Katastrophe des Wegschauens
5. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Für Cornelia Füllkrug-Weitzel, die Leiterin der evangelischen Hilfswerke »Brot für die Welt« und Diakonie Katastrophenhilfe, ist im Blick auf Ostafrika schnelles Handeln nötig. Elvira Treffinger sprach mit ihr.
Cornelia Füllkrug-Weitzel (Foto: Brot für die Welt)

Füllkrug-Weitzel: Anbahnen scheint mir das falsche Wort. Die Katastrophe hat längst begonnen, Menschen und Herden sterben schon in der Region, die die größte Dürre seit 60 Jahren verzeichnet. Eine Dürre, die zum Beispiel in Somalia und im Sudan Menschen trifft, die durch Jahrzehnte gewaltsamer Konflikte, Zerstörung und Flucht ohnehin extrem arm, geschwächt und wenig widerstandsfähig sind.
In den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts bewegten dramatische Hungersnöte am Horn von Afrika die Welt. Hat man daraus nichts gelernt?
Füllkrug-Weitzel: Leider muss man sagen: Es ist zu wenig geschehen! Die Gewaltkonflikte am Horn von Afrika haben nicht nur keine Gelegenheit gelassen, in Entwicklung – das heißt in Bildung, die Stärkung der Menschenrechte, die soziale Infrastruktur und in Einkommensmöglichkeiten – zu investieren. Sie haben im Gegenteil die Voraussetzungen dafür noch weiter ruiniert.
Schon länger wären entschiedene Anstrengungen zur Anpassung an die Erderwärmung notwendig gewesen. Denn dass die Region im Zuge des Klimawandels zunehmend mehr unter Dürren, unmäßigen und unregelmäßigen Regenfällen leiden würde, war abzusehen. Jetzt muss zugleich mit der Nothilfe auch an langfristigen, nachhaltigen Lösungen gearbeitet werden.
In Kenia leben bereits mehrere Hunderttausend Somalier im größten Flüchtlingslager der Welt. Wie können die Menschen in den Dürregebieten gerettet werden?
Füllkrug-Weitzel: Tatsächlich ist jetzt kurzfristig in sehr großem Stil internationale Hilfe bei der Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln notwendig. Die ausländischen Summen, die bisher in die Unterstützung der Menschen in der Region geflossen sind, sind lächerlich. Die größte Katastrophe ist das Vergessen und Wegschauen. Jetzt ist es an der Zeit, das zu ändern! Wir brauchen Spenden und Zusagen der Regierungen des Westens, die Mittel für die UN-Hilfswerke aufzustocken.
Die Krieg führenden Parteien in Süd- und Zentral-Somalia, wo die Dürre besonders dramatisch in den fruchtbarsten Gebieten des Landes wütet, müssen dazu gebracht werden, freien Zugang für humanitäre Helfer zu garantieren und deren Neutralität zu akzeptieren. Wir und unsere Partner werden weiterhin nicht bereit sein, unsere Hilfe politisch instrumentalisieren zu lassen. Alle Menschen, die hungern in der Region – egal welcher religiösen, ethnischen oder politischen Zugehörigkeit – brauchen Hilfe!
Spendenkonten
Diakonie Mitteldeutschland, Konto 800 8000 bei der Evangelischen Kreditgenossenschaft, BLZ 52060410, Kennwort: Ostafrika
Diakonie Sachsen, Konto 100100100 bei der LKG Sachsen – Bank für Kirche und Diakonie, BLZ 35060190, Kennwort: Ostafrika
Wie viel Bio ist im Biosprit?
29. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Energiepolitik: Ein Blick ins Ethanol-Herstellerland Brasilien zeigt die Folgen des Hungers nach Kraftstoff.

