Die unverbrüchliche Kraft der Träume

4. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Ein Beitrag von Anselm Grün über den christlichen Umgang mit Scheitern

Wie gehen wir damit um, wenn das Leben uns einen Strich durch die Rechnung macht? Um zerbrochene Lebensträume geht es im dritten und letzten Beitrag unserer Serie mit dem Benediktinerpater Anselm Grün.

Foto: Remigiusz Szczerbak, (sxc.hu)

Foto: Remigiusz Szczerbak, (sxc.hu)

Jeder Mensch hat Lebensträume. Der eine träumt vom beruflichen Erfolg. Die andere träumt von einer gläubigen Familie, in der alle sich im Glauben eins wissen. Andere träumen davon, Menschen zu helfen, die in Not sind. Andere haben den Traum, ein Schriftsteller, ein Künstler, ein Schauspieler oder ein berühmter Sänger zu werden. Der ­Lebenstraum gibt uns Energie, unsere Fähigkeiten zu entwickeln und auf ein Ziel hin zu konzentrieren. Oft scheinen die Lebensträume in Erfüllung zu gehen. Doch irgendwann zerbrechen diese Träume. Oder aber sie bleiben nur in der Vorstellung. Doch das Leben ist ganz ­anders.

Viele spüren keine Energie mehr in sich, wenn ihre Lebensträume zerbrechen. Oder aber sie werden krank, weil ihr Leib oder ihre Seele gegen ein Leben rebellieren, das den ursprünglichen Traum verleugnet oder verdrängt. Eine Frau hatte den Lebenstraum, eine gläubige Familie zu gründen. Sie fand auch einen gläubigen Mann, den sie heiratete. Der Lebenstraum schien in Erfüllung zu gehen. Doch nach 20 Jahren hat sie der Mann verlassen. Da spielte der Glaube auf einmal gar keine Rolle mehr, sondern nur die Faszination durch eine andere Frau. Die Kinder wollten nichts mehr vom Glauben wissen. So zerbrach ihr Lebenstraum.

Die erste Aufgabe ist, den zerbrochenen Lebenstraum zu betrauern. Das tut weh. Aber nur wenn ich im Betrauern durch den Schmerz hindurchgehe, gelange ich in den Grund meiner Seele. Dort werde ich neue Möglichkeiten meines Lebens entdecken. Und dort werde ich die Essenz des ­Lebenstraumes erkennen. Denn die Realisierung des Lebenstraumes kann zerbrechen. Die Essenz zerbricht nie. Die bleibt. Durch alles Zerbrechen hindurch sollte ich daher nach der ­Essenz meines Lebenstraumes fragen.

Die Frau, deren Lebenstraum einer gläubigen Familie zerbrochen war, erkannte, dass sie allzu sehr die Familie ihrer Eltern kopieren wollte. Jetzt, wo ihr Traum ­zerplatzte, erkannte sie, was Glauben wirklich bedeutet. Glauben war jetzt nicht mehr Verzierung eines schönen und heilen Miteinanders, sondern der Grund, auf dem sie stand mitten in der Brüchigkeit ihres Lebens. Dort, wo sie nichts mehr von ihren Idealen in Händen hielt, war sie herausgefordert, das Wesen des Glaubens zu entdecken. Sie verstand auf einmal, was der Hebräerbrief vom Glauben sagt: »Glauben ist Feststehen in dem, was man erhofft.« (Hebräer 11,1)

Wer das Betrauern verweigert, der erstarrt. Sein Leben wird nur noch Routine. Oder aber er reagiert damit, dass er im Selbstmitleid schwimmt. Er jammert sich und den andern ständig vor, dass sein Lebenstraum zerbrochen sei, dass er nichts mehr habe, was ihm Freude macht. Wenn ich im Selbstmitleid bade, komme ich nicht weiter. Ich kreise immer um den gleichen Schmerz. Aber ich gehe nicht durch den Schmerz hindurch. Ich bleibe an der Oberfläche. Außer Jammern gibt es noch die Möglichkeit, auf die Verweigerung des Betrauerns mit Anklagen zu reagieren. Ich klage die andern an, die am Zerbrechen meines Lebenstraumes schuld sind. Der Mann, der mich verlassen hat, wird zum Monster, das alles zerstört, was man mühsam aufgebaut hat.

Tod und Auferstehung Jesu bestätigen uns, dass zwar der Lebenstraum zerbrechen kann, aber nicht die Essenz dieses Traumes. Im Tod Jesu schien sein Traum von einer neuen Gemeinde Israels, die seiner Auslegung des Gesetzes folgt, zerbrochen zu sein. Doch durch das Zerbrechen hindurch wurde er auf neue Weise Wirklichkeit. Nach der Auferstehung bildeten die zerstreuten Jünger auf einmal eine feste Gemeinde. Durch den Pfingstgeist bestärkt, verkündeten sie die Frohe Botschaft Jesu und bildeten in ­ihren Gemeinden das neue ­Jerusalem, das neue Volk Israel. Der eigentliche Inhalt des Traumes Jesu ging in Erfüllung, aber durch das Zerbrechen hindurch.

So lädt uns die Passionszeit ein, die eigenen zerbrochenen Lebensträume anzuschauen, anstatt sie zu verdrängen, sie zu betrauern, anstatt zur Tagesordnung überzugehen. Und die Passionszeit lädt uns im Blick auf die Auferstehung Jesu ein, daran zu glauben, dass die Essenz ­unseres Lebenstraumes durch alle Brüche hindurch bestehen bleibt und ­unserem Leben die Gestalt zu ­geben vermag, die Gott uns zugedacht hat.

Der Autor ist wirtschaftlicher Leiter der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach und er schrieb rund 300 Bücher zu spiri­tuellen Themen.

Gott setzt die Scherben neu zusammen

26. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Ein Beitrag von Anselm Grün über den christlichen Umgang mit dem Scheitern

Wie gehen wir damit um, wenn das Leben uns einen Strich durch die Rechnung macht? Um Scheitern geht es im zweiten Beitrag unserer dreiteiligen Serie mit dem Benediktinerpater Anselm Grün.

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Scheitern gehört zu unserem Menschsein. Der eine scheitert in seiner Ehe. Er hat vor dem Traualtar das Versprechen ewiger Treue gegeben. Doch nun vermag er das Jawort nicht durchzuhalten. Er fühlt sich ­gescheitert.

Der andere scheitert in seinem ­Beruf. Er gibt sich alle Mühe in seiner Arbeit. Aber er erfährt Mobbing. Wieder ein anderer scheitert, indem er seinen Arbeitsplatz verliert, weil es der Firma nicht gut geht. Viele, die an ihrem Leben scheitern, fühlen sich beschämt. Sie schämen sich, vor anderen zuzugeben, dass sie gescheitert sind. Andere verdrängen das Scheitern. Sie flüchten in viele Aktivitäten, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass sie gescheitert sind. Andere beschuldigen sich selbst. Sie suchen die Schuld beim Scheitern bei sich selbst und zerfleischen sich mit Schuldgefühlen.

Es kommt immer darauf an, wie ich das Scheitern interpretiere. Wenn ich es als Versagen deute, dann kann ich nicht gut damit umgehen. Dann zieht es mich nieder. Wenn ich es aber ­einfach akzeptiere als etwas, was mir widerfahren ist, dann vertraue ich ­darauf, dass aus dem Scheitern Neues entstehen kann. Wir Christen schauen in der Passionszeit auf das Kreuz Jesu Christi. Das Kreuz ist zunächst auch ein Scheitern. Jesus ist mit seinem Versuch, die Frohe Botschaft vom barmherzigen Vater und von der Nähe des Reiches Gottes den Menschen zu verkünden, gescheitert. Dieser wunderbare Rabbi, der die Kranken geheilt hat und den Menschen durch seine Botschaft Hoffnung und Zuversicht geschenkt hat, wird von der ­römischen Staatsmacht hingerichtet. Die Emmausjünger haben das als Scheitern erlebt und sind davongelaufen, weil sie das Scheitern ihres geliebten Rabbi nicht ausgehalten haben. Doch das Kreuz ist nicht das Ende. Kreuz und Auferstehung Jesu sind das Hoffnungszeichen schlechthin.

Wenn wir in jeder Eucharistie Tod und Auferstehung Jesu feiern, dann bekennen wir, dass es kein Scheitern gibt, das nicht zu einem Neuanfang werden kann. Es gibt keine Dunkelheit, die nicht erleuchtet wird, keine Erstarrung, die nicht aufgebrochen werden kann, kein Grab, in dem nicht das Leben aufblüht.

Der deutsche Mystiker Johannes Tauler hat uns noch eine andere Deutung des Scheiterns gegeben. Er interpretiert Jesu Gleichnis von der verlorenen Drachme in diesem Sinn. (Lukas 15,8-10) Wenn der Mensch sich in seinem Leben gut eingerichtet hat, hat er oft genug seine Drachme verloren, seine Mitte. Er hat die Beziehung zum Grund seiner Seele verloren. Oder wie der griechische Mystiker Gregor von Nyssa sagt: Er hat das Bild Christi in sich verloren. Dann macht es Gott wie eine Frau, die etwas Wertvolles sucht.

Er stellt alle Stühle auf den Tisch, verrückt die Schränke, um die verlorene Drachme zu finden. Gott selbst führt den Menschen also ins Gedränge, um ihn in den Grund seiner Seele zu führen. Das Scheitern, das mein äußeres Lebensgebäude zerbricht, ist also für Tauler der Weg in den Grund der Seele. Dort wartet Gott auf mich. Ich muss also nicht ständig die Schuld für das Scheitern bei mir selbst suchen und mich durch Schuldvorwürfe selber lähmen. Natürlich gibt es ein Scheitern, bei dem ich selbst schuld bin. Aber auch dann hilft es nicht weiter, sich nur zu beschuldigen. Gott hat meine Schuld vergeben. Ich soll Abschied nehmen von der Illusion, ich würde immer alles richtig machen. Und ich soll Abschied nehmen von der Illusion, dass mir alles gelingt, was ich in die Hand nehme. Das Scheitern zerbricht mein Lebensgebäude, um mich in den Grund meiner Seele zu führen und dort Gott zu finden.

Viele haben das ­Gefühl, sie würden vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens sitzen, wenn sie gescheitert sind. Doch – das ist die frohe Botschaft der Bibel – Gott wird die Scherben meines Lebens wieder neu zusammensetzen. Er wird ein neues Haus errichten, das meinem Wesen noch mehr entspricht.

Wie jemand mit dem Scheitern umgeht, das hängt von der Deutung ab, die er dem Scheitern gibt. Die Bibel zeigt uns in den Worten Jesu und in seinem Tod und Auferstehung ein Deutungsmuster, das uns hilft, uns mit dem Scheitern auszusöhnen und darin einen Weg zu entdecken, unser Leben von Gott neu formen zu lassen.


Der Autor ist wirtschaftlicher Leiter der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach und er schrieb rund 300 Bücher zu spiri­tuellen Themen.

Aufgebrochen für mein wahres Wesen

18. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Ein Beitrag von Anselm Grün über den christlichen Umgang mit Leid

Wie gehen wir damit um, wenn das Leben uns einen Strich durch die Rechnung macht? Um Leid, Scheitern und zerplatzte Träume geht es in unserer dreiteiligen Beitragsserie mit dem Benediktinerpater Anselm Grün.

Oft fühlen wir uns im Leid allein ­gelassen. Foto: BilderBox.com

Oft fühlen wir uns im Leid allein ­gelassen. Foto: BilderBox.com

Ob wir wollen oder nicht, immer wieder trifft uns Leid. Wir sollen das Leid nicht masochistisch an uns ziehen. Aber wir müssen damit rechnen, dass es uns trifft. Der eine erhält vom Arzt die Diagnose einer schweren Krankheit, der andere verliert einen lieben Menschen durch den Tod. Wieder andere verlieren ihren Arbeitsplatz und haben Angst, ihr Leben nicht mehr zu schaffen. Die Frage, ­warum uns das Leid trifft, können wir nicht beantworten. Manche fragen: Warum hat Gott das zugelassen? Doch wir können die Gedanken Gottes nicht lesen. Manche fragen beim Leid sofort: Womit habe ich das verdient? Warum werde ich bestraft? Wir können nicht sagen, warum uns das Leid trifft. Aber eines dürfen wir sagen: Gott ist kein strafender Gott. Wenn wir Gott als strafenden Gott sehen, dann projizieren wir nur unsere eigene Selbstbestrafungstendenz auf Gott.

Jesus sagt uns nicht, warum uns das Leid trifft. Aber er zeigt uns einen Weg, wie wir mit dem Leid umgehen können. Jesus selbst ist den Weg des Leidens gegangen. Wenn uns das Leid trifft, so sind wir nicht allein gelassen. Jesus ist in unserem Leid bei uns. Das ist die erste Hilfe, die uns Jesus gibt, unser Leid zu bewältigen. Oft genug fühlen wir uns im Leid ja allein gelassen. Wer sich alleine fühlt, den erdrückt das Leid. Wenn das Leid uns öffnet für die Gemeinschaft mit Jesus, der bei uns ist und uns in seiner Passion seine Liebe bis zur Vollendung erwiesen hat, dann fühlen wir uns im Leiden geliebt. Das stärkt uns mitten im Leid.

Jesus zeigt uns einen Schlüssel, wie wir mit dem Leid umgehen sollen. Er sagt den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus: »Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?« (Lukas 24,26) In Bezug auf unseren Umgang mit dem Leid können wir dieses Wort so übersetzen: Warum das Leid mich getroffen hat, weiß ich nicht. Es ist einfach geschehen. Es hat meine Pläne durchkreuzt, es ist mir von außen her widerfahren. Das Leid will meine Vorstellungen von mir selbst, vom Leben und von Gott zerbrechen, damit ich immer mehr in die ursprüngliche Gestalt hineinwachse, die mir Gott zugedacht hat, damit die Herrlichkeit Gottes, der unverstellte Glanz Gottes in mir aufleuchtet. Das Leid zerbricht mir die Vorstellungen von mir selbst. Ich bin nicht der ­immer gesunde und erfolgreiche Mensch. Ich kann für mich nicht garantieren. Das Leid zerbricht meine Vorstellungen vom Leben.

Wenn ich schwer krank bin, muss ich mich ­verabschieden von manchen Wünschen an das Leben. Und das Leid ­zerbricht meine Vorstellung von Gott. Das Bild des barmherzigen Vaters, der immer für mich sorgt, wird im ­Augenblick des Leids zerbrochen. Wenn ich mir die Vorstellungen von mir, vom Leben und von Gott zerbrechen lasse, werde ich am Leid nicht zerbrechen. Vielmehr werde ich immer mehr aufgebrochen für mein wahres Wesen, aufgebrochen für neue Möglichkeiten des Lebens, aufgebrochen für meine Brüder und Schwestern. Und ich werde aufgebrochen für den unbegreiflichen Gott, der in seiner Unbegreiflichkeit aber dennoch Liebe ist.

Der Ritus des Brotbrechens in der Eucharistiefeier, beim Abendmahl führt uns genau diesen christlichen Umgang mit dem Leid vor Augen. Wir brechen den Leib Jesu Christi, der für uns am Kreuz zerbrochen wurde, damit all das, was uns im Leid widerfährt, uns nicht zerbricht, sondern immer mehr aufbricht für das Geheimnis der Liebe, die im Kreuz Jesu Christi in ihrer Vollendung aufstrahlt.

Der Autor ist wirtschaftlicher Leiter der Be­nediktiner-Abtei Münsterschwarzach und er schrieb rund 300 Bücher zu spirituellen Themen.

»Schön sind deine Namen«

11. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Zur Vielfalt biblischer Gottesnamen und Gottesbilder

Die Bibel, Foto: sxc.hu

Die Bibel, Foto: sxc.hu

Du bist, wie du bist: Schön sind deine Namen. Halleluja. Amen«, bekennt der Refrain eines neueren Kirchenliedes. Die Namen, die darin besungen werden, heißen: Lebendigkeit und Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit, Beständigkeit und Vollkommenheit. Allesamt schöne, weil gute verlässliche Beziehungsweisen, mit denen Gott SEINER Schöpfung die Treue hält. Dass Gott so ist und so erfahren werden kann, gibt der singenden Gemeinde Anlass zum Gotteslob: »Halleluja!«

Auch in diesem »Hallelu-Jah!« steckt ein Gottesname, denn übersetzt heißt es: »Lobt Jah!« »Jah« aber ist die Kurzform des biblischen Eigennamens Gottes, des Tetragramms, der vier Buchstaben: J-h-w-h. Wie diese vier Konsonanten gesprochen werden, wissen wir nicht. Denn aus Achtung vor der Unverfügbarkeit Gottes sprechen Jüdinnen und Juden den göttlichen Eigennamen nicht (mehr) aus.

Dadurch wird Gott aber keineswegs anonym. Sondern im Reden zu und von Gott treten an die Stelle des unaussprechlichen Eigennamens sprechende Rufnamen. Die Psalmen etwa sind voll von solchen namhaften Gottesbildern. Kein Wunder also, dass Martin Luther für seine Reformationshymne »Ein feste Burg ist unser Gott« in die bilderreiche Sprachschule des 46. Psalms gegangen ist.

Die vielfältigen Rufnamen Gottes erzählen Lebensgeschichten. In sie schreiben Menschen ihre Gotteserfahrungen ein. So gibt die ägyptische Sklavin Hagar Gott den Namen: »Du bist ein Gott des Sehens« (1. Mose 16,13). Mit diesem Namen erinnert sie daran, dass Gott genau hinsieht und sie in ihrer Not wahrnimmt, dass Gottes Blick ihr, der schwangeren ausländischen Flüchtlingsfrau, Ansehen und Würde schenkt. Der Gottesname Hagars erzählt von göttlicher Aufmerksamkeit und Zuwendung und kann, wo wir ihn heiligen, auch eine zwischenmenschliche Kultur der Achtsamkeit fördern. Denn die Namen, mit denen wir Gott nennen, verpflichten auch uns alles Menschenmögliche dafür zu tun, dass sie auf Erden wahr werden.

Die vielfältigen Rufnamen, mit ­denen Menschen sich bittend und dankend, klagend und lobend an Gott wenden und von Gott erzählen, knüpfen an die Umschreibung an, die Gott selbst SEINEM Eigennamen gegeben hat: »Ich werde sein, der ich / die ich sein werde« (2. Mose 3,14). So stellt sich Gott vor, als Mose nach ­Gottes Namen fragt. Übrigens: Der hebräische Wortlaut legt Gott hier ­keineswegs einseitig männlich fest. Die Selbstvorstellung Gottes ist offen für weibliche und männliche Gottesbilder. Darum spreche ich von Gott auch als ER und SIE. Und deshalb sollte der Eigenname Gottes auch nicht einseitig und ausschließlich mit »Herr« / »HERR« wiedergegeben werden. Gott ist viel zu lebendig, als dass IHRE Beziehung zu uns in einem Herrschaftsverhältnis aufginge.

»Herr« ist ebenso wie der trinitarische Gottesname »Vater, Sohn und Heiliger Geist« einer neben anderen Rufnamen Gottes. Von Gott allein in männlichen Bildern zu sprechen, verstößt gegen das Bilderverbot. Die Vielfalt der Gottesnamen und -bilder dagegen achtet das Bilderverbot: »Du sollst dir kein Bild machen« – das lässt sich eben auch lesen als: »Du sollst dir nicht nur ein Bild von Gott machen.« Denn wer nur ein Bild von Gott hat, bildet sich ein, Gott zu kennen, und ist womöglich bald fertig mit IHR. Gerade das Bilderverbot eröffnet den Raum für viele Bilder Gottes – jedoch keine ­Bilder, die wir herstellen, sondern die sich einstellen in der Begegnung mit dem lebendigen Gott.

»Ich werde sein, die ich sein werde.« Damit sagt Gott aber keineswegs: »Ich bin ich und damit basta.« Mit diesem Namen zieht Gott sich nicht auf sich selbst zurück, sondern öffnet sich, macht sich ansprechbar und verletzlich. Denn dieser Name enthält eine große Verheißung und – ein großes Risiko. Mit ihm verspricht Gott: Ich bin da. Ich bin bei dir in ­jeder neuen Gegenwart, auf allen ­deinen Wegen. Ich bleibe dir treu. Mehr noch: »Ich werde sein, der ich für euch sein werde.« Gott lässt sich vorbehaltlos auf die Beziehung zu den Menschen ein, bindet sich an uns und an die Namen, mit denen wir IHN nennen.

Damit riskiert Gott, dass wir SIE mit Namen nennen, die IHR Wesen verfehlen – Namen, mit denen wir Gottes Eigennamen nicht entsprechen, sondern ihn in den Dreck ziehen. Eben darum bleiben wir angewiesen auf die Bitte »Geheiligt werde dein Name« und das Gebot, den Namen Gottes nicht zu missbrauchen. Denn nur die Rufnamen, mit denen wir Gottes Eigennamen und mit ihm Gott selbst heilig halten, sind schöne Namen.

Magdalene L. Frettlöh

Die Autorin ist promovierte Theologin und Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und Privatdozentin für Systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum

Wer gewinnen will, muss auch verlieren können

4. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Interview: Wie das Leben aus dem Glauben gelingen kann – im Gespräch mit Pater Anselm Grün

Anselm Grün, Autor zahlreicher Bücher feierte kürzlich seinen 65. Geburtstag. Ein Gespräch mit ihm über Glauben und sein Verhältnis zum Geld.

Anselm Grün: Für mich ist wichtig, dass ich innerlich frei bin vom Geld, dass ich mich nicht vom Geld bestimmen lasse und – dass Geld dem Menschen dient. Foto: epd-bild

Anselm Grün: Für mich ist wichtig, dass ich innerlich frei bin vom Geld, dass ich mich nicht vom Geld bestimmen lasse und – dass Geld dem Menschen dient. Foto: epd-bild

Pater Anselm, Sie sind der wirtschaftliche Leiter der Abtei Münsterschwarzach, Sie halten Vorträge, Kurse und Seminare. Sie schreiben Bücher und sind ein gefragter Gast bei Talk-Shows und anderen Veranstaltungen. Für einen Mann im Rentenalter ein ziemlich straffes Programm …
Pater Anselm:
Bis auf einige Ausnahmen habe ich einen regelmäßigen ­Tagesablauf. Ich stehe 20 vor fünf auf, Chorgebet, dann Meditation, 6.15 Uhr Eucharistiefeier, Frühstück, danach lese ich eine halbe Stunde. Vormittags bin ich in der Verwaltung von 8 Uhr bis kurz vor zwölf. Um zwölf ist wieder Chorgebet, danach Mittagessen und Mittagsschlaf. Um halb zwei geht die Arbeit wieder an. Zwei Tage in der Woche führe ich Gespräche mit Priestern und Ordensleuten im Recollectio-Haus, einem Haus für geistige und therapeutische Begleitung. Jeden Montag und Donnerstag Vorträge. Und Dienstagabend von acht bis neun bin ich immer zu einem Kurzvortrag in Würzburg, wo wir ein ­Seminar-Haus haben. Gut: Und am Mittwoch auch noch Vorträge.

Die meisten in einem »normalen« Berufsleben denken mit 65 an Aufhören. Sie nicht?
Pater Anselm:
Gut, ich will jetzt ja ­weniger machen. Aber dieses Jahr ist schon verplant. Ende Januar mache ich die Planung für das nächste Jahr und überlege, wie viel soll ich noch machen. Gut, es macht immer noch Spaß und solange es für mich stimmt … Aber ich versuche schon, mich nicht einfach zu verplanen, ­sondern sensibel darauf zu hören, also zu spüren, wo ist es Zeit weniger zu machen oder manches aufzugeben. Aber es liegt nicht alleine an mir. Bei den Vorträgen könnte ich einfach Nein sagen. Aber die Verwaltung, das Gästehaus – das ist ja auch im Interesse der Abtei.

Ihre Bücher werden von vielen Menschen gern gelesen. Offensichtlich verstehen Sie es, die biblische Botschaft in einer einfachen Sprache rüberzubringen.
Pater Anselm:
Es ist mir wichtig, die christliche Tradition den Menschen in einer Sprache zu verkünden, die sie verstehen, die nicht moralisiert, sondern die ihnen zeigt, wie aus dem Glauben heraus das Leben gelingen kann. Die Weisheit oder die heilende Kraft, die in der Botschaft Jesu liegt, die ist mir wichtig, denn Menschen kommen mit Wunden, mit Verletzungen, und ­ihnen sage ich, wie der Umgang mit der Bibel und die Begegnung mit Jesus ein Weg zur Heilung sein kann.

Glauben, der heilt, ist ein Thema, das Ihnen wichtig ist …
Pater Anselm:
Ja, ein ganz wichtiges Thema. Alle christlichen Traditionen wollen das Heil und die Heilung des Menschen. Es gibt auch einen krankmachenden Glauben, der die eigene Realität nicht wahrnimmt, der sich in religiöse Gefühle flüchtet. Aber der Glau­be, den Jesus verkündet, der ist ein heilender Glaube. Für mich geschieht die Heilung immer in der ­Begegnung. Manche Christen wollen Jesus ja als Zauberer benutzen. Jesus soll schnell die Krankheit wegnehmen, aber man will sich der Krankheit gar nicht stellen. Doch Begegnung heißt: Ich halte mich hin, so wie ich bin und ich schaue auch meine eigene Wirklichkeit an. Dann kann Heilung geschehen.

Wenn ich zum Beispiel Angst habe, kann ich die Gott hinhalten, im Gebet darüber sprechen. Wovor habe ich denn Angst? Oft ist es die Angst mich zu blamieren, Fehler zu machen. Und dann zeigt mir die Angst oft falsche Grundannahmen, eben die: Ich darf keine Fehler machen, sonst bin ich nichts Wert; ich darf mich nicht blamieren, sonst würde ich abgelehnt. Wenn ich mir diese Angst eingestehe und sie Christus hinhalte, erkenne ich, dass die Angst mich letztlich zu Gott führen kann. Denn dabei stellt sich die Frage, definiere ich mich vom Urteil der Menschen oder definiere ich mich von Gott her. Die Angst lädt mich ein, mich von Gott her zu definieren und zu sagen: Gott ist die Grundlage meines Lebens.

Aber niemand sollte meinen, dass sich solche Veränderungen plötzlich vollziehen, dies geschieht in einem längeren Prozess …
Pater Anselm: Ja, das ist ein Prozess. Wenn ich jetzt bete und mit Christus über meine Angst spreche, ist sie nicht sofort weg. Ich werde nur anders damit umgehen. Sie wird mich nicht mehr im Griff haben. Das Ziel ist, dass die Angst zur Freundin wird, die mich zu Gott führt. Dass die Depression für mich ein Weg zu Gott wird.

Wie kann Depression einen Menschen zu Gott führen?
Pater Anselm:
Weil sie mir meine Ohnmacht zeigt, dagegen kann ich ­rebellieren, dann werde ich noch depressiver. Oder ich kann sie eingestehen und mich in Gott ergeben, dann bin ich auch in einer Depression getragen, dann hat sie mich nicht mehr im Griff. Aber natürlich gibt es viele Formen von Depressionen, auch schwere, wohin der Glaube oft nicht dringt. In solchen Situationen ist es wichtig, trotzdem etwas zu haben, woran man sich festhält. Da kann ein Kreuz wichtig sein, an das ich mich festklammere. Oder ein Wort, an das ich mich halte, selbst wenn ich nicht daran glauben kann.

