Uns selbst zuwider – vor Gott

21. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Buß- und Bettag am 22. November: Vom Sinn und Ziel der Buße

Wer Buße sagt als Christ, muss sie auch tun. Aber was heißt Buße? Was meint sie, wenn sie nicht in einem formal-juristischen Sinne abgeleistet werden soll für eine (Straf-)Tat, eine Schuld, die nach Buße verlangt, nach Ablass oder Ableistung aber getilgt ist?

Luther hat das »dritte Sakrament«, wie er die Buße auch nennt, in seinem »Großen Katechismus« nicht nur scharf umrissen, er hat sie vor allem tief verankert. Verankert im Ur-Sakrament der Taufe selbst, deren »Kraft und Bedeutung« sich in der Buße wiederhole: »Denn was heißet Buße anders als den alten Menschen mit Ernst angreifen und in ein neues Leben treten?« Darum stünde jeder, der in der Buße lebe, »in der Taufe, welche solches neues Leben nicht allein deutet, sondern auch wirkt, anhebt und treibt«. Werde darin doch »Gnade, Geist und Kraft gegeben, den alten Menschen zu unterdrücken, daß der neue hervorkommt und stark werde«.

Der alte Mensch und der neue Mensch – wenn Luther davon spricht, dann spricht er nicht von äußeren, von gesellschaftlichen oder geschichtlichen Umständen, sondern von uns und unserem innersten Sein. Es geht um mehr als nur um vieles, es geht, fernab von Wandlung durch Pädagogik oder Psychoanalyse, um alles oder nichts, um die ganze Existenz und die Existenz als Ganzes. Der Kampfplatz zwischen altem und neuem Menschen, heißt das, ist nicht die politische Stunde Null, nicht die fortschrittliche Operation Zukunft, schon gar nicht die Revolution im Sinne Münzers oder der Wiedertäufer und ihrer säkularen Nachfolger aller Varianten und Zeiten. Sie wollten der himmlischen Gerechtigkeit eine blutige Schneise ins Irdische schlagen. Aber auch nicht der Auftritt wohlfeiler Ablasshändler, wie wir sie heute, in orwellschem Säkular-Sprech und kommissarischer Erlösungs-Gestalt, geradezu inflationär erleben, ist gemeint.

Logo-Credo

Der Kampfplatz ist unsere Seele zwischen Teufel und Gott. Schon in seiner »Ersten Psalmvorlesung« geht Luther dem Konflikt radikal auf den Grund, stößt vor in eine Tiefe, die wir gerne zu erreichen vermeiden. Besonders in unserer Fähigkeit, Bußfertigkeit zu simulieren, indem wir uns von negativ gedeuteten Umständen und ihren Verursachern distanzieren. Oder uns rechtfertigen, indem wir sie verurteilen – ob geschichtlich kontaminierte oder solche, die dem Zeitgeist als Übel gelten. Der Zeitgeist für Luther manifestierte sich in den Texten und Reden der Scholastiker seiner Zeit: »Was unsere Scholastiker«, heißt es in seiner Auslegung von Psalm 1, »also in ihrer theologischen Sprache Bußhandlungen nennen, nämlich sich selbst missfallen, sich zuwidersein, verdammen, anklagen, rügen wollen, sich selbst strafen, züchtigen und wirklich das Böse hassen und sich zürnen, das nennt die heilige Schrift mit einem Wort ›Gericht‹ (V. 5).«

Das aber ist Luther zu wenig, das ist nicht einmal die halbe Buße, geschweige denn die ganze Rechtfertigung. Denn solange »wir uns … nicht selbst verurteilen, exkommunizieren, uns vor Gott zuwider sind, solange bestehn wir nicht und werden nicht gerechtfertigt«. Worauf Luther hier abzielt, hat Eberhard Jüngel einmal den Verlust der »ungehemmten Lebensgemeinschaft mit Gott« genannt. Um sie wieder zu erhalten, müssen wir erkennen, dass es nicht reicht, wenn wir uns in unserem Verhalten vor der Welt zuwider sind, sondern zuerst und zuletzt vor Gott, weil wir die Lebensgemeinschaft mit ihm verlassen, angegriffen, zerstört haben – erst dann ist Umkehr möglich, Metanoia, wie der Begriff im neuen Testament dafür lautet.

In Lukas 3,7 ist dieser Bußaufruf – mit Zorn verkündet von Johannes dem Täufer einer zwar taufbereiten, aber immer noch zu selbstgewissen »Schlangenbrut« – verbunden mit einer unmissverständlichen Gerichtsankündigung, einer Generalabrechnung: »Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.« Diesen Aufruf zu totaler Metanoia verbindet Jesus schließlich mit der Ankündigung der entscheidenden befreienden Perspektive, der Königsherrschaft Gottes: »Doch sollt ihr wissen: Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen.« (Lukas 10,9).

Diese bevorstehende Königsherrschaft Gottes aber ist das absolute Gegenteil eines eintretenden Politikums. Sie ist die Wahrheit, die frei macht, wie es bei Johannes heißt (8,32). Und nur in ihr »erfüllt sich die Bestimmung des menschlichen Lebens« (Eberhard Jüngel). Buße ist somit nicht Aufbruch in eine »hypertrophe Gewissensethik« (Klaus Berger), um mit sich wieder ins Reine zu kommen, sondern der so wieder wahr werdende Mensch, sagt Luther, tut »frei, fröhlich und umsonst«, »mit Lust«, »aus Liebe und Freiheit«, was Gott wohl gefällt. Metanoia, heißt das, ist die einzige Revolution, aus der der Mensch je und je neu werden, zum neuen Menschen werden kann.

Ulrich Schacht

Der Autor ist Schriftsteller und Theologe, er steht der evangelischen Bruderschaft St.-Georgs-Orden vor.

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Die Erde ist der beste Platz

14. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview mit Johann-Dietrich Wörner, Generaldirektor bei der Europäischen Weltraumorganisation

Herr Professor Wörner, was bedeutet Ihnen der biblische Schöpfungsbericht?
Wörner:
Immer wieder hat die Kirche versucht, den Menschen die Fragen der Wissenschaft zu beantworten und musste dann nach neuerer Erkenntnis wieder neue Antworten finden.

Die Schöpfungsgeschichte ist für mich – bei aller Versuchung, sie mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen in Übereinstimmung bringen zu wollen – ein Versuch, den Menschen die Entstehung als einen göttlichen Akt zu beschreiben.

In Ihrem Arbeitsalltag beschäftigen Sie sich mit dem Weltraum – welchen Platz nimmt dort Gott ein oder anders formuliert: Wie beschreiben Sie Ihre Beziehung zu Gott?
Wörner:
Ich bezeichne mich selbst als einen gläubigen Menschen. Wissenschaft und Glaube stehen für mich nicht im Widerspruch, sondern sind ganz unterschiedliche Dinge, die der Mensch in der Lage ist im Inneren zu verbinden.

Wissenschaft ist eine typisch menschliche Aktivität, Beobachtungen in Regeln zu übersetzen. Glaube ist dagegen verbunden mit Vertrauen, Hoffnung und Werten.

Welche Gaben ermöglichen es Ihnen als Generaldirektor der europäischen Raumfahrt, gedanklich in die höheren Sphären des Weltalls vorzudringen?
Wörner:
Im Englischen unterscheidet man Heaven and Sky, im Deutschen sagen wir für beides Himmel. Aber wir arbeiten im All. Gott ist nun dort nicht physisch zu finden, er ist über diesen Vorstellungen, also über All oder auch überall.

Johann-Dietrich Wörner. Foto: Philippe Sebirot/ ESA

Johann-Dietrich Wörner. Foto: Philippe Sebirot/ ESA

Was sind die aktuellen Herausforderungen der Raumfahrt?
Wörner:
Raumfahrt heute ist Infrastruktur und für jeden erlebbar, z. B. bei Navigation, Telekommunikation oder Wetterbeobachtung. Darüber hinaus ist Raumfahrt durch die Missionen mit robotischen oder astronautischen Systemen aber auch in der Lage, den sehr menschlichen Trieb der Neugier zu befriedigen. Hieraus entwickelt sich Faszination, Inspiration und Motivation, wichtige Grundlagen für die gesellschaftliche Weiterentwicklung.

Wie weit sind wir von einer Reise zum Mars entfernt?
Wörner:
Der Mond ist 350 000 Kilometer von der Erde entfernt und daher relativ leicht erreichbar. Sicherlich wird der Mensch auch weiter ins Weltall vorstoßen, das entspricht ganz einfach unserem Pionier- und Entdeckungsgeist. Aber eine Reise zum Mars ist auf absehbare Zeit einfach zu riskant. Deshalb erwarte ich, dass zwar robotische Systeme zu anderen Planeten fliegen werden, der Mensch aber zunächst wieder den Mond besuchen wird. Wichtig ist mir, dass wir damit nicht eine Kolonialisierung anstreben oder womöglich die Erde verlassen wollen. Die Erde ist in weiter Umgebung der beste Platz und wir wollen die Erde auch durch die Raumfahrt erhalten.

In der European Space Agency (ESA) und an internationalen Raumprojekten arbeiten Staaten zusammen, die sich anderswo auf der Erde argwöhnisch gegenüberstehen. Worin sehen Sie den friedenstiftenden Auftrag der ESA?
Wörner:
Raumfahrt ist heute eine ganz wichtige Brücke über irdische Konflikte. Nicht nur in der Internationalen Raumstation arbeiten die Nationen friedlich und sehr intensiv zusammen.

Die Fragen stellte Sabine Kuschel.

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Programm für christliches Leben

7. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Martin Luthers Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen«

Was Freiheit ist, scheint unsere Zeit, respektive das, was sie für ihren Geist hält, besonders gut zu wissen: Sie nennt Freiheit einen »westlichen Wert«, den alle übrigen Weltteile nur annehmen können. Die Wirklichkeit hinter solcher Proklamation sieht ziemlich anders aus: Die aktuelle Freiheitsversion des Westens steht vor allem für eines: für die Auflösung aller gewachsenen Lebens-Verhältnisse, Moral- und Denk-Traditionen: Glauben, Familie, Geschlecht, Nation, Grenzen. Damit trifft sie mit destruktiver Macht bewährte Regeln des Zusammenlebens, der Wirtschaft, geistiger Pluralität: Wer nicht fortschrittlich ist, modern, alternativ, der ist rückschrittlich, reaktionär, der Vergangenheit verhaftet. Für Marx und Engels, die gottlosen Propheten des kommunistischen Paradieses, verdichtete sich im »Manifest der Kommunistischen Partei« der Freiheitsbegriff im Rahmen solchen, die Welt radikal zertrümmernden kapitalistisch-globalen Fortschritts, ein von ihnen begeistert begrüßtes Verflüssigungsprojekt aller gewachsenen Verhältnisse, zu jener »einen gewissenlosen Handelsfreiheit«, die heute offenbar das Proprium der westlichen Freiheitsideologie ausmacht. Ein geschichtspolitisches Himmelsgesetz, dem geopfert wird wie einst in Karthago dem Götzen Moloch. Und die reaktionärste, weil retardierende Größe in diesem Diskurs- und Praxiskontext ist natürlich Gott selbst.

Das Zentrum des innerlichen Menschen ist seine Seele, die nur frei sein kann, wenn sie auf Gottes Wort hört, sich an ihn bindet. Ulrich Schacht. Foto: Joseph – stock.adobe.com

Das Zentrum des innerlichen Menschen ist seine Seele, die nur frei sein kann, wenn sie auf Gottes Wort hört, sich an ihn bindet. Ulrich Schacht. Foto: Joseph – stock.adobe.com

Gott geht in der modernen westlichen »Freiheitsgesellschaft« gar nicht oder wenn, dann nur noch in einem zukünftig zu schaffenden »House of One«, in dem sich die Religionen wie gleichwertige Whiskeysorten im Spirituosenladen zu privatem Test-Kauf und individueller Geschmacksprobe anbieten. Mit anderen Worten: Im Westen ist diesbezüglich der Teufel los; das Freiheitsversprechen des Teufels aber hat sich schon immer den Fortschrittsmantel umgehängt. Was also tun gegen den großen Verwirrer und seine zahlreichen Helfershelfer in Politik, Ökonomie, Kultur und ja, leider auch in den großen Kirchen zwischen Rom und Hannover?

Vielleicht dies: Luthers auf revolutionäre Weise hochreaktionäre Thesen »De libertate christiana« oder im Deutsch seiner Zeit: »Von der Freyheyt eyniß Christen menschen« wieder und wieder lesen! 1520 erschienen, waren sie zunächst und vor allem eine geharnischte Antwort des Reformators auf die Bannandrohungsbulle aus Rom. In der Folge jedoch sind sie bis heute, vielleicht noch gravierender als die 95 Thesen zum Ablasshandel von 1517, die entscheidende Programmschrift für das, was man in der Summe »die christliche Freiheit« nennen könnte, kulminierend in der scheinparadoxen Formel: »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.« Logisch wird diese Paradoxie, wenn man der ihr zugrunde liegenden Doppelthese über den Menschen an sich folgt, unterscheidet Luther doch scharf zwischen einem innerlichen und äußerlichen Menschen, der über »zweierlei Natur« verfüge.

Der innerliche Mensch als Christ ist der »geistliche Mensch«, der äußere »leiblich«. Das Zentrum des innerlichen Menschen ist seine Seele, die nur frei sein kann, wenn sie auf Gottes Wort hört, sich an ihn bindet. Das aber wiederum ist kein Vernunfts-, sondern ein Vertrauensakt via Christus, der wie in einem Tausch Gottesferne und Sünde der Christenseele auf sich nimmt, sie mithin davon und grundsätzlich befreit.

Der äußere Mensch aber ist die praktische Konsequenz des inneren, indem er an seinem Nächsten so handelt wie Christus an ihm. In diesem dialektischen Freiheitsprozess zwischen Seelenbefreiung und christusgebundener Liebestat erfüllt sich ein Weltverhältnis, dem kein politischer Freiheitsbegriff gewachsen ist.

Dietrich Bonhoeffer hat in seinem Gedicht »Stationen auf dem Wege zur Freiheit«, geschrieben unter der Drohung seines gewaltsamen Todes im Tegeler Gefängnis, Luthers Schrift in nicht weniger herausfordernde Verse überführt. Sie sprechen in der Summe von »wunderbarer Verwandlung«. Deren Beginn zeigt jene Grundrichtung an, in die wir zu gehen haben, sind wir erfüllt von eben jener »Freiheit eines Christenmenschen«. Dieser hat Luther eine nie verblassende Kontur gegeben: »Ziehst du aus, die Freiheit zu suchen, so lerne vor allem / Zucht der Sinne und deiner Seele, daß die Begierden / und deine Glieder dich nicht bald hierhin, bald dorthin führen … // Tritt aus dem ängstlichen Zögern heraus in den Sturm des Geschehens, / nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen, / und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen.«

Ulrich Schacht

Der Autor ist Schriftsteller und Theologe, er steht der evangelischen Bruderschaft St. Georgs-Orden vor.

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»Marseillaise der Reformation«

1. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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»Ein feste Burg ist unser Gott«: Religiöses Trostlied und Schlachtengesang

Menschen singen es seit bald 500 Jahren, aber nicht immer war der Gesang rühmlich: Martin Luthers Lied »Ein feste Burg« haben verschiedene Gruppierungen für sich vereinnahmt, auch die Nationalsozialisten.

Einmal im Jahr, da singen sie alle! Selbst die Männer schmettern mit, wenn am Reformationstag »Ein feste Burg« gesungen wird – obwohl die Melodie gleich in den höchsten Tönen beginnt.

Liegt es am Text, der Gott mit einem trutzigen, Schutz bietenden Bauwerk gleichsetzt, oder an der Melodie, die in kräftigen gleichmäßigen Viertelnoten einherschreitet? Vermutlich ist es diese Kombination, die das Lied zur »Marseillaise der Reformation« (Heinrich Heine) gemacht hat.

Martin Luther ließ sein Lied 1529 drucken. Vorlage war der Psalm 46, ein vertrauensvoller Text, der die Stadt Gottes beschreibt, die trotz des drohenden Weltuntergangs »fein lustig bleiben soll mit ihren Brünnlein«. Keine Trutzburg – da ist etwas in Bewegung, im Fluss. Vertont ist dieser Text mit einer typischen Renaissance-Melodie mit tänzerischem Schwung, die den Inhalt der ersten Strophe nachzeichnet.

Feldpostkarte aus dem Ersten Weltkrieg mit dem Schriftzug des Choraltitels »Ein feste Burg ist unser Gott« von Martin Luther. Aus dem Glaubenslied wurde in Bismarcks Kaiserreich ein vaterländischer Kampfgesang. Das Lied fand in Druckschriften des Ersten Weltkrieges inflationäre Verwendung. Foto: epd-bild

Feldpostkarte aus dem Ersten Weltkrieg mit dem Schriftzug des Choraltitels »Ein feste Burg ist unser Gott« von Martin Luther. Aus dem Glaubenslied wurde in Bismarcks Kaiserreich ein vaterländischer Kampfgesang. Das Lied fand in Druckschriften des Ersten Weltkrieges inflationäre Verwendung. Foto: epd-bild

Im zweiten Teil gerät der Rhythmus ins Wackeln, wenn »der alt böse Feind« vorgestellt wird. Dieser marschiert im Gleichschritt, wenn er »es jetzt mit Ernst meint« und »groß’ Macht und viel List« einsetzt. Seine »grausame Rüstung« bringt ihn aber rhythmisch wieder ins Straucheln. Die Macht des bösen Feindes wird durch den Melodieverlauf ironisch gebrochen.

Psalmlieder gehören in Luthers Gottesdienstpraxis zu den ersten Gesängen, die der Gemeinde neben den Katechismusliedern anvertraut werden. Dabei geht Luther sehr frei mit der biblischen Vorlage um, ergänzt sie christologisch und führt neue Bezüge ein.

So hat Luther mit dem »alt bösen Feind« ein Gegenbild zu Gott vorgestellt, das nicht aus dem Psalm stammt. Allerdings bleibt dieses Bild unklar – wer oder was ist damit gemeint? Diese Unbestimmtheit hat es vielen Generationen leicht gemacht, ihre je eigenen Bedeutungen einzutragen. War es zunächst der Teufel, der für Luther eine reale Bedrohung war, wurden es später die Gegner der lutherischen Lehre oder im Kriegsgeschehen die politischen Feinde.

Mittlerweile war die ehemals stark rhythmische Melodie durch den Gruppengesang erstarrt, die Gemeinden hatten sie sich in gleichmäßigen Notenwerten zurechtgesungen. 1738 wird sie erstmalig im geraden Vierteltakt gedruckt. Dann ist es nicht mehr weit bis zur Marschmusik.

Im Psalm 46 wird Gott gepriesen, der den Kriegen ein Ende macht und Kriegsgerät zerstört.

Bald übernahmen die Menschen die Kriegsführung und nutzten das »Feste-Burg-Lied« als Schlachtengesang. Wo Luther auf die Kraft des Wortes zur Überwindung des Gegners vertraute: »ein Wörtlein kann ihn fällen«, wurden im Dreißigjährigen Krieg Söldner mit diesem Lied in den Kampf geschickt. Gemeinsames lautes Singen stärkt den Einzelnen und die Gruppe – und die »Feste Burg« spielt dabei nicht nur rühmliche Rollen. Der Choral wird zum erhebenden Feiergesang der Reformationsjubiläen. Im 18. Jahrhundert kommen nationalistische Töne dazu. In der Liedersammlung »Des Knaben Wunderhorn« wird der Choral als »Kriegslied des Glaubens« geführt und von Studentenverbindungen, Turnervereinigungen und anderen Männerbünden kraftvoll zelebriert. 1871 verarbeitet Richard Wagner den Choral in seinem »Kaisermarsch«, im Ersten Weltkrieg wird das Lied zum nationalen Kriegsgesang gegen die »altbösen Feinde« Frankreich und England, im Nazideutschland geht es nicht mehr um Christus: »der rechte Mann« heißt Hitler und »das (deutsche) Reich muss uns doch bleiben«.

Gleichzeitig hat Luthers Lied aber auch bedrohten Christinnen und Christen Trost gespendet, zur Stärkung verfolgter Gemeinden beigetragen und sich weltweit im Protestantismus verbreitet.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert wird das Lied, wie schon im Barock, liturgisch wieder dem Sonntag Invokavit, dem Beginn der Passionszeit, zugeordnet, um der triumphalistischen Verwendungstradition entgegenzuwirken. Im Evangelischen Gesangbuch sind beide Melodien abgedruckt – ich wünsche mir, dass viel öfter die erste, originale Melodie in einem flüssigen Tempo gesungen wird. Das muss in unseren Gemeinden sicher ein bisschen geübt werden – aber dann fängt die »Feste Burg« an zu swingen!

Christa Kirschbaum

Die Autorin ist Landeskirchenmusikdirektorin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau

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Die Bibel als Betthupferl

23. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Im oder auf dem Nachttisch: Seit über 100 Jahren sorgen Mitglieder des christlichen Gideonbundes für die Ausstattung von Hotels und anderen Einrichtungen mit Bibeln. Doch die Nachfrage nach kostenlosen Exemplaren sinkt.

Oft fällt sie erst auf, wenn sie nicht mehr da ist: die Hotelbibel. Das kleine handliche Buch, entweder diskret im Nachttisch hinterlegt oder offensichtlich obendrauf. Wie häufig sie tatsächlich in die Hand genommen oder gar gelesen wird, ist nicht nachvollziehbar, aber klar war bisher in der Regel: Bevor der Gast sein Hotelzimmer betritt, ist sie schon da. Verlässlich.

Viele dieser Bibeln tragen das Logo mit der Flamme auf einem Krug – das Erkennungszeichen des Gideonbundes. Er gilt deutschlandweit als Hauptverteiler kostenloser Bibeln, nicht nur in Hotels. Im Juli teilte das Missionswerk aus dem hessischen Wetzlar mit, dass der Bedarf von Hotels an Bibeln sinke. Deutschlandweit sei die Zahl von 48 000 angeforderten Exemplaren im Jahr 2006 auf 26 000 im Jahr 2016 gesunken.

»Ich denke, dass eine erhöhte Sensibilität für ›Political Correctness‹ und Religionsvielfalt ihren Anteil daran hat, dass viele Hotels religiöse Schriften nur noch auf Nachfrage an der Rezeption bereithalten«, sagte Markus Luthe, Hauptgeschäftsführer des Hotelverbands Deutschland (IHA) bereits im Dezember des vergangenen Jahres. Dem stimmt auch Fabian Neumann, Sprecher der Gideons in Deutschland zu und ergänzt: »Zudem haben wir auch einen gewissen Sättigungsgrad erreicht, was die Auslage anbelangt.«

Wie die Situation konkret in den Hotels aussieht ist schwer zu erfassen. Der weltweit agierende Verband der AccorHotels, zu dem unter anderem Ibis, Mercure, Novotel und Sofitel gehören, habe sich dazu entschieden, »sich in religiösen Fragen neutral zu verhalten«. In den stichprobenartig angefragten Hotels in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind keine Bibeln oder andere religiöse Schriften mehr vorhanden.

Vertraute Gewohnheit: Die Bibel im Hotelzimmer-Nachttisch

Vertraute Gewohnheit: Die Bibel im Hotelzimmer-Nachttisch

Weniger einheitlich ist die Regelung in den Häusern der Steigenberger Hotels. Es sei »seit 2015 nicht mehr Standard, eine Bibel oder einen Koran in die Zimmer zu legen«, teilte eine Unternehmenssprecherin mit. Für neu eröffnete oder übernommene Hotels werden keine Bibeln mehr angeschafft. In älteren Betrieben können sie jedoch weiterhin verfügbar sein.

Das sind sie in mitteldeutschen Hotels sehr zuverlässig, wie die Nachfrage ergab. Gleiches gilt auch für die zu Best Western und Radisson Blu gehörenden Gästehäuser. Die meisten stellen nur das Neue Testament zur Verfügung, ein sächsisches Hotel bietet zusätzlich das Buch Mormon an. In drei Hotels ist neben dem Neuen Testament auch eine buddhistische Schrift hinterlegt. Lediglich ein Leipziger Hotel hält religiöse Schriften nur auf Nachfrage bereit und verfügt als einziges von rund zwanzig befragten mitteldeutschen Hotels auch über den Koran.

Sollte Gästen das Fehlen einer Bibel im Hotelzimmer auffallen, empfiehlt der Sprecher des Gideonbundes Fabian Neumann, direkt die Leitung des Hauses anzusprechen. »Wir hatten daraufhin schon Anfragen von Hotelgesellschaften, die dann zumindest für das besagte Hotel Bibeln haben wollten«, erklärt er.

Dass die Bibel flächendeckend in Hotels Einzug gehalten hat, geht auf die Erfahrung dreier christlicher Geschäftsmänner Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika zurück. Wegen Überfüllung musste sich John H. Nicholson wiederholt ein Hotelzimmer mit anderen Männern teilen. Beide Bekanntschaften waren auch Christen. Mit ihnen gründete Nicholson im Mai 1899 eine Vereinigung christlicher Handelsreisender. Sie entwickelten die Idee, am Empfang eines jeden Hotels eine Bibel auszulegen.

1956 kam ein Abgesandter der Gideons nach Deutschland. Die ersten Gruppen der Organisation entstanden in Berlin und Frankfurt, zwei Jahre später wurde der Gideonbund als Verein eingetragen. Aktuell hat der Gideonbund über 4 700 Mitglieder in Deutschland. 2016 wurden durch sie über 742 000 Bibeln weitergegeben.

Obwohl die Zahl physisch greifbarer Bibeln in Hotels zurückgeht, könnten sie als App auf E-Book-Lesegeräten wieder vermehrt Einzug halten. Tatsächlich gibt es schon Hotels, die ihre Gästemappe digital auf einem Tablet zur Verfügung stellen. Ein Hotel in Newcastle stattete bereits 2012 seine Hotelzimmer mit eBook-Readern aus, auf dem das Alte und Neue Testament vorinstalliert ist.

In Ergänzung zum »physischen Angebot« bietet inzwischen auch der Gideonbund mit der »Gideon-Bible-App« einen digitalen Zugang zur Bibel. Es gibt sie kostenlos in den App-Stores.

Mirjam Petermann

http://gideons.de

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Ein Zeichen für alle

15. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Sich bekreuzigen: Warum ein katholischer Lehrer evangelische Christen für einen alten Ritus gewinnen will

Ein Thüringer Katholik will ein sichtbares Zeichen für die Ökumene setzen – das Kreuzzeichen. Ginge es nach Klaus Töpfer, bekreuzigten sich schon bald auch die Protestanten nach dem Gottesdienst und überließen die Geste nicht nur dem Mann oder der Frau vor dem Altar. Mit vielen Christen spricht der 73-Jährige in den letzten Monaten darüber, mit hochstudierten Professoren, mit Amtsträgern und Laien. Auch die Bischöfe in Magdeburg und Erfurt versucht er, für seine Idee zu gewinnen.

Seine Argumentation klingt schlüssig. Der Glaube an den einen Gott sollte wichtiger sein als die über Jahrhunderte gepflegte Betonung alles Trennenden zwischen den Konfessionen. In seinem Heimatdorf, Salomonsborn vor den Toren Erfurts, könne man sich das auch gar nicht mehr leisten.

Katholiken und Protestanten feierten hier zusammen Gottesdienst; mal seien die einen, mal die anderen in der Mehrheit. Immer – außer zu Weihnachten – blieben dennoch viele Kirchenbänke frei. Im Ort selbst seien die Christen eh in der Minderheit, so Klaus Töpfer. Mehr noch, beschwört der pensionierte Lehrer die gemeinsame Stärke, keine der beiden Konfessionen allein hätte die Sanierung der inzwischen so schmucken Dorfkirche allein stemmen können. Nur eine Seite hätte auch nicht die stolze Summe von 84 000 Euro zusammengebracht. So viel Geld ging nach seinen Angaben in den letzten Jahren in Form von Spenden und Zuwendungen beim Förderverein von St. Dionysius ein. Nein, es ist nur noch zusammen zu schaffen; sprich: ökumenisch. Also schreibt er freundliche Briefe an die beiden Bischöfe. Und bekommt freundliche Antworten.

Das Kreuzzeichen sei ein Gestus, den auch Martin Luther praktiziert und empfohlen hat, schreibt Anfang Juli Ilse Junkermann an den gebürtigen Eichsfelder. Das Zeichen zeige »die Verbundenheit mit Christus und ist deshalb immer auch eine Tauferinnerung«, so die Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Wenn es die Protestanten heute nicht praktizierten, sei das keine »Herabsetzung« mehr, sondern ein »Vergessenhaben«. Allerdings, schränkt sie ein, spielten für ihre Konfession Gebetshaltungen und Gesten generell eine sehr untergeordnete Rolle. Und dennoch – gerade von den Jüngeren werde das Kreuzzeichen inzwischen wieder entdeckt und immer häufiger angewandt.

Also gibt die Landesbischöfin grünes Licht? Nicht ganz. Da das Kreuzzeichen ein sehr persönlicher Gestus sei, könne dieser »nicht einfach für die eigene Frömmigkeitspraxis verordnet werden«. Eine starke Verankerung sei nur »über Vorbild, Nachahmung und Einübung« möglich, endet ihr Antwortschreiben an Klaus Töpfer ein wenig im vagen Unverbindlichen.