Rauchpilze über dem Rio Sao Francisco: Auf brasilianischen Zuckerrohrplantagen werden vor der Ernte die Seitenblätter abgefackelt. Aus dem Zuckerrohr wird vor allem Bioethanol hergestellt. (Foto: Klaus Hart)
Wer derzeit Urlaub in Brasilien macht, wo aus Zuckerrohr die E10-Beimischung Ethanol erzeugt wird, sieht Flächenbrände bis zum Horizont – ob um die Megacity Sao Paulo oder im nordöstlichen Küsten-Teilstaat Alagoas. Über vier Meter hohe Flammenwände fressen sich dort auf breiter Front an die Straße heran, Asphalt wird zu Matsch und dichte, ätzende Rauchwolken verdunkeln die Sonne.
José Teixeira Rodrigues muss höllisch aufpassen. Fährt der Franziskaner zum Kloster Penedo zurück und gerät in das Flammenmeer, den giftigen Qualm, wäre das sein Ende. Wie das Schicksal ungezählter Tiere, die links und rechts der Fahrbahn lebendig verbrennen.
Monokultur, Agrargifte und weitere Regenwaldabholzung
»Wie zur Kolonialzeit werden kurz vor der Zuckerrohrernte die Seitenblätter abgefackelt – ein Verbrechen auch gegen den Klimaschutz«, empört sich Pater Rodrigues. Sogar im Kloster direkt am Rio Sao Francisco hat er den Brandgeruch in der Nase – denn gleich zwei Zucker- und Ethanolfabriken stehen jetzt nahe der uralten Bischofsstadt Penedo.
»Auch wegen der Brände ist die Lage hier trist – die Zuckerbarone beherrschen die ganze Region politisch und machen mit der Umwelt, was sie wollen. Obwohl wir von der Kirche viel Aufklärungsarbeit leisten, fehlt es den Menschen an Umweltbewusstsein. Denn dieser Teilstaat hat die höchste Rate an Analphabetismus und Arbeitslosigkeit.«
Früher gab es am Rio Sao Francisco dichte Uferwälder mit bis zu 60 Meter hohen Bäumen, unglaublich viele exotische Vögel und Säugetiere, Fische und Langusten im Überfluss. Doch dann wurde zugunsten des Zuckerrohranbaus massiv abgeholzt, immer mehr Agrargift in den Rio Sao Francisco gespült.
Um Penedo verschwanden 30 Fischarten komplett, die Fänge gehen um 90 Prozent zurück.
Roberto Malvezzi, landesweit bekanntester Umweltexperte der Kirche, nennt Zuckerrohr daher eine umweltschädliche Monokultur: »Ethanol aus Zuckerrohr ist kein sauberer Kraftstoff. Immer wieder brechen Plantagenarbeiter an Überanstrengung tot zusammen. Um die Anbauflächen zu erweitern, wird abgeholzt, vertreibt das exportorientierte Agrobusiness Indiostämme und Kleinbauern sogar durch Terror und Mord. Hinter moderner Fassade verstecken Großfirmen nur zu oft Sklavenarbeit.«
Plantagenbrände geraten zunehmend außer Kontrolle
Mehrere Tausend Kilometer weiter südlich, im Teilstaat Sao Paulo, machen die Plantagenbrände derzeit laut Mario Mantovani, Präsident der Umweltstiftung »SOS Mata Atlantica«, die Naturschutzgebiete kaputt. Denn das Feuer gerät außer Kontrolle, frisst sich in Schutzzonen und Wälder.
»Alle denkbaren Vorteile von Ethanol werden allein durch das Abfackeln aufgehoben. Der Ausstoß an Dioxin und klimaschädlichen Gasen ist immens. Die Gesundheitsposten bei Sao Paulo sind voll von Leuten, die schwere Atemprobleme haben, Sauerstoffbehandlungen brauchen.«
2007 löste der Dominikaner Frei Betto mit seiner provozierenden Formel »Biosprit ist Todessprit« in Europa sogar Parlamentsdebatten aus. Der viel gerühmte Öko-Treibstoff soll Armen und Hungernden rund um den Erdball den Tod bringen?
Viele hielten Frei Bettos These für überdreht, realitätsfremd. Dass viele Lebensmittel in Brasilien teurer als in Deutschland sind, unerschwinglich für Arme, wird verdrängt.
Derzeit gibt es erneut brutale Preissprünge – und spürbare Klimaveränderungen wegen massiver Abholzung im Amazonasgebiet.
Erneutes Nachfragen deshalb im Dominikanerkloster Sao Paulo bei Frei Betto, der zu Brasiliens führenden Intellektuellen gehört und zahlreiche in- und ausländische Menschenrechts- und Literaturpreise erhielt.
»Ja – die Landnutzung für Zuckerrohr bewirkt den Tod vieler Menschen! Wenn man die Ackerfläche für Nahrungsmittel verkleinert, steigen deren Preise, sterben viele Menschen, die sich keine guten Grundnahrungsmittel leisten können.«
Frei Betto zitiert UNO-Daten, wonach die Zahl der chronisch Hungernden in der ganzen Welt auf über eine Milliarde anwuchs. Aber sicherlich ist doch Brasilien, immerhin achtgrößte Wirtschaftsnation der Welt, davon ausgenommen?
Frei Betto bleib dabei: »Biosprit ist Todessprit«
Frei Betto verneint: »Unsere Regierung räumt offiziell ein, dass es noch 16,2 Millionen Hungernde in absolutem Elend gibt – doch aus meiner Sicht sind es doppelt so viele!« Zwei Jahre hatte er im Präsidentenpalast von Brasilia sein Büro nur einige Türen vom damaligen Staatschef Lula da Silva entfernt, arbeitete für das Anti-Hunger-Programm. Als es zum Stimmenkaufprogramm deformiert wird, Bedürftige von Regierungsalmosen abhängig macht, legt Frei Betto den Posten nieder.
Brasilien ist weit weg, muss uns in Deutschland das wirklich interessieren? »Bei Euch redet alles von Klimaänderung, Treibhaus-Effekt. Ethanol aus Zuckerrohr wie im E10 treibt ihn voran«, kontert der Dominikaner und hat wissenschaftliche Studien parat: Wegen der Zuckerrohrplantagen wurden riesige Urwaldgebiete Amazoniens abgeholzt, was das ökologische Gleichgewicht in Nord- und Südamerika schädigt, sich auf die ganze Welt negativ auswirkt. Denn Amazoniens Regenwald ist der größte des Planeten. Und die Regenfälle, ob im Süden Floridas oder Argentiniens, hängen von der Verdunstung in Amazonien ab.
Die Megacity Sao Paulo zählt über 2000 rasch wachsende Slums. Auch das hat für Frei Betto mit Ethanol, mit E10 zu tun – denn mehr Zuckerrohranbau bewirkte Vertreibung von Kleinbauern, Landarbeitern: »Ein Heer von Arbeitslosen zieht im Lande umher und verdingt sich bei der Zuckerrohrernte, haust den Rest der Zeit aber in Slums mit Drogen, Gewalt, Prostitution.«
Klaus Hart
Lateinische Gebete und bayerische Blasmusik
27. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Spontaner Papst: Trotz erhöhter Sicherheitsvorkehrungen am Pfingstfest bricht Papst Benedikt XVI. immer wieder aus dem Ring seiner Personenschützer aus, um während seines Ein- und Auszuges im Peterdom unter dem Beifall der Gottesdienstbesucher Kinder zu segnen. Fotos: Harald Krille
Reportage: Rom – die »Ewige Stadt« ist Zentrum der katholischen Weltkirche und täglich Ziel tausender Pilger.
Im September besucht das Oberhaupt der katholischen Kirche und zugleich Staatsoberhaupt des Vatikanstaates Deutschland. Im Vorfeld sammelten zwei Journalisten in ökumenischer Eintracht Eindrücke vom Leben im Zentrum der Weltkirche.
Auf der Via della Conciliazione geht am späten Nachmittag des Pfingstsonnabends gar nichts mehr. Trotz mehrerer Fahrspuren steht der Verkehr, unser Taxi mittendrin. Die prachtvolle »Straße der Versöhnung« führt direkt von Engelsburg und Tiberbrücke zum Petersplatz und Petersdom, dessen Kuppel sich am Ende der Blickachse majestätisch erhebt. 1937 ließ der faschistische Diktator Benito Mussolini die Schneise durch das dicht bebaute mittelalterliche Handwerkerquartier, das Borgo, schlagen. Damit erfüllte er einen alten Wunsch der Päpste und bedankte sich zugleich für die 1929 unterzeichneten Lateranverträge. Mit ihnen wurde der Frieden zwischen dem Papst und dem jungen italienischen Nationalstaat besiegelt. Zugleich sind sie die Grundlage der bis heute weltweit anerkannten völkerrechtlichen Unabhängigkeit und Souveränität des Kirchenstaates.
Der Papst in allen Varianten
Links und rechts der Conciliazione reihen sich die Eingänge zu diversen exterritorialen Gebäuden des Vatikans. Das päpstliche Presseamt hat hier seinen Sitz, um die Ecke herum bei der Engelsburg sind die Redaktionsräume von Radio Vatikan. Wappenschilder markieren die Sitze diverser Botschaften, die praktisch alle Länder, auch muslimische, am Heiligen Stuhl unterhalten. Durchmischt wird das ganze von Hotels, Gaststätten und vor allem Souvenirläden. Die Bandbreite des Angebotes reicht von handwerklich und künstlerisch hochwertigen Kreuzen, Monstranzen und Leuchtern bis zur Plastikkrippe mit Maria, Josef und dem Jesuskind in der Schneekugel.
Dazwischen der Papst in allen Varianten: auf Teppichen, als Anstecknadel, als Plastikpuppe. Und weil gerade der Vorgänger von Benedikt XVI., der polnischstämmige Johannes Paul II. selig gesprochen wurde, ist auch dieser allgegenwärtig. Selbst beide zusammen sind zu haben – auf einem Frühstückstellerchen. Die Preise, so das Gefühl, steigen mit zunehmender Nähe zum Petersplatz …
Rom-Wallfahrt der Pferdezüchter
Doch uns steht der Sinn nicht nach Shopping, wir wollen zum Vatikan. Also aussteigen und zu Fuß weiter. Wir trauen unseren Ohren nicht: Aus Richtung Petersplatz erklingt gut bayerische Marsch- und Volksmusik. Ungläubiges Staunen: Pferdewagen mit Fässern Münchner Brauereien beladen, andere mit den Modellen bayerischer Kirchen, sind für das Verkehrschaos verantwortlich. Dazwischen Blaskapellen, Reiterformationen und Trachtengruppen. Schrill kreischt eine Schar asiatischer Touristinnen auf, als einer der Kutscher über ihren Köpfen wieder und wieder seine Peitsche knallen lässt. Der Zug quält sich rund um den Petersplatz durch die unübersehbare Menge von Schaulustigen. Dicht gefolgt von den dröhnenden Fahrzeugen der Stadtreinigung, die jeden Pferdeapfel sogleich wegkehren. 42 Pferde und sechs Gespanne, so erfahren wir später, gehören zur Rom-Wallfahrt des Bayerischen Pferdezuchtverbandes. Begleitet von fünf Musikgruppen aus Deutschland, Österreich und Italien.
Wir müssen zum Bronzetor am rechten Ende der Kolonnaden, dem Haupteingang zum päpstlichen Palast. Dort sind die bestellten Eintrittskarten für die Messe mit dem »Heiligen Vater« am Pfingstsonntag für uns hinterlegt. Zwar ist der Besuch von Gottesdiensten oder der Generalaudienz am Mittwoch auf dem Petersplatz kostenlos. Aber selbst für Sankt Peter, die größte Kirche der Welt, die immerhin bis zu 60000 Gläubigen Platz bietet, gibt die »Präfektur des päpstlichen Hauses« Billetts für die Teilnahme aus. Wie viele Pilger jährlich nach Rom kommen, vermag niemand mit Sicherheit zu sagen. Zudem: Wer ist Pilger und wer »nur« normaler Tourist? Die Stadt Rom zählte im vergangenen Jahr 20 Millionen Übernachtungsgäste – mithin im Durchschnitt rund 55000 pro Tag. Tendenz steigend.
Militärisches Korps des Vatikans
Zwei Schweizer Gardisten in maßgeschneiderter Renaissanceuniform bewachen mit mächtiger Hellebarde das Bronzetor wie auch jeden anderen Eingang in den Vatikan. 110 Mann stark ist das einzige militärische Korps des Vatikans für die unmittelbare Sicherheit des Papstes und seiner Gebäude zuständig. Die Prunkgewänder dienen der Repräsentation – ansonsten tragen sie schlichte blaue Uniformen, sind in Nahkampf und Personenschutz trainiert, tragen Pfefferspray und moderne Schusswaffen bei sich. Sie werden den Papst auch bei seinem Deutschlandbesuch begleiten – dann aber in Zivil.
Daneben gibt es die Vatikanische Gendarmerie, die alle Polizeiaufgaben wahrnimmt. Großen Widerhall fand vor einiger Zeit die Meldung, dass der nur 0,44 Quadratkilometer große Kirchenstaat bezogen auf seine wenigen Hundert Bewohnern die höchste Kriminalitätsrate der Welt habe. In die Statistik fallen eben auch alle Taschendiebstähle auf dem täglich von Tausenden besuchten Petersplatz.
Offizielle Amtssprache ist übrigens Latein – doch darin werden nur die offiziellen Dokumente abgefasst. Verkehrsprache ist Italienisch. Immerhin aber soll es in einem Gebäude nicht weit von der Peterskirche den wohl weltweit einzigen Bankautomaten mit wahlweise lateinischer Menüführung geben … Und die weltweit meistfrequentierte Apotheke befindet sich hinter den Mauern des Kirchenstaates: Wer ein Rezept für ein in Italien sonst nicht oder nur wesentlich teurer erhältliches Medikament vorweisen kann, bekommt so Einlass in die sonst verschlossene Stadt und die päpstliche Apotheke.
»Sicher ist sicher«, sagen wir uns und frühstücken am Sonntag schon um sieben Uhr. 20 Minuten vor acht Uhr sind wir mit unseren Eintrittskarten auf dem Petersplatz, 9.30 Uhr soll die Messe beginnen. Es erwartet uns eine fünfreihige Warteschlange, die bereits das halbe Rund des wahrlich nicht kleinen Platzes füllt. Der Begriff Weltkirche wird greifbar: Afrikaner, Asiaten, Nord- und Südamerikaner, Ost und Westeuropäer gehören zur Warteschar. Unmittelbar vor und hinter uns sind deutsche Pilger. Die Stimmung ist gelöst – bis sich eine italienische Gruppe von der Seite untermischen will. »Nix da! Hinten, hinten, sonst Patschi, Patschi!«, droht ein frommer Germane lautstark.
Pilgergruppen aus aller Welt
Nach dem Gottesdienst, den Tausende per Videoleinwand auf dem Petersplatz verfolgen, ist die römische Luft schon wieder von Peitschenknall und »Dicke-Backen-Musik« erfüllt. Die Pferde-Pilger aus Bayern und ihre begleitenden Blaskapellen nehmen Aufstellung für das mittägliche Angelusgebet des Papstes, dass er aus dem Fenster seines Arbeitszimmers im obersten Stock des vatikanischen Palastes hält. Nach dem Gebet begrüßt er die größten Pilgergruppen in ihren Landessprachen. Während Brasilianer, Slowaken und US-Amerikaner zur Antwort jubeln und winken, intonieren die deutschen Kapellen das ökumenische »Großer Gott, wir loben dich«. »Danke für die schöne Musik aus meiner Heimat«, antwortet Benedikt, und: »Vergelt’s Gott!«
Von Harald Krille und Matthias Holluba
Harald Krille, Chefredakteur der Gemeinsamen Redaktion der evangelischen Kirchenzeitungen in Mitteldeutschland, und Matthias Holluba, Chefredakteur vom »Tag des Herrn«, der katholischen Bistumszeitung für die Bistümer Erfurt, Magdeburg und Dresden-Meißen, besuchten Pfingsten gemeinsam Rom und den Vatikan.
Buchtipp für weitere Hintergrundinfos zum Vatikan: Erbacher, Jürgen (Hg): Der Vatikan – Das Lexikon, St. Benno-Verlag, 474 S., ISBN 978-3-7462-2752-8, 9,95 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643)246161
USA: Eine Nation im demografischen Wandel
20. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Konrad Ege berichtet für unsere Zeitung aus den USA.
Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten von Amerika gegründet. Von weißen, englisch-sprechenden Siedlern aus Europa.
Bei »meiner« Geburtstagsparty in College Park im Bundesstaat Maryland fällt auf: Viele Feiernde sprechen spanisch. Sie stammen aus Mexiko und Mittelamerika. Einwanderer der ersten und zweiten Generation. Die USA befinden sich im demografischen Wandel: Man muss die Bilder in den Köpfen revidieren, dass »der Amerikaner« weiß ist. Dass die USA so etwas sind wie ein britischer oder mitteleuropäischer Ableger auf einem anderen Kontinent. Etwa im Jahr 2040, in knapp drei Jahrzehnten, schätzt die Statistikbehörde »Census Bureau«, werden Nicht-Weiße, also Latinos, Afroamerikaner und aus der Dritten Welt stammende Menschen, mehr als die Hälfte der US-Gesamtbevölkerung ausmachen.
Gründe sind Einwanderung und Geburtenraten: Einwanderung aus Lateinamerika, der Karibik, aus Asien und aus Afrika. Die Einwanderer sind im Schnitt deutlich jünger als die weißen US-Amerikaner und haben folglich auch mehr Kinder. Nach jüngsten Erhebungen des »Census Bureau« machen »Minderheiten«-Babys gegenwärtig mehr die Hälfte der Neugeborenen der USA aus. In zehn Bundesstaaten, darunter Kalifornien, Texas, Florida und Maryland stellen die »Minderheiten« zusammen bereits die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen.
Im weißen Amerika wird gerungen, ob man das als Bedrohung sehen will oder als Bereicherung und als Chance, die Nation neu zu erfinden. Es geht nicht nur um gesellschaftliche Vorurteile, sondern letztendlich um die politische Macht. Man sah’s bereits bei den letzten Präsidentschaftswahlen: Barack Obama wäre ohne
die Stimmen der Afroamerikaner und der Latinos (66 Prozent wählten Obama) nicht Präsident geworden. Nur 43 Prozent der Weißen stimmten für Obama. Die sich von den vielen »Ausländern« bedroht Fühlenden fordern drakonische Gesetze gegen »Illegale«, obwohl ohne gültige Papiere Eingewanderte nur einen kleinen Teil des »ausländischen« Zuwachses ausmachen.
Das kann hässlich werden. Im Bundesstaat Alabama beispielsweise wurde es unter Strafe gestellt, einen »Illegalen« im Auto mitzunehmen. Kann heißen: Eine in den USA geborene junge Frau (wg. Geburt ist sie automatisch Bürgerin) macht sich strafbar, fährt sie ihre illegal in die USA gekommene Mutter zum Einkaufen. Doch viele weiße US-Amerikaner, vor allem die jungen, sehen die Bevölkerungsdynamik gelassener. Welche Hautfarbe man hat, wo man herkommt, ist den Jungen nicht mehr so wichtig. Immer häufiger sieht man »gemischte« junge Paare. Bei den Erhebungen des »Census Bureau« weigern sich immer mehr Menschen, sich nur einer Rasse zuzuordnen. Und: 54 Prozent der weißen Wähler zwischen 18 und 29 Jahren stimmten für Obama.
Konrad Ege
Griechenlands Gefühlslage: Keine Luft mehr zum Atmen
12. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Giorgio Tzimurtas berichtet für unsere Zeitung aus Griechenland.
Es herrscht die große Depression in Griechenland – wirtschaftlich und psychologisch. Geschäfte gehen Pleite, in der Bevölkerung machen sich Angst und Verzweiflung breit. Die Sparauflagen, die das Land erfüllen muss um Kredite vom Hilfsprogramm der Europäischen Union und des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu erhalten, sind hart. Und sie werden als erbarmungslos empfunden, weil sie Opfer verlangen, ohne eine Zukunftsperspektive zu bieten. Der Konsum wird abgewürgt, für staatliche Investitionen ist kein Raum. Es droht das Kaputtsparen.
Keine Luft zum Atmen – so ist die Gefühlslage unter den Menschen. Viele von Ihnen gehen zur Arbeit, obwohl sie seit Monaten nicht bezahlt werden. Rentner müssen herbe Einschnitte verkraften. »Es trifft die Falschen. Es trifft einseitig die Schwachen«, hört man immer wieder. Und trotz aller Lähmung im Krisenschock – auch Wut kommt auf. Immer mehr Angehörige der Mittelschicht gehen auf die Straße, um zu demonstrieren. Ihr Vorwurf an die sozialistische Regierung unter Giorgos Papandreou: Die einst durch das marode System Privilegierten werden weiter begünstigt, die Redlichen aber geschröpft.
Auch gegen die EU und den IWF richtet sich ein ausgeprägter Groll. Die Gewissheit ist verbreitet, dass sich das Hilfspaket zu sehr nach den Kategorien Schuld und Sühne ausrichtet – und keine nachhaltige Rettung ermöglicht. Dass sie viel zu lange sehr weit über ihre Verhältnisse gelebt haben, dass dies zum Kollaps führen musste – diese Einsicht verbreitet sich, nach anfänglicher Abwehrhaltung, unter den Hellenen. Doch der EU und dem IWF werfen sie vor, beim Schnüren des Hilfspakets vor allem in Richtung Finanzmärkte geschaut zu haben. Um sie zu beruhigen, seien Sparpläne entworfen worden, die letztlich das Land wieder in Richtung Ruin drängen können. Verschlimmert habe sich die Lage, weil Bundeskanzlerin Angela Merkel immer wieder gezaudert habe – aus innenpolitischen Gründen. Mit dem Effekt, dass Spekulanten weiter auf die hellenische Staatspleite wetten konnten.
Dennoch: Wenn Straßenschlachten in Athen zwischen Demonstranten und Polizei weltweit in den Nachrichten zu sehen sind, dann geben sie einen falschen Eindruck wieder. Griechenland versinkt nicht im Chaos der Gewalt. Es sind radikale Gruppen, die um die Macht der Bilder in den Medien wissen. Sie nutzen die Situation. Der Staat soll als hilflos dargestellt werden, im Ausland soll sich die öffentliche Meinung gegen Griechenland richten. Das Ziel der randalierenden Radikalen lautet: Umsturz.
Für Griechenland ist eine Rettung möglich, wenn das zweite Hilfspaket auf lange Sicht angelegt wird, die Schuldenlast erträglich bleibt. Und ohne eine gleichzeitige Reform staatlicher Strukturen sowie einer effektiveren Steuerbehörde wird es nicht gehen.
Giorgio Tzimurtas
Etwas in Bewegung gesetzt
4. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Das Gottvertrauen gelernt: Rolf Strobelt mit einheimischen Mitarbeitern bei einer der wochenlangen Touren durch unwegsames Gelände. Foto:privat
Er ist der älteste Überseemitarbeiter des Leipziger Missionswerkes. 20 Jahre hat er anderen gegeben – und selbst gelernt. Denn nur so funktioniert heute Mission.
Es ist der letzte Rundbrief von vielen, die Rolf Strobelt 20 Jahre lang regelmäßig aus Papua-Neuguinea nach Deutschland schrieb. Nun muss er Worte für den Abschied finden: »Es kommt jetzt immer öfter vor, dass ich mir die Naturkonzerte des Morgens mit Wehmut anhöre.« Wenige Wochen später im Haus des Leipziger Missionswerkes (LMW) freut sich Strobelt, mit Gahanema Siniwin aus Papua-Neuguinea zu sprechen. Sie ist Teilnehmerin beim »Mission to the North«-Programm des LMW und gerade für zwei Monate in Sachsen zu Besuch. Dann zeigt er stolz auf eine schwarz-rot-gelbe Blumenkette, die er von Siniwin zur Begrüßung in Deutschland geschenkt bekommen hat – beide Länder vereinen die gleichen Farben auf ihren Flaggen. Strobelt muss nachdenken. »Es ist ein gewaltiger Schritt«, sagt er.
Ein gewaltiger Schritt, das war auch sein Weg als Missionar. Schon während seines Theologiestudiums in Leipzig steht für ihn fest, dass er missionarisch tätig sein will. Dann, kurz nach der friedlichen Revolution, wird der damals 32-Jährige vom Bayerischen Missionswerk in die Evangelisch-Lutherische Kirche Papua-Neuguineas entsandt. Dort soll der gelernte Krankenpfleger ein Krankenhaus im westlichen Hochland leiten. »Am Anfang, wenn man aus Deutschland kommt, will man alles perfekt machen«, erinnert er sich an die Anfangsjahre. »Aber mit der Zeit wird man abgeschliffen. Die Probleme der Menschen dort sind existenziell. Man lernt mit ihnen zusammen zu arbeiten, sie zu verstehen.«
1994 wird Rolf Strobelt nach Rabaul auf die Insel East New Britain versetzt. Schon kurz nach seiner Ankunft bricht der nahe gelegene Vulkan Tavurvur aus. Aus Strobelts Aufgabe, sich um das geistliche Leben in den verschiedenen Kirchgemeinden zu kümmern, wird zunächst ein Hilfseinsatz im Krisengebiet. Von der Stadt wechselt er 1999 in eine schwer erreichbare Station im Kirchenkreis Nomane. Dort bildet er kirchliches Personal aus, leistet Drogen- und Aids-Prävention, baut diakonische Hilfe für Kranke und Menschen mit Behinderung auf. 2007 wechselt er erneut und arbeitet bis 2011 als Dozent am Theologischen Seminar Ogelbeng.
Es sind vier Stationen in 20 Jahren, die seine Vorstellung von Mission geprägt haben: »Man denkt immer, dort, wo man gerade ist, wird man ganz dringend gebraucht. Aber es gibt immer Orte, an denen man noch dringender benötigt wird.« Mission bedeute deshalb, erst einmal etwas in Bewegung zu setzen, damit es von den Einheimischen fortgesetzt werden kann.
In Papua-Neuguinea leben rund fünf Millionen Menschen. Etwa eine Million gehören zur Evangelical Lutheran Church of Papua New Guinea (ELC-PNG), die nach der katholischen die zweitgrößte Kirche des Landes und die größte lutherische Kirche Asiens ist. »Es ist ein junges Land, aber die Jugend findet keine Arbeit.« Die Menschen hätten gespürt, dass sich durch die Hilfe der Kirche etwas entwickelt: Schulen, Krankenhäuser, Flugplätze wurden gebaut. »Von manchem Christ wird deshalb bedauert, dass die Überseemitarbeiter wieder gegangen sind.« Missionsarbeit, da ist sich Rolf Strobelt sicher, braucht Kontinuität in der Aufklärungsarbeit und Entwicklungshilfe und besonders in der theologischen Weiterbildung.
Es fiel ihm deshalb nicht leicht, denen den Rücken zu kehren, deren Rücken er jahrelang gestärkt hat. Nur mit Uwe Hummel als Nachfolger war es einfacher. Und schließlich war es seine bewusste Entscheidung. Der gebürtige Sosaer möchte wieder näher bei seinen Eltern im Erzgebirge sein. »Es war an der Zeit zurückzukommen, um etwas von der Unterstützung wiederzugeben, die ich jahrelang von hier erhalten habe«, sagt Rolf Strobelt.
Was nimmt er mit aus 20 Jahren in Papua-Neuguinea? »Von den Einheimischen habe ich dieses Gottvertrauen gelernt. Hier in Deutschland funktioniert ja alles. Aber wenn du wochenlang zu Fuß unterwegs bist in unwegsamen Gebieten ohne Infrastruktur, dann bist du einfach froh, lebend zurückzukommen.« Jetzt werde er die Annehmlichkeiten genießen, die seine Heimat zu bieten hat, und Rolf Strobelt ist gespannt auf neue Aufgaben, in die er seinen schwarz-rot-gelben Schatz an Erfahrungen in Zukunft einbringen kann.
Maxie Thielemann
Zwischen Ruhm und Linientreue
24. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Lassen sich nicht so leicht die Butter vom Brot nehmen: Zwar verloren die Koreanerinnen im Mai 0:2 gegen die deutsche Frauen-Elf, dennoch gelten sie als starker Gegner. Hier Un Ju Kim im Duell mit Simone Laudehr. (Foto: picture alliance/Augenklick/Kunz/Moray)
Frauenfußball: Die nordkoreanischen Fußballerinnen gehören hierzulande zu den eher unbekannten Heldinnen.
In Nordkorea werden sie als Heldinnen gefeiert, haben Privilegien und schaffen, was ihren männlichen Kollegen nicht gelingt: die Stadien zu füllen.
In Deutschland eilt der nordkoreanischen Frauenfußball-Nationalmannschaft der Ruf der mysteriösen Unbekannten voraus. Vor der an diesem Sonntag beginnenden Weltmeisterschaft in Deutschland tauchte die Mannschaft komplett von der Öffentlichkeit abgeschirmt mal hier, mal dort auf. Informationen über Aufenthaltsorte sind spärlich, Kontakt zu den Spielerinnen unmöglich.
Nach der 2:0-Niederlage im Testspiel gegen Deutschland in Ingolstadt im Mai beschrieb ihr Trainer Kwang Min Kim die Frauen als jung und teilweise sehr unerfahren. Ansonsten ließ er die meisten Fragen unbeantwortet, was die Gerüchte über die Spielerinnen weiter schürt.
Wilde Spekulationen über sklavenähnliche Haltung und hämische Kommentare zu den ähnlichen Haarschnitten begleiten die Sportlerinnen. Doch auf dem Rasen traut man den Nordkoreanerinnen einiges zu: Die Weltranglisten-Achten und dreifachen Asienmeisterinnen zählen zum Favoritenkreis.
Nach Vorstellung vieler Westler beruht dieser Erfolg auf einem unmenschlichen Drill und der Androhung von Arbeitslager bei Misserfolg.
Ein ganz anderes Bild zeichnet die österreichische Regisseurin Brigitte Weich, die einen Film über vier Frauen aus der nordkoreanischen Nationalmannschaft gedreht hat. »Ich hatte nie den Eindruck, dass sie in irgendeinem Moment zu irgendetwas gezwungen wurden«, betont Weich, die die Spielerinnen sechs Jahre lang begleitete.
Der Koreanist Rüdiger Frank erläutert: »Der Sport bietet in einer ansonsten sehr einengenden Gesellschaft einen Entfaltungsraum und schafft Möglichkeiten für Erfolgserlebnisse.« Der Nordkorea-Kenner Nicholas Bonner ist sich sicher, dass dies die Spielerinnen zu hohen Leistungen anspornt. »Sie trainieren sehr hart, weil sie zur Weltspitze gehören wollen, sie werden bis an ihre Grenzen gebracht, aber nicht weiter.«
Der in China lebende Brite führt mit seiner Reiseagentur Touristengruppen in das isolierte Land. »Fußball ist der unangefochtene Lieblingssport in Nordkorea«, betont Bonner, der an einem Film über die Männermannschaft beteiligt war, die 1966 in England mit einem Überraschungssieg über Italien in das WM-Viertelfinale gelangte. »Aber heutzutage will niemand zu den Männerspielen gehen, nur bei den Frauen sind die Stadien voll.«
Die Frauen seien besser und auch öfter auf den Titelseiten, erzählt Bonner. »Fußball ist einer der Bereiche, in denen die Geschlechter gleichberechtigt sind.«
Auch Weich zeigt in ihrem Film »Hana, dul, sed« (Eins, zwei drei), der seit zwei Wochen in den deutschen Kinos läuft, dass der Frauenfußball in dem autoritär regierten, kommunistischen Land weit mehr ist als reine Staatsdoktrin.
Gleichzeitig habe diese staatliche Förderung in einem Land mit ausgesprochen konservativen Geschlechterrollen zur Emanzipation beigetragen. »In diesem speziellen Fall hat es genützt, plötzlich dürfen diese Frauen machen, was sie wollen«, sagt Weich. Den Fußballerinnen komme eine wichtige Vorbildfunktion zu.
Dennoch verstehen sich die Spielerinnen als Botschafterinnen ihres Landes und sehen ihre Aufgabe darin, dem »geliebten Führer«, Staatschef Kim Jong Il, Freude zu bereiten. Dass sie Hosen tragen auf dem Platz, später heiraten und insgesamt mehr Freiheit genießen als andere Nordkoreanerinnen, ändert Weich zufolge nichts an ihrer Linientreue.
Entsprechend schockiert sei sie bei ihrem ersten Dreh in Nordkorea gewesen, nachdem sie die Frauen mehrmals bei internationalen Turnieren getroffen hatte, sagt Weich. »Ich konnte die beiden Bilder nicht überein kriegen zwischen den führerverehrenden, ergebenen Bürgerinnen in Pjöngjang und den fröhlichen, toughen Frauen, mit denen wir rund um die Welt gereist waren und tolle Dinge erlebt hatten.«
Allein schon der in der Heimat jederzeit am Revers getragene Anstecker mit dem Konterfei des Staatschefs Kim Jong Il habe sie irritiert.
Seit wenigen Tagen sind die Frauen wieder in Deutschland. Während der Vorbereitung in Leipzig war wenig von ihnen zu sehen, auch ein Testspiel gegen England in Halle findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Doch am kommenden Dienstag, 28. Juni, werden die Asiatinnen in Dresden zu ihrer ersten Vorrundenbegegnung antreten. Ihr Gegner ist ausgerechnet das Team aus den ideologisch so verhassten USA.
Natalia Matter (epd)
18. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Die nigerianische Spielerin Onome Ebi im November vergangenen Jahres im Zweikampf mit Birgit Prinz von der Deutschen Nationalmannschaft. In dem Länderspiel verloren die Nigerianerinnen allerdings mit 0:8. (Foto: imago sportfotodienst)
Christinnen und Muslimas spielen gemeinsam in der nigerianischen Frauenfußball-Nationalmannschaft. Und zumindest in Afrika kommt an den Super Falcons niemand vorbei.
Auf dem Trainingsgelände neben dem modernen Bau, der wie ein Fremdkörper aus der Silhouette der mit rotem Sand bedeckten Ebene heraussticht, machen sich die Frauen warm. Es ist später Nachmittag und nicht mehr so heiß. Ein paar Bäume spenden Schatten und dienen gleichzeitig als Kleiderhaken für Trainingsjacken und Rucksäcke.
Achtmal gewann die Nationalmannschaft Nigerias den Africa-Cup. Jetzt bereiten sich die Sportlerinnen auf die Weltmeisterschaft in Deutschland vor.
Das Training beginnt auch dieses Mal mit einem muslimischen und christlichen Gebet. Die Spielerinnen stellen sich im Kreis auf und halten sich an den Händen. Die Situation ist ruhig, fast andächtig.
Dann ertönt der Pfiff von Coach Eucharia Uche.
Heute steht Fitness auf dem Programm. Doch immer wieder klingelt das Handy der Trainerin, die als Pionierin im nigerianischen Frauenfußball gilt. »Moment, es geht gleich weiter«, ruft sie dann und kümmert sie sich um Flüge, Visa und Hotelunterkünfte für ihre Mannschaft. »Man muss viel improvisieren in Nigeria«, erklärt sie schmunzelnd.
Jedes Kind in Nigeria kennt die Super Falcons. Die Mannschaft mit den Stürmer-Stars Perpetua Nkwocha und Stella Mbachu ist der ganze Stolz der Fußballnation Nigeria.
Bei der WM 2011 wird Nigeria neben Äquatorialguinea Afrika vertreten. »Wir verstehen uns als Botschafterinnen unseres Kontinents«, sagt Trainerin Uche stolz.
»Die Mannschaft hat unheimlich Potenzial«, sagt auch Thomas Obliers, der als sportlicher Leiter das Team für die WM fit machen soll. Auch die Schmach der 8:0-Niederlage im Freundschaftsspiel gegen Deutschland im vergangenen Jahr soll so wieder wettgemacht werden.
Obliers, der bis vor Kurzem noch die Bundesliga-Frauen von Bad Neuenahr trainierte, hat den Spielerinnen deshalb ein hartes Fitnesstraining verordnet. »Das Spiel muss schneller werden«, mahnt der 43-Jährige. Was besser klappt als in Deutschland sind die Hilfsbereitschaft und Solidarität unter den Spielerinnen, hat Obliers festgestellt.
Nigeria ist ein gespaltenes Land – religiös, gesellschaftlich und wirtschaftlich. Die meisten Spielerinnen der Nationalelf kommen aus dem christlichen Süden. Fast alle Stars starteten ihre Karriere in so bekannten Clubs wie Rivers Angels und Delta Queens in den ölreichen südlichen Bundesstaaten. Mehrere National-Spielerinnen sind heute Profis in schwedischen Clubs.
Muslimische Mädchen müssten härter darum kämpfen, Fußball spielen zu dürfen, meint auch Coach Uche. Oftmals müsse der Trainer das Gespräch mit der Familie suchen und das Familienoberhaupt überzeugen. Auch in der Nationalmannschaft sind sie deutlich in der Unterzahl. »Aber die Zahl der weiblichen Fußballspieler wächst überall in Afrika.«
»Nigeria ist noch eine männerdominierte Gesellschaft«, räumt auch der ehemalige Fußball-Profi Stanley Akpu ein. »Aber der Fußball eint unser Land.« Im Gegensatz zur Politik spiele Religion auf dem Fußballfeld keine Rolle, meint Akpu, der gerade eine Organisation aufbaut, die Nachwuchskicker fördern soll.
Viele Nigerianer sehen im Fußball nicht nur ein soziales, sondern auch ein politisches Ventil. »Der Fußball macht uns vor, dass es möglich ist, für ein gleiches Ziel zu kämpfen, egal welcher Religion oder welchem Stamm man angehört«, sagt Akpu.
Wenn die Falcons auf dem Flughafen ankommen oder ein Hotel beziehen, werden die Frauen und ihre resolute Trainerin von Fans umlagert. Doch auch wenn die sportliche Bilanz der Super Falcons die des Männer-Nationalteams übertrifft, bei Sponsoring und Medienpräsenz haben sie das Nachsehen.
So wurde kürzlich bekannt, dass die Gehaltszahlungen des nigerianischen Fußballverbandes an Uche seit knapp zwei Jahren ausstehen. »Eine unschöne Situation«, gab ein Funktionär zerknirscht zu und versprach eine Nachzahlung.
Bei der WM in Deutschland warten auf die Super Falcons in der Gruppe A schwere Gegner wie Deutschland (30. Juni), Kanada und Frankreich. Aber den Sprung ins Viertelfinale wollen die Nigerianerinnen unbedingt schaffen.
Susann Kreutzmann (epd)
Die Frauen-Fußball-WM in Deutschland
Die Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen beginnen am 26. Juni in Sinsheim (Nigeria – Frankreich) und Berlin (Deutschland – Kanada).
Einziger Austragungsort im mitteldeutschen Raum ist Dresden. Dort treffen am 28. Juni die Frauen der USA auf ihre Gegnerinnen aus Nordkorea, am 1. Juli spielen die Mannschaften von Neuseeland und England gegeneinander, am 5. Juni steht die Begegnung Kanada – Nigeria auf dem Spielplan. Danach wird Dresden noch einmal am 10. Juli Austragungsort eines Spiels im Viertelfinale sein.
Das Finale läuft am 17. Juli in Frankfurt am Main.
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) bietet wieder für Gemeinden die Möglichkeit des kostenlosen »Public Viewing« der von ARD und ZDF übertragenen Spiele an.
Zudem gibt es ein Materialheft unter dem Titel »Gemeinsam fiebern, freuen, feiern« mit Anregungen für die Gestaltung von Gemeindeabenden, Gottesdiensten oder den Konfirmandenunterricht. Es kann kostenlos angefordert werden beim Kirchenamt der EKD, Herrenhäuser Straße 12, 30419 Hannover, Fax 0511/2796-722.
Europäische Begegnungen in Dresden
10. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Zu Gast in Dresden: Oliver Engelhardt mit Viktoria Czetö, Zsoltné Papp und Norbert Czetö (v.l.n.r.) aus Ungarn im Zentrum Mittel- und Osteuropa. Auf der Karte haben Besucher die Partnerschaften zwischen deutschen und osteuropäischen Kirchgemeinden eingezeichnet. Foto: Bernd Heinze
Faschistischer Raubkrieg, gemeinsames Leiden unter der kommunistischen Diktatur – es gibt vieles, was die Staaten Mittel- und Osteuropas ebenso trennt wie vereint.
Freiheit ist, wenn wir sagen, wir wollen heute in Wien einen Kaffee trinken und wir können es einfach tun«, sagt Andreas Bölcsföldi. Der Budapester Studentenpfarrer sitzt mit Renate und Manfred Kießig aus Störmthal bei Leipzig und den ungarischen Theologiestudenten Viktoria und Norbert Czetö an einem Tisch. Sie diskutieren, was ihnen Freiheit bedeutet und kommen zuerst auf die Wende zu sprechen.
Dieser Blick auf 1989 ist beim »Café Freiheit« im Begegnungszentrum Mittel- und Osteuropa auch von den Moderatoren Arne Draeger und Ulrike Kind gewollt. Für einen ersten inhaltlichen Impuls haben sie zwei prominente Gäste eingeladen: die Brandenburger Beauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, Ulrike Poppe, und den Staatsminister für soziale Integration aus Budapest, Zoltán Balog. Dann malen und schreiben die Gäste aus Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Deutschland verschiedene Symbole der Freiheit auf: die Taube ebenso wie die Banane oder ein Loch in einer Mauer.
Beim Begegnungszentrum in der Neustädter Dreikönigskirche ist die europäische Geschichte ein bestimmendes Thema. »Es ist spannend, weil Staaten in Mittel- und Osteuropa teilweise eine schwierige Geschichte auch miteinander haben«, sagt Arne Draeger, der die Veranstaltungen mit vorbereitet hat. »Junge Leute gehen mittlerweile viel unbefangener damit um und halten ihren Großeltern auch gerne mal den Spiegel vor die Augen, wenn es um Schuldfragen geht.«
Kirchentag im Kirchentag könnte man das Begegnungszentrum Mittel- und Osteuropa nennen. Denn es wurde gemeinsam mit den Christlichen Begegnungstagen gestaltet und diese bezeichnet Mitorganisator Oliver Engelhardt auch als »kleinen mitteleuropäischen Kirchentag«.
Seit 1991 laden dazu alle drei Jahre Kirchgemeinden aus je einer grenznahen Stadt in Deutschland, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn oder Österreich in ihre Heimat ein. In diesem Rhythmus bot es sich an, das mitteleuropäische Treffen 2011 in den Dresdner Kirchentag zu integrieren. Oliver Engelhardt ist zufrieden, »auch wenn bei den jetzigen Veranstaltungen natürlich deutsche Besucher in der Mehrzahl sind und wir den Blick etwas weiter Richtung Osten geweitet haben.«
Zum Beispiel Richtung Weißrussland. In dem bewegenden Dokumentarfilm »Running start« zeigt die junge Filmemacherin und Schauspielerin Ljuba Zhuromskaya aus Minsk, wie junge Oppositionelle in ihrer Heimat vom Staat unter Druck gesetzt und aus den Universitäten verbannt werden und wie sie trotzdem weitermachen.
»Ich versuche, nicht mehr dagegen zu kämpfen, sondern etwas Positives entgegenzusetzen«, sagt Zhuromskaya. Beim anschließenden Gespräch mit Natallia Vasilevich, Direktorin des Kultur- und Bildungszentrums Ecumena in Minsk und politische Aktivistin, wurden die Kraft und die gleichzeitige Ausweglosigkeit junger Menschen in Weißrussland unter Präsident Alexander Lukaschenko klar.
Maxie Thielemann
Zwischen zwei Regierungen
3. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Naher Osten: Kholoud Daibes ist in der palästinensischen Autonomieverwaltung Ministerin für Tourismus.

