Wenn die Welt zu Ende geht?! – Na und

30. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Was gegen Angst und Depression hilft und aus der Krise führt

»Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.« Paul Gerhardt – Foto: MEV

Die Welt ist voller schlechter Nachrichten. Fragen bedrängen uns: Wird mich im Alter jemand pflegen? Gibt es dann überhaupt noch eine Rente, von der man auch leben kann? Werden wir, unsere Kinder und Enkel sauberes Wasser haben? Genügend Arbeit oder genügend bezahlte Arbeit? Das sind bedrängende Fragen, wichtige Fragen. Wer hier zu schnell zum Jesus-Zitat »Sorget euch nicht um den morgigen Tag« (Matthäus 6,34) greift, übersieht, dass wir nicht auf Kosten des morgigen Tages leben dürfen. Für die Zukunft gilt: Keine Sorge, aber Fürsorge bestimmt!

Die Forschung hat gezeigt: Wenn ich begreife, dass ich dem Chaos nicht nur untätig zusehen muss, legen sich Ängste. Es ist nämlich nicht das zu erwartende Geschehen, was uns Angst macht und lähmt, sondern die Hilflosigkeit angesichts solcher Ereignisse. Wer sich hilflos fühlt, wird depressiv und sorgenvoll. Wer sich herausgefordert fühlt, wird dagegen mutig und kreativ. Der bedeutende Depressionsforscher Martin Seligmann nannte die Depression sogar »erlernte Hilflosigkeit«.

Jeder kann das selbst beobachten: Beifahrer zu sein ist viel stressiger als selbst am Steuer zu sitzen – obwohl das Risiko für beide gleich ist. Mit anderen Worten: Menschen, die glauben, dass das Wohl und Wehe ihres Lebens von ihrem Denken und Handeln abhängig ist, sind gesünder und leben besser. Nicht das Schicksal oder die Sterne, nicht die anonymen Mächtigen, nicht die Banken oder die Politik entscheiden, ob mein Leben wichtig und sinnvoll ist – sondern: Wie ich lebe, entscheidet darüber, ob mein Leben gelingt.

Das Gegenteil dazu bildet eine Einstellung, die sich sorgenvoll, aber hilflos ausliefert. Nach dem Motto »Da kann man eh nichts machen«. Aber diese Haltung übersieht: Gott lebt uns nicht – er hat uns Leben gegeben, damit wir es leben. Wir sind keine Marionetten eines himmlischen Puppenspielers, sondern Dialogpartner des Höchsten! Paul Gerhardt hat recht: »Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.« Und: »Auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehn«. Aber das heißt auch: Wenn es Wege gibt, muss ich die gehen.

Wenn wir uns also – durch globale Medien bestens über jedes Horrorszenario informiert – geschlagen geben, kommt die Angst. Und schnell fühlen wir uns überwältigt, ohnmächtig, ängstlich grübelnd blicken wir in eine düstere Zukunft. Das ist vielleicht der Zeitgeist: »Es geht eh alles den Bach runter – nimm mit, was du kriegen kannst«. Paulus fordert – ganz im Gegenteil dazu – auf, sich nicht den gesellschaftlichen Trends anzupassen – »seid nicht gleichförmig dieser Welt« –, sondern »werdet verwandelt«. Und das »durch die Erneuerung eures Sinnes« (Römer 12,2).

Wie kann ich mein Denken erneuern? Zuerst einmal sind die Krisen, die uns emotional erschlagen, meistens irgendwelche anonymen Monster. Anstatt uns Ideen für unser Leben heute zu geben, machen diese Monster uns handlungsunfähig. Trauen Sie sich einmal, nicht zu erstarren, sondern weiter zu denken: Was ist, wenn ich keine Rente mehr bekomme? Dann muss ich sehr bescheiden leben. Dann muss ich lernen, mich an den Dingen zu freuen, die da sind. Alle wirklich wichtigen Dinge im Leben aber kann der Mensch sich nicht kaufen. Also könnte ich jetzt schon üben, meine Lebensfreude konsumunabhängiger zu gestalten.

Und ganz mutig: Was ist, wenn die Welt zu Ende geht? Dann wartet Gottes neue Welt. Und da ich dort Bürgerrecht habe, kann ich mich darauf schon jetzt vorbereiten. Entscheiden Sie, wie Sie die Freundschaft mit dem Herrn der neuen Welt heute schon pflegen. Lernen Sie tanzen und singen. Besuchen Sie Gefangene, kleiden Nackte und speisen Hungrige.

Wenn wir unser Denken nicht mehr zwanghaft auf das Bewahren unseres Lebensstandards fixieren – geschieht »verwandelt werden«. Wer loslassen kann, wird gelassen. Der KZ-Überlebende Viktor Frankl beobachtete:

Wer den Sinn seines Lebens im Glück sucht, wird es niemals finden. Wer den Sinn seines Lebens aber in dem sucht, was größer ist als er selbst, wird dabei auch sein Glück finden. Jesus sagte es ganz ähnlich: »Wer sein Leben liebt, wird es verlieren. Aber wer sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es für das ewige Leben erhalten« (Johannes 12,25).

Ulrich Giesekus

Der Autor ist Professor für Psychologie und Counseling (psychosoziale Beratung) an der Internationalen Hochschule Liebenzell und führt eine Praxis für psychologische Beratung.

Ohne Reue Geld leihen und verleihen

20. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Der biblische Ratgeber für Kreditgeber und -nehmer

Ja, man kann viel falsch machen bei Krediten. Die Bibel gibt wertvolle Tipps, wie der private und geschäftliche Leihverkehr ohne weitreichende Folgen bleiben kann.

Foto: MEV

Foto: MEV

Du sollst Geld verleihen! (5. Mose 15,7-10; Lukas 6,34f.)
Zumindest wenn es sich um arme Mitmenschen handelt, gilt: Ein Mensch sollte Geld verleihen, und zwar so, »dass das Herz nicht verdrießt«. Der Grund ist nicht nur, jemandem aus der Patsche zu helfen, sondern um von Gott gesegnet zu werden. Hier vertritt die Bibel an einigen Stellen eine lupenreine Werkgerechtigkeit. Jesus treibt die Tugend des Leihens auf die Spitze und hinterfragt private Verleiher wie die gesamte ­Kreditwirtschaft: »Leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft!« Wer Geld leiht, sollte also nicht automatisch ­davon ausgehen, das Verliehene zurückzubekommen; das sei vielmehr das Gebaren der »Sünder, »damit sie das Gleiche bekommen«.

Vorsicht bei Bürgschaften! Bei Geld hört die Freundschaft für einige Menschen nicht auf. Gerät ein Freund in Not, stellen sie sich als Bürgen für dessen Kredit zur Verfügung. Ein löbliches, aber riskantes Verhalten. Denn wenn der Freund seinen Kredit nicht bedienen kann, bittet der Geldverleiher den Bürgen zur Kasse. Das konnte schon vor 3000 Jahren fatale Folgen haben. Aus diesem Grund warnte der weise und ­lebenserfahrene König Salomo davor, Bürgschaften zu übernehmen. »Sei nicht einer von denen, die mit ihrer Hand haften und für Schulden Bürge werden; denn wenn du nicht bezahlen kannst, so wird man dir dein Bett unter dir wegnehmen.« (Sprüche 22,26f.)

Erlasse die Schulden! (5 Mose 15,2; 1 Makkabäer 15,8)
Eine nette Geste oder pure Taktik? Eher das Zweite: Dass der Seleukidenkönig Antiochus dem jüdischen Makkabäerfürsten Simon die Schulden ­erlässt, hatte Hintersinn. Er wollte ihn als Verbündeten gegen einen Widersacher gewinnen. Wie hingegen ein selbstloser Schuldenerlass aussehen kann, schildert das Gesetz des Mose. Es fordert die gläubigen Gläubiger auf, alle sieben Jahre den Nächsten die Schulden zu erlassen. Einfach so, um Gottes willen.

Nimm von Armen keine Zinsen! (3 Mose 25,35-37; 5 Mose 23,20f.; Sprüche 28,8; Sirach 29,2)
Verleihen ist gut. Zinsen nehmen im Prinzip auch. Allerdings soll man Arme vor der demütigenden Prozedur des Zinsenzahlens bewahren. Die Bibel begründet das nicht mit moralischem Zeigefinger, sondern theologisch: »Du sollst dich vor deinem Gott fürchten, dass dein Bruder neben dir leben könne!« Gott habe sein Volk aus der ägyptischen Gefangenschaft geführt – deswegen solle man sich seinem bedürftigen Nächsten gegenüber auch in befreiender Weise verhalten. Das kann auch so geschehen, dass eingenommene Zinsen hilfsbereiten Mitmenschen gespendet werden.

Leg dein Geld gewinnbringend an! (Lukas 19,11-27)
Dies Gleichnis Jesu könnte ein Werbespruch für jeden Anlageberater sein. Vor seiner Abreise händigt ein Fürst jedem seiner zehn Knechte einen Geldbetrag in Höhe von einem Pfund aus mit der Aufforderung, damit zu handeln. Nach seiner Rückkehr ist er neugierig. Der erste Knecht hat das ihm anvertraute Pfund verzehnt-, der zweite verfünffacht. Die beiden kassieren dickes Lob vom Fürsten und erhalten machtvolle Positionen in seinem Reich. Der Dritte allerdings reicht dem Fürst sein Originalpfund zurück; aus Angst, etwas falsch machen zu können, hatte er es liebevoll in einem Tuch aufbewahrt. Erbost herrscht der Fürst den Knecht an, warum er das Geld denn nicht zur Bank gegeben hätte. Als Strafe nimmt er dem vorsichtigen Knecht das eine Pfund und gibt es dem erfolgreichsten Geldanleger.

Leihe Mächtigen nichts! (Sprüche 22,7; Sirach 8,15)
Wer dem Rat des Jesus Sirach folgt, dürfte eigentlich keine Staatsanleihen kaufen. Denn ein Staat ist selbstverständlich mächtiger als ein einzelner Geldanleger. Auch mit seiner Prognose ist das weise Bibelbuch am Puls der Zeit: »Leihst du ihm aber etwas, so schreib es gleich ab.« Das Risiko ist groß, dass der Mächtige das Geld nicht zurückzahlt, sei es aus Willkür, sei es, weil er pleite ist. Dass es Griechenland so ergehen könnte, wusste der Apostel Paulus allerdings noch nicht, als in Athen »sein Geist ergrimmte«. (Apostelgeschichte 17,16) Und andersherum, sollte man sich von Mächtigen leihen? Tunlichst nicht, meint Salomo – denn »wer borgt, ist des Gläubigers Knecht«.

Uwe Birnstein

Zum Weiterlesen
Bauer, Dietrich: Geldgeschichten der Bibel, Deutsche Bibelgesellschaft, 168 S., ISBN 978-3-438-04806-6, 8,50 Euro

Danke, dass mir Gott Kraft gegeben hat

12. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Betrachtung: Gedanken zur Jahreslosung 2012, die den Schwachen Stärke zuspricht

Stark sein ist in. Aber nicht jede und jeder hat die Kraft, die er oder sie sich wünscht. Manchmal entwickelt einer Kräfte, die ihm niemand ­zugetraut hätte. Und auch die scheinbar Schwächsten, können Stärke beweisen.

Foto: BilderBox.com

Foto: BilderBox.com

Schon immer habe ich die Starken besonders bewundert. Ach, diese Kräftigen mit ihrem breiten Rücken und den gespannten Muskeln! Schon als Kind war ich fasziniert von Männern, die große Gewichte stemmen und Lokomotiven ziehen konnten. Ich liebte Pippi Langstrumpf, die ein ausgewachsenes Pferd in die Höhe hob. Und natürlich habe ich sie beneidet. Das hätte ich auch gern geschafft!

Auf dem Rummelplatz stand ich immer lange bei der Hau–den–Lukas–Maschine. Nur die kräftigsten Männer schafften es, das Glöckchen oben bimmeln zu lassen. Mein Vater konnte das nicht. Auch der kluge Herr Doktor aus unserem Dorf hatte keine Chance. Aber der Willi mit seinem struppigen Vollbart – der bekam das spielend hin! Der Willi, der jeden Tag in den Wald ging, um Bäume zu fällen. Der holte nur einmal kurz aus – und schon krachte der Bolzen an das Glöckchen oben. Das war dann aber kein leises »Bim«, es war ein solcher Schlag, dass man um die Glocke fürchten musste. Willi durfte deshalb auch nur einmal zuschlagen. Der Besitzer hatte Angst um seine Maschine.

Aber da war noch ein Anderer.

Der hatte eine ebenso unglaubliche Stärke. Und das konnte ich eigentlich gar nicht glauben. Bei dem hätte ich das niemals erwartet.

Das war nämlich der Wolfgang. Der Wolfgang, den wir so gern gehänselt haben. Wie oft sind wir hinter ihm her­gelaufen und haben gerufen: »Wolfgang, Wolfgang, schaukel dich. Wolfgang, Wolfgang, brüll doch mal!« Die Kinder nannten ihn den »blöden Wolf«. »Der hat sie nicht alle«, sagten sie. »Bei dem ist nur Grütze im Kopf.« Und dann versuchten sie, ihn zu necken: »Wolfgang, sag doch mal ›Rotznase!‹« Und wenn sie Glück hatten, dann stammelte der arme Kerl: »Otzase« und lachte. Mein Onkel hatte mir verboten, mitzumachen. Aber ich habe es trotzdem getan. Auch ich habe gerufen: »Wolfgang, Wolfgang, schaukel dich!«

Dann beugte er nämlich seinen Oberkörper rhythmisch so weit nach beiden Seiten, dass es aussah wie bei einem Uhrpendel. Und alle haben ­gelacht. Ich auch.

Der Wolfgang lebte einfach so mit uns im Dorf. Er war halt dabei. Er schaukelte sich durch sein Leben.

Einmal im Jahr kam der Rummel. Dann war der Wolfgang nicht zu halten. Der Rummel – das war seine Welt: Die Karussells, die Schießbuden, die Gespensterbahn und vor allem: Die Hau–den–Lukas–Maschine. Also lief der Wolfgang im Sauseschritt die drei Kilometer in die Stadt. Keiner konnte ihn aufhalten. Niemand konnte ihn überholen.

Er sagte dann keine komischen Worte und schaukelte auch nicht. Er lief und lief bis er da war. Seine Mutter gab ihm immer genug Geld mit für zwei, drei Stunden. So hockte er dann mit einem seligen Gesicht auf dem Kettenkarussell und ließ die Beine baumeln. Er fuhr durch die Gespensterbahn und lachte die Geister aus. Er sagte »Wuckertatte« am Zuckerwattestand.

Und dann – ja dann ging er zur Hau–den–Lukas–Maschine. Aber der Besitzer sagte: »Na, mein Junge, das ist hier nichts für dich. Das schaffen nur die ganz Starken. Das musst du erst gar nicht versuchen.«

Ja, diese Worte weiß ich noch. Und beim ersten Mal war ich mir auch sicher, dass der Mann recht hatte. Wie sollte einer, den sie alle den »blöden Wolf« nannten, diesen Bolzen nach oben bekommen? Das schafften nur der Willi aus unserm Dorf und eine Handvoll Starke aus der Stadt. Die ­Maschine war mit Absicht so schwer eingestellt. Der Besitzer wollte seine Preise am liebsten behalten.

Und dann kam also der besondere Wolfgang aus meinem Dorf und alles grinste. So einer ohne Grips im Kopf – der kann das nicht. So einer, der ­dasteht wie ein Schaukelstuhl, der ­bekommt nicht mal den Hammer hoch. Nein, so ein Schwacher kann nicht stark sein. Das geht nun wirklich nicht.

Wolfgang bezahlte und hörte auf zu schaukeln. Er nahm den Hammer, der so schwer war, dass wir Kinder ihn nicht anheben konnten. Und dann ließ ihn der Wolfgang herabsausen. Plötzlich machte es »bing« da oben und noch mal »bing« und noch mal, bis der Besitzer rief: »He, Junge, du hast nur für zweimal bezahlt. Such dir deinen Preis aus!«

Aber da schritten die anderen ein. Das ließen sie nicht durchgehen. Denn man durfte so oft schlagen, wie es »bing« machte. Danach richtete sich die Größe des Preises. Und der Wolfgang hat es siebenmal geschafft. Siebenmal das Glöckchen klingen ­lassen! Und deshalb bekam er den Hauptpreis. Er konnte wählen zwischen einem Riesenteddy, einer Stoppuhr und einem Baukasten. Jedes Mal nahm er den Teddy, der ihm von den Füßen bis zum Bauch reichte. Und damit lief er ganz stolz über den ganzen Rummel.

Man sah den Wolfgang auf dem Kettenkarussell sitzen. Er hielt den Teddy auf dem Schoß. Wenn der Besitzer gnädig war, saß der Teddy sogar in einem extra Sitz neben Wolfgang. Und die Jungs aus meiner Schule lachten nicht mehr. Das ging ja nicht. Sie staunten noch. Sicher, das hat nicht lange angehalten. Irgendwann ging es mit dem Necken wieder los. Aber jetzt war auch Bewunderung dabei. Und Neid. Natürlich wollte keiner so komisch werden wie der Wolfgang. Aber so stark schon.

Ich ­natürlich auch. Klar. Einmal zur Hau–den–Lukas–Maschine gehen und siebenmal hintereinander das Glöckchen bimmeln lassen! Ein Lebenstraum für den kleinen Jungen, der nicht so richtig groß geworden ist. Geschafft habe ich es nie.

Ob mich das traurig macht? Ja

und nein. Ich hätte diese Kraft ganz gern. Daran hat sich nichts geändert. Natürlich kann ich jetzt besser mit diesem Wunsch umgehen. Aber es wurmt mich trotzdem. Denn der Traum ist geblieben, dass in mir schwachem Kerl einmal diese Kraft mächtig wäre. Ist sie nicht und wird sie wohl auch nie.

Aber vielleicht habe ich eine andere Kraft. Vielleicht liegt sie in meiner Fantasie. Oder darin, dass ich Menschen wie den Wolfgang mag. Dass ich sie lieb habe und niemals wieder etwas Gemeines hinter ihnen her rufen würde. Und dass ich versuche, meinen Konfirmanden die Achtung vor dem Wolfgang zu lehren. Vielleicht ist das meine Stärke, dass ich wahrnehme, welche göttliche Kraft in diesen Schwachen mächtig ist? Ja, das könnte sein. Ich denke, dass wir alle eine Stärke in uns haben. Jeder seine eigene, besondere. Vielleicht sogar dort, wo wir schwach sind.

Denn Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Dass wir uns manchmal nach ganz anderen Kräften sehnen, das bleibt trotzdem. Ich komme zum Beispiel immer noch schlecht an einer »Hau–den–Lukas–Maschine« vorbei. Aber wenn ich dann den Wolfgang wieder vor mir sehe, denke ich: Es ist gut, dass du das kannst, du kleiner Schaukelkönig meiner Kindheit. Dass gerade dir diese Kraft gegeben ist.

»Ach, Wolfgang, kannst du noch mal den Bolzen nach oben jagen? Kannst du noch mal das Glöckchen klingen lassen? Wenigstens in der Erinnerung. Na komm, bitte!« Und dann passiert es tatsächlich. In meinem Kopf. In meinem Erinnern. Ich sehe ihn, höre das »bing« und bin glücklich. Und danke Gott, dass er mir diese Kraft gegeben hat: Die Kraft der Fantasie und der Erinnerung. Was für eine kostbare Gabe!

»Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.«

Thomas Perlick
Der Autor ist Pfarrer im südwestthüringischen Römhild.

Heute findet mein Leben statt

5. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Foto: Harald Krille

Foto: Harald Krille

Zwischen Alltagstrott und Überraschungen: Vom Charme und von der Schönheit des Alltäglichen

Nun hat er uns wieder: der Alltag. Und der hat bei den meisten Menschen überhaupt keinen guten Ruf. Zu Unrecht, wie ich finde. Alltag kann guttun. Denn wir leben nicht von Höhenflügen und Höhepunkten. »Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von Feiertagen«, pflegte meine Großmutter zu sagen.

Dass wir uns auf das Vertraute, auf das Normale, eben auf den Alltag freuen, das merken wir womöglich erst, wenn dieser Alltag plötzlich ausfällt. Wir machen diese Erfahrung etwa bei einem Krankenhausaufenthalt oder dann, wenn wir uns unfreiwillig für längere Zeit an einem Ort aufhalten müssen, der nicht unser ­Zuhause ist. Plötzlich erscheint uns der vertraute Alltag als lebens- und erstrebenswert. Aber wenn der vorher ersehnte Alltag wieder da ist, wird er, je länger er anhält, zunehmend in ein schlechtes Licht gestellt. Alltag eben. »Wie geht’s?« – »Es muss.«

Auf der Suche nach Alltagszufriedenheit
Aber wäre es nicht geradezu töricht, wenn wir den Alltag zum schlechteren Teil unseres Lebens erklärten? Denn meistens ist Alltag. Das Verhältnis ist sechs zu eins: Sechs Tage Alltag, ein Tag Sonntag. Und womöglich ein paar Tage Urlaub. Was kann helfen, den Charme und die Schönheit des Alltags zu entdecken und ihn so zu gestalten, dass er als schön erlebt wird?

Charme und Schönheit des Alltäglichen, das ist zu allererst die Lebenskunst der Dankbarkeit in kleinen Dingen. Ich beschränke mich auf ein einziges Beispiel, den Wocheneinkauf. Ich empfinde bei einem solchen Einkauf immer neues Staunen. Es hat keine Generation vor uns gegeben, die aus einer solchen Fülle schöpfen konnte. Selbst bei knappem Budget sind die meisten Menschen hierzulan­de von diesem Segen nicht rundweg ausgeschlossen.

Jeder sechste Weltbürger kann von solchen paradiesischen Verhältnissen nicht einmal träumen. Und es ist nicht mein Verdienst, dass ich hier und heute lebe. Das habe ich mir nicht aussuchen können, das ist mir zugefallen. Könnte dieser Zufall nicht dankbar und demütig zugleich machen? Bin ich es den Armen nicht geradezu schuldig, »alltagszufrieden« zu sein? Die Güter des Alltags dankbar genießen und in dem mir möglichen Maß zu teilen?

Dieser Tag ist einmalig und ein kostbarer
Den Alltag schätzen lernen, könnte auch heißen: Ich entdecke, wie kostbar und zerbrechlich das Leben ist. Dieser All-Tag ist der erste Tag vom Rest meines Lebens. Ein Tag, an dem ich leben darf. Dieser einmalige Tag ist es wert, dass ich ihn nicht gering schätze. Was ich heute tue oder lasse, gehört unverlierbar zu meinem Lebensschatz. Dieser Tag ist es wert, dass ich ihn nicht nur hinter mich bringe. Wie wäre es, ihn am Morgen bewusst zu begrüßen? Bewusst aus dem Fenster und in den Spiegel zu schauen? Ich bin da – und die Welt um mich her ist auch da – immer noch und immer neu.

So im Heute zu leben, könnte auch heißen: Ich hänge nicht in der Vergangenheit herum und flüchte nicht ins Morgen. Denn weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft kann ich im Mindesten verfügen! Das Vergangene entzieht sich meiner nachträglichen Beeinflussung; und das Zukünftige ist für unsere vielen Wünsche wie auch unsere vielen Sorgen stocktaub.

Das eigene Leben bewohnen: Alltagsrituale schaffen
Der Alltag mit seiner Vorhersehbarkeit lässt mich in meinem eigenen Leben Platz nehmen und macht das Leben bewohnbar. Wer im Alltag angekommen ist, kann sich »erden« und den ­eigenen Ort finden. Und dabei geht es um mehr als den Ort, an dem ich arbeite und lebe. Es geht um das Bewohnen des eigenen Alltags und die Beheimatung im eigenen Dasein.

Es gibt die eigentümliche Schönheit einer verlässlichen Form, einer guten Ordnung und eines eingeübten Rhythmuses. Alltagsrituale können helfen, den Tag, die Woche und das Jahr zu gestalten: Die bewusst genossene Tasse Kaffee oder Tee am Morgen. Die kleine Pause nach dem Mittagessen, der abendliche abschließende Spaziergang, die einzelne Rose und die Kerze auf dem Tisch zum Wochenausklang, die Brötchen am Samstagmorgen, der Sonntag, an dem Zeit zum Durchatmen ist.

Jeder hat andere Gewohnheiten, in jeder Familie gibt es andere gute Sitten, die dem Alltag Struktur und Glanz geben können. Den Alltag würdigen, das könnte heißen: sich in der Kunst zu üben, dem eigenen Leben einen stillen Glanz zu verleihen und mit dem Alltag so liebevoll gestaltend und formend umzugehen wie das ein Kunsthandwerker bei seinem Werk tut. Dabei ist es mit dem vertrauten Alltags-Rhythmus wie in der Musik: Lebendig wird sie durch überraschende Pausen, Taktwechsel und Synkopen. Auch die Melodie des Alltags braucht die Ausnahme von der Regel, damit sie klingt.

Der Langeweile das Handwerk legen
Wenn man sich langweilt, sobald weder die Arbeit ruft noch das Unterhaltsame lockt, findet man sich selbst offenbar ausgesprochen langweilig. In solchen Fällen kann folgende Übung Wunder wirken. Ich lade dazu ein, immer dann, wenn man den Alltag »zum Weglaufen« erlebt, sich für eine halbe Stunde auf einen Stuhl zu setzen, in aufrechter, achtsamer Haltung – ohne Radio, ohne Fernseher –, auf den eigenen Atem zu achten, und sich dem »puren Dasein« zuzuwenden.

»Ich bin da« – nichts fehlt! Ich kehre ein bei mir, beim Leben selbst. Ich setze mich einfach still hin und … komme bei mir an. Ich werde mir selbst zur Heimat, zu einem geliebten und liebenswerten Platz im Universum. Es versetzt der Langeweile den Todesstoß, wenn sie mitbekommt: Wer in der Lage ist, Einkehr zu halten dort, wo gar nichts los ist, bei dem hat soeben ein Fest begonnen. Aber man muss es üben. Einen Stuhl hat ja jeder zu Hause!

Wenn aber der Alltag gelegentlich wehtut …
Aber hat alle Lebenskunst nicht dort ihre Grenze, wo sich Leid oder Krankheit oder ein schwieriges Schicksal einstellen? Wenn sich das Widrige einstellt, muss man manchmal regelrecht ein wenig »feierlich« werden. Das haben wir als Kinder immer dann erlebt, wenn wir krank waren. Auf einmal kamen wir in den Genuss von ein paar schönen Dingen, die es sonst nicht gab.

Wir bekamen Plätzchen und heißen Tee und kalte Wickel und Besuch. Und vielleicht wurde uns etwas vorgelesen. Wenn schwere Tage kommen, muss man wieder lernen, feierlich mit dem Leben umzugehen! Dazu gehört, sich von allem Ballast, auch vom Terminballast zu lösen. Viele Menschen erfahren ihr Leben deshalb als unbewohnbar, weil sie sich chronisch überfordern!

Es gibt den krankmachenden Alltag, zu dem es freilich selten ohne unsere eigene Mitverantwortung kommt. Aber es gibt auch das ganz normale Krankwerden, wofür ein eigentümlicher Ausdruck in der deutschen Sprache uns rät, »krankzufeiern«. Diese Weisheit lässt sich schlecht beziehen auf schwerste Krankheiten, Krisen oder wirkliche Horrorerfahrungen, das wäre zynisch. Aber für dasjenige Maß an Leiden, das in der einen oder anderen Weise eben auch zum Alltag gehört, lässt sich so eine Spur finden, sich mit dem Unangenehmen zu arrangieren.

Karin Vorländer

Heute mit Hoffnung leben

2. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Ganz im Jetzt, in der Gegenwart ankommen – Gedanken zum Jahresbeginn

Foto: MEV

Foto: MEV

Wer am Silvesterabend auf die Uhr schaut, tut das mit einem anderen Blick als sonst. In der Neujahrsnacht kommt in den Blick, dass meine Zeit nicht immer weiterläuft, sondern dass sie auch einmal ausläuft, dass sie endlich ist. Das könnte Anlass zur Angst oder zur Sorge oder zur Rastlosigkeit sein. Wie viel Zeit bleibt mir noch? Oder: Wie kann ich in der verbleibenden Zeit möglichst viel erleben, schaffen, erledigen?

Der Jahresbeginn könnte Anlass sein, die Zeit und das eigene Leben neu zu verstehen: Gott sei Dank, dass es mich gibt. Gott sei Dank, dass ich dieses neue Jahr, und den neuen Tag sehen, erleben und gestalten darf. Die Zeit als Gelegenheit verstehen. Als Gelegenheit, ganz und gar im Heute zu leben. Wie wäre es, eine Spiritualität des Gegenwärtigseins einzuüben?

Um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht nicht darum, dass die Vergangenheit gleichgültig wäre. Sie ist die Würde und die Bürde unseres Lebens. Sie ist das Bewährte, das Bestandene und Überstandene, das unserem Leben Tiefgang gibt. Auch die Zukunft ist keineswegs gleichgültig.

