befreiung von Frauen aus ihrer nachgeordneten Stellung in der Gesellschaft einsetzte, nehme sie auch die Männer mit in den Blick, so die Theologin. Sie erkennt, im Kontext der Emanzipation der Frauen seien Männer die Verlierer, die ihre Rolle erst noch finden müssten. Warum werden Männer zu Tätern?

Im ersten Teil ihrer Doktorarbeit beschäftigt sich die Wissenschaftlerin mit dieser Frage. Als Ursache für die Gewalt von Männern gegen Frauen und Kinder sieht sie Minderwertigkeitsgefühle und Erfahrungen von Unterdrückung an, wie sie in hierarchisch geordneten Strukturen erlebt würden. Nicht nur zwischen Männern und Frauen gehe es hierarchisch zu, sagt sie, sondern auch zwischen Männern. Ihr Anliegen sei das Gespräch zwischen Männern und Frauen, denn dieser »Dialog ist ein wichtiger Baustein für ein friedliches Zusammen­leben der Geschlechter«.

Den Akzent legt die Theologin nicht auf die Befreiung von Frauen, sondern auf die vorausgesetzte Befreiung, die Freiheit. Bär beruft sich dabei auf die Philosophen Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, deren Erkenntnis besagt: »Jeder Mensch ist ein freier Mensch.« Wenn der Mensch diese seine Freiheit erkannt habe, so Bär, könne er sein Leben und seine Beziehungen selbst gestalten. Er sei nicht Sklave einer gesellschaftlichen Rolle. »Der Mensch kann sich sowohl zu ­seinen körperlichen Vorgaben als auch zu seiner sozialen Rolle verhalten«, will sagen: Festgelegte Rollen und Strukturen müssen nicht auf ewig akzeptiert, sie können verändert werden.

Wer sich seiner eigenen Freiheit und deren Wertes bewusst sei, anerkenne auch die Freiheit eines jeden anderen Menschen und fordere ihn sogar auf, von seiner Freiheit Gebrauch zu machen, folgert die Wissenschaftlerin. Sie stützt sich dabei auf Fichtes Aufforderungslehre.

Typisch Mann, typisch Frau! Solche Kategorien will sie nicht gelten lassen. »Wir müssen aufhören, das andere Geschlecht zu interpretieren.« Die feministische Bewegung habe früh darauf aufmerksam gemacht, dass von körperlichen Geschlechtsmerkmalen soziale Normen, Rollen, Ordnungen und Gesellschaftsstrukturen abgeleitet worden seien. »Der Körper diente als Legitimationsgrundlage, den Frauen eine nachgeordnete Stellung in der Gesellschaft und in den Beziehungen der Geschlechter zu geben«, betont Bär. Aber es sei falsch, den Menschen über den Körper und das Geschlecht zu definieren. »Die Selbsterkenntnis »Ich bin« ist geschlechtsneutral.

Der Mensch nehme sich ­zuerst als Mensch, erst danach als ­geschlechtliches Wesen wahr. Diese Erfahrung entspreche dem biblischen Schöpfungsbericht Genesis 1, Verse 26 und 27. »Der Clou daran ist, Gott schafft den Menschen, erst in einem zweiten Schritt wird präzisiert, dass der Mensch männlich und weiblich geschaffen ist.« In der Theologiegeschichte sei man immer davon ausgegangen, dass der Begriff »Mensch« nur auf den Mann bezogen sei. In ­ihrer Doktorarbeit belege sie, dass »Mensch« auf Mann und Frau bezogen sei.

Das Argument, der Mann sei zuerst von Gott erschaffen worden, entlarvt die Theologin als männliche Interpretation. Ebenso die harsche neutestamentliche Reglementierung, dass die Frau in der Gemeinde zu schweigen habe. »Das ist nicht von Paulus«, erwidert sie. Hier handle es sich um redaktionelle Eingriffe, interessegeleitet, jedoch nicht im Sinne des Apostels.

Die katholische Kirche ist für manche Überraschung gut. Einerseits ist die Frauenordination ein Tabuthema. Andererseits ist eine Dissertation wie die von Martina Bär möglich, worin sie darlegt, dass Christus von Männern und Frauen repräsentiert werden könne. Die junge Frau kennt die beschränkten Möglichkeiten für Theologinnen in ihrer Kirche, dennoch fühlt sie sich ihr verbunden. »Ich bin in meiner Kirche verwurzelt.« Und sie hat eine gute Alternative, zu arbeiten und zu wirken. »Hier an der Uni fühle ich mich frei und nicht eingeschränkt.« Zurzeit bereitet sie sich auf ihre Habilitation vor. Dabei beschäftigt sie sich mit einem ganz anderen Thema, mit antiken Stätten. Sie forscht, warum Großstädte – die Geburtsstätten des Christentums – so wichtig waren für die Verbreitung des Evangeliums. Eine Frage, nicht minder spannend als die nach der Gottebenbildlichkeit des Menschen.

Sabine Kuschel

»Ich bin immer wieder neu begeistert«

9. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Katrin Göring-Eckardt hat Theologie studiert ohne akademischen Abschluss. Die Politikerin (Bündnis 90/Die Grünen) ist Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Foto: Archiv

Katrin Göring-Eckardt hat Theologie studiert ohne akademischen Abschluss. Die Politikerin (Bündnis 90/Die Grünen) ist Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Foto: Archiv

 
Katrin Göring-Eckardt beschreibt, was Jesusnachfolge für sie bedeutet.
 
Jesus fasziniert mich, seit ich als Jugendliche in der DDR mit seinem Leben und Wirken zum ersten Mal in Berührung gekommen bin: Was waren das für wundersame Geschichten, die von ihm erzählt wurden! Was waren das für schöne Worte, die er sprach. Was ist das nur für ein Mensch gewesen, der sich nicht einschüchtern ließ von den Autoritäten seiner Zeit, der nicht den Mund hielt, sich nicht hinter Konventionen versteckte und genau das tat, was er sagte. Einer, der seine Überzeugung lebte bis hinein in die bittere Konsequenz seines Sterbens. Ein Mensch, der im Angesicht seines Todes sein Versprechen »ich bin das Leben« nicht zurücknahm und damit zum Leben für uns alle wurde.

Gerade unter den Bedingungen der Diktatur war Jesu Ruf in die Nachfolge für mich etwas Existenzielles. Er machte mir Mut für das einzustehen, was ich als richtig und unbedingt notwendig erkannt hatte. Viele Christinnen und Christen, die in der DDR aufgewachsen sind, haben ihren Glauben in einer Intensität erlebt, die für viele prägend ist und hoffentlich weiter bleiben wird.

Aus dieser christlichen Überzeugung und Begeisterung für die Botschaft Jesu wollten wir zur Zeit der friedlichen Revolution unsere Gesellschaft verändern. Jesu Worte machten uns Mut für eine Vision von Kirche und Gesellschaft, für die es sich zu ­arbeiten, zu kämpfen lohnte. »Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.« (Matthäus 5,6) Jesu Sätze ­haben mich darin bestärkt, selbstständig und manchmal unbequem zu denken. Die Kirchen haben Schutz und einen Freiraum geboten, den das »verordnete Denken« der Mächtigen gerne verhindert hätte.

Dort, wo wir uns in Jesu Namen versammelten, spürten wir, was die DDR-Oberen am meisten hassten: Freiheit. Die Freiheit des Evange­liums. Die Freiheit Jesu. Diese wunderbare Freiheit widersetzte sich den Anmaßungen und Zumutungen des Regimes und dessen Absolutheitsanspruch. Denn da ist einer, der größer ist als alles, was die Mächtigen wollten und womit sie drohten und Angst verbreiteten.

Unser Wissen um Gottes Gegenwart hat in einem totalitären Umfeld den Totalitarismus des Staates ins Verhältnis gesetzt – ins Verhältnis zu etwas Größerem, das über allem steht.

Von dem Wissen um diese Freiheit aus dem Glauben lebe ich bis heute. Der, dem allein ich Rechenschaft zu geben habe, ist nicht von dieser Welt, er lebt aber ohne Zweifel in der Welt. Dieser Glaube gibt mir Kraft und Mut, mich als Politikerin zu engagieren und doch zu wissen, dass das nicht alles ist. Als Politikerin unterscheide ich mich in vielem nicht von meinen parlamentarischen Kolleginnen und Kollegen und von Menschen mit anderen Berufen oder Biografien.

Als Christin aber weiß ich, dass es etwas Größeres gibt als das nächste Radiointerview, die nächste Stufe auf der Karriereleiter, die nächste Wahl. Ich weiß und spüre, dass ich getragen und gehalten bin durch Gottes Kraft.
Jesu nachzufolgen heißt, seine Botschaft offen zu hören und jeden Tag zu versuchen, sie in unserer Gegenwart zu verwirklichen. Denn ich will diese Welt nicht einfach so hinnehmen, wie sie ist. Ich will mich nicht verführen lassen von der sogenannten »Macht des Faktischen«.

Jesu Worte aus der Bergpredigt (Matthäus 5) sind mir vertraut und bedeuten mir sehr viel. Sie sind für mich keine Träumereien, die nur etwas für Spinner und Visionäre wären. Die Verfolgten und Unterdrückten dieser Welt werden selig gepriesen, ihnen wird das Reich Gottes verkündet, das alle Ketten sprengt! Die Trauernden dieser Welt bleiben nicht in ihrer Trauer stecken, sondern sie bekommen Trost zugesprochen! Bloß ein irreales, irrationales Wunschbild, das hier gezeichnet wird? Freilich, unserer Erfahrung nach werden nicht alle Hungernden satt und alle Trauernden getröstet. Nein, so ist die Welt nicht. Aber: So könnte sie sein!

Genau das ist die Hoffnung, die ich in der Nachfolge Jesu nicht aufgebe. Die Hoffnung, die mich als Politikerin und Kirchenfrau antreibt zu handeln, zu verändern und die Schritte zu tun, die zu meiner Schuhgröße passen. Ich muss und kann nicht mit Sieben-­Meilen-Stiefeln vorwärtsstürmen und jeden Tag Revolution machen auf dem Weg zum Reich Gottes. Aber die Füße einfach hochlegen und Däumchen drehen vereinbart sich auch nicht mit meinem Glauben.

Es sind immer die Sanftmütigen, die viel bewirken können. Im Herbst 1989 waren es die stillen, friedlichen Gebete und die Macht der tausend Kerzen. Ich erinnere mich an den ­unüberhörbaren Ruf ungezählter Menschen »Keine Gewalt!«, an den Mut und das Drängen auf Veränderung, die zuvor unmöglich schien. Und an die wir doch glaubten, auf die wir hofften, die wir so unbedingt wollten. Wer will nach dieser Erfahrung noch sagen, die Welt ist eben, wie sie ist, Jesu Worte sind verrückt? »… denn ihnen gehört das Himmelreich« – das ist keine billige Vertröstung aufs Jenseits, wo es all denen einmal besser geht, die hier auf Erden Hunger, Durst, Folter und Elend ertragen müssen.

Der Glaube an die Seligkeit der Bedürftigen spornt dazu an, etwas dagegen zu tun, dass Menschen hungern. Wo so gehandelt wird, da ist das Himmelreich schon nah. Wenn es nicht mehr darum geht, ungerechte Entscheidungen einfach hinzunehmen oder mit sogenannten Sachzwängen zu begründen, sondern das zu tun, was den Schwächsten hilft, da ist das Himmelreich schon mitten unter uns, hier auf unserer Welt.

Das wird mir in den Geschichten und Gleichnissen Jesu immer wieder deutlich und fasziniert mich aufs Neue: Jetzt schon werden Menschen geheilt, finden Stumme Worte, Ausgestoßene eine Heimat. Jetzt schon beginnen Reiche zu teilen, widerfährt Armen Gerechtigkeit, und alle werden miteinander satt. Jesu Leben macht mir Mut und fordert mich auf, mich einzubringen in diese Welt. Mich nicht entmutigen zu lassen von ihren Unzulänglichkeiten, von meinen eigenen Fehlern und den Fehlern anderer – und auch von den Kompromissen, die wir im Leben und in der Politik eingehen. Und so bin ich mutig und fröhlich, stehe mit den Füßen auf der Erde und habe den Himmel in meinem Herzen, bin immer wieder neu von diesem Jesus begeistert.

Katrin Göring-Eckardt

Eine biblische Verheißung bindet ihn

2. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie Menschen zum Glauben kommen – zum Beispiel Manfred Böttger aus Leipzig

 

Manfred Böttger, Foto: Armin Kühn

Manfred Böttger, Foto: Armin Kühn

Ich hatte eine schöne, aber belastete Kindheit.« Wegen eines angeborenen Hüftfehlers musste Manfred Böttger in seiner Kindheit oft Spott ertragen. Zudem gehört der Leipziger, Jahrgang 1935, zu einer Generation, deren Kindheit von den schrecklichen ­Er­lebnissen des Zweiten Weltkrieges überschattet ist. »Die Kriegsjahre überlebte ich unter ganz schwierigen Bedingungen«, erinnert sich Böttger. »Wir wurden zweimal ausgebombt, zweimal verschüttet und dann mehrfach evakuiert. Eigentlich hatte ich am Kriegsende, als Kind von zehn Jahren keinen Lebensmut mehr.«
Dass er den Weg zum Glauben gefunden hat, verdankt er seiner Mutter, für die die Beziehung zur Kirche zum Leben gehörte. Sie war es, die ihren Sohn immer wieder anschubste, sich in das neu entstehende Gemeindeleben zu integrieren.

An ein Datum erinnert sich der 76-Jährige noch heute deutlich: der 17. Juni 1953. Vor diesem denkwürdigen Tag gehörten in der Leipziger Paul-Gerhardt-Gemeinde etwa 40 ­Jugendliche zur Jungen Gemeinde. Beim ersten Treffen nach dem niedergeschlagenen Volksaufstand waren es nur noch drei. Für Böttger ist die Andacht des Pfarrers an diesem Abend unvergesslich. Er sprach über Matthäus 18, Vers 20: »Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.« Das Bibelwort machte Böttger Mut. »Da stand fest, ich würde immer zu diesem kleinen Kreis gehören.« Dieser Vorsatz veränderte sein bisher distanziertes, von Wankelmut geprägtes Verhältnis zur Kirche. »Für mich wurden die Jugendkreise der Paul-Gerhardt-Gemeinde in Leipzig-Connewitz zur echten Heimat. Die Gemeinschaft der Jugendlichen in einer von Not gekennzeichneten Zeit wird mir immer unvergessen bleiben«, sagt er heute. Freundschaften, die damals entstanden, bestehen noch heute.

Auch seine politische Einstellung änderte Böttger nach der Niederschlagung des Widerstandes vom 17. Juni. »Es war ein böses Erwachen.« Als der Krieg 1945 zu Ende war, hatte er wie die meisten Deutschen auf eine bessere Zukunft gehofft. »Meine Hoffnung auf eine neue Zeit war groß! So trat ich ohne Bedenken mit Lehrbeginn der FDJ bei und engagierte mich. Warnungen schlug ich in den Wind.« Die politische Realität belehrte ihn ­eines Schlechteren.
Böttger absolvierte von 1949 bis 1952 eine Lehre als Tiefdruckätzer. Danach arbeitete er in den Graphischen Werkstätten in Leipzig, wo sich die Möglichkeit ergab, eine Sonder­reifeprüfung zu machen. Allerdings »scheiterte« er in der mündlichen Prüfung an der Frage, ob Martin Luther für die gesellschaftliche Entwicklung fortschreitend oder hemmend gewesen sei?

Böttger schätzte das Wirken des Reformators für die Gesellschaft positiv ein und fiel damit in Ungnade. »Es brach ein Unwetter über mich ­herein.« Ihm wurde von der Kader­leitung angedroht, dass er den Betrieb verlassen müsste. Er konnte zwar ­bleiben, doch das Abschlusszeugnis über die Sonderreifeprüfung bekam er nicht.

Auch als Meister durfte er, nachdem er 1962 die Meisterprüfung abgelegt hatte, nicht arbeiten. Da er nicht in der Partei war, sei er für die Ausbildung sozialistischer Persönlichkeiten nicht infrage gekommen. Er wurde entlassen und arbeitete fortan in einer Wertpapierdruckerei. »Ein Staat im Staate. Das waren schlimme Jahre.« Aber er habe sich hochgearbeitet und hatte schließlich eine Stelle als Abteilungsleiter inne, erzählt er. Nach der Wende war es nicht mehr die politische Einstellung, die ihm beruflich im Wege stand. Entlassen worden sei er von den Menschen, die aus dem Westen nach Ostdeutschland kamen. »Ich sage das ohne Bitterkeit.« Vielfältige Interessen und sein kirchliches Engagement hatten ihm in der DDR und in der Zeit danach geholfen, mit Benachteiligungen fertig zu werden. Ehrenamtlich arbeitete Böttger seit Anfang der 1970er Jahre im Leipziger Amt für Gemeindedienst.

Bis heute geht er verschiedenen ­Interessen nach und engagiert sich als Lektor, beim jährlichen Friedensgebet zum Welttierschutztag und im Verein »Freunde ehemaliger jüdischer KZ/Ghetto-Häftlinge im Baltikum«. Er blickt dankbar auf sein Leben. Trotz mancher Erschwernisse habe er gemeinsam mit seiner Frau Grete, mit der er seit 1961 verheiratet ist, in der DDR ein schönes Leben gehabt.

Sabine Kuschel

Die Kirche für die Hosentasche

18. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Glaube per App – Fromme Anwendungen fürs Handy


»Religiöse Inspiration« lässt sich per App fürs Smartphone herunterladen. ­Neben seriösen Anwendungen findet sich auch theologisch Zweifelhaftes und jede Menge Kitsch. Ob Glockenläuten, Beten oder Beichten, Singen christlicher Hymnen oder doch lieber einer feurigen Predigt lauschen – eine Vielzahl von Apps macht es möglich. (Foto: epd-bild)

»Religiöse Inspiration« lässt sich per App fürs Smartphone herunterladen. ­Neben seriösen Anwendungen findet sich auch theologisch Zweifelhaftes und jede Menge Kitsch. Ob Glockenläuten, Beten oder Beichten, Singen christlicher Hymnen oder doch lieber einer feurigen Predigt lauschen – eine Vielzahl von Apps macht es möglich. (Foto: epd-bild)

Ein Handy nur zum Telefonieren? – Das war gestern. Mithilfe von Miniprogrammen (»Apps«) kann man heute auf seinem Smartphone so ziemlich alles machen: Klavier spielen, ein virtuelles Bier schlürfen – oder seinen spirituellen Durst stillen.

Neben seriösen Anwendungen findet sich auch theologisch Zweifelhaftes und jede Menge Kitsch.

Wer sich schon frühmorgens beim ersten Weckerklingeln spirituell einstimmen möchte, liegt mit dem »Lord Jesus Widget« eines Softwareunternehmens richtig: Glocken läuten, eine schmalzige Frauenstimme singt das englische Vaterunser. Süßliche »Herz-Jesu-Bilder« samt Bibelversen wandern über den Handy-Bildschirm.

»Erzähle Gott, wie du dich heute fühlst«, heißt es in der Anleitung der ebenfalls kommerziellen »I-Talk-to-God«-App. Der Betende wählt aus 70 verschiedenen Emotionen (stolz, zweifelnd, besorgt, traurig) die passende Stimmung aus, teilt seine Gefühlslage mit, und erhält nach einem weiteren Klick eine direkte Antwort in Form eines Bibelverses.

Für Furore hat die Beicht-App ­gesorgt, abgesegnet von der katholischen Bischofskonferenz der USA: »Die perfekte Hilfe für jeden reuigen Sünder«, heißt es in der Beschreibung. Mit ihr erforscht der Bußwillige sein Gewissen anhand eines Fragekatalogs, der sich an den Zehn Geboten orientiert. Als »Sünde« gilt hier auch das Tragen unzüchtiger Kleidung, Masturbation und künstliche Geburtenkontrolle.

Anschließend werden Bußgebete vorgeschlagen. Der digitale Beichtstuhl samt »App«-Solution ersetze jedoch nicht den Gang zum Beichtvater, betont der Vatikan.

Die religiöse App »Me so Holy« ist von der Firma Apple sogar verboten worden, aus Angst, religiöse Gefühle zu verletzen: In ihr kann man sich selbst zum Heiligen machen, indem man eine Heiligenfigur und Religion aussucht und ein Foto von sich einfügt.

Wer den Bildschirmhintergrund seines Handys sakral gestalten möchte, kann das mit animierten ­neonfarbenen Kreuzen tun, die dem Betrachter entgegenschwirren, oder einem »Gott-liebt-Dich«-Button.

Nur einen Fingerstreich entfernt ist das »Christliche Dating Café«, in dem unverheiratete Gläubige mit christlichen Singles chatten können.

Christliche Kinder unterhalten – mit dem Mobiltelefon der nächsten Generation kein Problem: Die »Bibel-Comic«-App einer spanischen Firma erzählt Kindern die wichtigsten Gleichnisse Jesu. Ein Memory-Spiel, bei dem Tierpärchen für Noahs Arche gesucht werden, ist auch schon etwas für Kinderkirchgänger.

Und auch das gibt es: Die fromme Karaoke-App, mit Liedern wie »Amazing Grace«. Wer statt christlichen Hymnen und geistlichem Hip-Hop lieber eine feurige Predigt hören will, kann sich das US-amerikanische ­charismatisch geprägte »Holy Ghost Radio« installieren.

Internationale Unterstützung beim Beten gibt es mit dem Programm »Prayers to share«. Der Betende teilt sein Gebetsanliegen dem sozialen ­Gebetsnetzwerk mit und darf auf Mitbeter hoffen.

Doch warum nur Menschen beten lassen? Bei der kommerziellen Anwendung »ePrayer« sind ­angeblich ­sogar Handys in der Lage, virtuelle Gebete in Richtung Himmel zu ­schicken: Der Handybesitzer muss nur einen Heiligen als Fürsprecher und den Zweck seines Gebetes ­aus­suchen und schon wandert der Gebetstext – wahlweise ein Vaterunser oder »Ave Maria« beliebig oft über den Bildschirm.

Andere Anwendungen sind bodenständiger: Katholische Christen finden unter iMissal katholische Gebete, biblische Tageslesungen, den Heiligenkalender. Selbst klösterliche Exerzitien à la Ignatius von Loyola sind vom Wohnzimmer aus möglich.

Auch deutsche kirchliche ­Ein­richtungen bieten Apps an.

Alle Smartphone-Besitzer etwa, die gerne mit einem Bibelvers in den Tag starten wollen, können sich die App »Herrnhuter Losungen« herunterladen. Die täglichen Bibelworte werden seit 1731 von der evangelischen ­Herrn­huter Brüdergemeine herausgegeben. In zahlreichen Sprachen und Übersetzungen gibt es das Buch der Bücher im benutzerfreundlichen Handy-Format.

Die Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart bietet beispielsweise die ­Lutherbibel samt Bibelleseplan als App an.

Für die Jüngeren gibt es die »Volxbibel« der »Jesus Freaks«, eine Bibelübertragung in Jugendsprache.

Nicht jedem Smartphone-Besitzer sagt das spirituelle »all-inclusive«-Angebot zu. Das Programm »Portable Atheist« bietet Zitate von Atheisten ­sowie Argumente gegen die Existenz Gottes an, um »Debatten mit Christen zu gewinnen«.

Doch auch Christen können sich mit einer speziellen App für eine Glaubensdebatte rüsten: Der »Bible Versinator« findet Bibelverse, die die eigene Meinung untermauern.

Und wem die Kirche für die Hosentasche auf Dauer dann doch zu ­un­persönlich ist, kann sich den ökumenischen Gottesdienstfinder der »Vernetzten Kirche« aufs Handy laden, ­seinen Standort eingeben – und sofort zeigt die Google-Maps-Karte, wo es in die nächste Kirche geht. Real, nicht virtuell.

Judith Kubitscheck (epd)

Anmerkung der Redaktion: Alle Informationen (einschließlich Links) zu den benannten Angeboten bzw. Produkten stellen keine Kaufempfehlung oder Empfehlung zur Anwendung dar.

Und die Kirche bewegte sich doch

12. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Komm, Heiliger Geist!
Doch wenn er tatsächlich käme, brächte er mancherlei ins Wanken.

pfingsten

Pfingstgedanken

Die Lieder mit der Bitte um den Heiligen Geist mag ich besonders.

Dabei kommt mir manchmal der Gedanke, was wohl wäre, wenn der Heilige Geist jetzt tatsächlich eingreifen würde?

Inzwischen rate ich eher, lieber erst einmal nachzudenken, ehe wir der Bitte um den Heiligen Geist allzu lautstark Ausdruck verleihen. Es könnte uns nämlich viel Liebgewordenes durcheinandergeraten.

Zustände, die wir zwar locker beklagen, mit denen wir uns jedoch ganz gut eingerichtet haben und die wir nicht selten selber am Leben erhalten. Denn es ist ja nicht so, dass der Heilige Geist nur unserem schwachen Unvermögen aufhilft und allein die Wünsche erfüllt, deren Verwirklichung uns selber nicht gelingt.

Er weht eher dort, wo er will.

Unser Autor Matthias Weismann ist Superintendent des Kirchenbezirkes Leipziger Land.

Unser Autor Matthias Weismann ist Superintendent des Kirchenbezirkes Leipziger Land.

Wir haben im Leipziger Land jede Menge Kirchen, 156 genau, eine schöner als die andere. Fast alle gut restauriert.

Dennoch, die Gebäudelast für die kleinen Gemeinden ist erheblich.

In einem unserer Dörfer mit nur noch wenigen Christen gibt es sogar zwei Kirchen. Der Entschluss, die eine, die etwas weniger wertvolle Kirche aufzugeben, war nicht leicht, aber von Verantwortung geprägt. Doch ausgerechnet um sie bildete sich nun flugs ein unglaublich agiler und sachkundiger Förderverein.

Übrigens nahezu ohne Gemeindeglieder.

»Das können die gar nicht alleine geschafft haben!«

Inzwischen ist die Kirche in Großpötzschau schon weithin wieder als Schmuckstück erkennbar.

Der Heilige Geist weht eben wo er will? Wenn er sich vorher in der Superintendentur erkundigt hätte, die Großpötzschauer Kirche wäre ihm, ehrlich gesagt, nicht als gewünschter Einsatzort genannt worden.

