Auf neue Gedanken kommen

13. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirchenjahr: Die Passionszeit ist eine große Einladung. Der Glaubenskurs der Kirchenzeitung widmet sich den kirchlichen Festen und zeigt, warum sie eine Schule für Lebenskunst sind.

Schon lange vor der Entstehung des Christentums zelebrierten die Menschen jedes Jahr im Frühjahr den Neubeginn. Den belebenden Übergang vom Dunklen ins Helle, von der Kälte in die Wärme und von der Verzweiflung in die Hoffnung: Es wird Licht! Wie schön. Lasst uns feiern.

Die frühen Christinnen und Christen übernahmen diesen Brauch und verbanden ihn mit der Auferstehung Jesu, die ja ohnehin mit einem israelitischen Fest in der Frühlingszeit verbunden war. Zugleich erinnerten sich die Gemeinden daran, dass man umso erfüllter feiern kann, je besser man sich darauf vorbereitet. Also legten sie vor die Osterfeier eine vierzigtägige Fastenzeit, die sogenannte Passionszeit. Und weil es gar nicht so einfach war, diese Wochen gut durchzustehen, beschlossen die Menschen, vor dem Fasten noch mal richtig einen drauf zu machen. So entstand der Karneval.

Man weiß zwar nicht ganz genau, woher das Wort »Karneval« kommt, aber zwei Erklärungen klingen besonders nachvollziehbar: Entweder steckt dahinter »Carne vale«, zu deutsch: »Fleisch, lebe wohl« (weil viele Regionen beschlossen, in der Passionszeit auf Fleisch zu verzichten) oder »Carrus navalis« – womit die Umzugswagen gemeint sind, mit denen schon die Germanen den alljährlichen Wiedereinzug der Fruchtbarkeitsgötter begingen. Und weil man dabei gleichzeitig die dunklen Wintergeister vertreiben wollte, verkleideten sich die Leute mit allerlei kuriosen Masken und Kostümen. Das heißt: Selbst die Rosenmontagsumzüge spiegeln uralte religiöse Bräuche wider.

Tja, und weil es klug ist, nicht nur die dunklen Geister, sondern auch die dunklen Gedanken zu vertreiben, gilt die Passionszeit schon immer als eine Zeit der Einkehr. Was auch zum Fasten passt, das ja weniger ein Verzichten-Auf-Etwas, als ein Freiwerden-Für-Etwas sein will. Dahinter verbirgt sich ursprünglich die Frage: Wie kann ich in meinem von so vielen Gewohnheiten bestimmten Alltag einen Unterschied machen, damit ich auf neue Gedanken komme? Zum Beispiel, indem ich mich anders ernähre. Indem ich regelmäßig spazieren gehe. Oder indem ich anderweitig meinen Tagesablauf verändere. Denn wer nicht aus seinen äußeren Routinen aussteigt, dem wird es auch schwer fallen, seine inneren Routinen zu hinterfragen.

Auf zum Frühjahrsputz: Die Passionszeit wurde als eine Reinigungszeit verstanden. Eine Zeit, um zu prüfen, ob die Seele einen Frühjahrsputz braucht. Foto: natali_mis – stock.adobe.com

Auf zum Frühjahrsputz: Die Passionszeit wurde als eine Reinigungszeit verstanden. Eine Zeit, um zu prüfen, ob die Seele einen Frühjahrsputz braucht. Foto: natali_mis – stock.adobe.com

Wie sehr die Passionszeit von Anfang an als eine Reinigungszeit verstanden wurde, zeigt übrigens der Aschermittwoch, mit dem das Fasten ja eingeleitet wird. Asche wird nämlich schon seit Jahrtausenden als Reinigungsmittel genommen. Außerdem symbolisiert sie das reinigende Feuer. Und deshalb wurden eine Zeitlang sogar all diejenigen, die eine Schuld auf sich geladen hatten, während der Fastenzeit vom Gottesdienst ausgeschlossen. Sie bekamen dann ein sogenanntes »Büßergewand« und wurden mit Asche bestreut. Daher auch der neckische Ausdruck: »Da geht jemand in Sack und Asche.« Heute erhalten Katholiken und in einigen Gemeinden auch evangelische Christen stellvertretend für diese uralten Reinigungshandlungen ein Aschekreuz auf die Stirn: »So, gehe frisch und erneuert in die Passionszeit.«

Es ist großartig, dass das Christentum sich regelmäßig Zeiten gönnt, in denen die Menschen eingeladen werden, innezuhalten und vor dem großen alljährlichen Neubeginn des Kreislaufs von Säen und Ernten das eigene Dasein in Ruhe zu überdenken – und zu prüfen, ob sich vielleicht irgendwo in einem »winterliche« Gedanken und Gefühle eingenistet haben, die dringend mal einen geistlichen Frühling brauchen. Quasi einen Frühjahrsputz der Seele.

Und natürlich scheint in diesen Prozess immer schon das Licht von Ostern: diese Botschaft, die deutlich macht, dass es bei Gott keine Dunkelheit gibt – nicht einmal den Tod – die nicht vom Licht der Liebe erhellt werden könnte. Eine Zusage, mit der man sich den persönlichen Herausforderungen frohgemut stellen kann.

Fabian Vogt

Der Autor ist Theologe, Schriftsteller und Kabarettist

Buchtipp
Vogt, Fabian: Feier die Tage. Das kleine Handbuch der christlichen Feste, Evangelische Verlagsanstalt, 144 S., ISBN 978-3-374-05309-4, 10 Euro

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Alles sind Wege Gottes

6. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Über die Würde und die Schönheit des Glaubens und den Umgang mit Tradition – ein Gespräch mit Fulbert Steffensky.

Herr Steffensky, was ist eine gute Tradition im Glauben?
Steffensky:
Eine gute Tradition ist zunächst eine, die ich weiter interpretieren kann, die meine Würde nicht verletzt und die die Schönheit meines Lebens vorantreibt. Mir kommt Stéphane Hessel in den Sinn, der das Buch »Empört euch« geschrieben hat. Dieser freiheitsdurstiger Mensch, früher im Widerstand, wurde gefragt, wie kannst du eigentlich deine Hoffnung bewahren. Dann sagte er einen erstaunlichen Satz: Ja lest doch, lest Goethe oder Hölderlin oder hört Mozart und vergewissert euch an der Hoffnung der Alten. Ihr werdet ohne eure Tradition keine Hoffnung haben. Ich finde diese Haltung sehr schön: Ich muss mich berufen, um selbst eine Stimme zu bekommen.

Viele Menschen können heute das Glaubensbekenntnis nicht mehr mitsprechen.
Steffensky:
Dann sollen sie es lassen. Ich muss nicht alles mitsprechen. Ich würde zwar für mich Aussagen wie zum Beispiel die Jungfrauengeburt interpretieren, weil man in der Bibel eine Linie erkennen kann, dass die Kraft der Rettung nicht nur in menschlicher Macht und Fähigkeit liegt. Die alte Sara bekommt ein Kind, ebenso Hannah und Elisabeth – alle erwarten ein Kind, obwohl sie unfruchtbar sind. Maria bekommt ein Kind, nicht durch die Kraft des Mannes. Alles, wozu man gezwungen ist, es wörtlich zu nehmen, da ist der Geist schon vertrieben.

Gehört Demut zum Glauben und das Zurücknehmen der eigenen Person?
Steffensky:
Wenn man sich einer Tradition hoffnungsvoll nähert, nimmt man sich auch zurück, man bricht die eigene Isolation auf, dass man nur in sich selber etwas erkennt und entwickelt die Fähigkeit auf andere zu hören. Ja, das kann man als Demut bezeichnen.

Wie passen Demut und das Recht alles zu interpretieren zusammen?
Steffensky:
Zum Beispiel den Sühnegedanken, den ich so nicht stehen lassen kann und trotzdem möchte ich singen »O Haupt voll Blut und Wunden, (…) was alles du erduldest ist alles meine Schuld«. Ich kann es nicht singen, wenn ich es nicht interpretiere. Interpretieren heißt, es aufsprengen und von sich etwas hinzu tun. Ich kann es nicht beten, wenn ich es nicht interpretiere. Interpretieren heißt, nicht sagen, was ursprünglich gemeint ist, sondern heißt, immer auch etwas Neues schaffen. Man muss übersetzen, interpretieren.

Ich nehme das Bild mal wörtlich: übersetzen. Da ist ein großer Fluss, hier ist ein Ufer und da ist ein Ufer, man muss eine alte oder eine fremde Wahrheit übersetzen in das andere Land – und dabei wird sie nass. Wir können uns nicht in die Zeit der Bibel oder in die jesuanische Zeit völlig hineindenken, wir verändern. Der Strom ist treu, wenn er fließt.

Was aber ist, wenn ich mich in diese Tradition nicht hineinstellen kann?
Steffensky:
Der es nicht kann, muss es lassen. Ich denke wir sind in der Ökumene mit Protestanten, Katholiken und anderen religiöse Gruppen weit gekommen. Es muss auch eine Ökumene mit den Atheisten geben. Ich erlaube mir nicht, einem ernsthaften Atheisten die Würde abzusprechen. Ich weiß nicht, ob diesem Menschen etwas fehlt.

Sind alle Religionen gleich?
Steffensky:
Alle Religionen sind natürlich nicht gleich, sie sind verschieden. Aber die Verschiedenheit muss ja nicht eine qualitative Aussage sein. Alle haben ihre Mängel und alle haben ihre Stärken. Ich wünsche nicht, dass es eine Einheitsreligion gibt. Eine Grenzenlosigkeit halte ich für kein Ideal. Ich glaube, man weiß nur wer man ist, wenn man seine Grenzen kennt. Grenzen müssen nicht bösartig, nicht abgrenzend sein. Sie sagen mir, wer ich bin und wer ich nicht bin.

Aber auch bei den Religionen war doch damit immer eine Wertigkeit verbunden.
Steffensky:
Das meine ich eben, das kann man nicht. Es ist verboten zu werten. Alles sind Wege Gottes. Aber es muss nicht mein Weg sein. Das ist mein Problem mit einem interreligiösen Einheitsbrei. Ich weiß nicht mehr wer ich bin, wenn ich alles sein soll. Bestimmte Sachen muss ich nicht haben, ich muss sie nicht mal mögen. Sie gehören nicht zu mir, aber ich darf ihnen kein Recht absprechen.

Hat jede Religion einen Zipfel der Wahrheit Gottes?
Steffensky:
Ja, das würde ich schon sagen, es ist ein anderer Dialekt Gottes.

Friedrich Schorlemmer schrieb am Ende des Reformationsjubiläums: »Wenn wir dem faktischen biblischen Analphabetismus und dem Tradi­tionsabbruch innerhalb der Kirchen nicht offensiv begegnen, wird sich die Kirche weiter marginalisieren.«
Steffensky:
Ja, das würde ich auch so sagen. Ich glaube, es gibt eine gewisse Mutlosigkeit der kirchlich Sprechenden ihrer eigenen Sache gegenüber. Ich habe das oft in Schulen erlebt, dass über alles Mögliche gesprochen wird, von der Sexualität bis zur Politik usw. Aber der Ausgangspunkt war nicht bekannt,
es war nicht klar, woher man sprach.

Fulbert Steffensky (Jahrgang 1933) war bis zu seiner Emeritierung 1998 Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg. Foto: epd-bild

Fulbert Steffensky (Jahrgang 1933) war bis zu seiner Emeritierung 1998 Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg. Foto: epd-bild

Ich habe einmal in Hamburg ein Konfirmandenprojekt begleitet. Mitgemacht hat auch ein Erziehungswissenschaftler, der Atheist war. Wir fuhren mit den Konfirmanden zu dem Seminarhaus und eine Konfirmandin fragte den Pfarrer: »Werden wir da auch beten?« Der antwortete, nein, es muss keiner beten. Darauf der nichtchristliche Erziehungswissenschaftler zu dem Pfarrer: »Verstehen Sie nicht? Sie hat nicht gefragt, ob sie beten müssen, vielleicht war das ja eine Frage der Erwartung. Aber Sie mit ihren theologischen Minderwertigkeitsgefühlen sagen sofort nein, nein, das müsst ihr nicht machen.« Ich glaube, uns fehlt oft der Stolz.

Wir nehmen heute zwei Entwicklungen wahr: Einerseits wenden sich Menschen vom Glauben ab und wollen damit nichts mehr zu tun haben. Auf der anderen Seite gibt es aber auch eine starke Tendenz zum Fundamentalismus in allen Religionen.
Steffensky:
Ich glaube, das entspricht sich. Es ist ja nicht Konservatismus. Die alten Konservativen waren sich ihrer Sache so sicher, dass sie Abweichungen dulden konnten. Fundamentalismus ist Konservatismus mit Schaum vor dem Mund. Der entsteht da, wo alles wackelt. Ein Grundtrieb der Menschen ist einfach die Angst. Was hält uns noch? Woran können wir glauben und zwar fest glauben, unverbrüchlich glauben, ohne Zweifel glauben. Das sind fundamentalistische Angstreaktionen. Das ist auch die Angst der Kirche und der Bischöfe: Wo soll das hinführen, wenn jetzt die Homosexualität anerkannt wird oder wenn Frauen Priesterinnen werden dürfen?

Nach der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung geht auch in der evangelischen Kirche die Angst umher.
Steffensky:
Ich glaube, dass viele noch im Hinterkopf haben, es müssten alle Christen sein. Wir können uns die Zeit nicht aussuchen, in der wir leben. Wir leben in anderen Zeiten, auch diese Zeit ist Gottes Zeit, auch wenn wir kleiner werden. Intensität hatte noch nie etwas mit Quantität zu tun. Wenn unsere Bemühungen beherrscht sind von der Vorstellung, es müssten eigentlich alle Christen sein, dann lassen wir uns beim Blick auf die Zahlen von der Angst leiten. Wenn ich frei bin zu sagen, das Heil Gottes spielt sich auch in anderen Sprachen ab oder es spielt sich auch bei denen ab, die Atheisten sind, dann freue ich mich natürlich, wenn meine Gottesdienste voller werden und wenn Menschen in die Kirche eintreten, aber ich mache das nicht zu meinem Maßstab. Die Zahlen faszinieren oder lähmen uns und das ist falsch.

Wie sähe eine missionarische Arbeit mit Glaubensfremden aus?
Steffensky:
Erstens: dass ich weiß, wer ich selbst bin, dass ich meine eigene Tradition kenne, meine eigenen Lieder kenne, sie mit Stolz für würdevoll halte. Das Zweite: dass ich es nicht stumm für mich behalte, sondern da, wo ich stehe, auch die Schönheit dieser Tradition zeige, sie nicht verschweige, nicht im Religionsunterricht auf der Kanzel oder im Radio. Ich glaube, es gibt keine Liebe, ohne dass man auch sagt, was man schön findet und was man liebt. Der andere muss es ja nicht schön finden, aber er muss erfahren und anerkennen, dass ich es schön finde. Wer liebt, sagt auch etwas von sich, ist also ein Missionar. Nicht, indem er jemanden zwingt, aber er zeigt woran er glaubt, worauf er hofft und was er schön findet.

Wenn ich diesen Stolz auf die eigene Sache habe, nicht Arroganz, dann trau ich mir zu, über den Tellerrand zu schauen und ohne Neid schön zu finden, was bei den anderen auch vorhanden ist, obwohl es nicht meine Schönheit sein muss.

Das Gespräch führten Wolfgang Noack und Rainer Brandt.

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»Der Psalm ist der Rollator meines hinkenden Glaubens«

30. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Über die Würde und die Schönheit des Glaubens, über Zweifel, falsche Sicherheiten und den Umgang mit Traditionen – ein Gespräch mit Fulbert Steffensky. Die Fortsetzung lesen Sie in der nächsten Ausgabe der Kirchenzeitung.

Herr Steffensky, Religion, so zeigen verschiedene Studien, habe immer weniger Bedeutung bei den Menschen, die Entkirchlichung nehme zu und die Botschaft des Christentums wird nicht mehr weitergegeben. Wie nehmen Sie das wahr?
Steffensky:
Das ist nicht zu bezweifeln. Man sieht es in der eigenen Familie, in den Schulen, bei den Studierenden, auch bei den Theologiestudierenden. Nicht nur das Wissen über Religion ist geringer, auch die Ausübung von Religion, die Praxis und die Bräuche.

Dr. Fulbert Steffensky studierte katholische und evangelische Theologie. Er war 13 Jahre Benediktinermönch in der Abtei Maria Laach und konvertierte 1969 zum Protestantismus. Bis zu seiner Emeretierung lehrte er als Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg.  1968 war er mit Dorothee Sölle, seiner späteren Ehefrau, ein Mitbegründer des Politischen Nachtgebets, das anschließend fester Bestandteil der Kirchentage wurde. Fulbert Steffensky lebt heute in der Schweiz. Foto: epd-bild

Dr. Fulbert Steffensky studierte katholische und evangelische Theologie. Er war 13 Jahre Benediktinermönch in der Abtei Maria Laach und konvertierte 1969 zum Protestantismus. Bis zu seiner Emeretierung lehrte er als Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg. 1968 war er mit Dorothee Sölle, seiner späteren Ehefrau, ein Mitbegründer des Politischen Nachtgebets, das anschließend fester Bestandteil der Kirchentage wurde. Fulbert Steffensky lebt heute in der Schweiz. Foto: epd-bild

Ich glaube, dass sich Religion auf Dauer nur hält, wenn sie eine ausgeübte Religion ist. Früher hatte man die Losungen, das Abend- und Morgengebet, das Tischgebet und selbstverständlich den Sonntagsgottesdienst. Wenn von Religion nur noch etwas blass Gedachtes bleibt, dann ist sie natürlich bedroht.

Seit Generationen gaben Menschen ihren Glauben an die Kinder weiter, es war eine Selbstverständlichkeit.
Steffensky:
Es war ein Horizont von stummen Selbstverständlichkeiten. Man zieht sonntags andere Kleider an, geht in die Kirche, man fastet in der Fastenzeit, man heiratet nicht im Advent und was es sonst noch alles gab. Es war ein Horizont von unhinterfragten Traditionen.

Warum wenden sich Menschen ab? Tun sie dies bewusst oder sind Religion und Glaube einfach kein Thema mehr? Empfinden sie das als Befreiung oder wenden sie sich ab, weil Druck und Kontrolle nicht mehr vorhanden sind?
Steffensky:
Zunächst einmal sind der Druck und die Kontrolle nicht mehr da. Es ist ein Stück Freiheit; ich kann gehen. Ich kann auch bleiben; auch das gehört zur Freiheit. Es gibt auch eine Mode, die Grundfragen an das Leben nicht mehr zu stellen. Das halte ich schon für eine Verarmung. Man kann dieser Mode heute straflos folgen. Früher war es fast undenkbar, nicht gläubig zu sein. Es gibt den ernsthaften Atheismus, den ich schätze, auch das sind meine Geschwister im Glauben und im Unglauben. Aber es gibt auch die Mode, diesen Gewohnheitsatheismus.

Die Menschen fragen sich, was bringt mir das, was bringt mir Glaube und Kirche für mein Leben?
Steffensky:
Da haben wir in unseren eigenen Traditionen etwas versäumt. Wir haben immer gesagt, das musst du glauben, das ist der richtige Glaube und der Zweifel ist ausgeschlossen. Wir haben aber vergessen – und das ist für mich immer mehr ein Thema geworden – wir haben vergessen, die Würde und die Schönheit des Glaubens zu explizieren. Ich glaube, dass man auf Dauer nur etwas glauben kann, was man schön und charmant findet. Und das haben wir verpasst. Es gab das Muss des Glaubens, das Verbot des Zweifels und man hat sich von den eigenen Schätzen selber entfernt. Man hatte die Nüsse, aber man hatte nicht die Erlaubnis sie zu knacken.

Welche »Nüsse« müssen »geknackt« werden?
Steffensky:
Zum Beispiel: Was heißt Gnade? Ich muss mich nicht in der eigenen Hand bergen. Wenn ich über Gnade rede, beginne ich gerne mit einem Gedicht von Gabriela Mistral: Wenn du mich anblickst, werd’ ich schön, schön wie das Riedgras unterm Tau, usw. Das ist ein Liebesgedicht. Damit lässt sich aufschlüsseln, dass Gnade ein Würde- und ein Schönheitsbegriff ist. Oder was heißt Schuld? Wir kennen aus unserer Tradition diese merkwürdige Schuldverstrickung, die Benommenheit durch die eigene Schuld, das Sündenverständnis, das auf falsche Gebiete gelenkt wurde. Aber Schuld heißt doch eigentlich, dass ich mich als Subjekt meines eigenen Handelns verstehe.

Dass sich Menschen abwenden – liegt es nicht auch daran, weil sie nicht mehr verstehen und nachvollziehen können, was von den Kanzeln gepredigt wird?
Steffensky:
Da, wo Denken und Aufklärung verboten sind, können auch die Botschaften gar nicht geglaubt werden oder sie werden als völlig uninteressant abgetan. Es soll mir jemand erklären, was schön ist an dieser Tradition und es soll mir jemand die Schwierigkeiten dieser Tradition erklären, die Unmöglichkeiten dieser Tradition, die Unmöglichkeit eines Gottesbildes. Vielleicht stoßen wir dann zur Möglichkeit.

Es stimmt schon, dass wir uns selber wenig glaubhaft machen, wo wir die Schwierigkeiten des Glaubens nicht benennen. Es ist doch nicht selbstverständlich, dass man an die Güte Gottes oder die Schöpfung glaubt.

Wir müssen den Einspruch ertragen, der sich gegen den eigenen Glauben erhebt.
Steffensky:
Wir haben in der Theologie eine Systematik versucht, in der es keine offenen Fragen gibt. Es gab keine Fragen, aber einen Wust von Antworten, die in sich selbst unglaubwürdig waren. Es war kein gegen den Zweifel eroberter Glaube, sondern in der Systematik ein vorhandener Glaube. Das wird der Sache nicht gerecht.

Sie sagen, Mission ist die Werbung für die Schönheit eines Lebenskonzeptes und für die Schönheit des christlichen Glaubens. Dazu gehört auch, sich den Zweifeln, Einsprüchen und Fragen zu stellen.
Steffensky:
Man kann ja Antworten versuchen. Nur müssen wir unsere Antworten immer als vorläufige Versuche sehen und nicht als feste Formulierungen, die sich dann in einem Glaubensbekenntnis manifestieren.

Wie verpflichtend sind Glaubensbekenntnisse?
Steffensky:
Glaubensbekenntnisse sind wie ein Paar Schuhe, die gemacht sind, damit sie der ganzen Familie passen sollen. Nie passen sie den einzelnen richtig. Mir passt auch ein Gottesdienst nie ganz. Warum sollte er auch? Ich bin doch nicht alleine in der Welt. Ich finde es eine solche bürgerliche Enge, wenn jemand sagt, ich gehe nur zu diesem Pfarrer oder nur dahin, wo meine Lieder gesungen werden.

Wie wichtig sind Ihnen Traditionen?
Steffensky:
Mir werden die Traditionen immer wichtiger. Mir ist es wichtig, in den Schuhen meiner Väter und meiner Mütter zu gehen. Mir wird es wichtiger, weil ich mit meinem eigenen Glauben alleine nicht auskomme.

Die Psalmen werden mir wichtiger, weil sie mich davon befreien, worthaft zu sein. Der Psalm ist der Rollator meines hinkenden Glaubens. Ich muss nicht Meister meiner selbst sein, nicht Meister meines ganzen Glaubens.

Darum liebe und brauche ich die Traditionen, die genetzt sind mit den Tränen und Jubelrufen derer, die vor mir waren.

Heißt das, ich kann nur glauben, wenn ich meinen kritischen Geist ausschalte?
Steffensky:
Wenn ich meinen kritischen Geist ausschalte, dann bin ich dumm, ob ich glaube oder nicht. Es gibt schon Stellen, wo ich meinen Geist ausschalte. Zum Beispiel in der Liebe. Ich kann mich nicht jedes Mal fragen, ist dieser Kuss echt oder nicht. Sondern ich sage Ja. Ich kann mir auch nicht bei jedem Gebet über die Schulter schauen und mich fragen, ist das richtig oder nicht. Wenn ich eine Kerze aufstelle, kann ich mir nicht dabei überlegen, welcher Unsinn schon damit betrieben wurde.

Manchmal muss mein kritischer Geist auch das Maul halten. Der kritische Geist darf nicht verboten werden und er darf nicht triumphieren.

Das Gespräch führten Wolfgang Noack und Rainer Brandt.

Teil 2 in der nächsten Ausgabe

Sieben Wochen ohne Kneifen und mit der Kirchenzeitung

23. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Geschenkt: Ein lohnender Verzicht – die Fastenzeit bewusst gestalten


Am Aschermittwoch, dem 14. Februar 2018, beginnt die Fastenaktion der evangelischen Kirche »7 Wochen Ohne«. Sie steht unter dem Motto »Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen«.
Glaube-Alltag-03-2018Die Fastenzeit ist für Christen eine Periode des Nachdenkens über die eigene Existenz. In Zeiten, in denen unerschrockene Debatten wieder dringend geboten sind und auch die Schwachen in der Gesellschaft gehört werden müssen, sollten sich der Botschaft Jesu Christi zugewandte Menschen nicht verstecken, nicht untertauchen oder wegducken.

Seit mehr als 30 Jahren lädt »7 Wochen Ohne« als Fastenaktion der evangelischen Kirche dazu ein, die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern bewusst zu erleben und zu gestalten. Millionen Menschen in ganz Deutschland lassen sich darauf ein: für sich allein, in Familien oder als Fastengruppe in Gemeinden. Der Eröffnungsgottesdienst der diesjährigen Aktion findet am Sonntag, 18. Februar 2018, 9.30 Uhr, in der Thomaskirche in Hofheim am Taunus statt. Das ZDF überträgt live.

Die Tageswand- und Tagestischkalender der edition chrismon bilden wieder das zentrale Element der Aktion. Sie begleiten die Teilnehmer durch die Fastenzeit und die Ostertage. Sieben Fotografen haben sich mit je einem Wochenthema beschäftigt. Zu jedem Thema gibt es eine Bibelstelle mit einer Auslegung von Susanne Breit-Keßler, Regionalbischöfin des Kirchenkreises München-Oberbayern.

Die Wochenthemen lauten für die Aktion 2018: »Gott zeigt sich« (Genesis 32,25–30), »Zeig dein Mitgefühl« (Lukas 10,30–35), »Zeig deine Liebe« (Markus 14,3–9), »Zeig deine Fehlbarkeit« (Genesis 3,7–11), »Zeig deine Hoffnung« (Markus 10,46–52), »Zeig, wofür du stehst« (Matthäus 26,69–75) und »Zeig dich Gott« (Jona 2,1–11). Ergänzt werden die Wochenthemen durch Zitate, Gedichte und Geschichten von Schriftstellern, Theologen und Journalisten.

www.7-wochen-ohne.de

Die Kirchenzeitung startet eine eigene Fastenaktion. In den Ausgaben während der Passionszeit wird jede Woche eine prominente Persönlichkeit von ihren Erfahrungen mit dem Fasten berichten. Mit dabei sind unter anderem Dieter Falk, Petra Gerster und Christian Nürnberger, Harald Glööckler, Stefanie Hertel, Dr. Eckart von Hirschhausen, Tiki Küstenmacher und Ulf Poschardt. Sie geben Auskunft, ob sie fasten oder nicht, was ihnen die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern bedeutet und wie sie selbst die sieben Wochen gestalten.

Wir laden Sie zu der Fastenaktion ein. Werben Sie einen neuen Leser oder verschenken Sie ein Fastenabo. Den Coupon dazu finden Sie auf Seite 14. Wer sich für dieses Abonnement unserer Kirchenzeitung entscheidet, bekommt sieben Ausgaben – von Sonntag Estomihi bis Palmarum – mit interessanten Beiträgen geschenkt. Bezahlt wird das Abonnement erst ab Ostern.

Sabine Kuschel

www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de

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Ein Geschenk wieder neu entdecken

15. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Internationale Allianzgebetswoche 2018 steht unter dem Motto »Als Pilger und Fremde unterwegs«. Über seine Erfahrungen mit dem Gebet sprach Willi Wild mit Theo Schneider, Mitglied im Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz.

Die Allianzgebetswoche, die weltweite Woche des Gebets evangelischer Christen gibt es seit 1861 in der zweiten Januarwoche. Wird in der Kirche nicht genug gebetet oder warum ist eine Extra-Gebetswoche notwendig?
Schneider:
Es ist mit dem Gebet wie mit manchen anderen wichtigen Dingen im Leben: Besondere Geschenke müssen immer wieder entdeckt und verstärkt werden. Dazu dient die Gebetswoche. Außerdem spielt auch eine wichtige Rolle, dass sich in der Gebetswoche Christen aus unterschiedlichen Kirchen und Bewegungen treffen. Die Gebetswoche ist auch ein Signal für die Einheit der Christen.

Reicht die Woche für ein ganzes Jahr?
Schneider:
Der Akzent am Anfang eines neuen Jahres ist wichtig und will ausstrahlen. Es gibt in unserem Land sicherlich in Hunderten von Orten auch vierteljährlich oder monatlich Gebetstreffen der Evangelischen Allianz.

Die Evangelische Allianz bietet einen Gebetskalender im Internet oder Gebetshefte an. Zudem gibt es das Gebet für verfolgte Christen oder das 30-Tage-Gebet für die islamische Welt. Das klingt nach einem abendfüllenden Programm. Richten sich diese Angebote ausschließlich an Ruheständler oder Menschen mit viel Tagesfreizeit?
Schneider:
Nicht jeder und nicht jede Gemeinde muss und kann alles aufnehmen. Aber es ist uns ein Anliegen, dass wir auf ganz unterschiedlichen Wegen »die Welt ins Gebet nehmen«. Das ist ganz bestimmt nicht umsonst. Starke Beachtung findet auch immer wieder das »30-Tage-Gebet für die islamische Welt.« Ich halte das für einen wirklich christlichen Beitrag zu dem für uns alle so schwierigen Themenfeld.