Im Heute zu leben, das ist ein Grundthema vieler spiritueller Traditionen. Die großen Meister sagen: »Hänge nicht in der Vergangenheit herum und flüchte nicht ins Morgen. Weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft kannst du im Mindesten verfügen! Das Vergangene entzieht sich unserer nachträglichen Beeinflussung; und das Zukünftige ist für unsere vielen Wünsche wie auch unsere vielen Sorgen stocktaub.«

Wer im Heute leben möchte, muss üben, nicht bitter zu sein über das, was gewesen ist. Es geht darum, weder zu beschönigen noch zu verdrängen, was nicht gut gewesen ist. Alles, was gewesen ist, gehört zu meinem Leben, macht es einmalig und unverwechselbar, macht seine Würde und seine Bürde aus.

Es gibt Menschen, die die Wunden der Vergangenheit nicht heilen lassen. Sie fühlen sich gekränkt, weil sie schlechte Startbedingungen hatten, in unglücklichen Verhältnissen aufgewachsen sind, weil sie nicht die Zuwendung, Liebe und Zärtlichkeit bekommen haben, die sie gebraucht hätten. Oder sie sind von Menschen enttäuscht worden. Sie können denen nicht verzeihen, die sie verletzt haben. Sie können Gott nicht verzeihen, der ihnen diese Vergangenheit zugemutet hat. Wie befreiend könnte es sein, die Verbitterung loszulassen. Aufhören, mich an die Vergangenheit zu klammern, die eigene Verletztheit, die eigene Wut ansehen, sie annehmen und sie dann loslassen.

Nur, was ich angenommen habe, kann ich auch irgendwann abgeben und womöglich auch vergeben. Wer trägt eigentlich die Last, wenn man jemanden »etwas nachträgt«? Loslassen und vergeben, das erfordert zuallererst den Willen, solche Seelenarbeit zu leisten. Sie braucht Zeit, und gar nicht selten die Unterstützung und Hilfe eines vertrauenswürdigen Menschen.

Das Gestern ist vorbei, das Morgen ist noch nicht geboren. Wo wir in Reue, Trauer oder dem Zorn über das, was gestern war, leben, fehlt die Energie und die Aufmerksamkeit für das Heute.

Ob wir morgen noch leben, liegt nicht in unserer Hand. Aber ob wir üben, in Dankbarkeit, Gottvertrauen, Vergebung und Liebe jeden Tag als geschenkten Tag wahrzunehmen, das liegt sehr wohl in unserer Hand. Eine solche Lebenshaltung, die bewusst auf das Gute und Gelingende sieht, will geübt sein. So wie es die Geschichte von dem alten Grafen erzählt: Zu Tagesbeginn jedes Tages steckte er sich eine Handvoll Bohnen in die linke ­Jackentasche. Immer dann, wenn er etwas erlebte, das seinen Tag hell machte, einen freundlichen Gruß, ein Kinderlächeln, eine gute Mahlzeit, ließ er eine Bohne in die rechte ­Jackentasche wandern. Am Abend zählte er die »Hoffnungszeichen am Weg«. Schon eine Bohne genügte, damit der Tag für ihn ein guter Tag war.

Hoffnung im spirituellen Sinn beruht nicht auf angeborenem Optimismus, nach dem Motto »alles wird gut«. Sie will geübt und erworben werden.

Die Bibel mit ihren Verheißungen und Bildern von der neuen Welt, in der alle Tränen getrocknet werden, ist eine einzige große Hoffnungsgeschichte. Sie lädt ein, unter dem Blick der Güte Gottes zu leben, unter dem Menschen aufblühen und angesehen sind. Heute zu leben heißt nicht zuletzt, dem normalen Alltagstun Sinn abzuringen. Dabei geht es nicht um das Tun des Außergewöhnlichen, sondern darum, Schönheit und Wert des Alltäglichen zu entdecken.

Karin Vorländer

Menschen der Nacht

25. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Sie arbeiten, wenn andere schlafen.

 
Sie sorgen für Geborgenheit in der Fremde, eilen bei ­Pannen zu Hilfe: Frauen und Männer, die nachts ­arbeiten. Eine Hotelportierin und ein Pannenhelfer sprechen über ihre ­Erfahrungen in der Nacht.
 

Die Wächterin

Sylvia Sädler, Foto: Maik Schuck

Sylvia Sädler, Foto: Maik Schuck


 

»Ich habe mir Nachtarbeit schlimmer vorgestellt«, sagt Sylvia Sädler (48). Sie arbeitet seit drei Jahren ausschließlich nachts in der Rezeption des Hotels Amalienhof in Weimar. Ihre Aufgaben: Von 22 bis 2 Uhr ist sie für die Gäste da und sorgt für Ordnung und Sauberkeit im Foyer. Nach 2 Uhr bereitet sie in der Küche das Frühstücksbüfett für den nächsten Morgen vor. »Das nimmt viel Zeit in Anspruch, 6 Uhr, wenn die Ablösung kommt, muss alles fertig sein.« Dann ist ihr Nachtdienst zu Ende. Doch wenn sie nach getaner Arbeit zu Hause ankommt, ist an Schlafen nicht zu denken. »Morgens bin ich immer aufgekratzt«, erzählt sie. Familiär trifft es sich gut, dass auch ihr Mann als Kraftfahrer immer nachts arbeitet. Wenn er gegen 10 Uhr von seiner Nachtschicht kommt, frühstücken die Eheleute, legen sich danach schlafen oder unternehmen bei schönem Wetter etwas im Freien.
 
Die Stunden am Abend zwischen 18 und 21 Uhr sind für Sylvia Sädler ebenfalls Schlafenszeit. Anfangs sei es für sie ungewohnt gewesen, aufzustehen und zur Arbeit zu gehen, während andere sich bettfertig machen. Aber ihr Körper habe sich gut und schnell an den Rhythmus gewöhnt. Sie kann dem Nachtdienst sogar einige Vorteile abgewinnen. »Die Arbeit flutscht, es ist ruhig und angenehm, kein Stress.«
 
Schön sei, dass sie bei ihrer Arbeit im Hotel mit Menschen zu tun habe. Und die Gäste wiederum seien freudig überrascht, dass nachts jemand an der Rezeption ist und ihnen ihre Wünsche erfüllt, etwas zu trinken reicht oder zu einem Gespräch aufgelegt ist.
 

Der Engel

 

Michael Franz, Foto: Maik Schuck

Michael Franz, Foto: Maik Schuck


 

Ob er am Tag oder in der Nacht auf den Straßen unterwegs ist, sei für ihn kein großer Unterschied, sagt Michael Franz (45) vom ADAC Hessen-Thüringen. Pannenhilfe auf der Autobahn zum Beispiel sei immer gefährlich, in der Dunkelheit wie am helllichten Tag. »Dort ist es wichtig, so schnell wie möglich fertig zu werden, um aus dem Gefahrenbereich herauszukommen.« Denn alle seine Kollegen würden Momente der Todesgefahr kennen, und es sei nicht selten, dass Gelbe Engel während ihres Dienstes tödlich verunglücken, bemerkt Franz.
 
Durchschnittlich achtmal, bei Kälte bis zu 18 Mal wird er während einer Schicht zu Hilfe gerufen. Meistens, wenn ein Reifen gewechselt werden muss oder bei Kälte die Batterie streikt. Mitunter erlebt er kuriose Situationen. Franz erzählt zum Beispiel von einem Herrn, dessen Reisegruppe mit dem Bus von einer Raststätte ohne ihn weitergefahren war. Ein anderer hatte sich auf dem Parkplatz selbst ausgeschlossen.
 
Als er nach einer ­Toilettenpause zu seinem Auto zurückgekommen sei, musste er mit Erschrecken feststellen, dass dieses verschlossen war, der Schlüssel aber im Fahrzeug lag. Kein Vergnügen bei winterlichen Temperaturen und ohne ­Jacke zu harren bis der Pannendienst kommt. In solchen Fällen versuchen die Gelben Engel schnell an Ort und Stelle zu sein.
 
Wenn allerdings viele Leute zu gleicher Zeit Hilfe anfordern, könne sich die Wartezeit auf mehr als eine Stunde verlängern, so die Erfahrung des ADAC-Mitarbeiters. In mindestens 80 Prozent der Fälle, so Franz, sind die Gelben Engel in der glücklichen Lage, helfen zu können.
 
Sabine Kuschel

Der trauernde Wirt

15. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Erzählung: Eine Variation zur biblischen Weihnachtsgeschichte

Foto: picture-alliance/dpa

Foto: picture-alliance/dpa


Der Wirt spielt in der Geschichte von Jesu Geburt eine undankbare Rolle.
Ein neuer Blick auf ihn.

Seit Rut am 3. Elul gestorben ist, quäle ich mich durch die Tage. Nichts macht mir Freude, nirgends sehe ich einen Sinn. Dabei bemühe ich mich, von meiner Leere nichts nach außen dringen zu lassen, und vermutlich gelingt mir das auch. Ich begrüße die Gäste freundlich wie immer, bediene sie schnell, nehme keine überhöhten Preise und versuche, jedem zu helfen. Aber ich habe keine Freude daran.

Es gab ja immer einmal Zeiten, in denen wir viele Gäste hatten und weder die Schlafplätze für die Menschen noch die ­Abstellplätze für die Gespanne ausreichten. Wie haben wir da geräumt und überlegt, um keinen abweisen zu müssen! … Dabei ging es uns nicht in erster Linie ums Geld, sondern wir hatten Freude, wenn uns die Arbeit gelang. Rut besonders. Wie war sie ­erfinderisch, wenn sie unbedingt noch Platz für einen Strohsack brauchte. Nie wurde ihr die Arbeit zu viel. Ich entsinne mich, wie sie mich einmal hinters Haus rief und mir die viele ­Wäsche zeigte, die sie gewaschen und aufgehängt hatte. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass sie lang weg gewesen wäre. Stolz und glücklich sah sie mich an.

Obwohl Rut nun fast vier Monate tot ist, kann ich ihren Verlust immer noch nicht fassen. Wenn ich an ihrem Grab stehe, und ich gehe jeden Morgen zum Friedhof, begreife ich nicht, dass sie darin liegt. Wenn ich morgens aufwache, verstehe ich nicht, weshalb sie nicht neben mir liegt. Soll das denn nun das ganze Leben so weitergehen, ohne sie aufwachen, ohne sie den Tag über arbeiten, ohne sie die nächtliche Runde gehen und dann ohne sie einschlafen?

Ich kann nicht sagen, dass niemand Anteil nähme. Vor allem natürlich die beiden Kinder; sie sind selbst traurig, aber sie haben ihre eigenen Familien, ihr Alltag hat sich nicht geändert. Die Tochter hat neulich vorgeschlagen, ich solle die Gastwirtschaft verkaufen und zu ihr ziehen. Auf ­ihrem Hof gäbe es genug Arbeit, und ich wäre nicht allein. Aber Rut fehlte mir dort genauso, wie sie mir hier fehlt. Hier habe ich wenigstens meine gewohnte Umgebung und meinen ­gewohnten, mit Rut gelebten Tagesablauf – wenn mir das alles auch nicht hilft.

Und die vielen herzlichen, teilnehmenden Worte, die ich seit Ruts Tod immer wieder höre. Die meisten sind wirklich ehrlich gemeint, denn wir ­haben viele Freunde. Die Nachbarn und die Verwandten wollen mir etwas Gutes tun. Ich höre, was sie sagen, denke, ja, sie haben Recht mit ihrer Mit-Trauer, mit ihren Beileidsäußerungen, mit den Versicherungen ihrer treuen Verbundenheit und auch mit den oft hilflosen Trostversuchen – aber sie erreichen mein Herz nicht. Ich hatte mir nie vorstellen können, jemals so verzweifelt, so ohne jede Freude und Hoffnung zu leben.

Das ist vielleicht die einzige Veränderung, die die Menschen in meiner Umgebung spüren: Ich singe nicht mehr. Ich habe früher stets bei der ­Arbeit gesungen. Und: Ich scheuche die Mägde und Knechte nicht mehr so heftig wie früher. Nicht, dass ich nicht nach wie vor auf Sauberkeit und Schnelligkeit achtete. Aber das tue ich eher aus Gewohnheit, es ist mir gleichgültig geworden.

Jetzt ist das Haus wieder voll. Ich habe mich all der Ecken und Winkel entsonnen, in denen Rut zusätzliche Schlafplätze eingerichtet hatte. Ich selbst werde heute Nacht auf dem Dach schlafen. Ganz zum Schluss, es war schon dunkel, hat mir Rut besonders gefehlt, und ich spürte meine Einsamkeit stärker als den ganzen Tag über: Ein Mann stand vor mir, seine schwangere Frau saß auf einem Esel, und sie suchten eine Unterkunft. Dass ich sie nicht abweisen konnte, war klar.

Ich wollte sie aber auch nicht aufs Dach schicken, dort war noch Platz. So habe ich die vier jungen Männer, die sich im Stall schon eingerichtet hatten, gebeten, aufs Dach zu gehen und dem Paar Platz zu machen. Sie haben gescherzt und gelacht und gesagt, wenn das Kind heute Nacht noch geboren würde, müsste ich ihnen Wein spendieren, am besten gleich allen Gästen, die hier übernachteten.
So vergnügt war ich auch einmal.

Wie hätte sich Rut um die Schwangere gekümmert! Fürsorglich hätte sie sich ihrer angenommen und es ihr so bequem wie möglich gemacht. Ich will der Magd gegenüber nicht ungerecht sein, die ich in den Stall geschickt habe. Sie hat sich große Mühe gegeben, und der Mann kam eigens noch einmal in die Wirtsstube, um sich für die Aufnahme und die Hilfsbereitschaft zu bedanken. Er wirkte sehr erschöpft und ist gleich wieder zu seiner Frau hinübergegangen.

»Dass die Familie morgen auf jeden Fall noch da sein wird, wirkt wie ein Trost«

 
Auch ich war erschöpft, als ich vorhin ums Gehöft gegangen bin. Es ist heute sehr spät geworden. Trotzdem wäre mir nicht in den Sinn gekommen, von etwas abzuweichen, woran ich mit Rut gewohnt war, und ohne diesen abendlichen Gang schlafen zu gehen. Natürlich habe ich auch einen Blick in den Stall geworfen, vermutlich von dem Paar gar nicht bemerkt: Die Frau hat tatsächlich ein Kind ­geboren.

Der Vater hielt es gerade in den Händen, als ich vorbeiging. Am liebsten wäre ich stehen geblieben und hätte es länger angeschaut. Aber ich sagte mir, lass die drei jetzt allein, du kannst morgen am Tag zu ihnen gehen und das Kind in Ruhe anschauen. Dass die Familie morgen auf jeden Fall noch da sein wird, wirkt wie ein Trost.

Nun sitze ich hier, wo ich mit Rut auch gesessen habe, und mit einem Mal habe ich das Gefühl, ich hätte sie nicht für immer verloren. Das ist Unsinn, denn sie liegt ja dort auf dem Friedhof begraben, und Tote sind noch nie wiedergekommen. Aber das neue Gefühl lässt sich nicht unter­drücken, und ich will es ja auch nicht unterdrücken; ich will mir nur nichts vormachen und mich nicht selbst betrügen.

Auch denke ich plötzlich, mein restliches Leben müsse nicht nur stumpf und sinnlos sein. Und vielleicht wache ich morgen zum ersten Mal nicht mit dem Gefühl auf, der neue Tag sei eine riesige Last, die ich auf mich zu nehmen und zu tragen habe. So hat seit Ruts Tod jeder Tag begonnen, und ich habe gedacht, das bliebe für immer so.

Ach Rut, wärst du doch bei mir! Du schautest gewiss noch einmal nach dem neugeborenen Kind und seiner Mutter.
Ich habe das Gefühl, du bist mir zum ersten Mal seit dem 3. Elul wieder nahe.

Jürgen Israel

Aus: Bick, Amet (Hg.): Der Wirt packt aus. Zwölf Variationen zur Weihnachtsgeschichte, Wichern-Verlag, 132 S., ISBN 978-3-88981-332-9, 12,90 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643)246161

Vorbereitung – Erwartung – Hoffnung

12. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Die Vorweihnachtszeit spirituell gestalten

Urheber: Steffen Giersch

Urheber: Steffen Giersch


Die Zeit vor Weihnachten sollte eine Vorbereitung sein auf das, was kommt. Advent heißt ursprünglich (lateinisch) Ankunft: Ankunft Gottes als Kind, als Mensch, bei/unter uns. Nun ist es im Jahresfestkreis immer so, dass große Feste eine Vorbereitungszeit haben, damit wir nachkommen innerlich. Wir sind getrieben vom sonstigen Lebenstempo, von Hast, die uns normalerweise treibt. Und so vergessen wir leicht dieses Lebensgesetz, dass alles eine Wartezeit braucht, Ouvertüre, Vorgeschmack.

Das zu erinnern, das zu lehren, das zu lernen, dazu hilft Advent. Damit wir bewusst erleben und üben können: Wenn Gott ankommen soll in der Welt und in unserem Leben, dann braucht das Vorlaufzeit. Wenn Liebe und Glück landen sollen in unserem Leben, dann braucht das auch Vorlaufzeiten.

Fragen Sie sich bitte einmal selber: Wie geht es mir beim Thema »Warten«? Was löst Warten in mir aus? Wenn man an einem beliebigen Tag im Dezember durch die Straßen einer deutschen Stadt geht, so wird jedem eines deutlich und klar: Hier muss ­irgendetwas los sein! Irgendetwas macht, dass die Menschen aufgeregter, geschäftiger, eiliger und unruhiger sind als sonst.

Wenn man sich in diesem bunten Gewühl treiben lässt, so fängt man vielleicht an, sich zu fragen: Was ist es eigentlich, was diese Menschen hier in Bewegung bringt? Was ist das Besondere an dieser Zeit? Was kann es sein, was die Menschen hier gewinnen oder zu ­gewinnen suchen? Kann es auch sein, dass das Ganze eine Kehrseite hat und dass die Menschen hier etwas verlieren oder gar vor etwas fliehen?

»Wenn Gott ankommen soll in der Welt und in unserem Leben, dann braucht das Vorlaufzeit«

 
Stellen Sie sich in eine belebte Geschäftsstraße oder mitten in ein Kaufhaus, und versuchen Sie, einige Minuten ganz still zu sein, Ihre »stille Zeit« zu haben, eine Insel der Ruhe, der Einkehr und der Stille zu finden!

Gehen Sie in eine Advents- oder Weihnachtsveranstaltung und achten Sie darauf, was die Klänge, Lichter, Gerüche und Inhalte in Ihnen bewirken! Finden Sie durch diese Beobachtungen eine Antwort auf diese Frage, was uns an der Advents- und Weihnachtszeit so anziehend und zugleich so schwer ist?

Und nun lassen Sie uns noch konkreter werden – Spiritualität mitten im Leben. Überlegen Sie bitte einmal, wie man die Advents- und Weihnachtszeit auch anders gestalten könnte … Dazu gäbe es eine wesentliche Voraussetzung: Wie gestalten Sie selbst denn die Feiertage und die Adventszeit? Sie können ja nicht gut Ruhe und Frieden verbreiten, den Sie selbst nicht haben! Es würde sich also vielleicht lohnen, selbst einmal nachzugraben in der eigenen Lebensgeschichte, welche Formen des Feierns für Sie angenehm sind? Wie war es für Sie früher? Wie ist es für Sie jetzt? Werden Sie kreativ und fangen Sie an, neue Formen des Feierns zu suchen und zu entwickeln.

Üben Sie selbst die Praxis der Stille und Meditation? Setzen Sie sich einmal hin vor eine brennende Kerze, ­legen Sie meditative und beruhigende klassische Musik auf und versuchen Sie, einfach ins Licht zu schauen und Ihre Gedanken kommen und gehen zu lassen. »Ich konzentriere mich nur auf das Licht, gleichzeitig auf meinen Atem, sonst nichts. Gedanken ziehen lassen wie Wolken am Himmel, Vögel oder Schmetterlinge, denen ich mich jetzt nicht zuwende, sondern ganz in diesen einen Augenblick eintauche, jetzt ganz bei mir bin.« Diese Übung, häufig wiederholt, stärkt Ihre eigene Persönlichkeit, Ihre Nerven, bringt Ihnen selbst Ruhe und Konzentration, die dann wiederum von innen ausstrahlen – aus Ihnen heraus.

»Nur in der Nacht siehst du die Sterne«

 
Bedenken Sie bitte einmal für sich selbst und auch mit anderen die Grundaussage des Glaubens in Bezug auf Advent und Weihnachten, dass wir »im ganz Unscheinbaren Gott erkennen« können, dass der Urgrund des Lebens sich nach christlicher Botschaft in einem Baby zeigt, mit menschlichem Gesicht. Dass die »Urkraft des Lebens und der Liebe« sich schenken und unser Schicksal teilen will. Das ist gemeint mit dem Lebensweg Jesu.

Meditieren Sie darüber ­hinaus auch einmal den Satz »Nur in der Nacht siehst du die Sterne.« Eine Aussage speziell für die hoffnungs­losen und schwärzesten Stunden des Lebens, der die Hoffnung beinhaltet, dass man das Licht manchmal erst und besonders dann sieht, wenn es im Leben dunkel geworden ist. Das bedeutet Advent: Ankunft »Gottes« – wie auch immer wir ihn verstehen – inmitten unseres Lebens!

Hans Gerhard Behringer

Der Autor ist Theologe, Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Seminartrainer und Schriftsteller.

Biblische Gaben: Gold, Liebe, Kinder

In vielen Facetten beleuchtet die Bibel die Kunst des Schenkens.
 

geschenkSie wissen noch nicht, was Sie Ihren Lieben schenken sollen? Die Bibel hat viele Tipps parat – und die stammen nicht nur von den »Heiligen Drei Königen«.

Eine Stimmung, ähnlich wie nach der Wahl Barak Obamas. Vor 2100 Jahren hieß der neu gewählte Herrscher Saul, das Volk jauchzte ihm zu und skandierte freudetrunken: »Es lebe der König!« Eigentlich ein Anlass für viele Geschenke. Das dachte Saul wohl auch, nachdem er von Samuel zum allerersten König Israels gesalbt worden war. Nur einigen »ruchlosen Leuten« missfiel die Einführung des Königtums. »Was soll der uns helfen?«, fragten sie murrend. Und gaben ihm ohne Worte, aber um so deutlicher, zu verstehen, was sie von ihm hielten: »Und sie verachteten ihn und brachten ihm kein Geschenk.« (1. Samuel 10)

Geschenke als Wiedergutmachung: Diese Strategie wollte Jakob gegenüber seinem Bruder Esau einsetzen. Zu einem schlechten Gewissen hatte er guten Grund: Mit einer List hatte er seinem älteren Zwillingsbruder den Erstgeburtssegen seines Vaters Isaak abgeluchst. Esau war dermaßen betrübt und sauer, dass er Jakob töten wollte. Der floh und wurde in der Fremde ein reicher Mann. Doch die unversöhnte Situation mit seinem Bruder ließ ihm keine Ruhe. Eines Tages stellte er riesige Tierherden zusammen, um mit ihnen Esau zu besänftigen. Als die beiden Brüder sich begegnen, fallen sie sich in die Arme und weinen vor Rührung. Der Wille Jakobs zur Versöhnung hätte Esau ­genügt, um zu verzeihen: »Ich habe genug, mein Bruder; behalte, was du hast!« (1. Mose 32 bis 33, 16)

Der Himmel hängt voller Glocken: nicht nur für Weihnachts-Enthusiasten, sondern auch für Verliebte. Zum Beispiel für Salomo und Sulamith, das herzig-hemmunglose Liebespaar im »Hohenlied«. Wunderschön und fantasievoll kleiden sie ihre Leidenschaft in Worte. Ihre Geschichte ist ein flammendes Plädoyer für die erotische Liebe. Sulamith lädt ihren Freund ein, die Nacht »unter Zyperblumen« zu verbringen und von da aus früh am Morgen aufzubrechen zu Weinbergen. »Da will ich dir meine Liebe schenken.« (Hohes Lied 7, Vers 13)

»Wer hat, dem soll gegeben werden«: Das mag sich die Königin von Saba gesagt haben, als sie Sachen für ihre Reise nach Jerusalem packte. Dort wollte sie endlich Salomo, den sagenumwobenen König Israels kennenlernen. Der lebte zwar schon in Saus und Braus – aber wer würde schon ein paar Zentner Gold und wertvolles Baumaterial ausschlagen? Mehrere Schiffe waren nötig, um das Holz zu transportieren, unzählige Kamele mühten sich mit den Geschenken ab. »Es kam nie mehr so viel Spezerei ins Land, wie die Königin von Saba dem König Salomo gab.« (1. Könige 10, 1 bis 13)

Kaum ein anderer Wunsch kann so stark sein wie der nach Kindern. Viele Geschichten des Alten Testaments machen Hoffnung, dass vermeintliche Kinderlosigkeit nicht für immer bleiben muss. Allesamt stellen sie in den Vordergrund, dass es nicht Menschenwerk, sondern Gottes Sache ist, ob Kinder gezeugt und geboren werden. Kinder sind eines der eindrücklichsten Zeichen der geschenkten Gnade Gottes. »Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn, und Leibesfrucht ist ein Geschenk.« (Psalm 127, Vers)

Nur wen Schulden selbst mal drückten, kann die Erleichterung des Schuldners nachempfinden, dem sein Gläubiger 500 Silbergroschen erlassen hat. Jesus verwendete diese Situation für ein Gleichnis. Im alten Israel war der Schuldenerlass eine feste Instution: Alle sieben Jahre wurde das »Erlassjahr« begangen, in dem sämtliche Schulden erlassen werden sollten. Auch zu Weihnachten würden sich wohl mehr über einen Schuldenerlass als über Verlegenheitsgeschenke freuen. »Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er’s beiden.« (Lukas 7, 39 bis 43)

Viel tragen wollten die drei Weisen aus dem Morgenland nicht, als sie aufbrachen und dem Stern folgten. Er würde ihnen zeigen, wo der Messias geboren ist. In Bethlehem finden sie »das Kindlein mit Maria, seiner Mutter«, sie fallen auf die Knie, beten Jesus an und überreichen ihm ihre symbolträchtigen Geschenke: Gold als Zeichen des wahren Reichtums; Weihrauch, ein weißes Baumharz, das im Jerusalemer Tempel als Rauchopfer dargebracht wurde; und Myrrhe, ein Balsam aus Baumharz, das als heiliges Salböl gilt. »Und (sie) fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.« (Matthäus 2, 1 bis 11)

In erstaunlich vielen Facetten beleuchtet die Bibel die Kunst des Schenkens. Ihren Ursprung findet das Schenken im Opfer: Menschen schenken Gott ihre erste Ernte oder ihr erstgeborenes Vieh. Aber auch zwischen den Menschen erhält das Schenken einen hohen Stellenwert. Beispielsweise soll der Zehnte des Einkommens den Bedürftigen geschenkt werden. Wichtig bei alledem ist, so mahnt ein biblischer Weisheitsspruch, nicht mit einem Gegengeschenk zu rechnen: »Das Geschenk des Narren wird dir nicht viel nützen; denn mit einem Auge gibt er und mit sieben Augen wartet er, was er dafür bekommt.« (Jesus Sirach 20, Vers 14)

Uwe Birnstein

Maria aus evangelischer Perspektive

25. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Ein neues Buch bietet einen Streifzug durch die Betrachtungsmöglichkeiten der Gestalt der Mutter Jesu
Buchcover-Maria.-Evangelisch
Es ist beachtenswert, wenn aus dezidiert evangelischer Perspektive ein Buch über Maria erscheint. Thomas A. Seidel und Ulrich Schacht haben im Auftrag der Evangelischen Bruderschaft St.-Georgs-Orden zu Erfurt in dem kürzlich erschienenen Sammelband »Maria. Evangelisch« Beiträge einer im Jahr 2008 stattgefundenen Tagung zur Gottesmutter Maria und andere Artikel zur Marienthematik publiziert.

Neben zehn Beiträgen, von denen die eine Hälfte theologische Reflexionen über Maria sind, und die andere Hälfte unter der Überschrift »Künstlerische Perspektiven« versammelt sind, ist die Übersetzung und der tiefsinnige Kommentar zum Magnifikat, dem Lobgesang Mariens in Lukas 1,46-55, von Martin Luther abgedruckt.

Seidel hat diesen ­um­fassenden Essay eingeleitet. Wie in seinem Beitrag macht er hierin die Bildtheologie als hermeneutischen Schlüssel zum Verständnis der Person Mariens und des lutherischen Marienbildes stark: Vieles wird bei der ­biblischen und theologischen Rede über Maria verständlich, wenn man sie als metaphorische Rede versteht, z. B. die Jungfrauengeburt.

Luthers Kommentar zum Magnifikat, dem Herzstück des Bandes, steht im geistig-geistlichen Strom der monastischen Marienfrömmigkeit. Darin offenbart sich nicht nur seine für heutige Leser überraschende Zuneigung zu und Verehrung für Maria, sondern entfaltet auch seine Mariologie. In Maria scheint die menschliche Haltung des puren Empfangens der Gnade Gottes auf. Hierin besitzt sie Vorbildcharakter für alle Menschen. Sie »verkörpert das menschliche Gefäß, die empfangsbereite Seele, in die hinein das Wunder der Inkarnation geschieht«.