Weil wir aber schon Verrücktes bei uns mit Kirchen erlebt haben, etwa mit der von Heuersdorf nach Borna verrückten Kirche, bin ich mir nicht mehr sicher.

Eigentlich wurde auch diese Kirche nicht mehr gebraucht, denn die Menschen mussten wegen der Braunkohle wegziehen und ihr Ort wurde zerstört.

Aber dann haben Tausende am Wegesrand buchstäblich Bauklötzer gestaunt. Das passiert übrigens immer, wenn sich Kirche vom Zeitgeist nicht demontieren lässt, sondern überraschend in Bewegung gerät. Und zwar dorthin, wo sie gebraucht wird.

Wenn es sein muss, sogar spektakulär.

Das gibt’s doch nicht, sagen Sie?

Die Leute am Straßenrand haben auch mit diesen Worten ihren Kopf geschüttelt. Heute suchen täglich viele Menschen aus aller Welt die Emmauskirche aus Heuersdorf in Borna auf. Und in ihr findet Leben und Begegnung statt.

Unglaublich?

Auch damals zu Pfingsten sind die Menschen in Bewegung geraten. Die verängstigten Jünger, denen scheinbar ihre Welt zusammengebrochen war, fassten auf einmal wieder Mut. Nicht aus sich selbst heraus verstanden und schöpften sie wieder Hoffnung. Andere konnten sich darüber nur an den Kopf greifen.

So geht das nicht! Was will das werden? Die sind doch betrunken.

591857_79609383In diesem Jahr, dem Jahr der Taufe wollen wir in vielen Gemeinden unserer Landeskirche ein großes Tauffest feiern. Wir sind ein bisschen erschrocken, dass so viele unserer Gemeindeglieder mit der »schönsten und herrlichsten Gabe Gottes«, wie es Gregor von Nazianz einmal gesagt hat, mit der Taufe, nichts mehr anfangen wollen und fast die Hälfte der Eltern ihre Kinder nicht mehr taufen lassen.

Dafür gibt es auch Gründe. Denen muss man aber nachgehen.

Wir werden in unseren Gemeinden also herzlich einladen, ermutigen und uns Mühe geben. Wahrscheinlich werden wir das auch gut machen. Aber nicht auszudenken, wenn sich der Heilige Geist einmischt!

Denn dann verstehen das vielleicht auch Eltern, nicht unbedingt aus Mesopotamien oder Pamphylien, aber immerhin von außerhalb. Also Eltern, die von der ganzen Kirche, ihren Ordnungen und Bestimmungen noch gar keine Ahnung haben.

Wahrscheinlich kennen die auch keine »ordentlichen« Paten. Doch sie bringen uns vielleicht erwartungsvoll ihre Kinder, weil sie der Gabe Gottes tatsächlich vertrauen.

Man muss ja nicht gleich an das Schlimmste denken, doch da sehe ich schon unsere artigen Theologen und die Juristen gewaltig ihre Stirne runzeln. So geht das aber nicht! Schon aus ökumenischen Gründen nicht. Dabei müssen sie wahrscheinlich noch gar nicht alle Argumente in Worte fassen.

Das Stirnerunzeln allein wird eindrücklich genug erscheinen, um nachhaltig alle Völker mit ihrem unzureichenden Taufverständnis zu verschrecken.

Sie verstehen? Also doch lieber nicht singen: Komm, Heiliger Geist!?

O doch! Und zwar schallend laut.

Das wäre nämlich mal wieder ein Problem, dass ich mir für uns von Herzen wünschte. Davon kenne ich übrigens noch eine ganze Menge.

Und wenn der Heilige Geist uns dabei sogar weiter beistünde, wäre auch all unser Aber-Gestammel mit einem Brausen vom Tisch und unsere Kirche bewegte sich doch.

Matthias Weismann

Der Autor ist Superintendent des Kirchenbezirkes Leipziger Land.

Geborgen sein in der Liebe Gottes

8. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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hochzeitspaarWarum viele Hochzeitspaare sich eine kirchliche Trauung wünschen.

Ab Mai registrieren Standesämter und Kirchengemeinden die meisten Trauungen. Obwohl die Zahl der Eheschließungen insgesamt zurückgegangen ist, trauen sich in Deutschland immerhin jedes Jahr rund 370.000 Paare, einander öffentlich das Jawort zu geben – manche von ihnen auch das zweite und dritte Mal. Die Faszination der Ehe scheint ungebrochen.

Gesellschaftliche Konventionen sind es längst nicht mehr, die eine Heirat wie früher zwingend notwendig machen. Wer heute heiratet, tut es aus freien Stücken. Häufig schließt die Eheschließung eines Paares die Phase langjähriger Prüfung ab und eröffnet eine neue. Die Unsicherheit, ob sie ­zusammenpassen oder nicht, soll ein Ende haben.

Dass dazu ein schönes Fest gehört, ist für die meisten selbstverständlich: sich den »Traum in Weiß« erfüllen. Sich mit einem schicken Mann, einer schönen Frau zu präsentieren. Gemeinsam im Mittelpunkt stehen. Die Freunde und Familien beider Seiten zusammenbringen. Viele gute Wünsche und Geschenke entgegennehmen. Miteinander essen, trinken, tanzen und fröhlich sein.

Und was haben Gottesdienst und Kirche mit alldem zu tun? Allein den festlichen Rahmen?

Für manche Paare ist das so. Aber die überwiegende Zahl derer, die heute bewusst auch eine kirchliche Trauung wünschen, hat andere Gründe.

Im Traugespräch finden sie nicht immer gleich die richtigen Worte dafür. Aber nach einiger Zeit ist es heraus.

Ja, da sei etwas. Etwas, was sie schwer beschreiben könnten. Irgendwann fällt dann das Wort Segen.

Ja, der Segen sei ihnen wichtig für das ­Leben zu zweit.

Gesegnet sein. Etwas geschenkt zu bekommen, das mehr ist als du und ich. Die gemeinsame Liebe in einen Horizont stellen zu können, der weiter und höher ist als die Bindung aneinander. Von einer Liebe gehalten werden, die auch dann noch trägt, wenn man sie selbst kaum tragen kann.

Wenn Paare um Gottes Segen bitten, vertrauen sie ihre menschliche Liebe der Liebe Gottes an. Dieses Geborgensein in der viel größeren Liebe Gottes gibt Kraft und Mut für den gemeinsamen Weg. Das gilt besonders für die Zeit, in der Krisen kommen, wie sie wohl in keiner Ehe ausbleiben.

Der gemeinsam empfangene Segen kann daran erinnern, dass es auch für Ehen, die in die Jahre gekommen sind, durch Vergeben und Verzeihen immer wieder einen neuen Anfang gibt. Oder wenn das nicht möglich ist, sich in Achtung voreinander zu trennen.

»Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei«, begründet die Schöpfungsgeschichte die auf Lebenszeit angelegte Partnerschaft als die von Gott gestiftete Ordnung. Es tut dem Menschen gut, Seite an Seite mit einem anderen durchs Leben zu gehen.

paarDie Ehe gibt dem Zusammenleben einen festen Rahmen, ermöglicht neues ­Leben und in der Familie verlässliche Beziehungen, die auf Dauer angelegt sind. Andere Lebensformen sind dadurch aber nicht weniger wert.

Für Martin Luther war die Ehe kein Sakrament und die kirchliche Trauung kein Rechtsakt, sondern »ein weltlich Ding«. Die Pfarrer haben für ihn die Aufgabe, für das Paar zu beten und es zu segnen.

Ein Dekret des Preußischen Landrechts drängte 1794 dieses Verständnis der kirchlichen Trauung als Segenshandlung in den Hintergrund. Eine rechtsgültige Ehe konnte seitdem nur durch eine »priesterliche Trauung« vollzogen werden.

Die Einführung der obligatorischen Zivilehe im Jahre 1875 korrigierte diese Entscheidung. Seitdem ist die kirchliche Trauung nicht länger mit einem Rechtsakt verbunden. Die rechtliche Eheschließung geschieht im Standesamt.

Aufgabe der Pfarrer ist es, einen »Gottesdienst zu Beginn einer Ehe« zu gestalten. Sie sollen nicht das überhöhen, was auf dem Standesamt bereits geschehen ist. Aber auch nicht verschweigen, dass Recht allein nicht genügt, eine Ehe zu begründen.

Es geht um mehr: Um Liebe, die wir empfangen, damit wir selber lieben können.

Wolfgang Riewe

Sehnsucht nach der Fülle des Lebens

31. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Der Himmel ist kein Ort auf der Landkarte des Universums, sondern eine Beziehung – Gedanken zu Christi Himmelfahrt.
 

HimmelfahrtWenn man mit dem Flugzeug die Wolkendecke durchstoßen hat, sieht man nur noch einen endlos weiten Raum: keine Wolken mehr. Keine großen Vögel. Schon gar keine Engel. Kann das der Himmel sein?

Reinhard Mey hat in einem berühmt gewordenen Lied die Sehnsucht beschrieben, die aufkommen kann, wenn man am Boden bleibt und einem startenden Flugzeug hinterher blickt: »Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen.«

Der Himmel, der physikalische Raum zwischen Erde und All, hat ­immer schon als Bild gedient für das Unbeschreibliche, für all das, was wir hinter unseren eigenen Grenzen und Beschränkungen erhoffen.

Aber gibt es den Himmel, »die Fülle des Lebens«, von der in alten liturgischen Texten die Rede ist, überhaupt? Kann man ohne den Himmel überhaupt leben? Muss es nicht das wahre Glück geben – auch später einmal, ein Zuhause, in dem wir immer bleiben dürfen? Oder ist das alles nur eine große Illusion?

Solange die Welt sich dreht, werden Geschichten vom Himmel erzählt. Hoffnungsgeschichten, die sagen, dass es weitergeht. Wunderschöne Geschichten und komische. Eigenartigerweise reden manche Leute besonders gern vom Himmel, wenn es ihnen an den Kragen geht.

Im Gottesdienst – im katholischen regelmäßig am zweiten Weihnachtsfeiertag – ist bisweilen der Bericht von Stephanus zu hören, einem der allerersten Christen, der seinen Mitbürgern eine gesalzene Predigt hielt und seine Zuhörer damit so in Wut versetzte, dass sie ihn umbrachten: »Als sie das hörten, waren sie aufs Äußerste über ihn empört und knirschten mit den Zähnen. Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum ­Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief: ›Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.‹ Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten gemeinsam auf ihn los, trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn.« (Apostelgeschichte 7,54-58)

2HimmelfahrtEs sind die Tapfersten, die so sterben können. Die Überzeugung, dass dort im Himmel etwas Wunderbares auf uns wartet, kann mächtig viel Kraft zum Leben geben. Wer an den Himmel glaubt, lässt sich offenbar hier auf der Erde nicht so leicht die Courage abkaufen.

Die Bibel schildert den Himmel gern als großes Fest, vorzugsweise als Hochzeitsfeier. Da wird ausgelassen gefeiert, fröhlich gegessen und getrunken.

Die Bibel erzählt von diesem Fest nicht so, als müssten wir bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag warten, bis es losgeht. Die Feier hat schon längst begonnen!

Jesus verknüpft das unverrückbar mit seiner Person: »Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.« Sein Himmel beginnt überall dort, wo Menschen wie er ganz Menschen sind, sich aneinander freuen, richtige Freunde werden, miteinander teilen und sich als Partner fühlen, nicht als Rivalen.

Schon der in der hebräischen Bibel dokumentierte Glaube Israels bricht die enge Vorstellung eines über den Wolken lokalisierbaren Himmels auf: Der Himmel ist kein Ort auf der Landkarte des Universums, sondern eine Beziehung. Der Himmel ist die Erfahrung der glücklich machenden – aber auch herausfordernden! – Nähe Gottes.

Viel später entsteht die treffsichere Geschichte von dem Rab­bi, der einem Kind einen Taler verspricht, wenn es ihm sagen kann, wo Gott wohnt. Der Dreikäsehoch antwortet: »Und du ­bekommst einen Taler, wenn du mir sagst, wo er nicht wohnt!«

Das Fest des Himmels hat begonnen.

Zwar hat es noch nicht seinen Höhepunkt erreicht, aber wir sind zum Tanz aufgerufen.

Wie geht das? Vielleicht gibt ein kleines Gebet Aufschluss, das in ­einem Gesangbuch zu finden war, in zierlicher Handschrift auf einen Zettel geschrieben: »Herr, gib mir ein Herz, das die Freude sucht und sie doch nicht festhalten will, das verzichten und teilen kann und das sein Glück in der Freude der anderen findet.«

Wenn wir so zu leben versuchen, leuchten schon jetzt viele kleine Stückchen Himmel wie Mosaiksteine auf, oft noch unverbunden neben­einander liegend wie bei einem unfertigen Puzzle.

Die Bibel ist überzeugt: Gott wird am Ende der Tage diese ­vielen Mosaiksteinchen Himmel zu einem vollendeten Bild zusammen­fügen und zu »seiner neuen Erde und seinem neuen Himmel machen«, wie es am Schluss der Heiligen Schrift heißt.

Christian Feldmann

Manche Schleuse öffnet nur ein Lied

22. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Ein Lied für Gott: die Frankfurter Sängerin KAT im Kloster Volkenroda in Thüringen (Foto: Harald Krille)

Ein Lied für Gott: die Frankfurter Sängerin KAT im Kloster Volkenroda in Thüringen (Foto: Harald Krille)

 
Warum das Singen so wichtig ist – Persönliche Erfahrungen von Andreas Hausfeld:

Mein erster Chorpulli war grün. Ich sang im Kinderchor einer größeren Gemeinde, ein Steppke von ungefähr zehn Jahren. Wir sangen mal leise, auch mal schräg und laut. Und freuten uns auf das Spiel zum Abschluss der Übestunde. Bei den Konzerten waren wir aufgeregt und nicht immer konzentriert. Wir sangen mit anderen Gruppen zu Weihnachten oder vor den Sommerferien. Die trugen ihren Chorpulli. Unserer hatte aber natürlich die schönste Farbe.

Abgesehen von einer kurzen Phase hat mich die Chormusik seitdem begleitet. Das Singen wurde fast meine zweite Haut. In der Jugendkantorei, den Unichören, über zehn Jahre im Jungen Vokalensemble Hannover oder jetzt in Greiz.

Stets war eine ­meiner ersten Fragen: Wo kann man denn hier singen? Ob ich ohne die Chormusik Pfarrer geworden wäre? Ich glaube fast, nicht.

Warum ist mir aber das Singen wichtig?

Darüber dachte ich erst als Student nach. Da ist das Gemeinschaftserlebnis, natürlich. Oder das gute Gefühl, wenn nach vielen Proben ein Konzert gelingt. Aber das war es nur zum Teil.

Ich merkte vor allem, wie mir die Musik als Christ eine Sprache an die Hand gibt, die ich so nie aus mir selbst schöpfen könnte. Eine Sprache für den Abschied von einem Menschen oder den gerade so schönen Tag.

Bei einer Säuglingstaufe sangen wir einmal »Weißt du, wie viel Sternlein stehen«. Die Stimmung des Orgelvorspiels übertrug sich, dass zumindest ich beim Singen Gänsehaut bekam. Da kommen die besten Worte nicht mit.

»Hüpf auf, mein Herz, spring, tanz und sing, in deinem Gott sei guter Ding, der Himmel steht dir offen«
(EG 399,7). Der Lebensbrunnen Gottes sprudelt, passend zum Titel, in diesem Vers.

Durch das Lesen von Gesangbüchern entdeckte ich die geistliche Kraft vieler Lieder.

Manchmal dachte ich: Was wäre, wenn die Gemeinde täte, was sie gerade singt? Vor Gott tanzen wie David es tat, springen oder jauchzen? Freudenschreie in der Kirche, man stelle sich das mal vor!

Auch in den alten Liedern stecken noch genug neue Zumutungen. Nur verstecken wir sie oft. Bis hin zu Gottes Mutterhänden, mit denen er die Seinen leitet (EG 326,5). Das Gottesbild, Johann Jakob Schütz mit diesem Vers schon 1675 entfaltet, ist es schon bei mir angekommen?

»Wer singt, betet zweimal.«
Oft wird zum Sonntag Kantate an diesen Satz Martin Luther Kings erinnert. Er hat nach meinem Gefühl recht. Darum tut mir dieser Satz doppelt weh.

Viele Menschen beten nicht, weil sie keine eigenen Worte dafür finden. Aber sie lassen sich, wenn sie nicht mehr singen, auch von den Gebeten alter und neuer Lieder nicht mehr an die Hand nehmen. Sie packen die »Musica als Gabe und Geschenk Gottes« (Martin Luther) nicht mehr aus. Und bleiben so stumm und damit unbeschenkt. Darum hoffe ich, wir singen Gott! Und sei es, um uns auch ein wenig selbst zu beschenken oder zu erleichtern.

Ob es alte oder neue Lieder sein müssen?

Seit ich singe, war ich neugierig auf alle möglichen musikalischen Ausdrucksweisen des Glaubens. Auf die historische Aufführungspraxis barocker Musik oder die moderne Polyfonie der Werke eines Eric Whitacre oder Morten Lauridsen.

Doch wonach ich mich sehne?

Ich sehe mich noch im Berner Münster als Student zum Abendmahl gehen. Die Gemeinde ­begleitete uns wie selbstverständlich vierstimmig mit ihrem Gemeindelied. Das bleibt unvergesslich.

Müssen Glaubenserfahrungen zweitens immer aus einem streng kirchlichen Kontext kommen?

Vor Jahren, eine persönlich schwierige Zeit. Ich war auf der Rückfahrt, das Radio lief. Auf einmal sang eine Stimme: »Es sind seine Straßen, von jeher. Seine Straßen, von den Bergen bis ans Meer.« Ich hielt an und habe hemmungslos geheult. Manche Schleuse öffnet nur ein Lied, und sei es ein Pop-Song. Ich war danach erleichterter, auch zuversichtlicher. Viele Wege geht Gott zu meinem kleinen Glauben.

Es gibt Momente, die darum nur die Musik schenken kann. Mal suche ich diese Begegnung bewusst. Mal kommt sie beiläufig daher. Wenn es einmal nicht meine Lieder sind, die gesungen werden, denke ich hoffentlich: Mein Gott, hier betet jemand zu dir in einer für mich ungewohnten Sprache. Aber es ist schön, dass er nicht schweigt, sondern zu dir betet.

Wo ich träge im Alten verharre, lass mich auf die Stimme der Alten hören. Sie gaben das Eine nicht auf und rufen mir gleichzeitig zu: »Singet ihm ein neues Lied; spielt schön auf den ­Saiten mit fröhlichem Schall!« (Psalm 33,3).

Andreas Hausfeld ist Pfarrer in Greiz.

Gott spricht auf mancherlei Weise

15. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Gottesdienst hat noch mehr zu bieten als die Predigt.

Hand aufs Herz: Wer hat nicht auch schon so gefragt, bevor er sich am Sonntagmorgen auf den Weg zur Kirche machte? Zu welcher Kirche? Das ist die Frage.

Natürlich kann man so nur in der Großstadt fragen, wo man das Privileg der großen Auswahl hat. Rechtzeitig zur Wochenmitte sind die Namen aller Prediger und Predigerinnen gegebenenfalls in der Zeitung aufgeführt. Da sollte sich doch etwas finden lassen!

Ich muss gestehen: Ich habe oft genug das Angebot studiert, die Speisekarte rauf und runter.

Nach meinem Ausscheiden aus dem Gemeindedienst war ich ja frei, an jedem Sonntag einen anderen Kanzelredner aufzusuchen. Da gibt es Bischöfe aus aller Herren Länder, auch Bischöfinnen selbstverständlich, Professorinnen und Professoren, General- und andere Superintendenten, Pröpstinnen und Pröpste, oft genug garniert mit einem reichen musikalischen Programm.

Im Gottesdienst predigt außer dem Prediger noch vieles andere, zum Beispiel Elemente im Kirchenraum. (Foto: epd-bild)

Im Gottesdienst predigt außer dem Prediger noch vieles andere, zum Beispiel Elemente im Kirchenraum. (Foto: epd-bild)

Mit der Zeit verlor das Kanzelhüpfen seinen Reiz. Eine Weile ging ich noch zu Kollegen und Kolleginnen, die ich schon immer einmal hören wollte.

Aber ehrlich gesagt: In dieser Phase war mein Interesse bald erschöpft.

Jetzt blieb ich öfter mal zu Hause vor dem Fernseher oder ging doch wieder mal in meine eigene Gemeinde gleich um die Ecke, fußläufig zu erreichen. Und je häufiger ich dort erschien, von Mal zu Mal vertrauter wurde mit dem Raum und mit den Menschen und den Besonderheiten der Gemeinde, desto wohler fühlte ich mich da.

Nicht dass es mir egal gewesen wäre, wer da nun predigte. Aber die Predigt war mir nicht mehr ganz so wichtig. Anderes wurde wichtiger. Vor allem die Vertrautheit, das Gefühl der Zugehörigkeit. Vielleicht auch etwas ganz Banales: die Erreichbarkeit, die Nähe und die Chance, den einen oder anderen Nachbarn in der Kirche anzutreffen.

Dies ist kein Plädoyer für die Vernachlässigung der Predigt.

Im Gegenteil.

Die Predigt ist und bleibt nach meiner festen Überzeugung das Kernstück unseres Gottesdienstes. Sie verdient die optimale Ausarbeitung und die bestmögliche Darbietung. Sie zu vernachlässigen hieße, Gott selbst nicht ernst zu nehmen.

Und dennoch: Wir müssen wieder lernen, ernst zu nehmen, dass der Gottesdienst nicht mit der Predigt steht und fällt, dass er noch anderes zu bieten hat. Wir müssen wieder lernen, ernst zu nehmen, dass der Gottesdienst mehr ist als eine Veranstaltung des Predigers, dass er von der versammelten Gemeinde und nicht vom Prediger »gehalten« wird.

Es predigt noch so viel anderes außer dem Prediger oder der Predigerin. Die Ausstattung und Pflege des Raumes, der Empfang, will sagen die Begrüßung an der Tür, der Schaukasten draußen, der ganze Umgangston, die Atmosphäre einer Kirche und nicht zuletzt die Art und Weise, wie eine Pfarrerin oder ein Pfarrer sich der ­Gemeinde zuwendet, mental und mimisch auf sie zugeht.

Natürlich predigt auf ihre Weise auch die Musik und der gemeinsame Gesang. Und auch die Liturgie natürlich. Was wäre eine Predigt ohne Liturgie!

Ohne die uns überkommene, von Erfahrungen gesättigte und in ­Erfahrungen bewährte Sprache der ­liturgischen Gesänge, der Psalmen, des Vaterunsers und auch des Apostolikums!

Was für ein Schatz und was für eine Chance, dass wir noch immer diese Texte haben und sie gemeinsam sprechen, uns von ihnen tragen lassen und mit ihnen in das Lob Gottes einstimmen können, das schon so viele andere vor uns gesprochen und gesungen haben!

»Wer predigt heute?« Wenn wir so fragen, sollten wir nicht vergessen, dass Gott nicht nur »vorzeiten«, sondern auch heute noch »auf mancherlei Weise« (Hebräer 1,1) gesprochen hat und spricht, nicht nur »durch die Propheten« und nicht nur »durch den Sohn« und auch nicht nur durch die Prediger und Predigerinnen, sondern durch ein Zusammenspiel der Kräfte und Begabungen, die in der versammelten Gemeinde, auch in der kleinsten, wirksam sind.

Ulrich Hollop

Der Autor ist Pfarrer im Ruhestand in Berlin.

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes

8. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Was das Leben des Jesus von Nazareth ausmachte und warum er Menschen mit Glück ansteckte


War Jesus glücklich? Mit diesem Beitrag schließen wir die zweiteilige Folge zu diesem Thema ab.

Christus-Darstellung in  Sant'Apollinare Nuovo, Ravenna, 6. Jahrhundert. Foto: wikipedia

Christus-Darstellung in Sant'Apollinare Nuovo, Ravenna, 6. Jahrhundert. Foto: wikipedia

Menschen dürfen Fehler machen, ohne verdammt zu werden. Da fühle ich mich bisweilen an die Fantasie und Kreativität von Kindern erinnert. Mit Pfannen und Töpfen Musik machen, aus einer alten Bluse ein Abendkleid zaubern. Kinder können das. Künstler tun das. Und bei Jesus werden aus Fischern »Menschen­fischer«, die Ausgestoßenen bekommen einen Platz am Tisch, Frauen einen Namen, eine eigene Geschichte. »Ich halte Jesus von Nazareth für den glücklichsten Menschen, der je gelebt hat. Ich denke, dass die Kraft seiner Phantasie aus dem Glück heraus verstanden werden muss. Alle Phantasie ist ins Gelingen verliebt, sie lässt sich etwas einfallen und sprengt immer wieder die Grenzen und befreit die Menschen, die sich unter diesen Grenzen in Opfer und Entsagung, in Repression und Rache ducken und sie so ewig verlängern. Jesus erscheint in der Schilderung der Evangelien als ein Mensch, der seine Umgebung mit Glück ansteckte, der seine Kraft weitergab, der verschenkte, was er hatte.« Das schreibt die Theologin Dorothee Sölle in ihrem Buch »Phantasie und Gehorsam«.

Was bei Jesus auch auffällt, ist dieses Planlose, dieses Gehen von Ort zu Ort, das Verweilen, sich Zeit nehmen für die Menschen, die sich ihm in den Weg stellen. Eine unglaubliche Wachheit für den Augenblick. Wir planen unser Leben bis ins Letzte und hoffen auf diese Weise, dem Leben alles Glück abzuringen.