Auch ihr Amtsbruder lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster. Er bitte um Verständnis, dass er als katholischer Bischof nicht in die Gottesdienstagenda evangelischer Pfarrer eingreifen möchte, heißt es im Brief von Ulrich Neymeyr ein paar Wochen später. Es wäre für Klaus Töpfer als ökumenisch engagierten katholischen Christen »wesentlich leichter«, diesen Vorschlag zu machen. Es könne nicht seine – des Bischofs des Bistums Erfurt – Aufgabe sein, evangelische Christen darüber zu belehren, »dass sie beim katholischen Segen das Kreuzzeichen mitmachen können, ohne dabei ihre evangelische Identität zu verraten«.

Klaus Töpfer lässt sich davon nicht entmutigen. In Ricklef Münnich findet er den richtigen Partner. Dann ist es so weit. In der kleinen Kirche zu Salomonsborn lädt der evangelische Pfarrer zum Ende des ökumenischen Gottesdienstes die Protestanten dazu ein, es den Katholiken gleichzutun und ein Kreuz zu schlagen. Trotz Anleitung und Erklärung trauen sich aber noch nicht alle an das ungewohnte Ritual heran.

Jegliches hat seine Zeit. Auch das Kreuzzeichen. Ob in Erfurt, wie vor über 500 Jahren schon einmal, wieder Weltgeschichte beginnen kann? Klaus Töpfer schmunzelt. Als Martin Luther am 17. Juli 1505 an die Pforte des Augustinerklosters klopft, will er nur ein Mönch unter vielen sein. Historische Bedeutung bekommt dieser Moment erst Jahre später …

Dirk Löhr (epd)

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Das Leben geht weiter, als man denkt

8. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Samuel Koch – Wie der Unfall bei »Wetten, dass..?« seinen Glauben veränderte

Sport war sein Leben. Bis Samuel Koch 2010 bei »Wetten, dass..?« schwer stürzte. Doch statt sich zu verkriechen, wurde er Schauspieler, schrieb Bücher.

Hätte er sein Schicksal gekannt, er wäre davongelaufen, sagte Samuel Koch einmal. 2010 brach sich der Kunstturner bei der Fernsehshow »Wetten, dass..?« mehrmals die Wirbelsäule. Seitdem ist er vom dritten Halswirbel an gelähmt. Aber Koch will in Bewegung bleiben, er schloss sein Schauspielstudium ab, ist Ensemblemitglied am Staatstheater Darmstadt, engagiert sich sozial, vergangenes Jahr heiratete er. Am 28. September wurde er 30 Jahre alt.

Leicht zerstrubbeltes blondes Haar, oft einen Drei-Tage-Bart. Auf Fotos sieht man Koch meist in einem Sessel sitzen. Nur selten im Rollstuhl. Koch sagt, er hat sich 23 Jahre lang eher Saltos schlagend vorwärts bewegt als gehend. Bei sportlichen Herausforderungen hätte er fast nie nein sagen können. Jetzt dürfe er seiner Lähmung nicht so viel Aufmerksamkeit schenken. Zu seinen »Weitermach-Aktionen« gehören Konzertlesungen: Gemeinsam mit Sänger Samuel Harfst tourt Koch durch Deutschland, die Freunde lesen und singen über das Leben, das nicht nach Plan verläuft. Harfst sagt über seinen Bühnenpartner, Samuel Koch meistere sein Leben als Querschnittsgelähmter jedes Jahr ein bisschen besser. Er sei ein Kämpfer: »Wenn andere sich krankschreiben lassen, zieht er das Programm ohne mit der Wimper zu zucken durch.«

2010 war Koch der erste Kandidat der vorweihnachtlichen »Wetten, dass..?«-Sendung in Düsseldorf. Seine Paten waren Komiker Otto Waalkes und das Model Sara Nuru. Der Leistungssportler wollte mit Springfedern unter den Schuhen in vier Minuten über fünf fahrende Autos springen. Dreimal gelang ihm das mit Bravour. Aber beim vierten Auto, das sein Vater fuhr, stürzte er.

Samuel Koch ist seit dem Unfall bei »Wetten dass..?« im Jahre 2010 querschnittsgelähmt. Foto: epd-bild

Samuel Koch ist seit dem Unfall bei »Wetten dass..?« im Jahre 2010 querschnittsgelähmt. Foto: epd-bild

In den ersten 40 Stunden danach konnte er sich noch bewegen, dann zog die Lähmung in seinen Körper hoch. Koch, der aus einer protestantischen Familie in Südbaden stammt, sagt, sein Glaube habe sich durch das Unglück verändert. »Vor dem Unfall hatte ich eher eine Fernbeziehung zu Gott«, erklärte er im Juni 2017 beim Christustag in Leinfelden. Inzwischen habe sich das intensiviert.

Er habe zahlreiche Nächte mit Gott diskutiert, voller Wut und Verzweiflung. »Ich war nicht mehr der Chaot, der Turner, der Sportler, dem alles gelingt. Ich war reduziert auf das, was der Unfall von mir übrig gelassen hat.« Er habe zunächst nicht alleine in einem Zimmer sein wollen, nur mit seinem Körper zusammen.

Irgendwann habe er das »Vaterunser« wieder beten, den Satz »dein Wille geschehe« wieder aussprechen können. »Auch wenn der vielleicht ganz anders aussieht als meiner«, sagte Koch in einem Interview.

Nach seinem Sturz entdeckte er das Schreiben für sich: Im April 2012 erschien der Spiegel-Bestseller »Zwei Leben«. Darin erzählt er, wie er nach dem Unfall erkannte, dass er nichts mehr zu verlieren hat. Nur noch gewinnen kann. An einigen Stellen schimmert Galgenhumor durch: »Nehmt mich doch mit«, ruft er seinem Bruder und Freunden zu, als sie zum Schwimmen gehen. »Ihr könnt doch nach mir tauchen.«

Er nimmt auch sein bereits vor dem Unfall begonnenes Schauspielstudium wieder auf. Im Juli 2014 schließt er es an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover ab. Im darauffolgenden September wird er Ensemblemitglied am Staatstheater Darmstadt.

Dort spielte er etwa in dem Stück »Madame Bovary« mit oder in Goethes »Faust«. Bei Dreharbeiten zu der ARD-Soap »Sturm der Liebe« lernt er die Schauspielerin Sarah Elena Timpe kennen. 2016 heiraten sie in seiner Heimatstadt Efringen-Kirchen (Kreis Lörrach). Nach der Hochzeit klagte Koch darüber, dass ihm und seiner Frau öfter »viel Kraft« statt »herzlichen Glückwunsch« gesagt werde. »Es nervt uns manchmal, dass es so dargestellt wird, als hätten wir so ein Opfer zu tragen«, sagte er im Herbst 2016 im ZDF-Magazin »Volle Kanne«. Es sei keine Bürde, ein Paar zu sein.

Im September 2015 veröffentlichte Koch sein zweites Buch »Rolle vorwärts«. Darin schreibt er über sein Leben auf Rädern. Wie er im Schauspielstudium lernte, sich nicht auf die Frage zu konzentrieren: »Was kann ich nicht?«, sondern zu schauen: »Was kann ich?«. Und wie er sich jeden Tag lustige, schöne und glückliche Stunden sucht, »die mir gezeigt haben, dass das Leben manchmal weiter geht, als man denkt«.

Seinen Bekanntheitsgrad nutzt der Schauspieler immer wieder, um auf soziale Projekte aufmerksam zu machen, etwa auf die »Elfmeter-Stiftung«, die sich für Kinder mit Rückenmarksverletzungen einsetzt. Laut seiner Homepage baut Koch gerade eine Stiftung auf, die sich für Menschen engagiert, die einen ähnlichen Unfall hatten wie er.

»Vielleicht heilt mich Gott ja doch noch, still und leise in der Nacht«, schreibt Koch in seinem Buch. »Das stelle ich mir manchmal vor: Wie ich die Beine über die Bettkante schwinge, einfach aufstehe, und wie Gott und ich uns verschmitzt anlächeln.«

(epd)

Koch, Samuel, Müller, Titus: »Rolle vorwärts. Das Leben geht weiter, als man denkt«, adeo, 248 S., ISBN 978-3-863340711, 17,99 Euro.
Koch, Samuel, Fasel, Christoph: »Zwei Leben«, adeo, 205 S., ISBN 978-3-942208-53-6, 17,99 Euro.

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Wie sagt man? – Danke!

3. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Lebenshaltung: Dankbarkeit kann man mit einer einfachen Formel lernen

Haben Sie heute schon jemandem gedankt? – Nein? Dann überlegen Sie mal schnell, wem Sie heute danken könnten – Ihrer Frau oder Ihren Kindern? Der Postfrau oder dem Kollegen? Gott oder dem Leben? Und wenn Sie schon dabei sind, dann überlegen Sie gleich weiter: Wofür können Sie danken? Was haben Sie heute schon Schönes erlebt oder bekommen, gefühlt oder gesehen?

Es gibt tausend Gründe, dankbar zu sein – und das Erntedankfest ist eine gute Möglichkeit, sich wieder daran zu erinnern. Nicht nur für jetzt und dieses Fest, sondern für immer. Nicht nur aus Höflichkeit, wie wir es gelernt haben, sondern aus vollem Herzen.

Dankbarkeit ist eine Lebenshaltung. Und sogar eine, die das ganze Leben verändern kann. Wer dankbar ist, hat einen anderen Blick auf das Leben. Wer dankbar ist, hat einen Blick für das Schöne und Gelungene, für die vielen Geschenke, die das Leben uns macht. Wer dankbar ist, nimmt nichts als selbstverständlich hin. Alles ist Geschenk und kann zu etwas Kostbarem werden, wenn wir es so sehen lernen. Jede Begegnung, jeder einzelne Augenblick unseres Lebens, die wichtigen Dinge, die uns umgeben – alles ist einzigartig. Und je bewusster wir sie wahrnehmen, desto tiefer kann unsere Dankbarkeit und desto reicher wird unser Leben sein.

Lebenshaltungen kann man einüben, auch die Dankbarkeit. David Steindl-Rast, Benediktiner-Mönch und Meister der Dankbarkeit, hat dafür eine einfache Formel gefunden: »Stop – Look – Go« – das bedeutet »Innehalten – Schauen – Handeln«. Um Dankbarkeit als Lebenshaltung zu lernen, braucht es nichts weiter als dieses: Innehalten – um wahrzunehmen, was gerade passiert. Anhalten mitten im Alltagstrubel, für einen Augenblick. Spüren, was gerade guttut. Was spüren Sie gerade? Was tut Ihnen jetzt gerade gut?

Schauen – um den Reichtum des Lebens zu sehen. Schauen Sie sich um! Was gibt es gerade alles, wofür Sie danken könnten? Die Sonne vor dem Fenster? Das Lachen Ihres Kindes? Das neue Kleid? Der duftende Kaffee? Und schließlich: handeln – also danken. Gott danken mit einem Lied oder einfach mit einem stillen Lächeln. Ihrem Kind mit einer Umarmung. Oder der Postfrau mit einem guten Wort. – Und hat Ihnen eigentlich heute schon jemand gedankt?

Als ich die Kinder meiner Gruppe gefragt habe, wo sie Dankbarkeit erleben, habe ich nicht schlecht gestaunt: Fast alle Kinder haben davon erzählt, dass sich jemand bei ihnen selbst bedankt hat. Sie haben Dankbarkeit am eigenen Leib und in der eigenen Seele erfahren. Und sie haben gespürt, wie gut dass tut: »Danke, dass du den Tisch gedeckt hast!« – »Danke, dass du mir deinen Stift geborgt hast!« – »Danke, dass du meine Freundin bist.«

Kinder lernen offenbar Dankbarkeit am besten, wenn wir ihnen danken. Wenn sie uns, die Erwachsenen, als dankbare Menschen wahrnehmen. Und wenn sie erleben können, was für ein schönes Gefühl durch die Dankbarkeit entsteht. Wie schön das ist zu hören: »Danke! Du tust mir gut.«

Es ist Erntedank. Wir danken Gott für die Erntegaben, für die Fülle unseres Lebens, für all die Momente, in denen das Glück von ganz allein in die Dankbarkeit fließt. Wir danken den Menschen, die uns guttun und die uns lieben und wärmen. Und vielleicht üben wir uns auch über das Fest hinaus in Dankbarkeit, immer wieder. – Halten Sie inne, schauen Sie hin – und danken Sie. So oft Sie es aus vollem Herzen können. Sie werden sehen, welche Wunder das wirkt!

Wer dankbar ist, lebt bewusster und kann das Leben tiefer genießen. Werden Sie Genießer! Und stecken Sie andere mit Ihrer Dankbarkeit an. Dann wird aus dem Erntedank ein Lebensdank und aus dem einen Fest eine neue Lebenshaltung. Eine, die das ganze Leben heller strahlen lässt. Und das ist ja dann schon wieder ein Grund, dankbar zu sein.
Übrigens: Danke, dass Sie sich die Zeit für diesen Artikel genommen haben.

Friederike Hempel, Gemeindepädagogin, Erfurt

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Mit Christus ein Kuchen werden

25. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Martin Luthers Abendmahlsverständnis – Fleisch gewordenes Evangelium

Martin Luthers Abendmahlsverständnis wird wegen seiner Fokussierung auf die Vergebung der Sünden häufig kritisiert. Zusammen mit der vorgeschalteten Beichte sei es verantwortlich für das Missverständnis des Abendmahls als »traurige Unterhaltung« (Immanuel Kant) und der damit verbundenen Distanz vieler Kirchenmitglieder zum Abendmahlsempfang. Tatsächlich ist Luther überzeugt, dass sich im Abendmahl die Vergebung der Sünden erfahren lässt – nicht auf dem Weg des Hörens wie bei der Predigt, sondern auf sinnliche Weise in Form von Sehen, Riechen, Tasten und Schmecken. Das Abendmahl ist Fleisch gewordenes Evangelium. Es schenkt Versöhnung mit Gott dadurch, dass Jesus Christus jeden Menschen, so wie er ist – als wirklichen Sünder – an seinen Tisch einlädt.
Logo-CredoIm Kleinen Katechismus schreibt der Reformator: »Was nützt denn solch Essen und Trinken? Das zeigen uns diese Worte: Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden; nämlich, dass uns im Sakrament Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit durch solche Worte gegeben wird; denn wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit.« Damit ist klar: Auch für Luther geht es beim Abendmahl nicht bloß um die Vergebung der Sünden. Diese ist jedoch das Nadelöhr, um die anderen Aspekte – Leben und Seligkeit – zu erfahren. Das Abendmahl ist für Luther ein geistliches Lebensmittel. Es will in den Belastungen des Alltags Kraft zum Leben vermitteln und Horizonte der Hoffnung eröffnen. Dazu gehört die Aussicht auf die endgültige Überwindung der Nöte und Sorgen in Gottes neuer Welt, wobei diese Hoffnung die Erwartung einschließt, dass bereits in dieser Welt Veränderungen zum Guten möglich sind. Dadurch, dass die Kommunizierenden Leib und Blut Jesu Christi zu sich nehmen, erhalten sie Teil an seinem ewigen göttlichen Leben und an den Kräften der unsichtbaren Welt. Luther entdeckte den Charakter des Abendmahls als Gemeinschaftsmahl wieder. Es lässt die Feiernden erfahren, dass sie nicht allein sind, sondern zusammen mit Schwestern und Brüdern den Weg des Glaubens gehen. Das gemeinsame Essen und Trinken verbindet stärker als das bloße Miteinander-Reden!

Martin Luther legte die Grundlage für ein mystisches Verständnis des Abendmahls im Luthertum. In ihm vollzieht sich die Vereinigung von Braut und Bräutigam, d. h. des Gläubigen mit Christus. Beide werden »ein Kuchen, ein Brot, ein Leib, ein Trank und alles gemein«. Die Initiative für die innige Vereinigung mit Christus ging von dessen Liebe zum Menschen aus. Die Liebe Christi im Abendmahl zu erfahren, entzündet im Menschen seinerseits die Liebe zum Nächsten: »Denn wenn die Liebe nicht täglich wächst und den Menschen so verwandelt, dass er an seinem Mitmenschen Anteil nimmt, da bleibt das Sakrament für ihn ohne wirkliche Bedeutung.« Luther bestand Zeit seines Lebens entsprechend der mystischen Tradition auf der Realpräsenz Jesu Christi im Abendmahl. Er ist in, mit, unter Brot und Wein mit seinem Leib und Blut leibhaftig gegenwärtig. Die Realpräsenz ist für den Reformator unaufgebbar. Denn sie lässt die Kommunizierenden auf sinnliche Weise – unabhängig von gedanklichen Einsichten, Gefühlen und Stimmungen – die Nähe Gottes erfahren.

Luther schreibt im Großen Katechismus, dass das Abendmahl nur bei häufigem Empfang seine spirituelle Kraft entfalten kann. Es war deshalb ein großer Fortschritt, dass es in der evangelischen Kirche seit den 1970er-Jahren nicht länger bloß dreimal im Jahr, sondern in den meisten Gemeinden wenigstens einmal im Monat im Hauptgottesdienst gefeiert wird.

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge und Spiritualität an der Universität Leipzig.

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Da sein – mit ungeteiltem Herzen

4. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Suche nach einem einfachen Lebensstil ist ein modernes Thema und ein wichtiges. Einfachheit – im Christentum steht der Begriff für die Ausrichtung des ganzen Herzens auf Christus, für Liebe ohne Nebenabsichten.

Im Alten Testament entspricht das Wort »tham« unserer Einfachheit. Allerdings hat es noch viele andere Bedeutungen. Und auch die Septuaginta übersetzt es verschieden, einmal mit einfach, dann mit vollkommen, lauter, wahrhaftig, heilig, untadelig. Gott selbst spricht zu Salomon: »Wenn du mit ungeteiltem und aufrichtigem Herzen vor mir den Weg gehst, den dein Vater David gegangen ist, und wenn du alles tust, was ich dir befohlen habe, wenn du auf meine Gebote und Rechtsvorschriften achtest, dann werde ich deinen Königsthron auf ewig in Israel bestehen lassen.« (1. Könige 9,4+5)

Einfachheit meint hier die völlige Hingabe des Menschen an Gott. Ich bin König in seinem Dienst. Es geht mir nicht um meinen Ruhm und um meine Macht, sondern einfach darum, für die Menschen da zu sein und das Beste für sie zu wollen. Wer mit einfachem Herzen für die Menschen da ist, der ist ein Segen für sie. Auf ihn kann man sich verlassen. Man spürt, dass er es gut mit einem meint. Er ist frei von allem egoistischen Kreisen um sich selbst. Er ist ganz und gar von Gottes Geist durchdrungen. Er ist allein auf das eine gerichtet: gut zu sein und Gutes zu tun und für die Menschen das Beste zu wollen.

In der Bergpredigt spricht Jesus vom einfachen und klaren Auge: »Wenn dein Auge einfach (griechisch: haplous) ist, dann wird dein ganzer Körper hell sein. Wenn aber dein Auge böse (griechisch: poneros) ist, dann wird dein ganzer Körper finster sein.« (Matthäus 6,22 und Lukas 11,34) Manche Exegeten übersetzen das »haplous« oft mit »gesund« und das »poneros« mit »krank«. Da ist sicher etwas Richtiges gesehen. Das einfache Auge ist gesund. Es sind die Dinge so, wie sie sind. Es projiziert nicht die eigenen Bedürfnisse oder Emotionen in die Dinge und in die Menschen hinein. Wir sehen es einem Menschen an, ob er klar und aufrichtig ist. Wir brauchen ihm nur in die Augen zu sehen. Dann spüren wir, was von ihm ausgeht: Klarheit oder Unklarheit, Liebe oder Härte, Verurteilen oder Annehmen, Güte oder Verachtung.

Foto: Srubina – Fotolia.com

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Es gibt Menschen, die einen freundlich begrüßen. Aber das Auge bleibt unfreundlich und abweisend. Bei solchen Menschen fühlt man sich nicht wohl. Da sehnen wir uns nach Menschen mit einem einfachen Auge. Bei ihnen wissen wir, woran wir sind. Und von solchen Menschen geht eine gute Ausstrahlung aus. Im Lukasevangelium verweist Jesus auf diese positive Ausstrahlung, wenn er das Wort vom Auge noch weiter ausführt: »Achte also darauf, dass in dir statt Licht nicht Finsternis ist. Wenn dein ganzer Körper von Licht erfüllt und nichts Finsteres in ihm ist, dann wird er so hell sein, wie wenn die Lampe dich mit ihrem Schein beleuchtet.« (Lukas 11,35f.) Von so einem Menschen mit einem einfachen und gütigen Auge wird Licht ausgehen. Die Menschen werden seine Wärme spüren. Sie werden das Klare und Einfache in ihm wahrnehmen. So können sie ihm vertrauen. Und sie fühlen sich in seiner Nähe wohl.

Paulus, der die stoische Philosophie kennt und ihre Vorliebe für die Einfachheit, gebraucht siebenmal das Wort »haplotes«. Im Römerbrief fordert er die Christen auf: »Wer gibt, gebe ohne Hintergedanken (en haploteti = in Einfachheit, in der Einfalt des Herzens).« (Römer 12,8) Auch zu den Korinthern spricht er dreimal vom selbstlosen Geben (haplotes) (2. Korinther 8,2; 9,11.13). Und er hält seine eigene Selbstlosigkeit und Einfachheit denen entgegen, die diese Einfachheit vermissen lassen. »Ich fürchte aber, wie die Schlange einst durch ihre Falschheit Eva täuschte, könntet auch ihr in euren Gedanken von der aufrichtigen und reinen Hingabe an Christus abkommen.« (2. Korinther 11,3) Hier geht es nicht mehr um Selbstlosigkeit, sondern um die Ausrichtung des ganzen Herzens auf Christus. Der einfache Christ ist der, der sich ganz und gar vom Geist Jesu bestimmen lässt und sich mit ungeteiltem Herzen Christus hingibt. Einfachheit ist hier Ausdruck von einer Liebe ohne Nebenabsichten. Es ist eine klare Liebe. Und es ist eine Haltung, in der ich durchlässig bin für Christus, und Christi Geist nicht mit meinen eigenen egoistischen Wünschen trübe.

Die deutsche Sprache hat ihre eigene Erfahrung mit dem Wort »einfach«. Es meint ursprünglich: nicht doppelt, nicht zusammengesetzt. In »einfach« steckt das Wort »Fach«, das etwas Abgeteiltes meint. Ursprünglich beschreibt es das geflochtene Fischwehr in Flüssen. Im Mittelalter nennt man das mit Flechtwerk ausgefüllte Zwischenfeld in einer Wand Fach. Man errichtet Fachwerkbauten. Später spricht man dann vom Fach im Unterricht oder von einem Spezialgebiet in Handwerk, Kunst und Wissenschaft. Da gibt es dann den Fachmann, der für dieses Fach besonders begabt oder gebildet ist. In dem Wort »einfach« klingt noch das »eine Fach« nach, das einen Fachmann braucht, der sich auf das »eine« konzentriert. Für den Fachmann ist alles einfach. Er braucht die Dinge nicht zusammenzusetzen oder gar doppelt auszuführen. Er formt die Dinge so, dass sie einfach und klar werden. Es ist nicht so einfach, einfach zu leben. Dazu braucht es den Fachmann, der es versteht, das eine zu wollen.

»Einfachheit ist das Resultat der Reife«, sagt Friedrich von Schiller. Wir sagen manchmal eher abschätzig von einem Menschen, dass er sehr einfach sei, einfach strukturiert, einfach im Denken, fast etwas einfältig. Schiller sieht die Einfachheit als Zeichen eines reifen Menschen. Wer reif geworden ist, der ist auch in sich und mit sich eins geworden. Seine innere Einheit wird sich auch auf die Beziehung zu den anderen Menschen auswirken. Er wird ihnen gegenüber klar sein. Er muss sich nicht darstellen. Er kann es sich erlauben, einfach da zu sein. Seine Einfachheit im Denken und in seiner Ausstrahlung wirkt befreiend und einend. In seiner Nähe wird einem etwas klar, da klärt sich das Trübe in uns und wir blicken durch.

Anselm Grün

Rettungsfloß im Lebensfluss

28. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Martin Luthers Schrift »Von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche«

Drei Jahre nach dem Thesenanschlag zu Wittenberg, dessen lebensgefährliche Folgen Luther nicht schwächer noch zahmer gemacht haben, legt der deutsche Schismatiker wider Willen in kürzester Zeit eine Serie von theologischen Traktaten vor. Diese bilden in ihrer programmatischen Dichte und Radikalität den eigentlichen Sprengsatz unter dem in anderthalb Jahrtausenden errichteten macht- und prachtvollen Gebäude der römisch-katholischen Kirche. Sie lassen Kirche, Kaiser und Reich endgültig in eine Richtung zerbersten, deren Pointe nicht nur die konfessionelle Spaltung des Kontinents ist, auch die politischen Strukturen und Verhältnisse sind danach nicht mehr wiederzuerkennen. »Warum das plötzlich alles aus ihm herausdrängt wie eine magmatische Eruption, ist Luther selbst unbegreiflich« (Heimo Schwilk: »Luther, der Zorn Gottes«). Aber der Wahrheitsfuror, der ihn ergriffen hat, ist nicht mehr aufzuhalten.
Logo-CredoDie, wenn man so will, Gründungsschriften des Protestantismus, seiner zukünftigen evangelischen Kirche, zu der er die ganze, ungespaltene katholische Kirche leidenschaftlich gerne gemacht hätte, sind nun in der Welt, und sie wirken: »An den christlichen Adel deutscher Nation«, »Vorspiel von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche«, schließlich die vielleicht berühmteste von ihnen: »Von der Freiheit eines Christenmenschen.« Die mittlere richtet sich vordergründig scheinbar nur an die »lateinische Fachwelt« der Zeit. Ihre vorherrschende, mittelalterlich formierte Auffassung, dass es sieben Sakramente gäbe, sie ist aber in Wirklichkeit nichts anderes als ein totaler Angriff auf das gesamte juristische und lehramtliche Fundament der Kirche des Papsttums: Taufe, Abendmahl, Buße, Firmung, Ehe, Priesterweihe und letzte Ölung. Luther, der auch in diesem Fall allein vom Schriftprinzip »sola scriptura« her argumentiert, sieht jedoch nur für Taufe und Abendmahl biblische Legitimität gegeben. Der Rest ist ihm ausgeklügeltes Menschenwerk. Allein der Buße kann er noch sakramentales Gewicht abgewinnen, sogar die Ohrenbeichte bleibt ihm »nützlich, ja notwendig«, nur im Unterschied zu Taufe und Abendmahl fehlt ihm ihr Zeichencharakter.

Gottesdienst mit Taufe eines Kindes. Alle anwesenden Kinder sind eingeladen, mit vor den Taufstein zu treten und zu schauen, was geschieht. Foto: epd-bild

Gottesdienst mit Taufe eines Kindes. Alle anwesenden Kinder sind eingeladen, mit vor den Taufstein zu treten und zu schauen, was geschieht. Foto: epd-bild

Mit der Taufe aber beginnt alles; sie ist für Luther »das einzige Sakrament«, das Gott »nach dem Reichtum seiner Barmherzigkeit« (Epheser 1,7) nicht nur »in seiner Kirche ungeschmälert und unbefleckt erhalten hat«, er hat es auch »für alle Völker und alle Stände der Menschen freigehalten«. Eine ursprüngliche Unbeflecktheit, die dem Kind zugutekommt, ist hier am Wirken. Warum? Weil die Kinder, im Unterschied zu den Erwachsenen, »des Geizes und des Aberglaubens noch nicht fähig sind«. Denn »obwohl der Teufel die Kraft der Taufe in den Kindern nicht hat auslöschen können, hat er sie doch in allen Erwachsenen zu vertilgen vermocht, sodaß es … fast niemanden mehr gibt, der es beherzigt, daß er getauft worden ist, viel weniger, daß er sich dessen rühmt, nachdem so viele andere Wege zur Sündenvergebung und in den Himmel zu kommen erfunden worden sind«.

Für Luther ist in diesem diabolisch verwirrten Kontext die Taufe geradezu die Urbuße, die es überhaupt erst ermöglicht, ist der Mensch in Sünde gefallen, das Rettungsfloß »Buße« zu erreichen. Am Verheißungscharakter der Taufe, wie er in Markus 16,16 proklamiert wird: »Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden.« – »an dieser Verheißung«, sagt Luther, »hängt unsere ganze Seligkeit«. Doch ist die Taufe ihm damit kein billiger Versicherungsscheck, vielmehr ist sie Leben spendende Rettungsperspektive nach der je und je eintretenden individuellen Sündenkatastrophe.