Auch wenn sich Maria selbst als niedrig einschätzte, wurde sie dennoch von Gott angeschaut (»denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut«) und dazu ausersehen, den Heiland zu gebären. Das bedeutet für Luther, dass auch wir trotz unserer Abgründe von Gott gnädig angeschaut werden. Dass aber gerade Maria zur Gottesmutter auserwählt wurde, führt Luther auf die Gnade Gottes und nicht auf den Verdienst Mariens zurück (»… denn er hat mir getan große Dinge«).

»Dass aber gerade Maria zur Gottesmutter auserwählt wurde, führt Luther auf die Gnade Gottes und nicht auf den Verdienst Mariens zurück«

 
Dieses Marienbild von Luther stellt die interpretative Leitlinie der spezifisch evangelischen Sicht auf Maria dar, was zu reflektieren ja Intention des Sammelbandes ist und in den einzelnen Beiträgen immer wieder aufleuchtet. Die Beiträge nehmen verschiedene theologische Zugänge zum Ausgangspunkt der Reflexion und bieten insgesamt ­einen guten Streifzug durch die Betrachtungsmöglichkeiten der facettenreichen Gestalt Mariens, also metaphorisch, dogmatisch, ökumenisch, spirituell, frömmigkeitsgeschichtlich, tiefenpsychologisch oder künstlerisch. Wer sich als interessierter Laie mit den verschiedenen Ebenen der Maria vertraut machen möchte, ist mit diesem Band gut beraten.

Neben den schriftlichen Beiträgen beeindruckt der Sammelband durch die knapp 30 Kunstbilder mit Motiven aus dem Leben Mariens oder anderen Mariendarstellungen, wie etwa den Schutzmantelmadonna-Darstellungen. Alle Abbildungen weisen aufgrund des hochwertigen Papiers eine sehr gute Druckqualität auf. Auch wenn der Band auf den ersten Blick wie ein Ausstellungskatalog anmutet, laden viele Bilder zur kontemplativen Betrachtung ein.

Man würde dem Sammelband nicht gerecht werden, verstünde man seinen Titel kontroverstheologisch. Das ausführliche Autorenverzeichnis bezeugt die ökumenische Intention des Bandes. Dort findet man neben evangelischen Autorinnen und Autoren, lediglich einen römisch-katholischen Autor aus Frankreich und einen altkatholischen Theologen.

Dennoch hätte es dem Band mit seinem ökumenischen Anliegen inhaltlich gut getan, die Stimme eines weiteren römisch-katholischen Theologen oder einer Theologin zu Wort kommen zu lassen und die im Band angestoßenen ökumenischen Impulse zu bündeln. Dann wäre ersichtlich geworden, dass die Differenzen in der Mariologie dank der ökumenischen Forschung heute gar nicht mehr so virulent sind.

Es ist Konsens, dass Maria eine unverwechselbare Stellung in der Gemeinschaft der Heiligen einnimmt und alles, was Maria geschah oder was Maria bewirkte, unter der absoluten Gnade Gottes stand (sola gratia). Die Antwort auf diese Gnadengabe ist nur durch ein im Glauben gegebenes Ja möglich (sola fide).

Martina Bär

Die Autorin ist wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Exegese und Theologie des Neuen Testaments an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt.

Seidel, Thomas A./Schacht, Ulrich (Hg.): Maria. Evangelisch, Evangelische Verlagsanstalt, 272 S., ISBN 978-3-374-02884-9, 19,80 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643)246161

Der Weg führt durch Trauer zum Licht

21. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Mit Verlusten neu leben lernen – Eine Betrachtung zum Ewigkeitssonntag

Foto: Harald Krille

Foto: Harald Krille


Wenn alles ganz schlimm ist, darf man nicht glauben, dass es immer so schlimm bleibt«, sagt Erika (Name geändert). Für sie ist es jetzt ganz schlimm. Ihr Mann hat sich das Leben genommen. Lange schon war er schwer krank. Aber dass er so verzweifelt war, hatte sie nicht geahnt. In das Entsetzen über dieses Sterben mischt sich ein alter Schmerz. Vor Jahren kam ihr achtjähriges Kind, das einzige Mädchen, bei einem Unfall ums Leben. »Da hab’ ich mich gefühlt, als wäre ich nur noch halb«, sagt sie. Die Wunde ist wieder aufgerissen.

Ich weiß nichts zu sagen, was Erika trösten könnte. Sie selbst sagt das ­Entscheidende: »Wenn alles ganz schlimm ist, darf man nicht glauben, dass es immer so schlimm bleibt.« Ich staune über ihre Hoffnungskraft. Dieser Satz redet nichts schön. Trauer und Entsetzen sind in ihr Leben eingekehrt. Obwohl da keine Worte sind, die auch nur annähernd ausdrücken könnten, was mit ihr geschieht, ist es nötig, das auszudrücken. Im Moment genügt dieser schlichte Satz: Es ist ganz schlimm.

Doch da ist noch der zweite Teil: Man darf nicht glauben, dass es immer so schlimm bleibt. Damit begibt sich Erika auf einen Weg. Sie bleibt nicht im Finsteren stecken, sondern sie geht Schritt für Schritt – wie durch einen Tunnel. Das Licht am Ende kann sie nicht sehen. Noch nicht. Aber sie weiß und glaubt, dass ihr Weg wieder zum Licht führt.

Jeder Verlust entreißt uns ein Stück unseres Lebens. Das kann auch der Verlust des Arbeitsplatzes sein, das Zerbrechen einer Partnerschaft oder eine Krankheit, die zu bleibenden Einschränkungen führt. Verluste hinterlassen Wunden in uns. Die heilen am besten, wenn wir sie betrauern. Tränen helfen dabei, dass der Schmerz sich in unserem Inneren löst und Ausdruck findet. Gefährlich wird die Trauer, wenn ein Mensch sie nicht als Weg versteht, sondern hocken bleibt. Oder wenn er sie gar nicht ­zulässt und versucht, so weiterzuleben, als wäre nichts geschehen. Dann wird sie sich in seinem Inneren verfestigen, und die Seele kann nicht gesunden.

»Wenn alles ganz schlimm ist, darf man nicht glauben, dass es immer so schlimm bleibt«

 
Trauer braucht Zeit, oft viel Zeit. Und sie kostet Kraft. Nicht umsonst sprechen Fachleute von Trauer-Arbeit. Sie verläuft in verschiedenen Phasen, die manchmal auch durcheinanderlaufen oder sich wiederholen. Am Anfang kann unsere Seele noch nicht fassen, was geschehen ist. Vielleicht fühlen wir gar nichts, funktionieren einfach weiter und tun, was getan werden muss. Die Gefühle sind wie abgeschnitten. Dann wundern sich andere zuweilen, dass wir so »gefasst« sind, und halten das womöglich für besondere Glaubensstärke. Nach und nach erst kommen die Gefühle an die Oberfläche. Ganz verschiedene Gefühle: Zorn kann dabei sein, Zorn auf Menschen, die eigentlich gar nichts dafür können. Auch Zorn auf Gott. Oder auf sich selbst.

Dazwischen, wenn es gut geht, empfinden wir Dankbarkeit für glückliche Tage, die wir mitein­ander hatten, für Momente ­inniger Verbundenheit selbst im Schmerz, für die Zeichen der Liebe, die uns andere in solchen ­Zeiten geben. Wir spüren Gottes bergende Nähe. Oder das Gegenteil: Von Gott und Menschen im Stich gelassen zu sein. Manchmal verdichtet sich das Durcheinander der Gefühle so sehr, dass wir wie in ein schwarzes Loch ­fallen.

Es ist wichtig, dass wir unserer Seele in all dem Wirrwarr der Gefühle Gehör schenken. Dann liegt es in unserer Macht zu entscheiden, welche Gefühle wir bewahren wollen und welche wir besser loslassen. Vorwürfe beispielsweise, wenn wir sie festhalten, werden unser Inneres vergiften. Zorn, wenn er festgehalten wird, macht uns hart. Selbstmitleid wird wie eine undurchdringliche Mauer, die unser Inneres im Dunkel einschließt. Dankbarkeit dagegen gibt uns Kraft.

Mitten im Trauerprozess haben wir die Möglichkeit, bewusst Schönes zu suchen und uns an kleinen Dingen zu freuen. Erika beispielsweise hat sich von Freundinnen einladen lassen. Sie sind miteinander verreist. Das hat den Trauerweg nicht verkürzt. Aber es waren Lichtpunkte, die ihr Mut gaben, weiterzugehen.

Als ich sie frage, ob ich ihre Geschichte erzählen darf, stimmt sie sofort zu. Und sie ergänzt: »Aber schreiben Sie doch auch, was einem in solchen Zeiten wirklich hilft. Es sind ganz praktische Dinge. Die Leute brauchen gar nicht so viel zu sagen. Nur da sein und fragen, was man braucht.«

Das Ziel des Trauerweges besteht darin, neu leben zu lernen. Wir treten heraus aus dem Tunnel, genießen das Licht und die Farben. Das Verlorene tragen wir wie einen Schatz in uns und sind zugleich frei für das, was heute dran ist.

Brigitte Seifert

Die Autorin ist promovierte Theologin und Pfarrerin im Haus der Stille im evangelischen Zentrum Kloster Drübeck

Geschenke der Nacht

10. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Träume: Sie bieten die Möglichkeit für seelische Reifungsprozesse und spirituelles Wachstum

Jeder Mensch träumt in der Nacht. Wer sechs bis acht Stunden schläft erzielt die meisten Traumerinnerungen. Foto: ddp images.

Jeder Mensch träumt in der Nacht. Wer sechs bis acht Stunden schläft erzielt die meisten Traumerinnerungen. Foto: ddp images.


 
Träume sind Schäume! Von wegen. Schon die Bibel misst den Träumen große Bedeutung bei. Sie dienen der seelischen Gesundheit und sind ein Übungsfeld für religiöse Erfahrung.

Über 120 Mal ist in der Bibel vom Träumen die Rede. Immer wird Großes dabei verhandelt, es geht um persönliche ­Gefährdung und Bewahrung, um Machterhalt und Herrschaftskritik, um intuitive Erkenntnisse und göttliche Führung. Die Bibel weist also sehr deutlich auf Träume als Übungsfeld für religiöse Erfahrung hin. Die Vielzahl biblischer Träume verrät große Wertschätzung für das Reich der Seele und differenzierte Kenntnisse.

Die Sprache der Träume wird als Zuspruch, Weisung oder Offenbarung Gottes verstanden. Josefs Traum von der Himmelsleiter illustriert die Erkenntnis einer beständigen Verbindung zwischen Immanenz und Transzendenz, Himmel und Erde. Träume markieren kritische Wendepunkte im Leben, die neben einem klaren Kopf auch Intuition erfordern. Matthäus plädiert für Träume als Sprache der Intuition, durch die man wie Josef, Marias Mann, sicherer durch reale Gefahren navigiert.

Die erste evangelische Traumsystematik stammt von Philipp Melanch­thon (1497–1560). Der Weggefährte Luthers schrieb nicht nur seine eigenen Träume auf, er deutete auch die Träume von Luther und seiner Frau Käthe. Der Gelehrte unterschied vier Arten von Träumen: Zunächst gibt es Träume, die Eindrücke des Tages verarbeiten und um aktuelle Probleme kreisen.

Zur zweiten Gruppe zählte er die weissagenden Träume der Warnungen, Vorausahnungen oder Prophezeiungen. Die dritte Gruppe bilden die geistigen, »von Gott gesandten« Träume. Dazu gehören alle klaren, eindrücklichen Träume, die Sinn, Ermutigung, Wegweisung oder auch Ermahnung und Kurskorrektur vermitteln. Zur letzten, »verwirrenden« Traumsorte rechnet er Träume, die ängstigen, lähmen und als verdreht und belastend erlebt werden.

Heute wissen wir, dass jeder Mensch in der Nacht vier- bis sechsmal träumt und der Traum für psychische Gesundheit sorgt. Träume sind besondere Bewusstseinszustände, messbar an den Rapid-Eye-Movements (REM), den schnellen ­Augenbewegungen im Schlaf. Unter der Schicht unseres Wachbewusstseins liegen unbewusste Wünsche, Fragen und Einstellungen, die der Traum symbolhaft zur Sprache bringt.

Träume werden heute als Möglichkeitsraum für innerpsychische Reifungsprozesse und spirituelles Wachstum verstanden. Sie sind ernst zu ­nehmende Angebote der Seele an das Bewusstsein, die transzendente Tiefe des Daseins auszuloten.

Wie können wir mit unseren Träumen umgehen? Hier einige Ratschläge dazu:

  1. Genügend Schlaf suchen. Mit sechs bis acht Stunden ungestörtem Schlaf erzielt man die meisten Traumerinnerungen. Die Träume gegen Morgen sind am ergiebigsten.
  2.  

  3. Signalisieren Sie Ihrem Unterbewusstsein vor dem Einschlafen, dass Sie sich für seine Traumbotschaften öffnen: »Ich werde mich morgen an meinen Traum erinnern.« Legen Sie ein Traumtagebuch oder ein Handy mit Diktierfunktion neben das Bett.
  4.  

  5. Lassen Sie beim Erwachen die Augen noch einen Moment zu und rollen sie vom letzten Bild her den Traum rückwärts auf. Damit ziehen Sie ihn ins Tagesbewusstsein herüber. Halten Sie den Traumverlauf wenigstens in Stichworten noch vor dem Aufstehen mit Datum fest.
  6.  

  7. Verknüpfen Sie die Traumbilder mit Ihrer derzeitigen Lebenssituation: Welche Erinnerungen, Konflikte, Ängste, Hoffnungen und Gedanken fallen Ihnen zu den Traumelementen ein? Was ist das Thema des Traums? Der Schlüssel zur Deutung sind immer die Gefühle, die der Traum weckt. Sind die Traumgestalten Ausdruck realer Personen oder spiegeln sie Aspekte Ihrer selbst? Gibt es unangenehme Wahrheiten, die Sie anschauen sollten? Oder eine kreative Lösung für ein aktuelles Problem, Hinweise für eine sinnvolle Verhaltensänderung?
  8.  

  9. Geistliche Dimension erkunden. Spiegeln sich aktuelle oder frühere Glaubenserfahrungen und Gottesbilder wider? Ist der Traum tröstlich, heilsam, versöhnlich, beglückend? Weckt er Ehrfurcht, Staunen, erschüttert er Sie stark? Ziel jeder geistlichen Traumarbeit ist innere Wandlung, Transformation. Wie könnte gerade dieser Traum Ihre geistliche Entwicklung befördern? Betrachten Sie den Traum durch die »trinitarische Brille« der Liebe, Weisheit und Barmherzigkeit Gottes. Führt dieser Traum Sie hin zu mehr Möglichkeiten des Guten? Öffnet er Ihnen die Augen für mehr Wahres? Oder erfüllt er Ihr Herz mit mehr Schönem?
  10.  

  11. Sich begleiten lassen. Betrachten Sie Ihre Träume mit einem kundigen Seelsorger oder Therapeuten. So lassen sich ungelöste Konflikte, seelische Störungen und Entwicklungspotenziale erkennen. Gute Traumarbeit ist immer auch Arbeit am unbewussten Schatten und fördert die Ganzwerdung der Person.
  12.  

  13. In Kirchengemeinden könnten sich kleine Traumgruppen ansiedeln. Christen hätten so einen geschützten Raum, um gemeinsam die spirituelle Dimension ihrer Träume auszuloten. Eine neue protestantische Traumkultur müsste bemüht sein, aufgeklärt-psychologische Traumdeutung mit der in der Bibel bezeugten Sinnvertiefung durch Hinwendung zu den ­innerseelischen Bildern zu verbinden. Wer einmal die Symbol-Sprache der Träume erlernt hat, kann auch die Zeugnisse christlicher Mystiker besser verstehen und seine Träume als Durchgangsfeld für tiefere Versenkungszustände wie der bilderlosen Kontemplation begreifen.

»Es ist dunkel, plötzlich öffnet sich die Zimmerdecke, und ein geflügeltes Wesen steigt mit Getöse herunter und erfüllt das Zimmer mit Bewegungen und Wolken. Ein Rauschen von schwingenden Flügeln. Ich denke: ein Engel. Ich kann die Augen nicht öffnen, es ist zu hell, zu leuchtend. Nachdem es das ganze Zimmer durchschritten hat, erhebt sich das Wesen und verschwindet durch die Spalte in der Decke. Es wird wieder dunkel. Ich erwache.«

Dieser Traum eines jungen Kunststudenten könnte unter unzähligen seiner später weltberühmten Bilder stehen: Der Träumer war Marc Chagall (1887–1985), dessen Lebenswerk wie eine einzige Einladung anmutet, die eigene Kreativität durch Traumbilder zu beleben und unseren Glauben damit zu intensivieren. Von Chagall kann man lernen, seine Träume der Welt zurückzuschenken als eine Erinnerung an den göttlichen Urgrund, aus dem sie Nacht für Nacht den Weg zu uns finden.

Marion Küstenmacher

Die Autorin ist evangelische Theologin. Gemeinsam mit ihrem Mann Werner Küstenmacher veröffentlichte sie eine Buchreihe »Simplify your life« (Vereinfache dein Leben).

Der Himmel – ein Stück offen

8. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Wie Menschen zum Glauben kommen – zum Beispiel Stefan Endter aus Rauenstein in Südthüringen

Stefan Endter Foto: Sabine Kuschel.

Stefan Endter Foto: Sabine Kuschel.


Der 2. Oktober 2010 ist für Stefan Endter (23) ein besonderer Tag. Er wird dieses Datum nicht vergessen, denn es markiert den Beginn seiner Beziehung zu Gott und damit eines Wandels zu einem neuen Leben. Als Endter an jenem Herbstabend in der Erfurter Lorenzkirche sitzt, kommt ihm der Gedanke, dass der Glaube an Gott möglicherweise Ruhe und inneren Frieden geben kann. Das ist es, wonach er sich sehnt. »Ich wollte meinen inneren Frieden finden.« Zufall oder Fügung, dass sein Weg an diesem Abend in eine Kirche führt?

Endter hat nicht unbedingt die Absicht, dorthin zu gehen. Gemeinsam mit seinem Bruder ist er nach einem Restaurantbesuch auf dem Heimweg. Sie kommen an der Lorenzkirche vorbei, wo Jugendliche ein Nightfever veranstalten. Die beiden Männer lassen sich einladen, wie alle anderen Jugendlichen entzünden sie in der Kirche Kerzen und bringen sie zum Altar.

Endter ist zu diesem Zeitpunkt wie er sagt seelisch in einer Tiefphase. Düstere, destruktive Gedanken quälen ihn. »Ich kam mir vor wie ein kleines unbedeutendes Zahnrad.« Hat sein Leben überhaupt einen Sinn? Wird der Tod nicht alles auslöschen? Die Erde, das Universum – würde nicht eines Tages die Welt sowieso untergehen? Solche Fragen und Zweifel beschäftigen ihn.

Angerührt von der Musik spürt er in der Kirche beim Anblick der Kerzen und der betenden jungen Menschen die engen Grenzen seiner Weltanschauung. Er hat sich ein Weltbild ­entworfen, in das nur Leistung und Fortschritt passen.

Wenn er heute an seine damalige Lebenseinstellung zurückdenkt, kommt sie ihm hart und kalt vor. Sie hat ihn unglücklich gemacht und in eine tiefe Krise gestürzt. In der Kirche öffnet sich an jenem Oktoberabend für ihn der Himmel ein Stück, ein neuer Horizont leuchtet auf. Beeindruckt von der Stimmung und der Musik verlässt er das Gotteshaus mit einem Vers im Gedächtnis: »Behüte mich Gott, denn ich komme zu dir, ­behüte mich Gott, denn ich vertraue dir.«

In seiner Erfurter Studentenwohnung angekommen, sucht er im Internet nach christlichen Liedern. In der folgenden Woche geht er wieder in die Lorenzkirche zum Friedensgebet, am nächsten Sonntag in Rauenstein, seiner Südthüringer Heimat, zum Gottesdienst. Er will zur Kirche gehören. »Am liebsten hätte ich mich gleich im nächsten Gottesdienst taufen lassen.« Doch er wartet noch, um sicher zu sein, dass er keiner fixen Idee verfallen ist. Er sammelt Informationen über das Christentum, liest christliche Bücher und die Bibel. Manche Bibelverse lassen ihn nicht mehr los. Zum Beispiel der: »Denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder.« (Matthäus 23,8)

»Diese Aussage befreite mich von meinem krankhaften Drang, ständig als der Schlauste dazustehen und die besten Klausurnoten vorweisen zu müssen. Ich betrachtete die Menschen nicht mehr bloß als Werkzeuge des Fortschritts.« Hat er bisher seine Mitmenschen nach ihrer Leistungsfähigkeit beurteilt, fängt er jetzt an, sie als Geschöpfe Gottes zu sehen. »Mit der Zeit wurde meine Sicht immer menschlicher.«

Die christlichen Werte und Ansichten beeindrucken ihn. Der Gedanke, dass es bei Gott nicht auf Anerkennung, Geld und Stärke ankommt, sondern der Mensch mit seinen Ecken und Kanten angenommen wird, gefällt ihm.

Davon will er sich leiten ­lassen, sein altes Weltbild über Bord werfen und sein Leben umkrempeln. Zweifel hat er, ob in seinem zukünftigen Beruf christliche Ideale Platz haben würden. Stefan Endter studiert Business Administration, Vertiefungsrichtung Rechnungswesen an der Fachhochschule Erfurt. Danach kann er in der Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung oder Buchhaltung arbeiten, Bereiche also, in denen es um Geld geht.

Er ist unsicher, ob die Beschäftigung mit dem Mammon, wie er sagt, vereinbar sei mit dem Christentum. Doch nach einem Gespräch mit einem Pfarrer kann er seine Zweifel ­beiseitelegen und kommt zu dem Schluss, dass es gut sei, Rechnungswesen zu studieren. »Es wird zwar sehr aufs Geld geschaut, aber auch in diesem Beruf kann man versuchen, christliche Wertvorstellungen durchzusetzen.«

Er macht sich viele Gedanken über Gott und die Bibel, stellt Fragen, zweifelt. Mit manchen Vorurteilen und Unsicherheiten schließt er ab – Zeit sich taufen zu lassen. Am Ostersonntag ist es soweit. Ein Ereignis, an das er sich mit großer Freude erinnert. Die Familie und Freunde begleiten ihn zum Gottesdienst. Nach der Taufe gibt es ein gemeinsames Festmahl und eine schöne Wanderung durch eine idyllische Landschaft.

»Die Taufe wurde durch ein wunderschönes Naturerlebnis abgerundet. Das Tal war so herrlich, wie ich mich fühlte. Endlich war ich getauft.«

Sabine Kuschel

Die Freiheit zur Unvollkommenheit

2. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Warum sich Martin Luther seiner Tränen nicht schämte – Betrachtung zum Reformationstag.

 

Luther-Statue in Magdeburg, Foto: Kriss Szkurlatowski, sxc.hu.

Luther-Statue in Magdeburg, Foto: Kriss Szkurlatowski, sxc.hu.

 Hier stehe ich und kann nicht ­anders!« Mit diesen Worten soll Luther 1521 auf dem Reichstag in Worms seine Rede beendet haben, als er seine Schriften widerrufen sollte. Ein Satz – wie geschaffen für ein Denkmal. Allerdings hat Luther die legendären Worte wahrscheinlich nie gesagt, niemand hat sie aufgezeichnet.
 
Sein Mut ist eher seltsam doppelbödig. Heftig kann er polemisieren, doch da ist auch die bei ihm oft aufflackernde Angst vor der Bodenlosigkeit. In der Nacht vor dem entscheidenden Auftritt in Worms soll er gebetet haben: Schreie, Seufzer, Satzfetzen, die nicht denkmaltauglich sind. Dann aber kippt unversehens seine Stimmung, indem er sich auf Christus beruft, »der mein Schutz und Schirm sein soll, ja meine feste Burg«.
 
Eine ängstliche Seele sucht Zuflucht bei einem, der auch keinen ­Boden unter den Füßen hat, nämlich beim am Kreuz hängenden Christus. Luther widerruft seine Bücher schließlich nicht, »überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes«. Das Gewissen – auch das ist wie Christus oder die mysteriöse Himmelsburg eine ungreifbare Größe, womit sich keine Herrschaft machen lässt. Aber gerade darauf sind die hohen Herren offenbar nicht vorbereitet: Dass da einer ist, der nichts weiter sagt als – ich.
 
Über Jahre hat dieser Mönch in seiner Zelle die Bibel gelesen, ein Einzelner, er fühlte sich ungenügend, nichts genügt. Er findet endlich tiefe Ruhe als er merkt: Die schreiende Sehnsucht muss er nicht dämpfen. Gott setzt
die Unvollkommenheit ins Recht. Nicht die heute oft geforderte Ganzheit lässt Luther Atem finden, sondern die Entdeckung, halb sein zu dürfen. Es ist eine verwundete, verletzte Vollkommenheit.
 
Das hatte ihm kein spiritueller Meister sagen können – und vielleicht auch nicht wollen. Denn wenn einer von sich sagen kann, ich bin um Gottes Willen heil, dann kann das keine menschliche Autorität tilgen. »Dadurch entstand in Deutschland die sogenannte Geistesfreiheit«, urteilt Heinrich Heine.
 
Sich zur Halbheit zu bekennen, verlangt auch heute Mut. Die prägenden Traditionen und Deutesysteme sind zurückgetreten, wie es etwa der Philosoph Wilhelm Schmid treffend beschreibt. Die so entstandene Freiheit geht nun aber über in den Druck, seine Biografie auch erfolgreich zu ­gestalten. Fast jede Niederlage hat man sich selbst zuzuschreiben. »Die Risikogesellschaft verlangt nach dem psychischen und physischen Tarzan, der sich selbst als Gewinner produziert«, sagt die Theologin Gunda Schneider-Flume. Das Leben soll ­gelingen! Das höre man oft, auch in den Kirchen, was für Schneider-Flume Tyrannei bedeute.
 
Die Vertreter des gelingenden Lebens differenzieren freilich, sie wissen natürlich, dass es Krankheit, Vergeblichkeit und Scheitern gibt, nur könne man doch dadurch lernen nochmals erfolgreicher zu sein.
 
In Volkshochschulen gibt es Schlagfertigkeits-Seminare, man lernt, wie man Kränkungen verhindern kann. In Arbeits- und Bildungsprozessen wird der Mensch in Potenziale aufgegliedert, die sich bewerten und messbar optimieren lassen. Irgendwann einmal soll dann alles rund erscheinen. Vielleicht nehmen die sogenannten psychischen Erkrankungen auch deshalb zu, weil das Ungereimte niemals ungereimt bleiben darf?
 
Luther kümmerte sich noch um die schöne Verletzlichkeit einer einzelnen Seele, nämlich seiner – und damit bereits um andere. Denn wer seine Verletzlichkeit eingesteht, wird frei vom Anspruch, die Maske ewigen Gelingens zu tragen. Sich zur Dünnhäutigkeit zu bekennen, war für Luther keine Theorie.
 
Als seine kaum acht Monate alte Tochter Elisabeth gestorben war, schrieb er an einen Freund: »Sie hat mir ein seltsam bekümmertes, beinahe weibliches Herz zurückgelassen.« Warum schämte sich der große Reformator der Tränen nicht? Weil Schwäche für ihn keine Schwäche war, sondern eine Stärke, nämlich das Ende des Wahns, alles können zu müssen. Das ist die herrliche refor­matorische Freiheit, unfertig sein zu dürfen. Und etwas völlig anderes als jener Mut, der in dem Satz zum Ausdruck kommt: »Ich stehe hier und kann nicht anders.«
 
Das hat Luther in Worms nicht gesagt. Bezeugt ist stattdessen, dass er seine Rede auf dem Reichstag mit den Worten beendet hat: »Gott komm mir zu Hilfe.«
 
Georg Magirius
 
Der Autor hat evangelische Theologie studiert. Er ist freier Schriftsteller und arbeitet als Journalist für mehrere ARD-Hörfunksender.

Geburtsurkunde mit Verfallsdatum?

Unsere Gesundheit liegt in Gottes Hand – aber auch in unserer Verantwortung.
 
Dass wir älter werden, können wir  nicht verhindern. Das Wie aber können  wir ein gutes Stück beeinflussen. Foto: Begsteiger

Dass wir älter werden, können wir nicht verhindern. Das Wie aber können wir ein gutes Stück beeinflussen. Foto: Begsteiger

Haben Geburtsurkunden ein Verfallsdatum? Diese provozierende Frage stammt von Walter Bortz, einem bekannten US-amerikanischen Arzt und Alternsforscher. Er will dazu anstiften, die eigene Lebensfrist nicht pessimistisch, sondern sehr optimistisch anzusetzen.

Ist das einfach nur typisch amerikanisch? Klar, es geht nicht bloß um ein längeres Leben, sondern um ein möglichst teilhabendes und selbstständiges, »gesünderes« Altern.