Zeitmanagementseminare waren eine Zeit lang die am besten besuchten Fortbildungen. Sicher, es ist hilfreich, mit seiner Zeit sorgfältig umzugehen, um einerseits den Dienstpflichten nachzukommen und andererseits Zeit für Beziehung und zweckfreie Kreativität zu haben. Was in diesen Seminaren jedoch selten vorkommt, ist das Lebensziel, das Paulus das Wachsen des ­inneren Menschen nennt oder von dem Jesus in der Bergpredigt spricht: »Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist« (Matthäus 5,48). Jesus geht äußerlich planlos, unabgesichert von Ort zu Ort. Und doch ist dieses Leben nicht ziellos dahingelebt. Immer ist klar, worum es geht: Befreiung, Wachstum, das Gottgemäße in Menschen und ­Begegnungen. Äußere Ziele, bürger­liche Ziele im Leben hat Jesus von ­Nazareth nicht verfolgt. Den Zimmermannsberuf hat er aufgegeben, hat keine Familie gegründet. In diesem Sinne ein völlig anderer Lebensweg als der, der unseren Vorstellungen von Glück und Lebensfülle entspricht. Und doch setzt er für alle Menschen ein Ziel, in welchen Lebensbezügen auch immer sie sich ­befinden, ob ­verheiratet, verwitwet, alleinstehend, ob in einem Beruf tätig oder von der Versorgung anderer abhängig. Für alle soll gelten: »Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und ­seiner Gerechtigkeit, dann wird Gott euch alles andere hinzufügen« (Matthäus 6, 33). Es ist das Glück eines Menschen, der sich die Welt nicht einverleiben, sondern zu ihrem Erhalt beitragen will, zu ihrer Verwandlung und Heilung.

Warum überliefern die Evangelien dann nicht ein einziges Lachen? Nur sein Weinen über seinen Freund ­Lazarus, seine Traurigkeit über den reichen Jüngling, seine Klage über ­Jerusalem? Ich möchte es nicht hineinfantasieren, das Lachen, und sehe es trotzdem, wenn er Kinder in den Arm nimmt und streichelt, auf ­einer Hochzeit zu Gast ist und wieder und wieder mit Menschen unterschiedlichster Couleur am Tisch sitzt, isst und trinkt, berührt und sich berühren lässt.

Aber sein Tod. »Wen die Götter lieben, der stirbt jung«, das war die Antwort in der Antike auf das Warum eines zu frühen Todes. »Only the good die young« –, heißt es heute. Keine ­befriedigenden Formeln. Aber auch die Deutungsmuster christlicher Tradition haben bisweilen mehr verzerrt als offengelegt. Jesus erscheint da manchmal mehr in den Tod und ins Leiden verliebt als ins Leben. Die Evangelien sparen nichts aus – nicht die Gewalt und die Verzweiflung, nicht die Angst und die Agonie. Aber es wird auch nichts von dem, was vorher gelebt, gesagt, passiert ist, zurückgenommen: »Ich bin das Leben«, »liebt eure Feinde«, »vergebt 7 mal 70 mal«, »niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben hingibt für seine Freunde.« Jesus von Nazareth hält das Nein zur Liebe Gottes aus, das ihm in seinen Peinigern und auch in seinen Jüngern begegnet, um am Ende doch alle zu umarmen. Ich weiß nicht, ob man das noch Glück nennen darf. Das biblische Wort dafür ist ­Auferstehung – Gott setzt den ausgestoßenen Gerechten ins Recht und nimmt dem Tod, dem Nein die zerstörerische Kraft.

Melitta Müller-Hansen

Das Glück, den Willen Gottes zu tun

29. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Die Erfahrung der Gnade, der Liebe, der unverbrüchlichen Bindung an Gott prägt die Art Jesu, sein Tun und Lassen.

 
War Jesus ein glücklicher Mensch? In einer zweiteiligen Folge beschäftigen wir uns mit dieser Frage.

»Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe« - die Zusage der unverbrüchlichen Bindung an Gott im Tauferlebnis prägten das Leben Jesu. Eine Darstellung der Taufe Jesu, die den Malern Andrea de Verrocchio und Leonardo da Vinci zugeschrieben wird.

»Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe« - die Zusage der unverbrüchlichen Bindung an Gott im Tauferlebnis prägten das Leben Jesu. Eine Darstellung der Taufe Jesu, die den Malern Andrea de Verrocchio und Leonardo da Vinci zugeschrieben wird.

Die Evangelien sind diskret. Sie ­erzählen wenig über die persönlichen Gefühle Jesu.

Er starb früh, sein Ende war grausam. Aber hatte er ­wenigstens bis dahin ein glückliches Leben? Eine selten bis nie gestellte Frage – ob Jesus glücklich war.

Ob er es wirklich war, ein glücklicher Mensch, werden wir sicher nicht im historischen Sinne nachweisen können, aber diese Frage wird uns selbst verändern. Wir überlassen es jedenfalls nicht der Sprache der Werbung, des Kommerzes allein, Glück zu definieren. Und entreißen das Glück dem Verdacht, etwas Egoistisches, Banales zu sein, wenn wir es wagen, Glück in diesem Lebensweg zu entdecken.

Wenn wir von Glück reden, dann meinen wir gemeinhin das Glück, das uns zufällt – Glück müsste man haben!

Ein Glück, das kommt und geht, das wir vielleicht auch auf Kosten anderer erleben. Ein Glück, das uns bisweilen auch den Neid der anderen einhandelt.

Jesus kennt eine andere Glücksformel und steht damit in der Tradition der Psalmen und der Propheten. Es gibt ein Glück, so sagt er, das wir Menschen suchen und gestalten und vermehren können. Nicht Fortuna teilt es uns zu – willkürlich und vergänglich. Es gibt das Glück, den Willen Gottes zu tun. Dafür steht das Wort »selig« in der Bibel, aschrej (hebr), makarios (griech). »Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen …, sondern hat Lust am Gesetz des Herrn«, so beschreibt der erste Psalm Glück.

So beschreibt Jesus selbst in den Seligpreisungen, was er unter Glück versteht und wer in seinem Sinn zu den Glücklichen dieser Erde gehört. Es sind Menschen, die in Kontakt mit ihrer ­Lebensquelle sind – mit Gott.

Nicht Erfolg, nicht das Haus, das Auto, das Boot, nichts Äußeres und kein Haben, keine vorzeigbare Ware – das Glück ist hier ein Finden und Erkennen, ein Sein und ein Tun.

In der Taufszene am Jordan bekommt Jesus eine Antwort: »Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!« Diese Erfahrung der Gnade, der Liebe, der unverbrüchlichen Bindung an Gott steht am Anfang, sie prägt seine Art, in dieser Welt gegenwärtig zu sein. Sie prägt sein ganzes Tun und Lassen. Jesus kann sagen: »Ich bin das Leben«, ihm gehört der Himmel, die Seligkeit, das Reich. Und deswegen ist er so frei und offen für Gott und die Menschen. Und wohl auch glücklich.

Die Tradition hat dafür den Begriff »Gehorsam« geprägt. Jesus ist gehorsam Gott gegenüber, er lebt aus diesem Hören auf Gott und ist so frei, seinen Willen zu tun. Daraus ist allerdings eine Theologie des Gehorsams entstanden, die auf Autoritäten und Pflichterfüllung, auf Zucht und Ordnung setzt und ein Gefälle mit sich bringt, das das Christentum über Jahrhunderte geprägt hat.

Im Mittelpunkt steht der Gehorsam Gott gegenüber. Daraus folgt der Gehorsam gegenüber den geistlichen Autoritäten, dem Familienvater, der Obrigkeit. In dieser Ethik geht es nicht mehr darum, ob die Gehorsamsleistung, die Pflichterfüllung auch inhaltlich sinnvoll ist, das steht nicht infrage und nicht zur Debatte. Es geht allein um die Beziehung zwischen dem, der Gehorsam fordert, und dem, der ihn zu erbringen hat.

Jesus von Nazareth erfüllt den Willen Gottes in einem anderen Sinn. Gottes Wille ist nichts, was ein für alle Mal feststeht. Vielmehr fordert die Situation eine Antwort, und er entscheidet selbst, was auf angemessene Weise zu tun ist. Er ist nicht Bewahrer einer festen Ordnung, erfüllt nicht nur was vorgegeben ist, sondern handelt spontan und fantasievoll, ohne sich der Verantwortung zu entziehen.

Das liegt auch daran, dass Jesus die Welt aus einer anderen Perspektive betrachtet: Die Ordnung der Welt muss sozusagen erst hergestellt werden, sie liegt in der Zukunft.

Er trifft auf die fest gefügte Welt der Antike, in der Fischer an die Netze gehören, Kranke selbst schuld sind und mit ihrer Krankheit eine Strafe Gottes abbüßen; es ist eine Welt, in der Frauen und Kinder Eigentum des Vaters und des Ehemanns sind, eine Welt, in der die Beziehung zu Gott vor allem durch Opfer geregelt ist, die im Tempel darzubringen sind. In diese fest gefügte Welt bringt Jesus eine andere Melodie hinein: Er verändert die Situation der Menschen, denen er begegnet, er erfüllt ihnen Wünsche, ohne nach deren Berechtigung zu fragen.

Melitta Müller-Hansen

Ostern – Das Leben erkennen

23. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Warum die Auferstehung sich leise ins Leben schleicht.

Ein Paukenschlag war die Auferstehung Jesu nicht. Sie verlief eher unbemerkt. Gekreuzigt dagegen wurde Jesus in aller Öffentlichkeit. Hohepriester, Schriftgelehrte und Kriegsknechte standen unter dem Kreuz – und nicht zu vergessen das Volk. Spottrufe flogen durch die Luft. Lautes Gelächter folgte darauf. Und oben die Schmerzensschreie der Gehenkten.

Wer gedacht hatte, Jesus kommt genauso laut zurück, hatte sich getäuscht. Kein Triumphzug durch die Stadt! Keine Erscheinung über den Wolken! Keine Zurechtweisung der Welt! Und mehr noch: Es hatte nicht einmal einer erwartet. In den Evangelien stehen Leidensankündigungen. Und für uns Leute nach Ostern sind auch die Vorboten der Auferstehung unübersehbar.

Das Zeichen des Jona, der Tempel, der nach drei Tagen wieder aufgebaut wird. Die Auferweckung ist mit den Händen zu greifen.

Und doch denkt keiner daran. Die Jünger und die Frauen um Jesus sehen die Kreuzigung nur aus der Ferne. Als sie zum Grab gehen, wollen sie den Leichnam salben. Keiner der Menschen um Jesus erwartete die Auferstehung. Sie erkannten ihn nicht einmal, als er vor ihnen stand.

Die zwei Jünger, die nach Emmaus unterwegs waren, treffen einen Mann, der den gleichen Weg hat wie sie. Sie wandern mit ihm eine Zeit lang und erzählen ihm von ihrer Hoffnung. Sie hielten Jesus von Nazareth für den Auserwählten Israels. Aber nun ist er tot, und sie sind resigniert.

Als Jesus ihnen die Bibel aufschließt und die Stellen zeigt, die zur Hoffnung Anlass geben, zucken sie mit den Schultern und lächeln freundlich. Was soll das noch?

Erst als er mit ihnen isst und das Brot bricht, wie er es immer gebrochen hat, erkennen sie ihn. Und genau in diesem Moment verschwindet er auch wieder. Maria aus Magdala steht vor ihm und hält ihn für den Gärtner. »Wo haben Sie meinen Herrn hingelegt?«, fragt sie.

Er hatte sie angesprochen, und sie hatte ihn nicht einmal an der Stimme erkannt. Erst als er ihren Namen nennt, wendet sie ihren Blick. Sie hatte Richtung Tod geblickt, obwohl sie vor Jesus stand. Und nun blickt sie ins Leben.

Im Auferstehungsbericht des Matthäus ist viel Zinnober. Ein Engel, der einen Stein wälzt und wie ein Blitz aussieht. Sein Gewand ist weiß wie Schnee, und die Soldaten fallen in Ohnmacht als er erscheint. Staunend sehen die Frauen in dieses Gewitter der Ereignisse und kriegen dann zu hören: Der Auferstandene ist gar nicht da.

Alle Aufregung geschieht in seiner Abwesenheit. Erst viel später in Galiläa sehen sie Jesus selbst. Erzählt wird das mit diesem schlichten Satz: »Da begegnete er ihnen und sprach.«

Warum geschieht die Auferstehung so beinahe heimlich?

Das »Unvollendete Doppelkreuz« aus Herbert Falkens Zyklus »Scandalum Crucis«, Öl und Sand auf Leinwand (Repro: Anne Gold)

Das »Unvollendete Doppelkreuz« aus Herbert Falkens Zyklus »Scandalum Crucis«, Öl und Sand auf Leinwand (Repro: Anne Gold)

 

Ein Bild des Malers Herbert Falken ­inspiriert mich zu einer Antwort. Seine Arbeit »Unvollendetes Doppelkreuz« entstand 1969 und ist Teil einer Serie, die »Scandalum Crucis« heißt, also den Skandal des Kreuzes abschreitet. Auf der unteren Bildhälfte ist ein Teil des Gekreuzigten zu sehen. Mit dicker, pastös aufgetragener Farbe hat der Maler einen braunroten Torso aufgeschichtet und mit flüchtigen Strichen Rippen und Bauchnabel angedeutet. Sand ist den Farben beigemischt, der die Gestalt schmutzig und flüchtig erscheinen lässt.

Oben am Rand des Bildes ist die Überschrift des Kreuzes in Latein und Deutsch eingezeichnet. Farbschichten sind hier weggekratzt und geritzt, damit der Schriftzug erscheinen kann. Dazwischen ist eine Aussparung. Eine weiße Silhouette erhebt sich mit Haupt und Armen aus dem dunklen Untergrund. Dieses Weiß ist nicht gemalt, sondern einfach der Untergrund der Leinwand.

Das könnte der Grund sein, warum die Auferstehung sich so heimlich ins Leben schleicht. Das Leid ist gut sichtbar. In vielen Schichten prägt es unsere Lebensgeschichte und drückt es unsere Seele. Die Prophezeiungen und Erwartungen üben zusätzlichen Druck aus. Sie assistieren den Narben unserer Biografie.

Auferstehung schafft ein unbeschriebenes Stück Land. Das Leben kann anders weitergehen. Nicht mehr den Tod anstarren, sondern das Leben erkennen, das genau vor einem steht. Das war die Aufgabe der Maria. Dem schneeweißen Engel glauben und nach Galiläa gehen, um dort irgendwo Jesus zu begegnen. Jesus beim Brotbrechen verschwinden sehen, um ihn fortan in jedem Brotbrechen neu zu begrüßen.

Auferstehung schafft ein Stück Neuland. Es ist zuerst kaum sichtbar und schwer zu erkennen. Es erscheint leise. Aber jedes Osterfest erlaubt uns, anders fortzusetzen als wir begonnen haben. Der Freiraum, den wir haben, ist geformt wie der verklärte Jesus.

Frank Hiddemann

Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer in Gera.

»Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen«

16. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Kindheitserlebnisse prägten den Weimarer Unternehmer Rudolf Keßner für seine Rolle als Oppositioneller der DDR.


In der Passionszeit nähern wir uns von verschiedenen Seiten dem The­ma Verrat. Diesmal das Porträt eines Bürgerrechtlers, der in Konfrontation mit den staatlichen Vertretern der DDR geriet.

Das Wort Verrat nimmt er öfters in den Mund. Doch er meint damit nicht zuerst die Bewachung durch die Stasi, die er vor allem in den letzten Monaten der DDR auf Schritt und Tritt erlebt hatte. Mit Verrat meint er vor allem seine Erfahrungen als Oppositioneller der DDR. In dem »verbrecherischen Regime«, wie er sagt, in dem er vielen Schikanen ausgesetzt war. Mit seinem Enga­gement in Friedens-, Umwelt- und ­Menschenrechtsgruppen machte sich Rudolf Keßner bei den Machthabern äußerst unbeliebt.

»Ich hatte viel Kraft«, sagt der 61-Jährige. Möglicherweise sei auch sein Konfirmationsspruch dafür mit verantwortlich: »Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark!« (1. Korinther 16,13). Es gibt einige Erlebnisse in seiner Kindheit und Jugendzeit, die ihn prägten für seine spätere Rolle als Oppo­sitioneller und Bürgerrechtler.

Rudolf Keßner: "In meinem Leben war immer etwas Besonderes." Foto: Maik Schuck

Rudolf Keßner: "In meinem Leben war immer etwas Besonderes." Foto: Maik Schuck

1950 in der Oberlausitz geboren, wurde Keßner in seinem Elternhaus christlich erzogen. Sein Vater besaß eine kleine Druckerei, stand dem DDR-Regime distanziert gegenüber, sei aber nicht antikommunistisch eingestellt gewesen. Als jedoch Rudolf eines Tages mit einem Pionierhalstuch nach Hause kam, ist dem Vater der Kragen geplatzt. »Da habe ich das erste Mal von meinem Vater richtig Dresche gekriegt.«

Der Junge wäre mit dem Ablegen des Halstuches in der Schule abgestempelt worden. Doch die Eltern nahmen ihn aus der staatlichen Einrichtung, brachten ihn nach Herrnhut in ein christliches Kinderheim und bezahlten die teure Ausbildung in der Zinzendorfschule. »Ein absoluter Segen«, sagt Keßner heute. Doch die Zeit des ideologiefreien ­Lernens sollte nicht ewig währen. Für das Abitur musste er auf die staatliche Erweiterte Oberschule in Löbau. Der erste Tag dort hielt ein weiteres prägendes Erlebnis für ihn bereit. Auf dem Schulhof waren alle Schülerinnen und Schüler in FDJ-Hemden angetreten – bis auf Keßner und zwei Mädchen, die ebenfalls die Schule ­gewechselt hatten. »Da setzte etwas ein«, erinnert sich Keßner staunend an die Reaktion, die das Bild der versammelten FDJler auf dem Schulhof in ihm auslöste. »Wir waren nicht verzweifelt.« Auch nicht bange, nun in eine Außenseiterrolle zu geraten, sondern stark. »Nur wir drei sind wichtig«, habe er damals gedacht. In ihm regte sich so etwas wie Stolz, zu etwas Besonderem bestimmt zu sein. Unangepasst. Kein Mitläufer! »In meinem Leben war immer etwas Besonderes.«

Er fühlte sich stark für einen eigenen kritischen Standpunkt und würde dafür Nachteile und Behinderungen in Kauf nehmen. Diese ließen nicht lange auf sich warten. Nach dem Abitur wollte Keßner gern Entwicklungsingenieur werden, doch die Machthaber der DDR ­machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Er ging zum Studium nach Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz. Da er aber den Wehrdienst verweigert hatte und Bausoldat werden wollte, wurde er nach einem halben Jahr ­exmatrikuliert. Verraten und verkauft!

Keßner gehört zu den Jahrgängen, die während der Oberschulzeit einen Beruf erlernten. Er war bei seinem ­Vater in die Lehre gegangen und ist Schriftsetzer geworden. Ein Glücksumstand, da er auf diese Weise überhaupt zu ­einem Berufsabschluss kam. Arbeit erhielt er, nachdem er von der Uni ­geflogen war, trotzdem nicht. Der einzige Job, den er ausüben durfte, war der eines Friedhofsarbeiters. »Ich sage immer Totengräber, denn das war es, was ich gemacht habe.«

Viele der ebenfalls exmatrikulierten Kommilitonen reisten nach Westdeutschland aus oder studierten an einer kirchlichen Hochschule Theologie. »Ich ärgere mich, dass ich das nicht auch gemacht habe. Ich wollte zwar Entwicklungsingenieur, nicht Pfarrer werden. Aber es hätte mir Freude gemacht, mich geistig zu bilden, Hebräisch und Griechisch zu ­lernen.« Zweckfrei etwas lernen zu dürfen –, er bedauert bis heute, dass er diese Chance nicht hatte.

Dennoch gilt: »In meinem Leben war immer etwas Besonderes.« Nachdem er einige Jahre auf dem Friedhof, dann kurze Zeit als Schriftsetzer gearbeitet hatte, kundschaftete sein Vater die Firma Stempel-Rabe in Weimar aus, dessen Inhaber einen Nachfolger suchte. Keßner wurde Meister des Flexografenhandwerks und übernahm 1980 den Privatbetrieb. Er war nun selbstständiger Stempelmacher, bekam Aufträge für Dienstsiegel sogar von der sowjetischen Kommandantur. Die Geschäftsräume der Firma waren auch ein Zentrum der Bürgerrechtsbewegung in Thüringen, wo Keßner, der sich in Rechtsfragen kundig gemacht hatte, für Information und Beratung bereitstand. Ein Engagement, das den staatlichen Stellen ein Dorn im Auge war. Keßner wurde rund um die Uhr bewacht, mehrfach festgenommen und verhört.

Anfang 1989 entschloss er sich auf Drängen seiner Frau, mit der Familie, zu der vier Kinder gehören, nach Westdeutschland auszureisen. Die Wende machte diesen Schritt glücklicherweise überflüssig. Heute sind die Graphischen Betriebe Rudolf Keßner Weimar Corax Color & Stempel-Rabe GmbH ein modernes mittelständisches Unternehmen.

So gilt für Rudolf Keßners Leben ähnlich wie für das aus dem Alten ­Testament bekannte des Josefs, dem Lieblinssohn Jakobs: Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott ­gedachte es gut zu machen« (1. Mose 50,20).

Sabine Kuschel

Das Wort vom Kreuz ist ein Lebenswort

9. April 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Begründete Hoffnung für alle Menschen, die Opfer von Gewalt geworden sind

Foto: Harald Krille

Foto: Harald Krille

Für uns gestorben.« »Christi Leib, für dich gegeben.« »Christi Blut, für dich vergossen.« – Wenn wir den Kreuzestod Jesu als Heilsereignis deuten, dann fragen wir für gewöhnlich danach, was dort für uns geschah, wie Gott im Tod seines Sohnes uns zugute handelte oder wie Jesus selbst für uns in die Bresche gesprungen ist. Heilvoll von der tödlichen Passion Jesu reden, heißt traditionell, sie zu unseren Gunsten deuten – in vielerlei Gestalt: als Sühnopfer für die Sünden, als Lebenshingabe aus Liebe zu den Freundinnen und Freunden, als dramatischen Kampf mit dem Bösen …

Doch dies ist nur die eine Seite des Wortes vom Kreuz, seine befreiende Kunde für alle, die Unrecht getan oder das Gute zu tun versäumt haben. Denn das Wort vom Kreuz geht nicht in dem auf, was Gott in der Passion Jesu für andere tut, sondern fragt auch danach, was Gott für den Gekreuzigten selbst tut. Ein solcher Perspektivenwechsel nimmt Jesus zunächst nicht als Sühnopfer, sondern als ein Gewaltopfer in den Blick, als einen von vielen Menschen, die Opfer von Gewalt sind.

Denn der Tod Jesu am Kreuz ist als letzte Konsequenz seines Lebens nach dem Willen Gottes gleichwohl eine brutale Gewalttat. In einer Welt, in der Menschen hoch hinaus wollen, in der sie herrschen und siegen, andere und sich selbst je neu übertreffen wollen, ruft eine Gestalt, die den Gegenweg geht, den von oben nach unten, nicht nur ungläubiges Staunen und Verwunderung, Hohn und Spott, sondern Aggression und blanken Hass hervor. Die Machtspiele des Fortschritts und der Herrschaft nicht mitzuspielen, das stört und blamiert diejenigen, die sie inszenieren oder sich auch nur daran beteiligen. Spielverderber können darum nicht geduldet werden.

Wie kommt nun Gott seinem zum Opfer von Gewalt gewordenen Sohn zu Hilfe? Gott setzt sich in der Auferweckung des Gekreuzigten zu dieser Gewalttat ins Verhältnis. Das Wort vom Kreuz ist kein Sterbenswörtchen, sondern ein kräftiges Lebenswort: Die Auferweckung Jesu von den Toten ist Gottes schöpferische Antwort auf das Unrecht, das Jesus ans Kreuz gebracht hat. Auferweckung ist Neuschöpfung, Ruf in ein Leben, über das der Tod keine Macht mehr hat.

Sie ist Gottes Widerspruch gegen die, die wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Die Auferweckung des unschuldig Hingerichteten ist eine göttliche Protest- und Widerstandshandlung gegen Verhältnisse und Strukturen, in denen Menschen zu Opfern und Tätern von Gewalt werden.

Indem Gott den Gekreuzigten nicht im Tod lässt, setzt Gott das Leben gegen den Tod, den Segen gegen den Fluch durch. Die Auferweckung ist als schöpferisches Tun eine göttliche Segenshandlung am Gekreuzigten. Gott segnet den Gekreuzigten mit unvergänglichem Leben.

Gott ergreift Partei für den, der grausam zu Tode gequält wurde. Gott identifiziert sich mit dem, der zum Opfer gott- und lebensfeindlicher Mächte und Gewalten geworden ist. Mit der Auferweckung des Gekreuzigten entzieht Gott den Gewalttätigen jede Legitimation für ihre Tat. Gott setzt das Gewaltopfer ins Recht. Die Auferweckung Jesu ist ein göttlicher Rechtsakt.

Und nicht zuletzt liegt darin eine Selbstdefinition Gottes. Indem Gott Jesus nicht im Tod belässt, gibt Gott gleichsam zu Protokoll, nicht mit denen verwechselt werden zu wollen, die Menschenopfer fordern oder denen man sie meint darbringen zu müssen.

Unbestritten ist der Gekreuzigte ein Opfer von Gewalt, Gott wurde er damit aber gerade nicht zum Opfer dargebracht. So von der Auferweckung Jesu zu reden, macht hellhörig, wenn von Opfern die Rede ist, die wir angeblich in Kauf nehmen müssen. Ein solches Wort vom Kreuz fordert dazu heraus, im Namen Gottes erhobene Opferforderungen als Missbrauch des Namens Gottes zu entlarven, die Verschleierung von Opferverhältnissen aufzudecken, der Bereitschaft zur Selbstaufopferung entgegenzuwirken, die Faszination, die von der Opferrolle durchaus auch ausgehen kann, zu enttäuschen.

So von der Auferweckung Jesu zu reden, weckt die begründete Hoffnung für alle, die zum Opfer von Gewalt geworden sind, dass Gott der ihnen widerfahrenen Gewalt nicht das letzte Wort lässt, sondern sich an ihnen als protestierender, segnender, zurechtbringender Gott erweist, der nicht tatenlos zuschaut, wenn auch nur einem Geschöpf Gewalt widerfährt. Denn wer Menschen Gewalt antut, schneidet dem menschgewordenen Gott ins eigene Fleisch.

Magdalene L. Frettlöh

Die Autorin ist Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und Privatdozentin für Systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum.