Was verstehen Sie unter Gesundheit?
Pater Anselm:
Zum Menschen gehören Gesundheit und Krankheit. Also zu meinen, ich bin nur gesund, das ist eine Illusion. Die Krankheit gehört auch zum Menschen. Sie ist eine Krise, die mich immer wieder durch meine Schwäche hindurchführen will. Aber Gesundheit würde ich definieren als im Einklang sein mit mir selbst. Auch in der Krankheit kann ich im Einklang sein mit mir, inneren Frieden haben. Und Gesundheit heißt für mich, dass der innerste Kern in mir nicht von Krankheit, auch nicht von psychischer Krankheit, auch nicht von Schuld infiziert ist. Wo Christus in mir ist, bin ich heil und ganz. Der innerste Kern in jedem Menschen ist heil und ganz. Das heißt nicht, dass deshalb im emotionalen Bereich alle Verletzungen, Gefährdungen aufgelöst sind, sie werden relativiert. In der Krankheit bin ich von Gott getragen.
Die Krankheit kann mich aufbrechen auch für Gott. Für mich gibt es nur die Alternative: Entweder ich halte an meinen Vorstellungen vom Leben fest, dann werde ich z. B. durch Krankheit zerbrechen oder ich lasse meine Vorstellungen von mir und vom Leben zerbrechen, dann werde ich aufgebrochen für Gott und für mein wahres Selbst.

Reden wir noch etwas übers Geld! Die Abtei Münsterschwarzach ist ein wirtschaftlich gut gehendes Unternehmen, was heutzutage nicht jede Firma von sich sagen kann. Wie machen Sie das?
Pater Anselm:
Für mich ist wichtig, dass ich innerlich frei bin vom Geld, dass ich mich nicht vom Geld bestimmen lasse und – dass Geld dem Menschen dient. Also wenn ich Schule und Bildungshaus leiten will, brauche ich Geld. Dabei ist es wichtig, kreativ mit Geld umzugehen, damit ich das, was ich als sinnvoll erachte finanzieren kann. Ich gehe mit Krediten, Aktien und Anleihen um. Für manche ist das fremd, für mich ist es ein kreatives Tun. Ich benutze einfach die Finanzierungsinstrumente mit, allerdings immer nach ethischen Grundsätzen.

Es gehört auch Know-how dazu, um auf dem glatten Parkett des Geldmarktes nicht auszurutschen …
Pater Anselm:
Ja, ich musste damit umgehen lernen. Wir hatten ja kaum etwas und da habe ich halt angefangen die Möglichkeiten zu nutzen, erst langsam, eher vorsichtig und dann ein bisschen mit mehr Risiko. Es ist ja so: Wer gewinnen will, muss auch verlieren können. Der Gierige verliert ­immer und der Ängstliche. Also es braucht ein gewisses Vertrauen – und es braucht eine Freiheit von Gier. Die Risikobereitschaft wird bei jedem anders sein. Ein ängstlicher Mensch ist weniger risikobereit, dann soll er mit Geld nicht so umgehen wie ich das tue. Ich würde keinem ängstlichen Menschen raten, es so zu machen wie ich.

Und wenn es schief geht, dann fühlen Sie sich getragen von der Gemeinschaft der Benediktiner?
Pater Anselm:
Ja, klar, das tut auch dem Image ganz gut, zu sagen: Es gibt nicht nur erfolgreiche Menschen, es geht auch mal etwas schief. Das gehört auch zum Leben.

Aber es ist nichts schief gegangen?
Pater Anselm:
Na ja, durch die Finanzkrise haben wir natürlich auch etwas verloren. Wenn wir etwas gewonnen haben, haben wir auch etwas verloren. Aber wenn ich das Ganze anschaue, haben wir immer noch gewonnen. Wenn ich vom Anfang ausgehe, dann hat sich doch alles trotzdem gelohnt.

Das Interview führte Sabine Kuschel

Mode und Kirche passen zusammen

28. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Als zweite Haut ist Kleidung seit Urbeginn der Menschheit ein kleiner Trost in aller Sterblichkeit

Sich etwas gönnen! Wie wär’s mit ­einem neuen Kleid? Foto: BilderBox.com

Sich etwas gönnen! Wie wär’s mit ­einem neuen Kleid? Foto: BilderBox.com

Eine Modenschau in der Kirche? Mode ist doch Mode und Kirche ist Kirche. Oder haben beide doch ­etwas miteinander zu tun? Vor dieser Frage stand vor einiger Zeit der Kirchenvorstand einer deutschen Großstadt. Ein französisches Modehaus hatte angefragt: Man wolle die Winter- und Frühjahrskollektion in der Stadtkirche präsentieren. Ein nicht unerhebliches Honorar für die klamme Gemeindekasse stand in Aussicht, und dem Pfarrer wurde die Möglichkeit geboten, im Rahmen einer Andacht oder einer Ansprache die christliche Botschaft unter die Besucher zu bringen.

Adam und Eva – die ersten Modeschöpfer
Mode und Religion: Geht denn das zusammen? Im biblischen Schöpfungsbericht sind es Adam und Eva, die nach der Versuchungsgeschichte als erste Modeschöpfer auftreten. Sie flechten sich Schurze aus Feigenblättern als sie ihre Nacktheit bemerken. Sie schämen sich. Sie kennen den ­Unterschied von Gut und Böse. Und sie wissen von nun an, dass sie sterblich sind. Kleidung, Scham und Tod stehen von nun an in Beziehung zueinander. Das ist das Geheimnis der Versuchungsgeschichte. Als zweite Haut ist Kleidung, ist Mode seit Urbeginn der Menschheit ein kleiner Trost in aller Sterblichkeit. Wenn schon die erste Haut, der Menschenkörper, vergänglich ist, warum nicht eine zweite Haut erfinden und anziehen, die diese Vergänglichkeit ein bisschen erträglicher macht?

Seit damals machen Menschen Mode, lieben das Schöne. Die bunten prächtigen Dome sind die Laufstege des Mittelalters. Denn der Kleidung und den Gottesdiensten der römischen Kirche konnte man eines jedenfalls nicht absprechen: die Lust am Schönen und Festlichen. Vor dem Hintergrund der mittelalterlichen Todesangst vor Pest oder Fegefeuer ist das eine einleuchtende Lust. Das Schöne ist immer auch Sehnsucht nach Erlösung, Sehnsucht nach einer anderen Welt.

Wer immer Sehnsucht hat, erweist sich und die Welt als bedürftig und verletzlich. So tragen bis heute die großen Modenschauen und die Prozessionen der Schönen auf den Laufstegen jene Sehnsucht in sich. Nach außen perfekt und glänzend, birgt die Glitzerwelt der Mode in ihrem Kern etwas zutiefst Humanes. Es ist die Schwäche des versehrlichen menschlichen Körpers.

Für die christliche Religion rückt dieser menschliche Körper ins Zentrum des Glaubens. In Jesus von ­Nazareth ist es Gott selbst, der einen Körper bekommt. Für Gott selbst ein Gang in die Fremde. Der Allmächtige wird Mensch, sterblich und bedürftig.

Die Lust am Schönen und Festlichen

Da sind sie plötzlich ganz nahe beieinander, die Modewelt und der christliche Gott. Ja, Mode und Religion gehen zusammen. Eine Gemeinde, ein Kirchenvorstand, der vor einer solchen Entscheidung steht, kann also zu ganz neuen Ergebnissen kommen. Und was heißt das für den Alltag?

Vielleicht eine Aufforderung, sich etwas zu gönnen, gleich heute. Das Lieblingskleid anzuziehen, das im Schrank geschont wurde. Die edlen Winterschuhe zu kaufen, um die man wochenlang herumgestrichen ist, weil sie ein bisschen mehr kosten. Die schöne Leinenbluse zu tragen, auch wenn es nur um die Ecke zum Einkaufen geht. Denn jeder Tag ist etwas besonderes, weil er einmalig ist. Darum dürfen auch wir Menschen einmalig und schön sein.

Christian König

Gestürzt, aufgehoben, rund geschliffen

21. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Foto: GemeindeblattWas aus mir geworden ist, ist schön –
Psalm eines Kieselsteins

Denke ich an frühere Zeiten, an meine Heimat, mein Zuhause, überfällt mich tiefe Traurigkeit, plagt mich stechender Schmerz.

Als Teil eines Felsens war ich verbunden mit dem Ufer, hatte einen herrlichen Blick aufs weite Meer. Dicht neben mir, in den Ritzen, blühte der Strandflieder.

Ich bemerkte nicht den feinen Riss, der sich neben mir gebildet hatte und sich ständig weitete. Ein Stück Holz war in den Riss gefallen. Holz, so etwas weiches, so etwas zerbrechliches.

Doch als Regen fiel, das Holz zu quellen begann, sprengte es ein Stück Felsen ab. Eine solche Kraft steckt in weichem Holz!

Ich stürzte in die Tiefe. Doch die Flut hob mich auf, zog und schob mich unaufhörlich vor und zurück. Meine Spitzen wurden stumpf, die Unebenheiten abgestoßen. Die Kanten verloren an Schärfe, die Vertiefungen verflachten. »Wir werden alle zu Sand zerreiben«, klagte ein Stein neben mir. Er war glatt wie ein Aal und flach wie eine Scholle.

Wir knirschten jedes Mal laut auf, wenn die Wellen uns durcheinanderschoben. Mal lag ich unten, mal oben, mal auf dem Trockenen, dann wieder im Wasser. Kinder kamen ans Ufer. Sie suchten flache Steine, ließen sie über das Wasser springen. Wie kann ein Stein übers Wasser laufen?

»Lass mich übers Wasser tanzen«, wollte ich rufen, brachte aber keinen Laut heraus.

Die Kinder blieben stehen. »Ein Ei, ein Ei aus Stein«, rief eines und hob mich auf. Die warme, weiche Hand, die kleinen Finger, die mich zärtlich streichelten: unbeschreiblich schön.

Es wurde dunkel. Ich lag mitten zwischen Muscheln, kleinen Holzstücken, rund geschliffenen Glasscherben und den Scheren eines Krebses. Alles wurde in eine Schachtel gepresst mit einem Deckel verschlossen.

Raum ohne Licht und Luft.

Sonne, einmal wieder Sonne, wieder die Wellen, das Knirschen am Strand.

Waren es Stunden, Tage, Wochen?

Ich erkannte sie sofort wieder, die kleine Hand, die mich vorsichtig aus der Schachtel hob und auf eine Steinplatte legte.

Aber es gab kein Rauschen des Meeres, kein Knirschen der Kiesel, keinen Wind, keine Wellen, keinen Sand. Doch gab es jetzt Aussicht über ein weites Tal zu hohen Bergen, die immer wieder durch die Wolken guckten und manchmal weiße Mützen trugen.

Ich habe mich verändert. Ich bin verändert worden. Das war ein langer Weg. Aber ist das, was aus mir geworden ist, nicht schön? Ob meine runde Gestalt schöner ist als meine frühere, mit Spitzen und Kanten? Wer kann das sagen?

Immer wieder werde ich zur Hand genommen und bewundert: Ein Ei aus Granit.

Wer hat dich so gleichmäßig geformt?

Helmut Herberg

Die Beziehung zu Gott pflegen

Spiritualität im Alltag (3): Beten – Für das Gespräch mit Gott gibt es viele Formen

Eine dreiteilige Beitragsserie beschäftigt sich damit, wie wir Christen unseren Glauben im Alltag prakti­zieren können. Abschließend geht es ums Beten.

betende_haendeMuss ich beten, wenn ich Christ sein will?«, fragte ich als Zehnjährige die Katechetin. Ich wollte von Gott geliebt werden, aber ich hatte keine Lust, religiöse Pflichtübungen zu erfüllen. »Du musst überhaupt nichts«, antwortete die Katechetin gut evangelisch-lutherisch. Doch ihre Antwort befriedigte mich nicht. Ich spürte: Es geht nicht um eine Pflichtübung. An Gott glauben heißt, eine Beziehung zu ihm zu haben, mit ihm zu leben, ihm zu vertrauen – trotz ­allen Misstrauens. Eine solche Beziehung braucht Pflege. Sie sucht das Gespräch. Das begriff ich je länger je mehr.

»Gott will uns … locken«, schreibt Martin Luther im Kleinen Katechismus, »damit wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.« (Erklärung zum Vaterunser) Gott selbst sucht das Gespräch mit uns. Therese von Lisieux (1873–1897) vergleicht das Gebet mit einer Königin, »die immer freien Zutritt zum König hat und alles erlangt, worum sie bittet. Es ist durchaus nicht nötig, ein schönes, für den entsprechenden Fall formuliertes Gebet aus einem Buch zu lesen … Ich sage Gott ganz einfach, was ich ihm sagen will, ohne schöne Worte zu machen, und er versteht mich. Für mich ist das Gebet ein einfacher Blick zum Himmel, ein Ruf der Dankbarkeit und der Liebe, aus der Mitte der Mühsal wie aus der Mitte der Freude. Es ist ­etwas Großes, dass mir die Seele weitet und mich mit Jesus vereint.«

Doch was ist, wenn Gott unsere Bitten nicht erhört? Die Kommunikation zwischen ihm und uns gestaltet sich oft schwierig. Auf viele unserer Gebete reagiert er anders als erhofft.

Das ist gut so! Denn es gehört zu ­einer lebendigen Beziehung, dass der Partner eigene Vorstellungen hat. Da hilft nur eines: sich üben im Hören aufeinander. Das Hörproblem liegt nicht bei Gott, sondern bei uns. Deshalb beginnt das Beten damit, innezuhalten und aufmerksam zu werden für Gottes Gegenwart. Gott, ich danke dir, dass du da bist. Oder auch: Gott, wo bist du? Ohne Worte kann das geschehen. Es ist eine Lebenshaltung. Je mehr wir uns üben, achtsam zu werden für Gottes Nähe, desto leichter werden wir mit ihm ins Gespräch kommen.

Wer regelmäßig bestimmte Zeiten dem Gebet widmet, kann auch leichter spontan beten. Rituale geben unserem Beten Halt und Struktur. Was wir häufig wiederholen, prägt sich tief ein und wird zu einer kleinen persönlichen Liturgie. Die hilft, wenn das ­Beten schwerfällt.

Für das Gespräch mit Gott gibt es viele Formen. Die eine ist nicht besser als die andere. Jede hilft auf ihre Weise, die Beziehung zu Gott zu gestalten. Ein Lied beispielsweise kann meine Liebe zu Gott oft besser ausdrücken als ein frei formuliertes ­Gebet. Die alltäglichen Freuden und Lasten dagegen bringe ich so zu Gott, wie es mir gerade in den Sinn kommt. Für andere Menschen erbitte ich seine Hilfe, indem ich ihm ihre Namen nenne oder eine Kerze für sie anzünde. Er weiß am besten, was gut für sie ist. Das hindert mich allerdings nicht, ihn auch um konkrete Dinge zu bitten.

Psalmen wiederum schenken mir Worte des Staunens über Gottes Größe und führen zur Anbetung. Ohne sie würde mein Gebet vertrocknen. Wenn mir jedoch eine Not die Sprache verschlägt, wenn ich vor Kummer nicht weiß, was ich sagen soll, dann finde ich in den Psalmen Worte der Klage. Diese alten Gebete sind so gefüllt mit menschlichen Erfahrungen, dass ich mich selbst und andere darin bergen kann. Sie nehmen sogar die Anliegen der vielen Menschen auf, die nicht beten können. Das Beten mit Psalmworten wird zu einem Dienst für die Welt.

Oft weiß ich nicht, was ich beten soll. Dann helfen geformte Gebete, allen voran das Vaterunser. Es verbindet mich mit Jesus und zugleich mit der ganzen Christengemeinde. Inniges Vertrauen zu Gott dem Vater und die Weite seines Reiches, meine Sorgen um das Alltägliche und die Befreiung von der Macht des Bösen – das ganze Leben in Zeit und Ewigkeit kommt in diesen kurzen Worten vor. Alles ist gesagt, Gott sei Dank!

Es braucht nicht viele Worte. Es braucht vor allem liebende Aufmerksamkeit: Gott, wie willst du mir heute begegnen? Was willst du mir ­sagen?

Solches Beten führt ins Schweigen. Einfach bei Gott sein und wissen: Es ist gut, mit ihm zusammen zu sein. Ich öffne mich für ihn, so weit ich kann – im Rhythmus des Atmens: du in mir, ich in dir. So nehme ich seine Güte in mich auf, so strömt sie durch mich zu den anderen Menschen. So weitet sich der Raum seiner Gegenwart. So wächst die Kraft seines Segens in unserer Welt.


Brigitte Seifert

Die Autorin ist promovierte Theologin und Pfarrerin am Haus der Stille im Evangelischen Zentrum Kloster Drübeck.


Täglich über ein Bibelwort nachdenken

Spiritualität im Alltag (2): Mit der Bibel leben

Welchen Platz hat unser Glauben im Alltag? Mit dieser und anderen Fragen beschäftigt sich unsere dreiteilige Beitragsserie über Spiritualität im Alltag.

Foto: Robert Aichinger, sxc.hu

Foto: Robert Aichinger, sxc.hu

Christliche Spiritualität lebt aus dem Evangelium. Sie braucht dazu die Bibel. Denn dort ist aufgeschrieben, wie Gott sich Menschen bekannt gemacht hat. Am deutlichsten zeigt er sein Gesicht in Jesus Christus. Der Evangelist Johannes kann ­sogar sagen: In ihm ist Gottes Wort Fleisch geworden, ein Mensch von Fleisch und Blut, und wohnte unter uns. (Johannes 1,14) Heute wohnt er unter uns, wo Menschen dieses Wort in ihr Leben aufnehmen. Das ist eine spannende Angelegenheit. Denn die Worte der Bibel können auch fremd und kalt bleiben. Erst Gottes Geist macht sie lebendig, sodass uns durch die gedruckten Worte Gott selbst anspricht. Dies ist immer wieder ein Wunder. Wir können es nicht herbeiführen. Aber wir können uns dafür öffnen, indem wir den Worten der Bibel unsere Aufmerksamkeit schenken.

Vielen sind die Herrnhuter Losungen vertraut: Für jeden Tag ein Bibelvers aus dem Alten und einer aus dem Neuen Testament. Es ist gut, diesen Worten einige Minuten still nachzulauschen mit der Frage: Gott, was willst du mir heute sagen oder zeigen?
Ich selbst habe mich viele Jahre an die fortlaufende Bibellese gehalten. Dabei werden im Verlauf von vier Jahren das gesamte Neue Testament und in acht Jahren auch die Bücher des ­Alten Testaments gelesen. Andachtsbücher bieten kurze Auslegungen dazu, etwa »Halt uns bei festem Glauben«, »Sonne und Schild« oder der Neukirchener Kalender.

Mittlerweile nehme ich mir gern mehrere Tage Zeit für einen einzigen Text, etwa das Evangelium oder den Predigttext des Sonntags. So kann mich das Wort tiefer erreichen.

Ein Beispiel: »So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.« ­(Jakobus 5,7-8, Lesung am 2. Advent)

Gleich zu Beginn stoße ich auf ein Thema, mit dem ich es schwer habe: Geduld. Mir kommen Situationen in den Sinn, für die ich frage: Wo bist du, Jesus? Warum tust du nichts? Das kann doch nicht so bleiben! Schmerzlich nehme ich wahr, wo ich Gott als fern erlebe. Wieder einmal merke ich: Das gehört zum Glauben dazu, Gottes Ferne aushalten und trotzdem wissen: Jesus ist auf dem Weg, er kommt!

Am folgenden Tag bringe ich meine tägliche Mühe in Verbindung mit dem Bild vom Ackerbauern. Säen, das heißt hingeben, etwas einbringen, loslassen. Dann ist lange Zeit nur Staub zu sehen. Mir wird bewusst, wie vieles ich nicht »machen«, sondern nur darauf vertrauen kann, dass Gott Gutes wachsen lässt. Auch dies ist Stoff genug für eine stille Zeit. Jesus, lass mich heute guten Samen ausstreuen und hilf mir zu warten.

Am dritten Tag widme ich mich der »kostbaren Frucht der Erde«. Ein reich gefüllter Obstkorb steht vor meinem inneren Auge. In meiner Vorstellung genieße ich die Früchte, und mein Herz wird weit vor Dankbarkeit. Kostbare Frucht der Erde, das sind auch Musik und Bücher, mein Fahrrad und die Dusche – Früchte der Mühe anderer Menschen, Gottes gute Gaben. Ja, ich will sie bewusst genießen. Danke, himmlischer Vater, du hast diese Erde so reich ausgestattet!

Empfangen. Wieder ein anderes Thema. Die Erde muss empfangen, sonst wächst nichts. Diesmal stelle ich eine leere Schale vor mich auf die Erde. Was habe ich nicht alles empfangen in meinem Leben …! Empfangen kann ich nur, wenn ich offen dafür bin. Ich halte Jesus meine leeren Hände hin – und bitte ihn um unverschämt große Gaben: Liebe für die Menschen, denen ich heute begegne, Weisheit in meinen Entscheidungen … und um Frieden auf der Erde. Wie gut, dass ich mit meiner kleinen Schale etwas von ihm fassen kann und dass er alles umfasst.

»Stärkt eure Herzen!« Heute frage ich nach dem, was mich stärkt. Menschen fallen mir ein, die mir Kraft ­geben, und andere, die dringend ­Stärkung brauchen. Ich bete für sie. Während des Tages entdecke ich viel mehr Stärkendes als sonst. Wenn ich am Ende der Woche zurückschaue, staune ich, wie nahe mir Jesus durch diesen kurzen Bibelabschnitt gekommen ist.

Ich hoffe, Sie haben Lust bekommen, etwas Ähnliches zu probieren. Vielleicht gibt es in Ihrer Gemeinde Menschen, mit denen Sie sich darüber austauschen können. Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn es nicht gleich gelingt. Schenken Sie einfach immer wieder dem Wort der Bibel Ihre Aufmerksamkeit, bis es Ihnen lebendig wird.
Brigitte Seifert

Die Autorin ist promovierte Theologien und Pfarrerin am Haus der Stille im Evangelischen Zentrum Kloster Drübeck.

Gott in allen Dingen suchen und finden

SchneeChristliche Spiritualität will den Alltag im Geist Jesu Christi gestalten

Welchen Platz hat unser Glauben an Gott im Alltag? Wie wirkt er sich im täglichen Leben aus? Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich eine dreiteilige Serie über Spiritualität im Alltag.

Stellen Sie sich vor, es ist Freitag, der 13. August 2010. Herr M. freut sich auf das Wochenende. Er will mit seiner Familie ins Grüne fahren. In der Natur sein, den Vogelstimmen lauschen, abends den Sternenhimmel betrachten, all das wird er genießen. Er gehört keiner Kirche oder Religion an, doch in solchen Momenten fühlt er sich eins mit Gott und dem Universum. Frau K. dagegen wird heute nichts Besonderes unternehmen. Es ist ja Freitag der 13. In ihrem Horoskop hat sie zwar gelesen, sie solle sich ruhig mehr zutrauen. Aber an so einem Tag will sie das Schicksal nicht herausfordern. Anders Herr G.: Gelassen kommt er ins Büro. Er hat am Morgen schon eine Stunde meditiert. Das hilft ihm, die Hektik des Alltags besser zu bestehen und achtsam mit sich selbst und anderen umzugehen.

Diese Menschen leben Spiritualität im Alltag auf ganz verschiedene Weise. Den christlichen Glauben brauchen sie dazu nicht. Doch sie ­ahnen oder wissen: Die Welt ist mehr als Materie und der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Wir brauchen etwas, das größer ist als wir selbst.

Viele fragen und suchen danach; das Interesse an »Spiritualität« ist groß in unseren Tagen. Spiritus, das lateinische Wort für »Geist«, steckt darin. Es geht also um die Frage: Welcher Geist bestimmt mein Leben? Und wie kommt das, was ich glaube, in meinem Tun und Lassen zum Ausdruck? »Frömmigkeit« hieß das früher oder auch »geistliches Leben«.

Christliche Spiritualität will den Alltag im Geist Jesu Christi gestalten. Sie erwächst aus dem Glauben an Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Im Unterschied zu vielen anderen Weisen spirituellen Lebens richtet sich unser Glaube auf ein göttliches DU, genauer gesagt: auf den Gott, der aus Liebe zu uns Mensch wurde, um uns und diese Welt zu erlösen.

Wie wirkt sich dieser Glaube nun aus auf das Leben an jenem Freitag, dem 13. August 2010, zum Beispiel?

Vielleicht so: »Geh aus, mein Herz, und suche Freud … an deines Gottes Gaben«, sagt sich Frau N. und bricht auf zu ­einem Spaziergang. Im Paul-Gerhardt-Jahr 2007 hat sie dieses Lied (EG 503) neu entdeckt. Mit offenen Sinnen geht sie durch Wald und Wiesen wie einst der Liederdichter. Von ihm lernt sie, die Schönheit der Schöpfung auch als einen Vorgeschmack auf die himmlische Welt zu sehen (Str. 9–11). Und der Gedanke, dass sie schon jetzt »ein guter Baum« und eine »schöne Blum« (Str. 14) im Garten Christi sei, gefällt ihr gut. Mit diesem Lied wird ihr Spaziergang zum Gottesdienst.

Herr L. dagegen sitzt mit schwerem Kopf über den Geschäftszahlen. Harte Monate liegen hinter ihm. Mehrere Mitarbeitende mussten entlassen werden. Manche gaben ihm die Schuld. Die Verantwortung bedrückt ihn. Auch die Vorwürfe, obwohl er weiß, dass sie nicht berechtigt sind. Seit dem letzten Sommer waren die Auswirkungen der Finanzkrise deutlich spürbar. Gott, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen. Wo hat er das nur gehört oder gelesen? Ach ja, vor einiger Zeit stand es im Schaukasten am Pfarrhaus. Er kann sich nicht vorstellen, wie das gehen soll: Last in Segen. Trotzdem ist dieser Gedanke plötzlich da. Er nimmt ihn auf, macht ihn zu seinem Gebet – für die Menschen, die ihre Arbeit verloren haben, für die Angestellten seiner Firma, für sich selbst. »Segen – das ist mehr als Erfolg«, denkt er, »manchmal wohl auch etwas anderes.«

Frau S. ist auf dem Weg ins Krankenhaus. Ihr Mann hatte einen Verkehrsunfall und erlitt einen komplizierten Beckenbruch. Gott sei Dank, sind die inneren Organe und die Wirbelsäule heil geblieben. Trotzdem ist sie sauer auf Gott. Warum hat er das zugelassen? Sie hatten sich so auf den Urlaub mit den Kindern gefreut! »Gott, ich verstehe dich nicht!«, seufzt sie. Vorgestern, am Tag des Unfalls, las sie morgens im Herrnhuter Losungsbuch: »Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.« (2. Korinther 12,10) So ein Quatsch, dachte sie. Dann kam die Nachricht von dem Unfall. Schwach sein – das erleben sie jetzt. Ob daraus eine neue Stärke werden kann? Wie hieß das doch noch mal? »Der HERR ist meine Stärke … und mein Heil.« Lieber Gott, das musst du mir erklären!

Auf unendlich vielfältige Weise wird uns Gott in unserem Alltag begegnen, wenn wir nur offen dafür sind. Das Zeugnis der Bibel ist dabei die Grundlage, um ihn zu erkennen. Damit beschäftigt sich der nächste Beitrag.

Brigitte Seifert

Die Autorin ist promovierte Theologien und Pfarrerin am Haus der Stille im evangelischen Zentrum Kloster Drübeck

Verhältnis der EKD zur Russisch-Orthodoxen Kirche

Martin Schindehütte, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD, ist als Leiter der Hauptabteilung »Ökumene und Auslandsarbeit« seit September 2006 Auslandsbischof der EKD.  (Foto: EKD)

Martin Schindehütte, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD, ist als Leiter der Hauptabteilung »Ökumene und Auslandsarbeit« seit September 2006 Auslandsbischof der EKD. (Foto: EKD)

Zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) kriselt es. Was die EKD darüber denkt, erklärt Auslandsbischof Martin Schindehütte im Gespräch mit Benjamin Lassiwe.

