Gott kommt zu seinem Recht

16. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

In der Auferstehung Jesu Christi ist die Macht des Todes gebrochen – Ein Oster-Gedanke Martin Luthers

Das ist eine seltsame, unerhörte Predigt, welche die Vernunft nicht fassen kann, sie muss geglaubt sein, dass Christus lebe, und dennoch tot sei, und so tot, dass doch der Tod in ihm sterben muss und alle seine Macht verlieren. Es wird aber solches uns zum Trost gepredigt, dass wir glauben und lernen sollen, der Tod habe seine Macht verloren. Denn da findet sich – Gott habe ewig Lob! – ein solcher Mensch, welchen der Tod angreift, wie alle anderen Menschen, und würgt ihn: Aber im Würgen muss er selbst sterben und verschlungen werden, und der gewürgte Christus soll ewig leben.

Martin Luther

Auferstanden von den Toten« – das ist nach Luther der im Namen Gottes erfolgende Aufstand des getöteten Christus gegen den Würge-Tod. Gegen die Sieger der Geschichte. Gegen die, die so viele erwürgt haben und über Leichen gegangen sind. Mit Blick auf den Gekreuzigten und Auferstandenen bestreitet der Reformator, dass den Würgern die Zukunft gehört. Es geht stattdessen in der Auferstehung des Christus darum: Gott kommt zu seinem Recht. Und er setzt sich vor aller Augen durch. Und erst recht setzt er die Opfer ins Recht.

Luther besteht auf der neuen Leiblichkeit

Der Wittenberger Professor hätte sich nie damit abgefunden, wenn einer nur von einer geistigen Fortexistenz des Gekreuzigten gesprochen hätte. Vielmehr besteht dieser Lehrer der Kirche auf der neuen Leiblichkeit des Christus. Von der »anderen Gestalt« des Auferstandenen ist im Markusevangelium (16, 12) die Rede. Von dorther speist sich Luthers glühende Hoffnung auf Erneuerung auch seiner Leiblichkeit. Sein Vertrauen in den Gott, der den Menschen mit Leib und Seele geschaffen hat, schreit nach der neuen Leiblichkeit im Licht: »Wo Christus auch immer ist, da ist Licht!«

Handgemalte Szene aus der Bibelabschrift des Künstlers El Shalom Wieberneit (91) aus Ennepetal (Nordrhein-Westfalen). Auf dem Bild zeigt Jesus nach seiner Auferstehung dem zweifelnden Thomas und den anderen Jüngern seine Nägelmale. Wieberneit hat in den vergangenen Jahrzehnten alle 27 Bücher des Neuen Testaments und viele des Alten Testaments abgeschrieben. Zu den biblischen Geschichten malt Wieberneit Ornamente und Bilder. Foto: epd-bild

Handgemalte Szene aus der Bibelabschrift des Künstlers El Shalom Wieberneit (91) aus Ennepetal (Nordrhein-Westfalen). Auf dem Bild zeigt Jesus nach seiner Auferstehung dem zweifelnden Thomas und den anderen Jüngern seine Nägelmale. Wieberneit hat in den vergangenen Jahrzehnten alle 27 Bücher des Neuen Testaments und viele des Alten Testaments abgeschrieben. Zu den biblischen Geschichten malt Wieberneit Ornamente und Bilder. Foto: epd-bild

Martin Luther entnimmt den Ostererzählungen des Neuen Testaments eine beispiellose Hoffnung: In der Auferstehung Jesu Christi ist die Macht des Todes spürbar und unwiderleglich gebrochen. Denn es geht beim auferstandenen Christus um Gott. Gott siegt in einem aufsehenerregenden Krieg, in einem schlimmen Kampf. Luthers Bild: Es ist der Krieg des erwürgten Christus gegen den Erwürger Tod. Hier steht Gott zu seiner Verheißung, es werde einmal mit dem Tod und dessen Herrschaft ganz und gar aus sein. Einmal wird aus dem Es-ist-Versprochen ein Es-ist-Geschehen. Die dem Tod verfallene Welt und unsere Wirklichkeit werden ins ewige Leben verwandelt – in die »andere Gestalt«. Die Auferstehung des Gekreuzigten trägt unsere Auferstehung in sich. Und dem kann dann niemand mehr widersprechen. Der Auferstandene zieht uns durch den Tod zu sich: »Er reißet durch den Tod, durch Welt, durch Sünd, durch Not, er reißet durch die Höll, ich bin stets sein Gesell« (Paul Gerhardt). Und so versteht Luther das Ereignis des Ostertages als ein Kampfgeschehen, dessen Sieg nunmehr schon geschehen ist, aber erst in der Kraft der großen Auferstehung aller vollendet sein wird.

Für Luther ist der zweifelnde Jünger Thomas der wichtigste Oster-Zeuge. Und eben dieser sei vor der Erscheinung des Auferstandenen in die Knie gegangen. So wie ein Gläubiger aus dem Volk Israel vor der Erscheinung Gottes in die Knie geht. Und er habe das klarste Glaubensbekenntnis in der Begegnung mit dem lebendigen Christus ausgesprochen: »Mein Herr und mein Gott!« (Johannes 20, 28). Und dieses Thomas-Bekenntnis nimmt der Reformator auf: »Fragst du, wer der ist, er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth und ist kein andrer Gott, das (Kriegs-) Feld muss er behalten.«

Erfahrungen, die den Zweifel mildern

Wer sich auf den kampferprobten Jesus verlässt, macht Erfahrungen mit Gott, die – wie bei Thomas – den Zweifel mildern oder gar ausräumen. Es sind schon jetzt Lebenserfahrungen, dass die Hoffnung größer ist als die Angst. Trotz der Bedrohungen bleiben Lebensbejahung, Zuversicht, Menschenfreundlichkeit. Nichts Menschliches wird mehr vergöttert. Auch unser eigener Kampf mit dem Tod kann und soll durchgestanden werden. Auch mein »Madensack«, wie Luther den Leib manchmal nennt, wird in die Auferstehung hineingenommen: Ach, das ist der schöne Gesang, von den alten Christen, die da singen: »Christ ist erstanden von der Marter alle, des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein.« Das unschuldige Lamm Christus hat uns arme irrende Schafe mit seinem Vater versöhnt, und ist ja ein wunderbarer Krieg, dass Tod und Leben miteinander kämpfen, und der Herr des Lebens stirbt, aber dennoch wieder lebt und regiert.

Rolf Wischnath

Der Autor war Generalsuperintendent in Cottbus. Er lehrt Systematische Theologie an den Universitäten Bielefeld und Paderborn.

Das stärkste Symbol des Glaubens

9. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Das Kreuz konterkariert das Bild vom planbaren und makellosen Idealmenschen

Das Kreuz ist das stärkste Symbol des christlichen Glaubens. Doch über alle Zeiten haben sich Christen mit diesem Todessymbol schwergetan. In der Urkirche hatte es als Erinnerung an den Tod des Gerechten eine herausragende Bedeutung, wurde aber unter dem starken Verfolgungsdruck nicht gezeigt. In der Kunst der Romanik thront ein nach oben blickender Christus als schmerzfreier Pantokrator aufrecht am Kreuz, die Gotik erst stellte dann realistisch das Leiden des Gottessohnes dar. Moderne Theologen haben den Kreuzestod beiseitegeschoben und den Reich-Gottes-Verkünder ins Zentrum gerückt, den Revolutionär, den ersten Feministen, den sanftmütigen Wanderprediger, neuerdings in evangelikalen US-Gemeinden den Jesus, der materiell reich macht. Als sei sein elender Kreuzestod ein dummer Zufall.

Die Passionsgeschichte lehrt: Jesus hat den Tod gefürchtet, aber er ging ihm nicht aus dem Weg. Er suchte die Konfrontation mit dem Tod, um ihn zu besiegen. Die Selbsterniedrigung Gottes bis zum Tod am Kreuz ist deshalb der Kern des Christentums. Gleichwohl hat jede Epoche diesen Tod neu interpretiert.

Gewiss war sein Leiden und Sterben nach dem Zeugnis des Neuen Testaments einzigartig, weil ein Gerechter gestorben ist, einer ohne Sünde (Hebräer 4,15). Das Besondere an Jesu Tod ist, dass Gott sich damit in die tiefste Niederung der menschlichen Existenz begeben hat. »O große Not, Gott selbst ist tot«, brachte Luther seine Kreuzestheologie auf den Punkt. Eine Torheit den Griechen, ein Ärgernis den Römern, eine Provokation für die Juden.

Die Verherrlichung des Kreuzestodes Jesu gehört dagegen zum Aberglauben der Kirche. Denn die Art seines Todes ist nicht außergewöhnlich. Es gab und gibt immer noch weit schlimmere Folter- und weit brutalere Hinrichtungsmethoden.

In manchen Kirchen werden in der Passionszeit Altarkreuze und -bilder verhüllt. Foto: epd-bild

In manchen Kirchen werden in der Passionszeit Altarkreuze und -bilder verhüllt. Foto: epd-bild

Das Heil liegt nicht in den äußeren Umständen des Todes Jesu, etwa in seinem grausamen Sterben am Kreuz oder in der Tatsache, dass bei seiner Hinrichtung Blut floss. Der Tod Jesu ist nicht der Grund der Erlösung, denn nicht die Kreuzigung war Gottes Eingriff in die Weltgeschichte (das haben die Menschen besorgt), sondern die Sendung Jesu und die Bestätigung seines Lebens und seiner Botschaft durch die Auferweckung. Gott hätte diesen Tod nicht gebraucht, er war aber die Konsequenz des Lebens und der Verkündigung Jesu. Gott hat mit seiner Auferweckung eingegriffen. Der Auferstandene ist Erstling unter vielen (1. Korinther 15,20), Grund zur Hoffnung für alle Leidenden, Sterbenden und Trauernden.

Wenn also die mittelalterliche Sühnopfertheologie verabschiedet wird, kann die Passion Jesu in der Verkündigung auf andere Weise an Bedeutung gewinnen: Der leidende Gott am Kreuz ist der schärfstmögliche Widerspruch gegen alle Macht- und Vollkommenheitsfantasien des Menschen, gegen alle innerweltlichen Erlösungs- und Machbarkeitsideologien. Das Kreuz konterkariert das Bild vom planbaren und makellosen Idealmenschen.
Die österliche Botschaft des Christentums ist: Der Gekreuzigte hat den Tod überwunden, Christus ist auferstanden. Berichte, wie die Auferstehung vor sich ging, gibt es im Neuen Testament nicht. Selbst im apokryphen Petrusevangelium wird nur gesagt, dass zwei Engel auf das Grab hinabstiegen, dass aber drei Personen aus dem Grab hervorgingen: Die Engel – und Jesus in der Mitte.

Helmut Frank

Auf dem Weg zueinander

Die Hoffnung bleibt, dass evangelische und katholische Christen eines Tages gemeinsam am Tisch des Herrn sitzen

Ökumenische Gottesdienste sind für uns heute nichts Außergewöhnliches mehr. In vielen Gemeinden existieren etablierte ökumenische Gottesdienstformen zu besonderen Anlässen, wie gemeinsame Wort-Gottes-Feiern, etwa zur Gebetswoche für die Einheit der Christen am Pfingstmontag oder zu kirchlichen Festen. Auch ökumenische Feiern der Trauung oder doch zumindest die Feier der Trauung bei konfessionsverbindenden Ehen sind keine Seltenheit.

Auch regelmäßige ökumenische Feiern ohne einen besonderen Anlass sind weitverbreitet. So nimmt die Bedeutung einer gemeinsam gefeierten Stunden- oder Tagzeitenliturgie, etwa eines ökumenischen Morgen- oder Abendlobs, zu. Eine solche ökumenisch gefeierte Heiligung des Tages findet sich etwa im Rahmen einer sogenannten »City-Pastoral« in Großstädten, bei den Kirchen- und Katholikentagen sowie bei den Gebetstreffen von Jugendlichen in bewusster Anlehnung an die liturgische Tradition der ökumenischen Kommunität von Taizé.

Das liturgische Gedächtnis der einen Taufe

Doch trotz solch vielfältiger Möglichkeiten wird von vielen engagierten Gläubigen beklagt, dass ökumenische Gottesdienste immer »nur« Wortgottesdienste sein könnten. Eine solche Einschätzung bewertet ökumenische Wort-Gottes-Feiern als defizitär gegenüber einer gemeinsamen Feier von Eucharistie/Abendmahl. Hierin artikuliert sich der Wunsch, man wolle endlich auch in den Gemeinden vor Ort die Eucharistie/das Abendmahl gemeinsam feiern können und dürfen.

Christen beten gemeinsam um den Frieden. Foto: epd-bild

Christen beten gemeinsam um den Frieden. Foto: epd-bild

Dieses weitverbreitete Empfinden steht jedoch in einem gewissen Widerspruch zur tatsächlichen Relevanz von Wort-Gottes-Feiern für das liturgische Leben der Gemeinden vor Ort. Denn auch in der römisch-katholischen Kirche gibt es in Zeiten des Priestermangels immer mehr Gemeinden, wo diese liturgische Form oftmals die sonntägliche Eucharistiefeier ersetzt.

Hinzu kommt, dass sich in den vergangenen Jahren der Fokus auch liturgiepraktisch wie liturgietheologisch verschoben hat: Statt einer ständigen, schmerzlichen Fixierung auf die zurzeit noch nicht mögliche gemeinsame Feier von Eucharistie/Abendmahl hat sich in den vergangenen 15 Jahren gerade die Feier des gemeinsamen ökumenischen Gedächtnisses der einen Taufe als eine besonders gelungene Form des gemeinsamen ökumenischen liturgischen Feierns etabliert. In diesen ökumenischen Feiern wird die Einheit aller Getauften bereits feiernd begangen.

Die gottesdienstliche Praxis der anderen wertschätzen

Die ökumenische Bewegung hat sich von Anbeginn an auch der Frage des Gottesdienstes zugewandt. Unterstützt durch historische Studien, welche die Vielgestaltigkeit christlicher Gottesdienstformen schon in frühester kirchlicher Zeit belegten, stand dabei die Erreichung einer Konvergenz über die Grundgestalt und den Inhalt, den sogenannten Sinngehalt des christlichen Gottesdienstes, im Mittelpunkt.

Ebenso bedeutsam war das wachsende Bewusstsein einer gemeinsamen gottesdienstlichen Tradition, die es positiv wertzuschätzen und zu pflegen gilt. Auch die ökumenische Zusammenarbeit auf wissenschaftlicher Ebene zwischen Liturgiewissenschaftlern verschiedener christlicher Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften hat hier zu neuen, fruchtbaren Erkenntnissen geführt. Es gibt eine gemeinsame gottesdienstliche Tradition, die allen Christen zu eigen ist. Christen aller Konfessionen sehen in der Heiligen Schrift die Gründungsurkunde ihres Glaubens. Die Verkündigung der Schrift hat ihren Ort im Gottesdienst. Die Verkündigung der Schrift ist dabei zum einen die Proklamation der Heils­taten Gottes, die im Heilshandeln Gottes in Jesus Christus ihren unüberbietbaren Höhepunkt findet.

Christen machen sich aber auch Worte der Schrift zu eigen, um so mit den Worten der Psalmen und Gesänge Gott zu loben und zu preisen, ihn zu bitten und ihn anzuflehen, ihn anzubeten und zu verherrlichen. Die Schrift schließlich benennt normative Bezugspunkte für das gottesdienstliche Handeln der Kirche in jenen liturgischen Grundvollzügen, die wir die Feier der Sakramente nennen. Unabhängig von der konkreten Anzahl der Sakramente in den einzelnen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ist eine Rückbesinnung auf das Zeugnis der Schrift für eine ökumenische Verständigung über die einzelnen Sakramente und für eine Annäherung im Verständnis der Liturgie von großer Bedeutung.

Dies lässt sich noch weiter entfalten: Christen sind getauft auf den Namen Jesu Christi, sie sind so wiedergeboren in Wasser und Heiligem Geist. Christen feiern ein Gedächtnis des letzten Abendmahles. Sie versammeln sich am ersten Tag der Woche, um der Auferstehung Jesu Christi zu gedenken. Sie entfalten die Heilsgeheimnisse Jesu in einer strukturierten Feier des liturgischen Jahres. Christen treten in der Feier der Liturgie ein in den Dialog mit Gott, sie hören die Proklamation der Heilstaten Gottes in der Heiligen Schrift, sie wenden sich an den Gott und Vater Jesu Christi in Lobpreis, Dank und Bitte.

Bei aller Unterschiedlichkeit gibt es Gemeinsamkeiten

Bei allen Unterschiedlichkeiten in den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften gibt es somit auch eine gemeinsame gottesdienstliche Tradition. Diese wurzelt zum einen in einer realen gemeinsamen liturgischen Tradition aus einer Zeit der Einheit, die vor den jeweiligen Kirchenspaltungen schon bestand. Aber auch nach den erfolgten Schismen und Spaltungen und nach der Zeit der Konfessionalisierung waren die jeweiligen liturgischen Traditionen keinesfalls so hermetisch gegeneinander abgeschieden, wie dies vielleicht aus den kontroverstheologischen Polemiken heraus rückgeschlossen werden mag. Hier gab es vielmehr im Verlauf der Kirchengeschichte immer wieder ein wechselseitiges Geben und Nehmen, wodurch die jeweils eigene Tradition mit angereichert wurde.

Besonders schön lässt sich dies etwa am Beispiel der Kirchenlieder aufzeigen: Paul Gerhardts »O Haupt voll Blut und Wunden« wird heute in römisch-katholischen Gemeinden wohl kaum als protestantisches Liedgut empfunden. Die Vielzahl an ökumenischen Liedern stellt eine gemeinsame gottesdienstliche Tradition dar, in der wirkliches Einheitspotenzial begründet liegt.

Positiv ist festzuhalten, dass auf dem Weg zur sichtbaren Einheit aller, die an Christus glauben, in den vergangenen Jahrzehnten nicht nichts geschehen ist – ganz im Gegenteil. Alleine schon die gegenseitige Anerkennung der Taufe, wie sie das »Direktorium zur Ausführung der Prinzipien über den Ökumenismus« fordert, ist mehr als ein bloßer Höflichkeitsakt, sondern, so Papst Johannes Paul II., eine »ekklesiologische Grundaussage«. Und die Hoffnung, eines Tages alle Sakramente gemeinsam feiern zu können, bewegt nach wie vor viele Christen und bleibt bestehen.

Martin Stuflesser

Der Autor ist Liturgiewissenschaftler an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Würzburg.

»Ich sehe, dass es wahr ist, was ich glaube«

27. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs zur Theologie Martin Luthers: »Sola fide« – allein durch den Glauben

Luthers Theologie und Spiritualität ist durch eine Konzentration auf den individuellen Glauben bestimmt. Das reformatorische Glaubensverständnis zeichnet sich durch einen im Spätmittelalter höchstens in der Mystik gekannten Gewissheits-, Intensitäts- und Subjektivitätsgrad aus. Inhaltlich versteht Luther den Glauben als ein Sich-Halten an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus.

Der Glaube ist der Weg, die Gnade Gottes persönlich zu erfahren. Luther hat an mehreren Stellen in der Sprache der Brautmystik den seligen Tausch beschrieben, den der Glaube zwischen Christus und dem Christen bewirkt: »Darum, mein lieber Bruder, lerne Christum und zwar den Gekreuzigten. Ihm lerne lobsingen und an dir selbst verzweifeln. Dann sprich zu ihm: Du, o Herr Jesu, bist meine Gerechtigkeit, ich aber bin deine Sünde; du hast, was mein ist, angenommen, und mir gegeben, was dein ist. Was du nicht warst, nahmst du an und gabst mir, was ich nicht war.« Indem ich im Glauben Gottes Urteil über mein Sündersein bejahe, trete ich auf seine Seite, auf die Seite der Wahrheit. Glaube besteht für Luther paradoxerweise nicht im sittlichen Streben, sondern primär im Eingestehen der Größe der eigenen Schuld.
GuA-03-2017

Es ist heute notwendig, diese Aussage Luthers vor einem Missverständnis zu schützen. Sünder zu sein war für Luther kein Ausdruck einer entmündigenden und kleinmachenden, sondern einer heilsam rettenden Erfahrung. Das Stehen zu meinem Sündersein ermöglicht mir die Einkehr in eine Selbstbegrenzung, die mir letztlich zugutekommt, weil Schuldigwerden zum Humanum wesentlich dazugehört. Eine Bagatellisierung der Schuld würde eine Missachtung der Würde meines Menschseins bedeuten.

Auf diesem Hintergrund wird auch eine der umstrittensten seelsorgerlichen Ratschläge Luthers verständlich. Mitten in den von den Zwickauer Propheten ausgelösten Wittenberger Wirren schrieb er 1521 von der Wartburg an Melanchthon: »Pecca fortiter, sed fortius fide …« Im Briefkontext lautet dieses Wort übersetzt: »Sündige kräftig, aber glaube noch kräftiger und freue dich in Christus.« Das pecca fortiter wahrt den entscheidenden, weil heilsnotwendigen Unterschied zwischen Glaube und Moral. Im Glauben an Jesus Christus ist der alte Mensch ertränkt samt seines Gewissens. Das Streben nach Heiligkeit hat in sich keinen Wert. Im Gegenteil bedroht es sogar den Glauben, wenn es als dessen eigentliche Aufgabe missverstanden wird.

Durch die Konzentration auf den individuellen Glauben ging evangelischer Spiritualität im Lauf der Geschichte – gegen Luthers Intention – immer mehr die Dimension der Gemeinschaft verloren. Die Konsequenz der Ausblendung der christlichen Gemeinde aus dem Glauben war eine entscheidungs- und profillose protestantische Spiritualität. So sehr Luther den Glauben des Einzelnen von klerikaler Bevormundung befreien wollte, intendierte er doch nie eine Spiritualität unabhängig von der christlichen Gemeinde. Das zeigt besonders schön seine Auslegung des 3. Glaubensartikels im Kleinen Katechismus.

Neben der Dimension der Gemeinschaft ist es höchste Zeit, auch das Moment der Erfahrung für den Glauben zurückzugewinnen. Auch wenn Luther davon ausgeht, dass der Mensch durch den Glauben keine neue sittliche Qualität bekommt, ist für ihn selbstverständlich, dass dieser dem Menschen zur gelebten Erfahrung wird. »Da muss nun angehen die Erfahrung, dass ein Christ könne sagen: Bisher hab ich gehört und geglaubt, dass Christus mein Heiland sei, so meine Sünde und Tod überwunden habe. Nun erfahre ich es auch, dass es so ist. Denn ich bin jetzt und oft in Todes Angst und des Teufels Stricken gewesen, aber er hat mir herausgeholfen und offenbaret sich mir so, dass ich nun sehe und weiß, dass er mich lieb habe, und dass es wahr ist, was ich glaube.«

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge und Spiritualität an der Universität Leipzig.

Ins Leben zurückgefunden

22. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Jedes Jahr am 22. März wird an die Situation von Menschen erinnert, die durch Kriminalität und Gewalt geschädigt wurden. Viele sind angewiesen auf Schutz, praktische Hilfe und Solidarität.

Die schlanke, durchtrainierte Frau ist mit ihrem Fahrrad unterwegs. Vor der Kirche wartet sie auf den Beginn des Gottesdienstes. Sie hat eine Vorliebe für sportliche Kleidung in dezenten Farben. Im Sonnenschein des Sonntagmorgens macht sie den Eindruck, als habe sie ihr Leben im Griff. Doch das täuscht. »Hier auf dem Kirchplatz erscheint mir alles sehr hell und sehr licht«, sagt sie, während sie ihr Fahrrad abschließt. »Ich merke, dass mir der Gedanke an den Gottesdienst Freude macht und dass ich einmal nicht diesen Geist neben mir herlaufen habe, dieses Unsichtbare, das droht, mich zu ertränken.«

Die Frau mit kurz geschnittenen Haaren ist Mitte vierzig. Sie lässt ihren Blick über den Platz schweifen, immer aufmerksam, was um sie herum geschieht. »Mein Name ist Kerstin. Ich tue mich sehr schwer damit, meinen Nachnamen zu sagen. Im Rahmen einer Traumatherapie lerne ich langsam, mich mit meiner Geschichte zu identifizieren. Nach und nach erkenne ich, dass es nie zu spät ist, neu zu beginnen, und dass es viele Menschen gibt, die helfen.«

Vor dem Kirchenportal wird Kerstin per Handschlag vom Pastor der Stiftsgemeinde Schildesche in Bielefeld begrüßt. Hermann Rottmann ist Opferschutzbeauftragter des Kirchenkreises Bielefeld.

Gut gelaunt setzt sich Kerstin auf eine der hölzernen Bänke und schaut sich in der neugotischen Saalkirche um. Tags zuvor war ihre Stimmung noch trüb: »Es passiert manchmal, dass ich eine Phase habe, in der die Wogen des Misstrauens über mir zusammenschlagen. Dann sehe ich alles nur noch schwarz und fühle mich einsam.«

Vier Monate sind vergangen, seit Kerstin alle Kontakte zu ihrem früheren Leben abgebrochen hat. Sie bemüht sich, die schmerzlichen Erinnerungen an ihre Beziehung mit einem gewalttätigen Mann zu überwinden: »Er hat mir alles genommen. Ich hatte tatsächlich niemanden mehr, der zu mir stand. Aber das braucht man. Man braucht Menschen, die dastehen und schützen, bedingungslos schützen.«

Vom Altar aus begrüßt der Pastor seine Gemeinde. Kerstins Augen strahlen. Sie murmelt: »Ich hatte schon gedacht, dass ich den Zugang zum Glauben verloren habe. Aber das scheint nicht der Fall zu sein.«

Nachdem ein Verbrechen aufgeklärt wurde, fokussiert die öffentliche Aufmerksamkeit meist die Täter. Über sie berichten die Medien, um sie dreht sich das Gerichtsverfahren. In der Kirche bekommen sie die Möglichkeit, wieder mit Gott ins Reine zu kommen. Und die Opfer? Opferschutzbeauftragter Rottmann ist der Meinung, Kirche und Gesellschaft müssten mehr leisten: »Die Opfer sind über lange Zeit zu kurz gekommen. Wir müssen sie mehr in den Mittelpunkt unserer Hilfsangebote rücken. Die Täter sicherlich auch, das will ich gar nicht in Abrede stellen, aber wir haben einen Nachholbedarf, was die Opfer angeht.«

Kerstin schaudert, wenn sie sich an die erlebte Gewalt erinnert. »Er hat mich extrem geschlagen. Mein Hals hat geknackt. Ich weinte immer und habe ihn gefragt, warum er das macht. Er sagte nur: ›Im Bett ist das erlaubt.‹«

Kerstin hat Hilfe gesucht und sie gefunden. So ist es ihr gelungen, sich aus der Beziehung zu lösen: »Ich hatte das ungeheure Glück, dass ich einige ganz wichtige Personen gefunden habe, die sich wie ein Kreis um mich geschlossen haben. Dazu gehört auch die Polizei und das Gericht. Die haben mir geglaubt. Ohne diese Unterstützung hätte ich keine Chance gehabt aus diesem Morast, aus dieser totalen Kontrolle herauszukommen.«

Pastor Rottmann ist ein kräftiger, großer Mann, der viel lacht und im Urlaub gern in den Süden fährt. Seine Haut ist braungebrannt. In der Gemeinde ist er beliebt und gilt als Frohnatur. Es gelingt ihm, seine fröhliche Haltung auch dann zu bewahren, wenn er sich dem Grauen des Lebens zuwendet. Er hat Erfahrung im Umgang mit Verbrechensopfern, als Telefonseelsorger, als Seminarleiter und in vielen persönlichen Gesprächen. »Das erste ist, den Menschen Sicherheit zu geben«, sagt er. »Manchmal ist es auch gut, mit ihnen zu beten. Es geht ums Zuhören, die ganzen Klagen, die Verzweiflung. Das braucht Zeit.«

Wenn ein Mensch akut therapeutische Hilfe braucht, kann Pastor Rottmann auch schnell einen Termin mit einer Fachärtzin für Psychiatrie und Psychotherapie besorgen.
Kerstins Leben war geprägt von Gewalt. Der Leidensweg begann schon in der frühesten Kindheit: »Ich bin die Erstgeborene. Eigentlich wollte mein Vater unbedingt einen Jungen. Deshalb hat er weggeschaut, als ich schwer missbraucht wurde, über einen sehr langen Zeitraum, von einem Verwandten. Dieser Cousin war für meinen Vater wie ein Sohn. Man fühlt sich so lebensunwürdig. Als wenn man keine Daseinsberechtigung hat.«

Über diese ganzen Zusammenhänge kann sie erst jetzt in der Traumatherapie sprechen. Es wird noch lange Zeit dauern, bevor ihre psychischen Wunden verheilt sind. Sie hat gerade erst begonnen, sich in einem eigenständigen Alltag ohne Bedrohung zurechtzufinden. Aber sie erlebt immer öfter Momente, in denen sie hoffnungsfroh in die Zukunft blickt: »Das ist wie eine Wiedergeburt. Als würde ich nochmal auf die Welt kommen und nochmal ganz neu anfangen. Das Gefühl, Opfer zu sein, ist auch ein Ausdruck einer Krise des Glaubens: des Glaubens an die eigenen Fähigkeiten und des Glaubens an Gott. Erst seit Kerstin wieder lernt, selbst über ihr Leben zu bestimmen, fasst sie neues Vertrauen: Vertrauen in andere Menschen und Vertrauen in Gott. »Ich habe erlebt, dass mir geholfen wird, und ich weiß jetzt, dass es für mich nie zu spät ist, mein Glück zu suchen.«


Andreas Boueke

Ganzjährig blühend

13. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Die Lutherrose: Merkzeichen der Theologie des Reformators

Symbole haben es in sich. Je populärer ein Markenzeichen, je offensichtlicher die Reaktion beim Anblick. Der angebissene Apfel auf dem Deckel eines Notebooks vermag ehrfürchtiges Staunen, neidisches Begehren oder hilfloses Versagen bewirken. Was passiert bei Betrachtung einer Lutherrose? Trotz ihres weltweiten Verbreitungsgebietes schränkt sich ihr Bekanntheitsgrad ein. Wer etwas damit anfangen kann, weiß: Jetzt wird’s ernst. Hinter diesem Signum steht eine Botschaft, die Himmel und Erde umschließt. Es geht um das Leben. Wie kann es sinnvoll gelingen? Wer hat das Sagen und was kommt am Ende? Martin Luther versteht sein Signum als »Merkzeichen« seiner Theologie. Zugleich sieht er seinen Glauben darin zusammengefasst. So möge dieses Zeichen Menschen bewegen wie der Stern den Autofreund.