Der Verräter ist unter uns

Martin Kupke will etwas gegen  das Vergessen, Verharmlosen und  Verfälschen tun. Foto: Sabine Kuschel

Martin Kupke will etwas gegen das Vergessen, Verharmlosen und Verfälschen tun. Foto: Sabine Kuschel

Martin Kupke beschäftigt sich mit dem Einfluss des Staatssicherheitsdienstes der DDR auf die Kirche.

In der Passionszeit nähern wir uns von verschiedenen Seiten dem The­ma »Verrat«. Diesmal geht es um Verrat an der Kirche.

Wer sich in der DDR in einer kirchlichen Friedens- oder Umweltgruppe engagierte, dem war die Geschichte vom Verrat des Judas stets präsent. Kirchliche Veranstalter ahnten, dass, wenn brisante Themen besprochen wurden, Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes mit dabeisaßen. »Unter zwölf Jüngern ist ein Verräter«, hieß es manchmal, durchaus mit einem ironischen Unterton.

Verrat an der Kirche – obwohl kein schönes Thema, ist es eines, das Martin Kupke im Ruhestand Tag für Tag beschäftigt. Der ehemalige Superintendent des sächsischen Kirchen­bezirkes Oschatz untersucht, wie der Staatssicherheitsdienst der DDR Einfluss auf die Kirche und das Gemeindeleben nahm. Im Auftrag des Hannah-Arendt-Institutes für Totalitarismusforschung an der Technischen Universität Dresden wertete Kupke umfangreiches Aktenmaterial des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), des Rates des Kreises, der SED-Kreisleitung und des Volkspolizeikreisamtes Oschatz aus. Die Ergebnisse sind in der 2009 erschienenen Publikation »SED und Staatssicherheitsdienst im Kirchenbezirk Oschatz« zusammengefasst.

Jetzt arbeitet Kupke erneut an ­einem Buch, das die Einflussnahme der Stasi auf einen sächsischen ­Kirchenbezirk dokumentieren soll. Welche Region er diesmal unter die Lupe nimmt, will er vor Erscheinen des Buches nicht bekannt geben. Dafür sei das Thema zu brisant, sagt er. Brisant, da einige der Inoffiziellen ­Mitarbeiter (IM) von damals möglicherweise als solche noch immer nicht enttarnt sind und ein unbehelligtes Leben führen.

Die Kirche zu zersetzen, ihren Einfluss zurückzudrängen, das Engagement für Frieden, Umwelt und Menschenrechte zu unterbinden, seien unter anderem die Ziele der Stasi gewesen, so Kupke. Er weiß aus den ­Akten, dass es der Stasi regelmäßig ­gelungen ist, Spitzel in die Kirche einzuschleusen. Manchmal wurden sie als solche erkannt und isoliert. Oft blieben sie unentdeckt und schrieben ungeniert ihre Berichte über kirchliche Veranstaltungen.

Voraussetzung für eine »erfolgreiche« Spitzeltätigkeit war es, ein Vertrauensverhältnis zum Pfarrer oder den Teilnehmern einer Gruppe aufzubauen. Für den Theologen eindeutig Verrat an der Kirche. Um an Informationen heranzukommen, erschlichen sich IMs das Vertrauen kirchlicher Mitarbeiter, täuschten falsche Tatsachen vor. Kupke weiß von einigen IMs, die sich im Auftrag der Stasi taufen ließen oder zum Theologiestudium entschlossen.

Aus welchem Holz muss ein Mensch geschnitzt sein, der zum ­Verräter wird? Bekanntlich gerieten Leute, die labil, kriminell und vorbestraft waren oder irgendwelche Probleme hatten, leicht in die Fänge der Stasi.

In einem Fall weiß Kupke von ­einem Pfarrer, der persönliche Fehler vor der Gemeinde geheim halten wollte und dafür den Pakt mit dem Teufel eingegangen sei. Erkennbar seien unterschiedliche Motive: beispielsweise materielle Interessen und Geltungsbedürfnis. Auch schlechte Charaktereigenschaften ließen sich aus den Akten herauslesen, so Kupke. Mitunter habe die Stasi Probleme wie Kompetenzgerangel und Profilierungsstreben unter den kirchlichen Mitarbeitern genutzt, um diese gegeneinander auszuspielen, weiß der Theologe.

Von Judas ist überliefert, dass er seinen Verrat bitter bereut hat: »Ich habe große Schuld auf mich geladen. Ein Unschuldiger wird getötet und ich habe ihn verraten« (Matthäus 27,4). Die Denunzianten des DDR-Regimes lassen bis auf einzelne Ausnahmen ein Schuldeingeständnis vermissen. Opfer hoffen darauf ebenso vergebens wie auf die Bitte um Entschuldigung.

Wie können Menschen, die verraten wurden, mit ihren belastenden Erfahrungen fertig werden? »Ich weiß es nicht«, antwortet Kupke. Seine ­Dokumentation über die Stasiunterwanderung der Kirche beabsichtige nicht, mit den Tätern abzurechnen. In seinen Publikationen nennt er deshalb keine Namen der IMs, nur Decknamen, Geburtstag und Wohnort. Immerhin genug Angaben, um die Spitzel von damals zu enttarnen. Doch nach Kupkes Wissen findet ein Gespräch zwischen Opfern und Tätern nicht statt. Dennoch erachtet er seine Methode, Namen nicht öffentlich zu machen, für richtig. »Ich habe lange überlegt und bin mit dieser Variante zufrieden«, so Kupkes Resümee. Sein Anliegen sei es, dem Vergessen, Verharmlosen und Verfälschen entgegenwirken.

Sabine Kuschel

Jedes Unglück muss an Gott vorbei

Der Autor Rolf Wischnath lehrt an der Universität Bielefeld Systematische Theologie, Quelle: privat

Der Autor Rolf Wischnath lehrt an der Universität Bielefeld Systematische Theologie, Quelle: privat

Eine theologische Besinnung über die schwerste Frage des Glaubens, warum es Not und Leid gibt

Wenn Menschen oder ein Volk von einem schweren Unglück getroffen werden, fragen manche: Warum lässt Gott das zu? Über diese Frage angesichts der Katastrophe in Japan eine theologische Reflexion.

Jesus ruft die Menschen seiner Zeit immer wieder zur Buße, zur Umkehr. Nicht nur zur Umkehr auf einem Lebensweg, der offensichtlich in die Irre führt, sondern es geht die Aufforderung an alle, ihr Leben zu überprüfen. Wenn Menschen oder ein ganzes Volk Schlimmes widerfährt, dachte man damals – und oft auch noch heute: Solch ein Unglück muss Strafe Gottes sein, Quittung für falsches ­Leben. So jemand muss es büßen. Doch Jesus erklärt es mit einem ­großen Unglück seiner Zeit anders: »Meint ihr, dass jene achtzehn Menschen, auf die der Turm am Teich Schiloach stürzte und sie erschlug, seien schuldiger gewesen als alle ­anderen Bewohner Jerusalems? Nein, sage ich euch; sondern wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen.« (Lukas 13,5)

Wir hören hier eine sich anbahnende Antwort auf die schwerste Frage des Glaubens: Wie kann es vor Gott gerecht sein, dass Menschen ­unverschuldet leiden und vor der Zeit sterben müssen? Und wie kann Gott zulassen, dass Menschen sich mit ­ihren, auch technischen Möglichkeiten so sehr überheben?

Die Frage impliziert eine kindliche, aber verständliche Hoffnung: Der gerechte und allmächtige Gott lässt ­einen Unschuldigen nicht vor der Zeit sterben. Unvermeidlich aber dann auch die Annahme: Irgendetwas besonders Schuldhaftes müssen die Verunglückten getan haben, was ihr Geschick, ihren jähen Tod verursacht hat.

Jesus aber verwirft das Dogma, besondere Schuld führe zu besonderem Unglück. Keiner kann jetzt noch den Willen Gottes für eine Erklärung zu Ungunsten der Opfer reklamieren. Nicht der Mensch soll Gott infrage stellen. Gott stellt den Fragenden infrage: »Wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen.« Keine Drohung ist das, sondern eine Verunsicherung, die von einer elementaren Warnung ausgeht.

Jesus wagt es, die Unterschiede hinsichtlich der Schuldhaftigkeit aufzuheben – bei den Toten und den Lebenden. Am Beispiel des zusammengestürzten Turms, der unterschiedslos 18 Menschen erschlagen hatte, demonstriert er: Die Frage nach Gott wird zu einer Frage nach dem Menschen und seiner Umkehr: Gerade in dem Rätsel eines so unfasslichen Unglücks, sagt Jesus, sollen die Menschen umkehren zu Gott.

Worin geschieht die Umkehr? In unserer unverzüglichen Kehrtwende zu Gott und in der Hinwendung zum Mitmenschen. Der umkehrende Mensch soll neu beginnen, Gott zu vertrauen und zu gehorchen. Der umkehrende Mensch beginnt neu, seinen Teil für eine Welt zu tun, in der der Mitmensch besser geachtet und geschützt wird und in der Gerechtigkeit und Macht zu einem besseren Ausgleich kommen.

Was bedeutet das für die schwerste Frage des Glaubens? Die Frage nach der Macht und der Gerechtigkeit Gottes und das quälende Problem, warum der allmächtige Gott so viel Unrecht und ­Unglück auf seiner Erde geschehen lässt, können und sollen wir zu Lebzeiten und mit unseren begrenzten Möglichkeiten des Verstehens nicht widerspruchslos lösen.

Die Frage lässt sich hier und jetzt von uns nicht theologisch lösen. Wir brauchen sie auch nicht zu beantworten. Wir müssen Gottes Treue nicht angestrengt beteuern oder bestreiten. Wir müssen sie nicht in eine intelligente Übereinstimmung bringen mit erfahrenem Unglück. Wir können jenes Rätsel, dass so viel Unschuldige den Konsequenzen von so viel fehlgeleiteter menschlicher Verantwortung zum Opfer fallen, kaum lösen. Diese Einsicht entlastet und verpflichtet. Der atomare GAU, der Tsunami, Hungersnöte, Kriege, Klimakatastrophen, von Menschen verursachte Unglücke, Ungerechtigkeit – wir sind frei, zu handeln. Gewiss können wir uns darauf verlassen, dass wir es nicht mit einem sich von uns abwendenden Gott zu tun haben, auch wenn er uns so oft verborgen erscheint. Kein Unglück ­geschieht in Abwesenheit Gottes, es muss an ihm vorbei. Und Gottes Treue trägt uns dennoch über Unglück, Tod und Unrecht hinaus und gibt dem ­Leben trotzdem Sinn und Zukunft.

In dieser Hoffnung erwarten wir den neuen Himmel und die neue Erde Gottes – und mit ihnen die Antwort auf die ungelösten Fragen. Diese Fragen aber sollen wir bis dahin wachhalten –, wohl wissend, dass wir Gott in seiner Barmherzigkeit oder seiner Verborgenheit nicht festlegen können. Wir sind zur Umkehr gemahnt und zur Wahrnehmung unserer Mitverantwortung – und zur Solidarität mit ­denen, die so sehr versehrt wurden.

Rolf Wischnath

Der Autor lehrt an der Universität Bielefeld Systematische Theologie.

»Ich habe ihn verraten und verkauft«

19. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Judas2

Eine theologische Reflexion über den Verrat des Judas


Das Thema »Verrat« ist im Christentum geprägt vom Verrat des Judas. In der Passionszeit wollen wir uns von verschiedenen Seiten dem Phänomen nähern.

Verraten und verkauft« – eine gängige Redensart. Seit wann sie im Deutschen vorkommt, ist unsicher. Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622–1676) schreibt nach dem Dreißigjährigen Krieg in seinem Schelmenroman »Simplicissimus«: »Ein gebohrner ehrlicher Teutscher weiß im Kriege nicht, ob er verrathen oder verkaufft, ob er unter Narren oder Klugen sitze.«

Wo immer allerdings die Wörter »verraten und verkauft« im Neuen Testament und in der Kirchengeschichte vorkommen, sind sie geprägt vom Verrat des Judas. Dieser Verrat übertrifft nach Meinung Unzähliger alles. Was ist sein »Verrat«? Es ist der Bruch des Vertrauensverhältnisses zu einem Freund, Vernichtung des Vertrauens durch eine Handlung, die allem widerspricht, was Judas an Gutem mit seinem HERRN erfahren hatte. Dieser Verrat vollzieht sich durch ­Judas’ Zusage an die Mitglieder des Hohen Rates, er werde gegen »Judaslohn« Jesus denunzieren und seinen Häschern zeigen, wo sie ihn würden verhaften können.

Die Untat des Judas gipfelt in einem Kuss. Dieser gilt bis heute als ­äußerster Akt der Abscheulichkeit, obwohl es in der Geschichte der Kirche auch andere Verratstaten gegeben hat, die an den Judas-Kuss heranreichen. Auch in der Geschichte meiner eigenen Konfession gibt es die Tat eines ungeheuerlichen Verrats – nämlich im reformierten Genf:
Am 6. Oktober 1553 verbrennt dort der Arzt und »Ketzer« Michael Servet, weil Johannes Calvin ihn – Servet vertritt unangepasste Überzeugungen in der Trinitätslehre – an den Rat Genfs überführt und verrät. Calvin bekommt kein Geld dafür. Aber das ist auch schon das »Beste«, was man über seine Rolle bei dieser Schande sagen kann. Und das Ganze lässt sich – bei all meiner Verehrung für den großen Theologen – nicht schönreden.

Der Jünger Judas aber verrät und verkauft Jesus an den Hohen Rat für 30 Silberstücke. So sorgt er dafür, dass Jesus im ursprünglichen Sinne »verraten und verkauft« wird. Weil er seine Tat rückgängig machen will, erhängt er sich in äußerster Verzweiflung – der Legende nach – am »Judasbaum«.

Nun jedoch wird oft übergangen, was zwischen dem Verrat und dem Selbstmord des Judas eigentlich geschieht, nämlich ein Akt ungeheuchelter Reue: »Judas packte die Reue.« Er bringt die 30 Silberstücke zu den führenden Priestern und Ratsältesten zurück und sagt: ›Ich habe große Schuld auf mich geladen. Ein Unschuldiger wird getötet, und ich habe ihn verraten und verkauft.‹« (Matthäus, 27,3+4).

In der Enttäuschung über die Tat des Judas, in seiner Verfemung als größter Verbrecher wird oft dieses Ende seiner Schande nicht mehr wahrgenommen. Man muss nämlich dem Verräter Judas zumindest zugutehalten:
Er ist der Einzige, der als Beteiligter in der Passion Jesu und am Justizmord erkennt, dass Jesus gänzlich verraten und verkauft wird und dass ihm darin schwerstes Unrecht geschieht. Und er ist der Einzige, der diese Schuld einsieht und öffentlich bekennt. Ja, Judas allein kehrt um von dem Irrtum und der Untat, in die er sich verstrickt hat. Er bereut. Von keinem sonst, die mitverantwortlich waren am Leiden und Sterben Jesu, wird das gesagt. Die Jünger fliehen. Petrus ist feige – »und weint dann heftig«. Pilatus waltet seines Amtes genauso wie die Hohenpriester. Das Volk gafft und schreit. Nur von Judas heißt es: »Es packte ihn die Reue.«

Und die Reue des Judas über seinen Verrat bleibt nicht folgenlos. Er steht ein für das, was er getan hat. Er spricht aus, was uns allen auszusprechen so schwerfällt: »Ich habe Schuld auf mich geladen.« Keine abmildernde Entschuldigung! Nein, er benennt das Verbrechen, wie es kein Richter schärfer benennen könnte: »Ich habe ihn verraten und verkauft.«

Damit spricht er als Einziger die Wahrheit im Prozess aus: »Ein Unschuldiger wird getötet.« Und dann vollzieht Judas an sich selbst das ­Urteil, das nach jüdischem Recht über den zu verhängen ist, der eine falsche Anklage erhoben hat. Er erhängt sich selbst. Denn falsche Ankläger sollen mit derselben Strafe bestraft werden, die sie über den bringen wollten, den sie angeschuldigt haben.

Dieser Suizidant weiß nicht, dass an diesem Tag ein anderer für ihn und seine Schuld sterben wird. Er kann das Leiden, den Tod Jesu nicht umkehren, nicht aufhalten. Er kann es nicht verhindern, dass Jesus auch für ihn stirbt. So ist auch Judas nicht verloren in Ewigkeit. Und wenn er in Ewigkeit vor Gott nicht verloren ist, wen dürften wir dann heute verloren geben, verraten und verkaufen? Nicht einmal uns selbst.

Rolf Wischnath


Der Autor war Generalsuperintendent für den Sprengel Cottbus (1995–2004). Er lehrt an der Universität Bielefeld Systematische Theologie.

Im Angesicht des Todes werden Menschen hellsichtig und weise

13. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Der Weimarer Musikprofessor George Alexander Albrecht engagiert sich ehrenamtlich in der Hospizarbeit.


George Alexander Albrecht gewinnt dem Tod etwas Erhabenes, Würdevolles ab. »Die meisten Menschen haben Angst vor dem Unbekannten. Gläubige sind besser dran«, sagt er. Er ist Christ und begleitet Sterbende.

In der Hospizarbeit hat George Alexander Albrecht eine neue Aufgabe ­gefunden. Sie ist für ihn ein Ausdruck von Dankbarkeit, unter anderem für seine schönen Erfahrungen mit der Musik. (Foto: Maik Schuck)

In der Hospizarbeit hat George Alexander Albrecht eine neue Aufgabe ­gefunden. Sie ist für ihn ein Ausdruck von Dankbarkeit, unter anderem für seine schönen Erfahrungen mit der Musik. (Foto: Maik Schuck)

Wenn der Weimarer Musikprofessor George Alexander Albrecht von seinen Begegnungen mit Sterbenden spricht, erscheint der Tod nicht in düsteren Farben als ein Ereignis, das Angst und Erschrecken auslöst. Albrecht gewinnt dem Tod etwas Erhabenes, Würdevolles ab.

Der international renommierte Dirigent engagiert sich seit einigen Jahren ehrenamtlich in der Hospizarbeit. Jeden Tag besucht er im Weimarer Sophienhaus, einer diakonischen Einrichtung, oder auf der Palliativstation des Krankenhauses in Bad Berka Schwerkranke und Sterbende.

Die Entscheidung, in der Hospiz­arbeit eine neue Aufgabe zu suchen, fiel nach einem dramatischen Ereignis. Neujahr 2002 dirigierte Albrecht in Weimar Beethovens neunte Sinfonie, als er mitten im Konzert einen Kollaps erlitt, zusammenbrach und notärztlich behandelt werden musste.

Bis dahin hatte er als Dirigent eine glanzvolle Karriere hingelegt. 1935 in Bremen geboren, »habe ich mit 14 Jahren mein erstes Konzert gegeben«. Er studierte Violine, Klavier und Komposition. Als er 1965 29-jährig an die Niedersächsische Staatsoper Hannover berufen wurde, war er der jüngste Generalmusikdirektor (GMD) in Deutschland. Im Laufe seiner Karriere war er Gastdirigent unter anderem der Berliner und Münchner Philharmoniker, der Staatskapelle Dresden und des Gewandhausorchesters Leipzig.

Er dirigierte sämtliche deutsche Rundfunkorchester und stand bei ­vielen ausländischen Orchestern am Pult. Konzert- und Gastspiele führten ihn nach Bologna, Madrid, Turin, Venedig, Petersburg, Wien und Zürich, zu den Salzburger Festspielen und in die Carnegie Hall in New York. Von 1990 bis 1995 war Albrecht Gastdirigent an der Semperoper Dresden. 1996 wurde er Generalmusikdirektor des Deutschen Nationaltheaters Weimar und der Staatskapelle Weimar.

36 Jahre hatte der Musiker Spitzenpositionen inne.

Er ist der Bruder des Politikers Ernst Albrecht. Dieser war von 1976 bis 1990 Ministerpräsident von Niedersachsen und ist der Vater von Ursula von der Leyen, Bundesministerin für Arbeit und Soziales.

George Alexander Albrecht ist dankbar für seine jahrzehntelange ­Beschäftigung mit musikalischen Meisterwerken. »Dabei fühlt man Sinn. Musik erlöst von Raum und Zeit. Sie ist wie eine Schutzschicht. Durch Musik gewinnt man Abstand zu den Widrigkeiten des Alltags.«

Es sei schwer für ihn gewesen, sagt Albrecht, als er nach dem »Unfall« als Dirigent seltener gefragt war. »Früher habe ich 190 bis 200 Mal im Jahr dirigiert, jetzt fünf bis sechs Mal.« Doch er wehrte sich dagegen, dass sein Leben, das bisher von der Musik bestimmt war, seinen Sinn verliere. Er beharrt darauf: »Das Leben muss Sinn behalten.«

In der Begleitung von Sterbenden hat der Musiker eine neue Aufgabe gefunden. »Ich hatte den Wunsch, danke zu sagen.« Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten, sei für ihn eine Geste der Dankbarkeit für sein Leben und seine wunderbaren Erfahrungen mit der Musik.

Im Hospizdienst sei es ihm wichtig, diejenigen Sterbenden zu besuchen, die ganz einsam sind, »keinen Menschen auf der Welt haben«. Ihnen möchte er das Gefühl geben, dass jemand für sie da ist, an sie denkt.

Darin sieht er seine Aufgabe: da zu sein für Menschen in ihrer letzten Phase und zu »lauschen, was der Sterbende braucht. Keine Musik. Ich sage nichts, keine Sprüche, keine Gesänge, keine religiösen Sätze. Wer reden möchte, kann es tun. Ich merke, Sterbende wollen ihre Ruhe, ihre seelische Ruhe.«

Am Bett von Sterbenden gibt es lange Phasen des Schweigens. Um sie zu überbrücken, helfen dem katholischen Christen Gebete: der Rosenkranz und das Herzensgebet, ein ­Gebet, bei dem immerwährend im Atemrhythmus der Name Jesu Christi angerufen wird.

»Wenn man betet, langweilt man sich nicht und hat auch keine Angst«, sagt Albrecht. Innerlich spirituell gebunden, falle es nicht schwer, die Nähe des Todes zu spüren. »Die meisten Menschen haben Angst vor dem Unbekannten, Gläubige sind Privilegierte.« Gleichwohl kennt er ­Situationen, die schwer auszuhalten sind. »Wenn Männer von ihren Kriegserlebnissen sprechen, laden sie ab. Das ist sehr schwer für mich.«

Die Erfahrungen in der Hospiz­arbeit seien für ihn wichtig auch im Hinblick auf den eigenen Tod, so Albrecht. Er empfehle jedem, frühzeitig an den Tod zu denken, um weise und reif für dieses »wichtige Ereignis« im Leben zu werden.

Mozart soll beim Tod seiner Mutter gesagt haben: »Der Tod ist der beste Freund des Menschen.« Diese Äußerung des Musikgenies fand Albrecht immer bemerkenswert. »Wenn Mozart, der mein Vorbild ist, das sagt!« Seine Erfahrungen mit Sterbenden geben Mozart recht.

Albrecht empfindet die Hospizarbeit als bereichernd und aufbauend, denn er erlebe die Menschen im Angesicht des Todes hellsichtig, niveauvoll, würdevoll, ganz gleich welche Bildung sie haben und welcher sozialen Schicht sie angehören.

»Am Ende seines Lebens wird der Mensch weise.«

Sabine Kuschel

Fasten schwächt nicht, sondern stärkt

8. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Fasten

Entsagung führt zu Ausgeglichenheit und innerem Frieden – die Fasten-Tipps der Bibel.
 

Am Aschermittwoch ist nicht alles vorbei. Im Gegenteil, etwas Neues beginnt: die Fastenzeit. In der Bibel finden sich einige Tipps, die den Fastenden aller Zeiten geholfen haben.

»Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler.« (Matthäus 6,16)

Fromme Heuchler waren Jesus ein Graus: Jene Menschen also, die ihre Frömmigkeit zur Schau stellen, um Ansehen damit zu erlangen. Diese Strategie wandten sie auch beim Fasten an. Um aller Welt zu zeigen, wie entbehrungsreich sie leben, haben sie das leidvollste Gesicht aufgesetzt. Jesus empfiehlt das Gegenteil: Dass ein Mensch fastet, muss niemand sehen außer Gott, der »Vater im Verborgenen«. (Matthäus 6,16-18)

Den Zusammenhang von Fasten und Gerechtigkeit üben stellt der Prophet Jesaja mehrmals heraus. Den Wohlhabenden seiner Zeit redete er besonders ins Gewissen. »Das ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe«, sagt Gott durch Jesaja: »Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast!« Anstatt die Fastenzeiten einzuhalten, sollten die Gutsherren ihre Sklaven in die Freiheit entlassen. Außerdem fordert Gott, Obdachlosen ein Zuhause zu geben und sie zu speisen. (Jesaja 58,5-7)

Äußerliche Zeichen – solange sie nicht der Zurschaustellung dienen – können das Fasten unterstützen. In biblischen Zeiten kleideten sich die Fastenden mit einem Sack, einem Überwurf aus Ziegen- oder Kamelhaar. Dieser »Sack« wurde auch in Trauerzeiten angezogen, vom König bis zum Leibeigenen. Der Prophet Jona empfiehlt den Bewohnern der Stadt Ninive sogar, auch Rinder und Schafe in einen Sack zu hüllen.

»Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und ließen ein Fasten ausrufen und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an.« (Jona 3, Vers 5)

Tagsüber nur Tee und nach Sonnenuntergang die Chipstüten hervorholen? So nicht! Zu Beginn einer ­Wanderpredigerzeit geht Jesus 40 Tage in die Wüste und fastet Tag und Nacht. Er machte die Erfahrung: Fasten schwächt nicht, sondern stärkt. Danach konnte er die Versuchungen des Teufels parieren und ließ sich nicht von ihnen beeindrucken.

Im ­Gespräch mit dem »Versucher« sagte er auch jenen Satz, der als Motto über jedem spirituellen Fasten stehen könnte:»Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.« (Matthäus 4,2-4)

Viele Gründe gibt es, zu fasten: zur Buße, zur Selbstreinigung, aus Trauer, zur spirituellen Reifung … Die Urchristenheit kannte einen weiteren.

Als Paulus mit seinem Mitstreiter ­Barnabas durch Kleinasien zog und Gemeinden gründete, beteten und fasteten die beiden Missionare für die Ältesten der neuen Gemeinden. Fasten für neue Kirchenvorstände? Das wäre eine evange­lische Überlegung wert …

»Und sie setzten in jeder Gemeinde Älteste ein, beteten und fasteten und befahlen sie dem Herrn, an den sie gläubig geworden waren.« (Apostelgeschichte 14,23)

Wie bringt man Heuchlern den Unterschied von wahrem und falschem Glauben nahe?