Nur wäre Luther nicht Luther, ließe er gerade an diesem elementaren Rettungsakt falsche Gewissheit zu: »Aber man muß sie«, die Seligkeit, »so beachten, daß wir den Glauben an ihr üben und ganz und gar nicht zweifeln, daß wir selig sind, nachdem wir getauft sind«, straft »solcher Unglaube … die göttliche Verheißung Lügen, was die größte Sünde überhaupt ist«. Luther weiß also, dass »diese Übung des Glaubens« zum Schwersten gehört, was der Mensch, im Wissen um seine Sündhaftigkeit, zu leisten vermag. Dennoch: »die Wahrheit der einmal geschehenen Verheißung bleibt allezeit bestehen, die uns mit ausgestreckten Händen aufnehmen will, wenn wir umkehren« – und damit zurückkehren »zu der Kraft und dem Glauben der Taufe, daraus wir gefallen sind«. Sie kann ja »durch keine Sünde verändert werden«.

Ulrich Schacht

Der Autor ist Schriftsteller und Theologe, er steht der evangelischen Bruderschaft St.-Georgs-Orden vor.

Brautwerbung um die schöne Rebekka

22. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Bibel: Eine allzu menschliche Geschichte von Liebe und Betrug, Bruderzwist und Rache

Die schöne Rebekka war die Frau des biblischen Patriarchen Isaak, also die Schwiegertochter Abrahams, und die Mutter von Esau und Jakob. Der Bericht darüber, wie sie Abrahams Gutsverwalter als Braut warb, gehört zu den poetischen Highlights der hebräischen Bibel. Wohl auch deshalb feiern die katholischen Christen heute noch am 30. August und die Orthodoxen am 21. August Rebekkas Namenstag.

Abraham will auf keinen Fall, dass sein Isaak eine einheimische Kanaaniterin – in Abrahams Augen sind das Götzenanbeter – heiratet. Deshalb schickt er den Vertrauten in seine mesopotamische Heimat zu seiner Verwandtschaft. Als der Verwalter dort am Brunnen vor der Stadt ankommt, ausgerüstet mit zehn Kamelen und »allerlei kostbaren Sachen«, mit denen sich ein Mädchen und dessen Vater betören lässt, schickt er ein Stoßgebet zum Himmel: »Herr, Gott meines Herrn Abraham, lass mich heute Glück haben!«

Er hat Glück. Noch während des Gebets kommt die ebenso rassige wie liebenswürdige Rebekka zum Brunnen, steigt leichtfüßig zur Quelle hinab, füllt ihren Wasserkrug und gibt dem durstigen Reisenden zu trinken: »Auch für deine Kamele will ich schöpfen, bis sie sich satt getrunken haben.« Und er weiß sofort: Das ist die Richtige für Isaak.

Natürlich stimmt die Verwandtschaft der Brautwerbung zu (»Die Sache ist vom Herrn ausgegangen«). Doch wie das Buch Genesis weiter berichtet (in den Kapiteln 24 bis 27), warten Sorgen und Verwicklungen auf das Paar: Die Ehe bleibt zwanzig Jahre lang kinderlos, und als Rebekka dann doch schwanger wird, sind es Zwillinge, die ihr grausame Schmerzen bescheren, weil sie im Mutterleib einander stoßen und bekämpfen. Gott selbst gibt ihr die Erklärung: »Zwei Völker sind in deinem Leib, zwei Stämme trennen sich schon in deinem Schoß. Ein Stamm ist dem andern überlegen, der ältere muss dem jüngeren dienen.« (Genesis 25,23)

Tatsächlich wird der jüngere Zwilling, Jakob, zum Stammvater des Volkes Israel, Esau hingegen – von Jakob und Rebekka um den väterlichen Segen betrogen und um sein Erstgeburtsrecht, das er für das sprichwörtliche Linsengericht verkauft – zum Ahnherrn der Edomiter. Eine allzu menschliche Geschichte von Liebe und Betrug, Bruderzwist und Rache, aber auch ein Beweis dafür, dass die Bibel keine fromme Idealwelt im Auge hat, sondern die Realitäten des Menschenlebens kennt. Gott weiß, wie die Menschen sind, deshalb kann er ihnen so viel verzeihen, aber auch die Kräfte des Guten in ihnen herausfordern und sie verwandeln – wenn sie es zulassen.

Christian Feldmann

Dem Himmel so nah

14. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Tausende Gipfelkreuze stehen in den Ostalpen. Sie sind christliches Symbol, gehören zum Bergklischee – und geben Anlass für Diskussionen. An einigen hängen mittlerweile auch tibetische Gebetsfahnen.

Es ist ein Bild, das einen festen Platz im Album der europäischen Urlaubsklischees hat: Fröhliche Menschen in bunten Funktionsjacken, ein felsiger Gipfel und dahinter, so weit das Auge reicht, die Bergketten der Alpen. Komplett ist der Schnappschuss für die Trophäensammlung aber nur mit einem besonderen Symbol – dem Gipfelkreuz. Das Foto mit dem Gipfelkreuz sei »mittlerweile einfach in der DNA der Bergsteiger drin«, sagt Thomas Bucher, Sprecher des Deutschen Alpenvereins (DAV). »Das Kreuz als Symbol gehört für die meisten zum Gipfel dazu, wie die Kirche zum oberbayerischen Ort.«

Trotzdem: Eine Selbstverständlichkeit sind Gipfelkreuze nicht. In großer Zahl wurden sie erst ab dem 18. Jahrhundert aufgestellt, besonders viele kamen Mitte des 20. Jahrhunderts dazu.

Berggipfel gelten in vielen Kulturen als Punkte, in denen sich »Himmel und Erde berühren«. Darum sind religiöse Symbole naheliegend. Das Kreuz in den Alpen aber ist auch umstritten. Ein prominenter Kritiker ist Bergsteiger-Ikone Reinhold Messner. Man solle die Berge nicht »zu religiösen Zwecken möblieren«, sagte er im vergangenen Jahr der »Süddeutschen Zeitung«. Im Sommer 2016 beschädigten Unbekannte mehrere Gipfelkreuze in der Gegend um Bad Tölz schwer.

Dabei liegen die Zeiten, in denen das Gipfelkreuz ein rein religiöses Symbol war, schon länger zurück, wie Claudia Paganini urteilt, Philosophin an der Universität Innsbruck. Die ersten Gipfelkreuze, die ab dem 13. Jahrhundert in den Alpen aufgestellt wurden, seien noch der Frömmigkeit der örtlichen Bevölkerung entsprungen, sagt die Autorin, die das Buch »Dem Himmel so nah« über das Phänomen der Gipfelkreuze geschrieben hat.

So habe es beispielsweise früh Kreuze auf »Wetterbergen« gegeben – jenen Gipfeln, hinter denen man Unwetter heraufziehen sah. »Es gab Gebetsrituale an diesen Kreuzen, um ein mildes Wetter zu bitten.« In entlegenen Bergregionen habe man sich auch zu einer Art Gottesdienst am Gipfelkreuz getroffen.

Foto: epd-bild

Foto: epd-bild

Gleichwohl seien diese Gipfelkreuze auch »weiter den Berg hinauf gewanderte« Verwandte von Wegkreuzen gewesen, sagt Paganini. Die waren seit der Christianisierung in den Alpen vertreten. Als Dankesmale – aber auch als eher profane Weg- oder Grenzmarkierung.

Nachhaltig änderte sich die Lage, als die Alpen zu einem Reiseziel wurden. Adelige, oft aus alpenfernen Gegenden, bestiegen ab dem 18. Jahrhundert die Gipfel – und setzten weithin sichtbare Monumente als Zeichen für ihre »Macht über den bezwungenen Berg«, wie Pa­ganini erklärt. Zunächst habe man Fahnenmasten errichtet. Allerdings habe es Sorge gegeben, »Gott ins Gehege zu kommen, Gott in seiner Allmacht infrage zu stellen, indem man auf diese hohen Gipfel gestiegen ist«, erzählt sie.

Die Lösung fand sich im Gipfelkreuz.

Die nächste Welle des Alpinismus als Breitensport brachte Kreuze dann auch auf kleinere Gipfel, oft aufgrund von Privatinitiativen. Die meisten Kreuze seien aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet worden, sagt Thomas Bucher vom Alpenverein – oft als Zeichen der Dankbarkeit von heimgekehrten Soldaten.

Als der Transport durch Helikopter möglich wurde, kam es nach Paganinis Beobachtung zu »echten Challenges, wer das größere, pompösere Kreuz aufstellt«. Die Wissenschaftlerin urteilt: »Die haben dann oft eher wie Fremdkörper gewirkt.« Mittlerweile gebe es neue Trends. Etwa hin zu künstlerisch gestalteten Kreuzen, die als Zeichen der religiösen Versöhnung, der Offenheit und Toleranz verstanden werden könnten.

Auf Gipfeln in den Ostalpen mischten sich mittlerweile optisch die Religionen, sagt Bucher. An einigen Kreuzen hingen nun auch tibetanische Gebetsfahnen. »Das ist gar kein Konflikt«, betont der DAV-Sprecher – es gebe in Bergsteigerkreisen eine »große kulturelle Verbundenheit zu Nepal«. Für viele Alpenfreunde im DAV sei das Kreuz ohnehin eher »Kulturgut« als religiöses Symbol.

Wer die Kreuze heutzutage aufstellt, das sei völlig unterschiedlich: Von DAV-Sektionen über örtliche Burschenvereine, Kirchengemeinden oder Privatinitiativen sei alles dabei. Es gebe eine Art »Gewohnheitsrecht«, sagt Bucher: »Wer das letzte Kreuz aufgestellt hat, sorgt meistens auch dafür, dass ein neues hinauf kommt.« Denn im Normalfall müsse ein Kreuz alle zehn bis zwanzig Jahre ausgetauscht werden: »Da herrscht ja eine raue Witterung in den Bergen.«

Womit auch schon das letzte große Rätsel um die Gipfelkreuze angeschnitten ist: Wie viel der Kreuze es in ihrem Hauptverbreitungsgebiet, den Ostalpen, gibt, das weiß wohl niemand. »Viele, viele Tausend«, sagt Bucher, »mehr oder weniger auf jedem nennenswerten Gipfel in den Ostalpen«. Und Paganini ergänzt: »Es kommen ja immer wieder welche hinzu. Und andere verfallen.«

Florian Naumann  (epd)

Eine andere Welt

7. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Erfahrung: Ein evangelischer Redakteur besucht eine katholische Abendmesse.

Für das Experiment, einen Gottesdienst der jeweils anderen Konfession zu besuchen, habe ich mir etwas herausgesucht, was es bei uns Protestanten so nicht gibt: eine Abendmesse im Marienmonat Mai, mitten in der Woche. Ich mache mich kurz vor 18 Uhr mit dem Fahrrad auf den Weg zur Deutschordenskirche, eine Kirche an einer mehrspurigen Straße in Frankfurt am Main. Der Orden feiert Messen auch gerne mal nach altem Ritus. Wenn katholisch, dann richtig.

Die Kirchentür ist zu, als ich mein Rad abstelle. Ich frage mich schon, ob ich mich geirrt habe, da läuten die Glocken. Ich drücke die Türklinke und tatsächlich, die Kirche ist offen. Also doch keine geschlossene Gesellschaft. Der Verkehrslärm bleibt draußen. Ich trete in eine andere Welt.

Weihrauch liegt in der Luft. Von der Decke des Altarraums hängt eine gelb-weiße Fahne, die sich nach einem Drittel ihrer Länge in zwei Enden teilt. Die Enden der Fahne sind an den Seitenwänden des Altarraums befestigt. Ihr eleganter Schwung verleiht der üppigen Architektur Leichtigkeit.

Wir sind zwölf Gottesdienstbesucher, jede und jeder für sich in einer Bank über die Kirche verteilt. Vom kleinen Mädchen mit seiner Mutter bis zum alten Herrn in der ersten Reihe. Am Lesepult steht der Priester mit goldgelber Stola und vollem weißen Haar. In seinem Rücken sitzen zwei dunkelbärtige Männer in weißen Messgewändern über ihrem schwarzen Rock. Viel Personal für wenig Besucher. Aber es geht nicht um die Zahl, sondern um die Andacht jedes Einzelnen.

»Gegrüßt seist du, Maria«, erinnert der Priester an den biblischen Gruß des Engels an die Gottesmutter. »Das ›Gegrüßt seist du‹ gilt auch unserem alten Europa, zu dem die Franzosen bei den Wahlen ›oui‹ gesagt haben«, schlägt er den Bogen vom Ave Maria ins Heute. Vor meinem geistigen Auge erscheint eine überlebensgroße Maria über der Landkarte Europas. Der Priester erklärt: »Bete für uns Sünder! Das gibt es in allen Sprachen: Pray for us sinners. Ora pro nobis peccatoribus. Auf Französisch: Priez pour nous, pauvres pecheurs. Nur die Franzosen sind arme Sünder.« Was diese Sprachfeinheit uns zu sagen hat, wird mir nicht klar. Aber der Klang der weltweiten Kirche schwingt im Raum.

Die Messe nimmt ihren Gang. Epistel, Evangelium, Fürbitten. Die beiden Weißgewandeten decken den Altartisch. Jede Bewegung, jede Geste ist präzise. Die Worte fließen dahin. Monoton, denke ich. Doch gleichzeitig hat dieses Fließen etwas Unaufgeregtes, Beruhigendes. Jeder in der Kirche kennt seinen Einsatz, weiß, was wann zu sprechen ist, wann man aufsteht, wann man sich hinkniet.

Der Priester spricht am Altar die Einsetzungsworte für die Eucharistie. Die beiden Männer in den hellen Messgewändern knien vor den Stufen. Zwischen ihnen steht eine große Osterkerze. Der Priester am Altar mit erhobenen Händen, die beiden Knienden davor, die Kerze in der Mitte bilden eine vollendete Symmetrie.

»Der Friede des Herrn sei mit euch«, spricht der Priester. Bislang gab es kaum Blickkontakt unter den Gottesdienstbesuchern. Nun dreht sich jede und jeder und nickt dem Nächsten zu. Der Priester am Altar isst die Hostie und trinkt aus dem Kelch – allein vor aller Augen. Ich weiß, dass er das stellvertretend tut. Trotzdem befremdet mich diese von der Gemeinde abgehobene Rolle des katholischen Priesters immer. Nun geht er zu dem alten Herrn in der vordersten Reihe und reicht ihm zuerst die Hostie. Warum der Mann dieses Privileg hat, kann ich nicht erkennen. Das beobachte ich auch in anderen katholischen Messen. Es scheint öfter einige Ausgewählte zu geben, die vor den anderen kommunizieren dürfen.

»Einen guten Abend und gehen wir in Frieden«, verabschiedet uns der Priester, bevor er den Segen spricht. Ein Marienlied, »Freu dich, du Himmelskönigin«, und die Messe ist aus. Sie hat eine halbe Stunde gedauert. Wir Evangelischen legen großen Wert auf jedes einzelne Wort, machen oft viele Worte. Aber es geht offenbar auch ohne Bedeutungsschwere. Der Fluss der Gebete, die souveränen Bewegungen und Gesten der Messe öffnen einen Moment außerhalb der Zeit. Eine andere Welt.

Martin Vorländer

Der Autor ist theologischer Redakteur im Evangelischen Medienhaus Frankfurt/Main.

Der gekittete Kelch

1. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Erfahrung: Eine katholische Redakteurin besucht einen evangelischen Gottesdienst.

Wie gut, dass es dieses Lutherjahr gibt! Wäre ich sonst an einem sonnigen Maimorgen in eine Uniklinik gefahren, um dort an einem evangelischen Gottesdienst teilzunehmen? Nein. Dabei war das so eine tiefe und gute Erfahrung. Es ist so: Ich war schon recht oft in evangelischen Gottesdiensten. Sie haben manche Vorzüge, von denen mich einige regelrecht begeistern.

Im evangelischen Gottesdienst werden die Lieder häufig in ganzer Länge gesungen, mit den Texten wunderbarer Dichter wie Andreas Gryphius und Paul Gerhardt. Das ist auch an diesem Morgen im Gottesdienst so. Diesmal heißt der mir unbekannte Dichter Johann Jakob Rambach, und wir sechs Gottesdienstteilnehmer singen »Ich bin getauft auf deinen Namen« von 1735.

Wie viele Menschen in den Krankenzimmern, in die der Gottesdienst übertragen wird, mitsingen und -beten, wissen wir nicht. Die mir fremden Verse ergreifen mich: »Mein treuer Gott, auf deiner Seite/bleibt dieser Bund wohl feste stehn;/wenn aber ich ihn überschreite,/so lass mich nicht verloren gehn;/nimm mich, dein Kind, zu Gnaden an,/wenn ich hab einen Fall getan.«

Für mich als Frau ist es immer ein Erlebnis, eine Frau als Pfarrerin am Altar zu erleben, und das ist auch heute so. Die Pfarrerin ist so überzeugend. Sie hat diese ausgebildete Stimme der evangelischen Pastoren, die zugleich rollenbewusst ist und variabel. Sie spricht einen fröhlich an zur Begrüßung, sanft und innig im Gebet, deutlich und klar in der Predigt.

Ihre Worte drehen sich heute um das Werdenlassen, darum, dass die Menschen nicht alles selbst lösen können, sondern Erlöste sind, von der Taufe an. Und wenn sie sich mit Rainer Maria Rilke darauf bezieht, dass alles »ausgetragen – und dann geboren ist«, so höre ich das einfach gern aus dem Mund einer Mutter, die weiß, wovon sie spricht.

Noch etwas Wunderbares im evangelischen Gottesdienst, auf das ich mich immer schon freue, ist der Spruch nach der Predigt. Wenn die Diener des Wortes zu Ende gesprochen haben, nach ihren Höhenflügen des Geistes und der Rede, dann sagen sie im evangelischen Gottesdienst immer: »Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.«

Das ist, lerne ich jetzt, ein Zitat aus dem Brief des Paulus an die Philipper. Wie schön ist diese rituell wiederholte Einsicht, dass es etwas gibt, das die Vernunft auch der klügsten Rede und Predigt übersteigt.

Mir fällt es also gar nicht schwer, viel Gutes über den evangelischen Gottesdienst zu sagen. Ich mag auch die klare Aufgeräumtheit des Kirchenraums.

Leise irritiert mich, dass die mir gewohnten beiden Lesungen fehlen. Interessant: Das Evangelium wird von einer ehrenamtlichen Dame vorgetragen. Zu den Einsetzungsworten beim Abendmahl geht es mir zu rasch. Was wieder schön ist: wie die Gläubigen einen Kreis bilden und gemeinsam das Abendmahl empfangen.

Als ich genauer auf den großen Keramikkelch schaue, bin ich wie vom Schlag gerührt: Der ist ja geflickt! Der war in Scherben und wurde gekittet! In meinem katholischen Kopf arbeitet es heftig: Was für ein Symbol für eine Gabe, die aus dem Sterben und Auferstehen kommt! Aber auch: Wie können sie nur! Ist es ihnen nicht einen neuen Kelch wert, das Wertvollste? Und dann: Aber in der japanischen Keramik gibt es das auch: Gerade das wieder Geheilte mit seinen sichtbaren Rissen wird am höchsten geschätzt. Und am Ende: Ja, dieser Kelch steht für uns, für uns als Evangelische und Katholiken. Wir lagen in Scherben und werden wieder zusammengefügt. Dann sind wir eins aus vielen Stücken.

Ruth Lehnen

Die Autorin ist stellvertretende Redaktionsleiterin der katholischen Kirchenzeitungen für die Bistümer Fulda, Limburg und Mainz.

Kriegsdienst, um das Böse einzudämmen

25. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Glaubenskurs: Martin Luthers Schrift »Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können«

Die Frage danach, ob Christen mit gutem Gewissen Wehrdienst leisten und in der Folge auch an einem Krieg aktiv teilnehmen können, hat schon die frühe Christenheit umgetrieben. Das beweist die Tatsache, dass in Lukas 3,14 die Frage der Soldaten an Johannes den Täufer überliefert wird: »Was sollen denn wir tun?« Seine Antwort lautet: »Tut niemandem Gewalt noch Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!« Dahinter steht die Forderung nach Humanisierung des Krieges, nicht aber nach seiner Abschaffung. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist das Problem des Wehrdienstes und der Kriegsteilnahme von Christen in beiden deutschen Staaten äußerst kontrovers diskutiert worden. Angesichts der furchtbaren Gräuel des Zweiten Weltkriegs und der vielen Opfer aufgrund des Abwurfs der ersten Atombomben auf Japan durchzog gerade die evangelische Kirche eine breite pazifistische Strömung. In der Bundesrepublik lautete schließlich die kirchenamtliche Auffassung, dass der Dienst mit und ohne Waffe – also in der Bundeswehr und im Zivildienst – gleichermaßen Dienst für den Frieden sei.
Logo-CredoMartin Luthers Schrift »Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können« erschien Ende 1526. Es handelt sich dabei – wie viele der einfluss­reichsten Schriften des Reforma­tors – um eine Gelegenheitsschrift. Er schrieb sie auf Bitten des Ritters Assa von Kram, eines der Feldobersten des sächsischen Kurfürsten, offensichtlich ein frommer Mann. Dessen Gewissen war durch die Teilnahme an der Niederschlagung des Bauernkrieges mit seinen Blutgerichten verunsichert worden. In dem kleinen, äußerst gehaltvollen Büchlein skizziert Luther seine Stellung zum Wehrdienst, zum Krieg und zum Widerstandsrecht. Er knüpft dabei an die Schrift »Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei« von 1523 an. Mit dieser zusammen hat das Buch über die Kriegsleute in den folgenden Jahrhunderten die politische Ethik im Luthertum maßgeblich bestimmt. Trotz der mehrfachen Veränderung der Regierungsform auf dem Weg zur freiheitlichen Demokratie sind Luthers Überlegungen erstaunlicherweise noch heute aktuell. Der Grund dafür sind ihre seelsorgerliche Grund­orientierung und die biblische Begründung.

Luther geht davon aus, dass Kriegsstand, -amt und -werk ein göttliches Werk sind. Daher vertragen sich Soldatsein und Kriegführen mit dem Glauben an Jesus Christus. Weil Gott zweierlei Regimente unter den Menschen aufgerichtet hat, unterscheidet der Reformator zwischen der Person des Christen und seinem Amt als Soldat. In der christlichen Gemeinde regiert Gott mit dem Wort, um Menschen freiwillig zum Glauben und zum ewigen Leben zu führen. In der Welt aber herrscht er durch das Schwert, um den Frieden unter den Menschen zu erhalten. Dahinter verbirgt sich Luthers Menschenbild: Jeder Mensch, selbst der religiöse, bleibt bis an sein Lebensende zugleich Gerechter und Sünder. Bestünde die Menschheit allein aus guten Menschen, wäre »Kriegführen die größte Plage auf Erden«. Da dem nicht so ist, kann ein Krieg notwendig sein, um das Böse einzudämmen. Trotz grundsätzlicher Bejahung des Krieges warnt Luther gleichzeitig eindringlich vor seinen Gefahren. Darum ist nur ein Verteidigungskrieg erlaubt – und auch der sollte nur mit Furcht vor Gott geführt werden. Luther ist sogar überzeugt, dass ein Soldat sich dem Kriegführen entziehen muss, wenn er erkennt, dass sein Kriegsherr Unrecht hat. Dann gilt für ihn das Gebot: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apostelgeschichte 5,29).

Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Luthers Meinung angesichts der Wirklichkeit am Ende humaner ist als ein Pazifismus, der sich um eines Prinzips willen davor scheut, Verantwortung zugunsten des tödlich bedrohten Nächsten zu übernehmen.

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge und Spiritualität an der Universität Leipzig.

Als Christ im Alltag vom Glauben reden

Impulse für das Gespräch über die kleinen und großen Erfahrungen mit Gott

Ein Besuch zum 80. Geburtstag: Da wir uns noch nicht begegnet sind, tasten wir uns ein wenig ab. Er ist nervös, weil der Herr Pfarrer zu Besuch ist. Geistliches spielt erst einmal keine Rolle. Ich frage mich aber, ob ich eine Botschaft für diesen Mann habe. Die Enkel wohnen weit weg. Am Wochenende wollen sie kommen. Soll ich ihm anbieten, ihn zu segnen? Vielleicht ist es (noch) nicht dran. Ich will schließlich eine Beziehung aufbauen und nicht übergriffig wirken.

Selbst Pfarrer kennen diesen Konflikt: Ist jetzt die Zeit, dass ich von meinem Glauben rede – oder nicht. Was wird man von mir halten, wenn ich es wage? Zugegeben, wer den ganzen Tag mit Menschen außerhalb der Gemeinde zu tun hat, empfindet den Konflikt stärker. Religion wird im öffentlichen Leben problematisiert. Glaubensfragen sind kein Smalltalk-Thema. Wissen die in der Firma eigentlich, dass ich Christ bin? Gleichzeitig haben Christen die Worte Jesu im Hinterkopf: Stellt euer Licht nicht unter einen Scheffel! Ihr seid das Licht der Welt! Machet zu Jüngern alle Völker! Und dann gab es da noch diese Verheißung, dass der Heilige Geist selbst den herausgeforderten Christen die richtigen Worte geben will (Matthäus 10,20).

Oft hadere ich: »Wo warst du, Heiliger Geist, als ich vorhin wieder verulkt wurde, warum ich meinen Einfluss auf das Wetter nicht geltend mache?« Die vermeintlich richtige Antwort ist mir mal wieder Stunden zu spät eingefallen.

Eine Lösung für das Problem könnte sein, Taten sprechen zu lassen. Entsprechend zitiert man Franziskus: »Verkündigt das Evangelium, und wenn es nötig sein sollte, benutze Worte.« Bloß dass an den meisten Tagen weder meine Taten noch mein erlöstes Lächeln überzeugend sind. Vor allem aber: Was als guter Ratschlag gemeint ist, taugt nicht zur Ausrede. Es wäre etwas billig, mich nur deswegen auf Taten zu verlegen, weil ich für Worte zu ängstlich bin.

Daneben gibt es auch die »Super-Missionare«, die jede öffentliche Wortmeldung zu benutzen wissen. Scheinbar nehmen sie es auch in Kauf, andere dabei zu verprellen. Wo liegt denn nun die goldene Mitte?

Schließlich traue ich mich und frage den 80-Jährigen, ob ich für ihn und seine Enkel beten dürfe. Hinterher sind wir beide berührt. Er erzählt von seinen Erfahrungen mit dem Gebet. Ich staune. Es war gut, dass ich den Sprung gewagt habe. Ein Gebet anzubieten, miteinander das Vaterunser zu sprechen, das ist oft gerade nicht der Abschluss eines Gespräches, sondern ein Anfang. Auf einmal ist der Geist doch da. Ich bezeuge mit dem Gebet meinen Glauben, dass Gott wirkt. So spreche ich nicht von oben herab von meinem Glauben, sondern als ein Zeuge.

Drei Impulse erwachsen daraus:

Erstens: Mit Angst muss man sich nicht abfinden. Wer die Mutmuskeln trainieren möchte, findet Gelegenheit: Beim Schreiben der nächsten Beileidskarte; beim Segenswunsch an der Supermarktkasse vor den nächsten Feiertagen; beim ehrlichen »Gott sei Dank«, wenn ein Kollege etwas Schönes erzählt.

Zweitens: Im Gespräch lassen sich durchaus Signale der Hoffnung setzen. Dass wir dabei oft ängstlich sind, ist auch ein Hinweis unserer Seele. Sie sagt: »Hier ist eine geistliche Aufgabe, die du nicht aus eigener Kraft tun sollst, sondern aus Gebet und Hören auf Gott.« Das gilt ebenso im Vorfeld, wenn mir Menschen bewusst werden, denen ich gerne etwas sagen würde.

Drittens: Wer über seinen Glauben reden will, kann sich zunächst fragen, was er bezeugen kann. Wie viele kleine und große Erfahrungen mit Gott gibt es! Da ist eine Frau, die einen Berg bestiegen hat. Sie blickt über die Täler und sieht einen kleinen See schöner als der schönste Edelstein. Und dann schleicht sich in ihr Gefühl der Satz: »Das alles gibt es doch nicht zufällig. Das hat Gott gemacht.« Das ist eine Glaubenserfahrung, die ihr niemand nehmen kann. Ein anderer erfährt Trost beim Abendmahl: »Ich weiß, dass Christus mich kennt und mir nah ist.« Er merkt, dass er mit Gott und sich dadurch ins Reine kommt. Eine andere sucht die Ruhe unserer Kirche. Sie hat ein schweres Schicksal, aber sie sagt: »Ohne meinen Glauben würde ich es nicht aushalten.«

Wer authentisch über seine Erfahrungen redet, wird in der Regel dafür respektiert. Ohne dass man gleich von ihm erwartet, auf jede Frage eine Antwort zu wissen.

Gregor Heidbrink

Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Keine Bilder, nur Gottes Wort

Ökumene: Was die reformierte Kirche von der lutherischen unterscheidet

Wenn sich die Tür zum Gottesdienstraum der meisten reformierten Kirchen öffnet, tritt der Besucher in einen schlichten, um nicht zu sagen kargen Raum ein. Bilder oder Verzierungen an den Wänden oder den gottesdienstlichen Gegenständen sucht man hier vergebens. Die Kirchen sind so schlicht, so ganz ohne Bilder oder ein Kreuz, weil die Reformierten das zweite Gebot sehr ernst nehmen. Es lautet: Du sollst dir kein Bild machen. So schön Bilderszenen aus der Bibel oder ein prächtiges Kruzifix auch sein mögen, solche Darstellungen lehnen die Reformierten ab. Sie lesen oder hören die Bibel und machen sich ihre eigenen Bilder von dem, was Gott ihnen durch das Wort sagt. Das Wort Gottes, die Bibel, nimmt im Glauben der reformierten Kirche die zentrale Stellung ein. Nichts soll davon ablenken. Daher sind reformierte Kirchenräume sehr schlicht gestaltet.

