Eine Vision in Worte gefasst

26. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Hoffnung für eine veränderbare Welt im Hier und Jetzt

– Margot Käßmann zu den Seligpreisungen (Teil 1) –

Seligpreisungen_1Es gibt Texte, die die Menschheit über Jahrhunderte begleiten und bewegen. Die Seligpreisungen aus Matthäus 5 (und Lukas 6) haben ein solches Potenzial erwiesen. Sie stellen die Welt, wie wir sie vorfinden, auf den Kopf, sie überschreiten Grenzen, sind also revolutionär im besten Sinne. Jesus zeichnet mit ihnen eine Kontrastgesellschaft. Eine Vision ist in Worte gefasst, die Menschen hat aufstehen lassen, wo immer ihre Rechte gebrochen, wo sie gefoltert, erniedrigt, vernachlässigt wurden.

Nein, eine Vertröstung auf das Jenseits, Opium des Volkes, sind die Seligpreisungen nicht. Sie sind Hoffnung für eine veränderbare, verbesserliche Welt im Hier und Jetzt, in dieser Welt. Sie speist sich dabei aus der Hoffnung auf Gottes Zukunft, die über unsere Zeit und Welt hinausgeht. O ja, belächelt wurden jene Worte immer ­wieder, wie alle Träumer und Weltverbesserer belächelt werden.

Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat einmal gesagt, mit den Seligpreisungen könne man keine Politik machen. Aber vielleicht wäre gerade das ein überzeugender Ansatz, weil es dann nicht um eine Politik des puren Pragmatismus, des ökonomischen Rechnens und des Machterhaltes ginge, sondern um eine Politik, die noch Visionen kennt, die sieht, was die Bibel sagt: Gerechtigkeit im Land misst sich immer daran, wie es den Schwächsten in der Gesellschaft geht.

Exegetisch gesehen sind die Seligpreisungen besonders interessant, weil sie offenbar auf originale Rede Jesu zurückgreifen. Trotz unterschiedlicher Akzente bei Matthäus und Lukas sind Bibelforschende überzeugt, dass beide Evangelisten aus derselben Quelle schöpften, in der mündlich überlieferte Worte Jesu sehr bald nach seinem Tod zusammengefügt wurden. Beide Evangelienschreiber haben diese einzeln überlieferten Worte dann auf je eigene Weise in ihr Evangelium eingefügt. So können wir sagen, dass wir heute mit den Seligpreisungen am Beginn der Bergpredigt Worte vorfinden, die den originalen Aussagen des Jesus von Nazareth sehr nah sind. Und bis heute übermitteln sie etwas von der Faszination, die von ihm ausging, wenn er redete. Er malt eine Welt, die anders sein könnte, die Welt, wie Gott sie sich erhoffte bei der Schöpfung, die »sehr gut war«. Aber seine Bilder sind für die vorfindliche Welt der Durchsetzungskraft und Stärke, der militärischen Mächte und Gewalten eine Provokation, damals wie heute. Er selbst starb am Ende für diese Provokation.

Seligpreisungen_2Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich: Du lieber Himmel, die geistlich Armen, die werden bei uns zur Therapie geschickt! Wir haben Förderschulen für sie oder Behinderteneinrichtungen. Wir sind eine Leistungsgesellschaft, wir brauchen Eliten. Da können wir nicht auf jeden warten, alle mit durchziehen. Als wir in Fulda wohnten, war nebenan eine Schule für geistig Behinderte. Jeden Morgen konnte ich von der Küche aus sehen, wie sie zur Schule gingen. Fröhliche Kinder. Anders, ja. Aber wer wollte sagen, ob sie weniger glücklich sind als die »Gesunden«? Wer definiert Behinderung?

Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden: Es ist schwer, Trauer und Leid zu ertragen. Viele Menschen zweifeln an Gott, wenn sie mit Leid konfrontiert sind. Aber Leiderfahrungen vertiefen auch das Leben. Gerade, wenn wir Leid erleben, sind wir näher an der eigenen Existenz, an den Fragen, die wirklich zählen. Getröstet werden – das ist eine wunderbare Erfahrung für alle, die Schmerz und Kummer tragen müssen. Und es ist eine Hoffnung auf ­Gottes Zukunft, in der alle Tränen abgetrocknet sein werden.

Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen: Sanftmütig ist keine sinnvolle Eigenschaft in der Leistungsgesellschaft. Durchsetzungskraft und Ehrgeiz, Ellenbogen und Cleverness zählen. Wer sanftmütig ist, wird kaum aufsteigen in einer Firma. Und politisch wäre er im Abseits. Aber wie wäre es, wenn wir auf die Sanftmütigkeit einiger zählen könnten in Konflikten und Krisen? Wenn einer nachgeben würde, und »Fünfe gerade sein« lässt? Liebenswerter, leichter, weniger angstbesetzt wären Beziehungen sicher.

An die Xukuru Indianer denke ich dabei. Ich habe sie im Norden Brasiliens einmal besucht auf Land, das sie besetzt hatten. Ihr größter Stolz war ein Säugling – das erste Xukurukind, das auf Xukuruland geboren wurde nach zwei Jahrhunderten Vertreibung. Aber sie durften das Erdreich nicht ­besitzen, die Waffengewalt des Großgrundbesitzers hat sie schnell wieder vertrieben …


Margot Käßmann ist Pfarrerin der hannoverschen Landeskirche und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Anmerkung: Die Seligpreisungen stehen im Zentrum der sogenannten Bergpredigt Jesu – im Text Ausschnitte einer Darstellung des dänischen Malers Carl Heinrich Bloch (1834 bis 1890). Repro: wikipedia

Berührt – an Körper und Geist

20. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Salbungsgottesdienst der evangelischen Kirchgemeinde Pirna, Gemeindezentrum Pirna Copitz.  (Foto: epd-bild)

Salbungsgottesdienst der evangelischen Kirchgemeinde Pirna, Gemeindezentrum Pirna Copitz. (Foto: epd-bild)


Im Salbungsgottesdienst wird die Kirche körperlich – und ist der Glaube für einmal nicht aufs Denken fixiert

Das Öl riecht nach Orange. Die Heilerin zeichnet mir mit dem Öl ein Kreuz auf die Stirn, und während ihre warme Hand mit sanftem Druck auf meinem Kopf liegt, sagt sie: »Du kannst Gott niemals verlieren. Nicht durch Krankheit, nicht durch Tod.« Dann streicht sie mit der Hand sanft über meinen linken Arm und sagt, Gott stelle mir jetzt einen Engel zur Seite, damit mein Leben zur Erfüllung komme.

Es ist Sonntagabend, ich nehme an einem Salbungs- und Heilungsgottesdienst in Basel teil. Gestaltet wird er vom Pfarrer und sechs Heilerinnen, die in der Kirche regelmäßig ihre Dienste anbieten. Rund 30 Personen sind gekommen, um sich salben zu lassen: zur Unterstützung bei der ­Heilung einer Krankheit oder einfach als »Zuspruch Gottes«. Eingehüllt vom Duft des Orangeöls stelle ich fest: Die Berührung der Heilerin ist überraschend angenehm – obwohl ziemlich intim: Am Kopf berührt mich meist nur mein Liebster.

Ich gehe zurück an meinen Platz, und mir wird bewusst: Soeben wurde ich zum ersten Mal in einem Gottesdienst berührt. Das eine oder andere Mal habe ich zwar beim Friedensgruß meinem Banknachbarn verlegen die Hand gedrückt. Doch das war dann ­jeweils schon alles. Im Gottesdienst
ist der Körper unbedeutend für die Begegnung mit Gott.

Ich selbst empfinde das entschieden anders, und ich weiß, dass es ­vielen anderen auch so geht. Selbstverständlich kann man sich auch über körperliche Erfahrungen für Gott öffnen – sei es mit Tanz oder Körper­arbeit, sei es in achtsam gelebter Sexualität mit dem Partner. »Der Körper ist ein Tempel des Heiligen Geistes«, heißt es im Korintherbrief. Die Kirche hat hingegen den Körper lange abgewertet und sich auf den Verstand fixiert. Damit krankt sie an derselben Einseitigkeit wie die ganze abendländische Kultur, die meint, die Dinge seien am besten mit dem Denken zu verstehen. Es gab aber immer Menschen, die wussten, dass der Verstand nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit erfasst. Und nur einen ­superwinzigen Teil des allumfassenden Göttlichen.

Auch der Salbungsgottesdienst zeigt, wie schwer es der Kirche fällt, Kopf und Körper zu verbinden. Zu Beginn des Gottesdienstes hält nämlich der Pfarrer eine abstrakte Predigt über Weisheitsforschung – erst ganz am Schluss kommt die Salbung. Danach kann man still sitzen bleiben oder sich frei in der Kirche bewegen und von den Heilerinnen die Hände auflegen lassen. Die Orgel spielt leise, eine Atmosphäre der Verbundenheit füllt den Raum. Ich fühle mich friedlich und aufgehoben. Die Berührung hat mir das Empfinden vermittelt: dass ich in Gott geborgen bin, von ihm berührt.

Sabine Schüpbach

»Lady Superintendent« – 100. Todestag von Florence Nightingale

13. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Florence Nightingale gilt als Pionierin der modernen Krankenpflege und Sozialreform. In der einst männlich dominierten Zeit, als für junge Damen ihrer Herkunft Arbeit als Sünde galt, und in einer guten Partie der einzige Lebensinhalt bestand, emanzipierte sie sich gegen alle Vorbehalte ihrer Familie und der Gesellschaft.

Florence Nightingale gilt als Pionierin der modernen Krankenpflege. (Quelle: Academic dictionaries and encyclopedias)

Florence Nightingale gilt als Pionierin der modernen Krankenpflege. (Quelle: Academic dictionaries and encyclopedias)

Für diese Frau beschränkte sich die Religion nicht auf die Andacht. »Es wird keinen Himmel geben, wenn wir ihn nicht machen. Und es ist eine sehr kümmerliche Theodizee, die uns lehrt, dass wir uns nicht für diese Welt bereiten sollen, sondern für eine andere. Müssen wir Gott nicht schon hier besitzen, wenn wir ihn im Jenseits besitzen wollen?« Sie realisierte ihr Christentum bis zu ihrem Tod vor 100 Jahren in tätiger Nächstenliebe. Damit avancierte sie zu einer Vorbildgestalt der Caritas und der Emanzipation der Frau.

Florence Nightingale wurde am 15. Mai 1820 geboren. Ihre Eltern besaßen zahlreiche Güter in Südengland, die der Familie ein standesgemäßes Leben in Reichtum und viele Reisen quer durch Europa ermöglichten. Tochter Flo, wie sie gerufen wurde, erhielt Privatunterricht, beherrschte bald außer ihrer Muttersprache Griechisch, Latein, Französisch sowie Deutsch. Sie interessierte sich besonders für Geschichte sowie Philosophie und mauserte sich zu ­einer umschwärmten Schönheit. In ihrer Heimatregion und auf Reisen in Frankreich, Italien und der Schweiz avancierte sie oft zur Ballkönigin. ­Gelehrte schätzten ihre Kenntnisse. Reiche Snobs machten ihr Heirats­anträge. Aber sie fühlte sich wie in einem goldenen Käfig und schrieb in ihr ­Tagebuch: »Ich verlange heftig nach einer regelmäßigen Beschäftigung, nach etwas Vernünftigem, das des Tuns wert ist, statt meine Zeit mit Nichtigkeiten zu vertrödeln.« Als 25-Jährige verkündete sie, dass sie sich der Krankenpflege widmen wolle. Ihre Familie war über diese Entscheidung sehr verärgert und besorgt. Doch die junge Frau setzte sich durch.

Flo weilte während eines Ägypten-Aufenthaltes in Alexandria bei den Vinzentinerinnen, arbeitete im Fiedner-Hospital in Kaiserswerth, das heute zu Düsseldorf gehört und hospitierte europaweit in verschiedenen Hospitälern. Sie las Schriften der christlichen Mystiker, Sozialisten sowie Freidenker. 1853 übernahm sie ­gegen den Widerstand ihrer Familie die Leitung des heimischen Harley-Street-Hospitals.

1854 brach der Krimkrieg aus. Die katastrophalen Zustände in den Feldlazaretten bewogen den verantwortlichen Minister Sidney Herbert, Flo als verantwortliche »Lady Superintendent« mit einer Schar Schwestern ins Kriegsgebiet zu schicken. In den Lazaretten herrschte Schmutz, Mangel an allem und eine inhumane Kommiss-Bürokratie mit großen männlichen Vorbehalten gegen die weibliche Einmischung.

Florence Nightingale setzte sich mit Beharrlichkeit durch. Sie verbesserte die Hygiene, betreute die Verletzten, besorgte Entlausungsmittel, Nachtgeschirre, Medikamente, Stiefel sowie Zitronensaft und erlebte wie Krieggewinnler in der Heimat ein ­Vermögen mit ihren Lieferungen verdienten.

Nach dem Kriegsende 1856 fasste sie ihre Erkenntnisse in einer Denkschrift zusammen, die in den Folgejahren zur Grundlage einer umfas­senden Sozialreform gedieh, die dank ihrer fortdauernden Wirksamkeit in England realisiert wurde. 1860 erschien zudem ihr dreibändiges gesellschaftskritisches Werk »Anregungen für Wahrheitssucher«.

Nightingale gehörte königlichen Kommissionen an, entwarf Gutachten, überstand eine Vielzahl eigener Infektionen und wurde fast nebenbei auch zur Mutter der Genfer Konvention. Sie gründete eine Schwestern-Schule, die bald auf allen Kontinenten Tochter-Einrichtungen besaß, wurde von ihren Patienten als Heilige verehrt und bekam 1907 als erste Frau in England den »Order of Merit«, Englands höchste Auszeichnung. Eine späte Ehre für die beispielhafte Frau, die 90-jährig am 13. August 1910 erblindete und in geistiger Umnachtung in London starb.
Martin Stolzenau

Gott kommt in Israel zur Welt

5. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Jerusalem, Foto: photoshop

Jerusalem, Foto: photoshop


Eine Erinnerung aus Anlass des Israelsonntags

Dass Jesus Christus ein geborner Jude sei«, daran hat Martin Luther mit seiner gleichnamigen Schrift erinnert. Juden und Jüdinnen sind, wie Luther formuliert, Blutsfreunde Jesu und verdienen allen Respekt von christlicher Seite. Dass diese Hochachtung des Judeseins Jesu für Luther schon 1523 im Dienst der Bekehrung der Juden zu Christus stand, darf dabei ebenso wenig übersehen werden wie die weitere Entwicklung: Je mehr sich Luthers Hoffnungen, seine jüdischen Zeitgenossen für das aus kirchlicher Bevormundung befreite Evangelium zu gewinnen, zerschlugen, desto drastischer wurden seine Maßnahmenkataloge zur Zwangsbekehrung oder zur Bestrafung bekehrungsunwilliger Juden.

Der Reformator selbst ist ein erschütterndes und beschämendes Beispiel für den Antijudaismus, der die christliche Theologie und Kirche über Jahrhunderte geprägt und dabei gesellschaftlichen Antisemitismus gefördert hat. Auch der Israelsonntag ist von dieser Haltung lange mitbestimmt gewesen: Während Jüdinnen und Juden an diesem 9. Aw, dem traurigsten aller jüdischen Feiertage, der Zerstörung des Jerusalemer Tempels, des irdischen Wohnortes Gottes inmitten seines Volkes, gedachten, feierte die Kirche sich nicht selten selbst als das neue, gar wahre Israel. Statt mitzutrauern über den Verlust und sich voller Scham der eigenen Schuld an diesem Volk zu erinnern, eignete sie sich an, was Gott doch Israel bleibend geschenkt hat: die Erwählung und den Segen, den Bund und die Verheißungen. Triumphalismus statt Trauer, Schadenfreude statt Scham! Doch wie kann Gott uns, den Christinnen und Christen aus der Völkerwelt, treu sein, wenn er Israel nicht mehr treu ist?

Der Israelsonntag, der in unserem Land als der eigentliche Buß- und Bettag begangen werden sollte, gibt Anlass, daran zu erinnern, dass Gott in Israel zur Welt gekommen ist, dass der Gottessohn als Kind einer jüdischen Frau geboren wurde. Unsere Weihnachtschoräle besingen staunend die Menschwerdung des Gottessohnes: »Er ist geborn eu’r Fleisch und Blut, / eu’r Bruder ist das ewig Gut« (EG 25,3). »Gott ist im Fleische: wer kann dies Geheimnis verstehen?« (EG 41,4). Doch dieses Lob auf den buchstäblich ›eingefleischten‹ Gott, der sich mit Haut und Haar auf menschliches Dasein eingelassen hat, verschweigt, dass der biblische Gott in einem jüdischen Menschen Hand und Fuß bekommen hat.

»Das Wort wurde – nicht ›Fleisch‹, Mensch, erniedrigter und leidender Mensch in irgendeiner Allgemeinheit, sondern jüdisches Fleisch«, konkre­tisiert der Theologe Karl Barth. Und Michael Wyschogrod, einer der jüdischen Partner im christlich-jüdischen Gespräch, erinnert: »Von dem Mann, der später Papst Johannes XXIII. werden sollte, wird erzählt, dass er, als er die Bilder von den Bulldozern sah, die in den gerade befreiten Nazi-Todes­lagern die jüdischen Leichen in Massengräber schoben, ausgerufen habe: ›Da ist der Leib Christi.‹«

Das Bekenntnis zu Christus neu buchstabieren

In Jesus von Nazareth wiederholt Gott seine unkündbare Bindung an Israel. In Israel zur Welt kommend, bezeugt der Gottessohn, dass Gott nicht ohne das jüdische Volk Gott sein will.

Wir müssen das Bekenntnis zu Jesus, dem Christus, neu buchstabieren lernen und dabei aufhören, Jesus aus seinem Volk herauszulösen und unsere christliche Identität auf Kosten Israels zu gewinnen. Mir ist dafür das Wort des alten Mannes Simeon wegweisend, der nicht sterben konnte, bevor er nicht den »Trost Israels« gesehen hat – wie oft aber haben Christen und Christinnen den Trost Israels in einen todbringenden Schrecken für Israel verwandelt! Als Jesus von seinen Eltern nach jüdischem Gebot in den Tempel gebracht wird, nimmt Simeon den Säugling auf den Arm und lobt Gott: »… meine Augen haben das Heil gesehen, … ein Licht zur Erleuchtung der Völker und zur Verherrlichung deines Volkes Israel.« (Lukas 2,30f.)

Jesus nimmt an uns die ureigene Aufklärungs-Aufgabe Israels wahr: Er ist Licht für die Völker. Wenn Jesus uns in die Geschichte Gottes mit Israel einbezieht und seinem Volk damit ­Gewicht gibt und Ehre macht, wie können wir uns dann zu ihm als dem Christus bekennen, ohne unsererseits Israel Respekt entgegenzubringen?

Respekt – das heißt keineswegs Kritiklosigkeit gegenüber der Politik des Staates Israels, der theologisches Gewicht hat und zugleich ein ganz und gar weltlicher Staat ist. Es heißt aber Anerkennung und Wertschätzung, Mittrauer und Mitfreude und allemal Fürbitte für den Frieden im Nahen ­Osten. Der 122. Psalm gibt uns Worte dafür: »Wünscht Jerusalem Frieden! Sicher mögen leben, die dich lieben!«

Magdalene L. Frettlöh

Magdalene L. Frettlöh leitet den Kirchlichen Fernunterricht der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und lehrt dort wie an der Ruhr-Universität Bochum Systematische Theologie.

Kühlende spirituelle Erfahrungen

Unter dem Schirm Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe. Psalm 91, Vers 1 bis 2

Unter dem Schirm Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe. Psalm 91, Vers 1 bis 2


Wie heiße Tage gut überstanden werden – Hitze-Tipps der Bibel

Die derzeitigen Temperaturen in Deutschland gehören im Heiligen Land seit biblischen Zeiten zum Sommeralltag. Bis auf 40 Grad Celsius klettert das Thermometer im sommerlichen Jerusalem hoch; an der Küste und im Jordangraben kann es noch heißer werden. Besonders der Ostwind (»Schirokko«) treibt die Temperaturen in die Höhe und ist wegen seiner Trockenheit berüchtigt.

Die Bibel hält Tipps bereit, wie man sich gegen die Hitze wehren kann.

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer
und Winter, Tag und Nacht.
1 Mose 8,22

Auch wenn uns die Hitze nervt: Wir müssen wohl oder übel mit ihr leben. Denn in biblischen Urzeiten hat Gott angekündigt, dass es auf der Erde ständig den Wechsel von Frost und Hitze geben wird. Nachdem die Sintflut weggetrocknet war, hatte Gott ­reumütig gelobt, dass er die Erde hinfort nicht mehr verfluchen, sondern schonen wolle. Dazu gehört auch, die Voraussetzung für gute Ernten zu schaffen. So wie Saat und Ernte aufeinander folgen, ist die Natur vom ­steten Wechsel geprägt: Sommer und Winter, Tag und Nacht – und eben auch Frost und Hitze.

Wie der Tau die Hitze kühlt,
so ist ein gutes Wort
besser als eine Gabe.
Sirach 18,16

Wenn die Sonne gnadenlos vom ­Himmel niederknallt, fürchtet man: So bleibt es immer. Keine Wolke am Himmel, kein Baum verheißt Schatten. Wo Hoffnung ist? Im Warten auf die Abkühlung in der Nacht. Der Morgentau wird für frische Luft sorgen.

Denn du bist der Geringen Schutz gewesen, der Armen Schutz in der Trübsal, eine Zuflucht vor dem Ungewitter, ein Schatten vor der Hitze.
Jesaja 25,4f.; Jesus Sirach 14,27; 34,19

Wer auf Gott vertraut, kann in heißen Zeiten kühlende Erfahrungen der spirituellen Art machen. Gott biete wie ein Schatten Schutz vor Hitze, meint unter anderem der Prophet Jesaja. Wie ein »gewaltiger Schild« oder wie »ein schützendes Dach am heißen Mittag« würde Gott die Hitze vom Gläubigen fernhalten, schreibt der weise Jesus Sirach.

Doch leider gilt auch andersherum: Gott kann auch mit Hitze strafen. Das kündigt der Seher Johannes an, der die Geschehnisse im Endgericht beschreibt:

Und die Menschen wurden versengt von der großen Hitze und lästerten den Namen Gottes, der Macht hat über diese Plagen, und bekehrten sich nicht, ihm die Ehre zu geben. Offenbarung 16,9

Die Sonne gibt so hellen Glanz von sich, dass sie die Augen blendet.
Sirach 38,29; 43,3

Biblische Schmiede stöhnen über die Hitze ihrer Glutöfen, die das Erz schmelzen. Die Handwerker werden oft »vom Feuer versengt« und arbeiten sich »in der Hitze des Ofens müde«. Weil es in der Schmiede schon so unvorstellbar heiß zugeht, wirkt der Vergleich zwischen einem Schmelzofen und der Sonne besonders eindrücklich. »Dreimal mehr« erhitze die Sonne die Berge, erklärt der lebenserfahrene Jesus Sirach. Und mahnt die Menschen, die Augen vor der grellen Sonne zu schützen.

Sie werden nicht mehr hungern noch dürsten;
es wird auch nicht auf ihnen lasten die Sonne oder irgendeine Hitze.
Jesaja 49,10; 2. Petrus 3,10-12; Offenbarung 7,16

Am Ende aller Tage wird eine apokalyptische Hitze die Erde heimsuchen; Feuer wird die Himmel durchzüngeln, die Elemente werden »vor Hitze schmelzen«. Den wahrhaft Gläubigen allerdings wird die sengende Hitze nichts anhaben können; »in heiligem Wandel und frommem Wesen« stehen sie die endzeitlichen Katastrophen durch, wartend »auf einen neuen Himmel und eine neue Erde«. Das Warten lohnt sich. Denn danach werden sie nie wieder unter Hitze leiden müssen, kündigt der Prophet Jesaja an.

Uwe Birnstein

Buchtipp
Birnstein, Uwe: Das Beste aus der Bibel,
Echter Verlag, 224 S., ISBN 978-3-429-03211-1,
12 Euro

Ein Politjunkie entdeckt die Stille

22. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Ulrich Kasparick hat die Notbremse gezogen und hält sie in der Hand in Form seines Buches, in dem er über seine Erfahrungen berichtet. Foto: Benjamin Lassiwe

Ulrich Kasparick hat die Notbremse gezogen und hält sie in der Hand in Form seines Buches, in dem er über seine Erfahrungen berichtet. Foto: Benjamin Lassiwe


Der ehemalige Staatssekretär Ulrich Kasparick wagte den Ausstieg aus der Politik

Von Termin eilte er zu Termin, von Sitzung zu Sitzung. Ulrich Kasparick war ein »Politjunkie«. Als Parlamentarischer Staatssekretär zuerst im Bildungs- und dann im Verkehrsministerium gehörte der SPD-Politiker fünf Jahre lang der Bundesregierung an. Heute sitzt er in Jeans auf seiner Terrasse und kocht dem Besucher Kaffee. Denn Ulrich Kasparick hat die Notbremse gezogen: Bei der ­Bundestagswahl im vergangenen Jahr trat er nicht wieder an – obwohl er ­seinen Wahlkreis in der Magdeburger Börde zuvor drei Mal direkt gewonnen hatte.

Es waren eine Nierenkrebsoperation und der anschließende Besuch in einer rheinländischen Trappistenabtei, die den Bruder des Regional­bischofs von Halle-Wittenberg, Propst Siegfried Kasparick, nachdenklich werden ließen. »Das war der erste Gong, die Frage, ob du nicht zu viel machst.« Auch ein Besuch in einem ­islamischen Zentrum in Afghanistan trug dazu bei, dass der Staatssekretär begann, sich mit christlicher Mystik auseinanderzusetzen. Denn Kasparick, der vor der politischen Wende in der DDR Stadtjugendpfarrer in Jena war, merkte, wie abhängig er als Berufspolitiker war. »Ein Politiker stellt sich für ein Amt zur Verfügung, macht Wahlkämpfe und löst die Probleme anderer Leute«, sagt er. »Sein Brot ist es, gebraucht zu werden.« Doch das sei wie ein Hamsterrad: »Man wird abhängig davon, gebraucht zu werden. Man wird abhängig von öffentlicher Anerkennung, vom Wohlwollen der Presse.« Politiker bräuchten immer höhere Ämter, immer mehr Anerkennung, das Rad drehe sich immer schneller. Wie bei einer Drogensucht.

Der Politiker beschloss, auszusteigen. Schon Anfang 2009 wusste er, dass er im Herbst nicht mehr zur Wahl antreten würde. Heute lebt er in einem »Sabbatical«: Alle Stellenangebote, die es nach dem Ausscheiden aus dem Parlament gab, schlug er aus. Derzeit bezieht der Theologe das Übergangsgeld, das jedem Politiker beim Ausscheiden aus dem Bundestag zusteht. Kasparick nutzt die neu gewonnene Zeit für Stille, zum Lesen und Nachdenken. »Es ist ein zentrales Thema der Leistungsgesellschaft: Was passiert, wenn du keine Leistung mehr bringst?«, sagt er. Als Theologe erinnert er sich an Martin Luther. Denn »Sola gratia« – »allein aus Gnade Gottes« – lautet einer der Kernsätze des Reformators. »Wir leben nicht aus Leistung, wir leben aus der Gnade«, sagt Kasparick. »So wie du bist, so ist es gut.« Als Politiker habe er sich selbst wie einen Entwurzelten erlebt, sagt der Theologe heute rückblickend. Freundschaften zerbrachen, weil Kasparick nie die Zeit hatte sie zu pflegen.

