Gaunerjagd mit Gottes Hilfe

14. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Drei neue Folgen von Abenteuergeschichten als Hörspiel

Wer ein bisschen Spürsinn besitzt, den dürften diese Vornamen stutzig machen: Marianne, Petra, Hans-Georg, Esther und Alexander. So heißen heute keine Jugendlichen mehr. So hießen Jugendliche vor mehr als dreißig Jahren.

Die neuen Folgen sind nach dem Vorbild der Originale von Dieter B. Kabus entstanden. Fotograf: Pascal Görtz

Die neuen Folgen sind nach dem Vorbild der Originale von Dieter B. Kabus entstanden. Fotograf: Pascal Görtz

1980 war es, als der evangelische Pfarrer Dieter B. Kabus seine fünf Kinder Marianne, Petra, Hans-Georg, Esther und Alexander zu Helden einer beliebten Reihe von Abenteuergeschichten machte: »Die 5 Geschwister«. Die lösten mit Köpfchen, Gottvertrauen und gefestigten Wertvorstellungen insgesamt zehn Fälle – mal in einem Herrenhaus in Südfrankreich, ein andermal in einem verlassenen Palazzo in Venedig. Half ihnen ihr Verstand allein nicht weiter, baten sie Gott im Gebet um seine Begleitung. 1989 und 1990 setzte der Südwestfunk die Folgen als Hörspiel um. Fortsetzungen gab es keine, Dieter B. Kabus verstarb 1993.

Nun sind Marianne, Petra, Hans-Georg, Esther und Alexander zurück – mit Internetrecherche und SMS-Notruf. Ihre neuen Geschichten haben sich die beiden Hörfunkautoren und Produzenten Tobias Schuffenhauer und Tobias Schier ausgedacht. Es geht an die Ostküste Englands, wo es in einem Leuchtturm spukt. Und es geht nach Ägypten, in die Nähe von Luxor, wo die Mitarbeiter einer Ausgrabung von einer seltsamen Krankheit befallen werden. Schließlich geht es auf die Isla Robinsón Crusoe im Pazifik, wo im Dschungellager einer Studentenexkursion merkwürdige Dinge geschehen.

So exotisch die Handlungsorte gewählt sind, so exotisch klingen die Abenteuer dort auch. Da tost die Brandung des Atlantiks, da schwirren Tausende aufgescheuchte Fledermäuse durch die Grabkammer. Schnell wird der Zuhörer durch die Atmosphäre in die Fälle hineingezogen, kombiniert er genauso wie die fünf Pfarrerskinder Beobachtungen und Gespräche, um die Lösung zu erraten. Die ist oft so gut versteckt, dass es wirklich fast die gesamte gut einstündige Hörspielfolge benötigt, um sicher zu sein, wer der Bösewicht ist und wer zu Unrecht verdächtigt wird.

»Neuauflage wendet sich an die Serienfans der ersten Stunde«

Ratespaß und aufwendige Klangkulisse – als Krimi für Kinder funktio­nieren die neuen Folgen der »5 Geschwister« heute so gut wie in den Achtzigerjahren. Dennoch wendet sich die Neuauflage vor allem an die Serienfans der ersten Stunde. An sie gerichtet sind die vielen Querverweise zu früheren Fällen. Und besonders ihrem Ohr dürfte auch der betulich-vertraute Ton der Dialoge schmeicheln.

Susann Winkel

Im mysteriösen Leuchtturm – 5 Geschwister, CD, Gerth Medien 939 966
Im verbotenen Grab – 5 Geschwister, CD, Gerth Medien 939 967
Die vergessene Insel – 5 Geschwister, CD, Gerth Medien 939 985, jeweils 9,99 Euro

Wie Daniel und Jonas zur Krippe kamen

24. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Illustrationen: Kathrin Gehres-Kobe

Illustrationen: Kathrin Gehres-Kobe


 
Eine Weihnachtsgeschichte von Thomas Reuter.
 
Daniel: Schalom, ich bin Daniel. Und der da ist Jonas. Ich muss euch unbedingt was erzählen. Stellt euch vor: Gerade war ich dabei…
Jonas: Daniel?
Daniel: Ja, Jonas?
Jonas: Wer ist hier der Chef?
Daniel: Du bist der Chef, Jonas.
Jonas: Wer erzählt also?
Daniel: Du erzählst, Jonas.
 
Jonas: Ist schließlich auch meine Geschichte. Also – ich bin Jonas. Aber das wisst ihr ja schon. Die Schafherde dort gehört mir. Daniel ist mein Hirte. Ich kann mich eigentlich auf ihn verlassen. Aber manchmal schaue ich doch lieber nach, wie er seine Arbeit macht.
Daniel: Völlig unnötig.
Jonas: Und gestern Nacht, Daniel? Ich komme aufs Feld, das Lagerfeuer brennt, die Schafe schlafen, die Hunde dösen. Nur einer fehlt: Daniel. Ich rufe ihn – nichts. Na, denke ich, dann hat der Löwe diesmal wohl kein Schaf, sondern Daniel geholt.
Daniel: Sehr lustig, Jonas.
Jonas: Plötzlich höre ich jemanden gerannt kommen. Es ist Daniel. Ich verstecke mich hinter einem Busch. Daniel klettert über den Zaun, nimmt eines der kostbaren Felle, springt zurück und will wieder davonrennen. Ich verstelle ihm den Weg und packe ihn an der Jacke. Wo willst du hin?
Daniel: Zu Gottes Sohn. Der ist in unserem Stall geboren. Und das Schaffell ist ein Geschenk für ihn.
 
Jonas: Hast du während der Arbeit Wein getrunken??
Daniel: Die Engel waren da! Hast du sie nicht gesehen?
Jonas: Er reißt sich los und rennt davon. Ich ruf ihm nach: Du bist gefeuert, Daniel!
Daniel: Kein Problem!
Jonas: Was? Kein Problem? Er braucht doch das Geld. Was soll ich jetzt tun? Ihm nachlaufen? Da kommt wieder einer gesaust. Den Kerl hab ich noch nie gesehen. Hirte ist er jedenfalls nicht. Das sehe ich an seiner Kleidung. Vielleicht Tischler oder Zimmermann? Er sieht mich und ruft mir zu: Bist du Jonas?
Jonas: Wer will das wissen?
Josef: Ich bin Josef, der Vater von ­Jesus. Dem Messias. Na, jedenfalls – Daniel ist bei uns im Stall.
Jonas: Das ist immer noch mein Stall!
Josef: Sei nicht so streng. Heute ist eine besondere Nacht! Der Erlöser ist geboren! Und Daniel hat es als Erster erfahren. Kommst du mit?
 
Jonas: Vergiss es! – Und schon ist er wieder weg. Der war doch genauso betrunken wie Daniel! Der Messias? In meinem Stall? – Da trappelt es schon wieder. Das müssen mindestens drei Leute sein. Mit Tieren. Große Tiere dem Gestampfe nach. Kamele vielleicht. Aus der Dunkelheit tritt ein Mann auf mich zu, vornehm ­gekleidet, behängt mit goldenem Schmuck. An seiner Aussprache merke ich, dass er nicht aus Israel kommt.
Sterndeuter: Verzeiht – wir sind auf der Suche nach dem neugeborenen König der Juden. Die Schriftgelehrten haben uns nach Bethlehem gesandt. Ist es noch weit?
Jonas: Ich krieg keinen Ton raus, zeige nur in Richtung meines Stalles. Der reiche Mann bedankt und verbeugt sich und verschwindet wieder in der Dunkelheit. Jetzt muss ich mich setzen. Das ist zu viel! Aber nein, schon wieder ­raschelt es, und plötzlich steht ein ­römischer Soldat vor mir.
 
Soldat: He, du, Hirte! Sind die Sterndeuter mit den Kamelen hier vorbeigekommen?
Jonas: Moment – was will der von denen? Sie verhaften? Er merkt, dass ich zögere.
Soldat: Keine Sorge, ich will ihnen nichts Böses. Ich habe sie belauscht. Sie sind auf dem Weg zum Messias. Und da bin ich hinterhergelaufen, denn das klingt doch ziemlich spannend, stimmt´s?
Jonas: Bin ich denn hier der Einzige, der von nichts weiß? Der Kerl macht einen ehrlichen Eindruck. Ich zeig dir den Weg. Komm! Und dann sind wir beide durch die Nacht gestiefelt. Er hat mir erzählt, dass er eine Frau und drei Kinder hat. In Rom. Und dass er hofft, bald wieder nach Hause zu dürfen. Dann waren wir bei meinem Stall. Und tatsächlich: In meiner Futterkrippe liegt der Kleine.
 
Familie-1
 
Daniel: Du meinst Jesus.
Jonas: Genau. Dann ist da noch ­dieser Zimmermann mit seiner Frau. Und um die Krippe scharen sich ein ­jüdischer Hirte, drei weit gereiste Sterndeuter und ein römischer Soldat. Die würden sonst nie ­miteinander reden. Und da habe ich gewusst, dass dieser Jesus wirklich was ganz Besonderes ist.
 
Daniel: Der Messias, Jonas. Ich hab dir doch von den Engeln erzählt.
Jonas: Ja, das könnte wohl der Messias sein. Tja, das war meine Geschichte.
Daniel: Nicht ganz. Dass es wirklich der Messias ist, merkt man auch an dir.
Jonas: Was? Wie meinst du das?
Daniel: Na, du wolltest mich doch feuern, weil ich nicht bei der Herde geblieben bin. Aber gemacht hast du´s nicht. Und wenn einer wie du plötzlich ein weiches Herz bekommt, kann das nur das Werk des Messias sein.
Jonas: Na warte…
 

Weniger ist mehr

15. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Überfluss: Die Volkskrankheit »Zuvielitis« macht auch vorm Kinderzimmer nicht Halt

Auch für die Weihnachtsgeschenke gilt: Es müssen nicht viele sein. Ein einziges Präsent kann Freude genug auslösen. Foto: picture-alliance/dpa

Auch für die Weihnachtsgeschenke gilt: Es müssen nicht viele sein. Ein einziges Präsent kann Freude genug auslösen. Foto: picture-alliance/dpa


Das Angebot an Spielsachen ist unüberschaubar groß und verlockend zugleich. Doch ein Zuviel an Geschenken und Eindrücken überfordert die Kinder.

Voriges Jahr durfte oder besser gesagt musste Jannik (6) jeden Tag vier Adventskalender öffnen: Den mit Schokolade von der netten Nachbarin, den mit den roten Säckchen von der Patentante, in dem Süßes oder ein Zettel mit der Ankündigung einer gemeinsamen Aktivität steckte, zwei von den Großeltern – ­einen mit einem Legospielzeug für ­jeden Tag und einen mit Mini-Bilderbuch. »Richtig freuen konnte sich Jannik gar nicht mehr – er hat nur noch abgeräumt«, erinnert sich seine Mutter Steffi Klein (Name geändert).

Diese Erfahrung mit der Überfülle weckt in ihr die Sehnsucht nach dem guten ­alten Adventskalender, der jeden Tag mit einem schlichten bunten Bild ­erfreute. »Weniger ist mehr«, hat sie deshalb beschlossen und Freunden und Großeltern mitgeteilt: »In diesem Jahr kriegt Jannik nur von uns einen Kalender.«

Mit ihrer Entscheidung liegt Steffi Klein auf der Linie dessen, was die neuere Hirnforschung belegt: »Zu viele Eindrücke legen das Lustzentrum des Gehirns lahm, sodass wir uns weder richtig begeistern noch freuen können«, erklärt Archibald Hart in seinem Buch »Wer zu viel hat kommt zu kurz«.

Immer neue Angebote zur Unterhaltung, Freizeitevents und Medien versprechen Glück, Zufriedenheit, Bildung und Erfolg. Und so führt für viele der Weg zum vermeintlichen Glück über das Kaufen und Konsumieren.

»Und so führt für viele der Weg zum vermeintlichen Glück über das Kaufen und Konsumieren«

 
Diese Haltung macht auch vor den Kinderzimmertüren nicht halt: Kuscheltiere en masse, Puzzles, Kons­truktionsspielzeug von Holzeisenbahn über Bauklötze und Legosteine, eine Flut pädagogisch wertvoller Lernspiele, von Büchern, Hörbüchern und Computerspielen lassen die Spielzeugregale überquellen. Mit dem Ergebnis, dass Kinder angesichts der Fülle kaum noch wissen, womit sie spielen sollen.

Erzieherin Reinhild Pelger setzt sich für ein reduziertes Angebot und die bewusste Auswahl von Spielzeug ein – und dafür, dass ­Eltern es aushalten, wenn ihre Kinder auch mal über Langeweile jammern. »Man muss Kinder auch mal in Ruhe lassen. Sie brauchen nicht unentwegt Vorschläge. Sie suchen und finden Spiel-Räume – man muss ihnen aber auch Zeit dafür lassen«, ist Pelgers Erfahrung.

Kinder brauchen nicht immer neues Spielzeug. Sie müssen nicht unentwegt unterhalten und beschäftigt werden. Kinder brauchen so etwas wie die »Expedition zu den Gegenständen des täglichen Lebens«, fordert Donata Elschenbroich. Sie gilt als Expertin für Bildung in den frühen Jahren und hat sich auf dem Gebiet der international vergleichenden Kindheitsforschung einen Namen gemacht. Sie ermutigt Eltern, Kinder nicht ausschließlich in die Sonderwelt von gekauftem Spielzeug zu entlassen, sondern sie in den ganz normalen Alltag einzubeziehen.

Kinder brauchen und lieben es, mitmachen und helfen zu dürfen. Beim Einkaufen und Aufräumen, beim Wäscheaufhängen und Autoputzen, beim Kochen und Backen, beim Laubfegen und Tischdecken. Und sie brauchen es, dass Eltern ­gemeinsam mit ihnen ganz banale Alltagsgegenstände entdecken. Denn, so führt Donata Elschenbroich aus: »In den Dingen steckt das Wissen der Welt und die Alltagsgegenstände sind spannender als viele Spielzeuge.«

Was zum Beispiel kann man mit einer Wäscheklammer alles machen? Und wie ist zu erklären, dass dieses Wunderding immer wieder in die Ausgangslage ­zurückkehrt? Wie funktioniert eine Stimmgabel? Und was lässt sich mit ihr entdecken? Donata Elschenbroich erinnert an die »Wunderkammer« des frommen Reformpädagogen August Hermann Francke, der für seine ­Zöglinge eine solche Wunderkammer mit alltäglichen und geheimnisvollen Exponaten anlegte, um »über die Welt staunen zu lernen und Gottes Taten
zu feiern«.

»So gewinnen womöglich die einfachen Freuden und die Rituale vergangener Tage wieder neue Bedeutung«

 
Die meisten Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Angesichts von verheerenden Pisa Studien boomt das Angebot von Frühförderungskursen: Englisch für Kleinkinder ab drei Monate, Frühschwimmen, musikalische Förderung und und und. »Verplante Kindheit«, nennen Wissenschaftler die nicht selten entstehende Terminhetze, denen Kinder vermehrt ausgesetzt sind. Hinzu kommt schon früher Medienkonsum: Kassetten und Hörbücher, Fernsehen, Playstation und Computer vertreiben zwar vordergründig die Langeweile oder vermitteln womöglich sogar Wissen.

Sie sorgen zugleich aber für Mangel an Bewegung und für eine Flut von kaum zu verarbeitenden Eindrücken. Handeln und Gestalten sind nicht ­gefragt. Das Fernsehkind wird leicht zum Konsumkind. Weil es beim Fernsehen nicht die Möglichkeit habe, selbst etwas einzubringen, fehle ihm das Gefühl, anderen etwas geben zu können. »Es bleibt ohne emotionale Bindung«, urteilt der renommierte Hirnforscher Prof. Gerald Hüther.

Nachhaltig präge sich nur das ein, was wiederkehrt und was eigene ­Aktivität erfordert, betont er. Neuronale Verknüpfungen und Bahnen entstehen durch Wiederholung und Rituale. Und so gewinnen womöglich die einfachen Freuden und die Rituale vergangener Tage wieder neue Bedeutung: die Reime und Kinderlieder, die Dämmerviertelstunde bei Kerzenlicht, das Gutenachtgebet, der Kakao nach dem Baden am Freitagabend, das Verkleide- und Verwandlungsspiel, der Spaziergang im Wald, und die Kunst, aus einem Stock eine Wünschelrute, einen Zauberstab oder eine Bohrmaschine zu machen. Weniger ist mehr – Eltern und Kinder können es gemeinsam entdecken.

Karin Vorländer

Lesetipps

Elschenbroich, Donata: Die Dinge. Expeditionen zu den Gegenständen des täglichen Lebens, Kunstmann Verlag, 206 S., ISBN 978-3-88897-681-0, 18,90 Euro
Hüther, Gerald/ Nitsch, Cornelia: Wie aus Kindern glückliche Erwachsene werden, Gräfe und Unzer, 224 S., ISBN 978-3-8338-0747-3, 19,99 Euro

»Ich bin hier wohl das ›schwarze Schaf‹«

11. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Sprichwort vom »schwarzen Schaf« geht auf die Wertmaßstäbe der Schafzucht zurück, wonach die Wolle weißer Schafe als wertvoller anzusehen ist, da sie sich einfacher färben lässt. Foto: ddp images/dapd.

Das Sprichwort vom »schwarzen Schaf« geht auf die Wertmaßstäbe der Schafzucht zurück, wonach die Wolle weißer Schafe als wertvoller anzusehen ist, da sie sich einfacher färben lässt. Foto: ddp images/dapd.


 

Zusammenleben: Vom Umgang mit Außenseitern, Sündenböcken und Rebellen in der Familie

 
Kein Kind kommt als »schwarzes Schaf« auf die Welt, dennoch gibt es sie, die Problemkinder, die ­ständig anecken. Eltern ­können ­etwas tun, damit ihr Kind nicht ins Abseits gerät.

Mit Fleiß und Disziplin haben Helenes Eltern es geschafft, sich eine Existenz aufzubauen. Sie kommen, wie sie immer betonen, aus »kleinen Verhältnissen«. Als ihr ältester Sohn vor drei Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam, war das ein schwerer Verlust. »Er war so ein wunderbarer Junge«, heißt es seither. Dass ihr zweiter Sohn mit ­Bravour das Abitur geschafft hat und Aussichten auf ein Stipendium hat, ist ihr ganzer Stolz. Für Helene (16) dagegen schämen sie sich: Sie raucht, sie kleidet und schminkt sich auffällig, kommt erst mitten in der Nacht nach Hause, und es ist fraglich, ob sie einen Schulabschluss schafft.

Seit der Scheidung vor drei Jahren erzieht Annette ihre drei Kinder allein. Mit den beiden Töchtern gibt es keine Probleme. Aber ihr Ältester, der 16-jährige Patrick, der seinem Vater so ähnlich sieht, provoziert sie durch Unzuverlässigkeit und Leichtsinn. Er umgibt sich mit falschen Freunden, war schon mehrmals betrunken, und sie hat den Verdacht, dass er ihr Geld gestohlen hat. »Ich kann dir ja sowieso nichts recht machen«, blockt Patrick alle Vorhaltungen ab. Anders als seine Schwestern verbringt er jedes zweite Wochenende gerne bei seinem Vater. Und das, obwohl Annette seit Monaten auf den Unterhalt für die Kinder warten muss.

Teufelskreis
Ständig eckt der achtjährige Tim an. Wo immer er auftaucht, stiftet er durch impulsives Verhalten und Ungeschick Chaos. Auf Ermahnungen reagiert er bockig und störrisch. Tims Eltern fragen sich inzwischen: »Was haben wir falsch gemacht bei seiner Erziehung?« Neulich hat Tim wütend und traurig ausgedrückt wie er sich fühlt: »Ich bin wohl hier das ›schwarze Schaf‹?«

Kein Kind kommt als »schwarzes Schaf« zur Welt. Temperament, Kons­titution, Geschwisterkonstellation und die Paarbeziehung der Eltern spielen eine wichtige Rolle, wenn ein Kind in einer Familie als schwierig gilt und als Ursache für Konflikte und ­Probleme ausgemacht wird.

Das »schwarze Schaf« seinerseits fühlt sich ungerecht behandelt und ungeliebt. Ist die Rolle erst mal festgeschrieben, wird das betroffene Kind sich so ­verhalten, wie es charakterisiert wird. Schuldzuweisungen, Festlegungen und Konflikte haben verschüttet, was an Konstruktivem und Positivem in ­jedem Kind wohnt.

Familiensystem
Gar nicht selten ist es so, dass sich im »schwarzen Schaf« der Familie die Probleme des Elternpaares oder der Lebensgeschichte eines Elternteils wie in einem Brennglas fokussieren. »Die Erkenntnis, dass ein ›schwarzes Schaf‹ ein Symptomträger sein kann, ist für Eltern oft eine harte Nuss«, erlebt Familientherapeutin Renate Lang immer wieder.

Dabei gehe es nicht um Schuldzuweisung oder Verurteilung von Eltern. Wenn ein Kind schwierig ist, spiegelt sich darin oft eine Gesamtbelastung in der Familie wieder. Das »schwarze Schaf« nimmt das wahr und will – so paradox es sich anhört – mit seinem Verhalten das System Familie in Balance bringen. »Haben Sie abgesehen von diesem Kind keine Probleme?« Diese Frage öffne oft den Zugang zu einer neuen Betrachtung der Gesamtsituation.

Im Fall von Patrick etwa dämmerte es seiner Mutter Annette, dass sie die Trauer über die gescheiterte Ehe und ihren Zorn auf ihren Ex-Mann auf ihren Sohn übertrug. Weil Patrick zudem ihrem Ex-Ehemann äußerlich sehr ähnelt, hatte sie ihn innerlich festgelegt: »Du bist genau wie dein ­Vater.«

Mit neuem Blick
Ein Blick auf die Geschwister- und Rollenkonstellation einer Familie ist oft hilfreich. So hat etwa Helene gegen zwei ältere »Überbrüder« zu kämpfen. Der verstorbene Bruder erhielt so etwas wie einen »Heiligenschein«, und der lebende Bruder ist durch seine überragenden Leistungen der stolz präsentierte Vorzeigesohn. Helene entschied sich unbewusst dafür, gar nicht erst in Wettbewerb zu den beiden zu treten und die »Rebellin« der Familie zu sein.

Den Schlüssel zu Tims Verhalten fanden seine Eltern, indem sie ihn bei einem Neurologen vorstellten. Der stellte nach ausführlichen Tests eine Reizverarbeitungsstörung, auch als MCD (Minimale Reizverarbeitungsstörung) bekannt, fest. Sie kann als die Ursache für Tims Verhalten gelten. Er braucht keine ständigen Zurechtweisungen, sondern spezielle Förderung. Und er braucht Eltern, die die Zusammenhänge zwischen dem hirnneurologischen Defizit und Tims Verhalten erkennen und ihre Reaktionen darauf einstellen.

Hilfreiche Anstöße
Machen Sie sich klar, dass eine Familie ein System ist. Wie in einem Mobile reagiert das Ganze auf die Bewegung jedes einzelnen Teils.
Jedes Familienmitglied nimmt eine bestimmte Rolle ein. Oft ist es das bequemste, alle negativen Gefühle auf eine Person zu fokussieren und sie für jeden Konflikt verantwortlich zu machen.

Prüfen Sie, inwieweit andere Familienmitglieder an Konfliktsituationen beteiligt sind. Üben Sie, einen neuen Blick auf das »schwarze Schaf« zu werfen. Es ist immer noch das Kind, das sie kurz nach seiner Geburt staunend und beglückt in den Armen hielten und das geliebt sein will. Können Sie es segnen und Gott für dieses Kind danken?

Beschreiben Sie, was genau Sie am Verhalten Ihres Kindes als anstrengend erleben. Besprechen Sie mit Ihrem Kind respektvoll und in Ruhe, wie und warum sie künftig auf solches Verhalten reagieren werden und ­bitten Sie um seine Mithilfe. Kinder können das verstehen. Die Situation lässt sich nicht ändern, indem Sie sich auf das konzentrieren, was Sie stört, beschämt oder gar Schuldgefühle in Ihnen weckt. Schreiben Sie jede noch so winzige positive Kleinigkeit auf, die Sie an Ihrem »schwarzen Schaf« entdecken. – Bringen Sie das, was liebenswert an ihrem »Problemkind« ist, auch zum Ausdruck. Und zwar möglichst in entspannten »Friedenszeiten«.

Vermeiden Sie es, Ihr Kind auf ­Charakterzüge oder Eigenschaften festzulegen oder zu sagen: »Du bist genau wie …« Vermeiden Sie es, die Rivalität unter Geschwistern anzuheizen, indem Sie sie voreinander vergleichen oder einander als Vorbild hinstellen. Trennen Sie eigene Probleme von denen, die Sie mit dem Kind haben. Gestehen Sie sich ein, wo es in Ihrer Familie, in der Paarbeziehung, im Beruf Probleme gibt und holen Sie sich fachliche Hilfe. Lassen Sie überprüfen, ob das Verhalten des Kindes körperliche Ursachen haben könnte. Verabschieden Sie sich von der Vorstellung, perfekte Eltern in einer stets harmonischen Familie sein zu müssen.