Nachdem Luther vom Nürnberger Ratsherrn Lazarus Spengler einen Siegelentwurf erhalten hatte, der sich am Vorbild des »Löwen und Papageienfensters« im Erfurter Augustinerkloster orientierte, ergänzt und präzisiert er ihn. Das Evangelium und seine Auswirkung müssen sichtbar auf den Punkt gebracht werden. Ein berühmt gewordener Brief Luthers vom 8. Juli des Jahres 1530 enthält dann quasi den verbalen Aufguss des Dargestellten. Eine Illustration. Denn das Zeichen soll eigentlich für sich sprechen. Es bedürfe keiner Gebrauchsanweisung, meint sein Eigner. Die Zeiten ändern sich.

Im Zentrum des Blütenstandes ruht das Kreuz. Schwarz. Der gehängte Gottessohn wird den Christen zum Aufhänger ihres geretteten Lebens. Weil einer unschuldig die Schuld aller anderen mit dem Tode bezahlte, haben alle anderen das unverdiente Glück, mit unverlierbarem Leben davonzukommen. Verstehen kann man das nicht. Nur glauben. Darum ist und bleibt seliger Glaube reine Herzenssache. Dass wir darauf vertrauen, was von Gott ausgeht. Das Kreuz liegt ins Herz gebettet. Rot zeigt die Leidenschaft an.
Glaube-Alltag-10-2017Diese Mitte wird von fünf voll geöffneten Blütenblättern umgeben. Strahlend weiß. Wie Taufkleider. Was für ein Kontrast. Luther bekennt: »Weiß ist die Farbe der Geister und aller Engel Farbe.« Freude, Trost und Friede wollen sich hell leuchtend erheben, gleich der glänzenden Mittagssonne. Glaube bleibt Vertrauenssache. So wie sich die Lutherrosenblüte ihrem Betrachter öffnet, begegnet ihm Gottes Liebe. Darum geht dieses herrliche Blühen im blauen Himmel auf. Dass seine unendliche Weite, die uns auf Erden berührt, zeige, wohin wir gehören. Des Herrn sind wir, der Himmel und Erde gemacht hat. Ihm verdanken wir, den Tod nicht fürchten zu müssen. Das Ganze nun wird von einem goldenen Ring umschlossen. Martin Luther erklärt: »Um ein solch Feld einen goldenen Ring, dass solche Seligkeit im Himmel währet und kein Ende hat und auch köstlich ist über alle Freude und Güter …«

Kurprinz Johann Friedrich überreichte auf der Veste Coburg dem Festgehaltenen und im Reich Geächteten diesen Siegelring. Ein Goldrand umschließt den kostbaren Schatz. Gott hat den Gekreuzigten dem Menschen ins Herz gelegt. Das daraus folgende Privileg gleicht dem Gold, das »… das edelste, köstlichste Erz ist«. Der Bergmannssohn weiß, welchen Vergleich er hier bemüht.

Man trifft in zahlreichen Kirchen auf dieses Zeichen des befreiten Menschen. Die Lutherrose blüht in Glasfenstern, entfaltet sich in Deckengewölben, auch in manchen Stadtwappen. In einigen Wochen wird vom Bundesfinanzministerium eine Goldmünze mit der Lutherrose darauf herausgegeben. Im Jubiläumsjahr steigt ihre Präsenz. Vielleicht besitzen Sie eine Tasse mit diesem »Merkzeichen« darauf. Sie könnten es auch auf einem Brieföffner oder Schlüsselanhänger finden. Sogar als Einkaufschip. Ehe aber Aufregung darüber entstehen könnte, ob solche Vermarktung angemessen sei oder nicht, mag uns die Botschaft dieses Zeichens aus der Ruhe bringen. Du bist der geliebte Mensch. Um Christi Willen. Symbole haben es in sich.

Karsten Loderstädt

Die Hausgötzen entlarven

Fastenzeit: Woran hängt mein Herz? Abhängigkeiten erkennen und Raum für Gott schaffen

Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Auch für zahlreiche evangelische Christen haben die sieben Wochen bis Ostern eine besondere Bedeutung. Viele nehmen sich vor, in dieser Zeit auf etwas zu verzichten: Zigaretten oder Alkohol, Süßigkeiten oder Fleisch, den Fernsehapparat oder das Internet. Entscheidend ist dabei, herauszufinden, wovon ich tatsächlich abhängig bin oder zu werden drohe. Das muss nicht immer »stoffgebunden« sein. Klatsch und Tratsch, pausenloses Arbeiten, zu wenig Zeit für die Familie und Freunde … All das und vieles andere kann zur Angewohnheit geworden sein, die meine Freiheit einschränkt.

Die erste Frage im Blick auf die Fastenzeit ist also die ehrliche und aufrichtige Suche nach dem, was mich konkret persönlich betrifft. Woran hängt mein Herz? Welche Gewohnheiten rauben mir Zeit, Kraft und echte Lebensfreude? »Woran du dein Herz hängst, das ist eigentlich dein Gott«, sagt Martin Luther. In der Fastenzeit geht es auch darum, solche »Hausgötzen« zu entlarven, zu benennen und Raum zu schaffen für den lebendigen Gott, der uns befreien will zu unserem wahren Sein und zu echter Lebensfreude und Lebendigkeit.

Vor über 80 Jahren entstand in der Stadt Acron in den USA die Bewegung der »Anonymen Alkoholiker«. 1939 zählte die Gemeinschaft etwa 100 trockene Alkoholiker. Sie beschlossen, die Grundsätze und Erfahrungen, die sich beim Bemühen, Alkoholikern zur Genesung zu verhelfen, herauskristallisiert hatten, in einem Buch zu veröffentlichen. Dort wurde das Gedankengut der Gemeinschaft in zwölf Schritten zusammengefasst und gezeigt, wie Betroffene diese Schritte umsetzen können. Allmählich wurde klar, dass die Prinzipien der Anonymen Alkoholiker auch für viele andere Formen von Sucht oder Gebundenheit funktionieren. Es gibt Spielsucht und Drogensucht, Sexsucht und viele Formen von Essstörungen, notorisch Überschuldete und »Messies« – um nur einige Abhängigkeiten zu nennen. Was aber geht das die von uns an, die auf den ersten Blick weder süchtig noch abhängig sind? Der amerikanische Franziskanerpater und weltbekannte geistliche Lehrer Richard Rohr behauptet, dass wir alle in irgendeiner Form abhängig sind. In einer Leistungs- und Konsumgesellschaft sind es häufig Anerkennung, Erfolg und Wohlstand, eingefleischte Gewohnheiten, fixierte Verhaltensmuster und vor allem unser Selbstbild und unsere festgefahrenen Meinungen, die uns die wirkliche Freiheit nehmen, die uns Jesus verheißen hat. Rohr meint, das Programm der Anonymen Alkoholiker sei der wesentlichste Beitrag Amerikas zur Spiritualität. Es gibt keinen Menschen, der nicht irgendwie abhängig ist, und sei es noch so versteckt. Und er zeigt die Parallelen zwischen dem Evangelium und diesem Programm:

Jesus ruft Menschen in die Nachfolge, damals wie heute. Nachfolge bedeutet zunächst, nüchtern jene Bindungen zu entdecken, die uns auf dem Weg zu Gott blockieren, unsere Denk- und Verhaltensmuster. »Ändert eure Einstellung und Ausrichtung!«: So könnte man den Ruf zu Umkehr und Buße wörtlich übersetzen, der am Anfang seines Wirkens steht. Jesus selbst ist diesen Weg vorangegangen. Er hielt an nichts fest, er »entäußerte« sich seiner Göttlichkeit, wurde Mensch wie wir und gab sein Leben hin im Vertrauen auf Gott. Wer sein Leben festhält, wird es verlieren. Wer anhaftet, bleibt unfrei. Die Gute Nachricht Jesu lautet, dass es eine Alternative gibt, eine Freiheit, die Gott dem schenkt, der sich selbst loslässt.

Das evangelische Fastenmotto 2017 lautet »Sieben Wochen ohne Sofort«. Das bedeutet unter anderem: ohne sich dem Zwang zu beugen, sich sofort alle Wünsche zu erfüllen. Es geht um die Chance, sich von Gott unterbrechen zu lassen, innezuhalten und neue Formen der Lebendigkeit und des Glücks zu erspüren. Wir alle brauchen das. Die Fastenzeit birgt eine große Chance.

Andreas Ebert

Der Autor ist bayerischer Pfarrer und leitet das Spirituelle Zentrum Sankt Martin in München.

Die zwölf Schritte

  1. Anerkennen, dass man seiner Abhängigkeit gegenüber machtlos ist.
  2. Zum Glauben kommen, dass nur eine höhere Macht die eigene Gesundheit wiederherstellen kann. Ursprünglich wurde in diesem Zusammenhang von »Gott« gesprochen. Um aber auch für nicht religiöse Menschen offen zu sein, wählten die Gründer der Bewegung schließlich diese Formulierung.
  3. Den Entschluss fassen, seinen Willen und sein Leben der Sorge Gottes (wie ihn jeder versteht) anzuvertrauen.
  4. Eine gründliche und schonungslose »Inventur« des eigenen Lebens vornehmen.
  5. Vor sich selbst und einem anderen Menschen gegenüber sein bisheriges Fehlverhalten eingestehen.
  6. Die Bereitschaft, lebensfeindliche Verhaltensweisen von Gott entfernen zu lassen.
  7. Demütig darum bitten, dass Gott all solche »chronischen, das Leben behindernden Verhaltensweisen« beseitigt.
  8. Auflistung aller Personen, denen man durch die eigenen Abhängig­keiten Schaden zugefügt hat, und die Bereitschaft und den Willen zur Wiedergutmachung entwickeln.
  9. Wo immer möglich, die Menschen entschädigen, außer, wenn sie oder andere dadurch verletzt würden.
  10. Die »innere Inventur« ständig fortsetzen und zugeben, wenn man im Unrecht ist.
  11. Durch Gebet und Meditation versuchen, die Beziehung zu Gott, wie ihn jeder versteht, zu vertiefen und um die Erkenntnis beten, seinen Willen zu sehen und die Kraft zu bekommen, ihn umzusetzen.
  12. Nach dem selbst erfahrenen »geistlichen Erwachen« versuchen, die Botschaft von der Veränderung an andere Betroffene weiterzugeben und seinen Alltag nach den Grundsätzen der 12 Schritte auszurichten.

Was das Glück des Menschen ausmacht

28. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Glaubenskurs zur Theologie Martin Luthers: »Sola gratia« – allein aus Gnade

Dass es ein von irdischen Ambitionen, Machenschaften und Willensakten unabhängiges Institut geben könnte, geht es um die Erreichung oder Herstellung von individuellem oder gesellschaftlichem Glück, ist dem säkularisierten, von Gott entfremdeten Menschen des 21. Jahrhunderts nicht nur einfach unverständlich und fremd: Es empört ihn, bis in die tägliche Anspruchsformulierung hinein, ob politisch ausgedrückt, ideologisch oder hedonistisch-psychotisch. Die Moderne suggeriert dem Menschen in diesem Sinne nicht nur ein Recht auf wunschloses Glücklichsein weit über die Befriedigung elementarer sozialer Bedürfnisse hinaus, sie glaubt auch, Mittel, Wege und Methoden zu finden, das Ziel zu erreichen und eine Art Paradies auf Erden errichten zu können. Doch die jeweiligen individuellen wie kollektiven Bilanzen sehen unvermindert anders aus, defizitär, enttäuschend, katastrophisch: Das Glück des Einzelnen und aller bleibt aus strukturbösem Grund gleichmäßig ungleich verteilt, und der von der modernen Philosophie dafür verwendete Kontingenz-Begriff ist nichts anderes als ein Kapitulationsterminus.
GuA-03-2017An diesem Punkt kommt für den Christen ein Begriff ins Spiel, den wir in der Gegenwart fast nur noch aus dem Bereich von Rechtswissenschaft und -praxis kennen: Gnade. Gnadenrecht ist eine juristische Kategorie, es anwenden zu können, muss man Staatsoberhaupt sein oder Regierungschef. Doch der Christ weiß, dass das Institut der Gnade ein von Gott selbst gestiftetes, über den Glauben an Christus ins Dauernde erneuertes ist – ein Heilsinstitut, die durch den Sündenfall bewirkte »Entzweiung im Ursprung« (Dietrich Bonhoeffer) zwischen Gott und Mensch zu überwinden, bezogen eben nicht nur auf den Sünder im engeren Sinne, den kriminellen Straftäter, sondern auf jeden von uns: Den Sünder im Allgemeinen, den gott- und damit menschenfernen Egoisten, wie ihn die Confessio Augustana in ihrem 4. Artikel voraussetzt: »Die Menschen können vor Gott nicht gerechtfertigt werden durch eigene Kräfte, Verdienste oder Werke, sondern sie werden ohne ihr Zutun gerechtfertigt um Christi willen durch den Glauben, wenn sie gewiss sind, dass sie in die Gnade aufgenommen und ihre Sünden vergeben werden.«

Luther argumentierte an diesem Punkt zeitlebens radikal, in der Spur des Kirchenvaters Augustinus: »Hatte noch vor dem Sündenfall für den Menschen ein posse non peccare gegolten, der Mensch also die Fähigkeit besessen, nicht zu sündigen, so hatte der Sündenfall dies ganz und gar unter ein negatives Vorzeichen gestellt […] Von nun an galt für den Menschen ein non posse non peccare.« (Volker Leppin). Er argumentierte so aber nicht, um den Menschen kleinzumachen, ihn zu destruieren zu einem Fatalismusbündel – er wollte ihn umwenden und aufrichten, von sich ab, hin zu Gott, von dem allein, eben über dessen Gnadenerweis ohne Vorleistung, ohne Berechenbarkeit, ohne Werkgerechtigkeit, das Heil des Menschen bewirkt wird: Es geht um das Gottesverhältnis des Menschen, seine ständige Erneuerung im Glauben an Christus, die ein Teil der ihm immer zuvorkommenden Gnade ist. Erst aus dieser Konstellation kann der Mensch und Glaubende deuten und annehmen, was ihm geschieht.

Erst aus dieser Verbindung, die aus einer radikalen und unaufgebbaren Zuwendung Gottes zum Menschen erwächst, wird erkennbar, was den Grund des Glücks, das der Mensch erfährt, ausmacht: Es ist die Gerechtigkeit Gottes, die den struktursündigen Menschen gerecht macht, also ins erfahrene Heil versetzt, macht er ihn damit doch zu einem, der ihm, Gott, recht gibt.

Ulrich Schacht

Der Autor ist Schriftsteller und Theologe, er steht der evangelischen Bruderschaft St. Georgs-Orden vor.

Verheißungsvoller Rausschmiss

21. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Der Schlusssegen: Seine wegweisende Bedeutung im Gottesdienst

Manchmal komme ich nur zum Gottesdienst, um am Ende mit dem Segen nach Hause gehen zu können …«, gestand mir eine Gottesdienstbesucherin beim Abschied an der Kirchentür. Man muss kein magisches (Miss-)Verständnis des Segens befürchten, wenn sich solche großen Erwartungen an die liturgischen Schlussworte des Gottesdienstes knüpfen. Denn gerade darin, dass wir gesegnet aus den schützenden Kirchenmauern hinausgeworfen werden, besteht die buchstäblich wegweisende Bedeutung des Segens. Als Gesegnete verlassen wir den Gottesdienstraum anders, als wir ihn betreten haben.

Segnen – ein Ritual auf der Schwelle

Wie jeder Segen, so ist auch und gerade der gottesdienstliche Schlusssegen ein Schwellenritual, eine rites de passage. Nie sind wir segensbedürftiger als in den Schwellensituationen unseres Lebens. Der Segen am Ende des Gottesdienstes markiert den Übergang aus der Gemeinschaft der Feiernden in den bald wieder anbrechenden Alltag des je eigenen Lebens, um dessen Gelingen wir besorgt sind, weil wir es nicht selbst in der Hand haben. Die im Gottesdienst (hoffentlich!) mit allen Sinnen leiblich erfahrene Gegenwart und Lebenskraft Gottes wird im Segen jedem und jeder so zugesprochen, dass sie auch im Alltag trägt und nährt. Darum ist das Segnen nicht nur ein Mund-, sondern auch ein Handwerk. Zum Segenswort gehört die Segensgeste, der sichtbare, buchstäblich mit Händen zu greifende Zuspruch des Segens der erhobenen oder berührenden Hände der Segnenden und die geöffneten, leeren Hände der Empfangenden. Segnen nimmt nicht nur unsere Ohren in Anspruch. Mit allen Fasern unseres Herzens und allen Poren unserer Haut darf Gottes Nähe erfahren werden.

Segnen – ein intensives Adieu-Sagen

Der gottesdienstliche Schlusssegen erinnert als Abschiedsgruß daran, dass einst jeder Gruß ein Segen war. Einander zum Segen zu werden, beginnt also dort, wo wir uns gegenseitig grüßen. Der Gruß ist die elementare Form des Segnens. Denn Segnen geschieht, wo wir die Gleichgültigkeit gegenüber den Mitmenschen und den übrigen Mitgeschöpfen durchbrechen, wo wir anderen Beachtung und Aufmerksamkeit schenken, sie nicht übersehen oder achtlos an ihnen vorübergehen: im zugewandten Blick, im erhobenen Gesicht, mit einer Geste oder einem Lächeln. Im Gruß drückt sich ein unverkennbares Interesse an der Geschichte, am Tun und Ergehen des anderen aus. Im Gruß würdigen wir einander, geben einander Gewicht und Bedeutung, behandeln uns nicht wie Luft. Und genau das ist die biblische Grundbedeutung des Segnens: jemandem Würde, Gewicht und Ehre geben. Fluchen dagegen heißt, jemanden leicht nehmen, links liegen lassen, seiner Würde berauben.

Die Mutter segnet ihre Tochter vor dem Weg zur Schule mit dem Kreuzeszeichen. Foto: Rainer Oettel

Die Mutter segnet ihre Tochter vor dem Weg zur Schule mit dem Kreuzeszeichen. Foto: Rainer Oettel

Mit dem Segen wird uns am Ende des Gottesdienstes Adieu gesagt: Adieu ist ein Zu-Gott-Hin, das den anderen oder die andere Gott anvertraut und überlässt. Segnend Adieu sagen zu können und gesagt zu bekommen, befreit von Allmachtsfantasien, entlastet von der Vorstellung, alles zu können, über alles zu verfügen und alles im Griff zu haben. Wer Adieu sagt und so die Aufbrechenden segnet, weiß um die eigenen Grenzen und setzt zugleich auf die immer noch größeren Möglichkeiten Gottes. Adieu – Gott befohlen!

Leben zur Genüge unter dem Angesicht Gottes

Viele verbinden mit dem gottesdienstlichen Schlusssegen die Worte des aaronitischen Priestersegens vom leuch­tenden Angesicht Gottes in 4. Mose 6,24–26. Es war Martin Luther, der in der Deutschen Messe von 1526 diese Segensworte Israels für den christlichen Gottesdienst wiederentdeckt hat, indem er die drei Zeilen dieses Segens trinitarisch gedeutet hat: »GOTT segne dich und behüte dich« – der Segen Gottes, des Vaters, der die Schöpfung nicht sich selbst überlässt und kein einziges Geschöpf preisgibt. »Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig« – der Segen des Got­tessohnes, der das Licht der Gnade in das Todesschattenland unserer Welt bringt. »Gott erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden« – der Segen des Heiligen Geistes, des Trösters und Friedensstifters. Tersteegen hat Luthers Auslegung dieser dreifältigen Segensschnur zu dem Lied verdichtet: »Brunn alles Heils, dich ehren wir« (EG 140).

Unter Gottes leuchtendem Angesicht bleiben die miteinander verbunden, die nach dem Gottesdienst auseinandergehen. Dass dieser Segen in Frieden mündet, zeigt, dass Segnen mehr und anderes ist als schöne Worte machen. Segnen bedeutet, den empfangenen Segen mit anderen zu teilen, auf dass alle genug haben und vergnügt sein können. Denn Schalom, das Schlusswort des aaronitischen Segens, heißt Genüge. Der gottesdienstliche Schlusssegen begabt zum Gottesdienst im Alltag der Welt, die nach Gottes gerechter Lebensfülle hungert und dürstet. Gottes Segen kennt keine Obergrenzen.

Magdalene L. Frettlöh

Die Autorin ist Professorin für Systematische Theologie/Dogmatik und Religionsphilosophie an der Theologischen Fakultät der Universität Bern.

Wissen und Glauben gehören zusammen

13. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Gerhard Ackermann, der Physiker und Astronom, ehemals Professor an der Berliner Beuth-Hochschule, beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Naturwissenschaft und Theologie. Darüber sprach er mit Tilman Asmus Fischer.

Herr Ackermann, Naturwissenschaft und Glaube werden oft als Gegensatz verstanden. Vor welchen Fragen stehen beide jedoch gemeinsam?
Ackermann:
Es gibt eine Frage, die bis heute nicht ausdiskutiert ist. Die Theologen nennen es Theodizee. Und von den Naturwissenschaften her würde ich sagen, dazu passt am besten das sogenannte Anthropische Prinzip in seiner starken Form. Dieses sagt aus, dass alle Naturkonstanten so beschaffen sind, dass es irgendwann im Rahmen der Evolution zu denkfähigen Geschöpfen wie dem Menschen kommen musste. Dieses Prinzip so zu formulieren, heißt: Da muss jemand sein. Den Naturwissenschaftlern ist dabei sicher unwohl. Wenn man das sagt, tritt man aus den Naturwissenschaften heraus. Das Anthropische Prinzip ist gewissermaßen die Grenze zwischen Naturwissenschaft und Theologie. Keiner von uns weiß, warum die Naturkonstanten anders sein sollten, aber auch keiner weiß, warum sie so sind, wie sie sind. Wir stoßen da an eine Wand, die man offenbar nicht durchstoßen kann.

Verbirgt sich Gott hinter dieser Wand?
Ackermann:
Nein. Er verbirgt sich nicht hinter dieser Wand, er ist das alles – ist nicht irgendwo, sondern mittendrin. Und er hat viel mehr geschaffen, als wir uns überhaupt vorstellen können.

Was machen naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit dem persönlichen Glauben der Menschen?
Ackermann:
Naturwissenschaftliche Erkenntnisse sind eine Möglichkeit, die Inhalte des eigenen Glaubens zu testen. Und wenn ich mich etwa über das Alte Testament oder das apostolische Glaubensbekenntnis kritisch äußere, hat das damit zu tun, dass deren Weltbild gar nicht zu diesen Erkenntnissen passen will. Wir sind daher auf der Suche nach einer Erneuerung der theologischen Aussagen.

Das naturwissenschaftliche Weltbild ist das, was existiert – die Welt, in der wir sind. Und das muss doch mit dem Wichtigsten, was wir haben, nämlich unserem Glauben und unseren heiligen Schriften, in Einklang sein. Wenn wir aber in etwa 500 Jahren Reformation nicht dazu gekommen sind, in diese Richtung Fortschritte zu machen, dann ist das ein großer Fehler.

Welche Rolle käme bei einer »Erneuerung der theologischen Aussagen« der Naturwissenschaft zu?
Ackermann:
Der Naturwissenschaftler könnte ein Korrektiv für allzu märchenhafte Aussagen sein, die von anderen historisch orientierten Fakultäten zu­sammengetragen werden. Das ist nicht abwertend gemeint, aber es ist einfach so, dass die Naturwissenschaften rechnen, bestimmen, messen und sagen: »So ist es« oder »So ist es nicht«. Man nehme nur den oft behaupteten Gegensatz von Darwinscher Theorie und Schöpfungsbericht: Als ob Gott etwas anderes wäre als die Darwinsche Theorie! Gottes Weg, die Menschen zu schaffen, war eben ein bisschen anders als es in der Bibel steht. Er hat diesen Weg gewählt, der uns bis heute aus Einzellern vor siebenhundert Milliarden Jahren entwickelt hat. Wer kann denn ein solches Konzept sonst entwickeln? Wenn ich an Gott glaube, dann muss ich auch annehmen, dass das alles seine Idee war.

Kommen die Naturwissenschaften als Korrektiv der Theologie ihrerseits ohne eigene vorausgesetzte »Glaubenssätze« aus?
Ackermann:
Naturwissenschaften sind nicht voraussetzungslos, sondern arbeiten alle mit bestimmten Annahmen. Es ist ja auch so, dass die Geschichte der Naturwissenschaften zeigt, dass sich diese Annahmen immer wieder gewandelt haben, da bisher für wahr Gehaltenes aufgegeben werden musste. So ging die Elektrotechnik des 19. Jahrhunderts noch vom Äther als einer Substanz aus, in der sich elektromagnetische Wellen fortsetzen können – etwa das Licht von Sternen. Man konnte sich nicht vorstellen, dass sich Wellen ohne ein Medium, das sie bewegen, fortpflanzen können.

Das war ein Glaubenssatz der Physiker – und solche Glaubenssätze, davon bin ich überzeugt, gibt es auch heute noch in der Physik. Diese beziehen sich vor allem auf den Urknall und die Frage dunkler Materie und Energie. Daher sollte man als Naturwissenschaftler auch die nötige Bescheidenheit haben, zu sagen: »Ich weiß, es könnte auch anders sein, weil ich eine bestimmte Größe noch gar nicht richtig fassen kann.«

Ist dies eine Einsicht, die eine spezifisch naturwissenschaftliche Religiosität eröffnet?
Ackermann:
Es ist schwierig, das so allgemein zu sagen. Als Naturwissenschaftler weiß ich um die Grenzen der Erkenntnis. Aber ich setze Gott nicht hinter diese Grenze, sondern ich sage: Das, was ich erkenne, das sind eigentlich nur die Wunder, die es wirklich gibt. Wenn ich einen Löwenzahn auf der Wiese blühen sehe, ist er strahlend gelb. Ich weiß, dass Gelb im Spektrum eigentlich die schwächste Farbe ist. Aber indem der Löwenzahn Grün und Rot zu einem glänzenden Gelb-Weiß mischt, kann er so strahlen. Und wenn ich so etwas entdeckt habe, dann ist das für mich ein Wunder und bleibt ein Wunder, eben auch, wenn ich es erklären kann.

Naturwissenschaftliche Erklärungen machen das Wunder nicht kleiner?
Ackermann:
Die Vorstellung, dass Wunder immer so sein müssen, dass man sie nicht erklären kann, geht an der Wirklichkeit des Glaubens genauso vorbei wie an derjenigen des Wissens. Wissen und Glauben gehören zusammen und stehen in einer Wechselwirkung. Vielleicht sind die Naturwissenschaftler manchmal die Gläubigsten, wenn sie hinter etwas her sind und es im Labor oder am Himmel, wo auch immer, unbedingt finden wollen. Sie haben eine Idee, wie das sein kann, und plötzlich finden sie es. Das sind Momente, um derentwillen man eigentlich Naturwissenschaften studiert. Davon gibt es vielleicht drei oder vier im Leben. Das ist einfach wunderbar. Der Rest ist harte Arbeit. Am Ende kann man jedes Wunder erklären. Das tut dem Wunder keinen Abbruch, höchstens unserer Vorstellung von Wundern. Die biblischen Wunder hatten seinerzeit eine Funktion, die sie heute nicht mehr haben. Entscheidend ist heute vielmehr,
was Jesus verkündet und gelehrt hat.