Jesus wählt die Form des Gleichnisses. Ein Pharisäer geht zum Gebet in den Tempel und zählt seine guten Taten auf – unter anderem gehört dazu, zweimal in der Woche zu fasten. Unweit steht ein Zöllner; aus Demut traut dieser sich gar nicht, die Augen gen Himmel zu richten, sondern schlägt sich reuig an die Brust und betet: »Gott, sei mir Sünder gnädig!«

Allen Versuchen, durch fromme Rituale Gottes Wohlwollen zu erzwingen, erteilt Jesus mit diesem Gleichnis eine eindeutige Abfuhr: »Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.« (Lukas 18,9-14)

Gleichzeitig fasten und streiten, prügeln gar?

Auch das ist kein gottgewolltes Fasten, erklärt der Prophet Jesaja: »Wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein.« Fasten bedeutet nicht nur äußere Entbehrung, sondern hat einen inneren Sinneswandel zur Folge. Die Entsagung führt zu Ausgeglichenheit und innerem Frieden. Wer es anders sieht, dem ruft Jesaja unmissverständlich entgegen: »Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Hö­he gehört werden soll.« (Jesaja 58,3-4)

Sich vollzustopfen, stumpft den Geist ab und lenkt ab vom Wesent­lichen. Diese Erkenntnis durchzieht die ganze Bibel und die jüdisch-christliche Tradition bis heute. Wer eine Weile auf Nahrung verzichtet, kommt sich selbst und Gott näher. So ist zu verstehen, dass Fasten ein Zeichen der Buße und der Umkehr ist.

Uwe Birnstein

Sieben Wochen anders leben

as Fastenteam von »7 Wochen anders leben«: Thomas Kärst, Ulrike Berg, Iris Macke, Katja v. Kiedrowski (von links). Foto: Andere Zeiten e.V.

as Fastenteam von »7 Wochen anders leben«: Thomas Kärst, Ulrike Berg, Iris Macke, Katja v. Kiedrowski (von links). Foto: Andere Zeiten e.V.

Wenn am Aschermittwoch, in diesem Jahr am 9. März, die Passionszeit beginnt, versuchen viele evangelische und katholische Christen, für sieben Wochen in ihrem Leben etwas anders als bisher zu machen. Manche fasten, indem sie auf Schokolade oder Alkohol verzichten.

»7 Wochen anders leben«
heißt die Aktion vom 9. März bis 24. April des ökumenischen Vereins Andere Zeiten, die in diesem Jahr zum 9. Mal stattfindet.

Der Verein bietet dazu Unterstützung und Begleitung an. Teilnehmende erhalten eine Broschüre mit Informationen über den biblischen Ursprung und heutigen Sinn des Fastens und dann jede Woche einen ermutigenden Brief mit inspirierenden Impulsen: Die Nacherzählung einer biblischen Geschichte, Erfahrungen von Fastenden, Gedichte und Cartoons.

Die Teilnahmegebühr für die Aktion »7 Wochen anders leben« beträgt 9,50 Euro einschließlich Versandkosten.

Eine Möglichkeit zum Austausch bietet auch das begleitende Forum im Internet unter www.anderezeiten.de (GKZ)

Anmeldung: Andere Zeiten e.V., Fischers Allee 18, 22763 Hamburg, Telefon (040) 47112727, E-Mail info@anderezeiten.de

Sieben Wochen ohne Ausreden

7woDie Fastenaktion der evangelischen Kirche »7 Wochen Ohne« steht in diesem Jahr unter dem Motto: »Ich war’s! Sieben Wochen ohne Ausreden«. Die Aktion ermuntert dazu, in der Passionszeit auf faule Ausreden zu verzichten, stattdessen Verantwortung zu übernehmen, Fehler zuzugeben und um Entschuldigung zu bitten.

Ein Fastenkalender mit Texten aus Kirche, Kultur und Alltag begleitet die Teilnehmer an dieser Aktion.

Der Auftaktgottesdienst findet am Sonntag, dem 13. März in der Christuskirche Hamburg-Emsbüttel statt. Live übertragen wird er im ZDF 9.30 Uhr.

»7 Wochen Ohne« wird von einem zentralen Projektbüro in Frankfurt am Main koordiniert. Das Team bietet ­Begleitung an, beantwortet Fragen und ist verantwortlich für die Internetseite www.7-wochen-ohne.de
(GKZ)

Bestellung des Fastenkalenders: Hansisches Druck- und Verlagshaus GmbH,
7 Wochen ohne, Emil-von-Behring-Straße 3, 60439 Frankfurt am Main, Telefon (069) 58098247, E-Mail info@7-wochen-ohne.de

Sieben Wochen für das Land beten

Gebetsposter2011-1

Der »Runde Tisch Gebet« der Lausanner Bewegung lädt in der Passionszeit zu der Aktion »40 Tage beten und fasten für unser Land« ein. Der »Runde Tisch Gebet« der Lausanner Bewegung vernetzt nach eigenen Angaben 70 Bewegungen, Verbände und Initiativen.

Die diesjährige Gebetsaktion ist verbunden mit der nationalen Jugendkampagne »Hoffnung 2011«. Unter dem Motto »Himmelsstürmer« gibt es ein Gebetsposter mit Postkarten, auf denen die täglichen Gebetsthemen zu finden sind.

Unter www.40tagebetenundfasten.de werden die aktuellen Anliegen für jede Woche formuliert.
(GKZ)

Kontakt und Bestelladresse für das Poster: Neues Leben Stiftung, Im Sportzentrum 2, 57610 Altenkirchen, Telefon (02681) 941116, Fax (02681) 941151, E-Mail info@werte-stiftung.de
Bestelladresse für die Postkarten: Down to Earth, ­Laubacher Straße 16 II, 14197 Berlin, Telefon (030) 8227962, Fax (030) 89731670, E-Mail info@down-to-earth.de

Erleben, sehen und schmecken, wie gnädig der Herr ist

Jeden Sonntag zum Abendmahl – Ein Plädoyer für die regelmäßige und häufige Feier


 Das Abendmahl, wie es Christus ­eingesetzt hat,  ist das Zeichen,  das zum Wort  dazukommt und das Wort erklärt.  Ein Zeichen für die Gegenwart Christi. (Foto: epd-bild)

Das Abendmahl, wie es Christus ­eingesetzt hat, ist das Zeichen, das zum Wort dazukommt und das Wort erklärt. Ein Zeichen für die Gegenwart Christi. (Foto: epd-bild)

Eigentlich könnte in einer Kirche der Reformation alles so einfach sein. Verbum dei manet in aeternum. Gottes Wort gilt in Ewigkeit. So steht es an Hunderten von Kanzeln überall nicht nur in Europa. Und dann steht da glasklar am Anfang der Apostelgeschichte, dass die erste Gemeinde »in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten verharrte«.

Und für die Starrköpfigen steht es vier Verse später noch einmal und noch deutlicher, dass »sie täglich einmütig im Tempel verharrten und abwechselnd von Haus zu Haus das Brot brachen«.

Nun treffen sich die Gemeinden heute nicht mehr täglich, aber man dürfte annehmen, dass zumindest immer dann Abendmahl gefeiert wird, wenn sich die Gemeinde sonntags trifft. Denn für die Urchristen gehörte das Abendmahl, also das Zeichen für die Gegenwart Christi, so zum Gottesdienst wie das Wort und die Predigt und das Gebet.

Es gab Zeiten, in denen in den ­reformatorischen Kirchen ein oder zweimal im Jahr Abendmahl gefeiert wurde. Als ich 1988 meinen Dienst als Pfarrer begann, schlug ich im Gemeindekirchenrat vor, dass wir öfter, vielleicht einmal im Monat, Abendmahl feiern sollten. Die freundliche Stimmung kippte daraufhin sofort auf den absoluten Gefrierpunkt. Die mir herzlich verbundene Vorsitzende des Gemeindekirchenrates konnte sich zuerst wieder fassen und klagte bitter, verwundert und mit Entsetzen in der Stimme: »So sündig, Herr Pfarrer, sind wir nicht.«

In anderen evangelischen Gemeinden Deutschlands sagte man noch vor einiger Zeit: »Wer mehr als einmal im Jahr das Abendmahl nimmt, ist ­katholisch. Und die haben es nötig.« Das meint: Wer Gottes Wort hört, ist schon erlöst und gerechtfertigt und braucht dafür nicht auch noch das ­Sakrament. Das muss man heilighalten und sollte es nur selten und auch dann nur nach gründlicher Vorbereitung genießen.

Heute ist uns allen klar, dass das eine genauso falsche Lehre, also Irrlehre ist, wie eine andere. Diese katholische Lehre besagt, dass das Abendmahl ein Opfer der Kirche ist und dass es nur männliche, unverheiratete, in der durch Handauflegung bestätigten Nachfolge von Petrus tätige Priester spenden können.

Auch in der evangelischen Kirche ist die Irrlehre vom Abendmahl als der Arznei zur ewigen Seligkeit oder zur Unsterblichkeit weitverbreitet. Das Abendmahl aber, wie es Christus eingesetzt hat, ist das Zeichen, das zum Wort dazukommt und das Wort erklärt. Ein Zeichen, das dem Gläubigen nach dem Hören des Wortes nun auch ermöglicht, zu schmecken und zu sehen wie gnädig der Herr ist. Der Gottesdienstbesucher hat Gott durch sein Wort und, wenn er Glück und ­einen guten Pfarrer hat, auch in der Predigt gehört, nun kann er ihn im Abendmahl spüren.

Man könnte scharf sagen: Unsere Kirchen sind nicht nur leer gepredigt worden. Sondern weil man dort den Herrn auch in der Weise so wenig zu sehen und zu spüren bekommt, wie er es doch selber eingesetzt hat, kommen die Menschen nicht mehr gern in unsere Gottesdienste. Mir zumindest geht es so, dass ein Gottesdienst am Sonntag erst dann wirklich ein gültiges Erlebnis ist, wenn ich Abendmahl feiern konnte. Da das aber in evangelischen Kirchen meist eher Glück ist, haben mich meine Beine schon oft in die katholische Gemeinde getragen, weil man dort mittlerweile ebenso oft gute Predigten hört wie bei uns, aber in Bezug auf das Abendmahl eben ­sicher sein kann. Zudem haben in den vollen katholischen Kirchen die meisten auch ein lutherisches Abendmahlsverständnis, während es in unseren Kirchen mehrheitlich eher reformiert sein dürfte.

Für Luther war Jesus in, mit und unter Brot und Wein wirklich anwesend, während es für Zwingli und Calvin nur ein Zeichen ist.

Jesus wurde zu Lebzeiten als Fresser und Weinsäufer bezeichnet. Er hat in der nahen Erwartung des Reiches Gottes mit den Menschen, auch den ansonsten Ausgeschlossenen wie Zöllnern und Huren zusammengegessen und getrunken. Abendmahl und Gottes Wort gehört also sowohl nach Gottes Wort als auch nach unserem menschlichen Gefühl zueinander. Abendmahl gehört zur Fülle, ja mehr noch zur Vollkommenheit des Gottesdienstes. Gottesdienst ohne Abendmahl ist eigentlich eher nur Andacht. Denn das Wort braucht das Zeichen, weil das Wort Gottes uns Menschen zuliebe Mensch geworden ist.

Gott hat eben nicht nur geredet, sondern ist Mensch geworden. Dieser Mensch gehört zur Glaubhaftigkeit des Wortes dazu. Das Abendmahl ist nicht nur das Ausrufezeichen nach dem Wort, sondern es ist die Bestätigung des Wortes in unserer Wirklichkeit. Die, die oft zum Gottesdienst ­gehen, haben Hunger nach dem Zeichen, nach dem Abendmahl, ihnen ist die Zeit dafür nicht zu schade.

In meiner Kindheit war es üblich, dass im Anschluss an den Gottesdienst mit denen die noch blieben, die Sakramente gefeiert wurden, also Taufe oder Abendmahl. Diese unwürdige Praxis ist beendet worden. Es gibt erste Kirchen, in denen jeden Sonntag Abendmahl gefeiert wird. Die Sorge, dass weniger Menschen kämen, wenn Abendmahl gefeiert wird, hat sich als genauso falsch herausgestellt, wie die dahinterstehende Irrlehre.

Eine andere Abendmahlspraxis in unseren Kirchen wäre zudem ein Schritt nach vorn in der Ökumene. Nicht nur weil die anderen sehen würden, dass wir das Abendmahl so ernst nehmen wie sie, sondern weil auch wir uns ändern würden. Nicht mehr so intellektuell und wortbezogen, so weltabgewandt und abgehoben, würden wir unsere Gottesdienste feiern und unseren Glauben leben, sondern aus der uns mit Gottes Wort geschenkten Fülle.

Was werden da oft für seltsame, manchmal absurde Klimmzüge unternommen, um auf anderem Wege zu erreichen, was man verloren hat, als man auf das regelmäßige Abendmahl im Gottesdienst verzichtete. Mit dem Abendmahl erlebt man – oder könnte es zumindest –, dass die kommende Welt Gottes wirklich im Kommen ist.

Überall beginnen solche Prozesse zu häufigeren Abendmahlsfeiern oder werden zumindest Gespräche darüber geführt. Aber warum so zaghaft und langsam? Kirche die nicht regelmäßig Abendmahl feiert, ist nicht regelmäßig Kirche.

Steffen Reiche

Der Autor ist evangelischer Pfarrer in ­Berlin, bis 2009 war er Bundestagsabgeordneter.

Wenn Gott mal eben zu Besuch kommt

13. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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»Sara lachte«: Die Geschichte einer verrückten Prophezeiung im Buch Genesis

Abraham bewirtet seine Gäste, während seine Frau Sara lauschend hinter der Tür zu sehen ist. Der niederländische Künstler Rembrandt Harmenzoon van Rijn verlegte die biblische Geschichte kurzerhand in eine niederländische Siedlung.

Abraham bewirtet seine Gäste, während seine Frau Sara lauschend hinter der Tür zu sehen ist. Der niederländische Künstler Rembrandt Harmenzoon van Rijn verlegte die biblische Geschichte kurzerhand in eine niederländische Siedlung.

In der Mittagshitze kommt Gott einfach mal eben so vorbei beim uralten Wüstenscheich Abraham, der am Eingang seines Zeltes sitzt. Wahnsinn: Gott Jahwe kommt zu Besuch! Man müsste einen roten Teppich ausrollen, eine Musikkapelle engagieren, alle Nachbarn und Freunde einladen. Aber Abraham und seine Frau Sara begreifen nichts, erkennen ihren Besucher in der schlichten Verkleidung nicht.

Oder doch? Immerhin fällt Abraham vor Gott und dessen zwei Begleitern nieder – was ein Orientale, bei ­allem Respekt vor zufällig auftauchenden Gästen, eigentlich nur vor Königen tut.

Ahnt er etwas vom geheimnisvollen Hintergrund des Besuchs, den die Bibel nur dezent andeutet? Nämlich mit dem Hinweis auf die einzeln in der Landschaft stehenden Bäume, die einen heiligen Ort markieren und in der palästinensischen Tradition gern von Fruchtbarkeitsgöttinnen bewohnt sind.

Natürlich lädt Abraham die müden Wanderer ein, sich zu erfrischen, das gebietet die Gastfreundschaft. Sara soll schleunigst einen riesigen Kuchen backen, er selbst lässt sein zartestes Kalb schlachten. Worin wieder eine mythische Nebenbedeutung mitschwingt: Mit dem gleichen Wort hat die Bibel das Opfer des Kain und die von Abraham beim ersten feierlichen Bundesschluss mit Gott verbrannten Tiere bezeichnet.

Großes liegt in der Luft. Tatsächlich prophezeit der rätselhafte Gast Abraham einen Sohn. Wer will es der am Zelteingang lauschenden Sara verdenken, dass sie zu kichern beginnt? Einen Sohn hat sie sich zwar gewünscht, doch sie ist 90 – und ihr Mann? Pardon, »wa adoni saken«, denkt sie belustigt: »Was, mit dem ­Alten?« Abraham hat ja auch schon seine 99 Jahre auf dem Buckel.

Hinter soviel ironischer Abwehr steht der lebenslange Schmerz einer kinderlosen Frau, die in der damaligen orientalischen Umwelt nicht nur bespöttelt, sondern auch als Schuldige behandelt wurde. Kein Mensch kam auf die Idee, dass die medizinische Ursache für Unfruchtbarkeit auch beim Mann liegen konnte.

Wenn sich Sara einst so erniedrigt hatte, Abraham großzügig eine Nebenfrau – die ägyptische Sklavin Hagar – zu ­beschaffen und auf diese Weise einen Erben, Ismael, lag das wohl auch an ihrem Schuldgefühl.

Jahwe, der verkleidete Gast, zeigt sich sensibel: Statt der verbitterten Zweiflerin Vorwürfe zu machen, bekräftigt er seine Vorhersage mit jenem Argument, das so schrecklich pastorenhaft klingt und doch die einzige Hoffnung in einer trostlosen Welt darstellt: »Ist beim Herrn etwas unmöglich?«

Ein Jahr später hat Sara noch einmal Anlass zum Kichern: Sie bringt ein Kind zur Welt, nennt es nicht ohne Ironie Isaak (»er lacht«) und stellt glücklich fest: »Gott ließ mich lachen; jeder, der davon hört, wird mit mir ­lachen.« (Genesis 21, 6)

Dass die vertrocknete Greisin noch ein Söhnchen bekommt, ist freilich ein ganz kleines Wunder, verglichen mit der lange zuvor ausgesprochenen gewaltigen Verheißung Jahwes an Abraham: »Sieh doch zum Himmel auf und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst. So zahlreich werden deine Nachkommen sein.« (15, 5)

Und aus Sara sollen Völker und Könige hervorgehen. Abraham, der Nomade, reagierte auf diese Prophezeiung, bei der ihm der Kopf geschwirrt haben muss, übrigens genau wie seine Frau: Er fiel »auf sein Gesicht nieder und lachte«. (17, 17)

Wie brisant Jahwes Verheißungen waren, wird uns erst klar, wenn wir erfahren, dass die entsprechenden biblischen Geschichten aus der Krisenzeit nach der Zerschlagung Israels durch die Babylonier stammen. Es gab keinen König, keinen Staat, keinen Tempel mehr – nur das verrückte Vertrauen auf Gott, der sein Volk niemals im Stich lassen würde.

Sara und Abraham lebten noch lange. Begraben wurden sie nach der Überlieferung in der Höhle von Machpela – dort, wo die geheimnisvollen Bäume stehen, in deren Schatten Jahwe mit den Menschen redete, von Du zu Du.

Christian Feldmann

Auf Gottes Wort hören und es umsetzen

6. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Dreimal am Tag treffen sich die Schwestern der Communität zum Gebet. (Foto: epd-bild)

Dreimal am Tag treffen sich die Schwestern der Communität zum Gebet. (Foto: epd-bild)


 
Ein Tag im Leben der Schwestern der Communität Christusbruderschaft Selbitz.
 

Fahles Morgenlicht schimmert durch die Glasfenster. Nur die ­Kerzen glimmen in der Kapelle der Communität Christusbruderschaft Selbitz. Schwester Birgit-Marie verneigt sich vor dem Altar, setzt sich auf die Kirchenbank und eröffnet das Morgengebet: »Herr, öffne meine ­Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde.« Es ist kurz nach acht. In der Küche klappert das Geschirr, die Tische für rund Hundert Gäste sind gedeckt, die Putzkolonne für die Zimmer steht parat.

Schwester Birgit-Marie leitet das Gästehaus der Communität mit jährlich rund 60 eigenen und ebenso vielen Fremdtagungen. Das sind rund 13000 Übernachtungen pro Jahr. Ein Managerjob mit viel Verantwortung. Sieht so das typische Leben einer Schwester aus? »Natürlich ist es schwer, bei all der Arbeit noch Raum zu finden für das geistliche Leben«, gibt die Schwester zu, »aber das muss ich eben üben.« Hilfreich sei der Tagesablauf der Communität: Dreimal am Tag wird gebetet. Außerdem zieht sich Schwester Birgit-Marie abends um halb acht zu einer persönlichen Zeit der Stille zurück.

Schwester Birgit-Marie ist eine von 120 Schwestern und sieben Brüdern der Communität Christusbruderschaft Selbitz. Sie leben nach alten Mönchsregeln, den sogenannten Evangelischen Räten: Armut, Keuschheit und Gehorsam.

Der Großteil der Schwestern wohnt im Ordenshaus in Selbitz, die Brüder leben bei Halle. Konvente gibt es im Kloster Wülfinghausen bei Hannover, im Hof Birkensee in der Nähe von Nürnberg, im Kloster St. Marien in Verchen, in ­Bayreuth, München, Wittenberg und Magdeburg sowie im afrikanischen Zululand.

Priorin Veronika Böthig hat einen prall gefüllten Terminkalender. Sie ­leitet die Gemeinschaft und scheut sich nicht, über ihr Leben als Schwester zu sprechen. Vieles im Alltag einer Kommunität sei mit dem Leben in ­einer Familie vergleichbar – hier wie dort gebe es Freude und Ärger, Konflikte und schöne Erlebnisse, sagt sie. Der Unterschied sei die Hinwendung zu Gott. Der Mensch, so ist die Priorin überzeugt, ist auf Gott hin angelegt: »Ich bin hier reich geworden und habe zu einem erfüllten Leben gefunden.«

Um Erneuerung ging es auch den Gründern der Communität. Pfarrer Walter Hümmer (1909–1972) und seine Frau Hanna (1910–1977) erlebten einen geistlichen Aufbruch und gründeten 1949 im oberfränkischen Schwarzenbach an der Saale eine kleine Gemeinschaft. Nach massiven Konflikten in der Gemeinde wies die Kirchenleitung dem Ehepaar eine andere Pfarrstelle zu.

Selbitz wurde neue Heimat für die kleine Gemeinschaft, die nach und nach wuchs. Nach dem Mutterhaus entstanden ein Gästehaus und ein Alten- und Pflegeheim.

Die Gründerpersönlichkeiten präg­ten die Gemeinschaft: In der Stille auf das Wort Gottes hören und das Wahrgenommene im Alltag umsetzen – diese Anweisungen haben bis heute Gültigkeit. Das Kreuz mit Dornenkrone und Herz ist Zeichen der Communität.

Es ist Abend geworden in Selbitz. Im Haupthaus haben sich die Schwestern im Gemeinschaftsraum zu einer geselligen Runde eingefunden. Novizin Schwester Christel, die seit einem Jahr in der Communität lebt, berichtet mit viel Humor und zur großen Erheiterung der Schwestern von ihrem Praktikum im Gästehaus. Über eine Mikrofonanlage können die pflegebedürftigen Schwestern im nahe gelegenen Alten- und Pflegeheim den Berichten folgen.

Ein letztes Lied erklingt, dann ziehen sich die Schwestern in ihre Zimmer zurück, bis zum nächsten Morgengebet.

Rieke C. Harmsen (epd)

»Wer Zeit spart, spart am Leben«

30. Januar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Karlheinz Geißler ist emeritierter Professor  für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München und Zeitforscher. Foto: picture-alliance

Karlheinz Geißler ist emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München und Zeitforscher. Foto: picture-alliance


Der Professor und Zeitforscher Karlheinz Geißler plädiert für ein Leben mit Rhythmus und Ritualen

Als Wirtschaftspädagoge sitzt Karlheinz Geißler zwischen der Ökonomie, die Abläufe beschleunigen will, und der Pädagogik, die weiß, dass manche Entwicklung Zeit braucht. Ein typischer Geißler-Satz lautet: »Man kann die Zeit nur beherrschen, wenn man ihr gehorcht.« Ein Gespräch über Verzicht, Rituale und das Warten in Bahnhofshallen.

Ein beliebter Vorsatz, nicht nur zum Beginn eines neuen Jahres lautet: Ich nehme mir mehr Zeit für meine ­Familie oder für den Sport, die Freizeit … Warum klappt es in den meisten Fällen dann doch wieder nicht?
Geißler:
Wenn ich mit weniger Geld und Gütern zufrieden bin, dann klappt das. Wenn ich aber alles so ­haben will wie bisher, nur dazu noch mehr Zeit – dann klappt es nicht. In der Gesellschaft geht es, zumindest wenn man auf einem gewissen Wohlstandsniveau leben will, darum, Tem­po zu machen. Wachstum funktioniert heutzutage nur noch über Zeitdruck: Mehr Geld verdienen in kürzerer Zeit. Je größer die Ansprüche, desto weniger die Zeit. Aussteigen kann man aus dieser Spirale nur durch Verzicht – da gibt es kein Entrinnen.

Wie kann man sich im Alltag der Beschleunigung entziehen?
Geißler:
Das hängt von der Organisationsstruktur ab. Wer Gleitzeit hat, hat mehr Möglichkeiten als jemand mit festen Arbeitszeiten. Aber auch innerhalb des Büroalltags lassen sich kleine Rituale einbauen. Manche gießen, wenn sie ins Büro kommen, erst mal die Blumen. Oder sie treffen sich montags mit ihrem Team zu einer ­Besprechung. Das sind Anfangsrituale, die einen Rhythmus schaffen. Der Mensch ist ein Anfangstier, er hat ­einen Zäsurbedarf, er braucht Anfang und Ende. In der Natur ist das Geburt und Tod, der Wechsel der ­Jahreszeiten, das Schlafbedürfnis, der Herzschlag. Rhythmus ist menschlich. Maschinen hingegen kennen ­keinen ­Anfang und kein Ende, nur Ein und Aus – das ist unmenschlich. Deswegen gehen Manager ins Kloster: um wieder einen Rhythmus zu ­finden. Rhythmisches Leben dient dem körperlichen und geistigen Wohlbefinden, und es funktioniert über Rituale.