Dr. Kholoud Daibes Abu Dayyeh ist seit gut vier Jahren Chefin im palästinensischen Tourismusministerium und die einzige christliche Ministerin in der Regierung der Palästinenser. (Foto: epd-bild/Debbie Hill)
In der männerbetonten Welt des Nahen Ostens ist sie eine doppelte Seltenheit: als Frau und als Christin.
Kholoud Daibes begrüßt energisch ihre Kollegen und gibt ihrer Sekretärin schon im Flur erste Anweisungen für den Tag. Dann weht sie förmlich in ihr Büro, eilt an den Schreibtisch. Seit gut vier Jahren ist die bekennende Protestantin Chefin im palästinensischen Tourismusministerium. Sie ist das einzige christliche Kabinettsmitglied in der Regierung der Palästinenser.
Zurzeit könnte jeder Tag der letzte für sie im Amt sein. Denn die Fatah-Bewegung des palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas und die im Gazastreifen herrschende Hamas haben sich auf die Bildung einer »Regierung der nationalen Einheit« geeinigt. Das könnte auch einen kompletten Wechsel der Minister bedeuten.
Die 46-Jährige ist kurzärmelig gekleidet, dezent geschminkt, trägt die Haare offen. Ihre Amtszeit kann sich sehen lassen: Sie brachte die Zahl der Besucher bis auf zwei Millionen im vergangenen Jahr und damit aus dem Stillstand heraus, der nach der Intifada folgte.
Die Bewegungsfreiheit für Palästinenser und Touristen ist besser geworden und auch die Kooperation mit Israel, trotz aller Abstriche. Noch immer aber bleiben viele touristische Attraktionen im 1967 von Israel besetzten Gebiet für die Palästinenser unerreichbar. Das Tote Meer gehört dazu und das Jordantal. »Die Israelis weigern sich, uns als gleichwertige Partner anzuerkennen«, schimpft die Ministerin. »Wenn es im Tourismus schon nicht klappt, wie soll es dann bei den großen, politischen Verhandlungen funktionieren?«
Kholoud Daibes spricht fließend deutsch. Schon ab der ersten Klasse lernte sie die fremde Sprache zunächst an der Martin-Luther-Schule in Jerusalem und später in der traditionsreichen evangelischen Schule Talitha Kumi, wo sie Abitur machte und wo heute ihre drei Kinder deutsche Vokabeln pauken. Ab 1982 ging es für Daibes mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Hannover zum Architekturstudium mit anschließender Dissertation.
Zur Politik kam die Architektin mit Schwerpunkt Denkmalpflege völlig unerwartet Anfang 2007. Damals suchten die frisch zur Regierung der Nationalen Einheit verbündeten Fraktionen Hamas und Fatah nach parteiunabhängigen Experten wie Daibes. Kaum drei Monate dauerte das Bündnis von Hamas und Fatah damals, bis die ideologischen Diskrepanzen und Machtkämpfe in blutigen Auseinandersetzungen endeten. In Ramallah wurde die bis heute amtierende Notstandsregierung gegründet. Daibes behielt ihren Posten als Tourismusministerin und übernahm außerdem für zwei Jahre das Frauenministerium.
Die enge Zusammenarbeit mit Männern hatte die junge Architektin schon in ihrem früheren Beruf erlebt, auf den Baustellen. Mit den islamistischen Politikern habe es keine besonderen Probleme gegeben, sagt sie. Die Protestantin findet es ärgerlich, wenn Leute sich darüber wundern, dass es überhaupt christliche Palästinenser gibt. »Wir sind die Christen, die zu Jesu Zeiten hier waren«, ruft sie. »Wir sind die, die sonntags in den Kirchen beten, die für andere nur eine Touristenattraktion sind.«
Obwohl heute nur noch 50000 Christen in den Palästinensergebieten leben, bleibt ihnen in Regierung, Parlament und zahlreichen Ortsverwaltungen eine Präsenz garantiert. Der Bürgermeister von Bethlehem etwa muss Christ sein, auch wenn die Stadt längst keine christliche Mehrheit mehr hat. Dasselbe gilt für Ramallah. »Man muss die Politiker hier nicht überzeugen«, sagt Daibes. »Die wichtige Rolle, die die Christen bei der Entwicklung des Heiligen Landes gespielt haben, wird sehr wohl anerkannt.«
Susanne Knaul (epd)
Im Zeichen der Versöhnung
27. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Ökumene: Die Orthodoxe Akademie Kreta wirbt seit mehr als 40 Jahren für eine Verständigung der Religionen.
Vor 70 Jahren begann die Deutsche Wehrmacht mit dem »Unternehmen Merkur« die Eroberung Kretas. Sie kostete Tausende Menschenleben – auch unter der Zivilbevölkerung.
Jedes Jahr Mitte Mai gedenken auf der griechischen Insel Kreta die Bewohner des Beginns des Eroberungsfeldzuges deutscher Wehrmachtsoldaten auf dem Eiland. Viele Bewohner der Mittelmeerinsel haben bei den harten Kämpfen und der nachfolgenden Besatzung Familienangehörige verloren.
Doch sieben Jahrzehnte nach dem Nazi-Angriff scheinen viele Wunden verheilt. Viel hat dazu auch die Orthodoxe Akademie Kreta in den vergangenen 40 Jahren beigetragen: Mit dem Ziel der Versöhnung lädt sie jährlich Politiker, Kirchenvertreter, Umweltexperten und Griechenlandreisende zum Austausch der Religionen und gegenseitigem Kennenlernen ein.
Am 20. Mai 1941 griff die Deutsche Wehrmacht Kreta in der Bucht von Suda an. In den größenwahnsinnigen Planungen der Nazis sollte die Insel zu einer Aufmarschbasis für die Eroberung Ägyptens werden. Dafür mussten Tausende junger Männer ihr Leben lassen, die seit 1971 auf dem deutschen Soldatenfriedhof Maleme an der Nordküste Kretas liegen: 4465 deutsche Soldaten sind dort bestattet. Während der deutschen Besatzung bis zum 9. Mai 1945 wurden im Gegenzug mehrere Tausend kretische Zivilisten als Partisanen hingerichtet, ganze Dörfer komplett zerstört.

Die Orthodoxe Akademie Kreta: Mit dem Ziel der Versöhnung lädt sie jährlich Politiker, Kirchenvertreter, Umweltexperten und Griechenlandreisende zum Austausch ein. (Foto: epd-bild/Ralf Schick)
»Fast eine ganze Generation wuchs hier ohne Väter auf«, sagt Georgios Vlantis, heutiger Studienleiter der 1968 erbauten Akademie nahe der früheren kretischen Hauptstadt Chania. Dass heute der deutsche Soldatenfriedhof von griechischen Frauen und Männern im Auftrag des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge gepflegt wird, ist genauso wenig selbstverständlich wie die vielen Begegnungen zwischen Kretern und Deutschen, zwischen orthodoxen und nichtorthodoxen Christen.
»Wir wollten mit der Akademie ein Zeichen der Versöhnung setzen«, sagt Alexandros Papaderos, Mitbegründer und Generaldirektor der Orthodoxen Akademie. »Unser Ziel war und ist es, den Dialog zwischen Orthodoxie und den anderen Kirchen, Christentum und den anderen Religionen, Kirche und Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur zu fördern«, betont Papaderos.
Die Begegnungen und der Austausch ist Papaderos zufolge ein Geschenk. »Wir können einander nur verstehen, wenn wir voneinander wissen«, sagt auch Anastassios Ossipidis, der zusammen mit der Orthodoxen Akademie christliche Begegnungsreisen organisiert, »um den Dialog zwischen Christen zu fördern«.
Gemeinsam etwa mit der Evangelischen Akademie Loccum unterstützt die Orthodoxe Akademie auch ein europäisches Jugendbildungsprojekt. Mehrere Hundert Jugendliche aus Niedersachsen, aber auch aus anderen Bundesländern kommen seit zwei Jahrzehnten immer wieder auf die Insel, um in der Nähe der Akademie beim Aufbau eines Projektgeländes mitzuhelfen.
Enge Kontakte gibt es auch zur Evangelischen Akademie Bad Boll, die finanziell maßgeblich zur Entstehung der kretischen Bildungseinrichtung beitrug.
Jährlich lädt die Akademie zu wissenschaftlichen und theologischen Kongressen und Tagungen ein. Im März fand eine Begegnung im bilateralen theologischen Dialog zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland und dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel statt, bei der die Beziehungen zwischen Kirche und Staat im Mittelpunkt stand.
Die Akademie ist heute eine der bedeutendsten kirchlichen Einrichtungen Griechenlands. Die griechisch-orthodoxe Kirche in Kreta hat eine Sonderstellung, denn sie gehört zum Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel und nicht zur orthodoxen Kirche Griechenlands.
Ralf Schick (epd)
Polen: Frauen im grünen Collarhemd
23. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Theologisch haben Polens Lutheraner eigentlich keine Einwände gegen Frauen im Pfarramt. Dennoch gibt es Argumente dagegen zuhauf.

Die Arbeit machen sie, die Ordination bleibt ihnen versagt: Halina Radacz ist eine der rund 20 Diakoninnen der polnischen Lutheraner. (Foto: Maja Pauska)
»Die Frauen wollen das doch selbst nicht!«, ist ein Argument, das bisweilen auftaucht, wenn es wieder hoch hergeht wegen der nicht vorhandenen Frauenordination bei den Lutheranern in Polen.
Halina Radacz, Diakonin der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, kann darüber nur den Kopf schütteln. Manchmal weiß man nicht, ob es zum Weinen oder schon zum Lachen ist. Zum Beispiel, wenn die Direktorin einer großen Schule argumentiert, das Amt des Pfarrers wäre zu viel Verantwortung für eine Frau.
Halina Radacz selbst wäre lieber schon heute als morgen eine ordinierte Pfarrerin mit allen Rechten. Denn die Arbeit tut sie ja jetzt schon. Sie ist eine der rund 20 Diakoninnen, die in der polnischen Kirche das grüne Collarhemd tragen, in den Gemeinden taufen und predigen. Nur das Abendmahl dürfen sie nicht einsetzen.
26 Jahre sind seit ihrem Theologiestudium vergangen, Zyrardów ist ihre dritte Gemeinde. Diese Gemeinde hatte vor drei Jahren die Kirchenleitung darum gebeten, dass ihre »Pfarrer-Diakonin« endlich ordiniert werde, doch im Herbst 2010 erteilte die Synode dem Wunsch nach der Ordination von Frauen eine Absage.
Das war ein trauriger Tiefpunkt auf einem langen Weg.
Auf das Frauenforum und auf die Frauenkommission ihrer Kirche ist Halina Radacz stolz. Die beiden Strukturen sind im Frühjahr 1991 entstanden. 2011 kann das 20-jährige Jubiläum gefeiert werden.
Denn Grund zum Feiern gibt es auch ohne die Ordination.
Das Forum und die Kommission haben es geschafft, Themen, die Frauen bewegen, in die Öffentlichkeit und bis in die Synoden hineinzutragen. Dank ihnen sowie der Theologinnenkonferenz, die von deutschen Partnern, dem Gustav-Adolf-Werk und dem Evangelischen Bund, unterstützt wird, haben polnische Lutheranerinnen Strukturen und Institutionen, in denen sie sich aussprechen und neue Initiativen starten können.
Das Bewusstsein wandelt sich, wenn auch langsam.
Als Beispiel holt Halina Radacz ein Exemplar von »Zwiastun« hervor. Früher, sagt sie, wäre es undenkbar gewesen, dass die Kirchenzeitschrift eine Pfarrerin im Talar abgebildet hätte. Heute ist es Normalität. Wie wichtig das Bild in den Medien ist, weiß sie selbst am besten. In ihrem zweiten Beruf – das Gehalt der Diakonin gewährleistet nicht das finanzielle Überleben einer Familie – ist sie Journalistin und Kirchenredakteurin des Zweiten Programms der Telewizja Polska.
»Wie viele Talente haben wir schon weggeworfen?«, fragt Halina Radacz, wenn sie an die über 70 Frauen denkt, die in Warschau das Theologiestudium absolviert haben. Freilich arbeiten einige Theologinnen als Pfarrerinnen – in Deutschland oder in England zum Beispiel.
Die Diskussion über die Frauenordination ist in der Kirche einerseits mit dem Synodenbeschluss abgeschlossen, und bleibt anderseits doch ein Dauerbrenner.
Das 20. Frauenforum der lutherischen Kirche, das als Jubiläumsforum vom 23.-25. September 2011 in Warschau stattfinden wird, fasst das Problem weiter und nennt es zugleich beim Namen: strukturelle Gewalt. Die Diskussion über die Frauenordination brachte in der Kirche den Konsens hervor, dass es keine theologischen Gründe dagegen gibt, nur die Tradition und das katholische Umfeld sprächen dagegen.
Mit ihren zwiespältigen Erfahrungen sind die Polinnen in Mittelosteuropa nicht allein. Auf dem bevorstehenden 33. Evangelischen Kirchentag in Dresden vom 1. bis 5. Juni erhalten die Theologinnen und Pfarrerinnen aus verschiedenen Kirchen ein Podium für ihre Fragestellungen: »Theologinnen auf dem ›Abstellgleis‹? Frauenordination in Mittel- und Osteuropa«.
Diakonin Halina Radacz aus Polen wird dabei sein – im grünen Collarhemd.
Maaja Pauska
Hinweis: Die Veranstaltung mit Halina Radacz findet am Freitag, 3. Juni, von 16.30 bis 18 Uhr im »Zentrum Frauen« des Kirchentags statt (Programmheft Seite 206).
Vernetzung in Sachen Frieden
16. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Friedensdekade: Basisgruppen und Kirchenprominenz aus aller Welt treffen sich in Kingston auf Jamaika.
Zehn Jahre lang rief der Weltkirchenrat seine Mitglieder im Rahmen der »Dekade zur Überwindung von Gewalt« zum besonderen Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit auf. Nun soll Bilanz gezogen werden.

Symbol zur Überwindung von Gewalt: George Tagba, ein ehemaliger Offizier der Nationalpatriotischen Front Liberias, zeigte die aus Patronenhülsen gefertigten Kreuze bei der Eröffnung der Friedensdekade am 4. Februar 2001 in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Kirche. (Foto: epd-bild/Norbert Neetz)
Seit Wochen herrscht in Libyen ein blutiger Bürgerkrieg. Im Nahen Osten dauert der Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis an. Und die Situation in der Elfenbeinküste ist weiterhin angespannt. Wenn sich ab 17. Mai auf der karibischen Insel Jamaika Christen aus aller Welt zu einer groß angelegten Friedenskonferenz, einer sogenannten Friedenskonvokation, versammeln, werden dort Konflikte wie diese auf die Tagesordnung kommen.
Mit der Konferenz findet die »Dekade zur Überwindung von Gewalt«, die im Jahr 2001 mit einem Gottesdienst in Berlin eingeläutet worden war, ihren Abschluss. Zehn Jahre lang hatte der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK), dem mehr als 560 Millionen Christen in 349 Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften aus über 110 Ländern angehören, dabei immer wieder Gewalt und Konflikte thematisiert: die Konflikte in Palästina ebenso wie im Südsudan, angesprochen wurden aber auch deutsche Waffenexporte oder häusliche Gewalt.
Während der Dekade fand ein Austausch zwischen den ÖRK-Mitgliedskirchen statt. So organisierte der Weltkirchenrat von 2008 bis 2010 regelmäßig Solidaritätsbesuche in Partnerkirchen weltweit.
International besetzte Teams sollten dabei mit den Menschen vor Ort als sogenannte Lebendige Briefe ins Gespräch über Projekte zu Gewaltprävention, Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit in dem jeweiligen Land kommen.
Das Treffen in Jamaika ist ein Großaufkommen friedensbewegter Akteure aus dem kirchlichen Bereich. Rund 1000 Teilnehmer werden erwartet: Von homosexuellen Gruppen über schwarzafrikanische Frauen bis hin zu indonesischen Kirchenmitgliedern, die sich im interreligiösen Bereich engagieren. Mit dabei sind Lutheraner, Anglikaner und Orthodoxe aber auch Quäker und Mennoniten.
Ein bisschen klingt die Teilnehmerliste mit Vertretern zahlreicher Basisgruppen wie ein christliches Weltsozialforum.
Zudem ist bei der Konferenz auf Jamaika reichlich Kirchenprominenz vertreten: Auf der offiziellen Rednerliste steht unter anderem der russische Metropolit Hilarion und die deutsche Ex-Bischöfin Margot Käßmann, die zur Eröffnung sprechen wird.
Angemeldet sind der Erzbischof der armenischen Kirche im Irak sowie der Präsident der Allafrikanischen Kirchenkonferenz. Erwartet wird zudem der älteste Sohn des US-amerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King.
Es ist ein breites Themenspektrum, das bei dem Treffen in Jamaika auf die Tagesordnung kommt. Auf dem Programm stehen die großen Schlagworte »Frieden mit der Gemeinschaft«, »Frieden zwischen den Völkern«, »Frieden in der Wirtschaft« und »Frieden mit der Erde«.
Thematisiert werden sollen Rassismus und Sexismus im Alltag, Umweltzerstörung und Klimawandel, soziale Ungerechtigkeit und Armut sowie internationale Konflikte und Kriege. Für den 22. Mai ist ein Gebet für den Frieden geplant.
Bei dem Treffen soll eine Bilanz der Friedensarbeit in den Kirchen weltweit gezogen werden, sagt der Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland, Martin Schindehütte, der als einer von rund 100 deutschen Teilnehmern zu dem Treffen in die Karibik reisen wird. Und der mennonitische Theologe Fernando Enns sagt: »Wenn wir Frieden schaffen wollen, müssen wir uns vernetzen.« Der Professor, der als einer der Initiatoren der Friedensdekade gilt, hofft, dass von der Konvokation ein »starkes Signal« ausgeht – an die Kirchen selbst und auch an die politischen Kräfte.
In dieser Hinsicht ist wohl auch die Wahl des Tagungsortes als Signal gedacht. War doch der Inselstaat in den zurückliegenden Jahren immer wieder wegen seiner hohen Kriminalitätsrate in den Medien. Zuletzt tobten vor rund einem Jahr in der jamaikanischen Hauptstadt tagelang Unruhen zwischen Polizei und Drogen-Kriminellen. Immer wieder kommt es in dem Land auch zu Gewaltexzessen gegen Homosexuelle.
Barbara Schneider (epd)
Nur mit Rock und Kopftuch
10. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Wenn Stefanie Fendler in ihrer brüderisch geprägten Gemeinde von Nowosibirsk einen Gottesdienst hält, gehört unter den Talar ein Rock und auf den Kopf ein Tuch. Neben dem traditionellen Gottesdienst in Deutsch bietet das Pastorenehepaar aber auch zeitgemäße Gottesdienste in Russisch. Foto: privat
Sibirien: Ein Kirchenbezirk so groß wie Westeuropa – Besuch bei dem deutschen Pfarrerehepaar von Nowosibirsk
Frauen waren in der Zeit des Kommunismus in Russland für die Bewahrung deutscher lutherischer Tradition unerlässlich – aber als Pastorinnen haben sie bis heute einen schweren Stand.
Drei blonde Kinder im Grundschulalter stürzen sich auf die Kekse und den Tee. Russland war nicht ihre erste Wahl, sagt Pfarrerin und Mutter Stefanie Fendler. Eigentlich wollte sie zurück nach Afrika, wo sie vor ihrem Studium als Freiwillige gearbeitet hatte. Dennoch folgte das Ehepaar dem Ruf nach Sibirien und reiste mit dem zwei Monate alten Erstgeborenen aus.
Zehn Jahre arbeitet sie bereits in Russland im Dienst der Evangelisch-Lutherischen Hermannsburger Mission, bei der sie als Theologin ausgebildet wurde. Laut Vertrag besetzt sie allein die Stelle. Tatsächlich aber teilt sie sich die Arbeit mit ihrem Mann Michael. Dieser ist ebenfalls Theologe und absolvierte sein Vikariat in der bayrischen Landeskirche.
Die Pionierarbeit reizte die beiden an ihrer ersten Pfarrstelle in der südsibirischen Region Chakassien. Sie sollten dort eine Gemeinde in der Hauptstadt Abakan am Jenissei gründen. Als einzige Europäer standen sie schnell im Fokus der Aufmerksamkeit. Bald waren sie mit sämtlichen einflussreichen Personen bekannt, was sie aktiv für ihren Missionsauftrag nutzten.
Zum Start in Nowosibirsk gab es gleich einen Eklat
Nach sechs Jahren folgte Stefanie einem neuen herausfordernden Ruf ins westsibirische Nowosibirsk. Die evangelische Gemeinde dort bestand ausschließlich aus alten Leuten. Von den ursprünglich leitenden 30 Brüdern war nur noch ein über 70-Jähriger übrig. »Es begann mit einem Skandal«, erzählt Michael. Zur Einführung habe der konservative Bischof anstelle der obligatorischen Dankesrede über die Frauenordination gewettert. »Womit er uns eigentlich einen Dienst erwiesen hat«, sagt Michael, denn die Gemeinde sei aufgestanden und habe ihre neue Pastorin vor dem Bischof verteidigt.
Bis zu Stefanies Amtseinsetzung hatte die Gemeinde Lesegottesdienste gefeiert. Die Texte stammten aus dem Werk des »Wolgapredigers« Carl Blum (1841–1906), dessen mehr als 100 Jahre alte Predigten die Gemeinde mittlerweile auswendig kannte. »Die sehr große geistliche Erfahrung, die die Gemeinde durch das letzte Jahrhundert des Kommunismus hindurch trug, ist ein Schatz in einem unheimlich alten Gefäß. Und dieses zerbröselt nun vor unseren Augen«, erzählen die Fendlers. Doch Form und Inhalt seien extrem stark verschmolzen, was die Weitergabe des Glaubens an Jüngere unmöglich mache. Für Außenstehende sind die sehr traditionellen Gottesdienste gänzlich unverständlich – nicht zuletzt, weil sie seit jeher auf Deutsch gehalten werden.
Darum bietet das Pfarrerpaar seit drei Jahren zusätzlich zu dem traditionellen deutschsprachigen Gottesdienst jeden Sonntag einen zeitgemäßeren auf Russisch an. Insbesondere wollen sie die Kinder und Enkel der Russlanddeutschen gewinnen, die systembedingt nur noch Russisch sprechen. Zehn neue Gemeindemitglieder gäbe es schon, vier davon seien Enkel der alten Kirchgänger, so die Geistlichen.
Russische Gemeinden sind wie sibirisches Holz
Michael Fendler arbeitet seit 2004 ehrenamtlich als lutherischer Propst. Er betreut die Pfarrer und weitflächig verteilten kleinen Gemeinden der Region Mittelsibirien. Dieser Bezirk entspricht der Größe Westeuropas. Für Stefanie als Frau ist es schwieriger, in ihrem Dienst als Pfarrerin voll akzeptiert zu werden. Also legte sie ihren Nasenstecker ab und zieht im traditionellen Gottesdienst Kopftuch und Rock an. Sie wirkt müde, wenn sie über das Thema der Akzeptanz von Frauen als Pastorinnen spricht und meint, Gott hätte doch zu Pfingsten nur ganze Flammen verteilt, keine halben und auch keine größeren und kleineren.
Wir sitzen immer noch am Tisch. Michael zieht ein großes Blech Pizza aus dem Ofen. Er erzählt von einem Holzhändler, jetzt Pastor, der russische Gemeinden mit sibirischem Holz vergleicht: »Sie wachsen langsam, aber mit guter Qualität.« Michael ist beeindruckt von der Opferbereitschaft, mit der viele Christen in Russland treu ihren Glauben leben.
Die Rote-Bete-Pizza auf dem Tisch ist eine gelungene Mischung aus russischer und italienischer Küche. Im Sommer dieses Jahres kehren Fendlers nach Deutschland zurück, um ihre Kinder dort ins Gymnasium zu schicken. »Es war eine reiche Zeit, und eine gute Vorbereitung«, meint Michael, denn weite Wege zwischen kleinen Gemeinden seien zukünftig auch in Deutschland absehbar.
Von Raphaela und Katharina Helbig
Respekt vor dem anderen
30. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Pfarrerinnen und Pfarrer aus Mitteldeutschland gingen im Libanon der religiösen Vielfalt des Landes nach.