Johannes Calvin: Kirchenfenster mit dem Reformator in der Heidelberger Peterskirche. Die reformierte Kirche geht unter anderem auf Calvin zurück. Darum werden die Reformierten häufig auch als Calvinisten bezeichnet. – Foto: epd-bild

Johannes Calvin: Kirchenfenster mit dem Reformator in der Heidelberger Peterskirche. Die reformierte Kirche geht unter anderem auf Calvin zurück. Darum werden die Reformierten häufig auch als Calvinisten bezeichnet. – Foto: epd-bild

Die Wurzeln der reformierten Kirche liegen in der Schweizer Reformation des 16. Jahrhunderts. Zu ihren Vätern zählen unter anderem die Reformatoren Ulrich Zwingli (1484–1531) aus Zürich und Johannes Calvin (1509–1564), der in Genf wirkte. Beide setzten auf eine radikale Erneuerung der Kirche. Während der Reformator Martin Luther vor allem die protestantische Entwicklung in Deutschland geprägt hat, sind die Schweiz und Frankreich Gegenden, in denen sich die reformierte Theologie durchgesetzt hat.

Die Reformierten haben in einigen Bereichen ganz eigene Traditionen entwickelt, sagt der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann von der Universität Göttingen: »In den reformierten Kirchen entscheidet die Gemeinde, wie der Gottesdienst aussehen soll. Daher gibt es ganz unterschiedliche Gottesdienstformen innerhalb dieser Glaubensrichtung.« In einigen reformierten Gottesdiensten wird gesungen und werden Psalmen gelesen, in anderen ist das nicht denkbar.

Bei den Reformierten gilt ein striktes Gleichheitsprinzip: Keine Gemeinde und kein Gemeindeglied darf einen Vorrang beanspruchen.

International ist die reformierte Kirche sehr verbreitet. Reformierte Christen gibt es auf allen Kontinenten. Doch nur in wenigen Ländern sind sie in der Mehrheit. Die Reformierten sind stolz auf ihre Traditionen. Zum einen auf ihr Arbeitsethos. Gottesfürchtig zu leben impliziert für Reformierte auch, fleißig und strebsam zu sein. Außerdem wird bei den Reformierten seit jeher auf Bildung großer Wert gelegt. Jeder sollte befähigt werden, die Bibel zu lesen, und jeder sollte in Glaubensfragen mündig sein.

Die Calvinisten, die lange Zeit in vielen Gegenden verfolgt wurden, nahmen ihren Bildungsauftrag auch im Privaten wahr. Dass sie durch die lange Verfolgung gezwungen waren, auf einen institutionellen Apparat zu verzichten, prägt die Reformierten bis heute. Wie andere protestantische Kirchen geht auch die reformierte Kirche vom Prinzip des Priestertums aller Gläubigen aus.

In Deutschland sind Reformierte, Lutheraner und Unierte heute gemeinsam Mitglieder der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Einträchtig war das Verhältnis zueinander nicht immer. Vor allem die Abendmahlsfrage war lange Zeit ein Streitpunkt. Die Reformierten bestanden darauf zu sagen, dass das Abendmahl ein reines Gedächtnismahl sei. Es wandelt sich nichts. Reformierte Christen feiern das Abendmahl, um in die Gemeinschaft mit Jesus Christus hineingenommen zu werden, in die Gemeinschaft derer, die Christus nachfolgen. Martin Luther dagegen hat an der »Realpräsenz« von Christus in Brot und Wein festgehalten.

Heute gibt es in der Abendmahlsfrage keine trennenden Differenzen mehr unter den beiden protestantischen Kirchen. Mit der Leuenberger Konkordie von 1973 haben die reformierten, lutherischen und unierten Kirchen Europas ihr gemeinsames Verständnis des Evangeliums bekundet. Reformierte, Lutheraner und Unierte räumen einander Kanzelrecht und Abendmahlsrecht ein und feiern Letzteres auch ganz selbstverständlich miteinander.

Diana Steinbauer

Aus: Morgenroth, Matthias (Hg.): Was glaubt Bayern? Weltanschauungen von A bis Z, Echter Verlag


Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen

Die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WGRK) gehört zu den großen protestantischen Vereinigungen. Der internationale Dachverband repräsentiert rund 80 Millionen reformierte Christen. Weitere große Konfessionsfamilien innerhalb des Protestantismus sind etwa die Lutheraner, die Anglikaner, die Methodisten und die Baptisten. Die Gemeinschaft der Reformierten unterstützt mit ihren rund 225 Mitgliedskirchen Aktivitäten in den Bereichen Theologie, soziale Gerechtigkeit, kirchliche Einheit und Mission in mehr als 100 Ländern.

Höchstes Gremium der Weltgemeinschaft ist die Vollversammlung, die sich etwa alle sieben Jahre trifft. Vom 29. Juni bis 7. Juli tagte sie in Leipzig. In Deutschland wird die Zahl der Reformierten unter den insgesamt rund 22 Millionen Protestanten auf rund anderthalb Millionen geschätzt. Reformierten Einfluss brachte auch der Zuzug der französischen Hugenotten im 17. Jahrhundert.

2014 hat die Weltgemeinschaft ihren Sitz von Genf nach Hannover verlegt. Dachverband der reformierten Christen in Deutschland ist der Reformierte Bund mit Sitz in Hannover, der etwa 430 reformierte Gemeinden, Synoden und Kirchen vereint.

In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland gibt es den Reformierten Kirchenkreis. Gebildet wird er von fünf Evangelisch-reformierten Gemeinden in Aschersleben, Burg, Halberstadt, Halle und Magdeburg. In Sachsen existieren reformierte Gemeinden in Chemnitz, Dresden und Leipzig.

(epd)

Der kurze Moment vorher

2. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Ritual: Was geschieht, wenn wir in die Kirche zum Gottesdienst gehen, bevor wir uns hinsetzen

Da ist dieser Moment, wenn man zum Gottesdienst kommt und die Kirchenbank betritt: kurz stehen bleiben, innehalten. Dann setzen. Was passiert da eigentlich?

Es ist Sonntagmorgen. Die Glocken läuten. Menschen kommen in die Kirche. Sie nehmen sich ein Gesangbuch, begrüßen Bekannte und suchen sich einen Platz aus. Bevor sie sich setzen, bleiben viele noch einen Moment ruhig stehen. Warum tun sie das?

Eine spontane Umfrage im Bekanntenkreis ergab: Es gibt da offensichtlich keine festen Regeln. Viele danken Gott. Andere bitten ihn um Besinnung, einen guten Gottesdienst, dass Gott zu ihnen spricht.

Innehalten, ein kurzes Gebet sprechen – Foto: Lolo Stock – fotolia.com

Innehalten, ein kurzes Gebet sprechen – Foto: Lolo Stock – fotolia.com

Nur wenige können sagen, wer ihnen dieses Ritual erklärt hat. Sie haben es sich abgeguckt oder tun es, weil es andere auch tun. Manche haben es von ihrer Pfarrerin oder dem Großvater gelernt.

Es gab auch ganz weltliche Antworten, wie »ich zähle bis fünf, bevor ich mich setze« oder »weil man das halt so macht«. Andere versuchen, sich zu konzentrieren und sich innerlich auf den Gottesdienst einzustellen.

Fast alle aber waren der Meinung, dass es doch ein sinnvoller Moment sei, um kurz innezuhalten. Menschen spüren wohl, dass der Kirchgang etwas anderes ist als ein Kinobesuch.

Da ist der Raum. Schön hergerichtet, oft alt und ehrwürdig. Kirchenfenster, Kanzel, Altar oder Abendmahlstisch verweisen auf biblische Geschichten und die Gegenwart Gottes. Viele Generationen von Menschen haben hier schon gebetet, gesungen, gelacht und geweint, geglaubt und gezweifelt. Kirchen sind besondere Orte. Zur römisch-katholischen Tradition gehörten das Hinknien und das Bekreuzigen. Vielleicht ist daraus im Protestantismus der Moment des Innehaltens geworden. Evangelische Christen wissen, dass nicht die Gebäude oder die Abendmahlselemente heilig sind. Dennoch spüren sie die Würde des Ortes und der Feier und dass es jetzt nicht alltäglich zugeht.

Vielleicht gut, dass es für dieses Ritual keine festen Regeln gibt. So kann es jeder für sich füllen. Oder sich einfach so hinsetzen. Ein Tabu ist das sicher auch nicht. Dieser kurze Moment vor dem Hinsetzen ist ein guter Anlass, um zu beten – egal, was die anderen tun. Ob schweigend oder mit konkreten Bitten oder konkretem Dank. Anlässe, mit Gott ins Gespräch zu kommen, gibt es sicher genug.

»Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft« (Psalm 66, 20). Das Psalmwort bringt die Gewissheit zum Ausdruck, was Gott gesagt wird, geht nicht ins Leere.

Und zum Glück gibt es auch für das Beten keine Regeln. Da darf alles vorkommen. Freude und Fragen genauso wie Wut und Trauer. Der Theologe Karl Rahner hat einmal gesagt: »Ich glaube, weil ich bete.« So eine große Bedeutung hat er dem Gespräch mit Gott zugemessen.

Deshalb kann es nicht falsch sein, diesen Moment vor dem Hinsetzen dafür zu nutzen. Es besteht keine Verpflichtung dazu. Aber wenn man sich unsicher ist: Beten geht immer.

Bernd Becker

Der Radikalste der Reformatoren

26. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Thomas Müntzer: Er verband den geistigen Aufbruch mit einer sozialen Revolution

Vergöttert und gehasst wie kaum ein anderer in der deutschen Kirchengeschichte, gilt Thomas Müntzer (1490–1525) als radikalster Geist unter den Kirchenreformern des 16. Jahrhunderts. Er propagierte nicht nur die innere Erleuchtung als Basis der Bibellektüre und den Gottesdienst in deutscher Sprache, sondern auch eine Art urchristlichen Kommunismus und einen Gottesstaat mit demokratischen Anklängen. Thomas Müntzer, der einzige Kirchenreformer des 16. Jahrhunderts, der den geistigen Aufbruch konsequent mit einer sozialen Revolution verband, der frühe Vordenker eines demokratischen Gemeinwesens.

Erfinder der »Deutschen Messe«

Von seinem kurzen Leben wissen wir nicht allzu viel. Geboren wurde er irgendwann um das Jahr 1490 zu Stolberg im Harz. In Quedlinburg ging er zur Schule, in Leipzig und Frankfurt an der Oder hat er studiert, mit welchen Abschlüssen, wissen wir nicht; aber er galt bei Freund und Feind als hochgelehrter Mann.

Denkmal des Theologen Thomas Müntzer in Mühlhausen (Thüringen). 1525 ging der streitbare Prediger, der bei dem einfachen Volk überaus beliebt war, nach Mühlhausen und gründete dort einen demokratischen Gottesstaat. – Foto: epd-bild/Norbert Neetz

Denkmal des Theologen Thomas Müntzer in Mühlhausen (Thüringen). 1525 ging der streitbare Prediger, der bei dem einfachen Volk überaus beliebt war, nach Mühlhausen und gründete dort einen demokratischen Gottesstaat. – Foto: epd-bild/Norbert Neetz

Als Lehrer, Hilfsprediger, Nonnenbeichtvater finden wir ihn in Braunschweig wieder. 1520 vermittelte Luther seinem jungen Parteigänger, auf den er damals offenbar noch große Stücke hielt, eine Pfarrstelle in Zwickau. Auf der Kanzel zog er gegen Heuchelei und Profitgier zu Felde, es gab Aufruhr, und nach wenigen Monaten kam Müntzer der drohenden Arretierung durch die Flucht Richtung Böhmen zuvor. In Prag, wo die Hussiten ihren kirchenreformerischen Schwung freilich auch schon zu verlieren drohten, tritt Müntzer nun ins volle Licht der Geschichte – mit seinem berühmten »Prager Manifest«.

Polternd, aggressiv, maßlos bricht sie aus ihm heraus, die Wut auf die machtversessenen Kleriker und Hie­rarchen, die kein Interesse an der Seelsorge haben und ihre Pflichten vernachlässigen. Die unflätige Polemik gehörte damals freilich zum ganz normalen Umgangsstil unter geistlichen Autoren und Predigern. Und überdies blitzt hinter all den Beleidigungen und Grobheiten eine unbändige Liebe zu den kleinen Leuten hervor, ein tiefes Mitleid mit den wirtschaftlich Ausgebeuteten und geistig dumm Gehaltenen.

Doch das »Prager Manifest« hat nur ein sehr schwaches Echo. Enttäuscht, aber keineswegs resigniert zieht Thomas Müntzer nach Nordhausen weiter, nach Halle, um sich dann als Prediger im kleinen kursächsischen Allstedt niederzulassen. Hier führt er unter großem Aufsehen die »Deutsche Messe« ein, das heißt, er übersetzt die lateinischen Texte, ersetzt die üblichen knappen Bibelsätze durch zusammenhängende, sinnvoll ausgewählte Lesungen und vereinfacht den Gregorianischen Choral so, dass ihn die ganze Gemeinde auf Deutsch singen kann. Und hier in Allstedt komplettiert er in Predigten und wenigen, aber wuchtig geschriebenen Schriften sein theologisches und politisches Gedankengebäude, mit dem er zum entschlossenen Widerpart der Wittenberger Kirchenreformer um Luther, Melanchthon, Karlstadt wird.

Müntzer gerät bald in Konflikt mit der weltlichen Obrigkeit und den anderen Reformatoren. Luther will eine Revolution in den Köpfen und in den kirchlichen Strukturen, während in Müntzers Augen die Treue zur Bibel auch eine soziale Umwälzung verlangt. Es ist wichtig zu sehen, dass der Allstedter Prediger nicht etwa irgendwelchen politischen Radikalismen ein frommes Mäntelchen umhängt: Es ist die religiöse Leidenschaft, die ihn für das soziale Unrecht mobilisiert. Es ist die Liebe Christi zu den Elenden, die ihn umtreibt, es ist seine Überzeugung von der Würde jedes Menschen und vom allgemeinen Priestertum aller Gläubigen, die ihn Konsequenzen fordern lässt: Veränderung der Welt, weil Christus nicht will, dass die einen über die anderen herrschen.

Am 13. Juli 1524, im Schwarzwald und in Oberschwaben, haben sich bereits die Bauern erhoben, hält er in Allstedt dem gerade auf der Durchreise befindlichen sächsischen Landesherrn von der Kirchenkanzel aus eine Standpauke, die als »Fürstenpredigt« bekannt wird.

Müntzer setzt sich deutlich von Luthers unbedingter Treue zur Obrigkeit ab. Unbedingte Treue zur Obrigkeit und Gewaltmonopol des Staates bei Luther, Widerstandsrecht, ja Widerstandspflicht des Volkes und Ansätze zur Volkssouveränität bei Müntzer: Die deutsche Geschichte wäre anders verlaufen, hätte sich der Müntzer-Flügel der Reformation durchgesetzt.

Müntzer flieht von Allstedt nach Mühlhausen. Er verbündet sich mit den Bauern, die überall im oberdeutschen Raum für ihre alten Rechte und gegen die drückende Abgabenlast zu kämpfen beginnen.

In Nürnberg lässt er Streitschriften drucken, die in unerhört aggressivem Ton den Kirchenführern in Rom und Wittenberg gleichermaßen den Kampf ansagen. Luther seinerseits gibt den »Erzteufel«, wie er ihn nennt, zum Abschuss frei.

Anführer des Bauernkrieges in Thüringen

Müntzer bereitet sich darauf vor, die Gruppen von Aufständischen, die da und dort im Thüringischen Klöster und Schlösser stürmen, zu einer großen Erhebung zu vereinigen. Die lokalen Aufstände drohen zum Flächenbrand zu werden. Die Fürsten, Grafen und Herzöge – Katholiken und Protestanten bunt gemischt – vergessen ihre Zwistigkeiten, schicken ein riesiges Heer von mindestens 7 000 Reitern und Infanteristen gegen die Rebellen. Die zählen zwar inzwischen ebenfalls nach Tausenden, sind aber schlecht gerüstet, chaotisch organisiert, ans Kämpfen nicht gewöhnt. Bei Frankenhausen treffen die ungleichen Armeen aufeinander.

Die Bauern haben auf einer Anhöhe eine Wagenburg errichtet. Doch statt sich dort zu verschanzen, verhandeln sie am Fuß des Berges über das Angebot der Fürsten: Gnädige Behandlung gegen Auslieferung ihres Anführers Müntzer. Ohne das Ergebnis der Beratungen abzuwarten, schlägt das Fürstenheer los, feuert aus schweren Geschützen auf die in Panik durcheinanderlaufenden Gegner. In den engen Gässchen von Frankenhausen setzt sich das Massaker fort. Am Ende sind zeitgenössischen Berichten zufolge 5 000 Bauern tot, 600 gefangen. Vom Fürstenheer sind angeblich nur sechs Soldaten gefallen.

Thomas Müntzer wird gefangen genommen, zwölf Tage lang gefoltert und verhört. Ein demütiger Widerruf, den man triumphierend herumzeigt, ist höchstwahrscheinlich nicht echt, denn als er kurz vor seinem Tod öffentlich Reue zeigen soll, weigert er sich und ermahnt stattdessen die Fürsten, das arme Volk nicht länger zu bedrücken. Am 27. Mai 1525 schlägt man ihm den Kopf ab, Kopf und Rumpf werden auf Stangen gespießt und zur Abschreckung ausgestellt. So endet der Versuch, das Evangelium zur Grundlage einer sozial gerechten, in Ansätzen bereits demokratischen Gesellschaft zu machen.

Christian Feldmann

Himmlisches und irdisches Regiment

20. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs zur Theologie Martin Luthers: Zwei-Reiche-Lehre

Auf den ersten Blick erscheint Luthers Zwei-Reiche-Lehre oder genauer, seine Lehre von den zwei Regimenten Gottes, dem himmlischen und dem irdischen, wie ein besonders vergilbter Anachronismus oder noch schlimmer: als eine theologische Gewaltrechtfertigung um jeden Preis.

Der Himmel, so tönen täglich stattdessen die Siegestrompeten des alles überrollenden Säkularismus, ist durchschaut, so gut wie restlos, auf jeden Fall prinzipiell: Kein Gott weit und breit, weder oben noch unten, nicht hinten, nicht vorne – bis an den Rand der Quasare, kurz vor dem Urknall: Nein, kein Gott. Nirgends! Alles nur Staub, Trümmer, Gravitationen, Explosionen, Chaos zuerst und zuletzt. Dazwischen Evolution. Milben, Mäuse, Menschen. Was bedeutet: Hier spielt die Musik, wenn es um uns geht: Ordnungs-Musik! Hier tönt die Heils-Melodie. Und für diese Musik, die hier aufgeführt wird, sind wir zuständig, wir, die Menschen, wir allein: Wir können das. Wir wollen das. Wir schaffen das! Das Reich der Welt, ein Welt-Reich wachsender Vernunft! Wer es glaubt, wird selig! Selig in den politischen Sinnkonjunkturen zwischen Demokratie und Diktatur, Monarchie und Republik, National- und Weltstaat.

Selig im Irdischen aber, das wissen wir doch, kann auch werden, wer nur zynisch ist, frivol, terroristisch. Wer ausbeutet, schindet, unterdrückt. Wer lügt, betrügt, mordet. Im fürstlichen Eroberungskrieg, im sozialrevolutionären Befreiungskrieg, im imperialistischen Handelskrieg, in den Blutexpeditionen des demokratischen Interventionismus. Was Luther alles schon wusste. Wusste wie kaum ein anderer Theologe bis heute: Seine Lehre von den zwei Regimenten war eine fundamentale Antwort auf die Hydra Hybris, diese elende Versuchungsstärke des Menschen seit Adams Fall.

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In seiner Schrift »Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei« aus dem Jahre 1523 lässt er kein gutes Haar an machtgierigen Fürsten, die glauben, im Recht zu sein, wie an tobendem Revolutionspöbel ebenso, der noch heute für die gute Welt von Morgen mordet, mithin an entfesselten Herrschern wie Beherrschten gleichermaßen, und bindet die einen wie die anderen an das erste Reich, das Reich Gottes, wenn ihr Tun im zweiten, dem weltlichen Reich, nicht böse sein, werden oder enden soll: »Aufs Erste müssen wir das weltliche Recht und Schwert gut begründen, dass nicht jemand daran zweifle, es sei durch Gottes Willen und Ordnung in der Welt.« Warum?

Luthers Antwort ist klar, von keiner Vernunftillusion getrübt, denn diese Anbindung wiederum ist die Voraussetzung klarer Trennung, Unterscheidung: »Wo das nicht wäre, sintemal alle Welt böse und unter Tausenden kaum ein rechter Christ ist, würde eines das andere fressen, dass niemand Weib und Kind aufziehen, sich nähren und Gott dienen könnte, wodurch die Welt wüst würde.« Und eben deshalb habe Gott »die zwei Regimente verordnet: das geistliche, welches durch den Heiligen Geist Christen und fromme Leute macht, unter Christus, und das weltliche, welches den Unchristen und Bösen wehrt, dass sie gegen ihren Willen äußerlich Frieden halten und stille sein müssen«. Denn eines ist auch klar: »Wenn nun jemand die Welt nach dem Evangelium regieren und alles weltliche Recht und Schwert aufheben und vorgeben wollte, sie wären alle getauft und Christen … Lieber, rate, was würde der machen? Er würde den wilden, bösen Tieren die Bande und Ketten auflösen, dass sie jedermann zerrissen und zerbissen, und daneben vorgeben, es wären feine, zahme, kirre Tierlein.«

Wo Luther fundamental unterschied und essenziell verband in einem, den Geschichtshorizont mit dem Ewigkeitsgrund in unauflöslicher Heilsdialektik erfasste, um so etwas wie einen christlich inspirierten, in der Normativität der Gesetzestafeln verankerten Rechtsstaat zu begründen, modern gesprochen – da kommt, ein halbes Jahrtausend nach ihm, immer stärker ins Spiel eine rechtsphilosophische Luxus-Theorie, die glaubt, es sich leisten zu können, eben jene unaufgebbaren Voraussetzungen, von denen Luther spricht und auch der freie, säkularisierte Rechtsstaat lebt, nicht mehr garantieren zu können (Wolfgang Böckenförde).

Aber solche Leerstelle, als zunehmende Praxis bis ins unschuldig gedeutete Mörderische, verweist zuletzt nur auf eines: auf die Aktualität der Lehre Martin Luthers von den zwei Regimenten: Sie füllt sie.

Ulrich Schacht

Der Autor ist Schriftsteller und Theologe, er steht der evangelischen Bruderschaft St.-Georgs-Orden vor.

Die unsichtbare Kraft, die Leben schafft

12. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Heilige Geist, die dritte Person der göttlichen Trinität

Sie treibt Windmühlen, trägt Flugzeuge, polstert Matratzen und lässt Räder rollen. Sie dringt in unsere Lungen und versorgt unser Blut mit Sauerstoff. Ohne sie ist Leben nicht möglich. Und doch ist sie – scheinbar – nichts: die Luft.

Ein Element, das nicht zu fassen ist. Nicht sichtbar, nicht hörbar, nicht fühlbar. Erst wenn es auf Widerstand trifft, wird deutlich: Da ist etwas. Eine Masse, in der ausreichend Kraft steckt, um Propeller anzutreiben, Wasserflächen aufzupeitschen oder große Kirchenorgeln zum Brausen zu bringen. Eine gewaltige Energie – und dabei so geheimnisvoll.

Kein Wunder, dass die ersten Christinnen und Christen dieses Phänomen als Bild herangezogen haben für eine Kraft, die ähnlich unfassbar ist: den Heiligen Geist. Von dem hatten sie nach Jesu Himmelfahrt zunächst auch nichts gespürt. Traurig und ratlos hatten sie beieinandergesessen. Und dann kam er ganz plötzlich, wie ein Gewittersturm. Wirbelte Freude, Zuversicht, Begeisterung durch den Raum und trieb die Jüngerinnen und Jünger nach draußen. So gewaltig war diese Kraft, dass sie nicht mehr schweigen konnten davon, was es heißt, zu diesem Gott, zu diesem Jesus zu gehören. Eine verrückte Erfahrung. Nicht zu fassen. Und so ist es geblieben bis heute.

Durch all die Jahrhunderte, die die Kirche jetzt alt ist, gab es diese Erfahrung immer wieder, für einzelne Gläubige wie auch für Gemeinden oder ganze Kirchen: Erst herrscht Ruhe. Man hat es sich bequem gemacht in seinem Glauben, seinen Formen, seinen Traditionen. Alles ist gut – aber um Neues auszuprobieren, fehlt der Antrieb. Von Begeisterung keine Spur.

Bis von irgendwo der Geist im Sturm kommt und die dicke Luft durcheinanderwirbelt, Menschen nach draußen treibt, ihnen neue Fantasie, Hoffnung und Mut schenkt. Plötzlich ist die Energie wieder da. Totgeglaubtes erwacht zu neuem Leben. Türen werden aufgerissen, Fremde hereingebeten, es wird gebetet und gefeiert.

Manche dieser Aufbrüche geschehen im Kleinen und werden nur von wenigen wahrgenommen; andere sind zu Meilensteinen geworden: die Reformation, die Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen, die Kirchentags-Bewegung. Zuvor Undenkbares wurde gedacht, Grenzen wurden überwunden, Frieden wurde möglich, weil Christinnen und Christen sich vom Geist bewegen ließen.

Warum der Geist kommt? Und wann? Das wissen wir nicht. Wir können ihn nicht herbeizwingen, höchstens herbeibitten. Aber vieles spricht dafür, dass es beim Geist ähnlich ist wie bei der Luft: Die spürt man kaum, wenn man stillhält. Sobald man sich aber in Bewegung setzt, nimmt man sie wahr.

Wer den Heiligen Geist erfahren will, sollte also losgehen. Vielleicht in Richtung der nächsten Kirche, des nächsten Gemeindefestes, des nächsten Kirchentags. Dabei alle Sinne wachhalten. Wer weiß, was passiert.

Anke von Legat

Der Glaube führt zusammen

5. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Elinor und Christian haben sich auf einem Kirchentag kennengelernt und ineinander verliebt

Was wäre ein Kirchentag ohne seine Helfer? Heutzutage wäre er kaum noch möglich. Die Helferkultur hat sich zu einem selbstständigen Teil des Geschehens samt Strukturen entwickelt. Die Ehrenamtlichen wirken von der Organisation über Bewachung, Bewirtung, Verkauf, Beratung bis zu Einweisungs- und Ordnerdiensten in allen Bereichen mit. Sie übernachten mit Isomatte und Schlafsack in Turnhallen und Gemeinschaftsunterkünften und haben bei Gesprächen und Konzerten selbst viel Spaß.

Seit dem Kirchentag 1981 in Hamburg gibt es die fleißigen Unterstützer in der heutigen Ordnung, meist jung und aus der ganzen Republik kommend. Etwa 8 000 sorgten in Berlin mit dafür, dass alles möglichst pannen- und sorgenfrei für Besucher und Akteure läuft. Unter ihnen sind auch Christian Fuß (23) aus Flensburg und Elinor Unger (27) aus Leipzig. Zum ersten Mal werden die beiden gemeinsam reisen, obwohl das bis vor wenigen Tagen aus beruflichen Gründen für Elinor Unger noch auf der Kippe stand. Nun hat die junge Frau erfolgreich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um sich nach der Meldefrist doch noch einzuschreiben und mit Christian zusammen zum Einsatz zu kommen.

Es ist bereits der dritte Evangelische Kirchentag, den die beiden als Helfer unterstützen, doch ein ganz besonderer für die zwei. Sie kommen als Paar, denn sie haben sich auf dem letzten Kirchentag 2015 in Stuttgart kennen- und lieben gelernt. Da waren beide in derselben Schule untergebracht, rollten ihre Schlafmatten zwischen den Freunden aus, mit denen sie gekommen waren. Elinor Unger arbeitete tagsüber im Kirchentagsshop, während Christian Fuß einer Kirche zugeteilt war und dort für Einlasskontrollen, Auf- und Umbauten für diverse Konzerte verantwortlich war.

Elinor Unger und Christian Fuß. Foto: privat

Elinor Unger und Christian Fuß. Foto: privat

Abends in den Unterkünften trafen die Helfer beim Essen und gemeinsamen Gesprächen aufeinander. Man redete über Gott und die Welt und die beiden fielen einander auf. Nach einem Konzert der »Wise Guys« hat es zwischen ihnen gefunkt. Sie stellten auch fest, dass sie sich beim vorhergehenden Kirchentag in Hamburg 2013 nur um Haaresbreite »verpasst« hatten: Beide waren bei der Instrumentenaufbewahrung in derselben Halle eingesetzt, jedoch nicht in der gleichen Schicht. Eine Episode, über die sie heute herzlich lachen müssen. Kann es sein, dass sie sich schon damals nähergekommen wären?