Wie sieht Ihr Gebetsleben aus? Wie haben Sie Ihren Tagesablauf in Sachen Gebet eingeteilt?
Schneider:
Das Gebet am Anfang und am Ende des Tages sind für mich ganz wichtige Fixpunkte. Dazwischen lebe ich ganz unterschiedliche Akzente, z.B. den Stoßseufzer, ein Lied, das Gebet mit anderen Christen im Gottesdienst, das Fürbittegebet am Krankenbett, das kurze Innehalten vor einem schwierigen Gespräch, das »Gott sei Dank« nach einer Bewahrung …

Wie wirkt Gebet?
Schneider:
Das kann ich nicht erklären. Aber auf jeden Fall: Es wirkt. Gott, der Vater, hört auf seine Kinder. Das hat er versprochen. – Außerdem: Das Beten verändert auch mich. – Ich bin vor Jahren auf einen alten Sinnspruch gestoßen: »Der Vogel ist ein Vogel, wenn er singt; die Blume ist eine Blume, wenn sie blüht; der Mensch ist ein Mensch, wenn er betet.« Der Mensch, der betet, ist dort, wo er hingehört.

Wie betet man? Gibt es eine Anleitung?
Schneider:
Im Lukas-Evangelium wird erzählt, dass die Jünger zu Jesus kamen und ihn baten, er solle sie das Beten lehren. Auf diese Bitte hat Jesus sofort reagiert und seine Jüngern das »Vaterunser« gelehrt. Das ist bis heute so: Mit dem Vaterunser kann man das Beten lernen. – Martin Luther wurde eine ähnliche Frage von Meister Peter, seinem Wittenberger Barbier und Friseur gestellt. Er hat ihm daraufhin eine kleine Schrift geschrieben, in der er das Vaterunser ausgelegt hat. Die gibt es noch heute. Sie ist noch immer aktuell.

Was ist der Unterschied zwischen Meditation und Gebet?
Schneider:
Die Frage kann man nicht kurz beantworten, denn Meditation ist heute ein »Container-Begriff« mit vielen Facetten. Klar ist aber auf jeden Fall: Das Gebet hat es mit einem persönlichen Gegenüber zu tun.

Theo Schneider. Foto: privat

Theo Schneider. Foto: privat

Die Gebetswoche steht diesmal unter dem Thema »Als Pilger und Fremde unterwegs«. Was hat das mit Gebet zu tun? Worum soll es schwerpunktmäßig gehen?
Schneider:
Mit diesem Motto wird ein grundlegendes Signal aus dem biblischen Zeugnis aufgenommen: Wir sind unterwegs. Gott hat uns gewollt und uns das Leben gegeben. Und wir gehen seinem Ziel entgegen. So spricht die Bibel davon, dass wir »Gäste und Pilger« sind. Auf unserem Weg sind wir herausgefordert, unser Leben als Christen zu gestalten – in Familie und Beruf, im Umgang mit der Schöpfung, im gesellschaftlichen Miteinander, in der Gemeinschaft der Christen. Diese Aufgabe hört nicht auf, sondern wir müssen sie immer wieder buchstabieren. Zugleich: Am Ziel sind wir erst in Gottes neuer Welt. – Übrigens, jedes Jahr kommt das Grundgerüst des Programms aus einem anderen Land. In diesem Jahr haben Verantwortliche der Evangelischen Allianz in Spanien die erste Vorlage erstellt.

In zwölf Thesen zum Jahreswechsel hat der Allianz-Vorsitzende Ekkehart Vetter auch das gemeinsame Gebet aufgenommen. Er möchte, dass aus der Gebetswoche eine ganzjährige Gebetsbewegung wird. Wie kann das gelingen, die Zahlen bei der Allianzgebetswoche sind eher rückläufig?
Schneider:
Richtig ist, dass die Zahlen bei der organisierten Gebetswoche Anfang Januar leicht zurückgehen. Richtig ist aber auch, dass es in den letzten Jahren zunehmend neue Initiativen in Sachen Gebet gibt, gerade unter jungen Menschen. Ich denke z.B. an die »Gebetshäuser« an manchen Orten, an »Gebetskonzerte« oder an die Impulse von Taizé.

Sie sind Prediger im Gemeinschaftsbezirk Wittenberg. Obwohl Lutherstadt sind Kirchenmitglieder eine Minderheit. Wie kann man Kirchenferne für das Gebet und die Gebetswoche interessieren?
Schneider:
Es gibt kein Patentrezept. Auch eine Werbekampagne ist da fehl am Platz, denn Beten ist etwas Persönliches. Aber man kann dazu einladen, ermutigen, von diesem unglaublichen Geschenk erzählen. Wer mit dem lebendigen Gott im Gespräch ist, wird das nicht für sich behalten.

Welche Erfahrungen haben Sie im vergangenen Reformationsjahr in der Lutherstadt im Zusammenhang mit Gebet und Glauben gemacht?
Schneider:
Das Jahr 2017 war für uns in Wittenberg ein großes und starkes Geschenk. Dazu gehörte in besonderer Weise eine Erfahrung mit dem Gebet: Während der Weltausstellung gab es jeden Morgen auf dem sogenannte Bunkerberg ein Morgen- und Mittagsgebet und abends auf dem Marktplatz das Abendgebet. In den ersten Tagen trafen sich nur wenige, aber es wurden immer mehr. Ich bin gewiß: Das war und ist nicht umsonst, dass Wittenberg so »ins Gebet genommen« wurde.

Theo Schneider, langjähriger Generalsekretär des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes (Vereinigung Landeskirchlicher Gemeinschaften), hat in seinem Ruhestand die Predigerstelle im Gemeinschaftsbezirk Wittenberg übernommen. Er gehört dem Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA) an und ist Vorsitzender des Aufsichtsrats des Evangelischen Allianzhauses in Bad Blankenburg.

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Epiphanias: Das Leben feiern

6. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Unser Glaubenskurs widmet sich den kirchlichen Festen und zeigt, warum sie eine Schule für Lebenskunst sind.

Der Epiphanias-Tag ist einer der ältesten Feiertage der Christenheit. Vielleicht sogar der älteste überhaupt. Vor allem aber ist er der ursprüngliche Weihnachtstag. Ja, in der frühen Kirche wurde vor allem in Ägypten der 6. Januar als Geburtsfest Jesu gefeiert, weil man dort der großen Feier zur Ankunft der von einer Jungfrau geborenen Gottheit Aion etwas entgegensetzen wollte. Für die ägyptischen Christen war schließlich klar: Der wahre Herrscher über Zeit und Ewigkeit ist Jesus Christus, nicht Aion.

Als sich in der Kirche im Lauf der Zeit dann doch der 25. Dezember als Geburtstag Jesu durchsetzte, musste der Epiphanias-Tag verständlicherweise neu legitimiert werden. So wurde er unter anderem zum Feiertag für die Taufe Jesu, zum Fest seines ersten Wunders bei der Hochzeit zu Kana – und schließlich zum Tag der »Heiligen Drei Könige«. Drei Anlässe, die inhaltlich alle passten – schließlich heißt Epiphanias übersetzt »Erscheinung des Herrn«, also Gott, bzw. das Göttliche offenbart sich. Trotzdem setzten sich die weitgereisten Gabenbringer aus dem Orient als Hauptmotiv durch.

Dazu muss man allerdings kurz erwähnen, dass die Bibel gar nicht von »Drei heiligen Königen« spricht. Um ehrlich zu sein: Es sind weder drei, noch sind sie heilig, noch sind es Könige. Das Matthäusevangelium berichtet einfach von einer Gruppe von Sterndeutern, ob das 2 oder 20 waren, bleibt offen.

Für die junge Christenheit aber wurde diese Gelehrtenschar zum Symbol: Wer den König Jesus anbetet und beschenkt, der muss selbst königliches Blut haben – und weil man damals nur drei Kontinente kannte (Europa, Asien, Afrika) lag es nahe, dass jeder dieser Kontinente einen Vertreter geschickt hatte. So wurde einer der drei jetzt gekrönten Besucher auch kurzerhand zu einem dunkelhäutigen Afrikaner gemacht. Um zu zeigen: Schon im Stall betete die ganze Welt den Sohn Gottes an.

Dass man in Deutschland dem Epiphanias-Fest schon lange eine besondere Bedeutung beimisst, hat aber noch einen anderen Grund: Im Jahr 1164 ließ Kaiser Barbarossa nämlich nach einer Schlacht die Gebeine der »Heiligen Drei Könige« als Geschenk an den Kölner Erzbischof Rainald von Dassel überführen. Seither ruhen sie im Kölner Dom in einem edlen Schrein – und gehören quasi zum deutschen Kulturgut.

Die eigentliche Bedeutung des Epiphanias-Tags liegt aber in dem, worauf er aufmerksam machen möchte. Und das sind vor allem drei wesentliche Botschaften:

1. Gott erscheint! – Der Name »Epiphanias« ist also Programm: Dass der Schöpfer des Himmels und der Erde sich auf den Weg zu den Menschen macht, gehört zum Kostbarsten, was im Christentum gefeiert wird. Denn: Es gibt viele Religionen, bei denen sich Menschen auf den Weg zu einer Gottheit machen sollen, der christliche Gott aber ist sich nicht zu schade, selbst aufzubrechen. Und die liebevolle Botschaft »Gott ist an dir interessiert« stärkt Glaubende seit Jahrtausenden.

2. Gott verdient Anbetung! – Die passende Reaktion auf das »Hinunterneigen Gottes« (nebenbei: Das altdeutsche Wort für »Hinunterneigen« heißt Gnade) ist, wie es die »Heiligen Drei Könige« zeigen, die Anbetung. Und damit sind weniger bestimmte spirituelle Praktiken gemeint, als eine Lebenseinstellung: Wer sich immer neu bewusst macht, dass Gott bei ihm ist, der lebt anders. Der wird automatisch anfangen, die Welt mit den Augen Gottes zu sehen. Und diese Haltung wird dann auch sein Handeln prägen.

3. Gott regiert die ganze Welt! – Dass sich in den »Heiligen Drei Königen« stellvertretend alle Völker an der Krippe versammeln, steht für den universellen Anspruch Gottes bzw. Jesu Christi. Darum ist es auch so wichtig, dass die »Heiligen Drei Könige« keine Juden sind – und auch nicht sofort zu Christen werden. Ihre Botschaft lautet: Da, wo die Gegenwart Gottes in der Welt sichtbar wird, da werden selbst heidnische Wissenschaftler spüren, dass hier etwas Himmlisches passiert.

Wer sich auf den Epiphanias-Tag einlässt, der entdeckt, dass das Christentum von Anfang an auf Beziehung angelegt ist: Gott sucht die Beziehung mit den Menschen. Und am 6. Januar steht diese »Offenbarung« noch einmal im Mittelpunkt.

Fabian Vogt

Der Autor ist Theologe, Schriftsteller und Kabarettist.

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Das Kind in uns

27. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Weihnachten – ein therapeutisches Ereignis: Glaubenskurs zu den kirchlichen Festen

Die Psychologie liebt heute das Bild vom »Kind in uns«. Jeder von uns trägt in sich ein göttliches Kind. Das göttliche Kind ist ein Bild für das wahre Selbst, oder man könnte auch sagen: Es steht für das einmalige Bild, das Gott sich von jedem von uns gemacht hat.

Weihnachten feiern wir die Geburt des göttlichen Kindes. Und wir feiern nicht nur die Geburt Jesu vor über 2 000 Jahren, sondern – wie der schlesische Dichter und Mystiker Angelus Silesius es ausgedrückt hat – die Geburt Christi in uns: »Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärest ewiglich verloren.« Das göttliche Kind zeigt uns, dass in uns ein Raum der Stille ist, zu dem der Lärm der Welt keinen Zutritt hat.

In diesem inneren Raum der Stille sind wir frei von den Erwartungen und Ansprüchen der Menschen. Da sind wir heil und ganz. Dort kann niemand uns verletzen. Die verletzenden Worte treffen uns emotional weiterhin. Aber in den inneren Raum der Stille können sie nicht vordringen.

Und dort, wo das göttliche Kind in uns ist, sind wir ursprünglich und authentisch. Da lösen sich alle Bilder auf, die andere uns übergestülpt haben. Und auch unsere eigenen Routinen der Selbstentwertung (»ich bin nicht richtig«) oder der Selbstüberschätzung (»ich muss immer perfekt sein, cool sein, erfolgreich sein«) lösen sich auf. Und ich bin einfach da, ohne mich rechtfertigen und ohne etwas vorweisen zu müssen.

Wir haben aber – so sagt uns die Psychologie – nicht nur ein göttliches Kind in uns, sondern auch ein verletztes Kind. Die Weihnachtsgeschichte, die uns Matthäus erzählt, spricht von dem gefährdeten Kind, das von Herodes verfolgt wird und vor ihm nach Ägypten fliehen muss. Das verletzte Kind in uns meldet sich immer zu Wort, wenn es heute auf ähnliche Weise verletzt wird wie in unserer Kindheit.

Das übersehene Kind schreit auf, wenn wir heute von unserem Ehepartner oder vom Chef übersehen werden. Das zu kurz gekommene Kind schreit auf, wenn wir in der Gemeinschaft, in der wir stehen, zu kurz kommen. Das Kind, das den Erwartungen der Eltern nie genügen konnte, meldet sich heute zu Wort mit Gedanken wie: Ich bin nicht gut genug als Mutter, als Vater, ich genüge in meinem Beruf nicht den Erwartungen der Firma.

Die Weihnachtsbilder zeigen uns, wie Maria ihr Kind umarmt. So sollten auch wir wie Maria das verletzte Kind in uns umarmen und ihm zusprechen: »Ich übersehe dich nicht. Für mich bist du gut genug.« Und wir sollten uns vom verletzten Kind zum göttlichen Kind in uns führen lassen, in den inneren Raum der Stille.

C. G. Jung, der Schweizer Psychologe, nennt das Kirchenjahr ein therapeutisches System. Wir feiern in den Festen des Kirchenjahres heilsame Bilder für unsere Seele. Und indem wir diese Bilder feiern, bilden sie sich in uns ein und bringen uns in Berührung mit den heilenden Kräften unserer Seele. So ist auch Weihnachten ein therapeutisches Fest. Es will das verletzte Kind in uns heilen und uns in Berührung bringen mit dem göttlichen Kind in uns.

Anselm Grün

Dr. Anselm Grün ist Ordenspriester und lebt in der Benediktinerabtei Münsterschwarzach.

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Die »große Konjunktion« am Himmel

17. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Weihnachtssymbol: Was es mit dem Stern von Bethlehem auf sich hat

In den biblischen Weihnachtsgeschichten werden die Weisen aus dem Morgenland von einem strahlenden Stern nach Betlehem zum neugeborenen König der Juden geführt. Wenn man genau hinschaut, spielt der Stern aber nur eine kleine Rolle am Rand, eine eher symbolische. In der christlich geprägten Kultur gilt er freilich bis heute als ein zentrales Weihnachtslogo. Der leuchtende Himmel über der Krippe signalisiert, dass sich damals in Betlehem etwas Weltbewegendes abgespielt hat, etwas, das den Kosmos und die Geschichte veränderte.

Der Evangelist Matthäus erzählt von sternkundigen Magiern aus dem Orient, die plötzlich in Jerusalem auftauchen, nach einem neugeborenen König fragen und damit für Verwirrung sorgen. Der Thron des kleinen Königreichs Judäa ist ja besetzt, von dem ziemlich fähigen Politstrategen und Städtegründer Herodes.

Wer sind diese Magier überhaupt gewesen? »Weise Männer« heißen sie in den einen Bibelübersetzungen, »Sterndeuter« in anderen. Der Begriff »Magier« bezeichnete damals oft einen persischen Priester oder Prinzenerzieher – mit Geheimwissen ausgestattet und in heiligen Offenbarungen bewandert. Bibelwissenschaftler sehen die Sternkundigen eher in Babylon beheimatet, denn dort gab es vitale jüdische Exilgemeinden, und in Babylon blühte die Astrologie. Dass es drei Magier gewesen seien oder dass es sich um Könige gehandelt habe, wie unsere Krippendarstellungen vermuten lassen, davon steht kein Wort in der Bibel.

Von kostbaren Geschenken ist freilich die Rede – und ist nicht auch das Kind in der Krippe ein zukünftiger König? »Völker wandern zu deinem Licht«, kündigen uralte biblische Prophezeiungen an, »und Könige zu deinem strahlenden Glanz.« Historisch betrachtet, klingt die Geschichte von den Magiern, ihrer sehnsüchtigen Suche nach dem Christuskind und der panischen Reaktion des Jerusalemer Königshofes ziemlich unwahrscheinlich.

Was wollten die frühchristlichen Gemeinden, in denen die Geschichte von den Sterndeutern entstand und weitererzählt wurde, eigentlich sagen? Nicht die Umstände der Geburt Jesu hätten sie interessiert, erläutern die Bibelexperten, sondern der Trost für das geknechtete Volk Israel und die Christusverkündigung: Schon das Kind in der Krippe sollte als Friedenskönig und Erlöser vorgestellt werden. Matthäus habe zusätzlich die verachteten Heiden aufwerten wollen: Wie man an den Sternkundigen sehen kann, suchen auch die Heiden die Wahrheit und werden von Gott geleitet.

Vor allem aber folgt die Geschichte dem beliebten antiken Erzählmuster von der wundersamen Rettung gefährdeter und verfolgter Königskinder: Augustus, Alexander der Große, Kyrus, Mose – immer dieselbe Legende von einem, um seinen Thron fürchtenden, blutige Gewalt ausübenden Machthaber und von himmlischen Mächten, die solche Pläne durchkreuzen und den künftigen Herrscher vor dem Tod bewahren. Dazu kommt das Motiv des Sterns – in der Antike ein allgemein verständliches Symbol, um königliche Ansprüche anzuzeigen. Mit der Geburt eines großen Menschen erscheint ein neuer Stern am Himmel.

Theologen der frühen Kirche, aber auch Naturwissenschaftler späterer Jahrhunderte hielten den mit Jesu Geburt verbundenen Stern allerdings nicht nur für ein sprechendes mythisches Symbol, sondern für ein ganz reales Himmelsphänomen. Ein auffallender Komet mit weithin leuchtendem Schweif – wie er auf künstlerischen Darstellungen der Geburt Jesu gern zu sehen ist – kann das nicht gewesen sein: Wäre tatsächlich so ein Riesenstern am Himmel erschienen, dann hätte Herodes nicht heimlich die Magier nach dem Zeitpunkt seines Auftretens fragen müssen. Wenn überhaupt, so muss es sich um ein weniger spektakuläres Ereignis gehandelt haben, das nur die Experten wahrnehmen und deuten konnten.

Eine gewisse Plausibilität könnte die sogenannte große Konjunktion der Planeten Jupiter, Saturn und Mars im Sternbild Fische beanspruchen, die um das Jahr 7 oder 6 vor Christus dreimal nacheinander auftrat und erstmals von Johannes Kepler exakt berechnet wurde. Dreimal begegneten sich die Planeten: Saturn auf der äußersten Bahn um die Sonne laufend, Jupiter auf einer mittleren und die Erde auf der Innenbahn. Im Sportstadion ist ein Läufer auf der Innenbahn zwangsläufig schneller als sein Rivale auf der Außenbahn. So ist es auch am Himmel: Die Erde läuft schneller als Jupiter und beide sind schneller als Saturn, deshalb kommt es von Zeit zu Zeit zu Begegnungen, bei denen alle drei Planeten eine Zeit lang auf einer Linie mit Sonne und Mond stehen. Das hätte dann von der Erde aus so ausgesehen, als ob ein mächtig strahlender Stern stundenlang am Himmel still stünde.

Was wenig mit unserem Weihnachtsdatum zu tun hat, aber den Geburtstag Jesu kennt kein Mensch und das Weihnachtsfest verdankt sich vermutlich einem Versuch des Kaisers Konstantin, ein altes Fest des Sonnengottes christlich zu besetzen. »Geburt der neuen Sonne« soll er es genannt haben. Inwieweit die »große Konjunktion« am Sternenhimmel von der Erde aus überhaupt wahrgenommen werden konnte, warum das gerade in Betlehem so deutlich der Fall gewesen sein soll und ob die einander begegnenden Planeten wirklich als ein gewaltiger Stern erschienen, darüber zerbrechen sich Astronomen bis heute die Köpfe.

Das sind interessante Spekulationen. Es kann so gewesen sein – oder auch nicht. Auch hier wieder ist der Symbolwert wichtiger als die Frage, ob das alles wirklich so stattgefunden hat. Jupiter galt in der antiken Mythologie als Königsstern und als Attribut der höchsten Gottheit Babylons, Saturn hingegen als kosmischer Repräsentant des jüdischen Volkes. Das heißt, in dieser seltenen Planetenkonstellation liefen alle Hoffnungen einer verzweifelten Welt auf die Geburt des wahren Königs und Retters wie in einem Brennspiegel zusammen. Vor allem für Palästina konnte man die Sensation am Himmel als Glücksbotschaft interpretieren.

Was allerdings zu jener Zeit noch niemand ahnen konnte: Die Zeichen am Himmel kündigten eine wahre Revolution auf der Erde an, eine Umwälzung aller gängigen Begriffe: Das schutzlose, in einem erbärmlichen Stall geborene, von Herodes verfolgte »Sternenkind« von Betlehem stellt die bisher geltenden Vorstellungen von Macht und Herrschaft auf den Kopf.

Herodes hat seine Soldaten und Waffenarsenale – aber über die Herzen und Hirne hat er keine Macht, und am Ende bleibt ihm nur die Einsamkeit und die nagende Angst vor Rivalen und Aufständen. Der kleine König in seiner armseligen Krippe besitzt keine Bataillone und Trutzburgen, aber er hat die Macht der Liebe und Gott auf seiner Seite. Von nun an ist das Zeichen Gottes nicht mehr Pracht und Herrlichkeit und Erfolg, sondern das ungeschützte, offene Herz der Armen.

Die Liebe wird das Sternenkind von Betlehem ans Kreuz bringen, aber die Macht dieser Liebe überdauert den Tod. Passion und Tod symbolisiert die kostbare Myrrhe, die einer der Magier dem Jesuskind darbringt und die in der Antike als Parfum und Aphrodisiakum verwendet wurde, aber auch zur Einbalsamierung von Leichen.

Christian Feldmann

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Kinder und ihre Schutzengel

11. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Dass jedes Kind einen eigenen Schutzengel hat, ist nicht nur Wunschdenken vieler Eltern – schon das Matthäus­-Evangelium spricht davon. Und die Kinder selbst? Dazu ein Gespräch mit Theologieprofessorin Martina Plieth.

Frau Plieth, brauchen Kinder Engel?
Plieth:
Es gibt eine sogenannte magische Phase, die bei Kindern zwischen dem dritten und siebten Lebensjahr auftritt. In dieser Zeit entwickeln Kinder oft die Vorstellung von imaginären Freunden, unsichtbaren Begleitern. Sie brauchen das, um ihr kleines Ich, das sich noch entwickeln muss, zu stabilisieren. Solche imaginären Freunde bezeichnen Kinder nicht unbedingt als Engel. Sie sind aber der Ausgangspunkt für Engelsvorstellungen.

Wie stellen Kinder sich Engel vor?
Plieth:
Kinder kriegen Himmel und Erde viel besser zusammen als wir Erwachsenen. Für sie ist völlig klar: Gott ist ein Gott des Himmels und der Erde. Er kommt zu uns, ist wirklich bei uns anwesend. Sie stellen sich Engel vor als Schutzeinheiten, als Wesen, die für Gott arbeiten. Weil sie so offen sind für das Transzendente, spüren Kinder manchmal, dass es Dinge gibt, die man nicht beschreiben kann. Davon können sie erzählen. Wenn sie ganz viel gespürt haben, dann ist der Engel in der Erzählung groß und dick und mächtig. Wenn sie nicht so viel gespürt haben, ist der Engel vielleicht etwas kleiner. Der Psychoanalytiker C. G. Jung hat gesagt: »Wirklich ist, was wirkt.« Deshalb sind die Engelsvorstellungen von Kindern Wirklichkeit: Denn sie können spüren, dass ihr Engel sie beschützt und begleitet.

Wie sollen kritische Erwachsene mit solchen kindlichen Engelsvorstellungen umgehen?
Plieth:
Als aufgeklärter Mensch und Christin glaube ich nicht an Dämonen – und deshalb auch nicht an leibhaftige Engel. Ich glaube aber an Wirkmächte, und die sind nie autonom, sondern von Gott geschickt. Deshalb würde ich sagen: Lasst den Kindern ihre Vorstellungen! Wenn man einem Kind sagt, dass es Engel gar nicht gibt, raubt man ihm die Schutzfunktion. Genauso schwierig ist es zu sagen: Engel sind immer da und passen auf – das macht Kinder leichtfertig.

Schutzengel: Für Kinder sind sie real, denn sie verstehen mühelos, dass zwischen Himmel und Erde Kräfte wirken. Foto: epd-bild

Schutzengel: Für Kinder sind sie real, denn sie verstehen mühelos, dass zwischen Himmel und Erde Kräfte wirken. Foto: epd-bild

Der Benediktinerpater Anselm Grün sagt: »Jedes Kind hat einen Engel, der es nie verlässt.« Ist eine solche Vorstellung nicht übertrieben?
Plieth:
Es gibt zwei Stellen in der Bibel, die so eine Annahme stützen. Im Matthäusevangelium (18,10) ist von den »Engeln der Kleinen« die Rede. Jedes Kind, so die Vorstellung, hat einen Engel im Himmel, und dieser Engel sieht ins Angesicht Gottes. Durch ihre Engel sind also alle Kinder direkt mit Gott verbunden. Und in der Apostelgeschichte (12,15) geht es um den Engel, der Petrus aus dem Gefängnis befreit. In der Bibel wird an dieser Stelle von »seinem« Engel gesprochen. Wenn also alle Kinder Engel haben, und Petrus sogar einen ihm persönlich zugeordneten, dann könnte man daraus ableiten, dass jeder Mensch einen persönlichen Engel hat. Klar ist: Die Vorstellung eines persönlichen Engels hat etwas Tröstendes, Aufbauendes. Martin Luther sagt in seinem Abendsegen allerdings nicht, »mein heiliger Engel sei mit mir«, sondern »dein heiliger Engel sei mit mir«, nämlich der Engel Gottes. Das ist ein guter Hinweis: Wir können Gott bitten, dass er uns behütet und uns seine Engel schickt. Und wir können Kinder ermutigen, dass sie sich das auch trauen: Gott um seine Engel zu bitten.

Wie ist es um die Engelstradition im Protestantismus bestellt?
Plieth:
Es gibt eine sehr starke Engelstradition im römisch-katholischen Glauben. Aber auch die evangelische Kirche kennt Engel. Luther selbst hat als kleines Kind an Schutzengel geglaubt. Später hat er seinen Morgen- und Abendsegen mit einem »Engels-Wort« enden lassen. Luther sagt sinngemäß: »Der Engel führt uns. Er schaut, dass wir inwendig angeregt werden. Von ihm bekommen wir Sinn, Anstoß, Zeichen.« Biblische Engel sagen auch mal Nein, rufen stopp. Sie sind wachsam, wenn ihre Menschen gerade träumen und nicht achtgeben. Wir sollten uns an diese Neinsager-Engel wieder neu erinnern.

Welche Engelstypen gibt es denn in der Bibel?
Plieth:
Das ist ganz unterschiedlich. Engel sind in der Bibel mal geschlechtslos, mal Jünglinge, Männer oder auch Frauen. Als Seraphim haben sie sechs Flügel und Schlangenform. Die Cherubime sind mächtige Wächterengel, die mit einer Waffe in der Hand den Weg versperren. Thronoi sind unglaublich stark, sie können den Thron Gottes tragen. Im Mittelalter unterschied man drei Kategorien von Engeln: Berater, Verwalter, Boten. Gerade die Verwalter sind für Kinder spannend! Das sind nämlich keine Schreibtisch-Engel, sondern die Mächte, die Energie und die Kraft, auf die auch der Theologe Dietrich Bonhoeffer mit seinem Lied »Von guten Mächten« Bezug nimmt. Kinder verstehen sofort, dass es zwischen Himmel und Erde total viel Macht und Kraft gibt, und dass man diese Engel nennen kann.

Zwischen persönlichem Beschützer und himmlischer Gewalt: Was sind denn Engel nun für Kinder?
Plieth:
Kinder verstehen, dass tief in ihnen etwas ist, das ihnen den Weg zeigt. Wenn ein Kind etwas unbedingt will, kann ich es fragen: Spür mal tief in dir, ob das gut ist für dich. Wenn es da einen inneren Widerstand spürt, etwas, dass es abhalten möchte, zum Beispiel aus dem Fenster zu klettern, dann kann ich das ganz allgemein »Gewissen« nennen. Oder ich nenne es Engel. Natürlich kann ich meinem Kind auch einen kleinen Plüschengel oder eine Engelsfigur schenken, um zum Ausdruck zu bringen: Du bist nicht allein! Du bist begleitet und behütet! In manchen Situationen sind solche Übergangsobjekte hilfreich, zum Beispiel zum Schulanfang. Ein Engelchen am Federmäppchen kann ein Hinweis auf die Gegenwart Gottes sein. Immer wenn ich es sehe, erinnert es mich an Gottes Versprechen: Ich bin dir nah, ich unterstütze und stärke dich. Wichtig ist nur, dass nicht die Figur selbst zum Fetisch wird! Sonst wäre es ja der Untergang, wenn sie einmal verloren geht. Es ist nicht die Figur, die wirkt. Gott selbst wirkt.