Karin Vorländer

BUCHHINWEISE
Shaw, Elizabeth: Das kleine schwarze Schaf, Kinderbuchverlag Berlin, 56 S., ISBN 978-3-358-03039-4, 9,95 Euro
Zum Vorlesen ab 5 Jahre
Juul, Jesper: Elterncoaching. Gelassen erziehen, Verlag Beltz, 272 S., ISBN 978-3-407-85920-4, 17,95 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643)246161

Cyber-Mobbing ist sichtbar und unwiderruflich

28. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Jeder dritte Schüler in Deutschland wurde schon einmal Opfer von Mobbing im Internet. Foto: Matthias Vorländer.

Jeder dritte Schüler in Deutschland wurde schon einmal Opfer von Mobbing im Internet. Foto: Matthias Vorländer.

 
Internet: Das weltweite Datennetz wird zum Tatort – Warum Jugendliche mobben und was man dagegen tun kann.

 
Chatrooms, Foren, soziale Netzwerke und auch Videoplattformen werden gezielt genutzt, um andere zu beleidigen, lächerlich zu machen oder sogar massiv zu bedrohen und zu erpressen. ­Cyber-Mobbing oder Cyber-Bulling heißt die Form des virtuellen Fertigmachens.

Jan ist fassungslos. In seiner Klasse wird über Handy ein Foto verschickt, das ihn in einer peinlichen Situation zeigt. Nur wer genau hinsieht, entdeckt, dass das Foto ein »fake« ist. Jemand hat Jans Kopf auf ein Porno-Bild montiert. Wenn Jan über den Schulhof geht, gellen ihm das Kichern und die anzüglichen ­Bemerkungen von Mitschülern in den Ohren. Am liebsten würde er die Schule wechseln.

Mitschülerin Mareike ist ebenfalls fassungslos. Von ihrem E-Mail-Konto ist das Foto nämlich verschickt worden. Offenbar hat jemand sich Zugang zu ihrem Konto verschafft, sodass sie als Urheberin gelten muss.

Eine aktuelle Studie der Uni Münster zeigt: Sexuelle Gerüchte und ­Demütigungen, manipulierte Fotos und üble Beleidigungen gehören zum Alltag einer wachsenden Zahl von ­Jugendlichen. Jeder dritte Schüler in Deutschland, so die Studie, wurde schon einmal Opfer von Mobbing im Internet. In 80 Prozent der Fälle kennen sich Täter und Opfer aus der Schule.

Dass Mitschüler belästigt, bloßgestellt, systematisch an den Rand gedrängt, verleumdet und gedemütigt werden, ist kein neues Phänomen. Mobbing hat es auch in Vor-Internet-Zeiten gegeben. Psychologin Catarina Katzer, die die ersten Studien im deutschsprachigen Raum zum Thema Cyber-Mobbing veröffentlicht hat, beschreibt das gefährlich Neue von Mobbing im Internet so: »Cyber-Mobbing ist für Hunderttausende sichtbar. Cyber-Mobbing ist endlos. Was einmal an Gemeinheiten oder peinlichen Bildern und Videos im Netz steht, bleibt drin – ein Leben lang.« Selbst wenn die Täter ermittelt werden können, bleiben die Bilder und Filme im Umlauf und lassen sich nicht zurückholen.

Die Folgen für die Opfer sind oft schwerwiegend. Sie reichen von Scham und hilfloser Wut über Isolation und Lernschwierigkeiten, bis hin zu Stress und psychischen Problemen. Sogar Fälle von Suizid sind mittlerweile bekannt.

Ähnlich wie beim »normalen Mobbing« sind häufig solche Jugendlichen Opfer und Zielscheibe, die kein hohes Selbstbewusstsein haben und ohnehin am Rande stehen. Auffällig sei auch, so Catarina Katzer, dass viele Opfer keine gute Beziehung zu ihren Eltern haben. Wenn Eltern ihre Kinder von klein auf befähigen, selbstbewusst für die Wahrung ihrer Grenzen einzutreten, könnte das der beste Schutz vor Mobbing sein.

Gar nicht selten ist, dass Opfer selbst zu Tätern werden. Die Anonymität des Internets macht es leicht, sich zu rächen. Fachleute beobachten, dass auch Opfer von herkömmlichem Mobbing im Netz zum Täter werden. Im Internet sehen sie die Möglichkeit, selbst einmal das Gefühl von Überlegenheit zu entwickeln und unerkannt zu bleiben.

Die Motive der Täter sind ähnlich wie beim normalen Mobbing: Sie wollen sich überlegen fühlen, hoffen auf den Beifall ihrer Gruppe oder wollen sich für eine Niederlage rächen. Dabei haben sie oft keinerlei Unrechtsbewusstsein. »Sie wissen nicht, dass Beleidigung und Drohungen und das Verschicken pornografischer oder gewalthaltiger Inhalte an Jugendliche kriminelle Handlungen sind«, so Kriminalhauptkommissar Walter Steinbrech vom Ressorts Gewaltprävention. Hinzu kommt, dass die Täter im Gegensatz zur realen Auseinandersetzung nicht befürchten müssen, zur Rechenschaft gezogen zu werden. Denn die Anonymität, mit der manche Homepages sogar werben, senkt die Hemmschwelle.

Catarina Katzer erlebt bei Tätern immer wieder einen eklatanten Mangel an Empathie. Diesen Mangel an Einfühlungsvermögen und Mitgefühl erklärt die Expertin für Cyber-Psychologie so: »Die Täter stehen ihren ­Opfern nicht von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Sie sehen nicht deren Schmerz. Sie werten die eigene Tat womöglich ab und sagen: ›Das ist ja gar nicht so schlimm.‹« Catarina ­Katzer beobachtet zudem eine Art Trophäenjagd, bei der es darauf ankommt, das brutalste Video zu präsentieren.

Die Fachfrau für Medienethik plädiert deshalb für die Vermittlung von Werten und sozialer Kompetenz im Umgang mit den neuen Medien. Sie erlebt, dass allzu viele Eltern sich an diesem Punkt verweigern oder meinen, es genüge, wenn Kinder und ­Jugendliche versiert im Umgang mit den neuen Medien sind. »Wir müssen feststellen, dass die Eltern oft nicht die Zeit und die Fähigkeit haben. Manche wollen sich mit dem Thema auch nicht befassen«, bedauert sie. Aus ­ihrer Sicht kommt deshalb auf die Schulen und kirchliche Jugendarbeit eine neue große Verantwortung zu.

Wenn Eltern mitbekommen, dass ihr Kind Zielscheibe von Cyber-Mobbing-Attacken ist, dann sollten sie nicht mit Überbehütung und pauschalen Computer- und Internetverboten reagieren. Wichtig ist, dass sie ihren Kindern vermitteln: »Wir glauben dir, du darfst auch weiterhin ins Internet, aber du sagst uns, wenn ­etwas passiert, was nicht in Ordnung ist.« Catarina Katzer rät dazu, virtuelles Mobbing zur Anzeige zu bringen. Weil Täter und Opfer sich meist aus der Schule kennen, sollte auch die Schule eingeschaltet werden.

»Wenn die Schule die Polizei zu Rate zieht, hat das oft die Wirkung, dass die Täter aus ihrer bis dahin bei manchen Mitschülern anerkannten Rolle herauskommen«, so Katzers Erfahrung. Darüber hinaus sollten Beleidigungen umgehend an die Betreiber von Chat­rooms, Foren und Netzwerken gemeldet werden, damit sie dort nicht länger zu lesen sind.

Karin Vorländer

Das Recht der Großeltern auf ihre Enkelkinder

11. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Scheidung: Ein Kind braucht nach der Trennung seiner Eltern die Verwandten beider Seiten.
 

Wenn Eltern sich trennen, leiden vor allem die Kinder. Doch was ist mit den Großeltern? Viele trauen sich gar nicht, über dieses Thema zu sprechen. Dabei wollen sie vor allem eines: den Kontakt zu den Enkeln nicht verlieren.
 

»Ich verlasse meine Frau. Ich liebe eine andere.« Eine Nachricht, die Hans und Katharina Kramer (Namen geändert) schockierte und traurig machte. Katharina Kramer erinnert sich: »Ich mag meine Ex-Schwiegertochter sehr. Ich dachte immer, wenn eins meiner Kinder eine stabile Ehe führt, dann dieser Sohn mit dieser Frau. Man hätte so schrecklich gern alles in Ordnung!«

Glückliche Großeltern: Sie genießen das Zusammensein mit ihrem Enkelkind. (Foto: picture-alliance/dpa)

Glückliche Großeltern: Sie genießen das Zusammensein mit ihrem Enkelkind. (Foto: picture-alliance/dpa)


Die Kramers sind in ihrer Gemeinde auf dem Lande engagiert, hatten ihren Kindern christliche Werte vermittelt und sind nicht zuletzt durch die eigene stabile Ehe Vorbild.

»Für christliche Ehepaare ist es besonders schwierig, damit umzugehen und es nach außen hin zu vertreten, wenn eins ihrer Kinder sich scheiden lässt«, hat auch Isabell Rössler, Referentin für Offene Altenarbeit beim Diakonischen Werk Württemberg, beobachtet.

Großeltern können durchaus dazu beitragen, dass junge Familien stabil bleiben, indem sie nicht über Schwiegertochter oder Schwiegersohn herziehen, sich in Alltagsfragen und ­Erziehung nicht einmischen und in ­Krisenzeiten da sind. Zuhören, vermitteln oder durch Babysitterdienste das Paar entlasten.

Manchmal genügt all das nicht.

Gründe, warum einst verliebte Paare es nicht mehr miteinander aushalten, gibt es viele: »Er hat ein Alkoholproblem.« – »Wir waren zu jung, um zu sehen, dass wir nicht zusammenpassen – jetzt haben wir uns auseinanderentwickelt.« – »Als Kinder kamen, war ich plötzlich für meine Frau ­unsichtbar.« Dass niemand mehr per Gesetz oder von der Kirche dazu ­gezwungen wird, bei einem Partner zu verharren, der ihn unglücklich macht oder sogar missbraucht, ist durchaus etwas Positives.

Statistisch gesehen, scheitern in Deutschland zurzeit ca. 38 Prozent aller Ehen. Etwa 150.000 Kinder pro Jahr sind davon betroffen. Sie sind es, die besonders viel Liebe und Rückenstärkung brauchen.

Scheidungskinder, wissen Psychologen, beziehen den Unfrieden zwischen den Eltern automatisch auf sich. Sie sind damit überfordert, wenn ein Elternteil sie als Stütze, Partnerersatz oder Verbündeten gegen den Expartner einsetzt.

Als Folge können Probleme in der Schule oder später Bindungsunfähigkeit auftreten. Mitunter reagieren sie mit einem geschwächten Immunsystem.

»Die Erde braucht einen Nord- und einen Südpol, ein Kind braucht Mutter und Vater und Verwandte beider Seiten, um sich gut zu entwickeln«, so Rita Boegershausen. Die vierfache Oma ist Spezialistin für komplizierte Großeltern-Enkel-Beziehungen.

Gemeinsam mit einigen anderen hat sie die Bundesinitiative Großeltern von Trennung und Scheidung betroffener Kinder (BIGE), gegründet.

Vor 14 Jahren gingen ihr Sohn und dessen Freundin auseinander, die Kinder blieben bei der Mutter. Den Kontakt zu ihnen zu erhalten, war schwierig.

Beim Jugendamt sagte man den Großeltern: »Sie sind ja ein Einzelfall.« Kurze Zeit später fuhren Boegerhausens zu einer Demo von Vätern, die für das Umgangsrecht kämpften. Dieses beschreibt den Anspruch auf Umgang eines minderjährigen Kindes mit seinen Eltern, gegebenenfalls auch das Recht Dritter mit dem Kind.

Bei diesem Treffen kam das Ehepaar mit anderen Großeltern ins Gespräch, die sich ebenfalls um den Kontakt zu ihren Enkelkindern bemühten. Sie beschlossen, gemeinsam etwas zu tun. Trauer und Wut ­gemeinsam verarbeiten, über Sorgen sprechen und wissenschaftliche Erkenntnisse über die Entwicklung von Kindern in Krisen sammeln.

Ein Anliegen der BIGE ist es, für stabile Ehen und faire Trennungen einzutreten. Eine Eltern- und eine Großelternschule wünscht sich Rita Boegershausen. Sie gibt zu bedenken, dass ein Kind die ganze Familie brauche.

Die Erfahrung hat sie gelehrt: »Nach einer Trennung oder Scheidung tut es Kindern und Jugendlichen sehr gut, wenn sie sich bei Oma und Opa einfach nur erholen können.«

Als sich ihr Sohn von seiner Frau trennte, hielten Kramers ihr Haus für die Schwiegertochter offen und pflegten den Kontakt zu ihrem Enkel, der damals Teenager war. »Er wollte nicht reden«, erinnert sich Katharina Kramer. Beruhigt war sie, als er einmal ­erzählte, dass er mit seinem Freund, dessen Eltern ebenfalls geschieden waren, über das Thema sprechen könnte.

In Kramers Familie gab es eine Art Happy End. Ihr Enkel entwickelte sich zu einem herzlichen jungen Mann, zu dem sie regen Kontakt haben. Darüber freuen sich die Kramers. Ihr Sohn lebt mit seiner zweiten Frau in einer stabilen Beziehung.

Es kann auch ganz anders sein. »Wenn das Kind benutzt wird, um Macht über den Expartner zu behalten, ist das ganz schrecklich«, sagt Rita Boegershausen.

Schwierig sei auch, wenn Großeltern ihr Enkelkind bei jedem Treffen gegen seine Eltern aufhetzen mit Aussagen wie: »Jetzt komm zu deiner richtigen Oma! Deine Mama oder dein Papa ist doch blöd!« Wer solche Gedanken hegt, sollte sie auf keinen Fall vor dem Kind äußern.

Großelterntreffen oder Selbsthilfegruppen seien Möglichkeiten, um schlechten Gefühlen Raum zu geben.

»Wir hatten unser Netzwerk, das hat uns getragen«, erinnern sich die Kramers. Außerdem gibt es mehr und mehr kompetente kirchliche Ehe- und Familienberatungsstellen, die sich den Anliegen von Großeltern, deren Kinder sich scheiden lassen, öffnen.

Was tun, wenn die Schwiegertochter oder der Schwiegersohn –, immer häufiger kommt das vor –, das alleinige Sorgerecht bekommt und keinen Kontakt zwischen Großeltern und Enkelkind zulässt?

Rita Boegershausen rät Großeltern, alle friedlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, bevor der Klageweg beschritten wird. »Eine Klage ist zwar möglich, aber belastend für die Enkelkinder.«

Die BIGE setzt auf Geduld. »Schreiben Sie Briefe, schalten Sie zum Geburtstag eine Annonce in der Zeitung, führen Sie ein Tagebuch für Ihren Enkel oder zahlen Sie auf ein Sparbuch immer wieder einen kleinen Betrag ein.« Irgendwann ist das Enkelkind ­erwachsen genug, um sich ein eigenes Bild zu machen und zu erkennen: »All die Jahre haben Opa und Oma mich geliebt.« Es ist nie zu spät, eine gute Beziehung aufzubauen.

Petra Plaum

Die Drei in der Schule ist eine gute Zensur

22. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Spannend, der erste Tag in der Schule. (Foto: picture-alliance/dpa)

Spannend, der erste Tag in der Schule. (Foto: picture-alliance/dpa)


Schulanfang: Eltern sollten nicht zu hohe Erwartungen an die schulischen Leistungen ihrer Kinder stellen.


Die Note Drei honoriert eine im besten Sinne des Wortes befriedigende Leistung. Trotzdem hat die Zensur in den Augen vieler Eltern einen schweren Stand.

Wenn zum Schulanfang die Erstklässler mit ihren Zuckertüten zum ersten Mal den Weg zur Schule gehen, sind auch die Eltern voller Spannung. Was wird aus ihren Kindern einmal werden? Mit den Zensuren werden die Weichen dafür gestellt, welche beruflichen Chancen die Kinder später einmal ­haben werden. Eltern wünschen das Beste für ihr Kind und das ist in den Augen vieler Mütter und Väter das Gymnasium.

Also hoffen sie auf gute Zensuren, Einsen und Zweien.

»Das ist traurig«, sagt Heide Wendrich, Lehrerin an der 101. Mittelschule »Johannes Gutenberg« in Dresden, denn sie erlebt tagtäglich, dass der falsche Ehrgeiz der Eltern die Kinder überfordert.

Aber sie weiß auch aus eigener Erfahrung als Mutter, dass es für Eltern schwer zu akzeptieren ist, wenn die Kinder in der Schule nicht die erwarteten Leistungen bringen.

Alexander, ihr erster Sohn, hatte die ­erwünschten Einsen, Thomas, der zweite Sohn, Dreien.

»Wieso der das nicht schnallt«, sei für sie und ihren Mann Rolf schwer zu begreifen gewesen. »Thomas war in Rechtschreibung schlecht. Wir konnten nicht verlangen, dass er schreibt, was wir diktieren. Also haben wir das Abschreiben geübt. Erst wenn er eine Zeile aus dem Schulheft abgeschrieben hatte, durfte er spielen gehen«, erzählt Wendrich.

Nach ­ihrer Erfahrung ist es wichtig, dass die Kinder vom ersten Schultag an in ­kleinen Schritten an die neuen Anforderungen herangeführt werden. »Sie müssen das Lernen lernen«, betont die Lehrerin.

Eltern sollten sich jeden Tag eine halbe Stunde Zeit nehmen, nicht mehr, weil sonst das Kind die Lust verliere, und sich erzählen lassen, wie es in der Schule war. Sie rät Eltern, interessiert zuzuhören und sich zeigen zu lassen, was die ­Kinder in der Schule gemacht haben.

Eltern sollten den Kindern ­Erfolgserlebnisse organisieren.

Ein Erfolg für Kinder sei, wenn je nach Stundenplan Turnbeutel und Zeichenutensilien mit im Ranzen sind und nichts vergessen wird. Das sollten Eltern kontrollieren.

Leistungsdruck ist Wendrichs Meinung nach ungeeignet, um Kinder zum Lernen zu motivieren. »Unter Druck machen sie nichts mehr, sie ­rutschen ganz ab.« Stattdessen sollten Eltern mehr loben als tadeln. »Und sich über eine Drei freuen.«

»Wenn die Kinder höchstens Dreien schaffen, sage ich, das ist keine schlechte Note«, so Dr. Reinhold Goldmann, Schulleiter am Evangelischen Schulzentrum Mühlhausen. Seine Erfahrung ist, dass Eltern oft mehr erwarten als ihre Kinder zu ­leisten vermögen.

Zugleich beobachte er, dass die Leistungsbereitschaft der Kinder stark abgenommen habe. Das liege zum Teil an den Ablenkungen durch den Computer etc.

»Doch das Problem: Eltern unterstützen die Bequemlichkeit ihrer Kinder und wenn sie dann schlechte Noten bringen, machen sie die Schule verantwortlich. Das war früher anders. Wenn ein Kind einen Verweis bekommen hatte, bekam es Druck von seinen ­Eltern«, schildert Goldmann, der seit 30 Jahren Lehrer ist. Heute käme es immer häufiger vor, dass Eltern bei einem Verweis zweifelten, ob dieser seine Berechtigung habe.

Hendrik Felber, Lehrer am Evangelischen Kreuzgymnasium in Dresden, kennt Eltern, die das Augenmerk mehr auf die musischen Fähigkeiten ihrer Kinder legen und den anderen schulischen Leistungen keine so große Bedeutung einräumen.

»Es gibt Eltern, die sagen, mein Kind ist besonders begabt, es muss in Mathe keine Eins haben«, so Felber. Die ­Situation an der Kreuzschule sei insofern etwas anders, denn »wir lesen die Schüler aus«. Sie müssen wie an anderen Schulen auch eine Bildungsempfehlung fürs Gymnasium haben. Ihre Chancen seien größer, wenn sie bereits ein Instrument spielen. Dann dürften sie sogar einen etwas schlechteren Durchschnitt haben, weil für die Bands und Orchester immer Nachwuchs gebraucht würde, erklärt Felber.

Die Schulen haben verschiedene pädagogische Ansätze. Demzufolge kommen die Schülerinnen und Schüler mit ­unterschiedlichen Voraussetzungen ans Gymnasium.

»Manche langweilen sich, wenn ich ihnen ­Subjekt und ­Prädikat erläutere«, sagt Felber, der Deutsch und Latein unterrichtet.

Andere wüssten nicht, was sie tun sollten, wenn sie aufgefordert würden, einen längeren Text in Schreibschrift zu Papier zu bringen. »Auf dem Gymnasium ist die 5. Klasse dazu da, die Kinder auf einheitliche Anforderungen zu bringen.«

Einsen und Zweien zu bekommen, sei an manchen Schulen leichter als an anderen, bemerkt Reinhold Goldmann, wodurch mitunter Leistungen vorgetäuscht würden. Manchmal sei auch die Entscheidung, das Kind aufs ­Gymnasium zu schicken, eine falsche, so Hendrik Felber.

Das Halbjahreszeugnis der 4. Klas­se ist ausschlaggebend, in welche Schule die Kinder ab der 5. Klasse ­gehen und wird demzufolge von den Eltern mit großer Spannung erwartet.

»Ganz schlimm ist, wenn die Eltern den Wechsel aufs Gymnasium einklagen«, meint Heide Wendrich. In diesem Falle müssen die Kinder beim Schulamt eine Aufnahmeprüfung machen, schaffen sie die, dürfen sie aufs Gymnasium.

Nach Wendrichs Erfahrung wäre es viel besser, sie blieben bei entsprechenden Leistungen auf der Mittelschule, wo sie besser aufgehoben wären. »Sie sind sonst ­un­glücklich, schlafen aufgrund des psychi­schen Druckes schlecht.« Außerdem könnten sie, wenn sich die Leistungen in der 6. Klasse verbessern, immer noch aufs Gymnasium wechseln.

Der Mensch ist mehr als seine ­Leistung.

Gut und schlecht, oben und unten – das schulische Zensurensystem birgt die Gefahr in sich, dass die Kinder klassifiziert, mit ihrer Leistung identifiziert werden. »Das ist der Kardinalfehler, den Lehrer vermeiden sollten«, sagt Felber.

Hinter manchem Ehrgeiz der Eltern steht die Sorge, ihr Kind könnte später nicht seinen Platz im Leben ­finden. Dass Schulabgänger mit einer Drei auf dem Abschlusszeugnis keine Chance auf dem Ausbildungsmarkt hätten, kann Goldmann nicht bestätigen.

Im Gegenteil: Seine Erfahrung ist, dass sie alle eine Lehrstelle bekommen. »Wir haben auch Schüler mit sehr schlechten Abschlüssen, die trotzdem eine Lehrstelle gefunden ­haben, weil Mangel herrscht.«

Der Wert der Kinder ist nicht von ihren schulischen Leistungen, nicht von ihren Zensuren und auch nicht davon abhängig, welchen Beruf sie wählen. Es ist auch nicht nötig, dass alle einen Hochschulabschluss haben, denn es würden auch Arbeiter gebraucht, meint Heide Wendrich.

Deshalb wäre es gut, dass die Note Drei, die im besten Sinne des Wortes eine befriedigende Leistung honoriert, wieder zu Ehren kommt.

Sabine Kuschel

Tabus in der Familie

11. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Geheimnisse: Was zu tun ist, wenn es in der Familie etwas gibt, an das nicht gerührt werden darf.

Ein Geheimnis zu haben, muss nicht schlecht sein. Dunkle Geheimnisse jedoch, über die hartnäckig geschwiegen wird, können viel Unheil anrichten.

Von Karin Vorländer

Zum Schweigen verurteilt. Foto: picture-alliance

Zum Schweigen verurteilt. Foto: picture-alliance

Geheimnisse schützen das Private. Sie schaffen so etwas wie einen eigenen Raum, betont die Psychologin Ursula Nuber. Geheimnisse sind Vorfälle, Geschehnisse und Geschichten, die »im Heim« bleiben, die nicht für andere und für die Öffentlichkeit bestimmt sind.

Bei Geheimnissen unterscheidet Familientherapeutin Rosemarie Welter-Enderlin zwischen »Skeletten im Keller und Schätzen auf dem Dachboden«. Zu den »Schätzen« zählt sie alles, was einem Menschen allein gehören soll, was jemandem lieb und teuer ist – Tagebücher oder Liebesbriefe etwa. Aber es gibt auch die »Skelette«: dunkle, destruktive Geheimnisse, Lügen, Täuschungen und Tabus in der Familiengeschichte, an die niemand rühren darf und über die in einer Art Familienschwur hartnäckig geschwiegen wird: Die Nazivergangenheit eines Großvaters, eine Abtreibung, der Suizid einer Tante, die Alkoholsucht der Großmutter, Missbrauch, Straffälligkeit eines Familienmitglieds, eine Adoption, ein uneheliches Kind, Bereicherung mit unlauteren Mitteln, Homosexualität eines Familienmitgliedes. Im Prinzip kann jedes Thema zum Geheimnis werden, wenn es als peinlich gilt, wenn es real oder gefühlt nicht zu den Idealen passt, die die Familie nach außen hin vertritt.