Pfarrerinnen und Pfarrer aus Mitteldeutschland bei Bischof Aram I. von der Armenisch-Apostolisch-Orthodoxe Kirche bei Beirut. (Foto: Konstantin Rost)
Theophilos George Saliba ist ein Meister der Gleichzeitigkeit. Der syrisch-orthodoxe Erzbischof thront an der Stirnseite seines Beiruter Audienzsaales und empfängt eine Gruppe von Pfarrerinnen und Pfarrern aus Mitteldeutschland. Groß ist Salibas Empfangsraum, und so findet am anderen Ende auch noch eine mittelgroße Trauergesellschaft Platz.
Zur Irritation deutscher »Eins-nach-dem-anderen-Mentalität« passiert nun alles gleichzeitig: Während Bischof Saliba die weinenden Frauen und Männer tröstet, hält er zugleich den deutschen Pfarrerinnen und Pfarrern einen Vortrag über die Situation seiner syrisch-orthodoxen Kirche.
»Die Türken werden bald auch Euch kochen«
»Wir sprechen noch Aramäisch, die Sprache unseres Herrn Jesus Christus«, verkündet Saliba, da klingelt plötzlich sein Handy und der Bischof telefoniert geschwind auf Arabisch. Den Deutschen erzählt er unterdessen im besten Englisch weiter von der leidvollen Geschichte der orthodoxen Syrer.
Von Unterdrückung und Benachteiligung weiß er zu berichten, durch die byzantinische Reichskirche im ersten Jahrtausend, später durch die Kreuzfahrer, aber vor allem durch die türkischen Moslems in der Zeit des Völkermordes an den Armeniern zu Beginn des 20. Jahrhunderts: »Unsere Mission ist das Martyrium«, ist er sicher.
Wie die armenischen Christen seien auch die syrischen Christen von den Türken verfolgt worden, einzig weil sie Christen waren. Saliba warnt auch die Deutschen eindringlich: »Passt auf, die vielen Türken in Deutschland werden bald auch Euch kochen, so wie uns!«
Ängste dieser Art hat Ramy Wannous nicht. »Der Islam ist für uns Christen keine Bedrohung«, beruhigt er seine deutschen Gäste. Denn Moslems und Christen lebten in dieser Gegend schon seit 1400 Jahren auskömmlich miteinander.
Für den Dozenten an der rum-orthodoxen Universität von Balamand stellen sich die Probleme anders dar: Bedrohlich sei nicht der Islam, sondern der Islamismus, also ein politisierter Islam. Aber die größte Schwierigkeit sei die Abwanderung der Christen aus dem Libanon, besonders seit dem Bürgerkrieg.
Vor allem die gut ausgebildeten jungen Menschen wollten nicht in einem Land leben, das so viele gewaltsame Konflikte kenne. »Viele suchen im Westen ihr Glück.«
Dort angekommen, würden sie oft gefragt, wann sie denn im Libanon zum Christentum konvertiert seien. Als Christ des Patriarchats von Antiochia ist Wannous entsetzt: »Uns gibt es hier, seit es Christen gibt.« Immerhin seien es die Anhänger Jesu in Antiochia gewesen, die in der Bibel zum ersten Mal als Christen bezeichnet wurden (Apostelgeschichte 11,26).
Brückenbauer zwischen Christen und Moslems
Anders als die uralten Kirchen des Orients haben sich missionierende protestantische Kirchen erst im 19. Jahrhundert im Nahen Osten angesiedelt. Einige davon bilden ihren Nachwuchs an der Near East School of Theology (NEST) im quirligen Beiruter Stadtteil Hamra aus. Hier wohnen Christen und Moslems seit jeher Tür an Tür.
»Wir wollen Brücken bauen zwischen islamischer und westlicher Welt«, erklärt George Sabra, Akademischer Leiter der theologischen Hochschule, den deutschen Geistlichen. Nach seiner Sicht verlaufen die Konfliktlinien der Gegenwart aber nicht in erster Linie zwischen Christen und Moslems, sondern eher innerhalb des Islam, nämlich zwischen Sunniten und Schiiten.
Ein Meister der Gleichzeitigkeit scheint Katholikos Aram I. nicht zu sein. Denn anders als sein Bischofskollege Saliba widmet sich der armenische Kirchenführer seinen deutschen Gästen mit ungeteilter Aufmerksamkeit und verzichtet auf zeitgleiche Trauerempfänge oder Telefonate.
»Libanon ist ein Land christlich-muslimischer Koexistenz«, versichert der Katholikos von Kilikien. Für ihn ist das Land der Zedern mit seiner religiösen Vielfalt einfach der ideale Ort, »Respekt zu lernen vor dem Anderssein des anderen.«
Konstantin Rost
Orthodoxe Kirchen im Libanon
Die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien ist eine altorientalische Kirche, erwachsen aus dem altkirchlichen Patriarchat von Antiochia. Sie versteht sich nach der Urgemeinde in Jerusalem als die älteste christliche Kirche überhaupt.
Als Rum-Orthodoxe Kirche werden das autokephale (selbständige) orthodoxe Patriarchat von Antiochia und die ihm nachgeordneten Kirchen bezeichnet. Der Patriarch residiert heute in Damaskus. Diese Kirche hat viele Gemeinden im Ausland und gilt als »progressive« Kraft unter den orthodoxen Kirchen. So wird in Auslandsgemeinden im Gegensatz zu den meisten orthodoxen Kirchen oft die jeweilige Landessprache in der Liturgie verwendet.
Die Armenische Apostolische Orthodoxe Kirche ist eine altorientalische Kirche mit zwei Patriarchaten (Jerusalem, Konstantinopel). Sie führt ihre Existenz auf das Wirken der Apostel Judas Thaddäus und Bartholomäus zurück, die der Überlieferung nach in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts in Armenien gepredigt und Gemeinden gegründet haben und das Martyrium erlitten.
Der große Sünder ganz in Rot
22. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Korsika: Die Karwoche und das Osterfest auf der Insel stehen ganz im Zeichen der religiösen Bruderschaften

Höhepunkt in Sartène: Die Karfreitagsprozession mit dem verhüllten »Großen Büßer« in Rot, der vom »Kleinen Büßer« in Weiß unterstützt wird. (Foto: Günter Schenk)
Bevor sich die sommerlichen Touristenströme auf die französische Mittelmeerinsel ergießen, feiern die Korsen nach jahrhundertealtem Brauchtum die Karwoche und das Osterfest.
In Bastias Hafen ankern die Fähren. Riesige Transporter, die jeden Sommertag Tausende von Touristen bringen. Jetzt aber herrscht Ruhe entlang der Kais, noch ist keine Urlaubssaison. Mit dem Palmsonntag aber verwandelt sich Korsika, rücken die ersten Gastronomen ihre Stühle ins Freie, rüsten für die Osterwoche, die wie in Spanien oder Italien auch im französischen Korsika groß gefeiert wird. Mit feierlichen Gottesdiensten, vor allem aber mit großen und kleinen Prozessionen, die ihr Gesicht seit Jahrhunderten kaum verändert haben.
Sogenannte Confréries bilden das Rückgrat jeder Prozession. Religiöse Bruderschaften, die einst fast zu jeder korsischen Pfarrei gehörten.
Korsikas Bruderschaften tragen ein schweres Erbe. Jahrhunderte lastete allein auf ihnen die soziale Verantwortung, waren sie für Krankenpflege, Sterbehilfe und Bestattung zuständig, kümmerten sie sich um Arme und seelisch Notleidende. Mindestens zwei- bis dreimal jährlich zeigten sie sich öffentlich, bei den Patronatsfesten gewöhnlich, vor allem aber während der Karprozessionen. Noch heute ziehen an den Tagen vor Ostern Tausende in Kapuzenmänteln übers Land. Bußfertige Korsen, barfuß und vermummt, die so an das Leiden und Sterben Jesu erinnern.
Die Bruderschaften sind die wichtigsten Stützen korsischer Volksfrömmigkeit in einem Land, wo Staat und Kirche strikt getrennt sind.
Wie die Krippen zu Weihnachten sind in der Karwoche in Korsikas Kirchen sogenannte Heilige Gräber Treffpunkt der Gläubigen. Blumengeschmückte Arrangements um den sterbenden oder toten Christus, um Bilder und Statuen des Gekreuzigten. In seinem Gedenken sammeln sich die Korsen schon am Gründonnerstag, ziehen die ersten Bruderschaften von einer Kirche zur anderen, stattet man sich gegenseitig Besuche ab.
Ihren Höhepunkt finden die Umzüge am Karfreitag, wenn die ganze Insel auf den Beinen zu sein scheint. In den Dörfern des Cap Corse, wo sich die Macchia bis zum Mittelmeer streckt, ebenso wie in der Castagniccia, dem gebirgigen Inselinnern, wo total vermummte Büßer seit Jahrhunderten ihre Kreise drehen, deren Symbolgehalt Fremden verschlossen bleibt. Selbst in den großen Städten wie Ajaccio, Bastia, Calvi oder Corte muten die Karfreitagsprozessionen wie archaische Riten an. »Perdono mio Dio«, klingt es dann überall im Land, »Herr, vergib mir.«
Krönung des korsischen Karfreitags ist die Prozession in Sartène. Spät abends treffen sich die Menschen dort in der Altstadt, warten auf die »Bruderschaft vom Heiligsten Sakrament«, die eine der ältesten Traditionen des Landes am Leben hält: die Bußprozession »U Catenacciu«. Ihren Namen verdankt sie einer 14 Kilo schweren Eisenkette, die ein unbekannter Büßer zusammen mit einem über 30 Kilo schweren Holzkreuz Jahr für Jahr barfuß durch die Straßen schleppt. Lang sind die Wartelisten für den öffentlichen Bußgang. Niemand kennt in der Regel die Identität des »Großen Büßers«.
Niemand außer ein paar Franziskanern, die den Sünder in seiner roten Kutte betreuen. Ganz in Weiß steht ihm ein »Kleiner Büßer« zur Seite, der Simon von Kyrene symbolisieren soll. Jenen Mann, der Jesus einst auf seinem letzten Weg zum Kreuz begleitete. Und wie Christus in Jerusalem fällt auch der Catenacciu bei seinem Gang durchs Städtchen dreimal auf die Knie.
Nach knapp zwei Stunden hat der Bußgang den Platz vor der Kirche erreicht. In den Bars und Kneipen gegenüber trinkt man einen letzten Kaffee, manche auch ein Gläschen Bier oder Wein. Zur großen Feier aber ist niemandem zumute.
Noch ist Karfreitag, nicht Ostern. Dann aber ist alles Leid vergessen, feiert Korsika den Wiederauferstandenen. Am ausgelassensten in Cargèse, wo die katholische Kirche gegenüber der griechisch-orthodoxen steht.
Schwerstarbeit ist das für den Pfarrer, der als einziger Geistlicher der Welt gleich in beiden Gotteshäusern Messe lesen darf, mit päpstlichem Segen versteht sich. »Halleluja«, verheißen die Katholiken, »Christós Anésti«, freuen sich die Orthodoxen. Zwei Kirchen mit einer Botschaft.
Günter Schenk
Ostern mit Gänsehaut-Gefühl
15. April 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Interview: Für den deutschen Propst in Jerusalem bringen Karwoche und Osterfest einen Veranstaltungsmarathon.
In diesem Jahr fallen westliches und östliches (orthodoxes) Osterfest zusammen, darüber hinaus beginnt am Karmontag das achttägige jüdische Hochfest Pessach. Johannes Zang sprach darüber mit Propst Uwe Gräbe.