Täte eine Schutzengelvorstellung auch Eltern gut?
Plieth:
Den sogenannten Helikopter-Eltern, die ihren Kindern vor lauter Sorge kaum Freiraum lassen, könnte mehr Gottvertrauen helfen. Wer annimmt, dass wir von Gott kommen und auch wieder auf Gott zugehen, der kann leichter darauf vertrauen, dass eine Wirkmacht unseren Alltag bestimmt. Wenn dabei die Vorstellung hilft, dass es auch für mein Kind einen Engel Gottes gibt – warum nicht? Aber was ist, wenn dann doch etwas passiert? War der Engel dann in der Sommerfrische? Ich kann mir keinen Engel mit Rundum-Schutz kaufen, wie es manche Versicherungen in ihrer Werbung versprechen. Die Frage ist: Gehe ich davon aus, dass mein Leben nur von meinem Tun und Wollen abhängt, dass ich alles selbst schaffen muss? Oder dass auch ich getragen bin und mir helfen lassen kann?

Erinnern Sie sich an den Engel Ihrer Kindheit?
Plieth:
Als Kind hatte ich eine Engelsbegegnung der dritten Art. Ich hatte lange blonde Locken: der ideale Engel für das Krippenspiel. Aber meine Stimme war tief, und ich konnte das hohe »Vom Himmel her« nur mitbrummen. Die Lehrerin hörte das und ließ alle Engel einen Schritt vortreten zum Vorsingen. Und als sie meine Stimme hörte, zeigte sie mit dem Finger auf mich und sagte: »Ab heute bist du ein stummer Engel oder du wirst Hirte.« Ich war den Tränen nahe. Ein stummer Engel wollte ich auf keinen Fall sein! Also bekam ich einen Stab, einen Hut und das alte Schaffell meines Urgroßvaters und durfte als Hirte bald lange Textstücke im Krippenspiel aufsagen. Ich finde: Schön aussehen müssen Engel nicht. Aber sie müssen tatkräftig und wirkmächtig sein! Die Geschichte hatte übrigens eine Fortsetzung, als ich schon Hochschullehrerin war. Bei einer Weihnachtsfreizeit planten die Studierenden ein improvisiertes Krippenspiel. Ausgerechnet mir wiesen sie die Rolle des Engels zu, und ich sollte vor versammelter Mannschaft singen. Sofort war die ganze Kindheitsgeschichte wieder präsent. Ein junger Mitarbeiter spürte meine Hilflosigkeit. Er stellte sich hinter mich, sodass man ihn nicht sah, und sang engelsgleich für mich – ich musste nur noch den Mund auf und zu machen. Er ist damals für mich zum Engel geworden und hat mich an Gottes Versprechen erinnert: Wenn du in Not bist und nicht weiterweißt, helfe ich dir.

Das Gespräch führte Susanne Schröder.

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Kirchenjahr: Das Leben feiern!

5. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Am 1. Advent beginnt das neue Kirchenjahr und in unserer Kirchenzeitung ein neuer Glaubenskurs. Er widmet sich den kirchlichen Festen und Feiertagen.

Die höchste Kunst ist es, Feste zu feiern.« Hat zumindest Johann Wolfgang von Goethe behauptet. Und vermutlich hat er recht. Die Feiertage im Kirchenjahr sind nämlich eine kleine Anleitung für Lebenskunst, weil sie wie ein »Bilderbuch der menschlichen Existenz« alle wesentlichen Aspekte des Daseins behandeln – von der Geburt bis zum Tod.
Als sich im Lauf der Zeit der christliche Festzyklus entwickelte, da bildete die Kirche nämlich nicht nur ihre eigenen geistlichen Themen ab, sie übernahm auch Feste anderer Kulturen, sodass sich in unseren Feiertagen wahrhaft Jahrtausende alte Erfahrungen mit den großen Themen des Menschseins widerspiegeln. Und das bedeutet: Feiertage können uns helfen, das Leben an sich zu feiern.

Was übrigens ein ganz biblischer Zugang zum Glauben ist: Immerhin wird schon in der Schöpfungsgeschichte erwähnt, dass Gott einen wöchentlichen Feiertag einführt. Er segnet den siebenten Tag und macht damit deutlich, wie sehr zu einer Work-Life-Balance »Gesegnete Zeiten« gehören, in denen man sich mit dem Dasein auseinandersetzt. Die erste Einladung dazu ist die Adventszeit.

Eigentlich beginnt die christliche Geschichte ja mit der Geburt Jesu. Da kommt etwas völlig Neues in die Welt: Gott wird Mensch. Der Himmel öffnet sich. Das Göttliche wird greifbar. Und deshalb müsste das Kirchenjahr offiziell zu Weihnachten beginnen.

Aber schon die frühen Christen wussten, wie wichtig Vorfreude ist: Die Juden hatten schließlich lange auf die Ankunft des Messias gewartet. Und die Botschaft von Johannes dem Täufer lautete unmissverständlich: Wenn der Retter kommt, dann soll man sich darauf vorbereiten. Mehr noch: Selbst Jesus hatte sich vor seinem ersten öffentlichen Auftreten 40 Tage in die Wüste zurückgezogen, um sich darauf einzustimmen.

Also beschloss man: Auch vor Weihnachten braucht es eine 40-tägige Vorbereitung, eine Fastenzeit, die – wenn man die fastenfreien Sonntage dazuzählte – just am Tag nach St. Martin begann. Wenn Sie sich also schon immer gefragt haben, warum Karneval am 11. 11. startet, dann wissen Sie jetzt: Das war früher ein Tag, an dem man es sich vor dem Fasten noch mal gut gehen ließ – am liebsten mit Gänsebraten.

Weil die Zeit des Vorbereitens so wichtig ist und man im frühen Mittelalter die Zahl der Adventssonntage auf vier beschränkte, beginnt das Kirchenjahr seither mit dem 1. Advent; also mit der Einstimmung auf »Adventus Domini«, auf die Ankunft des Herren. Wobei nicht verschwiegen werden soll, dass die lateinische Wurzel dieses Ausrufs (»advenire«) gleichzeitig zum Wort »Abenteuer« wurde. Es geht also in den nächsten Wochen auch um das »Abenteuer Gottes« mit den Menschen. Und dazu gibt die Adventszeit gleich mehrere Anregungen mit.

Vorfreude ist eine Tugend – Wer das Leben in seiner ganzen Fülle erfahren will, den ermutigt der Advent sich auf die wesentlichen Erfahrungen des Daseins innerlich einzustimmen. Sich von Ereignissen nicht überrollen zu lassen, sondern bereit, offen und erwartungsvoll auf sie zuzugehen. Oftmals nimmt man das Große nämlich nur dann als groß wahr, wenn man den Blick dafür geschärft hat. Oder anders ausgedrückt: Je hellhöriger, weitsichtiger und achtsamer man sich auf das Leben einstellt, desto intensiver wird man es genießen.

Der Zauber des Anfangs – Zum Advent gehört die Entdeckung, dass Gott ein Gott des Neuanfangs ist. So, wie in der Geburt Jesu etwas welthistorisch Neues passiert, so zeigt sich Gott insgesamt als ein Freund der Erneuerung: Jeder Mensch darf darauf vertrauen, dass er nicht auf die Schwächen seiner Vergangenheit festgelegt wird, sondern dass der Zuspruch »Siehe, ich mache alles neu« auch ihm gilt. Kein Wunder, dass die Christenheit im Advent immer auch eifrig die Frage nach der Wiederkunft Christi disku-
tiert hat.

Erwarte viel! – Letztlich stellt der Advent vor allem eine Frage: Worauf hoffen wir? Oder anders formuliert: Erwarten wir von Gott noch etwas? Und wenn ja, was? Sind wir von einer tiefen Hoffnung darauf erfüllt, dass Gott in dieser Welt etwas verändern kann? In der Feiertagskultur ist die Adventszeit so wichtig, weil sie die Erwartung feiert. Denn: Wer viel erwartet, der kann auch viel erleben. Wer dagegen vom Leben wenig erwartet, muss sich nicht wundern, wenn wenig passiert. Advent sagt: Erwarte viel!
Wer sich wirklich auf Weihnachten einstellt, von Gott viel erhofft und glauben kann, dass auch für ihn ein Neuanfang möglich ist, der hat verstanden, was Advent bedeutet.

Fabian Vogt

Der Autor ist Theologe, Schriftsteller und Kabarettist.

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Trauer ist wie Liebeskummer

26. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Tod des eigenen Kindes ist das Schlimmste, was Eltern passieren kann. Hans Schneiderhans’ Sohn Till ist bei einem Busunglück in Argentinien ums Leben gekommen. Nach dem Abitur war der 19-Jährige zusammen mit einer Freundin zu einer Weltreise aufgebrochen. Beide starben bei dem Unfall.

Herr Schneiderhans, was macht die Nachricht vom Tod des Sohnes mit einem Vater?
Schneiderhans:
Die erste Reaktion war Ungläubigkeit. Ich dachte, das kann nur eine Verwechslung sein. Es ist natürlich grundsätzlich so, dass man über jeden Tod trauern kann. Meine Kernerkenntnis ist, dass Trauer eine Art Liebeskummer ist. Und wenn man jemanden stark liebt, dann trauert man auch stark. Wenn man ein Kind verliert, kommt noch hinzu, dass man allgemein davon ausgeht, dass die Eltern vor den Kindern sterben. Man möchte einfach nicht, dass das Kind vor einem selbst stirbt. Wenn man die Möglichkeit hätte, würde man sogar sein eigenes Leben für das des Kindes geben.

In dieser Situation haben Sie sich entschieden, nach Argentinien zu fliegen, um Till nach Hause zu holen. Wie sehen Sie diese Entscheidung heute?
Schneiderhans:
Es war auf jeden Fall eine gute Entscheidung. In so extremen Situationen kommt es einem manchmal vor, als ob man sich in zwei Personen aufspaltet. Ein Teil der eigenen Person steckt dann in dieser Schockstarre, und der andere Teil funktioniert trotzdem irgendwie. Uns hat es sehr geholfen, dass wir zwei betroffene Familien waren. In dieser Vierergruppe der Eltern gab es immer jemanden, der den nächsten Schritt getan hat, wenn ein anderer nicht mehr konnte. Jeder wusste, dass der andere das Gleiche durchmacht, und daraus ergab sich eine gewisse Rücksichtnahme. Das war schon sehr schön und eine große Hilfe.

Sie haben ein Buch geschrieben, in dem die Stimme ihres Sohnes noch einmal zum Klingen kommt. Hat Ihnen das geholfen, die Situation zu verarbeiten?
Schneiderhans:
Es war nicht so, dass ich zu schreiben angefangen hätte, um mir zu helfen. Das Schreiben war eher eine Art Auflehnung gegen die Tatsache, dass nichts Neues mehr passieren wird mit diesem Kind und dass auch die Erinnerungen an Till vielleicht im Laufe der Zeit verblassen. Dagegen hab ich mich gesträubt. Dennoch ist es natürlich so, dass das Schreiben auch hilft, weil es einen Prozess in Gang setzt, der zu neuen Erkenntnissen führen kann.

Sie schreiben, dass Sie eher einem inneren Glauben folgen als religiösen Dogmen. Hat ihr Glaube Sie in dieser Situation getragen?
Schneiderhans:
Ich würde statt Glauben lieber Überzeugung sagen. Glaube kann nur das sein, was meine innere Überzeugung ist. Im Kern geht es ja um die Frage: Ist mit dem Tod alles vorbei, oder gibt es etwas, das weiter existiert? Als spiritueller Mensch bin ich überzeugt, dass das Bewusstsein auch unabhängig von den Gehirnfunktionen da sein kann. Es kommt drauf an, dies selbst zu erfahren – zum Beispiel in der Meditation.

Waren Sie manchmal wütend auf Gott oder auf das Schicksal?
Schneiderhans:
Ich persönlich eher weniger. Ich denke, die Suche nach einem Schuldigen, ob unter den Menschen oder auf einer anderen Ebene, führt zu nichts. Außerdem glaube ich nicht, dass alles, was geschieht, von Gott gelenkt wird. Das Menschsein beinhaltet auch, dass ich frei bin, mich für oder gegen etwas zu entscheiden. Dazu gehört, dass ich die Konsequenzen meiner Entscheidungen tragen muss. Und diese können sehr weitreichend sein.

Sie beschreiben Trauer als ein Zusammenspiel verschiedener Gefühle wie Betäubung, Schmerz, Auflehnung, Liebeskummer und Rührung. Ändert sich die Zusammensetzung im Laufe der Zeit?
Schneiderhans:
Ich habe versucht, in dieses Gefühl der Trauer einzudringen, aber ich bin mir nicht sicher, ob mir das wirklich gelungen ist. Ich sehe in ihr eine Mischung verschiedener Dinge, und die verändert sich im Laufe der Zeit. Am Anfang ist da vor allem Betäubung und das Gefühl, als sei man nur noch eine Hülle, die irgendwie agiert. Ich würde sagen, dass das mit der Zeit weggeht. Heute herrscht bei mir das Gefühl der Rührung vor.

Beim Lesen Ihres Buches hat mich der lebensfrohe Tonfall berührt, in dem Sie mit Till in einen Dialog treten. War Ihnen gleich klar, dass es nur so zu Ihrem Sohn passen würde?
Schneiderhans:
Ich habe versucht, Tills Stimme wiederzuerwecken und seine Sicht auf die Dinge wiederzugeben. Till hätte auf jeden Fall positiv und zuversichtlich gesprochen, wie man als junger Mensch halt so ist. Ich finde es wichtig, dass man auch in Extremsituationen eine Haltung zum Leben behält, die einen trägt und auch Schönes sehen lässt.

Wie gelingt Ihnen die Balance zwischen positiver Haltung und einer vielleicht doch bedrückenden Stimmung?
Schneiderhans:
Im Alltag funktionieren wir. Wenn wir beispielsweise unser Enkelkind begrüßen, das vor einem Jahr zur Welt kam, dann freuen wir uns auch darüber. Auf der anderen Seite gibt es Situationen wie Jahrestage, den Geburtstag oder beim Hören bestimmter Musik, in denen Trauer vorherrscht. Dann kann es sein, dass man weint. Aber ich finde das okay.

Wie empfinden Sie die Lücke, die der Tod Ihres Sohnes in Ihrem Leben hinterlassen hat?
Schneiderhans:
Ich glaube, alle vier betroffenen Eltern würden sagen, wir haben eine Wunde. Und die wird auch bleiben. Sie vergessen ja ihr Kind nicht.

Kann man Ihrer Erfahrung nach lernen, mit dieser Wunde zu leben?
Schneiderhans:
Ich bin weit entfernt davon, eine Methode angeben zu können. Aber ich glaube, indem man einfach weiterlebt, lernt man das. Das macht jeder auf seine Weise. Der eine holt sich professionelle Hilfe, der andere spricht mit seinen Freunden oder geht auf den Pilgerpfad. Das sind Dinge, die geschehen einfach. Wichtig ist es vielleicht, sich klarzumachen: Ich hab das Recht zu trauern. Und ich hab das Recht, auch lange zu trauern. Wenn von Trauerbewältigung gesprochen wird, hat das ja oft so einen Beigeschmack von: »Nun sieh mal zu, dass die Trauer schnell weggeht.« Davon sollte man sich nicht unter Druck setzen lassen.

Die Fragen stellte Sonja Poppe

Buchtipp: Schneiderhans, Hans: »Ich komme ja wieder!« Vom Leben und Tod eines Sohnes.
Ein Vater nimmt Abschied, Eden Books, 224 Seiten, ISBN 978-3-9591-0074-8, 19,95 Euro.

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Uns selbst zuwider – vor Gott

21. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Buß- und Bettag am 22. November: Vom Sinn und Ziel der Buße

Wer Buße sagt als Christ, muss sie auch tun. Aber was heißt Buße? Was meint sie, wenn sie nicht in einem formal-juristischen Sinne abgeleistet werden soll für eine (Straf-)Tat, eine Schuld, die nach Buße verlangt, nach Ablass oder Ableistung aber getilgt ist?

Luther hat das »dritte Sakrament«, wie er die Buße auch nennt, in seinem »Großen Katechismus« nicht nur scharf umrissen, er hat sie vor allem tief verankert. Verankert im Ur-Sakrament der Taufe selbst, deren »Kraft und Bedeutung« sich in der Buße wiederhole: »Denn was heißet Buße anders als den alten Menschen mit Ernst angreifen und in ein neues Leben treten?« Darum stünde jeder, der in der Buße lebe, »in der Taufe, welche solches neues Leben nicht allein deutet, sondern auch wirkt, anhebt und treibt«. Werde darin doch »Gnade, Geist und Kraft gegeben, den alten Menschen zu unterdrücken, daß der neue hervorkommt und stark werde«.

Der alte Mensch und der neue Mensch – wenn Luther davon spricht, dann spricht er nicht von äußeren, von gesellschaftlichen oder geschichtlichen Umständen, sondern von uns und unserem innersten Sein. Es geht um mehr als nur um vieles, es geht, fernab von Wandlung durch Pädagogik oder Psychoanalyse, um alles oder nichts, um die ganze Existenz und die Existenz als Ganzes. Der Kampfplatz zwischen altem und neuem Menschen, heißt das, ist nicht die politische Stunde Null, nicht die fortschrittliche Operation Zukunft, schon gar nicht die Revolution im Sinne Münzers oder der Wiedertäufer und ihrer säkularen Nachfolger aller Varianten und Zeiten. Sie wollten der himmlischen Gerechtigkeit eine blutige Schneise ins Irdische schlagen. Aber auch nicht der Auftritt wohlfeiler Ablasshändler, wie wir sie heute, in orwellschem Säkular-Sprech und kommissarischer Erlösungs-Gestalt, geradezu inflationär erleben, ist gemeint.

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Der Kampfplatz ist unsere Seele zwischen Teufel und Gott. Schon in seiner »Ersten Psalmvorlesung« geht Luther dem Konflikt radikal auf den Grund, stößt vor in eine Tiefe, die wir gerne zu erreichen vermeiden. Besonders in unserer Fähigkeit, Bußfertigkeit zu simulieren, indem wir uns von negativ gedeuteten Umständen und ihren Verursachern distanzieren. Oder uns rechtfertigen, indem wir sie verurteilen – ob geschichtlich kontaminierte oder solche, die dem Zeitgeist als Übel gelten. Der Zeitgeist für Luther manifestierte sich in den Texten und Reden der Scholastiker seiner Zeit: »Was unsere Scholastiker«, heißt es in seiner Auslegung von Psalm 1, »also in ihrer theologischen Sprache Bußhandlungen nennen, nämlich sich selbst missfallen, sich zuwidersein, verdammen, anklagen, rügen wollen, sich selbst strafen, züchtigen und wirklich das Böse hassen und sich zürnen, das nennt die heilige Schrift mit einem Wort ›Gericht‹ (V. 5).«

Das aber ist Luther zu wenig, das ist nicht einmal die halbe Buße, geschweige denn die ganze Rechtfertigung. Denn solange »wir uns … nicht selbst verurteilen, exkommunizieren, uns vor Gott zuwider sind, solange bestehn wir nicht und werden nicht gerechtfertigt«. Worauf Luther hier abzielt, hat Eberhard Jüngel einmal den Verlust der »ungehemmten Lebensgemeinschaft mit Gott« genannt. Um sie wieder zu erhalten, müssen wir erkennen, dass es nicht reicht, wenn wir uns in unserem Verhalten vor der Welt zuwider sind, sondern zuerst und zuletzt vor Gott, weil wir die Lebensgemeinschaft mit ihm verlassen, angegriffen, zerstört haben – erst dann ist Umkehr möglich, Metanoia, wie der Begriff im neuen Testament dafür lautet.

In Lukas 3,7 ist dieser Bußaufruf – mit Zorn verkündet von Johannes dem Täufer einer zwar taufbereiten, aber immer noch zu selbstgewissen »Schlangenbrut« – verbunden mit einer unmissverständlichen Gerichtsankündigung, einer Generalabrechnung: »Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.« Diesen Aufruf zu totaler Metanoia verbindet Jesus schließlich mit der Ankündigung der entscheidenden befreienden Perspektive, der Königsherrschaft Gottes: »Doch sollt ihr wissen: Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen.« (Lukas 10,9).

Diese bevorstehende Königsherrschaft Gottes aber ist das absolute Gegenteil eines eintretenden Politikums. Sie ist die Wahrheit, die frei macht, wie es bei Johannes heißt (8,32). Und nur in ihr »erfüllt sich die Bestimmung des menschlichen Lebens« (Eberhard Jüngel). Buße ist somit nicht Aufbruch in eine »hypertrophe Gewissensethik« (Klaus Berger), um mit sich wieder ins Reine zu kommen, sondern der so wieder wahr werdende Mensch, sagt Luther, tut »frei, fröhlich und umsonst«, »mit Lust«, »aus Liebe und Freiheit«, was Gott wohl gefällt. Metanoia, heißt das, ist die einzige Revolution, aus der der Mensch je und je neu werden, zum neuen Menschen werden kann.

Ulrich Schacht

Der Autor ist Schriftsteller und Theologe, er steht der evangelischen Bruderschaft St.-Georgs-Orden vor.

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Die Erde ist der beste Platz

14. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview mit Johann-Dietrich Wörner, Generaldirektor bei der Europäischen Weltraumorganisation

Herr Professor Wörner, was bedeutet Ihnen der biblische Schöpfungsbericht?
Wörner:
Immer wieder hat die Kirche versucht, den Menschen die Fragen der Wissenschaft zu beantworten und musste dann nach neuerer Erkenntnis wieder neue Antworten finden.

Die Schöpfungsgeschichte ist für mich – bei aller Versuchung, sie mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen in Übereinstimmung bringen zu wollen – ein Versuch, den Menschen die Entstehung als einen göttlichen Akt zu beschreiben.

In Ihrem Arbeitsalltag beschäftigen Sie sich mit dem Weltraum – welchen Platz nimmt dort Gott ein oder anders formuliert: Wie beschreiben Sie Ihre Beziehung zu Gott?
Wörner:
Ich bezeichne mich selbst als einen gläubigen Menschen. Wissenschaft und Glaube stehen für mich nicht im Widerspruch, sondern sind ganz unterschiedliche Dinge, die der Mensch in der Lage ist im Inneren zu verbinden.

Wissenschaft ist eine typisch menschliche Aktivität, Beobachtungen in Regeln zu übersetzen. Glaube ist dagegen verbunden mit Vertrauen, Hoffnung und Werten.

Welche Gaben ermöglichen es Ihnen als Generaldirektor der europäischen Raumfahrt, gedanklich in die höheren Sphären des Weltalls vorzudringen?
Wörner:
Im Englischen unterscheidet man Heaven and Sky, im Deutschen sagen wir für beides Himmel. Aber wir arbeiten im All. Gott ist nun dort nicht physisch zu finden, er ist über diesen Vorstellungen, also über All oder auch überall.

Johann-Dietrich Wörner. Foto: Philippe Sebirot/ ESA

Johann-Dietrich Wörner. Foto: Philippe Sebirot/ ESA

Was sind die aktuellen Herausforderungen der Raumfahrt?
Wörner:
Raumfahrt heute ist Infrastruktur und für jeden erlebbar, z. B. bei Navigation, Telekommunikation oder Wetterbeobachtung. Darüber hinaus ist Raumfahrt durch die Missionen mit robotischen oder astronautischen Systemen aber auch in der Lage, den sehr menschlichen Trieb der Neugier zu befriedigen. Hieraus entwickelt sich Faszination, Inspiration und Motivation, wichtige Grundlagen für die gesellschaftliche Weiterentwicklung.

Wie weit sind wir von einer Reise zum Mars entfernt?
Wörner:
Der Mond ist 350 000 Kilometer von der Erde entfernt und daher relativ leicht erreichbar. Sicherlich wird der Mensch auch weiter ins Weltall vorstoßen, das entspricht ganz einfach unserem Pionier- und Entdeckungsgeist. Aber eine Reise zum Mars ist auf absehbare Zeit einfach zu riskant. Deshalb erwarte ich, dass zwar robotische Systeme zu anderen Planeten fliegen werden, der Mensch aber zunächst wieder den Mond besuchen wird. Wichtig ist mir, dass wir damit nicht eine Kolonialisierung anstreben oder womöglich die Erde verlassen wollen. Die Erde ist in weiter Umgebung der beste Platz und wir wollen die Erde auch durch die Raumfahrt erhalten.

In der European Space Agency (ESA) und an internationalen Raumprojekten arbeiten Staaten zusammen, die sich anderswo auf der Erde argwöhnisch gegenüberstehen. Worin sehen Sie den friedenstiftenden Auftrag der ESA?
Wörner:
Raumfahrt ist heute eine ganz wichtige Brücke über irdische Konflikte. Nicht nur in der Internationalen Raumstation arbeiten die Nationen friedlich und sehr intensiv zusammen.

Die Fragen stellte Sabine Kuschel.

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Programm für christliches Leben

7. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Martin Luthers Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen«

Was Freiheit ist, scheint unsere Zeit, respektive das, was sie für ihren Geist hält, besonders gut zu wissen: Sie nennt Freiheit einen »westlichen Wert«, den alle übrigen Weltteile nur annehmen können. Die Wirklichkeit hinter solcher Proklamation sieht ziemlich anders aus: Die aktuelle Freiheitsversion des Westens steht vor allem für eines: für die Auflösung aller gewachsenen Lebens-Verhältnisse, Moral- und Denk-Traditionen: Glauben, Familie, Geschlecht, Nation, Grenzen. Damit trifft sie mit destruktiver Macht bewährte Regeln des Zusammenlebens, der Wirtschaft, geistiger Pluralität: Wer nicht fortschrittlich ist, modern, alternativ, der ist rückschrittlich, reaktionär, der Vergangenheit verhaftet. Für Marx und Engels, die gottlosen Propheten des kommunistischen Paradieses, verdichtete sich im »Manifest der Kommunistischen Partei« der Freiheitsbegriff im Rahmen solchen, die Welt radikal zertrümmernden kapitalistisch-globalen Fortschritts, ein von ihnen begeistert begrüßtes Verflüssigungsprojekt aller gewachsenen Verhältnisse, zu jener »einen gewissenlosen Handelsfreiheit«, die heute offenbar das Proprium der westlichen Freiheitsideologie ausmacht. Ein geschichtspolitisches Himmelsgesetz, dem geopfert wird wie einst in Karthago dem Götzen Moloch. Und die reaktionärste, weil retardierende Größe in diesem Diskurs- und Praxiskontext ist natürlich Gott selbst.

Das Zentrum des innerlichen Menschen ist seine Seele, die nur frei sein kann, wenn sie auf Gottes Wort hört, sich an ihn bindet. Ulrich Schacht. Foto: Joseph – stock.adobe.com

Das Zentrum des innerlichen Menschen ist seine Seele, die nur frei sein kann, wenn sie auf Gottes Wort hört, sich an ihn bindet. Ulrich Schacht. Foto: Joseph – stock.adobe.com

Gott geht in der modernen westlichen »Freiheitsgesellschaft« gar nicht oder wenn, dann nur noch in einem zukünftig zu schaffenden »House of One«, in dem sich die Religionen wie gleichwertige Whiskeysorten im Spirituosenladen zu privatem Test-Kauf und individueller Geschmacksprobe anbieten. Mit anderen Worten: Im Westen ist diesbezüglich der Teufel los; das Freiheitsversprechen des Teufels aber hat sich schon immer den Fortschrittsmantel umgehängt. Was also tun gegen den großen Verwirrer und seine zahlreichen Helfershelfer in Politik, Ökonomie, Kultur und ja, leider auch in den großen Kirchen zwischen Rom und Hannover?

Vielleicht dies: Luthers auf revolutionäre Weise hochreaktionäre Thesen »De libertate christiana« oder im Deutsch seiner Zeit: »Von der Freyheyt eyniß Christen menschen« wieder und wieder lesen! 1520 erschienen, waren sie zunächst und vor allem eine geharnischte Antwort des Reformators auf die Bannandrohungsbulle aus Rom. In der Folge jedoch sind sie bis heute, vielleicht noch gravierender als die 95 Thesen zum Ablasshandel von 1517, die entscheidende Programmschrift für das, was man in der Summe »die christliche Freiheit« nennen könnte, kulminierend in der scheinparadoxen Formel: »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.« Logisch wird diese Paradoxie, wenn man der ihr zugrunde liegenden Doppelthese über den Menschen an sich folgt, unterscheidet Luther doch scharf zwischen einem innerlichen und äußerlichen Menschen, der über »zweierlei Natur« verfüge.

Der innerliche Mensch als Christ ist der »geistliche Mensch«, der äußere »leiblich«. Das Zentrum des innerlichen Menschen ist seine Seele, die nur frei sein kann, wenn sie auf Gottes Wort hört, sich an ihn bindet. Das aber wiederum ist kein Vernunfts-, sondern ein Vertrauensakt via Christus, der wie in einem Tausch Gottesferne und Sünde der Christenseele auf sich nimmt, sie mithin davon und grundsätzlich befreit.

Der äußere Mensch aber ist die praktische Konsequenz des inneren, indem er an seinem Nächsten so handelt wie Christus an ihm. In diesem dialektischen Freiheitsprozess zwischen Seelenbefreiung und christusgebundener Liebestat erfüllt sich ein Weltverhältnis, dem kein politischer Freiheitsbegriff gewachsen ist.