Wer ein destruktives Geheimnis hütet, muss enorm viel psychische Kraft und mentale Arbeit aufbringen. Ständiges Lügen, Täuschen und Verschweigen brauchen so viel Energie, dass die emotionale Beziehung und die Kommunikation mit anderen in der Familie leiden. Die Angst vor ­Entdeckung führt häufig zu psycho­somatischen Erkrankungen oder zur Suchtgefährdung.

Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Familientherapie zeigen, dass dunkle Geheimnisse eine Partnerschaft und eine Familie erschreckend nachhaltig belasten. Sie können sogar über Generationen hinweg Unheil anrichten, wenn sie nicht aufgedeckt werden. Dabei leiden auch diejenigen, die von dem Geheimnis gar nichts wissen, oft schwer. Edelgard Meinolf* (56) und ihr Bruder Helmut* (44) litten genau wie ihre Mutter jahrelang an Depression. Helmut erlebte sich als bindungsunfähig, Edelgards Ehe scheiterte. Ihre Tochter litt an ständig neuen psychosomatischen Symptomen. Erst als Edelgard von ­einer Tante erfuhr, dass ihre Mutter als Kind vom Vater missbraucht ­worden war, fanden alle drei mit ­therapeutischer Begleitung aus dem dunklen Tal.

Oft schweigen auch die Opfer. »Wir haben unseren Kindern 15 Jahre lang nicht erzählt, dass wir Holocaust Überlebende sind – aber die haben gespürt, dass ein Schatten über uns liegt«, berichtet die KZ Überlebende Rahel Grünebaum (88). Sie hofft, dass die Generation ihrer Enkel endlich zu unbeschwerter Lebensfreude findet.

Vertuscht, gelogen, verschwiegen oder ­verdrängt wird aus Scham, aus Angst vor Strafe oder aus Furcht vor dem Verlust an Prestige, Geltung und Ansehen. Oft wird ein Geheimnis auch deshalb nicht offengelegt, weil Eltern glauben, Kinder könnten die Wahrheit nicht verkraften. Kinder, die von einem Geheimnis ihrer Eltern ausgeschlossen werden, spüren dennoch, dass etwas nicht stimmt. »Ich hatte immer das Gefühl, falsch, fremd und irgendwie verkehrt zu sein«, weiß Frauke Berkunin* (54), deren emotionale Unsicherheit sich als Kind und Jugendliche darin äußerte, dass sie ständig stolperte oder stürzte. Als ihre Eltern ihr kurz vor ­ihrer eigenen Hochzeit offenbarten, dass sie ein Adoptivkind ist, war sie ­erleichtert. Den offenen Umgang mit dem Thema Adoption halten Psychologen heute für richtig. Denn schon Kinder begreifen viel, wenn ihnen die Wahrheit einfühlsam gesagt wird.

Judith Wagner* (27) litt unter Schwindelanfällen. Als ihr Vater ihr nach dem Abitur offenbarte, dass er homosexuell ist, suchte sie psychologische Hilfe – und die Schwindelattacken verschwanden. Der Bitte ihres Vaters, das Geheimnis gegenüber den Geschwistern und der Großmutter zu bewahren, ist sie allerdings nachgekommen. »Ich habe nicht das Recht, ihn gegen seinen Willen zu outen«, sagt sie.

Das Geheimnis preiszugeben ist nicht angeraten, wenn dahinter nur die Hoffnung steckt, selbst sofort und unmittelbar Entlastung, Absolution und Verständnis zu erfahren. Ein Geheimnis, das aus Wut oder Rache eingestanden wird, hat eine schädliche Wirkung. Etwa wenn ein Kind in einer Konfliktsituation zwischen den Eltern vom vermeintlichen Vater erfährt, dass es »das Ergebnis« einer außerehelichen Beziehung der Mutter ist.

Gute Motive, ein Geheimnis zu lüften, liegen dagegen vor, wenn jemand ehrlich davon überzeugt ist, dass die Lebenskraft eines anderen dadurch gestärkt wird. Heidi Schlicht (62) erlebte es als – allerdings viel zu späte – Belebung ihres Lebens, als ihre 90-jährige Mutter ihr endlich offenbarte, dass ihr Vater ein russischer Zwangsarbeiter war. »Sie hat mir ein Bild von ihm gezeigt. Wenn ich jetzt in den Spiegel schaue, freue ich mich, dass ich seine Augen habe.«

Ein Familiengeheimnis zu lüften kann erleichtern, der Anfang eines neuen Lebens für alle Beteiligten sein. Es kann aber auch neue Probleme schaffen. Wut und Enttäuschung, Fassungslosigkeit und Kränkung oder Scham und Unverständnis müssen verkraftet werden. Womöglich gibt es sogar Trennungen oder Abschiede. Vor einem klärenden Gespräch kann man Unterstützung in Form von professioneller Beratung in Anspruch nehmen und überlegen, ob der Zeitpunkt gut gewählt ist und in welchem Rahmen und wie das Geheimnis gelüftet werden soll.
(* Name geändert)

Buchtipps
Perner, Rotraud A.: Darüber spricht man nicht. Tabus in der Familie. Das Schweigen durchbrechen, Kösel-Verlag, 256 S., ISBN 978-3-466-30841-5, 14,95 Euro
Nuber, Ursula: Lass mir mein Geheimnis! Warum es gut tut, nicht alles preiszugeben, Campus Verlag, 239 S., ISBN 978-3-593-38234-0, 19,90 Euro; Audio-CD, ISBN 978-3-593-38462-7, 14,95 Euro

Krieg und Gewalt in der Tagesschau

25. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Medien: Schon die »normalen« Nachrichten sind voller Horrorbilder – wie Eltern darauf reagieren sollten.

Screenshots und Montage: Harald Krille

Screenshots und Montage: Harald Krille


Eltern können ihren Kindern das Bild von einer heilen Welt beim besten Willen nicht erhalten. Ein radikaler Verzicht aufs Fernsehen wäre auch nicht die richtige ­Lösung.

Es scheint fast unmöglich, Kinder vor der Wirklichkeit einer Welt zu bewahren, in der es immer neue Kriege gibt, in der Menschen verhungern und Kinder, die nur zum Spielen aus dem Haus gingen, ermordet aufgefunden werden. Da braucht es gar keinen übermäßigen Fernsehkonsum, keine Action-, Horror- und Zeichentrickfilme – die ganz normalen Nachrichtensendungen bieten schon genug Gewalt- und Schreckensbilder, die Kinder beunruhigen und ängstigen können.

Viele Eltern fragen sich besorgt: Wie viel Katastrophe kann ich meinem Kind zumuten?

Dass selbst ein radikaler Medienverzicht für die ganze Familie kaum eine Lösung ist, liegt auf der Hand: Der nächste Fernseher, das nächste Radio, die nächste Zeitung findet sich mit Sicherheit bei Freunden und in der Schule.

Auch Günter Gugel, Geschäftsführer des Instituts für Friedenspädagogik in Tübingen, rät von einer solchen »Bewahrungspädagogik« ab. Er hält es nicht nur für wenig aussichtsreich, sondern auch für wenig hilfreich, Kinder rigoros abzuschirmen.

Nicht alle Bilder berühren Kinder gleich stark

Der Hamburger Medienpädagoge Norbert Neuß weist darüber hinaus darauf hin, dass längst nicht alles, was Erwachsene schreckt, Kinder im gleichen Maß beunruhigt. Oft wird das Ausmaß von Krieg, Terror und Naturkatastrophen vielen Kindern erst durch die Reaktion ihrer Eltern deutlich.

Jüngere Kinder werden von abstrakten Fernsehnachrichten wenig berührt – betroffen sind sie vor allem dann, wenn Bilder von verletzten, weinenden Menschen in Nahaufnahmen und womöglich mit emotionsgeladener Musik unterlegt gezeigt werden. Kinder können dann kaum Distanz aufbauen und sie neigen dazu, sich mit den Opfern zu identifizieren, und ängstigen sich, ob der Krieg jetzt auch zu ihnen kommt, ob ein Flugzeug auch in ihr Haus rasen kann oder Ähnliches.

Grundsätzlich gilt: Der Fernseher, der – wie in vielen Familien üblich – einfach nebenher läuft, ist sicher nicht hilfreich.

Auch sehr kleine Kinder bekommen »nebenbei« viel mehr mit, als Erwachsene wahrhaben wollen.

Schon einjährige Babys begreifen, welche Gefühle im Fernsehen vermittelt werden, und lassen sich in ihrem Handeln beeinflussen, fand die ­amerikanische Psychologin Donna Mumme heraus. Oft setzen sich Bilder, die Erwachsene als nebensächlich »ausblenden«, bei Kindern fest und bekommen vor allem dann ein eigenes Gewicht, wenn es keine Gelegenheit gibt, darüber zu reden.

Deshalb sollte grundsätzlich die Regel gelten, dass zumindest Vorschulkinder bei der Berichterstattung über Terror, Krieg und Gewalt nie ohne Anwesenheit Erwachsener fernsehen sollten.

Allein die Tatsache, nicht allein zu sein, vermittelt ihnen das so wichtige Sicherheitsgefühl. Auch dort, wo der Fernseher bewusst an- und ausgeschaltet wird, brauchen Kinder die Gelegenheit, Körperkontakt aufzunehmen, Fragen zu stellen, Befürchtungen zu äußern, Ängste im Spiel auszuagieren.

Und sie brauchen das Gefühl, dass der eigene Alltag trotz allem Mitgefühl und aller Angst »normal« bleiben darf und von verlässlichen Beziehungen getragen ist: »Toben, spielen, spazieren gehen und kuscheln sind gute Möglichkeiten, Normalität und Gewohntes in den Alltag zurückzuholen«, rät Wolfgang Zenz vom Kinderschutzzentrum Köln.

Auf keinen Fall sollten Eltern die Ereignisse, die ihre Kinder durch die Medien als Furcht erregende Realität erleben, leugnen oder verniedlichen. Dazu gehört auch, dass Eltern die eigene Angst, Sorge oder Traurigkeit zugeben. »Ja, das ist wirklich schlimm, was dort passiert ist. Die Menschen dort tun mir sehr Leid. Können wir vielleicht etwas tun, um ihnen zu ­helfen?« Wichtig ist dabei, mit den Kindern altersgemäß über das Geschehene zu reden, ohne sie mit zu vielen Informationen und Zusammenhängen zu überfordern.

Miteinander reden ist der Schlüssel zur Verarbeitung

Gerade bei der Verarbeitung schlimmer Nachrichten und belastender Bilder kann auch einem gemeinsamen Gebet am Abend eines Tages eine wichtige Rolle zukommen. Hier können Eltern und Kinder gemeinsam aussprechen, was sie bedrückt – oder Eltern sprechen stellvertretend für ihre Kinder aus, was sie bewegt.

Dabei muss keineswegs die Bitte um den ­eigenen Schutz und die eigene Bewahrung ganz oben anstehen. Schon Kinder haben einen eigenen Zugang zu einer Form des Gebetes, in der vor Gott die Fragen und die Klage darüber ausgesprochen ist, dass Menschen ­leiden und sich nach einem Leben ohne Krieg, Katastrophen und Gewalt sehnen.

Auch der Dank dafür, dass es Menschen gibt, die sich für Frieden, Versöhnung und Hilfe einsetzen, und der Dank für ein Leben, das bisher vor dem Schlimmsten bewahrt geblieben ist, hat hier Raum.

Karin Vorländer

Kinder unter Leistungsdruck

7. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Kinderpsychologie: Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann kämpfte gegen den »Förderwahn« in der Erziehung.


Bergmann, Wolfgang: Lasst eure Kinder in Ruhe! Gegen den Förderwahn in der ­Erziehung, Kösel Verlag, 142 S., ISBN 978-3-466-30908-5 14,99 Euro

Bergmann, Wolfgang: Lasst eure Kinder in Ruhe! Gegen den Förderwahn in der ­Erziehung, Kösel Verlag, 142 S., ISBN 978-3-466-30908-5 14,99 Euro

Vor Kurzem erschien Wolfgang Bergmanns Buch »Lasst eure Kinder in Ruhe!«. Es ist die letzte Publikation des renommierten Pädagogen und Autors. Er starb am 19. Mai im Alter von 62 Jahren an einer Krebserkrankung.

Schau mal, der Daniel schreibt schon so schön das Z und du bist erst beim E«, spornt die verunsicherte Mama mit sanftem Tadel ihren Kevin an, »dabei ist der Daniel drei Monate jünger als du!«

Wenn sich Kevin trotzdem weigern sollte, Daniels Lernvorsprung wettzumachen, kein Problem: Es gibt ja so fantastische Einrichtungen der »Exzellenz­pädagogik« (so heißt die tatsächlich) wie »Kids auf der Überholspur« oder »Little Giants«, wo dreijährige Dreikäsehochs schon Englisch sprechen lernen. Wenn diese privaten Rettungsstationen nur nicht so lange Wartelisten hätten!

Den aus Funk und Fernsehen bekannten Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann, Leiter des Hannoveraner Instituts für Kinderpsychologie und Lerntherapie, packte das kalte Grausen: Immer mehr von diffusen Zukunftsängsten und »unbewusst narzisstischen Motiven« getriebene Eltern fahren ihre Kleinen hektisch von der Nachhilfe in die Ballettstunde und danach zum »therapeutischen Reiten« – und merken gar nicht, dass sie ihnen damit die Kindheit rauben. An die Stelle seelischer Entfaltung und lustvoller Weltentdeckung trete ein Angst machender Konkurrenzdruck.

Bergmann: »Bevor sie sich als soziale Wesen richtig erprobt und kennengelernt haben, lernen schon die Kleinsten zu rivalisieren.«

In seiner Streitschrift wider den pädagogischen »Förderwahn« kritisiert der Hanno­veraner ein verengtes Verständnis von Bildung, das nur die Ansammlung von Faktenwissen und die Aneignung von Regeln im Blick habe. Lernen bedeute aber ein sinnliches, neugieriges Vertrautwerden mit der Welt, Lernen habe mit Gefühlen und menschlichen Beziehungen zu tun.

Statt die scheinbar unvernünftige, unfertige kindliche Kreativität mit den üblichen Förderprogrammen in ein Korsett von Anforderungen einzuzwängen, gehe es darum, »den wachen kindlichen Geist zu beflügeln, ihm kleine Glanzlichter aufzustecken, an denen die Kinder Freude haben, sodass sie mit ihrem tagtäglich neuen Erfahrungssammeln am liebsten die ganze Welt umarmen und begreifen würden«.

Stattdessen werde diese spielerische, gefühlsbetonte Weltwahrnehmung von technokratischen »Pädagogik-Ingenieuren« mit ihren genormten Methoden und Leistungszwängen gestört und behindert. Je mehr die Kleinen umsorgt und »gefördert« würden, desto unselbstständiger, mutloser, antriebsärmer werden sie laut Bergmann: »Es gibt kaum noch Geheimnisse der Kindheit.

Die unsicheren Kinder trauen sich kaum noch bei Regen auf die Straße, sie könnten sich ja einen Schnupfen holen. Sie trauen sich kaum noch, einfach mal loszurennen und loszubrüllen, Mama könnte ja eine Verhaltensstörung befürchten. Ein Ringkampf auf dem Schulhof führt die ebenso übereifrigen Pädagogen rasch zu der Vermutung, dass eine Gewaltneigung vorliegt –‚ man liest ja so viel über Amok­läufe.«

Angesichts von Missbrauchsfällen in Kindergärten habe ein Kriminal­soziologe allen Ernstes gefordert, in solchen Einrichtungen dürfe es nirgendwo versteckte Ecken und unüberschaubare Bereiche geben. Laut Bergmann ein Ausdruck völlig fehlender Sensibilität gegenüber Kindern, die Verstecke und schützende Höhlen dringend benötigten als »eine Art biotischer Geborgenheit«.

Permanente Überforderung, Leistungszwänge und »Förderwahn« führt der Erziehungsexperte bei den Eltern nicht auf bösen Willen oder Angeberverhalten zurück, sondern eher auf eine tief eingewurzelte Unsicherheit: In der modernen Kleinfamilie haben sie zwar Ruhe vor ewig besserwisserischen Verwandten, bekommen aber auch keine bewährten Tipps beim ­gemütlichen Kaffeenachmittag weitergereicht.

Statt sich in ein geordnetes Umfeld mit festen Regeln einzufügen, erleben sich die Kids einerseits als überbehütet, »overprotective«, und gleichzeitig als überfordert. Leistungszwang und Verwöhnung nennt Bergmann eine »teuflische Mischung«.

Und setzt ein ganz altmodisches Rezept dagegen: Liebe. Was respektvolle Zuwendung bedeutet, ermutigende Anerkennung und Begleitung, die Vermittlung von emotionaler Sicherheit, Grundvertrauen, seelischer Kraft. Erzählen, vorlesen, sich Zeit nehmen, statt das Kind aus schlechtem Gewissen oder Angst um spätere Chancen in die Frühförderung abzuschieben.

Dort in den zahllosen Trainingskursen, aber auch in Kindergarten und Schule soll es »auf das Leben vorbereitet« werden – für Bergmann eine Unverschämtheit: »Leben die Kinder etwa noch nicht? Nicht hier, direkt vor unseren Augen, wo sie spielen und lachen? … Uns entgeht das schlaue Funkeln ihrer Augen, uns entgehen die freundlichen Grimassen, die sie hinter unserem Rücken schneiden und die gar nicht bös gemeint sind, uns entgeht ihre Trauer und ihre Fröhlichkeit. Uns entgehen unsere Kinder.«


Christian Feldmann

Kindergeschichte: »Emma und das neue Leben«

22. April 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Aufregendes ereignet sich zwischen Karfreitag und dem Ostermorgen auf Josis Hühnerhof.  

Josi lag im Bett und weinte. Wegen Emma. Mama saß am Bettrand und streichelte Josi übers Haar. Sie sagte dabei nichts.
Karfreitag war sowieso ein komischer Tag.

Am Karfreitag erinnerte man sich daran, dass Jesus gestorben war. Das wusste Josi aus der Christenlehre. Deshalb waren alle Geschäfte geschlossen, es durfte keine fröhliche Musik gemacht werden und die Glocken läuteten auch nicht mehr.

Aber dieser Karfreitag war besonders schlimm. Denn heute Nacht war Emma gestorben.

Am Mittwoch war die Klasse 2b im Zoo gewesen. War das eine Aufregung! Josi liebte alle Tiere. Sie wollte mal Tierärztin werden. Gar nicht sattsehen konnte sie sich an den Affen, den Elefanten, den Tigern und den Krokodilen! Und zum Schluss durfte sogar jeder eine Runde auf einem Kamel reiten!

Am Donnerstag fragte Frau Hermann, die Klassenlehrerin, jeden aus der 2b nach seinem Lieblingstier. Florian sagte: »Löwe!«, Lucie sagte: »Affe!«, Jonathan sagte: »Lama!«, Julia sagte: »Zebra!« Außerdem wurden noch dreimal die ­Giraffen genannt, zweimal die Kängurus und die Erdmännchen sowie je einmal die Eisbären, die Otter, die Chinchillas und die Nashörner. Josi war als Letzte dran und sagte: »Hühner.« Hinter ihr wurde gekichert, und Florian rief: »Die gab’s gar nicht im Zoo!«

Frau Hermann schaute Florian streng an, weil er – wie immer – einfach reingerufen hatte. »Ich habe ja nicht gesagt, dass es ein Tier aus dem Zoo sein muss. Wenn Josi Hühner mag, ist das doch in Ordnung.«
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Das war wirklich so. Am liebsten mochte Josi die Hühner. Sie hatten zu Hause sieben Hennen. Josi hatte ihnen sogar Namen gegeben und konnte alle unterscheiden. Und hier sind sie:

Berta mit dem weißen Fleck am Hals,
Frieda mit der hohen Stimme,
Hilda, die dauernd scharrte,
Herta, die kleinste von allen,
Emma mit den langen Schwanzfedern,
Klara, die zutraulichste und
Wilma, die als Einzige braune Eier legte.
Und dann gab’s natürlich noch August den Starken. Das war der Hahn.

Frieda und Emma saßen seit fast drei Wochen auf ihren Eiern und brüteten. Erst hatten beide jeden Tag ein Ei ­gelegt: Frieda insgesamt sieben und Emma vier. Dann hatten sie sich draufgesetzt. Und sie gingen nur kurz von ihren Eiern runter, um was zu fressen oder zu trinken.

»Wieso setzt sich Frieda auf sieben Eier und Emma nur auf vier?«, hatte Josi ihren Papa gefragt. »Das wissen nur die beiden«, hatte der geantwortet. »Sie sind dann halt in Brutstimmung.« Dieses Wort hatte Josi noch nie gehört, aber sie wusste, was es bedeutet. Wenn sie nachschauen wollte, ob noch alle Eier unter Frieda und Emma lagen, dann begannen die beiden sofort nach ihrer Hand zu hacken und wild zu gackern. Keine Chance! Brutstimmung eben.

»Ein brütendes Huhn nennt man Glucke«, hatte Papa ihr erklärt. Die beiden Glucken Frieda und Emma hatten es fast geschafft. Nur noch ­wenige Tage, bis aus den Eiern kleine gelbe kuschelige Küken schlüpfen würden. Und dann das …

Als Josi heute Morgen in den Stall ging, um nach den Hühnern und den Eiern zu schauen, lag Emma neben ­ihrem Nest und bewegte sich nicht mehr. Josi rannte sofort zurück zu Papa und rief: »Komm schnell, mit Emma ist was ganz Schlimmes passiert!« Josi und Papa liefen in den Stall.

Papa nahm Emma hoch, ­untersuchte sie und sagte leise: »Sie ist tot. Aber noch warm. Es muss grade erst passiert sein.« Josi schossen sofort die Tränen in die Augen. »Warum ist sie gestorben, Papa?« »Sie ist sechs Jahre, Josi. Das ist für ein Huhn schon ziemlich viel. Sie war einfach alt.«

Und jetzt lag Josi im Bett und weinte. Wegen Emma.

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»Was wird eigentlich aus Emmas Eiern?«, fragte Josi zwischen zwei Schluchzern. »Papa hat sie Frieda mit untergeschoben. Vielleicht brütet sie ja Emmas Eier mit aus«, erwiderte Mama. »Aber Frieda hat doch selber sieben Eier.« »Na, sieben eigene und vier fremde, das macht zwölf. Das schafft Frieda schon.« »Sieben und vier macht Elf, Mama. Ich kann ja besser rechnen als du!« Josi musste sogar schon wieder lächeln.

»Komm schnell in den Stall!« Es war Sonntagmorgen – Ostermorgen –, und Papa war ganz aufgeregt. Josi zog sich schnell Jacke und Schuhe an und rannte über den Hof. Im Stall gackerte Frieda zufrieden vor sich hin, und um sie herum wuselten elf kleine gelbe Wattebällchen. August der Starke stand in der Nähe, hielt den Kopf schief und beschaute sich seinen Nachwuchs. Papa war richtig aufgedreht.

»Sogar Emmas Küken sind geschlüpft! Alle vier!« Papa lachte vor Freude. »Welche sind Emmas Küken?«, fragte Josi und hockte sich hin. Papa schaute sie erstaunt von der Seite an. »Also Josi, woher …« Dann brach er ab, schob vier Küken ein wenig zur Seite und sagte: »Die sind es.«

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Josi hatte nur Augen für Emmas Küken. Die kleinen gelben Dinger waren noch ganz wacklig und fiepten leise. »Du bist Klein-Emma. Du bist Emmalein. Du bist Emily. Und du bist Emma Zwei. Eure Mama war toll. Sie hatte die längsten Schwanzfedern von allen!«

Text: Thomas Reuter / Zeichnungen: Kathrin Gehres-Kobe

Jesus im Herzen erkannt

27. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Passionsspiel, Quelle: Wikipedia

Passionsspiel, Quelle: Wikipedia


Wie Tina die Passionsgeschichte erlebte


Maria steht unter dem Kreuz und ist sehr traurig, dass ihr Kind so grausam sterben muss. Sie hat viel ­geweint und daran gedacht, wie es ­damals war bei seiner Geburt im Stall in Bethlehem, und an alles, was sie mit Jesus erlebt hat.
Der andere Mensch auf dem Bild ist Johannes, der beste Freund von ­Jesus. Jesus hat zu ihm gesagt, er soll sich um Maria kümmern, und da nimmt er sie mit in sein Haus.

Und zu Maria hat er gesagt, dass jetzt Johannes ihr Sohn sei.« Diesen Text habe ich Tina mit einem Bild »Maria und Johannes unterm Kreuz« geschenkt. Tina ist, davon bin ich inzwischen überzeugt, meine »geistliche Dolmetscherin«.
Denn ihre Interpretation biblischer Geschichten bringt mich zum Staunen. Tina ist acht Jahre, ein Kind aus sogenanntem sozial schwachen Elternhaus, ohne christlichen Hintergrund. Seit zwei Jahren kommt sie mit ihrer älteren Schwester in den Kinder- und Jugendtreff und spielt mit Hingabe in der Theatergruppe mit.

Kürzlich sahen wir mit den Kindern die Aufführung eines Passionsspieles. Gruselige Szenen gäbe es, hatten die Veranstalter vorgewarnt. Die erste Szene – Jesus vor Pilatus – begann. Ich hielt Tinas Hand und hatte ihr versichert, dass ich da bin und sie keine Angst haben muss.