Dienstliche Kontakte bestimmten sein Leben. Heute nimmt sich der Theologe Zeit, um neue Netzwerke aufzubauen. Auf einer Internetseite widmet er sich Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. »Natürlich, mir hat die eigene Tapferkeit auch Angst ­gemacht«, sagt Ulrich Kasparick. »Manchmal bin ich aufgewacht und habe gedacht: Du gehst ja voll auf ­Risiko.« Es könne gut sein, dass das Übergangsgeld auslaufe und der Theologe dann ohne Job dastehe. Aber mancher alte Weggefährte sei heute auch richtig neidisch: Denn ­Ulrich Kasparick hat die Notbremse gezogen. Vielen anderen Politikern, Unternehmern oder Journalisten gelingt das nicht.

Benjamin Lassiwe

Über seine Erfahrungen hat der ehemalige Politiker ein Buch geschrieben:

Kasparick, Ulrich: Notbremse. Ein Polit­junkie entdeckt die Stille,
Gütersloher Verlagshaus, 222 S.,
ISBN 978-3-579-06768-1, 17,95 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643)246161

Jesus und seine Option für die Armen

16. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Jesus suchte die Nähe der einfache Menschen wie etwa die Fischer vom See Genezareth. Vom Maler Raphael (1483 bis 1520) stammt diese Darstellung des wunderbaren Fischzuges von Petrus und seinen Mitarbeitern. Repro: Archiv

Jesus suchte die Nähe der einfache Menschen wie etwa die Fischer vom See Genezareth. Vom Maler Raphael (1483 bis 1520) stammt diese Darstellung des wunderbaren Fischzuges von Petrus und seinen Mitarbeitern. Repro: Archiv


Die Wirkstätten des Gottessohnes, seine Lebensweise und sein Herzensanliegen

Wer sich mit Jesus beschäftigt, der beschäftigt sich meist mit all dem, was ihn in unseren Augen einzigartig und göttlich macht. Auch im zweiten und letzten Teil unserer Beitragsserie wird der umgekehrte Weg beschritten. Jesus wird aus einer familiären, alltäglichen Perspektive in den Blick genommen.

Nachdem Jesus – wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Umkehrbewegung von Johannes dem Täufer – erkannt hatte, dass Gott in ­allernächster Zukunft sein göttliches Reich errichten wird und ihm, Jesus, als Repräsentanten Gottes dabei eine Schlüsselrolle zukommt, berief er sich zwölf Jünger und begann, diese Freudenbotschaft überall zu verkünden. Der Schwerpunkt seines Wirkens waren drei Dörfer, die allesamt im nord-westlichen Bereich des Sees Genezareth lagen: Kapernaum, Bethsaida und Chorazin. Einen besonderen Stellenwert hatte dabei Kapernaum, das Matthäus sogar als »seine Stadt« (9,1) bezeichnet. Eine Stadt war Kapernaum zwar nicht, eher ein »Großdorf«, aber ganz sicher war es der Ort, in dem sich Jesus am häufigsten aufhielt und wo er viele Heilungstaten vollbrachte. Als neues »Zuhause«, das an die Stelle von Nazareth trat, sollte man Kapernaum aber besser nicht verstehen (so Matthäus 4,12-16). Typisch für die Lebensweise Jesu war ja gerade, dass er keinen ­festen Wohnsitz hatte (Lukas 9,58), sondern als »Wandercharismatiker« das Reich Gottes im ganzen Land verkündigte.

Nun mag die Bevorzugung von Kapernaum mit der verkehrstechnisch günstigen Lage zusammenhängen. Wenn Jesus mit seiner Botschaft ganz Israel erreichen wollte, dann, so ist anzunehmen, wird er sich auch darum bemüht haben, einen Ort als Ausgangsbasis zu finden, von dem aus er dieses Unternehmen sinnvoll in Gang bringen konnte. Nun konnte er von Kapernaum zwar nicht das ganze Land gut erreichen, aber immerhin den Norden. Das gegenüber Obergaliläa wesentlich stärker besiedelte Untergaliläa konnte er über die Gennesar-Ebene erreichen, und das Reich des Herodessohnes Philippus, das ­ungefähr vom heutigen Golan bis an die libanesische Grenze reichte, war von Kapernaum nur einen Katzensprung entfernt.

Die Vorliebe Jesu für Kapernaum wird allerdings noch mehr damit zusammenhängen, dass dort Petrus und sein Bruder Andreas wohnten. Hier konnte Jesus mitsamt seiner Jüngerschar immer wieder Unterkunft finden. Gerade weil die Jesusgruppe fast immer unterwegs war, werden die Jünger und Jüngerinnen Jesu froh darüber gewesen sein, in Kapernaum eine Art »Basiscamp« zu haben. Ganz ohne Beheimatung geht es anscheinend auch bei Wandercharismatikern nicht.

In Kapernaum hat man manches ausgegraben, das in einem Zusammenhang mit der Zeit Jesu steht. So könnte die prächtige Kalksteinsynagoge aus dem 4. Jahrhundert an dem Ort stehen – Fundamente und ein ­Basaltpflaster darunter deuten darauf hin –, wo einst die Synagoge Jesu stand. Außerdem kann man dort das »Haus des Petrus« sehen. Das klingt zwar ein wenig fantastisch, aber tatsächlich kann hier eine bis ins 2. Jahrhundert zurückreichende christliche Verehrung nachgewiesen werden. Beeindruckend sind auch die Wohninseln, in denen ganze Großfamilien samt Angestellten lebten. Die Ausgrabungen zeigen, dass in Kapernaum vor allem Fischer, Bauern und Händler lebten: Menschen, die nicht bitterarm waren, aber zur Unterschicht gehörten und sich gewiss keinen großen Luxus leisten konnten.

Jesus und seine Option für die Armen: Herodes Antipas, der Herrscher Galiläas zur Zeit Jesu, hat zuerst in dem nur fünf Kilometer von Nazareth entfernten Sepphoris residiert, bis er dann im Jahr 19/20 n. Chr. Tiberias zur Hauptstadt machte. Nun ist auffällig, dass die Evangelien nie erwähnen, dass Jesus in einer dieser römisch-­hellenistisch geprägten Städte gewirkt hat. Dies dürfte seinen Grund darin haben, dass Jesus sich in erster Linie zu der normalen, von Armut bedrohten Bevölkerung gesandt sah. Diese »Option für die Armen« kommt exemplarisch in der ersten Seligpreisung zum Ausdruck: »Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer.» (Lukas 6,20) Nun war die Zeit, in der Jesus in Galiläa lebte, aufgrund der langen und im Großen und Ganzen durchaus gedeihlichen Regierungszeit des Herodes Antipas wirtschaftlich relativ stabil, und manche Juden werden davon auch profitiert haben. Aber diejenigen, die sowieso nur wenig hatten – und das waren die meisten –, rutschten durch Zölle und die zunehmende Besteuerung schnell noch weiter nach unten ab.

Jesus war kein Sozialrevolutionär. Es ging ihm um die Gottesherrschaft. Aber diese zielt eben auch auf eine ­radikal neue und bessere Gesellschaftsordnung.

Peter Hirschberg

Der Autor ist promovierter Theologe und als Hochschul- und Studierendenpfarrer in Bayreuth mit verschiedenen Lehraufträgen im Bereich Biblische Theologie/Judaistik.

Der Mensch Jesus ganz privat

Selten haben Künstler Jesus in seiner familiären Umgebung darzustellen versucht. Eine der wenigen Ausnahme bildet das Gemälde "Christus im Haus seiner Eltern" von John Everett Millais (1829 bis 1896), einem Vertreter der sogenannten Präraffaeliten. Es galt bei seiner ersten Präsentation im Jahr 1850 in London als "blasphemisch" und sorgte für einen Skandal. Repro: Archiv

Selten haben Künstler Jesus in seiner familiären Umgebung darzustellen versucht. Eine der wenigen Ausnahme bildet das Gemälde "Christus im Haus seiner Eltern" von John Everett Millais (1829 bis 1896), einem Vertreter der sogenannten Präraffaeliten. Es galt bei seiner ersten Präsentation im Jahr 1850 in London als "blasphemisch" und sorgte für einen Skandal. Repro: Archiv


Er war Sohn seiner Eltern, Bruder, ein Mensch mit Beruf und Alltag – Familie und Herkunft des Gottessohnes

Wer sich mit Jesus beschäftigt, der beschäftigt sich meist mit all dem, was ihn in unseren Augen einzig-
artig und göttlich macht. In einer zweiteiligen Beitragsserie soll der umgekehrte Weg beschritten werden. Jesus soll aus einer familiären, alltäglichen Perspektive in den Blick kommen.

Er war Sohn seiner Eltern, Erstgeborener unter einer Schar von ­Geschwistern, Mensch mit Beruf und Alltag. Was die Eltern Jesu angeht, so ist eines klar: Seine Mutter hieß Maria (hebräisch Mirjam). Bei seinem Vater dagegen stellt sich die Sache schwieriger dar. Markus, immerhin der älteste Evangelist (70 n. Chr.), kennt nicht einmal seinen Namen. Matthäus und Lukas kennen zwar den Namen, aber dennoch taucht Josef nur am Rande auf: in den stark theologisch orien­tierten Geburtsgeschichten (Matthäus 1-2; Lukas 1-2) oder – zum letzten Mal – in der lukanischen Erzählung vom zwölfjährigen Jesus im Tempel (Lukas 2,41-52). Man gewinnt den Eindruck, dass Josef am Anfang »da war«, dann aber sehr plötzlich und unvermittelt von der Bildfläche verschwindet. Es verwundert deshalb nicht, dass hier die Spekulationen blühen: Hat Josef sich klammheimlich aus dem Staub gemacht? War er früh gestorben? Oder war Jesus gar ein uneheliches Kind, sodass die neutestamentliche Josefsgestalt nur einen Sinn hat: diese Ver-
legenheit zu überspielen? Wir wissen es nicht, und doch scheint es wahrscheinlich, dass Jesus eine über weite Strecken vaterlose Kindheit erlebt hat.

Interessant ist, dass Jesus nach Markus 6,3 vier Brüder (Jakobus, Joses, Judas, Simon) und mehrere Schwestern hatte. Das vertraute Weihnachtsbild von Maria, Josef und Jesus als moderne Kleinfamilie entsprach der Wirklichkeit also nur für eine relativ kurze Zeit. Jesus lebte in einer Großfamilie, und deshalb darf man sich das Zuhause Jesu auch nicht zu »kontemplativ« vorstellen.

Als Jesus mit seiner öffentlichen Wirksamkeit begann, wurde das Verhältnis zur Familie immer schwieriger. Markus berichtet mit deutlichen Worten, dass der Familienclan ihn nach Nazareth zurückholen will, weil man den Sohn und Bruder für einen durchgedrehten religiösen Fanatiker hielt: »Er ist von Sinnen.« (Markus 3,20f) Erst nach der Auferstehung begann die Jesusfamilie an ihn zu glauben. Maria wurde zu einer wichtigen Person in der jüdischen Urgemeinde Jerusalems, und Jakobus, einer der Brüder Jesu, übernahm später sogar die Führung der Jerusalemer Gemeinde.

Dieser Familienkonflikt macht einerseits deutlich, dass Menschen sich schwertun, wenn einer, den man von Kindesbeinen an kennt, sich auf einmal zu Besonderem berufen fühlt. Er wirft aber auch ein erhellendes Licht auf Jesus: Er zeigt, dass Jesus innerlich stark und frei war. Gegen alle familiär-gesellschaftlichen Konventionen riskierte er den Konflikt. Er hatte den Mut, seinen eigenen Weg zu gehen. Für Jesus war die wichtigste Quelle seines Selbstwertgefühls eben nicht die Anerkennung der Menschen, sondern die Liebe des göttlichen Du.

Obwohl Jesus die längste Zeit seines Lebens, über dreißig Jahre, in Nazareth verbracht hat, berichten die Evangelien kaum etwas über den Heimatort Jesu. Deshalb ist es umso spannender, dass der Franziskanerarchäologe Bellarmino Bagatti dort Spuren einer dörflichen Siedlung aus dem 1. Jahrhundert freilegte. Seine Grabungsergebnisse zeigen, dass es sich bei Nazareth um ein kleines, an einen Hang gebautes jüdisches Bauerndorf handelte, in dem allerhöchstens 200 bis 300 Juden wohnten. Diese Menschen waren nicht bitterarm, aber lebten wie die meisten Galiläer in äußerst bescheidenen Verhältnissen.

In diesem Umfeld kann man sich nun auch gut vorstellen, dass Jesus wie sein Vater als Bauhandwerker (griechisch: technon, so in Markus 6,3) arbeitete. Wir können also davon ausgehen, dass Jesus sich nicht nur in höheren geistigen oder geistlichen Sphären bewegte, sondern wusste, wie der Alltag eines hart arbeitenden Menschen aussieht.

Nazareth war klein, so unbedeutend, dass es weder im Alten Testament noch in den außerbiblischen Quellen jener Zeit auch nur ein einziges Mal erwähnt wird. Man kann schon verstehen, dass die Behauptung, aus diesem Flecken soll der Messias kommen, bei vielen auf Unverständnis stieß: »Was kann aus Nazareth Gutes kommen!« (Johannes 1,46)

Wer sich Jesus in einem so normalen Kontext vorstellt, der wird sich vielleicht auch fragen, wann und wie Jesus das erste Mal bewusst wurde, dass sein Gottesverhältnis einzigartig ist und Gott ihn zu Besonderem berufen hatte. Doch genau darüber schweigen sich die Evangelien aus. Indem sie berichten, dass Jesus erst in einem relativ fortgeschrittenen Alter an die Öffentlichkeit trat, lassen sie nur eines erkennen: Auch Jesus brauchte Zeit. Auch er musste einen längeren Such- und Entwicklungsprozess absolvieren, bis er sich gefunden hatte und bereit war, zu neuen Ufern aufzubrechen.

Peter Hirschberg

Der Autor ist promovierter Theologe und als Hochschul- und Studierendenpfarrer in Bayreuth mit verschiedenen Lehraufträgen im Bereich Biblische Theologie/Judaistik tätig.

»Es soll mich nichts gefangen nehmen«

Günter Schmidt hat neben der Liebe  zum Leben erkannt, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist. Foto: Maxie Thielemann

Günter Schmidt hat neben der Liebe zum Leben erkannt, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist. Foto: Maxie Thielemann


Günter Schmidt ist 80 Jahre alt, der Alkohol hat fast sein ganzes Leben bestimmt.

Es gab Zeiten, da hat sich Günter Schmidt nur an einem gefüllten Glas erfreut, aber es musste schon Weinbrand, Korn oder Wodka darin sein. »Bier habe ich nur gegen den Durst getrunken«, sagt der 80-Jährige, der heute das Malen wiederentdeckt hat, der sich über Blumen am Wiesenrand freut und darüber, dass er seine Familie noch erleben kann. Viele Jahre hat er diesen Lebensgenuss einfach weggetrunken.

Günter Schmidt sitzt ein bisschen ins Sofa eingesunken in seiner Dresdner Wohnung. Der gebürtige Freiberger hat schon oft Zeugnis über sein Leben gegeben. Demut schwingt mit in seiner Erzählung und ein bisschen Abgeklärtheit. Er sagt: »Mein ganzes Leben war eine Lüge«, und »Ich bin selber Schuld daran, dass ich Alkoholiker geworden bin.«

Mit 15 Jahren begann er, den Alkohol für sich zu entdecken: »Ich glaubte, dass gehörte in den Wirren nach dem Krieg einfach dazu.« Er sei ein Außenseiter gewesen, der mit ­seinem Leben nicht zurechtkam. Der Alkohol konnte gut verdrängen. So ging es weiter in der Ausbildung zum Chemielaborant und im Studium, wo er mit Kommilitonen aus Benzin trinkbaren Alkohol herstellte. Er vertrug davon bald mehr als andere.

Wann er abhängig wurde, kann Günter Schmidt nicht sagen. Er habe es lange genug ignoriert. Auf Arbeit konnte sich der Spiegeltrinker tarnen, d. h. er trank tagsüber so viel, dass sein Blutalkoholspiegel konstant blieb und wirkte dennoch nicht betrunken. Obwohl seine Frau viel auszuhalten hatte, liefen Beruf und Familie einigermaßen weiter, gab es keinen Grund aufzuhören. Oft sagte er sich: »Ich bin doch kein Alkoholiker, ich stehe doch nicht schon um sechs Uhr mit einem Bier auf der Straße.«

Als seine Frau nach schwerer Krankheit 1992 starb, reichten die paar Gläser Schnaps am Tag nicht mehr. Günter Schmidt geniert sich noch heute dafür, dass er zeitweise täglich zwei Flaschen brauchte, sich immer mehr gehen ließ, nur noch zum Trinken aufstand. »Ich bin auch spazieren gegangen, habe das Kruzifix einer Kirche hier in der Nähe regelrecht belästigt, mich bei Jesus beklagt, wie mies es mir geht, dass er dafür die Schuld trage«, erinnert er sich und fügt hinzu: »Wir Alkoholiker machen so viele Schuldanweisungen, nur nicht an uns selbst.« Und in so einer Situation kam die Wende. Schmidt nennt es den Impuls, die Ohrfeige, die ein Süchtiger brauche, um aufzuhören.
Bei ihm war es die Gemeindeschwester, die sich bis zum Tod um seine Frau gekümmert hatte und die ihn jetzt entsetzt anfuhr: »Herr Schmidt, merken Sie überhaupt, wie betrunken und wie schmuddelig Sie hier herumlaufen?

Wollen Sie so Ihre Frau ehren?« Nein, das wollte er nicht. Wenige Tage später begann er eine Entgiftung im Krankenhaus. Nach der ersten Nacht, unterstützt von Medikamenten, fühlte er sich befreit vom Saufdruck oder »Saufsog«, wie er es nennt. Denn das Trinken sei kein Druck von außen, sondern ein Bedürfnis von innen. Und auch heute viele Jahre nach seiner ambulanten Therapie, sagt er: »Ich bin frei!« und meint damit, dass er zwar immer noch alkoholkrank sei, aber eben durch Gottes Gnade trocken. Einer seiner Therapeuten hatte ihm eine Bibel in die Hand gedrückt.

Günter Schmidt sei früher eher formaler Christ gewesen: getauft, kirchlich getraut. Weil er mit dem Sozialismus sympathisierte, trat er aus der Kirche aus. »Ich komme von links und bin Alkoholiker, trotzdem hat mich ­Jesus Christus angenommen. Das ist für mich ganz wichtig.« Er ist bei der Suchtkrankenhilfe Blaues Kreuz e.V. aktiv und jeden Freitag beim Begegnungsabend der Dresdner Stadtmission für Suchtkranke und deren Angehörige dabei. Der regelmäßige Kontakt zu diesen Menschen sei ihm wichtig, weil er immer wieder zeige: Ein Rückfall ist möglich. Alkoholkrank ist man sein Leben lang.

Günter Schmidt hat neben der Liebe zum Leben erkannt, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist. »Die Ärzte und Therapeuten konnten mir nur Ratschläge geben, umsetzen musste ich sie selbst.« Ein Wort von Paulus steht ihm da am Nächsten: »Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen ­nehmen« (1. Korinther, 6,12).

Maxie Thielemann

Adressen
Ev. Landesarbeitsgemeinschaft für Suchtkrankenhilfe Sachsen,
Fachverband im Diakonischen Werk Sachsen e.V.,
Obere Bergstraße 1, 01445 Radebeul,
Telefon (0351)8315164

Ute Griesenbeck, Telefon (0345)12299-370,
E-Mail

Halbierter Segen über die Schöpfung

Während kirchliche Treffen - wie hier der Kirchentag in Bremen - oft von Frauen dominiert sind, spielt weibliches in der Theolgoie weithin nur eine Nebenrolle. Foto: Steffen Giersch

Während kirchliche Treffen - wie hier der Kirchentag in Bremen - oft von Frauen dominiert sind, spielt weibliches in der Theolgoie weithin nur eine Nebenrolle. Foto: Steffen Giersch


Von der Notwendigkeit der geschlechtergerechten Theologie

Warum beginnt die Bibel mit dem Buchstaben Bet, dem zweiten Buchstaben des hebräischen Alefbets, und nicht mit Alef? Die Bibel beginnt mit Bet/B, so lautet eine der jüdischen Antworten, weil dies der Anfangsbuchstabe des Wortes beracha (= Segen) ist, während das Wort für Fluch mit Alef/A beginnt. Schon dem ersten Buchstaben der Bibel lässt sich also entnehmen, dass Gott von Anfang an Segen im Sinn hat. Gott segnet das Erschaffene – von den Wassertieren und Vögeln bis hin zum siebten Tag, dem Ruhetag.

Der Mensch, männlich und weiblich erschaffen, die ganze Menschheit wird gesegnet, nicht nur der Mann. Umso mehr muss überraschen, wenn dann wenige Kapitel später, beim Neuanfang nach der Flut, nur noch davon die Rede ist, dass Gott Noah und dessen Söhne, nicht aber Noahs Frau und die Schwiegertöchter segnet. Der Schöpfungssegen ist halbiert!

Ich lese diese kleine Notiz als einen sensiblen Beleg für biblischen Realismus und als eine Verlustanzeige: Zu den empfindlichsten Störungen der ursprünglich sehr guten Schöpfung gehören das Unsichtbarmachen, die Minderung und Verunglimpfung von Frauen, gehören männerorientierte und -zentrierte Strukturen, die unsere Lebenswelten bis heute prägen. Theologie und Kirche haben ihrerseits viel zur Etablierung und Aufrechterhaltung solcher Strukturen beigetragen. Sie haben etwa die Schwestern neben den Brüdern, die Jüngerinnen neben den Jüngern, die Prophetinnen neben den Propheten zum Verschwinden oder zum Schweigen gebracht. Sie haben Frauen ihre Gottesbildlichkeit abgesprochen und ihnen zugleich eine besondere Schuld am Bösen in der Welt aufgebürdet. Sie haben sie aus Leitungsfunktionen und -ämtern in den Gemeinden gedrängt und in den Raum der Familie verbannt.

Es ist seit Jahrzehnten das besondere Verdienst feministischer Theologie, dies aufzudecken und zugleich die verschütteten, verzerrten und verschwiegenen Gegentraditionen wiederzuentdecken. Welche verborgenen Schätze gilt es da neu zu heben!

Wir brauchen gar nicht so spektakuläre Fälle wie die Verwandlung der Junia in einen Junias (Römer 16,7) zu bemühen, um zu erkennen, wie schon in unseren Bibelübersetzungen unbewusste Tendenzen und bewusste Strategien am Werk sind, um Frauen zum Verschwinden zu verbringen. Dies setzt sich – um Vieles verschärft – in der Auslegungsgeschichte und der mit ihr verbundenen Dogmatik fort. Nur ein Beispiel dafür: Während man in der Alten Kirche einen gebärenden Gottvater kannte, während ein offizieller Konzilstext sogar von einer Gebärmutter Gottes des Vaters (uterus patris) spricht, gehen aktuelle dogmatische Lehrbücher davon aus, dass weibliche Lebenswelten nicht gleichnisfähig für Gott sind. In unserem Glaubensbekenntnis bezeugen wir Gottes »eingeborenen Sohn«. Nehmen wir dabei aber noch wahr und ernst, dass dies bedeutet: Gott gebiert? Wir sprechen im Zusammenhang der Taufe von Wiedergeburt. Doch wer gebiert uns da?

Nun ist »feministische Theologie« für viele Menschen, auch für manche Frauen in unseren Gemeinden, ein Reizwort, mit dem sie nichts zu tun haben möchten. Was aber ist so beunruhigend, was gar bedrohlich daran, dass Frauen sich nicht länger mit gemeint sehen, wenn von Brüdern die Rede ist? Dass sie auch sprachlich sichtbar sein wollen und vor allem Freude daran haben, das eigene Erbe einer unerwartet reichen Theologie- und Kirchengeschichte anzutreten? Lernen Sie doch einmal die Frauen der Reformation (und nicht nur die Frauen der Reformatoren!) oder die Mystikerinnen kennen! Freunden Sie sich doch einmal mit weiblichen Bildern für Gott an! Entdecken Sie die Heilige Geistkraft!

Feministische Theologie ist keine nur von Frauen für Frauen gemachte Theologie. Sie geht uns alle an. Und sie lässt sich auch nicht auf einige wenige Frauenfiguren und -traditionen beschränken. Es geht ihr um nicht weniger als den ganzen Segen für Männer und Frauen. Deshalb möchte ich auch lieber von geschlechtersensibler, geschlechtertransparenter oder geschlechtergerechter Theologie sprechen. Eine solche Theologie ist und bleibt notwendig, bis es wirklich wahr wird, dass es in Christus nicht mehr männlich und weiblich gibt (Galater 3,28). Der Geschlechterdual ist ja viel zu eng, um die bunte Vielfalt des Lebens zu beschreiben, das uns nach biblischer Verheißung blüht.

Magdalene L. Frettlöh

Literaturhinweis:
Schottroff, Luise, Wacker, Marie-Theres (Hg.): Kompendium Feministische Bibelauslegung,
Gütersloher Verlagshaus,
832 S., ISBN 978-3-579-00552-2, 39,95 Euro

Die Autorin ist Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Systematische Theologin an der Ruhr-Universität Bochum

Eigene Grenzen überschreiten

Elisa verweigert die Annahme der Geschenke Naamans, Quelle: Wikipedia, Collection of reproductions compiled by The Yorck Project. Zenodot Verlagsgesellschaft mbH

Elisa verweigert die Annahme der Geschenke Naamans, Quelle: Wikipedia, Collection of reproductions compiled by The Yorck Project. Zenodot Verlagsgesellschaft mbH

Der Feldhauptmann Naaman muss seine Einstellung zu sich und Gott verändern – Wege zur Heilung (2)

Anhand der biblischen Geschichte vom Feldhauptmann Naaman (2. Könige 5) wenden wir uns dem Thema Heilung zu. In einer dreiteiligen Serie wird beleuchtet, wie Naaman geheilt wird und welche seiner Erfahrungen uns auch heute helfen können.

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Heilung ist für Naaman, den erkrankten Feldhauptmann, das Eingeständnis eigener Hilfsbedürftigkeit. Er geht auf den Rat der Dienerin seiner Frau nach Israel, um dort Heilung und Hilfe für sich zu suchen. Dabei muss er nicht nur die Grenze seines Landes überschreiten, sondern auch die Grenzen seines bisherigen Glaubenshorizontes.
Naaman geht zum Propheten Elisa in der Erwartung, dass ein magisches Ritual an ihm vollzogen wird, so wie die Heiler das in Aram und in der Antike getan hätten. Doch als Naaman vor Elisas Haus steht, lässt dieser ihm durch einen Boten mitteilen: »Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder heil und du wirst rein werden.«

Elisa kommt bewusst nicht aus dem Haus zu Naaman heraus, um deutlich zu machen, dass die Heilkraft nicht bei ihm auf magischer Ebene liegt, sondern bei Gott selbst. Naaman muss eine Grenze des Glaubens überschreiten, ein magisch verfasstes Welt- und Heilungsverständnis verlassen, um ein Vertrauensverhältnis zum Herrn des Heilens zu gewinnen. Denn im Horizont des Glaubens bedeutet Heilung einerseits das Vertrauen zu Gott. Dabei sind Menschen auf die Vermittlung angewiesen. Heilendes Handeln ereignet sich durch ärztliches Tun. Den Rahmen bildet dabei die medizinische Kunst und das Vertrauen in sie ist wichtig. Erkrankungen der Haut bedürfen je nach Schwere einer medizinischen Betreuung. Eine Heilmethode, durch die die Ursache beseitigt wird, steht nicht in jedem Fall zur Verfügung, etwa bei falschen Reaktionen des Immunsystems auf Grund genetischer Veranlagung. Oft können nur die Symptome behandelt werden.