Dietrich Bonhoeffer hat in seinem Gedicht »Stationen auf dem Wege zur Freiheit«, geschrieben unter der Drohung seines gewaltsamen Todes im Tegeler Gefängnis, Luthers Schrift in nicht weniger herausfordernde Verse überführt. Sie sprechen in der Summe von »wunderbarer Verwandlung«. Deren Beginn zeigt jene Grundrichtung an, in die wir zu gehen haben, sind wir erfüllt von eben jener »Freiheit eines Christenmenschen«. Dieser hat Luther eine nie verblassende Kontur gegeben: »Ziehst du aus, die Freiheit zu suchen, so lerne vor allem / Zucht der Sinne und deiner Seele, daß die Begierden / und deine Glieder dich nicht bald hierhin, bald dorthin führen … // Tritt aus dem ängstlichen Zögern heraus in den Sturm des Geschehens, / nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen, / und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen.«

Ulrich Schacht

Der Autor ist Schriftsteller und Theologe, er steht der evangelischen Bruderschaft St. Georgs-Orden vor.

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»Marseillaise der Reformation«

1. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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»Ein feste Burg ist unser Gott«: Religiöses Trostlied und Schlachtengesang

Menschen singen es seit bald 500 Jahren, aber nicht immer war der Gesang rühmlich: Martin Luthers Lied »Ein feste Burg« haben verschiedene Gruppierungen für sich vereinnahmt, auch die Nationalsozialisten.

Einmal im Jahr, da singen sie alle! Selbst die Männer schmettern mit, wenn am Reformationstag »Ein feste Burg« gesungen wird – obwohl die Melodie gleich in den höchsten Tönen beginnt.

Liegt es am Text, der Gott mit einem trutzigen, Schutz bietenden Bauwerk gleichsetzt, oder an der Melodie, die in kräftigen gleichmäßigen Viertelnoten einherschreitet? Vermutlich ist es diese Kombination, die das Lied zur »Marseillaise der Reformation« (Heinrich Heine) gemacht hat.

Martin Luther ließ sein Lied 1529 drucken. Vorlage war der Psalm 46, ein vertrauensvoller Text, der die Stadt Gottes beschreibt, die trotz des drohenden Weltuntergangs »fein lustig bleiben soll mit ihren Brünnlein«. Keine Trutzburg – da ist etwas in Bewegung, im Fluss. Vertont ist dieser Text mit einer typischen Renaissance-Melodie mit tänzerischem Schwung, die den Inhalt der ersten Strophe nachzeichnet.

Feldpostkarte aus dem Ersten Weltkrieg mit dem Schriftzug des Choraltitels »Ein feste Burg ist unser Gott« von Martin Luther. Aus dem Glaubenslied wurde in Bismarcks Kaiserreich ein vaterländischer Kampfgesang. Das Lied fand in Druckschriften des Ersten Weltkrieges inflationäre Verwendung. Foto: epd-bild

Feldpostkarte aus dem Ersten Weltkrieg mit dem Schriftzug des Choraltitels »Ein feste Burg ist unser Gott« von Martin Luther. Aus dem Glaubenslied wurde in Bismarcks Kaiserreich ein vaterländischer Kampfgesang. Das Lied fand in Druckschriften des Ersten Weltkrieges inflationäre Verwendung. Foto: epd-bild

Im zweiten Teil gerät der Rhythmus ins Wackeln, wenn »der alt böse Feind« vorgestellt wird. Dieser marschiert im Gleichschritt, wenn er »es jetzt mit Ernst meint« und »groß’ Macht und viel List« einsetzt. Seine »grausame Rüstung« bringt ihn aber rhythmisch wieder ins Straucheln. Die Macht des bösen Feindes wird durch den Melodieverlauf ironisch gebrochen.

Psalmlieder gehören in Luthers Gottesdienstpraxis zu den ersten Gesängen, die der Gemeinde neben den Katechismusliedern anvertraut werden. Dabei geht Luther sehr frei mit der biblischen Vorlage um, ergänzt sie christologisch und führt neue Bezüge ein.

So hat Luther mit dem »alt bösen Feind« ein Gegenbild zu Gott vorgestellt, das nicht aus dem Psalm stammt. Allerdings bleibt dieses Bild unklar – wer oder was ist damit gemeint? Diese Unbestimmtheit hat es vielen Generationen leicht gemacht, ihre je eigenen Bedeutungen einzutragen. War es zunächst der Teufel, der für Luther eine reale Bedrohung war, wurden es später die Gegner der lutherischen Lehre oder im Kriegsgeschehen die politischen Feinde.

Mittlerweile war die ehemals stark rhythmische Melodie durch den Gruppengesang erstarrt, die Gemeinden hatten sie sich in gleichmäßigen Notenwerten zurechtgesungen. 1738 wird sie erstmalig im geraden Vierteltakt gedruckt. Dann ist es nicht mehr weit bis zur Marschmusik.

Im Psalm 46 wird Gott gepriesen, der den Kriegen ein Ende macht und Kriegsgerät zerstört.

Bald übernahmen die Menschen die Kriegsführung und nutzten das »Feste-Burg-Lied« als Schlachtengesang. Wo Luther auf die Kraft des Wortes zur Überwindung des Gegners vertraute: »ein Wörtlein kann ihn fällen«, wurden im Dreißigjährigen Krieg Söldner mit diesem Lied in den Kampf geschickt. Gemeinsames lautes Singen stärkt den Einzelnen und die Gruppe – und die »Feste Burg« spielt dabei nicht nur rühmliche Rollen. Der Choral wird zum erhebenden Feiergesang der Reformationsjubiläen. Im 18. Jahrhundert kommen nationalistische Töne dazu. In der Liedersammlung »Des Knaben Wunderhorn« wird der Choral als »Kriegslied des Glaubens« geführt und von Studentenverbindungen, Turnervereinigungen und anderen Männerbünden kraftvoll zelebriert. 1871 verarbeitet Richard Wagner den Choral in seinem »Kaisermarsch«, im Ersten Weltkrieg wird das Lied zum nationalen Kriegsgesang gegen die »altbösen Feinde« Frankreich und England, im Nazideutschland geht es nicht mehr um Christus: »der rechte Mann« heißt Hitler und »das (deutsche) Reich muss uns doch bleiben«.

Gleichzeitig hat Luthers Lied aber auch bedrohten Christinnen und Christen Trost gespendet, zur Stärkung verfolgter Gemeinden beigetragen und sich weltweit im Protestantismus verbreitet.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert wird das Lied, wie schon im Barock, liturgisch wieder dem Sonntag Invokavit, dem Beginn der Passionszeit, zugeordnet, um der triumphalistischen Verwendungstradition entgegenzuwirken. Im Evangelischen Gesangbuch sind beide Melodien abgedruckt – ich wünsche mir, dass viel öfter die erste, originale Melodie in einem flüssigen Tempo gesungen wird. Das muss in unseren Gemeinden sicher ein bisschen geübt werden – aber dann fängt die »Feste Burg« an zu swingen!

Christa Kirschbaum

Die Autorin ist Landeskirchenmusikdirektorin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau

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Die Bibel als Betthupferl

23. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Im oder auf dem Nachttisch: Seit über 100 Jahren sorgen Mitglieder des christlichen Gideonbundes für die Ausstattung von Hotels und anderen Einrichtungen mit Bibeln. Doch die Nachfrage nach kostenlosen Exemplaren sinkt.

Oft fällt sie erst auf, wenn sie nicht mehr da ist: die Hotelbibel. Das kleine handliche Buch, entweder diskret im Nachttisch hinterlegt oder offensichtlich obendrauf. Wie häufig sie tatsächlich in die Hand genommen oder gar gelesen wird, ist nicht nachvollziehbar, aber klar war bisher in der Regel: Bevor der Gast sein Hotelzimmer betritt, ist sie schon da. Verlässlich.

Viele dieser Bibeln tragen das Logo mit der Flamme auf einem Krug – das Erkennungszeichen des Gideonbundes. Er gilt deutschlandweit als Hauptverteiler kostenloser Bibeln, nicht nur in Hotels. Im Juli teilte das Missionswerk aus dem hessischen Wetzlar mit, dass der Bedarf von Hotels an Bibeln sinke. Deutschlandweit sei die Zahl von 48 000 angeforderten Exemplaren im Jahr 2006 auf 26 000 im Jahr 2016 gesunken.

»Ich denke, dass eine erhöhte Sensibilität für ›Political Correctness‹ und Religionsvielfalt ihren Anteil daran hat, dass viele Hotels religiöse Schriften nur noch auf Nachfrage an der Rezeption bereithalten«, sagte Markus Luthe, Hauptgeschäftsführer des Hotelverbands Deutschland (IHA) bereits im Dezember des vergangenen Jahres. Dem stimmt auch Fabian Neumann, Sprecher der Gideons in Deutschland zu und ergänzt: »Zudem haben wir auch einen gewissen Sättigungsgrad erreicht, was die Auslage anbelangt.«

Wie die Situation konkret in den Hotels aussieht ist schwer zu erfassen. Der weltweit agierende Verband der AccorHotels, zu dem unter anderem Ibis, Mercure, Novotel und Sofitel gehören, habe sich dazu entschieden, »sich in religiösen Fragen neutral zu verhalten«. In den stichprobenartig angefragten Hotels in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind keine Bibeln oder andere religiöse Schriften mehr vorhanden.

Vertraute Gewohnheit: Die Bibel im Hotelzimmer-Nachttisch

Vertraute Gewohnheit: Die Bibel im Hotelzimmer-Nachttisch

Weniger einheitlich ist die Regelung in den Häusern der Steigenberger Hotels. Es sei »seit 2015 nicht mehr Standard, eine Bibel oder einen Koran in die Zimmer zu legen«, teilte eine Unternehmenssprecherin mit. Für neu eröffnete oder übernommene Hotels werden keine Bibeln mehr angeschafft. In älteren Betrieben können sie jedoch weiterhin verfügbar sein.

Das sind sie in mitteldeutschen Hotels sehr zuverlässig, wie die Nachfrage ergab. Gleiches gilt auch für die zu Best Western und Radisson Blu gehörenden Gästehäuser. Die meisten stellen nur das Neue Testament zur Verfügung, ein sächsisches Hotel bietet zusätzlich das Buch Mormon an. In drei Hotels ist neben dem Neuen Testament auch eine buddhistische Schrift hinterlegt. Lediglich ein Leipziger Hotel hält religiöse Schriften nur auf Nachfrage bereit und verfügt als einziges von rund zwanzig befragten mitteldeutschen Hotels auch über den Koran.

Sollte Gästen das Fehlen einer Bibel im Hotelzimmer auffallen, empfiehlt der Sprecher des Gideonbundes Fabian Neumann, direkt die Leitung des Hauses anzusprechen. »Wir hatten daraufhin schon Anfragen von Hotelgesellschaften, die dann zumindest für das besagte Hotel Bibeln haben wollten«, erklärt er.

Dass die Bibel flächendeckend in Hotels Einzug gehalten hat, geht auf die Erfahrung dreier christlicher Geschäftsmänner Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika zurück. Wegen Überfüllung musste sich John H. Nicholson wiederholt ein Hotelzimmer mit anderen Männern teilen. Beide Bekanntschaften waren auch Christen. Mit ihnen gründete Nicholson im Mai 1899 eine Vereinigung christlicher Handelsreisender. Sie entwickelten die Idee, am Empfang eines jeden Hotels eine Bibel auszulegen.

1956 kam ein Abgesandter der Gideons nach Deutschland. Die ersten Gruppen der Organisation entstanden in Berlin und Frankfurt, zwei Jahre später wurde der Gideonbund als Verein eingetragen. Aktuell hat der Gideonbund über 4 700 Mitglieder in Deutschland. 2016 wurden durch sie über 742 000 Bibeln weitergegeben.

Obwohl die Zahl physisch greifbarer Bibeln in Hotels zurückgeht, könnten sie als App auf E-Book-Lesegeräten wieder vermehrt Einzug halten. Tatsächlich gibt es schon Hotels, die ihre Gästemappe digital auf einem Tablet zur Verfügung stellen. Ein Hotel in Newcastle stattete bereits 2012 seine Hotelzimmer mit eBook-Readern aus, auf dem das Alte und Neue Testament vorinstalliert ist.

In Ergänzung zum »physischen Angebot« bietet inzwischen auch der Gideonbund mit der »Gideon-Bible-App« einen digitalen Zugang zur Bibel. Es gibt sie kostenlos in den App-Stores.

Mirjam Petermann

http://gideons.de

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Ein Zeichen für alle

15. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Sich bekreuzigen: Warum ein katholischer Lehrer evangelische Christen für einen alten Ritus gewinnen will

Ein Thüringer Katholik will ein sichtbares Zeichen für die Ökumene setzen – das Kreuzzeichen. Ginge es nach Klaus Töpfer, bekreuzigten sich schon bald auch die Protestanten nach dem Gottesdienst und überließen die Geste nicht nur dem Mann oder der Frau vor dem Altar. Mit vielen Christen spricht der 73-Jährige in den letzten Monaten darüber, mit hochstudierten Professoren, mit Amtsträgern und Laien. Auch die Bischöfe in Magdeburg und Erfurt versucht er, für seine Idee zu gewinnen.

Seine Argumentation klingt schlüssig. Der Glaube an den einen Gott sollte wichtiger sein als die über Jahrhunderte gepflegte Betonung alles Trennenden zwischen den Konfessionen. In seinem Heimatdorf, Salomonsborn vor den Toren Erfurts, könne man sich das auch gar nicht mehr leisten.

Katholiken und Protestanten feierten hier zusammen Gottesdienst; mal seien die einen, mal die anderen in der Mehrheit. Immer – außer zu Weihnachten – blieben dennoch viele Kirchenbänke frei. Im Ort selbst seien die Christen eh in der Minderheit, so Klaus Töpfer. Mehr noch, beschwört der pensionierte Lehrer die gemeinsame Stärke, keine der beiden Konfessionen allein hätte die Sanierung der inzwischen so schmucken Dorfkirche allein stemmen können. Nur eine Seite hätte auch nicht die stolze Summe von 84 000 Euro zusammengebracht. So viel Geld ging nach seinen Angaben in den letzten Jahren in Form von Spenden und Zuwendungen beim Förderverein von St. Dionysius ein. Nein, es ist nur noch zusammen zu schaffen; sprich: ökumenisch. Also schreibt er freundliche Briefe an die beiden Bischöfe. Und bekommt freundliche Antworten.

Das Kreuzzeichen sei ein Gestus, den auch Martin Luther praktiziert und empfohlen hat, schreibt Anfang Juli Ilse Junkermann an den gebürtigen Eichsfelder. Das Zeichen zeige »die Verbundenheit mit Christus und ist deshalb immer auch eine Tauferinnerung«, so die Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Wenn es die Protestanten heute nicht praktizierten, sei das keine »Herabsetzung« mehr, sondern ein »Vergessenhaben«. Allerdings, schränkt sie ein, spielten für ihre Konfession Gebetshaltungen und Gesten generell eine sehr untergeordnete Rolle. Und dennoch – gerade von den Jüngeren werde das Kreuzzeichen inzwischen wieder entdeckt und immer häufiger angewandt.

Also gibt die Landesbischöfin grünes Licht? Nicht ganz. Da das Kreuzzeichen ein sehr persönlicher Gestus sei, könne dieser »nicht einfach für die eigene Frömmigkeitspraxis verordnet werden«. Eine starke Verankerung sei nur »über Vorbild, Nachahmung und Einübung« möglich, endet ihr Antwortschreiben an Klaus Töpfer ein wenig im vagen Unverbindlichen.

Auch ihr Amtsbruder lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster. Er bitte um Verständnis, dass er als katholischer Bischof nicht in die Gottesdienstagenda evangelischer Pfarrer eingreifen möchte, heißt es im Brief von Ulrich Neymeyr ein paar Wochen später. Es wäre für Klaus Töpfer als ökumenisch engagierten katholischen Christen »wesentlich leichter«, diesen Vorschlag zu machen. Es könne nicht seine – des Bischofs des Bistums Erfurt – Aufgabe sein, evangelische Christen darüber zu belehren, »dass sie beim katholischen Segen das Kreuzzeichen mitmachen können, ohne dabei ihre evangelische Identität zu verraten«.

Klaus Töpfer lässt sich davon nicht entmutigen. In Ricklef Münnich findet er den richtigen Partner. Dann ist es so weit. In der kleinen Kirche zu Salomonsborn lädt der evangelische Pfarrer zum Ende des ökumenischen Gottesdienstes die Protestanten dazu ein, es den Katholiken gleichzutun und ein Kreuz zu schlagen. Trotz Anleitung und Erklärung trauen sich aber noch nicht alle an das ungewohnte Ritual heran.

Jegliches hat seine Zeit. Auch das Kreuzzeichen. Ob in Erfurt, wie vor über 500 Jahren schon einmal, wieder Weltgeschichte beginnen kann? Klaus Töpfer schmunzelt. Als Martin Luther am 17. Juli 1505 an die Pforte des Augustinerklosters klopft, will er nur ein Mönch unter vielen sein. Historische Bedeutung bekommt dieser Moment erst Jahre später …

Dirk Löhr (epd)

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Das Leben geht weiter, als man denkt

8. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Samuel Koch – Wie der Unfall bei »Wetten, dass..?« seinen Glauben veränderte

Sport war sein Leben. Bis Samuel Koch 2010 bei »Wetten, dass..?« schwer stürzte. Doch statt sich zu verkriechen, wurde er Schauspieler, schrieb Bücher.

Hätte er sein Schicksal gekannt, er wäre davongelaufen, sagte Samuel Koch einmal. 2010 brach sich der Kunstturner bei der Fernsehshow »Wetten, dass..?« mehrmals die Wirbelsäule. Seitdem ist er vom dritten Halswirbel an gelähmt. Aber Koch will in Bewegung bleiben, er schloss sein Schauspielstudium ab, ist Ensemblemitglied am Staatstheater Darmstadt, engagiert sich sozial, vergangenes Jahr heiratete er. Am 28. September wurde er 30 Jahre alt.

Leicht zerstrubbeltes blondes Haar, oft einen Drei-Tage-Bart. Auf Fotos sieht man Koch meist in einem Sessel sitzen. Nur selten im Rollstuhl. Koch sagt, er hat sich 23 Jahre lang eher Saltos schlagend vorwärts bewegt als gehend. Bei sportlichen Herausforderungen hätte er fast nie nein sagen können. Jetzt dürfe er seiner Lähmung nicht so viel Aufmerksamkeit schenken. Zu seinen »Weitermach-Aktionen« gehören Konzertlesungen: Gemeinsam mit Sänger Samuel Harfst tourt Koch durch Deutschland, die Freunde lesen und singen über das Leben, das nicht nach Plan verläuft. Harfst sagt über seinen Bühnenpartner, Samuel Koch meistere sein Leben als Querschnittsgelähmter jedes Jahr ein bisschen besser. Er sei ein Kämpfer: »Wenn andere sich krankschreiben lassen, zieht er das Programm ohne mit der Wimper zu zucken durch.«

2010 war Koch der erste Kandidat der vorweihnachtlichen »Wetten, dass..?«-Sendung in Düsseldorf. Seine Paten waren Komiker Otto Waalkes und das Model Sara Nuru. Der Leistungssportler wollte mit Springfedern unter den Schuhen in vier Minuten über fünf fahrende Autos springen. Dreimal gelang ihm das mit Bravour. Aber beim vierten Auto, das sein Vater fuhr, stürzte er.

Samuel Koch ist seit dem Unfall bei »Wetten dass..?« im Jahre 2010 querschnittsgelähmt. Foto: epd-bild

Samuel Koch ist seit dem Unfall bei »Wetten dass..?« im Jahre 2010 querschnittsgelähmt. Foto: epd-bild

In den ersten 40 Stunden danach konnte er sich noch bewegen, dann zog die Lähmung in seinen Körper hoch. Koch, der aus einer protestantischen Familie in Südbaden stammt, sagt, sein Glaube habe sich durch das Unglück verändert. »Vor dem Unfall hatte ich eher eine Fernbeziehung zu Gott«, erklärte er im Juni 2017 beim Christustag in Leinfelden. Inzwischen habe sich das intensiviert.

Er habe zahlreiche Nächte mit Gott diskutiert, voller Wut und Verzweiflung. »Ich war nicht mehr der Chaot, der Turner, der Sportler, dem alles gelingt. Ich war reduziert auf das, was der Unfall von mir übrig gelassen hat.« Er habe zunächst nicht alleine in einem Zimmer sein wollen, nur mit seinem Körper zusammen.

Irgendwann habe er das »Vaterunser« wieder beten, den Satz »dein Wille geschehe« wieder aussprechen können. »Auch wenn der vielleicht ganz anders aussieht als meiner«, sagte Koch in einem Interview.

Nach seinem Sturz entdeckte er das Schreiben für sich: Im April 2012 erschien der Spiegel-Bestseller »Zwei Leben«. Darin erzählt er, wie er nach dem Unfall erkannte, dass er nichts mehr zu verlieren hat. Nur noch gewinnen kann. An einigen Stellen schimmert Galgenhumor durch: »Nehmt mich doch mit«, ruft er seinem Bruder und Freunden zu, als sie zum Schwimmen gehen. »Ihr könnt doch nach mir tauchen.«

Er nimmt auch sein bereits vor dem Unfall begonnenes Schauspielstudium wieder auf. Im Juli 2014 schließt er es an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover ab. Im darauffolgenden September wird er Ensemblemitglied am Staatstheater Darmstadt.

Dort spielte er etwa in dem Stück »Madame Bovary« mit oder in Goethes »Faust«. Bei Dreharbeiten zu der ARD-Soap »Sturm der Liebe« lernt er die Schauspielerin Sarah Elena Timpe kennen. 2016 heiraten sie in seiner Heimatstadt Efringen-Kirchen (Kreis Lörrach). Nach der Hochzeit klagte Koch darüber, dass ihm und seiner Frau öfter »viel Kraft« statt »herzlichen Glückwunsch« gesagt werde. »Es nervt uns manchmal, dass es so dargestellt wird, als hätten wir so ein Opfer zu tragen«, sagte er im Herbst 2016 im ZDF-Magazin »Volle Kanne«. Es sei keine Bürde, ein Paar zu sein.

Im September 2015 veröffentlichte Koch sein zweites Buch »Rolle vorwärts«. Darin schreibt er über sein Leben auf Rädern. Wie er im Schauspielstudium lernte, sich nicht auf die Frage zu konzentrieren: »Was kann ich nicht?«, sondern zu schauen: »Was kann ich?«. Und wie er sich jeden Tag lustige, schöne und glückliche Stunden sucht, »die mir gezeigt haben, dass das Leben manchmal weiter geht, als man denkt«.

Seinen Bekanntheitsgrad nutzt der Schauspieler immer wieder, um auf soziale Projekte aufmerksam zu machen, etwa auf die »Elfmeter-Stiftung«, die sich für Kinder mit Rückenmarksverletzungen einsetzt. Laut seiner Homepage baut Koch gerade eine Stiftung auf, die sich für Menschen engagiert, die einen ähnlichen Unfall hatten wie er.

»Vielleicht heilt mich Gott ja doch noch, still und leise in der Nacht«, schreibt Koch in seinem Buch. »Das stelle ich mir manchmal vor: Wie ich die Beine über die Bettkante schwinge, einfach aufstehe, und wie Gott und ich uns verschmitzt anlächeln.«

(epd)

Koch, Samuel, Müller, Titus: »Rolle vorwärts. Das Leben geht weiter, als man denkt«, adeo, 248 S., ISBN 978-3-863340711, 17,99 Euro.
Koch, Samuel, Fasel, Christoph: »Zwei Leben«, adeo, 205 S., ISBN 978-3-942208-53-6, 17,99 Euro.

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Wie sagt man? – Danke!

3. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Lebenshaltung: Dankbarkeit kann man mit einer einfachen Formel lernen

Haben Sie heute schon jemandem gedankt? – Nein? Dann überlegen Sie mal schnell, wem Sie heute danken könnten – Ihrer Frau oder Ihren Kindern? Der Postfrau oder dem Kollegen? Gott oder dem Leben? Und wenn Sie schon dabei sind, dann überlegen Sie gleich weiter: Wofür können Sie danken? Was haben Sie heute schon Schönes erlebt oder bekommen, gefühlt oder gesehen?

Es gibt tausend Gründe, dankbar zu sein – und das Erntedankfest ist eine gute Möglichkeit, sich wieder daran zu erinnern. Nicht nur für jetzt und dieses Fest, sondern für immer. Nicht nur aus Höflichkeit, wie wir es gelernt haben, sondern aus vollem Herzen.

Dankbarkeit ist eine Lebenshaltung. Und sogar eine, die das ganze Leben verändern kann. Wer dankbar ist, hat einen anderen Blick auf das Leben. Wer dankbar ist, hat einen Blick für das Schöne und Gelungene, für die vielen Geschenke, die das Leben uns macht. Wer dankbar ist, nimmt nichts als selbstverständlich hin. Alles ist Geschenk und kann zu etwas Kostbarem werden, wenn wir es so sehen lernen. Jede Begegnung, jeder einzelne Augenblick unseres Lebens, die wichtigen Dinge, die uns umgeben – alles ist einzigartig. Und je bewusster wir sie wahrnehmen, desto tiefer kann unsere Dankbarkeit und desto reicher wird unser Leben sein.

Lebenshaltungen kann man einüben, auch die Dankbarkeit. David Steindl-Rast, Benediktiner-Mönch und Meister der Dankbarkeit, hat dafür eine einfache Formel gefunden: »Stop – Look – Go« – das bedeutet »Innehalten – Schauen – Handeln«. Um Dankbarkeit als Lebenshaltung zu lernen, braucht es nichts weiter als dieses: Innehalten – um wahrzunehmen, was gerade passiert. Anhalten mitten im Alltagstrubel, für einen Augenblick. Spüren, was gerade guttut. Was spüren Sie gerade? Was tut Ihnen jetzt gerade gut?

Schauen – um den Reichtum des Lebens zu sehen. Schauen Sie sich um! Was gibt es gerade alles, wofür Sie danken könnten? Die Sonne vor dem Fenster? Das Lachen Ihres Kindes? Das neue Kleid? Der duftende Kaffee? Und schließlich: handeln – also danken. Gott danken mit einem Lied oder einfach mit einem stillen Lächeln. Ihrem Kind mit einer Umarmung. Oder der Postfrau mit einem guten Wort. – Und hat Ihnen eigentlich heute schon jemand gedankt?

Als ich die Kinder meiner Gruppe gefragt habe, wo sie Dankbarkeit erleben, habe ich nicht schlecht gestaunt: Fast alle Kinder haben davon erzählt, dass sich jemand bei ihnen selbst bedankt hat. Sie haben Dankbarkeit am eigenen Leib und in der eigenen Seele erfahren. Und sie haben gespürt, wie gut dass tut: »Danke, dass du den Tisch gedeckt hast!« – »Danke, dass du mir deinen Stift geborgt hast!« – »Danke, dass du meine Freundin bist.«

Kinder lernen offenbar Dankbarkeit am besten, wenn wir ihnen danken. Wenn sie uns, die Erwachsenen, als dankbare Menschen wahrnehmen. Und wenn sie erleben können, was für ein schönes Gefühl durch die Dankbarkeit entsteht. Wie schön das ist zu hören: »Danke! Du tust mir gut.«

Es ist Erntedank. Wir danken Gott für die Erntegaben, für die Fülle unseres Lebens, für all die Momente, in denen das Glück von ganz allein in die Dankbarkeit fließt. Wir danken den Menschen, die uns guttun und die uns lieben und wärmen. Und vielleicht üben wir uns auch über das Fest hinaus in Dankbarkeit, immer wieder. – Halten Sie inne, schauen Sie hin – und danken Sie. So oft Sie es aus vollem Herzen können. Sie werden sehen, welche Wunder das wirkt!

Wer dankbar ist, lebt bewusster und kann das Leben tiefer genießen. Werden Sie Genießer! Und stecken Sie andere mit Ihrer Dankbarkeit an. Dann wird aus dem Erntedank ein Lebensdank und aus dem einen Fest eine neue Lebenshaltung. Eine, die das ganze Leben heller strahlen lässt. Und das ist ja dann schon wieder ein Grund, dankbar zu sein.
Übrigens: Danke, dass Sie sich die Zeit für diesen Artikel genommen haben.

Friederike Hempel, Gemeindepädagogin, Erfurt

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Mit Christus ein Kuchen werden

25. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Martin Luthers Abendmahlsverständnis – Fleisch gewordenes Evangelium

Martin Luthers Abendmahlsverständnis wird wegen seiner Fokussierung auf die Vergebung der Sünden häufig kritisiert. Zusammen mit der vorgeschalteten Beichte sei es verantwortlich für das Missverständnis des Abendmahls als »traurige Unterhaltung« (Immanuel Kant) und der damit verbundenen Distanz vieler Kirchenmitglieder zum Abendmahlsempfang. Tatsächlich ist Luther überzeugt, dass sich im Abendmahl die Vergebung der Sünden erfahren lässt – nicht auf dem Weg des Hörens wie bei der Predigt, sondern auf sinnliche Weise in Form von Sehen, Riechen, Tasten und Schmecken. Das Abendmahl ist Fleisch gewordenes Evangelium. Es schenkt Versöhnung mit Gott dadurch, dass Jesus Christus jeden Menschen, so wie er ist – als wirklichen Sünder – an seinen Tisch einlädt.
Logo-CredoIm Kleinen Katechismus schreibt der Reformator: »Was nützt denn solch Essen und Trinken? Das zeigen uns diese Worte: Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden; nämlich, dass uns im Sakrament Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit durch solche Worte gegeben wird; denn wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit.« Damit ist klar: Auch für Luther geht es beim Abendmahl nicht bloß um die Vergebung der Sünden. Diese ist jedoch das Nadelöhr, um die anderen Aspekte – Leben und Seligkeit – zu erfahren. Das Abendmahl ist für Luther ein geistliches Lebensmittel. Es will in den Belastungen des Alltags Kraft zum Leben vermitteln und Horizonte der Hoffnung eröffnen. Dazu gehört die Aussicht auf die endgültige Überwindung der Nöte und Sorgen in Gottes neuer Welt, wobei diese Hoffnung die Erwartung einschließt, dass bereits in dieser Welt Veränderungen zum Guten möglich sind. Dadurch, dass die Kommunizierenden Leib und Blut Jesu Christi zu sich nehmen, erhalten sie Teil an seinem ewigen göttlichen Leben und an den Kräften der unsichtbaren Welt. Luther entdeckte den Charakter des Abendmahls als Gemeinschaftsmahl wieder. Es lässt die Feiernden erfahren, dass sie nicht allein sind, sondern zusammen mit Schwestern und Brüdern den Weg des Glaubens gehen. Das gemeinsame Essen und Trinken verbindet stärker als das bloße Miteinander-Reden!