Die Soldaten hatten Jesus durch eine Tür direkt vor unserem Standort abgeführt. Pilatus wusch sich die Hände …
Plötzlich flog die Tür auf und die Soldaten stießen einen blutigen, dornengekrönten Jesus vor unsere Füße. Wir erschraken alle. Die größeren Mädchen trösteten sich mit Mutmaßungen über Lebensmittelfarbe. Tina zupfte mich am Ärmel, schaute mich mit großen ernsten Augen an und sagte: »Das ist doch mein Kind!« Ich brauchte eine kurze Schrecksekunde, um zu begreifen, dass sie auf ihre Rolle der Maria im Krippenspiel anspielte. Ich fasste mich, drückte ihre Hand fester und antwortete: »Ja, Tina, dass ist Marias Sohn.« Später sagte sie beim Vorbeigehen an dem großen Kruzifix im Kreuzgang noch einmal betroffen, dass dies ihr Sohn sei.

Ich bin beeindruckt. Dieses Mädchen ohne christliche »Vorbildung« – lediglich zweimal hat sie beim Krippenspiel mitgemacht – hat Jesus ­erkannt. In ihrem Herzen.

Später im Stück gibt es eine Szene, in der Jesus eifrig frommen Christen gegenübersteht, die sich ein kitschiges Bild von ihm gemalt haben. Sie erkennen ihn fast nicht. Ähnlich wie die Jünger auf dem Weg nach Emmaus.
Umso erstaunlicher die unglaub­liche Sicherheit, mit der Tina wusste, wer ER ist.

Petra Ng’un, Leiterin eines Jugendclubs im Diakoniewerk Gotha.

Erziehung im Vertrauen

19. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Zusammenleben: Eltern und Kinder brauchen Lösungen, die die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigen.


Der Vorschlag, mit Lob statt mit Strafen zu erziehen, ­erscheint auf den ersten Blick einleuchtend. Doch beide – Lob und Strafen – ­haben unerwünschte Nebenwirkungen.



Vertrauen ist die Grundlage jeder Erziehung. (Foto: Karin Vorländer)

Vertrauen ist die Grundlage jeder Erziehung. (Foto: Karin Vorländer)

Körperliche Gewalt als Mittel der Erziehung ist seit mehr als zehn Jahren in Deutschland gesetzlich verboten. Zum Glück. Aber, die Meinung, ein Klaps habe noch ­keinem Kind ­geschadet, ist immer noch verbreitet. Auch die Furcht, Kinder könnten bei allzu lascher Erziehung zu kleinen ­Tyrannen mutieren, ist nach wie vor lebendig. Denn an die Stelle des ehemals selbstverständlichen Einsatzes von Strafe ist weithin eine große Verunsicherung getreten.

Die Pädagogen Thomas Gordon und Marshall Rosenberg setzen auf Erziehung im Vertrauen – und können an vielen Praxisbeispielen aufzeigen, dass Erziehung, ohne »die Dressurmittel« von Strafe oder Lob auskommen kann.

Strafe sorgt kurzfristig dafür, dass ein Kind mit einem unerwünschten Verhalten aufhört oder das erwünschtes Verhalten an den Tag legt. Aber sie hat, wie der amerikanische Psychologe Thomas Gordon es nennt, lediglich einen »Oberflächenwert«.

Strafe in Form von Verweigerung, Druck oder Entzug von Vergünstigungen erweist sich nämlich bei genauem Hinsehen als ein schwierig zu handhabendes Werkzeug. Sie muss angemessen sein und unmittelbar erfolgen – sonst fehlt für das Kind der innere Zusammenhang zwischen eigenem Fehlverhalten und Sanktion.

Laut Thomas Gordon haben Strafen unerwünschte »Nebenwirkungen«.

Zu häufige und zu strenge Strafen sorgen dafür, dass das Kind sich innerlich entzieht und passiv oder ­aggressiv wird. Wo körperliche oder seelische Sanktion eingesetzt wird, lernen Kinder, dass es angemessen ist, bei denen, die wir lieben, Gewalt und Sanktionen anzuwenden. Harte Strafen rufen Aggressionen hervor. Untersuchungen belegen, Familien, in denen viel gestraft wird, erzeugen aggressive Kinder. Ständiges Strafen und die damit verbundene Kontrolle kann die Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen nachhaltig beeinträch­tigen.
Da erscheint der Vorschlag, mit Lob oder Belohnung statt mit Strafen zu erziehen, auf den ersten Blick sehr verlockend.

Doch so erstaunlich es klingen mag: Auch Lob und Belohnung können unerwünschte Nebenwirkungen haben. Eltern, die sehr viel mit Lob arbeiten, laufen Gefahr, Kinder zu erziehen, die wenig Aktivitäten und Leistungen an den Tag legen, wenn sie dafür kein Lob einheimsen.

Ständiges Lob oder Belohnung ist inflationär: Es verliert an Wirkung. Lob kann zudem Geschwisterrivalität und Konkurrenz verstärken. Es beeinträchtigt die eigene Entscheidungsfähigkeit und bringt Kinder um die wunderschöne Erfahrung, dass ein Tun auch ohne Anerkennung von außen in sich sinnvoll, schön und erfüllend sein kann.

Auf die Frage, ob es eine Erziehung jenseits von Strafe und Lob gibt, antwortet der amerikanische Pädagoge Marshall B. Rosenberg mit einem eindeutigen Ja.

Erziehung basiert bei ihm auf einer Beziehung zwischen Eltern und Kindern, die auf Vertrauen und Respekt gegründet ist. Eltern, die ihren Kindern Liebe, Geborgenheit, Vertrauen Wertschätzung, Respekt, Freiheit, Schutz und Sicherheit geben wollen und die ihren Kindern Wachstum und Lernen ermöglichen wollen, stehen vielmehr vor der Herausforderung, zunächst die eigenen Grenzen zu spüren. Sie müssen bei sich selbst wahrnehmen, was sie selbst wollen und was sie nicht wollen.

Es geht in einer Erziehung, die auf Vertrauen, Konsens und Respekt gründet, um eine Grundhaltung, die Rosenbergs Schüler Frank und Gundi Gaschler so beschreiben: »Ich möchte wissen, was du brauchst, und ich will dir sagen, was ich brauche, damit wir einen Weg finden, mit dem es allen möglichst gut geht.« Sie zeigen: Schon mit Kindern im Kindergartenalter können Lösungen gefunden werden, die die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigen.

Dazu gehört auch, Kompromisse zu verhandeln, sich am Ende einer Woche oder eines Tages gemeinsam über Gelungenes zu freuen oder Misslungenes auszusprechen und zu bedauern.

Voraussetzung für solch eine Erziehung ist allerdings eine positive Grundeinstellung gegenüber Kindern: Kinder sind nicht potenzielle Tyrannen – Kinder sind eine Gabe Gottes. Sie sind nicht von Natur aus »böse«, sondern sie sind mit der Fähigkeit und dem Willen zu Kooperation, Hilfe und Einfühlung ausgestattet.

Statt ein Kind zu strafen, dass viel später nach Hause kommt als verab­redet, kann es hilfreich sein zu fragen: Welche Bedürfnisse gibt es auf beiden Seiten?

Die Eltern haben womöglich das Bedürfnis, ihr Kind in Sicherheit zu wissen. Sie wollen sich keine Sorgen machen müssen, wenn das Kind nicht zur verabredeten Zeit im Haus ist. Das Kind hat dagegen das Bedürfnis nach Spiel und Kontakt zu anderen. Statt mit Hausarrest zu drohen, könnten Eltern zunächst ihr eigenes Gefühl und Bedürfnis benennen: »Ich möchte nicht im Ungewissen sein. Ich habe mich gesorgt. Ich möchte das nicht mehr so erleben.«

Kinder reagieren oft erstaunlich einfühlsam und sind in der Lage, gemeinsame Lösungen zu finden und Vorschläge zu machen, wie es beim nächsten Mal pünktlich ist oder die Eltern informiert.

Karin Vorländer

Literaturempfehlungen

  • Gordon, Thomas: Die neue Familienkonferenz. Kinder erziehen ohne zu strafen, Heyne Verlag, 320 S., ISBN 978-3-453-07861-1, 8,95 Euro
  • Gaschler, Frank und Gundi: Ich will verstehen, was du wirklich brauchst. Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern, Kösel Verlag, 144 S., ISBN 978-3-466-30756-2, 14,95 Euro
  • Mol, Justine: Aufwachsen in Vertrauen. ­Erziehen ohne Strafe und Belohnungen. Gewaltfrei miteinander leben, Jungfermannsche Verlagsbuchhandlung, 112 S., ISBN 978-3-87387-689-7, 9,95 Euro

Die auf dieser Seite empfohlenen ­Bücher sind – wenn nicht anders angegeben – zu beziehen über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643) 246161

Die Kinder sind aus dem Haus

31. Januar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Kinder sind ausgezogen – die Eltern fühlen sich als die Zurückgebliebenen. Foto: picture-alliance

Die Kinder sind ausgezogen – die Eltern fühlen sich als die Zurückgebliebenen. Foto: picture-alliance


Lebensplanung:  Wenn die erwachsenen Kinder ihre eigenen Wege gehen, beginnt für die Eltern ein neuer Abschnitt

»Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein – aber Mutter weinet sehr, hat ja nun kein ­Hänschen mehr!« Dieses ­bekannte Volkslied zeigt, wie schwer es vielen Müttern und Vätern fällt, ihre Kinder freizugeben.

Von Karin Vorländer

Warum eigentlich weint Hänschens Mutter? Der Auszug von Kindern ist bei Eltern häufig mit dem Gefühl von Trauer, Niedergeschlagenheit und Leere verbunden. Ein schaler Trost, dass die Spül- und Waschmaschine seltener angeschaltet werden muss, das »Kinderzimmer« stets aufgeräumt ist und weniger gekauft und gekocht werden muss als bisher. Das Nest ist leer – was nun?

Untersuchungen zeigen, dass die Trauerphase über den Abschied von den Kindern bei Frauen mit familienunabhängigen Aufgaben in Beruf und Ehrenamt kürzer ist als bei Frauen, die sich über Jahre ganz auf die Arbeit in der Familie konzentriert haben.

Spätestens wenn Kinder aus dem Haus gehen, müssten Eltern sich der Frage stellen: Wer bin ich, wer sind wir als Paar, ohne unser Kind oder unsere Kinder? Welche neuen Aufgaben locken? Wie gestalten wir unseren Alltag und unser Leben entspannt und gereift als Paar neu?

Gnädig Zwischenbilanz ziehen
Das Gefühl von Trauer und Wehmut beim Auszug von Kindern, kann auch darin eine Ursache haben, dass der unbekümmerte, leichte Ton, den die großen Kinder ins Haus brachten, plötzlich verstummt. Es ist still im Haus. Wer erklärt jetzt das neue Computerprogramm, weist auf tolle Filme, Videos, Bücher und Theaterstücke hin, die man als Eltern nie entdeckt hätte? Die Kinder im Haus holten auch die Gegenwart, die Trends, die Moderne ins Haus.

Spätestens wenn Kinder das Haus verlassen, wird das eigene Älterwerden schmerzlich bewusst. Wenn die Kinder das Haus verlassen, sind Eltern im Normalfall nicht mehr jung. Der Zenit des Lebens liegt hinter ihnen. »Wie lange bleiben wir wohl gesund? War das, was war, gut? War es das? War es das, was ich, was wir wollten?« – Lauter Fragen, die sich melden und beantwortet sein wollen.

Der Auszug von Kindern erfordert ein Doppeltes: Kritische Bilanz und gnädigen Umgang mit dem, was man als Mutter oder Vater versucht hat. »Hätten wir ihnen nicht mehr mit auf den Weg geben sollen? Haben wir ­alles richtig gemacht?« Mit solchen lauten oder leisen Fragen sehen sich Eltern konfrontiert.

Manchmal finden die Kinder auch mit dem Zeitpunkt des Auszugs Mut und Freiheit, an- und auszusprechen, was sie vermisst haben, was sie in ihrer Herkunftsfamilie kritisch sehen und was sie sich anders gewünscht hätten. Gut, wenn Eltern sich solcher Kritik gelassen und offen stellen können, ohne sich selbst oder das Gegenüber abzuwerten.
Denn jetzt ist auch der Zeitpunkt gekommen, sich selbst zu vergeben. »Wir haben unser Bestes versucht, aber nicht in allem wirklich das Beste geschafft.« Auch Erziehung und Beziehung zu den Kindern darf »komplettes Stückwerk« sein.

Erziehung ist ein langer Prozess des Loslassens. Er beginnt bereits mit der Geburt. Er geht weiter mit dem ­Ab­stillen, später mit dem Eintritt in den Kindergarten, die Einschulung, der erste Urlaub ohne die Eltern. Wer nur wehmütig seufzt, ach, wie war das doch schön, als die Kinder noch klein waren, versäumt es, die Freiheiten zu nutzen, die in diesem Prozess liegen.

Spätestens der Auszug eines Kindes markiert das Ende der Erziehung und den Beginn einer neuen Beziehung. Der Auszug aus dem elterlichen Haus bedeutet keineswegs das Ende von Familie, von Beziehung und Zusammenhalt. Sogar über den großen räumlichen Abstand hinweg, halten Eltern und Kinder heute intensiven Kontakt. SMS, Internettelefonie, E-Mails, Web-Alben und Social Networks erweisen sich als gern genutzte hilfreiche Medien, um – manchmal sogar über Kontinente hinweg – im Gespräch zu bleiben.

Aus Erziehung wird Beziehung

Jetzt sind im Gegenüber zu den Kindern nicht mehr Weisung, Regulierung und Leitung gefragt, sondern Zuhören, Anteilnahme, die Frage, ob ein Rat erwünscht ist. Eltern, die ihren großen Kindern partnerschaftlich begegnen, können auch beglückend ­erleben, wie die ihrerseits nach dem Ergehen, den Plänen, den Problemen ihrer Eltern fragen und oft erstaunlich klugen Rat geben.

Mit dem Flüggewerden der Kinder kommen neue Menschen ins Blickfeld: Der Freund oder die Freundin, jemand, mit dem sie sich vorstellen können, eine verbindliche Partnerschaft einzugehen. Je freier und selbstverständlicher Eltern ihre Kinder loslassen, desto offener können sie für »Schwiegerfreunde und -freundinnen«, für Schwiegertöchter und Schwiegersöhne sein. Wenn Eltern sich abgenabelt haben, wird die nagende, zerstörerische Eifersucht, die vielen gespannten Beziehungen zu Schwiegerkindern zugrunde liegt, kaum eine Chance haben.

Wenn die Kinder aus dem Haus gehen, kommt für Eltern die Nagelprobe, ob sie loslassen können. Was, wenn die Kinder Wege gehen, die sie für Irrwege oder zu gefährlich halten? Wege, die sie nicht billigen? Wenn die Kinder nicht die tiefsten Glaubensüberzeugungen ihrer Eltern teilen? Was, wenn sie nicht die hochgesteckten Erwartungen erfüllen? Enttäuschter elterlicher Ehrgeiz ist Gift für die Beziehung zwischen Eltern und Kindern wie für das Selbstbewusstsein der Kinder.

Eltern können ihren Kindern, den kleinen und den großen, nichts Besseres auf ihren Lebensweg mitgeben als ihnen das Grundgefühl zu vermitteln: »Ich traue dir etwas zu. Ich glaube, dass etwas aus dir wird. Geh hin und probier es aus.«

Vielleicht wird etwas anderes aus ihnen als Eltern es erhofften. Aber in jedem Fall etwas echtes, etwas, was zu ihnen passt. Eltern, die das wissen oder sich zumindest um diese Einsicht bemühen, können ihre großen Kinder mit offenen Armen empfangen, wenn sie als Gäste zurückkommen.

Spätes Mutterglück

2. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Familienplanung: Der Anteil der Frauen, die erst jenseits der 35 ihr erstes Kind bekommen, nimmt kontinuierlich zu
 
Die biblische Elisabeth wurde im fortgeschrittenen Alter unverhofft schwanger. Im Unterschied zu ihr wirken heute Bildung und Beruf oft lange wie ein Verhütungsmittel. Vor allem gut ausgebildete Frauen entscheiden sich erst spät für Kinder.
 

Eltern werden immer älter: In Deutschland entscheiden sich Paare immer später für ein Kind. (Foto: picture-alliance)

Eltern werden immer älter: In Deutschland entscheiden sich Paare immer später für ein Kind. (Foto: picture-alliance)

Die biologische Uhr ist abgelaufen für Elisabeth. Nach menschlichem Ermessen ist sie zu alt, um schwanger werden zu können. Und so hat sich das fromme Ehepaar Elisabeth und Zacharias, die beide zum Priesteradel in Israel gehören, damit abfinden müssen, dass ihre Ehe kinderlos bleibt.

Kein Sohn wird die Familientradition fortsetzen und das Priesteramt von Zacharias übernehmen. Kinder und besonders Söhne, gelten im alten Israel als ein Zeichen göttlichen Segens.

Denn Gott hatte schon Abraham zahlreiche Nachkommen verheißen. Dabei gehört es zu den Urerfahrungen ­Israels, dass sich der Wunsch nach ­einem Kind nicht problemlos erfüllt: Stammmutter Sarah führt ihrem Mann Abraham wegen ihrer Kinder­losigkeit ihre Sklavin zu. Rebekkas ­Unfruchtbarkeit wird erst nach einem ­besonderen Gebet Isaaks aufgehoben. (Genesis 25) Auch Rahel verzweifelt zunächst über ihre Kinderlosigkeit: »Schaffe mir Söhne, oder ich sterbe«, fordert sie von Jakob. »Bin ich dann an Gottes Statt, der dir die Leibesfrucht versagt hat?«, entgegnet Jakob und betont damit die biblische Überzeugung: Kinder sind eine Gabe Gottes.

Unverfügbarer Kindersegen

Wenn der Kindersegen allerdings ausbleibt, galt das in biblischer Zeit als »Schuld« der Frau. Kinderlosigkeit war für sie verbunden mit Schmach und Abwertung. Wir wissen nicht, ob und wie Elisabeth und Zacharias sich mit ihrem Geschick abgefunden haben und wir wissen auch nicht, wie alt Elisabeth genau ist. Die biblische ­Legende von der Ankündigung der Geburt des Johannes erzählt nur, dass sie ihre Schwangerschaft anfangs gar nicht öffentlich machen will, und dass es Zacharias die Sprache verschlägt, bis das unverhoffte Überraschungskind tatsächlich geboren ist und einen Namen braucht.

Es braucht schon einiges, bis Monika T. die Worte fehlen. Was Schlagfertigkeit und Wortgewandtheit angeht, ist die selbstbewusste Diplom-Finanzwirtin, so schnell nicht zu übertreffen. Doch vor knapp einem Jahr verschlug es selbst ihr die Sprache. Beinahe jedenfalls. »Zwillinge« hatte der Ultraschall gezeigt. Und das mit 41 Jahren. Nach 13 Jahren unerfülltem Kinderwunsch. Wenn im Gottesdienst ein Kind getauft wurde und der Pfarrer die alte Formel gebrauchte: »Gott hat euch gewürdigt, ein Kind zu bekommen«, dann musste ich in den ersten Jahren schon mit dem Gefühl kämpfen, »du selbst bist also nicht ­gewürdigt«, erinnert sie sich.

Aber Monika und ihr Mann verzichten auf einen Ärzte-Marathon, setzen nicht alle ­Hebel in Bewegung, um die Ursachen ihrer ungewollten Kinderlosigkeit zu erforschen oder mit Hilfe von künstlicher Befruchtung doch noch Kinder zu kommen. Sie fassen den Entschluss, die Frage des Kinderkriegens auf sich beruhen zu lassen. »Wenn Gott will, dass wir Kinder haben, dann ist das für uns okay«, können sie irgendwann sagen.

Kinder gelassener genießen

Umso mehr freute sich Monika auf das Kinderglück im Doppelpack. Das große »R« für »Risikoschwangerschaft« in ihrem Mutterpass trug sie gelassen. Wie viele späte Erstgebären­de, versuchte sie in der Schwangerschaft gesund zu leben: Kein Alkohol, viel Bewegung, gesunde Ernährung, genügend Schlaf und die Wahrnehmung der Vorsorgetermine waren für sie selbstverständlich. Die von der Frauenärztin sofort nahegelegte Fruchtwasseruntersuchung lehnte sie allerdings ab.

Obwohl sie wusste, dass das Risiko, ein behindertes Kind zu bekommen, ab 35 deutlich steigt. Die Gefahr, ein Kind mit Trisomie 21 (»Down-Syndrom«) zur Welt zu bringen, liegt bei jüngeren Frauen bei etwa 1:7000. Bei 35-Jährigen steigt sie bereits auf 1:385; bei 40-jährigen Müttern erhöht sich die Zahl auf 1:90 und bei 45-Jährigen liegt sie sogar bei 1:30. Wird bei der Vorsorgeuntersuchung eine Auffälligkeit festgestellt, stehen ältere Frauen und ihre Partner also häufiger als jüngere vor der schweren Entscheidung, ob sie ein Ja zu ihrem Kind finden, auch wenn es nicht gesund zur Welt kommt.

Dass die Zwillinge später einmal »alte Eltern« haben werden, sieht ­Monika T. gelassen. Das Mehr an Lebenserfahrung, das sie im Vergleich zu 25-Jährigen bei sich entdeckt, macht in ihren Augen wett, dass sie nicht mehr ganz jung ist. Und außerdem steigt doch auch die Lebens­erwartung. Beruflich ist sie mit Anfang 40 so gut etabliert, dass es ihr nicht schwerfiel, nach der Geburt des Zwillingspärchens in Familienpause zu ­gehen. »Anders als junge Kolleginnen, die Angst vor einem Karriereknick haben, wenn sie in Familienzeit gehen, muss ich mir beruflich nichts beweisen. Gerade weil ich so spät Mutter werde habe ich das Gefühl, nichts verpasst zu haben und nicht zu kurz zu kommen«, findet sie.

In Deutschland nimmt der Anteil der Frauen, die erst jenseits der 35 ihr erstes Kind bekommen, seit Anfang der 90er Jahre kontinuierlich zu. Waren 1990 nur fünf Prozent der Erstgebärenden über 35 Jahre alt, so lag ihr Anteil im Jahr 2000 bereits bei 16 Prozent, heute steigt er auf fast 26 Prozent.

Die biologische Uhr tickt

Späte Mutterschaft ist dabei ­allerdings nur in seltenen Fällen das Ergebnis ­einer unverhofften späten Schwangerschaft wie bei Elisabeth oder Monika, sondern von Familienplanung und bewusster Entscheidung. Denn: Bildung und Beruf wirken oft lange wie ein Verhütungsmittel.

Vor allem gut ausgebildete Frauen, die nach einem Studium erst mit Ende 20 oder Anfang 30 in den Beruf einsteigen, entscheiden sich erst spät für Kinder. Sie wollen sich erst im Beruf etablieren, ehe sie versuchen, den durchaus vorhandenen Kinderwunsch Realität werden lassen.

Was viele Paare dabei angesichts der Berichterstattung über späte Schwangerschaften nicht berücksichtigen ist, dass die biologische Uhr dennoch tickt. Ab 30 sind die fruchtbarsten Jahre der Frau vorbei – und Kinder kommen nicht mehr ­einfach »auf Bestellung«, sondern in vielen Fällen nur mit medizinischer Unterstützung.

Karin Vorländer

Kinder begegnen dem Tod

12. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Angebote für einen kindgemäßen Umgang mit dem Thema Sterben

Kinder nehmen an einer Trauerfeier teil. (Foto: epd-bild)

Kinder nehmen an einer Trauerfeier teil. (Foto: epd-bild)

Ich sehe die Szene immer noch deutlich vor mir: Eines unserer Kinder, damals knapp vier Jahre alt, steht am Fenster: Auf dem Weg vor unserem Pfarrhaus bewegt sich ein Trauerzug langsam in Richtung Kirche. »Da läuft Papa«, ruft die Kleine mir zu. »Ja«, sage ich, »er geht mit der Familie von Herrn X in die Kirche zur Trauerfeier.«

»Mama«, tönt es, »also, du hast doch gesagt, dass im Sarg nur die Hülle vom Menschen liegt. Und die wird dann begrabt. Und dann hast du gesagt, dass das Wichtigste von mir, also dass ich ICH bin, nicht begrabt wird, sondern zu Gott geht und lebt.«

»Du meinst die Seele?« – »Ja, die Seele. Also Mama, wann genau geht denn die Seele aus dem Menschen? Wenn er stirbt, wenn er in den Sarg ­gelegt wird oder wenn er in das Grab kommt?« – Da stehe ich nun: Pfarrerin und Mutter und sprachlos … »Da kann ich dir leider gar nicht so leicht eine Antwort geben«, stammele ich. »Vielleicht müssen wir beide gemeinsam mal ganz in Ruhe darüber nachdenken.« Eine druckreife Antwort gibt es bis heute nicht – viele kleine Antworten sind es geworden und viele neue Fragen. Am Wichtigsten aber ist uns, dass wir gemeinsam sprechen und nachdenken – immer wieder neu.