Naaman muss die Grenze seiner Lebenseinstellung überschreiten. Ihm leuchtet nicht ein, dass er sich im Jordan waschen soll. Die Flüsse in Aram hält er für viel geeigneter. »Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Abana und Parpar, besser als alle Wasser in Israel, sodass ich mich in ihnen waschen und rein werden könnte?« Diese seine Haltung ist Ausdruck von Überheblichkeit.

Die Diener Naamans treten mit den Worten an ihn heran: »Wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es nicht getan? Wieviel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein?« Der Weg zur Änderung der Lebenseinstellung und -haltung beginnt hier im Gespräch mit Menschen, die andere Erfahrungen haben. Der Diener Naamans ist ohne Macht und ohne Selbstbestimmung. Seine Stärke ist, dass er sich selbst gegenüberstehen kann. Er weiß, wie viel im Leben unverdient ist.

Naaman muss sich aus dem Korsett seiner Ideale, seinem Leistungsdenken befreien lassen.
Er lässt sich von seinen Dienern überzeugen, taucht im Jordan siebenmal unter. »Und sein Fleisch wurde wieder heil wie das Fleisch eines jungen Knaben und er wurde rein.« Durch welche Erfahrung mag Naaman rein und heil geworden sein? Wodurch wurde er zur neuen Einsicht über Gott geführt?

Er hat sich im Jordan siebenmal ­gewaschen. Die Sieben gilt als heilige Zahl. Das Grundwort für Waschen ist hier ein Fachbegriff für die rituelle Reinigung vor Gott. Die griechische Übersetzung dieses Begriffes wird im Neuen Testament im Rahmen der Taufhandlung für den Moment der Reinigung verwendet.

Der Vorgang, der hier beschrieben wird, verändert Naamans Einstellung zu sich selbst und zu Gott grundlegend. Die Rückkehr zum Propheten wird darum mit einem Bekenntnis verbunden sein: »Siehe, nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel.«
Indem Naaman wahrnimmt, dass er vorbehaltlos angenommen wird, tritt er in den Machtbereich Gottes ein. Vor sich selbst muss er nicht mehr machtbewusst, unverletzbar und ­dynamisch sein. Es kommt darauf an, alles loszulassen, was ihn hindert,
sich in seiner Haut wohl zu fühlen.

Viele Naturheilmethoden wie Meditation, Atemtherapie oder autogenes Training können helfen, loszu­lassen und frei zu werden von krankmachenden Einstellungen. Heilendes Handeln im Horizont des Glaubens und die christliche Meditation haben zum Ziel, die Gegenwart Gottes bewusst wahrzunehmen, sich bewusst in den Machtbereich Gottes zu stellen.

Jürgen Wolf

Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer in Hermsdorf. Nebenamtlich ist er Dozent für Praktische Theologie im Kirchlichen Fernunterricht.

Erfolgreich, anerkannt, hautkrank

Wie der Feldhauptmann Naaman vom Aussatz geheilt wurde – Wege zur Heilung

Anhand der biblischen Geschichte vom Feldhauptmann Naaman (2. Könige 5) wenden wir uns dem Thema Heilung zu. In einer dreiteiligen ­Serie wird beleuchtet, wie Naaman geheilt wird und welche seiner Erfahrungen uns auch heute helfen können.

Elisa verweigert die Annahme der Geschenke Naamans, Quelle: Wikipedia, Collection of reproductions compiled by The Yorck Project. Zenodot Verlagsgesellschaft mbH

Elisa verweigert die Annahme der Geschenke Naamans, Quelle: Wikipedia, Collection of reproductions compiled by The Yorck Project. Zenodot Verlagsgesellschaft mbH


Naaman, ein Feldhauptmann der Aramäer, leidet an einer Erkrankung der Haut, die auch mit dem Begriff Aussatz oder Lepra bezeichnet wurde. Erkrankungen der Haut können unterschiedliche Ursachen haben: die Infektion mit einem Erreger, ein irregeleitetes Immunsystem oder eine genetische Veranlagung. Bestimmte Lebenserfahrungen und Umstände führen dann zum Ausbruch der Symptome. Die Heilung ist mitunter sehr schwierig. Naaman geht einen Weg zur Heilung, auf dem nicht nur die Krankheit verändert wird, es verändert sich auch seine Haltung zum Leben. In dieser biblischen Geschichte von Naaman ist eine tiefe Weisheit enthalten, die auch uns heute Wege der Heilung zeigen kann.

Naaman ist ein erfolgreicher Feldhauptmann, der von seinem König wertgeschätzt wird. Von Naaman heißt es, »durch ihn gab der Herr den Aramäern Sieg«. Doch trotz seines Erfolges fühlt Naaman sich nicht wohl in seiner Haut. So können auch heute Menschen erfolgreich sein, aber ihre innere Selbstwahrnehmung ist eine andere. Sind es Zwänge und der Druck, immer erfolgreich sein zu müssen? Ist es bei Naaman die Angst, die Wertschätzung des Königs zu verlieren? Der Text selbst gibt darüber keine Auskunft. In tief gehenden Gesprächen mit hautkranken Menschen klingen aber solche Momente an.

»Die Kriegsleute der Aramäer waren ausgezogen und hatten ein junges Mädchen weggeführt aus dem Lande Israel; die war im Dienst der Frau ­Naamans.« Diese Dienerin weiß Rat, wie Naaman geheilt werden könnte. Sie weist auf die Möglichkeit der Heilung durch den Propheten Elisa in ­Israel hin: »Ach, dass mein Herr bei dem Propheten in Samaria wäre! Der könnte ihn von seinem Aussatz befreien.« (2. Könige 5,2) Damit beginnt für Naaman der Prozess einer Heilung. Gleichermaßen ist es ein Weg mit Grenzüberschreitungen.

Naaman geht zu seinem König. Dieser sendet ihn mit einem Schreiben zum König nach Samaria. Der König zerreißt seine Kleider, als er den Brief liest, weil der aramäische König darum ­bittet, dass er, der König von ­Israel, Naaman heilen soll. Das Zerreißen ist Ausdruck des Entsetzens und der Trauer. Der König von Israel macht darin auch deutlich, dass nur Gott von Krankheiten heilen kann. »Bin ich denn Gott, dass ich töten und lebendig machen kann«, sagt er. Er wittert auch die Suche nach einem Kriegsgrund oder Spionage. »Merkt und seht, wie er Streit mit mir sucht.«

Naaman ist einen innerlich weiten Weg gegangen. Bereits die Einsicht, dass er Hilfe braucht, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Heilung. Das Eingeständnis von Hilfsbedürftigkeit ist auch ein Eingeständnis der eigenen Verletzlichkeit, der eigenen Endlichkeit und Machtlosigkeit. Naaman, der erfolgreiche, der mächtige und der militärisch unverletzliche Staatsdiener, muss sich eingestehen, dass er Hilfe braucht. Diese Hilfe vermittelt ein Mädchen. Es ist Opfer eines Raubzuges und wie viele Opfer von Raubzügen in seiner Selbstbestimmung verletzt. Gleichermaßen ist es aber stark genug, Wege zum Heil und zur Heilung zu sehen, gerade durch seine Verletzungen. Dieser offene Blick des Mitgefühls und der Wegweisung ist Ausdruck einer Stärke, die aus der Verletzung erwächst.

Aus einer Verletzung kann Stärke erwachsen. So kann auch uns Hilfe vermittelt werden durch die Aufmerksamkeit auf das Starke, das aus einer Verletzung entspringt und uns zur Selbsterkenntnis führt. Dieser Gedanke entspricht nicht den Idealen unserer Zeit von Jugendlichkeit, Dynamik und Leistungsstärke. Wenn wir dieser Einsicht folgen, müssen wir wie Naaman die Grenze des Landes überschreiten, in dem Stärke, Macht und Jugendlichkeit gelten. Jenseits dieser Grenze findet sich Selbsteinsicht, aber auch ein Weg zur wahren Heilung.

Jürgen Wolf

Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer in Hermsdorf. Nebenamtlich ist er Dozent für Praktische Theologie im Kirchlichen Fernunterricht.

»Eines Tages wird sich das ändern«

Um glauben und hoffen zu können, sucht der Autor nach Zeugen. Er findet sie nicht nur in der Bibel. Im Folgenden ein Auszug aus seinem auf dem Ökumenischen Kirchentag in München gehaltenen Vortrag.

Der gekreuzigte und auferstandene Christus – Hoffnung auf eine neue Welt. Der Ökumenische Kirchentag stand unter dem Motto: »Damit ihr Hoffnung habt.« Auf dem Foto die Installation »Schwebendes Blau«, die als Teil eines ­Kunst­projektes zum Kirchentag in der Kirche St. Ursula in München-Schwabing zu sehen war. Foto: epd-bild

Der gekreuzigte und auferstandene Christus – Hoffnung auf eine neue Welt. Der Ökumenische Kirchentag stand unter dem Motto: »Damit ihr Hoffnung habt.« Auf dem Foto die Installation »Schwebendes Blau«, die als Teil eines ­Kunst­projektes zum Kirchentag in der Kirche St. Ursula in München-Schwabing zu sehen war. Foto: epd-bild


Was ich über die Hoffnung sage, sage ich als alter Mensch. Ich weiß nicht, ob es allen Alten so geht, sicher aber vielen, dass sie nicht mehr in stimmigen und einleuchtenden theologischen Zusammenhängen reden; nicht weil der Verstand schwächer geworden ist, sondern weil ­einem das Leben die Systematik und die einleuchtenden Erklärungen ausgetrieben hat. Es sprechen so viele ­Todesdaten, Zerstörungsgeschichten und Unstimmigkeiten gegen den Zusammenhang und die Güte des Lebens, dass man sich eher wundert, dass Menschen das Leben loben und Gott preisen können.

Das Glaubensbekenntnis als systematische Aussage und Lehre zerbröckelt einem unter den Händen, aber umso fester hält man die Brocken, die man nicht aufgeben kann: Jesus Christus – das aufgedeckte Antlitz Gottes; Jesus Christus – in unsere Tode hineingestorben; Jesus Christus – die Hoffnung auf die Heilung aller Lebenswunden und Lebensschulden. Es spricht viel dagegen, dieses zu glauben; vielleicht mehr dagegen als dafür, aber ich erzähle eine Geschichte, bei der einem nichts anderes übrig bleibt als zu glauben (oder nicht zu glauben). Ich finde sie bei Carlos Mesters, dem brasilianischen Befreiungstheologen (Die Botschaft des leidenden Volkes). Es ist die Geschichte von Teresinha, einer Frau aus dem brasilianischen Bergland. Das Kind der Teresinha war erst wenige Monate alt und schwer krank. Sie ging zu ­einem Arzt, der die Behandlung verweigerte. Sie ging von Krankenhaus zu Krankenhaus, aber sie hatte nicht die richtigen Papiere und wird abgewiesen. Schließlich stirbt das Kind in ihren Armen.

Einmal erzählt diese Frau die Geschichte des Sterbens ihres ­Kindes einer Nonne, und diese antwortete ihr: »Wie können Sie das nur aushalten, so zu leiden?« Teresinha antwortet: »Ich weiß nicht, Schwester. Wir sind arm, wir wissen nichts. Das Einzige, was für uns übrig bleibt in dieser Welt, ist leiden. Lassen Sie nur, Schwester, eines Tages wird sich das ändern! Gott hilft Leuten wie uns.«
»Eines Tages wird sich das ändern!«, sagt die Frau. »Den Tod vernichtet er für immer«, sagt Jesaja. »Gott hilft Leuten wie uns«, sagt die Frau. »Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen«, heißt es im letzten Buch der Bibel. Die Frage, was Erlösung bedeutet und ob man auf sie hoffen kann, kann ich nicht abstrakt beantworten. Ich könnte es nicht in der Bibel lesen, wenn ich es nicht aus den Worten dieser Frau lese.

Die Frau in ihrem Schmerz und in ihrer Hoffnung ist meine Zeugin. Ich verstände sehr gut, wenn sie verstummte oder wenn ihre Sprache bescheiden würde und wenn sie nur noch sagte: So ist das Leben! Das Kind ist tot, und mehr hat unsereins nicht zu erwarten. Aber sie hat keinen Grund so bescheiden zu sein. Sie geht mit ihrer Hoffnung aufs Ganze und sagt: »Eines Tages wird sich das ändern. Gott hilft Leuten wie uns.«

Es ist schön und menschenwürdig, dass ein Mensch sich die Hoffnung nicht verbieten lässt; dass sie einen neuen Himmel und eine neue Erde ­erwartet, in der sie nicht mehr ein ­erniedrigtes und beleidigtes Geschöpf ist. Ich finde den dickköpfigen Stolz der Frau schön, in dem sie ein Land erwartet, in dem »das Frühere vergangen« ist. Etwas schön zu finden, ist die erste und vielleicht kräftigste Verlockung zum Glauben. Diese Schönheit lehrt mich unzufrieden zu sein mit der unterernährten Vernunft, die nur sagt, was zu ­sagen ist. »Gott erlöst sein Volk.«

Das eigene Herz ist zu klein für die Hoffnung auf die endgültige Bergung des Lebens. Man muss Zeugen haben. Ich versuche, meinen Glauben an Gott zu nennen, und ich stelle fest, dass ich dies dauernd in fremder Sprache tue. Ich ­zitiere Jesaja, wenn ich auf das Land hoffe »aus dem die Seufzer geflohen sind«. Ich zitiere die Apokalypse, wenn ich behaupte: »Der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch ­Geschrei, noch Schmerz.« Man sucht sich Zeugen für die Hoffnung. Der Glauben geht Umwege, er glaubt nicht hauptsächlich »etwas«. Glauben heißt, den Zeugen ihren Glauben zu glauben. Welch ein Glück, dass ich eine Fremdsprache für meinen Glauben habe! In der fremden Sprache, in den Geschichten und den Bildern von gestern berge ich meinen Glauben. Ich stehe nicht allein, nicht einmal für meinen Glauben. Ich benutze die Sprache meiner lebenden und toten Geschwister, und ich benutze damit auch ihren Glauben.

Ja, ich kenne den Einwand: Die Hoffnung auf jene endgültige Stadt und auf Gott, der die Teresinhas erlöst, ist eine Vertröstung, die den Augenblick entwichtigt und die Kraft für die Gegenwart verschleudert. Aber es ist auch an der Zeit zu überlegen, was die Sprachlosigkeit anrichtet und was eine Sprache anrichtet, die das Elend beschreibt; die aber das Lied »einmal wird es sein!« nicht mehr kennt. Wünsche und Hoffnungen sterben, wenn sie sich in eine zu kurze Sprache ducken müssen. Die Sprache der Liebe und die Sprache des Schmerzes nehmen den Mund immer zu voll. Aber wehe, wenn sie bescheiden werden und die Unsäglichkeiten vermeiden! Der Tod darf nicht das letzte Wort haben, sonst wäre er größer als Gott. Die Toten drängen mich, an Gott zu glauben. Die Opfer fordern Versprechungen, die größer sind, als mein Herz wissen und vertreten kann. Da ich niemanden Opfer sein lassen will, nicht einmal mich selber, rufe ich: Gott wird die Toten nicht vergessen. Es wird ein Land kommen, aus dem die Seufzer geflohen sind und in dem jeder seine Sprache und seinen Gesang gefunden hat.

Nein, es ist mir zu wenig, dass Gott keine anderen Hände hat als die Unseren und kein größeres Herz als das Unsere. Ich lese in der Zeitung, dass ein Kind ermordet wurde. Nein, ich lasse Gott nicht davonkommen. Er soll für das ungelebte Leben und den schrecklichen Tod des Kindes stehen. Er soll seine Tränen abwischen und ihm sein Lachen zurückgeben. So wahr es ist, dass Gott selber in die Hände der Räuber gefallen ist in allen Gestalten der Armut, die sich auf der Welt herumtreiben, so wahr ist – ich behaupte es, und ich verlange es! –‚ dass Gott alle Wunden heilen und die Toten erwecken wird. Ich setze darauf und kümmere mich nicht darum, dass ich die Wette verlieren kann. Ich weiß, dass ich in unverstandenen Bildern rede, wenn ich mit der Bibel sage: »Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird sein.«

Die ­Toten und ihr Schicksal öffnen mir den Mund für diesen Gesang, der mit seiner Vision vom guten Ausgang ­allen Lebens wie Kitsch klingt. Aber lieber des Kitsches verdächtigt sein, als die Solidarität mit den Opfern aufgeben. Die Solidarität mit den Opfern erlaubt mir kein Schweigen und sie öffnet mir den Mund zu sagen, was man nicht sagen kann: dass keine Träne umsonst geweint ist und keine Wunde ungeheilt bleibt. Wie und wo dies wahr wird, weiß ich nicht. So sagt es Karl Rahner: »Es gilt, alle Aussagen über Gottes neuen Himmel und neue Erde immer wieder hineinfallen zu lassen in die schweigende Unbegreiflichkeit Gottes.« Wir kommen nicht umhin, uns Bilder zu machen von den Orten der Bergung. Denn die Hoffnung kommt nicht ohne Bilder aus. Zugleich muss man wissen, dass unsere Bilder Bilder sind und wie alle theologischen Aussagen im Bilderverbot gerichtet werden. Gott weiß, wo er ­unsere Tränen sammelt, und dies ­genügt.

Von Fulbert Steffensky

Fulbert Steffensky, 1933 geboren, studierte katholische und evangelische Theologie. Er lebte 13 Jahre als Benediktinermönch. 1969 konvertierte er zum lutherischen Glauben. Er war mit der Theologin Dorothee Sölle verheiratet. Bis 1998 war er als Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg tätig.

Das Mutteramt des Heiligen Geistes

21. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorfs Nachdenken über das Wesen und Wirken des Geistes Gottes

Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Die evangelische Christenheit hat sich häufig schwergetan mit diesem Fest. Noch vor einigen Jahrzehnten konnte man mit Fug und Recht von einer regelrechten Geistvergessenheit im Protestantismus sprechen. Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, an dessen 250. Todestag am 9. Mai 2010 vielerorts erinnert wurde, gehört zu den wenigen evangelischen Theologen, die intensiv über das ­Wesen und Wirken des Geistes Gottes nachgedacht haben. In der von ihm begründeten Herrnhuter Brüdergemeine wurde die Lehre vom Heiligen Geist ein »essentialer punct«. Der Heilige Geist tritt aus der Anonymität hinter Jesus Christus hervor und wird mit besonderen Liedern und Liturgien verehrt. Das Streben nach Geistes­leitung wird zu einem wesentlichen Merkmal der Spiritualität und führt neben der weit gespannten Evangelisationstätigkeit unter Christen aller Konfessionen zu ihrer weltweiten Missionsarbeit.

Foto: Stephen J. Sullivan, sxc.hu

Foto: Stephen J. Sullivan, sxc.hu

Auch die berühmten Losungen, dass heute am weitesten verbreitete protestantische Andachtsbuch, stellen eine praktische Konsequenz von Zinzendorfs Sehnsucht nach Geistesleitung dar. Die Losungen sollen die Bibel in den Lebensalltag der Menschen bringen. Der Graf versteht sie als unmittelbare Weisungen des auferstandenen und gegenwärtigen Herrn. Dabei ist es der Geist, der das Bibelwort lebendig macht.

Zinzendorf übersetzt die traditionelle Rede von der Dreieinigkeit, von Vater, Sohn und Heiligem Geist, in das Bild der göttlichen Familie von Vater, Sohn und Mutter. Dabei spielt die Vorstellung vom Mutteramt des Heiligen Geistes eine wesentliche Rolle. Sie soll biblische Aussagen veranschaulichen, die Gott auch weibliche Eigenschaften zuschreiben (wie Jesaja 66,13). Der Graf erkennt, dass der christliche Vatergott für die Bibel kein »maskulines Prinzip« ist. Folgerichtig redet er im Zusammenhang mit der Dreieinigkeit von Gottes Mütterlichkeit.

Aber nicht nur in der Theorie geht Zinzendorf neue Wege, er setzt seine Erkenntnisse über den Geist Gottes auch in der Gemeindepraxis um. Mit dem Mutteramt des Heiligen Geistes begründet der Graf die Emanzipation der Frau in der Brüdergemeine. Sie wird von ihrer Beschränkung auf Haus und Familie befreit und kann in der Gemeinde verantwortlich mitarbeiten – eine unerhörte Neuerung gegenüber den damaligen Staatskirchen. Die Gottesdienstteilnehmer sollten theologische Einsichten mit Leib und Seele erfahren. Dazu führt Zinzendorf altkirchliche Anbetungsformen im Gottesdienst der Brüdergemeine ein. Je nachdem, welche Person der Dreieinigkeit angebetet wird, wechselt die liturgische Haltung. Der Vater wird liegend verehrt, um das Abstandsgefühl des Menschen zu ihm zum Ausdruck zu bringen, Christus und der Heilige Geist der Vertrautheit wegen im Stehen oder Knien.

Man kann sich vorstellen, dass die unterschiedliche Haltung bei der Anbetung eine vertraute Glaubensbeziehung zu den verschiedenen göttlichen Personen förderte. Nicht ein abstrakter monotheistischer Gott, sondern Vater, Sohn und Geist in ihrer Besonderheit prägten den Gottesdienst der Brüdergemeine.

Jeder Mensch, der an Jesus Christus glaubt, kommt in die Schule des Heiligen Geistes. Dieser pflegt und erzieht ihn dann bis zum Tod, ja darüber hinaus bis zur Auferstehung. Als »Professor« der Gläubigen ist der Geist die Quelle aller wahren Gotteserkenntnis. Er offenbart dem Menschen Erkenntnisse, die mit der Vernunft allein nicht zu erfassen sind. Dazu bedient der Geist Gottes sich der Bibel, indem er ihre Aussagen dem menschlichen ­Verstand aufschließt.

Der Heilige Geist wirkt aber nicht nur an einzelnen Christen, sondern auch an der Gemeinde als Ganzer. Der Graf hat sich im Rahmen seiner Lehre vom Heiligen Geist auch über die ­Voraussetzungen einer Erweckung ­geäußert. Christus kann den Geist einer eingeschlafenen Gemeinde von Neuem erwecken – jedoch nur, wenn sie zur Buße, zur »Erkenntnis des Todes« und zur »Totenklage« kommt. Eine Erneuerung ist nicht möglich, wenn eine Gemeinde, die eigentlich tot ist, vorgibt, lebendig zu sein. Eine solche Gemeinde wird der Geist eines Tages ganz verlassen.

Diese wenigen Hinweise müssen genügen, um zu zeigen, dass die Rede vom Heiligen Geist Konturen gewinnt, wenn man sich – so wie Zinzendorf – mit ihm näher beschäftigt. Dann kann es geschehen, dass man unversehens in die Schule des Geistes gerät und der Glaube neue Dynamik erhält. Das wünsche ich allen Leserinnen und ­Lesern zum Pfingstfest!

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig.

Achte dich selbst und sei gut zu dir

Von Nächstenliebe und Selbstachtung, die beide zusammengehören

Foto: Jason Nelson, sxc.hu

Foto: Jason Nelson, sxc.hu

Mit jedem Jahr, das du älter wirst, musst du mehr auf dich achten« – ein kluger Rat. Klug allerdings nur, wenn ich ihn richtig verstehe. Nicht gemeint ist, ich solle Jahr für Jahr mehr von mir halten. Damit würde ich mich nur lächerlich machen. Gemeint ist mit »auf sich halten«: Mit jedem Jahr muss meine Selbstachtung mir wichtiger werden. Schon früh am Morgen kann ich damit beginnen, beim Blick in den Spiegel. Was für ein Gesicht blickt mir über dem Waschbecken entgegen? Ein verdrießliches Gesicht? Oder eines, dem ich zulächle: »Guten Morgen, liebes Gesicht, ich mag dich, die Falten gehören nun einmal zu dir.«

Hat der Tag so ermutigend begonnen, kann er so auch weitergehen. Sollte ich etwa unversehens in eine Situation geraten, in der eine Stimme mir zuflüstert: »Sag lieber nicht, wie es wirklich war, du wirst dich dadurch nur in Schwierigkeiten bringen«, dann schüttle ich den Kopf: Das soll ich mir antun? Auch wenn es nie herauskommen sollte, für mich bleibt Lüge Lüge. Und dafür bin ich mir zu gut. Und zu der Ausrede: »So machen es doch alle«, bin ich mir erst recht zu gut. Matthias Claudius weiß da guten Rat: Seinem Sohn ­Johannes hat er ans Herz gelegt: »Wenn du hast, so gib und dünke dich darum nicht mehr. Und wenn du nicht hast, so habe den Becher kalten Wassers zur Hand, und dünke dich darum nicht weniger.« Danke, Matthias Claudius!

So von sich denken macht unabhängig von dem, was andere von mir halten. Diese Unabhängigkeit bewährt sich, sobald ich auf meine Selbstachtung verstärkt angewiesen bin: Nach einem Misserfolg oder einer kränkenden Zurücksetzung oder zurzeit schwerer Erkrankung. Eines Tages wird der Generalangriff auf meine Selbstachtung kommen: Ich bin alt geworden und muss mir nun helfen lassen bei Dingen, die ich bisher selber gekonnt habe. Immer mehr bin ich nun abhängig von dem, was andere für mich tun. Täglich, ja stündlich muss ich der Frage standhalten: Was bin ich nun noch wert? Diesem Angriff habe ich etwas entgegenzusetzen, wenn ich weiß, wie nah Achtung und Liebe zusammen­gehören. Liebe ist gleichsam ein mehrstimmiger Akkord, in dem Achtung der Grundton ist. Das »höchste Gebot«, das Liebesgebot »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« (Matthäus 22,39) ist zugleich ein Achtungsgebot:

»Achte den Herrn, deinen Gott, hoch und achte deinen Nächsten nicht weniger als dich selbst.« Diese liebevolle Achtung vor Gott und meinem Nächsten zusammen mit der Achtung, die ich weiterhin gegenüber mir selbst empfinde, wird mich, auch wenn Rundumpflege« bei mir nötig geworden sein sollte, schützend umgeben.

Albrecht Hege

Der Autor, geboren 1917 war Prälat in Heilbronn. Der Text ist entnommen seinem Buch »Lebenszeichen«.
Hege, Albrecht: Lebenszeichen.
Siebenundsiebzig Geistliche Worte
Calwer ­Verlag, 156 S.
ISBN 978-3-7668-4002-8
Preis: 8,90 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:

Telefon (03643)246161

»Ich wollte wissen, wie man glaubt«

Der Kirchliche Fernunterricht bietet eine theologische Ausbildung für den ehrenamtlichen Verkündigungsdienst

Erik Hannen ist ordinierter Prädikant im Kirchenkreis Egeln. Foto: privat

Erik Hannen ist ordinierter Prädikant im Kirchenkreis Egeln. Foto: privat

Als Erik Hannen (39) sich vor mehr als zehn Jahren beim Kirchlichen Fernunterricht (KFU) anmeldete, war noch nicht daran zu denken, dass er einmal auf der Kanzel stehen und predigen würde. Der Finanzbeamte nahm an dem Fernkurs teil, weil er mehr über den christlichen Glauben erfahren wollte. »Ich wusste nicht, wie man glaubt, ich wollte glauben, besser verstehen lernen«, sagt er.