Uwe Gräbe ist evangelisch- lutherischer Propst in Jerusalem. Der 45-jährige, promovierte Theologe lebt mit Familie in Jerusalem und leitet die deutschsprachigen evangelischen Einrichtungen in Israel, Palästina und Jordanien. Foto: Johannes Zang
Wie begehen Sie als lutherischer Propst die Karwoche?
Gräbe: Wir haben vom Palmsonntag an eine genauso volle Woche wie alle Kirchen hier. Am Palmsonntag haben wir selbst natürlich keine Prozession, aber ganz viele Leute aus unserer Gemeinde sind mit der traditionellen Palmsonntagsprozession unterwegs. Obwohl es ursprünglich eine katholische Veranstaltung ist, ist sie inzwischen ganz ökumenisch geworden.
Was heißt »eine volle Woche wie alle Kirchen in Jerusalem«?
Gräbe: Wir haben während der ganzen Karwoche jeden Tag Passionsandachten. Zudem feiern wir am Gründonnerstag einen gemeinsamen internationalen Gottesdienst mit unseren arabischen und anderen internationalen Partnern; danach gehen wir in einer Prozession zum Garten Gethsemane, kommen spät nach Hause, und haben am Karfreitag ganz früh schon wieder gemeinsam mit den Anglikanern eine Prozession auf der Via Dolorosa. Und dann natürlich den Karfreitagsgottesdienst am Nachmittag um 15 Uhr zur Todesstunde Jesu.
Wie werden Sie Ostern feiern?
Gräbe: Ostersonntag beginnen wir in aller Frühe mit einem Osternachtsgottesdienst oben auf dem Ölberg im Garten des Archäologischen Instituts mit Blick über die Judäische Wüste nach Osten. Dort stimmen wir dann das große Osterhalleluja an wenn die Sonne gerade irgendwo über Amman aufgeht. Das ist eine ganz bewegende Erfahrung, gerade für die vielen jungen Leute, die Freiwilligen- und Zivildienst hier im Land leisten. Das macht eine Gänsehaut. Nach diesem Osternachtsgottesdienst frühstücken wir miteinander. Gestärkt wandern wir dann in der Gemeinschaft runter in die Altstadt. Hier gibt es abschließend den großen Hauptgottesdienst in der Erlöserkirche. Danach wird erst einmal geschlafen.
Erlebt man hier in der Konfliktregion Nahost die Karwoche und Ostern intensiver als anderswo?
Gräbe: Auf jeden Fall! Schon weil der politische Konflikt eigentlich immer mitschwingt. Ganz exemplarisch ist die Frage der Permits, der Passierscheine, für Christen. Es ist ja so, dass Menschen aus dem Westjordanland, besonders wenn sie zu einer bestimmten Altersgruppe gehören, es grundsätzlich sehr schwer haben, eine Erlaubnis zu bekommen, um auf diese Seite der Sperranlage zu gelangen. Zwar haben die Israelis eigentlich die Regelung, an hohen christlichen Feiertagen sehr freigiebig mit Permits zu sein, aber sie haben auf der anderen Seite ebenso die Regelung, zu den ganz hohen jüdischen Feiertagen, die Kontrollpunkte einfach zuzumachen. Und so kann es dann in der Karwoche und zu Ostern zu der Situation kommen, dass die Christen in Bethlehem zwar alle Passierscheine haben, aber dann trotzdem der Checkpoint zugemacht wird, weil gerade einer der Haupttage von Pessach ist.
Gibt das Fest der Auferstehung auch Hoffnung, dass es jemals zu einer guten Lösung des Konflikts kommt?
Gräbe: Sonst wären wir, glaube ich, nicht Christen. Ich erlebe es ganz oft mit Solidaritätsgruppen: Die kommen so richtig belastet hierher, haben vorher ganz viel studiert und wissen, der Nahostkonflikt ist so schwierig. Und dann haben sie oft so theoretische Überlegungen, die noch mehr Schwere im Raum verbreiten. Und dagegen zu erleben, dass die Menschen hier, die es wirklich am allerschwersten haben, am allerfröhlichsten das Osterhalleluja anstimmen können – das ist etwas, was durchaus überspringen sollte.
Landkonflikt am Posaunenberg
11. April 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Conchita Benjamin und einige Mitglieder der Gemeinde Neu Herrnhut auf der Karibikinsel St. Thomas überlegen, wie sie altes Kirchenland zurückbekommen können. Foto: Andreas Herrmann
Karibik: Auf der US-Insel St. Thomas kämpfen Herrnhuter Christen um ihr ehemaliges Kirchenland
Auch in »Gottes eigenem Land«, wie sich die USA gern bezeichnen, müssen Kirchengemeinden gelegentlich
vor Gerichten ihr Recht erstreiten.
Conchita Benjamin von der Gemeinde Neu Herrnhut auf der Karibikinsel St. Thomas – die zu den in USA-Besitz befindlichen American Virgin Islands gehört – hat einen Traum: Sie möchte eine kleine Siedlung mit verschiedenen diakonischen Einrichtungen, wie Altenheim, Schule und Wirtschaftsbetriebe einrichten. Ihr Vorbild dazu liegt bei der Diakonie im ostsächsischen Herrnhut. Von hier zogen zu Zeiten des Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf ab 1732 Missionare nach Westindien – so eine ältere Bezeichnung für die Karibik. Bis heute trägt die karibische Provinz der weltweiten Brüder-Unität, zu der neben St. Thomas noch weitere sieben Inseln der Kleinen Antillen gehören, den Namen Westindien Ost.
Für den Traum der Mittvierzigerin fehlt jedoch neben Geld auch Land. Das möchte sie ändern und hat dazu auch einen Plan. Nach alten Landkarten war den Herrnhutern vor knapp 280 Jahren von der damaligen dänischen Kolonialverwaltung mehr Grund und Boden zugesprochen worden, als jetzt noch der Gemeinde gehört. Von dem Gebiet am Posaunenberg – ein Name, den Graf Zinzendorf bei seinem Besuch 1739 höchstselbst dem Hügel gegeben hat – sei heute nur noch ein Viertel übrig geblieben, klagt Conchita Benjamin.
Im Jahre 1917 hatten die USA die Inseln St. Thomas sowie St. Croix und St. John von Dänemark gekauft, womit die American Virgin Islands mit der Hauptstadt Charlotte Amalie entstanden. In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts erstellte die US-Regierung dann ein Landkataster. Später sind jedoch die alten Dokumente vernichtet worden, berichtet die Aktivistin. Viel Kirchenland, rund 600 Acres – ein Acre entspricht etwa 4000 Quadratmetern – seien da schon in Privathand gelangt. Einflussreiche Leute in der Nachbarschaft hätten Grenzsteine versetzt und das Land als ihres genommen.
In seiner Kindheit, erinnert sich auch Gemeinderat Glenn Kuabena Davis, existierte rund um die alte Herrnhuter Missionsstation ein Aberglaube, dass nachts Teufel über das Land zögen. In Wirklichkeit aber seien das Männer gewesen, die Grundmarken versetzten.
Die Pastorin der Gemeinde Neu Herrnhut, Anique Elmes-Matthew, ist dagegen vorsichtig und rät im Streit um das Land eher zur Zurückhaltung. Zunächst müsse recherchiert werden, ob die Übertragungen von Kirchenland an Privateigentümer in der Vergangenheit wirklich ohne rechtlichen Status erfolgt seien, sagt sie. Darüber hinaus könne sich ihre kleine Kirche einen komplizierten Rechtsstreit gar nicht leisten.
Denn das Land am Posaunenberg gehört derzeit zu weiten Teilen offiziell einer der einflussreichsten Familien auf St. Thomas, mit besten Kontakten zu guten Anwälten in den USA und natürlich ganz anderen finanziellen Möglichkeiten. Hinzu kommt, dass sich die rund 230 Mitglieder der Gemeinde Neu Herrnhut und die heutigen Nutzer des ehemaligen Kirchenlandes auch persönlich kennen und so zwischenmenschliche Konflikte vorprogrammiert sind, die Christen eigentlich vermeiden sollten, gibt die Pastorin zu bedenken.
Die Leute vom Ältestenrat um Conchita Benjamin aber möchten nicht aufgeben. Nächstes Ziel ist die Herbeischaffung weiterer Grundstücksakten, die sich möglicherweise im Archiv der Herrnhuter Brüderunität in Deutschland befinden. Vielleicht sei aber auch eine andere Lösung als die Landrückgabe möglich, meinen sie. Zum Beispiel ein finanzieller Ausgleich durch die US-Regierung, der dann in diakonische Arbeit an anderer Stelle fließen könnte. Aber auch dafür müsse man eben streiten.
Andreas Herrmann
Gehen oder bleiben?
4. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Gottesdienst in der Beiruter Gemeinde der Kirche des Ostens - sie ist Anlaufpunkt für viele flüchtlinge aus dem Irak. Foto: privat
Naher Osten: In der libanesischen Hauptstadt Beirut mühen sich Christen um Hilfe für Irak-Flüchtlinge.
Unterdrückung und Verfolgung, Krieg und Flüchtlingsströme sowie die Abwanderung junger Menschen prägen derzeit die Situation der Kirchen im Nahen Osten.
Es ist ein verregneter Sonntagmorgen. Wir beeilen uns, aus dem Taxi schnell in die Kirche zu kommen. Der Gottesdienst der Kirche des Ostens in Beirut ist schon in vollem Gange. Der Friedensgruß wird in diesen Tagen besonders wertvoll. Dieser wird durch jeden Gottesdienstbesucher mit geöffneten Händen empfangen, indem andere mit gefalteten Händen in die geöffnete Hand streichen. Es ist Gottes Friede, der hier weitergegeben wird. Und dieser Friede ist höher als menschliche Vernunft. Das hoffen und spüren viele der hier Anwesenden, unter ihnen zahlreiche Flüchtlinge aus dem Irak.
Nach dem Gottesdienst werden wir zum Frühstück eingeladen. Wir sitzen neben einer Flüchtlingsfamilie. Der Vater sagt: »Wir warten auf ein Visum. Wir wollen nach Australien.« In seinen Worten klingt eine Sehnsucht mit, denn es ist ein langes Warten in der Fremde auf eine neue fremde, aber hoffentlich friedliche Heimat. Für die kleine Gemeinde der Kirche des Ostens in Beirut sind die vielen Flüchtlinge eine immense Herausforderung. Aber Bischof Mar Meelis lässt sich nicht entmutigen: »Wir müssen etwas tun«, so der Bischof. »Um wenigstens die Wohnsituation zu verbessern und die Familien finanziell zu entlasten, wollen wir ein Wohnhaus für die irakischen Familien bauen, damit sie nicht auf die hohen Mieten des freien Wohnungsmarktes angewiesen sind.«
Besonders die Gebildeten verlassen ihre Heimat
Seit Jahren ist Migration ein Thema für die Christen im Nahen Osten. Immer wieder wird beklagt, dass gerade junge, gebildete Menschen ihre Existenz fern von der Heimat aufbauen. Doch derzeit stellt sich die Situation drastischer denn je dar. Im Irak ist die Zahl der Christen in nur weinigen Jahren von 1,5 Millionen auf gerade mal 334000 zusammengeschrumpft – und sie sinkt weiter. Verstärkt werden Christen zur Zielscheibe islamistischer Übergriffe, weil sie beschuldigt werden, mit dem Westen zu kollaborieren.
Doch nicht nur im Irak ist die Situation dramatisch. Auch aus Ägypten werden immer wieder Übergriffe gemeldet. Es ist eine humanitäre und christentumsgeschichtliche Katastrophe, die sich da abzeichnet, wenn bedacht wird, dass dadurch die Traditionen der orientalischen Christenheit aus ihren Kerngebieten verschwinden. Betroffen sind neben Westsyrern, Kopten und Armeniern vor allem die im Irak verbreitete unabhängige Kirche des Ostens und die Kirchen orthodoxer Tradition, aber auch katholische und evangelische Christen.
Libanons Christen: »Wir leben auf einem Vulkan«
Der Libanon ist für die Flüchtlinge ein Hoffnungsschimmer, denn im Gegensatz zu den meisten Ländern des Nahen Ostens genießen die Christen dort die Freiheit, ihren christlichen Glauben ungehindert zu leben. Das politische System des religiösen Proporzes sichert ihnen politischen und gesellschaftlichen Einfluss zu. Obgleich viele kritische Stimmen sich dagegen aussprechen, bewahrt es doch vor politischen Einseitigkeiten.
Die stetigen Unruhen machen es aber auch den Christen im Libanon nicht leicht. Dr. Habib Badr, Pfarrer der National Evangelical Church in Beirut, verglich die Situation unlängst in einem Fachgespräch im Evangelischen Missionswerk Südwestdeutschlands mit einem Vulkan. »Auch wenn der Vulkan vielleicht gar nicht ausbrechen wird, so ist es trotzdem nicht angenehm, in einer solchen Situation zu leben.« Die Christen sind in ihrer Haltung gespalten. Oft gehen die Risse sogar durch die Familien. »Wir vermeiden, in der Familie über Politik zu sprechen«, so Dr. Jonny Awad, Professor an der Near East School of Theology Beirut. Aber dieses hilflose Schweigen lindert nicht die aktuelle Not von Christen der Region.
Eine Gruppe von Pfarrerinnen und Pfarrern der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland befindet sich derzeit im Libanon. Fester Programmpunkt der Studienreise ist auch ein Besuch der Kirche des Ostens in Beirut mit ihrer Flüchtlingsarbeit, wobei als Zeichen der Gemeinschaft auch eine Spende aus Deutschland überreicht werden soll. Gebet und Gabe kommen dann zusammen, damit menschliche Vernunft erhellt werde durch die, die größer ist. Friede sei den Christen im Nahen Osten.
Claudia Rammelt/Christian Kurzke/Holger Holtz
Einheitsfeiern demonstrieren Italiens Zersplitterung
29. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Bettina Gabbe berichtet für unsere Zeitung aus Italien.
Italien feiert in diesen Tagen das 150. Jubiläum seiner Staatengründung. Die beiden Reiterstatuen des Nationalhelden Giuseppe Garibaldi und seiner brasilianischen Frau Anita wurden restauriert, damit sie am Ort ihrer Kämpfe mit den päpstlichen Truppen oberhalb vom Vatikan an den Sieg der Vereinigungsbefürworter erinnern. Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der mit der ehemaligen Separatistenpartei Lega Nord regiert, wurde bei den Feierlichkeiten an den Reiterstatuen auf dem Gianicolo-Hügel jedoch mit dem Slogan »Tritt zurück« empfangen.
Die Mehrheit der Abgeordneten seines Koalitionspartners Lega-Nord hielt sich von der gemeinsamen Sitzung der beiden Parlamentskammern demonstrativ fern. Der Junior-Partner der Berlusconi-Regierung betreibt eine Föderalismus-Reform, die auf eine weitgehende Trennung zwischen Nord- und Süditalien abzielt. Einheitsfeiern passen dessen Wählern nicht ins Konzept. Papst Benedikt XVI. hatte der als Monarchie geborenen heutigen Republik dennoch bereits im Voraus gratuliert, obwohl mit der Gründung Italiens das Ende des ganz Mittelitalien umfassenden Kirchenstaats besiegelt war.
Auch die deutschsprachige Minderheit in Südtirol weigerte sich, an den Einheitsfeierlichkeiten teilzunehmen. In der Dolomitenregion wecken italienische Feiertage die Erinnerung an die Zwangsitalianisierung unter Mussolini, auf die Separatisten bis in die 70er Jahre mit Terroranschlägen reagierten. Heute floriert in der autonomen Region zwar der Alpentourismus. Rom begegnen die dortigen Bürger und Politiker jedoch weiterhin mit Misstrauen.
Am 17. März vor 150 Jahren hatte der Savoyer Viktor Emanuel II. lange vor dem Streit um die Zugehörigkeit Südtirols das Königreich Italien ausgerufen. Wochen vor dem Jahrestag stritt die italienische Regierung darüber, ob das Jubiläum mit einem einmaligen Feiertag begangen werden sollte.
Bildungsministerin Maria Stella Gelmini tat es um die verlorenen Schulstunden leid. Der Industrieverband Confindustria warnte vor Verlusten bei der Produktion. Schließlich nahmen viele Italiener den Donnerstagsfeiertag doch zum Anlass, sich ein verlängertes Wochenende zu gönnen und den Freitag ebenfalls nicht zu arbeiten, auch wenn sie sich um die Einheitsfeierlichkeiten kaum scherten.
Als Italiener fühlen viele sich nur, wenn es um Auslandsfußballspiele geht. Dann schallt der Schlachtenruf »Forza Italia« durch das Land, nach dem Berlusconi 1994 bei seinem Einstieg in die Politik die eigene Partei nannte. Unabhängig vom Sport identifizieren sich viele Italiener auch 150 Jahre nach der Staatengründung mit ihrer Familie und ihrem Wohnort. Vertrauen in staatliche Institutionen und demokratische Prozesse konnten in dem noch immer stark von der katholischen Kirche geprägten Land noch nicht Fuß fassen. Persönliche Netzwerke sind hier weiterhin wichtiger als Behörden oder gar der Nationalstaat.
Bettina Gabbe
»Sie nehmen uns unser Land«
20. März 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Sie kämpfen um ein Stück Land, das ihnen und ihren Kindern die Ernährung sichert: die Landbesetzer auf der Finca Bella Flor in Guatemala. Foto: Andreas Boueke
Biokraftstoff: Theoretisch ist er eine saubere Sache – doch praktisch hat er eine schmutzige Kehrseite
Die Biospritproduktion gefährdet die Welternährung, sagen Entwicklungsexperten. Wie real diese Warnung ist, zeigt ein Beispiel aus Guatemala.
Mitternacht auf der Finca Bella Flor in dem mittelamerikanischen Land Guatemala. Hier und da schnarcht ein Mensch. Ab und zu weint ein Baby. Kinder und Alte, Frauen und Männer schlafen auf Brettern und schmutzigen Decken.
36 Familien haben eine provisorische Siedlung gebaut. Die Finca liegt in einem Tal, durch das gemächlich der Fluss Polochic fließt. Doch die Stimmung dort ist aufgeheizt. Dreimal schon wurden die Menschen von diesem Grundstück vertrieben. Jedes Mal kamen sie zurück. Zuletzt vor einem Monat.
Zwei Wächter mit Taschenlampen patrouillieren über Sandpfade. Drei weitere sitzen versteckt hinter einem Sandhaufen. Einer von ihnen ist Julio Caál, ein schmächtiger Mann. Aber sein charismatisches Auftreten macht ihn zum natürlichen Anführer der Gruppe. »Die Fincabesitzer sagen, wir hätten dieses Land illegal besetzt«, beklagt Julio Caál. »Aber die wirklichen Eindringlinge sind sie. Diese Leute sind von weither gekommen. Sie haben das Land unserer Vorfahren genommen. Für dieses Land sind unsere Großväter ermordet worden. Und jetzt wollen sie es uns wegnehmen, um Ölpalmen anzupflanzen.«
In der nahegelegenen Provinzhauptstadt Cobán leitet der Spanier Luís Muiguel Otero das theologische Zentrum Ak’Kutan. Er lebt seit dreißig Jahren in Guatemala. »Früher haben wir in unseren Gesprächskreisen nie über Ölpalmen gesprochen,« erinnert er sich. »Heute ist das anders. Wann immer sich Theologen aus dieser Region treffen, kommt das Thema auf den Tisch.«
»Die ursprünglichen Bewohner dieser Region, die Maya-Kekchí, waren immer Kleinbauern«, erklärt Luís Miguel Ortero. »Sie wollen ihr eigenes Land und bezeichnen sich als Kinder der Erde.« Doch das fruchtbarste Land gehört einigen wenigen Großgrundbesitzern. Die haben sich schon vor Generationen riesige Ländereien angeeignet, auf denen zuvor die Mayas gelebt haben. Nicht selten kam dieser Landraub gewaltsam zustande. Die Mayas mussten für die neuen Herrn arbeiten. Doch zumindest bekamen sie eine Parzelle zugewiesen, auf der sie ihre eigenen Grundnahrungsmittel anbauen konnten.
Jetzt aber soll es vorbei sein mit dieser Selbstversorgung. Im Laufe der vergangenen fünf Jahre haben Großkonzerne riesige Ländereien gekauft. Sie wollen die Landwirtschaft ganzer Regionen auf den Anbau von Ölpalmen und Zuckerrohr umstellen, aus denen Ethanol und Biodiesel gewonnen werden kann. Für die Familien, die seit Generationen auf dem Land leben, bleibt weder genug Platz noch ausreichend Arbeit. Ganze Gemeinden werden vertrieben, verlieren ihre Überlebensgrundlage.
Julio Caál und seine Familie waren schon mehrfach Opfer blutiger Landkonflikte. Zwei seiner Onkel wurden ermordet. Er selbst hat mehrere Schussverletzungen überlebt. Nicht ohne Stolz zeigt er die Narben an seinem Bein: »Sie haben mich getroffen. Zwei Kugeln sind hier ins Bein eingedrungen und auch meine Hand haben sie ordentlich verletzt.«
Einer der Fincabesitzer im Polochic-Tal ist Hector Monzón. Er bezeichnet die Landbesetzungen als illegal und hält ein gewaltsames Vorgehen gegen die Besetzer für notwendig: »Der Staat muss den Privatbesitz immer verteidigen. Deshalb muss der Staat die Invasionen bekämpfen und die Landbesetzungen räumen.«
Die meisten Großgrundbesitzer argumentieren, die Investitionen der Konzerne würden den Weg zu Fortschritt und Entwicklung ebnen. So sieht es auch der Bürgermeister des Städchens Panzós, dem urbanen Zentrum des Polochic-Tals. Er heißt Edwin Rummler. Sein Großvater ist aus Deutschland nach Guatemala gekommen. Edwin Rummler hält es für seine Aufgabe, großen Konzernen den Weg zu bereiten: »Wir bemühen uns um Investoren, die sich für dieses Gebiet interessieren. Wir unterstützen vor allem Unternehmen, die Ölpalmen anpflanzen wollen, und Bergbaufirmen, die Minen betreiben. Sie alle empfangen wir mit offenen Armen, denn wir wissen, dass sie uns Entwicklung bringen.«
Auf der Finca Bella Flor durchbricht das Weinen eines Kleinkinds die Stille der Nacht. Sein Vater, Samuel Cucúl, steht von seinem Lager auf. Es ist Zeit für seinen Patrouillengang. »Ich habe gehört, dass sechs riesige Konzerne aus Brasilien hierher kommen werden, um Ölpalmen zu pflanzen«, sagt Samuel Cucúl. »Aber wir brauchen Land, um unseren Mais, unseren Reis und unsere Bohnen anzubauen. Wenn es nur noch Ölpalmen gibt und keine Bohnen mehr, was können wir dann noch mit all dem Öl braten?«
Von Andreas Boueke
Wie Nachhaltig ist der Biosprit?
Biosprit soll nachhaltig das Klima schützen. Deshalb gilt in Deutschland seit Anfang des Jahres die sogenannte Biomasse-Nachhaltigkeitsverordnung. Diese legt fest, dass die flüssige Biomasse, die dem üblichen Benzin oder Diesel beigemischt werden kann, nur noch aus nachhaltiger Produktion stammen darf. Die Pflanzen dürfen nicht auf Flächen mit hohem Naturschutzwert angebaut werden, wie etwa Regenwälder oder Feuchtgebiete. Doch Greenpeace hat festgestellt, dass Deutschland im Schnitt ein Viertel des Biosprits, der in den Autotanks landet, aus solchen Regionen importiert. Dort gewinnen die Konzerne den Biosprit aus tropischen Pflanzen wie Ölpalmen und Zuckerrohr – zu Lasten der armen Landbevölkerung.
Wer wird der Nächste sein?
11. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Christen und Menschenrechtsaktivisten in Pakistan trauern um den ermordeten Minderheitenminister Shahbaz Bhatti – er galt als Symbol der religiösen Toleranz. (Foto: picture alliance/dpa/T. Mughal)
Pakistan: Der christliche Minister Shahbaz Bhatti trat für religiöse Toleranz ein – und wurde ermordet.
In Pakistan hat eine Hetzjagd gegen Minderheiten begonnen. Das Klima der Intoleranz und des Fanatismus kostete jetzt den Minister für religiöse Minderheiten das Leben.
Er sei der Nächste auf der Todesliste, hatte Shahbaz Bhatti vor Wochen erklärt. Am Mittwochmorgen der vergangenen Woche erschossen ihn bewaffnete Männer kaltblütig auf offener Straße in der Hauptstadt Islamabad. Zu dem Mord bekannten sich die pakistanischen Taliban.
Bhatti, ein Katholik, war der einzige Christ im Kabinett. Er hatte sich vehement für die Abschaffung des umstrittenen Blasphemie-Gesetzes ausgesprochen, das die Todesstrafe nach sich ziehen kann. Dies wurde Bhatti nun offenbar zum Verhängnis. Von einer Fatwa, einem islamischen Todesurteil, hatte sich der 42-Jährige nicht abhalten lassen.
»Wir müssen gegen diese terroristischen Kräfte kämpfen, weil sie das Land terrorisieren«, sagte Bhatti Mitte Januar. Die Fatwa islamischer Geistlicher rief Muslime dazu auf, den Politiker zu köpfen. Erst Anfang Januar war ein anderer prominenter Politiker und Gegner des Blasphemie-Gesetzes getötet worden: Gouverneur Salman Taseer starb durch Schüsse, die sein Leibwächter auf ihn abgab.
Minister Bhatti ahnte sofort, dass er das nächste Opfer werden könnte: »Ich kann den Sicherheitsmaßnahmen nicht vertrauen«, erklärte er. »Ich glaube, dass Schutz nur vom Himmel kommen kann, solche Bodyguards können dich nicht retten.«
In Pakistan häufen sich zurzeit Verurteilungen und Festnahmen wegen Gotteslästerung. Im November 2010 war die 45-jährige Christin Asia Bibi wegen Blasphemie-Verdachts zum Tod am Galgen verurteilt worden. Bhatti hatte sich ebenso wie Taseer für eine Begnadigung der fünffachen Mutter eingesetzt.
Nun sind beide Politiker tot.
Ist ein Mord am helllichten Tage schon schockierend, machte vielen Pakistanern die Reaktion darauf noch mehr Angst. Zehntausende Menschen gingen nach dem Tod von Taseer auf die Straße, um den Mörder zu feiern, mit Blumengirlanden zu behängen und gegen eine Revision des Gesetzes zu demonstrieren.
Die Regierung gab daraufhin bekannt, es werde keine Änderungen am Blasphemie-Gesetz geben. Menschenrechtsgruppen fordern schon seit langem seine Abschaffung, weil es oft dazu genutzt wird, persönliche Streitigkeiten auszutragen. Meist reicht ein bloßer Verdacht der Gotteslästerung aus, um jemanden monatelang ins Gefängnis zu werfen.
Der Tod von Taseer und Bhatti ist für viele Landeskenner Teil einer besorgniserregenden Entwicklung in Pakistan. Inzwischen müssen nicht nur Angehörige religiöser Minderheiten und couragierte Politiker um ihr Leben bangen. Nachdem Ende Februar ein Amerikaner in der ostpakistanischen Stadt Lahore zwei Pakistaner unter mysteriösen Umständen erschossen hatte, wird auch das Klima für Ausländer rauer.
Der britische Journalist George Fulton, der Talkshows und Dokumentar-Serien im pakistanischen Fernsehen moderierte, verließ nach neun Jahren das Land. In einem berührenden Abschiedsbrief in der Zeitung »Express Tribune« schrieb er: »Pakistan, du stehst am Abgrund. Eine hauchdünne Wand trennt dich von einem gescheiterten Staat.« Und mit Blick auf Angriffe auf Christen, aber auch auf schiitische Muslime und die als Sektierer betrachteten Ahmadiyyas fragt er: »Wer wird der Nächste sein?«
Agnes Tandler (epd)
Bildung und Badewannen
5. März 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Betreuer Nikola mit Roma-Straßenkindern im ökumenischen Treffpunkt im serbischen Novi Sad. (Foto: Annemarie Müller)
Serbien: Wie eine ökumenische Hilfsorganisation im serbischen Novi Sad Roma hilft.
Sie leben am Rande der serbischen Gesellschaft: Kinder und Jugendliche aus dem Volk der Roma.
Sebastian ist ein quirliges Kerlchen. Der Zwölfjährige gibt auf dem Fußboden eine kurze Breakdance-Vorstellung. Derweil sitzen die anderen Kinder am Tisch, vor sich Papier, Buntstifte in der Hand, und malen. Es sind Roma.
In Novi Sad, der Hauptstadt der nordserbischen Provinz Vojvodina, gehören sie zum Alltag. Man sieht sie alte, zweirädrige Karren mit Pappe oder Schrott über die Fahrbahn schieben, Scheiben waschen an den Kreuzungen oder betteln. Viele wohnen in elenden Siedlungen am Stadtrand, leben von dem, was sie auf den Müllhalden finden.
Doch diese Kinder haben überhaupt kein festes Zuhause. »Die schlafen in abgestellten Güterwaggons auf dem Bahnhof«, erzählt Daliborka Batrnek Antonic. Die 35-jährige Psychologin koordiniert dieses Straßenkinder-Projekt. Eines von vielen Sozialprojekten der Ökumenischen Hilfsorganisation (EHO), die gemeinsam von Kirchen verschiedener Konfessionen getragen wird: von Reformierten, Lutheranern, Griechisch-Katholischen und Methodisten.
Eines der größten Probleme, sagt Daliborka, sei, dass etliche der Mädchen und Jungen ihr Geld als Prostituierte auf den Straßen verdienen. Die Sozialarbeiter von EHO sind zu den Straßenkindern gegangen. »Zu 50 von ihnen haben wir jetzt ständigen Kontakt, etwa 150 waren nur einmal bei uns. Aber das ist natürlich nur ein Teil der Straßenkinder.«
Immerhin haben sie jetzt einen festen Treffpunkt. Ein mit ein paar Möbeln ausgestatteter Raum im Erdgeschoss eines Hochhauses, dazu Toiletten, Dusche und ein kleines Büro. Das Essen kommt vom städtischen Kindergarten. Dreimal in der Woche ist geöffnet. Dann ist Nikola hier. Der stämmige 25-jährige Psychologiestudent ist ihr Betreuer.
Die Kinder und Jugendlichen, von denen kaum jemand in die Schule geht, bekommen hier eine Einführung in schulisches Lernen, erzählt Daliborka. Dazu Aufklärung über Sexualverhalten und Aids-Prävention. »Einige der Jugendlichen sind sehr aggressiv.« In Tanz-Workshops sollen sie mit ihrer Energie friedlich umgehen lernen. »Wir versuchen, mit den Eltern zusammenzuarbeiten.« Was nicht einfach sei. Denn mitunter müssen die erst mal gefunden werden.
Elisabeta, eine 43-jährige Roma-Frau aus einer der Siedlungen, hat jetzt bei EHO eine reguläre Beschäftigung bekommen. »Sie ist als eine Art Mutter-Figur unsere wichtigste Verbindungsperson. Was sie sich an Wissen über Hygiene und Verhütung angeeignet hat, gibt sie nun weiter an die Mädchen.« Ein Anwalt berät die aus EU-Ländern zurückgekehrten Roma-Flüchtlinge, hilft ihnen, die nötigen Papiere, etwa Geburtsurkunde, zu beschaffen und Anträge für die Behörden auszufüllen.
Außerdem hat EHO dafür gesorgt, dass seit 2007 in über Hundert Häuser in zwei Roma-Siedlungen einfache Bäder eingebaut wurden, berichtet Koordinator Robert Bu. Das Prinzip dabei: Die Organisation bildet einen der Roma zum Meister aus und liefert die Baupläne. »Bauen und installieren müssen sie selber. Wir unterstützen nur.«
Bis Ende 2013 läuft das Projekt. Schulbildung, Gesundheitsversorgung, Zugang zu Arbeit und Ausbildung, Wohnverhältnisse – dies sind die drängendsten Probleme, die Serbien in der »Roma-Dekade« bis 2015 lösen will. Probleme, die diese Menschen immer wieder zwingen, ihr Glück auf den Straßen westeuropäischer Länder zu versuchen.
Tomas Gärtner
Eine lange Geschichte der Unterdrückung
27. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Ein Wächter patrouilliert in einem Kloster unter dem Kreuz der Kopten. Christen in Ägypten waren bislang häufig Opfer von Gewalt. (Foto: picture-alliance/dpa)
Land im Umbruch: Christen in Ägypten blicken mit Hoffnung und Sorge auf die politische Entwicklung
Die ägyptische Christenheit ist mit etwa acht Millionen Zugehörigen die stärkste christliche Kraft im Nahen Osten. Eine Situationsbeschreibung.
Zehn Prozent der 80 Millionen Ägypter sind Christen. »Noch«, muss man sagen, denn vor der islamischen Eroberung im 7. Jahrhundert gehörten alle Ägypter zur christlichen Kirche. Seitdem wurden sie bedrängt oder gezwungen zum Islam überzutreten – übrigens bis heute. Wenn z.B. ein Christ eine Muslimin heiraten will, muss er vorher Muslim werden. Wenn eine Christin mit einem Muslim verheiratet ist, müssen ihre Kinder Muslime werden.
Das sind nur einige der Benachteiligungen, denen Christen in Ägypten ausgesetzt waren und sind. Umso erstaunlicher ist es, dass sich der Anteil der Christen in den letzten 200 Jahren bei etwa zehn Prozent halten konnte. Die ägyptische Christenheit ist heute mit etwa acht Millionen Zugehörigen die stärkste christliche Kraft im Nahen Osten. Etwa 90 Prozent gehören zur alten koptisch-orthodoxen Volkskirche, die seit 40 Jahren von Patriarch Schenuda III. geleitet wird.
»Koptisch« heißt so viel wie »ägyptisch«. Die Kopten sind die Nachfahren der alten, pharaonischen Ägypter. Sie waren früher überwiegend Bauern, Handwerker und Schreiber bei der Regierung. Das änderte sich im 19. Jahrhundert. Viele Kopten besuchten Missionsschulen und erlangten einen Bildungsvorsprung vor den Muslimen. Koptische Rechtsanwälte, Ärzte und Ingenieure waren lange im Land führend. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verließen viele christliche Akademiker das Land, weil sie in Ägypten beruflich an den Rand gedrängt wurden.
Die Abwanderung der Christen hielt sich dennoch in Grenzen. Das hängt mit der geistlichen Erneuerung der ägyptischen Christenheit zusammen. Die vielen Missionsschulen machten es möglich, dass zahlreiche Kopten erstmals die Bibel und andere christliche Literatur lesen konnten. Die Bibellesebewegung führte dazu, dass viele Kopten zu einem persönlichen Christus-Glauben erweckt wurden.
Berühmt wurde die »Sonntagsschulbewegung«, die seit den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts die koptische Kirche durchdrang. Die erweckten Christen wollten bewusst im Land der Vorfahren bleiben und hier für Christus aktiv sein.
Unter dem Einfluss der Missionsschulen wollten manche Kopten evangelisch oder katholisch werden. Es entstanden koptisch-evangelische und koptisch-katholische Gemeinden und Kirchen. Besonders wirksam war die evangelische Verkündigung. Für die Alt-Kopten war das bitter, aber die unterschiedlichen Konfessionen wirkten in Ägypten nicht so trennend wie im Abendland. Es blieb viel Gemeinsamkeit angesichts des Drucks der muslimischen Mehrheit. Die ökumenische Bewegung trug außerdem zum Zusammenrücken der Kirchen bei.
Das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen
Zur Mehrheitsbevölkerung haben die ägyptischen Christen ein zwiespältiges Verhältnis. Die meisten von ihnen leben weiterhin in Distanz zu den Muslimen. Politisch denkende Christen suchen dagegen eine Annäherung an moderate Muslime. Sie hoffen dabei auf eine Demokratisierung des Staates, weil sie nur in einer liberalen Gesellschaft Gleichberechtigung erwarten können. Auch bei den jüngsten Demonstrationen in Kairo tauchte der Slogan von der »Einheit von Kreuz und Halbmond« auf.
Eine dritte Gruppe von Christen hat – quer durch alle Konfessionen – ein geistliches Anliegen und möchte den Muslimen das biblische Evangelium auf behutsame Weise nahebringen. Satelliten-Fernsehen und Internet spielen dabei eine große Rolle. Offiziell ist christliche Mission in Ägypten zwar verboten, aber es gibt kleine Freiräume und kreative Möglichkeiten. Richtig schwierig wird es erst, wenn Muslime Christen werden.
Der Glaubenswechsel ist in Ägypten nur zum Islam hin legal. »Konvertiten« aus dem Islam können nach dem islamischen Recht (Scharia) mit dem Tod bestraft werden. Das Regime Mubarak ahndete die Konversion als »öffentliche Unruhestiftung« mit zwei Jahren Gefängnis.
Bei dem jüngsten Volksaufstand haben sich die ägyptischen Christen zurückgehalten. Viele zogen es vor, sich in ihren Kirchen zum Gebet zu treffen. Andere, vor allem junge Christen, begrüßten den Volksaufstand euphorisch. Sie hoffen auf mehr Freiheit und bessere berufliche Chancen. Viele sind aber auch besorgt im Blick auf die weitere Entwicklung.
Wird das Militär die Macht wieder abgeben?
Werden die Islamisten (Moslembrüder) die Situation ausnutzen und Schritt für Schritt an die Macht kommen?
Werden sich die moderaten oder die radikalen Kräfte durchsetzen?
In dieser Situation der Ungewissheit sind viele ägyptische Christen dankbar für die Fürbitte und andere Zeichen der Solidarität durch die Weltchristenheit.
Eberhard Troeger
Neue Hoffnung auf die alten Farben
22. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Oberschlesien: Früher Zankapfel zwischen Deutschen und Polen – heute werden Forderungen nach Autonomie laut.