»Wenn dein Kind dich fragt …«, dieser Auftrag aus den jüdischen Wurzeln unseres Glaubens stellt sich den Eltern und allen, die mit Kindern zu tun haben, immer wieder im Blick auf den Umgang mit dem Thema »Sterben, Tod und Trauer«.

Es ist wichtig, auf die Fragen der Kinder sensibel zu hören, diese Fragen ernst zu nehmen und gemeinsam Antworten zu suchen. Zum anderen können Erwachsene solche Fragen dem Kind gegenüber artikulieren, bevor es mit dem Tod direkt konfrontiert wird. Oft ergibt sich die Gelegenheit zum Gespräch: Ein Kind findet auf dem Spaziergang einen toten Vogel. Das Meerschweinchen stirbt nach Jahren intensiven Streichelns. Ein Brief mit einem schwarzen Rand um das Kuvert liegt im Briefkasten …

Ein wichtiges Medium sind Bilder- und Kinderbücher zum Thema »Sterben – Tod und Trauer«. Auf diesem Sektor hält der Buchmarkt allein in Deutschland derzeit mehr als 100 Titel bereit. Leider werden Bücher zum Thema Tod und Sterben Kindern viel zu selten zur Verfügung gestellt.

Kinder- und/oder Bilderbücher sind gut geeignet für die Auseinandersetzung mit dem Thema. Sie vermitteln Informationen und bieten Anlass für Gespräche. Weil es leichter ist, über die Figuren des Buches zu sprechen, ermöglichen sie Distanz.

Bei der Lektüre erfährt der Leser Solidarisierung, denn so wie ihm, geht es auch anderen. Die Gefühle des Betrachters werden verbalisiert (»Schau, wie traurig der jetzt aussieht!«). Die Bücher helfen bei der Verarbeitung von eigener Trauer. »Ich musste in den letzten Tagen so viel entscheiden, was die Trauerfeier für meinen Mann angeht, dass ich gar nicht zu meiner eigenen Trauer komme – ich funktioniere nur!«, sagt eine Frau. In dieser Situation habe ihr ein Kinderbuch gut getan. »Ich konnte erst mal richtig weinen«, erzählt sie.

Welches Buch ist geeignet? Bevor eine Publikation zu diesem Thema in die Hand eines Kindes kommt, sollte es von einer Bezugsperson selbst gelesen werden. »Wie wirkt dieses Buch auf mich? Wie ist die Sprache, wie sind die Bilder und in welchen Farben gewählt? Illustrieren sie den Text oder vermitteln sie Wissen? Für welches ­Alter ist es geschrieben?

Neben solchen »allgemeinen« Fragen sollten dann die inhaltlichen ­stehen. Zum Beispiel: Welche Fragen werden beantwortet? Wird der Tod in der Spannung zwischen Verneinung und Bejahung thematisiert? Ist das Buch für die Frage nach Gott offen? Wird die Beziehung Gottes zum Menschen als eine über den Tod hinausreichende beschrieben? Ist das angedeutete oder formulierte Gottesbild vertretbar?

Als Christen haben wir die großartige Möglichkeit, den Tod vom Leben aus zu sehen und uns immer wieder zu vergewissern: »Der Tod ist verschlungen in den Sieg.« (1. Korinther 15, 55a) Wir sind es den Kindern schuldig, das Thema nicht »totzuschweigen«, sondern »lebendig zu ­reden«.

Ulrike Spengler

Die Autorin ist promovierte Theologin und wohnt in Bad Berka bei Weimar.
 

Abenteuerreise durch die Bibel

23. Oktober 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Mithilfe des Zeitreisewürfels gelangen Cora und Habib an die abenteuerlichsten Orte der Bibel. Foto: KI.KA/Cross Media/Beta/Trickcompany 2010

Mithilfe des Zeitreisewürfels gelangen Cora und Habib an die abenteuerlichsten Orte der Bibel. Foto: KI.KA/Cross Media/Beta/Trickcompany 2010


Am 1. November geht eine christliche Zeichentrickserie auf Sendung.

Professor Petersen ist ein viel ­beschäftigter Mann, berühmter Bibel-Experte und Spezialist für christliche Kunstwerke. Seit dem Tod seiner Frau ist er alleinerziehender Vater. Seine Tochter Cora ist ein modernes Mädchen, selbstbewusst, herzlich und manchmal auch etwas bockig. Eines Tages ist ihr Vater plötzlich verschwunden. Hreel, der Agent des Bösen entführte ihn mit dem Ziel, die ­Bibelgeschichten zu zerstören und so das Christentum auszulöschen. Doch Cora setzt alles daran, ihren Vater zu finden und die Bibel zu retten.

Dabei hilft ihr ein magischer Zeitreisewürfel. Cora muss die ihr von ihrem Vater hinterlassenen Bibel-Codes eingeben und schon gelangt sie in Sekundenschnelle an den Ort der biblischen ­Ereignisse. Ihre erste Reise führt das Mädchen rund 2000 Jahre zurück in die Vergangenheit auf den Markt in ­Jerusalem. Hier lernt sie Habib, einen 13-jährigen Jungen kennen, der von zu Hause weggelaufen ist. Auf den ­ersten Blick ist er für Cora ein kleiner Macho, doch er ist auch liebenswert und aufgeweckt. Im Heiligen Land kennt er sich bestens aus. Schnell werden die beiden Freunde und bestehen gemeinsam viele Abenteuer.

Cora und Habib sind die Hauptfiguren von »Chi Rho – das Geheimnis«, einer zunächst 13-teiligen christlichen Zeichentrickserie, die auf 26 Folgen erweitert werden soll. Ab 1. November ist die Serie montags bis freitags um 17.35 Uhr, im Kinderkanal (KI.KA) von ARD und ZDF zu sehen. Sie will Kinder auf eine spannende Abenteuerreise durch das Alte und Neue Testament einladen und Lust wecken, sich mit der Bibel zu beschäftigen. Der Name der Zeichentrickserie Chi Rho steht für das Christusmonogramm.

»Wir wollen ›Chi Rho‹ als Markenzeichen für Kinder etablieren und ­Inhalte des christlichen Glaubens ­vermitteln«, sagt Roland Rosenstock. Der Professor für Religions- und ­Medienpädagogik an der Universität Greifswald hat die Entstehung der Trickfilmserie begleitet und das Team bei KI.KA beraten.

Aus medienpädagogischer Sicht sei es wichtig, dass Kinder die Bibelgeschichten aus ihrer Perspektive betrachten können und in das Geschehen mit einbezogen sind, erläutert Rosenstock. In »Chi Rho« geschehe dies durch Rahmenhandlungen.

Mithilfe des magischen Zeitreisewürfels gelangen die Kinder an die abenteuerlichsten Orte der Bibel. Am Anfang finden sie sich im Garten Eden wieder, wo sie Adam und Eva begegnen und ihnen bei der Vertreibung aus dem Paradies beistehen. Kaum haben sie diese Aufgabe bewältigt, stürzt sie der Zeitreisewürfel in das nächste biblische Abenteuer: Kurz vor dem Ertrinken werden sie von Noah und seinen Söhnen gerettet, denen sie wiederum helfen, die Tiere auf die Arche zu treiben. Dann sind sie mit Jona im Bauch des Wals gefangen oder ihnen wird hoch oben auf dem Turm zu Babel schwindlig.

Die Zeichentrickserie – gedacht für Jungen und Mädchen im Grundschulalter – orientiere sich eng an bibelwissenschaftlichen und theologischen Erkenntnissen. Alle Zeichnungen der biblischen Figuren und Orte beruhten auf historischen und archäologischen Fakten, erklärt Rosenstock.

Wenn die Animationsserie am 1. November auf Sendung geht, hat sie eine lange Entstehungsgeschichte hinter sich. Von der Idee, die biblischen Geschichten in einer Kinder-Zeichentrickserie umzusetzen bis zur Premiere im Fernsehen sind mehr als fünf Jahre vergangen. Bei der Entwicklung von »Chi Rho« arbeiteten KI.KA sowie die Evangelische und Katholische Kirche in Deutschland eng zusammen. Von den Produktionskosten, die sich auf 7,5 Millionen Euro belaufen, übernehmen die beiden Kirchen 20 Prozent.

Sabine Kuschel

Begleitprogramm

Begleitend zur Serie gibt es »Chi Rho« auch als Bühnenprogramm für Feste in Kirchengemeinden, Kindergärten und Schulen. Im Internet werden Spiele angeboten.

Zum Sendestart der Kindertrickserie erscheint im Gütersloher Verlagshaus auch die »CHI RHO«-Buchreihe. Autoren sind Roland Rosenstock und die Literatur- und Theaterwissenschaftlerin Christine Senkbeil. Die Bücher sind für Erstleser (und ­deren Eltern) konzipiert. Die erste Staffel umfasst vier Abenteuer:

Entführt – Wo ist Professor Petersen?,
ISBN 978-3-579-06724-7;

Verschluckt – Jona im Bauch des Wals,
ISBN 978-3-579-06726-1;

Ausgeträumt – Streit unter Brüdern,
ISBN 978-3-579-06728-5;

Gestürzt – Himmelssturm in Babel,
ISBN 978-3-579-06729-2.

Jeder Band: 62 Seiten, 9,99 Euro.

www.chirho.kika.de
www.chirho.tv

Familie für kurze Zeit

18. September 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Kinder in familiärer Not: In Bereitschaftspflegefamilien finden Kinder vorübergehend ein Zuhause

In Bereitschaftspflegefamilien kommen Kinder ­unter, die das Jugendamt kurzfristig von ihren Eltern trennen muss. Sie bleiben dort, bis sich ihre Situation geklärt hat. Familie Turban in Leipzig hat sich für familiäre Bereitschaftspflege entschieden.

Von Maxie Thielemann

Familie Turban, v. re. Vater Hans-Joachim, Mutter Freya, Sohn Aaron und Tochter Tabea. (Foto: Uwe Winkler)

Familie Turban, v. re. Vater Hans-Joachim, Mutter Freya, Sohn Aaron und Tochter Tabea. (Foto: Uwe Winkler)

Mit müden Augen guckt der kleine Sascha (Name von der Redaktion geändert) aus seinem Kinderbettchen. Freya Turban lächelt ihn an, flüstert »Schlaf mal schön weiter« und schließt vorsichtig die Schlafzimmertür. Seit knapp sieben Monaten wohnt der eineinhalbjährige Junge bei ihr und ihrer Familie in Leipzig. Hier hat er Geborgenheit, die es in seinem eigenen Zuhause nicht gab.

Das Jugendamt musste Sascha von seinen leiblichen Eltern trennen. Bis entschieden ist, ob er zu ihnen zurückdarf, Adoptiveltern bekommt oder ins Heim geht, bleibt er bei Familie Turban. Sie gehört seit viereinhalb Jahren zur familiären Bereitschaftspflege von Jugendamt und Diakonie in Leipzig.

Immer dann, wenn das Jugendamt minderjährige Kinder kurzfristig in Obhut nimmt, um sie vor Gefahren in der eigenen Familie zu schützen, sind Bereitschafspflegefamilien gefragt. Anders als bei der Dauerpflege nehmen sie ein Kind übergangsweise, oft nur für wenige Wochen oder Monate, bei sich auf.

»Wenn wir gerade kein Kind hier haben, sind wir in Rufbereitschaft«, erzählt Freya Turban. »Dann wird uns oft ganz kurzfristig gesagt, dass beim Allgemeinen Sozialen Dienst des Jugendamtes ein neues Pflegekind auf uns wartet.« Bisher ­waren sieben verschiedene Mädchen und Jungen bei den Turbans zu Gast. Ein Mädchen blieb sogar ein ganzes Jahr. Und noch immer hängen alle ihre Fotos an der Küchenwand.

Freya und Hans-Joachim Turban haben zunächst ihre eigenen fünf ­Kinder großgezogen, bevor sie sich für die familiäre Bereitschaftspflege entschieden haben. Die zwei Jüngsten, die noch zu Hause wohnen, waren damit einverstanden. Ihre Mutter ist nun rund um die Uhr auch für Pflegekinder da, ermöglicht ihnen einen geregelten Tagesablauf, spielt mit ihnen, bringt sie zum Arzt. Dafür erhält die 49-Jährige eine Aufwandsentschädigung und finanzielle Unterstützung für die materiellen Kosten.

»Die Kinder gehören bei uns richtig dazu«, sagt sie. »Sie kommen überall mit hin. ­Unsere Verwandten und Bekannten machen genau wie wir keinen Unterschied zu unseren eigenen Kindern.«

Ihre 18-jährige Tochter findet das gut: »Zu meinen Freunden sage ich auch: das ist mein kleines Geschwisterchen.« Sie halten auch dann noch Kontakt zu den Pflegekindern, wenn diese längst zu ihren leiblichen Eltern zurückgekehrt sind oder Adoptiveltern gefunden haben.

Katrin Hoffmann vom Leipziger Jugendamt hat großen Respekt vor den Familien, die sich diese Aufgabe zutrauen, denn: »Es ist ein hartes Brot, wenn man von jetzt auf gleich ein Kind zu sich nimmt, das man nicht kennt. Das kostet sehr viel Kraft.«

Das gemeinsame Ziel bleibe immer, dass die Pflegekinder zu ihren leiblichen Eltern zurückgehen können. Dafür treffen sich die Turbans ­regelmäßig mit den leiblichen Eltern. Auch wenn sie die oft traurigen Geschichten der kleinen Gäste kennt, empfindet Freya Turban keine Wut: »Ich sehe die Eltern auch ein ganzes Stück als Opfer. Die machen das ja nicht, um ihrem Kind zu schaden. Die kommen ja auch aus einer Geschichte.«

Die Bereitschaftspflegefamilien sind nicht auf sich allein gestellt. In Leipzig kümmert sich die Diakonie als Freier Träger um die Pflegeeltern, unterstützt sie mit einem Notruftelefon und Weiterbildungen. Regelmäßig können sich die Pflegefamilien untereinander austauschen und auch mal eine Pause einlegen. Die oft traumatisierten Pflegekinder sollen sich in den Übergangsfamilien sicherfühlen. Marion Wiegand von der Diakonie schaut sich interessierte Familien deshalb genau an: »Wir lernen sie in einem Einführungskurs kennen und bekommen dort einen ersten Eindruck. Wir gehen auch zu ihnen nach Hause, sprechen über ihre Motivation, über ihre Lebensgeschichte und das, was ihnen in der Erziehung wichtig ist.«

Noch bevor Freya Turban den kleinen Sascha zum Mittagsschlaf ins Bett gelegt hat, kam ein Anruf vom Jugendamt. Der kleine Junge soll nun woanders untergebracht werden. Für die Pflegefamilie ein kleiner Schock. »Wir dürfen ja erleben, wie die Kinder bei uns heil werden, wie sie sich entwickeln, wie sie die ganze Geschichte, die sie zu Hause erlebt haben, überwinden und ganz normale Kinder werden«, sagt die Pflegemutter bedrückt. »Und dann wird man damit konfrontiert, dass sie wieder gehen, und hat keinen Einfluss darauf, wohin.« Doch die Turbans haben einen Vorteil. Sie halten auch in Krisen zusammen. Familien wie sie werden dringend gesucht, damit Kinder in ­familiärer Not zumindest vorübergehend ein Zuhause finden.

»Wow, mein Großer, du bist was Besonderes«

6. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Eltern sollten ihren Kindern helfen, sich auf der Welt daheim zu fühlen. 	Foto: epd-bild

Eltern sollten ihren Kindern helfen, sich auf der Welt daheim zu fühlen. Foto: epd-bild


Erziehung: Kinder brauchen Eltern, die sie vorbehaltlos lieben, dann stellt sich Gehorsam von selbst ein

Der Pädagoge Wolfgang Bergmann hat etwas gegen Prinzipien und gegen ­Disziplin. Er findet: Was Kinder brauchen, sind coole, gelassene Eltern.

Von Marie Lampert

Das Gegenteil von richtig ist falsch. Und von richtig lieb ­haben – falsch lieb haben. Falsch lieb haben ist zum Beispiel, »wenn ich die ganze Zeit darauf achte, dass mein dreijähriges Kind im Alphabet mindestens so weit ist wie sein bester Freund«. Bergmann setzt hinterher: »Dann ist Hopfen und Malz verloren. Da werden die Eltern in der Pubertät merken, dass sie was falsch gemacht haben.«

Wolfgang Bergmann hat sich der Arbeit mit hyperaktiven und auffälligen Kindern verschrieben. In Hannover unterhält er ein Institut für Kinderpsychologie und Lerntherapie. In Büchern und Zeitschriften, auf Podien und in Talkrunden entfaltet er sein Credo vom chaotischen Geist und vom liebenden Blick.

Während Pädagoginnen-Kollegen durch Talkshows und Buchhandlungen reisen, um der Disziplin Gehör zu verschaffen, und der strapazierten Elternschaft mitteilen, Kinder bräuchten Grenzen, verkündet Bergmann das Gegenteil. Bevor sie eine Grenze brauchen, brauchen sie die Liebe ihrer Eltern, die vorbehaltlose. Sein Appell: »Guckt nicht auf den Mathetest, sondern einfach, wie er dasitzt auf seinem kleinen Hintern. Freut euch an seiner Nase oder an dem verschwitzten Gesicht.«

Kinder kommen als kleine, unfertige Wesen zur Welt. Und manche sind ziemlich zappelig. Bergmann ist sicher: Alle wollen sie Bindung und Vertrauen. Sie wollen angeschaut werden mit einem Blick, der sagt: Wow, mein Großer, du bist was Besonderes. So guckt dann also der Herr Bergmann, wenn die Hypies – hyperaktive Kinder – bei ihm vorgestellt werden. Dann kommt’s drauf an: »Wenn die Kinder diesen Blick aufgenommen haben, dann prüfen sie einen: Ist das eigentlich ein cooler Typ?« Bergmann ist ein cooler Typ. Er trägt eine struppige Frisur, die Stimme knarzt ein bisschen, er ist sehr direkt und autoritär. »Bei den Kindern gibt es ein tiefes Bedürfnis nach Ordnung. Und da diese Ordnung nicht in ihrem Selbst verinnerlicht ist, brauchen sie diese Ordnung von außen. In dem Sinn: Ich führe dich in diese Ordnung hinein. Und du widersprichst mir nicht! Das ist Kinderlogik. Damit haben die kein Problem.«

Hektik und Leistungsdruck machen es Eltern schwer, eine gelassene Haltung zu entwickeln. Sie wollen, dass es ihrem Kind gut geht, sie wollen aber auch, dass es gut ist. Gut im Sinn von Leistung. »Elternliebe und Elternnarzissmus sind zwar zwei Sachen, aber ständig ineinander verwickelt. Ist mein Kleiner auch erfolgreich? Wirkt er auch gut? Der Geist des Kontrollierens, der Leistung und des falschen Narzissmus macht den Kindern Angst und die Eltern unsicher.«

Bergmann findet, Eltern sollten ihren Kindern helfen, sich auf der Welt daheim zu fühlen, bevor sie sie mit Leistungsansprüchen konfrontieren. Eltern sollen ermöglichen, dass Kinder ihren Geist und die Sprache entfalten, sie sollen Raum geben, damit innere Visionen und Fantasien wachsen können – und die Ängste bannen. Dazu, sagt Bergmann, seien Eltern ja eigens erfunden worden: um ihre Kinder mit der Welt zu versöhnen.

Gehorsam, das ist seine Erfahrung, stellt sich von selbst ein, wenn der Unterbau stimmt, also die Bindung. Gehorsam heißt, ich höre, sagt Bergmann. Ich spanne meine Sinne an, auf einen Menschen hin, der bedeutsam ist. Mama und Papa sind das von vornherein. Kinder haben eine enor­me Bereitschaft, zu hören. »Und so geht der Gehorsam, über den ich rede, unmittelbar aus der frühkindlichen Bindung, dem Geist, der Biologie der Liebe hervor und findet eine Ordnung in der Welt, im Baukastenspielen mit Papa, im Kuscheln mit Mama.« Wobei Rollen nicht festgeschrieben sind: »Ich konnte zum Beispiel wunderbar Puppen spielen mit meinem Kind.«

Zur Ordnung gehört die Unordnung. Und deshalb hat neben der Versöhnung auch der »chaotische Geist« seinen Platz in Bergmanns Vorstellung von gelungener Erziehung. Der chaotische Geist wird ganz besonders wichtig, wenn es um das Sich-Behaupten geht. Um Fußball oder Raufereien. »Furchtbar, diese Tüttel-Friedenspädagogik. Da geht eine Scheibe kaputt und man bespricht alles im Sitzkreis. Man redet über Prinzipien, statt sich zu freuen, weil nur die kleine Scheibe kaputt ist, nicht die große. Scheiben gehen kaputt beim Fußballspielen, dazu sind sie da!«
Und damit wären wir beim nächsten Thema. Jungs – und was sie brauchen: »Die Jungen dürfen heute mit ihrer Männlichkeit nicht vertraut werden. Das bringt die ganz durcheinander. Wenn zwei Jungs in einer Rauferei klären wollen, wer der Bestimmer ist, geht gleich die Erzieherin dazwischen. Im Kindergarten meiner Tochter wurde immer morgens gesagt, wer heute der Bestimmer ist. Das geht aber nicht per Erklärung. Das muss entschieden werden. Und da muss man raufen und eins auf die Nase kriegen und mal weinen und sich wieder versöhnen. Diese ganze authentische Kultur geht vor lauter Prinzipien verloren. Damit geht die große Entwicklungsfreiheit verloren, die Kinder brauchen. Die Harmonieseligkeit hindert Jungs daran, ihre Körperlichkeit zu erleben. Und Grenzen tatsächlich zu erfahren.«

Mit freundlicher Genehmigung aus »echt«. Das Magazin Ihrer evangelischen Kirche

Literatur: Bergmann, Wolfgang: Geheimnisvoll wie der Himmel sind Kinder. Was Eltern von Jesus lernen können, Kösel-Verlag, 160 S., ISBN 978-3-466-36836-5, 14,95 Euro

Bergmann, Wolfgang: Warum unsere Kinder ein Glück sind. So gelingt Erziehung heute, Beltz Verlag, 175 S., ISBN 978-3-407-85879-5, 14,95 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643) 246161

Die Angst vor dem virtuellen Freund

22. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Es macht Spaß, im Internet neue Leute kennenzulernen, doch manchmal entpuppt sich der Freund als Feind. Foto: epd-bild

Es macht Spaß, im Internet neue Leute kennenzulernen, doch manchmal entpuppt sich der Freund als Feind. Foto: epd-bild


Streit im Netz: Viele Jugendliche in Deutschland haben als Opfer oder Täter mit Mobbing im Internet zu tun

Mobbing gibt es nicht nur im Klassenzimmer und auf dem Schulhof, sondern auch im Internet. Die Drangsalierung anderer Menschen über das Internet, in Chatrooms oder mittels Handy ist in dem Begriff Cyber-Mobbing zusammengefasst.

Heiko hält seine Hand vor die Kamera und zeigt seine Narbe. »Die ist zurückgeblieben, nachdem ich mit der Faust in den Bildschirm geschlagen habe«, erzählt der schmale Junge mit der blonden Igelfrisur. »Ich bin so ausgerastet, weil er meine Eltern beleidigt hat.« »Er« war eine virtuelle Bekanntschaft, mit der der 14 Jahre alte Schüler vor knapp zwei Jahren ein paar Mal gechattet hatte, bevor sich der Freund als Feind entpuppte.
Mindestens 15 Nachrichten täglich habe ihm der Junge geschickt, eine schlimmer als die andere, erzählt Heiko. Die Beleidigungen gingen in Bedrohungen über und mündeten schließlich in dem Satz: »Ich bringe dich um.« Er habe richtig Angst gehabt, berichtet der Wuppertaler Schüler. Erst als Heiko mit seinen Eltern zur Polizei ging und Computerspezialisten die Adresse des Mobbers herausfanden und ihn zur Rede stellten, war Schluss.

Auch Madita, Diandra, Alina und Ayla haben Erfahrungen mit Cyber-Mobbing gemacht. Vor der Kamera fällt es ihnen bisweilen sichtlich schwer, darüber zu berichten. Doch ihnen ist wichtig, andere Jugendliche vor dem allzu sorglosen Umgang mit dem Internet zu warnen. Mit ihrer ­Dokumentation »Streit im Netz«, die sie beim Medienprojekt Wuppertal gedreht haben, hoffen sie nun möglichst viele andere jugendliche User
zu erreichen.

Die Chancen stehen gut, meint Projektleiter Andreas von Hören. Zahlreiche DVDs seien bereits von Schulen und Jugendzentren bestellt worden. Der Medienpädagoge dreht schon seit 1992 mit Jugendlichen Filme, die einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden – im Wuppertaler Kino, auf Festivals und als bundesweit vertriebene DVD-Produktion. »Es gibt ein großes Interesse an dem Thema«, sagt von Hören. »Denn immer mehr Jugendliche erleben auch die negativen Seiten der sozialen Netzwerke.«

Jeder fünfte Jugendliche in Deutschland hat einer Studie zufolge als Opfer oder Täter mit Mobbing im Internet zu tun. »Fast 80 Prozent derjenigen, die Klassenkameraden ausgrenzen und beleidigen, tun dies auch im Internet«, erklärt die Kölner Sozialpsychologin Catarina Katzer. Sie hat die bislang einzige repräsentative ­Studie zu »Cyber-Bullying« – das englische Verb »bully« bedeutet »quälen« oder »nötigen« – in Deutschland veröffentlicht. In einem Interview mit den Jugendlichen des Medienprojekts warnt die Psychologin davor, die virtuellen Beleidigungen einfach nur »wegzuklicken«. Es sei wichtig, die Mobber in ihre Schranken zu weisen.