Gilt dies auch für Tod und Auferstehung Jesu? Fällt mit diesem unerklärlichen Ereignis nicht auch die Zusage eines Lebens nach dem Tod?
Ackermann:
Der Tod ist für mich naturwissenschaftlich eine Singularität. Singularität ist ein Zustand, bei dem die Vorgeschichte und die Geschichte, die danach kommt, nicht miteinander zusammenhängen. Viele Dinge des Endes kann man schon physikalisch erklären. Manche Naturwissenschaftler setzen hinter den Tod einen Punkt. Das war das Leben. Das war alles. Mich bringt diese Situation zur Singularität. Und ich bin überzeugt, es geht danach in mir unbekannter Form weiter. Das kann ich niemandem erklären. Zu dieser Einsicht muss jeder selber kommen. Da kann man nur hoffen – und ich hoffe schon.

Ist das der entscheidende Punkt, wo wir – jenseits des bleibenden Wertes der biblischen Ethik – auf eine uns gegebene Zusage vertrauen müssen?
Ackermann:
Das ist tatsächlich ein Punkt, an dem man vertrauen muss. Ich vertraue darauf, denn was sollte das alles im Hier und Jetzt sonst? Das ist freilich teleologisch, aber kann man sich wirklich vorstellen, dass der Tod das Ende ist? Vorstellen kann man es sich eigentlich nicht. Man könnte es nur wissen. Aber das Wissen hört an dieser Stelle auf – das ist das Dramatische. Das ist eine Nagelprobe, die man naturwissenschaftlich nicht bestehen kann.

So schmeckt Gnade

6. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Das Abendmahl ist Sündenvergebung, Gemeinschaft mit Gott, Versöhnung untereinander, Fest des Reiches Gottes

Die Bibel bietet eine Fülle von Geschichten, in denen Menschen in der Gegenwart Gottes essen. Man denke an das Volk Israel in der Wüste, das Manna vom Himmel bekommt. Oder an den verzweifelten Elia, der sterben will und von Gott Brot und Wasser bekommt für einen langen Weg. Auch Jesus von Nazareth hat gerne mit anderen gegessen, getrunken und gefeiert. Manchmal holt er Menschen buchstäblich aus ihrem Versteck, um mit ihnen zu essen, zum Beispiel den zwielichtigen Zöllner Zachäus. Der Mann freut sich, er kann es kaum erwarten, Jesus zu empfangen. Für ihn beginnt mit der Mahlzeit und dem Besuch Jesu ein neues Leben.

Doch die Geschichte Jesu von Nazareth war nicht nur von Festen und eitel Freude bestimmt, sie mündete in ein großes Drama: das Kreuz von Golgatha. Auch das Kreuz gehört zum Abendmahl. Wir schauen auf einen, der für seine Freunde und die ganze Welt in den Tod geht. Das knappe »Für euch gegeben« (vgl. Markus 14,24) erinnert uns daran. Diese große Überschrift jeder Mahlfeier zeigt, Gottes Liebe duckt sich nicht gegenüber Gewalt, sie weicht menschlicher Schuld und Angst nicht aus, im Gegenteil: Sie findet überall hin. Jesus sagt: Ich bin jetzt da, ich bin dieses Brot für euch. Gleichsam bittersüß schmeckt es – so betrachtet.

Der Grund, dass uns Christen Schuld und Tod nicht schrecken, liegt freilich noch in etwas Anderem, und zwar im Ereignis von Ostern begründet. Wäre Jesus im Grab geblieben, müssten wir uns die Festfreude tatsächlich selbst einreden (vgl. 1. Korinther 15). Die Beschreibung der ersten Christen zeigt das: Sie feierten das Abendmahl, weil sie erfüllt waren von Dankbarkeit und Freude. Sie wussten: Jesus ist lebendig. Er hat den Tod besiegt. Und Jesus hat damit die Welt ins Licht geführt.

Das Abendmahl der ersten Christen zeigt: Dieses Essen ist ein Mahl der Freiheit. Hier teilen Menschen spontan das Brot und auch das, was sie sonst besitzen. Von Gottes Gnade beschenkt und von lebendiger Hoffnung beseelt, können sie andere einladen. Dankbarkeit ist das Ziel der ganzen Feier.

Das Abendmahl ist auch Ort der Versöhnung unter Menschen. Das zeigt der Friedensgruß, bei dem man sich auch einmal in den Arm nehmen darf. Beim Abendmahl sind deshalb ethnische Unterschiede oder Alters- und Milieugrenzen aufgehoben.

Wenn ich heute landauf, landab unsere Abendmahlsgottesdienste besuche, tun sich durchaus kontroverse Bilder auf. Manchmal legt sich geradezu ein grauer Schleier auf die Versammlung, die gerade noch fröhlich gesungen hat. Buße und Totengedenken scheinen angesagt. Beim Feierabendmahl auf dem Kirchentag oder in Gemeinden, die schon längere Zeit das Abendmahl mit Kindern feiern, erlebe ich dagegen häufig frohe, hoffnungsvolle Gesichter. Viele Christen leiden unter der Dominanz des Depressiven und möchten heraus aus dieser Sackgasse. Ein wichtiger Faktor dafür ist die Musik. Wenn im Samba-Rhythmus »Du bist heilig, du bringst Heil« anstelle eines traditionellen Heilig, heilig angestimmt wird oder sich die Gemeinde die Einladung »Schmecket und sehet« fröhlich zusingt, entstehen andere emotionale Räume. Auch dort, wo an einem Tisch Abendmahl gefeiert und tatsächlich gegessen wird, löst sich manches aus der Starre.

Den Kern der Abendmahlsfeier bilden die Einsetzungsworte. Sie können als Zusage gesungen oder kräftig gesprochen werden, allerdings zugewandt zur Gemeinde, nicht mit dem Rücken zu ihr. Dies war eine der ganz wichtigen Errungenschaften der Reformatoren. Das Abendmahl wurde aus dem magischen Mantel priesterlicher Beschwörung herausgeholt und zum unmissverständlichen Kraftwort Gottes. Das hat in vielen Städten und Dörfern in der Reformationszeit eine große Resonanz ausgelöst. Die Leute gingen deshalb fröhlich und mit Herzklopfen zum Abendmahl. Es war für sie plötzlich wieder etwas Besonderes. Deshalb meine ich, dass es auch heute angebracht ist, wenn wir die alten – bisweilen nur noch formelhaft heruntergesagten – Worte der Einsetzung auch in heute gut verständlicher leichter Sprache vortragen.

Das »evangelische Profil« des Abendmahls besteht im ökumenischen Zusammenhang darin, dass es als eine Gabe des sich schenkenden Gottes begriffen wird und nicht als Opfer der Kirche. An der Zusage Christi, der seine Liebe mitteilt, macht sich der Glaube fest. Dieser Zusage folgt Dankbarkeit und Freude. Deshalb können wir mit unseren katholischen Geschwistern auch von Eucharistie reden.

»Miteinander Abendmahl feiern« heißt, auch an andere Menschen zu denken. Für Paulus war es eine Selbstverständlichkeit, dass beim Abendmahl Reiche und Arme, Frauen und Männer, Juden und Griechen beieinander waren und aufeinander Rücksicht nahmen. Daher ist der Gedanke eines inklusiven Abendmahls heute – auch im Sinne buchstäblicher »Barrierefreiheit« (für Rollstuhlfahrer!) – für mich selbstverständlich. Niemand ist ausgeschlossen. Und Ausgetretene können eine schöne Abendmahlsfeier zum Anlass nehmen, über den Wiedereintritt nachzudenken.

Ich möchte die Erwartungen, Befindlichkeiten und Ängste der Menschen sehr ernst nehmen. Deshalb sind auch ihre Unsicherheiten und ihre Scheu (Hygiene), aber auch mentale Aversionen (Blut), ernst zu nehmen.

Es wäre schade, wenn dies ein Grund wäre, vom Mahl fernzubleiben.

Das Abendmahl enthält einen ganzen Strauß von theologischen Schätzen. Es ist Sündenvergebung, Gemeinschaft mit Gott, Versöhnung untereinander, Fest des Reiches Gottes. Der Reichtum der biblischen und theologischen Tradition ist so groß, dass wir deshalb nicht immer genau dieselbe Form praktizieren sollten. Je nach Situation im Kirchenjahr, je nach aktueller politischer Lage und je nach Größe und Orientierung der Gemeinde gilt es, die Akzente entsprechend differenziert zu setzen.

Eins aber gilt immer: Das Abendmahl ist Fest des liebenden Gottes. Es hat den Vorgeschmack des Himmels, in dem alle Menschen an einem Tisch sitzen.

Professor Jochen Arnold, Direktor Michaeliskloster Hildesheim

Der Gottesdienst hat ein weites Herz

31. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Menschen mit unterschiedlichen Verfassungen sollen zu ihrem Recht kommen – Das Ende der Zielgruppenorientierung

Die Vielfalt der Gottesdienste ist unübersehbar geworden. Schon lange kennen wir Familiengottesdienste, Jugendgottesdienste und Kindergottesdienste. Wir kennen Schulanfangsgottesdienste, Schulgottesdienste und Gottesdienste in Senioreneinrichtungen. Manche haben vielleicht auch schon von der Thomasmesse gehört, die sich besonders an Zweifler richtet, vom sogenannten »GoSpecial« mit Interview und Kreuzverhör des Pastors oder dem abendlichen Nachteulengottesdienst. Vor einigen Jahren entdeckte man darüber hinaus die Bedeutung der Milieuzugehörigkeit der Menschen für den Gottesdienst. Man stellte fest, dass Vorlieben, Musikgeschmäcker und Erwartungen an Gemeinschaft, die die Menschen auch sonst in ihrem Alltag haben, auch ihre Erwartungen an den Gottesdienst prägen.

Das war einerseits sehr aufregend, denn nun konnte man besser verstehen, warum die einen Orgelmusik von Bach lieben und andere gerade damit gar nichts anfangen können; warum die einen Anspiele im Gottesdienst mögen und eine zu Herzen gehende Predigt, andere dagegen lieber die gesungene Liturgie wünschen und eine Predigt, die auch den Intellekt herausfordert; warum die einen Nähe im Gottesdienst suchen und Stuhlkreisgottesdienste, Bewegungslieder und gegenseitiges »An-den-Händen-Fassen« lieben – und andere eher Distanz pflegen, und daher lieber fern bleiben, wenn sie im Gottesdienst zu viel Kontakt mit den anderen aufnehmen sollen.

Andererseits stellte man mit Schrecken fest, dass es fast unmöglich ist, einen Gottesdienst zu feiern, der allen gefällt. Soll man in Zukunft etwa nur noch Zielgruppengottesdienste feiern? Wer soll das leisten? Vor allem: Was heißt das für den Gottesdienst, der doch die Mitte der Gemeinde sein sollte?

Im Marketing gibt es interessanterweise seit einigen Jahren eine Strömung, die das Ende der Zielgruppenorientierung ausgerufen hat. Danach lassen sich Menschen heute nicht mehr wie früher klaren Gruppen zuordnen, weder Altersgruppen noch Milieugruppen, selbst die Grenzen zwischen den Geschlechtern verschwimmen. Junge wollen alt sein, Alte jung, Frauen kaufen Produkte, die vorher typisch für Männer waren und umgekehrt. Hose – Mann, Kleid – Frau, das war gestern, eigentlich sogar schon vorgestern. Menschen lassen sich nicht mehr so leicht festlegen. Sie werden immer stärker zu multiplen Persönlichkeiten, können mal so und mal anders handeln und entscheiden, haben einen breiteren Musikgeschmack, fallen zunehmend auch mal aus der Rolle und passen sich gern den Situationen an, in denen sie sich gerade befinden. Sie geben stärker als früher ihren inneren »Verfassungen« nach. Man spricht daher vom »Verfassungsmarketing«, das nun nicht mehr die klassischen Zielgruppen bewirbt, sondern bestimmte Verfassungen, die quer zu den bisherigen Zielgruppen liegen können. So wirbt etwa Milka seit einiger Zeit mit Schokoladensorten für die Verfassungen »verrückt«.

Was könnte diese Entwicklung für den Gottesdienst bedeuten? Meines Erachtens liegt darin die Chance, den einen Gottesdienst wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Denn der Gottesdienst hat das Potenzial, unterschiedliche Verfassungen zu bedienen, ohne dadurch zu einem Zielgruppengottesdienst werden zu müssen. Gottesdienst kann, um das Beispiel der Gemeinschaft aufzunehmen, sowohl Nähe als auch Distanz inszenieren. Oft wird die Nähe als das Ideal gesehen, das die Distanzbedürftigen abschreckt. Ebenso oft erlebt man Gottesdienste, in denen die Menschen sich distanziert begegnen, kaum angucken, geschweige denn anreden, was diejenigen abschreckt, die auch menschliche Geborgenheit im Gottesdienst suchen. Wenn beide Bedürfnisse im Blick bleiben, dann ließe sich einiges gestalten, sodass auch beide zu ihrem Recht kommen. Man denke nur an die Gestaltung des Abendmahls (Friedensgruß, Händereichen, Aufstellung), an die Begrüßungs- und Verabschiedungssituation. Durch sensible Gestaltung kommen Nähe- und Distanzbedürftige beide zu ihrem Recht, keiner fühlt sich genötigt oder an den Rand gedrängt. Der Gottesdienst hat ein weites Herz, wenn seine Gestalter nicht ihre eigenen Ideale absolutsetzen. Ähnliches gilt für inhaltliche Dimensionen des Gottesdienstes. Er kann Trost schenken, er kann für die Nöte anderer sensibilisieren, er kann Bestätigung schenken, aber auch zu neuen Aufbrüchen aufrütteln.

Vieles, wenn auch nicht alles, lässt sich in einem Gottesdienst realisieren. Daher muss die Pluralität von Gottesdiensten auch nicht völlig aufgegeben werden. Aber es könnte lohnen, statt auf Zielgruppen zu setzen, die durch Merkmale wie Alter, Geschlecht oder sozialer Hintergrund geprägt sind, auf Verfassungen zu achten, in denen Menschen sich befinden und die der Gottesdienst aufnehmen kann. Welches wären etwa typische Sonntagmorgen-Verfassungen? Ausschlafen wollen, Zeit haben, in Ruhe frühstücken, mit der Familie zusammen sein, Sport treiben wollen – und wie könnte daran der Gottesdienst vielleicht anknüpfen?

Folkert Fendler

Der Autor ist Rektor des Pastoralkollegs Niedersachsen. Bis 2016 war er Leiter des Zentrums für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst.

Radikal auf Christus ausgerichtet

21. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Unser Glaubenskurs 2017 beschäftigt sich passend zum Reformationsjubiläum mit der Theologie Martin Luthers. Monatlich werden wir einen der reformatorischen Schwerpunkte unter die Lupe nehmen. Den Auftakt bildet das Thema »solus Christus«: allein Jesus Christus.

Theologie und Glaube Martin Luthers lassen sich mit Hilfe der sogenannten vier Exklusiv­partikel auf den Punkt bringen: solus Christus, sola scriptura, sola gratia, sola fide – allein Christus, allein durch die Schrift, allein aus Gnade, allein der Glaube. Diese sind verantwortlich für eine einzigartige Konzentrationsbewegung. Dabei bildet das solus Christus die inhaltliche Mitte. Jesus Christus ist der klarste Spiegel des väterlichen Herzens Gottes.

Zeit seines Lebens geht es Martin Luther in seiner Frömmigkeit um die persönliche Gegenwart des auferstandenen Jesus von Nazareth. An ihn glaubt er mit der ganzen Glut seines Herzens. In der Gegenwart Jesu Christi möchte er leben. In ihm ist Gott dem Menschen unüberbietbar nahegekommen. In ihm hat Gott sein innerstes Wesen offenbart. »Unter allen Geboten Gottes ist das höchste, dass wir seinen lieben Sohn, unsern Herrn Jesum Christum, sollen uns vorbilden, der soll unsers Herzens täglicher und vornehmster Spiegel sein, darin wir sehen, wie lieb uns Gott hat, und wie er so hoch, als ein frommer Gott, für uns hat gesorget, dass er auch seinen lieben Sohn für uns gegeben hat.«

GuA-03-2017Darum ist das Grunddatum von Luthers Glaube die Inkarnation, die Geburt des Sohnes Gottes als Baby in der Krippe von Bethlehem, die wir an Weihnachten feiern. Luther ist der erste »Weihnachts-Christ« der Neuzeit. Weil im Zentrum seiner Spiritualität der in Jesus Christus offenbar gewordene liebende Gott steht, bekennt er: »Gott ist ein glühender Backofen voll Liebe.«

Die Freude über die in Jesus Christus erschienene Liebe Gottes wirft einen Glanz der Dankbarkeit über das Christsein, alles Ängstliche verschwindet. Dadurch kommt eine ganz neue Wärme in das Verhältnis des Menschen zu Gott.

Diese Wärme zeigt sich sehr schön in einem Brief Luthers vom 10. Juni 1527 an Elisabeth, der Frau seines Freundes Johann Agricola, die wohl unter Depressionen litt. Luther und seine Frau hatten sie in einem früheren Brief zu einem Ortswechsel nach Wittenberg eingeladen: »Der ehrhaftigen und tugendsamen Frau Elisabeth Agricolae, Schulmeisterin zu Eisleben, meiner lieben Freundin. Gnade und Friede, meine liebe Elsa! … Du musst aber nicht so kleinmütig und verzagt sein, sondern denken, dass Christus nahe ist und hilft dir dein Übel tragen. Denn er hat dich nicht so verlassen, als dir dein Fleisch und Blut eingibt. Allein, ruf du nur mit Ernst von Herzen, so bist du gewiss, dass er dich erhöret, dass es seine Art ist, helfen, stärken, trösten alle die, so sein begehren.«

In der Seelsorge ließ sich früher häufig ein problematischer Umgang mit Depressiven erkennen. Sie standen unter dem Generalverdacht, dass unausgesprochene und unvergebene Sünden verantwortlich seien für ihre seelischen Probleme. Luther schlägt eine ganz andere Richtung ein. Sein Rat entpuppt sich als reiner Zuspruch. Elsa soll den negativen Einreden positive Gedanken entgegensetzen: Christus hat sie nicht verlassen, wie sie meint. Vielmehr ist er ihr nahe und will ihr helfen, ihre Depressionen zu tragen.

Der Glaube geht nicht im Fürwahrhalten von bestimmten Aussagen über Gott auf. Gott will in Jesus Christus als Person – um seiner selbst willen – geliebt werden. Luthers ganze Theologie zeigt, dass und wie Gott dem Menschen im Glauben an Jesus Christus das Heil schenken will.

Es gibt nur wenige Theologen, die sich so wie der Reformator in die Person Jesu Christi vertieft haben. Seine Theologie ist radikal auf Jesus Christus hin ausgerichtet – ein in der Kirchengeschichte fast einmaliger Vorgang.

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge und Spiritualität an der Universität Leipzig.

Literaturhinweis
Zimmerling, Peter: Evangelische Spiritualität. Wurzeln und Zugänge, Vandenhoeck & Ruprecht, 310 S., ISBN 978-3-525-56700-5, 50 Euro

Unser Glaubenskurs 2017 beschäftigt sich passend
zum Reformationsjubiläum mit der Theologie Martin Luthers. Monatlich werden wir
einen der reformatorischen
Schwerpunkte unter die Lupe nehmen. Den Auftakt bildet das Thema »solus Christus«: allein Jesus Christus.
Von Peter Zimmerling
Theologie und Glaube Martin Luthers lassen sich mit Hilfe der sogenannten vier Exklusiv­partikel auf den Punkt bringen: solus Christus, sola scriptura, sola gratia, sola fide – allein Christus, allein durch die Schrift, allein aus Gnade, allein der Glaube. Diese sind verantwortlich für eine einzigartige Konzentrationsbewegung. Dabei bildet das solus Christus die inhaltliche Mitte. Jesus Christus ist der klarste Spiegel des väterlichen Herzens Gottes.
Zeit seines Lebens geht es Martin Luther in seiner Frömmigkeit um die persönliche Gegenwart des auferstandenen Jesus von Nazareth. An ihn glaubt er mit der ganzen Glut seines Herzens. In der Gegenwart Jesu Christi möchte er leben. In ihm ist Gott dem Menschen unüberbietbar nahegekommen. In ihm hat Gott sein innerstes Wesen offenbart. »Unter allen Geboten Gottes ist das höchste, dass wir seinen lieben Sohn, unsern Herrn Jesum Christum, sollen uns vorbilden, der soll unsers Herzens täglicher und vornehmster Spiegel sein, darin wir sehen, wie lieb uns Gott hat, und wie er so hoch, als ein frommer Gott, für uns hat gesorget, dass er auch seinen lieben Sohn für uns gegeben hat.«
Darum ist das Grunddatum von Luthers Glaube die Inkarnation, die Geburt des Sohnes Gottes als Baby in der Krippe von Bethlehem, die wir an Weihnachten feiern. Luther ist der erste »Weihnachts-Christ« der Neuzeit. Weil im Zentrum seiner Spiritualität der in Jesus Christus offenbar gewordene liebende Gott steht, bekennt er: »Gott ist ein glühender Backofen voll Liebe.«
Die Freude über die in Jesus Christus erschienene Liebe Gottes wirft einen Glanz der Dankbarkeit über das Christsein, alles Ängstliche verschwindet. Dadurch kommt eine ganz neue Wärme in
das Verhältnis des Menschen zu Gott.
Diese Wärme zeigt sich sehr schön in einem Brief Luthers vom 10. Juni 1527 an Elisabeth, der Frau seines Freundes Johann Agricola, die wohl unter Depressionen litt. Luther und seine Frau hatten sie in einem früheren Brief zu einem Ortswechsel nach Wittenberg eingeladen: »Der ehrhaftigen und tugendsamen Frau Elisabeth Agricolae, Schulmeisterin zu Eisleben, meiner lieben Freundin. Gnade und Friede, meine liebe Elsa! … Du musst aber nicht so kleinmütig und verzagt sein, sondern denken, dass Christus nahe ist und hilft dir dein Übel tragen. Denn er hat dich nicht so verlassen, als dir dein Fleisch und Blut eingibt. Allein, ruf du nur mit Ernst von Herzen, so bist du gewiss, dass er dich erhöret, dass es seine Art ist, helfen, stärken, trösten alle die, so sein begehren.«
In der Seelsorge ließ sich früher häufig ein problematischer Umgang mit Depressiven erkennen. Sie standen unter dem Generalverdacht, dass unausgesprochene und unvergebene Sünden verantwortlich seien für ihre seelischen Probleme. Luther schlägt eine ganz andere Richtung ein. Sein Rat entpuppt sich als reiner Zuspruch. Elsa soll den negativen Einreden positive Gedanken entgegensetzen: Christus hat sie nicht verlassen, wie sie meint. Vielmehr ist er ihr nahe und will ihr helfen, ihre Depressionen zu tragen.
Der Glaube geht nicht im Fürwahrhalten von bestimmten Aussagen über Gott auf. Gott will in Jesus Christus als Person – um seiner selbst willen – geliebt werden. Luthers ganze Theologie zeigt, dass und wie Gott dem Menschen im Glauben an Jesus Christus das Heil schenken will.
Es gibt nur wenige Theologen, die sich so wie der Reformator in die Person Jesu Christi vertieft haben. Seine Theologie ist radikal auf Jesus Christus hin ausgerichtet – ein in der Kirchengeschichte fast einmaliger Vorgang.

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge und Spiritualität an der Universität Leipzig.

Literaturhinweis
Zimmerling, Peter: Evangelische Spiritualität. Wurzeln und Zugänge, Vandenhoeck & Ruprecht, 310 S., ISBN 978-3-525-56700-5, 50 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchen­zeitung: Telefon (0 36 43) 24 61 61

Dem Geheimnis Gottes auf der Spur

16. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Experten im Glauben, die zwei Bestseller-Autoren Anselm Grün und Tomáš Halík widmen sich dem Unglauben

Sie sind Profis in Sachen Glaube. Beide Theologen, Geistliche, katholisch: Anselm Grün und Tomáš Halík. Gemeinsam widmen sich die beiden Bestseller-Autoren einem Phänomen, von dem sie meinen, dass es für den Glauben eine wichtige Rolle spielt, dem Unglauben, dem Zweifel. »Gottlos werden? Wenn Glaube und Unglaube sich umarmen« – In ihrem Buch sprechen sie dem Zweifel, dem Unglauben, eine für den Glauben vitale, fruchtbare Funktion zu. Glaube und Unglaube, so stellen sie ausführlich dar, gehören zusammen, brauchen einander. Glaube sei ohne Zweifel nicht zu haben.

Tomáš Halík. Foto: Vier-Türme-Verlag

Tomáš Halík. Foto: Vier-Türme-Verlag

In die Welt des Glaubens sind die beiden Männer auf ganz unterschiedliche Weise geraten. Der eine wurde hineingeboren, der andere hat sich hineingezweifelt. Für Anselm Grün war der Glaube wie ein feststehendes Haus, unerschütterlich, Geborgenheit spendend. Er wuchs in einer katholischen Familie unmittelbar neben der Kirche auf. Drei Geschwister seines Vaters waren Benediktiner. »Mein Vater war der Einzige in der Familie, der geheiratet hat«, erzählt Anselm Grün. Er selbst äußerte schon als 10-Jähriger den Wunsch, Priester zu werden. Zunächst habe ihn der Glaube so selbstverständlich umgeben, dass der Atheismus nicht zur Anfechtung wurde. Aber im Kloster dann, »als ich alles auf die Karte Gottes gesetzt hatte, wurde die Frage des Atheismus für mich zu einer persönlichen Frage«. Heute, so gibt der Benediktinerpater zu verstehen, ist der Zweifel sein stetiger Begleiter. Wenn er predige, frage er sich immer, ob es stimmt, was er sagt oder ob er sich etwas vormache.

Anselm Grün. Foto: Willi Wild

Anselm Grün. Foto: Willi Wild

Anders war das bei Tomáš Halík. Er kennt den Zweifel von seiner Jugend an. Er wurde 1948 in der Tschechoslowakei geboren und ist dort aufgewachsen, in einem Land, in dem der Atheismus vonseiten des Staates angeordnet war. »Als 16-Jähriger zweifelt man in der Regel an allen von außen herangetragenen und aufgezwungenen Wahrheiten.« Und so stellte er die Dogmen jener vom Regime aufgezwungenen Ideologie infrage. Bis er sich schließlich am Ende eines langen und verschlungenen Weges zum christlichen Glauben durchgezweifelt hatte.

Halík arbeitete während des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei als Psychotherapeut und wurde 1978 heimlich in Erfurt zum Priester geweiht. Er war enger Mitarbeiter von Kardinal Tomášek sowie Berater von Václáv Havel. Heute ist er Professor für Soziologie an der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität und Rektor der Universitätskirche St. Salvator in Prag.

Die beiden Autoren beschäftigen sich in ihrem Buch intensiv mit dem Atheismus, dem sie eine dem Glauben dienende Bedeutung zusprechen. Die Vorstellungen, die Bilder von Gott seien ebenso vielfältig wie die Art und Weise und unter welchen Pseudonymen Gott einen Menschen anspricht. Vor diesem Hintergrund, so Halík, erinnere der Atheismus daran, dass jeder menschliche Begriff in Beziehung auf Gott nur wie ein Finger ist, der auf den Mond zeigt und nicht der Mond selbst. Wissen wir also gar nichts von Gott? Wenn fast alles ungewiss ist, was ist gewiss? Halíks Antwort fällt kurz und knapp aus: »Gott ist Geheimnis.«

Der Weg des Glaubens, den die beiden Priester gegangen sind, ist ein langer. Sie haben sich unter anderem mit atheistischen Philosophen und mit der Psychologie auseinandergesetzt. Sie kennen die Anfechtungen des Glaubens durch den Zweifel persönlich und aus der Erfahrung als Seelsorger. Die Erkenntnisse, die sie als Gläubige gewonnen haben, sind einander ähnlich, fast identisch, aber sie öffnen mit ihrer Sprache unterschiedliche Fenster. Sie gewähren damit interessante Einblicke in ihre Glaubenswirklichkeit, Einblicke in das Zuhause zweier Christen, Gottsucher, deren Berufung es ist, dem Geheimnis Gottes näherzukommen.