Herr Bischof Schindehütte, nach der Wahl der geschiedenen Frau Margot Käßmann zur EKD-Ratsvorsitzenden kündigte der Leiter des Außenamtes der ROK, Erzbischof Hilarion Alfeyev, an, die Kontakte zur EKD abzubrechen. Wie sieht die EKD zurzeit ihr Verhältnis zur Russisch-Orthodoxen Kirche?
Schindehütte:
Unser Verhältnis zur Russisch-Orthodoxen Kirche darf man nicht eindimensional sehen. Wir haben derzeit einen offenkundigen ­Konflikt mit Erzbischof Hilarion und dem Außenamt der ROK, aus dem ein Problem für die Beziehungen mit der ROK insgesamt entstehen kann, aber nicht muss, denn wir hören auch Stimmen aus der Russisch-Orthodoxen Kirche, die an einer Fortsetzung des Dialogs interessiert sind. Dabei ist uns klar, dass wir keinen Dialog an unserer Ratsvorsitzenden Margot Käßmann vorbeiführen werden. Wenn Hilarion zur Bedingung macht, den Dialog nur mit mir als Auslandsbischof fortzusetzen, um Margot Käßmann zu umgehen, dann geht das nicht.

Was hat denn der Dialog der letzten 50 Jahre eigentlich gebracht, wenn man jetzt in so eine Situation gerät?
Schindehütte:
Was wir jetzt erleben, ist eigentlich nichts Neues. Der Dialog mit der Russisch-Orthodoxen Kirche war immer auch schwierig. Meine Vorgänger Rolf Koppe und Heinz-Joachim Held standen als Auslandsbischöfe der EKD mehrfach vor Situationen, in denen die ROK damit drohte, den Dialog abzubrechen. Aber es ist immer weitergegangen – gerade zuzeiten des Eisernen Vorhangs waren die Gespräche mit der Russisch-Orthodoxen Kirche wichtige Brücken zwischen Ost und West.

Worum geht es denn bei den Dialogen mit der Russisch-Orthodoxen Kirche überhaupt?
Schindehütte:
Ich will mal Beispiele nennen: 2008 haben wir über die Menschenrechte als christliche Verpflichtung gesprochen. Auch die Themen Säkularisierung und Globalisierung waren von Bedeutung. Russland befindet sich zurzeit in einem gewal­tigen Säkularisierungsprozess. Wir in Deutschland haben bereits Erfahrungen damit, wie wir unter diesen Bedingungen unseren Glauben bezeugen können. Wir behandeln auch aktuelle Themen, von denen wir denken, dass wir voneinander lernen können.

Wie stellt sich die EKD eine Fortsetzung dieser Gespräche vor?
Schindehütte:
Wir hoffen, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche zur ökumenischen Grundhaltung zurückkehrt, wonach wir als Kirchen trotz ­aller Unterschiede miteinander reden, und akzeptieren, dass der ökumenische Partner manches anders macht als wir selbst. Dass russisch-orthodoxe Bischöfe im Dialog auf Margot Käßmann treffen, heißt ja nicht, dass sie deswegen in der eigenen Kirche Priesterinnen einführen müssen. Aber wir erwarten von ihnen, dass sie akzeptieren, dass wir uns für eine Bischöfin als Ratsvorsitzende entschieden haben – so wie wir es nicht zur Vorbedingung für einen Dialog machen, dass die Russisch-Orthodoxe ­Kirche Frauen im Priesterinnenamt zulässt.

Ende Januar findet vielerorts die Gebetswoche für die Einheit der Christen statt. Wie sollen evangelische ­Kirchengemeinden reagieren, wenn russisch-orthodoxe Geistliche und Gemeinden teilnehmen?
Schindehütte:
Von evangelischer Seite gilt: Wir bleiben einladend und offen und freuen uns über jedes gemeinsame Gebet, das bei dieser Gelegenheit gesprochen wird. Wenn Geistliche der Russisch-Orthodoxen Kirche an der Gebetswoche teilnehmen wollen, sind sie dazu herzlich eingeladen. Wir werden definitiv niemanden in die Ecke stellen – denn wir sind ökumenisch offen, und wollen das auch bleiben, trotz aller Spannungen, die wir zurzeit mit Moskau haben.

Gott ist da, er lässt dich nicht allein

24. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Weihnachten lässt sich nicht ignorieren. Überall ist es präsent, auch auf unserem kleinen Markt vor meiner Lieblingsbibliothek: »Madame, nur ein Euro, dass ist geschenkt!«, strahlt mich der junge, dunkelhäutige Verkäufer an.

Foto:  Harald Krille

Foto: Harald Krille

Kleinigkeiten zu Weihnachten: Klebeband, Tischschmuck, bunte Karten. Ach, ja, Tannenzapfen für den Weihnachtsbaum wie zu Omas Zeiten. Ich habe keinen Weihnachtsbaum, trotzdem kaufe ich, weil die Dinge mich an das Weihnachten meiner Kindheit erinnern. Und so leuchtet für nur ein Euro die Vergangenheit in mir auf.
Alle Jahre wieder die gleichen Rituale: Wohnung herrichten, Märchen schauen. Wenn sich dann die Fenster der gegenüberliegenden Plattenbauten ins Weihnachtslicht tauchen, zünde auch ich meine Kerzen an, höre leise Musik, öffne bei duftendem Kaffee meine gesammelte Weihnachtspost und fühle mich verbunden mit den Menschen, die anderswo ihr Weihnachten feiern.

Nur in diesem Jahr bekam ich nichts so richtig in die Reihe. Meine Wohnung wollte sich nicht schmücken lassen, die Rituale hatten ihre Kraft verloren und Weihnachtsharmonie stellte sich nicht ein.
So war mir ein Anruf, ob ich mit in die Kirche fahren möchte, sehr willkommen. Meistens fällt es mir schwer die Wohnung zu verlassen, wenn ich mich einmal gemütlich eingerichtet habe. So aber dachte ich: Vielleicht ist Weihnachten diesmal für mich vor der Tür.

In den großen Kirchen ist Heiligabend kaum Platz, zu viel Gedränge, zu wenig Raum für Andacht. Also ­entschieden wir uns für eine kleine Gemeinde mitten in Berlin. Die kleine Kirche steht zwischen Berliner Altbauten – Mietshäuser mit Problemfamilien. Sie sah aus wie ein Zweifamilienhaus, dessen Tür weit ­geöffnet und hell beleuchtet ist. Der Innenraum strahlte Wärme und Geborgenheit aus, erinnerte an die gute Stube mit dem großen Weihnachtsbaum und dem Weihnachtsstern.

Der Gottesdienst begann und ich sang voller Freude die mir vertrauten Lieder, lauschte dem Chor, summte leise mit. Ich sehnte mich nach Ruhe. Mein Blick ging zum Weihnachtsstern, zu den großen mit Lichtern geschmückten Fenstern. Diese gaben die Sicht zum Berliner Innenhof frei: Beleuchtete Küchen, hinter denen vermutlich die letzten Handgriffe für das Abendbrot getan werden, Treppenhäuser im Halbdunkel, die sich ab und zu erhellten.

Plötzlich in diese Andacht hinein drei Kanonenböller, mitten hinein in den Hofschacht. Sichtbar erschrocken sangen alle tapfer weiter, die Blicke fest auf den nun wieder im Dunkeln liegenden Hofschacht gerichtet. Mein Herz klopfte, ich hatte Angst, wollte am liebsten aufstehen und weglaufen. Und noch einmal knallte es dumpf. Der Pfarrer war zur Predigt ans Pult getreten. Man konnte auch in seinem Gesicht Beunruhigung erkennen. Ein Mädchen in einem Rollstuhl, körperlich und geistig behindert, wurde vom Vater hinausgefahren.

Ich dachte verzagt: Wo ist mein Glaube, wenn plötzlich die Harmonie gestört ist? Davongeflogen wie ein erschreckter Vogel??

Noch immer schaute ich ängstlich zur Fensterfront. Was ist das für ein Glaube, der in Gefahr davonfliegt? In meine Zweifel hinein hörte ich die leicht verunsicherte Stimme des Pfarrers: »Auch wenn dein Glaube dich längst verlassen hat und du weit weg von Gott zu sein scheinst, er ist da! Er lässt dich nicht allein.« Ich staunte. Die Worte klangen für mich wie eine Antwort von Gott. Langsam wurde ich ruhiger. Auf der Rückfahrt sprachen wir darüber, wie erschrocken alle über das laute Knallen waren. Anschließend besuchte ich eine ­ältere Dame in unserem Haus. Sie lebt ebenso allein. Wir aßen zusammen Abendbrot und sangen Weihnachtslieder aus ihrer Erinnerung.

Als ich am anderen Morgen, dem ersten Weihnachtsfeiertag, erwachte, hatte ich das Gefühl, Weihnachten sei nun doch auch bei mir eingekehrt. Wieder fielen mir die Worte des Predigers ein: »Auch wenn dein Glaube dich längst verlassen hat und du weit weg von Gott zu sein scheinst. Er ist da! Er lässt dich nicht allein.«

Margarete Noack

Festvermarkter, edle Schlipse, Hirten und das Christkind in der Krippe

17. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Pastorale Gedanken zur Weihnachtspredigt: Manchmal kommt Gott selbst vorbei und übernimmt sie

Foto: epd-bild

Foto: epd-bild

Eine Kollegin erzählte mir einmal ganz stolz, dass sie ihre Predigten für den Heiligabend immer schon in den Herbstferien im Kasten hat. Damit kann ich nicht dienen. Ich setze mich meistens zwei, drei Tage vorher hin und fange an, Gedanken aufzuschreiben. Wenn es welche gibt. Aber das kommt vor – trotz 13 Jahren im Amt.
In diesem Jahr habe ich, wider Willen, ziemlich früh an meine Heiligabendpredigt denken müssen – auf dem Weihnachtsmarkt. Die Schinkenwurst blieb mir fast im Halse stecken. Der Karusselldreher hatte Punkt 13 Uhr seine Anlage angeworfen, neben mir ertönte mit lautem Schall urplötzlich »Stille Nacht, heilige Nacht!«. Ich stellte mir das Gesicht des Sängers vor und hörte deutlich die Sprüche der Leute hinter der Glasscheibe im Aufnahmestudio: »Los Alter, bring die Kerzen zum Schmelzen!« Ziemlich niederträchtig. Denen hätte ich gern was erzählt, wenn sie unter meiner Kanzel erschienen wären.

Gott sei Dank gibt es für uns Weihnachtsprediger Krückstöcke, mit denen wir ganz passabel durch dieses ­etwas schwierige Gelände der Weihnachtstage kommen können: die wunderbaren Worte aus dem Lukas-Evangelium, mit Frischesiegel: Es ­begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging: Und dann die Weihnachtslieder.

Zum Schluss: »O du fröhliche«. Am Anfang: »Tochter Zion«.
Ich frage in jedem Jahr meine Konfirmanden und meine Leute aus den Oberstufenkursen im Gymnasium, welchen Tonfall sie mir für die Menschen anraten, die nur Weihnachten ihre Füße über die Kirchenschwelle setzen. Die Antwort ist immer eindeutig: freundlich, herzlich, gütig, ein bisschen Humor kann auch sein – aber um Gottes willen keine Strenge, keine ­Ironie, kein pastorales Gebrabbel und kein Frontalangriff auf das schlechte Gewissen. Trotzdem frage ich immer wieder gern, weil die Antworten so überraschend gleich bleiben. Was soll auch anderes möglich sein unter den Worten des Engels: »Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.«

Ich habe immer ziemliche Mühe, an dieser Stelle nicht ins Singen zu kommen, denn vor Jahren war ich selbst dieser Engel, damals als Thomaner in Leipzig. In der Bank saß mein fieser Staatsbürgerkundelehrer, Herr Dicke, im schwarzen Ledermantel und wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln – der Mistkerl. So schön hatte ich gesungen für diesen Zyniker und Hetzer. Wohl eher aus Versehen. Er ist mein Zuhörer geblieben in meinen Weihnachtsgedanken. Er sitzt zusammen mit all den gönnerhaften Lächlern und schamlosen Festvermarktern auf meiner Hirtenbank. Und es waren Hirten auf dem Felde bei den Herden, die hüteten des Nachts die Schafe.

Das waren Halunken, Diebe, Nachtgestalten, Verbitterte, Verhärtete, Gottlose, die trotz großer Sprüche doch nicht auf der Sonnenseite des Lebens spazieren konnten, weil sie keinen mehr hatten, der sich mit ihnen hätte freuen können. Sie trauten sich nicht mal mehr gegenseitig über den Weg, sondern beklauten sich untereinander. Damals wie heute. Sie alle habe ich im Auge, im Herzen, im Sinn, wenn ich darüber nachdenke, was Weihnachten zu sagen wäre. Und dazu klingt das wunderbare Wort des noch katholischen Eugen Drewermann als Cantus firmus im Ohr: »Entlarven darf nur, wer auch heilen kann.«

Nein, Ochsen und Esel kommen in der original Weihnachtsgeschichte nicht vor und sollten auch unterm Weihnachtsbaum nicht geoutet und an den Pranger gestellt werden. Ja, aber: all das Elend, der Hunger, der Krieg, die Ungerechtigkeit, der Jammer, die Tränen? Was soll damit werden am Weihnachtsabend?
Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe: denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Da ist es, da liegt es, auf Heu und auf Stroh: all das, was uns auf dieser Erde heimatlos machen kann. Direkt neben dem Kind, dem wehrlosen und alle Hoffnung tragenden Wesen. Nein. Weihnachten ist kein Tag des billigen Abrechnens mit den Kirchensteuersparern, kein Tag des Nachkartens ­gegen irgendwen. All das wissen
die Menschen doch selbst, all das schwingt in ihnen mit, all das lässt sie nach dem verlorenen Paradies seufzen. Deswegen kommen sie ja in die Kirchen, sehnsüchtig, freiwillig, aufnahmebereit. Wie die Kinder. Wie sagt der erwachsen gewordene Jesus: »Wer aber Ärgernis gibt einem dieser Kleinen, die an mich glauben, dem wäre besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist.«

Ein paar Jahre lang musste ich drei Weihnachtspredigten zustande bringen. Verschiedene selbstverständlich. Das war ein Hammer. Deswegen habe ich angefangen, jedes Jahr selber eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben. Die lese ich in einem unserer Gottesdienste vor, zu dem eigentlich gar kein Mensch kommen kann: Heiligabend um 18.30 Uhr. Dazu singt noch unser Gospelchor. Kurz gesagt: Da ist alles anders.

Inzwischen ist ein Wunder geschehen, das alles infrage stellt, was ich mir so über Weihnachten zusammengedacht habe. Die Kirche ist rappelvoll, die Leute klatschen, lachen und umarmen sich! Und ein, zwei, drei, vier Leute verlassen die Kirche unter Protest mit donnernden Schritten.

Einmal ist sogar einer wegen meiner Weihnachtsgeschichte aus der Kirche ausgetreten – weil ich erwähnt hatte, dass ich den frisch geschenkten Schlips schon am Halse hätte. Au war der sauer! Warum? Ich hatte von ein paar Werbeleuten erzählt, die, passend zu Weihnachten, ein neues Geschirrspülmittel auf den Markt werfen wollten und dazu einen Spot gedreht hatten mit Schlösschen im Walde und Rehlein in der Badewanne, mit flauschigem Badetuch. Schon der alte Fuchs Herodes hatte ja Weihnachten für seine finsteren Zwecke einspannen wollen und den Weisen weisgemacht, er wolle auch kommen um das Kind anzubeten. Weihnachten und sein Missbrauch gehören zusammen – von Anfang an. Aus diesem verfilzten Knäuel die Botschaft vom Licht in die begriffsstutzige Finsternis zu bringen, war auch der Sinn dieser ­Geschichte. Aber das war meinem Zuhörer nicht zu vermitteln. Für dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, eine ganz zarte Geschichte zu schreiben: ohne Sarkasmus, ohne Bloßstellung, ohne Siegerpose. Das wird ein hartes Stück Arbeit werden.

Meistens denke ich bis zum Tag ­davor: Diesmal fällt dir aber wirklich nur Quark ein – und früh um Fünf am 24. Dezember ist die Geschichte fertig. Ich brauche nur noch aufzustehen und sie aufzuschreiben. Das ist das Weihnachtsgeschenk des Herrgotts an mich. Von den anderen bekomme ich Edelschlipse und Jahrgangs-Bordeaux. Alle Jahre wieder. Deswegen liebe ich Weihnachten und kann auch alle lieb haben, die in unsere Kirche kommen. Besser machen muss sie der Chef persönlich. Christ, der Retter ist da.

Eine Weihnachtsgeschichte werde ich nicht vergessen: Während einer Christvesper ging ein Kind nach vorn und klaute das Christkind aus der Krippe. Unsere Gemeindehelferin wollte es ihm wieder abluchsen – aber das Kind holte es sich wieder. Ungefähr fünf Mal. Dann gab die Gemeindehelferin entnervt auf, und die Gemeinde klatschte begeistert. Die Leute in der Kirche, die vorher so aussahen, als müssten sie möglicherweise gleich betroffen dreinblicken, bekamen nach und nach von diesem Kind glänzende Augen und Lachfältchen. Der Herr ­Jesus persönlich war zu Besuch gekommen und hatte die Predigt übernommen. Beim Lied »O du fröhliche« sahen sich die Menschen an und zwinkerten sich zu. Alle Weihnachtsskeptiker waren bekehrt.

Zu harmonisch? Ja, um Gottes willen: »Es wird am Ende alles gut werden, auch wenn es ganz klein und schief anfängt« – das ist doch die Weihnachtsbotschaft. Bei uns gibt es selbstverständlich Wiener Würstchen am Weihnachtsabend. Und Silent Night von TAKE 6. Kennen Sie nicht? Stille Nacht tut’s auch.

Matthias Neumann

Gott will im Dunkel wohnen

10. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Gedanken zu dem Adventslied »Die Nacht ist vorgedrungen« von Jochen Klepper

Weihnachtsmarkt auf dem Neumarkt  in Dresden mit Blick zur Frauenkirche.  Foto: Steffen Giersch

Weihnachtsmarkt auf dem Neumarkt in Dresden mit Blick zur Frauenkirche. Foto: Steffen Giersch

Wenn wir an Nacht denken, dann vor allem an die eine, die stille und heilige in Bethlehem. Die Nacht als Dunkelfolie für eine Herrlichkeit, die sich im Licht offenbart. Was wäre das auch für ein nutzloser Schein, wenn er nicht in Finsternis fiele? Das Licht verdankt seine Aufmerksamkeit dem Dunkel. Wer beachtet schon eine Kerze in der Mittagssonne?

Aber Advent und Nacht? Wie geht das zueinander? Ankunft und Finsternis? Wer sieht wohl den, der im Dunkeln eintrifft? Kommt der Menschensohn denn nicht, in einer Wolke zwar, aber doch mit großer Kraft und Herrlichkeit, dass wir unsere Häupter in den Nacken werfen können, weil sich unsere Erlösung naht?

Und doch hat einer gewagt, ein ganzes Adventslied in die Nacht zu setzen: Jochen Klepper. Bei ihm ist sie vorgedrungen. Eine Nacht in Bewegung also, eine Nacht, die sich voranarbeitet auf den Morgen zu. Sie ist schon im Schwinden, sie fällt, und zwar auf Menschenleid und -schuld. Kleppers Nacht ist adventlich durch den Stern und durch das Finstere, in dem er strahlen kann. »Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.« Was unsere grellen Lichterketten zu überblinken suchen, macht Kleppers Stern offenbar. Es kommt zur Sprache, dass manche Nacht zum Heulen ist oder unter Tränen alles zur Nacht werden kann: »Auch wer zur Nacht geweinet …«

Dass Nacht im Schwinden ist, wird für Klepper zunächst noch zum Fanal der Hoffnung. Allerdings spricht alles dagegen, als er das Lied im Finsterjahr 1938 dichtet. Die Synagogen brennen, den jüdischen Geschäftsleuten bläst der kalte Wind durch die zerschlagenen Schaufenster. Bald wird die Nacht in Auschwitz und Treblinka lagern.

Schon lange ist sie mitten in die deutsche Bildungsbürgerseele hineingekrochen. Klepper lebt gerade nicht in einer Nacht hirnloser Monster oder dumpfbackiger Kulturbanausen. Die braune Nacht folgt auf das hochgelobte Abendland. Es ist nicht mehr so ganz christlich, aber noch immer von Dichtern und Denkern bevölkert.

Jochen Klepper verzweifelt an diesem Zwiespalt, wie seine Tagebücher zeigen. Er ist ja selbst ein Dichter, und ein Deutscher noch dazu. Er weiß noch nicht, dass ausgerechnet der Stern, den er für sein adventliches Nachtlied wählt, das Verrätersymbol der Gotteskinder sein wird. Seine ­jüdische Frau Hanni wird ihn tragen müssen, die Tochter Renate auch.

Aber unser Lied entsteht noch im Jahr der letzten Hoffnungen, 1938: »Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr, von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.« Das kann, ja, das muss man hoffen, wenn man liebt. Aber die Erfahrung ist eben eine andere. Die Nacht ist vorgedrungen, aber der Tag ist eben doch so fern. Die Nacht ist ganz und gar nicht im Schwinden, sie nimmt noch zu.

Klepper reist in die Höhle des Finsterlöwen Adolf Eichmann und fleht für Frau und Tochter. Ohne Erfolg. Er dichtet keine Lieder mehr. »Lieder vermag ich nicht mehr zu schreiben … Liebe, Lob, Dank, tragen also das Lied nicht; es ist nicht möglich ohne das Vertrauen. Und hier ist dem Widersacher gelungen, mich zu zerstören.«

Das klingt nicht mehr nach: »Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein …« Man hört auch nicht dieses: »Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah.« Das ist für Klepper zu sehr in Nacht gehüllt seit Kriegsbeginn. Er sieht die Judenkinder in den Judenzügen. Es gehen ihm die Worte aus. Nur seinen Tagebüchern vertraut er den ganzen Jammer noch an. Und da schimmert dann fast auf jeder Seite dieses unglaubliche Überlebenswort der Verzweifelten durch: Gott will im Dunkel wohnen.

Dass Gott dieses Finstere hell machen könnte, das rutscht Klepper später weg. Das kommt ihm gnadenlos abhanden. Aber an dem Gott, der sich auf die Nacht einlässt, hält er fest. Damit wird er, der doch meinte, keine Worte mehr zu haben, zum Sprachfinder der Zeit nach dem Holocaust. Gott will im Dunkel wohnen – das ist gewiss nicht das beliebte fromme Sahnehäubchen oder das große »Trotzdem«, das wir wie Deckel auf kalte Töpfe legen. Gott will im Dunkel wohnen. – Das ist ein unter dem Einsatz des ganzen Lebens errungenes Hoffnungswort. Daran wohl hat sich Jochen Klepper festgehalten, als er am 11. Dezember 1942 gemeinsam mit Frau und Tochter ganz sicher nicht freiwillig, aber sehr bewusst, in den Tod ging.

Thomas Perlick

Advent
Advent heißt:
Erwartung und Ankunft des Herrn.
Heutzutage bedeutet es etwas anderes:
Erwartung und Ankunft
neuer Waren zum Verkauf!

Willy Meurer

Alltag im Licht der Weihnachtsbotschaft

3. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Stressbewältigung im Advent – Wie die Weihnachtsgeschichte alles verändert

Foto: Barbara Neumann / ddp

Foto: Barbara Neumann / ddp

Adventszeit

Die vorweihnachtliche Adventszeit ist eine Möglichkeit,
zur Ruhe zu kommen,
wäre da nicht der Vorweihnachtsstress.

Gudrun Kropp

Es ist Anfang Dezember. Ich kränkele mit einer Erkältung herum. Ich frage mich, warum ich mir auch noch den Stress mit diesem Krippenspiel aufgehalst habe, welches in einer Woche uraufgeführt werden soll und ich keinen Plan habe, wie ich es mit den Kindern bis dahin halbwegs einstudiert haben könnte. Am Wochenende ist zudem mein letzter Kurs der Ausbildung in Karlsruhe und ich weiß schon, dass die Bahnfahrt wieder schrecklich sein wird.
Ich habe noch nicht in den Andachtstext für den Tag geschaut.

Halbherzig und missmutig schlage ich das Buch auf: »Beten ist klagen«. Oh ja, denke ich, das passt gut heute, und werfe Gott meinen geballten Frust vor die Füße: »Alles ist so sinnlos, nichts kriege ich hin, niemanden interessiert, was ich kann und mache. Gott, ich weiß nicht, was ausgerechnet du von mir willst?« – Plötzlich habe ich ganz lebendig die Krippenspielszene mit der kleinen Hirtin Tina vor Augen, wie sie lispelt: »Wenn das wirklich ein Engel war, wieso kommt er dann ausgerechnet zu uns armen Schluckern?« Ganz langsam und ganz warm breitet sich diese Erkenntnis in mir aus. Und während ich nun schon etwas aufgeheitert darüber nachsinne, wie liebevoll Gott mich gerade wieder eingekriegt hatte, legt er noch nach, indem er eine Arie aus dem Elias-Oratorium von Mendelssohn Bartholdy in mir anstimmt, die Worte aus Jesaja 54: »Mögen auch Berge fallen und Hügel weichen, der Bund meiner Gnade wird nicht von dir weichen.« Ich fühle mich unglaublich getröstet.

Plötzlich sind die Widrigkeiten meines Lebens nichts weiter als eben Widrigkeiten, meine Erkältung nur eine Erkältung. Die Deutsche Bahn ein nicht ganz perfektes System, womit man ja immerhin schneller unterwegs ist als mit der Postkutsche. Ich sehe »meine« Kinder mit dem Herzen an. Ich kann wieder alles in diesem anderen Licht, im Licht der Weihnachtsbotschaft sehen. Und ich entwickele eine neue Kreativität, die Botschaft auszubreiten, ein Bedürfnis, Leuten, die es nötig ­haben, etwas zu schenken: ein gutes Wort, eine Karte, eine Kerze. Den Elternzettel mit einer Terminmitteilung ergänze ich spontan um die Bemerkung: »Sie haben großartige Kinder mit tollen Fähigkeiten, es macht uns Freude, mit ihnen zu arbeiten.«

Wieso kommt er dann ausgerechnet zu uns armen Schluckern? Ja, er kommt zu den armen Schluckern dieser Erde, den Menschen, die wirklich am Rand stehen, am Rand der Gesellschaft, am Rand der Akzeptanz: Notleidende, Hartz IV-Empfänger, Verachtete, psychisch Kranke, Einsame, Fremde, Jugendliche, die »Null-Bock« haben, Menschen, die keinen Sinn im Leben sehen. Und er kommt zu diesen Kindern, mit denen ich arbeite und die deshalb so authentisch spielen, weil sie die Botschaft offenbar begriffen haben.

Und – wenn wir es zulassen –, wenn wir unsere eigene Armut sehen und zu den »Arme-Schlucker-Seiten« in uns stehen, kommt Gott auch da hinein. Genau in die Bereiche unseres Lebens, wo wir nicht souverän und großartig sind, wo unsere dunklen Seiten liegen: die Abgründe, die Schwächen, die Schuld, die Verletzungen, unsere Unzulänglichkeiten und Fehler, will er kommen. Mitten in der Nacht unserer zerbrochenen Beziehungen, begrabenen Hoffnungen, geplatzten Träume, kaputten Selbstbilder, niedergeschlagenen Aktionen, vergeblichen Mühen steht der Engel plötzlich da – und strahlt wie Elena mit ihrer Kerze – »Ihr müsst nicht erschrecken! Ich bringe euch eine gute Nachricht! Euch ist der Retter geboren. Ihr findet ihn nicht in einem Palast, nicht in einer Villa (nicht auf der Sonnenseite eures Lebens, nicht auf der Schokoladenseite eures Selbstbildes), sondern im Stall.