»Diese Form des Mobbings hat eine ganz neue psychologische Dimension«, mahnt Katzer. »Denn man bleibt ein ganzes Lebens lang Opfer.« Was einmal im Internet stehe, sei kaum noch zu löschen und für eine breite Öffentlichkeit sichtbar. Wer ­soziale Netzwerke nutze, sollte daher genau überlegen, was er von sich preisgebe. Katzer appelliert an Eltern und Lehrer, Kinder und Jugendliche über die Risiken des Internets aufzuklären. Außerdem sollten Lehrer sich um den Streit im Netz kümmern und sich einschalten, wenn Schüler von ihren Klassenkameraden virtuell beleidigt würden. »Das gehört zu ihrer Sorgfaltspflicht«, meint die Sozialpsychologin.

Zwar machten die Lehrer Mobbing zum Thema, erzählt die 14 Jahre alte Madita. Aber nicht so, dass es in der Klasse ernst genommen werde. Eine Gruppe von Mitschülern hatte Madita im Internet gezielt beleidigt und Gerüchte über sie gestreut. »Für die Lehrer war das doch nur Kinderkacke«, meint die Schülerin. Also meldete sie die Mobbinggruppe dem Betreiber der Seite, der das Forum daraufhin sperrte. Sich aus Netzwerken wie SchülerVZ, Facebook oder Knuddels ganz zurückzuziehen oder gar die Klasse zu wechseln, war für Madita keine Lösung. »Ich lasse mich nicht einschüchtern, das gönne ich denen nicht.«

Diandra fühlte sich von ihren Lehrern zwar ernst genommen, empfand sie aber als »machtlos« im Kampf ­gegen Cyber-Mobbing. Jemand aus ihrer Klasse hatte ein manipuliertes Bild von ihr ins Internet gestellt.

»Das war total eklig«, sagt sie und ­lächelt verlegen. Ihr Gesicht sei auf den Kopf einer Pornodarstellerin ­kopiert worden, die beim oralen ­Geschlechtsverkehr gezeigt wurde. »Als ich das Bild sah, habe ich einen Heulkrampf bekommen«, erzählt die zwölf Jahre alte Schülerin in der ­Dokumentation.

Auf ihr eigenes Profil im Internet möchte Diandra trotz dieser Erfahrung nicht verzichten. Jeden Tag ist sie online, genau wie die anderen Jugendlichen des Medienprojekts auch. Aber sie ist vorsichtiger geworden. »Man sollte aufpassen, mit wem man im Internet Umgang hat«, sagt sie.

Auch Ayla warnt vor zu viel Vertrauensseligkeit. Sie appelliert an die Zuschauer der Dokumentation, sich lieber auf die Freunde im echten ­Leben zu verlassen. Und zwar nicht nur aus Angst vor Cyber-Mobbing. »Mit jedem virtuellen Freund wird es schwieriger, Zeit für richtige Freunde zu haben«, betont die 18 Jahre alte Schülern. »Sonst wird man mit 3000 Hallo- und Tschüss-Freunden aus dem Internet vereinsamen.« (epd)

Von Sabine Damaschke

www.medienprojekt-wuppertal.de

Den Himmel geschenkt bekommen

24. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Taufvorbereitung: Kinder machen gern mit. Foto: epd-bild

Taufvorbereitung: Kinder machen gern mit. Foto: epd-bild


Am besten ist, wenn ein Mensch am Anfang seines Lebens erfährt, dass Gott ihm ohne Wenn und Aber zugeneigt ist. Ein Plädoyer für die Kindertaufe.

Die Taufe an dem Baby war soeben vollzogen, da kam mein dreijähriger Sohn durch das Kirchenschiff nach vorne. Er stellte sich neben mich ans Taufbecken und reckte den Daumen nach, was so viel heißt wie »prima«, »gut-gemacht!« oder »schön!«. Ein Schmunzeln ging durch das Kirchenschiff. »Taufe ist schön!«, hatte ich zuvor in der Taufansprache betont, und eben nicht: Eine Taufe ist »ganz schön stressig«, wie das manche Familie erlebt. Wenn jemand getauft wird, ist das erst mal schön – für die Familie, Gemeinde und Kirche. Denn die Taufe ist ein schönes Signal. Es bedeutet, mich beschenkt jemand mit seinem Ja und ich gehöre zur Gemeinschaft der Christen. Jemand ist mir ohne Wenn und Aber zugeneigt. Allerdings ist dieses Ja Gottes zum Menschen und das Ja zur Taufe keine Selbstverständlichkeit. Es ist immer wieder in Erinnerung zu rufen.

Die Taufe ist einmalig und gilt für das ganze Leben
Die Taufe ist eine Erfindung Gottes, ein Sakrament, das er sich selbst ausgedacht hat. Sie ist eine einmalige Sache und gilt für das ganze Leben. Am besten erfährt man dies von Anfang an. Denn auch die Kindheit ist keineswegs eine Lebenszeit leidensfreien Genießens. Kinder haben echte Sorgen und Ängste – selbst wenn sie aus der Erwachsenenperspektive klein aussehen mögen. Kinder sind verletzbar. Sie können sich nicht so einfach gegen Widrigkeiten zur Wehr setzen. Sie haben wenig Mittel, sich gegen Demütigungen zu schützen. Sie sind in vielerlei Hinsicht ausgeliefert – die Berichte über Missbrauch in den letzten Monaten lassen das leider erahnen.

Es ist tragisch, sein Leben auf Kosten der Kinder zu führen. Es ist ein Drama. Doch fängt dies nicht erst an, wenn jemand Hand anlegt oder die Seele nicht achtet. Es bedeutet, auf Kosten von Kindern zu leben, wenn wir sie dazu drängen, unseren eigenen Traum zu leben; wenn wir die Erde mit ihren Schätzen zugrunde richten und die nachfolgenden Generationen ein »sinkendes Schiff Erde« vorfinden. Oder wenn wir meinen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf habe nur etwas mit der Anzahl von Krippenplätzen zu tun. Auch für unsere Eltern und Großeltern war es eine Herausforderung, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Wahre Kinderfreundlichkeit hat mit Zeit und Zuneigung zu tun!

Kinder achten – auf Kinder achten
Die Bibel warnt jedoch nicht nur vor Fehlverhalten. Sie erzählt auch von geglückter und glücklicher Kindheit. Ganz wesentlich dabei ist es, Kinder willkommen zu heißen. Wenn sie Grund zur Freude und Dankbarkeit sind; wenn ihnen mit einer Haltung der Offenheit begegnet wird: »Ich freue mich auf das, was sich durch dein Kommen verändern wird.« Ich kann dem Kind Unterstützung zuflüstern: »Ich will dich in der Entdeckung des Lebens begleiten, deinen Weg ­mitgehen.« Natürlich: Eine glückliche Kindheit kann nicht hergestellt werden wie ein Produkt in einer Fabrik oder wie ein Dispo-Kredit bei einer Bank … Aber es kann gefördert werden durch gute Worte wie die, die als Taufsprüche als Wort Gottes zugesprochen werden, und die man sich eben nicht selber zusprechen kann. So ist es eine schöne Idee, wenn Eltern oder Paten nicht nur eine Taufkerze gestalten, sondern auch zum Taufspruch ein Bild für das Kinderzimmer malen, das dem Kind dieses Bibelwort vor Augen malt.

Die Taufe an sich ist schon ein Signal, dass mein Leben nicht in meiner eigenen Hand liegt. Und wo man bereits als Baby zum Taufstein getragen wird, trägt dies zu dieser Grundhaltung bei: Andere haben mich (er)tragen, andere wollen mir als Paten
und Eltern von der Taufe und vom Glauben erzählen, andere sind in ­guten Gedanken und Gebeten bei mir – selbst wenn ich davon nichts ­mit­bekomme oder ahne.

Erziehung im Glauben, geborgen in der Gemeinde

Eltern sollten sich ruhig trauen, mit ihren Kindern zu beten oder sie zu segnen, indem sie zum Beispiel die rechte Hand auf die Stirn des Kindes legen und sagen: »Gott, der Herr, segnet dich und hat dich lieb!«

Eine Erziehung im Glauben ist jedoch nicht nur Sache des Elternhauses oder der Paten. Daher sollte schon im Gottesdienst neben Eltern und Paten auch die Gemeinde darauf verpflichtet werden, für das Kind zu beten, es im christlichen Glauben zu erziehen und an die Taufe zu erinnern. Taufkerze, Taufsprüche, ­Tauf­lieder, Tauftagfeier und Tauftexte, aber auch ein Tauffest der Kirchengemeinde weisen immer wieder auf das Geschenk der Taufe hin. Sie lassen über Christenlehre und Religionsunterricht hinaus ahnen, dass einem mit der Taufe der Himmel geschenkt wurde.

Reiner Andreas Neuschäfer

Medienempfehlungen
Hartmann, Christoph: Ein Stück vom Himmel. Wege zur Taufe – Wege mit der Taufe. DVD, Wartburg Verlag, ISBN 978-3-86160-191-3, 19,95 Euro
Küstenmacher, Werner Tiki: Tikis Evangelisch-Katholisch-Buch. Zusammen sind wir unschlagbar, Calwer Verlag, 32 S., ISBN 978-3-7668-4104-9, 6,95 Euro

Oberthür, Rainer/Meier, Hildegard: Die Bibel für Kinder und alle im Haus. Hörbuch mit vier CDs, Kösel Verlag, ISBN 978-3-466-45840-0, 21,95 Euro

Irmgard Weth: Neukirchener Vorlese-Bibel. Die Bibel von Anfang an. 32 Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament, 144 S. mit 33 farbigen Bildern von Kees de Kort, Neukirchener Kalenderverlag, ISBN 978-3-920524-57-3, 14,90 Euro

Die auf dieser Seite empfohlenen Bücher und CDs sind – wenn nicht anders angegeben – zu beziehen über den Buchhandel oder Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643)246161

Wohin im Alter?

28. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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In bestimmten Lebensabschnitten ist ein Richtungswechsel nötig. Foto: BilderBox.com

In bestimmten Lebensabschnitten ist ein Richtungswechsel nötig. Foto: BilderBox.com


Wohnen im Alter: Wer nach alternativen Wohnformen sucht, sollte sich rechtzeitig umsehen

Die meisten Menschen haben, wenn sie in den Ruhestand gehen, noch eine lange Lebensphase vor sich. Dabei ist die Frage wo, wie und mit wem sie leben wollen, von großer Bedeutung.

Wie die kommende Generation alter Menschen ihre letzte, oft lange Lebensphase im Ruhestand gestaltet, dafür gibt es kein historisches Vorbild. Nie sind so viele Menschen so alt geworden, und nie war es so wenig selbstverständlich wie heute, dass ­ältere Menschen bei der Frage, wo, wie und mit wem sie als Senioren ­leben wollen, einfach auf ihre Familie zurückgreifen können. Denn die Lebens- und Wohnformen, die in der Vergangenheit üblich waren, lassen sich auf die neue Situation nicht ohne Weiteres übertragen. Für viele ältere Menschen scheidet die Lösung: Im Alter zieh ich zu den Kindern – oder die Kinder ziehen zu mir ins Haus – gleich aus mehreren Gründen aus: Die Zahl der kinderlosen Senioren steigt – oder die Kinder wohnen längst irgendwo anders, haben keinen Platz in ihrer Wohnung und sind beruflich eingespannt. Dabei ist das Thema Wohnen für die Lebensqualität im Alter von großer Bedeutung. Denn mit steigendem Lebensalter werden die Grenzen des persönlichen Lebensraums enger.

Richtig angekommen scheint dieser soziale Wandel noch nicht zu sein. Denn viele alte Menschen verdrängen die Frage, wie, wo und mit wem sie im Alter leben wollen. In ländlichen Regionen leben viele Witwen allein in eigenen Häusern, die, ehemals für eine Familie gebaut, für den Bedarf im Alter längst viel zu groß sind. In städtischem Umfeld ­leben Senioren häufiger allein in ­Mietwohnungen in einem mehr oder weniger anonymen Umfeld.

Hanna Kisten (87) lebt allein, seit ihr Mann vor 20 Jahren starb. Ihr einziger Sohn ist selbst krank. Ihre Wohnung im 3. Stock kann sie seit letztem Herbst nicht mehr verlassen. Lebensmittel bekommt sie über den Lieferservice eines Supermarktes, einmal in der Woche kommt jemand zum Putzen. Und wenn sie noch mehr Hilfe braucht? »Ich will hier in meiner ­Wohnung bleiben, in der ich schon geboren bin«, wehrt sie jeden Gedanken an ein Altenheim ab. Altenheim, das ist für sie die allerletzte Notlösung.

Reiner Gerster (68) ist kinderlos ­geschieden. Der Gedanke an das ­Alleinleben macht ihm Angst, seit er unvermutet mit einer lebensgefährlichen Thrombose behandelt werden musste. Außer einem Hausnotruf hat er nichts Grundsätzliches geändert. 93 Prozent der Menschen über 65 Jahre leben in ihren Privatwohnungen. 1,5 bis 2 Prozent haben sich für eine Altenwohnanlage entschieden, 1,6 Prozent leben im betreuten Wohnen, etwa 3 Prozent sind in einem ­Altenpflegeheim untergebracht, so die Zahlen des Kuratoriums Deutsche ­Altenhilfe.

Brigitte Kämpfer (74) ist froh über ihre Entscheidung, in eine seniorengerechte Altenwohnanlage umgezogen zu sein. Hier hat sie nette Nachbarn in ähnlicher Lebenssituation gefunden und kann bei Bedarf die angegliederten Serviceleistungen in Anspruch nehmen.
Wolfgang Nieländer (69) aus Balingen gehört zu den gerade mal ein Prozent der Menschen über 65, die sich für eine alternative Wohnform entschieden haben. Er suchte für die Zeit nach dem Ende seiner beruflichen Arbeit als Entwicklungshelfer nach einer Möglichkeit, mit Menschen unterschiedlichen Alters gemeinsam zu wohnen und zu leben. Nach dem Motto: »Nicht allein und nicht ins Heim«. Gemeinsam mit drei Mitstreitern suchte, fand und kaufte er 2001 in Balingen ein Grundstück und gründete eine Bauherrengemeinschaft. Gebaut wurde barrierefrei und nach ökologischen Grundsätzen. Zur Finanzierung verkauften einige Bauherren ihre bisherigen Häuser. Die nötigen Kredite werden auch dadurch ­abgetragen, dass vier der acht unterschiedlich großen Wohnungen vermietet werden. Seit 2003 lebt Wolfgang Nieländer seinen Traum jetzt im alternativen Wohnprojekt. Jede Partei hat eine separate Wohnung, für Gäste gibt es ein Extra-Appartement.

Die Eingangshalle mit Klavier und großem Tisch ist Treffpunkt für Feiern, fürs Erzählen, Homekino und Ausgangspunkt für gemeinsame Unternehmungen. Der Altersdurchschnitt liegt bei knapp 50 Jahren. »Wir sind kein privates Altenheim – sogar ein Baby wurde hier geboren«, freut sich der Mitinitiator des Projekts, auf dass es in der Nachbarschaft viel ­positive Resonanz gibt.

»Die Kunst des Zusammenlebens hatten wir uns leichter vorgestellt. Ich bin nicht so Geräusche resistent, wenn die Jugendlichen mal loslegen«, gibt Nieländer freimütig zu. Schwerer wiegt allerdings für ihn, dass die Wohngemeinschaft sich mit der Betreuung eines an Demenz erkrankten Mitglieds auf Dauer überfordert sah. Der Mitbewohner zog in ein Pflegeheim und kommt jede Woche zu ­Besuch.
Wer nach Alternativen für das Wohnen im Alter sucht, soll nicht erst im Ruhestand mit den Überlegungen beginnen, rät Wolfgang Nieländer.

Auch wer sich entscheidet, so lange wie möglich in der eigenen Wohnung oder im eigenen Haus zu bleiben, sollte vorsorglich die Frage klären, welche Unterstützung im Notfall ­finanziert und in Anspruch genommen werden soll. Für den Fall, dass eine Pflege zu Hause nicht geleistet werden kann, sollten alte Menschen sich Pflegeheime oder Seniorenresidenzen ansehen und selbst auswählen. Auch für die Suche nach Initiativen und Gruppen, die Ideen und Kontakte, Konzepte und Fördermöglichkeiten für gemeinschaftliches, Generationen übergreifendes Wohnen und Leben vermitteln, gilt: Je eher desto besser.

Von Karin Vorländer

Buchtipp:
Scherf, Henning: Grau ist bunt. Was im ­Alter möglich ist
Herder Verlag, 191 Seiten
ISBN 978-3-451-05976-6
Preis: 9,95 Euro

Infos zu Alternativen Wohnprojekten unter: www.neue-wohnformen.de

Die »neuen Männer«

15. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Auf der Suche nach ihrem Rollenbild

Holger Jantzen mit ­Tochter Nieke und Sohn Noah. Foto: epd-bild

Holger Jantzen mit ­Tochter Nieke und Sohn Noah. Foto: epd-bild

Holger Jantzen ist Fundraiser von Beruf. Tagsüber setzt er sich ­dafür ein, dass möglichst viele Menschen für eine entwicklungspolitische Initiative in Bielefeld spenden. Am Abend ist er Familienvater. Der 48-Jährige kümmert sich um seine zwei Kinder: Vor dem Schlafengehen wickelt er die zweijährige Tochter Nieke.

Die Kleine und der Sohn Noah, drei Jahre alt, machen viel Freude, aber auch Arbeit und Stress. »Und man ­bekommt viel Gefühl und Zuneigung zurück«, sagt der Diplom-Soziologe. Jantzen ist das, was viele einen »neuen Mann« nennen. Er arbeitet knapp 29 Stunden die Woche und teilt sich partnerschaftlich mit seiner Frau Barbara die Haus- und Familienarbeit.

Die 44-Jährige ist als wissenschaftliche Referentin an der Universität Bielefeld tätig. Sie ist eindeutig die Hauptverdienerin in der Ehe. Doch das stört ihren Ehemann nicht. »Mich freut es, dass wenigstens einer von uns einen gut bezahlten Job hat«, sagt Holger Jantzen lachend. In seinem Job würden zwar keine hohen Gehälter gezahlt, dafür sei er mit seinem Beruf sehr zufrieden.

Hat also nach Jahren der Frauenbewegung und der weiblichen Emanzipation der »neue Mann« seine Rolle gefunden? Will er nicht mehr als starker Alleinverdiener für Kind und Frau zu Hause sorgen? Auch wenn es dafür keine belegten Zahlen gibt: Man trifft immer häufiger auf Partnerschaften, in denen Frauen mehr verdienen als ihre Männer – und die meisten Männer klagen darüber zumindest nicht öffentlich.

Doch das »Zeit-Magazin« meldete kürzlich Zweifel an der Glaubwür­digkeit der »neuen Männer« an. Eine Autorin zitiert darin einen Bekannten C., der für Frau und zwei Kinder seine Karriere aufgegeben hat – und jetzt von Selbstzweifeln und Unzufriedenheit geplagt wird.

Der Wiener Evolutionsbiologe Karl Grammer hat in zahlreichen Studien ermittelt, dass die Partnerwahl noch immer archaischen Mustern folgt: Männer suchen junge Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter, Frauen den erfolgreichen Mann mit Status und Karriere.
Eine Milieu-Studie des Bundes­familienministeriums aus dem Jahr 2007 scheint diesen Eindruck zu bestätigen: Darin wurden 20 Jahre alte Männer und Frauen nach ihrem Rollenverständnis befragt: Die Männer äußern sich zunehmend verunsichert über die verschiedenen Frauentypen, die ihnen heute begegnen.

Für die jungen Männer, auch aus der bürgerlichen Mitte, bleibt es der Studie zufolge ein Lebensziel, einmal eine Familie zu versorgen. Die Hausarbeit und Kindererziehung überlassen sie gerne weiterhin der Frau. Tatsächlich scheint es vielen Männern schwerzufallen, öffentlich zu ­bekennen, dass ihre Frau mehr Geld nach Hause bringt als sie. Auch Frank W. möchte lieber anonym bleiben: »Aber ich habe kein Problem damit, dass meine Frau mehr verdient als ich«, sagt der 50-Jährige. Bei ihm sei die Berufszufriedenheit als freier Journalist groß – und es habe ihm »eine große Befriedigung« gebracht, hauptsächlich für die Erziehung des gemeinsamen Sohnes verantwortlich gewesen zu sein.

Allerdings räumt er ein, dass das Paar auf Partys oder Empfängen mitunter Erstaunen auslöst. »Wenn die hören, dass meine Frau Geschäfts­führerin eines Wirtschaftsberatungsunternehmens ist, denken viele, ich müsste noch eine höhere berufliche Position einnehmen«, beschreibt er die Stimmungslage.

Ulrike Detmers, Professorin und Mitglied in der Geschäftsführung ­einer großen Backwarenfirma in ­Gütersloh, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. »Es ist noch lange keine Selbstverständlichkeit, dass Männer sich partnerschaftlich um Haushalt und Familie kümmern«, sagt sie. Trotzdem gebe es immer mehr Väter, die sich selbstbewusst zu ihrer Rolle bekennen. Detmers setzt sich seit Jahren für Gleichberechtigung und mehr Frauen in Führungspositionen ein. Und sie schreibt seit vier Jahren den Preis »Spitzenvater des Jahres« aus. Die Preisträger müssen aus innerer Überzeugung für das partnerschaftliche Ehe- und Familienmodell eintreten und bei der Kleinst-, Klein- und Schulkinderbetreuung mitwirken.

Schirmherrin der Auszeichnung ist Bundesfamilienministerin Kristina Schröder. Sie setzt nicht nur auf Ehrungen, sondern will auch die Vätermonate beim Elterngeld ausweiten. Inzwischen nehmen 20 Prozent der Männer die zwei Partnermonate in Anspruch – ab 2011 soll es dann vier Monate geben. »Männer stehen nicht mehr unter dem Weichei-Verdacht, wenn sie sich um die Erziehung ihrer Kinder kümmern«, ist zumindest die Ministerin überzeugt.

Michael Ruffert (epd)

Die eingebildete Hässlichkeit

26. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Forschung: Bielefelder Wissenschaftler wollen die psychische Störung »Dysmorphophobie« ergründen

Sie selbst finden sich unansehnlich, obwohl ­andere an ihnen keinen ­Makel ­erkennen. Menschen mit Dysmorphophobie ­mögen ihr Spiegelbild nicht. Bis zu zwei Prozent der Bevölkerung ­leiden an dieser Störung.

Wissenschaftler erstellen mit Hilfe von Kameras und Computern Analysen der Blickbewegungen beim Betrachten eines fremden Gesichtes. Foto: epd-bild

Wissenschaftler erstellen mit Hilfe von Kameras und Computern Analysen der Blickbewegungen beim Betrachten eines fremden Gesichtes. Foto: epd-bild

Im Spiegel lauert ein grässliches Monster: »Ich habe nur sehr, sehr selten ‘ne so hässliche Kreatur wie mich gesehen«, schreibt ein Internet-Nutzer unter dem Namen »Raumschiff«. Ein weiterer Schreiber ergänzt: »Immer wenn ich mich sehe, werde ich total depressiv.« Er habe eine riesige, breite Nase, dazu kleine Augen, ein fettes Kinn und dünne Haare, führt er in einem Selbsthilfe-Internet-Forum zum Thema »eingebildete Hässlichkeit« aus. Und ein Mädchen, das sich Feney nennt, gesteht: »Ich hasse mein Spiegelbild einfach.«

Bis zu zwei Prozent der Bevölkerung leiden Schätzungen zufolge an der psychischen Störung »Dysmorphophobie« (etwa: »Angst vor Missgestaltung«). Die Erforschung der »eingebildeten Hässlichkeit« steckt jedoch noch weitgehend in den Kinderschuhen. In einem bundesweit einmaligen Projekt an der Universität Bielefeld wollen Psychologinnen nun herausfinden, ob Menschen mit einer solchen Störung andere Sehgewohnheiten haben. Mitte des Jahres sollen die ersten Zwischenergebnisse vorliegen.

»Menschen mit Dysmorphophobie sehen an sich einen Makel, der für ­andere nicht zu sehen ist«, schildert Psychologin Anja Grocholewski die Symptome. Kennzeichen der Krankheit ist eine so übertriebene Beschäftigung mit der vermeintlichen Entstellung, dass für nichts anderes mehr Raum bleibt. Manchmal können Erkrankte bis zu acht Stunden damit zubringen, sich im Spiegel zu betrachten oder ihre vermeintlichen Deformierungen mit Schminke, weiten Pullis und Hosen oder einer Sonnenbrille zu »tarnen«.