Für Anselm Grün bedeutet Glauben, Gott zu suchen. Er begegne sehr oft Menschen, die gern glauben möchten, jedoch meinen, dies nicht zu vermögen. Ihnen sage er, die Sehnsucht, glauben zu wollen, sei schon Glauben. Im Fragen und Suchen sieht der Benediktinermönch die Chance, tiefer in den Glauben vorzudringen. »Eine Frage stellen heißt, so sagt es uns die deutsche Sprache, eine Furche graben. Wenn wir uns infrage stellen lassen in unserem Glauben, dann lassen wir in den Acker unserer Seele eine Furche graben. Und in dieser Furche kann eine neue Saat aufgehen. Da kann unser Glaube neu aufblühen. Er wird immer wieder aufgelockert, damit er mehr Frucht bringt. Die Frage zwingt uns, immer tiefer zu überlegen: Wer bin ich eigentlich? Was ist das Leben? Was ist der Mensch? Was oder wer ist Gott?« Wer der Frage bis auf den Grund folge, werde immer tiefer in den Grund seiner Seele vorstoßen. »Und auf dem Grund meiner Seele stoße ich auf das Geheimnis, das größer ist als ich: das Geheimnis Gottes.«

Für Halík ist Gott ebenfalls Geheimnis, und Glaube die Sehnsucht, diesem näherzukommen. »Mit einem Geheimnis können wir nie fertig werden, es hat keinen Boden. Das bedeutet nicht, dass wir vor dem Eintreten in das Geheimnis ein Stoppschild stellen müssten, im Gegenteil: Das Geheimnis bietet eine unausschöpfliche Menge von Interpretationsmöglichkeiten. Nur müssen wir uns bewusst sein, dass alle unsere Ausdrücke, die wir für das Geheimnis benutzen, den Charakter eines Bildes, eines Gleichnisses, einer Metapher oder bestenfalls einer Analogie haben.«

Das Buch hält reichlich Glaubensgewissheiten und Einsichten bereit. Nach all den Ausführungen über den Unglauben und die Skepsis darf man schlussfolgern, dass diese Einsichten und Gewissheiten Früchte sind, gewachsen in kritischen Phasen, in Zeiten der Anfechtung und des Fragens. Denn wie Halík sagt, gewinnt er neue Einblicke meistens nach Krisen. Sie tauchen dann auf, Einblicke, sind wie Licht­strahlen, die auf dem Glaubensweg weiter voranbringen.

Sabine Kuschel

Grün, Anselm/Halík, Tomáš/Nonhoff, Winfried (Hg.): Gott los werden? Wenn Glaube und Unglaube sich umarmen, Vier-Türme-Verlag, 207 Seiten, ISBN 978-3-7365-0030-3, 19,99 Euro

Die Zeichen am Himmel

9. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Epiphanias: Wer waren die Weisen aus dem Morgenland, die von einem Stern nach Bethlehem geführt wurden?

In den biblischen Weihnachtsgeschichten werden die Weisen aus dem Morgenland von einem strahlenden Stern nach Betlehem geführt. Wenn man genau hinschaut, spielt der Stern aber nur eine kleine Rolle am Rand, eine eher symbolische. In der christlich geprägten Kultur gilt er freilich bis heute als ein zentrales Weihnachtslogo. Der leuchtende Himmel über der Krippe signalisiert, dass sich damals in Betlehem etwas Weltbewegendes abgespielt hat, etwas, das den Kosmos und die Geschichte veränderte.

Der Evangelist Matthäus erzählt von sternkundigen Magiern aus dem Orient, die plötzlich in Jerusalem auftauchen, nach einem neugeborenen König fragen und damit für Verwirrung sorgen. Der Thron des kleinen Königreichs Judäa ist ja besetzt, von dem ziemlich fähigen Politstrategen und Städtegründer Herodes.

Der Friedenskönig in der Krippe

Wer sind diese Magier gewesen? »Weise Männer« heißen sie in den einen Bibelübersetzungen, »Sterndeuter« in anderen. Der Begriff »Magier« bezeichnete damals oft einen persischen Priester oder Prinzenerzieher – mit Geheimwissen ausgestattet und in heiligen Offenbarungen bewandert. Bibelwissenschaftler sehen die Sternkundigen eher in Babylon beheimatet, denn dort gab es vitale jüdische Exilgemeinden, und in Babylon blühte die Astrologie. Dass es drei Magier gewesen seien oder dass es sich um Könige gehandelt habe, wie unsere Krippendarstellungen vermuten lassen, davon steht kein Wort in der Bibel.

In der Antike galt: mit der Geburt eines großen Menschen erscheint ein neuer Stern am Himmel. Foto: mj_musik – fotolia.com

In der Antike galt: mit der Geburt eines großen Menschen erscheint ein neuer Stern am Himmel. Foto: mj_musik – fotolia.com

Was wollten die frühchristlichen Gemeinden, in denen die Geschichte von den Sterndeutern entstand und weitererzählt wurde, eigentlich sagen? Nicht die Umstände der Geburt Jesu hätten sie interessiert, erläutern die Bibelexperten, sondern der Trost für das geknechtete Volk Israel und die Christusverkündigung: Schon das Kind in der Krippe sollte als Friedenskönig und Erlöser vorgestellt werden. Matthäus habe zusätzlich die verachteten Heiden aufwerten wollen: Wie man an den Sternkundigen sehen kann, suchen auch die Heiden die Wahrheit und werden von Gott geleitet.

Vor allem aber folgt die Geschichte dem beliebten antiken Erzählmuster von der wundersamen Rettung gefährdeter und verfolgter Königskinder: Augustus, Alexander der Große, Kyrus, Mose – immer dieselbe Legende von einem um seinen Thron fürchtenden, blutige Gewalt ausübenden Machthaber, und von himmlischen Mächten, die solche Pläne durchkreuzen und den künftigen Herrscher vor dem Tod bewahren. Dazu kommt das Motiv des Sterns – in der Antike ein allgemein verständliches Symbol, um königliche Ansprüche anzuzeigen. Mit der Geburt eines großen Menschen erscheint ein neuer Stern am Himmel.

Theologen der frühen Kirche, aber auch Naturwissenschaftler späterer Jahrhunderte hielten den mit Jesu Geburt verbundenen Stern allerdings nicht nur für ein sprechendes mythisches Symbol, sondern für ein ganz reales Himmelsphänomen.

Die »große Konjunktion« am Sternenhimmel

Eine gewisse Plausibilität könnte die sogenannte große Konjunktion der Planeten Jupiter, Saturn und Mars im Sternbild Fische beanspruchen, die um das Jahr 7 oder 6 vor Christus dreimal nacheinander auftrat und erstmals von Johannes Kepler exakt berechnet wurde. Dreimal begegneten sich die Planeten: Saturn auf der äußersten Bahn um die Sonne laufend, Jupiter auf einer mittleren und die Erde auf der Innenbahn. Was wenig mit unserem Weihnachtsdatum zu tun hat, aber den Geburtstag Jesu kennt kein Mensch, und das Weihnachtsfest verdankt sich vermutlich einem Versuch des Kaisers Konstantin, ein altes Fest des Sonnengottes christlich zu besetzen. Inwieweit die »große Konjunktion« am Sternenhimmel von der Erde aus überhaupt wahrgenommen werden konnte, warum das gerade in Betlehem so deutlich der Fall gewesen sein soll und ob die einander begegnenden Planeten wirklich als ein gewaltiger Stern erschienen, darüber zerbrechen sich Astronomen bis heute die Köpfe.

Das sind interessante Spekulationen. Es kann so gewesen sein – oder auch nicht. Auch hier wieder ist der Symbolwert wichtiger als die Frage, ob das alles wirklich so stattgefunden hat. Jupiter galt in der antiken Mythologie als Königsstern und als Attribut der höchsten Gottheit Babylons, Saturn hingegen als kosmischer Repräsentant des jüdischen Volkes. Das heißt, in dieser seltenen Planetenkonstellation liefen alle Hoffnungen einer verzweifelten Welt auf die Geburt des wahren Königs und Retters wie in einem Brennspiegel zusammen. Vor allem für Palästina konnte man die Sensation am Himmel als Glücksbotschaft interpretieren.

Was allerdings zu jener Zeit noch niemand ahnen konnte: Die Zeichen am Himmel kündigten eine wahre Revolution auf der Erde an, eine Umwälzung aller gängigen Begriffe: Das schutzlose, in einem erbärmlichen Stall geborene, von Herodes verfolgte »Sternenkind« von Betlehem stellt die bisher geltenden Vorstellungen von Macht und Herrschaft auf den Kopf.

Die Liebe wird das Sternenkind von Bethlehem ans Kreuz bringen, aber die Macht dieser Liebe überdauert den Tod. Passion und Tod symbolisiert die kostbare Myrrhe, die einer der Magier dem Jesuskind darbringt und die in der Antike als Parfum und Aphrodi­siakum verwendet wurde, aber auch zur Einbalsamierung von Leichen.

Christian Feldmann

Auf den Pfaden des Wunders

27. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Weihnachten lädt ein, darüber zu meditieren, wie wir Gott begegnen können. Die Evangelisten Lukas und Matthäus helfen dabei mit ihren wunderbar komponierten Weihnachtsgeschichten.

Lukas und Matthäus berichten – symbolisch fein verdichtet – von vier Gruppen, die alle das Weihnachtswunder erleben, auch wenn sie auf ganz unterschiedlichen Pfaden zu Gott unterwegs sind.

Heilige Familie, Gemälde von Lorenzo Costa (1460–1535). Foto: The Yorck Project

Heilige Familie, Gemälde von Lorenzo Costa (1460–1535). Foto: The Yorck Project

Maria und Josef: Die erste Gruppe ist klein, ein junges Paar. Beide tun sich anfangs schwer miteinander. Was weiß schon der eine vom anderen? Maria macht eine überwältigende Gotteserfahrung, erlebt »große Dinge« (Lukas 1,49), die sie weit über ihr Alltagsbewusstsein hinausheben in die namenlose Freude Gottes. Sie kann nicht darüber sprechen, bewegt alles in ihrem Herzen und läuft vor Josef weg zu einer Verwandten. Er schlägt sich mit Zweifeln herum, weiß lange nicht, was er tun soll, folgt schließlich aber mutig dem Engel seiner Intuition (Matthäus 1,20). Aus seinem Ja zu Maria wird ein Ja zum Göttlichen, das ungewöhnliche Anfänge setzt: »Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.« (Lukas 1,37)

Für das Neue, das durch zwei Liebende in die Welt kommen will, gibt es kein Vorbild. Wie jedes Paar müssen Maria und Josef ihren einmaligen Pfad zu Gott selbst entdecken – indem sie gemeinsam dem immer werdenden, schöpferischen Gott entgegengehen. Josef nennt das Kind »Gott mit uns«, Maria nennt es »Retter«. Sie entdecken zusammen die rettende Liebe in ihrem Ja zu dem, was ihnen Gott, der Lebendige, zutraut. Das ist der Pfad der Beziehung von Mann und Frau. Der Pfad des Vertrauens hin zur himmelweiten Herberge der Liebe, die größer ist als beide zusammen.

Die Hirten auf den Feldern repräsentieren die zweite Gruppe. Sie stehen gesellschaftlich eher am Rand. Sie besitzen fast gar nichts. Sie haben nichts zu verlieren. Die Hürden, in deren Nähe sie ihre Schafe hüten müssen, setzen ihnen deutliche Grenzen. Ihr Spielraum ist klein, ihr Leben karg, ihre Wirklichkeit hart. Ihre Erfahrung ist in und mit der Natur gereift. Von Berufs wegen müssen sie immer eines sein: aufmerksam und wachsam. Ihre Sorge um die Schafe und die Angst vor wilden Tieren trainiert die Sinne, schult die Achtsamkeit. Hirten sind gewohnt zu wachen. Sie wissen, wie wichtig es ist, sofort reagieren zu können, wenn etwas Ungewöhnliches passiert. Diese Wachsamkeit ist der spirituelle Schlüssel, um den Gesang der Engel zu hören. Nur wer wach ist, erlebt das »Sakrament des Augenblicks«. Die Hirten reagieren spontan wie Kinder: staunen, hinlaufen, schauen, davon erzählen. Alles ist so simpel wie die Zeichen »Windeln« und »Krippe«. Ihr Herz ist sofort offen für das Wunder. Ihre Augen leuchten. Ihnen reicht es, dass sie sich nicht fürchten müssen. Sie sind befreit, fern von den Hürden ihres armseligen Alltagslebens. Sie kommen mit leeren Händen und empfangen alles: »Und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie.« (Lukas 2,9) Das ist der Pfad der Achtsamkeit für das offene Geheimnis Gottes, das man nur mit dem Herzen erfassen kann.

Die Magier aus dem Morgenland sind die dritte Reisegruppe. Sie verkörpern den höchsten astronomisch-astrologischen Wissensstand der damaligen Zeit. Sie sind gebildet und in der Lage, aus Langzeitbeobachtungen bestimmter Sternenkonstellationen Prognosen zu entwickeln. Dank ihrer Analysen können sie aus ihren Sternenkarten Schlüsse ziehen auf sich ankündigende historische Veränderungen: auf große Verschiebungen im Weltgeschehen und in Glaubensdingen. Früher als alle anderen sind sie aufgebrochen, in die Fremde, dem Kommenden entgegen, nur geführt vom Sternenlicht ihres kosmischen Bewusstseins. Ihr Erkenntnisinteresse und Forschergeist führt sie auf unbekannten Wegen in spirituelles Neuland. Ihr Exodus erspart ihnen aber keine Umwege und Irrtümer.

Auch kluge Köpfe können unversehens erst einmal bei den alten Machtstrukturen landen, wie die Magier bei Herodes. Damit die spirituelle Reise glücklich ans Ziel kommt, braucht es einen klaren Verstand, Unterscheidungsfähigkeit und nüchterne Selbstkritik zur mutigen Korrektur herkömmlicher religiöser Positionen. So entdecken die Magier Gott ganz neu – durch Loslassen.

Alles Kostbare, das sie aus ihrer alten Tradition mitgebracht haben, machen sie dem göttlichen Neubeginn zum Geschenk: ihr reiches Wissen, ihren Erfahrungsschatz, ihre interreligiösen Bewusstseinsfortschritte. Das ist der Pfad des Forschergeists, der die weit gereisten spirituellen Sucher in großzügig-heilige Könige verwandelt.

Simeon und Hannah, die Alten im Tempel. Wieder zwei, die nach Gott Ausschau halten. Sie gehen den unspektakulären, verlässlichen Pfad der Tradition. Den Weg, den ihre

Eltern und Großeltern kannten und unzählige Generationen davor. Sie haben sich ihr Leben lang »beim Tempel gehalten«, um hier Gott zu begegnen. Sie verkörpern die Treue zum Weg des Glaubens, wie er überliefert ist. Durch ihre Präsenz und ihr Gebet halten sie im Tempel den Raum offen, wo Gott geschehen kann. Darum stehen sie gar nicht an der Krippe. Sie bekommen das wunderbare Geschehen der Heiligen Nacht gar nicht unmittelbar mit.

Ausgerechnet sie, die beiden Frommen, sehen das neugeborene Gotteskind als Letzte. Aber sie erfahren nicht weniger als die anderen. Durch ihr verbindliches Gebetsleben sind sie alt und weise geworden. Als sie das Kind endlich sehen, wissen die beiden sofort, dass Gott sie in seine Zukunft schauen lässt. Ihre Geduld hat sie für die Klarsicht des Heiligen Geistes geöffnet, mit der sie erkennen können, dass Gott Mensch geworden ist.

Sie bezeugen, dass wir Gott in diesem Kind und – oh Wunder! – in jedem anderen Menschen erkennen können. Das ist der Pfad der gereiften Kontemplativen, deren innere Reise vom Bewusstsein für das Heilige in uns allen geleitet wurde. Es ist ihre Würde, die der etablierten Religion hilft, die eigene Tradition mit einem mutigen und allumfassenden Segen für das »Werdenkönnen« Gottes in allem Neuen zu verbinden.

Vier Pfade unter dem besonderen Segen Gottes: die gemeinsame Kreativität der Liebenden, die am Schöpferprozess Gottes teilhaben. Die Freude der Menschen, die wenig haben, vom Rand der Gesellschaft, die die gute Nachricht beglückt weitergeben. Die Klugheit der Forscher, deren kosmisches Bewusstsein den Schatz unserer Gotteserkenntnis mehrt. Und die Allgüte der Betenden, die das göttliche Kind in uns allen segnen. Vier wechselnde Pfade, Schatten und Licht – alles ist Gnade. Fürchte dich nicht!

Marion Küstenmacher

Die Autorin ist zusammen mit ihrem Mann Werner Tiki Küstenmacher Chefredakteurin des monatlichen Newsletters »Simplify your life«.

Sie erkannten die Zeichen der Zeit

18. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Anders als ihr Ruf: Hirten genossen zur Zeit Jesu Vertrauen und Respekt

Kommt, wir wollen nach Bethlehem gehen, um das Ereignis zu sehen, das der Herr geweissagt hat.« So sprechen die Hirten und brechen auf. Jahr für Jahr hören wir ihre Botschaft, dass ein Kind geboren worden sei, dass es in einer Krippe liege und dass bald das ganze Volk von einer großen Freude ergriffen werde. Aber was wissen wir über sie, die Hirten?

»Räuber und Betrüger« sollen sie gewesen sein, »Strolche und Tagediebe«. So sagen es einige Exegeten. Aber waren die Hirten zur Zeit Jesu tatsächlich zwielichtige Gestalten, genauso verdächtig und unbeliebt wie Zöllner und Steuereintreiber, ständig in der Versuchung, in die eigene Tasche zu wirtschaften, das eine oder andere vom Ertrag der Herde zu ihren Gunsten zu unterschlagen? – Ich glaube das nicht.

Die Hirten beim Krippenspiel. Foto: epd-bild

Die Hirten beim Krippenspiel. Foto: epd-bild

»Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.« Wie kommt der Hirte zu diesem Ehrentitel – wie im 23. Psalm –, wenn er doch ein verschlagener Lotterbube gewesen sein soll? Nein, der Hirte war nach allem, was ich über ihn in Erfahrung bringen konnte, eher eine Vertrauens-, eine Respektsperson. Denn Land- und Viehwirtschaft bildeten in der altorientalischen Welt die Lebensgrundlage. Das Vieh lieferte Milch, Wolle, Fell und Fleisch. Manche Tiere dienten als Arbeitskräfte. Aber nicht nur das. Die wandernden Viehherden wurden gebraucht, um das bewirtschaftete Land zu düngen und zu »überhüten«. Das bedeutet, die Schafe wurden über die Getreidesaaten getrieben, nicht zu schnell und nicht zu langsam, sondern gerade so, dass sie einen Teil der jungen Halme wegfraßen, sodass die übrigen umso kräftiger wuchsen. Auch zum Dezimieren des Unkrauts diente das Überhüten.

Der Hirte – oder die Hirtin, denn es waren auch Frauen darunter – war also nicht nur ein bloßer »Aufpasser«. Er musste seine Herde nicht nur vor wilden Tieren und Dieben schützen. Er war – wie wir heute sagen würden – eine Fachkraft und hoch qualifiziert. Er musste sich auskennen mit Wind und Wetter, den Eigenarten der Böden und Pflanzen. Er musste wissen, wo Wasserstellen waren und wo seine Tiere sicher lagern konnten. Er brauchte züchterische Erfahrung für die Vermehrung der Tiere. Er musste sie vor Erkrankungen schützen, sie richtig füttern und tränken, melken, scheren und schlachten. Und: Er musste rechnen können. Denn wenn er mit seiner kleinen Herde nicht nur sich und seine Familie durchbrachte, sondern Lohnhirte war für größere Viehbestände, dann wurde einmal im Jahr mit dem Besitzer abgerechnet, und der Hirte bekam seinen Lohn aus dem Ertrag der Herde.

Das Land Palästina besteht überwiegend aus Gebirge und Steppen. Hier wurden vor allem Kleinviehherden aus Schafen und Ziegen gehalten. Jeden Morgen zogen die Hirten mit ihrer Herde los, im Sommer über das abgeerntete Kulturland, im Winter über die Steppe. Sie waren bewaffnet mit »Stecken und Stab« und einer Steinschleuder, mit einer Provianttasche, einem Zelt und – ganz wichtig – einem Wasserschlauch. Hier draußen in der Abgeschiedenheit waren die Hirten oft auf sich allein gestellt, allenfalls begleitet von einem Hütehund. Das Flötenspiel war oft die einzige Abwechslung. So zogen sie von Weideplatz zu Weideplatz, von Wasserstelle zu Wasserstelle und dann zum nächtlichen Ruheort auf freiem Feld, in Höhlen oder in Pferchen aus Steinen oder Gestrüpp. Die Hirten kannten sich aus in ihrer Gegend, in ihrem Land.

Sie waren geschätzt, nicht verachtet. »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.« Das Alte wie das Neue Testament sind voll von respektvollen Anspielungen auf das Hirtenamt. Und viele Christen nennen nicht von ungefähr den Leiter ihrer Gemeinde »Pastor«, »Hirte«.

Der Hirte verkörpert die Legitimität einer Herrschaft des Einzelnen über die vielen, die er nicht aus Willkür oder Abstammung bezieht, sondern daraus, dass er Verantwortung übernimmt für Versorgung, Schutz und Ordnung – und sich bewährt.

Doch diese Vollmacht des Freien, der sich mit Verantwortung und mit Verstand an seine Herde bindet, kam mehr und mehr unter die Räder, als die Römer kamen. Sie bevorzugten bei der Lebensmittelproduktion vor allem die Getreidewirtschaft – vielleicht auch deshalb, weil sich Getreide­erträge besser besteuern, lagern und exportieren ließen als die Erträge der Viehwirtschaft. Diese wurde zurückgedrängt. Der soziale Abstieg der Hirten begann. Viele verloren ihre Arbeit, wer Hirte blieb, wurde nur noch kärglich entlohnt.

Mag sein, dass die Not dieser Zeit manchen Hirten dazu trieb, eine fremde Weide zu nutzen und das eine oder andere Lamm zu unterschlagen. Mag sein, dass ihr Ruf dadurch litt. Mit Sicherheit aber gehörten die Hirten zu jenen, die die Folgen der römischen Herrschaft und die Zeichen der Zeit mit als Erste erkannten. Vielleicht waren sie, die an den Rand Gedrängten, Hüter der Herden, besonders empfindsam für das Vergehen am Volk. Und vielleicht traten in jener Nacht, als in einem Stall zu Bethlehem – in einem Stall! – ein Kind geboren wurde, die Worte des Propheten Micha ganz klar aus der Erinnerung vor ihre Augen, als hätte ein Engel zu ihnen gesprochen:

»Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. (…) Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des Herrn und in der Macht des Namens des Herrn, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. Und er wird der Friede sein.« (Micha 5,1-4)

Jörg Göpfert

Der Autor ist Studienleiter Umwelt und Soziales an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt.

»So echt, so wahnsinnig und so göttlich«

11. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Extrem – das ist die Vokabel, die im Zusammenhang mit dem deutschen Ausnahme- Kletterer Thomas Huber häufig fällt. Dass der 50-Jährige neben seinem Image als Abenteurer eine nachdenkliche und von seiner christlichen Erziehung geprägte Seite hat, konnte Adrienne Uebbing im Gespräch mit ihm in Leipzig erfahren.

Herr Huber, Sie sind Bergsteiger und Extremkletterer und haben vor diesem Hintergrund sicher eine ganz besondere Einstellung zum Thema Achtsamkeit?
Huber: Achtsamkeit hat verschiedene Aspekte. Das Allerwichtigste ist, dass wir achtsam mit unserer Umwelt sind, also mit unserem Lebensraum – und natürlich mit unserem sozialen Umfeld: Dass man für den Nächsten alles tut, dass man ihm kein Bein stellt, mehr tut für den anderen als für sich selbst – das heißt für mich Achtsamkeit. Das sind unsere christlichen Werte, die wir vermittelt bekommen haben. Sie sind eigentlich das Wichtigste.

Und dass wir unsere Ressourcen unbedingt schützen müssen. Es geht nicht nur um dich, sondern es geht um deine Kinder und Kindeskinder – dass du ihnen etwas hinterlässt, wie du es vorgefunden hast. So gehen wir zum Beispiel bergsteigen. Wenn wir auf dem Berg sind, versuchen wir, ihn so zu hinterlassen, wie wir ihn vorgefunden haben, um für den Nächsten auch dasselbe Abenteuer bieten zu können.

Thomas Huber – Foto: Archiv Huberbuam; Timeline Production

Thomas Huber – Foto: Archiv Huberbuam; Timeline Production

Das stellt sich ja angesichts der Menschenmassen, die sich gegen Zahlung von viel Geld im Himalaja zu den Gipfeln »bringen lassen«, oft anders dar. Man hört, dass die Wege dort hinauf Müllkippen gleichen …
Huber: Nun, die gehen auf eine ganz andere Art und Weise auf diese Materie Bergsteigen zu. Da geht es um Konsum: Ich will etwas, ich kaufe mir etwas – und ich erarbeite mir das nicht.

Aber wenn du aufgewachsen bist in der Natur, dann hast du eine ganz andere Einstellung. Und du hast dann als Bergsteiger viel zu tun, um alles wieder in Ordnung zu bringen. Wir tun als Bergsteiger meistens mehr für die Umwelt als das, was wir verbrauchen.

Gut – eine Geschichte kommt aber auch bei mir hinzu: Um zu den Orten meiner Expeditionen zu kommen, nutze ich das Flugzeug. Das wirkt sich dann schon negativ auf meinen ökologischen Fußabdruck aus.

Was regt Sie mit Blick auf fehlende Achtsamkeit auf?
Huber: Wir gehen nicht mehr achtsam mit unserer Ernährung um. Ständig entstehen neue Supermärkte, das hat nichts mit Bevölkerungswachstum zu tun. Es geht nur um Umsatz. Und dann wird so viel weggeschmissen! In Ländern wie Argentinien wird fast gar nichts weggeschmissen. Wenn das Regal leer ist, ist es leer – aber bei uns darf kein Regal mehr leer sein. Das ist doch eine Katastrophe, und da müssen wir wirklich umdenken.

Ich glaube, mir als Bergsteiger wird es da etwas leichter gemacht als dem »Normalbürger«. Weil du, wenn du in den Bergen bist, in eine komplett archaische Welt hineingeworfen wirst, wo du zu bestehen hast. Wo du essenziell Verantwortung leben MUSST, auch für deinen Partner – du MUSST das leben. Hier darf ich es, aber da muss ich es! Beim Bergsteigen siehst du, was Vertrauen heißt. Vertrauen zu deinem Partner, das ist essenziell. Und in der heutigen Zeit hast du diese essenziellen Werte nicht mehr.

Wenn du in diese Bergwelt eintauchst, an der Grenze zwischen Leben und Tod – da bist du so nah am Jenseits dran, wie kaum irgendwo anders. Das ist so echt, so ur, so wahnsinnig und auch so genial und so göttlich.

Ich bin sehr dankbar, dass ich das lebe, da wird dir wirklich »der Kopf gewaschen«, und du kommst zurück in die Zivilisation und hast erstmal Schwierigkeiten, dich wieder einzuleben. Du siehst diese Missstände, die bei uns herrschen. Und man ärgert sich dann auch, warum man wirklich so leben muss. Es geht wirklich einfacher. Ich glaube, die Menschheit wäre anders, wenn wir wüssten, was man wirklich braucht, um glücklich zu sein. Man braucht nämlich fast überhaupt nichts.

Was ist Ihre Motivation, immer Neues zu wagen, immer höher, schneller?
Huber: Das hat nichts damit zu tun, dass ich mich beweisen oder zu den Besten gehören möchte. Der Antrieb ist meine persönliche Neugier, so ein Entdecker-Gen. Heutzutage ist dieses Entdecken wahnsinnig schwierig geworden. Aber wir haben Gott sei Dank als Bergsteiger die Möglichkeit, in unentdeckte Zonen vorzustoßen. Ich weiß, wenn ich in diese Wand einsteige: Da war vor mir noch nie ein Mensch. Das ist etwas ganz Besonderes. Ich mache die Tür auf und bin in einer komplett anderen Welt, die sehr archaisch ist. Und die sehr nah an Gott ist.

Welche Rolle spielt Ihr christlicher Hintergrund?
Huber: Viel mehr als die katholische Religion, mit der ich aufgewachsen bin, sind es für mich die christlichen Werte. Ich bin ein gläubiger Mensch. Ich bin Christ, weil ich in dieser christlichen Gesellschaft aufgewachsen bin. Aber ich bin genauso ein Freund von Islam oder Hinduismus.

Jeder hat seinen anderen Ankerpunkt, wie er das Göttliche begreift. Ich finde es falsch, zu sagen, dass wir den richtigen Glauben haben, oder der Islam den richtigen Weg geht, sondern ein jeder geht DEN Weg. Und das Wichtigste ist diese Achtsamkeit, die ich sehr mit Nächstenliebe verbinde.

Es ist nur wichtig, dass du ein guter Mensch bist. In der Bibel steht: Gott ist gütig. Ganz Wurscht, ob jemand im Dschungel lebt und die Sonne anbetet – Gott macht da keine Unterschiede.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Huber: Ich hab den Tod, diese Grenzerfahrung zum Tod, kennenlernen müssen. Ich bin im Sommer – durch einen Routinefehler – sechzehn Meter abgestürzt und bin nachher an die Absturzstelle zurückgekehrt und habe gewusst: Unter normalen Umständen dürfte ich gar nicht mehr da sein. Mich hat da unten wirklich jemand aufgefangen. Und dass ich so schnell genesen bin, da weiß ich, dass jemand will, dass ich noch auf dieser Welt lebe.

Eine Sache habe ich festgestellt: Dass ich Gott sei Dank – und ich war schon oft nahe dran – nicht wirklich Angst vorm Sterben habe. Weil wir alle diesen Weg gehen werden. Man sollte diese Angst verlieren. Das Problem beim Sterben ist, dass es so eine Unmittelbarkeit in sich trägt, die Schwelle von dieser Welt zu dieser nächsten: Da gibt es keine Brücken, über die man gehen kann.