Er liegt in einer Krippe und ist ein Baby (klein, hilflos, gibt sich in eure Hände, in eure Dunkelheiten in eure Herzen). »Und übrigens«, sagt Engel Elena, »er heißt Jesus!«

Und in mir singt die Arie aus dem Weihnachtsoratorium: »Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen, tröstet uns und macht uns frei …«

Petra Ng’uni

Ein Haus für Gott aus Zeit gebaut

26. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Am 1. Advent beginnt das neue Kirchenjahr – seine Feste sind heilsame Unterbrechungen des Alltagslaufes

Foto: István Benedek, sxc.hu

Foto: István Benedek, sxc.hu

Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen. Die Tage werden kürzer, die Nächte kälter. Doch in die letzten Wochen des ausgehenden Jahres ragt schon ein Neubeginn herein – das neue Kirchenjahr, ein wunderbares Haus für Gott aus Zeit gebaut.

Normalerweise sind unsere Gotteshäuser aus Holz und Stein. Sie stehen fest, meist etwas abseits von den belebten Straßen und Wegen unseres Lebens. Wer seinen Schritt dorthin lenkt, unterbricht seinen gewohnten Gang. Solche Unterbrechung ist heilsam. Oft gehen wir anders weiter als wir gekommen sind – ruhiger, getroster und besonnener vielleicht. Wir dürfen neu dem Leben trauen, »weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt.« (Alfred Delp).

So sind unsere Gotteshäuser Erinnerungsorte an Gott, der unseres Lebens Mitte ist. Zwar erfüllt Gott allen Raum; und gewiss treffen wir überall auf ihn. Und doch brauchen wir auch solche »heiligen« Räume. Deshalb bekennt der Psalmbeter: »Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt.« (Psalm 26, Vers 8 )

Das Volk Israel hat für Gott aber nicht nur ein Haus in den »Raum« gebaut, sondern auch in die »Zeit«. Auch der Lauf der Zeit braucht Unterbrechungen, um Leib und Seele zu erfrischen. Der jüdische Jahreskreis war von großen Festen geprägt, die allesamt die Erinnerung wachhielten an Gottes Handeln in der Geschichte. Die Grundstruktur dieses Hauses aus Zeit aber war der Sabbat – jene heilsame Erfindung Gottes, an der sich Israel in aller Schmach und Unterdrückung immer wieder aufgerichtet hat. In diesem Sinne schreibt Heinrich Heine von der »Königin Sabbat«:

Hund mit hündischen Gedanken,
ködert er die ganze Woche
durch des Lebens Kot und Kehricht,
Gassenbuben zum Gespötte.
Aber jeden Freitagabend,
in der Dämmrungstunde,
plötzlich weicht der Zauber,
und der Hund wird aufs Neu’
ein menschlich Wesen.

Die christliche Gemeinde ist der Tradition seines »älteren Bruder« gern gefolgt und hat in Anlehnung an den jüdischen Festkalender das Kirchenjahr gestaltet. An die Stelle des Sabbat trat natürlich der Sonntag – der Tag der Auferstehung unseres Herrn. Auch wir sollten ihn »königlich« begehen, uns an ihm freuen und fröhlich sein; ist doch jeder Sonntag ein kleines Ostern, das von der Hoffnung kündet, die mit Jesus Christus in unsere Welt gekommen ist.

Überhaupt war in den ersten Jahrhunderten lange Zeit das Osterfest das einzige christliche Fest; es ist auch bis heute die eigentliche Achse des Kirchenjahres geblieben. Erst aus dem 3. Jahrhundert haben wir Zeugnisse über die Feier der Geburt Christi. Die Entstehung dieses Festes hängt vermutlich mit dem von Kaiser Aurelian im Jahre 275 verfügten Geburtsfest des »unbesiegbaren Sonnengottes« am 25. Dezember zusammen.

Die Christen Roms haben dieses heidnische Fest nicht mitgefeiert; stattdessen haben sie es in kühner Weise »enteignet«, indem sie genau an diesem Tag die Geburt Jesu Christi als der »wahren Sonne« feierten. Rasch fand das Weihnachtsfest Eingang im ganzen Reich; auch wurden weitere Erinnerungen an das ­Leben Jesu in den Jahreskreis eingezeichnet. Das Kirchenjahr entstand – eine wunderbare Gedächtnisstütze an die »großen Taten Gottes« (Apostelgeschichte 2,Vers 11). Wer sich ihm anvertraut, dem wird es zum heilsamen Rhythmus, denn es verbindet das Leben Jesu mit unserem eigenen Leben.

Es ist nun ein tiefes Symbol, dass das neue Kirchenjahr schon in das alte, vergehende Kalenderjahr hineinragt. Das heißt doch: Wir gehen nicht dem Ende entgegen, vielmehr ist alles Vergehen umfangen von dem Neubeginn Gottes in Jesus Christus. Im Dunkel schon leuchtet das Licht, ja die Mitte der Nacht wird zum Anfang des Morgens.

Dabei ist die Adventszeit keine Zeit sinnlosen Wartens. Offenbar brauchen wir diese Zeit, damit die Botschaft wirklich unser Herz erreicht: Christus ist geboren – Licht der Völker, Hoffnung der Welt! Dass solches Erinnern an Gottes Handeln in der Geschichte – sei es im Guten wie im Schweren – immer auch ein Gewinnen von Zukunft ist, zeigt folgende kleine Begebenheit: Als ­Napoleon in die Stadt Akko kam und Juden dort weinen sah, fragte er: »Aus welchem Grunde weint Ihr?« Ihre ­Antwort: »Wir weinen über die Zerstörung des Tempels von Jerusalem.« Da fragte Napoleon: »Wann ist das passiert?« Die Anwesenden antworteten ihm: »Es geschah vor etwa 2000 Jahren.« Da sagte Napoleon: »Vor 2000 Jahren? Und noch heute weint Ihr? Wenn dies so der Fall ist, und wenn ein Volk sich noch heute so an seine Vergangenheit erinnert, dann hat dieses Volk auch Zukunft.«

Johannes Berthold

Der Autor ist Vorsitzender des Sächsischen Gemeinschaftsverbandes.

Aber wo sind die Toten?

19. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Jeder Friedhofsbesuch weckt Fragen nach den »letzten Dingen« – Versuch einer Antwort von Rolf Wischnath

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Ein viertel Jahr nach der Beerdigung ihres Mannes besuche ich die Witwe und mache mit ihr einen Friedhofsgang. Vor dem schön gepflegten Grab fragt sie plötzlich: »Sieht er uns jetzt, wie wir hier stehen?« – Ein Anderer fragt: »Wie soll Auferstehung praktisch aussehen, wenn doch so viele Verstorbene verbrannt werden?«

Kein Friedhofsgang erspart uns solche Fragen. Aber gibt es eine Antwort? Sind unsere Toten vernichtet? Sind sie »ganz tot«, wie eine Lehrmeinung im Protestantismus sagt? Oder leben sie in einer »unsterblichen Seele«, wie nicht nur die katholische Kirche es seit alters lehrt? Oder sind sie im Tod schon »auferstanden«? Und können sie uns sehen? Aber wie soll ich mir das vorstellen: Völlig tot sein, vernichtet und zerstört? Oder: »auferstanden im Tod«? Oder: Einen Menschen, der sich im Tod halbiert in einen sterblichen Leib und eine unsterbliche Seele?

Unsterblich, so sagt es die Bibel, ist Gott allein, denn er allein ist gut. Darum ist die Lehre von der unsterblichen Seele, die das Gute im Menschen »verkörpert«, so problematisch. Der unsterbliche, gute Gott aber gedenkt in seiner Güte der sterblichen Menschen. Und er tut das in seiner im gekreuzigten Jesus offenbaren Liebe und Barmherzigkeit, die keinen verloren gibt. Und weil er ihrer so gedenkt, geht der sterbliche Mensch auch in seinem Tod Gott nicht verloren, verlöscht er nicht einfach wie das ausgeblasene Licht. Sondern er bleibt – vor Gott
und in der Barmherzigkeit Gottes: im Gegenüber zu Gott.

Dahin ist unser irdisches Leben. Aber die Beziehung Gottes zu uns, sein Erbarmen und seine Liebe zu uns, unser »in Christus« gerettetes ­Leben – das ist gewiss nicht dahin, weil eben dieser Gott nicht dahin ist. Ein Verstorbener kann deshalb nicht als völlig leibfreier Geist, als völlig ­ungeschichtlich, als völlig fern von jeder Materialität gedacht werden, wenn ihm auch nicht die Leiblichkeit des irdischen Daseins und dessen Zeitlichkeit zugeschrieben werden können und er auch noch nicht die verheißene Leiblichkeit der großen Verwandlung – der Auferstehung von den Toten – erreicht hat.

»Wo sind die Toten?«, fragen wir. Sie sind heimgekehrt zu Gott. »Können wir mit ihnen verbunden bleiben?« Ihr könnt mit Gott verbunden bleiben, bei dem sie sind. »Können sie uns sehen?« Das glaube ich nicht. Aber ich glaube von den Toten: »Ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott«, so sagt es der Apostel einmal über ­Lebende und Tote im Kolosserbrief, Kapitel 3, Vers 3. Weil unser noch gelebtes Leben und der Toten gestor­benes Leben schon jetzt aufgehoben und bewahrt ist »mit Christus in Gott«, darum bleiben Lebende und Tote in ihm verbunden, auch wenn wir uns nicht mehr sehen können. Das gilt auch von den Toten, deren Leib verbrannt worden ist.

Gewiss ist darum: Die wir »die Toten« nennen, sind nicht verloren. Sie sind aber auch noch nicht endgültig gerettet. Denn »die Auferstehung der Toten«, ihre Leib und Seele umfassende Erneuerung und damit die versprochene Erneuerung von Himmel und Erde ist noch nicht geschehen. Die neue Kreatur, der neue Himmel und die neue Erde sind noch nicht da, auch wenn sie in Christus schon unwiderruflich versprochen, ja gegenwärtig sind. Darum steht die letztgültige Errettung und Heimholung der Toten, unser aller Errettung und Heimholung noch aus.

Aber wie soll ich mir das vorstellen, dass »die Toten mit Christus in Gott verborgen« sind und dass sie – wie wir – auf die endgültige Rettung warten? So mögen wir weiter fragen und ­merken immer mehr, dass wir hier an die Grenze des Aussagbaren kommen. In Bildern redet die Bibel vom »Zwischenzustand« zwischen Tod und Auferstehung: vom »Paradies« oder von »Abrahams Schoß«. Anders als in Bildern geht es nicht. Denn niemand von uns ist bislang auf dieser anderen Seite Gottes gewesen.

Ich finde hilfreich, wie es der Tübinger Theologe Jürgen Moltmann ausgedrückt hat, wenn er von dem »Raum«, in dem die Toten »mit Christus in Gott« sind, sagt: »Ich stelle mir jenen ›Zwischenzustand‹ als einen weiten Lebensraum vor, in dem die Geschichte Gottes mit einem Menschen zur Entwicklung und Vollendung kommt. Ich stelle mir vor, dass wir dann jener Quelle des Lebens nahe kommen, aus der wir hier schon Lebenskraft und Lebensbejahung schöpfen konnten, so dass die Behinderten und Zerstörten jenes Leben leben können, das ihnen bestimmt war, zu dem sie geboren wurden und das ­ihnen (im Tod) genommen wurde.«

Prof. Dr. Rolf Wischnath war Generalsuperintendent in der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg. Er lehrt Systematische Theologie an der Universität Bielefeld.

Die Sehnsucht nach Vergebung

13. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Es ist höchste Zeit: Wie die Beichte wieder einen Platz im Alltag bekommen kann (Schluss)

Foto: Gary Scott, sxc.hu

Foto: Gary Scott, sxc.hu

Evangelische Christen vertreten weithin den Standpunkt: Beichten ist katholisch. Wir Evangelische brauchen es nicht mehr. Andere meinen: Beichten müssen höchstens Verbrecher, die schwere Schuld auf sich geladen haben. Dafür ist der Pfarrer ­zuständig. Wieder andere sind überzeugt, dass Beichten überholt und veraltet ist, seitdem wir durch Psychologie und Therapie weit mehr über die Seele des Menschen wissen als frühere Generationen. Im Alltag wird fast nur noch im Zusammenhang mit der Übertretung von Diätvorschriften und von Verkehrsregeln von Sünde und Schuld gesprochen. All dies hat dazu geführt, dass die Einzelbeichte im evangelischen Raum kaum wahrgenommen wird.

Angesichts dieser Situation war es sicher außergewöhnlich, dass am Anfang meines Theologiestudiums die Erfahrung der Beichte stand. Auf dem Gymnasium war ich mit einer Reihe von Mitschülern durch den Religionsunterricht Christ geworden. In den da­rauf folgenden Jahren wurde mein Gewissen aufgeweckt und beunruhigt von Erkenntnissen und Einsichten über mich selbst, mit denen ich nicht allein fertig wurde. Als Student erfuhr ich von der Möglichkeit des seelsorgerlichen Gespräches und der Beich­te. Der Wunsch danach wurde stark, sodass ich beides nutzte. Meine persönliche Geschichte mit der Beichte begann.

Seit einigen Jahren scheint sich eine Wiederentdeckung der Beichte sowohl innerhalb als auch außerhalb von Theologie und Kirche zu ereignen. Nach Jahrzehnten der Verdrängung der Schuld aus dem öffentlichen Bewusstsein, zeichnet sich eine Veränderung der gesellschaftlichen Gemütslage ab. Es ist geradezu mo-
dern geworden, in der Öffentlichkeit Schuld zu bekennen. Kaum ein Staatsbesuch, ohne dass Schuld bekannt würde. Talkshows mit ihren »Schuldbekenntnissen vor Millionen« sind ein weiteres Beispiel. Sie lassen erkennen, wie groß in unserer Mediengesellschaft das Verlangen nach Vergebung, Erneuerung und Lebenshilfe ist.

Untersuchungen zeigen jedoch, dass vor allem für die unmittelbaren Teilnehmer der Talkshows der dort angebotene Weg keine echte Lösung darstellt. Im Gegenteil ist er bei vielen mit schweren psychischen Folgeschäden verbunden, hervorgerufen durch die auf suggestivem Wege bewirkte Preisgabe intimster Sachverhalte.

Auf diesem veränderten gesellschaftlichen Hintergrund sehe ich eine große Chance, die Beichte wiederzugewinnen. Es ist höchste Zeit, Schulderkenntnis und Schuldbekenntnis als Zeichen der Würde des Menschen zu entdecken. Schuldigwerden gehört zum Menschsein dazu. Diese Erkenntnis bildet eine Brücke zur Psychologie. In der Selbsterkenntnis liegt für nicht wenige Therapieformen ein wichtiges Moment zur Reifung der Persönlichkeit. Indem das ­eigene schuldhafte Verhalten bekannt wird, werden verdrängte Persönlichkeitsanteile integriert.

Dass die Beichte dem Menschen seine Verantwortlichkeit zurückgibt und damit zur Stärkung seines Selbstwertgefühls beiträgt, wird nicht von heute auf morgen im öffentlichen Bewusstsein Eingang finden. Jahrhunderte lang hat die Kirche die Rede von Sünde und Schuld dazu missbraucht, Menschen in Angst und Abhängigkeit zu halten. Darum sind Fantasie und Beharrlichkeit erforderlich, um alte und neue Formen der Beichte im Raum der christlichen Gemeinde zu fördern und in das öffentliche Gespräch einzubringen.

Dazu gehören neue Formen der gottesdienstlichen Beichte. Die Thomasmesse hat viel versprechende ­Riten der persönlichen Beichte im Gottesdienst entwickelt. Dazu gehört auch das Angebot von gemeindlichen Selbsthilfegruppen zu spezifischen Problemen, in denen Menschen in ­einem geschützten Raum offen über ihre Schuld sprechen können. Schon im Konfirmandenunterricht sollten meditative Formen der Beichte eingeübt werden: Die Konfirmanden können dazu begangene Sünden auf ein Blatt Papier notieren, das sie an ein Holzkreuz heften. Die »Sündenzettel« werden dann abgenommen und gemeinsam verbrannt.

Auch die traditionelle Form der Einzelbeichte, die durch das mit ihr verbundene Beichtgeheimnis die Intimität des Einzelnen anders als Talkshows zu schützen vermag, lässt sich wiedergewinnen. Kirchentage und Kommunitäten werden heute von vielen Menschen regelmäßig aufgesucht, um zu beichten. Eine Möglichkeit, die Beichte zu erneuern, stellen schließlich auch regelmäßige Sprechzeiten von Pfarrern und Pfarrerinnen in der Sakristei dar.

Peter Zimmerling

Peter Zimmerling, Professor für Praktische Theologie in Leipzig, ist Autor des Buches »Stu­dienbuch Beichte«. Es wendet sich in erster Linie an ­Pfarrer und Seelsorger und will Mut ­machen, die heilsame Kraft der Beichte endlich auch in der evangelischen Kirche wiederzuentdecken.

Zimmerling, Peter: Studienbuch Beichte,
Verlag Vandehoeck und Rupprecht, Göttingen 2009,
335 Seiten, ISBN 978-3-8252-3230-6, 19,90 Euro

Beichte hilft zu einem befreiten Leben

6. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Praktische Hinweise zur Durchführung der evangelischen Beichte (4)

In einer fünfteiligen Serie beschäftigen wir uns mit der Beichte. Diesmal geht es um deren Praxis.

Nach evangelischem Verständnis kann jeder Christ Beichthörer sein und vollgültige Vergebung der Sünden zusprechen." Bildnachweis: www.bilderbox.com

Nach evangelischem Verständnis kann jeder Christ Beichthörer sein und vollgültige Vergebung der Sünden zusprechen. Bildnachweis: www.bilderbox.com

Ziel des christlichen Glaubens ist die Befreiung von Lebens- und Todesängsten, damit Freude und Friede den Alltag prägen. Viele Menschen berichten, dass sich die Beichte auf dem Weg dahin als große Hilfe ­erwiesen hat. Gewöhnlich geht der Beichte ein längerer Prozess des ­Erkennens und Anerkennens von Schuld voraus. Häufig entsteht das Bewusstsein der Sünde durch die Predigt oder die persönliche Bibellektüre, auch durch ein seelsorgerliches Gespräch. Immer geht es darum, dass im Menschen der Wunsch wach wird, vor Gott, vor sich selbst und vor anderen wahrhaftig zu werden. Dabei besteht ein Unterschied zwischen Seelsorge und Beichte. Die Seelsorge führt zur Erkenntnis der Sünde. In der Beichte aber stelle ich mich der erkannten Schuld, damit Gott sie mir vergeben kann. Wer beichtet, tut das letztlich nicht vor einem Menschen, sondern vor Jesus Christus selbst. Beichthörer bzw. Beichthörerin sind nur Zeugen.

Die folgenden praktischen Hinweise zur Durchführung der evangelischen Beichte orientieren sich an vier einfachen Fragen: Wann, wem, wo und wie beichten?

Die Beichte in Anspruch nehmen, sollten wir dann, wenn uns das Gewissen anhaltend anklagt und wir nicht mehr an die Vergebung glauben können. Eine Hilfe ist die Beichte auch dann, wenn uns das geistliche Leben zur lästigen Routine geworden ist. Vor allem in diesem Fall ist auf dem Weg zur Schulderkenntnis ein sog. Beichtspiegel eine Hilfe. Anhand der Zehn Gebote oder anderer Fragen erfolgt eine Prüfung des Lebens vor Gott. ­Allerdings sollte ein Beichtspiegel nur dann verwendet werden, wenn die Durchleuchtung des Lebens nicht zur Zermarterung des Gewissens oder zum Herumwühlen in seelischem Schmutz verführt.

Nach evangelischem Verständnis kann jeder Christ Beichthörer sein und vollgültig die Vergebung der Sünden zusprechen. Hier wirkt sich das von der Reformation neu entdeckte allgemeine Priestertum aus. Gewöhnlich wird derjenige Beichthörer sein, der selbst die Beichte für sich in Anspruch nimmt. Indem er selbst beichtet, erwirbt er neben Erkenntnis der Sünde zugleich Barmherzigkeit gegenüber der Sünde und Schwäche des Beichtenden. Wichtig ist, dass man ­einen Menschen zum Beichthörer wählt, zu dem man rückhaltloses Vertrauen besitzt.

Klassischer Ort der Beichte war lange Zeit – auch in der evangelischen Kirche – der Beichtstuhl in der Kirche. Heute findet die Beichte an unterschiedlichen Orten statt. Wichtig erscheint mir, dass die Gestaltung des Raumes, in dem die Beichte erfolgt, erkennen lässt, dass sie zwar vor einem menschlichen Zeugen, aber letztlich vor Gott abgelegt wird. Dazu hat sich das Anzünden einer Kerze und ein Kreuz als hilfreich erwiesen. Um anzudeuten, dass Gott zwischen Beichthörer und Beichtendem steht, liegt das Kreuz am besten auf einem Tisch zwischen beiden.

Nach reformatorischem Verständnis sind die Grundkonstanten der Beichte das Bekenntnis der Sünde und der Zuspruch der Vergebung. Wichtig ist, dass konkrete Sünden ­bekannt werden, ohne Einzelheiten auszubreiten. Es fällt zwar leichter, ein allgemeines Sündenbekenntnis abzulegen, dieses ist aber für den Beichtenden auch viel weniger tief greifend. Die Beichte kann ohne jede gebundene Form oder anhand einer liturgischen Ordnung durchgeführt werden. Beide Formen haben Vor- und Nachteile. Christen, die jedem Ritual skeptisch gegenüberstehen, werden eine freie Form der Beichte bevorzugen. Andere nützen die geprägte Form der Beichte als eine Art Geländer, das ­ihnen Sicherheit verleiht.

Die Beichte ist kein isolierter Akt, der zum übrigen Leben keine Beziehung besitzt. Nach dem Motto: Habe ich nur erst meine Schuld gebeichtet, ist aller Kampf beendet. Dadurch wird die Beichte einerseits überfordert, andererseits wird sie auf einen Heilsautomatismus reduziert. Darum sollte die Beichte Bestandteil einer geistlichen Lebensführung sein. Sie ist verbunden mit den übrigen Lebensäußerungen der christlichen Gemeinde, wozu Gottesdienst, persönliches Gebet und Bibellese gehören. Vor allem aber will die Erfahrung der Vergebung den Beichtenden in einen Lebensstil der Vergebung hineinziehen: »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern!«

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie an der Leipziger Universität.

Wer Christ ist, übt die Beichte

30. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Martin Luther hat zeitlebens regelmäßig gebeichtet

In einer fünfteiligen Serie beschäf­tigen wir uns mit der Beichte. ­Diesmal geht es darum, wie der Reformator Martin Luther zur Beichte stand.

Hat zeitlebens die Beichte hochgehalten: der Reformator Martin Luther, Foto: Kriss Szkurlatowski, sxc.hu

Hat zeitlebens die Beichte hochgehalten: der Reformator Martin Luther, Foto: Kriss Szkurlatowski, sxc.hu

Für viele Protestanten sicher erstaunlich, aber trotzdem wahr: Martin Luther hat selber zeitlebens regel­mäßig gebeichtet und gehört zu den großen Beichtvätern der Christenheit. Wir kennen sogar seinen Beichtvater: Es war Johannes Bugenhagen, Stadtpfarrer von Wittenberg. Der Reformator lehnt nicht die Einzelbeichte als solche ab, sondern die in seinen Augen falsche Beichtpraxis der dama­ligen Kirche. Die Beichte darf nicht – wie im Mittelalter – als frommes Werk des Menschen missverstanden werden, das Gott von ihm zu tun verlangt. Genauso wenig darf der Mensch zur Beichte gezwungen werden. Sie ist vielmehr Gottes Angebot, sich das Evangelium ganz persönlich zusprechen zu lassen: »Man soll wohl dazu reizen, aber nit treiben, man soll dazu locken, aber nit zwingen. Frei, willig und gern soll man beichten.« Lange schwankte Luther, ob er die Beichte zu den Sakramenten zählen sollte. Schließlich entschloss er sich, es nicht zu tun, weil ihr ein sichtbares Zeichen fehlt, wie es bei der Taufe im Wasser und beim Abendmahl in Brot und Wein gegeben ist.

Eine Art Leitfaden von Luthers Beichtauffassung liegt im Kleinen und Großen Katechismus vor. Im Kleinen Katechismus wird die Beichte auf ihre beiden wesentlichen Stücke beschränkt: Es geht in ihr allein um das Bekenntnis der Sünde und um den Zuspruch der Vergebung. Damit ist die mittelalterliche Verknüpfung der Beichte mit einer Fülle von Bußleistungen vom Tisch. Weiter weist Luther darauf hin, dass nur bewusste Sünden bekannt werden müssen. Damit ist die Forderung der mittelalter­lichen Kirche nach vollständiger Aufzählung ­aller begangenen Sünden überwunden. Dieser Hinweis ist deshalb so wichtig, weil bis dahin die Wirksamkeit der Vergebung von der vollständigen Aufzählung der Sünden abhängig war. Man konnte also nie ­sicher sein, ob die Vergebung auch gültig war.

Die Beichtpraxis wird durch die neuen Einsichten Luthers von Ängstlichkeit befreit. Er versetzt sie in einen Raum der Freiheit. Dass die Beichte dem Menschen ein befreites Gewissen schenken will, muss sich widerspiegeln in der Art, wie in ihr Schuld bekannt wird. Darum sollen nur konkrete Sünden gebeichtet werden. Es soll auch nicht nach Sünden gesucht werden. Der Beichtende ist frei von der ängstlichen Fixierung auf in Vergessenheit geratene oder unbewusst gebliebene Sünden. Indem Luther den Zuspruch der Vergebung ins ­Zentrum der Beichte rückt, wird sie zu einer freudigen, ja fröhlichen Angelegenheit. »Wer nun sein Elend und Not fühlet, wird wohl solch Verlangen danach kriegen, dass er mit Freuden hinzu laufe.«

Besonders wertvoll ist die Beichte für Luther deshalb, weil in ihr die Absolution durch einen Mitchristen – egal ob Amtsträger oder Laie – zugesprochen wird. Das Evangelium, die gute Nachricht von der Vergebung meiner Schuld und meines Versagens, findet seinen Weg zu mir nämlich nicht anders als durch das Wort des Bruders oder der Schwester. »Denn welchem willst du dein Gebrechen klagen denn Gott? Wo kannst du ihn aber finden denn in deinem Bruder? Der kann dich mit Worten stärken und helfen.«

Martin Luther kann nicht fassen, dass es Menschen gibt, die das Angebot der Beichte ausschlagen. Christsein und Beichte gehören für ihn ­untrennbar zusammen: Wer Christ ist, übt die Beichte. Wer die Beichte übt, ist ein Christ. In solchen Sätzen spiegelt sich Luthers eigene ­Erfahrung. Er war davon überzeugt, dass er gerade seiner ­ regelmäßigen Beichtpraxis das Bleiben im Glauben verdankte. »Aber dennoch will ich mir die heimliche Beichte niemand lassen nehmen und wollte sie nicht um der ganzen Welt Schatz geben. Denn ich weiß, was Trost und Stärke sie mir gegeben hat. Es weiß niemand, was sie vermag, denn wer mit dem Teufel oft und viel gefochten hat. Ja, ich wäre längst vom Teufel erwürgt, wenn mich nicht die Beichte erhalten hätte.«

Peter Zimmerling, Der Autor ist Professor für Praktische Theologie an der Leipziger Universität.