Martin Luther legte die Grundlage für ein mystisches Verständnis des Abendmahls im Luthertum. In ihm vollzieht sich die Vereinigung von Braut und Bräutigam, d. h. des Gläubigen mit Christus. Beide werden »ein Kuchen, ein Brot, ein Leib, ein Trank und alles gemein«. Die Initiative für die innige Vereinigung mit Christus ging von dessen Liebe zum Menschen aus. Die Liebe Christi im Abendmahl zu erfahren, entzündet im Menschen seinerseits die Liebe zum Nächsten: »Denn wenn die Liebe nicht täglich wächst und den Menschen so verwandelt, dass er an seinem Mitmenschen Anteil nimmt, da bleibt das Sakrament für ihn ohne wirkliche Bedeutung.« Luther bestand Zeit seines Lebens entsprechend der mystischen Tradition auf der Realpräsenz Jesu Christi im Abendmahl. Er ist in, mit, unter Brot und Wein mit seinem Leib und Blut leibhaftig gegenwärtig. Die Realpräsenz ist für den Reformator unaufgebbar. Denn sie lässt die Kommunizierenden auf sinnliche Weise – unabhängig von gedanklichen Einsichten, Gefühlen und Stimmungen – die Nähe Gottes erfahren.

Luther schreibt im Großen Katechismus, dass das Abendmahl nur bei häufigem Empfang seine spirituelle Kraft entfalten kann. Es war deshalb ein großer Fortschritt, dass es in der evangelischen Kirche seit den 1970er-Jahren nicht länger bloß dreimal im Jahr, sondern in den meisten Gemeinden wenigstens einmal im Monat im Hauptgottesdienst gefeiert wird.

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge und Spiritualität an der Universität Leipzig.

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Da sein – mit ungeteiltem Herzen

4. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Suche nach einem einfachen Lebensstil ist ein modernes Thema und ein wichtiges. Einfachheit – im Christentum steht der Begriff für die Ausrichtung des ganzen Herzens auf Christus, für Liebe ohne Nebenabsichten.

Im Alten Testament entspricht das Wort »tham« unserer Einfachheit. Allerdings hat es noch viele andere Bedeutungen. Und auch die Septuaginta übersetzt es verschieden, einmal mit einfach, dann mit vollkommen, lauter, wahrhaftig, heilig, untadelig. Gott selbst spricht zu Salomon: »Wenn du mit ungeteiltem und aufrichtigem Herzen vor mir den Weg gehst, den dein Vater David gegangen ist, und wenn du alles tust, was ich dir befohlen habe, wenn du auf meine Gebote und Rechtsvorschriften achtest, dann werde ich deinen Königsthron auf ewig in Israel bestehen lassen.« (1. Könige 9,4+5)

Einfachheit meint hier die völlige Hingabe des Menschen an Gott. Ich bin König in seinem Dienst. Es geht mir nicht um meinen Ruhm und um meine Macht, sondern einfach darum, für die Menschen da zu sein und das Beste für sie zu wollen. Wer mit einfachem Herzen für die Menschen da ist, der ist ein Segen für sie. Auf ihn kann man sich verlassen. Man spürt, dass er es gut mit einem meint. Er ist frei von allem egoistischen Kreisen um sich selbst. Er ist ganz und gar von Gottes Geist durchdrungen. Er ist allein auf das eine gerichtet: gut zu sein und Gutes zu tun und für die Menschen das Beste zu wollen.

In der Bergpredigt spricht Jesus vom einfachen und klaren Auge: »Wenn dein Auge einfach (griechisch: haplous) ist, dann wird dein ganzer Körper hell sein. Wenn aber dein Auge böse (griechisch: poneros) ist, dann wird dein ganzer Körper finster sein.« (Matthäus 6,22 und Lukas 11,34) Manche Exegeten übersetzen das »haplous« oft mit »gesund« und das »poneros« mit »krank«. Da ist sicher etwas Richtiges gesehen. Das einfache Auge ist gesund. Es sind die Dinge so, wie sie sind. Es projiziert nicht die eigenen Bedürfnisse oder Emotionen in die Dinge und in die Menschen hinein. Wir sehen es einem Menschen an, ob er klar und aufrichtig ist. Wir brauchen ihm nur in die Augen zu sehen. Dann spüren wir, was von ihm ausgeht: Klarheit oder Unklarheit, Liebe oder Härte, Verurteilen oder Annehmen, Güte oder Verachtung.

Foto: Srubina – Fotolia.com

Foto: Srubina – Fotolia.com

Es gibt Menschen, die einen freundlich begrüßen. Aber das Auge bleibt unfreundlich und abweisend. Bei solchen Menschen fühlt man sich nicht wohl. Da sehnen wir uns nach Menschen mit einem einfachen Auge. Bei ihnen wissen wir, woran wir sind. Und von solchen Menschen geht eine gute Ausstrahlung aus. Im Lukasevangelium verweist Jesus auf diese positive Ausstrahlung, wenn er das Wort vom Auge noch weiter ausführt: »Achte also darauf, dass in dir statt Licht nicht Finsternis ist. Wenn dein ganzer Körper von Licht erfüllt und nichts Finsteres in ihm ist, dann wird er so hell sein, wie wenn die Lampe dich mit ihrem Schein beleuchtet.« (Lukas 11,35f.) Von so einem Menschen mit einem einfachen und gütigen Auge wird Licht ausgehen. Die Menschen werden seine Wärme spüren. Sie werden das Klare und Einfache in ihm wahrnehmen. So können sie ihm vertrauen. Und sie fühlen sich in seiner Nähe wohl.

Paulus, der die stoische Philosophie kennt und ihre Vorliebe für die Einfachheit, gebraucht siebenmal das Wort »haplotes«. Im Römerbrief fordert er die Christen auf: »Wer gibt, gebe ohne Hintergedanken (en haploteti = in Einfachheit, in der Einfalt des Herzens).« (Römer 12,8) Auch zu den Korinthern spricht er dreimal vom selbstlosen Geben (haplotes) (2. Korinther 8,2; 9,11.13). Und er hält seine eigene Selbstlosigkeit und Einfachheit denen entgegen, die diese Einfachheit vermissen lassen. »Ich fürchte aber, wie die Schlange einst durch ihre Falschheit Eva täuschte, könntet auch ihr in euren Gedanken von der aufrichtigen und reinen Hingabe an Christus abkommen.« (2. Korinther 11,3) Hier geht es nicht mehr um Selbstlosigkeit, sondern um die Ausrichtung des ganzen Herzens auf Christus. Der einfache Christ ist der, der sich ganz und gar vom Geist Jesu bestimmen lässt und sich mit ungeteiltem Herzen Christus hingibt. Einfachheit ist hier Ausdruck von einer Liebe ohne Nebenabsichten. Es ist eine klare Liebe. Und es ist eine Haltung, in der ich durchlässig bin für Christus, und Christi Geist nicht mit meinen eigenen egoistischen Wünschen trübe.

Die deutsche Sprache hat ihre eigene Erfahrung mit dem Wort »einfach«. Es meint ursprünglich: nicht doppelt, nicht zusammengesetzt. In »einfach« steckt das Wort »Fach«, das etwas Abgeteiltes meint. Ursprünglich beschreibt es das geflochtene Fischwehr in Flüssen. Im Mittelalter nennt man das mit Flechtwerk ausgefüllte Zwischenfeld in einer Wand Fach. Man errichtet Fachwerkbauten. Später spricht man dann vom Fach im Unterricht oder von einem Spezialgebiet in Handwerk, Kunst und Wissenschaft. Da gibt es dann den Fachmann, der für dieses Fach besonders begabt oder gebildet ist. In dem Wort »einfach« klingt noch das »eine Fach« nach, das einen Fachmann braucht, der sich auf das »eine« konzentriert. Für den Fachmann ist alles einfach. Er braucht die Dinge nicht zusammenzusetzen oder gar doppelt auszuführen. Er formt die Dinge so, dass sie einfach und klar werden. Es ist nicht so einfach, einfach zu leben. Dazu braucht es den Fachmann, der es versteht, das eine zu wollen.

»Einfachheit ist das Resultat der Reife«, sagt Friedrich von Schiller. Wir sagen manchmal eher abschätzig von einem Menschen, dass er sehr einfach sei, einfach strukturiert, einfach im Denken, fast etwas einfältig. Schiller sieht die Einfachheit als Zeichen eines reifen Menschen. Wer reif geworden ist, der ist auch in sich und mit sich eins geworden. Seine innere Einheit wird sich auch auf die Beziehung zu den anderen Menschen auswirken. Er wird ihnen gegenüber klar sein. Er muss sich nicht darstellen. Er kann es sich erlauben, einfach da zu sein. Seine Einfachheit im Denken und in seiner Ausstrahlung wirkt befreiend und einend. In seiner Nähe wird einem etwas klar, da klärt sich das Trübe in uns und wir blicken durch.

Anselm Grün

Rettungsfloß im Lebensfluss

28. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Martin Luthers Schrift »Von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche«

Drei Jahre nach dem Thesenanschlag zu Wittenberg, dessen lebensgefährliche Folgen Luther nicht schwächer noch zahmer gemacht haben, legt der deutsche Schismatiker wider Willen in kürzester Zeit eine Serie von theologischen Traktaten vor. Diese bilden in ihrer programmatischen Dichte und Radikalität den eigentlichen Sprengsatz unter dem in anderthalb Jahrtausenden errichteten macht- und prachtvollen Gebäude der römisch-katholischen Kirche. Sie lassen Kirche, Kaiser und Reich endgültig in eine Richtung zerbersten, deren Pointe nicht nur die konfessionelle Spaltung des Kontinents ist, auch die politischen Strukturen und Verhältnisse sind danach nicht mehr wiederzuerkennen. »Warum das plötzlich alles aus ihm herausdrängt wie eine magmatische Eruption, ist Luther selbst unbegreiflich« (Heimo Schwilk: »Luther, der Zorn Gottes«). Aber der Wahrheitsfuror, der ihn ergriffen hat, ist nicht mehr aufzuhalten.
Logo-CredoDie, wenn man so will, Gründungsschriften des Protestantismus, seiner zukünftigen evangelischen Kirche, zu der er die ganze, ungespaltene katholische Kirche leidenschaftlich gerne gemacht hätte, sind nun in der Welt, und sie wirken: »An den christlichen Adel deutscher Nation«, »Vorspiel von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche«, schließlich die vielleicht berühmteste von ihnen: »Von der Freiheit eines Christenmenschen.« Die mittlere richtet sich vordergründig scheinbar nur an die »lateinische Fachwelt« der Zeit. Ihre vorherrschende, mittelalterlich formierte Auffassung, dass es sieben Sakramente gäbe, sie ist aber in Wirklichkeit nichts anderes als ein totaler Angriff auf das gesamte juristische und lehramtliche Fundament der Kirche des Papsttums: Taufe, Abendmahl, Buße, Firmung, Ehe, Priesterweihe und letzte Ölung. Luther, der auch in diesem Fall allein vom Schriftprinzip »sola scriptura« her argumentiert, sieht jedoch nur für Taufe und Abendmahl biblische Legitimität gegeben. Der Rest ist ihm ausgeklügeltes Menschenwerk. Allein der Buße kann er noch sakramentales Gewicht abgewinnen, sogar die Ohrenbeichte bleibt ihm »nützlich, ja notwendig«, nur im Unterschied zu Taufe und Abendmahl fehlt ihm ihr Zeichencharakter.

Gottesdienst mit Taufe eines Kindes. Alle anwesenden Kinder sind eingeladen, mit vor den Taufstein zu treten und zu schauen, was geschieht. Foto: epd-bild

Gottesdienst mit Taufe eines Kindes. Alle anwesenden Kinder sind eingeladen, mit vor den Taufstein zu treten und zu schauen, was geschieht. Foto: epd-bild

Mit der Taufe aber beginnt alles; sie ist für Luther »das einzige Sakrament«, das Gott »nach dem Reichtum seiner Barmherzigkeit« (Epheser 1,7) nicht nur »in seiner Kirche ungeschmälert und unbefleckt erhalten hat«, er hat es auch »für alle Völker und alle Stände der Menschen freigehalten«. Eine ursprüngliche Unbeflecktheit, die dem Kind zugutekommt, ist hier am Wirken. Warum? Weil die Kinder, im Unterschied zu den Erwachsenen, »des Geizes und des Aberglaubens noch nicht fähig sind«. Denn »obwohl der Teufel die Kraft der Taufe in den Kindern nicht hat auslöschen können, hat er sie doch in allen Erwachsenen zu vertilgen vermocht, sodaß es … fast niemanden mehr gibt, der es beherzigt, daß er getauft worden ist, viel weniger, daß er sich dessen rühmt, nachdem so viele andere Wege zur Sündenvergebung und in den Himmel zu kommen erfunden worden sind«.

Für Luther ist in diesem diabolisch verwirrten Kontext die Taufe geradezu die Urbuße, die es überhaupt erst ermöglicht, ist der Mensch in Sünde gefallen, das Rettungsfloß »Buße« zu erreichen. Am Verheißungscharakter der Taufe, wie er in Markus 16,16 proklamiert wird: »Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden.« – »an dieser Verheißung«, sagt Luther, »hängt unsere ganze Seligkeit«. Doch ist die Taufe ihm damit kein billiger Versicherungsscheck, vielmehr ist sie Leben spendende Rettungsperspektive nach der je und je eintretenden individuellen Sündenkatastrophe.

Nur wäre Luther nicht Luther, ließe er gerade an diesem elementaren Rettungsakt falsche Gewissheit zu: »Aber man muß sie«, die Seligkeit, »so beachten, daß wir den Glauben an ihr üben und ganz und gar nicht zweifeln, daß wir selig sind, nachdem wir getauft sind«, straft »solcher Unglaube … die göttliche Verheißung Lügen, was die größte Sünde überhaupt ist«. Luther weiß also, dass »diese Übung des Glaubens« zum Schwersten gehört, was der Mensch, im Wissen um seine Sündhaftigkeit, zu leisten vermag. Dennoch: »die Wahrheit der einmal geschehenen Verheißung bleibt allezeit bestehen, die uns mit ausgestreckten Händen aufnehmen will, wenn wir umkehren« – und damit zurückkehren »zu der Kraft und dem Glauben der Taufe, daraus wir gefallen sind«. Sie kann ja »durch keine Sünde verändert werden«.

Ulrich Schacht

Der Autor ist Schriftsteller und Theologe, er steht der evangelischen Bruderschaft St.-Georgs-Orden vor.

Brautwerbung um die schöne Rebekka

22. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Bibel: Eine allzu menschliche Geschichte von Liebe und Betrug, Bruderzwist und Rache

Die schöne Rebekka war die Frau des biblischen Patriarchen Isaak, also die Schwiegertochter Abrahams, und die Mutter von Esau und Jakob. Der Bericht darüber, wie sie Abrahams Gutsverwalter als Braut warb, gehört zu den poetischen Highlights der hebräischen Bibel. Wohl auch deshalb feiern die katholischen Christen heute noch am 30. August und die Orthodoxen am 21. August Rebekkas Namenstag.

Abraham will auf keinen Fall, dass sein Isaak eine einheimische Kanaaniterin – in Abrahams Augen sind das Götzenanbeter – heiratet. Deshalb schickt er den Vertrauten in seine mesopotamische Heimat zu seiner Verwandtschaft. Als der Verwalter dort am Brunnen vor der Stadt ankommt, ausgerüstet mit zehn Kamelen und »allerlei kostbaren Sachen«, mit denen sich ein Mädchen und dessen Vater betören lässt, schickt er ein Stoßgebet zum Himmel: »Herr, Gott meines Herrn Abraham, lass mich heute Glück haben!«

Er hat Glück. Noch während des Gebets kommt die ebenso rassige wie liebenswürdige Rebekka zum Brunnen, steigt leichtfüßig zur Quelle hinab, füllt ihren Wasserkrug und gibt dem durstigen Reisenden zu trinken: »Auch für deine Kamele will ich schöpfen, bis sie sich satt getrunken haben.« Und er weiß sofort: Das ist die Richtige für Isaak.

Natürlich stimmt die Verwandtschaft der Brautwerbung zu (»Die Sache ist vom Herrn ausgegangen«). Doch wie das Buch Genesis weiter berichtet (in den Kapiteln 24 bis 27), warten Sorgen und Verwicklungen auf das Paar: Die Ehe bleibt zwanzig Jahre lang kinderlos, und als Rebekka dann doch schwanger wird, sind es Zwillinge, die ihr grausame Schmerzen bescheren, weil sie im Mutterleib einander stoßen und bekämpfen. Gott selbst gibt ihr die Erklärung: »Zwei Völker sind in deinem Leib, zwei Stämme trennen sich schon in deinem Schoß. Ein Stamm ist dem andern überlegen, der ältere muss dem jüngeren dienen.« (Genesis 25,23)

Tatsächlich wird der jüngere Zwilling, Jakob, zum Stammvater des Volkes Israel, Esau hingegen – von Jakob und Rebekka um den väterlichen Segen betrogen und um sein Erstgeburtsrecht, das er für das sprichwörtliche Linsengericht verkauft – zum Ahnherrn der Edomiter. Eine allzu menschliche Geschichte von Liebe und Betrug, Bruderzwist und Rache, aber auch ein Beweis dafür, dass die Bibel keine fromme Idealwelt im Auge hat, sondern die Realitäten des Menschenlebens kennt. Gott weiß, wie die Menschen sind, deshalb kann er ihnen so viel verzeihen, aber auch die Kräfte des Guten in ihnen herausfordern und sie verwandeln – wenn sie es zulassen.

Christian Feldmann

Dem Himmel so nah

14. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Tausende Gipfelkreuze stehen in den Ostalpen. Sie sind christliches Symbol, gehören zum Bergklischee – und geben Anlass für Diskussionen. An einigen hängen mittlerweile auch tibetische Gebetsfahnen.

Es ist ein Bild, das einen festen Platz im Album der europäischen Urlaubsklischees hat: Fröhliche Menschen in bunten Funktionsjacken, ein felsiger Gipfel und dahinter, so weit das Auge reicht, die Bergketten der Alpen. Komplett ist der Schnappschuss für die Trophäensammlung aber nur mit einem besonderen Symbol – dem Gipfelkreuz. Das Foto mit dem Gipfelkreuz sei »mittlerweile einfach in der DNA der Bergsteiger drin«, sagt Thomas Bucher, Sprecher des Deutschen Alpenvereins (DAV). »Das Kreuz als Symbol gehört für die meisten zum Gipfel dazu, wie die Kirche zum oberbayerischen Ort.«

Trotzdem: Eine Selbstverständlichkeit sind Gipfelkreuze nicht. In großer Zahl wurden sie erst ab dem 18. Jahrhundert aufgestellt, besonders viele kamen Mitte des 20. Jahrhunderts dazu.

Berggipfel gelten in vielen Kulturen als Punkte, in denen sich »Himmel und Erde berühren«. Darum sind religiöse Symbole naheliegend. Das Kreuz in den Alpen aber ist auch umstritten. Ein prominenter Kritiker ist Bergsteiger-Ikone Reinhold Messner. Man solle die Berge nicht »zu religiösen Zwecken möblieren«, sagte er im vergangenen Jahr der »Süddeutschen Zeitung«. Im Sommer 2016 beschädigten Unbekannte mehrere Gipfelkreuze in der Gegend um Bad Tölz schwer.

Dabei liegen die Zeiten, in denen das Gipfelkreuz ein rein religiöses Symbol war, schon länger zurück, wie Claudia Paganini urteilt, Philosophin an der Universität Innsbruck. Die ersten Gipfelkreuze, die ab dem 13. Jahrhundert in den Alpen aufgestellt wurden, seien noch der Frömmigkeit der örtlichen Bevölkerung entsprungen, sagt die Autorin, die das Buch »Dem Himmel so nah« über das Phänomen der Gipfelkreuze geschrieben hat.

So habe es beispielsweise früh Kreuze auf »Wetterbergen« gegeben – jenen Gipfeln, hinter denen man Unwetter heraufziehen sah. »Es gab Gebetsrituale an diesen Kreuzen, um ein mildes Wetter zu bitten.« In entlegenen Bergregionen habe man sich auch zu einer Art Gottesdienst am Gipfelkreuz getroffen.

Foto: epd-bild

Foto: epd-bild

Gleichwohl seien diese Gipfelkreuze auch »weiter den Berg hinauf gewanderte« Verwandte von Wegkreuzen gewesen, sagt Paganini. Die waren seit der Christianisierung in den Alpen vertreten. Als Dankesmale – aber auch als eher profane Weg- oder Grenzmarkierung.

Nachhaltig änderte sich die Lage, als die Alpen zu einem Reiseziel wurden. Adelige, oft aus alpenfernen Gegenden, bestiegen ab dem 18. Jahrhundert die Gipfel – und setzten weithin sichtbare Monumente als Zeichen für ihre »Macht über den bezwungenen Berg«, wie Pa­ganini erklärt. Zunächst habe man Fahnenmasten errichtet. Allerdings habe es Sorge gegeben, »Gott ins Gehege zu kommen, Gott in seiner Allmacht infrage zu stellen, indem man auf diese hohen Gipfel gestiegen ist«, erzählt sie.

Die Lösung fand sich im Gipfelkreuz.

Die nächste Welle des Alpinismus als Breitensport brachte Kreuze dann auch auf kleinere Gipfel, oft aufgrund von Privatinitiativen. Die meisten Kreuze seien aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet worden, sagt Thomas Bucher vom Alpenverein – oft als Zeichen der Dankbarkeit von heimgekehrten Soldaten.

Als der Transport durch Helikopter möglich wurde, kam es nach Paganinis Beobachtung zu »echten Challenges, wer das größere, pompösere Kreuz aufstellt«. Die Wissenschaftlerin urteilt: »Die haben dann oft eher wie Fremdkörper gewirkt.« Mittlerweile gebe es neue Trends. Etwa hin zu künstlerisch gestalteten Kreuzen, die als Zeichen der religiösen Versöhnung, der Offenheit und Toleranz verstanden werden könnten.

Auf Gipfeln in den Ostalpen mischten sich mittlerweile optisch die Religionen, sagt Bucher. An einigen Kreuzen hingen nun auch tibetanische Gebetsfahnen. »Das ist gar kein Konflikt«, betont der DAV-Sprecher – es gebe in Bergsteigerkreisen eine »große kulturelle Verbundenheit zu Nepal«. Für viele Alpenfreunde im DAV sei das Kreuz ohnehin eher »Kulturgut« als religiöses Symbol.

Wer die Kreuze heutzutage aufstellt, das sei völlig unterschiedlich: Von DAV-Sektionen über örtliche Burschenvereine, Kirchengemeinden oder Privatinitiativen sei alles dabei. Es gebe eine Art »Gewohnheitsrecht«, sagt Bucher: »Wer das letzte Kreuz aufgestellt hat, sorgt meistens auch dafür, dass ein neues hinauf kommt.« Denn im Normalfall müsse ein Kreuz alle zehn bis zwanzig Jahre ausgetauscht werden: »Da herrscht ja eine raue Witterung in den Bergen.«

Womit auch schon das letzte große Rätsel um die Gipfelkreuze angeschnitten ist: Wie viel der Kreuze es in ihrem Hauptverbreitungsgebiet, den Ostalpen, gibt, das weiß wohl niemand. »Viele, viele Tausend«, sagt Bucher, »mehr oder weniger auf jedem nennenswerten Gipfel in den Ostalpen«. Und Paganini ergänzt: »Es kommen ja immer wieder welche hinzu. Und andere verfallen.«

Florian Naumann  (epd)

Eine andere Welt

7. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Erfahrung: Ein evangelischer Redakteur besucht eine katholische Abendmesse.

Für das Experiment, einen Gottesdienst der jeweils anderen Konfession zu besuchen, habe ich mir etwas herausgesucht, was es bei uns Protestanten so nicht gibt: eine Abendmesse im Marienmonat Mai, mitten in der Woche. Ich mache mich kurz vor 18 Uhr mit dem Fahrrad auf den Weg zur Deutschordenskirche, eine Kirche an einer mehrspurigen Straße in Frankfurt am Main. Der Orden feiert Messen auch gerne mal nach altem Ritus. Wenn katholisch, dann richtig.

Die Kirchentür ist zu, als ich mein Rad abstelle. Ich frage mich schon, ob ich mich geirrt habe, da läuten die Glocken. Ich drücke die Türklinke und tatsächlich, die Kirche ist offen. Also doch keine geschlossene Gesellschaft. Der Verkehrslärm bleibt draußen. Ich trete in eine andere Welt.

Weihrauch liegt in der Luft. Von der Decke des Altarraums hängt eine gelb-weiße Fahne, die sich nach einem Drittel ihrer Länge in zwei Enden teilt. Die Enden der Fahne sind an den Seitenwänden des Altarraums befestigt. Ihr eleganter Schwung verleiht der üppigen Architektur Leichtigkeit.

Wir sind zwölf Gottesdienstbesucher, jede und jeder für sich in einer Bank über die Kirche verteilt. Vom kleinen Mädchen mit seiner Mutter bis zum alten Herrn in der ersten Reihe. Am Lesepult steht der Priester mit goldgelber Stola und vollem weißen Haar. In seinem Rücken sitzen zwei dunkelbärtige Männer in weißen Messgewändern über ihrem schwarzen Rock. Viel Personal für wenig Besucher. Aber es geht nicht um die Zahl, sondern um die Andacht jedes Einzelnen.

»Gegrüßt seist du, Maria«, erinnert der Priester an den biblischen Gruß des Engels an die Gottesmutter. »Das ›Gegrüßt seist du‹ gilt auch unserem alten Europa, zu dem die Franzosen bei den Wahlen ›oui‹ gesagt haben«, schlägt er den Bogen vom Ave Maria ins Heute. Vor meinem geistigen Auge erscheint eine überlebensgroße Maria über der Landkarte Europas. Der Priester erklärt: »Bete für uns Sünder! Das gibt es in allen Sprachen: Pray for us sinners. Ora pro nobis peccatoribus. Auf Französisch: Priez pour nous, pauvres pecheurs. Nur die Franzosen sind arme Sünder.« Was diese Sprachfeinheit uns zu sagen hat, wird mir nicht klar. Aber der Klang der weltweiten Kirche schwingt im Raum.

Die Messe nimmt ihren Gang. Epistel, Evangelium, Fürbitten. Die beiden Weißgewandeten decken den Altartisch. Jede Bewegung, jede Geste ist präzise. Die Worte fließen dahin. Monoton, denke ich. Doch gleichzeitig hat dieses Fließen etwas Unaufgeregtes, Beruhigendes. Jeder in der Kirche kennt seinen Einsatz, weiß, was wann zu sprechen ist, wann man aufsteht, wann man sich hinkniet.

Der Priester spricht am Altar die Einsetzungsworte für die Eucharistie. Die beiden Männer in den hellen Messgewändern knien vor den Stufen. Zwischen ihnen steht eine große Osterkerze. Der Priester am Altar mit erhobenen Händen, die beiden Knienden davor, die Kerze in der Mitte bilden eine vollendete Symmetrie.

»Der Friede des Herrn sei mit euch«, spricht der Priester. Bislang gab es kaum Blickkontakt unter den Gottesdienstbesuchern. Nun dreht sich jede und jeder und nickt dem Nächsten zu. Der Priester am Altar isst die Hostie und trinkt aus dem Kelch – allein vor aller Augen. Ich weiß, dass er das stellvertretend tut. Trotzdem befremdet mich diese von der Gemeinde abgehobene Rolle des katholischen Priesters immer. Nun geht er zu dem alten Herrn in der vordersten Reihe und reicht ihm zuerst die Hostie. Warum der Mann dieses Privileg hat, kann ich nicht erkennen. Das beobachte ich auch in anderen katholischen Messen. Es scheint öfter einige Ausgewählte zu geben, die vor den anderen kommunizieren dürfen.

»Einen guten Abend und gehen wir in Frieden«, verabschiedet uns der Priester, bevor er den Segen spricht. Ein Marienlied, »Freu dich, du Himmelskönigin«, und die Messe ist aus. Sie hat eine halbe Stunde gedauert. Wir Evangelischen legen großen Wert auf jedes einzelne Wort, machen oft viele Worte. Aber es geht offenbar auch ohne Bedeutungsschwere. Der Fluss der Gebete, die souveränen Bewegungen und Gesten der Messe öffnen einen Moment außerhalb der Zeit. Eine andere Welt.

Martin Vorländer

Der Autor ist theologischer Redakteur im Evangelischen Medienhaus Frankfurt/Main.

Der gekittete Kelch

1. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Erfahrung: Eine katholische Redakteurin besucht einen evangelischen Gottesdienst.