»Ich bin wissenschaftlich-atheistisch erzogen.« Seine Mutter hätte ihm zwar freigestellt, die Christenlehre zu besuchen, doch »der Fußballplatz war für mich wichtiger. Ich habe mich aber erwischt, dass ich in Notsituationen, zum Beispiel wenn der Opa krank war, gebetet habe«, erinnert sich Hannen. Später als er 18, 19 Jahre alt war, beschäftigten ihn zunehmend Fragen des Glaubens. »Ich habe den Weg zur Kirche gesucht, mich aber nicht getraut, jemanden danach zu fragen.« Erst als er seine christliche Frau kennengelernt hatte, kam er mit der Kirche in Berührung, absolvierte einen Taufkurs, ließ sich taufen und kirchlich trauen. Und wollte immer noch mehr vom Glauben wissen. Damit war er beim KFU an der richtigen Adresse, denn dieser bietet interessierten Gemeindemitgliedern persönliche theologische Bildung an und er stellt für Ehrenamtliche eine theologische Grundausbildung für den Verkündigungsdienst dar. Aus dem anfänglichen Motiv, den persönlichen Glauben vertiefen zu wollen, ist bei Hannen mittlerweile so etwas wie Berufung geworden. Seitdem er 2003 den theologischen Fernkurs abgeschlossen hat und im Oktober 2007 ins Ehrenamt ordiniert wurde, predigt er regelmäßig in Gemeinden des Kirchenkreises Egeln in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM).

Der KFU, der seinen Sitz in Magdeburg hat, blickt in diesem Jahr auf sein 50-jähriges Bestehen. Seit 1960 sieht er seine Aufgabe darin, ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für den Verkündigungsdienst theologisch auszubilden. Willkommen seien aber auch Menschen, die sich nur aus persönlichem Interesse theologisches Grundwissen aneignen wollen, sagt Rektorin Dr. Magdalene Frettlöh.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Alter von Mitte 20 bis 70 kommen aus unterschiedlichen Berufen. »Gestandene Persönlichkeiten, viele Juristen und Naturwissenschaftler«, so die Leiterin des KFU. Sie weiß, dass die Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer viel Kraft und Zeit in das ­Studium investieren, Berufstätige müssen Freizeit und teilweise ihren Urlaub opfern.

Das zweieinhalbjährige Studium umfasst zwölf Wochenendseminare und zwei Seminarwochen. Daran schließt sich das Examen mit zwei Wochenendrepetitorien und einer Examenswoche an. Der KFU vermittelt Grundkenntnisse in den Fächern Altes und Neues Testament, Kirchengeschichte, Systematische und Praktische Theologie.

»Der Kurs begann anders als ich es erwartet hatte«, erinnert sich Erik Hannen. »Das Studium hat mich abgeschreckt. Die kritische Theologie war gewöhnungsbedürftig. Ich wollte einen Kinderglauben bekommen.« Aber in der ersten Vorlesung Neues Testament sei es stundenlang um Literaturgattungen der Bibel gegangen. »Am Anfang dachte ich, aus mir sollte ein Literaturwissenschaftler werden«, sagt der Finanzbeamte rückblickend. Doch je mehr er sich in das Studium vertiefte, umso weniger schreckte ihn die kritische theologische Auseinandersetzung ab. »Anfangs habe ich mich dagegen gesperrt. Heute habe ich damit keine Probleme mehr.« Für die Auseinandersetzung mit theolo­gischen Themen und seine Arbeit in der Kirchengemeinde habe der KFU ein wichtiges Fundament ­gelegt, betont Hannen.

Sein Denken und Glauben habe sich durch die theologische Ausbildung verändert, das Interesse an den Fragen des Glaubens sei geblieben.
Sabine Kuschel

Info
Der Kirchliche Fernunterricht (KFU) wird von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) getragen. Er ist offen für Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus allen Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). ­Vorrangig berücksichtigt werden jedoch Bewerbungen aus den ­Kirchen, die den von der EKM ­getragenen Fernunterricht finanzieren. Das sind die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, die Evangelische Kirche Anhalts, die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens und die Pommersche Evangelische Kirche. Studiengebühren fallen nicht an. Die Kosten für Unterkunft, Fahrten und Literatur ­müssen die Studierenden selbst bezahlen.
www.kfu-kps.de

»Danke für diesen guten Morgen«

29. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Zum 80. Geburtstag des Kirchenlieder-Komponisten Martin Gotthard Schneider

Sein »Danke«-Lied hat den Komponisten Martin Gotthard Schneider weltweit bekannt gemacht. Foto: epd-bild

Sein »Danke«-Lied hat den Komponisten Martin Gotthard Schneider weltweit bekannt gemacht. Foto: epd-bild

Seine Komposition war als bisher einziges Kirchenlied sechs Wochen lang in den Charts der deutschen Hitparade: »Danke für diesen guten Morgen, danke für jeden neuen Tag.« Dieses Lied hat den evangelischen Theologen und Kirchenmusiker Martin Gotthard Schneider, der am 26. April 80 Jahre alt wurde, in der ganzen Welt bekannt gemacht. 1961 trat der Song in evangelischen Kirchen und weit darüber hinaus seinen Erfolgszug an. Nach Angaben des Gustav Bosse Verlags (Kassel) wurde es in mehr als 25 Sprachen übersetzt.

Die Popularität des »Danke«-Liedes, das in das Evangelische Gesangbuch aufgenommen wurde, ist dem Verlag zufolge noch heute ungebrochen. Auf Kirchentagen, Gemeindefesten und in Jugendgottesdiensten gehöre es seit knapp fünf Jahrzehnten zu den »meistgesungenen geistlichen Liedern überhaupt«. Die Popgruppe »Die Ärzte« hat in ihren Anfangsjahren Text und Melodie in einer leichten Punkfassung auf den Markt gebracht. Bereits 1963 gelangte es in einer Schallplatteneinspielung des Botho-Lucas-Chors in die Charts der deutschen Hitparade.

Komponist Schneider wurde 1930 in Konstanz geboren und studierte in Heidelberg, Tübingen und Basel. Er war Kantor und Organist in Freiburg und von 1973 bis 1995 Landeskantor in Baden. Bis 1997 lehrte er an der Staatlichen Musikhochschule Freiburg, wo er 1980 zum Professor ernannt wurde. Mehr als viereinhalb Jahrzehnte leitete er auch den von ihm gegründeten Freiburger Konzertchor der Heinrich-Schütz-Kantorei.

Schneider schuf zahlreiche neue geistliche Lieder. 1975 erschien sein Liederbuch »Sieben Leben möcht ich haben«. Vor allem über die Deutschen Evangelischen Kirchentage wurden auch die Lieder »Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt« oder »Ein neuer Tag beginnt« bekannt.

Was den einen als zu kitschig und banal erschien, war für andere vor ­allem in den 60er und 70er Jahren Ausdruck einer Aufbruchstimmung: Weg von der »Ein-Mann-Veranstal­tung des Pfarrers« und hin zu eigenen Formen, um den Glauben neu und verständlich zum Ausdruck zu bringen. Schneider traf damit den Zeitgeist einer Generation, die sich in den Kirchengemeinden nach neuen Liedern sehnte, begleitet von anderen Instrumenten als der Orgel. Und das Lied wurde fast täglich in den deutschen Radiosendern gespielt und von unzähligen Chören nachgesungen.

Schneider schrieb »Danke« 1961 als Beitrag zu einem Wettbewerb der Evangelischen Akademie Tutzing für neue geistliche Lieder und gewann den ersten Preis. Die Melodien sollten mithilfe musikalischer Mittel aus Jazz und Unterhaltungsmusik gestaltet werden. Allerdings habe sich damals auch »vehementer Protest« geregt, sagte Schneider einst. Theologen und Kirchenmusiker hätten sich zunächst von dem »Kirchenschlager« distanziert, weil ihnen die Melodie zu simpel und der Text zu plakativ erschienen sei.
Seinen 80. Geburtstag feiere er »etwas eingeschränkt bei guter Gesundheit« in Freiburg, sagte Schneider. Ob er derzeit noch komponiere, wollte er nicht verraten. »Wenn noch etwas von mir kommt, wird man das auch mitbekommen.«

Ralf Schick (epd)

Vergebung ist ein Wunder

22. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Von Schuld, Vergebung und der Gabe des Vergebenkönnens

Auf der Suche nach Vergebung: die Figur des Kain in einer Darstellung von William Blake (1757-1827)

Auf der Suche nach Vergebung: die Figur des Kain in einer Darstellung von William Blake (1757-1827)

Zu groß ist meine Schuld, um sie zu tragen«, klagt Kain, nachdem er seinen Bruder Abel erschlagen hat. Dass Kain die Schuld des Brudermordes vergeben wird – davon spricht die Bibel nicht. Aber Gott macht Kain diese ungeheure Last erträglich. Kain wird gezeichnet sein, aber eben dieses Zeichen, das Kainsmal, hält ihn am Leben, bewahrt ihn vor den Bluträchern und davor, an seiner Schuld zugrunde zu gehen.

Schuld ist eine schwere Bürde, die nicht einfach im Handumdrehen aus der Welt geschafft werden kann, als sei es menschenmöglich, ungeschehen zu machen, was wir getan haben, als könnten wir gar den zugefügten Schaden wiedergutmachen. Schuld ertragen, sie aber nicht nachtragen; Schuld aushalten, sie aber nicht vorhalten – wenn ein solcher Umgang mit Schuld möglich ist, dann ist ein wichtiger Schritt getan. Dann braucht Schuld weder geleugnet noch verharmlost werden, dann sind die Bemühungen um Selbstentschuldigung und die ­Suche nach einem Sündenbock fehl am Platz. Und gleichzeitig wird es unmöglich, einen Menschen gnadenlos mit seinem Unrecht zu identifizieren oder ihn wegen seiner Schuld für immer abzuschreiben.

Auch Vergebung löscht die Schuld nicht aus und macht das Getane oder Versäumte nicht rückgängig. Aber sie ermöglicht es, dass Menschen nicht auf Dauer bestimmt bleiben von dem Unrecht, das sie begangen haben, dass ihr Leben nicht zur Folge einer einzigen Tat zusammenschrumpft. Vergebung ist, so hat es die Philosophin Hannah Arendt formuliert, Entbindung. Der Neuanfang, den die Vergebung schenkt, kommt dem Wunder der Geburt gleich – mitten im Leben.

Doch was lässt sich vergeben? Die alltäglichen Versehen, die uns unterlaufen, weil wir Menschen sind und als solche fehlbar? Ja, die gewiss, denn das hätte mir ja auch passieren können: »Sorry, tut mir leid!« Aber wie steht es um Vergehen, bei denen Menschen an Leib und Seele zu Schaden kommen? Wie gar um Verbrechen, die zu beschreiben uns die Worte fehlen? Sind sie vergebbar?

Zum 65. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald wird besonders der Kinder gedacht, die in Buchenwald gequält und getötet worden sind. Gibt es größere Schuld, als sich an Kindern zu vergehen?! »Wenn ich an die Kinder denke … wenn ich an die Kinder denke, muss ich weinen. Ich erinnere mich an die Kinder (…), die einfach so, still und brav, ohne zu schreien, ohne zu klagen, in den Tod gingen. Ich frage mich, wie sie das tun konnten. Weißt du, Jorge, ich hoffe, dass ihren Mördern niemals verziehen wird. Ich will nicht, dass Gott ihnen verzeiht, was sie den Kindern angetan haben. Niemals.« Ich lese diese Sätze aus einem Gespräch zwischen Jorge Semprun und Elie Wiesel, beide ehemalige Häftlinge in Buchenwald, mit großem Respekt – und zugleich tief erschrocken. Denn sie weisen auf den Missbrauch der Vergebung hin. Sie erheben Einspruch gegen die Forderung, alles und immer vergeben zu müssen, und gegen eine Praxis, die allzu schnell den Zuspruch der Vergebung Gottes parat hält.

Jenseits von Vergebungszwang und Vergebungsautomatismus, ist die Langsamkeit der Vergebung zu würdigen. Es ist zu respektieren, wenn die Bitte um Vergebung unerhört bleibt oder zurückgewiesen wird. Es ist auszuhalten, dass Menschen Zeit brauchen, um vergeben zu können, und dass dafür oft dieses eine Leben nicht ausreicht. Vergebung ist nicht der alltägliche Normalfall des Umgangs mit Schuld. Sie ist und bleibt ein Wunder. Als solches speist sie sich aus der Hoffnung, dass Gott einst alle, Opfer wie Täter, aber je auf andere Weise, zurechtbringen wird, um so allererst den Weg der Vergebung und Versöhnung freizumachen.

Dass Gott nicht über die Köpfe der Opfer hinweg den Tätern und Täterinnen vergebe, sondern dass er einst beide heilsam verwandle, damit die einen um Vergebung bitten und die anderen sie gewähren können – das ist meine Hoffnung. Bis dies geschieht, können wir nur bitten: »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.« Die fünfte Vaterunserbitte nimmt die zwischenmenschliche Vergebung ins Gebet und macht damit deutlich: Nicht nur die Vergebung, auch das Vergebenkönnen ist Gabe. Über sie verfügen wir nicht und sie dürfen wir darum bei anderen auch nicht einklagen. Diese Gabe können wir uns nur schenken lassen. Vor allem aber müssen wir ­darauf hoffen, dass Gott sie denen ­gewährt, an denen wir schuldig geworden sind. Denn wer, wenn nicht Abel, sollte Kain vergeben können?!

Magdalene L. Frettlöh

Die Autorin ist Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Privatdozentin für Systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum

Den Frieden in mir wahrnehmen

16. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Von der verborgenen Sehnsucht nach Stille und wozu sie gut ist

Was ist die Stille? Warum kann sie sich beklemmend und ängstigend anfühlen und warum kann sie wohltuend und erlösend sein?

Foto: mev

Foto: mev

Die Stille ist so alt wie die Schöpfung selbst. Sie gehört zum Anfang allen Lebens. Stille also als ein ­ursprünglicher leiser Zustand. Für uns Menschen des 21. Jahrhunderts fast unvorstellbar. Wir leben in einer lauten Welt. Die Technik dominiert unser Leben: unentbehrliches Handyklingeln in Sitzungen und auch in Gottesdiensten, Computerverliebtheit vielerorts – da wird dem Laptop mehr Aufmerksamkeit geschenkt als den Menschen, mit denen man am Tisch sitzt, vorm Fernseher hängen gegen eventuell aufkommende Langeweile oder zur Ablenkung in Schnellrestaurants, an U-Bahn-Haltestellen oder in S-Bahnen, Radiomusik beduselt neben Fön- und Trockenhaubengetöse beim Friseur oder sogar in vermeintlich guten Restaurants bei Tisch. Der Mensch ist ein »Gewohnheitstier« und gewöhnt sich an das eine oder andere mehr oder weniger. So auch an eine ständige technische Reizüberflutung. Doch der Körper schreit: Halt!

Unsere Ohren geben seit einigen Jahren deutlich Warnzeichen. Sie widersetzen sich diesem ständigen Hörfluss, dem Geräuschpegel. Tinnitus und Hörsturz sind Erkrankungen, die deutlich zunehmen. Sie sind sogenannte Stresserkrankungen, weil die betreffenden Menschen nicht mehr wirklich zur Ruhe finden. Und – nicht nur zur äußeren Ruhe, sondern auch zur inneren Ruhe, zur Ausgeglichenheit. Zum Ausgleich zwischen Anspannung und Entspannung.

Was hat das alles mit der Stille und ihrer Bedeutung zu tun? Eines Tages fragte mich eine Frau: »Haus der Stille, muss man da immer still sein?« In ihrem Gesicht las ich noch: merkwürdig, komisch. Ich entdeckte Unbehagen und die Frage: Was soll das?
Wir kamen in ein längeres Gespräch und sie machte mir deutlich, dass sie mit Stille frühere disziplinarische Handlungen verbunden hat, still sein etwa und Sätze wie: »Geh in die Ecke und sei stille« und: »Ich möchte kein Wort mehr von dir hören«. Oder aber die laute, lebendige Musik in der Disco und dann die einsame, bedrückende Stille, wenn sie wieder zu Hause, allein in ihrer Wohnung war. Doch je älter sie wird, so erzählt sie, desto mehr packt sie eine Sehnsucht nach Stille. Sie fragt sich, warum sie die Stille oft übertönt.

Morgens, gleich nach dem Aufwachen schaltet sie das Radio an und abends, wenn sie von der Arbeit kommt, den Fernseher. Letztens hatte sie ein besonderes Erlebnis. Sie besuchte in Berlin in der Gedächtniskirche eine Andacht und sang: schweige und höre, neige dei-
nes Herzens Ohr, suche den Frieden. Das machte sie mit einem Mal ruhig, beinahe friedvoll und als die Zeit der Stille endete, hätte
sie gerne noch darinnen verweilt.

Wozu dient die Stille? Sie macht das Ohr und mein ­Innenleben frei von äußeren Höreinwirkungen, sie ermöglicht eine Konzentration auf mich selbst. Ich spüre intensiver, wie ich atme und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Dabei können Bilder auftauchen, Begebenheiten, Menschen, Worte und Landschaften, die ich lange nicht mehr wahrgenommen habe. Somit verbindet uns die Stille mit unserem schlummernden Innenleben. Das kann Angst machen bei unguten Erfahrungen, das kann ebenso Glücksgefühle hervorrufen.
Die Stille, die die Frau in der Berliner Gedächtniskirche erlebt hat, war eingebunden in die Hinwendung zu Gott. Diese Hinwendung drückt Romano Guardini so aus: Lehre mich Gott in der Stille deiner Gegenwart das Geheimnis zu verstehen, das ich bin. Und das ich bin durch dich und vor dir und für dich. Die Verse können einleiten in die Stille christlicher Meditation. Hierin übe ich eine Stille als lebensvolle Dynamik. Ich bin im Einklang und überlasse mich dem Fluss des Lebens – nehme den Frieden wahr, der verborgen in mir, in allen Geschöpfen Gottes wohnt.

In unserem Haus erlebe ich viele Menschen. Die Erfahrenen und die Suchenden, die Anfängerinnen und Anfänger mit der Stille. Doch uns alle eint die Sehnsucht nach der Erfahrung mit dem Göttlichen in der Stille. Und danach, uns bewusst Zeit zu nehmen und uns zu öffnen für Gottes Liebe und Segen. Versuchen Sie es – wagen Sie die Stille und Sie werden staunen.

Nelly Sachs spricht in ihrem Gedicht »Sehnsucht« von einem Sehnen nach Stille, Freundschaft und Liebe und endet betend: So lass nun unsere Sehnsucht damit anfangen, dich zu suchen, und lass sie damit enden, dich gefunden zu haben.

Schwester Anke Frickmann

Die Autorin ist Leiterin des Hauses der Stille in Bielefeld.

Gottergebenes Leben – am falschen Ort

Leonhard Lutz lebt seit 1948 bei klarem Verstand unter geistig Behinderten

Heute ist Leonhard Lutz Sprecher des Heimbeirates und schreibt seine ­Sitzungsprotokolle auf dem eigenen Computer. Foto: epd-bild

Heute ist Leonhard Lutz Sprecher des Heimbeirates und schreibt seine ­Sitzungsprotokolle auf dem eigenen Computer. Foto: epd-bild

Wenn Leonhard Lutz morgens aufwacht, fällt sein Blick auf Dürers »Betende Hände«. Er hat sie oft nötig gehabt. Denn ohne seinen Gott hätte er nicht ausgehalten, was ihm widerfahren ist. Lutz ist 78 Jahre alt und lebt seit 61 Jahren im Heim für Menschen mit geistiger Behinderung im mittelfränkischen Polsingen, aber er ist nicht geistig behindert.

Seine Biografie ist eine Geschichte voller Missverständnisse, voller Ignoranz und Hass, bewegend und manchmal unglaublich. Leonhard Lutz erzählt sie im Büro seiner Wohngruppe, dem einzigen Raum, in dem man hinter verschlossener Tür vertraulich sprechen kann. Dies ist sein Gespräch, und man spürt, wie kostbar es ihm ist.

Leonhard Lutz kam mit einer schweren Körperbehinderung zur Welt. Er ist halbseitig gelähmt, die Finger der rechten Hand krümmen sich nach innen, bewegen kann er sie kaum, das rechte Bein gar nicht. Der Kopf steht etwas schief, die Gesichtsmuskeln kämpfen mit Dauerspannungen, und inmitten einer besonders starken Emotionsflut versagt schon mal die Stimme. Aber Leonhard Lutz ist nicht geistig behindert.

Vielleicht hätte die Liebe einer Mutter das gesunde Hirn in dem ­kranken Körper erkannt. Doch Lutz’ Mutter stirbt wenige Monate nach der Geburt an einem Gehirnschlag. Der Vater hat in der Kleinstadt Feuchtwangen eine Gärtnerei zu führen und keine Zeit, sich um seinen Sohn aus erster Ehe zu kümmern. Und die ­Stiefmutter lehnt das behinderte Kind ab und verprügelt es gar auf offener Straße.

Der Engel in seinem Leben heißt Leonhard Hornberger und ist der Patenonkel. Hornberger, ein einfacher Maurer mit Herz und Menschenverstand, erkennt das doppelte Elend ­seines Patenkindes und nimmt es auf. Weil man den kleinen Leonhard nicht in die Schule schicken kann oder will, unterrichtet ihn der Patenonkel selber. »Er hat mir so viel beigebracht, dass ich damit im Leben bestehen konnte«, sagt Lutz. Der Onkel baut ihm eine Gehhilfe, mit der Leonhard endlich, nach vielen Jahren, allein aus dem Haus kommt.

Auf welch festem christlichen Fundament der Maurer Hornberger steht, erweist sich später. Hitlers Euthanasie-Programm ist gerade angelaufen, da erscheinen einige Herren, um den zehnjährigen Leonhard »zu einem Spaziergang« abzuholen. Breitbeinig baut er sich vor ihnen auf, den Patensohn hinter sich, und versichert: »Dann müsst ihr mich aber auch mitnehmen.« Leonhard macht ihm bittere Vorwürfe, er wäre doch so gerne spazieren gefahren. Später erkennt er, dass ihm der Patenonkel das Leben gerettet hat.

Doch nun, der braune Spuk ist inzwischen vorbei, nimmt das Leben von Leonhard Lutz eine neue, dramatische Wendung. Der Patenonkel wird schwer krank, wohin nun mit Leonhard? Vor der Stiefmutter hat er panische Angst. Lieber will er ins Heim.
Am 19. Oktober 1948 bringt ihn sein Vater nach Polsingen, wo Neuendettelsauer Diakonissen im Schloss ein Behindertenheim betreiben. Er fährt im festen Glauben, es handle sich um ein Heim für Körperbehinderte. Als er nach einigen Stunden seinen Irrtum bemerkt, ist der Vater schon grußlos über alle Berge.

Lutz wohnt nun in einer Gruppe mit 30 Bewohnern, schläft in einem Schlafsaal für 15 Leute. Das Leben ist streng reglementiert, die Fenster sind vergittert, Kontakt mit Frauen strengstens verboten, sogar die Gräberfelder auf dem Friedhof sind nach Geschlechtern getrennt. Der Umgang mit den anderen Bewohnern funktioniert nur selten. »Ich habe mich wahnsinnig schwer eingelebt«, erinnert er sich.

Und die Diakonissen? Sie müssen doch gemerkt haben, dass ihr neuer Zögling anders ist als die anderen im Heim, anders spricht, anders denkt? »Sie haben es gemerkt, aber sie haben es nicht akzeptiert«, glaubt Lutz. In der Werkstatt erledigt er jetzt kleinere Arbeiten: Leder stanzen, Brillen zusammenbauen.

Nach gut zehn Jahren tritt wieder ein Engel in sein Leben. Es ist jemand vom Amtsgericht, der die Vormundschaften im Heim überprüft. »Sie passen doch hier auf gar keinen Fall rein«, entfährt es dem Staatsdiener. Die Frau des damaligen Heimleiters muss auf der Stelle ihre Vormundschaft abgeben.

Lutz hätte jetzt das Heim verlassen können. Aber: Die Lähmung ist kein Pappenstiel. Er wird immer auf fremde Hilfe angewiesen sein. Auf dem Heimgelände in Polsingen kennt er sich aus, wo soll er sonst hin? Und so bleibt er im Heim. 61 Jahre lang. Gott hat es so gewollt, sagt sich Lutz, er hat mich hierher gesetzt.

Thomas Greif (epd)

Christi Losung: »Hiergeblieben!«

Der Osterglaube hebt den Blick zum himmlischen Ziel – und lässt uns in diesem Leben schon dem Tode trotzen

Wer hat in unserem Leben das letzte Wort? Welche Macht hat der Tod über uns? Was geschieht mit uns jenseits der Todesgrenze? Gibt es noch ein anderes Leben als das, das mit dem Tod endet? Diese Grundfragen menschlicher Existenz bleiben auch in unserer Zeit dringlich. Mit diesen Fragen setzt sich die Osterbotschaft der Christen auseinander. Und zwar so, dass das Zeugnis von der Auferweckung Jesu Christi aus den Toten untrennbar verknüpft ist mit der Hoffnung auf die Auferweckung aller Toten.

Foto: Privat

Foto: Privat

Das heißt: Die Osterbotschaft behauptet nichts Geringeres als die Überwindung des Todes des gekreuzigten Jesus; und in ihr ist die Verheißung enthalten, dass auch wir den Tod einmal definitiv hinter uns lassen werden. Der Apostel Paulus bringt diesen Zusammenhang auf den Punkt, wenn er im ersten Brief an die Korinther schreibt: »Gibt es aber keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferweckt worden; ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist ja unsere Predigt leer, leer auch euer Glaube« (1. Korintherbrief 15, Vers 13+14).

Mir hat dazu einmal einer gesagt: »Es sind inzwischen etwa 30 Milliarden Menschen gestorben. Wenn die Totenauferstehung sich nicht bald ­ereignet, werden es immer mehr Milliarden. Was für einen Unsinn sollen wir denn überhaupt noch glauben, wenn wir sagen, dass 50 Milliarden Menschen auferweckt werden?«

Die Frage dieses Spötters hat darin ihr Recht, dass sie uns Christen vor Augen führt, was für eine ungeheuerliche Behauptung sich im Osterglauben verbirgt. Jawohl, daran ist überhaupt nichts selbstverständlich und sofort einsehbar. Wenn Gott nicht selber für die Hoffnung auf Auferstehung uns die Augen und die Sinne öffnet, bleibt es bei aberwitzigen Vorstellungen und einem unverständlichen Gerede darüber. Hier liegt der Grund, weswegen das Neue Testament so zurückhaltend damit ist, das »Wie« der Auferstehung der Toten zu beschreiben.

Auch die Auferweckung des Gekreuzigten in der Osternacht wird ja nirgendwo geschildert und beschrieben. Der Grund dafür liegt darin, dass mit den Begriffen »Auferstehung/Auferweckung« und »ewiges Leben« etwas beschrieben wird, was unsere ­Erwartungen und unser Vorstellungs- und Ausdrucksvermögen überschreitet. Nur von Gott her und auf ihn hin erschließt sich, was »Auferstehung von den Toten« und »ewiges Leben« bedeuten. Es gibt kein Jenseits ohne Gott. Und Gottes Verheißung meint nicht, was wir diesseits des Todes ­sehen und greifen und alltäglich zur Sprache bringen können. Die Wirklichkeit, die ihr gemäß ist, ist nur in der Auferweckung des gekreuzigten Jesus anschaulich. Ansonsten ist sie unsichtbar und liegt jenseits des Todes und der Zeit. Wir kommen nicht hinter das österliche Geheimnis; wir leuchten es mit unseren Möglichkeiten nicht aus. Aber wie sollen wir es dann bezeugen?