Wenn du alt stirbst, hast du alle Fragen beantwortet, die dir dein Umfeld stellt – deine Kinder, deine Freunde. Wenn meine Eltern irgendwann sterben, ist das traurig, aber ich kann sagen: »Danke, ihr habt mir all meine Fragen beantwortet.« Wenn ich jetzt sterben würde, sind noch so viele Fragen offen.

Welche Fragen beantworten Sie Ihren Kindern, was möchten Sie ihnen vermitteln?
Huber: Ich möchte meine Kinder nicht bewahren, sondern sie auf Gefahren vorbereiten. Wir haben zu viele ängstliche Menschen. Ich sage zu meinen Kindern: Macht was Wildes, aber seid euch bewusst, was passieren kann. Das vermittelt ihnen unglaublich Lebenserfahrung und Lebensstärke. Und sie sind mutig.

Brauchen wir Mut heute besonders?
Huber: Wir brauchen wieder mutige Menschen in unserer Gesellschaft, vor allem angesichts der Herausforderungen, vor denen wir jetzt stehen – wir haben lauter Feiglinge. Jesus war ja auch mutig.


Thomas Huber klettert seit seinem zehnten Lebensjahr. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Alexander machten sie sich als die »Huberbuam« einen Namen als Extremkletterer.
Er lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Berchtesgaden. 2011 wurde bei ihm ein gutartiger Nierentumor diagnostiziert, der operativ entfernt wurde.
Im Juli 2016 stürzte Huber bei Filmaufnahmen an einer Felswand am Brendlberg sechzehn Meter im freien Fall ab und erlitt eine Schädelfraktur; im August 2016 konnte er bereits wieder auf Expedition gehen.
Quelle: Wikipedia

Gott redet – wenn der Mensch schweigt

3. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Kann der Mensch heute noch Gottes Stimme hören?

Auf welche Weise spricht Gott zu den Menschen? Bei der Ankündigung von Weihnachten, diesem Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung, spricht Gott nicht direkt zu Maria. Ein Engel besucht die blutjunge Frau und sagt ihr die Geburt des Gottessohnes voraus. Ebenso wird die Geburt Johannes des Täufers zuvor durch einen Engel angekündigt. Zacharias versieht im Jerusalemer Tempel seinen Priesterdienst, als ihm ein Engel erscheint, der dem alten Mann prophezeit, dass er Vater wird. Zacharias glaubt den Worten des Engels nicht und wird deshalb zum Schweigen verurteilt (Lukas 1,5?ff).

Zacharias: Zum Schweigen verurteilt
Die Geschichte von Zacharias legt nahe, dass in der Beziehung zwischen Gott und Mensch dem Schweigen eine große Bedeutung zukommt. Eigentlich ist es nicht verwunderlich, wenn Zacharias den Worten des Engels nicht glaubt. Er und seine Frau Elisabeth sind alte Leute. Sie können kein Kind mehr bekommen. Die Zeit ist vorbei. Nachdem der Priester im Tempel diese unglaubliche Botschaft vernommen hat, spricht er kein Wort mehr. Wir wissen nicht, was in dem Theologen während dieser etwa neunmonatigen Schweigephase vor sich gegangen ist. Ob er mit sich und seinen Zweifeln zu kämpfen hatte? Ob Gott mit ihm gesprochen hat? Wir kennen nur seine Reaktion nach der Geburt seines Sohnes. Er ist geläutert. Die Bibel überliefert: Der Heilige Geist erfüllte ihn, er weissagte und war voll des Lobes auf Gott!

Foto: ilijaa – fotolia.com

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Im Trubel der Vorweihnachtszeit
Zwischen ihm und uns liegen um die 2000 Jahre Distanz. Aber Gottes Geschichte mit uns ist weitergegangen und sie geht weiter. Wie aber verschafft sich Gott heute Gehör? Und können wir überhaupt seine Stimme hören?

Gott spricht noch immer. Einer, der mit diesem Thema reichlich Erfahrung sammeln konnte, ist Bruder Lukas vom Evangelischen Gethsemanekloster in Goslar. Er weiß: Der Mensch kann Gottes Stimme hören. Allerdings nicht unbedingt im Trubel der Vorweihnachtszeit, wenn vor lauter Einkäufen und Vorbereitungen kaum eine Minute Zeit für Stille bleibt. Wenn Menschen jedoch ihren Alltag hinter sich lassen, zur Ruhe kommen und die Worte der Bibel lesen und hören, merken sie, dass Gott zu ihnen spricht. Das ist Bruder Lukas’ Beobachtung. Gott redet – wenn der Mensch schweigt. »Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!«, erinnert Psalm 46, Vers 11.

Klöster sind schweigende Zeichen
Nun könnte man einwenden, ein Mönch wie Bruder Lukas – er gehört der Christusbruderschaft Selbitz an – widmet sein ganzes Leben Gott. Und Klöster »sind schweigende Zeichen, die zum Himmel weisen, die beharrliche, unbeugsame Mahnung, dass es eine andere Welt gibt, von der diese Welt nur das Abbild, der Hinweis und der Vorschein ist«, wie das Gethsemanekloster auf der Homepage sein Selbstverständnis formuliert. Im Kloster also darf man eher als in der »Welt draußen« mit außergewöhnlichen religiösen Einsichten rechnen. Aber das ist nicht so. Bruder Lukas erzählt von den Zeiten der Stille und des Schweigens im Gethsemanekloster. Diese Angebote seien so begehrt, dass das Haus immer ausgebucht sei, sagt er. Die Menschen könnten in solchen Auszeiten Gottes Stimme hören.

Gott ist kein Automat, der auf Knopfdruck reagiert
Viele Christen meinen allerdings, Gott sei ein Automat, in den man Wünsche eingeben kann, und dass diese auf Knopfdruck erfüllt werden. »Das ist unreifes Gebet«, meint dazu Bruder Lukas. Er zitiert Dietrich Bonhoeffer: »Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott.« Wer die Stimme Gottes hören wolle, solle sich davor hüten, seine Gedanken und Wünsche im Gebet auszubreiten. Wer erfahren will, dass Gott spricht, solle das Wort Gottes lesen, im kontemplativen Gebet betrachten – so lange, bis es spricht. »Das geschieht nicht jeden Tag«, so die Wahrnehmung des Mönches. Manchmal jedoch, beim Meditieren über einen Bibelvers, falle es ihm wie Schuppen von den Augen. Er spürt: »Jetzt redet Gott, das ist Gottes Stimme. Sein Wort ist stark, prägend, es schenkt Gewissheit.« Ein simples Beispiel: »Ich habe heute in der Küche über meinen Bruder geredet, der nicht da ist. Und mit einem Mal kommt das Wort ›du sollst nicht falsch Zeugnis reden!‹ bei mir an. Ich habe den Splitter in meines Bruders Auge gesehen. Der Splitter im Auge des anderen – das war meine Projektion.« Er hat den Balken im eigenen Auge nicht wahrgenommen, ihn stattdessen als Splitter im Auge des anderen gesehen.

Die Versuchungen des Menschen
Aber wie kann ich sicher sein, dass ich Gottes Stimme höre? Verwechsle ich sie möglicherweise mit meiner eigenen? Ich glaube Gott zu hören, in Wirklichkeit ist das nur mein Wunsch? Bruder Lukas’ Antwort ist klar: »Gottes Stimme ist unverwechselbar, deutlich unterschieden von meiner Stimme.« Gleichwohl räumt er ein, dass das Ich, das Ego, täuschungsfähig sei. Der Mönch kommt auf die Versuchungen des Menschen zu sprechen, die da sind: Selbsterhaltungstrieb, Sexualtrieb, Geltungstrieb, Machttrieb. Versuchungen, denen Jesu widersteht.

Gottes Wort wird tun, wozu es gegeben wird
»Zeitlebens wird der Mensch seinen eigenen Willen nicht los«, konstatiert Bruder Lukas. Ein Korrektiv dazu ist das Vaterunser, das Christen in jedem Gottesdienst beten. Sie stellen damit den Willen Gottes über den eigenen, erkennen an, dass Gott anders ist. Sie geben ihm Raum mit den Worten »Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe …«. Darauf zu vertrauen – immerhin geschieht dies in jedem Gottesdienst oder wann und wo auch immer ein Mensch dieses Gebet gen Himmel schickt.

Die meisten Menschen haben keine Zeit, um im Kloster tagelang zu schweigen. Aber einige Minuten täglich Gottes Wort lesen und es wirken lassen – das sollte drin sein. Bruder Lukas weiß, dass der moderne Mensch sich für Stille und Meditation kaum Zeit nehme. Die Klosterfahrung jedoch lehrt: »Wenn ich Gottes Wort höre, betrachte, wird es lebendig in mir. Es wird tun, wozu es gegeben ist. Jeden Tag.«

Sabine Kuschel

Worte gegen die Angst

26. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Advent: Wie die Wochen vor Weihnachten zu einer besinnlichen Zeit werden können, dazu hat der Benediktinerpater und Erfolgsautor Anselm Grün einige Empfehlungen. Mit ihm sprach Willi Wild.

In Ihrem Buch »Achtsam sprechen – kraftvoll schweigen« unterscheiden Sie zwischen dem Sagen, Reden und Sprechen. Worin liegt der Unterschied?
Anselm Grün: Es wird viel geredet und wenig gesprochen. Das wird auch begünstigt durch die kurze Sprache, die wir heute in sozialen Medien per SMS, Twitter oder Facebook verwenden. Dadurch reduziert sich unsere Sprache. Allerdings ist diese Form ja nur virtuell und geschrieben. Schreiben wirkt nie so wie Sprechen. Sprechen kommt immer aus dem Herzen. Und ich spür den ganzen Menschen. In der Stimme wird der ganze Mensch offenbar. Durch das Sprechen kann ein Gespräch, kann ein Miteinander, Gemeinschaft entstehen.

Pater Anselm Grün – Foto: Willi Wild

Pater Anselm Grün – Foto: Willi Wild

Als Christen haben wir aber nur das geschriebene Wort. »Am Anfang war das Wort.« Wo ist die Schnittstelle, der Übergang von der heiligen Schrift zur persönlichen Ansprache?
Anselm Grün: Wir haben nicht ganz genau die Sprache Jesu und die der Evangelisten. Aber wir dürfen vertrauen, dass die Evangelisten die Worte Jesu so überliefern, dass sie uns heute ansprechen können. Ich denke, wenn wir die geschriebenen Worte lesen, können wir schon etwas von der Sprache Jesu erahnen. Zum anderen ist es die Verantwortung derer, die die Bibel vorlesen, ob sie das aus dem Herzen tun oder sich nur selber gefallen wollen und sich mit den Worten schmücken. Wenn jemand durchlässig ist für die Worte Jesu, dann dürfen wir vertrauen, dass Jesus uns dadurch berührt.

Kann das auch passieren, wenn ich mir selber die Worte vorlese oder sie wie ein Mantra vor mir herbete?
Anselm Grün: Die frühen Mönche haben festgestellt, dass negative Gefühle durch Worte verstärkt werden. Die Angst wird verstärkt durch solche Worte: Was denken die anderen von mir, das kann ich nicht und ich bin zu schlecht. Und da sollte man dann ein Wort aus der Bibel nennen als Heilungswort, z. B. Psalm 118: »Der Herr ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht; was können mir Menschen tun?« Ich kann das Wort auch laut sprechen. Indem ich diesen Trost höre, fällt es leichter, dem Inhalt zu trauen. Ich komme dann durch das Wort in Berührung mit dem Vertrauen. Das Vertrauen wird gestärkt und die Angst hat nicht mehr so viel Macht über mich.

Wie kraftvoll ist das heilende, gesprochene Wort?
Anselm Grün: Bibelworte sind keine Zaubersprüche. Sie sind eher Teil in einem Prozess. Zunächst ist es wichtig, Ängste oder Verletzungen wahrzunehmen. Wenn dann ein Bibelwort in einer Situation gesprochen wird, können die Angst oder der Schmerz verwandelt werden. Wir streben heute nur noch nach Veränderung. Wir wollen alles im Griff haben. Der christliche Weg ist die Verwandlung. Worte können mich verwandeln. Können meine Angst langsam verwandeln, aber sie ist nicht total weg.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass das viele Reden oft nur dazu dient, der Stille auszuweichen. Wie halten Sie es selbst mit dem Schweigen?
Anselm Grün: Die ersten drei Stunden am Tag sind Schweigen und Beten. Wenn ich im Kloster bin, versuche ich, abends auch zu schweigen. Auf langen Autofahrten schweige ich meistens oder höre Musik. Nicht nur Berieselung, sondern, um wach zu bleiben. Um aufmerksam Musik zu hören, muss ich auch schweigen können.

Haben Sie eine Empfehlung für Stille und Schweigen im Alltag?
Anselm Grün: Da empfehle ich einfache Rituale. Beispielsweise die Hände auf der Brust zu kreuzen und einfach sich selber anzunehmen mit allen Gegensätzen. Das Kreuz ist ein Bild für das Kreuz Jesu: Jesus umarmt uns am Kreuz. Und weil wir von Christus umarmt sind, umarmen wir uns selber. Das Kreuz ist auch ein Schutz für unseren inneren Raum. So spüre ich: Da unter dem Chaos ist ein innerer Raum der Stille. Am Abend halte ich Gott den Tag hin, ohne ihn zu bewerten. Ich will vertrauen, dass Gott all das, was war, in Segen verwandeln kann. So kann ich still und ruhig werden.

Das Leben ist im Tod unfassbar

20. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wer um einen geliebten Menschen trauert, macht möglicherweise ganz andere Erfahrungen als erwartet. Dass die Welt nicht düsterer wird, sondern in noch kräftigeren Farben leuchtet.

Als dumpfe, schwarze Düsternis habe ich mir die Welt vorgestellt, als ich vor dem Tod meines Vaters auf die Zeit nach seinem Tod zu blicken versuchte. Mein Vater war unheilbar krank, und ich wusste, dass er sterben würde, und vielleicht habe ich deshalb einen sehr körperlichen Teil der Trauer schon vor seinem Tod durchlitten: In unserem letzten gemeinsamen Sommer hatte ich es in manchen Stunden mit einem so scharfen Schmerz zu tun, als schneide mir jemand einen Teil aus meinem Körper heraus, bei lebendigem Leib und ohne Betäubung.

Dieser Schmerz wunderte mich nicht, ich konnte ihn mir sehr wörtlich erklären: Mein Vater war ein Teil von mir, und ich ein Teil von ihm, ihn zu verlieren konnte nicht anders sein als eine Amputation. Ich fühlte mich viel zu jung, mit 37 meinen Vater zu verlieren, und war doch unendlich dankbar, ihn so viele Jahre gehabt haben zu dürfen. So war auf eine seltsame Weise diese abschiedsschwangere Zeit trotz all ihrer Schmerzen ein Geschenk, zerbrechlich und kostbar, weil wir monatelang sehr bewusst auskosten durften, noch beieinander zu sein.

Seelischer Schmerz, hat die Wissenschaft mittlerweile ermittelt, nimmt im Körper dieselbe Gestalt an wie körperlicher Schmerz. Der menschliche Organismus ist ein untrennbares Ganzes, das menschliche Schmerzsystem macht keinen Unterschied zwischen körperlichen und seelischen Schmerzen. Wenn wir Schmerzen haben, schüttet unser Körper schmerzstillende Hormone aus, Hormone, die glücklich machen können, Hormone, die trösten.

Mit Blumen geschmücktes Grab. Foto: Vulkanismus – Fotolia.com

Mit Blumen geschmücktes Grab. Foto: Vulkanismus – Fotolia.com

Gewiss war mein Blut in jenem Sommer häufig von diesen unwillentlich selbsterzeugten Botenstoffen geflutet, denn ich erlebte etwas Überraschendes: Noch nie zuvor in meinem Leben hatte ich die Blumen derart kräftig leuchten sehen, vor allem die roten und die rosafarbenen. Mir war, als schenkten sie mir ihre Farbe ganz besonders deutlich als Zeichen der Lebensfreude und des Lebens; mir war, als sähe ich sie mit den Augen meines todgeweihten Vaters.

Dieses Leuchten hatte viel mit meinem Vater zu tun. Ich ahnte, auch er sieht die Blumen in diesem Sommer ganz besonders kräftig ihre Farben zeigen, und er spürt dabei, dass er gerne noch ein Weilchen hierbleiben würde, hier, im Leben. Es war, als wäre ich selbst viel deutlicher am Leben als zuvor, ja, als nähme ich das Leben überhaupt erst jetzt so intensiv wahr, jetzt, da ich es zum ersten Mal scharf vom Tod unterscheiden konnte.

Dann kam der Tag, an dem mein Vater starb. Noch immer will ich aufschluchzen, wenn ich an diesen Tag denke, wenn ich diesen Satz schreibe. Es ist kein Weinen aus Traurigkeit, sondern ein Weinen aus tiefem Berührtsein. Ein Weinen aus Liebe. Ich bin nicht dabei gewesen, als mein Vater starb, aber wir haben seinen letzten Lebenstag miteinander verbracht. Es war ein Tag voller Zartheit und Wärme, voller Frieden und Humor; ein Tag, der gut zu meinem Vater und zu seinem Leben gepasst hat. Ich werde mein Leben lang dankbar sein für diesen Tag. Er war mir oft ein großer Trost in meiner Trauer.

Dieses Wort, »unfassbar«, hatte ich oft in Todesanzeigen gelesen und nur an der Oberfläche verstanden. Selbst als Journalistin, zu deren Handwerkszeug Wörter gehören und die sehr bedacht mit Worten umgeht, hatte ich nicht vermocht, diesem Wort ganz auf den Grund zu dringen, einfach weil ich die Tiefen nicht gekannt hatte, die dieses Wort beschreibt. Jetzt plötzlich erfuhr ich die Bedeutung von »unfassbar« wirklich. Im Kopf wusste ich ganz genau, dass mein Vater gestorben ist. Auch meine Seele, mein Wesen versuchte dieses Neue, nie Dagewesene zu fassen, zu begreifen, aber meine Hände fassten ins Leere. Es war unfassbar.

Wie ein großes schwarzes Loch hatte ich mir die Zeit nach Papas Tod vorgestellt. Statt der erwarteten Dunkelheit umfing mich etwas völlig anderes: Ich fühlte mich von allen Seiten umgeben von Liebe, von Wärme, umfangen von einer unsichtbaren Zärtlichkeit, die war wie die Sonne, wie ein milder Wind im Sommer. Ich erinnerte mich daran, was meine Mutter mir als Kind erzählt hatte. Meine Mutter war 40 Jahre alt, als ihre Mutter starb, die sie sehr geliebt hat, und eines Tages hatte ich sie gefragt, wie der Tod ihrer Mutter für sie war. Wie sie ihn ausgehalten hat. Da hatte sie erzählt, sie habe in den Tagen nach deren Tod das Gefühl gehabt, ihre Mutter sei sehr nahe um sie herum, sehr tröstlich anwesend auf eine unsichtbare Weise.

Das war genau das, was ich in den Tagen auch spürte.

Nicht dunkel, sondern licht und hell und zärtlich war die Welt, und mein Inneres ähnelte einem wohlbekannten, paradiesischen Zustand: Ich war wie verliebt. Als profane Erklärung dafür ließe sich sicher anbringen, dass mein Organismus nach dem Tod eines so geliebten Menschen mit derart vielen schmerzstillenden Hormonen reagiert hat, dass zwischendurch ein gewisser Überschuss entstanden ist. Meine persönliche Erklärung geht anders: Mein Vater mag gestorben sein – die Liebe, die uns verbunden hat, ist immer noch da.

Den heftigen Schmerz, mit dem ich es in den Wochen und Monaten danach zu tun hatte, identifizierte ich als Sehnsucht: Tiefe, schmerzliche, unstillbare Sehnsucht nach dem Verstorbenen müssen Hinterbliebene aushalten, und obwohl das täglich hunderttausendfach geschieht, passiert es doch jedem Einzelnen ganz allein und einzigartig.

Im Laufe der Zeit verwandelt sich die Sehnsucht in einen Trost, der mich durch mein ganzes weiteres Leben begleiten wird. Der Trost, dass mein eigener Tod, wann er auch sei, eine Heimkehr wird: weil mein Vater mir schon vorausgegangen ist.

Etwas von mir ist gestorben, als mein Vater gestorben ist, und auf eine gewisse Weise war mein altes Leben zu Ende, als sein Leben endete. Auf den Trümmern dieser Erschütterung habe ich mir ein neues Leben aufgebaut, so wie es alle Trauernden tun. Ich habe ganz neue Dinge begonnen, und ich habe die Erfahrung gemacht, dass mein Vater nicht weg ist: Er ist gestorben, aber er ist nicht weg. Er ist immer noch da, nur jetzt auf andere Weise. Ich kann mit ihm sprechen und ihn um Rat fragen, ich teile meine Freude mit ihm, und oft lächeln wir einander quer durch die Ewigkeit an.

Franziska Feinäugle

Die Erde in der Hand eines Verbrechers?

15. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Hiob, der unschuldig Leidende

Die Erde ist in die Hand eines Verbrechers gegeben. Er verhüllt das Angesicht ihrer Richter. Wenn nicht er, wer ist’s dann?« (Hiob 9,24) So hatte noch keiner von Gott geredet. Aus der leidenschaftlichen Klage Hiobs, des unschuldig Leidenden, wird eine an Schärfe nicht zu überbietende Anklage Gottes. Wenn nicht er selber der »rascha«, der Frevler, der Verbrecher ist, wer sollte es sonst sein? Schon die Rabbinen haben darüber gestritten, ob Hiob das über Gott oder den Satan gesagt habe.

Wie auch immer die Antwort ausfällt, an den Leiderfahrungen Hiobs ändert sie nichts. Selbst wenn’s über den Satan gesagt wäre, wogegen der Textzusammenhang spricht, bleibt immer noch die Frage, warum der Gott Israels dem Satan freie Hand ließ, Hiob in solch ein Meer der Leiden zu stürzen. Begegnete ihm Gott in der Larve des Satans? Wer also, wenn nicht er? Bei dieser Frage stockt einem der Atem. Ist das nicht Gotteslästerung, Blasphemie? Darf Hiob, was selbst nach unserem Recht unter Androhung einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe verboten ist (§ 166 StGB)? Rechtfertigt erfahrenes Leid jede Form der Gotteslästerung? Darf der Mensch so von Gott reden? Der unschuldig leidende Mensch, Hiob, darf das! Denn am Ende des Buches stellt Gott Hiobs Freunden, den Verteidigern Gottes, gegenüber fest: »Ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob« (Hiob 42,7). Was war falsch am Reden der Freunde über Gott und was richtig am Reden Hiobs?

Die Freunde Hiobs waren gefangen in der »reinen Lehre«. Sie hatten sich ihr Bild gemacht von Gott und vom Menschen. Und das war unumstößlich: »Ja, nicht aus dem Staub geht Unheil hervor und aus dem Acker sprießt kein Übel« (Hiob 5,6). Vielmehr ist der Mensch selbst dafür verantwortlich. Sein Leiden muss eine Ursache haben. Und die kann nur in einer offensichtlichen oder auch verborgenen Schuld gegen Gott bestehen. Daher werden die beamteten Tröster nicht müde darin, Hiob zu mahnen, er möge sein Gewissen erforschen und Gott seine Schuld bekennen, zu ihm umkehren, damit sein Leben wieder in Ordnung käme. Doch wie kann er, wenn selbst Gott dem Satan gegenüber feststellt, dass sein Knecht Hiob in jeder Weise »fromm, rechtschaffen, gottesfürchtig und das Böse meidend« sei (Hiob 1,8)? Hiobs Freunde wollten davon nichts wissen. So wurden aus neunmalklugen Seelsorgern Quälgeister, die den Leidenden regelrecht kanibalisierten (Hiob 19,20-22). Uns jedoch steht es nicht zu, über ihnen den Stab zu brechen. Denn ein Verdienst bleibt den Freunden: Mit ihrem Insistieren auf dem Dogma trieben sie Hiob von sich weg und dem lebendigen Gott in die Arme.
Glaube-Alltag-38-2016

Aber was war nun richtig am klagenden, anklagenden Reden Hiobs? »Die einfachste, normalste Reaktion wäre, den Atheismus zu erkennen. Auch die gesündeste Reaktion für alle diejenigen, denen ein etwas einfältiger Gott bisher Preise verteilte, Sanktionen auferlegte oder Fehler verzieh und in seiner Güte die Menschen wie ewige Kinder behandelte« (Emanuel Levinas). Aber dieser einfältige Gott, das ist nicht der Gott Hiobs. Und daher kommt die normale Reaktion, Atheismus, die Absage an Gott, für ihn nicht in Frage. Das »Große an Hiob ist, dass die Leidenschaft der Freiheit bei ihm nicht erstickt und nicht zur Ruhe gebracht wird« (Sören Kierkegaard). Dieser Hiob sagt sich nicht von Gott los, sondern ist so frei, mit ihm leidenschaftlich in Klage und Anklage die Grenzstreitigkeiten des Glaubens auszufechten. Da ist einer, der nicht vor den Bildern Gottes kniet, die sich der Mensch von ihm macht, sondern vor dem lebendigen, unergründlichen Gott selbst. Da ist einer, der hält gegen Gott an Gott fest!

Und warum schließlich hat Gott den in jeder Weise untadeligen Hiob in die Hand des Satans fallen lassen? Wozu die Qualen, der Verlust des Besitzes, der Kinder, der Gesundheit? Ich weiß es nicht! Ich weiß nur eines, dass sich Gott nicht von seinem Knecht Hiob distanziert. Von Anfang an setzte er nicht auf die These des Satans, dass sich Hiob im Leiden von ihm lossagen, ihn verfluchen würde. Wenn ich eine Antwort auf die Frage wüsste, dann eigentlich nur die, dass der Gott Israels und der Kirche es Hiob, dem leidenden Menschen, zutraut, stärker zu sein als der Satan. Aber Vorsicht vor den Antworten! Vielleicht ist das ja auch schon wieder mein Bild von Gott und vom Menschen, vor dem ich knie.

Rüdiger Lux

Literaturempfehlung:
Rüdiger, Lux: Hiob. Im Räderwerk des Bösen, Biblische Gestalten Bd. 25, Evangelische Verlagsanstalt, 320 S., ISBN 978-3-37402-878-8, 18,80 Euro

»Ich werde sein, der ich sein werde«

8. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Auf Leserwunsch widmet sich unsere Kirchenzeitung den schönen Namen Gottes, die im Koran vorkommen. Der folgende Beitrag erläutert Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den islamischen und christlichen Namen für Gott.

Im zweiten Buch Mose wird berichtet, wie Gott dem Mose seinen geheimnisvollen Namen nennt. Luther übersetzte die hebräische Formulierung mit »Ich werde sein, der ich sein werde«. Klar, das ist kein unbefangener Vorname wie Paul oder Elvira, sondern der Name Gottes ist eine Beschreibung des Wesens Gottes. Gott bestätigt mit diesem Namen, dass er immer und ewig für uns da ist und sein wird.

In nahezu allen Religionen haben die Götter Namen. Man denke an Vishnu, Zeus, Athene, Wotan, Freya usw. Auch diese Namen verraten etwas über das Wesen des jeweiligen Gottes.
Der Islam kennt 99 Namen Gottes, die auch als die schönen Namen Gottes bezeichnet werden. Fast alle diese Namen finden sich im Koran, lediglich fünfzehn stammen aus weiteren Überlieferungen. Im Koran heißt es: »Gott hat die schönen Namen. Darum rufet ihn an mit ihnen.« (Sure 7,180) Der 100. Name Gottes gilt als unaussprechlich.

Zu den bekanntesten Namen Gottes im Islam gehören »der Herrscher«, »der Allmächtige«, »der Allwissende«, »der Glorreiche«, »der Wohltätige« und »der Lebensspendende«. Viele dieser Namen Gottes sind uns Christen nicht fremd. Aber es fehlt in der islamischen Tradition ein Name Gottes, der für uns von größter Wichtigkeit ist: Im Islam kann Gott nicht Vater genannt werden. Eine solche Anrede steht nach muslimischer Überzeugung im Widerspruch zu Gottes Jenseitigkeit und Transzendenz. Christen jedoch können Gott als »Vater«, als »lieben Vater«, als »unseren Vater« anreden. Jesus hat das selber oft getan – zum Beispiel im Garten Gethsemane. Wir können dies nun auch. Mehr noch: Wir werden sogar von Jesus zu dieser vertrauensvollen Anrede im »Vaterunser« aufgefordert.

Die Rede von Gott als Vater ist in der Heiligen Schrift und in der jüdischen Tradition immer mit Eigenschaften wie Nähe, Fürsorge, Barmherzigkeit und Liebe verbunden. Der Prophet Hosea beschreibt Gott mit Bildern, die einem fürsorglichen Elternteil entsprechen. (Hosea 11) Für Christen ist Gott der, der sich liebend zuwendet. Eben wie ein Vater oder ein väterlicher Freund. So heißt es im zweiten Buch Mose: »Der Herr aber redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet.« (2. Mose 33.11)

Für Muslime ist Allah in erster Linie der absolute Herrscher, nach dessen Gesetzen sich jedes Geschöpf und jede Gemeinschaft zu richten hat. So zeigen die unterschiedlichen Namen Gottes, dass es sowohl Gemeinsamkeiten zwischen dem christlichen und dem islamischen Gottesbild gibt, aber auch wichtige Unterschiede.