Wie gut, dass es dieses Lutherjahr gibt! Wäre ich sonst an einem sonnigen Maimorgen in eine Uniklinik gefahren, um dort an einem evangelischen Gottesdienst teilzunehmen? Nein. Dabei war das so eine tiefe und gute Erfahrung. Es ist so: Ich war schon recht oft in evangelischen Gottesdiensten. Sie haben manche Vorzüge, von denen mich einige regelrecht begeistern.

Im evangelischen Gottesdienst werden die Lieder häufig in ganzer Länge gesungen, mit den Texten wunderbarer Dichter wie Andreas Gryphius und Paul Gerhardt. Das ist auch an diesem Morgen im Gottesdienst so. Diesmal heißt der mir unbekannte Dichter Johann Jakob Rambach, und wir sechs Gottesdienstteilnehmer singen »Ich bin getauft auf deinen Namen« von 1735.

Wie viele Menschen in den Krankenzimmern, in die der Gottesdienst übertragen wird, mitsingen und -beten, wissen wir nicht. Die mir fremden Verse ergreifen mich: »Mein treuer Gott, auf deiner Seite/bleibt dieser Bund wohl feste stehn;/wenn aber ich ihn überschreite,/so lass mich nicht verloren gehn;/nimm mich, dein Kind, zu Gnaden an,/wenn ich hab einen Fall getan.«

Für mich als Frau ist es immer ein Erlebnis, eine Frau als Pfarrerin am Altar zu erleben, und das ist auch heute so. Die Pfarrerin ist so überzeugend. Sie hat diese ausgebildete Stimme der evangelischen Pastoren, die zugleich rollenbewusst ist und variabel. Sie spricht einen fröhlich an zur Begrüßung, sanft und innig im Gebet, deutlich und klar in der Predigt.

Ihre Worte drehen sich heute um das Werdenlassen, darum, dass die Menschen nicht alles selbst lösen können, sondern Erlöste sind, von der Taufe an. Und wenn sie sich mit Rainer Maria Rilke darauf bezieht, dass alles »ausgetragen – und dann geboren ist«, so höre ich das einfach gern aus dem Mund einer Mutter, die weiß, wovon sie spricht.

Noch etwas Wunderbares im evangelischen Gottesdienst, auf das ich mich immer schon freue, ist der Spruch nach der Predigt. Wenn die Diener des Wortes zu Ende gesprochen haben, nach ihren Höhenflügen des Geistes und der Rede, dann sagen sie im evangelischen Gottesdienst immer: »Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.«

Das ist, lerne ich jetzt, ein Zitat aus dem Brief des Paulus an die Philipper. Wie schön ist diese rituell wiederholte Einsicht, dass es etwas gibt, das die Vernunft auch der klügsten Rede und Predigt übersteigt.

Mir fällt es also gar nicht schwer, viel Gutes über den evangelischen Gottesdienst zu sagen. Ich mag auch die klare Aufgeräumtheit des Kirchenraums.

Leise irritiert mich, dass die mir gewohnten beiden Lesungen fehlen. Interessant: Das Evangelium wird von einer ehrenamtlichen Dame vorgetragen. Zu den Einsetzungsworten beim Abendmahl geht es mir zu rasch. Was wieder schön ist: wie die Gläubigen einen Kreis bilden und gemeinsam das Abendmahl empfangen.

Als ich genauer auf den großen Keramikkelch schaue, bin ich wie vom Schlag gerührt: Der ist ja geflickt! Der war in Scherben und wurde gekittet! In meinem katholischen Kopf arbeitet es heftig: Was für ein Symbol für eine Gabe, die aus dem Sterben und Auferstehen kommt! Aber auch: Wie können sie nur! Ist es ihnen nicht einen neuen Kelch wert, das Wertvollste? Und dann: Aber in der japanischen Keramik gibt es das auch: Gerade das wieder Geheilte mit seinen sichtbaren Rissen wird am höchsten geschätzt. Und am Ende: Ja, dieser Kelch steht für uns, für uns als Evangelische und Katholiken. Wir lagen in Scherben und werden wieder zusammengefügt. Dann sind wir eins aus vielen Stücken.

Ruth Lehnen

Die Autorin ist stellvertretende Redaktionsleiterin der katholischen Kirchenzeitungen für die Bistümer Fulda, Limburg und Mainz.

Kriegsdienst, um das Böse einzudämmen

25. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Martin Luthers Schrift »Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können«

Die Frage danach, ob Christen mit gutem Gewissen Wehrdienst leisten und in der Folge auch an einem Krieg aktiv teilnehmen können, hat schon die frühe Christenheit umgetrieben. Das beweist die Tatsache, dass in Lukas 3,14 die Frage der Soldaten an Johannes den Täufer überliefert wird: »Was sollen denn wir tun?« Seine Antwort lautet: »Tut niemandem Gewalt noch Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!« Dahinter steht die Forderung nach Humanisierung des Krieges, nicht aber nach seiner Abschaffung. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist das Problem des Wehrdienstes und der Kriegsteilnahme von Christen in beiden deutschen Staaten äußerst kontrovers diskutiert worden. Angesichts der furchtbaren Gräuel des Zweiten Weltkriegs und der vielen Opfer aufgrund des Abwurfs der ersten Atombomben auf Japan durchzog gerade die evangelische Kirche eine breite pazifistische Strömung. In der Bundesrepublik lautete schließlich die kirchenamtliche Auffassung, dass der Dienst mit und ohne Waffe – also in der Bundeswehr und im Zivildienst – gleichermaßen Dienst für den Frieden sei.
Logo-CredoMartin Luthers Schrift »Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können« erschien Ende 1526. Es handelt sich dabei – wie viele der einfluss­reichsten Schriften des Reforma­tors – um eine Gelegenheitsschrift. Er schrieb sie auf Bitten des Ritters Assa von Kram, eines der Feldobersten des sächsischen Kurfürsten, offensichtlich ein frommer Mann. Dessen Gewissen war durch die Teilnahme an der Niederschlagung des Bauernkrieges mit seinen Blutgerichten verunsichert worden. In dem kleinen, äußerst gehaltvollen Büchlein skizziert Luther seine Stellung zum Wehrdienst, zum Krieg und zum Widerstandsrecht. Er knüpft dabei an die Schrift »Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei« von 1523 an. Mit dieser zusammen hat das Buch über die Kriegsleute in den folgenden Jahrhunderten die politische Ethik im Luthertum maßgeblich bestimmt. Trotz der mehrfachen Veränderung der Regierungsform auf dem Weg zur freiheitlichen Demokratie sind Luthers Überlegungen erstaunlicherweise noch heute aktuell. Der Grund dafür sind ihre seelsorgerliche Grund­orientierung und die biblische Begründung.

Luther geht davon aus, dass Kriegsstand, -amt und -werk ein göttliches Werk sind. Daher vertragen sich Soldatsein und Kriegführen mit dem Glauben an Jesus Christus. Weil Gott zweierlei Regimente unter den Menschen aufgerichtet hat, unterscheidet der Reformator zwischen der Person des Christen und seinem Amt als Soldat. In der christlichen Gemeinde regiert Gott mit dem Wort, um Menschen freiwillig zum Glauben und zum ewigen Leben zu führen. In der Welt aber herrscht er durch das Schwert, um den Frieden unter den Menschen zu erhalten. Dahinter verbirgt sich Luthers Menschenbild: Jeder Mensch, selbst der religiöse, bleibt bis an sein Lebensende zugleich Gerechter und Sünder. Bestünde die Menschheit allein aus guten Menschen, wäre »Kriegführen die größte Plage auf Erden«. Da dem nicht so ist, kann ein Krieg notwendig sein, um das Böse einzudämmen. Trotz grundsätzlicher Bejahung des Krieges warnt Luther gleichzeitig eindringlich vor seinen Gefahren. Darum ist nur ein Verteidigungskrieg erlaubt – und auch der sollte nur mit Furcht vor Gott geführt werden. Luther ist sogar überzeugt, dass ein Soldat sich dem Kriegführen entziehen muss, wenn er erkennt, dass sein Kriegsherr Unrecht hat. Dann gilt für ihn das Gebot: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apostelgeschichte 5,29).

Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Luthers Meinung angesichts der Wirklichkeit am Ende humaner ist als ein Pazifismus, der sich um eines Prinzips willen davor scheut, Verantwortung zugunsten des tödlich bedrohten Nächsten zu übernehmen.

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge und Spiritualität an der Universität Leipzig.

Als Christ im Alltag vom Glauben reden

15. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Impulse für das Gespräch über die kleinen und großen Erfahrungen mit Gott

Ein Besuch zum 80. Geburtstag: Da wir uns noch nicht begegnet sind, tasten wir uns ein wenig ab. Er ist nervös, weil der Herr Pfarrer zu Besuch ist. Geistliches spielt erst einmal keine Rolle. Ich frage mich aber, ob ich eine Botschaft für diesen Mann habe. Die Enkel wohnen weit weg. Am Wochenende wollen sie kommen. Soll ich ihm anbieten, ihn zu segnen? Vielleicht ist es (noch) nicht dran. Ich will schließlich eine Beziehung aufbauen und nicht übergriffig wirken.

Selbst Pfarrer kennen diesen Konflikt: Ist jetzt die Zeit, dass ich von meinem Glauben rede – oder nicht. Was wird man von mir halten, wenn ich es wage? Zugegeben, wer den ganzen Tag mit Menschen außerhalb der Gemeinde zu tun hat, empfindet den Konflikt stärker. Religion wird im öffentlichen Leben problematisiert. Glaubensfragen sind kein Smalltalk-Thema. Wissen die in der Firma eigentlich, dass ich Christ bin? Gleichzeitig haben Christen die Worte Jesu im Hinterkopf: Stellt euer Licht nicht unter einen Scheffel! Ihr seid das Licht der Welt! Machet zu Jüngern alle Völker! Und dann gab es da noch diese Verheißung, dass der Heilige Geist selbst den herausgeforderten Christen die richtigen Worte geben will (Matthäus 10,20).

Oft hadere ich: »Wo warst du, Heiliger Geist, als ich vorhin wieder verulkt wurde, warum ich meinen Einfluss auf das Wetter nicht geltend mache?« Die vermeintlich richtige Antwort ist mir mal wieder Stunden zu spät eingefallen.

Eine Lösung für das Problem könnte sein, Taten sprechen zu lassen. Entsprechend zitiert man Franziskus: »Verkündigt das Evangelium, und wenn es nötig sein sollte, benutze Worte.« Bloß dass an den meisten Tagen weder meine Taten noch mein erlöstes Lächeln überzeugend sind. Vor allem aber: Was als guter Ratschlag gemeint ist, taugt nicht zur Ausrede. Es wäre etwas billig, mich nur deswegen auf Taten zu verlegen, weil ich für Worte zu ängstlich bin.

Daneben gibt es auch die »Super-Missionare«, die jede öffentliche Wortmeldung zu benutzen wissen. Scheinbar nehmen sie es auch in Kauf, andere dabei zu verprellen. Wo liegt denn nun die goldene Mitte?

Schließlich traue ich mich und frage den 80-Jährigen, ob ich für ihn und seine Enkel beten dürfe. Hinterher sind wir beide berührt. Er erzählt von seinen Erfahrungen mit dem Gebet. Ich staune. Es war gut, dass ich den Sprung gewagt habe. Ein Gebet anzubieten, miteinander das Vaterunser zu sprechen, das ist oft gerade nicht der Abschluss eines Gespräches, sondern ein Anfang. Auf einmal ist der Geist doch da. Ich bezeuge mit dem Gebet meinen Glauben, dass Gott wirkt. So spreche ich nicht von oben herab von meinem Glauben, sondern als ein Zeuge.

Drei Impulse erwachsen daraus:

Erstens: Mit Angst muss man sich nicht abfinden. Wer die Mutmuskeln trainieren möchte, findet Gelegenheit: Beim Schreiben der nächsten Beileidskarte; beim Segenswunsch an der Supermarktkasse vor den nächsten Feiertagen; beim ehrlichen »Gott sei Dank«, wenn ein Kollege etwas Schönes erzählt.

Zweitens: Im Gespräch lassen sich durchaus Signale der Hoffnung setzen. Dass wir dabei oft ängstlich sind, ist auch ein Hinweis unserer Seele. Sie sagt: »Hier ist eine geistliche Aufgabe, die du nicht aus eigener Kraft tun sollst, sondern aus Gebet und Hören auf Gott.« Das gilt ebenso im Vorfeld, wenn mir Menschen bewusst werden, denen ich gerne etwas sagen würde.

Drittens: Wer über seinen Glauben reden will, kann sich zunächst fragen, was er bezeugen kann. Wie viele kleine und große Erfahrungen mit Gott gibt es! Da ist eine Frau, die einen Berg bestiegen hat. Sie blickt über die Täler und sieht einen kleinen See schöner als der schönste Edelstein. Und dann schleicht sich in ihr Gefühl der Satz: »Das alles gibt es doch nicht zufällig. Das hat Gott gemacht.« Das ist eine Glaubenserfahrung, die ihr niemand nehmen kann. Ein anderer erfährt Trost beim Abendmahl: »Ich weiß, dass Christus mich kennt und mir nah ist.« Er merkt, dass er mit Gott und sich dadurch ins Reine kommt. Eine andere sucht die Ruhe unserer Kirche. Sie hat ein schweres Schicksal, aber sie sagt: »Ohne meinen Glauben würde ich es nicht aushalten.«

Wer authentisch über seine Erfahrungen redet, wird in der Regel dafür respektiert. Ohne dass man gleich von ihm erwartet, auf jede Frage eine Antwort zu wissen.

Gregor Heidbrink

Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Keine Bilder, nur Gottes Wort

9. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Ökumene: Was die reformierte Kirche von der lutherischen unterscheidet

Wenn sich die Tür zum Gottesdienstraum der meisten reformierten Kirchen öffnet, tritt der Besucher in einen schlichten, um nicht zu sagen kargen Raum ein. Bilder oder Verzierungen an den Wänden oder den gottesdienstlichen Gegenständen sucht man hier vergebens. Die Kirchen sind so schlicht, so ganz ohne Bilder oder ein Kreuz, weil die Reformierten das zweite Gebot sehr ernst nehmen. Es lautet: Du sollst dir kein Bild machen. So schön Bilderszenen aus der Bibel oder ein prächtiges Kruzifix auch sein mögen, solche Darstellungen lehnen die Reformierten ab. Sie lesen oder hören die Bibel und machen sich ihre eigenen Bilder von dem, was Gott ihnen durch das Wort sagt. Das Wort Gottes, die Bibel, nimmt im Glauben der reformierten Kirche die zentrale Stellung ein. Nichts soll davon ablenken. Daher sind reformierte Kirchenräume sehr schlicht gestaltet.

Johannes Calvin: Kirchenfenster mit dem Reformator in der Heidelberger Peterskirche. Die reformierte Kirche geht unter anderem auf Calvin zurück. Darum werden die Reformierten häufig auch als Calvinisten bezeichnet. – Foto: epd-bild

Johannes Calvin: Kirchenfenster mit dem Reformator in der Heidelberger Peterskirche. Die reformierte Kirche geht unter anderem auf Calvin zurück. Darum werden die Reformierten häufig auch als Calvinisten bezeichnet. – Foto: epd-bild

Die Wurzeln der reformierten Kirche liegen in der Schweizer Reformation des 16. Jahrhunderts. Zu ihren Vätern zählen unter anderem die Reformatoren Ulrich Zwingli (1484–1531) aus Zürich und Johannes Calvin (1509–1564), der in Genf wirkte. Beide setzten auf eine radikale Erneuerung der Kirche. Während der Reformator Martin Luther vor allem die protestantische Entwicklung in Deutschland geprägt hat, sind die Schweiz und Frankreich Gegenden, in denen sich die reformierte Theologie durchgesetzt hat.

Die Reformierten haben in einigen Bereichen ganz eigene Traditionen entwickelt, sagt der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann von der Universität Göttingen: »In den reformierten Kirchen entscheidet die Gemeinde, wie der Gottesdienst aussehen soll. Daher gibt es ganz unterschiedliche Gottesdienstformen innerhalb dieser Glaubensrichtung.« In einigen reformierten Gottesdiensten wird gesungen und werden Psalmen gelesen, in anderen ist das nicht denkbar.

Bei den Reformierten gilt ein striktes Gleichheitsprinzip: Keine Gemeinde und kein Gemeindeglied darf einen Vorrang beanspruchen.

International ist die reformierte Kirche sehr verbreitet. Reformierte Christen gibt es auf allen Kontinenten. Doch nur in wenigen Ländern sind sie in der Mehrheit. Die Reformierten sind stolz auf ihre Traditionen. Zum einen auf ihr Arbeitsethos. Gottesfürchtig zu leben impliziert für Reformierte auch, fleißig und strebsam zu sein. Außerdem wird bei den Reformierten seit jeher auf Bildung großer Wert gelegt. Jeder sollte befähigt werden, die Bibel zu lesen, und jeder sollte in Glaubensfragen mündig sein.

Die Calvinisten, die lange Zeit in vielen Gegenden verfolgt wurden, nahmen ihren Bildungsauftrag auch im Privaten wahr. Dass sie durch die lange Verfolgung gezwungen waren, auf einen institutionellen Apparat zu verzichten, prägt die Reformierten bis heute. Wie andere protestantische Kirchen geht auch die reformierte Kirche vom Prinzip des Priestertums aller Gläubigen aus.

In Deutschland sind Reformierte, Lutheraner und Unierte heute gemeinsam Mitglieder der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Einträchtig war das Verhältnis zueinander nicht immer. Vor allem die Abendmahlsfrage war lange Zeit ein Streitpunkt. Die Reformierten bestanden darauf zu sagen, dass das Abendmahl ein reines Gedächtnismahl sei. Es wandelt sich nichts. Reformierte Christen feiern das Abendmahl, um in die Gemeinschaft mit Jesus Christus hineingenommen zu werden, in die Gemeinschaft derer, die Christus nachfolgen. Martin Luther dagegen hat an der »Realpräsenz« von Christus in Brot und Wein festgehalten.

Heute gibt es in der Abendmahlsfrage keine trennenden Differenzen mehr unter den beiden protestantischen Kirchen. Mit der Leuenberger Konkordie von 1973 haben die reformierten, lutherischen und unierten Kirchen Europas ihr gemeinsames Verständnis des Evangeliums bekundet. Reformierte, Lutheraner und Unierte räumen einander Kanzelrecht und Abendmahlsrecht ein und feiern Letzteres auch ganz selbstverständlich miteinander.

Diana Steinbauer

Aus: Morgenroth, Matthias (Hg.): Was glaubt Bayern? Weltanschauungen von A bis Z, Echter Verlag


Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen

Die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WGRK) gehört zu den großen protestantischen Vereinigungen. Der internationale Dachverband repräsentiert rund 80 Millionen reformierte Christen. Weitere große Konfessionsfamilien innerhalb des Protestantismus sind etwa die Lutheraner, die Anglikaner, die Methodisten und die Baptisten. Die Gemeinschaft der Reformierten unterstützt mit ihren rund 225 Mitgliedskirchen Aktivitäten in den Bereichen Theologie, soziale Gerechtigkeit, kirchliche Einheit und Mission in mehr als 100 Ländern.

Höchstes Gremium der Weltgemeinschaft ist die Vollversammlung, die sich etwa alle sieben Jahre trifft. Vom 29. Juni bis 7. Juli tagte sie in Leipzig. In Deutschland wird die Zahl der Reformierten unter den insgesamt rund 22 Millionen Protestanten auf rund anderthalb Millionen geschätzt. Reformierten Einfluss brachte auch der Zuzug der französischen Hugenotten im 17. Jahrhundert.

2014 hat die Weltgemeinschaft ihren Sitz von Genf nach Hannover verlegt. Dachverband der reformierten Christen in Deutschland ist der Reformierte Bund mit Sitz in Hannover, der etwa 430 reformierte Gemeinden, Synoden und Kirchen vereint.

In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland gibt es den Reformierten Kirchenkreis. Gebildet wird er von fünf Evangelisch-reformierten Gemeinden in Aschersleben, Burg, Halberstadt, Halle und Magdeburg. In Sachsen existieren reformierte Gemeinden in Chemnitz, Dresden und Leipzig.

(epd)

Der kurze Moment vorher

2. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Ritual: Was geschieht, wenn wir in die Kirche zum Gottesdienst gehen, bevor wir uns hinsetzen

Da ist dieser Moment, wenn man zum Gottesdienst kommt und die Kirchenbank betritt: kurz stehen bleiben, innehalten. Dann setzen. Was passiert da eigentlich?

Es ist Sonntagmorgen. Die Glocken läuten. Menschen kommen in die Kirche. Sie nehmen sich ein Gesangbuch, begrüßen Bekannte und suchen sich einen Platz aus. Bevor sie sich setzen, bleiben viele noch einen Moment ruhig stehen. Warum tun sie das?

Eine spontane Umfrage im Bekanntenkreis ergab: Es gibt da offensichtlich keine festen Regeln. Viele danken Gott. Andere bitten ihn um Besinnung, einen guten Gottesdienst, dass Gott zu ihnen spricht.

Innehalten, ein kurzes Gebet sprechen – Foto: Lolo Stock – fotolia.com

Innehalten, ein kurzes Gebet sprechen – Foto: Lolo Stock – fotolia.com

Nur wenige können sagen, wer ihnen dieses Ritual erklärt hat. Sie haben es sich abgeguckt oder tun es, weil es andere auch tun. Manche haben es von ihrer Pfarrerin oder dem Großvater gelernt.

Es gab auch ganz weltliche Antworten, wie »ich zähle bis fünf, bevor ich mich setze« oder »weil man das halt so macht«. Andere versuchen, sich zu konzentrieren und sich innerlich auf den Gottesdienst einzustellen.

Fast alle aber waren der Meinung, dass es doch ein sinnvoller Moment sei, um kurz innezuhalten. Menschen spüren wohl, dass der Kirchgang etwas anderes ist als ein Kinobesuch.

Da ist der Raum. Schön hergerichtet, oft alt und ehrwürdig. Kirchenfenster, Kanzel, Altar oder Abendmahlstisch verweisen auf biblische Geschichten und die Gegenwart Gottes. Viele Generationen von Menschen haben hier schon gebetet, gesungen, gelacht und geweint, geglaubt und gezweifelt. Kirchen sind besondere Orte. Zur römisch-katholischen Tradition gehörten das Hinknien und das Bekreuzigen. Vielleicht ist daraus im Protestantismus der Moment des Innehaltens geworden. Evangelische Christen wissen, dass nicht die Gebäude oder die Abendmahlselemente heilig sind. Dennoch spüren sie die Würde des Ortes und der Feier und dass es jetzt nicht alltäglich zugeht.

Vielleicht gut, dass es für dieses Ritual keine festen Regeln gibt. So kann es jeder für sich füllen. Oder sich einfach so hinsetzen. Ein Tabu ist das sicher auch nicht. Dieser kurze Moment vor dem Hinsetzen ist ein guter Anlass, um zu beten – egal, was die anderen tun. Ob schweigend oder mit konkreten Bitten oder konkretem Dank. Anlässe, mit Gott ins Gespräch zu kommen, gibt es sicher genug.

»Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft« (Psalm 66, 20). Das Psalmwort bringt die Gewissheit zum Ausdruck, was Gott gesagt wird, geht nicht ins Leere.

Und zum Glück gibt es auch für das Beten keine Regeln. Da darf alles vorkommen. Freude und Fragen genauso wie Wut und Trauer. Der Theologe Karl Rahner hat einmal gesagt: »Ich glaube, weil ich bete.« So eine große Bedeutung hat er dem Gespräch mit Gott zugemessen.

Deshalb kann es nicht falsch sein, diesen Moment vor dem Hinsetzen dafür zu nutzen. Es besteht keine Verpflichtung dazu. Aber wenn man sich unsicher ist: Beten geht immer.

Bernd Becker

Der Radikalste der Reformatoren

26. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Thomas Müntzer: Er verband den geistigen Aufbruch mit einer sozialen Revolution

Vergöttert und gehasst wie kaum ein anderer in der deutschen Kirchengeschichte, gilt Thomas Müntzer (1490–1525) als radikalster Geist unter den Kirchenreformern des 16. Jahrhunderts. Er propagierte nicht nur die innere Erleuchtung als Basis der Bibellektüre und den Gottesdienst in deutscher Sprache, sondern auch eine Art urchristlichen Kommunismus und einen Gottesstaat mit demokratischen Anklängen. Thomas Müntzer, der einzige Kirchenreformer des 16. Jahrhunderts, der den geistigen Aufbruch konsequent mit einer sozialen Revolution verband, der frühe Vordenker eines demokratischen Gemeinwesens.

Erfinder der »Deutschen Messe«

Von seinem kurzen Leben wissen wir nicht allzu viel. Geboren wurde er irgendwann um das Jahr 1490 zu Stolberg im Harz. In Quedlinburg ging er zur Schule, in Leipzig und Frankfurt an der Oder hat er studiert, mit welchen Abschlüssen, wissen wir nicht; aber er galt bei Freund und Feind als hochgelehrter Mann.

Denkmal des Theologen Thomas Müntzer in Mühlhausen (Thüringen). 1525 ging der streitbare Prediger, der bei dem einfachen Volk überaus beliebt war, nach Mühlhausen und gründete dort einen demokratischen Gottesstaat. – Foto: epd-bild/Norbert Neetz

Denkmal des Theologen Thomas Müntzer in Mühlhausen (Thüringen). 1525 ging der streitbare Prediger, der bei dem einfachen Volk überaus beliebt war, nach Mühlhausen und gründete dort einen demokratischen Gottesstaat. – Foto: epd-bild/Norbert Neetz

Als Lehrer, Hilfsprediger, Nonnenbeichtvater finden wir ihn in Braunschweig wieder. 1520 vermittelte Luther seinem jungen Parteigänger, auf den er damals offenbar noch große Stücke hielt, eine Pfarrstelle in Zwickau. Auf der Kanzel zog er gegen Heuchelei und Profitgier zu Felde, es gab Aufruhr, und nach wenigen Monaten kam Müntzer der drohenden Arretierung durch die Flucht Richtung Böhmen zuvor. In Prag, wo die Hussiten ihren kirchenreformerischen Schwung freilich auch schon zu verlieren drohten, tritt Müntzer nun ins volle Licht der Geschichte – mit seinem berühmten »Prager Manifest«.

Polternd, aggressiv, maßlos bricht sie aus ihm heraus, die Wut auf die machtversessenen Kleriker und Hie­rarchen, die kein Interesse an der Seelsorge haben und ihre Pflichten vernachlässigen. Die unflätige Polemik gehörte damals freilich zum ganz normalen Umgangsstil unter geistlichen Autoren und Predigern. Und überdies blitzt hinter all den Beleidigungen und Grobheiten eine unbändige Liebe zu den kleinen Leuten hervor, ein tiefes Mitleid mit den wirtschaftlich Ausgebeuteten und geistig dumm Gehaltenen.

Doch das »Prager Manifest« hat nur ein sehr schwaches Echo. Enttäuscht, aber keineswegs resigniert zieht Thomas Müntzer nach Nordhausen weiter, nach Halle, um sich dann als Prediger im kleinen kursächsischen Allstedt niederzulassen. Hier führt er unter großem Aufsehen die »Deutsche Messe« ein, das heißt, er übersetzt die lateinischen Texte, ersetzt die üblichen knappen Bibelsätze durch zusammenhängende, sinnvoll ausgewählte Lesungen und vereinfacht den Gregorianischen Choral so, dass ihn die ganze Gemeinde auf Deutsch singen kann. Und hier in Allstedt komplettiert er in Predigten und wenigen, aber wuchtig geschriebenen Schriften sein theologisches und politisches Gedankengebäude, mit dem er zum entschlossenen Widerpart der Wittenberger Kirchenreformer um Luther, Melanchthon, Karlstadt wird.

Müntzer gerät bald in Konflikt mit der weltlichen Obrigkeit und den anderen Reformatoren. Luther will eine Revolution in den Köpfen und in den kirchlichen Strukturen, während in Müntzers Augen die Treue zur Bibel auch eine soziale Umwälzung verlangt. Es ist wichtig zu sehen, dass der Allstedter Prediger nicht etwa irgendwelchen politischen Radikalismen ein frommes Mäntelchen umhängt: Es ist die religiöse Leidenschaft, die ihn für das soziale Unrecht mobilisiert. Es ist die Liebe Christi zu den Elenden, die ihn umtreibt, es ist seine Überzeugung von der Würde jedes Menschen und vom allgemeinen Priestertum aller Gläubigen, die ihn Konsequenzen fordern lässt: Veränderung der Welt, weil Christus nicht will, dass die einen über die anderen herrschen.

Am 13. Juli 1524, im Schwarzwald und in Oberschwaben, haben sich bereits die Bauern erhoben, hält er in Allstedt dem gerade auf der Durchreise befindlichen sächsischen Landesherrn von der Kirchenkanzel aus eine Standpauke, die als »Fürstenpredigt« bekannt wird.

Müntzer setzt sich deutlich von Luthers unbedingter Treue zur Obrigkeit ab. Unbedingte Treue zur Obrigkeit und Gewaltmonopol des Staates bei Luther, Widerstandsrecht, ja Widerstandspflicht des Volkes und Ansätze zur Volkssouveränität bei Müntzer: Die deutsche Geschichte wäre anders verlaufen, hätte sich der Müntzer-Flügel der Reformation durchgesetzt.

Müntzer flieht von Allstedt nach Mühlhausen. Er verbündet sich mit den Bauern, die überall im oberdeutschen Raum für ihre alten Rechte und gegen die drückende Abgabenlast zu kämpfen beginnen.

In Nürnberg lässt er Streitschriften drucken, die in unerhört aggressivem Ton den Kirchenführern in Rom und Wittenberg gleichermaßen den Kampf ansagen. Luther seinerseits gibt den »Erzteufel«, wie er ihn nennt, zum Abschuss frei.