Bevor wir auf diese Frage eine Antwort geben, muss vom Missbrauch der Osterbotschaft die Rede sein. Denn Ostern ist auch mit Gefahren verbunden: Die Auferweckung des Gekreuzigten und die darin enthaltene Hoffnung auf die Auferstehung der Toten kann auch missbraucht werden als Abkehr von den Problemen und Niederlagen unseres irdischen Lebens; dann werden österliche Kirchen und Gemeinden zu spirituellen Fluchtburgen vor dem Desaster des Alltags; der Glaube wird verkehrt in individuelle Innerlichkeit und Vertröstung auf ein besseres Jenseits.

Hier muss scharf und klar gesagt werden: Der Glaube an die Auferweckung des Gekreuzigten führt nicht ins bessere Jenseits unter Missachtung des elenden Diesseits, nicht weg aus unseren Verantwortungsbereichen in ein besseres Land. Nein: ­heraus aus den Gräbern, in denen so viele ihre Lebensperspektiven und Hoffnungen begraben mussten! Ja und vielmehr: Der Beginn der neuen Weltgestalt in der Auferweckung des Gekreuzigten lässt die Gegenwart aushalten und sie als Ort unverdrossener Hoffnung wahrnehmen.

»Hiergeblieben!«, heißt die Parole des Auferstandenen: »Hiergeblieben!« Nur so wird der Osterglaube glaubwürdig und aussagbar, dass wir ihn mit der Diesseitigkeit der Praxis des Glaubens und der Hoffnung bezeugen. Lasst uns den Satz aus der Ostertheologie Jürgen Moltmanns begreifen und durchkauen: »Aber die Veränderung des Ostermorgens sagt, dass dieser Eine – Jesus Christus – allen ­Anderen voran auferweckt worden ist und der Prozess der Totenerweckung mit ihm in Gang gekommen ist, insofern, als diese Welt des Todes und der Aussichtslosigkeit und die kommende Welt des Lebens sich nicht mehr wie zwei getrennte Weltzeiten gegenüberstehen.«

So ist das mit dem Osterglauben: »Hiergeblieben!« – und doch den Blick erhoben auf ein Ziel, das wir immer wieder durchbuchstabieren müssen, bis es erreicht ist. Totenauferstehung, Verwandlung des Sterblichen in die Unsterblichkeit, der Zeit in das Bleibende – nicht weniger als dies ist Gottes Verheißung, und das wird sein letztes Wort sein. In der Freude über dieses letzte Wort feiern wir Ostern: mit vorletzten Worten und dem Willen, dem Tod und seinen Kumpanen schon jetzt in diesem Leben zu widerstehen und zu trotzen. Darum darf es heißen: Der Herr ist auferstanden. Er lebt. Wir werden auferstehen. Darum leben wir – schon jetzt.

Rolf Wischnath

Prof. Dr. Rolf Wischnath ist Hochschullehrer für Systematische Theologie an der Universität Bielefeld. Er war von 1995 bis 2004 Generalsuperintendent der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg.

Frei werden für Gott und den Nächsten

27. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Über die Bedeutung und die Gefahren des Fastens

FastenIn den vergangenen Jahrzehnten ist das Fasten im Rahmen der evangelischen Spiritualität wiederentdeckt worden. Die Überernährung entwickelte sich in den Industriegesellschaften seit den 1960er Jahren mehr und mehr zu einem Problem. Diät- und Fastenkuren boten sich als Ausweg an. Dazu kam, dass trotz fortschreitender Entkirchlichung die Sehnsucht nach geistiger – »spiritueller« – Heilung zunahm. Die traditionelle Schulmedizin befriedigte viele Zeitgenossen nicht mehr. So war der Boden bereitet für das Fasten als ganzheitliche Übung, die eine gesundheitliche, eine spirituelle und eine sozial-politische Dimension umfasst. Tatsächlich gibt es Fasten nur im Dreierpack! Es ist hier nicht der Ort, um die positiven Auswirkungen des Fastens auf den menschlichen Organismus zu entfalten, die weit über das Moment der Entschlackung hinausgehen. Auch der sozial-politische Aspekt des Fastens soll nur kurz bedacht werden: Schon das Alte Testament warnt davor, das Fasten losgelöst vom Dienst am Nächsten zu betrachten (Jesaja 58,1-12).

Jesus verschärft diese Kritik am Fasten als selbstzentrierte religiöse Übung noch (Matthäus 6,16-18). Zum Fasten gehört vielmehr untrennbar die Ausrichtung auf den Nächsten. Von daher besitzt das Fasten, als politisches Mittel gebraucht, durchaus eine biblische Begründung. Allerdings verkommt es zum Druckmittel in der tagespolitischen Auseinandersetzung, wenn seine spirituelle Dimension ausgeblendet wird.

Biblische Aussagen weisen darauf hin, dass das Fasten die Ernsthaftigkeit des Gebets unterstützt und damit seine Wirksamkeit erhöht (Ester 4,16f.; Markus 9,29). Es fördert die Sensibilität für Gottes Wort und seinen Willen (5. Mose 9,9; Daniel 10,1ff.; Matthäus 4,1-17). Daneben beeinflusst es die Selbstsicht des Fastenden. Beim Fasten legt der Mensch Ersatzbefriedigungen aus der Hand, die ihn betäuben und blind machen gegenüber sich selbst. Dadurch lernt er, sich so zu sehen, wie er wirklich ist, und braucht nicht länger vor sich selbst davonzulaufen. Indem der Fastende seine Wünsche und Begierden aus der Hand gibt, macht er deutlich, dass letztlich allein Gott selbst seinen Hunger und seine Sehnsucht nach Leben zu stillen vermag. Im Fasten gewinnt der Mensch Raum für Neues. Er wird frei zur Buße, für Umdenken und Umkehr als Grundakte des Evangeliums.

In den vergangenen Jahren ist eine Reihe von Formen des spirituellen Fastens erprobt worden. Die traditionelle 40-tätige Fastenzeit vor Ostern hat im evangelischen Raum durch die Aktion »7 Wochen Ohne« neue Bedeutung gewonnen. Während dieser Zeit kann auf die unterschiedlichsten Gewohnheiten verzichtet werden: auf Alkohol, Fernsehen, Süßigkeiten, Fleischgenuss. Daneben bietet sich die Karwoche für den Verzicht auf Nahrungsaufnahme zur Vorbereitung auf die Osterzeit an. Auch Formen gemeinsamen Fastens von Kirchenvorständen sind möglich, z. B. wenn schwerwiegende Probleme in der Gemeinde auftreten.

Allerdings sollte nicht verschwiegen werden, dass dem Fasten eine Reihe von Gefahren drohen. Bisweilen lässt sich eine neue Gesetzlichkeit beobachten. Anstatt die Freiheit zu fördern, führt das Fasten zur Unfreiheit: Wer bei der Aktion »7 Wochen Ohne« nicht mitmacht, muss sich ­inzwischen fast dafür entschuldigen. Wer in der Fastenzeit mit Freunden ein Glas Wein trinkt, muss permanent neue Ausreden ersinnen. Eine weitere Gefahr des Fastens liegt darin, dass die Angst, etwas Gesundheitsschädliches zu essen, zum beherrschenden Motiv wird. Das ist angesichts permanenter Lebensmittelskandale zwar verständlich; dennoch darf dieses Motiv für ein spirituell verstandenes Fasten nicht ausschlaggebend sein. Problematisch ist das Fasten auch dort, wo mit ihm eine Verneinung des Leibes verbunden ist. Hier wird leicht die Grenze zur Bulimie überschritten.

Schließlich kann das Fasten durch Lebensverneinung motiviert sein. Weil so viele Menschen hungern müssen, gönnt man sich selbst nichts mehr. Auf diese Weise zerstört das Fasten die Dankbarkeit gegenüber Gott für die schönen Lebensmittel, die er uns täglich schenkt. Gegenüber all diesen Motiven darf beim spirituell verstandenen Fasten nicht vergessen werden, dass das Neue Testament im Gegensatz zur Abwertung des Körpers in der griechischen Philosophie eine bemerkenswerte Aufwertung des Leibes ­erkennen lässt (1. Korinther 6,12-20). Das spirituell verstandene Fasten sollte aus einer positiven Grundmotivation gespeist sein: wieder freier zu werden für Gott und den Nächsten.

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig.

»Ich kann dich gut leiden«

19. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

"In der Passion ist Gott unser Sympathisant" Foto: BilderBox.com

Ich kann dich gut leiden«, sagen wir, wenn wir jemanden gernhaben. Ich lasse mir dich angehen, mich betreffen von dem, was dich trifft. Bin interessiert an deinem Leben und nehme mir deine Not zu Herzen. Ja, ich lasse mich von dir in Mitleidenschaft ziehen, will nicht apathisch sein, will es lernen, mit dir zu fühlen.

»Ich kann dich gut leiden« – die Passionszeit erinnert Jahr für Jahr ­daran, dass Gott der Welt diese Sympathieerklärung gemacht hat, nicht nur mit Worten, sondern leibhaftig. In Jesus von Nazareth wird Gott zum ­irdischen Sympathisanten der Schöpfung. Diese leibhaftige göttliche Leidenschaft verbindet der Hebräerbrief, in dem auch der Predigttext für den Sonntag »Judika« steht, mit einem ­Beruf, der aus der Geschichte Israels vertraut ist: Jesus ist »der große Hohepriester«. Was aber hat es mit diesem Amt auf sich?

Wer als Hohepriester in Israel amtiert, steht stellvertretend für andere vor Gott. Von seinem Dienst hängt es ab, ob sein Volk unbeschwert in die Zukunft gehen kann oder belastet bleibt von seiner Schuld. Mit seinen Opfergaben resozialisiert er sein Volk Gott gegenüber und untereinander. Einen solchen Versöhnungsdienst kann nur ausüben, wer mitfühlt mit der Schwäche seiner Mitmenschen, wer mitleidet an ihren Fehlern und Irrwegen, betroffen ist von ihrer Schuld.

Aber muss ein Priester denn nicht von Natur aus mitfühlend sein? Er ist ja auch nur ein Mensch, unvollkommen wie wir alle, bedürftig der Vergebung. Wie sollte, wer um sein eigenes Unvermögen weiß, nicht Mitgefühl für andere haben?!

Doch genau dies gilt für Jesus nicht: Er, der Mensch gewordene ­Gottessohn, hat ja von Haus aus keine Erfahrung mit Schuld und Sünde, kennt keine Schwäche am eigenen Leib, ist selbst frei von allem Bösen. Wird er von Gott berufen, Hohepriester zu sein, also Sympathisant von Amts wegen, dann setzt dies einen bisher ungekannten Lernprozess voraus. Was er nicht aus eigener Verschuldung und Bedürftigkeit kennt, muss er zuallererst erlernen, indem er sich ganz und gar betroffen machen lässt vom Leiden derer, für die er eintritt und denen er dient. Jesus lernt bitten und flehen, weinen und schreien, seufzen und klagen. Jesus entlässt Gott nicht aus der Verantwortung für die Not der Welt, sondern zieht Gott in Mitleidenschaft.

Und so übt Gott selbst in Jesus ­hohepriesterliche Sympathie, erfährt am eigenen Leib eine Passion, die ­tiefer geht als je das Mitleiden eines anderen Priesters. Denn in diesem priesterlichen Dienst wird der Opferer selbst zum Opfer. Die Mitleidensfähigkeit dieses Hohepriesters, seine Selbstbetroffenheit durch frem­de Not, reicht bis zur eigenen Lebenshingabe.

Jesus gibt sein Leben hin, damit es nie wieder eines Opfers für die Verfehlungen bedarf, damit ein für alle Mal der Abgrund zwischen Gott und Mensch, den die Sünde gerissen hat, überbrückt ist, damit nie wieder ein Mensch sich aufopfern muss.
Mit dieser Sühnopferdeutung des Kreuzestodes Jesu ist unendlich viel Schindluder getrieben worden: Statt das Ende aller Opfer im Namen Gottes zu feiern, machten Passionslieder aus dem Bekenntnis zur Lebenshingabe Jesu eine knechtende Lehre, zwangen Menschen in die Opferrolle und ins Leiden: »Ich will ans Kreuz mich schlagen …« Statt dazu zu verhelfen, Unterdrückungssituationen aufzudecken und Unrecht beim Namen zu nennen, verschleierten Karfreitagspredigten menschenunwürdige Lebensverhältnisse oder gaben sie gar als gottgewollt aus. Muss es da noch verwundern, wenn manche Zeitgenossen freimütig bekennen: »Für mich hätte er nicht sterben brauchen!«?

Hätte Gott, so fragen sich manche, die Befreiung der Menschen nicht auch anders bewerkstelligen können? Wäre es nicht auch ohne diese stellvertretende Lebenshingabe gegangen? Wenn es uns überhaupt möglich ist, auf diese Fragen eine Antwort zu geben, dann muss sie wohl lauten: Es geschah um all’ der anderen Opfer willen, um ihrer Anerkennung und Würdigung und Heilung willen, dass Gott sich in der Person des eigenen Sohnes selbst in die Opferrolle begibt, dass ihm wie ihnen angst und bange ums Herz ist, dass er wie sie weint und schreit, klagt und fleht. Gott wird in ­Jesus selbst zum Opfer, um alle, die unter die Räder gekommen sind, zurechtzubringen und zu heilen.

Magdalene L. Frettlöh

Die Autorin ist promovierte Theologin und Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Privatdozentin für Systematische Theologie an der Ruhr-Univer­sität Bochum.

Literaturempfehlungen

• Frettlöh, Magdalene L.: Worte sind Lebensmittel, Kirchlich-theologische Alltagskost,
EREV-RAV, 193 S., ISBN 978-3-932810-38-1, 16,00 Euro

• Frettlöh, Magdalene L.: Gott, wo bist du? Kirchlich-theologische Alltagskost Band 2,
EREV-RAV, 240 S., ISBN 978-3-932810-43-5, 16,00 Euro

• Frettlöh, Magdalene L./Knigge, Volkhard: Wo war Gott in Buchenwald?
Wartburg Verlag, 40 S., ISBN 978-3-86160-237-8, 5,00 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643) 246161

Zeichen des Todes und des Sieges

13. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Kreuze reden vom Sterben, aber viel stärker vom durch Gott geschenkten Leben

Kreuz- darstellungen des zeit- genössischen Wiener Künstlers Arnulf Rainer,  Fotos: KNA-Bild

Kreuzdarstellungen des zeitgenössischen Wiener Künstlers Arnulf Rainer, Fotos: KNA-Bild

Kreuze sind Symbole des Sterbens. Sie erzählen die Passion Jesu. Manche begleiten mich schon lange in den Tiefen und Höhen meiner Glaubenswege. Mit einigen verbinde ich Erlebnisse, die mein Leben prägten. Mancher Zweifel bildet sich in diesen Kreuzen ab wie der Sehnsuchtsruf Jesu am Kreuz, als er sich von Gott verlassen fühlt. Manche sind als Bild, Buch oder Postkarte bei mir geblieben. Es gibt Kreuze, die warten auf mich in dieser oder jener Kirche. Ich muss zu ihnen gehen, und es zieht mich auch immer wieder zu ihnen. Andere sind nur noch Erinnerung. Aber das macht sie für mich nicht ­weniger lebendig. Ich denke an ein mannshohes Kruzifix im Diözesanmuseum von Bamberg. Ich konnte dem Gekreuzigten ins Auge blicken und kam lange von seinem Blick nicht los.

Es gibt solche Kreuze, von denen ich nicht mehr loskomme. Eines habe ich nur als Postkarte. »DDR 0,20 M. Passion Jürgen Ammer. Kirchlicher Kunstverlag Dresden« steht auf der Rückseite. Ich habe 1985 mindestens zehn davon gekauft. Dieses Kreuz soll mich begleiten, war dabei mein Wunsch. Ich war kurz versucht, es nachzubauen, um diese »Passion« ganz nah bei mir zu haben. Hölzerne Orgelpfeifen zeichnen das Kreuz Jesu nach. Er selbst, sein gequälter Leib, ist aus metallischen Orgelpfeifen geformt. Ein Zirkel steckt in seiner Seite. Der Schmerz ist stechend spürbar. Das Sterben Jesu bleibt zwar gesichtslos. Aber der gebogene, zerknitterte Leib aus Orgelpfeifen spricht dieses »für euch gestorben« aus. Dieses Kreuz begleitet mich jetzt 25 Jahre. Es erinnert mich an ­Begegnungen zwischen ost- und ­westdeutschen Theologiestudenten in Leipzig. Es erzählt zugleich davon, dass ich vor allem über musikalische Kreuzeserfahrungen, über Johann Sebastian Bachs Passionen zum Beispiel, Glaubenswege entdeckt habe.

Andere Kreuzesdarstellungen zeigen mir in besonderer Weise Jesu ­Todeskampf. Sein Gesicht zieht sich in den Schmerz zurück, die Augen zusammengekniffen, der Mund schreiend schwarz. Schwer ist das für ­manchen auszuhalten, wenn er den ­modernen Kreuzesübermalungen des österreichischen Malers Arnulf Rainer gegenübersteht. Fremd ist ihnen seine moderne Interpretation. Mir ­dagegen nehmen die Übermalungen das Hölzerne des Kruzifixes. Ich sehe hinter den Übermalungen kein Holz mehr, sondern Jesu menschliches ­Gesicht. Das ist der Gekreuzigte. So bleibt Jesus Christus einer Welt fremd, in welcher der Erfolg Maß und Rechtfertigung aller Dinge ist. Vielleicht zieht es mich darum immer wieder zu den Kreuzen. Sie sagen mir, dass ich mich nicht allein erlösen kann, aber auch nicht allein erlösen muss. Wo immer ich sie sehe, erinnern sie mich, dass Gott meinen Schmerz mit aushält.

Zwei Kreuze prägten noch meinen Lebensweg. Sie sind weit weg im westfälischen Münster, meinem ersten Studienort. In der Ludgerikirche hängt ein handgeschnitztes Bildnis des Gekreuzigten. Es wurde bei einem Bombenangriff 1944 beschädigt. Nach Kriegsende beschloss die Kirchengemeinde, dieses Kreuz als Mahnung in seiner beschädigten Form hängen zu lassen. Der Figur fehlen beide Arme. An ihrer Stelle mahnt eine Inschrift: »Ich habe keine anderen Hände als die euren.« Ein weiteres Kreuz ist längst nicht mehr zu sehen. Es war während einer Kunstausstellung in die Innenwände einer Apsis eingeritzt. Aus den weißgekalkten Wänden trat das Kreuz als freigelegtes, rotes Ziegelmauerwerk, fast blutend, hervor. Das war ein Eindruck, den manche Kreuze in durchsanierten Kirchen nur schwer vermitteln können.

Kreuze, sie sind Zeichen des Sterbens, zugleich Zeichen des von Gott geschenkten Lebens. In der Passionszeit war es früher üblich, das Kreuz zu verhüllen, um es bewusster wahrzunehmen. Die Liturgie war der erste Verhüllungskünstler. Erst am Karfreitag wurde das Kreuz zu den Worten enthüllt: »Seht das Holz des Kreuzes, an dem das Heil der Welt gehangen.« Das leere Kreuz ohne Jesu Leib wurde ab dem 4. Jahrhundert auch zum Siegeszeichen. Es ruft in jeder Kirche: »Seht, er ist nicht hier. Er ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!« So sehe ich auch »mein« letztes Kreuz. Es steht in österlichem Weiß über Greiz, weithin sichtbar. Fürst Heinrich XX. Reuß Ältere Linie ließ es zum Gedenken an seine früh verstorbene Frau, Prinzessin Sophie von Löwenstein-Wertheim, errichten. Es redet vom Sterben, aber viel stärker vom durch Gott geschenkten Leben.

Andreas Hausfeld, der Autor ist Pfarrer in Greiz.

Literatur zum Thema:

Diözesanmuseum Freising (Hg.): Kreuz und Kruzifix.
Zeichen und Bild, Kunstverlag Josef Fink,
376 S., meist farbige Abb.,
ISBN 978-3-89870-217-1, 29,00 Euro

Chapeaurouge, Donat de: Einführung in die Geschichte der christlichen Symbole,
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 159 S.,
ISBN 978-3-534-01831-4, 29,90 Euro

Die unverbrüchliche Kraft der Träume

4. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Ein Beitrag von Anselm Grün über den christlichen Umgang mit Scheitern

Wie gehen wir damit um, wenn das Leben uns einen Strich durch die Rechnung macht? Um zerbrochene Lebensträume geht es im dritten und letzten Beitrag unserer Serie mit dem Benediktinerpater Anselm Grün.

Foto: Remigiusz Szczerbak, (sxc.hu)

Foto: Remigiusz Szczerbak, (sxc.hu)

Jeder Mensch hat Lebensträume. Der eine träumt vom beruflichen Erfolg. Die andere träumt von einer gläubigen Familie, in der alle sich im Glauben eins wissen. Andere träumen davon, Menschen zu helfen, die in Not sind. Andere haben den Traum, ein Schriftsteller, ein Künstler, ein Schauspieler oder ein berühmter Sänger zu werden. Der ­Lebenstraum gibt uns Energie, unsere Fähigkeiten zu entwickeln und auf ein Ziel hin zu konzentrieren. Oft scheinen die Lebensträume in Erfüllung zu gehen. Doch irgendwann zerbrechen diese Träume. Oder aber sie bleiben nur in der Vorstellung. Doch das Leben ist ganz ­anders.

Viele spüren keine Energie mehr in sich, wenn ihre Lebensträume zerbrechen. Oder aber sie werden krank, weil ihr Leib oder ihre Seele gegen ein Leben rebellieren, das den ursprünglichen Traum verleugnet oder verdrängt. Eine Frau hatte den Lebenstraum, eine gläubige Familie zu gründen. Sie fand auch einen gläubigen Mann, den sie heiratete. Der Lebenstraum schien in Erfüllung zu gehen. Doch nach 20 Jahren hat sie der Mann verlassen. Da spielte der Glaube auf einmal gar keine Rolle mehr, sondern nur die Faszination durch eine andere Frau. Die Kinder wollten nichts mehr vom Glauben wissen. So zerbrach ihr Lebenstraum.

Die erste Aufgabe ist, den zerbrochenen Lebenstraum zu betrauern. Das tut weh. Aber nur wenn ich im Betrauern durch den Schmerz hindurchgehe, gelange ich in den Grund meiner Seele. Dort werde ich neue Möglichkeiten meines Lebens entdecken. Und dort werde ich die Essenz des ­Lebenstraumes erkennen. Denn die Realisierung des Lebenstraumes kann zerbrechen. Die Essenz zerbricht nie. Die bleibt. Durch alles Zerbrechen hindurch sollte ich daher nach der ­Essenz meines Lebenstraumes fragen.

Die Frau, deren Lebenstraum einer gläubigen Familie zerbrochen war, erkannte, dass sie allzu sehr die Familie ihrer Eltern kopieren wollte. Jetzt, wo ihr Traum ­zerplatzte, erkannte sie, was Glauben wirklich bedeutet. Glauben war jetzt nicht mehr Verzierung eines schönen und heilen Miteinanders, sondern der Grund, auf dem sie stand mitten in der Brüchigkeit ihres Lebens. Dort, wo sie nichts mehr von ihren Idealen in Händen hielt, war sie herausgefordert, das Wesen des Glaubens zu entdecken. Sie verstand auf einmal, was der Hebräerbrief vom Glauben sagt: »Glauben ist Feststehen in dem, was man erhofft.« (Hebräer 11,1)

Wer das Betrauern verweigert, der erstarrt. Sein Leben wird nur noch Routine. Oder aber er reagiert damit, dass er im Selbstmitleid schwimmt. Er jammert sich und den andern ständig vor, dass sein Lebenstraum zerbrochen sei, dass er nichts mehr habe, was ihm Freude macht. Wenn ich im Selbstmitleid bade, komme ich nicht weiter. Ich kreise immer um den gleichen Schmerz. Aber ich gehe nicht durch den Schmerz hindurch. Ich bleibe an der Oberfläche. Außer Jammern gibt es noch die Möglichkeit, auf die Verweigerung des Betrauerns mit Anklagen zu reagieren. Ich klage die andern an, die am Zerbrechen meines Lebenstraumes schuld sind. Der Mann, der mich verlassen hat, wird zum Monster, das alles zerstört, was man mühsam aufgebaut hat.

Tod und Auferstehung Jesu bestätigen uns, dass zwar der Lebenstraum zerbrechen kann, aber nicht die Essenz dieses Traumes. Im Tod Jesu schien sein Traum von einer neuen Gemeinde Israels, die seiner Auslegung des Gesetzes folgt, zerbrochen zu sein. Doch durch das Zerbrechen hindurch wurde er auf neue Weise Wirklichkeit. Nach der Auferstehung bildeten die zerstreuten Jünger auf einmal eine feste Gemeinde. Durch den Pfingstgeist bestärkt, verkündeten sie die Frohe Botschaft Jesu und bildeten in ­ihren Gemeinden das neue ­Jerusalem, das neue Volk Israel. Der eigentliche Inhalt des Traumes Jesu ging in Erfüllung, aber durch das Zerbrechen hindurch.

So lädt uns die Passionszeit ein, die eigenen zerbrochenen Lebensträume anzuschauen, anstatt sie zu verdrängen, sie zu betrauern, anstatt zur Tagesordnung überzugehen. Und die Passionszeit lädt uns im Blick auf die Auferstehung Jesu ein, daran zu glauben, dass die Essenz ­unseres Lebenstraumes durch alle Brüche hindurch bestehen bleibt und ­unserem Leben die Gestalt zu ­geben vermag, die Gott uns zugedacht hat.

Der Autor ist wirtschaftlicher Leiter der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach und er schrieb rund 300 Bücher zu spiri­tuellen Themen.

Gott setzt die Scherben neu zusammen

26. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Ein Beitrag von Anselm Grün über den christlichen Umgang mit dem Scheitern

Wie gehen wir damit um, wenn das Leben uns einen Strich durch die Rechnung macht? Um Scheitern geht es im zweiten Beitrag unserer dreiteiligen Serie mit dem Benediktinerpater Anselm Grün.

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Scheitern gehört zu unserem Menschsein. Der eine scheitert in seiner Ehe. Er hat vor dem Traualtar das Versprechen ewiger Treue gegeben. Doch nun vermag er das Jawort nicht durchzuhalten. Er fühlt sich ­gescheitert.

Der andere scheitert in seinem ­Beruf. Er gibt sich alle Mühe in seiner Arbeit. Aber er erfährt Mobbing. Wieder ein anderer scheitert, indem er seinen Arbeitsplatz verliert, weil es der Firma nicht gut geht. Viele, die an ihrem Leben scheitern, fühlen sich beschämt. Sie schämen sich, vor anderen zuzugeben, dass sie gescheitert sind. Andere verdrängen das Scheitern. Sie flüchten in viele Aktivitäten, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass sie gescheitert sind. Andere beschuldigen sich selbst. Sie suchen die Schuld beim Scheitern bei sich selbst und zerfleischen sich mit Schuldgefühlen.