Andreas Fincke

Wenn einer wie Luther wieder da wäre …

2. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Der ehemalige Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit, Heiner Geißler (86), provoziert gern, auch wenn es um den Reformator Martin Luther geht. Mit ihm sprach Claudia Götze.

Herr Geißler, warum haben Sie sich mit Luther beschäftigt?
Geißler:
Obwohl ich katholisch bin? Aber jeder intelligente Katholik ist in seinem Innern auch protestantisch.

Wann sind Sie Luther das erste Mal begegnet?
Geißler:
Als kleiner Junge verbrachte ich die Ferien Ende der 1930er-Jahre in Oberndorf (Neckar). Dort begegnete ich dem Stadtpfarrer, und der sagte immer: Wenn es den Luther nicht gegeben hätte, dann hätten wir nur einen Glauben und eine Kirche. Ich dachte, mit Luther muss was Besonderes sein, von dem geht ein eigener Glaube aus.

Luther hat ein neues Frauenbild geschaffen und das Zölibat abgeschafft. Was hat er damals vergessen oder nicht wissen können?
Geißler:
Damals war eine frauenfeindliche Theologie die herrschende Lehre. Die Frau wurde als Tor des Teufels gesehen, durch die der Mann in Sünde fällt, als »ianua diaboli«, wie Thomas von Aquin sagte. Er hat das Zölibat abgeschafft, das Scheidungsrecht und die Frau im Priesteramt eingeführt. Ich sehe heute Parallelen zu Papst Franziskus. Für die Beendigung der Kirchenspaltung eine große Chance.

Was ist Luthers Erfolgsgeheimnis?
Geißler:
Er hat die Probleme der einfachen Menschen gesehen. Er hat die Buchdruckerkunst in seinen Dienst gestellt und eine einheitliche deutsche Sprache geschaffen.

Hat er alles richtig gemacht?
Geißler:
Natürlich nicht. Er hat in der Theologie ein Defizit hinterlassen. Er hat an die Vorherbestimmung geglaubt, die Pest in Wittenberg hat er als von Gott geschickt erklärt. Sein Gottesbild gibt keine Antwort auf die Frage nach Gerechtigkeit auf Erden. Wie beispielsweise kann es sein, dass Kinder an Krebs sterben müssen? Gibt es Gott nach Auschwitz?

Wenn Luther heute hier wäre, was würde er den Leuten sagen?
Geißler:
Für Luther war Gott der liebende und gütige Gott, der alle Menschen erlöst. Mit dem Ablass hat er ein zentrales Problem angesprochen: die Verbindung von Religion und Geld sowie Glauben und Kapital. Auch das Verhältnis von Frau und Mann hat Luther positiv beantwortet.

Heiner Geißler war Jesuitenschüler, langjähriger CDU-Generalsekretär und ist jetzt ehrenamtlicher Vorsitzender eines Gleitschirmfliegervereins und einer großen ökumenischen Sozialstation. Foto: Claudia Götze

Heiner Geißler war Jesuitenschüler, langjähriger CDU-Generalsekretär und ist jetzt ehrenamtlicher Vorsitzender eines Gleitschirmfliegervereins und einer großen ökumenischen Sozialstation. Foto: Claudia Götze

Die katholische Kirche hinkt der evangelischen Kirche 500 Jahre hinterher, was das Zölibat und die kirchlichen Ämter für Frauen angeht. Und Luther argumentiert folgerichtig, dass das gemeinsame Abendmahl unverzichtbar ist, wenn alle getaufte Christen sind.

Ökumene – wie weit sind die Kirchen mit ihr?
Geißler:
In beiden Kirchen gibt es viele, die nichts von Ökumene halten. Dennoch wird der ökumenische Gedanke bei allen Christen unabhängig von der Konfession immer stärker.

Wie könnte die Kirche wieder mehr Zulauf bekommen?
Geißler:
Jemand kann Christ sein, auch wenn er zweifelt, dass es Gott gibt. Wenn wir am Ende des Lebens sind, hat dieses Leben trotz der Zweifel an Gott einen Sinn gehabt, wenn wir nicht nur Trompete blasen und mit vertikal gerichtetem Blick nach oben beten. Es geht um den horizontalen Blick. Wir haben die Pflicht, denen zu helfen, die in Not sind.

Luther hatte aber auch dunkle Seiten …?
Geißler:
Beim Bauernkrieg und den Juden gab es schlimme Verirrungen, vor allem mit seiner Schrift gegen die Bauern, in der er die Rache an den Bauern begrüßt hat. Es wäre auch besser gewesen, er wäre gestorben, bevor er die Schrift über die Juden verfasste. Sein Hass entsprang der Enttäuschung darüber, dass die Juden seine Theologie nicht mittragen.

Was müsste anders laufen?
Geißler:
Die Kirche müsste mehr Widerstand leisten gegen die Entwicklungen auf der Erde, die nicht von christlichen Werten hergeleitet, sondern vom Kapital bestimmt werden. Wir brauchen eine globale öko-soziale Marktwirtschaft. Wir müssen Ursachen beseitigen und nicht Zäune und Mauern bauen.

Luther würde sagen, warum wehrt ihr euch nicht gegen den Absolutismus des Kapitals, so wie ich mich damals gegen den Unfehlbarkeitsanspruch der Kurie gewehrt habe. Beseitigt die Spaltung und werdet wieder eine Kirche, die Gründe von damals gelten nicht mehr.

Buchtipp
Geißler, Heiner: Was müsste Luther heute sagen? Ullstein Buchverlage, 285 S., ISBN 978-3-550-08045-6, 20 Euro

»Alles in uns schweige …«

25. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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»Kirche des pastoralen Dauergeredes« nennen Kritiker inzwischen die einstige Kirche des Wortes. Ein Plädoyer für die Stille im Gottesdienst.

Alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge«, so dichtete Gerhard Tersteegen, und so wird es nicht selten zum Beginn evangelischer Gottesdienste gesungen (EG 165,1). 1925 legte der evangelische Theologe Rudolf Otto (1869–1937) sein Buch mit dem Titel »Zur Erneuerung und Ausgestaltung des Gottesdienstes« vor – eine praktisch orientierte Programmschrift zur Zukunft des evangelischen Gottesdienstes. Einer der Vorschläge Ottos war es, den Höhepunkt des Gottesdienstes in einer minutenlangen, gemeinsamen Phase des Schweigens zu sehen.
Er nannte dies »schweigenden Dienst« – auf Latein: sacramentum silentii – und schlug vor, dass die Gemeinde dazu knien sollte und dass drei Töne einer Gebetsglocke das Schweigen beenden sollen. Im Anschluss solle die Gemeinde gemeinsam das Vaterunser beten.

Der Schweigende Dienst Rudolf Ottos hat viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, aber auch viel Spott geerntet. Wort-Theologen wie Karl Barth verhöhnten die Idee Ottos, den evangelischen Gottesdienst ausgerechnet im Schweigen kulminieren zu lassen.

Bild: Im »Raum der Stille« beim diesjährigen Jugendfestival »Christival« im Mai in Karlsruhe. Foto: epd-bild

Bild: Im »Raum der Stille« beim diesjährigen Jugendfestival »Christival« im Mai in Karlsruhe. Foto: epd-bild

Hätten Karl Barth und andere die Ergebnisse der neueren empirischen Untersuchungen zum Gottesdienst gekannt, so wären sie in ihrer Kritik vielleicht etwas vorsichtiger gewesen. Die Stille kann als einer der Überraschungssieger dieser Untersuchungen bezeichnet werden. Sie wird von vielen quer durch alle Altersgruppen und Milieus sehr geschätzt – ein Umstand, der ausgerechnet in einer Kirche, die sich gerne »Kirche des Wortes« nennt, nicht einer gewissen Ironie entbehrt.

In der Stille können Menschen sich bergen

Vielleicht haben Kritiker ja doch recht, die schon seit Jahren meinen, die Kirche des Wortes sei zu einer Kirche des »pastoralen Dauergeredes« verkommen. Gottesdienste würden, so etwa Fulbert Steffensky, zerredet und in einen einzigen großen Kommunikationsfluss des plaudernd-moderierenden, angeregt-unterhaltenden Liturgen verwandelt. Sie würden so zu funktionalisierten und pädagogisierten Veranstaltungen, die den Einzelnen kaum mehr Raum lassen.

Darum aber geht es in der Stille wohl vor allem: Sie ist ein Raum, in dem sich unterschiedliche Menschen mit dem, was sie bewegt, einfinden und bergen können. Stille wird daher vor allem im Kontext der Gebete geschätzt.

Lena, eine 20-jährige Schülerin, sagt: »Manchmal wird’s bei uns auch gemacht, dass in der Fürbitte so ’n Moment Stille ist, dass man sozusagen selber noch was anhängen kann. Und das find ich eigentlich ganz schön. Weil, die meisten haben, denk’ ich mal, wenn sie da sitzen, auch wirklich irgendwas, wofür sie vielleicht selber auch bitten wollen. Und dann kommt aber wieder ’n gemeinsamer Schluss. Das find ich sehr schön eigentlich.«

Umgekehrt leiden Gottesdienstfeiernde darunter, dass Stillephasen oft so kurz ausfallen. Gefühlte drei Sekunden Stille genügen nicht, so sagt ein Befragter, um sich zu sammeln und das Eigene vorzubringen.

Für alle Liturginnen und Liturgen tut sich hier ein nicht ganz leicht zu lösendes Spannungsfeld auf: Was den einen zu lang wird, ist den anderen zu kurz. Wo manche schon wieder einen sich steigernden Chor der Huster bilden, bräuchten die anderen noch einige Momente der Ruhe.

Aber nicht nur, weil Stille den Einzelnen Raum bietet, gilt es meines Erachtens für Stille im evangelischen Gottesdienst zu plädieren, sondern auch, weil Stille unser Reden unterbricht und uns öffnen kann für das Reden Gottes, um das es im evangelischen Gottesdienst entscheidend geht.

Martin Luther meinte ja bekanntlich, nichts anderes solle im Gottesdienst geschehen, als dass »Gott selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm durch Gebet und Lobgesang«. Das erste Wort hat Gott – und sollte nicht beständig übertönt werden durch das, was wir zu sagen haben.

Gott begegnet dem Propheten in der Stille

In diese Richtung interpretiere ich auch die biblische Erzählung vom Propheten Elia auf dem Gottesberg (1. Könige 19). Gott begegnet ihm nicht im Wind, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer. Irgendwann hört Elia nur noch ein »stilles sanftes Sausen«, eine »Stimme verschwebenden Schweigens« (Vers 12) – fast nichts mehr. Gott selbst ist nicht einfach in der Stille, aber die Stille wird zur Voraussetzung, so deute ich die Erzählung, dass der beschäftigte und (über)eifrige Prophet Gottes Wort neu hören kann.

Ob dem gemeinsamen Gebet und einem Gottesdienst in der Erwartung des göttlichen Wortes gedient wäre, wenn es noch viel mehr Stille gäbe?

»… lass mich so still und froh deine Strahlen fassen und dich wirken lassen« (EG 165,6).

Alexander Deeg

Alexander Deeg ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig.

Gottesdienst verstehen mit Martin Luther

17. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Gottesdienst ist Ritual, die sonntägliche Wiederholung des Vertrauten und Beruhigenden, so kann man es oft hören und lesen. Für Luther aber waren Gebet und Gottesdienst zuerst Kampf.

In Eric Tills Lutherfilm aus dem Jahr 2003 wird gezeigt, wie dramatisch sich der junge Luther im Kloster den Glauben erkämpfen musste – gegen den eigenen Unglauben. Wenn ihn wieder alle teuflischen Mächte packen würden, so sagte ihm sein väterlicher Freund und Ordensvorgesetzter Johannes von Staupitz, dann solle er ein Kreuz in die Hand nehmen und sich daran festhalten. Im Film sieht man den jungen Luther in einer schweren Angstkrise, wie er das Kreuz packt, sich auf den Boden wirft, in der Form des Kreuzes die Arme von sich streckt und »Christus, hilf mir!« ruft.

Gottesdienst soll Begegnung mit Jesus sein, keine Routineveranstaltung. Im Bild: Teilnehmer eines Gottesdienstes während der diesjährigen Allianzkonferenz in Bad Blankenburg. Foto: Harald Krille

Gottesdienst soll Begegnung mit Jesus sein, keine Routineveranstaltung. Im Bild: Teilnehmer eines Gottesdienstes während der diesjährigen Allianzkonferenz in Bad Blankenburg. Foto: Harald Krille

Wenn es ganz schlimm kommt, dann heißt es einfach nur, sich festhalten, vielleicht an dem einen Satz: »Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben!« (Markus 9,24). Gebet ist Leben ohne Netz und doppelten Boden. Nur so ist es auch Aufscheinen des Glanzes, der den Dingen trotz allem eigen ist. Davon lebt der Gottesdienst, der nach Luther keine gemächliche Wiederholung des schon Bekannten ist, sondern Begegnung mit Jesus selbst. Wie könnte die Begegnung mit jemandem, den man liebt, Routine und Wiederholung sein?

Nicht wir dienen Gott, Gott dient uns

Der eigentliche Akteur im Gottesdienst ist nicht der Mensch, der Gott lobt und preist. Es geht in der Liturgie nicht um unseren Dienst an Gott, sondern um Gottes Dienst an uns. Der eigentliche Akteur ist Gott, der dem Menschen etwas Gutes tut, der ihn tröstet und aufrichtet. Gott macht den Menschen gewiss, dass er oder sie zwar vielleicht nicht in Ordnung, aber gerade so (und nicht »trotzdem«!) gut, schön und geliebt ist. So erweist Gott dem Menschen seinen Dienst.

Darum soll sich der Gottesdienstbesucher gar keine Gedanken machen, ob er Gott recht dient oder nicht. Alle Konzepte von Gottesdienst als einer Gott erwiesenen Ehre, alle Formen von Kult zu Gottes Lob sind damit zwar nicht hinfällig, aber zweitrangig.

Im Zentrum steht das Herz, nicht der Altar

Für Luther ist der wichtigste Ort des Gottesdienstes das Herz des glaubenden Menschen. Es kommt nicht darauf an, dass ein Priester das Heilsgeschehen in kultisch angemessener Form zelebriert – so schön das ist, und evangelische Liturgen legen oft viel zu wenig Wert darauf. Aber der eigentliche liturgische Ort ist der Altar nicht.

Denn es kommt vor allem darauf an, das, was dort geschieht, als etwas »für mich« zu begreifen. Darum ist die entscheidende menschliche Person in der Liturgie nicht der Priester, sondern der einzelne Gläubige. Die jahrhundertelange Herrschaft der Geistlichen über die Menschen ist aufgehoben, indem jeder Einzelne gefragt und selbst verantwortlich ist. Jeder ist sein eigener Priester mit dem eigenen Altar im Inneren.

Das allgemeine Priestertum bezieht sich also auf den Kern des Glaubens, auf die eigene Gewissheit, ein guter, ein anerkannter, ein Mensch Gottes zu sein. Diese Gewissheit kann einem keiner abnehmen – und bisweilen muss sie erkämpft werden, so wie das bei Luther selbst der Fall war.

Es geht darum, in richtiger Weise nichts zu tun

Der erste Satz aus Luthers »Deutscher Messe« von 1526 warnt vor dem Überschätzen der liturgischen Form. Für den Gottesdienstbesucher kommt es nicht darauf an, etwas Bestimmtes und Richtiges zu tun. Vielmehr ist das Gegenteil gefragt: Es geht darum, liturgisch in bestimmter und richtiger Weise nichts zu tun. Der Mensch soll alle seine Aktivität darauf verwenden, passiv zu sein.

Diese paradoxe Regel wurde am Anfang der Neuzeit formuliert, und sie stellt für uns spätmoderne Menschen eine erhebliche Herausforderung dar. Aus dem aktiven Arbeiter, dem Homo Faber, wird der passive Mensch, das Kind vor Gott, das sich beschenken lässt. Darum ist die erste liturgische Aufgabe – nicht zuletzt für diejenigen, die predigen und die Liturgie leiten – das Hören und Empfangen.

Mehr als Predigt mit Umrahmung

Ein Missverständnis wäre es allerdings, den Gottesdienst als Predigt mit Umrahmung aufzufassen. Gute Predigten sind gewiss das wichtigste Markenzeichen der evangelischen Kirche. Aber nicht die Predigt ist das Eigentliche, sondern das Hören auf Gott, jene umfassende Form von aktivischer Passivität, die nicht unvernünftig ist, wohl aber höher denn alle Vernunft.
Darum ist auch die Musik für Luthers Gottesdienst- und Glaubensverständnis so wichtig. Wenn man mit schönen Tönen in Resonanz gerät, dann ist man in der Weise aktiv und passiv zugleich, wie das dem Menschen auch vor Gott guttut.

Michael Meyer-Blanck

Michael Meyer-Blanck lehrt als Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät der Universität Bonn.

Einer bittet und einer hilft

11. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Heilung des Bartimäus

Bartimäus kann nicht sehen. Nur Dunkel um ihn herum. Was nah ist, das kann er ertasten. Rau fühlen sich die Steine an, auf denen er sitzt. Rau auch die Hände seines Vaters. Zart das Gesicht der Mutter. Das Wasser des Brunnens ist kalt und frisch.

Was fern ist, das kennt er vom Hören. Seine Eltern haben ihm alles genau beschrieben. Die Berge um Jericho. Bäume. Die Sonne. Und Jesus. Sie hatten von ihm erzählt. Und Bartimäus kann sich nicht satthören. Jedes Mal, wenn er von Jesus hört, versinkt alles andere in ihm und um ihn. Dann will er nur hören. Von diesem Einen. Worte. Geschichten. Ein Gebet: »Vater unser im Himmel«. Wenn Bartimäus von Jesus hört, wird es hell in ihm.

Dann: Lärm auf der Straße. Hunderte Menschen. Lachen, Diskutieren, Füße scharren auf dem Straßenpflaster. »Was ist los?«, fragt Bartimäus. Die anderen Bettler neben ihm sagen: »Eine große Menschenmenge kommt. Sie ziehen durch die Stadt. Sie begleiten Jesus. Jesus von Nazareth.«

Glaube-Alltag-38-2016

Da verwandelt sich Bartimäus. Er hatte immer zugehört. Ganz Ohr ist er gewesen. Nun wird der Hörer zum Rufer. Er wird eine einzige Stimme. Ein einziger Schrei: »Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!« Er ruft und ruft und hört nicht auf. Alles – jeder Wunsch, den er je hatte, alle seine Hoffnung –, alles liegt in diesem Schrei.

»Halt den Mund!« »Schweig!« »Schrei nicht so herum!« »Sorg doch endlich einer für Ruhe!« Schon gehen sie auf Bartimäus los und wollen ihn wegbringen. Aber er schreit nur noch lauter: »Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!« Seine Stimme hat große Macht. Da klingt ein Mensch selbst. Der blinde Mann: Ein einziger Schrei nach Jesus.

Und der hält an. Bleibt einfach stehen. Der ganze Zug muss anhalten. Für einen einzigen Menschen. Der ist jetzt wichtig. Die andern müssen warten. Jesus geht nicht vorüber. Er hört. Und er bleibt stehen. »Bringt ihn her! Und sie riefen den Blinden und sprachen zu ihm: Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!« Bartimäus springt auf, lässt den Mantel liegen – fast sein ganzes Hab und Gut. Jetzt ist alles andere unwichtig. Sie bringen ihn zu Jesus. »Was willst du, dass ich für dich tue?« »Rabbuni, dass ich sehend werde.« Eine kleine Frage. Und eine schlichte Antwort: »Rabbuni, mein lieber Meister, dass ich sehend werde.« Zwei Männer. Sie stehen einander gegenüber. Eine Frage. Eine Antwort. Eine Bitte. Ganz still. Einer fragt. Einer bittet. Einer hilft. Und da wird etwas heil. »Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen.«

Bartimäus kann sehen. Seine innigste Bitte ist erfüllt. Er sieht: Die Berge und die Bäume. Die Sonne. Und Jesus. »Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte Jesus nach auf dem Wege.« Aber Bartimäus geht nicht hin. Bartimäus geht mit. »Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!« Das hat Bartimäus wörtlich genommen. Von Stund an begleitet er Jesus. Der Zug setzt sich in Bewegung. Mit Jesus. Mit tausend anderen. Und mit Bartimäus.

Es ist übrigens der letzte Weg, den Jesus geht. In ein paar Tagen wird er am Kreuz sterben. Und Bartimäus wird dabei sein. Kaum kann er sehen, muss er mit anschauen, wie Jesus stirbt. Aber nach ein paar Tagen sieht er ihn wieder. Da sieht er dann alles. Und weiß und versteht. Jesus lebt. Und ich soll auch leben. So bleibt Bartimäus bei Jesus. Die ganze Zeit. Und eine ganze Ewigkeit. Im Leben, im Tod und im Auferstehn. »Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!«

Michael Greßler

Der Autor ist Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Ein Fest besonderer Güte

2. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Erntedank: Mit allen Sinnen feiern und erkennen, wem ich was verdanke

Mit allen Sinnen feiern, das ist das Erntedankfest. Einmal im Jahr gleicht es einem Konzentrationspunkt dankbarer Freude und staunender Ehrfurcht. Das geistliche Anliegen verbindet sich eindrucksvoll mit weltlicher Betrachtung. Der Segen ist mit Händen zu greifen. Keiner muss lange erklären, was sich längst von selbst versteht: Gottes Schöpfung ist wunderbar, der Geschmack der Früchte herrlich. Wir schauen und spüren, was uns erhält. Wir ahnen, wie viel dazugehört. Eine Sonnenblume auf der Kanzel spricht das aus, wofür uns die Worte fehlen.

Erntedank! Da wird das Herz weit vor Freude. In den Ohren klingt der Stimme Ton: »Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn!« Die Augen gehen einem über. Und schließlich läuft einem das Wasser im Munde zusammen. »Mahlzeit!« zu sagen liegt fast näher als »Amen« zu sprechen.

Foto: Manfred Nuding/pixelio

Foto: Manfred Nuding/pixelio

Nun hätten wir allerdings täglich Grund, ein Erntedankfest zu feiern. Nämlich immer dann, wenn wir uns an den gedeckten Tisch setzen. Das Tischgebet mag die Kurzfassung einer Erntedankliturgie sein. Das Aufdecken des Brotkorbes in der Mitte eine feierliche Zeremonie. Wohl dem, der das nicht vergisst und sich vor dem Essen besinnen kann. Um das tägliche Brot herum erwartet uns eine ansehnliche Auswahl von Speisen. Wir können nehmen, was uns schmeckt. Nicht der Hunger entscheidet, sondern unser Appetit. Jedenfalls ist es unter den meisten Menschen hierzulande so. Dass manche es anders erdulden müssen, dürfen wir nicht hinnehmen. Der Dank einer Ernte wird im Teilen konkret. Und beides mag sich mit einem Lob auf den verbinden, der die Voraussetzungen geschaffen hat.

Damit genau das geschieht, vor Gott und der Welt, tafeln wir einmal im Jahr, in unseren Kirchen einiges aus Keller, Kühlschrank und Kaufland auf, schmücken mit Blumen. So wird die Vielfalt der Gaben sichtbar. Sie türmen sich unter der Erntekrone. Alles mit liebevoller Hand aufgebaut. Kirchenschiff und Altar verwandeln sich in ein prachtvolles Schaufenster der Güte Gottes. Als Zeichen der Dankbarkeit füllen sie die Auslagen. Farben und Düfte ziehen in ihren Bann. Auf den Betrachter wirkt ein solches Bild, hat verändernde Kraft. Wohl dem, der sich von ihr leiten lässt.

So wird auf dem Wege von der Kirche zurück in den Alltag möglicherweise einiges klar. Was brauchen wir tatsächlich? Worauf können wir zu Gunsten anderer, sogar im Blick auf uns selbst, verzichten? Welche Achtung bringen wir den Gütern entgegen? Vielleicht merken wir auch, dass es in unserem reichen Land immer schwieriger wird, den Dank für eine Ernte zu feiern. Die Möhren im Korb, die Kartoffeln im Sack, die Äpfel im Eimer habe ich nicht selbst geerntet, sondern dies alles »nur« besorgt. Bloß gut, dass ich den dicken Kürbis nicht schleppen musste.

Alles in Hülle und Fülle. Susanne Gottschalk/pixelio

Alles in Hülle und Fülle. Susanne Gottschalk/pixelio

Doch obwohl mir der unmittelbare Bezug zu den Früchten der Felder und Gärten fehlt, bin ich überwältigt vom Überfluss. Der gedeckte Tisch lässt mich aus der Gedankenlosigkeit eines oft abgehobenen Anspruchsdenkens aufschrecken. Ich frage mich: Guter Gott, ist das wahr, sind wir wirklich so reich? Dieser Güte zu begegnen, bringt mich gerade neu in Verwunderung. Gott, du lässt mich rasten. Und ich weiß, dass du mich nicht vergisst. Ich bin gut versorgt. Reich beschenkt. Und stets willkommen.

Wie der Schriftsteller Armin Juhre formulierte, ist auch mir bewusst: »Ich habe die Faser nicht gesponnen, die Stoffe nicht gewebt, die ich am Leibe trage – ich habe nicht die Schuhe, die Schritte nur gemacht. Wer mich ansieht, sieht viele andere nicht, die mich ernährt, gelehrt, gekleidet haben, die mich geliebt, gepflegt, gefördert haben. Mit jedem Schritt gehen viele Schritte mit. Mit jedem Dank gehen viele Gedanken mit. Ich habe nicht gelernt, zu schlachten, zu pflügen und zu säen – und bin doch nicht verhungert. Ich kann nicht Trauben keltern und trinke doch den Wein. Ich habe nicht die Städte entworfen, die Häuser nicht gebaut – und habe doch zu wohnen. Ich kann nicht Ziegel brennen, und doch schützt mich ein Dach.« (Armin Juhre) Mit allen Sinnen feiern. Und erkennen, wem ich was verdanke. Das ist Gott-sei-Ernte-Dank.

Karsten Loderstädt

Der Autor ist Pfarrer in Annaberg-Buchholz.

Der lange Schatten der Trauer

25. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In ihrem Buch beschreibt Ilona Krömer, wie sie nach der Selbsttötung ihrer Eltern innerlich heil wird

Schattenjahre« nennt Ilona Krömer ihr Buch, in dem sie ihr Leid über die Selbsttötung ihrer Eltern beschreibt. Ihre Mutter hatte sich am
14. Januar 1991, ihr Vater fünf Tage später, am 19. Januar, das Leben genommen. Diese Erfahrungen überschatten viele Jahre, Jahrzehnte von Ilona Krömers Leben und dem ihrer Familie. Während sie in dem Buch ihre Erinnerungen, ihre Schuldgefühle, ihre Trauer und ihren Schmerz buchstabiert, verarbeitet sie, wie sie selbst sagt, ihre Geschichte, und findet Trost. Sie widmet das Buch ihren beiden Töchtern. Sie wolle ihnen erklären, warum sie so oft traurig war und geweint habe.

Ilona Krömer. Foto: Sabine Kuschel

Ilona Krömer. Foto: Sabine Kuschel

Ilona Krömer, geboren 1958 in Zeitz, erinnert sich an eine schöne Kindheit. Sie wuchs als Einzelkind in einem behüteten Elternhaus auf. Ihre Eltern waren selbstständig. Sie hatten den Familienbetrieb – eine Buchbinder-Werkstatt – väterlicherseits übernommen und gemeinsam weitergeführt. Es ging ihnen finanziell gut. Die Tochter wird Krankenschwester. Wegen einer Hautunverträglichkeit von Desinfektionsmitteln kann sie jedoch den Beruf nicht ausüben. Sie erlernt das Buchbinderhandwerk. 1983 heiratet sie und gründet zusammen mit ihrem Mann Ulrich, der ebenfalls Buchbindermeister ist, in Zeitz eine kleine Buchbinderwerkstatt. 1986 und 1988 werden die Töchter Almut und Luise geboren.

»Es lief alles gut, bis die Wende kam«, schreibt die Autorin. Wann sich der Stimmungswandel ihrer Mutter bemerkbar machte, kann sie nicht genau sagen. Irgendwann wirkte sie trauriger. In ihrem Abschiedsbrief formuliert ihre Mutter: »Die Marktwirtschaft ist grausam und wir kommen ohne Arbeit nicht damit zurecht. Wir … wollen gehen, ehe unser letztes Geld alle ist.« Aus diesen Worten liest die Tochter, dass ihre Mutter unter Zukunftsangst und Verarmungswahn litt. Aber: Die in dem Brief angedeutete Geldnot bestand nicht, sagt Ilona Krömer. Dass ihr Vater sich kurze Zeit später ebenfalls selbst tötete, erklärt sich die Tochter mit der Liebe zu seiner Frau. Sein Abschiedsbrief »spiegelt mir all seine Not wider, die ich ja auch gespürt habe«, so die Autorin in ihrem Buch.