Bei diesem Thema lassen wir uns in der Christenheit oft von einem ­unglaublichen Fatalismus leiten, der uns eigentlich fremd sein sollte.

Auf einen Brunnen kommt – zumindest in unserem Kulturkreis – selbstverständlich ein Deckel, damit das Kind nicht hineinfällt.

Und niemand würde im Ernstfall sagen: Es war halt Gottes Wille. Wir wissen, dass das unsere ­Verantwortung ist.

Bei Gesundheit und Lebenserwartung dagegen sagen viele: Es kommt ohnehin so, wie Gott es will. Selbst Einfluss nehmen zu wollen, gilt als vermessen.

Ein Pfarrer witzelte vor ­einiger Zeit sogar, dass man dem lieben Gott nicht die Chance nehmen sollte, uns frühzeitig zu sich holen zu können – und zündete sich eine ­Zigarette an.

Apropos: Ist Tabak kein Thema für die Gemeinde, die Seelsorge? Klar, alle wissen, was sie sich mit dem ­Rauchen antun. Und niemand will dem anderen zu nahe treten. Aber es führt auch in große Abhängigkeit, also Unfreiheit, zu der Christen nicht berufen sind.

Ein offenherziger Freund sprach selbst immer von »Versklavung«, wenn er diesem Zwang nachgeben musste. Er starb »vor seiner Zeit«, wie so viele.

Gottes Wille? – Wir sollten darüber reden.

Walter Bortz, selbst schon über 80 Jahre alt, nennt vier Prinzipien, die uns zu einer langen Lebensteilhabe verhelfen können.

Da sei erstens die aktive Teilnahme am Leben: Sich nicht zurückziehen, neugierig bleiben, sich neue geistige, spirituelle, körperliche und soziale Herausforderungen verordnen – und sich nicht »unterkriegen« lassen. Denn wenn wir fallen, sei das Wiederaufstehen umso wichtiger. So können wir unsere Potenziale, unsere Lebensmöglichkeiten, erhalten.

Zweitens kommt es auf die innere Haltung an. Wir müssen uns selbst ­etwas zutrauen, müssen uns eigene Ziele setzen und etwas daransetzen, diese dann auch zu erreichen. Wir brauchen Reserven, um jeden Tag durchzustehen und für Zeiten, wo es uns nicht so gut geht.

Drittens Training. Wir können unsere körperlichen Fähigkeiten durch Training erhalten, und das ist nachweislich gleichbedeutend mit stabilerer Gesundheit. Dazu gehören Ausdauer und Kraft, aber auch Gleichgewichtssinn. Bortz bringt es auf den Punkt: Unsere wichtigsten Organe seien nicht Herz, Lunge oder Nieren, sondern unsere Beine! Warum? Vierzig Prozent unserer Muskulatur stecken in ihnen. Daher haben sie eine Schlüsselrolle im Stoffwechsel, beim Herz-Kreislauf-System, bei der Gehirngesundheit und der Erhaltung der Mobilität!

Und schließlich die Nahrung. Angemessen gesundes Essen ist nötig. Bortz verweist gern auf einen Zoo. Dort wird sehr genau auf das Futter geachtet, weil die Tiere im Gehege nicht die gleichen körperlichen Herausforderungen meistern müssen wie in freier Wildbahn. Je größer die Bewegungsarmut, desto wichtiger ist angemessenes Essen. Je mehr freilich unser Stoffwechsel durch Training angekurbelt ist, desto entspannter können wir auch essen.

Doch wozu das alles? Sind das nicht »vorletzte Dinge« (Bonhoeffer)?

Der Kirchenvater Thomas von Aquino (1225–1274) sagte, Gesundheit sei weniger ein Zustand als eine Haltung, und sie gedeihe mit der Freude am Leben.

Und solche Freude steht uns als Kinder Gottes gut.

Karl-Adolf Zech

Der Autor, Dr. rer.nat. Karl-Adolf Zech, arbeitet als Präventologe in Berlin.
www.robust-altern.de

Ich sorge mich um deine Seele

15. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag



Zuhören
Wer meint, seine Zeit sei zu kostbar,
als dass er sie mit ­Zuhören ­verbringen dürfte,
der wird nie Zeit haben für Gott und den Bruder,
sondern nur immer für sich selbst,
für seine eigenen Worte und Pläne.


Dietrich Bonhoeffer (1906–1945)


Die Sorge um das Wohl und das Seelenheil des anderen ist allen Christinnen und Christen aufgegeben.
 

»Sie können jederzeit bei uns vorbeikommen, wenn Sie jemanden zum Reden brauchen!« Gerade erst hatte die Frau ihren Mann ins Krankenhaus gebracht, voller Ungewissheit – da tat das aufrichtige Angebot einer Bekannten einfach gut.

Ein kleiner Satz, der zeigte: Da ist es jemandem wichtig, wie es mir geht.

Seelsorge: Jemand sorgt sich um die Seele eines Menschen; um sein Wohl, seine Bedürfnisse, sein Leben. Und um seine Beziehung zu Gott – um sein Seelenheil.

In der Vorstellung vieler Christinnen und Christen ist Seelsorge zur ­alleinigen Aufgabe der dafür ausgebildeten Pfarrerinnen und Pfarrer geworden.

Das aber war ursprünglich anders vorgesehen: Die Berichte, die das Neue Testament aus der Frühzeit der christlichen Gemeinde überliefert, setzen voraus, dass alle Gläubigen für die Seelsorge aneinander verantwortlich sind. »Nehmt euch der Nöte der Heiligen an«, schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom, und: »Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.«

Zuhören, mitfühlen, trösten oder praktische Hilfe leisten, das können alle Christen. Eine besondere Technik ist dafür nicht unbedingt notwendig. Was zählt, ist die Haltung – eine ­Haltung der Achtsamkeit und der Nächstenliebe.

Diese Haltung kann ­jeder einnehmen, egal ob theologisch oder therapeutisch gebildet oder nicht. Darum kann auch die Frage »Wie geht’s?«, die Einladung zum Kaffeetrinken oder der kurze Klön vorm Gemeindehaus zur Seelsorge werden.

Keine Situation ist zu banal, um jemandem zu zeigen: Es ist mir wichtig, wie es dir geht.

Gute Ratschläge sind dabei weniger gefragt. »Stattdessen ist es hilfreich, einen Menschen ein kleines Stück auf seinem Weg zu begleiten«, sagt etwa Pfarrerin Britta Möhring aus Schwerte, die ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter der Kirche in die Technik des seelsorglichen Kurzgesprächs einführt.

Zu ihren Grundsätzen gehört: viel zuhören, weniger selber reden, nicht gleich ­wissen, was der andere meint. Denn: »Ich löse nicht für den anderen das Problem, sondern gehe mit ihm auf seiner Suche nach neuen Möglichkeiten«, so Möhring.

Die goldene Regel dabei lautet: zuhören, nicht selber reden. Den anderen ausreden lassen!

Oft kommt das eigentliche Thema erst nach einigen Sätzen.

Und: Wer zu schnell mit Ratschlägen bei der Hand ist, würgt ein Gespräch leicht ab.

Besser: mit dem Gesprächspartner gemeinsam nach neuen Möglichkeiten suchen.

Sätze wie: »Das wird schon wieder«, oder: »Irgendwann ist man darüber weg«, bergen zwar eine Wahrheit, nehmen die Gefühle des Gesprächspartners in der Situation aber nicht ernst. Besser fragt man: »Wie schaffst du das?«

Viele Menschen scheuen sich davor, andere auf ihre Trauer oder eine schwierige Situation anzusprechen. Tun Sie es trotzdem! Trauernde Menschen wollen andere mit ihrem Kummer nicht belästigen und verein­samen daher leicht.

Aber Vorsicht mit Bibelzitaten.

Auch wenn der Gesprächspartner sie als unpassend empfindet, wird er es kaum wagen, ­etwas dagegen zu sagen.

Als tröstend empfinden Menschen dagegen oft Sätze, die etwas »schenken«, etwa: »Ich denke an dich«, »Ich bete für dich«, »Ich wünsche dir viel Kraft und Gottes Segen«.

Mitweinen ist auch in Ordnung. Eine mitgeweinte Träne ist oft mehr Trost als 100 kluge Sätze.

Und: Auch praktische Hilfe und Unterstützung ist in manchen Situationen tätige Seelsorge.

Anke von Legat
Foto: © Bergsteiger

»Ich träume von einem Bibelfrühling«

Welche Bibeltexte sollen im Gottesdienst vorkommen?
Im Gespräch mit Alexander Deeg.

Der leidende Hiob in einer Darstellung von Albrecht Dürer: Das Buch Hiob gehört bisher nicht in den Reigen der sonntäglichen Predigttexte, obwohl sich mit der Figur des unschuldig Leidenden viele Menschen identifizieren können.

Der leidende Hiob in einer Darstellung von Albrecht Dürer: Das Buch Hiob gehört bisher nicht in den Reigen der sonntäglichen Predigttexte, obwohl sich mit der Figur des unschuldig Leidenden viele Menschen identifizieren können.

Biblische Geschichten wie die von Hiob oder von Joseph und seinen Brüdern sind aus der abendländischen Kultur nicht wegzudenken. Dass sie im kulturellen Gedächtnis unserer Gesellschaft präsent sind, ist im entscheidenden Maße auch den Dichtern und Schriftstellern zu verdanken, die ihren Stoff für Romane der Bibel entnahmen.

Die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern etwa inspirierte nicht nur Thomas Mann, sondern auch andere Literaten und Filmemacher.

Jakobs Kampf am Jabbok – ein Text, der das Ringen des Menschen mit Gott thematisiert – begegnet in vielen Gemälden.

Die Bibel gibt Antworten auf Fragen, sie fasziniert durch die Schönheit ihrer Sprache und durch ihre Weisheit.

Im Buch der Sprüche und beim Prediger Salomo etwa finden sich weise Gedanken für den Alltag.

Es ­ließen sich weitere Beispiele anführen, von biblischen Geschichten mit großem Bekanntheitsgrad und bemerkenswerter Wirkungsgeschichte, auch in die nichtchristliche Umgebung. In den Gottesdiensten kommen sie jedoch kaum vor, weil sie als Lese- und Predigttexte nicht vorgesehen sind.

Dass auf eine Figur wie Hiob, mit der sich viele Menschen, wenn sie unter Schicksalsschlägen leiden, identifizieren können, verzichtet wurde, ist für Alexander Deeg, Professor für Praktische Theologie an der Univer­sität Leipzig ein Stein des Anstoßes, den er gern aus dem Weg räumen möchte.

Deeg gehört einer zwölfköpfigen Kommission an, die an einer Reform des Perikopensystems tüftelt.

Das Perikopensystem legt fest, welche Bibeltexte im Gottesdienst gelesen und gepredigt werden. Es ordnet jedem sonn- und feiertäglichen Gottesdienst die Lesungen für Epistel, Evangelium, Altes Testament sowie den Predigttext zu. In der evangelischen Kirche sind seit 1978 sechs Perikopenreihen im Gebrauch. Eine Reihe gilt jeweils für ein Kirchenjahr.

Im Rahmen dieser Perikopenordnung kommen sowohl in den Predigten als auch in den Lesungen die Evangelien und die neutestamentlichen Briefe häufig vor. Das Alte Testament hingegen sei viel zu selten vertreten, so Deeg.

Er erläutert die lange historische Entwicklung, in deren Verlauf das Alte Testament in den Gottesdiensten zurückgedrängt wurde.

»Jetzt sagen viele, uns ist das Alte Testament verloren gegangen und wir müssen ­einiges tun, um es wieder zurückzu­gewinnen. Es enthält Texte, die die Menschen heute brauchen, weil ihre Fragen darin aufgenommen werden.«

Überdies plädiert der Theologe dafür, dass Geschichten von Frauen, wie beispielsweise die von Ruth und der Richterin Debora, die bislang in den Perikopen nicht auftauchen, in Zukunft dort stärker repräsentiert sind.

Ebenso Texte, die nicht dem Mainstream zu entsprechen scheinen, etwa die abgründige Geschichte vom Tod der Aaronsöhne, die beide durch ein Feuer, das sie gelegt hatten, umkommen. (3. Mose, 10) Ein Bibelabschnitt, in dem sich die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes stellt.

Der Wunsch nach einer Revision der Perikopenordnung ist nicht neu. Vor etwa zwei Jahren habe die Evangelische Kirche in Deutschland, die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands und die Union Evangelischer Kirchen grünes Licht für die Reform gegeben.

»Es ist ein heikler Prozess, weil nicht ganz klar ist, in welche Richtung reformiert werden soll«, sagt Deeg. In der Pfarrerschaft und unter Kirchenmusikern gebe es eine hohe Zufriedenheit mit der bestehenden Leseordnung. Allerdings sei die Zufriedenheit regional unterschiedlich ausgeprägt.

»In Sachsen ist die Zufriedenheit am größten, der Wunsch, etwas zu verändern, deutlich am niedrigsten.« In den reformierten Gebieten Westdeutschlands hingegen sei die Zufriedenheit am geringsten, die Bereitschaft zu Reformen am größten, so Deegs Beobachtung.

»Ich persönlich hätte Lust zu einer mutigeren, größeren Reform, als sie sich jetzt abzeichnet«, merkt er an. Doch er weiß: »Es wird bestimmt ein schwieriger Prozess.«

Sein Wunsch ist, dass diejenigen Geschichten des Alten Testaments, die durch sprachliche Schönheit glänzen oder die eine große Lebensnähe aufweisen, in die neue Leseordnung aufgenommen werden. Kein leichtes Vorhaben, denn in der Bibel gilt jeder Text als wichtig, keiner ist überflüssig.

Wenn neue Abschnitte aufgenommen werden, müssen dafür andere wegfallen. Die Kommission nimmt jetzt ihre Arbeit auf und verfolgt das hehre Ziel, bis 2017 eine reformierte Perikopenordnung vorzulegen.

»Ich träume von einem Bibelfrühling«, sagt Deeg. Er wünscht sich, dass Menschen die Bibel aufschlagen und entdecken, dass die Geschichten ­darin etwas mit ihrem Leben zu tun haben. »Das wäre das Tollste, das Schönste. Wenn Leute Hiob oder andere Geschichten lesen und sagen: Ich hätte nicht gedacht, dass die Bibel solch ein aufregendes Buch ist.«

Sabine Kuschel

Damit die Ernte reich wird!

2. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Danke

Warum die Kirche einen Ruck braucht
Überlegungen zum Erntedankfest.
 

Heuballen in der Kirche. Erntedank.

Dabei haben die meisten Jüngeren nie im Heu gespielt. Manche glauben, Kühe seien lila.

Kann es sein, dass das Erntedankfest an der Erfahrungswelt vieler Menschen vorbeizielt?

Dann wird das kirchliche Fest zum Menetekel. Auf die vielen Distanzierten wirkt die Kirche wie »das Zitat einer Religion, die es früher einmal gegeben hat. Oder wie Folklore« (Harald Martenstein).

Kirche ist eher Hort von Lehrsätzen und erstarrten Traditionen denn Einübungsort in Gottvertrauen, so wie es der Mann aus Nazareth vorlebt.

Wenn Jesus eines nicht wollte, dann war es ein geistiges Lehrgebäude. Er war spontan, unkonventionell, symbolstark.

Seht die Vögel, die Lilien, vertraut auf Gott, dann fällt euch alles zu.

Zahlreiche Reformpapiere der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), umtriebige Pfarrerinnen und Pfarrer, engagierte Kirchenälteste, viel ehrenamtliches Engagement.

Eigentlich beste Voraussetzungen für einen florierenden Verein, eine reiche Ernte.

Eigentlich.

Wo aber bleibt die Ernte für die Kirche?

Jahr für Jahr sinkende Mitgliederzahlen und, viel schlimmer, Erosion der öffentlichen Relevanz von Kirche. Stell dir vor es ist Kirche und keiner geht mehr hin.

Gefragt ist Kirche an den Lebenswendepunkten wie Geburt, Eheschließung oder Tod. Hier stellt die christliche Tradition mit Taufe, Trauung und Trauerfeier Rituale bereit. Hinzu kommen die Gottesdienste an Festtagen und, in Krisenzeiten, die seelsorgerische Kompetenz.

Aber sonst?

Die normalen Gottesdienste?

Viele Lieder sind veraltet und schwer singbar. Die Liturgie wirkt befremdlich und wird in vielen Gemeinden nur noch von einem kleinen Teil mit vollzogen.

Viel gewichtiger ist die theologische Grundlage: Sie ist weit entfernt von dem, was der Religionsstifter selbst den Menschen vorlebt, zuspricht, mitgibt.

Über bald zwei Jahrtausende hat hier ein Prozess der Entfremdung um sich ­gegriffen. Kunstvolle theologisch-­rationale Denkgebäude haben die ­unmittelbaren Bezüge des Mannes aus Nazareth zum Leben der Menschen überdeckt.

Notwendig ist ein »Ruck in den Köpfen der Kirche« (Matthias Kroeger).

Statt sich hinter einer ganz unjesuanischen und unreformatorischen Angst vor dem Verlust pfarramtlicher Pfründe und geistlicher ­Besitzstände zu verstecken, sind die Glaubensaussagen früherer Generationen zu überprüfen und, häufig, neu zu formulieren und zu deuten.

Das Apostolische Glaubensbekenntnis fußt auf dem spätantiken Weltbild von Himmel, Erde und Hölle und blendet das irdische Leben des Gottessohnes aus – für Menschen des Mondflug- und Atomzeitalters und angesichts des Abbruchs metaphysischer Weltsicht bestenfalls eine lieb gewordene Gewohnheit (s. Jörg Zinks einschlägige Bücher dazu).

Der christliche Liedschatz fußt zu einem erheblichen Teil auf falschen theologischen Voraussetzungen, so beispielsweise fast durchgängig in den Passionsliedern. Klaus-Peter Jörns belegt das jesuanische Verständnis des Abendmahls gerade nicht als Sühnopfer, sondern als ein Mahl gegen die tödlichen Mächte der Welt, gegen Isolation, Schmähung, Verfolgung.

Gebete lehnt Jesus in ihrer geschwätzigen Form, wie sie so oft als endlose, vorformulierte Fürbitten die Gottesdienste in die Länge ziehen, ab.

Die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes steht als theologisch hochartifizielles Konstrukt in weitem Abstand zu gelebter Religion und rührt emotional nicht an. Die göttlichen Überhöhungen des Mannes aus Nazareth widersprechen seinem Verhalten eklatant und sind Zeugnis für das antike Bedürfnis nach Herrschaftsnomenklatur, nicht aber für die gelebte Nähe zu den Zöllnern und Sündern.

Die Liste von notwendigen Veränderungen ist beliebig erweiterbar. Was nottut, ist eine Reform des Gottesdienstes und des kirchlichen Lebens »an Haupt und Gliedern«. Zu entdecken ist die Tiefe der für die Lebensbewältigung kaum zu überbietenden christlichen Symbole.

Neben den Kirchen sind andere Orte für kirchliche Rituale zu entdecken. Gott wirkt überall und lässt sich nicht an einem Ort festbinden.

Wege zur Mystik sind auszuloten, eine »Ent-bildung« in der Sprache Meister Eckharts anzustreben, das heißt ein »Freiwerden von Verhaftungen, Gedanken, Überlegungen, Sorgen, traumatischen Erfahrungen und Belastungen, generell also ­allen Vorstellungsbildern, zu denen eben auch die theologischen Begriffe zählen« (Joachim Kunstmann).

Zu wagen sind »notwendige Abschiede« (Klaus-Peter Jörns), die mitunter schmerzen, die aber zugleich der christlichen Religion und denen, die an ihr Interesse haben, neue spirituelle Wege in den Bahnen ihres Religionsstifters eröffnen.

Wenn das geschieht, wird auch die Ernte reich sein.

Felix Leibrock

Der Autor ist Pfarrer in Apolda.

Von der Lust, zu leben und zu lieben

23. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

paar

Sexualität – eine schöne Gabe Gottes, Lebenskraft und Liebesfähigkeit.

Was hat Sexualität mit Spiritualität zu tun? Sexualität ist ein Spiegel unserer Gottesbeziehung. Sexualität und Heiligung gehören zusammen.

»All diese Blumensträuße, die nach einem Herz suchen und nur eine Vase finden.« Dieser Satz lässt mich fragen: Wohin stelle ich die Blumensträuße Gottes? Denn ich gehe davon aus, dass der Blumen- und Menschen­erfinder uns wunderschöne Sträuße schenkt. Verliebte tun das gern.

Einen Strauß möchte ich heute besonders hervorheben, den er uns allen gleichermaßen geschenkt hat: die Gabe unserer Sexualität. Paulus selbst bringt mich auf diese Idee mit seinen Worten an die Thessalonicher.

Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, dass ihr meidet die Unzucht und ein jeder von euch seine eigene Frau zu gewinnen suche in Heiligkeit und Ehrerbietung, nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen … Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung. Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der seinen Heiligen Geist in euch gibt (1. Thessalonicher 4,3-8).

Welch wunderbarer Strauß – diese Kraft der Sexualität, mit ihren Blüten des Begehrens und der Hingabe. Und wo stellen wir ihn hin? Oder ab?

Er bräuchte zum Fassen wohl meine Glieder und mein Herz, mein Geschlecht, ja mich – ganz. Der Strauß ist ziemlich groß. Und sucht ein Gefäß.

Skeuos, das griechische Wort in Vers 4, heißt Gefäß.

Luther übersetzte es mit Frau: »Jeder von euch gewinne seine eigene Frau in Heiligkeit und Ehrbarkeit.« Vielleicht aus seinem geschichtlichen Kontext heraus.

Skeuos ist aber zuallererst Gefäß und lässt sich auf beiderlei Geschlecht beziehen: das Gefäß für unser Mannsein und Frausein, unsere Geschlechtlichkeit, unsere Sexualität, die uns ganz meint und nicht nur ein Teil von uns ist. Mir scheint, diese wurde oft, um im Bild zu bleiben, nicht ins Herz, sondern in eine Vase gestellt. Die vielen kleinlichen selbst gemachten Gebote rund um die Sexualität herum, sie erscheinen mir wie viel zu kleine Vasen, in die die überquellende Gabe Gottes hineingepresst wurde.

Gebote wie keine körperliche Liebe vor der Ehe oder nur zur Zeugung oder nur ohne Lust, am besten lichtlos und im Alter sollte es sich legen.

Gebote, die regulieren und kontrollieren wollen, was Gottes Sache ist. Medienwelt und »freier Markt« verwüsten diese Gabe mit einer Sprache, die Sexualität auf eine Technik oder Handelsware reduziert. Der Geber der Liebeskraft wird völlig vergessen. Dabei will der so schenkende Gott unsere Heiligung.

Wie geschieht Heiligung meiner Sexualität?

Vielleicht fängt sie mit der Annahme des Straußes an. Dass ich Gottes Blumen ans Herz nehme, indem ich bewusst meine sexuellen Regungen und mein Begehren nicht als Störung, nicht als isolierten Triebfaktor, sondern als lebendig blühende Kraft annehme.

Meine Lebenskräfte und -säfte in Gottes Strom fließen lasse.

Meine sexuelle Begabung will als eine große Liebesfähigkeit in vielerlei Gestalt gelebt sein: in körper­licher Vereinigung und in meiner Vereinigung mit Gott, meinem Gebet, meiner Hingabe an Gott. Ich darf mich lieben lassen und ihm unverschämt nahe kommen.

Mein Gebet kann ein Liebesaustausch mit Gott sein, so wie es die Mystiker und Mystikerinnen wagten. Ihre Gebetsprache ist nach dem Vorbild des Hoheliedes durchtränkt mit erotischen Bildern. In Lukas 7 wird die Jesus salbende Frau, eine stadtbekannte Hure, zum Vorbild. Mit ihren Tränen benetzt sie seine Füße und trocknet sie mit ihren Haaren.

Wir alle sind zum Heiligsein berufen, eben gerade als sexuelle Wesen. Ich denke, es ist Zeit, die Heiligkeit wieder zu erden und sie hineinzuholen in unser Dasein.

Könnten wir doch mehr von der Berufung zur Heiligkeit hineinstreuen in unsere Gesellschaft und aufhören, das Wort heilig als zu groß für unser Leben anzusehen. Denn dann könnte es geschehen, dass ich alles Geschaffene als Bruder und Schwester ansehe, Lebendiges lebendig sein lasse, auch in mir.

Mich freue am Genuss, nicht am Verschlingen, mich freue an meiner Lust und Wege finde, sie zu leben ohne wehzutun, meine Sexualität in das Bett der Treue und der Liebessprache lege, denn sie braucht Worte und Gesten, die das Herz des anderen finden.

Thea Vogt

Die Autorin ist promovierte Pfarrerin im Geistlichen Zentrum Schwanberg.

Der Trostkreislauf

17. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Wie Leidende zu Tröstern werden.

Oliver Merz findet im Apostel Paulus ein Vorbild für den Umgang mit Leid.

Solange es uns gut geht, fällt es uns nicht schwer, Gott dankbar zu sein. Erst Leid und Schmerzen stellen den Glauben auf die Probe. Erst recht, wenn das Leiden ­dauerhaft ist und auch Gott nicht heilend eingreift.

Oliver Merz kennt das Hadern und die Fragen: Er erkrankte mit 20 Jahren an Multipler ­Sklerose und ist seither in seinen Bewegungen eingeschränkt. Warum er dennoch Trost ­gefunden hat und wie er dadurch anderen zum Trost werden konnte, das ­beschreibt der Pastor aus der schweizerischen Stadt Thun.

Glück, Leid und Heilung

In einem kleinen Dorf wohnte ein großes Glück. Ein Mann und eine Frau bekamen ein Mädchen, das der Sonnenschein aller wurde.

Eines Tages wurde das Kind vor den Augen der Eltern auf der Straße überfahren. Das ganze Dorf nahm Anteil an der Trauer der Eltern.

Auch nach über einem Jahr war die Mutter über den Verlust ihres Kindes untröstlich. Sie konnte keine Kinder mehr spielen sehen ohne bitteren Gedanken.

Langsam ­wuchsen in ihr Hass und Zorn, Neid und Eifersucht auf alles Lebendige und Gesunde. In ihren Gedanken lebten alle Menschen glücklich und zufrieden. Nur sie war geschlagen und voller Leid.

In ihrer Not ging sie zum Pfarrer. Der bat sie, durch das Dorf zu gehen und sich aus jedem Haus, in dem kein Leid wohnt, eine Blume zu erbitten. Mit dem Strauß sollte sie dann nach ­einer Woche wiederkommen.

Die Frau ging durch ihr Dorf von einem Haus zum anderen.

Als sie nach einer Woche zum Pfarrer kommt, hat sie nicht eine einzige Blume, aber einen Strauß von Erfahrungen. Sie musste erleben, dass in jedem der Häuser ein Leid wohnt, eine Not ist und Trost nötig war. So konnte sie manchen Leuten aus ihrer eigenen Schmerzerfahrung raten und beistehen.

Das war der Anfang einer inneren Heilung.

Aus: Kühner, Axel: Überlebensgeschichten für jeden Tag. 18. Auflage, Neukirchener Aussaat, 352 S., ISBN 978-3-7615-5873-7, 9,90 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643)246161

Der Autor Oliver Merz ist Theologe und lebt mit seiner Familie in der Schweiz.

Der Autor Oliver Merz ist Theologe und lebt mit seiner Familie in der Schweiz.

Diese bewegende Geschichte von Glück, Leid und Heilung erinnert mich stark an Worte aus der Bibel, und zwar an Worte aus dem zweiten Korintherbrief. Der Apostel Paulus schreibt darin übers Trösten.

Wenn Paulus über das Trösten redet, beginnt er bei Gott selbst. Er beschreibt Gott als die Quelle des Trostes. Paulus schrieb diesen Brief in ­erster Linie, um auf Kritik an seiner Person zu reagieren. Einflussreiche Leiter und Gemeindeglieder zweifelten an seiner geistlichen Vollmacht und Autorität, weil Paulus äußerlich anscheinend eine erbärmliche Erscheinung abgab.

Wahrscheinlich konnte er auch nicht sehr überzeugend und packend referieren. Durch so einen konnte unmöglich Gott selbst reden und wirken, folgerten manche. Die Gegner von Paulus gingen teils noch weiter und kamen zum Schluss: So einer kann nicht wirklich zu Jesus gehören. Gott ist doch ein Gott der Stärke!

Paulus geht bereits im Briefeingang auf diese Angriffe ein. Er leugnet nicht, dass er tatsächlich ziemlich erbärmlich aussieht, stellt das allerdings in einen besonderen Zusammenhang. Paulus offenbart uns damit auch einen möglichen Sinn des menschlichen Leidens, ich nenne das den »Trostkreislauf«.

Das Wort »Trost« hat im Neuen Testament eine große Bedeutungsbreite – etwa ermutigen, ermahnen, zurechtweisen, stärken, innerlich festigen. Wenn von Gott als Tröster die Rede ist, meint das also viel mehr als bloß »bemitleiden«.