Auge in Auge mit der Tradition: Die Teilnehmer des Gedenkmarsches an die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft zeigen offen die schlesischen Farben Blau-Gelb und die alten Fahnen. Sie wünschen sich mehr Autonomie für die Region. (Foto: Jens Mattern)
Einst eine Bergbau- und Industrieregion vergleichbar dem Ruhrgebiet, gehört Oberschlesien heute zu den Problemregionen Polens. Manche sehen im Zentralismus die Ursache.
Oberschlesien zeigt Flagge: Sie ist gelb-blau geteilt, mit einem Adler-Wappen in der Mitte. Etwa 60 ältere und jüngere Menschen, vornehmlich Männer, machen die Fahnenträger aus. Sie haben sich in einem Park in Katowice (Kattowitz) um ein Denkmal der Roten Armee versammelt, dass an die Befreiung beziehungsweise Eroberung der Stadt erinnert, die sich Ende Januar vor 66 Jahren abspielte.
Sie wollen nun zehn Kilometer marschieren, zum »Lager Zgoda« in S´wie˛tochłowice (Schwientochlowitz). Jerzy Gorzelik, Chef der »Bewegung Autonomes Schlesien« (RAS) erinnert vor polnischen Mikrofonen daran, dass nach dem Einmarsch der Roten Armee Tausende Menschen in den Lagern in Polen oder in Sibirien starben, nur weil sie Schlesier waren. In Zgoda selbst kamen unter polnisch-kommunistischer Leitung nach Kriegsende etwa 2000 Menschen um, bis es im November 1945 aufgelöst wurde.
Eine Stunde zuvor gab der 40-Jährige in seinem Büro Auskunft: Die Partei RAS strebt ein Polen der Föderalstaaten an – ähnlich den Vereinigten Staaten von Amerika. Der Freistaat Bayern ist dem promovierten Historiker ein wichtiges Vorbild. Auch dort habe man es in der Situation einer relativen Autonomie von einer eher agrarischen Gegend zu wirtschaftlicher Blüte gebracht.
Zwar ist die Region im Südwesten Polens durch marode Kohle- und Stahlindustrie geprägt, doch Gorzelik glaubt, mittels eines »gesunden Egoismus« der tüchtigen Schlesier könne ähnliches geleistet werden. Denn durch den Zentralismus finanziere die Wojewodschaft Schlesien heute vor allem die Hauptstadt Warschau.
Auf Deutsch, auf Polnisch und auf »Wasserpolnisch«
Oberschlesien wurde nach polnischen Aufständen 1922 zwischen Deutschland und Polen geteilt, dem polnischen Ostoberschlesien gestand das Zwischenkriegspolen mehr Autonomie als anderen Wojewodschaften (Bezirken) zu. Ein historischer Anknüpfungspunkt für die RAS, die seit 1990 existiert, doch erst seit letzten November im Regionalparlament vertreten ist.
Zurück zum Marsch nach Zgoda. Die Schar zieht durch die Straßen von Kattowitz nach Westen, an vielen alten Gebäuden mit kleinen Geschäften vorbei. »Wer seid ihr? Wohin geht ihr?«, fragen die Leute am Straßenrand. So ganz sind die Bewohner noch nicht über die Bedeutung der gelbblauen Fahnen informiert.
»Das braucht noch Zeit, vieles unserer Kultur wurde ja lange unterdrückt«, meint Roman Gatys, 43, der seine Fahne bei acht Grad Kälte als Poncho nutzt. Sein Vater wurde 1945 für zwei Jahre in ein Lager gesteckt, da jemand die Familie denunziert habe, dass dort Deutsch gesprochen werde.
Doch was macht eigentlich Schlesisch aus? »Moja Oma« meint Gatys zum Beispiel, aber so gut Schlesisch wie seine Großmutter kann er nicht mehr.
Die Sprache, im Deutschen früher geringschätzig »Wasserpolnisch« genannt, wird gerade von engagierten Heimatkundlern der Region systematisiert. Es ist Polnisch mit vielen deutschen und tschechischen Einsprengseln aber auch französischen Wörtern. Ginge es nach der RAS, würde sie bald im Unterricht gelehrt. In der Vorkriegszeit hätte fast jeder Bewohner Oberschlesiens Deutsch und Polnisch beherrscht.
Der Zug, mittlerweile auf Hundert Menschen angewachsen, erreicht schließlich das ehemalige Lager bei S´wie˛tochłowice. Nur ein Tor aus Ziegel und Metall und eine Gedenktafel erinnert an das Vergangene. Ansonsten sind Schrebergärten zu sehen. Reden auf die Verstorbenen werden gehalten, auch Zygmunt Lukaszczyk, der Wojewode (Ministerpräsident) von Schlesien, würdigt die Opfer des Kommunismus.
Vielen gefällt die neue Popularität der RAS nicht. Piotr Pietrasz sieht die schlesische Bewegung mit großer Skepsis. »Gorzelik hat in den 90er Jahren weit radikalere Töne angeschlagen«, erklärt der Politiker der Kaczynski-Partei »Recht und Gerechtigkeit« (PiS) und Ratsmitglied in Kattowitz. Es gebe offizielle und inoffizielle Ziele der RAS, deren Mitglieder auch antipolnische Töne äußerten.
Skepsis und auch alte Ängste werden geweckt
Dabei sei das Zusammenleben der Deutschen und Polen in Oberschlesien nie wirklich reibungslos gewesen. Schon Louis Diebel, der erste Bürgermeister des 1865 zu Stadtrecht gekommenen Kattowitz habe die polnische Bevölkerung als eine Art Indianerstamm tituliert, wie Pietrasz mit Blick auf die Vergangenheit erinnert.
Den Erfolg der Partei schreibt Pietrasz den liberalen Medien zu, die den eloquenten Jerzy Gorzelik hofierten sowie der Frustration vieler Menschen in der Region, in der trotz Wirtschaftsbooms weiterhin hohe Arbeitslosigkeit herrscht.
Ein wichtiger Test zum schlesischen Befinden wartet im April: Dann kann bei einer polenweiten Volkszählung als Identitätsangabe »Schlesier« statt »Pole« angekreuzt werden. Diese Möglichkeit gab es schon 2002. Doch Gorzelik geht davon aus, dass sich diesmal viermal mehr als »Schlesier« sehen werden.
Jens Mattern
Mit Koran und Koptenkreuz
11. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Ägypten: Verbrüderung von Christen und Muslimen – die ersten Tage einer neuen Zeit?

Geeint im Protest gegen das alte Regime halten am vergangenen Sonntagmorgen in Kairo ein Muslim den Koran und ein koptischer Christ das Kreuz in die Höhe. (Foto: picture alliance/dpa/Amel Pain)
Neue Bilder aus Kairo: Christen schützen Muslime während des Gebets, Muslime schützen Christen beim Gottesdienst – der gemeinsame Protest schweißt die Menschen zusammen.
Rund 20 Besucher sind am Sonntag (6. Februar) zum evangelischen Gottesdienst der deutschsprachigen Gemeinde in Kairo gekommen. In der vergangenen Woche musste der Gottesdienst in der ägyptischen Hauptstadt ausfallen, denn die evangelische Kirche liegt nur wenige hundert Meter vom Tahrir-Platz entfernt, der seit fast zwei Wochen Schauplatz von Massendemonstrationen gegen Präsident Hosni Mubarak ist. »Selten haben sich die Menschen so daran gefreut, die hupenden Autos zu hören und die verstopften Straßen dieser Stadt zu sehen«, sagt der Theologe Gerald Lauche in seiner Predigt.
Kairo am Tag 13 der Revolte: Für viele fühlt sich dieser an wie der erste Tag einer neuen Zeit. Die Banken sind wieder geöffnet, selbst die Filialen der großen Handy-Anbieter haben ihre Rollläden hochgezogen, und viele Angestellte kehren in die Büros zurück. Das alte Leben kehrt zurück, doch zugleich ist nichts mehr wie es war.
Auf dem Tahrir-Platz halten die Demonstranten durch. Am Sonnabendabend ergoss sich ein gewaltiger Schauer auf den Platz, große Pfützen bildeten sich dort. Doch die Demonstranten blieben, sie trotzen dem Wetter so wie sie allem anderen getrotzt haben: den Schlägen der Polizei und dem Tränengas.
Der Angst, dass das Militär auf sie schießen könnte. Sie machten auch weiter, als die Regierung Schlägertrupps auf sie hetzte. Ihr Erfolg gab der Beharrlichkeit der Demonstranten recht: Tag für Tag gab das Regime ihnen ein Stück nach – Salamitaktik.
Am Sonntagmorgen wurde dann auch auf dem Tahrir-Platz ein Gottesdienst gefeiert. Über knarzende Lautsprecher erscholl das Gebet des koptischen Priesters. Die Messe musste verschoben werden, weil die koptische Kirche offiziell Distanz zur Revolte hält. Doch schließlich fand sich dann ein Priester, der bereit war, auch gegen das Verbot des koptischen Papstes auf den Platz zu kommen.
Christen und Muslime standen beieinander, so wie an den anderen Tagen die Muslime ihr Gebet verrichteten und die Christen eine Menschenkette um sie bildeten, um sie gegen Angriffe zu schützen. Die Jugendrevolte hat in Ägypten auch ein Zeichen gesetzt, was das Zusammenleben von Christen und Muslimen angeht.
Viele der Jugendlichen, die sich seit dem 25. Januar auf dem Platz versammelten, hatten drei Wochen zuvor T-Shirts getragen mit ineinanderverschlungenen Halbmond und Kreuz. Sie hatten nach dem blutigen Anschlag auf die Kirche von Alexandria, bei dem seit der Silvesternacht 24 Menschen starben, den Christen ihre Solidarität bekundet.
Trotz der Beteiligung der Muslimbruderschaft an den Protesten sind auf dem Platz selten islamistische Sprüche zu hören. »Dieses neue Miteinander ist etwas ganz Tolles und Neues«, freut sich eine Demonstrantin. Dass dies nicht selbstverständlich ist, zeigte sich auch an dem Hass, der bei den Pro-Mubarak-Demonstrationen aufkam: »Die Jugendlichen auf dem Platz sind alles Ungläubige! Sie kennen keinen Gott und bekommen Geld aus dem Ausland«, brüllte am Freitag ein aufgebrachter Mann mit Schnauzbart.
Gerald Lauche schaut in die Runde seiner Gemeinde. Viele, die sonst kommen, sind nicht da, denn sie haben das Land wegen der Unruhen verlassen. Dafür sind andere Besucher da, die sonst kaum kommen.
»Die Leute haben jetzt ein besonderes Bedürfnis nach Kirche und nach Gemeinsamkeit«, sagt der evangelische Theologe. In seinem Gebet bittet er Gott, er möge weise Menschen, die Ägypten lieben, die Weichen für die Zukunft des Landes stellen lassen.
Julia Gerlach (epd)
»Café feminino« – fairer Kaffee von Frauen
6. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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»Wie Kinder, die jeden Tag gepflegt werden müssen«: Antonia Txox ist stolz auf ihre selbst gezogenen Kaffeepflanzen. (Foto: Andreas Boueke)
Guatemala: Gerechter Handel mit der braunen Bohne – wie Menschen ihr Geschick selbst in die Hand nehmen
Auch wenn fair gehandelter Kaffee noch immer nur einen geringen Marktanteil hat – er verhilft Familien zu einer neuen Lebensperspektive.
Antonia Txox, ist eine kleine, zierliche Frau. Sie spricht Quiche, die Sprache der Mayabevölkerung dieser Region Guatemalas: »Mein Mann ist gestorben, weil er zu viel Alkohol getrunken hat. Ich bin allein zurückgeblieben, mit meinen sechs Kindern. Der Kleinste ist heute 15 Jahre alt.«
Antonia Txox besitzt eine kleine Parzelle, weniger als zweitausend Quadratmeter Land. Sie baut Gemüse an, Mais und Bohnen für den Eigenbedarf und außerdem Kaffee, um ihn zu verkaufen. Morgens ziehen dichte Nebelschwaden durch die Region. So reifen die Kaffeekirschen nur langsam heran. Die Bohnen entwickeln eine hervorragende Konsistenz und ein intensives Aroma.
Kooperative Nahuala – gemeinsam zum Erfolg
Sobald Doña Antonia über ihre Kaffeepflanzen spricht und über die Kooperative Nahuala, der sie sich vor einigen Jahren angeschlossen hat, erscheint ein Lächeln auf ihrem Gesicht. »Mein Mann hat das Feld nie bearbeitet. Es gab nichts als Gras und Unkraut. Nach seinem Tod habe ich in Ausbildungsseminaren der Kooperative gelernt, dass diese Parzelle meine Lebensgrundlage sein kann. Der Vorstand hat mir einen Mikrokredit gegeben. Von da an hat sich mein Leben deutlich verbessert.«
Die Kooperative Nahuala mit ihren 116 beteiligten Familien ist der Motor der Gemeindeentwicklung. Noch vor wenigen Jahren waren ausschließlich Männer als formale Mitglieder der Kooperative eingeschrieben. »Es war selbstverständlich, dass die Frau in der Küche bleibt,« sagt Antonia Txox. »Gott sei Dank ändert sich das jetzt. Viele Männer haben erkannt, dass sie den Frauen mehr Freiheit geben müssen. Nur so kann sich eine Gemeinde entwickeln.«
An normalen Tagen verbringt Antonia Txox viel Zeit auf ihrem Feld, oder in dem kleinen Garten vor ihrer Hütte. Dort zieht sie kleine Kaffeepflanzen auf. »Die Pflanzen sind wie Kinder, die jeden Tag gepflegt werden müssen, damit sie gesund aufwachsen. Das ist viel besser, als auf einer Plantage zu arbeiten, auf der du mit deiner Arbeit andere Leute reich machst.«
Immer mehr Frauen gewinnen Selbstvertrauen
Seit drei Jahren wird die Produktion der Frauen der Kooperative Nahuala als eigene Marke vertrieben, als »Café feminino«. Sie bekommen einen Aufpreis von zwei US-Dollar pro hundert Pfund getrockneter Kaffeebohnen. Das ist zwar nur ein Bonus von etwa einem Prozent, aber zudem gibt es zusätzliche Fortbildungsangebote zu Themen wie Schädlingsbekämpfung und Buchhaltung, aber auch Gesundheitsvorsorge, Kindererziehung und die Stärkung der Rolle der Frau innerhalb der Dorfgemeinschaft.
Die Sozialarbeiterin Irma Barera ist sich sicher, dass das Projekt »Café feminino« das Selbstvertrauen vieler Frauen deutlich gestärkt hat. »Die meisten Frauen sind noch immer sehr schüchtern. Deshalb arbeite ich neben der landwirtschaftlichen Ausbildung auch daran, sie zur Partizipation zu animieren.«
Bisher wird der »Café feminino« nur in den USA vertrieben. Doch nun soll der »Café feminino« auch auf dem europäischen Markt angeboten werden. Nach der letzten Ernte konnte der Kaffee für 205 Dollar an den gerechten Handel verkauft werden. Auf dem lokalen Markt oder an der Börse in New York wären maximal 130 bis 135 Dollar gezahlt worden.
Für die Mitglieder der Kooperative ergeben sich aus ihrer Beteiligung am gerechten Handel konkrete Vorteile. Aber sie müssen auch einiges leisten. Eine entscheidende Voraussetzung ist die Anwendung umweltschonender Anbaumethoden.
Antonia Txox greift unbesorgt in ein großes Becken, in dem organischer Dünger für die Kaffeefelder der Kooperative hergestellt wird. Mit beiden Händen hebt sie einen Haufen schwarzer Erde heraus, in dem sich mindestens 30 agile Regenwürmer tummeln.
Auch der Bio-Dünger kommt vom eigenen Kompost
Das Becken aus Beton ist mit organischem Abfall vom Markt und aus den Haushalten der Genossenschafter gefüllt. Dazu wird das Fruchtfleisch der geernteten Kaffeekirschen gekippt. Die Masse wird feucht gehalten, sodass sich Tausende Regenwürmer schnell reproduzieren können. Die glitschigen Tierchen verdauen innerhalb weniger Wochen den Müll, so dass ein nährstoffreicher Dünger entsteht, der auf den Kaffeefeldern verteilt wird. Der Einsatz von Chemikalien wird auf ein Minimum reduziert.
Kaffee mit dem TransFair-Gütesiegel wird heute in den meisten deutschen Supermärkten angeboten. In der Praxis aber macht fair gehandelter Kaffee nur einen sehr geringen Teil des Gesamtmarktes aus. Der Entwicklungssoziologe Georg Krämer vom Welthaus Bielefeld stellt nüchtern fest: »Die Deutschen beteiligen sich seit 1970 an dem fairen Handel mit dem mageren Ergebnis, dass wir heute zwei bis drei Prozent des deutschen Kaffeemarktes entweder ›fair‹ oder ›bio‹ haben.«
Dennoch – die Konsumenten haben so die Möglichkeit, die Lebensbedingungen einiger Kleinbauern und ihrer Familien deutlich zu verbessern.
Andreas Boueke
Polen: das Papstblut im Kristallkelch
1. Februar 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Nach der frohen Botschaft wurde auch bald publik, dass es eine besondere Stätte der Verehrung geben wird – in dem »Zentrum Johannes Paul II.«, einer im Bau befindlichen Kirche, soll eine Blutampulle des Verstorbenen als Reliquie ausgestellt werden.
Noch direkt nach dem Ableben von Papst Johannes Paul II. gab Stanislaw Dziwisz, zu Lebzeiten des Papstes dessen persönlicher Sekretär, dem aufkochenden Reliquienbedürfnis der Erzkatholiken erst mal einen Dämpfer: Die Katholische Kirche pflege solche Praktiken nicht mehr. Doch vor einigen Wochen tauchten Gerüchte auf, eine Blutampulle solle als Gegenstand der Verehrung dienen.
Letzte Woche bestätigte schließlich Jan Kabzinski, Priester und Bauherr des »Zentrum Johannes Paul II.«, dass das päpstliche Blut ausgestellt würde. Dziwisz habe es 2005 in der römischen Gemelli-Klinik bekommen, kurz vor dem Ableben des Kirchenoberhaupts. Das Blut sei nicht geronnen. Ob dies mit einem Wunder oder mit Chemie zusammenhängt, wird der Öffentlichkeit allerdings vorenthalten. In einem Kristallgefäß soll der Lebenssaft nun gut sichtbar ausgestellt werden, sobald die sakrale Erinnerungsstätte errichtet worden ist. Für den Kelch ist eigens ein Wettbewerb ausgeschrieben.
Selbst manchem katholischen Geistlichen in Polen ist diese Art von Reliquienverehrung nicht ganz geheuer. »Das ist eine Rückkehr der Kirche zu mittelalterlichen Praktiken«, übt Krzysztof Madel, ein Jesuit, harsch Kritik. Andere Priester sind vorsichtiger, verweigern den Kommentar oder flüchten sich in Ausreden. Zwar wird es auch bei einem weiteren bekannten polnischen Geistlichen, bei Jerzy Popieluszko, typische Reliquien geben: Knochenfragmente. Der Geistliche wurde 1984 von Beamten des Inlandsgeheimdienst wegen seiner unbequemen Predigten ermordet und wird von vielen Gläubigen als Märtyrer sehr verehrt. Doch Blut wurde zumindest in Polen bislang noch nicht als Reliquie genutzt.
Blut ist hochsymbolisch. Im Neuen Testament gibt es mehrere Stellen, die darauf verweisen, dass die Christen durch das Blut Jesu gereinigt und erlöst werden. Ob durch das Blut dem Papst nun eine Erlöserrolle zugeschrieben werden soll, bleibt Spekulation. Zumindest gibt es mahnende Stimmen in Polens Medien, man möge den Papst doch bitte als Mensch betrachten.
Unsicher ist auch, ob sich allein mit Blut die gegenstandsbezogenen Gläubigen zufriedengeben. Glaubt man der Wochenzeitung »Wprost«, wird hinter den Mauern des Vatikans ein »stiller Krieg« um weitere mögliche Reliquien ausgetragen. Wird das Grab noch einmal geöffnet, um Körperteile zu entnehmen? Schon um das Herz des Papstes gab es 2008 eine Diskussion: Es sollte auf die Wawelburg zu den Gebeinen der polnischen Könige, wie von Bischof Tadeusz Pieronek vorgeschlagen, dem Chef der Seligsprechungskommission. Damals hatte sich Dziwisz noch gegen ein solches Ansinnen gewehrt.
Der verstorbene Papst selbst war ein großer Freund der Reliquienverehrung. In seinem eigenen Testament bat er jedoch um eine Erdbestattung ohne Sarkophag.
Jens Mattern
Israel: Namen und Würde für vier Millionen Opfer
22. Januar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Wie der Direktor der Gedenkbehörde, Avner Schalev, dazu erklärt, hätten die Deutschen »nicht nur versucht die Juden zu vernichten, sondern auch jede Erinnerung an sie auszulöschen«. Die Gedenkstätte betrachtet es als ihre Aufgabe, möglichst alle jüdischen Opfer der Schoah beziehungsweise des Holocausts ausfindig zu machen und die Lebensgeschichte der Ermordeten zu erkunden.
Überlebende sind deshalb seit über 50 Jahren aufgefordert, mehrsprachige Fragebögen auszufüllen und die Namen ihrer getöteten Angehörigen oder von Bekannten einzutragen. Diese Fragebögen werden in der »Halle der Namen« in schwarzen Ordnern aufbewahrt. Die Hallenkuppel ist mit Hunderten Fotos von Opfern versehen.
»Im Dienste des Gedenkens verwenden wir modernste Technologie«, sagt Schalev. So wurden bereits im Jahr 2004 die bis dahin gesammelten drei Millionen Namen im Internet der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich gemacht und seither ständig ergänzt. Dabei wurden etwas mehr als die Hälfte der bisher vier Millionen bekannten Opfer mithilfe der Fragebögen erfasst. Die übrigen Namen wurden in Archiven und durch Gedenkprojekte zusammengetragen.
Die Schwierigkeiten sind dabei in Osteuropa, im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion und in Griechenland besonders hoch: Während in Westeuropa die von den Nazis erstellten Deportationslisten erhalten sind, fehlen sie für weite Teile Osteuropas. Dort wurden nicht nur ganze Gemeinden ermordet. Auch die Synagogen, die Gemeindelisten und Bibliotheken wurden verbrannt.
Der Direktor der »Halle der Namen«, Alexander Abraham, erklärte, dass besonders in den vergangenen fünf Jahren große Fortschritte gemacht worden seien: So sei die Zahl der namentlich bekannten getöteten Juden in der Ukraine von 20 auf 35 Prozent gestiegen, in Griechenland sogar von 35 auf 70 Prozent und in Polen von 35 auf 46 Prozent.
Zahlreiche Organisationen finanzieren diese Suche nach den bisher namenlosen Opfern. Dazu gehören etwa der Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus, aber auch Schweizer Banken infolge eines Abkommens nach der Entdeckung herrenloser jüdischer Konten.
Ulrich W. Sahm
»Jede Sprache ist eine Bereicherung«
15. Januar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Vorgestellt: Der bretonische Ingenieur Emmanuel le Merlus besucht die 68 Sprachminderheiten des Kontinents.