Das Jahr hat 52 Wochen à sieben Tage à 24 Stunden. Dennoch kann eine Stunde sich ganz unterschiedlich lang anfühlen. Wie kann man Zeit überhaupt fassen?
Geißler:
Zeit ist Veränderung. Vor 600 Jahren haben unsere Vorfahren sie anhand der Sterne abgelesen oder durch den Wechsel von Tag und Nacht. Erst seit 600 Jahren messen wir Zeit unabhängig von der Natur und organisieren sie aktiv: mithilfe der Uhr. Die Uhr ist aber nicht rhythmisch, sondern taktförmig. Wir richten uns nach einem Zeitmaß, das nicht menschlich ist. Menschen in Ländern wie Afrika, die sich nicht nach diesem Takt richten, werden diskriminiert: Sie sind schließlich unpünktlich! Dabei heißt Pünktlichkeit nur, die Uhr zum Herrn des Tages zu machen.

Sie sprechen in Ihren Aufsätzen von unterschiedlichen Zeitqualitäten. Was meinen Sie damit?
Geißler:
Die Zeit hat verschiedene Ausprägungsformen. Wir können schnell sein oder langsam, Pause ­machen oder hektisch sein. Mozart notiert in seiner Musik zwischen langsam und schnell 23 Tempi – im Leben gibt es noch viel mehr. Der Kapitalismus setzt auf Wachstum durch Beschleunigung, und er braucht dazu die Uhr. Aber auch Warten, Wieder­holung, Langsamkeit sind produktiv. Die Engländer haben 1914 im 1. Weltkrieg den Sonntag abgeschafft, um ihre Kriegsproduktion anzukurbeln. Daraufhin sank die Produktion rapide durch vermehrte Störfälle und Fehlzeiten. Dann hat man den Sonntag wieder eingeführt und die Produktion stieg an. Der Wochenrhythmus mit ­einem Ruhetag, dem Sonntag, ist also eine hochproduktive Erfindung: sowohl Wirtschaft als auch Familie profitieren davon. Der freie Sonntag ist so logisch und sinnvoll, dass ich gar nicht weiß, wie man auf
die Idee kommt, ihn abschaffen zu wollen.

Brauchen wir einen anderen Umgang mit Zeit?
Geißler:
Mit der Zeit kann man ja nichts machen, nur mit sich selbst. Wer Zeit spart, spart am Leben. Außerdem ist Zeitsparen völlig sinnlos: Ans Leben wird nichts drangehängt. Es gibt keinen Nachtragshaushalt für Zeit. Wenn es um Zeit geht, geht es immer um die Frage: Wann ist es genug? Geld und Güter kennen kein Genug – man kann immer noch mehr haben. Aber das Leben hat ein Genug. Manchmal sagen Manager in meinen Seminaren: »Wenn ich genug Geld verdient habe, mache ich einen Blumenladen auf.« Ich sage dann: »Aber Sie haben doch schon ganz ordentlich verdient – warum machen Sie’s nicht jetzt?« Manche brauchen die Vorstellung des Blumenladens aber nur als Sehnsucht. Das ist in Ordnung: Solche Träume kann man haben – nur realisiert werden sie nicht.

Kommen Sie denn nie in Stress?
Geißler:
Doch, aber mittlerweile krieg ich es früh genug mit, wenn Zeitkonflikte nahen und kann reagieren. Ich nehme zum Beispiel immer den Zug, der früher fährt – weil ich gemerkt habe, wie mich Verspätungen stressen.

Aber dann sind Sie ja immer zu früh da!
Geißler:
Ich bin nie zu früh da. Nur die Uhr geht falsch. Außerdem ist Warten eine der schönsten Erfahrungen. Meine Bücher sind dabei entstanden.

Zum Schluss ein Tipp für abgehetzte Zeitgenossen?
Geißler:
Schauen Sie morgens auf die Uhr und merken sich die Zeit für den ganzen Tag. Oder, zum Jahresbeginn besser geeignet: Keine Pläne für das nächste Jahr! Es geht auch so vorbei.

Das Interview führte Susanne Petersen.

»Du, Herr, bist der Schild für mich«

21. Januar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Wie Menschen zum Glauben kommen – zum Beispiel Soldatin Caroline Wegener

Die Offiziersanwärterin Caroline ­Wegener ließ sich in der Militärkirche Neubiberg taufen. (Foto: epd-bild)

Die Offiziersanwärterin Caroline ­Wegener ließ sich in der Militärkirche Neubiberg taufen. (Foto: epd-bild)

Es ist dunkel auf dem Gelände der Bundeswehrhochschule Neubiberg bei München. Nur wenige Soldaten sind hier unterwegs, sie wollen schnell auf die Stube oder zum Sport. In der kleinen Militärkirche brennt noch Licht.

Junge Männer in Anzügen, Frauen in schicken Kleidern sitzen ­erwartungsvoll in den Bänken. Eine festliche Gemeinde. In der ersten Reihe sitzt eine junge Frau ganz in weiß: Caroline Wegener trägt ihr Taufkleid mit Stolz und mit Freude. Es ist ihr Abend.

Heute wird die 21-jährige Soldatin getauft.

»Ihre Taufe soll ein Fest sein. Alle sind wegen Ihnen hier«, sagt Pfarrerin Barbara Hepp bei der Begrüßung. ­Caroline Wegener dreht sich um und lacht in die Runde. In der evangelischen Gemeinde der Universität der Bundeswehr hat sie einen Glaubenskurs gemacht und dann entschieden, sich taufen zu lassen. »Ich wollte mich öffentlich bekennen. Ich schäme mich meines Glaubens nicht«, sagt die junge Frau.
Wenn sie erzählt, sprudelt es nur so aus ihr heraus. Von ihrer Kindheit in Leipzig, wo ihr Vater nichts mit der Kirche zu tun haben wollte. Von der Jugendweihe. Von den ersten Kontakten mit der Theatergruppe der evangelischen Jugend. Den positiven Erfahrungen mit der christlichen Gemeinde an der Unikirche Neubiberg.

»Es gibt Gott in meinem Leben – das wusste ich so nicht«, stellt sie fast ungläubig fest. Jetzt ist sie ein wenig nachdenklich geworden. Aber nur kurz. Dann sprudelt es weiter. »Ich hatte so viele Fragen: Wie kann eine Jungfrau ein Kind bekommen? Wie kann Gott sterben? Macht er sich ­damit nicht lächerlich?« Unbefangen und neugierig geht sie auf alles zu.

Die junge Gemeinde an der Unikirche der Bundeswehrhochschule hat Caroline Wegener herzlich aufgenommen. Mit all ihren Fragen. Seit Beginn ihres Studiums der Staats- und Sozialwissenschaften im Jahr 2008 teilt sie die Stube mit Claudia Neben. Die hat sie mitgenommen zum Mittwochsgebet, zur Taizé-Andacht, mit ihr hat sie den Glaubenskurs gemacht, den die evangelische Gemeinde an der Unikirche organisiert hat. »Wir wollten einfach die Grundlagen vermitteln«, erzählt Claudia Neben.

Einige Antworten hat ihre Freundin Caroline dort gefunden: Bei der Jungfrau handele es sich wohl um eine junge Frau; allein die Sache mit der Dreieinigkeit bleibt rätselhaft. Aber in der evangelischen Kirche sei es ja wohl so, dass man nicht alles glauben müsse, sondern selbst fragen solle, meint die junge Soldatin. Und die evangelische Freiheit gefällt ihr: »Ich bin völlig frei, auch hier in der Gemeinde. Es wird nicht erwartet, dass ich jetzt gleich ein fertiger Christ bin«, lacht sie. Die beiden Soldatinnen sind Freundinnen geworden und heute ist Claudia die Taufpatin von Caroline.

»Normalerweise haben ja nur Kinder einen Paten. Aber wieso sollte ein erwachsener Mensch nicht auch jemand haben, mit dem er über Glaubensfragen reden kann?«, sagt die Patin. Sie hat ihrem »Patenkind« eine Taufkerze gebastelt. Darauf ein Schiff, denn Caroline Wegener ist bei der ­Marine und wird in diesem Jahr ihre Ausbildung als Leutnant zur See abschließen.

Die beiden Soldatinnen stehen am Taufbecken, das mit frischem Efeu ­geschmückt ist. Caroline beugt sich ein wenig und die Pfarrerin gießt ihr dreimal Wasser über den Kopf. Die Gemeinde ist ganz still.

Caroline strahlt über ihr Mädchengesicht. Wie jeder Täufling hat auch sie einen Taufspruch. Nächtelang hat sie mit einem Freund – einem Atheisten, wie sie betont – die Bibel gewälzt.

Die Pfarrerin hat sie gefragt, wie denn ihr Gottesbild sei. »Es sollte von einem gnädigen Gott die Rede sein und es sollte etwas mit meinem Beruf zu tun haben«, sagt Caroline Wegener. Und so wurde es ein Psalm: »Aber du, Herr, bist der Schild für mich, du bist meine Ehre und hebst mein Haupt empor.«

»Als Soldatin müssen Sie Schild sein für sich und für andere. Gut, dass hier in dem Bibelwort davon die Rede ist, dass Gott für uns Menschen ein Schild sein will und wir nicht alles allein machen müssen«, sagt Pfarrerin Hepp in der Predigt.

Die Offiziersanwärterin ist sich bewusst, dass sie eines Tages vielleicht in einem Kriegsgebiet eingesetzt werden kann. Es ist ihr klar, dass ihr Beruf gefährlich ist. »Als Frau kann man ein halbes Jahr auf Probe bei der Bundeswehr sein«, sagt sie. »Ich habe gewusst, dass ich das machen will.«

Sie will Schild und Schutz sein für andere und sie will sich beschützt wissen durch Gott, durch ihren Glauben.

Sandra Zeidler (epd)

Ein Aus wird Anfang für den Glauben

15. Januar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Marion und Winfried Grau ließen sich nach einem Glaubenskurs im April 2010 taufen. (Foto: Sabine Kuschel)

Marion und Winfried Grau ließen sich nach einem Glaubenskurs im April 2010 taufen. (Foto: Sabine Kuschel)

Wie Menschen zum Glauben kommen – zum Beispiel Marion und Winfried Grau:
 

Marion und Winfried Grau, beide 1953 geboren, sitzen sich am Tisch gegenüber und denken über ihr Leben nach. »Wie gut es uns geht! Was wir alles haben! Tolle Töchter, ein schönes Zuhause.« Das Ehepaar wohnt in Leipzig im eigenen Haus, hat zwei erwachsene Töchter und vier Enkelkinder im Alter von eineinhalb, neun, zehn und 15 Jahren. In Marion Graus Worten schwingt Zufriedenheit mit. Viele ihrer Wünsche seien in Erfüllung gegangen. Und: »Wir wurden vor Schlimmem bewahrt«, fügt sie hinzu.

Auch in der DDR sei es der Familie gut gegangen. Es habe nichts gegeben, was sie wirklich vermisst hätten. Außer einem Wunsch, der offenbleiben musste. Winfried Grau, er ist Bauingenieur, hätte sich gern selbstständig gemacht. Doch dieser Traum geht erst nach der Wende in Erfüllung. Er gründet ein Bauunternehmen, das zunächst gut läuft. Doch das ändert sich bald. Die Familie erlebt, so schnell wie es finanziell bergauf geht, so rasant geht es wieder bergab.

Die Firma muss Insolvenz anmelden.

Diese Erfahrung gibt den Eheleuten zu denken. »Was hatten wir davon?«, fragen sie sich. Sie suchen nach einem neuen Halt. »Nach dem Sinn des Lebens, nach dem, was wichtig ist.«

Beide wurden als Kinder getauft, besuchten jedoch keine Christenlehre und ließen sich nicht konfirmieren.

Die wirtschaftliche Situation, die Achterbahnfahrt hinauf zum Erfolg und wieder herab ins Aus der Firma führen zu einem Umdenken. Winfried Grau verfolgt christliche Sendungen und Gottesdienste im Fernsehen und ist beeindruckt von den Lebensweisheiten, die dabei mit rüberkommen. »Ich kann es kaum erwarten bis wieder Sonntag ist«, sagt er. Also fassen er und seine Frau den Entschluss: »Wir orientieren uns christlich.«

Dann führen verschiedene kleinere Details schließlich zu ihrer Entscheidung, sich konfirmieren zu lassen.

Zunächst ist es die 15-jährige Enkeltochter, die, für die Familie überraschend, eine Kehrtwende macht. ­Eigentlich wollte sie wie alle anderen ihrer Klasse an der Jugendweihe teilnehmen. Doch dann entscheidet sie sich plötzlich anders. Sie will keine ­Jugendweihe, sondern die Konfirmation. In der Vorbereitung darauf begleiten die Großeltern sie zu den Gottesdiensten. »Nur um sie zu unterstützen.« Doch dann merken Marion und Winfried Grau, dass ihnen die Kirchenbesuche und Gottesdienste gut tun. Ein Gefühl der Ruhe, des Aufgehobenseins nimmt von ihnen Besitz. Zugleich möchten sie mehr wissen über den Glauben, das Christentum, die Bibel.

Da entdecken sie einen Flyer, der zu einem Glaubenskurs in die Leipziger Nikolaikirche einlädt. Den besuchen sie gemeinsam mit ihrer jüngeren 30-jährigen Tochter. »Es war toll«, sagt Marion Grau. Die Familie genießt das Zusammensein mit 20 Gleichgesinnten, mittendrin zu sein in einer Gemeinde. Die Feste des Kirchenjahres, Gottesdienst und Gebete sind Themen des Glaubenskurses. Sie lesen die Bibel, beschäftigen sich mit christlichen Symbolen und Ritualen.

Wie ihre Tochter lassen sich die meisten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Abschluss des Kurses im April 2010 taufen. Marion und Winfried Grau werden konfirmiert. Der festliche Gottesdienst mit der Taufe der Tochter und der Konfirmation ihrer Eltern ist Höhepunkt und Fami­lienereignis.

Marion Grau erlebt ihre Konfirmation als »faszinierend. Ich kann es nicht beschreiben. Es war ein erhebendes, glückliches Gefühl.«

Mit dieser Entscheidung habe sich seine Einstellung zum Leben geändert, sagt Winfried Grau. Er habe Zuversicht gewonnen und die Erkenntnis, dass das Streben nach materiellen Werten nicht alles sei. Beide finden: »Freude und Glück sind viel wichtiger.«

Sabine Kuschel

Heilig, heilig, heilig ist Gott

7. Januar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie Menschen zum Glauben kommen – zum Beispiel Annalena Kühne aus Erfurt

 

Für Annalena Kühne waren die ­Begegnungen mit Christen wichtig. Sie haben ihr Interesse am Glauben geweckt.  Foto: Sabine Kuschel

Für Annalena Kühne waren die ­Begegnungen mit Christen wichtig. Sie haben ihr Interesse am Glauben geweckt. Foto: Sabine Kuschel

Annalena Kühne (21) wuchs in ­Coburg mit sechs Geschwistern auf. Sie wurde als Kind getauft, nahm am Religionsunterricht teil und ließ sich konfirmieren. Doch mit ihrem Leben habe das ­alles wenig zu tun gehabt, sagt sie rückblickend. Sie sei zwar in die Kirche gegangen, doch diese Kontakte bezeichnet sie als oberflächlich, ohne Bedeutung für ihren Alltag. In den Glauben hineingewachsen sei sie erst später, einige Zeit nach ihrer Konfirmation. Für sie waren es die Begegnungen mit Menschen, die ihr Interesse am Glauben und christlichen Leben geweckt haben. »Ich habe Menschen kennengelernt, die lebendig glauben.« Und die sie geprägt haben.

Vor allem ist ihr der Christliche Verein Junger Menschen (CVJM) zu einer Heimat geworden. Bereits in Bayern erlebte sie eine spannende Konfirmandenarbeit, sodass der Jugendverband Teil ihres Lebens geworden ist. Als Annalena Kühne im August 2009 nach Erfurt kam, um hier ihr Fachabitur zu machen, suchte sie den »check point jesus« auf, ein Projekt des CVJM Thüringen. Hier treffen sich regelmäßig 30 bis 50 Leute im Alter von Null bis 60 Jahren, Kinder und Jugendliche, Studenten und Familien.

Am Sonntagabend wird 18 Uhr zu einem Gottesdienst für Ausgeschlafene eingeladen. In der Woche besucht Annalena Kühne einen Hauskreis, der viel Gelegenheit für persönliche Gespräche und Begegnungen bietet. Einmal wird ein Thema ausführlich behandelt, in der nächsten Woche fällt die thematische Arbeit kürzer aus, damit Zeit zum Kochen bleibt. »Es ist familiär und das Reden über geistliche Fragen ist möglich.« Jeder und jede weiß viel vom Anderen.

»Ich war immer willkommen«, sagt die junge Frau über die Veranstaltungen des Jugendverbandes. In der Gemeinschaft mit anderen habe sie ihre Fähigkeiten und Gaben entdecken und weiterentwickeln können. Nach ihrem Abitur in diesem Jahr will sie für 18 Monate nach Kolumbien gehen und sich dort in der Kinder- und Jugendarbeit engagieren.

Was hat sich verändert, seitdem Annalena Kühne ihren christlichen Glauben vom Sonntagsgottesdienst mit in den Alltag nimmt? Wie wirkt sich ihre Geisteshaltung auf ihr Leben aus?

»Ich gehe mit mir selbst menschlich um, nicht zu hart. Ich fühle mich wertgeschätzt.« Das hat Auswirkungen auf die Beziehungen zu ihren Mitmenschen. »Ich frage mich oft: War es gut, wie ich gehandelt habe? Habe ich jemanden verletzt?« Doch sie weiß auch: »Wenn ich ein Problem habe, muss ich mir keine Platte machen, sondern ich kann dann beten.«

Ihr Glaube habe auch ihr Verhältnis zur Umwelt verändert. »Ich nehme sie anders wahr, bewusster, genieße es, draußen in der Natur zu sein.« Im Haushalt bevorzugt sie Bio und fair gehandelte Produkte.

Sie sagt, sie lebt in der Gewissheit, dass der Mensch ein begnadetes ­Geschöpf ist. »Ich weiß, dass nichts umsonst ist, was ich tue.« Sie hofft auf die Ewigkeit, darauf, dass das Leben nach dem Tod weitergeht. Sie sagt: »Ich möchte dann vor den Schöpfer treten und singen: Heilig, heilig, heilig ist Gott.«

Sabine Kuschel

»Ich bin ein neuer Mensch geworden«

30. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Wie Menschen zum Glauben kommen – zum Beispiel Kerstin Härtel aus Leipzig
 
Vor mehr als einem Jahr ließ Kerstin Härtel sich taufen. (Foto: Sabine Kuschel)

Vor mehr als einem Jahr ließ Kerstin Härtel sich taufen. (Foto: Sabine Kuschel)

Ein neuer Mensch werden! Für das Neugeborenwerden des Menschen gibt es ein uraltes Ritual: das vollständige Unterwassertauchen bei der Taufe, das vornehmlich in Freikirchen praktiziert wird. Vor einiger Zeit hat Kerstin Härtel eine Fernsehsendung unter anderem über diese Taufpraxis gesehen und ist davon beeindruckt. »Weil man beim Untertauchen das Sterben des bisherigen Menschen bewusster erlebt.« Die 49-jährige Mutter eines erwachsenen Sohnes ließ sich vor reichlich einem Jahr, im Dezember 2009, nach einem Glaubenskurs in Leipzig taufen. Sie bedauert ­etwas, dass sie bei ihrer Taufe dieses Neuwerden beim Auftauchen aus dem Wasser nicht so bewusst erleben konnte. Dennoch: »Ich bin ein neuer Mensch geworden«, betont sie.

Der Wunsch danach war lange Zeit tief in ihr vergraben. Viel ist geschehen, bevor sich diese Sehnsucht ihren Weg ins Bewusstsein gebahnt hat, um vehement ihr Recht einzufordern.

In Kerstin Härtels Leben gibt es einige Annäherungen an das Christentum, auch berührende Begegnungen. »Der christliche Glauben hat mich immer interessiert. Schon als Kind. Ich fühlte mich hingezogen zu Kindern, die die Christenlehre besuchten. Ich bin heimlich hingegangen«, erzählt sie. Doch dann meinte der Pfarrer: »Wenn du regelmäßig zur Christenlehre kommst, müssen wir das deinen Eltern sagen, sie müssen das wissen.« Damit war die kurze Liaison zu Ende. Ihre Mutter sei zwar kirchlich, der Vater nicht.

Später lernte sie ihren Mann kennen, der einer freikirchlichen Gemeinde angehörte. Beeindruckt war sie von der Frömmigkeit seiner Großmutter, die Ruhe und Zufriedenheit ausstrahlte. »Sie war eine besondere Frau, eine ganz einfache. Ich habe gespürt, dass da etwas ist.«
Dass ihr Mann zu einer Freikirche gehörte, passte ihren Eltern nicht.

»Sie haben damit Negatives in Verbindung gebracht. Ich musste immer schlichten.« Irgendwann hat sie den Kontakt zu ihrem Elternhaus abgebrochen. Auch die Distanz zur Gemeinde wurde immer größer. Als sie später an diese Verbindung wieder anknüpfen wollte, war das Interesse bei ihrem Mann erloschen. »Er hat viel gearbeitet.« Und sie alle ihre Wünsche zurückgestellt. »Ich war verschlossen und unsicher. Ich konnte mich nicht mitteilen, nicht einmal sagen, welche Musik mir gefällt.«

2009 erkrankte Kerstin Härtel an Krebs. Bevor sie zur Operation ins Krankenhaus ging, nahm sie sich zu Hause zwei Wochen Zeit, um mit dem niederschmetternden Befund fertig zu werden. Stück für Stück sei ihr klar ­geworden, dass sie ihr Leben ändern müsse.

»Die 14 Tage haben mir viel gegeben. Danach ist viel mit mir passiert.« Nie habe sie mit ihrer Krankheit gehadert. Vielmehr sei sie dankbar, dass mit ihr ihre Sehnsucht nach einem neuen Leben erwacht war. »Ich bin froh, dass alles so gekommen ist. Ich hatte immer Angst, habe mir nichts zugetraut.«

Während sie sich erholte, wuchs auch der Wunsch nach einem Halt im Glauben. Ihr Mann ermutigte sie dabei. Seine Worte waren eindringlich: »Wenn du das jetzt nicht machst, wann dann? Wovor willst du denn jetzt noch Angst haben?«, fragte er sie. Und er versicherte: »Wir machen das gemeinsam.«

Sie besuchten Gottesdienste in verschiedenen Kirchen. Gut gefallen hat es ihnen in der lutherischen Gemeinde in ihrem Leipziger Wohnbezirk. Der Glaubenskurs, an dem sie teilnahm, sei für sie eine Lebensschule gewesen. »Ich bin ein neuer Mensch geworden.« In vielerlei Hinsicht hat sich ihr Leben geändert, auch die Beziehung zu ihrem Mann. Die Eheleute verstehen sich viel besser. »Früher habe ich meistens mit meinem Sohn geredet. Heute kann ich über alles mit meinem Mann reden.« Am liebsten würden sie noch die kirchliche Trauung nachholen, die damals als sie heirateten nicht infrage kam.

30 Jahre war Kerstin Härtel mit ihren Eltern verkracht. Eines Tages spürte sie das unwiderstehliche Verlangen, sie wiederzusehen. Gemeinsam mit ihrem Mann fuhren sie zu ihnen und versöhnten sich miteinander.

Nachdem Kerstin Härtel 2009 operiert worden war und eine Chemo­therapie bekam, war sie ein halbes Jahr ohne Befund. Dann wurde erneut Krebs festgestellt. Einer Chemo­therapie will sie aber nicht noch einmal zustimmen. Stattdessen vertraut sie alternativmedizinischen Methoden, unter anderem der Homöopathie. Sie und ihr Mann haben die Ernährung umgestellt. Sie hofft ganz fest auf Heilung und vertraut dabei auch dem Gebet.

Sie ist sich bewusst: »Ich habe dem Tod ins Auge geblickt.« Und sie ist froh, durch die Krankheit zu der Überzeugung gefunden zu haben, dass »die Seele nicht verlorengeht, sondern weiterlebt. »Also brauche ich keine Angst zu haben vor dem Tod.«

Sabine Kuschel

Wundersame Begegnungen

22. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Von dicken Bäuchen und einem Dieb, der sich in einen Engel verwandelt

Eine Weihnachtsgeschichte von Lutz Rathenow

Staunen vor dem Weihnachtsbaum (Foto: epd-bild)

Staunen vor dem Weihnachtsbaum (Foto: epd-bild)

Eigentlich wollte ich schon immer eine einfach schöne Weihnachtsgeschichte erzählen.

Zum Beispiel von einem Weihnachtsmann, der in eine Wohnung gerufen, bestellt (ja, sicher sogar für Geld) worden ist und der während der Bescherung des fünf- oder sechsjährigen Kindes sich so heftig in seine offenbar alleinerziehende Mutter verliebt, dass er das Austeilen der Geschenke mit immer mehr Aufgaben für das Kind, gemeinsamen Spieleinlagen und von ihm rezitierten Gedichten verzögert. Und sich im letzten Moment beherrschen kann, bevor er die für andere gedachten Geschenk-Pakete hier auch noch verteilt.

In dem Moment fragt der Weihnachtsmann, ob er einmal die Toilette benutzen dürfe. Was den oder die Sechsjährige zur erstaunten Frage animiert: Der Weihnachtsmann muss pinkeln?!

Manchmal ist es doch gut, dass die Handys erfunden worden sind, um zum Beispiel von der Toilette aus die Kollegen herbeizutelefonieren: Blitzgrippeanfall, bitte den Rest der Tour übernehmen.

Und dann will die Mutter einmal nachschauen, ob sie dem Weihnachtsmann helfen kann.

Und aus der Sicht des Kindes verschwimmt die Zeit ohnehin wegen der Geschenke, mit denen es hinreichend beschäftigt ist, sodass es das Abfahren des Weihnachtsmannes verpasst haben muss. Denn plötzlich war der weg und ein Bekannter der Mutter anwesend.

Und der Weihnachtsmann hatte seinen Sack vergessen, weil es noch einmal klingelte und zwei Männer ihn abholten.

Und das Kind nahm sich vor, sich an dies unbedingt zu erinnern, wenn es wieder eine neue Ausrede brauchte, warum es dies oder
das vergessen hätte. Wenn das sogar Weihnachtsmännern passierte.