Die Dynamik des neuen Lebens mit Gott

22. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Die Beichte (2): Zum reformatorischen Sündenverständnis gehört das Großmachen der Sünde

In einer fünfteiligen Serie beschäftigen wir uns mit verschiedenen Aspekten, die zur Beichte gehören. Diesmal geht es um die reformatorische Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders.

Das Jüngste Gericht von Michelangelo Buonarroti, Fresko an der der Altarwand der Sixtinischen Kapelle in Rom

Das Jüngste Gericht von Michelangelo Buonarroti, Fresko an der der Altarwand der Sixtinischen Kapelle in Rom

Die Reformation entzündete sich an Martin Luthers Frage nach dem gnädigen Gott. Er konnte in Gott zunächst nur einen Rächergott sehen, vor dem man sich in Acht nehmen musste. Durch das Studium des Neuen Testamentes ging Luther auf, dass Gott »ein glühender Backofen voll Liebe ist«, der dem Menschen durch den Glauben an Jesus Christus seine Schuld vergeben will – und zwar ohne Vorleistung, allein aus Gnaden. Seitdem steht im Zentrum evangelischer Spiritualität die Erkenntnis, dass Gott den Menschen so annimmt wie er ist.

Im Verlauf der Geschichte der evangelischen Kirche tat sich dabei ein schwerwiegendes Problem auf. Schon Dietrich Bonhoeffer kritisierte, dass die reformatorische Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnaden zur »billigen Gna­de« verkommen sei. Daran hat sich nichts verändert. Auch heute noch wird die Botschaft von der Liebe Gottes meist verkündigt, ohne deutlich zu machen, dass es keine Vergebung ohne Nachfolge gibt. Der reformatorische Hauptartikel, die Rechtfertigung des Gottlosen durch Christus allein aus Gnaden, wird als ein theologisches Prinzip missverstanden. Das hat zu einer gefährlichen Verharmlosung Gottes geführt. Damit wird unwillkürlich der Eindruck vermittelt, als ob Gottes Liebe so zu verstehen sei, dass er fünf gerade sein las­se.

Luther wusste es besser! Im »Kleinen Katechismus« beginnen sämtliche Erklärungen der Zehn Gebote mit der ­stereotypen Aussage: »Wir sollen Gott fürchten und lieben.« Der Ernst, der mit der neutestamentlichen Botschaft von der Vergebung verbunden ist, nämlich der Aufruf zu Besinnung, Umkehr und Neuorientierung, darf nicht auf der Strecke bleiben.

Die einzig angemessene Antwort auf Gottes Liebe, auf sein Angebot der Vergebung, ist die Umkehr des Menschen zu Gott. Darum lautet die Erste der berühmt gewordenen Thesen Martin Luthers vom 31. Oktober 1517: »Unser Herr und Meister Jesus ­Christus wollte mit seinem Wort: ›Tut Buße‹ … (Matthäus 4,17), dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei.«

Zum reformatorischen Sündenverständnis gehört das Großmachen der Sünde. Die Erfahrung der Gnade ist für Luther untrennbar mit der Erkenntnis und dem Bekenntnis der Größe der Schuld verknüpft. Überspitzt formuliert: Das Maß der Nähe Jesu Christi im Leben eines Menschen entspricht dessen Erkenntnis der Grö­ße der eigenen Schuld. Entsprechend schreibt Luther in seinem Kommentar über den Galaterbrief: »Du darfst dir nicht träumen lassen, als wären deine Sünden so klein, dass sie mit deinen Werken getilgt werden könnten. Du darfst aber auch nicht verzweifeln wegen ihrer Größe, als müsstest du sie einmal im Leben oder im Tod noch ernstlich fühlen.

Sondern lerne hier aus Paulus das glauben, dass Christus nicht für erdichtete oder gemalte Sünden, sondern für wirkliche Sünden, nicht für kleine, sondern sehr große, nicht für die eine und andere, sondern für alle, nicht für überwundene … sondern für unüberwundene Sünden sich dahin gegeben hat.«

Dabei sind Luthers Aussagen vor einem Missverständnis zu schützen. Schulderkenntnis und Schuldbekenntnis sind für ihn Zeichen der Würde des Menschen. Das Stehen zu seinem Sündersein ermöglicht dem Menschen nämlich die Einkehr in eine Selbstbegrenzung, die ihm letztlich zugute kommt. Er muss nicht länger mehr sein »als ein heilsam vor Gott und von Gott begrenzter Mensch« (Christian Möller). Schuldigwerden gehört zum Menschsein, auch zum Leben in der Nachfolge Jesu Christi, wesentlich dazu. Ich nehme mein Menschsein dadurch ernst, dass ich meine Schuld eingestehe. Eine Leugnung, eine Bagatellisierung oder Verdrängung meiner Schuld bedeutet demgegenüber eine Missachtung meines Menschseins. Das Eingeständnis des Sünderseins wahrt den Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf. Die Anerkennung eigenen schuldhaften Verhaltens bedeutet auch in psychologischer Hinsicht einen Akt der Reife. Sie trägt zur Inte­gration verdrängter Persönlichkeitsanteile bei.

Dass die christliche Rede von Sünde und Schuld dem Menschen seine Verantwortlichkeit zurückgibt und damit zur Stärkung seines Selbstwertgefühls beiträgt, wird nicht von heute auf morgen im öffentlichen Bewusstsein Eingang finden. Lange hat die Kirche die Rede von Sünde und Schuld dazu missbraucht, Menschen in Angst und Abhängigkeit zu halten. Darum ist die Abwehr gerade gegenüber dieser Dimension kirchlicher Verkündigung nur zu verständlich. Damit es an dieser Stelle zu einem Umdenken kommt, ist aufseiten von Theologie und Kirche Fantasie und Beharrlichkeit erforderlich.

Zur Vergebung gehört außerdem das Hineinwachsen in ein neues Leben mit Gott. Ohne Nachfolge Jesu Christi bleibt die Vergebung eine ziemlich langweilige und uninteressante Sache, die höchstens einige im Leben zu kurz Gekommene interessiert. In dem Moment, wo die Botschaft von der Vergebung mit der Notwendigkeit der Nachfolge Jesu Christi verbunden wird, spricht sie auch Menschen an, die mitten im Leben stehen. Die Dynamik des neuen Lebens aus Gott, das dem Gläubigen durch die Erfahrung der Vergebung zuwächst, darf nicht länger verschwiegen werden!

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie an der Leipziger Universität.

Die Beichte – Hygiene für die Seele

15. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Den evangelischen Christen ist mit dem Wegfall der Beichte etwas Wichtiges verloren gegangen

Mit diesem Beitrag eröffnen wir eine fünfteilige Serie über die Beichte. Zum Auftakt ein Interview mit dem Leipziger Theologieprofessor Peter Zimmerling.

Peter Zimmerling lehrt an der Leipziger Universität Praktische ­Theologie. Foto: privat

Peter Zimmerling lehrt an der Leipziger Universität Praktische ­Theologie. Foto: privat

Herr Prof. Zimmerling, worin liegt der Wert der Beichte? Was bringt es mir, wenn ich beichte?
Zimmerling:
Wenn ich etwas Schlimmes erlebt habe, verliert dies seine Macht über mich, wenn ich es vor einem anderen Menschen ausspreche. Diese Erfahrung kennt jeder von uns. Das ist die psychologische Dimension der Beichte, sie ist Seelenhygiene.

Darüber hinaus gibt es die theologische Dimension. In der Seelsorge kann ich einem Menschen helfen, ihn trösten, indem ich ihm etwas zuspreche, gute Worte sage. Wenn ich dann selber in eine solche Situation kom­me, in der ich Trost brauche, könnte ich diese Worte, die ich vorher einem anderen gesagt habe, auch mir selber sagen. Aber diese Worte, die ich mir selber sage, haben nicht die Kraft, die sie entwickelt haben, als ich sie dem anderen Menschen gesagt habe.

»Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen«, weiß ein Sprichwort …
Zimmerling:
Ja! Das Wort Gottes, das mir durch einen anderen Menschen zugesprochen wird, ist stärker als das Wort Gottes im eigenen Herzen. Dadurch wird deutlich, wieso die Beichte etwas ist, was über das Gebet oder das Gespräch beim Therapeuten hinausgeht. Die Therapie kommt an ihre Grenze, wo es um Vergebung von Schuld geht. Den evangelischen Christen ist durch den Wegfall der Beichte ein wesentliches Mittel der Seelenhygiene verloren gegangen!
Max Frisch hat den berühmten Satz geprägt: »Ein Katholik hat die Beichte. Ich habe bloß meinen Hund.« Er will damit zum Ausdruck bringen, dass in der Beichte ein großes Entlastungspotenzial steckt. Dass die Beichte einen wichtigen Beitrag zur psychischen Gesundheit eines Menschen zu leisten vermag. Es hat übrigens immer christliche Therapeuten gegeben, die das mit Recht betont haben.

Der Mensch ist gerettet allein aus Gnade. Diese reformatorische Erkenntnis ist nicht ganz schuldlos, dass uns die Beichte verloren gegangen ist?
Zimmerling:
Wir haben das Evangelium reduziert auf die Aussage, dass Gott den Menschen annimmt, so wie er ist. Diese Sicht ist nicht unsympathisch, aber sie ist eine Verkürzung des Evangeliums. Sie fördert nämlich die Auffassung, dass der Mensch von Natur gut ist. Paul Schütz, einer der vergessenen evangelischen Theologen des letzten Jahrhunderts, stellte fest: »Gott ist einsam geworden. Es gibt keine Sünder mehr.«

Die Beichte ist aber auch über viele Jahrhunderte hinweg als ein Instrument zur Erziehung benutzt worden und dadurch in Misskredit geraten …
Zimmerling:
Mit Beichte verbinden wir oft Fremdbestimmung. Und diese Vorstellung ist im kollektiven Gedächtnis unseres Volkes weitverbreitet. Martin Luther wollte die Beichte erneuern, aber indem er sie von ihrem Zwangscharakter befreite – zur damaligen Zeit war ein Christ verpflichtet zu beichten –, verhinderte er ungewollt einen dauerhaften Neuanfang. Als die Beichte freiwillig wurde, haben Menschen dieses Angebot Gottes, Vergebung zu erlangen, nicht mehr in Anspruch genommen. Im Großen ­Katechismus ist das nachzulesen, da sagt Luther, er wünsche den Evange­lischen, die nicht mehr zur Beichte ­gehen, dass sie wie eine Herde Säue wieder unter das papistische Joch ­getrieben würden. Daraufhin hat er ein Katechismusverhör anstelle der Beichte obligatorisch gemacht. Dieses ist sehr bald beim Protestanten an die Stelle der Beichte getreten.

Wie können wir die Beichte zurückgewinnen?
Zimmerling:
Sie muss wieder als ­Angebot Gottes bekannt gemacht ­werden. Es muss deutlich sein, dass die evangelische Beichte nichts mit Entmündigung zu tun hat. Das ist
ein Missverständnis, ein allerdings schwerwiegendes. Wir müssen den Menschen deutlich machen, dass die Beichte ein Zeichen ist für die Würde des Menschen. Zum Menschsein ­gehört das Schuldigwerden hinzu. Ich meine, dass jeder Mensch, auch ein Nichtchrist wird das sagen, immer wieder in Situationen kommt, wo er nicht so handelt wie er eigentlich gerne handeln würde. Er wird schuldig an seinem nächsten Mitmenschen. Die Möglichkeit, sich zu entschuldigen, um Verzeihung zu bitten, gehört zur Würde eines Menschen.

Ganz vergessen ist sie nicht. Es gibt ein Verlangen nach Beichte …
Zimmerling:
In Citykirchen wird das Angebot zur Beichte gemacht. Ein- bis zwei Mal pro Woche sitzt ein Pfarrer, eine Pfarrerin in der Sakristei. Die Menschen sind eher bereit, zu einem fremden Menschen zu gehen. In Taizé stehen nach dem Abendgottesdienst Jugendliche in langen Schlangen vor einzelnen Brüdern. Da geht es um Seelsorge, aber auch um Beichte.

Wann empfiehlt es sich zu beichten?
Zimmerling:
Ich würde sagen: Bei ­jeder echten Schuld, von der ich den Eindruck habe, nicht mit ihr fertig zu werden. Denn man kann ja auch für sich, still vor Gott seine Schuld aussprechen wie wir es im Vaterunser tun. Aber es gibt immer wieder Schuld im Leben, wo diese persön­liche, stille Beichte vor Gott das Gewissen nicht beruhigt. Da empfiehlt es sich, sie gegenüber einem anderen Menschen in der persönlichen Beichte auszusprechen.

Sabine Kuschel.

Das Wort Gottes – persönlich erlebt

8. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Bibliodrama: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns

Die Autorin, Schwester Katharina Schridde, gehört der evangelischen Ordensgemeinschaft Communität Casteller Ring (CCR) an und leitet seit 2008 die Außenstelle der Kommunität im Erfurter Augustinerkloster.

Die Autorin, Schwester Katharina Schridde, gehört der evangelischen Ordensgemeinschaft Communität Casteller Ring (CCR) an und leitet seit 2008 die Außenstelle der Kommunität im Erfurter Augustinerkloster.

Erwartungsvoll sitzen die acht Menschen im Kreis. Alle lassen sich auf ein Wagnis ein: Denn die Gruppe hat sich eine Einführung in die Methode des Bibliodramas gewünscht.

Das Bibliodrama geht davon aus, dass das Wort Gottes eine wahre und gültige Offenbarung ist. In unüberbietbarer Weise hat der Evangelist Johannes im Prolog seines Evangeliums die Inkarnationen des Gotteswortes in Jesus Christus beschrieben: »Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit …« (Johannes 1,14) Das Bibliodrama geht von dieser Offenbarung aus. Weil das Wort Gottes Fleisch wurde und erlebbar ist, hat es mir ganz persönlich etwas zu sagen, heute und hier berührt es mich und wandelt mein Herz und manchmal auch mein Leben.

Das Bibliodrama hat seine Wurzeln im antiken griechischen Theater, im Mysterienspiel und auch in der Liturgie. Der biblische Text ist Ausgangspunkt und Ort der Rückkehr nach dem Spiel. Dazwischen entfaltet sich das Gehörte und Geschaute als »wie neu geschehend«. Der biblische Text verwebt sich mit dem Lebenstext der Spielenden und lässt möglicherweise darin ein anderes Muster entstehen – das dann zuweilen Bestand hat auch nach dem gemeinsamen Spiel.

Das eigentliche Spiel beginnt damit, dass wir einen biblischen Text auswählen. Für diese Gruppe, die sich erstmalig auf das Bibliodrama einlässt, wähle ich einen gut spielbaren Text mit mehreren biblischen Personen, einem spannenden Handlungsverlauf und einem Ende, das Fragen offen lässt. Der barmherzige Vater, der verlorene Sohn und der eifersüchtige Bruder, der sich seit Jahren übersehen fühlt. Geschwisterrivalität, Elternliebe, Adoleszenzprobleme, Rollenkonflikte und in all dem die Frage nach Gott und den Bildern, die wir von ihm, dem Ewigen haben.

Zu wählen sind nicht nur die »Rollen«, die ausdrücklich benannt sind, sondern auch die, die nicht genannt sind, die es aber als handelnde Personen in so einer Szene sicher gab: die Mutter der Söhne, Schwestern, Nachbarn, Mitknechte in der Fremde. Wichtig ist, dass die Einzelne, der Einzelne sich die Rolle selbst aussucht. Warum er oder sie genau diese Spielerfahrung machen möchte, ist oft anfangs gar nicht so klar und zeigt sich erst während des Spiels und dann vor allem im anschließenden auswertenden Gespräch.

Und dann beginnt das Spiel. Der Text ist Rahmen, Grund und Orientierung, aber für diesen Augenblick nicht wörtlich verpflichtend. Da spontan gespielt wird, ergeben sich Dialoge, die so vielleicht nicht im Evangelium geschrieben stehen, sich in diesem Augenblick aber dem Spielenden »einsprechen«. Es ergeben sich plötzlich Nebenszenen, die so nicht aufgezeichnet sind, aber gleichwohl genauso stattgefunden haben könnten – und eben jetzt geschehen, weil es den Spielenden eben jetzt so geschieht.

Eine Frau spielt den jüngeren Sohn, eine, die im Vorgespräch eher zurückhaltend und skeptisch wirkte. Jetzt spielt sie mit starker Kraft und großer Überzeugung, ein sympathischer und lebensfroher, wenn auch ­etwas leichtsinniger junger Mensch geht seinen Weg durch Mut, Versagen, Schuld und Umkehr. Ein Mann spielt den Vater, die Konflikte mit den Söhnen werden so lebensecht und leidenschaftlich gespielt, nein »gezeigt«, dass die Verbindung mit dem realen Leben des Spielers deutlich zu erahnen ist. Das Nachgespräch bestätigt es, und das »Spiel« wird eine »Vorwegnahme« der Versöhnung mit seinem eigenen jüngeren Sohn und lässt die Hoffnung wachsen, dass dies vielleicht auch mit diesem wirklichen Sohn möglich ist.

Der »ältere Sohn«, ebenfalls von einer Frau gespielt, lässt seinen Zorn über die scheinbare Bevorzugung des Jüngeren hören und sehen: Neid und Eifersucht flammen auf, dahinter der so lange verborgene Schmerz und die Angst, selbst vielleicht nicht so geliebt zu sein wie der Bruder, die Schwester. Ein von vielen Menschen geteiltes und sehr oft verborgenes Gefühl, das die Seele zernagt und das Herz bitter macht. Hier also wird es laut sichtbar, die junge Frau – »Spielerin« oder »Bruder«? – beginnt zu weinen, etwas löst sich, endlich kann sie die Zusage des Vaters hören und glauben: Du bist doch mein geliebtes Kind.

Wir spielen das Spiel bis zum Ende, so wie es in der Schrift geschrieben steht. Nach einem kurzen Augenblick der Stille, werden alle Spielenden aus ihren Rollen entlassen, wir versammeln uns im Kreis, sprechen über Gehörtes, Gesehenes, Erlebtes. Nehmen wahr, was geschehen ist – Sichtbar und unsichtbar, jedenfalls wirksam. Und sortieren: Was gehört in mein ­Leben, was ist biblischer Text, gültig über den Augenblick hinaus?

Und wo erkenne ich in alldem Wort und Weisung Gottes, das sich hier und jetzt in mein Leben hineinspricht?
Ganz zum Schluss lese ich den Text noch einmal so, wie er geschrieben steht. Wir bleiben noch einen Moment im Schweigen und beenden die gemeinsame Zeit dann mit Gebet und Segen. Und gehen weiter – im »Spielraum« Gottes, in unserem Leben.

Schwester Katharina Schridde, Communität Casteller Ring

Mehr als das tägliche Brot

1. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Vorschlag: Warum den Erntedanktag nicht einmal als ein Dankfest der Freundschaft feiern?

Güter Gottes: Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde  ist voll deiner Güter, Psalm 104, Vers 24, Foto: Rainer Oettel

Güter Gottes: Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter, Psalm 104, Vers 24, Foto: Rainer Oettel

Das Erntedankfest umfasst mehr als das tägliche Brot. In seiner Auslegung der vierten Bitte des Vaterunsers (»Unser täglich Brot gib uns heute!«) zählt Luther die Elemente des Lebens auf, die den Hunger von Leib und Seele stillen. An vorletzter Stelle nennt er »die guten Freunde«. Was Freunde wert sind, zeigt sich in Krisenzeiten. Beglückt nehmen wir dann ihre Nähe wahr oder – tief depressiv – eine schmerzhafte Enttäuschung, die in ihrer Härte kaum übertroffen werden kann.

Ost/West-Freundschaften sind bis heute schwieriger
Könnten wir in diesem Jahr den Erntedanktag mal als »Tag der Freundschaft« feiern? Nein, das geht nicht.
In der DDR wurde ein solches Schindluder mit dem kostbaren Begriff getrieben, dass »Tag der Freundschaft« ein unmöglicher Ausdruck für eine unmögliche Sache wäre. Aber wir Christen können auf das Wort »Freundschaft« nicht verzichten. Es ist ja nicht von ungefähr, dass Jesus in seinen Abschiedsreden (Johannesevangelium 14–16) die Beziehung zu seinen Jüngern als Freundschaft charakterisiert und er ihnen zeigt, dass sie nun seine Freunde geworden sind.

Heute ist im mitmenschlichen Bereich nach den familiären Banden die Freundschaft die zweitschönste Beziehung. Ihr Ziel ist es, ein herzliches Gegenüber zu finden, das sich mit der eigenen Persönlichkeit verträgt. »Wirklich gute Freunde sind Menschen, die uns ganz genau kennen und trotzdem zu uns halten«, hat die kluge Maria von Ebner-Eschenbach einmal gesagt. Darum auch ist die berühmte Tapferkeit vor dem Freund schwieriger als die Tapferkeit vor dem Feind.

Sehe ich recht, dann stand im Osten unseres Landes in der Freundschaft die soziale Unterstützung im Vordergrund; zu den erwünschten Eigenschaften des Freundes gehörten unabdingbare Hilfsbereitschaft und Loyalität, während unter dem Selbstverwirklichungsaspekt im Westen vor allem Offenheit und emotionale Anteilnahme gewünscht wurden. Ob das der Grund ist, warum Ost/Ost- und West/West-Freundschaften heute immer noch einfacher sind als eine freundschaftliche Ost/West-Beziehung?

Auf jeden Fall aber ist gelingende Freundschaft eine Gratwanderung von Nähe und Distanzbedürfnis, Gemeinsamkeit und Eigenständigkeit. Freundschaften können ihre Zeit gehabt haben – oder zerbrechen. Verrat und Vertrauensbruch sind sichere Gründe für das Zerbrechen.

Wer sind unsere 15 besten Freunde?
Die Psychologie sagt, dass ein Mensch mit 150 Personen in seiner Beziehungskapazität erschöpft ist und wir durchglühen, wenn wir diese Zahl überschreiten. Höchstens zehn Prozent dieser 150 können gute Freun-
de sein. Im Licht des Erntedanktages und Luthers Vaterunser-Auslegung könnten wir uns an diesem Sonntag einmal darauf besinnen, welche 15 Menschen zu unserem Freundeskreis gehören. »Gute Freunde« – Gott sei Dank, dass es sie gibt! Und dazu ein Wort zum Erntedankfest als Dankfest der Freundschaft des 500-jährigen Johannes Calvin: »Unterdessen wird aber der Fromme … nicht etwa aus der Einsicht, dass die, welche ihm wohltun, ja Diener der Güte Gottes sind, den Schluss ziehen, er könne sie mit Undank übergehen, als ob sie für ihre Freundschaft keinen Dank verdient hätten, sondern er wird sich ihnen von Herzen verpflichtet fühlen, sich gerne als den Beschenkten bekennen und ihnen nach Fähigkeit den Dank auch durch die Tat abzustatten sich bemühen.

Kurz, er wird gewiss Gott als den vornehmsten Urheber beim Empfang guter Gaben loben und preisen, aber er wird die Menschen als seine Diener ehren und wird, wie es doch tatsächlich der Fall ist, einsehen, dass er durch Gottes Willen denen zu Dank verpflichtet ist, durch deren Hand Gott sich hat so wohltätig erweisen wollen.«

Rolf Wischnath

Rolf Wischnath (62) war Generalsuper­intendent des ostbrandenburgischen Sprengels Cottbus.
Er lebt in Gütersloh und unterrichtet Systematische Theologie an der Universität Bielefeld.

Die Bibel – reich an Lebensweisheiten

Gottesbilder im Alten Testament (6/Schluss): Gott und die Weisheit

Mit diesem Beitrag beenden wir unsere sechsteilige Beitragsserie über die biblische Rede von Gott.

Die Weisheit mit dem Buch der Sprüche Salomos in der Hand in einer mittelalterlichen Darstellung. Bild: Archiv

Die Weisheit mit dem Buch der Sprüche Salomos in der Hand in einer mittelalterlichen Darstellung. Bild: Archiv

Der Humor ist der Regenschirm der Weisen«, schrieb Erich Kästner in einem Epigramm. Jüdischer Glaube ist ohne Humor gar nicht vorstellbar – für mich eines der schönsten Beispiele ist diese Geschichte: Ein Jude erzählt seinem Nachbarn, er kenne den frömmsten Rabbiner überhaupt.

»Jeden Donnerstag betet er, und dann frühstückt er mit Gott.« Der Nachbar ist skeptisch. »Woher weißt du das?«, fragt er. »Na, das hat mir der Rabbiner selbst erzählt.« »Und woher weißt du, dass es stimmt?« Darauf der erste ganz empört: »Glaubst du, Gott würde mit einem Lügner frühstücken?«

In dieser Geschichte wird humorvoll mit nur wenigen Sätzen aufgezeigt, wie die persönliche Überzeugung absolut gesetzt wird. Zweifel sind nicht erlaubt. Dabei ist es im ­Judentum, anders als in anderen Weltreligionen, genau andersherum: Es gibt niemals eine »einzig mögliche« Auslegung des Ersten Testaments und späterer Schriften.

Diese Toleranz gehört, so denke ich, zur Weisheit, die im Alten Testament eine besondere Position einnimmt und mehrere biblische Bücher bestimmt: das Buch Hiob, die Psalmen, den Prediger und das Buch der Sprüche.

Spannend ist die Frage, wie es uns geht, wenn wir etwa das Buch »Prediger« isoliert betrachten – keine Rede vom ewigen Leben, reine Diesseitigkeit! Halten wir es aus, dass auch dies ein Stück biblischer Botschaft ist? Es ist allgemein auffällig, dass die Vorstellung eines Weiter- oder Neu-­Lebens nach dem Tod sich in den Weisheitsbüchern nicht findet und im Ersten Testament erst ein spätes Stadium des Glaubens widerspiegelt. In diesen Schriften wird immer wieder betont, wie sehr jeder Tag ein Geschenk aus der Hand Gottes ist.

Vielleicht leuchten uns deshalb viele Worte aus ihnen trotz der Jahrtausende, die dazwischen liegen, so sehr ein. Auf das Buch der Sprüche möchte ich etwas genauer eingehen – schon deshalb, weil es nach meinem Eindruck nicht sehr häufig wahrgenommen wird, jedenfalls in unseren Gottesdiensten kaum eine Rolle spielt.

Im Buch der Sprüche finden sich, wie der Name schon sagt, Sprichwörter. »Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein« ist angelehnt an Sprüche 26, Vers 27. Dieses bekannte Sprichwort weist auf das Welt- und ­Lebensverständnis des Sprüchebuches hin: den »Tun-Ergehen-Zusam­menhang«.

Wer Gutes tut, dem wird es auch gut gehen, wer Böses tut, wird Böses an sich erfahren. Dies wird im Buch der Sprüche sehr unmittelbar und direkt formuliert: »Der Herr lässt den Gerechten nicht Hunger leiden; aber die Gier der Gottlosen stößt er zurück.« (10,3) Und: »Siehe, dem Gerechten wird vergolten auf Erden, wie viel mehr dem Gottlosen und Sünder!« (11,31) Allerdings wird in einem sehr bekannten Wort auch die Unverfügbarkeit des Handelns Gottes betont: »Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.« (16,9)

Es ist mit diesen Sprüchen ähnlich wie mit den Sprichwörtern überhaupt: Sie widersprechen sich teilweise, weil sich Erfahrungen in unserem Leben widersprechen. Aber gerade dadurch können sie zu einer Lebenshilfe ­werden.