Es kommt immer darauf an, wie ich das Scheitern interpretiere. Wenn ich es als Versagen deute, dann kann ich nicht gut damit umgehen. Dann zieht es mich nieder. Wenn ich es aber ­einfach akzeptiere als etwas, was mir widerfahren ist, dann vertraue ich ­darauf, dass aus dem Scheitern Neues entstehen kann. Wir Christen schauen in der Passionszeit auf das Kreuz Jesu Christi. Das Kreuz ist zunächst auch ein Scheitern. Jesus ist mit seinem Versuch, die Frohe Botschaft vom barmherzigen Vater und von der Nähe des Reiches Gottes den Menschen zu verkünden, gescheitert. Dieser wunderbare Rabbi, der die Kranken geheilt hat und den Menschen durch seine Botschaft Hoffnung und Zuversicht geschenkt hat, wird von der ­römischen Staatsmacht hingerichtet. Die Emmausjünger haben das als Scheitern erlebt und sind davongelaufen, weil sie das Scheitern ihres geliebten Rabbi nicht ausgehalten haben. Doch das Kreuz ist nicht das Ende. Kreuz und Auferstehung Jesu sind das Hoffnungszeichen schlechthin.

Wenn wir in jeder Eucharistie Tod und Auferstehung Jesu feiern, dann bekennen wir, dass es kein Scheitern gibt, das nicht zu einem Neuanfang werden kann. Es gibt keine Dunkelheit, die nicht erleuchtet wird, keine Erstarrung, die nicht aufgebrochen werden kann, kein Grab, in dem nicht das Leben aufblüht.

Der deutsche Mystiker Johannes Tauler hat uns noch eine andere Deutung des Scheiterns gegeben. Er interpretiert Jesu Gleichnis von der verlorenen Drachme in diesem Sinn. (Lukas 15,8-10) Wenn der Mensch sich in seinem Leben gut eingerichtet hat, hat er oft genug seine Drachme verloren, seine Mitte. Er hat die Beziehung zum Grund seiner Seele verloren. Oder wie der griechische Mystiker Gregor von Nyssa sagt: Er hat das Bild Christi in sich verloren. Dann macht es Gott wie eine Frau, die etwas Wertvolles sucht.

Er stellt alle Stühle auf den Tisch, verrückt die Schränke, um die verlorene Drachme zu finden. Gott selbst führt den Menschen also ins Gedränge, um ihn in den Grund seiner Seele zu führen. Das Scheitern, das mein äußeres Lebensgebäude zerbricht, ist also für Tauler der Weg in den Grund der Seele. Dort wartet Gott auf mich. Ich muss also nicht ständig die Schuld für das Scheitern bei mir selbst suchen und mich durch Schuldvorwürfe selber lähmen. Natürlich gibt es ein Scheitern, bei dem ich selbst schuld bin. Aber auch dann hilft es nicht weiter, sich nur zu beschuldigen. Gott hat meine Schuld vergeben. Ich soll Abschied nehmen von der Illusion, ich würde immer alles richtig machen. Und ich soll Abschied nehmen von der Illusion, dass mir alles gelingt, was ich in die Hand nehme. Das Scheitern zerbricht mein Lebensgebäude, um mich in den Grund meiner Seele zu führen und dort Gott zu finden.

Viele haben das ­Gefühl, sie würden vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens sitzen, wenn sie gescheitert sind. Doch – das ist die frohe Botschaft der Bibel – Gott wird die Scherben meines Lebens wieder neu zusammensetzen. Er wird ein neues Haus errichten, das meinem Wesen noch mehr entspricht.

Wie jemand mit dem Scheitern umgeht, das hängt von der Deutung ab, die er dem Scheitern gibt. Die Bibel zeigt uns in den Worten Jesu und in seinem Tod und Auferstehung ein Deutungsmuster, das uns hilft, uns mit dem Scheitern auszusöhnen und darin einen Weg zu entdecken, unser Leben von Gott neu formen zu lassen.


Der Autor ist wirtschaftlicher Leiter der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach und er schrieb rund 300 Bücher zu spiri­tuellen Themen.

Aufgebrochen für mein wahres Wesen

18. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Ein Beitrag von Anselm Grün über den christlichen Umgang mit Leid

Wie gehen wir damit um, wenn das Leben uns einen Strich durch die Rechnung macht? Um Leid, Scheitern und zerplatzte Träume geht es in unserer dreiteiligen Beitragsserie mit dem Benediktinerpater Anselm Grün.

Oft fühlen wir uns im Leid allein ­gelassen. Foto: BilderBox.com

Oft fühlen wir uns im Leid allein ­gelassen. Foto: BilderBox.com

Ob wir wollen oder nicht, immer wieder trifft uns Leid. Wir sollen das Leid nicht masochistisch an uns ziehen. Aber wir müssen damit rechnen, dass es uns trifft. Der eine erhält vom Arzt die Diagnose einer schweren Krankheit, der andere verliert einen lieben Menschen durch den Tod. Wieder andere verlieren ihren Arbeitsplatz und haben Angst, ihr Leben nicht mehr zu schaffen. Die Frage, ­warum uns das Leid trifft, können wir nicht beantworten. Manche fragen: Warum hat Gott das zugelassen? Doch wir können die Gedanken Gottes nicht lesen. Manche fragen beim Leid sofort: Womit habe ich das verdient? Warum werde ich bestraft? Wir können nicht sagen, warum uns das Leid trifft. Aber eines dürfen wir sagen: Gott ist kein strafender Gott. Wenn wir Gott als strafenden Gott sehen, dann projizieren wir nur unsere eigene Selbstbestrafungstendenz auf Gott.

Jesus sagt uns nicht, warum uns das Leid trifft. Aber er zeigt uns einen Weg, wie wir mit dem Leid umgehen können. Jesus selbst ist den Weg des Leidens gegangen. Wenn uns das Leid trifft, so sind wir nicht allein gelassen. Jesus ist in unserem Leid bei uns. Das ist die erste Hilfe, die uns Jesus gibt, unser Leid zu bewältigen. Oft genug fühlen wir uns im Leid ja allein gelassen. Wer sich alleine fühlt, den erdrückt das Leid. Wenn das Leid uns öffnet für die Gemeinschaft mit Jesus, der bei uns ist und uns in seiner Passion seine Liebe bis zur Vollendung erwiesen hat, dann fühlen wir uns im Leiden geliebt. Das stärkt uns mitten im Leid.

Jesus zeigt uns einen Schlüssel, wie wir mit dem Leid umgehen sollen. Er sagt den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus: »Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?« (Lukas 24,26) In Bezug auf unseren Umgang mit dem Leid können wir dieses Wort so übersetzen: Warum das Leid mich getroffen hat, weiß ich nicht. Es ist einfach geschehen. Es hat meine Pläne durchkreuzt, es ist mir von außen her widerfahren. Das Leid will meine Vorstellungen von mir selbst, vom Leben und von Gott zerbrechen, damit ich immer mehr in die ursprüngliche Gestalt hineinwachse, die mir Gott zugedacht hat, damit die Herrlichkeit Gottes, der unverstellte Glanz Gottes in mir aufleuchtet. Das Leid zerbricht mir die Vorstellungen von mir selbst. Ich bin nicht der ­immer gesunde und erfolgreiche Mensch. Ich kann für mich nicht garantieren. Das Leid zerbricht meine Vorstellungen vom Leben.

Wenn ich schwer krank bin, muss ich mich ­verabschieden von manchen Wünschen an das Leben. Und das Leid ­zerbricht meine Vorstellung von Gott. Das Bild des barmherzigen Vaters, der immer für mich sorgt, wird im ­Augenblick des Leids zerbrochen. Wenn ich mir die Vorstellungen von mir, vom Leben und von Gott zerbrechen lasse, werde ich am Leid nicht zerbrechen. Vielmehr werde ich immer mehr aufgebrochen für mein wahres Wesen, aufgebrochen für neue Möglichkeiten des Lebens, aufgebrochen für meine Brüder und Schwestern. Und ich werde aufgebrochen für den unbegreiflichen Gott, der in seiner Unbegreiflichkeit aber dennoch Liebe ist.

Der Ritus des Brotbrechens in der Eucharistiefeier, beim Abendmahl führt uns genau diesen christlichen Umgang mit dem Leid vor Augen. Wir brechen den Leib Jesu Christi, der für uns am Kreuz zerbrochen wurde, damit all das, was uns im Leid widerfährt, uns nicht zerbricht, sondern immer mehr aufbricht für das Geheimnis der Liebe, die im Kreuz Jesu Christi in ihrer Vollendung aufstrahlt.

Der Autor ist wirtschaftlicher Leiter der Be­nediktiner-Abtei Münsterschwarzach und er schrieb rund 300 Bücher zu spirituellen Themen.

»Schön sind deine Namen«

11. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Zur Vielfalt biblischer Gottesnamen und Gottesbilder

Die Bibel, Foto: sxc.hu

Die Bibel, Foto: sxc.hu

Du bist, wie du bist: Schön sind deine Namen. Halleluja. Amen«, bekennt der Refrain eines neueren Kirchenliedes. Die Namen, die darin besungen werden, heißen: Lebendigkeit und Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit, Beständigkeit und Vollkommenheit. Allesamt schöne, weil gute verlässliche Beziehungsweisen, mit denen Gott SEINER Schöpfung die Treue hält. Dass Gott so ist und so erfahren werden kann, gibt der singenden Gemeinde Anlass zum Gotteslob: »Halleluja!«

Auch in diesem »Hallelu-Jah!« steckt ein Gottesname, denn übersetzt heißt es: »Lobt Jah!« »Jah« aber ist die Kurzform des biblischen Eigennamens Gottes, des Tetragramms, der vier Buchstaben: J-h-w-h. Wie diese vier Konsonanten gesprochen werden, wissen wir nicht. Denn aus Achtung vor der Unverfügbarkeit Gottes sprechen Jüdinnen und Juden den göttlichen Eigennamen nicht (mehr) aus.

Dadurch wird Gott aber keineswegs anonym. Sondern im Reden zu und von Gott treten an die Stelle des unaussprechlichen Eigennamens sprechende Rufnamen. Die Psalmen etwa sind voll von solchen namhaften Gottesbildern. Kein Wunder also, dass Martin Luther für seine Reformationshymne »Ein feste Burg ist unser Gott« in die bilderreiche Sprachschule des 46. Psalms gegangen ist.

Die vielfältigen Rufnamen Gottes erzählen Lebensgeschichten. In sie schreiben Menschen ihre Gotteserfahrungen ein. So gibt die ägyptische Sklavin Hagar Gott den Namen: »Du bist ein Gott des Sehens« (1. Mose 16,13). Mit diesem Namen erinnert sie daran, dass Gott genau hinsieht und sie in ihrer Not wahrnimmt, dass Gottes Blick ihr, der schwangeren ausländischen Flüchtlingsfrau, Ansehen und Würde schenkt. Der Gottesname Hagars erzählt von göttlicher Aufmerksamkeit und Zuwendung und kann, wo wir ihn heiligen, auch eine zwischenmenschliche Kultur der Achtsamkeit fördern. Denn die Namen, mit denen wir Gott nennen, verpflichten auch uns alles Menschenmögliche dafür zu tun, dass sie auf Erden wahr werden.

Die vielfältigen Rufnamen, mit ­denen Menschen sich bittend und dankend, klagend und lobend an Gott wenden und von Gott erzählen, knüpfen an die Umschreibung an, die Gott selbst SEINEM Eigennamen gegeben hat: »Ich werde sein, der ich / die ich sein werde« (2. Mose 3,14). So stellt sich Gott vor, als Mose nach ­Gottes Namen fragt. Übrigens: Der hebräische Wortlaut legt Gott hier ­keineswegs einseitig männlich fest. Die Selbstvorstellung Gottes ist offen für weibliche und männliche Gottesbilder. Darum spreche ich von Gott auch als ER und SIE. Und deshalb sollte der Eigenname Gottes auch nicht einseitig und ausschließlich mit »Herr« / »HERR« wiedergegeben werden. Gott ist viel zu lebendig, als dass IHRE Beziehung zu uns in einem Herrschaftsverhältnis aufginge.

»Herr« ist ebenso wie der trinitarische Gottesname »Vater, Sohn und Heiliger Geist« einer neben anderen Rufnamen Gottes. Von Gott allein in männlichen Bildern zu sprechen, verstößt gegen das Bilderverbot. Die Vielfalt der Gottesnamen und -bilder dagegen achtet das Bilderverbot: »Du sollst dir kein Bild machen« – das lässt sich eben auch lesen als: »Du sollst dir nicht nur ein Bild von Gott machen.« Denn wer nur ein Bild von Gott hat, bildet sich ein, Gott zu kennen, und ist womöglich bald fertig mit IHR. Gerade das Bilderverbot eröffnet den Raum für viele Bilder Gottes – jedoch keine ­Bilder, die wir herstellen, sondern die sich einstellen in der Begegnung mit dem lebendigen Gott.

»Ich werde sein, die ich sein werde.« Damit sagt Gott aber keineswegs: »Ich bin ich und damit basta.« Mit diesem Namen zieht Gott sich nicht auf sich selbst zurück, sondern öffnet sich, macht sich ansprechbar und verletzlich. Denn dieser Name enthält eine große Verheißung und – ein großes Risiko. Mit ihm verspricht Gott: Ich bin da. Ich bin bei dir in ­jeder neuen Gegenwart, auf allen ­deinen Wegen. Ich bleibe dir treu. Mehr noch: »Ich werde sein, der ich für euch sein werde.« Gott lässt sich vorbehaltlos auf die Beziehung zu den Menschen ein, bindet sich an uns und an die Namen, mit denen wir IHN nennen.

Damit riskiert Gott, dass wir SIE mit Namen nennen, die IHR Wesen verfehlen – Namen, mit denen wir Gottes Eigennamen nicht entsprechen, sondern ihn in den Dreck ziehen. Eben darum bleiben wir angewiesen auf die Bitte »Geheiligt werde dein Name« und das Gebot, den Namen Gottes nicht zu missbrauchen. Denn nur die Rufnamen, mit denen wir Gottes Eigennamen und mit ihm Gott selbst heilig halten, sind schöne Namen.

Magdalene L. Frettlöh

Die Autorin ist promovierte Theologin und Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und Privatdozentin für Systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum

Wer gewinnen will, muss auch verlieren können

4. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Interview: Wie das Leben aus dem Glauben gelingen kann – im Gespräch mit Pater Anselm Grün

Anselm Grün, Autor zahlreicher Bücher feierte kürzlich seinen 65. Geburtstag. Ein Gespräch mit ihm über Glauben und sein Verhältnis zum Geld.

Anselm Grün: Für mich ist wichtig, dass ich innerlich frei bin vom Geld, dass ich mich nicht vom Geld bestimmen lasse und – dass Geld dem Menschen dient. Foto: epd-bild

Anselm Grün: Für mich ist wichtig, dass ich innerlich frei bin vom Geld, dass ich mich nicht vom Geld bestimmen lasse und – dass Geld dem Menschen dient. Foto: epd-bild

Pater Anselm, Sie sind der wirtschaftliche Leiter der Abtei Münsterschwarzach, Sie halten Vorträge, Kurse und Seminare. Sie schreiben Bücher und sind ein gefragter Gast bei Talk-Shows und anderen Veranstaltungen. Für einen Mann im Rentenalter ein ziemlich straffes Programm …
Pater Anselm:
Bis auf einige Ausnahmen habe ich einen regelmäßigen ­Tagesablauf. Ich stehe 20 vor fünf auf, Chorgebet, dann Meditation, 6.15 Uhr Eucharistiefeier, Frühstück, danach lese ich eine halbe Stunde. Vormittags bin ich in der Verwaltung von 8 Uhr bis kurz vor zwölf. Um zwölf ist wieder Chorgebet, danach Mittagessen und Mittagsschlaf. Um halb zwei geht die Arbeit wieder an. Zwei Tage in der Woche führe ich Gespräche mit Priestern und Ordensleuten im Recollectio-Haus, einem Haus für geistige und therapeutische Begleitung. Jeden Montag und Donnerstag Vorträge. Und Dienstagabend von acht bis neun bin ich immer zu einem Kurzvortrag in Würzburg, wo wir ein ­Seminar-Haus haben. Gut: Und am Mittwoch auch noch Vorträge.

Die meisten in einem »normalen« Berufsleben denken mit 65 an Aufhören. Sie nicht?
Pater Anselm:
Gut, ich will jetzt ja ­weniger machen. Aber dieses Jahr ist schon verplant. Ende Januar mache ich die Planung für das nächste Jahr und überlege, wie viel soll ich noch machen. Gut, es macht immer noch Spaß und solange es für mich stimmt … Aber ich versuche schon, mich nicht einfach zu verplanen, ­sondern sensibel darauf zu hören, also zu spüren, wo ist es Zeit weniger zu machen oder manches aufzugeben. Aber es liegt nicht alleine an mir. Bei den Vorträgen könnte ich einfach Nein sagen. Aber die Verwaltung, das Gästehaus – das ist ja auch im Interesse der Abtei.

Ihre Bücher werden von vielen Menschen gern gelesen. Offensichtlich verstehen Sie es, die biblische Botschaft in einer einfachen Sprache rüberzubringen.
Pater Anselm:
Es ist mir wichtig, die christliche Tradition den Menschen in einer Sprache zu verkünden, die sie verstehen, die nicht moralisiert, sondern die ihnen zeigt, wie aus dem Glauben heraus das Leben gelingen kann. Die Weisheit oder die heilende Kraft, die in der Botschaft Jesu liegt, die ist mir wichtig, denn Menschen kommen mit Wunden, mit Verletzungen, und ­ihnen sage ich, wie der Umgang mit der Bibel und die Begegnung mit Jesus ein Weg zur Heilung sein kann.

Glauben, der heilt, ist ein Thema, das Ihnen wichtig ist …
Pater Anselm:
Ja, ein ganz wichtiges Thema. Alle christlichen Traditionen wollen das Heil und die Heilung des Menschen. Es gibt auch einen krankmachenden Glauben, der die eigene Realität nicht wahrnimmt, der sich in religiöse Gefühle flüchtet. Aber der Glau­be, den Jesus verkündet, der ist ein heilender Glaube. Für mich geschieht die Heilung immer in der ­Begegnung. Manche Christen wollen Jesus ja als Zauberer benutzen. Jesus soll schnell die Krankheit wegnehmen, aber man will sich der Krankheit gar nicht stellen. Doch Begegnung heißt: Ich halte mich hin, so wie ich bin und ich schaue auch meine eigene Wirklichkeit an. Dann kann Heilung geschehen.

Wenn ich zum Beispiel Angst habe, kann ich die Gott hinhalten, im Gebet darüber sprechen. Wovor habe ich denn Angst? Oft ist es die Angst mich zu blamieren, Fehler zu machen. Und dann zeigt mir die Angst oft falsche Grundannahmen, eben die: Ich darf keine Fehler machen, sonst bin ich nichts Wert; ich darf mich nicht blamieren, sonst würde ich abgelehnt. Wenn ich mir diese Angst eingestehe und sie Christus hinhalte, erkenne ich, dass die Angst mich letztlich zu Gott führen kann. Denn dabei stellt sich die Frage, definiere ich mich vom Urteil der Menschen oder definiere ich mich von Gott her. Die Angst lädt mich ein, mich von Gott her zu definieren und zu sagen: Gott ist die Grundlage meines Lebens.

Aber niemand sollte meinen, dass sich solche Veränderungen plötzlich vollziehen, dies geschieht in einem längeren Prozess …
Pater Anselm: Ja, das ist ein Prozess. Wenn ich jetzt bete und mit Christus über meine Angst spreche, ist sie nicht sofort weg. Ich werde nur anders damit umgehen. Sie wird mich nicht mehr im Griff haben. Das Ziel ist, dass die Angst zur Freundin wird, die mich zu Gott führt. Dass die Depression für mich ein Weg zu Gott wird.

Wie kann Depression einen Menschen zu Gott führen?
Pater Anselm:
Weil sie mir meine Ohnmacht zeigt, dagegen kann ich ­rebellieren, dann werde ich noch depressiver. Oder ich kann sie eingestehen und mich in Gott ergeben, dann bin ich auch in einer Depression getragen, dann hat sie mich nicht mehr im Griff. Aber natürlich gibt es viele Formen von Depressionen, auch schwere, wohin der Glaube oft nicht dringt. In solchen Situationen ist es wichtig, trotzdem etwas zu haben, woran man sich festhält. Da kann ein Kreuz wichtig sein, an das ich mich festklammere. Oder ein Wort, an das ich mich halte, selbst wenn ich nicht daran glauben kann.

Was verstehen Sie unter Gesundheit?
Pater Anselm:
Zum Menschen gehören Gesundheit und Krankheit. Also zu meinen, ich bin nur gesund, das ist eine Illusion. Die Krankheit gehört auch zum Menschen. Sie ist eine Krise, die mich immer wieder durch meine Schwäche hindurchführen will. Aber Gesundheit würde ich definieren als im Einklang sein mit mir selbst. Auch in der Krankheit kann ich im Einklang sein mit mir, inneren Frieden haben. Und Gesundheit heißt für mich, dass der innerste Kern in mir nicht von Krankheit, auch nicht von psychischer Krankheit, auch nicht von Schuld infiziert ist. Wo Christus in mir ist, bin ich heil und ganz. Der innerste Kern in jedem Menschen ist heil und ganz. Das heißt nicht, dass deshalb im emotionalen Bereich alle Verletzungen, Gefährdungen aufgelöst sind, sie werden relativiert. In der Krankheit bin ich von Gott getragen.
Die Krankheit kann mich aufbrechen auch für Gott. Für mich gibt es nur die Alternative: Entweder ich halte an meinen Vorstellungen vom Leben fest, dann werde ich z. B. durch Krankheit zerbrechen oder ich lasse meine Vorstellungen von mir und vom Leben zerbrechen, dann werde ich aufgebrochen für Gott und für mein wahres Selbst.

Reden wir noch etwas übers Geld! Die Abtei Münsterschwarzach ist ein wirtschaftlich gut gehendes Unternehmen, was heutzutage nicht jede Firma von sich sagen kann. Wie machen Sie das?
Pater Anselm:
Für mich ist wichtig, dass ich innerlich frei bin vom Geld, dass ich mich nicht vom Geld bestimmen lasse und – dass Geld dem Menschen dient. Also wenn ich Schule und Bildungshaus leiten will, brauche ich Geld. Dabei ist es wichtig, kreativ mit Geld umzugehen, damit ich das, was ich als sinnvoll erachte finanzieren kann. Ich gehe mit Krediten, Aktien und Anleihen um. Für manche ist das fremd, für mich ist es ein kreatives Tun. Ich benutze einfach die Finanzierungsinstrumente mit, allerdings immer nach ethischen Grundsätzen.

Es gehört auch Know-how dazu, um auf dem glatten Parkett des Geldmarktes nicht auszurutschen …
Pater Anselm:
Ja, ich musste damit umgehen lernen. Wir hatten ja kaum etwas und da habe ich halt angefangen die Möglichkeiten zu nutzen, erst langsam, eher vorsichtig und dann ein bisschen mit mehr Risiko. Es ist ja so: Wer gewinnen will, muss auch verlieren können. Der Gierige verliert ­immer und der Ängstliche. Also es braucht ein gewisses Vertrauen – und es braucht eine Freiheit von Gier. Die Risikobereitschaft wird bei jedem anders sein. Ein ängstlicher Mensch ist weniger risikobereit, dann soll er mit Geld nicht so umgehen wie ich das tue. Ich würde keinem ängstlichen Menschen raten, es so zu machen wie ich.

Und wenn es schief geht, dann fühlen Sie sich getragen von der Gemeinschaft der Benediktiner?
Pater Anselm:
Ja, klar, das tut auch dem Image ganz gut, zu sagen: Es gibt nicht nur erfolgreiche Menschen, es geht auch mal etwas schief. Das gehört auch zum Leben.

Aber es ist nichts schief gegangen?
Pater Anselm:
Na ja, durch die Finanzkrise haben wir natürlich auch etwas verloren. Wenn wir etwas gewonnen haben, haben wir auch etwas verloren. Aber wenn ich das Ganze anschaue, haben wir immer noch gewonnen. Wenn ich vom Anfang ausgehe, dann hat sich doch alles trotzdem gelohnt.

Das Interview führte Sabine Kuschel

Mode und Kirche passen zusammen

28. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Als zweite Haut ist Kleidung seit Urbeginn der Menschheit ein kleiner Trost in aller Sterblichkeit

Sich etwas gönnen! Wie wär’s mit ­einem neuen Kleid? Foto: BilderBox.com

Sich etwas gönnen! Wie wär’s mit ­einem neuen Kleid? Foto: BilderBox.com

Eine Modenschau in der Kirche? Mode ist doch Mode und Kirche ist Kirche. Oder haben beide doch ­etwas miteinander zu tun? Vor dieser Frage stand vor einiger Zeit der Kirchenvorstand einer deutschen Großstadt. Ein französisches Modehaus hatte angefragt: Man wolle die Winter- und Frühjahrskollektion in der Stadtkirche präsentieren. Ein nicht unerhebliches Honorar für die klamme Gemeindekasse stand in Aussicht, und dem Pfarrer wurde die Möglichkeit geboten, im Rahmen einer Andacht oder einer Ansprache die christliche Botschaft unter die Besucher zu bringen.

Adam und Eva – die ersten Modeschöpfer
Mode und Religion: Geht denn das zusammen? Im biblischen Schöpfungsbericht sind es Adam und Eva, die nach der Versuchungsgeschichte als erste Modeschöpfer auftreten. Sie flechten sich Schurze aus Feigenblättern als sie ihre Nacktheit bemerken. Sie schämen sich. Sie kennen den ­Unterschied von Gut und Böse. Und sie wissen von nun an, dass sie sterblich sind. Kleidung, Scham und Tod stehen von nun an in Beziehung zueinander. Das ist das Geheimnis der Versuchungsgeschichte. Als zweite Haut ist Kleidung, ist Mode seit Urbeginn der Menschheit ein kleiner Trost in aller Sterblichkeit. Wenn schon die erste Haut, der Menschenkörper, vergänglich ist, warum nicht eine zweite Haut erfinden und anziehen, die diese Vergänglichkeit ein bisschen erträglicher macht?

Seit damals machen Menschen Mode, lieben das Schöne. Die bunten prächtigen Dome sind die Laufstege des Mittelalters. Denn der Kleidung und den Gottesdiensten der römischen Kirche konnte man eines jedenfalls nicht absprechen: die Lust am Schönen und Festlichen. Vor dem Hintergrund der mittelalterlichen Todesangst vor Pest oder Fegefeuer ist das eine einleuchtende Lust. Das Schöne ist immer auch Sehnsucht nach Erlösung, Sehnsucht nach einer anderen Welt.

Wer immer Sehnsucht hat, erweist sich und die Welt als bedürftig und verletzlich. So tragen bis heute die großen Modenschauen und die Prozessionen der Schönen auf den Laufstegen jene Sehnsucht in sich. Nach außen perfekt und glänzend, birgt die Glitzerwelt der Mode in ihrem Kern etwas zutiefst Humanes. Es ist die Schwäche des versehrlichen menschlichen Körpers.

Für die christliche Religion rückt dieser menschliche Körper ins Zentrum des Glaubens. In Jesus von ­Nazareth ist es Gott selbst, der einen Körper bekommt. Für Gott selbst ein Gang in die Fremde. Der Allmächtige wird Mensch, sterblich und bedürftig.