Aber jetzt spielten sie alle drei erst einmal das neue Spiel und die Tochter (also lassen wir das Kind eine sie sein) merkte, dass auch Männer, die keine Weihnachtsmänner waren, wirklich nett sein konnten. Und irgendwie gerät jetzt diese Weihnachtsgeschichte zu schön und zu harmonisch, um ­weitererzählt zu werden.

Denn die eigenen Weihnachts­erinnerungen sind doch mehr vom Suchen nach als von der Erfüllung selbst bestimmt: zum Beispiel nach den Plätzchen schon in der Vorweihnachtszeit. Dazu war dem Menschen ja offensichtlich die Nase ins Gesicht hineinerfunden – damit der durch alle anderen ablenkenden Gerüche im Haus die Plätzchen aufspüren und riechen kann. Auch wenn alle Vorräte im Waschhaus im kaum noch benutzten Kessel schön versteckt und verdeckt lagerten.

Ich schaffte es jedes Mal.

Es gab viel nachzubacken, meist noch in der Nacht vor der Bescherung – jeder Tag zuvor hätte nur zu Plätzchen geführt, die in meinem Bauch gewandert wären.

Ist das doch ein echter Plätzchenbauch? Und ein wenig ein Stollenbauch. Na ja, Lebkuchenbauch natürlich auch. Und Makronenbauch. Schokoladenbauch. Walnussbauch. Paranussbauch weniger, eher schon Haselnussbauch.

Diese Süßsucht ist eine ernste Sache, aber doch besser als Heroin.

Obwohl: Wie viel weniger schlecht – so klar ist das nicht.

Ich möchte lieber nicht weiter analysieren, was da so an einem mehr oder weniger Heiligen Abend kompensiert werden sollte.

Lieber noch eine originell spirituell erzählte Geschichte aus einem neuen Buch. Über Fritz, den Dieb. Ein nicht ganz gewöhnlicher, der nur ein paar Mal im Monat stielt – irgendeine Arbeit muss der Mensch ja machen. Und wenn er keine Arbeit hat, muss er sich halt um ein Verbrechen kümmern. Ein nützliches, das den Lebensunterhalt sichert.

Fritz arbeitet allein. Er ist sozusagen ein freischaffender Verbrecher. Ein ehrgeiziger, denn ein guter Dieb stiehlt nie, was herumliegt. Manchmal gibt er sogar Sachen zurück, die jemand verliert, um sie dann noch einmal richtig zu stehlen.

Fritz besucht Wohnungen von oben, von unten, durch die Fenster. Als er noch richtig fit war, kam er sogar durch die Wasserleitung. Sagt Fritz, wenn er einmal darüber spricht. Heute würde er gern umlernen. Aber wer sich als Dieb vorstellt, bekommt schwer neue Arbeit. Und das Arbeitsamt zahlt auch kein Arbeitslosengeld für Diebe. Außerdem träumt er, ein lieber Mensch zu sein und viele Kinder um sich zu haben. Ein Traum, der immer wiederkehrt. Wirklich ein Albtraum für einen Dieb.

So dachte er am 23. Dezember letztes Weihnachten an nichts Böses und stieg statt bei einer Bank in eine normale Wohnung drei Stockwerke tiefer ein. »Bist du ein Engel?«, fragte eine Stimme. Sie stellt sich als Margit vor und schob den Oberkörper aus der Bettdecke. Fritz sah sein Missgeschick. »Soll ich ein Engel sein?«, fragte er und freute sich gegen alle Vernunft, dass er in einem Kinderzimmer stand. Er hätte natürlich auch den Weihnachtsmann spielen können, aber ohne Geschenke?

Margit knipste ihre Taschenlampe an: »Ja, ich bete seit Tagen. Damit bei Papa der Husten weggeht und er nicht krank wird. Das mag sein neuer Chef gar nicht.«

Fritz ließ sich anleuchten und blickte sehr sanft, um engelsmäßig zu wirken: »Na ja, bin ich schon, natürlich verkleidet.« »Ja, du siehst wie ein Einbrecher aus. Die Verkleidung ist gelungen. Und die Flügel hast du gut versteckt.«

»Darf ich mich setzen?«, fragte Fritz.

Und pustete dreimal in den Raum, damit ihr Vater wieder gesund oder gar nicht erst krank werden würde und mehr Zeit für Spiele mit ihr hätte.« Margit wunderte sich, wie einfach so ein göttlicher Zauber war. Fritz pustete liebevoll und durfte von den Plätzchen auf dem Spieltisch kosten. Sie unterhielten sich über dies und das.

Über das und dies.

Natürlich leise, damit die Eltern nichts merkten.

Schließlich fand Fritz, dass Margit jetzt schlafen müsse. Morgen sei Heiligabend.

»Ich schlafe doch jede Nacht«, protestierte sie, »bis auf die Träume ist nie was los. Endlich kommt ein Engel – und da soll ich schlafen?« Also erzählte er noch von seiner Arbeit. Wie er Fassaden hochklettert. Damit die Menschen nicht erschrecken – wegen der Rumfliegerei. »Deshalb verschwinde ich jetzt auch bei dir durch das Fenster.«

Margit bettelte, er möge noch bleiben. Aber Fritz hatte als Engel einen dichten Terminkalender. Gute Taten durften nicht zu lange warten, gerade jetzt vor Weihnachten. Beide sangen zusammen noch ein Lied, ganz leise, er kletterte langsam die Fassade hinunter. Margit ging zum Fenster und winkte. Nach einer kurzen Weile öffnete sich ihre Zimmertür und die Mutter fragte, ob sie mit jemandem rede.

»Nur mit einem Engel«, rief Margit. »Na, dann ist es ja gut«, lachte die Mutter und schloss die Tür. Und beide schliefen rasch ein und träumten von Weihnachten. Und Fritz natürlich auch, aber erst als er wieder zu Hause angekommen war.

Lutz Rathenow

Der Autor lebt als Schriftsteller in Berlin.

Zeit der Verheißung und Erfüllung

19. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Bald nun ist Weihnachtszeit – Nachdenken über ein Adventslied und die Wirklichkeit von Gottes Kommen

 Bald nun ist Weihnachtszeit ... künden die vier Lichter des Adventskranzes. (Foto: Bilderbox)

Bald nun ist Weihnachtszeit ... künden die vier Lichter des Adventskranzes. (Foto: Bilderbox)

Bald nun … So beginnt das bekannte Adventslied, dass uns verheißt, dass er gar nicht mehr weit ist. »Er« ist dem Lied zufolge der Weihnachtsmann, ein freundlicher alter Mann, der uns mit seinem Schimmelchen allerlei kulinarische Genüsse verspricht, auch wenn die, die da angekündigt werden – Pfeffernüss’, Mandelkern, Äpfel, Korinth’ – in unserer reichen Zeit allenfalls als Beiwerk und Baumschmuck, kaum mehr als eigenständige Weihnachtsgabe anerkannt werden würden.

Auch ist er, dieser liebe alte Graubart, schon längst in jedweder Gestalt in unseren Straßen sichtbar, von »bald« kann eigentlich keine Rede sein. Vorweggenommene Verheißung mit der bedauerlichen Möglichkeit, dass wir das Warten verlernen.

Daher lohnt es sich, doch noch einmal genau hinzuhören gerade auf die ersten beiden Worte, die in sich einen Widerspruch darstellen: Was denn nun: »Bald« im Sinne von: Noch nicht, aber absehbar, nur noch ein paar Augenblicke, wenige Nächte oder einen Herzschlag weit entfernt – oder »nun« also jetzt, hier, heute gegenwärtig?

Kann er denn da sein und nicht da sein, dieser »ER«, der Weihnachtsmann, und wer ist das, der so zeitlich überzeitlich gegenwärtig entfernt ist?

In einer gläubigen Zusammenschau vom heiligen Nikolaus und einem sehr alten Bild vom Gottvater – alter Mann mit weißem Bart – gelingt es dem Lied wie jeder Poesie, das Nichtdenkbare zusammenzudenken und gleichzeitig auszusprechen.

Er ist da und ist nicht da, als GOTT, der Ewige, der im Himmel und über den Wolken thront, immer auch der ganz andere und in keinem Wort und keinem Bild ganz zu fassen. Damit wir aber doch fühlen, sehen und vor allem lieben können, offenbart er sich in Menschengestalt, mehr noch, in der Gestalt eines kleinen, neugeborenen Kindes, arm dazu und ganz ohne Rosen und Violen, sondern im Stroh. Näher geht es nicht, ausgelieferter, ohnmächtiger auch nicht. Der Liebe so bedürftig, wie nur die Liebe selbst es sein kann, ganz ohne Arg und Vorbehalt, zeigt ER sich, dieser unfassbare GOTT, als der ganz nahe aus freiem Willen und aus Liebe.

Aber wann? Bald – oder nun?

Wenn ich noch einmal das Lied höre, wird es noch komplizierter – denn zunächst ist nicht von IHM die Rede, sondern von einer Zeit, der Weihnachtszeit, der Zeit SEINES Offenbarwerdens, die kommt und ist. Eine Zeit voller Verheißung und Erfüllung zugleich, eine Zeit, vielleicht wie eine Schwangerschaft, in der das Kind wohl schon da ist, aber noch nicht mit den äußeren Augen zu sehen.

Die Liturgie der Kirche hat für den 4. Adventssonntag als Lesung genau das Evangelium ausgewählt, dass dieses »Bald« und »Nun« in wunderbarer Weise zusammenspricht: Die Begegnung von Maria und Elisabeth, wie sie vom Evangelisten Lukas im 1. Kapitel seines Evangeliums beschrieben wird. Maria, im dritten Monat schwanger nach der Verkündigung durch den ­Engel, hat sich auf den Weg gemacht zu ihrer Verwandten und Freundin Elisabeth. Wohl, um Trost in ihrem verwirrenden Schicksal zu erfahren. Wohl, weil der Engel es ihr als Bestätigung und Hilfe genannt hat, dass, wenn schon ein Wunder geschieht – die Schwangerschaft einer Jungfrau – auch ein zweites noch möglich ist, die Schwangerschaft der älteren Frau, die nicht mehr mit einem Kind rechnen kann.

Weit mehr aber geschieht: Elisabeth sieht. Sie sieht nicht nur die Gestalt der vertrauten jüngeren Freundin, sondern sie sieht durch das Sichtbare hindurch in das noch gar nicht Sichtbare, das Kind in ihrem Leib, sie schaut die Hoheit und Einzigartigkeit dieses Kindes, und sie erkennt die neue Würde, die ihre Freundin als »Mutter« des Herrn aufrichtet und groß macht, ganz unabhängig von Gestalt und Herkunft. Sie sieht die noch unsichtbare Wirklichkeit, die erst noch sichtbar werden wird und sich den liebenden Augen als einzige Realität schon offenbart. Elisabeth wagt es, das Unsichtbare zu benennen und ins Leben hineinzusprechen.

Und Maria – so herausgerufen in eine neue Wirklichkeit und in ihre wesentliche Gestalt – beginnt zu singen, kraftvoll, vollmächtig, frei. Sie singt »des Glaubens schönstes Lied«, das Magnifikat, in dem sie wie die Prophetinnen die Gegenwart Gottes in Gegenwart und Zukunft herabsingt auf die Erde. Nachzulesen und mitzusingen im Lukasevangelium im 1. Kapitel, zu hören und zu feiern am 4. Adventssonntag
in unseren Gottesdiensten.

Bald nun – das heißt jetzt ist die Zeit und ER ist ganz gegenwärtig für die Augen der Liebe und ganz bald zu schauen in SEINER Wirklichkeit – denn ER kommt.

Katharina Schridde

Die Autorin leitet die Communität Casteller Ring im Erfurter Augustinerkloster.

Klopf noch einmal an

10. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Wie die Vorfreude auf Weihnachten Enttäuschung und Frust wettmachen kann.
 
Mir klopft das Herz, aber ich wage es noch einmal.  (Foto: Ullstein Bild)

Mir klopft das Herz, aber ich wage es noch einmal. (Foto: Ullstein Bild)

Klopf noch einmal …

Eigentlich reicht es mir in diesen Wochen vor Weihnachten. Genug Leute haben mir die Tür vor der Nase zugeschlagen, eine Mauer auf dem Balkon errichtet, mir »die Wahrheit« ins Gesicht geschleudert.

Erhoffte neue berufliche Tore sind mir in diesem Jahr verschlossen geblieben. Wie oft wurden meine zur Versöhnung ausgestreckten Hände nicht ergriffen! Ich fühle mich erschöpft, verletzt, unverstanden, ausgegrenzt und – viel zu oft in letzter Zeit – auch wütend.

Zu gut verstehe ich Josef, wie Sarah Ann ihn bei den Proben zum Krippenspiel spielt. Sie stampft mit dem Fuß auf und brüllt in die Runde: »Weiß denn keiner hier was Schmerzen sind? Gibt es niemanden hier in dieser Stadt, der Mitleid mit uns hat?«

Da berührt ihn Maria (von Tina ­ergreifend gespielt, eine zurückhaltende, bescheidene Maria, die ganz in ihrer Rolle aufgeht) sanft am Arm und bittet flehend: »Klopf noch einmal, meinem Kind zuliebe.«

Und Josef überwindet seinen Zorn und bestimmt auch seinen verletzten Stolz und klopft noch einmal, ­demütig, an der letzten Herberge am Stadtrand. Und die Wirtin zeigt Verständnis und hat Mitleid mit dem Paar. Sie ­bietet ihnen, beteuernd, leider nicht mehr tun zu können (eine überzeugende Geste, wie Lisa die Arme vorstreckend, seufzt), immerhin den Stall an. Merkwürdigerweise ist Josef jetzt nicht mehr sauer: »Nun gut. Ein Stall ist besser als ein Quartier auf offener Straße. Wir werden schon zurechtkommen.«

Fügt er sich in sein Schicksal?

Ist er froh, wenigstens diese Unterkunft für seine Frau gefunden zu haben, die ausgerechnet jetzt dieses Kind – was hat er eigentlich damit zu schaffen – zur Welt bringen muss?

Wahrscheinlich weiß er, dass er das ihm im Augenblick Mögliche getan hat und kann darauf vertrauen, dass dies genug ist. Und dann ist er wieder in seiner Rolle, wie wir sie uns traditionell vorstellen, er bleibt sorgend und schützend im ­Hintergrund.

Warum rührt mich diese Szene so?

Dieses »klopf noch einmal« höre ich als Aufforderung. Es gab Situationen, in denen mich Gott bat: »Komm, klopf noch einmal. Suche noch mal das ­Gespräch, schreib eine Karte, verzichte doch mal auf dein Recht. Gib nicht auf. Versuche, aus dem, was sich aufgetan hat, das Beste zu machen. Denke nicht, es ist nur ein Stall, sondern denke, es ist besser als kein Dach über dem Kopf. Klopf noch einmal, meinem Kind zuliebe.«

Ich habe manches Klopfen gewagt, Jesus zuliebe. Damit es ein kleines Fleckchen Platz gibt für seine Ankunft in mir. Es ist mir beileibe nicht leichtgefallen, meine Enttäuschungen, meinen verletzten Stolz, meine Vorurteile zu überwinden. Es fühlt sich nicht großartig an, auf mein Recht zu verzichten, meinerseits um Vergebung zu bitten. Aber ich hab wenigstens noch einmal geklopft, Jesus zuliebe.

Manchmal geht es mir wie Josef, plötzlich erscheint mir der zu guter Letzt noch zugewiesene Stall als eine akzeptable Alternative.

Diese vermeintlich zweitschlechteste Wahl, erweist sich als gerade richtig. Denn was dann zu Weihnachten nachts im Stall passiert, ist nicht nur staunenswert, es ist froh machend und alles verändernd.

So will ich nicht rumjammern, weil ich ihm werde keinen Palast anbieten können. Wenn er kommt, wird wieder nur eine winzige Krippe in meinem Herzen stehen. Ärmlich. Und doch kann ich darauf vertrauen: Die Krippe reicht ihm, um bei mir anzukommen.

Ja, ich klopfe noch einmal, das heißt, ich schreibe diese zwei Weihnachtskarten, von denen ich bis vorgestern dachte, schade ums Papier.

Wer weiß, vielleicht öffnet sich eine Tür.

Petra Ng’uni

»Es gibt Zeichen für das Kommen Gottes«

5. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Warten ist ein Thema der Adventszeit. Es gibt ein Warten voller Vorfreude und ein ungeduldiges banges Hoffen. Wie er Warten erlebt, erzählt der ehemalige Thüringer Landesbischof Roland Hoffmann. 

Roland Hoffmann ist seit 2001 im Ruhestand. Er lebt in Jena. (Foto: Jürgen Scheere)

Roland Hoffmann ist seit 2001 im Ruhestand. Er lebt in Jena. (Foto: Jürgen Scheere)

Herr Altbischof Hoffmann, gibt es ­etwas, worauf Sie warten?
Hoffmann:
Als Großeltern warten wir, meine Frau und ich, immer auf die Enkel und freuen uns auf sie. Wenn die angesprungen kommen, ist das eine Freude.

Ein Warten voller Vorfreude. Doch Warten kann mitunter so schwer sein …
Hoffmann:
Ja, es gibt negatives und positives Warten. Positives Warten ist gefüllte Zeit. Negatives Warten heißt tatenlos und ohnmächtig warten. Nichts tun können außer hilflos zu warten, das ist für mich ganz, ganz schwer. Ich habe Anfang September mein Gleichgewicht verloren und nun warte ich, dass es wieder besser wird. Lange musste ich warten, bis die Ärzte die Ursache gefunden hatten. Jetzt warte ich, dass der Druck im Ohr verschwindet. Wenn ich den Kopf schnell hin- und herbewege, dreht sich alles. Dagegen kann ich nichts tun. Menschenskind, denke ich, es ist fast ein viertel Jahr herum. Und ich kann nur warten.

Ansonsten habe ich bei allem Warten in meinem Leben noch nie die Hände in den Schoß gelegt. Wenn wir Besuch erwarten, gibt es immer noch etwas zu tun. Wenn wir auf Termine und Ereignisse warten, ist die Zeit bis dahin ausgefüllt. Aber es gibt doch auch dieses negative Warten. Ich sage immer: »Gott ist ein böser Mensch. Er lässt uns immer das lernen, was uns am schwersten fällt.«

Machen Sie Fortschritte?
Hoffmann:
Ich habe wenig Hoffnung, dass ich mit dem Älterwerden automatisch geduldiger und gelassener warten könnte. Aber im Umgang mit meinem Enkel beobachte ich, dass ich ihm länger zugucken kann, wenn er etwas ausprobiert. Da denke ich: Guck, solche Geduld hattest du bei deinen Töchtern nie. Wenn meine Kinder – als sie klein waren –, etwas nicht gleich konnten, habe ich es ihnen aus der Hand genommen, habe es selber gemacht oder sie angetrieben. Dem vierjährigen Enkel kann ich zugucken. Da merke ich, dass ich ruhiger werde.

Auch wenn ich mit jungen Kollegen zu tun habe, bin ich gelassener geworden. Wenn ich sehe, dass et-
was schief läuft, muss ich nicht mehr eingreifen. Und den umständlichen Kollegen muss ich nicht mehr korrigieren. Ich sage mir dann: Ach guck, so rum geht es auch. Schön. Darauf wärst du nie gekommen.

Zum Amt des Landesbischofs gehört das Ringen um gute Entscheidungen. Dazu braucht es viel Geduld …
Hoffmann:
Wenn ich für ein Problem keine Lösung wusste, habe ich gebetet, es möge uns gelingen, dass sich dieses oder jenes Problem löst. Ich habe manchmal im Gebet gesagt: Christus, was soll ich mir einen Kopf machen? Es ist deine Kirche. Gib uns einen Impuls. Zeige uns einen Weg. Und am nächsten Morgen gab es oft eine Idee. Probleme, die mich bedrängen, überlasse ich dem Herrn, denn ich kann erwarten, dass er sie auf sich nimmt. Und ich habe erfahren, dass Probleme, die ich Gott überlasse, auch gelöst werden.

Und wenn Sie vergeblich warten mussten?
Hoffmann:
Dass sich Ereignisse so entwickeln, wie ich es nicht gewünscht oder angestrebt habe, klar, das habe ich erlebt. Auch dass ich meinen Willen nicht durchsetzen konnte. Dann denke ich: Na, lieber Gott, du wirst dahinter stehen und wissen, warum das jetzt so läuft.
Wenn etwas nicht so wird, wie ich es will, dann sage ich mir den Satz von Martin Luther: »Wenn nicht passiert, was du willst, passiert etwas Besseres.« Dann bin ich richtig gespannt darauf, was denn Besseres passieren wird. Hoffnung und Geduld sind Schwestern der Erwartung.

Im Advent hat Warten noch eine viel tiefere Bedeutung. Warten auf das Kommen Gottes …
Hoffmann:
Ich hoffe darauf, dass Gott sich in bestimmte Situationen einmengt, und ich begreife, hier handelt der Herr. Wenn ich auf den Herrn warte, heißt das: Ich bin voller Vertrauen. Dieses Erwarten ist nichts ­Ungewisses, sondern ich rechne fest mit ihm.

Ich habe einige Erlebnisse, die ich als Zeichen und Wunder deute. Ich glaube, dass das Reich Gottes in ­unsere Welt hereinragt. Ich werde es dann, wenn ich diese Welt verlassen muss und hoffentlich in seinem Reich lande, noch ganz anders erleben. Aber immerhin erlebe ich sein Wirken schon hier und heute auf dieser Erde. In meinem Leben, im Leben Anderer gibt es Zeichen für das Kommen und Wirken des Herrn.

Das Gespräch führte Sabine Kuschel.

Von der heilsamen Kraft des Wartens

27. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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<h4>Warten</h4> <h5>Warten</h5> <h5>dass er nicht mehr</h5> <h5>auf ihn warten müsste.</h5> <h5>Und doch kann niemand</h5> <h5>auf Gott warten,</h5> <h5>der nicht wüsste,</h5> <h5>dass Gott schon längst</h5> <h5>auf ihn gewartet hat.</h5> <h5><em>Dietrich Bonhoeffer</em></h5>


Warten

Warten
dass er nicht mehr
auf ihn warten müsste.
Und doch kann niemand
auf Gott warten,
der nicht wüsste,
dass Gott schon längst
auf ihn gewartet hat.
Dietrich Bonhoeffer

Für die Adventszeit empfiehlt sich ein Kontrastprogramm zum üblichen Lebensablauf

Kein PR-Stratege hätte es besser hinbekommen können: Die alten Worte des Advents wirken wie ein Kommentar zum aktuellen Lebensgefühl. Allerdings bestätigen sie nicht den heutigen Trend. Erzählt wird nämlich vom Warten, während gegenwärtig die Maxime lautet: Brich auf und ziehe los! Wer Erneuerung sucht, ist fast immer auf dem Sprung, geht auf Reisen und erkundet ferne Länder. Wer schnelle Beine hat, gilt auch religiös betrachtet als jemand, der sich auf einem guten Weg befindet. Viele pilgern los. Der Mensch erlebt sich als Wanderer, ist Marathonläufer, Gipfel­erklimmer, Triathlet, Extremwanderer oder Bahncard-100-Besitzer.

»Im Advent hat das Pilgern Pause«

Ganz anders, geheimnisvoll und faszinierend fremd klingt, wovon im Advent gesungen wird. Auch da ist von Aufbruch die Rede, eine fantastische Bewegung beginnt – nur gehe ich nicht weg, sondern jemand anderes zieht los. Ein König macht sich auf die Reise, der Frieden bringt, heißt es in alten Verheißungen. Nach Jerusalem ist der Retter unterwegs, dieser oftmals zerstörten und geplünderten Stadt.

Im Advent hat das Pilgern also Pause. Nicht ich setze mich in Bewegung, sondern die Herrlichkeit Gottes geht auf Reisen.

Ich aber warte, dass die Herrlichkeit ihr Ziel erreicht. Das Ziel bin ich, denn Gott will ja nicht nur nach Jerusalem. Diese Stadt kann zum Symbol für jeden werden, der auf Heilung hofft.

Im Advent gilt nicht das Motto: Ich bin dann mal weg. Sondern: Ich bleibe da und warte.

Auch in den virtuellen Beziehungsnetzen gilt es heute, auf Menschen ­zuzupilgern, Profile anzuklicken, sie zu sammeln und in die eigene Gefolgschaft einzureihen. Menschen mit 500 Gefolgsleuten sind keine Seltenheit. Wer sich nicht heute noch bei ­Facebook registriert, wird schon bald gesichts- und arbeitslos.

Und ich?

Im Advent widme ich mich uralten Techniken der Kommunikation, die geheimnisvoller sind als jedes Twittern: Ich bete, singe, hoffe, träume – die kommende Herrlichkeit herbei.

Zu warten – das bedeutet aber nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Es gilt Barrieren abzubauen und aufzuräumen. Ob die biblischen Propheten gar nicht so exzentrisch waren, wie man denkt?

Weshalb sonst hätte Jesaja der Stadt Jerusalem ­zugerufen: Glätte die Wege und mache alles Krumme gerade?

Womöglich würde Jesaja heutzutage Kooperationsverträge mit Baumärkten schließen. Die Geräte aus der Gartenabteilung jedenfalls sind hilfreich, um den Weg für die angekündigte Herrlichkeit zu ebnen. Rechen, Besen, Schaufeln, Scheren: Im Namen des biblischen Propheten reche ich Blätter zusammen, stutze Büsche und kehre die Straße, um sie gangbar zu machen.

Der Advent: Eine Zeit für Spießer, Baumarktjünger und Sauberkeitsfanatiker?

Tatsächlich laden die Wochen vor Weihnachten ein, endlich einmal aufzuräumen. Die Wege müssen dabei nicht zwanghaft sauber ­gehalten werden. Der Aufruf aufzuräumen lässt sich vielmehr als ein Versprechen verstehen, dass das Leben einfach werden kann. Das gilt auch für mein Inneres: Inmitten der Berg- und Tallandschaft der Emotionen bricht sich die Hoffnung Bahn, dass Neues kommt.

Glatt, eben und zugänglich soll meine Umgebung und auch ich selber werden. Etwas rätselhaft ist das schon. Schließlich müsste die kommende Herrlichkeit Gottes eigentlich doch Hindernisse spielend überwinden können?