Im Extremfall wagen sie es nicht mehr, ihre Wohnung zu verlassen – aus Angst vor abschätzigen Blicken. Nicht selten müssen sie dann Schule oder Job aufgeben. Da auch nach einer Schönheits-Operation die eingebildete Riesennase nicht schrumpft, werden manche süchtig nach weiteren Schnitten. Jeder vierte von ihnen, so schätzt man, denkt daran, sich umzubringen. Betroffen sind gleichermaßen Frauen wie Männer, Junge wie Alte. Einige Psychologen sehen auch in den vielen Gesichtsoperationen des im vergangenen Jahr gestorbenen Popstars Michael Jackson einen Hinweis auf diese Krankheit.

In dem Bielefelder Forschungsprojekt blicken die Probanden durch eine Apparatur, die an ein Gerät beim Optiker zur Ermittlung der Sehstärke erinnert. Anstelle von Buchstaben sehen die Freiwilligen verschiedene Gesichter – auch ihr eigenes. Das Gerät zeichnet die Blickbewegungen auf. Hinter einer Trennwand beobachtet Grocholewski zusammen mit ihrer Kollegin, der Psychologieprofessorin Nina Heinrichs, auf einem Bildschirm, wie sich der Blick über die gerade ­gezeigten Gesichter bewegt.

Rund 40 Freiwillige nehmen bislang an dem Projekt »Augenblicke« teil. »Einige brauchen mehrere Anläufe, bis sie dann tatsächlich zu uns gelangen«, erzählt Grocholewski. Viele kommen erst im Dunkeln, weil sie sich bei Tageslicht nicht auf die Straße wagen. Dass sich die Probanden doch durchringen, liegt nach Eindruck Grocholewskis daran, dass sie bei einem Vorgespräch eine Diagnose erhalten. »Viele möchten wissen, wie es weitergehen kann«.

Die Krankheit wurde zwar bereits 1886 von dem Turiner Neurologen Enrico Morselli als »Dysmorphophobie« beschrieben. Dass sie aber bis heute nur wenig bekannt ist, liegt daran, dass sich die Betroffenen aus Scham kaum jemanden anvertrauen. Oft landen sie als Patienten bei Dermatologen, Zahnärzten, vor allem aber in der plastischen Chirurgie, wie der Neurologe Volker Faust von der Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit beklagt. Weil sie da nur selten als seelisch gestört erkannt und behandelt würden, gingen das Leiden und der eingeleitete Teufelskreis weiter.

Bei der Suche nach den Auslösern tappen die Experten noch weitgehend im Dunkeln. Einige Betroffene wurden als Kind wegen einer starken Akne oder eines zu großen oder zu kleinen Busens gehänselt. »Später ist die Akne weg, aber das Gefühl bleibt«, erklärt Grocholewski. Das allein führe aber noch nicht zu einem Ausbruch der Krankheit. Dazu müssten auch ein besonderes ästhetisches Empfinden und ein Hang zum Perfektionismus kommen, vermutet sie.

Bislang gibt es laut Grocholewski kein Patentrezept für eine Heilung. In Verhaltenstherapien lasse sich jedoch lernen, mit der Störung zu leben. ­Einem steigenden Erwartungsdruck durch TV-Castingshows für Superstars und Supermodels die Schuld zuzusprechen, hält Grocholewski für zu einfach. Nur besonders verletzliche Menschen seien anfällig. »Wer das nicht ist, wird auch nach der 100. Sendung von ›Germany’s Next Topmodel‹ keine Dysmorphophobie bekommen oder zu einer Schönheits-OP gehen«.

Von Holger Spierig (epd)

Wenn die Eltern pflegebedürftig werden

18. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Pflege im Alter: Angehörige in der Spannung zwischen eigenem Anspruch und Grenzen sowie den Erwartungen der Umwelt

Du sollst Vater und Mutter ehren, sagt das vierte Gebot. Doch was heißt das, wenn die Eltern rund um die Uhr Betreuung brauchen? Dazu einige Ratschläge.

Viele Pflegebedürftige werden von ihren Angehörigen zu Hause versorgt. Foto: epd-bild

Viele Pflegebedürftige werden von ihren Angehörigen zu Hause versorgt. Foto: epd-bild

Gabriele Müller (Name geändert) ist hin- und hergerissen: Seit fünf Jahren schaut die 54-Jährige zweimal am Tag nach ihrem Vater, der nur zwei Häuser weiter im Ort wohnt. Der 86-Jährige braucht Hilfe beim An- und Ausziehen, ansonsten kommt der Witwer noch gut alleine zurecht. Das Mittagessen, das ihm die Tochter mitbringt, kann er sich selbst warm machen. Doch seit ein paar Tagen geht vieles nicht mehr so wie früher: Der Vater vergisst manchmal sein Essen, gestern Abend stand er plötzlich im Morgenmantel auf der Straße, und oft beklagt er sich darüber, dass niemand nach ihm schaut.

Es ist klar, dass der 86-Jährige künftig mehr Hilfe brauchen wird – Hilfe, die Gabriele Müller nicht leisten kann: Sie ist beruflich voll eingespannt, und sie ist sich ihrer Grenzen bewusst. Aber darf sie, kann sie den Vater irgendwann in ein Heim geben? Muss sie ihn nicht im Ernstfall zu Hause pflegen? Was bedeutet das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, in diesem Zusammenhang? Fragen, die sich viele Menschen stellen: Denn viele Pflegebedürftige werden von ihren Angehörigen zu Hause versorgt. Wer in die Pflegestufe drei eingestuft wurde, braucht eine Betreuung rund um die Uhr. Für die Pflegenden heißt das Knochenarbeit, die leicht zur seelischen und körper­lichen Erschöpfung führt.

Ingrid Felgow kennt diese Zwickmühle. Als Seelsorgerin im Seniorenzentrum Martha-Maria in Stuttgart trifft sie immer wieder Angehörige, die zwischen ihrem eigenen Anspruch, den Erwartungen der Umwelt und ­ihren Grenzen zerrissen sind. Rechtlich, sagt sie, sei die Sachlage klar: Für die Versorgung der Eltern sind zuerst die Kinder zuständig. Eltern haben berechtigte Erwartungen, im Alter von ihren Kindern nicht alleine gelassen zu werden. »Aber Eltern zu versorgen heißt für mich nicht, dass man sein ­eigenes Leben opfert«, betont Felgow. Es ist geradezu lebensnotwendig, dass Kinder mit dem Segen der Eltern ein eigenes Leben führen können.«
Damit es nicht zu solchen Konflikten kommt, empfiehlt die Seelsor­gerin, rechtzeitig und offen zu klären, was geschehen soll, wenn die Eltern pflegebedürftig werden. »Am besten ist es, wenn sich alle Kinder und die Eltern in Ruhe zusammensetzen, bevor Handlungsbedarf besteht.«

Das sei nicht immer leicht, räumt Felgow ein. »Wenn die Eltern das nicht wollen, können die Kinder nichts machen.« Allerdings zeige nicht zuletzt die lange Warteliste im Seniorenzentrum, dass sich viele Menschen frühzeitig Gedanken machen, wo sie im Alter hingehen. Für die Angehörigen ist das eine gewaltige Entlastung, denn oft ändern sich die Verhältnisse von einem Tag auf den anderen. Schwieriger ist es bei Demenz-Erkrankungen: Was bloße Vergesslichkeit ist und was schon Anzeichen einer Demenz sind, lässt sich zumindest im Anfangsstadium nicht so leicht feststellen.

Felgow rät zur ­besonderen Aufmerksamkeit. »Man sollte es nicht so weit kommen lassen, dass jemand sich selbst und andere gefährdet«, erklärt sie. Grundsätzlich sei es für die meisten Menschen wichtig, in der gewohnten Umgebung alt zu werden. »Aber man muss immer abwägen, wann die Lebensqualität zu Hause geringer ist als in einem Pflegeheim.« Viele alte Menschen, so ihre Erfahrung, sind zu Hause einsam und ernähren sich schlecht. »Manche blühen richtig auf, wenn sie zu uns ins Heim kommen«, sagt die Seelsorgerin. Aber ein Leben im Seniorenzentrum müsse nicht für jeden passen. »Entscheidend ist, dass der alte Mensch mit seiner Situation zufrieden ist und dass er angemessen versorgt werden kann.«

Wer plant, die Eltern oder ein Elternteil zur Pflege zu sich nach Hause zu nehmen, sollte zunächst sich selbst prüfen ob es geht. »Ich würde den Kindern empfehlen, ein Pflegepraktikum zu machen«, sagt Felgow. ­»Zumindest sollte man sich von Fachkräften zeigen lassen, welche Handgriffe wie ausgeführt werden oder ­einen Hauspflegekurs besuchen.« Ob jemand die Pflege übernehmen kann, hängt nach ihrer Erfahrung sehr ­davon ab, wie das Verhältnis zu den Eltern ist. »Beide Seiten müssen sich fragen, ob sie solche Berührungen zulassen können.«

Natürlich muss auch klar sein, ob die Pflege körperlich und zeitlich zu leisten ist. Und da lastet auf den Pflegenden – in der Regel Frauen – ein großer Druck. »In manchen Orten heißt es: Bei uns gibt man seine Eltern nicht ins Heim«, sagt Ingrid Felgow. »Aber davon sollte sich niemand leiten lassen. Vielmehr sei immer zu fragen, wo die eigenen Grenzen und die eigene Mitte sind.« Natürlich sei das immer eine »angefochtene Mitte« gerade beim Thema Pflege. »Wenn dann die Nachbarn erklären, bei ihnen sei es doch auch gegangen, kommt man rasch in Erklärungsnot.«

Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist aber nichts Ehrenrühriges, schließlich geht es um das Wohl aller Beteiligten, der Angehörigen wie auch der Pflegebedürftigen. Und angesichts der Tatsache, dass immer mehr Frauen erwerbstätig sind und somit die Töchter- und Schwiegertöchtergeneration für die Pflege zu Hause nicht mehr zur Verfügung stehen wird, nehmen auch immer mehr Menschen professionelle Pflege in Anspruch.

Wenn es aber zu Hause nicht mehr geht, sollte der Umzug in ein Pflegeheim gut vorbereitet und begleitet sein. Dabei kommt den Kindern eine wichtige Rolle zu. »Niemand kann das leisten, was Kinder für ihre Eltern tun können«, sagt Felgow. Darüber hinaus sollten vor allem in der Eingewöhnungszeit Angehörige, Mitarbeitende, Seelsorger und Ehrenamtliche eng zusammenarbeiten. Und Konflikte aus der Vergangenheit sollten angesichts des nahen Todes nicht mehr aufgewärmt werden, es sei denn, sie könnten noch aufgearbeitet werden. Wichtig aber ist es, einander zu vergeben und einander zu danken. »Es hat keinen Sinn, alt gewordenen Eltern Uraltes, Unveränderbares vorzuhalten«, sagt Ingrid Felgow. »Lebensaufgaben sollte man lösen, wenn sie anstehen.«

Von Volker Kiemle

Bei einer Geburt begegnen wir dem Heiligen

11. Februar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Schwangerschaft und Geburt: Eine besondere spirituelle Zeit der Grenzerfahrung, des Schmerzes und der Seligkeit

Ein neuer Mensch ist in dieser Welt angekommen. Foto: epd-bild

Ein neuer Mensch ist in dieser Welt angekommen. Foto: epd-bild

Jede Geburt ist ein Wunder und für die werdenden ­Eltern ein großes spirituelles ­Ereignis. Die Kirche sollte sie in dieser besonderen Situation begleiten.

Wenn eine Schwangerschaft beginnt, ist das für die Eltern eine Zeit der tief greifenden Veränderung und deshalb auch eine Zeit der Offenheit für Glauben und Spiritualität. Jede Geburt ist ein Wunder. Für die ganz großen ­Gefühle von Freude und Ehrfurcht werden meist kein Raum und keine Zeit gelassen.

Das Gesundheitssystem verspricht eine absolute Sicherheit durch die technisch-medizinische Begleitung bis hin zum Kaiserschnitt auf Wunsch. Es ist eine trügerische Verheißung, gegen die Hebammen ankämpfen, denn sie wissen, dass gebärende Frauen keine Patientinnen sind, sondern für Schwangerschaft und Geburt geschaffen, und dass Vertrauen ebenso wichtig ist wie Sicherheit. In der Kirche sind diese Erfahrungen nur dann im Blick, wenn es um Beratung, Ethik oder Trauerbegleitung geht. Warum nehmen die Mitarbeitenden in den Kirchengemeinden und in den Theologischen Fakultäten diese sensible Zeit im Leben der Menschen nicht wahr? Spüren sie nicht die Sehnsucht nach Sinngebung und Getragensein?

Zum einen galt der Körper der Frau jahrtausendelang als unrein, der Mutterschoß als Herkunftsort der Erbsünde und deshalb wurde erst die Taufe der Anfang wahren Menschseins. Und zweitens richtet sich der Blick von Theologie und Kirche auf Tod und Sterben und nicht auf das Geborensein. Das ist merkwürdig, denn in der Bibel ist der Mutterschoß nach dem Herzen das am häufigsten erwähnte Organ. »Du hast mich gebildet im Mutterleibe«, heißt es in Psalm 139, Vers 13.

Mit Hannah Arendt haben wir entdeckt, dass nicht nur die Sterblichkeit, sondern auch die Geburtlichkeit ein menschliches Grundfaktum ist. Und zur Geburt selbst schreibt die Philosophin: »Wegen dieser Einzigartigkeit, die mit der Tatsache der Geburt ge-
geben ist, ist es, als würde in jedem Menschen noch einmal der Schöpfungsakt Gottes wiederholt und bestätigt.

Auf die Frage, was das Besondere an der Geburt ist, nannten Hebammen wiederholt diese Begriffe: Grenzerfahrung, Ergriffenheit, Seligkeit, Wunder des Lebens, Schmerz, Krankheit und Tod, Raum und Zeit, Atmosphäre und Stille. Auch Mütter und Väter haben mir ihre Erlebnisse erzählt. Ich verstehe dies nun als eine Begegnung mit dem Heiligen. Das Heilige kann uns in vielen Lebensbereichen ergreifen, es ist nicht an einen religiösen Kontext gebunden. Das Heilige begegnet uns als fascinosum, als Seligkeit und Ekstase. Ebenso kann es uns aber auch als tremendum im Entsetzen über eine Krankheit oder gar den Tod ergreifen.

Das Geburtsgeschehen ist ein dramatischer Prozess. Die Beteiligten kommen an ihre äußersten Grenzen. Der Umschlag von überwältigenden Schmerzen zu vollkommener Seligkeit und Freude berührt und erschüttert die seelische Tiefe von Mutter und Vater. Das Heilige bindet sich an dieses dramatische Geschehen, denn es ist das Lebendige, das Leben Schaffende. Indem die Mutter mit all ihrer Kraft das Kind ins Leben schiebt, offenbart sich das schöpferische Heilige.

Zeit und Raum, Atmosphäre und Stille – auch dies sind Phänomene, die auf das Heilige hinweisen. Wenn die Mutter das Kind geboren hat, wenn die Hebamme es mit ihren Händen aufgefangen hat, wenn so ein neuer Mensch in dieser Welt angekommen ist, dann ist der ganze Raum erfüllt von einer dichten Atmosphäre. Jetzt ergießen sich die Gefühle von Leid – bei Krankheit des Kindes oder bei einem nicht gewollten Kind – und Freude über das gesunde Neugeborene und der Umschlag von größter Kraftanstrengung zu vollständiger Entspanntheit in den Raum. Die Zeit ist jetzt nicht messbare Zeit, chronos, sondern kairos, inhaltlich gefüllte Zeit. Sie steht plötzlich still. Diese Erfahrung machen wir auch bei der ­Sterbebegleitung.

Auch die Schmerzen gehören dazu. Es sind Schmerzen zum Leben hin.
Wenn wir Schwangerschaft und Geburt als Begegnung mit dem Heiligen, als eine besondere spirituelle Zeit verstehen, gewinnen wir eine Tiefendimension des Lebens zurück. Eine Mutter schrieb mir, nachdem sie ihr Kind geboren hatte: »Ich möch­te Frauen Mut machen, ihrer inneren Stimme zu folgen, auf ihren Körper und auf göttliche Führung vertrauend eine Geburt zu wagen, die eben kein angstvoll erwarteter, erschreckender Moment sein muss, sondern ein bewusst erlebtes, feierliches Ereignis, das zur großen Kraftquelle auch für spätere Zeiten werden kann.«

Was würde sich im kirchlichen Handeln ändern, wenn wir die erste Heimat im Mutterschoß und das Geburtsgeschehen mit einbeziehen würden? In manchen Gemeinden wird die Geburtsglocke geläutet. Eltern können die Geburt ihres Kindes beim Pfarramt melden. Dann wird morgens um 9.30 die Geburtsglocke eine halbe Stunde lang geläutet. In einer Leipziger Klinik wird jeden Monat eine Segnungsfeier für Neugeborene angeboten.

Fürbittgebete für Familien, die ein Kind erwarten, und Familiensegnung am Schluss der Taufe müssten den Unterschied zwischen Mutter und ­Vater ansprechen: Die Mutter hat dem Kind ihren Körper hingegeben, der Vater ist Schutz und Wärme für die ­Familie.
Bei alldem unterscheiden wir zwischen der Mutterschaft derer, die Kinder geboren haben und der Mütterlichkeit – eine Tugend, die heute bei Frauen und Männern sehr gefragt ist.

Für Kirche und Theologie tut sich ein weites Tor auf, werdende Eltern fühlen sich ernst genommen in ihren Sorgen und Hoffnungen, in ihrer Offenheit gegenüber dem Transzendenten, in ihrer Sehnsucht nach Vertrauen und in ihrem Angewiesensein auf mitfühlende Begleitung.

Von Hanna Strack

Die Autorin ist Pastorin im Ruhestand und lebt in Pinnow bei Schwerin. Sie hat drei Kinder. 2006 erschien ihr Buch »Die Frau ist Mit-Schöpferin. Eine Theologie der Geburt«, Christel Göttert Verlag, 357 S., ISBN 3-922499-85-6, 19,80 Euro

Moritz macht sich hübsch

24. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Kindergeschichte: Vom größten Weihnachtsbaum und wie er in die Kirche gekommen ist

Illustrationen: Kathrin Gehres-Kobe

Illustrationen: Kathrin Gehres-Kobe

In sechs Ausgaben erzählte Moritz vom Alltag und Sonntag einer Kirche. Zum Abschluss eine lustige Begebenheit.

Auch eine Kirche schmückt sich gerne mal! Zu Pfingsten mit kleinen Birken, zum Erntedankfest mit Obst und Gemüse. Wichtig ist mir außerdem, dass zu jedem Gottesdienst frische Blumen auf meinem Altar stehen. Aber am meisten freue ich mich auf die Advents- und Weihnachtszeit! Und meinen Osterweihern geht’s wohl genauso. Denn nie sind meine Bänke dichter besetzt als am Heiligabend.

Einen neuen Adventsstern hatte ich zu meinem 120. Geburtstag bekommen. Aber was würde aus dem Weihnachtsbaum werden? Um den hatte sich immer Gottfried Liesner gekümmert – und der war ja kürzlich gestorben und auf meinem Friedhof beerdigt worden.

An einem Dezembernachmittag drehte sich der Schlüssel in meiner Eingangstür. Wer kam denn um diese Zeit zu Besuch? Aha – Herr Kunze und Herr Schneider. Die beiden geben ein lustiges Paar ab: Armin Kunze ist lang und dünn, Jochen Schneider ist klein und dick. Sie schauten sich um, und mir wurde klar, dass es um meinen Weihnachtsbaum ging. »In diesem Jahr soll er höher sein als der von Paulus!«, sagte der lange Armin. Was? Höher als der Baum der Pauluskirche?? Die Pauluskirche ist ja doppelt so groß wie ich! »Genau«, bestätigte der dicke Jochen, »die sollen mal richtig neidisch werden auf uns!«

Na, wir müssen uns doch nicht ­gegenseitig übertrumpfen! Obwohl … Höher als der Baum der Pauluskirche … Das wär schon was … Ich wartete ungeduldig auf meinen Baum. Noch nie war mir eine Adventszeit so lang erschienen. Und dann war es soweit! Der lange Armin und der dicke Jochen schleppten einen riesigen Baum durch den Mittelgang auf den Altarplatz. Noch waren seine Zweige mit einem Netz an den Stamm gepresst. Jochen Schneider, der Schmied, hatte einen extra starken Ständer geschweißt. Die beiden wuchteten den Baum hinein, richteten ihn auf und schraubten ihn am Ständer fest. Dann zogen sie das Netz ab – was für ein Baum!! Seine Spitze reichte bis zwei Meter unter die Decke, und seine Äste breiteten sich über den ganzen Altarplatz aus. Der Altar und das Bild vom Guten Hirten waren nicht mehr zu entdecken.

»Vielleicht doch ein bisschen groß?«, fragte der lange Armin. »Zu spät«, antwortete der dicke Jochen.
Die paar Strohsterne, die sonst gereicht hatten, mussten sehr großzügig verteilt werden. An die unteren Äste kam der lange Armin ohne Probleme ran. Aber wie sollte er die oberen schmücken? »Ich nehm dich auf die Schultern«, schlug der dicke Jochen vor. »Geht nicht. Ich hab Höhenangst«, lehnte der lange Armin ab, »aber ich kann dich ja hochheben.« »Geht nicht«, erwiderte der dicke Jochen. »Ich bin zu schwer.« Schließlich kamen sie auf eine geniale Idee. Der dicke Jochen schob den Baum an die Empore und drehte ihn langsam mitsamt dem Ständer. Und der lange Armin stand oben an der Brüstung und hängte die Sterne ran.

Aber noch wartete das größte Problem – die berühmte gläserne Christbaumspitze, die schon seit
50 Jahren meine Weihnachtsbäume krönt. Die Spitze des Baumes war nicht mal von der Empore aus zu erreichen. Was nun? Die beiden hatten wieder eine geniale Idee. In all den 120 Jahren habe ich nichts Lustigeres erlebt. Der lange Armin ließ oben vom Kirchenboden ein Seil durch das Himmelsloch herab, und der dicke Jochen schlang Bergsteigergurte um seinen Bauch und ­befestigte das Seil daran. Mit einer Winde zog der Armin den Jochen samt Christbaumspitze langsam in die Höhe. Der kleine dicke Jochen baumelte am Seil und sah aus wie ein süßes Engelein mit Pausbacken. Armin hastete hinunter, schob den Baum unter Jochen und sauste wieder hoch zur Seilwinde. Inzwischen baumelte Jochen um den Baum herum. Endlich erwischte er einen Ast, hielt sich daran fest und stülpte die Christbaumspitze auf den obersten Zweig. »Was machst du da oben, Armin?«, rief er. »Du musst doch den Baum wieder wegschieben, damit ich runter kann.« »Stimmt ja«, erwiderte Armin durch das Himmelsloch, »hab ich ganz vergessen. Weißt du was, ich zieh dich gleich hoch, sind ja bloß zwei Meter.« Und noch ehe Jochen antworten konnte, drehte Armin an der Winde, und Jochen verschwand im Himmelsloch. Na ja, nicht ganz. Kopf und Arme waren schon oben, aber der Bauch blieb stecken. Ich hatte einen wunderbaren Blick auf dieses Schauspiel. Der dicke Jochen ruderte oben auf dem Kirchenboden mit den Armen und zappelte unten im Kirchenschiff mit den Beinen. »Warte, ich drück dich wieder runter«, schlug Armin vor.

»Nein, nicht, ich fall in den Baum«, rief Jochen. »Zieh mich hoch!« Und dann wurde geächzt und gestöhnt und gezerrt und geschimpft. Plötzlich machte es »Plopp!!« und Jochen schnippte wie eine Sprungfeder aus dem Himmelsloch und riss Armin dabei mit um. Die beiden kugelten durch den Staub auf dem Kirchenboden. ­Armin jammerte »Aua, aua, aua …«, Jochen rieb sich seinen Popo. Aber schließlich mussten beide lachen.

Als Frau Schneider mit den Kindern zur Krippenspielprobe kam und den Riesenbaum sah, schlug sie die Hände überm Kopf zusammen. »Wo sollen wir denn spielen?« Die Kinder fanden’s lustig. In diesem Jahr werden die Hirten eben nicht auf dem Feld, sondern im Wald ihre Schafe hüten. Die Sterndeuter kommen nicht aus dem Morgenland, sondern aus dem Unterholz. Und Maria muss damit klarkommen, dass die Tannennadeln sie ins Genick pieksen.
Ich hoffe, es spricht sich herum, dass der größte Weihnachtsbaum der Gegend in diesem Jahr in der Moritzkirche steht! Ihr solltet euch den unbedingt anschauen, wenn ihr hier vorbeikommt!

Ich wünsche euch eine fröhliche und gesegnete Weihnachtszeit!
Euer Moritz

Mit dieser Geschichte beenden wir unsere Beitragsserie über Moritz.

Von Thomas Reuter

Ich zähle aufs Erzählen!

6. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Für Sie gelesen: Kinderbibeln – Hinweise und Hilfen zur Einschätzung

Langsam wird es Zeit, an Geschenke für Weihnachten zu denken. Die Bibel ist immer eine Empfehlung wert, auch für die Kleinen. Es gibt viele empfehlenswerte Kinderbibeln.