Nach dem Stuttgarter Kirchentag blieben die beiden in Kontakt, »mit Hindernissen«, wie Elinor Unger lachend nachschiebt: »Ich chattete gerade mit einer Freundin, als sich Christian dazwischendrängelte und um meine Telefonnummer bat. Da habe ich spontan ›Nein‹ geschrieben.« Das hat sie dann schnell zurückgenommen und es bis heute nicht bereut.

Zwei Wochen später fuhr Christian Fuß von Flensburg, wo der gebürtige Stader Schiffsmechaniker ein Ingenieurstudium macht, nach Leipzig. Dort lebt und arbeitet die aus Berlin stammende Elinor, die zurzeit in Chemnitz ein Meisterstudium für Konditoren absolviert. Seit zwei Jahren führen sie eine »Fernbeziehung«, kommunizieren möglichst oft, besuchen sich und verleben den Urlaub gemeinsam. Im Sommer, wenn er sein Studium beendet hat, will der junge Mann nach Leipzig ziehen. Die Wohnung sei groß genug, und seine Freundin hat zu dieser Zeit noch ein Dreivierteljahr bis zu ihrem Abschluss.

Christian wird dann zur See fahren, anderthalb bis zwei Monate unterwegs sein und danach genauso lange bei ihr in Leipzig. Ein Problem für Elinor Unger? »Lange Trennung haben wir jetzt, ich freue mich auf die langen gemeinsamen Zeiten«, sagt sie hoffnungsvoll. Das geht ihm nicht anders.

Der Kirchentag in Berlin hieß für das Paar: zusammenkommen, zusammen sein, zusammen abreisen – und dazwischen Wichtiges tun, Schönes er­leben, Spaß haben.

Andrea von Fournier

Du bist ein Gott, der mich sieht. (1. Mose 16, Vers 13 b)  Kirchentag auf dem Weg in Weimar: »Gnadenlos chic. Kostümerie und Mode« Foto: Sabine Kuschel

Du bist ein Gott, der mich sieht. (1. Mose 16, Vers 13 b) Kirchentag auf dem Weg in Weimar: »Gnadenlos chic. Kostümerie und Mode« Foto: Sabine Kuschel


Der düstere Prophet mit Charisma

23. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Johannes Calvin: Wo Martin Luther keinen Einfluss hatte, wurde Calvin als großer Reformator geehrt

Es ist ein merkwürdiges Phänomen: Dieser Johannes Calvin, zunächst Jurist und dann erst Seelsorger, hielt eine um die andere düstere Predigt über die abgrundtiefe menschliche Sündhaftigkeit und über einen zornigen Gott – aber gerade dadurch zog er die Massen magisch an. Johannes Calvin ist für die Schweiz und Frankreich und später auch für die USA, Kanada, Australien das gewesen, was Martin Luther für Deutschland und die skandinavischen Länder war. Ein charismatischer Reformator mit einer Ausstrahlung weit über den Tod hinaus.

Geboren wurde Jehan Cauvin, wie er eigentlich hieß, 1509 im nordfranzösischen Noyon in der Picardie, als Sohn eines bischöflichen Sekretärs und Finanzbeamten. Die Mutter starb früh. Der Vater bestimmte ihn und zwei seiner Brüder für die geistliche Laufbahn. Plötzlich kommandierte der Vater, nicht Theologie solle er studieren, sondern Jura, damit lasse sich mehr Geld verdienen. Johannes gehorchte, vertiefte sich in die Logik und Präzision juristischer Beweisführungen. Und dann gehorchte er nicht mehr. Er lernte die aufmüpfigen Ideen des deutschen Kirchenreformers Martin Luther kennen, war Feuer und Flamme – und entdeckte sein Talent, andere mitzureißen.

Das Verhängnis nahte, als Calvins Freund Nicolas Cop zum Rektor der Pariser Universität gewählt wurde. Gemeinsam mit Calvin schrieb er eine provokante Antrittsrede voll reformatorischer Parolen und Visionen. Der König höchstpersönlich befahl die Verhaftung der beiden. Calvin tauchte zunächst unter und floh später in die Schweiz. Und vollendete hier im Exil als Sechsundzwanzigjähriger seine »Institutio Christianae Religionis«, auf Deutsch »Unterricht in der christlichen Religion«.

Sandsteinstatue des französischen Reformators Johannes Calvin (1509–1564) im Berliner Dom. Foto: epd-bild

Sandsteinstatue des französischen Reformators Johannes Calvin (1509–1564) im Berliner Dom. Foto: epd-bild

Wie Luther und seine Gesinnungsgenossen drüben in Deutschland verlangt Calvin eine geistige und geistliche Reform der Kirche. Die Bibel und das vertrauensvolle Gebet statt des halb heidnischen Reliquienkults und des Geschäfts mit Ablässen. Die Kirche als unsichtbare Gemeinschaft der Freunde Gottes statt eines hierarchisch gegliederten Machtapparats.

Die Motive und die Ziele teilt Calvin tatsächlich mit all den religiösen Aufbruchsbewegungen seiner Zeit. Aber härter, illusionsloser als alle anderen vertritt er die Ansicht, dass es letztlich überhaupt nicht auf die Anstrengungen, die Gebete, das fromme Handeln des Menschen ankommt, sondern einzig und allein auf den Willen Gottes. Ob ein Mensch scheitert oder nach dem Tod in die Seligkeit eingeht, ist seit Ewigkeit vorherbestimmt. Das ist Calvins Antwort auf das Problem, warum der eine glaubt und der andere sich nicht um Gott schert. Dass sein Gott so willkürlich über das ewige Glück und Unglück seiner Menschen entscheiden kann, das entzückt Calvin – offenbart das doch die absolute Macht und Majestät dieses Gottes, und nur darauf kommt es ihm an.

Sogar eine frühe demokratische Tendenz steckt in dieser harten Disziplin dem Evangelium gegenüber, denn aus der privaten Moral des einzelnen Christenmenschen wird flugs eine gesellschaftliche. Und auch gekrönte Häupter müssen sich plötzlich fragen lassen, wie sie mit ihrer von Gott verliehenen Macht umgehen. Wie ein Prophet aus dem alten Israel verkündet Calvin den Tyrannen ihren Sturz – nicht unbedingt durch eine Volkserhebung, sondern durch einen dynamischen Robin Hood, der sich zum Retter der Ausgebeuteten macht. Später wird er für eine Kontrolle der Regierung durch Volksvertreter plädieren beziehungsweise für eine von den Klügsten und Anständigsten geführte Republik, wie er es in Genf vorexerziert.

In Genf kommt er 1536 auf der Flucht aus Frankreich an. Eigentlich ist er nur auf der Durchreise nach Straßburg. Doch in Genf geht es drunter und drüber. Immer wieder haben sich die Bürger der reichen Handelsstadt gegen die Herrschaft der Herzöge von Savoyen und der von diesen protegierten Bischöfe aufgelehnt. Schließlich verjagen sie den Bischof und nehmen aus Trotz den evangelischen Glauben an. Calvin bleibt, als Pastor, ohne je die Priesterweihe erhalten zu haben. Er wirft sich voll in die Konflikte, predigt, schreibt Briefe, führt Verhandlungen, macht Wahlkampf für den Stadtrat, taktiert, intrigiert, lockt Gesinnungsgenossen aus Frankreich nach Genf – und arbeitet an einem Sittenregiment, mit Überwachungsmaßnahmen, Kontrollorganen und saftigen Sanktionen.

Wallfahrten und Rosenkranzbeten steht genauso unter Strafe wie eine zu auffällige Frisur, Würfelspiel und Tanzen. Und die Strafen sind hart: nicht etwa eine symbolische Geldbuße, sondern Pranger, Gefängnis, Ausweisung – bei Ehebruch, Gotteslästerung und Götzendienst sogar die Hinrichtung. In einem einzigen Jahr schleppt man vierzehn vermeintliche Hexen zum Scheiterhaufen. Was freilich alles nicht Calvins Erfindung ist. Ähnliche moralische Reglements gab es in Genf schon vor seiner Zeit und es gibt sie in vielen Städten.

Nach 22 Monaten schickt der Rat Calvin in die Verbannung, aus ziemlich nichtigen Gründen. Calvin lebt jetzt im weltläufigeren Straßburg. Er heiratet eine arme Witwe, die schon mehrere Kinder hat. Als sie nach neun Jahren stirbt, spricht er sehr freundlich über sie und bleibt bis zu seinem Tod allein. Drei Jahre nach seiner Verbannung holen die Stadtväter Johannes Calvin zurück nach Genf.

Die Kirchenleitung ist, mit durchaus demokratischen Ansätzen, in Pfarrer, Lehrer, Diakone und »Älteste« gegliedert. Die Ältesten kommen aus dem Rat der Stadt und sollen garantieren, dass geistliche und weltliche Obrigkeit an einem Strang ziehen und das private und öffentliche Leben der Einwohnerschaft lückenlos überwachen. Am Sonntag müssen alle am Gottesdienst teilnehmen. Wirtshäuser, Theater sind verboten, zu üppige Gastmähler und auffallende Kleidung natürlich auch. Die Ältesten besuchen einmal pro Jahr jeden Genfer Haushalt und notieren unbarmherzig jede Abweichung von den Anordnungen. Frauen, die ihr Haar modisch hochfrisieren, werden verwarnt, und Familienväter, die ihren Kindern Vornamen aus dem verpönten katholischen Heiligenkalender geben, wandern ins Gefängnis. Doch diese harten Bestimmungen wurden nicht von einem Diktator Calvin, sondern von der Stadtregierung erlassen und von den Bürgern akzeptiert – von den meisten jedenfalls.

Die Kehrseite der Medaille ist eine wirksame Armenfürsorge – und ein hervorragendes Bildungswesen. Calvin gründet Schulen und eine Akademie, die sich ohne Scheuklappen mit den aktuellen Denkströmungen auseinandersetzt, er holt Latein- und Griechischlehrer und Theologen aus ganz Europa nach Genf und schickt dafür gut ausgebildete Missionare nach Frankreich, Holland, England, Schottland. Ausländische Besucher sind begeistert. Sogar Papst Pius IV. muss grimmig einräumen: »Die Stärke dieses Ketzers bestand darin, dass Geld nie die leiseste Anziehungskraft für ihn hatte. Hätte ich solche Diener, reichte meine Herrschaft von Meer zu Meer.«

Johannes Calvin, der düstere Prophet, schmächtig, ausgezehrt, blasses Gesicht mit langem dünnem Bart, durchdringende, kalte Augen, dieser finstere Asket muss ein unwiderstehliches Charisma gehabt haben.

Calvin wurde immer kränker, er sah aus wie ein Skelett, aber in seinen eingesunkenen Augenhöhlen brannte immer noch ein Feuer. Bis zuletzt hielt er Bußpredigten, selbst wenn er sich auf einem Stuhl in die Kathedrale tragen lassen musste. Am 27. Mai 1564 starb er 55-jährig, nachdem er alle Anwesenden um Verzeihung für seine Zornesausbrüche gebeten hatte.

Überall dort, wo der als typisch deutsch geltende Martin Luther keinen Einfluss gewann, verehren sie heute Johannes Calvin als den großen Reformator und Erneuerer der Christenheit. Bis zu hundert Millionen Menschen gehören einer reformierten Kirche an. Seine autoritäre Moral und seine rigorose Lehre von der Vorherbestimmung sind längst geglättet und humanisiert, der barmherzige Gott des Evangeliums hat sich auch in Calvins Kirche durchgesetzt. Geblieben ist seine Überzeugung, dass Christus der einzige Herr jeder Kreatur ist und sich von daher jede Herrschaft von Menschen über Menschen verbietet.

Christian Feldmann

Intellektueller Kopf der Reformation

16. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Ohne Philipp Melanchthon gäbe es die evangelische Kirche nicht

Wittenberg, 29. August 1518. Der größte Hörsaal der Universität ist überfüllt. Die Studenten warten auf ein Wunderkind, das ihr neuer Professor sein soll. Erst 21 Jahre ist er alt, dieser Philipp Melanchthon (1497–1560), und schon zum Lehrstuhlinhaber für griechische Sprache ernannt. Ein sagenhafter Ruf eilt ihm voraus. Ein kleines Männchen erklimmt den Katheder, schüchtern und mit hängenden Schultern. Leise, stockend beginnt der knabenhafte Professor zu reden, einen Sprachfehler hat er auch.

Was er zu sagen hat, reißt die Hörer mit. »Zu den Quellen«. Zurück zum Urtext der Bibel. Das ist – bereits in der allerersten Vorlesung – das Programm für eine Revolution des ganzen Bildungswesens. Auch Melanchthons vierzehn Jahre älterer Kollege Martin Luther, in Wittenberg Professor für biblische Theologie, ist fasziniert.

Das war der Beginn einer nicht gerade überschwänglichen, aber beständigen Freundschaft. Die beiden Männer waren in ihrer Persönlichkeit denkbar verschieden: Luther der stürmische Kraftmensch, der gern mit dem Kopf durch die Wand wollte, hitzig, reizbar, cholerisch, in seinen Attacken oft maßlos übertreibend. Melanchthon vorsichtig, stets auf Ausgleich bedacht, klug abwägend, aber auch ängstlich und risikoscheu. Bei der Motivation aber war dieselbe: die leidenschaftliche Sehnsucht nach einer geläuterten, zum Ursprung zurückgeführten Kirche, und die Liebe zur Bibel, die wieder zum alleinigen Maßstab christlicher Lehre werden sollte.

Philipp Melanchthon ist jener messerscharfe Denker gewesen, der die luthersche Vision mit humanistischer Gelehrsamkeit verbunden und damit den reformatorischen Ideen ihre solide gedankliche Basis gegeben hat.

Melanchthon war es, der Luther zu seiner Bibelübersetzung anregte. Es war Melanchthon, der die reformatorische Theologie in geschliffenen wissenschaftlichen Abhandlungen verteidigte, bei Religionsgesprächen und auf Reichstagen als Wortführer der Protestanten auftrat und die ersten Bekenntnisschriften verfasste. Die Reformation hatte ja erst begonnen, die alte römische Kirche und die neue protestantische Bewegung waren noch nicht getrennt, und es gab intensive Diskussionen über die richtige Lehre.

1521 landete er einen theologischen Bestseller. Das waren seine »Loci communes«, auf Deutsch könnte man »Theologische Grundbegriffe« sagen. Das beherrschende Thema in dieser griffigen, systematischen Zusammenfassung reformatorischer Theologie: Der Glaube allein macht selig. Melanchthon hatte unzweifelhaft seinen eigenen Kopf. Doch gerade weil er nicht einfach der unkritische Parteigänger einer bestimmten Richtung war, konnte er bei den vom Kaiser und von Rom veranstalteten Religionsgesprächen als idealer Vermittler dienen.

Das Denkmal des Reformators Philipp Melanchthon auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg. Foto: epd-bild

Das Denkmal des Reformators Philipp Melanchthon auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg. Foto: epd-bild

Einen ersten Höhepunkt erreichten die zähen Verhandlungen auf dem Reichstag von Augsburg 1530: Kaiser Karl V. wollte hier endlich einen Ausgleich zwischen den Religionsparteien herbeiführen. Alle Kräfte im Reich sollten einig sein, denn die Türken standen vor den Toren. Mit einem von ihm redigierten Kompromisspapier gelang es Melanchthon, zumindest die verschiedenen Fraktionen der Reformation unter einen Hut zu bringen. Dieses »Augsburger Bekenntnis«, lateinisch »Confessio Augustana«, sollte zeigen, dass die Protestanten keine wilden Rebellen waren, sondern auf dem Boden der kirchlichen Tradition standen – treu dem Evangelium und dem
unverfälschten Glauben der Väter.

Melanchthon stellte klar: Die reformatorische Lehre ist die gute, alte Lehre der Kirche abzüglich der in Rom eingerissenen Missstände. Damit war auch Luther völlig einverstanden; er mokierte sich allerdings etwas über Melanchthons behutsam-versöhnlerischen Ton – »ich kann so sanft und leise nicht treten!« Hatte »Magister Philippus« doch im Bemühen, die Römer nicht zu verprellen, auf die Erörterung solcher Reizthemen, wie der Stellung des Papstes und der Mittlerfunktion des Priesters, verzichtet. Das Gemeinsame war ihm stets wichtiger als das Trennende.

Melanchthon beschränkte sich nicht auf Verteidigungsschriften und theologische Summen. Die organisatorische Gestalt des deutschen Protestantismus mit Kirchenverfassung und Disziplin ist ohne ihn nicht denkbar. Und er setzte die tiefgreifendste Bildungsreform aller Zeiten in Deutschland in Gang, getreu seinem stolzen Motto: »Bildung ist mehr als Troja erobern!«

Denn mit Bildung, Wissen und Verstand lasse sich der Mensch veredeln und so die Welt verbessern. Deshalb beteiligte er sich unter anderem an der Gründung hoffnungsvoller neuer Universitäten in Jena, Marburg, Königsberg.

Doch der Einigungsprozess scheiterte erneut, weniger an theologischen Differenzen, sondern an Nebensächlichkeiten, Besitz- und Machtfragen. Die politischen Fronten verhärteten sich: Kaiser Karl V. träumte von einem Konzil, das die Lutheraner wieder in den Schoß der römischen Kirche zurückführen und ihm ein lästiges Problem vom Hals schaffen würde. Die protestantischen Fürsten wiederum fürchteten, der Kaiser werde die Einheit gewaltsam wiederherzustellen suchen, und gründeten ein Militärbündnis, den Schmalkaldischen Bund, zur Verteidigung ihrer Sache. Mittendrin Philipp Melanchthon, der immer wieder wesentliche Stücke einer Einigung zustandebrachte, aber eben nie den kompletten Friedensschluss; den hätte die Politik mit allen Mitteln torpediert.

Die zunehmende Kritik aus den eigenen Reihen stärkte Melanchthons Position nicht gerade. Dabei rackerte er sich für seine Kirche ab wie kein anderer, als Verhandlungsführer, als rühriges Mitglied zahlreicher Kommissionen und Gesprächskreise, als Autor und akademischer Lehrer, mit einer seltenen Besessenheit. Täglich hielt er drei bis vier Vorlesungen, doppelt so viele wie seine Kollegen. Ein einziges Mal fiel eines seiner Seminare aus: am Tag seiner Hochzeit mit der Kaufmannstochter Katharina Krapp.

Natürlich hatte Martin Luther die Beziehung eingefädelt; Melanchthon hatte schlicht keine Zeit zur Brautschau. Und wertete seinen Hochzeitstag später mürrisch als »Tag der Trübsale«. Immerhin gingen vier Kinder aus der sonderbaren Beziehung hervor. Philipp Melanchthon stand um zwei oder drei Uhr morgens auf, schrieb Briefe und arbeitete an seinen Vorlesungen. Nach einer Andacht mit Ehefrau und Dienstboten um sieben Uhr eilte er zur Hochschule. Er ging früh schlafen – nicht ohne noch ein Glas Rheinwein getrunken zu haben. Das scheint das einzige Zugeständnis des Asketen an die lustvollen Seiten des Lebens gewesen zu sein.

Als Melanchthon unter der dauernden Überlastung zusammenbrach und mit dem Tod rang, saß Luther stundenlang an seinem Bett und bestürmte den Himmel. Melanchthon wurde tatsächlich wieder gesund und wollte 1545 am Trienter Konzil teilnehmen, musste aber wegen kriegerischer Wirren umkehren. Das Konzil brachte die ernüchternde Erkenntnis, dass die Einheit endgültig verspielt war. »Gegenreformation« statt Dialog. Daheim in Wittenberg, seine Frau war gestorben und auch Luther überlebte die Konzilseröffnung nur um wenige Monate, kämpfte Melanchthon mit Schlaflosigkeit und Augenschwäche – und freute sich, obwohl er erst 48 Jahre alt war, auf den Tod, der ihn von der »Wut der Theologen«, wie er sagte, befreien würde.

Doch der Erlöser kam erst 15 Jahre später, am 19. April 1560. Auf Melanchthons Schreibtisch fand man einen Zettel, auf dem er notiert hatte: »Du kommst zum Licht. Du wirst Gott schauen und den Sohn sehen. Du wirst die wunderbaren Geheimnisse erfahren, die du in diesem Leben nicht begreifen konntest: warum wir so geschaffen sind und nicht anders und was es damit auf sich hat, dass wir Christus als Gott und Mensch zugleich bekennen.«

Christian Feldmann

Sie schwingen und klingen

9. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirchenglocken: Zu hören sind sie mindestens jeden Sonntag, meist auch öfter in der Woche. Warum Glocken­geläut Musik ist und warum welche Glocken wann läuten.

Glocken sind das öffentlich wahrnehmbare Signum christlicher Kirchen. Die weithin zu hörenden Musikinstrumente kennzeichneten die Kirchen, lange bevor es Orgeln gab. Doch Glocken sind bedroht. Weniger sind es Wind und Wetter, die den bronzenen Kunstwerken zusetzen. Schließlich haben viele, die heute in den Kirchtürmen hängen, nicht nur Gewitter und Stürme, sondern selbst Kriege und Plünderungen überstanden. Was den Glocken zusetzt, sind Unverständnis und Ignoranz. Nicht jedes Mitglied einer Kirche würde vermutlich dem Satz zustimmen: Glocken sind Musikinstrumente.

In der Tat: Glocken können unter bestimmten Umständen auch dem Bundes-Immissionsschutzgesetz und dessen Umsetzung der »Technischen Anleitung zum Schutz vor Lärm« unterliegen. Heute ist indes höchstrichterlich geklärt, dass Glocken nur dann dieser Verwaltungsvorschrift entsprechend verstanden werden, wenn sie die Zeit anzeigen – der Stundenschlag also gilt verwaltungstechnisch als »Lärm«. Dabei ist der Klang eines jeden Geläuts musikalisch bestimmt.

Jede Glocke hat ihre eigene Aufgabe. Foto: Gina Sanders – fotolia.com

Jede Glocke hat ihre eigene Aufgabe. Foto: Gina Sanders – fotolia.com

Das kirchlich-liturgische Geläut unterliegt einer anderen Regel. In jeder Kirchengemeinde sollte es entsprechend der örtlichen Traditionen Läuteordnungen geben.

Jede Glocke, gleich wie viele im Turm hängen, hat ihre eigene Aufgabe: gibt es zwei Glocken im Turm, so ist die größere die »Betglocke«, die kleinere wird als »Kreuzglocke, Tauf- und Schiedglocke« geläutet. Stehen drei Glocken zur Verfügung, so wird die mittlere zur Kreuz- und Schiedglocke. Am häufigsten anzutreffen sind vierteilige Geläute. Sie bestehen aus der größten Glocke, die meist als Betglocke geläutet wird, die nächstkleinere wird zur Kreuz- und Schiedglocke, die dritte zur Zeichenglocke und die kleinste zur Taufglocke.

Die Betglocke wird üblicherweise am Morgen und am Abend geläutet. Außerdem erklingt sie zur Mittagszeit. Die Morgenglocke will zum Morgengebet wecken und täglich an die Auferstehung Christi erinnern. Die Mittagsglocke ruft – anders als vielerorts angenommen wird – nicht zum Mittagessen oder zur Mittagspause, sondern zum Gebet für den Frieden. Das Abendgeläut erklingt zur dritten Gebetszeit des Tages, zum Dank für den Tag und zum Bedenken des Endes. Die Betglocke bekommt auch im sonntäglichen Gottesdienst eine Aufgabe: Sie läutet, während die versammelte Gemeinde das Vaterunser spricht, und lädt damit all jene ein, das Gebet mitzusprechen, die nicht am Gottesdienst teilnehmen können.

Dort, wo es Kreuzglocken gibt, werden diese um 11 Uhr am Vormittag und um 15 Uhr geläutet, mancherorts bereits um 9 Uhr. Zu diesen Zeiten wird an Leiden und Sterben Jesu Christi erinnert: 9 Uhr gilt als die Stunde der Kreuzigung, 11 Uhr als die Stunde der hereinbrechenden Finsternis, von der die Evangelisten Matthäus (Kapitel 27), Markus (Kapitel 15) und Lukas (Kapitel 23) berichten. 15 Uhr gilt demnach als die Todesstunde Jesu. Deshalb wird diese Läutezeit auch »Schiedungsläuten« genannt.

Die Zeichenglocke erinnert eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn an den Kirchgang. »Denn mit der Freude Feierklange / Begrüßt sie das geliebte Kind / Auf seines Lebens erstem Gange, / Den es in Schlafes Arm beginnt«, so beschreibt Friedrich Schiller in seinem »Lied von der Glocke« die Aufgabe der kleinsten Glocke. In der Regel wird sie als Taufglocke genutzt. Die Taufglocke erklingt, während im Gottesdienst ein Mensch getauft wird. Wenn es aber bei Schiller heißt: »Schwer und bang / Tönt die Glocke / Grabgesang. / Ernst begleiten ihre Trauerschläge / Einen Wandrer auf dem letzten Wege«, dann ist es die Schiedglocke, die eingesetzt wird. Sie läutet, wenn ein Mitglied der örtlichen Kirchengemeinde verstorben ist. Je nach örtlichem Brauch wird sie am Folgetag um die Mittagszeit oder am Vormittag geläutet. Dieser Glockenruf erinnert an den oder die Verstorbenen und mahnt wie Psalm 90 (Vers 12) an den eigenen Tod.

»Quillt der Segen / Strömt der Regen, / Aus der Wolke, ohne Wahl, / Zuckt der Strahl! / Hört ihr’s wimmern hoch vom Turm! / Das ist Sturm! / Roth wie Blut / Ist der Himmel. / Das ist nicht des Tages Glut!« Zur Warnung vor Unwetter und bei Feuer geläutet wurde noch zu Zeiten Schillers und lange danach. Diese Funktion haben Kirchenglocken heute nicht mehr.

Läuten zum Gottesdienst ist die zentrale Aufgabe der Glocken. Doch auch da gibt es Unterschiede. So wird mancherorts nur einmal, andernorts zweimal mit einer Glocke geläutet, und zwar eine und dann nochmals eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn drei bis fünf Minuten lang. Das volle Geläut erklingt zu den Hauptgottesdiensten am Sonntag und an den hohen Feiertagen. Dabei gibt es immer wieder Diskussionen darüber, wann das volle Geläut ertönen soll. »Vorläuten« heißt es, wenn die Glocken etwa zehn Minuten vor dem Gottesdienstbeginn klingen.

Beim festlichen Geläut zu Gottesdiensten soll, damit die volle Wirkung zu hören ist, mit der kleinsten Glocke begonnen werden. Dann werden in Abständen von etwa zehn Sekunden die weiteren Glocken von klein nach groß eingeschaltet. In der gleicher Reihenfolge wird das Geläut beendet, sodass die jeweils größte Glocke, häufig als Dominika, die Beherrschende, bezeichnet, als letzte ausklingt.

M. Ernst Wahl

Die erste Zeugin der Auferstehung

25. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Es ist fast wie eine Kriminalgeschichte, über Maria Magda­lena zu berichten. Sie gehört zu den faszinierendsten Frauengestalten im Neuen Testament, wurde aber auch zu einer der schillerndsten Figuren der christlichen Tradition.

Die männlichen Fantasiebilder späterer Zeiten, wie sie sich in der Malerei vielfach niedergeschlagen haben, darf man nicht auf die historische Maria Magdalena zurückprojizieren: jung, schön und ein wenig lüstern – so stellt man sie nur zu gern dar. Wir haben es in der Überlieferung jedoch mit zwei Frauen zu tun: mit einer namenlosen Frau, einer Sünderin, die Jesus begegnet, und mit Maria Magdalena, einer Jüngerin Jesu, die zu seiner engsten Umgebung gehörte.

Die Bibel spricht von der namenlosen Frau in Lukas 7,36–50. Sie galt als Sünderin, im damaligen Verständnis eine Dirne, eine Prostituierte. Von Maria Magdalena ist im Anschluss an die Geschichte von der Sünderin die Rede (Lukas 8,1–3). Beide Frauen haben nichts miteinander zu tun.

Maria Magdalena wird in den Evangelien häufig genannt. Das Lukasevangelium erwähnt, dass Jesus in Galiläa nicht nur von den zwölfen, sondern auch von einigen Frauen begleitet wurde. Maria Magdalena hat sich Jesus angeschlossen, nachdem er sie von bösen Geistern geheilt hatte. Sie bleibt bei ihm und gehört zu der Gruppe, die mit ihm und anderen Frauen und Männern durch Palästina zieht.

Maria Magdalena stammt aus Magdala am See Genezareth – von daher stammt ihr Beiname Magdalena. Sie scheint nicht verheiratet gewesen zu sein. Denn ihr Name ist nicht – wie es üblich war – mit einem Männernamen, auch nicht dem eines Vaters oder Sohnes verbunden worden. Die biblischen Texte sagen, dass die Frauengruppe um Jesus groß war. Sie zogen mit ihm durchs Land. In den Evangelien sind sie meist nur als anwesend gedacht und werden nicht ausdrücklich erwähnt.