Schmerz und Trauer darüber, dass beide Elternteile Suizid begangen haben, sind groß. Schuldgefühle quälen die Tochter. Hätte sie nach dem Tod der Mutter nicht besser auf den Vater aufpassen und ihn an diesem Schritt hindern können? Sie kann ihren Eltern nicht verzeihen, dass sie ihr das angetan, sie allein gelassen haben.

Mit ihrem Buch möchte sie für das Thema Suizid in der Öffentlichkeit sensibilisieren. Sie habe nach der Selbsttötung ihrer Eltern selbst oft Isolation und Ausgrenzung erfahren.

In der schweren Trauerarbeit gibt ihr die Familie Trost und Halt. Ebenso die Kirchengemeinde und die Gemeinschaft in Taizé. »Taizé hat unser Leben geprägt und so ist es gekommen, dass wir fast jedes Jahr für eine Woche dorthin fuhren.« Die große Gemeinschaft, die Bibelarbeit, die Stille und die Gesänge tun ihr gut. Und nun ist ihr Buch fertig. Das Schreiben habe sie als einen heilsamen Prozess erlebt. Nachdem sie die Abschiedsbriefe ihrer Eltern zu Papier gebracht hatte, spürt sie »eine sehr große Liebe«. Ihr wird bewusst, dass es neben den belastenden Erfahrungen viel Glück in ihrem Leben gibt – »dass meine Familie gesund ist, dass ich so einen wunderbaren Mann …, zwei so bezaubernde Töchter habe.« Sie zählt auf, was sie alles glücklich macht. Am Ende dieser Liste steht: »dass ich meinen Eltern verzeihen konnte.«

Ihren Beruf als Buchbinderin hat sie aufgegeben. Seit dem Jahr 2000 findet sie Erfüllung als Altenpflegerin im St. Marienstift, einem katholischen Altenpflegeheim in Zeitz.

Sabine Kuschel

Krömer, Ilona: Schattenjahre. Die Selbsttötung meiner Eltern und warum ich trotzdem das Leben lieben kann, Brunnen Verlag, 144 S., ISBN 978-3-7655-4294-7, 9,99 Euro

Das Wunder des Jona

19. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Der Prophet im Bauch eines großen Fisches

Über den historischen Jona Ben-Amittai wissen wir so gut wie nichts. Nur dies, dass er aus Gat-Hefer stammte und ein Heilsprophet im 8. Jahrhundert vor Christus war, der die Wiederherstellung des arg gerupften Nordreichs Israel weissagte (2. Könige 14,25). Der literarische Jona aber machte Karriere. Er fand Eingang in die erzählte Welt der Meeresstürme, der zerborstenen Schiffe und Seeungeheuer, in der der lange Faden des Seemannsgarns von Jahr zu Jahr weitergesponnen wird. Denn da war ja die Sache mit dem großen Fisch, von der Martin Luther sagte: »Das kann wohl eine seltsame Schifffahrt heißen. Wer wollt’s auch glauben und nicht für eine Lüge und Märlein halten, wenn es nicht in der Schrift stünde?«

Ja, am Wunder des Jona haben sich viele Generationen abgearbeitet. Da waren die Biblizisten, die auf dem Wortsinn des erzählten Geschehens bestanden. Schlunde von Walfischen und anderen Seeungeheuern wurden vermessen. Seemannsgeschichten wie die vom verschlungenen und doch geretteten Fischer James Barthy von den Falklandinseln machten die Runde und stellten sich als Fälschung heraus. Und da waren die Rationalisten, die ihrer vernunftbesessenen Fantasie freien Lauf ließen. Der große Fisch sei gar kein Fisch gewesen, sondern ein Schiff mit dem Namen »Großer Fisch« habe den renitenten Propheten aus dem Wasser gezogen.
Glaube-Alltag-38-2016

Noch besser, da kurioser, vermutet ein Ausleger des 19. Jahrhunderts, der wahrscheinlich gerne zu tief ins Weinglas schaute, der schiffbrüchige Jona sei an Land gespült worden und daraufhin in einer Seemannskneipe »Zum Walfisch« versackt. So sind sie eben, die Biblizisten und die Rationalisten, verblendet von ihrer Aufklärungswut. Die einen halten das in der Realität Unmögliche für möglich, die anderen das in der Literatur Mögliche für unmöglich. Beide lassen das Wunder nicht Wunder sein! Worin aber besteht das Wunder des Jona? Darin, dass er drei Tage und drei Nächte im Bauch des großen Fisches überlebte?

Erstens darin, dass der große Fisch zur »Kathedrale« wurde! Es sind die Psalmen Israels, die er im Bauch des Fisches betete, die ihm in aller Todesnot Trost und Hilfe brachten. Sie wurden dem, der vor Gott geflüchtet war, zum Rettungsanker.

Zweitens darin, dass es sie gibt, die verkehrte Welt. »Da muss der Fisch, der vorher des Todes Werkzeug war, des Lebens Werkzeug sein, und Jona muss durch denjenigen zum Leben kommen, durch welchen er zum Tode gefangen und geführt wurde« (M. Luther).

Dass die Umkehrung vom Tod zum Leben das eigentliche Wunder des Jona ist, das haben die Jesuserzähler scharfsichtig erkannt. Für sie war der dreitägige Aufenthalt Jonas im Fisch eine Analogie zu den drei Tagen, die der Menschensohn im Schoß der Erde ruhte (Matthäus 12,40), bevor er am Ostermorgen auferweckt wurde.

Drittens darin, dass Ninive, die böse Stadt, nicht böse bleiben muss. Aus dem ärgsten Feind Israels kann ein reuiger Sünder werden. Eine ganze Stadt kehrt um, mit Mann und Maus. Die Kurzpredigt des rebellischen Propheten? »Vierzig Tage noch, und Ninive wird untergehen!«, hat geholfen. Ninive, der Todeskandidat, darf leben. Jona aber, der verstockte, larmoyante Prophet, will sterben. Was für eine Ironie! Ist ihm noch zu helfen? Nur dadurch, dass ihn die göttliche Pädagogik unterm Rizinus einführt in die Schule der Barmherzigkeit, in der auch der zornige Gott umkehrt zum Menschen.

Nicht zuletzt aber ist das Wunder des Jona auch ein Wunder der Poesie. Es hat schon einen guten Grund, dass die alten Griechen das Wunder der Erschaffung des Lebens mitten in der Welt des Todes und das Wunder der Dichtkunst in ein und demselben Wort zusammenfallen ließen: Poiesis, Poesie, Schöpfung! Es ist diese vom biblischen Erzähler erschaffene narrative Welt selbst, die in ihrer Fabulierkunst für viele Dichter und ihre Leser durch Jahrhunderte hindurch zu einem Lebenselixier geworden ist. »Und jener Prophet? Vielleicht ist er noch immer unter uns. Vielleicht geht er wieder auf ein Schiff, zahlt gut, um vor Gott zu flüchten. Vielleicht schläft er sogar in einem entlegenen Winkel über seinem Gewissen, und der Sturm hat ihn noch nicht wachgerüttelt« (M. Strigler).

Rüdiger Lux

Der Autor ist emeritierter Theologieprofessor für Alttestamentliche Wissenschaft. Er lehrte bis 2012 an der Universität Leipzig.

Schlüsselerlebnis im Stadtwald

12. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: In einer Lebenskrise fand Jana Huster aus Gera zum Glauben

Alles war perfekt. Die Ehe, die gemeinsame Tochter, das Haus mit eigenem Spezialitätengeschäft, zwei veröffentlichte Bücher mit Kurzgeschichten. Jana Huster war die Strahlefrau von Gera: Muntere Augen, ein Lächeln im Gesicht und einen flotten Spruch auf den Lippen. Auf Linken-Parteitagen verkaufte sie mit einer gehörigen Portion Ironie schon mal selbstgemachte rote Socken.

»Dass ausgerechnet mir so etwas passiert, hätte wohl keiner gedacht«, sagt sie und meint einen Zusammenbruch im vergangenen Sommer. Die Welt, wie Jana Huster sie kannte, geriet aus den Fugen. Die Ehe kriselte, Nackenschmerzen, Wirbelblockaden und Panikattacken quälten die junge Frau. Den Laden in der Altstadt sperrte sie zwei Monate lang zu. Nichts ging mehr.
Jana Huster ist in einem atheistischen Elternhaus aufgewachsen, später tritt die gelernte Rechtsfachwirtin in die Partei »Die Linke« ein. Das Christentum hat sie nie an sich herangelassen, aber es ist ausgerechnet der Glaube, aus dem sie in der Krise Kraft schöpft. Zunächst helfen Mediziner. Physiotherapie, Osteopathie – sie fühlt sich wohl in den Händen dieser Helferinnen, und es stellt sich heraus, dass einige von ihnen Christen sind. Die Gespräche während der Behandlungen werden bald wichtiger als die Behandlung selbst.

Jana Huster blickt zuversichtlich in die Zukunft. Foto: Silva Görner

Jana Huster blickt zuversichtlich in die Zukunft. Foto: Silva Görner

Frank Hiddemann, Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Gemeindepfarrer, hat sich in Gera einen Namen mit Literatur- und Kunstgottesdiensten gemacht. Dadurch kennen sich die beiden, in diesen Gottesdiensten fühlt sich Jana Huster wohl, die »tollen Geschichten, die spannenden Predigten« fesseln die freiberufliche Autorin. Als Pfarrer Hiddemann den verschlossenen Laden bemerkt, sie anruft, sie zum Spaziergang einlädt, findet sie das beängstigend: »Als Seelsorger will er bestimmt tausend Sachen wissen.« Will er nicht. Zwei Stunden spazieren sie durch den Zaufensgraben. Es tut ihr so gut, dieses gemeinsame Schweigen, dass sie sich regelmäßig mit dem Geistlichen verabredet. »Mein Schlüsselerlebnis hatte ich im Stadtwald. Wir stromerten durchs Gehölz, abseits der Wege, und meine Frage, wohin wir gehen, hat er kaum beantwortet: Ist doch egal, wo wir rauskommen. Ich habe über diese innere Ruhe, diese Angstlosigkeit so gestaunt«, erinnert sie sich.

Gelassenheit dem Kommenden gegenüber ist Jana Huster nicht erst bei Pfarrer Hiddemann aufgefallen. Es ist eine Geisteshaltung, die sie bei vielen christlichen Freunden und Bekannten entdeckt hat. »Wenn irgendetwas nicht klappte, sind diese Menschen, anders als ich, nicht in ein riesiges Loch gefallen«, sagt sie.

Im Winter beschließt sie, sich taufen zu lassen. Sie stürzt sich auf die Bibel, sie liest und hinterfragt. Sie hadert mit »der Sache mit dem ewigen Leben« und sie findet, Gottesdienste sind in ihrem Ablauf zunächst schwer zu verstehen. Zu Himmelfahrt 2016 wird Jana Huster getauft; die Fürbitte hält mit Knut Meenzen ein junger Christ – und Genosse. Auch Jana Huster ist nach wie vor Mitglied bei der Linken. Sie sieht darin keinen Widerspruch. »Gerechtigkeit, Solidarität – da sind viele Gemeinsamkeiten«, meint sie. Ihrer Tochter, die Angst hat, dass die Mama anders wird, sagt sie: »Ich lebe jetzt ein Leben mit Gott. Ich werde ein anderer Mensch sein, aber nicht schlimmer.« Dabei hat sie sich eigentlich nicht verändert: Sie ist fröhlich, im Laden lacht und tröstet sie, sie betrachtet mit wachen Augen und ihrem unverwechselbaren Humor die Welt. Ihre ersten Gedanken zu christlichen Ritualen oder biblischen Geschichten verarbeitet sie derzeit augenzwinkernd in einem Buch.

Und doch ist etwas anders. Der Glaube, sagt sie, gebe ihr Geborgenheit und Ruhe. »Ich hatte Tausend Ängste und die sind jetzt weg.« Das ist das größte Geschenk.«

Katja Schmidtke

Das inszenierte Geheimnis

6. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Gottesdienste der anderen: Was können Christen von den Geschwistern aus der Ökumene lernen? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine dreiteilige Beitragsserie. Den Abschluss bildet der katholische Gottesdienst.

In der letzten Generation ist der protestantische Gottesdienst katholischer und der katholische Gottesdienst protestantischer geworden. Das ist im Wesentlichen eine positive Entwicklung. Darüber hinaus folgen beide großen Kirchen schon immer demselben liturgischen Grundschema. Dennoch ist es reizvoll, beide Gottesdienstformen typologisch gegenüberzustellen. In diesem Sinne kann eine liebevolle Karikatur der genaueren Wahrnehmung helfen. In den folgenden vier kurzen Thesen setze ich voraus, dass meine Beschreibungen dem Idealtypus des katholischen Gottesdienstes entsprechen, aber nicht jeder tatsächlich abgehaltenen Messfeier; und ich setze voraus, dass diese Prinzipien den Wahrheitsgehalt des evangelischen Gottesdienstes erschließen können. Einfacher gesagt: Ein bisschen mehr Geheimnis wäre auch für uns Evangelische nicht schlecht. Aber zunächst zum Katholischen. Erstens: Der Katholik glaubt vor allem mit den Augen. Das Messgewand des Priesters, die Kleidung der Ministranten, der Einzug und die Handlungen am Altar folgen einer tief verwurzelten Ordnung, die weder erklärt werden kann noch muss. Die erhobene Hostie und die sorgfältige, umständliche Reinigung des Kelchs nach der Eucharistie zeigen, dass hier das Unerklärliche und Überintellektuelle geschieht. Das Sterben und Auferstehen und das Sich-Schenken des Gottessohnes an diejenigen, die daran schauend teilhaben, wird Wirklichkeit: »Kommt und seht!« (Johannes 1,39).

Die katholische Messe transportiert damit zweitens keine Gedanken oder Informationen. Sie ist in ihrem Kern nichts anderes als das rituell vergegenwärtigte Geheimnis selbst. Es geht nicht um eine zu übermittelnde Botschaft, sondern um die Realität des Mysteriums. Ein Mysterium aber ist wie ein Rätsel nicht zu entschlüsseln, sondern zu feiern. Das Geheimnis der Erlösung, wie es im Gottesdienst erfahren werden kann, ist der Abstieg Gottes in die Welt (»Katabasis«), der Aufstieg des menschlichen Herzens zu Gott (»Anabasis«) und der Durchgang der Welt von der jetzigen Zweideutigkeit zur Vollendung (»Diabasis«). Um weniger geht es nicht in der Liturgie – also um alles.

Drittens: Für den Katholiken gehört die Predigt zwar zum Gottesdienst – aber sie gehört dennoch nicht so recht zur Liturgie. Die offiziellen Dokumente sprechen seit der Konzilskonstitution »Sacrosanctum Concilium« des 2. Vatikanums von 1963 zwar vom Zusammenhang von Predigt und Mahl, aber die Empfindung ist bisweilen eben doch eine andere. Ein konservativer Liturgietheoretiker, der katholische Schriftsteller Martin Mosebach, schrieb darum vor einigen Jahren: »Die Predigt zerreißt das Kleid der Liturgie. Auch wenn man es nicht so scharf ausdrücken möchte: Die Predigt steht in der katholischen Messe immer in der zweiten Reihe. Sie dient dazu, den Zugang zu dem Geheimnis zu bahnen bzw. die ethisch-moralischen Konsequenzen des Geheimnisses zu erläutern und einzuschärfen. Sie ist der Weg zum oder vom Mysterium. Aber die Predigt selbst ist nicht Mysterium. Christus selbst spricht im Geschehen am Altar und in den Lesungen, nicht aber in der Predigt. Denn zu einer derartigen Aussage konnte sich auch das 2. Vatikanum nicht durchringen. Nach »Sacrosanctum Concilium« von 1963 sind Liturgie und Predigt weiterhin deutlich zu unterscheiden.

Viertens ist der katholische Priester damit Geheimnisträger. Er ist nicht vor allem Prediger. Er ist Gleichnis des Mysteriums, Gleichnis der Menschwerdung des Göttlichen und der Transformation des Menschlichen. In einer eher missverständlichen Formulierung heißt es in den katholischen Dokumenten, der Priester handele »in persona Christi«. Das kann hierarchisch und autoritär aufgefasst werden, als ob der Priester mit einer Gloriole versehen werden solle, die man psychologisch kaum (er)tragen kann. Das hätte in der Tat etwas Neurotisierendes für den Amtsträger wie für die Gemeinde. Und doch: Richtig an dieser Sicht ist – auch aus protestantischer Sicht –, dass der Pfarrer kein Volksredner, Conférencier oder Alleinunterhalter ist, sondern der Sachwalter und das lebendige Zeichen des die Welt durchdringenden Geheimnisses Jesu.

Protestantisch wird man diese Charakterisierung auch auf die Predigt ausdehnen. Der Prediger steht und steht ein für dieses Geheimnis: Die Lebensgeschichte Jesu, meine Lebensgeschichte und die Geschichte Gottes sind – wenn auch in verborgener Weise – miteinander verbunden. Diesen Zusammenhang deutlich zu machen, das ist die Aufgabe der am Gottesdienst Beteiligten, also auch des Predigers.

Mit dem Einstehen für das Geheimnis befindet sich der Prediger nicht über oder neben der Gemeinde. Im Gegenteil verhält er sich nur so, wie es nach Paulus allen Christen aufgegeben ist: »Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse.« (1 Korinther 4,1)

Michael Meyer-Blanck

Der Autor ist Professor für Religionspädagogik an der Universität Bonn.

So fern und doch so nah

30. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Die Gottesdienste der anderen: Was können Christen von anderen Religionen lernen? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine dreiteilige Beitragsserie. Diesmal geht es um den islamischen Gottesdienst.

Was Gottesdienst im Islam bedeutet, ist nur mit einer gewissen Vorläufigkeit zu bestimmen. Manche Muslime sehen in jeder Handlung, die dem Willen Gottes entspricht, die wahre Form des Gottesdienstes. Dies entspricht der christlichen Vorstellung, die die Bewährung des Glaubens im Alltag ebenfalls als Gottesdienst bezeichnen kann.

In einer enger gefassten Definition wird im Islam als Gottesdienst bezeichnet, was als Ritual in erster Linie die Beziehung zu Gott betrifft. Diese Rituale werden als Ibadat bezeichnet und in einem eigenen Bereich der Scharia, d. h. der islamischen Normenlehre, verhandelt. Ibadat leitet sich von der arabischen Wurzel abd (dienen) ab. Bekannt ist die Wurzel als Bestandteil von Namen wie Abdullah – Diener Gottes. Zu den Ibadat zählen neben dem Gebet auch das Fasten, die Almosensteuer, die Pilgerfahrt und diverse Reinheitsvorschriften.

Dem christlichen Verständnis von Gottesdienst entspricht am ehesten das Ritual- oder Pflichtgebet (Salah bzw. Salat), neben dem jedoch noch weitere Gebetsformen praktiziert werden. Es wird fünfmal am Tag verrichtet. Die Zeiten orientieren sich am Stand der Sonne und variieren daher nach Jahreszeit und Ort. Traditionell wird durch den Gebetsruf (Adhan) zum Gebet aufgerufen. In Deutschland geschieht dies in der Regel nur innerhalb der Moschee. Bis auf das Freitagsgebet, das die muslimischen Männer in Gemeinschaft in der Moschee durchführen und in dem wie im christlichen Gottesdienst eine Predigt erfolgt, können die anderen Gebete auch alleine vollzogen werden.

Vor dem eigentlichen Gebet erfolgt eine doppelte Vorbereitung. Zum einen vollzieht der bzw. die Gläubige eine rituelle Reinigung (wudu) mit Wasser. Eine innerliche Ausrichtung auf das Gebet erfolgt durch die Absichtserklärung (fard). Im Hinblick auf das christliche Gebet könnte diese doppelte Vorbereitung Anlass geben, die Zeit vor Beginn des Gottesdienstes bewusster wahrzunehmen. Das bei vielen Gläubigen nicht mehr praktizierte Gebet zur Vorbereitung könnte in diesem Sinne wiederbelebt werden. In der katholischen Kirche hat sich hingegen der Brauch gehalten, sich beim Betreten der Kirche mit dem Weihwasser zu bekreuzigen: ein symbolischer Akt der Reinigung und eine Erinnerung an die Taufe. Beim gemeinsam vollzogenen Gebet stehen die Muslime in Reihen dicht beieinander. Symbolisch soll so ausgeschlossen werden, dass sich der Teufel zwischen die Betenden stellt und sie vom Gebet ablenkt. Zugleich ist diese Tradition eine vorbildliche Nivellierung aller sozialen und intellektuellen Unterschiede.

Das Ritualgebet selbst besteht aus mehreren sich wiederholenden Einheiten (rak’a). Mit dem Körper werden bestimmte Gebetshaltungen eingenommen, in der Regel das Stehen mit den hinter den Ohren erhobenen Händen, die Verbeugung und das Niederwerfen, bei dem die Stirn den Boden berührt. Die einzelnen Gebetshaltungen sind mit höchster Wahrscheinlichkeit aus vorislamischen Traditionen übernommen. Auch in manchen christlichen Konfessionen wurden und werden sie noch immer praktiziert. Für den evangelischen Gottesdienst können sie eine Anregung sein, neu darüber nachzudenken, wie mit Gesten und Gebetshaltungen das Gebet vertieft werden kann.

Den beschriebenen Gebetshaltungen sind Texte aus dem Koran sowie kurze Gebetsrufe zugeordnet. Zu den Texten aus dem Koran, die auswendig, aber zum Teil nur murmelnd gesprochen werden, gehört die erste Sure (Kapitel), »Al-Fatiha«, die Eröffnende – ein Gebet, das im Islam eine ähnliche Bedeutung hat wie das Vaterunser im christlichen Kontext. Dass Suren auswendig rezitiert werden, könnte ein Anstoß sein, im evangelischen Bereich dazu zu motivieren, verstärkt Lieder, Gebete und Bibeltexte auswendig zu lernen, um sie in Krisensituationen abrufen zu können.

Der bekannteste Gebetsruf innerhalb des Ritualgebets ist das Allahu akbar – Gott ist größer. Mit diesem Lob Gottes drücken muslimische Gläubige nicht nur aus, dass der eine Gott größer als alle Götzen ist, sondern sie erinnern sich auch daran, dass Gott alle Vorstellungen von ihm übersteigt. Dies deckt sich mit dem im jüdisch-christlichen Kontext überlieferten Gebot, sich kein Bild von Gott zu machen.

Der muslimische Gottesdienst unterscheidet sich – wie wir gesehen haben – in vielem vom christlichen Gottesdienst. Dennoch kann die Betrachtung der Art und Weise, wie Muslime und Musliminnen beten, uns Christen anregen, alte Praktiken neu zu überdenken und neue Formen auszuprobieren.

Ralf Lange-Sonntag

Der Autor ist Referent für Fragen des christlich-islamischen Dialogs am Institut für Kirche und Gesellschaft in Villigst.

Das alles verbindende Gebet

23. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Gottesdienste der anderen: Was können Christinnen und Christen von den Geschwistern aus der Ökumene und von anderen Religionen lernen? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine vierteilige Beitragsserie. Den Auftakt bildet der jüdische Gottesdienst.

Wenn Christinnen und Christen vom jüdischen Gottesdienst lernen wollen, so müssen sie wohl zuerst einsehen, dass der Begriff Gottesdienst gar nicht so einfach auf das Judentum angewendet werden kann. Das Gebet, zu dem sich Jüdinnen und Juden am Feiertag in den Synagogen versammeln, ist grundlegend nichts anderes als das Gebet im Alltag – nur in etwas anderer Form. Jüdinnen und Juden, die ihre Religion alltäglich praktizieren, beten dreimal täglich. Am Sabbat oder Feiertag bleiben die alltäglichen Abend-, Morgen- und Nachmittagsgebete in ihrer Struktur gleich, werden aber sprachlich besonders gestaltet. Das Gebet verbindet Alltag und Feiertag. Wenn der Jude Paulus die an Christus Glaubenden im Neuen Testament auffordert: »Betet ohne Unterlass!« (1. Thessalonicher 5,17), dann könnte er an eine solche, ihm aus seinem jüdischen Leben vertraute Praxis gedacht haben.

Generell ist das jüdische Gebet durch eine große Bedeutung der Tradition und des Rituals gekennzeichnet. Das gilt sogar für die Gottesdienste und Gebete der reformorientierten Kreise im Judentum. In den Gebeten finden sich zahlreiche Texte, die nie verändert werden: das sogenannte »Höre, Israel« (5. Mose 6,4–9), das in jedem jüdischen Gebet gemeinsam gelesen wird, das Achtzehngebet, das trotz seines Namens niemals 18 Bitten hat, sondern am Wochentag 19 und am Feiertag sieben, zahlreiche Psalmen und Preisungen, die wortgleich überall, wo Jüdinnen und Juden feiern, gesprochen bzw. gesungen werden. Was sich unterscheidet, sind die Art und Weise, wie diese Texte gottesdienstlich gestaltet werden und damit die Klangfarben der Gottesdienste.

Der polnisch-US-amerikanische Religionsphilosoph Abraham Joshua Heschel (1907–1972) hat die Bedeutung des verbindlich festgelegten Textes überaus zu schätzen gewusst. Niemand müsse Gebete aus seinem eigenen Inneren selbst hervorbringen. Der Mensch stimme vielmehr ein in eine andere Melodie, die das Gebet vorgibt. »Es bringt uns weiter«, schreibt Heschel, »wenn wir das Echo der Musik der Jahrhunderte in uns wiedererwecken, als wenn wir auf der zersprungenen Flöte des eigenen Herzens spielen.« Interessant sind auch die Erfahrungen des US-amerikanischen Journalisten Leon Wieseltier, der anlässlich des Todes seines Vaters anfing, regelmäßig zu beten. Die für ihn zunächst völlig fremden Worte des Gebets wurden ihm nach und nach zur Heimat. Sie erwiesen sich wie ein Raum, den er betreten konnte und nicht selbst bauen musste. Manchmal stöhnt und ächzt der christliche Gottesdienst angesichts der Forderungen nach Originalität und Authentizität. Die Erfahrung vieler jüdischer Beter könnte den Kreativitätsdruck zurücktreten lassen. Und wer weiß, vielleicht kann ich, auch wenn für mich an einem Sonn- oder Feiertag kein einziges Wort des Glaubensbekenntnisses oder mancher Lieder einfach so aus dem Herzen sprudeln würde, im Mitbeten dieser Texte und Mitsingen dieser Lieder selbst Neues entdecken und von außen nach innen zum Glauben finden.

Dazu gehört auch, dass das jüdische Gebet an den meisten Orten auf Hebräisch gebetet wird – auch wenn nicht alle zum Gebet Versammelten diese Sprache wirklich verstehen. Verständlichkeit im kognitiven Sinn ist nicht alles im Gottesdienst – eine Wahrnehmung, die vernunftorientierten Protestanten gelegentlich gesagt werden muss. Apropos Protestanten: Jüdisches Gebet funktioniert immer auch ohne Predigt; in den Morgengottesdiensten der Feiertage aber nie ohne biblische Lesungen. Vor allem die Tora-Lesung hat einen hohen Stellenwert. In der Feier der Gemeinde wird die Gabe der Tora am Sinai liturgisch-symbolisch neu inszeniert, und die zum Gottesdienst Versammelten können sich so fühlen, als seien sie selbst am Sinai versammelt. Wer diese Praxis einmal gesehen hat, wird sich fragen, warum wir Evangelischen uns zwar manchmal »Kirche des Wortes« nennen, aber den Lesungen aus der Bibel so wenig Gewicht geben.

Da das jüdische Gebet im Prinzip festliegt, kann jeder aus der Gemeinde – in liberalen und vielen konservativen, nicht aber in orthodoxen Gemeinden auch jede – zum Vorbeter werden. Es braucht keinen ordinierten Rabbiner zum gemeinsamen Gebet. Die Reformation trat einst auch an, das Priestertum aller Getauften zu vertreten. Meines Erachtens handelt es sich dabei aber um eine der am häufigsten zitierten und am wenigsten praktizierten Wendungen in der evangelischen Kirche. Vielleicht wäre auch hier ein Lernen vom Judentum 500 Jahre nach der Reformation hilfreich.

Alexander Deeg

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig.

»Sale«-Schilder, Smartphones, riskante Abenteuer

16. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Sooo billig! In der Werbung lauert sie augenzwinkernd hinter Pralinen oder Spitzendessous: Die Versuchung. Manchmal wird sie als schwarzrotes Teufelchen dargestellt, mal als innere Stimme, und oft heißt die Botschaft: Gib der Versuchung nach – und genieß es!