Als ich mit 20 Jahren plötzlich kaum mehr gehen, schreiben und ­lesen konnte, fragte ich mich, wie ich das nun mit einem liebenden und barmherzigen Gott zusammenbringen sollte. Ich sehe mich noch heute am Zimmerfenster im Spital stehen und denken: Ob ich da nicht lieber runterspringen sollte?

Der Apostel Paulus rechnete oft nicht mehr damit, lebendig aus Notsituationen herauszukommen. Dennoch kann er sagen, dass er von Gott getröstet wurde. Wie erlebte Paulus diesen Trost von Gott? Wir erfahren es nur bruchstückhaft. Er verstand wohl unter Trost ermutigen, ermahnen und stärken. Er sagt, dass er zum Beispiel durch den liebevollen Umgang der griechischen Christen mit einem Freund von ihm getröstet, gestärkt und ermutigt wurde.

In einem erlebte Paulus aber besonders Gottes ermutigendes und stärkendes Trösten: Er bekam immer wieder die Kraft, um seinen Weg mit Jesus und seinen Dienst für ihn gegen alle Widerstände und vermutlich trotz eines zusätzlichen chronischen Leidens zu gehen.

Die Erfahrung, dass auch andere Menschen mit Schwerem leben lernen müssen, wirkt tröstend.

Bei mir war und ist das ähnlich. Mit anderen Betroffenen über Erfahrungen und Gefühle im Umgang mit der eigenen Behinderung zu reden, tut meistens gut. Es gibt aber auch Zeiten, in denen es mir nicht nach Reden ist. Da bin ich darauf angewiesen, dass jemand einfach da ist.

Es kann sogar so weit gehen, dass ich Freunde brauche, die für mich glauben und beten, weil mir nicht mehr danach zumute ist.

Gerade uns Menschen mit Behinderung befreit Gott meistens nicht einfach von unseren Einschränkungen, wie sehr wir ihn auch darum bitten mögen. Wir brauchen in unserem Leben mit Einschränkungen manchmal die Unterstützung von Freunden und der Familie.

Paulus schreibt in seinem Briefeingang: »… damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind, durch den Trost, mit dem auch wir von Gott getröstet werden.« So kann sich Gottes Trost auswirken. Getröstete werden zu Tröstenden! Damit wir Gottes Wirken in unserer Not tröstend empfinden können, kostete ihn alles: Jesus Christus.

Gottes Trost ist zutiefst leidgeprüft! Eigene Leiden machen sensibel für die Leiden des Nächsten. Wenn jemand aus eigener Betroffenheit Trostworte spricht, dann sind das mehr als Worte!

Körperlich und seelisch begrenzte Pfarrerinnen und Pfarrer, Priester und Pastoren sind für ihre Kirchen eine unentbehrliche Bereicherung, ein Mehrwert! Sie fallen dadurch auf, dass sie mitunter einfühlsamer für die Nöte anderer sind. Pfarrer mit offensichtlichen Grenzen sind häufig ein Vorbild für den Umgang mit persönlichem Leiden.

Kurz nachdem ich selbst an MS erkrankt war, lernte ich andere kennen, die unerwartet mit schweren Diagnosen umgehen mussten. Andere wurden durch mein leidgeprüftes Leben irgendwie von Gott ermutigt und getröstet, ihre eigenen Herausforderungen zu tragen.

Ich scheine seither Menschen mit schwierigen Lebensumständen richtiggehend anzuziehen.

Das Erstaunliche ist: Wir werden dabei ermutigt und getröstet! Trost und Trösten ist also keine Einbahnstraße. Eine Bedingung gibt es allerdings: Wir dürfen nicht in der Isolation bleiben. Diese Phasen gibt es zwar. Wenn wir uns danach aber wieder zugänglich zeigen, den Weg ins Leben zurück suchen, dann können wir Ähnliches erleben wie Paulus und seine Freunde damals.

Doch es fehlt noch etwas Wichtiges: der Dank.

Den Schluss des Briefeingangs im 2. Korintherbrief habe ich lange überlesen, dabei enthält er ein überraschendes Detail: »Helft aber auch ihr, indem ihr für uns betet, damit viele Menschen in unserem Namen Dank sagen für die Gnade, die uns geschenkt wurde.« Am Anfang und am Schluss stehen der Dank und die Ehrerbietung an Gott.

Hier schließt Paulus zum Thema Trost einen Kreis. Wer in der Not erlebt, dass er von Gott und von Menschen getröstet wird, der ist auch ermutigt, Gott wieder und wieder um seine Hilfe zu bitten! Und er ist sich nicht zu schade, auch andere in seinem Umfeld über seine Situation zu informieren und um Gebet für ihn zu bitten. Nicht zuletzt schwingt hier auch eine missionarische Dimension mit!

Oliver Merz

Der Weg durch die 78 Etagen des World Trade Centers

10. September 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Buchbesprechung zu Michael Hingsons »Held auf vier Pfoten. Eine dramatische Rettung am 11. September«
 

Es ist 8.46 Uhr an einem Dienstagmorgen in New York. Vertriebsleiter Michael Hingson bereitet im Nordturm des World Trade Centers seine Präsentation für ein bevorstehendes Vertriebsseminar vor, als plötzlich das ganze Gebäude erbebt. Ganze 49 Minuten brauchen Hingson, sein Kollege David und Hingsons Labradorhündin Roselle, bis sie das Gebäude verlassen können.

Nur: Hingson ist seit seiner Geburt ohne Augenlicht, Roselle sein Blindenhund.

Den Weg durch die 78 Etagen, 1463 Stufen, des Nordturms und die anschließende Flucht durch die Straßen New Yorks nutzt Hingson, um Reflexionen über sein Leben als Blinder anzustellen. Angefangen von seiner Kindheit, in der er lernt »nur mit Gehör« Rad zu fahren, die Begegnung mit seinem ersten Blindenhund Squire, über die Ära des technologischen Fortschritts in den 1970ern bis zu seinem beruflichen Werdegang, entfaltet sich eine interessante Lebenserzählung, die sogar zu einer Begegnung mit Gott ausreift.

Beinahe ist man geneigt, durch die sympathische Erzählweise Hingsons das Ereignis »11. September« in den Hintergrund zu verdrängen, wäre da nicht der dramatische Wechsel zwischen biografischen Schilderungen und den beklemmenden Ereignissen jenes Tages.

Hingson, Michael: Held auf vier Pfoten. Eine dramatische Rettung am 11. SeptemberDas Buch gleicht daher einer erzählerischen Achterbahnfahrt, in der der Autor zum einen sein mit viel Witz und Anekdoten gespicktes Aufwachsen in der kalifornischen Provinz und die anschließenden Lehrjahre an der Universität nachzeichnet, zum anderen aber sehr plastisch die absurde und unwirkliche Realität jenes Tages dem Leser vor Augen führt. Genau von dieser Mischung aber zehrt das Buch, dass sich keineswegs nur als die persönliche Chronik des 11. September lesen lässt.

Vielmehr ist am Ende ein Plädoyer für mehr Selbstbehauptung herausgekommen, ein Bekenntnis, mit dem »Ärgernis« Blindheit, wie Hingson es nennt, umzugehen. Blindheit nicht als tragisches Defizit, sondern als Herausforderung zu verstehen; sich nicht hängen zu lassen, darum geht es Hingson, aber auch um die innige Beziehung, das unbedingte Vertrauen, das sich zwischen Hund und Mensch zu entwickeln vermag.

Als Zugabe finden sich am Ende des Buches noch ein »kleiner Knigge für den Umgang mit blinden Menschen« und ein Traktat über das Blindsein.

9/11, mittlerweile sich zum zehnten Mal jährend, wird in »Held auf vier Pfoten« damit zu einer Parabel für mehr Zusammenhalt und Toleranz innerhalb der Gesellschaft.

Alexander Mischke

Hingson, Michael: Held auf vier Pfoten. Eine dramatische Rettung am 11. September, SCM Hänssler, 208 S., ISBN 978-3-7751-5317-1, 18,95 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643) 246161

 

»In einer Gemeinschaft passiert etwas«

3. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Wie Menschen zum Glauben kommen – Zum Beispiel Matthias Böcking aus Bad Berka.

Den Fisch, das Symbol für Christus hatte Matthias Böcking schon oft gesehen und gedacht: »Wenn ich ein Auto habe, möchte ich auch so einen Fisch.« Das Auto fahren er und seine Mutter gemeinsam. (Foto: Sabine Kuschel)

Den Fisch, das Symbol für Christus hatte Matthias Böcking schon oft gesehen und gedacht: »Wenn ich ein Auto habe, möchte ich auch so einen Fisch.« Das Auto fahren er und seine Mutter gemeinsam. (Foto: Sabine Kuschel)

Matthias Böcking, 22 Jahre, ist ­getauft und konfirmiert, doch innerlich hatte er kaum einen Bezug zum Glauben und zur Kirche. Das änderte sich, als er 2004 zum ersten Mal an einer vierzehntägigen Jugendfreizeit des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) in Haus Hoheneiche auf der Saalfelder Höhe teilnahm.

Eigentlich hatte er nur für eine Woche gebucht, aber da es ihm dort so gut ­gefiel, blieb er noch länger.

»Ich bin dann fünf Jahre hintereinander hingefahren und habe immer mehr Zugang zum Glauben gefunden«, erzählt er. Die Gemeinschaft mit anderen zu erleben, sei von großem Wert gewesen. »Zu fühlen, dass in einer solchen ­Gemeinschaft etwas passiert.« Zum anderen erinnert er sich gern an die intensiven Gespräche in Hoheneiche mit den Mitarbeitern.

»Das war sehr toll, das hat mich geprägt und erst richtig zum Glauben gebracht«, sagt er. Seit drei Jahren ist Böcking selbst Mitarbeiter bei den Jugendfreizeiten.

Beeindruckt ist er auch vom internationalen Jugendtreffen in Taizé, an dem er voriges Jahr das erste Mal teilnahm. Dort werde viel Wert auf das Nachdenken über grundsätzliche Fragen gelegt. »Das hat mir sehr gut getan.«

Der junge Mann lebt in Bad Berka bei seinen Eltern. Bis zur zehnten Klasse besuchte er das Gymnasium in Blankenhain. Damals wollte er Informatik studieren.

Seine Bewerbung für das Musikgymnasium Schloss Belvedere, der Weimarer Spezialschule für musikalisch begabte Kinder und Jugendliche schlug fehl. Dass er kurzfristig dann doch noch auf eine Schule mit Spezialklassen für Musik kam, dem Goethe-Gymnasium/Rutheneum in Gera, dahinter vermutet er eher eine »Hilfe von oben« als Zufall.

Die Bewerbungsfrist auf dem Geraer Gymnasium war eigentlich schon abgelaufen. Aber als er anrief, erfuhr er, dass es noch einen freien Platz gäbe, auf den sich allerdings sieben Leute beworben hatten. »Dass die mich sehr gern haben wollten, das war schon ein Fingerzeig für mich«, sagt er. »Und die prägendste Zeit für mich im musika­lischen Sinne.«

Böcking studiert Kirchenmusik an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar im 5. Semester. Dass er sich für die Kirchenmusik entschieden hat, sei ein Resultat seines Nachdenkens als Christ. »Sonst hätte ich vielleicht etwas anderes gemacht. Ich hätte überlegt, wo ich viel Geld verdienen, ein glückliches Leben haben kann. So habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich etwas für Gott machen kann.«

Er ist stolz auf die, wie er sagt, hervorragende künstlerische Ausbildung in Weimar, mit der er sich nach dem Studium gute Chancen für eine A-Kirchenmusiker-Stelle ausrechnet.

Dass in den Gemeinden allerorts gespart wird, auch bei der Kirchenmusik, ist für ihn kein Grund zur Sorge. »Es ­werden zwar Stellen gekürzt, aber es studieren auch weniger Leute. Ich bin der Einzige im Semester.« In den drei folgenden Semestern studiere auch niemand Kirchenmusik. Erst jetzt im neuen Studiengang würden wieder vier Leute beginnen.

»Ich möchte eine A-Stelle, weil ich auch einen künstlerischen Anspruch habe«, sagt er. Doch zugleich betont er, dass die Musik Mittel zum Zweck sei, sprich: sie soll Gott verkündigen.

Neben der Musik ist das Nachdenken über Gott und das Leben für den jungen Mann wichtig. »Ich bete regelmäßig.« Das Gebet sei für ihn eine Möglichkeit, mit Gott in Beziehung zu treten und das eigene Handeln zu reflektieren.

Im wöchentlichen Hauskreis stehen ebenfalls Gebet, Bibellesen und der Austausch über den Glauben im Mittelpunkt. »Das ist sehr schön und man merkt, wie man eine andere Sicht auf bestimmte Situationen bekommt.«

Glauben an Gott hat für den angehenden Kirchenmusiker außer dem Nachdenken auf intellektueller Ebene auch eine emotionale Seite. Diese werde in der Gemeinschaft und durch Musik angesprochen.

Sabine Kuschel

»An Zufälle glaube ich nicht mehr«

28. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off


Wie Menschen zum Glauben kommen – Zum Beispiel Torsten Geschke aus Wolfen.

Torsten Geschke

Torsten Geschke

Torsten Geschke, Physiotherapeut, 38 Jahre, ist durch seinen dreijährigen Sohn zum Glauben gekommen. Till Gregor, das erste Kind von Anja Topat und Torsten Geschke, ist am 7. Juni 2008 geboren. Als er da ist, fragen sich seine Eltern, wie sie ihn erziehen, welche Werte sie ihm vermitteln sollten?

Bestimmte Haltungen, darin sind sich beide einig, wollen sie ihrem Sohn auf keinen Fall beibringen, zum Beispiel die, dass materieller Besitz und Status Anerkennung bringt, nach dem Motto: »Hast du was, dann bist du was.«

Ob es vielleicht in der Kirche noch andere Werte geben könnte? Nur vage denken sie an diese Möglichkeit. Doch weder Torsten Geschke noch seine Partnerin sind in der Kirche.

Doch Anja Topat arbeitet in einer Kirche, im Merseburger Dom, wo sie unter anderem Führungen macht. Obwohl sie nicht in der Kirche ist, bewarb sie sich nach ihrem Studium der Kommunikation und Medienpädagogik um die Stelle dort – und bekam sie.

Bereits während der Schwangerschaft schlägt der Pfarrer vor, das Kind nach der Geburt taufen zu lassen und signalisiert, dass dies möglich sei, auch wenn die Eltern selbst nicht der Kirche angehören. »Wir hatten ein sehr aufschlussreiches und angenehmes Gespräch mit dem Pfarrer und haben uns für die Taufe entschieden«, erzählt Geschke.

An Zufälle glaube er inzwischen nicht mehr. Erst recht nicht, wenn er daran denkt, wie ihn scheinbar zufällige Ereignisse zum Glauben führten.

Ihren Till Gregor wollen die Eltern später zur Christenlehre schicken, sie selbst können ihm keine christlichen Werte vermitteln, finden es aber ganz in Ordnung, wenn ihr Sohn auf diese Weise zwei Seiten kennenlernt, Christen und Nichtchristen. Doch dann kommt es anders.

Nach einem Umzug innerhalb Leipzigs befreundet sich die junge Familie mit ihren neuen Nachbarn. Diese sind Christen und laden das Paar nach einigen Gesprächen zu einem Glaubenskurs in die Nathanelkirchgemeinde in Leipzig-Lindenau ein.

Anja Topat hat momentan dazu keine Zeit, Torsten Geschke lässt sich nach einigem Zögern darauf ein. Beeindruckt ist er von der freundlichen Begrüßung, »dass mir jeder in der ­Gemeinde die Hand gereicht und freundlich gelächelt hat«.

Trotzdem denkt er: »Es muss einen Haken geben. Es wirkte wie eine Großveranstaltung einer Versicherung.« Nach den ersten Abenden stellen sich große Zweifel ein.

»Ich bin Realist«, sagt er. »Es kann nicht sein, dass eine Person, die man nicht sehen kann, eine Welt erschafft. Oder dass jemand zu Tode gefoltert wird, das war die Kreuzigung Jesu, nach drei Tagen aufersteht. Das funktioniert nicht.«

Weitere Veranstaltungen will er nicht besuchen. Jedoch die Diskussionen in der Gemeinde und danach mit seinem Freund auf dem Nachhauseweg findet er hoch ­interessant. »Das waren tiefgründige und auch ergreifende Gespräche.«

Und so vergeht ein Abend nach dem anderen bis das Thema »Heiliger Geist« dran ist. »Dabei habe ich eine außergewöhnliche Erfahrung ­gemacht«, erinnert er sich. Nach dem Videovortrag sind Vier-Augen-Gespräche zwischen den Kursteilnehmern und Mitgliedern der Gemeinde vorgesehen.

Peinliche Stille!

Der ­Pfarrer ist der Einzige, mit dem sich Geschke ein Gespräch vorstellen könnte, doch der verlässt den Raum. »Ich dachte, gut, dann gehe ich eben auch nach Hause. Rumsitzen muss ich hier nicht«, so Geschke.

Er ist überrascht und irritiert, als der Pfarrer vor der Tür steht. Kurze Zeit später folgt er ihm zu einem Gespräch unter vier ­Augen. Der Pfarrer beginnt mit einem Gebet, er bittet um den Heiligen Geist.

In diesem Moment habe er ein Gefühl absoluter Euphorie erlebt, schildert Geschke. »Das war eine Erfahrung, die mich irritiert hat.«

Doch mit diesem Erlebnis steht fest: »Ich lasse mich taufen.«

Sein Leben, sagt Geschke, habe sich seitdem verändert. »Fakt ist, da bin ich wieder Realist, es zählt das Ergebnis. Ich habe mehr Ruhe und Gelassenheit. Das Gebet gehört jetzt zum alltäglichen Leben. Und das ist wunderbar. Zu beten, das ist eine wunderbare Sache. Und man sieht, dass sich etwas ändert.«

Wie Geschke zum Glauben gefunden hat, das ist ein Prozess, der einige Jahre gedauert hat. »Vielleicht hätte es nicht funktioniert, wenn meine Frau damals nicht im Dom angefangen hätte«, sinniert er. Sie wolle übrigens demnächst ebenfalls einen Glaubenskurs besuchen.

2010 kam Leonhard, ihr zweiter Sohn zur Welt, er wurde dieses Jahr im Mai getauft.

Vor einigen Wochen ist die Familie von Leipzig nach Wolfen gezogen, wo Geschke eine Sport- und Physiotherapeutische Praxis eröffnet hat.

Sabine Kuschel

»Wir müssen nicht perfekt sein«

18. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off


Nikolaus und Anne Schneider erinnern sich im Christlichen Hospiz an ihre 2005 verstorbene Tochter.


Nikolaus und Anne Schneider (Foto: Archiv)

Nikolaus und Anne Schneider (Foto: Archiv)


Die gelbe Kerze am Eingang des Hospizes Siloah in Herrnhut brennt. Wenn jemand im Haus gestorben sei, dann würde die Kerze angezündet und brenne 24 Stunden lang, erklärt Gundula Seyfried, Gründerin der christlichen Hospizarbeit in Ostsachsen, das Ritual.

Es ist eine Schwimmkerze in einer blumengeschmückten Wasserschale, die auf einem aus Sandstein gehauenen Ständer steht.

»Wie ein Taufbecken«, meint Anne Schneider.

Ihr Mann, Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, führt den Gedanken weiter: »Das Wasser der Taufe führt mit Christus durch den Tod ins Leben.«

Beide Theologen, Anne Schneider ist Lehrerin, haben Mitte August zum ersten Mal Herrnhut besucht. Dass sie dort sofort das Hospiz aufsuchten, lag an Meike, der jüngsten ihrer drei Töchter. Sie starb 2005 im Alter von 22 Jahren nach zweijährigem Kampf gegen Knochenmarkkrebs, Leukämie. Die Erinnerung an sie sei stets gegenwärtig. »Wenn ich in eine Kirche komme, zünde ich ­immer eine Kerze an für Meike«, erwähnt Anne Schneider.

Hier im Hospiz hat das Ehepaar mit einigen Todkranken gesprochen: »Es wurde sofort sehr persönlich, es ­waren Minuten mit unglaublicher Dichte«, berichtet Nikolaus Schneider bewegt.

Anne Schneider erinnert sich: »Ich habe zwei Jahre mit auf den Krebsstationen gelebt, Freude und Trauer erlebt, das möchte ich nicht missen. Man konnte viel körperlich zeigen, sich umarmen. Die Menschen haben keine Masken.«

In Siloah ist jetzt eine Frau gestorben, die sie eigentlich noch besuchen wollten. Zu spät!

Wieder eine schmerzhafte Erinnerung, über die Anne Schneider spricht: »Meike hatte sich einen Abschied mit Segen gewünscht, bevor sie wegen ihrer Schmerzen in ein künstliches Koma versetzt wurde. Wir hatten telefoniert und ihr versprochen, dass wir kommen, aber wir mussten von Neukirchen nach Essen und sind fünf Minuten zu spät gekommen.« – »Stau auf der A40«, wirft ihr Mann ein.

Anne Schneider: »Da bleibt ein Stück Bitterkeit. Der Trost: Das ist nicht das absolute Ende.« ­

Nikolaus Schneider: »Wir erfahren unsere Grenzen, wir müssen nicht perfekt sein.«

In dieser gegenseitigen Ergänzung – sie in persönlichen Erinnerungen, er mehr in der theologischen Reflexion – haben sie 2006 ein Buch geschrieben »Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weist – Leben und Glauben mit dem Tod eines geliebten Menschen«.

»Da kämpften und hofften und beteten wir zwei Jahre lang vergeblich für unsere und mit unserer Tochter um ihre Heilung und um ihr Leben und wollen jetzt mit all unserer Trauer und Traurigkeit ein Trostbuch schreiben – geht das?«, fragt Nikolaus Schneider im Vorwort. Ohne »frömmelnde Vertröstung« oder »christlichen Leistungsdruck?«

Beide machen deutlich, dass der Abschied vom Leben wehtut, dass Sterben und Sterbebegleitung die Fragen nach Gottes konkreter Liebe und Allmacht immer neu stellen.

»Aber gerade weil Meikes und weil unsere Gottesbeziehung in Leid und Verzweiflung nicht abgebrochen ist, gerade deshalb gewannen wir die Freiheit, glaubend zu fragen und zu zweifeln, zu zittern und zu ­weinen, zu klagen, anzuklagen und sprachlos zu werden.«

Seit dem Erscheinen des Buchs sind sie vielen Einladungen aus der Hospizarbeit gefolgt, um mit Mitarbeitern und Angehörigen zu sprechen.

Nun fand so ein Abend auch in Herrnhut statt. Anne Schneider zieht Bilanz: »Diese Gesprä­che mit den Besuchern helfen auch meinem Mann und mir, den Verlust unserer Tochter einzuordnen und Nä­he zu spüren.«

Katharina Weyandt

Ein Leben im Schatten der Mauer

12. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Er erlebte vom Westen aus den Mauerbau und wurde durch den Mauerfall gerettet: Christoph Wonneberger.

Christoph Wonneberger initiierte in Dresden die Friedensgebete. (Foto: Steffen Reichert)

Christoph Wonneberger initiierte in Dresden die Friedensgebete. (Foto: Steffen Reichert)

Das Allgäu also. Diese Landschaft, die Wiesen und Weiden einrahmt zwischen rauschenden Bächen. Wo sanfte Hügel zum Wandern verführen und den Blick freigeben auf die Alpen. Wo man das Gefühl grenzenloser Freiheit genießt: Das ist das Allgäu, das Christoph Wonneberger in sich trägt. In das die Familie aus Chemnitz in jenem Sommer ‘61 für vier Wochen zum Urlaub gereist ist. Unbeschwerte Tage sollen es sein für eine Familie, in der Sohn Christoph nicht die Oberschule besuchen darf, weil sein Vater Landesjugendpfarrer ist.

Mit einer Radiomeldung ist diese Ruhe im Allgäu plötzlich vorbei: »Die Sektorengrenze nach Ostberlin wird abgeriegelt«, tönt es aus dem Empfänger. Kampfgruppen, Ziegelsteine, Stacheldraht: Zuerst wird Berlin, dann Deutschland unwiderruflich geteilt. Ein Schock ist das für die Wonnebergers. Sie sitzen, reden und diskutieren. Christoph, der damals 17 ist und das alles sehr bewusst erlebt, steht vor einer der schwersten Entscheidungen seines Lebens: »Mein Vater hat mir freigestellt, nicht mit zurückzugehen. Im Westen könnte ich studieren.«

Nach Tagen des Ringens entscheidet sich Wonneberger doch mit zurückzukehren in das Land, aus dem er stammt: »Wenn ich im Westen geboren worden wäre, wäre ich wahrscheinlich dort geblieben«, glaubt der heute 67-jährige Leipziger.

Es ist ein Leben im Schatten der Mauer, das Christoph Wonneberger führt. Und das ihn prägt.

Auf der einen Seite ist die DDR das Land, das das bessere Deutschland sein will. Auf der anderen Seite jener Staat, »in dem man immer öfter suchen musste, ob von diesem Samen der Gerechtigkeit überhaupt auch etwas aufgegangen ist«.

Aber Wonneberger ist einer, und das ist er bis heute, der ändern will, der eine Vision hat. Bei ihm ist der Weg das Ziel.

So lernt er in Chemnitz Maschinenbau – studieren kann er ohne Abitur nicht. Abends paukt er Griechisch, Hebräisch und Latein. Dass er eines Tages Theologe werden wird, das weiß er noch nicht: Das Studium ist schließlich auch eine Entscheidung, um sich gegen den Vater zu emanzipieren.

Er nimmt mit einer Kirchlichen Hochschule zunächst den Umweg, den viele gehen müssen, weil ihnen das Abitur verweigert wird. Er wechselt an die Universität nach Rostock: »Ich wollte wissen, was die Welt zusammenhält.«

Wonneberger liest Hegel und Feuerbach, Karl Marx und Ernst Bloch.

Er fährt nach Prag und Marienbad, wo er Gleichgesinnte trifft und mit ihnen in jenem Frühling ’68 den Traum von einer gerechten Gesellschaft träumt. Doch eines Morgens wacht er auf: »Statt des Weckers hörte ich Maschinengewehrsalven.«

Als er, von diesem Schock innerlich tief verletzt, nach Rostock zurückkehrt und mit Kommilitonen beschließt, bei den Theologen höchstselbst eine FDJ-Gruppe zu gründen, ist es vorbei: Einige von ihnen werden zu Haftstrafen verurteilt, er selbst muss seine Prüfungen vorzeitig abschließen und die Uni verlassen.

Und doch, sagt Christoph Wonneberger, wollte er weitermachen, unbequem sein.

Als Pfarrer in Dresden betreut er Wehrdienstverweigerer und Bausoldaten. Aber weil er eigentlich nicht will, dass junge Männer Straßen bauen müssen, auf denen dann doch Panzer fahren, hat er 1980 eine Idee: die vom »sozialen Friedensdienst« – eine Art Zivildienst für die DDR. Er vernetzt Gruppen und Aktivisten, lässt Kettenbriefe versenden: »Ich dachte immer, dezentral können sie uns am wenigsten fassen. Selbst wenn ich verhaftet werde, geht es weiter.«

In jenen Jahren entsteht durch Wonneberger ein Projekt, das später die Mauer zum Einsturz bringen wird. Christoph Wonneberger begründet in Dresden die Friedensgebete.

Beten für eine bessere Umwelt, für Gerechtigkeit und für gleiche Bildungschancen. Er trägt diese Friedensgebete mit nach Leipzig an die Nikolaikirche, wohin er 1985 wechselt.

Dass er damit aneckt, auch provoziert, das weiß er. »Es gab keinen Monat, wo ich nicht zu einer Aussprache mit meinen Vorgesetzten musste.« Die Stasi beschwert sich nicht bei ihm, sondern beim Bischof oder dem Landeskirchenamt.

Dabei ist er für diese DDR, er will sie nicht abschaffen, er will sie reformieren. Er ist auch gegen jene, die in die Kirche nur kommen, um leichter ausreisen zu können. Aber all das kann er nicht öffentlich erklären. Nur so viel ist ihm klar.

Als im Sommer ’89 der Eiserne Vorhang Risse bekommt und Zehntausende über Ungarn und die ČSSR das Land verlassen, weiß er, »dass wir jetzt eine deutlichere Sprache sprechen müssen«.

Er wirbt für Demokratie, ist tage- und nächtelang auf Achse.

Aber dann – auf dem Höhepunkt dieser friedlichen Revolution – erleidet der damals 45-Jährige am 30. Oktober 1989 einen schweren Schlaganfall.

Als Christoph Wonneberger Tage später aufwacht, gibt es die Mauer, auch die alte DDR so nicht mehr. Er liegt auf der Intensivstation eines Leipziger Krankenhauses. Er kann nicht verarbeiten, was da geschieht, er kann auch nicht sprechen.

So ist es auf schicksalhafte Weise jener Mauerfall, der ihm nun das Leben rettet.