Anführer des Bauernkrieges in Thüringen

Müntzer bereitet sich darauf vor, die Gruppen von Aufständischen, die da und dort im Thüringischen Klöster und Schlösser stürmen, zu einer großen Erhebung zu vereinigen. Die lokalen Aufstände drohen zum Flächenbrand zu werden. Die Fürsten, Grafen und Herzöge – Katholiken und Protestanten bunt gemischt – vergessen ihre Zwistigkeiten, schicken ein riesiges Heer von mindestens 7 000 Reitern und Infanteristen gegen die Rebellen. Die zählen zwar inzwischen ebenfalls nach Tausenden, sind aber schlecht gerüstet, chaotisch organisiert, ans Kämpfen nicht gewöhnt. Bei Frankenhausen treffen die ungleichen Armeen aufeinander.

Die Bauern haben auf einer Anhöhe eine Wagenburg errichtet. Doch statt sich dort zu verschanzen, verhandeln sie am Fuß des Berges über das Angebot der Fürsten: Gnädige Behandlung gegen Auslieferung ihres Anführers Müntzer. Ohne das Ergebnis der Beratungen abzuwarten, schlägt das Fürstenheer los, feuert aus schweren Geschützen auf die in Panik durcheinanderlaufenden Gegner. In den engen Gässchen von Frankenhausen setzt sich das Massaker fort. Am Ende sind zeitgenössischen Berichten zufolge 5 000 Bauern tot, 600 gefangen. Vom Fürstenheer sind angeblich nur sechs Soldaten gefallen.

Thomas Müntzer wird gefangen genommen, zwölf Tage lang gefoltert und verhört. Ein demütiger Widerruf, den man triumphierend herumzeigt, ist höchstwahrscheinlich nicht echt, denn als er kurz vor seinem Tod öffentlich Reue zeigen soll, weigert er sich und ermahnt stattdessen die Fürsten, das arme Volk nicht länger zu bedrücken. Am 27. Mai 1525 schlägt man ihm den Kopf ab, Kopf und Rumpf werden auf Stangen gespießt und zur Abschreckung ausgestellt. So endet der Versuch, das Evangelium zur Grundlage einer sozial gerechten, in Ansätzen bereits demokratischen Gesellschaft zu machen.

Christian Feldmann

Himmlisches und irdisches Regiment

20. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs zur Theologie Martin Luthers: Zwei-Reiche-Lehre

Auf den ersten Blick erscheint Luthers Zwei-Reiche-Lehre oder genauer, seine Lehre von den zwei Regimenten Gottes, dem himmlischen und dem irdischen, wie ein besonders vergilbter Anachronismus oder noch schlimmer: als eine theologische Gewaltrechtfertigung um jeden Preis.

Der Himmel, so tönen täglich stattdessen die Siegestrompeten des alles überrollenden Säkularismus, ist durchschaut, so gut wie restlos, auf jeden Fall prinzipiell: Kein Gott weit und breit, weder oben noch unten, nicht hinten, nicht vorne – bis an den Rand der Quasare, kurz vor dem Urknall: Nein, kein Gott. Nirgends! Alles nur Staub, Trümmer, Gravitationen, Explosionen, Chaos zuerst und zuletzt. Dazwischen Evolution. Milben, Mäuse, Menschen. Was bedeutet: Hier spielt die Musik, wenn es um uns geht: Ordnungs-Musik! Hier tönt die Heils-Melodie. Und für diese Musik, die hier aufgeführt wird, sind wir zuständig, wir, die Menschen, wir allein: Wir können das. Wir wollen das. Wir schaffen das! Das Reich der Welt, ein Welt-Reich wachsender Vernunft! Wer es glaubt, wird selig! Selig in den politischen Sinnkonjunkturen zwischen Demokratie und Diktatur, Monarchie und Republik, National- und Weltstaat.

Selig im Irdischen aber, das wissen wir doch, kann auch werden, wer nur zynisch ist, frivol, terroristisch. Wer ausbeutet, schindet, unterdrückt. Wer lügt, betrügt, mordet. Im fürstlichen Eroberungskrieg, im sozialrevolutionären Befreiungskrieg, im imperialistischen Handelskrieg, in den Blutexpeditionen des demokratischen Interventionismus. Was Luther alles schon wusste. Wusste wie kaum ein anderer Theologe bis heute: Seine Lehre von den zwei Regimenten war eine fundamentale Antwort auf die Hydra Hybris, diese elende Versuchungsstärke des Menschen seit Adams Fall.

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In seiner Schrift »Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei« aus dem Jahre 1523 lässt er kein gutes Haar an machtgierigen Fürsten, die glauben, im Recht zu sein, wie an tobendem Revolutionspöbel ebenso, der noch heute für die gute Welt von Morgen mordet, mithin an entfesselten Herrschern wie Beherrschten gleichermaßen, und bindet die einen wie die anderen an das erste Reich, das Reich Gottes, wenn ihr Tun im zweiten, dem weltlichen Reich, nicht böse sein, werden oder enden soll: »Aufs Erste müssen wir das weltliche Recht und Schwert gut begründen, dass nicht jemand daran zweifle, es sei durch Gottes Willen und Ordnung in der Welt.« Warum?

Luthers Antwort ist klar, von keiner Vernunftillusion getrübt, denn diese Anbindung wiederum ist die Voraussetzung klarer Trennung, Unterscheidung: »Wo das nicht wäre, sintemal alle Welt böse und unter Tausenden kaum ein rechter Christ ist, würde eines das andere fressen, dass niemand Weib und Kind aufziehen, sich nähren und Gott dienen könnte, wodurch die Welt wüst würde.« Und eben deshalb habe Gott »die zwei Regimente verordnet: das geistliche, welches durch den Heiligen Geist Christen und fromme Leute macht, unter Christus, und das weltliche, welches den Unchristen und Bösen wehrt, dass sie gegen ihren Willen äußerlich Frieden halten und stille sein müssen«. Denn eines ist auch klar: »Wenn nun jemand die Welt nach dem Evangelium regieren und alles weltliche Recht und Schwert aufheben und vorgeben wollte, sie wären alle getauft und Christen … Lieber, rate, was würde der machen? Er würde den wilden, bösen Tieren die Bande und Ketten auflösen, dass sie jedermann zerrissen und zerbissen, und daneben vorgeben, es wären feine, zahme, kirre Tierlein.«

Wo Luther fundamental unterschied und essenziell verband in einem, den Geschichtshorizont mit dem Ewigkeitsgrund in unauflöslicher Heilsdialektik erfasste, um so etwas wie einen christlich inspirierten, in der Normativität der Gesetzestafeln verankerten Rechtsstaat zu begründen, modern gesprochen – da kommt, ein halbes Jahrtausend nach ihm, immer stärker ins Spiel eine rechtsphilosophische Luxus-Theorie, die glaubt, es sich leisten zu können, eben jene unaufgebbaren Voraussetzungen, von denen Luther spricht und auch der freie, säkularisierte Rechtsstaat lebt, nicht mehr garantieren zu können (Wolfgang Böckenförde).

Aber solche Leerstelle, als zunehmende Praxis bis ins unschuldig gedeutete Mörderische, verweist zuletzt nur auf eines: auf die Aktualität der Lehre Martin Luthers von den zwei Regimenten: Sie füllt sie.

Ulrich Schacht

Der Autor ist Schriftsteller und Theologe, er steht der evangelischen Bruderschaft St.-Georgs-Orden vor.

Die unsichtbare Kraft, die Leben schafft

12. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Heilige Geist, die dritte Person der göttlichen Trinität

Sie treibt Windmühlen, trägt Flugzeuge, polstert Matratzen und lässt Räder rollen. Sie dringt in unsere Lungen und versorgt unser Blut mit Sauerstoff. Ohne sie ist Leben nicht möglich. Und doch ist sie – scheinbar – nichts: die Luft.

Ein Element, das nicht zu fassen ist. Nicht sichtbar, nicht hörbar, nicht fühlbar. Erst wenn es auf Widerstand trifft, wird deutlich: Da ist etwas. Eine Masse, in der ausreichend Kraft steckt, um Propeller anzutreiben, Wasserflächen aufzupeitschen oder große Kirchenorgeln zum Brausen zu bringen. Eine gewaltige Energie – und dabei so geheimnisvoll.

Kein Wunder, dass die ersten Christinnen und Christen dieses Phänomen als Bild herangezogen haben für eine Kraft, die ähnlich unfassbar ist: den Heiligen Geist. Von dem hatten sie nach Jesu Himmelfahrt zunächst auch nichts gespürt. Traurig und ratlos hatten sie beieinandergesessen. Und dann kam er ganz plötzlich, wie ein Gewittersturm. Wirbelte Freude, Zuversicht, Begeisterung durch den Raum und trieb die Jüngerinnen und Jünger nach draußen. So gewaltig war diese Kraft, dass sie nicht mehr schweigen konnten davon, was es heißt, zu diesem Gott, zu diesem Jesus zu gehören. Eine verrückte Erfahrung. Nicht zu fassen. Und so ist es geblieben bis heute.

Durch all die Jahrhunderte, die die Kirche jetzt alt ist, gab es diese Erfahrung immer wieder, für einzelne Gläubige wie auch für Gemeinden oder ganze Kirchen: Erst herrscht Ruhe. Man hat es sich bequem gemacht in seinem Glauben, seinen Formen, seinen Traditionen. Alles ist gut – aber um Neues auszuprobieren, fehlt der Antrieb. Von Begeisterung keine Spur.

Bis von irgendwo der Geist im Sturm kommt und die dicke Luft durcheinanderwirbelt, Menschen nach draußen treibt, ihnen neue Fantasie, Hoffnung und Mut schenkt. Plötzlich ist die Energie wieder da. Totgeglaubtes erwacht zu neuem Leben. Türen werden aufgerissen, Fremde hereingebeten, es wird gebetet und gefeiert.

Manche dieser Aufbrüche geschehen im Kleinen und werden nur von wenigen wahrgenommen; andere sind zu Meilensteinen geworden: die Reformation, die Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen, die Kirchentags-Bewegung. Zuvor Undenkbares wurde gedacht, Grenzen wurden überwunden, Frieden wurde möglich, weil Christinnen und Christen sich vom Geist bewegen ließen.

Warum der Geist kommt? Und wann? Das wissen wir nicht. Wir können ihn nicht herbeizwingen, höchstens herbeibitten. Aber vieles spricht dafür, dass es beim Geist ähnlich ist wie bei der Luft: Die spürt man kaum, wenn man stillhält. Sobald man sich aber in Bewegung setzt, nimmt man sie wahr.

Wer den Heiligen Geist erfahren will, sollte also losgehen. Vielleicht in Richtung der nächsten Kirche, des nächsten Gemeindefestes, des nächsten Kirchentags. Dabei alle Sinne wachhalten. Wer weiß, was passiert.

Anke von Legat

Der Glaube führt zusammen

5. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Elinor und Christian haben sich auf einem Kirchentag kennengelernt und ineinander verliebt

Was wäre ein Kirchentag ohne seine Helfer? Heutzutage wäre er kaum noch möglich. Die Helferkultur hat sich zu einem selbstständigen Teil des Geschehens samt Strukturen entwickelt. Die Ehrenamtlichen wirken von der Organisation über Bewachung, Bewirtung, Verkauf, Beratung bis zu Einweisungs- und Ordnerdiensten in allen Bereichen mit. Sie übernachten mit Isomatte und Schlafsack in Turnhallen und Gemeinschaftsunterkünften und haben bei Gesprächen und Konzerten selbst viel Spaß.

Seit dem Kirchentag 1981 in Hamburg gibt es die fleißigen Unterstützer in der heutigen Ordnung, meist jung und aus der ganzen Republik kommend. Etwa 8 000 sorgten in Berlin mit dafür, dass alles möglichst pannen- und sorgenfrei für Besucher und Akteure läuft. Unter ihnen sind auch Christian Fuß (23) aus Flensburg und Elinor Unger (27) aus Leipzig. Zum ersten Mal werden die beiden gemeinsam reisen, obwohl das bis vor wenigen Tagen aus beruflichen Gründen für Elinor Unger noch auf der Kippe stand. Nun hat die junge Frau erfolgreich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um sich nach der Meldefrist doch noch einzuschreiben und mit Christian zusammen zum Einsatz zu kommen.

Es ist bereits der dritte Evangelische Kirchentag, den die beiden als Helfer unterstützen, doch ein ganz besonderer für die zwei. Sie kommen als Paar, denn sie haben sich auf dem letzten Kirchentag 2015 in Stuttgart kennen- und lieben gelernt. Da waren beide in derselben Schule untergebracht, rollten ihre Schlafmatten zwischen den Freunden aus, mit denen sie gekommen waren. Elinor Unger arbeitete tagsüber im Kirchentagsshop, während Christian Fuß einer Kirche zugeteilt war und dort für Einlasskontrollen, Auf- und Umbauten für diverse Konzerte verantwortlich war.

Elinor Unger und Christian Fuß. Foto: privat

Elinor Unger und Christian Fuß. Foto: privat

Abends in den Unterkünften trafen die Helfer beim Essen und gemeinsamen Gesprächen aufeinander. Man redete über Gott und die Welt und die beiden fielen einander auf. Nach einem Konzert der »Wise Guys« hat es zwischen ihnen gefunkt. Sie stellten auch fest, dass sie sich beim vorhergehenden Kirchentag in Hamburg 2013 nur um Haaresbreite »verpasst« hatten: Beide waren bei der Instrumentenaufbewahrung in derselben Halle eingesetzt, jedoch nicht in der gleichen Schicht. Eine Episode, über die sie heute herzlich lachen müssen. Kann es sein, dass sie sich schon damals nähergekommen wären?

Nach dem Stuttgarter Kirchentag blieben die beiden in Kontakt, »mit Hindernissen«, wie Elinor Unger lachend nachschiebt: »Ich chattete gerade mit einer Freundin, als sich Christian dazwischendrängelte und um meine Telefonnummer bat. Da habe ich spontan ›Nein‹ geschrieben.« Das hat sie dann schnell zurückgenommen und es bis heute nicht bereut.

Zwei Wochen später fuhr Christian Fuß von Flensburg, wo der gebürtige Stader Schiffsmechaniker ein Ingenieurstudium macht, nach Leipzig. Dort lebt und arbeitet die aus Berlin stammende Elinor, die zurzeit in Chemnitz ein Meisterstudium für Konditoren absolviert. Seit zwei Jahren führen sie eine »Fernbeziehung«, kommunizieren möglichst oft, besuchen sich und verleben den Urlaub gemeinsam. Im Sommer, wenn er sein Studium beendet hat, will der junge Mann nach Leipzig ziehen. Die Wohnung sei groß genug, und seine Freundin hat zu dieser Zeit noch ein Dreivierteljahr bis zu ihrem Abschluss.

Christian wird dann zur See fahren, anderthalb bis zwei Monate unterwegs sein und danach genauso lange bei ihr in Leipzig. Ein Problem für Elinor Unger? »Lange Trennung haben wir jetzt, ich freue mich auf die langen gemeinsamen Zeiten«, sagt sie hoffnungsvoll. Das geht ihm nicht anders.

Der Kirchentag in Berlin hieß für das Paar: zusammenkommen, zusammen sein, zusammen abreisen – und dazwischen Wichtiges tun, Schönes er­leben, Spaß haben.

Andrea von Fournier

Du bist ein Gott, der mich sieht. (1. Mose 16, Vers 13 b)  Kirchentag auf dem Weg in Weimar: »Gnadenlos chic. Kostümerie und Mode« Foto: Sabine Kuschel

Du bist ein Gott, der mich sieht. (1. Mose 16, Vers 13 b) Kirchentag auf dem Weg in Weimar: »Gnadenlos chic. Kostümerie und Mode« Foto: Sabine Kuschel


Der düstere Prophet mit Charisma

23. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Johannes Calvin: Wo Martin Luther keinen Einfluss hatte, wurde Calvin als großer Reformator geehrt

Es ist ein merkwürdiges Phänomen: Dieser Johannes Calvin, zunächst Jurist und dann erst Seelsorger, hielt eine um die andere düstere Predigt über die abgrundtiefe menschliche Sündhaftigkeit und über einen zornigen Gott – aber gerade dadurch zog er die Massen magisch an. Johannes Calvin ist für die Schweiz und Frankreich und später auch für die USA, Kanada, Australien das gewesen, was Martin Luther für Deutschland und die skandinavischen Länder war. Ein charismatischer Reformator mit einer Ausstrahlung weit über den Tod hinaus.

Geboren wurde Jehan Cauvin, wie er eigentlich hieß, 1509 im nordfranzösischen Noyon in der Picardie, als Sohn eines bischöflichen Sekretärs und Finanzbeamten. Die Mutter starb früh. Der Vater bestimmte ihn und zwei seiner Brüder für die geistliche Laufbahn. Plötzlich kommandierte der Vater, nicht Theologie solle er studieren, sondern Jura, damit lasse sich mehr Geld verdienen. Johannes gehorchte, vertiefte sich in die Logik und Präzision juristischer Beweisführungen. Und dann gehorchte er nicht mehr. Er lernte die aufmüpfigen Ideen des deutschen Kirchenreformers Martin Luther kennen, war Feuer und Flamme – und entdeckte sein Talent, andere mitzureißen.

Das Verhängnis nahte, als Calvins Freund Nicolas Cop zum Rektor der Pariser Universität gewählt wurde. Gemeinsam mit Calvin schrieb er eine provokante Antrittsrede voll reformatorischer Parolen und Visionen. Der König höchstpersönlich befahl die Verhaftung der beiden. Calvin tauchte zunächst unter und floh später in die Schweiz. Und vollendete hier im Exil als Sechsundzwanzigjähriger seine »Institutio Christianae Religionis«, auf Deutsch »Unterricht in der christlichen Religion«.

Sandsteinstatue des französischen Reformators Johannes Calvin (1509–1564) im Berliner Dom. Foto: epd-bild

Sandsteinstatue des französischen Reformators Johannes Calvin (1509–1564) im Berliner Dom. Foto: epd-bild

Wie Luther und seine Gesinnungsgenossen drüben in Deutschland verlangt Calvin eine geistige und geistliche Reform der Kirche. Die Bibel und das vertrauensvolle Gebet statt des halb heidnischen Reliquienkults und des Geschäfts mit Ablässen. Die Kirche als unsichtbare Gemeinschaft der Freunde Gottes statt eines hierarchisch gegliederten Machtapparats.

Die Motive und die Ziele teilt Calvin tatsächlich mit all den religiösen Aufbruchsbewegungen seiner Zeit. Aber härter, illusionsloser als alle anderen vertritt er die Ansicht, dass es letztlich überhaupt nicht auf die Anstrengungen, die Gebete, das fromme Handeln des Menschen ankommt, sondern einzig und allein auf den Willen Gottes. Ob ein Mensch scheitert oder nach dem Tod in die Seligkeit eingeht, ist seit Ewigkeit vorherbestimmt. Das ist Calvins Antwort auf das Problem, warum der eine glaubt und der andere sich nicht um Gott schert. Dass sein Gott so willkürlich über das ewige Glück und Unglück seiner Menschen entscheiden kann, das entzückt Calvin – offenbart das doch die absolute Macht und Majestät dieses Gottes, und nur darauf kommt es ihm an.

Sogar eine frühe demokratische Tendenz steckt in dieser harten Disziplin dem Evangelium gegenüber, denn aus der privaten Moral des einzelnen Christenmenschen wird flugs eine gesellschaftliche. Und auch gekrönte Häupter müssen sich plötzlich fragen lassen, wie sie mit ihrer von Gott verliehenen Macht umgehen. Wie ein Prophet aus dem alten Israel verkündet Calvin den Tyrannen ihren Sturz – nicht unbedingt durch eine Volkserhebung, sondern durch einen dynamischen Robin Hood, der sich zum Retter der Ausgebeuteten macht. Später wird er für eine Kontrolle der Regierung durch Volksvertreter plädieren beziehungsweise für eine von den Klügsten und Anständigsten geführte Republik, wie er es in Genf vorexerziert.

In Genf kommt er 1536 auf der Flucht aus Frankreich an. Eigentlich ist er nur auf der Durchreise nach Straßburg. Doch in Genf geht es drunter und drüber. Immer wieder haben sich die Bürger der reichen Handelsstadt gegen die Herrschaft der Herzöge von Savoyen und der von diesen protegierten Bischöfe aufgelehnt. Schließlich verjagen sie den Bischof und nehmen aus Trotz den evangelischen Glauben an. Calvin bleibt, als Pastor, ohne je die Priesterweihe erhalten zu haben. Er wirft sich voll in die Konflikte, predigt, schreibt Briefe, führt Verhandlungen, macht Wahlkampf für den Stadtrat, taktiert, intrigiert, lockt Gesinnungsgenossen aus Frankreich nach Genf – und arbeitet an einem Sittenregiment, mit Überwachungsmaßnahmen, Kontrollorganen und saftigen Sanktionen.

Wallfahrten und Rosenkranzbeten steht genauso unter Strafe wie eine zu auffällige Frisur, Würfelspiel und Tanzen. Und die Strafen sind hart: nicht etwa eine symbolische Geldbuße, sondern Pranger, Gefängnis, Ausweisung – bei Ehebruch, Gotteslästerung und Götzendienst sogar die Hinrichtung. In einem einzigen Jahr schleppt man vierzehn vermeintliche Hexen zum Scheiterhaufen. Was freilich alles nicht Calvins Erfindung ist. Ähnliche moralische Reglements gab es in Genf schon vor seiner Zeit und es gibt sie in vielen Städten.

Nach 22 Monaten schickt der Rat Calvin in die Verbannung, aus ziemlich nichtigen Gründen. Calvin lebt jetzt im weltläufigeren Straßburg. Er heiratet eine arme Witwe, die schon mehrere Kinder hat. Als sie nach neun Jahren stirbt, spricht er sehr freundlich über sie und bleibt bis zu seinem Tod allein. Drei Jahre nach seiner Verbannung holen die Stadtväter Johannes Calvin zurück nach Genf.

Die Kirchenleitung ist, mit durchaus demokratischen Ansätzen, in Pfarrer, Lehrer, Diakone und »Älteste« gegliedert. Die Ältesten kommen aus dem Rat der Stadt und sollen garantieren, dass geistliche und weltliche Obrigkeit an einem Strang ziehen und das private und öffentliche Leben der Einwohnerschaft lückenlos überwachen. Am Sonntag müssen alle am Gottesdienst teilnehmen. Wirtshäuser, Theater sind verboten, zu üppige Gastmähler und auffallende Kleidung natürlich auch. Die Ältesten besuchen einmal pro Jahr jeden Genfer Haushalt und notieren unbarmherzig jede Abweichung von den Anordnungen. Frauen, die ihr Haar modisch hochfrisieren, werden verwarnt, und Familienväter, die ihren Kindern Vornamen aus dem verpönten katholischen Heiligenkalender geben, wandern ins Gefängnis. Doch diese harten Bestimmungen wurden nicht von einem Diktator Calvin, sondern von der Stadtregierung erlassen und von den Bürgern akzeptiert – von den meisten jedenfalls.

Die Kehrseite der Medaille ist eine wirksame Armenfürsorge – und ein hervorragendes Bildungswesen. Calvin gründet Schulen und eine Akademie, die sich ohne Scheuklappen mit den aktuellen Denkströmungen auseinandersetzt, er holt Latein- und Griechischlehrer und Theologen aus ganz Europa nach Genf und schickt dafür gut ausgebildete Missionare nach Frankreich, Holland, England, Schottland. Ausländische Besucher sind begeistert. Sogar Papst Pius IV. muss grimmig einräumen: »Die Stärke dieses Ketzers bestand darin, dass Geld nie die leiseste Anziehungskraft für ihn hatte. Hätte ich solche Diener, reichte meine Herrschaft von Meer zu Meer.«

Johannes Calvin, der düstere Prophet, schmächtig, ausgezehrt, blasses Gesicht mit langem dünnem Bart, durchdringende, kalte Augen, dieser finstere Asket muss ein unwiderstehliches Charisma gehabt haben.

Calvin wurde immer kränker, er sah aus wie ein Skelett, aber in seinen eingesunkenen Augenhöhlen brannte immer noch ein Feuer. Bis zuletzt hielt er Bußpredigten, selbst wenn er sich auf einem Stuhl in die Kathedrale tragen lassen musste. Am 27. Mai 1564 starb er 55-jährig, nachdem er alle Anwesenden um Verzeihung für seine Zornesausbrüche gebeten hatte.

Überall dort, wo der als typisch deutsch geltende Martin Luther keinen Einfluss gewann, verehren sie heute Johannes Calvin als den großen Reformator und Erneuerer der Christenheit. Bis zu hundert Millionen Menschen gehören einer reformierten Kirche an. Seine autoritäre Moral und seine rigorose Lehre von der Vorherbestimmung sind längst geglättet und humanisiert, der barmherzige Gott des Evangeliums hat sich auch in Calvins Kirche durchgesetzt. Geblieben ist seine Überzeugung, dass Christus der einzige Herr jeder Kreatur ist und sich von daher jede Herrschaft von Menschen über Menschen verbietet.

Christian Feldmann

Intellektueller Kopf der Reformation

16. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Ohne Philipp Melanchthon gäbe es die evangelische Kirche nicht

Wittenberg, 29. August 1518. Der größte Hörsaal der Universität ist überfüllt. Die Studenten warten auf ein Wunderkind, das ihr neuer Professor sein soll. Erst 21 Jahre ist er alt, dieser Philipp Melanchthon (1497–1560), und schon zum Lehrstuhlinhaber für griechische Sprache ernannt. Ein sagenhafter Ruf eilt ihm voraus. Ein kleines Männchen erklimmt den Katheder, schüchtern und mit hängenden Schultern. Leise, stockend beginnt der knabenhafte Professor zu reden, einen Sprachfehler hat er auch.

Was er zu sagen hat, reißt die Hörer mit. »Zu den Quellen«. Zurück zum Urtext der Bibel. Das ist – bereits in der allerersten Vorlesung – das Programm für eine Revolution des ganzen Bildungswesens. Auch Melanchthons vierzehn Jahre älterer Kollege Martin Luther, in Wittenberg Professor für biblische Theologie, ist fasziniert.

Das war der Beginn einer nicht gerade überschwänglichen, aber beständigen Freundschaft. Die beiden Männer waren in ihrer Persönlichkeit denkbar verschieden: Luther der stürmische Kraftmensch, der gern mit dem Kopf durch die Wand wollte, hitzig, reizbar, cholerisch, in seinen Attacken oft maßlos übertreibend. Melanchthon vorsichtig, stets auf Ausgleich bedacht, klug abwägend, aber auch ängstlich und risikoscheu. Bei der Motivation aber war dieselbe: die leidenschaftliche Sehnsucht nach einer geläuterten, zum Ursprung zurückgeführten Kirche, und die Liebe zur Bibel, die wieder zum alleinigen Maßstab christlicher Lehre werden sollte.

Philipp Melanchthon ist jener messerscharfe Denker gewesen, der die luthersche Vision mit humanistischer Gelehrsamkeit verbunden und damit den reformatorischen Ideen ihre solide gedankliche Basis gegeben hat.

Melanchthon war es, der Luther zu seiner Bibelübersetzung anregte. Es war Melanchthon, der die reformatorische Theologie in geschliffenen wissenschaftlichen Abhandlungen verteidigte, bei Religionsgesprächen und auf Reichstagen als Wortführer der Protestanten auftrat und die ersten Bekenntnisschriften verfasste. Die Reformation hatte ja erst begonnen, die alte römische Kirche und die neue protestantische Bewegung waren noch nicht getrennt, und es gab intensive Diskussionen über die richtige Lehre.

1521 landete er einen theologischen Bestseller. Das waren seine »Loci communes«, auf Deutsch könnte man »Theologische Grundbegriffe« sagen. Das beherrschende Thema in dieser griffigen, systematischen Zusammenfassung reformatorischer Theologie: Der Glaube allein macht selig. Melanchthon hatte unzweifelhaft seinen eigenen Kopf. Doch gerade weil er nicht einfach der unkritische Parteigänger einer bestimmten Richtung war, konnte er bei den vom Kaiser und von Rom veranstalteten Religionsgesprächen als idealer Vermittler dienen.

Das Denkmal des Reformators Philipp Melanchthon auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg. Foto: epd-bild

Das Denkmal des Reformators Philipp Melanchthon auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg. Foto: epd-bild

Einen ersten Höhepunkt erreichten die zähen Verhandlungen auf dem Reichstag von Augsburg 1530: Kaiser Karl V. wollte hier endlich einen Ausgleich zwischen den Religionsparteien herbeiführen. Alle Kräfte im Reich sollten einig sein, denn die Türken standen vor den Toren. Mit einem von ihm redigierten Kompromisspapier gelang es Melanchthon, zumindest die verschiedenen Fraktionen der Reformation unter einen Hut zu bringen. Dieses »Augsburger Bekenntnis«, lateinisch »Confessio Augustana«, sollte zeigen, dass die Protestanten keine wilden Rebellen waren, sondern auf dem Boden der kirchlichen Tradition standen – treu dem Evangelium und dem
unverfälschten Glauben der Väter.

Melanchthon stellte klar: Die reformatorische Lehre ist die gute, alte Lehre der Kirche abzüglich der in Rom eingerissenen Missstände. Damit war auch Luther völlig einverstanden; er mokierte sich allerdings etwas über Melanchthons behutsam-versöhnlerischen Ton – »ich kann so sanft und leise nicht treten!« Hatte »Magister Philippus« doch im Bemühen, die Römer nicht zu verprellen, auf die Erörterung solcher Reizthemen, wie der Stellung des Papstes und der Mittlerfunktion des Priesters, verzichtet. Das Gemeinsame war ihm stets wichtiger als das Trennende.