Hält die bretonische Flagge hoch: Emmanuel le Merlus (39) kämpft für die Vielfalt der Sprachen in Europa. (Foto: Andreas Kirschke)
Emmanuel le Merlus radelt für ein hohes Ziel: Sage und schreibe 68(!) Sprachminderheiten in ganz Europa will der Bretone innerhalb eines Jahres treffen.
Rund 18000 Kilometer legt le Merlus dafür per Rad zurück. »Ich will die Vielfalt der Minderheiten kennenlernen«, schildert der 39-jährige Baukonstrukteur aus dem Dorf Malguénac nahe der Stadt Pontivy in der französischen Bretagne. »Die sprachliche und kulturelle Vielfalt ist ein hohes Gut für Europa. Diese Vielfalt ist zerbrechlich und muss respektiert werden.«
Am 12. Mai 2010 brach er von seinem Heimatort auf. Die Tour führte zu den Walisern in Großbritannien. Später zu den irischen und schottischen Gälen, daraufhin zu den Westfriesen (Niederlande), zu den Ost- und Nordfriesen sowie den Dänen in Deutschland, schließlich zu den deutschen Nordschleswigern in Dänemark und von dort weiter nach Schweden, Polen, Finnland, Estland, Litauen, Weißrussland, Ukraine, Slowakei, zu den Kaschuben in Polen und vor einiger Zeit auch in die Lausitz zu den Sorben.
Weltweit ist die Hälfte der Sprachen gefährdet
»Weltweit gibt es 6000 große und kleine Sprachen«, schildert der Bretone. »Bereits die Hälfte sind gefährdet. Statistiker sagen: Jede zweite Woche stirbt eine Sprache.« Auf diese akute Bedrohung will Emmanuelle Merlus verweisen. Er beginnt bei sich selbst. Mit der Suche nach den eigenen Wurzeln. Seit vier Jahren lernt er intensiv Bretonisch. »Meine Eltern sind Muttersprachler. Sie gaben uns Kindern die Sprache jedoch nicht weiter«, berichtet der Baukonstrukteur. »In Frankreich ist Französisch elitäre Hauptsprache.« Bretonisch, so die offiziell suggerierte Meinung, werde nicht gebraucht. Für Job, Geld und Anerkennung reiche Französisch. Doch das will der 39-jährige nicht hinnehmen.
Bretonisch, so betont er, ist eine keltische Sprache. Mit besonderer Grammatik. »Ist ein Wort bedeutsam, kannst du es im Satz an erster Stelle sprechen.« Woche für Woche – im Erwachsenenkurs – lernte Emmanuel le Merlus die Sprache seiner Vorfahren.
Rund 200000 Menschen sprechen in seiner Heimat bretonisch. »Die meisten sind schon 60 Jahre und älter. In Kindergärten, Schulen und Gymnasien wird die Sprache heute wieder vermittelt. Seit 1977 besteht das Modell Diwan (Keim). Nach dieser Methode tauchen Kinder frühzeitig – spielerisch und ohne Anstrengung im Alter von zwei bis fünf Jahren – in die Sprache ein.
»Heute lernen 3500 Kinder nach diesem Modell bretonisch«, freut sich le Merlus. »Das reicht jedoch nicht aus. Wir brauchen langfristig eine viel höhere Zahl aktiv Sprechender, um die Sprache zu retten.«
Beim Besuch der sorbischen Minderheit in Panschwitz-Kuckau nahe Kamenz traf der Bretone mit seinem Anliegen auf offene Türen: »Seit 1992 gab es zwischen unserer früheren Mittelschule und der Diwan-Schule in Brest Kontakte. Regelmäßig kam es zum Schüler- und Lehreraustausch, zum Kennenlernen der Familien, der Kultur und des Landes«, schildert Stefan Rehde, früherer Leiter der im Juli 2007 geschlossenen Cišinski-Mittelschule Panschwitz-Kuckau.
»Die Kontakte bestehen bis heute. Die Mittelschulen Räckelwitz und Ralbitz führen den Schüler-Austausch jetzt weiter«, so Rehde. Eine Stippvisite führte den Gast zudem nach Bautzen zu sorbischen Medien wie der Abendzeitung Serbske Nowiny und zum Sorbischen Hörfunk. Der Bretone besuchte auch die Domowina, den Dachverband der Lausitzer Sorben, und den Sorbischen Schulverein. Dieser begann nach
dem Vorbild von Diwan im März 1998 mit dem Witaj-Projekt zur Sorbisch-Vermittlung in Kindertagesstätten der Lausitz.
Über Frankreich, Italien, Slowenien, Österreich, Ungarn, Rumänien führt Emmanuel le Merlus Reise inzwischen weiter. Auch die Katalonier und Basken in Spanien will er noch besuchen. Klappt alles wie vorgesehen, wird er im Mai nach 358 Tagen wieder in der Heimat sein. »Einen Report der Reise will ich der EU-Kommissarin für Bildung, Kultur und Jugend sowie für Mehrsprachigkeit, Androulla Vassiliou, geben«, sagt der Bretone und unterstreicht: »Jede Sprachminderheit ist eine Bereicherung. Jede Sprachminderheit ist zu schützen.«
Im Bretonischen steht das Wichtigste zuerst. »A Galon vat Deol’h«, meint Emmanuel le Merlus. Auf Deutsch heißt dies: »Freundschaft sei mit Dir.«
Andreas Kirschke
Hintergrund: Minderheitensprachen
Der Europarat verabschiedete 1992 die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. Sprachdialekte und Sprachen von Immigranten fallen nicht unter den Schutz der Charta. In Deutschland ist die Charta seit 1999 in Kraft. Sie gilt hier für vier Minderheitensprachen und eine Regionalsprache:
Dänisch – wird von etwa 8000 bis 10000 der insgesamt rund 50000 Ange-
hörigen der dänischen Minderheit in Südschleswig gesprochen.Sorbisch – heute gibt es etwa 60000 Sorben (40000 in der Ober- und 20000 in der Niederlausitz), wovon etwa die Hälfte aktive Sprecher des Sorbischen sind.
Romanes – ist die Sprache, die von den deutschen Roma und Sinti (von diesen als Sintetickes) gesprochen wird. In ganz Deutschland leben ungefähr 70000 deutsche Sinti und Roma, von denen die meisten auch einen Bezug zum Romanes haben.
Friesisch – Nordfriesisch wird im Bundesland Schleswig-Holstein von etwa 10000 Menschen an der Nordseeküste und den vorgelagerten Inseln Föhr, Amrum, Sylt, den Halligen sowie auf Helgoland gesprochen. Ostfriesisch (oder Saterfriesisch) wird im Bundesland Niedersachsen in der Gemeinde Saterland von rund 2000 Menschen gesprochen. Es ist eine der kleinsten Sprachinseln Europas.
Plattdeutsch – die platt- oder niederdeutsche Regionalsprache ist in den Bundesländer Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sowie in den nördlichen Teilen von Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt verbreitet. Etwa 2,6 Millionen Menschen gelten als sehr gute oder gute Plattdeutschsprecher.
Quelle: Bundesministerium des Inneren
Paradigmenwechsel zum Jubiläum
30. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Das Leipziger Missionswerk feiert 2011 sein 175-jähriges Bestehen.
Zum Jubiläum gibt es einen Paradigmenwechsel: Mit dem Inder Christian Samraj wird 2011 zum ersten Mal ein Theologe aus einer Partnerkirche eine Referentenstelle im Evangelisch-Lutherischen Missionswerk Leipzig (LMW) übernehmen.
»Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass wir auch einen ökumenischen Mitarbeiter im Team haben«, sagte der Geschäftsführer des Missionswerks, Martin Habelt. Samraj, der seine Stelle am 1. Februar antreten wird, werde dafür Sorge tragen, dass »wir im Haus immer auch die Stimme der Partnerkirche mit am Tisch haben«.
Auch die übrigen derzeit vakanten Stellen des Missionswerkes werden zügig besetzt: Am 15. Januar tritt mit dem aus der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) stammenden Pfarrer Tobias Krüger ein neuer Tansania-Referent seinen Dienst an, und die nach dem Ausscheiden von Michael Hanfstängl vakante Direktorenstelle ist derzeit ausgeschrieben.
Damit geht das Leipziger Missionswerk gestärkt in sein 175. Jubiläum: 1836 wurde das Werk in Dresden gegründet, seit 1848 ist es in Leipzig ansässig. Heute wird das Hilfswerk von drei Landeskirchen getragen: der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens und der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs.
Im Auftrag dieser Kirchen nimmt das Leipziger Missionswerk Beziehungen zur Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Indien, zur Evangelisch-Lutherischen Kirche Tansanias und zur Evangelisch-Lutherischen Kirche Papua-Neuguineas wahr. Unterstützt werden theologische Ausbildungsstätten ebenso wie Projekte zur Malaria- und AIDS-Bekämpfung im Rahmen des kirchlichen Gesundheitswesens.
Doch im Jubiläumsjahr kommen Sparmaßnahmen auf das LMW zu: Im Zuge der Bildung einer »Evangelischen Kirche im Norden«, die zu Pfingsten 2012 aus den Landeskirchen Pommerns, Mecklenburgs und Nordelbiens entstehen soll, wird die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Mecklenburgs Ende 2011 ihre Zusammenarbeit mit dem Leipziger Missionswerk beenden, und sich dem nordelbischen Missionswerk in Breklum anschließen. Denn eine fusionierte Landeskirche soll auch ein gemeinsames Missionswerk haben, meint man im Norden. Den Leipzigern allerdings werden dadurch ab 2012 Zuweisungen in Höhe von rund 138.000 Euro fehlen, prognostiziert Habelt. Insgesamt beträgt der Haushalt des Missionswerks rund 1,8 Millionen Euro.
»Da kann man sich ausrechnen, dass wir gegensteuern müssen.« Zwar sollen alle noch bestehenden Arbeitsbereiche des Missionswerks erhalten bleiben. Aber auf den berühmten Rotstift kommt in Leipzig 2011 dennoch einiges an Arbeit zu.
Unabhängig davon soll der 175. Geburtstag des Missionswerks natürlich gebührend gefeiert werden: Vom 1. bis 3. Juli ist ein Jubiläumsfest in Leipzig geplant. Höhepunkt werde ein Festgottesdienst mit dem stellvertretenden Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Sachsens Landesbischof Jochen Bohl, sein, zu dem auch die Bischöfe der Partnerkirchen aus Tansania, Indien und Papua-Neuguinea erwartet werden.
Und schon am 2. Januar wird in der Brüderkirche im thüringischen Altenburg eine kleine Jubiläumsausstellung des LMW eröffnet, die das ganze Jahr über durch die Trägerkirchen des LMW touren soll.
Benjamin Lassiwe
Höhepunkte im Jubiläumsjahr
- 25. Januar: Auftaktveranstaltung in den Frankeschen Stiftungen Halle unter dem Motto »Es beginnt in Indien«.
- 6. bis 8. Mai: Eine Tagung in der Evangelischen Akademie Meißen stellt sich der Frage, warum die aus der europäischen Missionsarbeit entstandenen Kirchen des Südens heute in ihrer missionarischen Kraft den Kirchen des Nordens überlegen sind.
- 1. bis 5. Juni: Beim Evangelischen Kirchentag in Dresden wird sich das Leipziger Missionswerk auf dem Abend der Begegnung und dem Markt der Möglichkeiten präsentieren. Außerdem lädt das Werk am 3. Juni um 16.30 Uhr zu einem Gottesdienst in die Annenkirche.
- 1. bis 3. Juli: Unter dem Motto »Mission: teilen verbindet« wird in Leipzig mit verschiedenen Veranstaltungen das 175. Jahresfest gefeiert.
Weihnacht im Reich der Mitte
21. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Lichter, Farben, Unterhaltung: eine Tanzvorführung vor weihnachtlich geschmückter Kulisse auf der Hauptgeschäftsstraße von Hongkong. Weihnachten wird in erster Linie als Verkaufsattraktion begangen. (Foto: picture alliance/dpa)
China: Zwischen Lichtergirlanden und der Heiligabend-Messe – Eindrücke aus dem weihnachtlichen Tsingtao
Das Christfest ist ein fremdes Fest in Chinas Kultur – doch ein willkommener Anlass für Kommerz und Unterhaltung.
Die Adventszeit- und Weihnachtszeit macht sich nicht überall in China bemerkbar. In manchen Gegenden wissen die Leute noch nicht einmal, wann genau dieses ominöse Fest stattfindet – irgendwann nach dem 20. Dezember, oder?
Das kann man aber auch niemandem verdenken, denn schließlich ist Weihnachten in China kein traditionelles Fest und daher auch kein Feiertag. Das heißt, dass Schüler auch Heiligabend oder Weihnachten selbst bis abends um acht in der Schule schwitzen und deren Eltern fleißig ihrer jeweiligen Arbeit nachgehen.
Im Nordosten der Volksrepublik schenkt man sich anlässlich des Christfestes gegenseitig in knisternde Folie verpackte Äpfel. Apfel auf chinesisch heißt »ping guo«, was mit dem Wort für Frieden »he ping« eine gewisse Ähnlichkeit aufweist. Soweit so gut. Wenn aber niemand genau weiß, wann das gewisse Fest stattfindet, wie soll man sich denn dann gebührend darauf vorbereiten?
Ganz einfach: Pausbäckige, rotnasige und weißbärtige Weihnachtsmänner werden einfach als praktische Ganzjahresdekoration in die Schaufenster gehängt. Ab Ende November tauchen dann vor teuren Einkaufszentren plötzlich aus Lichterketten geformte Elche, Schlitten und Weihnachtsbäume auf, in Einzelfällen von einer Meute brakedancender chinesischer Weihnachtsmänner in Szene gesetzt.
Die Stadt Tsingtao rühmt sich außerdem 2010 ihres 4. Deutschen Weihnachtsmarktes, einer kleinen Veranstaltung am letzten Novemberwochenende. Das Ganze ist eine Mischung aus Flohmarkt und Weihnachtsmarktnostalgie mit ausrangierten Babywickeltischen, überteuerter Thüringer Bratwurst, alten Kerzenständern und eigenen Glühweintassen. Hauptakteure und größter Teil der Besucher sind Deutsche, die es auf verschiedenen Wegen nach Tsingtao verschlagen hat.
Ein Mann mit Fischermütze und süddeutschem Akzent bedient eine Drehorgel, während deutsch-chinesische Mischlingskinder um eine offene Feuerstelle toben. Zwischendurch erschallen immer wieder deutsche, englische, französische, spanische und anderssprachige Weihnachtslieder aus einem riesigen Lautsprecher über den Hotelvorplatz am Olympischen Segelzentrum, den Ort dieser sehr unchinesischen Veranstaltung. Die wenigen anwesenden Chinesen, zumeist Deutschschüler, bestaunen glücklich alles und beißen herzhaft in die erste Bratwurst ihres Lebens.
Währenddessen tauschen sich Deutsche über Methoden aus, wie man Plätzchen am besten in der Mikrowelle bäckt, denn anscheinend hat es bisher keiner der Anwesenden geschafft, zu diesem Zweck in Tsingtao einen Backofen zu finden.
Außerdem wissen einige zu berichten, dass es die Möglichkeit geben wird, an einer zwei- bis dreistündigen Weihnachtsmesse am Abend des 24. Dezembers in der katholischen Kirche teilzunehmen. Allerdings wird diese komplett auf Chinesisch sein und die meisten Besucher sollen US-Amerikaner sein.
Zudem, so heißt es, sollte man wohl vorher schon Beziehungen zu chinesischen Gemeindemitgliedern haben.
Wandeln die Besucher dann nach diesem Adventserlebnis an den vielen wehenden Fahnen, die einen Nachklang von Olympia 2008 verbreiten, vorbei nach Hause, können sie noch beobachten, wie Arbeiter sorgfältig eine riesige Metallspirale mit künstlichen Tannenzweigen einkleiden. Der größte Weihnachtsbaum Tsingtaos entsteht.

Mechthild Sasse aus Leipzig verbringt im Rahmen des Jugendprogramms »weltwärts« der Bundesregierung ein Auslandsjahr in China.
Und warum gibt es Advent und das Fest Weihnachten überhaupt? – Das ist doch ein guter Anlass um mit Freunden gemeinsam Karaokesingen zu gehen!
Mechthild Sasse
Ohne jede Hoffnung auf die Politik
17. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Kirgisistan: Politische Unruhen, ethnische Ausschreitungen – wie Christen das islamische Land erleben.

Korruption und Vetternwirtschaft verhindern nach Einschätzung vieler Beobachter zusammen mit politischer Instabilität die nachhaltige Entwicklung in Kirgisistan. Das Land gilt als eines der ärmsten unter den ehemaligen Sowjetrepubliken. (Foto: picture-alliance/epa/Sergei Chirikov)
Seit Jahren steckt die zentralasiatische Republik in einer Dauerkrise. Und mittendrin lebt eine kleine lutherische Kirche.
Mit jeder neuen Regierung haben die Menschen die Hoffnung gehabt, dass etwas besser wird und sich ändert.« Alexander Schanz, stellvertretender Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Republik Kirgisistan schaut fragend Elmira Mamatachunowa an. Als Russlanddeutscher hat er sich trotz einer Einreisegenehmigung nach Deutschland dafür entschieden, in Kirgisistan zu bleiben, aber bei der Frage, was die ethnischen Kirgisen denken und fühlen, weiß er um seine Grenzen. Und die Kirgisin Mamatachunowa ist in der Tat skeptischer.
»Ich habe keine Hoffnung und kein Vertrauen, dass es besser wird. Die neuen Herren werden wieder ihre Säcke füllen und sich damit davonmachen.«
Acht Monate nach dem Regierungsumsturz im April, sechs Monate nach dem blutigen Konflikt zwischen Kirgisen und Usbeken im Süden des Landes, zwei Monate nach den Wahlen hat das Land eben eine neue Regierung bekommen. Vielleicht sind die politischen Wirren sogar eine Chance für die lutherische Kirche. Denn so hatte niemand Zeit, das restriktive Religionsgesetz aus dem Jahr 2009 durchzusetzen.
Das Gesetz verlangt zum Beispiel eine Umregistrierung von Gemeinden, wobei die Mindestzahl für Mitglieder auf 200 Personen festgelegt wurde – die größte lutherische Gemeinde in Winogradnoje zählt etwa 80 Personen. Mit ihren rund 600 Gemeindegliedern und 15 Gemeinden sind die Lutheraner eine kleine Minderheit in dem islamischen Land, kleiner an Zahl sogar als die Baptisten oder Pfingstler.
Entstanden als Kirche der deportierten Russlanddeutschen, hat sich die Evangelisch-Lutherische Kirche in Kirgisistan mit der politischen Wende 1991 und mit der Auswanderung der Deutschen für die russischsprachigen Bewohner des Landes geöffnet. Doch nun sitzen auch die Russen auf gepackten Koffern.
Auch wenn der blutige Konflikt sich zwischen Kirgisen und Usbeken ereignete, sicher fühlen sich auch die anderen Nationen nicht mehr.
Kann eine kleine Kirche, die nicht historisch im Land verwurzelt ist, unter solchen Bedingungen, unter ständigem Aderlass überleben? Wieder gleitet Alexander Schanz’ Blick zu Elmira Mamatachunowa hinüber. Sie ist eine lutherische Kirgisin.
Vor vier Jahren schenkte ein Christ der Geschäftsfrau eine Bibel. Sie trug das Buch mit sich, las in jeder freien Minute darin – und verstand das Gelesene nicht. Doch sie las weiter, hartnäckig.
Als hätte sie geahnt, dass sie darin die Liebe und Wärme finden würde, die ihr als 17. von 21 Kindern, einer von den zu vielen ungewünschten Töchtern, versagt geblieben war. Ihr Leben lang hatte sie ihre ganze Energie in das Streben nach Wohlstand, nach Geld, nach Autos gesteckt und ihre Kinder als Störfaktor wahrgenommen.
Seit zwei Jahren ist die 45 Jahre alte Mutter von sechs Kindern und Großmutter getauft. Sie hat schließlich, von Lebenskrisen erschüttert, den Menschen aufgesucht, der ihr die Bibel geschenkt hatte. Sie wollte, dass jemand ihr das Buch erklärt.
In christlicher Gemeinschaft hat sie die Geborgenheit erfahren, wonach sie sich lange gesehnt hatte, und sogar die eigene Liebesfähigkeit entdeckt. »Ich habe erkannt, dass jeder Mensch besonders ist. Und den Sinn des Lebens gefunden.« Diesen Schatz möchte sie weitergeben an andere Kirgisen, die auf das Leben zornig sind, wie sie es selbst gewesen war.
Inzwischen gibt es auch einen 22-jährigen Prediger, der Kirgisisch spricht, und es gibt eine Gemeinde mit mehreren usbekischen Mitgliedern. Es besteht also durchaus die Chance, dass die lutherische Kirche im Land bleibt und Deutsche, Russen, Usbeken und Kirgisen vereint – wenn die Machthaber und die muslimische Mehrheit diese Entwicklung zulassen und zum Beispiel das Predigen auf Kirgisisch oder die Arbeit mit Kindern nicht unterbinden.
Alexander Schanz hat jedenfalls eine ganz klare Vorstellung von der Zukunft seiner Kirche. »Ich wünschte, wir werden uns einmal eine kirgisische lutherische Kirche nennen können, nicht mehr lutherische Kirche in Kirgisistan.«
Maaja Pauska
Maaja Pauska ist Pressereferentin des Gustav-Adolf-Werks in Leipzig.
Ein SS-Mörder berichtet
10. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Die israelische Tageszeitung Jedijot Achronot berichtete am 7. Dezember über die Enttarnung des SS-Manns Bernhard Frank – auf dem großen Bild im Gespräch mit dem vermeintlichen Neonazi Mark Gould. (Foto: Ulrich W. Sahm)
Holocaust: Mehr als 65 Jahre lebte ein Mitverantwortlicher des Massenmordes unbehelligt mitten in Deutschland
Man kannte ihn nur als den SS-Mann, der kurz vor Kriegsende auf Hitlers Befehl Hermann Göhring verhaftete. Jetzt enttarnte ein Holocaustforscher die wahre Geschichte des Bernhard Frank.
Der SS-Obersturmbannführer Bernhard Frank hat am 28. Juli 1941, zu Beginn der Operation Barbarossa (Überfall auf die Sowjetunion), den ersten Befehl der SS zu einem Massenmord an Hunderttausenden Juden unterzeichnet. Das war der Auftakt für die Mordmaschine, in deren Rahmen sechs Millionen Juden getötet wurden.
Frank, inzwischen 97 Jahre alt, lebt unbehelligt in Frankfurt am Main. Seine Geschichte als Massenmörder konnte er freilich nach dem Krieg geheim halten. Bis ihm ein amerikanischer Jude, Mark Gould, auf die
Spur kam. Am vergangenen Wochenende überreichte Gould dem SS-Mann eine Privatklage amerikanischer Juden mitsamt einem Auslieferungsgesuch der USA. Franks Frau schlug daraufhin den Amerikaner krankenhausreif.
In einem Exklusivinterview mit Eldad Beck, dem Berliner Korrespondenten der israelischen Zeitung Jedi’ot Acharonot, erzählte der 47 Jahre alte Gould, wie er den Massenmörder aufdeckte. Jahrelang habe Gould daran gearbeitet, das Puzzle um Frank zusammenzusetzen. Gould ist groß, blond und blauäugig und nutzte sein Äußerliches, um sich dem alten SS-Mann als junger Neonazi anzunähern.
Der vermeintliche Sympathisant führte stundenlange Gespräche mit Frank und gewann sein Vertrauen. Einen Teil der Gespräche nahm Gould auf Video auf. Zudem überreichte Frank dem Amerikaner viele Aufzeichnungen: Liebesbriefe, alte von ihm unterzeichnete Befehle und Tagebücher. Nacheinander offenbarte er seine streng gehüteten Geheimnisse aus der SS-Zeit, ohne zu ahnen, dass der Amerikaner ein Jude war und Material suchte, um den Massenmörder zu belasten.
Himmler holte Frank in den Kommandostab der SS. In dieser Funktion unterzeichnete er während der Operation Barbarossa den ersten Befehl zu einem Massenmord. Nach Angaben von Gould handelte es sich um die ersten Akte eines Völkermordes durch die SS, lange bevor die Juden aus ganz Europa in die Vernichtungslager gebracht wurden.
Frank fiel dabei die Aufgabe zu, die Mordbefehle sprachlich so zu formulieren, dass die ideologisch entsprechend vorbereiteten SS-Männer wussten, was sie zu tun hatten. Als rechte Hand von SS-Reichsführer Heinrich Himmler war Frank auch verantwortlich für die Verbreitung der Nazi-Ideologie. Er habe als Einziger einen Doktortitel an der »Nordischen Akademie« des SS-Schulungszentrums Wewelsburg bei Paderborn erworben.
Ebenso führte Frank für Himmler ein »Kriegstagebuch«, in dem er alle Informationen über Aktionen der SS sammelte, darunter auch Massenmorde an Juden. 1943 wurde der SS-Obersturmbannführer zum Sicherheitsbeauftragten des Feriendomizils Hitlers, dem Berghof auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden. Dort sollte er Reichmarschall Hermann Göring töten, als der die Nachfolge Hitlers antreten wollte. Frank verhaftete Göring wegen Hochverrats, tötete ihn aber nicht. Bei Kriegsende übergab Frank den Obersalzberg kampflos an die Amerikaner. Er blieb ungeschoren und rühmte sich, Göring verhaftet zu haben.
Der Holocaustforscher Gould wollte Frank ursprünglich wegen dessen Verhaftung Görings befragen. Doch dann bemerkte Gould, dass Franks Unterschrift unter einem Antwortbrief an Gould identisch war mit der Unterschrift unter den ersten Mordbefehlen der SS, die Gould kannte. Für den Amerikaner galt es nun nur noch, die Fäden zusammenzuziehen. Eldad Beck von Jedijot Achronot sagte auf Anfrage, dass diese Geschichte »absolut glaubwürdig« sei, denn Frank habe seine Verbrechen in Videoaufnahmen voll bestätigt.
Gould hatte den Eindruck, dass Frank letztlich sehr stolz auf alle seine Taten war. Zu seinem Lebensende wollte Frank wohl Anerkennung für seine Taten erhalten, die er 65 Jahre lang verheimlichen musste, um einer Strafverfolgung zu entgehen.
Ulrich W. Sahm
Kirchen werben: Wählt, wählt, wählt!
3. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Überall im Sudan sind derzeit die Registrierungsbüros für die Volksabstimmung zur Zukunft des Südens geöffnet. Diese Frau hat sich in der ebenfalls umstrittenen westlichen Darfur-Region für den Volksentscheid registrieren lassen. (Foto: picture alliance/dpa)
Sudan:
Die Volksabstimmung um die Unabhängigkeit des Südens macht den Christen Angst und Hoffnung zugleich
Sudan:
Am 9. Januar 2011 werden die Bürger im Süden Sudans in einer Volksabstimmung entscheiden, ob ihre Region ein unabhängiger Staat werden soll.
Elizabeth Aya hat Angst. Sollte der sich christliche Süden vom muslimischen Norden trennen, wird der Norden von den Ölquellen und dem fruchtbaren Ackerboden im Süden getrennt – es drohen blutige Auseinandersetzungen.
»Wenn der Süden sich abspaltet, wie wird es meinen Kindern gehen?« fragt die Vorsitzende der anglikanischen Mütterunion verzweifelt. Ihre Kinder besuchen eine Schule in der nordsudanesischen Hauptstadt Khartum. Aya befürchtet, dass ihnen Repressionen, wenn nicht sogar die Ausweisung aus der Schule bevorstehen. »Viele Christen haben große Sorge vor dem Referendum«, berichtet der anglikanische Bischof Ezekiel Kondo, der ebenfalls aus Khartum stammt.
Noch sei nicht ganz klar, ob die sudanesische Regierung die Volksabstimmung tatsächlich erlaube, räumt Kondo ein. Sollte sich die südliche Region aber wie erwartet abspalten, könne es sein, dass Gewalt gegen die Christen im Norden aufflamme. Außerdem bestehe die Gefahr, dass die vertriebenen Sudanesen daran ge-hindert würden, in ihre ehemalige Heimat im Süden zurückzukehren.
»Christen im Norden sind schon jetzt Repressalien ausgesetzt«, sagt der Generalsekretär des sudanesischen Kirchenrates, Ramadan Chan Liol. Er drängt dazu, in der Verfassung einen Minderheitenschutz zu verankern – und wenn möglich auch die Religionsfreiheit. Darauf wird sich die Regierung in Khartum wohl kaum freiwillig einlassen, doch Chan setzt auf den Druck der internationalen Gemeinschaft: »Wir haben es hier mit dem Schutz von Menschenrechten zu tun, und das sollte die Weltgemeinschaft interessieren.«
Um die Ölfelder im Süden kämpften Norden und Süden 20 Jahre lang. Nach langen Verhandlungen schlossen die Regierung in Khartum und die Sudanesische Befreiungsarmee im Süden im Januar 2005 einen Friedensvertrag und beendeten Afrikas längsten Bürgerkrieg, in dem mehr als zwei Millionen Menschen starben. In diesem Abkommen wurde den Südsudanesen für 2011 eine Volksabstimmung über eine mögliche Unabhängigkeit zugesichert.
So oder so: Minderheiten müssen geschützt werden
Die Kirchen ermuntern ihre Mitglieder, am Abstimmungstag ein Kreuzchen zu setzen. »Ich sage den Menschen in meiner Gemeinde: Lasst euch registrieren und geht wählen. Wählt, wählt, wählt!«, berichtet Arkanjelo Wani Lemi, Bischof der »Africa Inland Church« im Südsudan. Die Menschen seiner Kirche müssten selbst entscheiden, ob sie die Teilung des Sudan oder die Einheit wählen. »Gerade einmal fünf Jahre haben wir Frieden genossen. Wir predigen Frieden, und wir beten, dass das Referendum friedlich verläuft«, sagt Wani Lemi.
Anthony Poggo, anglikanischer Bischof der Diözese Kajo-Keji im Südsudan hofft, dass die Regierung das Ergebnis des Referendums akzeptiert, egal wie es ausfällt. Wenn es eine Teilung gibt, müssten den eineinhalb Millionen Christen im Norden, ebenso wie der muslimischen Minderheit im Süden, Religionsfreiheit und Menschenrechte gewährt werden. »Wir wollen, dass die Menschen ihr Recht erhalten«, betont der anglikanische Bischof.
Nicht nur die Kirche im Sudan, auch der Vatikan, der Ökumenische Rat der Kirchen und die weltweite evangelische Allianz engagieren sich für den Frieden im Sudan. Volker Faigle, Beauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für den Sudan, sagt, die evangelische Kirche werde sich dafür einsetzen, dass Wahlbeobachter in das Land entsandt werden, die das Referendum begleiten.
Das Referendum sei eine große Chance für einen dauerhaften Frieden zwischen dem Süden und dem Norden, betont Faigle, unabhängig davon, ob der Süden beim Norden bleibt oder nicht. Jedoch müssten alle Kräfte, die Kirchen, die EU und die Vereinten Nationen dazu beitragen, dass das Referendum gelingt.
Auch Elizabeth Aya bittet um internationale Unterstützung: »Bitte betet für uns, wir haben genug gelitten.« Die Sudanesen wollten endlich in Frieden und Freiheit leben können.
Judith Kubitscheck (epd)
Weihnachtsbriefe an den Pregel
26. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Aktion: Spender aus der gesamten Bundesrepublik senden Zeichen der Verbundenheit nach Königsberg/Kaliningrad