Der Retter aber benötigt auf dem Weg zu uns anscheinend Barrierefreiheit. Ist Gott zuweilen etwas schüchtern – und wir sollen ihm gar helfen? Der Friedefürst scheint keine Kämpfernatur zu sein, die Barrieren einfach so durchbricht. Das Herz, das Gott empfangen darf, muss also nicht gepanzert sein, im Gegenteil: Den Dünnhäutigen erreicht die Kraft Gottes vielleicht sogar zuerst. Diese Hoffnung lässt zur Ruhe kommen. Und ich tauche ein in eine Atmosphäre, die mich an Sonnabende aus alten Zeiten erinnert: Als alle Geschäfte mittags schlossen, der Tag mit einem Mal sein Tempo drosselte, und man sich bereitete – für die Ankunft eines feierlichen Tages.

Braucht Gott Ruhe, kommt er verletzlich, muss ich Gott helfen, ist er gebrechlich? Der Friedefürst ist kein Rambo-Typ, er sitzt nicht im Gelände­wagen. Eher kommt er zu Fuß. Vor diesem Verkehrsteilnehmer muss ich mich nicht erschrecken.

Gott ist Pilger – auf dem Weg zu mir. Was soll nun aus mir werden? Ich will zum Herbergsvater werden, um den Reisenden bei mir aufzunehmen.

»Macht hoch die Tür, die Tor macht weit«, heißt es im Advent. Das ist der letzte Schritt in der Kunst des Wartens, damit die Herrlichkeit Gottes Wohnung nehmen kann. Die Polizei ist hierbei kein Freund und Helfer, weil sie zu Sicherheitsschlössern rät. Hilfreicher kann eher schon jene betagte, in Amerika lebende Wissenschaftlerin sein, von der ich kürzlich las: »Ich schließe die Haustür niemals ab«, sagte die Frau, die alleine lebt. Im Fall eines Sturzes oder einer Krankheit stehe die Tür dann nämlich offen, der Weg sei frei für Nachbarn oder Sani­täter. Da nehme sie die Gefahr von Einbrechern gern in Kauf.

»Macht hoch die Tür, die Tor macht weit«

Der Advent ermutigt dazu, die Tür nicht abzuschließen. Noch mehr: Man soll sie sogar ganz weit öffnen. So setzt die Erwartungsfreude Signale.

Der Advent ist inspiriert von dem Mut, sich endlich einmal am rechten Fleck zu fühlen. Denn das Leben wird sich erfüllen – schon bald, ganz in meiner Nähe, ich selbst bin das Ziel – Gottes gute Adresse. Das Herz mag verwundet sein, lahm, verhärtet, eingemauert, alt und klein geworden, kalt womöglich oder auch geplündert, es pocht schwach oder zu heftig – egal!

Es ist die Hauptstadt Jerusalem, die sich Jahr für Jahr von Neuem schmückt, schöner wird und sich wartend immer weiter öffnet. So wird der König mit Pracht einziehen, Jesus. Es ist ein Kind, das aufgebrochen ist, um zu trösten. Ich halte die Arme nicht eng am Körper, sondern strecke sie in voller Länge von mir weg und spüre, wie frei und weit es in mir wird.

Der Himmel kommt mir entgegen. Ich will ihn empfangen, so stehe ich ungeschützt und unbesiegbar offen. Gott gehört nicht zu der Gattung der Verfolger, er folgt einfach nur dem Weg ins Herz hinein, damit der Frieden Wohnung findet.

Der Weg – er ist gefegt. Gott wird nicht stolpern. Seine Kraft ist klein und zart. Ich warte. Die Kraft ist groß, das Herz beginnt zu jubeln. Und alle Vergeblichkeit hat abgedankt.

Georg Magirius

Der Autor ist Theologe, Journalist und Schriftsteller.

Eingeschrieben in Gottes Gedächtnis

19. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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<h4>Gott wird alle Tränen abwischen</h4>  <h5>Gott wird abwischen</h5> <h5>alle Tränen von ihren Augen,</h5> <h5>und der Tod wird nicht mehr sein,</h5> <h5>noch Leid noch Geschrei</h5> <h5>noch Schmerz wird mehr sein;</h5> <h5>denn das Erste ist vergangen.</h5> <h5><em>Offenbarung 21, Vers 4</em></h5>


Gott wird alle Tränen abwischen

Gott wird abwischen
alle Tränen von ihren Augen,
und der Tod wird nicht mehr sein,
noch Leid noch Geschrei
noch Schmerz wird mehr sein;
denn das Erste ist vergangen.
Offenbarung 21, Vers 4

 
Das »Buch des Lebens« – ein Bild der Hoffnung am Ewigkeitssonntag
 

In den Gottesdiensten am Ewigkeitssonntag die Namen der im Kirchenjahr Verstorbenen zu verlesen – das ist ein tröstlicher Brauch in unseren Gemeinden. Damit gedenken wir der Toten, erinnern uns daran, was sie uns und anderen bedeutet haben. Wir würdigen ihr Leben. Denn Namen sind verdichtete Lebensgeschichten.

»Wir werden sie niemals vergessen.« »Wir werden ihm immer ein ehrendes Andenken bewahren.« Solche oder ähnliche Sätze lesen wir oft in Todesanzeigen. Das sind gute Vorsätze. Doch es wäre schlimm um unsere Toten bestellt, blieben sie allein in unserer Erinnerung lebendig. Erinnerungen können verblassen, dem Vergessen anheimfallen. Und spätestens mit unserem Tod stürben auch unsere Erinnerungen.
Denn nach biblischem Verständnis stirbt der ganze Mensch. Die Bibel kennt keine Unsterblichkeit der Seele. Die biblische Hoffnung auf Auferweckung ist Hoffnung auf Neuschöpfung, nicht auf Wiederbelebung.

Wenn aber Leib und Seele sterben, wo bleiben wir dann? Was wird aus dem, was unser Leben ausmacht? Wer bewahrt meine unverwechselbare Identität?

In den biblischen Texten finden sich tröstlich-trotzige Bilder gegen das Vergessen und die Vergeblichkeit. Bilder, die davon sprechen, dass bei Gott nichts verloren geht und dass Gott niemanden verloren gibt.
Das vielleicht innigste und tröstlichste Bild göttlichen Bewahrens findet sich in Psalm 56,9: »… lege meine Träne in deinen Schlauch! Ist sie nicht in deinem Buch?« Hier schöpft ein ­lebensbedrohlich bedrängter und ­verängstigter Mensch im Leben vor dem Tod Trost aus der Gewissheit, dass bei Gott nicht eine einzige Träne ungezählt bleibt und verloren geht. Das behutsame Bergen jeder Träne in einem Weinschlauch verhindert noch nicht, dass der einzelne Tropfen im Meer der Tränenflüssigkeit untergeht. Darum nimmt Gott die Tränen doppelt auf. Das göttliche Buch ermöglicht es, dass jede Träne, auch die ­abgewischte, getrocknete oder ungeweinte, erinnert bleibt.

Dieses göttliche Tränennotizbuch ist aber nur eines unter vielen Bildern himmlischer Buchführung. Das prominenteste unter ihnen ist das »Buch des Lebens«, die himmlische Namensliste, mit der Menschen bei Gott, in Gottes Gedächtnis eingeschrieben sind.

Nicht zufällig begegnet uns das »Buch des Lebens« in Taufliedern: »… ja den Namen, den wir geben / schreib ins Lebensbuch zum Leben« (EG 206,5; vgl. auch EG 207,1). Wenn in der Taufe der Name der Getauften laut genannt wird, dann nicht nur, damit die Gemeinde ihn hört. Auch Gott soll ihn vermerken. Der irdischen Eintragung der Täuflinge ins Kirchenbuch entspricht die himmlische ins Buch des Lebens. Gott soll sich die Namen der Getauften gleichsam ins Stammbuch schreiben.

Die bewahrende Einschreibung ins himmlische Buch des ­Lebens trotzt der Gefährdung des Lebens auf Erden. Sie ist ein Bild dafür, dass mit unseren Namen unser Leben bei Gott bewahrt wird. Wie vergänglich unser Dasein auch ist, wie vergeblich so manches Tun und Lassen – Gott nimmt bleibend Notiz von uns. Von dieser Gewissheit singt der Kanon »Alles ist eitel, du aber bleibst, / und wen du ins Buch des Lebens schreibst.« Darum sagt Jesus zu seinen Jüngern: »… freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind.« (Lukas 10,20)

Es gibt zahlreiche Verweise auf diese himmlische Namensliste: etwa Grabsteine in der Form eines aufgeschlagenen Buches; Namenslisten, in denen Hospize die Namen der dort im Sterben begleiteten Menschen ­notieren …

Diese irdischen Bücher des Lebens dienen dem Gedenken und wehren dem Vergessen. Solche Bücher können zu Widerstandslisten werden: Etwa, wenn in Unrechtsregimen Freunde und Angehörige die Namen verhafteter oder verschwundener Menschen notieren, wenn »schwarze Listen«, also Todeslisten, in andere Hände geraten und so zu Lebenslisten werden. Eine der berühmtesten Lebensbuch-Listen ist »Schindlers Liste«, jenes Namensverzeichnis von ca. 1200 jüdischen Männern und Frauen, das der Fabrikant Oskar Schindler von aus dem Arbeitslager aufgekauften jüdischen Zwangsarbeitern anlegen ließ, um sie vor der Vernichtung in Auschwitz zu retten. Das Buch von Thomas Keneally »Schindlers Liste« trägt im Original den Titel »Schindler’s Ark«: die Namensliste, das Lebensbuch als Arche!

Wenn in unseren Gottesdiensten am Sonntag die Namen der Verstorbenen verlesen werden, dann verweist auch diese Lesung auf das himmlische Lebensbuch und lässt uns hoffen: Gott gedenkt derer, die
im Himmel eingeschrieben sind, und bewahrt ihr Leben.

Magdalene L. Frettlöh

Die Autorin ist Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Professorin für Systematische Theologie an der Ruhr-­Universität Bochum.

Foto: KNA-Bild

Die geeinte Kirche im Herzen Gottes

11. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Unser Leben aus der Perspektive Gottes 
Gedanken zur ökumenischen Berufung der Christen
 

»Vater, lass uns auf die Ewigkeit blicken.« – Mit diesem Gebet beendete der Gemeindekirchenratsvorsitzende eine anstrengende Sitzung. Es war wohl der wichtigste Satz, der an diesem Abend gesprochen wurde. Was zuvor verhandelt worden war, kam in ein anderes Licht. Am Ende des Kirchenjahres steht der Ewigkeitssonntag. In der katholischen Tradition heißt er Christkönigssonntag, an dem in diesem Jahr die Worte Jesu an den mit ihm Gekreuzigten zu Gehör kommen werden: »Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.« (Lukas 23,43)

Wer sind wir wirklich und worin bekommt unser Tun Sinn?

Das wird uns erst vom wahrhaftigen Blick aus der Ewigkeit auf unser Leben aufgehen, ein Blick, für den wir noch weitgehend blind sind, mit dem wir aber angesehen werden. Denn wir sind nicht die, zu denen wir uns selbst machen, sondern die wir im Herzen Gottes sind. Die Verkündigung Jesu ist ­geeignet, uns den Blickwechsel zu ­lehren von einer selbstfixierten Sicht auf uns, von der wir allein gar nicht loskommen, zur Sichtweise, mit der Gott auf uns blickt und in die wir im ruhigen Hören auf Ihn allmählich ahnend hineinwachsen können.

Symbol für die Ewigkeit: Kreuz und Spirale (Foto: pictokon)

Symbol für die Ewigkeit: Kreuz und Spirale (Foto: pictokon)

In unserer Zeit, in der grundsätzlich bestritten wird, dass es diese andere, wahrhaftige Perspektive überhaupt gibt, lebt die Kirche davon, dass sie genau daraus ihr Dasein empfängt und dass sie diesen Blickwinkel offen hält in ihrer Umwelt. Es wird ihr mit Recht die Frage vorgehalten, ob sie sich nicht zu sehr eingerichtet habe im irdischen Leben und ihren Existenzgrund darüber vernachlässige? Kirche, wer bist du im Herzen Gottes? Eine zerbrochene Widerspiegelung der Gegenwart Gottes?

Was wissen wir davon?

So viel doch, dass ihr innerster Impuls eine Liebe ist, die bis zum Äußersten geht. In der Liebe Christi zu wurzeln heißt, in der einen Kirche zu wurzeln, die nichts anderes als das Gleichnis für ein Neuwerden der Gemeinschaft der Menschen überhaupt ist. Darin liegt ihre ökumenische Berufung. Die Kirche ist der Kern der Sammlungsbewegung, mit der Christus bis an die Enden der Erde geht und bis in die Abgründe dessen, was Menschen einander antun, indem sie Leben zerstören und Gemeinschaft aufs Furchtbarste infrage stellen. Er kommt, um zu retten, zu einen, Glück möglich zu machen.

Im Blickwinkel der Ewigkeit ist die Kirche, was sie nachzustammeln versucht: die eine heilige katholische und apostolische Kirche – wobei »katholisch« kein Konfessionsmerkmal ausdrückt, sondern ihr alle Menschen des Erdballs betreffendes Geheimnis; wie auch »evangelisch« nicht ein Konfessionsmerkmal sein kann, ist doch Kirche immer die Gemeinschaft, die aus dem Evangelium entsteht. Diese Wor­te drücken also nicht einen Anspruch aus, sie bezeichnen vielmehr den Blickwechsel, aus dem die Kirche lebt.

Solange die Kirchen ihr Getrenntsein nicht überwinden, können sie sich nicht uneingeschränkt »katholisch« – alle Menschen betreffend – und »evangelisch« – aus dem innersten Impuls der Liebe lebend – nennen. Sie tun es dennoch, um die Erinnerung daran wachzuhalten, dass es mit ihr im Herzen Gottes anders steht und dass es ihre Sünde ist, wenn es auf Erden nicht ganz nach dem Herzen Gottes geht.

Darin liegt denn auch das Geheimnis einer Hoffnung, wodurch Trennung überwunden werden kann und woraus die Verpflichtung dazu erwächst. Treten wir vor den gekreuzigten Christus, blicken wir auf die Tiefe seines Leidens und seiner Hingabe, verstummen alle Worte, die Trennung rechtfertigen könnten, sie verlieren an diesem Ort all ihren Sinn. Die Begegnung mit dem gekreuzigten Christus kommt im Evangelium der katho­lischen Eucharistiefeier am Christkönigssonntag in den Blick.

Das Evangelium des evangelischen Ewigkeitssonntags lässt dem auferstandenen Christus begegnen: »Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen!«, sagt Jesus im Gleichnis von den Zehn Jungfrauen (Matthäus 25,6). Darin liegt eine einfache und schöne Hoffnung: Vor ihm kann man nur gemeinsam ankommen. Und wann ist diese mitternächtliche Stunde? Dem mit ihm Gekreuzigten antwortete Jesus: Heute!

Wer im Evangelium zusammengeht, den kann keine Amtsfrage auf ewig auseinanderbringen. Kirche aus dem Atem der Ewigkeit muss das neu sehen lernen. Aber dies geschieht nur, wenn man in der Tiefe und Einfachheit des Evangeliums zusammenfindet. Danach zu suchen, ist unser Auftrag! Es gibt kein unüberwindliches Hindernis – im Blickwinkel Christi –, sich gemeinsam auf den Weg zu machen, Ihm entgegen.

Reinhard Simon
Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer in Genthin.

Das Erkennungszeichen von Christen

Die Gemeinde wie die universale Kirche lebt vom Brotbrechen.

brotEine Gemeinde lebt vom Brotbrechen. Ohne dieses Einfachste könnte sie nicht sein. Das gilt auch für die universale Kirche. Sie ist der Ort, an dem man miteinander teilt: das tägliche Brot, Lebensgeschichten, Lebensfragen, Leidensfragen und Hoffnungsgeschichten und – über all dem – das Brot aus den Händen Christi, das Abendmahl, Seine Gegenwart.

Das eine geht stets in das andere über, das eine kann nicht ohne das ­andere sein.

Es ist dabei Sein Geheimnis, Mysterium, Sakrament.

Das Brot-Teilen ist zugleich eines der elementarsten Zeichen für Menschsein überhaupt – in der Fülle wie in der Not. Und das Himmelreich: Es ist dies Lebensbrot am Himmelstisch des Herrn, wo es nicht mehr Tränenbrot, sondern Freudenbrot sein wird.

Schade, wenn davon in evangelischen Gottesdiensten wenig zu »schmecken« ist.

Wie Abendmahl und Brot für die Welt zusammengehören, davon zeugt besonders das 6. Kapitel des Johannesevangeliums. Es lenkt den Blick auf Christus, der mit seiner Lebenshingabe bis ans Ende gegangen ist und so zum »Brot des Lebens« für alle wurde. Von Seiner Passion – die Leiden und Leidenschaft zugleich ist – ­leben Jesu Jüngerinnen und Jünger, ja alle, mit denen das Brot gebrochen und geteilt wird (Johannes 6,1-51). Dies Elementare und Kostbare bleibt freilich anstößig für jene, die die Bewegung Jesu nach ganz unten nicht verstehen, nicht nachvollziehen wollen oder an ihr irrewerden (6,52-71). Aber wie viele haben etwa in der Kriegsgefangenschaft davon einen »Geschmack« bekommen, wenn ein Bissen Brot, den sich jemand vom Munde absparte, das Weiterleben ermöglichte: Da war etwas gegenwärtig vom Sakrament des Lebens, Seiner geheimnisvollen Gegenwart!

In der frühen Christenheit wurden darum Lebensmittel und anderes zum Altar dargebracht, davon Brot und Wein ausgesondert, damit über allem der Segen gesprochen werde, ehe das Abendmahl / die Eucharistie begann. Noch heute zeugt davon der ostkirchliche Ritus des Brechens von »gesegnetem Brot« für alle, die an der Eucharistie nicht teilnehmen können, wie es das Gastmahl der orthodoxen Kirchen beim Münchner Kirchentag eindrücklich erleben ließ. Und da Jesus sogar mit dem Verräter den Bissen eintauchte, gibt es für diese ur-menschlichste Geste des Brotbrechens kein Anhalten. Es ist das Erkennungszeichen von Christen bis auf den heutigen Tag: dass sie das Brot und, was sie haben und können, mit jedem Menschen zu teilen bereit sind. Es ist das einfachste und zugleich überzeugendste Christuszeugnis.

Deshalb besteht zwischen dem einfachen Brotbrechen und dem Brotbrechen beim Abendmahl ein tiefes Entsprechungsverhältnis von ökumenischer Tragweite.

Wie könnten Christen mit dem Brot-Teilen bis ans Ende der Erde gelangen, wenn sie sich nicht gegenseitig ökumenische Gastfreundschaft beim Mahl des Herrn ­gewährten?

Es gibt Augenblicke, in denen die »Sprache der Barmherzigkeit« verstanden wurde, in denen es etwas Not wendendes in der Gesellschaft und in der Völkergemeinschaft zu tun galt. Dann ist nicht selten auch Gemeinschaft erfahren worden, die bisherige Grenzen zwischen einander durchlässig werden ließ. Hier kann man an die Gemeinschaft von Taizé erinnern, an die Erfahrungen der ostdeutschen Kirchen im konziliaren Prozess und an vieles andere.

Könnte nicht gerade die Erfahrung einer Selbstvergessenheit im Engagement der Kirchen für andere zu einer neuen Erfahrung der Einheit werden?

Denn die Kirchen haben ja kein eigenes, angestammtes Recht auf Selbstbehauptung. Die Kirche lebt, damit aus der Hingabe Christi dieses Entsprechungsverhältnis von »Brot-Teilen beim Abendmahl« und »Brot-Teilen für alle« immer wieder stimmig werde. Sie kann darum in gewisser Weise nur selbstvergessen leben, auf das »Eine« ausgerichtet, und mit ihrem ganzen Dasein auszudrücken suchen, was ­Jesus von sich sagt: »Ich bin nicht ­gekommen, meinen Willen zu tun, sondern den Willen Gottes.« (Johannes 6,38)

Sie kann darum gar nicht auf irgendein (konfessionelles) Profil aus sein. Das wäre kein sinnvolles Ziel.

Die Kirchen haben teil an der Zerrissenheit der Menschheit. Sie können diese Zerrissenheit solidarisch als »ihr Kreuz« annehmen und sie von innen, also vom Brotbrechen her, wo immer möglich zu überwinden suchen. Wie mag das gehen? Im 6. Kapitel des ­Johannesevangeliums beginnt alles damit, dass Jesus die vielen Menschen sieht und sich berühren lässt von dem, was sie suchen und was sie ­brauchen.

Reinhard Simon

Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer in Genthin

Gemeindesein, das ist Love-Parade

29. Oktober 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Gedanken zum Reformationstag: Aus der Kirche der Ordnungen die Kirche der Emotionen machen
 

Halloween: der Erfolg des Festes der Gruselkürbisse zeigt auch die Defizite der Kirche auf. (Foto: epd-bild)

Halloween: der Erfolg des Festes der Gruselkürbisse zeigt auch die Defizite der Kirche auf. (Foto: epd-bild)

Halloween macht Kindern Spaß. Klingelstreiche, Süßigkeiten erbetteln, sich verkleiden, welche Kindheit kommt ohne all das aus? Viele Christenleute beargwöhnen den Hokuspokus am Reformationstag. ­Aus­gehöhlt werde der Festtag des Thesengedenkens, wie ein alter Kürbis, in dessen Mitte nur noch ein müdes ­Teelichtlein flackert.

Die Nordelbische Kirche bietet als Kontrazeptivum Lutherbonbons an. Süßes oder Saures, ätsch, wir haben den älteren Feiertag.

Mehr haben die reformatorischen Kirchen nicht zu bieten?

Der spielerische Umgang mit dem Tod durch Totentanzdarstellungen ist eine alte christliche Tradition. Das Abwehren böser Geister durch fratzenhafte Pseudogestalten ist an jedem mittelalterlichen Dom zu finden. Laternen, aus Runkelrüben geschnitzt zum Bannen der unheimlichen Dunkelheit, sind seit Jahrhunderten Teil des evangelischen Martinisingens. Halloween vermischt das alles und hat Erfolg.

Wieso? Sind es nur die ­besseren Marketingstrategien der Halloween-Aktionisten?

Für die sich auf die Reformation berufenden Kirchen ist der Erfolg von Halloween ein wichtiger Indikator für eigene Defizite. In Luthers Zeit kreiste das Denken der Menschen um die Vergänglichkeit des eigenen Lebens und um das Ende der Welt. Apoka­lyptische Szenarien, eschatologische Hoffnungen nahmen nicht nur die theologische Zunft in Beschlag. Sichtbarer Ausdruck für die Suche nach metaphysischer Behaustheit war der boomende Ablasshandel. Schon damals schlugen geschickte Seelenkrämer Kapital aus dem Kitzel um die jenseitigen Dinge. Luther hat mit ­seinen Thesen die entscheidenden ­Fragen gestellt und dem Zauber ein Ende bereitet.

Tod, wo ist dein Stachel? Mit Jesus Christus ist die Macht des Todes zerbrochen, nur durch ihn, Solus Christus.

Diese Erkenntnis hat die Reformationszeit infiziert. Glaube und Leidenschaft waren unauflöslich verbunden. Höhepunkt war das Weihnachtsfest 1521. Karlstadt und Justus Jonas feiern mit der Gemeinde in Wittenberg das Mahl des Herrn in beiderlei Gestalt. Ohne liturgische Gewänder, in deutscher Sprache. Der erste evangelische Gottesdienst. Der Auferstandene ist unsichtbar mitten unter den Feiernden und stärkt sie, auch gegen die Macht des Todes. Ohne Ablasszahlung. Luther sitzt zu dieser Zeit auf der Wartburg fest. Ihn treibt die Angst um, die von ihm begonnene Bewegung drifte in Fanatismus und Anarchie ab. Im Frühjahr kehrt er nach Wittenberg zurück und bremst die Reformation ab. Eine Revolution will er nicht. Nur langsam darf das Werk voranschreiten, auch die Schwachen im Glauben sind mitzunehmen.

Die Bremse ist bis heute angezogen. Evangelische Kirche, da fehlt so oft, die Kirchentage ausgenommen, die Leidenschaft, das Emotionale.

So wichtig es in Luthers Zeit war, die Schwarmgeister einzufangen und die Ordnungen der Kirche aufzurichten, so dringlich ist es heute, aus der Kirche der Ordnungen die Kirche der Emotionen zu machen. Möglich ist das, weil die christliche Tradition ein reiches Reservoir an sinnlichen Elementen kennt, die in neuen Formen emotional anrühren.

Thomasmessen stehen hierfür exemplarisch ebenso wie das Musical »Die Zehn Gebote«, das bei »Ruhr 2010« für Furore sorgt. Gemeindesein, das ist Love-Parade und vorweggenommenes Reich Gottes in einem. Die Tiefensymbolik des christlichen Glaubens, die biblischen Geschichten von Tod und neuem Leben, sie bieten ein Obdach für die Seele. 1521 in Wittenberg leuchten die Augen und zittern die Herzen, während 2000 Menschen den Kelch des Heils teilen.

Zuletzt 1989 sind die Kirchen flächendeckend die Heimat der Emotionen und Ort des Aufbruchs aus gesellschaftlicher Lethargie. Mit ihrem Mix aus spirituellen, sozialen und seelsorgerlichen Potenzen ist die Kirche nicht ohne Grund trotz zweier totalitärer Regime im 20. Jahrhundert mit antikirchlichem Impetus nach wie vor der mit Abstand stärkste Verein in ­vielen Dörfern und allen Städten. In existenziellen Fragen nach Tod und Lebenssinn bietet der christliche Glaube viele Anstöße und, für den mit Glauben Beschenkten, Antworten.

Und was hat dagegen Halloween zu bieten?

Dieser moderne Ablasshandel? Zahle mir so und so viel Euro und du kannst dich mit einem Teufels­kostüm verkleiden. Ein bisschen Spaß muss sein. Aber am 1. November ist der Spuk vorbei. Was aber wenn die Welt voll wirklicher Teufel wär? Und wollt uns gar verschlingen? Halloween hat darauf keine Antworten. Und ein paar Lutherbonbons helfen auch nicht weiter.

Süßes oder Saures?

Der Fürst dieser Welt,
wir sau’r er sich stellt,
tut er uns doch nicht;
das macht, er ist gericht’:
ein Wörtlein kann ihn fällen.

Felix Leibrock

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