Melanchthon beschränkte sich nicht auf Verteidigungsschriften und theologische Summen. Die organisatorische Gestalt des deutschen Protestantismus mit Kirchenverfassung und Disziplin ist ohne ihn nicht denkbar. Und er setzte die tiefgreifendste Bildungsreform aller Zeiten in Deutschland in Gang, getreu seinem stolzen Motto: »Bildung ist mehr als Troja erobern!«

Denn mit Bildung, Wissen und Verstand lasse sich der Mensch veredeln und so die Welt verbessern. Deshalb beteiligte er sich unter anderem an der Gründung hoffnungsvoller neuer Universitäten in Jena, Marburg, Königsberg.

Doch der Einigungsprozess scheiterte erneut, weniger an theologischen Differenzen, sondern an Nebensächlichkeiten, Besitz- und Machtfragen. Die politischen Fronten verhärteten sich: Kaiser Karl V. träumte von einem Konzil, das die Lutheraner wieder in den Schoß der römischen Kirche zurückführen und ihm ein lästiges Problem vom Hals schaffen würde. Die protestantischen Fürsten wiederum fürchteten, der Kaiser werde die Einheit gewaltsam wiederherzustellen suchen, und gründeten ein Militärbündnis, den Schmalkaldischen Bund, zur Verteidigung ihrer Sache. Mittendrin Philipp Melanchthon, der immer wieder wesentliche Stücke einer Einigung zustandebrachte, aber eben nie den kompletten Friedensschluss; den hätte die Politik mit allen Mitteln torpediert.

Die zunehmende Kritik aus den eigenen Reihen stärkte Melanchthons Position nicht gerade. Dabei rackerte er sich für seine Kirche ab wie kein anderer, als Verhandlungsführer, als rühriges Mitglied zahlreicher Kommissionen und Gesprächskreise, als Autor und akademischer Lehrer, mit einer seltenen Besessenheit. Täglich hielt er drei bis vier Vorlesungen, doppelt so viele wie seine Kollegen. Ein einziges Mal fiel eines seiner Seminare aus: am Tag seiner Hochzeit mit der Kaufmannstochter Katharina Krapp.

Natürlich hatte Martin Luther die Beziehung eingefädelt; Melanchthon hatte schlicht keine Zeit zur Brautschau. Und wertete seinen Hochzeitstag später mürrisch als »Tag der Trübsale«. Immerhin gingen vier Kinder aus der sonderbaren Beziehung hervor. Philipp Melanchthon stand um zwei oder drei Uhr morgens auf, schrieb Briefe und arbeitete an seinen Vorlesungen. Nach einer Andacht mit Ehefrau und Dienstboten um sieben Uhr eilte er zur Hochschule. Er ging früh schlafen – nicht ohne noch ein Glas Rheinwein getrunken zu haben. Das scheint das einzige Zugeständnis des Asketen an die lustvollen Seiten des Lebens gewesen zu sein.

Als Melanchthon unter der dauernden Überlastung zusammenbrach und mit dem Tod rang, saß Luther stundenlang an seinem Bett und bestürmte den Himmel. Melanchthon wurde tatsächlich wieder gesund und wollte 1545 am Trienter Konzil teilnehmen, musste aber wegen kriegerischer Wirren umkehren. Das Konzil brachte die ernüchternde Erkenntnis, dass die Einheit endgültig verspielt war. »Gegenreformation« statt Dialog. Daheim in Wittenberg, seine Frau war gestorben und auch Luther überlebte die Konzilseröffnung nur um wenige Monate, kämpfte Melanchthon mit Schlaflosigkeit und Augenschwäche – und freute sich, obwohl er erst 48 Jahre alt war, auf den Tod, der ihn von der »Wut der Theologen«, wie er sagte, befreien würde.

Doch der Erlöser kam erst 15 Jahre später, am 19. April 1560. Auf Melanchthons Schreibtisch fand man einen Zettel, auf dem er notiert hatte: »Du kommst zum Licht. Du wirst Gott schauen und den Sohn sehen. Du wirst die wunderbaren Geheimnisse erfahren, die du in diesem Leben nicht begreifen konntest: warum wir so geschaffen sind und nicht anders und was es damit auf sich hat, dass wir Christus als Gott und Mensch zugleich bekennen.«

Christian Feldmann

Sie schwingen und klingen

9. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirchenglocken: Zu hören sind sie mindestens jeden Sonntag, meist auch öfter in der Woche. Warum Glocken­geläut Musik ist und warum welche Glocken wann läuten.

Glocken sind das öffentlich wahrnehmbare Signum christlicher Kirchen. Die weithin zu hörenden Musikinstrumente kennzeichneten die Kirchen, lange bevor es Orgeln gab. Doch Glocken sind bedroht. Weniger sind es Wind und Wetter, die den bronzenen Kunstwerken zusetzen. Schließlich haben viele, die heute in den Kirchtürmen hängen, nicht nur Gewitter und Stürme, sondern selbst Kriege und Plünderungen überstanden. Was den Glocken zusetzt, sind Unverständnis und Ignoranz. Nicht jedes Mitglied einer Kirche würde vermutlich dem Satz zustimmen: Glocken sind Musikinstrumente.

In der Tat: Glocken können unter bestimmten Umständen auch dem Bundes-Immissionsschutzgesetz und dessen Umsetzung der »Technischen Anleitung zum Schutz vor Lärm« unterliegen. Heute ist indes höchstrichterlich geklärt, dass Glocken nur dann dieser Verwaltungsvorschrift entsprechend verstanden werden, wenn sie die Zeit anzeigen – der Stundenschlag also gilt verwaltungstechnisch als »Lärm«. Dabei ist der Klang eines jeden Geläuts musikalisch bestimmt.

Jede Glocke hat ihre eigene Aufgabe. Foto: Gina Sanders – fotolia.com

Jede Glocke hat ihre eigene Aufgabe. Foto: Gina Sanders – fotolia.com

Das kirchlich-liturgische Geläut unterliegt einer anderen Regel. In jeder Kirchengemeinde sollte es entsprechend der örtlichen Traditionen Läuteordnungen geben.

Jede Glocke, gleich wie viele im Turm hängen, hat ihre eigene Aufgabe: gibt es zwei Glocken im Turm, so ist die größere die »Betglocke«, die kleinere wird als »Kreuzglocke, Tauf- und Schiedglocke« geläutet. Stehen drei Glocken zur Verfügung, so wird die mittlere zur Kreuz- und Schiedglocke. Am häufigsten anzutreffen sind vierteilige Geläute. Sie bestehen aus der größten Glocke, die meist als Betglocke geläutet wird, die nächstkleinere wird zur Kreuz- und Schiedglocke, die dritte zur Zeichenglocke und die kleinste zur Taufglocke.

Die Betglocke wird üblicherweise am Morgen und am Abend geläutet. Außerdem erklingt sie zur Mittagszeit. Die Morgenglocke will zum Morgengebet wecken und täglich an die Auferstehung Christi erinnern. Die Mittagsglocke ruft – anders als vielerorts angenommen wird – nicht zum Mittagessen oder zur Mittagspause, sondern zum Gebet für den Frieden. Das Abendgeläut erklingt zur dritten Gebetszeit des Tages, zum Dank für den Tag und zum Bedenken des Endes. Die Betglocke bekommt auch im sonntäglichen Gottesdienst eine Aufgabe: Sie läutet, während die versammelte Gemeinde das Vaterunser spricht, und lädt damit all jene ein, das Gebet mitzusprechen, die nicht am Gottesdienst teilnehmen können.

Dort, wo es Kreuzglocken gibt, werden diese um 11 Uhr am Vormittag und um 15 Uhr geläutet, mancherorts bereits um 9 Uhr. Zu diesen Zeiten wird an Leiden und Sterben Jesu Christi erinnert: 9 Uhr gilt als die Stunde der Kreuzigung, 11 Uhr als die Stunde der hereinbrechenden Finsternis, von der die Evangelisten Matthäus (Kapitel 27), Markus (Kapitel 15) und Lukas (Kapitel 23) berichten. 15 Uhr gilt demnach als die Todesstunde Jesu. Deshalb wird diese Läutezeit auch »Schiedungsläuten« genannt.

Die Zeichenglocke erinnert eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn an den Kirchgang. »Denn mit der Freude Feierklange / Begrüßt sie das geliebte Kind / Auf seines Lebens erstem Gange, / Den es in Schlafes Arm beginnt«, so beschreibt Friedrich Schiller in seinem »Lied von der Glocke« die Aufgabe der kleinsten Glocke. In der Regel wird sie als Taufglocke genutzt. Die Taufglocke erklingt, während im Gottesdienst ein Mensch getauft wird. Wenn es aber bei Schiller heißt: »Schwer und bang / Tönt die Glocke / Grabgesang. / Ernst begleiten ihre Trauerschläge / Einen Wandrer auf dem letzten Wege«, dann ist es die Schiedglocke, die eingesetzt wird. Sie läutet, wenn ein Mitglied der örtlichen Kirchengemeinde verstorben ist. Je nach örtlichem Brauch wird sie am Folgetag um die Mittagszeit oder am Vormittag geläutet. Dieser Glockenruf erinnert an den oder die Verstorbenen und mahnt wie Psalm 90 (Vers 12) an den eigenen Tod.

»Quillt der Segen / Strömt der Regen, / Aus der Wolke, ohne Wahl, / Zuckt der Strahl! / Hört ihr’s wimmern hoch vom Turm! / Das ist Sturm! / Roth wie Blut / Ist der Himmel. / Das ist nicht des Tages Glut!« Zur Warnung vor Unwetter und bei Feuer geläutet wurde noch zu Zeiten Schillers und lange danach. Diese Funktion haben Kirchenglocken heute nicht mehr.

Läuten zum Gottesdienst ist die zentrale Aufgabe der Glocken. Doch auch da gibt es Unterschiede. So wird mancherorts nur einmal, andernorts zweimal mit einer Glocke geläutet, und zwar eine und dann nochmals eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn drei bis fünf Minuten lang. Das volle Geläut erklingt zu den Hauptgottesdiensten am Sonntag und an den hohen Feiertagen. Dabei gibt es immer wieder Diskussionen darüber, wann das volle Geläut ertönen soll. »Vorläuten« heißt es, wenn die Glocken etwa zehn Minuten vor dem Gottesdienstbeginn klingen.

Beim festlichen Geläut zu Gottesdiensten soll, damit die volle Wirkung zu hören ist, mit der kleinsten Glocke begonnen werden. Dann werden in Abständen von etwa zehn Sekunden die weiteren Glocken von klein nach groß eingeschaltet. In der gleicher Reihenfolge wird das Geläut beendet, sodass die jeweils größte Glocke, häufig als Dominika, die Beherrschende, bezeichnet, als letzte ausklingt.

M. Ernst Wahl

Die erste Zeugin der Auferstehung

25. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Es ist fast wie eine Kriminalgeschichte, über Maria Magda­lena zu berichten. Sie gehört zu den faszinierendsten Frauengestalten im Neuen Testament, wurde aber auch zu einer der schillerndsten Figuren der christlichen Tradition.

Die männlichen Fantasiebilder späterer Zeiten, wie sie sich in der Malerei vielfach niedergeschlagen haben, darf man nicht auf die historische Maria Magdalena zurückprojizieren: jung, schön und ein wenig lüstern – so stellt man sie nur zu gern dar. Wir haben es in der Überlieferung jedoch mit zwei Frauen zu tun: mit einer namenlosen Frau, einer Sünderin, die Jesus begegnet, und mit Maria Magdalena, einer Jüngerin Jesu, die zu seiner engsten Umgebung gehörte.

Die Bibel spricht von der namenlosen Frau in Lukas 7,36–50. Sie galt als Sünderin, im damaligen Verständnis eine Dirne, eine Prostituierte. Von Maria Magdalena ist im Anschluss an die Geschichte von der Sünderin die Rede (Lukas 8,1–3). Beide Frauen haben nichts miteinander zu tun.

Maria Magdalena wird in den Evangelien häufig genannt. Das Lukasevangelium erwähnt, dass Jesus in Galiläa nicht nur von den zwölfen, sondern auch von einigen Frauen begleitet wurde. Maria Magdalena hat sich Jesus angeschlossen, nachdem er sie von bösen Geistern geheilt hatte. Sie bleibt bei ihm und gehört zu der Gruppe, die mit ihm und anderen Frauen und Männern durch Palästina zieht.

Maria Magdalena stammt aus Magdala am See Genezareth – von daher stammt ihr Beiname Magdalena. Sie scheint nicht verheiratet gewesen zu sein. Denn ihr Name ist nicht – wie es üblich war – mit einem Männernamen, auch nicht dem eines Vaters oder Sohnes verbunden worden. Die biblischen Texte sagen, dass die Frauengruppe um Jesus groß war. Sie zogen mit ihm durchs Land. In den Evangelien sind sie meist nur als anwesend gedacht und werden nicht ausdrücklich erwähnt.

Ostergeschehen mit Jesus und Maria Magdalena auf dem Glasfenster in der Stadtkirche im sächsischen Stolpen. Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Ostergeschehen mit Jesus und Maria Magdalena auf dem Glasfenster in der Stadtkirche im sächsischen Stolpen. Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Das Markus-Evangelium erzählt, dass die Jünger geflohen sind, als Jesus verhaftet wurde. Sie hatten Angst, ebenfalls verhaftet und verurteilt zu werden. (Markus 15,40) Es sind die Frauen, unter ihnen Maria Magdalena, die in Sichtweite des Kreuzes bleiben, bis Jesus stirbt. Bei Markus und Matthäus ist sie auch dabei, als der Leichnam Jesu ins Grab gelegt wird.

In den synoptischen Evangelien Matthäus, Markus und Lukas gehört Maria Magdalena zu den Frauen am Ostermorgen, die zum Grab gehen. Doch Jesus ist nicht im Grab, sondern ein Engel verkündet ihnen: »Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden.« (Markus 16,6) Im später geschriebenen Schluss des Markus-Evangeliums (16,9–20) wird Maria Magdalena als die herausgestellt, der der Auferstandene als Erster erschienen ist und ihr die Osterbotschaft verkündet hat.

Nur bei den Evangelisten Markus und Matthäus erhalten die Frauen den Auftrag, die Botschaft »Jesus lebt!« den Jüngerinnen und Jüngern weiterzugeben. Sie sollen nach Galiläa gehen, wo sie den Auferstandenen sehen werden. Bei Matthäus führen die Frauen diesen Auftrag aus, bei Lukas verkündigen sie seine Auferstehung, ohne ausdrücklich den Auftrag erhalten zu haben. Bei Markus sagen sie niemandem etwas. Sie erschrecken und flüchten vom Grab. Beim Evangelisten Johannes wird Maria Magdalena zweimal genannt, bei der Kreuzigung und am Ostermorgen. Wie die Synoptiker nennt auch Johannes eine Gruppe von Frauen beim Kreuz (Johannes 19,25). Maria Magdalena ist hier nicht als Erste, sondern als Letzte genannt. Am Ostermorgen sucht sie allein nach dem Leichnam Jesu. (Johannes 20,1–18)

Der Text erzählt von ihrer Trauer: Maria stand draußen vor dem Grab und weinte. Sie entdeckt das offene Grab und sieht darin zwei Engel in weißen Gewändern sitzen. Diese fragen: Frau, warum weinst du? Sie antwortet ihnen: »Sie haben meinen Rabbi fortgenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingebracht haben.« Da erscheint ihr der Auferstandene.

Sie hält ihn erst für den Gärtner. Da ruft er sie beim Namen, worauf sie erkennt, dass es Jesus ist. Maria wendet sich ihm zu und nennt ihn Rabbuni (mein Meister). Sie will Jesus berühren. Er aber sagt: Rühre mich nicht an! Dieser Satz auf Latein »Noli me tangere« wurde zu einem festen Begriff in der Kulturgeschichte des Christentums. Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zu Gott, meinem Ursprung, aufgestiegen. Es heißt: Der Auferstandene ist nicht festzuhalten. Er bleibt in der Distanz der Nahe, der Zugewandte. »Rühre mich nicht an! Halte mich nicht fest!«, lässt sich vielleicht übersetzen: Akzeptiere die Veränderung, nimm den Trennungsschmerz an.

Jesus schickt Maria Magdalena auf den Weg des Lebens. Diesen Weg Marias zum Osterglauben beschreibt der Evangelist Johannes als einen Weg von der Blindheit zum Sehen. Zu Beginn sieht Maria Jesus, erkennt ihn aber nicht. Erst als sie hört, wie er sie beim Namen ruft, gehen ihr die Augen auf.

Bei Johannes hat Maria Magdalena eine herausragende Stellung: Sie ist die einzige Zeugin des leeren Grabes. Ihr erscheint Christus. Ihr gibt Christus den Verkündigungsauftrag. Aber diese große Frau, wie sie Johannes darstellt, die in der Urkirche eine große Rolle gespielt hat, wurde verkannt und verzeichnet.

In den Berichten, in denen es um den Tod und die Auferstehung Jesu geht, spielen die Frauen eine erhebliche Rolle. Als Jesus verhaftet wurde, waren die Männer nicht mehr da. Von den Frauen jedoch wird in allen Evangelien berichtet, dass sie bei der Kreuzigung zugegen und am Ostermorgen am Grab waren. Sie waren die ersten, die begreifen: Das Kreuz war nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang.

Der Name der historischen Maria Magdalena ist mit der Geburtsstunde der christlichen Kirche verbunden wie kein anderer Name. Während die vier Evangelien dieses Bild zeichnen, widerspricht dem die Aussage des Paulus in 1. Korinther 15,3 ff. Da zählt er Namen von Menschen auf, denen der auferstandene Christus erschienen ist. Maria Magdalena ist nicht dabei – überhaupt keine Frau wird erwähnt.

Bei Paulus dominiert die patriarchalische Ordnung. Er hat die Geschehnisse um Jesus intellektuell reflektiert und den Glauben an Christus in die Welt getragen. Aber er ist auch derjenige, der die Weichen dafür gestellt hat, dass das Christentum leibfeindlich und frauenfeindlich wurde. Die traditionelle Exegese folgte vorrangig Paulus und bestritt, dass Maria Magdalena und andere Frauen die ersten waren, die die Auferstehung Jesu bezeugen konnten. Neben die patriarchalische Erfahrung und Theologie tritt heute die weibliche Erfahrung und Theologie. Was hat sie uns zu sagen, die geheilte Frau, die Freundschaft und Hingabe, Eros und Agape vereint? Die Theologie Maria Magdalenas ist noch nicht geschrieben.

Maria Magdalena hat eine Frauenrolle in der Kirche angebahnt, die in der Folgezeit nicht ohne Nachwirkungen bleiben sollte: die Rolle der predigenden Frau, die in Konkurrenz zur Vorherrschaft der Männer in der Kirche tritt. Katholische Frauenforschung hat bewiesen, dass es in der frühen Kirche das apostolische Frauenamt gegeben hat. Seit frühesten Anfängen war diese Konkurrenz den Männern ein Dorn im Auge – und die heutige Ablehnung der Ordination von Frauen innerhalb der katholischen Kirche und manchen protestantischen Kirchen ist nur ein letzter Nachklang.

Ursula Baltz-Otto

Gott kommt zu seinem Recht

16. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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In der Auferstehung Jesu Christi ist die Macht des Todes gebrochen – Ein Oster-Gedanke Martin Luthers

Das ist eine seltsame, unerhörte Predigt, welche die Vernunft nicht fassen kann, sie muss geglaubt sein, dass Christus lebe, und dennoch tot sei, und so tot, dass doch der Tod in ihm sterben muss und alle seine Macht verlieren. Es wird aber solches uns zum Trost gepredigt, dass wir glauben und lernen sollen, der Tod habe seine Macht verloren. Denn da findet sich – Gott habe ewig Lob! – ein solcher Mensch, welchen der Tod angreift, wie alle anderen Menschen, und würgt ihn: Aber im Würgen muss er selbst sterben und verschlungen werden, und der gewürgte Christus soll ewig leben.

Martin Luther

Auferstanden von den Toten« – das ist nach Luther der im Namen Gottes erfolgende Aufstand des getöteten Christus gegen den Würge-Tod. Gegen die Sieger der Geschichte. Gegen die, die so viele erwürgt haben und über Leichen gegangen sind. Mit Blick auf den Gekreuzigten und Auferstandenen bestreitet der Reformator, dass den Würgern die Zukunft gehört. Es geht stattdessen in der Auferstehung des Christus darum: Gott kommt zu seinem Recht. Und er setzt sich vor aller Augen durch. Und erst recht setzt er die Opfer ins Recht.

Luther besteht auf der neuen Leiblichkeit

Der Wittenberger Professor hätte sich nie damit abgefunden, wenn einer nur von einer geistigen Fortexistenz des Gekreuzigten gesprochen hätte. Vielmehr besteht dieser Lehrer der Kirche auf der neuen Leiblichkeit des Christus. Von der »anderen Gestalt« des Auferstandenen ist im Markusevangelium (16, 12) die Rede. Von dorther speist sich Luthers glühende Hoffnung auf Erneuerung auch seiner Leiblichkeit. Sein Vertrauen in den Gott, der den Menschen mit Leib und Seele geschaffen hat, schreit nach der neuen Leiblichkeit im Licht: »Wo Christus auch immer ist, da ist Licht!«

Handgemalte Szene aus der Bibelabschrift des Künstlers El Shalom Wieberneit (91) aus Ennepetal (Nordrhein-Westfalen). Auf dem Bild zeigt Jesus nach seiner Auferstehung dem zweifelnden Thomas und den anderen Jüngern seine Nägelmale. Wieberneit hat in den vergangenen Jahrzehnten alle 27 Bücher des Neuen Testaments und viele des Alten Testaments abgeschrieben. Zu den biblischen Geschichten malt Wieberneit Ornamente und Bilder. Foto: epd-bild

Handgemalte Szene aus der Bibelabschrift des Künstlers El Shalom Wieberneit (91) aus Ennepetal (Nordrhein-Westfalen). Auf dem Bild zeigt Jesus nach seiner Auferstehung dem zweifelnden Thomas und den anderen Jüngern seine Nägelmale. Wieberneit hat in den vergangenen Jahrzehnten alle 27 Bücher des Neuen Testaments und viele des Alten Testaments abgeschrieben. Zu den biblischen Geschichten malt Wieberneit Ornamente und Bilder. Foto: epd-bild

Martin Luther entnimmt den Ostererzählungen des Neuen Testaments eine beispiellose Hoffnung: In der Auferstehung Jesu Christi ist die Macht des Todes spürbar und unwiderleglich gebrochen. Denn es geht beim auferstandenen Christus um Gott. Gott siegt in einem aufsehenerregenden Krieg, in einem schlimmen Kampf. Luthers Bild: Es ist der Krieg des erwürgten Christus gegen den Erwürger Tod. Hier steht Gott zu seiner Verheißung, es werde einmal mit dem Tod und dessen Herrschaft ganz und gar aus sein. Einmal wird aus dem Es-ist-Versprochen ein Es-ist-Geschehen. Die dem Tod verfallene Welt und unsere Wirklichkeit werden ins ewige Leben verwandelt – in die »andere Gestalt«. Die Auferstehung des Gekreuzigten trägt unsere Auferstehung in sich. Und dem kann dann niemand mehr widersprechen. Der Auferstandene zieht uns durch den Tod zu sich: »Er reißet durch den Tod, durch Welt, durch Sünd, durch Not, er reißet durch die Höll, ich bin stets sein Gesell« (Paul Gerhardt). Und so versteht Luther das Ereignis des Ostertages als ein Kampfgeschehen, dessen Sieg nunmehr schon geschehen ist, aber erst in der Kraft der großen Auferstehung aller vollendet sein wird.

Für Luther ist der zweifelnde Jünger Thomas der wichtigste Oster-Zeuge. Und eben dieser sei vor der Erscheinung des Auferstandenen in die Knie gegangen. So wie ein Gläubiger aus dem Volk Israel vor der Erscheinung Gottes in die Knie geht. Und er habe das klarste Glaubensbekenntnis in der Begegnung mit dem lebendigen Christus ausgesprochen: »Mein Herr und mein Gott!« (Johannes 20, 28). Und dieses Thomas-Bekenntnis nimmt der Reformator auf: »Fragst du, wer der ist, er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth und ist kein andrer Gott, das (Kriegs-) Feld muss er behalten.«

Erfahrungen, die den Zweifel mildern

Wer sich auf den kampferprobten Jesus verlässt, macht Erfahrungen mit Gott, die – wie bei Thomas – den Zweifel mildern oder gar ausräumen. Es sind schon jetzt Lebenserfahrungen, dass die Hoffnung größer ist als die Angst. Trotz der Bedrohungen bleiben Lebensbejahung, Zuversicht, Menschenfreundlichkeit. Nichts Menschliches wird mehr vergöttert. Auch unser eigener Kampf mit dem Tod kann und soll durchgestanden werden. Auch mein »Madensack«, wie Luther den Leib manchmal nennt, wird in die Auferstehung hineingenommen: Ach, das ist der schöne Gesang, von den alten Christen, die da singen: »Christ ist erstanden von der Marter alle, des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein.« Das unschuldige Lamm Christus hat uns arme irrende Schafe mit seinem Vater versöhnt, und ist ja ein wunderbarer Krieg, dass Tod und Leben miteinander kämpfen, und der Herr des Lebens stirbt, aber dennoch wieder lebt und regiert.

Rolf Wischnath

Der Autor war Generalsuperintendent in Cottbus. Er lehrt Systematische Theologie an den Universitäten Bielefeld und Paderborn.

Das stärkste Symbol des Glaubens

9. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Das Kreuz konterkariert das Bild vom planbaren und makellosen Idealmenschen

Das Kreuz ist das stärkste Symbol des christlichen Glaubens. Doch über alle Zeiten haben sich Christen mit diesem Todessymbol schwergetan. In der Urkirche hatte es als Erinnerung an den Tod des Gerechten eine herausragende Bedeutung, wurde aber unter dem starken Verfolgungsdruck nicht gezeigt. In der Kunst der Romanik thront ein nach oben blickender Christus als schmerzfreier Pantokrator aufrecht am Kreuz, die Gotik erst stellte dann realistisch das Leiden des Gottessohnes dar. Moderne Theologen haben den Kreuzestod beiseitegeschoben und den Reich-Gottes-Verkünder ins Zentrum gerückt, den Revolutionär, den ersten Feministen, den sanftmütigen Wanderprediger, neuerdings in evangelikalen US-Gemeinden den Jesus, der materiell reich macht. Als sei sein elender Kreuzestod ein dummer Zufall.

Die Passionsgeschichte lehrt: Jesus hat den Tod gefürchtet, aber er ging ihm nicht aus dem Weg. Er suchte die Konfrontation mit dem Tod, um ihn zu besiegen. Die Selbsterniedrigung Gottes bis zum Tod am Kreuz ist deshalb der Kern des Christentums. Gleichwohl hat jede Epoche diesen Tod neu interpretiert.

Gewiss war sein Leiden und Sterben nach dem Zeugnis des Neuen Testaments einzigartig, weil ein Gerechter gestorben ist, einer ohne Sünde (Hebräer 4,15). Das Besondere an Jesu Tod ist, dass Gott sich damit in die tiefste Niederung der menschlichen Existenz begeben hat. »O große Not, Gott selbst ist tot«, brachte Luther seine Kreuzestheologie auf den Punkt. Eine Torheit den Griechen, ein Ärgernis den Römern, eine Provokation für die Juden.

Die Verherrlichung des Kreuzestodes Jesu gehört dagegen zum Aberglauben der Kirche. Denn die Art seines Todes ist nicht außergewöhnlich. Es gab und gibt immer noch weit schlimmere Folter- und weit brutalere Hinrichtungsmethoden.

In manchen Kirchen werden in der Passionszeit Altarkreuze und -bilder verhüllt. Foto: epd-bild

In manchen Kirchen werden in der Passionszeit Altarkreuze und -bilder verhüllt. Foto: epd-bild

Das Heil liegt nicht in den äußeren Umständen des Todes Jesu, etwa in seinem grausamen Sterben am Kreuz oder in der Tatsache, dass bei seiner Hinrichtung Blut floss. Der Tod Jesu ist nicht der Grund der Erlösung, denn nicht die Kreuzigung war Gottes Eingriff in die Weltgeschichte (das haben die Menschen besorgt), sondern die Sendung Jesu und die Bestätigung seines Lebens und seiner Botschaft durch die Auferweckung. Gott hätte diesen Tod nicht gebraucht, er war aber die Konsequenz des Lebens und der Verkündigung Jesu. Gott hat mit seiner Auferweckung eingegriffen. Der Auferstandene ist Erstling unter vielen (1. Korinther 15,20), Grund zur Hoffnung für alle Leidenden, Sterbenden und Trauernden.

Wenn also die mittelalterliche Sühnopfertheologie verabschiedet wird, kann die Passion Jesu in der Verkündigung auf andere Weise an Bedeutung gewinnen: Der leidende Gott am Kreuz ist der schärfstmögliche Widerspruch gegen alle Macht- und Vollkommenheitsfantasien des Menschen, gegen alle innerweltlichen Erlösungs- und Machbarkeitsideologien. Das Kreuz konterkariert das Bild vom planbaren und makellosen Idealmenschen.
Die österliche Botschaft des Christentums ist: Der Gekreuzigte hat den Tod überwunden, Christus ist auferstanden. Berichte, wie die Auferstehung vor sich ging, gibt es im Neuen Testament nicht. Selbst im apokryphen Petrusevangelium wird nur gesagt, dass zwei Engel auf das Grab hinabstiegen, dass aber drei Personen aus dem Grab hervorgingen: Die Engel – und Jesus in der Mitte.

Helmut Frank

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