Die Lust am Schönen und Festlichen

Da sind sie plötzlich ganz nahe beieinander, die Modewelt und der christliche Gott. Ja, Mode und Religion gehen zusammen. Eine Gemeinde, ein Kirchenvorstand, der vor einer solchen Entscheidung steht, kann also zu ganz neuen Ergebnissen kommen. Und was heißt das für den Alltag?

Vielleicht eine Aufforderung, sich etwas zu gönnen, gleich heute. Das Lieblingskleid anzuziehen, das im Schrank geschont wurde. Die edlen Winterschuhe zu kaufen, um die man wochenlang herumgestrichen ist, weil sie ein bisschen mehr kosten. Die schöne Leinenbluse zu tragen, auch wenn es nur um die Ecke zum Einkaufen geht. Denn jeder Tag ist etwas besonderes, weil er einmalig ist. Darum dürfen auch wir Menschen einmalig und schön sein.

Christian König

Gestürzt, aufgehoben, rund geschliffen

21. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Foto: GemeindeblattWas aus mir geworden ist, ist schön –
Psalm eines Kieselsteins

Denke ich an frühere Zeiten, an meine Heimat, mein Zuhause, überfällt mich tiefe Traurigkeit, plagt mich stechender Schmerz.

Als Teil eines Felsens war ich verbunden mit dem Ufer, hatte einen herrlichen Blick aufs weite Meer. Dicht neben mir, in den Ritzen, blühte der Strandflieder.

Ich bemerkte nicht den feinen Riss, der sich neben mir gebildet hatte und sich ständig weitete. Ein Stück Holz war in den Riss gefallen. Holz, so etwas weiches, so etwas zerbrechliches.

Doch als Regen fiel, das Holz zu quellen begann, sprengte es ein Stück Felsen ab. Eine solche Kraft steckt in weichem Holz!

Ich stürzte in die Tiefe. Doch die Flut hob mich auf, zog und schob mich unaufhörlich vor und zurück. Meine Spitzen wurden stumpf, die Unebenheiten abgestoßen. Die Kanten verloren an Schärfe, die Vertiefungen verflachten. »Wir werden alle zu Sand zerreiben«, klagte ein Stein neben mir. Er war glatt wie ein Aal und flach wie eine Scholle.

Wir knirschten jedes Mal laut auf, wenn die Wellen uns durcheinanderschoben. Mal lag ich unten, mal oben, mal auf dem Trockenen, dann wieder im Wasser. Kinder kamen ans Ufer. Sie suchten flache Steine, ließen sie über das Wasser springen. Wie kann ein Stein übers Wasser laufen?

»Lass mich übers Wasser tanzen«, wollte ich rufen, brachte aber keinen Laut heraus.

Die Kinder blieben stehen. »Ein Ei, ein Ei aus Stein«, rief eines und hob mich auf. Die warme, weiche Hand, die kleinen Finger, die mich zärtlich streichelten: unbeschreiblich schön.

Es wurde dunkel. Ich lag mitten zwischen Muscheln, kleinen Holzstücken, rund geschliffenen Glasscherben und den Scheren eines Krebses. Alles wurde in eine Schachtel gepresst mit einem Deckel verschlossen.

Raum ohne Licht und Luft.

Sonne, einmal wieder Sonne, wieder die Wellen, das Knirschen am Strand.

Waren es Stunden, Tage, Wochen?

Ich erkannte sie sofort wieder, die kleine Hand, die mich vorsichtig aus der Schachtel hob und auf eine Steinplatte legte.

Aber es gab kein Rauschen des Meeres, kein Knirschen der Kiesel, keinen Wind, keine Wellen, keinen Sand. Doch gab es jetzt Aussicht über ein weites Tal zu hohen Bergen, die immer wieder durch die Wolken guckten und manchmal weiße Mützen trugen.

Ich habe mich verändert. Ich bin verändert worden. Das war ein langer Weg. Aber ist das, was aus mir geworden ist, nicht schön? Ob meine runde Gestalt schöner ist als meine frühere, mit Spitzen und Kanten? Wer kann das sagen?

Immer wieder werde ich zur Hand genommen und bewundert: Ein Ei aus Granit.

Wer hat dich so gleichmäßig geformt?

Helmut Herberg

Die Beziehung zu Gott pflegen

Spiritualität im Alltag (3): Beten – Für das Gespräch mit Gott gibt es viele Formen

Eine dreiteilige Beitragsserie beschäftigt sich damit, wie wir Christen unseren Glauben im Alltag prakti­zieren können. Abschließend geht es ums Beten.

betende_haendeMuss ich beten, wenn ich Christ sein will?«, fragte ich als Zehnjährige die Katechetin. Ich wollte von Gott geliebt werden, aber ich hatte keine Lust, religiöse Pflichtübungen zu erfüllen. »Du musst überhaupt nichts«, antwortete die Katechetin gut evangelisch-lutherisch. Doch ihre Antwort befriedigte mich nicht. Ich spürte: Es geht nicht um eine Pflichtübung. An Gott glauben heißt, eine Beziehung zu ihm zu haben, mit ihm zu leben, ihm zu vertrauen – trotz ­allen Misstrauens. Eine solche Beziehung braucht Pflege. Sie sucht das Gespräch. Das begriff ich je länger je mehr.

»Gott will uns … locken«, schreibt Martin Luther im Kleinen Katechismus, »damit wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.« (Erklärung zum Vaterunser) Gott selbst sucht das Gespräch mit uns. Therese von Lisieux (1873–1897) vergleicht das Gebet mit einer Königin, »die immer freien Zutritt zum König hat und alles erlangt, worum sie bittet. Es ist durchaus nicht nötig, ein schönes, für den entsprechenden Fall formuliertes Gebet aus einem Buch zu lesen … Ich sage Gott ganz einfach, was ich ihm sagen will, ohne schöne Worte zu machen, und er versteht mich. Für mich ist das Gebet ein einfacher Blick zum Himmel, ein Ruf der Dankbarkeit und der Liebe, aus der Mitte der Mühsal wie aus der Mitte der Freude. Es ist ­etwas Großes, dass mir die Seele weitet und mich mit Jesus vereint.«

Doch was ist, wenn Gott unsere Bitten nicht erhört? Die Kommunikation zwischen ihm und uns gestaltet sich oft schwierig. Auf viele unserer Gebete reagiert er anders als erhofft.

Das ist gut so! Denn es gehört zu ­einer lebendigen Beziehung, dass der Partner eigene Vorstellungen hat. Da hilft nur eines: sich üben im Hören aufeinander. Das Hörproblem liegt nicht bei Gott, sondern bei uns. Deshalb beginnt das Beten damit, innezuhalten und aufmerksam zu werden für Gottes Gegenwart. Gott, ich danke dir, dass du da bist. Oder auch: Gott, wo bist du? Ohne Worte kann das geschehen. Es ist eine Lebenshaltung. Je mehr wir uns üben, achtsam zu werden für Gottes Nähe, desto leichter werden wir mit ihm ins Gespräch kommen.

Wer regelmäßig bestimmte Zeiten dem Gebet widmet, kann auch leichter spontan beten. Rituale geben unserem Beten Halt und Struktur. Was wir häufig wiederholen, prägt sich tief ein und wird zu einer kleinen persönlichen Liturgie. Die hilft, wenn das ­Beten schwerfällt.

Für das Gespräch mit Gott gibt es viele Formen. Die eine ist nicht besser als die andere. Jede hilft auf ihre Weise, die Beziehung zu Gott zu gestalten. Ein Lied beispielsweise kann meine Liebe zu Gott oft besser ausdrücken als ein frei formuliertes ­Gebet. Die alltäglichen Freuden und Lasten dagegen bringe ich so zu Gott, wie es mir gerade in den Sinn kommt. Für andere Menschen erbitte ich seine Hilfe, indem ich ihm ihre Namen nenne oder eine Kerze für sie anzünde. Er weiß am besten, was gut für sie ist. Das hindert mich allerdings nicht, ihn auch um konkrete Dinge zu bitten.

Psalmen wiederum schenken mir Worte des Staunens über Gottes Größe und führen zur Anbetung. Ohne sie würde mein Gebet vertrocknen. Wenn mir jedoch eine Not die Sprache verschlägt, wenn ich vor Kummer nicht weiß, was ich sagen soll, dann finde ich in den Psalmen Worte der Klage. Diese alten Gebete sind so gefüllt mit menschlichen Erfahrungen, dass ich mich selbst und andere darin bergen kann. Sie nehmen sogar die Anliegen der vielen Menschen auf, die nicht beten können. Das Beten mit Psalmworten wird zu einem Dienst für die Welt.

Oft weiß ich nicht, was ich beten soll. Dann helfen geformte Gebete, allen voran das Vaterunser. Es verbindet mich mit Jesus und zugleich mit der ganzen Christengemeinde. Inniges Vertrauen zu Gott dem Vater und die Weite seines Reiches, meine Sorgen um das Alltägliche und die Befreiung von der Macht des Bösen – das ganze Leben in Zeit und Ewigkeit kommt in diesen kurzen Worten vor. Alles ist gesagt, Gott sei Dank!

Es braucht nicht viele Worte. Es braucht vor allem liebende Aufmerksamkeit: Gott, wie willst du mir heute begegnen? Was willst du mir ­sagen?

Solches Beten führt ins Schweigen. Einfach bei Gott sein und wissen: Es ist gut, mit ihm zusammen zu sein. Ich öffne mich für ihn, so weit ich kann – im Rhythmus des Atmens: du in mir, ich in dir. So nehme ich seine Güte in mich auf, so strömt sie durch mich zu den anderen Menschen. So weitet sich der Raum seiner Gegenwart. So wächst die Kraft seines Segens in unserer Welt.


Brigitte Seifert

Die Autorin ist promovierte Theologin und Pfarrerin am Haus der Stille im Evangelischen Zentrum Kloster Drübeck.


Täglich über ein Bibelwort nachdenken

Spiritualität im Alltag (2): Mit der Bibel leben

Welchen Platz hat unser Glauben im Alltag? Mit dieser und anderen Fragen beschäftigt sich unsere dreiteilige Beitragsserie über Spiritualität im Alltag.

Foto: Robert Aichinger, sxc.hu

Foto: Robert Aichinger, sxc.hu

Christliche Spiritualität lebt aus dem Evangelium. Sie braucht dazu die Bibel. Denn dort ist aufgeschrieben, wie Gott sich Menschen bekannt gemacht hat. Am deutlichsten zeigt er sein Gesicht in Jesus Christus. Der Evangelist Johannes kann ­sogar sagen: In ihm ist Gottes Wort Fleisch geworden, ein Mensch von Fleisch und Blut, und wohnte unter uns. (Johannes 1,14) Heute wohnt er unter uns, wo Menschen dieses Wort in ihr Leben aufnehmen. Das ist eine spannende Angelegenheit. Denn die Worte der Bibel können auch fremd und kalt bleiben. Erst Gottes Geist macht sie lebendig, sodass uns durch die gedruckten Worte Gott selbst anspricht. Dies ist immer wieder ein Wunder. Wir können es nicht herbeiführen. Aber wir können uns dafür öffnen, indem wir den Worten der Bibel unsere Aufmerksamkeit schenken.

Vielen sind die Herrnhuter Losungen vertraut: Für jeden Tag ein Bibelvers aus dem Alten und einer aus dem Neuen Testament. Es ist gut, diesen Worten einige Minuten still nachzulauschen mit der Frage: Gott, was willst du mir heute sagen oder zeigen?
Ich selbst habe mich viele Jahre an die fortlaufende Bibellese gehalten. Dabei werden im Verlauf von vier Jahren das gesamte Neue Testament und in acht Jahren auch die Bücher des ­Alten Testaments gelesen. Andachtsbücher bieten kurze Auslegungen dazu, etwa »Halt uns bei festem Glauben«, »Sonne und Schild« oder der Neukirchener Kalender.

Mittlerweile nehme ich mir gern mehrere Tage Zeit für einen einzigen Text, etwa das Evangelium oder den Predigttext des Sonntags. So kann mich das Wort tiefer erreichen.

Ein Beispiel: »So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.« ­(Jakobus 5,7-8, Lesung am 2. Advent)

Gleich zu Beginn stoße ich auf ein Thema, mit dem ich es schwer habe: Geduld. Mir kommen Situationen in den Sinn, für die ich frage: Wo bist du, Jesus? Warum tust du nichts? Das kann doch nicht so bleiben! Schmerzlich nehme ich wahr, wo ich Gott als fern erlebe. Wieder einmal merke ich: Das gehört zum Glauben dazu, Gottes Ferne aushalten und trotzdem wissen: Jesus ist auf dem Weg, er kommt!

Am folgenden Tag bringe ich meine tägliche Mühe in Verbindung mit dem Bild vom Ackerbauern. Säen, das heißt hingeben, etwas einbringen, loslassen. Dann ist lange Zeit nur Staub zu sehen. Mir wird bewusst, wie vieles ich nicht »machen«, sondern nur darauf vertrauen kann, dass Gott Gutes wachsen lässt. Auch dies ist Stoff genug für eine stille Zeit. Jesus, lass mich heute guten Samen ausstreuen und hilf mir zu warten.

Am dritten Tag widme ich mich der »kostbaren Frucht der Erde«. Ein reich gefüllter Obstkorb steht vor meinem inneren Auge. In meiner Vorstellung genieße ich die Früchte, und mein Herz wird weit vor Dankbarkeit. Kostbare Frucht der Erde, das sind auch Musik und Bücher, mein Fahrrad und die Dusche – Früchte der Mühe anderer Menschen, Gottes gute Gaben. Ja, ich will sie bewusst genießen. Danke, himmlischer Vater, du hast diese Erde so reich ausgestattet!

Empfangen. Wieder ein anderes Thema. Die Erde muss empfangen, sonst wächst nichts. Diesmal stelle ich eine leere Schale vor mich auf die Erde. Was habe ich nicht alles empfangen in meinem Leben …! Empfangen kann ich nur, wenn ich offen dafür bin. Ich halte Jesus meine leeren Hände hin – und bitte ihn um unverschämt große Gaben: Liebe für die Menschen, denen ich heute begegne, Weisheit in meinen Entscheidungen … und um Frieden auf der Erde. Wie gut, dass ich mit meiner kleinen Schale etwas von ihm fassen kann und dass er alles umfasst.

»Stärkt eure Herzen!« Heute frage ich nach dem, was mich stärkt. Menschen fallen mir ein, die mir Kraft ­geben, und andere, die dringend ­Stärkung brauchen. Ich bete für sie. Während des Tages entdecke ich viel mehr Stärkendes als sonst. Wenn ich am Ende der Woche zurückschaue, staune ich, wie nahe mir Jesus durch diesen kurzen Bibelabschnitt gekommen ist.

Ich hoffe, Sie haben Lust bekommen, etwas Ähnliches zu probieren. Vielleicht gibt es in Ihrer Gemeinde Menschen, mit denen Sie sich darüber austauschen können. Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn es nicht gleich gelingt. Schenken Sie einfach immer wieder dem Wort der Bibel Ihre Aufmerksamkeit, bis es Ihnen lebendig wird.
Brigitte Seifert

Die Autorin ist promovierte Theologien und Pfarrerin am Haus der Stille im Evangelischen Zentrum Kloster Drübeck.

Gott in allen Dingen suchen und finden

SchneeChristliche Spiritualität will den Alltag im Geist Jesu Christi gestalten

Welchen Platz hat unser Glauben an Gott im Alltag? Wie wirkt er sich im täglichen Leben aus? Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich eine dreiteilige Serie über Spiritualität im Alltag.

Stellen Sie sich vor, es ist Freitag, der 13. August 2010. Herr M. freut sich auf das Wochenende. Er will mit seiner Familie ins Grüne fahren. In der Natur sein, den Vogelstimmen lauschen, abends den Sternenhimmel betrachten, all das wird er genießen. Er gehört keiner Kirche oder Religion an, doch in solchen Momenten fühlt er sich eins mit Gott und dem Universum. Frau K. dagegen wird heute nichts Besonderes unternehmen. Es ist ja Freitag der 13. In ihrem Horoskop hat sie zwar gelesen, sie solle sich ruhig mehr zutrauen. Aber an so einem Tag will sie das Schicksal nicht herausfordern. Anders Herr G.: Gelassen kommt er ins Büro. Er hat am Morgen schon eine Stunde meditiert. Das hilft ihm, die Hektik des Alltags besser zu bestehen und achtsam mit sich selbst und anderen umzugehen.

Diese Menschen leben Spiritualität im Alltag auf ganz verschiedene Weise. Den christlichen Glauben brauchen sie dazu nicht. Doch sie ­ahnen oder wissen: Die Welt ist mehr als Materie und der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Wir brauchen etwas, das größer ist als wir selbst.

Viele fragen und suchen danach; das Interesse an »Spiritualität« ist groß in unseren Tagen. Spiritus, das lateinische Wort für »Geist«, steckt darin. Es geht also um die Frage: Welcher Geist bestimmt mein Leben? Und wie kommt das, was ich glaube, in meinem Tun und Lassen zum Ausdruck? »Frömmigkeit« hieß das früher oder auch »geistliches Leben«.

Christliche Spiritualität will den Alltag im Geist Jesu Christi gestalten. Sie erwächst aus dem Glauben an Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Im Unterschied zu vielen anderen Weisen spirituellen Lebens richtet sich unser Glaube auf ein göttliches DU, genauer gesagt: auf den Gott, der aus Liebe zu uns Mensch wurde, um uns und diese Welt zu erlösen.

Wie wirkt sich dieser Glaube nun aus auf das Leben an jenem Freitag, dem 13. August 2010, zum Beispiel?

Vielleicht so: »Geh aus, mein Herz, und suche Freud … an deines Gottes Gaben«, sagt sich Frau N. und bricht auf zu ­einem Spaziergang. Im Paul-Gerhardt-Jahr 2007 hat sie dieses Lied (EG 503) neu entdeckt. Mit offenen Sinnen geht sie durch Wald und Wiesen wie einst der Liederdichter. Von ihm lernt sie, die Schönheit der Schöpfung auch als einen Vorgeschmack auf die himmlische Welt zu sehen (Str. 9–11). Und der Gedanke, dass sie schon jetzt »ein guter Baum« und eine »schöne Blum« (Str. 14) im Garten Christi sei, gefällt ihr gut. Mit diesem Lied wird ihr Spaziergang zum Gottesdienst.

Herr L. dagegen sitzt mit schwerem Kopf über den Geschäftszahlen. Harte Monate liegen hinter ihm. Mehrere Mitarbeitende mussten entlassen werden. Manche gaben ihm die Schuld. Die Verantwortung bedrückt ihn. Auch die Vorwürfe, obwohl er weiß, dass sie nicht berechtigt sind. Seit dem letzten Sommer waren die Auswirkungen der Finanzkrise deutlich spürbar. Gott, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen. Wo hat er das nur gehört oder gelesen? Ach ja, vor einiger Zeit stand es im Schaukasten am Pfarrhaus. Er kann sich nicht vorstellen, wie das gehen soll: Last in Segen. Trotzdem ist dieser Gedanke plötzlich da. Er nimmt ihn auf, macht ihn zu seinem Gebet – für die Menschen, die ihre Arbeit verloren haben, für die Angestellten seiner Firma, für sich selbst. »Segen – das ist mehr als Erfolg«, denkt er, »manchmal wohl auch etwas anderes.«

Frau S. ist auf dem Weg ins Krankenhaus. Ihr Mann hatte einen Verkehrsunfall und erlitt einen komplizierten Beckenbruch. Gott sei Dank, sind die inneren Organe und die Wirbelsäule heil geblieben. Trotzdem ist sie sauer auf Gott. Warum hat er das zugelassen? Sie hatten sich so auf den Urlaub mit den Kindern gefreut! »Gott, ich verstehe dich nicht!«, seufzt sie. Vorgestern, am Tag des Unfalls, las sie morgens im Herrnhuter Losungsbuch: »Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.« (2. Korinther 12,10) So ein Quatsch, dachte sie. Dann kam die Nachricht von dem Unfall. Schwach sein – das erleben sie jetzt. Ob daraus eine neue Stärke werden kann? Wie hieß das doch noch mal? »Der HERR ist meine Stärke … und mein Heil.« Lieber Gott, das musst du mir erklären!

Auf unendlich vielfältige Weise wird uns Gott in unserem Alltag begegnen, wenn wir nur offen dafür sind. Das Zeugnis der Bibel ist dabei die Grundlage, um ihn zu erkennen. Damit beschäftigt sich der nächste Beitrag.

Brigitte Seifert

Die Autorin ist promovierte Theologien und Pfarrerin am Haus der Stille im evangelischen Zentrum Kloster Drübeck

Verhältnis der EKD zur Russisch-Orthodoxen Kirche

Martin Schindehütte, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD, ist als Leiter der Hauptabteilung »Ökumene und Auslandsarbeit« seit September 2006 Auslandsbischof der EKD.  (Foto: EKD)

Martin Schindehütte, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD, ist als Leiter der Hauptabteilung »Ökumene und Auslandsarbeit« seit September 2006 Auslandsbischof der EKD. (Foto: EKD)

Zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) kriselt es. Was die EKD darüber denkt, erklärt Auslandsbischof Martin Schindehütte im Gespräch mit Benjamin Lassiwe.

Herr Bischof Schindehütte, nach der Wahl der geschiedenen Frau Margot Käßmann zur EKD-Ratsvorsitzenden kündigte der Leiter des Außenamtes der ROK, Erzbischof Hilarion Alfeyev, an, die Kontakte zur EKD abzubrechen. Wie sieht die EKD zurzeit ihr Verhältnis zur Russisch-Orthodoxen Kirche?
Schindehütte:
Unser Verhältnis zur Russisch-Orthodoxen Kirche darf man nicht eindimensional sehen. Wir haben derzeit einen offenkundigen ­Konflikt mit Erzbischof Hilarion und dem Außenamt der ROK, aus dem ein Problem für die Beziehungen mit der ROK insgesamt entstehen kann, aber nicht muss, denn wir hören auch Stimmen aus der Russisch-Orthodoxen Kirche, die an einer Fortsetzung des Dialogs interessiert sind. Dabei ist uns klar, dass wir keinen Dialog an unserer Ratsvorsitzenden Margot Käßmann vorbeiführen werden. Wenn Hilarion zur Bedingung macht, den Dialog nur mit mir als Auslandsbischof fortzusetzen, um Margot Käßmann zu umgehen, dann geht das nicht.

Was hat denn der Dialog der letzten 50 Jahre eigentlich gebracht, wenn man jetzt in so eine Situation gerät?
Schindehütte:
Was wir jetzt erleben, ist eigentlich nichts Neues. Der Dialog mit der Russisch-Orthodoxen Kirche war immer auch schwierig. Meine Vorgänger Rolf Koppe und Heinz-Joachim Held standen als Auslandsbischöfe der EKD mehrfach vor Situationen, in denen die ROK damit drohte, den Dialog abzubrechen. Aber es ist immer weitergegangen – gerade zuzeiten des Eisernen Vorhangs waren die Gespräche mit der Russisch-Orthodoxen Kirche wichtige Brücken zwischen Ost und West.

Worum geht es denn bei den Dialogen mit der Russisch-Orthodoxen Kirche überhaupt?
Schindehütte:
Ich will mal Beispiele nennen: 2008 haben wir über die Menschenrechte als christliche Verpflichtung gesprochen. Auch die Themen Säkularisierung und Globalisierung waren von Bedeutung. Russland befindet sich zurzeit in einem gewal­tigen Säkularisierungsprozess. Wir in Deutschland haben bereits Erfahrungen damit, wie wir unter diesen Bedingungen unseren Glauben bezeugen können. Wir behandeln auch aktuelle Themen, von denen wir denken, dass wir voneinander lernen können.

Wie stellt sich die EKD eine Fortsetzung dieser Gespräche vor?
Schindehütte:
Wir hoffen, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche zur ökumenischen Grundhaltung zurückkehrt, wonach wir als Kirchen trotz ­aller Unterschiede miteinander reden, und akzeptieren, dass der ökumenische Partner manches anders macht als wir selbst. Dass russisch-orthodoxe Bischöfe im Dialog auf Margot Käßmann treffen, heißt ja nicht, dass sie deswegen in der eigenen Kirche Priesterinnen einführen müssen. Aber wir erwarten von ihnen, dass sie akzeptieren, dass wir uns für eine Bischöfin als Ratsvorsitzende entschieden haben – so wie wir es nicht zur Vorbedingung für einen Dialog machen, dass die Russisch-Orthodoxe ­Kirche Frauen im Priesterinnenamt zulässt.

Ende Januar findet vielerorts die Gebetswoche für die Einheit der Christen statt. Wie sollen evangelische ­Kirchengemeinden reagieren, wenn russisch-orthodoxe Geistliche und Gemeinden teilnehmen?
Schindehütte:
Von evangelischer Seite gilt: Wir bleiben einladend und offen und freuen uns über jedes gemeinsame Gebet, das bei dieser Gelegenheit gesprochen wird. Wenn Geistliche der Russisch-Orthodoxen Kirche an der Gebetswoche teilnehmen wollen, sind sie dazu herzlich eingeladen. Wir werden definitiv niemanden in die Ecke stellen – denn wir sind ökumenisch offen, und wollen das auch bleiben, trotz aller Spannungen, die wir zurzeit mit Moskau haben.

Gott ist da, er lässt dich nicht allein

24. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Weihnachten lässt sich nicht ignorieren. Überall ist es präsent, auch auf unserem kleinen Markt vor meiner Lieblingsbibliothek: »Madame, nur ein Euro, dass ist geschenkt!«, strahlt mich der junge, dunkelhäutige Verkäufer an.

Foto:  Harald Krille

Foto: Harald Krille

Kleinigkeiten zu Weihnachten: Klebeband, Tischschmuck, bunte Karten. Ach, ja, Tannenzapfen für den Weihnachtsbaum wie zu Omas Zeiten. Ich habe keinen Weihnachtsbaum, trotzdem kaufe ich, weil die Dinge mich an das Weihnachten meiner Kindheit erinnern. Und so leuchtet für nur ein Euro die Vergangenheit in mir auf.
Alle Jahre wieder die gleichen Rituale: Wohnung herrichten, Märchen schauen. Wenn sich dann die Fenster der gegenüberliegenden Plattenbauten ins Weihnachtslicht tauchen, zünde auch ich meine Kerzen an, höre leise Musik, öffne bei duftendem Kaffee meine gesammelte Weihnachtspost und fühle mich verbunden mit den Menschen, die anderswo ihr Weihnachten feiern.

Nur in diesem Jahr bekam ich nichts so richtig in die Reihe. Meine Wohnung wollte sich nicht schmücken lassen, die Rituale hatten ihre Kraft verloren und Weihnachtsharmonie stellte sich nicht ein.
So war mir ein Anruf, ob ich mit in die Kirche fahren möchte, sehr willkommen. Meistens fällt es mir schwer die Wohnung zu verlassen, wenn ich mich einmal gemütlich eingerichtet habe. So aber dachte ich: Vielleicht ist Weihnachten diesmal für mich vor der Tür.

In den großen Kirchen ist Heiligabend kaum Platz, zu viel Gedränge, zu wenig Raum für Andacht. Also ­entschieden wir uns für eine kleine Gemeinde mitten in Berlin. Die kleine Kirche steht zwischen Berliner Altbauten – Mietshäuser mit Problemfamilien. Sie sah aus wie ein Zweifamilienhaus, dessen Tür weit ­geöffnet und hell beleuchtet ist. Der Innenraum strahlte Wärme und Geborgenheit aus, erinnerte an die gute Stube mit dem großen Weihnachtsbaum und dem Weihnachtsstern.