Ostergeschehen mit Jesus und Maria Magdalena auf dem Glasfenster in der Stadtkirche im sächsischen Stolpen. Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Ostergeschehen mit Jesus und Maria Magdalena auf dem Glasfenster in der Stadtkirche im sächsischen Stolpen. Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Das Markus-Evangelium erzählt, dass die Jünger geflohen sind, als Jesus verhaftet wurde. Sie hatten Angst, ebenfalls verhaftet und verurteilt zu werden. (Markus 15,40) Es sind die Frauen, unter ihnen Maria Magdalena, die in Sichtweite des Kreuzes bleiben, bis Jesus stirbt. Bei Markus und Matthäus ist sie auch dabei, als der Leichnam Jesu ins Grab gelegt wird.

In den synoptischen Evangelien Matthäus, Markus und Lukas gehört Maria Magdalena zu den Frauen am Ostermorgen, die zum Grab gehen. Doch Jesus ist nicht im Grab, sondern ein Engel verkündet ihnen: »Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden.« (Markus 16,6) Im später geschriebenen Schluss des Markus-Evangeliums (16,9–20) wird Maria Magdalena als die herausgestellt, der der Auferstandene als Erster erschienen ist und ihr die Osterbotschaft verkündet hat.

Nur bei den Evangelisten Markus und Matthäus erhalten die Frauen den Auftrag, die Botschaft »Jesus lebt!« den Jüngerinnen und Jüngern weiterzugeben. Sie sollen nach Galiläa gehen, wo sie den Auferstandenen sehen werden. Bei Matthäus führen die Frauen diesen Auftrag aus, bei Lukas verkündigen sie seine Auferstehung, ohne ausdrücklich den Auftrag erhalten zu haben. Bei Markus sagen sie niemandem etwas. Sie erschrecken und flüchten vom Grab. Beim Evangelisten Johannes wird Maria Magdalena zweimal genannt, bei der Kreuzigung und am Ostermorgen. Wie die Synoptiker nennt auch Johannes eine Gruppe von Frauen beim Kreuz (Johannes 19,25). Maria Magdalena ist hier nicht als Erste, sondern als Letzte genannt. Am Ostermorgen sucht sie allein nach dem Leichnam Jesu. (Johannes 20,1–18)

Der Text erzählt von ihrer Trauer: Maria stand draußen vor dem Grab und weinte. Sie entdeckt das offene Grab und sieht darin zwei Engel in weißen Gewändern sitzen. Diese fragen: Frau, warum weinst du? Sie antwortet ihnen: »Sie haben meinen Rabbi fortgenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingebracht haben.« Da erscheint ihr der Auferstandene.

Sie hält ihn erst für den Gärtner. Da ruft er sie beim Namen, worauf sie erkennt, dass es Jesus ist. Maria wendet sich ihm zu und nennt ihn Rabbuni (mein Meister). Sie will Jesus berühren. Er aber sagt: Rühre mich nicht an! Dieser Satz auf Latein »Noli me tangere« wurde zu einem festen Begriff in der Kulturgeschichte des Christentums. Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zu Gott, meinem Ursprung, aufgestiegen. Es heißt: Der Auferstandene ist nicht festzuhalten. Er bleibt in der Distanz der Nahe, der Zugewandte. »Rühre mich nicht an! Halte mich nicht fest!«, lässt sich vielleicht übersetzen: Akzeptiere die Veränderung, nimm den Trennungsschmerz an.

Jesus schickt Maria Magdalena auf den Weg des Lebens. Diesen Weg Marias zum Osterglauben beschreibt der Evangelist Johannes als einen Weg von der Blindheit zum Sehen. Zu Beginn sieht Maria Jesus, erkennt ihn aber nicht. Erst als sie hört, wie er sie beim Namen ruft, gehen ihr die Augen auf.

Bei Johannes hat Maria Magdalena eine herausragende Stellung: Sie ist die einzige Zeugin des leeren Grabes. Ihr erscheint Christus. Ihr gibt Christus den Verkündigungsauftrag. Aber diese große Frau, wie sie Johannes darstellt, die in der Urkirche eine große Rolle gespielt hat, wurde verkannt und verzeichnet.

In den Berichten, in denen es um den Tod und die Auferstehung Jesu geht, spielen die Frauen eine erhebliche Rolle. Als Jesus verhaftet wurde, waren die Männer nicht mehr da. Von den Frauen jedoch wird in allen Evangelien berichtet, dass sie bei der Kreuzigung zugegen und am Ostermorgen am Grab waren. Sie waren die ersten, die begreifen: Das Kreuz war nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang.

Der Name der historischen Maria Magdalena ist mit der Geburtsstunde der christlichen Kirche verbunden wie kein anderer Name. Während die vier Evangelien dieses Bild zeichnen, widerspricht dem die Aussage des Paulus in 1. Korinther 15,3 ff. Da zählt er Namen von Menschen auf, denen der auferstandene Christus erschienen ist. Maria Magdalena ist nicht dabei – überhaupt keine Frau wird erwähnt.

Bei Paulus dominiert die patriarchalische Ordnung. Er hat die Geschehnisse um Jesus intellektuell reflektiert und den Glauben an Christus in die Welt getragen. Aber er ist auch derjenige, der die Weichen dafür gestellt hat, dass das Christentum leibfeindlich und frauenfeindlich wurde. Die traditionelle Exegese folgte vorrangig Paulus und bestritt, dass Maria Magdalena und andere Frauen die ersten waren, die die Auferstehung Jesu bezeugen konnten. Neben die patriarchalische Erfahrung und Theologie tritt heute die weibliche Erfahrung und Theologie. Was hat sie uns zu sagen, die geheilte Frau, die Freundschaft und Hingabe, Eros und Agape vereint? Die Theologie Maria Magdalenas ist noch nicht geschrieben.

Maria Magdalena hat eine Frauenrolle in der Kirche angebahnt, die in der Folgezeit nicht ohne Nachwirkungen bleiben sollte: die Rolle der predigenden Frau, die in Konkurrenz zur Vorherrschaft der Männer in der Kirche tritt. Katholische Frauenforschung hat bewiesen, dass es in der frühen Kirche das apostolische Frauenamt gegeben hat. Seit frühesten Anfängen war diese Konkurrenz den Männern ein Dorn im Auge – und die heutige Ablehnung der Ordination von Frauen innerhalb der katholischen Kirche und manchen protestantischen Kirchen ist nur ein letzter Nachklang.

Ursula Baltz-Otto

Gott kommt zu seinem Recht

16. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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In der Auferstehung Jesu Christi ist die Macht des Todes gebrochen – Ein Oster-Gedanke Martin Luthers

Das ist eine seltsame, unerhörte Predigt, welche die Vernunft nicht fassen kann, sie muss geglaubt sein, dass Christus lebe, und dennoch tot sei, und so tot, dass doch der Tod in ihm sterben muss und alle seine Macht verlieren. Es wird aber solches uns zum Trost gepredigt, dass wir glauben und lernen sollen, der Tod habe seine Macht verloren. Denn da findet sich – Gott habe ewig Lob! – ein solcher Mensch, welchen der Tod angreift, wie alle anderen Menschen, und würgt ihn: Aber im Würgen muss er selbst sterben und verschlungen werden, und der gewürgte Christus soll ewig leben.

Martin Luther

Auferstanden von den Toten« – das ist nach Luther der im Namen Gottes erfolgende Aufstand des getöteten Christus gegen den Würge-Tod. Gegen die Sieger der Geschichte. Gegen die, die so viele erwürgt haben und über Leichen gegangen sind. Mit Blick auf den Gekreuzigten und Auferstandenen bestreitet der Reformator, dass den Würgern die Zukunft gehört. Es geht stattdessen in der Auferstehung des Christus darum: Gott kommt zu seinem Recht. Und er setzt sich vor aller Augen durch. Und erst recht setzt er die Opfer ins Recht.

Luther besteht auf der neuen Leiblichkeit

Der Wittenberger Professor hätte sich nie damit abgefunden, wenn einer nur von einer geistigen Fortexistenz des Gekreuzigten gesprochen hätte. Vielmehr besteht dieser Lehrer der Kirche auf der neuen Leiblichkeit des Christus. Von der »anderen Gestalt« des Auferstandenen ist im Markusevangelium (16, 12) die Rede. Von dorther speist sich Luthers glühende Hoffnung auf Erneuerung auch seiner Leiblichkeit. Sein Vertrauen in den Gott, der den Menschen mit Leib und Seele geschaffen hat, schreit nach der neuen Leiblichkeit im Licht: »Wo Christus auch immer ist, da ist Licht!«

Handgemalte Szene aus der Bibelabschrift des Künstlers El Shalom Wieberneit (91) aus Ennepetal (Nordrhein-Westfalen). Auf dem Bild zeigt Jesus nach seiner Auferstehung dem zweifelnden Thomas und den anderen Jüngern seine Nägelmale. Wieberneit hat in den vergangenen Jahrzehnten alle 27 Bücher des Neuen Testaments und viele des Alten Testaments abgeschrieben. Zu den biblischen Geschichten malt Wieberneit Ornamente und Bilder. Foto: epd-bild

Handgemalte Szene aus der Bibelabschrift des Künstlers El Shalom Wieberneit (91) aus Ennepetal (Nordrhein-Westfalen). Auf dem Bild zeigt Jesus nach seiner Auferstehung dem zweifelnden Thomas und den anderen Jüngern seine Nägelmale. Wieberneit hat in den vergangenen Jahrzehnten alle 27 Bücher des Neuen Testaments und viele des Alten Testaments abgeschrieben. Zu den biblischen Geschichten malt Wieberneit Ornamente und Bilder. Foto: epd-bild

Martin Luther entnimmt den Ostererzählungen des Neuen Testaments eine beispiellose Hoffnung: In der Auferstehung Jesu Christi ist die Macht des Todes spürbar und unwiderleglich gebrochen. Denn es geht beim auferstandenen Christus um Gott. Gott siegt in einem aufsehenerregenden Krieg, in einem schlimmen Kampf. Luthers Bild: Es ist der Krieg des erwürgten Christus gegen den Erwürger Tod. Hier steht Gott zu seiner Verheißung, es werde einmal mit dem Tod und dessen Herrschaft ganz und gar aus sein. Einmal wird aus dem Es-ist-Versprochen ein Es-ist-Geschehen. Die dem Tod verfallene Welt und unsere Wirklichkeit werden ins ewige Leben verwandelt – in die »andere Gestalt«. Die Auferstehung des Gekreuzigten trägt unsere Auferstehung in sich. Und dem kann dann niemand mehr widersprechen. Der Auferstandene zieht uns durch den Tod zu sich: »Er reißet durch den Tod, durch Welt, durch Sünd, durch Not, er reißet durch die Höll, ich bin stets sein Gesell« (Paul Gerhardt). Und so versteht Luther das Ereignis des Ostertages als ein Kampfgeschehen, dessen Sieg nunmehr schon geschehen ist, aber erst in der Kraft der großen Auferstehung aller vollendet sein wird.

Für Luther ist der zweifelnde Jünger Thomas der wichtigste Oster-Zeuge. Und eben dieser sei vor der Erscheinung des Auferstandenen in die Knie gegangen. So wie ein Gläubiger aus dem Volk Israel vor der Erscheinung Gottes in die Knie geht. Und er habe das klarste Glaubensbekenntnis in der Begegnung mit dem lebendigen Christus ausgesprochen: »Mein Herr und mein Gott!« (Johannes 20, 28). Und dieses Thomas-Bekenntnis nimmt der Reformator auf: »Fragst du, wer der ist, er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth und ist kein andrer Gott, das (Kriegs-) Feld muss er behalten.«

Erfahrungen, die den Zweifel mildern

Wer sich auf den kampferprobten Jesus verlässt, macht Erfahrungen mit Gott, die – wie bei Thomas – den Zweifel mildern oder gar ausräumen. Es sind schon jetzt Lebenserfahrungen, dass die Hoffnung größer ist als die Angst. Trotz der Bedrohungen bleiben Lebensbejahung, Zuversicht, Menschenfreundlichkeit. Nichts Menschliches wird mehr vergöttert. Auch unser eigener Kampf mit dem Tod kann und soll durchgestanden werden. Auch mein »Madensack«, wie Luther den Leib manchmal nennt, wird in die Auferstehung hineingenommen: Ach, das ist der schöne Gesang, von den alten Christen, die da singen: »Christ ist erstanden von der Marter alle, des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein.« Das unschuldige Lamm Christus hat uns arme irrende Schafe mit seinem Vater versöhnt, und ist ja ein wunderbarer Krieg, dass Tod und Leben miteinander kämpfen, und der Herr des Lebens stirbt, aber dennoch wieder lebt und regiert.

Rolf Wischnath

Der Autor war Generalsuperintendent in Cottbus. Er lehrt Systematische Theologie an den Universitäten Bielefeld und Paderborn.

Das stärkste Symbol des Glaubens

9. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Das Kreuz konterkariert das Bild vom planbaren und makellosen Idealmenschen

Das Kreuz ist das stärkste Symbol des christlichen Glaubens. Doch über alle Zeiten haben sich Christen mit diesem Todessymbol schwergetan. In der Urkirche hatte es als Erinnerung an den Tod des Gerechten eine herausragende Bedeutung, wurde aber unter dem starken Verfolgungsdruck nicht gezeigt. In der Kunst der Romanik thront ein nach oben blickender Christus als schmerzfreier Pantokrator aufrecht am Kreuz, die Gotik erst stellte dann realistisch das Leiden des Gottessohnes dar. Moderne Theologen haben den Kreuzestod beiseitegeschoben und den Reich-Gottes-Verkünder ins Zentrum gerückt, den Revolutionär, den ersten Feministen, den sanftmütigen Wanderprediger, neuerdings in evangelikalen US-Gemeinden den Jesus, der materiell reich macht. Als sei sein elender Kreuzestod ein dummer Zufall.

Die Passionsgeschichte lehrt: Jesus hat den Tod gefürchtet, aber er ging ihm nicht aus dem Weg. Er suchte die Konfrontation mit dem Tod, um ihn zu besiegen. Die Selbsterniedrigung Gottes bis zum Tod am Kreuz ist deshalb der Kern des Christentums. Gleichwohl hat jede Epoche diesen Tod neu interpretiert.

Gewiss war sein Leiden und Sterben nach dem Zeugnis des Neuen Testaments einzigartig, weil ein Gerechter gestorben ist, einer ohne Sünde (Hebräer 4,15). Das Besondere an Jesu Tod ist, dass Gott sich damit in die tiefste Niederung der menschlichen Existenz begeben hat. »O große Not, Gott selbst ist tot«, brachte Luther seine Kreuzestheologie auf den Punkt. Eine Torheit den Griechen, ein Ärgernis den Römern, eine Provokation für die Juden.

Die Verherrlichung des Kreuzestodes Jesu gehört dagegen zum Aberglauben der Kirche. Denn die Art seines Todes ist nicht außergewöhnlich. Es gab und gibt immer noch weit schlimmere Folter- und weit brutalere Hinrichtungsmethoden.

In manchen Kirchen werden in der Passionszeit Altarkreuze und -bilder verhüllt. Foto: epd-bild

In manchen Kirchen werden in der Passionszeit Altarkreuze und -bilder verhüllt. Foto: epd-bild

Das Heil liegt nicht in den äußeren Umständen des Todes Jesu, etwa in seinem grausamen Sterben am Kreuz oder in der Tatsache, dass bei seiner Hinrichtung Blut floss. Der Tod Jesu ist nicht der Grund der Erlösung, denn nicht die Kreuzigung war Gottes Eingriff in die Weltgeschichte (das haben die Menschen besorgt), sondern die Sendung Jesu und die Bestätigung seines Lebens und seiner Botschaft durch die Auferweckung. Gott hätte diesen Tod nicht gebraucht, er war aber die Konsequenz des Lebens und der Verkündigung Jesu. Gott hat mit seiner Auferweckung eingegriffen. Der Auferstandene ist Erstling unter vielen (1. Korinther 15,20), Grund zur Hoffnung für alle Leidenden, Sterbenden und Trauernden.

Wenn also die mittelalterliche Sühnopfertheologie verabschiedet wird, kann die Passion Jesu in der Verkündigung auf andere Weise an Bedeutung gewinnen: Der leidende Gott am Kreuz ist der schärfstmögliche Widerspruch gegen alle Macht- und Vollkommenheitsfantasien des Menschen, gegen alle innerweltlichen Erlösungs- und Machbarkeitsideologien. Das Kreuz konterkariert das Bild vom planbaren und makellosen Idealmenschen.
Die österliche Botschaft des Christentums ist: Der Gekreuzigte hat den Tod überwunden, Christus ist auferstanden. Berichte, wie die Auferstehung vor sich ging, gibt es im Neuen Testament nicht. Selbst im apokryphen Petrusevangelium wird nur gesagt, dass zwei Engel auf das Grab hinabstiegen, dass aber drei Personen aus dem Grab hervorgingen: Die Engel – und Jesus in der Mitte.

Helmut Frank

Auf dem Weg zueinander

4. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Die Hoffnung bleibt, dass evangelische und katholische Christen eines Tages gemeinsam am Tisch des Herrn sitzen

Ökumenische Gottesdienste sind für uns heute nichts Außergewöhnliches mehr. In vielen Gemeinden existieren etablierte ökumenische Gottesdienstformen zu besonderen Anlässen, wie gemeinsame Wort-Gottes-Feiern, etwa zur Gebetswoche für die Einheit der Christen am Pfingstmontag oder zu kirchlichen Festen. Auch ökumenische Feiern der Trauung oder doch zumindest die Feier der Trauung bei konfessionsverbindenden Ehen sind keine Seltenheit.

Auch regelmäßige ökumenische Feiern ohne einen besonderen Anlass sind weitverbreitet. So nimmt die Bedeutung einer gemeinsam gefeierten Stunden- oder Tagzeitenliturgie, etwa eines ökumenischen Morgen- oder Abendlobs, zu. Eine solche ökumenisch gefeierte Heiligung des Tages findet sich etwa im Rahmen einer sogenannten »City-Pastoral« in Großstädten, bei den Kirchen- und Katholikentagen sowie bei den Gebetstreffen von Jugendlichen in bewusster Anlehnung an die liturgische Tradition der ökumenischen Kommunität von Taizé.

Das liturgische Gedächtnis der einen Taufe

Doch trotz solch vielfältiger Möglichkeiten wird von vielen engagierten Gläubigen beklagt, dass ökumenische Gottesdienste immer »nur« Wortgottesdienste sein könnten. Eine solche Einschätzung bewertet ökumenische Wort-Gottes-Feiern als defizitär gegenüber einer gemeinsamen Feier von Eucharistie/Abendmahl. Hierin artikuliert sich der Wunsch, man wolle endlich auch in den Gemeinden vor Ort die Eucharistie/das Abendmahl gemeinsam feiern können und dürfen.

Christen beten gemeinsam um den Frieden. Foto: epd-bild

Christen beten gemeinsam um den Frieden. Foto: epd-bild

Dieses weitverbreitete Empfinden steht jedoch in einem gewissen Widerspruch zur tatsächlichen Relevanz von Wort-Gottes-Feiern für das liturgische Leben der Gemeinden vor Ort. Denn auch in der römisch-katholischen Kirche gibt es in Zeiten des Priestermangels immer mehr Gemeinden, wo diese liturgische Form oftmals die sonntägliche Eucharistiefeier ersetzt.

Hinzu kommt, dass sich in den vergangenen Jahren der Fokus auch liturgiepraktisch wie liturgietheologisch verschoben hat: Statt einer ständigen, schmerzlichen Fixierung auf die zurzeit noch nicht mögliche gemeinsame Feier von Eucharistie/Abendmahl hat sich in den vergangenen 15 Jahren gerade die Feier des gemeinsamen ökumenischen Gedächtnisses der einen Taufe als eine besonders gelungene Form des gemeinsamen ökumenischen liturgischen Feierns etabliert. In diesen ökumenischen Feiern wird die Einheit aller Getauften bereits feiernd begangen.

Die gottesdienstliche Praxis der anderen wertschätzen

Die ökumenische Bewegung hat sich von Anbeginn an auch der Frage des Gottesdienstes zugewandt. Unterstützt durch historische Studien, welche die Vielgestaltigkeit christlicher Gottesdienstformen schon in frühester kirchlicher Zeit belegten, stand dabei die Erreichung einer Konvergenz über die Grundgestalt und den Inhalt, den sogenannten Sinngehalt des christlichen Gottesdienstes, im Mittelpunkt.

Ebenso bedeutsam war das wachsende Bewusstsein einer gemeinsamen gottesdienstlichen Tradition, die es positiv wertzuschätzen und zu pflegen gilt. Auch die ökumenische Zusammenarbeit auf wissenschaftlicher Ebene zwischen Liturgiewissenschaftlern verschiedener christlicher Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften hat hier zu neuen, fruchtbaren Erkenntnissen geführt. Es gibt eine gemeinsame gottesdienstliche Tradition, die allen Christen zu eigen ist. Christen aller Konfessionen sehen in der Heiligen Schrift die Gründungsurkunde ihres Glaubens. Die Verkündigung der Schrift hat ihren Ort im Gottesdienst. Die Verkündigung der Schrift ist dabei zum einen die Proklamation der Heils­taten Gottes, die im Heilshandeln Gottes in Jesus Christus ihren unüberbietbaren Höhepunkt findet.

Christen machen sich aber auch Worte der Schrift zu eigen, um so mit den Worten der Psalmen und Gesänge Gott zu loben und zu preisen, ihn zu bitten und ihn anzuflehen, ihn anzubeten und zu verherrlichen. Die Schrift schließlich benennt normative Bezugspunkte für das gottesdienstliche Handeln der Kirche in jenen liturgischen Grundvollzügen, die wir die Feier der Sakramente nennen. Unabhängig von der konkreten Anzahl der Sakramente in den einzelnen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ist eine Rückbesinnung auf das Zeugnis der Schrift für eine ökumenische Verständigung über die einzelnen Sakramente und für eine Annäherung im Verständnis der Liturgie von großer Bedeutung.

Dies lässt sich noch weiter entfalten: Christen sind getauft auf den Namen Jesu Christi, sie sind so wiedergeboren in Wasser und Heiligem Geist. Christen feiern ein Gedächtnis des letzten Abendmahles. Sie versammeln sich am ersten Tag der Woche, um der Auferstehung Jesu Christi zu gedenken. Sie entfalten die Heilsgeheimnisse Jesu in einer strukturierten Feier des liturgischen Jahres. Christen treten in der Feier der Liturgie ein in den Dialog mit Gott, sie hören die Proklamation der Heilstaten Gottes in der Heiligen Schrift, sie wenden sich an den Gott und Vater Jesu Christi in Lobpreis, Dank und Bitte.

Bei aller Unterschiedlichkeit gibt es Gemeinsamkeiten

Bei allen Unterschiedlichkeiten in den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften gibt es somit auch eine gemeinsame gottesdienstliche Tradition. Diese wurzelt zum einen in einer realen gemeinsamen liturgischen Tradition aus einer Zeit der Einheit, die vor den jeweiligen Kirchenspaltungen schon bestand. Aber auch nach den erfolgten Schismen und Spaltungen und nach der Zeit der Konfessionalisierung waren die jeweiligen liturgischen Traditionen keinesfalls so hermetisch gegeneinander abgeschieden, wie dies vielleicht aus den kontroverstheologischen Polemiken heraus rückgeschlossen werden mag. Hier gab es vielmehr im Verlauf der Kirchengeschichte immer wieder ein wechselseitiges Geben und Nehmen, wodurch die jeweils eigene Tradition mit angereichert wurde.

Besonders schön lässt sich dies etwa am Beispiel der Kirchenlieder aufzeigen: Paul Gerhardts »O Haupt voll Blut und Wunden« wird heute in römisch-katholischen Gemeinden wohl kaum als protestantisches Liedgut empfunden. Die Vielzahl an ökumenischen Liedern stellt eine gemeinsame gottesdienstliche Tradition dar, in der wirkliches Einheitspotenzial begründet liegt.

Positiv ist festzuhalten, dass auf dem Weg zur sichtbaren Einheit aller, die an Christus glauben, in den vergangenen Jahrzehnten nicht nichts geschehen ist – ganz im Gegenteil. Alleine schon die gegenseitige Anerkennung der Taufe, wie sie das »Direktorium zur Ausführung der Prinzipien über den Ökumenismus« fordert, ist mehr als ein bloßer Höflichkeitsakt, sondern, so Papst Johannes Paul II., eine »ekklesiologische Grundaussage«. Und die Hoffnung, eines Tages alle Sakramente gemeinsam feiern zu können, bewegt nach wie vor viele Christen und bleibt bestehen.

Martin Stuflesser

Der Autor ist Liturgiewissenschaftler an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Würzburg.

»Ich sehe, dass es wahr ist, was ich glaube«

27. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs zur Theologie Martin Luthers: »Sola fide« – allein durch den Glauben

Luthers Theologie und Spiritualität ist durch eine Konzentration auf den individuellen Glauben bestimmt. Das reformatorische Glaubensverständnis zeichnet sich durch einen im Spätmittelalter höchstens in der Mystik gekannten Gewissheits-, Intensitäts- und Subjektivitätsgrad aus. Inhaltlich versteht Luther den Glauben als ein Sich-Halten an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus.

Der Glaube ist der Weg, die Gnade Gottes persönlich zu erfahren. Luther hat an mehreren Stellen in der Sprache der Brautmystik den seligen Tausch beschrieben, den der Glaube zwischen Christus und dem Christen bewirkt: »Darum, mein lieber Bruder, lerne Christum und zwar den Gekreuzigten. Ihm lerne lobsingen und an dir selbst verzweifeln. Dann sprich zu ihm: Du, o Herr Jesu, bist meine Gerechtigkeit, ich aber bin deine Sünde; du hast, was mein ist, angenommen, und mir gegeben, was dein ist. Was du nicht warst, nahmst du an und gabst mir, was ich nicht war.« Indem ich im Glauben Gottes Urteil über mein Sündersein bejahe, trete ich auf seine Seite, auf die Seite der Wahrheit. Glaube besteht für Luther paradoxerweise nicht im sittlichen Streben, sondern primär im Eingestehen der Größe der eigenen Schuld.
GuA-03-2017

Es ist heute notwendig, diese Aussage Luthers vor einem Missverständnis zu schützen. Sünder zu sein war für Luther kein Ausdruck einer entmündigenden und kleinmachenden, sondern einer heilsam rettenden Erfahrung. Das Stehen zu meinem Sündersein ermöglicht mir die Einkehr in eine Selbstbegrenzung, die mir letztlich zugutekommt, weil Schuldigwerden zum Humanum wesentlich dazugehört. Eine Bagatellisierung der Schuld würde eine Missachtung der Würde meines Menschseins bedeuten.

Auf diesem Hintergrund wird auch eine der umstrittensten seelsorgerlichen Ratschläge Luthers verständlich. Mitten in den von den Zwickauer Propheten ausgelösten Wittenberger Wirren schrieb er 1521 von der Wartburg an Melanchthon: »Pecca fortiter, sed fortius fide …« Im Briefkontext lautet dieses Wort übersetzt: »Sündige kräftig, aber glaube noch kräftiger und freue dich in Christus.« Das pecca fortiter wahrt den entscheidenden, weil heilsnotwendigen Unterschied zwischen Glaube und Moral. Im Glauben an Jesus Christus ist der alte Mensch ertränkt samt seines Gewissens. Das Streben nach Heiligkeit hat in sich keinen Wert. Im Gegenteil bedroht es sogar den Glauben, wenn es als dessen eigentliche Aufgabe missverstanden wird.

Durch die Konzentration auf den individuellen Glauben ging evangelischer Spiritualität im Lauf der Geschichte – gegen Luthers Intention – immer mehr die Dimension der Gemeinschaft verloren. Die Konsequenz der Ausblendung der christlichen Gemeinde aus dem Glauben war eine entscheidungs- und profillose protestantische Spiritualität. So sehr Luther den Glauben des Einzelnen von klerikaler Bevormundung befreien wollte, intendierte er doch nie eine Spiritualität unabhängig von der christlichen Gemeinde. Das zeigt besonders schön seine Auslegung des 3. Glaubensartikels im Kleinen Katechismus.

Neben der Dimension der Gemeinschaft ist es höchste Zeit, auch das Moment der Erfahrung für den Glauben zurückzugewinnen. Auch wenn Luther davon ausgeht, dass der Mensch durch den Glauben keine neue sittliche Qualität bekommt, ist für ihn selbstverständlich, dass dieser dem Menschen zur gelebten Erfahrung wird. »Da muss nun angehen die Erfahrung, dass ein Christ könne sagen: Bisher hab ich gehört und geglaubt, dass Christus mein Heiland sei, so meine Sünde und Tod überwunden habe. Nun erfahre ich es auch, dass es so ist. Denn ich bin jetzt und oft in Todes Angst und des Teufels Stricken gewesen, aber er hat mir herausgeholfen und offenbaret sich mir so, dass ich nun sehe und weiß, dass er mich lieb habe, und dass es wahr ist, was ich glaube.«

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge und Spiritualität an der Universität Leipzig.

Ins Leben zurückgefunden

22. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Jedes Jahr am 22. März wird an die Situation von Menschen erinnert, die durch Kriminalität und Gewalt geschädigt wurden. Viele sind angewiesen auf Schutz, praktische Hilfe und Solidarität.