Freunde aus der Partnergemeinde Hannover besuchen ihn fünf Tage nach dem 9. November am Krankenbett. »Die haben dann einfach gesagt: Hier tut sich ja gar nichts. Wir nehmen dich jetzt mit.« Setzen ihn ins Auto, packen den Arztbrief ein und fahren los. Und so wird nun möglich, was vorher undenkbar schien: Der schwer kranke Wonneberger fährt über ­Marienborn und Helmstedt – das deutsch-deutsche Nadelöhr – hinüber nach Hannover.

Ein Jahr bleibt er dort und lernt das Leben neu. Er ist weit weg von den großen Ereignissen, die Deutschland so gründlich verändern. Er genießt mit diesem Abstand eine Normalität, die ihm hilft, den Alltag zu ­bewältigen. So schön das auch ist, so wehmütig ist er manchmal auch.

»Natürlich«, sagt der Pensionär Wonneberger heute über jene Tage, »hätte ich den damaligen Prozess gerne selber mitbegleitet. Vielleicht hätte man von den Idealen der Gerechtigkeit mehr mit hinübernehmen können.«

Die Freiheit des Einzelnen und die Gerechtigkeit für alle – das bleibt weiter sein Thema. Und so wird er auch diesen Sommer genießen. Ganz grenzenlos, versteht sich. Wonneberger und Frau radeln 2000 Kilometer von Budapest ans Schwarze Meer. Es geht über Serbien und Bulgarien bis an die Küste von Rumänien. Und Christoph Wonneberger wird dabei nicht ein einziges Mal seinen Reisepass benö­tigen.

Steffen Reichert

»Du sollst ein Segen sein«

7. August 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

<h5><i>Unterwegs</ i>< /br> Der Herr sei vor dir,< /br> um dir den rechten Weg zu zeigen.< /br> Der Herr sei neben dir,< /br> um dich in die Arme zu schließen.< /br> Der Herr sei hinter dir,< /br> um dich zu bewahren vor der Heimtücke böser Menschen.< /br> Der Herr sei unter dir,< /br> um dich aufzufangen, wenn du fällst.< /br></ h5> <i>Irischer Reisesegen /Foto: ddp images</i>


Unterwegs
Der Herr sei vor dir,
um dir den rechten Weg zu zeigen.
Der Herr sei neben dir,
um dich in die Arme zu schließen.
Der Herr sei hinter dir,
um dich zu bewahren vor der Heimtücke böser Menschen.
Der Herr sei unter dir,
um dich aufzufangen, wenn du fällst.


Irischer Reisesegen /Foto: ddp images


Eine persönliche Betrachtung über die Bedeutung von Segenshandlungen.

Was Segen für sie persönlich bedeutet, beschreibt die Autorin Karin Vorländer, in einem zweiteiligen Beitrag. Hier die Fortsetzung der in der vorigen Ausgabe begonnenen Ausführungen.

Der Reisesegen. Reisen bedeutet Aufbruch ins Ungewisse. Wenn in der katholischen Kirche zu Beginn der Urlaubszeit Autos gesegnet werden, werden nicht die Fahrzeuge als solche gesegnet. Es geht um die berechtigte Angst vor einem Unfall mit vielleicht schrecklichen Folgen. Mit dem Segen bitten wir Gott um seinen Schutz und vergewissern uns, dass wir in Gottes Hand sind. Oder ein Segen zu Beginn des neuen Schuljahres?

Ganz handgreiflich mit dem Auflegen der Hand, sozusagen zur Unterstreichung des Streichelns.

Viele Gemeinden bieten so einen Segnungsgottesdienst beim Übergang in die weiterführende Schu­le inzwischen an. Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein. Ich stelle mir Segen vor wie das Fließen eines Stromes.

Segen ist fließende, in unser Leben hineinfließende, in unserem Leben zirkulierende und aus unserem Leben herausfließende Lebenskraft. Segen widerfährt einem Menschen – er tut selbst nichts dazu.

Segen heißt im Alten Testament ganz arglos und konkret: dass es dem Menschen gut geht, dass er, seine ­Kinder, sein Vieh und sein Getreide gedeihen! Gott erscheint als der ­Segnende ungemein großzügig. Viele Christinnen und Christen können das nur schwer glauben und annehmen, weil sie aus einer Tradition kommen, in der gilt: Um Gott zu dienen, muss man sein Letztes geben und darf auf keinen Fall an sein eigenes Glück ­denken.

Erfülltes Leben, Segen und gesegnet sein, heißt in der Bibel auch: Damit wir ein Segen sind, soll es in unserem Leben eine Erfahrung von Fülle geben. Erst allmählich hat man begriffen: Das muss mehr bedeuten als Gesundheit, Kinderreichtum und materieller Reichtum.

Segen als Fülle wird vielleicht auch andere Formen haben!

Es kann sein, dass jemand weder gesund noch kinderreich noch reich ist, aber dieser Mensch ist eine Wohltat für andere, weil er oder sie in einem inneren Einklang ist, mit dem eigenen Schicksal, mit sich selbst, mit seiner Umgebung und mit Gott.

Nun gibt es aber eine Bestimmung von Segen, die noch eine tiefere Daseinsebene erreicht: Segen bzw. gesegnet sein, das ist radikales Bejaht sein, und zwar im Tiefsten durch Gott.

Meine Einzigartigkeit ist damit verbürgt, das Recht meines So-Seins. Ich bin ein Geschenkpaket. Vielleicht in einer schlechten Verpackung. Vielleicht muss man lange daran aufpacken, bis man an den Kern kommt. Aber der Kern heißt: Ich bin das lebendige Ja Gottes!

Darauf müsste dann auch in einer christlichen Familie alles hinauslaufen: dass die Kinder, die Kleinen und Großen vermittelt bekommen: »Du, nimm dich genauso an, wie Gott dich gemacht hat! Und: Glaube daran, dass du einzigartig und wertvoll bist und Gott dich zum Segen setzt!« Diesen Segen sind wir unseren Kindern schuldig!

Und dann ist eigentlich sofort klar, warum es nach dem ersten Satzteil: »Ich will dich segnen«, sofort und ohne Verzögerung heißt und heißen muss: »… und du sollst (bzw. im Hebräischen: wirst) ein Segen sein!« Wo Menschen in diesem Gefühl von bejaht sein und Fülle leben, schwappt etwas von der Fülle über! Großzügigkeit und Annahme machen sich breit!

Segen über den Tod hinaus.

Das Gesegnet-sein-und-zum-Segen-werden kennt die Todesgrenze nicht, weil Segen und segnen mit dem Sterben eines Menschen nicht aufhört. Der Segen soll aus einem Menschenleben zumindest bis »ins dritte und vierte Glied« fließen! Der Segen schließt die Kinder und Kindeskinder mit ein!

Wer sich fragt, was das heißen soll, der soll sich nur erinnern: Kennen wir nicht wenigstens einen Menschen, dessen Leben erst recht und noch mehr zu leuchten begann, seitdem er nicht mehr unter uns ist? Da wird das Sterben zur Aussaat. Und die Nachkommenden bringen die Ernte ein – und wissen vielleicht nicht einmal, wer zuvor gesät hatte.

Auch in dieser Hinsicht ist Segen ein Licht im Dunklen, auch beim Gedanken an den eigenen Tod, kann ich darauf vertrauen: Gott hat auch in mein Leben etwas hineingelegt, dass den Lebenden noch für eine Weile ­Segenskraft sein wird. Es wäre schön, wenn alte Menschen in dieser Gewissheit ihre Kinder und Enkel segnen würden.

Dem Segen auf der Spur

Der biblische Stammvater Jakob segnet seine Enkel - ein Gemälde von Rembrandt van Rijn.

Der biblische Stammvater Jakob segnet seine Enkel - ein Gemälde von Rembrandt van Rijn.

In der Bibel wird der Segen meist vom Vater auf den erstgeborenen Sohn weitergegeben. Jakob erschleicht sich den Segen des blinden Isaaks, indem er vortäuscht sein ­älterer Bruder Esau zu sein. Was Segen für sie persönlich bedeutet, beschreibt die Autorin, Karin Vorländer, in einem zweiteiligen Beitrag in dieser und der nächsten Ausgabe.

»Darf ich Sie mal was fragen? Sie ­sagen immer ›gesegnete Feiertage‹, statt schönes Fest – was meinen Sie eigentlich damit?« Die Frage der jungen Frau an der Kasse im Supermarkt ließ mich vom Einpacken meiner Feiertagseinkäufe hochschauen.

Ach du Schreck! Wie sollte ich das in wenigen Sätzen erklären?

»Das hier ist Segen«, sagte ich und deutete auf meinen vollen Warenkorb. »Fülle, Überfluss, dass das alles gewachsen ist und dass ich es mir kaufen kann.«

Der abwartende Blick der Kassiererin ließ mich einen zweiten Anlauf machen: »Segen heißt für mich auch, dass ich das Gefühl habe, so wie ich bin, bin ich gut genug, ich bin gewollt und geliebt. – Ein Fest ist für mich gesegnet, wenn alle das spüren: Wir leben von dem, was Gott wachsen lässt und wir leben unter dem wohlwollenden Blick der Güte Gottes.«

»Ach so«, meinte die Kassiererin beim Wechselgeld herausgeben immer noch ein bisschen ratlos.

Auf dem Nachhauseweg sinnierte ich: »War das eine verständliche Erklärung – oder hätte ich besser kurz erzählt, dass wir unsere vier Kinder kurz nach ihrer Geburt haben segnen lassen?

Dass wir seit fast 25 Jahren jede Woche ein Sonntagsbegrüßungsfest in unserer Familie feiern, bei dem wir uns am Ende der kleinen Liturgie und vor dem leckeren Essen eine ›gesegnete Woche‹ wünschen?

Dass ich unsere Mahlzeiten mit einem Tischgebet oder zumindest mit ›gesegnete Mahlzeit‹ eröffne?

Dass ich unserem erwachsenen Sohn, ehe er für ein Jahr nach Kalifornien aufbrach, wortlos ein kleines Kreuz als Reisesegen auf die Stirn gezeichnet habe?

Dass ich unsere Kinder für unverfügbares Geschenk Gottes halte?

Als Eltern wollten wir ihnen nichts lieber vermitteln als das Grundgefühl: »Ich bin willkommen auf der Welt. Komme was mag, ich habe zu Hause Zuflucht, Schutz und Hilfe«.

Oder hätte ich beim allgemeinen Sprachgebrauch ansetzen sollen?«

Etwa bei: »Ein Segen, dass du kommst«, »Erntesegen«, »Kindersegen«, »meinen Segen habt ihr«. – Überall klingt an: Da wird etwas gut geheißen, als Glück empfunden, da ist Fülle, Schutz und Gedeihen. Und es klingt auch durch: Segen hat mit Unverfügbarkeit zu tun, da ist etwas der menschlichen Machbarkeit entzogen: Erntesegen: »Wir pflügen, und wir streuen – doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand«, heißt es in dem alten Erntedanklied, das ich so gerne singe. Und wenn der »Haussegen schief hängt«? Dann ist da kein gedeihliches Zusammenleben, da wachsen weder Frieden noch Glück.

Eine Bauersfrau hat mir erzählt, dass ihr Enkelkind morgens vor der Schule – und besonders gern vor einer Klassenarbeit – bei ihr klingelt und sie bittet: »Oma, mach mir ein Kreuzchen auf die Stirn.« Sie praktiziert, wie Segnen im Alltag aussehen kann: Jemanden bewusst unter den Schutz Gottes stellen, ihm Fülle und Gelingen zusprechen.

Segnen, das ist mehr als ein guter Wunsch.

Segen kommt von »signare« und bedeutet: »bezeichnen«. Natürlich kommt es dabei auch darauf an, Segen nicht als magisches Ritual misszuverstehen. Was, wenn die Arbeit trotz Kreuz auf der Stirn danebengeht? »Dann nehme ich den Enkel in den Arm und sage: »Macht nix, ich hab dich trotzdem lieb«, erklärte mir die Bäuerin.

Segnen heißt: Wir sind handsignierte Unikate – komme was mag.

Denn das Erstaunliche ist, dass wir heute dieselbe Erfahrung machen wie Menschen in biblischer und vorbiblischer Zeit: nämlich, dass das Leben voller Gefahren ist, dass es jeden Augenblick die Erfahrung mit sich bringt, ausgeliefert zu sein wie ein ausgesetztes Kind. Und darum gibt es die Sehnsucht nach Segen auch noch heute: nach Schutz in ungesicherten Situationen, nach Behütet werden. Nicht zuletzt deshalb ist der Segen an Schwellen des Lebens gefragt: Geburt, Erwachsenwerden, Heiraten, Sterben.

Am Anfang des Lebens bringen die meisten Eltern ihre Kinder zur Taufe. Dabei steht sehr oft der Wunsch nach Segen im Vordergrund: Angesichts des Wissens, wie zerbrechlich das Leben ist, stellen sie es unter den Schutz dessen, von dem alles Leben kommt.

Frauenpower in der frühen Christenheit

25. Juli 2011 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Warum eine Frau, mutiger als alle Männer und erste Zeugin der Auferstehung, zum Sexsymbol verfälscht wurde.

Maria aus Magdala, Ikone, Quelle: WikipediaDass Jesus mit Maria aus Magdala eine Liebesaffäre hatte oder Kinder oder dass er mit ihr verheiratet war, gehört zu dem wissenschaftlich unhaltbaren Schwachsinn, der sich auf dem Buchmarkt so gut verkauft. Hätte es dafür irgendwelche Indizien gegeben, hätten sich die spöttischen heidnischen Philosophen in ihrem ­literarischen Abwehrkampf gegen die frühen Christen das Thema mit Sicherheit nicht entgehen lassen.

Aber auch im christlichen Lager selbst waren seit dem späten vierten Jahrhundert die Fälscher am Werk: Ephräm der Syrer setzte Maria Magdalena, wie sie latinisiert genannt wurde, mit der namenlosen Sünderin aus dem Lukasevangelium gleich, die Jesus die Füße gewaschen hat.

Andere identifizierten sie mit Maria von Bethanien, die dasselbe tat, bevor Jesus seinen Leidensweg antrat; Maria oder Mirjam hießen zu biblischen Zeiten so viele. Papst Gregor der Große machte sie in seinen Moralpredigten vollends zu einer reuigen Prostituierten, Verführerin, Sexkönigin.

Dabei war alles ganz anders. In der Bibel steht kein Wort von einer anrüchigen Vergangenheit der Maria aus dem Fischerdorf Magdala am See Gennesaret. Sie schloss sich dem Wanderrabbi Jesus an, weil der sie von »sieben Dämonen« (Lukas 8,2) befreit hatte – was für die Fälscher natürlich nur schlimme sexuelle Ausschweifungen bedeuten konnte, nach damaligem Sprachgebrauch aber auf eine ernste, möglicherweise psychosomatische Krankheit hinweist, vielleicht auf lähmende Depressionen.

Dürfen wir vermuten, dass erst ­dieser Jesus ihrem Leben einen Sinn gegeben hat? Dass sie deshalb mit ihm zog, weil sie bei ihm Güte, Zuwendung, Zärtlichkeit, Hoffnung für die Welt fand? Dass sie und die anderen Frauen in seiner Nähe mutig wurden, dass sie lernten, sich etwas zuzutrauen?

Spätestens beim Kreuzestod Jesu wuchs Maria eine führende Rolle im Jüngerkreis zu: Während die später
zu Säulen der Kirche stilisierten ­Männer allesamt in panischer Angst flohen, um das eigene Leben zu retten, harrten die Frauen unter dem Schandpfahl aus. Als man den toten Jesus bestattet hatte, wollte Maria das Grab nicht verlassen. Und als sie am Auferstehungsmorgen erneut zur ­Felsengruft eilte, war sie nach dem Zeugnis des Johannesevangeliums die erste, die das Grab leer fand. Und auch die erste, die den verschwundenen Jesus suchte. Denn Petrus und ­Johannes, von ihr verständigt, sind verwirrt wieder davongegangen; Maria aber bleibt auch diesmal beim Grab, weinend, hartnäckig, dieses Ende nicht akzeptierend. Sie sieht einen Mann, hält ihn für einen Gärtner und fleht ihn verzweifelt an: »Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast; dann will ich ihn holen.« (Johannes 20,15)

Und dann der Zauber der Wiedererkennungsszene, die ein Glaubensbekenntnis in Poesie fasst: »Maria!«, sagt der Auferstandene. Und auch sie sagt nur ein Wort: »Rabbuni!« Die Männer sind längst wieder in ihrem Versteck, und Christus schickt ihnen die Frau, die seine Auferstehung und zugleich seine Vergebung verkünden soll: »Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.« ­(Johannes 20, 17) »Brüder« nennt er sie liebevoll, die Kleingläubigen, die ihn alleingelassen haben. Maria Magdalena aber macht er zur Prophetin, und darum nennt sie die Ostkirche heute noch in begeisterter Verehrung »Apostelin der Apostel«.

Dass zum Freundeskreis Jesu auch Frauen gehörten (die der umherziehenden Schar mit ihrem Vermögen eine gewisse materielle Sicherheit verschafften), hatte schon seine Zeitgenossen entsetzt: Ein Rabbi durfte nach der strengen Version des Gesetzes mit Frauen nicht einmal reden. Den Strategen der zur Staatskirche ­gewordenen Christenheit war so viel Frauenpower aus den eigenen Anfängen ebenfalls peinlich.

Nach heutigem Forschungsstand waren Frauen in den ersten Jahrzehnten an Predigt und Gemeindeaufbau gleichberechtigt beteiligt. Aber spätestens im vierten Jahrhundert, als die Gottesdienste aus den Privathäusern in die neu entstandenen Basiliken verlegt wurden, passte man sich den gesellschaftlichen Regeln an und nahm die Frauen von der öffentlichen Bühne.

Kult, Verkündigung, Theologie, Ordnungsstrukturen, alles blieb jetzt eisern in Männerhand konzentriert. Im Zuge dieser Umorientierung ­mutierte auch Maria Magdalena von der glaubensstarken Prophetin zur bekehrten Sünderin, demütig und auf fremde Gnade angewiesen.

Nur die Künstler haben sich eine Ahnung davon bewahrt, dass es anders gewesen sein muss. Auf dem Isenheimer Altar des Matthias Grünewald trauern in einiger Distanz zum toten Christus eine zur Statue gewordene Mutter Maria, ein blasser, durchgeistigter Apostel Johannes, der sie ungeschickt stützt – und eine in ­stürmischem Schmerz zu Füßen des Kreuzes hingesunkene Maria Magdalena, die Haare offen, die Hände ­ringend: eine Liebende, die den toten Geliebten ins Leben zurückholen will.

Christian Feldmann

Buchtipp:
Feldmann, Christian: Kämpfer, Träumer, Lebenskünstler. Große Gestalten und Heilige für jeden Tag, Herder Verlag, 664 S., ISBN 978-3-451-32049-1, 29,90 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643) 246161

Mensch und Ebenbild Gottes sein

16. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Vorgestellt: Dr. Martina Bärs Erkenntnisse über die Würde von Mann und Frau.

Martina Bär ist wissenschaftliche Assistentin an der Universität Erfurt. Quelle: Jens-Ullrich Koch

Martina Bär ist wissenschaftliche Assistentin an der Universität Erfurt. Quelle: Jens-Ullrich Koch

Vom Haupteingang der Erfurter Universität führt der Weg über den Campus in südwestlicher Richtung zur Villa Martin, dem Sitz der Katholisch-Theologischen Fakultät. Wer denkt, dass hier nur Männer studieren, irrt. Obwohl in der katholischen Kirche die Frauenordination abgelehnt, nur Männer zum Priester geweiht werden, sind 50 Prozent der etwa 150 Studierenden Frauen. Die Möglichkeit als Pfarrerin zu arbeiten, ist ihnen zwar verwehrt.

Aber für Theologinnen gebe es in der katholischen Kirche viele Betätigungsfelder, so Dr. Martina Bär, wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Exegese und Theologie des Neuen Testaments. Frauen können nach dem Studium als Pastoralreferentin, Gemeindereferentin, Lektorin, Lehrerin oder Dozentin arbeiten. In dem 13-köpfigen Professorenkollegium an der Erfurter ­Fakultät sind drei Frauen. »Das ist viel im Vergleich mit ­anderen Universitäten, wo teilweise gar keine Professorinnen sind«, erklärt Bär. Sie wurde kürzlich für ihre Dissertation mit dem Maria-Kassel-Preis 2011 der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster für Nachwuchswissenschaftler in der Theologie ausgezeichnet. Das Thema Bärs Arbeit: »Mensch und Ebenbild Gottes sein. Zur gottebenbildlichen Dimension von Mann und Frau.«

Martina Bär, 1976 geboren, zählt sich zur zweiten Generation der Frauenbewegung. Während die erste Generation sich für die Befreiung von Frauen aus ihrer nachgeordneten Stellung in der Gesellschaft einsetzte, nehme sie auch die Männer mit in den Blick, so die Theologin. Sie erkennt, im Kontext der Emanzipation der Frauen seien Männer die Verlierer, die ihre Rolle erst noch finden müssten. Warum werden Männer zu Tätern?

Im ersten Teil ihrer Doktorarbeit beschäftigt sich die Wissenschaftlerin mit dieser Frage. Als Ursache für die Gewalt von Männern gegen Frauen und Kinder sieht sie Minderwertigkeitsgefühle und Erfahrungen von Unterdrückung an, wie sie in hierarchisch geordneten Strukturen erlebt würden. Nicht nur zwischen Männern und Frauen gehe es hierarchisch zu, sagt sie, sondern auch zwischen Männern. Ihr Anliegen sei das Gespräch zwischen Männern und Frauen, denn dieser »Dialog ist ein wichtiger Baustein für ein friedliches Zusammen­leben der Geschlechter«.

Den Akzent legt die Theologin nicht auf die Befreiung von Frauen, sondern auf die vorausgesetzte Befreiung, die Freiheit. Bär beruft sich dabei auf die Philosophen Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, deren Erkenntnis besagt: »Jeder Mensch ist ein freier Mensch.« Wenn der Mensch diese seine Freiheit erkannt habe, so Bär, könne er sein Leben und seine Beziehungen selbst gestalten. Er sei nicht Sklave einer gesellschaftlichen Rolle. »Der Mensch kann sich sowohl zu ­seinen körperlichen Vorgaben als auch zu seiner sozialen Rolle verhalten«, will sagen: Festgelegte Rollen und Strukturen müssen nicht auf ewig akzeptiert, sie können verändert werden.

Wer sich seiner eigenen Freiheit und deren Wertes bewusst sei, anerkenne auch die Freiheit eines jeden anderen Menschen und fordere ihn sogar auf, von seiner Freiheit Gebrauch zu machen, folgert die Wissenschaftlerin. Sie stützt sich dabei auf Fichtes Aufforderungslehre.

Typisch Mann, typisch Frau! Solche Kategorien will sie nicht gelten lassen. »Wir müssen aufhören, das andere Geschlecht zu interpretieren.« Die feministische Bewegung habe früh darauf aufmerksam gemacht, dass von körperlichen Geschlechtsmerkmalen soziale Normen, Rollen, Ordnungen und Gesellschaftsstrukturen abgeleitet worden seien. »Der Körper diente als Legitimationsgrundlage, den Frauen eine nachgeordnete Stellung in der Gesellschaft und in den Beziehungen der Geschlechter zu geben«, betont Bär. Aber es sei falsch, den Menschen über den Körper und das Geschlecht zu definieren. »Die Selbsterkenntnis »Ich bin« ist geschlechtsneutral.

Der Mensch nehme sich ­zuerst als Mensch, erst danach als ­geschlechtliches Wesen wahr. Diese Erfahrung entspreche dem biblischen Schöpfungsbericht Genesis 1, Verse 26 und 27. »Der Clou daran ist, Gott schafft den Menschen, erst in einem zweiten Schritt wird präzisiert, dass der Mensch männlich und weiblich geschaffen ist.« In der Theologiegeschichte sei man immer davon ausgegangen, dass der Begriff »Mensch« nur auf den Mann bezogen sei. In ­ihrer Doktorarbeit belege sie, dass »Mensch« auf Mann und Frau bezogen sei.

Das Argument, der Mann sei zuerst von Gott erschaffen worden, entlarvt die Theologin als männliche Interpretation. Ebenso die harsche neutestamentliche Reglementierung, dass die Frau in der Gemeinde zu schweigen habe. »Das ist nicht von Paulus«, erwidert sie. Hier handle es sich um redaktionelle Eingriffe, interessegeleitet, jedoch nicht im Sinne des Apostels.

Die katholische Kirche ist für manche Überraschung gut. Einerseits ist die Frauenordination ein Tabuthema. Andererseits ist eine Dissertation wie die von Martina Bär möglich, worin sie darlegt, dass Christus von Männern und Frauen repräsentiert werden könne. Die junge Frau kennt die beschränkten Möglichkeiten für Theologinnen in ihrer Kirche, dennoch fühlt sie sich ihr verbunden. »Ich bin in meiner Kirche verwurzelt.« Und sie hat eine gute Alternative, zu arbeiten und zu wirken. »Hier an der Uni fühle ich mich frei und nicht eingeschränkt.« Zurzeit bereitet sie sich auf ihre Habilitation vor. Dabei beschäftigt sie sich mit einem ganz anderen Thema, mit antiken Stätten. Sie forscht, warum Großstädte – die Geburtsstätten des Christentums – so wichtig waren für die Verbreitung des Evangeliums. Eine Frage, nicht minder spannend als die nach der Gottebenbildlichkeit des Menschen.

Sabine Kuschel

»Ich bin immer wieder neu begeistert«

9. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Katrin Göring-Eckardt hat Theologie studiert ohne akademischen Abschluss. Die Politikerin (Bündnis 90/Die Grünen) ist Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Foto: Archiv

Katrin Göring-Eckardt hat Theologie studiert ohne akademischen Abschluss. Die Politikerin (Bündnis 90/Die Grünen) ist Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Foto: Archiv

 
Katrin Göring-Eckardt beschreibt, was Jesusnachfolge für sie bedeutet.
 
Jesus fasziniert mich, seit ich als Jugendliche in der DDR mit seinem Leben und Wirken zum ersten Mal in Berührung gekommen bin: Was waren das für wundersame Geschichten, die von ihm erzählt wurden! Was waren das für schöne Worte, die er sprach. Was ist das nur für ein Mensch gewesen, der sich nicht einschüchtern ließ von den Autoritäten seiner Zeit, der nicht den Mund hielt, sich nicht hinter Konventionen versteckte und genau das tat, was er sagte. Einer, der seine Überzeugung lebte bis hinein in die bittere Konsequenz seines Sterbens. Ein Mensch, der im Angesicht seines Todes sein Versprechen »ich bin das Leben« nicht zurücknahm und damit zum Leben für uns alle wurde.

Gerade unter den Bedingungen der Diktatur war Jesu Ruf in die Nachfolge für mich etwas Existenzielles. Er machte mir Mut für das einzustehen, was ich als richtig und unbedingt notwendig erkannt hatte. Viele Christinnen und Christen, die in der DDR aufgewachsen sind, haben ihren Glauben in einer Intensität erlebt, die für viele prägend ist und hoffentlich weiter bleiben wird.

Aus dieser christlichen Überzeugung und Begeisterung für die Botschaft Jesu wollten wir zur Zeit der friedlichen Revolution unsere Gesellschaft verändern. Jesu Worte machten uns Mut für eine Vision von Kirche und Gesellschaft, für die es sich zu ­arbeiten, zu kämpfen lohnte. »Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.« (Matthäus 5,6) Jesu Sätze ­haben mich darin bestärkt, selbstständig und manchmal unbequem zu denken. Die Kirchen haben Schutz und einen Freiraum geboten, den das »verordnete Denken« der Mächtigen gerne verhindert hätte.

Dort, wo wir uns in Jesu Namen versammelten, spürten wir, was die DDR-Oberen am meisten hassten: Freiheit. Die Freiheit des Evange­liums. Die Freiheit Jesu. Diese wunderbare Freiheit widersetzte sich den Anmaßungen und Zumutungen des Regimes und dessen Absolutheitsanspruch. Denn da ist einer, der größer ist als alles, was die Mächtigen wollten und womit sie drohten und Angst verbreiteten.

Unser Wissen um Gottes Gegenwart hat in einem totalitären Umfeld den Totalitarismus des Staates ins Verhältnis gesetzt – ins Verhältnis zu etwas Größerem, das über allem steht.

Von dem Wissen um diese Freiheit aus dem Glauben lebe ich bis heute. Der, dem allein ich Rechenschaft zu geben habe, ist nicht von dieser Welt, er lebt aber ohne Zweifel in der Welt. Dieser Glaube gibt mir Kraft und Mut, mich als Politikerin zu engagieren und doch zu wissen, dass das nicht alles ist. Als Politikerin unterscheide ich mich in vielem nicht von meinen parlamentarischen Kolleginnen und Kollegen und von Menschen mit anderen Berufen oder Biografien.

Als Christin aber weiß ich, dass es etwas Größeres gibt als das nächste Radiointerview, die nächste Stufe auf der Karriereleiter, die nächste Wahl. Ich weiß und spüre, dass ich getragen und gehalten bin durch Gottes Kraft.
Jesu nachzufolgen heißt, seine Botschaft offen zu hören und jeden Tag zu versuchen, sie in unserer Gegenwart zu verwirklichen. Denn ich will diese Welt nicht einfach so hinnehmen, wie sie ist. Ich will mich nicht verführen lassen von der sogenannten »Macht des Faktischen«.