Freilich: Auch hier finden sich Sätze, denen wir hoffentlich deutlich widersprechen, mögen sie auch über Jahrhunderte hinweg Erziehungsmaximen gewesen sein: »Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten.« (13,24)

Im Buch der Sprüche stehen viele Sätze, die in tiefem Sinne weise sind: »Wer seine Sünde leugnet, dem wird’s nicht gelingen; wer sie aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen.« (28, 13)

Das Buch der Sprüche betont die Gottesfurcht, so wie dies allgemein die Weisheitsschriften in vielfältigen Ausdrücken tun: »Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis.« (1,7) Dabei ist es interessant, wie sehr die Weisheit als Person gedacht wird und als Mittlerin zwischen Gott und den Menschen: Sie »ruft laut auf der Straße und lässt ihre Stimme hören auf den Plätzen.« (1,20) Hier wird sie als Prophetin dargestellt, im achten Kapitel des Buches dann als Schöpfungsmittlerin, als Stimme Gottes in menschlicher Gestalt. Sie ist sogar das erste Geschöpf, das Gott erschuf, wie in sehr poetischer und schöner Weise die Ver­se 22ff im achten Kapitel beschreiben.

Auch ihr Gegenpol, ihre Kontrahentin, wird als Person dargestellt und geschildert: Frau Torheit. Ohne die Darstellung des »Kontrastprogramms« geht es wohl nicht, sobald Menschen ihre Glaubensvorstellungen aufschreiben.

Ulrich Tietze

Sexualität – ein Geschenk Gottes

18. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Gottesbilder im Alten Testament (5): Gott und der Eros

In einer mehrteiligen Serie beschäftigen wir uns mit der Frage, wie die Bibel von Gott redet.

Im Hohelied der Liebe finden sich in der Bibel - zum Verdruss mancher Theologen - auch sehr irdisch-erotische Liebeslieder. Bildquelle: Uni Leipzig

Im Hohelied der Liebe finden sich in der Bibel - zum Verdruss mancher Theologen - auch sehr irdisch-erotische Liebeslieder. Bildquelle: Uni Leipzig

Es gibt gegenwärtig einen Trend in unseren Kirchen, der längst in den USA allgegenwärtig ist: Sexualität ist nur innerhalb der Ehe erlaubt, und ein von dieser Norm abweichendes Verhalten gilt als christlich nicht akzeptabel. Aber die Bibel ist ganz und gar nicht sexualfeindlich und es gibt nicht einen einzigen Satz darin, der als Begründung gegen Sex vor der Ehe herhalten kann. Anders als von manchen gern behauptet, lassen sich sogar ­stellenweise Belege des Gegenteils entdecken: Texte, die von der Sehnsucht eines unverheiratetes Liebespaars nach körperlicher Vereinigung berichten. Das »Hohelied der Liebe«, eine Sammlung ganz irdisch-erotischer Liebeslieder, kennt diesen Gedanken: In Kapitel 2,16f träumt eine junge, ganz offensichtlich nicht verheiratete Frau, von einer Liebesnacht im Freien, und ähnlich ist es in Kapitel 7,11ff.

Dass es in der Bibel eine solche Liedersammlung gibt, war immer wieder ein Problem für Theologen. Die Deutung der Texte auf »Jahwe und sein Volk« oder »Jesus und seine Gemeinde« sind jedoch reine Verlegenheitslösungen und haben mit dem Hohelied nichts zu tun. Durchaus begründet dagegen ist die Auslegung: Gott schenkt uns – und zwar nicht nur in der Ehe! – die Sexualität als Ausdruck tiefer Gemeinsamkeit, als Quelle der Freude und der Lust.

Für das Erste Testament ist die Sexualität etwas völlig Normales, nichts Verwerfliches oder gar Schmutziges. Es gibt darin freilich Vorstellungen, die für uns nicht begreiflich und nicht nachvollziehbar sind – so etwa, wenn die Töchter Lots aus Angst, anders keine Kinder bekommen zu können, ihren Vater betrunken machen und dann mit ihm schlafen (1. Mose 19,30ff.). Befremdlich und abstoßend auch die vorangehende Erzählung, in der Männer aus Sodom zwei Engel vergewaltigen wollen, die bei Lot zu Gast sind, und er ihnen – das heilige Gastrecht wahrend – stattdessen seine jungfräulichen Töchter anbietet.

Wenn wir uns informieren wollen, welche Vorstellungen von erlaubter und unerlaubter Sexualität es im Alten Testament gibt, so gehört es auch dazu, diese fremden Vorstellungen wahrzunehmen. Übrigens kann angenommen werden, dass »Jahwe«, der spätere Gott Israels, in vorbiblischen, nichtjüdischen Überlieferungen mit der syrischen Göttin Aschera als Paar zusammen gesehen wurde. Archäo­logische Funde belegen dies – die ­Vorstellung von Sexualität in der Welt der Götter war weitverbreitet, wurde freilich von Israel abgelehnt. Gegen Aschera wurde in der hebräischen Bibel später massive Polemik geübt.

Aber in den Vorstellungen, wie »Jahwe« sei, gab es ohnehin eine Vielzahl von Veränderungen im Laufe der Zeit: Von einem Berg- und Wüstengott, an den nur eine Gruppe von Beduinen glaub­te, wurde er im Alten Testament dann schließlich zum Schöpfer und Beherrscher der ganzen Welt. Noch einmal mit Betonung: Beides sind menschliche Vorstellungen von Gott und den Göttern. Jede Rede von Gott hat ihre gesellschaftlichen Bedingungen, die aus der jeweiligen Zeit nicht herauszunehmen sind.

Zu einem nach wie vor kirchlich heftig diskutierten Thema: Unbestreitbar ist es, dass im Ersten Testament wie auch im Zweiten, aber ohne ein einziges Wort Jesu zum Thema, Homosexualität verworfen wird. Dies hat im Wesentlichen damit zu tun, dass sie nicht der Zeugung neuen Lebens dient. Es sei darauf hingewiesen: Für das Juden- wie für das Christentum dient Sexualität in erster Linie der Fortpflanzung. Gott straft auch Onan, der seinen Samen durch vorzeitigen Abbruch des Geschlechtsverkehrs auf die Erde fallen lässt, also die Fortpflanzung verweigert (1. Mose 38). Vielleicht war ein wesentlicher Aspekt auch der, dass Israel sich von den »heidnischen Völkern« ringsherum abgrenzen wollte, in denen weithin Homosexualität durchaus akzeptiert und als mögliche Form menschlichen Liebeslebens geduldet wurde.

Die Aussagen der Bibel zur Sexualität können nicht einfach in unsere Zeit übernommen werden, weil sie aus einer anderen Zeit stammen. Dass der Prophet Hosea von Gott aufgefordert wird, sich eine Hure zur Frau zu nehmen, muss uns fremd erscheinen, mag diese Handlung in ihrer Zeit auch ein nachvollziehbares Zeichen gewesen sein. Dennoch: ein Gottesmann und eine Prostituierte! Wie sähe unsere Reaktion aus, wenn eine stadtbekannte Prostituierte in einen Gottesdienst käme, an dem auch wir teilnehmen?! Wer die biblischen Aussagen zur Sexualität als »Messlatte« für unseren Glauben und unsere Zugehörigkeit zu Gott nimmt, muss dies notgedrungen auch mit allen anderen Aussagen der Bibel tun. Und da gäbe es viele Aussagen neu zu entdecken – gerade mit Blick auf das Verhältnis von Arm und Reich.

Ulrich Tietze

Gott mutet auch sehr Schweres zu

11. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Gottesbilder im Alten Testament (4): Gott und das Böse

In einer mehrteiligen Serie beschäftigen wir uns mit der Frage, wie die Bibel von Gott redet.

Die Bibel, vor allem das Erste Testament, interessiert sich nur ­wenig für den Teufel. In manche der biblischen Texte wird er hineinge-
deutet, ohne dass dies sachlich begründet wäre, wie bei der Schlange in 1. Mose 3.

Die Tatsache, dass im Christentum und teilweise auch im Judentum die Schlange mit dem Teufel identifiziert wird, führte zu einem sicherlich falschen Verständnis dessen, was sie in der Versuchungsgeschichte bedeutet. Hier wird gesagt: Der Mensch kann sich für Gut oder Böse entscheiden. Die Verantwortung liegt bei ihm, nicht bei einer externen bösen Macht.

Nachdenkenswert ist es, dass die Vorstellung vom personifizierten Bösen erst spät auftritt. In älteren Texten werden mit Gott gelegentlich »böse« Taten in Verbindung gebracht, die später auf den Teufel übertragen ­wurden: In 2. Samuel 24 ist es Gott, der David zur Volkszählung reizt, in 1. Chronik 21 der Satan. Der spätere Erzähler konnte sich Gott nicht mehr als denjenigen vorstellen, der etwas Böses, Verführerisches tut, deshalb nennt er den »Gegenspieler« als Verursacher. Aber es fällt auf, dass der hier »eingeführte« Satan im weiteren Lauf der Geschichte nicht mehr vorkommt. Offenbar ist er für ihr Verständnis nicht nötig.

Bemerkenswert bleibt: Beide Berichte wurden in die Bibel übernommen und dabei nicht angeglichen. Der Widerspruch wird ausgehalten, nicht ausgeblendet. Schwerer fiel es den Gläubigen in der Zeit, als die Chronik-Geschichte entstand, dagegen ganz offenbar, in Gott auch den Verursacher des Bösen auf der Welt zu ­sehen. Gott als der ausschließlich Gute – ein Glaubenssatz, der bis in ­unsere Zeit reicht und nicht wenige Texte des ­Alten Testamentes ausblendet. Dass Gott das Böse zulässt, ist ­unstrittig. Dass er es aber verursachen kann, mag uns eine fremde Vorstellung sein.

Und doch findet sie sich schon beim ältesten Propheten der Bibel, bei Amos im dritten Kapitel. Im Rahmen diverser Fragen, bei denen die richtige Antwort auf der Hand liegt, wird auch das Unheil auf Gott als den Verursacher zurückgeführt: »Ist etwa ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tut?« Das mag uns befremden und ­erschrecken, ist aber eine Aussage der Bibel, für die sich viele Beispiele finden lassen.

Die biblische Figur des Hiob - in einer Darstellung des französischen Malers Léon Bonnat (1833 bis 1922). Repro: Uni Leipzig

Die biblische Figur des Hiob - in einer Darstellung des französischen Malers Léon Bonnat (1833 bis 1922). Repro: Uni Leipzig

Besonders eindrücklich ist die Darstellung Satans im Buch Hiob. Er gehört zum Hofstaat Gottes, zieht über die Erde und richtet keineswegs ohne Erlaubnis Gottes Böses an, sondern sucht auf der Erde Dinge, die Gott missfallen müssten. Wenn es zutreffen sollte, dass das Buch Hiob eine Art ­Gerichtsverhandlung darstellt – in manchen neueren Forschungen wird das so gesehen –, dann hätte Satan ­gewissermaßen die Rolle des Staatsanwaltes inne, des Vertreters der Anklage. Dies entspräche übrigens an nicht wenigen Stellen dem, was sonst im Ersten Testament über ihn gesagt oder gedacht wird.

Beim Gespräch zwischen ihm und Gott über den frommen Hiob kommt es bekanntlich zu einer »Wette«: Während Satan sich zutraut, Hiob vom Glauben abzubringen, hält Gott das für unwahrscheinlich. Er gesteht Satan eine begrenzte Macht über Hiob zu – aber eben nur eine begrenzte. Im Hiob-Buch ist sogar die spannende Frage möglich: Wenn hier die Gestalt des Satans gar nicht vorkäme – würde das etwas verändern? Mir scheint: nein. Wenn die harten, ja brutalen Prüfungen der Titelfigur dieses Buches allein aus der Hand Gottes kämen und nicht einer Wette zwischen Gott und dem Satan entsprängen, gäbe es durchaus Vergleichbarkeiten mit der Geschichte von der Opferung Isaaks (1. Mose 22), in der Gott Unbegreifliches fordert, und anderen biblischen Texten, in ­denen der »verborgene, unheimliche Gott« geschildert wird.

Gott ruft Menschen in seinen Dienst – diese Erfahrung gilt seit Jahrtausenden. Er mutet ihnen dabei auch schwerste Erfahrungen zu, und aus dem Ersten Testament können wir lernen, die unterschiedlichsten Gottesbilder auszuhalten und nebeneinander stehen zu lassen. Israel hat sich diese Freiheit genommen und bewahrt, vielleicht ist das auch für uns hilfreich.

Noch ein Aspekt: Wie geht, pauschal gesagt, das Erste Testament mit dem Bösen im Menschen um? Eine zentrale Stelle ist hier Psalm 99, Vers 8: »Du, Gott, vergabst ihnen und straftest ihr Tun«, so übersetzt Luther. Noch besser sind hier andere Übersetzungen, etwa die eines katholischen Theologen: »Vergebergott«, schreibt er – und weist so darauf hin, dass Gott im Alten Testament Sünde vergibt. Aber dennoch muss der Mensch mit den Konsequenzen seines Tuns leben, auch mit dem, was er als Strafe empfindet. Für all das ist kein Gegenspieler Gottes nötig. Nach all dem Unheil, das die Teufelsvorstellungen angerichtet haben, ist es Zeit zu sagen: Weg mit dem Teufel!

Ulrich Tietze

Gott, du bist so unbegreiflich!

Gottesbilder im Alten Testament (3): Der verborgene und strafende Gott

In einer mehrteiligen Serie fragen wir danach, wie die Bibel von Gott redet.

Schon während des Theologiestudiums faszinierte es mich, wenn wir Texten des Ersten Testaments auf den Grund zu gehen versuchten – mit der Erforschung ihrer ursprünglichen Gestalt, mit den Veränderungen, die sie im Laufe langer Zeit (nicht selten Jahrhunderte!) erfuhren. Diese Faszination hält bis heute an, sie gilt insbesondere Texten, in denen der »verborgene Gott« im Mittelpunkt steht, dessen Handeln wir schwer begreifen können. So fordert Gott von Abraham, der gegen alle Wahrscheinlichkeit im hohen Alter noch Vater wird, Unbegreifliches: Er soll seinen Sohn Isaak opfern (1. Mose 22). Eine grausige ­Vorstellung, die bis heute Menschen befremdet, irritiert, abstößt – verständlicherweise.

Begegnung mit der dunklen Seite Gottes - Abrahams Glaube wird auf die Probe gestellt, in dem er seinen Sohn Isaak opfern soll - auch wenn Gott selbst die Opferung verhindert, bleibt die Geschichte irritierend. Hier in einer Darstellung aus der im 13. Jahrhundert entstandenen Chronik des Rudolf von Ems. (Foto: Uni Leipzig)

Begegnung mit der dunklen Seite Gottes - Abrahams Glaube wird auf die Probe gestellt, in dem er seinen Sohn Isaak opfern soll - auch wenn Gott selbst die Opferung verhindert, bleibt die Geschichte irritierend. Hier in einer Darstellung aus der im 13. Jahrhundert entstandenen Chronik des Rudolf von Ems. (Foto: Uni Leipzig)

Der Text kommt uns wahrscheinlich kaum weniger fremd vor, wenn wir wissen: In der Zeit, als er entstand, waren Menschenopfer gang und gäbe. In dieser Geschichte ist die brutale Vorstellung enthalten, Gott könne Menschenopfer fordern, und sie hat in der Kirchengeschichte immer wieder schreckliche Folgen gehabt. In der ­Ursprungsgestalt war hier vielleicht auch nicht von Abraham und seinem Sohn die Rede, sondern von einem Namenlosen, den ein uns fremder Gott zum Opfer auffordert. Das Volk Israel nahm sich die Freiheit, alte Dämonengeschichten aufzunehmen und zu bearbeiten.

Für viele Menschen ist die Geschichte vom »Kampf am Jabbok« (1. Mose 32) wichtig geworden: ­Jakob kämpft bei Nacht mit Gott. Er wird zwar auf die Hüfte geschlagen und künftig als Hinkender gezeichnet sein, hat jedoch seinem Gegner den Segen abgerungen. Diese mir sehr liebe ­Geschichte, Begleiterin in vielen schwierigen Lebenssituationen, hat nicht ohne Grund etwas Unheimliches, Fremdes, vielleicht auch Bedrohliches.

Dass hier ein böser Geist am Anfang der Überlieferung stand, ist dem Text noch anzumerken: Die Aufforderung von Jakobs Gegner, ihn ziehen zu lassen, weil die Morgenröte naht, weist darauf hin – Albträume, böse Geister und Gespenster scheuen das Morgenlicht. War hier ursprünglich vom Kampf zwischen einem Wanderer oder Jäger und einem Flussdämon die Rede, so wurde im Laufe der Zeit (möglicherweise über Jahrhunderte) daraus der nächtliche Kampf Jakobs mit dem Gott Israels.

In diesen Texten straft Gott Menschen nicht, hat aber eine unheimliche, seine Liebe und Fürsorge verbergende Seite. Diese Erfahrung mit dieser Seite Gottes durchzieht übrigens auch die Psalmen. In extremer Weise gilt dies für Psalm 88, der zwar als Gebet an Gott gerichtet ist, aber kein einziges Wort der Hoffnung mehr zum Inhalt hat. Von dieser Verborgenheit Gottes zur Auffassung: »Er bestraft mich!«, ist es oft nur ein kleiner Schritt. Daher gibt es bekanntlich auch nicht selten die Vorstellung im Ersten Testament, dass Gott Menschen strafen kann.

Eines von vielen möglichen Beispielen ist 4. Mose 21: die Schlangenplage in der Wüste. Das Volk murrt, wie so oft nach dem Auszug aus ­Ägypten, beklagt sich bei Mose über die Situation des Elends mitten in der Wildnis. Und Gott sendet zur Strafe Giftschlangen, die viele Israeliten durch ihren Biss töten. Mose, der ­immer wieder die Rolle eines Vermittlers zwischen den Menschen und Gott spielt, bittet Gott, die Strafe zurückzunehmen, und erhält von diesem Gott, der eben noch als unbarmherzig und strafend erscheint, den Auftrag, eine eherne Schlange zu bauen. Wer sie anschaut, bleibt auch als Gebissener am Leben.

Ganz anders ist es in vielen Psalmen, in denen die Vorstellung herrscht: Gott erträgt sehr wohl das Klagen und Murren von Menschen und lässt nicht nur mit sich reden, sondern geradezu handeln.

Dass Israel solche harten, vielleicht gar unbarmherzig wirkenden Vorstellungen und Bilder von Gott bewahrt hat, empfinde ich als hilfreich. Ob ich solche Gottesbilder übernehmen kann, muss ich für mich entscheiden. Spätestens bei eigenen Leidenserfahrungen jedoch stellt sich für jeden Menschen diese Frage. Dass Gott eine verborgene, unbegreifliche, auch strafende Seite hat, gehört nach meiner Auffassung zu unseren Erfahrungen mit ihm – und zu unserer Rede von ihm durch all die Zeiten hindurch, in denen er immer wieder auch verborgen bleiben konnte.

Ulrich Tietze

Die Schöpfung – ein Zugang zum Glauben

27. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Die Gottesbilder im Alten Testament (2): Der freundliche und helfende Gott

In einer mehrteiligen Serie fragen wir danach, wie die Bibel von Gott ­redet.

Gott als Schöpfer des Universums in einer Minitaur aus dem 15. Jahrhundert. Quelle: Uni Leipzig

Gott als Schöpfer des Universums in einer Minitaur aus dem 15. Jahrhundert. Quelle: Uni Leipzig

Gott sei Dank!« – ein Stoßseufzer, den wir alle kennen. In ihm ist die Erfahrung enthalten, aus einer Notsituation relativ oder unbeschadet ­herausgekommen zu sein. Gegenwärtig werden solche Erfahrungen eher mit dem Glauben an (Schutz-)Engel als mit dem an das Wirken Gottes verbunden. Aber das muss kein Widerspruch sein – denn Engel sind in vielen Religionen Boten des lebendigen Gottes, auch im Juden- und im Christentum.
Gott als der freundliche, helfende Begleiter, als der Vergebende und derjenige, der sich auch angesichts menschlicher Schuld versöhnen lässt: Das ist eine häufige Vorstellung in der Bibel.

Als Erstes ein Blick auf die Rede von Gott in 1. Mose 3. Nach dem ­»Sündenfall« der ersten Menschen wird beschrieben, wie Gott abends durch den Garten geht – für mich eine sehr einladende und freundliche Vorstellung: Der Schöpfer ist dem von ihm Geschaffenen nahe. Freilich: Solche Rede von Gott führte vermutlich mit zu dem fatalen Bild vom »alten Mann mit langem Bart«. Aber die Freundlichkeit bleibt, zumal Gott die Sünder in dieser Geschichte anspricht und nicht einfach vorver­urteilt.

Als er das erste Paar schließlich aus dem Paradies verbannt, geschieht auch dies nicht ohne einen Akt der Fürsorge: Sie erhalten Kleidung aus Blättern von ihm. Noch um die schuldig Gewordenen kümmert sich der Schöpfer!

Dass Gott, der sein Volk aus der Sklaverei befreit, darin grundsätzlich eine freundliche und den Menschen zugewandte Seite zeigt, liegt auf der Hand – wenn auch der strafende Gott hier nicht ausgeblendet werden kann. Was aber die Freundlichkeit Gottes angeht, möchte ich noch auf einen weniger bekannten Text des Alten Testamentes hinweisen: Bald nach der Geschichte vom Goldenen Kalb, der sich Strafe und Demütigung für das ungehorsame Volk anschließen, bittet Mose um ein Zeichen der Nähe Gottes, aber nicht nur für sich selbst, sondern auch für das schuldig gewordene Volk. Gott sagt Mose ein solches Zeichen zu: »Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.«

Mose soll sich auf einen Felsen stellen, Gott werde dann an ihm vorübergehen (schön hier Luthers Übersetzung: »Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen.«), und Mose darf dann hinter ihm herblicken. Aber das Angesicht Gottes kann niemand sehen, auch seine engsten menschlichen Vertrauten nicht, Mose darf hier das Äußerste ­erleben, was ein Mensch ertragen kann. Mehr ist nicht möglich, kein Mensch könnte weiterleben, dem Gott unmittelbar und schrankenlos begegnet wäre. Passend zu der Geschichte scheint mir die Formulierung Luthers zu sein: »Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe.«

Eine mir wichtige Zwischenbemerkung: Wir werden die Texte der Bibel missverstehen, wenn wir sie als historische Berichte lesen. Natürlich sind auch geschichtliche Fakten in vielen von ihnen enthalten. Vor allem aber sind sie Glaubensaussagen aus den unterschiedlichsten Zeiten, die sich nicht selten widersprechen und jedenfalls grundverschiedene Akzente aufweisen. Umso hilfreicher ist unter diesem Aspekt ihre oft so wuchtige und beeindruckende Bildersprache, die dann etwa von Luther aufgenommen und weitergeführt wurde.

Nach wie vor ist für viele Menschen ein wichtiger Zugang zum Glauben der Blick in die Schöpfung: »Am Meer werde ich fromm«, »Im Wald finde ich meinen Gott« – solche Sätze sind uns bekannt. Diejenigen, die diesen Zugang angreifen und ablehnen, haben die Bibel nur sehr begrenzt auf ihrer Seite.

Denn der Lobpreis des Schöpfers und damit indirekt »das Hohelied der Natur«, ist durchaus ein wesentlicher Bestandteil biblischer Texte und sagt auch Wesentliches über die Freundlichkeit Gottes aus, der uns Menschen diesen Planeten voller Wunder als Raum zur Verfügung gestellt hat. ­Israel hat sich allerdings hier von Religionen seiner Umwelt insofern deutlich abgegrenzt, als dort Bäume, Steine und Ähnliches als Götter verehrt werden konnten. Dieser Schritt Israels war wichtig und bleibt es.

Wie sehr Gott durch die Natur zu uns sprechen kann und wie sehr die Vielfalt seiner Schöpfung uns sogar
da berühren kann, wo wir es gar nicht erwarten, ist mir bei Wüstenwanderungen immer besonders deutlich ­geworden. Manchmal sind auf glühend heißen Steinen mitten in der Wildnis die schönsten Pflanzen zu ­sehen, »Gottes harte Herrlichkeit«, nannte ein Dichter solche Bilder. Auch der freundliche Gott hat die Härte (menschliche und andere) geschaffen, und ist von ihr nicht zu trennen.

Ulrich Tietze

Verborgene Schätze der Heiligen Schrift

20. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Gottesbilder im Alten Testament (1): Die menschliche Rede von Gott ist zeitbedingt

In einer mehrteiligen Serie fragen wir danach, wie die Bibel von Gott ­redet. Dabei beschäftigen wir uns mit den weniger bekannten Texten in der hebräischen Bibel und ihren Gottesbildern.

Bildquelle: Archiv

Bildquelle: Archiv

Alle Rede von Gott ist immer auch Bilderrede. Die Bildhaftigkeit ist gar nicht zu vermeiden, wenn wir uns Gedanken über Gott machen, wenn wir unsere und fremde Erfahrungen in Sprache fassen wollen. Schon die Tatsache, dass viele religiöse Texte erzählen, statt zu argumentieren, macht das deutlich. Denn jede Erzählung hat es mit Bildern ihrer Zeit zu tun.

Damit ist ein Aspekt angezeigt, der in kirchlichen Kreisen nicht selten ein Tabu darstellt: Auch in »Heiligen Schriften« finden wir menschliche Rede von Gott. Jede Aussage über Gott ist zeitbedingt, zeitbezogen, findet in einem bestimmten Kontext statt. »Ewige« Aussagen gibt es nicht, egal, wie lieb und wertvoll uns bestimmte Bibeltexte sein mögen. Wenn Menschen unserer Zeit ihre Erfahrungen mit Gott niederschrieben und dabei von biblischen »Vorlagen« absähen, so wären die Texte sowohl inhaltlich als auch formal anders als die Materialien, die wir in der Bibel finden. Das kann auch nicht anders sein, denn alle menschliche Ausdrucksform, gleichgültig welcher Kultur und Religion, ist an die Bedingungen ihrer Zeit gebunden.

Drei Äußerungen zum Thema »Glauben« gehen mir noch nach, obwohl sie alle eher weit zurückliegen. Zunächst: eine Pfarrkonferenz. Es ist Mai, wir sitzen in großer Runde draußen im herrlichen Pfarrgarten, freuen uns an Sonnenschein, blühenden Blumen und herrlichen Frühlingsfarben. Einer von uns betont die Schönheit der Schöpfung. Daraufhin sagt ein anderer: »Vergesst nicht: Es reicht eine Frostnacht, und die ganze Schönheit hier ist vorläufig dahin, das alles hier ist dann ein Platz des Todes. Auch das ist Gott.« Ich stimme ihm zu – damals wie heute. Es ist eine unerlaubte Verkürzung, wenn wir die Schönheit der Natur auf Gott zurückführen, aber ihre Härte und den in ihr enthaltenen Tod ausblenden.

Die zweite Äußerung: Eine Freundin, selbst bei der Kirche tätig, erzählt, sie habe im Vorbeifahren an einer Kirche das Transparent gesehen »Gott will keinen Krieg«. Sie selbst ist klare Kriegsgegnerin. Und doch sagt sie mit spürbarem Ärger: »In diese Kirche würde ich niemals gehen. Es ärgert mich, wenn Menschen so ungebrochen selbstsicher behaupten, sie wüssten, was Gott will und was nicht.« Ich möchte ihr widersprechen, weil ich große Sympathie für jede klare ­Ablehnung des Krieges verspüre. Und doch: In der Bibel, im Alten (besser: Ersten) Testament gibt es durchaus häufig die Vorstellung, Gott könne Kriege befürworten, sogar dazu anstiften.