Die schlanke, durchtrainierte Frau ist mit ihrem Fahrrad unterwegs. Vor der Kirche wartet sie auf den Beginn des Gottesdienstes. Sie hat eine Vorliebe für sportliche Kleidung in dezenten Farben. Im Sonnenschein des Sonntagmorgens macht sie den Eindruck, als habe sie ihr Leben im Griff. Doch das täuscht. »Hier auf dem Kirchplatz erscheint mir alles sehr hell und sehr licht«, sagt sie, während sie ihr Fahrrad abschließt. »Ich merke, dass mir der Gedanke an den Gottesdienst Freude macht und dass ich einmal nicht diesen Geist neben mir herlaufen habe, dieses Unsichtbare, das droht, mich zu ertränken.«

Die Frau mit kurz geschnittenen Haaren ist Mitte vierzig. Sie lässt ihren Blick über den Platz schweifen, immer aufmerksam, was um sie herum geschieht. »Mein Name ist Kerstin. Ich tue mich sehr schwer damit, meinen Nachnamen zu sagen. Im Rahmen einer Traumatherapie lerne ich langsam, mich mit meiner Geschichte zu identifizieren. Nach und nach erkenne ich, dass es nie zu spät ist, neu zu beginnen, und dass es viele Menschen gibt, die helfen.«

Vor dem Kirchenportal wird Kerstin per Handschlag vom Pastor der Stiftsgemeinde Schildesche in Bielefeld begrüßt. Hermann Rottmann ist Opferschutzbeauftragter des Kirchenkreises Bielefeld.

Gut gelaunt setzt sich Kerstin auf eine der hölzernen Bänke und schaut sich in der neugotischen Saalkirche um. Tags zuvor war ihre Stimmung noch trüb: »Es passiert manchmal, dass ich eine Phase habe, in der die Wogen des Misstrauens über mir zusammenschlagen. Dann sehe ich alles nur noch schwarz und fühle mich einsam.«

Vier Monate sind vergangen, seit Kerstin alle Kontakte zu ihrem früheren Leben abgebrochen hat. Sie bemüht sich, die schmerzlichen Erinnerungen an ihre Beziehung mit einem gewalttätigen Mann zu überwinden: »Er hat mir alles genommen. Ich hatte tatsächlich niemanden mehr, der zu mir stand. Aber das braucht man. Man braucht Menschen, die dastehen und schützen, bedingungslos schützen.«

Vom Altar aus begrüßt der Pastor seine Gemeinde. Kerstins Augen strahlen. Sie murmelt: »Ich hatte schon gedacht, dass ich den Zugang zum Glauben verloren habe. Aber das scheint nicht der Fall zu sein.«

Nachdem ein Verbrechen aufgeklärt wurde, fokussiert die öffentliche Aufmerksamkeit meist die Täter. Über sie berichten die Medien, um sie dreht sich das Gerichtsverfahren. In der Kirche bekommen sie die Möglichkeit, wieder mit Gott ins Reine zu kommen. Und die Opfer? Opferschutzbeauftragter Rottmann ist der Meinung, Kirche und Gesellschaft müssten mehr leisten: »Die Opfer sind über lange Zeit zu kurz gekommen. Wir müssen sie mehr in den Mittelpunkt unserer Hilfsangebote rücken. Die Täter sicherlich auch, das will ich gar nicht in Abrede stellen, aber wir haben einen Nachholbedarf, was die Opfer angeht.«

Kerstin schaudert, wenn sie sich an die erlebte Gewalt erinnert. »Er hat mich extrem geschlagen. Mein Hals hat geknackt. Ich weinte immer und habe ihn gefragt, warum er das macht. Er sagte nur: ›Im Bett ist das erlaubt.‹«

Kerstin hat Hilfe gesucht und sie gefunden. So ist es ihr gelungen, sich aus der Beziehung zu lösen: »Ich hatte das ungeheure Glück, dass ich einige ganz wichtige Personen gefunden habe, die sich wie ein Kreis um mich geschlossen haben. Dazu gehört auch die Polizei und das Gericht. Die haben mir geglaubt. Ohne diese Unterstützung hätte ich keine Chance gehabt aus diesem Morast, aus dieser totalen Kontrolle herauszukommen.«

Pastor Rottmann ist ein kräftiger, großer Mann, der viel lacht und im Urlaub gern in den Süden fährt. Seine Haut ist braungebrannt. In der Gemeinde ist er beliebt und gilt als Frohnatur. Es gelingt ihm, seine fröhliche Haltung auch dann zu bewahren, wenn er sich dem Grauen des Lebens zuwendet. Er hat Erfahrung im Umgang mit Verbrechensopfern, als Telefonseelsorger, als Seminarleiter und in vielen persönlichen Gesprächen. »Das erste ist, den Menschen Sicherheit zu geben«, sagt er. »Manchmal ist es auch gut, mit ihnen zu beten. Es geht ums Zuhören, die ganzen Klagen, die Verzweiflung. Das braucht Zeit.«

Wenn ein Mensch akut therapeutische Hilfe braucht, kann Pastor Rottmann auch schnell einen Termin mit einer Fachärtzin für Psychiatrie und Psychotherapie besorgen.
Kerstins Leben war geprägt von Gewalt. Der Leidensweg begann schon in der frühesten Kindheit: »Ich bin die Erstgeborene. Eigentlich wollte mein Vater unbedingt einen Jungen. Deshalb hat er weggeschaut, als ich schwer missbraucht wurde, über einen sehr langen Zeitraum, von einem Verwandten. Dieser Cousin war für meinen Vater wie ein Sohn. Man fühlt sich so lebensunwürdig. Als wenn man keine Daseinsberechtigung hat.«

Über diese ganzen Zusammenhänge kann sie erst jetzt in der Traumatherapie sprechen. Es wird noch lange Zeit dauern, bevor ihre psychischen Wunden verheilt sind. Sie hat gerade erst begonnen, sich in einem eigenständigen Alltag ohne Bedrohung zurechtzufinden. Aber sie erlebt immer öfter Momente, in denen sie hoffnungsfroh in die Zukunft blickt: »Das ist wie eine Wiedergeburt. Als würde ich nochmal auf die Welt kommen und nochmal ganz neu anfangen. Das Gefühl, Opfer zu sein, ist auch ein Ausdruck einer Krise des Glaubens: des Glaubens an die eigenen Fähigkeiten und des Glaubens an Gott. Erst seit Kerstin wieder lernt, selbst über ihr Leben zu bestimmen, fasst sie neues Vertrauen: Vertrauen in andere Menschen und Vertrauen in Gott. »Ich habe erlebt, dass mir geholfen wird, und ich weiß jetzt, dass es für mich nie zu spät ist, mein Glück zu suchen.«


Andreas Boueke

Ganzjährig blühend

13. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Lutherrose: Merkzeichen der Theologie des Reformators

Symbole haben es in sich. Je populärer ein Markenzeichen, je offensichtlicher die Reaktion beim Anblick. Der angebissene Apfel auf dem Deckel eines Notebooks vermag ehrfürchtiges Staunen, neidisches Begehren oder hilfloses Versagen bewirken. Was passiert bei Betrachtung einer Lutherrose? Trotz ihres weltweiten Verbreitungsgebietes schränkt sich ihr Bekanntheitsgrad ein. Wer etwas damit anfangen kann, weiß: Jetzt wird’s ernst. Hinter diesem Signum steht eine Botschaft, die Himmel und Erde umschließt. Es geht um das Leben. Wie kann es sinnvoll gelingen? Wer hat das Sagen und was kommt am Ende? Martin Luther versteht sein Signum als »Merkzeichen« seiner Theologie. Zugleich sieht er seinen Glauben darin zusammengefasst. So möge dieses Zeichen Menschen bewegen wie der Stern den Autofreund.

Nachdem Luther vom Nürnberger Ratsherrn Lazarus Spengler einen Siegelentwurf erhalten hatte, der sich am Vorbild des »Löwen und Papageienfensters« im Erfurter Augustinerkloster orientierte, ergänzt und präzisiert er ihn. Das Evangelium und seine Auswirkung müssen sichtbar auf den Punkt gebracht werden. Ein berühmt gewordener Brief Luthers vom 8. Juli des Jahres 1530 enthält dann quasi den verbalen Aufguss des Dargestellten. Eine Illustration. Denn das Zeichen soll eigentlich für sich sprechen. Es bedürfe keiner Gebrauchsanweisung, meint sein Eigner. Die Zeiten ändern sich.

Im Zentrum des Blütenstandes ruht das Kreuz. Schwarz. Der gehängte Gottessohn wird den Christen zum Aufhänger ihres geretteten Lebens. Weil einer unschuldig die Schuld aller anderen mit dem Tode bezahlte, haben alle anderen das unverdiente Glück, mit unverlierbarem Leben davonzukommen. Verstehen kann man das nicht. Nur glauben. Darum ist und bleibt seliger Glaube reine Herzenssache. Dass wir darauf vertrauen, was von Gott ausgeht. Das Kreuz liegt ins Herz gebettet. Rot zeigt die Leidenschaft an.
Glaube-Alltag-10-2017Diese Mitte wird von fünf voll geöffneten Blütenblättern umgeben. Strahlend weiß. Wie Taufkleider. Was für ein Kontrast. Luther bekennt: »Weiß ist die Farbe der Geister und aller Engel Farbe.« Freude, Trost und Friede wollen sich hell leuchtend erheben, gleich der glänzenden Mittagssonne. Glaube bleibt Vertrauenssache. So wie sich die Lutherrosenblüte ihrem Betrachter öffnet, begegnet ihm Gottes Liebe. Darum geht dieses herrliche Blühen im blauen Himmel auf. Dass seine unendliche Weite, die uns auf Erden berührt, zeige, wohin wir gehören. Des Herrn sind wir, der Himmel und Erde gemacht hat. Ihm verdanken wir, den Tod nicht fürchten zu müssen. Das Ganze nun wird von einem goldenen Ring umschlossen. Martin Luther erklärt: »Um ein solch Feld einen goldenen Ring, dass solche Seligkeit im Himmel währet und kein Ende hat und auch köstlich ist über alle Freude und Güter …«

Kurprinz Johann Friedrich überreichte auf der Veste Coburg dem Festgehaltenen und im Reich Geächteten diesen Siegelring. Ein Goldrand umschließt den kostbaren Schatz. Gott hat den Gekreuzigten dem Menschen ins Herz gelegt. Das daraus folgende Privileg gleicht dem Gold, das »… das edelste, köstlichste Erz ist«. Der Bergmannssohn weiß, welchen Vergleich er hier bemüht.

Man trifft in zahlreichen Kirchen auf dieses Zeichen des befreiten Menschen. Die Lutherrose blüht in Glasfenstern, entfaltet sich in Deckengewölben, auch in manchen Stadtwappen. In einigen Wochen wird vom Bundesfinanzministerium eine Goldmünze mit der Lutherrose darauf herausgegeben. Im Jubiläumsjahr steigt ihre Präsenz. Vielleicht besitzen Sie eine Tasse mit diesem »Merkzeichen« darauf. Sie könnten es auch auf einem Brieföffner oder Schlüsselanhänger finden. Sogar als Einkaufschip. Ehe aber Aufregung darüber entstehen könnte, ob solche Vermarktung angemessen sei oder nicht, mag uns die Botschaft dieses Zeichens aus der Ruhe bringen. Du bist der geliebte Mensch. Um Christi Willen. Symbole haben es in sich.

Karsten Loderstädt

Die Hausgötzen entlarven

4. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Fastenzeit: Woran hängt mein Herz? Abhängigkeiten erkennen und Raum für Gott schaffen

Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Auch für zahlreiche evangelische Christen haben die sieben Wochen bis Ostern eine besondere Bedeutung. Viele nehmen sich vor, in dieser Zeit auf etwas zu verzichten: Zigaretten oder Alkohol, Süßigkeiten oder Fleisch, den Fernsehapparat oder das Internet. Entscheidend ist dabei, herauszufinden, wovon ich tatsächlich abhängig bin oder zu werden drohe. Das muss nicht immer »stoffgebunden« sein. Klatsch und Tratsch, pausenloses Arbeiten, zu wenig Zeit für die Familie und Freunde … All das und vieles andere kann zur Angewohnheit geworden sein, die meine Freiheit einschränkt.

Die erste Frage im Blick auf die Fastenzeit ist also die ehrliche und aufrichtige Suche nach dem, was mich konkret persönlich betrifft. Woran hängt mein Herz? Welche Gewohnheiten rauben mir Zeit, Kraft und echte Lebensfreude? »Woran du dein Herz hängst, das ist eigentlich dein Gott«, sagt Martin Luther. In der Fastenzeit geht es auch darum, solche »Hausgötzen« zu entlarven, zu benennen und Raum zu schaffen für den lebendigen Gott, der uns befreien will zu unserem wahren Sein und zu echter Lebensfreude und Lebendigkeit.

Vor über 80 Jahren entstand in der Stadt Acron in den USA die Bewegung der »Anonymen Alkoholiker«. 1939 zählte die Gemeinschaft etwa 100 trockene Alkoholiker. Sie beschlossen, die Grundsätze und Erfahrungen, die sich beim Bemühen, Alkoholikern zur Genesung zu verhelfen, herauskristallisiert hatten, in einem Buch zu veröffentlichen. Dort wurde das Gedankengut der Gemeinschaft in zwölf Schritten zusammengefasst und gezeigt, wie Betroffene diese Schritte umsetzen können. Allmählich wurde klar, dass die Prinzipien der Anonymen Alkoholiker auch für viele andere Formen von Sucht oder Gebundenheit funktionieren. Es gibt Spielsucht und Drogensucht, Sexsucht und viele Formen von Essstörungen, notorisch Überschuldete und »Messies« – um nur einige Abhängigkeiten zu nennen. Was aber geht das die von uns an, die auf den ersten Blick weder süchtig noch abhängig sind? Der amerikanische Franziskanerpater und weltbekannte geistliche Lehrer Richard Rohr behauptet, dass wir alle in irgendeiner Form abhängig sind. In einer Leistungs- und Konsumgesellschaft sind es häufig Anerkennung, Erfolg und Wohlstand, eingefleischte Gewohnheiten, fixierte Verhaltensmuster und vor allem unser Selbstbild und unsere festgefahrenen Meinungen, die uns die wirkliche Freiheit nehmen, die uns Jesus verheißen hat. Rohr meint, das Programm der Anonymen Alkoholiker sei der wesentlichste Beitrag Amerikas zur Spiritualität. Es gibt keinen Menschen, der nicht irgendwie abhängig ist, und sei es noch so versteckt. Und er zeigt die Parallelen zwischen dem Evangelium und diesem Programm:

Jesus ruft Menschen in die Nachfolge, damals wie heute. Nachfolge bedeutet zunächst, nüchtern jene Bindungen zu entdecken, die uns auf dem Weg zu Gott blockieren, unsere Denk- und Verhaltensmuster. »Ändert eure Einstellung und Ausrichtung!«: So könnte man den Ruf zu Umkehr und Buße wörtlich übersetzen, der am Anfang seines Wirkens steht. Jesus selbst ist diesen Weg vorangegangen. Er hielt an nichts fest, er »entäußerte« sich seiner Göttlichkeit, wurde Mensch wie wir und gab sein Leben hin im Vertrauen auf Gott. Wer sein Leben festhält, wird es verlieren. Wer anhaftet, bleibt unfrei. Die Gute Nachricht Jesu lautet, dass es eine Alternative gibt, eine Freiheit, die Gott dem schenkt, der sich selbst loslässt.

Das evangelische Fastenmotto 2017 lautet »Sieben Wochen ohne Sofort«. Das bedeutet unter anderem: ohne sich dem Zwang zu beugen, sich sofort alle Wünsche zu erfüllen. Es geht um die Chance, sich von Gott unterbrechen zu lassen, innezuhalten und neue Formen der Lebendigkeit und des Glücks zu erspüren. Wir alle brauchen das. Die Fastenzeit birgt eine große Chance.

Andreas Ebert

Der Autor ist bayerischer Pfarrer und leitet das Spirituelle Zentrum Sankt Martin in München.

Die zwölf Schritte

  1. Anerkennen, dass man seiner Abhängigkeit gegenüber machtlos ist.
  2. Zum Glauben kommen, dass nur eine höhere Macht die eigene Gesundheit wiederherstellen kann. Ursprünglich wurde in diesem Zusammenhang von »Gott« gesprochen. Um aber auch für nicht religiöse Menschen offen zu sein, wählten die Gründer der Bewegung schließlich diese Formulierung.
  3. Den Entschluss fassen, seinen Willen und sein Leben der Sorge Gottes (wie ihn jeder versteht) anzuvertrauen.
  4. Eine gründliche und schonungslose »Inventur« des eigenen Lebens vornehmen.
  5. Vor sich selbst und einem anderen Menschen gegenüber sein bisheriges Fehlverhalten eingestehen.
  6. Die Bereitschaft, lebensfeindliche Verhaltensweisen von Gott entfernen zu lassen.
  7. Demütig darum bitten, dass Gott all solche »chronischen, das Leben behindernden Verhaltensweisen« beseitigt.
  8. Auflistung aller Personen, denen man durch die eigenen Abhängig­keiten Schaden zugefügt hat, und die Bereitschaft und den Willen zur Wiedergutmachung entwickeln.
  9. Wo immer möglich, die Menschen entschädigen, außer, wenn sie oder andere dadurch verletzt würden.
  10. Die »innere Inventur« ständig fortsetzen und zugeben, wenn man im Unrecht ist.
  11. Durch Gebet und Meditation versuchen, die Beziehung zu Gott, wie ihn jeder versteht, zu vertiefen und um die Erkenntnis beten, seinen Willen zu sehen und die Kraft zu bekommen, ihn umzusetzen.
  12. Nach dem selbst erfahrenen »geistlichen Erwachen« versuchen, die Botschaft von der Veränderung an andere Betroffene weiterzugeben und seinen Alltag nach den Grundsätzen der 12 Schritte auszurichten.

Was das Glück des Menschen ausmacht

28. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Glaubenskurs zur Theologie Martin Luthers: »Sola gratia« – allein aus Gnade

Dass es ein von irdischen Ambitionen, Machenschaften und Willensakten unabhängiges Institut geben könnte, geht es um die Erreichung oder Herstellung von individuellem oder gesellschaftlichem Glück, ist dem säkularisierten, von Gott entfremdeten Menschen des 21. Jahrhunderts nicht nur einfach unverständlich und fremd: Es empört ihn, bis in die tägliche Anspruchsformulierung hinein, ob politisch ausgedrückt, ideologisch oder hedonistisch-psychotisch. Die Moderne suggeriert dem Menschen in diesem Sinne nicht nur ein Recht auf wunschloses Glücklichsein weit über die Befriedigung elementarer sozialer Bedürfnisse hinaus, sie glaubt auch, Mittel, Wege und Methoden zu finden, das Ziel zu erreichen und eine Art Paradies auf Erden errichten zu können. Doch die jeweiligen individuellen wie kollektiven Bilanzen sehen unvermindert anders aus, defizitär, enttäuschend, katastrophisch: Das Glück des Einzelnen und aller bleibt aus strukturbösem Grund gleichmäßig ungleich verteilt, und der von der modernen Philosophie dafür verwendete Kontingenz-Begriff ist nichts anderes als ein Kapitulationsterminus.
GuA-03-2017An diesem Punkt kommt für den Christen ein Begriff ins Spiel, den wir in der Gegenwart fast nur noch aus dem Bereich von Rechtswissenschaft und -praxis kennen: Gnade. Gnadenrecht ist eine juristische Kategorie, es anwenden zu können, muss man Staatsoberhaupt sein oder Regierungschef. Doch der Christ weiß, dass das Institut der Gnade ein von Gott selbst gestiftetes, über den Glauben an Christus ins Dauernde erneuertes ist – ein Heilsinstitut, die durch den Sündenfall bewirkte »Entzweiung im Ursprung« (Dietrich Bonhoeffer) zwischen Gott und Mensch zu überwinden, bezogen eben nicht nur auf den Sünder im engeren Sinne, den kriminellen Straftäter, sondern auf jeden von uns: Den Sünder im Allgemeinen, den gott- und damit menschenfernen Egoisten, wie ihn die Confessio Augustana in ihrem 4. Artikel voraussetzt: »Die Menschen können vor Gott nicht gerechtfertigt werden durch eigene Kräfte, Verdienste oder Werke, sondern sie werden ohne ihr Zutun gerechtfertigt um Christi willen durch den Glauben, wenn sie gewiss sind, dass sie in die Gnade aufgenommen und ihre Sünden vergeben werden.«

Luther argumentierte an diesem Punkt zeitlebens radikal, in der Spur des Kirchenvaters Augustinus: »Hatte noch vor dem Sündenfall für den Menschen ein posse non peccare gegolten, der Mensch also die Fähigkeit besessen, nicht zu sündigen, so hatte der Sündenfall dies ganz und gar unter ein negatives Vorzeichen gestellt […] Von nun an galt für den Menschen ein non posse non peccare.« (Volker Leppin). Er argumentierte so aber nicht, um den Menschen kleinzumachen, ihn zu destruieren zu einem Fatalismusbündel – er wollte ihn umwenden und aufrichten, von sich ab, hin zu Gott, von dem allein, eben über dessen Gnadenerweis ohne Vorleistung, ohne Berechenbarkeit, ohne Werkgerechtigkeit, das Heil des Menschen bewirkt wird: Es geht um das Gottesverhältnis des Menschen, seine ständige Erneuerung im Glauben an Christus, die ein Teil der ihm immer zuvorkommenden Gnade ist. Erst aus dieser Konstellation kann der Mensch und Glaubende deuten und annehmen, was ihm geschieht.

Erst aus dieser Verbindung, die aus einer radikalen und unaufgebbaren Zuwendung Gottes zum Menschen erwächst, wird erkennbar, was den Grund des Glücks, das der Mensch erfährt, ausmacht: Es ist die Gerechtigkeit Gottes, die den struktursündigen Menschen gerecht macht, also ins erfahrene Heil versetzt, macht er ihn damit doch zu einem, der ihm, Gott, recht gibt.

Ulrich Schacht

Der Autor ist Schriftsteller und Theologe, er steht der evangelischen Bruderschaft St. Georgs-Orden vor.

Verheißungsvoller Rausschmiss

21. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Schlusssegen: Seine wegweisende Bedeutung im Gottesdienst

Manchmal komme ich nur zum Gottesdienst, um am Ende mit dem Segen nach Hause gehen zu können …«, gestand mir eine Gottesdienstbesucherin beim Abschied an der Kirchentür. Man muss kein magisches (Miss-)Verständnis des Segens befürchten, wenn sich solche großen Erwartungen an die liturgischen Schlussworte des Gottesdienstes knüpfen. Denn gerade darin, dass wir gesegnet aus den schützenden Kirchenmauern hinausgeworfen werden, besteht die buchstäblich wegweisende Bedeutung des Segens. Als Gesegnete verlassen wir den Gottesdienstraum anders, als wir ihn betreten haben.

Segnen – ein Ritual auf der Schwelle

Wie jeder Segen, so ist auch und gerade der gottesdienstliche Schlusssegen ein Schwellenritual, eine rites de passage. Nie sind wir segensbedürftiger als in den Schwellensituationen unseres Lebens. Der Segen am Ende des Gottesdienstes markiert den Übergang aus der Gemeinschaft der Feiernden in den bald wieder anbrechenden Alltag des je eigenen Lebens, um dessen Gelingen wir besorgt sind, weil wir es nicht selbst in der Hand haben. Die im Gottesdienst (hoffentlich!) mit allen Sinnen leiblich erfahrene Gegenwart und Lebenskraft Gottes wird im Segen jedem und jeder so zugesprochen, dass sie auch im Alltag trägt und nährt. Darum ist das Segnen nicht nur ein Mund-, sondern auch ein Handwerk. Zum Segenswort gehört die Segensgeste, der sichtbare, buchstäblich mit Händen zu greifende Zuspruch des Segens der erhobenen oder berührenden Hände der Segnenden und die geöffneten, leeren Hände der Empfangenden. Segnen nimmt nicht nur unsere Ohren in Anspruch. Mit allen Fasern unseres Herzens und allen Poren unserer Haut darf Gottes Nähe erfahren werden.

Segnen – ein intensives Adieu-Sagen

Der gottesdienstliche Schlusssegen erinnert als Abschiedsgruß daran, dass einst jeder Gruß ein Segen war. Einander zum Segen zu werden, beginnt also dort, wo wir uns gegenseitig grüßen. Der Gruß ist die elementare Form des Segnens. Denn Segnen geschieht, wo wir die Gleichgültigkeit gegenüber den Mitmenschen und den übrigen Mitgeschöpfen durchbrechen, wo wir anderen Beachtung und Aufmerksamkeit schenken, sie nicht übersehen oder achtlos an ihnen vorübergehen: im zugewandten Blick, im erhobenen Gesicht, mit einer Geste oder einem Lächeln. Im Gruß drückt sich ein unverkennbares Interesse an der Geschichte, am Tun und Ergehen des anderen aus. Im Gruß würdigen wir einander, geben einander Gewicht und Bedeutung, behandeln uns nicht wie Luft. Und genau das ist die biblische Grundbedeutung des Segnens: jemandem Würde, Gewicht und Ehre geben. Fluchen dagegen heißt, jemanden leicht nehmen, links liegen lassen, seiner Würde berauben.

Die Mutter segnet ihre Tochter vor dem Weg zur Schule mit dem Kreuzeszeichen. Foto: Rainer Oettel

Die Mutter segnet ihre Tochter vor dem Weg zur Schule mit dem Kreuzeszeichen. Foto: Rainer Oettel

Mit dem Segen wird uns am Ende des Gottesdienstes Adieu gesagt: Adieu ist ein Zu-Gott-Hin, das den anderen oder die andere Gott anvertraut und überlässt. Segnend Adieu sagen zu können und gesagt zu bekommen, befreit von Allmachtsfantasien, entlastet von der Vorstellung, alles zu können, über alles zu verfügen und alles im Griff zu haben. Wer Adieu sagt und so die Aufbrechenden segnet, weiß um die eigenen Grenzen und setzt zugleich auf die immer noch größeren Möglichkeiten Gottes. Adieu – Gott befohlen!

Leben zur Genüge unter dem Angesicht Gottes

Viele verbinden mit dem gottesdienstlichen Schlusssegen die Worte des aaronitischen Priestersegens vom leuch­tenden Angesicht Gottes in 4. Mose 6,24–26. Es war Martin Luther, der in der Deutschen Messe von 1526 diese Segensworte Israels für den christlichen Gottesdienst wiederentdeckt hat, indem er die drei Zeilen dieses Segens trinitarisch gedeutet hat: »GOTT segne dich und behüte dich« – der Segen Gottes, des Vaters, der die Schöpfung nicht sich selbst überlässt und kein einziges Geschöpf preisgibt. »Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig« – der Segen des Got­tessohnes, der das Licht der Gnade in das Todesschattenland unserer Welt bringt. »Gott erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden« – der Segen des Heiligen Geistes, des Trösters und Friedensstifters. Tersteegen hat Luthers Auslegung dieser dreifältigen Segensschnur zu dem Lied verdichtet: »Brunn alles Heils, dich ehren wir« (EG 140).

Unter Gottes leuchtendem Angesicht bleiben die miteinander verbunden, die nach dem Gottesdienst auseinandergehen. Dass dieser Segen in Frieden mündet, zeigt, dass Segnen mehr und anderes ist als schöne Worte machen. Segnen bedeutet, den empfangenen Segen mit anderen zu teilen, auf dass alle genug haben und vergnügt sein können. Denn Schalom, das Schlusswort des aaronitischen Segens, heißt Genüge. Der gottesdienstliche Schlusssegen begabt zum Gottesdienst im Alltag der Welt, die nach Gottes gerechter Lebensfülle hungert und dürstet. Gottes Segen kennt keine Obergrenzen.

Magdalene L. Frettlöh

Die Autorin ist Professorin für Systematische Theologie/Dogmatik und Religionsphilosophie an der Theologischen Fakultät der Universität Bern.

Wissen und Glauben gehören zusammen

13. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Gerhard Ackermann, der Physiker und Astronom, ehemals Professor an der Berliner Beuth-Hochschule, beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Naturwissenschaft und Theologie. Darüber sprach er mit Tilman Asmus Fischer.

Herr Ackermann, Naturwissenschaft und Glaube werden oft als Gegensatz verstanden. Vor welchen Fragen stehen beide jedoch gemeinsam?
Ackermann:
Es gibt eine Frage, die bis heute nicht ausdiskutiert ist. Die Theologen nennen es Theodizee. Und von den Naturwissenschaften her würde ich sagen, dazu passt am besten das sogenannte Anthropische Prinzip in seiner starken Form. Dieses sagt aus, dass alle Naturkonstanten so beschaffen sind, dass es irgendwann im Rahmen der Evolution zu denkfähigen Geschöpfen wie dem Menschen kommen musste. Dieses Prinzip so zu formulieren, heißt: Da muss jemand sein. Den Naturwissenschaftlern ist dabei sicher unwohl. Wenn man das sagt, tritt man aus den Naturwissenschaften heraus. Das Anthropische Prinzip ist gewissermaßen die Grenze zwischen Naturwissenschaft und Theologie. Keiner von uns weiß, warum die Naturkonstanten anders sein sollten, aber auch keiner weiß, warum sie so sind, wie sie sind. Wir stoßen da an eine Wand, die man offenbar nicht durchstoßen kann.