Während es in Kaliningrad, dem alten Königsberg, zumindest äußerlich aufwärts geht, sind die Lebensumstände in den ländlichen Regionen rund um die alte Hauptstadt Ostpreußens nach wie vor schwierig. (Foto: epd-bild/eastway)
Ein Kartengruß und zehn Euro in einem Umschlag: Anfang Dezember gehen wieder mehr als Tausend Briefe auf die Reise nach Kaliningrad/Königsberg, im Gepäck von Kurt Beyer.
Kurt Beyer war von 1991 bis 1996 Propst in der Hauptstadt des früheren Ostpreußens. Heute lebt er als Pfarrer im Ruhestand in Dresden. Menschen aus der gesamten Bundesrepublik haben die Briefe geschrieben und Geld gespendet, erzählt er.
Nicht als Hilfe sei diese Aktion des Gustav-Adolf-Werkes in Sachsen gedacht, sondern als symbolische Geste. Die aber sei für die Gemeindeglieder in der Stadt am Pregel von enormer Bedeutung. »Es soll ein Zeichen sein: Ihr Deutschen in Russland seid von den Deutschen in Deutschland nicht vergessen.«
Die Geldscheine in den Briefen werden gesammelt, in große Scheine gewechselt und nach Königsberg gebracht, sagt Pfarrer Beyer. Das sei wegen der Zollbestimmungen nötig. Die Propstei in Königsberg tausche die Euro in Rubel. Von dort geht das Geld an die einzelnen Gemeinden – 42 gibt es derzeit. Die Gemeinderäte dort stecken das Geld – je 400 Rubel, in etwa der Gegenwert von zehn Euro – in einzelne Briefumschläge und geben es an die Familien weiter. Jede bekomme einen, egal, wie groß sie sei, sagt Pfarrer Beyer. »Nach der Personenzahl kann nicht differenziert werden.« Schließlich sei es ein symbolischer Weihnachtsgruß. Für die Nothilfe dagegen habe die Propstei andere Mittel.
Insgesamt bekommen rund 1200 Familien solche Briefe. Was in etwa der Mitgliederzahl der evangelisch-lutherischen Kirche in diesem Gebiet entspreche. »Es sind diejenigen, die bewusst dort geblieben sind oder nicht nach Deutschland ausreisen können.«
Viele Jahre habe in diesen Gemeinden lebhafte Bewegung geherrscht, erinnert sich Pfarrer Beyer. »Wenn fünf Leute weggingen, kamen sechs neue nach, vor allem aus Kasachstan. Die Gemeinden in Stadt und Land wuchsen, neue wurden gegründet.« Das ist nun vorbei. »Wenn jetzt Menschen weggehen, kommt kaum noch jemand nach.« Unter anderem deswegen, weil die Deutschen in Kasachstan nicht mehr unter so großem Druck stünden wie noch vor Jahren. Die Folge: »Die Gemeinden werden kleiner.« Dennoch beginnen einige mit diakonischer Arbeit.
Äußerlich hätten sich die Verhältnisse in Königsberg verbessert: Mehr Autos seien auf den Straßen unterwegs, neue Häuser und moderne Einkaufszentren seien gebaut worden. »Die Preise sind wie in Deutschland, aber die Leute verdienen weniger. Einkaufen können dort nur wenige.« Schwieriger noch seien die Lebensverhältnisse in den Dörfern. »Die Genossenschaften sind zerschlagen. Es gibt nur wenig Landwirtschaft.«
Tomas Gärtner
Kontakt: Pfarrer i.R. Kurt Beyer, Königsberger Str. 41, 01324 Dresden, Telefon (0351) 2684266, E-Mail beyer@pregel.de
Durch das Tor des Friedens
19. November 2010 von Gemeinsame Redaktion
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La Milagrosa – die Wundertätige: Das Grab der 1901 gestorbenen Amelia Goyri ist als Wallfahrtsort Anziehungspunkt für kubanische katholische Frauen. Die Tradition verlangt, ihr nicht den Rücken zuzukehren. (Foto: Ruth Bourgeois)
Kuba: Wo Adlige und Freiheitskämpfer, Kolonialherren und Revolutionäre gemeinsam ihre Ruhe gefunden haben
Der Christoph-Kolumbus-Friedhof in Havanna: Tausende prunkvolle Grabstätten machen die größte Nekropole Amerikas zum Wallfahrtsort für Kubaner und zum Anziehungspunkt für Touristen.
Das gewaltige, über 20 Meter hohe Hauptportal, erbaut nach einem Entwurf des Spaniers Calixto de Loira, erinnert an den Triumphbogen in Paris. Mit der Inschrift »Janua sum Pacis« (Ich bin das Tor des Friedens) führt der mit religiösen Reliefen und weißen Marmorstatuen verzierte Haupteingang in den Cementerio Cristóbal Colón.
Im Herzen der kubanischen Hauptstadt gelegen, stellt dieser katholische Friedhof ein ebenso grandioses wie vom Zerfall bedrohtes Denkmal vergangener Epochen dar. Seit 1987 steht er unter Denkmalschutz – beerdigt wird auf ihm bis zum heutigen Tag.
Gegründet wurde er 1871, zu Beginn der Befreiungskriege gegen Spanien. Seitdem wurden eine Million Menschen hier begraben, davon dreimal mehr Arme als Reiche. Und dennoch beanspruchen die protzigen Grabstätten der Reichen 98 Prozent der Gesamtfläche. Die mit Teppichen und Vorhängen ausstaffierten Grüfte der Criollos, Kubaner spanischer Abstammung, gleichen ihren einstigen Luxusvillen. Sie machten Cristóbal Colón zu einem Sammelsurium von architektonischem Pomp und Kitsch, von Pantheons und Mausoleen, die mit Girlanden, Rosen, Tauben und Engeln jeden Stils verziert sind.
Der Ort legt Zeugnis ab für den Hochmut längst vergangener Zeiten, als Kuba noch die Perle der Karibik war, Sündenpfuhl für Millionäre und Gangster aus den USA. Hier ruhen Zuckerbarone, Staatspräsidenten, Generäle, Aristokraten, Hochstapler, Baseballspieler, Künstler und weltberühmte Schriftsteller, darunter Lezama Lima und Alejo Carpentier. Cristóbal Colón erzählt vor allem die Geschichte eines reichen und weißen Kubas.
Rund um das 20 Kilometer lange Straßennetz des Friedhofs, dessen Hauptstraße die Avenida Cristóbal Colón darstellt, sind Gräber von Dynastien zu entdecken, deren Nachkommen das sozialistische Kuba samt und sonders verlassen haben. Es folgen Inschriften von Verbänden aus kapitalistischen Zeiten, Kapitäne und Piloten, Angestellte der Brauerei La Tropical, der »Christliche Verein der Baseballspieler« aus dem Jahre 1942 und jene 28 Feuerwehrleute, die 1890 beim Brand eines Eisenwarengeschäftes ums Leben kamen – bis heute bewacht von fackeltragenden Todesengeln mit verbundenen Augen.
Mit der bis heute viel gefeierten Revolution von 1959 waren die Kubaner nicht nur im Leben, sondern auch im Tode wieder gleich. Die reiche Oberklasse verlor auch auf dem Friedhof ihre Vorrechte. Die Bestattungsdienste wurden staatlich und unentgeltlich, die katholische Kirche, Erbauerin des Kolumbus-Friedhofs, wurde enteignet, nur die Kapelle blieb ihr Eigentum. Zu den militärischen Mausoleen für die Toten der Befreiungskriege gesellten sich nun die Denkmäler der Märtyrer des revolutionären Kubas. Der bei weitem größte Bau gehört den Fuerzas Armadas Revolucionarias (FAR), den »Revolutionären Streitkräften«, kommandiert von Fidel Castros Bruder Raúl.
Die meisten Besucher kommen aber zum Grab von Amelia Goyri de Hoz. Sie ist besser bekannt als La Milagrosa, die Wundertätige, und gilt landesweit als Beschützerin kranker Kinder sowie unfruchtbarer und leidender Mütter. Amelia starb am 3. Mai 1901 im Alter von nur 23 Jahren bei der Totgeburt ihres Kindes. Der Legende nach wurde sie mit ihrem Kind zu ihren Füßen bestattet. Bei einer späteren Sargöffnung fand man die beiden ohne jegliche Zeichen der Verwesung. Und wie durch ein Wunder befand sich das Kind dabei nicht mehr zu ihren Füßen, sondern lag im linken Arm der Mutter.
Bis heute herrscht ein regelrechter Kult um La Milagrosa. Wer ernsthaft Heilung erbittet, muss an ihrem Grab strenge Regeln einhalten. Dazu gehört auch, den Rückweg rückwärts anzutreten. Der Blick ist dabei auf die letzte Ruhestätte der Wundertätigen geheftet – bevor es durch das Tor des Friedens wieder in die Stadt der Lebenden geht, in die kubanische Hauptstadt Havanna.
Peter Beyer
Großbritannien: Volkstrauertag mit Mohnblumen
13. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Wenn man in diesen Tagen in Großbritannien wieder der Kriegsopfer des Landes gedenkt, so ist das nicht zu übersehen: Allerorten tragen Menschen kleine rote Mohnblumen an ihren Jacken und Mänteln. Volkstrauertag auf Englisch.

Julia Wohlgemuth berichtet für unsere Zeitung aus Großbritannien.
Geblieben ist jedoch das Datum, denn dem Waffenstillstand zum Ende des 1. Weltkrieges zufolge sollten die Kriegshandlungen am elften Tag des elften Monats in der elften Stunde eingestellt werden. Daran wird bis heute mit einem 2-minütigen Schweigen um 11 Uhr erinnert, auch wenn mittlerweile die Hauptzeremonien am Remembrance Sunday stattfinden.
An diesem Sonntag werden überall an verschiedenen Kriegsdenkmälern Kränze niedergelegt und in Gottesdiensten verschiedener Konfessionen daran erinnert. Die wichtigste Kranzniederlegung findet im Londoner Regierungsviertel Whitehall am Mahnmal Cenotaph statt.
Bei dem traditionellen Ritual wird auch in diesem Jahr wieder nach dem 11 Uhr-Schlagen von Big Ben die Kanone der Königlichen Garde ertönen, um das Zeichen für ein 2-minütiges Schweigen zu geben. Im Verlauf der Zeremonie wird die Queen den ersten Kranz aus Mohnblumen niederlegen, gefolgt vom Premierminister, anderen Regierungsvertretern und Vertretern des Militärs sowie Veteranen und Angehörigen verschiedener Organisationen. Eine Andacht findet unter Leitung des anglikanischen Bischofs von London statt.
Bis vor einigen Jahren war die Erinnerung an die beiden Weltkriege zentral.
Für mich, die einer Generation entstammt, deren Eltern bereits Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges geboren wurden, war dies doch immer etwas recht Fremdes und weit Entferntes. Mittlerweile bestimmt der gegenwärtige Konflikt im Irak bzw. Afghanistan die Nachrichten.
Wir wohnen hier in der Nähe eines der größten Rehabilitationszentren für Irak- und Afghanistanheimkehrer im Vereinigten Königreich. Oft kann man in unserem kleinen Ort junge Männer sehen, die im Rollstuhl sitzen oder denen Gliedmaßen fehlen. Und das sind nur die äußeren Verletzungen von den Soldaten, die überlebt haben. Da bekommt der Remembrance Sunday plötzlich etwas sehr Aktuelles.
Doch warum nun die Mohnblumen?
Diese Tradition entstand kurz nach dem 1. Weltkrieg und soll an die vom Blut der Soldaten rot gefärbten Felder Flanderns erinnern, wie von dem Kanadier John McCrae in seinem Gedicht »In Flanders Fields« beschrieben. Heute werden die Ansteckblumen durch Helfer des Veteranenverbandes British Legion verkauft und stellen zugleich eine wichtige Einnahmequelle für die Organisation dar, die sich unter anderem um Hinterbliebene kümmert.
Julia Wohlgemuth
Das Ende der Polarisation
4. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Fazit: Der Kongress für Weltevangelisation bot Einheit von Spiritualität, Theologie und Weltverantwortung.
Zum dritten Mal trafen sich evangelikale Christen zum Kongress für Weltevangelisation. Zwei Delegierte aus Mitteldeutschland ziehen Bilanz.

4000 Vertreter der evangelikalen Bewegung aus aller Welt kamen in Kapstadt zusammen. (Quelle: Lausanne Movement/ Elyse Patten)
Ursprünglich in den 70er-Jahren als Pendant zu der als zu liberal empfundenen ökumenischen Bewegung gegründet, wurde diesmal deren Spitzenvertreter ausdrücklich eingeladen. Und Olav Fykse Tveit, Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), sah dies denn auch als ein »Zeichen der Versöhnung« und plädierte in Kapstadt nachdrücklich für eine weitere Annäherung zwischen evangelikaler Bewegung und dem Weltkirchenrat.
»Die Zeit der Polarisation zwischen Evangelikalen und Ökumenikern ist endgültig vorbei«, so auch die Bilanz von Johannes Berthold. Der Vorsitzende des sächsischen Gemeinschaftsverbandes sieht eine deutliche Wandlung der evangelikalen Weltchristenheit hin zu mehr Verantwortung für die Probleme dieser Welt. »Evangelisation und soziale Arbeit gehören weltweit untrennbar zusammen«, so sein Eindruck. Kein Wunder, dass praktische Fragen etwa zum Umgang mit Aids, zur Bewahrung der Schöpfung oder zum Kampf gegen Menschenhandel einen breiten Raum eingenommen haben. Beeindruckend war für Berthold zudem die »überzeugende Einheit von lebendiger Spiritualität und Theologie« während der Konferenz. Als Herausforderung hat Berthold vor allem den Ruf nach einem »missionarischen Lebensstil in Demut und Bescheidenheit« mitgenommen. Nur durch »Integrität« könnten auch in Deutschland die Kirchen dem derzeitigen Vertrauensverlust in der Öffentlichkeit begegnen.
Ähnlich äußert sich der Zwickauer Jugendpfarrer Jens Buschbeck. Sehr beeindruckt habe ihn das ehrliche Diskutieren von theologischen und ethischen Problemen. Etwa im Blick auf ein sogenanntes »Wohlstandsevangeliums«, aber auch im Blick auf Korruption, die durchaus nicht vor den Toren der Kirchen in der sogenannten Zwei-Drittel-Welt Halt mache. Herausgefordert sieht Buchbeck die Christen in Deutschland und Europa aber auch in der Frage, wie Partnerschaft über Kontinente hinweg künftig gelebt werden könne. »Die Zeit des ›you pray, we pay‹ (ihr betet, wir zahlen) ist vorbei«, so sein Fazit.
Die Hauptreferate des Kongresses, unter anderem auch von dem Greifswalder Theologieprofessor Michael Herbst, sowie das Abschlussdokument stehen in englischer Sprache für Interessenten im Internet bereit.
Harald Krille
www.lausanne.org
Goldrausch in den Karpaten
31. Oktober 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Rumänien: Kirchen und Umweltverbände laufen seit Jahren Sturm gegen ein gigantisches Bergbauprojekt
Die Region von Rosia Montana zwischen Hermannstadt und Klausenburg ist eine der schönsten Karpatengegenden Rumäniens. Doch gerade hier soll Europas größter Tagebau entstehen.

Geisterstadt vor dem Goldrausch: Viele Häuser im Ort Rosia Montana sind vom Bergbauunternehmen bereits aufgekauft, um freie Hand zum Abriss zu haben. (Foto: Jürgen Henkel)
Es geht um viel Gold und Geld: Unter der Erde werden die größten Goldvorräte Europas vermutet.
Der Goldabbau hat in Roşia Montană Tradition. Dort sind begehbare Minen noch von den alten Römern erhalten, ein kulturgeschichtlich einmaliges Zeugnis. Geplant ist jetzt der größte Goldtagebau in Europa, dem auch diese 2000 Jahre alten Minen weichen sollen.
Während die Betreiber die Wirtschaftlichkeit des auf 20 Jahre angelegten Projekts betonen und äußerst umstrittene Umweltverträglichkeitsstudien präsentieren, stößt das Vorhaben seit Jahren auf nationale und internationale Kritik: Vertreter der Kirchen, der Rumänischen Akademie der Wissenschaften sowie von Umwelt- und Naturschutzverbänden aus dem In- und Ausland laufen Sturm.
Systematisch werden Kritiker eingeschüchtert
Doch Gegner werden systematisch eingeschüchtert. Eine Tagung der Evangelischen Akademie Siebenbürgen (EAS) konnte 2007 in einer der Kirchen, die abgerissen werden soll, nach massiven Drohungen nur unter Polizeischutz stattfinden. Die Bürgerinitiative Alburnus maior kämpft mit Unterstützung der dort ansässigen Schweizer Journalistin Stephanie Roth gegen das Projekt und berät Bauern, die nicht an die millionenschweren Investoren verkaufen wollen.

Gediegenes Gold aus dem Gebiet von Rosia Montana - großtechnisch soll es durch giftige Zyanidverbindungen aus dem Gestein herausgelöst werden. (Foto: Wikipedia)
Einer der Hauptkritikpunkte ist, dass zur Ausfällung des Goldes aus dem abgebauten Gestein die Zyanidlaugung angewandt werden soll: Hochgiftiges Zyanid soll das Gold aus dem Gestein lösen.
Diese Methode ist äußerst umstritten und führte bei einem ähnlichen Projekt in Rumänien im Januar 2000 bereits zu einer Umweltkatastrophe, die international für Schlagzeilen sorgte: In Baia Mare gelangten damals die giftigen Abwässer in die Flüsse Theiß und Donau. Sie hinterließen Hunderte Tonnen toter Fische und verseuchten über Grenzen hinweg das Trinkwasser von rund zwei Millionen Menschen in Ungarn.
Ganze Dörfer, mehrere Kirchen, mehrere Friedhöfe, vier Berge, einmalige Kulturdenkmäler und die Naturlandschaft sollen für das Goldabbauprojekt dem Erdboden gleichgemacht werden. Der erwartete wirtschaftliche Nutzen steht nach Auffassung von Kritikern in keinem Verhältnis zum langfristig erwarteten Schaden und dem Gefahrenpotenzial. Zudem gibt es in dem Investitionskonzept keine ausreichenden finanziellen Rückstellungen zur Abdeckung möglicher Umweltschäden.
Um das Projekt durch vollendete Tatsachen zu forcieren, hat die RMGC in den letzten Jahren rund 900 Haushalte umsiedeln lassen und etwa 40 Prozent des benötigten Gebietes käuflich erworben. Manche Bewohner verkaufen gerne ihre Häuser gegen einen Preis, der ein Vielfaches des realen Marktwertes beträgt. Wer nicht verkaufen will, wird schikaniert. Das Rathaus und der Bürgermeister werden von der Firma kontrolliert.
Gemenge aus Korruption und mafiotischen Strukturen
Wie konsequent und zuverlässig in Ost- und Südosteuropa die Einhaltung von Umweltauflagen gefordert und überwacht wird, ist aktuell an dem Beispiel von Kolontár in Ungarn zu besichtigen. Die postsozialistische »Spezialwirtschaft« aus Korruption und mafiotische Verbindungen zwischen Politik, Wirtschaft und Behörden vor Ort bieten keine Garantie für umweltverträgliche Planungen und Durchführung solcher Großprojekte.
Südosteuropa-Experten verstehen den Hinweis von Ungarns Premier Viktor Orbán genau, der in Kolontár erklärte, zwei Wochen vor der Katastrophe habe eine Prüfung ergeben, dass dort »alles OK sei«. Kenner wissen, wie solche »Prüfungen« vor allem bei Großprojekten in Osteuropa ablaufen, während Kleinunternehmer in den Transformationsstaaten zu Gunsten politisch gut vernetzter Multis mit Auflagen, Normen und Betriebsprüfungen regelrecht schikaniert werden.
Zum Beispiel die Lebensmittelindustrie: Bauern und Selbstvermarkter werden mit Hygiene- und Verwaltungsauflagen überfordert und sollen selbst auf Bauernmärkten Registrierkassen aufstellen – mit dem Ziel, Bauern und Selbstvermarkter vom Markt zu drängen zugunsten der großen Ketten und Discounter wie Metro.
Beim Projekt in Rosia Montana droht nach Ansicht von Kritikern eine ähnliche Katastrophe wie jüngst in Ungarn. Die Umweltschützer hoffen, dass die Katastrophe von Ungarn auch in Rumänien zur endgültigen Ablehnung des Projekts führt, gegen das sie seit Jahren kämpfen.
Jürgen Henkel