Und wird im Neuen (besser: Zweiten) Testament die Existenz von Kriegen wirklich prinzipiell verworfen? Zumindest werden Machtverhältnisse, die Unterdrückung zur Folge haben können, eher zementiert als abgelehnt: »Seid untertan der Obrigkeit« oder »Ihr Sklaven, seid gehorsam«. Insofern kann ich dieser Freundin nicht widersprechen.

Und drittens: Bei einem Wochenendseminar mit Kirchenvorstandsmitgliedern und Pastoren fallen zwei Bemerkungen, die mich rat- und sprachlos machen. Eine Frau sagt: »Warum gibt es eigentlich auch unter uns Christen so viel Pessimismus? Wir schauen doch Gott in die Karten und wissen, dass alles gut enden wird.« Und ein Pastor sagt an einer anderen Stelle: »Der Tsunami kann nicht von Gott gekommen sein, denn im Zusammenhang der Geschichte von der Sintflut heißt es doch eindeutig: Nie wieder will ich eine Sintflut auf
die Erde schicken.« Ich spüre Hilf- und Sprachlosigkeit und ärgere mich später darüber, dass ich nicht klar ­widersprochen habe. Die erste Aussage beinhaltet eine Sicherheit, die mir angesichts unzähliger Erfahrungen von Leid zu allen Zeiten zynisch erscheint. Und die zweite ist für mich ein bedrückendes Beispiel eines völlig unreflektierten Biblizismus, den ich immer häufiger wahrnehme und der mir und anderen nicht weiterhilft im Glauben.

Im Ersten Testament sind unzählige Gottesbilder vorhanden, die sich nicht selten eindeutig widersprechen. Wie sollte das anders sein angesichts der Tatsache, dass hier Erfahrungen mit Gott aus etwa Tausend Jahren verarbeitet sind?

Viele Bibeltexte, die uns fremd sind, mit denen wir nicht aufgewachsen und vertraut sind, können uns den Reichtum des Ersten Testaments vielleicht wieder nahebringen. Dieser Reichtum besteht nicht zuletzt darin, dass hier eine Vielzahl von Welt-, Menschen- und Gottesdeutungen vorliegt, die auch für das Zweite Testament von großer Bedeutung sind.

Es gibt in diesem »Heiligen Buch«, das für Judentum und Christentum eine zentrale Glaubensurkunde ist, Schätze, die verborgen sind, aber nicht verschollen. Auf einige soll in dieser Serie hingewiesen werden – im Wissen, dass Vollständigkeit nicht ­annähernd möglich ist. Vielleicht gelingt es in diesem Rahmen auch, deutlich zu machen, wie wenig wir in ­unseren Kirchen darauf verzichten können, uns mit der Quelle unserer Religion, dem Judentum, zu beschäf­tigen und Gemeinsamkeiten wiederzuentdecken.

Ulrich Tietze

»Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«

13. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

davidsternDer Israelsonntag spaltet die Kirchengemeinden. Das vor neun Jahren in den Landeskirchen eingeführte »Evangelische Gottesdienstbuch« stellt für den 10. Sonntag nach Trinitatis zwei verschiedene Evangelien zur Auswahl. Die Pfarrer müssen entscheiden, ob der Gemeinde die Verse Lukas 19,41-48 (»Jesus weint über ­Jerusalem«) oder Markus 12,28-34 (»Die Frage nach dem höchsten Gebot«) verkündigt werden. Ein deutlicher Ausdruck der Verunsicherung in den Kirchen infolge des Wandels im christlich-jüdischen Verhältnis, über die sich nun jeder Prediger selber Klarheit schaffen muss!

Was steckt hinter dem Alternativangebot? Im Mittelalter hat die Kirche die zeitliche Nähe des jüdischen Gedenktags der Zerstörung des Tempels und Jerusalems durch die Römer im Jahre 70 zum Anlass genommen, in den Gottesdiensten dieses Sonntags ihre Deutung des Verlusts von Land und Heiligtum Israels zu verbreiten: »Seht, wie Israel geschieht, das seinen Herrn verworfen hat und das Gott darum strafend fallen ließ. So tut Buße, damit es euch dereinst nicht ähnlich gehe!« Das Evangelium, das man ­dieser Lehre unterlegte, waren Jesu Worte über Jerusalem nach Lukas 19: »Deine Feinde werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist.«
Eine christliche Mehrheit maßte sich freilich über Jahrhunderte hinweg an, selber Gottes Straf- und Richteramt auszuüben. Sie wurde schuldig durch Verleumdung und Entrechtung, Vertreibung und Mord an den Juden als Minderheit. Heute erkennen die Kirchen ihre mindestens durch Schweigen und Zusehen erwachsene Mitverantwortung an der Judenvernichtung der NS-Zeit. Sie kehren zurück zur Lehre des Apostels Paulus. Dieser weist im Römerbrief entrüstet die Frage von sich, ob Gott etwa sein von ihm ausgewähltes Volk Israel verstoßen habe.

Kann man also das alte Evangelium Lukas 19 am Israelsonntag noch predigen? Durchaus, sofern mit ihm deutlich wird: Nachdem Juden und Jüdinnen im Staat Israel Rettung und neuen Existenzgrund gefunden haben, schließt die christliche Gewissheit der Treue Gottes zu seinem Volk und seinen Verheißungen die Sorge ein, dass nun keine Feinde mehr dieses Land »dem Erdboden gleichmachen samt den Kindern in ihm«. Diese Sorge muss aber auch zur Tat werden. Etwa indem Kirchen und Gemeinden einwirken auf eine Politik, die das beständig proklamierte Ziel des Iran und seiner Handlanger, den Staat Israel zu zerstören, nicht ernst nimmt, ja sogar weiteres Wachstum der Wirtschaftsbeziehungen mit diesen Feinden Israels duldet und fördert.

Lukas 19 ist also mit Markus 12 zu lesen und zu predigen: Jesus bekräftigt für Christen das höchste Gebot Israels, »den Herrn, deinen Gott, zu lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von allen deinen Kräften« und »deinen Nächsten zu lieben wie dich selbst«. Den Gott Israels zu lieben heißt, sein Volk zum Nächsten sich werden zu lassen und ihm alle nötige Fürbitte und Fürsorge zuteil werden zu lassen!

Ricklef Münnich

Der Autor ist Pfarrer und im Präsidium des Deutschen Koordinierungsrates (DKR) e.V. der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Das Chaos der Beliebigkeit überwinden

6. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Christliche Frömmigkeit (3): Orte und Zeiten in den Rang eines Zeichens erheben

Im letzten Teil seines Beitrages über christliche Spiritualität plädiert der Autor Fulbert Steffensky dafür, manchen Orten und Zeiten eine besondere Ehre zu verleihen.

Der Theologe Fulbert Steffensky, Foto: Privat

Der Theologe Fulbert Steffensky, Foto: Privat

Jede neue Religion, die Bestand haben will, muss den Schritt von der inneren zur äußeren Religiosität tun«, sagt die Theologin Mary Douglas. Dass ihr Geist eine Stätte findet, ist die Bedingung ihrer langfristigen Existenz. So lese ich denn mit einem zweiten Blick die Welt meiner katholischen Kindheit und ihre »Heiligkeit«. Vielleicht war der Unterscheidung der Orte, Zeiten und Praxen immer etwas Magie bei-
gemischt. Inzwischen aber frage ich mich, was gefährlicher ist: Die Portion Magie oder die Verdunstung der Religiosität, die keine Stätte findet?

Kann man aber unter der Bedingung des Protestantismus und der Aufklärung – beides darf man nicht ungestraft verraten – heilige Welten errichten? Kann man Tabus wieder einrichten, nachdem man gelernt hat, sie zu brechen? Kann man Orten und Zeiten eine besondere Ehre oder Weihe verleihen, ohne dass sie sich ausweisen müssen, das heißt, ohne dass sie Kräfte ausstrahlen, die uns überwältigen und die die Besonderheit des Ortes fraglos machen?

Die Sprache hat im Bezug auf die Zeit eine merkwürdige Formulierung: den Sonntag heiligen. Die Menschen empfanden sich also als Koproduzenten der Heiligkeit einer Zeit. Ähnliches geschah bei den vielen Segnungen und Weihen im Katholizismus. Man verlieh dem Wasser Besonderheit, und man sprach vom Weihwasser. Man segnete Öl, Brot, den Wein am ­Johannistag, Blumen an Maria Himmelfahrt, die den Toten mit in den Sarg gegeben wurden. Man heiligte, indem man aussonderte. Denn das ist ja vermutlich der älteste Sinn von heilig: ausgesondert.

Wenn man die Zeiten heiligt, dann kommen sie einem als heilige Zeiten entgegen. Der heilige Ort, die heilige Zeit, entstehen dadurch, dass man sich auf sie bezieht. Man erhebt Orte, Zeiten und Dinge in den Rang eines Zeichens. Unsere Erklärungen schaffen einen heiligen Kosmos von Rhythmen und Zeiten, die dann geworden sind, wozu wir sie erklärt haben: heilig. Sie sind der Profanität entnommen, sie helfen uns, aber sie stehen nicht mehr zur Disposition.

Das öde Chaos der Gleichgültigkeit wird überwunden mit der Pointierung der Orte, Dinge und der Zeiten. Dass dies notwendig ist, spüren wir Protestanten spätestens, seitdem der Buß- und Bettag abgeschafft ist und seit der Sonntag immer mehr verfügbare Zeit wird. Aber gibt es heute noch eine Heiligkeit des Ortes?
In Hamburg, in der Nähe der Universität, stand die Alte Synagoge, die in der sogenannten »Kristallnacht« 1938 vernichtet und später gänzlich dem Erdboden gleichgemacht wurde. Lange Zeit war dieser Ort ein Parkplatz. Er hatte keine Heiligkeit mehr, weil niemand seiner gedachte. Viel später dann hat man den Grundriss der Synagoge als Mosaik in den Boden eingelassen. Nun erinnert dieser Ort mit leiser Geste jeden, der vorübergeht, daran, was Menschen angetan wurde.

Jede Wahrnehmung dieses Ortes heiligt ihn aufs Neue. Einmal wollte ich mit einem Kollegen, der eine Zigarette rauchte, über diesen Platz gehen. Er aber machte einen Umweg, um nicht rauchend über diesen Platz des Gedenkens zu gehen. Der Platz wurde zu einem Tabu. Der Kollege empfand die Heiligkeit des Ortes, die ihm verliehen wurde durch das Gedächtnis der Menschen. Dabei kommt es nicht darauf an, dass genau hier die Synagoge gestanden hat. Ein anderer Ort, der zum Ort des Gedenkens gewählt worden wäre, hätte die gleiche Kraft gehabt.

Die Menschen, die gezeichnete Landschaften kennen, sind nicht allein angewiesen auf die Stärke ihrer Innerlichkeit und ihres Gewissens. Die Figuren machen die Landschaft zu einer Gedächtnislandschaft, die uns erinnert und damit unser Gedenken erbaut. Orte und Zeiten bilden uns. Sie verhelfen uns zum Gedächtnis, und sie figurieren unsere Innerlichkeit. Und nur in der Figur bleibt der Geist langlebig und erkennbar.

Vergeistigung des Christentums

Christliche Frömmigkeit (2): Das Charisma des Protestantismus ist jene aus dem Glauben geborene Skepsis

Der Theologe Fulbert Steffensky, Foto: Privat

Der Theologe Fulbert Steffensky, Foto: Privat

Im ersten Teil des dreiteiligen Beitrages erinnerte sich der Autor Fulbert Steffensky an seine vom katholischen Glauben geprägte Kindheit und Tradition. Im folgenden Beitrag würdigt er den durch die Reformation angestoßenen religiösen Neuanfang.

Der Glaube an die Güte Gottes hat eine zersetzende Kraft. Er vertreibt alle Geister und Mächte, die diese Güte ersetzen oder ergänzen wollen. Dieser Glaube ist der Grund der Freiheit eines Christenmenschen, und das Charisma des Protestantismus ist eben jene aus dem Glauben geborene Skepsis.

Diese Skepsis führte in der Reformation zu einer fast unvorstellbaren Veränderung von religiösen Landschaften. Zeiten, Orte, Personen ­wurden profaniert, es wurde ihnen ihre numinose, heilige Qualität genommen. Ablässe und Heiligenver­ehrung verschwanden, denn man brauchte keine Vermittler zwischen Mensch und Gott. Die Sakramente wurden reduziert. Kirchenschmuck und Gewänder wurden schlichter.

Der Glaube an spezielle Heilige und an das Wunder verschwand. Das einzige Wunder war die freie Gnade ­Gottes.
Wenn Protestanten heute klagen, dass der protestantische Gottesdienst weniger Heimat biete als der katholische, dass er gestenarm und wenig sinnlich sei, so sollten sie doch wissen, dass diese Kargheit der Schatten eines großen Reichtums ist, nämlich der Schatten jenes Glaubens an die Gnade und jener skeptischen Freiheit, die aus ihm geboren ist.

Das also haben wir mit der Reformation und der Aufklärung, der die Reformation den Weg bereitet hat, ­gewonnen: Wir sind den Verzauberungen entronnen. Die Dinge sind nun, was sie sind. Der Wallfahrtsort ist ein Stück Erde wie andere Orte auch; Bischöfe und Priester sind keine besonderen heiligen Leute wie unser-
einer auch. Mit heiligen Zeiten ist aufgeräumt. Auch das Lamento, früher sei im Christentum alles besser gewesen, ist abgeworfen. Denn alle Zeiten haben die gleiche Nähe zu Gott.

Könnte es sein, dass mit der Entzauberung des Lebens ein großes Gähnen in die Welt gekommen ist und dass die Menschen eine Wirklichkeitsauffassung haben, die der eines etwas schläfrigen älteren Geschäftsmanns nach dem Mittagessen gleicht, wie es der Religionssoziologe Peter L. Berger behauptet? Dass wir in den Dingen die Spuren, die Kraft und das Lob ­Gottes nicht mehr lesen und hören können? Vor einigen Jahren waren im saarländischen Marpingen 30000 Menschen versammelt, die auf eine Marienerscheinung warteten.

Viele Menschen halten offensichtlich diese gähnende Normalität nicht mehr aus, die ausgeleuchteten Räu­me, in denen alles seine Erklärung und seine geheimnislose Vernunft hat. Es ist, als ob sie gegen alle Vernunft die Schatten, den alten Zauber und die gefährlichen Höhlen des Lebens suchten. Was uns da im hellen Licht der Aufgeklärtheit entgegenkommt, kann doch nicht alles sein. Es muss doch ein Geheimnis der Welt und der Dinge geben!

So suchen sie Stellen, an denen das Fremde und Nichterklärliche erscheint; es mag aus dem Himmel oder aus der Hölle kommen. Ich vermute, dass sich für solche Sehnsüchte Satansmessen und Marienerscheinungen nicht wesentlich unterscheiden. Sie suchen die Unerklärlichkeit und das zweite Gesicht der Dinge und der Welt. Die Beschränkung des Geistes auf Erklärbarkeiten und auf lösbare Fragen, die Eindimensionalität der Wahrnehmung und der Verzicht auf das Geheimnis lassen uns offensichtlich tief unbefriedigt. Von dem mittelalterlichen Theologen Bonaventura ist der Satz überliefert: »Alles Geschaffene ist Schatten, ist Echo, ist Bild, Spur, Ebenbild und Aufführung.« Nichts also ist nur, was es ist. Es hat Anteil an der Heiligkeit Gottes, weil es sein Echo und seine Spur ist. Dies ist nicht das alte bannende Heiligtum, wohl aber eine Heiligkeit des Lebens, die unsere Ehrfurcht und Ergriffenheit will.

Vielleicht bewahrt uns nur diese Auffassung vom Leben und von den Dingen davor, dass wir sie benutzen, als hätten sie kein Geheimnis und als stünden sie nur uns zur Verfügung. Als Echo Gottes sind sie für sich da, aber sie sind auch für Gott da. Vielleicht hat die Entzauberung der Welt dazu geführt, dass wir in grenzenlos imperialer Geste uns alles unterwerfen. Wer kein Tabu kennt und die Heiligkeit der Dinge nicht sieht, wird zu ihrem Zerstörer.

Der Satz von der Heiligkeit der Dinge hat also durchaus eine politische Bedeutung. Sie hindert uns daran, die reinen Verfüger und die ungebremsten Herren zu sein. Könnte es sein, dass, wenn Gott der einzig ­Unverfügbare ist, alles andere bedenkenlos zur Verfügung steht?

Der Protestantismus hat das Christentum vergeistigt. Das Herz und das Gewissen wurden die dramatischen Orte, nicht mehr die alten Orte, Zeiten und Techniken waren entscheidend. Diese Veränderung war unausweichlich, es ist nur die Frage, ob sie genügt.

Fulbert Steffensky

Der Glaube ermöglicht den Unglauben

Christliche Frömmigkeit (1): Reformatorische Erkenntnisse lösen alte Sinn- und Vergewisserungswelten ab

Vielleicht kann nur jemand, der im Katholizismus zu Hause war, so von der Stärke und den Vorzügen des Protestantismus überzeugt sein wie es Fulbert Steffensky ist. Der Autor unserer dreiteiligen Beitragsserie über den christlichen Glauben wurde katholisch erzogen, er studierte katholische und evangelische Theologie, bevor er 1969 zum lutherischen Bekenntnis konvertierte. Im ersten Teil der Serie erinnert er sich an seine vom katholischen Glauben geprägte Kindheit und Tradition, um dann den durch die Reformation angestoßenen religiösen Neuanfang zu würdigen.

Der Theologe Fulbert Steffensky, Foto: Privat

Der Theologe Fulbert Steffensky, Foto: Privat

In meiner katholischen Kindheit hatten wir schon esoterisches, innerliches Wissen vorweggenommen, lange bevor religiöse Innerlichkeit modern wurde. Wir lebten in ­kräftigen und furchterregenden Welten, in bergenden und gefährlichen, eben in heiligen Welten. Heilig war ein Grundwort dieser Welten. Nicht alles war heilig, es gab heilige und andere Zeiten. Heilige Zeiten waren etwa solche, an denen man besondere Ablässe gewinnen konnte wie etwa an Allerheiligen und Allerseelen oder in einem heiligen Jahr. Die Nächte zwischen Weihnachten und Dreikönige waren heilig.

Es gab heilig-kräftige Orte, etwa die Wallfahrtsorte, an denen man in besonderer Weise beten konnte: Für die Gesundheit der Augen, der Galle oder für einen guten Ehemann und dessen Treue. Es gab natürlich Personen, die mit besonderer heiliger Gewalt ausgestattet waren: Subdiakone, Diakone, Priester und Bischöfe. Je nach ihrem Stand hatten sie einen abgestuften Anteil an der Macht über das Heilige. Es gab heilige Formeln, die genau ­einzuhalten waren, wenn sie wirken sollten, zum Beispiel die Absolutionsformel bei der Beichte und die Einsetzungsformeln in der Messe.

Die Schöpfung war noch nicht ganz verdorben. Es gab in ihr Stellen, Zeiten, Formeln und Personen, die gesegnet waren, die einen besonderen Zugang zum Heiligen eröffneten. Der Begriff »heilig« hatte in dieser Welt wenig mit sittlicher Vollkommenheit zu tun. Man konnte ihn fast gleichsetzen mit kräftig, und sein Gegenteil ist nicht böse, sondern kraftlos. Das Profane war das Alltäglich-Kraftlose.

In dieser Welt lebten die Menschen geborgen, weil sie wussten, was zu tun war, aber auch geängstigt, weil man immer in der Gefahr war, den heiligen Vollzug, die heilige Formel, die heilige Person zu verletzen. Wer in einer ­katholischen Welt groß geworden ist, weiß zum Beispiel sehr genau, welche Ängste vor göttlicher Strafe sich aus der Verletzung des Gebots der Nüchternheit vor dem Empfang der Kommunion ergaben. Aber das Hauptgefühl in der katholischen Welt war nicht Angst, sondern Geborgenheit.

Man kannte die heiligen Kräfte, konnte sie nutzen und die Gefahren vermeiden. Oft galten sie in sich selber, und sie waren keineswegs immer mit Gott verbunden. Wenn man Halsschmerzen hatte, betete man zum heiligen Blasius, und wenn ein großes Gewitter war, zündete man eine Kerze für den Apostel Judas Thaddäus an. Sie waren eben zuständig.

Eine erste Entzauberung dieser Welt erlebte ich in einem Benediktinerkloster, in dem ich viele Jahre lebte. Die Frömmigkeit dieses Ortes hatte eine andere Intensität. Es gibt keine größeren Störer in verzauberten Welten als die Aufklärung. An allen Orten religiöser Radikalität stürzen die Bilder und werden die Landschaften, in denen alles so säuberlich in profan und heilig eingeteilt ist, verwüstet. Jeder religiöse Neuanfang bedeutet einen Bruch mit den alten Sinn- und Vergewisserungswelten.

Das Herz und das Gewissen werden zu Orten religiöser Entscheidung, nicht Orte, Zeiten, Formeln oder Personen. Das Herz also ist die Stelle der Reinheit oder der Unreinheit, nicht ein Ort, eine Zeit oder eine Formel. Heiligkeit wird nicht mehr einem Ort oder einem Ding zugesprochen, sondern sie ist das Attribut Gottes. Er ist der heilige Gott, über den nicht mit Formeln und Techniken verfügt werden kann. Die Heiligkeit der Kirche und ihrer Menschen sind Gaben dieses Gottes. Der Geist heiligt, sagt der Römerbrief, und der neue Mensch, den wir anziehen sollen, ist nicht ­unser Produkt. Er ist nach Gott geschaffen.

Das nun ist die wiederentdeckte ­Erkenntnis der Reformation, jenes ­immensen religiösen Neuanfangs: Wir sind eben nicht Produzenten unserer eigenen Heiligkeit und Ganzheit. Wir bezeugen uns nicht selbst, sondern, so sagt Römer 8,16, der Geist Gottes ist der Zeuge unseres Lebens. Aus gebrochener Existenz heraus macht ­jener Geist uns liebenswürdig und ­unser Leben heilig. Die Lehre von der Gnade und der Glaube an die Geborgenheit allein durch Gottes Güte hat eine anarchistische und bilderstürmerische Kehrseite: Alle Mächte und Gewalten, alle Einrichtungen und Institutionen, die sich als wichtig, als unerlässlich, als lebensrettend und heilsnotwendig aufspielen, können hinterfragt und bezweifelt werden.

Skeptisch befragt werden alle Heiligkeits- und Rettungsagenturen, seien es Personen, Orte, Zeiten oder Techniken. Du sollst keine fremden Götter neben mir haben! Du sollst nicht glauben, dass dich etwas anderes rettet oder birgt als jener Blick, mit dem du angesehen bist! Der Glaube ermöglicht den Unglauben und das Misstrauen gegen alles, was sich als unberührbar, als unumstößlich und als heilig gibt. Es ist ein Grund gelegt, und mehr Grund und Begründung brauchen wir nicht.

Das Christentum – ein Fundament unserer Kultur

16. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Essay: Zum Konflikt in Leipzig um das Kreuz in einer Trauerkapelle und christliche Lieder beim Bach-Fest

Ob es Atheisten wahrhaben wollen oder nicht, unsere deutsche Kultur ist vom Christentum geprägt.
Wer es aus dem öffentlichen Leben drängen will, riskiert einen Kulturverlust.

Friedrich Schorlemmer ist Theologe und Publizist. Von 1992 bis 2007 war er Studienleiter der Evangelischen ­Akademie Sachsen-Anhalt. Er lebt im Ruhestand in Wittenberg. Foto: epd-bild

Friedrich Schorlemmer ist Theologe und Publizist. Von 1992 bis 2007 war er Studienleiter der Evangelischen ­Akademie Sachsen-Anhalt. Er lebt im Ruhestand in Wittenberg. Foto: epd-bild

Unsere deutsche Kultur als Teil der europäischen Kultur ist vom Christentum geprägt, mit allen Brüchen und Ambivalenzen, Glanzvollem und Schreckenerregendem, mit Humanität Förderndem, Humanes Verratendem und Bestialität Duldendem, mit Tiefbewegendem und Markerschütterndem, mit vielfältigen Zeugnissen großer Kultur in Malerei, Musik, Architektur, Sprache und Literatur, mit Liedern und Gedichten, mit der Hochschätzung des Individuums zumal, dass sich stets seinem Nächsten verpflichtet weiß. Es verband sich mit viel Volksbrauchtum und politisch Missbrauchtem, mit Befriedendem und Konfliktschürendem, mit Philosophischem und Populistischem. Infragestellung des historisch ­Gewordenen weist auf das ­Ursprüngliche, immer wieder: ad fontes! Zurück zu den nicht verunreinigten Quellen!

Atheismus bleibt ein Stachel des Glaubens, weil ein ­unlösbares Warum aufschreit, im Kreuz von Golgatha und in jedem Kreuz, das Menschen zu schwer wird zu tragen. Vulgär-Atheismus mit Vergleichgültigung allen existenziellen Fragens hat längst den reflektierten Atheismus als Teil der Selbstbefreiung von höherer Fremdbestimmung abgelöst. Inzwischen fürchten hierzulande einige Intoleranz des Christlichen, die selber jahrzehntelang antichristliche Intoleranz im Namen einer historischen Wahrheit mit Parteimacht ausgeübt oder schweigend hingenommen hatten.

Nach dem Jahrhundertereignis von 1989, das zur »Wende« verfälscht und verkleinert wurde, hatten freilich ­Kirchen und einige ihrer Strategen ­religiöse Morgenluft gewittert. Wo rot gewesen war, kehrte wieder schwarz ein. Kirchen und ihre Repräsentanten gehörten wieder zum geachteten Establishment, obwohl nur ein Fünftel der Bevölkerung sich als christlich verstand und versteht. Die Kirchen schienen zeitweilig nicht nur unbestritten zu sein – sie wurden auch als Träger einer gewaltig-gewaltlosen Revolution kurzzeitig heroisiert, bevor sie erneut denunziert wurden – als ­angeblicher Hort von Denunzianten. Und nun wieder marginalisiert. Lang wirkende antikirchliche und antichristliche Mentalitäten wurden sichtbar.

»Warum soll ein schlichtes Kreuz trauernde Menschen in einer
Friedhofskapelle stören? Solange das Kreuz niemanden zu irgend-
welchen religiösen Bezeigungen ­nötigt, ist es zumutbar«

Der sogenannte wissenschaftliche Materialismus mutierte im Kapitalismus schnell zum konsumistischen Materialismus. Östlich und westlich geprägte Kirchenfeindlichkeit vereinigten sich schnell, selbst wenn sie politisch weit voneinander entfernt sind, wie der Streit um die Leipziger Universitätskirche St. Pauli zeigte.
Nun dreut neuer Konflikt in einer Stadt, die beim Angriff gegen die Sonntagsruhe in Konsumtempeln vorangegangen war, wo nun ein schlichtes Kreuz in einer Trauerkapelle abgehängt wurde, da religiös Ungebundene sich daran stören, wo ein Jesuslied beim Bachfest für Ethikschüler nach Meinung einer Schulleiterin nicht für zumutbar gehalten wird, wo gar die enge Verbindung von Thomaskirche und Thomanerchor mit finanziellem Drohfinger infrage gestellt wird.