Jesu Worte aus der Bergpredigt (Matthäus 5) sind mir vertraut und bedeuten mir sehr viel. Sie sind für mich keine Träumereien, die nur etwas für Spinner und Visionäre wären. Die Verfolgten und Unterdrückten dieser Welt werden selig gepriesen, ihnen wird das Reich Gottes verkündet, das alle Ketten sprengt! Die Trauernden dieser Welt bleiben nicht in ihrer Trauer stecken, sondern sie bekommen Trost zugesprochen! Bloß ein irreales, irrationales Wunschbild, das hier gezeichnet wird? Freilich, unserer Erfahrung nach werden nicht alle Hungernden satt und alle Trauernden getröstet. Nein, so ist die Welt nicht. Aber: So könnte sie sein!

Genau das ist die Hoffnung, die ich in der Nachfolge Jesu nicht aufgebe. Die Hoffnung, die mich als Politikerin und Kirchenfrau antreibt zu handeln, zu verändern und die Schritte zu tun, die zu meiner Schuhgröße passen. Ich muss und kann nicht mit Sieben-­Meilen-Stiefeln vorwärtsstürmen und jeden Tag Revolution machen auf dem Weg zum Reich Gottes. Aber die Füße einfach hochlegen und Däumchen drehen vereinbart sich auch nicht mit meinem Glauben.

Es sind immer die Sanftmütigen, die viel bewirken können. Im Herbst 1989 waren es die stillen, friedlichen Gebete und die Macht der tausend Kerzen. Ich erinnere mich an den ­unüberhörbaren Ruf ungezählter Menschen »Keine Gewalt!«, an den Mut und das Drängen auf Veränderung, die zuvor unmöglich schien. Und an die wir doch glaubten, auf die wir hofften, die wir so unbedingt wollten. Wer will nach dieser Erfahrung noch sagen, die Welt ist eben, wie sie ist, Jesu Worte sind verrückt? »… denn ihnen gehört das Himmelreich« – das ist keine billige Vertröstung aufs Jenseits, wo es all denen einmal besser geht, die hier auf Erden Hunger, Durst, Folter und Elend ertragen müssen.

Der Glaube an die Seligkeit der Bedürftigen spornt dazu an, etwas dagegen zu tun, dass Menschen hungern. Wo so gehandelt wird, da ist das Himmelreich schon nah. Wenn es nicht mehr darum geht, ungerechte Entscheidungen einfach hinzunehmen oder mit sogenannten Sachzwängen zu begründen, sondern das zu tun, was den Schwächsten hilft, da ist das Himmelreich schon mitten unter uns, hier auf unserer Welt.

Das wird mir in den Geschichten und Gleichnissen Jesu immer wieder deutlich und fasziniert mich aufs Neue: Jetzt schon werden Menschen geheilt, finden Stumme Worte, Ausgestoßene eine Heimat. Jetzt schon beginnen Reiche zu teilen, widerfährt Armen Gerechtigkeit, und alle werden miteinander satt. Jesu Leben macht mir Mut und fordert mich auf, mich einzubringen in diese Welt. Mich nicht entmutigen zu lassen von ihren Unzulänglichkeiten, von meinen eigenen Fehlern und den Fehlern anderer – und auch von den Kompromissen, die wir im Leben und in der Politik eingehen. Und so bin ich mutig und fröhlich, stehe mit den Füßen auf der Erde und habe den Himmel in meinem Herzen, bin immer wieder neu von diesem Jesus begeistert.

Katrin Göring-Eckardt

Eine biblische Verheißung bindet ihn

2. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Wie Menschen zum Glauben kommen – zum Beispiel Manfred Böttger aus Leipzig

 

Manfred Böttger, Foto: Armin Kühn

Manfred Böttger, Foto: Armin Kühn

Ich hatte eine schöne, aber belastete Kindheit.« Wegen eines angeborenen Hüftfehlers musste Manfred Böttger in seiner Kindheit oft Spott ertragen. Zudem gehört der Leipziger, Jahrgang 1935, zu einer Generation, deren Kindheit von den schrecklichen ­Er­lebnissen des Zweiten Weltkrieges überschattet ist. »Die Kriegsjahre überlebte ich unter ganz schwierigen Bedingungen«, erinnert sich Böttger. »Wir wurden zweimal ausgebombt, zweimal verschüttet und dann mehrfach evakuiert. Eigentlich hatte ich am Kriegsende, als Kind von zehn Jahren keinen Lebensmut mehr.«
Dass er den Weg zum Glauben gefunden hat, verdankt er seiner Mutter, für die die Beziehung zur Kirche zum Leben gehörte. Sie war es, die ihren Sohn immer wieder anschubste, sich in das neu entstehende Gemeindeleben zu integrieren.

An ein Datum erinnert sich der 76-Jährige noch heute deutlich: der 17. Juni 1953. Vor diesem denkwürdigen Tag gehörten in der Leipziger Paul-Gerhardt-Gemeinde etwa 40 ­Jugendliche zur Jungen Gemeinde. Beim ersten Treffen nach dem niedergeschlagenen Volksaufstand waren es nur noch drei. Für Böttger ist die Andacht des Pfarrers an diesem Abend unvergesslich. Er sprach über Matthäus 18, Vers 20: »Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.« Das Bibelwort machte Böttger Mut. »Da stand fest, ich würde immer zu diesem kleinen Kreis gehören.« Dieser Vorsatz veränderte sein bisher distanziertes, von Wankelmut geprägtes Verhältnis zur Kirche. »Für mich wurden die Jugendkreise der Paul-Gerhardt-Gemeinde in Leipzig-Connewitz zur echten Heimat. Die Gemeinschaft der Jugendlichen in einer von Not gekennzeichneten Zeit wird mir immer unvergessen bleiben«, sagt er heute. Freundschaften, die damals entstanden, bestehen noch heute.

Auch seine politische Einstellung änderte Böttger nach der Niederschlagung des Widerstandes vom 17. Juni. »Es war ein böses Erwachen.« Als der Krieg 1945 zu Ende war, hatte er wie die meisten Deutschen auf eine bessere Zukunft gehofft. »Meine Hoffnung auf eine neue Zeit war groß! So trat ich ohne Bedenken mit Lehrbeginn der FDJ bei und engagierte mich. Warnungen schlug ich in den Wind.« Die politische Realität belehrte ihn ­eines Schlechteren.
Böttger absolvierte von 1949 bis 1952 eine Lehre als Tiefdruckätzer. Danach arbeitete er in den Graphischen Werkstätten in Leipzig, wo sich die Möglichkeit ergab, eine Sonder­reifeprüfung zu machen. Allerdings »scheiterte« er in der mündlichen Prüfung an der Frage, ob Martin Luther für die gesellschaftliche Entwicklung fortschreitend oder hemmend gewesen sei?

Böttger schätzte das Wirken des Reformators für die Gesellschaft positiv ein und fiel damit in Ungnade. »Es brach ein Unwetter über mich ­herein.« Ihm wurde von der Kader­leitung angedroht, dass er den Betrieb verlassen müsste. Er konnte zwar ­bleiben, doch das Abschlusszeugnis über die Sonderreifeprüfung bekam er nicht.

Auch als Meister durfte er, nachdem er 1962 die Meisterprüfung abgelegt hatte, nicht arbeiten. Da er nicht in der Partei war, sei er für die Ausbildung sozialistischer Persönlichkeiten nicht infrage gekommen. Er wurde entlassen und arbeitete fortan in einer Wertpapierdruckerei. »Ein Staat im Staate. Das waren schlimme Jahre.« Aber er habe sich hochgearbeitet und hatte schließlich eine Stelle als Abteilungsleiter inne, erzählt er. Nach der Wende war es nicht mehr die politische Einstellung, die ihm beruflich im Wege stand. Entlassen worden sei er von den Menschen, die aus dem Westen nach Ostdeutschland kamen. »Ich sage das ohne Bitterkeit.« Vielfältige Interessen und sein kirchliches Engagement hatten ihm in der DDR und in der Zeit danach geholfen, mit Benachteiligungen fertig zu werden. Ehrenamtlich arbeitete Böttger seit Anfang der 1970er Jahre im Leipziger Amt für Gemeindedienst.

Bis heute geht er verschiedenen ­Interessen nach und engagiert sich als Lektor, beim jährlichen Friedensgebet zum Welttierschutztag und im Verein »Freunde ehemaliger jüdischer KZ/Ghetto-Häftlinge im Baltikum«. Er blickt dankbar auf sein Leben. Trotz mancher Erschwernisse habe er gemeinsam mit seiner Frau Grete, mit der er seit 1961 verheiratet ist, in der DDR ein schönes Leben gehabt.

Sabine Kuschel

Die Kirche für die Hosentasche

18. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off


Glaube per App – Fromme Anwendungen fürs Handy


»Religiöse Inspiration« lässt sich per App fürs Smartphone herunterladen. ­Neben seriösen Anwendungen findet sich auch theologisch Zweifelhaftes und jede Menge Kitsch. Ob Glockenläuten, Beten oder Beichten, Singen christlicher Hymnen oder doch lieber einer feurigen Predigt lauschen – eine Vielzahl von Apps macht es möglich. (Foto: epd-bild)

»Religiöse Inspiration« lässt sich per App fürs Smartphone herunterladen. ­Neben seriösen Anwendungen findet sich auch theologisch Zweifelhaftes und jede Menge Kitsch. Ob Glockenläuten, Beten oder Beichten, Singen christlicher Hymnen oder doch lieber einer feurigen Predigt lauschen – eine Vielzahl von Apps macht es möglich. (Foto: epd-bild)

Ein Handy nur zum Telefonieren? – Das war gestern. Mithilfe von Miniprogrammen (»Apps«) kann man heute auf seinem Smartphone so ziemlich alles machen: Klavier spielen, ein virtuelles Bier schlürfen – oder seinen spirituellen Durst stillen.

Neben seriösen Anwendungen findet sich auch theologisch Zweifelhaftes und jede Menge Kitsch.

Wer sich schon frühmorgens beim ersten Weckerklingeln spirituell einstimmen möchte, liegt mit dem »Lord Jesus Widget« eines Softwareunternehmens richtig: Glocken läuten, eine schmalzige Frauenstimme singt das englische Vaterunser. Süßliche »Herz-Jesu-Bilder« samt Bibelversen wandern über den Handy-Bildschirm.

»Erzähle Gott, wie du dich heute fühlst«, heißt es in der Anleitung der ebenfalls kommerziellen »I-Talk-to-God«-App. Der Betende wählt aus 70 verschiedenen Emotionen (stolz, zweifelnd, besorgt, traurig) die passende Stimmung aus, teilt seine Gefühlslage mit, und erhält nach einem weiteren Klick eine direkte Antwort in Form eines Bibelverses.

Für Furore hat die Beicht-App ­gesorgt, abgesegnet von der katholischen Bischofskonferenz der USA: »Die perfekte Hilfe für jeden reuigen Sünder«, heißt es in der Beschreibung. Mit ihr erforscht der Bußwillige sein Gewissen anhand eines Fragekatalogs, der sich an den Zehn Geboten orientiert. Als »Sünde« gilt hier auch das Tragen unzüchtiger Kleidung, Masturbation und künstliche Geburtenkontrolle.

Anschließend werden Bußgebete vorgeschlagen. Der digitale Beichtstuhl samt »App«-Solution ersetze jedoch nicht den Gang zum Beichtvater, betont der Vatikan.

Die religiöse App »Me so Holy« ist von der Firma Apple sogar verboten worden, aus Angst, religiöse Gefühle zu verletzen: In ihr kann man sich selbst zum Heiligen machen, indem man eine Heiligenfigur und Religion aussucht und ein Foto von sich einfügt.

Wer den Bildschirmhintergrund seines Handys sakral gestalten möchte, kann das mit animierten ­neonfarbenen Kreuzen tun, die dem Betrachter entgegenschwirren, oder einem »Gott-liebt-Dich«-Button.

Nur einen Fingerstreich entfernt ist das »Christliche Dating Café«, in dem unverheiratete Gläubige mit christlichen Singles chatten können.

Christliche Kinder unterhalten – mit dem Mobiltelefon der nächsten Generation kein Problem: Die »Bibel-Comic«-App einer spanischen Firma erzählt Kindern die wichtigsten Gleichnisse Jesu. Ein Memory-Spiel, bei dem Tierpärchen für Noahs Arche gesucht werden, ist auch schon etwas für Kinderkirchgänger.

Und auch das gibt es: Die fromme Karaoke-App, mit Liedern wie »Amazing Grace«. Wer statt christlichen Hymnen und geistlichem Hip-Hop lieber eine feurige Predigt hören will, kann sich das US-amerikanische ­charismatisch geprägte »Holy Ghost Radio« installieren.

Internationale Unterstützung beim Beten gibt es mit dem Programm »Prayers to share«. Der Betende teilt sein Gebetsanliegen dem sozialen ­Gebetsnetzwerk mit und darf auf Mitbeter hoffen.

Doch warum nur Menschen beten lassen? Bei der kommerziellen Anwendung »ePrayer« sind ­angeblich ­sogar Handys in der Lage, virtuelle Gebete in Richtung Himmel zu ­schicken: Der Handybesitzer muss nur einen Heiligen als Fürsprecher und den Zweck seines Gebetes ­aus­suchen und schon wandert der Gebetstext – wahlweise ein Vaterunser oder »Ave Maria« beliebig oft über den Bildschirm.

Andere Anwendungen sind bodenständiger: Katholische Christen finden unter iMissal katholische Gebete, biblische Tageslesungen, den Heiligenkalender. Selbst klösterliche Exerzitien à la Ignatius von Loyola sind vom Wohnzimmer aus möglich.

Auch deutsche kirchliche ­Ein­richtungen bieten Apps an.

Alle Smartphone-Besitzer etwa, die gerne mit einem Bibelvers in den Tag starten wollen, können sich die App »Herrnhuter Losungen« herunterladen. Die täglichen Bibelworte werden seit 1731 von der evangelischen ­Herrn­huter Brüdergemeine herausgegeben. In zahlreichen Sprachen und Übersetzungen gibt es das Buch der Bücher im benutzerfreundlichen Handy-Format.

Die Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart bietet beispielsweise die ­Lutherbibel samt Bibelleseplan als App an.

Für die Jüngeren gibt es die »Volxbibel« der »Jesus Freaks«, eine Bibelübertragung in Jugendsprache.

Nicht jedem Smartphone-Besitzer sagt das spirituelle »all-inclusive«-Angebot zu. Das Programm »Portable Atheist« bietet Zitate von Atheisten ­sowie Argumente gegen die Existenz Gottes an, um »Debatten mit Christen zu gewinnen«.

Doch auch Christen können sich mit einer speziellen App für eine Glaubensdebatte rüsten: Der »Bible Versinator« findet Bibelverse, die die eigene Meinung untermauern.

Und wem die Kirche für die Hosentasche auf Dauer dann doch zu ­un­persönlich ist, kann sich den ökumenischen Gottesdienstfinder der »Vernetzten Kirche« aufs Handy laden, ­seinen Standort eingeben – und sofort zeigt die Google-Maps-Karte, wo es in die nächste Kirche geht. Real, nicht virtuell.

Judith Kubitscheck (epd)

Anmerkung der Redaktion: Alle Informationen (einschließlich Links) zu den benannten Angeboten bzw. Produkten stellen keine Kaufempfehlung oder Empfehlung zur Anwendung dar.

Und die Kirche bewegte sich doch

12. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Komm, Heiliger Geist!
Doch wenn er tatsächlich käme, brächte er mancherlei ins Wanken.

pfingsten

Pfingstgedanken

Die Lieder mit der Bitte um den Heiligen Geist mag ich besonders.

Dabei kommt mir manchmal der Gedanke, was wohl wäre, wenn der Heilige Geist jetzt tatsächlich eingreifen würde?

Inzwischen rate ich eher, lieber erst einmal nachzudenken, ehe wir der Bitte um den Heiligen Geist allzu lautstark Ausdruck verleihen. Es könnte uns nämlich viel Liebgewordenes durcheinandergeraten.

Zustände, die wir zwar locker beklagen, mit denen wir uns jedoch ganz gut eingerichtet haben und die wir nicht selten selber am Leben erhalten. Denn es ist ja nicht so, dass der Heilige Geist nur unserem schwachen Unvermögen aufhilft und allein die Wünsche erfüllt, deren Verwirklichung uns selber nicht gelingt.

Er weht eher dort, wo er will.

Unser Autor Matthias Weismann ist Superintendent des Kirchenbezirkes Leipziger Land.

Unser Autor Matthias Weismann ist Superintendent des Kirchenbezirkes Leipziger Land.

Wir haben im Leipziger Land jede Menge Kirchen, 156 genau, eine schöner als die andere. Fast alle gut restauriert.

Dennoch, die Gebäudelast für die kleinen Gemeinden ist erheblich.

In einem unserer Dörfer mit nur noch wenigen Christen gibt es sogar zwei Kirchen. Der Entschluss, die eine, die etwas weniger wertvolle Kirche aufzugeben, war nicht leicht, aber von Verantwortung geprägt. Doch ausgerechnet um sie bildete sich nun flugs ein unglaublich agiler und sachkundiger Förderverein.

Übrigens nahezu ohne Gemeindeglieder.

»Das können die gar nicht alleine geschafft haben!«

Inzwischen ist die Kirche in Großpötzschau schon weithin wieder als Schmuckstück erkennbar.

Der Heilige Geist weht eben wo er will? Wenn er sich vorher in der Superintendentur erkundigt hätte, die Großpötzschauer Kirche wäre ihm, ehrlich gesagt, nicht als gewünschter Einsatzort genannt worden.

Weil wir aber schon Verrücktes bei uns mit Kirchen erlebt haben, etwa mit der von Heuersdorf nach Borna verrückten Kirche, bin ich mir nicht mehr sicher.

Eigentlich wurde auch diese Kirche nicht mehr gebraucht, denn die Menschen mussten wegen der Braunkohle wegziehen und ihr Ort wurde zerstört.

Aber dann haben Tausende am Wegesrand buchstäblich Bauklötzer gestaunt. Das passiert übrigens immer, wenn sich Kirche vom Zeitgeist nicht demontieren lässt, sondern überraschend in Bewegung gerät. Und zwar dorthin, wo sie gebraucht wird.

Wenn es sein muss, sogar spektakulär.

Das gibt’s doch nicht, sagen Sie?

Die Leute am Straßenrand haben auch mit diesen Worten ihren Kopf geschüttelt. Heute suchen täglich viele Menschen aus aller Welt die Emmauskirche aus Heuersdorf in Borna auf. Und in ihr findet Leben und Begegnung statt.

Unglaublich?

Auch damals zu Pfingsten sind die Menschen in Bewegung geraten. Die verängstigten Jünger, denen scheinbar ihre Welt zusammengebrochen war, fassten auf einmal wieder Mut. Nicht aus sich selbst heraus verstanden und schöpften sie wieder Hoffnung. Andere konnten sich darüber nur an den Kopf greifen.

So geht das nicht! Was will das werden? Die sind doch betrunken.

591857_79609383In diesem Jahr, dem Jahr der Taufe wollen wir in vielen Gemeinden unserer Landeskirche ein großes Tauffest feiern. Wir sind ein bisschen erschrocken, dass so viele unserer Gemeindeglieder mit der »schönsten und herrlichsten Gabe Gottes«, wie es Gregor von Nazianz einmal gesagt hat, mit der Taufe, nichts mehr anfangen wollen und fast die Hälfte der Eltern ihre Kinder nicht mehr taufen lassen.

Dafür gibt es auch Gründe. Denen muss man aber nachgehen.

Wir werden in unseren Gemeinden also herzlich einladen, ermutigen und uns Mühe geben. Wahrscheinlich werden wir das auch gut machen. Aber nicht auszudenken, wenn sich der Heilige Geist einmischt!

Denn dann verstehen das vielleicht auch Eltern, nicht unbedingt aus Mesopotamien oder Pamphylien, aber immerhin von außerhalb. Also Eltern, die von der ganzen Kirche, ihren Ordnungen und Bestimmungen noch gar keine Ahnung haben.

Wahrscheinlich kennen die auch keine »ordentlichen« Paten. Doch sie bringen uns vielleicht erwartungsvoll ihre Kinder, weil sie der Gabe Gottes tatsächlich vertrauen.

Man muss ja nicht gleich an das Schlimmste denken, doch da sehe ich schon unsere artigen Theologen und die Juristen gewaltig ihre Stirne runzeln. So geht das aber nicht! Schon aus ökumenischen Gründen nicht. Dabei müssen sie wahrscheinlich noch gar nicht alle Argumente in Worte fassen.

Das Stirnerunzeln allein wird eindrücklich genug erscheinen, um nachhaltig alle Völker mit ihrem unzureichenden Taufverständnis zu verschrecken.

Sie verstehen? Also doch lieber nicht singen: Komm, Heiliger Geist!?

O doch! Und zwar schallend laut.

Das wäre nämlich mal wieder ein Problem, dass ich mir für uns von Herzen wünschte. Davon kenne ich übrigens noch eine ganze Menge.

Und wenn der Heilige Geist uns dabei sogar weiter beistünde, wäre auch all unser Aber-Gestammel mit einem Brausen vom Tisch und unsere Kirche bewegte sich doch.

Matthias Weismann

Der Autor ist Superintendent des Kirchenbezirkes Leipziger Land.

Geborgen sein in der Liebe Gottes

8. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

hochzeitspaarWarum viele Hochzeitspaare sich eine kirchliche Trauung wünschen.

Ab Mai registrieren Standesämter und Kirchengemeinden die meisten Trauungen. Obwohl die Zahl der Eheschließungen insgesamt zurückgegangen ist, trauen sich in Deutschland immerhin jedes Jahr rund 370.000 Paare, einander öffentlich das Jawort zu geben – manche von ihnen auch das zweite und dritte Mal. Die Faszination der Ehe scheint ungebrochen.

Gesellschaftliche Konventionen sind es längst nicht mehr, die eine Heirat wie früher zwingend notwendig machen. Wer heute heiratet, tut es aus freien Stücken. Häufig schließt die Eheschließung eines Paares die Phase langjähriger Prüfung ab und eröffnet eine neue. Die Unsicherheit, ob sie ­zusammenpassen oder nicht, soll ein Ende haben.

Dass dazu ein schönes Fest gehört, ist für die meisten selbstverständlich: sich den »Traum in Weiß« erfüllen. Sich mit einem schicken Mann, einer schönen Frau zu präsentieren. Gemeinsam im Mittelpunkt stehen. Die Freunde und Familien beider Seiten zusammenbringen. Viele gute Wünsche und Geschenke entgegennehmen. Miteinander essen, trinken, tanzen und fröhlich sein.

Und was haben Gottesdienst und Kirche mit alldem zu tun? Allein den festlichen Rahmen?

Für manche Paare ist das so. Aber die überwiegende Zahl derer, die heute bewusst auch eine kirchliche Trauung wünschen, hat andere Gründe.

Im Traugespräch finden sie nicht immer gleich die richtigen Worte dafür. Aber nach einiger Zeit ist es heraus.

Ja, da sei etwas. Etwas, was sie schwer beschreiben könnten. Irgendwann fällt dann das Wort Segen.

Ja, der Segen sei ihnen wichtig für das ­Leben zu zweit.

Gesegnet sein. Etwas geschenkt zu bekommen, das mehr ist als du und ich. Die gemeinsame Liebe in einen Horizont stellen zu können, der weiter und höher ist als die Bindung aneinander. Von einer Liebe gehalten werden, die auch dann noch trägt, wenn man sie selbst kaum tragen kann.

Wenn Paare um Gottes Segen bitten, vertrauen sie ihre menschliche Liebe der Liebe Gottes an. Dieses Geborgensein in der viel größeren Liebe Gottes gibt Kraft und Mut für den gemeinsamen Weg. Das gilt besonders für die Zeit, in der Krisen kommen, wie sie wohl in keiner Ehe ausbleiben.

Der gemeinsam empfangene Segen kann daran erinnern, dass es auch für Ehen, die in die Jahre gekommen sind, durch Vergeben und Verzeihen immer wieder einen neuen Anfang gibt. Oder wenn das nicht möglich ist, sich in Achtung voreinander zu trennen.

»Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei«, begründet die Schöpfungsgeschichte die auf Lebenszeit angelegte Partnerschaft als die von Gott gestiftete Ordnung. Es tut dem Menschen gut, Seite an Seite mit einem anderen durchs Leben zu gehen.

paarDie Ehe gibt dem Zusammenleben einen festen Rahmen, ermöglicht neues ­Leben und in der Familie verlässliche Beziehungen, die auf Dauer angelegt sind. Andere Lebensformen sind dadurch aber nicht weniger wert.

Für Martin Luther war die Ehe kein Sakrament und die kirchliche Trauung kein Rechtsakt, sondern »ein weltlich Ding«. Die Pfarrer haben für ihn die Aufgabe, für das Paar zu beten und es zu segnen.

Ein Dekret des Preußischen Landrechts drängte 1794 dieses Verständnis der kirchlichen Trauung als Segenshandlung in den Hintergrund. Eine rechtsgültige Ehe konnte seitdem nur durch eine »priesterliche Trauung« vollzogen werden.

Die Einführung der obligatorischen Zivilehe im Jahre 1875 korrigierte diese Entscheidung. Seitdem ist die kirchliche Trauung nicht länger mit einem Rechtsakt verbunden. Die rechtliche Eheschließung geschieht im Standesamt.

Aufgabe der Pfarrer ist es, einen »Gottesdienst zu Beginn einer Ehe« zu gestalten. Sie sollen nicht das überhöhen, was auf dem Standesamt bereits geschehen ist. Aber auch nicht verschweigen, dass Recht allein nicht genügt, eine Ehe zu begründen.

Es geht um mehr: Um Liebe, die wir empfangen, damit wir selber lieben können.

Wolfgang Riewe

Sehnsucht nach der Fülle des Lebens

31. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Der Himmel ist kein Ort auf der Landkarte des Universums, sondern eine Beziehung – Gedanken zu Christi Himmelfahrt.
 

HimmelfahrtWenn man mit dem Flugzeug die Wolkendecke durchstoßen hat, sieht man nur noch einen endlos weiten Raum: keine Wolken mehr. Keine großen Vögel. Schon gar keine Engel. Kann das der Himmel sein?

Reinhard Mey hat in einem berühmt gewordenen Lied die Sehnsucht beschrieben, die aufkommen kann, wenn man am Boden bleibt und einem startenden Flugzeug hinterher blickt: »Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen.«

Der Himmel, der physikalische Raum zwischen Erde und All, hat ­immer schon als Bild gedient für das Unbeschreibliche, für all das, was wir hinter unseren eigenen Grenzen und Beschränkungen erhoffen.

Aber gibt es den Himmel, »die Fülle des Lebens«, von der in alten liturgischen Texten die Rede ist, überhaupt? Kann man ohne den Himmel überhaupt leben? Muss es nicht das wahre Glück geben – auch später einmal, ein Zuhause, in dem wir immer bleiben dürfen? Oder ist das alles nur eine große Illusion?

Solange die Welt sich dreht, werden Geschichten vom Himmel erzählt. Hoffnungsgeschichten, die sagen, dass es weitergeht. Wunderschöne Geschichten und komische. Eigenartigerweise reden manche Leute besonders gern vom Himmel, wenn es ihnen an den Kragen geht.

Im Gottesdienst – im katholischen regelmäßig am zweiten Weihnachtsfeiertag – ist bisweilen der Bericht von Stephanus zu hören, einem der allerersten Christen, der seinen Mitbürgern eine gesalzene Predigt hielt und seine Zuhörer damit so in Wut versetzte, dass sie ihn umbrachten: »Als sie das hörten, waren sie aufs Äußerste über ihn empört und knirschten mit den Zähnen. Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum ­Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief: ›Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.‹ Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten gemeinsam auf ihn los, trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn.« (Apostelgeschichte 7,54-58)

2HimmelfahrtEs sind die Tapfersten, die so sterben können. Die Überzeugung, dass dort im Himmel etwas Wunderbares auf uns wartet, kann mächtig viel Kraft zum Leben geben. Wer an den Himmel glaubt, lässt sich offenbar hier auf der Erde nicht so leicht die Courage abkaufen.

Die Bibel schildert den Himmel gern als großes Fest, vorzugsweise als Hochzeitsfeier. Da wird ausgelassen gefeiert, fröhlich gegessen und getrunken.

Die Bibel erzählt von diesem Fest nicht so, als müssten wir bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag warten, bis es losgeht. Die Feier hat schon längst begonnen!

Jesus verknüpft das unverrückbar mit seiner Person: »Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.« Sein Himmel beginnt überall dort, wo Menschen wie er ganz Menschen sind, sich aneinander freuen, richtige Freunde werden, miteinander teilen und sich als Partner fühlen, nicht als Rivalen.