Der Gottesdienst begann und ich sang voller Freude die mir vertrauten Lieder, lauschte dem Chor, summte leise mit. Ich sehnte mich nach Ruhe. Mein Blick ging zum Weihnachtsstern, zu den großen mit Lichtern geschmückten Fenstern. Diese gaben die Sicht zum Berliner Innenhof frei: Beleuchtete Küchen, hinter denen vermutlich die letzten Handgriffe für das Abendbrot getan werden, Treppenhäuser im Halbdunkel, die sich ab und zu erhellten.

Plötzlich in diese Andacht hinein drei Kanonenböller, mitten hinein in den Hofschacht. Sichtbar erschrocken sangen alle tapfer weiter, die Blicke fest auf den nun wieder im Dunkeln liegenden Hofschacht gerichtet. Mein Herz klopfte, ich hatte Angst, wollte am liebsten aufstehen und weglaufen. Und noch einmal knallte es dumpf. Der Pfarrer war zur Predigt ans Pult getreten. Man konnte auch in seinem Gesicht Beunruhigung erkennen. Ein Mädchen in einem Rollstuhl, körperlich und geistig behindert, wurde vom Vater hinausgefahren.

Ich dachte verzagt: Wo ist mein Glaube, wenn plötzlich die Harmonie gestört ist? Davongeflogen wie ein erschreckter Vogel??

Noch immer schaute ich ängstlich zur Fensterfront. Was ist das für ein Glaube, der in Gefahr davonfliegt? In meine Zweifel hinein hörte ich die leicht verunsicherte Stimme des Pfarrers: »Auch wenn dein Glaube dich längst verlassen hat und du weit weg von Gott zu sein scheinst, er ist da! Er lässt dich nicht allein.« Ich staunte. Die Worte klangen für mich wie eine Antwort von Gott. Langsam wurde ich ruhiger. Auf der Rückfahrt sprachen wir darüber, wie erschrocken alle über das laute Knallen waren. Anschließend besuchte ich eine ­ältere Dame in unserem Haus. Sie lebt ebenso allein. Wir aßen zusammen Abendbrot und sangen Weihnachtslieder aus ihrer Erinnerung.

Als ich am anderen Morgen, dem ersten Weihnachtsfeiertag, erwachte, hatte ich das Gefühl, Weihnachten sei nun doch auch bei mir eingekehrt. Wieder fielen mir die Worte des Predigers ein: »Auch wenn dein Glaube dich längst verlassen hat und du weit weg von Gott zu sein scheinst. Er ist da! Er lässt dich nicht allein.«

Margarete Noack

Festvermarkter, edle Schlipse, Hirten und das Christkind in der Krippe

17. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Pastorale Gedanken zur Weihnachtspredigt: Manchmal kommt Gott selbst vorbei und übernimmt sie

Foto: epd-bild

Foto: epd-bild

Eine Kollegin erzählte mir einmal ganz stolz, dass sie ihre Predigten für den Heiligabend immer schon in den Herbstferien im Kasten hat. Damit kann ich nicht dienen. Ich setze mich meistens zwei, drei Tage vorher hin und fange an, Gedanken aufzuschreiben. Wenn es welche gibt. Aber das kommt vor – trotz 13 Jahren im Amt.
In diesem Jahr habe ich, wider Willen, ziemlich früh an meine Heiligabendpredigt denken müssen – auf dem Weihnachtsmarkt. Die Schinkenwurst blieb mir fast im Halse stecken. Der Karusselldreher hatte Punkt 13 Uhr seine Anlage angeworfen, neben mir ertönte mit lautem Schall urplötzlich »Stille Nacht, heilige Nacht!«. Ich stellte mir das Gesicht des Sängers vor und hörte deutlich die Sprüche der Leute hinter der Glasscheibe im Aufnahmestudio: »Los Alter, bring die Kerzen zum Schmelzen!« Ziemlich niederträchtig. Denen hätte ich gern was erzählt, wenn sie unter meiner Kanzel erschienen wären.

Gott sei Dank gibt es für uns Weihnachtsprediger Krückstöcke, mit denen wir ganz passabel durch dieses ­etwas schwierige Gelände der Weihnachtstage kommen können: die wunderbaren Worte aus dem Lukas-Evangelium, mit Frischesiegel: Es ­begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging: Und dann die Weihnachtslieder.

Zum Schluss: »O du fröhliche«. Am Anfang: »Tochter Zion«.
Ich frage in jedem Jahr meine Konfirmanden und meine Leute aus den Oberstufenkursen im Gymnasium, welchen Tonfall sie mir für die Menschen anraten, die nur Weihnachten ihre Füße über die Kirchenschwelle setzen. Die Antwort ist immer eindeutig: freundlich, herzlich, gütig, ein bisschen Humor kann auch sein – aber um Gottes willen keine Strenge, keine ­Ironie, kein pastorales Gebrabbel und kein Frontalangriff auf das schlechte Gewissen. Trotzdem frage ich immer wieder gern, weil die Antworten so überraschend gleich bleiben. Was soll auch anderes möglich sein unter den Worten des Engels: »Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.«

Ich habe immer ziemliche Mühe, an dieser Stelle nicht ins Singen zu kommen, denn vor Jahren war ich selbst dieser Engel, damals als Thomaner in Leipzig. In der Bank saß mein fieser Staatsbürgerkundelehrer, Herr Dicke, im schwarzen Ledermantel und wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln – der Mistkerl. So schön hatte ich gesungen für diesen Zyniker und Hetzer. Wohl eher aus Versehen. Er ist mein Zuhörer geblieben in meinen Weihnachtsgedanken. Er sitzt zusammen mit all den gönnerhaften Lächlern und schamlosen Festvermarktern auf meiner Hirtenbank. Und es waren Hirten auf dem Felde bei den Herden, die hüteten des Nachts die Schafe.

Das waren Halunken, Diebe, Nachtgestalten, Verbitterte, Verhärtete, Gottlose, die trotz großer Sprüche doch nicht auf der Sonnenseite des Lebens spazieren konnten, weil sie keinen mehr hatten, der sich mit ihnen hätte freuen können. Sie trauten sich nicht mal mehr gegenseitig über den Weg, sondern beklauten sich untereinander. Damals wie heute. Sie alle habe ich im Auge, im Herzen, im Sinn, wenn ich darüber nachdenke, was Weihnachten zu sagen wäre. Und dazu klingt das wunderbare Wort des noch katholischen Eugen Drewermann als Cantus firmus im Ohr: »Entlarven darf nur, wer auch heilen kann.«

Nein, Ochsen und Esel kommen in der original Weihnachtsgeschichte nicht vor und sollten auch unterm Weihnachtsbaum nicht geoutet und an den Pranger gestellt werden. Ja, aber: all das Elend, der Hunger, der Krieg, die Ungerechtigkeit, der Jammer, die Tränen? Was soll damit werden am Weihnachtsabend?
Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe: denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Da ist es, da liegt es, auf Heu und auf Stroh: all das, was uns auf dieser Erde heimatlos machen kann. Direkt neben dem Kind, dem wehrlosen und alle Hoffnung tragenden Wesen. Nein. Weihnachten ist kein Tag des billigen Abrechnens mit den Kirchensteuersparern, kein Tag des Nachkartens ­gegen irgendwen. All das wissen
die Menschen doch selbst, all das schwingt in ihnen mit, all das lässt sie nach dem verlorenen Paradies seufzen. Deswegen kommen sie ja in die Kirchen, sehnsüchtig, freiwillig, aufnahmebereit. Wie die Kinder. Wie sagt der erwachsen gewordene Jesus: »Wer aber Ärgernis gibt einem dieser Kleinen, die an mich glauben, dem wäre besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist.«

Ein paar Jahre lang musste ich drei Weihnachtspredigten zustande bringen. Verschiedene selbstverständlich. Das war ein Hammer. Deswegen habe ich angefangen, jedes Jahr selber eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben. Die lese ich in einem unserer Gottesdienste vor, zu dem eigentlich gar kein Mensch kommen kann: Heiligabend um 18.30 Uhr. Dazu singt noch unser Gospelchor. Kurz gesagt: Da ist alles anders.

Inzwischen ist ein Wunder geschehen, das alles infrage stellt, was ich mir so über Weihnachten zusammengedacht habe. Die Kirche ist rappelvoll, die Leute klatschen, lachen und umarmen sich! Und ein, zwei, drei, vier Leute verlassen die Kirche unter Protest mit donnernden Schritten.

Einmal ist sogar einer wegen meiner Weihnachtsgeschichte aus der Kirche ausgetreten – weil ich erwähnt hatte, dass ich den frisch geschenkten Schlips schon am Halse hätte. Au war der sauer! Warum? Ich hatte von ein paar Werbeleuten erzählt, die, passend zu Weihnachten, ein neues Geschirrspülmittel auf den Markt werfen wollten und dazu einen Spot gedreht hatten mit Schlösschen im Walde und Rehlein in der Badewanne, mit flauschigem Badetuch. Schon der alte Fuchs Herodes hatte ja Weihnachten für seine finsteren Zwecke einspannen wollen und den Weisen weisgemacht, er wolle auch kommen um das Kind anzubeten. Weihnachten und sein Missbrauch gehören zusammen – von Anfang an. Aus diesem verfilzten Knäuel die Botschaft vom Licht in die begriffsstutzige Finsternis zu bringen, war auch der Sinn dieser ­Geschichte. Aber das war meinem Zuhörer nicht zu vermitteln. Für dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, eine ganz zarte Geschichte zu schreiben: ohne Sarkasmus, ohne Bloßstellung, ohne Siegerpose. Das wird ein hartes Stück Arbeit werden.

Meistens denke ich bis zum Tag ­davor: Diesmal fällt dir aber wirklich nur Quark ein – und früh um Fünf am 24. Dezember ist die Geschichte fertig. Ich brauche nur noch aufzustehen und sie aufzuschreiben. Das ist das Weihnachtsgeschenk des Herrgotts an mich. Von den anderen bekomme ich Edelschlipse und Jahrgangs-Bordeaux. Alle Jahre wieder. Deswegen liebe ich Weihnachten und kann auch alle lieb haben, die in unsere Kirche kommen. Besser machen muss sie der Chef persönlich. Christ, der Retter ist da.

Eine Weihnachtsgeschichte werde ich nicht vergessen: Während einer Christvesper ging ein Kind nach vorn und klaute das Christkind aus der Krippe. Unsere Gemeindehelferin wollte es ihm wieder abluchsen – aber das Kind holte es sich wieder. Ungefähr fünf Mal. Dann gab die Gemeindehelferin entnervt auf, und die Gemeinde klatschte begeistert. Die Leute in der Kirche, die vorher so aussahen, als müssten sie möglicherweise gleich betroffen dreinblicken, bekamen nach und nach von diesem Kind glänzende Augen und Lachfältchen. Der Herr ­Jesus persönlich war zu Besuch gekommen und hatte die Predigt übernommen. Beim Lied »O du fröhliche« sahen sich die Menschen an und zwinkerten sich zu. Alle Weihnachtsskeptiker waren bekehrt.

Zu harmonisch? Ja, um Gottes willen: »Es wird am Ende alles gut werden, auch wenn es ganz klein und schief anfängt« – das ist doch die Weihnachtsbotschaft. Bei uns gibt es selbstverständlich Wiener Würstchen am Weihnachtsabend. Und Silent Night von TAKE 6. Kennen Sie nicht? Stille Nacht tut’s auch.

Matthias Neumann

Gott will im Dunkel wohnen

10. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Gedanken zu dem Adventslied »Die Nacht ist vorgedrungen« von Jochen Klepper

Weihnachtsmarkt auf dem Neumarkt  in Dresden mit Blick zur Frauenkirche.  Foto: Steffen Giersch

Weihnachtsmarkt auf dem Neumarkt in Dresden mit Blick zur Frauenkirche. Foto: Steffen Giersch

Wenn wir an Nacht denken, dann vor allem an die eine, die stille und heilige in Bethlehem. Die Nacht als Dunkelfolie für eine Herrlichkeit, die sich im Licht offenbart. Was wäre das auch für ein nutzloser Schein, wenn er nicht in Finsternis fiele? Das Licht verdankt seine Aufmerksamkeit dem Dunkel. Wer beachtet schon eine Kerze in der Mittagssonne?

Aber Advent und Nacht? Wie geht das zueinander? Ankunft und Finsternis? Wer sieht wohl den, der im Dunkeln eintrifft? Kommt der Menschensohn denn nicht, in einer Wolke zwar, aber doch mit großer Kraft und Herrlichkeit, dass wir unsere Häupter in den Nacken werfen können, weil sich unsere Erlösung naht?

Und doch hat einer gewagt, ein ganzes Adventslied in die Nacht zu setzen: Jochen Klepper. Bei ihm ist sie vorgedrungen. Eine Nacht in Bewegung also, eine Nacht, die sich voranarbeitet auf den Morgen zu. Sie ist schon im Schwinden, sie fällt, und zwar auf Menschenleid und -schuld. Kleppers Nacht ist adventlich durch den Stern und durch das Finstere, in dem er strahlen kann. »Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.« Was unsere grellen Lichterketten zu überblinken suchen, macht Kleppers Stern offenbar. Es kommt zur Sprache, dass manche Nacht zum Heulen ist oder unter Tränen alles zur Nacht werden kann: »Auch wer zur Nacht geweinet …«

Dass Nacht im Schwinden ist, wird für Klepper zunächst noch zum Fanal der Hoffnung. Allerdings spricht alles dagegen, als er das Lied im Finsterjahr 1938 dichtet. Die Synagogen brennen, den jüdischen Geschäftsleuten bläst der kalte Wind durch die zerschlagenen Schaufenster. Bald wird die Nacht in Auschwitz und Treblinka lagern.

Schon lange ist sie mitten in die deutsche Bildungsbürgerseele hineingekrochen. Klepper lebt gerade nicht in einer Nacht hirnloser Monster oder dumpfbackiger Kulturbanausen. Die braune Nacht folgt auf das hochgelobte Abendland. Es ist nicht mehr so ganz christlich, aber noch immer von Dichtern und Denkern bevölkert.

Jochen Klepper verzweifelt an diesem Zwiespalt, wie seine Tagebücher zeigen. Er ist ja selbst ein Dichter, und ein Deutscher noch dazu. Er weiß noch nicht, dass ausgerechnet der Stern, den er für sein adventliches Nachtlied wählt, das Verrätersymbol der Gotteskinder sein wird. Seine ­jüdische Frau Hanni wird ihn tragen müssen, die Tochter Renate auch.

Aber unser Lied entsteht noch im Jahr der letzten Hoffnungen, 1938: »Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr, von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.« Das kann, ja, das muss man hoffen, wenn man liebt. Aber die Erfahrung ist eben eine andere. Die Nacht ist vorgedrungen, aber der Tag ist eben doch so fern. Die Nacht ist ganz und gar nicht im Schwinden, sie nimmt noch zu.

Klepper reist in die Höhle des Finsterlöwen Adolf Eichmann und fleht für Frau und Tochter. Ohne Erfolg. Er dichtet keine Lieder mehr. »Lieder vermag ich nicht mehr zu schreiben … Liebe, Lob, Dank, tragen also das Lied nicht; es ist nicht möglich ohne das Vertrauen. Und hier ist dem Widersacher gelungen, mich zu zerstören.«

Das klingt nicht mehr nach: »Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein …« Man hört auch nicht dieses: »Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah.« Das ist für Klepper zu sehr in Nacht gehüllt seit Kriegsbeginn. Er sieht die Judenkinder in den Judenzügen. Es gehen ihm die Worte aus. Nur seinen Tagebüchern vertraut er den ganzen Jammer noch an. Und da schimmert dann fast auf jeder Seite dieses unglaubliche Überlebenswort der Verzweifelten durch: Gott will im Dunkel wohnen.

Dass Gott dieses Finstere hell machen könnte, das rutscht Klepper später weg. Das kommt ihm gnadenlos abhanden. Aber an dem Gott, der sich auf die Nacht einlässt, hält er fest. Damit wird er, der doch meinte, keine Worte mehr zu haben, zum Sprachfinder der Zeit nach dem Holocaust. Gott will im Dunkel wohnen – das ist gewiss nicht das beliebte fromme Sahnehäubchen oder das große »Trotzdem«, das wir wie Deckel auf kalte Töpfe legen. Gott will im Dunkel wohnen. – Das ist ein unter dem Einsatz des ganzen Lebens errungenes Hoffnungswort. Daran wohl hat sich Jochen Klepper festgehalten, als er am 11. Dezember 1942 gemeinsam mit Frau und Tochter ganz sicher nicht freiwillig, aber sehr bewusst, in den Tod ging.

Thomas Perlick

Advent
Advent heißt:
Erwartung und Ankunft des Herrn.
Heutzutage bedeutet es etwas anderes:
Erwartung und Ankunft
neuer Waren zum Verkauf!

Willy Meurer

Alltag im Licht der Weihnachtsbotschaft

3. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Stressbewältigung im Advent – Wie die Weihnachtsgeschichte alles verändert

Foto: Barbara Neumann / ddp

Foto: Barbara Neumann / ddp

Adventszeit

Die vorweihnachtliche Adventszeit ist eine Möglichkeit,
zur Ruhe zu kommen,
wäre da nicht der Vorweihnachtsstress.

Gudrun Kropp

Es ist Anfang Dezember. Ich kränkele mit einer Erkältung herum. Ich frage mich, warum ich mir auch noch den Stress mit diesem Krippenspiel aufgehalst habe, welches in einer Woche uraufgeführt werden soll und ich keinen Plan habe, wie ich es mit den Kindern bis dahin halbwegs einstudiert haben könnte. Am Wochenende ist zudem mein letzter Kurs der Ausbildung in Karlsruhe und ich weiß schon, dass die Bahnfahrt wieder schrecklich sein wird.
Ich habe noch nicht in den Andachtstext für den Tag geschaut.

Halbherzig und missmutig schlage ich das Buch auf: »Beten ist klagen«. Oh ja, denke ich, das passt gut heute, und werfe Gott meinen geballten Frust vor die Füße: »Alles ist so sinnlos, nichts kriege ich hin, niemanden interessiert, was ich kann und mache. Gott, ich weiß nicht, was ausgerechnet du von mir willst?« – Plötzlich habe ich ganz lebendig die Krippenspielszene mit der kleinen Hirtin Tina vor Augen, wie sie lispelt: »Wenn das wirklich ein Engel war, wieso kommt er dann ausgerechnet zu uns armen Schluckern?« Ganz langsam und ganz warm breitet sich diese Erkenntnis in mir aus. Und während ich nun schon etwas aufgeheitert darüber nachsinne, wie liebevoll Gott mich gerade wieder eingekriegt hatte, legt er noch nach, indem er eine Arie aus dem Elias-Oratorium von Mendelssohn Bartholdy in mir anstimmt, die Worte aus Jesaja 54: »Mögen auch Berge fallen und Hügel weichen, der Bund meiner Gnade wird nicht von dir weichen.« Ich fühle mich unglaublich getröstet.

Plötzlich sind die Widrigkeiten meines Lebens nichts weiter als eben Widrigkeiten, meine Erkältung nur eine Erkältung. Die Deutsche Bahn ein nicht ganz perfektes System, womit man ja immerhin schneller unterwegs ist als mit der Postkutsche. Ich sehe »meine« Kinder mit dem Herzen an. Ich kann wieder alles in diesem anderen Licht, im Licht der Weihnachtsbotschaft sehen. Und ich entwickele eine neue Kreativität, die Botschaft auszubreiten, ein Bedürfnis, Leuten, die es nötig ­haben, etwas zu schenken: ein gutes Wort, eine Karte, eine Kerze. Den Elternzettel mit einer Terminmitteilung ergänze ich spontan um die Bemerkung: »Sie haben großartige Kinder mit tollen Fähigkeiten, es macht uns Freude, mit ihnen zu arbeiten.«

Wieso kommt er dann ausgerechnet zu uns armen Schluckern? Ja, er kommt zu den armen Schluckern dieser Erde, den Menschen, die wirklich am Rand stehen, am Rand der Gesellschaft, am Rand der Akzeptanz: Notleidende, Hartz IV-Empfänger, Verachtete, psychisch Kranke, Einsame, Fremde, Jugendliche, die »Null-Bock« haben, Menschen, die keinen Sinn im Leben sehen. Und er kommt zu diesen Kindern, mit denen ich arbeite und die deshalb so authentisch spielen, weil sie die Botschaft offenbar begriffen haben.

Und – wenn wir es zulassen –, wenn wir unsere eigene Armut sehen und zu den »Arme-Schlucker-Seiten« in uns stehen, kommt Gott auch da hinein. Genau in die Bereiche unseres Lebens, wo wir nicht souverän und großartig sind, wo unsere dunklen Seiten liegen: die Abgründe, die Schwächen, die Schuld, die Verletzungen, unsere Unzulänglichkeiten und Fehler, will er kommen. Mitten in der Nacht unserer zerbrochenen Beziehungen, begrabenen Hoffnungen, geplatzten Träume, kaputten Selbstbilder, niedergeschlagenen Aktionen, vergeblichen Mühen steht der Engel plötzlich da – und strahlt wie Elena mit ihrer Kerze – »Ihr müsst nicht erschrecken! Ich bringe euch eine gute Nachricht! Euch ist der Retter geboren. Ihr findet ihn nicht in einem Palast, nicht in einer Villa (nicht auf der Sonnenseite eures Lebens, nicht auf der Schokoladenseite eures Selbstbildes), sondern im Stall.

Er liegt in einer Krippe und ist ein Baby (klein, hilflos, gibt sich in eure Hände, in eure Dunkelheiten in eure Herzen). »Und übrigens«, sagt Engel Elena, »er heißt Jesus!«

Und in mir singt die Arie aus dem Weihnachtsoratorium: »Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen, tröstet uns und macht uns frei …«

Petra Ng’uni

Ein Haus für Gott aus Zeit gebaut

26. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Am 1. Advent beginnt das neue Kirchenjahr – seine Feste sind heilsame Unterbrechungen des Alltagslaufes

Foto: István Benedek, sxc.hu

Foto: István Benedek, sxc.hu

Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen. Die Tage werden kürzer, die Nächte kälter. Doch in die letzten Wochen des ausgehenden Jahres ragt schon ein Neubeginn herein – das neue Kirchenjahr, ein wunderbares Haus für Gott aus Zeit gebaut.

Normalerweise sind unsere Gotteshäuser aus Holz und Stein. Sie stehen fest, meist etwas abseits von den belebten Straßen und Wegen unseres Lebens. Wer seinen Schritt dorthin lenkt, unterbricht seinen gewohnten Gang. Solche Unterbrechung ist heilsam. Oft gehen wir anders weiter als wir gekommen sind – ruhiger, getroster und besonnener vielleicht. Wir dürfen neu dem Leben trauen, »weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt.« (Alfred Delp).

So sind unsere Gotteshäuser Erinnerungsorte an Gott, der unseres Lebens Mitte ist. Zwar erfüllt Gott allen Raum; und gewiss treffen wir überall auf ihn. Und doch brauchen wir auch solche »heiligen« Räume. Deshalb bekennt der Psalmbeter: »Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt.« (Psalm 26, Vers 8 )

Das Volk Israel hat für Gott aber nicht nur ein Haus in den »Raum« gebaut, sondern auch in die »Zeit«. Auch der Lauf der Zeit braucht Unterbrechungen, um Leib und Seele zu erfrischen. Der jüdische Jahreskreis war von großen Festen geprägt, die allesamt die Erinnerung wachhielten an Gottes Handeln in der Geschichte. Die Grundstruktur dieses Hauses aus Zeit aber war der Sabbat – jene heilsame Erfindung Gottes, an der sich Israel in aller Schmach und Unterdrückung immer wieder aufgerichtet hat. In diesem Sinne schreibt Heinrich Heine von der »Königin Sabbat«:

Hund mit hündischen Gedanken,
ködert er die ganze Woche
durch des Lebens Kot und Kehricht,
Gassenbuben zum Gespötte.
Aber jeden Freitagabend,
in der Dämmrungstunde,
plötzlich weicht der Zauber,
und der Hund wird aufs Neu’
ein menschlich Wesen.

Die christliche Gemeinde ist der Tradition seines »älteren Bruder« gern gefolgt und hat in Anlehnung an den jüdischen Festkalender das Kirchenjahr gestaltet. An die Stelle des Sabbat trat natürlich der Sonntag – der Tag der Auferstehung unseres Herrn. Auch wir sollten ihn »königlich« begehen, uns an ihm freuen und fröhlich sein; ist doch jeder Sonntag ein kleines Ostern, das von der Hoffnung kündet, die mit Jesus Christus in unsere Welt gekommen ist.

Überhaupt war in den ersten Jahrhunderten lange Zeit das Osterfest das einzige christliche Fest; es ist auch bis heute die eigentliche Achse des Kirchenjahres geblieben. Erst aus dem 3. Jahrhundert haben wir Zeugnisse über die Feier der Geburt Christi. Die Entstehung dieses Festes hängt vermutlich mit dem von Kaiser Aurelian im Jahre 275 verfügten Geburtsfest des »unbesiegbaren Sonnengottes« am 25. Dezember zusammen.

Die Christen Roms haben dieses heidnische Fest nicht mitgefeiert; stattdessen haben sie es in kühner Weise »enteignet«, indem sie genau an diesem Tag die Geburt Jesu Christi als der »wahren Sonne« feierten. Rasch fand das Weihnachtsfest Eingang im ganzen Reich; auch wurden weitere Erinnerungen an das ­Leben Jesu in den Jahreskreis eingezeichnet. Das Kirchenjahr entstand – eine wunderbare Gedächtnisstütze an die »großen Taten Gottes« (Apostelgeschichte 2,Vers 11). Wer sich ihm anvertraut, dem wird es zum heilsamen Rhythmus, denn es verbindet das Leben Jesu mit unserem eigenen Leben.

Es ist nun ein tiefes Symbol, dass das neue Kirchenjahr schon in das alte, vergehende Kalenderjahr hineinragt. Das heißt doch: Wir gehen nicht dem Ende entgegen, vielmehr ist alles Vergehen umfangen von dem Neubeginn Gottes in Jesus Christus. Im Dunkel schon leuchtet das Licht, ja die Mitte der Nacht wird zum Anfang des Morgens.

Dabei ist die Adventszeit keine Zeit sinnlosen Wartens. Offenbar brauchen wir diese Zeit, damit die Botschaft wirklich unser Herz erreicht: Christus ist geboren – Licht der Völker, Hoffnung der Welt! Dass solches Erinnern an Gottes Handeln in der Geschichte – sei es im Guten wie im Schweren – immer auch ein Gewinnen von Zukunft ist, zeigt folgende kleine Begebenheit: Als ­Napoleon in die Stadt Akko kam und Juden dort weinen sah, fragte er: »Aus welchem Grunde weint Ihr?« Ihre ­Antwort: »Wir weinen über die Zerstörung des Tempels von Jerusalem.« Da fragte Napoleon: »Wann ist das passiert?« Die Anwesenden antworteten ihm: »Es geschah vor etwa 2000 Jahren.« Da sagte Napoleon: »Vor 2000 Jahren? Und noch heute weint Ihr? Wenn dies so der Fall ist, und wenn ein Volk sich noch heute so an seine Vergangenheit erinnert, dann hat dieses Volk auch Zukunft.«

Johannes Berthold

Der Autor ist Vorsitzender des Sächsischen Gemeinschaftsverbandes.

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