Das Kreuz gehört zweifellos zu den zentralen christlichen Symbolen. Aber das Kreuz hat viele Konnotationen: Grabkreuze oder ein Kreuz hinter dem Namen eines Verstorbenen, Unfallkreuze an den Straßenalleen Mecklenburgs, Gefallenenkreuze auf den Totenfeldern von Verdun, Goldkreuze als Schmuck auf dem ­Dekolleté. Sein Kreuz auf sich nehmen, sein Kreuz machen, sein Kreuz schlagen – bis hin zum »Siebten Kreuz«. Das Kreuz im Doppelsinn von Tod und Leben trotz Tod.

Warum soll ein schlichtes Kreuz trauernde Menschen in einer Friedhofskapelle stören? Solange das Kreuz niemanden zu irgendwelchen religiösen Bezeigungen nötigt, ist es zumutbar. Schließlich ist das Kreuz kein Hakenkreuz, auch kein roter Stern über Stalinschem Unwesen. Freilich hat das Kreuz herhalten müssen für mancherlei Missbrauch. Als Protestant hab ich in der Tat Schwierigkeiten, es in Schulen hängen zu sehen – gar als ­Repräsentanz einer Kirche, die sich als Besitzerin der Wahrheit geriert.

»Toleranz heißt zu ertragen: dass es Bürger gibt, die unsere christlich geprägte Kultur nicht bloß als etwas Museales, sondern als einen Weg zum gültigen Leben begreifen«

Wo wir allerdings das Christliche aus dem öffentlichen Leben herausdrängen, ist dies verbunden mit einem Kulturverlust. Immerhin ließ man in den Friedhöfen, ob kirchlich oder kommunal, Kreuze selbst in der DDR zu. Doch was hatte unsereins in kommunistischer Zeit an Symbolik fraglos zu ertragen?

Eine Schulleiterin, die es für Ethik-Schüler nicht zuträglich hält, während des Bach-Festes ein Lied im offenen Singen mitsingen zu lassen, das Jesus und Freude in einen Zusammenhang bringt, ist mir solange unbegreiflich, wie damit keine religiöse Nötigung verbunden ist. Sollte der Name Jesu wieder getilgt werden, ganz so, wie die DDR es einst (vergeblich) versuchte, jegliche religiöse Anklänge in populären Liedern zu tilgen? Das Lied »Kein schöner Land« blieb in den Versen eins und zwei bestehen, die religiös geprägten Verse drei bis fünf wurden gestrichen und ein religiös gereinigter Vers drei hinzugefügt. »Wir wollen es hegen, in Liebe pflegen, für alle Zeit«, war der Ersatz für das ursprüngliche »Gott mag es schenken, Gott mag es lenken, er hat die Gnad.«

Im Lied »Der Mond ist aufgegangen« wurden alle Verse mit Gottes-­Bezügen gestrichen, vor allem aber der letzte so wichtige Vers: »Lass uns ruhig schlafen und unseren kranken Nachbarn auch.«
Der atheistische Staat DDR ließ Pflege religiösen Kulturgutes nicht nur zu, er förderte es bisweilen großzügig. Man denke an die Kultur von Kreuz- und Thomanerchor, an die Oratorien zu den großen Festen, an Aufführungen von Brahms’ »Requiem« oder Händels »Messias«.

»Wen das Christliche in unserer Kultur stört, der möge sich am Karfreitag und auch
zu den drei christlichen Festmontagen nicht genötigt ­sehen, freizumachen«

Die spitze Frage erlaubt: nicht verkneifen: Wie viel Widerstand haben heutige Akteure (und deren Eltern) geleistet, als die Quasi-Religion der allmächtigen Wahrheit des Marxismus-Leninismus tägliche diverse Unterwerfungsakte verlangte, wo selbstverständlich alle mitzusingen hatten, wenn der Kleine-Trompeter-Mythos oder Gesänge diverser Fahnenträger intoniert wurden?

Die kulturelle Substanz würde vergleichgültigt, wenn der Thomanerchor nicht mehr regelmäßig in der Thomaskirche Bach zur Motettenzeit singen würde; schließlich ging es ­Johann Sebastian Bach, dem viel-
leicht größten Musiker unseres Kulturkreises, immer um S. D. G. soli Deo gloria – Gott allein die Ehre.
Toleranz heißt zu ertragen: ertragen, dass es Atheisten, dass es Christen gibt. Ertragen, dass es Bürger gibt, die unsere christlich geprägte Kultur nicht bloß als etwas Museales, sondern als einen Weg zum gültigen ­Leben begreifen – zu dem niemand je mehr genötigt, aber jedermann ­eingeladen ist.

Religiös Ungebundene mögen unbelästigt in die »Kaffeekantate« oder in die »Bauernkantate« gehen, die H-Moll-Messe und die Motetten meiden. Letztere haben ihren natürlichen Ort in der Kirche, verknüpft auch mit Schriftauslegung und Gebet. Wen das Christliche in unserer ­Kultur stört, der möge sich am Karfreitag und auch zu den drei christlichen Festmontagen nicht genötigt sehen, freizumachen.

Kirchen sollten weiterhin »für jedermann offen«, (aber nicht für alles) offen bleiben. Das gilt nicht bloß in Zeiten rassistisch- oder welterlöserisch-totalitärer Systeme. Und möglichst alle mögen die Offenheit gewinnen, über Kirchenschwellen zu treten, ganz so, wie zu Zeiten der friedlichen Oktoberrevolution von 1989.

Von Friedrich Schorlemmer

Unterwegs mit Gottes Schutz und Segen

Für eine unbeschadete Reise gibt es keine Garantie, aber der Segen zum Start tut gut

Auf Wiedersehen:  Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand.  Segensspruch, Foto: BilderBox.com

Auf Wiedersehen: Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand. Segensspruch, Foto: BilderBox.com

Ein Chor aus der Partnerkirche in Südindien ist zu Gast in Deutschland. Für diesen Tag ist ein gemeinsamer Ausflug geplant. Alle sind zur Abfahrt bereit – es kann losgehen. Doch die indischen Gäste machen noch keine Anstalten, einzusteigen. Der gastgebende Pfarrer fragt: »Was ist los?« Ihre Antwort: »Let us pray« (Lasst uns beten). Die spontane Reaktion des Deutschen: »So gefährlich ist es auch wieder nicht.« Doch die Gäste bleiben beharrlich, bis es dem Pfarrer dämmert: Es geht hier gar nicht um eine spezielle Gefahr, es geht um etwas ganz Normales: Wer sich in den Reiseverkehr begibt, kann darin auch in Unfälle geraten, sogar zu Tode kommen. Und genau deshalb ist es gut, sein Leben für diese Fahrt in Gottes schützende Hand zu geben.
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Der Reisesegen hat eine lange Geschichte
Mögen die Straßen in Deutschland vielleicht sicherer sein als in Indien und mag die Unfallstatistik hierzulan­de deutlich weniger Unglückstote aufweisen als in Asien – macht das die Bitte um den Segen für die Reise überflüssig? Wie selbstverständlich durchzog das segnende Handeln von Christen über die Jahrhunderte das tägliche Leben. Das neue Haus wurde beim Einzug gesegnet, das tägliche Brot mit der Segensbitte gebrochen, dem Kranken wurde segnend die Hand aufgelegt, die Kinder wurden mit einem Segen in den Schlaf geschickt und am Morgen nicht ohne einen ­Segen in den Schultag entlassen.

Der Reisesegen kann mit vielen Beispielen aus dem Alten Testament auf eine lange Geschichte zurückblicken. Und bei allen Errungenschaften der Technik: Die Abstürze von Flugzeugen machen schlagartig deutlich, wie bedroht unser Leben trotz allem Fortschritt ist.

Jetzt beginnt für viele Menschen in ganz Europa wieder die Urlaubszeit. Der Reisesegen sollte dann am Anfang stehen. Wenn alle Koffer gepackt und alle wichtigen Unterlagen beisammen sind, ist dieses Innehalten heilsam und hilft zur Ruhe. Wer keine eigenen Worte findet, kann sich an den im Evangelischen Gesangbuch angebotenen Segensbitten orientieren (EG 902) oder im Internet über eine Suchmaschine und das Stichwort »Reisesegen« weitere Texte aufspüren.

Meditation und Gebet auf dem Flughafen

Wer von einem Flughafen aus startet, findet dort – zumindest in den ­größeren Abflugsorten – kleine Kapellen, die auf die Bedürfnisse von Reisenden aller Religionen ausgerichtet sind. Auch hier kann eine Pause zu Meditation und Gebet eingelegt oder für die sichere Heimkehr gedankt ­werden.

Das Ritual des Reisesegens wird, je nach Familie, Reisegruppe und Bedürfnis, unterschiedlich gestaltet. Gut tut es, den Segen von jemandem zugesprochen zu bekommen. Man kann sich zur Bekräftigung während oder am Ende des Segens die Hände reichen.

Harald Mallas

In Gärten etwas fürs Leben lernen

Werden und Vergehen, Mühe und Arbeit, Vergeblichkeit und Misserfolg – über die geistliche Dimension von Gärten (3)

Fortsetzung von Das Paradies als Ort der Sehnsucht und Synonym für Segen, Frieden und Liebe

Mit diesem Beitrag beenden wir unsere dreiteilige Serie über Gärten in der Bibel und im Alltag.

Foto: Maik Schuck

Foto: Maik Schuck

Gott der Allmächtige pflanzte zuerst einen Garten, und er ist in der Tat die reinste der menschlichen Freuden.« (Francis Bacon) Immer, wenn wir einen Garten betreten, spüren wir, wie schön das Leben ist. Kein Wunder, dass Gärtner glückliche Menschen sind. »Ich leugne es nicht, dass unter allen irdischen Dingen nichts zu finden ist, das mich mehr und höher könne belustigen als ein schöner Garten«, schrieb Mitte des 17. Jahrhunderts der Pfarrer, Gartenliebhaber und Poet Johann Rist aus Wedel bei Hamburg.

»Glaubet mir, wenn ich eine liebliche Blume, ein wohl gebildetes Kraut, eine anmutig riechende Staude, einen zierlich gewachsenen fruchtbaren Baum mag sehen, so springt gleichsam mein Herz für Freuden. Und kann ich mir solche guten Gedanken darüber machen, dass ich meine Glückseligkeit auch mit dem allergrößten Reichtum nicht würde begehren zu tauschen.« Anscheinend geht es vielen Menschen ähnlich. Nicht alle haben ein Stück Erde, das sie gestalten können, manchen fehlen die Kenntnisse, die Zeit oder die Kraft.

Aber da gibt es immer noch den Blick in Nachbars Garten, den Spaziergang durch Parkanlagen oder die gern genutzte Gelegenheit, am Tag der Offenen Gärten hinter die Mauern zu schauen und sich mitzufreuen. Das tut der Seele gut.

Einen Garten anzulegen, ist ein schöpferischer Akt, der nie abgeschlossen ist. In jedem Gartenjahr kommen neue Ideen zum Zug. »Es gibt kein größeres und wunderbareres Schauspiel und keines, bei dem sich der menschliche Verstand in einem besseren Sinne unterhalten könnte«, schreibt Kirchenvater Aurelius Augustinus (gest. 430). »Hier kann er den ­Samen ausstreuen, Schösslinge pflanzen, Reiser aufpfropfen, junge Stauden setzen und dabei jede Wurzel- und Sprosskraft gleichsam nach ihrem Vermögen und ihren Grenzen fragen, nach deren Ursprung und nach dem, was sie aus sich und was sie mit Hilfe der ihr von außen zugewandten Pflege vermag. Und bei diesen Erwägungen kann er sich zu der Erkenntnis aufschwingen, dass weder der, der pflanzt, noch der, der begießt etwas ist, sondern der allein, der das Wachstum gibt, Gott.«

Gärten machen bescheiden. Man kann zwar mit Rollrasen und vorgezogenen Pflanzen eine Bundesgartenschau aus dem Boden stampfen – in Gärten von Dauer braucht es einen langen Atem. »Geduld ist des Gärtners Tugend«, heißt ein weiser Spruch. Was dem Gärtner üppig vor Augen steht, sieht in der Realität anfangs sehr unscheinbar aus. Nicht alles wächst so schnell wie gewünscht, nicht jede Blume gedeiht, gar manche wohl­überlegte Pflanzung enttäuscht. Anderes wirkt besser als gedacht. Es gibt Wachswetter und trockene Zeiten, fruchtbare Jahre und magere. Manchmal halten sich Unkraut und Schädlingsbefall in Grenzen, andermal nehmen sie überhand. Der Gartenplan mag noch so detailliert und gut durchdacht, die Arbeit noch so intensiv getan worden sein – das Ergebnis bleibt offen. Gärten erziehen zur Demut und lassen keine Überheblichkeit aufkommen.

Überhaupt lasse sich in Gärten ­etwas fürs Leben lernen, fand ein gewisser Pfarrer Moser anno 1890, und zwar fürs geistliche Leben eines Seelsorgers. Man lerne Geduld und Ausdauer, das Schwache zu pflegen und das Verwundete zu heilen. Man sehe, dass das Edle am langsamsten wachse und das Gemeine üppig und ohne Mühe aufschieße, dass zuweilen aus edlem Samen nichts Rechtes werde, während bereits Aufgegebenes und Kränkelndes sich fasse und erhole. Man müsse erleben, dass manches, über dessen fröhliche Entwicklung man sich gefreut habe, plötzlich welke und manch schöne Frucht innen faul sei. »Ja«, fasst er zusammen, »neben dem vergnüglichen Promenieren im Garten fasst man auch Mut und Trost, wenn es im geistlichen Leben der ­Gemeinde nicht besser geht.«

Der Garten zeigt also nicht nur, wie schön das Leben ist, sondern auch wie kompliziert. Er predigt von Gott, erinnert an das Paradies und schenkt Augenblicke des Glücks. Aber er spiegelt keine falsche Idylle. Werden und Vergehen, Mühe und Arbeit, Vergeblichkeit und Misserfolg gehören dazu. »Der Garten ist eine Gabe Gottes an uns Menschen, ein Impfstoff, der uns aufmerksam macht für das Leben, ­seinen Genuss und seine Gefahren.« (Bischöfin Maria Jepsen)

Christine Lässig

Schöpfers Segen

Wenn der Satan
mit seinen Gliedern
tobt und wütet,
so will ich ihn
verlachen
und des Schöpfers Segen,
die Gärten,
betrachten und genießen
zu seinem Lob.

Martin Luther

Synonym für Segen, Frieden und Liebe

»Heute wirst du mit mir im Paradies sein« – über die geistliche Dimension von Gärten (2)
Fortsetzung von Das Paradies als Ort der Sehnsucht


Von Gärten ist in der Bibel nicht allzu oft die Rede. Von der Schönheit und Fruchtbarkeit der Schöpfung schon. Die Psalmen wissen ein Lied davon zu singen. Pflanzen werden zum Gleichnis für Werden und Vergehen, für menschliches Verhalten, für göttliches Handeln. Aber ein Garten ist nicht ein Ausschnitt unberührter Natur, sondern ein umfriedetes, gestaltetes Stückchen Erde, das Ergebnis gottgeschenkter Möglichkeiten und menschlicher Kultur. Dort spielen nur wenige Geschichten in der Bibel. Wo es geschieht, sind es jedoch Orte, wo ganz Entscheidendes passiert. »In einem Garten ging die Welt verloren, in einem Garten ward sie erlöst.« (Blaise Pascal) Und auf einen Garten hofft sie, kann man hinzufügen.

Das Paradies, der Garten Gethsemane wie das Gartengrab nahe Golgatha und der paradiesische Platz im himmlischen Jerusalem stehen für Sündenfall, Heilsgeschichte und Zukunftshoffnung, für Gotteserfahrung und Selbsterkenntnis.

Quelle: picture-alliance

In einem Garten ging die Welt zugrunde, in einem Garten wurde sie erlöst. Blaise Pascal (Foto: picture-alliance)

Gärten sind in der Bibel nicht nur schöne Orte mit lebensspendendem Wasser, Bäumen und Blumen, Obst und Gemüse. Sie sind schon im Alten Testament Synonyme für Segen, Frieden, Liebe. Gott wird sein Volk in ein Land führen mit Bächen, Quellen und Grundwasser, ein Land mit Weizen und Gerste, mit Weinstock, Feigenbaum und Granatbaum, ein Land mit Ölbaum und Honig, verspricht Mose (5. Mose 8,7). Das durch Krieg zerstörte Israel soll wie der Garten Eden werden, prophezeit Hesekiel (36,35). Die Gott suchen und der Gerechtigkeit nachjagen, werden sein wie ein bewässerter Garten, verheißt Jesaja (58,11).

Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte, schreibt Jeremia (29,5) nach Babylon, denn das Exil wird lange dauern. Salomos Hohelied vergleicht die Geliebte voller Poesie mit einem Garten voll erlesener Pflanzen. Die Erinnerung ans Paradies steht überall Pate.

Auch Jesus greift sie auf, und das in einer Situation, in der Worte ein besonderes Gewicht haben. »Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein«, verspricht er kurz vor seinem Tod einem der beiden Schächer am Kreuz (Lukas 23,43). Der verschlossene Garten Eden steht wieder offen. Christus ist der neue Adam, der durch keinen Cherub mehr vom Paradies ferngehalten wird. Was der alte Adam gesündigt hat, ist gesühnt.

Und so schließt sich der Kreis, wenn es in der Offenbarung des Johannes (2,7) am Ende der Bibel heißt: »Wer siegt, dem werde ich zu essen geben vom Baum des Lebens, der im Paradies Gottes steht.« In der Vision vom himmlischen Jerusalem findet sich auch der Paradiesstrom wieder, gesäumt von immer tragenden Bäumen des Lebens, deren Blätter zur Heilung der Völker dienen (Offenbarung 22,2).

Das Paradies am Anfang der Bibel und am Ende, ein Garten als Sehnsuchtswort für das irdische Leben und Sinnbild für das ewige. Zwischendurch die Leidensgeschichte, die mit einer durchwachten Nacht unter den Ölbäumen im Garten Gethsemane und dem Kuss des Judas beginnt und in einem Gartengrab nahe Golgatha endet. Dort begegnet Maria Magdalena dem Auferstandenen und – hält ihn für den Gärtner (Johannes 20,15).

Einsamkeit und Verzweiflung, Verrat und Tod, Trauer, Irrtum und Erkennen – auch das spielt sich in Gärten ab, von denen die Bibel erzählt. Selbst der Garten Gottes ist ja bei aller Vollkommenheit keine lebensferne Idylle, sondern auch Schauplatz des Sündenfalls. Gärten berühren die Seele und gehen ans Herz – so oder so.

Christine Lässig

Das Paradies als Ort der Sehnsucht

11. Juni 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

»Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden« – über die geistliche Dimension von Gärten (Teil I)

Um Gärten in der Bibel und im ­Alltag geht es in einer neuen dreiteiligen Serie unserer Kirchenzeitung.

Wer von Gärten redet, muss bei Adam und Eva anfangen und der Geschichte vom Paradies, dem Garten aller Gärten. Im älteren der beiden alttestamentlichen Schöpfungsberichte wird erzählt, dass Gott nach der Erschaffung des Menschen als Erstes einen Garten anlegte: »Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und es ging aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilte sich von da in vier Hauptarme. Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.« (1. Mose 2,8-10.15)

Erinnerung  Wer aus dem Garten kommt, vergisst nicht,  wie gut es ­einmal war, und sehnt sich ­danach, dass es wieder ­einmal  so sein könnte. Nikolaus Hermann

Erinnerung: Wer aus dem Garten kommt, vergisst nicht, wie gut es ­einmal war, und sehnt sich ­danach, dass es wieder ­einmal so sein könnte. Nikolaus Hermann

Trotz paradiesischer Zustände war auch dieser Garten demnach kein Schlaraffenland, wo man die Hände in den Schoß legen kann, sondern verlangte nach Gestaltung und Pflege. Aber die Voraussetzungen waren optimal: Wasser die Fülle, fruchtbares Land und schattige Bäume, schön ­anzusehen und nützlich zugleich. Für jeden ein Traum von einem Garten, für Nomaden und Wüstenbewohner in ganz besonderem Maße. In dieser heilen Welt leben Mensch und Natur im Einklang. Und nicht nur das. Hier kann man Gott begegnen und mit ihm reden. Ein Garten für Leib und Seele also, ein ganzheitliches Erlebnis.

Mit dem Sündenfall hat das ein Ende. Die verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis treibt Adam und Eva aus dem Paradies. Vorbei das Leben in der Geborgenheit einer geschützten Zone, vorbei die selbstverständliche Fülle an allem Guten. Das Böse bleibt nicht mehr außen vor. Leid und Schmerz, Zwietracht und Gottferne ziehen ein. Harte Arbeit, Misserfolge, die Sorge um das tägliche Brot bestimmen den Alltag. Disteln und Dornen wachsen auf dem Acker. Die Natur, die im umhegten und gestalteten Garten dem Menschen freundlich begegnet, wird zur Bedrohung. Das Leben ist mühselig geworden und gefährlich.

Aber die Erinnerung ans Paradies bleibt im Gedächtnis, der Garten Eden wird zum Sehnsuchtswort, das die bitteren Erfahrungen im Überlebenskampf hinter sich lässt. So schön könnte das Leben sein, wenn Einigkeit herrschte zwischen Mensch, Natur und Gott. Diese Gartengeschichte am Anfang der Bibel, vor nahezu 3000 Jahren aufgeschrieben, gehört bis heute zu den Schlüsseltexten jüdischer und christlicher Überlieferung und hat selbst profanes Denken geprägt. »Wer aus dem Garten kommt, vergisst nicht, wie gut es einmal war, und sehnt sich danach, dass es wieder einmal so sein könnte.« (Nikolaus Hermann)

Der Versuch, mit einem Garten ein Stück Paradies auf Erden zu schaffen, kann nur sehr unvollkommen gelingen, obwohl es jedes Gartenbuch verspricht. »Hol dir das Paradies nach Hause«, heißt der aktuelle Werbe­slogan eines Gartenmarktes. Ganz so simpel geht das nicht, weil dazu mehr gehört als ein paar Pelargonien und Schneckenkorn. Und doch können auch irdische Gärten Leib und Seele gut tun, schön anzusehen und nützlich zugleich sein. Sie ermutigen uns, mit der Natur zusammenzuarbeiten, statt uns über sie zu erheben. Sie können Orte werden, wo Menschen, Pflanzen und Tiere in Frieden miteinander auskommen. Und manch einer fühlt sich Gott näher als sonst, wenn er dem großen Gärtner auf der Spur ist, sich an der Schöpfung freut und selbst schöpferisch tätig wird. Ein Garten Eden wird das anvertraute kleine Stück Erde niemals werden können. Aber eine Vorstellung davon vermitteln schon.

Christine Lässig

Dem Geheimnis des Glaubens nähern

Trinitatis zeigt uns, dass wir an einen Gott glauben

Ein Fenster als Symbol für die Dreieinigkeit.

Ein Fenster als Symbol für die Dreieinigkeit.

Wir Menschen sind begrenzt. Dabei gehen wir oft über Grenzen. Nicht nur Dank der inzwischen normal empfundenen Reisefreiheit, sondern auch, weil wir immer dann, wenn wir etwas lernen, über eine bis dahin gültige Grenze gehen und wachsen.

Wir neuzeitlichen Menschen mögen nicht gern, wenn uns Grenzen gesetzt werden, und merken gleichwohl, wenn es geschieht. Trinitatis zum Beispiel ist ein Fest, das unserem Denken Grenzen setzt. Wir haben uns ihm zunehmend entfremdet. Dabei prägt es zahlenmäßig das Kirchenjahr wie kein zweites. Bis zu 24 Sonntage nach Trinitatis kann es geben. Neben Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten fordert Trinitatis uns und unseren Glauben am meisten heraus.

Zweifel ist ein Ausdruck von Lebendigkeit
Die Diskussionen zur Osterzeit zeigten, dass es auch von vielen Christen wie ein hinter Dornen liegendes verwunschenes Schloss betrachtet wird. Dreieinigkeit – was ist das?
Das in seiner Zeit schlüssige Denken des Anselm von Canterbury entspricht uns nicht mehr. Es bedient in fataler Weise eher das abzulehnende Bild eines blutrünstigen Vatergottes. Benötigt Gott ein Opfer, das seinen Zorn stillt und ihm Genugtuung gibt? Ich persönlich glaube das nicht und die Begründung liefert uns das Trinitatisfest!
Im Alltag kennen wir die Anfragen zum Beispiel der Muslime, die uns Christen endlich wieder herausfordern, uns unseres Glaubens zu vergewissern. »Glaubt ihr nicht an drei Götter?« Haben sie Recht? Woran glauben wir eigentlich?

Würden wir dazu Alt und Jung in unseren Gemeinden befragen, hörten wir vermutlich vielfältige Antworten. Wie immer, wenn wir uns nicht sicher sind. Oder wir hörten klare Antworten, die keinen Zweifel und Widerspruch zuließen. Auch das ein Zeichen von Unsicherheit, die an Buchstaben Halt sucht. Dabei ist Zweifel ein Ausdruck von Lebendigkeit. Auch Jesus zweifelte im Garten Gethsemane! Wenn wir ernst nehmen, was wir im Glaubensbekenntnis sprechen, kommen wir nicht umhin für wahr zu halten, dass Glaube mehr ist als ein Wissen, das sich ausschließlich auf (Be)greifen gründet. Wer nur glaubt, was er auch anfassen kann, ist ein armer Tropf.

Trinitatis heißt Drei in einem. Was heute bei jeder Zahncreme unhinterfragt normal ist, will uns bei Gott nicht einleuchten? Wenn Gott in Jesus und dem Heiligen Geist der Eine ist, dann ist er auch nicht in blutrünstigen Vatergott und leidenden Sohn auseinanderzudividieren. Gott lässt sich herausdrängen ans Kreuz (Bonhoeffer). Er selbst ist in seinem Sohn am Kreuz. Er selbst besiegt den Tod, der bis in die Zeit Jesu der Ort der absoluten Gottesferne war: die Sheol, das Totenreich, und nimmt den Tod in sich auf und überwindet ihn.

Die Dreiheit Gottes in Einheit sehen
Das Auseinandertreten der Personen ist die Folge unserer Begrenztheit. Wir brauchen die Personen, um uns dem Geheimnis des Glaubens zu nahen. Doch sie beschreiben Gott nicht annähernd, er bleibt unbeschreibbar. Deshalb können unsere Worte nicht dazu dienen, aus ihm einen bösen Vatergott zu machen, der das Opfer seines Sohnes nötig hätte. Vielmehr ist es der Geist, der uns der Nähe Gottes unter uns vergewissert. Überall dort, wo Leben gelingt, Gemeinschaft trägt, Liebe erfüllt, ist er unverfügbar nah, die Stimme »schwebenden Schweigens« (Buber). Er holt den Vater aus dem Jenseits und Jesus aus der Vergangenheit in unsere Gegenwart hinein.

Trinitatis ist die Chance, die Dreiheit der Gottheit in Einheit zu sehen. Gott entäußerte sich selbst und nahm Menschengestalt (Philipper 2,7) an, um uns mit sich zu versöhnen. Das ist die Botschaft von Ostern. Er bleibt aber der Eine. Seine Erscheinung, wahrnehmbar in Jesus, bedeutet nicht, dass er nun aus zwei Personen bestünde. Himmelfahrt führt wieder zusammen, was nie wirklich getrennt war. Trinitatis hingegen zeigt uns, dass wir an einen Gott glauben. Wir vermögen das nicht zu begreifen, wir schauen wie in einen matten Spiegel und sehen ein unscharfes Bild von ihm, menschlich in drei Personen aufgeteilt, damit wir verstünden, was nicht zu (be)greifen ist. Dereinst aber werden wir ihn von Angesicht zu ­Angesicht schauen (1. Korinther 13,12) und den erkennen, der uns schon erkannt hat.

Kristóf Bálint

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