Schon der in der hebräischen Bibel dokumentierte Glaube Israels bricht die enge Vorstellung eines über den Wolken lokalisierbaren Himmels auf: Der Himmel ist kein Ort auf der Landkarte des Universums, sondern eine Beziehung. Der Himmel ist die Erfahrung der glücklich machenden – aber auch herausfordernden! – Nähe Gottes.

Viel später entsteht die treffsichere Geschichte von dem Rab­bi, der einem Kind einen Taler verspricht, wenn es ihm sagen kann, wo Gott wohnt. Der Dreikäsehoch antwortet: »Und du ­bekommst einen Taler, wenn du mir sagst, wo er nicht wohnt!«

Das Fest des Himmels hat begonnen.

Zwar hat es noch nicht seinen Höhepunkt erreicht, aber wir sind zum Tanz aufgerufen.

Wie geht das? Vielleicht gibt ein kleines Gebet Aufschluss, das in ­einem Gesangbuch zu finden war, in zierlicher Handschrift auf einen Zettel geschrieben: »Herr, gib mir ein Herz, das die Freude sucht und sie doch nicht festhalten will, das verzichten und teilen kann und das sein Glück in der Freude der anderen findet.«

Wenn wir so zu leben versuchen, leuchten schon jetzt viele kleine Stückchen Himmel wie Mosaiksteine auf, oft noch unverbunden neben­einander liegend wie bei einem unfertigen Puzzle.

Die Bibel ist überzeugt: Gott wird am Ende der Tage diese ­vielen Mosaiksteinchen Himmel zu einem vollendeten Bild zusammen­fügen und zu »seiner neuen Erde und seinem neuen Himmel machen«, wie es am Schluss der Heiligen Schrift heißt.

Christian Feldmann

Manche Schleuse öffnet nur ein Lied

22. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Ein Lied für Gott: die Frankfurter Sängerin KAT im Kloster Volkenroda in Thüringen (Foto: Harald Krille)

Ein Lied für Gott: die Frankfurter Sängerin KAT im Kloster Volkenroda in Thüringen (Foto: Harald Krille)

 
Warum das Singen so wichtig ist – Persönliche Erfahrungen von Andreas Hausfeld:

Mein erster Chorpulli war grün. Ich sang im Kinderchor einer größeren Gemeinde, ein Steppke von ungefähr zehn Jahren. Wir sangen mal leise, auch mal schräg und laut. Und freuten uns auf das Spiel zum Abschluss der Übestunde. Bei den Konzerten waren wir aufgeregt und nicht immer konzentriert. Wir sangen mit anderen Gruppen zu Weihnachten oder vor den Sommerferien. Die trugen ihren Chorpulli. Unserer hatte aber natürlich die schönste Farbe.

Abgesehen von einer kurzen Phase hat mich die Chormusik seitdem begleitet. Das Singen wurde fast meine zweite Haut. In der Jugendkantorei, den Unichören, über zehn Jahre im Jungen Vokalensemble Hannover oder jetzt in Greiz.

Stets war eine ­meiner ersten Fragen: Wo kann man denn hier singen? Ob ich ohne die Chormusik Pfarrer geworden wäre? Ich glaube fast, nicht.

Warum ist mir aber das Singen wichtig?

Darüber dachte ich erst als Student nach. Da ist das Gemeinschaftserlebnis, natürlich. Oder das gute Gefühl, wenn nach vielen Proben ein Konzert gelingt. Aber das war es nur zum Teil.

Ich merkte vor allem, wie mir die Musik als Christ eine Sprache an die Hand gibt, die ich so nie aus mir selbst schöpfen könnte. Eine Sprache für den Abschied von einem Menschen oder den gerade so schönen Tag.

Bei einer Säuglingstaufe sangen wir einmal »Weißt du, wie viel Sternlein stehen«. Die Stimmung des Orgelvorspiels übertrug sich, dass zumindest ich beim Singen Gänsehaut bekam. Da kommen die besten Worte nicht mit.

»Hüpf auf, mein Herz, spring, tanz und sing, in deinem Gott sei guter Ding, der Himmel steht dir offen«
(EG 399,7). Der Lebensbrunnen Gottes sprudelt, passend zum Titel, in diesem Vers.

Durch das Lesen von Gesangbüchern entdeckte ich die geistliche Kraft vieler Lieder.

Manchmal dachte ich: Was wäre, wenn die Gemeinde täte, was sie gerade singt? Vor Gott tanzen wie David es tat, springen oder jauchzen? Freudenschreie in der Kirche, man stelle sich das mal vor!

Auch in den alten Liedern stecken noch genug neue Zumutungen. Nur verstecken wir sie oft. Bis hin zu Gottes Mutterhänden, mit denen er die Seinen leitet (EG 326,5). Das Gottesbild, Johann Jakob Schütz mit diesem Vers schon 1675 entfaltet, ist es schon bei mir angekommen?

»Wer singt, betet zweimal.«
Oft wird zum Sonntag Kantate an diesen Satz Martin Luther Kings erinnert. Er hat nach meinem Gefühl recht. Darum tut mir dieser Satz doppelt weh.

Viele Menschen beten nicht, weil sie keine eigenen Worte dafür finden. Aber sie lassen sich, wenn sie nicht mehr singen, auch von den Gebeten alter und neuer Lieder nicht mehr an die Hand nehmen. Sie packen die »Musica als Gabe und Geschenk Gottes« (Martin Luther) nicht mehr aus. Und bleiben so stumm und damit unbeschenkt. Darum hoffe ich, wir singen Gott! Und sei es, um uns auch ein wenig selbst zu beschenken oder zu erleichtern.

Ob es alte oder neue Lieder sein müssen?

Seit ich singe, war ich neugierig auf alle möglichen musikalischen Ausdrucksweisen des Glaubens. Auf die historische Aufführungspraxis barocker Musik oder die moderne Polyfonie der Werke eines Eric Whitacre oder Morten Lauridsen.

Doch wonach ich mich sehne?

Ich sehe mich noch im Berner Münster als Student zum Abendmahl gehen. Die Gemeinde ­begleitete uns wie selbstverständlich vierstimmig mit ihrem Gemeindelied. Das bleibt unvergesslich.

Müssen Glaubenserfahrungen zweitens immer aus einem streng kirchlichen Kontext kommen?

Vor Jahren, eine persönlich schwierige Zeit. Ich war auf der Rückfahrt, das Radio lief. Auf einmal sang eine Stimme: »Es sind seine Straßen, von jeher. Seine Straßen, von den Bergen bis ans Meer.« Ich hielt an und habe hemmungslos geheult. Manche Schleuse öffnet nur ein Lied, und sei es ein Pop-Song. Ich war danach erleichterter, auch zuversichtlicher. Viele Wege geht Gott zu meinem kleinen Glauben.

Es gibt Momente, die darum nur die Musik schenken kann. Mal suche ich diese Begegnung bewusst. Mal kommt sie beiläufig daher. Wenn es einmal nicht meine Lieder sind, die gesungen werden, denke ich hoffentlich: Mein Gott, hier betet jemand zu dir in einer für mich ungewohnten Sprache. Aber es ist schön, dass er nicht schweigt, sondern zu dir betet.

Wo ich träge im Alten verharre, lass mich auf die Stimme der Alten hören. Sie gaben das Eine nicht auf und rufen mir gleichzeitig zu: »Singet ihm ein neues Lied; spielt schön auf den ­Saiten mit fröhlichem Schall!« (Psalm 33,3).

Andreas Hausfeld ist Pfarrer in Greiz.

Gott spricht auf mancherlei Weise

15. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Der Gottesdienst hat noch mehr zu bieten als die Predigt.

Hand aufs Herz: Wer hat nicht auch schon so gefragt, bevor er sich am Sonntagmorgen auf den Weg zur Kirche machte? Zu welcher Kirche? Das ist die Frage.

Natürlich kann man so nur in der Großstadt fragen, wo man das Privileg der großen Auswahl hat. Rechtzeitig zur Wochenmitte sind die Namen aller Prediger und Predigerinnen gegebenenfalls in der Zeitung aufgeführt. Da sollte sich doch etwas finden lassen!

Ich muss gestehen: Ich habe oft genug das Angebot studiert, die Speisekarte rauf und runter.

Nach meinem Ausscheiden aus dem Gemeindedienst war ich ja frei, an jedem Sonntag einen anderen Kanzelredner aufzusuchen. Da gibt es Bischöfe aus aller Herren Länder, auch Bischöfinnen selbstverständlich, Professorinnen und Professoren, General- und andere Superintendenten, Pröpstinnen und Pröpste, oft genug garniert mit einem reichen musikalischen Programm.

Im Gottesdienst predigt außer dem Prediger noch vieles andere, zum Beispiel Elemente im Kirchenraum. (Foto: epd-bild)

Im Gottesdienst predigt außer dem Prediger noch vieles andere, zum Beispiel Elemente im Kirchenraum. (Foto: epd-bild)

Mit der Zeit verlor das Kanzelhüpfen seinen Reiz. Eine Weile ging ich noch zu Kollegen und Kolleginnen, die ich schon immer einmal hören wollte.

Aber ehrlich gesagt: In dieser Phase war mein Interesse bald erschöpft.

Jetzt blieb ich öfter mal zu Hause vor dem Fernseher oder ging doch wieder mal in meine eigene Gemeinde gleich um die Ecke, fußläufig zu erreichen. Und je häufiger ich dort erschien, von Mal zu Mal vertrauter wurde mit dem Raum und mit den Menschen und den Besonderheiten der Gemeinde, desto wohler fühlte ich mich da.

Nicht dass es mir egal gewesen wäre, wer da nun predigte. Aber die Predigt war mir nicht mehr ganz so wichtig. Anderes wurde wichtiger. Vor allem die Vertrautheit, das Gefühl der Zugehörigkeit. Vielleicht auch etwas ganz Banales: die Erreichbarkeit, die Nähe und die Chance, den einen oder anderen Nachbarn in der Kirche anzutreffen.

Dies ist kein Plädoyer für die Vernachlässigung der Predigt.

Im Gegenteil.

Die Predigt ist und bleibt nach meiner festen Überzeugung das Kernstück unseres Gottesdienstes. Sie verdient die optimale Ausarbeitung und die bestmögliche Darbietung. Sie zu vernachlässigen hieße, Gott selbst nicht ernst zu nehmen.

Und dennoch: Wir müssen wieder lernen, ernst zu nehmen, dass der Gottesdienst nicht mit der Predigt steht und fällt, dass er noch anderes zu bieten hat. Wir müssen wieder lernen, ernst zu nehmen, dass der Gottesdienst mehr ist als eine Veranstaltung des Predigers, dass er von der versammelten Gemeinde und nicht vom Prediger »gehalten« wird.

Es predigt noch so viel anderes außer dem Prediger oder der Predigerin. Die Ausstattung und Pflege des Raumes, der Empfang, will sagen die Begrüßung an der Tür, der Schaukasten draußen, der ganze Umgangston, die Atmosphäre einer Kirche und nicht zuletzt die Art und Weise, wie eine Pfarrerin oder ein Pfarrer sich der ­Gemeinde zuwendet, mental und mimisch auf sie zugeht.

Natürlich predigt auf ihre Weise auch die Musik und der gemeinsame Gesang. Und auch die Liturgie natürlich. Was wäre eine Predigt ohne Liturgie!

Ohne die uns überkommene, von Erfahrungen gesättigte und in ­Erfahrungen bewährte Sprache der ­liturgischen Gesänge, der Psalmen, des Vaterunsers und auch des Apostolikums!

Was für ein Schatz und was für eine Chance, dass wir noch immer diese Texte haben und sie gemeinsam sprechen, uns von ihnen tragen lassen und mit ihnen in das Lob Gottes einstimmen können, das schon so viele andere vor uns gesprochen und gesungen haben!

»Wer predigt heute?« Wenn wir so fragen, sollten wir nicht vergessen, dass Gott nicht nur »vorzeiten«, sondern auch heute noch »auf mancherlei Weise« (Hebräer 1,1) gesprochen hat und spricht, nicht nur »durch die Propheten« und nicht nur »durch den Sohn« und auch nicht nur durch die Prediger und Predigerinnen, sondern durch ein Zusammenspiel der Kräfte und Begabungen, die in der versammelten Gemeinde, auch in der kleinsten, wirksam sind.

Ulrich Hollop

Der Autor ist Pfarrer im Ruhestand in Berlin.

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes

8. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Was das Leben des Jesus von Nazareth ausmachte und warum er Menschen mit Glück ansteckte


War Jesus glücklich? Mit diesem Beitrag schließen wir die zweiteilige Folge zu diesem Thema ab.

Christus-Darstellung in  Sant'Apollinare Nuovo, Ravenna, 6. Jahrhundert. Foto: wikipedia

Christus-Darstellung in Sant'Apollinare Nuovo, Ravenna, 6. Jahrhundert. Foto: wikipedia

Menschen dürfen Fehler machen, ohne verdammt zu werden. Da fühle ich mich bisweilen an die Fantasie und Kreativität von Kindern erinnert. Mit Pfannen und Töpfen Musik machen, aus einer alten Bluse ein Abendkleid zaubern. Kinder können das. Künstler tun das. Und bei Jesus werden aus Fischern »Menschen­fischer«, die Ausgestoßenen bekommen einen Platz am Tisch, Frauen einen Namen, eine eigene Geschichte. »Ich halte Jesus von Nazareth für den glücklichsten Menschen, der je gelebt hat. Ich denke, dass die Kraft seiner Phantasie aus dem Glück heraus verstanden werden muss. Alle Phantasie ist ins Gelingen verliebt, sie lässt sich etwas einfallen und sprengt immer wieder die Grenzen und befreit die Menschen, die sich unter diesen Grenzen in Opfer und Entsagung, in Repression und Rache ducken und sie so ewig verlängern. Jesus erscheint in der Schilderung der Evangelien als ein Mensch, der seine Umgebung mit Glück ansteckte, der seine Kraft weitergab, der verschenkte, was er hatte.« Das schreibt die Theologin Dorothee Sölle in ihrem Buch »Phantasie und Gehorsam«.

Was bei Jesus auch auffällt, ist dieses Planlose, dieses Gehen von Ort zu Ort, das Verweilen, sich Zeit nehmen für die Menschen, die sich ihm in den Weg stellen. Eine unglaubliche Wachheit für den Augenblick. Wir planen unser Leben bis ins Letzte und hoffen auf diese Weise, dem Leben alles Glück abzuringen.

Zeitmanagementseminare waren eine Zeit lang die am besten besuchten Fortbildungen. Sicher, es ist hilfreich, mit seiner Zeit sorgfältig umzugehen, um einerseits den Dienstpflichten nachzukommen und andererseits Zeit für Beziehung und zweckfreie Kreativität zu haben. Was in diesen Seminaren jedoch selten vorkommt, ist das Lebensziel, das Paulus das Wachsen des ­inneren Menschen nennt oder von dem Jesus in der Bergpredigt spricht: »Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist« (Matthäus 5,48). Jesus geht äußerlich planlos, unabgesichert von Ort zu Ort. Und doch ist dieses Leben nicht ziellos dahingelebt. Immer ist klar, worum es geht: Befreiung, Wachstum, das Gottgemäße in Menschen und ­Begegnungen. Äußere Ziele, bürger­liche Ziele im Leben hat Jesus von ­Nazareth nicht verfolgt. Den Zimmermannsberuf hat er aufgegeben, hat keine Familie gegründet. In diesem Sinne ein völlig anderer Lebensweg als der, der unseren Vorstellungen von Glück und Lebensfülle entspricht. Und doch setzt er für alle Menschen ein Ziel, in welchen Lebensbezügen auch immer sie sich ­befinden, ob ­verheiratet, verwitwet, alleinstehend, ob in einem Beruf tätig oder von der Versorgung anderer abhängig. Für alle soll gelten: »Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und ­seiner Gerechtigkeit, dann wird Gott euch alles andere hinzufügen« (Matthäus 6, 33). Es ist das Glück eines Menschen, der sich die Welt nicht einverleiben, sondern zu ihrem Erhalt beitragen will, zu ihrer Verwandlung und Heilung.

Warum überliefern die Evangelien dann nicht ein einziges Lachen? Nur sein Weinen über seinen Freund ­Lazarus, seine Traurigkeit über den reichen Jüngling, seine Klage über ­Jerusalem? Ich möchte es nicht hineinfantasieren, das Lachen, und sehe es trotzdem, wenn er Kinder in den Arm nimmt und streichelt, auf ­einer Hochzeit zu Gast ist und wieder und wieder mit Menschen unterschiedlichster Couleur am Tisch sitzt, isst und trinkt, berührt und sich berühren lässt.

Aber sein Tod. »Wen die Götter lieben, der stirbt jung«, das war die Antwort in der Antike auf das Warum eines zu frühen Todes. »Only the good die young« –, heißt es heute. Keine ­befriedigenden Formeln. Aber auch die Deutungsmuster christlicher Tradition haben bisweilen mehr verzerrt als offengelegt. Jesus erscheint da manchmal mehr in den Tod und ins Leiden verliebt als ins Leben. Die Evangelien sparen nichts aus – nicht die Gewalt und die Verzweiflung, nicht die Angst und die Agonie. Aber es wird auch nichts von dem, was vorher gelebt, gesagt, passiert ist, zurückgenommen: »Ich bin das Leben«, »liebt eure Feinde«, »vergebt 7 mal 70 mal«, »niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben hingibt für seine Freunde.« Jesus von Nazareth hält das Nein zur Liebe Gottes aus, das ihm in seinen Peinigern und auch in seinen Jüngern begegnet, um am Ende doch alle zu umarmen. Ich weiß nicht, ob man das noch Glück nennen darf. Das biblische Wort dafür ist ­Auferstehung – Gott setzt den ausgestoßenen Gerechten ins Recht und nimmt dem Tod, dem Nein die zerstörerische Kraft.

Melitta Müller-Hansen

Das Glück, den Willen Gottes zu tun

29. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Die Erfahrung der Gnade, der Liebe, der unverbrüchlichen Bindung an Gott prägt die Art Jesu, sein Tun und Lassen.

 
War Jesus ein glücklicher Mensch? In einer zweiteiligen Folge beschäftigen wir uns mit dieser Frage.

»Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe« - die Zusage der unverbrüchlichen Bindung an Gott im Tauferlebnis prägten das Leben Jesu. Eine Darstellung der Taufe Jesu, die den Malern Andrea de Verrocchio und Leonardo da Vinci zugeschrieben wird.

»Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe« - die Zusage der unverbrüchlichen Bindung an Gott im Tauferlebnis prägten das Leben Jesu. Eine Darstellung der Taufe Jesu, die den Malern Andrea de Verrocchio und Leonardo da Vinci zugeschrieben wird.

Die Evangelien sind diskret. Sie ­erzählen wenig über die persönlichen Gefühle Jesu.

Er starb früh, sein Ende war grausam. Aber hatte er ­wenigstens bis dahin ein glückliches Leben? Eine selten bis nie gestellte Frage – ob Jesus glücklich war.

Ob er es wirklich war, ein glücklicher Mensch, werden wir sicher nicht im historischen Sinne nachweisen können, aber diese Frage wird uns selbst verändern. Wir überlassen es jedenfalls nicht der Sprache der Werbung, des Kommerzes allein, Glück zu definieren. Und entreißen das Glück dem Verdacht, etwas Egoistisches, Banales zu sein, wenn wir es wagen, Glück in diesem Lebensweg zu entdecken.

Wenn wir von Glück reden, dann meinen wir gemeinhin das Glück, das uns zufällt – Glück müsste man haben!

Ein Glück, das kommt und geht, das wir vielleicht auch auf Kosten anderer erleben. Ein Glück, das uns bisweilen auch den Neid der anderen einhandelt.

Jesus kennt eine andere Glücksformel und steht damit in der Tradition der Psalmen und der Propheten. Es gibt ein Glück, so sagt er, das wir Menschen suchen und gestalten und vermehren können. Nicht Fortuna teilt es uns zu – willkürlich und vergänglich. Es gibt das Glück, den Willen Gottes zu tun. Dafür steht das Wort »selig« in der Bibel, aschrej (hebr), makarios (griech). »Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen …, sondern hat Lust am Gesetz des Herrn«, so beschreibt der erste Psalm Glück.

So beschreibt Jesus selbst in den Seligpreisungen, was er unter Glück versteht und wer in seinem Sinn zu den Glücklichen dieser Erde gehört. Es sind Menschen, die in Kontakt mit ihrer ­Lebensquelle sind – mit Gott.

Nicht Erfolg, nicht das Haus, das Auto, das Boot, nichts Äußeres und kein Haben, keine vorzeigbare Ware – das Glück ist hier ein Finden und Erkennen, ein Sein und ein Tun.

In der Taufszene am Jordan bekommt Jesus eine Antwort: »Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!« Diese Erfahrung der Gnade, der Liebe, der unverbrüchlichen Bindung an Gott steht am Anfang, sie prägt seine Art, in dieser Welt gegenwärtig zu sein. Sie prägt sein ganzes Tun und Lassen. Jesus kann sagen: »Ich bin das Leben«, ihm gehört der Himmel, die Seligkeit, das Reich. Und deswegen ist er so frei und offen für Gott und die Menschen. Und wohl auch glücklich.

Die Tradition hat dafür den Begriff »Gehorsam« geprägt. Jesus ist gehorsam Gott gegenüber, er lebt aus diesem Hören auf Gott und ist so frei, seinen Willen zu tun. Daraus ist allerdings eine Theologie des Gehorsams entstanden, die auf Autoritäten und Pflichterfüllung, auf Zucht und Ordnung setzt und ein Gefälle mit sich bringt, das das Christentum über Jahrhunderte geprägt hat.

Im Mittelpunkt steht der Gehorsam Gott gegenüber. Daraus folgt der Gehorsam gegenüber den geistlichen Autoritäten, dem Familienvater, der Obrigkeit. In dieser Ethik geht es nicht mehr darum, ob die Gehorsamsleistung, die Pflichterfüllung auch inhaltlich sinnvoll ist, das steht nicht infrage und nicht zur Debatte. Es geht allein um die Beziehung zwischen dem, der Gehorsam fordert, und dem, der ihn zu erbringen hat.

Jesus von Nazareth erfüllt den Willen Gottes in einem anderen Sinn. Gottes Wille ist nichts, was ein für alle Mal feststeht. Vielmehr fordert die Situation eine Antwort, und er entscheidet selbst, was auf angemessene Weise zu tun ist. Er ist nicht Bewahrer einer festen Ordnung, erfüllt nicht nur was vorgegeben ist, sondern handelt spontan und fantasievoll, ohne sich der Verantwortung zu entziehen.

Das liegt auch daran, dass Jesus die Welt aus einer anderen Perspektive betrachtet: Die Ordnung der Welt muss sozusagen erst hergestellt werden, sie liegt in der Zukunft.

Er trifft auf die fest gefügte Welt der Antike, in der Fischer an die Netze gehören, Kranke selbst schuld sind und mit ihrer Krankheit eine Strafe Gottes abbüßen; es ist eine Welt, in der Frauen und Kinder Eigentum des Vaters und des Ehemanns sind, eine Welt, in der die Beziehung zu Gott vor allem durch Opfer geregelt ist, die im Tempel darzubringen sind. In diese fest gefügte Welt bringt Jesus eine andere Melodie hinein: Er verändert die Situation der Menschen, denen er begegnet, er erfüllt ihnen Wünsche, ohne nach deren Berechtigung zu fragen.

Melitta Müller-Hansen

Ostern – Das Leben erkennen

23. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Warum die Auferstehung sich leise ins Leben schleicht.

Ein Paukenschlag war die Auferstehung Jesu nicht. Sie verlief eher unbemerkt. Gekreuzigt dagegen wurde Jesus in aller Öffentlichkeit. Hohepriester, Schriftgelehrte und Kriegsknechte standen unter dem Kreuz – und nicht zu vergessen das Volk. Spottrufe flogen durch die Luft. Lautes Gelächter folgte darauf. Und oben die Schmerzensschreie der Gehenkten.

Wer gedacht hatte, Jesus kommt genauso laut zurück, hatte sich getäuscht. Kein Triumphzug durch die Stadt! Keine Erscheinung über den Wolken! Keine Zurechtweisung der Welt! Und mehr noch: Es hatte nicht einmal einer erwartet. In den Evangelien stehen Leidensankündigungen. Und für uns Leute nach Ostern sind auch die Vorboten der Auferstehung unübersehbar.

Das Zeichen des Jona, der Tempel, der nach drei Tagen wieder aufgebaut wird. Die Auferweckung ist mit den Händen zu greifen.

Und doch denkt keiner daran. Die Jünger und die Frauen um Jesus sehen die Kreuzigung nur aus der Ferne. Als sie zum Grab gehen, wollen sie den Leichnam salben. Keiner der Menschen um Jesus erwartete die Auferstehung. Sie erkannten ihn nicht einmal, als er vor ihnen stand.

Die zwei Jünger, die nach Emmaus unterwegs waren, treffen einen Mann, der den gleichen Weg hat wie sie. Sie wandern mit ihm eine Zeit lang und erzählen ihm von ihrer Hoffnung. Sie hielten Jesus von Nazareth für den Auserwählten Israels. Aber nun ist er tot, und sie sind resigniert.

Als Jesus ihnen die Bibel aufschließt und die Stellen zeigt, die zur Hoffnung Anlass geben, zucken sie mit den Schultern und lächeln freundlich. Was soll das noch?

Erst als er mit ihnen isst und das Brot bricht, wie er es immer gebrochen hat, erkennen sie ihn. Und genau in diesem Moment verschwindet er auch wieder. Maria aus Magdala steht vor ihm und hält ihn für den Gärtner. »Wo haben Sie meinen Herrn hingelegt?«, fragt sie.

Er hatte sie angesprochen, und sie hatte ihn nicht einmal an der Stimme erkannt. Erst als er ihren Namen nennt, wendet sie ihren Blick. Sie hatte Richtung Tod geblickt, obwohl sie vor Jesus stand. Und nun blickt sie ins Leben.

Im Auferstehungsbericht des Matthäus ist viel Zinnober. Ein Engel, der einen Stein wälzt und wie ein Blitz aussieht. Sein Gewand ist weiß wie Schnee, und die Soldaten fallen in Ohnmacht als er erscheint. Staunend sehen die Frauen in dieses Gewitter der Ereignisse und kriegen dann zu hören: Der Auferstandene ist gar nicht da.

Alle Aufregung geschieht in seiner Abwesenheit. Erst viel später in Galiläa sehen sie Jesus selbst. Erzählt wird das mit diesem schlichten Satz: »Da begegnete er ihnen und sprach.«

Warum geschieht die Auferstehung so beinahe heimlich?

Das »Unvollendete Doppelkreuz« aus Herbert Falkens Zyklus »Scandalum Crucis«, Öl und Sand auf Leinwand (Repro: Anne Gold)

Das »Unvollendete Doppelkreuz« aus Herbert Falkens Zyklus »Scandalum Crucis«, Öl und Sand auf Leinwand (Repro: Anne Gold)

 

Ein Bild des Malers Herbert Falken ­inspiriert mich zu einer Antwort. Seine Arbeit »Unvollendetes Doppelkreuz« entstand 1969 und ist Teil einer Serie, die »Scandalum Crucis« heißt, also den Skandal des Kreuzes abschreitet. Auf der unteren Bildhälfte ist ein Teil des Gekreuzigten zu sehen. Mit dicker, pastös aufgetragener Farbe hat der Maler einen braunroten Torso aufgeschichtet und mit flüchtigen Strichen Rippen und Bauchnabel angedeutet. Sand ist den Farben beigemischt, der die Gestalt schmutzig und flüchtig erscheinen lässt.

Oben am Rand des Bildes ist die Überschrift des Kreuzes in Latein und Deutsch eingezeichnet. Farbschichten sind hier weggekratzt und geritzt, damit der Schriftzug erscheinen kann. Dazwischen ist eine Aussparung. Eine weiße Silhouette erhebt sich mit Haupt und Armen aus dem dunklen Untergrund. Dieses Weiß ist nicht gemalt, sondern einfach der Untergrund der Leinwand.

Das könnte der Grund sein, warum die Auferstehung sich so heimlich ins Leben schleicht. Das Leid ist gut sichtbar. In vielen Schichten prägt es unsere Lebensgeschichte und drückt es unsere Seele. Die Prophezeiungen und Erwartungen üben zusätzlichen Druck aus. Sie assistieren den Narben unserer Biografie.

Auferstehung schafft ein unbeschriebenes Stück Land. Das Leben kann anders weitergehen. Nicht mehr den Tod anstarren, sondern das Leben erkennen, das genau vor einem steht. Das war die Aufgabe der Maria. Dem schneeweißen Engel glauben und nach Galiläa gehen, um dort irgendwo Jesus zu begegnen. Jesus beim Brotbrechen verschwinden sehen, um ihn fortan in jedem Brotbrechen neu zu begrüßen.

Auferstehung schafft ein Stück Neuland. Es ist zuerst kaum sichtbar und schwer zu erkennen. Es erscheint leise. Aber jedes Osterfest erlaubt uns, anders fortzusetzen als wir begonnen haben. Der Freiraum, den wir haben, ist geformt wie der verklärte Jesus.

Frank Hiddemann

Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer in Gera.

nächste Seite »