Interessante Lektüre, Foto: KNA-bild

Interessante Lektüre, Foto: KNA-bild

Seit der Wende sind über 200 neue Kinderbibeln auf den Büchermarkt gekommen. Viele kommen gut an, obwohl die Grenze zum Kitsch manchmal schnell überschritten ist. Andere verkaufen sich weniger gut – dabei haben sie in punkto Bibel Kindern ganz viel zu bieten und sind sowohl pädagogisch als auch theologisch sorgfältig gestaltet. Nicht jede Kinderbibel, die bei Erwachsenen gut ankommt, wird auch von den Kindern angenommen. Die ideale Kinderbibel, die jedem Kind und Erwachsenen gefällt, ist noch nicht vom Himmel gefallen. Am besten ist, wenn ein Kind im Laufe seines Aufwachsens mehrere verschiedene Kinderbibeln zu Hause hat. Dann kann es unterschiedliche Kinderbibeln einsehen und merkt ­dabei, dass jede Kinderbibel nicht die Bibel selbst ist, sondern immer eine Bibel-Bearbeitung.

Auf dem Kinderbibelmarkt fällt auf, dass immer neue Arten von Kinderbibeln kreiert werden. Zusatzangebote wie Malen, Basteln, Hör-CD oder Kinderbibeln als CD-ROM sind keine Ausnahme mehr. Kleinkinder werden verstärkt in Blick genommen. Für sie gibt es Bilderbücher zur Bibel, die man an den Buggy befestigen kann oder die aus extra strapazierfähigen Pappseiten gestaltet sind. Darüber hinaus sind immer mehr Sachbücher zur Bibel für Kinderhände auf dem Büchermarkt. Leider kommt bei den meisten neueren Titeln genau das zu kurz, was Kinderbibeln eigentlich ausmachen: eine gute, kindgerechte Erzählung, begleitet durch eine ansprechende Bebilderung.

Hier einige Hinweise und Hilfen zur Einschätzung neuerer Kinderbibeln:
Die zweibändige Kinderbibel von Martina Steinkühler hat sich inzwischen bewährt und ist auch für ältere junge Menschen ansprechend gestaltet. Seit Kurzem gibt es sie bei www.jokers.de für (eigentlich zu) wenig Geld: Martina Steinkühler: Wie Feuer und Wind/Wie Brot und Wein.

Das Alte/Neue Testament Kindern erzählt, Göttingen 2005. Diese Kinderbibel ist ­sowohl theologisch als auch päda­gogisch ein Juwel unter den neueren Bibeln für Kinder! Wer für seine jüngsten Kinder eine belastbare Kleinkindbibel möchte, liegt mit der »Coppenrath Bibel« von Jutta Bergmoser und Michaela Heitmann (Münster 2009) sicherlich nicht daneben. Sie ist ansprechend gestaltet und hat harte Pappseiten für kleine Kinderhände. Die Auswahl enthält 31 biblische Geschichten und hat seinen Schwerpunkt beim Neuen Testament (ca. 2/3 des Buches). Diese Kleinkindbibel mit ihren beachtlichen acht Zentimetern Dicke besticht durch die farbenfrohen Bilder und den einfachen Erzählstil.

Eine besondere Neuerscheinung unter den aktuellen Kinderbibeln ist die »Große Bibel für kleine Leute« von Vreni Merz und Anita Kreituse (München 2009). Die Schweizer Erzählerin Vreni Merz hat feinfühlige Texte für junge Menschen verfasst, die durch einfühlsame Illustrationen der lettischen Künstlerin Anita Kreituse stilvoll ergänzt werden. Das Besondere dieser Kinderbibel ist, dass es zu jedem Abschnitt kurze Impulse oder Fragen zum Nachdenken oder Nachahmen gibt und die Illustrationen Raum für eigene Interpretationen lassen. In einem mit »Ausklang« überschriebenen Abschnitt wird versucht, Kindern das Entstehen der Bibel selbst nahezubringen. Ein farbiges ­Lesebändchen ergänzt eine hochwertig ausgestattete und sorgfältig ­gestaltete Kinderbibel, die bei Grundschulkindern sicher gut ankommen wird.

»Die große Kinder-Bibel« von Karin Jeromin (Stuttgart 2009) wendet sich an Kinder ab dem 4. Schuljahr und bietet insgesamt 125 Passagen der Bibel mit einer Unmenge an Erklärungen und Erläuterungen. Das reichhaltige Bild-, Foto-, Karten- und Illustrationsmaterial (über 500 Darstellungen!) ist zwar insgesamt überzeugend. Allerdings sind sehr viele historisch-kritische Hinweise einseitig und lassen (zu) wenig Spielraum für eigene Einschätzungen des Textes durch die Kinder. Die Kraft des Erzählens spielt in dieser Kinder­bibel überhaupt keine Rolle, da lediglich der Text der römisch-katholischen Einheitsübersetzung geboten wird. Als Sachbuch zur Bibel allerdings sehr zu emp-
fehlen, nicht jedoch als Kinderbibel …

Überraschend anders ist dagegen »Die Erzählbibel« von Werner Arthur Hoffmann (Wesel, 2009). Mehrere Höspiel-CDs bringen sowohl spannend als auch einfühlsam biblische Erzählungen zur Sprache. Das Arrangement entspricht den Hörgewohnheiten junger Menschen, bietet auch ein Lied und ist dialogisch angelegt: Der Erzähler Jonathan malt Kindern nicht nur die Geschichten vor Augen, sondern beantwortet auch deren Fragen und streut Informationen zur biblischen Lebenswelt ein. Ein eindrückliches Hörerlebnis, das für Kinder schon ab sechs Jahren ausdrücklich zu empfehlen ist. Bisher sind fünf CDs mit alttestamentlichen und Jesus-Geschichten erschienen.

• Steinkühler, Martina: Wie Feuer und Wind. Das Alte Testament Kindern erzählt, 290 S.,
Best.-Nr. 4797204 (unter www.jokers.de)
• Steinkühler, Martina: Wie Brot und Wein. Das Neue Testament Kindern erzählt, 303 S.,
Best.-Nr. 4797213 (8 www.jokers.de)
• Bergmoser, Jutta/Heitmann, Michaela: Die Coppenrath Bibel für die Kleinen. Der kleine Himmelsbote, Coppenrath Münster, 56 S., ISBN 978-3-8157-9273-5, 18,50 Euro
• Merz, Vreni / Kreituse, Anita: Große Bibel für kleine Leute, Kösel Verlag, 319 S.,
ISBN 978-3-466-36844-0, 21,95 Euro
• Jeromin, Karin: Die große Kinder-Bibel: Menschen, Geschichten und Lebenswelten des Alten und Neuen Testaments, Katholisches Bibelwerk, 392 S., ISBN 978-3-460-24506-8, 24,90 Euro
• Hoffmann, Werner A.: Die Erzählbibel für Kinder. Folge 5: Isaak und Rebekka, Kawohl Verlag, ISBN 978-3-937240-86-2, 7,95 Euro

Die auf dieser Seite empfohlenen Bücher und CDs sind – wenn nicht anders angegeben – zu beziehen über den Buchhandel oder Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643)246161

Von Reiner Andreas Neuschäfer

Jungen brauchen Männer

18. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Fachtage: Der Rolle des Mannes kommt in der Arbeit mit Jungen eine besondere Bedeutung zu

Jungen ticken anders als Mädchen. Also müssen sie auch anders angefasst werden. Zwei Fachtage beschäftigen sich mit diesem Thema. Von Sabine Kuschel

Ein Mann wird zum Mann durch männliche Begleitpersonen. Foto: BilderBox.com

Ein Mann wird zum Mann durch männliche Begleitpersonen. Foto: BilderBox.com

Was macht den Mann zum Mann? Die Gene, die Hormone, das soziale Umfeld, die Tradition, die Erziehung? Ganz klar: »Männer werden von Testosteron gemacht und von Frauen geprägt«, lautet die Antwort von Jürgen Reifarth, Studienleiter der Evangelischen Akademie Thüringen und Mitglied der Fachgruppe Jungenarbeit in Thüringen. Dabei wünscht er sich, dass Jungen nicht nur von Frauen, sondern auch von Männern geprägt werden. »Jungen brauchen Männer. Eine Frau wird zur Frau durch weibliche Vorbilder. Und ein Mann wird zum Mann durch männliche Begleitpersonen.« Reifarth spricht von einer Feminisierung im Bildungswesen, auf diesem Gebiet dominierten die Frauen. In Kindergärten und Grundschulen seien zu wenig oder gar keine Männer anzutreffen und das wirke sich nachteilig auf die Entwicklung von Jungen aus.

Der Studienleiter weiß, dass er mit diesem Thema ideologisch vermintes Gebiet betritt, denn je nachdem wie das Weibliche oder Männliche definiert wird, lassen sich dominierende und untergeordnete Rollen festschreiben. Zudem ist nicht eindeutig festzumachen, was typisch Mann und was typisch Frau ist. In vielen Eigen-
schaften unterscheiden Männer und Frauen sich überhaupt nicht voneinander. Dennoch: Auch wenn es zahlreiche übereinstimmende Merkmale gebe, zu einem großen Teil seien Frauen und Männer nicht identisch. »Jungen ticken anders als Mädchen«, ist Reifarth überzeugt. Er arbeitet in der 2005 in Thüringen gegründeten Fachgruppe Jungenarbeit mit und sammelt seit 2004 Erfahrungen bei den regelmäßig stattfindenden Jungenwochenenden. Von daher weiß er, dass bestimmte Themen und Angebote bei Jungen gut ankommen, andere nicht. Bei Projekt-Wochen zur DDR-Geschichte zum Beispiel interessierten sich Jungen vorrangig für die Themen »Flucht«, »Grenze« und »Grenzanlagen«, »NVA«, »Kampfgruppen« und »Stasi«. Mädchen seien zwar auch an »Stasi« interessiert, noch stärker aber an Themen wie »Frauen in der DDR« und »Bildung«.

Typisch für Jungen: Aggressivität und Mobilität – Eigenschaften, die auf das Hormon Testosteron zurückzuführen seien. »Jungen sind wettbewerbsorientiert und sie haben ein ­Faible für Hierarchien.« Deshalb bräuchten sie andere Bildungs- und Freizeitangebote als Mädchen, betont Reifarth. Mehr Action und Bewegung, erlebnisorientierte Angebote, die dem Selbstbehauptungswillen und der ­Aggressivität entsprächen. Die Reflexionsfähigkeit hingegen sei bei den Jungen geringer als bei Mädchen.

Reifarth hat nichts dagegen einzuwenden, dass Frauen mit Jungen arbeiten. »Sie können viel tun, aber die Arbeit hat Grenzen. Manchmal ist ein Mann gefragt.« Dass jedoch in Kindergärten nur in Ausnahmefällen männliche Erzieher tätig sind und auch Grundschullehrer eine Rarität darstellen, sei ein großes Manko. Das Thema sei umso brisanter, da Studien belegten, dass Jungen den Mädchen hinterherhängen, so Reifarth.

»Der Typus des Benachteiligten«, erklärt er, »früher war dies das katholische Mädchen vom Lande. Heute sind es Jungen mit Migrationshintergrund aus der Stadt.«

Offensichtlich aber holen Männer im Berufsleben wieder auf, zumindest verdienen sie nach aktuellen Studien mehr als Frauen. Gleichwohl sind Frauen vehement auf dem Vormarsch in Leitungspositionen, in die oberen Chefetagen. »Mädchen sind besser qualifiziert, ihre Abschlüsse und ihre Berufswahl sind erfolgreicher – und sie sind mobiler«, konstatiert Reifarth. Eine junge Frau, die nach einem Studium oder einer Ausbildung in ihrer Heimat keinen Job finde, gehe dorthin, wo es Arbeit gibt. »Jungen sind bodenständiger.«

Dass Jungen ins Hintertreffen geraten sind, macht der Fachgruppe Jungenarbeit, in der Männer aus der Jugendhilfe und -bildung, aus verschiedenen Vereinen und Verbänden arbeiten, Sorgen. Das Gremium hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf das Problem aufmerksam zu machen, Lobbyarbeit zu leisten. Seit 2005 wird zu Fachtagen für Jungenarbeit eingeladen, um dafür zu sensibilisieren, dass Jungen spezifisch auf sie zugeschnittene Angebote brauchen und dass der Rolle des Mannes in der Jungenarbeit eine besondere Bedeutung zukommt. Darum geht es auch bei dem am 23. September in Neudietendorf stattfindenden Fachtag mit dem Thema »Männer in der Arbeit mit ­Jungen«.

Das geheime Thema neben dem offiziellen sei bei jedem Jungenwochenende der Umgang miteinander, erzählt Reifarth. »Die Jungen müssen sich mit uns als Männern auseinandersetzen.« Dass keine Mütter und Mädchen dabei sind, erlebten sie als entlastend. »Sobald eine Frau auftaucht, verändert sich die Situation.« Reifart schildert, wie die drei bis vier Betreuer den Jungen Gelegenheit geben, den Spielraum zu testen. »Was passiert bei Sanktionen?« »Was sind die Regeln?« »Wer ist der Boss, wer hat das Sagen?« Ähnliche Fragen werden auch bei dem Fachtag »Männer in der Arbeit mit Jungen« beleuchtet.

In Ergänzung zu dieser Veranstaltung soll es am 29. Oktober in Jena-Lobeda ­einen Fachtag »Frauen in der Arbeit mit Jungen« geben. Dabei soll es ­darum gehen, wie Frauen mit Jungen arbeiten und wo die Grenzen liegen. Vorträge und Workshops geben Anregungen für die Praxis, wie zum Beispiel Frauen mit den Eigenheiten der Jungen, ihrer Coolness und Aggres­sivität, der erwachenden Sexualität umgehen können.

Mit Zuversicht wieder loslegen

30. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Ferienende: Es lässt sich etwas tun, damit der Schulstart nach der Sommerpause gelingt

Wenn in Mitteldeutschland in der nächsten Woche die Ferien zu Ende gehen, heißt es für die Schülerinnen und Schüler, sich wieder umzustellen auf den Alltag. Einige Tipps für einen reibungslosen Schulstart.

Gut vorbereitet den Weg ins neue Schuljahr gehen. Foto: Bilderbox.com

Gut vorbereitet den Weg ins neue Schuljahr gehen. Foto: Bilderbox.com

Abends erst spät ins Bett, morgens lange schlafen, spielen, ein bisschen rumgammeln, Freunde treffen, womöglich wegfahren oder zu Hause das Leben im ­eigenen Rhythmus genießen: Sommerferien nennen sich diese paradiesischen Zeiten. Aber auch die schönsten langen Sommerferien haben ein Ende. Schulbank drücken, Hausauf­gaben machen und Wecker stellen sind angesagt.

Gemischte Gefühle
Während bei den Erstklässlern die Vorfreude auf die Schule überwiegt (laut Umfrage freuen sich 96 Prozent darauf, in die Schule zu kommen), gehen viele »alte Schul-Hasen« eher mit gemischten Gefühlen an den Schulstart: Yannick (11) ist gespannt, was das Gymnasium bringt. Mareike (16) hat ein bisschen Grummeln in der Magengrube, ob sie den Anforderungen der Oberstufe gewachsen ist. Ben (12) ist gespannt, welcher Lehrer wohl welches Fach unterrichtet. Lukas (16) hat riesige Lust auf sein Lieblingsfach Physik und Jan (10) hegt die leise Hoffnung, an seiner neuen Schule endlich der ungeliebten Rolle des Klassenclowns entschlüpfen zu können. Anna (15) sorgt sich, ob ihr Stundenplan so ausfällt, dass das Handballtraining noch passt.

Start mit Anwärmphase
Damit der Übergang vom freien Ferienleben zum geregelten Schulalltag möglichst nicht zum Kaltstart missrät, rät Kinderarzt Dr. Ulrich Fegeler vom Bundesverband der Kinder- und ­Jugendärzte, Eltern dazu, keinesfalls erst »auf den letzten Drücker« aus dem Urlaub zurückzukommen. Zumindest die letzten beiden Ferientage sollten zum »Akklimatisieren« und atmosphärischen Eingewöhnen genutzt werden.

Besonders wenn der Schulbeginn – wie in etlichen Bundesländern – mitten in der Woche liegt, sollten Jugendliche ein paar Tage vorher schon mal ausprobieren wie es sich anfühlt, nicht erst mitten in der Nacht ins Bett zu gehen und erst gegen ­Mittag in die Sonne zu blinzeln. Der Körper braucht ein bisschen Zeit, um sich an den neuen alten Rhythmus zu gewöhnen. »Niemand kann sich von 0 auf 100 hochpeitschen, auch Kinder und Jugendliche nicht«, betont Fegeler.

Davon, in den Ferien, Schulstoff mit regelmäßigem Wiederholen »frisch« zu halten oder Lücken aufzuarbeiten, hält der Mediziner nicht allzu viel. »Ferien sind Ferien«, meint er. Überhaupt rät er Eltern in Sachen Schulstart zur Gelassenheit. Übergänge sollten nicht problematisiert, sondern vorbereitet werden. Über
das, was dann dennoch »klemmt«, sollten Eltern mit ihren Kindern in Ruhe reden.

Klar Schiff machen
Dennoch lässt sich für einen reibungslosen Start etwas tun. Etwa in Gestalt rechtzeitiger Vorbereitungen auf den ganz normalen Schulalltag: Oberstufenschüler sind selbst dafür verantwortlich, die neuen Schulbücher zu bestellen und sich ihren Stundenplan fürs Kurssystem abzuholen, der an vielen Schulen schon in der letzten Ferienwoche zu bekommen ist. Jüngeren Schülerinnen und Schüler kann es zur Vorbereitung des neuen Schuljahres helfen, ihr Zimmer oder zumindest den Ranzen mit Wonne zu entrümpeln. Sich mit verheißungsvoll leeren Heften und Ordnern einzudecken, kann die Lust auf Schule genauso fördern wie ein schönes Ferienabschluss-Essen mit Freunden oder in der Familie, bei dem sich trefflich über die zurückliegenden Wochen erzählen lässt. »Das war immer schön, danach fiel es leichter wieder loszulegen«, erinnert sich Judith (29) an ihre Schul-Ferien-Zeit.

Sich vertraut machen
Wo das neue Schuljahr mit dem Übergang zu einer weiterführenden Schule verbunden ist, sind Eltern häufig besorgter als ihre Kinder. Wo ein neuer Schulweg für Verunsicherung sorgt, hilft womöglich ein gemeinsamer »Ausflug« mit dem Verkehrsmittel, das dann auch im »Ernstfall« genutzt werden muss. Das schafft Sicherheit und mindert das Risiko von Verkehrsunfällen. Viele Schulen veranstalten für die »Neuen« zudem Schul-Rallyes zur Orientierung am neuen Ort und setzen ältere Schülerinnen und Schüler als Paten ein.

Gottesdienst zum Start

Weil der Beginn eines neuen Schuljahres wie ein Start zu einer neuen Etappe ist und weil das neue Schuljahr mit seinen vielfältigen Aufgaben, Kinder, Eltern und Lehrer immer wieder herausfordert, werden mancherorts Schulgottesdienste angeboten, in denen es um Kraftsammeln und Vergewisserung, um Ermutigung und um menschliche Nähe und Vertrauen geht. Womöglich ist auch dieses Atemholen für die Seele ein guter Auftakt, wenn es darum geht, im neuen Schuljahr mit Zuversicht und Freude wieder loszulegen.

Von Karin Vorländer

Du bestimmst selbst, wer dich anfassen darf

4. März 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Foto: Kat Callard (SXC)

Foto: Kat Callard (SXC)

Sexueller Missbrauch: Prävention für Jugendliche, die flügge werden

Wie können Kinder und ­Jugendliche vor sexuellem Missbrauch geschützt ­werden? In einer zweiteiligen Serie stellen wir Tipps und Erfahrungen vor. Während es im ersten Teil um kleinere Kinder ging, widmet sich dieser Beitrag den Teenagern.

Aus dem Gröbsten raus« sind Kinder für viele Nicht-Eltern ab den höheren Grundschulklassen. Alt genug, alleine unterwegs zu sein. Aufgeklärt und selbstsicher seien sie, heißt es. Aber wer mit Eltern spricht, hört von Töchtern, die sich mit elf Jahren schon »zu fett« finden. Von Streit zwischen 13-Jährigen mit Ausdrücken, die hier nicht wiedergegeben werden können. Von Internetsucht und Lehrstellenmangel, Drogen im Freundeskreis und schwieriger ­erster Liebe.

»Aus dem Gröbsten raus« hatte man sich anders vorgestellt. ­»Sexuellem Missbrauch vorbeugen« ist da nur ein Anliegen von Dutzenden, und zahlreiche Teenies wollen von Mama, Papa, Oma und Opa sowieso keine Tipps hören. Viele lesen auch lieber entsprechende Zeitschriften, als dem Biolehrer zuzuhören. Gerne nutzen Eltern wie Lehrer darum die Angebote von Fachleuten wie Polizei oder Psychologen, Jugendämter, Kinderschutzbund.

Tipp 1: Eltern müssen die Welt der Kinder kennenlernen
Für den Alltag zu Hause gilt: »Zeigen Sie Interesse an Ihrem Kind, lernen Sie seine Freunde kennen und sammeln Sie Wissen über seine Welt«, rät Hauptkommissarin Birgit Horländer. Sie ist beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg für Vorbeugung zuständig und empfiehlt unter anderem, dass Eltern sich mit dem Internet vertraut machen sollten. »Ohne geht es heute nun mal nicht mehr«, sagt die Hauptkommissarin. Mit dem weltweiten Netz haben Gefahren ins Kinderzimmer Einzug gehalten, die Eltern kennen sollten.

Tipp 2: Kinder stark machen gegen Internet-Täter
Murat aus Asbach-Bäumenheim war 15, als er in einem Internet-Chatroom zwei Männer kennenlernte. Der Junge traf die beiden 2004 an einem Bahnhof. Gemeinsam fuhren alle in den Wald, wo die Männer den Jugendlichen misshandelten und ermordeten. Natürlich ist das ein Extremfall, doch die Polizei warnt vor Chatrooms: ­Pädophile und psychisch gestörte Menschen tummeln sich in vielen, ­belästigen andere Nutzer und tun Schlimmeres. Erwachsene, die sich in Jugend-Chatrooms bewegen, versuchen immer wieder, dort sexuelle Kontakte zu Kindern oder Jugendlichen anzubahnen. Sie erfinden sich eine neue Identität, tun so, als seien sie selbst noch Schüler. Lassen sich die jugendlichen virtuellen Brieffreunde dann auf ein Treffen im echten Leben ein, schweben sie in großer Gefahr. Darum, meinen Experten, sollten Eltern erste Besuche der Kinder im Chatroom begleiten. Erwachsene müssen darauf achten, wo ihre Kinder sich bewegen, mit wem sie kommunizieren und was sie von sich preisgeben. »Alter, Adresse, Telefonnummer, Angaben zu Kleidergröße und Ähnliches haben weder in Schülerverzeichnissen im Netz noch beim Chatten etwas zu suchen«, sagt Birgit Horländer. Kommunikative junge Menschen finden inzwischen übrigens zahlreiche Chatrooms und Foren, die als relativ sicher gelten. Bei einigen müssen Eltern ihren Kindern die Teilnahme schriftlich erlauben,
oft verfolgen Moderatoren die virtuellen Gespräche und greifen im Ernst-
fall ein.

Tipp 3: Am besten in Gemeinschaft ausgehen
Soll man den Kindern Disconächte einfach verbieten? Damit ist es spätestens vorüber, sobald ein junger Erwachsener auszieht. Polizei und Experten empfehlen Eltern, im Rahmen der Jugendschutzbestimmungen den Jugendlichen das Ausgehen zu erlauben, am besten in Gemeinschaft mit anderen, den Eltern bekannten jungen Leuten. »Mit wem du losziehst, mit dem kehrst du auch wieder zurück!« Das ist eine bewährte Regel.

So schützen sich Jugendliche
Junge Frauen dürfen gerne zu zweit auf die Toilette gehen – so haben dort lauernde mögliche Täter keine Chance.
Ein »Nein« ist zu jedem Zeitpunkt erlaubt. Wer einen Drink spendiert oder einen Kuss bekommen hat, darf noch lange nicht mehr einfordern.

Wer bedrängt wird, darf sich wehren und um Hilfe rufen.
Jugendliche sollen aufpassen, dass ihnen niemand etwas in Getränke hineinschüttet.
Niemand sollte allein durchs Dunkel laufen müssen. In Gruppen gehen schützt, ein Taxi rufen oft auch. Betreiber des öffentlichen Nahverkehrs bieten in vielen Städten, sogenannte »Frauen-Nacht-Taxis« zum ermäßigten Preis an.
Wer sich selbst gut schützen will, muss Situationen schnell erfassen und sich wehren können. Darum: ­wenig Alkohol und keine Drogen.

Missbrauch passiert auch älteren Erwachsenen: bei Überfällen, unter vermeintlichen Freunden, in der Ehe. Umso wichtiger ist es, dass Eltern wie Großeltern ihrem Nachwuchs von Anfang an klarmachen: »Dein Körper ist gut und wertvoll. Du bestimmst, wer außer dir ihn anfassen darf. Und wenn dir jemand zu nahe tritt, darfst du dich jederzeit wehren und Hilfe holen – ein Leben lang.«

Petra Plaum