Verbirgt sich Gott hinter dieser Wand?
Ackermann:
Nein. Er verbirgt sich nicht hinter dieser Wand, er ist das alles – ist nicht irgendwo, sondern mittendrin. Und er hat viel mehr geschaffen, als wir uns überhaupt vorstellen können.

Was machen naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit dem persönlichen Glauben der Menschen?
Ackermann:
Naturwissenschaftliche Erkenntnisse sind eine Möglichkeit, die Inhalte des eigenen Glaubens zu testen. Und wenn ich mich etwa über das Alte Testament oder das apostolische Glaubensbekenntnis kritisch äußere, hat das damit zu tun, dass deren Weltbild gar nicht zu diesen Erkenntnissen passen will. Wir sind daher auf der Suche nach einer Erneuerung der theologischen Aussagen.

Das naturwissenschaftliche Weltbild ist das, was existiert – die Welt, in der wir sind. Und das muss doch mit dem Wichtigsten, was wir haben, nämlich unserem Glauben und unseren heiligen Schriften, in Einklang sein. Wenn wir aber in etwa 500 Jahren Reformation nicht dazu gekommen sind, in diese Richtung Fortschritte zu machen, dann ist das ein großer Fehler.

Welche Rolle käme bei einer »Erneuerung der theologischen Aussagen« der Naturwissenschaft zu?
Ackermann:
Der Naturwissenschaftler könnte ein Korrektiv für allzu märchenhafte Aussagen sein, die von anderen historisch orientierten Fakultäten zu­sammengetragen werden. Das ist nicht abwertend gemeint, aber es ist einfach so, dass die Naturwissenschaften rechnen, bestimmen, messen und sagen: »So ist es« oder »So ist es nicht«. Man nehme nur den oft behaupteten Gegensatz von Darwinscher Theorie und Schöpfungsbericht: Als ob Gott etwas anderes wäre als die Darwinsche Theorie! Gottes Weg, die Menschen zu schaffen, war eben ein bisschen anders als es in der Bibel steht. Er hat diesen Weg gewählt, der uns bis heute aus Einzellern vor siebenhundert Milliarden Jahren entwickelt hat. Wer kann denn ein solches Konzept sonst entwickeln? Wenn ich an Gott glaube, dann muss ich auch annehmen, dass das alles seine Idee war.

Kommen die Naturwissenschaften als Korrektiv der Theologie ihrerseits ohne eigene vorausgesetzte »Glaubenssätze« aus?
Ackermann:
Naturwissenschaften sind nicht voraussetzungslos, sondern arbeiten alle mit bestimmten Annahmen. Es ist ja auch so, dass die Geschichte der Naturwissenschaften zeigt, dass sich diese Annahmen immer wieder gewandelt haben, da bisher für wahr Gehaltenes aufgegeben werden musste. So ging die Elektrotechnik des 19. Jahrhunderts noch vom Äther als einer Substanz aus, in der sich elektromagnetische Wellen fortsetzen können – etwa das Licht von Sternen. Man konnte sich nicht vorstellen, dass sich Wellen ohne ein Medium, das sie bewegen, fortpflanzen können.

Das war ein Glaubenssatz der Physiker – und solche Glaubenssätze, davon bin ich überzeugt, gibt es auch heute noch in der Physik. Diese beziehen sich vor allem auf den Urknall und die Frage dunkler Materie und Energie. Daher sollte man als Naturwissenschaftler auch die nötige Bescheidenheit haben, zu sagen: »Ich weiß, es könnte auch anders sein, weil ich eine bestimmte Größe noch gar nicht richtig fassen kann.«

Ist dies eine Einsicht, die eine spezifisch naturwissenschaftliche Religiosität eröffnet?
Ackermann:
Es ist schwierig, das so allgemein zu sagen. Als Naturwissenschaftler weiß ich um die Grenzen der Erkenntnis. Aber ich setze Gott nicht hinter diese Grenze, sondern ich sage: Das, was ich erkenne, das sind eigentlich nur die Wunder, die es wirklich gibt. Wenn ich einen Löwenzahn auf der Wiese blühen sehe, ist er strahlend gelb. Ich weiß, dass Gelb im Spektrum eigentlich die schwächste Farbe ist. Aber indem der Löwenzahn Grün und Rot zu einem glänzenden Gelb-Weiß mischt, kann er so strahlen. Und wenn ich so etwas entdeckt habe, dann ist das für mich ein Wunder und bleibt ein Wunder, eben auch, wenn ich es erklären kann.

Naturwissenschaftliche Erklärungen machen das Wunder nicht kleiner?
Ackermann:
Die Vorstellung, dass Wunder immer so sein müssen, dass man sie nicht erklären kann, geht an der Wirklichkeit des Glaubens genauso vorbei wie an derjenigen des Wissens. Wissen und Glauben gehören zusammen und stehen in einer Wechselwirkung. Vielleicht sind die Naturwissenschaftler manchmal die Gläubigsten, wenn sie hinter etwas her sind und es im Labor oder am Himmel, wo auch immer, unbedingt finden wollen. Sie haben eine Idee, wie das sein kann, und plötzlich finden sie es. Das sind Momente, um derentwillen man eigentlich Naturwissenschaften studiert. Davon gibt es vielleicht drei oder vier im Leben. Das ist einfach wunderbar. Der Rest ist harte Arbeit. Am Ende kann man jedes Wunder erklären. Das tut dem Wunder keinen Abbruch, höchstens unserer Vorstellung von Wundern. Die biblischen Wunder hatten seinerzeit eine Funktion, die sie heute nicht mehr haben. Entscheidend ist heute vielmehr,
was Jesus verkündet und gelehrt hat.

Gilt dies auch für Tod und Auferstehung Jesu? Fällt mit diesem unerklärlichen Ereignis nicht auch die Zusage eines Lebens nach dem Tod?
Ackermann:
Der Tod ist für mich naturwissenschaftlich eine Singularität. Singularität ist ein Zustand, bei dem die Vorgeschichte und die Geschichte, die danach kommt, nicht miteinander zusammenhängen. Viele Dinge des Endes kann man schon physikalisch erklären. Manche Naturwissenschaftler setzen hinter den Tod einen Punkt. Das war das Leben. Das war alles. Mich bringt diese Situation zur Singularität. Und ich bin überzeugt, es geht danach in mir unbekannter Form weiter. Das kann ich niemandem erklären. Zu dieser Einsicht muss jeder selber kommen. Da kann man nur hoffen – und ich hoffe schon.

Ist das der entscheidende Punkt, wo wir – jenseits des bleibenden Wertes der biblischen Ethik – auf eine uns gegebene Zusage vertrauen müssen?
Ackermann:
Das ist tatsächlich ein Punkt, an dem man vertrauen muss. Ich vertraue darauf, denn was sollte das alles im Hier und Jetzt sonst? Das ist freilich teleologisch, aber kann man sich wirklich vorstellen, dass der Tod das Ende ist? Vorstellen kann man es sich eigentlich nicht. Man könnte es nur wissen. Aber das Wissen hört an dieser Stelle auf – das ist das Dramatische. Das ist eine Nagelprobe, die man naturwissenschaftlich nicht bestehen kann.

So schmeckt Gnade

6. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Abendmahl ist Sündenvergebung, Gemeinschaft mit Gott, Versöhnung untereinander, Fest des Reiches Gottes

Die Bibel bietet eine Fülle von Geschichten, in denen Menschen in der Gegenwart Gottes essen. Man denke an das Volk Israel in der Wüste, das Manna vom Himmel bekommt. Oder an den verzweifelten Elia, der sterben will und von Gott Brot und Wasser bekommt für einen langen Weg. Auch Jesus von Nazareth hat gerne mit anderen gegessen, getrunken und gefeiert. Manchmal holt er Menschen buchstäblich aus ihrem Versteck, um mit ihnen zu essen, zum Beispiel den zwielichtigen Zöllner Zachäus. Der Mann freut sich, er kann es kaum erwarten, Jesus zu empfangen. Für ihn beginnt mit der Mahlzeit und dem Besuch Jesu ein neues Leben.

Doch die Geschichte Jesu von Nazareth war nicht nur von Festen und eitel Freude bestimmt, sie mündete in ein großes Drama: das Kreuz von Golgatha. Auch das Kreuz gehört zum Abendmahl. Wir schauen auf einen, der für seine Freunde und die ganze Welt in den Tod geht. Das knappe »Für euch gegeben« (vgl. Markus 14,24) erinnert uns daran. Diese große Überschrift jeder Mahlfeier zeigt, Gottes Liebe duckt sich nicht gegenüber Gewalt, sie weicht menschlicher Schuld und Angst nicht aus, im Gegenteil: Sie findet überall hin. Jesus sagt: Ich bin jetzt da, ich bin dieses Brot für euch. Gleichsam bittersüß schmeckt es – so betrachtet.

Der Grund, dass uns Christen Schuld und Tod nicht schrecken, liegt freilich noch in etwas Anderem, und zwar im Ereignis von Ostern begründet. Wäre Jesus im Grab geblieben, müssten wir uns die Festfreude tatsächlich selbst einreden (vgl. 1. Korinther 15). Die Beschreibung der ersten Christen zeigt das: Sie feierten das Abendmahl, weil sie erfüllt waren von Dankbarkeit und Freude. Sie wussten: Jesus ist lebendig. Er hat den Tod besiegt. Und Jesus hat damit die Welt ins Licht geführt.

Das Abendmahl der ersten Christen zeigt: Dieses Essen ist ein Mahl der Freiheit. Hier teilen Menschen spontan das Brot und auch das, was sie sonst besitzen. Von Gottes Gnade beschenkt und von lebendiger Hoffnung beseelt, können sie andere einladen. Dankbarkeit ist das Ziel der ganzen Feier.

Das Abendmahl ist auch Ort der Versöhnung unter Menschen. Das zeigt der Friedensgruß, bei dem man sich auch einmal in den Arm nehmen darf. Beim Abendmahl sind deshalb ethnische Unterschiede oder Alters- und Milieugrenzen aufgehoben.

Wenn ich heute landauf, landab unsere Abendmahlsgottesdienste besuche, tun sich durchaus kontroverse Bilder auf. Manchmal legt sich geradezu ein grauer Schleier auf die Versammlung, die gerade noch fröhlich gesungen hat. Buße und Totengedenken scheinen angesagt. Beim Feierabendmahl auf dem Kirchentag oder in Gemeinden, die schon längere Zeit das Abendmahl mit Kindern feiern, erlebe ich dagegen häufig frohe, hoffnungsvolle Gesichter. Viele Christen leiden unter der Dominanz des Depressiven und möchten heraus aus dieser Sackgasse. Ein wichtiger Faktor dafür ist die Musik. Wenn im Samba-Rhythmus »Du bist heilig, du bringst Heil« anstelle eines traditionellen Heilig, heilig angestimmt wird oder sich die Gemeinde die Einladung »Schmecket und sehet« fröhlich zusingt, entstehen andere emotionale Räume. Auch dort, wo an einem Tisch Abendmahl gefeiert und tatsächlich gegessen wird, löst sich manches aus der Starre.

Den Kern der Abendmahlsfeier bilden die Einsetzungsworte. Sie können als Zusage gesungen oder kräftig gesprochen werden, allerdings zugewandt zur Gemeinde, nicht mit dem Rücken zu ihr. Dies war eine der ganz wichtigen Errungenschaften der Reformatoren. Das Abendmahl wurde aus dem magischen Mantel priesterlicher Beschwörung herausgeholt und zum unmissverständlichen Kraftwort Gottes. Das hat in vielen Städten und Dörfern in der Reformationszeit eine große Resonanz ausgelöst. Die Leute gingen deshalb fröhlich und mit Herzklopfen zum Abendmahl. Es war für sie plötzlich wieder etwas Besonderes. Deshalb meine ich, dass es auch heute angebracht ist, wenn wir die alten – bisweilen nur noch formelhaft heruntergesagten – Worte der Einsetzung auch in heute gut verständlicher leichter Sprache vortragen.

Das »evangelische Profil« des Abendmahls besteht im ökumenischen Zusammenhang darin, dass es als eine Gabe des sich schenkenden Gottes begriffen wird und nicht als Opfer der Kirche. An der Zusage Christi, der seine Liebe mitteilt, macht sich der Glaube fest. Dieser Zusage folgt Dankbarkeit und Freude. Deshalb können wir mit unseren katholischen Geschwistern auch von Eucharistie reden.

»Miteinander Abendmahl feiern« heißt, auch an andere Menschen zu denken. Für Paulus war es eine Selbstverständlichkeit, dass beim Abendmahl Reiche und Arme, Frauen und Männer, Juden und Griechen beieinander waren und aufeinander Rücksicht nahmen. Daher ist der Gedanke eines inklusiven Abendmahls heute – auch im Sinne buchstäblicher »Barrierefreiheit« (für Rollstuhlfahrer!) – für mich selbstverständlich. Niemand ist ausgeschlossen. Und Ausgetretene können eine schöne Abendmahlsfeier zum Anlass nehmen, über den Wiedereintritt nachzudenken.

Ich möchte die Erwartungen, Befindlichkeiten und Ängste der Menschen sehr ernst nehmen. Deshalb sind auch ihre Unsicherheiten und ihre Scheu (Hygiene), aber auch mentale Aversionen (Blut), ernst zu nehmen.

Es wäre schade, wenn dies ein Grund wäre, vom Mahl fernzubleiben.

Das Abendmahl enthält einen ganzen Strauß von theologischen Schätzen. Es ist Sündenvergebung, Gemeinschaft mit Gott, Versöhnung untereinander, Fest des Reiches Gottes. Der Reichtum der biblischen und theologischen Tradition ist so groß, dass wir deshalb nicht immer genau dieselbe Form praktizieren sollten. Je nach Situation im Kirchenjahr, je nach aktueller politischer Lage und je nach Größe und Orientierung der Gemeinde gilt es, die Akzente entsprechend differenziert zu setzen.

Eins aber gilt immer: Das Abendmahl ist Fest des liebenden Gottes. Es hat den Vorgeschmack des Himmels, in dem alle Menschen an einem Tisch sitzen.

Professor Jochen Arnold, Direktor Michaeliskloster Hildesheim

Der Gottesdienst hat ein weites Herz

31. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Menschen mit unterschiedlichen Verfassungen sollen zu ihrem Recht kommen – Das Ende der Zielgruppenorientierung

Die Vielfalt der Gottesdienste ist unübersehbar geworden. Schon lange kennen wir Familiengottesdienste, Jugendgottesdienste und Kindergottesdienste. Wir kennen Schulanfangsgottesdienste, Schulgottesdienste und Gottesdienste in Senioreneinrichtungen. Manche haben vielleicht auch schon von der Thomasmesse gehört, die sich besonders an Zweifler richtet, vom sogenannten »GoSpecial« mit Interview und Kreuzverhör des Pastors oder dem abendlichen Nachteulengottesdienst. Vor einigen Jahren entdeckte man darüber hinaus die Bedeutung der Milieuzugehörigkeit der Menschen für den Gottesdienst. Man stellte fest, dass Vorlieben, Musikgeschmäcker und Erwartungen an Gemeinschaft, die die Menschen auch sonst in ihrem Alltag haben, auch ihre Erwartungen an den Gottesdienst prägen.

Das war einerseits sehr aufregend, denn nun konnte man besser verstehen, warum die einen Orgelmusik von Bach lieben und andere gerade damit gar nichts anfangen können; warum die einen Anspiele im Gottesdienst mögen und eine zu Herzen gehende Predigt, andere dagegen lieber die gesungene Liturgie wünschen und eine Predigt, die auch den Intellekt herausfordert; warum die einen Nähe im Gottesdienst suchen und Stuhlkreisgottesdienste, Bewegungslieder und gegenseitiges »An-den-Händen-Fassen« lieben – und andere eher Distanz pflegen, und daher lieber fern bleiben, wenn sie im Gottesdienst zu viel Kontakt mit den anderen aufnehmen sollen.

Andererseits stellte man mit Schrecken fest, dass es fast unmöglich ist, einen Gottesdienst zu feiern, der allen gefällt. Soll man in Zukunft etwa nur noch Zielgruppengottesdienste feiern? Wer soll das leisten? Vor allem: Was heißt das für den Gottesdienst, der doch die Mitte der Gemeinde sein sollte?

Im Marketing gibt es interessanterweise seit einigen Jahren eine Strömung, die das Ende der Zielgruppenorientierung ausgerufen hat. Danach lassen sich Menschen heute nicht mehr wie früher klaren Gruppen zuordnen, weder Altersgruppen noch Milieugruppen, selbst die Grenzen zwischen den Geschlechtern verschwimmen. Junge wollen alt sein, Alte jung, Frauen kaufen Produkte, die vorher typisch für Männer waren und umgekehrt. Hose – Mann, Kleid – Frau, das war gestern, eigentlich sogar schon vorgestern. Menschen lassen sich nicht mehr so leicht festlegen. Sie werden immer stärker zu multiplen Persönlichkeiten, können mal so und mal anders handeln und entscheiden, haben einen breiteren Musikgeschmack, fallen zunehmend auch mal aus der Rolle und passen sich gern den Situationen an, in denen sie sich gerade befinden. Sie geben stärker als früher ihren inneren »Verfassungen« nach. Man spricht daher vom »Verfassungsmarketing«, das nun nicht mehr die klassischen Zielgruppen bewirbt, sondern bestimmte Verfassungen, die quer zu den bisherigen Zielgruppen liegen können. So wirbt etwa Milka seit einiger Zeit mit Schokoladensorten für die Verfassungen »verrückt«.

Was könnte diese Entwicklung für den Gottesdienst bedeuten? Meines Erachtens liegt darin die Chance, den einen Gottesdienst wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Denn der Gottesdienst hat das Potenzial, unterschiedliche Verfassungen zu bedienen, ohne dadurch zu einem Zielgruppengottesdienst werden zu müssen. Gottesdienst kann, um das Beispiel der Gemeinschaft aufzunehmen, sowohl Nähe als auch Distanz inszenieren. Oft wird die Nähe als das Ideal gesehen, das die Distanzbedürftigen abschreckt. Ebenso oft erlebt man Gottesdienste, in denen die Menschen sich distanziert begegnen, kaum angucken, geschweige denn anreden, was diejenigen abschreckt, die auch menschliche Geborgenheit im Gottesdienst suchen. Wenn beide Bedürfnisse im Blick bleiben, dann ließe sich einiges gestalten, sodass auch beide zu ihrem Recht kommen. Man denke nur an die Gestaltung des Abendmahls (Friedensgruß, Händereichen, Aufstellung), an die Begrüßungs- und Verabschiedungssituation. Durch sensible Gestaltung kommen Nähe- und Distanzbedürftige beide zu ihrem Recht, keiner fühlt sich genötigt oder an den Rand gedrängt. Der Gottesdienst hat ein weites Herz, wenn seine Gestalter nicht ihre eigenen Ideale absolutsetzen. Ähnliches gilt für inhaltliche Dimensionen des Gottesdienstes. Er kann Trost schenken, er kann für die Nöte anderer sensibilisieren, er kann Bestätigung schenken, aber auch zu neuen Aufbrüchen aufrütteln.

Vieles, wenn auch nicht alles, lässt sich in einem Gottesdienst realisieren. Daher muss die Pluralität von Gottesdiensten auch nicht völlig aufgegeben werden. Aber es könnte lohnen, statt auf Zielgruppen zu setzen, die durch Merkmale wie Alter, Geschlecht oder sozialer Hintergrund geprägt sind, auf Verfassungen zu achten, in denen Menschen sich befinden und die der Gottesdienst aufnehmen kann. Welches wären etwa typische Sonntagmorgen-Verfassungen? Ausschlafen wollen, Zeit haben, in Ruhe frühstücken, mit der Familie zusammen sein, Sport treiben wollen – und wie könnte daran der Gottesdienst vielleicht anknüpfen?

Folkert Fendler

Der Autor ist Rektor des Pastoralkollegs Niedersachsen. Bis 2016 war er Leiter des Zentrums für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst.

Radikal auf Christus ausgerichtet

21. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Unser Glaubenskurs 2017 beschäftigt sich passend zum Reformationsjubiläum mit der Theologie Martin Luthers. Monatlich werden wir einen der reformatorischen Schwerpunkte unter die Lupe nehmen. Den Auftakt bildet das Thema »solus Christus«: allein Jesus Christus.

Theologie und Glaube Martin Luthers lassen sich mit Hilfe der sogenannten vier Exklusiv­partikel auf den Punkt bringen: solus Christus, sola scriptura, sola gratia, sola fide – allein Christus, allein durch die Schrift, allein aus Gnade, allein der Glaube. Diese sind verantwortlich für eine einzigartige Konzentrationsbewegung. Dabei bildet das solus Christus die inhaltliche Mitte. Jesus Christus ist der klarste Spiegel des väterlichen Herzens Gottes.

Zeit seines Lebens geht es Martin Luther in seiner Frömmigkeit um die persönliche Gegenwart des auferstandenen Jesus von Nazareth. An ihn glaubt er mit der ganzen Glut seines Herzens. In der Gegenwart Jesu Christi möchte er leben. In ihm ist Gott dem Menschen unüberbietbar nahegekommen. In ihm hat Gott sein innerstes Wesen offenbart. »Unter allen Geboten Gottes ist das höchste, dass wir seinen lieben Sohn, unsern Herrn Jesum Christum, sollen uns vorbilden, der soll unsers Herzens täglicher und vornehmster Spiegel sein, darin wir sehen, wie lieb uns Gott hat, und wie er so hoch, als ein frommer Gott, für uns hat gesorget, dass er auch seinen lieben Sohn für uns gegeben hat.«

GuA-03-2017Darum ist das Grunddatum von Luthers Glaube die Inkarnation, die Geburt des Sohnes Gottes als Baby in der Krippe von Bethlehem, die wir an Weihnachten feiern. Luther ist der erste »Weihnachts-Christ« der Neuzeit. Weil im Zentrum seiner Spiritualität der in Jesus Christus offenbar gewordene liebende Gott steht, bekennt er: »Gott ist ein glühender Backofen voll Liebe.«

Die Freude über die in Jesus Christus erschienene Liebe Gottes wirft einen Glanz der Dankbarkeit über das Christsein, alles Ängstliche verschwindet. Dadurch kommt eine ganz neue Wärme in das Verhältnis des Menschen zu Gott.

Diese Wärme zeigt sich sehr schön in einem Brief Luthers vom 10. Juni 1527 an Elisabeth, der Frau seines Freundes Johann Agricola, die wohl unter Depressionen litt. Luther und seine Frau hatten sie in einem früheren Brief zu einem Ortswechsel nach Wittenberg eingeladen: »Der ehrhaftigen und tugendsamen Frau Elisabeth Agricolae, Schulmeisterin zu Eisleben, meiner lieben Freundin. Gnade und Friede, meine liebe Elsa! … Du musst aber nicht so kleinmütig und verzagt sein, sondern denken, dass Christus nahe ist und hilft dir dein Übel tragen. Denn er hat dich nicht so verlassen, als dir dein Fleisch und Blut eingibt. Allein, ruf du nur mit Ernst von Herzen, so bist du gewiss, dass er dich erhöret, dass es seine Art ist, helfen, stärken, trösten alle die, so sein begehren.«

In der Seelsorge ließ sich früher häufig ein problematischer Umgang mit Depressiven erkennen. Sie standen unter dem Generalverdacht, dass unausgesprochene und unvergebene Sünden verantwortlich seien für ihre seelischen Probleme. Luther schlägt eine ganz andere Richtung ein. Sein Rat entpuppt sich als reiner Zuspruch. Elsa soll den negativen Einreden positive Gedanken entgegensetzen: Christus hat sie nicht verlassen, wie sie meint. Vielmehr ist er ihr nahe und will ihr helfen, ihre Depressionen zu tragen.

Der Glaube geht nicht im Fürwahrhalten von bestimmten Aussagen über Gott auf. Gott will in Jesus Christus als Person – um seiner selbst willen – geliebt werden. Luthers ganze Theologie zeigt, dass und wie Gott dem Menschen im Glauben an Jesus Christus das Heil schenken will.

Es gibt nur wenige Theologen, die sich so wie der Reformator in die Person Jesu Christi vertieft haben. Seine Theologie ist radikal auf Jesus Christus hin ausgerichtet – ein in der Kirchengeschichte fast einmaliger Vorgang.

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge und Spiritualität an der Universität Leipzig.

Literaturhinweis
Zimmerling, Peter: Evangelische Spiritualität. Wurzeln und Zugänge, Vandenhoeck & Ruprecht, 310 S., ISBN 978-3-525-56700-5, 50 Euro

Unser Glaubenskurs 2017 beschäftigt sich passend
zum Reformationsjubiläum mit der Theologie Martin Luthers. Monatlich werden wir
einen der reformatorischen
Schwerpunkte unter die Lupe nehmen. Den Auftakt bildet das Thema »solus Christus«: allein Jesus Christus.
Von Peter Zimmerling
Theologie und Glaube Martin Luthers lassen sich mit Hilfe der sogenannten vier Exklusiv­partikel auf den Punkt bringen: solus Christus, sola scriptura, sola gratia, sola fide – allein Christus, allein durch die Schrift, allein aus Gnade, allein der Glaube. Diese sind verantwortlich für eine einzigartige Konzentrationsbewegung. Dabei bildet das solus Christus die inhaltliche Mitte. Jesus Christus ist der klarste Spiegel des väterlichen Herzens Gottes.
Zeit seines Lebens geht es Martin Luther in seiner Frömmigkeit um die persönliche Gegenwart des auferstandenen Jesus von Nazareth. An ihn glaubt er mit der ganzen Glut seines Herzens. In der Gegenwart Jesu Christi möchte er leben. In ihm ist Gott dem Menschen unüberbietbar nahegekommen. In ihm hat Gott sein innerstes Wesen offenbart. »Unter allen Geboten Gottes ist das höchste, dass wir seinen lieben Sohn, unsern Herrn Jesum Christum, sollen uns vorbilden, der soll unsers Herzens täglicher und vornehmster Spiegel sein, darin wir sehen, wie lieb uns Gott hat, und wie er so hoch, als ein frommer Gott, für uns hat gesorget, dass er auch seinen lieben Sohn für uns gegeben hat.«
Darum ist das Grunddatum von Luthers Glaube die Inkarnation, die Geburt des Sohnes Gottes als Baby in der Krippe von Bethlehem, die wir an Weihnachten feiern. Luther ist der erste »Weihnachts-Christ« der Neuzeit. Weil im Zentrum seiner Spiritualität der in Jesus Christus offenbar gewordene liebende Gott steht, bekennt er: »Gott ist ein glühender Backofen voll Liebe.«
Die Freude über die in Jesus Christus erschienene Liebe Gottes wirft einen Glanz der Dankbarkeit über das Christsein, alles Ängstliche verschwindet. Dadurch kommt eine ganz neue Wärme in
das Verhältnis des Menschen zu Gott.
Diese Wärme zeigt sich sehr schön in einem Brief Luthers vom 10. Juni 1527 an Elisabeth, der Frau seines Freundes Johann Agricola, die wohl unter Depressionen litt. Luther und seine Frau hatten sie in einem früheren Brief zu einem Ortswechsel nach Wittenberg eingeladen: »Der ehrhaftigen und tugendsamen Frau Elisabeth Agricolae, Schulmeisterin zu Eisleben, meiner lieben Freundin. Gnade und Friede, meine liebe Elsa! … Du musst aber nicht so kleinmütig und verzagt sein, sondern denken, dass Christus nahe ist und hilft dir dein Übel tragen. Denn er hat dich nicht so verlassen, als dir dein Fleisch und Blut eingibt. Allein, ruf du nur mit Ernst von Herzen, so bist du gewiss, dass er dich erhöret, dass es seine Art ist, helfen, stärken, trösten alle die, so sein begehren.«
In der Seelsorge ließ sich früher häufig ein problematischer Umgang mit Depressiven erkennen. Sie standen unter dem Generalverdacht, dass unausgesprochene und unvergebene Sünden verantwortlich seien für ihre seelischen Probleme. Luther schlägt eine ganz andere Richtung ein. Sein Rat entpuppt sich als reiner Zuspruch. Elsa soll den negativen Einreden positive Gedanken entgegensetzen: Christus hat sie nicht verlassen, wie sie meint. Vielmehr ist er ihr nahe und will ihr helfen, ihre Depressionen zu tragen.
Der Glaube geht nicht im Fürwahrhalten von bestimmten Aussagen über Gott auf. Gott will in Jesus Christus als Person – um seiner selbst willen – geliebt werden. Luthers ganze Theologie zeigt, dass und wie Gott dem Menschen im Glauben an Jesus Christus das Heil schenken will.
Es gibt nur wenige Theologen, die sich so wie der Reformator in die Person Jesu Christi vertieft haben. Seine Theologie ist radikal auf Jesus Christus hin ausgerichtet – ein in der Kirchengeschichte fast einmaliger Vorgang.

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge und Spiritualität an der Universität Leipzig.

Literaturhinweis
Zimmerling, Peter: Evangelische Spiritualität. Wurzeln und Zugänge, Vandenhoeck & Ruprecht, 310 S., ISBN 978-3-525-56700-5, 50 Euro
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