Zu Schlussverkaufs-Zeiten erlebe ich die Versuchung oft in Gestalt von »Sale«-Schildern, Prozentzeichen und überklebten Preisschildern: Sooo billig, so eine schöne Farbe – und dann fallen mir auch Gründe ein, warum dieses T-Shirt, dieser Rock, dieser Schal noch Platz in meinem überfüllten Kleiderschrank finden sollte …

Friederike Ursprung – Foto: Steffen Giersch

Friederike Ursprung – Foto: Steffen Giersch

Oft steckt die Versuchung auch im Smartphone: Mal schnell dieses Selfie oder Video oder jenen Kommentar posten, bei diesem Ereignis oder jener Debatte meinen Senf dazugeben, Anerkennung bekommen – egal ob es stimmt, und egal ob es irgendwen verletzt …

Die meisten gefährlichen Versuchungen tauchen nicht als Cartoon-Teufelchen auf, und es geht um mehr als sündige Genüsse oder Smartphone-Gedaddel.

Welche Möglichkeiten habe ich gerade? Welche davon wäre richtig, welche würde schaden? Das ist die Frage, mit der sich Jesus 40 Tage lang beschäftigt. Vermutlich schlägt er sich in der Wüste mühsam damit herum, auch wenn es sich in der Bibel liest, als hätte er jede Versuchung mal kurz mit dem passenden Bibelzitat abgeschmettert.

Mach doch einfach Brot aus diesen Steinen, ist doch kein Problem für dich! Und wieviel Gutes könnte Gottes Sohn mit so einem Wunder bewirken – was sollte daran falsch sein? Versuchungen haben manchmal verführerische Argumente, lassen sich sogar mit den besten Absichten begründen. Hier aber geriete Jesus in Gefahr, dass er sich von seinem eigentlichen Ziel ablenken lässt und sich durch ein einfaches Hintertürchen aus einer schwierigen Lage herausmogelt.

Andere Versuchungen können einen gerade in Schwierigkeiten und Gefahr bringen, und andere mit. Die Idee, vom Tempeldach zu springen, klingt völlig aberwitzig – doch aus Größenwahn irgendwelche halsbrecherischen Abenteuer riskieren, ohne Rücksicht auf Konsequenzen, das ist auch im 21. Jahrhundert keine Seltenheit. Wird schon irgendwie gut gehen, scheinen viele zu glauben – doch nicht immer schaffen es die Schutzengel, Schaden abzuwenden von den Betroffenen selbst und von anderen, die unter den Folgen ihres Handelns (manchmal auch: ihres Nichthandelns) zu leiden haben.

Das können Geschichten von persönlichen Risiken, vom Scheitern, von Verletzungen und Burnout sein – oder Nachrichten von riskanten Höhenflügen und Abstürzen in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft oder Medien: von unüberlegten politischen Entscheidungen, geplatzten Finanzblasen, Umweltkatastrophen – aber auch davon, dass die erhoffte Superstar-Karriere im Fernsehen zur öffentlichen Demütigung wird, dass überhitzte Berichterstattung Panik verbreitet oder Hass sät.

Zu den gefährlichsten Versuchungen zählt es wohl, sich von Macht und Reichtum korrumpieren zu lassen: Die ganze Welt gebe ich dir, wenn du mich anbetest, sagt der Versucher zu Jesus. Doch für den steht fest: Nur Gott gilt es zu dienen!

Wem dienen Menschen mit ihrem Leben und mit dem, was sie tun? Wie entscheiden sie sich zwischen persönlichem Vorteil und dem, was Gott will? Sind sie sich dieser Frage überhaupt immer bewusst?

Führe uns nicht in Versuchung, beten Christen im Vaterunser. Das heißt also: Gott, hilf uns, gefährliche Versuchungen zu erkennen, und steh uns bei, dass wir Entscheidungen treffen, mit denen wir ihnen nicht erliegen!

Friederike Ursprung

Die Autorin ist evangelische Kirchenredakteurin bei Radio PSR.

Lieder von Herz zu Herz

9. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie können Eltern und Großeltern ihren Glauben an Kinder weitergeben? Zum Schluss unserer dreiteiligen Serie geht es um das Singen.

Obwohl das Singen mehr und mehr aus dem öffentlichen Raum verschwindet, faszinieren uns singende Menschen nach wie vor. Für Kinder ist das Singen eine einzigartige Möglichkeit, sich ihre Umwelt zu erschließen und ihre Identität auszubilden, auch die religiöse.

Theo ist drei Jahre alt und seit wenigen Wochen ein Kindergartenkind. »Wer auf Gott vertraut, braucht sich nicht zu fürchten«, klingt es am Nachmittag aus seinem Kinderzimmer. Es hört sich nicht danach an, dass das Lied beiläufig dahergesungen wird. Eher nach bewusst gewählten Worten, die aus dem Herzen kommen, Worte der Zuflucht in turbulenten Zeiten.

Lieder drücken aus, was uns im Inneren bewegt

Dass wir in Liedern ausdrücken, was uns bewegt, ist ein uraltes Verhaltensmuster. Wenn uns für das, was uns bewegt, die Worte fehlen, greifen wir auf Formulierungen zurück, die schon andere vor uns gefunden haben. Oft erinnern wir uns noch Jahre später an die Musik, die uns in bestimmten Situationen geprägt hat.

Wer Kindern geistliche Lieder vermittelt, gibt ihnen zugleich einen Glaubensschatz auf den Lebensweg mit. Foto: esthermm – Fotolia

Wer Kindern geistliche Lieder vermittelt, gibt ihnen zugleich einen Glaubensschatz auf den Lebensweg mit. Foto: esthermm – Fotolia

Auch unserem Glauben können wir durch das Singen Ausdruck verleihen und ihn vor anderen bezeugen. In besonderer Weise auch vor unseren Kindern. Neben dem Erzählen von Geschichten und dem vertrauensvollen Gebet ist das Singen eine einmalige wie einzigartige Chance, die Kinder im gemeinsamen Alltag in Gottes Gegenwart zu bringen. Denn auch für uns gilt das Bekenntnis der Israeliten aus Exodus 15: »Der Herr ist meine Stärke und mein Lobgesang und mein Heil« (2. Mose 15, Vers 2).

Für den Theologen Jürgen Henkys liegt darin eine dreifache Sinnrichtung: Gott als Lobgesang ist zugleich Inhalt, Ziel und Beweggrund. So ist es möglich, dass wir über ihn, zu ihm und durch ihn singen können. Das Singen macht Gott zum einen in dieser Welt hörbar, und zum anderen werden wir und unsere Kinder beim Singen selbst von ihm berührt.
Daher lohnt es sich, geistliche Lieder auch außerhalb von konfessionellen Kindergärten und Schulen oder dem Kindergottesdienst in den Alltag zu integrieren: zum Aufstehen oder Frühstücken, Abendessen oder Schlafengehen. Aber auch Spielsituationen können als Anlass zum beiläufigen Lernen von Liedern genommen werden.

Christliche Verlage bieten eine Vielzahl von CDs und Liederbüchern, je nach Alter der Kinder oder bestimmten Musikstilen. Dabei müssen es nicht immer nur spezielle Kinderlieder sein. Auch alte und neue Kirchenlieder oder Lobpreissongs können in der Familie gemeinsam gesungen werden. Was eine viel größere Rolle als die Liedauswahl spielt, beschreibt der Professor für Liturgik, Musik und Stimmbildung, Markus Eham, von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt: »Wenn an meinem Vor- und Mitsingen nicht hörbar wird, dass es aus dem Herzen kommt, wird es kaum zu Herzen gehen.«

Es kommt nicht zuerst auf den sauberen Ton an

Das darf für alle Eltern und Großeltern auch als eine große Erleichterung verstanden werden. Denn Text- und Tonsicherheit spielen eher eine untergeordnete Rolle, wenn wir mit unseren Kindern von und für Gott singen. Das darf des Öfteren auch ohne CD-Begleitung geschehen, denn nur so können Kinder die Vielfalt und Unterschiedlichkeit von Stimmen kennenlernen und ihre eigene trainieren.

Das Singen bringt Sprechen und melodisches Klingen, also auch Denken und Fühlen, zusammen. Es trainiert die Zusammenarbeit von linker und rechter Gehirnhälfte. Dieses Training stimuliert die Entwicklung der musikalischen Intelligenz, welche als Basis für andere Intelligenzen gilt. Durch die Fähigkeit des Singens, negative Gefühle in positive zu verwandeln, wachsen Widerstandskraft, Selbstvertrauen und Selbstverantwortung.

Einen Schatz neu entdecken: Singen in der Familie

Durch den technischen Fortschritt hat sich der Stellenwert des Singens enorm verändert. Das sogenannte Volkslied ist kaum noch existent. Vielmehr begrenzt sich das eigene Singen auf feste Räume, wie Fußballstadien und Klassenzimmer, oder findet auf Volksfesten oder im religiösen Rahmen statt. Doch der eigene Gesang in der Familie ist ein Schatz, den es neu zu entdecken gilt. Denn neben den geistigen Fähigkeiten, die das Singen trainiert, wird mit religiösen Liedern eine geistliche Basis gelegt, aus der viele ein Leben lang schöpfen.

Und damit kann man nie früh genug beginnen. Theo beispielsweise musste als Baby stundenlang singend umhergetragen und geschaukelt werden, bevor er in den Schlaf fand. Doch das abend-, oder besser gesagt, nächtefüllende Repertoire seiner Eltern geriet bald an seine Grenzen. Nach »Der Mond ist aufgegangen« und »Weißt du, wie viel Sternlein stehen« mussten Alternativen her. Nichts eignete sich da besser als alte Kirchenlieder mit vielen Strophen: »Befiehl du deine Wege« (EG 361) oder »Wer nur den lieben Gott lässt walten« (EG 369).

Mirjam Petermann

Vertrauen, Mut und Orientierung schenken

2. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie können Eltern und Großeltern ihren Glauben an Kinder weitergeben? Dieser Frage widmet sich eine dreiteilige Serie.

Vertrauen, Orientierung und Mut wollen wir unseren Kindern vermitteln. Viele Regeln und Ordnungen lernen Kinder von uns, sie schauen und machen das, was die Erwachsenen ihnen vormachen. So lernen sie die Regeln und Ordnungen, die wie Geländer Raum und Zeit orientieren und strukturieren.

Im Zusammenleben erfahren sie erstes Vertrauen: Man bekommt Nahrung, wenn man Hunger hat; im glücklichen Fall wird man getröstet, wenn man sich wehgetan hat. Von Gott wird erzählt, dass er einen tröstet, wie einen seine Mutter tröstet. Sollte schon in die ersten Anfänge eines Lebens Gott hineinspielen?

Leben ist geschenkt, gegeben, wir haben es nicht gemacht. Schon am Anfang ist Gott mit im Spiel: »Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war.« (Psalm 139,16) »Gott als Geheimnis der Welt«, unter diesem Titel hat der Theologe Eberhard Jüngel sein Nachdenken über Gott und Welt zusammengefasst. Gott also in der Welt, aber als Geheimnis, die Welt ist offenkundig kein Beweis für Gott. Gott schenkt Leben, er provoziert Vertrauen, Orientierung und Mut. Die Bibel nennt das Glauben. Aber das Geheimnis ist nicht greifbar, es ist kein Beweismittel, und was wir nicht als Beweismittel greifen können, wird rasch vergessen. Der Geschenkcharakter des Lebens gerät in Vergessenheit. Das ist moderne Gottvergessenheit.

Die Geschichte Gottes wirbt für die Einsicht, dass ein Mensch sich geschenkt ist. Mit den vielen Geschichten, Gebeten, Verheißungen und Klagen verweist die Bibel auf Gott. Gott erschließt sich, wenn wir im Erzählen in die Geschichten verwickelt werden. Das Erzählen macht Menschen empfänglich für Gottes ursprüngliches Ja: »Fürchte dich nicht, … ich habe dich bei deinem Namen gerufen«. (Jesaja 43,1)

Schauen wir auf das erste Kapitel der Bibel. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Ein Kind mag fragen: Ist so die Welt entstanden? Das kann doch nicht sein! Aber es versteht, dass schon am Anfang die Welt Schutz brauchte, Fürsorge, wundervolle Ordnung von Raum und Zeit. Die Welt ist schön, ein Lobgebet äußert das: Der Himmel freue sich …, es sollen jauchzen alle Bäume im Walde (Psalm 96,11/12). Der Bericht des ersten Kapitels der Bibel fährt fort mit der Schöpfung des Menschen: der Mensch im Angesicht Gottes, angeredet als Ebenbild, verantwortlich und voller Würde.

Als Mensch in Gottes Geschichte kann ich rufen und werde gehört. Ich spreche mit Kindern den 23. Psalm: Die uralten Worte, mit denen Israel seinen Glauben bekannte, erweisen sich als zuverlässig und tragfähig. Die Worte schaffen einen Raum von Vertrauen, da hört uns jemand und versorgt uns wunderbar mit erquickendem Wasser. Ich bin nicht der einsame Einzelne, der allen gleichgültig ist.

Ein Kind erziehen heißt, mit ihm zusammenleben, ihm Vertrauen, Orientierung und Mut einflößen. Man kann das tun, indem man von der Geschichte erzählt, in der einem jeden Menschen Anerkennung und Würde zugesprochen wird. So wird ein Mensch, ein Kind in Gottes Geschichte verwickelt. Während des Zusammenlebens mit meinen Kindern und später mit den Enkeln waren für mich leitend die Gedanken des polnischen Arztes und Pädagogen Janusz Korczak, der von 1912 bis zum Ende 1942 das jüdische Waisenhaus in Warschau leitete. Korczak entstammte einer jüdischen Familie, praktizierte aber die jüdische Religion nicht. Dennoch blieb er fest verwurzelt in der biblischen Tradition. Er galt als nicht religiös, aber er richtete im Waisenhaus ein Morgengebet ein, an dem die Kinder freiwillig teilnehmen konnten.

Das Gebet ist Lebensraum und Ordnung, es teilt die Zeit ein, innerhalb und außerhalb meiner selbst: Gott ist der Name für das Geschenk und die Güte des Lebens.

Janusz Korczak konnte den Kindern sein Lebensverständnis vermitteln beim Betrachten einer Wiese. »Kinder wollen lachen, rennen, übermütig sein. Erzieher, wenn für dich das Leben ein Friedhof ist, so erlaube wenigstens ihnen, das Leben für eine Wiese zu halten.« In seinem Tagebuch im Warschauer Getto schreibt er: »Dank dir, guter Gott, für die Wiese und die bunten Sonnenuntergänge, für das frische Lüftchen am Abend nach einem heißen Tag der Mühsal und Arbeit. Guter Gott, der du es so weise eingerichtet hast, dass die Blumen duften, die Glühwürmchen auf der Erde leuchten, die funkelnden Sterne am Himmel.« Korczak schreibt aus der Erinnerung – im Getto gab es keine Wiese – im Vertrauen auf das ihm geschenkte Leben. Die fröhliche Wiese ist gestaltet vom Realismus der Barmherzigkeit. Eine Hand ist neben mir und sorgt für mich wie der barmherzige Samariter. Das ist die Sicht auf die Welt, die immer wieder die Spur des Geheimnisses der Welt entdeckt.

Gunda Schneider-Flume

Die Autorin war Theologieprofessorin in Heidelberg und Jena. Bis zu ihrer Emeritierung 2006 hatte sie den Lehrstuhl für Systematische Theologie an der Universität Leipzig inne.

Buchtipp:
Schneider-Flume, Gunda: Kinder können fliegen. Leben mit Kindern – Im Gespräch mit Janusz Korczak, Verlag Peter Lang, 95 S., ISBN 978-3-63166-364-6, 19,95 Euro

Gott in den Alltag holen

26. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie können Eltern und Groß­eltern ihren Glauben an Kinder und Enkelkinder weitergeben? Dieser Frage widmet sich eine dreiteilige Serie.

Kennen Sie »Kirchenbauchschmerzen«? Nein? Dieses rätselhafte Leiden befällt meine Kinder ab und zu am Sonntagmorgen kurz nach neun Uhr, wenn es Zeit wird, sich für den Sonntagsgottesdienst bereit zu machen. Er fühle sich gar nicht gut, sagt dann der Achtjährige, der Bauch tue weh und überhaupt, das gesamte Befinden sei nicht das Beste. Die kleine Schwester schließt sich dem an, greift noch schnell an die Stirn, die ihr selbst sehr, sehr heiß vorkommt. Das Zauberhafte an diesen Beschwerden ist: Um Punkt zehn Uhr sind sie verschwunden, ob wir nun gemeinsam den Gottesdienst besuchen oder nicht.

»Kirchenbauchschmerzen« zeigen, dass es gar nicht so einfach ist, Kinder im Glauben zu erziehen. »Religion lernt man von außen nach innen«, sagt der Religionspädagoge Fulbert Steffensky. Kinder sollen am Vorbild der Eltern christliches Leben erfahren, mit ihnen den Gottesdienst besuchen, das Geschehen dort in sich aufnehmen, erleben, um es dann zu verinnerlichen und verstandesmäßig zu erfassen.

Doch Kinder in den Kontakt mit dem Glauben zu bringen und sie auf ihrem eigenen Weg zu bestärken ist nicht leicht, vor allem, da man als Eltern erst einmal über den eigenen Glauben reflektieren muss. Was glaube ich? Wie erlebe ich Gott? Was weiß ich über ihn und Jesus Christus? Wie sag ich’s meinem Kinde? Und man muss sein Verhalten betrachten: Bete ich? Spreche ich von Gott? Gehe ich zum Gottesdienst? Sprechen wir gemeinsam das Tischgebet? Bin ich barmherzig und gebe dem Bettler in der Fußgängerzone etwas aus meinem Geldbeutel oder gehe ich achtlos an ihm vorbei?

Kinder betrachten ihre Umwelt sehr genau. Dazu gehört auch das Verhalten der Menschen, die sie umgeben. Und sie fragen ganz automatisch nach Gott. Ihre Fragen ernst zu nehmen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, das ist ganz wichtig, damit Kinder eine Beziehung zu Gott aufbauen können. Der katholische Religionspädagoge Albert Biesinger hat viele Bücher darüber geschrieben, wie man den christlichen Glauben an Kinder und Jugendliche weitergibt. Neben den Gesprächen über Gott hält er Rituale für unverzichtbar: das Segnen der Kinder vor dem Weg zur Schule oder zum Kindergarten, das Tischgebet und das Vorlesen aus der Bibel.

Solche Rituale haben auch wir. Und es stimmt: Sie helfen auch in unserer hektischen, digitalen Zeit, innezuhalten und Gott in unser Leben, an unseren Abendbrottisch zu holen. Aber ich gestehe, ich muss mich immer wieder ermahnen, Gott diesen Raum in unserem Leben zu geben, Platz an unserem Tisch zu machen. Wer Gott als täglichen Begleiter erfährt, weiß, dass er mit allen Sorgen, Nöten, Ängsten, aber auch Freuden in ihm einen Ansprechpartner hat. Ich hoffe, so wird der Glaube an Gott und Jesus Christus allmählich verinnerlicht. Ein Glaube, der bleibt, wenn der Kinderglaube längst schon vergangen ist.

Diana Steinbauer

Sieg und Niederlage

18. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Sehnsucht nach dem vollen Leben artikuliert sich beim Fußball wie im Glauben

Die Fußball-Europameisterschaft 2016 in Frankreich ist zu Ende. Vier Wochen lang hat der Fußball das Leben von Millionen Menschen bestimmt, hat sie Abend für Abend gemeinsam in die Cafés und Kneipen oder vor den Fernseher gelockt. Was ist dran an der Faszination Fußball?

In einer kleinen Dorfkirche im Weimarer Land hängt vom Kanzelaltar die Leinwand. Ein Familienvater schaltet den Beamer ein. Liturgische Farbe ist heute Schwarz-Rot-Gold. Hier gibt es keine Sakristei, der Kühlschrank steht unter der Empore. Der Lehmputz fällt von den alten Wänden. Noch. Und doch ist dieser Ort heute mit Leben gefüllt. Gleich kommen sie, die Alteingesessenen und die Zugezogenen, die Konfirmanden, der alte Bauer und viele, die noch nie in einer Kirche waren. Heute kommen sie und gucken gemeinsam Europameisterschaft. Das ganze Dorf – sonst sieht man sich ja nie. Sie schauen und jubeln für verschiedene Mannschaften. Der Taufengel hält seinen Fuß ins Bild. Hinterher bleiben viele da, haben Zeit und teilen sich eine Bratwurst und das Leben.

Was diese kurze Anekdote deutlich macht: Fußball hat auch in den vergangenen vier Wochen Menschen zusammengeführt, Gemeinschaft ermöglicht, auch und vor allem zwischen Menschen, die sich sonst nicht begegnet wären.

Foto: Smileus – Fotolia.com

Foto: Smileus – Fotolia.com

Fußball ist ein Mannschaftssport, ob auf dem Platz oder vor der Leinwand. Ob auf der Arbeit oder im Konfirmandenunterricht, über die Spiele der Europameisterschaft kommen Menschen ins Gespräch und teilen ihr Leben. Und manchmal findet das ganze Leben zwischen 90 Minuten statt: Hoffen und Bangen, Empörung und Versöhnung, der befreiende Siegesjubel und die bitteren Tränen der Niederlage. Das gemeine versteckte Foul, das besonders weh tut, auch weil es nicht geahndet wird. Das überraschende Fair-Play, wenn ein Spieler sein Vergehen gegenüber dem Schiedsrichter zugibt. Die Verletzung, die Träume zerplatzen lässt, und die wunderbare Rückkehr des Spielers Benjamin Köhler, der mit dem Krebs um sein Leben gerungen hatte und nun wieder auf dem grünen Rasen steht. Diese Geschichten zeigen, dass Fußball Teil unseres Lebens ist. So waren auch bei dieser Europameisterschaft für mich wieder die stärksten Momente diejenigen, bei denen die Spieler als Menschen erkennbar wurden. Da sehe ich Portugals Christiano Ronaldo, wie er seinen Arm schützend um einen Fan legt, der für ein Foto mit seinem Vorbild auf den Rasen gestürmt war und nun von den Sicherheitskräften abgeführt werden sollte. Ich sehe die Gesichter der Spieler nach dem Elfmeter-Krimi Deutschland–Italien. Unbändige Freude und fassungslose Trauer zugleich. Der faire Verlierer Gianluigi Buffon, der italienische Torhüter, der mit Tränen in den Augen zum Sieg gratuliert, und die deutschen Spieler, die ihre italienischen Kollegen in den Arm nehmen. Und wie in den Stadien, so auch auf den Straßen und in den Cafés in Deutschland. Diese Emotionen sind es, die das Spiel ausmachen. Wo sonst können sie so öffentlich gelebt werden?

Und ich sehe die Spieler Islands, die mit Teamgeist und Leidenschaft Geschichte geschrieben und sich in die Herzen Europas gespielt haben. Nach der Niederlage im Viertelfinale gegen Frankreich war Island ausgeschieden, und doch blieben die Isländer allgegenwärtig in den Stadien und den Straßen Frankreichs und Europas. Die isländischen Fans standen in ihrer Leidenschaft den Spielern in nichts nach, sie empfingen die Spieler auf der Insel wie Helden, und ihr Wikinger-Schlachtruf eroberte die Stadien bis hinein ins Finale: Hu!

Aber geht es im Fußball nicht letztlich um Sieg oder Niederlage? Gewiss, und so ist es doch auch im »richtigen« Leben, im Wechsel von guten und schlechten Zeiten. Der Fußball bietet einen spielerischen Umgang mit diesen Erfahrungen, der grenzenlosen Freude, wie auch der völligen Verzweiflung. Diese Emotionen zu leben, kann freimachen, und es tut gut, auch einmal zu Niederlagen stehen zu lernen.

Beim Fußballspiel kann sich das Blatt bis zur letzten Minute noch wenden, und es fühlt sich gut an, diese Hoffnung mit zurück ins Leben zu nehmen. Im Fußball, wie im Glauben, artikuliert sich die Sehnsucht nach dem vollen Leben.

Ramón Seliger

Vom Guten im Bösen, vom Unglück im Glück

13. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Die Josefsgeschichte – ein Edelstein der biblischen Erzählkunst

Ohne Frage, in ihrer Zeit war die Josefsgeschichte eine moderne Erzählung und Josef war ein moderner Mensch. Was aber hat diesen Edelstein der biblischen Erzählkunst zu einer modernen Geschichte gemacht? Dies, dass sie sich durch eine »revolutionäre Weltlichkeit« auszeichnet (Gerhard von Rad). Dem Leser der Meisternovelle in 1. Mose 37-50 wird ein junger Mann vor Augen gestellt, der auf den ersten Blick ganz in der Welt aufgeht: Josef, der Träumer, das Lieblingskind, die Petze, der verhasste Todeskandidat, der nach Ägypten verkaufte Haussklave, der Glückspilz, der erfolgreiche Hausverwalter, der Standhafte und Verleumdete, der Häftling, der weise Traumdeuter, Vizepharao, Retter in der Not und große Versorger, der harte Prüfer und Versöhner … Nichts Menschlich-Allzumenschliches ist ihm fremd. Alles riecht nach Welt. Wie ein autonomes Geschehen läuft die Kette der Ereignisse vor den Blicken des Publikums ab, etsi deus non daretur – »als ob es Gott nicht gäbe« (Dietrich Bonhoeffer).

Rebecca Horner als Potifars Weib und Denys Cherevychko als Joseph in der Ballettkomposition »Josephs Legende« von John Neumeier. 2015 wurde das Ballett an der Wiener Staatsoper aufgeführt. Foto: Wiener Staatsballett/ Michael Pöhn

Rebecca Horner als Potifars Weib und Denys Cherevychko als Joseph in der Ballettkomposition »Josephs Legende« von John Neumeier. 2015 wurde das Ballett an der Wiener Staatsoper aufgeführt. Foto: Wiener Staatsballett/ Michael Pöhn

Vor uns steht ein junger Mann mit einer mehrfach gebrochenen Karriere. Das macht ihn interessant. Glatte Karrieren sind etwas für Langweiler! Und dass die Josefsnovelle ihr Publikum in mehr als 2 000 Jahren Literaturgeschichte gelangweilt hätte, das kann wahrlich niemand behaupten. Dieses Kapitel der Weltliteratur, immer neu und immer anders erzählt, hat im kulturellen Gedächtnis des Judentums, der Christenheit und des Islams breite Spuren hinterlassen, bis hin zur monumentalen Roman-Tetralogie »Joseph und seine Brüder« von Thomas Mann.

Ja, auch die Religionen lieben das Weltliche und sind – trotz gelegentlicher apokalyptischer Neurosen – nicht auf Weltflucht programmiert. In diesem ständigen Auf und Ab einer Familiengeschichte fällt es schwer, so etwas wie einen roten Faden zu erkennen. Da gibt es Glück im Unglück, aber auch Unglück im Glück, Gutes im Bösen, aber auch Böses im Guten. Vieles, was geschieht, trägt den Stempel der Kontingenz, des Zufälligen, Überraschenden. Und doch wird der Leser den Eindruck nicht los, dass hinter all diesen Irrungen und Wirrungen eine »unsichtbare Hand« steht, ein verborgener Sinn in einem Meer von scheinbaren Sinnlosigkeiten.

Doch dieser Sinn erschließt sich Josef und seinen Brüdern erst im Nachhinein, in den wenigen Augenblicken, in denen Göttliches im Weltlichen aufblitzt, der Gott Israels in der Geschichte seines Volkes, für das Jakob und seine Söhne stehen. Durch Vaterliebe und Bruderhass, Sklavenlos und Gefängnis, durch Niederlagen und Erfolge, den großen Hunger und kluge Landwirtschaftspolitik, durch Schuld und Versöhnung, durch dieses ganze unentwirrbare Geflecht menschlicher Leidenschaften und Schicksale, schimmert das verborgene Handeln Gottes hindurch, seine Vorsehung. Am Ende tröstet Josef seine Brüder mit den Worten: »Und nun bekümmert euch nicht und denkt nicht, dass ich darum zürne, dass ihr mich hierher verkauft habt; denn um eures Lebens willen hat mich Gott vor euch hergesandt« (1. Mose 45,5). Da ist einer, der es gelernt hat, einen Sinn im scheinbar Sinnlosen zu entdecken, in all den Irrwegen und Umwegen, die er gehen musste, Gottes Wege mit ihm und seinen Brüdern zu erkennen und anzunehmen; einer, dem eine Ahnung davon aufgegangen ist, dass Gottes Wege Lebenswege sind, Wege, die nicht auf Vernichtung, sondern auf Rettung, nicht auf Vergeltung, sondern auf Versöhnung, nicht auf den Hungertod, sondern auf Brot und die Fülle des Lebens »für alle Welt« (1. Mose 41,56 f.) aus sind. Da ist einer, der am Ende seines ganz und gar weltlichen Lebens und des Lebens seiner Brüder Bilanz zieht: »Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen« (1. Mose 50,20). Das nenne ich wirklich ein begnadetes Leben. Das Leben eines Menschen, der in dem Bösen, das ihm widerfuhr, die Güte Gottes fand.

Rüdiger Lux

Der Autor ist emeritierter Theologieprofessor für Alttestamentliche Wissenschaft. Er lehrte bis 2012 an der Universität Leipzig.

Lesetipp
Lux, Rüdiger: Josef. Der Auserwählte unter seinen Brüdern, Evangelische Verlagsanstalt, 312 S., ISBN 978-3-374-01848-2, 16,80 Euro

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